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Adine Gemberg – Morphium

Novellen

Adine Gemberg, Morphium, Novellen, S. Fischer Verlag, Berlin, 1895


Morphium

In einer Ecke des städtischen Kirchhofes war großer Kehraus. Zusammengethürmt lagen dort welke Kränze und Palmen, alle gleichmäßig graubraun, als wären sie nie bunt und farbenprächtig gewesen. Hie und da sah das schmutzige Ende einer Atlasschleife oder eine schwarz gewordene Goldfranze aus dem Gewirr hervor. Alte Weiber mit braunen, welken Armen und häßlichen, gleichgültigen Gesichtern stachen mit Mistgabeln hinein in den Haufen ehemaliger Gaben der Pietät, oder vielleicht auch nur der Convenienz. Gedankenlos schleuderten sie die Kränze auf einen Karren, und ein altes, blindes Pferd humpelte mühsam damit fort, um die Abfälle des Friedhofes dahin zu bringen, wo aller Müll und Schutt aus der Stadt abgeladen wurde.

Mariä Himmelfahrt stand vor der Thür; deshalb war es notwendig, den Kirchhof frei und sauber zu machen für die Aufnahme neuer Liebesgaben, neuer Kränze, neuer Palmen.

»Gelobt sei'st du Maria,« sagte eines der alten Weiber und riß die braune Guirlande von dem Steinbilde der heiligen Jungfrau los, um sie zu den übrigen Kränzen zu werfen.

»Und gebenedeiet in Ewigkeit, Amen,« fügte die andere Alte hinzu.

Dann grüßten sie beide ehrerbietig und traten zur Seite, um zwei Nonnen Platz zu machen, die mit Blumen und Kerzen erschienen, das Bild der Himmelskönigin zum Feste zu schmücken.

Die Schwestern beugten die Kniee vor der roh gearbeiteten Statue und begannen darauf, sie so freundlich und farbig wie möglich heraus zu putzen.

Eine schlanke, bleiche Dame in eleganter Sommertoilette betrat den Kirchhof. Sie grüßte das Marienbild und dann die Schwestern. »Zünden Sie auch für mich eine Kerze an,« sagte sie näher tretend und drückte ein Geldstück in die Hand einer der Nonnen. Darauf nickte sie den Schwestern zu und ging langsam nach der Reihe der Erbbegräbnisse.

Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde. »Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine Kerze opfert,« begann die Eine.

»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.

»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern.

»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,« bemerkte wieder die Alte, der die freundliche Äußerung der frommen Schwester durchaus nicht zu gefallen schien.

Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger thun als Andere, denen es sauer genug wird.«

»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,« verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof.

Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« – Mit Goldbuchstaben war dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt. In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man, daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren Mitbürger den Denkstein gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil, halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen, sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden.

Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.

Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden. Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch herrscht.

Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten Stadtrates: »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«

Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein, ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine eigenartige Schönheit.

Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.

Langsam füllte sie die kleine Spritze – fünf Strich, – sechs Strich – nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner Tropfen war ja unersetzlich.

Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der Vorfreude des zu erwartenden Genusses, theils in der Schwäche, in der das Bedürfniß nach diesem Genusse beruht.

Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch ziemlich unempfindlich.

Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um die Wirkung zu erwarten.

Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe Ausdruck der Augen schwand und machte einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr von Abspannung und Schwäche.

Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu seiner Bewegung genöthigt zu sein. Nur der Kopf war leicht und frei – so frei, so klar, als ob ein vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf der Bank lagen.

Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der, vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.

Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie zukam.

»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen. Sie sind zu beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend.

Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.

Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?«

»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen Erbbegräbnisse.«

»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen, die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile über sich hervorrufen.«

»Ah – ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß, irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen, wenn er mir grade durch den Kopf geht.«

»Dieses Bedürfnis; ist natürlich,« antwortete sie, »viel natürlicher für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden wird.«

Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern, brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« –

Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die mit dem Tode aufhören müssen?«

Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen Bewertung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. Sie haben übrigens recht, ja – auch ich glaube noch an Stunden des Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. – Was ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen, Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.«

Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn Sie selbst Morphinist sind, so wissen sie auch, daß die Koketterie des Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten erlischt.«

Er nickte verständnisvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht, aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu täuschen, die getäuscht sein will.«

Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu werden. Nur Berurtheilung Ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum Sprechen.

»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr Doctor?« fragte die junge Frau.

»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt empfehlen den Menschen, ihre Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte, so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd wäre.

»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten Mann ansehend.

»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig.

Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf:

»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«

»Sechs,« gestand sie mit ängstlichem Zögern.

»Da steht Ihnen also noch manche herrliche Steigerung bevor,« sagte er seufzend und zog aus seiner Brusttasche ein kleines Glas. Wie wenig er ihr gab, das war ja fast nichts – ah diese Enttäuschung –! War das ein Scherz oder – – –

Da ging es wie ein Ruck durch all ihre Nerven – wie ein Schlag traf die ungekannt starke Lösung ihr Gehirn. Sie griff nach der Stirn und dann nach der Brust. Es rieselte ihr unter der Haut wie Sand ein angstvolles Unbehagen erfaßte sie.

Er sah, wie kalte Schweißtropfen auf ihre Stirn traten und wie ihr Gesicht sich entfärbte. »Habe ich Ihnen zu viel gegeben, gnädige Frau?« fragte er.

»Nein,« stammelte sie halb bewußtlos, »bitte beobachten Sie mich nicht, es wird mir schon wieder wohl – sehr wohl. –

Ihre Hände zitterten, wie sie das sagte, wie aus weiter, weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme – die Steigerung des Genußes! –

»Ich schreibe ein Buch über den Mißbrauch der verschiedenen Narkotica und mache zu dem Zwecke meine Beobachtungen, bitte entschuldigen Sie daher den indiscreten ärztlichen Blick,« sagte er höflich.

Ein Buch?« – Sie nahm alle Willenskraft zusammen, um zu sprechen, als sei nichts geschehen. Er sollte nicht denken, die Dosis sei zu stark für sie gewesen; sie wußte nicht, daß sie den Ehrgeiz, recht viel vertragen zu können, mit all ihren Leidensgenossen theilte.

»Ein Buch,« – wiederholte sie noch einmal langsam und mit schwerer Zunge. Es war ihr, als hätte sie Sand im Munde, sie konnte kaum sprechen, aber sie sprach nun doch. »Wollten Sie Ihrer ärztlichen Thätigkeit nicht entsagen, sagten Sie das nicht kürzlich?«

»Nein,« entgegnete er, »vorläufig muß ich noch als Assistenzarzt in der Nervenheilanstalt thätig sein. Ich habe keine Privatpraxis, und der Chef läßt mir so viel freie Zeit wie möglich. Er interessirt sich selbst für meine Arbeit, zu der mir meine Erfahrungen in seiner Anstalt den Stoff bieten. Nach Fertigstellung meiner Broschüre werde ich allerdings meine jetzige Stellung verlassen.

Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden? O wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen!

»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« – er lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.

»Nun was ist denn mit ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«

»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.

»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten.

Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich.« »Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen.

Anständige, hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach – ich weiß, wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.«

Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie wollen helfen, Sie könnten helfen – o Gott Herr Doctor, nein, nein, Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig abprallen.«

»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens versuchen«, sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz nehmen konnte. »Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten, der nichts verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen jetzt gleichgültig ist.«

»Und dann?«

»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise aussprach. »Ja dann, gnädige Frau – zu Ende führen werde ich den Kampf nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag. Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.«

»Mit dem Leben?«

»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand, wie der Genuß, dem wir uns ergeben?«

Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. – Wie Feuer tanzten die Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise um sie her, nur der schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf niederzusehen.

Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also die Steigerung ihrer Genüsse.

»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise.

»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen. Anderen zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.«

»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.«

»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben, indirect käuflich, – allerdings nur um sehr hohen Preis.«

»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte Turnau.

»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.

»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton. »Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie. Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen können, sollte man nicht beschränken.«

Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend. »Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder – aber Sie, wieso finden Sie Ihr Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«

Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich bisher gegen sie ausgesprochen hatte.

»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.

»O vollkommen wohl!«, versicherte sie rasch aufstehend.

Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympatisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven und Sinnen.

Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.

»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.

»Soll ich dafür sorgen, daß man auch Sie nach Ihrem Tode zu den Gerechten erhebt?« fragte Lydia, lächelnd auf seinen Ton eingehend,

»Es wäre unbescheiden, gnädige Frau; für einen armen Morphinisten wird sich schon noch ein demütigeres Verslein finden.« »Wohl der Menschheit, wenn jeder seine Grabschrift verdient hätte,« antwortete sie, mit einem Blick über alle die Kreuze und Steine hinschweifend, die in steinernen Lettern so viel von Liebe und Tugend zu erzählen wußten, wie man im Leben wohl selten beisammen finden wird.

Dann trat sie auf das Weihwasserbecken zu, bekreuzte sich mit dem Wasser, verließ an Turnaus Arm den Kirchhof und fuhr mit ihm zusammen in ihrem Wagen, der auf sie gewartet hatte, nach Hause.

Vor der Bremerschen Villa dehnte sich ein von Rosenbeeten unterbrochener Rasen aus, dessen Mitte ein zierlicher Springbrunnen bildete. Eine Allee von Kastanienbäumen führte zu dem etwas von der Straße zurückliegenden Gebäude und an demselben vorbei nach dem dahinter liegenden Garten.

