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George R. Sims – Möblierte Wohnungen

Erinnerungen einer Vermieterin

Übertragen von Emmy Becher, Verlag von J. Engelhorn, Stuttgart, 1895


Erstes Kapitel.
Meine eigene Geschichte.

»Meine gute Frau Jarvis,« hatte er oft zu mir gesagt, wenn ich unter der Thüre stehen blieb, nachdem ich mit ihm besprochen hatte, was er gern zum Essen haben möchte, oder ihn gefragt, wann es ihm passen würde, die rückständigen Wochen zu bezahlen, »meine gute Frau Jarvis, wenn Sie sich nur hinsetzen wollten und Ihre Erfahrungen als Vermieterin möblierter Zimmer zu Papier bringen. Alle Verleger im Land würden die Finger danach lecken, und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so ist's der: schreiben Sie, Frau Jarvis, schreiben Sie.«

Es war ein so feiner, netter Herr, dieser Kapitän Roberts, wie ich nur je einen im Haus gehabt habe, obwohl er ein schrecklich schlechter Zahler war, weil eben seine Besitzungen in Westindien und Südamerika lagen, wo, wie der arme Mensch immer sagte, alle Naturgewalten sich gegen ihn verschworen hatten und es nie dazu kommen ließen, daß seine Verwalter ihm die Wechsel schickten. Mir ist nie im Leben ein Mensch vorgekommen, der in so fürchterlichem Maß von Erdbeben, Wirbelstürmen, Ueberschwemmungen und Gewittern zu leiden gehabt hätte. In der Regel sind die Beletagen oder zweiten Stöcke, wenn sie nicht pünktlich zahlen mögen, nur »gerade in dieser Woche ein bißchen knapp dran« oder ein Check ist ihnen nicht eingelöst worden oder sie haben vergessen, auf die Bank zu gehen, oder sie haben ihre Zinsen noch nicht erhalten und derlei alltägliche Dinge; aber beim Kapitän Roberts war's immer etwas geradezu Schauderhaftes, was ihn abhielt, seine Schulden zu bezahlen. Du liebe Zeit, gleich in der ersten Woche, als er zu mir gezogen war und ich ihm die erste Rechnung hinaufschickte, da klingelte er und sagte mir, daß ein Orkan in Westindien sechs Quadratmeilen seiner Zuckerrohrpflanzung vernichtet habe und er nun vorübergehend so in der Klemme sei, daß er mir sehr dankbar wäre, wenn ich ihm einen Sovereign liehe, bis sein Wechsel aus Südamerika eintreffe, wo er eine große Schafzucht besitze; noch ehe aber dieser Wechsel fällig war, trat ein Fluß in der unmittelbaren Nachbarschaft aus und riß in einer einzigen Nacht, ich weiß gar nicht mehr, wie viel Tausend Schafe mit fort. Ein andermal hatte er sich einen neuen Anzug bestellt, um zum Begräbnis eines Verwandten zu gehen, von dem er sicher annahm, daß er ihm ein paar Tausend Pfund hinterlassen habe. Der Schneider schickte ihn auch, aber sein Austräger sollte den Anzug nicht da lassen, wenn er das Geld nicht bekäme, und da kam der Kapitän mit Thränen in seinen wundervollen blauen Augen zu mir und beschwor mich, die Rechnung zu bezahlen, weil er augenblicklich ganz ohne Mittel sei, dank einem Erdbeben, das in Lima eine ganze Straße verschlungen habe, die mit allen Häusern ihm gehörte, und zwar gerade an dem Tag, wo der Hauszins fällig gewesen wäre. Von all den Mietern sei nur ein einziger am Leben geblieben, der die Sache beschrieben habe; aber den möge sein Agent jetzt gerade nicht um Geld angehen, weil das Entsetzen über den Unglücksfall dem Mann den Verstand verwirrt habe.

Eine schöne Erscheinung war er mit seinem hübschen, sonngebräunten Gesicht, dieser Kapitän, und die Welt hatte er kennen gelernt, denn er hatte sein Leben damit zugebracht, seine Besitzungen in fremden Ländern zu besichtigen; aber ein furchtbarer Pechvogel war er auch von dem Augenblick an, wo er zu mir kam, und zwar mit einem einzigen Handkoffer, weil sein Schiff an der spanischen Küste Schiffbruch erlitten hatte und er nur mit dem Leben davon gekommen war und diesem Handkoffer, der sich in seiner Kabine befunden und den er mit ins Rettungsboot genommen hatte.

Vor Jahren ist er abgereist und mir achtundsiebzig Pfund zehn Schilling sechs Pfennig schuldig geblieben, denn er mußte damals spornstreichs nach Australien, – das Telegramm hat er mir gezeigt – um von der Regierung mehrere Tausend Pfund Entschädigung in Empfang zu nehmen für Landstrecken, die man zu einer Eisenbahn brauchte und die ihm gehörten, worüber er den Schiedsrichtern – so sagte er, glaube ich – Auskunft geben müßte, und seither hab' ich nichts mehr von ihm gehört. Ich nehme darum an, daß irgend ein gräßliches Unglück geschehen ist, gerade als er sein Geld einnehmen sollte, und ich denke gar nicht mehr daran, daß ich das meinige noch bekommen könnte; aber einen liebenswürdigeren, unterhaltenderen Zimmerherrn hab' ich nie gehabt, und nie ist's ihm entleidet, mich von all den merkwürdigen Geschichten erzählen zu hören, die mir mit meinen Mietern begegnet sind, und daß er gesagt hat, ich soll sie niederschreiben und drucken lassen, das veranlaßt mich, nun Jahre nachher zur Feder zu greifen und zu versuchen, ob ich's kann.

Ich bin jetzt eine alte und was die Welt eine wohlhabende Frau heißt, denn in den letzten Jahren war ich immer gut vermietet, habe Geld auf der Bank und Wertpapiere und könnte mir's, das darf ich schon sagen, auch leisten, die Vermieterei aufzugeben und irgendwo auf dem Land ein ruhiges Leben zu führen, aber ach, ich bin auch eine einsame Frau, die ihr redliches Teil Kummer gehabt hat! Mein guter, alter Jarvis mit all seinen Wunderlichkeiten und lästigen Gewohnheiten liegt nun seit einem Jahr unterm Boden, und ich habe weder Kind noch Kegel, nichts als Topsy, meinen süßen kleinen Mops, der altersschwach und beinah blind ist, und Tommy, meinen großen schwarzen Kater, der mir vor zwölf Jahren als verwahrlostes Kätzchen zugelaufen kam, und wenn ich so dasitze und über die Vergangenheit nachdenke, so vermiss' ich meinen Jarvis, soviel Not und Mühe er mir auch gemacht hat, mehr als je, aber noch mehr vermiss' ich das helle Lachen meines Aennchens, die das Kind meiner verstorbenen Schwester und meine Pflegetochter ist. Es ist noch nicht lange her, da war sie bei mir und erfüllte das Haus mit Lachen und Sonnenschein – mitunter ist mir's, als ob ich froher sein könnte, wenn ich sie auf dem friedlichen Kirchhof wüßte neben ihrer Mutter, deren ganzes Herz an ihr hing und die sie mir als heiliges Vermächtnis hinterlassen hat. Aber ich darf nicht so denken, ich darf es nicht; ich will so hoffen, daß eines Tages alles ins Geleise kommen wird und daß ich wieder ein Recht haben werde, sie an mein altes Herz zu ziehen, ihr die Thränen von den Wimpern zu küssen und ihr alles zu vergeben.

Wenn ich so weit bin, werde ich ihre Geschichte auch erzählen, aber jetzt noch nicht, nein, jetzt noch nicht.

Seit Aennchen fort ist, scheint alles älter geworden zu sein, mein Mops, Tommy und ich selber. Nichts ist mehr, wie's war, nicht einmal die Glocken klingeln mehr wie früher und die Leute über mir schleichen in ihren Stuben umher so leis, wie man in einem Trauerhaus auftritt, und die Beletage lacht nicht mehr, wenn sie die Treppe hinaufgeht. Ich weiß, daß sie alle Mitleid mit mir haben und daß es ihnen auch selbst leid thut um Aennchen, denn alle hatten sie gern. Es ist ja wohl nur so eine Idee von mir, aber mir kommt's immer vor, als ob in großen schwarzen Buchstaben über der Hausthüre stünde: »Das Haus des Kummers« und als ob die Leute, die auf der Straße vorübergehen, nach meinen Fenstern heraufsähen und die ganze Geschichte wüßten und das fröhliche junge Gesicht vermißten, das sonst hinterm Vorhang herausschaute und mit seinem Lachen das Haus hell und sonnig gemacht hat.

Weil ich so viel über diesen großen Kummer nachgrübeln muß und weil ich mich so verlassen fühle, will ich mich damit zerstreuen, daß ich an die Vergangenheit denke und alles aufschreibe, was mir dabei wieder ins Gedächtnis kommt.

Und so beginne ich nun meine Lebenserinnerungen.

Meine Mutter, die, solange ich denken kann, Witwe war, hatte ein Haus in einer der Straßen, die vom Russelplatz auslaufen, und vermietete die Zimmer darin möbliert, und meine Schwester und ich gingen ihr, sobald wir die Schule verlassen hatten, dabei zur Hand und teilten uns in die Hausarbeit. Meine Schwester verheiratete sich bald mit dem Sohn eines Leihstallbesitzers in der Nachbarschaft; aber die Ehe war von Anfang an nicht glücklich, denn ihr Mann war dem Trunk und Spiel ergeben, und als er das Geschäft seines Vaters übernahm, ging es bald bergab damit. Schließlich kam's zum Gant und dann mußte er Droschkenkutscher werden, und in einer nebligen Nacht, wo er eine Herrschaft von einer Gesellschaft abholte, fuhr er auf einen Laternenpfahl auf – nüchtern wird er leider auch nicht gewesen sein – und wurde vom Bock heruntergeschleudert, gerade auf den Kopf, und ins Spital gebracht, wo er gestorben ist. Meine arme Schwester aber fiel mit einem drei Monate alten Söhnlein meiner Mutter zur Last, der's aber auch nicht zum besten ging, weil sie ein ganzes Halbjahr unvermietet war, was davon kam, daß ein Fall von Scharlachfieber in ihrem Haus vorgekommen war, wo dann die Nachbarn, die das nämliche Geschäft betrieben, dafür sorgten, daß es gehörig ruchbar wurde, obwohl der Doktor meiner Mutter versichert hatte, daß jede Ansteckungsgefahr vorüber sei. 

Es war ein harter Schlag für uns bei all dem häuslichen Elend, dieses Unglück meiner Schwester Anna, und ich erinnere mich deutlich, wie sie für ganz mit dem armen Kleinen zu uns zurückkam, schwarz gekleidet und in einer Witwenhaube, und wie wir an dem Abend zum Nachtessen um den Tisch saßen und weinten, drei schutzlose weibliche Wesen, und wie wir glaubten, daß uns nichts mehr blühe als das Armenhaus.

Aber es sollte sich herausstellen, daß die Sache weniger schlimm stand, als wir gedacht hatten; denn Annas Schwager, der vor vielen Jahren nach Australien gegangen war, kam als reicher Mann zurück und besuchte uns, sobald er vom Tode seines Bruders gehört hatte, und weil ihm die arme Frau und das kleine Kind so leid thaten, benahm er sich sehr edel. Er sagte, daß er Geld in Hülle und Fülle habe und für niemand zu sorgen brauche als für seinen alten Vater, und wenn unsre Mutter ein besseres Haus in guter Lage mieten und einrichten werde, so wolle er das Geld beschaffen, und sie könne das Kapital, das sie ihm zu fünf Prozent verzinsen werde, behalten, solange sie wolle, und Anna und ihr Kind sollten bei ihr leben.

Sobald ein passendes Haus gefunden und eingerichtet war, zogen wir ein, und bald fing's an, uns gut zu gehen; nicht gerade, daß wir reich geworden wären; aber wir konnten leben, unsre Schulden bezahlen und hatten feinere Leute im Haus als bisher.

Von diesem Hause aus bin ich die Frau meines Jarvis geworden. Er kam als Kammerdiener eines guten alten Herrn, der unsern ersten Stock auf ein paar Monate mietete, weil er Witwer war. Die meiste Zeit brachte er auf Reisen im Auslande zu, obwohl er einen wundervollen Landsitz besaß. Wunderliche Ideen hatte er, dieser Herr Delamere, so hieß er nämlich, und kein Mensch verstand, ihn zu behandeln, als Jarvis, der ihn immer aufheitern konnte. Er war vollkommen klar im Kopf, wie Jarvis sagte, aber trotzdem und obgleich er über siebzig Jahre alt war, trieb er in seinem Salon mit Jarvis Federball und alle möglichen Knabenspiele, wie Plumpsack, Kreiseldrehen und Marmelschieben. Das erhalte ihn jung, sagte er. Als ich zum erstenmal mit einem Brief für ihn in sein Zimmer trat und Herrn Delamere und Jarvis am Boden knieen und auf dem Teppich Marmeln schieben sah, war ich so verwundert, daß ich mit offenem Mund dastand und kein Wort sagen konnte.

Der alte Herr blickte auf und lächelte mir zu.

»Es kommt Ihnen wohl recht sonderbar vor, liebes Kind, einen alten Burschen wie mich mit Marmeln spielen zu sehen?«

»Nein, gar nicht,« stotterte ich.

»O doch, mein Kind: aber sehen Sie, das erhält mich jung. Spielen Sie auch Federball?«

»Früher . . . ja . . . als Kind habe ich's gespielt.«

»Nun, dann werden Sie bald wieder in Uebung kommen! Sie müssen Ihre Mutter um Erlaubnis bitten, manchmal des Nachmittags mit mir zu spielen, wenn Jarvis ausgegangen ist, wollen Sie das?«

»O ja,« stotterte ich, wieder ganz rot vor Ueberraschung. »Wenn Sie es wünschen, will ich's versuchen.«

Und ich mußte dran glauben; denn sobald Jarvis meinen guten Willen sah, erfand er arglistigerweise alle möglichen Vorwände, um auszugehen oder unten neben der Küche seine Pfeife zu rauchen, während ich oben mit Herrn Delamere mitunter eine ganze Stunde Federball spielte. Wenn er dann müde war, entließ er mich und vergnügte sich damit, eine Schießscheibe an die Flügelthür zu hängen und mit dem Blasrohr darauf zu zielen, worin er sehr geschickt war. Einmal sollte ich das auch probieren, aber gerade als ich ins Rohr blasen wollte, fing ich an zu lachen; es war doch gar zu seltsam, solch einen alten Herrn immer Kinderspiele treiben zu sehen.

Sein Diener Jarvis war bald in unsrer Familie sehr beliebt, denn seine Unterhaltung war belustigend und belehrend, da er mit seinem Herrn an alle berühmten Orte von ganz Europa gekommen war und uns alles Mögliche von Land und Leuten erzählte. Meine Schwester und ich wurden's gar nicht müde, ihm zuzuhören, obwohl meine Mutter alle Ausländer haßte, weil sie einmal einen Deutschen in der Miete gehabt hatte, der das ganze Haus mit Tabaksrauch erfüllt und ganz greuliche Dinge herangeschleppt hatte, die er gekocht haben wollte. Deshalb erklärte sie, daß sie auch nichts von ihnen hören wolle, und daß die fremden Völker heidnisch und unkultiviert seien.

Manchmal begleitete mich Jarvis auf meinen Ausgängen, überhaupt war er sehr artig, brachte uns Theaterbillete und ein- oder zweimal hatte er sogar Galerieplätze in der italienischen Oper, weil er einen Kurier kannte, der mit einem von den fremden Sängern reiste, und er fragte meine Mutter, ob er mich hinführen dürfe. Allmählich gefiel er mir immer besser, denn er war ein hübscher, lebhafter junger Mann damals, und ganz wie ein feiner Herr und sehr gewandt, da er ja immer herumgereist war und in der besten Gesellschaft verkehrt hatte. So verliebten wir uns nach und nach ineinander, und er fragte mich, ob ich seine Frau werden wolle, worauf ich ihm zur Antwort gab, er solle mit meiner Mutter sprechen, was er auch that, indem er ihr zugleich seine Verhältnisse klarlegte. Er sagte, daß er ganz sicher sei, Herr Delamere werde etwas für ihn thun, er wisse, daß er ihm etwas im Testament vermacht habe, weil er nun mehrere Jahre bei ihm sei, ohne daß je ein böses Wort oder ein Widerspruch vorgefallen wäre, und als die Mutter mich dann fragte, ob ich den Jarvis leiden möge, und ich ja sagte, wurde alles abgemacht und wir waren Brautleute. 

Bald nach unsrer Verlobung besuchte uns Annas Schwager Jakob, und wir erzählten ihm natürlich alles und machten ihn mit Jarvis bekannt, zu dem er sofort Zutrauen faßte. Er sagte aber, er hoffe, daß es mit der Hochzeit noch keine Eile habe, da ich ja erst neunzehn Jahre alt sei, und wenn wir zwei Jahre warten wollten, würde er uns behilflich sein, ein eigenes Haus zu übernehmen; denn er meinte, wir wären gerade die rechten Leute, ein derartiges Geschäft flott zu betreiben, und wir waren ihm natürlich sehr dankbar, obwohl Jarvis bemerkte, zwei Jahre seien eine lange Zeit. Nachher sagte er mir aber, es wäre natürlich ein schöner Anfang, wenn wir beide Geld hätten, und wir könnten dann alles gleich mit Geschmack und in größerem Stil einrichten.

Als der Sommer zu Ende ging, beschloß Herr Delamere, den Winter in Nizza zuzubringen, obwohl Jarvis ihm beharrlich einreden wollte, zur Abwechslung würde ihm ein Winter in London auch recht gut bekommen. Aber es half nichts; Herr Delamere hatte sich's in den Kopf gesetzt, nach Nizza zu gehen, und es war für mich ein sehr trauriger Tag, als alles Gepäck in der Halle stand und die Droschken vor der Hausthüre und ich meinem Herzliebsten Lebewohl sagen mußte. Er versprach, mir sehr oft zu schreiben, sprach mir Mut zu und versicherte, er werde alles daran setzen, seinen »Alten«, wie er Herrn Delamere immer nannte, schon im ersten Frühjahr nach London zu bringen; aber mir kam die Zeit doch furchtbar lang vor.

Herr Delamere war beim Abschied ganz reizend gegen mich. Er sagte meiner Mutter, es sei ihm sehr behaglich bei uns gewesen, und er werde gewiß nächstes Jahr wiederkommen, und dann blinzelte er mir verständnisvoll zu und sagte: »Ihnen wär's gewiß furchtbar leid, wenn ich nicht käme, he?« wobei ich dunkelrot wurde, denn ich wußte ja jetzt, daß er unsre Verlobung gemerkt hatte, obwohl Jarvis mit uns verabredet hatte, daß es besser sein werde, ihm nichts davon zu sagen; denn so nett Herr Delamere auch sonst sei, manchmal neige er zum Mißtrauen, und er könnte denken, wenn Jarvis gewissermaßen zu unsrer Familie gehöre, würde er mit »Extras« und derlei Dingen überfordert werden. Meine Mutter war zwar freilich nicht die Frau für so etwas, und ich darf mich rühmen, in ihre Fußstapfen getreten zu sein und niemals einen Mieter übervorteilt zu haben, auch solche nicht, die ihre Rechnung nur überfliegen, und ich bin immer sehr heikel gewesen mit Dienstboten, denn ich weiß, zu wie viel Ungemach es führt, wenn man Fremde im Haus und Mädchen hat, die nicht streng ehrlich sind. Es ist mir unvergeßlich, wie einst ein Diamantring bei mir vermißt wurde, aber davon werde ich erst sprechen, wenn es an der Zeit ist.

Jarvis hielt wacker Wort und schrieb mir, wie er es versprochen hatte, jede Woche einen langen Brief und schickte mir auch reizende Geschenke, wunderhübsche fremdländische Sachen, die wir auf eine Schanze im Salon stellten, und worauf ich sehr stolz war, und es vergingen drei Monate ohne ein besonderes Ereignis, ausgenommen, daß Anna und ich eines Tages im Park den Schwager Jakob mit einer Dame gehen und eifrig auf sie einreden sahen, wobei wir beide auf der Stelle dachten, er könnte sich verheiraten wollen, und obwohl wir natürlich gar nicht selbstsüchtig waren, erschraken wir doch ein wenig, weil wir Weltklugheit genug hatten, um uns denken zu können, daß eine Frau nicht gut dazu sehen würde, daß er so liebreich und freigebig gegen uns war.

Späterhin bestätigte sich unser Verdacht, und wirklich brachte es große Veränderungen für uns mit sich, das heißt nur für meine Mutter und Anna, nicht für mich, so wie sich schließlich alles gestaltete: aber das konnten wir anfangs nicht wissen, und erst nachdem Herr Delamere wieder auf einige Monate unsre Zimmer genommen hatte, sprach Jakob mit uns über die Sache.

Als Herr Delamere nach London zurückkam, sahen wir auf den ersten Blick, daß er nicht mehr war wie früher. Jarvis hatte uns schon brieflich darauf vorbereitet und hatte gesagt, es beunruhige ihn sehr, daß sein Herr so plötzlich von Kräften zu kommen scheine. In seinen Lebensgewohnheiten änderte das nicht viel, nur ging er seltener aus und gab die Spiele auf, wobei man sich viel bewegen muß. Sein Hauptvergnügen war nun, Kartenhäuser zu bauen, wobei man ihm den Teppich vom Tisch nehmen mußte, und als es ihm einmal gelungen war, ein dreistöckiges zu stande zu bringen, war er so entzückt, daß er sich auf den Zehenspitzen auf den Flur schlich, sich übers Treppengeländer beugte und uns mit gedämpfter Stimme einlud, zu ihm herauf zu kommen.

Wir mußten ganz langsam und sachte gehen und schlichen alle, meine Mutter und Anna, ich und Jarvis hinter Herrn Delamere auf den Zehenspitzen in sein Zimmer, es war wie eine Schar von Verschworenen. Mitten auf dem Tisch stand sein Kartenhaus, und als wir alle davor traten, ohne es zum Einsturz zu bringen, da war der alte Herr glücklich wie ein Kind und sagte uns, daß er's schon oft versucht hätte, daß es ihm aber noch nie gelungen sei, ein so großes Haus zu bauen und dabei das ganze Spiel Karten aufzubrauchen. Es sei ihm zu Mut, sagte er, als ob er den Höhepunkt seines Lebens erreicht hätte.

Wir waren noch nicht eine Minute im Zimmer und hatten alle das Lachen zurückgehalten, als Mutters Husten sich einstellte und im Hui stürzte das ganze Haus in Trümmer; denn wenn meine Mutter hustete, so zitterte das ganze Haus mit Ausnahme des Kellers.

Natürlich that ihr das furchtbar leid, aber Herr Delamere versicherte, es habe gar nichts auf sich. Er sei befriedigt, dieses Werk einmal vollbracht zu haben, und werde auch nicht nach einer Wiederholung streben. Jarvis sagte uns nachher, er habe seinen Herrn noch gar nie so vergnügt gesehen, außer einmal vor Jahren, als es ihm nach einer ganzen Woche harter Arbeit gelungen sei, seinen eigenen Namen und seine Adresse mit einem Buchdruckapparat für Kinder, den er in einem Spielwarenladen gekauft hatte, zu drucken, wobei er obendrein noch an die fünf Pfund Schadenersatz zu zahlen hatte, weil alle Polstermöbel mit Druckerschwärze bekleckst waren.

Der gute arme Herr Delamere! Der Bau dieses Kartenhauses sollte seine letzte Freude auf Erden gewesen sein; denn er ging zwar ganz wohl und munter zu Bett und sagte noch vergnügt wie ein Maikäfer: »Ich hab's fertig gebracht, Jarvis! Sie haben es ja gesehen,« aber als Jarvis ihn am andern Morgen wecken wollte, fand er ihn ganz seltsam aussehend und unfähig, ein Wort zu sprechen, worauf er eilends herunter kam und uns befahl, einen Arzt zu holen. Der Doktor kam und sagte, Herr Delamere habe bei Nacht einen Schlaganfall gehabt; und ein paar Tage darauf war er tot und wurde weggeführt, um auf seinem wunderschönen Landsitz, der nun einem entfernten Verwandten zufiel, begraben zu werden. Aber er hatte seinem Kammerdiener wirklich fünfhundert Pfund hinterlassen.

Unmittelbar nachdem das Begräbnis vorüber und alles in Ordnung gebracht worden war, kam Jarvis und sagte, es wäre am allerbesten, wenn wir gleich heirateten; denn er wolle sich nicht nach einer andern Stelle umsehen, sondern mit seinem kleinen Kapital das Geschäft gründen und er sei überzeugt, daß es gedeihen werde, denn er habe viele nützliche Beziehungen zu Kurieren und Kammerdienern, die ihn empfehlen würden. Ich schrieb darauf an Annas Schwager, der sofort kam und sagte, Jarvis möge ganz recht haben, und obwohl sich die Verhältnisse geändert hätten – er wollte wirklich jene Dame heiraten – und er sein Kapital nicht in unser Haus stecken könne, wolle er zweihundert Pfund zur Einrichtung beisteuern. Wir fanden das sehr gut und nett von ihm und fühlten uns als gemachte Leute.

An einem schönen Septembertag machten wir Hochzeit – eine Ewigkeit scheint dazwischen zu liegen, und doch seh' ich die Kirche noch und meine Mutter, die in Thränen zerfloß, und meine Schwester, die liebe, arme Seele mit ihrem traurigen Gesichtchen; denn der Tag erinnerte sie natürlich daran, wie sie selbst Braut gewesen war und nicht geahnt hatte, wie kurz das Glück dauern würde. Aber Jarvis sah so hübsch aus und so seelenvergnügt, daß ich nicht weinen konnte, obwohl mich danach verlangte, und er sagte so herzhaft ja, daß Jakob nachher bemerkte, man hätte denken können, er habe schon etlichemal Hochzeit gemacht, und als er den Ring an meinen Finger steckte und bestätigte, daß er mich als seine rechtmäßige Gattin halten wolle, bis der Tod uns scheide, da stieg mir's im Hals herauf, wie wenn ich ersticken müßte, und alles kam mir vor wie ein Traum, und die Stimme des Geistlichen und der Gesang, alles klang wie das leise Surren und Summen auf den Feldern an einem Sommertag, wenn man im Sonnenschein die Augen zudrückt und nichts mehr weiß, als daß ringsum Friede ist.

Wir verlebten darauf eine glückselige Woche in Brighton, das war unsre Hochzeitsreise. Wenn ich jetzt nach all den langen Jahren an jene Woche zurückdenke, so merke ich, daß ich eine alte Frau bin, und ich frage mich manchmal, ob der arme Alte, der mich hernach so gequält hat – nicht aus bösem Willen, das weiß ich – überhaupt der zartfühlende, liebenswürdige Gefährte jener Tage gewesen sein kann. Aber es ist ja natürlich, daß Kummer und Aerger den Menschen verändern und daß man nicht wie in den Flitterwochen fortleben kann, wenn man ein großes Haus in Ordnung halten und die Launen und Einfälle von einem Dutzend fremder Leute studieren muß, die alle zugleich ihr Essen haben wollen und vom Morgen bis zum Abend unaufhörlich zanken und brummen. Dazu noch nachlässige Dienstboten und derlei Sachen, und Jarvis war doch auch nur ein Mensch und konnte nichts dafür, daß sich bei ihm die »nervöse Reizbarkeit« entwickelte, wie die Aerzte es nannten, denn er hatte sie, wie er sagte, von seiner Mutter geerbt. Die arme Frau! Ich habe sie nicht gekannt, denn sie war schon tot, als wir uns heirateten, aber sie muß eine Prüfung für die Ihrigen gewesen sein, denn ich weiß, was ihr Sohn für mich war; und als er in späteren Jahren ganz unerträglich wurde, da entschuldigte er sich immer damit, seine Mutter sei gerade so gewesen.

Eh' wir verheiratet waren, hat er mir nie von seiner Mutter erzählt, wenigstens nicht von ihren Eigenheiten, die auf ihn übergegangen waren, und ich bin recht froh, daß er's nicht that, der arme Kerl, denn ich habe ganz genug an dem, was ich später davon erfuhr. Böser Wille war's wirklich nicht und ich glaube, daß er's nicht ändern konnte, aber eine Prüfung war er. Und doch würde ich, trotz all seiner Wunderlichkeiten und Launen, viel drum geben, wenn er heute abend, während ich dies niederschreibe, noch in dem alten Lehnstuhl am Feuer säße und ich ihn über alles und jedes brummen und murren hören könnte, über seine Gichtschmerzen ächzen und ins Feuer starren und fragen, weshalb er habe geboren werden müssen, bis ich schließlich wie sonst sagen würde: »Um Gottes Barmherzigkeit willen hör auf, sonst muß ich hinausgehen und auf und ab rennen und hinausschreien!«

Erst nachdem wir eine gute Weile verheiratet waren und Mühsal und Sorgen begonnen hatten, stellte sich's heraus, daß Jarvis seiner armen Mutter nachgeartet war. Im Anfang waren wir wirklich sehr glücklich und ganz wie die Kinder, die »Haushalt« spielen, nur daß wir uns natürlich vor den Mietern wie ernsthafte Geschäftsleute geberden mußten. 

Es war ein sehr hübsches Haus und sah wundervoll aus, als wir von Brighton zurückkamen und meine Mutter und Schwester uns dort begrüßten. Alles war blitzblank, auch unsre Dienstboten, und in einer Woche schon sollten unsre ersten Mieter einrücken, ein Herr und eine Dame für die Beletage, denen uns ein Freund des verstorbenen Herrn Delamere empfohlen hatte, und das Erdgeschoß war schon von einer Dame besichtigt worden, deren Schwester und Schwager nach London kommen wollten, um sich von einem berühmten Arzt behandeln zu lassen, und unsre eigene Wohnstube unten neben der Küche war ganz reizend durch all die hübschen Sachen, die Jarvis auf seinen Reisen gesammelt hatte, und die nun in einem Glasspind standen, und ein Bild des alten Herrn Delamere, das uns der Erbe überlassen hatte, und das jetzt in der Halle hing, machte sich auch sehr gut. Ein Kanarienvogel zwitscherte im Käfig und eine schwarze Katze, die uns zugelaufen war, was, wie meine Mutter sagte, Glück bringe, streckte sich schnurrend auf der Kaminvorlage, als ob sie da geboren und aufgewachsen wäre.

So begann ich nun mein Leben als Zimmervermieterin; aber so glücklich ich auch war, ein bißchen bange und aufgeregt war ich doch, als die ersten Mieter kommen sollten. Ich hatte ja natürlich viel Erfahrung darin, weil ich der Mutter so lange im Haushalte geholfen hatte; aber jetzt ruhte die ganze Verantwortung auf mir, und ich wollte alles recht hübsch und behaglich haben. Wenn ein Fürst und eine Fürstin bei uns eingemietet gehabt hätten, mehr Mühe hätte ich mir auch nicht geben, und mehr Angst hätte ich auch nicht ausstehen können.

Als der Tag da war, ging ich wohl noch ein dutzendmal mit Staubtuch und Staubwedel durch die Zimmer, sah überall nach dem Rechten und zerbrach mir den Kopf, ob ich auch nichts vergessen habe. Jarvis kam auch herauf, und weil es ein trüber, stürmischer Regentag war und sehr kühl, obwohl wir erst Anfang September hatten, beratschlagten wir, ob ein Feuer angebracht sein werde oder nicht: und dann horchten wir auf jede vorüberrasselnde Droschke und waren gespannt, ob sie anhalten würde, bis endlich eine mit Gepäck beladen an unsrem Haus vorfuhr. Gerade jetzt aber war es Jarvis in den Sinn gekommen, sich von der Beschaffenheit des Kamins zu überzeugen; er hatte mit der Feuerzange im Abzugsrohre herumgestochert und dabei fiel plötzlich Ruß herunter und stäubte ihm mitten ins Gesicht; ich aber war hinaufgegangen in den vierten Stock, wo unser Schlafzimmer lag, um meine Uhr und goldene Kette zu suchen, die ich vor lauter Angst hatte liegen lassen, und der schwarze Kater hatte mich begleitet. As ich nun die schweren Räder vor der Thür stillstehen hörte, erschrak ich, trat den Kater auf den Schwanz, machte einen Satz und goß dabei den Waschwasserkrug, den ich eben hinsetzen wollte, über mein Kleid, so daß ich aussah wie aus dem Wasser gezogen, und das Hausmädchen, das die Thür hätte öffnen sollen, war selbstverständlich in ihrer Kammer, um sich umzuziehen. Hausmädchen kleiden sich ja unfehlbar um, wenn jemand Wichtiges die Klingel zieht. Sie wurde zweimal gezogen, und weil niemand kam, entschloß sich die Köchin, eine vorzügliche Köchin, die aber sehr dick war und wegen Gesichtsschmerzen den Kopf verbunden hatte, wie sie ging und stand, in der schmutzigen Küchenschürze an die Hausthür zu gehen, wobei sie eine Pfanne auf dem Feuer stehen ließ, die alsbald überkochte und das ganze Haus mit Wohlgeruch erfüllte. So wurde unsre erste Beletage in Empfang genommen! Noch heute wird mir bei der bloßen Erinnerung, und wenn ich daran denke, wie mein armer Jarvis, mit Ruß überzogen, in der Halle gerade mit der Dame zusammenstieß, ganz heiß, und ich könnte heute noch vor Aerger darüber weinen, wie ich's damals that.

Aber sie, die Dame und der Herr, schienen gar nichts davon zu bemerken. Damals wunderte ich mich darüber; aber es sollte nicht lange dauern, so wußte ich, weshalb sie nichts sahen. Mir fiel auf, daß die Dame sehr blaß war und daß der Herr sie besorgt ansah. Hätte ich damals gewußt, was ihnen auf dem Herzen lastete, ich hätte es begriffen, daß sie nicht einmal den Ruß im Gesicht meines armen Jarvis wahrnahmen.

Ihre Gedanken waren anderswo, mich schaudert noch, wenn ich daran denke, wo. Wo sie waren und was sie beschäftigte, das werde ich im nächsten Abschnitt erzählen.



Zweites Kapitel.
Unsre erste Beletage.

»Jarvis,« sagte ich zu meinem Mann, als unsre Mieter etwa acht Tage bei uns gewohnt hatten, »dieser Herr Leeson und seine Frau haben für mich etwas Unbegreifliches an sich.«

»Wie meinst du das, Susanne?« gab er mir zurück. »Du willst doch nicht behaupten, daß bei ihnen etwas nicht in Ordnung sei? Sie haben ja ihre Rechnung auf der Stelle bezahlt und kein Wort über die ›Extras‹ verloren.«

»Das sollte mich auch wundernehmen!« rief ich. »Worüber die sich hätten aufhalten können, möcht' ich wohl wissen, da wir ja alles so billig berechnet haben, als nur möglich, und manches, was meine gute Mutter immer aufschreibt, gar nicht.«

So war es auch wirklich. Gar nicht zu reden vom Essig- und Oelständer, dessen Füllung jede Woche ganz hübsch aufläuft, hätten wir noch »Küchenfeuerung« anrechnen können, was die liebe Mutter immer thut, weil sie sagt, kein Mensch könne ihr zumuten, ihre Kohlen umsonst für andrer Leute Mittagessen zu verbrennen. Jarvis und ich waren aber natürlich als Anfänger etwas ängstlich und sehr besorgt, die Leute zufrieden zu stellen, und ich bin überzeugt, daß wir mit unsern ersten Mietern schlechte Geschäfte machten, besonders wenn man bedenkt, wie viel Ausgaben wir hatten, um alles recht wohnlich zu machen. Daß die Leesons nichts zu klagen hatten, fiel mir daher nicht auf, weil wir ihnen gar keinen Anlaß dazu gaben, indem wir unser Bestes thaten, ihnen das Leben angenehm zu machen, sobald wir uns von dem Schrecken über ihre Ankunft erholt hatten, wobei durch die im ersten Kapitel erwähnten Vorfälle niemand im stande gewesen war, sich mit Anstand an der Hausthür zu zeigen und sie willkommen zu heißen.

Das Unbegreifliche an meinen Mietern war ihr Namen. Sie hießen nämlich Leeson und doch sah ich, als ich ein- oder zweimal in ihr Zimmer kam, alle möglichen Dinge, wie Taschentücher, die mit J. A. gezeichnet waren, wenn sie ihr, mit F. A., wenn sie ihm gehörten. Aus Gesprächen zwischen ihnen wußte ich natürlich, daß sie Johanna, er Friedrich hieß, aber der Anfangsbuchstabe A. konnte doch nicht Leeson bedeuten. Auf einige von ihren Koffern war ein großes Stück weißen Papiers mit den Buchstaben J. L. aufgeklebt, und nachdem ich die Taschentücher und alle möglichen Kleinigkeiten auf dem Auskleidetisch mit dem Namenszug J. A. versehen fand, sagte ich mir: Diese Zettel sind auf die Koffer geklebt worden, weil die richtigen Buchstaben drunter stehen und sie vielleicht dachten, es würde auffallen, wenn ihre Koffer einen andern Namenszug trügen.

Daß irgend etwas nicht im Lot sei, davon überzeugte mich schon ihre Ankunft; denn sie sahen gar nicht glücklich aus, schienen nichts besonders zu beachten, waren mit allem zufrieden und sehr wortkarg, wenn ich mir um sie zu schaffen machte und alles aufbot, damit sie sich behaglich und heimisch fühlen sollten.

Anständige Leute waren es jedenfalls, denn sie waren uns ja durch einen Freund des seligen Herrn Delamere empfohlen, der Jarvis kannte, weshalb wir natürlich keine weiteren Erkundigungen einzuziehen brauchten. Aber wenn ich mitunter ins Zimmer trat, sah ich, daß die Dame, die etwa fünfundvierzig Jahre alt, aber noch eine wunderschöne Frau mit lieben, sanften Zügen war, geweint hatte und es vor mir verbergen wollte, und daß sie nie weiter sprachen, wenn ich hereinkam, und daß Herr Leeson, ein militärisch aussehender Herr von etlichen fünfzig Jahren, mir den Rücken zukehrte, sich am Feuer zu schaffen machte oder ans Fenster trat und hinausstarrte.

Auch fand ich's seltsam, daß nie ein Brief an sie ins Haus kam; sie mußten aber anderswo Briefe erhalten; denn ein- oder zweimal lagen halbverkohlte Briefumschläge im Kamin, und zwar war dann jedesmal Herr Leeson, der fast den ganzen Tag auswärts zubrachte, gerade vorher nach Hause gekommen, und einmal hörte ich, wie sie ihn beim Heimkommen fragte: »Hat Johnson geschrieben?« und er antwortete: »Ja«.

Diese Dinge zusammengenommen, veranlaßten mich zu der Bemerkung, die Leute hätten etwas Unbegreifliches an sich, und Jarvis gab mir zu, daß etwas Geheimnisvolles an ihnen sei, und ich sagte, daß ich Geheimnisse hasse und Offenheit liebe, und daß es gar nicht angenehm sei, gerade zum Einstand ein Geheimnis ins Haus zu bekommen, und daß ich fände, wir würden am besten thun, zu meiner Mutter zu gehen und ihr alles zu erzählen, weil sie bei ihrer vielen Erfahrung vielleicht schon ähnliche Fälle erlebt habe und uns möglicherweise die Sache werde erklären können.

Somit gingen wir am nächsten Abend, wo Herr und Frau Leeson zu Tisch ausgebeten waren und uns gesagt hatten, sie würden spät heimkommen, zum Thee zu meiner Mutter und beschrieben ihr die geheimnisvolle Beletage haarklein.

»Ach mein Kind!« sagte die Mutter sogleich. »Das ist ja sonnenklar und ist eine gräßliche Geschichte, besonders wenn sie an den Tag kommt, und ist sehr schlimm für euer Haus, weil die Adresse immer in den Zeitungen angegeben wird.«

Man kann sich denken, wie mir wurde. Auch der arme Jarvis war kreideweiß und fragte, nach Luft schnappend: »Gott steh uns bei, liebe Mutter! Was vermutest du denn?«

»Aber das ist ja sonnenklar, sie weint, und es kommt kein Brief ins Haus, also ist's, so gewiß, wie zweimal zwei vier ist, eine Entführung. Sie ist ihrem Manne durchgegangen, und sie haben sich einen falschen Namen beigelegt, um nicht entdeckt zu werden.«

»Du meinst, Frau Leeson sei nicht Herrn Leesons Gattin?« fragte ich, und die Haare standen mir dabei zu Berg.

