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Anna Katherina Green – Das Filigran-Herz

Kriminalroman

Anna Katherina Green, Das Filigran-Herz, Autorisierte Übertragung von Dr. A. Baer, Wilhelm Scholz Verlagsbuchhandlung, Werdohl in Westfalen, 1906



I. Teil.
Das verbotene Zimmer.




1.
Das Moore Haus.

Es war Nacht.

Ich befand mich im Polizeibureau, als Onkel David eintrat. Er wird allgemein Onkel David genannt, selbst von den Straßenjungen, die ihm stets folgen, und mache ich mich daher keiner Unhöflichkeit schuldig, wenn ich ihn auch so nenne. Sein mürrisches Wesen, seine sonderbare Kleidung und seine große Dogge Rudge, sein unzertrennlicher Begleiter, geben zusammen ein kleines Charakterbild Onkel Davids aus jenen Tagen.

Der alte Herr war mir längst als eine der interessantesten Persönlichkeiten des Distrikts bezeichnet worden. Ich hatte ihn zwar öfters gesehen, indes nie mit ihm gesprochen und konnte daher nicht entscheiden, ob das unsichere Flackern seiner grauen Augen ein natürliches war oder das Resultat seiner momentanen Erregtheit. Als er sprach, bemerkte ich ein leises Zittern seiner Stimme, wie von unterdrückter Aufregung; und doch hatte er nichts mehr zu berichten, als daß er einen Lichtschein in einem unbewohnten Hause gesehen.

Ich legte seinen Worten keine Bedeutung bei, bis er den Namen des Hauses erwähnte: »Das Moore Haus«.

»Moore Haus?!« fragte ich, höchst erstaunt. »Sprechen Sie vom Moore Haus?!«

Tausende Erinnerungen brachte mir die Erwähnung dieses Namens ins Gedächtnis.

»Von was sonst?« war die mürrische Gegenfrage, wobei er mich scharf ansah. »Denken Sie, ich würde mich um ein Haus kümmern, an dem ich kein Interesse habe, oder denken Sie, ich nähme Rudge von seinem warmen Teppich fort, um vielleicht einen undankbaren Nachbar vor Diebstahl zu schützen? Nein, es ist mein eigenes Haus, in das scheinbar ein Spitzbube gedrungen ist. Das heißt,« setzte er verlegen hinzu, als er mein Erstaunen bemerkte, »das Haus, das ich gesetzmäßig erbe, wenn . . . wenn der einzigen Tochter meines Bruders etwas . . . etwas passierte.«

Hierauf wandte er sich seinem Hunde zu, der sich offenbar niederlegen wollte, murmelte einige unverständliche Worte und wollte sich eben entfernen, als ich auf ihn zutrat.

»Ist Ihr Name nicht Moore und Sie wohnen in oder in der Nähe des alten Hauses?« fragte ich.

»Darf ich fragen, wie lange Sie in Washington wohnen?« fragte er in unverhohlenem Erstaunen.

»Etwa fünf Monate.«

Seine Ruhe, wenn man bei diesem leicht erregbaren Manne von solcher überhaupt sprechen kann, schien sofort zurückgekehrt.

»Sie haben während dieser Zeit nicht viel gelernt,« entgegnete er kalt, indes nicht unfreundlich. Dann richtete er sich auf und fuhr mit angenommener Würde fort: »Ich gehöre zur älteren Linie der Moore und bewohne das Landhaus gegenüber dem »alten Haus«. Ich bin der einzige Anwohner des ganzen Viertels. Wenn Sie erst längere Zeit in der Stadt wohnen, werden Sie lernen, warum diese Nachbarschaft von allen gemieden wird, die kein Mooresches Blut in ihren Adern haben. Nehmen wir an, die Ursache dieses . . . Fernbleibens wäre – Malaria . . .« Damit zog er seine eckigen Schultern, an denen ein altmodischer, unpassender Rock hing, in die Höhe und wandte sich wiederum der Türe zu.

Meine Neugierde war aufs höchste gestiegen. Ich wußte mehr von jenem Hause, als er dachte. Jeder, der die täglichen Zeitungen der letzten Wochen gelesen, und besonders wir Mitglieder der Geheimpolizei kannten die geheimnisvolle Geschichte dieses Hauses. Was mich so überraschte, war seine Verwandtschaft mit der Familie, deren Name während der letzten zwei Wochen in jedermanns Munde gewesen.

»Einen Augenblick!« rief ich. »Sie sagten, Sie wohnen gegenüber des alten Hauses. Dann können Sie mir wohl sagen . . .«

»Nichts kann ich sagen. Es stand alles in den Zeitungen,« rief er über seine Schulter hinweg. »Lesen Sie dort nach und Sie erfahren, was Sie wissen wollen. Nun aber finden Sie aus, wer das Licht in dem alten Hause angezündet.«

Meine Pflicht sowohl als auch meine Neugierde veranlaßten mich, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Vielleicht kennt der Leser das Moore Haus und seine Geschichte und weiß, warum man früher und noch heute in Washington bei Tage mit Fingern darauf zeigt und warum man des Nachts ihm fernbleibt. Das Haus stand schon, als Washington noch ein kleiner Flecken gewesen; es ist älter als das Kapitol und das »Weiße Haus«. Im Kolonialstil erbaut, macht es den Eindruck des Reichen und Vornehmen. Der Mann, der es erbaute, wollte seinen Reichtum offenbar zur Schau stellen. Bald nach seiner Fertigstellung fiel ein Schatten auf dieses Haus, der es schon in jener Zeit zu einem gemiedenen machte. Obwohl man nie hörte, daß es im Hause »spuke« oder daß »Geister darinnen umgehen«, blieb doch keine Familie länger als einige Tage darinnen wohnen. Als Grund des Auszuges gaben sie an: es ist kein Glück im Hause und kein Schlummer darin zu finden. Oftmals hatte Gevatter Tod die Bewohner des alten Hauses besucht; indes fast in jedem alten Hause sind mehr oder weniger Leute gestorben. Doch im »alten Hause« kam der Tod immer so plötzlich, auf solch merkwürdige Weise, und die Todesfälle waren sich alle ganz gleich. Es ist zwar nichts Außergewöhnliches, einen Mann tot auf einer Platte vor einem Kamine hingestreckt zu finden; wenn aber der Tod genau an derselben Stelle zwei- oder gar dreimal sein Opfer sucht, darf man wohl mit Bangen und Mißtrauen auf eine Häuslichkeit schauen, in deren Mauern der Tod zu lauern scheint. Man zog daher vor, eher das Haus zu meiden, als dem tödlichen Kaminsteine ein neues Opfer zuzuführen.

Ich hätte dieser Gerüchte – denn weiter sind es doch nichts – keine Erwähnung getan, wäre es nicht wegen des neuerlichen Vorfalles, welcher das alte Haus wieder in aller Mund brachte, nicht nur in Washington selbst, sondern im ganzen Lande: ich meine den sensationellen Todesfall, der sich während der jüngsten Hochzeit in jenem Hause ereignete.

Veronika Moore, reich, jung und schön, mit starkem Eigenwillen begabt, hatte längst eine besondere Vorliebe für das alte Haus ihrer Vorfahren an den Tag gelegt. Sie wollte zeigen, daß alle Gerüchte, die im Umlauf waren, nur Altweibergeschwätz seien und bestimmte, daß ihr Ehrentag, an dem sie dem Manne ihrer Wahl angetraut würde, in dem »alten Hause« gefeiert werde. Mit welchem Ausgange, wissen wir ja: ein Mann, der abseits der übrigen Gäste ein Zimmer betrat, das nicht zum Besuch geöffnet worden, das Zimmer, dem das Haus seinen geheimnisvollen Ruf verdankte, war etwa fünf Minuten vor der festgesetzten Trauung tot auf dem verderbenbringenden Kaminsteine gefunden worden. Man hielt das Schreckliche vor der Braut geheim, bis der heilige Akt der Trauung vorüber. Dann stoben die Gäste in wilder Flucht aus dem Hause, als ob der grimme Tod mit ausgestreckter Hand auf der Schwelle stehe.

All das veranlaßte mich, schleunigst Onkel David zu folgen, als er sagte, daß im »alten Hause« etwas nicht geheuer wäre.


2.
Ich trete ein.

Onkel David, obwohl ein Siebziger, war gut zu Fuß, und besonders in dieser Nacht ging er so schnell, daß er die Hälfte der H.-Straße bereits durchmessen hatte, als ich eben um die Ecke der New Hampshire Avenue bog. Seine hagere Gestalt, an seinen Fersen der treue Hund, war das einzige Lebewesen in der Einsamkeit dieses Viertels von Washington.

Die Stille der Umgebung machte auf mich einen solchen Eindruck, daß ich geschworen hätte, die Schatten hier seien dunkler denn anderswo, und das flackernde Licht der wenigen Laternen, die in weiten Abständen die Straße entlang standen, brenne trüber als an anderen Plätzen in Washington.

Inzwischen war der Schatten Onkel Davids vom Fußsteig verschwunden. Er selbst stand an einen hölzernen Zaun gelehnt, über den von oben wilder Wein fiel, der mit seinen dichten Blättern beinahe das einzige Haus verdeckte, das in seinem Viertel – außer dem alten Moore Haus – stand, nämlich sein eigenes Wohnhaus.

Als ich näher kam, hörte ich Onkel David etwas murmeln; da Rudge nicht zu sehen war, nahm ich an, daß dessen Abwesenheit den alten Mann ärgerte und er zu sich selbst spreche. Als ich fast bei ihm stand, hörte ich das Folgende, offenbar für Rudge Bestimmte:

»Du bist gescheit, zu gescheit! Du siehst den offenen Fensterladen dort drüben so gut wie ich. Aber du bist ein Feigling, dich so zu verkriechen! Ich nicht! Ich bleibe hier und will dir nachher zeigen, was ich von einem Hunde denke, der seinem alten Herrn nicht mutig und hilfreich zur Seite steht. Das krächzt, nicht wahr? Laß es krächzen. Mir liegt nichts daran, wenn's krächzt. Wenn ich nur wüßte, wessen Hand . . . Hallo, da sind Sie ja, he?« rief er, zu mir gewendet, als ich eben aus dem Schatten trat.

»Ja, hier bin ich. Nun, was ist los mit dem Moore Haus?«

Er mußte die Frage erwartet haben und doch ließ die Antwort auf sich warten. Als er sprach, geschah dies mit unnatürlicher Stimme:

»Sehen Sie nach dem Fenster dort drüben,« flüsterte er endlich, »das mit dem halboffenen Laden! Passen Sie auf und Sie sehen, wie sich der Laden bewegt. Hören Sie? Er krächzt – – Haben Sie nichts gehört – –?«

Ein Geheul – es glich mehr einem Wimmern – ward hinter uns hörbar. Schnell drehte sich der alte Mann um und rief mit ärgerlicher Stimme:

»Willst du still sein! Wenn du zu feig bist, einen sich bewegenden Fensterladen anzusehen, halt' wenigstens dein Maul, damit nicht jeder, der daherkommt, hört, was für ein Narr du bist! Ich sag's ja,« murmelte er, teils zu sich selbst, teils zu mir sprechend, »der Hund wird zu alt. Kann ihm nicht mehr trauen. Er verläßt seinen Herrn im Augenblick, wenn – –« Den Rest verschluckte er unter ärgerlichem Murmeln.

Inzwischen betrachtete ich das Haus mit gespannter Aufmerksamkeit. Zwar hatte ich es oft gesehen, indes nie, wenn die Nacht ihre dunklen Schatten über die Bäume geworfen.

Der Eingang zum Hause lag in tiefem Dunkel. Grabesstille ringsum.

Der Anblick, der sich mir bot, setzte mein Blut in Erregung; nicht als ob der Aberglaube, der sich an das Haus knüpfte, Eindruck auf mich machte . . . ich sah an dem Fenster, das mir Onkel David bezeichnet hatte, so oft der krächzende Laden vom Wind bewegt sich öffnete, einen Lichtschein! Und erst kürzlich noch erzählte man sich, daß keine Menschenseele im Hause wohnen könne oder wolle.

»Sie haben recht,« sagte ich endlich zu meinem Begleiter, der sich in sichtbarer Aufregung befand, »jemand befindet sich dort im Hause. Kann es vielleicht Missis Jeffrey oder deren Gemahl sein?«

»Des Nachts und ohne Gas im Hause? Schwerlich!«

Diese Worte klangen natürlich – die Stimme des Sprechenden nicht. Sein ganzes Benehmen schien nicht im Einklang mit seinem Handeln zu stehen. Ich schaute ihn forschend von der Seite an, und bemerkend, wie nervös erregt er war, sagte ich:

»Ich werde einen Polizisten herbeirufen und dann können wir drei zusammen hinübergehen und sehen, was los ist.«

»Ich nicht!« entgegnete er schnell und öffnete eine Türe, die durch das dichte Blattwerk des wilden Weines verdeckt gewesen. »Die Jeffreys würden mein Eindringen in ihr Eigentum aufs schärfste verurteilen, wenn sie je davon hörten . . .«

»Wirklich?« fragte ich ironisch und ließ meine Pfeife ertönen. »Das sollte Sie eigentlich nicht abhalten.« Sein Betragen schien mir mehr als sonderbar, und ich hielt es für ebenso wichtig, ihn im Auge zu behalten, als das Haus, für das er solch besonderes Interesse an den Tag legte. »Kommen Sie,« setzte ich hinzu, »und lassen Sie uns sehen, was in dem Hause vorgeht, das Sie so bestimmt als das Ihrige bezeichnen.«

Statt einer Antwort trat Onkel David noch einige Schritte tiefer in den Schatten seines Hauses zurück.

»Ich habe da drinnen nichts verloren,« sagte er endlich. »Veronika und ich waren nie gute Freunde. Ich war nicht einmal zu ihrer Hochzeit geladen, trotzdem ich nur eine Steinwurfslänge entfernt wohne. Nein! Ich habe meine Pflicht erfüllt, indem ich Ihre Aufmerksamkeit auf das Licht gelenkt. Sei es ein Räuber – Sie wissen vielleicht nicht, daß sehr wertvolle Bände im großen Bibliothekzimmer stehen – oder die phantastische Beleuchtung, die einfältige Menschen und einfältige Hunde schreckt, ich habe weiter nichts damit zu tun und nichts mehr mit Ihnen. Gute Nacht.«

Mit diesen Worten verschwand er hinter dem hängenden Wein, der wie ein Totentuch über dem Hause lag. Gleich darauf erklangen die vollen Akkorde einer Orgel durch die stille Nacht, begleitet von einem durchdringenden Geheul des Hundes Rudge – ob in Mißbilligung der musikalischen Versuche seines Herrn oder in Anerkennung desselben, konnte ich nicht ergründen. Den Spieler schien diese gräßliche Begleitung nicht zu genieren. Im Gegenteil: die Musik erklang stärker und stärker, was Rudge wiederum veranlaßte, seinerseits seine Stimme der Musik anzupassen und mit markdurchdringendem Geheul die Musik zu übertönen. Wie ich diesem ohrzerreißenden Duett lauschte, drangen sich mir Zweifel auf, ob der Ruf des alten Moore Hauses allein für die Verlassenheit dieser Gegend verantwortlich sei.

Da kam Hibbard, der mein Signal gehört hatte, gerannt. Als er eben bei mir stand, war das Licht – oder besser gesagt: der Schein, den wir Licht nannten – wiederum am Fenster sichtbar.

»Jemand ist im Moore Hause,« sagte ich, mich zu einem ruhigen, festen Ton zwingend.

Hibbard ist einer der größten und stärksten Leute der Polizei und, soviel mir bekannt, so unerschrocken und kühn wie irgend einer. Nachdem er indes einen Blick auf die dunklen Mauern des einsamen Hauses geworfen, schien er es gar nicht so eilig zu haben, hinüberzugehen.

Ich fühlte etwas wie Verachtung gegen den großen, starken Menschen in mir aufsteigen.

»Komm,« sagte ich, indem ich voranschritt, »lasse uns hinübergehen und sehen, was los ist. Das Haus ist unbewohnt, die Möbel sind kostbar und die Bücher der Bibliothek sollen enormen Wert besitzen. Hast du Zündhölzer und deinen Revolver?«

Er nickte stumm, zeigte mir erst das eine, dann das andere und sagte darauf mit einem Lachen, aus dem die Angst deutlich klang:

»Wenn du sie gebrauchen willst, überlasse ich sie dir gerne für eine halbe Stunde.«

Ich war mehr als erstaunt über diese offenbare Schwäche in einem, den ich bis jetzt für furchtlos zu betrachten gewohnt war. Ärgerlich schob ich das Dargebotene zurück, schritt über die Straße und, mich zurückwendend, sagte ich:

»Vielleicht ist eine ganze Bande drinnen. Willst du, daß ich allein einer ganzen Bande von Gaunern gegenübertrete?«

»Du wirst kein halbes Dutzend dort finden,« murmelte er. Dann folgte er mir, wenn auch zögernd, was ich ihm eigentlich nicht so übel nahm, wenn ich meine eigenen Gefühle erwägte.

Das Haus, das wir jetzt betraten, näher zu beschreiben, ist eigentlich überflüssig. Die Abbildungen, welche in den Tageszeitungen erschienen, machten das Publikum mit dessen einfacher Fassade und den langen Reihen durch Läden verschlossener Fenster bekannt. Selbst die große, viereckige Veranda mit den für die bedienenden Neger bestimmten Bänken wurden ungezählte Male für die Millionen interessierter Leser photographiert. Diejenigen, welche das Bild sahen, das die aus dem offenen Tore fliehenden Hochzeitsgäste darstellte, können sich den Kontrast vorstellen, den die dunkle, einsame, geschlossene Pforte bot, auf die ich jetzt zutrat und auf deren altmodische Klinke ich nun meine Hand legte. Ich erwartete keineswegs, hierdurch Eintritt zu erhalten – ich bin gewohnt, dem gesunden Menschenverstande zu folgen und logisch vorzugehen und ergriff daher erst die Klinke, um zu sehen, was dann folge. Wie erstaunte ich, als das Tor nachgab – es war nicht einmal geschlossen . . .

»So, so,« dachte ich. »Das Licht ist demnach kein Irrgespinst. Es befindet sich tatsächlich jemand im Hause!«

Ich trug eine Taschenlaterne mit mir, die ich nun zur Hand nahm, und als ich Hibbard überzeugt hatte, daß ich ernstlich gewillt war, das Haus zu betreten und zu untersuchen, wer, von dem Aberglauben Gebrauch machend, dies Haus als seine Zufluchtsstätte benutze, steckte ich die Laterne in Brand.

»Wir greifen vielleicht in ein Wespennest,« sagte ich zu Hibbard, dessen Schritte mir auffällig schwer vorkamen, »aber ich gehe hinein und du gehst mit! Ich schlage vor, daß wir unsere Schuhe ausziehen – wir können sie hier im Gebüsch verstecken.«

»Ich bekomme stets den Schnupfen, wenn ich barfuß gehe,« sagte mein tapferer Kamerad. Als ich indes, ohne ihm zu antworten, meine Schuhe abzog, zog er auch die seinen ab und warf sie neben die meinen in den Schatten der dichten Gebüsche, die in allen Illustrationen, deren ich vorhin erwähnte, so hervortretend gezeichnet sind. Hierauf nahm er seinen Revolver zur Hand, spannte den Hahn und stand wartend da, während ich vorsichtig die Türe öffnete.

Dunkel!

Stille!

Viel lieber hätte ich ein Licht gesehen oder das Geräusch eines in Spannung begriffenen Revolvers gehört, an das wir längst gewohnt sind, als diese grause Stille. Hibbard schien dasselbe zu empfinden, nur aus anderen Gründen.

