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George R. Sims – Die junge Frau Kaudel.

Erzählung

Verlag von J. Engelhorn, Stuttgart, 1906
Übertragen von Emmy Becher

Gewidmet meiner Frau
die gerne wissen möchte,
wo in aller Welt ich das Modell zur jungen Frau Kaudel gefunden habe.

Die junge Frau Kaudel will einen Papagei haben.

Die junge Frau Kaudel blickte von der Abendzeitung auf, die sie in einem Lehnstuhl beim Kamin studiert hatte. Sie räusperte sich mehrmals, um Herrn Kaudels Aufmerksamkeit zu erregen, dieser aber schrieb gerade einen Artikel über die Frage: »Ist ein Ministerium Roseberry möglich?« und beachtete ihr Getue nicht.

»Du Männe! Du Männe

Herr Kaudel hatte die erste Anrede überhört, da er aber nicht stocktaub war, mußte er wohl oder übel auf die zweite reagieren.

»Hm — ja?«

»Bist du beschäftigt?«

»O durchaus nicht — nicht der Rede wert!« sagte Herr Kaudel stöhnend. »Ich habe nur fünftausend Wörter zu schreiben und den Artikel heute nacht noch auf die Post zu bringen, das will ja nichts heißen! Was gibt es denn?«

»In der Zeitung ist ein entzückender Papagei ausgeschrieben! Du weißt, wie sehr ich mir immer einen Papagei gewünscht habe. Wenn ich die Anzeige herausschneide und dir gebe, willst du dann morgen hingehen — Dockstraße 24, Shadwell ist die Adresse — und den Vogel ansehen?«

Herr Kaudel legte die Feder hin und atmete tief auf.

»Liebes Kind, du wirst doch nicht ernstlich daran denken, einen Papagei im Haus haben zu wollen?«

»Warum denn nicht? Andere Leute haben auch Papageien, und dieser kann sprechen. Er wird mir Gesellschaft leisten, wenn du ausgegangen bist.«

»Stimmt. Ich zweifle auch gar nicht, daß dich ein Papagei über meine Abwesenheit trösten könnte, aber was soll ich mit dem verdammten Vogel anfangen?«

»Er wird dir Spaß machen, dich auf neue Gedanken bringen.«

»Danke schön! Wenn mir die Gedanken ausgehen, hole ich sie mir nicht bei einem schwatzenden Papagei!«

Mit finster zusammengezogenen Brauen kehrte der Schriftsteller zu seinem Manuskript zurück und versuchte, seine Gedanken wieder auf Lord Roseberry zu richten.

»Die Stellung, die Lord Roseberry,« schrieb er, »bisher als Führer der Opposition eingenommen hat, ist die eines Papageis.«

Er hatte das Wort gedankenlos hingeschrieben, doch gleich bemerkte er’s und strich es ärgerlich durch.

»Wenn du doch nicht sprechen wolltest, solange ich an der Arbeit bin!« rief er mit einem vorwurfsvollen Blick auf die Gattin. »Jetzt hast du mir den Fluß der Gedanken vollständig gehemmt.«

»Versteht sich! So oft ich den Mund auftue, steht der Fluß still! Die Strömung muß sehr schwach sein, daß ein Papagei sie aufhalten kann — ich würde doch lieber nur von einem Rinnsal reden! Aber ich spreche nicht mehr, ich werde den Rest meines Lebens schweigend zubringen. Wenn du mir’s nur gesagt hättest, damals, als du mich zur Frau haben wolltest, daß man dich nur ansehen darf, dann hätt’ ich doch gewußt, was mich erwartet. Ich könnte gerade so gut mit einem Steuermann verheiratet sein!«

»Nicht übel,« bemerkte Kaudel lächelnd.

»Ach, wenn du nicht so greulich wärest, würd’ ich oft Sachen sagen, die du als eigene Einfälle in deine Geschichten setzen könntest. Aber ich muß ja stundenlang dasitzen, ohne den Mund aufzutun. Ebensogut könnte ich als Gefangene in einem Burgverlies schmachten, wie jener alte Herr in der Bastille, und der hatte doch wenigstens eine Ratte, mit der er sich unterhalten konnte.«

»Nur, wenn ich an der Arbeit bin, Kind. Sag doch selbst, wie ich’s angreifen sollte, gleichzeitig zu schreiben und mit dir zu plaudern?«

»Deshalb möchte ich ja gerade einen Papagei haben! Denn ich spür’s, daß ich das Schweigen nicht mehr länger aushalte. Könnte ich zu meinem Papagei gehen und mit ihm schwatzen und er mit mir, dann hätte ich doch nicht das Gefühl, taubstumm zu werden, das mich jetzt manchmal überfällt.«

»Ich weigere mich unbedingt, ein weiteres Tier ins Haus zu nehmen! Du hast schon eine Katze und einen Hund, Goldfische und einen Kanarienvogel, das sollte wahrhaftig für jede Frau genügen, sie müßte denn in Noahs Arche aufgewachsen sein.«

»O bitte, laß die Bibel lieber aus dem Spiel!« rief die junge Frau Kaudel vorwurfsvoll.

Herr Kaudel warf einen verzweifelten Blick auf sein Manuskript.

»Sei vernünftig, Liebchen,« sagte er beinahe weinerlich. »Wie bist du nur auf diesen verwünschten Papagei verfallen?«

»Zu Haus hatte ich einen, und wer ein Mädchen aus einem Haus nimmt, wo ein Papagei ist, und sich nachher weigert, ihr anzuschaffen, woran sie ihr Leben lang gewohnt war, der hält sein Ehegelübde schlecht.«

»Ein Papagei ist keine geeignete Gesellschaft für einen Ehemann.«

»Unsinn! Mein Vater liebt unsern Papagei!«

»Dein Vater hat nicht am Abend zu arbeiten.«

»Nein, er erledigt seine Geschäfte bei Tag und verbringt den Abend mit seiner Familie, wie ein Mensch! Ich brauchte ihn nicht den ganzen Abend stumm anzustarren und mich zu fürchten, es möchte mir ein Wort entfahren. Wir saßen gesellig und vergnügt beisammen, mein Vater und ich — und der Papagei.«

Ihre Stimme zitterte ein wenig und Herrn Kaudel wurde es ungemütlich.

»Sei doch nicht kindisch!« sagte er beschwichtigend. »Du weißt doch, daß ich dir den obersten Ziegel vom Schornsteinkopf herunterholen würde, wenn du ihn haben wolltest!«

»Ich will aber keinen Ziegel haben, sondern einen Papagei,« erklärte die junge Frau Kaudel wimmernd, denn sie hörte an Kaudels verändertem Ton, daß er schwach zu werden begann. »Schenke mir den Papagei — ich werde gewiß dafür sorgen, daß er dich nie stört.«

»Er wird mich aber stören. Mit dem Kanarienvogel hab’ ich dir den Willen gelassen, und du siehst ja, daß er mich zur Verzweiflung bringt.«

»Was? Das süße, zwitschernde Geschöpfchen ärgert dich?«

»Das Zwitschern macht mir nichts, aber so oft die Tür offensteht, muß ich auf die verwünschte Katze aufpassen. Zweimal habe ich sie gestern ertappt, wie sie mit lüsternem Maul vor dem Käfig saß, und wie soll ein Mensch seine Gedanken beisammen haben, wenn er achtgeben muß, daß seiner Frau Katze nicht seiner Frau Kanarienvogel frißt?«

»Damit hat’s bei einem Papagei keine Not, Katzen wagen sich nicht an Papageien, wie du weißt. Und wenn du gerade nicht arbeitest, wird sein Geschwätz dir den allergrößten Spaß machen. Du wirst schon sehen, was für komische Sachen ich ihm beibringe!«

»Was du ihm beibringst, mag ja angehen, aber wie wird’s mit dem aus, was er schon kann?«

»O, der, den ich meine, ist gewiß nicht schlecht erzogen, es heißt ja in der Anzeige ›an Kinder gewohnt‹. Damit ist jedenfalls gemeint, daß er nicht flucht und nichts Unanständiges sagt. Unser Papagei daheim war in der Beziehung tadellos, wirklich ein feiner Herr, ja, er hatte sogar einen veredelnden Einfluß auf uns alle. Mein Bruder zum Beispiel, der hie und da etwas Unpassendes zu sagen liebte, gab das ganz auf, sobald der Papagei da war; er nahm sich furchtbar zusammen aus Angst, der Vogel könne etwas aufschnappen und nachplappern. Ich habe eigentlich schon oft gedacht, die Anwesenheit eines sprechenden Papageis könnte dir eine heilsame Zurückhaltung auferlegen!«

»Komm, gib den Gedanken nur gleich auf! Seine Gegenwart würde mich vollständig demoralisieren — es ist nicht abzusehen, was ich sagen könnte, wenn der Vogel zu kreischen anfinge. Außerdem haben wir auch kein Recht, unsre ehrbare, ruheliebende Nachbarschaft durch einen kreischenden, krächzenden Papagei unglücklich zu machen.«

»Wahrhaftig«! So rücksichtsvoll bist du gegen die Nachbarn! Ob ich unglücklich bin, das ficht dich nicht an, aber für Fremde bist du voll Gefühl! Schön und gut — ich werde sofort an die Leute im Nebenhaus schreiben, sie sollen ihren Hund abschaffen, denn er bellt und heult stundenlang im Hof. Darf ich keinen Papagei halten, so sollen sie auch keinen Hund haben. Auf der andern Seite ist ein Kind angekommen, das schreit die halbe Nacht; darüber werde ich mich auch beklagen. Wenn ich den Leuten zuliebe keinen Papagei haben darf, sollen sie auch keine Kinder kriegen!«

Herr Kaudel schob das Ministerium Roseberry hastig zurück und drehte den Stuhl, um seiner bessern Hälfte ins Gesicht sehen zu können.

»Mein liebes Kind, sobald du vernünftig sprichst, will ich dir ja gern zuhören — aber was in alter Welt hat das Kind nebenan mit deinem Papagei zu schaffen?«

»O, das ist ein und dasselbe. Wenn wir ein Kind hätten, würdest du ja sicher, so oft es schreit, behaupten, es lenke deine Gedanken ab, und die Wärterin müßte wahrscheinlich mit ihm aufs Dach sitzen, um außer Hörweite zu sein, wenn es seine kleinen Schmerzen klagte. Für dich gibt’s überhaupt nur einen passenden Ort auf der Welt — miete dir ein Zimmer in der Taubstummenanstalt. Dort könntest du vielleicht ungestört schreiben! Wie’s nur andre Schriftsteller machen, möchte ich wissen? Einige unsrer größten hatten doch Kinder um sich, jawohl, und Hasen, die im Garten herumhüpften — Cowper pflegte ja den seinigen auf der Flöte vorzuspielen! Charles Dickens hatte einen sprechenden Raben und hat trotzdem unsterbliche Werke geschrieben, du aber kannst nicht ein dutzend Zeilen über diesen Lord Roseberry schreiben für eine Zeitschrift, die erst in vier Wochen herauskommt, und zugleich deiner Frau anständig Antwort geben, wenn sie dich etwas fragt!«

»Ich habe dir doch Antwort gegeben. Habe ich dir nicht meine Gründe gegen einen Papagei auseinandergesetzt?«

»Ja, aber du hast dir nichts erklären lassen! Du machst dir nämlich eine ganz falsche Vorstellung von Papageien, du kennst nur die widerwärtigen, kreischenden Dinger in den zoologischen Gärten, wovon kaum einer etwas zu reden weiß, aber ein dressierter, ein erzogener, ein gezähmter Papagei, wie der hier angezeigte, ist ganz etwas andres. Unser Papagei zu Hause kann singen, die Leute kommen meilenweit her, um ihn zu hören, und stehen in Scharen vor unserm Haus, wenn das Fenster offen ist. Man könnte es wirklich für den Gesang eines Christenmenschen halten!«

»So, und was singt er denn?« stöhnte Herr Kaudel. »Arien aus Oratorien?«

»Aus Oratorien! Sei so gut und lästre nicht!«

»Nun, was singt er denn? Weshalb tust du so geheimnisvoll? Du hast dir offenbar in den Kopf gesetzt, einen Papagei zu haben, gleichviel ob mir’s lieb oder unlieb ist, und da werde ich doch ungefähr wissen dürfen, womit mir der Kerl am Morgen, Mittag und Abend die Ohren zerreißen wird?«

»Von Ohrenzerreißen ist gar keine Rede. Du tust, als ob meine Leute daheim Barbaren wären und kein Gefühl für Musik hätten, sie sind aber mindestens ebenso gute Kulturmenschen wie du!«

»Zweifle ja nicht daran, nicht im mindesten! Aber was schmettert euer Kulturpapagei zu Hause?«

»Eins von seinen Liedern, das er ganz entzückend singt, ist zum Beispiel: ›Der kleine Kohn.‹«

»Wahrhaftig!« rief Herr Kaudel mit zorndurchbebtem Hohn. »Das nenne ich eine gediegene musikalische Bildung! Wenn du dir etwa einbildest, ich ließe mir solch einen verwünschten Vogel ins Haus schleppen, der mir den lieben langen Tag ankündigt, daß der kleine Kohn kommt, so sage ich, steig mir den Buckel hinauf!«

Die junge Frau Kaudel zuckte nervös zusammen.

»Sei so freundlich und gebrauche mir gegenüber keine Ausdrücke, als ob ich — ein — ein Omnibuskutscher wäre. Das ist eine Beleidigung!«

»Unsinn! Das ist ein vollkommen harmloser Ausdruck der Mißbilligung. Nun hab’ ich aber eine Stunde vergeudet, sei also so gut und laß mich arbeiten.«

Herr Kaudel wandte sich aufs neue seinem Manuskript zu, aber seine Gedanken waren hoffnungslos durcheinander gerüttelt. Statt epigrammatischer Bemerkungen über die Lage der liberalen Partei, verwechselte er mehrmals Lord Roseberry mit dem kleinen Kohn.

Endlich gelang es ihm aber doch, den durch seine Frau abgerissenen Faden wieder anzuknüpfen, und er schrieb ein paar Minuten ungestört weiter.

Plötzlich aber war Frau Kaudels Selbstbeherrschung zu Ende. Sie hatte sich, rhythmisch mit der Fußspitze auf den Boden klopfend, noch mehr in Zorn gesteigert und konnte das Schweigen nicht länger ertragen. Dicht hinter Kaudel tretend, klopfte sie mit den Fingerknöcheln auf die Schreibtischplatte, um sich Gehör zu verschaffen.

»Wenn ich nicht das Recht habe, einen einzigen Papagei zu halten,« hob sie an, »wie kannst du dir dann sechs Hunde halten? Jawohl, sechs, und darunter einen, der den Waschmann beißt und von zwei Mädchen am Halsband gehalten werden muß, wenn der Uhrmacher kommt. Du weißt das ganz gut und schaffst ihn doch nicht ab. Dem Waschmann hast du schon zwei Paar Hosen bezahlen müssen und dem Uhrmacher zweimal Kognak spendieren, weil ihn der Hund angeknurrt hat und der Mann herzleidend ist. Einen derartigen Hund hältst du dir, und man darf kein Wort gegen ihn sagen, wenn ich aber um die Erlaubnis bitte, einen unschuldigen, friedfertigen Papagei in einem Käfig zu halten, so stellst du dich an, als wolle ich einen bengalischen Tiger ins Haus bringen. Ein Mann, der sich eine Meute hält …«

* * *

»Es war mir vollständig unmöglich, diese Behauptung zu widerlegen,« schreibt Kaudel in einer Nachschrift zu dieser Aufzeichnung, »und somit gab ich meine Zustimmung zum Ankauf des Papageis. Daraufhin setzte sich meine Frau mäuschenstill hin und las ein Buch, bis ich über Lord Roseberry, nach Herzenslust verfügt hatte. Später spielten wir eine Partie Bezique, und da ich nicht der Gewinner war, blieb der häusliche Himmel so hell und heiter wie ein schöner Sommertag. Die halbe Nacht aber lag ich wach in quälenden Berechnungen, wie lange meine Nerven wohl einem sprechenden Papagei standhalten würden, und beim Morgengrauen murmelte ich vor mich hin: ›Seht ihr den kleinen Kohn? Den kleinen Kohn!‹«

Die junge Frau Kaudel verlegt sich auf Blumenzucht.

Als die junge Frau Kaudel ihrem Mann den Plan vortrug, Gartenkunst zu treiben, wurde ihr von seiner Seite auffallend begeisterter Zuspruch zu teil. Allerdings war das dazu verfügbare Gelände ziemlich beschränkt. Der ganze Hinterhof gehörte den Hunden und deren Hütten. Der schmale Streifen vor dem Haus führte zwar den Namen eines Vorgartens, konnte aber für diesen Zweck nicht in Frage kommen. Dafür befanden sich an allen Fenstern Blumenkästen. Blumenkästen umrahmten den leidlich geräumigen Balkon und in der Mitte des genannten Balkons standen sogar vier grün gestrichene Pflanzenkübel. Die junge Frau Kaudel hatte Umschau gehalten und sich die Verhältnisse klargemacht, ehe sie Blumenzucht zu ihrem Sport erkor.

»Rosen und derartiges,« sagte sie, »kann ich natürlich nicht züchten, wie es mein Vater daheim in unserm Garten tut, aber es gibt eine Menge Blumen, die in den Fensterkästen vorzüglich gedeihen werden.«

»Gewiß,« stimmte der Gatte bei. »Bisher habe ich sie immer vom Gärtner füllen lassen, aber wir werden viel mehr Freude daran haben, wenn du selbst Blumen ziehst.«

»Das denke ich ja eben! Außerdem wird mich’s beglücken, wenn ich etwas zu tun habe, und ich werde mir nichts mehr daraus machen, daß ich mit niemand sprechen kann, wenn du arbeitest — ich habe dann auch meine Arbeit!«

An diesem Nachmittag fuhr die junge Frau Kaudel aus und kam erst knapp vor der Essenszeit nach Hause. Sie hatte sich mit einem Dutzend populärer Zeitschriften über Gartenbau und verschiedenen dickbäuchigen Bänden versehen, die sie durchstudieren wollte, um die Sache gründlich zu betreiben.

Gleich nach der Mahlzeit zog sie sich, den »Gärtner«, die »Gartenkunst«, des »Gärtners Tagebuch«, »Liebhabergärtnerei«, den »Gartenbau« und »Blumenfenstergärtnerei« mit sich nehmend, ins Wohnzimmer zurück, und Kaudel konnte in seinem Arbeitszimmer ohne eine einzige Unterbrechung einen Artikel schreiben.

»Famoser Einfall, diese Gärtnerei!« frohlockte er im Innern. »Nun sind meine Abendstunden in Sicherheit.«

Am andern Morgen wartete seiner beim Frühstück eine kleine Überraschung. Seine Frau hatte im »Daily Telegraph«, den »Daily News«, der »Tageschronik« und der »Morgenpost« alle auf Gärtnerei bezüglichen Anzeigen und Notizen so emsig durchgegangen, daß drüber ihr Kaffee kalt geworden war, dann blickte sie auf und sagte: »Wilfrid, heute mußt du furchtbar nett gegen mich sein!«

»Ich bin immer nett gegen dich, Liebste — wenigstens habe ich den besten Willen dazu!«

»Ja, aber heute mußt du ›extra nett‹ sein! Du mußt selbst ausgehen und mir Gartenerde, eine Gartenhacke, einen Spaten, Blumendünger und einen Topf grüner Ölfarbe besorgen.«

»Mein liebes Kind,« rief Herr Kaudel betroffen, »das kann ich nicht! Ich habe ja keine Ahnung, wo man solche Sachen bekommt, ob man Gartenerde per Scheffel, Tonne, Kubikmeter oder Zentner kauft! Aber schreib nur auf, was du brauchst, dann schicke ich den Zettel in den Stall, und Arthur wird dir alles gut besorgen.«

»Wird er?« fragte die junge Frau Kaudel zweifelnd. »Ob Kutscher viel von der Gärtnerei verstehen …«

»O, Arthur ist ein vortrefflicher Gärtner,« versicherte Herr Kaudel. »Er wird dir in allen Stücken zur Hand gehen, die Kästen füllen, frisch anstreichen und so weiter.«

Die junge Frau Kaudel schüttelte den Kopf.

»Ich habe nicht im Sinn, irgend jemand an die Fensterkästen rühren zu lassen, sondern werde alles allein besorgen. Mein Blumengarten auf dem Balkon soll mein Blumengarten und nicht der des Kutschers sein!«

»Gedenkst du etwa, die Gartenerde eigenhändig einzufüllen?«

»Ganz gewiß. Das heißt man Blumen ziehen. Wenn ein andrer daran rührt, sind’s eben nicht mehr meine Blumen, und ich möchte dir zeigen, was ich zu stande bringe.«

Nach beträchtlichen Hin- und Herreden gelang es Herrn Kaudel, einen Vergleich zu stande zu bringen. Die Liste wurde aufgesetzt, und der Kutscher abgesandt, um alles zu besorgen, was für die Blumenkästen nötig war. Die Auslagen des ersten Tags betrugen zehn Pfund, was Herr Kaudel etwas teuer fand, aber seine Frau erklärte ihm, daß Gärtnerei anfangs immer ziemlich viel koste, mit der Zeit indes immer billiger komme, worauf er sich zufriedengab. Die junge Frau Kaudel füllte ihre Kästen, verbrachte einen Morgen mit Einkaufen von Blumenzwiebeln, schrieb an alle bedeutenderen Samenhandlungen um Kataloge und siedelte sich nachmittags auf dem Balkon an, mit grüner Ölfarbe versehen, die für die Vorderseite des ganzen Hauses ausgereicht hätte, und einem Pinsel, der so groß war, daß sie ihn mit beiden Händen halten mußte.

Als sie zum Fünfuhrtee hereinkam, mußte sie zwar tüchtig niesen, war aber in sieghafter Stimmung. Was sie am Leib hatte, war über und über mit grüner Farbe bekleckst, und sie mußte Gesicht und Hände mit Terpentin bürsten, ehe sie in die menschliche Gesellschaft zurückkehren konnte. Infolge davon verbreitete sie einen so überwältigenden Farb- und Terpentingeruch, daß Herr Kaudel erklärte, ihre Anwesenheit im Zimmer verursache ihm die heftigsten Kopsschmerzen.

»Sei doch nicht närrisch!« erklärte sie. »Wenn wir die Balkontüren schließen, kommt der Farbgeruch nicht herein, und Terpentingeruch ist nur gesund. Es ist sehr unfreundlich von dir, wenn du noch brummst, während ich dir so viel Geld erspare. Du brauchst jetzt doch keine Blumen mehr für den Balkon zu kaufen, denn den bepflanze ich dir umsonst!«

»Der Scherz hat zehn Pfund gekostet, ehe noch ein Samenkorn drin ist,« brummte der Gatte.

»Ja, das war der Anfang. Nachher kostet’s so gut wie nichts mehr. Wenn dir’s nicht recht ist, daß ich Blumen ziehe, so geb’ ich’s natürlich auf.«

»Nein, nein!« rief Kaudel hastig. »Pflanze du nach Herzenslust, Liebling, aber vergiß nicht, daß du versprochen hast, mich ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich könnte keinen Kohlkopf ziehen, und wenn ich auf einer öden Insel verhungern müßte.«

»Ich werde dich gar nicht belästigen, Wilfrid. Was ich wissen muß, finde ich in meinen Büchern.«

Da seine Frau nicht nur ein Dutzend Bücher über Gartenkunst gekauft, sondern auch noch alle Bände aus der Leihbibliothek, die im Haus gewesen waren, gegen solche eingetauscht hatte, war Herr Kaudel allerdings auch der Meinung, daß sie die nötigen Hilfsmittel zur Hand habe.

»Ja, du wirst wahrhaftig alles finden können,« bemerkte er. »Ich glaube nicht, daß, mit Ausnahme des Britischen Museums, unter irgend einem Hausdach der Welt so viele Werke über Gartenkunst beisammen sind, wie bei uns.«

Inzwischen hatte Frau Kaudel nach dem Werke »Unser Garten« gegriffen und den Kopf dicht über die Blätter geneigt, so daß der Gatte sich unbemerkt aus dem Staub machen und in seinem Arbeitszimmer ein Kapitel des angefangenen Romans niederschreiben konnte.

* * *

Es war halb neun Uhr und Kaudel hatte sich nach einer leichten Mahlzeit und einem Blick in die Zeitungen wieder an die Arbeit gemacht. Er war eben an einer leidenschaftlichen Liebesszene zwischen dem jungen Helden und dem Mädchen, das er ihm beigesellen wollte, obwohl die ganze Welt sich dagegen auflehnte, als das Zimmermädchen mit einem Zettel hereinkam. Kaudel warf einen entrüsteten Blick auf die Eintretende, denn von neun Uhr abends an war sein Zimmer geheiligtes Gebiet. Sie fing den Blick auf und stotterte, um sich von Schuld reinzuwaschen: »Die gnädige Frau hat mir befohlen, das zu bringen …«

Stöhnend riß Kaudel das Briefchen auf und las:

»Lieber Wilfrid! Da ich dir versprochen habe, dich nicht zu unterbrechen, komme ich nicht zu dir, aber sei so gut und laß mir durch Marie sagen, ob du Krokusse auf dem Balkon haben willst oder ob dir etwas anderes lieber ist. Ich muß es jetzt wissen, weil ich mit der heutigen Abendpost die Zwiebel bei Sutt bestellen möchte.«

Kaudel war sehr verstimmt über die Störung und kritzelte ärgerlich quer über die Zeilen: »Pflanze Brennesseln, wenn du magst, aber laß mich ungeschoren.«

Als er das Geschriebene ansah, mußte er selbst darüber lachen, und in befreiter Stimmung kehrte er zu seiner Liebesszene zurück. Aber er schrieb sehr unleserlich, und war ihm der Faden seines Dialogs abgerissen, so ließ dieser sich nicht so schnell wieder anknüpfen, weil er die Lupe zu Hilfe nehmen mußte, um sein eigenes Geschreibsel zu entziffern. Eben hatte er sie zur Hand genommen, als die Türe aufging und Frau Kaudel mit einem umfangreichen Katalog in der Hand hereinspazierte.

»O Wilfrid! Wie häßlich von dir, mir eine so grobe Antwort zu schicken, während du doch weißt, was ich für dich tue!«

»Du … für mich?« rief Kaudel.

»Ja, deinen Balkon schmücken. Ich möchte nur wissen, was für Blumen du zuerst haben möchtest.«

»Das ist mir ganz einerlei!« rief Kaudel gereizt. »Meinetwegen können sie alle zumal wachsen!«

Die junge Frau Kaudel zog die Augbrauen zusammen.

»Du bist wirklich sehr unfreundlich, Wilfrid, während ich dir doch eine Freude machen und dich nach deinen Lieblingsblumen fragen will!«

»Meine liebe Mabel, wenn ich Blumen haben will, kann ich sie mir blühend kaufen. Wenn dir’s Spaß macht, dich mit grüner Ölfarbe zu beschmieren und das Gärtnerei zu nennen, so kannst du das nach Belieben halten, ich aber habe dir vorhergesagt, daß ich keine Zeit dafür zu vergeuden habe. Pflanze, was dir Spaß macht, aber laß mich an meiner Arbeit.«

»Deine Arbeit! Deine Arbeit!« wiederholte Frau Kaudel tief gekränkt. »Die ist das einzige, woran dein Herz hängt, und meine Arbeit, die gilt dir natürlich nichts. Du sagst, ich solle Brennesseln pflanzen. Schön und gut, soll geschehen — auf ein paar Brennesseln, mehr oder weniger kommt’s in diesem Haus nicht mehr an!«

»Ist mir nie eingefallen, dich eine Brennessel zu nennen,« brummte Kaudel.

»Aber ich sage dir, daß du eine bist, eine Brennessel, die sticht, sobald man sie anredet. Schlimmer bist du als die Brennesseln unter den Pflanzen, denn die stechen wenigstens ihre eigenen Frauen nicht.«

»Darüber weiß ich nichts — ich bin kein Botaniker,« versetzte Kaudel, »aber tu mir den einzigen Gefallen und laß mich weiter arbeiten! Ich bin mitten in einer leidenschaftlichen Liebesszene.«

»Eine leidenschaftliche Liebesszene!« rief die junge Frau Kaudel, die Lippen höhnisch aufwerfend. »Du bist mir gerade der Rechte, Liebesszenen zu schreiben, während du die Frau, der du vor dem Altar Liebe und Treue geschworen hast, wegen eines Krokus für dein eigenes Blumenfenster beschimpfst! Aber das Haus mag jetzt zu Grund gehen, mir ist’s einerlei. Dein Balkon soll eine Schande vor der ganzen Nachbarschaft sein, und wer die leeren Blumenkasten sieht, mag denken, du könnest die paar Pfennige nicht aufbringen, um sie zu füllen. Verlange aber nicht, daß ich ein Haus bewohne, dessen Straßenseite nach Armut riecht. Ich will nicht, daß die Nachbarschaft sagt: ›Jetzt kann der arme Mann nicht einmal mehr seinen Balkon schmücken, weil seine Frau so viel Geld braucht.‹ Nicht als ob sie das aus meinem Anzug schließen könnten! Meinen Wintermantel habe ich so lang getragen, daß ich mich darin nicht mehr in die Hauptstraßen getraue, und ich besitze keinen Hut, den die ganze Nachbarschaft nicht auswendig wüßte.«

»Mabel, wenn du mich nicht zu einem Narren machen willst, so hör auf!« rief Kaudel. »Wie soll ich eine leidenschaftliche Liebesszene schreiben, während mir deine ungerechten Vorwürfe in den Ohren klingen?«

»O, du wirst leidenschaftlich und zärtlich genug sein mit der Feder, besonders wenn die Geliebte eben nicht deine Frau ist! Darum ist mir nicht bange! Und was deine Blumenkasten betrifft, so sollen sie Blumen haben — ich werde die Blumen von meinen alten Hüten nehmen und sie mit Haarnadeln in die Erde stecken! Freilich mußt du dich gedulden bis zum Sommer, denn einen Hut mit Frühlingsblumen habe ich überhaupt nicht — zu deiner Schande sei’s gesagt!«

»O bitte, fange mir nur nicht von Hüten an! Wenn du Frühlingsblumen darauf haben willst, so pflanze sie dort statt in die Fensterkasten.«

»Das soll geistreich sein, nicht? Ist das Witz oder Humor? Du sagtest mir doch, zwischen Witz und Humor sei eine himmelweite Kluft.«

»Nicht halb so weit als zwischen uns beiden, falls du nicht mit deinen Hüten und Blumenkasten abziehen und mich in Ruhe lassen wirst!«

»Drohst du mir, Wilfrid?« fragte die junge Frau Kaudel, sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtend, die fünf Fuß vier Zoll betrug.

»Ich weiß nicht, was ich tue …«

»Wenn du nämlich die Absicht hast, dich von mir zu trennen, weil ich den Versuch gemacht habe, deine Blumenkasten zu bepflanzen, so bitte ich dich, mir das schriftlich zu geben. Es wäre mir nicht lieb, wenn mein Vater über die Gründe unserer Trennung im Zweifel sein könnte.«

»Was gehen meine Blumenkasten deinen Vater an?«

»Jetzt natürlich nichts mehr, aber er würde sich darum bekümmert haben. Er ist nämlich ein vorzüglicher Gärtner und ich würde an ihn geschrieben haben wegen des Balkons. Dann würde er im Gewächshaus alles Passende gesät und mir zur rechten Zeit die Setzlinge geschickt haben.«

»Gut!« sagte Kaudel. »Soll’ er nur tun! Laß ihn Krokusse und Narzissen und Nelken und Hyazinthen und Sonnenblumen und Stechpalmen pflanzen und herschicken, wenn sie am Blühen sind. Das wird dir alle Mühe ersparen, und du brauchst mich dann nicht wegen jedes Groschens für Samen zu quälen und zu stören.«

»Groschen! Ich habe jetzt schon zwölf Pfund für die Blumenkasten ausgegeben und dazu fünf Schilling von meinem eigenen Nadelgeld, und dafür wird — mir — wird mir — nichts zu teil — als — als Schmähungen!«

Die junge Frau Kaudel setzte sich in den amerikanischen Schaukelstuhl und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie rührte keine Hand, diese abzuwischen, sondern ließ sie ungestört herabtröpfeln, dem Mann zur Schmach, der ihre geliebten Krokusse in der Zwiebel geknickt hatte.

»Du sollst nie mehr wegen Blumen gestört werden,« erklang es unter Schluchzen. »Ich werde — morgen die Gartenerde herausnehmen und in einen Sack füllen und mit nach Haus nehmen und — und — mein Vater wird dir das Geld dafür schicken — und — und — ich werde meine Blumen daheim pflanzen, wo man — Blumen liebt — und mich …«

Jetzt kam das Taschentuch heraus und die feuchtschimmernden Augen verschwanden in seinem schneeigen Weiß.

* * *

»Die Tränen besiegten mich wie gewöhnlich,« schreibt Kaudel, »und ich habe demütig Abbitte geleistet für meine Herzlosigkeit gegen Blumenkasten. Bald hatte der Frühlingssonnenschein, der aus meines Weibes Augen brach, die Spuren des Aprilschauers vertilgt, und ich verbrachte den Rest des Abends mit Durchsicht der Samenkataloge. Schließlich bestellten wir um weitere fünf Pfund Samen und Zwiebel von Blumen, deren Namen ich noch niemals gehört hatte.

»Als ich am nächsten Tag zu meiner leidenschaftlichen Liebesszene zurückkehrte, kam ich durchaus nicht mehr in Zug damit. So ließ ich die Geschichte denn stecken, und schließlich habe ich das Mädel statt mit dem armen Helden mit einem reichen Mann verheiratet. Ich glaube, daß sie dabei auf die Dauer auch glücklicher geworden ist.«

Die junge Frau Kaudel zieht Hyazinthen.

Die grüne Ölfarbe auf den Blumenkasten und Pflanzenkübeln war trocken geworden, und auch das Fell des Terriers Prinz, der leider auf den Balkon gerannt war, um ein vierbeiniges Gegenüber anzubellen, dann in seiner Aufregung den Farbstoff, den Frau Kaudel draußen gelassen hatte, weil im ganzen Haus kein Platz dafür war, umgeworfen und sich ruhig in die Brühe gesetzt hatte, war wieder rein.

Fleißige Anwendung von Terpentinöl bei Hund, Balkon und allen Teppichen, über die Prinz mit grünen Pfoten gelaufen war, hatte jedem Ding seine ursprüngliche Farbe zurückgegeben, und Kaudel hatte sich nach und nach vollständig mit dem Blumensport seiner Frau ausgesöhnt. Im sicheren Bewußtsein, daß sie sich mit Gärtnerhandschuhen im Umfang, von Gardistenfäustlingen, verschiedenen Samensäckchen, einem Bündel Blumenstäbe und einer Gießkanne vollkommen glücklich fühle, saß er in seinem Arbeitszimmer und kam mit seinem Roman rasch vorwärts.

Tagelang stieg am azurblauen Himmel ihrer Häuslichkeit kein Wölkchen auf es war ein Eden der Topfgärtnerei, bis die Schlange herbeikroch und dieser Eva zuflüsterte: »Treibe Hyazinthen!«

Als die junge Frau Kaudel eines Nachmittags zu ihrem Mann sagte: »Wilfrid, ich möchte, daß du mit mir gingest, um Hyazinthengläser und Zwiebel zu kaufen,« tat er ihr arglos den Willen.

Er hatte in vielen Fenstern der Vorstadtvillen Hyazinthen stehen sehen, deren schwere Blüten sich an die Fensterscheiben lehnten, und nahm nichts anderes an, als daß man die Blumen kaufe und ein wenig damit prunke.

Als einige Dutzend Gläser in verschiedenen Farben und Formen erstanden waren, sagte Kaudel: »Mehr können wir gar nicht unterbringen. Jetzt wollen wir die Blumen kaufen. Die weißen und rosenfarbigen habe ich am liebsten.«

»Blumen!« rief die junge Frau Kaudel. »Fällt mir gar nicht ein, Blumen zu kaufen! Zwiebel werde ich kaufen, dann füllt man die Gläser mit Wasser, steckt die Zwiebel hinein, und da wachsen sie. In meinem Buch steht, es sei etwas ganz Wunderbares, das Gespinst von Wurzeln, Myriaden weißer Würzelchen, im Wasser zu sehen. Es dauert Wochen, bis die Blumen kommen, und sie bedürfen ungeheurer Sorgfalt und Wartung. Gerade deshalb ist es so interessant, Hyazinthen zu treiben. Tag und Nacht werde ich darauf achthaben müssen.«

»Ach so!« sagte Kaudel etwas kleinlaut. »Und — wo — wo wird denn das vor sich gehen?«

»Möchtest du einige in deinem Arbeitszimmer haben, Liebster? Du kannst ein halbes Dutzend haben, wenn du magst …«

»Und du würdest Tag und Nacht pflegen? Nein, danke schön, mein Arbeitszimmer kann ich nicht als Blumenkinderstube abgeben, ich muß mein Brot darin verdienen!«

»Wie magst du nur gleich vom Erwerb reden, wenn ich nichts will, als dein Zimmer mit ein paar Blumen schmücken! Das ist ganz abscheulich von dir! Jeder Metzger stellt Blumentöpfe und Blumenvasen zwischen seine Fleischstücke, und du willst ein Dichter sein!«

»Sehr poetisch konnte ich die Blumenstöcke zwischen geschlachteten kopflosen Hammeln nie finden,« entgegnete Kaudel, »und geradezu in eine Linie mit einem Fleischerladen brauchst du mein Arbeitszimmer auch nicht zu stellen. Es ist doch ein Unterschied, ob man Tiere umbringt oder Menschen schafft.«

»Ich bitte dich, Wilfrid, sei nicht geistreich! Das kann ich nicht ausstehen. Mein Vater pflegte auch solche Sätze aufzustellen und uns dann erwartungsvoll anzusehen — das war mit ein Grund für mich, zu heiraten, um davon wegzukommen.«

»Danke!« sagte Kaudel, eine Grimasse schneidend. »Ich wußte nicht, daß du mich nur als Zuflucht vor väterlichem Geist erkoren hast!«

»Sei doch nicht abgeschmackt — so hab’ ich’s ja gar nicht gemeint. Ich kann’s aber nicht leiden, wenn du meine Liebe zum Schönen bespöttelst. Wenn ich dir Blumen angeboten hätte, eh’ wir verheiratet waren, würdest du mir eine sehr zärtliche und poetische Antwort gegeben haben!«

»Meine liebe Mabel, ich habe nichts gegen die Blumen gesagt, sondern mich nur gegen den Vergleich mit einem Fleischerladen aufgelehnt, und du wirst zugeben, daß zwischen Poesie und einem Fleischerladen kein Zusammenhang besteht.«

»O Wilfrid, wie magst du das behaupten? Hat nicht Alfred Tennyson, mein liebster Dichter, Veilchen und Rippchen besungen?«

»Wie du meinst,« sagte Kaudel ermüdet. »Laß uns jetzt die Zwiebel kaufen und nach Hause gehen — ich habe heute noch viel zu erledigen.«

* * *

Es war Abend, und Kaudel befand sich mitten in einer aufregenden Mordgeschichte. Dieser Mord war der Angelpunkt seines Romans; es war ihm gelungen, die Tat in höchst origineller Weise begehen zu lassen. Er hielt jetzt inne, um sich den Vorgang zu vergegenwärtigen und zu überdenken, wie er die Heldin jedem bis auf die Polizei verdächtig erscheinen, und die Polizei eine ganz ebenso unschuldige Persönlichkeit verfolgen lassen könne, als die junge Frau Kaudel sanft an seine Türe pochte.

»Wer ist’s?« rief Kaudel ärgerlich.

Langsam, außerordentlich langsam ging die Tür auf und Frau Kaudel wurde sichtbar, mit einer Hand einen Ofenschirm wie einen Zuluschild vor sich haltend, in der andern den federbesetzten Staubwischer schwingend.

»Wilfrid,« rief sie, »ich weiß, daß ich mein Leben aufs Spiel setze, und so will ich’s wenigstens teuer verkaufen, aber ich muß dich bitten, mir fünf Minuten zu schenken.«

»O Mabel!« stöhnte Kaudel. »Und ich bin mitten in einem Mord!«

»Nun, Wilfrid, wenn du dein Brot durch Verbrechen verdienen mußt, so ist das nicht meine Schuld. Aber laß deine grauenhafte Arbeit für einen Augenblick im Stich und gib mir einen Rat wegen der Hyazinthen — das kann nur erfrischend für dich sein nach so viel Blutvergießen.«

»Mabel, das heißt den Spaß zu weit treiben,« schrie Kaudel ärgerlich. »Wenn ich meine Arbeit auf fünf Minuten unterbreche, so komme ich heute abend nicht mehr in Zug, und es ist von höchster Wichtigkeit, daß ich einen andern in Verdacht bringe.«

»Nun gut, dann nimm mich dafür. Jetzt kannst du ruhig die Feder hinlegen und fünf Minuten lang ein unschuldiger Mensch sein. Ich möchte, daß du mit mir hinaufgingest und in meinen dunklen Schrank blicktest.«

»Ein dunkler Schrank?« fragte Kaudel beunruhigt. »Du … du hast doch nicht geheimnisvolle Geräusche gehört, oder …?«

»Nein, gewiß nicht, aber meine Hyazinthen sind drin.«

»Wozu in aller Welt?«

»Um zu wachsen! Sechs Wochen müssen sie in den mit Wasser gefüllten Gläsern im Dunklen stehen, dann macht man die Schranktüre nur ein klein wenig auf und läßt durch den Spalt ein winziges Lichtstrählchen einfallen. Man nimmt die Zwiebel heraus, wäscht die Wurzeln vorsichtig mit lauwarmem Wasser ab und stellt sie wieder hinein. Und du sollst mir die Zwiebel halten, während ich die Wurzeln mit einem Schwämmchen abwasche.«

Kaudel warf die Feder hin und starrte seiner Frau ins Gesicht.