Auf dem Kieswege unter den schattigen Bäumen spielten zwei hübsche Kinder unter der Aufsicht einer Bonne. Als sie ihre Mutter aus dem Wagen steigen sahen, wollte das junge Mädchen sie zu der Ankommenden führen, um diese zu begrüßen. Die Kinder aber hingen sich an ihre Pflegerin und steckten die Köpfe in die Falten des einfachen schwarzen Wollkleides, welches das Fräulein trug.

Die Bonne versuchte, sich von ihnen los zu machen und zeigte bei diesen lebhaften Bewegungen, in dem eng anschließenden, schlichten Kostüm eine vollendete Grazie. Sie war tadellos gewachsen, jede Bewegung war schön, so daß Turnau, der sonst wenig Sinn für weibliche Reize hatte, davon ganz betroffen war.

»Wer ist die junge Dame?« fragte er leise.

»Fräulein Wagner, eine Fröbel'sche Kindergärtnerin, erst seit kurzer Zeit bei mir,« sagte die Geheimräthin; dann begrüßte sie die Kinder, die endlich widerstrebend, mit scheuen Blicken auf den Begleiter ihrer Mutter, herbeikamen.

Auch das Fräulein begrüßte jetzt ihre Herrin. Das Gesicht des jungen Mädchens war breit und gewöhnlich. Die Züge waren grob, selbst die freundlich blickenden grauen Augen zu klein und zu tief liegend, um dem Gesichte irgend welchen Reiz geben zu können. Trotz der schönen Gestalt war das Mädchen nicht hübsch, nur die Lippen waren blühend und roth, die Zähne glänzend weiß, und ein Ausdruck von Jugendlust, Frohsinn und Güte verklärte die ganze Erscheinung.

»Mein Gott, Fräulein, wie albern sich die Kinder noch immer benehmen, wenn Gäste da sind, gewöhnen Sie ihnen das doch ab,« tadelte die junge Frau.

Die Bonne schwieg, sie wußte nur zu wohl, daß die Kinder sich jedesmal weigerten, wenn sie ihre Spiele verlassen sollten, um auf einen Augenblick der Mutter zugeführt zu werden.

Mit nervöser Hast streichelte Lydia die rosigen Gesichter und die feuchten Blondhaare der Kleinen. »Wie sie erhitzt sind, ist es hier denn so heiß?« wandte sie sich wieder an Fräulein Wagner.

»Wir haben Federball gespielt, gnädige Frau, wir waren so sehr vergnügt dabei und haben uns so oft gebückt, davon sind wir so roth.«

Dabei strahlten die Augen des jungen Mädchens und der Mund schien ein schelmisches Lächeln kaum unterdrücken zu können.

»Es ist gut Fräulein, beschäftigen Sie die Kinder aber jetzt ruhiger,« entschied die todtenblasse Frau. Dann wandte sie sich mit ihrem Begleiter von der heiteren Gruppe der an das Mädchen geschmiegten Kinder ab.

»Wollen sie meinen Mann nicht noch begrüßen?« fragte sie dann den Doktor, der Hausthür zugehend.

»Es ist mir unmöglich, gnädige Frau, ich bin nicht wohl genug dazu.«

»So danke ich Ihnen um so herzlicher für Ihre Begleitung.«

»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, daß der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten für mich ein Genuß war.«

»Ein Genuß? Ah – da wäre ich doch begierig.«

»Ja, auf die Gefahr hin, daß Sie mich auslachen. Es war ein Genuß für mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«

Ein sehr erstaunter Blick der Geheimräthin suchte das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe häßlich zu nennen,« meinte sie dann.

Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermüthigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche Haar an, gnädige Frau.«

Lydia lachte auf. »Aber bester Doctor, dieses schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie denn daran so schön?«

»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, daß diese junge Person schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgiebt sie und macht sie reizend.«

»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst seiner Worte.

»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, was mich umgiebt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum größten Theil überarbeitet und nervös, die meisten Collegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eintreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich factisch keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, – ist es da nicht erklärlich, daß ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die rothen ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmuth – ah, die ist schön!«

»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlaßt fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«

»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubniß demnächst Gebrauch machen, gnädige Frau.«

Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ darauf den Garten.

»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schooß.

»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doctor Turnau verschwand.

»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.

Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrath Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.

»Wie kam denn dieser blasirte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung zu beglücken.«

»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so angenehm, das, mir seine Begleitung natürlich erschien.«

»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau angenehm unterhalten«, sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert ist. Er leugnet jeden Genuß jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur – – –«

»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.

»Gewiß, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten einer geheimnisvollen Krankheit, dieses Spielen mit dem Gedanken an Tod und Grab – – –«

»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemüthsleidens.«

»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«

Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.

»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit«, sagte Lydia.

Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die kleine hoch empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.

»Eine allerliebste, frische Person«, bemerkte der Geheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«

»Auch Turnau fand sie reizend«, sagte Lydia lachend. »Was für ein Geschmack – dieses Vonmondsgesicht!«

»So! – Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht zugetraut«, meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu verlieren.«

»Was für eine Idee!«

Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.

Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung des Morphiums ist Durst.

Ein Diener brachte dem Geheimrath Zeitungen und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lectüre vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.




II.

Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt, daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an das sie gewöhnt war.

Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit erfaßten ihren ganzen Körper.

Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kimm vermochten die unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.

Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende eigentümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.

Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch tadellos und sogar vorteilhaft war.

»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«

Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«

»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald reisen kannst.«

»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«

Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die Reise geben.« –

»Brauchst Du vielleicht Geld?«

»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.

Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.

»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« bat er.

Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, dachte er nicht.

Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.

Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.

Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.

Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.

Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile Treppe hinauf.

Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife – vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem Namen des Zimmerbewohners.

»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.

Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.

»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.

»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«

»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch – sechs Gramm geben ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«

»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«

»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«

Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. – –«

»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.

»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin,« aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, – die Versuchung ist ja so groß.«

Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater standen?« fragte sie mühsam.

»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. Es war hart – eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« – –

»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«

»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«

»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken das, was ihm Lebensbedürfnis, was ihm nöthiger ist als das tägliche Brot!«

»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«

»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«

»Andere fälschen Recepte.«

»Und das geht?«

»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«

»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«

»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es gefälscht wurde.«

Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich vermochte eine solche Schmach nicht zu überleben.«

»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmütig.

Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es gemacht – – Recepte zu fälschen?«

Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere Vorschriften sind gewohnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, gehen sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe sie vermißt werden.«

Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.

Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken – von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!

Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken. Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« –

»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.

»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an, ich thue nichts, was irgend einen Menschen in der Welt Schaden zufügen könnte.«

»Sie schaden sich selbst.«

»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist wirklich empörend!«

»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.

Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.

»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. Außer in Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«

»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«

»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«

»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«

»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«

»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«

»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; – es wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm auch den Verdienst.«

Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.

Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt« hatte, daß der Corridor augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.

In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am Mittagessen theilnehmen konnte.

Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, erheblich daran gehindert zu werden.

Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.

Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte. Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.

In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu treten.

Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.

»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigentümlich, daß ich nur eine Bettelei vemuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«

Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was für ein endliches Verhängniß zwang sie doch, Lügen – ganz gemeine Lügen zu ersinnen. wie unwürdig, wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise eine Mittheilung zukommen ließ!

Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«

Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er – – – »lieferte die gewünschten Waaren nicht.«

Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner übertriebenen pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?

Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.

»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«

Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.

»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.

Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling«, tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen Fuß, wie du ihn besitzt.«

Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.

Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.

Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie – schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. – Ja, was nun?

Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen dieses Tages ein krankhafte Leidenschaft concentrirte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir, Gebennedeiete«, flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben. Dich zu ehren und anzubeten.«

Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder, für sich aber begehrte sie nur das Eine – mochten es ihr Menschen oder Engel gewähren – nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben mußte und was man ihr grausam versagte.

Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn. Turnau – Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.

Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.

In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber ihrer Eltern.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem Wege, den sie jetzt ging.

Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in ihrer Lage peinlich und anstößig war.

Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen ungewöhnlichen Besuch erwartet.

Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht ausserordentlich schön erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr, Frau Bremer?«

Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und beglückte.

Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte bitterlich.

Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten, sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden Blicke des Arztes, was sie thun würde.

Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.

»Wie hübsch Sie eingerichtet sind«, sagte sie, ihre Thränen trocknend, »gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender Künstler – sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege …«

»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau«, er nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte, »persönlich habe ich eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum Regisseur.«

Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate«, bemerkte Lydia, erstaunt um sich blickend.

»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich, gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«

»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen – sogar für blasirt.«

»Ich bin auch blasiert, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit – Blasirtheit, wenn Sie wollen.«

»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht«, sie konnte schon wieder lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«

»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und bin außer dem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib Und Seele, wie Sie ja wissen.«

»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.

»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«

»Das weiß ich.«

»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«

»Das weiß ich auch.«

»Und Sie bleiben dennoch dabei?«

»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«

»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun. Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu, wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«

»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie –, das geht niemanden etwas an.«

»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an sich zugemessen ist!«

»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«

»Ah – das souveräne Volk – dem muß man die Freiheit schon lassen.«

»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«

»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,« sagte sie traurig.