»Pistolen und Laternen nützen hier nichts,« flüsterte er. »Das einzige Richtige hier ist ein Priester mit Weihwasser. Ich für meinen Teil . . .«

Er wandte sich wirklich zum Gehen.

Ein kräftiger Fluch brachte ihn zum Stehen.

»Sieh hier,« sagte ich, »du bist kein dummer Junge, der eine Kinderpistole hält. Geh mit oder . . . Nun, was ist jetzt wieder los?«

Er preßte meinen Arm und deutete nach der Türe, die sich langsam hinter uns bewegte.

»Hast du gesehen,« flüsterte er. »Kein Schlüssel im Schloß –– Menschen benutzen Schlüssel . . . aber – –«

Meine Geduld war zu Ende. Mit einem Rucke machte ich mich los von ihm.

»Geh!« sagte ich unwillig. »Du bist ein zu großer Narr für mich. Ich gehe allein.« Und zum Zeichen meines unerschütterlichen Entschlusses öffnete ich die Blende meiner Laterne und ließ das Licht durch die Halle scheinen.

Der Effekt war geisterhaft!

Hibbard atmete hörbar, doch lief er nicht davon, wie ich eigentlich erwartet hatte. Vielleicht hielt ihn, wie mich, der grause, faszinierende Anblick der langen, dunkelbeschatteten Wände und der gleicherweise beschatteten Treppen, die so plötzlich aus dem vorher undurchdringlichen Dunkel vor uns lagen; vielleicht schämte er sich. Wie dem auch sei, er blieb, hielt aber seine Augen ängstlich auf jenen Teil der Halle gerichtet, wo zwei vergoldete Säulen standen, am Eingange jener Türe, durch die kein Mensch ohne besonderen Zweck trat, deren Schwelle niemand furchtlos überschritt. Er dachte zweifellos an das, was so oft hinter dieser säulengefaßten Türe sich ereignete – ich wenigstens dachte daran. Als ich dann sah, wie die Draperien, die zwischen den Säulen hingen, sich durch den Luftzug der offenstehenden Türe bewegten, gleich als ob sie zitterten, da wunderte ich mich nicht, daß Hibbard noch den letzten Rest seines Mutes verlor. Um offen zu sein: es lief mir selbst kalt über den Rücken, indes wußte ich dies Gefühl zu unterdrücken, und zu Hibbard gewendet, sagte ich in ärgerlichem Tone:

»Sei kein Narr! Hinter den Vorhängen ist nichts als vielleicht ein dem Gefängnis entlaufener Gauner oder Falschmünzer.«

»Vielleicht . . . Ich wollte, ich könnte meine Hand auf etwas Menschliches – –«

»St!«

Eben hatte ich etwas gehört.

Wir standen einen Moment atemlos.

Als sich das Geräusch nicht wiederholte, nahm ich an, es sei das Krächzen des offenen Fensterladens gewesen. Sicherlich bewegte sich nichts in unserer Nähe.

»Sollen wir nach oben gehen?« flüsterte Hibbard.

»Nicht, ehe wir uns vergewissert haben, daß hier unten alles in Ordnung ist.«

Eine Türe zu unserer Linken stand etwas offen.

»Dort ward die Hochzeit gefeiert,« sagte Hibbard und schaute ängstlich über meine Schulter.

Überall waren noch Spuren der Hochzeitsfeierlichkeit sichtbar. Wände und Decken waren blumenbehangen; vertrocknete Girlanden zogen sich nach den Türen; abgerissene Zweige und zerpflückte Buketts, von den fliehenden Gästen zertreten, bedeckten die Teppiche; umgestürzte Stühle und Tische zeugten von der hastigen Flucht der Gäste und legten Zeugnis ab von der abergläubischen Furcht, die es sogar verhinderte, daß Leute hierher kamen, um Ordnung in das herrschende Chaos zu bringen. Selbst das Klavier stand noch offen, während daneben auf dem Boden die in der Eile der Flucht heruntergeworfenen Noten lagen, die vielleicht ein armer Musiker schmerzlich vermißte. Die Uhr, welche inmitten des Kaminaufsatzes stand, war das einzige an Leben Gemahnende. Man hatte sie am Hochzeitstage aufgezogen und sie war noch nicht abgelaufen. Ganz schwach klang ihr Tick-Tack durch das Dunkel, gleich als ob auch sie allen Mut verloren hätte und sich der geisterhaften Stille ihrer Umgebung anschließen wolle.

»Das . . . das ist . . . wie . . . ein . . . Grab . . .« flüsterte Hibbard.

Er hatte recht. Mir war's, als ob ich den Deckel eines Sarges schlösse, als ich die Türe hinter uns zuzog.

Zunächst kamen wir in den hinteren Gang. Da wir indes nichts fanden, das uns hätte aufhalten können, gingen wir – mit einem gewissen Bangen – der Türe zu, deren Eingang die beiden korinthischen Säulen bildete.

Die Türe war nur angelehnt, wie die anderen, und – Sie mögen mich Feigling nennen oder Narr (Sie er innern sich, ich nannte Hibbard beides) – es kostete mich große Überwindung, meine Hand auf das Schloß zu legen. Wenn Gefahr drohte, drohte sie hier! Auch mich, der ich nie vor einem Gegner zurückschrecke, hatte das unheimliche Gefühl erfaßt, das jeden beschleicht, der einem unsichtbaren, mysteriösen Etwas gegenübertritt.

Hibbard, der sich vorhin ganz nahe an mich gehalten, ließ mir nun volle Freiheit des Vorgehens. Mit dem Gefühl, daß ich allein eintreten müsse, warf ich die Türe zurück und überschritt die Schwelle des geheimnisvollen Zimmers, in dem vor kaum zwei Wochen ein neues Opfer zu der Liste derjenigen gekommen, die in unerklärlicher, geheimnisvoller Weise ihren Tod hier gefunden.

Erst sah ich nur die groben Umrisse eines alten Sessels, der vor dem Kaminofen stand. Dies war der Sessel, von dem offenbar alle, welche tot in diesem Zimmer gefunden wurden, zur Erde geglitten waren. Ein Schauen durchrieselte mich, als ich den großen Sessel betrachtete und den dunklen Schatten, den er auf die alte, entehrte Steinplatte warf.

Um den grauenhaften Eindruck zu verwischen und um mich zu überzeugen, daß das Zimmer wirklich leer sei, wie es den Anschein hatte, machte ich einige Schritte vorwärts. Hierdurch ward das Licht meiner Laterne über den weiten Raum geworfen, wodurch erst recht die Einsamkeit und Stille zur Geltung kamen.

Der große Sessel war, wie ich später bemerkte, fast das einzige Möbel in diesem großen, teppichlosen Raume. In einer entfernten Ecke stand ein Tisch oder zwei tief im Schatten und, wie es schien, ein Stuhl oder Schemel. Im ganzen jedoch war der Eindruck der eines weiten, unbewohnten Raumes, den Motten und dem Zahn der Zeit anheimgegeben.

Die Wände waren mit Büchern bedeckt vom Boden bis zur Decke; keine neuen Bücher – sie mußten lange an ihren Plätzen gestanden haben, denn sie waren vermodert und verstaubt und rochen . . . doch wozu das Bild weiter ausmalen? Jedermann kennt den stickigen Modergeruch eines Zimmers, in das für lange Zeit weder Sonnenlicht noch Luft gedrungen.

Die Eleganz der Stuckarbeiten der Decke – es gibt keine feinere in Washington –, die aus karrarischem Marmor gemeißelten Ornamente, die den Mantelofen schmückten, der sich über der unheilbringenden Herdplatte wölbte, brachten so recht die Vernachlässigung des Zimmers zum Bewußtsein.

Da ich mich hier nicht länger aufhalten wollte und überzeugt, daß das Zimmer wirklich leer war, wandte ich mich eben zum Gehen, als mein Auge auf etwas fiel, so unerwartet und merkwürdig, daß mir fast der Atem stockte. Ich war erst nicht sicher, ob ich wirklich etwas sah oder ob ich unter dem Einfluß der hier begangenen Taten stände und meine erregte Phantasie mir etwas vorspiegelte: hinter der halbgeöffneten Türe, an einer Stelle, die ich bisher nicht beachtete, lag ein Körper, der mir beim ersten Anblick als unendlich zart und der besten Klasse angehörend erschien. Der Körper lag da, wie nur Tote liegen. Tote! Und ich hatte auf der Herdplatte nach einem Toten gesucht – –! Aber keinem solchen Toten! Das war der Leichnam einer Frau! Sie lag mit dem Gesicht nach oben und am Boden neben ihr bemerkte ich Blut – –

Eine Hand zog mich am Ärmel. Es war Hibbards.

Veranlaßt durch die Stille und meine Unbeweglichkeit, war er zitternd eingetreten.

Kaum hatte sein Auge den daliegenden Körper gesehen, als eine plötzliche Änderung mit ihm vorging: was mir für einen Augenblick die Überlegung geraubt, gab ihm sein Selbstbewußtsein zurück. Der Tod, wie er ihn hier vor sich sah, war etwas Alltägliches für ihn. Blut hatte für ihn keine Schrecken. Er schien von dem Anblick nicht überrascht, um so mehr von dem Eindruck, den die Szene auf mich gemacht.

»Erschossen!« sagte er, als er die Tote näher betrachtet hatte. »Mitten durchs Herz! Sie muß tot gewesen sein, ehe sie umfiel.«

Erschossen!

Das war ein neuer Tod in diesen Räumen. Noch nie hatte man eine Wunde an denen entdeckt, die hier ihren Tod gefunden, und nie war ein Opfer an einer anderen Stelle gesehen worden als dort, wo der große Sessel stand.

Als mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf flogen, schaute ich wieder von der Herdplatte nach der Toten, die ganz gegen mein Erwarten vor mir lag.

Ein unterdrückter Schrei Hibbards machte mich erschauern.

»Sieh hier! Was denkst du davon?«

Dabei deutete er auf etwas, das sich bei genauer Besichtigung als ein weißseidenes Band herausstellte, welches das Handgelenk der jungen Toten mit einer Pistole verband, die unweit von ihr lag.

»Es scheint, als wäre die Pistole an sie gebunden – – Das ist mir neu in meiner Praxis. Was soll das bedeuten?«

Dies ließ nur eine Deutung zu: der Schuß, der ihr Leben endete, war von ihr selbst gefeuert worden. Dies schöne, junge Mädchen war eine Selbstmörderin!

Aber Selbstmord in diesem Raume! Wie sollten wir dies erklären? Hatte das Mysteriöse dieses Hauses ihren Geist verwirrt oder hatte sie die offene Türe bemerkt und diesen Platz ausersehen, ihre Erdenleiden zu enden?

Während ich aus ihren Zügen die Antwort zu lesen versuchte, durchflog ein neuer Gedanke mein Gehirn.

»Sieh das Gesicht an!« rief ich. »Ich glaube, ich kenne es! Kennst du sie?«

Hibbard trat näher und betrachtete eingehend die blassen Züge. Dann schaute er auf, zog die Augenbrauen zusammen und sagte, wie sich besinnend: »Ich habe sie ganz sicher schon gesehen – – vielleicht in den Zeitungen – – sie sieht fast aus, wie – –«

»Fast!?« rief ich, ihn unterbrechend. »Es ist Veronika Moore selbst, die Eigentümerin dieses Hauses, dieselbe, die vor vierzehn Tagen hier mit Mister Jeffrey Hochzeit gefeiert! Offenbar ward sie schwermütig und geistesumnachtet infolge der Tragödie, die einen solch tiefen Schatten auf ihren Hochzeitstag geworfen.


3.
Ich bleibe.

Ich zweifelte keinen Augenblick an der Richtigkeit der Identifikation. Alle Bilder, die ich von der in Gesellschaftskreisen so wohlbekannten jungen Dame gesehen, zeigten dieselbe stark ausgeprägte Individualität, die sich unwillkürlich dem Gedächtnisse einprägt und welche ich in den lebhaftesten Zügen vor mir sah.

Aufs höchste überrascht von dieser Entdeckung, indes überzeugt, daß diese nur die Fortsetzung der mysteriösen Tragödie, die sich kürzlich hier zugetragen, sei, begann ich die in solchen Fällen üblichen Schritte vorzunehmen.

Ich sandte Hibbard, der nur zu willens war, den Auftrag auszuführen, zum Hauptquartier, um Bericht zu erstatten.

Eben zog ich mein Notizbuch heraus, etwa wichtige Daten aufzuschreiben, als plötzlich meine Laterne ausging und ich in völliger Finsternis stand. Dies war keineswegs angenehm. Durch diese Dunkelheit indes drängte sich mir ein Eindruck auf, der mir sehr wichtig dünkte: keine Dame, so erregt sie auch sei, würde dieses grabeskalte, todesstille Zimmer dazu ausersehen, freiwillig der Gruft entgegenzugehen, deren Vorgefühl sich hier so stark aufdrängt. Solches liegt nicht in der menschlichen Natur, vor allem nicht in der Natur einer Frau. Sie mußte entweder Selbstmord begangen haben, als noch Tageslicht durch die zerfallenen Läden gedrungen – eine Theorie, die ich sofort verwarf, als ich den noch warmen Körper befühlte –, oder das Licht, das brannte, als sie den fatalen Schuß feuerte, war inzwischen ausgegangen oder fortgetragen worden. Wenn ich an den Lichtschein dachte, den wir am Fenster bemerkt hatten, glaubte ich, daß die erstere Annahme die richtigere sei; doch auch die letztere lag nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit.

Ich zündete meine Laterne wieder an, hielt das Zündholz an einen der Brenner des großen Kronleuchters über mir und der Erfolg war der von mir erwartete: kein Gas im Hause. Ich erinnere mich – die Zeitungen hatten das oft erwähnt, als sie die Schönheit der Kostüme beschrieben, »beleuchtet vom goldenen Tageslicht«. Nicht einmal Hochzeitskerzen brannten – –

Halt! Kerzen!! Was war es, das ich auf dem Tische am anderen Ende des Zimmers sah? Ein Leuchter oder vielmehr ein altmodischer Kandelaber mit einer halb niedergebrannten Kerze in einem der Arme.

Schnell darauf zutretend, befühlte ich den Docht: er war kalt und steif. Doch damit nicht zufrieden – ein Docht wird schnell steif, nachdem das Licht erloschen – nahm ich mein Taschenmesser und preßte an die Stelle, wo der Docht die Kerze berührt: das Wachs war weich und nachgiebig.

Dies bewies, daß meine Vermutung richtig war: die junge Frau hatte die Todeswaffe nicht in der Dunkelheit auf sich gerichtet; das Licht hatte gebrannt. Doch wenn es brannte, wer hatte es ausgelöscht? Nicht sie selbst; ihre Wunde hätte dies nicht zugelassen. Die Schritte, die sie hätte machen müssen von wo das Licht stand bis zur Stelle, wo sie lag, waren zurückgelegt worden, ehe der tödliche Schuß gefallen. Eine andere Person, jemand, dessen Atem noch in der Luft um mich schwebte, mußte das Licht ausgeblasen haben, nachdem der Tod eingetreten! Es lag daher allem Anscheine nach kein Selbstmord vor, sondern ein Mord!

Zu dieser Folgerung gekommen, betrachtete ich erst noch einmal genau das junge Opfer. Welches Elend lag auf diesen Zügen ausgeprägt! Welch interessantes, fast auffallend schönes Gesicht! Welch hohle Wangen in dem einst so rosigfrischen Antlitz! Sie schienen etwas auszudrücken, das ich nicht in Worte kleiden konnte . . .

Am rechten Handgelenk befand sich – wie bereits erwähnt – ein langes, weißes Seidenband, daran die abgefeuerte Pistole befestigt war. Von der linken Hand waren alle Ringe genommen, selbst der Trauring, der erst vor kurzem daran gesteckt worden war! Lag hier Raubmord vor? Nirgends ein Zeichen von Gewalt, nirgendwo eine Unordnung, wie sie gewöhnlich nach vollbrachtem Raube sichtbar ist. Der feine, schwarze Boa lag unberührt um den Hals und über der Brust; die Falten des reichen Gewandes schienen genau so, wie sie gefallen, als die Tote zu Boden sank. Hätte sie Diamanten im Ohr oder auf der Brust getragen, so mußten diese von sorgsamer, fast liebender Hand entfernt worden sein . . . Das Einfache ihres ganzen Anzuges machte auf mich den Eindruck, daß die Tote ohne jeden Schmuck hierher gekommen. Der Hut, einfach und elegant wie die übrige Kleidung, lag neben ihr auf dem Boden; er war offenbar von ungeduldiger Hand abgenommen und hingeworfen worden. Daß diese Hand ihre eigene war, schloß ich aus der sonst unbedeutenden Tatsache, daß die Hutnadeln nach Abnehmen des Hutes wieder in den Hut gesteckt worden waren. Keine Hand außer der ihrigen hätte solches getan. Ein Mann hätte die Hutnadeln zur Seite geschleudert, ebenso wie den Hut.

Welchen Schluß ließ dies zu? Wollte sie den Hut später wieder aufsetzen oder war der Akt nur die Folge alter Gewohnheit?

Nachdem ich soweit alles Bemerkenswerte an der Person der Toten besichtigt, ohne dem Untersuchungsrichter vorzugreifen, wandte ich meine Aufmerksamkeit der Person zu, die offenbar das Licht verlöscht hatte.

Doch ohne Erfolg. Nichts ließ die Anwesenheit einer zweiten Person hier vermuten, wenn nicht ein Häufchen Asche am Fuße eines Küchenstuhles, der vor dem Büchergestell und neben dem Tische stand, auf dem ich den Kandelaber gefunden. Doch die Asche schien alt und ich konnte auch keinen Zigarrengeruch in der muffigen Atmosphäre des Zimmers entdecken. Stammte die Zigarrenasche etwa von dem Manne her, der vor vierzehn Tagen in diesem Zimmer gestorben? Dann muß sich auch der ungerauchte Teil der Zigarre finden! Sollte ich danach suchen? Nein, denn dies würde mich zu dem Kaminsteine führen, und der Platz schien mir zu gefährlich, um mich ihm so ohne weiteres zu nähern. Außerdem wollte ich meine Untersuchung erst da, wo ich stand, beenden. Die Zigarrenasche gab mir keinerlei Aufklärung. Vielleicht der Stuhl oder das Büchergestell, vor dem er stand? Jemand hatte hier gesessen, jemand, den die Bücher interessierten, jemand, der so lange zu verweilen gedachte, daß er die Hilfe eines Ruheplatzes benötigte. Wollte der Betreffende die Bücher im allgemeinen oder ein besonderes Buch betrachten? Ich ließ meine Augen über die Bücher gleiten, und obgleich ich nicht viel davon verstehe, konnte ich doch sehen, daß viele sogenannte Raritäten sich darunter befanden. Viele bewiesen durch ihre Jahreszahlen, daß sie Erstdrucke sein mußten; andere enthielten Muster von Holzbuchstaben . . . indes kein Buch trug ein Zeichen, daß es erst kürzlich herausgenommen worden war.

Eben wollte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Zimmer zuwenden, als ich hoch oben auf einem Brette ein Buch bemerkte, das eine Kleinigkeit aus der Reihe der übrigen hervorstand. Schnell hinauf und das Buch zur Hand! Der Staub war vom oberen Rande dieses Buches abgewischt! Das war es also, was den Unbekannten hierher gebracht hatte!! Ich las den Titel – – Unmöglich! Was konnte dieses Buch mit der Toten gemein haben?