»Natürlich nicht; aber sie ist die Gattin von sonst jemand, das ist schrecklich. Solchen Geschichten ist man immer ausgesetzt, wenn man möblierte Wohnungen vermietet, weil sie meist in solche gehen, da Gasthäuser zu öffentlich sind. Schlimm ist es aber, mit so etwas anfangen zu müssen!«

Jarvis war im ersten Augenblick ganz niedergeschmettert, denn, wie er nachher sagte, sah er schon den Skandal in den Zeitungen vor sich, die Gerichtsverhandlung, wobei unser Haus genannt und ich vielleicht als Zeuge vorgeladen werden würde, am Ende sogar mein Bild in den illustrierten Journalen! Mit einemmal aber warf er den Kopf zurück und sagte: »Nein, das ist's nicht, und ich bin überzeugt, daß du dich täuschen mußt. Herrn Delameres Freund würde mir nimmermehr einen Ehescheidungsprozeß ins Haus geschickt haben, und er sagte mir, die Leesons seien feine, gute Leute.«

»Natürlich,« rief ich auch wieder aufatmend, »und wenn sie nicht verheiratet wären, wie könnten dann ihre Sachen mit J. A. und L. A. gezeichnet sein? Das ist sehr unwahrscheinlich, nein, ich bin überzeugt, sie sind Mann und Frau, und eine Scheidung ist's nicht, wovor sie sich fürchten.«

Anna, die sich auch überlegt hatte, stimmte mir sofort bei, und meine Mutter gab zu, daß sie sich ja irren könne und daß diese Empfehlung allerdings eine große Bürgschaft sei. Sie konnte sich indes nur noch eine andre Möglichkeit denken; wenn die Liebe ihnen keine Ungelegenheiten machte, so konnte es vielleicht das Geld sein. Möglich, daß der Mann sich irgend etwas in Geldsachen hatte zu schulden kommen lassen. Sie hätte auch hin und wider Mieter gehabt, die so etwas angestellt hätten, namentlich einen, der ein besonders feiner junger Mann gewesen und nie ausgegangen sei und dessen Briefe alle unter der Adresse Schmid angekommen wären, während seine Wäsche mit H. I. gestickt gewesen sei und den eines Abends zwei Fahnder abgeführt hätten, die unter dem Vorwand, Zimmer zu besehen, ins Haus getreten, geradeswegs in das seinige gegangen seien und ihn wegen Fälschungen verhaftet hätten. Sieben Jahre Zuchthaus habe er bekommen, und einen netteren, ruhigeren, anständigeren jungen Herrn hätte man doch sich gar nicht wünschen können, obwohl er die Miete für vierzehn Tage schuldig geblieben sei und die Polizei all seine Sachen in Beschlag genommen und in seiner Reisetasche einen Revolver gefunden habe, womit er sich habe erschießen wollen, wenn's drauf und dran gekommen wäre, wozu er aber, Gott sei Dank, sagte die liebe Mutter, keine Gelegenheit gehabt habe; denn ein Selbstmord im Haus sei schrecklich. Monatelang könne man das Zimmer nicht mehr vermieten und mitunter zögen die andern Mieter auch aus deshalb.

Aber daß es mit dem Geld nicht haperte, wußten wir ja, weil Herrn Delameres Freund, der in seiner Grafschaft Friedensrichter war, uns schwerlich Fälscher oder Falschmünzer oder so etwas zugeschickt hätte, darum sagte die Mutter schließlich: »Nun, ich kann nur sagen, 's ist ein Geheimnis.« Da wir uns das auch längst gesagt hatten, war uns die Erfahrung der Mutter keine besondre Hilfe; aber wir verlebten einen sehr angenehmen Abend, und als wir gingen, weinte die Mutter und sagte, sie wollte nur, Anna hätte es bei ihrer Heirat ebensogut getroffen als ich.

Als wir nach Hause kamen, war's nahe an elf Uhr; aber die Leesons waren noch nicht da, und als ich hinaufging, fand sich's, daß die nachlässige Fanny, unser Mädchen, das Feuer in ihrem Zimmer hatte ausgehen, aber das Gas die ganze Zeit über mit großer Flamme brennen lassen, und die Katze, die sie hineingelassen, hatte sich auf den Kaminsims gesetzt und eine Vase umgeworfen, für die Jarvis in Paris zwanzig Franken bezahlt hatte. Ich hätte die schlumpige Person schütteln mögen. Wenn man ihr zum erstenmal den Rücken kehrte, mußten solche Dinge geschehen, aber sie gab ganz klein bei, weinte und sagte, sie sei eingeschlafen, weil sie seit vierzehn Tagen kein Auge zugethan habe, so wimmere die Köchin über ihre Gesichtsschmerzen, und darum verzieh ich's ihr; aber ärgerlich war's, und die Lust, je wieder einen Abend auswärts zuzubringen, konnte einem dabei vergehen und ich sagte zu meinem Mann, diese Leesons würden uns Unglück bringen und das sei der Anfang.

Zuerst war er selbst auch wütend, aber dann sagte er, ich solle lieber ein Auge zudrücken, denn die Fanny sei fleißig und willig und ein sauberes, niedliches Mädchen, das dem Hause gut anstehe. Es war eine Eigentümlichkeit in Jarvis' Charakter, die ich mit der Zeit entdeckte, daß er die Dienstboten immer in Schutz nahm, wenn sie hübsch waren, aber für die häßlichen nie ein gutes Wort einlegte. Andre Damen haben mir von ihren Männern ganz das nämliche erzählt, wenn wir einmal auf die Dienstboten zu sprechen kamen.

Wir blieben auf, um Herrn und Frau Leeson zu erwarten, und ich sorgte für ein gutes Feuer, das lustig flackerte und das Zimmer recht gemütlich machte. Gegen zwölf Uhr kamen sie dann heim, und ich machte ihnen selbst die Hausthür auf, denn die Fanny hatte ich ins Bett geschickt. Dabei konnte ich sie mir in der Halle ordentlich ansehen, und ich bemerkte, daß beide vergrämt und elend aussahen; und als wir ins Bett gingen, sagte ich zu Jarvis, was das Geheimnis auch sein möge, es müsse ein schreckliches sein, und ich werde keine Ruhe finden, bis ich's ergründet oder sie uns verlassen haben würden.

Aber das Geheimnis enthüllte sich bald. Als ich am nächsten Morgen in ihr Wohnzimmer trat, um mich zu überzeugen, daß Fanny ordentlich abgestäubt und den Frühstückstisch appetitlich hergerichtet habe, kam Herr Leeson sichtlich aufgeregt aus dem Schlafzimmer und sagte: »Frau Jarvis, können Sie mir einen Arzt in der Nähe empfehlen? Ich muß ihn sofort rufen, denn meine Frau ist sehr krank.«

Ich sagte, daß er sich nicht selbst bemühen solle, wir würden hinschicken, und ich ging hinunter und schickte Jarvis auf der Stelle fort. Da wir Gott sei Dank noch keinen Arzt nötig gehabt hatten, wußte ich gar nicht, ob einer in der Nähe wohne; aber Jarvis sagte, er habe am Ende der Straße ein Doktorschild gelesen, und schon nach ein paar Minuten brachte er einen Doktor Aston, den wir von da an immer holen ließen; denn es stellte sich heraus, daß er ein sehr geschickter, freundlicher Mann war und nie kam, wenn man ihn nicht brauchte, während viele Aerzte einem das Haus ablaufen, um eine große Rechnung machen zu können.

Er blieb einige Zeit oben, und als er dann in die Halle kam, machte ich ihm die Thür auf und fragte: »Hoffentlich ist's nichts Gefährliches, Herr Doktor?« Denn mir graute natürlich vor Krankheiten im Hause, namentlich wenn ich daran dachte, was die liebe Mutter mit dem Scharlachfieber durchgemacht hatte.

»Gefährlich nicht,« sagte er, »aber die arme Dame ist sehr krank. Mehr gemütlich als körperlich. Sie muß große Aufregungen durchgemacht haben. Ich will sehen, was sich thun läßt, und sorgen Sie jedenfalls dafür, daß einige Tage die größte Ruhe im Hause herrscht.«

Das versprach ich und ging dann sogleich hinunter, um der Köchin das Kratzen und Stochern im Herd zu legen, was eine schreckliche Gewohnheit von ihr war und höchst verderblich für die Kohlen. Ich bin überzeugt, mit dem Feuer, das die Person brauchte, um eine Schnitte Speck zu rösten, hätte man einen Ochsen braten können; aber sie behauptete immer, der Fehler liege am Rost, was, wie ich wohl wußte, anders war. Dann befahl ich der Fanny, nicht treppauftreppab zu »rasseln« und ein Tuch über den Kanarienvogel zu hängen, damit er sich einbilde, es sei Schlafenszeit, und mit Singen aufhöre; denn ich habe nie einen Vogel gesehen, der solches Talent gehabt hätte, immer zu singen, wenn man es nicht haben wollte, und nie zu singen, wenn man es haben wollte. Und ins Nebenhaus, das eine Wand mit dem unsrigen hatte, schickte ich die Fanny und ließ eine Empfehlung bestellen, und ich bäte die jungen Damen nicht zu üben, weil wir eine Kranke hätten, und obwohl sie mir eine gar nicht freundnachbarliche Antwort sagen ließen, verstummte ihr Klavier. Daß sie eine Beleidigung darin sahen, habe ich erst später gemerkt, und kein Mensch weiß, was ich durch sie ausgestanden habe; ich glaube, daß niemals eine arme Frau so von ihren Nachbarn gequält worden ist, wie ich von diesen Leuten.

Eben hatte ich mich, ziemlich aufgeregt von all diesen Veranstaltungen, zu meinem eigenen Frühstück niedergesetzt, als es an die Thür klopfte. Es war Herr Leeson, und zwar befand sich der arme Mann in allen Zuständen und sagte, es thäte ihm sehr leid, mir Mühe zu machen, aber er müsse ausgehen und sei den ganzen Tag auswärts beschäftigt, und ob ich ihm nicht den Gefallen thäte, mich zu seiner Frau zu setzen, weil er sie nicht gern so ganz allein lasse. Ich sagte natürlich, es sei mir die größte Freude, wenn ich mich nützlich machen könne, und sobald er fort war, ging ich hinauf, setzte mich an Frau Leesons Bett und fragte sie, wie es ihr ginge.

Die Aermste! Es mußte schlimm um sie stehen, ihrem Stöhnen und Jammern nach zu schließen; offenbar waren ihre Nerven ganz aufrührerisch. Mitunter lag sie ein paar Minuten ganz still, dann rang sie wieder die Hände und rief: »Mein Junge, mein Junge! O mein armer Junge!«

Da dämmerte mir's, das Geheimnis werde wohl ihren Sohn angehen, denn einen Sohn mußten sie ja haben, sonst hätte sie nimmer gesagt: »Mein Junge!«

Nachdem ich wohl eine Stunde so dagesessen hatte, schien sie eingeschlafen zu sein, und Fanny kam und sagte, unten frage man nach mir. Ich ging also ganz leise hinaus, blieb vielleicht eine Viertelstunde unten und wollte gerade wieder hinauf gehen, um nach ihr zu sehen, als ich mit einemmal – wen durch die Halle gehen sah? Frau Leeson ganz angekleidet mit dem Hut auf dem Kopf!

»O gnädige Frau!« schrie ich, denn sie ging schon auf die Hausthür zu. »Was in aller Welt wollen Sie thun? Bitte, bitte, bleiben Sie da! Der Arzt hat die strengste Ruhe für Sie verordnet.«

»Halten Sie mich nicht auf!« versetzte sie. »Halten Sie mich nicht auf! Ich muß fort, ich habe ihn rufen hören.«

Ich machte einen Schritt nach der Thür hin, um ihr den Weg zu vertreten; da fuhr sie auf mich los und rief in den höchsten Tönen: »Weib, laß mich fort! Mein Kind ist angeklagt auf Leben und Tod, mein Platz ist an seiner Seite!«

Das war so entsetzlich, daß ich einen Augenblick ganz starr war vor Schrecken und mich nicht rühren konnte, und ehe ich wieder zu mir selber kam, war sie draußen, und die Thür fiel hinter ihr ins Schloß.

Ich konnte doch nicht hinausstürzen und den Leuten zurufen: Haltet sie! Haltet sie! obwohl das vielleicht das Gescheiteste gewesen wäre. Ich stürzte also kreischend und jammernd hinunter zu Jarvis, der in Hemdärmeln in der Küche stand und am Abguß herumarbeitete, weil die schlumpige Köchin ihn derart mißhandelt hatte, daß er verstopft war und alles drin hängen blieb, und ich schrie nun: »Jarvis, um Gottes willen, lauf ihr nach, sie ist fort!« Er war wie vor den Kopf geschlagen und konnte nicht begreifen, was ich meinte, und dann erzählte ich ihm, so gut ich konnte, und sagte, sie sei jedenfalls wahnsinnig, und er lief die Küchentreppe hinauf und rannte ohne Rock mit aufgestülpten Hemdärmeln die Straße auf und ab, daß alle Welt ihn anstarrte. Aber von einer Frau Leeson keine Spur! Ueberall liefen wir hin, aber niemand konnte uns etwas sagen, und als wir schließlich wieder nach Hause kamen, war ich so überreizt, daß ich in einen Stuhl sank und selbst Krämpfe bekam.

Wenn sie nicht vor Herrn Leeson wieder kam, was sollte ich ihm sagen? Und nun wußte ich ja, was für einen entsetzlichen Jammer diese Menschen hatten; denn als ich meinem Mann ihre letzten Worte wiederholte, wurde er so weiß wie ein Laken und sagte, das müsse sich um den Mord handeln, der heute vor dem Schwurgericht verhandelt werde und wovon alle Zeitungen voll seien. Es war ein junger Mann Namens Friedrich Armiton, der im Verdacht stand, einen andern jungen Menschen irgendwo auf dem Land im Walde erschossen zu haben, weil sie sich vorher über eine junge Dame entzweit hatten, in die beide verliebt waren. Die Anklage war sehr bedenklich, denn man hatte den jungen Armiton am Tag vorher sagen hören, er werde den ** »dafür thun«, und man hatte ihn gefunden, wie er sich, das Gewehr in der Hand, über den Toten beugte, der einen Schuß im Kopf hatte.

Mir war es gleich klar, daß dies der betreffende Fall sein müßte. Herrn Leesons F. A. bedeutete natürlich Friedrich Armiton, der Sohn war nach dem Vater getauft worden, und sie hatten sich begreiflicherweise unter falschem Namen bei uns eingemietet, weil es ihnen nicht wünschenswert war, daß jedermann im Haus wüßte, daß sie die Eltern eines des Mords Angeklagten waren.

Wie ich den Tag überstanden habe, weiß ich heute noch nicht. Mir war's, als ob ich selbst einen Mord begangen hätte, und ich schickte Jarvis zum Doktor, damit er ihm alles erzähle, und saß da und wartete und wartete, jede Minute hoffend, das arme Geschöpf werde heimkommen. Als der Arzt gehört hatte, was vorgefallen war, sagte er, die arme Frau sei jedenfalls ins Schwurgericht gegangen, und er werde selbst auch hingehen, und später kam er und sagte uns, daß er dort gewesen sei, daß die Verhandlung im Gang, aber keine Frau Leeson im Saal sei, und daß er dem armen Mann nichts von ihrem Verschwinden gesagt hätte; denn er habe für heute schon sein gehöriges Teil, wenn er den Sohn auf der Anklagebank sehe und vielleicht ein Todesurteil aussprechen höre.

Das war so gräßlich, daß ich selbst ganz krank wurde, und der Arzt darauf bestand, ich müsse hinaufgehen in unser Schlafzimmer und mich niederlegen und womöglich gar nicht daran denken; Jarvis und er wollten schon thun, was in ihren Kräften stände. Und er gab mir eine nervenberuhigende Arznei, aber ich hätte ebensogut kaltes Wasser trinken können, denn sie nützte gar nichts, und ich war immer bald heiß, bald kalt und alle Augenblicke einer Ohnmacht nahe. Die ganze Scene stand vor mir: ich sah den Richter und sah den jungen Mann, über dessen Leben und Tod entschieden wurde, und wenn ich an den Vater dachte, der dabei saß, und die Mutter, die halb wahnsinnig in den Straßen umherirrte, so wunderte ich mich nur, daß ich nicht ganz von Sinnen kam.

Bis fünf Uhr abends blieb ich oben, und Jarvis kam immer wieder herauf und war sehr besorgt und gut, aber, das fühlte ich wohl, selbst ganz außer sich über diese Tragödie im Haus und noch dazu mit den ersten Mietern, die wir im Leben hatten, und um fünf Uhr sagte ich, daß ich hinuntergehen und eine Tasse Thee trinken wolle, denn ich hielt es nicht mehr aus, still zu liegen.

Als ich gegen sechs Uhr hinunterging, ertönte ein lautes Pochen an der Hausthür, und im Gedanken, es könnte Frau Leeson sein, die von irgend jemand nach Haus gebracht würde, ging ich hin, obwohl mich die Beine fast nicht tragen wollten. Aber da stand Herr Leeson selbst und neben ihm ein hübscher junger Mann, blaß wie ein Geist, und Herr Leeson, dem die Augen voll Wasser standen und dessen Stimme schrecklich zitterte, bemerkte mich gar nicht und sagte nur: »Tritt ein, Fritz, tritt ein, bleib aber hier in der Halle, während ich hinaufgehe und deine Mutter vorbereite; dich so plötzlich vor sich zu sehen, könnte sie zu sehr angreifen.«

Jetzt wußte ich also, daß der junge Mann freigesprochen war, und das Herz stand mir still und ich wurde ganz kalt. Wie sollt ich's Herrn Leeson beibringen, daß seine Frau nicht hier sei, daß wir nicht wußten, was aus ihr geworden war?

Aber es mußte sein! Ich mußte ihn aufhalten, als er die Treppe hinauf wollte, und ich mußte sagen: »O Gott, Herr Leeson, sie ist fort!«

»Fort?« stammelte er. »Doch nicht tot, nicht tot?«

»Ach nein,« schluchzte ich, dem Ersticken nahe, »sie hat sich angekleidet, ohne daß ich's merkte, und ist ausgegangen. Sie sagte, sie müsse zu ihrem Sohn.«

Er schien ganz fassungslos vor Bestürzung.

»Fort?« wiederholte er. »Fort? Aber, sie kam nicht in den Gerichtssaal; ich, ich würde sie gesehen haben. Wo, wo kann sie nur sein? Sie muß auf der Stelle gesucht werden. Gott weiß, was sie in ihrer Verzweiflung begonnen haben mag! Komm Fritz, du mußt mir beistehen, wir müssen deine arme Mutter suchen.«

Im nächsten Augenblick waren sie verschwunden.

»Wie gräßlich,« dachte ich. »Ein junger Mann, eben erst von einem Mord freigesprochen, muß jetzt in London umherrennen und eine wahnsinnige Mutter suchen, die nicht weiß, daß er frei ist!«

Es scheint – denn sie erzählten mir nachher alles – daß Vater und Sohn erst auf die nächste Polizeistation gingen und, weil dort keine Spur von ihr zu finden war, stundenlang wie zwei Verrückte umherwanderten, bis sie endlich auf einer andern Polizeistation erfuhren, daß eine Dame, auf die ihre Beschreibung paßte, in der Nähe von Hampstead gesehen worden sei, und daß ein Schutzmann aus ihrem Benehmen Verdacht geschöpft habe, sie wolle ins Wasser springen oder sonst etwas anstellen, sie angeredet und so seltsame Antworten erhalten habe, daß er sie auf die Polizeistation von Hampstead gebracht, wo man sie festgehalten habe, weil nicht aus ihr herauszubringen sei, wie sie heiße und wo sie wohne. Natürlich fuhren sie dorthin und fanden die Aermste wimmernd vor dem Kamin in des Inspektors Zimmer, der wohl gemerkt hatte, daß sie den höheren Ständen angehörte, dem sie aber auch nicht sagen wollte, wer sie sei, weil sie sich den verrückten Gedanken in den Kopf gesetzt hatte, sie könnte dadurch ihrem Sohne schaden. Das kam natürlich so heraus, als ob sie selbst ihn für schuldig hielte, und es war ja kein Wunder, daß all der Jammer und die Aufregung des heutigen Tages ihren armen Kopf verwirrt hatten.

Herr Leeson ging nun allein zu ihr und ordnete an, daß sein Sohn nach Hause fahren solle, damit er's ihr unterwegs beibringen und die Ueberraschung abschwächen könne. Aber es scheint, daß sie beim Anblick ihres Mannes aufgefahren ist und aus seiner bekümmerten, aufgeregten Miene das Schlimmste geschlossen hat; denn sie fiel in eine todähnliche Ohnmacht und kam auf dem Wege nicht zum Bewußtsein. Als sie in unser Haus gebracht wurde, thaten wir gewiß alles Mögliche für sie; aber es dauerte noch eine gute Weile, bis sie ihren Sohn sehen durfte, und als es geschah, war ich im Zimmer, denn ich mochte sie keinen Augenblick verlassen, und dieses Wiedersehen werde ich nie vergessen. Die Aermste! Mit einem wilden Schrei schlang sie beide Arme um seinen Hals und schluchzte: »Ich danke dir, Gott! Ich danke dir! Mein Junge, mein Junge!«

Als ich mich an diesem Abend zum Nachtessen setzte, war ich wahrhaftig mehr tot als lebendig und konnte keinen Bissen hinunterbringen. Es kam mir gerade so vor, als ob ich stundenlang im Dunkeln in Madame Tüssauds Greuelkammer gewesen wäre, und wenn so ein nichtsnutziger Straßenjunge im Vorbeigehen an den Kellerläden rasselte, was mich immer selbst bei ganz gesundem Leib erschreckt, so zitterte ich an diesem Tag wie Espenlaub. Und ich mußte ein wenig Kognak trinken wegen der Schwäche, und erst als ich etwas ruhiger geworden war, konnte mir Jarvis aus den Zeitungen, die er sich gekauft hatte, den Bericht über die Verhandlung vorlesen, und ich sah dabei alles greifbar vor mir, da ich ja die Träger der Hauptrollen, wie man zu sagen pflegt, so gut kannte. Natürlich waren die Verdachtsgründe gegen den jungen Mann, der jetzt über uns im ersten Stock saß, entsetzlich stark, weil er jene wilde Drohung ausgestoßen und auch unzweifelhaft den andern jungen Mann in den Tod getrieben hatte. Aber er hatte im Verhör immer wieder gesagt, es sei ein Unglücksfall, er habe im Wald gejagt, ohne jemand Böses anzusinnen, da sei der andre junge Mann des Wegs gekommen, sie hätten einen Wortwechsel gehabt und bei einem Schritt vorwärts habe sich sein Fuß in eine Wurzel am Boden verwickelt, er sei gestolpert und beinahe gefallen, wobei sich sein Gewehr entladen habe und unseligerweise der Schuß dem andern in den Kopf gegangen sei und ihn getötet habe.

Natürlich hatte er dafür keinen Beweis, nur einfach sein Wort, und so sah die Sache sehr bedenklich für ihn aus, aber in der Verhandlung trat ein Mann als Zeuge auf, der die ganze Geschichte mit angesehen hatte. Dieser Mann hatte sich bisher gefürchtet, etwas auszusagen, weil die Polizei auf ihn fahndete, da er seinem Brotherrn Geld entwendet hatte. Er war an jenem Tag im Wald mit seiner Liebsten zusammengekommen, um von ihr zu hören, ob man ihm auf der Spur sei, und so hatte er alles mitangesehen; aber erst während der Verhandlung entschloß er sich, aufzustehen und die Wahrheit zu sagen und dem jungen Herrn Leeson das Leben zu retten, mochte daraus für ihn selbst entstehen, was wollte, und seine Geschichte und die Gefahr, der er sich dabei aussetzte, hatte die Geschworenen zur Freisprechung veranlaßt.

Ich freute mich, als ich nachher erfuhr, er selbst sei auch nicht schlecht dabei gefahren, denn man habe ihn allerdings verhaftet – nämlich den Mann, der alles gesehen hatte – und eine Untersuchung eingeleitet, aber er habe nur eine Art von Scheinstrafe erhalten.

Jarvis las mir den ganzen »Fall Leeson« von A bis Z vor, und obwohl ich ja natürlich den Ausgang schon wußte, kam ich in Todesangst bei der Rede des Staatsanwalts und zitterte förmlich, als der Zeuge aufgerufen wurde, und ich sah wie es nur an einem Haar gehangen hatte, so wäre die Geschichte ganz schief gegangen, und immer wieder mußte ich mir ausdenken, was für eine entsetzliche Lage das für Vater und Mutter gewesen wäre und in welcher Stimmung sie dann die heutige Nacht zugebracht haben würden. Gott sei Dank, es war ja anders gekommen; aber als wir uns zu Bett legten, sagte ich zu Jarvis, ich hoffte nun, daß wir unser Zimmer nie wieder an Tragödien vermieten würden, sonst würde er mich eines Morgens beim Erwachen weißhaarig vorfinden, und die ganze Nacht hindurch hatte ich die fürchterlichsten Träume, und einmal wachte ich auf dem Rücken liegend auf, nachdem ich eben mit angehört hatte, wie der Richter meinen Jarvis zum Tode verurteilte, weil er irgend jemand ermordet habe, wen, das konnte ich nicht herausbekommen.

Herr und Frau Leeson oder vielmehr Herr und Frau Armiton blieben nur noch ein paar Tage bei uns, gerade so lange, bis die arme Frau sich einigermaßen von ihrer Erschütterung und Schwäche erholt hatte, und dann reisten sie mit ihrem Sohne auf einige Wochen oder Monate ins Ausland, da es ihnen nicht darum zu thun war, in ihre Heimat zurückzukehren, ehe sich das Gerede über den Prozeß gelegt hätte, besonders da Freunde und Angehörige des Verunglückten in ihrer Nachbarschaft lebten, die tief davon betroffen waren und es ihnen doch nachgetragen hätten, wenn ja auch die Unschuld ihres Sohnes bewiesen war.

Obwohl sie mir aufrichtig leid thaten, war ich im Grund meines Herzens doch recht froh, daß sie gingen, denn ich konnte mir die Geschichte nicht aus dem Sinn schlagen, und so oft ich eins von ihnen auf der Treppe traf, tauchte der ganze Schwurgerichtssaal vor mir auf. Sie waren aber sehr freundlich und für alles, was wir an ihnen gethan hatten, dankbar, und Frau Armiton sagte, daß sie mir's nie vergessen werde, wie viel Teilnahme und Güte ich ihr an dem Schreckenstage erzeigt habe, und später, als sie wieder zu Hause waren, schrieb sie mir wirklich einen wundervollen Brief, den ich aufgehoben habe und der noch irgendwo sein muß, obwohl es so viele Jahre her ist, daß ich nicht mehr recht weiß, wo.

Daß wir unsre erste Beletage nie vergessen konnten, dafür war gesorgt; aber wir haben unsern spätern Mietern, auch wenn sie noch so gern klatschten, niemals diese Geschichte erzählt, denn es wäre mir fast vorgekommen, als ob ich sagte: »In diesem Zimmer wurde ein Mord begangen«, was ja freilich durchaus nicht der Fall war. Aber wenn das Urteil anders gelautet hätte, wäre es schrecklich gewesen und wir hätten dann immer das Bewußtsein gehabt, unsre ersten Hausgenossen seien Vater und Mutter eines – ach, das läßt sich gar nicht ausdenken.

Als ich meiner lieben Mutter das Geheimnis erklärte, war sie sehr erstaunt und sagte, darauf würde sie nie verfallen sein, und es sei ein großes Glück, daß die Sache so und nicht anders abgelaufen sei, und sie wolle nur hoffen, daß wir nicht immer Seltsamkeiten ins Haus bekämen, ein Unstern, der manche Leute verfolge; so habe sie selbst eine Witwe gekannt, die in ihren möblierten Zimmern binnen dreier Jahre zwei Selbstmorde und einen Mordversuch gehabt habe, dann sechs Monate leer gestanden sei und darauf an ein sehr anständiges junges Paar vermietet hätte, das furchtbar viel Geld zu haben schien, aber beim Ausgehen in ihrer eigenen Halle verhaftet worden sei, weil die Leutchen in ihrer früheren Wohnung einen Juwelierausträger chloroformiert und ihm Diamanten im Wert von mehreren tausend Pfund abgenommen hätten, so daß sie immer sagte, es sei nur ein Wunder, daß sie nicht alle in ihren Betten niedergemetzelt worden seien.

Jedermann wird es begreiflich finden, daß ich nach dieser ersten Erfahrung lange Zeit über keinen Mieter ruhig war, bis er ein paar Nächte im Haus geschlafen hatte, mochten wir noch so gute Auskunft über die Leute erhalten haben. Wenn ich nicht so schreckliche Angst vor Schießgewehren gehabt hätte, würde ich Jarvis überredet haben, mit einem Revolver unter dem Kopfkissen zu schlafen, aber ich fürchtete, dieser könnte bei Nacht losgehen, weil mein Mann mitunter so unruhig war, besonders als die entsetzliche Schlaflosigkeit bei ihm anhob, die er von seiner armen, teuern Mutter geerbt haben wollte.

Unsre nächste »Miete«, die Leute, die das Hochparterre nahmen, waren ganz anders, aber das Hochparterre gehört in einen andern Teil meiner Erinnerungen. 



Drittes Kapitel.
Die alte Dame im dritten Stock.

Ich habe oft zu meinem Manne gesagt, nur wer möblierte Zimmer vermiete, wisse, was es für wunderliche Käuze in der Welt gibt, und im Anfang bildete er sich ein, niemand als wir bekämen sie ins Haus und wir seien vom Schicksal auserlesen, die allerwunderlichsten aufzunehmen, und ich erinnere mich noch ganz gut, wie mich einmal eine alte Dame, die sehr reich war, aber ganz für sich in unsrem dritten Stock wohnte und mehr Mühe macht als irgend ein Mensch unter unsrem Dach, zu der Frage veranlaßte: »Jarvis, ist es möglich, daß die Leute unser Haus mit einer Privatirrenanstalt verwechseln?« Aber als ich späterhin mehr mit Damen und Herren unsres Berufes in Berührung kam und ihre Erlebnisse kennen lernte, da gelangte ich zu dem Schluß, daß eben alle Welt mehr oder minder verrückt sei, und daß es nur die merkten, die Gelegenheit haben, die Leute in ihren häuslichen Gewohnheiten kennen zu lernen.

Diese alte Dame vom dritten Stock, Fräulein Gresham hieß sie, kam an einem heißen Tag zu uns, weil wir den Zettel mit »Möblierte Wohnungen« an die Hausthüre gehängt hatten, und sie klingelte derart und rührte den Thürklopfer mit solcher Wucht, daß alle im Haus zusammenschreckten und das Blechgeschirr auf den Küchenschanzen rasselte. Ich dachte nicht anders, als eine Königliche Hoheit sei im eigenen Wagen vorgefahren, um den irischen Grafen in unsrer Beletage zu besuchen, und ging deshalb selbst an die Hausthür, wo sie mich mit der Stimme eines Wachtmeisters anschnarrte: »Sie haben Zimmer frei?«

Sie war über sechs Fuß hoch, diese Dame, hatte eine Gestalt und ein Gesicht wie ein Mann und einen echten und gerechten Schnurrbart. Da ihr Anzug und ihre ganze Person nicht »nach viel« aussahen und sie so brummig und kurz angebunden war, sagte ich kühl: »Wir haben eine Wohnung zu vergeben, gnädige Frau.«

Auf diesen Punkt halte ich nämlich sehr strenge und war von jeher etwas heikel darin. An manchen Häusern steht: »Zimmer zu vermieten«, an andern wieder: »Logis«, an dritten: »Wohnungen frei« und schließlich an manchen: »Wohnung zu vergeben«, was entschieden das vornehmste ist, und das einzige, was sich für Häuser ersten Ranges schicke.

Sie sah mich auf eine Weise an, die mir überaus hochmütig vorkam, und sagte dann; »Zu meiner Zeit hieß es einfach Logis frei, jedenfalls will ich mir aber die Zimmer ansehen.«

»Der Preis ist zwei Pfund die Woche, gnädige Frau,« bemerkte ich mit einem Blick auf ihre schäbige Gepäckdroschke, auf deren Verdeck nur zwei große, ziemlich abgenutzte alte Koffer standen und eine Plaidrolle, die mir gar nicht zusagte, weil ich ganz deutlich einen Pfannenstiel herausstochern sah.

»Bedienung eingerechnet?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Dann will ich sie ansehen.«

Damit trat sie in die Halle, und ich mußte sie wohl oder übel hinaufführen und ihr die Zimmer im dritten Stock zeigen. Sie machte eine Menge Bemerkungen, entdeckte sehr viele Schattenseiten und richtete endlose, höchst überflüssige und meiner Ansicht nach ungezogene Fragen an mich, so daß mir schließlich herausfuhr: »Ich fürchte, die Wohnung paßt Ihnen nicht, gnädige Frau.«

»Ob sie mir paßt, ist meine Sache,« versetzte sie. »Ich werde sie nehmen.«

»Gut, gnädige Frau. Wollen Sie mir gütigst eine Adresse angeben, durch die wir die üblichen Erkundigungen einziehen können?«

»Ganz gewiß,« erwiderte sie. »Die Nationalbank, Charing Croß besorgt meine Geschäfte. Genügt Ihnen die?«

»Ja, gnädige Frau; aber es wird einige Zeit darüber vergehen.«

»Lari fari! Es ist ja gar nicht weit von hier; schicken Sie gleich hin. Mein Name ist Fräulein Gresham. Ich will den Kutscher abfertigen, und Sie können meine Sachen hinaufschaffen lassen.«

Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und marschierte die Treppe hinunter, wobei sie immer vor sich hinbrummte, die Stufen zu steil und die Tapete häßlich fand. Sie meinte auch, es sei merkwürdig, daß wir Gas im Haus hätten, was doch so ungesund sei, und hatte die Unverschämtheit, mich zu fragen, wann mein Treppengeländer zuletzt abgestäubt worden sei, und bis wir an die Hausthür gelangten, war ich krebsrot im Gesicht vor Wut und wäre am liebsten auf einen Stuhl geklettert, um sie an den Schultern zu packen und gehörig zu schütteln.

Natürlich hätte ich mich ja ihrem Einzug widersetzen können, weil wir noch keine Erkundigungen eingezogen hatten; aber ich wußte nicht recht, wie ich's angreifen sollte. Sie war eine so furchtbar entschlossene Person und schüchterte mich ordentlich ein, und Jarvis war in derartigen Fällen so unbrauchbar wie ein kleines Kind. Wenn er mich im Gespräch mit einem Dienstboten oder einem Mieter die Stimme nur ein ganz klein wenig erheben hörte, so fiel ihm plötzlich ein, daß er irgend etwas außer dem Hause zu besorgen habe, und er nahm seinen Hut und machte sich aus dem Staube. Scenen, sagte er, seien ihm ein Greuel; keine Fliege hätte er hinausgejagt, und wenn das Haus ihm überlassen worden wäre, hätte er sich bald nicht mehr getraut, auch nur seine Seele sein zu nennen, hätte sich vorne und hinten bestehlen und betrügen lassen. Nur wenn es galt, mir zu widersprechen oder an seinem Essen oder seiner Wäsche etwas auszusetzen, da war seine Zunge flink genug.

Somit zog Fräulein Gresham ungehindert ein, nachdem sie eine volle Viertelstunde vor der Hausthüre mit dem Kutscher parlamentiert hatte, bis sich ein ganzer Volksauflauf bildete und sie zuletzt nach einem Schutzmann schickte und darauf bestand, dieser müsse ihr Gepäck herunternehmen, weil der Kutscher grob geworden war, sie alles, nur keine Dame nannte, und ihr erklärte, sie bekomme ihr Gepäck nicht, bis sie ihm die vorschriftsmäßige Taxe von zwei Schilling bezahlt habe, während sie nur anderthalb Schilling geben wollte, da die Entfernung unter drei Meilen betragen habe, wobei sie aber übersah, daß jedes Gepäckstück mit zwei Pence berechnet wird, und daß also ihre beiden Koffer und die Plaidrolle mit dem Pfannenstiel den zweiten Schilling gerade voll machten. Schier hatte ich während dieses Auftritts die Thür hinter ihr abgeschlossen, denn ich schämte mich fast zu Tod, besonders als unser Graf aus der Beletage sein Zimmer aufriß, sich übers Treppengeländer beugte und mir zurief, was denn der abscheuliche Lärm vor dem Hause zu bedeuten hätte. Zu guter Letzt gab sie nach, bezahlte und trat ein. Sobald sie oben war, ließ ich sie allein und schickte Jarvis nach der Bank. Der kam mit dem Bescheid zurück, Anfragen an eine Bank müßten durch eine andre Bank gestellt werden, was mich fürchterlich verdroß, so daß ich laut erklärte, die Person werde gewiß eine Schwindlerin sein und mit unsern Löffeln und Gabeln, der Uhr und dem Tischtuch das Weite suchen, ein Fall, der sich unlängst vier Häuser von uns wirklich ereignet hatte.

Ich ging denn auch hinauf und sagte ihr, daß die Bank alle Auskunft verweigert hätte, worauf sie ganz ruhig erwiderte: »Deshalb brauchen Sie keine Angst zu haben! Hier haben Sie übrigens die Miete für eine Woche im voraus.«

Damit gab sie mir zwei Pfund, und ich fühlte mich etwas erleichtert, aber trotzdem schwante mir, daß wir Ungelegenheiten mit ihr haben würden, und die ganze Nacht ging sie mir im Kopf herum, daß ich lange nicht schlafen konnte und dann an einem Alpdrücken auffuhr, weil mir war, als ob ein acht Fuß hohes Frauenzimmer mir auf der Brust kniee und mich zermalme, weil ich ihre anderthalb Schilling nicht als Wochenmiete gelten ließ und überdies Schadenersatz forderte, weil sie mit einer glühenden Bratpfanne den neuen Teppich verdorben hatte.

Drei Jahre ist sie dann bei uns geblieben, dieses Fräulein Gresham, und hat stets pünktlich bezahlt. Mit der Zeit haben wir uns verstehen gelernt; aber nie hat eine aufreibendere Person eine Wohnung irgendwo inne gehabt – das ist meine unumstößliche Ueberzeugung.

Sie war steinreich, hatte eine Unmenge Geld auf der Bank, in Eisenbahnen und derlei Geschichten stecken; aber geizig ist eine noch viel zu schwache Bezeichnung für sie, und ich sollte bald den Zweck der Bratpfanne begreifen lernen, da sie sich kaum je Essen geben ließ, sondern in ihrer Stube über solch einer Weingeistanstalt selbst kochte! Und sogar die Kohlenschlacken aus dem Kamin bewahrte sie von einem Winter zum andern auf, wie ich eines schönen Tages entdeckte, als ich einen Blick in ihr Schränkchen warf, darin sechs Blechkapseln stehen sah, aus Neugier eine öffnete und sie mit Kohlenschlacken gefüllt fand!

Unvergeßlich ist mir, wie sie einmal am Sonnabend ein Kaninchen nach Hause brachte, mit in ihre Stube nahm und mich dann am Sonntagmorgen bat, ihr diesen »Gelegenheitskauf« braten zu lassen. Es war greulich anzusehen, und ich sagte ganz entsetzt: »Aber, Fräulein Gresham, das können Sie doch nicht essen!« Aber sie erwiderte einfach, es habe nur vier Pence gekostet, und wenn es gleich heute zubereitet werde, sei es ganz genießbar. Ich nahm es also mit und sagte Jarvis, er solle dafür sorgen, und dann ging ich in die Kirche, und als ich heimkam, fand ich den armen Jarvis, der für alle Fälle immer zu Hause blieb, wenn ich ausging, auf der Küchentreppe sitzend und eine Cigarre rauchend, aus Angst, der irische Graf könnte den Braten riechen. Wir hätten um die Welt nicht gewollt, daß er auszöge, denn einen Grafen im Haus zu haben, war sehr nützlich für uns, auch für später, denn wenn jemand sich besinnt, ob er die Wohnung nehmen soll, ist es immer gut, sagen zu können: »Diese Etage hat der Graf so und so innegehabt, der längere Zeit bei uns wohnte.«

Oft kam's zwischen Fräulein Gresham und mir zu kleinen Zwistigkeiten, aber nur einmal zu einem heftigen Zank, und der galt dem Kater. Sie haßte Katzen und hatte einen Rohrstock im Zimmer, und so oft unser Tommy sich auf ihren Vorplatz wagte, stürzte sie heraus und schlug nach dem armen Geschöpf, weshalb ich ihr schließlich einmal auf die Bude stieg und ihr sagte, wenn sie meine Katze mißhandle, könne sie ausziehen, worauf sie entgegnete, Katzen seien diebisch, und sie werde jede verscheuchen, weil vor vier Jahren in einer andern möblierten Wohnung eine Katze in ihr Zimmer geschlichen und mit einem Hühnerflügel entwischt sei, der mindestens noch auf zwei Tage vorgehalten hätte, seither habe sie den Katzen Rache geschworen. Knickerig wie sie war, und da sie fast von der Luft lebte und zuweilen ein Fleischpastetchen um einen Pence oder eine gebratene Kartoffel auswärts kaufte und als Mittagessen mit nach Hause brachte, konnte ich mir natürlich wohl vorstellen, daß ihr ein gestohlener Hühnerflügel lebenslang nachging.