»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung, einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«

Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.

»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie heute gelitten haben.«

»Noch schlimmere Folgen?«

»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen verzeihen, wenn ich Sie frage, würden Sie sich nicht schließlich verlaufen, wenn Sie keine, keine andere Moglichkeit sähen, sich Morphin um zu verschaffen?«

Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht fallen.«

»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche Frauenehre gekostet.«

Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann, mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und sie fühlte, daß sie ihn liebte.

Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah – wie sie wohl zu lieben verstand!

Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.

Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus, die er ihr gab.

»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«

»O, Gott, wie edel Sie sind – ich danke Ihnen.«

»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich ganz beruhigen.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die er ihr zu theil werden ließ.

Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.

Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran, daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim dennoch geworden.

Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. –




III.

Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.

Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter.

Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der Decke.

Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. – Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende eines Einzelnen den fluchenden Strom des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.

»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll«, sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.

Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache wird stimmen.«

Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilansialt vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.

Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. –

An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Krankentransport. Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.

Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.

Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.

Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden umzusehen.

Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten, notwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.

Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eisfalten Hände zitterten. Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der welken Haut.

Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.

So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach nicht mehr zu ertragen war.

Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus hinter sich hat.

Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.

Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.

Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten Mittel.

In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines Chefs.

Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.

Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die Stationsschwester hatte ihn gerufen – er mußte kommen.

Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.

Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmütigen und blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte niemanden.

Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, die das Wartepersonal von dem zerfetzten Korper lostrennte. Das Andere hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte Knochen lag frei.

Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu thun.

Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.

»Chloroform«, stöhnte der Mensch.

»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen«, antwortete Turnau.

»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich«, kam es kaum vernehmlich über die blaugrauen Lippen.

Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.

»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch – ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen Willen – ich will nicht geheilt sein –«

»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das wollten Sie nicht.«

»Ich will nicht – ich will nicht. – – –«

Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.

Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen Beines, der im Notverband lag, nicht auch abnehmen wolle.

»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.

»Chloroform«, stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel war.

Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, vielleicht sehr rasch zu enden.«

»Was liegt daran« – murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner Lage nicht sein.«

»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«

»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«

»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit ruhiger Würde.

Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.

Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.

»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.

»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«

»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.

»Es sieht auch geschrieben ’der Tod ist der Sünde Sold‘.«

Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das Operationsbett heran.

Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich um sich.

Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.

Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen Menschen willen!

Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist – gegen seinen Willen wollte man ihn heilen – das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.

Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?

Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.

Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?

Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.

Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.

Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.

»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.

»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«

»Herr Doctor wünschen?«

»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle rufen Sie mich.«

»Ja, Herr Doctor.«

Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.

Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.

Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.

»Der Tod ist der Sünde Sold.«

Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem Grübeln fiel es ihm ein. –

Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwerer Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in ihrer Pflege befand – sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie jeder Andere.

Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht mehr vergessen.

Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei war sie schon – statuenhaft schön – schade um solch ein Weib!

Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu widmen.

Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohltuendes Ausruhen an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.

Er dachte jetzt auch über den verhängnisvollen Schritt nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.

Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährten ihrer eigenen Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, das, er überhaupt niemanden lieben könne.

Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß – Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.

Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß zu gewähren!

Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. – Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm gleichgültigen Frauen grübelte!

Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!

Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genug an sie zu denken, sie zu sehen – –

Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, Wirklichkeit war – Professor Schrödter hatte die Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assisienten morgens um fünf Uhr wecken zu lassen!

Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.

Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.

»Störe ich Sie noch? – Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh aufstand.

Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«

»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«

Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.

»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«

»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen, ruhig liegen lassen. Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«

»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«

»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel wie möglich geschehen konnte.«

»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«

»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für hoffnungslos?«

»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.

»So – Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.

»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«

»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja eine sehr eigentümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hilfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu erhalten?«

»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische Frage.« – – –

»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr College, nicht wahr?« höhnte der auf äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man könnte kein guter Psychatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die verhängnisvollsten Fehlgriffe zu begehen.«

Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand und schwieg.

Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.

»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. – Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«

Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.

»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann der Professor noch einmal.

Das Schweigen des hochmütigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.

»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich durchaus nicht beleidigt fühle.

Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie um auf etwas anderes zu kommen.

»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die Erlaubnis, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«

Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«

»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«

»Auf Wiedersehen denn.«

»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«

Noch eine durchaus salonmäßige Bezeugung, die der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei nervösen Damen – Specialität Migräne; – er war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.

Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.

In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.

Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches Geräusch ihn aufschreckte.

Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig ausgerissen und mit maßlosem Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. –

Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war ihm der Verhehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die notwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.

Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau nicht zu sehen.

»Alles ist verraten, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium mein ganzer Vorrath« – –

Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.

»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.

»Ja, ja – es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da – erbarmen Sie sich.«

»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird es morgen wieder gefunden.«

»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«

»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«

»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«

»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«

»So – sind Sie etwa mein Vormund?«

»Nein – ich bin Irrenarzt.«

Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt von dieser Scene.

Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach den er durchaus nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimnis entdecken zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.

Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor beschlossen haben?«

»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«

»Ja« – sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«

»Das freut mich.«

»Sie verstehen, was ich meine?«

»Nein.«

»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche, Sie wissen es ja.«

»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«

»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«

»Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein Mensch findet.«

»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde, versehen?«

»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch brauche, erschaffen.«

»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«

»So bin ich verloren.«

»Ich weiß es nicht.«

Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.

Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.

»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.

Er antwortete nicht.

»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«

»Als was – als Ihr Arzt?«

Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«

Sie bot sich ihm an – sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.

Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«

»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«

»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«

Das war seine Antwort auf das Geständnis ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete – wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte, um sich von ihr zu befreien. – Sie fühlte die furchtbare Erniedrigung ihrer Lage – aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. –

Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.

Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein Mann gegenüberstand – ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender Schatten. – –

Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.

Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.

Vor sich selbst kam er nicht so weit – nicht bis zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren Stumpfheit.

In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten ihn gradezu.

Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.

Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten Nerven waren tot – es war nicht mehr möglich sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.

Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. – Richtig – man wartet da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner Liebe. –

Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen, – nicht mehr schlafen.

So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. –

Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!

Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr – und nun?

Ja, nun war das Ende da, – nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot ihm noch irgend einen Genuß

Die kleine Freundin war da, so scharf so spitz, so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch eine – noch eine letzte Freude gewähren!

Da war ein kleines Glas – das hatte er sich reservirt für das Ende; das Ende – ja das war doch nun da.

Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen. Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auslösen, stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt. Aber jetzt – du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?

Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu denken.

Noch einmal also! Er zog die Sprite zurück, sie rollte zur Erde.

Ja richtig, um sie wiederzuerlangen, muß man sich bücken.

Mit blöden Blicken stierte er darauf hin – wozu, wozu – wenn es doch nun einmal das Ende sein mußte?

Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!

Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde Sold« – es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie doch?, wie doch?

Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. –

Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder sich bücken und die Sprite aufheben? Wozu? Wozu?

Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. – – Das Ende, das Ende! –

Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. –

Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie vorwärts.

Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen – es war ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen Gläser in ihrer Tasche verschwinden.

Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.

Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.

Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin zu finden.

Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen zu lassen.

Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.

»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts – gar nichts?«

Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem Spiele stand – – ihre Ehre – – von allen Seiten ruhten neugierige Blicke auf ihr.

»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich –

»Ah – also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«

Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.

»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so fragen!«

Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst – es war ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.

»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu erlangen.«

»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte darauf Rücksichten nehmen.«

Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.

»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.

»Ein Sterbender – das will ich glauben, – ich habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er war – werfen wir keinen Stein auf den Todten.«

»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«

In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand lag, eine Berechtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin fern zu halten – er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!

Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig umstand.

»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«

Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«

Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.

Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus das verhältnismäßig schwache Mittel herzustellen, dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in Sicherheit bringen.

Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt – maßlos, unbeschränkt, heimlich.

Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf – fort, nur fort.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.

O, wie sie ihn haßte – sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.

»Lassen Sie mich – der Schreck, die Aufregung – ich möchte allein sein.«

»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«

»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie darauf beständen.«

Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl zu rechtfertigen wissen.«

Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene Thränen.

Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.

»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch – – –

»Deshalb bin ich gekommen«, antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht wissen.«

»Lydia!«

Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.

Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins Haus.

Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt. Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.

Lydia kam dabei zur Besinnung.

Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern zu ziehen.

Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die Brust und sprang auf.

»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille herum.

Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustellen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.

»Gehen Sie«, herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn«, rief das Fräulein ihr nach.

Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.

Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.

Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das über ihn hereinbrach.

Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.

Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.

Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.

Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der Verzweiflung vorbei war.

Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.

Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost. Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.

Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an dem Unglückstage vorher.

Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.

Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.

Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.

Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um damit zu rechnen.

»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«

»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten tief herabsetzt.«

»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«

»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«

»Du stellst diese Person über Deine Frau!«

Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem Schutze stand.

»Ja,« sagte er ruhig »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«

Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.

»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, Arnold – muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«

»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«

Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, den er erhob.

»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«

Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.

»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«

»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide nur einen Ausweg – tödte mich – es wird mit meinem Einverständnis geschehen.«

»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn du es auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne ein neues Leben.«

»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«

»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«

»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um eine Krankheit zu heilen?« ,

»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit. Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«

»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich und froh sein.«

Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie Schluchzen.