»Mabel!« begann er mit vor Entrüstung, bebender Stimme, worauf Frau Kaudel sofort ihren Schild bis zur Höhe der Stirne vor sich hin hielt und den Staubwischer handhabte, wie sie Zulus in »Südwestafrika« ihre Lanzen hatte handhaben sehen.

»Hüte dich!« rief sie dramatisch. »Die Spitze dieser Waffe ist vergiftet!«

Aber Kaudel hatte in diesem Augenblick keinen Sinn für Humor, die ganze Anlage der falschen Verdächtigung war wie weggeblasen aus seinem Gehirn.

»Es ist ungeheuerlich!« rief er. »Da sitze ich und quäle mich und arbeite wie ein Kuli, und du kommst, um mir die Zeit mit deinen verdammten Zwiebeln zu stehlen.«

»Meine Zwiebel sind nicht verdammt, sie gedeihen wundervoll,« entgegnete Frau Kaudel mit Würde. »Eine ist die Gertrud, die wird blaß rosenrot, dann kommt der Charles Dickens, der wird porzellanblau, dann Herr Plimsoll — schneeweiß, der Zar Peter — leuchtend hellblau, und Robert Steiger wundervoll kirschrot, noch viel röter, als du jetzt bist, Wilfrid, mit deiner Zornesader auf der Stirne! Weshalb du nur so heftig bist? Du wirst noch einen Schlaganfall bekommen, wenn du über nichts und wieder nichts in solche Berserkerwut gerätst — dann wirst du’s einsehen, aber es wird zu spät sein.«

»Und wessen Schuld wird es sein, wenn ich einen Schlaganfall bekomme? Die deinige!«

»Wilfrid, du solltest dich schämen! Man denke sich einen Mann, der Schlaganfälle bekommt, weil seine Frau die herrlichsten Hyazinthen treibt, um sein Heim zu schmücken!«

»Es ist mir ganz einerlei, ob du Hyazinthen treibst. Meinetwegen magst du Kohl pflanzen,« stöhnte Kaudel. »Bepflanze alle Schränke und Schiebfächer im Haus mit Mangoldwurzeln und wasche sie mit Sekt und mit meinem eigenen Badschwamm, aber laß mich ungeschoren.«

»Meine herrlichen Hyazinthen mit Mangoldwurzeln zu vergleichen!« rief die gekränkte Künstlerin. »Sie sind Gedichte.«

»Nette Gedichte!« warf Kaudel mit hohlem Auflachen hin. »Ich hab’ sie gesehen!«

»Du hast sie gesehen? Wann?«

»Vor acht Tagen etwa hab’ ich den Schrank aufgemacht und das Zeug besichtigt. Sah aus wie schmutzige Rüben in Nudelsuppe.«

Mit einem leisen Aufschrei sank die unglückliche Frau Kaudel auf einen Stuhl.

»O meine armen Hyazinthen! Zerstört, vernichtet für immer! All meine Mühe vergebens!«

»Was soll denn das heißen?«

»Wenn du vor acht Tagen den Schrank geöffnet hast, Wilfrid, dann ist alles verloren! In meinem Buch steht, daß, wenn die Zwiebel vor sechs Wochen dem Licht ausgesetzt werden, die Blüte armselig und farblos bleibt. O, wie konntest du nur — wie konntest du dich unterstehen, meinen Hyazinthenschrank zu öffnen!«

»Das Recht, in meinem eigenen Haus einen Schrank zu öffnen, wird mir wohl niemand bestreiten! Woher hätte ich wissen sollen, daß man die verwünschten Dinger nicht einmal ansehen darf?«

»Woher du das hättest wissen können? Du hättest mich nur zu fragen gebraucht. Du hast überhaupt nicht nötig, überall herumzuschnüffeln! Da habe ich nun eine Masse Geld ausgegeben für Gläser und Zwiebeln, habe mich gefreut, dich mit den herrlichen Blumen zu überraschen, sie im Eßzimmer und in deiner Stube an die Fenster zu stellen — ich war so glücklich mit meinen Hyazinthen — und nun — und nun …«

»Nimm dir’s doch nicht so zu Herzen, Kind! Vielleicht ist das Unheil, das ich angerichtet habe, gar nicht so schlimm, als du denkst. Weißt du, ich habe ja die Tür nur einen Augenblick geöffnet, nur — weil ich so furchtbar gespannt war auf die Dinger und sehen wollte, ob sie vorwärts machen. Komm, sei gescheit und gräme dich nicht so — ich will ja mit dir hinaufgehen und dir all die Zwiebel halten, bis du alle Wurzeln gewaschen hast.«

»Ich will ja gar nicht alle Wurzeln waschen,« versetzte die junge Frau Kaudel etwas beschwichtigt, »nur der Zar Peter und vielleicht noch Herr Plimsoll könnten herausgenommen und abgewaschen werden. Komm und hilf mir! Ich möchte so furchtbar gern im Frühjahr Staat machen können mit selbstgezogenen Hyazinthen. Mein Vater zieht auch welche, und ich möchte ihn gern übertrumpfen!«

* * *

»So ließ ich denn meinen Mord im Stich,« setzt Kaudel hinzu, »und kletterte ins oberste Stockwerk hinauf, wo sich der dunkle Schrank befand. Ich hielt die Zwiebel in der einen Hand und mit der andern ein Nachtlicht auf einer Untertasse, denn das elektrische Licht hätte den Hyazinthen schaden können, und so mußte ich volle zwei Stunden ausharren. Zu guter Letzt aber hatten wir wirklich großen Erfolg mit unsern Hyazinthen. Als sie zur Blüte kamen, stellten wir sie teils an die Fenster zum Ärger der Nachbarn, die keine selbstgezogenen hatten, teils wurden sie in den Zimmern verteilt.

»So kamen ›Robert Steiger‹ und ›Gertrud‹ auf ein königliches Derby-Teebrett, das mich vierzig Pfund gekostet hatte, und dieser ›Robert Steiger‹ wurde ein so riesiger Bursche, daß er in einer Nacht das Übergewicht bekam und eine von den königlichen Derby-Tassen zerschmetterte. Aber was lag daran? Die Hyazinthen meiner Frau waren die reinen Bilder, und als ihr Vater im Frühjahr kam, mußte er zugeben, daß seine Hyazinthen nicht halb so üppig blühten. Die junge Frau Kaudel war so glückselig, ihren Vater in der Hyazinthenzucht übertroffen zu haben, daß sie mir erklärte, nächstes Jahr werde sie alle Schränke für Hyazinthengläser einrichten.

»Kein Wunder, daß der König und die Königin den Gemeinderat von London ermahnt haben, bei Hauseinrichtungen auf Anschaffung einer reichlichen Anzahl von Schränken bedacht zu sein.«

Die junge Frau Kaudel hat keinen Platz für ihre Kleider.

Herr und Frau Kaudel waren drei Wochen in einem Seebad gewesen, und zwar weil der Arzt zu vollständiger Erholung von einem bösen Katarrh eine solche Ausspannung für Kaudel angeordnet hatte. Von dem winterlichen Sonnenschein der südlichen Küste verführt, hatte Kaudel wirklich die Arbeit etwas an den Nagel gehängt, dann aber war er unter dem Vorwand dringender Geschäfte drei Tage vor Ablauf der drei Wochen nach London zurückgekehrt, während seine Frau mit ihrer Schwester noch geblieben war.

In der ungestörten Stille der leeren Wohnung kam er, vor jeder Unterbrechung gesichert, am ersten Tage rasch voran mit der Arbeit und schwelgte in dem Bewußtsein, noch zweimal vierundzwanzig Stunden klaren Kurs halten zu können. Allein am zweiten Morgen sollte seine Zeiteinteilung wesentlich umgestürzt werden, denn seine Frau telegraphierte: »Es regnet furchtbar. Kommen heute nachmittag. Hole uns 4.48 Charing Croß ab.«

Kaudel, der Gatte, hatte sich natürlich zu freuen, seine Frau einen Tag früher wieder zu besitzen, als er hatte erwarten dürfen, Kaudel, der Schriftsteller, dagegen dachte mit einiger Wehmut an die Rückstände, die er hatte aufarbeiten wollen.

Immerhin war es denkbar, daß er mit Aufwand einer kleinen Kriegslist den Abend noch für sich retten würde, und so betrat er um drei Viertel auf fünf Uhr mit dem liebenswürdigsten Willkommlächeln, dessen seine Züge fähig waren, den Bahnsteig von Charing Croß.

Es regnete auch in London sehr heftig und ein eisiger Wind machte den Spaziergang in der Bahnhofhalle nicht gerade pläsierlich, aber Kaudel schlug den Kragen des Überrocks auf, stampfte sich die Füße warm und hielt den triefenden Regenschirm so weit als möglich von sich ab. Der Zug hatte eine Verspätung von einer halben Stunde, und als er endlich hereinpustete, hatte Kaudels Lächeln bereits etwas von der ersten Frische eingebüßt.

Immerhin zeigte er den Ankommenden eine heitere Miene und stürzte sich mannhaft auf den Berg von Koffern, die auf den Bahnsteig geschleudert wurden, damit die Reisenden sich ihr Eigentum aussuchen könnten. In seinem heiligen Eifer, die drei Koffer seiner Frau, die zwei seiner Schwägerin und Frau Kaudels drei Hutkisten in Sicherheit zu bringen, behauptete er seinen Platz gegen den Andrang von einem Dutzend Gepäckträger und einer Schar von Reisenden, die auch die schwersten Gepäckstücke in tollem Wirbel umherstießen. Da er aber den nassen Regenschirm in der einen, Frau Kaudels Reisetasche in der andern Hand hielt und die Reisedecken am Arm hängen hatte, konnte er sich nur durch eine Reihe von kleinen Sprüngen vor dem Schicksal bewahren, daß seine Füße von einem umstürzenden Koffer zermalmt und seine Zehen von den Karren der Träger abgequetscht würden.

»Steh doch ruhig, Liebster!« raunte ihm Frau Kaudel zu, die, anmutig gegen die Schranken gelehnt, dastand. »Es sieht ja aus, als wolltest du einen Hopser tanzen.«

»Ist mir ganz einerlei, wie es aussieht,« gab Kaudel mit einem Anflug von Gereiztheit zurück. »Hab lieber die Güte, mir zu sagen, welche von den Dingern dir gehören!«

Endlich, nachdem Frau Kaudel zweimal ein fremdes Hutkistchen für das ihrige erklärt, den Irrtum aber erkannt hatte, während es vom Träger aufgeladen wurde, konnte sämtliches Gepäck heil und sicher auf eine Gepäckdroschke verladen werden, worauf Kaudel mit Frau und Schwägerin, einem Pack Reisedecken, den Handtaschen und einem Korb mit Fischen, »frisch aus dem Meer«, in ein für zwei Personen gebautes Coupé kroch.

»Ich begreife nicht, wie du einen so lächerlich engen Wagen nehmen kannst,« bemerkte die junge Frau Kaudel, den Fischkorb auf des Gatten Kniee stellend. »Man erstickt ja zu dreien — bitte — laß das Fenster herunter.«

Kaudel willfahrte ihr und bekam nun den Regen ins Gesicht, daß er sich vorkam wie eine Fensterscheibe, die mit der Gartenbrause abgespült wird. Dann machte Frau Kaudel die Entdeckung, daß ein nasser Regenschirm an ihr Kleid gelehnt war.

»Du liebe Zeit!« rief sie. »Dein Schirm trieft ja! Wie hast du ihn nur so naß bekommen können? Bist du denn nicht nach dem Bahnhof gefahren?«

»Nein, ich kam zu Fuß her vom Klub aus.«

»Ach, du warst im Klub! Ich dachte, du habest mich des Arbeitens halber verlassen.«

»Dem war auch so, Kind, aber den ganzen Tag konnte ich doch nicht zu Hause sitzen, so hab’ ich im Klub gefrühstückt.«

»Wahrhaftig? Und ich habe mich gegrämt, dich so einsam und hart arbeitend zu wissen! Indes hast du dir ja mit Frühstücken im Klub und andern Vergnügungen die Zeit aufs angenehmste vertrieben!«

»Quatsch!« murmelte Kaudel, während er sich abmühte, sein Gesicht mit dem Rockärmel zu trocknen, da er viel zu eng eingeklemmt war, um sein Taschentuch herausziehen zu können.

»Natürlich! So oft ich den Mund aufmache, ist’s Quatsch. Seit deiner Abreise hatte ich außer der Wirtin keine Menschenseele, mit der ich hätte sprechen können, und nun muß ich reden!«

»Und Gertie? Du konntest dich doch mit Gertie unterhalten!«

»Eine Schwester, das ist wieder ganz etwas andres. Aber die Hauswirtin war Gott sei Dank nicht auf den Mund gefallen. Das war mir wirklich eine Erholung — nach dir! Sie hat mir so viel Interessantes erzählt — Gladstone hat einmal mit seiner Frau und einem Sohn bei ihr gewohnt.«

»So?« machte Kaudel, die Ohren spitzend. »Das kann ja wirklich interessant gewesen sein … was wußte sie denn zu erzählen?«

»O vielerlei! Sie mußte manchmal im Zimmer sein während der Mahlzeiten, und sie sagt, es sei geradezu wunderbar gewesen, wie Frau Gladstone für ihren Mann gesorgt habe. Manchmal habe der junge Herr etwas entgegnen wollen auf eine Bemerkung Gladstones, da habe sie ihm immer sofort das Wort abgeschnitten und gesagt: ›Widersprich deinem Vater nicht!‹ Kein Mensch habe ihm widersprechen dürfen, wenn’s die Frau habe hindern können, sagte die Wirtin.«

»Mit Recht,« bemerkte Kaudel. »Immer auf Widerspruch zu stoßen, ist aufreibend.«

»Falls das ein Hieb für mich sein soll,« rief die junge Frau Kaudel, »so muß ich bemerken, daß ich dir nie widerspreche. Unter tausend Frauen würde keine einzige dir so in allen Stücken nachgeben wie ich.«

Kaudel lehnte sich schweigend in die Wagenecke, denn das Sprechen war ihm zu anstrengend. Er saß so überzwerch da, daß er brüllen mußte, sollte der Ton nicht vollständig durchs offene Fenster verhallen. Sein linkes Bein war eingeschlafen und in seinem rechten Arm spürte er nichts als Nadelstiche. Glücklicherweise war diese Fahrt bald überstanden, und sobald Kaudel seiner Glieder wieder Herr geworden war, ging er ins Ankleidezimmer hinaus und rieb sich Gesicht und Haare mit dem Badetuch trocken.

Während der Mahlzeit unterhielt sich Kaudel aufs liebenswürdigste mit den Damen und ließ sich mit diplomatischer Arglist nicht im geringsten anmerken, daß er darauf brannte, allein gelassen zu werden, um mit seiner Arbeit vorwärts zu kommen. Als seine Frau den Kaffee nicht wie sonst ins Wohnzimmer, sondern ins Eßzimmer bringen ließ, stöhnte er innerlich, sagte aber nichts. Wer warten kann, erreicht sein Ziel, und als die junge Frau Kaudel gegen neun Uhr zu ihrer Schwester sagte: »Gertie, was meinst du? Wollen wir nicht hinaufgehen und auspacken?« fühlte er, daß Land in Sicht war, und begab sich spornstreichs in sein Arbeitszimmer.

Eine gesegnete Stunde lang beschrieb er Blatt um Blatt des Pandektenpapiers mit jenen Hieroglyphen, die sein Schreibfräulein bald ins Irrenhaus bringen mußten — wenigstens behauptete sie das —, und er wähnte, mindestens bis elf Uhr ein freier Mann zu sein, denn er wußte aus Erfahrung, was »Auspacken« bei der jungen Frau Kaudel bedeutete. Allein diese Hoffnung war trügerisch. Plötzlich ging die Türe auf, die Gnädige marschierte herein und ein Blick in ihr ausdrucksvolles Gesichtchen belehrte den bekümmerten Mann der Feder, daß irgend etwas aus dem Lot sein müsse.

»Du bist wohl an der Arbeit?« fragte sie mit einem Hochziehen der Augbrauen, das Kaudel längst als Vorboten von Gewitter kannte.

»Nein … nichts besonders Wichtiges …«

»Dann hast du vielleicht die Güte, mit mir hinaufzukommen und mir zu zeigen, wo ich meine Sachen unterbringen soll.«

»Was? Ich verstehe dich nicht …was soll ich dir zeigen?«

»Natürlich, verstehst du mich nicht, denn wenn das der Fall wäre, wüßtest du, daß ich Platz haben muß. Ich kann meine Sachen doch nicht auf dem Fußboden herumliegen lassen.«

»Aber, meine liebe Mabel, du hast ja doch Schubladen, Schränke …«

»Schubladen und Schränke! Wie viele? Alles ist vollgepropft mit deinen Kleidern. Im einen Schrank hängen etliche zwanzig Anzüge, die du nie mehr trägst, und alle Schubladen sind angefüllt mit deinen Hemden, Kragen und Krawatten. Du mußt von der Knabenzeit her jedes Kleidungsstück aufgehoben haben.«

»Aber, Kind, du hattest doch vor unsrer Reise Platz genug. Hast du dir denn ein Dutzend, neuer Kleider mitgebracht?«

»Kein einziges. Aber es war nie Platz da für meine Sachen. Und nun Gertie mitgekommen ist, will sie doch ihre Kleider auch unterbringen. — Es ist geradezu lächerlich: an jedem Kleiderhaken im ganzen Haus hängt etwas von dir!«

»Unsinn!«

»Durchaus nicht! All meine Hüte muß ich in alten Schachteln verwahren, die auf dem Schrank aufgetürmt sind. Kannst du einer Frau zumuten, daß sie jedesmal auf die Leiter steigt, so oft sie einen Hut braucht? Es ist einfach gräßlich! Ich kann überhaupt nicht auspacken, sondern muß alles in den Koffern lassen, denn sonst kann ich’s nirgends hintun. — Wenn du vielleicht einen Platz dafür weißt, so hab die Güte, ihn mir zu zeigen.«

»Aber liebes Kind, ich habe wahrhaftig andres zu tun! Sprich doch mit den Mädchen!«

»Was können die Mädchen dabei helfen? Schränke machen können sie doch nicht, und deine Sachen hinauszuschmeißen, getraut sich keine! Du solltest einen ganzen Pack alter Anzüge verkaufen, um Luft zu schaffen. Du hast sie jahrelang da hängen und bist viel zu stark geworden, um sie noch zu tragen.«

»Ich habe keinen einzigen Anzug im Hause, der mir nicht tadellos säße!« erklärte Kaudel mit Entrüstung.

»Ja, warum trägst du sie dann nicht? Ich habe mir einige angesehen; sie sind von Motten zerfressen! Aber natürlich ist dir’s lieber, den alten Trödel zu behalten, als deiner Frau einen einzigen Kleiderhaken zu überlassen. Ich weiß mir aber schon zu helfen, ich werde meine ganze Garderobe einfach nach der Depositenkassengesellschaft schicken, nur muß ich eben dann hingehen und mich dort ankleiden. Du hast mich aus einer Häuslichkeit gerissen, wo es Schränke genug gab — meinem Vater ist es nicht eingefallen, sie alle mit seinen Kleidern vollzustopfen.«

»Aber, Herzchen, wir haben doch auch Schränke …«

»O ja, Herrenschränke, aber wie viel Damenschränke sind denn im Haus? Ich werde morgen an meinen Vater telegraphieren, daß er mir einen Schrank von daheim schickt. Ach, wäre ich doch daheim! Da könnte ich wenigstens auspacken und meine Sachen unterbringen!«

* * *

»Des lieben Friedens willen,« setzt Kaudel hinzu, »habe ich einen umfangreichen Damenschrank bestellt. Wo aber er hinkommen soll, weiß der Himmel, denn vom Erdgeschoß bis zum Speicher ist alles gepfropft voll mit Schränken.«

Die junge Frau Kaudel mißbilligt den Klub.

Herr Kaudel war Mitglied eines wohlbekannten Klubs in der St. Jamesstraße, und wenn seine Frau Besorgungen oder Besuche machte und er zeitweilig unbeaufsichtigt war, liebte er es, eine Stunde des Nachmittags dort zu verbringen.

Eines Tags hatte Herr Kaudel einen sehr unklugen Einfall. Er hörte, daß seine Frau in der Nähe des Klubhauses Besorgungen zu machen habe, und schlug ihr vor, ihn nachher mit dem Wagen dort abzuholen, daß sie zusammen heimfahren könnten.

Sie hatten sich auf fünf Uhr verabredet, da die junge Frau Kaudel aber bei der Schneiderin ihr Kleid noch nicht zur Anprobe bereit gefunden hatte, langte sie schon um halb fünf Uhr am Klub an, und erfuhr, daß Herr Kaudel wohl da gewesen, jetzt aber in den »Konstitutionalklub« in der Northumberland Avenue gegangen sei.

Mit jener Logik, die ihr Geschlecht so reizend kleidet, zog die junge Frau Kaudel aus diesem Umstand sofort den Schluß, daß sie ihrem Mann »auf die Schliche« gekommen sei. Seine Angabe, daß er in den Klub gehe, um Zeitungen zu lesen, war also nur ein niederträchtiger Vorwand. Offenbar behauptete er, im Klub zu sein, wenn er sich sonstwo herumtrieb.

»Es ist eine abgekartete Geschichte,« sagte sie sich, »und ich habe gar keinen Zweifel, daß der Portier mit ihm unter einer Decke steckt. Es gehört zu seinen Dienstobliegenheiten, den Frauen von Mitgliedern, die ihre Männer abholen wollen, etwas vorzuflunkern, aber mich führt man so leicht nicht hinters Licht. Ich werde am Konstitutional vorfahren und mich überzeugen, ob mein sauberer Gebieter wirklich dort ist!«

Einer jener unglücklichen Zufälle, wie sie oft ganze Menschenschicksale zerstören, wollte, daß es Freitag war, und am Freitag nachmittag ist es den Mitgliedern des Konstitutionalklubs gestattet, Damen einzuführen und sie mit Tee und Süßigkeiten zu bewirten.

Als das Coupé an dem Klubhaus vorfuhr und die junge Frau Kaudel einen Schwarm reizender junger Damen hineingehen sah, die von verbindlich lächelnden »Konstitutionellen« begrüßt wurden, stieg die heiße Röte der Entrüstung in ihr hübsches Gesichtchen.

»So!« rief sie. »So also bringt mein Herr Gemahl den Nachmittag zu!«

Einen Augenblick hatte sie nicht übel Lust, einzutreten, sich ihren sauberen Herrn Gemahl tot oder lebendig zur Stelle schaffen zu lassen und ihm angesichts der ganzen Gesellschaft ins Gesicht zu sagen, was sie von seinem Benehmen denke. Da sie aber nur ein Straßenkleid trug und einen Hut, der mindestens vierzehn Tage hinter der neuesten Mode zurückstand, beschloß sie, die Gelegenheit einer öffentlichen Zurückweisung vorübergehen zu lassen, und rief, den Kopf zum Wagen hinausstreckend, dem Kutscher zu: »Nach Hause«

Sie rief es in einem Ton, daß der Kutscher auf seinem Bock zusammenfuhr und beinah die Zügel hätte fallen lassen, und daß der Dienstmann, der bereitstand, um den Wagenschlag zu öffnen, zurückprallte, als ob ihn ein Sprenggeschoß auf dem Schlachtfeld in die Brust getroffen hätte.

Kaudel war mittlerweile nach der Besprechung mit einem Freund, die nur wenige Minuten in Anspruch genommen hatte, nach der St. Jamesstraße zurückgekehrt und nahm fünf Minuten vor fünf Uhr Aufstellung auf den Stufen des Klubhauses, damit seine Frau ja nicht auf ihn zu warten brauchte.

Während er so auf Posten stand, teilte ihm der Portier mit, daß eine Dame schon vor einer halben Stunde nach ihm gefragt habe, worauf er natürlich sogleich nach Hause ging. Als er dort nach seiner Frau fragte, ward ihm der Bescheid, daß sie oben sei und packe.

»Packen!« rief er aus. »Was ins Kuckucks Namen …«

Er vollendete den Satz für sich, während er die Treppe hinaufstürmte. Er fand seine Frau, umgeben von geöffneten Koffern, im Schlafzimmer, wie sie dem Mädchen, das ihre Kleider zusammenlegte, allerhand Befehle erteilte.

»Mabel, was in aller Welt soll das bedeuten?« fragte der Gatte von der Türe her.

Ein vom Weinen aufgedunsenes und gerötetes Gesichtchen wandte sich ihm zu.

»Es bedeutet,« erwiderte eine Stimme, die mit dem Schluchzen kämpfte, »daß ich nach Haus gehe zu meinem Vater.«

Kaudel starrte bestürzt und betroffen auf das schmerzverzerrte Gesicht seiner Frau; das Mädchen aber zog sich taktvollerweise zurück.

»Willst du etwa nach Hause reisen, weil du eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit in den Klub gekommen bist und mich nicht getroffen hast? Ist das der Ursprung dieses verrückten Gedankens?«

Jetzt sah die junge Frau Kaudel den entrüsteten Gemahl mit zornfunkelnden Augen an.

»Verrückt!« rief sie. »Und wenn ich’s bin, wer hat mich dazu gemacht? Wie soll eine Frau bei Vernunft bleiben, wenn sie entdecken muß, daß ihr Mann sie hintergeht? Wenn er behauptet, in seinem Klub Zeitungen zu lesen, und sich indes mit fremden Frauen herumtreibt?«

»Sich mit fremden Frauen herumtreibt — du redest wirklich irr!«

»Schrei so laut du willst, die Stimme der Wahrheit wirst du doch nicht übertönen! Ich bin in deinem gepriesenen Konstitutionalklub gewesen und habe alles mit eigenen Augen gesehen!«

»Der Konstitutional ist ein höchst anständiger Klub und du kannst weder mit deinen eigenen Augen, noch mit andern, die du für die Gelegenheit entlehnt hättest, etwas Unpassendes dort gesehen haben.«

»Du warst also dort, Wilfrid, du leugnest es nicht — und ich sah Damen in Menge hineingehen.«

»Es waren in der Tat Damen dort,« gab Kaudel zu, dem endlich ein Licht aufging, »aber ich kann doch wahrlich nichts dafür! Ich wußte gar nicht, daß Damentag war, und ging hin, um meinen Freund Tom Dexter zu sprechen.«

»Um Tom Dexter zu sprechen — wahrhaftig?«

»Ja, er ist der Herausgeber einer illustrierten Zeitschrift, für die ich arbeite. Das weißt du wohl und du kennst ihn auch — ich habe ihn dir vorgestellt.«

»Ja, das weiß ich, und wo hast du ihn mir vorgestellt?«

»Wo? Irgendwo muß es gewesen sein …«

»Ich weiß es noch ganz genau — im Empiretheater war’s!«

»So?« sagte Kaudel, etwas betroffen. »Freilich jetzt entsinne ich mich! Wir hatten eine Loge und trafen Dexter im Foyer …«

»Jawohl,« sagte die junge Frau Kaudel, das Kinn in der Luft. »Gerade der Ort, wo man erwarten durfte, deine Klubkumpane zu treffen.«

»Wie abgeschmackt! Tom Dexter ist der solideste Mann von der Welt. Er war damals mit seinem Zeichner im Empire, um eine Aufnahme für seine Zeitschrift machen zu lassen.«

»Das setzte er uns auseinander und ich habe auch einige von den Bildern gesehen — reizende Bilder waren es, ganz gewiß, höchst pikant!«

»Mabel, es ist geradezu bösartig von dir, mit derartigen Verdächtigungen um dich zu werfen. Du weißt, daß Dexter eines Bildes, das heißt einer Illustration wegen dort gewesen ist, du hast die Zeichnungen sogar nachher in seiner Zeitschrift gesehen, und was hat es denn überdies auf sich, wenn er dort war? Alle Welt geht ins Empire, Herzöge und Herzoginnen, sogar Geistliche, und zwar mit ihren Frauen. Es ist ja zu dumm — habe ich denn nicht dich hingeführt?«

»O ja, ins Empire hast du mich geführt, in deinen Klub aber nie!«

»Weil wir überhaupt keine Damen zulassen …«

»Aha! Und deshalb läufst du davon und gehst in den Konstitutional!«

»Mabel, du kannst einen Heiligen zum Fluchen bringen mit deinen grundlosen Bezichtigungen!«

»Da du kein Heiliger bist, brauchst du jedenfalls nicht zu fluchen! Ich gehe heim zu meinem Vater — der bringt seine freie Zeit in der Familie zu, geht nicht ins Empire und nicht in den Konstitutional, gehört zu keinem Klub und — der hat mich lieb.«

Die junge Frau Kaudel ließ sich auf einem Stuhl nieder und vergrub das Gesicht in ihrem Taschentuch.

»Wenn du mir gesagt hättest, daß du in Klubs gehst,« schluchzte sie, »würde ich dich nicht geheiratet haben.«

»Du redest den hellen Unsinn, Kind! Ein Mann muß mitunter in den Klub gehen, besonders ein Schriftsteller. Man findet dort alle Zeitungen und Monatschriften vor und trifft Männer, die einem nützlich sein können. Wer für Zeitungen schreibt, muß wissen, was in der Welt vorgeht.«

»Aber du schreibst nicht für Frauenzeitungen,« entgegnete die junge Frau Kaudel wimmernd, »kannst also nicht behaupten, du müssest in den Konstitutionalklub gehen.«

»Ich habe dir gesagt, weshalb ich dort war, und es ist kein Damenklub, sondern ein politischer Klub der konservativen Partei, einer der angesehensten in London. Balfour besucht ihn auch.«

»Am Damentag?«

»Dieser Damentag ist dir in den Magen gefahren! Es gibt viele Klubs, die Damentage haben.«

»Der deinige auch?«

»Nein, mein Kind. Mein Klub ist einer der aller ernsthaftesten und solidesten. Chamberlain ist auch Mitglied.«

»Das ist mir einerlei — die ganze Klubwirtschaft ist mir nun einmal zuwider.«

»Und weshalb?«

»Weil die Klubs die Männer der Häuslichkeit entziehen. Und was deinen betrifft, so habe ich ganz junge, modische Herren hineingehen sehen, und als ich dich einmal dort abholte, sah ich Damen vorfahren und ein Briefchen hineinschicken, worauf hübsche junge Männer herauskamen.«

»Es passiert auch hübschen jungen Männern, verheiratet zu sein,« bemerkte Kaudel mit Milde.

»Ach, sind das nur ihre Frauen, die Briefchen hineinschicken dürfen? Muß man dem Portier denn Trauschein vorweisen, ehe er sie abgibt?«

»Meine liebe Mabel, wenn du nur einmal im Leben eine Stunde in meinem Klub zubringen könntest, würdest du dir einen ganz anderen Begriff davon machen! Die Mitglieder sitzen in ihren Lehnstühlen und lesen, selten wird gesprochen, ja in einem Zimmer ist unbedingt Schweigen vorgeschrieben.«

»Das wird man nur angeordnet haben, um dem Skandalklatsch Einhalt zu tun!«

»Skandalklatsch — in meinem Klub!« rief Kaudel entrüstet. »Nächstens behauptest du noch, wir hätten eine Schnapsbude und einige von den Mitgliedern ständen unter Polizeiaufsicht.«

»O, ich weiß denn doch etwas mehr vom Klubleben, als du denkst. Wenn der Klub etwas so Harmloses wäre, warum würde die Polizei Klubhäuser durchsuchen? Erst neulich wurde eins durchsucht.«

»Das war ein Spielerklub.«

»Wirklich? Nun, ich bin fest überzeugt, daß die Mitglieder dieses Spielerklubs ihren Frauen auch weismachen, es sei ein höchst ehrsamer Ort! Ich habe den Bericht über die Haussuchung dort ganz genau gelesen, mußt du wissen — nette Geschichten sind da an den Tag gekommen. Eine Damennacht hatten sie auch, gerade wie der Kon—«

»Mabel, du redest Blödsinn! Die politischen Klubs sind keine Nachthäuser!«

»O doch, sie sind ja bis zwei Uhr morgens offen. Das hast du mir selbst von deinem eigenen Klub erzählt.«

»Mit dir ist nicht zu streiten!« rief Kaudel erschöpft. »Dich über etwas belehren zu wollen ist hoffnungslos. Das Klubleben ist in Wirklichkeit nicht nur anständig, sondern geradezu langweilig.«

»Wohl und gut, dann werde ich auch einem Klub beitreten. Es gibt Damenklubs genug. Ich werde eine Freundin bitten, mich im ›Kaiserinklub‹ vorzuschlagen. Dort werde ich dann mit der Zigarette im Mund unterm Fenster liegen, und wenn du siehst, daß ein fescher Wagen vorfährt und ein junger Herr mir einen Zettel hineinschickt, so darfst du dich nicht mucksen.«

Diese Vorstellung vom Leben und Treiben in einem der angesehensten und würdevollsten Damenklubs der Stadt, war zu viel für Kaudel. Er mußte sich in einem Lachanfall auf den Bettrand setzen.

* * *

»Der Friede wurde wieder hergestellt,« schreibt Kaudel, »aber die Kriegsentschädigung sehr hoch angesetzt. Meine Frau war längst von brennendem Verlangen nach einem Armband mit Opalen, das sie in der Auslage eines Juweliers gesehen hatte, beseelt. Ich hatte energische Einsprache gegen Anschaffung so übel beleumundeter Juwelen erhoben, und zwar nicht nur aus Sparsamkeit, sondern weil ich tatsächlich den Aberglauben teile, daß der Opal Unglück bedeutet. Nun ließ ich mich doch bewegen, das Armband zu kaufen. Die Freude verbreitete hellen Sonnenschein über ihr niedliches Gesichtchen und mein unglückseliger Einfall, einen Freund am Damentag in seinem Klub zu besuchen, erlangte vorübergehend Verzeihung.«

Herr Kaudel macht ein Bankett mit.

Herr Kaudel hatte eine Einladung zu einem Bankett angenommen. Die Festlichkeit wurde vom Aufsichtsrat einer Gesellschaft gegeben, die in unmittelbarer Beziehung zur geschäftlichen Seite der Presse stand. Unter den Journalisten, die daran teilnahmen, hatte Kaudel verschiedene alte Freunde, und der Herausgeber einer vielgelesenen Wochenschrift, die häufig Beiträge von ihm brachte, sollte den Vorsitz führen. Erst als der bestimmte Tag herannahte und das allezeit heimtückische Verhängnis der jungen Frau Kaudel den Wunsch eingab, an eben diesem Abend ein Konzert zu besuchen, kam es Kaudel zum Bewußtsein, daß er seiner Frau noch kein Wort von der etwas übereilt eingegangenen Verpflichtung gesagt hatte.

Das erste warnende Gewitterwölkchen stieg Tags vorher am ehelichen Himmel auf, als die junge Frau Kaudel, vor dem Kaminfeuer knieend, ihren Liebling, den langhaarigen Terrier Pin-Pin kämmte und Kaudel, auf ihre Versunkenheit bauend, ein neues Buch aufzuschneiden begann, das er noch in dieser Woche rezensieren sollte.

»Sieht Pin-Pin nicht bezaubernd aus, nun er gewaschen ist?« fragte die junge Frau Kaudel, von ihrer Tätigkeit aufblickend.

»Gewiß,« stimmte Kaudel bei, indem er einen raschen Blick auf das Tierchen warf, das Kamm und Bürste mit schmerzlicher Ergebung duldete. »Sein Äußeres hat entschieden gewonnen durch das Bad. Neulich fragte mich jemand, der ihn in meinem Zimmer am Feuer liegen sah, ob das unser Fensterschwamm sei.«

»Und wessen Schuld ist’s, daß er immer schmutzig wird?« gab die junge Frau Kaudel zurück. »Du läßt ihn ein dutzendmal im Tag hinaus; dabei muß er immer mit einem andern Hund anbinden und wird im Schmutz gewälzt.«

»Wie soll ich’s angreifen, ihn nicht hinauszulassen? Er tanzt um mich herum, bellt dazu und läßt mir keine Ruhe bis er seinen Willen durchsetzt. Kaum ist er aber drei Minuten draußen, so heult und kratzt er an der vorderen Haustür, und ich muß abermals die Feder weglegen und ihn hereinlassen.«

»Geschieht dir ganz recht, Liebster! Laß ihn heulen oder klingle dem Mädchen.«

»Ich kann ihn nicht heulen lassen, weil ich dabei nicht arbeiten kann, und ich kann dem Mädchen nicht alle paar Minuten klingeln, damit sie dem Hund die Tür aufmache, da tu’ ich’s schneller selbst.«

»Dann darfst du dich auch nicht darüber beklagen.«

»Tue ich auch nicht. Ich stelle einfach Tatsachen fest. Aber widme dich nur seiner Verschönerung und laß mich mein Buch lesen.«

Die junge Frau Kaudel setzte ein paar Minuten lang, schweigend ihre Beschäftigung fort, dann sagte sie plötzlich: »O Wilfrid, ich wußte doch, daß ich dir etwas zu sagen habe! Morgen abend gibt Liebling ein Konzert, und da mußt du mich hinführen — ich hab’s dem Künstler persönlich versprochen, daß wir dasein werden. Morgen ist, wie du weißt, keiner von deinen Arbeitstagen!«

Kaudel war nahe daran, auf den Vorschlag einzugehen, obwohl er sich nicht viel aus Instrumentalkonzerten macht, wo man eine halbe Stunde lang irgend jemands »Opus« auf dem Klavier hören muß und zwanzig Minuten lang eines andern »Konzertstück« auf dem nämlichen liebenswürdigen Instrument. Aber als er drauf und dran war, zu erklären, daß es ihm das größte Vergnügen machen werde, seine Frau zu Opus so und so zu begleiten, durchzuckte ihn die Erinnerung, daß er ja versprochen hatte, seinen Freund, den Verleger, beim Bankett der Handelsgesellschaft beim Präsidieren zu unterstützen.

Kaudel hatte von früher Jugend an die Gewohnheit, rot zu werden, wenn er jemand etwas abschlagen sollte, und so mußte er jetzt das Buch vors Gesicht halten, um seine Verlegenheit und die Röte seiner Wangen zu verbergen.

»Es tut mir wirklich … furchtbar leid,« stammelte er, »aber ich … ich habe versprochen, meinen Freund Tomkins morgen abend bei einem Bankett zu unterstützen.«

Die junge Frau Kaudel gab ihre Tätigkeit sofort auf, und der von ihrem Griff befreite Hund stürmte mit dem fest in seinen Seidenhaaren haftenden Kamm in die Halle hinaus, und da das Mädchen gerade die Haustür aufmachte, um dem Postmann ein Paket abzunehmen, schlüpfte er auch mitsamt seinem Marterwerkzeug auf die Straße hinaus.

Das Mädchen brachte das Paket herein, legte es auf den Tisch und meldete dabei, daß Prinz mit dem Kamm im Haar draußen herumspringe. Prinz hieß er nämlich eigentlich und Pin-Pin war nur ein ziemlich abgeschmackter Kosename, den ihm die junge Herrin beilegte, wie sie auch den Gatten zu dessen großem Verdruß in Gesellschaft »Kaudelchen« zu nennen liebte.

Zu jeder andern Zeit wäre Frau Kaudel an die Haustür gestürzt, um den frischgewaschenen, halbgekämmten Ausreißer zurückzurufen, in diesem Fall aber behielt sie ihre knieende Stellung vor dem Kamin bei, in stummem Staunen zu Kaudel emporstarrend. Der wurde, von diesem unheilschwangeren Schweigen bedrückt, noch röter als zuvor und schielte ängstlich über den Rand seines Buchs hinweg.

»Ich konnte es wirklich nicht abschlagen, Mabel,« sagte er, mit verzweifelter Anstrengung einen unbefangenen Ton erzwingend, »ich habe dir’s längst sagen wollen … ja … soviel ich mich erinnere — hab’ ich dir’s auch schon gesagt, nicht?«

»Wann hast du diese Verschwörung angezettelt?« fragte die junge Frau Kaudel im Ton einer Lady Macbeth.

»Es ist keine Verschwörung, und ich bitte dich, nicht in so lächerlich tragischem Ton von der Geschichte zu sprechen! Man bat mich, Tomkins beim Präsidieren zu unterstützen, und ich habe zugesagt. Das ist doch nicht etwa ein Verbrechen?«

»Ich weiß nicht. Weshalb bedarf dieses Individuum, dieser Tomkins, einer Unterstützung beim Essen? Betrinkt er sich?«

Kaudel versuchte zu lachen, aber es klang unheimlich.

»Der arme Tomkins!« rief er. »Trinkt ja bei allen festlichen Gelegenheiten nur Apollinaris.«

»Wahrscheinlich weil ihm der Wirt nichts andres gibt. Hat er Schulden?«

Dieses Mal lachte Kaudel wirklich.

»Das ist gut — wirklich originell, Mabel! Ein vortrefflicher Witz!«

»Ich mache keine Witze,« entgegnete die junge Frau Kaudel feierlich. »Spaßhaft ist es wahrhaftig nicht für mich, daß mein Mann ein sündiges Geheimnis hat, dem ich durch den reinsten Zufall auf die Spur komme. Wo findet denn das Essen statt?«

»In der Londoner Taverne.«

Frau Kaudel stand jetzt auf, ging auf ihren Mann zu und nahm ihm den schützend vorgehaltenen Band aus der Hand.