Nachdem ich sie näher kennen gelernt hatte, kamen wir besser aus; denn von ihrem Geiz abgesehen, hatte Fräulein Gresham auch ihre recht guten Seiten, und ich fühlte bald heraus, daß sie nicht von jeher gewesen war wie jetzt.

»Jarvis, ich bin ganz überzeugt, daß im Leben dieses alten Fräuleins trotz ihrer Genauigkeit und Härte ein Roman gespielt hat,« sagte ich einmal zu meinem Mann, als wir uns über unsern dritten Stock unterhielten.

Natürlich machte sich Jarvis über diese Idee lustig; denn er war, wie alle Männer, die immer meinen, daß sie das Gras wachsen hörten und daß wir Frauen gar nichts wüßten. Er sagte, sie sei ein alter ruppiger Geizhals, und wenn etwas Romanhaftes an ihr sei, so müßte es jedenfalls ein Geldroman sein, etwas anderes halte er für undenkbar. Wahrscheinlich werde sie eine Million haben und zwei daraus machen wollen, das könne er leicht glauben; aber Menschliches oder gar Gefühlvolles sei ausgeschlossen.

Ich erwiderte nur, die Zeit würde es an den Tag bringen, wer recht habe, und das that sie auch.

Eines Tages kam Fräulein Gresham zu meinem höchsten Erstaunen in mein Wohnzimmer neben der Küche herunter und sagte: »Nicht wahr, Frau Jarvis, Ihre Beletage ist eben frei?«

»Allerdings,« erwiderte ich; aber es wäre mir im Traum nicht eingefallen, daß sie uns jemand empfehlen könnte oder anders als aus Neugier danach fragen.

»Kann ich sie für acht Tage mieten?«

Sie sah, daß ich Mund und Nase aufsperrte vor Ueberraschung und ihr gar keine Antwort geben konnte.

»Sie finden das wohl recht befremdlich,« fuhr sie fort, »aber es wird ein Herr hierher kommen, um mich zu besuchen, und ich bitte, daß Sie morgen ein vorzügliches Essen besorgen und Wein auf meine Rechnung anschaffen. Ihr Mann wird ja schon Bescheid wissen, Sherry, Rheinwein, Sekt und alter Portwein sollte es sein, und sehen Sie selbst nach, daß ein hübsches Frühstück auf den Tisch kommt, und sparen Sie an nichts. Diese eine Woche werde ich mich in eine Verschwenderin verwandeln.«

Ich fragte, ob der Herr im Hause wohnen solle, und sie sagte, daß er acht Tage bleiben und die Beletage bewohnen werde, und daß sie natürlich alle Mahlzeiten mit ihm einnehmen und vielleicht auch noch andre Gäste bei sich sehen werde. Alles solle aufgeboten werden, um ihm den Aufenthalt angenehm zu machen, und wir sollten uns ja hüten, irgend ein Wort darüber fallen oder ihn merken zu lassen, daß sie in der übrigen Zeit so sparsam lebe.

Natürlich versprach ich, mein Bestes zu thun, und sie sagte, es thäte ihr leid, mir so viel Mühe aufzubürden, aber sie verstehe sich wirklich nicht darauf, für eine andre Lebensweise, als ihre gewohnte zu sorgen.

Sie war zum Ausgehen angekleidet, wie immer schäbig und altmodisch genug; aber eine Stunde darauf kam sie in einer Droschke zurück mit einer Menge von Päckchen und Pappdeckelschachteln, und ich wunderte mich über nichts mehr; denn nachdem Fräulein Gresham feines Essen, Sekt und Portwein bestellt hatte, gab es keine Ueberraschungen mehr für mich.

Als ich Jarvis erzählte und ihm bestellte, die Dame verlasse sich ganz auf ihn bei der Auswahl der Weine, meinte er, wir thäten vielleicht besser, nach einem Irrenarzte zu schicken und sie untersuchen zu lassen oder uns nach ihren Verwandten zu erkundigen, damit diese sie fortnehmen könnten; denn daß sie an Wahnvorstellungen leide, sei ja sonnenklar. Das war natürlich ungemein tröstlich und sehr reizend von ihm, einer Frau, die alle Hände voll zu thun hatte, derartige Gedanken einzuimpfen, die nicht mehr aus dem Kopf wollten. Ich konnte doch wahrhaftig nicht zu Fräulein Gresham hinaufgehen und ihr sagen, wir würden ihre Befehle nicht ausführen, weil wir sie für verrückt hielten, besonders da ihr Bankier versichert hatte, sie sei höchst zuverlässig, und da sie jede Woche pünktlich bezahlte.

Als ich unserm Stubenmädchen Marie den Auftrag gab, die Zimmer im ersten Stock herzurichten, weil Fräulein Gresham sie für morgen gemietet habe, bekam sie beinahe Krämpfe.

»Was, Frau Jarvis – die?« sagte sie.

Und als ich ihr auseinandersetzte, Fräulein Gresham erwarte Gäste, rief sie: »Die werden was Nettes zu essen kriegen! Einen Bückling oder ein Pfennigpastetchen die Person. Aufwarten kann ich da nicht, ich würde vor Lachen platzen.«

Ich sagte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, alles sei aufs feinste bestellt und es gebe Sekt, worauf sie, gerade wie Jarvis, sofort erklärte: »Dann ist sie übergeschnappt, Frau Jarvis.«

Da wurde ich aber ernstlich böse, denn diese Idee war gar zu unbehaglich. Ich hatte schon öfters derartige Geschichten gelesen, und erst vor kurzem hatte in den Zeitungen gestanden, wie ein alter Mann, der immer ein ruhiges und bescheidenes Leben geführt habe, plötzlich vom Größenwahn befallen worden sei und sich eingebildet habe, er sei Millionär, und Einkäufe und Bestellungen gemacht habe, die sich auf Tausende beliefen, und wie seine Frau wochenlang schreckliches Elend ausgestanden und all die Sachen zurückgeschickt und den Kaufleuten gesagt habe, ihr Mann sei unzurechnungsfähig geworden, und wie sie dann immer mit ihm in die Läden gegangen sei, damit die Sachen ihr wenigstens nicht zugeschickt würden.

Ich war so in Angst, daß ich schließlich unter dem Vorwand, den Speisezettel festzustellen, zu der alten Dame hinaufging, nur um sie zu beobachten und nach Anzeichen von Geistesstörung zu forschen; aber als ich geklopft und sie »Herein« gerufen hatte, wäre ich beinahe vom Schlag gerührt worden. Sie stand vor dem Spiegel auf einem Stuhl, um ihr Kleid in seiner vollen Länge sehen zu können, das ganze Zimmer war voll Packpapier und Schachteln und sie trug ein schwarzes Atlaskleid mit einem Spitzenkragen und ein reizendes kleines Spitzenhäubchen auf dem Kopfe.

»Wie nehme ich mich aus, Frau Jarvis?« fragte sie, sich nach mir umdrehend.

Einen Augenblick starrte ich sie mit offenem Munde an, vollständig darauf gefaßt, sie werde sich jetzt, wie das arme Mädchen in dem Theaterstück Hamlet, Stroh ins Haar stecken, aber sie schien ganz ruhig und vernünftig zu sein, so daß ich ihr schließlich zur Antwort gab: »Ganz vorzüglich, Fräulein Gresham, aber bitte, stehen Sie nicht so auf dem Rand des Stuhles, er könnte umkippen.«

Sie stieg sofort herab, drehte sich vor mir und fragte, wie das Kleid, das sie fertig gekauft habe, im Rücken sitze, worauf ich nur versichern konnte, es sitze tadellos. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer, legte einen Mantel um und setzte einen neuen Hut auf, um sich mir auch darin zu zeigen, und nun sah sie auch gerade so aus, als ob ihre eigene Equipage für sie bereit stünde, mit Ausnahme der Stiefel, die sie anbehalten hatte, und die übler aussahen als je, wie man sich leicht denken kann, zu dem großartigen oberen Teil des Anzugs. Sie sprach aber so zusammenhängend und verständig, daß ich meine Herzensangst bei mir behalten und stillschweigend abwarten mußte, was nun folgen würde.

Am Tag darauf traf der angemeldete Gast ein. Es war ein ganz alter Herr, der seine achtzig Jahre auf dem Rücken haben mochte, aber mit seinem weißen Haar und der goldenen Brille stattlich und außerordentlich vornehm aussah und ohne Stock bolzgerade ging. Fräulein Gresham war unten, um ihn zu begrüßen, küßte ihn und sagte: »Also endlich kommst du wieder in die Heimat, Vater!«

Er sah sie an und erwiderte: »Ja, ja, mein Kind; aber wie du dich verändert hast!«

Dann gingen sie miteinander die Treppe hinauf, und ich sagte meinem Mann, der den Empfang hinter der Glasscheibe der Hinterthür, die zur Küchenregion führt, mitangesehen hatte, es sei ihr Vater und sie hätten sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen.

»Das habe ich wohl gehört,« bemerkte Jarvis, »aber er sieht aus, als ob er indessen anders gelebt hätte als seine Tochter. Ein Mann, der sich immer das beste zu Gemüt führt und wie aus dem Ei gepellt ist.«

Marie war auch ganz aufgeregt.

»Nein, wer das geglaubt hätte, daß die einen Papa hat und noch dazu solch einen netten alten Herrn!« sagte sie. »Die Wunder hören doch nie auf, Frau Jarvis! Will nur sehen, ob sie bei Tisch Diamanten trägt.«

Das that sie nicht, aber sie nahm den Platz der Hausfrau ein und war, wie Marie erzählte, die Liebenswürdigkeit selbst. Unaufhörlich hätten sie geplaudert und Fräulein Greshams Reden nach hätte man denken können, sie lebe alle Tage in Saus und Braus.

Als sie am andern Morgen nach dem Frühstück geklingelt hatten, ging ich selbst hinauf; denn es war meine Gewohnheit, meine Hausgenossen zu begrüßen und ihre Befehle für den Tag entgegenzunehmen. Da saß Fräulein Gresham in einem nagelneuen seinen Morgenrock, ganz und gar große Dame, und der Vater lehnte im Schaukelstuhl und las Zeitungen. Der alte Herr sah mich durch die goldene Brille an und sagte guten Morgen, und ich sprach die Hoffnung aus, daß er alles nach Wunsch gefunden habe, worauf er erwiderte, daß er ganz zufrieden sei, nur möchte ich für Obst zum Frühstück sorgen, Trauben und Pfirsiche esse er des Morgens am liebsten.

»Wie leid mir das thut, Vater!« rief Fräulein Gresham. »Das hatte ich wahrhaftig vergessen!«

»Versteht sich, mein Kind, versteht sich. In zwanzig Jahren vergißt man derlei Kleinigkeiten.«

Dann wandte sich Fräulein Gresham an mich, band mir's auf die Seele, jeden Morgen das schönste Obst für den Frühstückstisch zu besorgen, sagte mir dann noch so beiläufig, daß heute abend sieben bis acht Personen bei Tisch sein würden und daß sie den Speisezettel mir überlasse.

Ich ging hinunter, sank in einen Stuhl und konnte erst keine Worte finden, so daß Jarvis mich ganz erschrocken ansah.

»Was ist denn los, Susanne?« fragte er. »Doch nichts Schreckliches da oben passiert?«

»O nein,« stammelte ich, nach Luft schnappend. »Nur Trauben und Pfirsiche. Trauben und Pfirsiche jeden Morgen, und das Heidengeld, das sie gegenwärtig kosten, und dabei sammelt sie Kohlenschlacken in Blechbüchsen.«

Jarvis rauchte gerade seine Morgenpfeife, als ich ihm diese Mitteilungen machte, und als er von Trauben und Pfirsichen hörte, verschluckte er allen Rauch und hätte elend ersticken müssen, wenn Marie und ich ihn nicht mit aller Macht auf den Rücken geklopft hätten, und so oft Marie zu einem Schlag ausholte, sagte sie: »Trauben und Pfirsiche,« und ich wiederholte die Worte auch, und als Jarvis endlich wieder Luft bekam, waren seine ersten Worte gleichfalls: »Trauben und Pfirsiche?« Und als ich dann ausrief: »Was wir noch alles erleben werden!«, sagte Marie: »Ein Erdbeben«; aber sie hatte immer eine eigene Art und war dabei gutmütig, weshalb ich über diese Dreistigkeit hinwegsah.

Es war ein richtiges Diner, und da ich sah, daß wir an nichts sparen durften, ließ ich mehrere Platten vom Koch kommen. Die Gäste erschienen im Gesellschaftsanzuge, und der alte Herr Gresham war auch im Frack, und wir stellten Armleuchter auf den Tisch, worin zwölf Wachskerzen auf einmal brannten, und Marie sagte, sie hätten, als die Thür offen stand, so geflackert, daß Fräulein Gresham zu andrer Zeit einen Schlaganfall bekommen hätte, aber heute scheine sie nichts davon zu bemerken. Sechs Gäste kamen zu Tisch, drei jüngere Ehepaare, lauter entschieden seine Leute. Marie sagte, daß man aus der Unterhaltung merke, sie alle hätten Fräulein Gresham seit Jahren nicht gesehen und seien nur eingeladen worden, um den Vater zu begrüßen, der, wie es scheine, zwanzig Jahre lang in einem Lande Namens Texas gelebt habe und Ende der Woche nach Deutschland gehe, wo es einen Ort Karlsbad geben müsse, der seiner Gesundheit aufhelfen solle. Dann werde er wieder nach Amerika zurückkehren, und deshalb sei heute diese Gesellschaft.

Alle schienen außerordentlich vergnügt zu sein, und die Gäste gingen erst um elf Uhr. Nicht ein Wort ließ Fräulein Gresham heruntersagen, daß man die Ueberreste vom Essen aufbewahren solle, sie schien gar nicht daran zu denken, obwohl meine Köchin Hanna bemerkte, daß sie von den Brocken ein halbes Jahr hätte leben können, so wie sie lebte, wenn der Vater nicht da war. Das war aber noch keine Entschuldigung dafür, daß dieses dumme Ding, die Marie, so viel von der übriggebliebenen Eisbombe aß – Jarvis und ich, wir machten uns nichts daraus, und die Köchin hatte Kopfweh wie immer –, daß sie Leibschmerzen bekam und sich in Krämpfen am Boden wälzte und wir sie zu Bett bringen und ihr Kirschengeist geben mußten, wobei sie immerfort sagte, sie werde sterben und sie hätte es ja geahnt, daß es Unglück bringen werde, wenn Fräulein Gresham anfange, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen.

Der alte Herr reiste Ende der Woche ab, und sobald er fort war, kam Fräulein Gresham zu mir herunter, dankte für unsre Mühe und Sorgfalt und fragte nach ihren Auslagen. Jarvis machte ihr die Rechnung, und sie bezahlte in Banknoten und ging dann wieder in ihren dritten Stock hinauf. Als ich am Tage darauf bei ihr eintrat, war sie wieder in ihren alten Kleidern und verlangte, daß ihr alle Ueberreste heraufgebracht würden, und, mir nichts dir nichts, kündigte sie die Wohnung, allerdings erst auf vierzehn Tage. Als diese Zeit um war, ging sie, und wir waren und blieben völlig im Dunkeln über ihre wunderbare Veränderung.

Sie kam noch oft aufs Tapet bei uns, und immer wieder zerbrachen wir uns die Köpfe über ihre Glanzzeit, schließlich nahmen wir an, sie müsse sich aus irgend welchen Gründen vor ihrem Vater und ihren Verwandten ihres Geizes geschämt haben. Was wirklich dahinter steckte, würden wir wohl niemals erfahren haben, wenn nicht ungefähr zwei Jahre nach ihrer Abreise ein Herr gekommen wäre und nach Herrn Jarvis gefragt hätte. Auf seiner Visitenkarte stand: »Rechtsanwalt Greatsbatch.«

Das fuhr uns beiden in die Glieder; denn wenn Advokaten einem schreiben oder Besuche machen, so kann man nie wissen, was für schreckliche Dinge geschehen werden. Ich kam von der Küche herauf und führte ihn ins Hochparterre, das gerade leer stand, schickte Jarvis zu ihm hinein, blieb aber vor lauter Unruhe und Sorge an der Thür stehen, um zu horchen.

»Soviel ich weiß, hat vor etwa zwei Jahren ein Fräulein Gresham längere Zeit bei Ihnen gewohnt, Herr Jarvis?« hörte ich den Rechtsanwalt sagen.

»Gewiß, Herr Doktor,« erwiderte mein Mann.

»Können Sie mir angeben, wie die Dame lebte?«

»Nun, recht armselig, Herr Doktor, obwohl wir sie immer für eine Dame der guten Gesellschaft hielten. Für sich selbst schien ihr jede Ausgabe zu groß zu sein, und wir nahmen deshalb an, sie sei geizig; dann kam aber ihr Vater von Amerika, und sie mietete für acht Tage unsre Beletage, lebte eine Woche lang sehr großartig und kündigte uns bald darauf.«

»Das arme Geschöpf!« bemerkte der Anwalt.

»Sie ist doch nicht geisteskrank geworden?« fragte Jarvis.

»Nein, sie ist gestorben.«

Als ich das hörte, ging ich gleich hinein.

»Tot?« rief ich aus. »Das arme, alte Fräulein! Wohl im Irrenhaus?«

»O nein, sie war bis an ihr Ende vollständig zurechnungsfähig. Mein Besuch bei Ihnen hat nur den Zweck, mir Aufklärung darüber zu schaffen, wie lange sie ihre außerordentliche Selbstverleugnung geübt hat. Persönlicher Anteil und die Wißbegierde der Erben des Fräuleins bewegen mich dazu.«

Und nun erzählte er uns die Geschichte der armen Verstorbenen.

Ihr Vater mußte ein sehr reicher Mann gewesen sein, dessen Frau ihm ein großes Vermögen mitgebracht hatte. Nach ihrem Tode aber verlegte er sich aufs Spekulieren und verlor alles, und zwar nicht nur sein eigenes Geld, sondern auch das Vermögen von drei Mädchen, den Waisen eines Jugendfreundes, deren Vormund er war.

Als seine Tochter, unser Fräulein Gresham, deren mütterliches Vermögen sichergestellt war, dies erfuhr, und als ihr Vater sich aus der Klemme zog, indem er mit den Trümmern seines Reichtums nach Texas ging und sich dort gar nichts abgehen ließ, zog sie in eine möblierte Wohnung und lebte annähernd von der Luft, und aus ihrer Jahresrente, die nach ihrer Mutter Testament sehr bedeutend war, bezahlte sie den drei jungen Damen die Zinsen ihres verspielten Kapitals und legte alljährlich noch so viel zurück, daß sie hoffen konnte, ihr eigenes Kapital werde derart anwachsen, daß nach ihrem Tod die Ansprüche der Mündel befriedigt werden könnten.

Sie hatte aber deren Sachwalter und Bankier gebeten, streng zu verschweigen, auf welche Weise die Zinsen beschafft würden, und hatte sich unter dem Siegel des Geheimnisses für die Auszahlung verbürgt. Da nun der Anwalt wohl wußte, daß es ganz zwecklos sein würde, den flüchtigen Gresham in Texas zu verfolgen, so ging er darauf ein und gelobte ihr, nichts gegen ihren Vater zu unternehmen, vorausgesetzt, daß sie die Zinsen bezahle und ihr Vermögen den drei Mädchen hinterlasse. Diese blieben in völliger Unkenntnis darüber, und nur der selbstsüchtige alte Schwindler in Texas wußte darum.

Und so hatte sie geknickert und geknausert, die Kohlenschlacken in Blechbüchsen aufbewahrt und zwanzig Jahre nur für Hungersterbens gegessen, und nach jener Gesellschaft zu Ehren ihres Vaters, über dessen Missethaten längst Gras gewachsen war, hatte sie eine noch billigere Wohnung nehmen müssen, denn er hatte ihr fünfhundert Pfund abgezwackt für Reise- und Kurkosten. Das wieder einzubringen, war harte Arbeit, und sie hatte gehungert und gefroren und war schließlich gestorben in einem einzigen ärmlichen Stübchen, ohne Freunde, die um ihre Krankheit gewußt und sie besucht hätten, und der Rechtsanwalt, dem dabei die Augen voll Wasser standen, sagte, ihre Schwäche sei offenbar aus Mangel an warmen Kleidern und Nahrung entstanden, und Entbehrung habe ihren Tod herbeigeführt. Aber ihre Hinterlassenschaft reiche aus, um das veruntreute Vermögen der Mündel auszubezahlen, und nebenbei auch noch, um die Aermste zu begraben.

Das war der »Roman« unsrer alten Dame vom dritten Stock, die wir von dem Tage an nie mehr geizig genannt haben.



Viertes Kapitel.
Die aufgeregte Familie.

In einer Zeit geschäftlicher Ebbe geschah's, daß die Familie Meredith bei uns einzog, und wir nahmen sie mit Freuden auf, denn wir hatten eben nur den obersten Stock besetzt und bis zur Reisezeit war's noch eine gute Weile. Man hatte ihnen unser Haus empfohlen, weil wir's allen Leuten so gemütlich zu machen wüßten, und sie nahmen jedes verfügbare Schlafzimmer, machten den Salon zur Wohnstube und das Wohnzimmer im Hochparterre zum Speisesaal, weil sie vier Personen waren und obendrein eine Jungfer mitbrachten.

Frau Meredith war, das erfuhren wir schon vorher, eine Frau, die viele Eigenheiten hatte und stets in Angst schwebte. Herr Meredith, ein Kaufmann aus der City, sagte uns, als er die Wohnung besah, sie müßten ihr eigenes Haus umbauen, weil die Abzugskanäle schlecht seien, und suchten für diese Zeit eine gute Unterkunft, wenn er sich aber nicht vorher persönlich überzeuge, daß bei uns alles in bester Ordnung sei, würde seine Frau keine ruhige Stunde haben. Vor allem wollte er wissen, ob unser Haus nicht auf Lehmgrund stehe, doch konnten wir ihn versichern, daß es auf Kies stehe; dann fragte er, ob nicht irgend eine Krankheit im Haus wäre, ob es in den Zimmern nicht zöge, ob alle Einrichtungen den hygienischen Vorschriften entsprächen, ob unsre Dienstboten nicht etwa die Thüren zuschlügen, ob vielleicht jemand im Haus die Gewohnheit hätte, zu pfeifen, oder ob nicht der Küchengeruch die Treppe herauf dränge, und es dauerte satte drei Viertelstunden, bis ich all seine Erkundigungen befriedigend beantwortet hatte. Nachdem er sich entschlossen hatte, die Wohnung zu nehmen und nächste Woche zu beziehen, kam er abermals und sagte, er habe vergessen, anzufragen, ob kleine Kinder im Haus wären, ob wir einen Hund hielten, der viel bellte, ob in der Nachbarschaft Hühner oder andre geräuschvolle Tiere gehalten würden, ob die Milchwagen früh am Haus vorbeizufahren pflegten. Ich konnte ihn auch über alle diese Punkte beruhigen, aber nach zehn Minuten stand er schon wieder da, weil er eine Fabrik in der Straße bemerkt hatte und wissen wollte, ob die Arbeitsstunden durch eine Dampfpfeife angezeigt würden. Ich sagte ihm, das sei früher geschehen, aber auf Wunsch der Nachbarschaft verboten worden, und dann fragte er, ob nicht eine Kirche in der Nähe sei, wo Frühgottesdienst mit Glockengeläute abgehalten werde, doch auch darüber konnte ich ihn beruhigen, so daß er schließlich ganz befriedigt zu sein schien und wirklich ging, aber noch eine volle Viertelstunde war ich darauf gefaßt, er werde wiederkommen und neue Besorgnisse äußern.

»Jarvis,« sagte ich zu meinem Mann, als er heim kam und ich ihm alles erzählte, »mit den Leuten werden wir unsre blauen Wunder erleben. Diese Frau Meredith ist offenbar eine aufgeregte Person, die den ganzen Tag etwas zu klagen haben und uns nicht zu Atem kommen lassen wird. Meinst du nicht, es wäre gescheiter, ihnen zu schreiben, wir hätten jetzt erst entdeckt, daß im dritten Hinterhaus ein Hahn krähe oder daß im Nebenhause jemand Unterricht im Trompetenblasen nehme oder so was derartiges, um sie abzuschrecken?«

Aber Jarvis schüttelte den Kopf.

»Nein, meine Liebe, das werden wir hübsch bleiben lassen,« sagte er. »Sie zahlen gut, und bleiben zwei Monate, was uns gerade die Zeit bis zur ›Saison‹ ausfüllt, und diese Einnahme dürfen wir nicht hinauslassen. Vielleicht ist die Dame auch gar nicht so schlimm, als du denkst. Eigenheiten scheint sie freilich zu haben; aber schließlich ist's kein Wunder, wenn sie vorsichtig ist, denn in vielen Häusern geht's toll genug her. Wir aber haben ja nie unangenehme Geräusche und brauchen uns daher nicht zu fürchten.«

Ich war ganz damit einverstanden, daß uns das Geld sehr gelegen kam, aber die Unruhe blieb mir im Gemüt, besonders weil wir gerade zwei neue Dienstmädchen hatten, wovon die eine schrecklich hustete und immer übler Laune war, weil ihr Liebster Soldat hatte werden müssen, und die andre im Gegenteil bei jeder Arbeit vor sich hinsummte und von einem Ohr zum andern grinste. Beide waren anständige, fleißige Mädchen und brauchbar, obwohl die eine den Hang hatte, alles fallen zu lassen, und die andre eine Neigung, Thüren zuzuschlagen.

Ich nahm sie beide tüchtig ins Gebet, ehe die Merediths anlangten, worauf Hanna (die den Geliebten beim Militär hatte) gleich zu heulen anfing und mir hinwarf, sie könne ja gehen, was ich ihr als Dummheit verwies, und Marie, die lustige, hellauf lachte und mir versprach, so ruhig und still zu sein wie ein Mäuschen, und mich bat, falls sie je in Gedanken auf der Treppe zu singen anfange, ihr doch gleich zu rufen und sie an ihre Pflicht zu mahnen.

Als die Familie nun mit zahlreichem Gepäck anlangte, war ich, wie man sich denken kann, am meisten gespannt auf Frau Meredith. Sie war eine kleine, untersetzte Dame von etwa fünfundfünfzig Jahren mit weinerlichem Gesichtsausdruck, und schon aus der aufgeregten Art, wie sie aus der Droschke stieg und nach einer schwarzen Handtasche suchte, die ihre Jungfer nicht im Augenblick finden konnte, schloß ich, was mir bevorstand. Die Familie bestand aus Vater und Mutter und zwei jungen Damen, Fräulein Agathe und Fräulein Mildred. Sie hatten auch zwei Söhne, die waren aber schon verheiratet und zwei ältere Töchter gleichfalls, was ich erst später erfuhr, als sie die Eltern bei uns besuchten.

Die Jungfer war ein winziges Ding – ein Wichtelmännchen, wie Jarvis behauptete – aber eine sehr zuverlässige, sichere kleine Person, die alles geschickt angriff, offenbar sehr eingeweiht war in alle Familienangelegenheiten und so ziemlich das einzig verständige Glied der Gesellschaft darstellte. Die Art, wie sie ihrer Herrin Antwort gab, verriet mir sofort, daß sie wußte, mit wem sie es zu thun hatte, und daß sie den Kopf oben zu behalten verstand.

Deborah, wie die Jungfer hieß, war noch nicht lange unter unserm Dach, so wußte das ganze Haus, daß Deborah das A und O in der Familie Meredith war, die ohne sie verraten und verkauft gewesen wäre, denn sie ordnete einfach alles an, wußte von jedem Ding, wo es war, und wußte alle zu beruhigen und abzudämpfen, wenn ihre Nerven spukten und sie zu zappeln anfingen. Denn zappelig waren sie alle, und ich habe in meinem Leben keine so zappelige Familie kennen gelernt und hoffe auch, keine mehr zu treffen. Wenn ich sie manchmal durcheinander reden hörte, zitterte ich wahrhaftig am ganzen Leib wie Espenlaub, und wenn Deborah zum Essen herunterkam – sie teilte unsre Mahlzeiten – mußt' ich sie oft fragen: »Wie halten Sie's nur aus?« und dann gab sie mir in ihrer ruhigen Weise zur Antwort: »Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Anfangs hat's mich auch außer mir gebracht, jetzt bemerk' ich's kaum mehr, wenn sie ihre Nerven haben.«

Frau Meredith pflegte im Bett zu frühstücken und erst gegen elf Uhr aufzustehen, und doch war sie immer die erste, die Lärm schlug, da sie mitunter schon um sieben Uhr morgens wie rasend klingelte und sich beklagte, daß die Dienstboten unter ihr Geräusche machten, und als Marie sich zum erstenmal vergaß und beim Scheuern des Fußbodens in der Halle zu singen anfing, da riß sie so wahnsinnig an der Klingelschnur, daß sie ihr in der Hand blieb. Es kam schließlich so weit, daß alle nur noch auf den Zehen umherschlichen wie in einem Trauerhaus, und die Hanna, deren Liebster Soldat geworden war, fand ich eines Morgens zitternd und bebend am Treppengeländer des zweiten Stocks lehnen, weil sie ihre Müllschaufel umgeworfen hatte und nun in Angst war, Frau Meredith könnte im Nachthemd herausfahren und sie anpacken und ihr ein Leides thun. Das dumme Ding bekam beinahe Krämpfe.

Herr Meredith hatte es auch furchtbar wichtig mit seinem heißen Wasser, seinem Frühstück und seinem Thee, und die Hauptsache war, daß er Punkt acht Uhr geweckt werden mußte. Wenn er sich dann um neun Uhr mit seinen Töchtern ans Frühstück setzte, ging das Gethue bis zehn Uhr, wo er das Haus verließ, über irgend etwas Tadelnswertes los und die Qualen, die mir seine Eier und sein Speck bereitet haben, hätten mir fast graue Haare eingetragen. Beides war niemals recht und mit dem Speck brachte er mich rein zur Verzweiflung. Das eine Mal war er roh, das andre Mal zu Kohle gebrannt, dann zu mager oder zu fett oder sehnig oder dies oder das, so daß ich eines schönen Tags zu Deborah sagte: »Wenn er mich so weiter ärgert, so geb' ich Ihnen mein Wort, daß ich ihn ersuchen werde, seinen Speck gütigst selbst in der Küche zu rösten.«

Ich wachte über die Zubereitung dieses Specks, als ob es ein kleines Kind wäre; aber bis zum Tag der Abreise war er nicht ein einziges Mal damit zufrieden. Ein andrer Zankapfel waren seine Stiefel, und ich habe nie im Leben einen Mann gesehen, der sich so verrückt über seine Stiefel gebärdet hätte. Jede Art von Wichse schafften wir uns an und Jarvis bürstete die Stiefel selbst, bis er auch schwarz im Gesicht war und ihm der Schweiß von der Stirne troff, aber nie konnten wir's ihm recht machen. Ehe er ausging, stellte er sich auf die Strohmatte und brüllte laut, daß er fest überzeugt sei, wir tauchten ihm die Stiefel in Bratenfett und ließen sie von der Katze ablecken, und noch mehr derartige Abgeschmacktheiten, so daß mich allmählich beim bloßen Anblick eines Männerstiefels eine Gänsehaut überlief und ich Jarvis bitten mußte, den ganzen Tag über in Pantoffeln zu gehen, nur um mein Gemüt ein wenig zu erleichtern.

Die jungen Damen waren um kein Haar besser, nur daß sie immer an Familiensachen zu nörgeln fanden und sich über ihre verheirateten Schwestern ärgerten, denen sie alle Tage lange Briefe schrieben, die ebenso weitschweifig beantwortet wurden, und also, wie Deborah sagte, die »Nervosität« schriftlich erledigten. Wenn ihre Mutter allein ausgegangen war und ein paar Minuten zu spät zum Thee oder zweiten Frühstück heimkam, so malten sie sich allerhand Unglücksfälle aus, liefen unaufhörlich an die Hausthür und sahen auf die Straße hinaus, weil ihre Mutter überfahren oder vom Schlag gerührt worden sein könne, und wenn sie sich verspäteten, so lief Frau Meredith händeringend im Haus umher, und die arme Deborah mußte alles aufbieten, sie zu beruhigen, und redete sich heiser, um ihr vorzustellen, wie mancherlei Dinge die jungen Damen aufgehalten haben könnten. Als Herr Meredith an einem nebligen Abend noch nicht da war, obwohl das Essen seit einer Stunde auf dem Tisch stand, schwammen sie alle in Thränen, hielten sich gegenseitig Riechfläschchen unter die Nasen und behaupteten steif und fest, er hätte den Weg verfehlt und sei in die Themse gestürzt, obwohl kein Mensch sich vorstellen konnte, wie er von der Newgate-Straße zum Westend in die Nähe des Flusses hätte kommen sollen. Und als er endlich erschien und ihnen auseinandersetzte, daß es auf der unterirdischen Bahn eine Störung und Aufenthalt gegeben habe, da fielen sie über ihn her wie über einen Verbrecher, und machten ihm Vorwürfe, als ob er einen Mordversuch an ihnen verübt hätte.

Das Allerschrecklichste aber war, wenn eins von der Familie ein wenig krank wurde. That einem nur der kleine Finger weh, so malte sich die ganze Familie die fürchterlichsten Krankheiten aus, und als die ältere Tochter eines Tages etwas Halsweh hatte und ein wenig fieberte, stand es natürlich fest, daß sie Diphtheritis hatte, und daß unser Haus ungesund sei, oder wir das Trinkwasser nicht abgekocht hätten. Ich kam zufällig hinauf, als Frau Meredith gerade aus dem Schlafzimmer ihrer Tochter trat, und da fuhr sie auf mich los und sagte: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja, daß Sie das Wasser nicht abkochen, und wenn mein Kind stirbt, so sind Sie seine Mörderin.«

Keinen Tropfen Blut hätte ich von mir gegeben, wenn einer mich gestochen hätte; denn im eigenen Haus eine Mörderin genannt zu werden, das war mir noch nie im Leben vorgekommen und gehört nicht zu den Dingen, die sich eine ehrbare verheiratete Frau gefallen lassen kann, weshalb ich denn auch, sobald ich wieder zu Atem kam, kein Blatt vor den Mund nahm und ihr kurz und bündig sagte, derartige Beleidigungen duldete ich nicht, und sie möchten sich nach einer andern Wohnung umsehen.

»Was?« kreischte Frau Meredith. »Sie wollen mein sterbendes Kind auf die Straße werfen?« 

»Sterbendes Kind – Larifari, Frau Meredith,« sagte ich. »Einen Schnupfen hat das Fräulein, weiter nichts, und anschreien lasse ich mich nicht.«

Als Jarvis den Lärm hörte, kam er die Treppe halb herauf und rief; »Bitte, Susanne, komm!« und Deborah trat aus dem Zimmer und stellte der Frau vor, daß sie dem Fräulein einen Schrecken einjage, und führte sie hinweg, und ich ging hinunter, sank in einen Stuhl und sagte nur: »Mörderin! Mich hat sie eine Mörderin genannt.«

Und ich bekam solche Nervenzustände, daß Jarvis vor lauter Angst ausging und Hanna und Marie mir die Hände rieben und mir Essigumschläge auf den Kopf legten, dann wurde ich ruhiger.

Am andern Tage entschuldigte Herr Meredith seine Frau und bat mich, die Sache zu vergessen. Sie sei eben ganz fassungslos, so oft jemand sich krank fühle, sagte er, und ich versprach, mich nicht mehr daran zu erinnern; zu Jarvis aber sagte ich, wenn es so fortgehe, werde ich mir irgendwo ein andres Zimmer mieten und fortbleiben, bis diese Frau aus dem Hause sei.

Die junge Dame war alsbald wieder wohl, denn es war wirklich nur ein Schnupfen gewesen, und nun folgte eine verhältnismäßig friedliche Woche, bis eines schönen Abends Herr Hans, der älteste Sohn, zum Thee kam und seiner Mutter und den Schwestern von einem Einbruch erzählte, der in seinem Hause verübt worden war und wobei die Diebe bis in sein Schlafzimmer gedrungen waren und seine Uhr und den Schmuck seiner Frau weggenommen hatten, ohne daß sie oder sonst jemand im Haus aufgewacht wären. Erst am Morgen, als das Stubenmädchen heraufkam und ihnen sagte, daß im Frühstückszimmer nach hinten die Scheiben der Balkonthür eingedrückt und die Silbersachen gestohlen worden seien, merkten sie die ganze Geschichte. Von diesem Augenblick an hatten Frau Meredith und die jungen Damen nur noch Räubergeschichten im Kopf, und ich lernte mich bald vor jedem dunkeln Abend fürchten, weil sie dann immer Greuel an die Wand malten, und fing bald an, bei Nacht auf jedes Krachen im Haus zu lauschen, weil ihre Angst sich meinen Nerven mitgeteilt hatte.

Frau Meredith mußte sehr wertvollen Schmuck bei sich haben, den sie nicht wie ihre andern Wertsachen der Bank übergeben hatte, weil sie hie und da in Gesellschaft ging und ihn tragen wollte. Nun hatte sie die fixe Idee, die Räuber hätten es darauf abgesehen, und der Schmuck, der anfangs ruhig in ihrer Handtasche geblieben war, wurde nun bei Nacht an den abenteuerlichsten Plätzen zerstreut versteckt, damit die Diebe ihn nicht finden könnten.

Einmal wurde er in Papier gewickelt und hinter die Kaminklappe gesteckt, dann fiel ihr wieder ein, das sei auch nicht sicher, und sie wickelte jedes Schmuckstück einzeln ein, steckte ein Päckchen in ihre Hutschachtel, das andre hinter den Kaminvorsetzer, ein drittes in den Kohlenbehälter in ihrem Schlafzimmer, ein viertes schleuderte sie aufs Verdeck des Betthimmels, und dann konnte es geschehen, daß sie am nächsten Morgen nicht mehr wußte, was sie damit angefangen hatte, so daß die ganze Familie auf den Knieen vor dem Kamin herumrutschte und in die Röhre hinaufgriff, oder unter die Betten kroch, oder alle Schubfächer und Kasten umstürzte, um eine verschwundene Diamantnadel aufzustöbern, und ich sagte manchmal zu Deborah, mir komme es vor, als seien sie samt und sonders reif fürs Irrenhaus.

Sie bestanden darauf, daß wir an allen Fensterläden Glocken anbringen ließen, und nun konnte ich die ganze Nacht kein Auge mehr zuthun und sagte zu Jarvis, wenn die Glocken einmal wirklich klingelten, wäre ich auf der Stelle tot; denn man hörte in der That damals viel von Einbrechern, und eine arme Frau im Westend war übel zugerichtet worden, weil sie Lärm gehört hatte und aufgestanden war, um nachzusehen; und wenn wir abends unsre Kerzen nahmen, um in unser Schlafzimmer zu gehen, so hatten wir wirklich alle die Idee, wir würden am nächsten Morgen ermordet in unsern Betten liegen, was gerade nicht dazu beitrug, unsern Lebensgenuß zu erhöhen.

Die jungen Damen baten mich inständig, jede Nacht, ehe ich zu Bett ging, in ihre Zimmer zu kommen und nachzusehen, ob kein Räuber unter ihren Betten versteckt sei, worauf sie dann die Thür verriegelten und sich beinahe Leibschäden zuzogen, weil sie die schwersten Kommoden vor die Thür schoben, und Frau Meredith veranlaßte ihren Mann, zwei Totschläger zu kaufen, wovon Jarvis einen bekam und immer unter seinem Kopfkissen haben mußte; auch kaufte sie zwei Schnarren, wie die Schutzleute sie haben, und gab eine meinem Mann mit dem strengen Befehl, sie beim leisesten Geräusch sofort am offenen Fenster in Bewegung zu setzen. Natürlich hörten die Dienstboten dieses Gerede auch, und Hanna, deren Liebster Soldat geworden war, fürchtete sich, im Dunkeln allein die Treppe hinaufzugehen, und schrie, als ob sie am Spieß steckte, sobald der Wind des Abends nur ein Fenster streifte. Ich glaube, daß im ganzen Haus kein Mensch mehr einen heilen Nerv hatte, und mir wurden alle Kleider zu weit, weil ich vor Angst entsetzlich abmagerte. Oft und viel sagte ich zu Jarvis, wenn die Merediths nicht bald abzögen, würde er eines Tages seine Frau in unheilbaren Blödsinn verfallen sehen, und ich würde dann immer dasitzen, ins Leere starren und die Daumen drehen, wie ich's einmal in einer Anstalt für Blödsinnige gesehen hatte, wohin ich eine Freundin begleitete, deren Bäschen dort war, weil sie als junges Mädchen durch einen Sturz aus einem Karussel auf dem Jahrmarkt den Verstand verloren hatte. Ich wußte, daß die Sache ein schlimmes Ende nehmen würde, und so kam's auch.

