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George R. Sims – Erinnerungen einer Schwiegermutter

Roman

Verlag von J. Engelhorn, Stuttgart, 1894
Übertragen von F. Mangold


Erster Band.


Erste Erinnerung.
Ich.

Seit unvordenklichen Zeiten ist es Mode gewesen, Schwiegermütter der Lächerlichkeit und Verachtung preiszugeben. Ob der Ausdruck »unvordenkliche Zeiten« ganz zutreffend ist, weiß ich nicht, denn ich bin nicht Schriftstellerin von Beruf, und in meiner Jugendzeit wurden junge Mädchen nicht so fein erzogen, als heutigestags. Einfaches Schreiben, einfaches Nähen und einfaches Kochen, und ich kann vielleicht noch hinzufügen, einfach und offen meine Meinung sagen, das ist's, was ich von meiner lieben Mutter gelernt habe.

Meine Mutter sprach immer offen ihre Meinung aus. Häufig habe ich gehört, wie sie meinem Vater sagte, wenn er ihr Vorwürfe über etwas machte, was sie in Gesellschaft gesprochen hatte: »Ich kann nicht anders, Zacharias, ich sage immer offen meine Meinung und werde das stets thun, und wenn sich die Leute beleidigt fühlen, kann ich's nicht ändern.«

Als Mädchen habe ich gesprochen, wie mir der Schnabel gewachsen ist, als junge Frau habe ich's ebenfalls gethan, und jetzt, wo ich eine Frau mittleren Alters bin, thue ich's immer noch, und werde es auch in diesen Erinnerungen thun. Ich weiß, daß ich manchmal damit angestoßen habe. Eine Frau mit vier verheirateten Töchtern, drei verheirateten Söhnen, einer unverheirateten Tochter, die noch bei mir ist, einem lieben, kleinen, nichtsnutzigen Jungen von elf Jahren als Nesthäkchen, einem Manne, der noch nicht einmal »Buh« zu einer Gans sagen kann, es sei denn, die Gans wäre seine eigene Frau, und der während der ganzen fünfundzwanzig Jahre unsrer Ehe alle unangenehmen Dinge zu thun mir überlassen hat, muß hie und da anstoßen, wenn sie ehrlich ist und kein Blatt vor den Mund nimmt.

Natürlich, wenn mein Mann – nicht, daß ich ein Wort gegen ihn als Mann sagen möchte – seine Pflicht als Gatte und Vater gethan hätte, dann würde ich in gewissen Kreisen nicht im Rufe stehen, ein Drache zu sein. Diesen schönen Ausdruck habe ich einmal von einem jungen Manne aus einer Eisenhandlung in meinem eigenen Hause, meinem eigenen Dienstmädchen gegenüber auf mich anwenden hören.

Drache oder nicht, ich habe seinem Prinzipal nicht gestattet, meinen Mann übers Ohr zu hauen; denn der versteht wirklich nicht besser, was die Sachen wert sind, als ein Kind, und man darf ihn nie allein in einen Laden gehen lassen. Er glaubt alles, was die Kaufleute ihm vorschwatzen, und kann nicht leiden, wenn man »schachert«, wie er's nennt. Ich habe ihn einmal mitgenommen, als ich mir einen Hut kaufen wollte, weil er gesagt hatte, er hätte einen in einem Schaufenster gesehen, der mir sehr gut stehen würde, und ich denke noch daran, was für einen Auftritt er machte. Ich hatte kaum ein halbes Dutzend aufprobiert, als er anfing, mit seinem Spazierstock zu fuchteln und unruhig umherzutrippeln, und er verlangte, ich sollte ein schauderhaftes Ding nehmen, worin ich aussah wie eine Vogelscheuche. Ich wußte gleich, was er wollte. Er meinte, ich mache dem jungen Frauenzimmer im Laden zu viel Mühe. »O, natürlich,« sagte ich, »dir ist's einerlei, ob ich wie eine Vogelscheuche aussehe; du denkst immer nur an andre Leute.«

Ich sprach das laut, und er wurde so rot wie ein Puterhahn, was eine unangenehme Gewohnheit von ihm ist, wenn ich in Gegenwart andrer Leute mit ihm spreche.

»Ich wünsche durchaus nicht, daß du wie eine Vogelscheuche aussiehst, meine Liebe,« stammelte er; »aber du wirst doch nicht sämtliche Hüte im Laden ausprobieren und dann weggehen, ohne einen zu kaufen?«

Mir ist's immer unbegreiflich gewesen, warum Männer eine solche Scheu haben, aus einem Laden wegzugehen, ohne etwas zu kaufen. Die Ladendiener hätten's freilich am liebsten, wenn man alles kaufte, was im Laden ist; aber man geht doch nicht in ein Geschäft, um den Commis einen Spaß zu machen, sondern um seiner selbst willen; und wenn einem die Sachen, die man sieht, nicht gefallen, oder sie sind einem zu teuer, warum soll man dann was kaufen? 

Zwei meiner Töchter arten in dieser Hinsicht ihrem Vater nach. Ich habe es erlebt, daß meine Tochter Sabine, wenn wir bei Shoolbred oder Whiteley oder Marshall oder Snelgrove waren und nichts gefunden hatten, was uns gefiel, wieder zurückrannte, wenn wir schon draußen waren, und irgend einen albernen, nichtsnutzigen Firlefanz für fünfzig Pfennige kaufte, und wenn ich ihr wegen dieser Geldverschwendung Vorwürfe machte, dann sagte sie: »O, Mama, wir haben den Leuten so viele Mühe gemacht; ich mußte doch etwas kaufen.«

Der alberne Gedanke, etwas kaufen zu müssen, hat auch meinen Mann dazu gebracht, den Essig- und Oelständer bei dem Eisenhändler in Tottenham Court Road zu nehmen, der nachher den jungen Menschen veranlaßte, mich meinem eigenen Zimmermädchen gegenüber Drache zu nennen. Und das unverschämte Frauenzimmer hatte die Frechheit – es wußte nicht, daß ich auf der Treppe stand – zu sagen, das wäre ich auch, und ich würde dem armen Herrn bis an sein seliges Ende wegen des Essig- und Oelständers die Ohren voll reden. Der arme Herr! Ich muß wirklich sagen! Na, ich habe ihr den armen Herrn angestrichen, und am nächsten Ersten ging sie, und wenn ihre Mutter nicht gekommen wäre und hätte sich auf meine Muttergefühle berufen, dann wäre ihr ein Zeugnis mitgegeben worden, das sie nicht hinter den Spiegel gesteckt haben würde. Aber heutigestags nehmen sich die einfältigen Dienstboten viel zu viel heraus.

Dem Eisenhändler habe ich auch keine Schmeicheleien, aber ordentlich meine Meinung gesagt, und das thäte ich unter allen Umständen wieder, und wenn es zwanzig Eisenhändler wären.

Die Sache kam nämlich so: Eines Tages beim Essen sagte ich, wir hätten keinen anständigen Essig- und Oelständer. Wir hatten ja ein paar, aber es waren lauter so schwache, dumme, wackelige Dinger, und ich mußte immer an den meiner lieben Mutter denken, den ich als Kind so bewundert hatte, und der wirklich jedem Tische zur Zierde gereichen konnte. Meine beiden Jungen wollten sich Pfeffer nehmen, und dabei stießen sie den Ständer um, und das schöne reine Tischtuch (eins von meinem besten Dutzend) war ein See von Essig, Oel und Worcestersauce, von Senf gar nicht zu reden. Ich sprach mich also ganz unverhohlen aus und sagte, das sei nicht die Sorte von Essig- und Oelständer, die ich erwartet, als ich einen wohlhabenden Mann geheiratet hätte.

Was thut mein armer, thörichter Mann, der gutherzigste Mensch, der jemals geatmet hat? Er rennt am nächsten Tage zu dem Eisenhändler in Tottenham Court Road und läßt sich die besten Essig- und Oelständer zeigen, die der hat. Warum er in einen Eisenladen gegangen ist, weiß ich nicht, und ganz besonders in so einen, der so viel Reklame macht und Feuerzangen und Müllschippen vor der Thür hängen hat, um Käufer anzulocken; aber da ist er hingegangen, und der Eisenhändler mag wohl auch gleich gemerkt haben, wes Geistes Kind ihm da in die Hände gelaufen war, und beschwätzt ihn, ein gemeines, großes, garstiges Ding zu kaufen und sechs Guineen dafür zu bezahlen. Sowie es gebracht wurde, sah ich auf den ersten Blick, daß es Plunder war, und als John – so heißt mein Mann – mir sagte, was er dafür bezahlt habe, war ich geradezu entsetzt. »Wenn du dir einbildest, daß ich mich so beschwindeln ließe, dann bist du auf dem Holzwege. Ich werde das Ding sofort zurückschicken und das Geld wieder verlangen.«

Und nun fing er an zu reden und sagte, er hätte es gekauft und bezahlt, und es wäre weiter nichts als Vorurteil von mir, weil er es ausgesucht hätte. Ueber eine Stunde haben wir geredet und geredet, aber er war eigensinnig und sagte, ich könne nicht erwarten, daß er in den Laden ginge und dem Manne sagte, seine Frau sei der Ansicht, er wäre ein Esel. Dieser Satz scheint mir nicht ganz klar zu sein. Mit dem »sein« und »er« kann ich nie ordentlich zurechtkommen; ich bin eben keine Schriftstellerin von Beruf, aber daß des Eisenhändlers Frau behauptet habe, er – das heißt ihr Mann – sei ein Esel, wollte ich nicht sagen, denn davon weiß ich nichts. Es ist so viel leichter, auszusprechen, was man meint, als es zu schreiben, und es gelang mir, meinem Manne meine Meinung begreiflich zu machen. »Wenn du den Essigständer nicht zurückbringen willst, dann werde ich es thun,« und ich wickelte ihn in das lumpige, dünne rosa Seidenpapier, worin er gebracht worden war, nahm ihn am Henkel und machte mich sofort auf den Weg. 

Als ich in den Laden kam, stellte ich ihn auf den Tisch und sprach zum Kaufmann, der mich anglotzte, als ob er noch nie eine entrüstete Frau gesehen hätte: »Sie werden so gut sein und mir die sechs Guineen, die mein Mann, Mr. Tressider, gestern für dieses erbärmliche Ding bezahlt hat, zurückgeben.«

»Ich verstehe Sie wohl nicht recht, Madame?«

»O, ich werde Ihnen schon klar machen, was ich meine,« antwortete ich. »Mein Mann versteht nichts von Essigständern und hat Ihnen sechs Guineen für diesen bezahlt. Ich weiß, wie ein Essigständer beschaffen sein muß, und ersuche Sie, mir das Geld wiederzugeben.«

»Wenn Sie damit nicht zufrieden sind, Madame, bin ich gern bereit, ihn umzutauschen – aber wieder herausbezahlt haben wir noch nie etwas.«

»Dann müssen Sie's jetzt zum erstenmal thun.«

Er räusperte sich und starrte mich an, aber ich ließ mich nicht ins Bockshorn jagen, denn ich wußte, daß ich ihm über war. Er konnte mich nicht hinauswerfen, und die andern Kunden hatten ihre Verhandlungen unterbrochen und hörten auf uns. Wie ich später erfuhr, war eine Dame da, die eine große Bestellung für eine Aussteuer machte; sie stand ganz dicht bei mir und konnte jedes Wort verstehen. Der Kaufmann fürchtete vielleicht, sie möchte mißtrauisch werden und glauben, sie sei, wie mein Sohn John sagt, »vor die falsche Schmiede gekommen«. Jedenfalls sah er, daß er mit einer entschlossenen Frau zu thun hatte. So nahm er denn einen andern Ton an und sagte laut: »Ich wünsche keinem meiner Kunden einen Gegenstand aufzunötigen, der ihm nicht gefällt, und werde Ihnen das Geld zurückgeben, um weitere unangenehme Auseinandersetzungen zu vermeiden.« Und das that er.

Ich ging triumphierend nach Hause und legte das Geld vor meinen Mann auf den Tisch. »Da,« sagte ich, »wenn du dir den Rock vom Leibe schwatzen lässest, meinen kriegen sie nicht so leicht.«

Und dann steckte ich das Geld in meine Tasche und ließ ihn sitzen. Er ist lange Zeit nicht wieder in einen Laden gegangen, um Einkäufe fürs Haus zu machen, und ich habe mich mit dem alten Essigständer beholfen.

Ich habe diesen kleinen Vorfall erzählt, um dem Leser eine schwache Vorstellung von der Verantwortlichkeit zu geben, die als thatsächliches Familienhaupt auf meinen Schultern lag. Einen besseren Mann, als meiner in vieler Hinsicht ist, kann sich keine Frau wünschen, und ich muß ehrlich gestehen, ich wollte, meine Töchter wären ebenso glücklich angekommen. Aber wenn alles Unangenehme der Frau überlassen bleibt, dann kann man sich nicht wundern, daß sie in den Ruf kommt, das zu sein, was der unverschämte Schlingel aus der Eisenhandlung – er brachte nur eine ausgebesserte Kohlenschaufel wieder, und wenn ich's gewußt hätte, wäre die Arbeit nie seinem Prinzipal gegeben worden – einen Drachen genannt hatte. Weiß der Himmel! Ich habe genug erlebt, was auch eine geduldigere Frau zum Drachen gemacht hätte! Man erzieht keine neun Kinder und verheiratet sieben davon, ohne daß man seinen Aerger hat und gelegentlich das Vertrauen in die menschliche Natur verliert, ganz zu schweigen von den Dienstboten und einem Manne, der, wenn auch ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, bei der geringsten Unannehmlichkeit ganz hilflos ist und dabei doch so am Hause hängt, daß ich ihn nur mit der größten Schwierigkeit überreden konnte, um der Mädchen willen manchmal in Gesellschaft zu gehen. Nette Partieen hätten sie gemacht, wenn ich nicht gewesen wäre, und auch so mache ich mir wegen zweier meiner Schwiegersöhne ernstliche Sorgen. Meine Mädchen – Gott segne sie! – sind immer die besten Töchter gewesen, und jetzt sind sie Frauen, auf die jeder Mann stolz sein kann, aber ich habe meinen Mann nie dahin bringen können, die einem Schwiegervater gebührende Stellung einzunehmen. Wenn einmal ein ernstes Wort nötig war, dann mußte ich es immer sprechen, während ich doch der Ansicht bin, daß es des Vaters Sache ist, die Schwiegersöhne in Ordnung zu halten.

Man sagt gewöhnlich, ein Sohn sei ein Sohn, bis er sich eine Frau nehme, und eine Tochter bleibe das ganze Leben lang eine Tochter, und ich war von vornherein entschlossen, daß meine Töchter meinem Einfluß nie ganz entzogen werden oder meinen Rat entbehren sollten, wenn sie einen eigenen Haushalt hätten. Was meine Söhne anlangt – nun, ich kann nur sagen, daß ich anders für sie gewählt haben würde. Was aus John Tressider geworden wäre, wenn ich meines zweiten Sohnes William Frau geglichen hätte, weiß ich. Sie ist ein allerliebstes Frauchen und ihr Benehmen ganz reizend, so daß es wirklich schwer ist, sie zu tadeln, aber ihre Ansichten sind nicht die meinen. Ich zweifle manchmal, ob sie überhaupt Ansichten hat. Wenn die Leute sagen: »Wie reizend ist Ihres zweiten Sohnes Frau,« dann muß ich immer den Kopf schütteln. Ihre Schönheit, ihr einnehmendes Wesen – denn das besitzt sie unleugbar – haben William ganz blind dagegen gemacht, daß sie nichts vom Hauswesen versteht. Ich war geradezu entsetzt, als mir William einmal sagte, wie hoch seine Haushaltsrechnungen seien und wie viel er für ihre Kleider bezahle. Ich habe versucht, ihm Vorstellungen zu machen, und ihm zugeredet, einmal ernstlich mit Marion, so heißt sie nämlich, zu sprechen, und der ganze Dank, den ich davon hatte, war, daß er sagte: »O, Mutter, ich bitte dich um alles in der Welt, laß nur Marion in Frieden; sie ist so empfindlich und würde es sich so furchtbar zu Herzen nehmen. Sie hat die ganze Zeit über dem Metzgerbuch geweint, seit du den Rechenfehler von neun Schillingen gefunden hast. Du hast's ja gewiß herzlich gut gemeint, liebe Mutter, aber das und deine Frage bei unserm letzten Diner, wie viel sie für das Hammelfleisch bezahle, hat sie ganz unglücklich gemacht. Sie meint, du hieltest sie nicht für die rechte Frau für mich.«

Natürlich entgegnete ich, es sei doch eigentlich sehr hart, daß ich auch nicht die kleinste Bemerkung machen könne, ohne beschuldigt zu werden, meines Sohnes häusliches Glück zu untergraben. Ich habe bei der erwähnten Gelegenheit allerdings kein Blatt vor den Mund genommen, und ich hätte meine Pflicht als Mutter versäumt, wenn ich's gethan hätte.

Es kam so natürlich. William gab ein kleines Mittagessen, eine reine Familiengesellschaft; niemand, als seine und der lieben Marion (sie ist wirklich ein liebes Kind) Angehörige, und während wir beim Essen saßen, sprachen wir darüber, wie furchtbar teuer jetzt alles in London sei, und da sagte ich zu meiner Schwiegertochter: »Was bezahlst du denn in diesem Stadtteil für das Hammelfleisch, liebe Marion?«

Kann eine Schwiegermutter wohl eine harmlosere Frage stellen? Und doch, es ist kaum zu glauben, wurde das einfältige Ding puterrot, fing an zu stottern und sagte, sie wisse es nicht.

»Was? Das weißt du nicht?« entgegnete ich. »Rechnest du denn das Metzgerbuch nicht nach? Lässest du ihn anschreiben, was er Lust hat?«

Ich sprach ganz freundlich; aber mein Mann fing an, mir zuzublinzeln, und William, mein Sohn, starrte mich wütend an. Er hat eine sehr unangenehme Gewohnheit, einen anzustarren, die ich ihm schon, als er noch ein Kind war, abzugewöhnen versucht habe. Ich kann mir gar nicht erklären, wo er diese Gewohnheit her hat, denn sein Vater thut es nicht, und auch in meiner Familie war ein solches Anstarren nie Mode.

»Was ist denn los?« fragte ich, und dann bemerkte ich, daß dem albernen Ding die Augen voll Wasser standen. Das ärgerte mich, und ich sprach es auch aus, nicht unfreundlich, aber fest.

»Mein Kind,« sagte ich, »es thut mir leid, wenn ich dir wehe gethan habe, aber es war nur meine Mutterliebe, die mich zum Sprechen veranlaßte. Wenn es William gleichgültig ist, was du für das Hammelfleisch bezahlst, dann geht mich die Sache ja weiter nichts an.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, und dann begann mein Mann eine von seinen einfältigen Geschichten zu erzählen, aus der ersten Zeit, wo wir anfingen, hauszuhalten. Das that er natürlich nur, um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Er hat die Geschichte schon an die hundert Mal erzählt, und sie wird immer sehr belacht, deshalb kommt er immer damit; ich habe aber nie herausfinden können, wo der Witz steckt.

Die Geschichte, die er immer sehr übertreibt, ist nämlich so: Kurze Zeit nach unsrer Verheiratung fand ich einmal eine Cigarrenrechnung von meinem Manne, und da ich gern wissen wollte, was alles kostet, fragte ich ihn, wie viele Cigarren er für das viele Geld bekäme, und er sagte es mir. Ich habe vergessen, wie viele es waren, aber ich weiß noch, daß nach meiner Rechnung jede etwa sechs Pence kostete.

Ich meinte, das wäre doch ein furchtbares Stück Geld für ein erbärmliches kleines Ding, das ein Mann in einer halben Stunde in die Luft pafft, und als ich eines Tages an einem Laden vorbeiging und einige Cigarrenkisten im Schaufenster sah mit einem Zettel daran: »Vorteilhafter Gelegenheitskauf,« kam mir der Gedanke, ich wollte einmal sehen, ob ich John seine Cigarren nicht billiger beschaffen könnte. Ich trat also ein, fragte nach dem Preise, und der Krämer sagte mir, das Kistchen von hundert Stück koste zehn Schillinge sechs Pence. Ich kaufte ein Kistchen und nahm es mit nach Hause. »Lieber John,« sagte ich, als er aus dem Geschäft kam, »ich glaube, es wäre besser, wenn du es in Zukunft mir überließest, deine Cigarren zu kaufen. Ich kann sie für zehn Schillinge sechs Pence das Hundert bekommen, und du hast fünfzig Schillinge bezahlt.« Mein Mann nahm eine heraus, betrachtete und beroch sie, fing an zu lachen und sagte, er wäre mir sehr verbunden, allein er möchte um meinetwillen noch ein paar Jahre leben. Ich glaube, er hat sie dem Gärtner geschenkt, der damals noch einmal wöchentlich kam, bis ich entdeckte, daß wir für seinen ganzen Jahreslohn nur vier Geranien und den Schmutz, den er an seinen Stiefeln mitbrachte, kriegten, und da habe ich der Geschichte ein Ende gemacht und den Garten mit Hilfe der Dienstboten selbst besorgt.

Ich weiß bis heutigestags nicht, weshalb John die Cigarren nicht rauchen wollte, weil ich weniger als den gewöhnlichen Preis dafür bezahlt hatte. Cigarre ist Cigarre, und die rauchten ganz prachtvoll, denn ich bin dem Gärtner einmal an einem Sonntag begegnet, wie er eine im Munde hatte, und sie roch viel stärker als die, die mein Mann gewöhnlich raucht. Aber alle Leute lachten über die Geschichte; ich ließ sie ruhig lachen und sagte weiter nichts.

Nach dem Essen kam William zu mir.

»Mutter,« sprach er, »ich weiß, du meinst es gut, aber Marion ist so ängstlich, und keine junge Frau hat es gern, wenn sie in Gegenwart ihrer Gäste als dumm hingestellt wird. Bitte, laß das in Zukunft.«

»O ja, William,« versetzte ich, »wenn es deine Frau nicht leiden kann, daß ich am Tische meines eigenen Sohnes einmal eine Bemerkung mache –«

Er sah, daß ich verletzt war, nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und küßte mich. »Sei doch nicht ärgerlich, liebes Mütterchen. Wir wollen nicht mehr darüber reden. Du weißt, daß Marion dich für die vollendetste Hausfrau hält, die je gelebt hat, und das thue ich auch.«

William war immer ein guter Sohn, und sein Herz ist noch jetzt so weich und sanft, wie es als Kind war. Ich kann ihm nicht böse sein und habe das nie gekonnt, aber trotz alledem bin ich der Ansicht, daß eine junge Frau, die nicht weiß, was sie dem Metzger für Hammelfleisch bezahlt, nicht die rechte Frau ist für einen Mann, der sich sein tägliches Brot verdienen muß.

Schwiegermütter sind immer mißverstanden worden und werden es wohl auch stets werden. Niemand hat die Sache bis jetzt von ihrem Standpunkt aus beleuchtet. Das ist der Zweck meines Buches, und deshalb habe ich mich jetzt, wo alle meine Kinder bis auf zwei verheiratet sind und mir viel Zeit zur Verfügung steht, entschlossen, die Sache der am schwersten verleumdeten Menschenklasse auf der ganzen Welt zu vertreten. Ich bin fest überzeugt, daß sie in einem ganz andern Lichte erscheinen wird, wenn ich meine Erfahrungen erzählt habe. Daß ich dabei einige meiner Schwiegersöhne kränken und daß auch ein paar von meinen Schwiegertöchtern brummen werden, ist wohl vorauszusehen und thut mir auch leid, aber ändern kann ich's nicht; ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen und werde gewiß in meinen alten Tagen nicht damit anfangen.

Es ist die höchste Zeit, daß jemand ein Wort für die Schwiegermütter einlegt. In den meisten Büchern, die ich gelesen habe, sind sie ganz falsch dargestellt, und auf der Bühne werden sie immer lächerlich gemacht, wenn nicht noch was Schlimmeres. Ich habe niemals begriffen, weshalb ein so abgeschmacktes Vorurteil gegen sie besteht. Daß ein Mann, der ein junges, vertrauendes Mädchen, das noch nichts vom Leben weiß, heiratet, nicht gerade gern sieht, daß seine Schwiegermutter, eine erfahrene Frau von Welt, zu viel sehe oder wisse, kann ich wohl verstehen, aber es ist doch die Pflicht einer jeden Mutter, ihrer Tochter den richtigen Weg zu zeigen, wie sie ihren Mann behandeln muß, und ihr die Wohlthat der Erfahrungen zu teil werden zu lassen, die das arme Ding (die Schwiegermutter) mit Schmerzen erkauft hat.

Ich habe von jeher die Absicht gehabt, meine persönlichen Erlebnisse aufzuschreiben, und habe mir zu dem Zwecke Aufzeichnungen gemacht und ein Tagebuch geführt. Das habe ich immer unter Schloß und Riegel gehalten, denn mein Mann hat die sehr unangenehme Gewohnheit, jedes Stückchen beschriebenes Papier, das zufällig auf meinem Tische liegen bleibt, aufzunehmen und zu lesen; und ins Tagebuch schreibt man doch mancherlei, was nicht gerade für jedermanns Auge ist. Kommt mir nur nicht damit, daß Neugier ein vorherrschend weiblicher Fehler sei. Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die halb so neugierig war, als einige Herren, die ich kenne. Hm, hm! Aber mein Tagebuch hat mein Mann nie zu sehen bekommen, und von meiner Absicht, meine Erfahrungen als Schwiegermutter zu veröffentlichen, weiß er auch nichts. Wenn ich ihm auch nur den leisesten Wink gegeben hätte, dann hätte er, wie ich keinen Augenblick bezweifle, in seiner thörichten, weichherzigen Art alle möglichen Einwendungen gemacht und gesagt, meine Schwiegersöhne und -töchter würden wenig erbaut von meiner Absicht sein.

Da ich aber nichts sagen werde als die Wahrheit, sehe ich wirklich nicht ein, was sie dagegen haben können. Jedenfalls werde ich sie nicht um Erlaubnis fragen. Was ich thue, das thue ich im Interesse einer sehr zahlreichen und sehr verkannten Menschenklasse, und wenn auch die Schwiegersöhne und -töchter hie und da Gesichter schneiden werden – es gibt eben wenig Menschen, die die Wahrheit vertragen können – bin ich ganz sicher, daß ich, ehe ich fertig bin, jede Schwiegermutter auf Gottes Erdboden zu Dank verpflichtet haben werde.

Soviel will ich als Einleitung über mich selbst vorausschicken. Etwas mußte ich sagen, obgleich ich nie zu den Leuten gehört habe, die viel von sich selbst reden. Aber ich möchte nicht gern mißverstanden werden, wenn ich auch eigentlich daran gewöhnt sein müßte, denn mein Mann hat mich nie verstanden, und meine Kinder haben auch meine mütterliche Sorge und Vorsicht für ihr Wohlergehen nicht so zu würdigen gewußt, wie ich das wohl hätte wünschen mögen. Ich bin aber nie davor zurückgeschreckt, meine Pflicht zu thun, und ich werde unerschütterlich fortfahren, sie zu thun, so lange mein Name Jane Tressider ist.

Ich werde nun zu meiner ersten Erfahrung als Schwiegermutter übergehen, oder vielmehr als zukünftige Schwiegermutter, dem peinlichen Augenblick, wo ich erfuhr, daß meine älteste Tochter Sabine Neigung zu einer nicht zum häuslichen Kreise gehörigen Persönlichkeit gefaßt hatte, und daß ein junger Mann wünschte, sie aus dem Schoße der Familie zu entführen und ihrer hingebenden Mutter zu entreißen! Für eine liebevolle Mutter ist es natürlich ein schwerer Schlag, wenn sie Anzeichen wahrnimmt, daß das erste ihrer Kinder den Schutz ihrer mütterlichen Fittiche zu verlassen wünscht. Ich schäme mich nicht, zu gestehen, meine erste Empfindung, als ich hörte, daß sich ein junger Mann in meine Tochter verliebt habe, war Entrüstung. Allerdings hatte ich auch Grund zur Entrüstung. Ich halte sein Benehmen – allein der junge Mann soll der Gegenstand meiner zweiten Erinnerung werden.


Zweite Erinnerung.
Miß Sabines Schatz.

»Miß Sabines Schatz!«

Das waren die Worte, die eines Morgens an mein entsetztes Ohr schlugen, als ich ohne den geringsten Gedanken an Horchen zufällig ein Gespräch zwischen dem Zimmermädchen und der Köchin mitanhörte. Ich war in die Küche gegangen, um nach dem Backofen zu sehen, denn die Köchin schob die Schuld immer auf diesen, wenn Kuchen oder Pasteten entweder nur halb gar, oder zu Kohle verbrannt auf den Tisch kamen.

Ich habe jetzt sehr viel Erfahrung im Haushalt, aber noch nie habe ich eine Köchin und einen Backofen gefunden, die zu einander paßten. Mein Ofen backte für einige zu rasch, für andre zu langsam. Was die Köchinnen über den Ofen sagen, weiß ich ganz genau, aber ich möchte sehr gern 'mal hören, was der Ofen über die Köchinnen sagen würde, wenn er sprechen könnte. Und der Ofen hat die Schuld auf sich zu nehmen, nicht nur, wenn das Gebäck mißrät, sondern auch wegen der Kohlen. Die Art, wie in unsrer Küche die Kohlen verschwinden, ist geradezu entsetzlich. Kaum ist der Keller gefüllt, so ist er auch schon wieder leer, und wenn ich klage und die Dienstboten darauf aufmerksam mache, daß die Kohlen ein kleines Vermögen kosten, und daß mein Mann und ich nicht gern infolge der unsinnigen Verschwendung der Dienstboten unsre alten Tage im Armenhause verleben möchten, dann wird mir stets entgegengehalten, daß der Fehler ganz allein am Roste liege. Es ist ein verschwenderischer Rost, ein Rost, der ungeheure Massen von Kohlen verschlingt, ein Rost, worauf ein kleines Feuer zu unterhalten rein unmöglich ist, und die ganze Hitze geht zum Schornstein hinaus.

Ich habe Unsummen ausgegeben und alles mögliche versucht, um den Ofen und den Rost in Ordnung zu bringen, damit die Dienstboten keine Entschuldigung für ihre Faulheit und Nachlässigkeit haben sollten. Ich habe Backsteine hinter den Rost legen und allerhand Vorrichtungen am Schornstein anbringen lassen, und mein Mann hat sogar einen Sachverständigen zu Rate gezogen, der für seine Untersuchung des Ofens eine Guinee berechnete, an einem regnerischen Tage kam, seine Stiefel nicht abkratzte, seinen nassen Schirm ins Eßzimmer stellte und den ganzen Teppich volltröpfelte. Und dann ging er fort und schickte meinem Manne eine Zeichnung für so eine neumodische Geschichte, die siebzig Pfund kosten sollte und so aussah, als ob das halbe Haus abgerissen werden müßte, um sie aufzustellen.

Als mein Mann mir den Brief des Menschen zeigte, habe ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berge gehalten und mich erboten, ihm schriftlich zu antworten, aber mein Mann, der höchst nervös ist, bat mich, ich möchte es unterlassen, denn das Gesetz verstehe keinen Spaß mit Beleidigungen und sei hierzulande ganz eigentümlich, so daß es gefährlicher sei, einen wirklichen Schwindler Schwindler zu nennen, als einen ehrlichen Mann. Wenn das wahr wäre, entgegnete ich, dann sei das eine Schmach für die, die das Gesetz gemacht haben, und wenn wir Frauen mehr mit der Gesetzgebung zu thun hätten, dann gäbe es nicht so viele dumme Gesetze. Die Behauptung, daß Frauen nicht fürs Parlament taugten, weil sie keine Logik besäßen, ist mir angesichts der von den Männern gemachten Gesetze immer furchtbar abgeschmackt erschienen. Ich möchte wirklich die Frauen sehen, die so unlogische Parlamentsbeschlüsse zu stande brächten, wie sie die Männer seit Jahrhunderten gefaßt haben.

Aber das hat nichts mit meinem Backofen und meiner Küche zu schaffen, obgleich ich, wenn ich einmal Zeit habe, meine Ansichten über die gegenwärtige Stellung der Frauen zur Politik gern veröffentlichen möchte.

Mein Mann, meine Söhne und Töchter haben für meinen Standpunkt in Beziehung auf diesen Gegenstand nie rechtes Verständnis gezeigt und mich mit Thränen in den Augen beschworen, doch ja der Frauenliga nicht beizutreten, die vor einigen Jahren gegründet worden ist. Sie thaten so, als ob sie fürchteten, ich könnte, wenn ich 'mal zum Worte käme, das rechte Maß nicht finden. Nun, ich hätte meine Meinung offen ausgesprochen, einerlei ob Zeitungsberichterstatter anwesend gewesen wären oder nicht, aber ich würde ganz bestimmt nichts gesagt haben, dessen sich mein Mann und meine Kinder hätten schämen müssen.

Mein Sohn William war ganz außer sich, als ich erzählte, mehrere Damen hätten mich zum Beitritt aufgefordert und gebeten, die Schriftführerstelle für unsern Stadtteil zu übernehmen.

»Um Gottes willen, Mutter,« sagte er, »denk doch nur nicht daran. Du bist zu ehrlich, zu offen, um thätigen Anteil an den öffentlichen Angelegenheiten zu nehmen. Es wäre dir doch sicher nicht angenehm, von der Vorsitzenden zur Ordnung gerufen zu werden, oder daß dir das Wort entzogen würde, ehe du fertig wärest?«

»Den Menschen möchte ich sehen, der mir das Wort entziehen könnte, ehe ich ausgesprochen habe, was ich sagen will,« entgegnete ich.

»Sie thäten es, Mutter, du kannst dich drauf verlassen,« versetzte William, »und dann gäbe es einen schrecklichen Skandal, und in der Aufregung des Augenblicks sagtest du der Vorsitzenden vielleicht, was du von ihr dächtest, und dann käme nachher im Daily Telegraph ein langer Artikel mit der fett gedruckten Ueberschrift: ›Stürmische Auftritte in der Frauenliga. Höchst merkwürdige Rede der Mrs. Tressider.‹ Es wäre wirklich nicht hübsch, Mutter, das meinst du doch auch?«

Ich überlegte mir die Sache und gab den Gedanken des Beitritts auf, aber ich kann in der That nicht begreifen, warum meine Kinder mich immer als solche Megäre hinstellen. Eines Tages, wenn ich nicht mehr da bin, werden sie einsehen, was sie an mir gehabt haben, aber dann ist es zu spät, wie ich ihnen immer sage, wenn sie mich ärgern und zur Verzweiflung bringen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß ich ein bißchen hitzig bin, aber ich habe auch wirklich sehr viel zu tragen, was meine Nerven angreift, und auf der andern Seite bin ich sehr leicht zu besänftigen und vergesse sehr rasch.

Als ich hörte, wie die Köchin und das Stubenmädchen in so unpassender Weise über meine älteste Tochter sprachen, wurde ich allerdings »rasend vor Wut«, wie mein Mann immer sagt. Sie hatten mich augenscheinlich nicht gehört, denn sie kicherten und redeten ganz laut. Ich hörte etwas von einem hübschen jungen Manne mit einem dunklen Schnurrbart, und dann kamen die Worte, die mich einen Augenblick starr vor Entsetzen machten, so daß ich wie angewurzelt stehen blieb; »Miß Sabines Schatz!«

Ich frage euch, liebe Leserinnen – das heißt diejenigen von euch, die Mütter sind und Töchter erzogen haben – würdet ihr nicht einen Schreck bekommen haben, wenn ihr zwei einfältige Frauenzimmer von Dienstboten von eurer ältesten Tochter »Schatz« sprechen hörtet, während ihr nicht die blasseste Ahnung habt, daß es überhaupt eine solche Persönlichkeit gibt?

Als ich das vernahm, fühlte ich, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, und ich hatte die größte Lust, geradeswegs in die Vorratskammer zu gehen, wo die beiden Frauenzimmer schwatzten, und sie zu fragen, wie sie sich erfrechen könnten, so von ihrer jungen Herrin zu sprechen, aber es gelang mir mit einer gewaltigen Anstrengung, mich zu beherrschen. Ich fürchtete, ich könnte zu viel sagen, und wenn, was ich jedoch kaum für möglich hielt, meine Sabine diesen Frauenzimmern wirklich Grund gegeben hatte, ihren Namen mit dem des jungen Mannes in Verbindung zu bringen, dann war es besser, ich hörte die Wahrheit von meiner Tochter selbst.

Sabine spielte gerade oben Klavier und sang irgend ein einfältiges italienisches oder deutsches Lied; die beiden Sprachen sind mir eine so bekannt, wie die andre, denn ich schäme mich nicht, es zu sagen, in meiner Jugend wurde von jungen Mädchen nicht mehr als ihre Muttersprache und ein bißchen Französisch verlangt, aber meine älteste Tochter Sabine und die zweite, Maud, »die Schönheit der Familie«, wie ihre Brüder und Schwestern sie nennen, sind wirklich sehr bewandert in fremden Sprachen, obgleich sie ihnen bis zum gegenwärtigen Augenblick noch nicht viel Nutzen gebracht haben, ausgenommen, daß sie manchmal zusammen sprechen können, ohne daß ich sie verstehe.

Ich habe ihnen häufig gesagt, daß sich junge Mädchen nicht in einer Sprache unterhalten dürfen, die ihre Mutter nicht versteht; sie sagen aber immer, sie müßten in der Uebung bleiben, wenn sie nicht vergessen sollten, was sie gelernt haben, und der Grund läßt sich ja hören, aber es wäre mir doch lieber, sie sprächen ihr Deutsch oder Italienisch, wenn sie allein zusammen sind und nicht in meiner Gegenwart.

Auf meiner Tochter Sabine vielseitige Bildung bin ich immer stolz gewesen, und ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich stets gehofft habe, sie würde eine glänzende Partie machen. Zur Zeit, wo die Unterhaltung in der Vorratskammer mir den furchtbaren Schreck einjagte, war sie eben achtzehn Jahre alt, und obgleich ihr Vater manchmal sagte: »Es sollte mich gar nicht wundern, wenn Sabine sich nächstens verlobte«, hatte ich doch noch nie ernstlich an so etwas gedacht.

Keins von meinen Mädchen ist jemals gewesen, was die Welt »gefallsüchtig« nennt; sie schlagen in dieser Hinsicht mir nach. Tressider war der erste junge Mann, der mich vor andern Mädchen auszeichnete, und sobald ich mir darüber klar war, daß auch ich ihn liebte, habe ich ihm das durchaus nicht verborgen, und von der ersten Stunde an, wo wir uns verstanden, habe ich ihm – das kann ich mit gutem Gewissen versichern – auch nicht die geringste Ursache zur Eifersucht gegeben. Auch meinen Eltern habe ich nicht verhehlt, daß ich liebte. Ich zog meine Mutter sofort ins Vertrauen, und mein lieber Vater erkundigte sich sogleich über Johns weltliche Verhältnisse, und sobald wir uns überzeugt hatten, sie seien derart, daß er einer Frau ein behagliches, wenn auch nicht gerade luxuriöses Heim bieten könne, gab ich John einen zarten Wink, es sei angebracht, daß er eine Unterredung mit meinem Vater nachsuche, wenn er wirklich eine Verbindung mit mir wünsche.

In so strengen Grundsätzen aufgewachsen, die, wie ich höre, jetzt als altmodisch verlacht werden, konnte ich es nicht für möglich halten, daß eins meiner Kinder ohne Wissen und Billigung ihrer Mutter und ihres Vaters sein Herz vergeben hätte. 

Nun fiel mir aber mit einiger Besorgnis ein fast vergessener Vorfall ein. Sabine war fünfzehn Jahre alt und befand sich in einem Pensionat in Clapham, als ein Junge aus einer Knabenschule, die ihre Plätze in der Kirche dem Pensionat gerade gegenüber hatte, so frech war, ihr in der Zeichensprache der Taubstummen zu telegraphieren, daß er sie liebe, und sie um Mitteilung ihres Namens zu bitten. Der kleine Schlingel war erst vierzehn; es handelte sich also nur um eine Kinderei, aber Sabine hatte bei dieser Gelegenheit, wie ich leider zugeben muß, anstatt die Sache der ersten Lehrerin zu melden, in derselben Zeichensprache geantwortet und ihren Namen angegeben. Und der gräßliche Junge – er war der Sohn eines Barons in Indien, und das Leben in dem heißen Klima und unter Wilden war vielleicht mit Schuld daran – hatte die Unverschämtheit gehabt, einige Tage später einen Brief an sie ins Pensionat zu schmuggeln, der in der schwülstigsten Sprache geschrieben war.

Durch diesen Brief kam die ganze Geschichte an den Tag, denn meine Tochter zeigte ihn ihrer Busenfreundin, der Nichte der Lady Smith, deren Mann früher einmal Lord Manor von London gewesen war. Glücklicherweise fiel der französischen Lehrerin das schuldbewußte Aussehen der beiden Mädchen auf, und da sie merkte, daß etwas nicht in Ordnung war, hielt sie die Augen offen, wie das nur eine französische Lehrerin kann. Sie erwischte den Brief, nahm ihn an sich und zeigte den Vorfall der Vorsteherin an, und nun kam natürlich alles an den Tag. Sabine, die, wie alle meine Kinder, zur Wahrheitsliebe erzogen worden ist, legte ein volles Geständnis ab und brachte in die Ferien, die bald darauf begannen, eine Strafarbeit mit und einen Brief von der Vorsteherin, der alles erklärte.

Ich war natürlich sehr ärgerlich, und wenn mich ihr Vater nicht daran verhindert hätte, dann wäre ich zum Vorsteher des Knabenpensionats nach Clapham gegangen und hätte ihm ordentlich meine Meinung darüber gesagt, was ich von der Beaufsichtigung in seiner Schule hielte. Aber mein Mann machte seine gewöhnlichen einfältigen Einwendungen, und so wurde die Sache nach einer tüchtigen Strafpredigt für Sabine nicht weiter verfolgt.

Ich muß noch erwähnen, daß das Kind – denn das war sie noch – sein Benehmen aufrichtig bereute und versprach, so etwas nie mehr thun zu wollen, und sie hätte es auch diesmal nicht gethan, aber die Mädchen wären so daran gewöhnt gewesen, sich in der Zeichensprache der Taubstummen zu unterhalten, daß sie dem Jungen geantwortet hätte, ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken.

Seit der Zeit hat sie mir auch nicht einen Augenblick wieder Ursache zur Sorge gegeben, und ich meinte auch, nie beobachtet zu haben, daß sie auf Bällen und in Gesellschaften Aufmerksamkeit erregte – nicht halb soviel, als die um ein Jahr jüngere Maud, »die Schönheit der Familie«, wie ich schon erklärt habe.

Die arme Maud wurde wirklich in sehr lästiger Weise umschwärmt und mußte ihrer Brüder Spott über die Anzahl der jungen Männer, die bis über die Ohren in sie verliebt sein sollten, über sich ergehen lassen. Allerdings waren einige junge Herren unsrer Bekanntschaft eifrige Besucher unsres Hauses, ehe Maud verlobt war, und ihre Besuche hörten gleich danach auf. Wenn ich an den Teil meiner Erfahrungen komme, werdet ihr begreifen, was das eine Last für mich war – besonders ein Herr, der viel zu alt für sie war, denn er war schon dreißig und hatte einen großen roten Schnurrbart. Er war der Bruder einer Miß Mosenthal, einer vertrauten Freundin Sabines, und holte seine Schwester immer bei uns ab, und dann hatte er zur großen Belustigung meiner Jungen eine gewaltige Baßposaune auf dem Verdeck seiner Droschke liegen.

Wenn die Jungen ihre Schwester mit ihm neckten, wie das so Jungenart ist, war sie höchst entrüstet, und ich hatte wirklich Mitleid mit ihr, denn obschon der junge Mosenthal reich war, wollte mir der Gedanke, daß meine schöne, anmutige Maud einen Mann mit einem roten Schnurrbart und einer Baßposaune heiraten sollte, gar nicht gefallen. Es war schon schlimm genug, daß das Ungetüm vor unsrem Hause auf dem Verdeck der Droschke wartete, aber eine solche große Posaune im Hause zu haben, wäre doch eine furchtbare Zugabe zum Leben gewesen, zumal, wenn er sie wirklich spielte.

Wäre John Tressider mit einer großen Posaune behaftet gewesen, oder irgend einem andern musikalischen Instrument dieser Art, dann würde ich wohl gesagt haben: »Wenn es sich um die Posaune und mich handelt, John, dann mußt du wählen, aber dasselbe Dach kann uns nicht beschirmen.« Gott sei Dank! Mein Mann ist nicht musikalisch. Die Mädchen mit ihrem Klavier und Tommy, mein Jüngster, der wirklich ein musikalisches Genie ist und alles spielen kann, und der von Kindheit an eine ganze Stube voll Trommeln, Pfeifen, Ziehharmonikas und Maultrommeln und eine schauderhafte Vorrichtung aus Pfeifen gehabt hat, womit er die Treppe auf und ab geht und Puppentheatermann spielt, und gewöhnlich den Morgen wählt, wo ich mein Kopfweh habe, um vor meiner Schlafstubenthür »God save the Queen« zu dudeln, das ist wahrhaftig genug Musik im Hause, und man braucht nicht auch noch eine Baßposaune zum Schwiegersohn zu nehmen.

Mein Jüngster ist Thomas getauft, aber jedermann nennt ihn »Tommy Tressider«, und ich habe mir das auch angewöhnt. Der Junge hat eine glänzende Laufbahn vor sich, und ich werde nicht eher ruhen, bis ich seinen Vater überredet habe, ihn nach Eton oder Harrow und später auf die Universität zu schicken. Es gibt wirklich nichts, was er nicht könnte, und obgleich er noch nicht elf Jahre alt ist, hat er doch schon mehr Schulpreise gewonnen, als irgend einer seiner Mitschüler. Der Schelm sitzt ihm freilich im Nacken, aber das ist ja bei allen Jungen seines Alters so, und ich sage seinen Schwestern, sie müßten stolz auf ihn sein. Einmal mußte ich meiner Tochter Jane einen strengen Verweis erteilen, weil sie sagte, Tommy könne sich alles herausnehmen, da er mein »Verzug« sei. Ich habe keinen »Verzug«, alle meine Kinder, verheiratet oder nicht, sind mir gleich lieb, aber Tommy ist der Jüngste und noch ein Kind, und ich glaube, wenn wir älter werden, fühlen wir uns besonders zu dem Kinde hingezogen, das noch ein Kind ist, obschon alle unsre Kinder für uns stets Kinder bleiben.

Ich habe eine liebe Tante, beinahe neunzig Jahre alt, aber noch ganz gesund und rüstig, obgleich ihr Gedächtnis sie manchmal im Stiche läßt. Sie wohnt bei ihrem verheirateten Sohne und spielt jeden Abend Whist, wie sie das viele, viele Jahre gethan hat. Ihre Enkel sind jetzt alle junge Herren und Damen, aber oft legt sie plötzlich ihre Karten hin und sagt: »Seid 'mal ruhig, ich glaube, ich höre eins von den Kindern weinen.« Die arme, liebe Tante. Das jüngste von den Kindern ist jetzt zweiundzwanzig, aber sie bildet sich immer noch ein, sie wären oben in der Kinderstube, und in ihrem liebenden Herzen werden sie nie zu Männern und Frauen heranwachsen.

Das ist natürlich ein Fall von geistiger Altersschwäche, aber für viele von uns wachsen die Kinder wirklich nicht heran. Wenn Euer Sohn fünfzig alt ist, bleibt er immer »Euer Junge«, und Eure Tochter bleibt »Euer Mädchen«, auch wenn sie vierzig alt ist, und das ist, glaube ich, einer der Gründe, weshalb Schwiegermütter so leicht mißverstanden werden. Ihre Kinder heiraten, aber für sie sind sie noch ihre Kinder, und sie ist vielleicht etwas zu sehr geneigt, sie sich als Kinder zu denken und sich ihnen gegenüber als sorgende und wachsame Mutter zu benehmen.

»Mutter«, ruft dein Sohn vielleicht, wenn er zum Manne herangewachsen und verheiratet ist, »ich bin ja kein Kind mehr.« In seinen eigenen Augen vielleicht nicht, aber in seiner Mutter Augen doch; da ist er ein Kind und wird es stets bleiben.

Ich bin keine empfindsame Frau, wie ich mir schmeichle, aber an etwas kann ich nicht denken, ohne daß mir die Thränen in die Augen treten: die Geschichte von der lieben alten Mutter, die am Sterbebette ihres Sohnes saß – eines durch ein ausschweifendes Leben vorzeitig gealterten und gebrochenen Mannes von sechzig Jahren – der seinen ergrauten Kopf vom Kissen hob und an der Mutter Busen legte, während sie betete: Gott möge ihr ihr Kind, »ihren lieben Kleinen« lassen.

Manche Leute würden es vielleicht nicht schwer finden, über eine Frau, die einen alten grauhaarigen Mann »ihren Kleinen« nennt, zu lachen; für mich aber ist die Geschichte immer ein schönes Gedicht gewesen – tief empfunden und wahr – denn für ein liebendes Mutterherz gibt es keine Zeit. Ihre Kinder sind immer ihre Kinder – mögen sie auch alt, grau und gebeugt sein, sie bleiben »ihre Kleinen'».

Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb eine Mutter besonders am Jüngsten hängt, dem, der noch nicht aufgewachsen ist und sich nicht ärgert, wenn er als Kind betrachtet wird. Ich versuche gewiß stets, ganz gerecht zu sein, aber ich kann es nicht mit ansehen, wenn die andern meinen armen Tommy immer ins Unrecht setzen wollen; und seine Schwestern, obgleich sie durchaus keine bösartigen Mädchen sind, verleumden ihn wirklich manchmal.

Ich habe hier früher von Tommy sprechen müssen, als ich eigentlich beabsichtigt hatte, weil er mir die Wege zur Aufklärung des Geheimnisses betreffs – um mich der eleganten Ausdrucksweise der Dienstmädchen zu bedienen – »Miß Sabines Schatz« beträchtlich ebnete.

Als ich ins Wohnzimmer trat und Sabine am Klavier sitzen sah, waren mir einen Augenblick ihre Schulstreiche ins Gedächtnis gekommen, und ich hatte die Besorgnis – natürlich eine sehr einfältige Besorgnis – es könne wieder so eine Taubstummenalphabetgeschichte im Gange gewesen sein. Sabine ohne weiteres zu fragen, hatte ich keine Lust, denn es war mir unangenehm, ihr sagen zu müssen, daß die Dienstboten über sie geklatscht hatten, und ich blieb einen Augenblick zögernd in der Thür stehen. Sabine bemerkte mich offenbar nicht, denn sie ließ sich nicht im Singen stören. Plötzlich sah ich, wie Tommy mit einem von den ekligen Dingern, die sie »Rückenkratzer« nennen – Gott mag wissen, wo er es her hatte – unter dem Tische hervorgekrochen kam, und ehe ich's hindern oder einen Laut von mir geben konnte, war er hinter Sabine und fuhr ihr mit dem Dinge den Rücken hinunter. Sabine schrie natürlich und sprang beinahe in die Luft – ich hätte es auch gethan – und als sie sich umdrehte, sah sie Tommy. 

»O, du gräßlicher Junge,« rief sie und gab ihm im Aerger eine gewaltige Ohrfeige. Tommy ist ein braver Junge, aber die Thränen traten ihm doch in die Augen.

»Du Feigling!« rief er. »Du weißt, daß du nur ein Mädchen bist und daß ein Mann ein Mädchen nicht schlagen kann, aber du sollst schon noch dafür büßen. Wenn ich deinem Laternenpfahl wieder einmal auf der Straße begegne, dann gebe ich ihm eine ins Gesicht, und dann muß er mit mir boxen.«

»Du ungezogener Junge! Was willst du mit ›Laternenpfahl‹ sagen?«

»O, ja; als ob ich nicht alles wüßte? Ich habe wohl gesehen, wie er gestern immerzu vor dem Hause auf und ab gegangen ist und nach deinem Fenster gesehen und gegrinst hat. Ja, und du hast ihm Kußhände zugeworfen. Glaubst du, ich wüßte nicht alles? Wart nur, bis die Mama hinter deine Schliche kommt, weiter sage ich nichts. Die wird ihn schon belaternenpfahlen und ihm seinen Standpunkt klar machen.«

Das war mehr als ich anhören konnte: rasch trat ich ins Zimmer.

»Sabine,« sprach ich, »was soll denn das alles bedeuten? Was in aller Welt meint denn Tommy mit dem Laternenpfahl?«

Sabine wurde rot, wie eine Päonie, und Tommy stieß ein leises Pfeifen ans.

»Komm 'mal her, Tommy,« fuhr ich streng fort, »jetzt erklär mir 'mal alles. Wer ist Sabines Laternenpfahl?« 

»Du mußt mich entschuldigen, Mama,« entgegnete Tommy, »aber was ein ordentlicher Junge ist, der petzt keine Mädchen an.«

»Das ist mir ganz einerlei, ich will es wissen. Sabine, vielleicht wirst du so gut sein, mir alles zu erklären.«

»O, Mama,« rief meine Tochter halb schluchzend, »es ist – es ist alles nur Unsinn von Tommy. Bitte, laß mich in meine Stube gehen; der ungezogene Junge hat mich so erschreckt, daß ich mich ganz elend fühle.«

»Gut, mein Kind, geh in deine Stube,« antwortete ich ganz ruhig, »aber wenn du dich besser fühlst, dann erwarte ich, daß du mit einer offenen Erklärung zu mir kommst, wer der Laternenpfahl ist, der nach deinen Fenstern sieht und dem du Kußhände zuwirfst. Ich will dir nur sagen, daß ich schon ein Vögelchen habe pfeifen hören«

»O, Mama, liebe Mama, sei nur nicht böse, und ich – ich will – will dir alles sagen, aber, bitte, laß mich jetzt gehen.«

»Sabine, mein Kind,« entgegnete ich freundlich, zog sie an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter, »beruhige dich nur; ich bin nicht böse, aber es darf keine Geheimnisse zwischen uns geben, besonders dieser Art, denn ich gehe wohl nicht irre, wenn ich annehme, daß der Laternenpfahl, wovon dein Bruder gesprochen hat, ein junger Herr ist. So, mein liebes Kind, nun geh in deine Stube, beruhige dich, und wenn du dich wieder wohler fühlst, dann komm zu mir, und wir wollen uns in meinem Zimmer aussprechen.« 

Sabine, die immer ein weichherziges Mädchen war, brach vollständig zusammen, als ich so gütig sprach, denn sie hatte wahrscheinlich einen Sturm erwartet, obgleich es mir vollkommen rätselhaft ist, weshalb meine Kinder immer erwarten, daß ich ihnen an den Kopf fahren werde. Sie preßte das Taschentuch an die Augen und ging hinaus.

Tommy folgte ihr und sah sehr niedergeschlagen aus. Als sie draußen waren, hörte ich ihn sagen: »Sabine, es thut mir furchtbar leid. Ich wußte nicht, daß die Mutter so nahe war, sonst hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als geplappert. Weine doch nicht, Sabine, und wenn du herunter kommst, kannst du mich hauen, so viel du willst, und ich werde Gus Walkinshaw nie wieder ›Laternenpfahl‹ nennen.«

»Gus Walkinshaw!« Vor Schreck blieb ich wie angewurzelt stehen. Gus Walkinshaw, der Sohn unsres Pfarrers, ein junger Mann ohne die geringsten Aussichten, denn er hatte mehrere Brüder und stand sechs Fuß zwei Zoll in seinen Strümpfen – nicht, daß ich ihn jemals in Strümpfen gesehen hätte – aber meine Jungen hatten mir gesagt, das sei seine Größe. Und von dem sprach Tommy als »Laternenpfahl« und meine Köchin und mein Stubenmädchen als »Miß Sabines Schatz!«

Sechs Fuß zwei Zoll, keine Aussichten, und meine Tochter Sabine war die kleinste der ganzen Familie, denn sie war kaum fünf Fuß groß.

Kein Wunder, daß ich schauderte. Das war eins von den Dingen, worauf ich nicht vorbereitet war: daß ich die Schwiegermutter eines Riesen werden sollte!


Dritte Erinnerung.
Mein erster Schwiegersohn.

»Gus Walkinshaw!«

Als mein Sohn Tommy diese Worte sprach – er dachte in seiner Aufregung gewiß nicht daran, daß ich ihn hören könne – fiel es mir, wie man sagt, wie Schuppen von den Augen, und alles war mir klar, wie der Tag.

Ich hatte mir nicht träumen lassen, daß eine meiner Töchter jemals etwas Besonderes an Gus Walkinshaw finden würde, und deshalb hatte ich bei verschiedenen Gelegenheiten unverhohlen meine Meinung gesagt, nicht gerade über ihn persönlich, sondern über die ganze Familie; denn Mrs. Walkinshaw hatte sich einmal in meiner Gegenwart über junge Männer von gutem Herkommen, die Töchter von Geschäftsleuten geheiratet hatten, eine Bemerkung erlaubt, die ich für sehr engherzig hielt, und da sie überdies in einer gemischten Gesellschaft gemacht worden war, mußte ich sie auch für taktlos halten.

Es war an Mrs. Jones' Empfangsnachmittag. Mrs. Jones war die Frau unsres Hausarztes, und die Rede kam auf die vorzügliche Partie, die Miß Grantham, die Tochter des Strumpfwarenhändlers aus Bond Street, gemacht hatte. Da Granthams ganz in unsrer Nähe wohnten und die Trauung in unsrer Kirche stattfand, hatten wir uns natürlich alle sehr für die Sache interessiert, besonders da der junge Larkaway nach seines Vaters Tode Baron, Miß Grantham also Lady Larkaway wurde. Als eine der Damen die Bemerkung machte, sie wisse gar nicht, was der junge Larkaway Schönes an Miß Grantham gefunden habe, erlaubte ich mir, zu antworten, daß er vielleicht ihr Geld schön gefunden habe, und darauf verdrehte Mrs. Walkinshaw die Augen und sagte, es sei doch ganz schrecklich, daß so viele junge Männer aus vornehmen Familien Töchter von Geschäftsleuten heirateten.

Das ging mir denn doch ein bißchen gegen den Strich, und ich erwiderte, ich dürfte meine Töchter wohl auch als Töchter eines Geschäftsmannes ansehen, da mein Mann ein Engrosgeschäft in der City habe, und ich erlaubte mir, Mrs. Walkinshaw zu versichern, daß ich als Frau eines Geschäftsmannes keine vornehmen Herren von Habenichts für meine Töchter haben wollte und eine solche Verbindung durchaus nicht als eine Ehre ansähe.

Natürlich suchte sich Mrs. Walkinshaw herauszureden und behauptete, es sei ein großer Unterschied zwischen Engros- und Endetailkaufleuten, und Mr. Grantham sei ein Krämer.

»Ich sehe keinen Unterschied,« entgegnete ich. »Wenn's eine Schande für einen jungen Mann ist, in eine Familie zu heiraten, die ein Hemd verkauft, dann muß es doch eine noch größere Schande sein, in eine Familie zu heiraten, die die Hemden grosweise verkauft.«

»Es scheint mir doch zweifelhaft, ob Hemden ein wünschenswerter Unterhaltungsstoff für uns sind,« rief Mrs. Walkinshaw und rümpfte hochmütig die Nase.

»O, gewiß nicht, Madame, wenn es Ihnen nicht beliebt,« entgegnete ich, und dann fingen sämtliche Damen an, zusammen zu sprechen, und sahen mich an, als ob ich etwas Furchtbares gesagt hätte, und ich stand auf und ging. Als ich draußen war, sind sie wahrscheinlich über mich hergefallen und haben die Frau Pfarrerin getröstet und ihr versichert, ich sei eine fürchterliche Person. Pfarrerin oder nicht, ich müßte meine Natur verleugnet haben, wenn ich nicht gerade herausgesagt hätte, was ich über so albernen Schnack denke. Ihr Mann verachtet das Geld durchaus nicht, das im Handel verdient wird, und seine Stelle wäre bei weitem nicht so gut, wenn seine Gemeinde nur aus dem Adel des Stadtviertels bestände.

Daß in gewissen Kreisen ein Vorurteil gegen den Handelsstand besteht, weiß ich sehr wohl, aber es stirbt doch allmählich aus, und nur altmodische Leute, wie Mrs. Walkinshaw und ein paar aufgeblasene Dummköpfe und dann die Verwandten solcher, die ihr Schäfchen geschoren und dann das Geschäft aufgegeben haben, sprechen geringschätzig darüber. Mein Mann ist jedenfalls Geschäftsmann, und es freut mich, sagen zu können, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der in der Lage gewesen ist, seinen Töchtern bei ihrer Verheiratung ein recht anständiges Jahrgeld auszusetzen, und darum war es ganz natürlich, daß es mich ärgerte, als in meiner Gegenwart so geringschätzig von Geschäftsleuten geredet wurde.

Nach meiner Rückkehr aus Mrs. Jones' Gesellschaft sprach ich mich ziemlich offen über Mrs. Walkinshaw aus, und ich weiß nicht warum, aber von der Zeit an hatte ich eine entschiedene Abneigung gegen sie, die sie, wie ich glaube, in gleichem Maße erwiderte. Ich erzählte meinem Manne die Geschichte, und er meinte, es sei schade, daß ich Mrs. Walkinshaws einfältige Aeußerung überhaupt beachtet hätte. »O, natürlich,« antwortete ich, »Anerkennung habe ich nicht dafür erwartet, daß ich dich in deiner Abwesenheit verteidigt habe; wenn es dir aber Spaß macht, geduldig auf dir herumtrampeln zu lassen, dann ist mein Geschmack eben anders. Ich habe das nie gethan und bin jetzt zu alt, um damit anzufangen. Es wäre dieser Mrs. Walkinshaw ganz gesund, wenn ihre großen, ungeschlachten Söhne selbst Töchter von Geschäftsleuten heirateten, denn aus eigenen Kräften werden die nie viel Geld verdienen.«

»O, es sind doch sehr nette junge Leute,« sprach mein Mann, »einer von ihnen ist Offizier, und der andre studiert Rechtswissenschaft.«

»Nette junge Leute? Das muß ich wirklich sagen,« versetzte ich. »Ich nenne sie Riesen. Nicht einer von ihnen, der nicht über sechs Fuß groß ist. Große Männer sind immer faul und zu nicht viel anderm nütze, als zum Billardspielen, Kurschneiden und Bummeln. Von meinen Töchtern wird keine einen Walkinshaw heiraten, wenn's nach mir geht.«

Als mir einfiel, daß ich betreffs der Walkinshaws niemals ein Blatt vor den Mund genommen hatte, war mir erklärlich, warum meine Sabine die Thatsache, daß sie und Gus Walkinshaw, der Jüngste der Familie, einander liebten, verheimlicht hatte. Daß ein Verhältnis zwischen ihnen bestand, bezweifelte ich keinen Augenblick mehr, aber wie es soweit gekommen war, blieb mir unerklärlich, da sie, abgesehen von seltenen Zusammenkünften auf Bällen und in Gesellschaften in unsrer Nachbarschaft und in der Kirche, wo sie sich nur von weitem sahen, keine Gelegenheit gehabt hatten, miteinander bekannt zu werden. Nun fiel mir plötzlich ein, daß Sabine in den letzten sechs Monaten einen großen Eifer für »Kirchenarbeit«, wie sie es nannte, an den Tag gelegt und bei verschiedenen Veranlassungen geholfen hatte, die Kirche auszuschmücken. Ebenso hatte sie bei Abendunterhaltungen, die der Pfarrer für die Armen der Gemeinde in der Schule veranstaltete, oft gesungen. Mir ging ein Licht auf, und ich brauchte meine Tochter nicht auszufragen, als sie eine Stunde später in mein kleines Stübchen kam und wir ein Tete-a-tete hatten.