»Lydia – wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«

Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«

»Und schadet niemand?

»Nein.« Sie sah ihn fragend an.

Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«

»Nicht essen? – Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht mir vorzuhalten; daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube – – zu essen?«

»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu arbeiten. Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«

Einen Lebenszweck – – wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie – sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen zu den Tobten, und von ferne, aus einer anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr – Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist

auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht – – – – – – – – –«

Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des Freundes.

Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. – Mit furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.

»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich nicht quälen.«

Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu können, so sah er sich bitter enttäuscht.

Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden würde.

Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er lebte, vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich erschienen wäre, nicht thun würde – nie wieder. – Es stand etwas zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es überwältigend und unsagbar war, eine Leidenschaft – – Morphium«. –

Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.

»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches entbehren müssen,« sagte er ernst.

»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und schlicht.

In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels gegeben.

Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor Schrödter.

Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte träumend und regungslos stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.

Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.

Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht wieder.

In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstatt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.

Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Hoheit, die doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.

Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.

Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war – durstiger als je.

Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden lassen – und Achtung, äußere Achtung vielleicht auch wieder, ja – das – –

Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine Schuldige – eine Ehrlose war.

»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes und dem ewigen Leben in Christus.

O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«

Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«

Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, es fehlte nicht eins.

Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.

Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.

»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden«, sagte das Mädchen.

Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« – Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, immer wieder.

Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.

Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen und Remisen.

Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.

Der Tod ist der Sünde Sold; – »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des Irrenhauses umgab.

Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht – – – Sie hatte die Freiheit benutzt.

Ein Schrei, ein Fall – die Steine der Tiefe nahmen sie auf.



Nach dem Tode

In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.

Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.

Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.

Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Sichern, ja sogar lautes Lachen aus diesem Kreise.

Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich, vorbeigehen zu lassen.

In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.

Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.

Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.

Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit fertig werden sollte.

Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.

Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur Seite.

Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.

Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.

»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich – eine arme demüthige Magd des Herren – werde in wenigen Jahrzehnten auch nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir werden wieder zum Staube – wir – wir – aber dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«

Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine runde flache Glasschale herab.

In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem Präparate die Krankheit zu demonstriren.

Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.

Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß zur Seeligkeit ist.

Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt abgewandten Mädchens.

Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches – ein Satz des Glaubensartikels selbst – aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor Augen hatte?

Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.

In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.

Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.

Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.

Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.

Das Isolirzimmer der Station war leer.

Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige Lippen.

Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse besonders bezahlt werden.

Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil schliefen sie.

Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.

»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«

Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.

Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« – so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.

Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.

Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.

»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie freundlich.

Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«

»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig näherte.

»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der Stationsarzt.

Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu thun.

Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.

Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und der Schwester zurück.

»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.

»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon nach ihm geschickt.«

»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie bezahlt, entgegnete der Arzt. Alle Freistellen sind durch städtische Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«

»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«

Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«

»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.

Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.

Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.

»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch einen Wärter.«

Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.

Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die fiebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm lag.

Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.

Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.

Wie eine dunkle Flüßigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. – Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich zu werden.

Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben und auf der Bahre festbanden.

Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster gingen, daß Ihnen mal so etwas – solche – erlauben Sie gütigst – Schweinerei unter die Finger kommen würde?«

Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. »In unserem Brevier sieht: Du sollst wie eine Leiche werden.«

»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, ob ich's erlaube«, brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.

Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.

»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben«, bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«

Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.

»Um Gotteswillen«, rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«

Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich machen konnte.

Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.

Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.

Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem stillen Entsagen.

Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.

Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?

Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie doch bescheiden zurücktrat.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der selige Luther«, sagte er zu sich selbst.

Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.

»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.

Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und ernst aus.

»Schwester«, sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod vor uns.«

»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein«, entgegnete die Schwester sanft.

»Kaum«, antwortete er. »Sie ist am Thyhus erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« –

Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben – was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber eine Menschenseele – sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, empfangen zu haben.

»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«

Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. – »Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«

Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.

»Eine interessante Verbildung«, sagte er mehr zu sich selbst, als zu der Pflegerin, eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale Lage aller inneren Theile bedingt. – »Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf der Trage gebracht wurde. – Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie mich nicht mehr.«

Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise sinnlosen Text eines alten Sterbeliebes zu beten: »O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns in der Jetzt und in der Stunde unseres Todes – – – – – – – – – – – –«

Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte die Schlundsonde ein.

Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen Morphium und flößte das ein.

Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern des Bewußtseins.

Vergebens – geheimnisvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge Gemach.

Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.

Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.

Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.

Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. –

Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der Sterbenden umhüllte.

»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.

Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.

Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte hernieder senken können.

Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren konnten.

Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zulassen, damit sie, wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus diesem Leben scheiden könne.

Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.

Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.

Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich schwärzlich.

Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager – ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....

O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns in der Jetzt und in der Stunde unseres Todes . . .

Die Nonne betete an einem Todtenbette.

Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.

Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.

Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des geistlichen Herrn ruhig an.

»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«

»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche recognosciren – jedenfalls, wie dem auch sein möge – die Begräbniskosten – –«

»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«

»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«

Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.

Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder wohlthätiger Herr.

Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.

Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«

»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen – –«

»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«

»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«

»Am Typhus – wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben ist die Person eigentlich daran nicht direct.«

Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.

»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke zurückgelassen haben.«

»Man weiß keine Namen?«

»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser, je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich abzuschieben.«

»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.

»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.«

»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft nachkommen!«

»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«

»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch nicht im Stiche lassen würde.«

»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.

»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns da manchmal vor Augen gebracht wird – es ist zuweilen gradezu himmelschreiend.«

»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« –

»Sie meinen? O – hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig – die Begräbniskosten – –«

»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das besorgt die Universität.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine die Anatomie.«

»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«

Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.

Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem electrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften Eindruck.

Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.

Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbniskosten dieser Todten, die inneren Organe die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule besessen hatte.

Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten zum Todtengräber.

Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und Gras. Es wächst überall eigentümlich üppiges Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.

Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen hatten.

Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.

In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.

»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.

Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine Anfechtung« – wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.

Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu suchen und seine Gnade.

Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.

Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch Schmerzen.

Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.

Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief – sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.

So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt wird.

»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.

Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei, körperlich aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre Kräfte.

Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der über der weißen Stirnbinde lag.

Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.

All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb an die Schwester Domina.

Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.

Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.

Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.

Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie auf die Bank zu setzen.

»Warum weinen Sie, Schwester, fragte er freundlich. Sie sind doch todt für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden stören kann, den Sie gefunden haben?«

»Ich habe einen Zweifel.« – Zögernd, gepreßt rang sich das Geständnis von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut werden zu lassen.

»Sie – einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«

»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein historischer Zweifel.«

»Wie – was?«

Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.

Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. Da – da schritt über den Markt die Jungfrau Maria.« ....

»Nun und was weiter?«

»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«

Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.

Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte aufhören.«

»Bitte, lesen Sie.«

Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die Stelle.

Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«

»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.

»Ja, ich denke, das? es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des Fleisches?«

»Ja.«

Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.

Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.

Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust gelesen habe.

Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat eintrat.«

»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«

»Achtzehn Jahr.«

»Was haben Sie seitdem gelesen?«

»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«

»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«

»Es muß mir genügen.«

Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.

Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen schwieg sie.

Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«

Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine Leiche werden.

Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.

Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.

Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.

Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder der Kirche aber übersieht sie.

»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. – Wer beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«

Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, dunkelsten Mittelalter.

Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.

Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.

Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. –

Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station gebracht.

Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.

Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.

Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.

»Gerne Barbara« – er vermied es, sie Fräulein zu nennen – »warum sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?

»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor waren Sie – Sie auch dabei?«

»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«

Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren Hände herab.

»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«

Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind,« hauchte sie.

»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«

»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«

»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr Schwester Clarissa?«

»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.

Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachteilig für die Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«

Die Schwester schwieg.

»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.

»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«

»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«

»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«

Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.

»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«

»O, mein Kind«, schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie – niemals wiedersehen«.

Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun – als Arzt, um ihrer Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig ungeschickt – »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später – – nach dem Tode – – –«

Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten Angst auf Schwester Clarissa.

»Schwester«, stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit – werde ich es wiedersehen, das ungetaufte Kind – – nach dem Tode?«

Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein«, sagte sie kurz und rauh.

Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. –

Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.

Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und Thun der meisten Menschen trennte.

Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.

Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.

Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte ihn nicht mehr.

Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.

Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.

Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu treten. Ihre Augen – ja das war es, in ihren Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, als Fanatismus.

Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.

Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.

Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie – sie erachtete die Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte – – nach dem Tode.

Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die Nonne sein soll, so war sie – so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse – – – ach, was – es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er es zulegt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines Interesse gewesen. – Diese interessante Species – eine moderne Nonne, war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in Büchern, noch im Leben.

Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele und das Ergebniß – – – ja, das Ergebniß war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben – die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!

Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die er aus einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.

Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. –

Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.

Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. – Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den Leierfasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner Geldstücke. –

Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.

Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.

Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren.« »Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.

Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem Putz gekleideten Mädchens.

»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.

Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.

»Was wollen Sie hier?«

»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: »Meine Mutter.«

»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben, der nicht weiß wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. Schlüter.

Der Vagabund schwieg.

»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.

Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier starb, und ihn als ihren Mann erkennen.

Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an ihn richtete.

Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.

Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie gestorben war.

Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz – Karoline Schwarz« – wiederholte er, ich erinnere mich gar nicht, den Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner Station gestorben sei?«

»Ein Herr auf dem Bureau.«

Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die Leute zurück.

»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er »oft erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den Namen betrifft.«

Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.

Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein hatte für das Weib zu sorgen.

Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. – Einige Tage hielt sie sich noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.

»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich machen?«

»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?« unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm, von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das, was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein Menschenschicksal – – was für ein Schicksal.

Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.

»Was will man machen,« stotterte er – »bei den schlechten Zeiten, ein so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib – ein schlechtes Weib, – Herr – sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«

»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,« bemerkte der Arzt scharf.

Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.

»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an meinem Schatz.«

Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als alles Andere.

»Ihre Mutter ist verhungert,« – rief der Student rücksichtslos dem Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.

»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«

»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller Entrüstung an.

»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme Menschen nicht zu verzehren.«

»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter, »aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht in ein Krankenhaus?«

»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs- und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.«

»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt energisch.

»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den Sie sich denken können.

Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen, schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.

Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«

Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.

Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.

»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.

»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank, fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach ihrer Anficht ruhte.

Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen blieb.

Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe. Liebe? – – –

Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel zum Zweck. – »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr Mir gethan.« – Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese – diese gerade war wohl auch der Liebe nicht werth gewesen.

Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos, mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch der Aermste Anspruch hat zu ruhen – ruhen – nach dem Tode. –

Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?

Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.

Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.

Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade auf das Gerippe zu.

Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.

»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf.–

»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«

»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie zerbrechen es ja.«

»So – es ist mehrere hundert Mark werth?«

Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.

»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer Miene.

»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«

»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete die Tochter für ihren Vater.

»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund ein,« grollte der Mann.

»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbniskosten bezahlt, so kann das Institut – ich meine die Doctoren können dann mit der Leiche machen, was sie wollen.«

»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein – so ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«

»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«

»Nun also – was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.

»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt, aber ein Mensch, – ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum Hungern, zum Betteln, zum Frierend und nach dem Tode? Nach dem Tode – zu dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu machen.« Er lachte laut und wild auf.

Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.

»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« – – –

Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.

Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb einige Worte darauf.

»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut »gehen Sie mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« – –

Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn an sich.

Fünfzig Mark! ......

Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.

Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb – aber was wollte man machen!

Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen – sie lebten und darbten.

Die Mutter aber – – – – ja, die stand da und sah ihnen nach aus ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man deshalb die fünfzig Mark verschmähen? – Ein solches Opfer für sie, konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt – – – nach dem Tode? – – –



Doctor Cäcilie

          Hochwürdigste, gnädige Frau!

In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. – Meine Frau ist nach einer, wie es leider den Anschein hat – vergeblichen – Krebsoperation einer sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.

Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.

Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige Tage und Nächte die legten Qualen der Krankheit leichter zu machen, kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.

Mit hochachtungsvollster Ergebenheit

Ihr gehorsamster

v. Möbius, Premierlieutenant.



Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten zu sprechen.

Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen vermochten.

»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«

Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir haben nicht genug Schwestern.«

»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden wollen, habe ich nur erhalten.«

Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«

»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«

»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute alte Schwester.

»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.

Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten den Saal.

Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstatt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.

Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte ihm freundlich die Hand.

Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«

»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«

»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege meines Vaters geeignet.«

Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr zurückgezogen lebend.«

»Sie hat eigentümliche Neigungen und hält sich von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genötigt sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester zu suchen.«

»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«

»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«

»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.

»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen wird.«

»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«

Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!

Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr sein, etwas Anderes – etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. – Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingeben würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!

Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung, eilte er nach Hause.

Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.

Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath war aufgelöst – freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.

Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.

In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber empfand davon nichts.

Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.

»Wenn Du Deine Leetüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«

Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser ihrer Brille.

»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie. »Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben. Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator wird uns morgen Rechnung ablegen.«

Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet, aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«

»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.

Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.

»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück, »aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz liegt augenblicklich in Deiner Hand.«

»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«

»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt. Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von viertausend Mark bleiben.«

»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«

Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes Staunen.

»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«

Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen derben Zugstiefel.

Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er von ihr fordern, – den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten herab. Endlich aber begann er zu sprechen.

»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen, Cäcilie.«

»Sehe ich ein – weiter.«

»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde, ich will Specialist werden.«

»Auch gut – weiter.«

»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«

»Das will ich Dir wünschen.« –

»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«

»Ah – ich wäre begierig.«

»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben, die Du mir jetzt giebst.« –

»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen können – nicht wahr?«

Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.

»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«

»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei bleibt's.«

»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an meiner Seite.« Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für Dich.«

»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«

»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«

Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.

»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie.

»Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln, dienen – ha, ha, ha, und alles das, damit ich später ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstatt sein, Anordnungen treffen. Befehle geben, und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir – – zu gehorchen!« –

Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.

»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu können?«

»Wer sagt Dir denn. daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe – sieht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«

»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«

Sie lachte laut auf. »Ja für klag genug, um blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«

Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am wenigsten thun. Er appellierte deshalb nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen Sinn.

»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam »hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden; giebst Du das zu?«

Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.

»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz eintritt.«

»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.

»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn sie Vermögen besitzen.«

»Ich ringe mich durch – auch wenn ich keinen Pfennig hätte – ich fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«

Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen – der glühende Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.

»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte – ich wäre mehr geworden, wie Du.«

Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er, »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was hätte ich werden sollen?«

»Handlanger – das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der Sohn?«

Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbstverständlich, so fest stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die Söhne – die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend würde es sein. –

»Mein Gott – ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet wirst?«

Sie lachte hönisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich erregbar – ich werde nicht geheirathet werden und – – ich werde nicht lieben.«

»Also – was hast Du denn eigentlich beschlossen?«

»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen Wirkungskreis suchen und sicher – ganz sicher wird meine Kraft und meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen – ich – aber niemals wird Dir das gelingen.«

»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von viertausend Mark?«

»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«

»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«

Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im Leben. – – Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!




II.

Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.

Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.«

Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und Unbequemlichkeiten erträgt.

Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer Brodrinde zum Essen.

Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige oder körperliche Arbeiterin.

Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.

»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.

»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«

Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.

»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«

»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.

Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«

Er rühmte sich mehrerer derartiger »Belehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.

Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. – Herr Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.

Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie glänzend, so ließ man sie zu – du lieber Gott, eine Ueberspannte, Emancipirie mehr als bisher. –

Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte, miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.

Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits verlangte gar nichts.

Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide prositirten von der Studirlampe der Anderen.

Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Lieblosen war – gräßlich – Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.

Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam Arbeitende hin.

Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreisen, ihr ein höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.

Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber hinaus, aber doch – sozusagen –

Cäcilie begriff. Einen Mann – aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr, der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!

Die erste, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! –

Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht in sich. – Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.

Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.

Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.

Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie zum Ziele kommen wollte.

Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heirateten nie.

Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem an, was die Anderen ihr anboten.

Die arme Person!

Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht genießt! –

So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein, immer allein.

An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.

Sie war wie todt für die Welt.

In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen gesucht.

Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten, um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie versäumte keine Vorlesung – sie arbeitete immer, immer.

Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade günstig.

Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im Gewähren.

Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.

Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben, weder Gott noch den Menschen.

Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!

Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.

In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. Nicht sich selbst – Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? – wozu dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? –

Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein Unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. –

Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.

Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des Mädchens. – Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die Erkenntniß! –

Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des Genusses.

Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. –

Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.

Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« – was sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?

Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.

Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.

Sie gingen unter – der geheimnisvolle, unergründliche Abgrund nahm sie auf.

Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.

Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.

Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.

Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.

Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche Körper feine chemische Retorte ist.

Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.

Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.

Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.

Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath erinnerte.

Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth – die Nerven, wie sie meinte.

Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. – Liebe – es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.

Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt bleiben möchte.

Krankheit – für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. – Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.

Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos niederstreckt, krank werden heißt untergehn. – Der machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründete Zukunftshoffnungen sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.

Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes verzehrte, so war sie verloren.

Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser zu leben.

Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.

Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.

»Du sollst den Feiertag heiligen!«

Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.

Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.

Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne Kampf.

Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete weiter.

Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.

Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.

Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der wenigen »Gleichberechtigten,« eine Ausnahmenatur zu erkennen.

Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.

Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.

Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.

Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.

Der Augenarzt bei dem sie ab und zu schon selbst Operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.

Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.

Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.

Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner – »Gehülfin« – wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer Dienerin und der Nonne allein.

Als dann der Schönheitsfehler des Auges tatsächlich korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.

Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich allein miethen konnte.

Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.

Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.

Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.

Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.

Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.

Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche Glück zu vervollkommnen.

Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.

Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges war ihr fremd.

Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem Temperament vielleicht sogar lästig.

Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.

Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement gegenüber nicht.

Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter nichts. –

Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach situirt sein würde.

Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.

Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden unter den Armen.

Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.

Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.

Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« –

Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert hatte.

Und wie litt dieser Mensch! – Es war kaum anzusehen. –

Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.

Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um sie warb.

Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig.

Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.

So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.

Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.




III.

Otto Ehrhardt hatte bald nach Cäciliens Abreise das Diakonissenhaus, an dem er angestellt war, verlassen.

Er bildete sich ein, die Oberin hätte die ihm vorgesetzten Aerzte gegen ihn eingenommen, aus Empfindlichkeit darüber, daß er ihrer Aufforderung nicht nachgekommen war und ihr seine Schwester Cäcilie nicht zugeführt hatte.