In einer Nacht, es war November und wir hatten einen Nebel zum Schneiden, schlief ich fest, obwohl wir uns trostloser als je zu Bett gelegt hatten; denn in den Zeitungen wimmelte es von Einbruchsgeschichten, und in einem Hof war ein Schutzmann erschossen worden. Plötzlich fahre ich auf, höre unten ein lautes Krachen, und im selben Augenblick hallt auch ein wilder Schrei durchs ganze Haus. Jarvis hatte es auch gehört, fuhr aus dem Bett, warf ein paar Kleidungsstücke über und griff nach seinem Totschläger.

»Geh nicht!« schreie ich, »sie werden dich umbringen, die Räuber!« Und dabei wurden meine Glieder ganz kalt, und die Zähne klapperten mir im Mund, daß ich zu sterben glaubte.

Aber Jarvis sagte, es sei seine Pflicht als Hausherr, nachzusehen, was es wäre, und schlich im Dunkeln auf den Zehen hinaus, denn natürlich waren ja, wie immer, wenn man sie braucht, keine Streichhölzer im Zimmer. Er beugte sich dann übers Treppengeländer und tastete sich, als er nichts sah, ein Stockwerk hinunter, um wieder zu lauschen. Ich war viel zu erschrocken, um mich über irgend etwas zu besinnen, und steckte einfach den Kopf unter die Bettdecke; aber plötzlich hörte ich die jungen Mädchen unter mir lärmen, und da sprang ich heraus und stürzte blindlings in ihr Zimmer, wo sie, einander fest umklammernd, in ihren Nachthemden saßen, denn sie hatten natürlich die Geräusche auch gehört.

Eine Minute lang rührte sich nichts; dann aber hörten wir Fußtritte, Thürenzuschlagen und Stimmen, und dann klingelten alle Glocken wie rasend, und die jungen Damen und Frau Meredith und Deborah und ich, wir kreischten alle zusammen und konnten unter uns Herrn Meredith ebenfalls kreischen hören. Ich beugte mich übers Treppengeländer und rief: »Jarvis, Jarvis!« Denn ich war in Todesangst, es sei ihm etwas zugestoßen, und hatte doch nicht den Mut, in unser Zimmer zu gehen und die Polizeischnarre zu holen. Plötzlich aber hörte ich jemand gehen, und ich dachte mir, Herr Meredith habe mit der seinigen durchs Fenster Zeichen gegeben, und als gleich darauf an die Hausthür geklopft wurde, streckte ich den Kopf im Zimmer meiner Dienstmädchen, das im vierten Stock nach vorn ging, zum Fenster hinaus und sah, daß Schutzmänner und andre Leute vor dem Hause standen. Sie riefen herauf, was denn los sei, und ich antwortete: »Räuber im Hause,« worauf ein Schutzmann mir zurief, ich solle ihm doch die Hausthür aufmachen. Ich wagte es jedoch nicht, die Treppe hinunterzugehen, Marie aber, die immer tapfer war, sagte: »Ich will,« und sie eilte hinunter, ließ die Polizei herein, und dann hatten wir alle den Mut, ein paar Stufen hinunterzugehen.

Marie steckte das Gas in der Halle und eine Kerze an, und ich schrie nach Jarvis, der mir durchaus keine Antwort gab; hierauf ging ich in unser Zimmer, zog mich notdürftig an, und nun schlichen wir uns hinunter, das heißt Hanna und ich; denn die schluchzenden Fräulein wollten ihre Thür nicht mehr öffnen, und Frau Meredith hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und mußte Nervenzufälle haben, dem Geräusch nach, das sie machte. Ich dachte bei mir, wie feig es von Herrn Meredith sei, daß er als Mann auch hinter Schloß und Riegel bleibe; aber ich war viel zu aufgeregt, um einzelnes zu überlegen, und schleppte mich bis zur Küche hinunter in Todesangst um meinen armen Jarvis.

Bis wir an die Küche kamen, war keine Spur von einem Menschen zu entdecken, als wir aber nun mit unsern Kerzen hineintraten, bot sich uns ein grauenvoller Anblick. Mein armer Mann lag bewußtlos auf dem Boden ausgestreckt, den Totschläger noch in der einen Hand, und neben ihm, aber nicht auf dem Rücken, sondern das Gesicht zu unterst, ein baumstarker Räuber.

Ich hatte nur Augen für meinen armen Jarvis, an dessen Seite ich, von Entsetzen gelähmt, zu Boden sank, worauf ich ihn befühlte, ob er noch atme. Was in diesem Augenblick durch meine Seele ging, weiß nur der Himmel! Es war wie ein furchtbarer Traum, aber Gott sei Dank, er atmete und war nicht verwundet, sondern offenbar nur bewußtlos durch einen Schlag des Mannes, den er selbst auch zu Boden gestreckt hatte.

Plötzlich hörte ich einen Schutzmann sagen: »Merkwürdig! Dieser Einbrecher hat unter seinem Ueberrock nur das Nachthemd an.«

»Was?« sagte ich, und die Mädchen, die auch mangelhaft bekleidet waren und in einer Ecke kauerten, um etwas so Entsetzliches wie einen Räuber nicht sehen zu müssen, blickten her, und Marie rief: »Großer Gott, das ist ja Herr Meredith!«

»Wer ist's?« fragte der Schutzmann.

»Der Herr vom ersten Stock,« erwiderte die Marie, und im selben Augenblick rief die Köchin, die sich rings umgesehen hatte: »Ach, Frau Jarvis! Jetzt weiß ich, woher der Lärm kam.«

Da, auf dem Kaminsims saß unser schwarzer Tom und starrte uns mit funkelnden Augen an, weil er offenbar gar nicht begriff, was wir alle bei nachtschlafender Zeit in der Küche zu schaffen hatten, und neben ihm auf dem Herd lag die Uhr, die sonst auf dem Kaminsims stand. Die hatte der Unglückspilz von einem Kater heruntergeworfen und die hatte das Krachen verursacht, das uns alle in Schrecken versetzt hatte.

Während die Mädchen kaltes Wasser und Essig für die Verunglückten herbeischafften, wurde mir alles klar. Die beiden Männer waren auf das Geräusch hin mit ihren Totschlägern heruntergeeilt, und Herr Meredith war zuerst in der Küche gewesen, wo Jarvis dann plötzlich über ihn hergefallen war. Sie hatten sich gegenseitig für Einbrecher gehalten und mit den Totschlägern aufeinander losgehauen, bis beide bewußtlos umgefallen waren.

Als wir sie wieder ins Leben gerufen hatten, untersuchte sie der Schutzmann und meinte, es werde bei beiden nicht viel auf sich haben, und die Wetterhexe, die Marie, bekam einen Lachkrampf, als Herr Meredith und Jarvis sich ein wenig aufrichteten und einander dämlich anstarrten. Wir richteten sie vollends auf, setzten sie auf Stühle und gaben ihnen Branntwein zu trinken; aber es dauerte eine Weile, bis sie den Zusammenhang begriffen, denn beiden mochte der Kopf rechtschaffen brummen; aber das war gottlob das ganze Unglück.

Ich ging zu Frau Meredith hinauf und klopfte an ihre Thür, worauf sie jämmerlich schrie.

»Seien Sie nur still,« rief ich hinein. »Alles ist in Ordnung! Waren gar keine Diebe, es war nur die Katze.«

»Eine Katze?« fragte sie. »Aber weshalb kommt denn mein Mann nicht herauf und läßt mich hier vor Angst vergehen?«

Ich erklärte ihr, was vorgefallen sei, worauf sie die Thür aufmachte, und wenn ich ihr dabei nicht einen Blick zugeworfen hätte, der sie im Zaum hielt, so wäre sie gewiß auf mich losgefahren und hätte mir alles zur Last gelegt. Aber just im selben Augenblick schleppten Marie und der eine Schutzmann den stöhnenden Herrn Meredith die Treppe herauf, und wir brachten ihn ins Zimmer, das heißt, der Schutzmann blieb außen, weil Frau Meredith nur im Nachthemd war, und ich sah wohl, daß er zwar noch ein wenig betäubt, im übrigen aber heil und ganz war, auch sagte er, er hoffe nur, Jarvis nicht verletzt zu haben. 

So wünschte ich ihnen denn gute Nacht und brachte mit Hilfe des andern Schutzmanns Jarvis in unser Zimmer. Er war, wie er sich ausdrückte, wackelig auf den Beinen, aber ich betastete seinen Kopf und fand keine Wunde und keinen Bruch, sondern nur eine Beule, und so brachten wir ihn mühsam zu Bett. Dann suchte ich noch etwas Geld, um den Schutzleuten ein kleines Geschenk zu machen, worauf sie gingen und vor der Hausthür einen ganzen Volkshaufen verscheuchten, der sich ringsum angesammelt hatte. Späterhin erfuhr ich dann auch, daß die ganze Nachbarschaft die Köpfe zum Fenster herausgestreckt hatte, und daß es wirklich ein netter Skandal gewesen war, und ich war wütend über mich selbst, daß ich mir von dieser Frau Meredith den Kopf mit Räubergeschichten hatte vollpacken lassen.

Am Morgen drauf benahm sich Herr Meredith wirklich sehr nett und nahm Jarvis mit zu seinem Arzt, der beiden die Köpfe untersuchte. Zum Glück fand sich kein Schaden, nur waren sie schwach auf den Beinen und hatten Brummschädel, was sich aber bald gab. Diese Nacht vergesse ich im ganzen Leben nicht.

Kurz darauf zogen die Merediths ab, und ich sagte zu Jarvis, wenn ich nicht Sorge hätte, der Rauch würde die Nachbarn belästigen, so würde ich im Hof ein Freudenfeuer abbrennen. Nie mehr werde ich aufgeregte Leute in mein Haus nehmen; denn wenn Jarvis und Herr Meredith einander umgebracht hätten, wie es um ein Haar geschehen wäre, so wäre es nur daher gekommen, daß Frau Meredith und ihre Töchter unser aller Nerven so zugerichtet hatten, daß wir fast aus der Haut fuhren, wenn eine Katze im Dunkeln die Treppe heraufkam. Und wirklich hatte ja eine Katze das Unheil angerichtet.

Jarvis behauptete bis zu seinem letzten Stündlein, er fühle die Stelle noch, wo Herrn Merediths Totschläger ihn getroffen habe, aber ich glaube, das war reine Einbildung. Unsre Totschläger und die Polizeischnarre warfen wir am nächsten Tag in die Müllgrube, und nie mehr im Leben ließ ich meinen Mann bei Nacht ohne Kerze die Treppe hinuntergehen, und, was die Hauptsache ist, nie mehr legte ich mich zu Bett, ohne mich überzeugt zu haben, daß hinreichend Zündhölzchen im Zimmer waren. Wie nötig diese Vorsichtsmaßregel ist, weiß jede Hausfrau aus Erfahrung; ich hatte die meinige teuer bezahlt.



Fünftes Kapitel.
Rattel.

Ich hatte es mir von Anfang an zum Gesetz gemacht, niemand mit einem Hund ins Haus zu nehmen, obwohl ich selbst eine große Tierfreundin bin; aber Hunde in möblierten Wohnungen, das hatte ich bei meiner lieben Mutter zur Genüge erfahren, führen immer zu Widerwärtigkeiten, auch wenn sie noch so gut beaufsichtigt sind, und auch wenn alle übrigen Mieter dem Hund gewogen sind, was übrigens selten vorkommt, denn man hat meist einen, der Hunde nicht leiden mag.

Als aber Herr Simpson bei uns einzog, bat er so dringend und herzlich, seinen kleinen schwarzgefleckten Terrier mitbringen zu dürfen, weil das Tierchen sein bester Freund, sein Ein und Alles auf der Welt sei, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, es ihm abzuschlagen, besonders da er die Zimmer im Hochparterre nahm und der Hund also nichts auf der Treppe zu schaffen haben würde. Anfangs blieb ich zwar lange fest und sagte, wenn wir gewußt hätten, daß er einen Hund mitbringen wolle, so würden wir die Zimmer überhaupt nicht abgegeben haben. Aber er hielt mir entgegen, daß sein Hund, Rattel hieß er, niemals belle und den ganzen Tag ruhig bei ihm sitze wie ein Christenmensch, und daß folglich niemand im Haus sein Vorhandensein bemerken werde, und so gab ich schließlich nach und sagte, wir wollten's versuchen. Dabei erklärte ich ihm aber deutlich, daß, wenn irgend jemand über den Hund klage, ich ihm selbstverständlich sofort kündigen müsse. Unter diesen Bedingungen hielt das Hündchen seinen Einzug.

Rattel war wirklich ein liebes Geschöpf, das dem Zeugnis seines Herrn alle Ehre machte. Es fiel ihm nicht ein, sich immer in der Halle herumzutreiben und hinauszulaufen, so oft die Hausthür ging, wie das Hündchen einer Amerikanerin, die meine liebe Mutter einmal im Haus gehabt hatte, und die sie beinahe wahnsinnig gemacht hätte, weil ihr die Hundskomödie so auf die Nerven ging, daß sie immer erwartete, die Mädchen würden wieder melden: »Der Fido ist entlaufen.«

Diese Dame hatte den Hund sogar aus Amerika mitgeschleppt und hatte ein Gethue mit ihm, als ob er mindestens ein Kind wäre; auch pflegte sie zu sagen, wenn der Hund verloren ginge, würde sie von Sinnen kommen, und dabei hatte das Vieh ein Talent, zu entwischen und sich unsichtbar zu machen, wie kein andrer Hund. Der halbe Tag ging für die Dienstboten damit herum, daß sie die Straße nach Fido absuchten, während seine Herrin händeringend unter der Hausthüre stand und sich gebärdete wie eine Tollhäuslerin. So oft die Dame abends irgendwo hinging, wo sie ihn nicht mitnehmen konnte, schlossen wir den kleinen Racker ein, obwohl er dann ein Geheul verführte, daß wir Watte in die Ohren stopfen mußten. Wir ließen ihn aber doch nicht heraus, denn als wir es einmal gethan hatten, war er heruntergekommen und hatte sich zu uns gesetzt, und als gerade niemand auf ihn achtete, war er zur Hinterthüre hinausgelaufen in den Hof, hatte sich durchs Gitter gezwängt und war verschwunden. Als seine Herrin heimkam, rannten wir gerade alle in der dunklen Straße herum, riefen nach ihm, schlüpften in Höfe und Hinterhäuser und fragten Schutzleute und jeden, der uns in den Weg kam, ob kein Pinscher gesehen worden sei, der auf den Namen Fido höre. Die Amerikanerin lag indes in Krämpfen, und meine Mutter, die sonst sehr religiös war, ging so weit, daß sie sagte, wenn nur der Hund aus Noahs Arche auch weggelaufen und umgekommen wäre, dann hätte sie jetzt ein bedeutend leichteres Leben.

Schließlich fanden wir das kleine Vieh auf einer Thürschwelle zwei Straßen weit entfernt, frierend zusammengekauert und mit Schmutz überzogen. Er ging übrigens noch mehrmals verloren, zuletzt an dem Tage, als seine Gebieterin nach New York zurückreiste. All ihr Gepäck war schon auf die Droschke geladen, und es war höchste Zeit zum Abfahren, denn sie hatte sich ohnedies verspätet, indem sie eine wertvolle Brosche vermißt, ihren großen Koffer wieder aufgeschlossen und von oben bis unten durchsucht hatte, weil die Brosche möglicherweise an einem Kleid stecke, was auch wirklich der Fall war. Als nun schließlich alles fix und fertig war, ergab sich's, daß der Racker natürlich wieder davongelaufen und spurlos verschwunden war. Der Kutscher erklärte, wenn sie jetzt nicht einsteige, so könne er nicht mehr dafür stehen, den Bahnhof rechtzeitig zu erreichen, da sein Gaul kein Rennpferd sei. Aber wie hätte sie nach Amerika fahren und ihren Fido in England lassen können? Das war eine nette Scene! Eine Horde von Fleischerjungen und derartigem Publikum hatte sich im Nu versammelt, und nachdem die Amerikanerin laut verkündigt hatte, der Retter ihres Fido erhalte einen Sovereign, suchten sie alle Straße auf, Straße ab. Endlich brachten ihn zwei Jungen, die ihn nicht eben zart umfaßt hielten, so daß er wütend schnappte und um sich biß, während seine Retter sich schon zum voraus um die Belohnung in den Haaren lagen. Sie erfaßte ihn, zog ihn in den Wagen, der Kutscher schwang die Peitsche, daß der Gaul im Galopp davonsauste, und sie warf das Goldstück zum Wagenfenster heraus, das ein vierschrötiger ausgewachsener Mensch, der sich nicht einmal nach dem Hund umgesehen hatte, auffing, einsteckte und mit fortnahm, während die beiden Jungen in ihrer Wut meiner Mutter die furchtbarsten Schimpfwörter zuriefen, bis sie die Thür zuwarf und feierlich erklärte, daß ihr kein Hund mehr über die Schwelle komme, solange sie atme.

An diesen Fido hatte ich mich natürlich lebhaft erinnert, als Herr Simpson seine Bitte vortrug.

Dieser Herr Simpson war ein richtiger Sonderling, und es währte lange, bis wir klug aus ihm werden konnten. Er war etwa vierzig Jahre alt, trug die Haare sehr lang, rauchte den ganzen Tag Pfeifen und lag stundenlang lesend in seinem Lehnstuhl, wobei Rattel ihm auf den Knieen saß, und wenn ich oder eins von den Mädchen in seinem Zimmer war, so konnte er uns blühenden Unsinn vorschwatzen. Dabei war er aber ein ganz anständiger Mann, gut empfohlen, von großer Pünktlichkeit im Bezahlen, niemals brummig und mit allem zufrieden, was er zu essen bekam. Anfangs vermutete ich, er sei nicht ganz richtig im Kopf, bald aber sah ich, daß er eben eine absonderliche Art hatte; aber als ich ihn zum erstenmal vom Flur aus mit seinem Hunde sprechen hörte, ging ich zu Jarvis hinunter und sagte ihm, der Mann mache mir Sorgen. »Wer hätte dir je keine Sorgen gemacht?« war Jarvis' Antwort, die mich sehr verdroß; denn wenn man auf den Ruf seines Hauses und die Achtung, die es in der Nachbarschaft genießt, bedacht sein muß, kann man in der Wahl seiner Mieter gar nicht ängstlich genug sein. 

»Deine spitzigen Bemerkungen sind mir ganz gleichgültig,« warf ich ärgerlich hin; denn Jarvis hatte damals schon angefangen, eine Plage zu sein; »aber es ist jedenfalls nicht das Richtige, wenn ein Mann allein dasitzt und Gespräche mit seinem Hund führt. Der Einzige, bei dem ich so etwas gesehen habe, war ein Mann in einem Theaterstück von Shakespeare, der war aber ein Narr und wie ein solcher gekleidet. Jedenfalls war man in jenen Zeiten vernünftiger als heute, wo man die Narren in denselben Kleidern gehen läßt wie alle Welt, so daß ihnen kein Mensch ansieht, was sie sind.«

Jarvis fragte mich dann, was Herr Simpson zu seinem Hund gesagt hätte, und ich erwiderte: »Rattel, mein alter Bursche, ich wollte nur, ich fände etwas im Leben, worüber ich mit dem Schwanze wedeln könnte wie du.« Das hatte ich mit meinen eigenen Ohren gehört, und man wird mir zugeben, daß ein Mann von vierzig Jahren, der solche Gelüste hat, etwas seltsam ist, abgesehen davon, daß er auch im höchsten Glück diesen Wunsch unmöglich ausführen könnte.

Jarvis lachte und sagte: »Jetzt weiß ich, wie ich mit ihm dran bin. Er ist ein Philosoph und spricht bildlich.«

»So?« bemerkte ich, den Kopf zurückwerfend. »Dann kann ich nur sagen, daß diese Sprache sehr albern ist und daß ich nicht die geringste Lust habe, mehr davon zu hören!«

Ich sollte sie aber noch oft und viel hören, und mit der Zeit machte ich mir keine Gedanken mehr darüber und verstand mich recht gut mit Herrn Simpson, obwohl ich nie verschmerzen konnte, daß er die gräßliche Gewohnheit hatte, die halbe Nacht im Bett zu lesen und seine Kerze dabei auf die Kommode zu stellen, was ich daran merkte, daß die Kerze jeden Morgen tief niedergebrannt dort stand und das Buch am Boden lag; auch gestand er mir, daß er immer im Augenblick des Einschlafens das Licht ausblase und das Buch wegwerfe. Ich sagte ihm, das mache mir große Sorgen, und er werde uns noch das Haus überm Kopf in Brand stecken; aber er entgegnete, daß er's seit Jahren so treibe und noch nie Unheil angerichtet habe, worauf ich ihm erwiderte, das beweise gar nichts, denn mehr als einmal könne der Mensch nicht verbrennen.

Sein Hund schlief jede Nacht am Fußende seines Betts, und das Mädchen, das ihm morgens seine Tasse Thee und die Zeitung brachte, erzählte mir, sie höre beim Reinmachen im Wohnzimmer ganz deutlich, daß Herr Simpson dem Hund aus der Zeitung vorlese und mit ihm über Politik spreche wie mit einem Christenmenschen.

»Denk dir nur, er liest dem Hund die Zeitung vor und politistert mit ihm,« sagte ich zu Jarvis; »gehört das vielleicht auch zu einem Philosophen?«

»Wohl möglich,« versetzte er. »Jedenfalls ist mir's lieber, wenn die Leute mit ihrem Hund über Politik sprechen, als mit mir, denn ich kann sie nicht ausstehen.«

Das war richtig. Bis zu seinem Tod wollte er nichts davon hören, mein armer Mann, und ich glaube, das kam daher, daß wir immer so furchtbar hohe Steuern bezahlen mußten, gleichviel welche Partei am Ruder war, und daß er vor vielen Jahren ein faules Ei ins Gesicht geworfen bekam, das für seinen damaligen Herrn bestimmt gewesen war, der als Kandidat in einer Volksversammlung auftrat. Herr Simpson war schon volle vier Wochen bei uns, bis wir herausbrachten, wie es eigentlich um ihn stand. Ich erfuhr's eines Morgens, als ich zu ihm ging, um nach seinen Wünschen fürs Mittagessen zu fragen, und ihn in besonders mitteilsamer Stimmung traf. Er saß, die Pfeife im Mund, Rattel auf seinen Knieen, wie gewöhnlich im Lehnstuhl und schien derart in Gedanken versunken zu sein, daß ich zweimal fragen mußte: »Was wünschen Sie heute zu speisen, Herr Simpson?«

Er sah endlich auf und starrte mir ganz geistesabwesend ins Gesicht, dann gab er mir zur Antwort: »Das weiß ich selbst nicht. Arseniksuppe und eine gekochte Granate wären mir das Liebste.«

»Du liebe Zeit, was soll denn das heißen, Herr Simpson?«

»Weiß ich selbst nicht. Das Leben ekelt mich an, und wenn Rattel nicht wäre, würde ich mich in den Krater des Vesuv stürzen, aber ich müßte ja den Rattel mitnehmen, und der ist noch gar nicht lebensmüde, nicht wahr, Alterchen?«

Der Hund legte ihm seine Pfoten auf die Schultern und leckte seinem Herrn die Wange.

»Armer, guter Kerl, ja du hast mich lieb, wenn auch sonst niemand. Sind Sie eigentlich glücklich, Frau Jarvis?«

»Nun, im ganzen ja, so glücklich, als Jarvis und die Beletage es zulassen.«

»Was ist denn mit der Beletage los?«

»Ach, die macht einem entsetzlich viel Mühe, Herr Simpson, und die Dienstboten klagen schrecklich. Den lieben langen Tag geht die Klingel, und Besuche kommen, daß ich eigens die Mädchen an die Hausthüre stellen sollte, und immer haben sie Gäste zu Tisch, und denken Sie sich, jetzt geben sie auch noch einen musikalischen Abend mit Kaffee und belegten Brötchen für zwanzig Personen, das gibt Arbeit, vom Lärm noch gar nicht zu reden.«

»So, die haben so viel Gesellschaft. Kann mir denken, daß es Ihnen nicht angenehm ist. Immerhin gleicht sich's aus, denn zu mir kommt keine Menschenseele.«

»Das ist allerdings wahr, und ich habe schon oft gedacht, Sie müßten sich recht einsam fühlen, Herr Simpson.«

»Einsam?« wiederholte er, aufspringend und mit großen Schritten im Zimmer auf und ab gehend. »Wissen Sie wohl, daß ich mir längst einen Strick gekauft und mich an der Lampe in Ihrer Halle aufgehängt hätte, wenn Rattel nicht wäre?« 

»Ach du lieber Himmel, solche Reden dürfen Sie nicht führen!« sagte ich ganz erschrocken. »Sie haben doch sicherlich auch Freunde?«

»Nein, keinen. Ich hatte einst Freunde, aber sie sind alle dahin.«

»Gestorben?« fragte ich.

»Nein, aber ich habe sie alle vertrieben. Mit der Zeit haßt mich ein jeder – Sie werden mich auch bald hassen. Rattel ist das einzige Geschöpf auf der Welt, das mich nie hassen wird.«

»Mein Gott! Mein Gott! So was dürfen Sie nicht sagen, sonst denke ich ja nächstens, Sie hätten etwas Schreckliches verbrochen.«

»Das hab' ich auch!« rief er so wild, daß Rattel sich winselnd unterm Tisch verkroch. »Das hab' ich, und das verfolgt mich, verfolgt mich Tag und Nacht.« Er raste so wild hin und her, daß ich mich bebend zur Thüre hinschlich.

»Eine Bestie war ich,« rief er mit schriller Stimme, »eine selbstsüchtige Bestie! Eines Weibes Herz hab' ich gebrochen. Gott steh mir bei – ich wußte nicht, was ich that, ich wußt' es nicht.«

Man kann sich leicht denken, wie ungemütlich es mir war, so dazustehen und solche Reden mitanzuhören. Ich wußte nicht, ob ich gehen oder bleiben sollte, und noch weniger, was ich ihm hätte sagen können, denn »Sie haben es gewiß nicht bös gemeint« oder »Mit der Zeit wird schon alles recht werden« und andre Redensarten, womit man die Menschen tröstet, konnte ich nicht anbringen, weil ich keine Ahnung hatte, um was es sich handle.

Aber ich brauchte auch gar nichts zu sagen; denn nachdem er ein paar Sekunden in sich hineingebrummt hatte, hob er plötzlich an: »Ich kann mir denken, daß ich Ihnen höchst sonderbar vorkomme, vielleicht halten Sie mich sogar für verrückt: aber ich kann meinen Jammer nicht immer für mich behalten. Da sitze ich Tag um Tag und Nacht um Nacht zwischen diesen vier Wänden und verzehre mich in Leid und kann mit niemand davon sprechen als mit meinem Rattel. Aber es nützt gar nichts, ihm zu sagen, was für ein Elender ich war; er glaubt's einfach nicht. Wenn ich ihm gestehen wollte, daß ich ein Mörder sei, so würde er nur mit dem Schwanz wedeln und mir die Hand lecken und mich doch für den bravsten Menschen auf der Welt halten; aber Sie, Sie sind eine Frau, Sie werden's begreifen.«

»Jawohl, Herr Simpson,« sagte ich ganz ruhig, obwohl ich nicht nötig gehabt hätte, ausdrücklich zu betonen, ich verstände mehr als ein Hund.

»Sie dürfen's mir nicht verargen, wenn ich heute nicht an mich halten kann; heute ist's ein Jahr, daß es geschah. Heute vor einem Jahr hatte ich eine Frau, heute vor einem Jahr hab' ich sie zum letztenmal gesehen. Es war nur meine Schuld. Ich war ein Egoist und ich vergaß, daß Frauen ein Herz haben, daß sie fühlen. Ganz versunken war ich in mich selbst und in meine Arbeit; ich bin nämlich ein Schriftsteller, einer von den selbstsüchtigen, eitlen Narren, die sich einbilden, was sie ersinnen und denken, werde die Welt bewegen, und ich hatte nur Gedanken für diese Arbeit und ließ mein armes, junges Weib aus meinem Leben scheiden. Ich begegnete ihr kalt, mürrisch, übellaunig, sobald sie mich meinen eigenen Gedanken, meinem Streben entziehen wollte. Wie das auf sie wirkte, merkte ich nicht; den Schmerzenszug um ihren Mund, den Liebeshunger in ihrem Blick, ich sah sie nicht.

»Nie kam mir der Gedanke, daß die Kluft zwischen uns von Tag zu Tag breiter wurde, daß alles Licht, alle Farbe aus ihrem Dasein schwanden und daß die Liebe unterm Reif der Vernachlässigung sterben müßte. Eines Tages, heute vor einem Jahr, kam sie in mein Arbeitszimmer. Sie legte ihren Arm um meinen Hals, während ich schrieb. Ich war verstimmt, reizbar außer mir, denn ich war eine Zeitlang an dem Werk, das ich vorhatte, verzweifelt, ich wußte, was ich wollte, aber ich konnte es nicht ausdrücken, wenigstens nicht so, wie es vor mir stand, der Gedanke ließ sich nicht gestalten, wie ich wollte. Nun mit einemmal schien sich's zu lichten. Während ich an meinem Tisch saß, schienen die Schwierigkeiten zu verschwinden, und in diesem Augenblick kam meine Frau herein, legte ihren Arm um meinen Hals und sagte leise: ›Jack!‹ Gott weiß, wie ich dazu kam, aber ihre Berührung hatte meinen Gedankengang unterbrochen, und ich rief: ›Der Teufel hol's! Kannst du mich denn nicht in Ruhe lassen?‹ Und dabei stieß ich sie mit dem Ellbogen von mir weg. Sie stand näher bei mir, als ich gedacht hatte, der Stoß traf sie hart auf die Brust, so hart, daß sie mit einem Schmerzenslaut zurückwich.

»Rasch verließ sie das Zimmer. Aber meine Narrheit hielt mich so umgarnt, daß mir auch jetzt meine Roheit nicht zum Bewußtsein kam. Es that mir leid, daß ich ihr weh gethan hatte, aber das war eben ein unglücklicher Zufall gewesen, und meine Gedanken waren doch zum Kuckuck. In einem Wutanfall riß ich mein angefangenes Manuskript hervor und warf es ins Feuer, Blatt für Blatt rollte ich auf, bis die lodernden Flammen heulend durch den Schornstein zogen. Dann besann ich mich, was ich gethan hatte: die Arbeit von Monaten in Sekunden zerstört. Ich war ein Rasender, rasend über mich selbst, rasend über die ganze Welt! Wütend stürzte ich in die Halle, stülpte meinen Hut auf und stürmte fort. Ich lief wie ein Tollhäusler immer zu, wo und wohin, das mag Gott wissen, ich achtete nicht darauf. Mit geballten Fäusten zusammenhanglose Reden vor mich hin murmelnd, stürmte ich durch die Straßen, daß die Vorübergehenden mich anstarrten und mich für geisteskrank hielten; ich war's ja auch! 

»Mit einemmal war mein Zorn verraucht, und nun kam mir zum Bewußtsein, was ich meiner Frau angethan hatte. Ich ging heim, ich trat ins Wohnzimmer, sie war nicht da! Ich fragte die Dienstboten, sie sagten, daß sie ausgegangen sei und einen Brief für mich in mein Arbeitszimmer gelegt habe.

»Ich trat ein, da lag er, ich riß rasch den Umschlag ab und las die wenigen Zeilen:

»›Ich will Dir keine Last mehr sein und Dich nicht mehr stören, Lieber,‹ schrieb sie. ›Es war unrecht, daß ich heute früh Deine Arbeit unterbrach; aber heute ist mein Geburtstag, den Du vergessen hattest.‹

»Ihr Geburtstag, und ich hatte ihn vergessen! Und als sie zu mir gekommen war und ihren Arm um meinen Hals geschlungen hatte, da hatte ich ihr einen Stoß versetzt, und sie war fortgegangen, sie, sie wollte mich nicht mehr stören!

»Ueberall forschte ich nach ihr. Sie hatte nicht viele Bekannte in London; nur mit ihrer verheirateten Schwester und zwei Schulfreundinnen verkehrte sie. Die Schwester suchte ich zuerst auf; Betty, so heißt meine Frau, war bei ihr gewesen, hatte sich aber nicht lange aufgehalten und war, kurz ehe ich kam, fortgegangen. Sie hatte ihrer Schwester gesagt, daß sie mich verlassen wolle, daß sie mir nur im Wege sei und mich im Arbeiten störe, daß ich aufgehört hätte, sie zu lieben. Die Schwester solle sich um ihretwillen nicht grämen und sich keine Sorgen machen, sie wisse schon, was sie beginnen und wohin sie sich wenden werde, und von Zeit zu Zeit werde sie ihr schreiben.

»Einen Augenblick packte mich Argwohn, Eifersucht. Gott weiß, woher mir diese lästerlichen Gedanken kamen, jedenfalls ward ich sofort Herr darüber. Ich wußte ja, daß ich ihre Seele zermalmt, ihr tapferes junges Herz gebrochen hatte und daß sie ohne mich in die weite Welt gegangen war. 

»In alle Zeitungen setzte ich Aufrufe mit unsern Anfangsbuchstaben und beschwor sie, wiederzukehren. Alles bot ich auf, um sie zu finden; es war vergebens. Ich war vollständig außer mir. Mein einziger Freund war Rattel, Rattel, den wir seit unsrer Verheiratung besaßen und der sie auch geliebt hatte, wie er mich liebt. Rattel suchte seine Herrin, so treulich wie ich, er wußte ja, wie ich mich nach ihr sehnte. Jeden Morgen ging er vor die Hausthür und sah nach allen Richtungen um sich, ging bis an die Straßenecke und suchte dort. Ich wußte, daß er wie ich auf die Frau wartete, die nicht kommen wollte.

»Vierzehn Tage nach ihrem Verschwinden kam ein Brief. Nur wenige freundliche Zeilen. Ich sollte mir keine Sorgen um sie machen und ruhig weiter arbeiten; sie wolle mich nie mehr stören.

»Und dann habe ich nichts mehr von ihr gehört. Mein Haus wurde mir unerträglich; arbeiten konnte ich nicht; ich war wie von einem schweren Traum umfangen, endlich gab ich's verzweifelt auf. Ich wußte, daß wir für immer getrennt waren, verkaufte, was Häuslichkeit hieß, nahm meinen armen alten Rattel mit mir und zog zu Ihnen. Heute ist ein Jahr über diese Ereignisse hingegangen.«

Das war eine trostlose Geschichte und mir traten beim Zuhören die Thränen in die Augen. Dieser arme Herr Simpson! Jetzt begriff ich seine Absonderlichkeiten und wußte, weshalb er immer allein saß und mit Rattel sprach: aber sagen konnt' ich ihm nichts, als daß es furchtbar traurig sei und mir sehr leid thue, und gerade da rief Jarvis nach mir, und ich mußte in die Küche hinunter. Eigentlich war ich froh, wegzukommen; denn es war mir elend zu Mut, wenn ich den armen Menschen ansah und den Jammer und die Verzweiflung, die sich auf seinem Gesicht malten.

Jarvis wollte wegen der Beletage mit mir sprechen. Sie hatten heruntergeschickt und sagen lassen, sie erwarteten fünfundzwanzig Personen zu ihrem musikalischen Abend, und ob wir ihnen erlaubten, Stühle aus den andern Zimmern zu nehmen. Das war ja ein netter Vorschlag, bei dem mir die Galle überlief, und als Jarvis einwandte, der Aerger fruchte nichts, sagte ich ihm, daß er sich in seinem eignen Hause auf der Nase herumtanzen lasse, gab aber nach, obwohl die Leute knickrig waren und über jeden Extraposten auf der Rechnung Zeter schrieen, so daß ich gar nicht einsah, weshalb wir ihnen Stühle aus den andern Zimmern überlassen sollten. Die Möbel werden beim Vermieten ohnehin genug beschädigt; man braucht sie nicht auch noch spazieren zu tragen, und Stühle werden herumgestoßen und an die Wand gedrückt, daß die Politur abgeht, ganz zu schweigen von einer Bande Musiknarren, wovon ich einen schon kannte, einen Deutschen mit langen Haaren, der an einem einzigen Abend mehr an unserm Klavier abspielte, als alle übrigen Leute in fünf Jahren fertig gebracht hatten, und dann noch die Unverschämtheit hatte, mir zu sagen, dieses Instrument sollte zu Anzündholz kleingehackt werden, wozu er sicherlich den Anfang machte, denn er schmiß die Töne mit einer Roheit hin, daß mein Stubenmädchen immer sagte, das sei nicht Klavier gespielt, sondern gehämmert. Was mich allein wundernahm, war, daß er das Klavier nicht durch den Fußboden hindurchtrieb; denn der Kronleuchter unten zitterte derart, daß mir Hören und sehen verging und ich zu Jarvis sagte; »Wenn der noch weiterspielt, so sei so gut und drehe das Gas ab und schick ihnen Kerzen hinauf; das ist ja feuergefährlich.«

Jenen musikalischen Abend werde ich meiner Lebtage nicht vergessen, besonders wegen andrer Dinge, die sich gleichzeitig ereigneten. Herr Simpson ging aus, weil er in seiner Stimmung die Musik nicht ertragen konnte. Er sagte, der Ton einer Violine treibe ihn geradezu an, sich den Hals abzuschneiden, wenn er gerade in trüber Stimmung sei. Seinen Rattel ließ er zu Hause. Die Thür wurde den ganzen Abend über geöffnet und geschlossen, da die Gesellschaft gruppenweise kam und ging, und als Herr Simpson gegen Mitternacht nach Hause gekommen und in sein Zimmer gegangen war, trat er in der nächsten Minute wieder heraus und rief oben an der Küchentreppe: »Ist der Rattel bei Ihnen da unten?«

Mir stand das Herz still, und alle Erlebnisse mit Fido traten vor meine Seele, als ich hinaufrief: »Nein, Herr Simpson, ist er denn nicht oben?«

»Nein,« klang es mit zitternder Stimme zurück. »Wo kann er nur sein?«

Wir suchten das Haus vom Keller bis zum Speicher ab, obwohl mir die Kniee schlotterten; aber kein Rattel kam zum Vorschein. Mir schwante gleich, das Mädchen werde ihn hinausgelassen haben, wie er oft einen Abendspaziergang machte, wenn sein Herr zu Hause war, und werde in dem Umtrieb mit kommenden und gehenden Gästen nicht aufgepaßt haben, ob er zurückgekommen war.

Rattel war verloren.

Was ich gesagt oder gethan habe, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich unten in Thränen ausbrach. Ich wußte ja, wie es Herrn Simpson zu Mute sein mußte, dazu noch an diesem Tage. Wenn Rattel nicht gefunden wurde, hatte er auf der weiten Welt nichts mehr, woran sein Herz hing. Wie einen Rasenden hörte ich ihn über mir auf und ab stürmen, dann aber plötzlich vor dem Haus pfeifen und »Rattel! Rattel!« rufen; bald jedoch klang die Stimme schwächer und schwächer, denn er ging die Straße entlang.

Nach einer Stunde kam er leichenbleich wieder: nirgends eine Spur von seinem Hund. Er legte sich gar nicht zu Bett, sondern ging immer zwischen seinem Zimmer und der Hausthüre hin und her, öffnete sie und rief in die pechschwarze Nacht hinaus: »Rattel! Rattel!« Ich selbst machte auch kein Auge zu und hatte meine Zimmerthüre offen gelassen, somit hörte ich alles.

Als ich des Morgens herunterkam, saß er angekleidet in seinem Lehnstuhl; seine Augen waren rot und verschwollen, und er sah ganz unheimlich finster aus. Was er sagte, will ich nicht wiederholen, es war Gotteslästerung; aber der arme Mann war eben außer sich.

Sein Frühstück rührte er nicht an, nur eine Tasse Thee stürzte er hinunter, dann ging er aus. Er sagte, er werde ganz London durchstöbern, bis er sein Hündchen wieder habe, und ich schickte ein heißes Gebet zum Himmel, daß er es finden möge.

Gegen ein Uhr war ich in der Küche, da plötzlich – ich fuhr in die Höhe und packte die Köchin am Arm, daß sie einen Satz machte und einen Teller fallen ließ, natürlich einen Teller vom besten Porzellan; denn schlechte hat man ja nie zur Hand, um sie fallen zu lassen.

»Hören Sie?« rief ich.

Ein Hund bellte kurz und scharf auf der Thürstaffel.

Im Nu war ich oben, riß die Hausthüre auf, es war Rattel! Ich nahm ihn auf den Arm und herzte ihn wie ein Kind. Sobald er ins Zimmer kam, schnüffelte er höchst aufgeregt an allem herum und suchte seinen Herrn. Gegen drei Uhr kam dieser, zum Tode erschöpft und ganz gebrochen; aber als er Rattel erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus, nahm ihn auf den Arm und herzte ihn, gerade wie ich's auch gemacht hatte.