Das arme Mädchen war noch ganz aufgeregt und eingeschüchtert. Ihre Wangen glühten, und sie sah aus, als ob sie bei der ersten Veranlassung wieder in Thränen ausbrechen wollte.

»Sabine, liebes Kind,« sagte ich, »ich habe nachgedacht, und ich begreife jetzt mancherlei; es war die Kirchenarbeit.«

»Nein, Mama, doch nicht die allein.«

»Nun, jedenfalls hast du Gus Walkinshaw dabei häufig getroffen, da er seines Vaters rechte Hand ist und überall mit ihm hingeht.«

»Ja, Mama!«

»Und – und – du liebst ihn wirklich?«

»Ja, Mama!«

»Und er liebt dich auch? Hat er schon etwas gesagt?«

Sabine ließ den Kopf hängen.

»Komm doch her, mein Kind, sei nicht thöricht. Es ist gar nichts zu schämen dabei, obgleich es sehr sonderbar ist und das Letzte, was ich erwartet hätte. Hat Mr. Walkinshaw dir in irgend einer Weise zu verstehen gegeben, daß er dich liebe?«

»Ja, Mama, und er wäre schon längst zu dir und Papa gekommen, wenn wir nicht –«

»Wenn ihr nicht? – Was, mein Kind?«

»Wir hatten beide solche Angst, du würdest nichts von ihm wissen wollen, denn das hast du immer gesagt. O, Mama, er ist so groß, aber dafür kann er doch nichts. Er hat alles mögliche versucht, um klein auszusehen, sogar Stiefel ohne Absätze und Gebücktgehen, aber die Größe liegt nun einmal in der Familie.«

Wir hatten eine lange, ruhige Unterredung, und obgleich ich meiner Tochter nicht verhehlte, daß ich die Verbindung nicht für besonders gut hielt, versprach ich ihr, am Abend mit Papa über die Angelegenheit zu reden und ihr zu berichten, was dieser dazu sage, und darauf verließ sie mich, strahlend vor Glück.

Viel Unterstützung erwartete ich nicht von John Tressider – ob wohl je eine Frau ein so armseliges hilfloses Geschöpf als Gatten gehabt hat, wenn es sich um häusliche Schwierigkeiten und Verantwortung handelte? – aber ich hoffte, daß er die Angelegenheit wenigstens wie ein Geschäftsmann und Familienvater in die Hand nehmen würde.

Aber da kam ich schön an! Er hörte mir zu und sagte, er sei durchaus nicht überrascht, und dann überließ er ganz kaltblütig alles weitere mir und meinte, wenn ich zufrieden wäre, dann sei alles in Ordnung.

»Was?« rief ich entrüstet. »Erwartest du, daß ich mit dem jungen Manne und seinem Vater spreche? Das ist doch sicher nicht Sache der Mütter, John Tressider.«

»Das weiß ich nicht, meine Liebe; ich habe keine große Erfahrung in solchen Dingen.«

»Und wo meinst du denn, daß ich meine Erfahrung her hätte, wenn ich fragen darf?«

»Nun, meine Liebe, Frauen verstehen solche Dinge von Natur soviel besser, als Männer.«

»Hier handelt es sich nicht darum, ob ich das verstehe, oder nicht, hier steht das Lebensglück deines Kindes auf dem Spiele,« antwortete ich, »und sobald der junge Mann einen förmlichen Antrag gemacht hat, mußt du dich versichern, was Mr. Walkinshaw für seinen Sohn zu thun gedenkt. Ich nehme an, daß du deiner Tochter etwas mitgeben wirst.« 

»Du kannst ganz ruhig sein, ich werde thun, was recht ist.«

»Nun, dann thu's auch in der richtigen Weise,« entgegnete ich, »das ist alles, was ich verlange. Wir wollen uns nicht weiter darüber zanken, aber ich erwarte, daß du einmal in deinem Leben deine Pflicht als Sabines Vater thun wirst und nicht die ganze Verantwortung mir überlässest.«

Alles, was recht ist, aber ich muß zugeben, daß mein Mann sich schließlich sehr gut in der Sache benahm, denn er hatte wirklich den Mut, den hochwürdigen Mr. Walkinshaw zu besuchen und eine Cigarre mit ihm zu rauchen. Dabei machte er ihm klar, daß es, da er (mein Mann) Sabine ein gutes Einkommen zusichere, nicht mehr als billig wäre, wenn er (Mr. Walkinshaw) in ähnlicher Weise für seinen Sohn sorge.

Ich hatte meinem Mann genau eingeprägt, was er sagen solle, aber ich bezweifle keinen Augenblick, daß er die Sache doch in seiner eigenen Weise angefangen und viel mehr Umschweife gemacht hat, als ich gethan haben würde. Es wurde indes alles zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet, und sogar meine erste Zusammenkunft mit Mrs. Walkinshaw verlief, trotzdem sie wußte, daß ihr Sohn die Tochter eines Geschäftsmannes heiraten wollte, ganz friedlich. Nach dem, was sie damals geäußert hatte, war es ein kleiner Triumph für mich, aber ich glaube nicht, daß ich mir etwas merken ließ, ich habe mir wenigstens ehrliche Mühe gegeben, obgleich es mir auf der Zunge schwebte, zu sagen: »Meine verehrte Frau, wie peinlich muß es Ihnen bei Ihren Anschauungen über den Handelsstand sein, daß Ihr Sohn im Begriffe ist, die Tochter eines Mannes zu heiraten, der sich mit Geschäften abgibt.«  Allein ich verkniff es mir. Mrs. Walkinshaw war wirklich sehr nett, und ich muß zugeben, daß, abgesehen davon, daß das dem jungen Walkinshaw zugesicherte Vermögen nicht so groß war, als ich wohl gewünscht hätte, die Partie nicht schlecht war. Sabine sollte ein schönes, eigenes Einkommen haben, denn ihr Vater war sehr großmütig und die Walkinshaws sind eine wirklich gute Familie; ein Walkinshaw ist unter Oliver Cromwell geköpft worden, oder so etwas Aehnliches, und hat seine Besitzungen verloren, und unter der Regierung Jakobs I. und noch später, glaube ich, hat es einen Lord Walkinshaw gegeben, aber Geschichte ist nicht gerade meine starke Seite. Alles, was ich weiß, ist, daß der Titel dadurch verloren ging, daß ein Lord Walkinshaw sich mit einem Menschen einließ, der der  »Prätendent« genannt wird, und nun ist alles, was die Familie von ihren Vorfahren noch hat, eine Anzahl Bilder, worüber mein Schwiegersohn, Gus Walkinshaw, sich immer lustig macht, obgleich sie in seinem eigenen Eßzimmer hängen.

Wie gesagt, nachdem Gus Walkinshaw pflichtschuldigst meinem Manne seinen Besuch gemacht und unsre Einwilligung zur Verlobung erlangt hatte, wurde alles zu beiderseitiger Befriedigung geregelt, und ich machte nur die Bedingung, daß die Hochzeit noch nicht so bald stattfinden solle, denn ich halte es für viel besser, wenn die jungen Leute sich vor der Verheiratung so gut als möglich kennen lernen.

Meine Söhne konnten sich, glaube ich, nicht sofort mit Gus Walkinshaw befreunden. Besonders William nahm es übel, daß seine Schwester sich verheiraten wollte, obgleich ich, offen gestanden, nicht einsehen konnte, warum, aber da er selbst klein war, wie unsre ganze Familie, konnte er große Leute nicht leiden, das gab er wenigstens als Grund an. Auch Tommy war zu Zeiten unangenehm und quälte seine Schwester sehr, aber Gus Walkinshaw entdeckte bald ein Mittel, ihn zu gewinnen. Die Taschen des Jungen waren immer mit Süßigkeiten gefüllt, und welche Massen von Erdbeereis aß er beim Konditor auf Mr. Walkinshaws Kosten! Ich wundere mich über weiter nichts, als daß er sich seine Innenseite nicht erfroren hat.

Jungen sind nun einmal Jungen, aber ich glaube wirklich, daß Mädchen ein feineres Ehrgefühl haben. Kein Mädchen ginge beständig in das Zimmer, wo das Brautpaar sitzt, um sich dann mit Süßigkeiten und Erdbeereis bestechen zu lassen, das Feld zu räumen. Allein Mädchen nehmen immer ein großes Interesse an Liebesangelegenheiten, was Jungen nicht thun, wenigstens Jungen in einem gewissen Alter, Tommys Alter, thun's nicht.

Nach der förmlichen Verlobung kam Gus Walkinshaw zum erstenmal zum Gabelfrühstück in unser Haus. Ich hatte gemeint, es würde angenehmer für ihn sein, wenn er bei seinem ersten Besuche nur die Mädchen zu Hause fände – die liebe Sabine fürchtete sich etwas vor ihren älteren Brüdern, die sehr geneigt waren, zu nörgeln, und die, wie sie sagte, jede Bewegung des armen Gus beobachten würden, als ob sie alle Augenblick etwas Ungeschicktes oder Eigentümliches erwarteten. Deshalb glaubte ich, es würde ihr lieber sein, wenn wir Gus zum Gabelfrühstück einlüden, wo niemand zugegen war, als die Mädchen und ich. Tommy erhielt auf allgemeines Verlangen zwei Schillinge und wurde mit einem andern Jungen, einem guten Freunde, in die Nachmittagsvorstellung eines Cirkus geschickt.

Ich habe Gus Walkinshaw sehr gern, er ist jetzt sogar mein Lieblingsschwiegersohn, aber er war wirklich anfangs etwas täppisch. Seine Länge war ihm im Wege, und da er auch breitschultrig und schwer ist, suchte er vielleicht gewandter zu erscheinen, als er ist. Als er ins Empfangszimmer trat, machte er unglücklicherweise Miene, sich auf einen kleinen vergoldeten Stuhl zu setzen, der viel niedriger war, als er dachte. Ich sah voraus, was kommen würde, und rief: »Nein, nein, nicht dahin!« Das mag ihn wohl verwirrt haben, denn er versuchte, sich wieder aufzurichten, ehe er den Stuhl erreicht hatte. Dabei muß er das Gleichgewicht verloren haben, denn er fiel plötzlich mit seinem ganzen Gewicht auf das Stühlchen; es gab einen fürchterlichen Krach, der arme junge Mann lag fast seiner ganzen Länge nach auf dem Fußboden, und mein Stühlchen ging in tausend Stücke, als ob es eine Eierschale gewesen wäre.

Natürlich versicherte ich ihn, es hätte nichts zu sagen, aber Sabine wurde feuerrot, und die Mädchen kamen alle angestürzt, um Mr. Walkinshaw zu helfen. Der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn, und er war in seiner Verwirrung ganz hilflos, so daß sie ihn nicht in die Höhe bringen konnten. Ich hatte in der That Angst, er habe sich verletzt.

»Ich – ich hoffe, Sie haben sich nicht weh gethan,« rief ich halb lachend, und er antwortete: »O nein, nein,« und als er sah, daß Maud und Jane die größten Anstrengungen machten, sich das Lachen zu verbeißen, platzte er selbst heraus, worüber ich sehr froh war, denn es war eine Erleichterung und brachte uns alle zum Lachen. Endlich stand er auf, stückweise, sagte William später, müßte es gewesen sein, aber ich weiß nicht, was er damit meinte.

Gus erzählte mir nachher, daß während der paar Sekunden, wo er auf dem Rücken gelegen habe, seine Empfindungen fürchterlich gewesen seien. Er habe gewußt, daß ihn die Mädchen nicht in die Höhe heben konnten, und habe überlegt, wie er möglichst anmutig aufstehen solle, ohne sich vorher herumzuwälzen und sich dann mittelst der Kniee und Hände aufzurichten. Er sagte, es sei ihm eine große Erleichterung gewesen, als alle angefangen hätten, zu lachen; mir aber that mein armer Stuhl leid, und ich fing an, zu überlegen, ob es nicht am besten wäre, wenn wir alle unsre Möbel nachsehen und für unsern schweren Schwiegersohn verstärken ließen. Da die Verlobung lange dauern sollte, fürchtete ich, ich möchte am Ende keinen ganzen Stuhl mehr im Hause haben, wenn meine Tochter endlich heiratete. Ich muß sagen, daß Gus Walkinshaw sich von allen meinen Schwiegersöhnen als der verträglichste (wenn auch nicht mit den Möbeln) und rücksichtsvollste erwiesen hat, und ich bin zu dem Schlusse gekommen, daß große Männer und große Frauen oft viel weichherziger und sanfter sind, als kleine Leute. Ich habe einen kleinen Schwiegersohn, und ich halte ihn für entschieden aufgeblasen und dünkelhaft. Kleine Leute sind immer sehr von sich eingenommen – das heißt, kleine Männer sind es, kleine Frauen nicht. Ich selbst bin eine kleine Frau, aber mein Fehler ist stets gewesen, daß ich nicht genug von mir eingenommen war.

Natürlich kam es mir anfangs sehr sonderbar vor, diesen großen, starken Menschen so oft im Hause zu haben. Es war gerade, als ob der Haushalt durch einen gewaltigen Neufundländer vermehrt worden wäre. Uebrigens bewies er Sabine große Hingebung, und die beiden schienen sich sehr gut zu verstehen, aber ich weiß nicht, wie es kam, mit William, meinem zweiten Sohne, wollten sich keine rechten Beziehungen anbahnen. William war seine Anwesenheit im Hause unangenehm, obschon er sehr wenig von ihm zu sehen bekam, da William doch den ganzen Tag bei seinem Vater im Geschäft war.

»Ich kann gar nicht begreifen, Mutter,« sagte er einmal, »was Sabine an diesem Gus Walkinshaw groß findet.«

»Er ist doch sehr nett,« entgegnete ich, »und zeigt mir mehr Rücksicht, als häufig meine eigenen Söhne.«

Mein Sohn William ist ein bißchen reizbar, doch ist mir unerklärlich, woher er das hat. Er wurde sehr ärgerlich, als ich das sagte, und murmelte etwas von »Eindringling«. Ich brachte ihn aber sehr bald zum Schweigen.

»William,« sagte ich, »wenn ich und dein Vater mit Gus Walkinshaw zufrieden sind, dann ist das vollkommen ausreichend; deine Zustimmung ist durchaus nicht erforderlich.«

Ich habe sehr viel von der Eifersucht der Frauen gehört, aber nach meiner Erfahrung sind Männer ebenso eifersüchtig und ganz gewiß engherziger. Mein zweiter Sohn war eifersüchtig auf die Zuneigung, die ich und seine Schwestern für Gus Walkinshaw empfanden, und diese thörichte Eifersucht machte ihn blind gegen die guten Seiten des jungen Mannes und verursachte seiner Schwester großen Verdruß.

In seiner Gereiztheit erzählte er dieser die einfältigsten Geschichten über Gus Walkinshaw. Er that es wohl nur aus Neckerei, aber es war doch sehr albern und gar nicht, wie ich es von meinem Sohne erwartet hätte. Manchmal kam er nach Hause und behauptete, er habe gesehen, wie Gus Walkinshaw einem Mädchen in einem Blumenladen in Regentstreet ganz verzweifelt den Hof gemacht habe, und einmal versetzte er mich in die größte Aufregung, indem er erzählte, er sei Zeuge gewesen, wie Gus Walkinshaw auf dem Rennen in Kinsbury hoch gewettet habe . . .

Junge Männer, die wetten, Billard spielen und ähnliche Allotria treiben, sind mir immer ein Greuel gewesen, und als besorgte Mutter beschloß ich natürlich, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich fragte Mr. Walkinshaw selbst, ob er die Gewohnheit habe, auf Pferde zu wetten; ich hätte gehört, er habe es in Kinsbury gethan.

»Du lieber Gott!« sagte er lachend, »wer hat Ihnen denn verraten, daß ich in Kinsbury gewesen bin? Das ist freilich richtig, und ich habe auch fünf Schillinge auf ein Pferd gewettet, weil es einem Regimentskameraden meines Bruders Lawrence gehört, aber ich versichere Ihnen, daß ich sonst nie wette.«

Das war mir eine große Beruhigung. Ich sagte ihm sofort, daß ich es von William gehört habe, worüber er augenscheinlich verstimmt war. Er sprach sich auch Sabine gegenüber aus, und diese machte William nachher eine heftige Scene. So gutmütig dieser auch ist, so ist er doch furchtbar hitzig. Er wurde wütend und sagte, er habe keine Lust, sich von einem Eindringling im eigenen Hause beleidigen zu lassen, und werde ihm den Standpunkt einmal klar machen. Als sie beide immer heftiger wurden, erklärte ich ihnen, ich wolle nichts mehr hören. Darauf sprang William auf, ergriff seinen Hut und sagte, er wolle sich eine Wohnung suchen, da unser Haus kein Heim mehr für ihn sei. Damit ging er hinaus und schmetterte die Thür hinter sich ins Schloß. Sabine fing an zu weinen.

»Grundgütiger Himmel!« rief ich aus, »ihr plagt mich wirklich noch zu Tode. Habe ich nicht Sorgen genug, auch ohne daß meine Kinder sich zanken?«

»O, natürlich, Mama,« entgegnete Sabine; »ich weiß sehr wohl, daß ich an allem schuld bin. Ich werde morgen mit Gus sprechen, und er soll nicht mehr ins Haus kommen. Vielleicht wäre es dir am liebsten, wenn ich ganz mit ihm bräche und in ein Kloster ginge? Ich will keine Zwietracht in der Familie säen,« und nun lief auch sie hinaus und ging weinend zu Bett.

»Nette Zustände,« sagte ich zu meinem Manne, »da haben wir den schönsten Familienkrieg, und über rein gar nichts. Aber was soll man wohl anders erwarten, wenn der Vater nicht Herr im Hause ist?«

»Ja, meine Liebe,« erwiderte er, »ich glaube, kein Mann hätte viel Aussicht, Herr im Hause zu sein, so lange du darin bist.«

Ich war den ganzen Tag nicht recht wohl gewesen; um die Wahrheit zu gestehen, war ich ein bißchen reizbar, denn ich hatte einen von meinen Kopfwehtagen. Außerdem hatte ich großen Aerger mit einem neuen Hausmädchen gehabt, das meinen schönen Stahlkaminvorsetzern etwas »Glanz«, wie sie sagte, gegeben hatte, und dann war der Auftritt zwischen Sabine und William gekommen, und dieser war fortgerannt. Das alles hatte mich sehr empfindlich gemacht, und als mein Mann so sarkastisch sprach, wo gerade eben eins von den Dienstmädchen in die Stube getreten war (ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bemerken, daß er das nicht gesehen hatte), da verlor ich die Herrschaft über mich, brach in Thränen aus und lief in mein Zimmer, um mich auszuweinen.

Ich glaube wirklich nicht, daß eine arme Frau jemals so viel zu ertragen hatte, als ich. Ein Haupt muß doch im Hause sein, und es war sehr hart, daß ich mir Vorwürfe machen lassen mußte, weil ich meine Pflicht that und die eines andern obendrein. Aber so geht's in der Welt. Nun, sie werden mich schon alle vermissen, wenn ich einmal nicht mehr da bin.

Sowie ich mich ausgeweint hatte (ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich diese weibliche Schwäche besitze), fühlte ich mich besser und ging in Sabines Stube, um zu sehen, was sie machte. Ich fand das alberne Mädchen noch immer in Thränen, und Maud und Jane saßen bei ihr. Sabine schrieb einen Brief mit Bleistift und las ihn dabei laut vor. Zwischen je zwei Sätzen schluchzte und seufzte sie herzbrechend. Sie ist etwas überspannt, was sie gewiß nicht von mir hat, aber ein Vetter John Tressiders war Schauspieler, und das erklärt es vielleicht.

Der an Gus Walkinshaw gerichtete Brief war so albern als möglich. Als ich ihn gelesen hatte, war ich ärgerlich und hielt mit meiner Meinung nicht hinter dem Berge.

Sie sagte ihm auf ewig Lebewohl. Ihre Verlobung habe Familienzwistigkeiten auf beiden Seiten veranlaßt; es wäre vielleicht besser, wenn sie hinginge und die Verwundeten auf dem Schlachtfeld pflegte, und er solle versuchen, sie zu vergessen.

»Auf beiden Seiten?« rief ich aus. »Was soll denn das heißen?«

Nun kam die Geschichte heraus, und Sabine erzählte mir, die alte Mrs. Walkinshaw habe Gus etwas über John, meinen Aeltesten, gesagt. Sie hätte allerhand gehört, und wie es schien, hatte Gus ihr etwas scharf geantwortet, und dann hatte Mrs. Walkinshaw geäußert, diese Folgen seien zu erwarten gewesen, als er sich entschlossen habe, in eine Kaufmannsfamilie zu heiraten.

Sabine war selbst sehr entrüstet darüber, sonst hätte sie nichts gesagt, aber ich war froh, daß ich es erfuhr, denn nun wußte ich, was ich zu thun hatte.

»Ich werde morgen zu Mrs. Walkinshaw gehen und ihr sagen, was ich von ihr denke,« sprach ich.

Aus irgend einem albernen Grunde geriet Sabine darüber in furchtbare Aufregung, ebenso Maud und Jane, und sie begannen, mich zu beschwören, nicht zu gehen, aber ich bestand auf meiner Absicht, einerlei, ob die Verlobung darüber in die Brüche gehe, oder nicht. Nun bekam Sabine wieder Weinkrämpfe, und ich war schließlich genötigt, nachzugeben und zu versprechen, daß ich diese Beleidigung unbeachtet lassen wolle.

Die ganze Geschichte war wirklich im höchsten Grade ärgerlich, und ich dachte bei mir, ich würde froh sein, wenn meine Töchter erst alle glücklich unter der Haube wären, dann würde ich wohl ein bißchen Frieden haben.

Als die Mädchen sich beruhigt hatten, ging ich in Johns Stube, um zu sehen, ob er zu Hause sei. Ich wollte ihn fragen, was für eine Veranlassung Mrs. Walkinshaw habe, etwas Ungünstiges über ihn zu sprechen. Er war aber nicht da, und als ich mich so im Zimmer umsah, erblickte ich einen Briefumschlag, der ihm augenscheinlich aus der Tasche gefallen war und auf dem Fußboden lag.

Ich hob ihn auf und fand, daß eine Photographie darin steckte, die ich natürlich herauszog. Es war das Bild eines jungen Mädchens, und darunter stand geschrieben: »Von Deiner Dich liebenden Lottie.«

Das war der Tropfen, der den Becher zum Ueberlaufen brachte.

Ohne daß ich den geringsten Schimmer einer Ahnung hatte, besaß mein Sohn eine »ihn liebende Lottie!«


Vierte Erinnerung.
Mein ältester Sohn John.

»Deine Dich liebende Lottie!«

Die Photographie entfiel beinahe meiner Hand, als mein mütterliches Auge diese Worte erblickte.

Mein ältester Sohn hatte mir und seinem Vater durch sein fahriges Wesen schon schwere Sorgen gemacht, und ich bekam natürlich einen Schreck, als ich in seinem Zimmer die Photographie einer jungen Frauensperson mit obigen Worten in einer weiblichen Handschrift darunter fand. Daß ich das Gesicht des jungen Mädchens aufmerksam betrachtete, als ich meine Fassung einigermaßen wiedergefunden hatte, läßt sich denken. So groß auch mein Schreck gewesen, war doch der erste Eindruck nicht ungünstig. Es war ein gutes, ehrliches Gesicht, und in den Augen lag eine gewisse Sanftmut. Soweit sich nach einer Photographie urteilen ließ, schien das Mädchen auch anständig gekleidet zu sein und sah entschieden aus, wie eine Dame der besseren Stände.

Vielleicht wird man meine Bestürzung eher verstehen, wenn ich beifüge, daß John immer etwas excentrisch und unbedacht war. Schon immer hatte ich gesagt, daß die Frau, die ihn heiratete, eine große Verantwortung übernähme. John verstand den Wert des Geldes nicht zu schätzen, hatte immer ganz wunderbare Ideen und machte manchmal die unbegreiflichsten Geschichten.

Als er das Gymnasium verlassen hatte, wo er, obgleich ein ganz gescheiter und aufgeweckter Junge, weiter nichts zu thun schien, als wegen seiner Possen und dummen Streiche in Ungelegenheiten zu geraten, wurde nach reiflicher Ueberlegung bestimmt, daß er in seines Vaters Geschäft eintreten sollte, und das that er auch. Sein Vater beklagte sich aber bald, daß er nicht ernst bei der Arbeit und sein Einfluß im Comptoir höchst verderblich sei.

Mein Mann erzählte mir, daß er häufig in seinem Privatarbeitszimmer durch schallendes Gelächter gestört werde, und wenn er dann ins Comptoir komme, um sich nach der Ursache des ganz geschäftswidrigen Lärms zu erkundigen, dann fände er, daß Mr. John, wie er genannt wurde, den Commis Geschichten erzählt und sie zum Lachen gebracht hatte.

Das konnte natürlich nicht so weiter gehen. Sein Vater nahm ihn ernstlich vor und beschloß, noch einen Versuch mit ihm zu machen.

Eine Zeit lang benahm er sich etwas besser, und es gelang ihm, seine überschäumenden Lebensgeister zu zügeln, wenigstens solange sein Vater im Geschäft anwesend war, allein nach etwa einem Jahre waren wir doch notgedrungen zur Ansicht gekommen, daß er sich nicht zum Kaufmann eigne.

Einmal hatte es einen heftigen Auftritt zwischen ihm und seinem Vater gegeben. Nachdem John sich in verschiedenen andern Beschäftigungen als untauglich erwiesen hatte, war ihm die Korrespondenz übertragen worden. Er konnte, wenn er wollte, einen ausgezeichneten Brief schreiben, war des Französischen und Deutschen mächtig, und sein Vater meinte, beim Briefschreiben könnte er keine dummen Streiche machen. Aber nach vierzehn Tagen gab es doch Unannehmlichkeiten. Eine der bedeutendsten Firmen, mit der mein Mann in Verbindung stand, beklagte sich über die Art, wie ihre Briefe beantwortet würden, und legte eine Probe bei. Der gute John war wieder vom Uebermutsteufel besessen gewesen und hatte eine geschäftliche Anfrage mit einem witzigen Briefe beantwortet. Mein Mann erzählte mir später, das Schreiben hätte von Kalauern gewimmelt, er hätte beinahe Krämpfe bekommen, als er es gelesen habe, denn der Chef der Firma, an die es gerichtet war, sei ein äußerst strenger und förmlicher Herr, Aeltester einer Dissidentengemeinde, der ein solches Verfahren in Geschäftssachen für sehr ungehörig, wenn nicht geradezu sündhaft halte. Mein Mann hatte sofort selbst einen Entschuldigungsbrief geschrieben, dann John in sein Arbeitszimmer kommen lassen und ihm gesagt, er habe die Hoffnung aufgegeben, einen tüchtigen Kaufmann aus ihm zu machen; er solle nur in Zukunft fortbleiben, sonst richte er das seit beinahe hundert Jahren rühmlichst bekannte Haus Tressider noch zu Grunde.

John meinte, er könne nicht einsehen, daß er etwas so Ungeheuerliches begangen habe, aber Kaufleute hätten wahrscheinlich keinen Sinn für Humor, und er versprach, sich in Zukunft eines ernsteren Tones befleißigen zu wollen.

Ihr werdet es kaum glauben, wenn ich euch erzähle, was der nichtsnutzige Junge nun that. Am nächsten Tage beantwortete er eine Anfrage über gewisse Waren und redete den Herrn, an den der Brief gerichtet war, mit »Freund« an, nannte ihn sogar »Du«, und das ganze Schreiben war so gehalten, als ob es von einem Quäker abgefaßt worden sei, und unterschrieben hatte er: »Dein Mitsünder.« Der Brief wäre wirklich abgegangen, wenn mein Mann nicht glücklicherweise ins Comptoir gekommen wäre und den Comptoirdiener, der im Begriffe war, den Brief zu kopieren, fast vor Lachen hätte ersticken sehen.

Das war denn doch ein bißchen zu stark und durfte unmöglich so hingehen. Er hielt also John in Gegenwart aller andern Commis eine furchtbare Standrede, zerriß den Brief, jagte den Diener fort (den er später wieder annahm) und sagte dem Kassierer, er solle Johns Gehalt für den nächsten Monat einbehalten. Das sollte die Strafe sein. Der Kassierer, ein kleiner, schwacher Mann, war augenscheinlich in großer Verlegenheit, als er diesen Befehl erhielt, und mein Mann, der im Geschäft viel scharfsichtiger ist, als zu Hause, merkte sofort, daß etwas nicht in Ordnung war, und rief den Kassierer in sein Privatcomptoir.

»Sie haben mich doch verstanden?« fragte er. »Mr. John erhält nächsten Monat kein Gehalt; Sie behalten es zurück.«

»Ich bitte um Verzeihung,« antwortete der Kassierer und wurde sehr rot, »aber einbehalten kann ich das Gehalt nicht.«

»Und aus welchem Grunde nicht, wenn ich so frei sein darf, zu fragen?«

»Weil Mr. John es schon erhalten hat; er hat es im voraus erhoben.«

Mein Mann war außerordentlich ärgerlich, weil ein junger Mann, der sein Gehalt im voraus erhebt, offenbar über seine Mittel hinaus lebt.

»O,« entgegnete mein Mann, »und welches Recht haben Sie, jemand Vorschuß zu geben? Ich werde die Sache sofort untersuchen. Haben Sie sich Schuldscheine von ihm geben lassen?«

»Selbstverständlich.«

»Bringen Sie mir Ihr Kassenbuch.«

Der Kassierer holte das Kassenbuch, und mein Mann fand, daß John einen Betrag, der das Gehalt für mehr als drei Monate überstieg, erhoben hatte. Er machte dem Kassierer ernste Vorstellungen und drohte ihm mit sofortiger Entlassung, wenn etwas Derartiges wieder vorkomme. Dann sah er sich nach John um, allein dieser hatte seinen Hut genommen und das Comptoir verlassen.

Als mein Mann an jenem Abend nach Hause kam, war er so aufgeregt, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er erzählte mir das Vorgefallene, und das beunruhigte mich natürlich im höchsten Grade, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß mein ältester Sohn auf Wegen wandle, die wenig Aussicht böten, einen tüchtigen Geschäftsmann, wie sein Vater war, aus ihm werden zu sehen.

»Er kommt mir nicht wieder ins Comptoir,« sprach mein Mann ärgerlich. »Er verdirbt mir die ganze Gesellschaft und muß sehen, wie er allein fertig wird.«

»Uebereile dich nur nicht,« entgegnete ich, »vergiß nicht, daß er noch sehr jung ist. Ich will 'mal mit ihm reden.«

»Reden kann hier nichts nützen,« versetzte mein Mann, »ich habe es an ernsten Vorstellungen wahrlich nicht fehlen lassen, aber er ist unverbesserlich und das Salz nicht wert, das er ißt. Wenn er heute abend nach Hause kommt, werde ich ihm offen sagen, daß ich meine Hand von ihm abziehe.«

Ich wußte, daß, so ärgerlich mein Mann auch im Augenblick war, er bald wieder ruhiger sein werde, und deshalb machte ich mir keine großen Sorgen, aber ich beschloß, John abzufangen, ehe er mit seinem Vater zusammentraf.

Vor dem Essen kam jedoch der Bediente mit einem Briefe, den, wie er sagte, ein Droschkenkutscher abgegeben hatte.

Er war an meinen Mann gerichtet, der ihn öffnete, las, einen Ausruf der Ueberraschung ausstieß und dann mir reichte.

»Was sagst du dazu?« fragte er.

Der Brief war von John, und soweit ich mich entsinne, lautete er etwa folgendermaßen:


     »Lieber Vater! Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß ich nie ein guter Kaufmann werde, wozu ich zudem auch gar keine Neigung habe. Aber ich will Dir nicht zur Last fallen und werde für mich selber sorgen. Ob ich Droschkenkutscher oder Omnibusschaffner werde oder zur Bühne gehe, weiß ich noch nicht, werde es Dir aber bald mitteilen. Ich habe mir eine billige Wohnung genommen und werde morgen meine Sachen holen lassen. Sage der Mutter, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, ich werde schon meinen Weg finden. Wenn ich Aussicht habe, bei einer Omnibusgesellschaft anzukommen, darf ich dann auf Deine Empfehlung rechnen? Ich glaube, Du kennst den Vorsitzenden der ›Allgemeinen Omnibusgesellschaft‹ und ein Wort von Dir wäre mir wohl sehr nützlich.

     »Dein Dich stets liebender Sohn

     John Tressider.«


Ein netter Brief an einen liebevollen Vater und eine zärtliche Mutter, und noch dazu gerade beim Essen. Natürlich regte er uns furchtbar auf. 

»Ach, mein armer Junge!« rief ich aus.

»Das wird ihm ganz gesund sein,« brummte mein Mann.

»Gesund sein!« seufzte ich, und ich sah meinen armen Jungen vor mir, wie er den ganzen Tag in strömendem Regen auf dem Trittbrett eines Omnibus stand und schrie: »Bank – – alte Kentstraße – Highgate Triumphbogen,« und so weiter. »Gesund sein! Wie kannst du so unmenschlich reden, wo du doch weißt, daß dein Sohn John an Rheumatismus leidet und so empfindliche Bronchien von dir geerbt hat? Wenn du ein Vater mit dem Herzen eines Vaters bist, dann läufst du gleich hin und suchst ihn und bringst ihn nach Hause. Lieber Himmel! Wer weiß, was für eine Krankheit er sich holt, wenn er in einer billigen Wohnung bleibt.«

»Ach, papperlapapp! Der ist wahrscheinlich nach einem guten Gasthofe gegangen. John Tressider sieht mir gerade so aus, als ob er sich was abgehen lassen würde. Er muß zur Vernunft kommen.«

»Was kann das nützen, daß er zur Vernunft kommt, wenn er sich den Tod dabei holt?« entgegnete ich. »Du weißt, wie unbesonnen er ist. Es ist deine Pflicht, auf der Stelle fortzugehen und ihn nach Hause zu holen.«

»Ganz bestimmt nicht. Er weiß, wo er zu Hause ist, und kann kommen, wann's ihm beliebt.«

»Wenn du nicht gehst, dann thue ich's,« rief ich entrüstet und rannte hinauf, um meinen Hut aufzusetzen.

Mein Mann folgte mir.

»Jane,« sagte er, »mach dich doch nicht lächerlich. Du kannst doch nicht in den Straßen umherlaufen und ›John, John‹ rufen? Und da du gar nicht weißt, wo du ihn suchen sollst, bliebe dir doch nichts andres übrig.«

»Ich werde auf die Polizeiwache gehen,« antwortete ich, »und dann lasse ich Anschlagezettel drucken und biete eine große Belohnung. Ich werde auch eine Anzeige in die Times setzen.«

»Wenn du einmal anfängst, dann besorg's auch gründlich. Laß die Kanäle und die abgehenden Dampfer in allen Häfen durchsuchen und die Eisenbahnzüge bewachen; es geht in einem hin,« sprach mein Mann. Als er aber sah, wie unglücklich und verzweifelt ich wirklich war, wurde er ernst. »So beruhige dich doch nur, liebe Frau,« sagte er freundlich. »John ist alt und verständig genug, es wird ihm nichts zustoßen, und wenn er heute abend nicht nach Hause kommt, dann werde ich morgen Schritte thun, um ihn zu suchen. Er darf sich nicht einbilden, daß er uns Angst verursacht habe, sonst macht er uns mehr solche Streiche.«

Ich ließ mich überreden, daß keine Gefahr vorhanden sei, und nahm meinen Hut wieder ab, aber ich blieb bis zwei Uhr morgens auf und horchte nach der Hausthür, und als ich endlich zu Bett ging, konnte ich kein Auge schließen. Am andern Morgen war ich zu unwohl, um aufzustehen, aber ich ließ mir von meinem Manne das Versprechen geben, daß er John suchen und mit nach Hause bringen wolle. Bald nachdem Mr. Tressider ins Geschäft gegangen war, kam der Bediente mit einem Brief in mein Zimmer. Ich wußte sofort, daß er von meinem Jungen war.

»Bitte, Madame, ein Droschkenkutscher hat dies gebracht, und es sollte sogleich abgegeben werden.«

Ich nahm ihm das Papier ab und riß es auf. Es war von meinem Sohne, wie ich erwartet hatte.

»Liebe Mutter!« schrieb er: »Willst Du so gut sein und mich um zwölf Uhr am Triumphbogen treffen? Ich will Dir alles erklären. Bitte, bring einen Fünfer mit. Dein Dich liebender Sohn John.«

Sowie ich wußte, daß mein Sohn wohlbehalten war, trat eine Umwälzung in meinen Gefühlen ein: ich wurde sehr zornig, daß er mir so viel Kummer und Angst gemacht hatte.

»Das sind wirklich reizende Zustände,« sagte ich, »wenn eine anständige Mutter zum Stelldichein mit ihrem Sohne an den Triumphbogen gehen muß. ›Bring einen Fünfer mit!‹ Ich muß sagen, das ist ein bißchen stark. Denkt denn der Schlingel, ich könne, wo ich jeden Schilling von meinem Haushaltsgeld notwendig brauche, Fünfpfundnoten aus dem Aermel schütteln?«

Ich steckte aber doch fünf Pfund in die Tasche, ehe ich ausging, nahm einen Omnibus (zu Droschken habe ich mich nie entschließen können, und mein Mann hatte unsern Wagen mit nach der City genommen) und fuhr nach dem Triumphbogen.

Und da stand mein unglücklicher Sohn ganz unverfroren und hatte sogar eine Blume im Knopfloch. Er kam mir sehr lustig entgegen und sprach: »Ich hoffe, du hast dich nicht geängstigt, Mutter, aber die Geschichte ist zu eklig, und ich muß was thun.«

»Nicht geängstigt?« rief ich aus. »Du wirst noch mein Herz brechen, John, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugethan. Was ist das für ein Benehmen für einen wohlerzogenen jungen Mann?«

»Nun, fang du nur nicht auch noch an zu schelten,« entgegnete mir der Junge, »ich bin wirklich in einer schauderhaften Klemme.«

Etwas in seinem Tone flößte mir eine unbestimmte Besorgnis ein.

»Was soll das heißen, John?« rief ich. »Quäl mich nicht; sag mir alles.«

»Ja, siehst du, Mutter, ich wußte, daß es Krawall mit dem Alten geben würde, wenn er merkte, daß ich das Geld vom Kassierer geborgt hatte, und darum hielt ich es fürs beste, nicht dabei zu sein, wenn er das Schlimmste erführe. Weit davon ist sicher vor dem Schuß, weißt du. Die Sache ist nämlich die: ich stecke in Schulden, und diese niederträchtigen Gläubiger wollen sich nicht länger vertrösten lassen. Sie haben mir gedroht, sie wollten die Rechnungen dem Alten schicken, und da dachte ich, es wäre besser, wenn ich mich ein bißchen im Schatten hielte.«

»Wieviel Schulden hast du, John?« fragte ich mit zitternder Stimme. »Zwanzig Pfund?«

»Zwanzig Pfund! Du lieber Himmel, Mutter, du denkst doch nicht, daß ich wegen lumpiger zwanzig Pfund von Hause fortlaufen würde? Ich fürchte, zweihundert wird der Wahrheit näher kommen.« 

Ich war über dieses Geständnis entsetzt, wie das jede Mutter gewesen wäre.

»Was hast du denn mit all dem Gelde angefangen, John?« rief ich aus.

»Ich habe das Geld gar nicht gehabt, Mutter, ich bin es schuldig. Siehst du, die Sache ist so gekommen: Das Gehalt, das mir der Alte gibt, ist furchtbar klein, und statt meine Kleider und Sachen damit zu bezahlen, habe ich sie auf Rechnung genommen, und da hänge ich denn nun an allen Ecken. Ich habe die Leute beruhigt, solange ich konnte, aber einige wollen jetzt nicht mehr warten, und die Rechnungen werden dem Alten wohl ins Haus geschickt werden. Ich hatte mich gestern entschlossen, alles zu gestehen, aber er geriet in eine solche Wut über den Brief und sagte dem Kassierer, er solle mir kein Geld mehr geben, und da dachte ich, das Gewitter wäre nun einmal losgebrochen, und es wäre wohl besser, wenn ich aus dem Wege ginge, bis es vorüber ist.«

»Was dein Vater dazu sagen wird, wenn er's hört, weiß ich nicht. Es wird sicher einen Auftritt geben,« sagte ich. »Wie konntest du nur so leichtsinnig sein, John? Ein Junge von deinem Alter, es ist ganz schrecklich, geradezu sündhaft.«

»Ich bin kein Junge mehr,« entgegnete er ganz gekränkt, »und das ist es eben, was du und der Alte nicht begreifen wollt. Ich bin zwanzig Jahre alt, und da ist man ein junger Mann.«

»Ich fürchte, John, du bist unsolid,« versetzte ich. »Du hast in dem schrecklichen Billardsaal, wo du abends immer hingehst, schlechte Gesellschaft kennen gelernt. Aus jungen Leuten, die in den Billardsälen umherlungern, ist noch nie etwas Ordentliches geworden. Das führt zum Wetten, Spielen und Trinken und allen möglichen schrecklichen Dingen. Bist du auch im ›Wellington‹ Geld schuldig?«

Der »Wellington« war ein Wirtshaus in unsrer Nachbarschaft, mit einem Billardzimmer, und ich hatte gehört, daß abends dort immer viele junge Leute verkehrten.

»Ja, siehst du, Mutter, die Sache läßt sich doch nun einmal nicht ändern,« entgegnete John, »ich hänge da auch ein bißchen. Einer oder zwei von den jungen Leuten haben mir etwas abgewonnen, aber sie haben es stehen lassen, weil sie wissen, daß ich in der Patsche sitze.«

»O, sie haben dir im ›Wellington‹ Geld abgewonnen, was?« fragte ich. »Das habe ich mir gedacht. Ich werde heute nachmittag zum Wirt gehen und ihm sagen, was ich von ihm halte, daß er einem Haufen dummer Jungen Gelegenheit gibt, zu spielen und zu trinken.«

John wurde bis unter die Haare rot. »Ums Himmels willen, Mutter,« rief er, »mach nur keinen Unsinn; der Wirt hat gar nichts damit zu thun, das ist ein sehr achtbarer Mann.«

»O, ja, sehr achtbar, das bezweifle ich keinen Augenblick. Wenn's nach mir ginge, dann würden alle diese Orte von der Polizei geschlossen.«

»Aber, liebe Mutter, wenn auch du dich von mir abwendest, dann habe ich keinen Freund mehr auf der Welt, und dann bleibt mir nichts andres übrig, als nach Amerika zu gehen und das Ueberfahrtsgeld abzuverdienen.«

»Schwätz kein albernes Zeug,« antwortete ich, aber doch etwas freundlicher, denn ich fürchtete, er könne wirklich etwas derart thun. »Wie kann ich dir helfen? Zweihundert Pfund habe ich nicht.«

»Nein, aber ich dachte, wenn du mir einen Fünfer mitgebracht hättest, dann könnte ich's noch ein paar Tage aushalten, während du es dem Alten vorsichtig beibrächtest und ihn überredetest, mir aus der Patsche zu helfen.«

Nun, das Ende vom Lied war, daß ich einwilligte, mit seinem Vater zu sprechen, aber nur unter der Bedingung, daß er sofort nach Hause zurückkehre. Ich glaube, er hätte lieber die fünf Pfund genommen und wäre noch eine Weile ausgeblieben, aber ich ließ mich auf nichts ein.

Am Abend brachte ich die Sache so schonend als möglich seinem Vater bei, der natürlich tief bekümmert war. »Was soll aus dem leichtfertigen Strick werden?« sagte er, »er wird unsre grauen Haare mit Jammer in die Grube bringen.«

Ich bat aber sehr inständig für meinen Jungen, und so willigte er endlich ein, ihm die Schulden zu bezahlen und noch einen Versuch mit ihm in der City zu machen. Und das that er, allein John konnte sich nicht daran gewöhnen, und gerade, als ich schon angefangen hatte, zu verzweifeln, daß jemals etwas Ordentliches aus ihm werden würde, kam er eines Tages zu mir und erzählte mir, er habe für eine von ihm geschriebene und vom »Family Herald« angenommene Geschichte fünf Pfund erhalten.

Ich wußte, daß er mit der Feder ganz gewandt war und immer zu seinem Vergnügen Verse und dergleichen geschrieben hatte, aber nie war mir der Gedanke gekommen, daß John zum Schriftsteller erblühen werde. Natürlich war ich sehr stolz, und als ich es seinem Vater erzählte, sagte ich: »Hinter John steckt mehr, als wir denken; er kann die Familie vielleicht noch berühmt machen.«

Aber die Annahme der Erzählung verdarb ihn vollends zum Geschäftsleben. Die Comptoirarbeit wurde ihm widerwärtiger denn je. Er saß immer bis spät in die Nacht hinein in seinem Schlafzimmer und schrieb, und dabei erklärte er, er könne keinen andern Beruf ergreifen, als den des Schriftstellers. Auch fing er an, Samtröcke zu tragen und eine greuliche schwarze Thonpfeife zu rauchen, sehr zum Entsetzen seiner Schwestern, die meinten, es sei geradezu eine Schande, daß er so auf der Straße umherlaufe. Allein er sagte, er sei ein geborener Zigeuner (was er damit sagen wollte, weiß ich nicht), und die feine Gesellschaft sei ihm widerlich; er werde sich hüten, sich zum Sklaven leerer Formen machen zu lassen.

Endlich kam auch sein Vater zur Ueberzeugung, daß weitere Versuche, einen Geschäftsmann aus ihm zu machen, aussichtslos seien. Er solle sich selbst seine Laufbahn begründen, und bis er auf eigenen Füßen stehen könne, möge er im Hause bleiben und solle jährlich hundert Pfund haben. John schrieb nun sehr viel zu Hause, ging aber auch oft aus und besuchte Schriftstellerklubs, und dann und wann kamen ganz komisch aussehende Menschen, um ihn zu besuchen. Etwas Geld verdiente er zwar mit seiner Schreiberei, aber von einer Laufbahn war noch nichts zu verspüren, und die Sache machte mir großen Kummer, weil ich immer gehofft hatte, ihn dermaleinst in seines Vaters Stellung zu sehen, wenn dieser sich zurückziehen würde. Aber William blieb stetig im Geschäft und war überhaupt ganz anders als John, und es war zu dieser Zeit, wo John noch im Hause war und schrieb, daß ich in sein Zimmer kam und die Photographie seiner ihn liebenden Lottie entdeckte.

Jetzt werdet ihr meine Empfindungen begreifen, und daß ich einen furchtbaren Schreck kriegte.

Wie sich die Sache weiter entwickelte, werde ich erzählen, wenn ich so weit bin. Für jetzt muß ich nochmal auf meine älteste Tochter Sabine und Mr. Augustus Walkinshaw zurückkommen.

Johns wegen war es zwischen Augustus und seiner Mutter zu heftigen Worten gekommen, und bei ihren engherzigen und eigentümlichen Ansichten und Johns Samtrock und Thonpfeife wunderte mich das gar nicht.

Er war ihr eines Tages als Miß Tressiders ältester Bruder gezeigt worden, und die Dame, die das gethan, hatte hinzugesetzt: »Sie kennen doch gewiß den Bruder ihrer zukünftigen Schwiegertochter?«

Sie war sehr entrüstet, daß sie mit John und seiner Thonpfeife verwandt werden sollte, und sprach mit Augustus darüber. Dabei hatte sie augenscheinlich etwas gesagt, was dieser für eine Beleidigung unsrer Familie hielt, denn er war ärgerlich geworden und hatte Sabine alles wiedererzählt, und daß er wegen Johns Thonpfeife einen Zank mit seiner Mutter gehabt habe.

Und Sabine, die auch ihren Stolz besitzt, hatte für ihre Familie Partei genommen, obgleich sie der Ansicht war, daß John ihr keine Ehre mache. Es war zu einigen unfreundlichen Worten zwischen ihr und Augustus gekommen, und dann hatte sie den vorhin erwähnten dummen Brief geschrieben.

Es war nur ein Zank, wie er zwischen Liebenden wohl 'mal vorkommt, und sie versöhnten sich auch gleich wieder, aber für mich war es nicht angenehm, zu wissen, daß sich Augustus' Mutter über uns aufhielt und in gewisser Weise auf uns herabsah. Das ist etwas, was ich nie habe vertragen können, und es war sehr hart, daß ich jetzt in Folge des Eigensinns meiner Kinder damit beginnen mußte, besonders nach dem Heidengeld, das ihre Erziehung gekostet hat.

Aber lieber verschluckte ich meinen Stolz, als daß ich Unannehmlichkeiten herbeiführte, und deshalb gab ich meine Absicht, zu Mrs. Walkinshaw zu gehen, auf und begann mit den Vorbereitungen zur Hochzeit. Es war beschlossen worden, daß, wenn Sabine und Augustus heirateten, dieser sein Vermögen in einem Gute anlegen und Landwirt werden sollte, was seinen Neigungen und Kenntnissen entsprach. Als er etwas gefunden zu haben glaubte, was ihm geeignet schien, fuhr ich mit Sabine hin, um es mir anzusehen. Augustus hatte ein Gut gewählt, das fünf Meilen von Dingsda lag, und obgleich wir eine kleine Meinungsverschiedenheit hatten, da es mir nicht gefiel, daß ich fünf Meilen von der nächsten Eisenbahnstation fahren sollte, wenn ich meine Tochter 'mal besuchen wollte, hatte ich doch schließlich nachgegeben, weil Augustus mir versicherte, daß vom geschäftlichen Standpunkt aus der Kauf sehr vorteilhaft sei.

Als sie dort eingerichtet waren, und meine Sabine, die an Gesellschaft und nahe Nachbarn gewöhnt war, kennen lernte, was es hieß, in einer einsamen Gegend zu wohnen, namentlich, wenn der Mann mitten in der Nacht fünf Meilen reiten muß, um einen Tierarzt zu einem Preisschwein zu holen, das sich überfressen hat, oder etwas Aehnliches, da hat sie oft genug ihrer Mutter Worte gedacht.

Aber meine mütterlichen Sorgen und meines armen Kindes Erfahrungen in ihrem neuen Heim (fünf Meilen von Dingsda) sollen bei einer späteren Gelegenheit berichtet werden.


Fünfte Erinnerung.
Fünf Meilen von Dingsda.

Als ich meine Einwilligung gab, daß Augustus das Gut kaufe (fünf Meilen von Dingsda), das wir mit ihm als meiner lieben Sabine künftiges Heim besichtigt hatten, habe ich mich entschieden beschwatzen lassen. Aber der arme Augustus hatte so viele Schwierigkeiten, etwas Passendes zu finden. Sein Agent hatte ihn im ganzen Lande umhergejagt, und er hatte schreckliche Güter gesehen, so daß er mir wirklich leid that und mein Mitleid die Stimme meiner besseren Ueberzeugung zum Schweigen brachte.

Natürlich war er sehr hoffnungsvoll und geneigt, die Dinge im besten Lichte zu sehen. Er war eben verliebt, und ist ein junger Mann das, dann wird ihm eine steinige Wüste zum Garten Eden, wenn sie seine besondere Eva mit ihm teilen soll; allein ich fürchte, nach der Hochzeit werden viel mehr Gärten Eden zu steinigen Wüsten, als steinige Wüsten zu Gärten Eden. Es ist aber ganz natürlich, daß junge Leute alles durch eine rosige Brille sehen. Ich bewundere stets den jungen Helden im Schauspiel, der jede Schwierigkeit hinweglacht und zum Mädchen seines Herzens (und zur Galerie) spricht: »Gräme dich nicht darüber, mein Lieb, daß dein Vater seine Reichtümer verloren hat; wir besitzen Jugend und Gesundheit, und Hand in Hand können wir der Zukunft ruhig ins Gesicht sehen.«

Darin spricht sich eine edle Gesinnung aus, und sie wird auch immer mit donnerndem Beifall belohnt, aber ich habe bemerkt, daß es dem Helden und der Heldin in der Regel herzlich schlecht ergeht, bis sie den fünften Akt glücklich erreicht haben. Es ist schließlich ganz gut, wenn wir unsre kleinen Mühsale und Schwierigkeiten gleich im Anfang haben, denn in Zeiten der Heimsuchung, Sorge und Angst werden die großen Lehren des Lebens gelernt. Ich konnte mich der Besorgnis nicht entschlagen, daß Augustus und Sabine sehr viel wagten, als sie dieses einsame Gut nahmen. Mir wäre es viel lieber gewesen, sie etwas näher bei uns zu haben, wo ich sie hätte öfter sehen können; aber als Augustus erklärte, Güter finde man nicht jeden Tag im Fünfmeilenumkreis, gab ich, wenn auch ungern, sehr ungern, nach, und der Kauf wurde abgeschlossen.

Das Haus war reizend, und daß die Lage gut war, ließ sich nicht bestreiten, aber die Straßen waren einfach entsetzlich. Nie im Leben bin ich so zusammengerüttelt und -gestoßen worden, als in dem Wagen, der uns vom Bahnhof hinbrachte. Die letzte Meile führte über einen Weg, der wie ein frisch gepflügter Acker aussah, und auf der letzten Strecke mußte der Kutscher, immer absteigen und Thore in Feldzäunen öffnen. Der Agent, der uns am Bahnhofe erwartet hatte, fuhr mit uns und suchte alles zu beschönigen. Das Wetter wäre schlecht gewesen, und es würde eine neue Straße gebaut, und alles Mögliche, aber ich hatte mehrere Tage furchtbares Kopfweh.

Wenn ich einmal wieder etwas mit dem Ankauf eines Gutes für eins meiner Kinder zu thun habe, werde ich Sorge tragen, daß der Agent uns nicht erwartet. Er war es, der augenscheinlich dem Kutscher ehe wir kamen, gesagt hatte, wohin er uns fahren sollte, und diese Tücke seinerseits verhinderte uns, den Namen des Gutes zu hören, ehe es zu spät war. Als ich ihn kennen lernte, war ich im höchsten Grade entrüstet, denn das Gut war in der Gegend unter dem gräßlichen Namen »Galgenhof« bekannt.

Wie es scheint, hatte früher einmal auf einem benachbarten Berge ein Galgen gestanden, und daher hatte das Gut den Namen erhalten.

»Augustus,« sagte ich zu meinem künftigen Schwiegersohn, als die Wahrheit an den Tag kam, »ich werde niemals meine Einwilligung geben, daß eins meiner Kinder eine solche Adresse habe. Du mußt den Namen ändern, ich kann doch nicht ›Galgen‹ auf einen an meine Tochter gerichteten Brief schreiben!« Er versprach mir, daß er den Namen ändern lassen wolle, und ich weiß auch, daß er's versucht hat, aber vergebens. Der Name hing fest, jedermann nannte das Gut so, und Galgenhof heißt's bis auf den heutigen Tag, aber meine Kinder haben es, Gott sei Dank, schon lange wieder verlassen.

Ich mochte thun, was ich wollte, ich konnte mir den Namen von Sabines künftigem Heim nicht aus dem Kopfe schlagen, und er lag während der Vorbereitungen zur Hochzeit wie ein Alb auf mir. Das liebe Mädchen fand sich wundervoll hinein und bat mich, ich möchte mich nicht darüber grämen, da es nach ihrer Verheiratung nicht mehr mit dem schrecklichen Namen benannt werden solle. Ich schlug vor, sie sollten es »Rosen-«oder »Lilienhof« nennen, und Augustus sagte, er wolle versuchen, es unter einem dieser Namen im Grafschaftsadreßbuch und bei der Post eintragen zu lassen. John, mein ältester Sohn, meinte: »Warum nennt ihr es nicht ›Walkinshaw Hall‹ oder ›Schloß Tressider‹?« Aber das war abgeschmackt, und würde, wie Sabine sehr richtig bemerkte, wie Anmaßung aussehen, zumal nichts in der Welt das Haus zu einer Halle oder einem Schlosse machen konnte.

Augustus hat, wie ich weiß, einen weitläufigen Briefwechsel über die Sache mit den Grafschaftsbehörden geführt, aber das Ergebnis war keineswegs ermutigend, denn er fand, daß die vollständige und einzig gesetzliche Benennung »Galgenhof, Groß-Puddlebury, Warwickshire« war. Dabei hörte er zum erstenmal vom Kirchspiel Groß-Puddlebury, und das war ein neuer Schlag. Der hinterlistige Agent hatte nie auch nur im Entferntesten angedeutet, daß es einen Ort wie Puddlebury in der Nähe gebe, sondern hatte das Gut in allen seinen Briefen als »bei Dingsda« liegend bezeichnet, und das ist eine bedeutende, um nicht zu sagen, vornehme Stadt, und sie war fünf Meilen entfernt, wie wir zu unserm Leidwesen entdeckten, als wir die Bahnstation erreicht hatten.

Augustus machte ich keine Vorwürfe, denn er war jung, unerfahren und verliebt, und das macht einen Mann gegen vieles blind, was er sehen würde, wenn er die Augen offen hätte. Aber meinen Mann tadelte ich. Wenn er seine Pflicht als Vater gethan hätte, dann wäre er selbst hingegangen und hätte sich das Gut angesehen und Erkundigungen eingezogen, aber natürlich wurde wieder alles mir überlassen, und daß ich etwas von Gütern verstehen soll, kann ein vernünftiger Mensch doch kaum erwarten.

»John Tressider,« sprach ich, als wir am Abend, wo wir die Entdeckung gemacht hatten, allein waren, »ich hoffe, du wirst dir das zur Warnung dienen lassen. Deine erste verheiratete Tochter geht aus den Armen ihrer Mutter an einen Galgen und wird die ersten Jahre ihrer jungen Ehe in Groß-Puddlebury verleben.«

Alles, was er that, war, daß er eine einfältige Bemerkung über Shakespeare machte und etwas brummte, das so klang, wie: »Was ist ein Name?« Aber ich bin nicht die Frau, die sich mit Shakespeare zum Schweigen bringen läßt, und deshalb sagte ich: »Nicht Shakespeares Tochter soll auf dem Galgenhof leben, sondern meine, und was das nun anlangt, daß nichts an einem Namen läge, so glaube ich nicht, daß selbst du einverstanden gewesen wärest, wenn ich vorgeschlagen hätte, unsern ältesten Sohn ›Ischariot‹ und unsre älteste Tochter ›Jezebel‹ zu taufen. Es gibt gewisse Namen, womit gewisse häßliche Vorstellungen untrennbar verbunden sind, das kannst du nicht in Abrede stellen.«

Er konnte es nicht, und deshalb versuchte er es auch gar nicht, sondern erklärte, er sei ins Bett gegangen, um zu schlafen, nicht um sich zu streiten, und fünf Minuten nachher schnarchte er, daß sich die Balken bogen, obgleich er, wenn ich ihn wecke, immer behauptet, es wäre nicht wahr, das Geräusch käme von dem Eisenbahnzuge her, der hinter unserm Garten hinfährt. Für unfehlbar halte ich mich nicht, aber ich kann Schnarchen von einem Eisenbahnzuge unterscheiden, allein was nützt es, einen Man überzeugen zu wollen, der wie ein Sack schläft und, wenn man ihn mit dem Ellbogen in die Rippen stößt, bloß grunzt, sich auf die andre Seite dreht und dabei die halbe Decke mitnimmt.

So leid es mir that, mich von meinem Kinde trennen zu müssen, war es mir doch eine Erleichterung, als der Hochzeitstag kam, denn ich war beinahe um den Verstand geärgert worden, besonders von den Schneiderinnen und den Dienstboten, und die Entdeckung über John war auch nicht danach angethan, die Sache zu verbessern. Der größte Aerger war mir aber für den Morgen des Hochzeitstages selbst vorbehalten. Ich erfuhr nämlich, daß mein Mann, dem das Bestellen der Wagen überlassen worden war – das war alles, was ich von ihm verlangt hatte – es vollständig vergessen hatte. Ich hätte wirklich vor Aerger weinen können.

»Dir ist es natürlich einerlei,« sagte ich, »wenn wir in Droschken nach der Kirche fahren müssen. Sabine kann unsern Wagen nehmen, das arme Kind, aber was wird aus uns andern?«

»Beruhige dich nur,« entgegnete er, »es ist noch Zeit genug; ich werde Jones, unsern Kutscher, sogleich fortschicken, daß er die Wagen bestellt.«

Es war acht Uhr morgens am Hochzeitsmorgen und ich hatte eine Ahnung, daß es Unannehmlichkeiten geben werde, und richtig – es gab welche.

Jones, statt zu einem ordentlichen Fuhrhalter zu gehen, gab den Auftrag einem kleinen Manne, der sein Geschäft eben angefangen hatte (natürlich ein Freund von ihm), und die Folge war, daß ich beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, als ich den Wagen sah, aber da ich am Hochzeitstage meiner Tochter keine peinlichen Auftritte haben wollte, mußte ich meine Gefühle in meine Brust verschließen.

Wo der Mann die Pferde aufgetrieben hatte, ist mir rätselhaft; es müßte denn sein, daß er nach einer Tierarzneischule gegangen wäre und sämtliche dort in Behandlung befindlichen Pferde für den Tag gemietet hätte.

Es war schon etwas spät geworden, bis alles in Ordnung war, und als wir endlich in Bewegung kamen, trödelte der Mensch in einer Weise, daß man hätte aus der Haut fahren mögen. Ich hielt so lange als möglich an mich, endlich aber konnte ich es nicht mehr mit ansehen. Ich steckte den Kopf zum Fenster hinaus und sagte zu unserm Kutscher: »Mein Lieber, wir fahren ja nicht zu einem Leichenbegängnis; es soll eine Hochzeit vorstellen.«

»Schön, schön, Madamchen,« entgegnete er, »diese Pferde sind im Anfang ein bißchen spatlahm, aber es wird schon kommen;« dann schnalzte er mit der Zunge und fing an, mit der Peitsche daraufzuschlagen, bis eins hinten ausschlug und das andre nicht mehr vom Fleck wollte, »stätsch« wurde, nennt man das, glaube ich.

Und nun fing ein Haufen von Metzgerjungen und andern Lehrlingen, die sich vor unserm Hause gesammelt hatten, um uns abfahren zu sehen, und die dann nachgelaufen waren, an, zu johlen und zu pfeifen und unverschämte Bemerkungen zu machen.