In Wirklichkeit lag der Gräfin eine solche kleinliche Uebelnehmerei fern. Sie dachte gar nicht mehr an Cäcilie Ehrhardt, die sie niemals gesehen hatte, aber sie behandelte Otto geringschätzig, weil es ihrem scharfen erfahrenen Blicke nicht entging, daß der junge Mann für seinen Beruf nicht begabt war und auch kein intensives Streben besaß.

Er witterte überall Intriguen, nahm es furchtbar übel, wenn bei einer wichtigen Operation ein jüngerer Assistent herangezogen wurde und versäumte dann aus Empfindlichkeit, wenigstens zuzusehen, um sich zu belehren. Eine gewisse natürliche Trägheit hinderte ihn, seine Studien fortzusetzen und sich den täglichen Fortschritten seiner Wissenschaft anzuschließen.

So suchte ihn niemand zu halten, als er ging. Er miethete sich zwei hübsche Zimmer, annoncirte in den Zeitungen und verdiente am Ende so viel in seinen Sprechstunden, wie seine Garderobe ihn kostete. Mehr aber nicht.

Keine einzige angesehene und zahlungsfähige Familie kam auf den Gedanken, ihn zum Hausarzt zu wählen. Er fing schließlich an, die Zeitungen durchzusuchen nach Annoncen, in denen Aerzte gesucht wurden, denen eine bestimmte Einnahme von vornherein zugesagt wurde. Er meldete sich überall, bekam auch oft Antwort, stets aber wünschte man – gewissermaßen als Zeugniß – ein empfehlendes Schreiben seiner früheren Vorgesetzten. Schließlich bemühte er sich um ein solches, aber es fiel so kühl und nichtssagend aus, daß es ihm wenig half.

Mehr und mehr schmolz die kleine Summe zusammen, die ihn erhielt. Er sagte sich, daß die Berliner Wohnung ein zu großer Luxus für ihn sei, und ins Blaue hinein fuhr er nach einer kleinen Stadt, miethete sich im Hotel ein und annoncirte in der Zeitung.

Es kamen arme Leute zu ihm und wollten Medicin kaufen; man hielt ihn nach diesem Vorgehen nicht für einen richtigen Arzt, sondern für einen Verkäufer irgend welcher Geheimmittel. Die Aerzte in der Stadt, denen er seine Visite machte, erwiderten den Besuch nicht. Er fühlte, daß er nach diesem Anfang im Orte unmöglich sei. Nach acht Tagen kam kein Mensch mehr zu ihm.

Kurz entschlossen setzte er sich ins Eisenbahncoupee und fuhr nach dem Rhein. In einer mittleren Stadt miethete er eine Wohnung, meldete sich ordnungsmäßig auf der Polizei an und annoncirte dann erst in der Zeitung. Man erwiderte seine Besuche. Ab und zu holte man ihn zu einem Kranken.

Hätte er diesen Weg doch gleich eingeschlagen, als er noch zweitausend Mark besaß! Bis die verbraucht waren, hätte er sich hier durchgearbeitet. Schon jetzt, nach zwei Monaten, verdiente er etwas, aber ach, das väterliche Erbe war verbraucht, er stand vor dem nichts.

Manchmal bezahlte man ihm eine Bemühung in der Sprechstunde oder einen Besuch, dann konnte er für einige Tage sein Mittagessen bezahlen, und der Wirth borgte wieder weiter. Jede kleine Einnahme legte er bei Seite, um am Anfang des Monats die Miethe entrichten zu können. Als dann aber der Zahlungstag kam, hatte er nur die Hälfte der erforderlichen Summe.

Der Hauswirth war gutmüthig, er versprach zu warten, er erbot sich sogar, seinen Miether bei seinen Bekannten zu empfehlen.

Wirklich brachte diese Empfehlung ihm Nutzen, er wurde zu einer schweren Entbindung gerufen, bei der außer ihm noch ein anderer Arzt zugegen war.

Drei Tage später war die Wöchnerin todt, das neugeborene Kind folgte ihr nach, und kein Mensch in der Stadt schob die Schuld auf den einheimischen Hausarzt der Familie, sondern jeder sah darin einen Beweis der Untüchtigkeit des unglücklichen Fremden.

Der arme Ehrhardt konnte im Grunde genommen garnichts dafür. Eine Reihe unglücklicher Zufälle war zusammengetroffen; sein Hauswirth aber, außer sich darüber, daß er einen solchen Mann empfohlen hatte, kündigte seinem Miether zum nächsten Termin.

Leerer und leerer wurde das Wartezimmer während der Sprechzeit. Ehrhardt verkaufte seine Uhr, um seine Miethe bezahlen zu können, als er auszog.

Seinen Wohnungswechsel zeigte er in der Zeitung an und seinen Mittagstisch suchte er in der Nähe der neuen Wohnung. Der Restaurateur, bei dem er früher gegessen hatte, borgte nicht mehr.

Wenn er doch jetzt in Berlin gewesen wäre, er hätte vielleicht in ein Hospital eintreten können, oder bei einem Professor. Wenigstens hätte er doch einige Bekannte gehabt, die ihm vielleicht etwas geborgt hätten, aber hier kannte er niemanden, alle Thüren blieben für ihn verschlossen.

Es wurde Winter. Die Wirthin, bei der er jetzt wohnte, verlangte Vorschuß für Kohlen, sonst weigerte sie sich, sein Zimmer zu heizen. Er konnte doch seine Kranken nicht im Kalten empfangen und untersuchen; so verkaufte er denn, was er entbehren konnte an Wäsche und Kleidungsstücken, und bezahlte Miethe und Kohlen.

Ein Arbeiter, dem er einen Armbruch behandelt hatte, war ihm noch die Bezahlung schuldig. Er ging hin, fand den Mann im Bette und in der Behandlung eines anderen Arztes. Er hatte seinen Arm zu früh wieder gebraucht, die üblen Folgen davon aber schob er auf Doctor Ehrhardts falsche Behandlung, und die Frau wies diesem schimpfend die Thür.

Wenn er etwas haben wolle, sollte er sie nur verklagen, der Doctor Brauer, den man jetzt hätte, der würde schon bezeugen, wie viel Schaden die Fehler der ersten ärztlichen Behandlung ihrem Manne gethan hätten.

Ehrhardt war nicht in der Stimmung, irgend einen Menschen zu verklagen. Er lebte jetzt von der Hand in den Mund. Sein einziger Wunsch war, daß er früh in der Sprechstunde eine Mark einnähme, um mit der Hälfte davon sein Essen zu bezahlen und die andere in seine Wohnungskasse zu legen.

Im Januar bekam er einen Steuerzettel, er sollte angeben, wie viel die Ausübung seines Berufes einbrächte, um nach Maaßgabe dieser Schätzung zu den gesetzlichen Abgaben herangezogen zu werden.

Zuweilen dachte er an seine Schwester Cäcilie. Das freie Gewerbe, bei dessen Ausübung er beinah verhungerte, hatte sie so unwiderstehlich angezogen und gereizt. Sie sah in der Zulassung zu dieser Thätigkeit ein geistiges Ideal. Wie fern war doch für ihn die Wirklichkeit von diesen phantastischen Mädchenträumen geblieben. Aber Cäcilie war ein Weib, wenn sie in Noth kam, so blieb ihr noch immer der Beruf einer Pflegerin, der ihr jede Stunde ein sicheres Brod geben konnte – er dagegen, er konnte doch nicht hingehen und Arbeiter werden.

Er beneidete die Bergleute, die er früh nach ihren Schächten gehen sah. Sie hatten alle ihr sicheres Auskommen. Keiner hatte eine geringere Einnahme als drei Mark jeden Tag.

Er hatte dagegen momentan nichts. Wohl sagte er sich, daß es mit der Zeit wieder anders und besser werden würde; nach und nach würde er bekannt werden und eine Stellung erringen, genau so wie alle seine Collegen am Ort. Er mußte nur warten – aber er konnte nicht warten. Man muß doch leben, während man wartet, und er hatte nichts, wovon er hätte leben können.

Die Redaction einer medicinischen Zeitschrift schickte ihm eine Abonnementseinladung und ein Probeheft ihres Blattes. Mechanisch las er es durch. Unter den Notizen am Schluß fand er die Nachricht, daß Dr. Cäcilie Ehrhardt aus Berlin eine sehr bedeutende junge Aerztin, nach mehreren glänzend ausgeführten Operationen an der großen Augenklinik der Universität Boston mit festem Gehalt als Assistentin angestellt sei.

Das Blatt fügte noch hinzu, daß diese Anstellung der Dame Zeit genug lasse, ihre schon jetzt bedeutende Privatpraxis ausüben zu können.

Cäcilie! Also wirklich, sie hatte sich durchgearbeitet und hatte studirt mit derselben Summe, die ihm zugefallen war, als seine Studien vollendet waren und er sich nur noch eine Praxis zu suchen brauchte.

War es nicht eigentlich eine Schmach, daß er sich jetzt hinsetzte, um an sie zu schreiben und sie um Unterstützung zu bitten?

Zum Teufel auch, daran war er doch nicht schuld! Cäcilie wußte ja auch, daß in Deutschland der Beruf überfüllt war. Sie sollte ihm Reisegeld schicken, vielleicht fand sich auch für ihn in Amerika noch ein Wirkungskreis, der nur auf ihn harrte.