Doch der Hund gab keine Ruhe. Er leckte ihm die Wange, sprang aber sofort von seinem Arm, lief zur Thüre, bellte und gebärdete sich ganz merkwürdig und sah immer seinen Herrn an, daß man ordentlich die Worte zu hören glaubte: »Komm mit mir!«

Herr Simpson sah ihn befremdet an, ging zur Thüre und öffnete sie, worauf der Hund mit einem wilden Freudengeheul hinausrannte, bellte und ihn auf alle mögliche Weise einlud, mitzukommen, bis Herr Simpson, ganz erstaunt, was das Tierchen vorhabe, wirklich mitging.

Abends um acht Uhr kam er zurück, ohne den Hund. Sobald er im Haus war, rief er laut nach mir, und ich sprang eilends hinauf. So verändert hatte ich in meinem Leben noch keinen Menschen gesehen.

»Ich habe sie gefunden!« rief er mir entgegen. »Ich habe sie gefunden!«

»Ihre Frau?« stammelte ich.

»Ja, der Rattel hat sie gefunden. An dieser Thür ging sie gestern abend vorüber, als ich fort war, und er lief ihr nach und bellte, bis er ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Sie erkannte ihn alsbald, weil sie aber nicht wußte, woher er gekommen war, mochte sie ihn nicht verlassen, nahm ihn auf den Arm, trug ihn nach Hause und behielt ihn die Nacht über bei sich. Sobald aber heute früh ihre Thür aufging, entwischte er und hat den Weg zurückgefunden, Gott weiß wie; denn sie wohnt meilenweit von hier; er kam aber nur, um mich abzuholen, das war's, was er mir begreiflich machen wollte.«

»Das ist wahrhaftig gehandelt wie ein Christmensch!« rief ich aus. »Ach, ich freue mich so von Herzen, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, daß Sie Ihre Frau gefunden haben! Und wird jetzt alles wieder ins Lot kommen?«

»Ach ja, alles ist wieder gut! Sie hat mir all' meine Sünden vergeben, und zanken werden wir uns niemals wieder.« Wie ein Schatten flog's über sein Gesicht. »Mein armes Weib,« setzte er hinzu. »Sie hat eine böse Zeit durchlebt; jener unselige Stoß – aber nun will ich sie hegen und pflegen, solange ich atme; Gott segne sie!«

Ich war eine Frau und ich verstand ihn wohl.

»Monatelang war sie krank,« fuhr er fort. »Krank und schwach in einem Spital; aber ihr Leben wurde gerettet und sie ist wieder gesund und bald soll sie auch wieder kräftig werden. Aber stellen Sie sich vor, sie hat gearbeitet mit ihren geschickten lieben Fingern, Hüte und solche Geschichten gemacht, ihr Brot verdient! Aber nun ist ja alles gut, und morgen, Frau Jarvis, bring' ich sie hierher in dieses Heim; mein liebes, süßes Frauchen wieder mein eigen!«

»Und der Rattel, Herr Simpson? Wo ist denn der?«

»Rattel? Den hab' ich bei ihr gelassen, daß er für sie sorge. Ich sagte Ihnen ja, er sei der beste Freund, den ich außer meiner Frau je gehabt habe, und er war's, der uns schließlich wieder zusammengeführt hat. Gott segne ihn!«

Einen Monat lang wohnten sie noch bei uns, Herr Simpson und seine Frau, ach Gott! was war sie ein zartes, liebliches Geschöpf! Und der Rattel! Dann richteten sie sich wieder ein eigenes Haus ein und zogen fort, und ein halbes Jahr darauf schickte der Simpson uns sein neues Buch, das jetzt fertig geworden war, und als ich's aufschlug, las ich auf der ersten Seite die Widmung: »Meinem geliebten Weib – und Rattel.«

Wahrscheinlich haben daran viele Leute Anstoß genommen, denn es sieht ja sehr seltsam aus; aber ich wußte, was es zu bedeuten hatte, und bis auf den heutigen Tag kann ich keinen schwarz gefleckten Terrier sehen, ohne mich der Zeit zu erinnern, wo Herr Simpson unser Hochparterre hatte und den ganzen Tag über mit seinem »lieben alten Rattel« allein war und ihm vorlas. 



Sechstes Kapitel.
Der Geheime.

Noch Jahre nachher, so oft wir auf ihn zu sprechen kamen, hieß er kurzweg »der Geheime«, wie er in den ersten Zeiten, als er bei uns wohnte, getauft worden war. Er stellte sich uns vor, versehen mit ausgezeichneten Empfehlungen, äußerlich die Ehrbarkeit in Person, ein Mann von etlichen fünfzig Jahren, mit schwarzem, an den Schläfen ergrauendem Haar, militärischer Haltung, glatt rasiertem Gesicht und grauen Augen, die ein wenig unheimlich zwinkerten.

Etwa zehn Tage vor seiner Ankunft hatte eine Frau Vernon Cobbett die Beletage bezogen und noch ein Zimmer im dritten Stock dazu gemietet, das sie als Kinderstube einrichtete, denn sie hatte ein Kindchen und eine Wärterin bei sich, und in das Zimmer neben dieser Kinderstube mietete sich nun der Geheime ein.

Wir sagten ihm gleich, daß er ein kleines Kind zum Nachbar bekomme, das ziemlich viel schreie, wogegen wir natürlich nichts machen könnten, da es im Grunde natürlich sei, er sagte aber, das störe ihn gar nicht, denn tags über sei er selten zu Hause, und bei Nacht habe er einen so guten Schlaf, daß kein Zehnpfünder ihn aufwecken würde, geschweige denn Frau Vernon Cobbetts Kindchen.

Frau Vernon Cobbett war eine große blonde Dame, deren Alter ich zwischen dreißig und vierzig Jahren schätzte. Sie fuhr eines Tages in einer Droschke vor, fragte, ob wir eine Wohnung zu vergeben hätten, besah sich unsre Beletage, die ihr durchaus zusagte, und erklärte mir, daß sie noch eine Kinderstube in einem andern Stock haben möchte. Nachdem sie sich auch die ausgesucht hatte, kamen wir bald ins reine, sie gab mir die Adresse eines Rechtsanwalts, bei dem ich Erkundigungen einziehen konnte, und sagte, sie werde in der nächsten Woche kommen, was auch geschah, und vergessen werde ich sie schwerlich, denn sie gehörte zu der Art von Frauen, die sich dem Gedächtnis eines jeglichen einprägen, der mit ihnen zu thun hat.

Daß sie in Beziehung auf ihr Kind große Ansprüche machte, nahm ich ihr nicht übel, eine Mutter ist eine Mutter und naturgemäß sehr sorglich, wo es sich um ihr Kind handelt, aber in allen übrigen Dingen war es um kein Haar besser, nichts war ihr recht zu machen, alles hatte sie zu tadeln. Es zog im Hause, und das war Gift für ein Kind, der Kamin rauchte, und das war Gift für ein Kind, die Leute, die auf der Treppe auf und ab gingen, machten Geräusch und weckten das Kind auf, was abermals Gift war, obwohl ich nicht recht einsehen konnte, weshalb, denn nach Frau Vernon Cobbett – sie war wütend, wenn man es je unterließ, beide Namen zu sagen – schlief das Kind zufällig immer, wenn ein Geräusch im Haus entstand. Mit dem Zug in der Beletage machte sie uns ganz rasend. Jarvis nagelte Kautschukstreifen an die Thüren, steckte Sandsäcke zwischen die Doppelfenster, hämmerte und bastelte den ganzen Tag, um jede Ritze zu verschließen; aber trotz der Geldopfer, die wir für Windschirme und Thürvorhänge brachten, behauptete sie bis zum Auszugstag, es ziehe in ihren Zimmern, daß eine Windmühle darin arbeiten könnte.

Was sie an Gas verbrannte, war einfach fürchterlich; denn sie ließ es am hellen Tag bei geschlossenen Thüren stundenlang brennen, weil sie friere, so daß ich manchmal, wenn ich hineinkam, beinahe ohnmächtig wurde von dieser Backofenhitze, gar nicht davon zu reden, wie es die Zimmerdecken schwärzte, die wir unmittelbar vor ihrer Ankunft hatten malen lassen, und die nach vier Wochen schon wieder so übel zugerichtet waren wie vorher. Ich sagte nicht viel darüber, denn, ehrlich gestanden, ich fürchtete mich vor dieser Frau, weil sie eine scharfe Zunge hatte oder, wie Jarvis sich ausdrückte, ein Lästermaul war, und nachdem ich gehört hatte, wie sie über andre Leute sprach, und nachdem die Wärterin mir den Wink gegeben hatte, ich solle mich in acht nehmen, denn sie stifte gern Unheil an, dachte ich mir, das Klügste sei, den Mund zu halten. Es war ihr vollständig zuzutrauen, daß sie die abenteuerlichsten Gerüchte über unser Haus verbreiten würde, und da man meist gar nicht erfährt, was über einen gesagt wird – höchstens bringt's der Zufall einmal an den Tag –, so kann ein Geschwätz großen Schaden anrichten, ohne daß man sich dessen erwehren oder den Menschen klar machen könnte, daß alles Lüge ist.

Ich erinnerte mich sehr wohl, wieviel meine arme Mutter darunter leiden mußte, daß sie einer Dame gekündigt hatte, weil sie es nicht gern sah, daß ein Herr immer so spät abends zu Besuch kam. Die Mutter mußte dann oft bis lange nach Mitternacht aufbleiben, um ihn hinaus zu lassen, und da der Gemahl dieser Dame in Indien war, kam ihr die Sache nicht ganz geheuer vor, obwohl ja möglicherweise kein Unrecht dabei war; aber wer möblierte Wohnungen vermietet, kann gar nicht vorsichtig genug sein, indem der Ruf eines Hauses so leicht Schaden leidet. Nachdem diese Dame ausgezogen war, geschah's, daß meine arme Mutter lange, lange Zeit unvermietet blieb, und erst durch einen Zufall stellte sich später heraus, daß die Dame überall erzählt hatte, sie hätte ausziehen müssen, weil ihr so viele Sachen abhanden gekommen seien, sogar Geld, und weil ihre Schränke und Schubladen in ihrer Abwesenheit durchsucht worden wären. Wie sich solche Reden weiter verbreiten, ist ein Rätsel; denn man sollte denken, es wären nur ein paar Leute, die davon erfahren, aber auf irgend eine Weise verbreiten sie sich doch weit genug, um ein Geschäft zu schädigen. Sobald ich also merkte, welch böse Zunge diese Frau Vernon Cobbett hatte, sagte ich zu Jarvis: »Was sie auch anstellen mag, zur Feindin will ich sie mir nicht machen. Wir ertragen sie, solange es angeht, und greifen's dann geschickt an, sie selbst zu einer Kündigung zu bringen.«

Was mich zuerst gegen diese Frau aufbrachte, war die Art und Weise, wie sie von ihrem Mann sprach, den sie seines schlechten Lebenswandels halber verlassen haben wollte. Da Herr Vernon Cobbett ein bekannter Romanschreiber war – natürlich habe ich den Namen verändert – über den sehr viel gesprochen und geschrieben wurde und der, wie ich immer gehört hatte, überall in großer Achtung stand, fand ich's abscheulich, daß seine Frau mir solche Dinge von ihm erzählte, denn sie hatte ja unbedingt das Recht, mich für eine Vermieterin zu halten, wie andre auch, die klatschen und die Lebensgeschichte ihrer Mieter den Nachbarn und späteren Mietern ausschwatzen. Bei mir ist das freilich nicht vorgekommen, denn ich habe keine Lust am Klatsch und war immer der Ansicht, daß meine Beobachtungen über die Verhältnisse der bei mir wohnenden Damen und Herren niemand etwas angingen.

Die Wärterin, die eine sehr nette Person vom Lande war, pflegte uns unten mancherlei zu erzählen, und daß Frau Vernon Cobbett ihren Mann verlassen hatte, war offenbar richtig: denn sie hatte eines Tages nach dem zweiten Frühstück den Wagen bestellt gehabt, war mit ihren Koffern, der Wärterin und dem Kindchen davongefahren, in ein Seebad gereist und seither von Ort zu Ort gezogen, bis sie zu uns gekommen war. Dabei war von Herrn Cobbett nie etwas zu sehen gewesen und kein Brief von ihm gekommen; denn die Kinderfrau hätte das wissen müssen, da sie alle Morgen, ehe die Dame aufstand, die Briefe auf dem Frühstückstisch liegen sah und die Handschrift ihres »Herrn«, die besonders groß und kühn und gar nicht zu verwechseln war, genau kannte. Daß Frau Vernon Cobbett, nachdem sie sich als die Frau des berühmten Schriftstellers vorgestellt hatte, mir begreiflich machen wollte, daß der Grund, weshalb sie von ihrem Manne getrennt lebe und weshalb er sie und das jetzt dreijährige Kind nie besuchte, einzig in ihrem Willen liege, war am Ende natürlich, höchst überflüssig aber war, daß sie ihn einer völlig Fremden gegenüber derartig als Schurken hinstellte. Als ich meinem Jarvis erzählte, was sie mir von ihrem Manne gesagt hatte, war er ganz empört und sagte, wie sich's auch in Wahrheit verhalten möge, es sei jedenfalls schamlos von einer Frau, derartige Dinge auszuschwatzen, und man könne dem Herrn Vernon Cobbett nur Glück dazu wünschen, daß er eine solche Person losgeworden sei, möge er nun selbst seine Fehler haben oder nicht, und obwohl ich ja weiß, daß die Männer sehr schlecht sein können und ihre Frauen ungebührlich behandeln, so könnte ich mich wahrhaftig nicht hingezogen fühlen zu einer Frau, die in der Weise von ihrem Gatten und dem Vater ihres Kindes sprach.

Die Kinderfrau sagte überdies, er sei ein sehr netter Mann, nur ein wenig heftig und hitzig, wie sie bemerkt habe, da sie öfters das Kind habe holen müssen, wenn Vater und Mutter sich gezankt hatten. Er sei dann mit geballten Fäusten, die Nägel ganz im Fleisch eingekrallt und mit zuckendem Gesicht auf und ab gegangen, während seine Frau dagesessen sei mit einem höhnischen, frechen Lächeln, wobei sich, so sagte die Kinderfrau, jeder Mann hätte vergessen und ihr etwas an den Kopf werfen können, was Herr Vernon Cobbett übrigens niemals gethan habe. Meist habe er seinen Gefühlen nur dadurch Luft gemacht, daß er seinen Hut genommen und das Haus verlassen und allerdings die Thür derart zugeschlagen habe, daß es gewesen sei, als ob ein Erdbeben das ganze Gebäude erschüttere, und daß manchmal Blumenvasen und Küchengeräte von den Schanzen gestürzt seien. Wenn ihm die Frau ins Gesicht gesagt hat, was sie hinter seinem Rücken von ihm sagte, so nimmt mich das auch gar nicht wunder, und wenn ich der Mann gewesen wäre, hätte ich ihr den Kopf in die Thür geklemmt.

Erst nachdem sie etliche vierzehn Tage unter unserm Dach wohnte, fingen wir an, auf das seltsame Verfahren des Herrn im dritten Stock aufmerksam zu werden und ihm den Spitznamen »Der Geheime« beizulegen. Jarvis war der erste, dem einiges auffiel. Bei einem Ausgang trat er auf die andre Seite der Straße, um am Haus hinaufzusehen und zu prüfen, wie sich einige neu angeschaffte Blumentischchen ausnahmen, wobei er dann Herrn Greenslade mit der Pfeife im Mund zum Fenster heraus lehnen sah, was uns nicht gerade angenehm war, denn es kleidet ein Haus schlecht. Wo eine Pfeife zum Fenster heraus hangt, wohnen in der Regel Studenten in billigen Stuben, in Häusern ersten Ranges ist es nicht üblich. Selbstverständlich erschien uns aber der Mann nicht deshalb geheimnisvoll, sondern Jarvis ging zufällig an diesem Tage noch einmal aus und blieb mitten auf der Straße stehen, um sich zu besinnen, was er eigentlich holen wolle. Während er der Hausthüre beinahe gegenüber im Schatten stand, sah er Frau Vernon-Cobbetts Kinderfrau heraustreten mit einem Brief in der Hand, den sie in den Briefkasten werfen wollte, und unmittelbar nach ihr trat Herr Greenslade heraus, ging hinter ihr drein und stieß so heftig gegen ihren Arm, daß sie den Brief aufs Straßenpflaster fallen ließ. Er hob ihn auf, zog den Hut, entschuldigte sich und ging weiter; was aber Jarvis zu denken gab, war, daß er ganz genau gesehen hatte, daß der Zusammenstoß kein zufälliger gewesen war, wie Herr Greenslade natürlich zu seiner Entschuldigung vorgab, sondern daß er absichtlich und eilig hinter ihr drein gegangen war.

Als er mir's erzählte, sagte ich natürlich, es sei seltsam, vielleicht aber habe er einfach mit der Person ins Gespräch kommen wollen und diesen Vorwand dazu gesucht. So etwas begegnet ja jüngeren Frauenzimmern häufig, und ich selbst bin mehrmals in dieser Weise von frechen Männern belästigt worden, die dann weitläufig um Verzeihung baten, worauf ich allerdings immer kurz angebunden: »Schon gut« sagte und einfach meiner Wege ging. Ich nahm mir vor, mit der Wärterin zu sprechen und sie vor solchen Zudringlichkeiten zu warnen, namentlich ihr zu sagen, daß sie nicht darauf eingehen solle, wenn der Mann sie im Haus anrede. Das that ich auch, aber ohne viel Erfolg; denn sie wurde nur ein wenig rot, und ich war daher keineswegs überrascht, die beiden eines Tags, als ich leise die Treppe herauf kam, im Flur schwatzend zu finden. Mich ging das selbstverständlich nichts an und der Dame mochte ich nichts davon sagen, denn ich wußte ja, was für ein bösartiges Geschöpf sie war. Am Abend wusch ich aber der Kinderfrau tüchtig den Kopf, sie behauptete aber, ich sehe Gespenster. Herr Greenslade habe einfach im Vorübergehen mit ihr ein wenig über ihre Verwandten in Kent, ihrer Heimat, gesprochen, die er auch kenne.

Ich sagte zu meinem Mann, er solle mit Herrn Greenslade sprechen und ihm sagen, daß wir derlei Unfug im Haus nicht liebten; er meinte aber, das käme zu unfreundlich heraus, und was denn schließlich dabei sei, wenn ein Mann seines Alters und von seiner Ehrbarkeit ein paar Worte mit einem Dienstmädchen spreche, und es könnte uns sauer werden, das Zimmer anzubringen, da wenig Leute Lust hätten, auf einem Boden mit einem kleinen Kind zu wohnen.

Nun kam aber noch etwas Seltsames hinzu. Zwei Tage nach dem Zusammenstoß mit der Kinderfrau kam ich des Morgens ein paar Minuten vor acht Uhr die Treppe herunter und fand die Hausthür offen und Herrn Greenslade in Pantoffeln mit der verwünschten Pfeife im Mund auf der Schwelle stehend.

»Guten Morgen, Frau Jarvis,« sagte er. »Ich habe heute nacht schlecht geschlafen und will jetzt ein bißchen frische Luft schöpfen, damit ich Appetit zum Frühstück bekomme.«

Ob Pfeifenrauchen vor dem Frühstück appetitreizend sei, war mir mehr als fraglich, ich sagte jedoch nichts, ärgerte mich aber sowohl über die Pantoffeln als über die Pfeife, da beides für ein Haus ersten Ranges wie das unsrige, wo Personen vom höchsten Adel gewohnt hatten und hoffentlich wieder wohnen würden, sehr unpassend war. Ich zuckte also nur die Achseln und ging in die Küche hinunter und etwa zehn Minuten darauf hörte ich die Hausthür schließen und Greenslade an der Hintertreppe rufen! »Hier sind die Briefe, Frau Jarvis; der Briefträger gab sie mir, weil ich gerade unter der Thüre stand.«

Ich ging hinauf, und er reichte mir zwei Briefe an Jarvis und einen an Frau Vernon Cobbett. Dieser war in einem blauen Umschlag und zufällig bemerkte ich, daß er von einer auswärtigen Advokatenfirma kam, deren Stempel auf der Rückseite stand, wie es ja bei Geschäftsbriefen bräuchlich ist.

Dann ging er in sein Zimmer hinauf und zwar pfeifend, was abermals eine schlechte Gewohnheit von ihm war und worüber ich ihn eines Sonntags zur Rede stellen mußte, weil eine sehr fromme alte Dame, die damals im Hochparterre wohnte, ganz entsetzt darüber war und mir sagte, es sei Gotteslästerung, an einem Sabbathmorgen mit frecher Stirne Gassenhauer zu pfeifen, und sie hätte nicht gedacht, solches in einem christlichen englischen Haus erleben zu müssen. Ich teilte ihm mit, die Dame hätte sich beklagt, und er sagte, es thäte ihm sehr leid und er werde hinfort am Sonntag nur Choräle pfeifen.

Vielleicht würden wir all diese Einzelheiten nicht so genau beachtet haben, wenn nicht größere Ereignisse sich daran geknüpft hätten. Eine ältliche Person namens Grayling verkehrte häufig mit Frau Vernon Cobbett, und die Wärterin sagte uns, sie sei eine alte Dienerin aus Frau Vernon Cobbetts Elternhaus, die sie häufig besucht habe, als sie noch mit ihrem Mann zusammen lebte, und eines Tages kam Herr Greenslade, gleich nachdem sie fortgegangen war, so eilends die Treppe herunter, daß er die Marie, unser Hausmädchen, die gerade den Treppenläufer abnahm, fast niedergerannt hätte, und stürzte zum Haus hinaus, und da ich zufällig an der Hausthür war, sah ich ihm nach und bemerkte, daß er an der Straßenecke einige Worte mit einem dort herumlungernden Schutzmann wechselte, der dann eilends die Richtung einschlug, die jene Frau Grayling genommen hatte, während Herr Greenslade selbst in eine Droschke sprang.

»Jarvis, in diesem Haus geht etwas vor, was ich nicht begreife,« sagte ich unten zu meinem Mann und erzählte ihm alles, was ich gesehen hatte, worauf er mir die Antwort gab: »Susanne, ich habe des Rätsels Lösung gefunden, dieser Greenslade ist so ein Mensch von der Geheimpolizei, und Frau Vernon Cobbett wird überwacht und all ihr Thun beobachtet.«

Sobald Jarvis diese Behauptung aufgestellt hatte, war ich vollständig von ihrer Richtigkeit überzeugt, aber natürlich nichts weniger als erfreut; denn nun malte ich mir sofort die entsetzlichsten Möglichkeiten aus, und meine stete Angst, unser Haus könnte in einen Skandal verwickelt werden, wovon ich ja früher schon gesprochen habe, erfaßte mich aufs neue mit aller Macht. Davor graute mir am meisten und davor hatte mich meine liebe Mutter am meisten gewarnt, und ich erinnerte mich ihrer Worte noch lange, nachdem die liebe arme Seele zur ewigen Ruhe eingegangen war durch eine Erkältung, die sie sich zugezogen hatte, als sie spät in der Nacht in der Küche aufblieb und einschlief und das Feuer hatte ausgehen lassen aus Rücksicht auf die Dienstboten, die sie ins Bett geschickt hatte, während einer von ihren Mietern auf einem Ball war und sie ihm keinen Hausschlüssel hatte geben können, weil die Köchin aus Unachtsamkeit einen verloren hatte, und das Schloß noch nicht verändert worden war, sie also selbstverständlich darauf bestand, daß bis dahin die Sicherheitskette vorgelegt würde; denn wie leicht konnte jemand den Schlüssel auf der Straße aufgelesen haben, um bei Nacht hereinzukommen, das Haus auszurauben und spurlos zu verschwinden. Ein eigenes Kapitel könnte ich schreiben über verschleuderte oder achtlos mit fortgenommene Hausschlüssel, und was Zimmervermieterinnen darunter leiden, davon macht sich kein Mensch eine Vorstellung; denn solange ein Hausschlüssel fehlt, kommt man gar nicht aus dem Zittern heraus, fährt die ganze Nacht bei jedem Knistern im Holz zusammen, weil man ja nie weiß, was geschehen wird, und hat keine Ruhe, bis die Thür verriegelt ist.

Als Jarvis und ich zu der festen Ueberzeugung gelangt waren, das Geheimnis des dritten Stocks ergründet zu haben, waren wir beide sehr bekümmert; aber Jarvis meinte dann, der »Geheime« sei vielleicht auch nur im Dienst des Ehemannes da, der seine Frau beaufsichtigen lassen und wissen wolle, was sie treibe, und in dieser Hinsicht brauchten wir uns nicht zu beunruhigen, weil Frau Cobbett ja nie des Abends ausgehe, keine Besuche empfange und, abgesehen von ihren häßlichen Reden über ihren Mann, ein musterhaftes Leben führe, das auch nicht den leisesten Anlaß zu übler Nachrede gebe.

Trotzdem hielten wir nun die Augen offen, ließen aber Frau Vernon Cobbett und auch der Wärterin gegenüber keine Silbe von unserm Verdacht laut werden. Eines Abends hörten wir, als alle schon zur Ruhe gegangen waren, eine Treppenstufe krachen, worauf Jarvis vorsichtig die Thür aufmachte, sich übers Treppengeländer beugte und ganz deutlich sah, wie Herr Greenslade mit bloßen Füßen die Treppe hinunterschlich und ein Licht, das er in der Hand hielt, auf dem zweiten Absatz ausblies, was sein Benehmen noch bedeutend verdächtiger machte. Als Jarvis wieder hereinkam und mir das erzählte, sagte ich: »Als Hausherr hast du die Pflicht, dich zu erkundigen, was das bedeute. Wenn du derlei Dinge zulassen willst, ich dulde sie nicht«

Jarvis, der von jeher ein schwachherziger Mann gewesen war und zu allem angespornt werden mußte, sah, daß mir's bitterer Ernst war, und nahm daher seinen Mut zusammen, was ihm immer sauer wurde, wenn sich's um etwas Unangenehmes handelte, warf ein paar Kleidungsstücke über, schlüpfte in seine Pantoffeln und schlich auch leise die Treppe hinunter, während ich ein Licht über das obere Geländer hielt. Im ersten Stock hielt er an und machte mir ein Zeichen, das ich sofort verstand: der Mann war in Frau Vernon Cobbetts Wohnzimmer. Ich konnte mir leicht denken, daß er dort in ihren Sachen herumschnüffele, und das empörte mich; die Vorstellung, daß der eine Mieter nachts um zwei Uhr heimlich in den Sachen eines andern kramt, ist wirklich für die Besitzerin eines anständigen Hauses ein Greuel!

Mit einemmal sah ich eine Gestalt aus dem Wohnzimmer treten und überrascht stehen bleiben. Jarvis war im Begriff, sie anzurufen, aber die Gestalt – es war Herr Greenslade – faßte ihn am Arm und legte ihm die Hand auf den Mund. »Um Gottes willen, keinen Laut!« hieß das deutlich, und Herr Greenslade bedeutete meinen Mann durch ein Zeichen, ihm leise auf sein Zimmer zu folgen, was Jarvis auch that, und zwar mit Recht; denn es wäre ein netter Skandal gewesen, wenn er Lärm geschlagen hätte und alle Leute in ihren Nachthemden an die Thüren gestürzt wären, um sich mitten in der Nacht nach der Ursache des Geräusches umzusehen. Ich ging ins Schlafzimmer zurück, kleidete mich so weit an, um mich sehen lassen zu können, und ging dann geradeswegs in Herrn Greenslades Zimmer im dritten Stock; denn ich fühlte, daß etwas geschehen mußte und daß Jarvis sich von diesem Geheimpolizisten einseifen und um den kleinen Finger wickeln lassen würde.

Herr Greenslade saß ganz unbefangen und gelassen in seinem Lehnstuhl und Jarvis stand, vor Kälte schnatternd, daneben; denn wer's nicht gewöhnt ist, der friert furchtbar, wenn er bei Nacht in Pantoffeln herumschleicht.

»Ach, Frau Jarvis,« sagte der Mensch so kühl wie eine Gurke, »ich bin untröstlich, den Schlaf auch aus Ihren schönen Augen vertrieben zu haben, und bitte Sie tausendfältig um Entschuldigung.«

»Auf Ihre Entschuldigungen verzichte ich,« gab ich ihm kampfbereit zurück; »aber wissen will ich, was Sie in Frau Vernon Cobbetts Zimmer zu schaffen haben und mit welchem Recht Sie dort eindringen.«

Ich sah, daß er ihre Schreibmappe in der Hand hielt, die er offenbar unten geholt hatte.

»Meine liebe Frau Jarvis,« erwiderte er, »wenn Sie mich ruhig arbeiten lassen, so kann alles Aufsehen vermieden werden, wenn Sie einschreiten wollen, so haben wir den Skandal. Ich bin einfach im Begriff, einen sehr alten Kunstgriff auszuführen, der Ihnen aus Romanen und Theaterstücken bekannt sein wird; ich werde dieses Löschblatt an einen Spiegel halten und sehen, was ich entziffern kann.«

»Jarvis,« rief ich, die Sache im Nu begreifend, »wenn du das duldest, so bist du so schlecht, wie dieser Mensch; andrer Leute Privatbriefe zu lesen, ist einfach ehrlos.«

»Vollkommen richtig bemerkt, Frau Jarvis,« sagte Herr Greenslade, ohne mit der Wimper zu zucken; »aber die Sache liegt einfach so, daß Sie sich selbst eine Menge Verdrießlichkeiten ersparen, indem Sie mich gewähren lassen. Erstens ist mein Name nicht Greenslade, ich bin Beamter der Fahndungspolizei, hier meine Karte.«

Er reichte uns eine Visitenkarte, worauf wir den Namen eines berühmten Fahnders von Scotland Yard lasen, was mir beinahe den Atem benahm. Jarvis klapperte nicht mehr mit den Zähnen, aber er lief jetzt blau an; denn der Mann hat nie Anlagen zum Helden gehabt.

»Ich bin im Auftrag des Gesetzes hier und fordere daher Ihren Beistand,« fuhr der »Geheime« fort. »Die Dame unter uns ist Herrn Vernon Cobbetts Frau, wenigstens hat sie ihn geheiratet. Seit längerer Zeit erhalten seine Verleger, seine Freunde, seine Lieferanten und die Redaktionen verschiedener Zeitungen anonyme Zuschriften mit abscheulichen Verleumdungen seiner Person, und er hat die Ermittelung des Urhebers der Polizei anvertraut. Dieser Schritt war nötig, weil die Verdächtigungen zum Teil derart sind, daß er vor Gericht gestellt werden müßte. Diese Frau ist eine Abenteurerin, ich habe ihren Lebenslauf verfolgt, ihren persönlichen und brieflichen Verkehr beobachtet, um einem etwaigen Mitschuldigen auf die Spur zu kommen. Die Mitschuldige ist entdeckt, das heißt, ich weiß, wer die Briefe zur Post befördert. Geschrieben werden sie hier, und der Beweis, den ich brauche, ist wahrscheinlich in diesen Löschblättern zu finden, die den Abdruck des einen oder andern Briefes enthalten müssen. Lassen Sie mich eine Stunde lang im ungestörten Besitz dieser Mappe, die ich dann an ihren Platz zurückbringen werde, und tragen Sie damit zur Rettung eines Mannes bei, der sonst in schamloser Weise dem Untergang zugetrieben würde. Wenn Sie mich daran hindern, Lärm schlagen, Frau Cobbett warnen, was haben Sie davon? Sie wird nicht nach der Polizei rufen, denn der würde ich abwinken; aber ich würde die Mappe einfach behalten, und somit wäre die Sache nur verschlimmert.«

»Aber das ist ja gräßlich!« rief ich aus. »Wie können wir ein solches Unrecht in unserm Hause geschehen lassen?«

»Sie vergessen mein Amt, Frau Jarvis, und daß ich nur meiner Berufspflicht gemäß handele.«

»Nun denn, wir werden ja wohl nachgeben müssen,« sagte ich zu Jarvis. »Aber mir ist diese Sache entsetzlich zuwider. Sie bringen die Mappe doch gewiß wieder an ihren Platz?«

»In einer Stunde, wenn Sie jetzt gütigst zu Bett gehen wollen, Frau Jarvis.«

Jarvis sagte mir, er meine, wir könnten nach dem, was uns mitgeteilt worden sei, nur Vorstellungen dagegen machen; das hatten wir gethan, ohne Erfolg freilich, aber mehr stehe nicht in unsrer Macht; und so müßten wir eben zu Bett gehen und Herrn Greenslade die Mappe überlassen. Wir legten uns nieder, aber von Schlaf war natürlich keine Rede; denn die Vorstellung, einen Fahnder unter seinem Dach zu haben und in der Beletage eine Person, die anonyme Briefe schreibt, hätte ein Murmeltier um den Schlaf bringen können, geschweige denn fühlende Menschen.

Am andern Morgen kam Herr Greenslade nach dem Frühstück in unser Wohnzimmer herunter und sagte, es werde uns wohl erwünscht sein, von seinen weiteren Schritten unterrichtet zu werden. Er habe alles herausgebracht, was er brauche, und werde jetzt mit Frau Vernon Cobbett sprechen, auf deren sofortige Abreise wir gefaßt sein müßten. Selbstverständlich habe er den Fall mit Erlaubnis seines Vorgesetzten im Privatauftrag des Herrn Cobbett untersucht, da dieser seine Frau nicht gerichtlich verfolgen lassen wolle, wir hatten also keine Ungelegenheiten und keinen Skandal zu befürchten und brauchten uns nicht zu ängstigen. Er sei uns zu Dank verpflichtet und werde heute ausziehen, aber natürlich noch eine Woche bezahlen, da er nicht rechtzeitig gekündigt habe, und wir sollten die Geschichte vergessen und begraben sein lassen.

Dann ging er hinauf und trat in Frau Vernon Cobbetts Zimmer, wo sie beim Frühstück saß, schloß die Thür hinter sich, blieb eine Viertelstunde drin und begab sich dann auf sein Zimmer, um zu packen. Eine Stunde später schickte Frau Vernon Cobbett nach mir und sagte mir, daß sie eines Prozesses halber sofort abreisen müsse. Sie rechnete ab, bezahlte alles, was gefordert wurde, und am Nachmittag verließ sie uns samt Kind und Wärterin auf Nimmerwiedersehen.

Ein paar Monate später traf Jarvis auf der Straße mit Herrn Greenslade zusammen, und dieser erzählte ihm, daß er jetzt den ganzen Lebenslauf der Dame kenne und daß Herr Cobbett gänzlich von ihr befreit sei. Nicht nur eine Abenteurerin sei sie, die den unglücklichen Mann zur Heirat verlockt habe, sondern sie sei damals längst die Frau eines andern gewesen, eines Schiffsarztes auf der australischen Linie. Weil sie im Vorleben ihres ersten Mannes einen dunklen Punkt entdeckt habe, sei es ihr gelungen, ihn damit so einzuschüchtern, daß er sie freigegeben und ihr versprochen habe, nie mehr in ihr Leben einzugreifen, was sie auch thun möge.

Aber Herr Greenslade war hinter all ihre Schliche gekommen und Herr Cobbett ließ, wie wir nachher in den Zeitungen lasen, seine Ehe für ungültig erklären, wogegen sie keinerlei Einsprache erhob, natürlich aus guten Gründen.

Das Kind überließ sie dem Vater und ging ins Ausland. Das war das Geheimnis des Geheimen vom dritten Stock, und es freut mich, sagen zu können, daß in seiner Person zum ersten- und letztenmal jemand im Auftrage des Gesetzes bei uns gewohnt hat. Ich hatte ja von Anfang an gemerkt, daß diese Frau nicht viel wert sei; denn wer von andern schlecht spricht, taugt selbst nicht viel. Das habe ich sogar bei Dienstboten gefunden. Sobald sie anfangen, über ihre vorige Herrschaft zu schimpfen, kann man sich darauf verlassen – doch ich will lieber nicht über Dienstboten schreiben, denn wenn ich damit anfinge, hätte nichts anderes Raum in meinen Erinnerungen.



Siebentes Kapitel.
Jarvis.

Ein stattlicher Mann und ein guter Gatte, das war er ganz gewiß, mein lieber, armer Jarvis, und ich weiß, daß er mich glücklich machen wollte, und eine Zeitlang hat er's auch gethan. Vielleicht war's auch wirklich nicht seine Schuld, daß er später im Leben eine Prüfung für mich wurde und daß er mir mitunter in dem Grade auf die Nerven ging, daß ich mich einschließen und den Kopf unter die Bettdecke stecken mußte, damit die Leute nicht hörten, daß ich eine Viertelstunde lang geradezu schrie, um meinen Gefühlen Luft zu machen.

Nach seinem vierzigsten Geburtstag fing das Uebel an und begann sein Geist sich zu trüben, nicht, daß der Aermste getobt hätte, aber er wurde gedrückt, fühlte sich elend, fing an, um seine Gesundheit zu sorgen, und war immer im Begriff, an einer entsetzlichen Krankheit zu sterben, saß stundenlang im Lehnstuhl am Feuer und starrte vor sich hin, sagte, daß er nur Platz versperre auf der Welt und sprach vom Kirchhof, was gerade nicht anregend ist für eine viel geplagte Frau, die sich nach den Launen und Einfällen von einem halben Dutzend Menschen richten muß, von den Dienstboten ganz abgesehen, die wirklich mitunter eine Heilige zum Zorn reizen könnten, und eine Heilige zu sein, habe ich mir nie angemaßt.

Es war ja natürlich sehr bequem für ihn, das ganze Unheil seiner armen Mutter in die Schuhe zu schieben, der er nachgeartet sei; aber ich habe mit derlei Ausflüchten nie Geduld gehabt und oft zu ihm gesagt, wenn das eine Entschuldigung sei, müßte man ja die Mutter prügeln, so oft das Kind etwas Unrechtes thue; aber darauf entgegnete er, ich rede Unsinn und er habe doch recht. Der Mensch könne ja auch nichts dafür, daß er seines Vaters Nase oder seiner Mutter Augen habe, und wenn sich Gesichtszüge vererbten, ohne daß man's ändern könne, so vererbten sich auch Gemütsart, Körperbeschaffenheit und Anlagen und andre Dinge, woran man nichts ändern könne, und es habe gar keinen Wert, deshalb an einem Menschen herumzunörgeln.

Das erste Mal, als er mir die Nörgelei vorwarf, fuhr ich auf; denn wenn es je eine Frau gegeben hat, die ihres Mannes Launen und Eigenheiten mit der Geduld einer Märtyrerin ertragen hat, so war ich's. Vielleicht, daß ich hie und da kein Blatt vor den Mund genommen und ihm unumwunden gesagt habe, ein ausgewachsener Mensch sollte sich schämen, zu wimmern und zu winseln, wie er's that, wenn er nur einen Schmerz im kleinen Finger spürte; aber eine Nörglerin war ich nie, auch kein Hausdrache, noch weniger händelsüchtig und eigenwillig, wie es manche Frauen gibt, bei denen der Mann nicht mehr über seine eigene Seele verfügen darf, was ich nie leiden konnte, denn ich war von jeher der Ansicht, die Frau solle sich dem Mann unterordnen, ausgenommen natürlich in Sachen, wovon er nichts versteht.

Bis zum vierzigsten Jahre war Jarvis ein Muster von einem Ehemann und eine große Hilfe und Stütze für mich, und ich hatte immer das Gefühl, jemand zu haben, auf den ich mich verlassen konnte, bis auf die Gelegenheiten, wo es galt, einem Hausgenossen etwas Unangenehmes zu sagen; denn da war er nicht mehr nütze, als eine Sägmehlpuppe, und pflegte alle derartigen Dinge, wie eine Klage auszusprechen, oder einem unliebsamen Mieter zu kündigen, mir zu überlassen; denn sobald derlei Schwierigkeiten entstanden, hatte er auswärts Geschäfte, nahm seinen Hut, ging fort und kam erst wieder, wenn alles im Lot war. In andrer Weise aber war er sehr brauchbar, und alle Damen und Herren, die bei uns wohnten, hatten ihn gern, ja ich bin fest überzeugt, manche fanden ihn viel netter als mich, denn, selbst wenn sie in ihren Schlafzimmern Feuerwerk abgebrannt hätten, er würde dazu geschwiegen haben.

Etwas derart kam thatsächlich einmal vor; ein junger Herr, der furchtbar schwarz im Gesicht war und einen unaussprechlichen Namen hatte, ein japanischer Prinz, der in London studierte, blies eines Tags seine Fensterscheiben geradeswegs in die Luft, vermittelst eines Stoffs in einer Glaskugel. Er nannte es ein chemisches Experiment, und es war nur ein Glück, daß wir selbst nicht in unkenntlichen Stücken in der Nachbarschaft umherflogen.