»Das ist mehr, als menschliches Fleisch und Blut aushalten können,« rief ich. »Ich will aussteigen!«

Ich bog mich aus dem Fenster, um dem Manne zuzurufen, er solle anhalten. In dem Augenblicke schwang er gerade seine Peitsche und traf mich ins Gesicht, und das ist doch eine saubere Bescherung für eine Mutter am Hochzeitstage ihrer Tochter, und alles das kam nur davon her, daß sie ihrem Manne eine solche Kleinigkeit, wie das Bestellen der Wagen, überlassen hatte, und dann wundern sich die Leute auch noch, daß ich manchmal ärgerlich werde.

Obgleich es mir im Augenblick sehr weh that, blieb glücklicherweise kein Striemen zurück. Im selben Augenblick zogen die Pferde heftig an und gingen im Galopp weiter. Ich hatte Todesangst und zitterte während der Feierlichkeit am ganzen Leibe, aber es war doch ein Glück, denn wir kamen eben noch knapp zur rechten Zeit in die Kirche. Ein Glück war es auch, daß die andern Pferde, ebenfalls erbärmliche Kracken, nicht auch »stätsch« geworden waren, so daß die Brautjungfern und alle Leute, die von unserm Hause kamen, pünktlich da waren, und ich hatte eben noch Zeit, mich auf meinen Platz – »schubsen«, ich kann nicht sagen »führen« – zu lassen, als die Feierlichkeit begann.

Danach ging alles, Gott sei Dank, glatt. Ich überwand meine natürliche Entrüstung und war ganz vergnügt, bis die Zeit kam, wo ich meinem lieben Kinde Lebewohl sagen und es der Obhut eines andern anvertrauen mußte.

Ich weinte – wie konnte ich anders! – und meine liebe Sabine – Gott segne sie! – weinte auch, und als wir hinunter kamen, hatte ich eine kurze Unterredung mit Augustus und ließ mir von ihm versprechen, daß er mein Kind in gute Obhut nehmen und immer vorsichtig sein wolle. Namentlich schärfte ich ihm ein, daß er sie nie in fremden Gasthäusern Wasser trinken lasse (sie machten nämlich eine Hochzeitsreise), und daß er sich immer genau erkundigen müsse, ob irgend welche ansteckende Krankheiten in den Städten, wo sie sich aufhalten wollten, herrschten. Auch ermahnte ich ihn, stets einen Wagen in der Mitte des Zuges zu nehmen, denn diese sind bei etwaigen Zusammenstößen am wenigsten gefährdet. Dann noch eine lange, liebevolle Umarmung, wobei ich meine Tochter daran erinnerte, daß ich ihr einige Rezepte in die Reisetasche gelegt hätte, für den Fall, daß sie sich in einer der gräßlichen Städte auf dem Festland nicht wohl fühlen sollte, und ich ließ sie gehen; alles drängte dem glücklichen Paare nach, und sie fuhren unter einem Regen von Reis und alten Pantoffeln davon.

Eins muß ich noch erwähnen, und zwar jetzt, und das ist, daß mir Augustus auch nie eine Stunde Sorge gemacht hat, abgesehen von dem Gut und einigen andern Dingen, die er nicht ändern konnte; und meine Tochter hat einen Mann, wie man kaum einen unter Tausenden findet. Einen zärtlicheren, hingebenderen, liebenswürdigeren Gatten kann sich eine Frau nicht wünschen, und er ist mir bei vielen Gelegenheiten eine große Stütze gewesen. Von allen meinen Schwiegersöhnen – aber ich will nicht anzüglich werden.

Während sie auf der Hochzeitsreise waren, schrieb mir mein liebes Kind sehr häufig, und ich war über ihr Glück ohne Sorge. Sie war gerührt über Augustus' liebevolle Fürsorge, und ich hatte also nur eins, was mir Kummer machte, und das war das Gut.

Sie wollten sich nach ihrer Rückkehr sofort hinbegeben. Ein als Inspektor angenommener alter Diener der Familie Walkinshaw war mit seiner Frau bereits dort, um alles in Ordnung zu bringen. Sabine teilte mir mit, Mrs. Jolly, die Frau des Inspektors, habe ihr geschrieben, die Möbel seien alle wohlbehalten angekommen, das Haus sähe reizend aus, auch Dienstboten seien angenommen worden. Jolly habe die für das Gut nötigen Arbeiter zusammengebracht, etwas Vieh gekauft, kurz, es gehe alles wie am Schnürchen. Ueber das Gut schien sie sich keine Sorgen zu machen, und ich versuchte mich ebenfalls zu überreden, daß trotz des schrecklichen Namens alles gut gehen werde.

Allein ich hatte doch ein unbehagliches Gefühl, als ich mich gleich nach ihrer Rückkehr hinsetzte und meinen ersten Brief überschrieb an:


     »Mrs. Walkinshaw,
     Galgenhof, Groß-Puddlebury.«


Ich betrachtete mir den Umschlag lange Zeit, ehe ich den Brief abgehen ließ; es war nicht die Art von Aufschrift, wie ich sie mir für meine älteste Tochter ausgemalt hatte.

Sabine antwortete mir sofort und versicherte mir, sie sei sehr glücklich und hoffe mit ihrem Manne, daß ich ihnen einen kleinen Besuch machen würde, sobald sie mit ihrer Einrichtung fertig seien, und das that ich auch.

Ich war erfreut, mein liebes Kind sehr wohl und glücklich zu finden. Ihr Heim war reizend möbliert und schön ausgestattet, aber da ich keine jung verheiratete Frau war, entgingen mir auch einige Schattenseiten nicht, die sie übersahen, weil sie viel zu sehr miteinander beschäftigt waren.

Vor allem war es die einsame Lage, die mich unangenehm berührte. Das nächste Haus, abgesehen von dem des Inspektors, lag eine volle Meile entfernt, und als ich die Straßen, den Teich und die Sümpfe sah, konnte ich die Bemerkung nicht unterdrücken; »Was nützen dir nun alle die schönen Kleider? Du kannst doch die Schweine und Hühner nicht darin füttern? Und, allmächtiger Gott, Kind, was wollt ihr denn anfangen, wenn ihr einmal einen Doktor nötig habt? Wo wohnt denn der nächste?«

»Nun,« sagte Augustus, »drei Meilen von hier wohnt ein Tierarzt, das ist der nächste.«

»Augustus,« antwortete ich entrüstet, »du denkst doch hoffentlich nicht daran, einen Tierarzt zu meinem Kinde holen zu lassen, wenn sie einmal krank sein sollte?«

Er lachte und sagte, er hätte nur Scherz gemacht.

Ich habe es gern, wenn ein Doktor und eine gute Apotheke, bei der man sich darauf verlassen kann, daß die Rezepte auch richtig gemacht werden, in der Nähe sind, und ich war wirklich beunruhigt, als ich erfuhr, daß sie volle fünf Meilen nach einem Arzte schicken müßten.

»Nimm nur einmal an,« sprach ich, »Sabine würde plötzlich krank, oder von irgend einem Vieh erschreckt, oder sie käme mit dem Bein in eine von den greulichen Maschinen, die immerzu schnurren, oder sie kriegte in dem schrecklichen Wirtschaftshof – nebenbei rate ich dir, ihn jeden Tag ordentlich mit Karbolsäure begießen zu lassen – nasse Füße und erkältete sich ernstlich, und dann mußt du auch dafür sorgen, daß immer ein genügender Vorrat von Chinin im Hause ist, denn man hat mir erzählt, es gäbe hier viel Fieber, und wenn du hörst, daß in einem der Dörfer hier herum die Masern oder etwas Derartiges sind, dann gehe nur ja nicht hin, ohne dir die Taschen voll Kampfer zu stecken; vor allem überzeuge dich, daß das Trinkwasser gesund ist, trinke niemals einen Schluck, ohne daß es erst filtriert und dann gekocht worden ist.«

Augustus lachte und Sabine lächelte.

»Ja, ja, ihr Lieben,« sagte ich jedoch, »ihr haltet mich vielleicht für sehr thöricht, aber es ist nur meine mütterliche Liebe.« Damals lachten sie, aber sie sollten noch zur Einsicht kommen, wie verständig einige meiner Warnungen waren, ganz besonders die wegen des Wassers, das einmal auf irgend eine Weise verunreinigt wurde, und dann mußten sie jeden Tropfen Trinkwasser vier Meilen weit holen lassen. 

So ängstlich man sonst bei einer solchen Gelegenheit ist, war es mir doch eine große Erleichterung, als mein erstes Enkelchen auf der Bildfläche erschien (und noch dazu fünf Meilen vom nächsten Doktor), denn nun hörte alles Zögern und alle Unentschlossenheit wegen der Aufgabe des Gutes und Uebersiedelung in eine civilisierte Gegend auf.

»Wenn ihr hier bleibt, so ist's der reine Kindsmord,« sprach ich zu Augustus, und Sabine sah die Sache jetzt auch von meinem Gesichtspunkt aus an, und, Gott sei Dank! sehr bald hatte ich sie unter meinem mütterlichen Auge, mit einem Doktor im nächsten Hause, was mir eine große Beruhigung war, und gleich um die Ecke eine gute Apotheke. Ja, ihr jungen Leute, ihr haltet Mütter und Väter für ängstliche, lästige Menschen, bis ihr selbst Väter und Mütter seid; dann fangt ihr an, sie zu begreifen. Wenn ich jetzt die Briefe wieder hervorsuche und durchlese, die mir Sabine vom Galgenhof geschrieben hat, dann wundere ich mich, daß sie überhaupt so lange dort geblieben sind, aber Augustus war ein sehr liebevoller Gatte, und das machte den Lebensweg so hell, daß selbst ein Galgen keinen finsteren Schatten darauf werfen konnte.

Er kam mit einem blauen Auge davon und verlor wenigstens nichts vom Kapital, aber an Sorgen hatte es ihm doch nicht gefehlt, namentlich, wenn er nachts bei kranken Kühen oder Pferden sitzen mußte, oder unter den Schafen die Drehkrankheit ausgebrochen war – und dann die sonderbaren Menschen, mit denen er immer zu thun hatte. Der Inspektor war treu wie Gold, aber ein eigensinniger alter Mann, der verlangte, daß alles nach seinem Kopfe gehen solle. Seine Frau quälte Sabine furchtbar mit ihrem Aberglauben. Sie hörte immer den Totenwurm, sah böse Vorzeichen und erwartete stets ein Unglück. Eines Abends, wo Augustus mit Mr. Jolly in Geschäften in London und Sabine allein war, kam sie ins Haus gestürzt und bat ihre Herrin, sich auf das jüngste Gericht vorzubereiten, denn es sei ein Komet mit der Erde zusammengestoßen, und das Ende der Welt stehe bevor; dann bekam sie eine Art Starrkrampf, und mein armes Kind mußte die ganze Nacht bei ihr sitzen, ihr die Hände reiben und Branntwein geben, während der Knecht hinritt und den Doktor holte.

Auch der Knecht war eine schwere Prüfung für Sabine, die ein so empfindsames Herz hatte. Er liebte die Köchin, die aber gar nichts von ihm wissen wollte. Deshalb ging er immer mit thränenden Augen umher und stieß herzbrechende Seufzer aus. Es wäre ganz angreifend gewesen, erzählte Sabine, immer einen Menschen mit gebrochenem Herzen um sich zu haben, und sie sprach mit der Köchin und redete ihr zu, ihn zu heiraten, aber diese wollte nicht. Schließlich gab Augustus dem armen Burschen für zwei Monate Lohn und bat ihn, sein gebrochenes Herz und seine Thränen anderswohin zu tragen, da es Mrs. Walkinshaw aufrege, denn es war grade eine Zeit, wo Augustus sehr viel daran lag, daß ihre Umgebung so sei, wie es in den Kakaoanzeigen immer heißt: »angenehm und beruhigend«. 

Und was mein armes Kind von den Dienstboten auszuhalten hatte, das geht wirklich über die Hutschnur. Es fehlte ihr etwas an Festigkeit (sie glich darin ihrem Vater) und natürlich an Erfahrung. Die Köchin und das Hausmädchen waren aus dem Ort und schwärmten für die Londoner Mode, und sehr bald, nachdem Sabine zu Hause angelangt war, fingen sie an, ihre Kleider, Mäntel und Hüte nachzumachen, so gut sie konnten. Am ersten Sonntag sah Sabine, wie der Knecht mit ihnen in einem leichten Leiterwägelchen zur Kirche fuhr, bei welcher Gelegenheit zu ihrem Entsetzen beide Hüte auf hatten, die eine genaue Nachbildung des ihren waren, soweit die ortsansäßige Putzmacherin (fünf Meilen entfernt) im stande gewesen war, eine fertigzubringen.

Das konnte Sabine natürlich nicht dulden und sagte es ihnen, und von da an gab sie jeden Sonntag acht, wenn sie wegfuhren, und freute sich, als sie bemerkte, daß sie einfache, bescheidene und für Dienstboten passende Hüte trugen.

Eines Sonntags nachmittags, als sie bereits fortwaren, sagte Augustus: »Laß uns heute nachmittag auch in die Kirche fahren.« Seine Frau war damit einverstanden; er ließ anspannen und sie fuhren ab. Und siehe da! Als Sabine in die Kirche trat, sah sie, daß Köchin und Hausmädchen es sich ganz unverfroren im Stande ihrer Herrschaft bequem gemacht (der Knecht saß flennend draußen auf einem Grabstein) und Hüte auf hatten, die dem Sabines aufs Haar glichen!

Am Nachmittag hatte sie sie mit eigenen Augen in ganz einfachen Hüten abfahren sehen, und nun saßen sie da, aufgedonnert wie die Puten. Aber das Rätsel sollte gelöst werden.

Am Abend nahm sie die Mädchen vor und kam so dahinter, wie die Sache zusammenhing. Was meint ihr wohl, wie es die geriebenen Frauenzimmer anfingen? Jeden Sonntag morgen, noch ehe Sabine aufgestanden war, gingen sie aus und versteckten ihre besten Hüte in einer Hecke an der Straße, setzten sie auf dem Hinweg zur Kirche auf und tauschten sie auf dem Rückwege wieder um. Und das sind eure einfachen Mädchen vom Lande!

Ein andrer Grund zur Aufregung war der Ortsmetzger, dem Augustus viel Vieh verkaufte. Er war ein sehr achtbarer Mann, aber er hatte einmal gesehen, wie ein Mensch in einem Streit umgebracht worden war, und das hatte ein eigentümliches Nervenleiden bei ihm hervorgerufen. Wenn er ganz ruhig über die Preise mit Augustus verhandelte, fuhr er plötzlich zusammen, zitterte am ganzen Leibe und schrie: »Haltet ihn, er hat Blut an den Händen. Haltet ihn!« Und dann mußte Sabine fortstürzen und Branntwein holen, während Augustus ihn auf und ab führte und mit jedem Preise zufrieden war. Ueberwerfen durfte er sich nicht mit ihm, denn er war der beste Kunde und der einzige Schweinekäufer in der Gegend.

Ich glaube, der volle Becher wurde durch einen furchtbaren Schreck, den sie eines Abends hatte, zum Ueberlaufen gebracht. Augustus war in der Stadt und wurde erst am folgenden Tage zurückerwartet. Eine große Furcht hatte meine Tochter stets auf dem Galgenhofe gequält, und das war die Angst vor Dieben. Sie hatten all ihr Silberzeug und ihre Schmucksachen im Hause, und das Gut war gänzlich unbeschützt, da die Arbeiter alle in einiger Entfernung wohnten.

Kaum war sie in jener Nacht zu Bett gegangen, als sie Geräusch unten hörte, und gleich darauf kamen die Dienstboten hereingestürzt. »Ach, Madame,« riefen sie,« es sind Einbrecher im Hause, und wir werden alle umgebracht werden,« und fingen an zu heulen. Sabine war erschrocken, denn der Lärm klang gerade so, als ob Männer in großen Stiefeln unten umhergingen. Aber sie nahm allen ihren Mut zusammen, holte sich Augustus' Flinte und ging hinunter. An der Thür aber blieb sie stehen, denn es kam ein großer Krach. Sie sank ohnmächtig zusammen, die Flinte ging los, und die ganze Ladung fuhr ins Zifferblatt der alten Großvateruhr, die im Flur stand, und zerschmetterte es vollständig. Als sie wieder zu sich kam, stand der thränenreiche Knecht vor ihr und hatte die bewußtlose Köchin im Arme, und das Hausmädchen plapperte wie blödsinnig.

Der Knecht hatte die Ursache des Lärms entdeckt, aber nichts gesagt, weil er die Köchin noch etwas im Arme behalten wollte.

Es war der Pony, der sich infolge einer Nachlässigkeit eines der Leute losgerissen hatte, in den neben der Küche befindlichen Werkzeugschuppen geraten war und dort mit seinen Hufen in den Geräten herumwirtschaftete. 

Nachdem Augustus junior geboren war, konnte das natürlich nicht so weiter gehen, und deshalb wurde das Gut verkauft, und jetzt habe ich sie in meiner Nähe und kann sie sehen, wann ich will, was eine große Annehmlichkeit für mich ist.

Die Annehmlichkeit, meinen ältesten Sohn John ebenso nahe zu haben, ist nicht ganz so groß, denn seine arme Frau schickt immer nach mir, um mich zu fragen, was sie mit ihm anfangen soll. Er ist wirklich eine schwere Prüfung, und ich sage immer, es muß etwas bei ihm nicht richtig sein, denn er benimmt sich zu sonderbar. Erst vor wenigen Tagen erhielt ich ein Briefchen von der lieben Lottie!

»Liebe Mutter! Bitte, komm sofort, John macht sein Testament, rennt umher, kniet nieder, beißt in die Stühle und sagt, seine Leber sei nicht in Ordnung.«

Allein ich werde meinem ältesten Sohne und seiner armen, ihr Kreuz geduldig tragenden Frau eine besondere Erinnerung widmen müssen.


Sechste Erinnerung.
Einige meiner Sorgen.

Ich glaube wirklich nicht, daß es noch eine Frau gibt, die beständig so geplagt wird, wie ich. Nicht nur die Last meines eigenen Haushalts liegt auf meinen Schultern, sondern ich muß mich auch noch fortwährend um meine verheirateten Söhne und Töchter sorgen. Mein Mann behauptet zwar, es sei ganz unnötig, und ich ärgerte mir umsonst die Gelbsucht an den Hals (um ein Pröbchen seiner seinen Ausdrucksweise zu geben). Die Dinge so leicht zu nehmen, ist ja recht schön; ich kann das aber nicht. Ich glaube, John Tressider wäre noch nicht einmal aus seiner Gelassenheit zu bringen, wenn das Haus in Flammen stände, und es ist ein wahres Wunder, daß bei seiner schrecklichen Gewohnheit, bis spät in die Nacht unten zu sitzen, die Times zu lesen und dann halb im Schlaf zu Bett zu gehen und immer wieder und wieder das Gas brennen zu lassen, nicht schon ein Unglück geschehen ist.

Ich habe es versucht, meine Töchter aus meiner Erfahrung Nutzen ziehen zu lassen, und sie ganz besonders gegen die schlimme Schwäche gewarnt, ihren Männern zu erlauben, wenn schon alle andern zu Bett gegangen sind, noch aufzubleiben, zu rauchen, zu lesen und das Gas nach Gutdünken zu behandeln.

Meinem Manne habe ich wieder und wieder Vorstellungen gemacht, allein er besteht darauf, daß ihm die Times, sein Glas Whiskey und Wasser nochmal so gut schmeckten, wenn alle andern zu Bett gegangen wären. Warum kann er die Times nicht wie andre vernünftige Männer morgens lesen, oder im Geschäft, statt bis spät in die Nacht zu sitzen, das Feuer ausgehen zu lassen und dann kalt wie ein Frosch zu Bett zu kommen? Aber so ist es immer gewesen. Nichts kann ihn bewegen, zu einer christlichen Stunde schlafen zu gehen. 

Als die Kinder noch klein waren, verbrachte er den ganzen Abend mit ihnen, und da hatte er allenfalls eine Entschuldigung, wenn er nachher eine ruhige Stunde verlangte.

Er pflegte die Kinder bis spät aufbleiben zu lassen, und mein Reden dagegen half gar nichts, wenn ich auch zehnmal mein nervöses Kopfweh hatte und mich in mein Zimmer flüchten mußte, um dem schauderhaften Lärm zu entgehen, den sie bei dem gräßlichen Spiele vollführten, das sie »Kriegen« nannten, wobei Stühle und Tische umgeworfen wurden und er der Ausgelassenste von allen war.

Es ist ja natürlich sehr hübsch, wenn ein Vater nach seiner Rückkehr aus dem Geschäft mit seinen Kindern spielt, aber wenn ihrer sieben zusammen toben und ein schwerer Mann auf allen Vieren herumkriecht und Bär vorstellt, dann könnt ihr euch denken, was für einen Höllenlärm das gibt.

Ein so ausgezeichneter Vater mein Mann in vieler Hinsicht auch sein mag – und die Gerechtigkeit muß ich ihm widerfahren lassen – ist er doch sehr unverständig. Ich habe ihn nie mit den Kindern allein gelassen, ohne daß etwas schief ging.

In meinem ganzen Leben werde ich den Schreck nicht vergessen, den ich eines Morgens bekam, als das Kindermädchen – wir hielten uns gerade an der See auf – die kleine Jane, die damals erst fünf Jahre alt war, hereinbrachte. Ihr Kopf war zur Größe eines Kürbis angeschwollen. 

»Um Gottes willen, Polly,« rief ich aus, »was fehlt denn dem Kinde?«

»Ich weiß nicht, Madame,« antwortete sie, »aber der Herr hat sie gestern über eine Stunde im Meer herumpantschen lassen; sie wird wohl Wasser ins Hirn gekriegt haben.«

Natürlich schickte ich sofort zum Arzt – mein Mann war nach der Stadt gefahren – und als der Doktor kam, sagte er, das Plätschern im Wasser sei ohne Zweifel die Ursache, und es wäre ein Wunder, daß das Kind nicht die Kopfrose bekommen habe. Nun bitte ich einen! Ein Vater erlaubt seinem Kinde, die Füße eine Stunde lang im kalten Wasser zu haben, ohne ihm den Kopf naß zu machen! Ist das nicht, um den Verstand zu verlieren?

Ich sage immer, daß mein ältester Sohn nicht für seine wilden Streiche verantwortlich gemacht werden kann, denn sie sind wahrscheinlich seines Vaters Schuld. Als John ein kleiner Junge war, machte sein Vater immer Kunststücke mit ihm. Das Kind mußte sich bücken und den Kopf zwischen den ausgespreizten Beinen hindurchstecken. Dann ergriff ihn sein Vater bei den Händen und ließ ihn einen Purzelbaum schlagen, und seither ist es, glaube ich, mit Johns Kopfe nicht ganz richtig. Es geht gegen die Natur eines Kindes, wenn es immer kopfüber, kopfunter gedreht wird; das muß ja das geistige Gleichgewicht stören.

Wenn ich manchmal daran denke, was für Schrecken ich durch meines Mannes Unverstand gehabt habe, dann kann ich mich nur wundern, daß meine Nerven nicht noch mehr zerrüttet sind. Ich konnte ihm aber nie ernste Vorwürfe machen, denn er war immer ebenso unglücklich als ich, und viel hilfloser.

Ich werde nie den Tag vergessen, wo er in mein Zimmer kam, als ich gerade beim Ankleiden war, denn ich hatte meines Kopfwehs wegen im Bett gefrühstückt. Sein Gesicht war geisterbleich, er sank auf einen Stuhl und rief mit Grabesstimme: »Ich – ich – fürchte, Sabine hat einen Pfennig verschluckt!«

»Wo ist sie?« schrie ich, in die Höhe fahrend.

»Ich habe sie in der Kinderstube gelassen; sie ist ganz schwarz im Gesicht, und ich habe sie auf den Kopf gestellt und geschüttelt, aber ohne Erfolg. Lieber Himmel! Was soll ich anfangen?«

Weiter brauchte ich nichts zu hören. Im Augenblick war ich oben, und da fand ich mein armes Lämmchen fast erstickt (sie war damals erst vier Jahr alt), und die Gans von Kindermädchen, der die Augen beinahe aus dem Kopfe traten, klopfte sie in den Rücken und schrie: »Spuck's doch aus, mein Herzchen, spuck's doch aus, oder du mußt sterben.«

Ich riß ihr das Kind aus den Händen, aber ich war so erschreckt, als ich es würgen und husten sah, daß ich meine sonstige Geistesgegenwart einen Augenblick verlor und an allen Gliedern zitterte.

»Wie ist denn das zugegangen?« fragte ich atemlos.

»O, ich hab's nicht gethan, Madame – es war der Herr. Er hat ihr einen Pfennig gegeben, sie hat ihn in den Mund gesteckt, und er ließ sie auf seinen Knieen reiten und machte ›so hoppelt der Bauer‹ mit ihr, und dabei muß sie den Pfennig verschluckt haben.«

Stellt euch das nur 'mal vor. Ein Familienvater macht mit seinem Kind »so hoppelt der Bauer« mit einem Pfennig im Munde! Es war Sonntag Morgen und die Leute gingen gerade in die Kirche, aber daran dachte ich nicht. Ich wußte weiter nichts, als daß mein Kind einen Pfennig im Halse stecken hatte, und ich fürchtete, wenn sie ihn verschluckte, dann käme Grünspan in ihr liebes Mägelchen, und Grünspan ist doch Gift. Ohne mich lange zu besinnen, rannte ich, so wie ich war, im losen Schlafrock und mit offenem Haar mit dem armen Mäuschen die Treppe hinab und flog über die Straße und um die Ecke, wo unser Doktor wohnte.

Die Nachbarn haben mich wohl für verrückt gehalten. Einige blieben mit ihren Gesangbüchern unter dem Arme wie versteinert stehen und sahen mir nach, aber ich mußte sie denken lassen, was sie Lust hatten, denn ich konnte doch nicht jedermann im Vorbeirennen zurufen: »Mein Kind hat einen Pfennig verschluckt!«

Alles das und wie ich ausgesehen haben muß, fiel mir erst später ein, aber damals dachte ich an weiter nichts als an mein armes Kind.

An der Gartenthür des Doktors riß ich beinahe die Klingel ab, und dann stürmte ich die Treppe hinauf und rappelte mit dem Klopfer, daß die Leute, die nicht in die Kirche gegangen waren, die Fenster aufrissen und die Köpfe herausstreckten. Der Bediente kam auch gleich, ich rannte durch den Hausflur und stürzte so außer Atem ins Sprechzimmer des Doktors, daß ich nur ächzen konnte: »Pfennig – Hals – rasch!«

Der Doktor nahm das Kind, das furchtbar schrie, untersuchte den Hals und sagte: »Ich sehe nichts«

»Dann hat sie ihn schon verschluckt,« antwortete ich. »O, Herr Doktor, was soll ich anfangen? Mein armes Kind ist vergiftet – es wird an Grünspan sterben! Retten Sie mein Kind!«

Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, denn ich hatte das Gefühl, als ob ich den Verstand verlieren sollte, aber in diesem Augenblick wurde wieder laut an der Hausthür geklopft und ich hörte, wie mein Mann nach mir fragte. Gleich darauf trat er ins Zimmer.

»Beruhige dich, es ist alles in Ordnung, meine Liebe,« rief er, »wir haben den Pfennig gefunden.«

»Was?« entgegnete ich, »das Kind hat ihn gar nicht verschluckt? Und du hast mich in diesem Aufzug –« und dann fiel ich erschöpft aufs Sofa, bekam Weinkrämpfe, und es dauerte eine Viertelstunde, bis ich mich soweit erholt hatte, daß ich nach Hause gehen konnte.

Der Doktor ließ uns eine Droschke holen, denn als die Aufregung vorüber war, konnte ich doch nicht im Schlafrock, bloßem Kopf und auf dem Rücken hängendem Haar über die Straße gehen, und in der Droschke habe ich meinem Manne dann gehörig die Meinung gesagt. So 'ne Idee! Jagt mir einen so wahnsinnigen Schreck ein und macht mir Angst, mein Kind hätte einen Pfennig verschluckt, und ich renne am Sonntag im bloßen Kopfe durch die Straßen, und alles für nichts und wieder nichts!

Als ich gegangen war, hatte das Kindermädchen den Pfennig auf dem Fußboden gefunden. Er war augenscheinlich ins Kleid des Kindes und nicht seine Kehle hinuntergeglitten und zu Boden gefallen, als mein Mann es auf den Kopf gestellt hatte, aber in seinem Schreck hatte er das nicht bemerkt, sondern geglaubt, es habe ihn verschluckt. Kein Wunder, daß das arme Wurm nach einer solchen Behandlung und nachdem es vom Kindermädchen so heftig in den Rücken gepufft worden war, schrie. Das sind einige Proben von den Dingen, womit ich mich in den ersten Jahren meiner Ehe abfinden mußte, und das einzige Wunder ist, daß sie mich nicht zu einem galligen, unleidlichen Frauenzimmer gemacht haben.

Solange die Kinder jung waren, hörten die Sorgen und die Unruhe nicht auf, denn wenn sie nicht die Masern oder den Keuchhusten oder eine andre Kinderkrankheit hatten, dann kriegten sie Fischgräten in den Hals, oder stießen und schlugen sich die Kniee auf, und John (mein Sohn, nicht mein Mann) nicht zufrieden damit, sich von allem anstecken zu lassen, was überhaupt ansteckend ist – was der Junge für eine Ansteckungsfähigkeit besaß, ist wirklich kaum zu glauben; es brauchte nur ein Fall von Masern in der Zeitung zu stehen und diese dem Jungen zufällig in die Hände zu geraten, und richtig, er kriegte die Masern – brachte es wirklich fertig, sich zu verlieren, während er mit dem Kindermädchen, das sein kleines Schwesterchen im Wagen fuhr, aus war. Als das Mädchen nach Hause kam und mir sagte, es sei stehen geblieben, um sich ein Schaufenster anzusehen, und als es sich wieder umgedreht habe, sei der Junge verschwunden gewesen – er war damals etwa sechs – da war es ein Wunder, daß ich der Gans nicht ein paar gab.

Natürlich hatte ich furchtbare Angst, wie jede Mutter gehabt hätte, deren Kind in den Straßen von London verloren ist, denn die Zeitungen waren voll von Fällen, wo liebe kleine Kinderchen, durch Süßigkeiten in abgelegene Straßen gelockt, dort ihrer hübschen Kleider beraubt und an deren Stelle mit schmierigen Lumpen bekleidet worden waren, und ich war fest überzeugt, daß mein Junge gestohlen sei und zum Seiltänzer oder Clown erzogen werde.

Zuerst war ich wütend, ich konnte nicht anders; als aber eine Stunde vergangen war, ohne daß der Junge heimgekommen wäre, und die Nacht anbrach, da schickte ich sämtliche Dienstboten aus und ließ in allen Läden fragen und eine Beschreibung von ihm auf der Polizei abgeben, und ich konnte weiter nichts thun, als im Hausflur auf und ab gehen, die Hände ringen und von Zeit zu Zeit vor die Thür treten und die Straße hinauf und hinab sehen, ob ich nicht eine Spur meines Jungen entdecken könne.

Um sieben Uhr abends wurde er von einem Schutzmann gebracht. Er war weinend am Triumphbogen gefunden und nach der nächsten Polizeiwache geführt worden, und ich war so überglücklich, daß ich dem Schutzmanne fünf Schillinge gab und John für sein Weglaufen und weil er mich so furchtbar geängstigt hatte, ordentlich durchwichste.

Eine Mutter, die alles das durchgemacht hat, kann doch wohl erwarten, daß ihr ihre Kinder, wenn sie aufgewachsen sind, ein Trost und eine Stütze werden und daß sie ihre Tage in Frieden beschließen könne. Wie es mit andern Müttern ist, weiß ich nicht. Manche mögen glücklicher gewesen sein als ich; ich weiß nur, daß ich mir jetzt, wo meine Kinder verheiratet und versorgt (unversorgt wäre richtiger) sind, nicht nur über sie, sondern auch über ihre Männer und Frauen Sorgen mache. Die Sorgen einer Mutter sind schlimm genug, aber die einer Schwiegermutter – ich glaube alles Ernstes, sie sind noch schlimmer; denn wenn sie sich melden, ist man nicht mehr so jung, so kräftig und so hoffnungsvoll, und dann kommen die Enkel, die auch nicht ohne sind. Sie sind eine doppelte Sorge; stößt ihnen etwas zu, dann trägt man außer den eigenen auch noch die Sorgen ihrer Väter und Mütter mit, und das ist nur natürlich.

Meine Bedrängnisse scheinen gar kein Ende nehmen zu sollen; kaum habe ich mich über meiner ältesten Tochter kleinen Jungen beruhigt, der seine arme Mutter beinahe zu Tode geängstigt hat, weil ihm Wasser ins Hirn getreten war, so kriegt meiner zweiten Tochter kleines Mädchen die Masern, und man weiß ja nie, was sie zurücklassen, und wenn sie, Gott sei Dank, gar nichts zurücklassen, und ich schon anfange, aufzuatmen, dann ist mein zweiter Sohn William wieder in Angst und Not über seinen kleinen Jungen, den ein nachlässiges Mädchen aus dem Kinderwagen auf den Kopf hat fallen lassen, so daß der Arzt befürchtet, es könne ein dauernder Schaden für die geistigen Fähigkeiten des Kindes zurückbleiben. Die dumme Person! Statt vor ihre Füße zu sehen, reckt sie die Nase in die Luft und rennt mit dem Kinderwagen gegen einen Laternenpfahl!

Gott sei Dank! Die Kinder sind wieder alle wohl, und soweit ist alles mit ihnen in Ordnung, aber man weiß nie, was kommen kann, und ich öffne meine Briefe stets mit Furcht und Zittern.

Der Brief, den die liebe Lottie mir schrieb, worin sie mich bat, doch gleich zu ihr zu kommen, weil John sich in so ungewöhnlicher Weise benehme, ist eine Probe dessen, was ich zu ertragen habe.

Ich habe schon davon erzählt, welche Sorgen mir John durch sein excentrisches Wesen gemacht habe, und weil er in seines Vaters Geschäft nicht gut thun wollte, sondern Schriftsteller wurde, aber von seiner Verheiratung habe ich noch nichts mitgeteilt.

Die erste Ahnung, daß er verliebt sei, erhielt ich durch die Photographie seiner »ihn liebenden Lottie«, die ich in seinem Zimmer fand.

Als er an jenem Abend nach Hause kam, war ich schon zu Bett gegangen, aber am nächsten Morgen nahm ich ihn vor.

»John,« sagte ich, »ich war gestern abend in deiner Stube und habe dort eine Photographie gefunden. Wer ist denn die junge Dame?«

Er wurde ein bißchen rot und lachte verlegen.

»O, das ist ein Geheimnis, Mutter,« sagte er, »du darfst nicht neugierig sein.«

Neugierig sei ich durchaus nicht, entgegnete ich, aber ich meinte, daß es ein Geheimnis wegen einer »ihn liebenden Lottie« nicht geben dürfe. Dann bat ich ihn, ernsthaft zu sein, und gab ihm etwas mütterlichen Rat über Damenbekanntschaften, wobei ich besonderen Nachdruck darauf legte, daß sich kein Mann, der ein Mädchen aufrichtig achte, zu schämen brauche, mit seiner Mutter über sie zu sprechen.

Aber John wollte nicht ernsthaft sein, sondern brachte das Gespräch auf andre Dinge. Er konnte es nie vertragen, wenn man ernst mit ihm sprach oder ihm raten wollte. Der arme Junge! Es wäre besser für ihn gewesen, wenn er gelernt hätte, seine Empfindlichkeit in dieser Hinsicht zu bekämpfen, und es war doch nur natürlich, daß ich mich um seine Wohlfahrt sorgte.

Ich wäre auf die Sache zurückgekommen, denn wie mein Mann bezeugen kann, bin ich nicht die Frau, die sich so leicht ablenken läßt, wenn sie sich einmal vorgenommen hat, etwas herauszubringen, aber unglücklicherweise geriet John, obgleich sein Vater seine Schulden sehr großmütig bezahlt hatte, abermals in die Klemme. Er hatte wieder Schulden gemacht, die Gläubiger kamen ins Haus und belästigten ihn, und eines Tages verursachte er mir einen großen Schreck, indem er mir sagte, er wolle sich möblierte Zimmer mieten und allein wohnen.

Wenn es irgend etwas in der Welt gibt, wogegen ich ein gewisses Vorurteil habe, dann sind's möblierte Zimmer für junge Herren. Ich halte es nicht für gut, wenn junge Leute sich der Einwirkung der Familie früher entziehen, als bis sie sich einen eigenen Herd gründen wollen, wo der Einfluß der Frau den der Mutter und Schwestern ersetzt. Ich war deshalb sehr unglücklich darüber, aber was konnte ich machen? John war mündig, und wenn es ihm beliebte, zu gehen, konnte niemand ihn halten. Er gab vor, er müsse aus Gründen, die mit seiner schriftstellerischen Thätigkeit zusammenhingen, eine eigene Wohnung haben, und trotz allem, was ich einwandte, ging er – es war ein harter Schlag für mich – und mietete sich möblierte Zimmer am andern Ufer der Themse in Camberwell.

Er besuchte uns ziemlich häufig und sprach sehr zuversichtlich von seiner Zukunft, und es ist auch richtig, er hatte eine feste Anstellung bei der Redaktion einer Wochenzeitung und arbeitete auch für verschiedene Blätter in der Provinz, so daß er gar keinen schlechten Verdienst hatte.

Dafür mußte man ja dankbar sein, und ich machte mir wirklich nicht mehr viel Sorgen um ihn. Die Photographie und seine ihn liebende Lottie hatte ich fast vergessen, als ich eines Tages einen Brief von ihm erhielt, den ich erschrocken zu Boden fallen ließ, nachdem ich ihn gelesen hatte, und alles, was ich sagen konnte, war: »Allmächtiger Gott!« 

In Anbetracht des Inhalts war der Brief sehr kurz, aber er war ganz John.


     »Liebe Mutter! Du wirst überrascht sein, zu hören, daß ich verheiratet bin. Meine Frau wird Dir gefallen, das weiß ich bestimmt, und deshalb möchte ich sie Dir vorstellen. Dem Alten brauchst Du vorläufig noch nichts zu sagen, sondern warte lieber, bis Du sie Dir angesehen hast. Ich möchte Lottie allmählich mit der Familie bekannt machen; sie ist ein bißchen schüchtern und fürchtet, Ihr würdet sie alle nicht leiden können, deshalb möchte ich Euch nicht alle auf einmal auf sie loslassen. Willst Du nächsten Samstagabend um sechs bei uns essen? Setze Dein freundlichstes Lächeln auf, als die liebe alte Mutter, die Du bist, denn Lottie macht sich große Sorgen, daß Ihr die Nachricht übel aufnehmen werdet, und ich möchte ihr doch gern zeigen, was für eine prächtige, gütige, liebe Sorte Schwiegermutter sie bekommen hat.

     Dein Dich treu liebender Sohn

     John.«


Als ich mich von meiner Ueberraschung erholt hatte, war mein erstes Gefühl Aerger. Wie in aller Welt kam John dazu, sich zu verheiraten, ohne einer Menschenseele ein Wort davon zu sagen? Das war ja lächerlich, unsinnig, und wie konnte sich das Mädchen zu so etwas überreden lassen, und wie kamen ihre Angehörigen dazu, ihre Einwilligung zu einer solchen heimlichen Heirat zu geben, und was sollte die ganze Geschichte eigentlich heißen? 

Je mehr ich mir die Sache überlegte, um so besorgter wurde ich, daß John einen sehr dummen Streich begangen und sich mit einem Mädchen verheiratet habe, das der Familie wahrscheinlich keine Ehre machen werde. Junge Männer sind manchmal sehr thöricht. Sie lassen sich von einem hübschen Gesicht fangen und stecken den Kopf in eine Schlinge, die sie ihr ganzes späteres Leben nicht wieder los werden.

Indessen das Unglück – wenn es eins war – ließ sich nicht ungeschehen machen, und alles, was ich thun konnte, war abwarten. Aber ich war sehr froh, als der Sonnabend endlich kam, denn nun würde die Ungewißheit enden und ich das Schlimmste – oder das Beste erfahren.

Zunächst war es ein etwas peinliches Zusammentreffen, aber das dauerte nicht lange. Frauen erkennen einander auf den ersten Blick, und ein Blick auf meine neue Schwiegertochter reichte hin, mir zu zeigen, daß Johns Glück in guten Händen liege. Nachdem sie ihre anfängliche Schüchternheit überwunden hatte, wurden wir sehr rasch Freunde, und ich konnte sehen, daß John über den guten Eindruck, den seine Frau offenbar auf mich machte, sehr glücklich war.

Lottie war groß und anmutig, und was mir am besten an ihr gefiel, sie schien sehr häuslich und eine tüchtige Wirtschafterin zu sein. Ohne allzu unverhohlene Neugier zu verraten, gelang es mir doch, alles über sie in Erfahrung zu bringen, was ich wissen wollte. John hatte sie im Hause einer seiner schriftstellerischen Freunde kennen gelernt, und dort hatten sie auch Neigung zu einander gefaßt. Sie war eine Waise und hatte bei einem Onkel und einer Tante gelebt, war aber nicht glücklich bei ihnen gewesen, und das war vielleicht der Grund, weshalb sie in eine heimliche Trauung gewilligt hatte. Jedenfalls waren sie verheiratet und glücklich, das konnte ich sehen.

John war den ganzen Abend in der besten Laune, und ehe ich fortging, beruhigte er mich wegen seiner Stellung, denn nun, da er verheiratet war, lag mir daran, zu wissen, daß er keine Geldsorgen hatte. Nichts ist so bedrohlich für das häusliche Glück, als unbezahlte Metzgerrechnungen.

Er erzählte mir von verschiedenen Stellungen, die ihm angeboten waren, namentlich von einer besonders vorteilhaften, und bewies mir, daß sein Einkommen hinreichte, eine Familie anständig zu erhalten, selbst wenn sein Vater ihm keinen Zuschuß geben sollte, und so ging ich sehr zufriedenen Gemüts nach Hause, glücklich über den Gedanken, daß meines ältesten Sohnes Los sich so günstig gewendet und daß sich seine ihn liebende Lottie schließlich als ein so nettes, verständiges, häusliches Mädchen herausgestellt hatte, das für ihn sorgen und sein Heim behaglich machen würde.

John hatte es mir überlassen, die Neuigkeit den andern Familiengliedern schonend beizubringen, und das that ich auch, wobei ich seinen Schwestern versicherte, die neue Schwägerin werde ihnen sehr gut gefallen. Mr. Tressider nahm die Mitteilung sehr ruhig hin. Ich habe überhaupt nie einen Menschen gesehen, der die überraschendsten Nachrichten so ruhig hingenommen hätte.

Als ich nach Hause kam, ging ich gleich hinunter in seine Stube und fand ihn wie gewöhnlich rauchend und die »Times« lesend. Ich glaube, er hält es für seine Pflicht, jeden Abend die Times zu lesen, und meint, wenn er es einmal versäume, dann würde das Britische Reich aus den Fugen gehen.

»John,« sagte ich, »sei so gut und leg die Zeitung 'mal hin und hör mich an.«

Er sah mich einen Augenblick an, legte aber die Times nicht aus der Hand.

»Sprich nur,« antwortete er, »ich höre.«

Ich erhob mich, nahm ihm die Zeitung ruhig weg und legte sie auf den Tisch.

»Du wirst doch 'mal einen Augenblick ohne die Zeitung fertig werden können, sollte ich meinen,« versetzte ich. »Du kannst deiner Frau und deiner Zeitung nicht gleichzeitig die gehörige Aufmerksamkeit widmen.«

Er sah mich in seiner verständnislosen, halb stumpfsinnigen Art an, die mich immer ganz besonders aufbringt, aber ich wollte mich nicht reizen lassen, weil ich mich bei einer solchen Gelegenheit, wie die Eröffnung der Verheiratung seines ältesten Sohnes, nicht zanken mochte.

»John ist verheiratet,« sagte ich also ganz ruhig.

Ich erwartete, daß er auffahren oder ein bißchen Ueberraschung verraten werde; er zog aber nur die Augenbrauen in die Höhe und sagte: »So?« 

»Ich bin bei ihm gewesen, und seine Frau ist ganz allerliebst.«

Mr. Tressider nahm die Pfeife aus dem Munde, sah, daß sie erloschen war, stopfte sie und zündete sie wieder an und stieß drei oder vier dicke Dampfwolken aus.

»Hm!« machte er dabei.

Nun wurde ich aber wirklich ärgerlich.

»John Tressider,« sprach ich, »wenn dies das ganze Interesse ist, das du an deines ältesten Sohnes Verheiratung nimmst, dann solltest du dich was schämen. Wenn du deine Pflicht als Vater gethan hättest – – –«

Ich hatte keine Zeit, meinen Satz zu vollenden, denn in diesem Augenblick trat der Bediente ein und brachte Mr. Tressiders Schlafstubenlicht, das auf meine Anordnung stets auf seinen Tisch gestellt wurde, damit das Gas auf der Treppe ausgedreht werden konnte und nicht seinem Unverstand überlassen zu werden brauchte.

Als der Bediente gegangen war, nahm mein Mann die Zeitung wieder auf und suchte die Stelle, wo er unterbrochen worden war.

»Ich bin froh, daß du sie nett findest,« sagte er, »und ich freue mich, daß er verheiratet ist; das wird ihn vielleicht solid machen. Ich bin der Ansicht, daß es ganz verständig von ihm ist.«

»Daß er sich heimlich verheiratet hat? Du billigst doch solche Heiraten nicht?«

»Nun, sie ersparen einem viel Unruhe, nicht wahr? Es gibt kein Hochzeitsfrühstück, keine Reden zu halten, keine Kosten, keinen albernen Unsinn. Wenn ich 'mal wieder heirate, dann – – –«

Das war mehr, als ich ruhig mit anhören konnte.

»Du wirst doch hoffentlich so anständig sein, zu warten, bis ich tot bin,« entgegnete ich ärgerlich, marschierte aus dem Zimmer und schmetterte die Thür hinter mir ins Schloß.

Er hatte es nicht schlimm gemeint, wie er nachher erklärte, aber ich habe nie einen Mann gekannt, der einen so mit Ueberlegung und Ruhe reizen konnte, wie John Tressider, wenn er's darauf anlegte.

John artet in dieser Hinsicht seinem Vater nach. Auch er kann einen reizen, aber nicht mit Ruhe und Ueberlegung. Er kann sich nicht beherrschen und bringt einen wohl zur Verzweiflung, aber ohne es zu wollen. Selbst die arme, liebe, sanfte Lottie. Aber ihr werdet ja sehen, wie er's trieb und was für dumme Geschichten er anstellte, als ich infolge von Lotties Brief eintraf.

Wie sie alles so ruhig hinnehmen kann, ist mir schleierhaft. Mein Mann sollte sich 'mal so was unterstehen. Ich bin eine langmütige Frau, aber – – –


Siebente Erinnerung.
Die Kartoffelklöße.

Als ich Johns Wohnung erreichte, erwartete ich nach Lotties Brief natürlich, ihn ernstlich krank zu finden, wenn ich mir auch keine großen Sorgen machte, da ich aus Erfahrung wußte, daß sein Jähzorn, so heftig er im Augenblick auch sein mochte, niemals lange anhielt.

Mein ältester Sohn John gehört zu den erregbaren Leuten, die in der einen Minute in gehobener, in der nächsten in niedergeschlagener Stimmung sind, und wenn sie sich in gehobener Stimmung befinden, dann kennt ihre Lustigkeit keine Grenzen ebenso wie ihre Niedergeschlagenheit, wenn das Gegenteil der Fall ist. Ich glaube, ich habe lieber mit derartigen Leuten zu thun, als mit den ruhigen, gelassenen, die, wenn ihnen was schief geht, brummig und schweigsam sind. Ein Mann thut in der Wut verdrehtes Zeug und spricht bittere, scharfe Worte, aber was er thut, ist nicht so unverzeihlich, und was er sagt, nicht so grausam als das, was die gehaltenen Leute thun, die immer Herren ihrer selbst sind und über das ihnen widerfahrene Unrecht in aller Ruhe nachgrübeln. Ich ziehe die Menschen vor, die sich von ihrer Stimmung fortreißen lassen; sie gefallen mir besser. Hätte Mr. Tressider nur ein bißchen mehr Reizbarkeit besessen, ich glaube, es wäre für uns alle besser gewesen.

Aber es gibt eine Grenze, über die hinaus auch Reizbarkeit unerträglich wird, und ich muß zugeben, daß mein Sohn John die Gewohnheit hatte, sich um der geringfügigsten Ursache willen so maßlosen Wutausbrüchen zu überlassen, daß man ihn zu Zeiten für verrückt halten konnte. Ich habe gesehen, wie er im Zimmer umhersprang und schrie und dann gegen die Thür trat oder mit aller Kraft gegen die Wände trommelte. Er behauptete stets, dieses gegen die Thüre Treten oder an die Wände Trommeln bringe ihm Erleichterung für seine mit Gewalt niedergehaltenen Gefühle, und wenn er nicht etwas Derartiges thäte, würde ihn der Schlag rühren.

Jetzt, wo er gegen seine eigene Thür tritt und auf seinen eigenen Wänden herumtrommelt, liegt mir nicht so viel daran. Als aber diese Vorstellungen unter meinem Dache stattfanden, war ich sehr ärgerlich darüber, besonders an einem gewissen Tage. Damals trat er so wütend gegen die Thür meines kleinen Wohnzimmers, daß eine Füllung herausflog. Sein Fuß fuhr hindurch und traf eins von den Dienstmädchen, das augenscheinlich gehorcht hatte, obgleich es behauptete, es sei nur zufällig vorbeigegangen. Da es ein Theebrett trug – es wollte den Nachmittagsthee bringen – stieß John mit dem durch die Füllung gefahrenen Fuß gegen das Theebrett. Natürlich flog alles in die Luft und es gab eine nette Wirtschaft. Der Teppich auf dem Vorplatz war mit Thee und Milch getränkt, die Butterbrötchen lagen überall umher – und wie gewöhnlich mit der Butterseite nach unten.

Das Krachen der zertrümmerten Füllung, das Klirren des zerbrochenen Geschirrs und das Geschrei des erschrockenen Mädchens ernüchterten John ganz gewaltig, und ich glaube, er schämte sich von Herzen, aber ich hätte selbst vor Zorn schreien mögen, als ich meine zertrümmerte Thür und mein zerbrochenes Porzellan erblickte. Ueber diesen peinlichen Vorfall wäre ich mit Stillschweigen hinweggegangen, aber wenn ich über meinen Sohn John die Wahrheit schreiben soll, dann ist es unbedingt notwendig, daß ich auch seine außerordentlichen Wutausbrüche erwähne. Zu Hause machten wir uns nicht viel daraus, da wir daran gewöhnt waren, denn diese Anfälle von Jähzorn waren seit seiner Kindheit ganz charakteristisch für ihn.

Da er niemals weder sich selbst, noch andern ernstlichen Schaden zufügte, nahmen wir die Sache leichter; ich habe ihm indessen doch häufig eindringliche Vorstellungen gemacht und ihn gebeten, sich mehr zu beherrschen, und auch sein Vater that alles, was er konnte, um ihn im Zaume zu halten.

Man wußte nie im voraus, wann ein Anfall kam. Irgend eine harmlose Bemerkung, eine Kleinigkeit ärgerte ihn, und dann arbeitete er sich nach und nach in die Wut. Ich entsinne mich, daß sein Vater eines Abends totenblaß aus dem Comptoir nach Hause kam und die Besorgnis aussprach, es würde noch damit enden, daß John jemand umbringe.

Sein Vater hatte, wie es scheint, etwas gesagt, was John verletzt oder auf irgend eine Weise gereizt hatte, worauf dieser plötzlich, ohne das geringste Vorzeichen im Comptoir umherzutanzen anfing; dann ergriff er die Feuerzange und schlug damit laut heulend auf einen kleinen Tisch los, und als dessen Platte in Stücke ging, schrie er: »So sollen alle meine Feinde verderben!« Darauf warf er die Feuerzange weg, stürzte sich auf den vor dem Kamin liegenden Teppich und riß mit den Zähnen ein großes Stück heraus, wobei er wie ein wildes Tier brüllte.

Dieser Vorfall ist mir so gut in der Erinnerung geblieben, weil es darüber zu einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Manne kam. Er war nicht viel zu Hause und hatte nicht häufig Gelegenheit gehabt, Johns Anfälle zu sehen; deshalb war er jetzt ernstlich über dessen Geisteszustand beunruhigt.

»O, er ist ganz vernünftig,« entgegnete ich auf eine dahin zielende Bemerkung, »es ist nur sein ungezügelter Jähzorn.«

Ein Wort führte zum andern, und schließlich nahm sich mein Mann heraus, anzudeuten, daß John seine Heftigkeit von mir habe. Natürlich verbat ich mir derartige Anzüglichkeiten sehr entschieden und sprach meine Meinung offen aus, und da hatte er die Erbärmlichkeit, mich an etwas zu erinnern, was schon längst hätte vergessen sein müssen, denn es war zu einer Zeit vorgefallen, wo ich ernstlich krank und höchst nervös gewesen war. Und dann bin ich wirklich nicht die erste Frau, die im Aerger ihren Hut zerrissen hat, und es war nicht einmal ein neuer Hut oder einer, woran mir viel gelegen gewesen wäre, denn er stand mir schlecht. Das alles hatte ich bedacht, ehe ich ihn zerriß.

Ich war nicht gesonnen, mich mit einem vor zwanzig Jahren zerrissenen Hut aufziehen zu lassen, ganz besonders da er mit Johns Heftigkeit auch nicht das geringste zu thun hatte, und deshalb erinnerte ich Mr. Tressider an einen andern Vorfall, den zu vergessen er für bequem erachtete, und das war, wie der Vater einer gewissen Familie und das Haupt eines gewissen Hauses eines Tages sechs gekochte Kartoffelklöße beim Essen zum offenstehenden Fenster hinausgeworfen hatte, zur großen Ueberraschung der Vorübergehenden, worunter sich auch ein Schutzmann befand. Ich werde das Schafsgesicht des besagten Familienvaters nie vergessen, als der Schutzmann klingelte und den Herrn des Hauses zu sprechen verlangte. Und als dieser herauskam, da stand der Schutzmann im Flur und hatte einen halben Kartoffelkloß in der Hand während die andre Hälfte ihm auf dem Backen saß und ein Auge bedeckte.

Es war ein ganz schmählicher Auftritt, aber so ärgerlich ich auch war, ich mußte doch lachen, als der arme Mensch, auf sein Gesicht zeigend und den Rest des Kloßes in der Hand haltend, sagte: »Hören Sie 'mal, Sie. Was soll denn das heißen? Das kam aus Ihrem Fenster.«

Der Schutzmann wurde in die Küche geführt und dort von den Resten des Kartoffelkloßes gereinigt; er erhielt einen Schnaps und fünf Schillinge, und als er sich entfernt hatte, ging das Hausmädchen mit Besen und Müllschippe auf die Straße und kehrte die dort umherliegenden Kartoffelklöße zusammen, aber es dauerte lange Zeit, ehe ich aufhörte, meinem Manne Vorstellungen wegen dieses unpassenden Benehmens zu machen. Es war zu lächerlich, noch dazu einer solchen Kleinigkeit wegen. 

Jede Hausfrau wird mit mir übereinstimmen, daß die Speisezettelfrage die schwierigste und unangenehmste im ganzen Haushalt ist. Nichts ist so schwer, als immer Dinge auf den Tisch zu bringen, die die durch ihre Klubs und die Diners im Stadthaus und so weiter verwöhnten Männer zufrieden stellen. Mein Mann nun ißt Kartoffelklöße leidenschaftlich gern, aber ich konnte nicht jedesmal, wenn er zu Hause aß, Kartoffelklöße auf den Tisch bringen. Eines Tages, als wir Blancmanger und gekochtes Obst hatten, brummte er und sagte, Blancmanger sei ihm widerwärtig und er bekäme so gut wie nie Kartoffelklöße. »Nun gut,« entgegnete ich, »ich werde dafür sorgen, daß du nicht wieder Ursache zum Brummen findest,« und gab der Köchin Befehl, jedesmal, wenn Mr. Tressider zu Hause äße, Kartoffelklöße zu machen. Ich dachte, ich wollte ihm das Brummen schon vertreiben, und es gelang mir auch eine Zeitlang. Das erste Mal freute er sich über die Kartoffelklöße, das zweite Mal machte er große Augen, das dritte Mal runzelte er die Stirn, als sie hereingebracht wurden, und als ich sie ihm das vierte Mal vorsetzte, fragte er mich: »Kann ich dir einen geben?«

»Nein, danke,« versetzte ich, »ich esse nicht gern Kartoffelklöße.«

»Dann nehmen Sie sie weg,« befahl er dem Mädchen, und sie wurden unangerührt abgetragen.

Als aber das nächste Mal der Deckel von der Schüssel gehoben wurde und er die Kartoffelklöße sah, wurde er wütend. 

»Wie lange willst du mich denn noch auf diese Weise beleidigen?« fragte er.

»Dich beleidigen, lieber Mann?« entgegnete ich ruhig. »Ich dachte, du äßest Kartoffelklöße so gern, lieber, als irgend etwas andres.«

»Zum Henker mit deinen Kartoffelklößen!« antwortete er (das heißt, er sagte etwas andres als »Henker«), und dann riß er die Schüssel plötzlich an sich und warf einen Kartoffelkloß nach dem andern zum Fenster hinaus, das weit offen stand, weil es an jenem Abend sehr warm war.

»Da!« rief er, als sie alle an die Luft befördert waren. »Nun siehst du, wie gern ich Kartoffelklöße esse, und wenn du sie mir nochmal vorsetzest, geht's gerade so.«

Dann kam der Schutzmann, und der Leser kennt den Rest der Geschichte.

An dieses Benehmen erinnerte ich Mr. Tressider, als er die Kühnheit hatte, anzudeuten, daß John seine Heftigkeit von mir habe. Er schwieg sofort still; das thut er immer, wenn ich ihn an die Kartoffelklöße erinnere, aber ich habe ebensoviel Recht, seine Kartoffelklöße vorzubringen, wie er meinen Hut. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn wir beides unerwähnt gelassen hätten, denn da John damals noch Kittelchen trug, sind wahrscheinlich weder die Kartoffelklöße, noch der Hut auf die Entwickelung seines Gemütes von Einfluß gewesen.

Ihr werdet leicht begreifen, daß diese Dinge (nicht die Kartoffelklöße, sondern Johns jugendliche Leistungen in Hinsicht auf Wutanfälle) mir sehr viel Sorgen machten, als er heiratete und die Pflichten eines Familienvaters übernahm. Sein Glück lag mir am Herzen, aber ich wünschte auch, daß er seine Frau glücklich machen solle, und kurz nach unsrem ersten Zusammensein erzählte ich dem lieben Kinde, wie sonderbar John manchmal sei, und bat sie, sich nicht allzusehr zu beunruhigen, wenn einmal ein Ausbruch erfolge.

»Widersprich ihm nicht, wenn er so ist,« riet ich ihr, »sondern laß ihn einfach austoben. Widerspruch ist Atemverschwendung, und wütende Menschen klammern sich an jedes Wort, um sich noch mehr in Wut zu reden. Das heißt nur, Oel ins Feuer gießen. Früher, als die Männer noch Männer waren, genügte vielleicht ein ruhiges Wort, sie zu besänftigen, aber nach meiner Erfahrung bilden sie sich ein, sie hätten einem angst gemacht, wenn man ihnen antwortet, und dann geht's erst recht los.«

Lottie versprach mir, sie wolle sich nicht fürchten, aber das liebe kleine Gänschen war zu Tode geängstigt, als sie John zum erstenmal in Wut sah. Es hatte etwas in einer Zeitung gestanden, eine Besprechung einer von ihm geschriebenen Geschichte, und die hatte er gelesen. Lottie erzählte mir, er sei in der Nacht nicht wohl gewesen; er habe heftige Magenschmerzen gehabt, weil er in einer Gesellschaft am Abend vorher Lachsmayonnaise und Hummersalat, und hinterher Punschtorte gegessen habe, die er leidenschaftlich liebte. Morgens beim Erwachen hatte er ihr gesagt, er habe furchtbare Träume gehabt und fühle sich sehr elend. Die liebe, gute Lottie war aufgestanden und hinuntergegangen, um ihm eigenhändig eine Tasse guten, starken Thee zu bereiten, weil er der Ansicht war, daß Dienstboten nicht verständen, Thee zu machen; sie nähmen nie richtig kochendes Wasser dazu (was sehr wahr ist), und das gräßliche Getränk, das einem bei Bekannten manchmal als Thee vorgesetzt wird, bringt mich auf die Vermutung, daß sehr wenig Leute eigentlich wissen, wie guter Thee zubereitet werden muß. Um guten Thee zu machen, muß das Wasser richtig kochen, nicht bloß heiß sein, und dann sollte man ihn ein paar Minuten mit einer Kannenhaube bedeckt stehen lassen. Thee erhält nie den richtigen feinen Geschmack, wenn man nicht die Kanne einige Zeit mit der Kannenhaube bedeckt. Das wahre Geheimnis einer guten Tasse Thee liegt im kochenden Wasser und der Kannenhaube. Als der Thee fertig war, hatte Lottie ihn hinaufgetragen und außer den Briefen unglücklicherweise auch die Zeitung mitgenommen. Sie meinte, das würde ihn veranlassen, liegen zu bleiben, und das wäre das beste für ihn.

Er sagte, sie sei ein vollkommener Engel, und sie ging ganz glücklich hinunter, um nun auch selbst zu frühstücken, aber als sie wieder hinaufkam, war sie entsetzt. Er sprang im Zimmer umher, drohte irgend einer eingebildeten Person mit den Fäusten und schimpfte ganz furchtbar.

Als dies etwa zehn Minuten gedauert hatte, wobei er die gräßlichsten Gesichter schnitt, stürzte er sich plötzlich aufs Bett, ergriff die Zeitung, warf sie zu Boden und trampelte darauf herum. Dann hob er sie wieder auf und zerriß sie in kleine Fetzen, die er im ganzen Zimmer verstreute.