Rasch entschlossen schrieb er den Brief, gar nicht sehr sentimental, eher mit einem bitteren Humor gewürzt und schickte ihn ab.

Er überlegte, daß bis zum Eintreffen der Antwort aus Amerika mindestens drei Wochen vergehen würden, selbst wenn die Schwester sofort antwortete und sofort half.

Drei Wochen – wie sollte er leben, wie sollte er drei Wochen noch warten! Er besaß nichts mehr, es gab keinen Ausweg mehr als den, sich an die öffentliche Wohlthätigkeit zu wenden. Es gab doch Kassen, die dazu da waren, einen vollständig verarmten Menschen vor dem Hungertode zu schützen.

Mechanisch griff er noch einmal nach dem Zeitungsblatt, das die Notiz über Cäcilie enthielt. Ihr ging es also gut, nach deutschen Begriffen vielleicht glänzend und er – er wollte jetzt betteln.

Er sagte das Wort ganz laut vor sich hin, um sich an den Klang zu gewöhnen: – »Betteln, betteln.« –

Ein letzter innerer Kampf tobte durch seine Seele. Der ganze Hochmuth seines Wesens, die ganzen Prinzipien seiner Erziehung empörten sich in ihm, aber die Ueberlegung siegte, es blieb ihm nichts anderes übrig – – doch – eine Rettung – fast wäre er im Gebet niedergesunken vor Dankbarkeit und Freude über diesen Gedanken.

Er brauchte nicht zu betteln, noch nicht. – Es war ja doch möglich, daß ein College ihm auf diese Zeitungsnotiz hin eine kleine Summe leihen würde, wenn er nachwies, daß er sich um Unterstützung an die zahlungsfähige Schwester gewendet hatte.

Beinah leichten Herzens ging er aus, um diese Hilfe zu suchen.

Bald darauf stand er vor dem städtischen Kreisphysikus und trug diesem sein Anliegen vor.

Der ältere College war ein wohlwollender Mann, der in auskömmlichen Verhältnissen lebte. Er hatte aber zahlreiche Kinder, so daß er von seinen Einnahmen nichts übrig hatte. Grade in der letzten Zeit hatte er allerlei unvorhergesehene Ausgaben gehabt und so gern wie er der Noth des jungen Mannes abgeholfen hätte, sah er sich doch dazu nicht im Stande.

Es war ein entsetzlich peinlicher Augenblick für den Bittenden, das kühle ablehnende Achselzucken hinnehmen zu müssen, mit dem der vorsichtige Familienvater es ablehnte, sein Geld auf eine so unsichere Chance wie diese amerikanische Unterstützung hin, auszuleihen.

Als Otto Ehrhardt wieder auf der Straße stand, ohne einen Pfennig erhalten zu haben, sagte er, fast ohne es zu wissen, wieder das furchtbare Wort vor sich hin: »Betteln – betteln« –

Dann ging er weiter. Er suchte jetzt einen unverheiratheten Arzt auf, der gleichfalls für bequem situirt galt. Als er sein Anliegen vorgetragen hatte, lachte der etwas cynisch angelegte Junggeselle laut auf.

»Was – auf einen weiblichen Concurrenten hin soll ich Ihnen Kredit geben?«

»Wie denn nun, wenn Fräulein Doctor Cäcilie als echtes Weib es vorzieht, ihre Honorare in Toiletten und Brillanten anzulegen? Glauben Sie denn wirklich, bester Ehrhardt, daß diese europamüde junge Dame sich für Geld und gute Worte einen Bruder zu ihrem Schutze verschreiben wird, der« – –

»Sie kann doch ihren Bruder nicht verhungern lassen« –

Fast schluchzend unterbrach der Unglückliche die lebhafte Rede des als Weiberfeind bekannten Collegen. Er wußte ja ganz genau, daß Dr. Brauer die weiblichen Aerzte als Halbverrückte verachtete – aber darauf kam es doch in diesem Augenblicke nicht an, wenn er nur gab – gab – –

Ganz verblüfft starrte Brauer seinen Besuch an. »Aber, Herr College – verhungern, was für ein Ausdruck, wahrhaftig« –

Er lachte gezwungen, aber es wurde ihm äußerst unbehaglich, als er den verzweifelten Ausdruck in dem bleichen Gesichte des Anderen sah.

»Wenn ich noch einen Groschen hätte, so würde ich nicht« – er stockte, und dann mit grellem Lachen, auf einmal stieß er das Wort aus »Betteln« er schrie es förmlich dem Arzte in die Ohren: »betteln, betteln«; es war ihm wie eine Erleichterung in seiner Folterqual, als er es selbst hörte, dieses harte, entsetzliche Wort. –

Er – bettelte.

Dr. Brauer war außerordentlich unangenehm berührt. Eigentlich hatte er dem Collegen sagen wollen, was schon der Kreisphysikus gesagt hatte, daß man etwas für ihn thun werde, ihm Beschäftigung verschaffen, sich erkundigen, über die Sache sprechen, aber jetzt – der Mensch machte ihm ja eine Scene, er bettelte ihn an, da war alles collegiale Entgegenkommen unmöglich – und wie er aussah, wie ein Irrsinniger, man konnte ihn vielleicht gar nicht beschäftigen. – Dr. Brauer empfand nur noch den lebhaften Wunsch, den lästigen Besucher los zu werden.

»Nun, ich will Ihnen wünschen, daß Ihr Fräulein Schwester Sie aus der Verlegenheit rettet, in der Sie sich befinden,« sagte er. Dann schloß er sein Pult auf, nahm Geld heraus und drückte Ehrhardt zwei Goldstücke in die Hand.

Ohne danken zu können, wie ein Betrunkener taumelte der Beschenkte aus dem Zimmer. Er fühlte, daß Thränen ihm heiß in die Augen traten, Brust und Hals waren ihm wie zugeschnürt. Erst auf der Straße fand er seine Besinnung wieder. In seiner krampfhaft geschlossenen Hand befand sich ja Geld, nun konnte er warten – auf Rettung, auf Erlösung warten.

Er war in der nächsten Zeit nicht im Stande, sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Er wartete nur, zählte täglich, stündlich, wie viel Geld er noch hatte, berechnete, wie weit es noch reichen würde und wartete im Uebrigen mit unermüdlicher Geduld.

Es war doch ganz unmöglich, daß die auf Cäcilie gesetzte Hoffnung ihn täuschen sollte. Er erinnerte sich an die gemeinsam mit der Schwester verlebte Kindheit im Elternhause. Gutmüthig war Cäcilie nie gewesen, aber sie hatte ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Wer ganz elend und hülflos war, dem strebte sie zu helfen, ohne auf die Schuldfrage des Unglücklichen einzugehn.

Nun erfuhr sie, daß er ganz arm, ganz elend war. Nach seinem Verschulden würde sie sich vielleicht später erkundigen, aber zunächst würde sie helfen. Immer fester redete er sich das ein, immer gewisser rechnete er darauf.

So verging die Zeit, und das Darlehn des Dr. Brauer schmolz zusammen.

Schließlich erkannte der Wartende, daß er, selbst wenn er nur noch von Brod lebte, doch höchstens noch fünf Tage warten könne.

Auf der Post kannten ihn schon alle Beamten. In Zwischenräumen von wenigen Stunden kam er täglich mehrmals, um zu fragen, ob kein Brief für ihn da sei.

Er klammerte sich an die letzte Hoffnung des Lebens, er wollte nicht untergeht.

Und dann kam der Tag, an dem die letzte Brodrinde verzehrt, der letzte Pfennig verausgabt war. Er hatte mehrmals an Cäcilie geschrieben, sie hätte längst antworten können, wenn sie seine Briefe erhalten hätte.

Aus der Zeitungsnotiz, die ihm Kunde von der Schwester gebracht hatte, ging nur sehr ungenau deren Adresse hervor. Er hatte bei der Redaction angefragt, man hatte ihm Auskunft versprochen, aber diese Auskunft war noch nicht eingetroffen. Und jetzt war das Ende da, er stand vor dem Nichts. –

In dumpfer Verzweiflung saß er in seinem Sprechzimmer und wartete auf den Postboten. Auf Patienten zu warten, hatte er längst aufgegeben.

Es war aus mit ihm, er mußte es fassen, wenn er auch das Leben liebte, sich mit der ganzen Kraft seiner Jugend an das Leben zu klammern suchte, es war doch aus, da war nichts mehr zu machen.

Aber hier, in der unbehaglichen kalten Stube konnte er nicht bleiben. Er wollte sein Ende suchen, aber doch nicht hier.

Ein Verlangen nach frischer Luft, nach der weiten freien Natur erfüllte ihn plötzlich. So erhob er sich, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Er besaß schon lange keinen Ueberzieher mehr, und dabei war es empfindlich kalt. So schritt er rasch vorwärts aus der Stadt hinaus, immer weiter ins Freie. Die starke Bewegung machte ihn warm. Er ging durch einen vom Rauhfrost glitzernden Forst. Es war eine Stille unter den weißen Bäumen, wie tief in der Nacht. Die Sonne schimmerte und sprühte in all den feenhaften Gebilden, die den Wald erfüllten. Da hing ein Spinnennetz zwischen den Zweigen; wie aus leuchtenden Seidenfäden schien es gestickt, mit Brillantstaub bestreut. Alle Contouren waren gröber als sonst und dadurch erst voll erkennbar in der wunderbaren Schönheit ihrer Linien. Und keiner Linie konnte man folgen; das Funkeln und Leuchten der weißen glitzernden Crystalle that den Augen weh, verwirrte und blendete wie die nackte Schönheit eines menschlichen Leibes.