»Verstecke dich nicht hinter deinem Buch, sondern steh mir Rede und sieh mir ins Gesicht wie ein Mann! Hast du ernstlich im Sinn, mir deine Begleitung zu Lieblings Konzert zu versagen, weil du den Abend lieber mit deinen Spießgesellen in einer Kneipe zubringst?«

»Sei doch nicht so furchtbar kindisch, Mabel, und mache dich nicht lächerlich! Die Londoner Taverne ist keine Kneipe, sondern das Lokal, wo bekanntermaßen die meisten Bankette und Zweckessen stattfinden.«

»Das ist mir ganz schnuppe. Ich frage nur: weigerst du dich, mich ins Konzert zu führen?«

»So sprich doch nicht von weigern, Liebchen. Ich habe dir ja die Sache auseinandergesetzt. Wie du weißt, speise ich sehr selten auswärts, Zweckessen sind mir geradezu verhaßt, aber ich habe nun einmal die Einladung zu diesem angenommen, habe Tomkins, der mein Verleger und mein persönlicher Freund ist, mein Wort gegeben.«

»So, das ist er! Und was bin ich?«

»Vermutlich meine Frau!«

»Das vermutest du!« kreischte die junge Frau Kaudel.

»Verdreh mir die Worte nicht! Du weißt ganz genau, was ich meine,« sagte Kaudel ärgerlich, indem er aufstand und Miene machte, das Zimmer zu verlassen.

»Jawohl — ich weiß, was du meinst, wie du’s meinst,« versicherte Frau Kaudel, ihr Taschentuch an die Augen pressend. »Zum ersten Male seit vollen vierzehn Tagen bitte ich dich, abends mit mir auszugehen, und du schlägst mir’s ab, weil du etwas andres vorhast. Ich werde meinem Vater telegraphieren, daß er nach London kommt und mit mir ins Konzert geht — er soll dann auch wissen, warum ich ihn brauche!«

Kaudel drehte sich um und sah seine Frau entrüstet an.

»Mabel, willst du Vernunft annehmen? Niemand kann mehr bedauern als ich, daß dieses Essen und dieses Konzert auf denselben Abend fallen. Mit dem größten Vergnügen würde ich dich begleiten, wenn ich nicht zugesagt hätte. — Du mutest mir doch nicht zu, Tomkins mein Wort zu brechen ?«

»O nein, ein Tomkins gegebenes Wort ist heilig, seiner Frau kann man es schon eher brechen. Mir hast du’s vor dem Altar gegeben, bitte, wo hast du dich denn diesem Tomkins zugeschworen ?«

»Wenn dir’s um den Ort zu tun ist — im Criterion.«

»Im Criterion!« rief die junge Frau Kaudel. »Kenne ich! Das ist doch das Lokal an der Ecke von Piccadilli, das die ganze Nacht geöffnet ist? Dort also triffst du deine Freunde?«

»Dort traf ich Tomkins im Restaurant; er aß gerade ein Kotelett und ich auch.«

»Aha!« sagte die junge Frau Kaudel, ihren Mann mit den Blicken eines erfahrenen Untersuchungsrichters durchbohrend. »Erinnerst du dich vielleicht des Couplets, das wir von Vesta Tilly hörten, als du mich das letzte Mal ins Brettltheater führtest?

›Er ist bekannt und wie

Den Huldinnen im Cri.‹

Damals hast du mir erklärt, daß ›Cri‹ das Criterion bedeute, und dort also treffen Tomkins und du ihre Verabredungen für eine Nacht außer dem Hause? Ich weiß, was ›eine Nacht außer dem Hause‹ ist; ich hab’ das Stück mit meinem Vater im Vaudevilletheater gesehen …«

Die junge Frau Kaudel vergrub ihr Gesicht im Taschentuch.

»Mabel, meine liebe Mabel!« rief Kaudel, von ihrem Leid ergriffen. »Du tust mir unrecht, bitter unrecht. Das Essen, das ich mitmachen muß, ist die solideste Sache von der Welt: ein paar gesetzte, friedliche Geschäftsleute, die zusammen speisen, und mein Freund Tomkins präsidiert als Herausgeber einer verbreiteten Wochenschrift. Die Handelsgesellschaft vertreibt nämlich Zeitungen und Journale. Deshalb ist es für mich als Journalist praktisch, dem Fest beizuwohnen, und ich kann dir nur sagen, daß es eine höchst lederne Geschichte sein wird. Ich werde dir die Speisenfolge und das Verzeichnis der Tischreden mitbringen, dann kannst du dich selbst überzeugen.«

»Und mein Konzert?« stieß die junge Frau Kaudel unter Schluchzen heraus. »Allein kann ich ja nicht gehen!«

»Natürlich nicht … laß mich’s nur bedenken, ich treibe gewiß jemand auf, der dich begleiten kann …«

»Oho!« fuhr sie auf, indem sie entrüstet ihre Augen trocken rieb. »Gib dir nur keine Mühe! Jemand auftreiben, der mich gütigst mitnimmt! Willst du’s nicht ausschellen lassen und eine Belohnung aussetzen für den, der sich die Mühe nimmt, deine Frau mitzuschleppen! Es kommt dir ja wahrscheinlich nicht aufs Geld an, wenn du mich nur los wirst, um deine Orgien feiern zu können!«

* * *

»Meine Überredungskunst erwies sich als gänzlich machtlos,« lautet Kaudels Nachschrift. »Meine Frau ließ mich in der schönsten Auseinandersetzung einfach stehen und ging ins Wohnzimmer hinauf, wo kein Feuer brannte und wo sie sich, in einen Mantel gehüllt, so trostlos und verzweifelt in eine Sofaecke drückte, daß es rein zum Aus-der-Hautfahren war. Eben stülpte ich mir den Hut auf, um dem Jammer davonzulaufen, als an die Haustür geklopft wurde. Es war unser Straßenkehrer, der mir meldete, er habe Pin-Pin gesehen, wie er von einem Schutzmann mit einem Strick um den Hals — der Hund hatte den Strick um den Hals, nicht der Schutzmann — fortgeschleppt worden sei.

»›Er hat einen Kamm im Haar stecken gehabt,‹ berichtete der Mann, ›und ich hab’ dem Schutzmann gesagt, daß er Ihnen gehöre, aber der hat gesagt: Der Hund hat kein Halsband, und ich muß ihn abliefern. Wenn Herr Kaudel ihn wieder haben will, muß er auf die Polizeistation kommen und seinen Steuerzettel vorweisen, dann wird er gestraft, weil er den Hund ohne Halsband und Marke hat herumlaufen lassen.‹

»Ich stürzte hinaus, um Frau Kaudel die Schreckensnachricht beizubringen. In unserm gemeinsamen Groll und Schmerz wurde altes andre vergessen und wir fuhren einträchtiglich auf die Polizeistation.

»Als wir Pin-Pin nach Hause brachten, waren wir ein Herz und eine Seele, und es gelang, ein friedliches Übereinkommen zu treffen. Ich sollte zu meinem Bankett gehen und mit meiner Schwester, die in der Nähe wohnt, verabreden, daß sie meine Frau ins Konzert begleite. Als diese Lösung gefunden war, konnte ich mich an die Arbeit machen, und am Abend darauf ging ich zu der Festlichkeit. Ach, wenn ich hätte ahnen können, was die Folge davon sein sollte!«

Herr Kaudel bringt den Damentoast aus.

Es war am Morgen, nachdem Herr Kaudel seinen Freund Tomkins im Präsidium unterstützt hatte. Seinem Versprechen gemäß war er am Abend vorher pünktlich um zwölf Uhr nach Hause gekommen, und die junge Frau Kaudel, die schon seit halb elf Uhr aus dem Konzert zurück war und sich die Zeit damit vertrieben hatte, Ansichtspostkarten in ein Album zu stecken, hatte ihn mit holdseligem Lächeln begrüßt.

Natürlich wollte sie genauen Bericht über das Diner haben, das Kaudel als eine ziemlich langweilige Geschichte bezeichnete. Sie fragte auch nach der Speisenfolge, und Kaudel durchstöberte all seine Taschen, um schließlich zu erklären, daß er sie leider nicht eingesteckt habe.

»Du hast natürlich gesprochen?« fragte die junge Frau Kaudel. »Worauf ging dein Trinkspruch?«

»Ach,« versetzte Kaudel, mit wildem Eifer im Kaminfeuer stochernd, »das Übliche! Wir hatten verabredet, die Tischreden ganz kurz zu halten.«

Dann griff er einen Pack Briefe auf, die mit der Abendpost gekommen waren, und zog sich damit in sein Arbeitszimmer zurück.

»Bleibe meinetwegen nicht auf, Liebling,« sagte er. »Da ist allerlei, was ich beantworten muß — ich trage die Briefe dann noch selbst zur Post.«

Die Briefe hätten getrost warten können bis zum nächsten Morgen, aber Kaudel befand sich in aufgeregtester Stimmung und trachtete, seine Verlegenheit zu verbergen.

Beim Betreten des Empfangszimmers in der Londoner Taverne hatte er nämlich zu seiner höchsten Überraschung gesehen, daß die reizenden Frauen und hübschen Töchter der Aktionäre an dem Bankett teilnahmen. Seine Überraschung war in gelinde Verzweiflung übergegangen, als man ihm mitteilte, daß ihm der Damentoast übertragen sei, und während des ganzen offiziellen Teils des Banketts hatte ihn der Gedanke: »Was wird meine Frau dazu sagen?« wie ein Nachtmahr verfolgt.

Er hatte ihr ja versichert, daß dieses Diner eine Herrengesellschaft sei — ein paar solide, philisterhafte Geschäftsleute, die miteinander speisten, und nun saß er wie eine rotglühende Päonie zwischen Rosenknospen von Mädchen. Er entsann sich auch des Umstandes, daß er versprochen hatte, ihr die Speisenfolge und das Verzeichnis der Tischreden mitzubringen, und nun griff er, als er nach Tisch Hut und Mantel suchte, aufgeregt in alle Taschen, ehe er sich auf die Straße hinauswagte. Ihn beängstigte die Möglichkeit, daß eins von diesen Dokumenten zufällig in eine der Taschen geraten sein könnte, und als er vor seiner eigenen Türschwelle stand, durchsuchte er noch einmal mit der Umsicht und Geschicklichkeit eines gewitzten Zollbeamten seinen ganzen Anzug, ehe er die Tür aufschloß.

Auch als er sich vergewissert hatte, daß kein vernichtendes Beweismittel an seinen Kleidern hafte, zögerte er noch eine Weile, ehe er die Schwelle überschritt. Sollte er den Stier bei den Hörnern fassen, die Wahrheit offen bekennen und sich die Kraft zutrauen, seine Frau zu überzeugen, daß er ihr in aller Unschuld einen falschen Begriff von der Sache gegeben habe? Oder sollte er’s mit dem alten Sprichwort halten, daß Reden Silber, Schweigen Gold sei? Endlich entschloß er sich, zu schweigen. Er nahm nicht an, daß Zeitungsberichterstatter zugegen gewesen seien und hielt es deshalb für unwahrscheinlich, daß die junge Frau Kaudel ohne sein Zutun den Sachverhalt erfahren werde. Stark im Bewußtsein eines festen Entschlusses, trat er dann kühnlich ein. Sobald aber seine Frau nach dem Verlauf des Festes zu fragen begann, entfloh er aus Angst, sein leidiges Erröten könnte ihn verraten, mit seinen Briefschaften aus ihrem Bereich und begab sich nicht eher ins Schlafzimmer, als bis er annehmen konnte, daß sie schlafe. Mehr als unumgänglich nötig wollte er sich ja gewiß nicht mit Lügen belasten!

* * *

Nach dem Frühstück hatte sich Herr Kaudel in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Er mußte den ganzen Vormittag stramm an der Arbeit bleiben, um wieder einzubringen, was er durch die gestrige Festlichkeit an Zeit eingebüßt hatte.

Auf ein Uhr war ein Laufbursche aus der Druckerei bestellt, der das Manuskript abholen sollte, und er schrieb so eifrig, daß Blatt um Blatt zu Boden fiel wie die rußigen Schneeflocken in London. Mit einem Male kam die junge Frau Kaudel, die »Morgenpost« in der Hand, hereingestürzt, und der erste Blick in ihr ausdrucksvolles Gesichtchen belehrte den Gatten, daß ihm ein Unheil bevorstand.

»Lies das!« sagte sie, ihm die Zeitung derart vors Gesicht haltend, daß er von der übrigen Welt ausgeschlossen war.

»Meine Nase ist leider nicht zum Lesen eingerichtet,« bemerkte Kaudel mit einem Versuch, belustigt zu scheinen, der unter den gegebenen Verhältnissen tragisch wirkte. »Was steht denn drin?«

»Was drin steht?« rief die junge Frau Kaudel mit funkelnden Augen und fliegendem Atem. »Ich will dir’s vorlesen! Es ist ein Bericht über das Fest, dem du gestern abend beigewohnt hast — das langweilige Diner mit ein paar alten, soliden, philisterhaften Geschäftsleuten!«

»Oh!« sagte Kaudel, dem das Blut heiß ins Gesicht stieg. »Waren die Herren vielleicht jünger, als sie aussahen? Ist ihr Alter angegeben?«

»Nein, es heißt: ›In humorvoller Rede brachte Herr Kaudel das Wohl der Damen aus …‹«

»Meine Liebe,« begann Kaudel stammelnd, »ich hatte keine Ahnung — ich gebe dir mein Wort darauf — ich ging zu dem Diner, ohne im entferntesten zu denken, daß Damen dabei sein würden.«

»Wirklich!« rief Frau Kaudel in einem so höhnischen Ton, daß es den Gatten ordentlich durchschauerte. »Wahrhaftig! Und als du nach Hause kamst, wußtest du wohl nicht mehr, daß Damen dabei gewesen waren?«

»Natürlich wußte ich’s dann, ich habe eben … ganz vergessen, es zu erwähnen.«

»Versteht sich! Und die Speisenfolge mitzubringen hast du auch vergessen, und deine Tischrede hast du vergessen, hast ganz vergessen, wie humorvoll du gesprochen hast — denn du sagtest mir doch, du habest nur das Übliche geredet, und es sei abgemacht gewesen, die Tischreden zu beschneiden. Und ich kann dir noch etwas sagen, was du vergessen hast, Wilfrid — daß du verheiratet bist, hast du auch vergessen.«

»Niemals!« rief Kaudel mit dem Mut der Verzweiflung. »Von der Stunde an, da du mir die Ehre erwiesest, deinen Papagei und deinen Vater zu verlassen, um mein bescheidenes Los zu teilen, ist mir die Tatsache des Verheiratetseins nicht einen Augenblick aus dem Sinn gekommen, und du hast sie mir unaufhörlich eingeprägt.«

»Versuche nicht, Ausflüchte zu machen, Wilfrid. Du hast mich hintergangen, wie du recht wohl weißt. Du hast mir deine Begleitung ins Konzert verweigert, um in Gesellschaft andrer Damen zu speisen und in humoristischen Worten ihr Lob zu singen.«

»Ich hatte keine Ahnung, daß es humoristisch gewesen sein soll,« brummte Kaudel zu seiner Entschuldigung.

»O, ich bin überzeugt davon! Außer dem Hause bist du ja immer voll Humor, und ich zweifle gar nicht, daß du der Fröhlichste unter den Fröhlichen warst. Nur daheim bei deiner Frau bist du mürrisch und schweigsam, und kein Mensch darf den Mund auftun! Daheim! Als ob ich ein Heim hätte! Unser Haus ist eine Gruft! Und einen Mann habe ich überhaupt nicht, denn du bist schon mehr ein Trauermarschall!«

Kaudel erhob den Blick anklagend gegen die Zimmerdecke und stöhnte dumpf.

»Ja, stöhnen kannst du! Das ist so ziemlich das einzige, worin deine Unterhaltung mit mir besteht. Aber gestern abend, da hast du nicht gestöhnt, da warst du eitel Liebenswürdigkeit gegen die Damen und hast deine Zunge laufen lassen wie ein Spinnrädchen. Ich bin überzeugt, sie halten dich für einen entzückenden Gesellschafter, und du hast sie ja auch in deiner Rede in den Himmel gehoben.«

»Da steht ja, meine Rede sei humoristisch gewesen,« wagte Kaudel einzuwenden. »Frauen in den Himmel zu heben wird niemand humoristisch nennen, oder?«

»Was in der Zeitung steht, ist mir ganz einerlei; ich glaube den Zeitungen nichts. Früher glaubte ich, was drin stand, aber seit ich weiß, was du hineinschreibst, glaube ich gar nichts mehr.«

»Und daran tust du sehr wohl, Mabel!« rief Kaudel. »Glaube den Zeitungen gar nichts, glaube namentlich der nicht, die du in der Hand hältst — falls es überhaupt eine ist, denn der Wisch sieht eher aus wie Makulatur, womit die billigen Polstermöbel ausgestopft sind.«

Die junge Frau Kaudel schleuderte den Knäuel, wozu sie in ihrer Aufregung die Zeitung zusammengeknüllt hatte, weit von sich.

»O, daß ich’s nicht gelesen hätte!« wehklagte sie. »Dieses Zeitungsblatt hat mein Glück für immer vernichtet; es hat mir das Herz gebrochen, und nie kann ich mehr an dich glauben.«

»Mabel,« sagte Kaudel mit verzweifeltem Ringen nach Manneswürde, »ich kann dich wirklich nicht so töricht weiterreden lassen. Das geht mir über den Spaß, und wenn du behauptest, dein Herz sei gebrochen, weil ich ein Festessen mitgemacht und den Damentoast ausgebracht habe, so ist das einfach lächerlich.«

»Natürlich mache ich mich lächerlich,« entgegnete die junge Frau Kaudel mit einem Schnüffeln, das die nahenden Tränen verkündigte, »lächerlich ist ja jede Frau, die von ihrem Mann erwartet, er werde ihr sagen, wo er gewesen ist, wenn er nachts heimkommt.«

»Ich hab’ dir’s aber gesagt. Du wußtest ganz genau, wohin ich gegangen war.«

»Du sagtest, du müssest« (Schluchzen) »Herrn Tomkins im Präsidium unterstützen, aber daß du den Abend in Damengesellschaft« (Schluchzen) »verbringen und humoristische Reden halten werdest, davon hast du mir keine Silbe gesagt.«

»Ich hab’ dir nicht wohl sagen können, was ich selbst nicht wußte! Die Anwesenheit von Damen kam mir ganz überraschend. Was hätte ich denn machen sollen? Mich auf dem Absatz umdrehen und davonlaufen und Tomkins einen Zettel schicken: ›Da Damen anwesend sind, muß ich heim zu meiner Frau …‹«

»Darum handelt sich’s nicht!« rief die junge Frau Kaudel, ihre Augen trocknend und wieder zur Entrüstung übergehend. »Du treibst Wortfuchserei. Ich sage, daß du nicht das Recht hattest, mir gestern abend zu verheimlichen, daß du in Damengesellschaft warst und den Damentoast ausgebracht hast.«

»Nun, meine Liebe, wenn ich Damen hochleben ließ,« versetzte Kaudel grimmig, »so hast du mir dafür das Leben sauer genug gemacht und wir sind quitt. Lassen wir die Sache ruhen — ich muß an die Arbeit, und du solltest einen Spaziergang machen, um deine Nerven zu beruhigen.«

»Ach, so meinst du’s? Das ist das Richtige! Weil ich mich dagegen auflehne, daß du mir deine Begleitung in ein Konzert abschlägst, um den Abend in andrer — in Damengesellschaft zubringen zu können, möchtest du mich aus dem Hause jagen. Wundert mich eigentlich, daß du mich nicht bei den Schultern nimmst und vor die Türe stellst, da du doch schon einmal so weit bist. Aber du brauchst dir keine Mühe zu machen, ich gehe schon von selbst. Wenn du die Güte haben willst, meinem Vater zu telegraphieren, daß ich heute abend heimkomme, so werde ich jetzt packen.«

Und majestätisch segelte die junge Frau Kaudel zum Zimmer hinaus, Kaudel aber starrte noch eine Weile an die Zimmerdecke hinauf, stieß dann einen gedämpften Fluch aus, sprang auf und eilte ihr nach.

Er fand sie vor dem Spiegelschrank in ihrem Schlafzimmer und sah ihren geöffneten Schmuckkasten auf dem Ankleidetisch stehen.

»Mabel,« rief Kaudel im Ton sanftmütigen Vorwurfs, »du machst mich in raschem Tempo reif fürs Narrenhaus.«

»Versteht sich. Sobald ich dir auf deine Schliche komme, treibe ich dich ins Narrenhaus, du wirst aber dem Kutscher sicher eine ganz andre Adresse angeben, wenn du eine Droschke nimmst.«

»Mabel, meine liebe Mabel, ich bitte dich, nimm Vernunft an. Es tut mir furchtbar leid, daß ich in einem solchen Mißverständnis über dieses Diner befangen war. Mehr kann ich nicht sagen. Und nun sei so gut und laß die Geschichte ruhen und mich laß arbeiten. Wir wollen dann zusammen bei Verrey frühstücken und darauf in der Bondstraße Einkäufe machen — ich stelle dir zwanzig Pfund zur Verfügung.«

»Nein, Wilfrid,« entgegnete die junge Frau Kaudel mit Festigkeit. »Ich kann für meine gekränkte Frauenwürde kein Geldgeschenk als Entschädigung annehmen. Ich gehe nach Haus zu meinem Vater und meinen Schwestern und will nichts mitnehmen, als was wirklich mein Eigentum ist. Hier, nimm den Schmuck zurück, den du mir gegeben hast.«

Kaudel lächelte.

»Halt, Mabel!« sagte er. »Zu dieser dramatischen Szene müssen wir die entsprechende Musik haben …«

Und er sang greulich falsch mit rührend tragischer Miene:

»Ich hab’ mich gern für dich geschmückt,
Solang mein Lieben dich beglückt.
Nun, da mein Herz sich von mir wandt’,
Nimm ihn zurück, den eitlen Tand!«

Kaudels Gesang pflegte stets unwiderstehlich komisch auf seine Frau zu wirken. Auch jetzt ließ der gespannte Zug um ihren strengen kleinen Mund nach, und mit einem Mal erschallte, trotz all ihrer Gegenwehr, ein helles, lustiges Lachen.

»So ist’s recht,« sagte Kaudel. »Wir sind also wieder gut Freund, nicht wahr?«

»Nun ja … ich will … ich will dir’s noch einmal verzeihen, aber ich bitte dich, Wilfrid, sei offener gegen mich! Hab keine Heimlichkeiten, daß ich dir vertrauen kann. Sorge du dafür, daß ich nicht mehr, wenn du unter irgend einem Vorwand ausgegangen bist, daheim sitze und mir den Kopf zerbreche, ob du nun auch wirklich an dem Ort seiest, den du mir angegeben, oder nicht sonstwo Damentoaste haltest.«

»Mein liebes Kind, ich verspreche dir noch mehr: Ehe ich eine Einladung zu einem Bankett annehme, werde ich in Zukunft mit bezahlter Antwort telegraphisch beim Absender anfragen: ›Bitte um Auskunft, ob Damen anwesend sind, meine Frau will es wissen.‹«

»Tu das, mein Lieber, dann werde ich ganz, ganz zufrieden sein.«

* * *

»Der Friede war wieder hergestellt,« setzt Kaudel hinzu. »Ich ging hinunter und schrieb meinen Artikel fertig, auf den der Laufbursche von der Druckerei allerdings eine halbe Stunde warten mußte. Dann frühstückten wir auswärts und gingen darauf in die Bondstraße, wobei sich mir die Wahrheit des alten Sprichworts deutlich bestätigte. Mein Schweigen war in der Tat Gold gewesen, das die junge Frau Kaudel mit vollen Händen ausgab.«

Die junge Frau Kaudel pflückt Primeln.

Die junge Frau Kaudel sah zum Fenster hinaus und seufzte. Kaudel war infolge der teuflischen Erfindung, die man Frühjahrsreinemachen nennt, obdachlos und mußte am unteren Ende des Eßtisches einen Stoß Korrekturen durcharbeiten. Es war gegen elf Uhr vormittags und heller Frühlingssonnenschein durchflutete das Zimmer.

Der Kanarienvogel hüpfte in gehobener Stimmung im Käfig herum und schmetterte Triller hinaus, die dem Ohr des Schriftstellers wohlgefällig gewesen wären, hätte ihm die junge Frau Kaudel nicht bei jeder neuen Jubelarie zugerufen: »Höre doch!« Er ertrug auch dies, bis er zum siebenten Mal innerhalb einer Viertelstunde aufgefordert wurde, auf den Vogel zu hören, dann erst blickte er mit einem Laut des Unmuts auf.

»Wie in aller Welt soll ich Korrekturen lesen, wenn du meine Aufmerksamkeit fortwährend ablenkst durch die Ermahnung, dem Vogel zuzuhören?«

»Bedaure sehr,« sagte die junge Frau Kaudel, die Achseln zuckend, »aber ich konnte nicht annehmen, daß ein bißchen Vogelgezwitscher deine Aufmerksamkeit ablenken würde, besonders da du ja nicht arbeitest, sondern liest.«

»Ich arbeite. Jedes Wort muß mit der gesammeltsten Aufmerksamkeit geprüft werden.«

»Und davon lenkt dich das arme Vögelchen ab! Unglaublich! Man denke sich einen Menschen, der nicht lesen kann, weil ein Vogel singt! Wie viele Leute setzen sich im Sommer mit ihren Büchern in Gärten, wo Hunderte von Vögeln singen! Mein Vater pflegte immer die Morgenzeitung in unserm Garten zu lesen und hat sich nie über die Vögel geärgert. Freilich hab’ ich einmal von einem Mann gehört, der nachts das Fenster aufgerissen und seine Stiefel nach einer Nachtigall geworfen habe. Bisher hielt ich die Geschichte für erfunden, jetzt aber kann ich mir die Sache lebhaft vorstellen — jedenfalls war es ein Schriftsteller. Vielleicht täte ich wohl daran, den Kanarienvogel hinauszunehmen, eh’ du deine Stiefel nach ihm wirfst. Solch ein Einfall würde dir ähnlich sehen und würde sich bei einem Mitglied des Vereins zum Schutz der Singvögel besonders nett machen.«

»Meine liebe Mabel!« rief Kaudel, den Stoß Korrekturen ärgerlich zurückschiebend. »Ich habe dir schon gesagt, daß es nicht der Vogel ist, was mich stört.«

»Ach, dann bin ich das Ärgernis? Falls du etwas nach mir werfen willst, nimm nur nicht gerade die Stiefel — ich will dir deine Pantoffel holen.«

»Du bist heute vormittag in gereizter Stimmung. Ist dir nicht wohl?«

»O doch, mir ist so wohl, als es einem Menschen sein kann, der den ganzen Morgen in einem Londoner Haus eingesperrt ist und den Mund nicht auftun darf, weil sein Nebenmensch Korrekturen liest. Du liest ja immer Korrekturen und dieses Haus ist ein Gefängnis.«

»Weshalb nicht lieber ein Zuchthaus, wenn du schon daran bist?« gab Kaudel lächelnd zurück.

»Ja, du kannst natürlich Witze machen darüber, Du kommst ohne Licht und Sonnenschein aus, weil du in London geboren bist. Ich aber bin auf dem Land geboren und aufgewachsen, ich entbehre Wiesen, grünende Hecken und Blumen. Hinter unserm Haus sind prächtige Wälder, und sobald der Frühling kam, pflückten wir Veilchen und Primeln drin. Du hast keine Ahnung, wie mir zu Mut ist, wenn ich die elenden, welken, armen Dinger von Veilchen und Primeln sehe, die man hier in den schmutzigen Straßen feilhält. Sie erzählen mir von grünen Wiesen und sonnigen Wäldern, und dann faßt mich eine namenlose Sehnsucht — ach, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sie schmerzt! — einmal wieder unter den Primeln zu sein, und wär’s auch nur für einen einzigen Tag!«

Kaudel sah den hungrigen, schmerzlichen Blick seines jungen Weibes und war besiegt.

»Das ist ein Stück Poesie in dir, mein liebes Kind, und ich kann dir alles wohl nachfühlen. Mich selbst überkommt manchmal im Sommer solch brennende Sehnsucht — nur fort von London! Nur einen Kieselstein ins Meer werfen können!«

»Das ist ganz etwas anderes! Ich möchte nicht Steine nach den Blumen werfen, ich möchte sie pflücken!«

»Gewiß, gewiß, obwohl der Kieselstein, den ich in die See werfe, diese weit weniger schädigt, als das Pflücken die Blume! Ich liebe die See.«

»Merkwürdige Art, seine Liebe zu zeigen — indem man ›Steine‹ wirft! Vielleicht warf jener wunderliche Kauz die Stiefel auch aus Liebe nach der Nachtigall!«

»Möglich. Und wenn du mich liebst, so wirst du jetzt ein gutes Kind sein und nicht mehr sprechen, bis ich mit diesen Korrekturen fertig bin. Könntest du nicht etwas lesen?«

»Nein, ich habe zu nichts Ruhe. Das macht der Sonnenschein, der Frühling. Wilfrid, ich möchte fort, hinaus und Blumen pflücken. Können wir nicht aufs Land gehen, und wenn’s nur für einen einzigen Tag wäre. Liebster?«

Kaudel sah die Möglichkeit eines Vergleichs dämmern und griff darnach.

»Ja, das wird sich vielleicht machen lassen. Wenn du mich heute gänzlich ungestört hier sitzen läßt bis zum zweiten Frühstück, so wollen wir morgen früh aufstehen und mit der Bahn nach einem Örtchen fahren, wo es herrliche Wälder gibt. Das Nest heißt Lederbach, was gerade nicht sehr poetisch klingt, die Wälder aber sind’s trotzdem. Da fahren wir morgen hin und pflücken den lieben langen Tag Veilchen und Primeln.«

»O, wie entzückend!« rief die junge Frau Kaudel, in die Hände klatschend. »Nun du mir das versprochen hast, sollst du mich bis zur Frühstückszeit weder sehen noch hören, du sollst gar nicht merken, daß ich im Haus bin!«

Und eine Tanzmelodie vor sich hinsummend, trippelte sie zum Zimmer hinaus. Da sie aber unfehlbar jede Türe offen stehen ließ, hörte Kaudel sie auf der Treppe singen:

»Den Strauß hab’ ich gepflücket
Und ihn ans Herz gedrücket …«

Einen Augenblick lauschte er lächelnd der frischen jungen Stimme, dann stand er mit einem Seufzer auf, machte die Türe zu und gab sich einen Ruck, um wieder in Arbeitsstimmung zu kommen.

Kaudel würde sich den Tag, der darnach anbrach, nicht gerade zum Blumenpflücken ausgesucht haben. Der Wind war ein wenig frisch, in der Nacht hatte es stark geregnet und in seinem rechten Fußknöchel spürte er ein rheumatisches Zucken. Seine Frau hatte aber ihr ganzes Herz an den versprochenen Ausflug gehängt, und so machte man sich denn richtig auf. Das einzige, worauf Kaudel bestand, war, daß sie ihren Regenmantel und Schirm mitnahm, und darin lag sicherlich keinerlei Selbstsucht, denn er wußte, daß er diese Ausrüstung den ganzen Tag zur seinigen hin würde schleppen müssen.

In Lederbach waren die Wege etwas schmutzig, und Kaudel erklärte mit einem forschenden Blick auf den Himmel, daß es praktischer sein werde, jetzt, um halb zwölf Uhr, erst zu frühstücken und nachher in den Wald zu gehen.

Sie entdeckten einen vielversprechenden Gasthof, aber der Braten war noch nicht fertig, und so bestellte Kaudel Koteletten. Die junge Frau Kaudel erklärte zwar, es sei barbarisch, die Zeit mit Warten auf Koteletten zu vergeuden, aber Kaudel hatte eine etwas schwierige Verdauung und scheute kaltes Fleisch.

»Nehmen wir Butterbrot und Käse,« schlug die junge Frau Kaudel vor.

»Liebes Kind, Käse ist mein Tod. Ich habe seit Jahren keinen angerührt. Du willst doch nicht haben, daß ich nachher im Wald zusammenbreche und mich in Schmerzen winde, oder?«

»Großer Gott, nein! Wie greulich, sich so etwas auszumalen! Ich hatte mir’s so himmlisch vorgestellt, einen glückseligen, idyllischen Tag unter Primeln zu verleben!«

»Das wird auch kommen,« sagte Kaudel, stieß aber dabei einen unfreiwilligen Schmerzenslaut aus, denn in dem unglücklichen Knöchel begann ein heftiges Zerren.

»Was ist dir, Lieber?« rief die junge Frau Kaudel, über seinen Gesichtsausdruck erschreckend.

»Nichts, nichts!« versetzte Kaudel. »Ich habe mich nur auf die Zunge gebissen.«

Die Koteletten kamen lange nicht, wenigstens erschien die Zeit der jungen Frau, die sich ungeduldig nach dem Wald sehnte, endlos.

»Jetzt könnten sie aber fertig sein,« erklärte sie. »Ich hab’ doch nicht eine Reise gemacht, um hier mit dem Fahrplan vom vorigen Jahr und dem ›Surreyboten‹ in der Stube zu sitzen.«

Sie begann etwas gereizt im Zimmer auf und ab zu gehen, und der dadurch beunruhigte Gatte klingelte und befahl dem Kellner, die Koteletten »tot oder lebendig« zu bringen.

Der Jüngling starrte ihn an und verschwand.

»Wie abgeschmackt, derart mit einem landfremden Kellner zu reden,« bemerkte die junge Frau Kandel zänkisch. »Der versteht doch deinen sogenannten Humor nicht und hält uns für Tollhäusler.«

»Meine Liebe, Humor lag mir im Augenblick sehr fern. Es ist mir nur so entfahren. Ich wollte eigentlich sagen: durchgebraten oder nicht.«

Die Koteletten waren nicht durchgebraten, was einzig und allein Kaudels Schuld war. Da weder er noch seine Frau Liebhaber von blutigem Fleisch waren, beschwerten sie ihre Magen durchaus nicht. Kaudel verbiß seinen Hunger und klingelte schon nach der Rechnung, während er sein Fleisch mit Worcestersauce übergoß, um die Röte nicht zu sehen. Dann wurde sofort aufgebrochen nach dem Wald.

Er war eine gute halbe Meile vom Gasthof entfernt, aber die junge Frau Kaudel freute sich des Spaziergangs, spähte durch die grünenden Hecken und lauschte den Vögeln, die sie am Gesang erkannte, obwohl Kaudel darin keine große Verschiedenheit entdecken konnte. Ihr warmes Interesse für Singvögel kam ihm aber sehr zu statten, denn so oft sie ihm einen Namen genannt hatte, konnte er sagen: »Warte ein wenig; ich will sehen, ob du recht hast,« und die Gelegenheit, stillzustehen, war eine Wohltat für sein Bein. Die Schmerzen waren recht heftig geworden; besonders wenn er den Fuß auf einen losen Stein setzte, war er genötigt, ein paar Ellen weit auf dem andern zu hüpfen.

»Warum machst du denn so seltsame Sprünge?« fragte die junge Frau Kaudel, über des Gatten turnerische Leistungen erstaunt.

»Auf dem Land gehe ich immer so,« behauptete er. »Ich bin so glücklich, daß ich mir einbilde, ein junges Lämmchen zu sein, das über ›Stock und Stein‹ hüpft.«

Endlich war der Wald erreicht, und zwar zu Kaudels großer Erleichterung, denn da er zwei Regenmäntel und zwei Schirme zu tragen hatte, war er etwas müde geworden und hatte sich erhitzt.

Mit einem Jubelruf stürzte sich die junge Frau Kaudel ins Dickicht. Ihr mochte zu Mut sein wie einem Schiffbrüchigen, der wieder festen Grund unter sich fühlt. Kaudel folgte ihr behutsam, denn das Gras war naß und Primeln sah er keine. Er spähte ängstlich um sich. Wenn doch am Saum des Waldes ein netter Felsbrocken gewesen wäre, wo er, gegen einen Stamm lehnend, hätte ausruhen können, aber er sah nur welkes Laub, Gestrüpp und Unterholz, alles noch durchnäßt vom nächtlichen Regen.

»Nur vorwärts!« sagte die junge Frau Kaudel. »Im Herzen des Waldes finden wir Primeln genug; sie suchen sich immer nette schattige Plätzchen aus.«

Leichtfüßig stieg sie über das Gestrüpp. Kaudel folgte, vorsichtig einen Pfad suchend, und endlich gelangten sie zu den Primeln. Jauchzend flog Frau Kaudel in die feuchte sumpfige Niederung, wo die blaßgelben Blümchen standen, kauerte nieder und pflückte sie in das Körbchen, das sie zu dem Zweck mitgebracht hatte.

»O!« rief sie plötzlich. »Sieh nur die wunderschönen da drüben!«

Sie drang tiefer und tiefer in den Wald hinein, und da Kaudel den Blumenkorb zu tragen hatte, mußte er wohl oder übel Schritt mit ihr halten, so gut es ging. Sich zu rheumatischen Schmerzen zu bekennen, brachte er aus Eitelkeit nicht über sich, ja er gab sich gewaltsam den Anschein, seelenvergnügt zu sein. Gelegentlich bückte er sich sogar, um selbst eine Blume zu pflücken, obwohl die beiden jetzt einen Waldwinkel erreicht hatten, wo das Gras so naß war, daß die Handschuhe, die Kaudel angezogen hatte, um das Gestrüpp beiseite zu schieben, vollständig durchnäßt wurden.

»Komm nur,« sagte Frau Kaudel. »Ich bin überzeugt, daß wir weiter drinnen immer noch schönere finden.«

Kaudel war willig, aber der Rheumatismus nicht. Er versuchte, weiterzugehen, konnte aber nur noch humpeln, und so mußte er sein Leiden eingestehen.

»Ich kann nicht weiter,« sagte er. »Ein plötzlicher Anfall von Rheumatismus …«

»O Wilfrid!« rief die junge Frau Kaudel. »Klage doch nicht über Rheumatismus. Das ist so furchtbar ältlich.«

»Keineswegs!« entgegnete er entrüstet. — »Das Übel ist seit Jahrhunderten in meiner Familie; meine Schwester hat schon daran gelitten, als sie erst sieben Jahre alt war.«

»Armer Kerl!« sagte die junge Frau Kaudel mitfühlend. »Stütze dich auf mich, ich will dich aus dem Wald hinausbringen.«

Sie streckte ihren Arm aus, daß er sich darauf stütze, und dabei fiel ihr Blick auf ihr Handgelenk.

»O Wilfrid! Ich habe mein Armband verloren!«

»Das Armband von mir aus der Brautzeit?«

»Ja, und deshalb darf’s nicht verloren sein! Ich weiß gewiß, daß ich’s noch hatte, als wir in den Wald kamen. Ich muß es suchen.«

Und spornstreichs lief sie in der Richtung zurück, aus der sie herkamen. Kaudel wollte ihr folgen, blieb aber stöhnend stehen.

»Bleib, wo du bist!« rief ihm seine Frau zu. »Ich komme zu dir, sobald ich das Armband habe.«

* * *

Kaudels Schlußbemerkungen zu diesem Abschnitt sind ergreifend:

»Den Fuß in die Luft streckend, lehnte ich gegen einen Baum und empfand eine Weile lang nichts als die Wohltat der Ruhe. Mit einem Male aber befiel mich eine Angst, denn ich sah und hörte nichts mehr von meiner Frau. Ich rief — keine Antwort. Sie zu suchen, wagte ich nicht, denn wir hätten beide den ganzen Wald durchstreifen können, ohne uns zu begegnen. Sie hatte mir befohlen, zu bleiben, wo ich war, ich blieb also; mit einem Male aber begann es heftig zu regnen. Frau Kaudel hatte beide Regenmäntel und beide Schirme bei mir zurückgelassen. Ich fluchte der Stunde, da ich auf Primelnsuchen im nassen Wald eingegangen war, und überlegte mir, ob ich nicht in den Gasthof zurückgehen und von dort Leute ausbieten solle, die den Wald nach ihr durchstreiften, aber so lahm, wie ich war, würde ich eine Stunde gebraucht haben, um hinzuhumpeln.

»Während ich mir noch überlegte, ob ich nicht auf den Baum klettern und von da aus nach Hilfe rufen solle, kam meine Frau. Sie war durchnäßt, die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, aber sie hielt mir triumphierend das Armband vor die Nase.

»Die Freude, sie heil und ganz wiederzuhaben, ließ mich für den Augenblick meine Schmerzen vergessen. Auf ihren Arm gelehnt, arbeitete ich mich auf die Straße hinaus, wo wir zum Glück einen leeren Fiaker trafen, der uns zum Bahnhof beförderte.

»Als wir den Mann abgelohnt hatten und uns im Wartesaal niederließen, rief meine Frau plötzlich: ›Wo sind denn die Blumen?‹

»Ich hatte das Körbchen im Wald neben mich gestellt und dort gelassen.«

Herr Kaudel gibt eine Zeitung heraus.

Herr Kaudel hatte die Herausgabe einer neuen Wochenschrift unternommen. Seiner Frau machte er nicht früher, als unbedingt nötig war, Mitteilung davon, und sie nahm zu seiner Überraschung die Nachricht sehr freudig auf.