»Ach, du barmherziger Himmel!« rief die arme Lottie. »Was gibt's denn? Was fehlt dir denn?«

»Was es gibt?« schrie er. »Irgend ein Schuft, ein Halunke, ein giftgeschwollenes Reptil hat sich unterstanden, zu sagen, meine letzte Geschichte in der ›Heuschrecke‹ sei gestohlen. O, wenn ich den elenden Hund nur hier hätte, der das geschrieben hat, ich massakrierte ihn, ich zerhackte ihn zu Frikasseestücken und trampelte auf jedem einzelnen herum. Ich nähme ihn am Halse und würfe ihn zum Fenster hinaus, daß er sich auf dem eisernen Gitter aufspießte, und dann ließe ich ihn dort elend verrecken, und wenn er beinahe tot wäre, dann spuckte ich ihm noch ins Gesicht. So!«

Die arme Lottie sagte, sie wäre vor Entsetzen fast zu Boden gefallen, als John vor ihr gestanden und gezischt habe wie ein Wahnsinniger. Glücklicherweise bemerkte er selbst, wie sehr er sie erschreckt hatte, und da sie noch nicht an sein Wesen gewöhnt war, that er sich Gewalt an und trat ruhig zu ihr.

»Du brauchst keine Angst zu haben,« sprach er, »ich habe mich ausgetobt und fühle mich jetzt besser. So bin ich immer, wenn meine Leber nicht in Ordnung ist.«

»Ach, du lieber Gott!« antwortete Lottie, »dann will ich nur hoffen, daß das nicht oft der Fall sein möge.« 

»Es wird wohl die schreckliche Lachsmayonnaise und die Punschtorte von gestern abend gewesen sein,« entgegnete John. »Ich war ein Dummkopf, daß ich davon gegessen habe, aber ich habe keine Willenskraft. Es ist ganz schrecklich; sowie ich Lachsmayonnaise und Punschtorte sehe, ist meine Willenskraft rein futsch! Aber von jetzt an werde ich eine strenge Diät beobachten und das Rauchen aufgeben; beunruhige dich nicht weiter, kleines Frauchen, ich bin jetzt wieder ganz in Ordnung.«

Abgesehen von gelegentlichen Anfällen von Niedergeschlagenheit ging auch einige Wochen alles gut. Wenn diese kamen, sagte er, er möchte am liebsten tot sein, und ob Lottie etwas dagegen einzuwenden hätte, wenn er sich verbrennen ließe, denn ein Sarg sei so furchtbar eng, und er wisse im voraus, daß er das Bedürfnis haben werde, sich umzudrehen. Er habe nie vertragen können, auf dem Rücken zu schlafen, und was dergleichen Zeug mehr war. Wir zu Hause waren an seinen Unsinn gewöhnt; Lottie aber hatte das Gefühl, wie sie mir später gestand, als ob sie mit einem Wahnsinnigen allein in einer Polsterzelle sei und versuchen müsse, ihn zu beruhigen, bis der Wärter käme.

Als ich das nächste Mal mit John zusammen war, sprach ich ernsthaft mit ihm und bat ihn, zu versuchen, sich doch etwas mehr zu beherrschen, wobei ich ihn darauf aufmerksam machte, daß sein ungewöhnliches Benehmen seine liebe Frau sehr bekümmere.

»O, das ist alles in Ordnung, liebe Mutter,« antwortete er. »Ich weiß, daß ich manchmal ein bißchen excentrisch bin, aber es geht immer rasch vorüber. Ich habe Lottie gesagt, sie solle es gar nicht beachten, sondern mich nur allein damit fertig werden lassen. Es kommt nur, wenn meine Leber nicht in Ordnung ist, und dann thut mir ein bißchen Toben gut. Das bringt die Galle heraus.«

»Aber, mein lieber Junge, es macht uns alle, die wir dich lieb haben, sehr unglücklich. Wenn du fühlst, daß die Wut dich übermannen will, darfst du nicht vergessen, daß du einem liebenden Herzen wehe thust, und liebende Herzen sind in dieser Welt viel zu selten, als daß man sie nicht mit der größten Schonung behandeln sollte, wenn man sie gefunden hat. Ich weiß, daß ich in deinen Augen oft eine thörichte alte Frau bin, aber wenn wir nicht an andre, sondern immer nur an uns selbst denken, dann, verlaß dich darauf, mein lieber Junge, werden wir nie glücklich.«

»Aber, liebe Mutter,« entgegnete er, »du wirst ja der reine Philosoph; du meinst doch nicht, daß ich Lottie absichtlich quäle?«

»Nein, nicht absichtlich; aber vergiß nicht, was der Dichter sagt,« (Dichternamen habe ich nie behalten können): ›Die Wunden, die Gedankenlosigkeit uns schlägt, sie schmerzen tiefer oft, als die aus bösem Herzen kommen!‹ Mancher Frau Herz ist gebrochen worden, ohne daß es beabsichtigt war.«

»Liebe Mutter, du nimmst die Sache viel zu ernst,« versetzte John. »Wie du sprichst, könnte man wirklich glauben, ich wäre ein Blaubart, König Heinrich der Achte und der Kalif aus Tausend und einer Nacht in einer Person.«

»Das ist auch eine nette Gesellschaft,« erwiderte ich, und John lachte und fing von andern Dingen an zu sprechen, allein ich hoffte, daß meine Worte doch einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht hätten.

Die Sache ging lange Zeit gut, und Lottie war ganz heiter. Es gelang ihr, John abends zu Hause zu halten; statt daß er bis in die späte Nacht hinein im Klub saß und rauchte, auch überredete sie ihn, das häufige Essen in Wirtschaften aufzugeben. Seine Stimmung war entschieden besser, so daß ich schon zu hoffen anfing, er werde ein verständiges menschliches Wesen werden, als ich eines Tages den oben erwähnten Brief erhielt. In Camberwell angelangt, fand ich Lottie tief unglücklich.

»O, mein liebes Kind!« sprach ich, »es thut mir zu leid. Was hat's denn diesmal gegeben!«

»Ich weiß es nicht genau,« antwortete sie, »aber er ist so sonderbar gewesen, seit er vor drei Abenden auswärts gegessen hat. Er war mit einem Bekannten im Theater, und hat nachher Hummer gegessen und Champagner getrunken. Er habe gleich gewußt, daß er dafür büßen müsse. Ich sagte ihm, es sei sehr thöricht, und ich könne nicht begreifen, wie ein vernünftiger Mensch so handeln könne, wenn er wisse, daß es ihm schlecht bekomme.«

Sowie mir Lottie von Hummer und Champagner erzählte, wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Die schwache Verdauung hat er von der Familie seines Vaters geerbt. Eine von Mr. Tressiders Tanten hat zwanzig Jahre nichts essen dürfen als trockenes geröstetes Brot und gekochte Seezungen, und ein andrer Verwandter, ein Vetter, schleppte immer eine galvanische Batterie mit sich herum und versetzte sich beim Essen zwischen den einzelnen Gängen elektrische Schläge. Ich lud ihn nicht gern zum Essen ein, besonders, da er über weiter nichts sprach, als über seine Leiden, und immerzu stöhnte. Mit seiner Batterie unter dem Stuhle, einer Flasche irgend eines Verdauungsweines neben sich und Wismutpastillen rings um seinen Teller, war er nicht gerade, was ich einen angenehmen Tischgast nenne.

Anfangs lud ich ihn aus Höflichkeit ein, besonders auch, weil er reich war und eine große Vorliebe für meinen jüngsten Sohn Tommy gefaßt hatte, aber nach einiger Zeit fing er an, seine Kränklichkeit zu mißbrauchen und sich allerhand herauszunehmen. Eines Tages ließ er mir sogar sagen, was er gern zum Essen haben wolle, und da die von ihm genannte Hauptschüssel spanische Zwiebeln in Milch gekocht war, hielt ich es für an der Zeit, der Sache einen Riegel vorzuschieben, und sagte Mr. Tressider ordentlich meine Meinung über seinen magenkranken Vetter. So 'ne Idee! Ich soll spanische Zwiebeln in Milch gekocht bei einem Diner als Hauptgericht geben!

John hatte mit seiner Verdauung zu kämpfen (ich meine John junior), Mr. Tressider dagegen kann alles essen, und ich bin Zeuge gewesen, wie er nach dem Theater sechs Dutzend Austern zum Abendessen verzehrt hat, und die Massen von Hummern und Seemuscheln, die er zu vertilgen pflegt, wenn wir uns am Meere aufhalten, ist geradezu unglaublich, aber seine schlechte Verdauung hat John doch von der väterlichen Seite der Familie.

»Nun, das hat er allein sich selbst zu verdanken,« sagte ich, als Lottie mir von Hummer und Champagner erzählte. »Warum ißt er Dinge, wovon er weiß, daß sie ihm schlecht bekommen!«

»Er sagt, es wäre Mangel an Willensstärke – er sei einem Hummer gegenüber schwach wie ein Kind.«

»Mangel an Willensstärke!« rief ich ärgerlich. »Mangel an Papperlapapp! Wo ist er denn jetzt?«

»Ach, das weiß ich nicht, und das ist's ja gerade, was mich so unglücklich macht. Als er entdeckte, daß ich an dich geschrieben hatte, wurde er furchtbar wütend und sagte, er wolle ausgehen, einen tollen Hund suchen und sich beißen lassen, und dann wolle er seinen Leichnam der Anatomie vermachen, damit er der Welt nach seinem Tode noch etwas nütze.«

Ich mußte lächeln, ich konnte nicht anders, es war zu albern.

»Liebes Kind,« antwortete ich. »Du mußt das gar nicht beachten. So einfältige Reden hat er schon als Kind geführt. War's sehr schlimm diesmal?«

»O, fürchterlich! Gestern morgen ist er um sieben aufgestanden und in den Garten gegangen, und da hat er einen Regenwurm ausgegraben und gestreichelt und gesagt, das wäre das einzige Wesen, das ihn liebte. Natürlich weinte ich darüber, und darauf sprach er, ich solle nicht weinen, denn er habe sein Testament gemacht und mir alles vermacht, mit Ausnahme des Hundehauses und der Kohlenschaufel. Du solltest das Hundehaus und Vater die Kohlenschaufel haben, um sie auf ewige Zeiten zur Erinnerung an ihn aufzubewahren.«

»Oho!« rief ich, denn mir riß die Geduld, »er soll mir nur kommen, ich werde ihn behundehausen!«

»Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste,« fuhr Lottie fort, und die Thränen traten ihr wieder in die Augen. »Weißt du, was er gestern gethan hat?«

»Wenn er so ist, traue ich ihm alles zu. Was hat er denn angestellt?«

»Wir saßen beim Essen, und ich hatte Kartoffelklöße gemacht, weil ich weiß, daß er sie gern ißt.«

»Darin gleicht er seinem Vater,« warf ich ein, »Kartoffelklöße sind dessen Leibgericht.«

»Ja, das weiß ich, und deshalb hatte ich sie auch selbst gemacht, daß sie recht schön und locker sein sollten, und – kannst du's glauben? – als sie auf den Tisch kamen, sprang er auf und schrie.

»Was gibt's denn?« fragte ich.

»Was es gibt?« rief er. »Mord und Totschlag gibt's. Du willst mich augenscheinlich umbringen, um einen andern heiraten zu können. Wie kann man einem Menschen, der so auszuhalten hat, wie ich, Kartoffelklöße vorsetzen!«

»Und ehe ich wußte, was er vor hatte, nahm er die Kartoffelklöße und warf sie zum offenen Fenster hinaus«

»Sag mir 'mal,« rief ich aufspringend, »hat er einen Schutzmann getroffen?«

»Nein, er warf sie zum Hinterfenster hinaus, und die Köchin, die im Garten war, bekam fast Krämpfe. Sie behauptet, der Herr wäre ganz bestimmt verrückt, und will nicht mehr bleiben. Sie hat einen Monat Lohn verlangt und will morgen abend gehen. Ach, du lieber Gott, was soll ich nur anfangen?«

Ich tröstete meine arme Schwiegertochter, so gut ich konnte, und während ich versuchte, sie etwas aufzumuntern, kam das Ungeheuer herein, und – wollt ihr's glauben? – er lachte! Er lachte wirklich und sagte, er habe sich ausgetobt und fühle sich viel wohler. Durch Herumtanzen habe er den Hummer von seiner Brust herunter gebracht.

Als ich die beiden nach einiger Zeit verließ, war der Friede hergestellt, und sie spielten im Garten Federball, aber als Mr. Tressider an jenem Abend seine Cigarre rauchte und die Times las, ging ich zu ihm.

»John Tressider,« sagte ich, »die Sünden der Väter werden an den Kindern heimgesucht. Dein ältester Sohn hat Kartoffelklöße zum Fenster hinausgeworfen!«

Nie in meinem Leben habe ich einen so erstaunten Mann gesehen.

Einen Augenblick blieb ihm der Atem stehen, dann trat er feierlich vor mich hin, legte mir leise die Hände auf die Schultern und sah mir voll ins Gesicht.

»Jane Tressider,« rief er mit einem Blick gen Himmel aus, »laß uns unsrem Schöpfer danken, daß er nicht auch seinen Hut zerrissen hat!«

Kann man sich etwas Herzloseres vorstellen, als eine bekümmerte Mutter in einem solchen Augenblick an etwas zu erinnern, das längst vergessen sein sollte? Aber Männer sind eben nicht wie Frauen; sie besitzen kein Zartgefühl.


Achte Erinnerung.
Oben auf dem Omnibus.

Meine zweite Tochter Maud war, wie ich schon erwähnt zu haben glaube, die Schönheit der Familie. Sie hat ihr einnehmendes Aeußere von meiner Seite geerbt und gleicht mir mehr als irgend ein andres meiner Kinder, obschon ich das vielleicht nicht aussprechen sollte. Wenn ich mich 'mal zufällig im Spiegel sehe, wird es mir schwer, zu glauben, daß ich dereinst ein schönes Mädchen war und John Tressiders Aufmerksamkeit erregte, als er oben auf einem Omnibus an meines Vaters Hause vorbeifuhr.

Wie es scheint – er hat es mir später so erzählt – blickte ich eben über den Fenstervorsetzer im Wohnzimmer und sah zu, wie sich zwei Hunde in der Straße rauften. In dem Augenblick schaute Mr. Tressider, damals ein hübscher junger Mann, von seiner Zeitung, die er auf dem Wege nach der City las, in die Höhe.

Es war bei ihm ein Fall von »Liebe auf den ersten Blick«. »Was für ein reizendes Geschöpf!« rief er aus und träumte den ganzen Tag von mir. Am Abend ging er zu Fuß nach Hause, statt den Omnibus zu benutzen, und nahm seinen Weg durch unsre Straße, bis er unser Haus wiedererkannte, und das Glück – oder ich sollte vielleicht sagen: das Schicksal! – wollte es, daß ich wieder über den Vorsetzer guckte, gerade als er stehen blieb, um sich unsre Hausnummer auf seiner Manschette aufzuschreiben.

Unsre Augen begegneten sich, und als ich einen jungen Mann erblickte, der mich fest ansah – um nicht zu sagen, anstarrte – schlug ich die meinen nieder und trat vom Fenster zurück.

Wie wenig ließ ich mir träumen, daß ich meinen zukünftigen Gatten gesehen hatte, aber so war es. Nachdem er sich meine Wohnung aufgeschrieben, ging Mr. Tressider in einen Fischladen, der gleich um die Ecke lag, und kaufte ein paar Seezungen, die er, wie er mir nachher erzählte, in die Tasche steckte und vergaß. Er hatte seinen Ueberrock in den Schrank gehängt und nicht wieder getragen, da warmes Wetter eintrat, und erst, als die Leute im Hause sich über den Gestank nach faulen Fischen zu wundern und zu beklagen anfingen, fielen sie ihm wieder ein. Der arme Mensch! Er war verliebt, und da kann man auch ein paar Seezungen in der Ueberrockstasche vergessen.

Er kaufte die Fische nur, um einen Vorwand zu einer Unterhaltung mit dem Händler zu haben, und fragte ihn, ob er wisse, wer Nummer 17 (unsre Nummer) wohne, denn er wollte natürlich gern meinen Namen wissen. Als er ihn in Erfahrung gebracht hatte, ging er nach Hause und zerbrach sich den Kopf, auf welchem Wege er eine Einführung bei uns erlangen könne.

Ein Mädchen zu lieben, das man nicht kennt, ist sehr schlimm, denn das wirkliche Leben ist nicht so, wie es in alten Balladen und Romanen geschildert wird. In unserm neunzehnten Jahrhundert kann sich ein junger Mann nicht in den Vorgarten stellen und die Guitarre spielen, und es gibt auch keine hübschen Pagen, durch die er Billetdoux schicken könnte, und wenn es solche gäbe, wäre ich noch lange nicht das Mädchen gewesen, auf so etwas einzugehen.

Er sah also ein, daß eine förmliche Vorstellung unbedingt notwendig sei, aber er fand unter allen seinen Freunden niemand, der uns kannte, was nicht sehr zu verwundern ist, denn wir waren erst vor kurzem vom Lande nach London gezogen. Alles, was er thun konnte, war demnach, jeden Tag bei uns vorbeizufahren und nach unsern Fenstern zu schielen, in der Hoffnung, daß ich 'mal wieder über den Vorsetzer im Wohnzimmer sähe. Das war eins von den niedrigen Dingern aus Drahtgaze, wie sie in meinen jungen Jahren Mode waren, die man jetzt aber nur noch selten zu sehen kriegt.

Manchmal war ich da, manchmal nicht. Ich glaube nicht, daß ich ihn bemerkt haben würde, wenn er nicht eines Tages den Hut abgenommen hätte; wobei er so furchtbar rot wurde, daß ich es trotz des Nebels sehen konnte.

»So 'ne Unverschämtheit!« sagte ich zu mir selbst, aber danach war ich – wie es kam, weiß ich selber nicht – fast immer am Fenster, wenn der Neunuhrdreißig-Omnibus der Favoritlinie vorbeifuhr, und natürlich mußte ich sehen, wer obenauf saß, und das war stets der hübsche, junge Mann.

Den Hut nahm er nicht wieder ab, weil ich seinen Gruß nur mit einem eiskalten Blick erwidert hatte, aber er errötete jedesmal, und zuletzt, als ich sah, daß er sah, daß ich ihn gesehen hatte (du meine Güte! Was für ein Stil! Aber ich bin eben keine Schriftstellerin von Beruf), entdeckte ich, daß ich ebenfalls errötete.

Meine Ueberraschung und Verlegenheit könnt ihr euch vorstellen, als ich bei einer kleinen Tanzgesellschaft drüben in Peckham, die wir besuchten, im ersten Menschen, den ich beim Eintritt erblickte, den hübschen jungen Mann vom Omnibus erkannte.

Viele Jahre sind seitdem vergangen, meine Kinder sind um mich her herangewachsen, und kleine Enkel klettern mir auf den Schoß und nennen mich Großmama, aber wie ich so dasitze und im ersterbenden Abendrot eines Sommertages diese Erinnerungen niederschreibe, sehen meine Augen durch die darin emporsteigende Feuchtigkeit, und ich erschaue mich als glückliches, errötendes Mädchen. Ach, die lieben alten Tage, wo alles so freundlich und so schön aussah, wo die Welt so hell vor uns lag! Ich kann mich erblicken, wie ich an jenem Abend aussah, in meinem weißen Muslinkleid mit dem kurzen Leibchen, der hübschen rosa Schärpe, den Tanzschuhen mit den Kreuzbändern und meinen langen gewebten Handschuhen, die mir über die Ellbogen reichten. Du liebe Zeit! Wer hätte wohl gedacht, daß ich eines Tages eine arme, abgehetzte Schwiegermutter sein würde, mit Rheumatismus und Gicht und schlimmen Kopfwehtagen und Kindern, über die ich mich fast zu Tode sorge, denn einige davon sind gar zu zart. Und wer hätte wohl gedacht, daß der hübsche junge Mann vom Omnibus, der immer so rot wurde, wenn seine Blicke den meinigen begegneten, eines Abends nach Hause kommen und Kartoffelklöße zum Fenster hinauswerfen würde?

Etwas Derartiges habe ich sicher nicht erwartet, als ich zitternd und errötend den sich lächelnd verbeugenden jungen Mann vom Omnibus vor mir stehen sah. Er wurde mir vom Sohne des Hauses als Mr. John Tressider vorgestellt und bat mich um die Ehre des nächsten Tanzes.

Was ich antwortete, weiß ich nicht mehr, aber es muß wohl wie ja gelautet haben, denn als die junge Dame am Klavier anfing, eine Quadrille zu spielen, trat ich mit Mr. Tressider in die Reihe, und als der Augenblick kam, wo der Tänzer seinen Arm um die Dame legt, da fiel mir plötzlich ein, daß er mich bemerkt, wie ich ihn über den Fenstervorsetzer angesehen hatte, und ich wurde feuerrot.

Trotz meiner begreiflichen Verwirrung ging aber alles ganz gut. Er war sehr nett und spielte nicht einmal auf den Omnibus und den Fenstervorsetzer an, was mir eine große Beruhigung war. Er erzählte mir, die Leute, die den kleinen Ball gaben, seien sehr alte Freunde von ihm, und nachdem der Tanz vorüber war, stellte er mich seiner ebenfalls anwesenden Schwester vor. Meine Mama gesellte sich zu uns und nahm an der Unterhaltung teil, und wir fanden, daß unsre besten Freunde in London, die Smiths, auch Freunde seiner Familie waren.

Wir tanzten noch einige Tänze zusammen, und er führte mich auch zu Tische, und da ich eine Landpomeranze war, erschien es mir, als ob ich im Feenreiche sei, und war über alles entzückt. Ich betrachtete ihn immer verstohlen von der Seite, wenn er nicht nach mir hinsah, und jedesmal kam er mir hübscher vor als das letzte Mal. Wir zogen auch Knallbonbons zusammen auf, und er war sehr unartig, denn er bestand darauf, die Verse, die wir darin fanden, laut vorzulesen. Einer hieß: »Wer hat je geliebt und kennt nicht Liebe auf den ersten Blick?« und das war, wie ich später erfuhr, von einem Dichter Namens Marlowe, der schon vor Shakespeare gelebt hat; damals aber glaubte ich, der Zuckerbäcker sei der Verfasser, und ich sagte, es sei ein ganz hübscher Gedanke.

Darauf sah mir Mr. Tressider mit einem schelmischen Blick in die Augen und fragte mich: »Glauben Sie das auch?« und ich antwortete: »Ich weiß wirklich nichts davon.« Nun forderte er mich auf, ein wenig Champagner zu trinken, und winkte einen Bedienten herbei, doch ließ ich mein Glas nur zur Hälfte füllen, weil ich nicht an Champagner gewöhnt war. In jenen Tagen gab es in so kleinen Gesellschaften, wie die war, wo ich John Tressider kennen lernte, nur zwei Sorten Champagner, rosa oder weißen, und so großartige Namen, wie er heute hat, waren unbekannt. Ich weiß noch, als ob es gestern gewesen wäre, wie der Bediente herbeikam, in jeder Hand eine Flasche, und mich leise fragte: »Rosa oder weiß, Miß?«

Fünfunddreißig Jahre sind seit jenem Abend dahingegangen, aber ich sehe ihn noch vor mir, und mein altes Herz klopft schneller, wenn ich an John Tressider denke, wie er an der Thür stand und das Lampenlicht auf seinem lockigen Haare spielte, und wie er Mama und mich zum Wagen begleitete und sich verbeugend und uns nachsehend stehen blieb, als wir davonfuhren. 

»Was für ein angenehmer junger Mann!« sagte meine Mutter.

»Findest du?« antwortete ich, als ob ich es kaum der Mühe wert gefunden hätte, ihn anzusehen.

War das nicht recht schlecht von mir?

Ach! Der schöne Traum der ersten Liebe! Warum erwachen wir daraus und finden, daß es nur ein Traum war? Nun, ich darf mich nicht beklagen, ich habe viel Segen erfahren dürfen, und wenn man auch manchmal Geduld mit ihm haben muß, so ist John Tressider doch kein schlechter Gatte und Vater gewesen, wie eben Gatten und Väter heutzutage sind, und meine lieben guten Kinder sind eine große Freude für mich, trotz der vielen Sorgen und Angst, die sie mir gemacht haben. Nun habe ich meine Enkelkinder, die lieben Würmer, und wenn sich mir ein Paar Kinderärmchen um den Hals legen und ich fühle ein Paar Kinderlippen auf der Wange, dann weiß ich, daß ich nicht umsonst gelebt und gelitten habe.

Aber ich glaube wirklich, die glücklichste Zeit meines Lebens war die, die unmittelbar auf diese Gesellschaft folgte, denn ich wußte, daß John Tressider mich liebte. Jetzt, wo wir einander vorgestellt waren, konnte ich natürlich seinen Gruß erwidern und ihm zulächeln, das war nun nicht mehr unpassend. Es dauerte nicht lange, da trafen wir uns wieder bei der Familie Smith. Dort wurde Johns Mutter mit der meinen bekannt, und von da an standen unsre beiderseitigen Familien auf ganz freundschaftlichem Fuße und besuchten einander, und eines Tages gestand mir John, er habe mich geliebt seit dem ersten Augenblick, wo er mich vom Verdeck des Omnibus' gesehen habe, wie ich über den Fenstervorsetzer hinwegschaute. Und als er mich darauf fragte, ob er mir nicht allzu widerwärtig sei, was konnte ich da antworten? Ich wies ihn sogleich an meine liebe Mutter, mein Papa zog Erkundigungen über seine Verhältnisse ein, und sowie meine Eltern zufriedengestellt waren, verlobten wir uns.

Das ist alles so lange her, so sehr lange, und nun bin ich eine alte Frau (obgleich ich thatsächlich gar nicht so aussehe und auch in meinem Wesen nicht alt bin), und John Tressider, der sich sehr gut gehalten hat, namentlich was seine Gesichtsfarbe und Haar anlangt, obschon dieses nicht mehr ganz so braun ist als damals, sitzt bis in die ersten Morgenstunden auf und liest die Times und kommt kalt wie ein Frosch zu Bett und nimmt das Leben so leicht und sorglos und überläßt allen Aerger im Hause und mit den Dienstboten und der Familie und den Schwiegersöhnen und -Töchtern mir.

Manchmal, wenn ich einen von meinen Kopfwehtagen habe und geärgert worden bin, dann sage ich zu meinen Kindern: »Ach, meine Lieben, wartet es nur erst ab, bis ihr durchgemacht habt, was ich durchgemacht habe. Mir zu sagen, ich solle mir keine Sorgen machen, ist ganz schön, aber meine Nerven sind vollkommen zerrüttet, und ich werde eine alte Frau.« Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich nie ein munteres, junges Mädchen gewesen sein könnte, das für sehr schön galt, aber es hängt ein Bild von mir im Eßzimmer, das gemalt wurde, als der kleine John drei Jahre alt war, und wer es sieht, kann sich überzeugen, daß es keine leere Prahlerei ist, wenn ich sage, daß Maud ihre Schönheit von mir geerbt hat.

Ich bin als junge Mutter dargestellt, mit einer Rose in meinem üppigen schwarzen Haare, das nach der Mode jener Zeit zurückgekämmt ist, und mein kleiner John im Kittelchen liegt in meinem Schoße und hält ein paar Kirschen in der Hand.

Wie oft rufen Leute, die das Bild sehen, aus: »Was für eine schöne Dame!« und wenn ich ihnen dann erkläre: »Das ist ein Bild von mir,« dann antworten sie: »Wirklich? Wie schön müssen Sie gewesen sein!« in einem Tone, der andeutet, daß sie es meinem gegenwärtigen Aussehen nach nicht geglaubt hätten. Aber es ist doch der Fall, und meine Tochter Maud gleicht mir in hohem Grade, obgleich ihr Profil mehr dem der Kaiserin Eugenie, wie sie noch jung war, ähnelt.

Maud war schon als Kind ganz außerordentlich hübsch, und alle Welt meinte, sie werde zu einem schönen Mädchen heranwachsen, und wir mußten sehr vorsichtig sein, sie nicht allzu offen bewundern zu lassen, damit sie nicht eitel werde.

Als Kinder hatten meine beiden ältesten Töchter immer die großartigsten Vorstellungen. Wie oft habe ich heimlich lachend zugehört, wenn sie sich aus Tischtüchern, die sie sich umbanden, Hofschleppen gemacht hatten, Arm in Arm im Garten umherstolzierten und sich Lady Eveline und Lady Araminta nannten.

Weiß der Himmel, wo sie ihre Vorstellungen herhatten oder solche Namen hörten, wenn nicht von den Dienstboten, die das Londoner Journal lasen und wohl in ihrer Gegenwart davon gesprochen haben mögen. Wenn man spielenden Kindern zuhört, muß man sich über die sonderbaren Ideen wundern, die sie auflesen, ebenso wie über die wunderbaren Ansichten darüber, was sie werden wollen. Alle meine Jungen hatten sich schon in früher Kindheit für den Beruf eines Omnibuskutschers oder Eisenbahnschaffners entschieden, nur Tommy wollte Maler werden und reizende Bilder auf den Bürgersteig malen, wie der alte Mann, der in Hampstead Road zu sitzen pflegte und Proben seiner Kunst aufs Pflaster zeichnete. Tommy begann seine Künstlerlaufbahn, als er sieben Jahre alt war und einen kleinen Farbenkasten zum Geburtstag erhalten hatte. Ich werde nie den Schreck vergessen, den ich empfand, als ich einst, von einem Besuch zurückkehrend, entdeckte, daß er ins Wohnzimmer geraten war und begonnen hatte, die Thür mit einem Landhause, wie er es sich vorstellte, in blau und grün, mit schwarzem Rauch, der aus drei ziegelroten Schornsteinen kam, zu verzieren.

Da sie im Spiele oft große Damen vorstellten, fingen die Jungen an, ihre Schwestern damit zu necken, und nannten Maud Lady Araminta, welcher Name dann an ihr hängen blieb. Sie war durchaus kein eitles Mädchen, aber ein sehr empfindsames und nervöses Kind. Ihre Leiden begannen erst, als sie erwachsen war und ihre Brüder das arme Mädchen mit seinen Liebhabern zu Tode quälten.

Von dem Herrn mit dem roten Schnurrbart und der Baßposaune habe ich schon erzählt. Danach kam ein Witwer, den wir schon seit vielen Jahren kannten. Er war sehr aufmerksam gegen Maud, aber wir dachten natürlich nie im Traume daran, daß er sich in sie verlieben würde, obgleich ihre Brüder sie mit ihm neckten und sie Nummer zwei nannten. Sie trieben die Sache so arg, daß das arme Mädchen manchmal bei Tisch zu weinen anfing, aber sie wurde nie heftig.

Eines Tages kam mein Mann zu mir und teilte mir mit, Mr. Briggs habe mit ihm gesprochen und ihn gefragt, ob er ihm gestatte, sich um Maud zu bewerben, und ob er glaube, daß sie genug Neigung für ihn empfinden könne, um ihn zu heiraten.

Ich schlug die Hände überm Kopfe zusammen, als ich das hörte.

»Wie, der Mann muß toll sein, wenn er sich einbildet, daß wir etwas Derartiges zugeben würden,« sagte ich.

Er war sehr reich, aber wenigstens fünfzig alt und hatte einen erwachsenen Sohn und eine Tochter, die mindestens ebenso alt war als Maud. Ich ließ diese in mein Zimmer kommen und teilte ihr die Sache mit.

»Mein Kind,« sprach ich, »hast du Mr. Briggs lieb? Ich meine, lieb genug, um seine Frau zu werden?« 

Das liebe Mädchen machte einen Augenblick ein ganz possierliches Gesicht und brach dann in Lachen aus.

»O Mama,« rief sie, »du willst doch nicht sagen, daß er dir gesagt habe, er liebe mich?«

Ich erzählte ihr, er habe mit ihrem Vater über diese Angelegenheit gesprochen, und sie schien ganz überrascht – offenbar hatte sie nie an etwas Derartiges gedacht.

Wir gaben Mr. Briggs eine höflich dankend ablehnende Antwort, und damit war die Sache zu Ende. Er blieb eine Zeitlang aus unsrem Hause fort und erschien erst wieder, als er uns seine zweite Frau vorstellen konnte, eine Dame, die in Hinsicht ihres Alters viel besser für ihn paßte, als unsre süße Maud.

Auch der nächste Bewerber um ihre Hand war wieder ein alter Witwer. Es war wirklich zu sonderbar, daß sie eine solche Anziehungskraft für alte Herren besaß.

Sein Name war Johnson und seine Töchter waren Schulgefährtinnen Sabinens und Mauds. Sie waren eng befreundet, so daß sie sich gegenseitig häufig besuchten. Der alte Mr. Johnson vollführte die unglaublichsten Dinge, wie mir meine Mädchen erzählten. Er kam manchmal als Admiral oder General verkleidet in die Stube, und einmal sogar als Clown, und da hatte er in richtigen Clowntone gerufen: »Komm sie rein, komm sie rein in die gute Stube!« so daß die Mädchen halb tot vor Angst waren. Seine Söhne und Töchter spielten gern Theater, und daher waren allerhand Anzüge im Hause, die er zu seinen Verkleidungen benutzte. Aber ein vernünftiger Mensch hätte doch so etwas nicht gethan.

Eines Tages, wo die Mädchen zum Gabelfrühstück bei Johnsons waren, zog er plötzlich einen Beutel voll Goldstücke aus der Tasche, schüttete sie alle in die Suppenschüssel und fing dann an, die Suppe mit samt den Sovereigns auf die Teller zu schöpfen. Natürlich ließen die Mädchen sie auf den Tellern liegen, aber sein sonderbares Benehmen beunruhigte sie sehr. Als das Dienstmädchen kam, um die Teller zu wechseln, befahl ihm Mr. Johnson, sie unter das Sofa zu stellen, was bewies, daß Methode in seinem Wahnsinn war. Das Dienstmädchen sollte die Goldstücke nicht nehmen.

Obgleich wir wußten, wie seltsam Mr. Johnson zu Zeiten war, könnt ihr euch doch mein Erstaunen vorstellen, als meine liebe Maud eines Tages sehr aufgeregt nach Hause kam. »Ach, Mama,« sprach sie, »der gräßliche Mr. Johnson! Ich gehe nie wieder hin. Er hat wirklich in seinem eigenen Garten, wo die Mädchen Croquet spielten, vor mir gekniet und mich gefragt, ob ich seine Frau werden wolle.«

»Liebes Kind,« entgegnete ich, »das darfst du nicht ernsthaft nehmen, das war einer seiner seltsamen Scherze.«

Allein am nächsten Tage, als die Mädchen spazieren gingen, folgte ihnen Mr. Johnson, und als er sie eingeholt hatte, sagte er Maud, er sei Millionär, und wenn sie ihn heiraten wolle, dann werde er sich einen ausländischen Titel kaufen und sie solle Gräfin werden. Er faselte einen solchen Unsinn, daß es den Mädchen ganz unheimlich wurde und Sabine endlich sagte: »Wenn Sie Maud etwas mitzuteilen haben, dann kommen Sie doch zu uns. Mein Vater ist in der Regel um acht Uhr zu Hause.« Dann versuchten sie, ihm zu entschlüpfen, aber der alte Mann hatte sie verfolgt, gräßliche Gesichter geschnitten und zum Erstaunen der Vorübergehenden so laut gerufen, daß, wenn Maud ihn nicht erhöre, er sich als gemeiner Soldat anwerben und in der Schlacht bei Waterloo totschießen lassen wolle.

Mein armes Kind war ganz angegriffen und zitterte wie Espenlaub, als sie mir dieses furchtbare Abenteuer erzählte. Ich suchte sie zu beruhigen und sagte ihr, es sei ganz klar, daß der alte Herr vollständig verrückt sei und einen Wärter haben müsse. Auch versprach ich ihr, mit ihrem Papa darüber zu reden und ihn zu bitten, zu Mr. Johnson zu gehen und von ihm zu verlangen, daß er diese Verfolgung einstelle.

Allein um sieben Uhr am selben Abend, während wir bei Tische saßen – Mr. Tressider speiste auswärts – hörten wir plötzlich ganz ungewöhnliche Töne in unsrem Vorgarten, und da stand der alte Mr. Johnson in bloßem Kopf mit einem Banjo und sang:


»Komm in den Garten, süße Maud,
     Entflohen ist die schwarze Nacht,
Komm in den Garten, süße Maud,
     Das Auge des Geliebten wacht,
O, laß mich länger nicht alleine,
Denn mich friert schrecklich an die Beine.«


Maud fing an zu weinen, mein Sohn William aber sprang auf und sagte, er wolle hingehen und dem alten Esel ein paar geben, doch suchte ich ihn zurückzuhalten.

»Nein, nein,« sagte ich, »um alles in der Welt keinen öffentlichen Skandal; das brächte die Geschichte erst recht herum. Der alte Mann ist ja offenbar nicht zurechnungsfähig.«

»Ob er verrückt ist oder nicht, ist mir ganz einerlei,« entgegnete William, »er hat kein Recht, hier in unsern Garten zu kommen, und ich werde doch meine Schwester nicht so beschimpfen lassen.«

Ich weiß nicht, welchen Ausgang die Sache genommen hätte, wäre nicht in diesem Augenblick einer von den jungen Johnsons, der gehört hatte, was sein Vater treibe, ganz atemlos angekommen. Er nahm ihn am Arme, und es gelang ihm, ihn nach Hause zu führen. Noch am selben Abend kam der junge Mann wieder, um wegen des ärgerlichen Vorfalles um Entschuldigung zu bitten. Er erzählte uns, daß der arme alte Herr schon seit einiger Zeit ganz zweifellos geistig gestört sei; jetzt sei die Sache aber so weit gekommen, daß die Familie beschlossen habe, ihn in eine Irrenanstalt zu bringen.

Und das geschah zu meiner großen Beruhigung, denn wenn sie es nicht gethan hätten, ich glaube, Maud hätte sich nicht wieder vor die Thür gewagt. Das arme Mädchen! Wirklich eine angenehme Lage, auf der Straße Liebeserklärungen von einem Verrückten anhören zu müssen, der alt genug war, ihr Großvater sein zu können! Als die schlimmste Aufregung und Angst überwunden und Maud auf einige Zeit zu Freunden aufs Land geschickt worden war (ihre Nerven waren wirklich ganz herunter), sprach ich zu meinem Manne, wir schienen nichts als Unannehmlichkeiten mit »Mauds Liebhabern«, wie die Jungen sie nannten, haben zu sollen. Es war in der That zu abgeschmackt, daß ich bei einer so reizenden Tochter von ältlichen Witwern und Verrückten belästigt wurde, die meine Schwiegersöhne werden wollten. Und als John Tressider mir entgegnete: »Stell dir nur 'mal vor, du wärest die Schwiegermutter eines Verrückten,« da war ich so wütend, daß ich ihn hätte ohrfeigen mögen.

Glücklicherweise gab es keine so schrecklichen Abenteuer mehr, und bald darauf begann ein junger Herr, der mir stets ganz außerordentlich gut gefallen hatte, ständiger Besucher unsres Hauses zu werden. Er kam als Freund meines Sohnes William, und nach dem, was ich beobachtete und was die Jungen gelegentlich andeuteten, schien es mir so, als ob er ein Auge auf Maud geworfen habe, und ich konnte sehen, daß er auch ihr keineswegs zuwider war.

Obgleich ein sehr netter Mensch und ein durch und durch feiner und gebildeter Herr, der auch einer guten Familie angehörte, war seine Stellung doch nicht so, wie ich sie mir gewünscht hätte, denn ich will nur gestehen, ich hatte immer gehofft, daß Maud die beste Partie von der Familie machen werde.

In dieser Welt können wir jedoch nicht alles so haben, wie wir gern möchten, und als Frank Leighton sich später, bildlich gesprochen, mir zu Füßen warf und mich beschwor, meinen Einfluß bei Mr. Tressider geltend zu machen, damit er seine Einwilligung zu einer Verbindung zweier liebenden Herzen gäbe – seins und Mauds – da gewann die Mutter in mir die Oberhand. Ich vergaß meine Träume und Hoffnungen (Selbstlosigkeit ist stets einer meiner hervorragendsten Charakterzüge gewesen), entsann mich meines eigenen ersten Liebestraumes (wovon ich euch im Anfang dieses Kapitels erzählt habe), und versprach dem jungen Paare meine herzliche Fürsprache.

Nun habt ihr von Mauds Liebhabern gehört; in der nächsten Erinnerung werde ich euch von Mauds Mann erzählen.


Neunte Erinnerung.
Mauds Gatte.

Frank Leighton, der Freund meines Sohnes William, hatte sich also in Maud, die »Schönheit der Familie«, verliebt. Er war ein hübscher junger Mensch und ein Mann, vor dem ich die größte Hochachtung hatte, denn ich kannte seine Familie seit vielen Jahren, aber, wie schon erwähnt, hatte ich eine bessere Verbindung für Maud erhofft, obgleich das vielleicht unvernünftig war, wenn man bedenkt, wie wenig mein Mann gethan hatte, um seiner Tochter Aussichten zu verbessern. Wohlhabende junge Leute und Erben großer Besitzungen trifft man nicht jeden Tag, und wenn man nicht viel ausgeht und die sogenannte Gesellschaft besucht, ist es schwierig, ihnen überhaupt zu begegnen.

Ich sagte immer, es fehle Maud an Gelegenheit, aber als ich Mr. Tressider darauf aufmerksam machte, fragte er mich: »Was willst du denn eigentlich, daß ich thun soll? Soll ich eine Anzeige in den Daily Telegraph setzen: ›Für Herzöge, Grafen und Millionäre‹ Eine schöne Tochter in heiratsfähigem Alter. Zu besichtigen täglich zwischen vier und sieben. Anfragen sind zu richten an John Tressider, Villa Laurentia, Maida Vale'?«

»Sei doch nicht so albern, John,« entgegnete ich. »Das ist alles recht schön, daß du die Sache in einen Scherz zu verdrehen suchst, aber wenn du deine Pflicht als Vater gethan hättest, dann hätte Maud wahrscheinlich schon mehr als eine Gelegenheit gehabt, eine außerordentlich vorteilhafte Partie zu machen.«

»Nun, was hätte ich denn thun sollen?«

»O, gar mancherlei,« erwiderte ich, »zum Beispiel, du bist ein Citymann, und obgleich du mir immer antwortest, die Geschäfte gingen flau, wenn ich einmal hundert Pfund extra haben will, glaube ich doch, daß du ein wohlhabender Mann bist. Da du also ein wohlhabender Citymann bist, wäre es dir ein Leichtes gewesen, Alderman oder Sheriff zu werden, und dann war es bis zum Lord Mayor auch nicht mehr so weit. Wärest du das geworden, dann hättest du deine Töchter im Mansion House in die Welt einführen können, und dann hätten wir 'mal sehen wollen.«

»O,« entgegnete er mir in seiner Weise, die mich immer so aufbringt, »ich sehe schon, wo du hinaus willst. Du hättest gern mit dem Prinzen von Wales getanzt.«

Ich war durchaus nicht gesonnen, mich durch meines Mannes einfällige Bemerkungen ärgern zu lassen. »Nein, John Tressider,« erwiderte ich ihm also, »ich habe nicht die Gewohnheit, an mich selbst zu denken. Mein ganzes Leben lang habe ich mich für meinen Mann und meine Kinder geopfert, und so wird es wohl bis zu Ende weitergehen. Warum ich wünsche, du hättest dich um eine Stellung in der City bemüht – bürgerliche Ehrenstellen werden sie, glaube ich, genannt – ist, weil du dann wahrscheinlich geadelt worden wärest.«

»Und dann wärest du Lady Tressider geworden; das ist's, nicht wahr, meine Liebe?«

»Durchaus nicht, ich denke nur daran, wie viel besser es für die Mädchen wäre; sie hätten so ausgezeichnete Partieen machen können. Maud –«

»Nun, Maud hat eine ganze Menge Anträge gehabt. Da war zum Beispiel der alte Mr. Johnson, der ist ungeheuer reich. Du hast ihn ja aber ins Tollhaus sperren lassen, und du kannst doch nicht erwarten, viele Bewerber um deiner Töchter Hand zu finden, wenn die Gefahr damit verbunden ist, ins Tollhaus gesperrt zu werden.«

Daß ich nach dieser Bemerkung nur mit der größten Anstrengung meine Ruhe bewahrte, könnt ihr euch denken. Wenn ein Mann, der nahe an die sechzig ist, nicht einmal ernsthaft sein kann, wo es sich um das Glück seiner Töchter handelt, dann ist nichts mehr von ihm zu hoffen. Da ich aber wußte, daß dies nur eine Probe dessen war, was Mr. Tressider »Spaß« nennt, biß ich mir auf die Zunge, klopfte mit dem Fuße auf den Boden und behielt meine Meinung über sein Betragen für mich. Allein ich warf ihm einen Blick zu, der Bände redete, und er verstand ihn auch, denn das empörende Grinsen, das bis dahin seine Züge entstellt hatte, verschwand plötzlich, und er sagte ganz ernsthaft: »Na, heraus mit der Sprache, du hast diese Reden gewiß nicht umsonst gehalten. Was gibt's denn heute? Wieder eine heimliche Verheiratung in der Familie?«

»Nein,« erwiderte ich, »das glücklicherweise nicht, aber Maud hat einen Antrag gehabt, und da du ihr Vater bist, ist es deine Pflicht, die Sache ernsthaft in Erwägung zu ziehen.«

Nun erzählte ich ihm von Mr. Leighton und Maud, und er sagte, die Sache überrasche ihn nicht sehr, da er etwas derart geahnt habe. Er war der Ansicht, der junge Leighton sei ein sehr achtbarer junger Mann, obschon augenblicklich nicht in einer besonders guten Stellung, da er bei seinem Onkel, einem Makler in der City, arbeitete, allein sein Vater sei in guten Verhältnissen, und er habe einen Bruder, der Rechtsanwalt sei. Seine Familie sei sehr angesehen, und da Frank jung, thatkräftig und sehr verständig sei, so werde er schon in der Welt vorwärtskommen. Wir besprachen die Sache an jenem Abend noch nach allen Richtungen, und einige Tage später hatte mein Mann eine Unterredung mit Franks Vater, die zu unsrer Einwilligung führte, aber die Hochzeit wurde erst für eine spätere Zeit in Aussicht genommen. Inzwischen sollte Frank das Geschäft seines Onkels verlassen und sich selbständig als Makler niederlassen, wozu er vollkommen befähigt war.

Die Brautzeit verlief sehr ruhig, denn Frank und Maud waren verständige junge Leute, die sich nicht, wie das manche Brautpaare thun, andern Menschen zur Last machen. Sie zankten sich auch nicht, und Frank war zu meiner größten Freude bei den Jungen sehr beliebt, wodurch mir viel Aerger und Unannehmlichkeiten erspart blieben, denn wenn die Brüder ihrer Schwestern Geliebte nicht leiden mögen, dann können sehr peinliche Zustände eintreten.

Als sie heirateten, nahmen sie ein allerliebstes kleines Haus am Flusse, denn Frank liebte den Rudersport, was mir lange Zeit beträchtliche Unruhe verursachte. Ich erwartete immer, daß sie umschlügen, aber Maud war gern auf dem Wasser, und sie hatten ein eigenes, sehr hübsches Boot, obschon es ihnen nie gelang, mich hinein zu nötigen. Ich weiß nicht, vielleicht wäre es mir nicht so unangenehm gewesen, wenn ich auf festem Lande hätte einsteigen können, aber in ein so wackeliges Ding zu treten, überstieg meinen Mut, besonders, da ich ein bißchen stark bin.

Lange Zeit nach ihrer Rückkehr von der Hochzeitsreise und ihrem Einzug in der Villa am Fluß konnte ich die Worte »Folgenschwerer Unfall mit einem Boote« im Inhaltsverzeichnis der Zeitungen nicht lesen, ohne eine wahnsinnige Angst zu empfinden, es beträfe Maud und Frank, und einmal hatte ich einen Schreck, der meine Haare grau gemacht haben würde, wenn sie diese Farbe nicht schon gehabt hätten. Ich las nämlich im Daily Telegraph, es sei ein leeres Boot, Kiel aufwärts im Flusse treibend gefunden worden, worin man vorher einen Herrn und eine Dame gesehen habe, die man für ertrunken hielt. Ich war so erschrocken, daß ich sofort an Maud telegraphierte und sie fragte, ob sie noch am Leben sei.

Aber meine liebe Maud war ganz wohlauf und schrieb mir, sie führten ein ganz idyllisches Leben. Auch mache Frank ganz ausgezeichnete Geschäfte in der City und setze große Hoffnungen auf seine neue Erfindung. Ueber diese Erfindung werde ich euch gleich etwas zu erzählen haben.

Den Brief über ihr idyllisches Dasein erhielt ich kurze Zeit, bevor ich ihnen einen längeren Besuch in Laburnum Cottage machte. Ich war jedoch noch nicht lange dort, als ich ihr Leben von einer Seite kennen lernte, die nichts weniger als idyllisch war, denn ich betrachtete die Dinge natürlich mit andern Augen als ein junges Paar im ersten Rausche seines neuen Glücks.

Das Häuschen lag in nächster Nähe eines Ortes, wo Boote vermietet wurden, und dort befand sich auch ein Wirtshaus, das eine große Zahl von Gesindel anzog, deren Gespräche das Gegenteil von idyllisch waren, das kann ich euch versichern.

Die sonderbarsten Menschen befanden sich darunter und da ich, wenn Frank und Maud auf dem Flusse waren, meist am offenen Fenster saß und las, lernte ich bald ihre Namen kennen. Einen nannten sie »Zuchthaus-Dick«, weil er im Zuchthause gesessen hatte, ein andrer war unter dem Namen »Der sanfte Billy« und ein dritter als »Lahmer Jack« bekannt, weil eins seiner Beine kürzer war als das andre, und einer hieß »Zigeuner-Sam«. Vom Morgen bis zum Abend lungerten sie dort umher und warteten auf Boote und gelegentlichen Verdienst, indessen die Bewohner der in der Nähe gelegenen Villen den Vorzug genossen, ihre Gespräche mit anhören zu dürfen, die sich mit allen möglichen Gegenständen, örtlichen, politischen, sozialen und häuslichen beschäftigten, wobei es an Anspielungen auf »die Alte« (womit ich gemeint war) nicht fehlte.

Ich sprach mich Frank gegenüber dahin aus, daß er wohl ein Haus hätte wählen können, das nicht in unmittelbarer Nachbarschaft eines Landungsplatzes und des dort herumlungernden Gesindels läge, allein er meinte, das habe nichts zu sagen, und es seien im Grunde genommen gar keine so üblen Burschen. Er habe sie gebeten, nicht mehr zu fluchen, als unbedingt notwendig sei, und sie hätten das auch versprochen; allein ich war keineswegs befriedigt.

»Denk an das, was ich sage,« sprach ich zu Maud. »Ihr werdet noch Unannehmlichkeiten mit den Menschen haben, die sich hier herumtreiben.« Und richtig, noch ehe ich wieder nach Hause ging, kam es beinahe zu einem Mord.

Die Sache trug sich so zu: Ein Freund Franks hatte Maud einen reizenden kleinen Vogel geschenkt, eine sogenannte virginische Nachtigall. Das Bauer hing vor dem Fenster nach dem Flusse zu, und da der Rasenplatz vor dem Hause sehr schmal war, konnte man vom Landungsplatze aus den Vogel sehen. Eines Tages als ich am Fenster saß, hörte ich, wie die Leute anfingen, sich darüber zu streiten, was es für ein Vogel sei, und dann verschwanden sie alle im Wirtshaus. Als sie nach einer Weile wieder herauskamen, sprachen sie sehr heftig und wiesen immer nach dem Fenster, woran ich saß. Endlich hörte ich, wie der, den sie Zigeuner-Sam nannten, sprach: »Wenn ihr noch lange schwätzt, dann werde ich hingehen und klingeln und die Dame fragen, was für eine Sorte Vogel es ist.«

Gleich darauf kam er auch wirklich und klingelte. Da das Mädchen oben im Hause zu thun hatte, ging ich an die Thür, die offen stand.

»Was wünschen Sie?« fragte ich.

»Entschuldigen Sie, Madame, aber ich und meine Bekannten, wir haben uns gestritten, was für 'ne Sorte Vogel das ist, und wir haben eine kleine Wette gemacht. Was ist es denn für einer?«

»Das ist eine virginische Nachtigall,« erwiderte ich.

»O, so was ist's?« entgegnete er und sah etwas enttäuscht aus. »Na, ich danke auch, Madame.«

Er entfernte sich, ging aber nicht zu den andern zurück, und gleich darauf kam einer von diesen, und als er mich im Garten sah, rief er: »Verzeihung, Madame, was hat denn der Vogel für einen Namen?«

»Das ist eine virginische Nachtigall,« sagte ich noch einmal, denn ich hielt es fürs beste, ihm höflich zu antworten. Er kehrte zu den andern zurück und rief ihnen zu: »Er hat verloren, es ist eine virginische Nachtigall.«

An jenem Tage sah ich nichts mehr vom Zigeuner-Sam, aber am folgenden Tage hörten wir, es habe eine furchtbare Schlägerei im Wirtshause gegeben, weil der Zigeuner-Sam aus angeblichem Mangel an Geld sich geweigert habe, seine verlorene Wette zu bezahlen. Nachdem es zu erregten Worten gekommen sei, habe ihm schließlich einer mit einem zinnernen Kruge über den Kopf geschlagen, so daß er nach dem Krankenhause habe geschafft werden müssen.

»Das ist ja eine reizende Gegend, wo du meine Maud hingebracht hast,« sprach ich zu meinem Schwiegersohne. »Du wirst einen besonderen Schutzmann anstellen müssen, wenn nicht bald etwas geschieht.«

»O, sie werden uns nichts zuleide thun,« entgegnete er lachend. Aber der Vogel wurde an der andern Seite des Hauses aufgehängt, damit er nicht Anlaß zu weiterem Blutvergießen an diesem »idyllischen« Plätzchen gebe.

Unter den Bootsleuten, die sich immer dort aufhielten, befand sich auch ein alter Mann, der bei Maud einen großen Stein im Brett hatte. Wenn Frank keine Zeit hatte, ließ sie sich immer von ihm auf dem Flusse rudern. Eines Tages war es so schön auf dem Wasser, daß ich ihren Bitten nicht widerstehen konnte, zumal ein großes Familienboot zu haben war und sie mir versprach, es zu mieten. Wir nahmen also etwas zu lesen und einige Tücher mit, ich überwand meine Angst und es gelang mir, in das Boot, das vier Männer hielten, zu klettern, und der alte Bootsmann ruderte uns den Fluß hinauf. Es war ziemlich früh am Morgen und nur wenig Boote befanden sich auf dem Wasser.

Die Sache fing gerade an, mir Spaß zu machen, als der Mann sich erhob, um etwas in Ordnung zu bringen. Da bekam er plötzlich, ohne das geringste Vorzeichen, Zuckungen, und patsch, lag er im Wasser. In meinem Schreck rief ich meinem Kinde zu, sich ganz still zu verhalten und ja nicht nach der Seite des Bootes zu gehen, weil ich fürchtete, wir würden umschlagen und ertrinken.

Es war eine gräßliche Lage, und ich that ein Gelübde, mich nie wieder einem kleinen Boote anzuvertrauen, der arme Mann aber rang inzwischen mit dem Tode. Ich war ganz gelähmt vor Angst und konnte weiter nichts thun als zittern, aber Maud ließ sich nicht irre machen. Sie stürzte an die Seite des Bootes und ergriff den Mann an den Haaren als er auftauchte, hielt ihn fest und rief um Hilfe, während ich ebenfalls aus Leibeskräften schrie. Bald kamen auch zwei Herren in einem Boot herbei und sagten uns, wir möchten keine Angst haben. Sie zogen den armen Mann in ihr Boot und brachten ihn ans Ufer. Als sie sich entfernt hatten, hätte ich am liebsten Weinkrämpfe bekommen, wenn ich mich nicht in dem kleinen Boote gefürchtet hätte.

»Wir sind unrettbar verloren,« sagte ich zu Maud. »Wir werden über ein Wehr getrieben und zerschmettert werden.«

»Ach was, Mama,« entgegnete sie, »du brauchst dich gar nicht zu ängstigen, ich kann ganz gut rudern.« Und sie ergriff die Riemen und fing an, nach dem Ufer zu rudern.

»Es nützt alles nichts, Maud,« fuhr ich fort, »ich kann ja doch nie im Leben allein herauskommen, und du wirst gegen das Ufer anrennen, und dann schlagen wir ganz bestimmt um;« und als ich in diesem Augenblick ein kleines Dampfboot herankommen sah, zweifelte ich keinen Augenblick, daß wir übersegelt werden würden, und nun fiel mir ein, daß ich noch manche Bestimmungen für den Fall meines Todes zu treffen hatte.

»Wenn du gerettet wirst,« sagte ich daher zu Maud, »dann denke daran, daß ich die große Punschbowle, die von meinem lieben Vater stammt, für deinen Bruder John bestimmt habe, und dann sind in der obersten linken Schublade der Kommode im blauen Schlafzimmer fünfzig Pfund in Banknoten versteckt, die ich vom Haushaltungsgelde erspart habe; die sollen unter euch Kindern gleich verteilt werden, und ich will in Kensal Green, so nahe als möglich bei meinen lieben Eltern, begraben werden, und sorge unter allen Umständen dafür, daß mir eine lange Nadel durch den Augapfel gestoßen wird, damit ich ganz gewiß tot bin. Ich verlasse mich auf dich, daß ich nicht lebendig begraben werde.«

»Aber, Mutter, sprich doch nicht so,« entgegnete Maud; »es ist gar nicht daran zu denken, daß wir ertrinken.«

»Wenn ich mit meinen Anweisungen warte, bis wir im Wasser liegen, ist's zu spät,« versetzte ich, und nun war das Dampfboot auch schon dicht bei uns, und ehe ich recht wußte, was geschah, sprang ein Herr in unser Boot, so daß es furchtbar schaukelte und ich laut aufschrie. Er nahm Maud die Ruder ab und brachte uns ans Ufer, wo ich mehr tot als lebendig ans Land getragen wurde.

Als wir nach Hause kamen, war ich so krank, daß ich mit einem schlimmen Kopfweh zu Bett gehen mußte, und meine Nerven waren ganz fürchterlich erschüttert, aber nach einer Tasse starken Thees und nachdem ich mir ein in Eau de Cologne getränktes Taschentuch um den Kopf gebunden hatte, erholte ich mich etwas, und als Maud nach einer Weile herauf kam, um nach mir zu sehen, fragte ich sie gleich, ob der arme Bootsmann gerettet sei. Zu meiner großen Erleichterung teilte sie mir mit, er sei wohl und munter, denn ganz abgesehen von meiner Teilnahme für den armen Menschen hatte ich mir die ganze Zeit ausgemalt, wie ich bei der Totenschau als Zeuge erscheinen müßte und  mein Name in allen Zeitungen stehen würde.

Der Bootsmann that mir sehr leid, bis mir Maud mitteilte, sie habe in Erfahrung gebracht, er leide häufig an epileptischen Anfällen und sei schon einmal ins Wasser gestürzt. Nun wurde ich natürlich böse, denn es ist doch unerhört, daß man einem Menschen mit epileptischen Anfällen gestattet, Damen auf dem Flusse umherzurudern.

»Liebe Maud,« sprach ich, als ich das hörte, »ich erwarte ganz bestimmt, daß du den Mann nie wieder nimmst. Er mag ein ganz braver, höflicher Mann sein, aber daß du mir nicht wieder mit einem Menschen auf dem Flusse umherruderst, der jeden Augenblick ins Wasser fallen kann und wieder herausgefischt werden muß.«

Das liebe Kind versprach mir alles; als ich aber am Abend Frank unser Abenteuer erzählte, ließ ich mir auch von ihm das Versprechen geben, daß er den Mann unter keinen Umständen mehr mieten werde, und nur auf seine ernste Bitte nahm ich davon Abstand, einen Brief über den Vorfall an den Daily Telegraph zu schreiben und alle Damen vor Bootsleuten mit epileptischen Anfällen zu warnen.

Wenn Frank abends nach Hause kam, zog er sich nach dem Essen gewöhnlich in ein kleines Zimmer zurück, das er für sich eingerichtet hatte und das er seine Werkstatt nannte. Niemand war der Eintritt gestattet, folglich war ich sehr neugierig, zu wissen, was er dort treibe. Maud sagte mir, er führe seine wunderbare Erfindung aus, von der er erwarte, daß sie ihn zum reichen Manne machen werde.

Ich habe 'mal einen Mann gekannt, der auch Erfindungen machte, und ich erinnerte mich, wie es ihm ergangen war. Ich sagte also Maud, daß mir das gar nicht gefiele, denn es sei noch nie etwas Gutes bei Erfindungen herausgekommen; allein sie entgegnete mir, Frank setze große Hoffnungen auf die seinige, und sie sei fast vollendet.

Eines Abends gegen zehn kam er ganz begeistert herunter.

»Ich hab's!« rief er und fing an, im Zimmer umherzutanzen. »Kommt mit, wir wollen's gleich 'mal versuchen.«

Er führte uns in seine Werkstatt, wo ein großer Napf mit kaltem Wasser auf dem Tische stand und daneben ein Krug mit heißem und zwei Stücke Gummischlauch – jedes hatte einen Ball in der Mitte – und am Ende jedes Schlauches hatte er die Brause einer Gießkanne befestigt.

»Du meine Güte!« rief ich, »was ist denn das für eine Geschichte?«

»Das ist mein großer neuer Patent-Selbst-Shampooer,« rief er ganz stolz. »Jedermann kann sich selbst im Schlafzimmer damit shampooieren. Er wird ziehen, wie frische Semmel.«

Ich hatte nie etwas davon gehört, daß frische Semmel zögen, aber um ihm die Freude nicht zu verderben, unterließ ich es, ihn darauf aufmerksam zu machen.

»Komm 'mal her, Maud,« fuhr er fort, »du mußt mir helfen; ich werde jetzt den ersten größeren Versuch damit anstellen.«

»Danke schönstens, ich lasse mich nicht um zehn Uhr nachts shampooieren,« entgegnete Maud. 

»Könnte nicht eins von den Dienstmädchen heraufkommen, daß ich's an dem versuche?«

»Nein, mein Lieber,« versetzte Maud, »die würden sich auch weigern. Die Köchin ist nicht dazu da, um mitten in der Nacht shampooiert zu werden, und das Hausmädchen auch nicht. Versuchs doch an dir selber.«

»Das werde ich auch thun,« entgegnete er. Nun nahm er seine Maschine, steckte ein Schlauchende ins kalte, das andre ins warme Wasser, hielt dann seinen Kopf und die beiden Brausen über den Napf und fing an mit aller Macht zu drücken.

Sofort kam ein gewaltiger Schauer heraus, aber die beiden nicht gehörig befestigten Brausen fielen in den Napf, und anstatt über seinen Kopf zu strömen, ergossen sich zwei Bäche kreuzweise ins Zimmer, und Maud und ich, die wir neben dem Erfinder standen, wurden bis auf die Haut naß, ehe wir einen Laut von uns geben konnten.

Er entschuldigte sich sehr eifrig, aber was konnte uns das nützen? Ich war durch und durch naß, ebenso die liebe Maud, und mein Kleid war vollständig verdorben. Natürlich wurde ich ärgerlich und sagte ihm ordentlich meine Meinung, und dann ging ich in mein Zimmer, zog meine durchnäßten Kleider aus und legte mich zu Bett.