Ich war damals gerade ausgegangen, um mich nach einem Dienstmädchen zu erkundigen, und als ich gegen das Haus kam, den Volksauflauf gewahrte und meine Fenster vom zweiten Stock auf dem Pflaster liegen sah, meinte ich doch, mich müsse der Schlag rühren. Wie ich ohne fremde Hilfe heimkam, weiß ich nicht, aber ich erreichte das Haus und fand all die Damen und Herren in einem netten Zustande. Alle miteinander erklärten, daß sie heute noch ausziehen würden und daß wir uns schämen sollten, ausländische Nihilisten in einem anständigen Hause zu beherbergen. Als ich endlich an die Unglücksstätte gelangte – meine Beine trugen mich kaum die Treppe hinauf – fand ich Jarvis wie ein großes Wickelkind im Zimmer stehend, voll Teilnahme für den Japaner, den er über und über mit dem Mehllöffel einpuderte, weil sein Schnurrbart und seine Augenbrauen übel versengt waren, was ihm ganz recht geschah. Wenn ich zuerst auf der Bildfläche gewesen wäre, würde ich ihn mit dem Mehllöffel hinausgestäupt haben, obwohl er wahrscheinlich wirklich Schmerzen hatte, da versengte Wimpern nichts Angenehmes sind; so aber konnte ich ihm nur in dürren Worten sagen, was ich von seinem Benehmen hielte, und daß ich ihn ersuchte, sich und seine chemischen Experimente zum Kuckuck zu scheren und daß, wenn er nicht innerhalb einer Stunde seine sieben Sachen packe und auf eine Droschke lade, ich nach der Polizei schicken und ihn mit oder ohne Augenbrauen hinausbefördern lassen werde. Und den Schaden am Haus und den Möbeln, vom Ruf meines Geschäftes gar nicht zu reden, müsse er bei Heller und Pfennig bezahlen, und wenn ich alle Gerichte im Lande zu Hilfe rufen müsse. Er plapperte etwas auf japanisch daher und glotzte mich an, und Jarvis stand dabei wie ein Opferlamm, bat mich, ruhig zu sein, behauptete, der junge Herr hätte furchtbare Schmerzen, es sei ein unglücklicher Zufall, und die Lust an Experimenten werde ihm sicherlich vergangen sein, und nahm auf diese Weise thatsächlich Partei gegen seine rechtmäßige Gattin.

Danach fing's an, daß seine Nerven spukten, daß er nicht mehr schlafen konnte und daß der Arzt sagte, er leide an gichtischen Symptomen, und das sei schlimmer, als wenn die Gicht zum Ausbruch komme. Jarvis gab ihm dann einen gehörigen Löffel voll Erinnerungen an seine Mutter zu schlucken, die an demselben Zustand so fürchterlich gelitten habe, und von da an brachte er es nicht mehr aus dem Kopf, daß er ein siecher Mann sei und für den Rest seiner Tage schauderhafte Leiden zu erwarten habe.

Ich hatte schon einige Zeit vorher bemerkt, daß er sehr heruntergestimmt war, immer vor dem Kamin saß und ins Feuer starrte und nicht mehr seine frühere Frische zeigte, und das hatte mich besorgt gemacht, weil ich immer schreckliche Dinge erzählen hörte von Unheil, worein Männer zu geraten pflegen, und ich quälte mich innerlich mit allerlei Gedanken, was wohl die Ursache dieser Veränderung sein könnte. Wetten konnten es nicht sein; denn er las ja meines Wissens nicht einmal die Berichte vom Rennplatz in den Zeitungen, was er doch sicher gethan hätte, wenn Wetten auf Pferde seine Liebhaberei gewesen wäre. Ich wußte von meiner armen Schwester Anna her, wie ihr erster Mann, des Lohnkutschers Sohn, ein sogenannter Sportsman, den ganzen Tag nichts andres gelesen hatte, als Geschichten über Pferde und was zu gunsten des einen oder andern Renners in die Zeitung kam. Daß er mir Geldsorgen verheimlichen würde, war auch nicht wahrscheinlich; denn, wenn ich mich auch nie um seine Bankangelegenheiten bekümmerte, so wußte ich doch, daß wir immer Bargeld im Hause hatten, daß wir vorwärts kamen und unsre Lieferanten pünktlich jeden Montag bezahlten, auf welche Weise man allein Betrug und Aerger vermeiden kann. Ich habe oft gedacht, daß ich mich längst im nächsten besten Wasser ertränkt hätte, wenn ich an Stelle der Witwe gegenüber, einer Frau Parcker, gewesen wäre, die immer gut vermietet war, aber immer in Geldklemme. Monate hindurch ließ sie die Fleischer- und Bäckerbücher anlaufen, bis sie dem einen fünfzig, dem andern zwanzig und dem Spezereihändler dreißig Pfund schuldig war; mit der Hausmiete war sie natürlich auch im Rückstand und der Steuereinnehmer war schon zum dritten- oder viertenmal dagewesen, ja man hatte ihr schon ein Vierteljahr lang das Gas abgeschlossen, was wirklich das Entsetzlichste ist, was einer anständigen Frau begegnen kann, zumal da jedermann davon erfährt.

Aber wenn man sie geschniegelt und aufgedonnert ausgehen sah, hätte man denken können, sie brauche sich vor keinem Menschen auf der Welt zu schämen und habe die Bank von England zur Verfügung, und immer hatte sie Gäste zum Thee und Abendbrot, wobei es hoch herging, und ich glaube, sie hatte einen so gesunden Schlaf, als ob sie niemand einen Pfennig schuldig wäre und noch nie einen Gerichtsvollzieher kennen gelernt hätte.

Endlich fragte ich meinen Jarvis, ob er irgend etwas auf dem Herzen hätte, doch er sagte nein, nur fühle er sich matt und gedrückt, habe Schmerzen und fürchte, daß irgend eine Krankheit mit einem furchtbaren Namen, den ich nicht aussprechen, geschweige denn schreiben konnte, bei ihm im Anzuge sei.

»Unsinn!« sagte ich. »Erkältet hast du dich, als du neulich vom Theater auf dem Verdeck vom Omnibus heimgefahren bist;« das war nämlich eine närrische Gewohnheit von ihm und doch ist es sehr gefährlich, wenn man zuvor stundenlang in der Hitze auf einer Galerie gesessen hat; er war nämlich ein Theaternarr, und besonders Shakespeare und derlei Stücke gingen ihm über alles. Ich mache mir gar nichts daraus, sondern bin immer lieber in die Lach- als in die Weinstücke gegangen und hab's nie begriffen, daß die Leute sich gern etwas ansehen, wobei man den ganzen Abend in Thränen schwimmt und das Taschentuch nicht vom Gesicht bringt. Meine Schwester Anna und meine Mutter waren auch so, und ich habe immer zu ihnen gesagt: »Ihr wollt zartbesaitete Frauen sein, und doch zahlt ihr anderthalb Schilling, um andrer Leute Kinder sterben zu sehen, und nennt es einen vergnügten Abend. Da könntet ihr ebensogut als Sonntagsvergnügen auf Kirchhöfe gehen und Begräbnissen beiwohnen.«

Und es gibt auch in der That Leute, die bei jedem Wetter stundenweit gehen, um irgend eine bekannte Persönlichkeit ins Grab legen und die Verwandten und Freunde schluchzen zu sehen; mir ist ein Cirkus oder eine Pantomime lieber.

Es war auch wirklich eine Erkältung, die all diese »Symptome« hervorgerufen hatte; aber nachdem der Doktor einmal im Haus war und Jarvis gehört hatte, daß er gichtische Anlagen habe und daß seine Nerven nicht in Ordnung seien, wurde er so trübsinnig, daß es wirklich furchtbar war, und das steigerte sich von Jahr zu Jahr, und er begann sich zu beobachten, zu pflegen und zu verzärteln, und bildete sich immer ein, alle greulichen Krankheiten zu haben, die nur in der Welt vorkommen. Darüber ist freilich kein Zweifel, daß seine Mutter auch so war, sich immer für sterbenskrank hielt und an sich herum kurierte, obwohl die arme Seele wirklich viel gelitten haben muß, wenn Jarvis' Erzählungen auf Wahrheit beruhten; aber das ist immer noch keine Entschuldigung dafür, daß sie's mit allen Altweibermittelchen der Welt versuchte und alle Allheilmittel geschluckt hat, die je erfunden worden sind.

Die Schlaflosigkeit bei Nacht und das Stöhnen und Aechzen dazu waren das Schlimmste bei Jarvis, weil es von diesen Plagen kein Entrinnen gab, und die Art und Weise, wie er sich manchmal im Bett herumwälzte und den Tod herbeiwünschte, ging mir zuletzt so auf die Nerven, daß ich zuweilen Neigung verspürte, ein Fenster aufzumachen und mich hinauszustürzen.

Nachdem er in diesen Zustand verfallen war, hielt es schwer, ihm für irgend eine häusliche Angelegenheit Teilnahme einzuflößen, so daß nun das ganze Geschäft auf mir lag, und ich darf wohl sagen, daß mich das reizbar machte und mich manchmal veranlaßte, ihm ein böses Wort zu geben, was ich jetzt, da die liebe, arme Seele tot und begraben ist, bitter bereue, obwohl er ein schönes Alter erreicht und ein friedliches Ende gehabt hat; doch das kam erst lange nach all dem hier Aufgezeichneten.

Ein junger Mann, der ein Zimmer bei uns hatte und Medizin studierte, brachte ihn zuerst auf schlimme Bahnen, indem er uns seine medizinischen Bücher überließ, worin dann Jarvis zu lesen anfing. Besonders ein Buch, das von allen Krankheiten handelte, die der Mensch haben kann, ließ meinen Mann zum Skelett abmagern, denn er entdeckte allerhand Krankheitssymptome an sich und war fest überzeugt, daß er irgend so ein schreckliches Uebel habe; eine medizinische Zeitschrift entlehnte er jede Woche, und wenn er darin las, pflegte er aufzufahren und bald heiß, bald kalt zu werden, weil immer ein Fall darin vorkam, der Aehnlichkeit mit dem seinigen hatte. Eines Abends wollte er mir von diesen Greueln vorlesen, aber ich sagte: »Jarvis, wenn du mir das Zeug vorlesen willst, so setze ich meinen Hut auf und gehe fort. Wir müssen alle an irgend etwas sterben – dazu sind wir auf der Welt – und ich will durchaus nicht wissen, wie es in andrer Leute Eingeweiden hergeht.«

Was er unter »Vorboten« litt, ist gar nicht zu sagen. Jeden Morgen stand er auf mit dem Gefühl, daß etwas Gräßliches geschehen werde, und nach Tisch war die nämliche Geschichte; er sagte, daß ihm plötzlich das Herz still stehe vor Angst, er hatte oft kalte Schauder und fühlte im Genick, daß jemand über sein Grab ging, und wenn an die Thür geklopft wurde, konnte er zusammenschrecken und das Gefühl haben, es sei der Leichenbesorger, der das Maß zu seinem Sarg nehme.

Man denke sich nun derartige Reden an kalten Winterabenden, wenn draußen ein schwermütiger Wind heult und dazu die Beletage seit vier Wochen leer steht, und man wird sich nicht wundern, daß mich manchmal, wenn ich selbst ein wenig heruntergestimmt und einer Aufheiterung bedürftig war, die Lust anwandelte, auf Nimmerwiedersehen davonzulaufen. Ich that wahrhaftig mein Möglichstes, ihm Mut einzureden und ihn auf andre Gedanken zu bringen, aber es fruchtete nichts; er wollte nicht vergnügt sein und war vollkommen unzugänglich für Trost. Das Rauchen hatte er sich abgewöhnt, weil er gelesen hatte, daß jemand vom Rauchen den Zungenkrebs bekommen habe; Wein, Bier oder Cognac trank er auch nicht mehr, weil er gehört hatte, Brunnenwasser sei für seine Leiden am zuträglichsten. Einmal gab er das Fleischessen auf, weil er irgendwo den Satz gefunden hatte, alle Krankheitskeime kämen von der Fleischnahrung her, und meiner Lebtage vergesse ich ein Weihnachtsfest nicht, wo er mir mit einer Jammermiene gegenüber saß, als Festgericht einen Teller mit geschmorten Rüben vor sich stehen hatte und mir mit einer Tasse Kaffee Bescheid thun wollte. Damals hätte ich ihn wirklich schütteln mögen, so rasend war ich, denn eine prächtige Pute stand auf dem Tisch und ein zarter Schinken aus Yorkshire, das Geschenk eines Herrn, der drei Jahre nacheinander über die Gesellschaftszeit unsre Beletage bewohnt hatte.

Und die greulichen Sachen, die er einnahm, weil er all die Wunderkuren in den Geschäftsanzeigen studierte. Ich bin überzeugt, daß er den Quacksalbern ein kleines Vermögen zu verdienen gab, auf jeden schwur er ein paar Wochen und versuchte es dann mit einem andern. Glücklich war er nur, wenn er jemand gefunden hatte, der seine Krankheitsgeschichten anhören mochte, und er lebte förmlich auf, als ein leberkranker Deutscher unser Hochparterre mietete, denn er besuchte ihn jeden Tag und sie saßen dann beisammen und erörterten ihre Symptome, versuchten gegenseitig ihre Arzneien und bemitleideten einander. Ich hätte gar nichts dagegen gehabt, denn er wurde wirklich ein wenig heiterer und saß jedenfalls nicht mehr den ganzen Tag stöhnend in unsrer Wohnstube, wenn der deutsche Herr ihm nur nicht gymnastische Uebungen angeraten hätte. Ach du lieber Himmel! Ob ich's je vergesse, wie Jarvis ein unbenutztes Zimmer einrichtete! An zwei Haken in der Zimmerdecke wurde ein Seil befestigt, dann erschien ein richtiges Schaukelpferd, wie die Kinder es haben, und schließlich ein paar eiserne Hanteln. Das Schaukelpferd empörte mich am meisten, denn ich hätte nie gedacht, in Person meines Gatten einen erwachsenen Mann zwischen vierzig und fünfzig Jahren rittlings auf einem Wiegenpferd sitzen zu sehen, und hin und her schaukeln, um sich einen Spazierritt im Park zu ersetzen und sich fest einzubilden, dadurch werde das Schock Krankheiten geheilt, das seine Phantasie ihm nach und nach zugezogen hatte!

Lange setzte er diese Uebungen nicht fort, er betrieb überhaupt nichts lange, obwohl ihm anfangs alles gut bekam oder er sich wenigstens einbildete, es nütze ihm, was auf dasselbe herauskommt, denn der Glaube ist ein wunderbares Heilmittel, und man kann sich fast alles einreden wie der Mann, den man im Dunkeln in ein warmes Bad setzte und ihm sagte, er verblute sich, und der auch wirklich starb, obwohl er nur eine kleine Schramme am Arme hatte, aber das warme Wasser für sein entströmendes Lebensblut hielt. Und ich habe von jeher gesagt, daß, wenn Angst Hunderte tötet, Vertrauen ebenso gewiß Tausende heilt, weshalb die Altweibermittelchen wirklich Wunder thun, wenn man daran glaubt, obwohl ich selber nie glauben konnte, daß man Warzen vertreiben kann, indem man etwas im Garten verscharrt und wieder ausgräbt, wie es meine Mutter gethan hat. Aber ich weiß, daß es gut thut, wenn man ein Gerstenkorn am Augenlid mit dem Ehering reibt; glauben muß man's auch, obwohl ich mir seither habe sagen lassen, jeder andre Ring würde denselben Zweck auch erfüllen, aber arme Leute hätten eben nur den einen, der niemals schade, weil er von Gold ist; dagegen hat mir niemand je erklärt, weshalb das Nasenbluten bei Kindern aufhört, wenn man ihnen mit dem Hausschlüssel über den Rücken fährt.

Nachdem die Heilgymnastik ihre Blütezeit hinter sich hatte, traf Jarvis im Kurierklub, den er manchmal des Abends aufsuchte, mit einem Herrn zusammen, der ihm ein neues Allheilmittel anpries. Das Wundermittel hieß schlankweg Zwiebeln, und er lebte volle vier Wochen davon, so daß jedermann denken mußte, in unserm Hause geschehe ein entsetzliches Unglück, da die Dienstboten nie anders als weinend an der Hausthüre erschienen, indem das ewige Zwiebelschälen für Jarvis ihre Augen nicht mehr trocken werden ließ.

Der gute arme Mann! Ich war gewiß so geduldig als möglich, aber ich konnte mitunter kratzbürstig werden, wenn er mit seiner Jammermiene wimmernd im Haus herumging, und unser Wohnzimmer mit all seinen Arzneiflaschen, Pulverschachteln und Theebehältern mehr einer Apotheke als einem gemütlichen Wohnraum in einem christlichen Hause glich.

Die schrecklichste Zeit hatte ich mit ihm durchzumachen, als er in den Zeitungen von einem Mann las, der aus Trübsinn einen Selbstmord begangen hatte. Monatelang war nun der Selbstmord sein A und O, und er sagte, daß er jedenfalls auch auf diese Weise enden werde, rasierte sich nicht mehr, weil ihm mit dem Rasiermesser in der Hand ein »plötzlicher Impuls«, wie er es nannte, kommen könnte; und wenn ich ihm sagte, es sei sündhaft, den Teufel an die Wand zu malen, und er solle sich schämen, so entgegnete er, daß er jetzt herausgebracht habe, ein Bruder seiner Mutter habe sich in einer Cisterne ertränkt, und der Hang zum Selbstmord sei erblich und er müsse, ob er wolle oder nicht, denselben Weg gehen. Obwohl ich ja wußte, daß Leute, die immer davon reden, selten so etwas thun, jagte er mir doch einen Schreck um den andern ein; denn seit er die Idee im Kopfe hatte, wurde er jähzornig und heftig, und ich durfte ihm nur ein ärgerliches Wort sagen, weil irgend eine häusliche Schwierigkeit mich aufgeregt hatte, so nahm er seinen Hut, ging aus und gab mir zu verstehen, daß er Schreckliches im Schilde führe, sich unter einen Omnibus werfen oder ins Wasser springen werde. Manch liebes Mal setzte ich, wenn er nach einem solchen Wortwechsel lange ausblieb, auch meinen Hut auf und irrte herum, um ihn zu suchen, und einmal fand ich ihn wahrhaftig auf einer Bank vor dem Teich in Regents Park. Der Unglückliche hatte einem kleinen Jungen einen halben Schilling gegeben, damit er sich an seine Rockschöße hänge und »Polizei!« rufe, falls er, einem plötzlichen Impuls gehorchend, aufs Wasser zuginge.

Ich hing mich an seinen Arm und zog ihn mit fort, wobei ich ihm auseinandersetzte, es sei ruchlos, eine arme Frau so in den Tod zu quälen, wie er mich quäle, und wenn er sich so etwas noch einmal beikommen lasse, werde ich ihn überwachen, seine Kleider wegnehmen und ihn einschließen, so oft ich ausgehen müsse. Wie in aller Welt sollte ich denn Fuchs und Has in meiner Wirtschaft sein, von morgens bis zum späten Abend auf den Beinen, wenn ich dabei keinen Augenblick sicher sei, was für eine blödsinnige Idee er jetzt ausführen werde.

Mitunter kamen auch bessere Zeiten, und dann war er wieder freundlich und lenksam wie je, machte auch hie und da am Abend mit mir einen Besuch bei Freunden oder begleitete mich in ein Vergnügungslokal, war wieder ein Mensch wie ein andrer, beschäftigte sich mit dem Haus und vergaß alle seine Gebrechen, bis irgend jemand ihn daran erinnerte und der Tanz von neuem losging.

Das Schlimmste war und blieb, wenn seine Nerven ihn nicht schlafen ließen; gerade wie seine arme Mutter, sagte er, die manchmal wochenlang in diesem Zustand gewesen, bei Nacht aufgestanden und ein dutzendmal treppauf, treppab im ganzen Haus umhergegangen sei, mitten im Winter den Kopf zum Fenster hinausgestreckt habe, damit die kalte Luft sie schläfrig mache, – so konnte er endlose Mittel gegen Schlaflosigkeit herzählen. Manchen Abend ging ich todmüde zu Bett und konnte kein Auge zuthun, weil der arme Jarvis mit einer Grabesstimme laut Schafe zählte bis in die Millionen hinein, dann Licht ansteckte und ein Buch nahm, wobei ich immer Todesangst hatte, er könnte einschlafen und die Vorhänge, die nur ein wenig zurückgeschoben waren, in Brand stecken. Eine Zeitlang ertrug ich's ohne Murren; aber als er mir zuletzt sagte, wer nicht schlafen könne, sollte einen Teller mit harten Biskuits, den sogenannten »Krachern«, am Bett haben und von Zeit zu Zeit eins essen, weil das Blut durch die Verdauung vom Kopf abströme und man dann einschlafen könne, da war das Maß voll. Weder auf dem Standesamt, noch in der Kirche bekommt man zu hören, daß eine Frau die Pflicht habe, ihren Mann nachts um drei und um vier Uhr Kracher zermalmen zu lassen. Ich hatte einen leichten Schlaf, und sobald er eins anbiß, fuhr ich von dem Knirschen auf, das Schlimmste aber waren die Krumen im Bett, die einem wahre Folterqualen bereiten, und auf denen sich's nicht besser liegt als auf Nägeln.

Aber mit all seinen Schrullen und Grillen hatte ich ihn doch herzlich lieb, und wenn er sich nur nicht so nachgegeben hätte und so furchtsam geworden wäre, besonders den Tag über – denn wenn abends das Gas angesteckt wurde, war's in der Regel ein wenig besser, was, wie ich höre, bei ähnlich kranken Leuten öfters der Fall sein soll – so wäre er der beste Ehemann gewesen, den eine Frau sich nur wünschen kann, und seit ich ihn verloren habe, denke ich nur noch an seine guten Eigenschaften. Nie im Leben hat er mir durch Trinken eine trübe Stunde bereitet, wie manche Männer in seinen Verhältnissen es thun, oder mich die Qual der Eifersucht kennen gelehrt, oder mir wirklich grausame Worte gesagt, und wenn man weiß, was manche Frauen in der Ehe durchmachen, so kann man gar nicht dankbar genug dafür sein.

Frau Peckover zum Beispiel, die uns gegenüber wohnte, und ihre Zimmer hauptsächlich an Leute vermietete, die vom Land nach London kamen, um sich operieren zu lassen, die hatte einen Mann, daß mir das Herz um die arme Frau blutete und ich Gott für meinen Jarvis Dank sagte. Es war schon nicht sehr angenehm für die arme Seele, immer im Chloroformgeruch zu leben; denn wenn die Aerzte mit den gräßlichen schwarzen Taschen aus ihrem Haus traten, kam der Chloroformduft sogar bei uns zum Fenster herein, und je nachdem der Wind wehte, konnte man sich einbilden, in einem Spital zu sein. Dabei trieb sich der Herr Peckover, dieses Ungeheuer von einem Gatten, in allen Wirtshäusern des Stadtviertels herum, schwatzte seine häuslichen Angelegenheiten aus und pflegte jederzeit in einem Zustand heimzukommen, daß er den Hausschlüssel nicht ins Schloß brachte und dann mit dem Thürklopfer drauf loshämmerte, was natürlich in einem Haus voll Kranker doppelt gräßlich war, so daß die arme Frau, nur um ihre Kundschaft nicht zu verlieren, schließlich die Nächte hindurch auf einem Stuhl in der Halle saß, am Schlüsselloch auf seinen Tritt lauschte und ihn dann hereinließ, ehe er Radau machen konnte, ihm die Stiefel auszog und ihn die Treppe hinauf mehr trug als führte, aus lauter Angst, er könnte an irgend eine Thür stoßen und die Leute erschrecken.

Ja, einmal geschah's, daß die arme Frau nach einem arbeitsvollen Tag, an dem drei Operationen und eine sogar mit üblem Ausgang in ihrem Haus stattgefunden hatten, auf ihrem Stuhl fest einschlief und den Fußtritt des Edlen nicht hörte, der dann derart an die Thür schlug, daß sie mit einem lauten Schrei auffuhr, wodurch eine Dame, die in einem sehr gefährlichen Zustand war, so erschreckt wurde, daß sie sich nicht mehr erholte. Die Wärterinnen trugen die Geschichte weiter, und die Aerzte, die ihr Haus bisher empfohlen hatten, erklärten ihr, sie müsse entweder diesen Mann abschaffen, oder auf ihre Patienten verzichten; das arme Ding aber sagte, sie könne ihren Mann nicht fortjagen, dem sie mit Leib und Seele anhänge – man findet oft, daß fleißige, tüchtige Frauen so an Männern hängen, die es gar nicht wert sind – und somit verlor sie allmählich die Kundschaft und mußte das Haus aufgeben. Sie übernahm ein andres, das ganz schlecht ging, und zuletzt hörten wir, daß sie als Haushälterin zu einem Witwer gehe, während ihr sauberer Mann spurlos verschwunden sei mit der Kellnerin aus dem Wirtshaus, wo er seine meiste Zeit und das Geld seiner Frau vergeudet hatte.

Nein, nein, mit all seinen Eigenheiten und verdrießlichen Gewohnheiten war Jarvis dem Herzen nach immer ein guter Mann und tausendmal mehr wert als solche, wie die arme Frau Peckover, die uns gegenüber wohnte, einen hatte.



Achtes Kapitel.
Der junge Herr Somerset.

Er hatte ein Schlaf- und ein Wohnzimmer im zweiten Stock, und wenn ich mich hinsetze, um über ihn zu schreiben, höre ich heute noch seine helle, lustige Stimme durchs Haus tönen und »Mutter!« rufen. Als er zu uns kam, war ich eine Frau in mittleren Jahren und mußte mir wohl jungen Leuten gegenüber eine etwas mütterliche Art angewöhnt haben, und so faßte er gleich Vertrauen zu mir, wie auch ich zu ihm, dem armen Jungen, und als er mich dann sofort in seiner frischen, treuherzigen Weise Mutter nannte, nahm ich's ihm gar nicht übel. Ihm konnte überhaupt niemand gram sein, und sogar Jarvis, der mittlerweile empfindlich, mürrisch und reizbar geworden war, schloß ihn ins Herz und schien ordentlich aufzujubeln, wenn er in unsre Wohnstube herunterkam, sich auf den Tisch setzte, sein Pfeifchen rauchte und Unsinn schwatzte. Und sogar als er einmal, die Gliederschmerzen vergessend, meinen Alten derb auf den Rücken klopfte, was diesen bei jedem andern Menschen zur Raserei gebracht hätte, wurde Jarvis nur ein wenig rot, schnitt ein Gesicht und sagte zu mir: »Sei so gut und setze dem Herrn Somerset ein zerbrochenes Schulterblatt auf die Rechnung und zwei Flaschen Franzbranntwein.«

Was für ein frohgemuter junger Bursche er war, und ach! wie oft ich mir den Kopf zerbreche, was wohl aus ihm geworden sein mag, ob er sich gefaßt hat, oder ob er am Ende ganz im Leichtsinn zu Grunde gegangen ist. Vielleicht hat er sich aufgerafft, ist dick geworden und ein seßhafter Mann, vielleicht – nun, nun, ich will wirklich nur das Beste von ihm denken; denn am Schlimmen war einfach die Erziehung schuldig.

Als er zu uns kam, war er etwa sechsundzwanzig Jahre alt, jeder Zoll Vornehmheit, wie man leicht beim ersten Wort erkannte, in seinem Anzug stets das Vorbild eines feinen jungen Engländers, alle Kleidungsstücke vom feinsten Stoff. Einen Toilettenkasten hatte er, worin alles aus Silber und jedes Stück mit seinem Namenszug versehen war, die entzückendsten Junggesellenspielereien und Cigarettenkistchen standen in seinem Zimmer, und Hemdknöpfe und Perlen und andrer Schmuck, wie ich nie etwas Schöneres gesehen habe. Er hatte einen Kammerdiener bei sich, einen ehrbaren, gesetzten Mann, den er halb zu Tode plagte und ganz vertraulich behandelte, und der ihm so mit Leib und Seele ergeben war, daß er sich ohne Zaudern unter einen Omnibus oder einen Pferdebahnwagen gelegt hätte, wenn seinem jungen Herrn ein Gefallen damit geschehen wäre. Aber heiter war er nicht, der arme Mensch; er war schon längere Zeit bei Herrn Somerset und wußte, wie die Dinge standen, und sagte uns, als wir uns näher kannten, er fürchte, sein junger Herr wisse schlecht Bescheid in geschäftlichen Dingen und sollte jemand haben, der für ihn sorgte und günstigen Einfluß auf ihn hätte. 

»Nur ein bißchen verrückt!« pflegte Jarvis von ihm zu sagen, und ich glaube, er hatte recht, aber es war eine Sorte Verrücktheit, die ringsum Leben und Sonnenschein verbreitete. Und daß er keinem je was zuleide gethan hat, als sich selbst, darauf schwöre ich heute noch, wo ich schreibend in meiner einsamen Stube sitze und die Brille abwischen muß beim Gedanken an den übermütigen jungen Mann, der mich so gern Mutter nannte.

Kaum war er da, so hätte ihm jeder im Haus alles zuliebe thun mögen, von der Kohlenfrau an, die einmal die Woche beim Reinmachen mithalf, bis auf Jarvis, der all seine Gebrechen vergaß, wenn er bis ein Uhr nachts bei ihm oben saß, eine Pfeife rauchte und Grog zu trinken vorgab, was manchmal geschah, wenn keiner von Somersets jungen Freunden kam, und dieser sich, wie er sagte, ein wenig lendenlahm fühlte und nicht in seine Gesellschaft gehen mochte »aus guten Gründen«.

Als er volljährig geworden war, hatte er, wie der Diener Johnson uns erzählte, ein hübsches Vermögen in die Hand bekommen, da Vater und Mutter tot waren, und hatte flott gelebt und sich von jedem an der Nase herumführen lassen. Freigebig und das Geld mit offenen Händen um sich streuend, auf dem Rennplatz und am Spieltisch daheim, in einer prachtvollen Junggesellenwohnung den Hausherrn spielend, aufgesucht und verfolgt von allerlei Gelichter männlichen und weiblichen Geschlechts, war er rasch damit fertig geworden und hatte endlich einsehen müssen, daß er nur durch große Einschränkungen im stande sein würde, mit den Ueberresten seines Reichtums auszukommen. So hatte er sich bei uns nach einer Wohnung umgesehen, weil ihm die Mutter eines Freundes, die im Sommer einige Wochen bei uns gewesen war, gesagt habe, wir wären die »richtige Sorte«. Johnson erzählte uns, sein junger Herr habe zu ihm gesagt: »Sieh, Alter, du weißt ja, daß ich mir den Luxus nicht erlauben kann, dich zu behalten. Du thätest besser, dir anderswo einen Unterschlupf zu suchen, wo für dich mehr herauskommt.«

Aber Johnson hatte von dieser Kündigung nichts hören wollen und gesagt, er bleibe lieber auch ohne Lohn.

»Dann wollen wir's probieren, Alter,« hatte Herr Somerset gesagt, »vielleicht wendet sich auch das Blatt wieder.«

Und so war er bei ihm geblieben und hing sich an ihn, mehr wie ein älterer Bruder, als ein Diener, und ich wollte nur, man fände häufiger solche Treue bei Dienstboten. Ich glaube, daß Jarvis vollkommen recht hatte, und daß Herr Somerset ein bißchen verrückt war; jedenfalls war er ein seltsamer Kauz und stellte die absonderlichsten Sachen an.

Beinahe jeden Tag blieb ich ein wenig bei ihm und plauderte, und der Mensch hätte mich zum Lachen bringen können, auch wenn ich geradeswegs von einem Leichenbegängnis gekommen wäre; und wenn die Dienstmädchen in seinem Zimmer zu thun hatten, pflegte ein solches Gelächter und Gekicher zu entstehen, daß ich manchmal mit meiner strengsten Miene hinaufeilte und ihm sagte: »Herr Somerset, ich kann es wirklich nicht dulden, daß Sie solche Scherze mit den Mädchen treiben; was sollen denn die Leute im Haus davon denken?«

Und dabei pflegte ich dann die Mädchen bitterböse anzusehen; aber es kam nicht viel dabei heraus, denn im Nu brachte er irgend eine neue Narrheit aufs Tapet, daß ich mich schleunigst zurückziehen mußte, um meine Haltung zu bewahren.

Kein komisches Lied kam in die Mode, ohne daß er es zu singen gewußt hätte, wobei er die Sänger im Konzertsaal und Tingeltangel so köstlich nachmachte, daß es gottvoll war, und wenn die Mädchen im Flur an der Arbeit waren, so rief er sie herein, und sie standen da und lachten, daß ihnen die hellen Thränen übers Gesicht liefen, und summten und sangen dann die Geschichten unten in der Küche nach, sobald ich ihnen nur den Rücken kehrte.

Dabei war er die Harmlosigkeit selbst, obwohl sich's natürlich doch nicht paßte, daß Zimmer- und Hausmädchen halbe Stunden lang in der Stube eines jungen Herrn stehen, der ihnen ein vollständiges Konzert zum besten gibt. Einmal ertappte ich ihn sogar dabei, wie er dem Hausmädchen Kartenkunststücke zeigte, sie eine Karte aus dem Spiel wählen ließ, dann das ganze Spiel hinwarf, wobei ihre Karte plötzlich an der Wand hing; da mußte ich denn wirklich einschreiten und ihm ein für allemal erklären, daß es nicht angehe, daß mein Mädchen ihre Arbeit liegen und stehen lasse, um vormittags um elf Uhr mit einem jungen Herrn Karten zu spielen.

Als sie aber das Zimmer verlassen hatte, hielt er mich mindestens eine Viertelstunde lang fest mit seinem Unsinn und erzählte mir eine lange Geschichte von einem jungen Landgeistlichen, den er mit ein paar Kameraden am Abend vorher in London herumgeführt hatte, und dem sie die schauderhaftesten Sachen weisgemacht, um ihn zu guter Letzt in irgend eine Tonhalle zu schleppen und ihm einen Komiker unter den Zuhörern als Tugendapostel vorzustellen, der das Volk von leichtfertigen Vergnügungen abwenden wolle, worauf der Geistliche dringend ersucht wurde, am Arm dieses Weltverbesserers durch den Saal zu gehen und den anwesenden jungen Leuten ein paar ernste Worte zu sagen. Arm in Arm durchschritten die beiden also den Mittelgang, und die jungen Leute lachten sich beinahe krank, den arglosen Landpfarrer mit dem Komiker, der ziemlich frech in seinen Couplets war, wie mit einem ernsthaften Stadtmissionar reden zu hören. Der Sänger hielt mehrere junge Leute an, die ihn natürlich kannten und in die Fopperei eingeweiht waren, und sagte salbungsvoll: »Mein junger Freund, weiß Ihre teure Mutter, daß Sie hier sind?« worauf sie sich anstellten, als ob ihr Gewissen jäh erwacht wäre, die Taschentücher herauszogen und fürchterlich schluchzten. Der junge Geistliche fühlte sich nun gedrungen, auch ein paar Worte an die Zerknirschten zu richten, und in den Logen stand alles auf, um besser zu sehen, was denn eigentlich vor sich gehe und weshalb eine ganze Reihe von jungen Leuten zu weinen vorgab. Infolgedessen entstand ein solches Durcheinander, daß der Direktor erschien und dem jungen Pfarrer bedeutete, wenn er sich nicht anständig aufführe, werde er ihn hinauswerfen lassen, und er sollte sich als Geistlicher schämen, betrunken in öffentliche Lokale zu kommen. Das empörte den Pfarrer derart, daß er mit dem Regenschirm auf den Zahltisch schlug und mit gellender Stimme rief: »Wie können Sie sich unterstehen, mein Herr! Mein Freund, dieser würdige Mann« – er deutete auf den Komiker – »und ich, wir sind in der Ausübung eines frommen Werks begriffen, wir sind –«; das schallende Gelächter des ganzen Publikums übertönte seine Worte, und die Spaßvögel, die das ganze Unheil angestiftet hatten, zogen den Pfarrer rasch hinaus, der sich aber draußen vor dem Haus aufpflanzte und es laut und vernehmlich einen Sündenpfuhl schalt, so daß ein Schutzmann ihn von dem Platz verwies.

Natürlich war dieses Stückchen gottlos; aber die Art, wie Herr Somerset es beschrieb, wie er den Pfarrer und den Komiker nachmachte, war so drollig, daß ich bis zu Thränen lachen mußte. Und dann konnte er den größten Unsinn daherschwatzen, mich fragen, ob ich mit ihm zu den Rennen gehen wolle, und ob ich glaube, daß Jarvis eifersüchtig werden könnte, und mir versichern, daß er den Jarvis gewiß ausgestochen hätte, wenn wir zwanzig Jahre früher miteinander bekannt geworden wären, und lauter solche Dummheiten, bis ich manchmal sagte: »Wollen Sie denn nie ernsthaft werden, Sie Kindskopf?« 

Dabei war er aber wirklich nett und lieb, brachte mir Blumen und überreichte sie mir, als ob ich eine Herzogin wäre, und als ich einmal krank war, bestand er darauf, an mein Bett zu kommen, obwohl ich sagte, es sei unschicklich, las mir vor und gab mir die Arznei, wenn Jarvis abgerufen wurde; ein leiblicher Sohn hätte nicht aufmerksamer und rücksichtsvoller sein können. Ein gutherziger Mensch war er wie nur einer, und wenn er Vater oder Mutter oder irgend jemand gehabt hätte, der sich wirklich seiner angenommen hätte, ich bin überzeugt, er würde ihnen nur Ehre gemacht haben. Von meiner Krankheit an nannte er mich gar nicht mehr anders als Mutter, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er gefragt hätte: »Na, Mutter, wie geht's heute? Wieder auf dem Damm? So ist's recht!«

Wenn er das Hausmädchen auf der Treppe traf, nahm er ihr den Kohlenfüller ab und trug ihn selbst hinauf, sie mochte sich wehren, wie sie wollte, und behauptete, er hätte jüngere Beine, was übrigens unrichtig war, denn sie war erst zwanzig Jahre alt; so einmal sah ich ihn sogar zu meinem Entsetzen mit der Kohlenkiste zu der alten Lady Treeson, einer frommen Witwe, im Hochparterre hineingehen und, sittsam wie ein Prediger und gelassen wie eine Statue, die schwere Kiste absetzen und ihren Kamin ausfegen, bis sie kreischend rief: »Meiner Seel', Herr Somerset, was werden Sie noch alles thun?« und ihre Mütze zurechtrücken mußte, die vor Schreck auf die Seite gerutscht war und ihren kahlen Schädel bloßstellte.

Einmal versuchte sie's, ihn zu bekehren, indem sie ihm einige fromme Schriften hinaufschickte und sagte, er sei ein reizender Mensch, aber furchtbar leichtsinnig. Was that der Schlingel? Er nahm die Traktätchen, dankte ihr in einem liebenswürdigen Briefchen und fragte, ob sie ihn nicht heute nachmittag mit ihrer Gegenwart beehren wolle, er gebe eine kleine Theegesellschaft und würde sich freuen, ihr einige der nettesten jungen Männer von London, lauter Junggesellen, vorstellen zu dürfen.

Sobald sie aber ihre bösen Kopfwehtage hatte, war er so still wie ein Mäuschen und sang und pfiff weder in der Halle noch auf der Treppe, und obwohl er zu mir sagte, ein guter Schnaps wäre das Beste für die alte Dame, schickte er immer Johnson herunter und ließ nach ihrem Befinden fragen, und wenn er sie auswärts in ihrem Rollstuhl traf, ging er unfehlbar eine Weile daneben her, plauderte ganz verständig und artig mit ihr und behandelte sie sehr liebenswürdig.

Er war viel zu freigebig und verdarb mir die Dienstboten, indem er für jede kleine Arbeit, die einfach zu ihren Pflichten gehörte, große Trinkgelder gab, so daß ich ihm Vorstellungen machen und ihm sagen mußte, das sei unrecht den andern Mietern gegenüber, die nicht so viel geben könnten oder möchten, und verderbe die Leute, was auch ganz richtig ist. Wer zu viel Trinkgelder gibt, schädigt den andern, der sein Geld nicht so wegwirft; denn die Dienstboten vernachlässigen ihn dann, weil sie eben Menschen sind.

Nachdem er etwa ein Jahr bei uns gewohnt hatte, trat ich eines Tages in sein Zimmer – es war so still darin, daß ich gemeint hatte, er wäre ausgegangen –, und da fand ich ihn mit einem Gesicht, das ich noch nicht an ihm kannte. Ganz trübselig und niedergeschlagen starrte er ins Feuer, sah aber auf und versuchte zu lächeln, als er mich erkannte.

»Hallo, Mutter, Sie sind's? Was gibt's denn? Hat Jarvis Sie geschlagen, und flüchten Sie sich unter meinen Schutz?«

So ließ ich mich nicht abspeisen, sondern fragte ihn ernstlich, was ihm fehle.

»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich werde doch auch einmal den Kopf hängen dürfen?« 

»Das ist's nicht,« sagte ich. »Sie haben ernsthafte Sorgen.«

»Nun ja, wenn Sie's denn durchaus wissen müssen, ein bißchen ernsthaft ist's schon; aber ich kann einen Puff vertragen und werde bald wieder so vergnügt sein wie der Fisch im Wasser.«

Ich wollte weiteres aus ihm herausbringen, aber er fing alsbald an, Unsinn zu schwatzen und sich lustig zu stellen, so daß ich es aufgab und hinunterging.