»Veränderungen der Küstenlinien durch die See« . . . Nichts! Ich stellte das Buch wieder an seinen Platz, indes so, daß es etwa einen Zoll aus der Bücherlinie vorstand. Hatte das Buch eine Geschichte zu erzählen, dann sollten diejenigen sie daraus lesen, die mehr von alten Büchern verstehen als ich.

Darauf wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Tische zu, auf dem der Kandelaber stand. Dieser Tisch war ein Teil eines sogenannten Einsatztisches, sechs Tische zusammengestellt, einer größer als der andere. Meine Untersuchung brachte zutage, daß der Tisch vor erst ganz kurzer Zeit hierher gestellt worden war, denn der hierdurch unbedeckte zweite Tisch war fast staubfrei. Auch der Kandelaber konnte noch nicht lange hier gestanden haben, denn es befand sich dicker Staub darunter, genau wie auf dem ganzen Tische. Hatte sie den Leuchter hingestellt? Kaum, wenn derselbe von dem Mantelaufsatz genommen war, dem ich nunmehr meine Aufmerksamkeit zuwandte.

Ich erwähnte dieses Mantelofens bereits verschiedene Male. In und unter ihm lag ja das mysteriöse Rätsel dieses Zimmers. Mit ängstlicher Vorsicht hatte ich bisher vermieden, in dessen Nähe zu kommen. Nun, da ich näher zu treten beabsichtigte, bekamen selbst die kleinsten Details Wichtigkeit, ein Gefühl, das uns stets anwandelt, wenn wir uns einem Platze nähern, an dem eine unbekannte, geheimnisvolle Gefahr lauert.

Erst ließ ich meine Lampe darüber leuchten, sah indes nur einen alten, wohlbekannten Holzschnitt – wenigstens in Washington viel gesehen –: »Benjamin Franklin am Hofe des Kaisers von Frankreich«. Der Mantelaufsatz war leer, desgleichen war der todbringende Herd, und nichts war zu sehen als der Schatten des alten Sessels, der hier stand.

Ich sagte bereits, welchen Eindruck dieser alte, merkwürdige Sessel auf mich beim Eintritt machte. Dieser Eindruck ward noch verstärkt, als ich die plumpen Holzschnitzereien betrachtete, die die hohe Lehne umrahmten, und mir der Geruch in die Nase stieg, den der vermoderte und vielleicht von Mäusen bewohnte Sitz ausströmte. Ein Schaudern ging durch meinen Körper, als ich näher trat. Nicht als ob der allgemeine Aberglaube sich auch meiner bemächtigt hätte, obgleich der Platz, die Stunde und die Nähe des Todes der Einbildungskraft reichlich Nahrung gaben, nein, ich hatte eine Entdeckung gemacht, die die Wahrheit bestätigte: daß alle, die tot unter dem Ofen gefunden worden waren, von diesem alten, ehrwürdigen Sessel gefallen seien. Und worin bestand die Entdeckung? Nur eine Ecke und nur diese eine, die dem Kamine zustand, war zum bequemen Sitzen eingerichtet. Die Lehne war nur an dieser Stelle aufgepolstert, das Leder mit großen Nägeln befestigt. Jede andere Stelle des Sessels war ungepolstert, und kein Besucher hätte sich auch nur eine Sekunde lang irgendwo anders als gerade auf dieser Ecke niedergelassen.

Weshalb hatte der Besitzer des Hauses den Sessel so machen lassen? Zu seiner eigenen Bequemlichkeit oder – – mit anderen Absichten? – – Wie ich so die Lehne betrachtete, die oben flach war, um Glas und Flasche zu halten, bemächtigte sich meiner ein unwiderstehliches Gefühl, auf diesem Sessel mich niederzulassen und . . .

Das Krächzen eines schwingenden Fensterladens – wahrscheinlich dessen, den ich vom Hause des Onkels David aus sich bewegen gesehen – riß mich aus diesem Zustande . . .

Meine Untersuchung war erst halb beendet und jede Minute konnte ich vom Kapitän unterbrochen werden. Ich verließ daher das Zimmer durch eine Türe der gegenüberliegenden Wand, in der Hoffnung, in einem anderen Zimmer den Schlüssel des Verbrechens zu finden.

Bei jedem Schritte enthüllte sich mir mehr und mehr das Bild der wilden Flucht, in der das Haus am Hochzeitstage verlassen worden. Besonders das Eßzimmer bot einen abschreckenden Anblick. Von den reich gedeckten Tischen war bei der hastigen Flucht der Gäste das Hochzeitsmahl über das ganze Zimmer zerstreut worden und überall lagen grünbedeckte, übelriechende Speisereste. Der Hochzeitskuchen, den jemand offenbar hatte retten wollen, lag zertreten am Boden. Dazwischen zerbrochene Gläser und Teller, wodurch das Betreten dieses Raumes nicht nur ekelerregend, sondern auch gefährlich war. Die Speisekammer bot einen ähnlichen Anblick. Vom Gestank getrieben, ging ich durch die Küche und von da durch einen engen Gang zu den Negergemächern im Hinterhause.

Hier machte ich eine wichtige Entdeckung. Ein Fenster dieses seit langem unbenutzten Teile des Hauses war nicht nur nicht eingehakt, sondern stand sogar teilweise offen. Da indes nichts darauf schließen ließ, daß der Mörder diesen Ausgang benutzt hatte, ging ich um das Haus herum zur vorderen Eingangstüre und zur Treppe, die nach oben führt.

Hier bemerkte ich eine Anzahl abgebrannter Zündhölzer, die die Treppe entlang lagen und nach oben führten. Da diese Zündhölzer alle so kurz abgebrannt waren, als Finger sie halten konnten, war es mir klar, daß dieselben von jemandem benutzt worden waren, der nach oben ging, vielleicht nach dem Zimmer, in dem wir zuerst Lichtschein bemerkt hatten.

Was nun? Sollte ich das Kommen der Polizei abwarten oder eigenmächtig weiter vorgehen? Ich entschloß mich für das letztere, gereizt durch die Spuren, die ich soeben entdeckt.

Als ich bei vorsichtigem Weiterschreiten am Ende eines Nebenganges eine verschlossene Türe fand, zögerte ich doch einige Augenblicke, ehe ich meine Hand auf das Schloß legte. Was mag nicht alles hinter dieser verschlossenen Türe liegen?

Doch mein Zaudern währte nur kurze Zeit. Ich erfaßte die Klinke, preßte gegen das Tor, und als ich durch die offene Spalte einen Lichtschein bemerkte, stieß ich die Türe weit auf!

Das gleichzeitige Anschlagen eines Fensterladens überzeugte mich, daß dies das Zimmer war, in dem wir von der Straße aus das Licht gesehen.

Ringsum Stille!

Auf einem altmodischen Ankleidetische stand ein Leuchter, darin ein halb abgebranntes Licht. Dieser Ankleidetisch, der so gar nicht zu dem übrigen reichen Mobiliar des Zimmers paßte, gab allein Zeugnis davon, daß jemand hier sei oder gewesen sei.

Entschlossen, selbst dem Äußersten entgegen zu treten, indes meine Untersuchung zu beenden, trat ich in die Mitte des Zimmers und ließ meine Laterne in jede Ecke scheinen. Kein Kopf war zu sehen, keine Pistole zu hören, selbst hinter der spanischen Wand, hinter die ich leuchtete, war nichts.

Überzeugt, daß, wenn ein Schurke im Hause, er wenigstens nicht in diesem Zimmer sei, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Zimmer selbst zu.

Vor allem zog ein altes Bett zu meiner Rechten mein Auge auf sich. Ich hatte nie ein ähnliches gesehen. Es fiel besonders durch seine Größe auf und durch das Geheimnisvolle, das hinter den zusammengezogenen Brokatvorhängen lag, die das Bett überhingen. Ich zögerte, die Vorhänge zu öffnen . . . Konnte jemand dahinter verborgen sein? – –

Zwischen den beiden Fenstern stand eine Damentoilette, bedeckt mit den verschiedenartigsten Gegenständen, alle reich und gediegen ausgeführt. Vor dem Kamine zwischen leeren Schachteln lag ein umgeworfener Stuhl. Dieser Stuhl und besonders seine Lage veranlaßten mich, aufzuschauen, was wohl über dem Kamine sei. Ich sah nur eine alte Zeichnung, das Bild eines jungen Mädchens. Und doch hielt das Bild meine Augen gefesselt . . . warum, kann ich jetzt noch nicht erklären. Das Bild war nicht schön, sogar ausdruckslos und kunstlos gemalt. Es war an manchen Stellen verblaßt und verwischt. Und doch stand ich noch immer da und schaute nach dem Bilde! Es hielt mich so gefangen, daß ich plötzlich umsah . . . Ich hatte das Gefühl, als ob mir jemand auf die Schulter geklopft hätte, als ob mich jemand anschaute . . . Und doch schien das Zimmer ebenso menschenleer wie die übrigen. Nichts, das einem Manne den Mut rauben konnte. Keine Tote im Zimmer, von Mörderhand gefallen, wie im Bibliothekzimmer, nichts, nichts . . . Und doch konnte ich ein ängstliches Gefühl nicht los werden . . . Als ich gar an einem Spiegel vorbei kam und mein eigen Bild sah, zuckte ich zusammen wie nie wieder im Leben! – –

Es wäre eigentlich überflüssig, dieses zu erwähnen, indes nur dadurch, daß ich mir jedes Detail ins Gedächtnis zurückrufe, kann ich das Zögern erklären, das mich befallen.

Ich schüttelte diese Furcht ab, ging auf den Vorhang zu, der das Bett verhängte, öffnete diesen schnell und schaute spähend umher. Kein Lebewesen, kein versteckter Mörder, nichts. Und doch lag etwas da, das meine Aufmerksamkeit fesselte: ein Frauenumhang, modern im Schnitt, mit den feinsten Brüsseler Spitzen besetzt, von hohem Wert. Erstaunlich wie dieser Fund war, folgte gleich ein anderer: in den Falten des lässig hingeworfenen Umhanges lag das verwelkte Brautbukett. Jetzt unscheinbar und verdorrt, war es einst die kunstvolle Arbeit des besten Gärtners der Stadt. Die welken Rosen in der Mitte waren mit einem weißseidenen Band zusammengebunden, einem Bande, genau dem ähnlich mit dem die Pistole an die Tote geknüpft war!

Unter dem Eindrucke, den diese letzte Entdeckung auf mich machte, vergaß ich ganz, zu überlegen, wie das Bukett, das offenbar die Braut getragen, in dieses Zimmer gekommen sein konnte, während doch – wie alle Zeitungen gleicherweise berichteten – die Braut aus dem unteren Salon geflohen war, sobald man sie von dem Geschehnis im Bibliothekzimmer benachrichtigt hatte. Daß ihr Umhang hier lag, war erklärlich, aber das Brautbukett – –

Daß ich tatsächlich das Brautbukett vor mir hatte und daß die Braut sich wirklich in diesem Zimmer angekleidet, konnte selbst dem oberflächlichsten Beobachter nicht entgangen sein. Ich fand aber auch noch ein Taschentuch im Zimmer, in dessen Ecke »Veronika« eingestickt war.

Dies feine Seidengespinst erregte mein höchstes Interesse: es war nicht rein! Es zeigte merkwürdige Schmutzstreifen, deren Natur mir nicht sofort klar waren. Jede Dame hätte zweifellos sofort die Ursache der grauen Streifen erkannt; doch vergingen Minuten, ehe es mir klar geworden, daß dieses feine Taschentuch benutzt worden war, um Staub abzuwischen.

Staub abzuwischen! Staub von was? Von dem Mantelofen, worauf ich es gefunden? Nein, darauf lag noch der Staub von Tagen, Wochen, vielleicht Monden. Ja, auf der linken Seite waren sogar Fingerabdrücke, deutliche Abdrücke von fünf Fingern einer Manneshand, die sich hier gestützt hatte. Ich konnte genau sehen, welches der Daumen war! Hier zeigte sich eine Möglichkeit, aus der Größe und Lage der Fingerabdrücke die Hand zu finden, die hier geruht und die eine so bestimmte und sprechende Spur hinterlassen.

Doch was konnte die Spur bedeuten? Warum stützte sich ein Mann auf diesen ungewöhnlichen Platz? Um das Gleichgewicht zu halten, als er das Kamin beschaute? Nein: dann müßten die Fingerabdrücke nach außen zeigen, während diese tatsächlich nach der Mitte wiesen. Auch waren sie rund, nicht länglich; demnach kam der Druck von oben und – – halt! Ich hab's!! So stützte sich jemand, der das Bild hier oben einer genauen Besichtigung unterziehen wollte! Diese Theorie paßte auch zu dem umgestoßenen Stuhle und dem als Staubtuch benutzten Taschentuch! Jemand hatte ein größeres Interesse an dem Bild als ich! Jemand, der entweder sehr kurzsichtig war oder dessen Neugierde nur durch eine sehr eingehende Besichtigung befriedigt werden konnte . . .

Diese Spuren durften nicht verloren werden!

Ich nahm mein Taschenmesser und umzirkelte mit der schärfsten Klinge vorsichtig die Abdrücke, die ich so für alle Zeiten in der verblaßten Politur des Mahagonyholzes festhielt.

Nachdem dies geschehen, kamen meine Gedanken wieder zur Frage zurück: welches Interesse konnte dies alte Bild für jemanden haben, der vielleicht hierher kam, ein Verbrechen auszuführen, oder gar ein solches ausführte? Ich sagte bereits, daß das Bild absolut keinen Kunstwert besaß und eher auf einen Speicher paßte als in ein Zimmer wie dieses. Worin lag also dessen Reiz – ein Reiz, den ich selbst an mir empfunden? Ich vermochte nicht, die Frage zu beantworten.

Noch zwei weitere Entdeckungen machte ich in diesem Zimmer, beide ebenso geheimnisvoll und wichtig wie die ersten. Unter dem Fenster, dessen Laden offen stand, fand ich ein Taschenmesser, daran eine Feile; diese Feile war geöffnet. Auf dem Gesimse lagen Feilspäne, so fein, daß es eines Vergrößerungsglases bedurft hätte, zu entscheiden, von was sie kämen. Die zweite Entdeckung stand in Verbindung mit einer Kammer, unmittelbar neben dem großen Bette. Die Kammer war leer, wenigstens die Haken an den Wänden und die beiden halb offen stehenden Schubladen. Doch inmitten des Fußbodens lag ein umgestürzter Leuchter, ähnlich dem, den ich unten gefunden, die Glasprismen zerbrochen, das eine Licht zertreten und zerdrückt auf der geschwärzten Diele. Der Fuß, der das Licht ausgetreten, hatte dies in höchster Erregung oder in einem Anfalle von Wut getan. Wer befand sich hier? Wer war in Wut? Warum? Wann? Während der letzten Stunde? Ich konnte weder Geruch noch Rauch entdecken. Dann also früher? Etwa am Hochzeitstage?


4.
Unterschrieben: Veronika.

Der Kapitän war mit zwei Polizisten angekommen, während ein dritter ausgesandt worden war, Mr. Jeffrey zu finden.

Da hörte ich einen Wagen anfahren.

Schnell hinab, die Züge des Ankommenden zu beobachten! Der Erwartete kam nicht; es war eine Dame, die ausstieg. Sie schien aufs äußerste erregt, so daß ein Polizist ihr seinen Arm anbot, den sie annahm.

Ich fragte Hibbard, der eben ins Haus trat, wer die Dame sei.

»Eine Schwester der Toten,« entgegnete er, was mich wieder an die Zeitungsartikel erinnerte, worin viel von Miß Tuttle, einer Halbschwester Miß Moores, die Rede war, die von hervorragender Schönheit sei.

Als ich aus der Türe trat, die Ankommende näher zu betrachten, hörte ich, daß Onkel David noch immer sein Orgelspiel fortsetzte. Dies schien mir angesichts der Untersuchung, die hier vorgenommen ward und zu der er eigentlich selbst die Anregung gegeben, den Gipfel der Gleichgültigkeit doch etwas zu überschreiten; es grenzte fast an Beleidigung des Namens Moore, dessen letzter Träger er doch war, und selbst sein bekanntes exzentrisches Wesen konnte dies Betragen nicht entschuldigen. Ich nahm mir im stillen vor, etwas Näheres über den alten Mann zu erfahren und vor allem darüber, in welchem Verhältnisse er zu seiner unglücklichen Nichte gestanden.

Inzwischen war Miß Tuttle in den Lichtkreis unserer Laternen getreten. Ich sah im Leben nie eine schönere Dame, noch eine, auf deren Züge solch herber Schmerz ausgedrückt war. Ich trat mitfühlend einen Schritt zurück, um jedoch sofort wieder vorzutreten und sie scharf zu beobachten.

»Meine Schwester! Wo ist meine Schwester?« waren ihre ersten Worte.

Der Kapitän machte eine kaum bemerkbare Bewegung rückwärts, wandte sich jedoch sofort der Seitentüre zu, die er öffnete, offenbar, um in rücksichtsvoller Weise der Dame den plötzlichen Anblick der Toten zu ersparen. Miß Tuttle indes folgte ihm nicht. Am Kapitän vorübergehend, schritt sie direkt dem Bibliothekzimmer zu, dessen Türe sie mit einem Prall zurückwarf. Wir alle folgten der mutigen Dame und umstanden im Halbkreis den Leichnam, an dessen Seite sie sich kniend niederließ.

Kaum fiel ihr Auge auf das weiße Band, das an ihrer Schwester Arm gebunden, als sie einen markerschütternden Schrei ausstieß. Es war, als ob etwas ihr die Seele zerreiße. Und wie sie dann, dem Bande folgend, an dessen Ende die Pistole sah, dachten wir sicher, sie sei in Ohnmacht gefallen! – –

Wie erstaunten wir daher, als sie mit schneidender Stimme rief:

»Nehmen Sie das Band ab! Warum lassen Sie das schreckliche Ding an sie gebunden!? Nehmen Sie es ab, sage ich, das tötet mich! Ich kann den Anblick nicht er tragen!!« schrie sie, während ihr ganzer Körper konvulsivisch zitterte.

»Bedaure,« sagte der Kapitän, »wir können das nicht. Wir dürfen nichts berühren, ehe der Untersuchungsrichter hier ist. Er muß alles so sehen, wie wir es gefunden. Außerdem hat Mr. Jeffrey dasselbe Recht. Wir erwarten ihn jede Minute.«

Sie schüttelte unwillkürlich ihren Kopf, doch sagte sie kein Wort. Ich zweifle, ob sie in diesem Augenblicke die Macht über ihre Sprache besaß. Eine sichtbare Veränderung war bei der Nennung des Namens ihres Schwagers in ihr vorgegangen. Sie zwang sich sichtbar zur Fassung, doch schien der Versuch ihre Kräfte zu übersteigen. In der Absicht, diesen Anfall von Schwäche zu verbergen, erhob sie sich energisch, und da erst sahen wir, welch stattliche Figur sie besaß und wie kleidsam der reiche Überwurf.