Kurz darauf klopfte Maud an und sagte, ich werde doch hoffentlich nicht böse sein, Frank sei ganz unglücklich über das Vorkommnis, das nur der reine Zufall herbeigeführt habe. 

»Sieh dir 'mal mein Kleid an,« entgegnete ich jedoch, »und wahrscheinlich habe ich mich auf den Tod erkältet. Um zehn Uhr nachts einen Strom kalten Wassers über den Buckel zu kriegen, ist keine Kleinigkeit und kann die kräftigste Konstitution zu Grunde richten, und so ganz jung bin ich doch auch nicht mehr.«

Maud schien sehr unglücklich darüber zu sein, daß ich so aufgebracht war, deshalb versicherte ich ihr, daß ich sie im Falle eines tödlichen Ausgangs von aller Schuld freispräche, aber ich beschwor sie, wenn sie meiner mütterlichen Liebe und Obhut so vorzeitig beraubt werden sollte, fernere Erfindungen am häuslichen Herde nicht zu dulden.

»Wenn er durchaus erfinden muß,« sagte ich, »dann laß ihn in seinem Comptoir erfinden. Diesmal hat er uns fast ersäuft, das nächste Mal wird er uns das Haus über dem Kopfe anzünden. Ich habe einen Mann gekannt, der wollte ein Vermögen mit etwas verdienen, was mit so chemischen Sachen und einem Kamin zu thun hatte. Es wird wohl eine ganz großartige Erfindung gewesen sein, aber niemand ist recht dahinter gekommen, denn ehe er ganz fertig damit war, flog sein Haus in die Luft, und er wurde in einem Garten zwei Häuser weiter und seine Frau auf dem Hinterhofe eines in einer andern Straße gelegenen Hauses gefunden, und, meine Liebe, so wird dir's auch ergehen, wenn du deinem Manne das Erfinden nicht gründlich austreibst.«

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich

glücklicherweise, daß sich keine bedenklichen Anzeichen bei mir eingestellt hatten, und mein Kleid, das das Mädchen abends weggenommen hatte, war auch wieder trocken. Ich ging demnach zum Frühstück hinunter und nahm die Gelegenheit wahr, offen mit Frank zu sprechen und ihm zu sagen, daß ich nicht glaubte, er werde mit seinem Selbst-Shampooer viel Geld verdienen.

Er meinte, die Sache sei doch sehr gut, er habe sie nur nicht ordentlich ausgeführt. Wenn alles richtig festgemacht werde, dann wäre es eine reizende Einrichtung, und er hoffe, das Patent für eine bedeutende Summe an eins der großen Haarkünstlergeschäfte zu verkaufen.

Dann begann er, einen Scherz aus der Sache zu machen, und sagte, er wolle eine Posse fürs Theater schreiben, der er den Titel geben werde: »Die shampooierte Schwiegermutter.«

Aber Maud, die ein ganz kluges Mädchen ist, warf ihm einen Blick zu, der ihm sagen sollte, daß er auf gefährlichen Boden gerate, und so war es auch.

Ich erwiderte ihm, ich hoffte von Herzen, sein Selbst-Shampooer werde keinen Anklang finden, denn wenn er das thäte, würde er die Ursache von viel häuslichem Unfrieden werden, ganz zu schweigen vom Schaden an Decken und Tapeten, den er anrichten würde, und ich glaube, schließlich sah er ein, daß ich recht hatte. Er hatte nämlich noch einen Versuch gemacht, wobei ihm Mauds Hündchen unversehens gefolgt war. Diesmal lief das Wasser ihm selbst den Rücken hinunter bis in die Stiefel, und er sprang wie besessen in der Stube herum. Dabei trat er den Hund auf den Schwanz, und das können die lieben Tierchen bekanntlich nicht vertragen. Der kleine Puck rannte heulend zur offenen Thür hinaus einem Mädchen, das gerade mit einem großen Theebrett voll frisch gefüllter Einmachgläser die Treppe heraufkam, zwischen die Füße. Das Mädchen fiel, Theebrett und Einmachgläser rollten die Treppe hinab und gingen in Stücke. Das ganze Haus war eine einzige Masse von Erdbeermarmelade; Wände, Fußboden, Vorhänge, alles war damit bedeckt.

Eine solche schreckliche Wirtschaft ist mir im Leben noch nicht vorgekommen, und als die arme Maud herausgestürzt kam und sah, wie ihr hübsches Haus zugerichtet war und wie Frank mit ganz entsetztem Gesicht und dem unseligen Selbst-Shampooer noch in der Hand oben an der Treppe stand und ihm das Wasser aus den Stiefeln lief, da ahnte sie, was vorgefallen sei. Sie riß ihm die greuliche Erfindung aus der Hand, warf sie zu Boden, trampelte darauf herum und erklärte, ihr Mann müsse zwischen ihr und dem Selbst-Shampooer wählen; dasselbe Dach könne sie nicht bedecken.

Ja, ja, die liebe Maud hat Haare auf den Zähnen. Ich kann mir gar nicht erklären, wo sie's her hat; es müßte denn von ihres Vaters Seite kommen.



Zweiter Band.


Zehnte Erinnerung.
Mein deutscher Schwiegersohn.

Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie Jane, meine dritte Tochter, dazu gekommen ist, einen Ausländer zu heiraten. Ich habe gar nichts gegen Ausländer, aber ich kann nicht sagen, daß ich mir jemals hätte träumen lassen, die Schwiegermutter eines Deutschen zu werden.

Ihr werdet euch ohne Zweifel darüber wundern, daß weder meine älteste, noch meine zweite, sondern erst meine dritte Tochter meinen Namen trägt.

Das war lediglich die Folge meiner Schwäche, die mich Mr. Tressiders Wünschen nachgeben ließ. Unser lieber ältester Sohn wurde auf seines Vaters Wunsch nach ihm John getauft, und ich machte nicht die geringste Einwendung, obgleich ich einen etwas romantischeren Namen vorgezogen hätte. Ich weiß sehr wohl, daß einige berühmte Männer John heißen, aber man denkt doch bei dem Namen zu leicht an einen Bedienten oder Stallknecht. 

Wenn ich im Theater eine Posse sehe, finde ich, daß der Bediente meist John gerufen wird. Immer heißt's: »John, ist dein Herr zu Hause?« oder: »John, wenn Besuch kommt, bin ich nicht zu sprechen,« und in den alten Bänden des »Punch«, die ich mir manchmal hervorsuche, heißt der Bediente auch immer John, besonders in den Bildern. Erst neulich nahm ich einige von meinen Enkeln in eine Nachmittagsvorstellung des Cirkus mit, und wunderbarerweise begleitete uns sogar Mr. Tressider. Da kam auch so'n albernes Ding vor, sie hatten's auf dem Zettel »Eine Reitstunde« genannt, wo eine Dame (natürlich ein verkleideter Mann) hereinkommt und Reitstunde nehmen will. Sie hat einen Bedienten bei sich, einen ganz schrecklich lächerlichen Menschen in roten Plüschhosen und einer roten Perücke, den ein Clown spielt, und der immer hinter ihr (ihm) herreitet und John gerufen wird.

Meine Enkel schrieen vor Lachen über das dumme Zeug, das dieser John vollführte, und dabei sahen sie immer ihren Großpapa an, stießen sich mit den Ellbogen in die Seite, und einmal hörte ich, wie sie sich zuflüsterten: »Gerade so, wie Großmama immer mit Großpapa spricht.«

Kinder kommen wirklich auf zu sonderbare Gedanken. Ich habe selbstverständlich niemals in der albernen Weise mit Mr. Tressider gesprochen, wie diese Cirkusdame (Mann) mit ihrem (seinem) Reitknecht redete, aber sie hatten sich's in den Kopf gesetzt, und als ich mich einmal während der Vorstellung an ihn wandte, um ihn zu bitten, aufzustehen und die hinter uns befindliche Thür zu schließen, da es so zog, daß unsre Köpfe beinahe in die Reitbahn flogen, und ich in etwas scharfem Tone »John« rief, weil er gerade nach der andern Seite sah, da meine ich, die Kinder kriegten Lachkrämpfe.

Der Name war mir noch nie so lächerlich vorgekommen, und noch lange Zeit nachher, wenn ich meinen Mann anreden wollte und sein Name mir auf die Lippen kam, mußte ich an den Cirkus-John denken, wie er in seinen roten Plüschhosen und seiner roten Perücke auf dem Pferde saß, so daß ich den »John« nicht herausbringen konnte und vorzog, »Mr. Tressider« zu sagen.

Ich wünschte immer, meinem ältesten Sohne einen hübschen, romantischen Namen zu geben, einen, der ihn aus der gemeinen Masse heraushöbe und der sich gedruckt schön ausnähme, für den Fall, daß er berühmt werden sollte. Immer bin ich der Ansicht gewesen, daß die Eltern eine große Verantwortung auf sich nehmen, wenn sie ihren Kindern Namen geben, denn sie müssen sie durch ihr ganzes Leben tragen, es ist, als ob sie abgestempelt würden. Ich hätte meinen Aeltesten gern Marmaduke genannt, aber Mr. Tressider machte einige einfältige Bemerkungen und behauptete, der Name klinge, als ob er einer der Schauergeschichten, die immer im Londoner Journal stehen, entnommen sei. Das mag so sein, jedenfalls aber klang er nicht nach dem Cirkusclown. Ich habe noch nie einen Bedienten oder Stallknecht gefunden, der Marmaduke geheißen hätte.

»Der Junge soll meinen und meines Vaters Namen haben, der schon seit vielen Geschlechtern in unsrer Familie üblich ist,« sagte Mr. Tressider, und da ich mich wegen meines ersten Kindes am Vorabend des Tages, wo ich ihn zum Taufstein tragen sollte, nicht zanken mochte, gab ich nach, und so wurde er John getauft.

Natürlich werdet ihr denken, Mr. Tressider werde sich dankbar erwiesen haben, als meine älteste Tochter getauft wurde, und habe gestattet, sie nach mir zu nennen. Aber Prostmahlzeit! Als ich die Sache zur Sprache brachte, erklärte er, er wünsche, sie nach einer verstorbenen Schwester zu nennen, und dann sagte er mir, diese habe Sabine geheißen.

»Nun, ich muß wirklich sagen,« antwortete ich, »ich finde das eigentlich großartig. Du wolltest nicht haben, daß unser ältester Junge Marmaduke getauft werde, weil es nach dem Londoner Journal klinge, und du willst meine Tochter Sabine taufen lassen? Wenn das nicht Londoner Journalisch ist, dann ist es Family Heraldisch, und außerdem klingt es gar nicht englisch.«

Wir hatten einen Streit darüber, aber schließlich setzte er seinen Willen durch. Ich war in jenen Tagen wirklich zu schwach und gab viel häufiger nach, als später, und so wurde meine älteste Tochter Sabine getauft, was beträchtliche Verwirrung anrichtete, da die Dienstboten sich gar nicht an die richtige Aussprache des ihnen fremden Namens gewöhnen konnten und sie immer Sabeine nannten. Nun bitte ich einen, Sa-Beine! Maud, meine zweite Tochter, erhielt ihren Namen von ihrer Patin, von der wir damals etwas erwarteten, obgleich sie uns schnöde täuschte und ihr ganzes Vermögen einer Methodistenkapelle in einer Seitengasse von Tottenham Courd Road vermachte, wo sie sich in ihrem alten Rollstuhle immer hinfahren ließ, nachdem sie sich mit uns überworfen hatte. Der Streit kam nämlich so: Mrs. Marsham war die Witwe des Bruders meiner Mutter, der ihr bei seinem Tode seinen Hausbesitz in London und sehr viel Geld hinterlassen hatte, aber sie war entschieden etwas verdreht, und obgleich ich sie sehr lieb hatte und ihre Besuche bei uns gern sah, fand ich doch, daß mit zunehmendem Alter ihre Verdrehtheit bedenklich wuchs. Eine ihrer Eigenheiten, die sich mehr und mehr entwickelte, bestand darin, daß sie Sachen in die Tasche steckte, Zucker, Kuchen und alles, was sie unbemerkt, wie sie glaubte, vom Tische verschwinden lassen konnte. Dabei hatte sie die Gewohnheit, zu nörgeln und abfällige Bemerkungen über die Kleider, die man anhatte, oder die Möbel, die in der Stube standen, in ganz lautem Tone zu machen. Ich glaube, sie dachte nur unbewußt laut, aber es war doch sehr unleidlich, besonders, wenn noch andre Besucher anwesend waren. Sie sah einen zum Beispiel eine Zeitlang starr an und sagte dann: »Hm, das Kleid gefällt mir nicht besonders – hm – viel zu jugendlich für dich – hm,« oder »Hm – schlechtes Essen – kein richtiger Haushalt – hm – verschwenderisch – hm – schlecht – armer Mann kann mir leid thun – hm.«

Die Kinder nannten sie »Tante Brummbär« und konnten sie nicht ausstehen, aber ich gestattete ihnen nicht, ihre Abneigung zu zeigen, denn damals galt es für sicher, daß sie, da sie selbst kinderlos war und auch keine eigenen Verwandten hatte, den größten Teil ihres Vermögens uns vermachen würde.

Eines Tages indessen, wo ich nicht wohl war, da ich meine neuralgischen Kopfschmerzen hatte, und überdies sehr ärgerlich über ein Mädchen war, das meine prachtvollen stählernen Kaminvorsetzer eingefettet hatte, ging mir die Tante Marsham denn doch ein bißchen zu weit. Sie kam um fünf Uhr zum Thee und fing wie gewöhnlich an, Zucker in die Tasche zu stecken und unangenehme Bemerkungen zu machen.

Ich hatte eben die Bücher in der Leihbibliothek wechseln lassen, und auf dem Tische in meinem Zimmer lagen einige Romane. Tante Marshams Auge fiel darauf, sie nahm sie in die Hand, schlug sie auf und fing an, mit sich selbst zu sprechen.

»Hm – Romane – schlechtes Zeug – hm – Familienmutter – hm – sollte sich schämen – hm!«

Verstimmt, wie ich war, und vielleicht noch reizbarer, als sonst – ich meine einfach reizbar, denn sonst bin ich's nicht – war ich entrüstet, daß sie in Gegenwart meiner Töchter so von mir sprach.

»Tante Marsham,« sagte ich ganz ruhig, »ich kann dir deine Gedanken über mich natürlich nicht verbieten, aber ich muß dich ernstlich bitten, nicht in dieser Weise über mich zu sprechen, wenn die Kinder im Zimmer sind. Es ist schon schlimm genug, daß sie mit ansehen müssen, wie du heimlich Zucker in die Tasche steckst; du brauchst nicht auch noch ihre Mutter zu beschimpfen.«

»Was?« rief Tante Marsham, »Jane Tressider, sprichst du mit mir?«

»Ja, Tante Marsham, das thue ich,« entgegnete ich. »Ich habe mir deine Ungezogenheiten lange gefallen lassen, weil du eine alte Frau bist, aber meine Geduld ist nun zu Ende.«

»O, wirklich? Zu Ende, sagst du?« Damit stand sie auf, ging so majestätisch, als sie es mit einem steifen Beine konnte, das sie sich in ihrer Jugend durch Schlafen in einem feuchten Bett zugezogen hatte, zur Thür. Dort drohte sie mir mit ihrem Sonnenschirme und rief: »Nie werde ich deine Schwelle wieder überschreiten, du Weibsbild, unverschämtes Pack!«

»Untersteh dich nicht noch einmal, mich in meinem eigenen Hause Pack zu nennen,« versetzte ich, »und was das Ueberschreiten meiner Schwelle anlangt, so werde ich schon dafür Sorge tragen, daß das nicht geschieht; den Zucker, den du gestohlen hast, magst du behalten, aber sei so gut, die Regenschirme unten im Flur ungeschoren zu lassen.«

Wie ich dazu kam, das zu sagen, weiß ich nicht, aber ich war so wütend, daß ich noch viel mehr hätte sagen können. Tante Marsham sah aus, als ob sie auf der Stelle der Schlag rühren sollte, aber sie stieß einen wütenden Schrei aus, der ihr Erleichterung zu verschaffen schien, und ging dann so rasch, als ihr lahmes Bein es gestattete, die Treppe hinab.

Sie ist nie wieder zu uns gekommen, obgleich ich ihr nachher einen Brief schrieb und sie um Entschuldigung bat, falls ich in der Hitze etwas Ungehöriges gesagt hätte; die Absicht, sie zu verletzen, habe mir durchaus fern gelegen.

Sie hatte nicht einmal die Höflichkeit, zu antworten. Kurz nach dem Vorfall trat sie der Kapelle in einer Nebenstraße von Tottenham Court Road bei, und als sie starb, zeigte sich, daß sie all ihr Geld dieser und einigen milden Stiftungen hinterlassen hatte. Bald nach ihrem Tode erhielt ich ein kleines Päckchen mit den besten Empfehlungen vom Testamentvollstrecker. Ich öffnete es in der Erwartung, irgend ein kleines Andenken an Tante Marsham zu finden, und was war es? Ein halbes Dutzend Stücke Zucker und ein Zettel, worauf von Tante Marshams Hand geschrieben stand: »Für Jane Tressider, nach meinem Tode – da ist der Zucker wieder.«

Das war alles, was wir davon hatten, daß wir unsre zweite Tochter nach ihrer Tante und Patin Marsham Maud nannten – wir erhielten unsern eigenen Zucker wieder.

Als meine dritte Tochter geboren wurde, glaubte ich, es sei Zeit, ein offenes Wort mit meinem Manne zu reden.

»John,« sagte ich daher, »dieses Kind heißt Jane.« Ich sprach diese Worte in einem Tone, der nicht gerade zum Widerspruch einlud, und alles, was John antwortete, war: »Schön, meine Liebe,« und sie wurde Jane getauft, obschon ich sie, seit sie mit Mr. Gutzeit verheiratet ist, häufig »Schäne« habe nennen hören.

Jane machte Mr. Gutzeits Bekanntschaft bei Brauns, die in unsrer Straße wohnen. In dieser wimmelt es von Deutschen, meist Geschäftsleuten, Kaufleuten und so was Aehnliches, und wir lernten sehr viele von ihnen kennen, ehe wir lange in der Straße gewohnt hatten. Die Misses Braun und die Misses Kroll gehörten zu Sabines, Mauds und Janes besten Freundinnen, denn sie waren zusammen in die Schule gegangen.

Jane ist ein sehr liebenswürdiges Mädchen, still und sanft, und sie hat in ihrer Weise sehr viel Anziehendes. Sie ist immer die Fleißige der Familie gewesen. Schon als Kind verriet sie große Anlage zum Zeichnen, und außerdem hatte sie eine merkwürdige Begabung für fremde Sprachen. Mit sechzehn Jahren sprach sie ausgezeichnet Französisch und Deutsch, und da sie so viel Umgang mit deutschen Mädchen hatte, leistete sie in dieser Sprache ganz Hervorragendes.

Die Mädchen trafen also Mr. Gutzeit sehr häufig bei Brauns, deren Vetter er war, als sie einmal zu einem kleinen Tänzchen in unser Haus kamen, brachten sie ihn mit, worüber wir uns sehr freuten, denn er walzte reizend, und junge Herren, die tanzen, werden heutzutage immer seltener.

Natürlich unterhielt ich mich auch mit ihm und fand, daß er ein sehr liebenswürdiger Mann war, groß, mit blondem deutschen Haar und blondem deutschen Barte und nach meiner Schätzung etwa zweiunddreißig Jahre alt. Er war mir gegenüber sehr aufmerksam und sprach Englisch mit starkem deutschen Accent mit mir. Ich hatte nur eins gegen ihn einzuwenden, und das war sein Beruf; er war nämlich Zahnarzt. Die Mädchen erklärten mir zwar, er sei ein höherer Zahnarzt – ein Zahnchirurg – und habe das Recht, sich Doktor zu nennen, allein ich entgegnete: »Er mag noch so geschickt sein und noch so schöne Titel haben, wenn er Zahnarzt ist, dann zieht er Zähne aus, und ich werde nie mit ihm sprechen können, ohne immer die Worte zu erwarten: ›Bitte, lehnen Sie den Kopf zurück und öffnen Sie den Mund soweit als möglich!‹«

Ich konnte gar nicht begreifen, weshalb die Mädchen sich solche Mühe gaben, daß der deutsche Zahnarzt mir gefallen solle, aber mir ging ein Licht auf, als ich merkte, daß er Jane liebte und daß diese seine Gefühle erwiderte.

Ich will euch mit den Einzelheiten der Werbung nicht langweilen. Ihr könnt euch darauf verlassen, daß wir uns, ehe wir unsre Einwilligung zur Verlobung gaben, vergewisserten, ob Mr. Gutzeit sich in guten Verhältnissen befinde, und ich muß zugeben, in dieser Hinsicht war alles sehr befriedigend. Er besaß ein hübsches Haus in Bayswater, wo ihm seine Schwester den Haushalt führte. An der Thür stand sein Name auf einem Messingschilde, und im Oberlichte der Hausthür war eine rote Laterne angebracht. Leute in feinen Wagen kamen, um sich Zähne ausziehen zu lassen.

Jane versicherte mich, sie liebe ihn innig und mache sich gar nichts daraus, daß er Zahnarzt sei. So gaben wir denn unsre Einwilligung, und in den nächsten Monaten wurde sehr viel Deutsch in unsrem Hause gesprochen, und Karl und Jane plapperten in einer Weise zusammen, daß ich sie schließlich bitten mußte, wenigstens in meiner Gegenwart Englisch zu sprechen, zumal ich es nicht für ganz passend halte, wenn ein junger Mann unsrer eigenen Tochter in einer Sprache den Hof macht, die man nicht versteht.

Nach achtzehnmonatlichem Brautstand fand die Hochzeit statt, und dabei gab es eine große Versammlung von Deutschen. Die jungen Deutschen sind sehr schöne, große, soldatisch aussehende, gut gewachsene Männer, und sie haben einen offenen Blick, der mir außerordentlich wohlgefällt, aber es ist erstaunlich, wie viele von ihnen Brillen tragen.

»Das glückliche Paar« macht seine Hochzeitsreise nach Deutschland – natürlich zuerst den Rhein hinauf – was, wie ich höre, eine feststehende Sitte in Deutschland ist. Mein Sohn John, der viel gereist ist, sagt mir, daß in der guten Jahreszeit die Gasthöfe und Dampfer mit jungen Ehepaaren überfüllt sind und daß sie sich in einer Weise vor aller Welt liebkosen, sich an den Händen halten, einander verzückt in die Augen sehen, Gedichte zusammen lesen und ganz vergessen, daß sie sich auf dem Verdeck eines öffentlichen Dampfers oder im Speisesaal eines Gasthofes befinden, die hierzulande unbekannt ist. Nachdem sie den Rhein gesehen hatten (Jane schrieb mir ganz begeisterte Briefe und sagte, er sei schön wie ein Traum), gingen sie nach Berlin, wo Mr. Gutzeits Eltern damals lebten. Die alten Leute empfingen ihre neue Schwiegertochter sehr herzlich, und Karls Mutter versuchte, sie die Bereitung einer Anzahl deutscher Gerichte zu lehren, aber die arme Jane hatte für derartige Künste nie viel Geschick und wird es nie lernen, und ich bin auch der Ansicht, daß die Männer die Zubereitung des Essens nicht von ihren Frauen verlangen sollten. Wenn sie das für deren erste Pflicht halten, dann sollten sie ihre Köchin heiraten.

Als Jane mir zuerst von Berlin schrieb, bat sie mich, meine Briefe an sie: »Frau Doktor Gutzeit« zu überschreiben, aber das konnte ich nicht. Auf dem ersten Umschlag habe ich es versucht, allein ich habe ihn nicht abgeschickt. Der Gedanke, daß eins meiner Kinder »Frau« genannt wurde, war an sich schon schlimm genug, aber sie auch noch »Doktor« zu nennen, weil ihr Mann den Leuten Zähne auszog, war denn doch zu lächerlich, und ich sprach das in meinem Briefe auch offen aus und überschrieb ihn: »Mrs. Karl Gutzeit.«

Ehe sie heirateten, hatte ich Karl angedeutet, es sei besser, wenn seine Schwester nicht bei ihm bleibe, denn ich wollte nicht, daß mein Kind eine andre Herrin in seinem Hause finden sollte. Das thut auf die Dauer nie gut, und Mutter, Schwester oder Tante eines Ehemannes vertragen sich mit seiner Frau viel besser, wenn sie nicht unter demselben Dache leben, und mit den Verwandten der Frau ist es ebenso. Ich habe mich niemals in ungehöriger Weise in die häuslichen Angelegenheiten eines meiner Kinder gemischt, denn ich weiß, was für ein Vorurteil gegen Schwiegermütter besteht. Karl erwiderte mir, er habe mit seiner Schwester bereits abgemacht, daß sie zu einem andern Bruder gehen solle, der ein Geschäft in Manchester hatte, und als mein liebes Kind von der Hochzeitsreise zurückkam, zog sie als Herrin in ihr Haus ein, und ich freue mich, aussprechen zu können, daß sie, obgleich ihr Mann Ausländer war, ausländisches Wesen hatte und sonderbare Gerichte liebte, den Haushalt ausgezeichnet führte und daß sie im ganzen sehr gut miteinander fertig wurden.

Ich wäre nie mit ihm ausgekommen, selbst wenn ich seine Sprache hätte reden können; ich wäre nie im stande gewesen, den Anblick der vor seinem Hause vorfahrenden Leute auszuhalten, die das Gesicht verbunden hatten, vor Zahnweh stöhnten und sich nachher beim Fortgehen die Kinnbacken hielten.

Als ich sie zum erstenmal besuchte, kamen gleichzeitig mit mir noch drei andre Leute, von denen zwei ächzten, während der dritte, ein Herr, mit den Füßen stampfte.

Ich bekam sofort ebenfalls Zahnweh, und als ich eingetreten und ins Eßzimmer geführt worden war, wo ich Jane, ein Bild des Glücks, fand, da konnte ich die Bemerkung nicht unterdrücken: »Aber, liebes Kind, wie kannst du lächeln, wenn ein halbes Dutzend armer Geschöpfe oben in deines Mannes Wartezimmer sitzt, beinahe wahnsinnig vor Zahnweh?«

Jane lächelte weiter und sagte, sie bekümmere sich nicht darum, aber sie gab doch zu, daß es ihr anfänglich unangenehm gewesen sei, wenn sie ihnen im Hause begegnete, allein sie sei jetzt daran gewöhnt.

Ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Nie bin ich ins Haus gegangen, ohne mir einzubilden, ich hätte Zahnweh. Schon in der Art, wie sich der Klingelgriff anfühlte, lag etwas, was mir ein unbehagliches Gefühl in den Zähnen gab, und einmal, als ich an der offenstehenden Thüre des Operationszimmers vorbeiging, sah ich die Marterwerkzeuge und den gräßlichen Stuhl und das kleine Waschbecken auf dem eisernen Gestell in bequemer Nähe und auch das Ding, wodurch man das Gas einatmet, und wenn nicht Janes Geburtstag gewesen wäre, hätte ich mich umgedreht und Fersengeld gegeben.

Ein großer Teil von Karl Gutzeits Geschäft, und zwar der einträglichste, bestand in der Anfertigung künstlicher Zähne, worin er eine Berühmtheit war. Ich habe oft gelacht, wenn er mir erzählte, wie eitel viele alte Damen und Herren seien, die sich Zähne bei ihm machen ließen. Sie wollten sie immer perlenweiß haben und waren sehr eigen hinsichtlich der Form. Ein alte Dame, die darauf bestanden hatte, daß ihre künstlichen Zähne weiß wie Alabaster sein sollten, hatte sich, nachdem sie eingesetzt waren, eine halbe Stunde vor den Spiegel gestellt und ein Lächeln eingeübt, wobei sie sie zeigen konnte. Nachdem sie in den Besitz dieser Zähne gelangt war, grinste sie fortwährend und glaubte schließlich, es seien ihre eigenen. Sie erzählte allen Leuten, sie habe ihre schönen Zähne von einer Großtante geerbt, die unter der Regierung Georgs des Dritten eine berühmte Hofschönheit gewesen war.

Erst als meine Tochter fast ein Jahr verheiratet war, entdeckte ich einen sehr außergewöhnlichen Charakterzug bei ihrem Manne. Seiner Frau und uns gegenüber war er der liebenswürdigste Mensch, den man sich denken kann, aber mit seinen Nachbarn konnte er sich durchaus nicht vertragen. Er stand immer auf gespanntem Fuße mit ihnen, denn er hatte sich in den Gedanken verrannt, sie mischten sich auf eine oder die andre Weise in seine Angelegenheiten. Von diesem, für uns ganz unerwarteten Charakterzuge und seinen Folgen werde ich indes bei einer andern Gelegenheit berichten. Um meines Kindes willen war dieser Umstand eine Quelle großer Sorge für mich, denn er machte Karl in der Nachbarschaft sehr unbeliebt, besonders bei einer Anzahl von Kutschern und Stalljungen, die in einem seinem Hause gerade gegenüberliegenden Hofe wohnten. Zwischen diesen Leuten und Karl herrschte ein ewiger Kriegszustand.

Allein ich werde seiner Zeit noch davon sprechen müssen; ich kam nämlich erst dahinter nach einem Ereignis, das mich zur Großmutter eines deutschen Enkels machte.

Das stellt euch 'mal vor! Wenn es je eine Engländerin gegeben hat, dann bin ich eine, aber die Zeit kam, wo ich das liebe, kleine, rosige Bündel Menschheit in den Armen hielt und hörte, wie ein englischer Geistlicher die krampfhaftesten Versuche machte, die Namen Karl Gottfried Wolfgang auszusprechen. Ich bin wirklich der Ansicht, den Wolf hätten sie weglassen können. Mein Schwiegersohn behauptete zwar, es sei ein ganz christlicher Name und Goethe, der größte Dichter, den Deutschland und vielleicht die Welt je besessen hätte, ebenso wie Mozart, einer der größten Komponisten, hätten Wolfgang geheißen, allein ich kann nichts Christliches darin finden, wenn man ein Menschenkind Wolf nennt.

Diese Namen machten mein Enkelchen nur noch deutscher, und ich konnte nie das Gefühl loswerden, daß ich die Großmutter eines kleinen Ausländers sei. Es war ein reizendes Kindchen, aber es hatte einen deutschen Ausdruck, und ich war ganz fest überzeugt, daß es bei nächster Gelegenheit mit einer Brille erscheinen werde.

Der alte Gutzeit und seine Frau kamen kurz vor der Taufe zum Besuche herüber und waren natürlich bei der Festlichkeit und dem darauffolgenden Frühstück zugegen. Ich wurde ihnen selbstverständlich vorgestellt, aber da sie kein Wort Englisch und ich kein Deutsch verstand, war die Sache etwas peinlich.

Ich sprach so laut, als ich konnte, aber sie schüttelten nur die Köpfe und antworteten etwas, was so, wie es klang, recht gut hätte ein Fluch sein können, was mir aber Jane in eine sehr hübsche Artigkeit übersetzte.

Jane erzählte mir später, der alten Frau Gutzeit habe die Art, wie der Kleine angezogen war, nicht gefallen. Sie wollte ihn gewickelt haben, was, wie ich höre, in Deutschland noch Mode ist; allein ich erhob Einspruch.

»Jane,« sagte ich, »dein Kind mag ein Deutscher sein, du aber bist Engländerin und brauchst dich nicht von einer Ausländerin lehren zu lassen, wie ein Kind behandelt werden muß. Deine Mutter hat nicht umsonst neun Kinder aufgezogen; die wird wohl auch etwas davon verstehen.«

Wir luden die Gutzeits auch einmal zum Essen, und sie schienen ganz angenehme Leute zu sein, aber ich war doch froh, als sie wieder gegangen waren. Eine Unterhaltung mit Achselzucken und Kopfwackeln zu führen und so zu thun, als ob man alles verstanden habe, während man keinen Schimmer hat, was gemeint war, und wenn die Tochter fortwährend ruft, er hat dieses oder jenes gesagt, und wenn man mit seiner Tochter sprechen muß, wo man den Gast meint, und dann zuhören muß, wie die Tochter das, was man gesagt hat, in einem Kauderwelsch wiederholt, daß einem vom bloßen Hören schon der Hals trocken wird: das ist wahrlich keine angenehme Art, einen Abend im eigenen Hause zu verleben.

Ich war wirklich froh, als sie sich empfahlen, aber ich mußte ihnen durch Janes Mund versprechen, daß ich sie vor ihrer Abreise noch einmal in Karls Hause besuchen wollte. Sie waren in der That ganz reizende alte Leute, aber warum in aller Welt haben sie nicht Englisch gelernt, ehe sie eine Reise nach London unternahmen?

Kurz nach der Taufe besuchte ich den Kleinen einmal und wollte meiner Tochter ein Versprechen ablocken, ihn so englisch als möglich aufzuziehen, aber sie entgegnete mir, sein Vater wünsche ebenso dringend, ihn so deutsch als möglich zu erziehen. Gott sei Dank! Der arme Wurm ist als britischer Unterthan geboren und wird nicht in jugendlichem Alter aus seiner Mutter Arm gerissen, um in der Schlacht hingeopfert zu werden, auch braucht er sich nicht gefallen zu lassen, daß ihm das Haar kurz geschoren und ein deutscher Soldat aus ihm gemacht wird. Der Gedanke, daß eins meiner Enkelkinder jemals ein deutscher Soldat werden, Kommißbrot essen und sich mit den Franzosen herumschlagen müßte, hat mich viele Nächte nicht schlafen lassen, und ich fand nicht eher Ruhe, bis mir Karl versicherte, daß dazu auch nicht die entfernteste Möglichkeit vorhanden wäre. Ich besitze eine sehr große Hochachtung vor dem deutschen Heere, aber als getreue britische Unterthanin würde ich mich nie entschließen können, aus freien Stücken die Großmutter eines deutschen Soldaten zu werden.


Elfte Erinnerung.
Die Leute gegenüber.

Niemals hätte ich geglaubt, daß ein netter, ruhiger, liebenswürdiger Mann, wie mein deutscher Schwiegersohn Karl Gutzeit einer war, in Hinsicht auf gewisse Dinge so verrannt sein könnte, als es sich nachher herausstellte. Vor kurzem habe ich einen Aufsatz gelesen, worin der Verfasser zu beweisen sucht, daß jeder Mensch in Beziehung auf einen Gegenstand mehr oder weniger verrückt sei. Der Aufsatz interessierte mich in hohem Grade, denn ich bin nicht mit geschlossenen Augen durchs Leben gegangen, und ich muß zugeben, ich habe selbst beobachtet, daß die meisten Leute in einem besonderen Punkte ihren »Vogel« haben. 

Gern lese ich nicht über solche Dinge, denn ich bin der Ansicht, daß wir nachgerade etwas zu viel über uns selbst lernen. Durch die Bacillen, Bakterien und Mikroben und wie das greuliche Zeug alles heißt, das die Gelehrten jeden Tag entdecken, wird das Leben für jemand, der nur ein bißchen nervös ist, zu ungemütlich. Daß viele Menschen, um es gelinde auszudrücken, in einer Hinsicht überspannt sind, ist zweifellos richtig. Ein Verwandter von mir, ein Onkel, der liebenswürdigste, freundlichste Mann von der Welt, sagte mir selbst einmal, er gehe sehr ungern allein in den Straßen, weil er nur schwer der Versuchung widerstehen könne, an allen Klingelzügen zu reißen und dann wegzulaufen. Wenn er an einem Hause vorüberkäme und den Klingelgriff erblicke, dann hätte er das Gefühl, als ob er daran ziehen müsse, und weil er wisse, daß es schmählich wäre, wenn ein alter Herr, Familienvater und Kirchenältester, bei einer solchen Handlung erwischt werde, nehme er stets eine Droschke oder den Omnibus, wenn er allein ausgehen müsse. Habe er jemand bei sich, dann bäte er seinen Begleiter immer, ihn festzuhalten und unter keinen Umständen an einen Klingelgriff kommen zu lassen.

Ferner kannte ich eine Dame, die das Opfer einer ähnlichen Schwäche war, nur bestand ihre Leidenschaft darin, die Notbremse in den Eisenbahnwagen zu ziehen. Zwar hat sie es nie wirklich gethan, aber sie sagte mir, sie sei nie allein in einem Coupé, wo ihr eine solche Bremse ins Gesicht starre, ohne die größte Versuchung zu fühlen, die Schnur zu zerschneiden, den Griff zu ziehen und zu sehen, was weiter geschehen werde. Sie geriet dann in eine solche Angst, sie könne es wirklich thun, daß ihr der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn trat und sie sehr dankbar war, wenn noch jemand in den Wagen kam oder sie ihr Reiseziel erreichte.

Ich bin der Ansicht, daß auch die sogenannte Kleptomanie hierher gehört. Ganz achtbare Menschen werden plötzlich vom Verlangen ergriffen, heimlich etwas in die Tasche zu stecken, und dieses Verlangen wird stärker und stärker, bis sie ihm nicht mehr widerstehen können und unterliegen. Ich sprach einmal mit meinem Manne darüber, und er versicherte mir, ein sehr bekannter Herr ginge zu keinem Diner, ohne silberne Löffel und Gabeln in die Tasche zu stecken, und das sei so wohlbekannt, daß niemand mehr darauf achte, da seine Frau stets seine Taschen untersuche und sie – das heißt die Löffel und Gabeln, nicht die Taschen – am nächsten Tage zurückschicke.

Kurz nach unsrer Verheiratung wohnten wir eine Zeitlang dicht neben einem alten Herrn, der ein berühmter Professor irgend einer –ologie war, ich habe vergessen, welcher. Er war ohne Zweifel geistig vollkommen in Ordnung, denn er war Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften, schrieb für die Times u. s. w., aber er war der Schrecken aller Kindermädchen der Nachbarschaft, denn wenn er auf der Straße ging, dann blieb er plötzlich stehen, rang die Hände und stöhnte in der jammervollsten Weise, als ob er die gräßlichsten Schmerzen ausstände. Er konnte nicht anders, er wußte ganz gut, daß es sehr albern war, aber er konnte es nicht lassen.

Ich erwähne diese Fälle nur, um zu erklären, weshalb ich weniger erstaunt war, als ich sonst wohl durch die Entdeckung gewesen sein würde, daß Karl Gutzeit, mein Schwiegersohn und Zahnarzt (d. h. nicht mein Zahnarzt), in einer gewissen Hinsicht verdreht war.

Er hatte die verrückte Vorstellung, daß seine Nachbarn beständig etwas thäten, dem ein Ende zu machen seine Pflicht sei, und geriet infolge dessen in einen recht netten Ruf.

Meiner Tochter Jane fiel zunächst nichts auf, als er sich zu beklagen begann, daß die Leute gegenüber ihre Rouleaux nicht gleichmäßig aufzögen. Er machte sie darauf aufmerksam, daß eins halb, ein andres ein viertel und eins drei viertel in die Höhe gezogen war, was doch gar nicht gut aussähe, und sie stimmte ihm zu. Als er sich aber im Eßzimmer in seinen Lehnstuhl setzte, die Rouleaux gegenüber unverwandt anstarrte und erklärte, sie ärgerten ihn und er werde hinübergehen und die Leute ersuchen, sie zu ändern, da lachte sie ihn aus.

»Lieber Mann,« sagte sie, »wie thöricht, sich von einer solchen Kleinigkeit ärgern zu lassen. Sieh doch nicht hin.« 

Darauf behauptete er jedoch, er könne es nicht lassen, und nun wurde sie besorgt, namentlich weil sie bemerkte, daß er nervös mit den Füßen umhertrippelte und daß seine Mundwinkel zuckten. Als er aber eines Tages plötzlich aufsprang, über die Straße lief und an dem Hause gegenüber anklopfte, bekam sie einen gewaltigen Schreck.

Er kehrte in großem Zorn zurück und sagte, die Leute seien »Biester«; sie hätten ihn schwer beleidigt und ihm gesagt, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, und von dem Augenblick an faßte er eine tiefe Abneigung gegen die Leute gegenüber und bildete sich ein, sie ärgerten ihn absichtlich.

Eines Tages sah er zum Fenster hinaus und bemerkte, daß die Frau eines Kutschers in dem vom Operationszimmer aus sichtbaren Stallhofe Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. Sofort rannte er über die Straße und verlangte von dem ihn empfangenden Kutscher, er solle die Wäsche abnehmen und die Waschleine entfernen, da sie häßlich sei. Der Kutscher wurde grob und empfahl ihm, sich an einen Ort zu begeben, den man auf der Karte von Europa vergeblich suchen wird, und das erzürnte Karl so, daß er spornstreichs zu seinem Rechtsanwalt lief und den Kutscher wegen Beleidigung verklagen ließ. Dadurch entstand eine große Erbitterung gegen ihn, und die Leute in dem Hofe gingen sogar so weit, daß sie im Schutze der Nacht häßliche Anspielungen auf seine Herkunft und seinen Beruf an seine Thür schmierten, wie z. B. »deutscher Schmutzfink« und »alter Zahnreißer«, welche Bezeichnung an ihm hängen blieb.

Die arme Jane erzählte mir, Karl werde ganz grau vor Wut, wenn sie »alter Zahnreißer« hinter ihm herriefen, und manchmal, wenn sie in einer Droschke säßen, müsse sie ihn mit aller Kraft festhalten, sonst würde er hinausspringen und seine Quälgeister anfallen, und dann gäbe es sicher Blutvergießen.

Als Jane mir diese Dinge mitteilte, hielt ich es für meine Pflicht, ein ernstes Wort mit Karl zu reden, und that das auch, aber ich erntete schlechten Dank für meine Güte. Karl wurde ganz aufgeregt und behauptete, es bestünde eine Verschwörung gegen ihn in der Nachbarschaft, um ihm in seinem Geschäft zu schaden, weil er ein Ausländer sei.

Natürlich entgegnete ich ihm, das sei abgeschmackt und er sei zu empfindlich, wie das so viele Deutsche sind. Sie sind nicht an unsre etwas derbe englische Art gewöhnt, steifen sich auf ihre Würde und sehen Geringschätzung und Kränkungen, wo keine beabsichtigt sind. Karls verdrehte Idee betreffs des Benehmens seiner Nachbarn gegen ihn beunruhigte mich ernstlich; denn ich fürchtete, daß sie zu wirklichen Unannehmlichkeiten führen werde, ich bat daher Jane, zu versuchen, ihn dahin zu bringen, daß er solche Kleinigkeiten nicht mehr beachte, aber anstatt besser, wurde es schlimmer, denn er fing jetzt auch an, sich mit den Leuten nebenan zu streiten und Briefe zu schreiben. Briefe schreiben ist stets ein Fehler, besonders wenn man sie in der Hitze schreibt und sich nicht die Zeit dazu nimmt.

Die Leute gegenüber, deren Rouleaux Karl so geärgert hatten, besaßen zwei Söhne, und diesen war es ein Hauptspaß, ihn zu necken. Kam er ans Fenster, dann traten sie auf ihren Balkon und thaten so, als ob sie Zahnweh hätten. Sie hielten sich die Backen und stöhnten ganz erbärmlich. Natürlich hatten sie das volle Recht, auf ihrem Balkon zu thun, was sie mochten, aber Karl war wütend, schrieb einen Brief an ihren Vater und sandte ihn hinüber. Nun war der Vater auch entrüstet und schrieb zurück, daß, wenn es Karl schon ärgere, Leute zu sehen, die nur so thäten, als ob sie Zahnweh hätten, dann könne er sich vorstellen, wie unangenehm es für sie sei, beständig Menschen mit wirklichem Zahnweh aus- und eingehen zu sehen, und manchmal kämen welche aus dem Hause, die ihre Kinnladen in einer Weise festhielten, als ob sie ihnen zerbrochen seien. Er hatte die Unverschämtheit, ziemlich unverblümt anzudeuten, Karl sei ein öffentliches Uebel, und es gereiche der Gegend zum Schaden, daß jemand da, wo sonst nur Privathäuser seien, einen »Laden« für künstliche Zähne eröffnet habe.

Das trug auch nicht gerade dazu bei, das nachbarliche Verhältnis zu bessern, und unglücklicherweise traf es mit der Zeit zusammen, wo Karl sich plötzlich in den Kopf setzte, daß auch die Leute nebenan ihn zu belästigen begännen. Er behauptete, der Kamin im Operationszimmer rauche, wenn das Eßzimmer im nächsten Hause geheizt werde. Sofort schickte er hin und beschwerte sich, und der alte Herr, ein sehr geachteter Börsenmakler, kam herüber und verlangte mit Karl zu sprechen. Er fragte ihn, wie er dazu komme, ihm eine so unverschämte Anfrage wegen seines Eßzimmers zu schicken, und es kam zu heftigen Worten.

»Ich will Ihnen was sagen,« sprach der alte Herr zuletzt, »Sie sind eine verwünschte Plage für die ganze Gegend, und wenn Sie nicht bald machen, daß Sie von hier fortkommen, dann werden wir alle ausziehen. Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Geschäft und lassen Sie Ihre Nachbarn in Frieden.«

Die arme Jane, die sich im nächsten Zimmer befand und alles mit anhörte, ging hierauf wie zufällig hinein, weil sie fürchtete, es werde zu Thätlichkeiten kommen, worauf der alte Herr seinen Hut ergriff und eilig das Haus verließ, aber Karl hatte einen Feind mehr, und Jane sagte, es sei wirklich furchtbar, sie wage gar nicht mehr auszugehen, denn die Leute starrten sie so an.

»Liebes Kind,« sprach ich, »wenn er mein Mann wäre, dann würde ich mit aller Entschiedenheit auftreten und ihn zur Vernunft bringen.« Und ich hätte das auch gethan, aber Jane war zu ängstlich, um offen zu sprechen; sie fürchtete, seine Gefühle zu verletzen. Sie hing mit großer Hingebung an ihm und verteidigte ihn, so gut sie konnte. Sie erklärte, er sei, abgesehen von dieser Sucht, mit seinen Nachbarn zu streiten, der liebenswürdigste und beste Mann, den eine Frau sich wünschen könne, und das war er auch ganz entschieden. Aber was konnte das nützen?

»Das ist alles recht schön und gut,« sprach ich zu meinem armen Kinde, »aber er macht sich widerwärtig und verhaßt, und wenn euch eines schönen Abends die Fenster eingeworfen werden und die Steine treffen dich, was hast du dann von seiner Liebenswürdigkeit und Hingebung?«

Nachdem der kleine Karl geboren war, ging's eine Zeitlang besser, und er beachtete die Dinge, womit man ihn ärgern wollte, weniger. Denn daß vieles absichtlich gethan wurde, unterliegt keinem Zweifel; indes er war allein daran schuld, weil er zuerst angefangen hatte, Kleinigkeiten übelzunehmen und sich unnachbarlich zu verhalten. Es gibt nichts Unleidlicheres, als einen unangenehmen und streitsüchtigen Nachbarn, wie ich aus Erfahrung weiß, denn ich habe 'mal neben einer alten Dame gewohnt, die uns beständig Scherereien machte. Bald war es unser Hund, der im Vorgarten bellte, bald hatten die Kinder ihre Bälle über die Mauer geworfen, oder die Dienstboten einen Teppich ausgeklopft, der wirklich nicht viel größer war als eine Thürmatte. Und wie mich das Frauenzimmer wegen einer meiner Lieblingskatzen gequält hat, ist gar nicht zu sagen. Es war die harmloseste Katze in der Welt, aber sie geriet manchmal in den Nachbargarten und sonnte sich auf dem Rasen. Dann kam die Person heraus, schrie das arme Tier an und schimpfte es, und ich wußte sehr wohl, daß die Schimpfworte eigentlich mir galten. Aber ich bin auch nicht von gestern, und wenn meine Katze zurückkam, dann spielte ich dasselbe Spiel und richtete einige Bemerkungen an sie, die auch für die Katze nebenan bestimmt waren. Zuletzt wurde die Geschichte ganz unausstehlich, indem die Frau sogar die Unverschämtheit hatte, wenn meine Töchter übten, eine Grobheit herüber sagen zu lassen und zu verlangen, daß das Klavier an eine andre Wand gestellt werde. Sie wolle uns verklagen, wenn wir es nicht thäten. Nun ging ich aber selbst hin, und als die Hausthür geöffnet wurde, trat ich gleich ein, ohne erst lange zu fragen, ob sie zu Hause sei, und dann habe ich ihr meine Meinung so unverblümt gesagt, daß sie uns in Ruhe ließ und bald darauf auszog.

Nachdem der liebe Kleine geboren war, hörte ich lange Zeit nichts von Karl, denn ich ging aufs Land, und Jane erwähnte in ihren Briefen nichts von ihren Unannehmlichkeiten, weil sie mich nicht beunruhigen wollte und vielleicht auch, weil sie fürchtete, ich könne denken, Karl sei zu excentrisch, um ein ganz zufriedenstellender Gatte und Vater zu sein.

Ich hatte auch so viele andre Dinge, worüber ich mir Sorge machte, daß ich ganz froh war, in ihren Briefen nicht auch noch schlechte Nachrichten zu finden; ich versuchte mir also einzureden, Karl habe die Thorheit seines ewigen Streitens eingesehen und verhalte sich, wie es von einem ruhigen, verständigen englischen Bürger erwartet wird.

Kurz vor Weihnachten kam ich zurück, und am Weihnachtstage aßen, wie gewöhnlich, alle meine Kinder mit ihren Familien bei uns zu Mittag. Ich hatte es gern, wenn sich am Weihnachtstage die ganze Familie in ihrem alten Heim vereinigte, und soweit es möglich war, haben meine Kinder diesen Wunsch auch stets erfüllt, obgleich in den letzten Jahren der Raum unsres Hauses dadurch aufs äußerste in Anspruch genommen wurde. Unsre Weihnachtsessen sind freilich manchmal durch Streitigkeiten gestört worden, aber diese waren nie ernster Art. Ich bin der Ansicht, daß ein Weihnachtsmahl nicht immer ein Förderer des Friedens ist, besonders bei einer Familie, die an Verdauungs- und gichtischen Beschwerden leidet. Meine Mädchen bleiben auch nach Putenbraten und Plumpudding wahre Engel, aber meine Jungen werden leicht, was wir »stänkerisch« nennen, und dann fangen sie an, sich in einer Weise aufzuziehen, die gelegentlich zu kleinen Unannehmlichkeiten führt.

Bei dieser Gelegenheit bemühten wir uns alle, sehr liebenswürdig zu sein, und es verlief auch alles ganz glatt, bis John unglücklicherweise anfing, Karl zu necken, indem er ihn fragte, ob er seinen Nachbarn hübsche Weihnachtskarten geschickt habe. Karl gab eine etwas brummige Antwort, die ich auf Rechnung des Plumpuddings setzte, denn das ist eine Speise, woran Deutsche nicht gewöhnt sind. John aber warf ich einen warnenden Blick zu und versuchte, die Unterhaltung auf etwas andres zu lenken. Das half aber nichts, denn John, der nun einmal das Necken nicht lassen kann, obgleich er selbst außerordentlich empfindlich ist, sagte zu Karl, er meine, da nun einmal Weihnachten sei, müsse er seinen Nachbarn Ständchen bringen und das bekannte Lied: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« mit Begleitung einer Bande böhmischer Musikanten vor ihren Thüren singen. Karl wurde dunkelrot und rief John zu, er möge sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

»Das ist gerade das, was deine Nachbarn von dir verlangen, alter Freund,« versetzte John, der sehr viel kalte und warme Pastete gegessen hatte und noch fortwährend Rosinen und Mandeln knabberte, obschon er wußte, daß das das reinste Gift für ihn war. Karl wurde wütend, sprang auf, zog seinen Ueberrock an, stülpte seinen Hut auf und rannte hinaus, und ehe wir recht wußten, was vorgefallen war, hörten wir, wie er die Hausthür hinter sich zuschlug.

Die arme Jane warf aus thränenden Augen einen vernichtenden Blick auf John.

»Warum mußt du denn alle Menschen ärgern!« rief sie, lief hinaus und stürzte, ohne sich die Zeit zu nehmen, etwas auf den Kopf zu setzen, hinter Karl her. John, dem es leid that, daß er die Veranlassung zu einem peinlichen Auftritt gegeben hatte, folgte ihr, und ich konnte es nicht unterlassen, offen meine Meinung auszusprechen, daß es ganz schmählich sei und daß meine Schwiegersöhne und -töchter wirklich versuchen könnten, den Weihnachtstag ohne Zank zu verleben, denn wir wären vielleicht nicht mehr oft alle zusammen. Mein Mann war natürlich wie gewöhnlich nicht da, wo er hätte sein sollen. Er hatte sich unmittelbar nach dem Essen in seine Stube zurückgezogen, um zu genießen, was er eine ruhige halbe Stunde für sich nannte. Ich ging hinunter und fand ihn mit seiner Pfeife und der Times in der Hand, der Times von gestern, denn am Weihnachtstage war keine erschienen.

»Ich muß wirklich sagen, John Tressider,« sprach ich, »ich sollte denken, du könntest am Weihnachtstage wohl 'mal ohne die Times, die du gestern schon einmal gelesen hast, fertig werden. Wärest du da gewesen, wo du hingehörst, an der Spitze der Familie, dann hättest du einem schmachvollen Auftritt vorbeugen können.«

»He?« entgegnete er »Was ist denn schon wieder los?« Ich erzählte ihm das Vorgefallene und ersuchte ihn, seinen Hut aufzusetzen, Karl und John schleunigst zu folgen und sie zurückzubringen. Ich zweifelte nicht daran, daß sie ihren Zank irgendwo auf der Straße fortsetzten, und die Vorstellung, daß meine arme Jane ohne Hut dabei stehe, ihnen händeringend zuhöre und noch dazu am Weihnachtstage, war zu viel für mein mütterliches Herz. 

Ehe ich jedoch Mr. Tressider zu genügender Erkenntnis seiner Pflicht und aus seinem Sorgenstuhle aufgerüttelt hatte, klingelte es, und als die Thür aufging, hörte ich Karls Stimme im Hausflur. Ich lief hin und fand, daß er sich mit John ausgesöhnt hatte und zurückgekommen war, aber meine arme Jane zitterte vor Kälte, denn es wehte ein scharfer Ostwind.

Daß ich Karl sagte, er solle sich was schämen, sich so von seinem Aerger fortreißen zu lassen und seine arme Frau an einem so bitter kalten Nachmittag aus ihrem warmen und glücklichen Heim zu treiben, versteht sich von selbst; allein er runzelte die Stirn, grunzte etwas, was ich nicht verstand, und ging dann ins Wohnzimmer.

Glücklicherweise hatte der Zank keine weiteren Folgen, und wir verbrachten den Rest des Tages ganz vergnügt zusammen, abgesehen von einer kleinen Störung, die durch Augustus Walkinshaw junior veranlaßt wurde. Dieser war unbemerkt über einen großen Topf mit chinesischen, in Syrup eingemachten Früchten geraten und hatte beinahe den ganzen Inhalt aufgegessen. Dabei war sein schöner, neuer Matrosenanzug eine einzige, klebrige Masse geworden, und als ich ihm ein paar wohlverdiente Klapse gab, fing er an zu heulen und wurde dann plötzlich totenblaß und so krank, daß er hinauf und zu Bett gebracht werden mußte.

Ich hatte Karl versprochen, am Neujahrstage bei ihnen zu frühstücken, und ging ziemlich früh hin, da ich gern vorher eine ruhige Aussprache mit Jane haben wollte. Während wir redeten, kam der Bediente mit einem Päckchen, das mit einer Neujahrskarte an der Hausthür abgegeben worden war.

»Schicke hinunter, liebes Kind, und laß deinen Mann heraufkommen,« sagte ich, da es an Karl überschrieben war. »Wir wollen es zusammen auspacken, vielleicht ist es ein Neujahrsgeschenk von einem seiner Kunden.«

»Höchst wahrscheinlich,« entgegnete Jane, »er hat schon mehrere, worunter einige sehr schöne, erhalten.«

Der Bediente bat Herrn Gutzeit, nach dem Zimmer seiner Frau zu kommen, wo wir saßen, und als Karl eintrat, sagte ich: »Karl, hier ist wieder ein Neujahrsgeschenk für dich; wir sind furchtbar neugierig.«

Er lachte und meinte, er sei ein Glückspilz, denn er habe eine Menge freundlicher Andenken erhalten, ein Beweis, daß er, wenn er auch bei den gräßlichen Leuten gegenüber nicht beliebt sei, doch anderswo eine Menge Freunde habe. Er fing an, das Päckchen zu öffnen, und als er das braune Papier entfernt hatte, kam ein kleines Kistchen zum Vorschein, das zugenagelt war. Er zog sein Messer hervor und hob mit der großen Klinge den Deckel ab. Sowie dieser nachgab, sprangen zwei ungeheure, scheußliche Kanalratten ins Zimmer.

Ich stieß einen entsetzten Schrei aus und sprang, so gut ich konnte, auf einen Stuhl, und Jane schrie ebenfalls aus Leibeskräften und kletterte auf einen andern Stuhl, während die gräßlichen, geängsteten Ratten aus einer Ecke des Zimmers in die andre schossen. Karl rief einige furchtbare deutsche Worte aus, und als ihm eine der Ratten zwischen die Beine rannte, jagte ihm die Furcht, sie könne ihm im Hosenbein hinaufklettern, einen solchen Schrecken ein, daß er in die Luft sprang. Dabei fiel er und riß die Tischdecke, woran er sich halten wollte, mit allem, was darauf war, mit sich. Eine große Vase voll Blumen versuchte er zwar zu retten, aber sie entglitt ihm, fiel mit großem Gepolter zu Boden und ging in tausend Stücke. Darüber schrieen wir noch lauter als zuvor, so daß die Dienstboten ins Zimmer gestürzt kamen. Als sie aber die Ratten sahen, rafften sie ihre Röcke zusammen und nahmen Reißaus.

Furchtbar fluchend erhob sich Karl wieder. Glücklicherweise fluchte er deutsch, was ich nicht verstand, aber meine Tochter, die es verstand, muß ganz entsetzt gewesen sein.

»So schreit doch nicht so!« rief er ganz ärgerlich. »Die Ratten fürchten sich ja mehr vor euch, als ihr vor ihnen.«

Hierauf ergriff er die Feuerzange und fing an, nach den Ratten zu schlagen, traf aber meist nur den Fußboden oder sonst etwas, und die Ratten, die sich hinter einem Vorhange versteckt hatten, kamen wieder hervor und rasten in der Stube umher, Karl immer hinter ihnen. Endlich gelang es ihm, sie totzuschlagen, aber ach! In welchem Zustande befand sich Janes reizendes Zimmerchen! Karl hatte in seiner Wut mit der Feuerzange um sich geschlagen, ohne Rücksicht, wo er hintraf, und hatte eine Menge hübscher Sachen zerstört, ehe es ihm gelungen war, die Ratten zu töten.

Als wir etwas ruhiger geworden und ich von meinem Stuhle wieder herabgeklettert war und mein Zittern überwunden, und Jane ihre Thränen getrocknet, die ihr der Anblick ihres zu Grunde gerichteten Zimmers abgepreßt hatte, sah ich mir das Kistchen etwas näher an und fand auf dessen Boden eine Karte, worauf in einer ungebildeten Handschrift geschrieben war: »Prost Neujahr, alter Zahnreißer!«

Karl riß mir die Karte aus der Hand. »Das wußte ich gleich,« rief er, als er sie angesehen hatte. »Das haben die Halunken da drüben gethan! O, wenn ich sie nur in Deutschland hätte, ich schösse sie tot, wie tolle Hunde, wie tolle Hunde schösse ich sie tot.«

Wir beruhigten und überredeten ihn, sich keine weiteren Unannehmlichkeiten zu machen, da es unmöglich sei, den Urheber zu entdecken, und um Janes willen willigte er endlich ein, die Sache nicht weiter zu verfolgen, aber ich bin ganz gewiß, daß es die Leute gegenüber waren, die ihm den häßlichen Streich gespielt hatten, denn als ich ins Eßzimmer ging und dort ans Fenster trat, sah ich, wie gegenüber zwei boshafte Jungengesichter unser Haus beobachteten und dabei grinsten wie Teufel.  

Allein ich bin der Ansicht, daß selbst Ratten ihre guten Seiten haben, denn seit jener Zeit läßt Karl seine Nachbarn und diese ihn in Ruhe. Leute, die versuchen, ein glückliches Heim mit Kanalratten zu zerstören, schrecken vor nichts zurück, und Karl scheint zum Entschlusse gekommen zu sein, nichts mehr zu thun, was ihre höchst unangenehme Aufmerksamkeit auf ihn lenken könnte.


Zwölfte Erinnerung.
Zwei meiner Enkelkinder.

Eine Schwiegermutter erwartet selbstverständlich im natürlichen Verlauf der Dinge, Großmutter zu werden, wiewohl manche Schwiegermütter gar nicht begierig nach dieser Ehre sind. Im Worte Großmutter liegt allerdings etwas, was auf hohes Alter hinweist, und es ist ganz begreiflich, daß die Frauen die Zeit, wo die Welt sie als alt ansieht, möglichst lange hinauszuschieben suchen. Wenn ein Mädchen jung heiratet, dann kann es sehr wohl kommen, daß es mit vierzig Jahren eine erwachsene Tochter hat, und wenn diese ebenfalls jung heiratet, kann ihre Mutter mit zweiundvierzig Großmutter sein, wenn sie sich auch noch so gut gehalten hat, und ihr niemand ihr Alter ansieht. Hat sie dann die Eitelkeit der Jugend noch nicht überwunden, so ist es allerdings etwas verdrießlich, mit Großmutter angeredet zu werden.

Ich freue mich, aussprechen zu können, daß mir das Wort nichts als Freude gemacht hat, obgleich ich keineswegs alt war, als mir der kleine Augustus Walkinshaw durch sein Erscheinen in dieser Welt zu diesem Titel verhalf.

Jetzt bin ich ganz Großmama, denn ich habe zehn Enkel, wovon einige rasch zu jungen Männern und Mädchen heranwachsen, und ich habe mich längst in meine Rolle gefunden.

Mr. Tressider hörte sich, glaube ich, zum erstenmal nicht gern Großpapa nennen. Männer sind trotz der allgemein verbreiteten gegenteiligen Ansicht viel eitler als Frauen.