Als es dunkel wurde, kehrte er langsam zurück in die Stadt. Der lange Spaziergang in der frischen Winterluft hatte ihn hungrig gemacht, der kurze Tag ging zu Ende, man zündete in den Straßen die Laternen an. Ehrhardt erinnerte sich, daß er heute überhaupt noch nichts gegessen hatte. Er besaß kein Geld mehr, zum ersten Male stand er vor dem Hunger.

Er hatte nichts mehr, was er versetzen, was er entbehren konnte. Nichts – – er besann sich, doch, ein weiches seidenes Halstuch. Er hielt darauf, weil er sehr empfindlich gegen Wind war, aber der Hunger fiel ihn an wie ein Fieber. Er war ja doch ein Bettler, wozu brauchte er da noch einen Luxusgegenstand, ein Stück, das geradezu elegant war!

Rasch entschlossen trat er in einen kleinen Laden und verkaufte für zwei Mark das Tuch, welches das Sechsfache gekostet hatte.

Nun hätte er essen können; aber wie er aus dem engen heißen Laden des Althändlers herauskam, traf ein scharfer Windstoß seinen Nacken, dem das warme Tuch fehlte, so daß die Kälte ihn durchschauerte bis ins Mark.

Einige Arbeiter kamen sichtlich heiter mit tief gerötheten Gesichtern aus einem Keller, an dem er vorbeiging. Heiße mit Spiritusgeruch erfüllte Luft strömte aus der Thür, die sie hinter sich schlossen.

Ein Schüttelfrost, der die Glieder des Arztes erfaßte, zwang ihn, in die Destillation einzutreten. Man gab ihm ein Glas Schnaps, so groß wie er es noch nie getrunken hatte; es war dabei so lächerlich billig, daß er sich versucht fühlte, ein Trinkgeld zu geben; aber er sah noch rechtzeitig, daß niemand das that und unterließ es.

Der Schnaps erwärmte ihn und beseitigte das Gefühl des Hungers. Er überlegte, daß er ja nun das Geld, mit dem er seinen Hunger hatte stillen wollen, anderweitig verwenden könnte. Rasch entschlossen trat er in eine Apotheke und kaufte ein Medicament.

Es blieben ihm noch einige kleine Münzen, die er krampfhaft in der Hand hielt.

Halb bewußtlos kehrte er in die Destille zurück und forderte noch einmal Schnaps. Er trank, bis der letzte Groschen, den er in der Hand hielt, vertrunken war.

Dann besaß er noch Klarheit genug, um sich zu sagen, daß er, ohne die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu lenken, nach seiner Wohnung gelangen müßte.

Er ging scheinbar energisch und sicher geradeaus.

Zuweilen hatte er aber das Gefühl, als weiche der Boden unter seinen Füßen zurück, so daß er in tiefe Löcher treten müßte. Dann hielt er sich ängstlich an der Mauer fest, wartete einen Augenblick und hastete weiter.

Die Vorübergehenden sahen sich zuweilen nach ihm um, dann empfand er etwas wie Furcht und strebte weiter.

So gelangte er schließlich in seine Wohnung. An der Schwelle seines dürftigen Zimmers empfing ihn seine Wirthin, die Wittwe Lorbeer.

»Morgen ist der Erste, Herr Doctor. Da man von Ihnen doch wohl keine Miethe mehr bekommen wird, so habe ich die Wohnung an einen anderen Herrn vermiethet, das wollte ich Ihnen nur sagen, Herr Doctor.«

Otto Ehrhardt lachte. »So, so! Sie haben schon wieder vermiethet? Nun, das freut mich,« sagte er.

Die Frau starrte ihn ganz entsetzt an. »Herr Du meines Lebens, nun betrinkt sich der Mensch wohl noch gar,« zeterte sie. »Morgen Mittag um zwölf muß die Stube geräumt sein, ich will anständige Miether haben. Mit Leuten, die sich betrinken, habe ich nichts zu thun, das merken Sie sich.«

Er steckte die Hände in die Taschen und stellte sich behaglich lachend vor das erboste Weib. »Ja, sehn Sie mal Lorbeerchen, das ist nun so ne Sache, begann er – »so gewissermaßen ein Wettlauf« – »Schlafen Sie Ihren Rausch aus und dann packen Sie sich,« schrie die Wittwe.

Der grelle Ton, der Anblick des Zimmers, in dem er alle Qualen des hoffnungslosen Wartens durchlebt hatte, ernüchterten ihn plötzlich.

»Ich bin nicht betrunken,« sagte er leise.

Die Frau sah ihn mißtrauisch an und schwieg.

»Also, wie Sie wollen, ich zieh' morgen aus, wenn Sie Unkosten davon haben sollten, so wenden Sie sich an meine Schwester, das wollte ich Ihnen noch sagen.«

Die Wirthsfrau wurde aufmerksam.

»Ach, die Frau Schwester will wohl etwas für Sie thun, Herr Doctor? Warum haben Sie mir denn nicht gesagt, daß Sie noch Verwandte haben?«

»Hier ist die Adresse meiner Schwester.«

Er reichte der Frau ein Blatt Papier und sank müde auf einen Stuhl.

»Ich kann's nicht lesen ohne Brille, aber sagen Sie mir doch, wo Ihre Schwester lebt – und was ist denn der Herr Schwager, wenn man fragen darf?«

Er achtete nicht auf die Fragen der Frau. Mit halbgeschlossenen Augen lehnte er sich hintenüber und sprach leise und eintönig vor sich hin.

»Der Vater stirbt, und die Kinder müssen den Kampf mit dem Leben aufnehmen. Beide haben die gleichen, dürftigen Mittel, womit sie durchkommen sollen. Der Mann hat einen Vorsprung, einen bedeutenden Vorsprung.

Der Kampf beginnt – aber die Kraft und den Muth und die Ausdauer hat das Weib. Der Vorsprung nützt dem Manne nichts – sie überholt ihn doch.

Sie siegt – sie siegt, sie erreicht das Ziel. Als ein Bettler sinkt ihr der Bruder zu Füssen und fleht um Erbarmen. Sie aber, die Schwester, das siegreiche, emancipirte Mannweib, stößt den Flehenden von sich.

Er stürzt, und über seine Leiche schreitet die – – die Concurrentin, Fräulein Doctor Cäcilie Erhardt.«

Er schwieg. Frau Lorbeer aber war felsenfest überzeugt, daß ihr Zimmerherr trotz seiner gegentheiligen Behauptung betrunken sei.

Das, was er da erzählt hatte, war doch keine vernünftige Auskunft über eine, möglicherweise zahlungsfähige Verwandtschaft.

Kopfschüttelnd verließ die Vermietherin das Zimmer. Es gereichte ihr aber zur großen Beruhigung, daß sie bald darauf hörte, wie Otto Ehrhardt zu Bett ging. Ein Blick auf die Thürritze überzeugte sie auch, daß er das Licht ausgelöscht hatte.

Am anderen Morgen wunderte sie sich durchaus nicht, daß er bis in den hellen Tag hinein schlief. Sie wußte ja, daß er am Abend vorher ein Glas über den Durst getrunken hatte.

Gegen Mittag erschien der Geldbriefträger und verlangte Herrn Dr. Erhardt zu sprechen.

Die Lorbeer entschloß sich nun, ihren Miether zu wecken. Alles Klopfen und Pochen an der Thür war jedoch vergeblich. Zweifelnd sahen die Frau und der Beamte sich an.

»Was meinen Sie, Lorbeern, das Zimmerschloß ist nicht viel werth?«

»In Gottes Namen, drücken Sie's ein, er hat mir ja gesagt, daß seine Schwester die Kosten bezahlt, wenn was nöthig sein sollte,« sagte die Frau.

»Na, dann wird das wohl die Schwester sein, die das Geld schickt,« meinte der Briefbote, »seh'n Sie mal, das kommt hier nämlich aus Amerika, vierhundert Mark – was sagen Sie dazu, Lorbeern?«

»Schnell, brechen Sie die Thür auf, ich weiß, wie nöthig er es braucht, wird das eine Freude sein!«

Mit einem einzigen Druck sprengte der Briefträger den schwachen Thürriegel.

Frau Lorbeer stürzte auf das Bett ihres Zimmerherrn los, fuhr aber mit einem gellenden Aufschrei zurück.

Bläulich geschwollen und entstellt lag da eine Leiche, die alle Spuren einer Vergiftung aufwies. –

Die an den Todten adressirte Geldsumme wurde von den Collegen desselben zur Beerdigung verwendet. Als Absenderin auf dem Postabschnitt aber lasen die Herren einen Namen, der ihnen bis dahin unbekannt geblieben war. Nur Doctor Brauer wußte eine Erklärung darüber zu geben. Der Name lautete: »Doctor Cäcilie Erhardt. Boston – Amerika.«

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