»Es wird ihn töten,« sprach sie mehr zu sich selbst als zu uns. Dann mit einer Stimme, die mir sehr unnatürlich klang, rief sie, sich zu der Toten wendend:

»O Veronika, Veronika! Warum hast du das getan? Warum müssen wir dich hier finden, an einem Orte, den du so gefürchtet und verabscheut hast!«

»Das sollten Sie nicht wissen?« fragte der Kapitän mit süßem, eindringlichem Tone, wie ich ihn selten bei ihm gehört. »Sollten Sie wirklich den Grund für den gewaltsamen Tod Ihrer Schwester nicht kennen, Sie, die mit ihr zusammenwohnte – wenigstens sagte man mir so – seit ihrer Verheiratung mit Mr. Jeffrey?«

»Doch!«

Scharf und bestimmt klang das Wort, fast zu scharf und zu bestimmt im Gegensatz zu dem halb erstickten Tone, in dem sie fortfuhr: »Ich weiß, daß sie nicht glücklich war seit der Schatten, der auf diesem Zimmer liegt, sich auf ihren Hochzeitstag geworfen. Aber wie konnte ich selbst nur im Traume daran denken, daß ihre Furcht vor der Vergangenheit und der Schrecken vor der Zukunft sie zum Selbstmord triebe, und gar hier, in diesem Zimmer! Hätte ich das gedacht, hätte ich nur geahnt, daß sie sich das Geschehene so zu Herzen nehme – denken Sie, ich hätte sie auch nur einen Augenblick allein gelassen?! Keiner von uns dachte, daß sie den Tod suche. Sie sah gar nicht danach aus. Sie lachte sogar, als ich . . .«

Der Satz blieb unvollendet – –

Was hatte sie sagen wollen?

Verwundert sagte der Kapitän nach einer kleinen Weile:

»Sie haben Ihren Satz nicht beendet, Miß Tuttle.«

Ihre Gedanken schienen weit weg zu sein.

»Ich weiß nicht mehr, was ich sagen wollte, ich vergaß,« sagte sie, an ihre Stirne fassend. »Arme Veronika! Unglückliche Veronika! – Wie soll ich es ihm nur sagen? Wie, um Gotteswillen, können wir ihn auf das Gräßliche vorbereiten?!«

Der Kapitän nahm die Gelegenheit wahr, die sich ihm bei der offenbaren Bezugnahme auf Mr. Jeffrey bot, zu fragen, wo Mr. Jeffrey wohl zu finden sei.

Die junge Dame schien keine Antwort geben zu wollen.

Auf wiederholtes Fragen erwiderte sie endlich, daß sie es nicht wisse. Mr. Jeffrey habe so viele Freunde, bei denen er einen Abend verbringen könne.

»Es ist aber schon nach Mitternacht,« bemerkte der Kapitän. »Bleibt Mr. Jeffrey häufig so spät aus?«

»Manchmal,« sagte sie ganz leise. »Seit seiner Verheiratung war er schon zwei- oder dreimal bis nach ein Uhr außer dem Hause.«

Gab es für die junge Frau noch andere Gründe zum Selbstmord als den einen, vorhin genannten – –? Grund zu solchen Gedanken lag jedenfalls vor. Vielleicht las sie diese Zweifel in unseren Gesichtern, denn sofort setzte sie heftig hinzu:

»Mr. Jeffrey war meiner Schwester ein liebender Gatte, ein sehr liebevoller Gatte,« betonte sie ausdrücklich. Dann, während Todesblässe ihre Wangen deckte, sagte sie: »Ich sah nie im Leben einen besseren Gatten . . .« Dann schwieg sie.

»Wann sahen Sie Ihre Schwester zum letzten Male?« fragte der Kapitän. »Waren Sie zu Hause, als sie wegging?«

»Gott!« kam es seufzend von ihren Lippen. Dann, als sie sah, daß jedenfalls eine Antwort erwartet wurde, sprach sie möglichst ruhig: »Ich war zu Hause und hörte sie ausgehen. Ich hatte indes keine Ahnung, daß es zu einem anderen Zwecke sei, als einer Gesellschaft beizuwohnen.«

»In solchem Anzuge?'»

Der Kapitän deutete zu Boden und ihre Augen folgten. Es war klar, Mrs. Jeffrey war nicht danach angekleidet, in Gesellschaft zu gehen. Als Miß Tuttle dies bemerkte, sagte sie hastig, abgebrochen:

»Ich betrachtete den Anzug nicht – – sie trug oft schwarz – – es kleidete sie gut – – meine Schwester war sehr exzentrisch – –«

Unnötige Anstrengung! Manche Worte, wenn sie dem Munde entschlüpft sind, lassen keine Erklärung zu. Miß Tuttle fühlte, daß dies eine derartige Gelegenheit war und schwieg plötzlich.

Wahr, ihr Schmerz, ihre ganze Lage war überwältigend und ihre Erregtheit verlangte Nachsicht, die, soweit ich in Betracht kam, ich gerne walten ließ. Ob der Kapitän meine Gefühle teilte, konnte ich nicht entscheiden, denn ehe ich Gelegenheit hatte, sein Auge zu fesseln, wurden wir durch einen Ausruf Miß Tuttles aufgerüttelt.

»Ihre Uhr! Wo ist ihre Uhr?! Fort! Sie trug sie auf der Brust und jetzt ist sie fort! Sie hing da – – da, wo – –

»Ah,« sagte einer der Polizisten, der auf dem Boden umgeschaut, »ist sie das?«

»Ja!« rief Miß Tuttle und griff nach der Uhr.

Doch der Polizist übergab sie dem Kapitän.

»Sie ist scheinbar beim Stürzen abgefallen,« sagte der Kapitän, die Uhr betrachtend. »Die Nadel, mit der sie angesteckt war, scheint nicht gut geschlossen gewesen. Wissen Sie,« fragte er dann, Miß Tuttle scharf anschauend, »ob die Uhr gut ging?«

»Ja. Warum fragen Sie?«

»Hier – –« er hielt die Uhr gegen uns, »dreizehn Minuten nach sieben blieb die Uhr stehen – – zweifellos im Augenblicke, da Mrs. Jeffrey gefallen.«

Miß Tuttle antwortete nicht; sie seufzte nur.

»Sehr wichtig,« sagte der Kapitän, indem er die Uhr in seine Tasche gleiten ließ. Dann sich wieder zu Miß Tuttle wendend, fragte er:

»Stimmt diese Stunde mit der Zeit überein, als Mrs. Jeffrey von Hause weg ging?«

»Ich weiß es nicht genau – – ich denke so – – es war etwas vor oder nach sieben – – ich erinnere mich nicht genau der Minute – –«

»Sie hätte fünfzehn Minuten gebraucht, nach hier zu kommen . . . Ist sie zu Fuß gegangen?«

»Ich weiß nicht. Ich sah sie nicht das Haus verlassen. Mein Zimmer liegt im Hinterhause.«

Sie können vielleicht sagen, ob sie allein gegangen oder mit ihrem Gemahl?«

»Mr. Jeffrey war nicht bei ihr.«

»War Mr. Jeffrey zu Hause?«

»Er war nicht.«

Dies hatte sie in fast flüsterndem Tone gesprochen. Der Kapitän bemerkte dies und frug weiter:

»Wie lange vorher war er gegangen?«

Ihre Lippen öffneten sich zur Antwort – sie schien aufs höchste erregt –, doch als sie sprach, war dies mit voller Beherrschung ihrer Stimme, kalt und bestimmt:

»Mr. Jeffrey war heute abend überhaupt nicht zu Hause – er war den ganzen Tag nicht zu Hause.«

»Den ganzen Tag nicht zu Hause?« wiederholte der Kapitän erstaunt. »Wußte seine Frau, daß er nicht zum Abendessen komme?«

»Sie sagte davon nichts.«

Der Kapitän fragte nicht weiter. Im nächsten Augenblicke verstand ich, warum: unter der Türe stand ein Mann, dessen Gesichtsausdruck jedes Wort auf den Lippen ersterben ließ. Miß Tuttle hatte gleichfalls den Angekommenen gesehen und unter einem schweren Seufzer sank sie auf die Knie.

Francis Jeffrey war gekommen, seine tote Gattin zu sehen.

Ich wohnte schon vielen tragischen Szenen bei, ich sah Männer, gebeugt von Schmerz und Reue und Schrecken – im Gesicht dieses Mannes indes sah ich etwas, das mir fremd war, mich eigenartig berührte, und die anderen schienen den gleichen Eindruck gewonnen zu haben. Allerdings war der vor uns Stehende ein »Gentleman« von reinstem Wasser und wir haben selten genug mit solchen zu tun . . .

Atemlos warteten wir auf seine ersten Worte. Nicht als ob er von Gram überwältigt dagestanden oder eine Anstrengung gemacht hätte, sich gewaltsam zu fassen – er war die ruhigste Person im Zimmer und unter allen seelischen Empfindungen, die sich auf seinem Gesichte ausdrückten, war ein Bedauern am wenigsten zu gewahren. Und doch zwang seine ganze Person zum Mitleid. Niemand wußte, was in ihm vorging, als er sein kurzes Eheleben so plötzlich abgebrochen vor sich sah – – Sein Auge verriet keines seiner Gefühle. Als er aber, näher gekommen, das weiße Band sah und daran die Pistole, ließ er sich langsam aufs Knie nieder. – – Das eine war uns klar in den sich widersprechenden Gefühlen: er besaß kein Verlangen, die Tote, die er erst kürzlich zu lieben geschworen, zu berühren. Er schaute auf das totenbleiche Gesicht, das sich ihm wie bittend zuwandte, er schauerte und versuchte mehrere Male, zu sprechen – – keine Träne trat in sein Auge – – stumm schaute er auf die Tote – –

Plötzlich sprang er auf.

»Muß sie hier bleiben?« fragte er.

Der Kapitän antwortete mit einer Gegenfrage:

»Wie kam sie überhaupt hierher? Welche Erklärung können Sie, der Gatte, für diesen merkwürdigen Selbstmord ihrer jungen Gemahlin geben?«

»Ihre eigenen Worte sollen das erklären,« sagte er. »Ich fand dieses Stückchen Papier im Zimmer, als ich heute nacht nach Hause kam. Sie muß es geschrieben haben, kurz ehe – – ehe sie – –«

Ein unterdrückter Schmerzenslaut brach die Rede ab, doch kam dieser Laut nicht von dem Sprechenden selbst, sondern von Miß Tuttle, die fast vergessen hinter uns stand.

Sah Mr. Jeffrey den Schmerzensausdruck in ihrem Auge? Scheinbar nicht. Seine Blicke waren auf den Kapitän gerichtet, der beim Scheine einer Laterne versuchte, die fast unleserlichen Zeichen, welche Mr. Jeffrey als seiner Frau letzte Mitteilung bezeichnet hatte, zu entziffern.

»Ich fühle, daß ich Dich nicht so liebe, als ich zuerst dachte, und ich kann nicht leben mit diesem Bewußtsein im Herzen. Ich bete zu Gott, daß Du mir vergeben mögest. Veronika.«

Ein Seufzer von der Dame hinter uns – dann Stille.

»Ein Frauenherz ist ein ewiges Rätsel,« sagte endlich der Kapitän mit einem Seitenblick auf Mr. Jeffrey.

Wir alle mußten dem im stillen beistimmen, denn auch der, von dem die Tote gesagt, »sie könne ihn nicht lieben«, war ein Mann, den sicher alle Frauen als das Ideal alles Liebenswerten bezeichnet hätten.

Daß eine Frau ihn in diesem Lichte betrachtete, war uns allen klar. Wenn je die menschlichen Gefühle auf dem Gesichte zum Ausdruck kamen, so war dies bei Miß Tuttle der Fall, als sie ihrer Schwester Gatten beobachtete, wie dieser sich vor der Toten zu beherrschen suchte, vor der Toten, die noch vor wenigen Stunden von allen Damen Washingtons beneidet worden war.

Meine Aufmerksamkeit war durch Miß Tuttle so gefangen genommen, daß ich zuerst kaum die Tragweite der folgenden Frage verstand:

»Wie kommt es, daß Sie hier in diesem Hause nach Ihrer Gattin suchten? In diesem beinahe nichtssagenden und kaum für Sie genügenden Abschiedsbriefe deutet nichts auf den Platz hin, an dem sie sich ihr Leben zu nehmen beabsichtigte.«

»Nein, nein!« schrie er und ließ seine Augen suchend im Zimmer umherschweifen, bis sie auf dem in dunklem Schatten liegenden Kamine haften blieben, »sie sagte nichts von ihren Absichten, nichts! Aber der Mann, der mich holte, sagte mir, wo ich sie finden würde. Er wartete an meiner Haustüre. Er hatte mich in der ganzen Stadt gesucht. Ich traf ihn an der Treppe . . .«

Der Kapitän begnügte sich scheinbar mit dieser Erklärung, während sich mir Widersprüche aufdrängten, die aufzuklären meine Pflicht gebot.


5.
Der Herr und sein Hund.

In dieser Nacht bot sich mir keine weitere Gelegenheit, die drei Hauptcharaktere des Dramas, das sich vor mir abspielte, zu studieren. Der Kapitän hatte für mich eine besondere Mission und so konnte ich der nächsten Szene nicht beiwohnen: der Ankunft des Untersuchungsrichters.

Da ich beim Heraustreten aus dem Hause sah, daß noch Licht in Onkel Davids Haus brannte, ging ich zu seiner Türe und läutete.

Ein langgezogenes Geheul des Hundes antwortete mir, das indes gleich verstummte, als mich Mr. Moore zu meinem großen Erstaunen freundlich begrüßte. Ich sagte: zu meinem großen Erstaunen. Ich hatte soviel von des alten Mannes Unnahbarkeit gehört, daß ich auf eine Abweisung gefaßt war. Er schien jedoch im Gegenteil mein Eintreten zu wünschen, zur großen Freude Rudges, dem eine kleine Abwechslung willkommen schien.

Sehen wir uns erst den alten Mann etwas näher an: Mr. Moore war groß gewachsen; sein Gang war aufrecht, trotz seines Alters. Sein Auge war schwer zu analysieren: ein scharfer, unruhiger Blick, wenn auch nicht voll Tücke, so doch voller Mißtrauen. Die grauen Haare hingen in langen Locken über den Rücken. Diese Locken waren eine der Ursachen, warum seine Dogge ihn stets begleitete: die Straßenjungen waren nämlich immer um »Onkel David«, wie sie ihn trotz seiner aristokratischen Haltung und Würde nannten, herum. Seine Kleidung war ganz verschieden von der anderer Leute; so waren seine Eigenheiten und Gebräuche, von denen er nie abging. So zum Beispiel feierte er einen Tag im Jahre und feierte ihn stets auf dieselbe Weise. Vor Jahren war er mit einer Frau verheiratet, die ihn verstand und ihn liebte. Er vergaß ihrer nie, und einmal im Jahre, an ihrem Todestage, geht er hinaus auf ihr Grab und verbringt den ganzen Tag im Schatten des Steines, den er ihrem Gedächtnis errichten ließ. Ganz gleichgültig, welche Witterung herrscht, unabhängig von seiner eigenen Gesundheit – um sieben Uhr des Morgens lehnt er an dem Stein, der seiner geliebten Gattin Namen trägt, und weicht nicht von der Stelle, bis die Sonne untergegangen. Selbst seine Mahlzeiten nimmt er daselbst, zusammen mit Rudge, seinem Hunde. Niemals seit dem Tode seiner Frau hatte er es anders gehalten. Dies war so wohlbekannt in Washington, daß Straßenjungen und sonstige Neugierige stets in seiner Nähe zu finden waren. Wehe dem, der es wagte, ihn in seiner Andacht zu stören, sei es durch höhnische Worte oder durch Steinwürfe – ein Blick auf Rudge und der Täter rettete sich in wilder Flucht. Doch höchst selten mußte er zu solcher Hilfe greifen. Meist blieb er ungestört, selbst bei seinen Mahlzeiten, wenn er in lächerlicher Weise einen Knochen gar zu sauber abnagte. Oft sah man ungetrocknete Tränen seine faltigen Wangen hinablaufen – er schämte sich deren nicht.

Dies genüge als Beispiel seiner Eigenheiten.

Als ich eingetreten, fiel mir die Dürftigkeit des Zimmers auf, die ganz im Gegensatz zu seiner eigenen Eleganz stand. Die Orgel war das einzige an Luxus Gemahnende.

Wie er merkte, daß ich nicht willens war, die Unterhaltung zu eröffnen, fragte er:

»Nun, haben Sie etwas im alten Hause gefunden?«

Ihn fest im Auge behaltend, sagte ich mit absichtlicher Schroffheit:

»Ja, sie ging einmal zu oft dahin.«

Er machte ein Gesicht wie ein Schauspieler, von dem man den Ausdruck des Erstaunens erwartet.

»Sie,« sagte er dann. »Wen meinen Sie mit, ›sie‹?«

Das Erstaunen, das ich nun simulierte, war hoffentlich besser zur Schau gebracht als das seinige.

»Das wissen Sie nicht?« rief ich. »Können Sie einem solch merkwürdigen Hause gegenüber wohnen, ohne sich dafür zu interessieren, wer daselbst ein und ausgeht?«

»Ich sitze nicht am Fenster,« sagte er mürrisch.

Mein Auge fiel unwillkürlich auf einen Sessel, der auffallend nahe an dem Fenster stand, von dem ich eben gesprochen.

»Sie sahen aber doch das Licht.«

»Ich sah das von meiner Türe aus, als ich hinausgegangen, um Rudge seinen Fünfminutenspaziergang machen zu lassen. Doch Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet: wen meinen Sie mit ›sie‹?«

»Veronika Jeffrey, die gewesene Veronika Moore. Sie besuchte ihr verwunschenes Haus zum letzten Male . . .«

»Zum letzten Male – –?«

Entweder verstand er mich wirklich nicht oder wollte mich nicht verstehen.

»Was ist los mit meiner Nichte?« schrie er und erhob sich so schnell, daß Rudge mit eingezogenem Schwanze seinem Lagerplatze zulief. »Ist sie in diesen verwünschten Zimmern einem Geiste begegnet? Das interessiert mich aufs höchste! Ich dachte nicht, daß sie den Mut hätte, dies Haus je wieder zu betreten, nach dem, was an ihrem Hochzeitstage vorgefallen.«

»Sie hatte nicht nur den Mut, ins Haus zu gehen, sondern auch allein dahin zu gehen – wenigstens nehme ich so an. Wären Sie etwas neugieriger und hätten Sie besseren Gebrauch gemacht von jenem so vorteilhaft plazierten Sessel, so könnten Sie vielleicht diese ›Annahme‹ bestätigen . . . Es ist für die Polizei von größter Wichtigkeit, bestimmt zu wissen, daß Ihre Nichte keine Begleitung bei ihrem fatalen Besuche hatte.«

»Fatalen Besuch?« wiederholte er und fuhr dabei mit seinen Fingern hinter den Halskragen, als ob dieser plötzlich zu enge geworden sei. »Sollte es möglich sein, daß meine Nichte sich in diesem alten Hause zu Tode geängstigt hätte – – Sie erschrecken mich!«

Er sah gar nicht so erschrocken aus. Sollte er wirklich nicht mehr von der Sache wissen, als er mich glauben machen wollte, dann konnte ihn sicher das Folgende nicht gleichgültig lassen.