Bald nach des kleinen Augustus' Geburt hatte ich Gelegenheit, mit Mr. Tressider einige ernste Worte über seine alberne Gewohnheit, in Gegenwart Fremder Witze über mich zu machen, zu sprechen. Es war bei einer kleinen Gartengesellschaft, wo er mich dadurch verletzte, daß er einer Dame, der ich ihn eben erst vorgestellt hatte, eine lächerliche Geschichte über mein Zanken mit ihm erzählte. Wir wären einmal in einer Droschke aus dem Theater nach Hause gefahren, und ich hätte ihn ersucht, auszusteigen und nachzusehen, ob der Kutscher nicht betrunken sei. Er hätte sich geweigert, und darauf wäre, wie er behauptete, meine Antwort gewesen: »Wenn du nicht aussteigst, dann thue ich's.« Darauf hätte ich meinen Kopf zum Fenster hinausgestreckt, um dem Kutscher zuzurufen, daß er halten solle, hätte aber dabei vergessen, es niederzulassen, und mein Kopf wäre durch die Scheibe gefahren, so daß er dem Kutscher hätte zwei Schillinge bezahlen müssen, und ich wäre nach unsrer Nachhausekunft zwei Stunden damit beschäftigt gewesen, die Glasscherben aus meinem Hute zu lesen. Was ihn veranlaßt hatte, die Geschichte zu erzählen, war eine Bemerkung der Dame über die Droschke, die sie nach unserm Hause gebracht und deren Kutscher so betrunken gewesen war, daß er nach dem Aussteigen der Dame gleich davon gefahren war, ohne auf sein Fahrgeld zu warten. So, wie John Tressider die Geschichte erzählt hatte, war sie unwahr, obgleich ihr etwas Thatsächliches zu Grunde lag. Aber er erzählte sie so, daß ich in einem ganz lächerlichen Lichte erschien, worin manche Männer ein ganz besonderes Vergnügen zu finden scheinen. Im Augenblick erwiderte ich nichts, sondern warf ihm nur einen vielsagenden Blick zu, aber als die Gäste alle gegangen waren und er allein im Gartenzelte saß und das übrig gebliebene Eis aufaß, nahm ich ihn vor.

»John Tressider,« sagte ich, »ich meine, es wäre Zeit, daß du dich benehmen lerntest, jetzt, wo du Großvater bist.«

»Du meine Güte, Jane, laß doch das!« rief er, »wie kann ein Mensch nur auf den Gedanken kommen, einen daran zu erinnern, daß man Großvater ist, während man den sechsten Teller Erdbeereis in Arbeit hat!« 

Er behandelte es als Scherz, allein etwas später erwischte ich ihn im Schlafzimmer, wie er vor dem Spiegel stand und sein Haar untersuchte, das noch jetzt sehr stark und nur wenig ergraut ist, und ich weiß ganz bestimmt, daß er bei sich dachte, er sehe nicht im mindesten wie ein Großvater aus. Doch er wollte seine Rache haben. Lange Zeit nannte er mich zu meiner großen Entrüstung nicht anders, als Großmutter, und wenn ich irgend etwas sagte, was ihm nicht gefiel, dann sprach er häufig in Gegenwart andrer: »Nur ruhig, meine Liebe, rege dich nicht auf; vergiß nicht, daß du Großmutter bist.«

Allein wir gewöhnten uns bald an die neue Lage, und meine lieben Enkelkinder brachten mir eine ganz neue Freude in mein Leben, obgleich es manchmal zu Zwistigkeiten über die Namen kam, die sie erhalten sollten. Wenn ich einen Namen auswählte, den ich für eins von meinen Enkelkindern für passend hielt, dann hatte sein Vater stets entschiedene Wünsche in andrer Richtung, und ich mußte natürlich nachgeben.

Der kleine Augustus Walkinshaw war anfangs ein sehr zartes Kind, aber seine Mutter machte viel zu viel Wesen von ihm, und ich mußte ihr offen meine Meinung sagen und sie daran erinnern, daß ich neun Kinder aufgezogen hätte und doch wohl etwas davon verstehen müßte. Sie verhätschelte das Kind zu sehr und machte sich Sorge über den geringsten Luftzug, der es traf, und dann quälte sie sich immer wegen der Form seiner Nase. 

Eines Tages traf ich das Kindermädchen mit dem kleinen Augustus, wie es rückwärts ging und mit großer Heftigkeit gegen einen Metzgerjungen gerannt wäre, der einen auf einem Kirchturme arbeitenden Dachdecker mit einer Mulde Fleisch auf der Schulter – der Metzgerjunge hatte die Mulde Fleisch auf der Schulter, nicht der Dachdecker – bewunderte, wenn ich es nicht noch rechtzeitig angerufen und vor der Gefahr gewarnt hätte. Und als ich dem Mädchen sagte, es solle sich was schämen, auf öffentlicher Straße mit einem Kinde auf dem Arme so herumzulaufen, entgegnete es mir, es gehe auf Befehl ihrer Herrin so, da ein kalter Wind wehe und das Kind so davor geschützt werde. Ich sprach sofort mit Sabine darüber und sagte ihr, ein solches Verhalten sei ganz lächerlich, da so verzärtelte Kinder immer kränklich blieben. Allein es half nichts, sie war gleich hinterher gerade so übermäßig ängstlich, und als die kleine Sabine geboren war, fing die Geschichte von vorn an. Mir war dieses Benehmen eine Quelle großen Verdrusses, weil meine älteste Tochter sich vollständig zur Sklavin ihrer Kinder machte und sie kaum jemals außer Sehweite ließ, und wenn sie 'mal von Hause weg war, dann befand sie sich fortwährend in einem Zustande der Aufregung, der für ihre Umgebung geradezu peinlich war. Beständig bildete sie sich ein, es werde während ihrer Abwesenheit ihren Kindern etwas Furchtbares zustoßen, und sie wechselte die Kindermädchen so häufig wegen irgend einer eingebildeten Pflichtversäumnis, daß ihr Name niemals aus dem Buche der Gesindevermietungsanstalt verschwand, woher sie ihre Leute bezog.

Endlich fand sie ein Mädchen, das ihr und den Kindern gefiel; dieses wurde indes bald Herrin im Hause. Sowohl Sabine als auch Augustus fügten sich ihr – sie hieß Anna – in allem, aus Angst, sie zu beleidigen, und Anna brauchte nur mit Kündigung zu drohen, um alles zu erreichen, was sie wollte. Als sie entdeckte, wie groß ihre Macht im Hause war, wurde sie übermütig, und das war nur natürlich. Die Kinder waren damals etwa vier oder fünf Jahre alt und hatten große Anhänglichkeit an Anna, denn diese war die einzige, die sie verstand und richtig behandelte. Als sie dahinter kam, für wie unentbehrlich meine Tochter sie für das Wohlergehen der Kinder hielt, sagte sie alle Augenblicke, sie müsse gehen, oder sie erzählte den Kindern, ihre »Nanna« müsse sie verlassen, und dann weinten die Kleinen und klammerten sich an sie. Der Gedanke an ein neues Kindermädchen war Sabine indes so schrecklich, daß sie Anna in allem nachgab, und um sie am Ausgehen zu verhindern, erlaubte sie ihr, ihre Bekannten und Freunde im Hause zu empfangen. Als ich eines Abends hinüberging, um meine Tochter zu besuchen, hörte ich viel Lachen und lautes Sprechen in der Küche, während ich durch den Hausflur schritt.

»Allmächtiger Himmel, was ist denn los?« fragte ich, »haben denn die Mädchen ein ganzes Regiment Soldaten unten?« 

»O nein, Mama,« entgegnete meine Tochter, »es sind nur Annas Verwandte und einige Freunde: ihr Vater und ihre Mutter, ihre Schwestern und Brüder, die Köchin von nebenan und das Hausmädchen von gegenüber«

Ich war sehr überrascht, daß meine Tochter einen so großen »Anhang« gestattete, und zögerte nicht, meine Meinung über die Sache auszusprechen, wobei ich sie darauf aufmerksam machte, daß ich solche Zustände nie geduldet hätte. Sabine entschuldigte die Sache damit, daß Annas Geburtstag sei, und da sie nicht gern wollte, daß sie für den Tag ausgehe, habe sie ihr gestattet, ihre Verwandten und Freunde zum Thee einzuladen. Ich erklärte das für ganz ungehörig und sagte ihr, wenn sie nicht vorsichtig sei, werde Anna bald Herrin im Hause sein, und so kam es in der That sehr bald. Sabine war eine hingebende Mutter und bildete sich fortwährend ein, ihre Kinder würden von irgend etwas angesteckt werden, und das war ein Grund, weshalb sie nicht gern sah, wenn Anna ihre Angehörigen besuchte, denn sie fürchtete stets, sie könne die Masern, das Scharlachfieber oder etwas Aehnliches mitbringen. Sie machte sich mit ihrer Angst das Leben furchtbar sauer, und Anna zog natürlich Nutzen daraus.

Eines Tages erzählte sie ihrer Herrin, ihr Vetter, mit dem sie verlobt war, sei von der See zurückgekehrt und sie möchte ihn gern zum Thee einladen, und von da an war beständig ein Matrose zum Thee in der Küche. Anna überwarf sich jedoch bald mit dem Matrosen, und dieser ging wieder zur See. Kurz nachher wurde sie plötzlich sehr fromm und fing an, eine benachbarte Kapelle zu besuchen. Diese Kapelle wurde das Kreuz im Leben meiner Tochter, denn Anna wurde eines der eifrigsten Mitglieder und verlangte, viermal wöchentlich zum Abendgottesdienst gehen zu dürfen, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte. Aus Furcht, sie werde kündigen, wagte Sabine nicht, ihr das abzuschlagen, und wenn Anna in die Kapelle ging, mußte sie selbst bei den Kindern bleiben, denn wenn die kleine Sabine aufwachte und niemand fand, weinte sie nach ihrer »Nanna«. Ich entsinne mich, daß ich einmal die ganze Familie an Johns Geburtstag zum Essen eingeladen hatte, und daß mir sehr viel daran lag, daß alle kämen.

Im letzten Augenblick aber erhielt ich einen langen Brief von Sabine, worin sie mit erklärte, es sei ein besonderes Fest in Annas Kapelle, wobei diese nicht fehlen dürfe, sie (Sabine) müsse deshalb bei den Kindern bleiben.

Ich war entrüstet und schrieb ihr einen sehr ernsten, wenn auch durchaus mütterlichen Brief und sagte ihr, wenn Anna mein Mädchen wäre, würde ich dieser Kapellenlauferei sehr bald ein Ende machen. Ich hätte durchaus nichts dagegen, wenn Dienstboten fromm wären – im Gegenteil – allein ich sei der Ansicht, daß ein Dienstmädchen, das verlange, jede Woche viermal in die Kapelle gehen zu dürfen, ihre Pflicht gegen ihre Herrschaft nicht erfülle, was doch sozusagen auch zur Frömmigkeit gehöre. Man nehme Dienstboten, damit sie die Hausarbeit verrichten, nicht, damit sie in die Kapelle liefen.

Anna blieb noch lange bei ihnen, auch als die Kinder schon so groß geworden waren, daß sie eines Kindermädchens nicht mehr bedurften, einfach, weil weder Sabine, noch Augustus den moralischen Mut hatten, ihr zu kündigen, denn sie wußten, daß die Kinder, die wirklich sehr an ihr hingen, einen Auftritt machen würden. Schließlich ging sie aus freien Stücken, um einen Stadtmissionar zu heiraten, und ich weinte ihr keine Thräne nach. Für meinen Geschmack gab es viel zu viel »Anna« in meiner Tochter Haushalt.

Augustus junior entwickelte sich zu einem aufgeweckten Burschen, war aber außerordentlich zart. Er wuchs so rasch, daß er nicht nur aus seinen Kleidern, sondern auch aus seinen Körperkräften herauswuchs, und da er, wie gesagt, sehr zart war, gaben ihm seine Eltern in allem nach. Er zeigte schon früh eine ganz ungewöhnliche Neigung zur Astronomie und stand immer in der Nacht auf, um die Sterne durch sein Schlafstubenfenster zu betrachten, und wirklich wußte er für ein Kind viel zu viel von Mars, Venus, Saturn und dem Mond.

Als er etwa zwölf Jahre alt war, schenkte ihm sein Onkel John ein großes Teleskop, das auf so einer dreibeinigen Stellage stand und wirklich ein vorzügliches Instrument war. Anfänglich hatte es Augustus junior im Garten aufgestellt, allein da die Sterne die berechtigte Eigentümlichkeit haben, erst nach eingebrochener Nacht zum Vorschein zu kommen, und dann das Gras vom Abendtau feucht war, geriet seine arme Mutter in schreckliche Angst, indem der Doktor die Nachtluft für schädlich für ihn erklärt hatte. Das Teleskop wurde also nach seinem Schlafzimmer gebracht, und da das Fenster ziemlich klein war, mußte er sich auf den Fußboden legen, wenn er den Mond sehen wollte, weil es auf andre Weise nicht möglich war, dem Instrument den richtigen Erhöhungswinkel zu geben. Es war schon für den Jungen schlimm genug, daß er statt im Bett auf dem Magen lag und Mars und Venus anstarrte, allein er bestand darauf, daß ihn sein Vater und seine Mutter bei seinen astronomischen Entdeckungen unterstützten, und so mußte denn die arme Sabine sich auf den Fußboden legen, den Mond ansehen und so thun, als ob sie sich im höchsten Grade für die Ringe des Saturn und die Satelliten des Jupiter interessiere. Es war mir ja ganz recht, daß der Junge sich mit etwas Wissenschaftlichem beschäftigte, obgleich ich etwas Verständlicheres und Nützlicheres als Sterne vorgezogen hätte, aber ich meinte doch, Sabine gehe etwas zu sehr auf seine Wünsche ein, indem sie sich bereit finden ließ, Abend für Abend auf dem Fußboden zu liegen und ein Auge an das Teleskop, das andre zuzuhalten und den Mond zu betrachten. Sie gestand mir, sie sehe nie mehr, als einen unbestimmten Schimmer, und ihre Lage auf dem Fußboden sei nicht nur unschön für eine ausgewachsene Familienmutter, sondern auch manchmal schmerzhaft.

Eines Abends, als ich in ihrem Hause war, schleppte mich der kleine Augustus ebenfalls hinauf, um mir einen Kometen zu zeigen, oder irgend ein andres wunderbares Ding, das er mit dem von seinem Onkel erhaltenen Teleskop entdeckt hatte. Als er aber verlangte, ich solle mich flach auf den Magen legen, um durch das Teleskop zu sehen, erklärte ich, sein Wort sei mir eine ausreichende Bürgschaft für das Vorhandensein des Kometen, und ich wolle lieber warten, bis er fürs unbewaffnete Auge sichtbar sei, ehe ich meine Meinung über ihn abgebe. Augustus war sehr entrüstet, daß seine Großmutter so wenig Interesse für die Himmelskörper bewies, aber ich erklärte ihm, daß in meinem Alter Kenntnisse, die mir durch längeres Liegen auf dem Magen, Zuhalten eines Auges und Anpressen des andern an ein Stückchen Glas zu erlangen seien, wenig Reiz für mich hätten. Ich wußte sein Interesse für die Astronomie zwar sehr zu würdigen, aber ich sagte ihm, daß ich das meinige infolge besonderer Umstände auf das Beobachten einer Sonnenfinsternis durch ein über der Lampe geschwärztes Stückchen Glas beschränkt habe. Nach dieser Erklärung betrachtete er seine Großmutter, glaube ich, mit etwas geringschätzigen Augen, und er zog mich nie wieder ins Vertrauen hinsichtlich der Himmelskörper. Allein ich hörte von seiner Mutter, daß er in einem Monat drei verschiedene Sterne entdeckt, die er noch nie vorher gesehen hatte, und daß er sich drei verschiedene Male erkältet habe, und zwar einmal so schwer, daß er zu Bett liegen mußte und Senfpflaster auf die Brust bekam. Und gerade in der Nacht, wo er das Senfpflaster liegen hatte, kam seine arme Mutter zu ihrem nicht geringen Schrecken gerade in sein Zimmer, als er, bloß mit Nachthemd und Senfpflaster bekleidet, vor dem offenen Fenster auf dem Boden lag und die Venus betrachtete. Doch er erklärte, es sei ihm nichts andres übrig geblieben, denn es sei ihm plötzlich eingefallen, daß gerade in der Nacht etwas mit diesem Planeten einträte, was erst in hundert Jahren wieder vorkomme, und da er vermutlich nur wenig Aussicht habe, die Erscheinung dann studieren zu können, habe er es für erforderlich gehalten, diese Gelegenheit nicht zu versäumen.

Meine arme Sabine war natürlich außer sich, schmeichelte ihn wieder ins Bett, deckte ihn sorgfältig zu und schrieb am nächsten Tage an John. Sie hoffe, sagte sie ihm, er werde nie wieder einer besorgten Mutter liebevolles Herz brechen, indem er einem schwachen Kinde mit zarter Brust ein Teleskop schenke, das nur bei offenem Fenster gebraucht werden könne.

In der letzten Zeit ist mein Enkel Augustus kräftiger geworden, und obgleich seine hingebende Mutter darüber jubelt, wird ihre Freude doch erheblich dadurch beeinträchtigt, daß er mit Leidenschaft körperliche Uebungen, namentlich Cricketspiel und Radfahren, treibt. Beim Cricket hat er übrigens meistens Pech, obgleich seine Mitschüler behaupten, er sei ein guter Spieler. Einmal ist er schon mit einem geschwollenen und blauen Auge nach Hause gekommen, da ihm ein Ball hineingeflogen war, und einmal hat er sich den Fuß verrenkt. Er spricht nie seine Absicht aus, zum Cricketspiel zu gehen, ohne seiner Mutter Herzklopfen zu verursachen, und auch seine Abenteuer beim Radfahren machen ihr große Sorgen. Ich fürchte, er ist etwas wagehalsig. Vielleicht sieht er auch den Himmel an und studiert die Sonne, statt auf den Weg zu achten; jedenfalls hat er eine ganz eigentümliche Fertigkeit, sich ganz ungeheuer rasch und plötzlich von seinem Rade zu trennen und seinem Gesicht, seinen Knieen und seinen Kleidern auf der Landstraße beträchtlichen Schaden zuzufügen, ganz zu schweigen von der furchtbaren Abnützung seiner Anzüge. Im ganzen würde Sabine, glaube ich, glücklicher sein, wenn er sich auf sein Teleskop beschränkte. Beschäftigt er sich in seiner Schlafstube damit, die Sterne zu begucken, dann weiß sie wenigstens, was aus ihm geworden ist, geht er aber zum Cricketspiel oder zum Radfahren, dann hat sie immer ein Vorgefühl, er werde auf einer Tragbahre wieder nach Hause gebracht werden.

Meine Enkelin Sabine hat schriftstellerische Anlagen. Schon im Alter von sechs Jahren pflegte sie kurze Geschichten auf ihre Schiefertafel zu schreiben, mit sieben griff sie, mit schrecklichen Folgen für die Tischdecken, ihre Schürzen und ihre Finger, zu Feder und Tinte, und mit zehn Jahren begann sie ihre eigene Lebensgeschichte und Erinnerungen zu schreiben, die sich hauptsächlich mit dem Leben und den Abenteuern der verschiedenen Katzen und Hunde beschäftigten, die zur einen oder andern Zeit Glieder der Familie gewesen waren.

Ihr Bruder hält ihre Geschichten für »Quatsch«, aber ihr Vater und ihre Mutter erblicken Anzeichen zukünftiger Größe darin. Die Erzählungen haben die Besonderheit, daß in keiner einzigen auch nur die entfernteste Andeutung auf Jungen vorkommt; mit Ausnahme der Hunde und Katzen sind alle Charaktere weiblichen Geschlechts. Selbst in den Märchen, die sie schreibt, werden keine Jungen erwähnt, alle Feen sind junge Damen, und unter keinen Umständen haben sie Liebhaber oder wissen überhaupt etwas von Liebe, außer der Liebe zu einander und zu ihren Hunden und Katzen.

Die Feenkönigin überschüttet einen Kanarienvogel mit Koseworten und verwandelt einen bösen Hund in einen Mistkäfer, aber noch nicht einmal ein Säugling männlichen Geschlechtes kommt in der ganzen Sammlung vor, womit meine Enkelin Sabine mehrere Hefte gefüllt hat

Die Unterhaltung der handelnden Personen ist in gewissem Sinne realistisch, denn sie ist dem Leben entnommen. Die kleine Sabine hat nämlich die Gewohnheit, ihrer Eltern Gespräche in ihren Geschichten zu verwerten, was bei einer Gelegenheit zu ganz überraschenden Folgen führte.

Augustus Walkinshaw ist, wie alle Männer, zuweilen etwas krittelig. Eines Abends, wo die kleine Sabine im Zimmer saß und eine Geschichte schrieb, ohne daß er es wußte, ärgerte er sich über eine Schachtel Streichhölzer. Nachdem er ein halbes Dutzend angestrichen hatte, ohne daß eins gehörig anging, rief er: »Hol der Teufel die Streichhölzer; ich wollte, der Mensch, der sie gemacht hat, säße, wo der Pfeffer wächst!«

Nicht lange danach unterhielt sich die Mutter der kleinen Sabine einmal mit dem Geistlichen der Gemeinde, der sie besuchte, und erzählte ihm, wie gern die Kleine Geschichten schrieb. Der Geistliche bat, einige Proben sehen zu dürfen, und die stolze Mutter ließ sich unschwer überreden, ging hinauf und brachte das ihrer Tochter neueste Leistungen enthaltende Heft herunter.

Der Geistliche las einige Seiten mit großem Interesse. Zwei junge Prinzessinnen haben ihre Last mit ihrem Hausmädchen, das an seinem Ausgehsonntage nie um zehn Uhr zu Hause ist. Sie kommen überein, ihre Patin, eine Fee, zu bitten, das unartige Mädchen in eine Kröte zu verwandeln, wenn es jemals wieder über die Zeit ausbleibe. Am nächsten Sonntag kommt das Mädchen um elf, und die Prinzessinnen sind so entrüstet, daß sie ihre Patin herbeirufen und sie bitten, das Mädchen sofort in eine Kröte zu verwandeln. Die Patin läßt einen großen Zauberkessel ins Zimmer bringen, und als das Holz daruntergelegt ist, ergreift sie eine Schachtel Streichhölzer, um das Feuer anzuzünden, aber ein Streichholz nach dem andern versagt, und endlich ruft die Feenpatin: »Hol der Teufel die Streichhölzer; ich wollte, der Mann, der sie gemacht hat, säße, wo der Pfeffer wächst!«

Als der Geistliche soweit gekommen war, ließ er das Heft sinken.

»Du meine Güte!« sagte er, »ich hätte nicht geglaubt, daß ein Kind von sieben Jahren seinen Feen so starke Ausdrücke in den Mund legen würde.«

Die arme Sabine nahm das Buch, las die Geschichte und wurde feuerrot. Sofort war ihr klar, daß das Kind die Worte von seinem Vater aufgeschnappt hatte. Unter diesen Umständen hielt sie es für geraten, das Heft zu schließen und davon abzusehen, dem Geistlichen noch mehr Geschichten zuzumuten, denn sie fürchtete, daß selbst noch stärkere Ausdrücke ihren Weg in die Unterhaltung der Feen gefunden haben möchten.

Kleine Töpfe haben große Henkel, und Eltern können nicht vorsichtig genug sein, wenn sie in Gegenwart ihrer Kinder sprechen. Ich habe 'mal ein kleines Mädchen gekannt, das in einer Kindergesellschaft zum Entsetzen der Anwesenden einen sehr starken Ausdruck brauchte, weil ihr ein Junge zufällig auf den Fuß getreten hatte, und das war ganz allein die Schuld ihres Papas. Dieser litt an der Gicht und hatte denselben Ausdruck gerade an dem Morgen gebraucht, als der Bediente beim Zurechtstellen des Schemels, worauf der kranke Fuß ruhen sollte, diesen zufällig berührt hatte.

Hauptsächlich sind Hunde die Helden in der kleinen Sabine Geschichten, und das kommt daher, weil ihre Mutter und ihr Vater in wirklich übertriebener Weise an einem Bullterrier »Jack« hängen. Jack ist Herr des Hauses: wenn er sich auf den Sorgenstuhl legt, dann wartet Augustus, bis es ihm gefällig ist, sich wieder zu erheben; macht er sich's zu einem Mittagsschläfchen auf dem Sofa im Empfangszimmer bequem, dann wagt niemand, ihn zu stören. Er trägt ein großes Messinghalsband, worauf sein Name, seine Wohnung und eine fabelhafte Belohnung für den ehrlichen Finder, im Falle er verloren gehen sollte, eingraviert sind. Schläft der kleine Jack abends auf Sabines Schoß ein, dann geht sie, um seinen Schlummer nicht zu unterbrechen, nicht eher zu Bett, als bis er von selbst wieder erwacht ist. Wenn der kleine Augustus erkältet ist und zu Bett liegen muß, dann wird die alte Wiege, die zuletzt für die kleine Sabine gebraucht worden ist, als Bett für Jack hergerichtet und in des kleinen Augustus Schlafzimmer gestellt. Jack speist mit der Familie, er hat seinen eigenen Stuhl und ist darauf abgerichtet, aus einer kleinen Porzellanschüssel zu fressen, die ihm die Kinder zu seinem letzten Geburtstage geschenkt haben und die den Namen »Jack« in goldenen Buchstaben trägt. Jack hat für den Winter einen Ueberrock, weil seine Brust etwas empfindlich ist, auch besitzt er einen Regenmantel für feuchtes Wetter, kurz und gut, es wird ein Wesen um ihn gemacht, als ob er ein Mensch wäre. Eines Tages hatte er sich verlaufen, und als er zurückgebracht wurde, umarmten und küßten sie ihn alle der Reihe nach. Und einmal, wo Jack wirklich ernstlich an Lungenentzündung erkrankt war und der Tierarzt die Hoffnung auf seine Wiederherstellung ziemlich aufgegeben hatte, da war die ganze Familie – – – Allein ich muß die Geschichte der Walkinshaws und der Nacht, wo sie glaubten, Jack werde sterben, für eine andre Gelegenheit aufsparen.

Ich kam zufällig an jenem Abend ins Haus und konnte meine Meinung über dieses alberne Gethue nicht zurückhalten, denn Augustus und Sabine waren wahrhaftig ganz so einfältig, wie meine Enkel. Ich sagte, es sei abgeschmackt, obgleich ich selbst Tiere sehr gern habe. Als ich eintrat, standen sie alle weinend um ihn. Er lag auf einem Teppich, und als Augustus, der jüngere, aufsah und mich erblickte, sprach er zu dem Hunde: »Jack, lieber Jack, sieh doch, da ist deine liebe Großmama, um dich zum letztenmal zu besuchen.«

Ich bin selbst eine gefühlvolle Frau, aber auf Bullterriers erstreckt sich meine Empfindsamkeit nicht. 


Dreizehnte Erinnerung.
Lavinia.

Ich hätte niemals geglaubt, daß meine Tochter Lavinia die beste Partie von der Familie machen würde, aber sie that es. Als Kind war sie ungewöhnlich zart, und ich habe mich fast über sie zu Tode geängstigt, denn sie bekam alles, was in der Luft lag, und war bis zu ihrem achtzehnten Jahre immerfort in den Händen des Doktors.

Aber obgleich so zart, war sie doch das munterste und ausgelassenste kleine Ding, das man sich denken kann. Niemals habe ich ein Kind gekannt, dem so viel zugestoßen wäre. Ehe sie sieben Jahre alt war, hatte sie sich beim Spielen mit Streichhölzern in Brand gesteckt; sie war aus dem Fenster des ersten Stocks aufs Dach des Gewächshauses gefallen und von da in den Garten gerollt, glücklicherweise, ohne sich ernstlich Schaden zu thun; sie hatte sich auf der Straße vor einem Laden den Fuß in ein eisernes Gitter geklemmt und mußte schreiend aushalten, bis ein Schlosser oder etwas Aehnliches geholt worden war und die Stange durchgesägt hatte, und sie war mit dem Kopfe zuerst in ein für ihre Schwester bereitetes heißes Bad gefallen. Sie behauptete immer, sie könne nichts dafür, sie thue nichts, um diese Unfälle herbeizuführen, und ich weiß nicht, ob das Kind nicht in gewisser Weise recht hatte. Aber daß sie vorfielen, ist Thatsache, sie war eben ein kleiner Pechvogel. Sie hatte das Pech, daß sie jede ansteckende Krankheit kriegte, die gerade herrschte, und sie hatte das Pech, daß ihr alle Unfälle zustießen, die Kindern zustoßen können.

Wir nannten sie auch jahrelang »Lavinia, der Pechvogel«, und ich war im stillen fest überzeugt, daß sie ihr ganzes Leben Unglück haben werde. Aber es kam anders. Sie hatte Glück in der Liebe, sie hatte das Glück, eine sehr gute Partie zu machen, und ich muß hinzufügen, sie hatte Glück in der Wahl ihres Gatten.

Sie und Charles Wigram – das ist der Name ihres Mannes – passen vorzüglich zusammen. Beide von ruhiger und liebenswürdiger Gemütsart, nehmen sie das Leben, wie es kommt, und gehen in der gelassenen und zufriedenen Weise durchs Dasein, die ein großer Segen für die ist, die es fertig bringen, es so zu nehmen.

Ich kann's nicht, ich habe es nie gekonnt und werde es nie können. Ich bin eine in hohem Grade empfindsame, nervöse Frau, und die geringste Kleinigkeit bringt mich aus Rand und Band. Auch arten mir meine Kinder in dieser Hinsicht nach; Lavinia ist die einzige Ausnahme. Sie ist so ruhig und gleichmütig wie ihr Vater, und da sie zart ist, müssen wir das als ein Glück ansehen. Wäre sie gewesen, was man einen »Grillenfänger« nennt, dann würde sie wahrscheinlich jung gestorben sein. Sie läßt sich nie aus dem Gleichgewicht bringen, und nun ist sie glücklich verheiratet und mit zwei reizenden Kindern gesegnet, die die ungewöhnliche Neigung zu beunruhigenden Zufällen von ihr geerbt haben. Wie oft sie um Haaresbreite ernsten Gefahren entgangen sind, wie sie Erkältungen, Masern, Keuchhusten, Ziegenpeter und andre Krankheiten gehabt haben, die gerade Mode waren, ist gar nicht zu sagen. Aber sie macht sich nicht so viele Sorgen um ihre Kinder, als ich mir um meine gemacht habe. Sie ist eine treue Mutter, aber sie nimmt es ein für allemal als feststehend an, daß alles schließlich gut abläuft, und sie geht durchs Leben, als ob sie, um mich dichterisch auszudrücken, auf Rosen wandle.

Eines Tages kam sie in den Garten ihres Landhauses und erblickte ihren fünfjährigen Jungen auf der obersten Sprosse einer hohen Leiter, die die Arbeiter beim Ausbessern des Daches hatten stehen lassen. Ich hätte geschrieen und die Hände gerungen. Meine Tochter Lavinia that nichts dergleichen. Sie blickte ruhig in die Höhe und sprach: »Du ungezogener Junge, gleich kletterst du aufs Dach, und da bleibst du, bis ich dich hole.«

Sie wartete, bis der Junge das an dieser Stelle flache Dach erreicht hatte, ging dann ruhig die Treppe hinauf und holte ihn durchs Bodenfenster herein.

Ich hätte so was nicht fertig gebracht, und wenn es mein oder des Kindes Leben gegolten hätte, aber das ist einer der Vorteile, wenn man keine Nerven hat und alles gelassen hinnimmt. Ich glaube, ihre vollkommene Ruhe in einem Augenblick großer Gefahr hat ihr den Gatten gewonnen, obgleich auch ihr unfreiwilliger Hang zu Unfällen etwas damit zu thun hatte.

Sie und ihre Schwester ritten eines Morgens in Begleitung ihres Reitlehrers spazieren, und sie trabte um eine Ecke, während der Stallmeister abgestiegen war, um einen Gurt am Sattel ihrer Schwester fester zu ziehen. Gerade als sie um die Ecke bog, ließ ein nichtsnutziger Junge einen Drachen dicht vor der Nase ihres Pferdes steigen, und dieses ging durch. Lavinia schrie nicht, sondern hielt sich so fest, als sie konnte, und versuchte, ihr Pferd zu zügeln, allein das Tier hielt nicht eher an, als bis es seinen Stall erreicht hatte, und dann rannte es durch die offene Thür, so daß sie sich fast flach auf den Rücken des Pferdes legen mußte, um der Gefahr zu entgehen, sich den Kopf am Thürbalken zu zerschmettern.

Sowie die Stallknechte das Tier gefaßt hatten, glitt sie hinunter und bestieg ein andres, das gerade hereingeführt worden und noch gesattelt war.

»Um alles in der Welt, Fräulein,« riefen die Stallknechte. »Sie wollen doch nicht wieder fortreiten?«

»Natürlich,« antwortete Lavinia, »ich muß machen, daß ich wieder zu meiner Schwester komme, sonst ängstigt sie sich,« und sie ritt ihrer Schwester entgegen, die bald nachher mit dem Stallmeister, beide totenbleich, ankam. Das war in der That sehr brav von ihr und zeigt, wie ruhig sie alles hinnimmt, und dieser Vorfall hatte zuerst Mr. Wigrams, eines in der Nähe wohnenden jungen Herrn, Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Er hatte auf der Straße gesehen, wie das Pferd in den Stall rannte, und war sehr erstaunt, Lavinia sofort auf einem andern wiedererscheinen zu sehen, so ruhig und gesammelt, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre.

Er war mit einem meiner Söhne bekannt und schon mehrere Male in unsrem Hause gewesen; nach diesem Vorfalle aber erzählte er jedermann, es sei das unerschrockenste Benehmen gewesen, das er jemals von einer Dame gesehen habe, und von da an erwies er Lavinia sehr viel Aufmerksamkeiten, wenn er sie auf Bällen oder in Gesellschaft traf, und schließlich verlobten sie sich.

Es war eine ausgezeichnete Partie, denn bei all ihrer Unerschrockenheit und Ruhe war meine liebe Lavinia doch nicht dazu gemacht, ein hartes Leben zu ertragen oder einen armen Mann zu heiraten. Charles Wigram lebte bei seiner Mutter, einer Witwe, und hatte neben Erwartungen von einigen reichen Verwandten schon jetzt ein schönes Einkommen. Sehr bald, nachdem er angefangen hatte, Lavinia auszuzeichnen, starb ein Onkel und hinterließ ihm dreißigtausend Pfund Sterling. Mit dem, was er von seinem Vater geerbt hatte, genügte es, um seine Verhältnisse sicher und sehr behaglich zu gestalten, und ich wußte, daß Lavinia gut versorgt war. Das Durchgehen ihres Pferdes sei diesmal von einigem Nutzen für sie gewesen, meinte ich, aber ich war immer in einer gräßlichen Angst, wenn sie später ausritt, und fand nicht eher Ruhe, als bis sie glücklich wieder zu Hause war.

Wenn die Mädchen ein wenig länger als gewöhnlich ausblieben, dann ging ich hinaus und schaute vor der Hausthür nach ihnen aus. Einmal, wo sie etwa eine halbe Stunde später kamen, als ich sie erwartete, fanden sie mich händeringend an der Thür des Vorgartens, und Lavinia sagte, sie müsse unter diesen Umständen die Spazierritte in London aufgeben.

Es thue mir sehr leid, entgegnete ich, aber ich sei so nervös und ängstlich, daß ich nicht anders könne, und obgleich sie mich wahrscheinlich für sehr thöricht hielten, sei es doch nur mein liebendes Mutterherz und ein Nervensystem, das durch die von einer großen Familie unzertrennlichen Sorgen und Schwierigkeiten, sowie einen Mann, der nie zu Hause sei, wenn etwas Unangenehmes vorfalle, erschüttert sei.

Als Lavinia und Mr. Wigram verheiratet waren, lebten sie auf dem Lande, auf einer reizenden Besitzung in Oxfordshire, die er gekauft hatte, und ich sah nicht so viel von meiner Tochter, als ich wohl gewünscht hätte. Aber wenn sie in die Stadt kamen, wohnten sie bei uns, und bei diesen Besuchen hatte ich Gelegenheit, Mr. Wigrams Charakter kennen zu lernen und zu sehen, wie herrlich sie zusammen paßten.

Ich glaube, wenn eine Bombe zwischen ihnen geplatzt wäre, während sie zusammen auf dem Sofa saßen, keins von beiden würde seinen Platz übereilt verlassen haben. Sie hatten es niemals eilig. Zum Beispiel entsinne ich mich noch, wie ich einmal mit ihnen in der Oper war und wir beim Hinausgehen in ein großes Gedränge gerieten. Unser Wagen fuhr vor, wurde aber von der Polizei wieder weggeschickt, weil er den Weg versperrte, worüber ich höchst entrüstet war, weil ich sah, daß wir wenigstens eine halbe Stunde warten mußten, ehe er wieder vorfahren konnte, und da es regnete, war es unmöglich, auf die Straße zu gehen und ihn aufzusuchen. Mr. Wigram und Lavinia aber blieben vollkommen ruhig. »O, das ist ja ganz schön,« sagte er; »kommt nur her, wir wollen uns setzen, bis er wieder vorfährt. Bis dahin werden die meisten Leute fortgefahren sein.« Und darauf setzte er sich ganz kaltblütig im Vestibül oder Foyer, oder wie's im Opernhaus genannt wird, auf ein Sofa, zog eine Zeitung aus der Tasche und fing an, die »Städtischen Neuigkeiten« zu lesen, und Lavinia nahm an seiner Seite Platz. Da wurde ich ärgerlich und sagte ihnen meine Meinung, aber er sah mich an und sprach ganz ruhig: »Was kann's nützen, sich aufzuregen? Wir werden schon nach Hause kommen.«

Ich könnte nicht so sein; ich muß mich ärgern, und ich habe niemals eine Minute länger warten können, als unbedingt nötig war. Die ruhigen, gelassenen Leute, die die Dinge nehmen, wie sie kommen, sind wahrscheinlich viel glücklicher, aber diese Ruhe ist ihnen angeboren; sie kommt nie später, wenn man sie nicht mit zur Welt bringt.

Nie trete ich eine Reise an, ohne schon Stunden, bevor der Wagen kommt, in einem Zustande der größten Nervenaufregung zu sein. Ich bin unruhig, ob alles richtig gepackt und nichts vergessen ist, ich mache mir Sorgen, daß während meiner Abwesenheit etwas schief gehen möchte, ich werde ängstlich und ungeduldig, wenn der Wagen nicht auf die Minute da ist, und ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich im Zuge sitze, und dann mache ich mir während der ganzen Zeit meiner Abwesenheit Sorgen wegen des Hauses, der Dienstboten, Mr. Tressiders und der Kinder, und so geht's weiter, bis ich wieder nach Hause komme, und dann fangen die Sorgen erst recht an, denn ich finde sicher, daß etwas Unangenehmes vorgefallen ist.

Natürlich weiß ich sehr wohl, daß das sehr thöricht ist, aber ich kann meine Natur nicht ändern, und meine Natur ist, mir Sorgen zu machen. Meine Tochter Lavinia und mein Schwiegersohn Wigram können auch ihre Naturen nicht ändern, und die lassen sie alles leicht nehmen.

Einmal gaben sie, während ich bei ihnen in Oxfordshire zum Besuche war, eine große Gartengesellschaft, wozu fast die ganze Nachbarschaft eingeladen war. Sie hatten umfassende Vorbereitungen getroffen und beim Zuckerbäcker der nahe gelegenen Stadt viele Sachen wie Eis und dergleichen bestellt. Am Tage, wo die Gesellschaft stattfinden sollte, regnete es wie mit Kannen, und es herrschte ein heftiger Sturm.

»Du meine Güte!« rief ich, als ich aus dem Fenster blickte und sah, was für Wetter war. »Bei dem Wetter wird kein Mensch kommen.«

Natürlich erwartete ich, daß meine Tochter und ihr Mann sehr unruhig sein würden, besonders da sie sich auf eine große Anzahl von Gästen eingerichtet hatten. Allein nichts dergleichen. Lavinia betrachtete sich den Regen, der in Strömen vom Himmel fiel.

»Nein,« sagte sie, »ich glaube nicht, daß viele kommen werden.« Und Charles lachte und meinte: »Wenn überhaupt jemand kommt, wäre es rätlich, nach dem nächsten Irrenhause zu schicken.« Darauf zündete er sich eine Cigarre an, ging ins Billardzimmer und spielte den ganzen Vormittag mit sich selbst Billard, gerade als ob nichts Unangenehmes vorgefallen wäre.

Der Regen hörte den ganzen Tag nicht auf, und am Nachmittag wehte ein solcher Sturm, daß im Park ein paar Bäume umgerissen wurden. Keine Menschenseele kam, und das war unter den Umständen auch nicht zu verwundern.

Ich hätte mich in eine furchtbare Aufregung über eine solche Verdrießlichkeit hineingearbeitet; Lavinia und ihr Mann thaten das aber nicht. Sie machten ihre Späße über die Masse von Erfrischungen, die im Hause waren, und fragten, wie viel Eis ich mich zu essen getraute, und als die Zeit vorüber und es sicher war, daß niemand mehr komme, ließen sie das Eis hereinbringen, worauf wir uns alle an den Tisch setzten und vertilgten, soviel wir konnten. Den Rest erhielten die Dienstboten, und am nächsten Tage wurde das Backwerk und alles, was sich nicht hielt, unter die Leute des Gutes und die Schulkinder verteilt. Und nicht einen Augenblick von Anfang bis zu Ende ließen der enttäuschte Wirt und die Wirtin durch das geringste Zeichen merken, daß sie der Vorfall verdrossen oder geärgert hätte. Sie nahmen die Sache so ruhig hin, als ob es gar nichts Besonderes wäre, und am Abend saßen sie zusammen und sprachen über das Wetter und freuten sich, denn das Land hatte Regen sehr nötig.

Mein Schwiegersohn ist auch Friedensrichter und muß die Leute wegen Obststehlens, Rübenausreißens, unbefugten Holzlesens und Gehens auf verbotenen Wegen verurteilen.

Eines Tages hatte er als Richter bei der Verurteilung eines sehr übel verrufenen Menschen wegen Mißhandlung des Dorfwirtes zu vierzehn Tagen Gefängnis mitgewirkt. Der Kerl, der nach dem, was ich später hörte, wohl nicht ganz recht im Oberstübchen war, glotzte die Beamten an, während er abgeführt wurde, und als seine Augen auf Mr. Wigram fielen, auf den er einen Zahn hatte, weil er (der Kerl, nicht Mr. Wigram) früher Pächter gewesen, wegen schlechter Aufführung aber entlassen worden war, rief er: »Warten Sie nur, bis ich wieder frei komme, dann werde ich's Ihnen schon eintränken!« 

Mr. Wigram ließ den Menschen sofort wieder vorführen und stellte den Antrag, die Strafe zu verschärfen, da man nicht dulden dürfe, daß Richter im offenen Gerichtshofe bei Ausübung ihres Amtes bedroht würden, und der Kerl erhielt einen Monat.

Als Mr. Wigram am Nachmittag nach Hause kam, erzählte er seiner Frau den Vorfall. »Der schwarze Jack (unter diesem Namen war der Mensch in der Nachbarschaft bekannt) hat mir heute gedroht, und ich habe ihm dafür einen Monat aufgebrummt. Wenn er wieder frei wird, werden wir ein wenig aufpassen müssen; denn er wird vielleicht versuchen, in den Hühnerhof oder den Park zu gelangen und irgend etwas anzustellen.«

Hätte Mr. Tressider mir erzählt, er sei bedroht worden, dann hätte ich eine furchtbare Angst gehabt. Es ist ihm auch thatsächlich einmal etwas Aehnliches zugestoßen, und ich habe jahrelang in Furcht gelebt und denke noch jetzt nicht gern daran.

Mr. Tressider ging nämlich eines Abends auf der Straße, als plötzlich ein Mann aus dem Gedränge auf ihn stürzte, ihm Uhr und Kette wegriß und damit entfloh. Mein Mann schrie: »Dieb, Dieb, Dieb!« und rannte hinterher. Der Kerl wurde angehalten und der Polizei übergeben, und mein Mann erschien bei der Gerichtsverhandlung als Zeuge gegen ihn. Man erkannte einen alten Verbrecher in dem Verhafteten und er erhielt zwölf Monate. Als er die Anklagebank verließ, rief er meinem Manne zu: »Dafür sollen Sie büßen, wenn ich wieder frei bin.«

Nachdem mir Mr. Tressider dies mitgeteilt hatte, vermochte ich den Gedanken nicht los zu werden, daß man ihn eines Tages ermordet auf der Straße oder im Garten finden, oder daß dieser Mensch in der Nacht einbrechen und ihn im Bett umbringen werde. Ich wurde ganz nervenschwach darüber, und als etwa ein Jahr später mein Mann einmal nicht zu Tische nach Hause kam, wie ich erwartete, und es sehr spät wurde, ohne daß ich ein Telegramm oder sonst eine Nachricht von ihm erhielt, da war ich fest überzeugt, der Mensch habe seine Drohung ausgeführt. Als Mitternacht kam, aber kein John, da ging ich aus und rannte geradeswegs nach der Polizeiwache – ich zitterte wie Espenlaub – und gab dem Inspektor alle Einzelheiten betreffs meines Mannes Aeußeren, der Kleider, die er anhalte, der Zeichen in seiner Wäsche und so weiter an. Dann ging ich wieder nach Hause, setzte mich im Vorgarten auf einen umgestülpten Blumentopf und schluchzte, bis ich seine Schritte hörte. So außer mir ich aber auch war, konnte ich es doch nicht unterlassen, ihm ordentlich meine Meinung zu sagen. Seine Entschuldigung, er habe einen alten Schulkameraden getroffen, mit dem er gegessen habe und dann ins Theater gegangen sei, ließ ich nicht gelten. Er habe auch einem Droschkenkutscher zwei Schillinge gegeben und ihn beauftragt, mir ein Briefchen zu bringen; allein ich habe nichts erhalten, der Kutscher muß wohl die zwei Schillinge in die Tasche gesteckt und das Briefchen zerrissen haben. Ich entgegnete, es sei grausam, mir eine solche Angst einzujagen, namentlich, wo gerade der Mensch aus dem Gefängnis gekommen sei, der ihm Rache geschworen habe, und dann sagte ich ihm, ich sei auf der Polizeiwache gewesen und hätte dort eine vollständige Personalbeschreibung von ihm abgegeben.

Darüber wurde er wütend und hatte wirklich die Kühnheit, zu sagen, ich hätte mich furchtbar lächerlich gemacht und würde die Zielscheibe des Spottes für die ganze Nachbarschaft abgeben. Frauen, die eheliche Zuneigung für ihre Männer an den Tag legen, sind in deren Augen natürlich immer lächerlich, aber wenn wir einmal nicht mehr da sind, dann vermissen sie uns doch.

Es dauerte ein volles Jahr, bis ich aufhörte, mir wegen Johns Sorge zu machen, wenn er länger ausblieb, als ich erwartete, denn immer mußte ich an den Menschen denken, der die Uhr und Kette gestohlen und dann Rache geschworen hatte. Aber jetzt sind es schon viele Jahre her, und es ist meinem Manne nie etwas auf der Straße zugestoßen. Ich glaube, der Mensch hat sich eines Bessern besonnen, als er aus dem Gefängnis kam, oder er ist vielleicht auch von neuem verurteilt worden, ehe er Zeit gefunden hatte, an seine Rache zu denken.

Meine Tochter und ihr Mann waren nicht ganz so glücklich. Etwa zwei Monate nach dem Zwischenfall mit dem schwarzen Jack saß Lavinia eines Sommerabends spät im Eßzimmer, das nach dem Rasenplatz geht, als sie wahrzunehmen glaubte, daß sich etwas im Schatten der Bäume bewege. Charles war in der Stadt, von wo er erst mit dem letzten Zuge zurückerwartet wurde, und der Kutscher war bereits nach dem Bahnhofe gefahren, um ihn abzuholen. Die Mädchen hatten die Erlaubnis zum Besuche eines Cirkus, der in der Nähe seine Vorstellungen gab, und so war außer Lavinia niemand im Hause, als die Köchin, eine dicke und sehr furchtsame Person, und die Amme, die sich einer heftigen Erkältung wegen zu Bette gelegt hatte.

Lavinia, die keine Furcht hatte, und wenn ihr mitten in der Nacht ein Geist erschiene, rief: »Wer da?« doch als sie keine Antwort erhielt, glaubte sie, sie habe sich getäuscht. Sie stand auf, ging ans andre Ende des Zimmers, um ein Streichholz zu holen und die Lampe anzuzünden. Da, als sie während des Suchens nach den Streichhölzern ein Geräusch hörte und sich umwandte, sah sie, daß die Glasthüre offen und ein Mann im Zimmer stand.

Sie hatte keine Zeit mehr, noch weiter zu suchen, und es war zu dunkel, um mehr als nur unbestimmte Umrisse sehen zu können.

»Wer sind Sie, und was wünschen Sie?« fragte sie vollkommen ruhig.

»Ich bin der schwarze Jack und muß Mr. Wigram sprechen,« war die Antwort. 

»Er ist nicht zu Hause,« versetzte sie ebenso ruhig, obgleich sie nun wußte, mit wem sie es zu thun hatte. »Wollen Sie wiederkommen, oder seine Rückkehr abwarten?«

Der Mann schien über ihre Ruhe überrascht zu sein und trat mit zögernden Schritten etwas mehr in die Mitte des Zimmers. In diesem Augenblick berührte ihre Hand etwas Kaltes auf dem Büffett, und sie erkannte an der Form, daß es eine Pistole war. Sie nahm sie rasch auf und trat entschlossen auf den Menschen zu.

»Ich will Ihnen nichts zu leide thun, aber da Sie kein Recht haben, zu dieser Stunde hierher zu kommen, und Sie vielleicht beabsichtigen, mir etwas zuleide zu thun, so schieße ich Ihnen diese Pistole ins Gesicht ab, wenn Sie sich nicht augenblicklich dort auf den Stuhl setzen,« und sie wies auf einen Stuhl.

Der Mann zögerte.

Sie spannte die Pistole; er hörte das Knacken des Hahnes, steckte die Hand in die Tasche und brachte etwas zum Vorschein, was wie ein Totschläger aussah.

»Ihre Späße können Sie sich bei mir sparen,« rief er, »oder –«

»Setzen Sie sich, oder ich schieße!«

Sie erhob die Pistole, und dunkel, wie es war, konnte der Mann doch sehen, daß sie sie auf ihn richtete.

Er setzte sich auf den Stuhl.

»So, nun werde ich Ihnen sagen, was ich vorhabe,« sprach Lavinia. »Ich werde Sie hier behalten, bis Mr. Wigram wieder da ist, der in ein paar Minuten kommen wird. Sie können dann Ihre Angelegenheiten mit ihm besprechen, denn ich verstehe vermutlich doch nichts davon. Aber da Sie wahrscheinlich hungrig sind, will ich klingeln und Ihnen etwas zu essen bringen lassen. Möchten Sie gern etwas essen?«

Der Mann zögerte eine Weile, nahm dann aber das Anerbieten an. Lavinia ging rückwärts nach dem Klingelzug und klingelte, worauf die Köchin eintrat.

»Bringen Sie für diesen Herrn etwas kaltes Fleisch, Brot und Gurken,« sagte sie zu dieser.

Die Köchin konnte im Dunkeln nicht sehen, wer es war, und fragte deshalb: »Soll ich das Gas anzünden?«

»Nein, wir brauchen noch kein Licht, bringen Sie nur, was ich gesagt habe.«

Die Köchin entfernte sich, und sowie sie gegangen war, erhob Lavinia die Pistole wieder, um dem Menschen zu zeigen, daß sie auf alle Fälle vorbereitet sei. Die Köchin kam bald zurück, und der wahrscheinlich sehr hungrige schwarze Jack machte sich über das Essen her und ließ es sich gut schmecken. Er war noch damit beschäftigt, als das Knirschen von Rädern im Kies hörbar wurde und Mr. Wigram vorfuhr.

»Ich glaube, ich will lieber gehen,« sagte der schwarze Jack, als er das Geräusch hörte. 

»Nein,« entgegnete Lavinia, »wenn Sie sich von der Stelle rühren, schieße ich.«

Nun kam Mr. Wigram herein und war sehr überrascht, seine Frau im Dunkeln zu finden, während ein Fremder im Lehnstuhle saß und mit der Vertilgung von kaltem Braten und Gurken beschäftigt war.

»Der schwarze Jack ist so freundlich gewesen, mir einen Besuch zu machen, lieber Mann,« sprach Lavinia, »und ich habe ihn gebeten, doch so lange zu bleiben, bis du kämest; sei doch so gut und mache Licht.«

Mr. Wigram zündete sehr erstaunt das Gas an, und Lavinia steckte die Pistole in die Tasche, hielt sie aber in einer Weise, daß der schwarze Jack sehen konnte, sie sei jeden Augenblick zum Gebrauche bereit. Mr. Wigram ging auf die Sache ein, gab Jack eine Cigarre und begann, als diese brannte, sich mit ihm zu unterhalten. Er sagte ihm, was für ein Thor er sei, und das Ende war, daß Jack sein Bedauern aussprach und versicherte, Mr. Wigram sei ein famoser Kerl und seine Madame lasse sich auch nicht ins Bockshorn jagen. Mr. Wigram versprach ihm, daß, wenn er – Jack – versuchen wolle, sich zu bessern, er – Mr. Wigram – nicht nur über diesen nächtlichen Besuch Schweigen beobachten, sondern sich auch nach Arbeit für ihn umsehen werde. Der schwarze Jack verließ das Haus mit Segenswünschen für den Mann, den zu schädigen, wenn nicht ihm Schlimmeres anzuthun, er gekommen war, und als er sich entfernt hatte, sprach Lavinia: »Charley, was meinst du wohl, womit ich den schwarzen Jack im Schach gehalten habe? Hiermit!« Und sie zog eine kleine Kinderpistole ihres ältesten Sohnes aus der Tasche.

Ihr Mann brach in Lachen aus und sagte, sie sei ein kleiner Schlaukopf. Aber als ich die Geschichte hörte, konnte ich doch die Bemerkung nicht unterdrücken: »Nun, Lavinia, du bist wirklich das ruhigste und gelassenste Frauenzimmer, das mir je vorgekommen ist. Wo du nur deine Nerven her haben magst?«

Sie sah mich an und lachte.

»Nicht von deiner Seite der Familie, Mama,« antwortete sie, und ich widersprach ihr nicht.


Vierzehnte Erinnerung.
Frank Tressider.

Mit Johns Frau bin ich stets gut ausgekommen, und abgesehen von dem kleinen Mißverständnis wegen des Preises des Hammelfleisches bei dem Essen, wovon ich euch erzählt habe, auch mit Williams Frau. Marion verstand mich später besser, aber ich nahm mich auch in acht, nichts zu sagen, was ihre Gefühle verletzen könnte, nachdem ich gemerkt hatte, wie empfindlich sie war. Ich weiß, viele junge Frauen haben die thörichte Meinung, die Mütter ihrer Männer seien schreckliche Personen, die sie als Eindringlinge betrachten. Ich entsinne mich, daß mir Marion gestand, nachdem wir besser miteinander bekannt geworden waren, sie habe im Anfang geradezu Todesangst vor mir gehabt, denn William sei voll Bewunderung über meine Haushaltsführung gewesen, und sie habe gewußt, daß ich in häuslichen Angelegenheiten ein sehr scharfes Auge hätte. Bei der erwähnten Tischgesellschaft hätte sie die ganze Zeit gezittert, erzählte sie mir, weil sie gewußt habe, daß ich ihr die Schuld geben würde, wenn etwas nicht klappte, und ich würde denken, William habe einen Mißgriff gemacht, als er ein Mädchen heiratete, das so wenig vom Haushalt verstehe. Aber diese Angst vor mit legte sich bald. Wir wurden sehr gute Freundinnen, und sie holte sich stets bei mir Rat, wenn sie irgend welche Unannehmlichkeiten mit den Dienstboten oder Geschäftsleuten hatte. Eine Frau, die eine große Familie aufgezogen hat, weiß natürlich mehr von der Welt, als ein junges, eben verheiratetes Ding, und ich bin der Ansicht, daß junge Frauen häufig sehr thöricht sind, wenn sie ihre Schwiegermutter nicht öfter zu Rate ziehen.

In reichen Familien und den sogenannten höheren Ständen, wo die Frau nichts zu thun hat, als hübsch auszusehen, ihren Mann anzulächeln und ihre Gäste zu unterhalten, ist das alles recht schön, aber im Mittelstand, wo es häufig vorkommt, daß die jungen Leute im Anfang ihres Ehestandes nicht allzu reichliche Mittel haben, ist die Verantwortung der Frau groß. Eine tüchtige, verständige, sparsame Frau kann sehr viel zum Gedeihen des Hauses beitragen, während eine Frau, die nicht zu wirtschaften versteht, ihren Mann zu Grunde richten kann.

Mütter, die ihre Töchter ohne Kenntnis der Haushaltsführung aufwachsen lassen, laden eine große Verantwortung auf sich. Ich habe 'mal von einer jung verheirateten Frau gehört, die, als sie ihre Bekannten von einem Puddingrezept sprechen hörte, worin das Wort Nierenfett vorkam, fragte: »Was ist denn Nierenfett?«

Stellt euch nur 'mal das Schicksal eines Mannes vor, der mit beschränkten Mitteln fürs Leben an eine Frau gefesselt ist, die nicht weiß, was Nierenfett ist. Dem Mädchen mache ich keinen Vorwurf, vielmehr tadelte ich, als mir die Geschichte erzählt wurde, die Mutter. Wäre ich der Gatte dieser jungen Frau gewesen, dann wäre ich zur Mutter gegangen und hätte ihr unverhohlen meine Meinung gesagt.

»Madame,« würde ich gesprochen haben, »Sie haben sich einer schmählichen Pflichtversäumnis schuldig gemacht. Sie haben Ihrer Tochter gestattet, zum Weibe heranzuwachsen und einen ehrlichen Mann zu heiraten, und Sie haben sie in vollständiger Unwissenheit gelassen. Sie weiß noch nicht einmal, was Nierenfett ist.«

Die Unwissenheit vieler junger Frauen, wenn sie das Haus ihrer Mutter verlassen und an die Spitze desjenigen ihres Mannes treten, ist wirklich erstaunlich. Kennte ich nicht eine Menge Geschichtchen aus eigener Erfahrung, ich würde Anstand nehmen, vieles, was ich gehört habe, zu glauben.

Einmal vor vielen Jahren, als ich mit meinen Kindern in Eastbourne war, machten wir die Bekanntschaft eines jungen Ehepaares, das sich auf der Hochzeitsreise befand, und wir wurden sehr gute Freunde. Eines Tages gingen wir in den Feldern spazieren.

»Wie prächtig der Weizen steht,« sagte ich.

»Weizen? Ja, was ist denn das?« entgegnete die junge Frau. »Die Pferde fressen Hafer, und Gerste wird zu Gerstenzucker gebraucht, aber was wird denn aus Weizen gemacht?«

Ich sah sie eine Minute sprachlos an.

»Ja, aber das Brot wird doch aus Weizen gemacht,« antwortete ich endlich.

»Brot?« fragte sie. »Ich habe immer geglaubt, Brot würde aus Mehl gebacken.«

Ich habe mich eingehender mit diesen Eigentümlichkeiten einer jungen Frau beschäftigt, die nichts von dem weiß, was sie von Rechts wegen wissen müßte, und die keine Vorstellung von ihrer Verantwortung als Hausfrau hat, weil mein dritter Sohn Frank – er war ein frischer, munterer Junge – ein solches Mädchen heiratete. »Eine hübsche Puppe« nannte ich sie, aber er war rein weg und hielt sie für einen Engel auf Erden. Ich will kein Wort gegen Laura im allgemeinen sagen. Sie und Frank büßen ihre Thorheit jetzt in Australien, aber ich muß die Wahrheit über sie erzählen, denn sie kann andern jungen Männern zur Warnung dienen, die sich in ein hübsches Gesicht vergaffen und sich nicht darum kümmern, was dahinter steckt.

Frank hatte nie Lust, in seines Vaters Geschäft einzutreten – ich weiß nicht, wie es kommt, daß so viele junge Männer etwas gegen das väterliche Geschäft haben, aber es ist so – und als er die Schule verließ, wurde er auf eine deutsche Universität geschickt, um dort seine Ausbildung zu vollenden. Seinen Beruf sollte er erst später wählen. Ich hätte ihn am liebsten Geistlicher werden sehen, denn ein Geistlicher in der Familie ist meiner Ansicht nach von großem Vorteil. Es liegt so etwas durch und durch Achtbares darin, und jede Mutter kann stolz sein, die das Recht hat, zu sprechen: »Mein Sohn, der hochwürdige Pfarrer so und so.« Ich möchte lieber, daß einer meiner Söhne Geistlicher würde, als daß eine meiner Töchter einen heiratete. Die Töchter von Geistlichen verlieben sich in der Regel in arme Kandidaten, und ich habe immer gesagt, daß ich einen Kandidaten als Liebhaber meiner Töchter nicht im Hause dulden würde.

Aber ein Pfarrer als Sohn ist ganz etwas andres, und deshalb hätte ich es gern gesehen, wenn Frank Tressider der hochwürdige Frank Tressider geworden wäre.

Allein in Franks Charakter waren nie Anzeichen wahrzunehmen, daß er der Kirche zuneige. Er hatte sich zum Rechtsstudium entschlossen, und zwar dachte er mit Vorliebe an den Anwaltsstand. Als er nach Bonn ging, die deutsche Universität, die sein Vater für ihn gewählt hatte, war noch ganz unentschieden, was er werden sollte, allein was dort vorfiel, machte allen unsern Träumen, daß er jemals eine Zierde der Kanzel oder ein strahlendes Kirchenlicht werden würde, ein jähes Ende. Frank war stets ein lockerer Zeisig und ließ sich, wie ich leider zugeben muß, leicht verführen. Er ging mit dem festen Entschluß nach Deutschland, angestrengt zu arbeiten, allein unglücklicherweise war eine Menge junger Engländer und Amerikaner in Bonn. Diesen schloß er sich an, und sie brachten ihn mehr als einmal schön in die Patsche. Natürlich ließen wir, sein Vater und ich, uns damals nicht träumen, daß er, während wir ihn fleißig bei der Arbeit glaubten, mit diesen jungen Menschen auf den benachbarten Dörfern umherziehe, Bauernfeste mitmache, tanze, bis spät in die Nacht ausbleibe und rauchen, Bier trinken und Karten spielen lerne.

Besonders hatte er ein Spiel gelernt, das Skat genannt wurde, und wofür er förmlich schwärmte. Er lehrte es nach seiner Rückkehr seine Brüder und einige Freunde, und sie spielten es oft in unsrem Hause. Dabei sprachen sie immer vom ältesten Jungen, und dann dachte ich an meinen Sohn John, während sie den Treffbuben meinten, oder wie er im Skatspiel heißt, den Eichel-Wenzel. Es war überhaupt ein ganz komisches Spiel. Sie reizten sich immer und wurden doch nicht wütend, außer wenn einer mauerte, wie sie es nannten, doch was sie damit meinten, weiß ich nicht. Ich wäre bei diesem ewigen Gereize sofort ärgerlich geworden.

Wir erfuhren erst, daß etwas nicht in Ordnung war, als er um Geld nach Hause schreiben mußte. Es war eine ziemlich bedeutende Summe, die er verlangte, und er gestand, daß er Schulden in der Stadt gemacht und Geld im Spiel verloren habe.