In unserm Wohnzimmer traf ich seinen Diener, der eben hereingekommen war, und da ich ihm auch den Kummer ansah, fragte ich, was denn geschehen sei. Er machte ein sehr ernsthaftes Gesicht und sagte uns, Herrn Somersets Angelegenheiten ständen sehr schlecht, und wenn er von einem Verwandten, an den er geschrieben habe, kein Geld bekomme, so sei der Bankrott zu befürchten. Er sei schrecklich verschuldet, und wir merkten, daß Johnson seines Herrn Juwelen verpfändet hatte, um kürzlich unsern Mietzins zu zahlen.

Das war natürlich schrecklich und fiel uns schwer aufs Herz, wovon ich aber Herrn Somerset gegenüber nichts merken ließ, weil ich wußte, es würde ihn verletzt haben. Acht Tage später aber klopfte es an meine Thüre, und seine Stimme rief: »Darf ich hereinkommen?« Ganz auffallend bleich trat er ein und sagte: »Mutter, ich gehe fort von Ihnen.«

Das that mir furchtbar leid, obwohl ich's halb und halb vorausgesehen hatte; ich sagte ihm das auch und konnte es nicht verhindern, daß er meinen Kummer sah, der arme Junge, und ich sagte ihm auch, wenn er möge, solle er nur dableiben, wir würden ihn gewiß nicht drängen mit der Bezahlung.

Da nahm er meine Hand und drückte sie, und seine Augen standen voll Thränen und seine Lippen zitterten.

»Mutter,« sagte er, »Sie und Ihr Mann sind mir Freunde gewesen, und mir ist's, als ob ich die Heimat aufgäbe; aber es muß sein. Gott segne Ihr gutes Herz; ich weiß, es ist Ihr Ernst, Sie würden mich behalten; aber ich muß etwas beginnen und für mich sorgen lernen, so ist's am besten.«

»Was werden Sie denn beginnen?« fragte ich.

»Das weiß ich selbst noch nicht, irgend etwas. Ich habe in letzter Zeit nichts als Pech über Pech gehabt, und schließlich hat es mich geworfen. Leid thut mir's um Johnson, den guten Kerl; aber er wird bald wieder eine Stelle haben. Der Mann ist ein Schatz, und einige von meinen Kumpanen werden sich seiner annehmen und ihn empfehlen, darauf kann ich mich verlassen. Ich gehe morgen. Je schneller man so etwas abmacht, desto besser; ich wollte es Ihnen nur gleich sagen, damit Sie meine Zimmer vermieten können.«

»Aber irgendwo müssen Sie doch wohnen?« sagte ich, mir überlegend, ob wir ihm denn gar nicht unter die Arme greifen könnten.

»Wahrscheinlich; aber das wird sich schon finden. Ein Onkel von mir bezahlt meine Schulden und bewahrt mich vor dem Bankrott, den ein verdammter Wucherer herbeiführen möchte, da er meine Wechsel aufgekauft hat und sich nicht mehr gedulden will, weil er denkt, ich sei fertig. Somit kann ich also ungehindert gehen und werde mir im Ausland einen Unterschlupf suchen. Ich bin ein unnützer Geselle und ein Pechvogel obendrein, aber ich kann schießen und kutschieren, bin gesund und stark und werd's wohl aushalten; am Ende findet sich doch etwas, wozu ich tauge und womit ich mein Brot verdienen kann; also lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen um mich, Mutter! Ich bin jung und kräftig, an Mut fehlt mir's auch nicht, und es wird mir ganz gut bekommen, mich zu rühren. Daß ich von Ihnen fort muß, thut mir weh, Sie haben mir's riesig gemütlich gemacht, und ich werde die Zeit in Ihrem Haus nie vergessen. Nun, nun, nehmen Sie sich's nicht so zu Herzen, das steckt an, und ich muß den Kopf oben behalten!«

Er nickte mir zu und ging; ich aber mußte mich setzen und mich ordentlich ausweinen. Schwerer wäre mir es nicht geworden, einen eigenen Sohn ziehen zu lassen, er war solch ein wackerer, warmherziger Geselle; und wenn er Dummheiten machte und auf Abwege geraten war, so wußte ich sicher, daß nur der Mangel an häuslichem Einfluß und gutem Rat die Schuld daran trugen.

Das war ein schmerzlicher Abschied am nächsten Tag. Er bezahlte jeden Pfennig, gab jedem der Mädchen einen halben Sovereign, was, wie ich ihm sagte, sündhaft war, was er sich aber nicht nehmen ließ, und als seine Sachen auf die Droschke geladen waren, kam er noch einmal in die Halle und drückte mir herzlich die Hände. Ich sah wohl, daß er dem Weinen nahe war, so lang und groß er auch sein mochte, und ich hätte die Thränen nicht zurückhalten können, und wenn's mein Leben gekostet hätte. Schluchzend nahm ich sein gutes, treuherziges Gesicht zwischen meine beiden Hände, küßte ihn auf die Wangen und sagte: »Gott sei mit Ihnen! Wir werden Sie furchtbar vermissen.« Da war's um seine Selbstbeherrschung geschehen, er hustete ganz absonderlich, sprang in den Wagen und fuhr davon, während wir unter der Hausthüre standen und ihm nachsahen, obwohl ich vor Thränen nichts sehen konnte. Und als ich dann mit schwerem Herzen die Thüre schloß, sah ich die Mädchen mit den Schürzen vor den Augen in der Halle stehen konnte ihnen aber keinen Verweis geben; denn ich wußte ja, wie mir selbst zu Mut war.

Und als ich an ihrer Thüre vorüberging, kam die alte Lady Treeson heraus und sagte, wie leid es ihr thue, daß Herr Somerset fort sei, und wie sie hoffe, daß er nun ein neues Leben beginnen werde; denn er sei ein guter Mensch, nur durch schlechtes Beispiel verdorben, und sie mache sich Vorwürfe, ihre Pflicht nicht erfüllt und vor seiner Abreise nicht noch einen Bekehrungsversuch gemacht zu haben. Die gute Seele! Es war ihr heiliger Ernst damit, und sie hatte den Jungen aufrichtig lieb, ich mußte ihn nämlich trotz seiner sechsundzwanzig Jahre immer den Jungen nennen; aber sie war nicht die Frau, einen Herrn Somerset zu bekehren, dazu hätte sie vierzig Jahre jünger sein müssen!

Lange, lange Zeit hörten wir kein Sterbenswörtchen von ihm. Auch Johnson, der eine Stellung in Schottland gefunden hatte, schrieb uns, daß er gar nichts von seinem jungen Herrn wisse; aber Jarvis und ich sprachen oft von ihm und zerbrachen uns die Köpfe, wo er hingekommen und was aus ihm geworden sein möge. Ungefähr ein Jahr darauf war ich in einem Konzert, wozu wir immer durch den Briefträger die Einlaßkarten bezogen, und als ich mit einer Freundin, die neben uns wohnte, aus der St. James-Halle kam, nahmen wir eine Droschke; denn Jarvis war krank und immer unglücklich, wenn ich fort war; so wollte ich also so schnell als möglich nach Hause kommen. Wir gaben dem Kutscher die Adresse und stiegen ein, und der Wagen war so hübsch und das Pferd so gut, daß wir beide sagten, es sei ein Vergnügen, so zu fahren, und daß ich mir vornahm, dem Kutscher einen halben Schilling Trinkgeld zu geben. Als wir ausstiegen und ich meine Börse ansah, hatte ich nur ein Goldstück bei mir: das hielt ich ihm hin und fragte: »Können Sie wechseln?« Und da antwortete eine Stimme, die mir das Herz zittern machte: »Nein, Mutter, da müßte ich mich ja vor meinem Gaul schämen, wenn ich mir von Ihnen die Fahrt zahlen ließe.«

Es war Herr Somerset! Herr Somerset ein Droschkenkutscher!

»O Herr Somerset!« rief ich ganz atemlos vor Ueberraschung. »Sie sind doch nicht – Sie sind doch nicht Kutscher?« 

»Es sieht so aus, nicht wahr?« erwiderte er ganz fröhlich. »Aber es macht mir Spaß, und ich befinde mich sehr wohl dabei. Wie geht es Jarvis? Krank, der arme Tropf? So starren Sie mich doch nicht so an, Mutter, mir geht's ganz gut. Gute Nacht.«

Und ehe ich noch ein Wort sagen konnte, war er auf und davon gefahren.

Es hatte mich so erschüttert, daß ich keinen Bissen essen konnte, und als ich es Jarvis erzählte, vergaß er ganz, mir seine Schmerzen zu beschreiben, und sagte immer wieder: »Der arme junge Mensch! Der arme junge Mensch!«

Etwa ein halbes Jahr darauf fand ich, als ich zum Frühstück herunterkam, einen Brief. Ich machte ihn auf und sah zuerst nach der Unterschrift, was ich immer thue, wenn ich die Handschrift nicht kenne, und da stand: »Hugo Somerset.«

Es war ein herzlicher, fröhlicher Brief, den ich in meiner Mappe bei Jarvis' Briefen aus unsrer glücklichen Brautzeit aufbewahre.


     »Liebe Mutter!« so lautet er:

»Als Sie mich zuletzt sahen, war ich Droschkenkutscher, und ich weiß, das hat Ihre Gefühle nicht wenig verletzt, nicht wahr? Sie hatten mich gern, und ich rechne Sie immer zu meinen wenigen wahren Freunden, und darum werden Sie sich auch darüber freuen, daß es sich mit mir zum Bessern gewendet hat. Neulich fuhr ich zufällig einen alten Freund, einen Menschen, so reich wie der selige Krösus, und bei der Gelegenheit stellte sich's heraus, daß er ein guter Kerl ist, denn er hat mir das Geld förmlich aufgedrängt, daß ich nach einem bestimmten Teil von Amerika gehen könne, wo Land billig zu haben ist und wo, wie mir alle sagen, ein anstelliger Mensch es weit bringen kann. Anstellig war ich nun von jeher, nicht wahr, Mutter? Ich habe nur zu viel angestellt! Und so nahm ich denn sein Geld und mache mich auf, aber lebwohl sage ich Ihnen vorher nicht noch einmal, weil ich nur ›windelweich‹ dabei werde – unser letzter Abschied liegt mir noch in den Gliedern. Ich bin überzeugt, daß mir's gut gehen wird, wenigstens kann ich einen ordentlichen Anlauf zum Glück nehmen, und wenn ich als Millionär heimkomme, so ist mein erster Gang zu Ihnen, und ich werde Sie und den armen alten Jarvis hübsch aufrütteln. Warten Sie nur ein Jährchen oder zwei, dann wird einmal an Ihre Hausthür gepocht werden, daß alle nervösen Leute auf die Straße laufen und sich nach einer ruhigen Wohnung umsehen. Ich nehme einen Vorrat nagelneuer Couplets mit und einen gesunden Leib; was braucht der Mensch mehr? Oft und viel werde ich da drüben an meine gute, kleine Mutter denken, und daß Sie mich auch nicht vergessen, weiß ich wohl. Wenn ich's zu einer Million bringe, komme ich spornstreichs damit nach Hause, und die erste junge Dame, mit der ich im Hotel speise, sind Sie, falls Sie's auf sich nehmen, Jarvis' Eifersucht zu dämpfen. Mit herzlichem Gruß stets Ihr

     Hugo Somerset.«


Ich mußte herzlich lachen über die Vorstellung, daß er mich ins Hotel einladen und Jarvis eifersüchtig sein würde. Das war wieder sein alter Uebermut; aber ich war doch recht froh, daß ich mir ihn nicht mehr als Kutscher zu denken brauchte, den armen, vornehmen Jungen, und ich nahm mir fest vor, in Zukunft mir immer vorzustellen, daß es ihm gut gehe, daß er reich und gesegnet sei und Luft und Leben in dem Amerika verbreite. Als ich meinem Mann den Brief vorlas, meinte er kopfschüttelnd, Herr Somerset sei nicht aus dem Holz, woraus die Millionäre geschnitzt werden, er sei viel zu gutherzig und habe eine viel zu offene Hand und werde stets betrogen werden.

Darauf entgegnete ich, er werde gewiß durch Schaden klug geworden sein; aber Jarvis behauptete, klug sei der Mensch entweder von Natur, oder er werde es überhaupt nie, doch war er ja so krittelig und ein solcher Schwarzseher, daß ich mir durch ihn den festen Glauben nicht rauben ließ, Herr Somerset werde eines Tages als amerikanischer Millionär an unsre Thür klopfen.

Seither ist manches Jahr vergangen, und es hat nie geklopft, obwohl ich heute noch bei einem besonders kräftigen Pochen mit dem Ruf: »Herr Somerset!« in die Höhe fahre; aber in der Regel ist's dann ein Bettelbrief, ein Steuereinnehmer oder jemand, der sich in der Hausthüre geirrt hat. Wer die Hausnummer verwechselt, macht nämlich immer doppelt so viel Lärm, als wer an die rechte Thür klopft; aber die Hoffnung habe ich drum – »Gott steh uns bei, was ist denn da los? Bei nachtschlafender Zeit einen Thürklopfer so zu mißhandeln; Marie, sieh doch nach, wer es ist!«

Er war's. Als ich sagte, daß ich just in dem Augenblick über ihn geschrieben habe, wollte er's nicht glauben, bis ich ihn in meine Stube führte und ihm die Blätter zeigte. Er selbst! Aber breit und rundlich geworden, wie ich mir's oft gedacht hatte, von der Sonne gebräunt und mit einem großen Bart, dabei aber so hübsch, wie nur je, und ebenso lustig und eher noch lauter sprechend, als sonst. Wie ich gewünscht hätte, daß Jarvis es noch erlebt haben würde, ihn gerade so heimkommen zu sehen, wie ich's immer prophezeit hatte!

Ein Millionär ist er zwar nicht, aber ein vermöglicher Mann und verheiratet. Er hat sich ein schönes Haus in London eingerichtet, wohin ich morgen zu Tisch kommen soll, wo er mir alle seine Abenteuer erzählen will und sein kleines Mädchen zeigen und seine Frau, auf die er so stolz ist, und die, wie er sagt, sein guter Kamerad im Kampf ums Dasein war.

Den Johnson hat er auch aufgestöbert und nimmt ihn als Hausmeister, und er erklärt, Johnson müsse nach Tisch im Zimmer bleiben, dann wolle er die einzigen Gassenhauer singen, die er noch im Gedächtnis habe, um die alten Zeiten wieder auferstehen zu lassen – so lustig, wie früher, werde es zwar nicht mehr klingen, meinte er.

Und er hat mir versprochen, daß er einmal mit seiner Frau den Thee bei mir trinken werde, und ich solle womöglich den Theetisch im zweiten Stock in seiner alten Stube herrichten, wo er einst gewohnt und uns alle behext hat. Womöglich! Und wenn der Kaiser von Rußland darin wohnte, würde ich ihn für den Tag hinaustreiben – nein, nein, der Hugo Somerset soll bei seiner alten Mutter keine Enttäuschung erleben!



Neuntes Kapitel.
Unser letzter Ausländer.

Das war das Schrecklichste, was je in unserm Haus vorgefallen ist. Ich habe nie viel Worte darüber verloren, denn es gibt Dinge, die man am liebsten totschweigt, aber in diesen Erinnerungen darf ich nicht darüber schweigen, denn es war das außerordentlichste Ereignis im Leben einer Zimmervermieterin.

Zur Sommerszeit war's, daß ein Herr, der sich de Lorme nannte, unsre Zimmer im Hochparterre ansah, und unvergeßlich blieb mir sein Kommen. Es war gegen Abend, ehe die Lichter angesteckt werden, da klopft es an unsrer Hausthüre, und weil das Hausmädchen zufällig ausgegangen und die Köchin nicht anständig angezogen war und die Art des Pochens etwas Vornehmes hatte, machte ich selbst auf und erblickte ein Paar der wundervollsten Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe, aus einem blassen Gesicht strahlen, das unter einem kohlschwarzen Vollbart und dichtem schwarzen Haar ganz unheimlich weiß leuchtete.

Diese Augen und der Blick, womit sie auf mir ruhten, sehe ich noch heute, und lange Zeit haben sie mich förmlich verfolgt. Monatelang nach dem Ereignis, das mehr Aufsehen machte, als je ein andres, und das man in keinem anständigen Haus mit möblierten Wohnungen zweimal erleben möchte, bildete ich mir ein, diese Augen im Dunkeln leuchten zu sehen.

Als ich den fremdartigen Mann auf der Thürschwelle stehen sah und seine dunklen, flammenden Augen auf mich gerichtet fühlte, verspürte ich ein Verlangen, aufzuschreien und die Thür zuzuschlagen, that es aber natürlich nicht, weil es dumm und kindisch gewesen wäre.

»Sie haben Zimmer zu vergeben?« fragte er, während ich ihn, keines Wortes fähig, anstarrte.

»Jawohl, mein Herr, ein Hochparterre,« stammelte ich, mich mühsam bezwingend. »Das Hochparterre ist zu vergeben, aber Sie würden vielleicht lieber mit meinem Manne sprechen.«

In der Regel ließ ich Jarvis nie einer Zimmerbesichtigung beiwohnen, weil er so thöricht war, alles geduldig anzuhören, was die Leute daran auszusetzen fanden, alle Mängel zuzugeben und sich auch noch zu entschuldigen, was bei mir glücklicherweise nicht der Brauch war; sonst hätte ich mein Lebenlang daliegen müssen und mich mit Füßen treten lassen, und daß ich das je gethan hätte, kann mein schlimmster Feind nicht behaupten. Bei dieser Gelegenheit aber hatte ich das Gefühl, einen Beistand nötig zu haben; allein der Fremde wollte nicht, daß ich nach ihm schicke.

»Ganz überflüssig,« sagte er, »ganz überflüssig. Ich will mir die Zimmer ansehen und werde Ihnen dann sagen, ob sie für mich taugen.« 

So machte ich denn die Thür auf und ließ ihn vorangehen, wobei ich mich etwas erleichtert fühlte, weil ich seine Augen nicht mehr sah. Daß er ein Ausländer war, hörte ich an seiner Sprache, obwohl er sehr gut englisch sprach; nur ein paar Worte klangen fremdländisch und Haar- und Bartschnitt erinnerten auch ans Fremdenviertel. Ich habe es von jeher merkwürdig gefunden, daß man es den Leuten am Gesicht anzusehen pflegt, ob sie Engländer sind oder nicht, hauptsächlich den Männern, bei Damen kann man sich eher täuschen, d. h. wenn sie blond sind, die dunkeln erkennt man auch immer.

Der fremde Herr sah sich das Wohnzimmer an, dann trat er ins Schlafzimmer. Einiges fiel mir dabei auf, zum Beispiel, daß er im Schlafzimmer ans Fenster ging, es öffnete und hinaussah.

»Das ist der Hof, mein Herr, aber wir haben keine Müllgrube,« bemerkte ich, da ich annahm, er werde, wie viele Leute, keine Müllgrube, kein Wasserfaß und kein Abzugsloch unter dem Schlafzimmerfenster haben wollen, worin ich ihnen recht gebe.

»So so, der Hof,« erwiderte er. »Und der ist gut abgeschlossen? Was stößt denn an die Rückwand, eine Straße oder ein Durchgang?«

»Nein, mein Herr, der Hof ist ganz abgeschlossen, und die Gebäude, die an unsre Mauer stoßen, sind Stallungen, wie Sie sehen.«

»Und das Fenster ist nur mit dieser Mechanik befestigt? Läden haben Sie nicht?«

»Nein, aber die wären auch überflüssig. Ein Einbrecher müßte über die kahle Mauer hereinklettern und die hat eine gute Höhe.«

Ich dachte mir nämlich, er fürchte sich vor Einbrechern, denn andre Gefahren konnte ich mir nicht vorstellen.

Jetzt ging er wieder ins Wohnzimmer und untersuchte die Fenster nach der Straße. 

»Diese haben doch Läden?« fragte er.

»Gewiß,« sagte ich, indem ich einen herauszog und ihn zeigte, »aber Sie brauchen sich nicht vor Einbrechern zu fürchten. Wir hatten einmal eine Familie, die mit dieser Furcht behaftet war, und wir ließen damals an allen Läden und Thüren Glocken anbringen. Wenn Sie wünschen, kann es wieder geschehen, obwohl ich nicht dafür eingenommen bin, denn mitunter klingeln sie von selbst, und dann erschrickt man namentlich bei Nacht furchtbar.«

»Darüber können wir ja später reden, ich nehme die Zimmer.«

»Sehr schön, mein Herr; nur . . . Sie wissen wohl, daß man in der Regel Erkundigungen einzieht.«

»Gewiß, gewiß, das hatte ich nur vergessen.«

Damit zog er eine Visitenkarte heraus, schrieb ein paar Worte mit Bleistift darauf und reichte sie mir.

»Das ist mein Name und der meines Sachwalters. Das wird Ihnen wohl genügen.«

Auf der Karte stand Paul de Lorme und darunter hatte er die Adresse eines Rechtsanwalts in der Cravenstraße am Strand aufgeschrieben.

Ich dankte ihm, und er sagte, wenn es mir recht sei, werde er am kommenden Montag einziehen – wir hatten Donnerstag –, und ich gab ihm zur Antwort, das passe ganz gut, worauf er sich sehr artig verbeugte und ging. Noch lange, nachdem ich die Thür ins Schloß gedrückt hatte, sah ich seine Augen vor mir und – ich hätte selbst nicht sagen können, warum – mich überlief dabei eine Gänsehaut.

Ich ging hinunter, gab meinem Mann die Karte und sagte ihm, daß ich ein Vorgefühl hätte, als ob der Fremde uns Unglück bringen würde. Als ich hinzusetzte, seine Augen und sein ausländisches Wesen machten mir bange, lachte mich Jarvis selbstverständlich aus und sagte, ich sei die richtige Engländerin, die nie über das Vorurteil hinauskomme, in jedem Ausländer etwas Unheimliches zu wittern, während er durch seine vielen Reisen im Ausland genau wisse, daß es dort ebenso gute und ebenso schlechte Menschen gäbe, wie in England auch.

Das war ja schön und gut: aber ich habe auch meine fünf Sinne und einen ziemlich raschen Blick für menschliche Charaktere, wie ihn jede Frau haben sollte, die Zimmer vermietet und landfremde Leute unter ihrem Dach schlafen lassen muß und jeder Gefahr preisgegeben ist bei stockfinstrer Nacht, auch weiß ich, daß funkelnde Augen in einem weißen Gesicht, das ringsum förmlich eingerahmt ist von rabenschwarzen Haaren, immer etwas Geheimnisvolles bedeuten. Ich erzählte Jarvis auch, wie der Fremde nach den Läden und in den Hof hinaus gesehen habe, und er sagte, das habe gar nichts auf sich, viele Leute thäten das, und er selbst habe auf Reisen in einem fremden Gasthof immer alle Schubladen und Schränke aufgemacht und unters Bett gesehen, nicht aus Feigheit, sondern einfach aus Vorsicht. Was das Unter-die-Betten-sehen betrifft, so gestehe ich, daß ich's als Mädchen auch immer that, daß ich jeden Abend auf den Knieen herumrutschte und die Kerze auf den Boden hielt, um nach dem Mann zu sehen, der natürlich nie da war, da die Räuber nur in den Büchern die Gewohnheit haben, sich unter Betten zu verkriechen. Und einmal habe ich dabei die Stoffgarnierung, die mein Bett umgab, fallen lassen, so daß sie an der Kerze Feuer fing. Im Nu stand alles in Flammen, mein Haar war ganz versengt, und von der Mutter bekam ich obendrein noch eine hübsche Strafpredigt. Von da an habe ich nie mehr unters Bett gesehen; aber beim leisesten Geräusch wachte ich immer auf, und der kalte Angstschweiß pflegte mir auszubrechen, denn ich war als Mädchen ein rechter Hasenfuß.

Ueber diesen Herrn de Lorme erhielten wir die beste Auskunft, obwohl mir's lieber gewesen wäre, weniger Gutes von ihm zu hören, weil ich die Idee, er werde uns Unglück bringen, nicht los wurde. Zur verabredeten Zeit traf er mit einer Menge fremdländischer Gepäckstücke ein, und bald waren seine Zimmer mit Büchern und Schriften angefüllt, aber alles in fremden Sprachen, und gleich, als ich zum erstenmal hineinkam, fiel mir auf seinem Schreibtisch eine Photographie in silbernem Rahmen auf. Es war das Gesicht einer wunderschönen jungen Frau, ein Gesicht, das man nicht vergessen kann und woran man immer denken muß. Eine große Traurigkeit lag darüber, und Mund und Augen schienen förmlich zu sprechen. So oft ich von nun an ins Zimmer kam, wenn Herr de Lorme ausgegangen war, pflegte ich das Bild anzusehen und vor mich hin zu sagen: »Wer du auch sein magst, eine Glückliche bist du nicht, du weißt, was Leiden heißt.« Ich legte mir's so zurecht, daß sie Herrn de Lormes Geliebte sei, obwohl sie natürlich auch seine Frau hätte sein können; aber wenn ein Mann eine Photographie in silbernem Rahmen vor sich hinstellt, so ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß sie seine Geliebte, als daß sie seine Frau ist; die Bilder der Gattinnen werden meist in ein Schiebfach gelegt und nur gelegentlich herausgenommen.

Wenn Herr de Lorme zu Hause blieb, so war er fast immer mit Schreiben beschäftigt. Er pflegte eine Menge von Briefen zu schreiben; aber an wen, das erfuhren wir nie, weil er sie immer selbst zur Post brachte, was ich recht seltsam fand. Die ankommenden Briefe trugen meist ausländische Marken, nur hin und wieder waren auch englische darunter. Er lebte sehr ruhig und machte uns wenig Mühe, da er in der Regel nur das erste, zuweilen auch das zweite Frühstück im Hause bestellte, aber eigentlich immer auswärts speiste. Jarvis vermutete, er werde in einem ausländischen Restaurant mit ausländischer Küche essen; denn wie er mir sagte, könnten sich viele Fremde nie an die englische Art des Kochens gewöhnen, besonders nicht an die Zubereitung der Gemüse, die sie, glaube ich, für sich auf einem besonderen Teller essen; und dabei, sagte Jarvis, verlangten sie für eine halbe Krone so viel Gerichte, wie der Engländer für eine Guinee, oder wie wir bei einem Festmahl im Mansionhaus haben.

Es war mir sehr lieb, daß er auswärts aß, denn wir hatten gerade zu jener Zeit eine Köchin, die einfach fürchterlich war, dabei aber so willig, daß ich es nie übers Herz brachte, sie auszuzanken. Sie hatte aber ein Verhältnis mit einem Kellner in unsrer Nachbarschaft, und das war ihr Verderben, denn sie suchte immer einen Vorwand, um auszugehen, und wahrscheinlich mußte sie, um in die Wirtschaft zu kommen, immer ein Gläschen nehmen, und so gewöhnte sich das arme Ding leider ans Trinken. Da sie aber in der Regel nur ein wenig duselig war, kamen wir lange nicht dahinter, obwohl sie allerdings ein paarmal Mahlzeiten heraufschickte, daß wir von Glück sagen konnten, gerade recht gutmütige Leute im Haus zu haben; denn anspruchsvollere hätten getobt und wären vielleicht ausgezogen. Ich war also froh, daß Herr de Lorme auswärts speiste, um unsrer- und um seinetwillen. Und er machte uns wirklich gar keine Unlust bis auf den Umstand, daß wir die Glocken an den Läden wieder anbringen lassen mußten, und daß er uns furchtbar oft einschärfte, jedem, der nach ihm fragen würde, den Bescheid zu geben, er wohne gar nicht hier, weil, wie er sagte, die einzigen Besucher, die er erwarten könne, Plagegeister seien, was Jarvis mit Gläubiger übersetzte.

Noch eines war uns nicht angenehm an ihm, die Gewohnheit, den lieben langen Tag Cigaretten zu rauchen. Sobald er ein paar Stunden zu Hause war, war sein Zimmer schwarz vor Rauch, und wenn die Thür ging, zog der Rauch in die Halle und die Treppe hinauf, was eine brustleidende Dame im dritten Stock sehr belästigte. Das wurde besonders schlimm, weil nur ein Fenster nach der Straße offen sein durfte, wenn er zu Hause war, und er stets die Vorhänge zugezogen hatte.

Gegen halb sechs Uhr pflegte er zum Speisen zu gehen und fast immer kam er gegen elf Uhr nach Hause, blieb dann aber noch lange auf und schrieb auf große, dünne, quadratische Papierblätter mitunter viele Seiten, was die Dienstmädchen wohl beobachten konnten, da ich in unserm Haus eingeführt habe, daß sie immer zuallerletzt bei den Herrschaften noch anfragen, ob sie irgend etwas wünschen. Man erspart sich dadurch viel überflüssiges Geklingel, da manche Leute so rücksichtslos sind, immer dann zu klingeln, wenn die Mädchen schon hinaufgegangen sind und sich auskleiden.

Herr de Lorme hatte etwa drei Monate bei uns gewohnt, als jenes Ereignis eintrat, das ich nie vergessen werde.

Ich war am Abend vorher erst gegen zwölf Uhr zu Bett gegangen, und zwar in sehr ärgerlicher Stimmung; denn die Köchin, die an diesem Abend »Ausgang« hatte, war noch nicht zurück. Ihrethalben aufzubleiben, war freilich nicht nötig, da ich die Entdeckung machte, daß sie sich eines überzähligen Hausschlüssels bemächtigt hatte, eine Unverfrorenheit, die ihr ganz ähnlich sah und die mich so empörte, daß ich zu Jarvis sagte: »Die Person geht morgen aus dem Haus, und wenn ich selbst am Herd stehen und kochen muß!« Sie hatte uns gesagt, daß sie mit ihrem »Bräutigam« und einem seiner Freunde ins Theater gehe, hätte aber natürlich lange vor Mitternacht zu Hause sein sollen.

Am andern Morgen zog ich mich eben an, als heftig an die Thür geklopft wurde – Jarvis, der eine schlechte Nacht gehabt hatte, war gerade ein wenig eingeschlafen – und Hanna, unser Hausmädchen, hereinrief: »Kommen Sie schnell, Frau Jarvis! Dem Herrn de Lorme ist etwas Gräßliches zugestoßen!« 

Zitternd und bebend eilte ich hinunter, denn das Mädchen war so fassungslos, daß sie mir keine weitere Auskunft geben konnte, und ich ging geradeswegs in Herrn de Lormes Zimmer, den ich am Schreibtisch sitzend weit über den Tisch gebeugt vorfand.

So hatte ihn auch Hanna gefunden, und es war ihr so unheimlich vorgekommen, daß sie hinausgelaufen war, ohne die Läden zu öffnen. Ich riß sie schnell auf, denn es war stockdunkel im Zimmer, dann aber mußte ich laut aufschreien vor Entsetzen. Der arme Mann saß da, über und über mit Blut bedeckt, und ich sagte sofort: »Er ist ermordet worden!« rannte an die Hausthür, rief nach einem Schutzmann und schleppte mich dann ganz kraftlos die Treppen hinauf, um Jarvis das Entsetzliche zu berichten. Er war im Nu angekleidet und machte, als er eilends herunterkam, eine furchtbare Entdeckung. Der Schutzmann hatte das Mädchen zum nächsten Arzt geschickt, und es stellte sich heraus, daß Herr de Lorme zwar nicht tot, aber mit einem scharfen Instrument zwischen den Schulterblättern verwundet worden war. Sein Stuhl war ganz überzogen mit Blut, der Tisch und das Papier, worauf er in fremder Sprache geschrieben hatte, waren schwarz davon, und der Arzt sagte, es sei jedenfalls ein schwerer Fall. Da ein Spital ganz in unsrer Nähe war, meinte der Arzt, es werde am besten sein, ihn auf der Stelle dorthin zu schaffen, wo er die geschickteste Pflege habe. Auch könnte die Sache, falls er nicht bald sterbe, langwierig werden, und wir wußten ja gar nichts über seine Verhältnisse. Sie trugen ihn also in eine Droschke und brachten ihn fort, und zwei Fahnder, die man hatte holen lassen, nahmen von seiner Wohnung Besitz.

Ich half mechanisch in halber Bewußtlosigkeit. Die Sache war zu grauenhaft und kam mir mehr wie ein schwerer Traum, als ein wirkliches Erlebnis vor. Als sie aber eine Menge Fragen an mich stellten, sah ich mich im Zimmer um und mein Blick fiel plötzlich auf den silbernen Photographierahmen. Er stand noch da, aber das Bild der schönen jungen Frau fehlte.

»Es ist fort!« rief ich.

»Was ist fort?« fragte der Detektiv.

Nun erzählte ich ihnen von dem Bild und sie schrieben sich's auf und nahmen den Rahmen zu sich, und ich hörte den einen zum andern sagen: »Eifersucht!« Das hatte ich auch gedacht; was ich aber ebensowenig begriff, wie die Polizisten, war die Art und Weise, wie der Verbrecher hereingekommen sein sollte, denn als ich ins Zimmer gekommen war, hatte ich ja die Läden noch fest und sorgfältig verschlossen gefunden. Das Fenster im Schlafzimmer war ebenfalls geschlossen und sogar verriegelt, und die Köchin, die so spät nach Hause gekommen war, schwur hoch und teuer, sie hätte die Hausthüre geschlossen.

Mit dieser Köchin befaßte sich die Polizei am meisten. Sie sei gegen ein Uhr nach Hause gekommen, sagte sie, und ganz nüchtern gewesen, obwohl sie sehr rote Augen und starkes Kopfweh hatte, wie sie selbst zugab. Sie war im Adelphitheater gewesen mit ihrem Bräutigam und einem Freund, und beide »Herren« hätten sie bis an die Hausthüre begleitet. Ob sie den Riegel vorgeschoben und die Sicherheitskette vorgelegt habe, fragte der Detektiv. Nein, das habe sie nicht thun können, weil sie nicht gewußt habe, ob schon alle Herrschaften zu Hause seien. Manche kämen immer sehr spät heim, besonders ein Herr im zweiten Stock, der einem Klub angehörte. Als sie hereingekommen sei, habe sie nirgends einen Laut gehört; es sei mäuschenstill gewesen, auch in Herrn de Lormes Zimmer, an dessen Thüre sie vorüberging; dann habe sie ihn aber husten hören und sich gedacht, er werde noch schreiben, wie er's immer thue.

Alle Hausbewohner wurden verhört, aber zufällig waren gerade gestern alle vor Mitternacht zu Bett gegangen, und somit hatte niemand das Geringste bemerkt. Wie die That so lautlos hatte vor sich gehen können, das blieb ein dunkles Rätsel. Wie war der Elende hereingekommen, wie hatte er so spurlos verschwinden können? Der Schutzmann, der die Nacht über Dienst in der Straße gehabt hatte, wurde verhört, doch er hatte nichts gehört, niemand gesehen, der ihm aufgefallen wäre.

Erst nachdem der erste entsetzliche Schrecken sich gelegt hatte, kam es mir klar zum Bewußtsein, wie furchtbar nachteilig die Sache für uns war. Natürlich hatte sich das Gerücht davon schon verbreitet und die Leute blieben vor unserm Hause stehen und gafften herum, und als die Mittagsblätter erschienen, kam ich ganz außer mir und verfiel in Krämpfe. Der Schauplatz eines Mordes. Das mußte unser Haus zu Grunde richten; dazu die Polizei, die überall herumschnüffelte und verzeihlicherweise die Hausbewohner im Verdacht hatte, obwohl sie hätte wissen können, daß in anständigen Häusern, wie dem unsrigen, keine Leute wohnen, die ihre Nebenmenschen rücklings erdolchen und Photographieen stehlen.

Lange hielten sie auch nicht an dem Verdacht gegen die Hausbewohner fest, sondern kamen nach sorgfältiger Untersuchung der Oertlichkeit zu der Ansicht, daß jemand auf unerklärliche Weise hereingedrungen und auf ebenso unerklärliche Weise verschwunden sein müsse. Ich erklärte den Detektivs, wie merkwürdig genau Herr de Lorme bei der Besichtigung Fenster und Läden untersucht hatte, und dabei bemerkte einer von ihnen, der einen ausländischen Namen hatte: »Wie ich mir's dachte! Das war's, was er fürchten mußte; aber wie zum Henker konnte es ausgeführt werden?«

Er sagte uns dann im tiefsten Vertrauen, daß sie längst wußten, wer dieser Paul de Lorme eigentlich sei, und jetzt seine Papiere geprüft hatten. Ein geheimer Agent der russischen Regierung sei er, oder, wie man bei uns sagte, ein Polizeispion, und daß er der russischen Polizei Mitteilungen gemacht habe über einige Nihilisten, die in London eine förmliche Kolonie bildeten, und daß er ohne allen Zweifel von einem dieser Nihilisten erstochen worden sei, die seine Beziehungen zur Polizei entdeckt hätten. Der dunkle Teil der Geschichte blieb aber nach wie vor: wie war der Mörder hereingekommen und warum hatte er die Photographie der schönen, jungen Frau geraubt.

Nur von einer Seite kam ein wenig Trost. Die Nachrichten aus dem Spital lauteten günstig; die Wunde war zwar gefährlich, doch hatten die Aerzte alle Hoffnung, Herrn de Lorme retten zu können. So schlimm es war, daß die Leute unser Haus angafften, und daß die Zeitungen vom Schauplatze einer Tragödie sprachen, wenn er davonkam, hatten wir wenigstens keinen Mord im Hause gehabt und die gerichtliche Untersuchung wurde gelinder.

Der ausländische Detektiv erklärte, er wisse nun genug, um die Spur weiter zu verfolgen, und da er Herrn de Lormes wirklichen Namen kenne – dieser war natürlich nur ein angenommener – werde er mit Leichtigkeit ermitteln können, wer die schöne, junge Frau sei, und das werde auf die Fährte des Mörders führen. Damit gingen sie beide; aber der eine Detektiv sagte, er werde wiederkommen und die Nacht bei uns zubringen, um Versuche über den Weg der Verbrecher anzustellen.

Er kam gegen elf Uhr, ging in den Hof und versuchte, an der Wand emporzuklettern, indem er ein Seil mit einem Haken hinaufwarf, bis es sich in der Fensterumrahmung festhakte. Als er aber das Gesims erreicht hatte, fand er es vollständig unmöglich, das Schlafzimmerfenster von außen zu öffnen, ohne die Scheiben einzudrücken. Er überzeugte sich, daß es ganz im nämlichen Zustande war, wie am Morgen, fest geschlossen und von innen befestigt; der Mann konnte also auf diesem Wege unmöglich hereingekommen sein. 

Dann verlangte er sämtliche Hausschlüssel, die wir besaßen, und sie wurden ihm gebracht. Er fragte, ob sonst keiner mehr da sei, und ich sagte erst nein, besann mich aber dann auf den überzähligen, den die Köchin gestern abend bei sich gehabt hatte, und fragte sie, wo er hingekommen sei. Sie sagte, sie habe ihn in der Tasche ihres Sonntagskleides gelassen, und ging hinauf, um ihn zu holen, brachte ihn auch und gab ihn dem Detektiv. Der verglich ihn mit den andern und sagte sofort: »Hallo, das ist nicht der nämliche Schlüssel! Mit dem können Sie gestern abend nicht hereingekommen sein.«

Ich sah den Schlüssel auch an und überzeugte mich sofort, daß es keiner von den unsrigen war und daß er zu einer ganz andern Art von Schlüsseln gehörte. Die Köchin fing an zu weinen, und der Fahnder machte ihr die Hölle heiß, indem er sagte: »Sie müssen uns alles haarklein sagen. Wie kommen Sie zu diesem Schlüssel? Sie haben den richtigen mitgenommen, denn Frau Jarvis hat ihn ja gestern abend schon vermißt. Wie haben Sie die Thüre aufgeschlossen?«

»O Gott, o Gott!« heulte das dumme Frauenzimmer. »Ich habe nichts mit dem Mord zu schaffen!«

»Das behauptet auch niemand; aber beantworten Sie meine Frage, wie haben Sie die Hausthüre geöffnet?«

Endlich kam's heraus, daß die beiden »Herren« ihr mehr zu trinken gegeben hatten, als sie vertragen konnte, und daß beide sie nach Hause geführt hatten. Den Schlüssel hatte sie ins Schloß gesteckt, aber nicht umdrehen können, und dann hatte der Freund ihres Bräutigams gesagt: »Geben Sie ihn mir. Es ist ein Hohlschlüssel, vielleicht steckt etwas drin.«

Er hatte dann seine Krawattennadel herausgezogen und drin herumgestochert und auch richtig einen Splitter herausgebracht, den er, wie sich leicht zusammenreimen ließ, selbst hineingesteckt hatte. Dann hatte er von außen aufgeschlossen und ihr einen Schlüssel hineingereicht, den sie in die Tasche gesteckt hatte, ohne in ihrem Dusel zu bemerken, daß es ein andrer war.