»Sie haben recht, erschreckt zu sein! Ihre Nichte hat sich zwar nicht zu Tode geängstigt, indes tot liegt sie im Hause, und zwar im Bibliothekzimmer. Man kann wohl,« setzte ich mit einem bezeichnenden Blicke nach dem Fenster hinzu, »einen Pistolenschuß, in jenem Hause gefeuert, hier nicht hören?«

»Diese Nachricht erdrückt mich! Sie hat sich erschossen? Warum?«

»Ich sagte nicht, daß sie sich erschossen,« erwiderte ich betonend, »indes scheint dies der Fall zu sein, und Mr. Jeffrey zweifelt keine Minute an der Selbstmordtheorie . . .«

»Ah, Mr. Jeffrey ist drüben?«

»Gewiß, es ward sofort nach ihm gesandt.«

»Und Miß Tuttle? Sie kam selbstredend mit ihm?«

»Sie kam, aber nicht mit ihm. Sie hat wohl ihre Schwester sehr lieb gehabt?«

»Da muß ich sofort hinüber,« sagte er aufspringend und nach seinem Hut suchend. »Es ist meine Pflicht, es ihnen bequem zu machen, das heißt, das Haus zu ihrer Verfügung zu stellen.« Jetzt hatte er seinen Hut gefunden und aufgesetzt. »Das Grundstück gehört nun mir, wissen Sie,« setzte er erklärend hinzu, mich mit seinen großen Augen voll anschauend. »Mrs. Jeffreys Vater war nämlich mein jüngerer Bruder, und das Vermögen, das von Rechts wegen zwischen uns geteilt werden sollte, fiel ihm allein zu . . . Doch das ist eine alte und lange Geschichte . . . Mein Bruder war aber eine ehrliche Haut und sah das Unrecht, das mir geschehen, ein. So machte er schon vor vielen Jahren ein Testament, in dem er bestimmte, und zwar aus freiem Willen, daß das ganze Mooresche Vermögen mir zufallen solle, im Falle er keine Nachkommen hinterlasse, oder im Falle diese Nachkommen sterben. Veronika war sein einzig Kind – Veronika ist tot – demnach gehört das alte Haus mir und alles, was darin ist, alles, was darin ist

Es lag ein frohlockender Ausdruck in seinen Augen, als er das letztere wiederholte, oder besser gesagt: die Freude eines Menschen, der nach lebenslanger Armut sich plötzlich reich sieht. Gleichzeitig lag darin aber auch eine Unempfindsamkeit über seiner Nichte Tod, die mir äußerst auffallend erschien.

»Sie nehmen den Tod Ihrer Nichte ziemlich leicht,« sagte ich. »Vielleicht wußten Sie, daß sie etwas schwachsinnig gewesen?«

Er wollte eben seinem Hunde, der wieder aufgestanden, einen Fußtritt versetzen, hielt indes inne, um, wie es schien, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Antwort zu verwenden, die er geben wollte.

»Ich bin kein Freund von Sentimentalitäten,« sagte er in kaltem Tone. »Ich hab' in meinem Leben nur eine einzige Person lieb gehabt – – Warum sollte ich nun um eine Nichte trauern, die es nicht einmal wert erachtete, mich zu ihrer Hochzeit einzuladen? Das wäre eine Schwäche, unwürdig des Mannes, der endlich sein rechtmäßiges Erbe antritt: den Besitz der großen Moore-Hinterlassenschaft! Und groß soll sie werden! In drei Jahren sollen Sie das Haus da drüben nicht wiedererkennen! Trotz seiner Geistergeschichten und trotz des todbringenden Mantelofens soll es zu den ersten in Washington zählen! Ich, David Moore, verspreche Ihnen das und ich bin nicht der Mann, der leere Prophezeiungen macht! . . . Doch man wird mich drüben vermissen – –«

Er gab dem Hunde den bis jetzt verschobenen Fußtritt.

»Rudge, bleibe hier! Dort drüben ist es zu kalt für dich. Außerdem will niemand dein Geheul in den alten Mauern dort hören – falls du überhaupt mitgingest, woran ich noch stark zweifle . . . Er war nie zu bewegen, auf jene Seite der Straße zu gehen,« sagte der alte Mann in erregtem Tone, »er muß diese Scheu jetzt aber ablegen, selbst wenn ich den alten Mantelofen ausreißen und die alten Wände durch neue ersetzen lassen müßte. Ich kann ohne Rudge nicht leben, doch werde ich nirgend anders wohnen als in dem Hause meiner Vorfahren!«

Er ging – ich folgte.

»Sie haben mir auf eine Frage vorhin nicht geantwortet,« sagte ich. »Ihre Nichte, Mrs. Jeffrey, die doch scheinbar alles in der Welt hatte, um glücklich zu sein, nahm sich das Leben. Ist je in Ihrer Familie ein Fall von Geisteskrankheit vorgekommen, oder war sie von solch leicht erregbarer Natur, daß ihr Tod in jenen Räumen so wenig Erstaunen in Ihnen wachruft?«

Ein Blick, gleich dem, mit welchem er die Straßenjungen in respektvoller Ferne hält, traf mich. Doch sofort unterdrückte er diese Erregtheit und erwiderte, nicht ohne Sarkasmus im Tone:

»Da! Sie erwarten von mir Gefühle wie in jungen Leuten oder in Männern mit mehr Herz als Verstand. Ich sagte Ihnen, ich kenne kein Mitleid! Meine Nichte mag ihren Verstand verloren oder mag den Becher ihrer Freuden schon mit dem einundzwanzigsten Jahre zur Neige getrunken haben – ich weiß es nicht und mir liegt nichts daran. Was mich allein interessiert, ist die Verantwortung, die so plötzlich und unerwartet auf meine Schultern fiel: das große Vermögen zu repräsentieren, und ich bin stolz genug, zu wünschen, daß ich in der Lage sein werde, dies würdig zu tun! – – Doch, die dort drüben sind imstande, die Böden oder Wände aufzureißen – die Polizei ist stets rücksichtslos. Ich werde jedoch mein Hausrecht zu wahren wissen! Ich werde nicht zugeben, daß eine Hand etwas berührt, ohne daß ich dabei bin! Ich bin jetzt Herr des alten Hauses und man soll dies wissen!«

Mit einem Blicke auf den Hund, der jammervoll heulte, schloß er die Türe und ging über die Straße in das Haus, das ihm so viele Jahre verschlossen gewesen, wie er sagte.

Während ich ihm nachschaute, wie er hinter der Türe verschwand, wunderte ich mich, wie sehr die Kerze, die ich auf seinem Tische liegen sah, derjenigen glich, die ich im alten Moore Haus gefunden.


6.
Allerlei Klatsch.

Am nächsten Tage befand sich die ganze Stadt in Aufregung.

All die wichtigen Tagesfragen – die Mobilmachung der Armee und der voraussichtliche Anmarsch gegen Kuba – waren vergessen über den Tod der jungen Mrs. Jeffrey und die ihn begleitenden geheimnisvollen Umstände. Man sprach von nichts anderem, man dachte an nichts anderes. Ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Heirat mit einem Manne von hervorragenden Geistesgaben und Körperschönheit, die Tragödie, die sich an ihrem Hochzeitstage abgespielt, und nun ihr eigener geheimnisvoller Tod gaben höchst sensationelle Gesprächsstoffe; diese konnten selbst durch die Annahme eines Mordes nicht mehr gesteigert werden.

Ich war »der Held des Tages«. Zeitungsberichterstatter und Neugierige beiderlei Geschlechts bestürmten mich fortwährend. Ich erwiderte indes allen, daß ich den Untersuchungen nicht vorgreifen wolle und daher keine Mitteilungen machen könne.

Während die Polizei offiziell die Untersuchung führte, ging ich allein der Lösung der sich mir aufgedrungenen Fragen entgegen.

Zuerst suchte ich die alten Zeitungen auf, in denen Berichte über die Hochzeitsfestlichkeiten zu finden waren. Der erste Artikel, den ich las, war der folgende:


Sensationelles Ende der Jeffrey-Moore-Hochzeit.


Der alte Schatten legt sich über die Eröffnung des alten Hauses an Waverley Avenue.

*

Einer der Gäste ist auf dem Herdsteine im Bibliothekzimmer gefunden.

*

Briefe in der Tasche des Toten lassen auf seine Identität schließen.

*

Die Festlichkeiten wurden durch die schreckliche Entdeckung nicht unterbrochen. Doch kaum ist die Trauung vorüber, stürmen die Gäste in wilder Flucht aus dem Hause.

*



Die Festlichkeiten zu Ehren der Hochzeit von Miß Veronika Moore mit Mr. Francis Jeffrey kamen zu einem plötzlichen Abbruch. Wie die meisten unserer Leser wissen, war auf besonderen Wunsch der jungen Dame das langverschlossene alte Moore Haus an Waverley Avenue, das seit beinahe einem Jahrhundert im Besitze der Familie der Braut sich befindet, zum Feste geöffnet worden.

Als zur frühen Morgenstunde die Gäste vor dem historischen Gebäude anfuhren und die Brautleute durch das einst gefürchtete, nun aber in herrlichem Blumenschmucke dastehende Portal eintraten, ging ein freudiges, zustimmendes Gemurmel durch die die Straßen füllende Menge. Jedermann bewunderte die Braut, welche dem alten Aberglauben zum Trotz die alten Räume neuem Leben zuzuführen bestrebt war. Da Miß Moore zu den beliebtesten jungen Damen Washingtons gehört und dieser romantische Zug noch ganz besonderes Interesse wachrief, hatte sich die Creme der Gesellschaft eingefunden und die Mittagsstunde sah einen auserlesenen Flor von Damen und Herren beisammen.

Die Hallen, in denen seit Jahren kein Laut gehört worden, klangen von fröhlichem Lachen wieder, das sich in die lustigen Weisen der Marinekapelle mischte. Alle Räume waren den Gästen geöffnet, ausgenommen das Bibliothekzimmer – eine Ausnahme, die eine aufregende Abwechslung bot.

Die Trauung sollte zur Mittagsstunde stattfinden.

Kaum ertönte der erste Schlag der Mantelglocke, als sich alle Hälse reckten, den ersten Blick auf die schöne Braut zu werfen, wenn sie die breite, teppichbelegte Treppe herabkomme.

Es vergingen fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde, und noch ward die Erwartung der Gäste nicht erfüllt. Man wunderte sich ob der Verzögerung und viele gingen wieder in den Salon zurück, als plötzlich ein Schrei im Bibliothekzimmer gehört ward und man eine junge Dame zitternd und todesbleich aus der säulengefaßten Türe stürzen sah. Es war dies Miß Abbott von Stanford Circle, die, um die Zeit des Wartens zu verkürzen, ihre Neugierde stillen und in das berüchtigte Blaubartzimmer einen Blick werfen wollte. Sie trat ein und sah zu ihrem Schrecken auf der Herdplatte des berüchtigten Mantelofens die hingestreckte, scheinbar tote Form eines Mannes.

Die Geisterfurcht, die sich sofort allen Anwesenden mitteilte, beweist, daß selbst die besten Kreise nicht frei von Aberglauben sind. Glücklicherweise ward eine Panik durch die Ruhe einzelner abgewendet, die es jedem zur Pflicht machten, der Trauung beizuwohnen und die Braut nichts merken zu lassen. Das war um so leichter, als soeben das Rauschen der seidenen Gewänder des Brautzuges hörbar ward und Miß Moores entzückende Erscheinung hoch oben auf der auf beiden Seiten mit Blumen besetzten Treppe erschien. Das glückliche Lächeln, das auf ihren Zügen lag, ließ die Gäste auf einen Augenblick das Schreckliche vergessen. Infolge des wunderbar reichen Schleiers – ein altes Familienerbstück – und der natürlichen Befangenheit, welche eine Braut verhindert, das Auge zu erheben, sah sie die bleichen, angsterfüllten Züge ihrer Gäste nicht und so ging sie, unbewußt des schrecklichen Ereignisses, durch die Zeremonie der Trauung.

Die Ehrendamen schienen nicht sehr tapfer. Besonders Miß Tuttle hielt sich nur durch ihre wunderbare Willenskraft aufrecht. Trotz ihrer hervorragenden Schönheit sah man deutlich die erdrückende Angst um die Braut auf ihren Zügen ausgeprägt, und war es daher nicht erstaunlich, daß sie nach beendeter Trauung in eine tiefe Ohnmacht fiel. Mr. Jeffrey schien gefaßter, obwohl seine innere Erregtheit durch häufiges Versprechen beim Nachsagen der Worte des Geistlichen von denen bemerkt wurde, deren Sinn noch nicht vollkommen von Fluchtgedanken erfüllt war. Nur D. Auchinclos wußte sich vollkommen zu beherrschen und hielt durch die Feierlichkeit der Handlung die immer unruhiger werdende Menge zusammen. Doch kaum war der letzte Segen über das Paar gesprochen, als alle in wilder Flucht davonstürzten und es Mr. Jeffrey überließen, seiner jungen Frau die nötige Erklärung zu geben. Sie hörte das Geschehene gefaßter an, als erwartet werden konnte, und als man ihr sagte, der Tote sei ein völlig Fremder, keinem der Gäste bekannt, da klärten sich ihre Züge merklich auf. Sobald der Zustand Miß Tuttles es erlaubte, verließ auch das junge Paar das Haus. Die Tatsache, daß die junge Braut ohne ihr Brautbukett getraut wurde, wird von vielen als böses Omen angesehen.

In der Eile und vom Wunsche beseelt, ihre Gäste nicht noch länger warten zu lassen, hatte sie selbiges vergessen.

Was den Toten betrifft, so ist wenig oder nichts über ihn bekannt. Aus Briefen zu schließen, die man bei ihm fand, heißt er W. Pfeiffer und kommt von Denver. Seine Anwesenheit in Miß Moores Haus zur Zeit der Feierlichkeiten ist nicht aufgeklärt. Sein Name fand sich nicht auf der Liste der Geladenen und ein Mann dieses Namens zählt weder zu den Freunden Miß Moores noch denen von Mr. Jeffrey. Auch die, welche den Mut hatten, den Toten zu beschauen, erinnern sich nicht, den Mann je vorher gesehen zu haben. Mit Ausnahme einer blutumlaufenen Stelle an der Schläfe, eine Wunde, die er jedenfalls beim Fallen auf die Herdplatte bekommen, war nichts zu bemerken, das auf den Tod des scheinbar gesunden und starken Mannes hätte schließen lassen, und macht dies den Tod nur um so geheimnisvoller. Sein Name ward im Register des ›Hotel National‹ gefunden.«

Beim Weiterblättern fand ich die folgende Depesche aus Denver:

»Der plötzlich in Washington eingetretene Tod unseres allseits bekannten und beliebten Mitbürgers Wallace Pfeiffer wird von seiner betagten Mutter und allen, die ihn kannten, aufs tiefste bedauert. Er ist der letzte von drei Söhnen, die alle in demselben Jahre starben. Wallaces Ableben läßt die alte Frau ohne jede Versorgung. Es war hier nicht bekannt, daß Wallace die Absicht hatte, nach Washington zu reisen. Im Gegenteil, man vermutete, daß er nach der entgegengesetzten Richtung gefahren sei, da er oft erwähnte, er hätte geschäftlich in San Francisco zu tun. Seine Anwesenheit im Mooreschen Hause zur Zeit der Hochzeitsfeierlichkeiten, an denen er kein persönliches Interesse hatte, wird von seinen Freunden folgendermaßen erklärt: Trotzdem Wallace Kaufmann und früher Goldsucher in Klondyke war, zeigte er doch großes Interesse für alles Übernatürliche und Geisterhafte. Vielleicht hatte er von dem alten Moore Haus gehört und benutzte die Gelegenheit, da selbiges offen war, das geheimnisvolle Zimmer zu sehen. Die Tatsache, daß man ihn allein in jenem Zimmer fand, während alle Gäste begierig auf das Erscheinen der Braut warteten, gibt Grund zu dieser Annahme. Sein plötzlicher Tod kann durch die übernatürliche Empfindsamkeit seines Nervensystems erklärt werden. Seine Leiche wird zur Beerdigung nach hier verbracht.«

Die nächste Notiz war kurz. Neue Ereignisse hatten das vor drei Tagen Geschehene schon fast vergessen gemacht.

»Wallace Pfeiffer, tot auf einer Herdplatte in der Bibliothek des alten Moore Hauses gefunden. Todesursache: Gehirnerschütterung infolge geistiger Überreiztheit oder Herzschlag. Die Leiche wurde heute nach Denver überführt.«

Und darunter, nur durch einen kleinen Raum getrennt:

»Mr. und Mrs. Jeffrey haben beschlossen, ihre Hochzeitsreise aufzugeben und die Flitterwochen in Washington zu verbringen. Das junge Paar wird das Ransome House an der K.-Straße bewohnen.«

Diese letzte Notiz brachte mich wieder zu der Frage zurück: Gab es etwas in der Vereinigung des jungen Paares, das einen Mord rechtfertigte – trotz des scheinbaren Selbstmordes –, oder sind die beiden wirklich unschuldig und der alte David Moore ist die treibende, geheime Kraft dieses Dramas, durch das er so plötzlich reich und die anderen arm wurden? – –

Da bis jetzt keine andere Theorie als die des Selbstmordes zugelassen worden war, beschäftigte sich die öffentliche Meinung viel mit den Eigentümlichkeiten der Mooneschen Familie und ich versäumte keine Gelegenheit, allen auftauchenden Geschwätz mein Ohr zu leihen.

Daß dabei Miß Tuttles Name oft genannt wurde, ist eigentlich selbstverständlich. Diese an Geist und Schönheit hervorragende junge Dame ward durch den Tod ihrer Schwester ganz verwaist. Was würde die nunmehr Heimat- und Mittellose beginnen? Würde sie heiraten? Und wenn dem so wäre, wem unter den vielen reichen und hervorragenden Persönlichkeiten, die sich früher offen um sie beworben, würde sie ihre Hand reichen?

Meinem eigenen Urteil nach wird sie vorerst überhaupt nicht heiraten, zum mindesten nicht, ehe das Trauerjahr eines gewissen jungen Witwers vorüber wäre . . . Doch dies Urteil verlor etwas von seinem Halt, als ich von einem Reporter hörte, daß das Verhältnis, das einst zweifellos zwischen der schönen Miß Tuttle und Mr. Jeffrey bestanden, nur ein sehr einseitiges gewesen sei; es war die erstere, welche die Verbindung gesucht hatte, während Mr. Jeffrey, mehr durch die Schönheit angezogen, sich der jüngeren Schwester zuwandte. Dies schien mir sehr unwahrscheinlich, denn Miß Moore konnte sich an Schönheit nicht mit ihrer Schwester vergleichen. Indes wir alle wissen, es gibt außer Schönheit noch andere Eigenschaften, die einen Mann fesseln. Es ward mir erzählt, daß die unglückliche Veronika beim Sprechen oder Lachen durch ein gewisses Zucken ihrer Oberlippe einen unwiderstehlichen Reiz ausübte, dem sich niemand entziehen konnte.

Die paar Zeilen, die sie für ihren Gatten als Erklärung ihres Selbstmordes hinterlassen, waren beinahe harmloser Natur. Die, welche die junge Frau gut kannten, betrachteten dies als Zeichen ihrer Geistesumnachtung; die übrigen und das Publikum im allgemeinen sahen darin nur die einfache Ausdrucksweise einer unglücklichen Frau, die sich in ihrem Gatten getäuscht fand. Um zu entscheiden, welcher der beiden Theorien ich folgen sollte, beschloß ich, nach Alexandrien zu fahren, woselbst – wie ich hörte – Mr. Jeffrey seine Braut kennen lernte. Ich wollte etwas »Klatsch« hören – und ich hörte solchen! Die Luft war voll davon!