»Das ist ja reizend!« rief die junge Frau Kaudel. »Natürlich mußt du jetzt ein Haus machen und ich — ich werde Paderewski und Chamberlain und Madame Melba und Balfour und Pinero und Lord Roseberry und Ellen Terry und all diese großen Tiere bei meinem Fünfuhrtee haben, obwohl der Himmel weiß, wo wir sie in diesem Haus unterbringen sollen, da ja alle Stuben für dich und deine Arbeit belegt sind. Eigentlich sollten wir zu allererst ausziehen, mein Lieber, und zwar mehr in die Nähe von Mayfair. Am Berkeley Square sind die Wohnungen wohl sehr teuer?«

»Berkeley Square! Das laß dir ja nicht einfallen! Ich kann doch nicht mein ganzes Einkommen verwohnen; Deine Hüte und Kleider wollen auch bezahlt sein!«

»Nun müssen wieder meine Hüte und Kleider herhalten, als ob ich die luxuriöseste Frau in ganz London wäre! Es ist abgeschmackt, von dem bißchen, was ich das Jahr über brauche, überhaupt zu reden … da hättest du andre Damen heiraten sollen!«

»Die Gesetze des Landes erlauben das leider nicht,« versetzte Kaudel lächelnd. »Eine Frau auf einmal ist alles, was hier dem Mann vergönnt ist.«

»Das kommt dir zu statten,« sagte die junge Frau Kaudel, ein Gesicht schneidend, »denn wenn du schon über Hut und Kleid für eine Frau solch ein Aufhebens machst, was würdest du erst beginnen, wenn sechs Frauen Hüte und Kleider haben wollten! Die armen Dinger bekämen wahrscheinlich alle miteinander nur einen Hut, und fünf müßten daheim bleiben, wenn eine ausginge!«

»Nicht übel, Mabel. Aber lassen wir jetzt das halbe Dutzend mit einem Hut — ich wollte ja mit dir über meine Zeitung sprechen.«

»Und das interessiert mich riesig. Liebster! Was ich für dich tun kann, soll geschehen! Ich könnte vielleicht die Modeberichte übernehmen. Da müßte ich die großen Schneiderinnen und Modistinnen besuchen und bekäme die hübschesten Sachen zu tragen — umsonst. Das wäre eine große Ersparnis für dich! Dann könnte ich auch alle Konzert- und Theaterplätze für Erstaufführungen benützen, und ich würde dir alles haarklein erzählen, wenn ich heimkäme, dann könntest du berichten. Und all die Bücher, die einlaufen werden, schicken wir meinem Vater; er ist ja solch ein Bücherwurm. Und du stehst natürlich auf Seite der Regierung, was ja deinen Ansichten entspricht, und da wirst du mit der Zeit geadelt werden. Nicht als ob ich mir viel aus derlei Geschichten machte, aber nett wär’s schon, wenn ich mit einem Titel heimkäme, denn ich war in der Schule mit unsrer nächsten Nachbarin zusammen und die hat mich nie leiden können und würde sich grün und blau ärgern, wenn ich Lady Kaudel hieße. Und wenn sie so heillos lärmen auf dem Klavier, könnte mein Vater hinüberschicken und sagen lassen: ›Ihre Herrlichkeit Lady Kaudel läßt um Stille bitten, weil sie Kopfschmerzen hat.‹«

»Meine liebe Mabel …« begann Kaudel, um den Redestrom seiner Frau zu hemmen.

»Ach, ich weiß schon, was du sagen willst! Du meinst, ich sei rachsüchtig, das ist aber nicht der Fall. Natürlich sage ich ja das nur im Spaß, aber das Mädchen war wirklich unausstehlich gegen mich in der Schule, und als sie von meiner Verlobung mit einem Schriftsteller hörte, sagte sie: ›Armes Ding! Was für eine unsichere Existenz!‹ Wahrscheinlich hatte sie nie etwas von dir gehört, das heißt, nein — sie pflegte ja deine Gedichte herzusagen, und das hat mich eigentlich gegen dich eingenommen, denn sie deklamierte sie herzlich schlecht. Ich denke wirklich mehr an dich, als an mich, wenn ich sage, es wäre sehr nett, als Frau des ›Sir Wilfrid Kaudel‹ daheim einen Besuch zu machen.«

»Es tut mir leid, dein herrliches Luftschloß zerstören zu müssen, liebes Kind, aber die Zeitschrift, die ich herausgeben werde, ist nicht von der Art, die dir vorschwebt.«

Der leuchtende Blick, womit die junge Frau Kaudel ihrem Gatten den Adelstitel verliehen hatte, verdüsterte sich.

»Nicht von der Art!« rief sie. »Von was für einer denn? Hoffentlich gründest du kein Witzblatt, um deine trostlosen Kalauer unterzubringen! In dem Fall würde ich deine Zeitung nie lesen. Du weißt ja, daß ich dir oft gesagt habe, wie sehr mir Kalauer zuwider sind. Mein Vater pflegte ja den lieben langen Tag welche zu machen, bis man sich zuletzt wirklich mehr wie im Puppentheater vorkam, als in einem christlichen Haushalt.«

»Kalauer werden in meiner Zeitung nicht vorkommen, darüber kannst du dein Gemüt beruhigen. Es wird ein munteres Plauderblatt werden, voll charakteristischer Züge, wie die Amerikaner sagen, und tiefere Lebensfragen werden ebenso darin berührt werden wie die oberflächlicheren.«

»O Wilfrid, das erinnert an ein Volkskonzert mit ein paar Balladen.«

»Durchaus nicht. Ich halte meine Idee für gut und zugkräftig, jedenfalls werde ich alles aufbieten, daß sie einschlägt.«

»Vermutlich so ein Sammelsurium von ›Gedankensplittern‹?«

»Nein, es werden nur Originalbeiträge drin sein, aber warte es nur ab. Ich mußte jetzt schon mit dir darüber sprechen, weil die Redaktion mich zwei oder drei Tage in der Woche von Haus fernhält. Ich muß natürlich auf dem Bureau sein.«

»Bureau?« rief die junge Frau Kaudel. »Wozu brauchst du ein Bureau? Du bist doch Schriftsteller?«

»Gewiß, aber als Herausgeber einer Zeitung muß ich auf dem Redaktionsbureau sein und die Einzelheiten ihrer Herstellung leiten.«

»Eine nette Bescherung für mich! Das hast du mir seinerzeit nicht gesagt, daß du Tag für Tag aufs Bureau gehen werdest. Da wirst du nun wohl um acht Uhr Frühstück haben wollen und mit einer schwarzen Ledermappe nach der Stadtbahn stürzen, eh’ ich Zeit gehabt habe, irgend etwas mit dir zu besprechen! Hoffentlich erwartest du nicht von mir, daß ich dir in dein Bureau nachlaufe, so oft ich etwas zu fragen habe!«

»Gewiß nicht, Liebe. Ich wünsche überhaupt nicht, daß du auf mein Bureau kommst, und ich bin auch nicht Tag für Tag dort. Die Hauptarbeit werde ich wie sonst zu Haus und am Abend erledigen.«

»Wenn du dir in den Kopf gesetzt hast, noch mehr zu arbeiten als bisher, so muß es eben sein,« sagte die junge Frau Kaudel mit einem Seufzer. »Meiner Ansicht nach hätte das Bisherige genügt. Aber das sage ich dir, Zeitung hin, Zeitung her, das erwarte ich, daß du zweimal in der Woche abends mit mir ausgehst. Ich hab’ nicht im Sinn, mein Leben lang daheim zu hocken und nichts zu sehen und zu hören, nur weil ich einen Mann geheiratet habe, der an nichts denkt, als an seine Arbeit!«

»Du sollst deine zwei Abende haben, das versteht sich, mein Lieb, aber nur im Anfang, solltest du mich ein Weilchen nicht plagen, denn weißt du, ich nehme eine große Verantwortlichkeit auf mich und habe in der ersten Zeit viel zu denken.«

»Nicht plagen im Anfang? Ich weiß nicht, was du damit meinst. Plage ich dich jemals?«

»Nun, mein Herz, ein bißchen angreifend bist du schon manchmal.«

»Angreifend? Ich! O Wilfrid, du solltest dich schämen! Unter Tausenden würde sich nicht eine einzige Frau mit einem Mann zufriedengeben, der nirgends hingehen kann wegen seiner Arbeit. Wir geben keine Gesellschaft, weil du keine Zeit hast, ich habe keinen jour fixe, weil du keine Zeit hast. Statt den Abend mit mir zu verbringen, wie es einem anständigen Ehemann geziemt, schließt du dich in deine Stube ein, und komme ich nur auf einen Augenblick, um zwei Worte mit dir zu sprechen, so führst du dich auf, daß ich mich schon manchmal gefragt habe, ob du nicht geisteskrank seist. Und nun willst du zu allem hin noch eine Zeitung gründen und ein Bureau haben!«

»Nun da ist jedenfalls keine schlechte Absicht dabei, und du solltest dich am wenigsten beklagen. Wenn ich meine Einkünfte vermehre, so kommt das doch auch dir zu statten.«

»Hast du im Sinn, mir mein Nadelgeld zu verdoppeln? Ich komme ganz gut damit aus und verwende immer noch einen Teil für den Haushalt.«

»Darüber wollen wir später sprechen,« versetzte Kaudel hastig. »Jetzt muß man einmal abwarten, ob die Zeitung einschlägt.«

»Gut, aber vergiß nicht, daß du dich an zwei Abenden der Woche mir widmen mußt, darauf bestehe ich. Im übrigen will ich dir dein Bureau lassen und werde auch nicht hinkommen, da du mich ja nicht haben willst. Laß dir aber nicht einfallen, den ganzen Tag dort zu stecken und nicht zu Tisch zu kommen. Schicke mir keine Telegramme: ›Auf dem Bureau aufgehalten!‹, weil ich derlei Zeug aus den Zeitungen kenne und auch aus einer Posse im Theater. ›Im Bureau aufgehalten, warte nicht auf mich mit dem Essen!‹ telegraphieren die Männer ihren Frauen, wenn sie sich amüsieren wollen. Und im zweiten Akt ging’s dann hübsch her! Seit ich das Stück gesehen habe, glaube ich nicht mehr an ›geschäftliche Abhaltungen‹; das hat mir die Augen geöffnet.«

»Schwatz doch nicht so dummes Zeug, Mabel! Was sollte ich denn anstellen? Etwa allein auf einen Coventgardenball gehen? Für derlei Dummheiten hab’ ich keine Zeit!«

»Mag sein, aber Wilfrid, wenn ich denken müßte, du würdest hingehen, wenn du Zeit hättest, das würde mich furchtbar unglücklich machen.«

»Dann denk’s eben nicht! Ich kümmere mich um nichts in der Welt, als um meine Arbeit und dich.«

»Sehr richtig, daß du deine Arbeit voranstellst. Ich erwarte übrigens, daß du ein Privattelephon zwischen deiner Wohnung und dem Bureau einrichtest, und wenn du um fünf Uhr nicht heimkommst, werde ich dir anläuten.«

»Meine liebe Mabel,« versetzte Kaudel ernsthaft, »ich bitte dich, mein Geschäft als Geschäft und nicht als Stoff für eine Posse anzusehen. Demnächst wirst du behaupten, ich hätte das Bureau nur erfunden, um allein ausgehen zu können.«

»Als ob du einen Vorwand brauchtest! Du gehst ja immer dahin, wohin du Lust hast. Wer dich reden hört, könnte denken, ich ließe dich keinen Schritt allein gehen, und ich dränge dir doch meine Gesellschaft wahrhaftig nicht auf. Ich hab’ mir immer eingebildet, es mache dir Vergnügen, wenn ich dich spazieren führe.«

»Tut es auch! Die Art und Weise, wie du dich erbietest, den Hund und mich eine halbe Stunde spazieren zu führen, ist geradezu ein Gedicht!«

»Warum brummst du dann darüber?«

»Ich brumme ja nicht, Liebchen. Nur mitunter muß ein Zeitungsschreiber, ein Literat, auch allein ausgehen.«

»Wilfrid, mir scheint, daß für dich das Heiraten ein großer Mißgriff war. Zu Haus darf man nicht mit dir sprechen, weil es den Fluß deiner Gedanken hemmt; wenn du ausgehst, magst du deine Frau nicht mitnehmen, und nun du ein Bureau hast, wirst du wütend beim bloßen Gedanken, ich könnte dir anläuten. Wenn wir uns nie unterhalten, weiß ich nächstens nicht mehr, wie meine eigene Stimme klingt. Ich werde mich telephonisch mit meinem Vater verbinden lassen müssen und mit ihm sprechen, um mich vor Gehirnschwund zu bewahren. Was die Leute wohl von dir denken würden, wenn sie wüßten, daß du ein Mädchen aus einer glücklichen Häuslichkeit weggenommen hast und sie nur noch telephonisch mit einem Vater in Birmingham verkehren läßt, während sie so gern mit jemand plaudern möchte!«

»Mein liebes Kind, rede doch keinen so entsetzlichen Unsinn. Du kannst mit mir plaudern, so oft du willst, und tust es auch — falls man es Unterhaltung nennen kann, wenn der eine Teil ununterbrochen eine halbe Stunde fortspricht, während der andre höchstens ein Wort dazwischenwerfen kann! Aber zanken wir uns nicht. Ich habe dir gesagt, daß ich eine neue Zeitschrift gründe und daß ich zwei Tage der Woche auf dem Redaktionsbureau sein muß, und ich muß dich bitten, dir nicht in den Kopf zu setzen, daß ich Telegramme aushecke, um einen freien Abend zu haben, wie die verlumpten Ehemänner in abgeschmackten Possen.«

»Ich werde mir alles mögliche in den Kopf setzen, wenn ich kein Telephon bekomme, und zwar ein Privattelephon. Ich will nicht eine halbe Stunde an der Umschaltstelle klingeln und dann mit jemand verbunden werden, der mich anschreit: ›Falsche Nummer, abklingeln!‹, so grob, als ob ich ein Bettelbrief wäre. Nein, Wilfrid, ich muß am einen Ende des Drahts sein und du am andern, oder ich werde ins Bureau kommen und dort sitzen, bis du fertig bist.«

* * *

»Schließlich,« schreibt Kaudel, »gab ich nach und bestellte ein Privattelephon. Ich tat’s wider bessere Überzeugung und nichts Gutes ahnend; wenn ich aber hätte wissen können — doch wir wissen’s eben nie.«

Die junge Frau Kaudel läutet an.

Die neue Zeitschrift war ins Leben getreten, und Kaudel begab sich, nicht ohne ein Gefühl der Bangigkeit über die Wirkung auf sein häusliches Leben, zweimal die Woche aufs Redaktionsbureau des »Jedermann«, wie seinen Sprößling bescheiden getauft hatte.

Die Herstellung der von Frau Kaudel befohlenen telephonischen Verbindung hatte einige Schwierigkeiten und erfuhr Verzögerungen, was Frau Kaudel sehr ungeduldig machte, denn sie hatte ihrer Versicherung nach an diesen zwei Tagen beständig das Gefühl, als ob sie auf einer wüsten Insel säße und ihr Mann auf einer andern. Von ihr gedrängt, schrieb Kaudel in Zwischenräumen humoristische und sarkastische Briefe an den Sekretär der Telephongesellschaft, worin er geltend machte, daß er die telephonische Verbindung zwischen Wohnung und Geschäft zu seinen Lebzeiten nötig habe, und daß bei ihrer etwaigen Ausführung nach Ablauf der ihm vergönnten Spanne Zeit und Verlegung seines Wohnorts ins Jenseits das Anläuten wesentlich erschwert sein werde.

Nur einmal drang die junge Frau Kaudel während der telephonlosen Zeit in ihres Mannes literarischen Schlupfwinkel ein, um die düstern Räume der Redaktion des »Jedermann« mit dem Sonnenschein ihrer Gegenwart zu durchleuchten. Nun traf es sich, daß in dem Augenblick, da die junge Frau Kaudel die drei Treppen erklommen hatte, die zum Bereich des Herausgebers führten, und, etwas außer Atem, mit einem scherzhaften »Puh!« ins Heiligtum hereinplatzte, dieser Herausgeber eben einem weiblichen Mitarbeiter auseinandersetzte, daß ein halbes Dutzend französischer Ausdrücke in jedem Abschnitt ihres sonst verdienstvollen Aufsatzes über »Häusliches Leben in Deutschland« seinem literarischen Geschmack zuwiderlaufe.

Als die junge Frau Kaudel ihren Gatten dem weiblichen Mitarbeiter zulächeln und den weiblichen Mitarbeiter lächelnd zu ihm aufblicken sah, gurgelte sie ein gedämpftes »Oh!« heraus, warf die Türe schmetternd ins Schloß und stürzte, vor Entrüstung bebend und an unausgesprochenen Bemerkungen fast erstickend, die Treppe hinunter.

Kaudel, dessen Wangen, als er den Gesichtsausdruck seiner Frau sah, krebsrot geworden waren, sprang auf und lief, den weiblichen Mitarbeiter hastig um Entschuldigung bittend, hinter der Verschwundenen her. Im zweiten Stock vor der Redaktion der »Christlichen Blätter«, die Dach und Fach mit dem »Jedermann« teilte, holte er sie ein; da aber die Türe eines Redaktionszimmers offen stand, mußte auch er auf unumwundenen Ausdruck seiner Gefühle verzichten.

»Mabel,« raunte er ihr zu, »weshalb dieses merkwürdige ›Oh!‹ und warum aus dem Zimmer stürzen? Was soll sich Fräulein N. dabei denken?«

»Sprich nicht mit mir!« kreischte die junge Frau Kaudel. »Du hast mich ruchlos hintergangen. Du sagtest mir, du müssest ein Bureau außerhalb des Hauses haben, weil du eine Zeitung herausgebest, und nun ich zufällig — oder vielmehr von der Vorsehung hergeführt — hineinsehe, finde ich dich, wie du mit einer Dame plauderst und ihr zulächelst. Zu Hause aber werde ich bei jedem Wort angeschnauzt, weil ich dich in der Arbeit störe.«

»Aber, mein liebes Kind, ich war ja an der Arbeit! Diese Dame gehört zu meinem Stab.«

»Wozu gehört sie?«

»Zu meinem Stab — zu dem kleinen Kreis von Damen und Herren, die am ›Jedermann‹ mitarbeiten.«

»O bitte, warum hast du denn das nicht gesagt? Warum mich nicht als deine Frau vorgestellt?«

»Großer Gott, wie hätte ich denn das angreifen sollen? Du streckst den Kopf herein, schreist auf und wirfst die Türe zu …«

»Nun, Wilfrid, ich war natürlich außer mir, und jede Frau der Welt wäre unter diesen Umständen außer sich gewesen. Du hast mir nie gesagt, daß die Herausgabe einer Zeitung Damengesellschaft im Bureau bedeute.«

»Das ist auch sonst nicht der Fall. Zufällig hat die Dame mich persönlich aufgesucht, um eine Reihe von Artikeln zu besprechen, die sie für uns schreibt. Was die sich für einen Vers machen mag über deinen Aufschrei und mein Davonlaufen, weiß der Himmel.«

»Du hättest nicht davonzulaufen gebraucht — ich hab’s wahrhaftig nicht verlangt!«

»Ich konnte dich doch nicht so fortgehen lassen mit irgend einer verrückten Idee in deinem Köpfchen, wußte ich doch nicht, was du anstellen würdest.«

In diesem Augenblick wurde eine andre Türe der christlichen Redaktion weit geöffnet, und ein junger Geistlicher begleitete mit tiefen Verbeugungen eine Dame heraus.

»Was für ein Haus das ist!« bemerkte die junge Frau Kaudel, als die Dame die Treppe hinuntergegangen und der Geistliche hinter der Türe verschwunden war. »Steckt hinter jeder Türe eine Dame?«

»Durchaus nicht. Das war der Herausgeber eines Sonntagsblatts, und die Dame ist eine bekannte Schriftstellerin, die für ihn arbeitet. Aber ich muß wieder hinauf; Fräulein N. wird mein Benehmen sehr rätselhaft finden.«

»O bitte, laß sie doch ja nicht warten! Ich werde mich auf die Treppe setzen, bis du Zeit für mich hast. Allerdings habe ich etwas sehr Wichtiges mit dir zu besprechen, aber das zählt ja nicht.«

»Worin besteht denn die wichtige Angelegenheit?«

»Nun, ich wollte nur wissen, ob du nichts dagegen hast, daß Peter zu uns kommen will. Er schreibt, es wäre so viel leichter für ihn, eine Stellung zu finden, wenn er in London wäre. Ich habe den Brief erst heute nachmittag erhalten und möchte ihn gleich beantworten. Wenn du ein Telephon hättest, würde ich angeläutet haben; da du keins hast, mußte ich herkommen.«

»Wenn dein Bruder sich Vorteile davon verspricht, so läßt du ihn natürlich kommen,« sagte Kaudel, »aber ich meine, bis heute abend hätte die Sache auch noch Zeit gehabt.«

»Natürlich meinst du das, Wilfrid! Aber sobald du heimkommst, sperrst du dich ja in dein Arbeitszimmer ein und kriegst Wutanfälle, wenn ich den Mund aufmache. Darum dachte ich, es werde besser sein, die Sache hier zu besprechen, wo du nicht so beschäftigt bist.«

»Nicht beschäftigt? Ja, was meinst du denn, daß ich hier treibe?«

»Daß du die Zeit mit weiblichen Mitarbeitern verplauderst, hatte ich mir allerdings nicht vorgestellt.«

»Geschieht auch wunderselten einmal! Jedenfalls lassen wir also Peter kommen, das ist abgemacht, und wenn du noch einen Augenblick warten willst, bis ich mich von Fräulein N. verabschiedet habe, so gehe ich mit dir nach Hause.«

»Das wäre wirklich sehr nett von dir, Wilfrid, aber bitte, reiße dich meinetwegen nicht von ihr los. Ich kann ganz gut allein gehen, und wenn du mitgehst, so bekomme ich’s ja doch vier Wochen lang auf dein Butterbrot zu essen, daß ich dich deiner Arbeit entzogen habe.«

»Unsinn! Geh und sieh dir die Läden ein Weilchen an. Gegenüber ist ein Juwelier, der sehr hübsche Sachen mit Perlen hat. In ein paar Sekunden bin ich bei dir.«

Der Telephondienst wurde wirklich eingerichtet, und die junge Frau Kaudel konnte von ihrem Eßzimmer aus mit der Redaktion des »Jedermann« sprechen. Sie machte auch Gebrauch davon. Kaum war ihr Mann dort angelangt, so fragte sie, ob er gut angekommen sei. Sie klingelte, um ihn zu fragen, was nach seiner Taschenuhr die genaue Zeit sei, da sie die Uhr in der Halle pünktlich darnach richten wolle und alle übrigen Uhren im Haus nach dieser. Wenn sie einen Brief schrieb, so klingelte sie und bat ihn, doch im Wörterbuch der Redaktion nachzusehen, ob man Komitee mit einem oder zwei »m« schreibe. Sie läutete an, um den Namen der Speise mit indischem Gewürz zu erfragen, von der er gesagt habe, sie schmecke so gut, und deren Benennung ihr leider entfallen sei, und eines Tags klingelte sie, während Kaudel eben Korrekturen las und keine Minute übrig hatte, weil die Druckerei wartete, und ersuchte ihn, ihr rasch einmal »Am Mast die Segel schwellen« vorzupfeifen, da sie die Melodie nicht kenne und gern wissen möchte, ob es die sei, die der Orgelmann vor dem Haus spiele.

Wütend hängte Kaudel das Telephon auf und sagte am Abend dann seiner Frau das Nötige. Er erklärte der jungen Frau Kaudel, daß die Erfindung des Telephons der Vermittlung von Geschäften und nicht müßigen Salonplaudereien zu dienen habe. Er sagte ihr, daß es ein Ding der Unmöglichkeit für ihn sei, den Korrekturfahnen des »Jedermann« seine Aufmerksamkeit zu schenken, Irrtümer zu beseitigen, Äußerungen auszumerzen, die ihn bei dem jetzigen Preßgesetz teuer zu stehen kommen könnten, wenn er immerzu das Geklingel hören, die Feder wegwerfen und am Telephon schwatzen müsse.

Die junge Frau Kaudel erwiderte, das tue ihr sehr leid, sie wisse aber nicht, weshalb man sechsunddreißig Pfund im Jahr für ein Privattelephon ausgebe, wenn sie es nicht benützen dürfe. Sie werde sich aber wohl hüten, wieder anzuläuten, außer wenn sie sich plötzlich krank fühlen sollte. Sie nehme wenigstens an, daß, wenn ihr Leben in Gefahr stünde, der Gatte entschuldigen werde, wenn sie ihm durchs Telephon einen letzten Abschiedsgruß sage.

»Es ist wirklich nicht möglich, ernsthaft mit dir zu reden, Mabel,« sagte Kaudel. »Aber du brauchst wahrhaftig nicht wegen jedes Quarks zu klingeln!«

»Bist du ein Quark? Ich klingle doch immer dir!«

Kaudel belächelte den Witz, gab aber nicht nach, bis er ihr das Gelübde abgenommen hatte, nur dann anzuläuten, wenn ein wirklich wichtiger Anlaß vorliege.

In den nächsten vierzehn Tagen ließ die junge Frau Kaudel den Herausgeber des »Jedermann« auch richtig in Ruhe, wenigstens mit dem Telephon.

Eines Mittwoch nachmittags jedoch, gerade zu der Stunde, wo das Blatt »eingehoben« wurde und Kaudel diesem Schlußakt beiwohnte, was man im Journalistenjargon »das Kind zu Bett bringen« nennt, erhielt Frau Kaudel ein Telegramm von Hause mit der Nachricht, daß ihre Schwester Maud nach London komme.

Sofort eilte sie ans Telephon, um Kaudel zu benachrichtigen. Sie klingelte, bekam keine Antwort, klingelte abermals, bis ein Mitglied der Redaktion, das im anstoßenden Zimmer arbeitete, hinging, um die Botschaft in Empfang zu nehmen.

»Bist du’s?« fragte die junge Frau Kaudel.

Gewohnheitsmäßig fragte der Redakteur: »Wen wünschen Sie zu sprechen?«

»Herrn Kaudel — ist er nicht da?«

»Im Augenblick nicht, aber ich kann ihn holen.«

»Wenn er sehr beschäftigt ist, will ich ihn lieber nicht stören. Was tut er denn eben?«

»Er bringt das Kind zu Bett.«

Ein Schrei durchlief den Draht, aber der junge Redakteur war weggegangen, um Kaudel zu holen, und hörte ihn nicht. Kaudel kam herein, griff nach dem Empfänger und fragte: »Bist du da, Mabel?«

Keine Antwort. Kaudel klingelte heftig.

»Wenn du anläutest, solltest du wenigstens dableiben. Man hat mich vom andern Ende des Hauses hergeholt …«

Kaudel klingelte zwei Minuten wütend weiter. Alles stumm. Die Erfinder des Telephons laut ins Pfefferland wünschend, griff er nach Hut und Überrock und machte sich auf den Heimweg.

* * *

»Als ich nach Hause kam,« schreibt Kaudel, »traf ich meine Frau im Reisekleid, die Tasche in der Hand, die Reisedecke am Arm, in der Halle.

»Wo in aller Welt willst du hin, Mabel?« rief er.

»Das weiß ich noch nicht,« versetzte sie, gletscherhaft in Ton und Blick. »Ich werde meine Schwester Maud am Bahnhof abholen, dann können wir in irgend einen Gasthof gehen, bis mein Vater kommt.«

»Was soll denn das heißen? Bist du verrückt?«

»Ich lasse mich auf keine Erörterungen mit Ihnen ein. Sie werden von meinem Vater das Nötige hören.«

»Mabel, was hab’ ich denn verbrochen?«

»Das fragst du noch?« rief die junge Frau Kaudel funkelnden Auges — vulkanische Entrüstung hatte die Eisrinde gesprengt. »Du fragst noch! Wessen Kind hast du zu Bett gebracht?«

Erklärungen folgten und endlich wurde mir der Zusammenhang klar. Sobald ich vor Lachen wieder sprechen konnte, gab ich meinerseits Aufklärung, aber ich mußte andern Tags an zwei Redakteure schreiben, die das Vertrauen meiner Frau genossen, und sie um Bestätigung bitten, daß der Ausdruck, das Kind zu Bett bringen, unter Zeitungsschreibern gang und gäbe sei. Dann erst war meine Frau wieder glücklich.

Herr Kaudel widersetzt sich dem Frühjahrsreinemachen.

»Wilfrid,« sagte die junge Frau Kaudel, »macht es dir etwas aus, morgen und übermorgen in deinem Klub zu frühstücken?«

Kaudel ließ das Zeitungsblatt sinken, als ob ihm ein Sodawasserkork ins Gesicht gesprungen wäre, und starrte seine Frau in sprachlosem Staunen an.

»Was siehst du mich denn so an?« rief sie. »Man könnte denken, ich hätte eine Diamantenkrone von dir verlangt! Soviel ich weiß, gehst du doch gern in deinen Klub?«

»Ich gehe gelegentlich gern hin, aber von dir hingeschickt zu werden, meine liebe Mabel, ist so seltsam, daß ich mich frage, ob ich nicht einen Arzt zu Rat ziehen soll.«

»Wie abgeschmackt! Ich habe doch nie etwas dagegen, wenn du aus vernünftigen Gründen in deinen Klub gehst. Wer dich reden hört, könnte wirklich denken, ich sperre dich ein. Das nennst du wahrscheinlich humoristische Übertreibung, aber wer kein Literat ist, nennt es einfach Unwahrheit. Ich bin kein Literat.«

»Nein, mein Kind, sonst würdest du etwas mehr Verständnis für die rasende Anstrengung haben, womit ich tausend Unterbrechungen zum Trotz mein Werk vollbringe.«

»Es ist ein Glück für dich, daß ich nicht schriftstellere. Das wäre eine nette Geschichte, wenn man mit mir auch nie sprechen dürfte! Stell dir einmal vor, daß ich an den Wänden hinaufliefe, so oft die Köchin mich des Essens wegen befragte, weil ich eben ein Gedicht schriebe, und das Zimmermädchen hinschickte, wo du sie sicher hinschicken würdest, wenn sie aufräumen wollte! Eine nette Häuslichkeit, wenn ich nichts im Kopf hätte, als die Leute so umbringen zu lassen, daß man erst im vorletzten Kapitel merkt, wer’s getan hat!

Da könnten wir uns lieber gleich Zimmer in der verheirateten Abteilung von Broadmore bestellen.«

»Quartiere für Eheleute sind in den Irrenhäusern bis jetzt nicht eingerichtet,« versetzte Kaudel lächelnd, »wenigstens nicht, wenn sie Patienten sind. Aber lassen wir Broadmore beiseite — ich bin ja auch noch nicht so weit. Also weshalb befiehlst du, daß ich im Klub frühstücke?«

»Ich dachte mir, es werde behaglicher für dich sein. Ich lasse nämlich die Zimmer ausräumen und mit dem Frühjahrsreinemachen beginnen, da bist du uns nur im Weg.«

»Du denkst doch nicht daran, mein Arbeitszimmer anzurühren?«

»Selbstverständlich! Mit all dem Plunder, den du darin anhäufst, hat es eine gründliche Reinigung am allernötigsten. Es muß bereits ein wahres Museum von Mikroben sein.«

»O! Und, bitte, wo werde ich arbeiten?«

»Das Gastzimmer ist schon fertig. Wir könnten dir ein Tischchen hineinstellen …«

»O, mach dir keine Mühe damit. Man kann ja das eiserne Waschgestell ans Fenster rücken. Das genügt für die Arbeit, von der wir leben!«

»Dacht’ ich mir’s doch, daß du Schwierigkeiten machen werdest! Wenn’s nach dir ginge, würden wir im Schmutz ersticken, aber ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo man Licht und Luft liebte und reine Fußböden und sauberen Anstrich und Teppiche, auf denen nicht bei jedem Tritt eine Staubwolke aufwirbelt, und Stühle, die man nicht eine halbe Stunde klopfen muß, eh’ man sich anständigerweise drauf setzen kann. Wenn du mir gesagt hättest, daß du für Staub und Flecken schwärmst, so würde ich dich nicht geheiratet haben. Ebensogut hätte ich einen Mann nehmen können, der in den unterirdischen Gewölben des Britischen Museums bei alten Schmökern und ausgepackten Mumien haust.«

»Ich habe nie eine Vorliebe für Staub kundgegeben!« rief Kaudel, sobald sich die Möglichkeit bot, ein Wort einzuwerfen. »Aber wenn ein Haus gut gehalten wird, so ist es immer sauber und bedarf keiner Scheuerfeste. Weshalb nur im Frühling dieser Radau?«

»Radau! Es ist an der Zeit, daß jemand Radau macht! Neulich habe ich erfahren, daß Frau Brown beim Nachhausekommen ihrer Schwester erzählt hat, sie wisse von manchen Dingen in deinem Zimmer wirklich nicht, ob sie Bronze oder Zinkguß seien, und daß man auf der Täfelung mit dem Finger seinen Namen schreiben könne. Die Schwester hat es deiner Schwester wiedererzählt, und diese mir, und das Schlimmste daran ist, daß es wahr ist. Ich will nicht, daß die Leute, die in unser Haus kommen, annehmen, daß ich’s nicht besser wisse, denn ich werde verantwortlich gemacht, nicht du. Das Haus soll spiegelblank werden von oben bis unten und soll es bleiben!«

»Mabel, du entwickelst dich zur Holländerin, du fällst dem Sauberkeitsdämon anheim!«

»Und weshalb soll ich nicht eine ebenso gute Hausfrau sein wie die Holländerinnen?«

»Warum nicht? Meinst du, ich ertrüge es, daß morgens, mittags und nachts um mich her gescheuert, geplätschert, geklopft, gebürstet, gebohnt wird? Nimmermehr! Lieber würde ich in ein Hotel ziehen und als Nummer so und so viel des vierten Stocks leben und sterben.«

»Du solltest dich wirklich an dir selbst schämen, Wilfrid! In meinem ganzen Leben habe ich nie gehört, daß ein Mann sich so aufführt, wenn man ihm das Haus reinmacht! Du bist wie einer von den schrecklichen Landstreichern, denen’s vor einem Bad graust, als ob’s eine Höllenstrafe wäre.«

»Mabel,« stöhnte Kaudel, »soll ich nie wieder Frieden finden? Mußt du das ganze Haus auf den Kopf stellen?«

»Ich stelle nichts aus den Kopf … aber es nützt ja nichts, dir die Sache zu erklären. Ich habe meine Befehle gegeben, die Mädchen wissen, was sie zu tun haben, eine Scheuerfrau ist bestellt. Bitte, frühstücke auswärts, daß mit dem Eßzimmer angefangen werden kann. Wir speisen dann heute abend zusammen im Restaurant, und bis morgen nachmittag kann alles im reinen sein, wenn nichts dazwischen kommt. Dein Arbeitszimmer aber, das braucht eine Woche … wenn wir einmal ausgeräumt haben, sollte es auch gleich tapeziert werden.«

»Unmöglich! Da müßten ja alle Bücherschränke gerückt werden, und das geht einfach nicht.«

»Wie lang ist’s her, daß es tapeziert wurde?«

»Das mag fünfzehn Jahre her sein …«

»Fünfzehn Jahr ein und dieselbe Tapete! Die muß ja voll Mikroben stecken!«

»Mabel, ich muß ein vieraktiges Melodram vollenden und habe nur noch vierzehn Tage Zeit. Der Tag der Aufführung ist festgesetzt, die Gesellschaft engagiert, die Szenerie in Arbeit. Wenn du mich jetzt mitten in meinem Melodram aus dem Haus vertreibst, kann eine Katastrophe entstehen.«

»Ich vertreibe dich gar nicht. Du kannst mit deiner Arbeit von Zimmer zu Zimmer ziehen oder wir können aufs Land gehen, bis das Reinemachen vorüber ist.«

»Ich kann nicht fort, das weißt du wohl. Meine Zeitung muß besorgt werden, und überdies kann ich auswärts nicht arbeiten, konnte es nie. Ich brauche die vertraute Umgebung, muß meine Nachschlagbücher zur Hand haben. Wie sollte ich auf dem Land oder im Seebad arbeiten, wo man einen einzigen Tisch hat, der alle fünf Minuten gedeckt und abgedeckt wird!«

»Gut, Wilfrid, dann mußt du eben die Dinge nehmen, wie sie sind. Ich denke mir, daß andre Schriftsteller auch arbeiten während des Reinemachens. Du bist nicht der einzige, der eine Häuslichkeit hat und eine Frau, die dafür sorgt.«

Mit diesen Worten erhob sich die junge Frau Kaudel vom Frühstückstisch und segelte würdevoll aus dem Zimmer. Kaudel blieb noch eine Weile, in dumpfer Verzweiflung nach der Decke starrend, auf seinem Platz, dann redete er sich zum Trost ein, möglicherweise werde das Scheuerfest doch mit einiger Rücksicht auf sein Behagen und seine Arbeit in Szene gesetzt werden.

So ging er etwas mutiger in sein Arbeitszimmer, ordnete seine Manuskripte und schichtete sie in Körben auf. Dann sammelte er Notizen und Briefe zu kleinen Bündeln, von denen er jedes mit einem Kautschukring umgab, und las die Bücher aus, die ihm in der Zeit des Chaos wahrscheinlich am unentbehrlichsten sein würden.

Nachdem er diese Aufgabe vollbracht und mit wehmütig zärtlichem Blick seine Klause gemustert hatte, griff er nach Hut und Überrock und ging aus, denn frische Luft und der Anblick von Menschen, die, unbekümmert um ihn, tapfer ihrer Arbeit nachgingen, waren Beschwichtigungsmittel für seine Nerven.

Er machte einen langen Spaziergang durchs Westend, frühstückte im Klub und ging dann nach Hause, um durch eine Arbeitsstunde am Nachmittag die versäumte Zeit einzuholen. Mit einem Gefühl von Bangigkeit steckte er den Drücker in die Haustüre und betrat die Halle, wie man in Erwartung unvorhergesehener Dinge ein Gespensterhaus betritt, gespannt auf die Wirkung, die sie auf uns ausüben werden.

Noch stand er mit beiden Füßen auf der Türmatte, als schon der erste Schreck kam. Die Halle war mit dem aufgetürmten Mobiliar des Speisezimmers vollgepackt. Die Stühle standen aufeinander, die Bretter des Auszugtischs lehnten gegen die großväterliche Wanduhr, so daß Kaudel seinen Leibesumfang möglichst einschränken mußte, um sich nach der Treppe durchzuarbeiten. Er warf im Vorbeigehen einen Blick ins Speisezimmer, wo ihm ein Bild der Verwüstung entgegenstarrte. Die Vorhänge waren abgenommen, der Teppich lag ausgerollt in der Mitte des Zimmers, eine fremde Frauensperson rutschte auf Händen und Knieen umher und die Gerüche von Schmierseife und Terpentinöl stritten um die Herrschaft.

Hastig zog sich Kaudel, die Türe ins Schloß werfend, von diesem Ort des Grauens zurück und wankte in sein Arbeitszimmer. Hier aber erwartete ihn ein so furchtbarer Anblick, daß er auf einen Stuhl gesunken wäre, hätte sich ein solcher vorgefunden. Alles war in der Mitte des Zimmers aufgeschichtet und gegen den Staub mit Tüchern bedeckt. Eine vertraute Stimme grüßte ihn indes, doch auch in ihr zitterte der Schmerz. Der Kanarienvogel war seiner Sicherheit halber hierher geflüchtet worden, sein Käfig stand auf einem Stapel von Büchern, den man auf dem Bibliothektisch aufgetürmt hatte, und als er Kaudels ansichtig wurde, ließ er ein entrüstetes Zirpen ertönen, das dieser nur zu wohl verstand.

»Herr, warum sind wir denn so in die Patsche gekommen?« fragte der Vogel Hilfe heischend.

Jetzt klingelte Kaudel, worauf ein Hausmädchen erschien, das er nur mit Mühe erkannte. Ihr Kopf war mit einem Tuch umwunden, ihr Gesicht erinnerte an das einer streifig angeschwärzten Niggersängerin und in der Hand hielt sie einen Besen. Erst als sie fragte: »Sie wünschen?« erkannte er sie an der Stimme als die in besseren Zeiten so säuberliche, hübsche, kleine Schweizerin, die seit kurzem seinem Haushalt angehörte.

»Wo ist meine Frau?«

»Ausgegangen. Wir haben den Herrn nicht erwartet,« erklang es in rauhen Kehllauten.

»Ausgegangen? Wahrhaftig!« brummte Kaudel in sich hinein. »Das Oberste zu unterst kehren und sich dann im buchstäblichen Sinn aus dem Staub machen … echt weiblich!«

Kaudel wand sich zwischen den in der Halle versammelten Möbeln hindurch und ging die Treppe hinauf. Der erste Stock war vorläufig unberührt, im großen Wohnzimmer herrschte heilige Ordnung, ebenso im kleineren, das die junge Frau Kaudel »mein Zimmer« zu nennen liebte. Nun stieg er zu den Schlafzimmern hinauf, blieb aber auf der ersten Treppenflucht stehen, dem Lenz die schwersten Verwünschungen zusendend.

Zwei Männer in weißen Kitteln standen auf einer Planke, die quer über die Treppe gelegt war, und spritzten in der rücksichtslosesten Weise Tünche um sich. Trotzdem drang Kaudel noch vor bis ins Schlafzimmer, wo er den kahlen Fußboden antraf, denn der Teppich war abgenommen und verschwunden. Die Vorhänge waren heruntergelassen, die Rollvorhänge fehlten und die Scheuertätigkeit hatte offenbar begonnen, denn in einer Ecke stand ein Eimer und eine Bürste lag, die Borsten nach oben, auf dem Boden. Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte Kaudel die Treppe hinunter. Er war in furchtbarer Laune und sehnte sich nach einem Wesen, dem er seine Auffassung dieser Zustände mitteilen konnte. Auf der zweiten Treppenflucht trat er auf einen Gegenstand, stolperte, fiel und gelangte den Rest der Treppe sitzungs hinunter, wobei eine Müllschaufel ihn knatternd begleitete.

Als er sie vom Boden aufgelesen und sich überzeugt hatte, daß ihm kein ernstliches Unheil geschehen war, erleichterte er sein Gemüt, indem er die Müllschaufel die nächste Treppe hinunterschleuderte. Unglücklicherweise hatte das Hausmädchen mittlerweile zwei orientalische Vasen aus dem Eßzimmer an den Fuß der Treppe gestellt. Die Müllschaufel flog dagegen und zerschmetterte eine davon gründlich.