Sobald wir dem Detektiv gesagt hatten, wer dieser saubere Bräutigam sei, ging er sofort, diesen aufzusuchen, und die Köchin saß wimmernd und winselnd in der Küche, wo ich ihr vorstellte, daß sie jedenfalls als Mitschuldige des Mörders vor Gericht müsse; denn ich hätte ihr jedes Leid anthun können, so rasend machte mich der Gedanke, daß die Nachlässigkeit und der schlechte Lebenswandel dieser Person Schande über unser Haus brachten. Natürlich hatte jener Mensch den richtigen Schlüssel zu sich gesteckt und war gegen Morgen hereingekommen, um die gräßliche That zu vollbringen.

Als der Detektiv zurückkam, war die Köchin förmlich vor Schreck gelähmt, denn sie dachte nicht anders, als daß sie jetzt ins Gefängnis geführt werde, was sie auch reichlich verdient gehabt hätte. Allein der Detektiv sagte, der junge Mensch in der Wirtschaft sei seiner Ueberzeugung nach vollkommen unschuldig, sein Freund dagegen zweifellos an dem Verbrechen beteiligt. Es stellte sich heraus, daß er, ein Fremder, seit einiger Zeit regelmäßig in der Wirtschaft verkehrt, mit dem Kellner Bekanntschaft gemacht und ihm gesagt hatte, er habe immer Plätze im Theater zur Verfügung, und wenn es ihm Freude mache, sein Mädchen mitzunehmen, so lade er sie beide ein. Der Kellner hatte den Theaterbesuch für diesen Abend verabredet, die Köchin hatte mich um Erlaubnis gebeten, und der »Freund« hatte dem Kellner noch aufgetragen, sie solle doch einen Hausschlüssel mitnehmen, denn er wolle sie beide nachher zum Abendessen einladen. Das war natürlich ein Versuch aufs Geratewohl gewesen, aber wie war er gelungen! Der Kellner sagte, er wisse sonst nichts von seinem »Freund«, nicht einmal den Namen, nur daß er ein Ausländer sei, aber sehr gut englisch spreche.

Der Detektiv sagte uns, das sei eine ganz kunstgerecht ausgeführte Gaunerei, wobei die Thäter darauf gerechnet hätten, früher oder später Herrn de Lorme im Bett zu überfallen; als sie aber lautlos hereingeschlichen seien und ihn am Schreibtisch getroffen hätten, sei der Streich geführt worden, ehe er Zeit gehabt habe, sich zu bewegen.

»Und die Photographie?« fragte ich.

»Ja, das ist der dunkelste Punkt an der Sache. Allem nach handelt es sich um ein sogenanntes politisches Verbrechen, und der Mann ist ein Verschwörer, wahrscheinlich ein russischer Nihilist; aber die Photographie ist ein befremdlicher Zug in dem Bild, das ich mir davon machen kann.«


* * *


Das hat sich vor vielen Jahren zugetragen, aber alles, was auf jenen schrecklichen Morgen folgte, steht heute noch vor mir, als ob es gestern geschehen wäre. Alle Bemühungen, den Fremden aufzufinden, der sich mit dem Bräutigam unsrer Köchin angefreundet hatte, waren gänzlich erfolglos, und die Detektivs sagten, es sei anzunehmen, daß er in der Annahme, seine »Mission«, nämlich die Ermordung des Herrn de Lorme, erfüllt zu haben, England sofort verlassen habe. Herr de Lorme erholte sich wirklich nach längerer Zeit, erklärte aber, gar keine Angaben machen zu können, da er niemand gesehen, auf niemand Verdacht habe und nichts wisse, als daß er verwundet worden sei. Er suchte uns nicht auf, nachdem er aus dem Spital entlassen worden war, und wir sahen ihn nie wieder. Der Rechtsanwalt, der uns beim Einzug Bescheid über ihn gegeben hatte, kam mit einer Vollmacht und schaffte alles weg, was Herrn de Lorme gehörte. Wir waren recht froh über diesen Ausgang der Sache, die mit der Zeit in Vergessenheit geriet, und wünschten uns Herrn de Lorme keineswegs zurück; denn ich bin überzeugt, wenn er wieder im Haus gewesen wäre, hätte ich kein Auge zuthun können aus Angst, er werde wieder ermordet, denn ich habe vieles über diese gräßlichen Verschwörer gelesen, die nicht ruhen, bis sie ihr Opfer erlegt haben, und es verfolgen bis ans Ende der Welt.

Das Geheimnis der Photographie wurde durch den fremden Detektiv aufgeklärt, der es, wie es scheint, fertig brachte, durch einen Bekannten, der mit den Nihilisten verhängt war, einige Fingerzeige zu erhalten. Herr de Lorme mußte sich allem nach in St. Petersburg in ein wunderschönes junges Mädchen verliebt haben und zwar bis zur Raserei; sie behandelte ihn aber kalt, weil ihr sein Handwerk als Spion bekannt und verhaßt war und sie selbst einen jungen Künstler liebte, dem sie mit ihrem reizenden Gesicht Modell gesessen hatte. De Lorme war fast wahnsinnig vor Eifersucht, und als er erfuhr, daß sie den jungen Künstler wirklich heiraten werde, zeigte er sie am Tag vor der Hochzeit als Teilnehmerin an einer nihilistischen Verschwörung an, und als man bei ihr eine Haussuchung vornahm, fanden sich Papiere, die ihre Schuld bestätigten, die er aber möglicherweise durch seine Leute hatte hinbringen lassen. Das arme Geschöpf wurde für Lebenszeit nach Sibirien verbannt, und de Lorme sagte, dort sei sie wenigstens sicher vor ihrem Liebhaber, den er frei ausgehen lassen wolle, damit er sich ihr Elend ausmalen könne. Das war grausamer, als wenn er ihn hätte verhaften, foltern und köpfen lassen! Natürlich war diese Handlungsweise schurkisch, und ich hatte also doch recht gehabt, mich vor seinen Augen zu fürchten; aber das Seltsamste dabei war doch, daß er jenes Mädchen immer noch liebte und ihr Bild stets bei sich führte. Der Detektiv, jener Fremde, sagte, er habe gar keinen Zweifel, daß der unglückliche Liebhaber, jener Künstler, selbst nach England gekommen sei, um an de Lorme Rache zu nehmen, daß er ihn verwundet und das Bild weggenommen habe. Weiteres erfuhren wir nie über den Fall, auch nicht, ob de Lorme ferner verfolgt und schließlich von der Rache erreicht worden ist.

Es war, wie Jarvis sagte, eine wildromantische Geschichte, deren letzter Akt nicht in ein ehrbares Londoner Haus gehörte, aber sich doch da abgespielt hatte; wir brauchten lange, um den Schreck zu verwinden, und jahrelang blieben Vorübergehende vor dem Hause stehen und sahen die Fenster im Hochparterre an. Diese Zimmer waren jetzt an ein höchst ehrbares altes Fräulein vermietet, das zum guten Glück niemals Zeitungen las und also keine Ahnung davon hatte, was hier vor sich gegangen war auf dem nämlichen Stuhl, wo sie zu sitzen, ihre frommen Bücher zu lesen und unsern Kater auf dem Schoß zu halten pflegte.

Aber es war der letzte Ausländer, den wir je im Hause hatten, und wenn nach dieser gräßlichen Geschichte wieder einer gekommen wäre und mir ungezähltes Gold in den Schoß geschüttet hätte, ich würde ihm doch nicht vergönnt haben, auch nur seinen Hut in der Halle aufzuhängen oder seinen Schirm in den Schirmständer zu stellen. Einmal im Leben die Detektivpolizei im Hause zu haben und nach dem Mörder des Hochparterres suchen helfen, das genügt.



Zehntes Kapitel.
Aennchen.

Sie war meiner Schwester Anna Kind. Die arme Schwester! Nachdem ihre erste Heirat so unglückselig ausgefallen war, hofften wir alle, sie werde in ihrer zweiten Ehe glücklicher werden, und als sie mit einem selbständigen, achtbaren Geschäftsmann bekannt wurde, den sie meist in der Kirche traf, weil er ernsthafter Sinnesart und obendrein Mitglied des Mäßigkeitsvereins war, da glaubten wir, als es schließlich zur Verlobung kam, dieses Mal könne es am Glück gar nicht fehlen; denn wenn man mit einem Mann in mittleren Jahren, der ein gutes Geschäft hat, immerwährend in der Kirche sitzt und keinen Tropfen Bier oder Wein trinkt, nicht glücklich wird, mit wem soll man's dann werden?

Samuel Partington war der Mann, den ich jeder Frau, die mit ihrem »Ersten« böse Erfahrungen gemacht hat, zum Gatten gewünscht hätte; aber ach, wie wenig wissen wir vom Wesen der Männer! Er war ein Tyrann und wollte eine Sklavin haben, keine Gattin, wie ich ihm eines schönen Tages mit dürren Worten sagte, und Anna hatte nach einem Jahr auf eigene Kosten gelernt, daß ein Mann, der nur Thee, Kaffee und Limonade trinkt, gerade so abscheulich gegen seine Frau sein kann, als einer, der all seinen Erwerb im Wirtshaus verjubelt.

Ich will nicht sagen, daß Sam Partington sie absichtlich gequält hatte, das wäre ungerecht; nein, er war eben von Natur ein harter Mann. Weil er sich nichts aus Vergnügungen und Lustbarkeit machte, sollten andre auch davon bleiben. Wein und jedes gegorene Getränk war ihm ein Gegenstand des Abscheus, deshalb begriff er nicht, daß eine zarte junge Frau hier und da eine kleine Herzstärkung braucht, was doch sogar die Aerzte einsehen. Was mich betrifft, so weiß ich ganz gewiß, daß ich ohne mein Glas Bier beim zweiten Frühstück und ohne mein Glas Wein beim Essen schon vor langen Jahren von der Arbeit, dem Aerger, dem Treppensteigen und meiner Last mit Jarvis aufgerieben worden wäre, indes ich jetzt noch eine rüstige alte Frau von ganz jugendlichem Aussehen bin.

Meiner Ansicht nach entsprangen Sam Partingtons strenge Grundsätze dem Geiz; denn er war ein Filz und betete das Geld an, was, wie ich ihm einmal sagte, eine Gottlosigkeit ist. Er sagte, daß er als Waisenknabe ohne einen Pfennig in der Tasche vom Norden nach London gekommen sei und sich durch Fleiß und Geschicklichkeit durchgeschlagen und emporgearbeitet und den Wert des Geldes dadurch erkennen gelernt habe. Ich entgegnete, das Geld habe nur Wert, wenn man's mit Verstand ausgebe und dazu verwende, sich und den Seinigen das Leben zu erleichtern, nicht, wenn man's in eine Bank stecke und nichts mehr davon sehe, bis man tot sei, in welchem Fall es dann manchmal Leuten zufalle, die's nicht nötig haben oder zum Fenster hinauswerfen; aber er behauptete, Frauen verstünden dergleichen Angelegenheiten nicht. Ueberhaupt, wenn je ein Mann die Frauen heruntergesetzt hat, so war er's. Wenn man ihm zuhörte, hätte man denken können, die Frauen wären zu nichts zu brauchen, als zur Plackerei mit dem Haushalt, und hätten keine andre Pflicht und keinen höheren Ehrgeiz, als Kinder zu bekommen und das Geld zusammenzuhalten.

Er wurde übrigens gehörig bestraft für seine gottlose Geldgier, aber leider traf die Strafe auch meine arme Schwester, die sie nicht verdient hatte. Einige Jahre nach ihrer Verheiratung legte er sein ganzes Vermögen im Ausland an, wo, das weiß ich nicht mehr, bei einer Anleihe, die hohe Zinsen geben und außerordentlich sicher sein sollte. Der hohe Zinsfuß war's, was Sam Partington in Versuchung führte, aber eingeheimst hat er ihn nie; denn nach zwei Jahren machte der betreffende Staat Bankerott zum Schaden vieler Leute in England, die mit diesem Papier beschwindelt worden waren und wozu auch Samuel Partington gehörte.

Der Geldverlust nagte ihm derart am Herzen, daß er darüber seine Geschäfte vernachlässigte, bis plötzlich der Krach kam, obwohl er nach wie vor ein nüchterner Mann geblieben war, doch wurde er von da an ein finsterer Kopfhänger, der, statt zu arbeiten, meist vor sich hinbrütete. Und nach seinem Tod, der nicht lange auf sich warten ließ, sagte der Arzt, der Verlust seines Vermögens habe sein Gemüt krank gemacht und ihm thatsächlich das Herz gebrochen.

So war meine arme Anna zum zweitenmal Witwe und sie rettete aus dem Schiffbruch gerade nur so viel, um sich und das kleine Mädchen aus ihrer zweiten Ehe vor dem äußersten Mangel zu bewahren. Lange lebte sie auch nicht mehr; dieser zweite Schlag und das Bewußtsein, abermals unsrer armen Mutter zur Last zu fallen, brachen ihren Mut, und so welkte sie dahin und starb, und mit ihrem letzten Atemzug legte sie mir ihr Töchterchen ans Herz, und ich versprach ihr, sie zu halten wie mein eigenes Kind, da ich ja selbst kinderlos war. Das waren die letzten Worte, die meine herzliebe, schwergeprüfte Schwester hören und verstehen konnte; denn gleich darauf schwand ihr das Bewußtsein, und sie hauchte ihren Geist aus. Nach dem Tode lag wieder ein Lächeln auf ihren Lippen, und mir war's, als ob es sie glücklich machte, daß ich ihrer Kleinen eine Mutter sein wollte.

Wir nahmen Aennchen mit nach Hause, und Jarvis und ich hatten sie so lieb, als ob sie unser eigenes Fleisch und Blut wäre. Sie ging in der Nachbarschaft zur Schule, lernte Klavierspielen und Französisch und wuchs mit der Zeit zu einem bildhübschen, aufgeweckten jungen Mädchen heran, der Sonnenschein unsres Hauses und die Lust unsrer alten Herzen. Wo Aennchen war, da schwanden die Schatten, und für sie hatte Jarvis ein Lächeln, auch wenn der allerschwärzeste Trübsinn bei ihm zu Gast war. Dabei wurde sie mir eine große Stütze und war meine rechte Hand, und wer ins Haus kam, hatte sie gern, denn sie war ein feines, gebildetes Mädchen, hatte eine Haut wie Milch und Blut und das reichste, kastanienbraune Haar und eine schöne, schlanke Gestalt, obwohl wir nicht zu sagen wußten, woher ihre Schönheit stamme; denn ihren Vater hätte man getrost häßlich nennen können, und ihre Mutter war ja sanft und lieblich, aber niemals hübsch gewesen, so daß die Leute mich das hübsche, und Anna das häßliche Fräulein zu nennen pflegten, was natürlich sehr unzart war. Aber meine Anna lachte darüber; denn in ihr war kein Fünkchen Neid, und an mir hing sie mit ganzem Herzen.

Ja, der Sonnenschein und die Freude unsres Hauses war meine Nichte Aennchen, und als das Unheil hereinbrach – ach! ich mag jetzt noch nicht daran denken, obwohl ich an der Hoffnung und dem Glauben festhalte, daß sie eines Tages zurückkehren wird, daß ich ihr meine alten Arme wieder aufthun und ihr alles vergeben werde.

Es war ein Unglückstag, der ihn in unser Haus führte, obwohl ich das gar nicht dachte, als ich ihn zum erstenmal sah. »Herr Horace Garston ist ein gebildeter, feiner Mann«, sagte Jarvis immer, und ich stimmte ihm vollkommen bei: ja, ich fand, daß er überdies ein ganz reizender Mann sei, nicht ein sogenannter schöner Mann, aber ein Mensch, den man gern haben, zu dem man sich hingezogen fühlen mußte. Und dabei lag in seinen Augen solch eine verträumte Traurigkeit, daß man das Gefühl hatte, er sei zum Glück geboren und habe es nur nicht gefunden.

Er mochte so etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, und anfangs hielten wir ihn für einen Witwer, bis wir erst später – zu spät – die Wahrheit erfuhren.

Unser Aennchen spielte wundervoll Klavier – ich hatte die Musik von jeher sehr gern – und Herr Garston sang mit einer entzückenden Tenorstimme; so kam's, daß er sie manchmal des Abends bat, ihn zu begleiten, und mich immer einlud, auch mit meinem Strickzeug hinaufzukommen. Dabei sind mir manch liebes Mal die Augen feucht geworden, wenn er irgend ein süßes, altes Volkslied so rührend sang, und ich sah wohl, wie meinem Aennchen beim Klavierspielen die Thränen über die Wangen liefen. Freilich hätte ich die Gefahr ahnen sollen, aber nie kam mir ein solcher Gedanke in den Sinn, und als ich eine Zeitlang bettlägerig war, musizierten sie öfters auch ohne mich. Ich dachte mir gar nichts Böses dabei, auch nicht, wenn sie nachher zu mir kam und mir sagte, wie leid ihr der Mann thäte, der ein verfehltes Leben habe und so verlassen und heruntergestimmt sei, weil er all seine Lieben verloren habe.

Daß er verheiratet sei, erzählte sie mir nicht, aber sie wußte es; denn er hatte ihr's, wie ich später erfuhr, gleich gesagt, auch daß seine Frau, ein wunderschönes junges Geschöpf, sein Leben zerstört habe durch einen heimlichen Hang zum Trinken, der, wie es scheint, in der Familie lag, und daß sie ihn dadurch beinahe zu Grunde gerichtet habe, bis ihm schließlich alles verleidet worden sei und er sein Haus verkauft habe. Da war er zu uns gezogen, und die Frau war irgendwo auf dem Land bei einem Arzt, der derartige Fälle behandelte, und mußte schon mehrere Selbstmordversuche gemacht haben, so daß man sie keinen Augenblick ohne Aufsicht lassen konnte.

Das war ja sehr, sehr traurig, ich gebe es vollkommen zu, und Herr Garston war sehr zu beklagen; aber sündhaft war es, daß er ein andres junges Leben in sein Verhängnis hineinzog, um damit seine Lage zu verbessern.

Was mich zuerst auf die Spur des Unheils brachte, war Aennchens verändertes Wesen. Wir hörten ihr helles Lachen nicht mehr, und sie versah ihre Arbeit im Haus ganz lautlos und geistesabwesend, nur am Abend, wenn Herr Garston nach Hause kam und sie hinaufgehen und ihn begleiten konnte, da lebte sie auf. Sogar dadurch gingen mir die Augen noch nicht auf; ich dachte, sie sei nicht ganz wohl, und die Musik heitere sie auf, weshalb ich sie dazu ermunterte und auf Herrn Garstons Einladung auch häufig selbst hinaufging und dabei saß. Daß er mich immer wieder darum bat, machte mich so vertrauensselig und unvorsichtig, auch sah ich, daß Aennchen nach dem Musizieren immer viel frischer aussah, und deshalb redete ich ihr zu, es recht oft zu thun. Ach, wenn ich hätte denken können –!

Er forderte von ihr, daß sie mit ihm gehe! Jeden Abend, wenn ich unten zu thun hatte oder oben an Jarvis' Bett saß – er hatte damals eine wirkliche Krankheit, die lange dauern, aber leider Gottes seine letzte sein sollte! – war sie bei ihm auf seinem Zimmer, und er flehte sie an und suchte sie aufs leidenschaftlichste zu überreden, mit ihm ins Ausland zu gehen, sein Leben glücklich zu machen, seinem darbenden, einsamen Herzen Freude und Frieden zurückzugeben, und sie liebte ihn von ganzer Seele wie nichts andres auf der weiten Welt.

O, es war schlecht, sündhaft, ein Frevel! Er hätte fliehen müssen, sobald er ihre und seine Gefühle erkannt hatte, denn er wußte ja, daß er sie nicht heiraten konnte; deshalb hätte er ihre Liebe im Entstehen meiden sollen. Endlich ging er. Mit brechendem Herzen hatte ihm das arme Kind gesagt, daß es nimmermehr sein könne, daß sie mir, der sie alles verdanke, nicht mit Schimpf und Schande lohnen könne. Das alles erfuhr ich später erst aus ihren Briefen; sie hatte ihn damals beschworen, fortzugehen.

Er sagte uns, er reise ins Ausland, und wirklich ging er. Einen Tag oder zwei nach seiner Abreise schien es, als ob Aennchen heiterer würde; aber das war eine erzwungene Heiterkeit; sie spielte Komödie, das arme Kind, während ihr das Herz brach. Daß sie mit ihm in Verbindung stand, wußte ich gewiß; die Briefe kamen auch ins Haus, aber ich sah sie nie; denn sie war immer früh aus den Federn und nahm sie jedenfalls dem Briefträger selbst ab. Sie fing an, bleich und elend auszusehen, und verlor den Appetit, weshalb ich mit ihr zu einem Arzt ging. Der sagte, es hätte nichts zu bedeuten, verschrieb ihr eine stärkende Arznei und sagte, sie solle so viel als möglich in der Luft sein, weshalb ich sie jeden Nachmittag zu einem Spaziergang veranlaßte. Dabei traf sie ihn, traf ihn jeden Tag, und der Zauber wurde mächtiger als je, und auf diesen Spaziergängen muß sie ihm zugesagt haben, daß sie mit ihm gehen und sein Leben teilen wolle.

Eines Morgens, – das Gedächtnis dieses Morgens wird nichts auslöschen, solange dieses alte Herz noch einen Schlag thut, – kam ich ziemlich spät herunter und fand kein Aennchen. Ich dachte mir, sie fühle sich krank und sei im Bett geblieben, ging in ihr Stübchen hinauf, klopfte an und rief: »Aennchen! Aennchen!«

Als keine Antwort kam, durchzuckte mich ein fürchterlicher Gedanke. Der Arzt hatte gesagt, ihre Herzthätigkeit sei schwach; sie konnte am Ende gar tot sein. Ich klinkte die Thüre auf und stürzte hinein: das Stübchen war leer. Kein Kleidungsstück hing am Haken, alles war wie ausgeräumt, nur auf dem Ankleidetischchen lag ein Brief, auf dessen Umschlag »meiner Tante« stand.

Wie ich's fertig brachte, ihn zu öffnen, habe ich nachher nicht mehr gewußt, ich handelte wie eine Nachtwandlerin. Einen Augenblick dachte ich auch, es sei ein Traum, oder ich lese ein Kapitel aus einem Roman.

Erst nach und nach machte ich mir klar, daß es Wirklichkeit war. Sie war fort, entflohen mit einem verheirateten Mann, mit dem sie leben wollte als seine Frau. Mein reines, gutes Aennchen, das Kind meiner geliebten Schwester hatte das thun können!

Der Brief enthielt die ganze Wahrheit; sie verhehlte mir nichts. Die Geschichte der Ehe ihres Geliebten, ihre Liebe und ihren inneren Kampf dagegen; alles beschrieb sie mir und sagte mir, wie sie zuletzt doch alles aufgegeben habe um seinetwillen, und flehte mich an, sie zu vergessen, vielleicht in späterer Zeit ihr zu vergeben. 

Der Brief glitt mir aus der Hand, und ich sank neben dem Bettchen, wo sie so viele Jahre geschlafen hatte, in die Kniee, vergrub mein Gesicht in den Kissen und vergoß die bittersten Thränen meines ganzen Lebens. Dann hob ich mein Gesicht, faltete die Hände und betete, daß Gott ihr vergeben und ihre Schuld an mir rächen möge. Es war ja meine Schuld, einzig und allein meine Schuld! Ich hätte alles voraussehen müssen und hätte es abwenden können, ich hatte meiner sterbenden Schwester mein Wort gegeben, daß ich ihren Liebling lebenslang hüten und hegen werde, und ich hatte sie der Sünde und Schande preisgegeben.

Meinem Mann vertraute ich niemals die ganze Wahrheit. Anfangs erzählte ich ihm, Aennchen sei über Hals und Kopf aufs Land gereist, weil sie sich viel weniger wohl gefühlt habe und sich bei der Cousine zu erholen hoffe, sie habe ihn nicht aufwecken wollen, um ihm Lebewohl zu sagen. Später sagte ich ihm dann, daß sie mit Herrn Garston fort sei und daß sie sich im Ausland hätten trauen lassen. Er wußte nicht und erfuhr es nie, daß Garston verheiratet war: er fand aber, daß sie schlecht an mir gehandelt habe, und sagte, er hätte Garston nie solche Hinterlist und Unehrlichkeit zugetraut, aber schließlich wären sie nun einmal verheiratet und dagegen sei nichts zu machen, und das Reden nütze nichts, worauf er wieder von sich und seinen Leiden zu sprechen begann; denn er war furchtbar selbstsüchtig geworden, wie alle Kranken es sind, zumal wenn das Ende herannaht.

Anfangs meinte ich, es würde mir das Leben kosten; aber ich bin von jeher eine tapfere Frau gewesen in großen Dingen, wenn auch in Kleinigkeiten mitunter herzlich schwach, und ich sagte mir, daß, wenn ich meine wirklichen Gefühle zeigen wollte, alle Welt die Wahrheit erführe, die ich doch um des Mädchens willen vor aller Welt geheim halten mußte. Die Dienstboten machten sich freilich ihre Gedanken, um so mehr, als keins der Mädchen ihre Abreise bemerkt hatte. Sie mußte vor Tagesanbruch aus dem Hause gegangen sein, und ich erfuhr später, daß sie und Garston mit dem Frühzug nach Dover gefahren waren und England am selben Morgen verlassen hatten. Den Dienstboten gegenüber gab ich vor, daß ich um ihre frühe Abreise gewußt hätte, und stellte mich so gleichmütig als möglich; aber sie fühlten wohl, daß irgend etwas nicht in Ordnung war, besonders als Woche um Woche verging, ohne daß Aennchen zurückgekehrt wäre, und ich sagte ihnen schließlich, wir hätten uns gezankt und sie habe mir ein rasches Wort so verargt, daß sie ganz zu einer Verwandten von uns aufs Land gezogen sei. Dasselbe pflegte ich auch unsern Mietern zu erzählen, die insgesamt an Aennchen hingen und ihr plötzliches Verschwinden unbegreiflich fanden, ohne daß jemand geahnt hätte, was in Wirklichkeit vorgefallen war, Gott sei Dank!

Ich glaube, wenn sie's gewußt hätten, die Schande hätte mich unter den Boden gebracht; denn ich habe Fremden gegenüber immer viel Familienstolz gehabt.

Das Haus wurde nie mehr, was es durch Aennchen gewesen war. Ich vermißte sie auf Schritt und Tritt und hatte immer das Gefühl einer großen Lücke, einer Leere in meinem Leben. Mitunter konnte ich auf Augenblicke das Vorgefallene ganz vergessen und mir bei einem leichten Tritt auf der Treppe einbilden, Aennchen sei da; dann aber fuhr mir ein Stich durchs Herz, und der Jammer kam mit neuer Gewalt über mich.

Sie schrieb mir und er schrieb mir, und beider Briefe waren soweit ganz nett. Er war voll Güte gegen sie, und im Ausland führte sie seinen Namen und galt für seine Frau. Aber sie wußte es wohl, daß ich unter diesen Verhältnissen ihrer nicht mehr gedenken konnte, wie früher; daß ich auch nicht in Gedanken die Hand auf ihren goldbraunen Scheitel legen und sie segnen und meinem Herrgott für ihre Liebe und Anhänglichkeit danken konnte.

Ihre Briefe waren voll Sanftmut und Innigkeit, aber doch unsäglich traurig. Es that ihr so weh für mich, das wußte ich ja wohl; sie bot alles auf, mich zu versöhnen, sie stellte mir so eindringlich immer wieder vor, wie es gekommen sei, daß sie diesen Mann lieben gelernt habe, wie öde und trostlos sein Leben gewesen sei, und daß sie ihn nicht einsam habe fortleben lassen können; aber meine altväterischen Begriffe von Recht und Unrecht, die ließen sich durch ihre guten Worte nicht umstoßen. Ich weiß wohl, man beurteilt heutzutage vieles milder, was wir altmodischen Leute für sündhaft und für Frevel halten, und junge Mädchen sprechen jetzt unbefangen über Dinge, worüber ihre alten Mütter rot werden; aber ich finde, daß man bei den altmodischen Ideen viel mehr Aussicht hatte, glücklich zu werden und an Leib und Seele gesund zu bleiben, als bei den neumodischen, spitzfindigen Ansichten, die ich heute verkündigen höre, und wobei ich mich manchmal schaudernd frage, was aus der Welt noch werden soll.

Ich antwortete ihr so mild und freundlich als möglich; aber ihr ganz zu zeigen, wie es in meinem Herzen aussah, das wagte ich nicht, denn ich kann nicht auch noch die Schuld auf meine Seele laden, daß ich das Unrecht, das sie begangen haben, gutheiße und entschuldige. Eins fürchte ich am meisten, und jede Frau wird es mit mir fühlen, daß ihre Sünde einem unschuldigen Kind lebenslang einen Makel aufdrücken könnte, und die Angst davor hat mein Herz mehr verhärtet, als alles übrige, wenigstens gegen den Mann. Ihr konnte ich's und kann ich's nie verschließen, dieses Herz, meinem geliebten Kinde.

Nun ist's ein Jahr her, daß Jarvis starb, und zwei Jahre sind vergangen, seit Aennchen uns verließ, und ich bin allein in dem alten Haus, wo ich so viele glückliche Jahre verlebt habe. Die Mädchen sind brav und gefällig, so treue Dienstboten, als ich mir sie nur wünschen kann, und meine Mieter sind mir alle zu alten Freunden geworden, da manche schon seit vielen Jahren bei mir wohnen, aber der eine Kummer nagt an mir, und seit ich so allein bin, wächst er Tag für Tag an.

Was die Güter dieser Welt betrifft, bin ich gut dran, denn ich bin von jeher eine sparsame Frau gewesen, und Jarvis führte ein häusliches Leben, und so haben wir Jahr für Jahr ein nettes Sümmchen zurückgelegt, wofür ich jetzt von der Bank Zinsen bekomme und, wie der wackere alte Hammerschmied, von dem in Konzerten und Gesellschaften der Herr mit der Baßstimme ein Lied zu singen pflegt, bin ich keinem Menschen Geld schuldig.

Aber wie dieser gehe ich auch nicht in die Kirche, sondern ich höre eine Stimme, die in meinem Ohr wie Musik zu klingen pflegte; seit sie verstummt ist, hat sich eine große Stille für immer über mein Leben gebreitet.


* * *


Nein, nicht für immer! Ich hatte meine Erinnerungen beendigt und die Schreibereien in meinem Pult geordnet und mich dabei glücklich gepriesen, daß ich den Rat des Hauptmanns Roberts befolgt hatte; denn viele lange Abende waren mir schnell und angenehm vergangen, da sollten mir noch zwei große Ueberraschungen beschieden sein.

Die eine war ein Brief von eben diesem Hauptmann Roberts, ein langer Brief und dabei eine Bankanweisung auf die Summe, die er uns schuldig geblieben war samt den Zinsen der vielen Jahre. Es war ein wunderbarer Brief, der Stoff genug für eine ganze Abenteurergeschichte enthalten hätte; denn ihm waren in allen Weltteilen die fürchterlichsten Dinge zugestoßen, und wie ich mir oft sagte, er war gerade wie der Baron mit dem deutschen Namen, von dem ich als Kind so gern las, und der immer Abenteuer erlebt hat, wie sie keinem andern Sterblichen vor oder nach ihm je widerfahren sind. Anfangs hatte Hauptmann Roberts Reichtümer erworben an irgend einem wunderlichen Ort, wo er Ländereien besaß, die aber Tag und Nacht von Soldaten bewacht werden mußten, hatte aber alles in Zeit von einer halben Stunde eingebüßt durch einen Aufstand, wobei ein Mann mit einem furchtbaren Namen alle Gewalt in die Hände bekam und ihm all sein Eigentum raubte. Dieser Mann hatte die Gewohnheit, jeden, der ihm im Weg stand, niederzuschießen, wurde aber hernach selbst erschossen, und zwar als er gerade von seinem Balkon herabrief: »Es lebe die Freiheit!« Er hatte sich, Tausende von Meilen von aller Welt entfernt, billig eine Insel gekauft (der Hauptmann Roberts nämlich) und bebaute sie; aber gerade als seine Anlagen nutzbringend werden sollten, verschwand die Insel plötzlich unterm Meeresspiegel, und der arme Roberts rettete sich im bloßen Nachthemd in einer Kautschukbadewanne, die ihm ein englischer Missionar, der die Insel besucht hatte und gerade nicht bei Kasse gewesen war, billig verkauft hatte. Er war dann von einem Schiff aufgenommen und an eine Walfischstation gebracht worden, wo er mit einem Eingeborenen halbpart gemacht und als geschickter Geschäftsmann den Handel so in Blüte gebracht hatte, daß er sich später wieder einschiffen und ans Kap der Guten Hoffnung reisen konnte, wo er das Diamantengraben betrieb, aber wieder um all sein Geld kam, weil er in Johannisburg beraubt und ausgeplündert wurde, worauf er dann nach Australien ging, abermals Glück hatte und schon im Begriff stand, eine ganze Straße zu erbauen, als am selben Morgen, wo er all sein Geld aus der Bank nehmen und den Baugrund und einen großen Vorschuß an die Unternehmer hatte bezahlen wollen, die Bank ihre Zahlungen einstellte! 

Allein der Hauptmann Roberts kam wie die Katzen immer wieder auf die Beine, und zwar diesmal durch einen Mann, den er beim Diamantengraben aus Mörderhänden gerettet hatte, und der nun gestorben war, ohne zu wissen, wo seine Verwandten waren, da er seit Jahren keine Nachrichten aus Irland erhielt, und daher seinem Lebensretter all sein Geld hinterließ, das sich auf Hunderttausende belief. Und nun hatte sich der Hauptmann häuslich niedergelassen, hatte eine Witwe mit fünf Kindern geheiratet und das Geld an mich abgeschickt, ehe ein neuer Umschwung eintreten konnte. Er wünschte mir dabei fröhliche Weihnachten und ein glückliches Neujahr, wofür ich zwar augenblicklich keine Verwendung hatte, da ich den Brief im Juli erhielt. Lieb war es mir, daß ich ihm immer ein freundliches Andenken bewahrt hatte, diesem Hauptmann Roberts, und es ist mir ein wohlthuender Gedanke, ihn nun für seine alten Tage versorgt zu wissen, obwohl er in seinen Jahren die fünf Kinder wohl hätte entbehren können.


* * *


Und Aennchen ist zurückgekehrt, sie ist wieder in der Heimat, lebt aber nicht bei mir, sondern wünscht, daß ich mit ihr und ihrem Gatten zusammenlebe. Ja, sie ist verheiratet, rechtmäßig verheiratet und endlich wahrhaft glücklich, und für uns alle sind die zwei Jahre im Ausland begraben und vergessen.

Garstons Frau starb ganz plötzlich in der Heilanstalt, wo er sie untergebracht hatte, und dieser Tod war eine Erlösung nicht nur für ihn, auch für sie selbst. Vier Wochen darauf hat er sich in aller Stille in London mit meinem Aennchen trauen lassen, und ich hoffe, das Opfer, das sie aus Liebe gebracht hat, um eines unglücklichen Mannes Leben zu erhellen, wird Vergebung finden als Sünde eines schwachen, allzuzärtlichen Frauenherzens. Ich selbst habe ihr längst vergeben und will nicht mehr an die Vergangenheit denken. Sie ist die Frau des Mannes, den sie liebt und der sie liebt, ich habe sie glücklich gesehen im eigenen Heim und bin beruhigt und zufrieden. Sie wollen, daß ich mein Geschäft, das alte Haus mit allem, was drin ist, verkaufe, und mein Leben bei ihnen beschließe; aber ich hänge an dem alten Heim und bin nicht mehr jung genug, um mich anderswo einzuleben. So will ich lieber bleiben, wo ich bin, hoffentlich bis ans Ende; aber ich werde mein geliebtes Kind und ihren Mann nun oft sehen. Ich weiß, daß ich ihnen stets ein willkommener Gast bin; manchmal kommt sie auch zu mir, und wir verleben einen frohen Tag zusammen; ich höre ihr helles Lachen – ganz so übermütig klingt's freilich nicht mehr – durch die alten Räume schallen, und sie bringt mir die längst vergangene Zeit zurück, als noch kein Schatten über meinem Leben lag, und wir des Abends schwatzend bei einander saßen, aber ganz leise sprechen mußten, um Jarvis nicht aufzuwecken, der in dem großen Lehnstuhl vor dem Feuer schnarchte und, wenn er einmal geweckt wurde, meist eine halbe Stunde lang krittelig und widerwärtig war, uns vorseufzte, wie krank er sei, und mehr aus Gewohnheit als aus Schmerz furchtbar stöhnte, bis Aennchen ihm schmeichelte und ihn wieder in gute Laune brachte, so daß er bis zum Schlafengehen alle Leiden vergaß.

Und so schließe ich diese Erinnerungen mit froherem Sinn, als ich sie begonnen habe, und ich weiß, daß mein Lebensabend friedlich sein wird, obwohl ich mich natürlich dann und wann auch auf Verdrießlichkeiten gefaßt machen muß: denn auch die allerbesten Mieter sorgen hinreichend für Last und Mühe.

Da wohnt zum Beispiel im zweiten Stock ein älteres Fräulein, wirklich eine liebenswürdige, reizende alte Dame, die sich's aber nicht nehmen läßt, jeden Abend, wenn alles zu Bett gegangen ist, im ganzen Hause herumzugeistern, um sich zu überzeugen, daß alle Gashähne zugedreht sind. Sie wohnte nämlich früher in einem Hause, wo man einmal Gas hatte ausströmen lassen, worauf die Köchin mit einem Licht ins Zimmer getreten war und es eine Explosion gegeben hatte, wobei die alte Dame in ihrem Todesschrecken auf die Straße hinausgelaufen war mit ihrer Perücke in der Hand, die sie eben zurecht gemacht hatte, um in eine Abendgesellschaft zu gehen. Das hatte sie sich so zu Herzen genommen, daß sie seither in keiner Wohnung mehr zu Bett geht, ohne einen solchen Rundgang gemacht zu haben.

Und im Hochparterre habe ich ein Ehepaar, sehr nette Leute im allgemeinen, aber furchtbar heikel mit dem Essen, weil sie beide an schlechter Verdauung leiden. Die Festsetzung des Speisezettels kostet viel Kopfzerbrechen, da ich ihnen immer neue Gerichte vorschlagen soll, die nicht schaden; und da sie weder Ochsen-, noch Schweine-, noch Kalbfleisch ertragen können, und Buttergebackenes oder irgend etwas Fettes noch weniger, muß ich mich oft halb zu Tod besinnen, um einige Abwechslung in ihre Mahlzeiten zu bringen. Dabei läßt der Herr seinen Diamantring mit Vorliebe auf dem Nachttisch liegen oder seine Hemdknöpfe hinter die Kommode fallen, oder er legt eine Banknote an irgend einen undenkbaren Platz. Mindestens zweimal in der Woche bin ich mit den Mädchen stundenlang beschäftigt, im ganzen Zimmer das Unterste zu oberst zu kehren und Jagd auf irgend einen Wertgegenstand zu machen, den er verloren haben will, und der sich unfehlbar an irgend einem seltsamen Platz findet, wo er selbst ihn hingelegt hat.

Auch mit den Mädchen geht's natürlich nicht ohne Aerger ab; denn zwei davon sind junge Dinger und haben Liebschaften, und ich möchte manchmal die Männer ins Pfefferland wünschen, weil sie die Mädchen zeitweise ganz unbrauchbar zur Arbeit machen durch Eifersucht und alle möglichen Liebessorgen. Im Grunde neige ich zu der Ansicht, daß die beste Dienerin eine anständige verheiratete Frau wäre, deren Mann im Irrenhaus ist oder sonst an einem Ort, wo sie ihn gut aufgehoben weiß.

Das sind aber schließlich nur Kleinigkeiten, große Kümmernisse habe ich nicht und ich kann nach dem Essen die Hände in den Schoß legen und in meinem Lehnstuhl einnicken und im Frieden mit mir selbst und der ganzen Welt wieder aufwachen. Deshalb bin ich auch zufrieden und dankbar, denn ich weiß wohl, daß es in diesem riesigen London Hunderte von Zimmervermieterinnen gibt, die sich's ebenso sauer werden ließen als ich, die vielleicht das Glück weit mehr verdient hätten, und die meine Erinnerungen mit tiefer Wehmut lesen werden und heimlich dabei seufzen, daß es ihnen nicht so wohl ging. Für allen Segen, der mir zu teil wurde, bin ich im tiefsten Herzen dankbar und ich lege, nachdem ich meine Aufgabe vollendet habe, die Feder mit gerührtem Sinne nieder. Wer liest, was ich niedergeschrieben habe, wird mir hoffentlich glauben, daß ich mir Mühe damit gegeben und wahrheitsgetreu meine Erfahrungen eines langen und, ich darf wohl sagen, arbeitsamen und nützlichen Lebens aufgezeichnet habe. Und so verbleibe ich des geehrten Lesers ganz gehorsame Dienerin

     Susanne Jarvis.