Vorsichtig, mich nicht als Detektiv erkennen zu lassen, erfuhr ich das Folgende:

John Judson Moore, Veronikas Vater, war etwas weniger exzentrisch als die übrigen Mitglieder der Mooreschen Familie. Daß er aber mit Sonderheiten behaftet war, bewies er durch seine Heirat mit einer Witwe, die nicht nur ein Kind mit in die Ehe brachte, sondern die allgemein als die einfältigste Frau in Virginia bekannt war. Und Moore hätte unter den feinsten und reichsten Familien wählen können! Als sich diese Frau indes im Laufe der Zeit die ihr mangelnden Tugenden anzueignen suchte und zum gesellschaftlichen Faktor geworden war, vergaß man, was sie einst gewesen und vergab ihm seine Geschmacksverirrung. Man sprach nicht weiter von seinen Sonderheiten, bis er nach dem Tode seiner Frau, und da sein einziges Kind sich als schwächlich erwies, ein Testament zugunsten seines Bruders aufsetzte. Den Grund, warum dies seinen Freunden so mißfallen, konnte ich nicht erkunden. Tatsache ist indes, daß seine Freude groß war, als sich Veronika gesundheitlich entwickelte, wodurch gleichzeitig David Moores Chancen auf nichts zusammenschrumpften. John Judson folgte seiner Gattin ins Grab, ehe Veronika ihr zehntes Jahr erreicht hatte; er ließ sie und ihre Halbschwester Kora Tuttle unter der Fürsorge eines Freundes und Anwaltes, eines alten Junggesellen. Zwei Jahre lang blieben die Mädchen zusammen; dann ward Veronika plötzlich und ohne Grund nach einer Schule im Westen gesandt, woselbst sie bis zu ihrem siebzehnten Jahre blieb, ohne inzwischen wieder die Heimat besucht zu haben. Indessen war Miß Tuttle mit Hilfe der besten Lehrer zu einer vollendeten Dame erzogen worden. Der Vormund, der ungeheuer streng gegen die junge Erbin war, deren ganzes Vermögen er verwaltete, zeigte sich mehr als nachsichtig gegen die völlig mittellose Schwester, vielleicht in der Hoffnung, daß die schöne, junge Dame einen wohlhabenden Herrn aus der Gesellschaft gewinne, in der sie sich bewegte. Miß Kora Tuttle war jedoch nicht so leicht zu gewinnen. Die feinsten Herren legten ihr ihr Herz zu Füßen; doch sie fand zu keinem eine tiefere Neigung. Da erschien eines Tages Francis Jeffrey und mit dem ersten Blicke schien ihr Herz gefangen.

Die, welche sich jenes Winters noch erinnern, erzählen, daß sie unter seinem Einflusse sich von einem schönen Mädchen zu einem herrlichen, liebenswerten Weibe entwickelte. Doch man hörte nichts von einer Verlobung zwischen beiden und verwundert fragte sich die Gesellschaft, was wohl den Grund seiner Zurückhaltung bilden könne. Da kehrte Veronika Moore nach Haus zurück und die Frage fand ihre Lösung.

Veronika, die nunmehr fast achtzehn Jahre zählte, war während ihrer Abwesenheit zur Jungfrau herangewachsen. Sie war nicht so schön als ihre Schwester, indes von lebhaftem Temperament, witzig und schlagfertig und wußte zu fesseln, sobald sie sprach. Sofort wandte sich Jeffrey von der Schwester ab und Veronika zu, einzig und allein – wie die Leute sagten – ihres großen Vermögens wegen. Er selbst besaß ein kleines Einkommen, von dem er lebte, und er lebte bescheiden und hielt sich in seinen Aufmerksamkeiten gegen Miß Tuttle in den Grenzen seines Vermögens, was allgemein anerkennend erwähnt ward. Doch kaum war Veronika erschienen, als er der jungen Erbin zu Füßen fiel, und so stürmisch ging er als Liebhaber vor, daß er schon nach zwei Monaten verlobt und nach einem halben Jahre verheiratet war – mit welchem Ende, wissen wir.

Soviel vom »allgemeinen Klatsch«.

Nun etwas vom »geheimen«.

Ein gewisser Herr, dessen Name weiter nichts zur Sache tut, war Zeuge eines Vorganges, in dem es sich um die drei Obengenannten handelte. Der Herr war keine »Klatschbase«, und wäre Veronika nicht tot und Kora glücklich verheiratet, er hätte nie von dem gesprochen, was er eines Abends im Damenzimmer eines Hotels in Atlantic City gehört und gesehen.

Es war zur Zeit, als die Verlobung zwischen Francis Jeffrey und der jungen Erbin verkündet worden war. Dies und seine frühere Aufmerksamkeit Miß Tuttle gegenüber bildete das Tagesgespräch der besseren Kreise Washingtons und anderer Plätze. Man sprach sich abfallend über Jeffrey aus, dem dies auch zu Ohren kam. Er hatte sich seither nichts aus diesen Schwätzereien gemacht, bis ihm eines Abends jemand vorwarf: er hätte wohl gewußt, auf welcher Seite das Brot gebuttert war – sicherlich nicht auf Seite der Schönheit und überlegenen Bildung. Da verlor Jeffrey zum ersten Male seine Ruhe und unbekümmert, wer es höre, sagte er laut und deutlich: »Du bist, wie die anderen, ein Geldjäger und eigensüchtiger Dummkopf, sonst würdest du und die anderen mir nicht solche Motive in meiner Verehrung für Miß Moore unterlegen. So ungern ich von meinen Gefühlen öffentlich spreche, will ich doch, von dir dazu gereizt, ein für allemal erklären, daß ich Miß Moore aufrichtig liebe und sie nur aus diesem einzigen Grunde heirate. Wäre sie arm wie ihre Schwester, und Miß Tuttle besäße den Reichtum, der in euren Augen Miß Moores einzige Tugend ist, ich läge dennoch zu ihren Füßen und zu ihren allein. Miß Tuttles Reize sind nicht mächtig genug, ein Herz zu erobern, das einmal von ihrer Schwester Lächeln gefangen ward.«

Kaum hatte der Sprecher geendet, als aus einer dunklen Ecke des Salons sich eine schlanke Gestalt erhob und Miß Tuttle mit erhobenem Haupte und kaum merklichem Kopfnicken an der Gruppe vorüberging.

Jeffrey tat das Geschehene offenbar leid und er machte eine Bewegung, die Vorübergehende anzureden. Der Blick, den sie ihm indes zuwarf, ließ ihn seine Absicht aufgeben. Was hätte er auch sagen können? Er hatte klar genug gesprochen und an seinen Worten ließ sich nichts deuteln.

Was Miß Tuttle betrifft, so betrug sie sich – soweit die Welt es weiß – vollkommen korrekt. Nie verriet sie durch ein Wort oder durch eine Gebärde, daß ihr Stolz, vielleicht ihr innerstes Fühlen verwundet worden war und daß sie den Mann verloren, den sie einzig geliebt.

Mit dieser Kenntnis der Hauptpersonen versehen, kehrte ich nach Washington zurück. Ich kannte die äußeren Umstände der Heirat – wie nun sah es tatsächlich im Innern von Mr. Jeffrey aus?

Selbst der Herr, welcher der Szene im Hotel beigewohnt, konnte keine Erklärung finden, warum Mr. Jeffrey so öffentlich seine Handlung verteidigte. Auch Miß Tuttles Anwesenheit im Hotel konnte er nicht erklären und aus ihrem Benehmen ließ sich kein Schluß auf ihr Fühlen ziehen.

Mir indes schien es klar, daß es in ihrem Innern nicht so stille war, wie sie die Welt glauben machen wollte.


7.
Ein kluger Streich.

Am nächsten Tage brachte mich die Pflicht in die Nähe eines gewissen Hauses, in dem ein gewisser Jemand wohnt, deren Besitz mir das Begehrenswerteste im Leben dünkt. Es ist ganz merkwürdig, wie oft mich die Pflicht in die Nähe jenes Hauses bringt . . .

Sie ist eine liebe, kleine Person, deren Verstand so klar wie ihre Augen ist – und das will viel sagen. Ich bewunderte immer ihren Witz und ihren Geist. Nun wollte ich beide in meinen Dienst stellen.

»Jinny,« begrüßte ich sie, »du kannst mir einen Gefallen erweisen: finde aus – und ich weiß, du kannst es, ohne Verdacht zu erregen – wo der alte Moore an Waverley Avenue seine Spezereien kauft, und hast du das erfahren, ob er in der letzten Zeit Kerzen kaufte oder nicht.«

»Mr. Moore,« rief sie erstaunt, »der Onkel der Dame, welche – welche – –«

»Derselbe,« sagte ich, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen – ich wollte abwarten, was sie nun fragen würde. Sie fragte indes nichts; sie sah mich nur an mit einem Blicke, der meinem Herzen wohltat und meinen Sinn befriedigte, nickte mir lächelnd zu und – weg war sie.

Ich dankte im stillen der Vorsehung, die mich solch treue und gute Hilfe finden ließ und ging frohen Mutes meiner Arbeit nach.

Kaum eine Stunde war vergangen, da sah ich Jinny wieder. Es ist geradezu merkwürdig, wie oft manche Menschen sich treffen . . .

»Nun?« fragte ich.

»Mr. Moore kauft seine häuslichen Bedürfnisse bei Simpkins, etwa zwei Straßen von seinem Haus entfernt, und erst vorige Woche kaufte er Kerzen.«

Ich warf ihr für diese Mitteilung einen Blick zu, der als Antwort zwei reizende Grübchen hervorzauberte.

»Ich denke, du solltest deine Einkäufe auch bei Simpkins machen, wenigstens für die nächste Zeit,« sagte ich und aus ihren leuchtenden Blicken konnte ich sehen, daß sie mich verstanden.

Zufrieden mit meiner kleinen Verbündeten und im festen Vertrauen, nun schneller zum Ziele zu kommen, machte ich mich an die Lösung der Frage: ob die Fingerabdrücke, die ich auf dem Mantelofen entdeckte, von dem Manne gemacht worden waren, der kürzlich Kerzen benötigte, obwohl sein Haus durchaus mit Gas beleuchtet schien. Ich war mir der Schwierigkeit dieses Unternehmens wohl bewußt, zweifelte indes keine Sekunde, daß mir die Lösung gelingen werde, obwohl ich von dem »wie« noch keine Ahnung hatte.

Wie konnte ich einen Abdruck von David Moores Hand bekommen, ohne daß dieser es merke? – –

Ich ging zum Kapitän und bat um die Erlaubnis, die Nacht im alten Moore Hause verbringen zu dürfen. Das Haus stand noch unter Polizeiaufsicht und niemand durfte selbiges ohne Erlaubnis betreten. Der Kapitän erfüllte meinen Wunsch, ohne nach dem Zwecke desselben zu fragen.

Der Abend war hereingebrochen.

Bevor ich das alte Haus betrat, warf ich einen Blick nach dem gegenüberliegenden Hause, um zu sehen, ob Onkel David, dessen Geheimnis – falls er ein Geheimnis hatte – ich bloßzulegen im Begriff war, mein Kommen bemerkt habe. Wie erstaunte ich, als vor mir die Gestalt eines feingekleideten alten Herrn auftauchte, den ich im ersten Augenblicke nicht erkannte, hätte ich nicht auf der anderen Seite der Straße Rudge gesehen, der allem Rufen und Pfeifen seines Herrn und Meisters – denn dieser war es, der vor mir stand – zum Trotze keine Anstalten machte, von der Seite wegzugehen, auf der er sich sicher fühlte.

Mr. Moore, der bereits im sicheren Bewußtsein des zu erwartenden Reichtums schwelgte, bot in diesen feinen Kleidern einen merkwürdigen Kontrast zu dem alten Manne, dessen seltsame Kleidung und dessen Eigenheiten ihn zum Gespötte der Stadt gemacht hatten. Die herablassende Art, mit der er mich begrüßte, zwang mich zum Lächeln.

»Sie machen, wie ich sehe, von dem Vorrecht der Polizei Gebrauch – –«

Seine Worte flossen so leicht, als wenn er von je der liebenswürdigste Mann gewesen wäre.

»Wenn das alte Haus nur halb das Gefühl seines Eigentümers teilt,« fuhr er fort, »so kann ich mich für seine Ungeduld verbürgen, wieder frei und offen zu sein. Ist dies Eindringen der Polizei nötig? Ist es angebracht, daß die Polizei das Haus noch immer unter Aufsicht und Verschluß hält, jetzt, nachdem Mrs. Jeffreys Leichnam vom Schauplatze ihres Ablebens entfernt worden?«

»Diese Fragen sollten Sie an den Superintendenten stellen, nicht an mich. Er hat keine Verordnung erlassen, die Wache zurückzuziehen, und wir haben einfach zu gehorchen. Es tut mir leid, wenn Ihnen dies nicht angenehm ist. In wenigen Tagen wird die Untersuchung zweifellos beendet sein und Ihnen dann die Schlüssel eingehändigt werden. Sie möchten wohl gern einziehen?«

Er schaute nach seinem Hunde um, stieß einen schrillen Pfiff aus, der indes unbeachtet blieb, und antwortete dann mit mehr Würde als Gefühl:

»Wenn ein Mann bereits sein siebentes Jahrzehnt hinter sich hat, ist er nicht mehr so geduldig, als wenn er noch viele Jahre vor sich sähe. Ja, ich möchte das Haus gerne beziehen – ich habe viel dort zu tun.«

Fast hätte ich gefragt: »Was?« Ich hielt diese Neugierde indes zurück und sagte leichthin: »Ich sehe Sie gleich wieder; ich will nur einen Rundgang durch das Haus machen. Wenn ich etwas entdecke, das Sie interessieren könnte, lasse ich Sie es wissen.«

Etwas wie ein Grunzen antwortete mir; ob vom Herrn oder vom Hunde ausgestoßen, weiß ich nicht, nahm mir auch nicht die Zeit, es auszufinden. Eine ernste, schwere Arbeit lag vor mir, eine sehr ernste, besonders da ich sie ohne Wissen meiner Vorgesetzten ausführte. Bis jetzt war unter diesen noch nie die Rede vom alten Moore gewesen – konnte ich mit meiner Theorie den Fall verwickeln?

Um meinen Plan auszuführen, mußte einige Zeit vergehen, ehe ich Mr. Moore wiedersah. Diese Zeit auszufüllen und gleichzeitig meine Neugierde zu befriedigen, begann ich einen Rundgang durch das Haus, wobei mich mein Weg natürlich nach der Bibliothek führte. Das schwache Licht der Straßenlaternen konnte in diesem Raume nicht gesehen werden. Ich zündete daher meine Laterne an.

Mein erster Blick fiel auf den Mantelofen. Unternehmende Hände hatten hier gewirtschaftet. Der Rost war herausgenommen, der Vorsatz entfernt, sogar der große Sessel war vom Platze gerückt und inmitten des Zimmers gestellt worden. Ich muß sagen, daß mir diese letztere Veränderung eher gefiel als mißfiel, denn ich war doch etwas ängstlich, dem alten Kamine zu nahe zu treten. Ich untersuchte den alten Sessel aufs eingehendste. Ich untersuchte jede Stelle, hier, dort, unten, oben – nichts. Ich war enttäuscht. Es war ein völlig harmloses, altes, plumpes Stück Möbel, an dem nichts zu bemerken war, das auf die Tragödien hätte schließen lassen, die sich auf dem Platze, wo es gestanden, ereigneten. Ich setzte mich sogar darauf und schloß meine Augen – – Nichts, gar nichts. Auch der Platz, wo der Sessel früher gestanden, zeigte nichts Besonderes; vier farblose Flecken im Fußboden, wo die Füße gestanden – das war alles. Enttäuscht – von mir und von dem Funde – ging ich nach der Ecke, in der ich am Tage von Mrs. Jeffreys Tode den kleinen Tisch gefunden – er stand nicht mehr da. Jemand hatte ihn dahin gestellt, wohin er gehörte; auch der Kandelaber war entfernt worden. Der Küchenstuhl stand nicht mehr vor dem Büchergestell. Dies ärgerte mich; ich wollte noch einmal das Buch betrachten, das ich bereits – wenn damals auch resultatlos – durchgesehen. Ich merkte sofort, daß das Buch mit den übrigen gleichgestellt worden war. Ich erinnerte mich indes seines Titels, und wäre es möglich gewesen, das Buch zu erreichen, ich hätte es diesmal genauer betrachtet.

Im oberen Stocke fand ich dieselben Spuren polizeilicher Eingriffe. Der Laden im südwestlichen Zimmer war angehakt, der Überwurf und das Bukett vom Bett entfernt. Auch das Taschentuch fand sich nicht mehr auf dem Mantelaufsatze, wohin ich es gelegt hatte, und als ich die Türe der Kammer öffnete, sah ich, daß der Boden leer war und der Kandelaber und das Licht fortgenommen.

Alles verändert, dachte ich, jede Spur verwischt!

Nicht alles: ich kam eben zu den Feilspänen, die offenbar von der Polizei übersehen worden waren. Ich kehrte sie vorsichtig zusammen in ein Kuvert und steckte dies in meine Tasche. Dann besah ich das Kamin. Die Spuren, die ich eingekratzt, waren noch da, sonst aber alles vom Mantel entfernt. Höchst befriedigt von meiner Vorsicht, verließ ich das Zimmer, um nunmehr der Lösung der Frage näher zu treten: ob Onkel David seine Hand in dieser fatalen Affäre gehabt habe oder nicht.

Zuerst ging ich nach dem Vorderzimmer und überzeugte mich, daß Onkel David wirklich hinter dem wilden Weine seines Hauses Wache stand, wie ich erwartete. Nun ging ich in die Küche, nahm einen Stuhl, trug ihn nach der Bibliothek und stellte ihn auf die Herdplatte. Dann trat ich darauf, verwundert, was wohl passieren werde. Es passierte indes nichts. Ich holte das Bild herunter, von dem ich bereits gesprochen, und stellte es gegen die Stangen des Ofens. Wieder bestieg ich den Stuhl und streute des Inhalt eines kleinen Paketes auf den Mantel, das ich dieserhalb mitgebracht.

Jetzt verließ ich das Haus, steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch und schaute mich um. Onkel David stand an der Türe seines Hauses. Ich ging zu ihm hinüber.

»Nun?« fragte er in auffallend höflichem Tone, »Sie sehen aus wie ein Mann, der etwas Neues weiß. Ist wieder etwas passiert im alten Hause?«

»Wissen Sie,« sagte ich in vertraulichem Tone, »ich habe ein großes Interesse an dem alten Herd oder, besser gesagt, an dem scheinbar unschuldigen Bilde, das drüber hängt: ›Benjamin Franklin am Hofe des Kaisers von Frankreich‹. Ich muß gestehen, ich hatte keine Idee, was dahinter verborgen war.«

Ich bemerkte am Aufblitzen seiner Augen, daß ich in ein Wespennest gestochen. Das hatte ich beabsichtigt.

»Hinter dem Bild?« fragte er. »Hinter dem Bilde ist nichts!«

Ich lachte, zog die Schultern in die Höhe und, dem Tore zugehend, sagte ich etwas ironisch:

»Sie sollten es natürlich wissen.« Dann, als ob ich mich plötzlich auf etwas entsinne: »Was ich sagen wollte: wissen Sie, daß ein Fenster im ersten Stocke nicht schließt? Ich erwähne dies nur, damit Sie selbiges sofort machen lassen, sobald die Polizei draußen ist. Es ist das letzte Fenster in der Halle, die zu den Negerquartieren führt. Wenn man stark daran rüttelt, kann man es öffnen, selbst von außen.«

»Ich werde danach sehen lassen,« entgegnete er, die Augen niederschlagend, wahrscheinlich, um ein gewisses Leuchten darin nicht sehen zu lassen. »Aber was meinten Sie damit, daß hinter dem alten Bilde etwas verborgen sei?« fragte er wieder. »Ich habe nie gehört, daß . . .«

Obwohl er sehr schnell gesprochen und die letzten Worte fast geschrien, war ich doch zu weit entfernt, ihm zu antworten. Ich schüttelte nur meine Hand. Da, ehe ich um die Ecke bog, rief ich zurück:

»Ich bin in einer Stunde wieder hier. Wenn jemand versuchen sollte, das Haus zu betreten, telephonieren Sie zur Station oder rufen Sie den Mann vom Dienst. Ich glaube nicht, daß es was schadet, das Haus auf eine Stunde zu verlassen – –«

Dann schritt ich um die Ecke. Als ich nach kurzer Zeit zurückkehrte, war es dunkle Nacht.