Während Kaudel noch etwas betroffen dastand, und die kleine Schweizerin anklagend zu ihm aufblickte, wurde die Haustür von außen geöffnet, und die junge Frau Kaudel erschien auf der Schwelle.

»Mabel!« rief Kaudel.

Weiter kam er nicht. Die junge Frau Kaudel sah die zerschmetterte Vase, die kleine Schweizerin beeilte sich, alle Schuld von sich abzuwälzen, indem sie erklärte: »Der Herr hat’s getan,« und Frau Kaudel machte nun in Gegenwart dieser naseweisen Person so beißende Bemerkungen, daß Kaudel, der zum Glück nicht abgelegt hatte, aus dem Haus rannte und die Türe so heftig zuschlug, daß ein in der Halle hängendes Bild von der Wand stürzte, wobei die zweite Vase in Scherben ging.

* * *

»Mein Frühjahrsreinemachen ist überstanden,« schreibt Kaudel, »und ich bin nicht im Irrenhaus. Aber acht Tage hat’s gedauert, bis ich die Papiere wiedergefunden hatte, die bei der Unordnung in meinem Arbeitszimmer einfach verschwunden waren. Etliche davon werde ich überhaupt nicht mehr sehen auf Erden, und das sind selbstverständlich die wichtigsten.«

Die junge Frau Kaudel hat die Influenza.

Kaudel hatte die Influenza seit ihrer Einführung als Modeepidemie etwa zum zwanzigsten Mal durchgemacht, und da er dabei in jenen Zustand von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit verfallen war, der zu den Kennzeichen dieser besten Freundin der Ärzte gehört, war er sogar in der Arbeit lässig geworden.

Sobald er sich einigermaßen erholt hatte und einen ernstlichen Anlauf nehmen konnte, ohne daß sich das Zimmer um ihn drehte oder der Fußboden Miene machte, sich wie eine Versenkung zu öffnen, um seine schwankende Gestalt zu verschlingen, ging er daran, die Rückstande aufzuarbeiten.

Die junge Frau Kaudel hatte sich in dieser Zeit der Anfechtung als ideale Gattin und Hausfrau bewährt. Sie hatte Kaudels mangelnde Eßlust durch Sulzen nach einem kostspieligen Kochbuch, dessen Verfasser die Magen von Millionären im Aug’ gehabt haben mußte, zu reizen versucht, und zwar hatte sie diese Sulzen in einer Form bereitet, die selbst im Haushalt eines Riesen auffallend groß gewesen wäre. Bereitet hatte sie die Kunstwerke gerade nicht, aber bei der Köchin bestellt und dieser, die bis vor kurzem in einem Haushalt mit vierzehn Kindern gedient hatte, die Wahl der Form überlassen. Sie hatte dem Gatten auch Kraftbrühe, Hummermayonnaise und andere Leckerbissen vorgesetzt, wie sie sich für einen Kranken eignen.

Die junge Frau Kaudel hatte ihrem Mann auch die Zeitungen vorgelesen, weil seine Augen von der Influenza angegriffen waren und die Buchstaben, sobald er länger hinsah, prismatisch zu leuchten und zu tanzen anfingen. Als das aufopfernde Frauchen, das sie im Grund ihres Herzens wirklich war, hatte sie für ihn allen Gesellschaftsklatsch und sämtliche Modeberichte ausgewählt. Sie hatte ihm sogar lange Auszüge aus der »Kunst der Toilette« und das Beste, was die englischen Frauenzeitungen überhaupt boten, zu genießen gegeben.

Kaudel war dankbar gerührt über diese zarten Aufmerksamkeiten. Er fühlte, daß er seine besorgte kleine Pflegerin nicht durch mürrisches Wesen verletzen durfte, und so nahm er einen Löffel von der schönen Sulz, einer Weinsulz, die durch Schlagsahne gemildert war; er gab vor, von der Hummermayonnaise zu essen, und reichte sie, sobald Frau Kaudel den Rücken kehrte, dem Hund, der infolge davon drei Nächte lang das Opfer eines Hundealps wurde und erbärmlich heulte. Und er — Kaudel, nicht der Hund — lauschte den Modeberichten mit der gespannten Aufmerksamkeit, womit ein neuer Bischof der Predigt bei seiner Investitur zu folgen pflegt.

Als die Krankheit zu weichen begann und er wieder Kraft in sich fühlte, war sein Frauchen glückselig und fragte ihn ganz beiläufig, ob die Alexandramedaille auch Privatpflegerinnen verliehen werde. Kaudel erwiderte, soviel er wisse, gebe es eine Medaille — ob sie Alexandramedaille heiße, wisse er nicht genau — für Frauen, die ihre Männer durch die Influenza gelotst hatten, nur werde sie gegenwärtig nicht außerhalb des Buckinghampalastes verliehen. Sollten die Majestäten aber je auf den Gedanken kommen, diese vielbegehrte Auszeichnung für Ehefrauen wieder öffentlich zu verleihen, so sei er überzeugt, daß Frau Kaudels Name ganz oben auf der Liste stehen werde.

Zwei Tage lang kam Kaudel recht wohl vorwärts. Er fand es zwar etwas schwierig, wieder glühendes Interesse für Parlamentsverhandlungen und europäische Politik zu empfinden, nachdem er so lang in Modeangelegenheiten und gesellschaftlichen Ereignissen geschult worden war; nach und nach aber fand er den Übergang vom letzten Ball zu Balfour, von Moden zu Makedonien, von irischer Spitze zu irischem Landrecht, von »Soireen« zum Somaliland; als er aber soweit war, begann Frau Kaudels Aussehen ihn zu beunruhigen.

Sie klagte beim Mittagessen über heftige Kopfschmerzen und stand vom Tische auf, um sich niederzulegen, dann bekam sie Rückenschmerzen und konnte das Licht nicht ertragen. Als ihr im Verlauf des Abends nicht besser wurde, ging sie zu Bett und am andern Morgen waren alle Anzeichen der Influenza deutlich festzustellen.

»Kümmere dich nicht um mich, Liebster,« sagte sie, nachdem der Arzt gegangen war, mit schwacher Stimme. »Morgen oder übermorgen werde ich wieder pudelwohl sein. Geh du nur an deine Arbeit.«

Kaudel ging hinunter in sein Arbeitszimmer und suchte sich in die irische Landbill zu vertiefen, aber Irlands Leiden wollten ihm nicht recht zu Herzen gehen, während er sich um seine kleine Frau sorgte.

Nachmittags ging er wieder hinauf und fand sie in jenem Zustand seelischen Drucks, der zu den bezeichnendsten Merkmalen dieser Krankheit gehört. Er setzte sich an ihr Bett und fragte im aufmunterndsten Ton, den er zu stande bringen konnte, wie ihr zu Mut sei.

»Es geht mir sehr schlecht, Liebster,« sagte sie kläglich. »In meinem ganzen Leben habe ich mich nie so krank gefühlt, Wilfrid, und ich glaube, daß ich sterben muß.«

Die Rollvorhänge waren herabgelassen, weil ihr das Licht so weh tat. Und das traurige Stimmchen klang in dem düstern Raum so trostlos, daß es Kaudel kalt überlief.

»Rede keinen Unsinn, Mabel!« sagte er. »So ist’s einem immer zu Mut bei der Influenza; das gehört einmal dazu. Morgen oder übermorgen wirst du wieder viel munterer sein.«

»Ich weiß nicht recht, ob ich überhaupt gesund zu werden wünsche,« flüsterte die Kranke mit hohler Stimme. »Mir ist’s, als ob ich durch mein Bett hinabsänke, tiefer und immer tiefer bis ins Grab, und es kommt mir vor, als ob es ganz nett wäre, dort zu ruhen, aller Mühe und Not ledig.«

»Ja ja, das Gefühl hat man. Heute vor acht Tagen lag mir auch gar nichts mehr am Leben. Die Mikroben greifen eben das Gehirn an, wie du weißt.«

»Habe ich Mikroben?« rief die junge Frau Kaudel schaudernd.

»Mikroben ist wohl nicht der richtige Name,« erwiderte Kaudel beruhigend. »Die kleine Bestie, die uns die Influenza bringt, wird, soviel ich weiß, Bazillus genannt.«

»Wie sehen sie aus, Wilfrid, diese Bazillusse?«

»Bazilli wird’s in der Mehrzahl heißen, aber zerbrich dir den Kopf nicht über das Geschmeiß, Liebchen. Sie sind wohl schon seit Paradieseszeiten vorhanden, die Wissenschaft hat sie nur jetzt erst entdeckt.«

»Und was für Geschöpfe sind diese Bazilli, die mein armes Gehirn benagen? Sag nur nicht, es seien solche geschwänzte Scheusäler, wie man sie bei mikroskopischen Vorführungen in einem Tropfen Wasser sieht. Ach, jetzt sehe ich sie ganz deutlich vor mir …«

»Ruhe, Ruhe, Kind — zerbrich dir den Kopf nicht über die Dinger. Die haben gar nichts auf sich.«

»Aber sie zerbrechen mir den Kopf — du hast’s ja gesagt, sie hätten mein Gehirn angegriffen. Jetzt bringt mich das Grauen um, mir wird übel vor Ekel. Die Vorstellung, daß diese gräßlichen kleinen Kaulquappen mein Hirn benagen, ist zu gräßlich! Es war sehr, sehr unfreundlich von dir, Wilfrid, mir’s zu sagen.«

»Meine liebe Mabel, ich konnte doch nicht denken, daß …«

»Grausam war’s von dir, Wilfrid. Ich mache mir ja nichts daraus, an der Influenza zu sterben, aber aufgefressen zu werden von kleinen Kaulquappen, die in meinen Schädel gekrochen sind, das ist furchtbar. Wie kommen sie nur hinein? Im Trinkwasser?«

»Nein, es sind auch nicht gerade Kaulquappen, eher Würmer, sollte ich denken. Ich glaube, sie kommen von selbst.«

»Unsinn! Wie wäre das möglich?«

»Nun, dann werden sie wohl aus Eiern ausschlüpfen …«

»Aus Eiern! O Wilfrid, sag nicht, daß ich Eier im Gehirn habe — ich werde wahnsinnig! Eier — entsetzlich! Und die alten Kaulquappen sitzen wohl darauf und brüten sie aus! Kein Wunder, daß ich unzurechnungsfähig bin, wenn Kaulquappen in meinem Gehirn Eier ausbrüten.«

»Aber, Mabel …«

»O, ich weiß, weiß alles. Nun, da du das Unheil angerichtet hast, möchtest du’s wieder gutmachen und mir die Sache ausreden. Aber das kannst du nicht, denn ich spür’s zu deutlich, daß du mir die Wahrheit gesagt hast.

Die Kaulquappen sind in meinem Kopf und brüten Eier aus, und mit einem Mal werden Millionen und Millionen von Kaulquappen da sein. Derartige Geschöpfe haben ja immer so zahlreiche Familien — ich habe einmal darüber gelesen in einem Buch aus Vaters Bibliothek. Darin hieß es, daß manche von diesen greulichen Geschöpfen an ein und demselben Tag zur Welt kommen, sich verheiraten, Kinder kriegen, Groß- und Urgroßeltern werden und sterben.«

»Aber, liebes Kind, Bazilli sind keine Insekten!«

»Doch!« rief die junge Frau Kaudel, jählings im Bett auffahrend. »Sie haben Flügel, fliegen und summen. Ich wußte anfangs nicht, woher das Gesumse in meinen Ohren kommt. Jetzt weiß ich’s! O Wilfrid!«

»Ja, Liebling?«

»Meinst du, es würde sie töten, wenn ich Tabak schnupfte?«

»Großer Gott, nein! Komm mein Kind, du bist aufgeregt, fieberisch. Du mußt jetzt eine verständige kleine Frau sein, dich ruhig hinlegen und schlafen. Nachher wirst du dich bedeutend wohler fühlen.«

Die Kranke versank richtig in Schweigen und allmählich in Schlaf, und Kaudel stahl sich leise zum Zimmer hinaus, um sich unten wieder an die irische Landbill zu machen, was aber ein fruchtloses Bemühen war. Er wußte ja, daß die Influenza ihren Verlauf haben mußte, und er war voll Sorge, wie seine Frau die Zeit tiefster Mutlosigkeit ertragen würde, die jedesmal eintritt, wenn der heftigste Anfall überstanden ist. Am Abend darauf ging er nach seiner einsamen Mahlzeit wieder zu ihr. Sie war wach und saß fast aufrecht im Bett. Das Mädchen hatte ihr ihren Nähkasten bringen müssen, ein altmodisches Möbelchen, das ihr besonders lieb war, weil sie es in ihrer Kinderzeit bekommen hatte. Als Kaudel eintrat, blickte sie auf, und er sah, daß ihre Augen feucht waren.

»Was ist denn, Mabel?« sagte er. »Du mußt dir nicht so nachgeben.«

»Ich kann’s nicht ändern, Liebster,« murmelte sie. »Ich weiß gewiß, daß es nicht mehr besser wird bei mir, und ich nehme ein paar Sachen aus meinem Nähkasten, den Gertie haben soll, wenn ich tot bin.«

»Tot!« rief Kaudel. »Sei doch nicht so närrisch, Kind. Du bist nicht kränker als andre Leute auch, wenn sie diese schändliche Influenza haben.«

»O, denen ist’s nicht zu Mut wie mir, das kann gar nicht sein! Ich möchte nur weinen, nichts als weinen, und wer immerzu weint, kann nicht lange leben.«

»Das gehört zu dieser Krankheit. Komm, leg dich hin und laß dir etwas Unterhaltendes vorlesen. Kennst du Douglas Jerrolds Gardinenpredigten? Die will ich dir vorlesen!«

»Nein, danke Wilfrid, ich könnte keiner Predigt folgen. Auch als ich noch gesund und kräftig war, konnte ich keine Vorträge hören. Mein Vater hat mich einmal mitgenommen zu einem Vortrag im Stadthaus. Es handelte sich um Astronomie oder etwas Derartiges und ich habe Monate nachher nicht schlafen können, aus lauter Angst, die Sonne könnte die Erde in ihrer Bahn, oder wie das Ding heißt, kreuzen, oder ein Komet könnte auf die Erde fallen und alles verbrennen. Ich weiß noch, wie Gertie und ich am Abend nach der Vorlesung zum Fenster hinaussahen und schrieen, als wir einen Feuerfunken in der Luft bemerken. ›Der Komet!‹ riefen wir aus einem Mund und waren halb bewußtlos, es war aber nur ein Funke aus der Lokomotive — die Eisenbahn fährt ja dicht am Haus vorüber. Du siehst also, Lieber, daß ich jetzt nicht imstande bin, Vorlesungen oder Predigten zu hören. Ich möchte lieber mein Testament machen, wenn du nichts dagegen hast.«

»Dein Testament machen! Solch ein Unsinn!«

»Ach, aber es würde mir das Herz so erleichtern, wenn ich’s gemacht hätte, denn ich weiß ja nicht, ob ich morgen noch die Kraft dazu haben werde. Freilich sollte man bei klarer Besinnung sein dazu, und das bin ich nicht, aber man wird das der Influenza zugut halten, nicht? Laß doch solch ein Formular für sechs Pence holen, Liebster — schicke Arthur danach. Ich habe diese Formulare bei Cooper in der Upper Bakerstraße gesehen.«

»Ich werde dir keine Formulare geben zu diesem Zweck, und du mußt nicht so viel sprechen, das steigert das Fieber.«

»O, ich muß sprechen, Wilfrid! Wenn ich stillliege und meine Gedanken nicht ausspreche, kommen sie alle durcheinander. Sprechen ist mir nur eine Erleichterung — ich habe mir so den Kopf zerbrochen über meinen Schmuck und meine Schwestern. Ich möchte gern bestimmen, was jede haben soll, weil es viel hübscher sein wird, wenn sie sich nicht darüber zu zanken brauchen, und ich möchte auch meinem Vater etwas hinterlassen — nur weiß ich nicht, was er mit einer Diamantbroche machen sollte? Er liebt Bücher. Darf ich ihm nicht von deinen Büchern etwas hinterlassen?«

»Gewiß, Herzchen, wenn dich’s beruhigt, kannst du ihm mein arabisches Wörterbuch verschreiben!«

»Und, Liebster, wenn du wieder heiratest — ich glaube es zwar kaum, denn du behauptest ja, ich hätte deine Schriftstellerlaufbahn vernichtet, aber schließlich könnte es trotzdem geschehen — so überzeuge dich vorher, ob sie Hunde lieb hat. Ich möchte nicht, daß mein kleiner Pin-Pin eine harte Stiefmutter bekäme. Und — und jetzt will ich mich wieder niederlegen, wenn du mir das Kissen zurechtrücken willst. Mein Kopf ist in einem gräßlichen Zustand, ich weiß kaum mehr, was ich sage.«

Die junge Frau Kaudel lag ein Weilchen schweigend da, dann begann sie von neuem zu flüstern, und Kaudel mußte sich über sie beugen, um sie zu verstehen.

»Wilfrid?«

»Ja, mein Herz?«

»Wenn du doch wieder heiratest, so achte darauf, daß sie meine Blumen pflegt und meinen Kanarienvogel! Und sag ihr, es sei nicht böse Absicht gewesen, wenn ich dich in der Arbeit gestört habe. Es sei eben sehr schwer gewesen, den ganzen langen Tag dazusitzen und mit keiner Seele plaudern zu können, höchstens durchs Telephon mit einem Vater, der hundert Meilen weit weg ist. Gute Nacht, Liebster — geh du jetzt nur an deine Arbeit. Mir ist ganz wohl, ganz wohl. Das Wetter ist wunderschön, und wo ich hinsehe, sind Primeln. Nur sitzen so viele Kaulquappen im Gras und einige davon sind so groß — so groß wie Krokodile …«

Die Stimme war schwächer und immer schwächer geworden, und mit einem Mal war die Kranke eingeschlafen.

* * *

»Am andern Tag,« schreibt Kaudel, »war meine Frau bedeutend wohler und die Erholung ging rasch von statten. Allein sie fühlte sich noch einige Zeit schwach und war ziemlich wunderlich, bekanntlich eine Wirkung der Influenza. Ihre besondere Form von Nervosität war, daß sie nicht allein sein wollte, so schrieb ich meinen Aufsatz über die irische Landbill in den Pausen unsrer Gespräche, die sich durchaus um andre Gegenstände drehten. Unter diesen Umständen ist, wie ich gestehen muß, kein sehr wertvoller Beitrag zur ›Geschichte Irlands unter Eduard VII.‹ entstanden, andrerseits gelang es mir vollständig, mich in die Stimmung eines unterdrückten Volks einzuleben.«

Herr Kaudel hat im Sinn, ein Automobil zu kaufen.

»Ich gehe damit um,« sagte Kaudel eines Morgens am Frühstückstisch, nachdem er die Zeitung mit einem Bericht über eine Motorwettfahrt beiseite gelegt hatte, »mir ein Auto anzuschaffen.«

Die junge Frau Kaudel, die damit beschäftigt war, einen Apfelschnitz zwischen die Stäbe des Vogelkäfigs einzuklemmen, drehte sich rasch herum.

»Womit gehst du um?« rief sie.

»Mit dem Gedanken an einen Motor — ist das etwas so Außerordentliches?«

»Wilfrid,« sagte die junge Frau Kaudel in einem Ton von gewaltsam beherrschter Entrüstung, »gestern erst hast du gesagt, du könnest dir keinen neuen Hut leisten, weil meine Hüte dein ganzes Einkommen verschlängen, und nun sprichst du von einem Automobil! Ein Herrenhut wird schwerlich mehr als einige Schillinge kosten, ein Motor jedenfalls Hunderte von Pfunden. Wenn du dir keinen Hut leisten kannst, womit willst du den Motor bezahlen?«

»Meine Liebe, wenn ich gesagt habe, ich könne den Hut nicht erschwingen, so war das natürlich bildlich gesprochen. Ich wollte dir damit nur zu Gemüt führen, daß allwöchentlich ein neuer Hut für die Frau und ihrer jährlich zwei für den Mann eine ungerechte Verteilung der Güter ist.«

»Ich weiß nicht, was du unter ›Gütern‹ verstehst. Meine Hüte sind jedenfalls keine, denn sie werden nie mit Fracht versandt! Und was die Behauptung betrifft, daß ich wöchentlich einen Hut brauchte, so ist das eine abgeschmackte Übertreibung. Es wundert mich, daß du nicht längst eine gemeinsame Reisemütze für uns angeschafft hast, die ich aufsetzen darf, wenn du zu Haus bleibst, und — wie sagen doch die Franzosen? — vice versa.«

»Vice versa ist nicht eben französisch,« versetzte Kaudel lächelnd. »Bleiben wir bei unsrer Muttersprache, und erkläre du mir in dieser, weshalb ich keinen Motor haben soll.«

»Weil du keinen brauchst. Du hast Wagen, die nie benützt werden, und Pferde, die aus Mangel an Bewegung zu Grund gehen.«

»Pferde sind ja an und für sich ganz schön, aber lange Reisen kann man mit ihnen nicht machen, wie mit dem Motor, und vor allem kommt man nicht so rasch von der Stelle.«

»Ich bin überzeugt, daß es für deine Gesundheit gar nicht ratsam wäre, in einem Motor durch die Welt zu sausen! Dir täte Gehen not, das sagt auch der Doktor.«

»Aber meine liebe Mabel, von London nach Glasgow oder nach Plymouth kann ich nicht wohl zu Fuß gehen.«

»Ach so, du hast im Sinn, solche Reisen zu machen? Und, bitte, was fange ich dann an?«

»Du begleitest mich.«

»Niemals! Ich bin zweimal in einem Auto gefahren und habe beide Male vier Wochen lang Gesichtsschmerzen gehabt. Du weißt ja, daß mir das Auteln nicht bekommt, und eben deshalb willst du dir einen Motor kaufen. Das kann reizend werden für mich! Ich sehe ja, weiß Gott, jetzt schon wenig genug von dir; wenn du aber nun während der Zeit, wo du nicht kritzelst, in England herumrasseln willst, so könnte ich ebensogut den fliegenden Holländer geheiratet haben oder den Mann, den wir im Hoftheater sahen — Homer oder wie er hieß.«

»Vermutlich hieß er Odysseus.«

»Allerdings, und eine nette Sorte von Ehemann war er! Segelt da auf seiner Jacht umher, bleibt auf einer wüsten Insel bei einem gottlosen Frauenzimmer hängen, und die arme Frau darf daheim sitzen und spinnen und sich mit einer Rotte frecher Kriegsleute herumschlagen, die ihr von der griechischen Regierung ins Quartier gelegt worden sind. Aber ich werde nicht die Penelope spielen, während du durchs Land autelst. Du könntest es auch machen wie der Herr Tree — nach sieben Jahren als Ruine heimkommen und behaupten, es tue dir sehr leid, aber du hättest nicht früher kommen können, weil dir ein Reifen gesprungen sei.«

Erschöpft von ihrem Aufwand an Phantasie und Atem sank die junge Frau Kaudel auf einen Stuhl.

»Kein — übler Einfall, Mabel — die Odyssee des Autlers’, vielleicht verwende ich das einmal. Nun sei aber so gut und steige vom hohen Olymp ins Themsetal herab; wir müssen den Plan der Anschaffung eines Motors doch auf festerem Grund besprechen.«

»Wilfrid,« erklärte die junge Frau Kaudel gelassen, »wenn du darauf bestehst, einen anzuschaffen, so bleibe ich nicht zu Hause, wenn du fort bist. Ich könnte es nicht ertragen, meine Nerven würden zu Grunde gehen. Ich werde nach Hause gehen müssen zu meinem Vater — der rast nicht durchs Land, sechzig Kilometer in der Stunde. Er fährt nur auf dem Dreirad, und wir brauchen uns nie zu ängstigen, weil wir wissen, daß er sofort absteigt, wenn ihm ein Wagen entgegenkommt, und zu Fuß geht, bis die Straße wieder frei ist. Mein Vater weiß, was er seiner Familie schuldig ist.«

»Was zum Kuckuck hat ein Auto mit meinen Pflichten gegen die Familie zu schaffen?«

»Sehr viel. Wenn ein Mann des Morgens im Motor abfährt, weiß seine Frau nie, was bis zum Abend sein Schicksal sein wird. Sieh doch nur die Zeitungen durch. Jeden Tag wird ein Autler durch ein Ladenfenster geschleudert, oder es fliegt einer in die Luft, oder wird von der Polizei vorgeladen, oder ins Spital gebracht, oder es überfährt einer jemand. Was soll überdies aus deiner Arbeit werden, wenn du das ganze Jahr bei den Wettfahrten von Paris nach Nizza oder nach Madrid oder nach Glasgow bist?«

»Was für ein Gänschen du bist! Fällt mir doch nicht ein, Wettfahrten mitzumachen! Ich werde mir ein nettes, bequemes Wägelchen anschaffen, worin ich Ausflüge nach Brighton oder anderswohin machen kann. Alle Welt hat das heutzutage.«

»Jawohl, und ›alle Welt‹ sieht darin zum Gruseln aus. O Wilfrid! Als ich einem ehrbaren Schriftsteller in mittleren Jahren, der längst ausgetobt haben konnte, meine Hand gab, da habe ich doch nicht ahnen können, daß ihn eines schönen Tags der Teufel reiten würde, ein Autelnarr zu werden!«

«Ich sage dir aber, daß ich kein Autelnarr zu werden gedenke. Du könntest ebensogut behaupten, daß ich wegen rücksichtslosen Fahrens eingesteckt werde, weil ich ab und zu mit meinem Pony ausfahre.«

»Das ist ganz etwas andres; gegen den Pony habe ich nichts. Ein Pony läuft keine sechzig Kilometer in der Stunde und mit Ponys macht man keine Wettrennen, wenigstens anständige Leute nicht. Höchstens Schornsteinfeger und Grünkrämer halten Ponywettrennen. Und beim Pony gibt’s auch keine Explosionen und keinen Chauffeur, der mit der Hand auf der Lenkstange wild um sich späht nach dem nächsten Unglücksfall.«

»Abgeschmackt! Die besonnensten Leute haben jetzt Motoren; der Ministerpräsident hat einen und Balfour autelt, wenn er nicht gerade Golf spielt.«

»Balfour! Der ist wirklich ein erhebendes Beispiel! Ich weiß aus der Zeitung, daß er fortwährend verklagt wird wegen waghalsigen Fahrens. Angenehme Aussicht für mich, alle Woche einmal deinen Namen im Polizeibericht zu lesen, und für meinen Vater erst! Mein Vater ist ein angesehener Mann in Birmingham. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er nicht mehr über die Straße gehen könnte, ohne daß jemand zu ihm sagte: ›Ihr Schwiegersohn sitzt ja wieder!‹«

»Ich werde mich hüten, der Polizei in die Hände zu fallen!«

»So, wie wirst du das angreifen? Dich weigern, deine Nummer anzugeben? Mit Volldampf davonsausen? Wilfrid, ich würde es nicht aushalten! Ich würde Zuckungen bekommen, so oft ein Schutzmann am Haus vorbeiginge, denn ich müßte ja immer denken, er wolle dich verhaften. Und schlafen könnte ich überhaupt nicht mehr, denn ich würde die ganze Nacht wachliegen und warten, ob nicht an die Tür geklopft und gerufen würde: ›Öffnen Sie im Namen des Gesetzes!‹ und du abgeholt und fortgeschleppt würdest, weil du jemand überfahren und vor der Polizei die Flucht ergriffen hättest. Nein, Wilfrid, wenn du dich entschlossen hast, ein Autelnarr zu werden, so beauftrage nur gleich Herrn Bartrum mit der Scheidungsklage, und ich gehe heim zu meinem Vater.«

»Reinster Stil des Melodrams im fünften Akt! Sag lieber gleich, ein Motor sei das schnellste und sicherste Beförderungsmittel ins Zuchthaus!«

»Dafür halt’ ich’s auch! Bei deiner Heftigkeit weiß ich nicht, wie es ablaufen sollte, wenn die Polizei dich anhielte, weil du zu schnell führest. Vermutlich würdest du dem armen Schutzmann die entsetzlichsten Schimpfreden an den Kopf werfen und ihn einfach niederfahren. Ich könnte ja mein Haupt nie mehr hochtragen, wenn du ein Sträfling wärest; Abend für Abend würde ich daheim am Fenster sitzen und hinausspähen, ob du nicht irgendwo aus dem Gebüsch kröchest und mich anflehtest, dich zu verstecken. Und natürlich würde die Polizei, sobald du aus dem Gefängnis ausgebrochen wärest, bei meinem Vater eine Haussuchung anstellen, weil sie ja wüßte, daß ich deine Frau bin und dort lebe. Denkst du denn gar nicht daran, was das für meine Schwestern wäre? Die Nachbarn zur Rechten und Linken und die von gegenüber würden alle unterm Fenster liegen, während Schutzleute und Gefängniswärter meines Vaters Haus nach einem entsprungenen Sträfling durchsuchten. Und wie sollte er je wieder in Frage kommen bei einer Wahl zum Stadtrat?«

Kaudel ließ der lebhaften Phantasie seiner Frau freien Lauf, ja er wunderte sich eigentlich, daß sie abbrach, ohne ihn selbst im Kerker zu schildern, wie er einen herzzerreißend den Abschiedsbrief an sie schrieb, und den Reden des Priesters über die Galeeren lauschte, die das naturgemäße letzte Ziel des Autlers wären. Er war sich auch bewußt, daß alle Gegenreden fruchtlos sein würden, und so raffte er, als die junge Frau Kaudel fertig war, seine Zeitungen und Briefschaften zusammen und ging in sein Arbeitszimmer, wo er sich, der Eingebung des Augenblicks gehorchend, niedersetzte, um ein Feuilleton: »Motorsport und Ehe« für seine Zeitung zu schreiben. Er war aber noch nicht weit damit gediehen, als die junge Frau Kaudel erschien.

»Wilfrid,« sagte sie, »willst du mir nicht den Gefallen tun, ins Eßzimmer zu kommen?«

»Ich kann nicht … bin beschäftigt …«

»Wenn du Zeit hast, in einem Motor durchs Land zu sausen, kannst du auch fünf Minuten für mich erübrigen. Ich möchte, daß du im Eßzimmer zum Fenster hinaussähest.«

Kaudel schob das Manuskript zurück, warf die Feder hin und folgte seiner Frau.

»Sieh,« sagte sie, auf ein Automobil deutend, das auf der andern Seite der Straße hielt.

Kaudel sah hin und bemerkte einen Motor, der so heftig arbeitete, daß der Käfig des Kanarienvogels in seinem Ring vor dem Eßzimmerfenster hin und her schwankte. Der Chauffeur kroch unter der Maschine herum und eine Schar kleiner Gassenjungen verfolgte seine Tätigkeit mit lebhaftem Interesse.

»Solche Sachen werden dir auch zustoßen, Wilfrid,« sagte die junge Frau Kaudel. »Mitten auf der Straße wirst du absteigen müssen und, umringt von einer gröhlenden Menge, auf allen Vieren unter deinem Fuhrwerk herumkriechen. Ist das eine passende Lage für einen Schriftsteller?«

»Der Mann ist nicht Schriftsteller, sondern Chauffeur, es ist sein Handwerk, die Maschine in Stand zu setzen, wenn etwas nicht klappt. Ich werde dergleichen nicht selbst besorgen, sondern mein Chauffeur.«

»So — du wirst dir also nicht nur einen Motor anschaffen, sondern auch einen Chauffeur?«

»Selbstverständlich. Ich muß doch jemand haben, der die Maschine in Ordnung hält, sie heimfährt, wenn ich sie nicht mehr brauche, ölt, putzt und so weiter.«

»Also einen landfremden Menschen schleppst du dann mit dir in der Welt herum, und deine Frau soll in Einsamkeit daheim sitzen!«

»Wenn sie nicht mitfahren will, ja — ich habe dir gesagt, daß Raum für dich im Wagen ist.«

»Aber ich will nicht, wie ich dir ebenfalls gesagt habe. Wer soll das Haus und die Dienstboten beaufsichtigen, wenn ich immer am andern Ende der Welt in einem Motor herumkutschiere? Nein, Wilfrid, vielleicht hätte ich’s mit der Zeit verwinden können, daß du einen Motor hast, den Chauffeur aber verzeihe ich dir niemals!«

»Den muß ich eben haben. Du erwartest doch auch nicht, daß ich Pferde halte ohne Kutscher.«

»Gut, dann steht mein Entschluß fest. Am Tag, wo dein Motor und dein Chauffeur vor dieser Türe stehen, schreite ich für immer hinaus. Wähle zwischen deiner Frau und einem Automobil.«

* * *

»Da ich den Vormittag nicht mit Hin- und Widerreden vergeuden wollte,« schreibt Kaudel, »drehte ich mich auf dem Absatz um und ging an die Arbeit zurück. Allein der Motor kam beim zweiten Frühstück und kam beim Mittagessen wieder aufs Tapet. Meine Frau hatte den Nachmittag dazu benützt, sich über die Preise von Automobilen zu unterrichten. Der Händler hatte eine mutmaßliche Käuferin in ihr gesehen, die er auf eine prachtvolle Maschine um beinah fünfzehnhundert Pfund einschätzte. Diese Zahl im Kopf tragend, machte sie mir die Mahlzeit zu einer wahren Orgie von Unvernunft.«

»Wilfrid, ich bin hinter deine Schliche gekommen,« begann sie. »Du bist im Begriff, fünfzehnhundert Pfund für einen Motor auszugeben, und hast mir eine abscheuliche Szene gemacht, weil meine Schneiderin eine Rechnung über lumpige fünfzehn Pfund geschickt hat. In Zukunft werde ich meine sämtlichen Kleider von Worth in Paris beziehen.«

»Da meine Versicherung, daß ich für meinen bescheidenen kleinen Motor durchaus keine solche Summe ausgeben würde, mit Verachtung verworfen wurde, mußte ich nachgeben. Die Vorstellung, daß meine Frau ein Kleid bei Worth bestellen werde, so oft ich im Automobil ausfahren würde, war zu beängstigend. Ich werde mein Leben ohne Motor beschließen.«

Die junge Frau Kaudel kauft ein Grammophon.

Kaudel fühlte sich nicht recht wohl. Der Frühling war außerordentlich freigebig gewesen mit Nord- und Ostwinden, dagegen knauserig mit den andern Windrichtungen, und der Ostwind versetzte Kaudel gewöhnlich in schlechte Laune. Er erklärte denn auch seiner Frau, das einzige in seiner Familie vererbte Übel sei ein Hang, schwermütig zu werden, sobald der Wind aus Osten wehe, und die junge Frau Kaudel sagte darauf, daß sie das vollständig begreife, weil viele Familien mit Geisteskrankheit erblich belastet seien. Kaudel gab sich alle Mühe, seiner Frau auseinanderzusetzen, daß Schwermut nicht Geisteskrankheit sei, es gelang ihm aber nicht, sie zu überzeugen, weil sie einmal in einem Irrenhaus herumgeführt worden war und eine Frau gesehen hatte, die ins Leere starrte, mit den Fingern ein nicht vorhandenes Stück Papier in Fetzen reißend, und die vom Arzt als melancholisch bezeichnet wurde.

»Es war eine ländliche Anstalt,« sagte die junge Frau Kaudel, »und die armen Kranken wurden wirklich ganz menschlich behandelt. Sie hatten ein kleines Orchester, worin lauter Kranke mitwirkten; dieses spielte, solange ich dort war, und heiterte die armen verrückten Menschen sehr auf. Ich fand die Idee reizend, nur war mir’s ein wenig unbehaglich, weil der Posaunenbläser seine eigene Frau zu ermorden versucht hatte und der Paukenschläger in dem Wahn lebte, daß er ein König der Kannibalen sei und die Tischglocke läute. Wenn die Musik diesen Irren wohlgetan hat, so bin ich überzeugt, daß sie auch ein Heilmittel gegen deine Schwermut wäre.«

Kaudel schauderte.

»Mabel, ich liebe Musik — wo sie hingehört und zur rechten Zeit, aber ein Orchester mit Blechinstrumenten wäre für mich verhängnisvoll, es würde die angeborene Wildheit meiner Natur aufrühren. Du weißt, daß ich mehrmals von sonst sehr angenehmen Seebädern abreisen mußte, weil zweimal im Tag Blechmusik vor unsern Fenstern spielte. Sobald der Ostwind aufhört, bin ich wieder der Alte.«

»Hoffentlich! Es ist schrecklich, dich so dasitzen zu sehen, wie du die Daumen drehst und stöhnst, nur weil der Wetterhahn eine bestimmte Richtung anzeigt. Ich bin überzeugt, daß dieses Leiden zur Hälfte auf Einbildung beruht und daß du nur eine Ablenkung deiner Gedanken nötig hättest. Du grübelst zu viel über dich selbst, und ich muß dich in Behandlung nehmen.«

Kaudel, der immer noch am Frühstückstisch saß und mit glanzlosen Augen auf den Kanarienvogel starrte, der in der Mauser war und in jämmerlichster Stimmung und Verfassung auf seinem Stängchen hockte, seufzte aus tiefster Brust, raffte die Morgenpost zusammen und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, um eine Abhandlung über Selbstmordepidemieen zu lesen. Nachdem er den Artikel zweimal gelesen hatte, stand er auf, besah sich im Spiegel, streckte die Zunge heraus, schüttelte wehmütig den Kopf und setzte sich an den Schreibtisch, um ein Gedicht mit der Aufschrift: »Tage, die nicht mehr sind« niederzuschreiben. Er ging so völlig auf in der Darstellung der ihm verwandten Stimmung, daß er fühlte, wie ihm Tränen über die Wangen rieselten, und als das Mädchen hereinkam und ihm einen dicken Briefumschlag brachte, dessen Inhalt sich als künstlerisch illustrierter Führer durch einen vornehmen Kirchhof samt einem Preisverzeichnis über Gräber und Denkmäler entpuppte, vertiefte er sich mit wahrem Heißhunger in diesen anziehenden Lesestoff. Nachdem er das Büchlein von A bis Z durchstudiert hatte, ging er aus und schlenderte den Regentenkanal entlang, wobei ihn die Sehnsucht anwandelte, ein Kanalschiffer oder etwas Derartiges zu sein. Ein Leben ohne Hast und Eile, ohne Ehrgeiz und Enttäuschungen dünkte ihm heute höchst begehrenswert.

Bei Tisch erwähnte er seiner Frau gegenüber dieses Ideal eines Daseins.

»Wilfrid,« sagte sie, »du brauchst Anregung. Du gibst diesen Stimmungen viel zu sehr nach. Wie kann ein Mann, dem alles zu Gebot steht wie dir, den Kanalbootsmann — oder wie man die Leute heißt — zu beneiden anfangen, einen armen Schlucker, der in seinem Boot herumlungert und einem armen Gaul mit einem Zinkeimer auf der Nase zusieht, der ihn an einem Seil den Leinpfad entlang zieht! Du kannst’s noch so weit bringen wie ein Vetter von mir, ein angeheirateter aber, bei dem die gedrückten Stimmungen derart waren, daß er sich bei Nacht im Dunkeln in den Garten setzte und heulte wie ein Hund.«

Kaudel beeilte sich, diese Geschichte seiner Frau mit einer andern zu übertrumpfen. Er erzählte ihr von einem seiner Vettern, aber keinem »angeheirateten«, der, an Schlaflosigkeit leidend, sich für gestorben zu halten pflegte, das Leintuch übers Gesicht zog und das Wehklagen seiner Familie zu hören glaubte. Er beweinte sich dann selbst, wohnte seiner Beerdigung bei, hörte die Grabrede und schlief dabei am Ende ein, um andern Tags in besserer Stimmung aufzuwachen.

»Was für ein grauenhafter Wahn!« rief die junge Frau Kaudel. »Wenn das in meiner Familie vorgekommen wäre, würde ich einen Drehorgelmann gemietet haben, der die ganze Nacht vor dem Fenster lustige Melodieen hätte spielen müssen. Musik ist meiner Überzeugung nach die einzige Medizin für solche Geschichten — das steht auch in der Bibel, und Shakespeare sagt es ebenfalls.«

Kaudel begriff nicht recht, weshalb seine Frau plötzlich mit solcher Beharrlichkeit die Musik als Seelenarznei anpries, das Rätsel sollte ihm indes später gelöst werden. Er hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und begann unter dem beschwichtigenden Einfluß einer Zigarre der Entwicklung eines Romanstoffs, die ihm seit Tagen schwer im Magen gelegen hatte, auf die Spur zu kommen, als plötzlich eine Flut von Tönen seine Ohren umschmeichelte. Er ließ die Feder sinken und lauschte in höchster Verwunderung. Eine prachtvolle Männerstimme sang oben im Salon eine Arie aus einer italienischen Oper. Seinen Ohren kaum trauend, trat er in die Halle hinaus, da wurde ein hohes E herausgeschmettert, daß die Spazierstöcke im Schirmständer rasselten.

»Mabel!« rief Kaudel. »Wer ist denn da oben?«

Ein kleines Schelmengesicht wurde über dem Treppengeländer sichtbar.

»Nun, wie gefällt es dir?« fragte die junge Frau Kaudel.