Natürlich waren wir sehr bekümmert, und ich sagte zu meinem Manne, es sei seine Pflicht, nach Bonn zu reisen und selbst 'mal zu sehen, wie es dort eigentlich hergehe. Das that er auch, und die Folge war etwas sehr Verständiges. Er bezahlte Franks Schulden, sagte ihm aber gleichzeitig, er sei offenbar noch nicht Mann genug, selbständig in der Fremde gelassen zu werden, und er gab ihn einem Lehrer ins Haus, der junge Engländer zähmte und dem er unbeschränkte Gewalt über Frank einräumte. Er meinte, das werde wenigstens den nächtlichen Trink- und Spielgelagen ein Ende machen.

Frank war noch nicht lange dort, als er in eine Sache verwickelt wurde, die dazu führte, daß er Bonn Lebewohl sagen mußte. Die jungen Leute bei Doktor Blumberg, das war der Name des Lehrers, hatten viel Freiheit, aber sie mußten unabänderlich um zehn Uhr abends zu Hause sein, wenn sie nicht besondere Erlaubnis zu längerem Ausbleiben hatten, die nur bei Einladungen zu befreundeten Familien gegeben wurde.

Eines Tages fand in Poppelsdorf, einem nicht weit von Bonn gelegenen Dorfe, die sogenannte Kirmeß statt, und Blumbergs junge Leute beschlossen, alle hinzugehen. Sie baten um die Erlaubnis, die jedoch verweigert wurde, doch als sie abends ausgingen, kehrten sie nicht um zehn nach Hause zurück, sondern machten die Kirmeß mit und kamen ganz unverfroren erst um zwölf wieder.

Doktor Blumberg war wütend und that in seiner Wut etwas sehr Unkluges. Er behauptete, Frank sei der Rädelsführer gewesen, und als dieser am nächsten Abend nach seinem Zimmer ging, um sich zum Ausgehen anzukleiden, folgte ihm Blumberg, schloß die Thür von außen und sagte: »So, mein Söhnchen, da können Sie wegen Ihrer Unverschämtheit von gestern abend einstweilen 'mal bleiben.«

Frank lachte anfänglich, trat ans Fenster, das sich im dritten Stock befand, öffnete es und wartete, bis die andern aus dem Hause kamen. Dann rief er ihnen zu, was vorgefallen war. Diese trafen ihre andern Freunde und erzählten ihnen, der alte Blumberg habe Frank in seine Stube eingesperrt. Als es dämmrig war, blickte Frank, der bis dahin geraucht und überlegt hatte, was er thun solle, zum Fenster hinaus und sah zufällig einen seiner Freunde, einen jungen Amerikaner Namens Lathrop, vorübergehen. Er winkte ihm zu, stehen zu bleiben, und schrieb auf einen Zettel: »Kann ich bei dir übernachten, wenn es mir gelingt, herauszukommen?« Als Lathrop nickte, schrieb Frank auf einen zweiten Zettel: »Komm um Mitternacht wieder hierher.« Er bediente sich des schriftlichen Weges, weil er fürchtete, Blumberg könne im Zimmer darunter sein und hören, wenn er Lathrop etwas zuriefe.

Um Mitternacht ist es in Bonn sehr still und nicht eine Menschenseele auf den Straßen.

Lathrop kam um zwölf wieder und mit ihm eine Menge andrer junger Engländer, die neugierig waren, zu sehen, was Frank anfangen werde. Dieser war bereit. Er hatte seine Betttücher zusammengebunden, das Bett dicht ans Fenster geschoben und ein Ende der Leintücher an einem Beine der Bettstelle befestigt. Nun ließ er das andre Ende zum Fenster hinaus, um zu sehen, wie weit sie reichten, und als sich herausstellte, daß sie noch lange nicht die Erde berührten, zog er sie wieder in die Höhe, riß sie der Länge nach durch und knüpfte die so gewonnenen vier Stücke aneinander. Jetzt reichten sie bis etwa vier Fuß vom Boden. Er warf nun seinen Hut, Ueberrock und ein kleines Handköfferchen, das etwas Wäsche enthielt, zum Fenster hinaus und ließ sich sodann unter dem lauten Beifall seiner Zuschauer an den Tüchern hinunter. Aber dieser Beifall wurde ihm verhängnisvoll, denn kaum war er unten angelangt, als Doktor Blumberg aus der Hausthür herausgestürzt kam. Frank sprang zu Boden und, ich bedauere, es sagen zu müssen, versetzte Blumberg einen Faustschlag auf die Nase, so daß dieser zurücktaumelte und ihn nicht festhalten konnte. Aber der Lärm hatte die Aufmerksamkeit eines Gendarmen erregt, der am Ende der Straße vorbeiging und nun herbeieilte. Blumberg rief ihm zu, Frank zu verhaften, und der Gendarm versuchte das auch, allein Frank, ein starker junger Mensch, schlug wild um sich und entfloh. Die andern verhinderten Blumberg und den Gendarmen an der Verfolgung, und Frank rannte mit seinem Freund Lathrop, so rasch sie ihre Füße tragen wollten, davon.

Allein sie saßen in einer bösen Patsche.

In der Stadt konnten sie nicht bleiben, denn Frank wurde sicher verfolgt und überall gesucht. Sie liefen also zur Stadt hinaus und eilten auf der Koblenzer Straße nach dem nächsten Dorfe. Hier klopften sie an eine Thür, bis ein nur mit Unterrock und Halstuch bekleidetes Mädchen öffnete und sie nach ihrem Begehr fragte. Sie sagten, sie seien Engländer, die, auf einer Fußreise begriffen, den Weg verloren hätten, und baten um Unterkunft für die Nacht. Nach einigen Verhandlungen rief das Mädchen seinen Vater, einen Arbeiter. Er ließ die jungen Leute eintreten und gestattete ihnen, in einem leeren Zimmer zu bleiben, und da schliefen sie die Nacht auf etwas Stroh. Am andern Morgen mußten sie sich, wie mir Frank später erzählte, in einem Eimer waschen, was zwar sehr romantisch, aber keinesfalls sehr bequem war. Dann bezahlten sie sehr freigebig für ihr Nachtlager und machten sich wieder auf den Weg.

Sie schwankten lange, wohin sie sich wenden sollten, schlugen aber schließlich die Richtung nach dem Rheine ein, fuhren in einem kleinen Boote nach Königswinter hinüber und gingen von da nach der Spitze des hinter dem Drachenfels gelegenen Petersberges. Dort befindet sich ein kleines Wirtshaus, wo sie vorläufig zu bleiben beschlossen.

Da die Reisezeit vorüber war, so war außer ihnen kaum jemand da. Einige Tage verhielten sie sich ruhig, dann ging Lathrop nach der Stadt, um zu hören, wie die Sachen standen. Blumberg schien der Angelegenheit keine weiteren Folgen geben zu wollen, aber unter den jungen Engländern wurde von nichts andrem gesprochen, und sowie sie erfuhren, wo sich Frank aufhielt, kamen einige von ihnen herauf, um ihn zu besuchen, und ihm die Zeit mit Kartenspielen totschlagen zu helfen.

Allein auf der Spitze dieses einsamen Berges wurde es bald langweilig. Eines Tages meinte Frank, er könne sich hinunter wagen, und begab sich nach der Stadt, um mit seinen Freunden im Englischen Hofe zu essen. Während sie ganz fröhlich beim Mahle saßen, trat aber plötzlich Blumberg in Begleitung eines Gendarmen ein, und dieser sagte Frank, er habe sich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt als verhaftet anzusehen. Er wurde auf die Polizei geführt und zu fünfzig Thaler Strafe verurteilt. Das ist etwa sieben Pfund zehn, und da Frank »ratzenkahl« war, wie er sich fein ausdrückte, mußte er das Geld von einem Freunde borgen und nach Hause um Hilfe telegraphieren. Blumberg hatte schon an Mr. Tressider geschrieben und ihm mitgeteilt, Frank sei durchgegangen, und als nun Franks Telegramm kam, sprach ich zu meinem Manne: »Der Junge muß nach Hause.« Er schickte ihm also genügende Geldmittel, um alles zu berichtigen, und befahl ihm, sofort nach Hause zu kommen, was er auch that.

Ich würde diese Jugendstreiche Franks nicht so ausführlich erwähnt haben, wenn sie nicht einen großen Einfluß auf sein späteres Leben gehabt hätten, denn während seines Aufenthaltes in Bonn hatte er die junge Dame kennen gelernt, die er nachher heiratete. In Bonn wohnten in jener Zeit sehr viele englische Familien, denn das Leben war dort damals billig. Diese pflegten kleine Tanzgesellschaften zu geben, wozu namentlich auch die in Bonn studierenden Engländer eingeladen wurden. Bei Gelegenheit einer solchen Tanzgesellschaft im Hause eines Oberst Willings, eines Herrn mit elf Töchtern, der in Bonn sparen wollte, machte Frank die Bekanntschaft einer Mrs. Helston und ihrer Tochter. Laura Helston war ein sehr schönes Mädchen, aber ihre Mutter war eine der modernen Kranken, eine der Damen mit unbeschränkten Ansprüchen, aber sehr beschränktem Einkommen, die es ihrer Gesundheit wegen notwendig finden, auf dem Festlande zu leben. Witwe geworden, als ihre Tochter zwölf Jahre alt war, hatte sie nach ihres Mannes Tode alles verkauft, und da sie fand, daß er sehr wenig hinterlassen hatte, weil ihre Verschwendungssucht ihn gezwungen hatte, über seine Mittel hinaus zu leben, reiste sie von Pension zu Pension, gewann sich durch ihr bestechendes Wesen viele Freunde und Bekannte, dachte aber im übrigen mehr an ihr eigenes Behagen, als an ihrer Tochter Zukunft.

Einem jungen Mädchen, das sein Leben vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahre in Pensionen und Gasthöfen zubringt, kann man vielleicht keinen großen Vorwurf machen, wenn ihm der Sinn für Häuslichkeit verloren geht, und das habe ich immer bedacht, wenn mich Laura Helston, später Laura Tressider ärgerte.

Frank lernte, wie schon erwähnt, die Helstons in einer Tanzgesellschaft bei Oberst Willings kennen, verliebte sich in Laura und wußte es so einzurichten, daß er häufig mit ihr zusammen kam. Als er Bonn verlassen mußte, war es hauptsächlich der Gedanke, daß er sie nicht mehr sehen sollte, der ihm Kummer machte, und wie es scheint, gingen die beiden thörichten jungen Leute am Abend vor seiner Abreise am Rhein spazieren und verlobten sich heimlich. Miß Helston versprach Frank, ihm zu schreiben und ihm mitzuteilen, wenn sie ihren Aufenthaltsort wechselten, und Frank schwur, daß sein Herz niemals eines andern Mädchens Bild beherbergen und daß er kommen und sie als sein Weib heimführen werde, sobald er mündig sei.

Nachdem Frank nach Hause zurückgekehrt war, wunderte ich mich immer über die große Zahl ausländischer Briefe in offenbar weiblicher Handschrift, die er erhielt, allein ich bin in Hinsicht auf meiner Söhne Briefwechsel nie ungebührlich neugierig gewesen und legte der Sache keine Wichtigkeit bei.

Mr. Tressider las Frank ordentlich den Text und machte ihm ernste Vorwürfe über seinen Leichtsinn. Er müsse sich von Grund auf ändern, sagte er ihm, wenn er sich eine geachtete Stellung im Leben schaffen wolle. Frank schien seine Thorheit aufrichtig zu bereuen und sich ihrer zu schämen. Er sprach den Vorsatz aus, ein andres Leben anfangen zu wollen und sich mit allem Eifer auf den erwählten Beruf vorzubereiten.

Wir hatten nichts gegen seinen Wunsch, Rechtsanwalt zu werden, und nachdem er ein Jahr in London studiert hatte, währenddessen er wirklich sehr gesetzt und fleißig war, trat er bei unsrem Familiensachwalter, Mr. Benjamin Jones, in Lincolns Inn Fields als Hilfsarbeiter ein.

Allein sehr bald schien ihm die Rechtswissenschaft nicht mehr zu gefallen. Eine Zeitlang arbeitete er sehr fleißig, aber ich sah, daß er nicht glücklich war. Eines Abends, als wir allein waren, fragte ich ihn, was ihm fehle. Nun gestand er mir, er fürchte, er habe sich geirrt und werde der Juristerei nie Geschmack abgewinnen können, und es sei die reine Zeitverschwendung, daß er zu Mr. Jones gehe. Lincolns Inn Fields allein könne einen schon verrückt machen, und die Schreibstube eines Rechtsanwalts sei für einen Menschen mit einem etwas poetischen Gemüt ein trostloser Aufenthalt.

Natürlich bekümmerte mich das tief, denn ich sah, daß Frank ein rollender Stein war, der kein Moos ansetzt, aber ich besprach die Sache mit seinem Vater. Dieser ging am nächsten Tage zu Mr. Jones, und das Ergebnis ihrer Unterredung war, daß Mr. Tressider sich überzeugte, Frank werde es als Rechtsanwalt nie zu etwas Ordentlichem bringen, und Mr. Jones sich bereit erklärte, Frank von seinen eingegangenen Verpflichtungen zu entbinden.

Allein ehe die Sache geordnet war, fragten wir Frank, was für Pläne er für seine Zukunft habe, da wir nicht die Absicht hätten, ihn müßig im Hause leben zu lassen; eine Beschäftigung müsse er haben.

Zu unsrer Ueberraschung war sein Plan fix und fertig. Er hatte in Bonn einen jungen Franzosen kennen gelernt, dessen Vater ein Geschäft in Paris hatte. Dieser suchte einen jungen, der deutschen und französischen Sprache mächtigen Engländer als eine Art Privatsekretär, und Franks Freund hatte sich an diesen gewandt und ihn gefragt, ob er ihm jemand empfehlen könne.

Frank schien der Ansicht zu sein, daß die Stelle sich für ihn selbst sehr eigne, und sagte seinem Vater, sie wäre wie gemacht für ihn, da sie ihm Gelegenheit biete, mancherlei geschäftliche Erfahrung zu sammeln, die ihm später von großem Nutzen sein würde; jedenfalls könne es nichts schaden, wenn er es 'mal ein Jahr lang versuche, da das mit der Stelle verbundene Gehalt sehr ansehnlich sei.

Mein Mann war etwas überrascht, weil Frank sich früher immer ziemlich wegwerfend über das kaufmännische Leben ausgesprochen hatte, aber nachdem er sich in der City nach dem in Rede stehenden Pariser Geschäft erkundigt und gehört hatte, daß es in hohem Ansehen stehe, gab er seine Einwilligung, und er fühlte sogar eine gewisse Befriedigung, daß Frank so eifrig darauf bedacht war, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Kaum war die Sache geordnet, da war Frank wie verwandelt, und ich habe nie eine solche Veränderung in einem jungen Manne wahrgenommen. Er jubelte förmlich und konnte die Zeit der Abreise kaum erwarten. Acht Tage, nachdem sein Vater eingewilligt hatte, schüttelte er den Staub von Lincolns Inn Fields von seinen Füßen und reiste mit wohlgefüllten Koffern nach Paris ab.

Sehr bald danach erhielten wir einen Brief von ihm, worin er uns sagte, er sei sehr glücklich und seine Stelle gefiele ihm ganz außerordentlich. Er werde vorwärts kommen und ein Geschäft kennen lernen, das ihm in Zukunft nur förderlich sein könne. Ich schüttelte den Kopf über diesen Brief, denn ich kannte meinen Frank, dem ich oft genug die Wahrheit des Sprichworts zu Gemüte geführt hatte: »Viel Rutschen macht die Hosen blöd'.«

Ich war vollkommen darauf vorbereitet, daß, wenn der Reiz des Neuen erst vorbei sein würde, Franks Klagen wieder beginnen würden, und daß seine Briefe dann weniger begeistert sein würden.

Allein ich irrte mich. Monate gingen hin, und Frank schrieb immer noch in demselben Ton, und schon fing ich an mich zu beglückwünschen, daß ich Franks Abneigung gegen die Rechtswissenschaft entdeckt hatte und so das Mittel gewesen war, ihm eine ihm zusagende Laufbahn zu eröffnen.

Arme, bethörte Mutter, die ich war! Wie wenig ahnte ich die Wahrheit! Später, als ich dahinter kam, verstand ich Musje Franks Abneigung gegen Lincolns Inn Fields und seine Eile, nach Paris zu kommen, besser.

Das Mädchen und seine Mutter waren dort!

Nachdem Mrs. Helston ein Jahr in Deutschland umhergewandert war und Heilung für ihre eingebildeten Leiden gesucht hatte, war sie auf sechs Monate nach Paris gegangen, wovon ihre Tochter Frank in Kenntnis gesetzt hatte. Natürlich war er glücklich, und natürlich war er zufrieden – für den Augenblick. Allein es war nicht seine Stelle, worein er verliebt war, es war Laura Helston. Er war nicht nach Paris gegangen, um sein Glück zu machen, sondern um seiner Liebsten nahe zu sein, und da ich meinen Einfluß auf seinen Vater gebraucht hatte, um ihm die Erlaubnis zu verschaffen, nach Paris zu gehen, war es mein eigenes Werk, das mir die einzige Schwiegertochter gab, die mir jemals wirklichen Aerger und ernste Sorge gemacht hat.

Wenn ihr hört, wie sie mich behandelte, werdet ihr wohl schwerlich der Ansicht sein, daß ich für das, was kam, zu tadeln bin. Vielleicht ist es ganz gut, daß sich Mrs. Frank Tressider in Australien befindet, denn ich kann mich so mit größerer Freiheit über sie aussprechen, als wenn sie in der Nähe wäre.


Fünfzehnte Erinnerung.
Mrs. Franks Mutter.

Frank Tressider und seine Frau sind, wie gesagt, jetzt in Australien; das habe ich bereits erwähnt, ehe ich noch etwas andres von ihnen erzählt habe. Wären sie noch in England, dann wäre ich nicht im stande, so offen von ihnen zu sprechen, als es meine Wahrheitsliebe, die immer eine meiner hervorragendsten Charaktereigenschaften gewesen ist, verlangt.

Ich möchte nicht gern etwas Unfreundliches über meinen Sohn Frank sagen. Wie oft hat sich mein Mutterherz nach ihm gesehnt, und wie oft haben sich meine Augen mit Thränen gefüllt, wenn ich mich zur Weihnachtszeit umsah und die Lücke wahrnahm, die seine Abwesenheit in unsren kleinen, trauten Familienkreise gerissen hat. Vielleicht ist »kleiner« Familienkreis kaum die richtige Bezeichnung dafür, denn er ist jetzt, wo die Kinder groß genug sind, um mit am Tische zu essen, ein recht zahlreicher Kreis geworden, und wir haben manchmal Schwierigkeiten mit den Stühlen. Eins der Mädchen ist wahrhaftig aus dem Dienst gegangen, weil, wie es sagte, zu viel Teller aufzuwaschen seien und es sich nicht in einen Gasthof, sondern in eine Privatfamilie vermietet habe.

Dienstboten sind wirklich zu unleidlich, und in manchen Familien werden sie rasch die eigentlichen Herren, zwar nicht in meiner, denn ich will lieber betteln gehen, als daß ich mir vorschreiben lasse, was ich in meinem eigenen Hause thun soll.

Die Fragen, die sich manche Mädchen herausnehmen, wenn sie sich nach einem Platz erkundigen, wären sicher kaum von der Inquisition gestellt worden. Ihr könnt euch vorstellen, wie mir zu Mute war, als mich ein junges Frauenzimmer in einem feinen Hute eines Tages fragte, ob ich viel Gesellschaft im Hause sähe.

Ich sah mir die unverschämte Person einen Augenblick an und sagte dann: »O nein, gar keine. Der Herr wichst sich die Stiefel selbst und wir haben einen Fahrstuhl zum ausschließlichen Gebrauch für das Hausmädchen. Guten Morgen.« 

Das Mädchen wurde rot, erhob sich und sprach: »Mein Fahrgeld, wenn ich bitten darf.«

»Ihr was?« fragte ich.

»Mein Fahrgeld. Sie haben mir das Fahrgeld für einen Weg versprochen, wenn ich herkäme.«

»Ja, das habe ich gethan, aber ich war der Meinung, Sie wären ein Dienstmädchen, das sich nach einer Stelle umsähe. Sie sind aber augenscheinlich eine junge Dame und nur irrtümlicherweise hierher gekommen.«

»Sie müssen mir mein Fahrgeld geben, Madame. Ich wohne in Islington, und Sie können mir nicht zumuten, daß ich es aus meiner eigenen Tasche bezahle.«

»O, gewiß nicht,« entgegnete ich. »Wenn Sie die Güte haben wollen, sich hinunter zu bemühen und einstweilen im Salon Platz zu nehmen, werden Sie ein Photographiealbum mit den Bildern der ganzen Familie finden; damit können Sie sich die Zeit vertreiben, während ich den Wagen für Sie anspannen lasse.«

»Ihren Wagen will ich nicht, ich verlange mein Fahrgeld,« antwortete das Mädchen.

»Den Wagen oder nichts; Geld bekommen Sie nicht von mir,« erwiderte ich.

»Dann werde ich Sie verklagen; passen Sie nur auf, ob ich's nicht thue.«

»Sie werden verlieren. Ich bin vollkommen bereit, Sie im Wagen nach Hause zu schicken, weiter aber können Sie nichts verlangen. Das Geld, das ich Ihnen versprochen habe, war für den Omnibus, und wenn ich Ihnen meinen Wagen anbiete, dann brauche ich Ihnen doch den Omnibus nicht zu bezahlen. Thun Sie übrigens, was Ihnen beliebt.«

Das Mädchen sah, daß es seinen Meister gefunden hatte. Mit einem wütenden Blick und den Worten, ich sei keine anständige Dame, segelte es aus dem Zimmer und die Treppe hinab und schmetterte die Hausthür hinter sich ins Schloß, daß es dröhnte.

Aber wenn ich anfangen wollte, meine Erfahrungen mit Dienstboten zu schildern, so würde ich so leicht kein Ende finden. Nicht als Mutter und Hausfrau, sondern als Schwiegermutter versuche ich, auf diesen Blättern meine Pflicht gegen die Gesellschaft zu erfüllen.

Da ich aber einmal von Dienstboten spreche, will ich doch noch eine Erfahrung mitteilen. Wir hatten einmal einen Burschen – aber nur einmal. Es war Mr. Tressiders Idee; er meinte, es mache sich besser, wenn wir einen Burschen hätten, der die Hausthür öffnete, und der Junge könne außerdem die Stiefel und Messer putzen, anstatt des Kutschers, der immer darüber brummte, wobei sich Mr. Tressider natürlich so recht nach Männerart auf die Seite des Kutschers stellte.

Eines Umstandes wegen war mir die Sache ganz recht, und zwar darum, weil der Kutscher dann nicht so oft ins Haus kam. Kutscher und Stallknechte habe ich nicht gern im Hause; sie schwatzen mit den weiblichen Dienstboten, und dadurch entsteht der halbe Klatsch in der Nachbarschaft. 

Wenn ich Zeit finde, werde ich 'mal die Geschichte einer Nachbarschaft schreiben, wie sie die Dienstboten erzählen. Ich glaube, die Nachbarschaft würde die Augen schön aufreißen. Ich weiß, was geschwatzt wird, und kenne die unglaublichen Geschichten, die umlaufen, durch mein Mädchen, das schon viele Jahre bei mir ist und mich manchmal mit dem unterhält, was es in der Küche und der Gesindestube des Gasthauses auf dem Lande hört, wo ich mich meiner Gesundheit wegen häufig aufhalte, denn unglücklicherweise macht diese öftere Abwesenheiten von Hause notwendig, besonders im Winter, der mit zunehmenden Jahren immer unerträglicher in London wird. Es ist heutigestags wirklich schwierig, zu sagen, welche Jahreszeit in London erträglich ist, denn sie sind sich alle gleich schlimm.

Wir versuchten es also mit einem Burschen. Er war ein ganz angenehm aussehender Junge, aber du meine Güte! Nie hat sich das Sprichwort: »Der Schein trügt!« mehr bewahrheitet.

Obgleich nur siebzehn Jahre alt, ergriff ihn eine rasende Leidenschaft für die Köchin, die zum mindesten sechsunddreißig alt war, wenn sie auch nur achtundzwanzig zugab. Sie hatte außerdem einen Schatz, einen Gardisten, der sie heiraten wollte, sobald sie Geld genug zur Einrichtung eines Häuschens erspart hätte. Infolgedessen war sie natürlich sehr kalt gegen den Burschen und ging auch nicht gern mit ihm, weil sie sich mit so einem Knirps nicht lächerlich machen wollte. 

Es dauerte einige Zeit, bis ich dahinter kam, weil mein dummes Hausmädchen, das etwas überspannt war und viel Hintertreppenromane las, mit dem albernen Jungen Mitleid hatte, ebenso wie die Kammerjungfer, die die Köchin infolge einer kleinen Mißhelligkeit über ihren Regenschirm nicht leiden konnte. Die Köchin hatte nämlich eines Sonntags den Regenschirm der Kammerjungfer ohne deren Wissen geborgt und in einem Omnibus stehen lassen. Die arme Jungfer war am nächsten Sonntag in einem neuen Hute mit Straußenfedern, aber ohne Regenschirm ausgegangen, um mit ihrem Schatz zusammenzutreffen, und da es heftig geregnet hatte, waren die Federn arg mitgenommen worden, und die hellblaue Farbe, womit sie gefärbt waren, hatte sich über ihr Gesicht ergossen. Sie hatte so scheußlich ausgesehen, daß ihr Schatz bei ihrem Anblick laut gelacht hatte und das Verhältnis infolgedessen abgebrochen worden war. Die Kammerjungfer war lange Zeit untröstlich und machte der Köchin den Vorwurf, sie habe ihren Schirm genommen und ihr Herz gebrochen.

So standen die Sachen, als James (sein eigentlicher Name war Alfonso, aber so konnten wir ihn doch unmöglich nennen) sich in der ungewöhnlichsten Weise zu benehmen begann, weil die Köchin seine Aufmerksamkeiten zurückwies.

Etwa sechs Wochen, nachdem er seine Stelle bei  uns angetreten hatte, bemerkte ich, daß James immer in Gedanken und sonderbar in seinem Benehmen war, allein ich ahnte die Wahrheit nicht. Wenn er bei Tische aufwartete und einem die Kartoffeln reichte, dann blieb er auch, nachdem man sich genommen hatte, neben einem stehen und starrte ins Leere, hielt einem aber immer die Kartoffelschüssel hin. Und wenn er nichts herumreichte, dann stand er hinter meinem Stuhl und seufzte in so unirdischer Weise, daß ich mich einige Male ganz erschreckt umwandte, in der Erwartung, einen Geist zu sehen.

Eines Tages aber wurde ich ernstlich beunruhigt, als das Hausmädchen heraufgestürzt kam.

»O, Madame, bitte, kommen Sie doch herunter. James wälzt sich in den gräßlichsten Schmerzen auf dem Boden, und ich glaube, er stirbt.«

Ich ging natürlich sofort hinunter in der Meinung, James sei krank, und fand ihn auch, wie er vor dem Herd lag, stöhnte und die Hände auf den Magen preßte.

»Was gibt's denn? Was ist denn los?« rief ich in dem Glauben, er habe vielleicht etwas gegessen, was ihm schlecht bekommen sei.

Allein er antwortete nicht, und das Hausmädchen fing an zu weinen und sagte: »Ach, Madame, fragen Sie nur die Köchin.«

Ich sah mich um, aber die Köchin war nicht da.

»Wo ist sie denn?« fragte ich deshalb. »Was weiß die denn davon?«

»Sie hat sich in der Speisekammer eingeschlossen,« antwortete das Hausmädchen. 

Ich fing an zu glauben, die ganze Gesellschaft sei verrückt geworden. Als ich an die Speisekammer kam, fand ich sie verschlossen, und rappelte an der Thürklinke.

»Sind Sie drin, Maud? Was soll denn das vorstellen?«

»O, Madame,« antwortete die Köchin stöhnend, »sagen Sie mir nicht, daß er tot ist, nur nicht tot.«

»Tot? Papperlapapp! Ich weiß nicht, was mit euch allen los ist; kommen Sie sofort heraus.«

Zitternd und sich die Augen mit der Schürze wischend, kam sie zum Vorschein.

»Nun sagen Sie mir 'mal, was das alles heißen soll?« fragte ich, aber ehe sie antworten konnte, hatte sich James erhoben und trat zu mir.

»Ich glaube, ich habe mir den Magen mit Büchsenhummer verdorben, den ich zum Frühstück gegessen habe; ich habe ihn mir für mein eigenes Geld gekauft.«

»Ja, Madame, das wird's wohl sein,« setzte die Köchin hinzu, »aber, lieber Gott, er sah so furchtbar aus, daß ich glaubte, er wolle sterben, und ich habe nie jemand sterben sehen können, noch nicht einmal eine junge Katze, geschweige denn einen Menschen.«

Die Erklärung stellte mich zwar nicht ganz zufrieden, aber ich wußte, daß billiger Büchsenhummer manchmal sehr bösartige Wirkungen hat. Er solle in eine Apotheke gehen und sich etwas geben lassen, sagte ich demnach, und wenn er sich danach nicht wohler fühle, könne er sich zu Bett legen. 

Danach hörte ich lange Zeit nichts mehr, und ich hatte die Geschichte fast vergessen, als die Köchin eines Tages selbst ins Zimmer gestürzt kam.

»O, Madame,« rief sie, »James hat sich mit einem Strick in die Stiefelkammer eingeschlossen, und auf dem Küchentische hat er einen Zettel liegen lassen, auf dem steht, er wolle sich aufhängen, und wir sollten ihn nicht eher abschneiden, als bis er ganz tot sei.«

»Allmächtiger Himmel!« rief ich aus. »Was soll denn das nun wieder heißen? Ich muß der Geschichte auf den Grund kommen.«

So schnell ich konnte, rannte ich die Treppe hinab und fand das Hausmädchen und die Kammerjungfer vor der Stiefelkammer knieend, die von innen verschlossen war. Sie weinten, schluchzten und flehten James durchs Schlüsselloch an, sich doch nicht aufzuhängen, sondern an seine Mutter zu denken.

Ich schob sie zur Seite und donnerte an die Thür. »James, sind Sie da drin?« fragte ich.

Nur ein tiefes Stöhnen erhielt ich zur Antwort.

»Laufen Sie hin und holen Sie rasch einen Schutzmann,« sagte ich zu einem der Mädchen.

Das mochte den jungen Herrn erschreckt haben, denn er öffnete die Thür. Da stand er in der Mitte des kleinen Raumes und von einem Haken in der Decke hing ein Strick herab mit einer Schlinge am Ende, und darunter stand ein Stuhl. 

Ich nahm den Nichtsnutz bei den Schultern und schüttelte ihn ordentlich.

»Na, was soll denn das heißen?« fragte ich.

Er antwortete nicht, sondern sah mich nur dumm an und räusperte sich.

»Bitte, Madame,« sprach nun die Kammerjungfer, »die Köchin ist an allem schuld; sie ist dem armen Jungen zuerst entgegengekommen und hat ihm dann das Herz gebrochen.«

»Nein, aber so was! So'n freches Frauenzimmer!« schrie die Köchin. »Wie können Sie sich unterstehen, zu sagen, ich wäre ihm entgegengekommen? Habe ich das gethan, James?«

»Nein, Maud, wenn Sie das gethan hätten, dann ständen die Sachen jetzt anders,« antwortete der Junge.

»Sie dummer Junge,« rief ich nun sehr ärgerlich. »Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie sich Mauds wegen aufhängen wollten?«

»Ja, Madame, das war allerdings meine Absicht, aber ich bitte um Verzeihung, daß ich sie in Ihrem Hause ausführen wollte. Wenn Sie das gütigst entschuldigen, dann will ich jetzt gehen und es wo anders thun.«

Es sei nicht sehr wahrscheinlich, daß ich ihn mit der ausgesprochenen Absicht, sich das Leben zu nehmen, aus dem Hause lassen werde, entgegnete ich. Meine Pflicht sei, alsbald einen Schutzmann kommen zu lassen und ihn in dessen Obhut zu geben. Köchin, Hausmädchen und Kammerjungfer fingen nach diesen Worten an zu schluchzen und mich zu bitten, doch sein junges Leben nicht zu Grunde zu richten, indem ich ihn verhaften ließe, was natürlich nicht im entferntesten meine Absicht war. Ich erklärte mich also bereit, vom Holen eines Schutzmanns Abstand zu nehmen, wenn er mir ein feierliches Versprechen gebe, keine albernen Dummheiten mehr zu machen; statt dessen wolle ich seine Mutter rufen lassen, die ihn mit nach Hause nehmen könne.

Nachdem er uns das verlangte Versprechen gegeben hatte, ließ ich ihn auf einen Stuhl im Hausflur niedersitzen, wo ich ihn sehen konnte, und schickte dann das Hausmädchen mit einem Briefchen an seine Mutter.

Während er dort saß, behielt ich ihn wohl im Auge, aber ich war doch froh, als seine Mutter kam, da es sehr unbequem für mich war, alle Minuten aufzustehen und ans Treppengeländer zu treten, um nachzusehen, ob James nicht wieder irgend einen Selbstmordversuch mache.

Als seine Mutter kam, ließ ich sie in mein Zimmer treten und erzählte ihr das Vorgefallene, und die arme Frau weinte und sagte, sie fürchte, Alfonso sei nicht ganz richtig im Kopfe. Sein Vater wäre auch mehrere Monate im Irrenhause gewesen, und einer von dessen Brüdern sei noch drin.

Die arme Frau that mir leid, aber ich war natürlich sehr entrüstet darüber, daß mir eine solche Familiengeschichte verschwiegen worden war, als ich den Jungen in Dienst genommen hatte, und ich konnte nicht umhin, meine Meinung darüber offen auszusprechen. Wenn sie ihrem Jungen erlaube, einen Dienst anzunehmen, sagte ich ihr, während er offenbar erbliche Anlage zum Wahnsinn habe, könne sie erleben, daß sie wegen Mordes angeklagt werde, oder wenigstens der Beihilfe dazu, oder wie es die Juristen nennen.

Sie versprach mir, sie wolle den Jungen eine Zeitlang zu Hause behalten und für ihn sorgen, worauf ich ihr den fälligen Lohn für einen Monat gab. Als sie dann die Hausthür von außen zumachten, und James, unser erster und letzter Bursche – das kann ich euch versichern – verschwunden war, fühlte ich eine große Erleichterung.

»Ich will keine männlichen Dienstboten mehr im Hause wohnen haben,« sagte ich am Abend zu John Tressider, »und wenn Spink« (das war der Kutscher)«die Stiefel nicht gern putzt, dann wollen wir sie abends, ehe wir zu Bett gehen, vor die Hausthür stellen und einen Stiefelwichser annehmen, der sie jeden Morgen putzen kann.«

Allein es kam nicht so weit, denn Spink sprach seine Bereitwilligkeit aus, sie wieder zu putzen; er wolle alles thun, »was die Herrin verlange«.

O ja, Meister Spink that alles, was die Herrin verlangte! Ich bezweifle nicht einen Augenblick, daß Mr. Tressider für das Stiefelwichsen heimlich seinen Lohn erhöht hat, nur damit ich nicht sagen könnte, er fürchte sich vor seinem eigenen Kutscher. Meine Erfahrungen mögen ungewöhnlich sein, allein ich habe gefunden, daß Männer im allgemeinen von der Behandlung der Dienstboten nichts verstehen und daß ein pfiffiger Bedienter seinen Herrn um den Finger wickeln kann. Das Frauenzimmer, das mich um den Finger wickeln könnte, soll aber erst noch geboren werden.

Aber meine Dienstbotenerinnerungen haben mich ganz von Frank und seiner Frau abgebracht. Im letzten Kapitel habe ich erzählt, wie er die Rechtswissenschaft aufgab und als Privatsekretär zu einem angesehenen Kaufmann nach Paris ging, und wie er nach Hause schrieb, daß die Stellung ihm gefalle und daß er zufrieden sei. Laura Helston und ihre Mutter waren in Paris; das lag, wie ihr ohne Zweifel schon geahnt habt, der ganzen Geschichte zu Grunde.

Während er in Paris war, erteilte Lauras Mutter ihre Einwilligung zur Verlobung, aber uns sagte er noch nichts davon, bis er einmal auf vierzehn Tage nach Hause kam, wo er uns dann ganz unverfroren eröffnete, er sei im Begriffe, in Paris zu heiraten, und mich und seinen Vater zur Hochzeit einlud.

Natürlich erbat ich mir einige Einzelheiten, und als ich hörte, die junge Dame habe ihr Leben in Pensionen und Gasthöfen verbracht, sprach ich: »Nun, Frank, das ist meiner Ansicht nach keine sehr gute Schule für eine Frau. Was kann sie da vom Haushalt lernen?«

»O, Mutter,« entgegnete er stolz, »ich verlange von meiner Frau nicht, daß sie kochen und flicken solle; ich heirate kein Dienstmädchen, sondern eine Dame.«

Nun, er heiratete seine Dame, und wie ich erwartet hatte, wurde sie und ihre Mutter Paris sehr bald müde. Schon nach kurzer Zeit hörten wir, Frank kehre nach London zurück. Es sei ihm die Londoner Vertretung des Pariser Hauses angeboten worden. Natürlich kam Mrs. Helston mit.

Er schrieb an seinen Bruder William und bat ihn, ihm ein eingerichtetes kleines Haus zu mäßigem Preise zu mieten, und dieser fand wirklich ein sehr hübsches Häuschen in der Nähe von Westbourne Park. Ich ließ mich keine Mühe verdrießen und sah selbst nach allem, namentlich dem Tafelgeschirr und Haushaltsleinen. Auf Franks Wunsch ging ich auch nach unserm Gesindevermietungsgeschäft und besorgte eine Köchin und ein Hausmädchen, die ich, nachdem ich mich vergewissert, daß sie ausgezeichnete Zeugnisse besaßen, ins gemietete Haus schickte, damit alles in schönster Ordnung wäre, wenn Frank, seine Frau und seine Schwiegermutter ankämen.

Daß die Schwiegermutter im selben Hause mit ihnen wohnen sollte, war mir nicht ganz recht. Wenn die Mutter der Frau mit dem jungen Paare im nämlichen Hause wohnt, gibt's in der Regel Unfrieden.

Ich nahm mir indessen vor, jeden Schein von Einmischung zu vermeiden, und ging deshalb am Tage ihrer Ankunft nicht hin, sondern machte meiner neuen Schwiegertochter und ihrer Mutter erst am folgenden Tage einen Anstandsbesuch.

Mein erster Eindruck war nicht günstig. Mrs. Frank Tressider war eine sehr feine und schöne Frau, aber ihre Mutter war eine alberne und einfältige Person. Schubjacke kann ich nicht ausstehen. Das Wort mag, von einer Schwiegermutter auf die andre angewandt, etwas stark sein, aber wenn es jemals einen Schubjack gegeben hat, dann war er Mrs. Helston. Alles an dieser Frau war gekünstelt, gefälscht, Blendwerk und Schein. Ihre Ziererei und Großthuerei waren mir widerwärtig, und ich ließ sie bald merken, daß sie mir nichts vormachen könne. Wenn man einen Russen kratzt, kommt gleich der Tartar zum Vorschein. Ich bin zwar keine Russin, aber es gehört wenig Kratzen dazu, bei mir den Tartaren zum Vorschein zu bringen. Sowie Mrs. Helston ihre feine Miene aufsetzte, sich als hervorragendes Glied der feinen Gesellschaft aufspielte und anfing, an dem von William gemieteten Hause herumzunörgeln und zu sagen, sie könne englische Dienstboten nicht leiden, weil sie so gemein seien, und als sie immer französische Brocken ins Gespräch mischte, wurde ich ziemlich deutlich. Ich sagte ihr, ich spräche kein Französisch, da ich es seit meinen Schuljahren nicht geübt hätte, und mein Einkommen, Gott sei Dank, immer groß genug gewesen sei, in England leben zu können. Ich zöge es deshalb vor, englisch zu sprechen, und ich bezweifelte nicht, daß es ihr fremd vorkomme, ein ganzes Haus zur Verfügung zu haben, nachdem sie so viele Jahre auf ein kleines Schlafzimmer in einer Pension beschränkt gewesen sei. Auch daß sie sich nur schwer an unsre englischen Dienstboten gewöhnen könne, nachdem sie die Sorte Mädchen um sich gehabt habe, die man gewöhnlich in den ausländischen billigen Pensionen antreffe, fände ich begreiflich.

Ich hatte nicht die geringste Absicht, anzüglich zu sein, aber ich konnte doch meines Sohnes Schwiegermutter nicht auf mir herumtrampeln und so thun lassen, als ob sie sich einer großen Herablassung schuldig gemacht hätte, als sie ihrer Tochter gestattete, meinen Sohn zu heiraten. Wahrhaftig, wenn Miß Helston eine reiche Erbin oder die Abkömmlingin (kann man diese weibliche Form von Abkömmling bilden?) eines vornehmen Geschlechts gewesen wäre, sie hätte nicht großartiger thun können.

Etwas mehr Geduld und Nachsicht meinerseits wäre vielleicht ganz am Platze gewesen, aber da ich wußte, daß sie ihrer Tochter nicht einen roten Heller mitgegeben hatte (sie besaß ohne Zweifel nicht mehr, als was sie selbst brauchte, und auch das kaum) und daß der verstorbene Mr. Helston seine Laufbahn in London als Hausknecht begonnen und wahrscheinlich seines Großvaters Namen nicht gekannt, obgleich er später eine angesehene Stellung eingenommen hatte, war ihr Benehmen mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnten.

Ich ging mit der Absicht hin, das kann ich ehrlich versichern, so liebenswürdig als möglich zu sein, und ich kann, wenn ich will, sehr liebenswürdig sein, und wenn vielleicht einige meiner Kinder anders denken, so gibt es doch Leute genug, die meine große Selbstbeherrschung unter den erschwerendsten Umständen oft bewundert haben. Ich war aber noch nicht fünf Minuten im Hause, als das Frauenzimmer meine Federn gegen den Strich zu bürsten anfing, und zwar wie mir schien, absichtlich. Sie merkte indes bald, daß, wenn Krieg zwischen uns herrschen sollte, sie einen ihrer Klinge würdigen Feind vor sich habe, und sie hatte wahrscheinlich ihre Gründe, daß ich vom inneren Leben in Franks Haus nicht mehr sehen sollte, als unumgänglich nötig war. Sie hatte den armen Jungen vollständig unter dem Daumen und war die eigentliche Herrin im Hause. Ohne Zweifel fürchtete sie mich, denn sie zitterte vor dem Einfluß, den ich auf meinen Sohn hatte. Ihn konnte sie hinters Licht führen und täuschen, mich nicht.

Da Franks Frau während unsrer Unterredung anwesend war, sprach ich so wenig als möglich, aber was ich sagte, traf den Nagel auf den Kopf, wenn es auch nicht mit französischen Brocken gespickt war, und ich schmeichle mir, daß die gnädige Frau mich vollständig verstanden hatte.

Ich war froh, als die Zeit kam, wo ich mich anständigerweise wieder empfehlen konnte, als ich aber auf dem Heimwege alles nochmal überdachte, da wurde ich sehr traurig, denn ich mußte mir sagen, daß meines Sohnes Glück auf Sand gebaut sei. Die junge Frau stand vollständig unter dem Einfluß ihrer Mutter. Als Frank mich besuchte, sagte ich nicht viel, denn ich wollte ihm nicht wehe thun, aber etwas mußte ich mich doch aussprechen.

»Mein lieber Junge,« sprach ich, »ich würde an deiner Stelle Mrs. Helston nicht allzuviel Macht im Hause einräumen. In der Trauungsformel heißt es: ›Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen,‹ davon, daß er auch ihre Mutter mitnehmen soll, steht nichts darin.«

»O, Mrs. Helston ist gar nicht so übel,« entgegnete er lachend, »sie hat in mancher Hinsicht sonderbare Ansichten, weil sie so lange im Ausland gelebt hat, aber ich kann sie doch nicht gut auf die Straße setzen. Sie ist so kränklich, weißt du«

»Kränklich!« dachte ich bei mir. »O ja, ich könnte auch so kränklich sein, wenn ich wollte. Es ist ganz schön, sich bedienen zu lassen und in allem seinen Willen zu haben, weil man sich und andre überredet hat, daß man kränklich sei.«

Ich bin ganz sicher, es war lediglich dem Einfluß ihrer Mutter zuzuschreiben, daß Franks Frau und ich uns entzweiten; allein das soll den Gegenstand einer andern Erinnerung bilden. 


Sechzehnte Erinnerung.
Frank und Laura.

Als Frau, die nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt gegangen ist, bin ich schon lange zu der Ueberzeugung gelangt, daß die besten Frauen nicht immer die besten Männer kriegen und vice versa. Es gibt natürlich viele Familien, wo das Ideal des Ehelebens erreicht worden ist, wo Mann und Frau wirklich eins sind, und wo die Kinder ebenso in Ehrfurcht und Achtung, wie in Liebe zu ihren Eltern aufwachsen. Dort sieht man das Familienleben so, wie wir es in diesem Lande verstehen, von seiner besten Seite, und zu einem solchen Heim zu gehören, ist in der That ein Vorzug. Ein solches ideales Familienleben kommt wohl in allen Kreisen vor, aber häufiger in den sogenannten Mittelklassen, als in den höheren und unteren.

Ich bin die letzte Person in der Welt, die die Neigung hat, viel vom Unglück des Ehelebens zu reden, obgleich es natürlich thöricht wäre, wenn man in Abrede stellen wollte, daß es viel gibt, ja es kommt mir vor, als nehme es in der letzten Zeit sogar zu. Wollte man erwarten, daß alle Ehen glücklich ausfallen, so wäre das unvernünftig, namentlich jetzt, wo junge Männer und Mädchen sich in die Ehe stürzen ohne hinreichende Mittel auf der einen und Erfahrung auf der andern Seite.

In meiner Jugend dachte ein junger Mann nicht ans Heiraten, ehe er sich nicht eine gewisse Stellung begründet hatte; jetzt heiraten sie, und denken dann erst daran, sich eine zu schaffen. Mit den jungen Mädchen ist es ganz ähnlich. In der guten alten Zeit wurde ein Mädchen in der Kunst einen Haushalt zu führen sorgfältig ausgebildet und war in der Regel im stande, einen zu leiten, ehe sie selbst einen hatte; jetzt warten sie, bis sie einen haben, und fangen dann an, zu lernen.

Daß die Not die Herzen aneinander fesselt, und daß häusliche Sorgen die Familienbande stärken, sind sehr schöne Lehren, aber in Wirklichkeit treffen sie häufig nicht zu. Viele junge Paare, die sich bis ans Ende ihrer Tage geliebt haben würden, werden einander durch Not und Sorgen entfremdet, die in der ersten Zeit entstehen und ihre Ursache ganz allein darin haben, daß sie ihre Verbindung fürs Leben eingegangen sind, ehe sie die Verantwortung des ehelichen Lebens zu übernehmen reif waren. Manchmal gehe ich an einer Kirche vorbei, wo gerade eine Trauung stattfindet, und wenn ich mich auch nicht unter die grinsende Menge mische, so warte ich doch gern, bis das junge Paar herauskommt. Bei den Hochzeiten unter den ärmeren Klassen wird der Reis in der Regel geworfen, wenn das Paar aus der Kirche tritt, um in den Wagen, meist eine Droschke, zu steigen, und es macht mit Freude, das glückliche Lächeln im Gesicht des jungen Mannes und den liebevollen Blick in den Augen der jungen Frau zu sehen, wenn sie sich zum erstenmal auf den Arm ihres Gatten stützt. Der Ausdruck ihrer Gesichter ändert sich aber gewöhnlich unter dem Regen von Reis, denn Reis in die Augen geworfen zu kriegen, ist nicht gerade angenehm, und dann rennen sie meist in ziemlich lächerlicher Weise nach ihrer Droschke.

Allein ich denke nicht an den Spaß, sondern frage mich: »Haben diese beiden jungen Leute wohl eine schwache Vorstellung von dem ernsten Schritte, den sie soeben gethan haben? Ahnen sie wohl, daß das ganze Glück oder Unglück ihrer Zukunft nun in ihren eigenen Händen liegt?« Für mich ist das immer ein sehr feierlicher Gedanke, denn junge Leute können sich das Leben zum Segen oder Fluche gestalten. Sie haben eben den Fluß überschritten und die Schiffe hinter sich verbrannt. Was werden sie am andern Ufer anfangen? Wird es für sie ein Land der Seligen oder der Unseligen werden?

Mein Sohn Frank und Laura hatten ohne Zweifel die ehrliche Absicht, einander vollkommen glücklich zu machen. Als sie vor dem Altare standen, waren sie noch ebenso schwärmerisch, als an jenem Abend, wo sie am Ufer des Rheins einander Treue gelobt hatten. Beide heirateten unter, wie ich es nennen muß, falschen Voraussetzungen; Frank hatte keine feste Stellung und Laura keine häusliche Erfahrung. Sie waren wie zwei Schiffe, die ohne Vorkehrungen für stürmisches Wetter in See gehen. Schönwetter-Matrosen waren sie, die nicht wissen, was sie thun sollen, wenn sich ein Sturm erhebt. Unglücklicherweise werden gewöhnlich gerade die Schiffe, die am wenigsten geeignet sind, schwere Wetter auszuhalten, auch noch ungeschickt geführt. Unerfahrene Schwimmer sind häufig am waghalsigsten und gehen ins tiefste Wasser.

Vielleicht spreche ich zu ernst über diese Seite der großen Ehestandsfrage, aber sie ist mir auch sehr ernst zu Gemüte geführt worden. Meines Sohnes Frank ganzes Leben litt durch seine unkluge Heirat Schiffbruch, und obgleich sich seine Frau nicht viel Mühe gab, sich mir gegenüber liebenswürdig zu zeigen, muß ich doch sagen, sie hätte viel besser gethan, wenn sie einen etwas charakterfesteren Mann geheiratet hätte. Sie waren gerade die beiden Leute, die nie hätten zusammenkommen dürfen, und natürlich kamen sie gerade erst recht zusammen.

Sie heirateten auf Franks Einkommen aus seiner geschäftlichen Stellung hin, das vierhundert Pfund jährlich betrug, mieteten ein eingerichtetes Haus und brachten eine verschwenderische Frau mit, die sich sofort zur Herrin des Hauses aufwarf, und, statt zu versuchen, dessen Glück zu fördern, alles that, was sie konnte, Unheil zu säen.

Von meiner ersten Zusammenkunft mit Mrs. Helston habe ich schon berichtet, und ihr könnt euch darauf verlassen, daß ich nicht nach einer zweiten begierig war, als ich sie durchschaut hatte. Daß das Frauenzimmer den Versuch machte, mir die ungeheure Ueberlegenheit der Helstons über die Tressiders klar zu machen, ließ mich kalt, denn darüber konnte ich lachen, allein einige Anspielungen, daß Frank sie hinsichtlich seiner Verhältnisse getäuscht habe, ärgerten mich. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen und ich merkte, daß Mrs. Helston, als sie ihre Einwilligung zur Verheiratung ihrer Tochter mit Frank gab, darauf gerechnet hatte, mein Mann würde viel mehr für das junge Paar thun, als er verständiger- und gerechterweise leisten konnte, wenn man bedenkt, was für eine zahlreiche Familie er zu versorgen hatte.

Frank waren alle Möglichkeiten geboten worden, allein er hatte sie vernachlässigt. Er hätte in seines Vaters Geschäft eintreten können, aber er wollte nicht; er hätte Rechtsanwalt werden können, allein es war ihm der Mühe zu viel, sich auf diesen Beruf vorzubereiten; er hatte seine eigene Wahl getroffen, und ich war der Ansicht, er habe Glück genug, daß er ein Einkommen von vierhundert Pfund jährlich hatte. Zu erwarten, daß ihm mein Mann ein größeres Jahrgeld aussetze oder ein großes Kapital gebe, damit der Herr Sohn ein Leben führen könne, wie er es aus eigener Kraft nicht zu thun im stande war, das war einfach unvernünftig.

Mrs. Helston hatte augenscheinlich nicht die Absicht, von ihrem eigenen Einkommen etwas für ihre Tochter abzugeben. Sie sprach das mir gegenüber auch offen aus; allein anstatt wenigstens den jungen Leuten ein gutes Beispiel zu geben und sie zur Sparsamkeit anzuhalten, nötigte sie Frank fortwährend, über seine Mittel hinaus zu leben, und sagte ihrer Tochter, sie habe sich an einen »Commis« weggeworfen; aber auf Kosten dieses Commis zu leben, dazu war sie nicht zu stolz.

Mrs. Helston war entschieden über ihrer Tochter Partie enttäuscht. Es hätte der gnädigen Frau freilich besser gepaßt, wenn diese einen reichen Mann in angesehener gesellschaftlicher Stellung geheiratet hätte. Dann wäre auch sie in die Lage gekommen, eine Rolle zu spielen, und nichts gefiel Mrs. Helston besser, als auf andrer Leute Kosten eine Rolle zu spielen.

Es dauerte auch nicht lange, bis Mrs. Helstons schlechter Einfluß auf Frank zu Tage trat. Eines Abends kam er, um seinen Vater zu besuchen, und sagte ihm ziemlich deutlich, daß er Geld brauche. Unglücklicherweise brachte er sein Anliegen nicht in der liebenswürdigsten Art vor. Er sagte – wer ihm das eingeblasen hatte, war nicht schwer zu erraten – er sei schlecht behandelt worden, und sein Vater hätte ihm bei seiner Verheiratung ein zu einem anständigen Leben ausreichendes Jahrgeld aussetzen sollen.

Mein Mann hat mir später erzählt, was bei dieser Gelegenheit gesprochen wurde, worauf ich nicht umhin konnte, es für baren Unsinn zu erklären. Als wir heirateten, fingen wir sehr bescheiden an und versuchten nicht, zu laufen, ehe wir gehen konnten. Frank erhielt zweihundert Pfund von seinem Vater, was zusammen mit den vierhundert Pfund, die er selbst verdiente, zu anständigem Auskommen vollkommen hinreichend war. Allein ich schlug meinem Manne vor, das Verständigste würde sein, wenn Frank sich ein kleines, uneingerichtetes Haus nähme, das mein Mann ihm ausstatten könne; das wäre ein ganz guter Anfang für Frank.

Mein Mann ging auf den Vorschlag ein und begab sich zu Frank, um es ihm mitzuteilen, allein er sagte ihm dabei aufs bestimmteste, daß er auf eine Erhöhung seines Jahrgeldes unter keinen Umständen eingehen könne. Er müßte dann auch das Jahrgeld seiner andern verheirateten Kinder erhöhen, das verlange die Billigkeit, aber seine Mittel erlaubten es ihm nicht. Frank nahm das Anerbieten mit Freuden an, und er, Laura und Mrs. Helston machten sich sofort an die Haussuche.

Aber nach dem, was ich später hörte, war es Mrs. Helston, deren Wünsche vor allem berücksichtigt wurden. Sie hatte alle möglichen Einwendungen zu machen und wählte schließlich ein kleines Häuschen, nur weil es in einer sogenannten vornehmen Gegend lag, das aber nicht die geringste Annehmlichkeit besaß. Als Franks Frau zu mir kam und mir erzählte, was sie zu nehmen beabsichtigten, sprach ich meine Meinung sehr offen aus und machte sie darauf aufmerksam, daß eine Menge geräumiger Häuser mit hübschen Gärten zur halben Miete zu haben seien, wenn sie sich eine billigere Gegend aussuchten, zum Beispiel Camberwell, Islington, Camden Road oder Holloway. 

»Du meine Güte!« rief Laura. »Was für ein Gedanke! Wir sollen in Camberwell oder Holloway wohnen? Mama denkt nicht im Traume daran.«

»Nun, ich habe wirklich bis jetzt noch nicht gewußt, daß mein Mann ein Haus für deine Mama auszustatten im Sinn hat.«

»O,« sagte sie,« ärgerlich werdend, »du reibst mir immer meine Mama unter die Nase.«

»Nicht im geringsten,« entgegnete ich, »ich bin die Letzte in der Welt, die meines Sohnes Frau irgend etwas unter die Nase reiben möchte, am wenigsten ihre eigene Mutter; allein ich wiederhole, wo deine Mutter wohnt, ist ganz allein ihre Sache. Frank sucht ein Haus für sich und dich.«

»Sehr richtig,« versetzte sie schnippisch, »und unter diesen Umständen sehe ich wirklich nicht ein, was dich die Sache angeht; du sollst ja nicht darin wohnen.«

Ganz so ungezogen waren ihre Worte zwar nicht, allein sie liefen auf dasselbe hinaus, und ich begnügte mich damit, die Achseln zu zucken und zu sagen, ich wolle mich in Zukunft hüten, überhaupt eine Meinung auszusprechen, aber natürlich sähe ich als Mutter es nicht gern, wie sich mein Sohn Hals über Kopf zu Grunde richte. Wie die Unterredung noch geendet hätte, weiß ich nicht, aber zum Glück kam Sabine mit den beiden kleinen Walkinshaws, und wir sprachen von etwas andrem. Laura empfahl sich bald nachher.

Trotz meines Widerspruchs nahmen sie das Haus, und auch bei der Einrichtung wurde ich nicht zu Rate gezogen, obschon mir viele Leute, die es verstehen, gesagt haben, daß mein Geschmack ausgezeichnet sei.

Mrs. Helston nahm die ganze Sache in die Hand, und einen schönen Firlefanz und Theaterkram brachte sie zusammen. Alles war nur auf den äußeren Schein berechnet, von wirklicher Bequemlichkeit keine Spur. Als aber die Rechnungen kamen, machte sie nicht den leisesten Versuch der Einmischung. Sie ließ sie ruhig meinem Manne vorlegen und gab sich nicht einmal die Mühe, die einzelnen Posten auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Der Gesamtbetrag war auch erheblich höher, als der von Mr. Tressider bewilligte, allein er sagte, bezahlt müßten die Sachen jedenfalls werden, und da sie auf seinen Namen gekauft seien, müsse er es um der Ehre dieses Namens willen thun, aber er stimmte mit mir darin überein, daß in Franks Haushalt etwas zuviel »Schwiegermutter« sei.

Bald nachdem sie eingezogen und mit der Einrichtung fertig waren, erhielten wir eine Einladung zum Essen. Viel Lust, hinzugehen, hatte ich zwar nicht, aber ich fühlte, daß es meine Pflicht sei. Ich wußte, daß einige von Mrs. Helstons Verwandten da sein würden.

»Wir wollen doch lieber hingehen,« sagte ich deshalb zu meinem Manne, »die Leute könnten sich sonst einbilden, wir hielten uns nicht gut genug für ihre großartigen Verwandten. Man kann nie wissen, was das Weib zur Erklärung unsres Ausbleibens sagen würde.« 

So gingen wir denn, und ich sollte mein blaues Wunder erleben. Das Essen war wirklich großartig, aber die dabei zu Tage tretende Verschwendung empörend. Zu Hause war gewiß gar nichts gemacht worden, und mein Mann erzählte mir, die Weine wären von den köstlichsten und teuersten Sorten gewesen. Wie gewöhnlich, war alles Mrs. Helston überlassen worden, und es muß Frank ein schönes Stück Geld gekostet haben. Für einen jungen Mann in seiner Stellung war es jedenfalls ganz unpassend, ein solches Essen zu geben. Es war ein Essen, das, wie mein Mann beim Heimfahren sagte, nur im Konkursverfahren, ein Schilling fürs Pfund, bezahlt werden könne.

Laura trug ein Kleid, das ganz gut für eine Herzogin oder die Frau eines Citykrösus gepaßt hätte, und sie hatte die Unverschämtheit, mir zu sagen, es sei aus Paris, und sie habe die Absicht, alle ihre Kleider dort machen zu lassen.

Ich erhob meine Hände vor Schreck.

»Liebes Kind,« rief ich, »du bist sicherlich im Irrtum über deines Mannes Verhältnisse; er hat sechshundert Pfund jährlich, nicht wöchentlich.«

»Ach was,« rief sie lachend, »Frank hat viel mehr, als du glaubst; wir werden dich eines Tages überraschen.«

Und sie überraschten mich in der That, denn bald nachher kam sie in einem feinen Brougham vorgefahren. Ich stand zufällig am Fenster, sah den Wagen vor unsrer Thür halten und wunderte mich, wer es wohl sein könne. Das Pferd war sehr schön, ein Hochtraber, und der Kutscher trug eine feine Livree und hatte eine Kokarde am Hut.

Als Laura, wieder wie eine Herzogin gekleidet, ausstieg, hättet ihr mich umblasen können. Daß der Wagen ihr gehöre, ließ ich mir immer noch nicht träumen.

»Wer hat dir denn den schönen Brougham geliehen?« fragte ich sie.

»Niemand,« antwortete sie mit einem Zug um den Mund, der fast wie Hohn aussah. »Frank hat ihn mir zum Geburtstage geschenkt.«

»Ist denn der Junge rein toll geworden?« rief ich aus. »Wie will er ihn denn bezahlen und bei seinem Einkommen unterhalten?«

»O,« erwiderte sie leichthin, »er verdient jetzt sehr viel Geld; vorige Woche hat er zweitausend Pfund Sterling verdient.«

Mir brach der kalte Angstschweiß aus, denn ich dachte, er wette oder spiele an der Börse, und ich weiß, wie das stets endet. Allein Laura erklärte es anders. Frank hatte mit einem von Mrs. Helstons Freunden, der irgend etwas in der City war, ein gemeinsames Geschäft angefangen. Sie waren Gründer geworden.

Was das war, wußte ich nicht, aber ich war sehr unglücklich darüber, denn mein gesunder Verstand sagte mir, daß ein Geschäft, wobei ein junger Mensch, wie Frank, in einer Woche zweitausend Pfund Sterling verdiene, nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Sowie mein Mann nach Hause kam, erzählte ich ihm alles, und er war ebenso erstaunt, als ich. Er wußte nicht einmal, daß Frank seine Stellung als Vertreter des Pariser Hauses aufgegeben hatte, schüttelte den Kopf über die Gründerei und sagte, er wolle sich am nächsten Tage in der City erkundigen. Das that er und brachte in Erfahrung, daß sich Frank mit einem Mr. Smith, einem Menschen, der sich keineswegs des besten Rufes erfreute, verbunden habe. Die Firma hieß Smith & Co., Frank war die Compagnie, und sie beschäftigten sich damit, Aktiengesellschaften zur Ausbeutung von Goldminen und ähnlichen Dingen zu gründen.

»Ist das etwas Anständiges?« fragte ich meinen Mann, und er sah aus, als ob er meine Frage verneinen wolle, allein laut sagte er nur, die einzige Gesellschaft, die sie bis jetzt gegründet hätten, scheine gut zu sein, aber die Verbindung mit Smith gefalle ihm doch nicht; er werde Frank aufsuchen und ein Wort der Warnung mit ihm reden.