Im Bibliothekzimmer sah ich ein Licht . . . Ich war überzeugt, daß Onkel David im Hause sei – und dem war so! Als ich lautlos eingetreten, warf ich die säulenbesetzte Türe zurück und sah den alten Mann auf dem Stuhle, den ich dahingestellt, den alten Nagel betrachten, von dem ich das Bild genommen. Er fuhr erschreckt zusammen und fiel beinahe vom Stuhle. Ich lachte arglos, als ob ich seiner Anwesenheit keine besondere Bedeutung beilege, was ihm seine Selbstbeherrschung wiedergab, und sagte:

»Wirklich, Mr. Moore, ich bin froh, Sie hier zu sehen. Es ist ganz natürlich, daß Sie mit allen erdenklichen Mitteln auszufinden versuchen, was eigentlich hinter dem Bilde verborgen ist . . . Ich kam nur zurück, weil ich vergessen hatte, das Bild wieder aufzuhängen.«

Unwillkürlich schaute er wieder nach der Stelle, wo das Bild gehangen und wo er nichts entdecken konnte als den Nagel, den er eben so eingehend untersucht hatte.

»Nichts ist hier verborgen,« sagte er. »Sie können selbst sehen, daß die Wand leer ist und das Kamin klingt so fest als irgend ein Kamin.« Er schlug mit der Faust an die Wand. »Was dachten Sie, daß Sie gefunden hätten?«

Ich lächelte nur, zog meine Schultern in die Höhe, wie ich es vorher schon getan und sagte dann schroff:

»Ich bin nicht gekommen, um polizeiliche Geheimnisse zu verraten, sondern um das Bild wieder aufzuhängen. Oder haben Sie es lieber unten als oben? Ein großer Zierrat ist es so wie so nicht.«

Er drehte den Kopf nach mir um und schaute mich über die Schultern scharf an. Wenn er Absichten hatte, mich rücklings – – Ich ließ ihn jedoch meine Vermutung nicht merken. Ich legte einfach meine Hand auf das Bild und sah ihn fragend an. Er winkte, das Bild aufzuhängen, und fügte hinzu:

»Alle Bilder in diesem Hause sollen da verbleiben, wo sie hängen. Es herrscht ein traditioneller Aberglaube in unserer Familie gegen deren Entfernung.«

Ich hob das Bild vom Boden, stellte mich auf den Stuhl, der direkt über der fatalen Herdplatte stand und – – hätte er schlimme Pläne im Herzen, ich wäre in diesem Augenblicke zweifellos im Nachteil gewesen. Ich ließ mir nichts anmerken. Während er zurückging bis zu dem großen Sessel seiner Ahnen und seine Arme um die hohe Lehne schlang, hob ich das Bild auf. Er schaute mir zu und lächelte – – ein Lächeln, das ich fühlte, aber nicht sah.

Plötzlich – ich wollte eben die Schnur über den Nagel hängen – schrie er:

»Passen Sie auf! Sie fallen!«

Wollte er mir für den ihm eingejagten Schrecken heimzahlen, so hatte er seine Absicht nicht erreicht, denn meine momentane Nervosität war verschwunden, sobald ich einen Blick auf den Mantel geworfen. Der feine, braune Staub, den ich dahin gestreut, zeigte deutlich die Abdrücke von fünf Fingern – nicht meinen Fingern, denn ich riskierte eher herunterzufallen, als meine Hand auf den Mantel zu stützen!

Der Beweis, den ich so ängstlich gesucht und auf den ich so schlau hingearbeitet, war erhalten!

Als ich jedoch eine halbe Stunde später Gelegenheit hatte, diese Abdrücke zu messen und sie mit denen im oberen Zimmer zu vergleichen, folgte meiner sieghaften Freude eine große Ernüchterung, denn die beiden Abdrücke waren durchaus verschieden. Dies bewies zweifellos, daß die Person, die sich am Abend des Todes von Mrs. Jeffrey im Hause befand, nicht Onkel David war.


8.
Ein klügerer Streich.

Ich wiederhole: die Person, welche die Fingerabdrücke im oberen Zimmer des Mooreschen Hauses hinterlassen, war nicht Onkel David.

Wer sonst? Nur ein anderer Name drängte sich mir auf – Mr. Jeffrey!

Es ist sicher nicht so einfach, an diesen Mann heranzutreten, als es gewesen, den ahnungslosen Onkel David zu überrumpeln, sagte ich mir.

Seit seiner Gattin Tod war Francis Jeffreys Haus gegen jedermann verschlossen. Weder Freund noch Fremder ward bei ihm vorgelassen, es sei denn, er kam im Auftrage und mit einer Legitimation vom Polizeipräsidium versehen. Doch selbst diese Erlaubnis konnte mir nichts nützen. Ich beschloß daher, dem Zufalle zu vertrauen – doch auch der kam mir nicht zu Hilfe. So mußte ich eben den Kapitän bitten, mich mit einer Botschaft zu Mr. Jeffrey zu senden, die es mir ermöglichte, ein Interview mit dem Herrn zu haben. Auch diesmal fragte mein Vorgesetzter nicht nach dem Grunde. Ich erhielt den Auftrag und wanderte den Tag darauf nach dem Hause in der K.-Straße.

Mrs. Jeffrey war des Tags zuvor begraben worden. Das Haus sah einsam und verlassen aus. Auf mein Läuten kam ein hübsches Mädchen zur Türe, das höchst nervös schien und eine nicht mißzuverstehende zurückweisende Gebärde machte, als ich meines Auftrages erwähnte: Mr. Jeffrey zu sehen. Diese Gebärde wäre mir nicht aufgefallen, hätte sie mir den Eintritt verweigert oder gesagt, ich könne Mr. Jeffrey nicht sprechen. Doch sie tat dies nicht. Sollte dieser Ausdruck also persönlichem Empfinden entspringen und nicht der Rücksicht auf ihren Herrn? Dies erinnerte mich, daß man oft von einem Mädchen im Jeffreyschen Hause gesprochen, die stets etwas sagen zu wollen schien, das doch nie über ihre Lippen kam. Sollte dies das Mädchen sein? Als sie eben im Begriff war, nach oben zu gehen, fragte ich:

»Sind Sie Loretta?«

Die Art und Weise, wie sie sich scheu umwandte, nickte und dann schnell fortlief, überzeugte mich, daß die Kollegen recht hatten und daß dies Mädchen aus irgendeinem Grunde die Polizei fürchte. Hier gab es ein neues Rätsel zu lösen, und es flog mir sofort durch den Sinn, wer dies Rätsel zu lösen imstande sei.

Loretta kam zurück.

»Mr. Jeffrey ist oben im hinteren Zimmer. Sie möchten sich bitte dahin bemühen.«

»Ist es das Zimmer, welches Mrs. Jeffrey bewohnte?« fragte ich.

Ihr unwillkürliches Zusammenzucken zeigte mir, daß sie keine gefühllose Person war. Hastig sprechend, erwiderte sie:

»Nein, nein! Jene Zimmer sind geschlossen! Er ist in dem Zimmer, das Miß Tuttle bewohnte, ehe sie wegging.«

»O! Dann ist Miß Tuttle fortgegangen?«

Loretta antwortete nicht. Sie hatte scheinbar schon genug gesagt; sie biß sich auf die Lippe und ging die Treppe hinab.

Die Kollegen hatten zweifellos recht! Man hatte das Gefühl, daß sie etwas wisse, aber nichts sagen wolle. Gleichzeitig aber machte sie den Eindruck, daß sie aufrichtig sei und daß man ihren Worten Glauben schenken könne, sobald sie erst rede.

Mr. Jeffrey saß mit dem Rücken gegen die Türe. Als ich seinen Namen nannte, wandte er sich um und streckte die Hand aus, den Brief, den ich trug, entgegenzunehmen.

Ich hoffte, daß er mich nicht wiedererkenne und ward darin nicht getäuscht. Für ihn war ich nur ein Bote, ein Polizist und schenkte er meiner Person weiter keine Aufmerksamkeit – ich der seinen um so größere. Bis jetzt hatte ich ihn nur beim Scheine der Laternen gesehen und unter Umständen, die es mir nicht ermöglichten, mir ein Bild seines Charakters zu machen. Nun aber saß er in vollem Tageslicht vor mir und ich konnte genau seine Züge und seinen Ausdruck studieren. Er hatte distinguierte Züge, das sah ich, trotz der düsteren Wolke, die auf ihnen lag. Seine Haltung, obgleich durch das Geschehene erdrückt, war nicht eine solche, wie ich sie erwartet hatte. Seine Augen waren klar und groß; der Schatten, der darauf lag, kam offenbar nicht von Tränen, sondern von Mißtrauen gegen meine Person. Er wollte nicht beobachtet sein. Er rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, solange ich vor ihm stand, und schaute nicht von dem Briefe auf, bis ich leise die Türe schloß, die ich beim Eintreten absichtlich offen gelassen hatte. Dann sah er mich an, auffallend erschrocken, wozu eigentlich gar kein Grund vorlag, und fragte:

»Geniert Sie der Luftzug?« Dabei erhob er sich mit einer Gebärde, die unzweideutig meine Entlassung ausdrückte.

Ich lächelte verneinend und, direkt auf den Zweck meines Besuches zusteuernd, sagte ich:

»Entschuldigen Sie, Mr. Jeffrey, ich habe Ihnen etwas zu sagen, das nicht für die Ohren der Dienstboten bestimmt ist.« Als er darauf seinen Stuhl aufgeregt zurückstieß, fuhr ich fort: »Es betrifft keine Polizeiangelegenheit, sondern ist vollkommen privater Natur. Vielleicht dünkt Ihnen das, was ich zu sagen habe, wichtig – vielleicht nicht: ich war derjenige, welcher die Entdeckung des Unglückes machte, das dies Haus in Trauer stieß.«

Diese Erklärung überraschte ihn und veranlaßte eine sichtbare Veränderung in seinem Benehmen. Er schaute ängstlich erst nach der einen Türe, dann nach der anderen, als ob er ein Dazwischenkommen fürchte.

»Sie müssen entschuldigen, daß ich diese bedauernswerte Affäre berühre,« fuhr ich fort, als ich sah, daß er sich soweit gefaßt hatte, um mir zuzuhören, »ich machte indes in jener Nacht eine Entdeckung, die ich zwar nicht wichtig genug erachtete, sie meinen Vorgesetzten mitzuteilen, die aber vielleicht für Sie von Interesse sein dürfte.«

Nun entnahm ich einem Buche, das ich in der Hand hatte, ein Löschblatt, das auf der einen Seite weiß, auf der anderen blau war. Die weiße Seite hatte ich dick mit Kreide überstrichen, ohne daß dies bemerkbar war. Ich legte dies Löschblatt, mit der weißen Seite nach oben, auf den Tisch vor dem wir standen, zog aus meiner Tasche ein Kuvert und schüttelte dessen Inhalt langsam hin und her.

»In einem Zimmer des zweiten Stockes,« sagte ich langsam, »Sie erinnern sich an das Zimmer im Südwesten – –«

Ob er sich dessen erinnerte! Sein Zusammenfahren, der Schrecken, der aus seinen Augen sprach, ließ darüber keinen Zweifel.

»– – fand ich dies.«

Dabei schüttelte ich aus dem Kuvert die glitzernden Späne über das Löschblatt, welche ich im Hause zusammengekehrt hatte.

Er beugte sich nieder und schaute erstaunt auf die Späne. Wie ganz natürlich, versuchte er sie mit seinen Fingerspitzen zusammenzustreichen und aufzuheben, wodurch die Kreide an seinen Fingern haften blieb. Als er sich dann wieder niederbeugte, um das Resultat zu betrachten, flogen plötzlich die Späne infolge eines tiefen Atemzuges, den ich getan, über den ganzen Tisch. Instinktiv nahm er seine Hand vom Löschblatt, welche Gelegenheit ich benutzte, dasselbe schnell umzudrehen, während ich mich für meine Ungeschicklichkeit entschuldigte. Hierauf, wie um nicht dasselbe Versehen nochmals zu begehen, schüttelte ich einige Späne aus dem Kuvert in meine Hand und hielt diese so, daß er sich über den Tisch beugen mußte, wollte er die Späne besehen. Ich hatte richtig kalkuliert und den Abstand gut geschätzt: er stützte sich mit der Rechten auf das Löschblatt und ließ auf der nunmehr nach oben liegenden blauen Seite deutliche weiße Abdrücke seiner fünf Finger zurück.

Ich hätte vor Freude über das gelungene Manöver aufschreien mögen. Ich hielt indes vollständig stille, während er die Späne lange und aufmerksam betrachtete. Sie schienen ein außerordentliches Interesse für ihn zu haben. Ich konnte die Erregung aus seiner Stimme hören, als er endlich fragte:

»Was denken Sie sich dabei und warum bringen Sie diese Späne hierher?«

Meine Antwort stand auf dem Löschblatt geschrieben – doch das durfte ich ihm nicht sagen. Ich erwiderte daher einfach:

»Noch weiß ich nicht, was ich davon denken soll; die Späne sehen wie Gold aus – doch das können Sie am besten selbst entscheiden. Wollen Sie sie haben?«

»Nein,« entgegnete er, sich aufrichtend und seine Hand vom Löschblatt nehmend. »Das ist zu unbedeutend und kaum des Beachtens wert. Ich danke Ihnen indes, daß Sie sich dieserhalb bemühten.«

Wieder lag meine Verabschiedung in seinem Tone. Diesmal verstand ich ohne Zögern. Ich nahm das Löschblatt unauffällig vom Tische, legte es in das Buch, dem ich es entnommen, verbeugte mich und ging der Türe zu. Er schien über etwas nachzudenken und tiefe Falten, die ich sicher letzte Woche nicht an ihm gesehen, legten sich über seine Stirne. Endlich sagte er:

»Mrs. Jeffrey war geistesgestört, als sie sich in dieser schrecklichen Weise ihr Leben nahm. Ich kann nun auch sehen, daß das ofte Verlegen und Wechseln des Hochzeitstages und sonstige Eigenheiten darauf zurückzuführen sind.«

»Kein Wunder, wenn sie Eigenheiten zeigte nach dem Schreck, den sie durch die Katastrophe im Bibliothekzimmer erhielt.«

Seine Augen blitzten und seine Hände zuckten nervös.

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen,« murmelte er, sich in den Stuhl, in dem er gesessen, niederlassend.

Ich verbeugte mich und ging. Ich dachte über das Geschehene nicht weiter nach und wollte auch keinerlei Schlüsse ziehen, ehe ich nicht die erhaltenen Abdrücke mit den auf dem Mantel eingekratzten genau verglichen hatte. Ich tat dies, indem ich die neuen Eindrücke ausschnitt und das Löschblatt auf den Mantelofen legte. Die ausgeschnittenen Löcher und die eingekratzten Stellen deckten sich genau!


9.
Jinny.

Tags darauf hatte ich Gelegenheit, den Untersuchungsrichter zu sehen und fragte ihn, ob er mit den Beweisen im Falle Jeffrey völlig zufrieden sei. Er schaute mich überrascht an und erkundigte sich nach den Gründen, die mich zu dieser Frage veranlaßten.

»Wie ich höre,« entgegnete ich, »weiß Loretta, die in Jeffreys Diensten steht, mehr über die unglückliche Tragödie, als sie zu sagen gewillt ist. Ich habe eine kleine Freundin, liebenswürdig, gewinnend und klug genug, selbst dem Teufel die Wahrheit zu entlocken. Falls Sie wünschen, veranlasse ich meine kleine Freundin, mit Loretta zu sprechen, und garantiere für den Erfolg.«

Der Untersuchungsrichter schaute auf; die Sache schien ihn zu interessieren.

»Wen meinen Sie mit ›kleine Freundin‹ und wie heißt sie?«

»Ich werde sie zu Ihnen senden.«

Das tat ich.

Als ich am nächsten Tage an der Ecke der Vermont Avenue stand, sah ich Jinny aus dem Hause der K.-Straße kommen. Sie lächelte selbstzufrieden.

Wie oft hatte ich Jinny schon gesagt, daß Detektive nicht lächeln dürfen, da man sonst sofort sähe, daß sie etwas erreicht hätten. Doch meine Ermahnungen waren bei Jinny ganz vergebens. Lachte sie nicht mit dem Munde, lachten ihre Augen, und lachten ihre Augen nicht, so strahlte ihr ganzes Gesicht vor Freude. So sagte ich eben einfach nichts mehr und ließ sie lachen.

»Jinny,« sagte ich, »du hast Loretta zum Sprechen gebracht.«

Sie warf ihren Kopf zurück und zwei kleine Grübchen erschienen auf ihren Wangen.

»Was sagte sie?« drängte ich. »Was sagte sie?«

»Da mußt du den Untersuchungsrichter fragen; ich habe strikte Order, direkt vom Hause zu ihm zu kommen und niemandem etwas zu sagen.«

»Schließt das mich mit ein?«

»Warum nicht? Dich erst recht.«

»Weshalb erst recht?«

»Warum hältst du solange zurück mit dem, was du weißt? Du hast deine eigenen Ideen über den Fall, ich weiß es. Warum diese nicht mir anvertrauen?«

»Jinny!«

»Ein Wort ist genug für den Weisen,« sagte sie lachend und wandte sich der Offize des Untersuchungsrichters zu. Doch ehe sie die Schwelle überschritt, wandte sie sich noch einmal um und sagte: »Loretta ist eine kleine Neugierige, die sich dess' schämt. Wenn eine ihre Kenntnisse hinter verschlossenen Türen und durch Schlüssellöcher sammelte, sagt sie nicht gern, was sie weiß. Dies ist bei Loretta der Fall. Da sie eine natürliche Angst vor der Polizei hat, war sie um so froher, einer ›mitfühlenden Seele‹ ihr gepreßtes Herz auszuschütten. Sie wird nicht wenig überrascht sein, eines Tages vor den Untersuchungsrichter geladen zu werden. Ob sie wohl mich dafür verantwortlich machen wird?«

»Das wird ihr nie einfallen,« entgegnete ich mit einem bewundernden Blicke auf meine kleine Freundin.

Mit zufriedenem Lächeln ging sie. In der Mitte der Straße blieb sie stehen, winkte mir und sagte, als ich bei ihr stand:

»Ich vergaß dir etwas zu sagen, das dich allein angeht. Als ich heute morgen bei Simpkins Spezereien kaufte, wie du mir geraten, und eben gehen wollte, hörte ich Simpkins den Namen ›Jeffrey‹ nennen. Da ich keinen Grund zum Bleiben hatte, steckte ich schnell einen Finger in die Zuckertüte und bohrte ein Loch hinein; das gab mir Gelegenheit zum Warten, bis der Zucker umgepackt war. Simpkins sagte, er kenne Mr. Jeffrey; derselbe sei zwei Tage vor dem Tode seiner Frau bei ihm gewesen, um – – Kerzen zu kaufen!«

Ich war nie stolzer auf meine kleine Freundin, als in diesem Augenblicke.

Nach einigem Nachdenken beschloß ich, ihrem Rate zu folgen und dem Untersuchungsrichter zu sagen, was ich wußte, welche Schlüsse ich gezogen und die Gründe darzulegen, die mich dazu führten.