»Es? Was für ein es? Wer ist’s denn? Wo kommt er her?«

»Es ist kein er, Wilfrid, sondern ein Es. Was du hörst, ist Caruso im Grammophon.«

»Mabel!« rief Kaudel entsetzt. »Du wirst doch nicht auf die Idee gekommen sein, ein Grammophon zu kaufen?«

»Doch, und zwar ein herrliches. Und fünfzig Walzen habe ich gekauft. Warte nur einen Augenblick — jetzt sollst du etwas Lustiges hören!«

Kaudel setzte sich auf einen Vorplatzstuhl und starrte entsetzt aufs Barometer. Ein Grammophon! Das Haus, worin er arbeiten und sein Brot verdienen mußte, überflutet von Musik! Er stand auf und öffnete die Haustüre, um Luft zu schöpfen. Draußen hatte sich, von Carusos wunderbarer Stimme angelockt, ein Häuflein Menschen angesammelt, und als Kaudel unter die Türe trat, wurde er mit Beifallklatschen und Bravorufen begrüßt, weil man in ihm den Sänger vermutete. Wütend warf er die Türe ins Schloß und sank wieder auf seinen Sitz von vorhin, wo sofort Van Lenos Stimme an sein Ohr drang. Der beliebte Volksbarde sang »Londons guten alten Tower«, was die Musikfreunde draußen in höchstes Entzücken versetzte. Das Gelächter, womit die Zuhörer des Komikers Geplapper begleiteten, drang deutlich herein, und als das Lied zu Ende war, hörte man das Publikum Stöcke und Schirme aufs Pflaster aufstoßen.

»Mabel,« schrie Kaudel aus Leibeskräften, »bring das Ding zum Schweigen! Wie soll ich arbeiten, wenn mir Caruso das eine und Van Leno das andre Ohr voll schreit? Und draußen steht eine Volksmenge — wir werden von der Nachbarschaft wegen Ruhestörung verklagt werden!«

»Papperlapapp!« rief die junge Frau Kaudel übers Treppengeländer herunter. »Ich gehe nur die Nummern durch, um die hübscheste auszusuchen. Die Musik wird dir gut tun und deine Melancholie vertreiben. Wenn die Leute stehenbleiben, so ist’s ihre Sache, nicht die meinige. Hauskonzerte sind noch niemals verboten gewesen.«

Sie verschwand und im nächsten Augenblick gab eine Militärkapelle das: »Rule Britannia!« zum Besten. Kaudel erhob die Arme in tragischer Anrufung des Himmels zur Zimmerdecke.

»Dieser Höllenspektakel!« stöhnte er. »Ist es dahin gekommen? Soll ich meine zarten Liebesszenen, meine herzzerreißenden Abschiede, das geflüsterte Gebet der Waise am Grab der Mutter mit Begleitung einer Blechmusik schreiben?«

Als die Militärkapelle ihr Stück zu Ende gespielt hatte, kam Frau Kaudel, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herunter.

»Findest du’s nicht wunderbar, Wilfrid?« fragte sie. »Meint man nicht wirklich, die Kapelle sei im Zimmer?«

»Sie sei? — Sie ist!« ächzte Kaudel.

»Ist’s nicht prachtvoll? Ich liebe unser Rule Britannia über alles; es ist so viel Schwung in der Melodie!«

»Mabel!« rief Kaudel, alle Entrüstung, deren eine Menschenseele fähig ist, im Ton zusammenfassend. »Ich will in meinen Arbeitsstunden keinen Höllenspektakel in den Ohren haben, das macht mich so rasend wie Ostwind im März. Dieses Grammophon kommt morgen aus dem Haus — oder ich gehe. Du kannst es deinem Vater schicken.«

»Der Vater würde sich ohne Zweifel darüber freuen, denn er liebt Musik, aber ich werde es ihm nicht schicken. Wenn ich auf acht oder vierzehn Tage nach Hause gehe, nehme ich’s vielleicht mit, vorläufig aber bleibt es hier, und jeden Abend findet ein Konzert statt. Wenn du nicht zuhören magst, kannst du’s ja bleiben lassen.«

»Nicht zuhören! Das Ding hört man ja einen Kilometer weit! Wenn du jeden Abend diese Höllenmaschine aufziehst, so werde ich meinen Schreibtisch in den Kohlenkeller schaffen lassen, obwohl ich auch dort kaum sicher bin vor diesem Getöse!«

In diesem Augenblick machte sich das Konzertpublikum draußen mausig. Die Pause hatte den Musikfreunden lang genug gedauert, sie wurden ungeduldig und riefen: »da capo!« und »Weiter!« zum Sternenhimmel hinauf.

»Hörst du’s?« sagte die junge Frau Kaudel mit fröhlichen Lachen. »Die freuen sich daran und sollen gleich noch mehr zu hören bekommen.«

Sie rannte die Treppe hinauf, man hörte das Geräusch des Aufwindens und im nächsten Augenblick beglückte ein berühmter Gesangskomiker die Hörer mit dem: »Killicrankie«, wozu die Zaungäste den Kehrreim sangen. Kaudel spähte durch den Spalt des Briefkastens hinaus und bemerkte, daß ein paar junge Burschen sogar zu tanzen anfingen. Er war in einer verzweifelten Lage. In sein Arbeitszimmer gehen und weiter schreiben, war ein Ding der Unmöglichkeit, ausgehen und dabei den Beifall des Publikums entgegennehmen, wäre ihm zu anspruchsvoll erschienen. Er setzte sich also ergebungsvoll auf die Treppe und überdachte seine Zukunft. Ob die Anschaffung eines Grammophons als Scheidungsgrund geltend gemacht werden konnte, war ihm zweifelhaft, er beschloß also, seiner Frau Haus und Grammophon zu überlassen und sich ein paar Zimmer in ruhiger Gegend zu suchen, wo die Polizei Schutz vor Drehorgeln gewährte.

Nachdem »Killicrankie« vorgetragen und mit begeistertem Beifall aufgenommen worden war, sang Herr Leo Stormont die »Grenadiere« mit großartigem Imperialismus, wofür ihm dankbare Zurufe von draußen dankten. Dann war das Grammophon so liebenswürdig, die »Letzte Wache« und »Stell auf den Tisch die duftenden Reseden« vorzutragen, während Kaudel immer noch auf der Treppe hockte und die Verbringung seiner Bücherei in die neue Wohnung überdachte.

Diese düstere Vorstellung und ihre Schwierigkeiten hielten ihn noch gefangen, als ein andrer hervorragender Künstler das »Heil unserm König, Heil« anstimmte, das die Zuhörer voll heißer Vaterlandsliebe mitsangen. Dann wurde ein dreimaliges Hoch auf den Herrn dieses musikalischen Hauses ausgebracht, worauf die Menge sich zerstreute, und die junge Frau Kaudel glückstrahlend herunterkam.

»So!« sagte sie. »Jetzt kannst du nicht mehr melancholisch sein! Jetzt geh nur in dein Zimmer und an deine Arbeit; sie wird dir tausendmal besser gelingen als sonst, nachdem dir das Grammophon so viel Freude gemacht hat.«

Kaudel sah auf die Uhr. Es war ein Viertel nach Zehn, und er sollte sich jetzt hinsetzen und zwei Liebende tränenvoll an einem offenen Grab voneinander scheiden lassen! Das brachte er nicht fertig, und so ging er ins Wohnzimmer hinauf, schloß die Fenster, die Frau Kaudel arglistigerweise offen gelassen hatte, und rief: »So, nun laß das Grammophon spielen, was es vermag! Wenn ich nichts habe, um meine Gedanken zu betäuben, so verliere ich vollends den Verstand!«

* * *

»Meine Frau,« schreibt Kaudel, »weigert sich rundweg, das Grammophon herzugeben, aber wir haben einen Vergleich abgeschlossen. Sie läßt es durch die Jungfer aufziehen und mit Walzen füttern, solange wir bei Tisch sind, verwöhnt mich aber in meinen nächtlichen Arbeitsstunden mit Caruso, Van Leno und Blechmusik. Stellen sich wieder schwermütige Stimmungen bei mir ein, so werde ich mich hüten, etwas davon merken zu lassen.«

Die junge Frau Kaudel kauft einen Photographenapparat.

Kaudel saß an einem düstern Augustmorgen hinter geschlossenen Rollläden bei elektrischem Licht in seinem Arbeitszimmer. Der englische Sommer war ihm auf die Nerven gegangen und der englische Herbst bot ein Bild, das zu betrachten er nicht den Mut hatte. So hatte er die Läden heruntergelassen, um die Sintflut, die vom tintenschwarzen Himmel in den Hof herabströmte, nicht vor Augen zu haben, hatte alle elektrischen Lampen aufgedreht und den verschiebbaren Kalender auf seinem Schreibtisch auf den 10. Dezember gestellt. Durch diese Kunstkniffe hatte er sich selbst weisgemacht, daß es Winter sei, und daß folglich das Wetter keinen Anlaß zur Klage gebe.

Allerdings brachte ihn ein Blick auf ein Cricketprogramm, wonach der Wettkampf zwischen Middlesex und Lancashire in vollem Gang sein mußte, etwas aus dem Konzept. Er erinnerte sich plötzlich, gelesen zu haben, daß am ersten Tag kein Spiel hatte stattfinden können, weil der Spielplatz ein Sumpf war, und daß es am zweiten der Dunkelheit halber hatte abgebrochen werden müssen. Die Spieler hatten nur mit Hilfe von Streichhölzchen ihren Weg nach dem Zelt zurückfinden können. Dann fiel ihm auch wieder ein, daß er selbst sich ja drei Feiertage hatte gönnen wollen, um das Nationalspiel zu genießen, und stöhnend verbarg er seinen Kopf in den Händen.

Im Gefühl seines Elends kam ihm jedoch in den Sinn, daß er auch in ein Seebad hätte gehen können und jetzt eine schwere Hotelrechnung zu bezahlen haben würde für das Vergnügen, den ganzen Tag mit einem nassen Regenschirm in der Halle zu sitzen und auf den Augenblick zu lauern, wo man allenfalls über die Straße nach dem bedeckten Strand weg laufen konnte, wo Fischer und Schiffer in Tranjacken vor der Wut des Augustregens Zuflucht suchten, und er sagte sich mit grimmigem Lächeln: »Nichts ist so schlimm, daß es nicht noch schlimmer sein könnte,« und machte sich daran, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.

Eben hatte er angefangen, den Gang der Handlung festzustellen. Es war reichlich Schnee dabei verwendet, und auch der heimatlose Wanderer fehlte nicht, der durchs Fenster in ein Haus blickt und sich am Feuerschein, der über die Täfelung hinhuscht, zu wärmen sucht — in allen Weihnachtsgeschichten huscht Feuerschein umher und unfehlbar wählt er sich die Täfelung zum Tummelplatz. Dazu hatte er im Grammophon die Walze mit: »Stille Nacht, heilige Nacht« eingesetzt, um seine Phantasie durch entsprechende Musik zu beflügeln, als die Tür aufging und die junge Frau Kaudel in freudigster Aufregung hereinstürmte.

»O Wilfrid!« rief sie. »Er ist da …«

»Was ist da?« brummte der Gatte. »Der Weltuntergang?«

Das strahlende Lächeln erstarb auf dem jungen Gesicht. »Wie kommst du dazu, vom Weltuntergang zu reden? Und da sitzst du hinter geschlossenen Läden bei brennenden Lampen? Bist du von Sinnen?«

»Nein, von Sinnen bin ich nicht, aber an der Arbeit, und diesen Augusthimmel habe ich ausgesperrt, denn wenn ich ihn noch länger sehen müßte, würde ich in unheilbare Schwermut verfallen.«

»O bitte, rede doch nicht so! Das verdirbt auch mir die Stimmung, und ich war doch so glücklich. Ich hätte ebensogut den Propheten Jeremias zum Mann nehmen können, wie dich, und seinen Klagen lauschen!«

»Armer Jeremias! Er war im glorreichen Klima des sonnigen Ostens unglücklich — wie hätte er erst über Menschen und Dinge wehklagen müssen, wenn sein Volk nach London verschlagen worden wäre?«

»Kümmere dich doch nicht um den alten Jeremias! Mach lieber die Läden auf, lösche das Licht und höre mich an. Er ist gekommen!«

»Das hast du schon einmal gesagt. Aber wer ist er? Doch nicht der Gerichtsvollzieher? Ich habe nämlich die Steuern noch nicht bezahlt. Sag ihm, er soll das Chippendale-Barometer in der Halle mitnehmen — es ist alt und sehr wertvoll, und ich will kein Barometer mehr sehen.«

»›Er‹ ist kein Gerichtsvollzieher, sondern mein Apparat!«

»Du hast dir also einen gekauft?«

»Ich hab’ dir’s ja gestern gesagt. Du weißt doch, daß ich gestern bei Ellis in der Bakerstraße war, um mir einen auszusuchen, und jetzt hat er ihn geschickt.«

»Ein geeigneter Morgen dafür! Jedenfalls hast du keine Schwierigkeiten, eine Dunkelkammer einzurichten, denn jedes Zimmer im Haus eignet sich für den Zweck.«

»O, ich werde meine Platten nicht selbst entwickeln, wenigstens vorläufig nicht, Herr Ellis besorgt mir das. Aber der junge Mann, der den Apparat gebracht, hat mir ganz genau gezeigt, wie ich die Bilder aufnehmen muß, und ich möchte sofort ans Werk gehen, wenn nur das Wetter nicht so schlecht wäre. Komm ins Eßzimmer und sieh dir den Apparat an. Dich möchte ich zuerst aufnehmen, dein Bild soll die erste Photographie sein, die ich überhaupt mache.«

»Sehr lieb von dir, Mabel — ich weiß deine Güte zu würdigen, aber es wäre mir lieber, wenn du die ersten Versuche an einem andern Gegenstand machtest, zum Beispiel dem Hund.«

»Nein, der junge Mann sagte mir, Tiere seien für den ungeübten Photographen am allerschwierigsten, deshalb will ich lieber mit dir anfangen.«

»Ich begreife — an mir möchtest du dich üben, um die Gewandtheit zu erlangen, die man für einen Hund braucht!«

»Wie abscheulich von dir, mir solche Gedanken zu unterschieben! Hast du denn gar kein Verständnis für meine Freude? Der Apparat wird mir geradezu ein Gefährte werden, und sobald es zu regnen aufhört, gehe ich aus und nehme eine Landschaft auf.«

»Wenn du bloß die jetzige Landschaft fortnehmen könntest, nicht nur aufnehmen! Wenn dir das Bild gelingt, kannst du’s als ›Tag nach der Sintflut‹ ausstellen.«

»O sieh nur her,« sagte die junge Frau Kaudel, einen Rollladen hinaufziehend. »Es hat zu regnen aufgehört und die Wolken zerreißen. Ich sehe deutlich, wie die Sonne durchzudringen versucht.«

»Arme Sonne! Klingt wie ein Romantitel: ›Hindurchgedrungen!‹«

»Aber sie kommt durch! Jetzt ist’s schon ganz hell. Ich bin überzeugt, es klärt sich auf und wird schön. Setz deinen Hut auf und komm mit mir in den Park. Ich nehme den Apparat mit und du mußt dich malerisch unter einen Baum setzen.«

»Die Bäume triefen! Willst du mich etwa als Reklamebild für ein Mittel gegen Rheumatismus darstellen?«

»Es wird im Nu trocken sein — ich glaube es sicher. Die Sonne ist herausgekommen, und in einer halben Stunde haben wir wolkenlosen Himmel, das kommt oft vor im August nach einem Gewitter. Ich mache mich schnell fertig und hole den Apparat — den Prinnie nehmen wir auch mit. Du kannst auf eine Bank unter einem Baum sitzen und ihn streicheln, daß er stillhält; das gibt ein wunderhübsches Bild.«

»Erste Aufnahmen fallen selten wunderhübsch aus. Der Hund wird sich bewegen, und ich erscheine dann mit seinem Schwanz oder Kopf auf der Platte.«

»Unsinn! Der junge Mann hat mir alles genau erklärt: ich brauche nur auf einen Knopf zu drücken.«

Der englische Herbst wollte offenbar seine Ehre retten: Die pechschwarzen Wolken waren wie weggezaubert und die Sonne strahlte in vollem Glanz. Kaudel, der seinen Regenschirm mitgenommen hatte und einen Mantel, um ihn auf die nasse Bank zu legen, saß wirklich unter einem Baum, von dem nur von Zeit zu Zeit schwere Tropfen herunterfielen. Seit einer halben Stunde arbeitete die junge Frau Kaudel daran, ihn mit dem Hund auf den Knieen anmutig zu gruppieren, aber ihr Künstlerauge war schwer zu befriedigen. Wenn Kaudel vorteilhaft aussah, war die Stellung des Hundes nichts. Das Schlimmste aber war, Prinnie hörte nicht auf, mit dem Schwanz zu wedeln, und wenn ihm schließlich das Wedeln entleidet war und er eine gelangweilte Dulderhaltung annahm, so tauchte unfehlbar ein andrer Hund auf. Sofort sprang Kaudels Hund von Kaudels Schoß und stellte sich in feindseliger Haltung dem herannahenden Kollegen entgegen, der die Frechheit hatte, sich ungebeten in die Gruppe zu drängen.

»Nimm doch die Hunde auf!« rief Kaudel seiner Frau zu.

Aber ehe die junge Frau Kaudel auf den bewußten Knopf drücken konnte, waren die beiden Hunde aneinander geraten, und Kaudel mußte aufspringen, um sie zu trennen. Der Kaudelsche war bei dieser Gelegenheit durch eine Pfütze gerannt, und man mußte ihm die Pfoten säubern, ehe er wieder auf seines Herrn Kniee sitzen konnte.

»Ich habe nicht im Sinn, den ganzen Tag in dem feuchten Park zu bleiben, Mabel, sonst könnte ich mir für den Rest des Jahres eine Ischias holen. Nimm mich auf oder laß es bleiben, aber entschließe dich! Drück auf deinen Knopf und laß mich heim an die Arbeit.«

»Mach mich nicht nervös mit deiner Ungeduld,« entgegnete die junge Frau Kaudel, »sonst bring’ ich gar nichts zu stande. … Du kannst nicht erwarten, daß ich nach fünf Minuten schon ein geübter Photograph sei. Übrigens, wie du nur aussiehst! Der Hut sitzt aus dem Hinterkopf und dein eines Schnurrbartende strebt in die Höhe, das andre hängt herab. So kann ich dich nicht aufnehmen. Ich müßte mich ja schämen, wenn jemand das Bild sähe.«

Kaudel rückte den Hut zurecht und brachte den Schnurrbart in vorschriftsmäßige Haltung.

»Du hättest Spiegel, Kamm und Bürste mitnehmen sollen,« bemerkte er höhnisch. »So, geht’s jetzt?«

»Ja, du machst dich jetzt gut, aber sieh doch den Hund an — er kratzt sich!«

Kaudel faßte Prinnie am Halsband und zwang ihn zu salonfähigerem Benehmen, und nun war beider Stellung so befriedigend, daß die junge Frau Kaudel ausrief: »Jetzt ist’s gut! Aber, Wilfrid, mußt du die Augen so aufreißen?«

Da kam eine Wespe herangesurrt, worauf Kaudel den Hund fallen ließ und aufsprang.

»O Himmel! Gerade wollte ich auf den Knopf drücken!«

»Tut mir leid, aber ich wünsche nicht, daß die Wespe sich auf mir niederläßt — ich kann die Wespen nun einmal nicht ausstehen.« Kaudel spannte seinen Regenschirm auf und verbarg sich hinter dem Baumstamm, bis Frau Kaudel versichern konnte, das Untier sei davongeflogen. Dann nahm er den Hund abermals auf die Kniee und setzte sich in Positur.

»Mach schnell, Mabel,« sagte er. »Ich kann nicht den ganzen Tag unter dem nassen Baum sitzen; das ist so schlimm wie ein feuchtes Bett. Ich werde mir noch den Tod holen.«

»O, sei doch ruhig! Du regst mich so auf, daß ich den Apparat nicht einstellen kann! Vorhin hatte ich dich — jetzt habe ich dich verloren.«

»Verloren? Ich sitze hier in Lebensgröße — du mußt mich doch sehen.«

»Ach, den Fokus oder wie man das Ding heißt, habe ich verloren. Ich muß durch diese kleine Glasscheibe oben am Apparat sehen, um das Bild vor mir zu haben, ehe ich’s aufnehme. O, da bist du ja! Nun hab’ ich dich, Gott sei Dank! Sitz ganz still, rühre dich nicht und — bitte, bitte — mach ein freundliches Gesicht: Du siehst aus, als ob man dir einen Zahn ziehen wollte!«

»Mir ist auch so zu Mut, aber wenn du befiehlst, werde ich holdselig lächeln.«

»Du lächelst nicht — das ist ja ein blödsinniges Grinsen. Und, Prinnie — du gräßlicher Hund! Jetzt wedelt er wieder!«

Kaudel hielt Prinnies Schwänzchen fest.

»Nun knipse — oder ich stehe auf und gehe heim,« sagte Kaudel gereizt.

Die junge Frau Kaudel zögerte noch ein Weilchen, warf einen hastigen Blick auf die Gruppe, nickte befriedigt und drückte los.

»Gott sei Dank, das wäre überstanden!« rief Kaudel, den Hund abschüttelnd und auf die Beine springend. »Jetzt kann ich an meine Arbeit gehen.«

»Es wäre besser, wenn ich noch eine Aufnahme machen könnte — Photographen machen immer drei oder vier Negative.«

»Wirklich? So nimm noch ein Negativ, Kind, nämlich mein unwiderrufliches Nein.«

Damit raffte er Regenschirm und Mantel zusammen und ging stracks nach Hause. —

Nach einigen Tagen begab sich die junge Frau Kaudel zu Ellis, um zu erfahren, wie ihre erste Aufnahme das Entwicklungsverfahren bestanden habe. Sie hatte es durchgesetzt, daß ihr Mann mitging.

Lächelnd brachte der junge Mann die Kopieen. »Die gnädige Frau haben den Apparat etwas zu nieder gehalten,« bemerkte er.

Das Ergebnis von Frau Kaudels erstem Versuch war die etwas verschwommene Photographie von zwei Männerbeinen — das war alles.

Die junge Frau Kaudel hat einen Jour fixe.

In glücklicher Unkenntnis drohenden Unheils saß Kaudel eines Morgens am Frühstückstisch und vergnügte sich harmlos mit dem Kanarienvogel. Dieser wurde jeden Morgen auf den Tisch gestellt, um dort sein Bad zu nehmen, und er war ein leidenschaftlicher Wasserfreund, der immer eine Viertelstunde seiner Reinigung oblag, wobei er nach allen Richtungen Wasser spritzte. War er dann, einer ersäuften Ratte ähnlich, aus dem Bad gestiegen und hatte seine Toilette durch säuberliches Zurechtzupfen der Federn vervollständigt, so pflegte ihm Kaudel ein Stückchen Butterbrot, einen Apfelschnitz, Traubenbeeren oder ähnliche Leckerbissen zu verabreichen, und der Vogel, der ein Nimmersatt war, wußte diese Aufmerksamkeiten sehr zu schätzen.

An diesem Morgen war Kaudel, der über den Verwicklungen eines neuen Romans brütete, etwas geistesabwesend. Schon hatte er eine Traubenbeere, einen Apfelschnitz, ein Stückchen Brot, eine halbe Banane und ein Stück Zucker zwischen die Stäbchen gesteckt und gewiß würde er noch eine Stachelbeere hinzugefügt haben, hätte die junge Frau Kaudel nicht Einsprache erhoben.

»Was treibst du denn, Wilfrid?« rief sie. »Soll der Vogel vom Schlag getroffen von seinem Stäbchen fallen?«

»Hm?« machte Kaudel.

Dann warf er einen Blick auf den Käfig, erkannte seine Unvorsichtigkeit, und begann, einige von den Leckereien wieder herauszuziehen.

»Kein Wunder, daß der arme Kerl das Singen verlernt,« sagte die junge Frau Kaudel vorwurfsvoll. »Du solltest einen Strauß haben zu deinem Zeitvertreib, nicht einen Kanarienvogel.«

»Es tut mir sehr leid, ich wußte wirklich nicht, was ich tat.«

»Das scheinst du in der Regel nicht zu wissen. Jetzt gib’s aber auf, den Vogel magenleidend zu machen, wie du selbst es bist, und höre mich an — ich habe dir etwas zu sagen.«

»Ach! Was denn? Hoffentlich eine angenehme Neuigkeit?«

»Ich halte sie für angenehm. Was aber du darüber denkst, weiß ich nicht, du hast ja so wunderliche Ideen vom Leben.«

»Vom Leben handelt sich’s? Hast du im Sinn, einem Damenklub beizutreten, oder einen Dachgarten anzulegen, oder ein Äffchen in unsre glückliche Häuslichkeit einzuführen? Was es auch sein mag, verkürze mir die Qualen der Spannung, und sage mir’s schnell.«

»Wer dich reden hört, könnte wirklich denken, ich sei ein Erdbeben und nicht eine Frau. Ich habe mir reiflich überlegt, wie abgeschmackt es von dir ist, unser Haus so abgeschlossen zu halten wie eine mittelalterliche Burg.«

»Eines Engländers Haus ist doch seine Burg. Nun, versuche einmal, mit der Sprache herauszurücken. Was führst du im Schild? Willst du die ›Vergnügungsabende für einsame Menschen‹ besuchen? Willst du die einsamen Menschen zweimal in der Woche zum Tee oder Abendbrot einladen?«

»Nein, aber ich hab’s satt, in einer mittelalterlichen Burg zu hausen, wo man ängstlich die Türe vor ungebetenen Besuchern bewacht, und wo der Mann zusammenfährt, so oft der Klopfer ertönt. Ich wundere mich nur, daß du nicht einen Graben ums Haus herum ziehen läßt mit einer Zugbrücke darüber und Schießscharten in die Mauern brechen, durch die man auf etwaige Besucher Pfeile abschießen kann, gerade wie beim Tower von London.«

»Das würde ich mit Vergnügen ausführen, nur daß mein Mietvertrag es mir nicht gestattet. Jetzt schieße du aber los. Wen hast du zum Sturm auf meine Burg eingeladen? Wer wird sie belagern und durch Verrat der schönen Schloßherrin Einlaß finden?«

»Ich werde niemand durch Verrat einlassen, sondern meine Freunde offen und ehrlich einladen.«

»Kommt deine Familie auf Logierbesuch? Ich dachte, dein Vater könne London nicht leiden.«

»Ich habe meinen Vater nicht eingeladen; denn ich möchte ihm nicht zumuten, in ein Haus zu kommen, wo niemand sprechen darf. Mein Vater liebt fröhliche Unterhaltung, und abends spielen ihm die Mädchen auf dem Klavier vor.«

»Was? Alle zugleich? Das muß ja ein Höllenlärm sein!«

»Für dich ist Klavierspiel immer ein Höllenlärm, du hast eben keine Musik in der Seele.«

»Um so mehr in den Ohren — du übst ja sechs Stunden am Tag.«

»Das muß ich. Es ist mein einziges Vergnügen, und ich bewerbe mich auch um eine goldene Medaille.«

»Ich werde dir morgen eine kaufen, wenn du das Üben aufgibst! Ich liebe Musik — aber sechs Stunden lang ein und dieselbe Melodie! Nur ein Glück, daß keine Anlage zu Geisteskrankheit in meiner Familie ist.«

»Melodie!« rief die junge Frau Kaudel gekränkt. »Ein klassisches Konzertstück eine Melodie zu nennen!«

»Ich bitte um Entschuldigung: es hat allerdings keine Melodie. Aber nun sprich dich aus — ich habe noch eine Menge Briefe zu beantworten, ehe ich an meine eigentliche Arbeit komme. Was ist’s mit der von dir angezettelten Verschwörung, mit dem Einbruch in meine — verzeih! — in unsre Burg?«

»Es ist gar keine Verschwörung. Ich habe mich einfach entschlossen, einen Jour fixe zu haben.«

»Einen was?«

»Einen Jour fixe. Ich kann nicht länger zu den Leuten gehen, ohne sie je zu mir zu bitten; es ist rein lächerlich. Überdies hat jede Dame ihren Jour fixe, und ich muß mich überall entschuldigen und den Leuten sagen, daß man mich nicht besuchen dürfe, weil ich einen Mann habe, der sein Haus zur Werkstatt macht und niemand hereinläßt aus Angst, er könne in der Arbeit gestört werden.«

»Du hast keineswegs das Recht, das zu behaupten. Ich habe nie etwas dagegen, wenn dich Freunde besuchen.«

»O, ich weiß, ich darf hie und da Freunde bei mir sehen, gerade als ob ich ein Dienstmädchen wäre, dem man zuweilen gestattet, ihre ›Bekanntschaft‹ zum Tee einzuladen.«

»Sei so gut und verdrehe mir nicht das Wort im Mund. Ich sage, daß ich nie etwas eingewendet habe, wenn du Besuche empfingst.«

»Das würde ich mir auch hübsch verbitten! Du hast dich dabei aber immer ängstlich in dein Arbeitszimmer verkrochen und ich mußte behaupten, du seiest ausgegangen. Nun will ich indes einen regelrechten Jour fixe haben, und daran wirst du dich wohl oder übel beteiligen müssen. Ich will nicht länger den Eindruck einer Strohwitwe machen, deren Mann sich irgendwo versteckt hält.«

»Und wann soll dieser herrliche Jour fixe stattfinden?«

»An jedem zweiten Dienstag des Monats.«

»Das paßt mir. Dienstag nachmittags bin ich immer auf der Zeitungsredaktion.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht, da nehme ich natürlich den Mittwoch. Ich bin nur froh, daß du mich daran erinnert hast, denn ich gehe heute nachmittag zu Southwood, um meine Karten drucken zu lassen.«

»Wenn du durchaus einen Jour fixe haben mußt, so ist daran nichts zu ändern, aber schrecklich lästig wird es werden.«

»Warum sollte es dir lästiger werden, als andern Leuten? Man könnte denken, du habest auf einer unbewohnten Insel gelebt, bis ich dich kennen lernte! Man hat doch auch Pflichten gegen die Gesellschaft.«

»Ich gehöre nicht zur Gesellschaft, habe nie dazu gehört und bin jetzt zu alt, mich hineinzustürzen. Überdies wird sich die Gesellschaft herzlich wenig um uns kümmern. Oder erwartest du alle Monate Herzoginnen bei dir zu sehen?«

»Unter Gesellschaft versteht man nicht Herzoginnen, sondern Freunde und Bekannte.«

»Wirklich? Die meinigen versteht man ganz gewiß nicht darunter.«

»Das glaube ich dir aufs Wort! Aber du hast mir noch nicht gesagt, weshalb es solch ein Unglück sein wird, wenn meine Freunde mich einmal im Monat besuchen.«

»Gegen den Besuch habe ich gar nichts einzuwenden, nur gegen den festgesetzten Tag. Jeden zweiten Mittwoch wirst du zu Hause bleiben müssen, und wenn du noch so gern ausgingest. Du kannst dich auch nicht verleugnen lassen und bist im eigenen Hause gefangen — und ich, falls ich durchaus dabei mitwirken muß, desgleichen.«

»Einmal im Monat zwei Stunden nachmittags zu Haus zu bleiben, wird dir auch nicht schaden.«

»Es wird mir aber unausstehlich sein! Da werden wir im Salon sitzen, die Daumen drehen und auf Menschen warten, und manch liebes Mal wird keine Seele kommen.«

»Das kommt natürlich vor.«

»Und wenn welche kommen, hast du vielleicht gerade deine Migräne! Eine Dame, die auch an Migräne leidet, hat mir gesagt, diese stelle sich jedesmal an ihrem Jour fixe ein.«

»Ach! Was war denn das für eine Dame, wenn ich fragen darf?«

»Eine Tante von mir. Und dann bedenke nur auch die Influenza! Es konnte ja geschehen, daß wir beide davon befallen würden! Stell dir einmal vor, wir müßten mit einem heftigen Influenzaanfall zwei tödlich lange Stunden dasitzen, den Leuten Tee und Kuchen anbieten und über Nichtigkeiten schwätzen!«

»Wir werden nicht jeden zweiten Mittwoch im Monat die Influenza bekommen!«

»Und dann der Wochentölpel — den bekam ich früher, so oft ich mich ärgerte. Wie kann ich die Gäste mit verbundenem Kopf empfangen?«

»Derartige Unwahrscheinlichkeiten ins Feld zu führen, ist reiner Unsinn! Nächstens behauptest du noch, wir könnten keinen Jour fixe ansetzen, weil wir möglicherweise an einem solchen Mittwoch beide tot wären!«

»Scherze nicht mit solchen Dingen, Mabel! Es gibt auch noch andre Möglichkeiten. Ich kannte eine Dame, deren Mann etwas saumselig in Geldangelegenheiten war, so daß der Gerichtsvollzieher bei ihnen aus und ein ging, und zwar kam er regelmäßig an ihrem Jour fixe. Das war höchst peinlich.«

»Ach! Eine Dame hast du gekannt, die den Gerichtsvollzieher im Hause hatte — bitte, wer war denn die?«

»Ich weiß nicht mehr recht, wie sie hieß, aber ihr Mann war ein Freund von mir.«

»Nun, der Fall wird ja bei dir hoffentlich nicht eintreten.«

»Er war durchaus kein übler Mensch, nur saumselig im Zahlen. Ich erinnere mich eines solchen Empfangstags im Winter, wo ihnen das Gas abgedreht wurde, weil die letzte Rechnung nicht bezahlt war.«

»Willst du mir damit zu verstehen geben, daß uns das Gas abgedreht werden könnte?«

»Nein, ich erzähle dir die Geschichte nur, um dir zu zeigen, wie peinlich ein Jour fixe werden kann.«

»Es muß aber ein bestimmter Tag sein. Ich kann doch nicht auf meine Karten drucken lassen: ›Jeden Tag zu Hause.‹«

»Da sei Gott vor.«

»Nun so nimm doch Vernunft an! Die Sache ist also abgemacht? Jeden zweiten Mittwoch im Monat wirst du dir den Nachmittag freihalten.«

»Aber, angenommen, ich bin Geschworener oder werde vom Staatsanwalt vorgeladen?«

»Dann kann ich ja deine Abwesenheit erklären, und das schadet weiter nichts.«

»Schön, das erleichtert mir das Herz. Du kannst deinen Jour fixe haben, und ich brauche nicht dabei zu sein. Du kannst ja immer sagen, ich sei beim Schwurgericht.«

»Ich werde nichts Derartiges sagen, und du wirst da sein, dich von deiner besten Seite zeigen und mir helfen, die Gäste zu unterhalten.«

»Wann geht denn die Geschichte los? Nächsten Mittwoch? Das ist der zweite im Monat.«

»Keine Rede; die Gesellschaftszeit ist ja vorüber und alle Welt ist verreist, wie wir’s auch sein sollten. Im Sommer gibt’s keinen Jour fixe.«

»Das ist mir ein Trost. Da habe ich wenigstens Zeit, an irgend einem Gesundbrunnen Kräfte zu sammeln für diese Folterqualen.«

»Folterqualen! Was für ein wunderlicher Kauz du doch bist! Man könnte denken, du wärst ein Hinterwäldler, der nie mit zivilisierten Leuten verkehrt hat, und doch kannst du recht gut plaudern und dich sehr niedlich machen mit Damen, wenn du nur Lust hast. Ohne Zweifel tust du das auswärts, und ich weiß nur nichts davon.«

»Mabel, bildest du dir etwa ein, ich machte mich niedlich mit Damen, wenn ich meinen Geschäften nachgehe? Was behauptest du etwa noch?«

»Nun, lassen wir’s gut sein. Ich bestelle also die Karten, und du kannst wieder an die Arbeit gehen.«

* * *

»Meine Frau hat ihre Karten drucken lassen,« schreibt Kaudel, »und ist nun jeden zweiten Mittwoch des Monats ›zu Hause‹. Ich vermutlich auch, und dieser zweite Mittwoch vermehrt die Schar der Gespenster, die mich verfolgt. Junggesellen wissen gar nicht, für wie vieles sie Gott zu danken haben.«

Die junge Frau Kaudel möchte ausziehen.

»Wilfrid,« begann die junge Frau Kaudel eines Abends bei Tisch, »ich bin überzeugt, du könntest dieses Haus leicht vermieten, wenn du einen Agenten damit beauftrügest.«

Kaudel, der eben eine Schale mit Schlagsahne in der Hand hielt, goß, ohne zu wissen, was er tat, deren ganzen Inhalt auf seinen Teller.

»Mabel!« stammelte er, nach Luft ringend. »Wie kommst du denn auf diesen Einfall?«

»O, ich gehe schon lang mit dem Gedanken um. Das Haus hat nicht die genügende Zahl von Schlafzimmern, hat keinen Garten und zuviel Treppen. Wir können’s vermieten und dann im September ausziehen.«

Kaudel stieß seinen Teller so heftig zurück, daß sich ein Teil der Sahne auf das Tischtuch ergoß.

»Du könntest ebenso gut verlangen, daß ich morgen auswandre!« rief er. »Warum machst du nicht den Vorschlag, das Haus abzuschließen und morgen früh nach Timbuktu abzureisen?«

»Natürlich willst du die Sache wieder zu einer Tragödie aufbauschen und fängst gleich an, die Augen zu rollen! Sobald ich überhaupt einen Vorschlag mache, gebärdest du dich ja wie ein Wahnsinniger.«

»Aber, mein liebes Kind, ich habe eben nicht die leiseste Neigung auszuziehen — ich will nicht ausziehen. Es ist widersinnig.«

»Weshalb soll so es widersinnig sein, auszuziehen? Wenn niemand auszöge, wovon würden dann die Möbeltransportgeschäfte und die Wohnungsagenten leben?«

»Du erwartest doch nicht von mir, daß ich zum Besten der Möbeltransportgeschäfte ausziehe?«

»Nein, ich erwarte es von dir, weil ich eine ganz andre Art von Haus haben möchte als dieses.«

»Und bitte, wo bleibe ich?«

»In deinem Studierzimmer. Ich werde kein Haus mieten ohne ein solches.«

Das Lächeln, womit Kaudel diesen Witz belohnte, war ein kränkelndes Schattenpflänzchen.

»So ist’s recht, Mabel,« sagte er. »Solang du Witze machst, hat die Sache nichts auf sich. Ich hatte Angst, du sprechest im Ernst.«

»Aber ich spreche in vollem Ernst. Jetzt haben wir erst Juni. Wenn wir morgen kündigen, haben wir volle drei Monate Zeit, uns ein andres Haus zu suchen.«

»Hast du denn auch bedacht, was ein Umzug bedeutet? Seit sechzehn Jahren wohne ich in diesem Haus, habe viel Geld hineingesteckt, das Telephon einrichten lassen und — und — hol’s der Kuckuck! — habe ich dir nicht einen neuen Teppich angeschafft fürs Gastzimmer? Warum hast du mich diese Ausgabe machen lassen, wenn du doch vorhattest auszuziehen?«

»Da konntest du ebenso gut fragen, weshalb ich den Schornstein hätte fegen lassen. Komm, komm, Wilfrid, laß uns vernünftig reden. Du kannst mir nicht zumuten, mein Leben lang in einem Haus zu wohnen, das keinen Garten hat und nicht hinreichend Schlafzimmer. Ich habe nicht im Sinn, das zu tun, aber du kannst mir alles getrost überlassen. Ich werde ein andres Haus ausfindig machen, und du darfst ruhig an deiner Arbeit bleiben und brauchst dich um nichts zu sorgen. Du kümmerst dich viel zu viel um Haushaltungsangelegenheiten.«

»Das ist keine Haushaltungsangelegenheit. Dabei stehen mein Behagen, meine Bequemlichkeit, mein Beruf auf dem Spiel. Wo soll ich während des Umzugs arbeiten? Meinst du etwa, ich werde mich auf das Dach des Möbelwagens setzen und Leitartikel schreiben?«

»Nein, während des Umzugs gehen wir in ein Hotel, und dort kannst du arbeiten, indes ich nach den Sachen sehe.«

»Falls du mein Arbeitszimmer ohne mich aus- und einräumst, werde ich bis zu meinem letzten Atemzug ›nach den Sachen sehen‹ können.«

»Keine Rede! Du tust wirklich, als ob ich gar keinen Begriff von einem Umzug hätte, wir sind aber zweimal umgezogen zu Haus, und mein Vater hat gar nicht gebrummt — er hat einfach alles besorgt.«

»Und darf ich mir wohl die Frage erlauben, wohin du mich zu verpflanzen gedenkst?«

»Darüber bin ich noch nicht ganz mit mir im reinen. Ich habe in der letzten Woche die Wohnungsanzeigen verfolgt und mir mehrere Adressen aufgeschrieben. Hampstead Heath würde mir, glaube ich, zusagen: die Häuser liegen hoch und man hat dort frische Lust. Streatham ist auch ein reizender Vorort und Norwood ebenfalls. Wir könnten uns für den Kristallpalast abonnieren, und ich könnte mich dort gut unterhalten, während du arbeitest. Norwood ist wirklich sehr nett.«

»O entzückend!« rief Kaudel. »Und ich habe mein Bureau und den Klub so in der Nähe!«

Die junge Frau Kaudel runzelte die Stirn.