Ich konnte sehen, daß mein Mann sich Sorgen über die Sache machte. Gründen sei an sich ein ganz anständiges Geschäft, sagte er, so lange die Gründungen auf wirklich gesunder Grundlage ruhten, aber sehr viele Gründungen wären der reine Schwindel, und er fürchte, Frank könne in etwas verwickelt werden, was nicht ehrenhaft sei.

Am nächsten Tage ging mein Mann nach dem Geschäft von Smith & Co. und fand Frank in einem üppig ausgestatteten Zimmer, eine große Cigarre rauchend und im Gespräche mit einem Herrn, der in einen kostbaren Pelz gekleidet war und von Diamantringen und -knöpfen nur so funkelte.

Das war Mr. Smith.

Nachdem Frank Mr. Tressider vorgestellt hatte, sprachen sie kurze Zeit zusammen, und dann ging er mit seinem Vater zum Frühstück.

Er hatte große Rosinen im Sack, und als ihn sein Vater fragte, weshalb er einen solchen Schritt ohne seinen Rat gethan und warum er die ganze Sache überhaupt so geheim betrieben habe, antwortete Frank, es sei ihm unangenehm gewesen, davon zu sprechen, ehe er gesehen habe, wie sich die Sache entwickele; aber jetzt, wo er auf dem besten Wege sei, binnen kurzem ein reicher Mann zu werden, könne es alle Welt wissen. Nun legte er los, und seinem Vater blieb der Verstand stehen, als er hörte, wie er mit Millionen um sich warf, und wie er von den Plänen, die er und Smith hatte, redete. Wenn man ihn sprechen hörte, sagte Mr. Tressider nachher, hätte man glauben sollen, daß alles Gold und alle Diamanten der Welt ganz bescheiden im Winkel warteten, bis es Mr. Frank Tressider gefiele, das britische Publikum darauf aufmerksam zu machen.

Als es meinem Manne endlich auch einmal gelang, ein Wort dazwischen zu werfen, fragte er Frank, ob er irgend welche Kenntnis von dem wunderbaren Werte dieser Minen und Bergwerke und was es alles war, habe. 

»Nein,« entgegnete Frank, »aber Smith kennt sie, und wir stehen mit einigen der schlausten Kerle von London in Verbindung.«

»Na, mein Junge,« erwiderte sein Vater, »dann paß nur auf, daß sie nicht zu schlau für dich sind. Ich will dir offen gestehen, daß mir die Art von Geschäften, womit du dich zu befassen scheinst, gar nicht zusagt. Du hast keine Erfahrung und keine Stellung in der Geschäftswelt, und wenn diese Dinge wirklich so gut sind, dann kann ich mir nicht erklären, weshalb sich Smith gerade dich zum Teilhaber ausgesucht hat.«

»O, Smith ist ein ganz famoser Kerl,« versetzte Frank, »er stellt mich allen seinen Freunden und Kunden als den ›Sohn John Tressiders, des wohlbekannten Kaufmanns in der City‹ vor, und er meinte neulich, wenn du Lust hättest, Direktor einer unsrer Gesellschaften zu werden, würde es ihn sehr freuen, dir dienen zu können. Wir haben jetzt einige großartige Pläne an der Hand, Alterchen, und wenn du ein paar Tausend liegen hast, kannst du einen Haufen Geld verdienen. Ich habe vorige Woche Zweitausend auf einen Schlag gemacht, wie du weißt. Ich will dir was sagen, Alterchen, du hast eine Masse Freunde in der City, und wenn du ein paar von ihnen veranlassen könntest, Direktoren einer oder der andern Gesellschaft zu werden, die wir demnächst gründen wollen, so wäre mir das ein großer Gefallen.«

Mr. Tressider fragte, was das für Gesellschaften seien, worauf Frank ihm die Ankündigungen zeigte. Eine Gesellschaft sollte einen Winterpalast und einen Eiffelturm auf den Sandwichinseln erbauen, eine andre eine Goldmine auf Madagaskar erwerben und ausbeuten, eine dritte ständige Puppentheater an den Ecken der Hauptstraßen des vereinigten Königreiches errichten und eine die in den Straßen aufgestellten Feuermelder zur selbstthätigen Verteilung von belegten Brötchen einrichten, nach Art der Dinger, wo man einen Nickel in einen Spalt wirft.

Ich verstehe nicht viel von derartigen Dingen und entsinne mich deshalb nicht, was Mr. Tressider alles darüber sprach, vielleicht habe ich auch einige der Gesellschaften nicht richtig beschrieben, aber ich weiß, daß er mit einem sehr langen Gesicht nach Hause kam und sagte, er fürchte, die Geschichte werde ein schlechtes Ende nehmen.

Sie fing nicht schlecht an, denn Frank fuhr eines Tages in einem feinen Zweispänner bei uns vor, und Laura war auf unsrem Ball der reine Juwelierladen, so war sie mit Diamanten bedeckt. Sie mieteten einen Palast in einer der vornehmsten Straßen und machten ein großartiges Haus. Wie oft habe ich mir die Augen gerieben und mich gefragt, ob ich wache oder träume, oder ob dieser junge Mensch, der so lebte, als ob er über ein Jahreseinkommen von zwanzigtausend Pfund verfüge, wirklich mein Sohn Frank sei.

Allein Mr. Tressider sprach nie gern darüber, ja, er vermied den Gegenstand nach einiger Zeit gänzlich, ebenso, wie er ablehnte, Franks glänzende Gesellschaften zu besuchen, und ich konnte sehen, daß er im Gemüt bedrückt war. Ich weiß, daß er wiederholt zu Frank ging, um ihn zu warnen und zu veranlassen, die unsaubere Geschäftsverbindung zu lösen, aber es half alles nichts, und endlich kam der Krach.

Ich will nicht näher darauf eingehen, denn die Sache ist zu peinlich für uns alle. Die Zeitungen brachten lange Aufsätze über Schwindelgesellschaften, und eines Tages hörten wir, Smith & Co seien bankerott, und Frank hätte nicht nur alles, was er besaß, bis auf den letzten Heller verloren, sondern habe noch größere Verbindlichkeiten, als er je tilgen zu können hoffen dürfe.

Ich wußte, daß er sich nie in so wagehalsige Unternehmungen gestürzt haben würde, um rasch reich zu werden, wenn er nicht durch die Streberei seiner Schwiegermutter und die selbstsüchtige Verschwendungssucht seiner Frau dazu getrieben worden wäre. Es war mehr gegen ihn gesündigt worden, als daß er selbst gesündigt hatte. Er war das blinde Werkzeug Smiths gewesen, der sich freute, mit dem Sohne eines wohlbekannten und angesehenen Handelsherrn der City in Verbindung zu kommen, als er nach einigen Jahren erzwungener Zurückgezogenheit von neuem anfing.

Franks Verbindlichkeiten wurden bis auf den letzten Schilling bezahlt. Mr. Tressider erklärte, das sei er der Ehre des Namens schuldig, und wenn er selbst an den Bettelstab kommen sollte. Zum Glück war der Betrag, den mein Mann zu decken hatte, für seine Verhältnisse nicht allzu groß. Franks Anteile an den Gesellschaften, die sich als gesund erwiesen und gut bezahlt wurden, sowie der Erlös aus seiner beweglichen Habe und seiner Frau Brillanten erreichte fast den Betrag seiner Verbindlichkeiten. Allein als alles geordnet war, stand er ohne einen Heller Vermögen in der Welt und schuldete seinem Vater mehrere tausend Pfund, aber er entging wenigstens der Schande des Bankerotts.

Als der Krach kam, fand Mrs. Helston plötzlich, daß ihr Gesundheitszustand eine Kur in Karlsbad dringend notwendig mache, aber Laura zeigte zum erstenmal, seit ich sie kannte, daß doch etwas in ihr steckte. Ihr Mann sagte ihr, er müsse das Leben von vorn beginnen und zwar, so weit als möglich entfernt von allen, die seine Vergangenheit kannten. Es war ihm eine gute Stelle in Australien angeboten worden, die er anzunehmen beabsichtigte. Sie legte ihr großartiges Wesen sofort beiseite und erklärte, sie werde mit ihm gehen und alles thun, was in ihren Kräften stehe, um ihm zu helfen und die Vergangenheit zu sühnen. Ich glaube, sie hat ihr Wort ehrlich gehalten, denn Frank spricht in seinen Briefen in der liebevollsten Weise von ihr. Frank und seine Frau sind jetzt in Australien, aber ich hoffe, daß wir sie in nicht zu ferner Zeit wieder in unsrer Mitte haben werden – und dann ohne seine Schwiegermutter. 


Siebzehnte Erinnerung.
Die Pfauenfedern.

Es gibt viele Leute, die über »Altweiberaberglauben«, wie sie es nennen, spotten, wie z. B. zu dreizehn zu Tische sitzen, unter einer Leiter hergehen, den neuen Mond zuerst durch eine Glasscheibe sehen, einen Regenschirm innerhalb des Hauses öffnen und Pfauenfedern im Zimmer haben. Ich selbst bin nicht sehr abergläubisch, aber manches würde auch ich nicht thun, und ganz besonders könnte mich nichts dazu bringen, mich zu dreizehn zu Tische zu setzen oder Pfauenfedern im Hause zu haben.

Eines Tages bei einem Familiengeburtstagsessen sprachen wir über Aberglauben, und wir waren alle einig darin, daß dreizehn bei Tische etwas sei, was keins von uns zu thun wagen würde (wir waren darauf gekommen, weil wir eben mit knapper Not der Gefahr entgangen waren, zu dreizehn zu Tische gehen zu müssen, da ein Glied der Gesellschaft so spät kam, daß wir es schon aufgegeben hatten), aber wir waren keineswegs einer Meinung über die Pfauenfedern.

Marion, meines zweiten Sohnes William Frau, die sehr hübsch malt, einen entschieden künstlerischen Geschmack hat und ihre Zimmer mit geringen Kosten reizend auszuschmücken versteht, wollte nicht zugeben, daß Pfauenfedern bedenklich seien, und William, als gehorsamer Gatte (es ist schade, daß es nicht mehr Männer mit einer ähnlichen Schwäche gibt), stimmte ihr in allem zu.

»Es ist doch wirklich zu albern, zu behaupten, daß Pfauenfedern Unglück brächten,« sprach Marion. »Wenn es sich so verhielte, würden sie doch nicht so viel als Zimmerschmuck verwendet werden. Ich werde mich wenigstens nicht daran kehren. Kürzlich sah ich ein paar reizende Pfauenfederfächer, die eine meiner Freundinnen hierher geschickt hat, um sie für eine Predigerwitwe zu verkaufen, die will ich mir kaufen und über dem Kamin im Empfangszimmer anbringen.«

Wir alle schüttelten den Kopf und waren der Ansicht, das werde sicher Unglück bringen, und John, mein Aeltester, erzählte eine schreckliche Geschichte von einem Herrn, der eine Pfauenfeder auf der Straße aufgehoben und mit nach Hause gebracht habe, und am folgenden Tage sei er über eine Müllschippe, die das Mädchen auf der Treppe habe stehen lassen, gestolpert und habe ein Bein gebrochen.

»Ja,« sagte William, »das beweist weiter nichts, als daß es gefährlich ist, Müllschippen auf der Treppe stehen zu lassen, und darin stimme ich vollständig mit dir überein.«

»Aber das ist nicht alles, was vorgefallen ist,« fuhr John fort. »Am selben Nachmittag brannte sich die Frau des Mannes, der das Bein gebrochen hat, ihre Stirnlocken, als das im Nebenzimmer befindliche Kindermädchen, das das Kleinste auf dem Arme hatte, sich auf einen Stuhl setzte, ohne zu bemerken, daß die Katze darauf lag. Diese heulte, und das Mädchen kriegte einen solchen Schreck, daß es aufsprang und ebenfalls heulte. Das veranlaßte die Dame, sich plötzlich umzuwenden, und dabei stieß sie sich das Brenneisen so in den Backen, daß sie dauernd entstellt ist. Was sagst du dazu?«

William zuckte die Achseln.

»Ich sage weiter nichts, als daß Frauen, die etwas auf ihr Haar geben, es nicht mit heißem Eisen kräuseln sollten, denn sie brennen das Leben heraus, und daß Kindermädchen sich umsehen müssen, ehe sie sich niedersetzen. Das Brenneisen und die Katze waren an dem Unfall Schuld, nicht die Pfauenfeder. Ist sonst noch was vorgefallen?«

»O ja! Am selben Abend verspürte das Zimmermädchen, als es mit seinem Lichte hinaufging, einen starken Gasgeruch. Sie trat in das Zimmer, woraus, wie sie vermutete, der Geruch kam, und als sie eintrat, erfolgte ein furchtbarer Knall. Das Fenster wurde hinausgeschleudert, ein Teil der Decke stürzte ein und die auf dem Kaminsims stehenden Nippsachen wurden zerschlagen, nur etwas blieb unversehrt.«

»Und das war?«

»Die Pfauenfeder, die die Dame dort hingestellt, als ihr Mann sie ihr gegeben hatte. Was sagst du dazu?«

»Daß das Hausmädchen sehr nachlässig gewesen ist und vergessen hat, das Gas im Zimmer zuzudrehen, als der Haupthahn abgestellt wurde. Dieser Unfall fällt dem Mädchen zur Last und nicht der Pfauenfeder.«

»Natürlich kannst du die Sache immer so drehen,« sagte ich, »aber das bringt die Thatsache nicht aus der Welt, daß alle diese Unglücksfälle erst eintraten, nachdem die Pfauenfeder ins Haus gebracht worden war. An deiner Stelle, liebe Marion, würde ich's andern Leuten überlassen, sich mit diesen Fächern in Gefahr zu stürzen.«

Marion lächelte und entgegnete, daß thatsächlich ein andrer der Gefahr ausgesetzt werden würde, denn sie wohnten, wenn sie in die Stadt kamen, in möblierten Zimmern (sie lebten damals auf dem Lande), und dort sollten die Pfauenfedern ihre Probe bestehen.

Die Unterhaltung nahm eine andre Wendung, es wurde nichts mehr über die Pfauenfedern gesprochen, und ich vergaß die ganze Sache sehr bald.

Etwa acht Tage danach besuchte ich Marion in ihrer möblierten Wohnung, und das erste, was meine Augen erblickten, waren die Pfauenfederfächer, die am Spiegel steckten.

»O, du hast sie doch gekauft?« fragte ich.

»Ja,« antwortete sie, »ich habe sie am folgenden Tage gekauft, und sie haben seit der Zeit dort gesteckt und bis jetzt ist noch niemand etwas Schreckliches zugestoßen. Im Gegenteil, sie haben mir Glück gebracht.«

»Wirklich? Wieso?«

»Du weißt doch, was für Mühe ich hatte, ein gutes Stubenmädchen zu finden, das ich mit nach Hause nehmen konnte?«

Ich nickte, denn William hatte mir von den Unannehmlichkeiten, die ihnen ihre Mädchen machten, erzählt. Das, das sie lange Zeit gehabt hatten, ein sehr braves Mädchen, war gegangen, um zu heiraten, und es war ihnen bis jetzt nicht gelungen, einen Ersatz zu finden. Der Ort, wo sie lebten, war sehr still und weit von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. Die Mädchen vom Orte sagten Marion nicht zu, weil sie nicht gewandt genug waren, und die Londoner Mädchen wollten nicht dahin gehen, weil es an ihren freien Sonntagen zu langweilig für sie war und sie ihre Bekannten nicht besuchen konnten.

Ich hätte von ihren Schwierigkeiten gehört, erwiderte ich Marion, und innigen Anteil daran genommen.

»Dann wirst du dich freuen, zu hören, daß meine Schwierigkeiten vorüber sind,« antwortete sie, »und ich verdanke es nur diesen Pfauenfedern. Nachdem ich sie gekauft hatte, fragte mich die Dame, ob ich niemand wisse, der ein gutes Hausmädchen brauchen könne. Die Predigerwitwe, die ihr die Fächer und einige andre Kleinigkeiten zum Verkauf geschickt, hatte sie auch gefragt, ob sie jemand wisse, der ein Mädchen suche. Sie wolle ihren Haushalt auflösen und sehe sich nach einer Stelle für ihr Hausmädchen Mary Jones um. Du kannst dir denken, Mutter, daß ich mit beiden Händen zugriff, denn wenn es ein gutes Mädchen war, dann hatten meine Schwierigkeiten ein Ende. Da sie auf dem Lande gelebt hatte, würde sie nichts dagegen haben, wieder da zu leben, und mir würde die Mühe erspart, Erkundigungen einzuziehen, da mir die Empfehlung meiner Freundin natürlich genügen konnte. Ich bat sie also, doch gleich an die Predigerwitwe zu schreiben und sie zu fragen, weshalb Mary Jones ihren Dienst verlassen wolle. Ferner ersuchte ich meine Freundin, die gewöhnlichen Erkundigungen einzuziehen, und wenn diese befriedigende Ergebnisse hätten, wollte ich das Mädchen sofort in Dienst nehmen, und es könne sogleich nach unsrer Rückkehr aufs Land bei uns eintreten. Die Erkundigungen sind eingezogen worden, die Antworten höchst befriedigend ausgefallen, und ich habe mir in Mary Jones augenscheinlich ein ausgezeichnetes Mädchen gesichert.«

»Nun, da wünsche ich dir von Herzen Glück, meine liebe Marion,« erwiderte ich, »aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, nicht an fehlerlose Kleinodien zu glauben, bis ich mich selbst überzeugt habe.«

Einige Tage später kehrte Marion nach Hause zurück (sie wohnte in einer ziemlich einsamen Gegend etwa zwei und eine halbe Meile von St. Albans), Mary Jones, das von der Predigerwitwe so warm empfohlene Hausmädchen, trat seinen Dienst an, und Marion war, soweit ich aus ihren Briefen sehen konnte, sehr zufrieden mit ihr. Auch die Pfauenfedern waren mit aufs Land genommen worden, wie ich aus einer Nachschrift zum ersten Briefe, den mir Marion nach ihrer Ankunft dort schrieb, erfuhr.

»Nachschrift: Die Pfauenfedern haben den Ehrenplatz im Empfangszimmer, und wir sind immer noch vollkommen gesund und in der besten Stimmung.«

Etwa einen Monat danach reiste ich nach St. Albans, um William und seiner Frau einen mehrtägigen Besuch zu machen, und dabei hatte ich Gelegenheit, Mary Jones zu beobachten und mir selbst ein Urteil über sie zu bilden. Mein erster Eindruck war entschieden günstig. Sie war groß, sah ganz fein aus und hatte eine angenehme Stimme und ein ruhiges Wesen. Ich meinte, sie hätte etwas Trauriges im Blicke, allein das ist viel besser, als das einfältige grinsende Lächeln, das so viele Dienstmädchen an sich haben, und daß sie ihre Arbeit gründlich verstand, konnte nicht in Abrede gestellt werden. Marion und William waren ganz entzückt von ihr, und sie vertrug sich auch ausgezeichnet mit den andern Dienstboten.

»Beklagt sie sich nicht über die Einsamkeit und Stille hier?« fragte ich.

»O nein, nicht im geringsten; sie geht an ihren freien Sonntagen in die Kirche, und zweimal hat sie abends an einem Wochentage um die Erlaubnis gebeten, nach St. Albans zu gehen. Sie ist das beste Mädchen, das wir je gehabt haben, und gute Dienstboten tragen so viel zur Behaglichkeit des Hauses bei.«

Während meines ganzen Aufenthaltes dort hatte ich keine Veranlassung, meine günstige Meinung über Mary Jones zu ändern. Ich kehrte mit der Ueberzeugung nach Hause zurück, daß sich meine Tochter Glück wünschen dürfe, sich ein wahres Kleinod von einem Mädchen gesichert zu haben, und ich räumte ein, daß sie dieses Glück den Pfauenfedern verdanke.

Nicht lange nachher kam in einer Gesellschaft die Rede auf Dienstmädchen. Ich erwähnte meiner Schwiegertochter Glück und nannte schließlich auch des Mädchens Namen.

Einer der anwesenden Damen schien dieser aufzufallen, denn sie fragte mich, ob es ein großes, fein aussehendes Mädchen sei.

»Ja,« sagte ich, »das ist sie.«

»Wissen Sie, wie Ihre Schwiegertochter zu dem Mädchen gekommen ist?«

»Ja, es ist ihr von einer Freundin empfohlen worden, die seine frühere Herrin kennt.«

»War diese frühere Herrin eine Mrs. Hesketh?«

»Den Namen weiß ich nicht, aber sie ist eine Predigerwitwe.«

»Dann ist es die Mary Jones, die ich meine.«

»Sie kennen sie also? Sie wissen doch hoffentlich nichts Nachteiliges über sie,« sagte ich und konnte ein gewisses Gefühl des Unbehagens nicht unterdrücken.

»O nein, gar nichts, im Gegenteil, alles, was ich gehört habe, spricht zu ihren Gunsten, aber sie war in eine schreckliche Geschichte verwickelt. Wissen Sie, wie Mr. Hesketh gestorben ist?«  

»Ich weiß gar nichts über die Heskeths,« entgegnete ich. »Ich höre den Namen heute zum erstenmal. Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

»Ich werde Ihnen alles erzählen, aber ich glaube, ich würde es an Ihrer Stelle meiner Schwiegertochter nicht mitteilen. Mrs. Hesketh hat offenbar nichts davon erwähnt, weil sie fürchtete, es möchte dem armen Mädchen erschweren, eine neue Stelle zu finden, denn manche Leute würden vielleicht Bedenken tragen, ein Mädchen zu nehmen, das in eine solche Geschichte verwickelt gewesen ist.«

»Nun muß ich aber bitten, daß Sie mir gleich alles erzählen; Sie haben mich wirklich beunruhigt,« sagte ich.

»Der verstorbene Pfarrer Hesketh war ein Mann von etwa sechzig Jahren und stand im Rufe, mancherlei Eigentümlichkeiten zu haben. Auch sollte er wohlhabend sein und namentlich eine wertvolle Sammlung alter Schmucksachen besitzen, die sein Steckenpferd war. Er hatte einmal durch den Zusammenbruch einer Bank erhebliche Verluste erlitten, und seitdem sollte er, wie allgemein erzählt wurde, sein Geld im Hause verborgen haben, und nur, wenn es eine bestimmte Höhe erreicht hatte, kaufte er Staatspapiere.

»Er wohnte mit seiner Frau und zwei Dienstmädchen in einem hübschen altmodischen Hause auf dem Lande. Von diesen Dienstmädchen war eins eine alte Person, die seit seiner Verheiratung als Köchin bei ihm war, das andre ein Hausmädchen, das er in Dienst genommen, als es die Dorfschule verlassen hatte. Als dieses Mädchen heranwuchs, knüpfte es ein Verhältnis mit einem auf einem benachbarten Gute beschäftigten jungen Manne an. Dieser ging nach Amerika, ersparte sich dort etwas und ließ sich seine Braut nachkommen, um zu heiraten. Die Heskeths ließen sie nur ungern gehen, weil sie sie gern hatten und sich nur schwer an neue Gesichter gewöhnten. An ihrer Stelle trat Mary Jones in ihren Dienst. Mrs. Hesketh, die ich vor kurzem in Bath getroffen habe, wo sich die alte arme Dame ihrer Gesundheit wegen aufhielt, hat mir die Geschichte selbst erzählt und gesagt, Mary habe ausgezeichnete Zeugnisse gehabt, und sie könne sich kein besseres und treueres Mädchen wünschen, als sie während des Jahres ihrer Dienstzeit bei ihr gewesen sei. Mary war etwa zwei Monate bei ihr, als die schreckliche Geschichte vorfiel, die dem armen alten Herrn das Leben kostete. An einem Winterabend hatte sich der ganze Haushalt früher als gewöhnlich – etwa um zehn Uhr – zurückgezogen, und Mr. Hesketh lag in tiefem Schlafe, wurde jedoch von seiner Frau daraus erweckt, als die Uhr im Hausflur gerade zwölf schlug.

»›Stephen,‹ rief Mrs. Hesketh, ›horch! Hörst du nichts?‹

»›Ich habe die Uhr schlagen hören.«

»›Nein, das meine ich nicht – bst – hörst du es jetzt?‹  

»Mr. Hesketh richtete sich auf und lauschte. Ein Geräusch, wie wenn jemand unten im Hause umhergehe, war deutlich hörbar.

»›Was kann das nur sein?‹ rief seine Frau aus. ›Ach Stephen, glaubst du, es könnten Einbrecher sein?‹

»›Ach was, hier gibt's keine Einbrecher, liebe Frau. Wahrscheinlich ist's die Katze, aber ich will auf alle Fälle 'mal hinuntergehen und nachsehen.‹

»Er erhob sich, schlüpfte in seinen Schlafrock und trat auf den Gang. Zu seiner großen Ueberraschung sah er Mary Jones vollständig angekleidet an der Treppe stehen.

»›Mary,‹ rief er aus, ›sind Sie denn das? Warum in aller Welt gehen Sie denn in dieser nachtschlafenden Zeit im Hause umher?‹

»Das Mädchen wandte ihm ein totenblasses Gesicht zu und erhob warnend einen Finger.

»›Still, Herr!‹ sprach sie ziemlich laut, ›sie werden Sie hören.‹

»›Mich hören? Wer?‹

»›Ich habe ein Geräusch vernommen und bin heruntergekommen, um zu sehen, was es sei. Es sind Männer im Hause. O, bitte, gehen Sie nicht hinunter, sie werden Sie umbringen.‹

»Allein der Gedanke, es werde eingebrochen und er solle seiner Schätze beraubt werden, war zu viel für den alten Herrn. Er drängte sich an dem Mädchen vorbei und eilte die Treppe hinab. Alt und schwach, wie er war, stolperte er in seiner Aufregung und fiel einen Teil der Treppe hinunter. Als seine Frau, durch sein langes Ausbleiben beunruhigt, endlich zitternd herauskam, fand sie ihn unten liegen, und die arme Mary Jones war damit beschäftigt, ihm die Stirn mit kaltem Wasser zu baden. Das Geräusch im Zimmer hatte aufgehört, die Diebe hatten mitgenommen, was sie wollten, und waren durch die Fenster des Erdgeschosses in den Garten gelangt und entkommen. Mr. Hesketh konnte sich nie von den Folgen des Sturzes und des Schrecks erholen und starb einen Monat nachher.«

»Du meine Güte,« rief ich, »wie traurig das ist, aber das Mädchen scheint sich sehr brav benommen zu haben, und sie hatte meiner Ansicht nach ganz recht, daß sie den Versuch machte, ihren Herrn zu hindern, sein Leben aufs Spiel zu setzen.«

»Ja, das war auch Mrs. Heskeths Ansicht, und als sie ihren Haushalt auflöste und alles verkaufte, hielt sie es für ihre Pflicht, ihr Möglichstes zu thun, um Mary eine andre Stelle zu verschaffen. Wahrscheinlich wollte sie dem armen Mädchen peinliche Fragen oder Erinnerungen ersparen, und deshalb hat sie in ihrem Briefe an Ihre Tochter nichts von der Sache erwähnt. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich auch nichts davon sagen. Damen, besonders junge Damen, haben manchmal ein Vorurteil gegen Leute, die in ein Trauerspiel verwickelt gewesen sind.«

Ich mußte der Dame recht geben und entschloß mich, Marion nichts zu sagen. Das habe ich auch nicht gethan, aber ich nahm mir vor, ich wollte es William bei erster Gelegenheit mitteilen.

Etwa eine Woche später kamen er und Marion zum Essen zu uns. Dabei hoffte ich, einen Augenblick zu finden, wo ich mit ihm allein reden könnte, und dann wollte ich ihm die sonderbare Geschichte der Mary Jones erzählen. Sie kamen auch, allein die gewünschte Zwiesprache unter vier Augen ließ sich nicht herbeiführen, da sie gegen meine Erwartung nicht über Nacht blieben, sondern früh wieder wegfuhren, um den letzten Zug zu erreichen, der sie noch nach Hause bringen konnte.

Zu meiner großen Ueberraschung kamen sie beide am folgenden Nachmittag um vier wieder und sahen ganz krank vor Aufregung und Sorge aus.

»Allmächtiger!« rief ich aus. »Was ist denn um Gottes willen vorgefallen?«

»Alles Mögliche,« entgegnete William, »etwas Furchtbares ist geschehen, und ich bitte dich, Marion ein paar Tage hier zu behalten, sie steht zu Hause die größte Angst aus. Als wir gestern abend gegen Mitternacht nach Hause kamen, klingelten und klopften wir, aber es wollte uns niemand hören.«

»Eingebrochen!« rief ich. »Du willst doch nicht sagen, daß bei euch eingebrochen worden ist?«

Warum ich das sagte, weiß ich nicht, aber es fuhr mir plötzlich durch den Kopf, und ich mußte an Mary Jones und ihre Geschichte denken. 

»Ja, es ist bei uns eingebrochen worden,« sagte er.

»Weiter, weiter,« unterbrach ich ihn, »haben sie viel gefunden?«

»Viel mehr, als wir gern verlieren. Alles Silber, alle Schmucksachen meiner Frau mit Ausnahme der paar Kleinigkeiten, die sie gestern trug, und außerdem zwanzig Pfund in Gold, die sie erspart hatte und in einer Schublade ihrer Kommode aufbewahrte, und noch eine Menge andrer wertvoller Dinge. Aber das entdeckten wir erst viel später. Was uns am meisten beunruhigte, war, daß keins von den Mädchen kam. ›Sie müssen eingeschlafen sein,‹ sprach ich zu Marion und trommelte noch lauter an die Thür. Der Kutscher, der uns vom Bahnhofe nach Hause gebracht hatte, war wieder fortgefahren, und da standen wir im Dunkeln und Feuchten, denn es hatte angefangen zu regnen, und Marion wurde sehr besorgt. Endlich kam mir der Gedanke, nach der Seite des Hauses zu gehen und dort an eins der Fenster zu klopfen, in der Hoffnung, daß die Mädchen das eher hören würden. Zu meiner Ueberraschung fand ich, daß die Läden an der Seite nicht geschlossen waren, wie sie es hätten sein sollen, und ein Fenster stand halb offen.

»›Nein, aber wie nachlässig!‹ sagte ich zu mir selbst. ›Was kann denn aber den Mädchen nur zugestoßen sein?‹

»Ich stieg durch das Fenster ein und bemerkte sofort, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Nun lief ich ins Eßzimmer und fand es vollständig in Unordnung. Alles, was auf dem Büffett gestanden hatte, war verschwunden. Rasch öffnete ich die Hausthür und ließ Marion ein.

»›Erschrick nicht,‹ sage ich, ›wir sind bestohlen worden, aber wenn nur den Mädchen nichts Schlimmes zugestoßen ist!‹

»Marion war einer Ohnmacht nahe, allein ich beruhigte sie und bat sie, mir zu helfen, Licht zu machen und das Haus zu durchsuchen. Sie blieb oben an der Treppe stehen, während ich in die Küche hinunterging.

»›Mary!‹ rief ich, ›Mary, wo sind Sie?‹ Nur ein Stöhnen antwortete mir.

»Gerechter Himmel! dachte ich, den Mädchen ist etwas zuleide gethan worden.

»Ich lauschte, um zu hören, wo das Stöhnen herkam.

»›Wo sind Sie?‹ rief ich noch einmal.

»›Hier, Herr, hier,‹ antwortete eine schwache Stimme, die ich als die der Köchin erkannte.

»Sie schien im Kohlenkeller zu sein. Ich eilte hin, fand ihn von außen verschlossen, und als ich den Schlüssel umgedreht hatte, kam die Köchin blaß und zitternd zum Vorschein.

»›Ach, sind sie fort?‹

»›Fort? Wer?‹

»›Die Spitzbuben! Ach, Herr Tressider, diese Mary Jones! Die hat sie eingelassen. Sie haben mich in den Kohlenkeller gesperrt, weil ich anfing, zu schreien, und ich glaube, sie haben das Haus rein ausgeplündert.‹

»›Was sagen Sie da? Mary Jones hat sie eingelassen?‹

»›Ich weiß nicht, Herr Tressider, aber heute abend, gerade als es dunkel geworden war, kamen drei Männer auf einem Landwagen angefahren. Mary bat mich, ihr etwas zu besorgen, aber als ich gegangen war, fiel mir ein, daß es nicht recht wäre, sie allein zu lassen, und ging zurück. Gerade als ich an die Thür kam, ließ sie die fremden Männer ein, und aus der Art, wie sie mit ihr sprachen, sah ich, daß sie sich kannten, aber sie bemerkten mich, und als ich anfing zu schreien, stießen sie mich in den Kohlenkeller und schlossen mich darin ein. Dann hörte ich, wie sie im Hause umhergingen. Ach, Herr Tressider, haben sie viel gestohlen?‹

»Das war die Erzählung der Köchin, liebe Mutter,« schloß William, »und sie hat sich als wahr herausgestellt. Das Haus ist geplündert, und Mary Jones, die mit den Leuten im Bunde gewesen sein muß, hat gemerkt, daß die Köchin ihr Geheimnis entdeckt hat, und ist unter Mitnahme ihres Koffers, unsres Silberzeuges und Marions Schmucksachen mit den Männern davongefahren. Wer hätte das wohl gedacht, daß das Mädchen mit Einbrechern im Bunde stehe!«

Nachdem sie mir noch einige Einzelheiten erzählt hatten, teilte ich ihnen die Geschichte mit, die ich von der mit Mrs. Hesketh bekannten Dame gehört hatte, und wir waren alle der Ansicht, daß das so nett und fein aussehende Dienstmädchen schon damals mit den Dieben in Verbindung gestanden, sie eingelassen und ihnen gesagt habe, wo alles zu finden war.

»Meine Lieben,« sagte ich, »ich durchschaue jetzt die ganze Geschichte. Als der alte Pfarrer sie auf der Treppe fand, stand sie Wache für die Diebe, und sie versuchte ihn zu verhindern, hinunterzugehen, und dabei hat sie absichtlich so laut gesprochen, daß die Diebe gewarnt wurden, das erbärmliche Frauenzimmer!«

»Es ist ganz schrecklich,« sagte Marion mit Thränen in den Augen, »ich kann nie im Leben wieder jemand trauen und werde mich fürchten, auf dem Lande zu leben. Ohne Zweifel hat Mary den Menschen auf irgend eine Weise mitgeteilt, daß wir bis spät nachts in der Stadt sein würden, sie wußte es ja schon seit einer Woche, daß wir gestern bei euch essen wollten.«

Marion blieb einige Tage bei uns, während Willam in St. Albans mit der Polizei zu thun hatte, die versuchte, den Leuten auf die Spur zu kommen und das gestohlene Gut wieder zu erlangen. Man fand auch Leute, die die Männer spät in der Nacht auf dem Landwagen hatten vorbeifahren sehen, und es war auch ein Frauenzimmer bei ihnen gewesen, aber etwa eine Meile hinter St. Albans ging jede weitere Spur verloren. Bei der Londoner Polizei, die sich auch mit dem Falle beschäftigte, meinte man die Bande zu kennen. Als man dort von Mary Jones' Geschichte hörte, wurden auch Nachforschungen wegen des älteren Einbruches angestellt, und dadurch kam man schließlich auf eine Spur, die auch zur Verhaftung eines Mannes führte; aber obschon eine Masse gestohlener Sachen bei ihm gefunden wurde, gelang es nicht, ihm die Beteiligung an einem der Einbrüche zu beweisen. Von Mary Jones hat man nie wieder etwas gehört. Es ist gar nicht unmöglich, daß sie im gegenwärtigen Augenblick »ein vollkommenes Kleinod« bei irgend einer ruhigen Familie in einem andern Teile des Landes ist.

Ich spreche nicht oft über den Einbruch mit Marion (die jetzt in der Stadt wohnt, da William sich entschlossen hat, das Landleben aufzugeben), denn es ist ein wunder Punkt bei ihr, aber ich konnte doch eines Tages der Versuchung nicht widerstehen, sie zu fragen, ob sie die Pfauenfederfächer noch habe, die die Veranlassung gewesen waren, daß Mary Jones in ihr Haus kam.

»Nein, wahrhaftig nicht,« entgegnete sie, »die habe ich längst verbrannt. Ich hatte das Gefühl, wir würden nichts als Unglück haben, solange sie in meinem Besitze wären.«

Ganz sicher wäre nie eine Mary Jones in ihr Haus gekommen, und folglich hätte auch kein Einbruch stattgefunden, wenn diese Pfauenfedern nicht gewesen wären. 


Achtzehnte und letzte Erinnerung.

Bei Durchsicht der Aufzeichnungen, die ich seit einer Reihe von Jahren in der Absicht gemacht habe, eines Tages meine Erfahrungen als Schwiegermutter niederzuschreiben, habe ich mich genötigt gesehen, vieles zu vernichten, was sich als sehr wirksam erwiesen und gezeigt haben würde, was sich Schwiegermütter alles gefallen lassen müssen, und wie ungerecht und boshaft sie sowohl auf der Bühne, als auch in der Litteratur behandelt werden.

Offen seine Meinung sagen, ist ganz leicht, solange man innerhalb seiner vier Wände spricht, aber, wenn es darauf ankommt, sie für den Druck niederzuschreiben, dann muß man eine Menge Rücksichten nehmen. Das ist die große Schwierigkeit, womit Schriftsteller, die nur die Wahrheit schreiben und nicht ihre Einbildungskraft zu Hilfe nehmen wollen, zu kämpfen haben. Man kann niemals die volle Wahrheit sagen, ohne irgend jemand zu beleidigen, und da diese Erinnerungen sich hauptsächlich mit Gliedern meiner Familie beschäftigen, gebe ich mir natürlich alle Mühe, diese nicht zu kränken.

Als ich meine Erinnerungen begann, hatte ich keine Ahnung, was für Schwierigkeiten ich zu überwinden haben würde, bis meine Aufgabe vollendet war.

Daß Mr. Tressider behauptete, ich hätte ihn lächerlich und zur Zielscheibe des Spottes der ganzen City gemacht, überrascht mich weiter nicht, nichts, was der sagt, kann mich überhaupt noch überraschen. Aber ich will nicht versuchen, in Abrede zu stellen, daß ich wirklich betrübt und verletzt war, als mir Augustus Walkinshaw einen langen Brief schrieb und erklärte, ich hätte ihm das Leben unerträglich gemacht, weil, wo er sich auch blicken ließe, seit diese Erinnerungen zu erscheinen begonnen haben, seine Freunde boshafte Bemerkungen auf seine Kosten machten. Meine eigene Tochter Sabine ist sogar so weit gegangen, ihre Augen funkeln zu lassen, als sie mir sagte, sie halte es für sehr unfreundlich von mir, daß ich versucht hätte, sie so hinzustellen, als ob sie sich fürchte, ihren Dienstboten zu kündigen, und als ob sie die Sklavin ihrer Kinder sei.

Diese Erinnerungen haben wie eine inmitten unsres häuslichen Kreises einschlagende Bombe gewirkt, und Mauds Mann hat sich sogar unterfangen, anzudeuten, er wolle »Erinnerungen eines Schwiegersohnes« schreiben und sich so rächen.

Wie schrecklich ist es doch, daß ein bißchen ungeschminkte, gesunde Wahrheit oft so unverdaulich erscheint!

Natürlich haben sich unsre Auseinandersetzungen darüber in den meisten Fällen auf einige Worte beschränkt; nur mein deutscher Schwiegersohn hat sich furchtbar lächerlich benommen. Die Feder sträubt sich, meine Gefühle beim Empfang eines Briefes von ihm zu schildern, worin er mir mitteilte, daß, wenn ich noch weitere Anspielungen auf seine Privatangelegenheiten oder seine häuslichen Verhältnisse veröffentliche, er zu seinem großen Bedauern genötigt sein werde, die Angelegenheit seinem Rechtsanwalt zu übergeben.

Sehr entrüstet über diesen Brief und der Ansicht, daß er es mir wenigstens in höflicher und freundlicher Weise hätte sagen können, wenn er an meinen Erinnerungen etwas auszusetzen hatte, zeigte ich den Brief meinem Manne.

»John Tressider,« sagte ich, »siehst du, das kommt davon, wenn man einen Fremden an den Busen nimmt.«

John Tressider sah mich verständnislos an.

»Ich versichre dich,« sprach er, »ich habe nie einen Fremden an den Busen genommen. Was meinst du eigentlich?«

Er las den Brief, und als er damit fertig war, fragte ich: »Nun, was sagst du dazu?«

Er machte in seiner gewöhnlichen Art, die mich immer so aufbringt, ein paarmal hm und ha, und meinte dann, er könne nicht sagen, daß er sehr überrascht sei.

»Aha, ich sehe schon,« erwiderte ich, »du willst wieder 'mal mit untergeschlagenen Armen dabei stehen und zusehen, wie ein armes, schwaches Weib mit Füßen getreten wird. Wärest du ein Mann, mit auch nur einem Körnchen wahren Stolzes, dann würde sich Karl Gutzeit nicht unterstanden haben, mir so einen Brief zu schreiben. Das ist geradezu ein Verbrechen gegen die Heiligkeit der Familienbande; es ist ein Attentat auf die besten Gefühle der Menschheit. Wenn der Mann meiner Tochter mir mit Verklagen drohen kann und der eigene Gatte sich auf seine Seite stellt, dann ist die Zeit gekommen, wo Frauen mit etwas Unabhängigkeitssinn für die Rechte ihres mit Füßen getretenen Geschlechts zu den Waffen greifen müssen.«

»Ach, rede doch nicht solches Zeug, liebe Frau,« antwortete Mr. Tressider. »Wolltest du nur von deinem hohen Pferde heruntersteigen und die Sache mit nüchternen Augen ansehen, dann würdest du einsehen, daß du am besten thätest, wenn du den Empfang des Briefes anerkenntest, ihn als verzeihlichen Ausbruch des Aergers deines Schwiegersohns behandeltest und ihn versichertest, es sei nicht deine Absicht gewesen, ihn zu verletzen.«

»Was?« rief ich entrüstet, »meinst du etwa, ich solle ihn um Verzeihung bitten?«

»Nun, du brauchst nicht gerade um Verzeihung zu bitten. Suche ihn zu besänftigen, meine Liebe, suche ihn zu besänftigen.«

»Ihn besänftigen? Was du nicht sagst!« versetzte ich. »Bilde dir doch keine Schwachheiten ein, ich denke ja nicht im Traume daran. Ich werde noch heute zu ihm gehen und ihm sagen, was ich von ihm halte, und ihm klar machen, daß statt über das beleidigt zu sein, was ich über ihn geschrieben habe, er alle Ursache hat, mir für das zu danken, was ich verschwiegen habe. Ich werde noch eine Erinnerung schreiben, die sich ausschließlich mit ihm beschäftigen soll.«

Und das hätte ich auch ganz bestimmt gethan, wäre nicht Jane am Nachmittag herüber gekommen und hätte mir gesagt, sie mache sich ernstliche Sorge über ihren jüngsten Sohn, der, erst fünf Jahre alt, bereits einen ganz unbezähmbaren Jähzorn an den Tag lege. Es sei ihm eine Kleinigkeit, seine Milch und sein Brot an die Wand zu werfen, wenn ihm etwas nicht gefalle; ja er wäre bereits so weit gegangen, seine Spielsachen zum offenen Fenster der Kinderstube hinauszuwerfen, weil ihm nicht erlaubt worden sei, die Katze mit in sein Bad zu nehmen.

»Liebe Jane,« entgegnete ich, »das Kind artet seinem Vater nach; es ist das deutsche Blut, das in ihm steckt.« Und dann machte ich meinen Gefühlen über Karls Brief Luft.

Die arme Jane war ganz außer sich. Sie behauptete, Karl habe nur einen Scherz gemacht, er habe die größte Hochachtung vor mir und sage beständig, er sei der Ansicht, meine Kinder hätten alle ihre Klugheit und ihre häuslichen Tugenden von mir, und um sie zu beruhigen, erklärte ich mich schließlich bereit, nicht mehr über die Sache zu reden. Erst unmittelbar bevor sie fortging, bat sie mich, ihr zu versprechen, keine besondere Erinnerung über Karl mehr zu schreiben, und ich war schwach genug, ihr den Willen zu thun.

Einige Tage später ging ich aus, um Sabine und ihre Kinder zu besuchen, die ich längere Zeit nicht gesehen hatte, da sie ziemlich weit von uns wohnten. Als ich hinkam, bemerkte ich an Augustus, des jüngeren, Benehmen, daß etwas in der Luft lag. Seine Begrüßung war alles andre, als herzlich, wie ich sie von einem Enkel zu erwarten das Recht hatte; er steckte die Hände in die Taschen und verließ protzig das Zimmer.

»Was hat denn der Junge?« fragte ich.

»Ich fürchte, er hat etwas übel genommen,« antwortete Sabine. »Er ist sehr empfindlich, und die Jungen in der Schule haben ihn mit seiner Mama und seinem Teleskop geneckt. Ich hoffe, liebe Mama, du wirst es entschuldigen, wenn ich es ausspreche, aber ich meine, du hättest die lieben Kinder aus deinen Erinnerungen weglassen können. Die eigene Familie sollte einem doch heilig sein.«

»Sabine,« versetzte ich, erhob mich vom Sofa und ging im Zimmer umher, denn ich konnte nur mit der größten Mühe meine Ruhe bewahren, »unterfängst du dich, mich meine Pflichten als Mutter lehren zu wollen?«

»O nein, Mama, ganz gewiß nicht. Ich habe nur selbst als Mutter gesprochen. Natürlich weiß ich, daß du meinen Kindern nicht wehe thun wolltest, aber . . .«

»Nicht weiter, Sabine! Meine eigenen Kinder haben mich nie zu würdigen verstanden und werden es nie lernen. Ich habe doch gewiß nichts Unfreundliches über irgend jemand gesagt und jedenfalls nur, was der Wahrheit entspricht. Und wenn Augustus junior etwas dagegen hat, daß ich etwas über ihn schreibe, so ist das einfach lächerlich. Ueber viele unsrer größten Männer und Frauen wird jeden Tag etwas geschrieben, sogar Ihre Majestät, unsre gnädige Königin, muß sich gefallen lassen, daß jedes kleine Ereignis aus ihrer Kindheit immer wieder erzählt wird. Noch vor ganz kurzem stand in einer unsrer ersten Monatsschriften ein langer Aufsatz über den Prinzen von Wales, worin alle seine Kinderstreiche aufgetischt waren, und die Geschichte vom ältesten Sohne des gegenwärtigen deutschen Kaisers, wie dieser ihn strafte, weil der Knabe sich nicht waschen lassen wollte, ist durch alle Zeitungen gegangen. Wenn der Prinz von Wales und der deutsche Kronprinz nichts dagegen haben, daß über sie geschrieben wird, dann braucht sich Musje Augustus Walkinshaw auch nicht zu beklagen, sollte ich meinen.«

»Liebe Mutter, du darfst nicht zu ernst nehmen, was ich gesagt habe.«

»O nein, gewiß nicht, aber ich kann doch nicht anders, als mich verletzt fühlen, meine Liebe, daß meine Beweggründe so falsch verstanden werden. Da ihr aber so ängstlich auf eure Würde bedacht seid, werde ich mich hüten, die Walkinshaws noch einmal in meinen Erinnerungen zu erwähnen. Ich will sogar davon Abstand nehmen, vom Hunde Jack zu sprechen; er könnte sich vielleicht auch beleidigt fühlen und mich anknurren, wenn ich wieder komme.«

Natürlich war ich durch das Gespräch ein bißchen erregt, allein ich hielt es für besser, nicht weiter darauf einzugehen, und lenkte die Unterhaltung auf etwas andres. Als ich aber nach Hause kam und meine Aufzeichnungen vornahm, fühlte ich doch, wie wenig Dank ich dafür geerntet, daß ich einen großen Teil gerade des interessantesten Stoffes geopfert hatte, und das war doch nur geschehen, um niemand zu verletzen. Aber, Undank ist der Welt Lohn. Dafür warf man mir vor, ich hätte aus den Gliedern der eigenen Familie Kapital geschlagen, oder, wie mein Sohn John sehr geschmackvoll sagt, sie »bloßgestellt«.

Das ist ebenso empörend als ungerecht. Seit vielen Jahren, ich könnte sagen, seit Jahrhunderten, sind die Schwiegermütter von jedem Grünschnabel, der buchstabieren kann, dem allgemeinen Hohn und der Verachtung preisgegeben worden. Sie sind in den schwärzesten Farben gemalt als Klatschweiber, Unheilstifterinnen, Störenfriede und unwillkommene Gäste in den Häusern ihrer Kinder hingestellt worden, aber sowie 'mal eine der Verfolgten zur Feder greift und sich und ihre Genossinnen verteidigt, hält man ihr entgegen, daß die Familie geheiligt sein müsse.

Es ist zu bedauern, daß die Männer, die so viel Zeit darauf verwendet haben – sie hätten auch was Gescheiteres thun können – die Mütter ihrer eigenen Frauen herabzusetzen, nicht selbst ausgeübt haben, was sie andern predigen.

Ich glaube, es wäre eine Sünde gegen die Heiligkeit der Familie, wenn ich über die Thorheit junger Leute sprechen wollte, die sich Häuser mieten, ohne ihre Eltern, die doch mehr Erfahrung in solchen Dingen haben, zu Rate zu ziehen. Es ist leicht gesagt, es geht dich nichts an, wo dein verheirateter Sohn oder deine verheiratete Tochter wohnen, aber eine Frau, die eine große Familie aufgezogen hat, weiß, wie wichtig es ist, sich ein Haus mit offenen Augen anzusehen.

Ich möchte später 'mal meine Erfahrungen über »angenehme Villen« oder »schöne Wohnungen« schreiben, die nichts als Fallstricke für junge Eheleute sind. Es wäre eine große Wohlthat für die Allgemeinheit, wenn ich die Erfahrungen, die meine Söhne und Töchter in dieser Hinsicht gemacht haben, erzählte, denn sie könnten andern zur Warnung dienen und junge Ehepaare abhalten, sich mit solcher Uebereilung in »schöne und fein eingerichtete Häuser« zu stürzen, die häufig nichts sind, als übertünchte Gräber. Allein die Opfer ihrer eigenen Uebereilung würden mir ohne Zweifel Vorwürfe machen und behaupten, ich gäbe sie der Lächerlichkeit preis.

Die Folgen, daß mein Sohn John ein Haus mietete, das nicht zu nehmen ich ihn beschworen hatte, sind ein sehr nützlicher Beitrag zur häuslichen Geschichte, allein ich nehme fast Anstand, die Wahrheit zu erzählen, aus Besorgnis, daß man mir Vorwürfe machen könnte.

Als er mir das Haus nannte, das er zu mieten beabsichtigte, sagte ich ihm: »John, nimm dich in acht, das Haus steht auf Lehmgrund, das ist so gut, wie in einem Sumpfe. Du wirst dir Rheumatismus für den Rest deines Lebens holen, wenn du es nimmst, und wirst es bitter bereuen.«

Aber er wollte nicht hören, sondern nahm es, und es hat ihm ein hübsches Stück Geld gekostet. Von außen sah es ja sehr hübsch aus, auch waren die Zimmer schön groß. Der Besitzer hatte eine Masse neue Tapete dran gewendet, von der Sorte, die man stilvoll nennt. Na, das kennt man ja. Die Neutapezierung sollte die Feuchtigkeit der Wände verbergen. Es ist erstaunlich, wie ein bißchen hübsche Tapete und eine »altenglische« Hausthür ein junges Ehepaar, das eine Wohnung sucht, verblendet. Wenn man sie mit etwas »aus der Zeit der Königin Anna« außen und einer stilvollen Tapete im Innern ködert, dann beißen sie sicher an. Ihr solltet nur 'mal wissen, wie manche von den stilvollen Tapeten nach sechs Monaten aussehen, wenn die Stockflecken durchkommen, aber dann ist's zu spät. Das schwärmerische junge Paar hat einen siebenjährigen Mietsvertrag mit Unterhaltungsverpflichtung unterzeichnet, und in der Regel haben sie nicht viel Geld zu Neutapezierungen übrig, denn das Dach verschlingt den größten Teil ihres Einkommens.

Das ist meist das letzte, was sich ein junges Ehepaar ansieht, es ist aber das erste, was ihre Aufmerksamkeit nach dem Einzug gewöhnlich in Anspruch nimmt. Ich habe »reizende Wohnungen« gesehen, deren Dach nur zu einem taugte: es ersetzte ein Duschebad im Hause.

Einer meiner Schwiegersöhne wäre, glaube ich, wirklich beinahe über eine »reizende Wohnung« verrückt geworden. Es standen einige kränkliche, hochstämmige Rosen im Vorgarten, und unter den Fenstern des Oberstocks lief ein billiger hölzerner Altan hin.

»Es sieht so malerisch aus, weißt du,« sagte er, »so stilvoll«, und trotzdem ich ihn darauf aufmerksam machte, daß das Haus tief liege, auf Lehmgrund stehe und augenscheinlich sehr übereilt gebaut worden sei, nahm er es auf langen Vertrag.

Während eines der reizenden Sommer, wo es sechs Wochen an einem Stück regnet und ein Feuer nicht nur kein Ueberfluß, sondern geradezu eine Notwendigkeit ist, zogen sie ein.

Sie hatten viel Geld für Tapeten, hohe Wandverkleidungen und gelb-grüne Vorhänge ausgegeben, und das Haus sah wirklich reizend aus, als alles fertig war. Aber es dauerte nicht lange. Die ersten Unannehmlichkeiten kamen vom Dache, und als das Wasser durch die Decken drang, an den Wänden herablief und die Tapeten sich ablösten, ließ er einen Baumeister kommen und nachsehen, woran es lag. Dieser sagte, es seien ein paar Ziegel lose, und brachte sie in Ordnung. Ein paar Tage später kam der Regen an einer andern Stelle durch, er ließ den Mann wieder kommen und auch diese ausbessern. Als es aber immer noch durchregnete und der Schaden an Decken und Wänden immer größer wurde, geriet mein Schwiegersohn in Verzweiflung und sagte dem Baumeister, er sei ein Pfuscher, und er werde ihm seine Rechnung nicht bezahlen.

»Ich bin ganz unschuldig an der Sache,« entgegnete dieser. »Sie haben mir den Auftrag gegeben, zu flicken, und ich habe geflickt, aber ich sage Ihnen ganz offen, flicken kann hier gar nichts helfen. Das ganze Dach ist alt und zerfällt, es ist fast kein heiler Ziegel darauf. Sie müssen das ganze Dach neu decken lassen.«

Und es wurde vollständig neu gedeckt, noch ehe mein Schwiegersohn sechs Monate im Hause war. Nach Beendigung der Arbeit meinte er: »Gott sei Dank! Das wäre überstanden! Es ist eine teure Geschichte gewesen, aber nun sind wir auch in Ordnung.«

Das Dach machte ihnen allerdings keine Schwierigkeiten mehr, aber meine Tochter bekam eine böse Halsentzündung, ebenso die Dienstmädchen, und alle im Hause wurden krank und mußten sich zu Bett legen, mit Ausnahme meines Schwiegersohnes.

Der Arzt, der gerufen wurde, schüttelte den Kopf.

»Mein verehrter Herr,« sagte er, »ich fürchte, Sie werden in diesem Hause nicht gesund werden, wenn Sie die Abzugskanäle nicht vollständig umbauen lassen. Die letzte Familie, die hier gewohnt hat, war fortwährend krank. Schließlich wird es viel billiger für Sie sein, wenn Sie die Abzugskanäle gründlich herrichten lassen.«

Der arme Junge! Als er es mir erzählte, war sein Gesicht weiß vor Wut, und er sagte, wenn er dem Manne, der ihm das Haus vermietet habe, begegne, könne er sich an ihm vergreifen. Allein der Umbau der Abzugskanäle ließ sich nicht umgehen, und er schickte seine Frau und die Dienstboten fort, während die Arbeit ausgeführt wurde. Ich glaube, wenn ein Erdbeben gekommen wäre und die »angenehme Villa« verschlungen hätte, er hätte nichts dagegen gehabt.

Als die Arbeit vollendet und die Rechnung bezahlt war – und es war eine hübsche Rechnung – fühlte er sich etwas ruhiger.

»Nun, das hätten wir hinter uns,« meinte er, »jetzt ist über und unter der Erde alles in Ordnung; nun müßten die Widerwärtigkeiten wohl ein Ende haben.«

Aber sie hatten noch kein Ende. Als die Frau mit den Mädchen Mitte Oktober zurückkehrten, war die Zeit zum Heizen gekommen. Nun stellte sich heraus, daß nicht ein Schornstein im Hause war, der nicht die Geduld eines Hiob auf die Probe gestellt hätte.

Sobald irgendwo Feuer angezündet wurde, waren alle Stuben voll Rauch, und man konnte es nur im Zimmer aushalten, wenn man Thür und Fenster fortwährend weit offen hielt. Die Kamine im Wohn- und Eßzimmer waren die schlimmsten. Man mußte sich entweder ohne Feuer behelfen, oder in einem Zuge sitzen, daß einem fast der Kopf von den Schultern flog.

Ich werde nie vergessen, wie ich eines Tages 'mal zu meinen armen Kindern kam, gerade als sie im Begriff waren, sich zum zweiten Frühstück niederzusetzen. Meine Tochter hatte ihren Hut auf, eine Pelzjacke an, und eine große Reisedecke über den Knieen, und mein Schwiegersohn trug seinen Ulster und eine Reisemütze tief über die Ohren gezogen. Ich war natürlich etwas erstaunt über diesen Aufzug.

»Du meine Güte!« sagte ich, »seid ihr denn gerade im Begriff, zu verreisen?«

»Verreisen?« rief mein Schwiegersohn, »nein, so müssen wir den ganzen Tag sitzen, wenn wir heizen wollen. Das Fenster muß sperrangelweit offen stehen, sonst ersticken wir im Rauche.«

Der arme Mann! Er that sein Möglichstes, um den Schornsteinen das Rauchen abzugewöhnen. Er ließ die Roste ändern, er ließ Patentdrehhüte darauf setzen, so daß sein Haus aussah, wie ein Dampfcirkus, und wenn man es von weitem erblickte und die großen Hüte wirbelten herum, so war es geradezu beängstigend. Allein den Rauch wurde er nie los, und schließlich gab er die Kohlenfeuerung ganz auf und ließ alles zur Gasheizung einrichten, was an sich ganz schön ist, aber für sehr gesund kann ich es nicht halten.

Meine arme Tochter war ganz gebrochen über die beständige Sorge und die großen Kosten, die die »reizende Villa« ihnen machte, und überredete ihren Mann, zu versuchen, sie in Aftermiete zu geben. Allein das ist auch leichter gesagt, als gethan. Es kamen zwar Leute und besahen sich das Haus, aber es war immer etwas nicht in Ordnung, was sie sofort bemerkten. Einmal war eine alte Dame da, die es wahrscheinlich genommen hätte, aber gerade als sie im Begriff war, sich zu entscheiden und den Namen ihres Sachwalters behufs Abschlusses des Mietvertrages zu nennen, kam das Hausmädchen ins Zimmer gestürzt.

»Ach, Madame,« rief es, »kommen Sie doch gleich 'mal herunter. Die Wand in der Küche tritt ganz nach innen, und die Köchin glaubt, das Haus wolle wegen der Feuchtigkeit einfallen.«

Die Dame unterließ es, den Namen ihres Sachwalters zu nennen, empfahl sich ziemlich eilig und versprach, zu schreiben. Das that sie auch noch am selben Abend, indem sie meinem Schwiegersohn mitteilte, sie finde nach reiflicher Ueberlegung, daß das Haus nicht für sie passe.

Schließlich ließ der Besitzer sich herbei, gegen eine dem Betrage einer zweijährigen Miete gleichkommende Entschädigung den Mietsvertrag aufzuheben, und da mein Schwiegersohn in zwei Jahren mehr als tausend Pfund in das Haus gesteckt hatte, machte der Wirt gar kein schlechtes Geschäft.

Wie viele junge Paare haben ihren Ehestand mit einer »reizenden Villa« wie mit einem Mühlsteine um den Hals begonnen, und alles das nur, weil sie dem Rate erfahrener Leute nicht folgen wollten. Ich möchte 'mal den sehen, der mich mit einem »Königin-Anna-Balkon« oder einer »stilvollen« Tapete einfinge!

Ich habe darum über diese Sache gesprochen, weil die Wahl der Wohnung ihrer verheirateten Kinder sehr viel mit dem Glück und der Gemütsruhe einer Schwiegermutter zu thun hat. Dasselbe gilt von der Wahl der Dienstboten. Ein Schwiegersohn, der eine gute Köchin hat, ist Vernunftgründen viel zugänglicher, als einer, dessen Verdauung fortwährend durch schlecht zubereitete Speisen gestört ist. Junge Leute ahnen gar nicht, wie viel eine gute Köchin mit dem Glück nach der Hochzeit zu thun hat.

Wenn es sich darum handelt, Bekannten ein schönes Hochzeitsgeschenk zu machen, ist man immer in großer Verlegenheit, und viele verfallen auf denselben Gegenstand. Ich habe junge Ehepaare gekannt, die mit zehn Punschbowlen, fünfzehn Salonlampen und einer endlosen Zahl von Ofenschirmen anfingen, aber ein schönes Hochzeitsgeschenk gibt's, woran noch niemand gedacht hat: eine wirklich gute Köchin.

Ich könnte euch Beispiele erzählen, was für Unheil eine schlechte Köchin unter den Gliedern meiner eigenen Familie angerichtet hat, aber nach meinen jüngsten Erfahrungen muß ich Anstand nehmen, es zu thun. Ich muß die übergroße Empfindlichkeit meiner Schwiegersöhne und -töchter schonen, damit die Einigkeit unsres Familienkreises nicht gestört wird.

Ich habe im Verlaufe dieser Erinnerungen vieles ausgelassen, was ein helles Licht auf manche Fragen des gegenwärtigen Familienlebens werfen würde, weil ich nicht gern etwas sagen wollte, was als Bruch des Familiengeheimnisses angesehen werden könnte, allein jedes Wort, das ich geschrieben habe, ist wahr und auf wirkliche Erfahrungen gegründet. Ich habe Thatsachen berichtet, und in keinem einzigen Falle meiner Einbildung erlaubt, meine Feder zu lenken.

Dadurch habe ich ohne Zweifel die Wirkung beeinträchtigt, aber, wie ich schon ganz zu Anfang dieser Erinnerungen hervorgehoben habe, ich bin keine Schriftstellerin von Beruf. Ich bin weiter nichts, als eine Schwiegermutter, und als Schwiegermutter, die eine umfassende Erfahrung besitzt und nicht auf den Mund gefallen ist, habe ich in aller Bescheidenheit auf diesen Blättern versucht, gewisse Seiten des Familienlebens zu beleuchten, die von den Geschichtsforschern übersehen, oder von den Romanschriftstellern in einem gänzlich falschen Lichte dargestellt werden.


Mit dieser Erklärung habe ich die Ehre, zu zeichnen, als der freundlichen Leserin und des geehrten Lesers

     ergebenste und gehorsamste

     Jane Tressider.