»Als wir heirateten, hast du mir mit keiner Silbe gesagt, daß wir in der Nähe deines Klubs wohnen müßten.«

»Natürlich habe ich das nicht gesagt, weil es sich von selbst versteht, daß ich nicht drei- oder viermal des Tags eine Reise in die Stadt machen kann. Ich habe meinen Beruf und muß in der Welt leben und nicht abseits.«

»Gut, so nehmen wir Hampstead. Das ist, so viel ich weiß, in der Welt, und es wohnen viele Schriftsteller dort — du selbst hast mir auf einem Spaziergang ihre Häuser gezeigt. Das erste, das wir sahen, stand auf einem großen Grundstück, hatte seinen Blumen- und seinen Küchengarten mit Frühbeet und Warmhaus, und so etwas möchte ich haben. Stell dir nur vor, wie nett es wäre, wenn wir unsre Tomaten, Gurken und Johannis- und Stachelbeeren selbst pflanzen könnten!«

»Und unsre eigenen Kohlköpfe und Kartoffeln hätten,« fiel Kaudel ein. »Warum schlägst du nicht lieber gleich vor, ich solle eine Handelsgärtnerei eröffnen?«

»Die Gartenarbeit würde dir bedeutend besser bekommen, als das ewige Sitzen, Kritzeln und Rauchen.«

»Gewiß, und sie wäre auch soviel einträglicher. Glaubst du, der Hausbesitzer würde sich die Miete in gelben Rüben und Gurken bezahlen lassen? Vergiß nicht, daß meine Arbeit unser Einkommen bedeutet.«

»O deine Arbeit — deine Arbeit! Man könnte meinen, dieses Haus sei das einzige in ganz London, wo du arbeiten kannst. Feder und Tinte wirst du wohl überall auftreiben können, oder nicht?«

»Meinst du, das sei alles, was ich zum Arbeiten brauche?«

»Ach, einen Bleistift brauchst du ja auch. Bleistifte sind in Hampstead zu haben.«

»Und mein Gehirn?«

»Nun, das wirst du doch wohl immer und überall bei dir haben!«

Da Kaudel einsah, daß weitere Gegenreden fruchtlos sein würden, ging er in sein Arbeitszimmer und steckte sich eine Zigarre an. Im Stuhl zurückgelehnt, ließ er den Blick über die aufgeschichteten Manuskripte, die überfüllten Bücherborte, die umherliegenden Berge von Briefen und Zetteln gleiten, und dabei hatte er das Gefühl, als tue sich das Chaos gähnend unter ihm auf. Das Mädchen brachte ihm den Kaffee und Frau Kaudel folgte ihr auf dem Fuß.

»Ich will bei dir Kaffee trinken,« sagte sie.

Kaudel stöhnte.

»Wilfrid,« begann Frau Kaudel, sobald die Zofe hinausgegangen war, »ist das die Achtung, die du deiner Frau schuldig bist? Wenn ich sage, daß ich mit dir Kaffee trinken will, stöhnst du in Gegenwart eines Dienstboten?«

»Wir sind nicht immer im stand, einen unwillkürlichen Ausdruck unsrer Empfindungen zu unterdrücken.«

»Empfindungen! Unter diesen Umständen ist dein Stöhnen nicht der Ausdruck von Empfindung, sondern eine Beleidigung!«

»Verzeih mir, ich hatte durchaus nicht die Absicht, dich zu kränken, aber dein plötzlicher Vorschlag, mich aus dem Haus zu werfen, mir sozusagen das Dach überm Kopf abzubrechen, hat mich ganz niedergeworfen.«

»Dir das Dach überm Kopf abbrechen! Unsinn! Ich bin doch wahrhaftig kein irischer Gerichtsvollzieher. Nimm dich doch zusammen und sei vernünftig. Wohin möchtest du am liebsten ziehen?«

»Nach Highgate,« sagte Kaudel seufzend. »Ich habe ein Familiengrab dort.«

»Wie häßlich von dir, so etwas zu sagen!«

»Entschuldige, Mabel, aber weil du für Grundstücke schwärmst, besann ich mich auf das meinige.«

Die junge Frau Kaudel verzog keine Miene, und der Gatte sah sie etwas ängstlich an.

»Es war doch nur ein Witz,« sagte er.

»Das war ein Witz? Nun, wenn du schon wieder Witze machst, kann dir der Gedanke an einen Umzug nicht das Herz gebrochen haben! Ernstlich gesprochen, Wilfrid, willst du einen Agenten beauftragen, dieses Haus zu vermieten? Ich glaube sicher, daß es bald vermietet sein wird, wenn wir ein Plakat mit: ›Zu vermieten‹ hinaushängen.«

»Ein Plakat! Glaubst du, ich könnte leben, wenn an meiner Haustüre steht: ›Dieses Haus ist zu vermieten‹?«

»Man würde es im Vorgarten aufstecken — falls man bei uns von einem Vorgarten sprechen kann!«

»Das würde mir jeden Ausblick stören. So oft ich zum Fenster träte, würde ich nichts sehen, als die Rückseite eines Bretts. Das ist ein Privathaus, keine Familienpension.«

»Es muß aber vermietet werden. Du wirst wohl nicht doppelte Miete bezahlen wollen?«

»Nein, ich will nur ein Dach über meinem Kopf haben.«

»Gut, nun du eingewilligt hast, werde ich morgen zu Head gehen und ihm Auftrag geben, daß er das Haus auf September vermietet. Da haben wir volle drei Monate Zeit, uns nach einem andern umzusehen. Ich werde mich sofort auf Umschau begeben, und sobald ich etwas gefunden habe, was uns etwa passen konnte, werde ich dir’s sagen, daß du mitkommst und es dir auch ansiehst.«

»O, mach dir deshalb keine Mühe, Mabel. — Wenn du mir nur des Morgens sagst, wie am Abend meine Adresse lauten wird, so genügt mir das vollkommen.«

»Papperlapapp! Natürlich mußt du das Haus sehen, ehe ich’s miete! Das würde ein nettes Leben für mich werden, wenn ich’s ohne deine Zustimmung nähme!«

»Ja, es wird wohl besser sein, wenn ich’s ansehe, da ich ja auch den Mietvertrag zu unterzeichnen habe. Das ist so eine kleine Förmlichkeit, worauf der Besitzer vielleicht besteht.«

»Selbstverständlich überlasse ich dir freiwillig alles Derartige.«

»Danke schön! Das ist sehr freundlich und rücksichtsvoll von dir, Mabel.«

»Ich werde mich nach einem Haus mit vielen Schlafzimmern, einem großen Garten und einer geräumigen Diele umsehen.«

»Denke auch ein wenig an unsre Teppiche, Mabel,« warf Kaudel erregt hin. »Es wäre wünschenswert, daß sie hineinpaßten.«

»Was für eine Idee!« rief die junge Frau Kaudel, den Kopf schüttelnd. »Man denke sich, daß ich umherlaufe ein Haus zu suchen, worein ein Haufen alter Teppiche paßt! Natürlich schaffen wir uns neue an.«

»Mabel,« stöhnte Kaudel, »willst du mich im Schuldturm sehen?«

»Sehen will ich dich immer, wo du auch sein magst.«

»Wenigstens wirst du kein Haus nehmen, wo alle Zimmer neu hergerichtet werden müßten?«

»Ich habe durchaus nicht im Sinn, mein Leben lang alte Tapeten vor Augen zu haben. Ich werde die Zimmer im neuen Stil malen und tapezieren lassen — das wirkt so viel heiterer und freundlicher. Was meinst du, wenn ich dein Arbeitszimmer in Rot hielte? Das würde wundervoll aussehen. Deine Bücherschränke decken freilich alles zu — ich begreife gar nicht, wozu du so viele Bücher brauchst, du kannst sie doch deiner Lebtag nicht alle lesen.«

»Die meisten habe ich gelesen.«

»Wirklich? Dann wollen wir sie verkaufen, eh’ wir umziehen.«

»Eine vortreffliche Idee. Meine Bücherei einer Tapete opfern! Willst du nicht eins von deinen Klavieren in mein Arbeitszimmer stellen und dieses den Tag über als Musikzimmer benützen? Wenn du einen so großen Garten hast, wird wohl auch ein Werkzeugschuppen drin stehen — da könnte ich ja arbeiten.«

»Wie töricht, Wilfrid. Du weißt sehr wohl, daß du das nicht tun würdest. Selbstverständlich nehme ich in allen Stücken Rücksicht auf dein Behagen — wie immer. Aber du möchtest jetzt wohl an deine Arbeit gehen; ich will dich nicht länger stören.«

»O bleibe nur da und setze mir deine Ansichten über das neue Haus etwas näher auseinander. Wirst du auf einer neuen Einrichtung bestehen? Und, wenn wir doch einmal soweit sind, sollen wir da nicht auch eine Milchkammer, eine Ananaszucht und einen Weinberg haben? Und dazu ein paar Kühe und einen Tanzsaal mit einer Galerie für die Musiker? Das entspräche so ganz und gar den Verhältnissen eines Mannes, der von seiner Feder lebt.«

»Du tätest viel besser, diese Feder laufen zu lassen anstatt deiner Zunge,« erklärte die junge Frau Kaudel. »Ich lasse dich jetzt allein.«

* * *

»Ein Plakat kam nicht in den Vorgarten,« schreibt Kaudel, »aber meine Frau war so fest entschlossen, auszuziehen, daß ich wohl oder übel einem Agenten den Auftrag geben mußte, mein Haus zu vermieten. Die Folgen dieses Schrittes wird man kennen lernen.«

Bei Kaudels wird »besichtigt«.

Nachdem die junge Frau Kaudel ihren Kopf durchgesetzt hatte, und die Wohnung in die Hand eines Agenten gegeben worden war, machte Kaudel vorsichtigerweise diesem ehrenwerten Herrn noch einen Privatbesuch und setzte ihm auseinander, wie viel er auf die Wohnung verwendet habe, und daß er von dem neuen Mieter dafür eine Entschädigung verlangen müsse, wogegen er diesem alle Neuanschaffungen überlassen würde.

Des weiteren machte er dem Herrn klar, daß er ein sehr beschäftigter Mann, und daß sein Haus seine Burg sei, er also nicht ertragen konnte, Leute aus müßiger Neugier darin umherspazieren zu sehen. Konnten die Agenten Leute finden, denen das Haus und der geforderte Preis passe, schön und gut, in diesem Fall sei er entschlossen, den Gelüsten seiner Frau nach Gartenarbeit Rechnung zu tragen. Als völlig zwecklos aber würde er es betrachten, Leute herzuschicken, die etwa sechzehn Schlafzimmer brauchten, denn es seien nur vier vorhanden, oder solche, die keinen Stall wünschten, da der Stall ein wesentlicher Charakterzug dieser Wohnung sei.

Der Agent verbeugte sich und versicherte, ihn vollständig verstanden zu haben, worauf Kaudel in verhältnismäßig zufriedener Stimmung von dannen ging. Vollkommen war sein Glück übrigens nicht, denn er stieß auf die größten Schwierigkeiten, wenn er seiner Frau begreiflich machen wollte, daß, so bezaubernd die Häuser auch sein mochten, in die sie sich im Verlauf ihrer Entdeckungsreisen verliebte, kein bindender Entschluß möglich sei, ehe das jetzt von ihnen bewohnte einen neuen Mieter hätte. In einem Winkel von Kaudels Herzen keimte die Hoffnung, daß die von ihm geforderte Entschädigungssumme alle Wohnungsjäger verscheuchen und er noch geraume Zeit in friedlichem Besitz der altvertrauten Räume bleiben werde.

Die junge Frau Kaudel fuhr indes unentwegt fort, alle Wohnungsagenten in einem Umkreis von vier Meilen um Sharing Croß heimzusuchen. Mit deren Karten bewaffnet, drang sie darauf in die Schlösser der Großen und die Hütten der Kleinen ein. Bei Tisch erging sie sich dann in begeisterten Schilderungen etwa eines Wohnhauses mit zwanzig Schlafzimmern und entsprechendem Garten, das zuletzt als Nervenheilanstalt gedient hatte, oder sie schwärmte für eine vier Meilen von einer Eisenbahnstation gelegene entzückende Villa, die nur hundert Pfund im Jahr kostete, weil die letzten Bewohner von Einbrechern ermordet worden waren. Anfangs wurde Kaudel auch auf eine oder die andre Rundfahrt zu den begehrenswerten Häusern in der Umgebung Londons mitgenommen, da ihm aber unfehlbar alle gefielen, die nicht zu vermieten waren, und er an allen mietbaren unüberwindliche Übelstände entdeckte, gab die junge Frau Kaudel ihn als hoffnungslos auf und ließ ihn im Frieden seines Arbeitszimmers.

Dieser wurde indes aufs grausamste gestört. Eines Morgens, als Kaudel eifrig vertieft am Schreibtisch saß, ging die Tür auf, und das Hausmädchen ließ eine Dame und einen Herrn eintreten. Kaudel, der seinen literarischen Arbeitskittel trug, stieß einen Ruf des Unmuts aus.

»Hoffentlich stören wir nicht,« sagte die Dame. »Wir möchten das Haus besichtigen.«

»O … ja … jawohl … ich bitte um Entschuldigung,« stammelte Kaudel.

Der Herr ging schon im Zimmer herum, beguckte Bücher, Kuriositäten und Bilder.

»Eine wahre Kunstsammlung,« bemerkte er.

»Etwas der Art,« sagte Kaudel. »Das Mädchen wird Ihnen die Zimmer zeigen.«

»Sehr freundlich,« versetzte die Dame, indem sie sich auf dem Stuhl niederließ. »Also hier schreiben Sie Ihre Bücher und Theaterstücke! Bitte, arbeiten Sie doch weiter — ich habe noch nie einen Schriftsteller an einem Stück schreiben sehen, aber ich möchte es für mein Leben gern sehen!«

»Meine Frau interessiert sich ungemein für Schriftsteller, Herr Kaudel,« bemerkte der Gatte erklärend. »So oft das Haus eines solchen zu vermieten ist, verschafft sie sich eine Karte und besichtigt es.«

»Ich verstehe. Sie haben also nicht die Absicht, das Haus zu mieten … hm … Sie wollen es nur ansehen?«

»Was du für Unsinn redest!« sagte die Dame, neckisch mit dem Sonnenschirm nach ihrem Mann schlagend. »Herr Kaudel bekommt ja einen ganz falschen Begriff von uns!«

Dann setzte sie, zu dem nichts weniger als liebenswürdig dreinschauenden, verärgerten Schriftsteller gewendet, hinzu: »Wir haben allerdings die Absicht, das Haus zu mieten, wenn auch nicht für uns selbst. Meine Schwester, die nächstes Jahr aus Australien zurückkehren wird, hat mich gebeten, gelegentlich nach einer Wohnung für sie zu sehen.«

»Nächstes Jahr!« rief Kaudel. »Dann haben Sie wohl die Güte, sich nächstes Jahr wieder herzubemühen. Ist das Haus dann noch frei, so werde ich es Ihnen mit dem größten Vergnügen zeigen. Einstweilen habe ich die Absicht, es zum kommenden Quartal zu vermieten.«

Die Dame wie der Herr ergingen sich in weitschweifigen Entschuldigungen und Kaudel wünschte ihnen so eilig und so eifrig als möglich guten Tag. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als die junge Frau Kaudel erschien.

»Wilfrid! Ich habe gehört, was du gesagt hast! Wie sollen wir das Haus je vermieten, wenn du jeden, der es ansehen will, hinauswirfst?«

»Ich habe niemand hinausgeworfen, mein Kind. Für derartige Athletenstückchen bin ich zu alt, da irrst du dich.«

»Du hast ihnen gesagt, sie sollen sich scheren.«

»Hätte ich sie bis zum nächsten Jahr hier behalten sollen?«

»Unsinn! Wenn ihnen das Haus gefallen hätte, würden sie es vielleicht für September gemietet haben. Sie hätten’s ja leer stehen lassen können, bis die Schwester kommt. In Zukunft werde ich die Leute herumführen, die zur Besichtigung kommen. Wenn sie dich zuerst sehen, vermieten wir nie!«

»Du kannst soviel Menschen im Haus herumführen, als dein Herz verlangt, Mabel, aber bringe sie nicht in mein Zimmer, wenn ich an der Arbeit bin. Das geht denn doch übers Bohnenlied. Ich lasse mich nicht von jedem hergelaufenen Kerl angaffen wie ein wildes Tier.«

»Dein Arbeitszimmer ist das schönste im Haus — du hast dir ja natürlich den besten Raum ausgesucht — und wer auch immer kommt, muß dieses Zimmer sehen. Mach also keine lächerlichen Geschichten, wenn ich bitten darf.«

Die junge Frau Kaudel segelte zum Zimmer hinaus, und Kaudel, dem der Faden seiner Geschichte vollständig abgerissen war, starrte an die Zimmerdecke und kaute in finsterer Wut an seinem Federhalter.

Ein paar Tage hatte er Frieden, dann kam abermals eine »Partei«, um das Haus zu besichtigen, und diese kam zu höchst unpassender Zeit, zur Essensstunde.

Als das Mädchen mit der Karte des Agenten hereinkam, rief denn auch Kaudel aufs Entschiedenste: »Unmöglich! Weisen Sie die Leute ab!«

»Nein,« befahl Frau Kaudel. »Führen Sie die Herrschaften herein!«

»Aber, Mabel, wir sind ja bei Tisch!«

»Woher sollen sie das wissen? Da es dir beliebt, um sechs Uhr zu speisen wie ein Hinterwäldler, während kein zivilisierter Mensch in London vor sieben oder acht Uhr speist, mußt du die Folgen auf dich nehmen. Führen Sie die Herrschaften herein, Marie!«

In der Halle ließen sich Stimmen vernehmen.

»Wir möchten zuerst das Eßzimmer sehen.«

Die Türe ging auf und es erschien ein hochgewachsener, militärisch aussehender Herr in Begleitung einer noch höher gewachsenen, noch militärischer aussehenden Dame. Offenbar erstaunt, den Hausherrn um diese Stunde einem gedämpften Huhn gegenüber sitzen zu sehen, stießen beide einen Laut der Überraschung aus.

»Bedaure, Sie zu stören,« sagte der Herr. »Das Haus zu vermieten, Besichtigung zu jeder Zeit, sagte der Agent. Wir hatten keine Ahnung, daß Sie bei Tisch sind.«

»Nur beim zweiten Frühstück,« versetzte Kaudel mit einem Blick auf seine Frau. »Wir pflegen spät aufzustehen.«

Die militärische Dame sah den Sprecher abweisend an.

»Wir brauchen nicht weiter zu gehen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Das Eßzimmer ist ja viel zu klein.«

Sie beglückte die junge Frau Kaudel mit einer Verbeugung, sagte mit einer Stimme, die zum Befehlen geschaffen war, zu ihrem Gatten: »Komm!« und der Gatte kam, vielmehr er ging.

»Wilfrid!« rief die junge Frau Kaudel. »Du bringst mich in die tödlichste Verlegenheit! Die Leute werden dich für einen Narren halten! Zu behaupten, daß wir am Frühstück seien!«

»Du hattest mir gerade vorher gesagt, daß nur Hinterwäldler um sechs Uhr speisten; ich glaubte also die Sache gut zu machen, indem ich unsre Mahlzeit für ein Frühstück ausgab.«

»Du kannst einen zur Verzweiflung bringen! Wir werden das Haus nie vermieten, solange du drin bist.«

»Sperre mich doch in den Kohlenkeller, bis du einen Mieter gefunden hast! Du kannst mir ja ein Bierfaß als Schreibtisch geben und eine Kerze auf einen Kohlensack stellen.«

»Solange du solchen Unsinn vorbringst, kann man nicht mit dir streiten, aber ich weiß, was ich tun werde. Ich werde ganz einfach ein andres Haus mieten. Da du keine Lust hast, doppelten Mietzins zu zahlen, wirst du es dann wohl aufgeben, die Mieter für dieses Haus zu verscheuchen.«

»Nein,« versetzte Kaudel stöhnend, »und wenn ich noch länger in dieser ruchlosen Weise gequält und am Arbeiten verhindert werde, kann ich überhaupt keine Hausmiete mehr aufbringen.«

Die Drohung der jungen Frau Kaudel tat nichtsdestoweniger ihre Schuldigkeit, denn Kaudels Haltung gegen Menschen, die das Haus besichtigten, wurde weniger feindselig.

Einmal geriet er in große Angst, der Umzug, wovor er zitterte, könne zur Ausführung kommen. Eine Dame und ein Herr besahen die Wohnung und erklärten, daß sie ihnen sehr gut gefalle. Nach acht Tagen kamen sie wieder, um auch die Nebenräume eingehend zu besichtigen. Sie verweilten über eine Stunde im Haus, steckten ihre Nasen in alle Wandschränke und gingen in den Souterrain, den sie auf Feuchtigkeit untersuchen wollten. Dort hielten sie sich recht lang auf, was ziemlich aufregend war, denn es befanden sich dort drei Hunde, die vom Mädchen am Halsband gehalten werden mußten, bis die Besucher wieder fort waren. Kaudels Hunde waren zwar nicht bösartig, aber es waren Bulldoggen, und wenn Fremde in den Souterrain kamen, so beschnüffelten sie deren Beine in einer Weise, die manche zu einem eiligen Rückzug veranlaßte. Nichts aber reizt auch den harmlosesten Hund so zum Anpacken, als ein hastig entweichendes Menschenbein. Als die Besichtigung zu Ende war, erklärten die Fremden, sie würden das Weitere mit dem Agenten besprechen. Zwei Tage darauf teilte dieser Kaudel ihren Brief mit. Sie wären bereit, das Haus zu dem von Kaudel bezahlten Mietzins zu übernehmen. Die Verbesserungen, die Kaudel hatte machen lassen, die Badeeinrichtung und so weiter sagten ihnen nicht zu, sie wollten daher auch keine Entschädigung dafür bezahlen, und da sie keine Pferde hielten, hatten sie auch keinen Stall nötig, und so sollte Kaudel die Miete für den Stall von der des Hauses abziehen.

Nachdem Kaudel das Schriftstück gelesen hatte, klingelte er heftig nach seiner Hausfrau.

»Wenn noch jemand das Haus sehen will,« sagte er, »so sage den Leuten, ein verrückter Menschenfresser wohne darin und schlage ihnen die Tür vor der Nase zu.«

»Du wirst nichts Derartiges tun,« erklärte die junge Frau Kaudel. »Das Haus ist zu vermieten und muß vermietet werden. Ich werde ausziehen. Es war eine Ruchlosigkeit von dir, ein Mädchen zu heiraten, um es zeitlebens in ein Haus ohne Garten und mit nur zwei Schlafzimmern zu sperren. Du hast mich aus einem Haus weggeholt, wo wir acht Schlafzimmer hatten und unser Gemüse selbst zogen, überdies war mein Vater im Begriff umzuziehen, weil er ein Warmhaus haben wollte, um Tomaten zu pflanzen.«

Was Kaudel darauf über seines Schwiegervaters Tomaten äußerte, braucht nicht wiederholt zu werden.

* * *

»Das Haus wurde noch von verschiedenen ›Parteien‹ besichtigt,« schreibt Kaudel, »und ich wurde schließlich so nervös, daß ich, so oft an die Haustür gepocht wurde, eilends hinaufging und mich in der Rumpelkammer versteckte. Aber nicht einmal dort war ich sicher, denn als ich eines Tags, den Kopf in den Händen vergraben und wilde Wut im Herzen, auf einem alten Koffer saß, ging die Türe auf und meine Frau erschien mit einer Amerikanerin und deren zwei reizenden Töchtern, die das Haus besichtigten, weil sie sich in London niederlassen wollten.

»Mein Mann,« stammelte meine Frau, mich mit einem Blick durchbohrend, der mir durch Mark und Bein ging.

»Die Amerikanerinnen starrten mich einen Augenblick verwundert an und brachen dann in herzhaftes Gelächter aus. Ich konnte ihnen nicht böse sein. Der Anblick des Hausherrn, der sich in die Rumpelkammer verkriecht, indes Fremde in all seinen Räumen aus und ein gehen, muß entschieden komisch wirken. Unglücklicherweise begriff meine Frau den Humor der Sache nicht und so hatte ich nach Abgang der Damen eine böse halbe Stunde durchzumachen.«

Aber das Haus ist immer noch: »Zu vermieten.«

Herr Kaudel leidet an Magenkatarrh.

Kaudel hatte acht Tage lang an einer Verdauungsstörung gelitten, die ihn zu einer verdüsterten Weltanschauung und vielen Seufzern veranlaßte. Die junge Frau Kaudel war am ersten Tag voll Mitgefühl gewesen, am zweiten aber war ihre Teilnahme kühler und am dritten behandelte sie ihn entschieden grausam.

»Ich begreife nicht, daß ein Mann sich so kläglich gebärden mag, Wilfrid,« sagte sie. »Wenn du Indigestionen hast, so nimm doch etwas dagegen ein.«

»Ich habe mein Leben lang dagegen eingenommen,« stöhnte Kaudel, der das Gewicht eines Motorwagens auf seiner Brust zu spüren glaubte, »und rede doch nicht von Indigestionen, denn das ist es nicht. Es ist eine Untätigkeit der Verdauungsorgane, womit meine Familie von jeher belastet war.«

»Deine Familie scheint mit sehr Vielem belastet zu sein! Wenn sie mehr erbliche Freude am Spazierengehen hätte, wäre vieles besser.«

»Du meinst, ich machte mir nicht genug Bewegung? Ich tue ja, was ich kann, aber ein Mann, der den lieben langen Tag und die halbe Nacht Gehirnarbeit verrichtet, kann nicht immer spazieren gehen, übrigens nützt das auch nichts; es ist ein altes, vererbtes Übel.«

»Gut, dann rede nicht so viel darüber, sondern versuche, es zu heilen.«

»Das habe ich bereits getan. Ich habe Ingwer und Kreosol genommen, Schachteln voll Tablettchen und Gläser voll Arzneien, bin rund um den Park gerannt, stundenweise Treppen auf und ab gelaufen, aber nichts hat mir geholfen.«

»Willst du etwas nehmen, was ich dir gebe?«

»Was ist es?«

Die junge Frau Kaudel zog ein Büchschen aus der Tasche und entnahm diesem etwas, was wie ein Kalkmarmel aussah.

»Ich habe einer Dame erzählt, wie entsetzlich du leidest, und da gab sie mir eine von diesen Kugeln. Ein deutscher Professor hat sie ihrem Mann verordnet, und sie haben ihm außerordentlich wohlgetan.«

»Mabel!« rief Kaudel mit strengem Ton, indem er den weißen Marmel beguckte. »Wenn du mich loswerden willst, so verschaffe dir ein Gift, das schmerzlos wirkt, und gieße mir’s in den Tee.«

»Gift! Was für verrücktes Zeug du redest! Meine Freundin würde mir doch wahrlich kein Gift geben.«

»Aus was besteht das Ding?«

»Das weiß ich nicht; sie hat mir’s nicht gesagt.«

»Und du erwartest, daß ich einen weißen Marmel hinunterschlucke, von dessen Bestandteilen du nichts weißt? Nein, Mabel, da sind mir meine Leiden noch lieber.«

»Mir aber nicht, denn die drücken andre auch zu Boden. Es ist keine Kleinigkeit, dich den ganzen Tag stöhnen und über alles brummen zu hören. Du rührst deine Mahlzeiten kaum an, kannst dies nicht essen, jenes nicht riechen, du gehst mir wahrhaftig auf die Nerven.«

«Ich geh’ namentlich mir selbst auf die Nerven.«

»Und jedermann, der um dich sein muß. Der Hund verkriecht sich unterm Tisch, sobald du ›deinen Magen‹ hast, und er tut sehr wohl daran. Dabei willst du ihn doch nicht loswerden.«

»Wen, den Hund?«

»Nein, deinen Magenkatarrh.«

»Glaubst du, daß ich das nicht möchte, wenn ich nur könnte? Ich hasse meinen Zustand, und würde wahrlich lieber frohgemut und leichtherzig sein, als schwermütig und bedrückt. Bildest du dir etwa ein, Kranksein mache mir Vergnügen?«

»Nein, aber manchmal will es mir scheinen, du bildetest dir ein, kränker zu sein, als du bist. Nur den Tag über stöhnst du und machst ein Gesicht, als ob alle Kümmernisse der ganzen Welt auf dir lasteten. Sobald aber der Abend kommt und das Licht brennt, bist du wieder ganz munter.«

»Nervöse Menschen mit schlechter Verdauung befinden sich des Abends immer wohler. Da leben sie auf. Diesmal hat mich’s eben bös gepackt; mir ist, als ob ich Zentnerlasten auf der Brust trüge.«

»Das muß schrecklich sein — und doch weigerst du dich, ein Mittel zu nehmen, das ich dir anbiete.«

»Ich will wissen, was ich schlucke.«

»Nun, ich kenne ein paar ganz harmlose Hausmittelchen, die mein Vater zu nehmen pflegte, wenn seine Verdauung nicht in Ordnung war. Der stöhnte nämlich nicht, rollte die Augen und wurde auch nicht so reizbar, daß man den Hund hätte tagelang spazieren schicken müssen, sondern er trank einfach ein Glas kochend heißes Wasser, wenn ihm nicht wohl war. Darf ich dir nicht ein Glas heißes Wasser bringen?«

»Nein, ich danke. Ich bin kein Teekessel. Ich nehme Wismut und will dabei bleiben.«

»Das Mittel scheint nicht viel zu taugen, sonst hätte dir’s längst geholfen, aber du willst ja kein richtiges nehmen. Sieh nur all die Anzeigen von Verdauungsmitteln an, die in den Zeitungen stehen. Warum versuchst du’s mit keinem?«

»Wenn ich sie alle untereinander nähme, könnte mir’s schlecht bekommen. Die meisten davon habe ich einzeln bereits versucht.«

»Dann kann’s nur daran liegen, wenn du nicht kuriert bist, daß du fortfährst, Dinge zu genießen, die dir schädlich sind. Du solltest den Tee am Morgen aufgeben und dafür Hafergrütze essen.«

»Hafergrütze ist mir ein Greuel. Nur die Schotten lieben Hafergrütze, und die bringen diesen Geschmack eben mit auf die Welt.«

»Und du solltest kein dunkles Fleisch essen, nur Hähnchen und Fische, und solltest nie etwas trinken bei den Mahlzeiten.«

»Ich trinke nie etwas zwischen den Mahlzeiten, und etwas Flüssigkeit muß ich doch zu mir nehmen.«

»Ja, aber du solltest kein Ingwerbier trinken; das ist gar nicht gut für den Magen.«

»Wein kann ich nicht vertragen, Bier nicht, Schnaps nicht. Und Limonade darf ich auch nicht trinken. Ich würde gern frisches Brunnenwasser trinken, nur graut mir davor, seit ich bei einem Vortrag im Polytechnikum Brunnenwasser unterm Mikroskop gesehen habe. Es schwammen Geschöpfe drin herum, die wie kleine Krokodile und Alligatoren aussahen.«

»Ich glaube, daß du zu viel rauchst. Das Rauchen kann unmöglich gut sein für den Magen, und du rauchst fast den ganzen Tag.«

»Das hat gar nichts damit zu schaffen. Meine Schwester raucht nicht, hält eine Milchdiät ein und hat noch mehr mit ihrem Magen zu schaffen als ich.«

»Ich verlange nur, daß du irgend etwas tust, um dein Leiden los zu werden. Dein Zustand wirkt so bedrückend auf mich, ja, manchmal ist mir’s, als ob ich ein Fenster aufmachen und hinausschreien müßte. Chronische Magenverstimmung beim Mann sollte einer Frau das Recht geben, sich scheiden zu lassen.«

»Mabel, Mabel, wie stimmt das zur Trauungsformel? Die Frau gelobt, daß sie dem Mann anhängen will in gesunden und kranken Tagen.«

»Ich glaube, daß es noch keine gichtischen, chronischen Magenkatarrhe gab, als man die Trauungsformel festsetzte. Die Menschen haben damals ein gesünderes Leben geführt, sind nicht tagelang in gekrümmter Haltung kritzelnd und Pfeifen rauchend am Pult gesessen.«

»Der Tabak war allerdings noch nicht erfunden, das ist richtig.«

»Und ich glaube wirklich, daß der an allem schuld ist. Du hast — wie heißt man’s doch? — eine Nikotinvergiftung!«

»Kinder rauchen nicht und haben doch oft Verdauungsstörungen.«

»Dann gibt man ihnen passende Mittel, doch du nimmst sie nicht.«

»Kinder verderben sich meist den Magen mit Obst und Süßigkeiten, was ich nicht tue.«

»Jedenfalls führen sich Kinder nicht so kläglich auf wie du! Da du aber keinen Rat von mir annimmst, nichts nehmen willst, was ich dir empfehle, so will ich jetzt ausgehen. Du willst ja vermutlich auch arbeiten.«

»Gewiß,« sagte Kaudel. »Geh du nur und laß mich allein meine Qualen tragen. Das Leiden will ich ja aushalten, aber noch Vorwürfe darüber zu bekommen, das schlägt dem Faß den Boden aus.«

Kaudel stand auf und zog sich in sein Studierzimmer zurück, und die junge Frau Kaudel rief den Hund aus seinem Versteck unterm Sofa und nahm ihn mit zum Spaziergang.

Zwei Stunden darauf, Kaudel stöhnend und Wismutzeltchen kauend über der Arbeit saß, kehrte sie mit strahlender Miene zurück. Sie hatte eine dickbauchige Flasche im Arm, eine Flasche, wie die Leute sie ins Spital mitbringen, um unentgeltlich verteilte Arzneien in Empfang zu nehmen.

»Du lieber Himmel, Mabel!« rief Kaudel. »Was in aller Welt schleppst du denn da umher?«

»Etwas für dich. Ein unfehlbares Mittel gegen Magenkatarrh.«

Kaudel schielte mißtrauisch nach der Flasche, die mit einer dicken grünlichen Flüssigkeit gefüllt war.

»Was ist es? Woher hast du es?«

»Nun, ich habe bei unserm Schornsteinfeger vorgesprochen, um ihn zum Teppichklopfen zu bestellen, und dabei lernte ich seine Frau kennen. Ein nettes altes Frauchen, das nach dir gefragt hat, weil sie, wie sie mir sagte, alles liest, was du schreibst, und da habe ich ihr erzählt, wie übel du mit deinem Magenkatarrh dran seiest. ›O, Frau Kaudel,‹ hat sie gesagt, ›wollen Sie dem Herrn nicht eine Flasche von dem Trank bringen, den mein Mann genommen hat? Der hat ausgestanden wie ein Märtyrer mit seinem Magen und ist jetzt gesund wie der Fisch im Wasser. Stöhnend und seufzend ist er allemal morgens an sein Geschäft gegangen, und dann mit solchen Schmerzen heimgekommen, daß er sich nicht einmal mehr dazu aufraffen konnte, vor dem Essen den Ruß abzuwaschen. Jetzt ist er pudelwohl, geht pfeifend an die Arbeit und summt ein Liedchen aus einer Oper, wenn er heimkommt. Er ist nämlich sehr musikalisch, mein Mann, müssen Sie wissen.‹«

»Und du willst, daß ich …«

»Laß mich ausreden — ich bin noch nicht fertig. Als mir die Frau das gesagt hatte und dann in ihre gute Stube ging und eine Flasche von dem Trank brachte, den sie immer vorrätig hat und den sie selbst aus Kräutern bereitet, die sie gut kennt, weil nämlich ihr Vater ein Kräutersammler war, da habe ich’s doch nicht ablehnen können, sie mitzunehmen, und habe ihr schönen Dank dafür gesagt. So, und da ist die Flasche.«

Die junge Frau Kaudel stellte das stattliche Gefäß auf den Schreibtisch.

»Nach jeder Mahlzeit mußt du ein Weinglas voll davon trinken, und wenn du das drei Tage lang tust, wird all dein Ach und Weh kuriert sein.«

»Mabel!« rief Kaudel entrüstet. »Glaubst du wirklich, daß ich das Gebräu einer Schornsteinfegersfrau schlucken werde? Weg damit!«

Die junge Frau Kaudel machte ein sehr betrübtes Gesicht.

»Jetzt willst du es nicht einmal nehmen, und ich hab’ die häßliche Flasche den ganzen Weg hergeschleppt, als ob ich vom Spital käme! Nie mehr werde ich etwas für dich tun!«

»Du brauchst mir auch keine von Schornsteinfegern bereitete Arzneien zu bringen! Das nächste Mal bringst du mir vielleicht eine Schachtel mit Pulvern vom Straßenkehrer! Ich finde es im höchsten Grad unpassend, daß du in der Nachbarschaft herumläufst und mit Schornsteinfegern und Teppichklopfern über deines Mannes Gesundheit verhandelst. Nächstens wirst du den Schutzmann über die Symptome meines Leidens unterhalten. Mein Magenkatarrh ist meine persönliche Angelegenheit, und ich verbitte mir, daß sie außerhalb des Hauses besprochen wird. Was würdest du dazu sagen, wenn ich mit dem Blumenmädchen an der Ecke von deiner Migräne sprechen wollte und dir etwa ein Fläschchen aus der Hausapotheke ihrer Mutter mitbringen? Was diesen Humpen mit irgend einem Sudel aus der Hexenküche betrifft, so nimm ihn weg und bring ihn mir nicht wieder vor Augen. Du kannst ihn der Madame Schornsteinfeger zurückschicken mit einer schönen Empfehlung von mir, und ich möchte sie nicht berauben.«

»Das werde ich nicht tun. Ich werde die arme Frau, die dir etwas Gutes erweisen wollte, nicht kränken.«

»Dann gieße den Trank aus oder beglücke deinen Vater damit; ich nehme ihn jedenfalls nicht.«

»Gut, nur laß mich dann auch unbehelligt mit deinen Leiden. Ich werde keine Teilnahme mehr haben und einfach ausgehen, wenn du zu stöhnen anfängst. Wenn du wirklich so übel dran wärest, wie du dich anstellst, würdest du Hilfe suchen und dankbar sein für eine solche. Ich glaube, deine Krankheit beruht nur auf Einbildung. Es ist gar nicht so schlimm, du bildest dir’s nur ein — oder willst mir’s weismachen.«

»O gewiß,« versetzte Kaudel gereizt, »ich verstelle mich nur. Du siehst, daß ich mich vor Schmerzen krümme — das ist natürlich gemacht. Du hörst mich stöhnen — Schauspielerkunststück. Ich habe ja so viel übrige Zeit, daß ich mir eine künstliche Nachahmung von Krankheitszuständen ausdenke und meinen Tag mit Privatvorstellungen zubringe. Alles Komödie!«

»Komödie!« rief die junge Frau Kaudel. »Was mich betrifft, so ist’s wahrhaftig eher eine Tragödie! Ich könnte ebensogut mit einem Pflegling des Heims für Unheilbare verheiratet sein.«

»Wenn du das wärest, dürftest du ihm wenigstens nicht Arzneien bringen, die du auf der Gasse aufgelesen hast und von denen du erwartest, daß ich sie schlucke!«

»Ich werde dir gewiß niemals mehr eine anbieten, nie mehr, solange ich lebe! Aber ich werde auch nicht länger die Sklavin deines Magenkatarrhs bleiben! Ich habe die ganze Zeit nichts mehr auf den Tisch gebracht, was ich gern esse, nur damit du nicht in Versuchung kommen solltest, auch davon zu essen. Das hat jetzt ein Ende. Für heute abend werde ich Salm mit Hummersauce und nachher eine Ente mit Gurkensalat bestellen und morgen soll’s zum Frühstück gedämpfte Leber und Speck geben. Ich werde mich nicht länger aus Gefälligkeit gegen dich von gedünsteten Seezungen, Hammelbraten und Sagopudding ernähren, denn blau gekochte Seezunge ist mir ein Greuel, der Hammelbraten ist mir über alle Maßen entleidet und Sagopudding war mir von jeher zuwider. Auf der Stelle werde ich mit der Köchin sprechen und ihr sagen, daß wir keine Krankenkost mehr brauchen, sondern menschenwürdige Nahrung. Vielleicht bestelle ich sogar Schweinebraten.«

»Das wirst du hübsch bleiben lassen!« rief Kaudel triumphierend, »und zwar weil er dir selbst nicht bekommt und weil die Versuchung für dich zu groß wäre. Wenn du Salm und Ente auf den Tisch bringst, so werde ich davon essen, und die Folgen fallen auf dein Haupt.«

* * *

»Meine Frau hielt Wort,« schreibt Kaudel, »und im ganzen war mir’s eher lieb als leid, denn ich hatte die Krankenkost auch herzlich satt. Ich aß Salm und Gurkensalat und ließ mir die Ente trefflich schmecken. Aus Angst vor den möglichen Folgen machte ich, statt nach Tisch an die Arbeit zu gehen, einen langen Spaziergang durch den Park und am andern Morgen war mein Magenkatarrh wie weggeblasen.«

Die junge Frau Kaudel geht heim zu ihrem Vater.

Kaudel hatte erkannt, daß er als Journalist die Pflicht habe, ein maßgebendes Wort über Freihandel und Schutzzoll zu sprechen. Chamberlain hatte den Fehdehandschuh der Vorzugstarife hingeworfen, und jeder Freihändler, der einigermaßen der Feder oder des Wortes mächtig war, fühlte sich berufen, ihn aufzunehmen. Kaudel stammte aus einer radikalen Familie und war als Anhänger des Freihandels zur Welt gekommen. In seinem Schlafzimmer hing das Bildnis eines Großvaters, der darauf eine wunderliche Pergamentrolle unterm Arm hielt, eine Pergamentrolle, von der man annahm, daß sie die der Volkscharte sei. Kaudels Großvater war ein Führer der Chartisten gewesen, aber andre Zeiten, andre Sitten, und Kaudel selbst war nach einer radikalen Jugend in mittleren Jahren ein gemäßigter Liberaler und Anhänger des unionistischen Gedankens geworden.

In der Frage des Freihandels war er jedoch immer fest geblieben, und erst als der gegenwärtige große Vertreter des Einheitsgedankens gesagt hatte, das Reich brauche Gegenseitigkeit, und von einem Zollverein und Vorzugstarifen gesprochen hatte, war Kaudel auf die Idee gekommen, daß das zwanzigste Jahrhundert eben nicht das neunzehnte sei, und unterm Eindruck des den Freihändlern ins Gesicht geschleuderten Worts von einem Schibbolet hatte er sich über statistische Werke hergemacht, um die Sache gründlich zu studieren.

Nachdem er das getan und seine Zahlen zusammengetragen hatte, schickte er sich an, einen Aufsatz zu schreiben, von dem er annehmen zu dürfen glaubte, daß er beträchtliches Licht in die Sache bringen werde, und gerade als er so weit war, verkündigte ihm die junge Frau Kaudel, daß sie einen »Vakuumreiniger« aufstellen werde.

»Einen — was?« fragte Kaudel.

»Einen Vakuumreiniger. Es ist eine wunderbare Erfindung! Die Maschine wird vor dem Haus auf der Straße ausgestellt und die Röhren werden durch die Fenster eingeführt, gehen bis auf den Fußboden hinunter und saugen allen Staub der Teppiche auf. Ich werde zuerst dein Arbeitszimmer und dann das Eßzimmer auf diese Weise reinigen lassen.«

»Was?« stammelte Kaudel, nach Luft ringend. »Jetzt haben wir gerade das Frühjahrsreinemachen überstanden, und jetzt willst du Röhren in mein Zimmer einführen und mich hinauspumpen. Nimmermehr!«

»Das Frühjahrsreinemachen ist ganz wertlos,« entgegnete ihm die junge Frau Kaudel. »Dabei jagt man nur den Staub von einem Fleck zum andern, während diese Maschine ihn aufsaugt und mit fortnimmt. Es ist eine großartige Idee! Ich habe den Apparat nämlich am Nachmittag bei Frau Brown arbeiten sehen — Frau Brown wurde beinahe ohnmächtig, als die Männer ihr zeigten, wieviel Staub aus ihren Teppichen herausgepumpt worden war. Verschiedene von den königlichen Schlössern sind auch ›gevakuumt‹ worden, und die hatten’s offenbar sehr nötig. Dabei werden auch die Härchen des Gewebes so aufgerichtet, daß der Teppich nachher wie neu aussieht.«

»Mabel, ich habe die Maschine auch arbeiten sehen an der andern Seite des Parks. Die Geschichte sah aus wie ein wahnsinnig gewordener stehender Motor. Ich will ja gar nicht in Zweifel ziehen, daß sie die Häuser säubert, wie sie nie gesäubert wurden, aber jedes Ding hat seine Zeit. Warten wir bis zum nächsten Frühjahr.«

»Lächerlich! Das ist ja fast noch ein Jahr! Überdies weiß ich nicht, weshalb du wieder solche Schwierigkeiten machst. Das Vakuum ist flink, und die ganze Geschichte ist an einem Nachmittag getan. Was hast du denn gegen das Vakuum?«

»Den Widerstand menschlicher Natur!« rief Kaudel. »Die menschliche Natur haßt das Vakuum.«

»Die menschliche Natur verlangt aber nach staubfreien Teppichen. Ich habe die Maschine auf morgen nachmittag bestellt.«

»Mabel,« versetzte Kaudel, »ich bin in einer Untersuchung begriffen, von der die Zukunft des britischen Reichs abhängt. Ich habe die Statistik des Welthandels gesammelt; diese mit Zahlen beschriebenen Blätter, die auf dem Tisch zerstreut liegen, enthalten sie. Wenn das Vakuum alles aufsaugt, wird es auch meine Notizen aufsaugen, und das Reich wird im Finstern weitertappen, vielleicht dem Abgrund der Vernichtung zu. Macaulays Neuseeländer mag durch die Art und Weise, wie du mich in diesem kritischen Augenblick verfolgst, in die Lage kommen, die Londoner Brücke als Ruine zu sehen!«

»Von diesem Neuseeländer weiß ich nichts, du scheinst mir aber auch einer zu sein. Du sprichst so viel wie dein Freund Dick Seddon!«

»Lassen wir Dick Seddon aus dem Spiel. Der ist glücklich in seinem Heim und wird nicht gegen seinen Willen ›gevakuumt‹, wie du dich ausdrückst. Geh, ich beschwöre dich, und laß mich entscheiden, worin meines Vaterlands Rettung liegt, im Freihandel oder im Vakuum — will sagen in Schutzzöllen.«

»Wilfrid,« versetzte die junge Frau Kaudel in strengem Ton, »ich habe mich entschlossen, mein Haus reinigen zu lassen, und es ist nicht deines Amts, dich in Haushaltungssachen zu mischen. Ich will Herrin in meinem eigenen Haus sein und nicht das Gefühl haben, gleichsam als Logierbesuch geduldet zu werden.«

»O, meine liebe Mabel — du geduldet — du Logierbesuch! Wenn es je eine Frau gegeben hat, die ihren ganzen Hausstand in Furcht und Zittern …«

»O, nun bist du im rechten Zug! Mach doch einen Tyrannen, eine Virago aus mir! Wundert mich, daß du mich nicht kurzweg mit der Kaiserinwitwe von China vergleichst, damit wäre alles gesagt.«

»Die Kaiserin von China ist eine alte Katze und du bist nur ein boshaftes niedliches Kätzchen, das mit meinem Temperament spielt wie mit einem Wollknäuel.«

»Dein Temperament hat sehr wenig Ähnlichkeit mit einem Wollknäuel, höchstens daß es auch leicht in Verwirrung gerät. Es gleicht eher einem Stück Schiffstau.«

»Mit einem echten Liebesknoten am Ende,« bemerkte Kaudel lächelnd.

»Von echter Liebe merkt man nicht viel bei einem Mann, der seiner Frau immer widerspricht, wenn sie für sein Behagen sorgen will!«

»Mein Behagen!« rief Kaudel mit einem anklagenden Blick gegen die Zimmerdecke. »Schafft es dem Mann etwa Behagen, wenn sein Arbeitsraum von einem Vakuum aufgesaugt wird?«

»Wir wollen nicht weiter streiten über diesen Punkt. Die Maschine ist auf morgen nachmittag zwei Uhr bestellt.«

»Und keine von ihren Röhren wird in dieses Zimmer hereinkommen; ich werde die Türe vernageln und die Fenster verbarrikadieren. Dann laß mein Zimmer meinetwegen durchs Schlüsselloch aussaugen, denn jeder andre Zugang wird versperrt sein. Nicht einmal durch den Schornstein sollst du hereingelangen können; ich werde die Klappe der Feuerung schließen.«

»Wilfrid, ich will nicht vor den Leuten lächerlich gemacht werden, nicht als Null im Hause dastehen. Die Bestellung ist eingetragen und ich widerrufe sie nicht. Mit deinem Zimmer wird angefangen.«

»Es wird nicht geschehen!«

»Es wird geschehen!«

»Geh, geh jetzt, mein Kindchen, und spiele. Ich muß bis Mittag einen Artikel über Freihandel schreiben und jetzt ist’s schon elf Uhr vorüber.«

»Wilfrid, wenn du das Vakuum nicht duldest, so verlasse ich dein Haus. Ich werde heimgehen zu meinem Vater.«

»Ein vortrefflicher Einfall! Nimm das Vakuum mit und laß deines Vaters Haus durch die Fenster aussaugen. Vielleicht ist’s ihm nicht so unangenehm.«

»Mein Vater ist ein verständiger Mann. Er mischt sich nie in Haushaltungsgeschäfte, sondern überläßt sie meinen Schwestern.«

Kaudel stand auf, faßte seine Frau sanft am Arm und führte sie nach der Türe.

»Mabel, ich werde jetzt meinen Artikel schreiben, das bin ich meinem Lande schuldig. Laß mich in Frieden.«

»Ich werde dich für immer in Frieden lassen!« rief die junge Frau Kaudel aufs höchste entrüstet. »Ich habe dir oft damit gedroht, aber dieses Mal werde ich Ernst machen.«

Kaudel lachte.

»Mabel, Mabel, du setzst einen Dampfhammer in Bewegung, um eine Nuß aufzuknacken.«

»Nein, aber eine Dampfmaschine,« gab sie zurück, schritt würdevoll hinaus und warf die Türe hinter sich zu.

In der Annahme, daß sich das kleine Gewitter bald austoben und der blaue Himmel wieder zum Vorschein kommen werde, machte sich Kaudel an die Arbeit, vertiefte sich, seine Gedanken mit aller Willenskraft zusammenraffend, in die Statistik des Freihandels und schrieb einen Artikel, der den Leser am Schluß in gänzlicher Ungewißheit über die Meinung des Verfassers ließ. Das ist weitaus die sicherste Art, über einen Gegenstand zu schreiben, es müßte denn sein, man verstünde wirklich etwas von seinem Thema. Als er fertig war, trug er sein Manuskript selbst auf die Post, um es als Expreßbrief zu befördern, und da er sich für diesen Tag verabredet hatte, mit einem Bekannten im Klub zu frühstücken, setzte er getrost seinen Weg nach dem Westen fort.

Als er nach Hause kam, war es fünf Uhr, und da seine Frau und den Hund vor Tisch spazieren zu führen pflegte, so oft er im Klub gefrühstückt hatte, fragte er gleich unten an der Haustüre, ob Frau Kaudel oben sei.

»Nein, die gnädige Frau ist nach Birmingham abgereist!«

»Nach Birmingham!« stammelte Kaudel, fast gegen den Schirmständer taumelnd.

»Ja, sie hat einen Brief an den Herrn zurückgelassen. Er liegt auf dem Schreibtisch.«

Kaudel trat in sein Arbeitszimmer, suchte den Brief, fand ihn und las:

»Lieber Wilfrid!

Ich bin nach Hause gegangen. Ich kann mich nicht länger als Null in meinem Haushalt behandeln lassen. Das Vakuum ist abbestellt, und zwar telegraphisch, was sechs Pence gekostet hat. Sei so freundlich und rechne sie zum Betrag meines wöchentlichen Nadelgelds, das Du mir wohl per Scheck schicken wirst.

Mabel.«

Einen Augenblick starrte Kaudel in stumpfer Verblüffung auf diese Zeilen. Dann warf er das Briefchen mit einer Bemerkung, die in keinem Liebesbriefsteller zu finden ist, beiseite.

»Abscheulich, grundschlecht ist es!« rief er. »Davonlaufen und all meine Absichten durchkreuzen — mich müde zu hetzen, bis mir der Kopf wirbelt. Und das alles einer verdammten Maschine halber, die den Staub aus den Teppichen saugt!«

Er ging aus, ohne den Hund mitzunehmen, spazierte vor dem Haus auf und ab und sagte der jungen Frau Kaudel die Meinung. Wenn Kaudel aufgeregt war, pflegte er auf der Straße laut vor sich hin zu sprechen. Das hatte weiter nichts auf sich, als daß jeder Droschkenkutscher, der gerade unbesetzt des Wegs fuhr, anhielt, in der Meinung, Kaudel habe ihn angerufen.

Nachdem er der abwesenden Frau Kaudel auseinandergesetzt, was er von ihrem Benehmen hielt, und manche beißende Bemerkung hingeworfen hatte, die er der Anwesenden gegenüber wohl bei sich behalten hätte, kehrte er nach Hause zurück und verzehrte seine einsame Mahlzeit, deren vier Gänge ihn in verschiedene Stimmungen versetzten. Bei der Suppe war er melancholisch, beim Fisch wütend, beim Braten entwarf er Telegramme, um sie sofort wieder zu verwerfen, und bei der süßen Speise stieß er einen tiefen Seufzer aus und rief, die Anwesenheit des Zimmermädchens rein vergessend: »Ich werde sie nicht zurückrufen! Mag sie bleiben, wo sie ist; ich werde mir die Zeit schon vertreiben.«

Bei Kaffee und Zigarre kam etwas mehr philosophische Ruhe über ihn. Er schrieb an seine Frau, sagte ihr, daß sie sich abgeschmackt benommen habe, daß ihr aber der kleine Erholungsausflug wohl zu gönnen sei. Er hoffe, daß sie zurückkehren werde, sobald sie sich klar gemacht habe, daß sie in der Tat kein Logierbesuch, sondern das anerkannte Haupt des Hauses sei.

Dann ging er in sein Arbeitszimmer und versuchte, den ruhigen Abend zu benützen, aber seine Gedanken wollten sich nicht in Ordnung bringen lassen, und schließlich warf er die Feder hin, stülpte den Hut auf und ging geradeswegs in einen Tingeltangel.

* * *

»Mein Brief,« schreibt Kaudel, »wurde postwendend beantwortet. Meine Frau schrieb mir, daß sie von den Ihrigen mit offenen Armen aufgenommen worden sei und daß sie es recht angenehm empfinde, wieder einmal in einem Haus zu weilen, wo man sie nicht als Logierbesuch ansehe. Sie hoffe, daß ich mich wohl befinde und mit der Arbeit vorwärts komme, da mich ja niemand mehr störe und ›meine Laufbahn hemme‹, und sie bat mich, ja nicht zu vergessen, daß sie übermorgen ihr Taschengeld erwarte und die sechs Pence für das Telegramm. Sie habe ihrem Vater von dem Vakuumreiniger erzählt, und dieser werde ihn sofort bestellen und sein Haus säubern lassen.«

»Ich schrieb zurück, daß ich mich ihres Wohlergehens freute und mir auch einige Erholung gönnte, indem ich jeden Abend in ein Theater oder eine Singspielhalle ginge. Am Tag darauf kam meine Frau höchst unerwartet zurück, um, wie sie sagte, auch dabei zu sein, wenn ich jeden Abend in ein Theater oder einen Tingeltangel ginge.«

»Das war sehr unbequem für mich, wie ich bald merken sollte.«

Frau Kaudels Ultimatum.

Es war ein schwüler Tag, einer jener Tage, die den Nerven übel mitspielen, solch ein Tag, an dem der gesittetste Hund ohne sichtliche Ursache zu heulen anfängt, wo selbst eine Hauskatze von liebenswürdigster Gemütsart plötzlich einen Buckel macht und den Hund anfaucht, der Zeit ihres Lebens ihr Spielkamerad war. Es war einer von jenen Tagen, wo das besterzogene Dienstmädchen das Echo des Hauses durch eine heftige, ungezogene Antwort weckt, wo die Familie keinen Appetit hat beim Frühstück und man sich über Kleinigkeiten halb zu Tod ärgert.

Solch ein Tag war’s, als Frau Kaudel, die schon über Kopfweh geklagt hatte, die Briefe aufnahm, die neben ihrem Teller auf dem Frühstückstisch lagen. Sie hatte sie bisher liegen lassen, weil sie sich nicht wohl fühlte und weil ihr schwante, daß der eine oder andre Brief etwas Unangenehmes enthalten könnte. Der erste Umschlag, den sie aufmachte, enthielt indes die Rechnung ihrer Schneiderin, die ihr gar keinen Verdruß machte.

»Bitte, bezahle das,« sagte sie, das Blatt ihrem Mann hinreichend. »Die Rechnung kommt schon zum zweiten Male, und die Frau hat ihr Geld nötig.«

Kaudel sah sich die Summe an und seufzte.

»Woher nur all das Geld kommen soll — bedenkst du das nie?« sagte er.

»O bitte, fang nicht an, über Geld zu reden; das ist höchst unerquicklich! Wenn du mir ein eigenes Konto auf der Bank eröffnetest, hätte ich nicht nötig, dich wegen jeder Kleinigkeit zu bemühen.«

»Kleinigkeit!« rief Kaudel. »Diese Summe ist dir eine Kleinigkeit! Ich weiß wahrhaftig nicht, was du mit all den Kleidern anfängst!«

»Darauf gebe ich gar keine Antwort,« sagte die junge Frau Kaudel. »Es ist eine Schmach und eine Schande, daß ich bei jedem neuen Fähnlein deine Schmähungen über mich ergehen lassen muß! Es wäre dir vermutlich lieber, wenn ich in Fetzen herumliefe. Ich könnte wahrhaftig glücklicher sein, wenn ich eine Nähmaschine hätte und mir meine Kleider selbst machte.«

»Das wäre namentlich für mich ein Glück.«

»Ja, das würde dir passen! Sobald sich’s um meinen Anzug handelt, bist du knickerig, für dich selbst aber ist dir nichts zu teuer. Neulich habe ich deine Rechnung von Kerslake gesehen; sie betrug über hundert Pfund.«

»Was hast du unter meinen Rechnungen herumzuschnüffeln?«

»Ich schnüffle nicht herum. Sie lag offen auf deinem Schreibtisch.«

»Und was hast du an meinem Schreibtisch zu schaffen?«

»Ich schrieb einen Brief, als du ausgegangen warst. Sei so gut und tobe nicht — ich ertrage heut keine Szenen. Mein Kopf schmerzt, meine Nerven sind aufsässig — es muß ein Gewitter in der Luft liegen. Laß mich in Ruhe meine Briefe lesen.«

Die junge Frau Kaudel öffnete einen um den andern, überflog sie rasch und legte sie beiseite. Jetzt kam einer an die Reihe, den sie gründlicher studierte, wobei sie die Stirne kraus zog und einen Laut des Ärgers ausstieß.

»Hätte mir denken können, daß es so kommen würde! Ich hätte es nie zugeben sollen!«

»Was zugeben?«

»Zugeben, daß du die abgeschmackten Artikel über mich schreibst. Natürlich glauben die Leute, es sei alles wahr.«

Kaudel rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Seit er angefangen hatte, seine Häuslichkeit literarisch darzustellen, war es ihm mehrmals nur mit Mühe gelungen, seine Frau zu überzeugen, daß niemand in ihr die Heldin dieser kleinen Genreszenen vermuten werde, die er natürlich selbst nicht als naturalistische Wirklichkeitsschilderung, sondern als humoristische Karikatur gebe.

»Abscheulich ist’s! Ich glaube, daß ich eine Klage wegen Beleidigung durch die Presse anstellen könnte,« rief die junge Frau Kaudel. »Seit Monaten machst du mich in deinem kostbaren Blättchen lächerlich und verächtlich. Zum Gespött der ganzen Welt hast du mich gemacht!«

»Nein, Mabel, unser Leserkreis ist erfreulicherweise groß, aber die ganze Welt umfaßt er doch noch nicht. Ich wollte, es wäre so.«

»Dein Leserkreis geht mich gar nichts an — es ist schändlich von dir, auch noch zu sagen, du wolltest, daß die ganze Welt deine boshaften Geschichten über mich gelesen hätte!«

»Komm, komm! Du hast bis jetzt nie ernstlichen Widerspruch dagegen erhoben. Was ficht dich denn heute plötzlich an?«

»Das, was ich in diesem Briefe lese. Eine Freundin von mir schreibt, sie habe soeben ›Die junge Frau Kaudel‹ gelesen, und natürlich wisse jedermann, daß ich damit gemeint sei. Sie finde es, schreibt sie, abscheulich, daß ein Mann die eigene Frau dem Gelächter der Welt preisgebe, um damit Geld zu verdienen.«

»Das Frauenzimmer ist eine Katze!«

»Keineswegs, sie ist meine Freundin. Sie schreibt mir, ich müsse der Sache sofort ein Ende machen und dürfe mich nicht länger als übellauniges, streitsüchtiges Gänschen hinstellen lassen.«

»Lächerlich! Die junge Frau Kaudel ist in meiner Darstellung ein ganz liebenswerter Charakter. Sie hat weibliche Schwächen — in meiner Schilderung, nicht in Wirklichkeit! — geht ihrem Mann hie und da auf die Nerven, ist aber …«

»Ein dummes Gänschen, ja, das ist sie. Ich hätte mir die Geschichte längst verbeten, nur hast du immer behauptet, kein Mensch werde auf den Gedanken kommen, daß ich damit gemeint sei. Man denkt es aber, und deshalb muß die Sache ein Ende nehmen. Du mußt die Artikelserie sofort abbrechen, Wilfrid, oder es entsteht ein Unglück. Wenn noch eine Zeile über mich in deiner Zeitung erscheint, so …«

»Aber mehrere Nummern sind ja schon abgesetzt! Komm, sei doch nicht wirklich ein Gänschen! Deine sogenannte Freundin will dich nur aufhetzen und Unfrieden säen!«

»Deine Redensarten nützen dich nichts mehr. Ich lasse mich nicht länger zum Gespött machen, jetzt, da ich weiß, daß die Leute mich in deinen ›Darstellungen‹ zu erkennen glauben, fühle ich mich tief gedemütigt. Wahrscheinlich haben auch die Nachbarn deine ›humoristischen‹ Feuilletons gelesen. Mir kam’s schon ein paarmal vor, als ob sie mich ganz eigentümlich anguckten.«

»Das bildest du dir ein! Vermutlich sieht man dich mit Bewunderung an, möchte vielleicht gern wissen, wo du deine schön sitzenden Kleider und deine hübschen Hüte herbeziehst.«

»Das sagst du nur, um mir Sand in die Augen zu streuen, es gelingt dir aber nicht, mich zu verblenden. Ich bin vollständig entschlossen. Du telephonierst sofort an dein Redaktionsbureau, daß alles, was von der jungen Frau Kaudel handelt, unverzüglich zu verbrennen ist.«

»Kind, Kind, du machst wieder einmal die Mücke zum Elefanten! Nur weil eine dumme, geschäftige Klatschbase …«

»Meine Freundin ist keine dumme, geschäftige Klatschbase, sondern eine Dame von Welt, deren Urteil ich sehr hoch schätze. Ich verbiete dir, mich ferner zum Gespött der Leute zu machen — der Charakter einer Frau gehört doch wohl zu ihrem ›Vorbehaltsgut‹ und wird in der Gütergemeinschaft nicht mit einbegriffen sein?«

»Hm … bis zu einem gewissen Grad denn doch, aber ich habe in meinen Skizzen nicht das Geringste gegen deinen Charakter gesagt. Meiner Ansicht nach ist ›die junge Frau Kaudel‹ ein durchaus liebenswert …«

»Liebenswert! Ein trotzköpfiger, kleiner Streithahn! Und dich hast du natürlich als geduldig leidenden Märtyrer hingestellt! Du wirst geschuhriegelt, mit Füßen getreten, und erträgst alles aufs Liebenswürdigste — in der Zeitung! Wenn deine Leser dich sehen könnten, wie du wirklich bist, würden sie die Augen schön aufreißen!«

»Ohne Zweifel, namentlich wenn dir die Feder ebenso durchginge wie die Zunge.«

»So ist’s recht! Nun mach mich nur vollends zu einer Megäre; es geht in einem hin. Aber du wirst schon schweigen lernen. Wenn du kein Ende machst mit deinen Pasquillen, so werde ich meinem Vater raten, sich an einen Anwalt zu wenden.«

»Was hat denn dein Vater damit zu tun?«

»Sehr viel! Du hast meinen Vater oft und viel in deine Schmähschriften hineingebracht. Es ist eine böse Sache, Wilfrid, ein Mädchen aus einer glücklichen Häuslichkeit wegzunehmen und dann ihren Vater in der Zeitung lächerlich zu machen, um Geld damit zu verdienen.«

»Ich bitte, den Fall nicht in dieses häßliche Licht zu rücken, Mabel!« rief Kaudel.

»Ich sehe ihn im richtigen! Und meine Schwestern hast du auch verhöhnt, sie auch vor die Öffentlichkeit gezogen — zwei harmlose junge Mädchen, die nur an ein friedliches Landleben gewöhnt waren. Neulich schrieb mir Maudie, es sei zu komisch, die Leute nebenan liefen immer ans Fenster und starrten sie an, wenn sie im Garten seien — kein Wunder! Meines Vaters Haus ist das eines Privatmanns, und du hast nicht das Recht, es mit deinen Plakaten zu bekleben. Jetzt, wo ich weiß, daß die Leute wirklich glauben, du schreibest über mich und die Meinigen, kann ich s wahrhaftig nicht mehr ruhig mitansehen, das wäre übermenschlich. Selbst der Wurm krümmt sich!«

»O bitte, vergleiche dich nicht mit einem Wurm. Es ist kein poetisches Bild, du müßtest denn ein Glühwürmchen meinen. Glühwürmchen sind ja recht hübsch!«

»Ein Glühwürmchen, ich! Der Vergleich hinkt bedeutend! Glühwürmchen fliegen abends auf und leuchten — ich aber muß daheim hocken. Du willst mich ja nirgends hinführen wegen deiner Arbeit, ich habe also wenig Gelegenheit zu leuchten.«

»Das Glühwürmchen, Mabel, ist ein hausbackenes Dämchen, das seinem Mann den Pfad der Häuslichkeit beleuchtet. Das ist die Aufgabe der Frau — das Licht ihres Hauses zu sein. Die Morgenländer fragen einen Mann nie, ›wie geht es Ihrer Frau?‹ sondern sie fragen, ›was macht die Leuchte Ihres Hauses?‹«

»Den Morgenländern sind ihre Frauen heilig, sie behüten sie vor den Augen der Welt und schreiben nicht Geschichten in die Zeitungen, um sie vor aller Welt lächerlich zu machen.«

»Im Osten darf sich die Frau nie in die Angelegenheiten des Mannes mischen und hat keinen Verkehr mit geschwätzigen Basen, die Zwietracht säen zwischen ihm und ihr. Die orientalischen Einrichtungen haben überhaupt viel Gutes. Geht eine Frau ihrem Mann auf die Nerven, so wird sie in einen Sack eingenäht und in den — hm — den Fluß geworfen und kein Hahn kräht danach. Die Geheimnisse der Häuslichkeit dringen im Morgenland nie ins Publikum.«

»Dann würdest du durchaus nicht hinpassen, denn du hast die Geheimnisse unsrer Häuslichkeit ins Publikum gebracht.«

»Laß uns die Sache nicht weiter erörtern, ich werde die Serie so rasch als möglich abschließen.«

»O nein, sie ist abgeschlossen! Wenn noch eine Zeile über mich erscheint, so verlasse ich dieses Haus für immer.«

»Aber ich habe doch einen Vertrag mit dem Verleger …«

»Und ich habe einen mit dir, nämlich unsern Heiratskontrakt! Wenn du natürlich auf deinen Verleger mehr Rücksicht nimmst als auf deine Frau …«

»Meine Frau kommt dabei gar nicht in Frage. ›Die junge Frau Kaudel‹ ist rein dichterische Erfindung.«

»Ach was! Du hast eine Menge Einzelheiten in die Geschichte gebracht, die tatsächlich richtig sind. Du hast meine Schwestern unter ihren richtigen Namen eingeführt und meines Vaters Wohnort — Birmingham. Jetzt möchtest du dich nur herauswinden, es gelingt dir aber nicht.«

»Ich habe mich nie im Leben aus Birmingham hinausgewunden, sondern bin immer offen und ehrlich mit der Bahn abgereist.«

»Mach keine Wortspiele und keine faulen Witze. Du weißt sehr gut, was ich meine, und spaßhaft ist die Sache nicht im geringsten. Willst du mir dein Wort geben, nie wieder über die junge Frau Kaudel zu schreiben?«

»Du bringst mich in eine höchst peinliche Lage …«

»Nicht halb so peinlich als die Lage, worein du mich gebracht hast. Ich gebe dir eine Stunde Frist zur Entschließung.«

»Laß mich noch zwei Nummern schreiben, damit die Sache wenigstens anständig abgeschlossen wird!«

»Nicht eine einzige! Wenn du’s aber doch tust, so teile deinem Leserkreis wenigstens mit, daß die junge Frau Kaudel, entschlossen, sich nicht länger in der Zeitung mißhandeln und als Zerrbild vorführen zu lassen, in ihr Vaterhaus zurückgekehrt sei.«

»Du bist ja schon im letzten Feuilleton zu deinem Vater gegangen!«

»Um wieder zurückzukehren, was in diesem Fall nicht mehr geschehen wird. Keine zehn Pferde würden mich ein zweites Mal zurückbringen. Das ist mein Ultimatum.«

Damit raffte die junge Frau Kaudel die Morgenpost zusammen und segelte zum Zimmer hinaus.

* * *

»Es gibt im Leben des Ehemanns Augenblicke, wo er sich höheren Mächten fügen muß. Ein solcher war für mich gekommen.«

»Diese Enthüllungen können nicht fortgesetzt werden.«

Anmerkung der jungen Frau Kaudel:

»Sie sollen fortgesetzt werden, aber von mir

(Gez.) Mabel Kaudel.«

Was eine Schriftstellersfrau durchzumachen hat.

Nachschrift von der jungen Frau Kaudel selbst.

Ich habe meinen lieben Schwestern, dem »Komitee«, wie Herr Kaudel sie abgeschmackterweise aus unverständlichen Gründen zu bezeichnen pflegt, aufs Ernstlichste eingeschärft, daß, wenn sie heiraten — und sie sind so hübsch und so liebenswürdig, daß sie ohne Zweifel heiraten werden — sie nur einen Mann nehmen sollen, der seinen Beruf oder sein Geschäft außer dem Hause betreibt, nach dem Frühstück fortgeht, zu Tisch nach Hause kommt und den Abend frei hat, um sich seiner Frau zu widmen.

Hätte ich gewußt, daß ein Schriftsteller den ganzen Tag zu Hause ist, falls er nicht in seinen Klub geht oder »beruflich« auszugehen hat, wobei er die Frau nicht mitnehmen kann, so würde ich Wilfrid Kaudels Antrag nie und nimmer angenommen haben.

Ich frage jedes junge Mädchen, das ein glückliches Heim hat und fröhliche Schwestern und einen Vater, der um fünf Uhr nach Hause kommt, um den Abend mit seiner Familie zuzubringen, wie es ihr passen würde, Tag für Tag mit einem Mann eingemauert zu sein, der sein Leben in folgender Weise einrichtet?

Frühstück um neun Uhr, dazu ein Berg von Briefen, wovon keiner die geringste Bedeutung für mich hat, und wovon einige ihn zu Äußerungen veranlassen, denen ich mein Ohr verschließe.

Ferner ein halbes Dutzend Zeitungen, die seine Aufmerksamkeit für eine halbe Stunde vollständig in Anspruch nehmen, und zwar in einer Weise, daß ich mitangesehen habe, wie er seinen Kaffee mit dem Buttermesser umrührte und Speck mit Eiern mit dem Tischvorlegebesteck zu essen versuchte. Die ganze Zeit über kein Wort für mich. Höchstens reicht er mir mit Gönnermiene das Beiblatt der Daily Mail. »Für unsere Frauen« und erwartet, daß ich damit die Öde in meinem Herzen ausfülle.

Nach dem Frühstück geht er sofort in sein Arbeitszimmer, um die Briefe zu beantworten und sich an seine »Arbeit« zu machen, und ich bekomme nichts mehr von ihm zu sehen bis gegen ein Uhr, wo er den Hut aufsetzt und wie ein gefangener Tiger in der Halle hin und her rast, falls ich nämlich noch nicht ganz zum Ausgehen bereit bin. Dabei erklärt er dann, es sei kein Wunder, daß er an schlechter Verdauung leide, da er ja durch meine Saumseligkeit nie zu seinem richtigen Maß von Bewegung vor dem zweiten Frühstück komme.

Nun gehen wir also spazieren. Aber wie! Keine Rede von einem gemütlichen Bummel durch die Straßen, um die Läden anzusehen, sondern im Dauerlauf durch den öffentlichen Park, wo um diese Zeit keine andre Seele zu sehen ist, als ein paar greuliche Vagabunden, die im nassen Gras herumliegen, und wo man, was Anzeichen der Zivilisation betrifft, ebensogut in Südafrika sein könnte.

Hat er im Beruf Widerwärtigkeiten, hat ihn jemand geärgert, so spricht er jetzt, das heißt, er erzählt mir alles Unangenehme und erklärt mir, weshalb er so verstimmt sei. Irgend ein Grund zur Verstimmung ist für Wilfrid Kaudel immer vorhanden. Wenn’s regnet, so verstimmt ihn die Feuchtigkeit, ist es schön und warm, so leidet er unter der Hitze, und diese geht ihm auf die Nerven, ist es kalt und windig, so fürchtet er für seine Gesundheit und ist deshalb in gedrückter Stimmung. Läßt sich am Wetter einmal ganz und gar nichts aussetzen, so hat er irgendwelchen Verdruß im Beruf, und ist auch dort alles im Lot, so gehe ich ihm auf die Nerven.

Das zweite Frühstück nehmen wir zu einer lächerlichen Zeit, um zwei oder halb drei Uhr, und nicht ein Frühstück wie andre Leute, sondern eine schwere Mahlzeit, weil es eine Schrulle von ihm ist, daß ein Mann, der, wie er sich ausdrückt, Gehirnarbeit verrichtet, um die Mitte des Tags ordentlich essen müsse. Nach dieser Mahlzeit geht er dann wieder in sein Zimmer, raucht und liest Bücher. Er sagt, er müsse Bücher lesen, denn wie sollte er sonst mit der Zeit Schritt halten? Dann kommt eine Ausfahrt mit mir, das heißt, ich darf ihn bis an seinen Klub begleiten, ihn dort absetzen, eine Stunde lang allein fahren, wohin ich will, und ihn schließlich wieder abholen. Er sagt, er müsse in den Klub gehen, um Leute zu treffen — wie solle er wissen, was in der Welt vorgeht, wenn er mit niemand verkehre?

Dann mit mir nach Hause, wieder in sein Zimmer, um nachzusehen, ob Briefe eingetroffen sind, und darauf Tee. Aber keinen netten kleinen Tee, sondern mit Fisch und Eiern und derlei Sachen, namentlich mit gebackener Seezunge, die mir zum Tee ganz unausstehlich ist, die Herr Kaudel aber zu brauchen behauptet, weil Fisch das Gehirn ernähre. Ich sage, daß ich gar nicht so viel Gehirn nötig habe, weil ich ja doch nicht meinen Unterhalt damit verdiene, und nehme nur Gebäck zum Tee, denn ich bin in einem glücklichen Heim aufgewachsen, wo man Mahlzeiten hatte wie die übrige Menschheit und die Hauptmahlzeit um sieben Uhr.

Darum nehme ich dann um neun Uhr noch etwas, was ich Abendbrot nenne, dabei bin ich dann aber mutterseelenallein, weil sich Herr Kaudel um sieben Uhr an seinen Schreibtisch setzt und bis elf oder zwölf Uhr arbeitet. Und wenn ich in sein Zimmer gehe, um mit ihm zu plaudern, oder mich auch nur mit einem Buch zu ihm setzen will, sagt er, daß ich den Fluß seiner Gedanken unterbreche und seine Zukunft vernichte. Selbst, wenn er dann nach Mitternacht zu mir ins Wohnzimmer kommt, will er weder ein Spiel machen noch plaudern, denn er hat ja noch den »Standard« und eine französische Zeitung zu lesen. So muß ich denn, nachdem ich stundenlang den Mund nicht aufgetan habe, abermals still dasitzen und dann mich höchstens mit Patience legen vergnügen. Klavier spielen kann ich nicht, denn das hört er in seinem Arbeitszimmer, und er sagt, wie in aller Welt ein Mensch ein Buch schreiben solle, wenn man ihm die Ohren voll trommele?

Natürlich führt er mich zuweilen ins Theater, so alle vier Wochen einmal, dann will er aber im zweiten Parkett sitzen und schleppt mich dorthin. Er sagt, er gehe nicht ins Theater um Toilette zu machen, und deshalb kann er keinen Logenplatz nehmen. Auch behauptet er, eine Vorliebe für Parkettplätze zu haben, auf denen man die Aufführungen viel besser genießen könne. Das ist aber nicht mein Fall. Ich ziehe mich gern hübsch an, wenn ich ins Theater gehe, und will einen angenehmen Platz haben, wie sich’s gehört. Es hat für mich nicht den geringsten Reiz, eng mit Leuten zusammengepackt zu sitzen, von denen man rein nichts weiß, und die häufig nasse Regenschirme haben, denn so oft wir ins Theater gehen, regnet es sicherlich. Wilfrid geht nämlich mit Vorliebe an Regenabenden hin, weil man, wie er sagt, dann nicht so früh zu gehen brauche, um einen Platz zu bekommen, und das Gedränge nicht so groß sei.

Wenn er sich aber ums Theater drücken und dafür in einen Tingeltangel gehen kann, so tut er’s. Er sagt, diese seien ihm lieber, weil er dort rauchen könne, als ob ein Mann, der den lieben langen Tag raucht, nicht alle paar Wochen einmal ohne Zigarre im Mund mit seiner Frau ausgehen könnte! Ich habe auch nichts gegen die Tingeltangel, namentlich wenn sich’s um die Alhambra oder das Empire oder das Palace handelt, wo man ungefähr dieselben Leute trifft, die in der Oper in den Logen sitzen, nur den Rauch mag ich nicht. Wenn ich mich so setze, daß mir nicht bei jedem Zug der Rauch von Kaudels Zigarre ins Gesicht kommt, so setzt sich ganz gewiß ein anderer Herr so, daß dafür ich dessen Rauch in den Hals kriege. Wenn ich schon Rauch im Gesicht haben muß, dann ist mir natürlich der von meinem Mann noch lieber, als der von einem Fremden.

Noch mit etwas anderm habe ich mich abzufinden, und das ist Kaudels vollständiger Mangel an Lebenskenntnis, die er als Schriftsteller doch haben sollte. Ich habe Besprechungen seiner Sachen gelesen, worin der Kritiker gerade Wilfrids Lebenskenntnis als etwas Wunderbares hervorhob — dazu kann ich nur lächeln. Als Frau eines Schriftstellers habe ich die Erfahrung gemacht, daß diese Herren weniger vorn Leben wissen, als jeder andre Mensch.

Auf den Klub, den Rennplatz, die Kneipen und eine gewisse Sorte von Menschen mögen sie sich ja verstehen, aber vom wirklichen Leben, dem richtigen häuslichen Leben, haben sie keine Ahnung, wenigstens Wilfrid nicht. Er hat zum Beispiel gar keinen Begriff von dem, was die weibliche Toilette kostet, und seine Vorstellungen von Haushaltungsausgaben sind geradezu kindlich.

Ich glaube, es war ein Mann, der das abgeschmackte Buch geschrieben hat: »Die Kunst, sich mit fünfzehn Pfund gut zu kleiden.« Das ist so ungefähr der Begriff, den mein Mann davon hat. Als ich einmal einen entzückenden Hut hatte, einen Hut, auf den ich mir wirklich etwas einbildete und den ich für vier Pfund sehr preiswert fand, da sah er ihn auffallend lang an, und in der Idee, daß auch er entzückt davon sei, fragte ich: »Ist der Hut nicht bezaubernd? Was meinst du, daß ich dafür bezahlt habe?« und er sagte: »Gewiß hat man dich damit angeschmiert und dir ein Pfund dafür abgenommen.«

Mich angeschmiert und mir ein Pfund abgenommen! Über die Niedrigkeit dieser Ausdrucksweise könnte ich mich hinwegsetzen, aber vor diesem Abgrund von Unwissenheit schauderte ich zurück!

Was Kleider betrifft, so steht er auf einem Standpunkt, der nur bei einem Südseeinsulaner, dessen Frau sich mit einigen Muscheln und Haifischzähnen um den Hals angezogen vorkommt, verzeihlich ist. Er hat sich tatsächlich eingebildet, daß die Preise, die man in den Schaufenstern der Warenhäuser an fertige Sachen angeheftet sieht, die Preise seien, die man einer eleganten Schneiderin für die neueste Pariser Mode bezahlt.

Als ich ihm sagte, daß zwanzig Pfund ein sehr bescheidener Preis für ein Gesellschaftskleid sei, riß er die Augen so weit auf, wie ich’s ihm gar nicht zugetraut hätte, und rief aus: »Was! Ich habe doch in den Schaufenstern von Smith und Jones auf der Oxfordstraße ganz reizende Gesellschaftskleider um viereinhalb Pfund gesehen!«

Und der arme Mann bildet sich etwas ein auf seine wunderbare Lebenskenntnis!

Natürlich ruft seine Unwissenheit Verstimmungen hervor, so oft ich ihm eine Rechnung aufs Pult lege, daß er sie bezahle. Anfangs gab ich sie ihm beim Frühstück, das tue ich aber längst nicht mehr, denn da wurde er rasend. Ich habe jetzt eine viel bessere Methode — ich lege die Rechnung unter das Lineal auf seiner Schreibunterlage, und wenn er dann heraufgestürmt kommt, bin ich nicht um den Weg. Findet er mich doch und macht er abgeschmackte Bemerkungen über Verschwendungssucht, Bankrott und Armenhaus, so bleibe ich ganz ruhig.

»Ganz richtig,« sage ich, »aber laß dich doch nicht in der Arbeit stören. Geh du ruhig zu deinem Roman zurück, mein lieber Junge, und schreibe weiter. Du hast mir ja oft genug gesagt, daß ein vergeudeter Vormittag für dich einen Verlust von Hunderten bedeute.«

Dann geht er die Treppe hinunter und bezahlt vermutlich die Rechnungen, wenigstens kommen sie nie zum zweiten Mal, worüber ich sehr froh bin. Einmal kam eine zum zweiten Mal, dann sprach ich mich aber aus. Ich hatte zufällig an diesem nämlichen Morgen die Rechnung seines Schneiders und eine andre über Zigarren gesehen. Sarkastisch zu sein, ist sonst nicht meine Art, bei dieser Gelegenheit aber ließ ich’s an beißenden Bemerkungen nicht fehlen. Er schloß seine Schneider- und die Zigarrenrechnung in einer Schublade ein und schickte meiner Schneiderin postwendend einen Scheck.

Wenn die Männer nicht so viel Geld vergeudeten für Kleider, Zigarren, Klubs und andre unnötige Dinge, die nur für sie selbst Wert haben, so könnten sie die Rechnungen für ihre Frauen ohne jede Verstimmung und Übellaunigkeit bezahlen. Wenn man sie hört, könnte man wirklich denken, es sei ein Verbrechen, sich ein Kleid zu bestellen, eine Art von Erpressung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Ich will gar nicht sagen, daß Wilfrid in solchen Dingen schlimmer sei als andre Ehemänner, nur schreiben andre nicht des Geldes wegen Geschichten über ihre Frauen und machen dann noch ein Geschrei über die Kosten für das bißchen Putz, worin sie ihnen gefallen will.

Ich glaube, den Fall gegen Wilfrid Kaudel klar und gerecht dargestellt zu haben — viel gerechter, als er gegen mich ist. Aber Frauen sind eben immer milder im Urteil als Männer.

Ende.

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