10.
Francis Jeffrey.

Es war noch keine Stunde vergangen, seit Jinny beim Untersuchungsrichter gewesen, als sich mir Gelegenheit bot, ihn zu sprechen. Ohne Einleitung und ohne Umschweife sagte ich ihm, was ich wußte und wie ich zu den Beweisen gelangte. Ich erwartete kein Lob von ihm, indes mindestens den Ausdruck der Überraschung auf seinen Zügen zu lesen über die Tragweite meiner Entdeckungen. Ich war daher etwas enttäuscht, als er sagte:

»Sehr gut, sehr gut! Der eine Punkt, den Sie berühren, ist ausgezeichnet und mag von großem Nutzen für uns sein. Wir kamen zwar zu demselben Resultat, nur auf anderem Wege. Sie fragen: wer hat das Licht ausgeblasen? wir: wer hat die Pistole an Mrs. Jeffreys Arm geknüpft? Sie konnte das doch unmöglich selbst getan haben; wer also hat geholfen? Haben Sie darüber nachgedacht?«

Ich mußte zugeben, daß er recht hatte; ich war so sehr in meine eigenen Entdeckungen vertieft, daß ich anderes nicht sah. Und doch war die Sache so klar wie die Tatsache, daß Mrs. Jeffrey das Licht nicht ausgeblasen haben konnte. Der Untersuchungsrichter schien meine Verlegenheit zu bemerken und lächelte, was mich fast beschämt machte.

»Ich bin ein Narr!« rief ich. »Ich dachte, ich hätte eine Entdeckung gemacht . . . ich hätte wissen sollen, daß in dieser Offize klügere Köpfe sind als der meine.«

»Sachte! Sachte!« unterbrach er mich. »Was Sie leisteten, war ausgezeichnet. Würde ich nicht so denken, würde ich Sie keine Minute hier behalten. Ich wollte Ihnen nur die kleine Lehre geben: in einem Falle, wie dem vorliegenden, darf man nicht alle Ehren allein zu gewinnen suchen . . . Diese Bandgeschichte ist so einfach und handgreiflich, daß ich mich nur wundere, daß die Zeitungen noch nichts darüber schrieben.«

Er nahm eine Kiste, die auf seinem Schreibtische stand, öffnete sie und zeigte mir ein weißes Seidenband, daran eine prächtige Schleife war.

»Kennen Sie das?« fragte er.

»Gewiß!«

»Ich ließ es abschneiden – Miß Tuttle wollte, daß man die Schleife aufmache, doch zog ich vor, dieselbe unberührt zu lassen. Nehmen Sie das Band heraus – vorsichtig, Menschenskind! Machen Sie es nicht schmutzig! Sie werden sofort sehen, warum.«

Als ich das Band in meiner Hand hielt, deutete er auf einige kaum sichtbare Flecken und sagte:

»Sehen Sie diese Staubflecken? Die stammen ebenso sicher von Fingern her als die Eindrücke, die Sie auf dem Mantelofen bemerkten. Die Pistole war an ihren Arm nach der Tat geknüpft worden – vielleicht von derselben Hand.«

Ich hatte das gleiche gedacht, indes klang das Ergebnis aus seinem Munde nicht so gut, als es aus meinem geklungen hätte – wenigstens schien es mir so . . . War ich eifersüchtig auf ihn oder was es sonst gewesen – in diesem Augenblicke stieß ich alle meine seitherigen Theorien um, und selbst der Mann, den ich eben noch des Mordes überführen wollte, erschien mir in ganz anderem Lichte.

Der Untersuchungsrichter gab mir keine Gelegenheit, ihm diese Gedanken mitzuteilen und mich – vielleicht – vor ihm lächerlich zu machen. Er nahm mir das Band aus der Hand und sagte:

»Was ich Ihnen da sagte, ist strengstes Amtsgeheimnis. Sie können Ihren Mund halten, das haben Sie bewiesen; halten Sie ihn fürder. Die Sache ist noch nicht reif. Mr. Jeffrey gehört den besten Gesellschaftskreisen an und hat einen unbescholtenen Namen. Es geht nicht, öffentlich einen Verdacht gegen ihn auszusprechen, ohne genügende Beweise an der Hand zu haben. Um nicht in diesen Fehler zu verfallen und um ihm Gelegenheit zu geben, etwaige Zweifel zu lösen, will ich jetzt zu ihm gehen. Wollen Sie mitkommen?«

»Ihr Vertrauen ehrt mich,« entgegnete ich und, durch seine Leutseligkeit veranlaßt, wagte ich noch zu fragen, ob meine kleine Freundin seine Erwartungen erfüllt habe. »Ist sie so klug, als ich sagte?« frug ich.

»Ihre kleine Freundin ist ein Trumpf!« sagte er. »Mit dem, was wir durch sie wissen und Ihren Entdeckungen können wir Mr. Jeffrey ernstlich dazwischen nehmen. Es scheint, daß er an jenem fatalen Dienstag eine stürmische Unterredung mit seiner Frau hatte, die vielleicht mit der Tragödie im Zusammenhang steht. Vielleicht sagt er uns, um was es sich dabei handelte, vielleicht erklärt er auch, warum er durch das Moore Haus ging, während seine Frau tot im Bibliothekzimmer lag . . . Auf alle Fälle wollen wir ihm Gelegenheit zu diesen Erklärungen geben und ferner dazu, sich von den gravierenden Verdachtsmomenten zu reinigen. Die Zeit hierfür ist nun gekommen. Die von den Tageszeitungen suggestierten Ideen fördern den Verdacht – und Verdacht ist ein böser Teufel! Sagen Sie meinem Sekretär, daß ich nach der K.-Straße gehe – Sie können sagen ›wir‹, wenn Sie wollen,« setzte er mit jovialem Lächeln hinzu, das mir äußerst wohlgefiel.

Mr. Jeffrey schien uns erwartet zu haben, obwohl er ein Erstaunen zeigte, dem man das Gekünstelte sofort anmerkte. Ich glaube, er befand sich in den letzten Tagen in fortwährender Erwartung von etwas Unvorhergesehenem, Überraschendem und ich glaube nicht, daß ihn irgendeine Maßregel von seiten der Polizei sehr überrascht hatte. Das Erwarten schließt aber die Furcht nicht aus, und daß er etwas fürchtete, lag offen auf seinen Zügen.

»Was verschafft mir die Ehre Ihres zweiten Besuches?« fragte er den Untersuchungsrichter mit bewundernswerter Selbstbeherrschung. »Sind Sie noch nicht mit dem zufrieden, was ich Ihnen über den Tod meiner unglücklichen Gattin sagte und sagen konnte?«

»Wir sind nicht!« war die bestimmte Antwort. »Es gibt verschiedene Punkte, welche Sie nicht erklärten, so zum Beispiel, warum Sie durch das Moore Haus gingen, ehe man Sie holte, um Ihre tote Gemahlin zu sehen?«

Der Schuß hatte ins Ziel getroffen! Mr. Jeffrey errötete erst, erblaßte dann und er bedurfte einiger Minuten Sammlung, ehe er zu antworten imstande war.

»Woher wissen Sie, daß ich dorten gewesen? Sagte ich so etwas oder reden die alten Mauern aus ihrem Schlafe?«

»Alte Mauern tun dergleichen zuweilen . . . Ob sie in diesem Falle etwas zu sagen hatten oder nicht, ist vorerst gleichgültig. Daß Sie tatsächlich dort waren, beweist Ihr ganzes Benehmen . . . Darf ich fragen, ob Sie über den Besuch etwas sagen wollen? Wenn eine Person unter solch geheimnisvollen Umständen stirbt, wie Mrs. Jeffrey, ist jede Kleinigkeit für den Untersuchungsrichter von größter Wichtigkeit.«

Ich sah sofort, daß diese letzte Sentenz viel verdorben hatte: nicht nur, daß sie eine Entschuldigung enthielt, wozu kein Grund vorlag, sie verschaffte Mr. Jeffrey auch Gelegenheit, sich zu sammeln und über eine Antwort nachzudenken, die er im ersten Augenblicke nicht hätte geben können.

»Mrs. Jeffreys Tod ist allerdings geheimnisvoll,« sagte er. »Ich kann denselben so wenig erklären wie Sie. Ich bin bereit, die Frage zu beantworten, die Sie so offen stellten . . . Nicht als ob diese Antwort mehr Licht auf irgend etwas werfen könnte – ich antworte, weil Sie ein Recht haben zu fragen und weil ich zu antworten – gewillt bin. Ich besuchte das Moore Haus, wozu ich gewiß das Recht hatte – dasselbe gehörte meiner Frau –, um zu sehen, ob ich nicht den Grund der vielen geheimnisvollen Todesfälle ergründen könnte, die . . .«

»Ah!«

Mr. Jeffrey blickte auf diesen Ausruf hin schnell auf.

»Denken Sie sich das so sonderbar?«

»Des Nachts? Allerdings!«

»Die Nacht ist für eine solche Arbeit am geeignetsten. Ich wollte nicht gerne bei Tag dort herumstöbernd gesehen werden.«

»Nicht? Das wäre doch viel einfacher gewesen; Sie hätten dann keine Kerzen kaufen, keine Pistole mitzunehmen und . . .«

»Ich trug keine Pistole mit mir. Die einzige Pistole in jenem Hause war die, mit der sich meine geistesschwache Frau das Leben nahm. Ich verstehe diese Anspielung nicht.«

»Ich dachte nur; man sieht sich doch zur Verteidigung vor, wenn man des Nachts und allein die Stätte so vieler geheimnisvoller Todesfälle betritt – –«

»Ich gebrauchte keinerlei Vorsicht.«

»Hatten solche wohl auch nicht nötig.«

»Und hatte solche nicht nötig.«

»Wann machten Sie den Besuch, Mr. Jeffrey, vor oder nach dem Selbstmorde Ihrer Gattin? Sie brauchen mit der Antwort nicht zurückzuhalten . . .«

»Ich tue dies keineswegs; warum sollte ich auch?« fragte er in herrischem Tone. »Sie denken doch ganz gewiß nicht, daß ich zur selben Zeit dort gewesen als sie? Es war nicht einmal in derselben Nacht – soviel sollten Ihnen wenigstens die Wände erzählt haben oder vielleicht der Onkel meiner Frau, Mr. David Moore. Er war es doch, der Sie informierte?«

»Nein Mr. Moore sagte uns nichts dergleichen. Sind Sie übrigens bei einem Ihrer Besuche in jenem Hause Mr. Moore begegnet?«

»Nicht, daß ich wüßte. Sein Haus indes steht gegenüber dem Mooreschen, und da er weiter nichts zu tun hat als aufzupassen, ob er von seinem Fenster aus etwas erspähen kann, so dachte ich, er hätte mich eintreten sehen.«

»Demnach betraten Sie das Haus durch das Hauptportal?«

»Wie sonst?«

»Und in welcher Nacht?«

All diese Fragen berührten Mr. Jeffrey sichtlich unangenehm. Nach einigem Zögern erwiderte er in leisem Tone:

»In der Nacht vor der, in welcher all – – mein Erdenglück endete.«

Der Untersuchungsrichter schaute mich fragend an.

Ich erinnerte mich, daß auf dem zweiten Tische, der nach Entfernung des größeren, der zum Halten des Leuchters benutzt worden war, kein Staub lag und schüttelte daher mit dem Kopfe. Der Untersuchungsrichter zog die Augenbrauen in die Höhe zum Zeichen, daß er mich verstanden, und, ohne seine Zweifel merken zu lassen, fragte er:

»Das heißt: in der Nacht, in der Sie nicht nach Hause kamen?«

Mr. Jeffreys Nervosität trat immer deutlicher hervor. Auf solches Kreuzfeuer verfänglicher Fragen war er offenbar nicht vorbereitet.

»Es ist sonderbar, daß Sie in jener Nacht nicht nach Hause kamen,« fuhr der Untersuchungsrichter fort. »Das kleine Mißverständnis, der kleine Zwist, den Sie unmittelbar nach dem Frühstück mit Ihrer Gattin hatten, muß doch ernstlicherer Natur gewesen sein, als Sie seither zugaben.«

»Ich spreche davon lieber nicht,« sagte Mr. Jeffrey. Doch als ob er sich plötzlich des amtlichen Charakters des Fragenden entsinne, setzte er schnell hinzu: »Wenn Sie indes darauf bestehen, will ich es tun.«

»Ich muß allerdings darauf bestehen. Es ist auch am besten, die Angelegenheit hier klarzustellen, um Ihnen bei der öffentlichen Verhandlung Unannehmlichkeiten ersparen zu können. Wollen Sie uns also möglichst klar die Gründe, die zu jenem Streite führten, auseinanderlegen, ein Streit, der allem Anscheine nach Ihre Gattin in den Tod trieb.«

»Ich will es versuchen,« sagte er, sich erhebend und nervös im Zimmer auf und ab schreitend. »Ja, wir hatten einen kleinen Wortwechsel. Ihr Betragen vom Tag zuvor hatte mir nicht gepaßt. Ich bin von Natur etwas eifersüchtig – haltlos eifersüchtig –; ich dachte, sie habe sich auf dem Balle beim Gesandten etwas frivol benommen . . . Ich erwartete indes nicht, daß sie sich meine Worte so zu Herzen nehmen werde. Ich hatte keine Ahnung, daß ihr soviel daran gelegen wäre, was ich dachte. Etwas Eifersucht ist einem jungen Ehemanne leicht verzeihlich. Wäre ihr Geist nicht schwach gewesen, hätte sie sich leicht erinnert, wie sehr ich sie liebte und hätte frohgemut der Versöhnung entgegengesehen.«

»Demnach liebten Sie Ihre Gattin? Und Sie sagen, Sie hatten Grund zur Eifersucht – nicht Ihre Gattin? Ich hörte das Gegenteil erzählen. Man spricht öffentlich davon, daß Sie vor Ihrer Verheiratung mit Miß Moore eine andere Dame geliebt hätten, eine Dame, die von der Toten als Schwester behandelt und demgemäß in deren Haushalt aufgenommen worden war.«

»Miß Tuttle?« Mr. Jeffrey stand plötzlich still, als er den Namen hörte. »Ich bewundere und achte Miß Tuttle, habe sie indes nie geliebt – nie so, wie ich meine Gattin liebte,« setzte er mit Betonung hinzu.

»Sie verzeihen – es ist für mich ebenso peinlich, diese Fragen zu stellen, als für Sie, dieselben zu beantworten – waren Sie und Miß Tuttle je verlobt?«

Ich hielt den Atem an: das war dieselbe Frage, die sich ganz Washington in den letzten drei Monaten stellte. Wird er antworten? Oder, da wir eigentlich nicht von Gerichts wegen, sondern nur in privater Eigenschaft ihn besuchten, unsere Frage als ungehörig zurückweisen? Zu unserem Erstaunen erwiderte er mit leiser Selbstironie in der Stimme:

»Unglücklicherweise nicht; meine Aufmerksamkeiten verstiegen sich nie so weit . . .«

»Unglücklicherweise – warum sagen Sie ›unglücklicherweise‹?«

Mr. Jeffrey errötete; er schien eben aus einem Traume zu erwachen.

»Sagte ich unglücklicherweise? Nun, ich wiederhole es: Miß Tuttle hätte mir nie Grund zur Eifersucht gegeben!«

»Sie sprechen wieder von Eifersucht, die durch das Ungestüm Ihrer Gattin erregt worden war. Ward diese vermehrt oder vermindert durch den Ton der wenigen Worte, welche die Tote Ihnen hinterließ?«

Die Antwort ließ lange auf sich warten. Es ward diesem Manne sichtbar schwer, zu lügen. Sein innerer Kampf war deutlich wahrzunehmen. Und wieder drängten sich mir meine besonderen Ansichten über seine Schuld oder Unschuld auf.

»Ich werde nie die Gewissensbisse überwinden, die jene Zeilen erregten,« sagte er endlich. »Sie zeigte eine Rücksichtnahme auf mich . . .«

»Eine was?« unterbrach ihn der Untersuchungsrichter in höchstem Erstaunen.

Mr. Jeffrey stotterte, erblaßte und, als ob er erst jetzt merke, welcher Widersprüche er sich schuldig gemacht habe, versuchte er das Gesagte zu erklären.

»Ich meine, daß Mrs. Jeffrey ein unerwartetes Zartgefühl gegen mich zeigte, als sie die ganze Schuld unseres Mißverständnisses auf ihre eigenen Schultern nahm. Das war höchst zartfühlend von ihr und wird mir ihr Gedenken nur um so teurer machen.«

Er vergaß sich wiederum. Überhaupt waren sein Benehmen und seine Worte voller Widersprüche. Der Untersuchungsrichter betonte dies auch, als er sagte:

»Das sollte ich meinen! Sie zahlte teuer für diesen angeblichen Mangel an Liebe . . . Sie glauben, ihr Geist war umnachtet?«

»Beweist ihre Handlung das nicht?«

»Umnachtet durch das Ereignis an ihrem Hochzeitstage?«

»Ja.«

»Das glauben Sie wirklich?«

»Ja.«

»Veranlaßt durch etwas, das zwischen Ihnen beiden gesprochen ward?«

»Ja.«

Er hatte dies »Ja« so oft wiederholt, daß es fast mechanisch von seinen Lippen kam. Er empfand ebenso wie wir, daß dies eigentlich keine Antwort auf die gestellte Frage war und setzte in einsilbigem Tone, mit dem er seither geantwortet, hinzu:

»Sie sprach von dem sonderbaren Tode des Fremden mehr als einmal, und so oft sie es tat, war es mit unnatürlicher Erregtheit und in unzusammenhängenden Worten. Dies beunruhigte uns alle dermaßen, daß wir verboten, des Toten zu erwähnen. Sie gehorchte dem zwar, fuhr indes fort, vom Haus selbst zu sprechen und von den früheren Todesfällen, bis wir ihr auch das verboten. Sie war tatsächlich nie wieder dieselbe, seit sie ihren Fuß in jenes Haus setzte, um sich trauen zu lassen. Der Schatten, der über dem Hause liegt, fiel auf sie, sobald sie die Schwelle überschritten. Möge Gott sie in seinen . . .«

Er beendete nicht. Sein Kopf sank tiefer auf seine Brust. Er sah aus wie ein Mann, der mit dem Leben und dessen Leid abgeschlossen hat.

Der Untersuchungsrichter kannte kein Mitleid. Alles, was wir bisher gehört, machte den Eindruck des Gekünstelten, als ob der Sprecher eine theatralische Rolle durchführe. Um sich zu überzeugen, ob dem wirklich so war, sagte der Untersuchungsrichter in etwas sarkastischem Tone:

»Und um Ihre Gattin zu beruhigen – die Gattin, über die Sie so erzürnt waren –, besuchten Sie jenes Haus und das zu einer Stunde, die Sie eigentlich in Ihrem Heim in versöhnlicher Stimmung hätten zubringen sollen. Sie besuchten jenes Haus in der Hoffnung auf – – auf was?«

Mr. Jeffrey konnte nicht antworten. Was er sagte, waren kurz ausgestoßene Worte.

»Ich war – ruhelos – nervös – aufgeregt – suchte Zerstreuung – ich hatte keine eigentliche Absicht – –«

»Auch nicht damit, das alte Gemälde zu betrachten?«

»Das alte Gemälde – welches alte Gemälde?«

»Das alte Bild im südwestlichen Zimmer. Sie besichtigten es eingehend, nicht wahr? Stiegen sogar auf einen Stuhl, es besser sehen zu können . . .«

Mr. Jeffrey stöhnte. Doch er antwortete offen: »Ja, ich beschaute das alte Bild, stieg auf einen Stuhl, wie Sie sagen, um es genauer sehen zu können. War das nicht seltsam von einem Manne, der durch ein altes, verlassenes Haus wandert, fast ohne zu wissen, warum?«

Der Untersuchungsrichter antwortete nicht auf diese Frage. Vielleicht dachte er über seine nächste Frage nach. Mr. Jeffrey indes gefiel diese Ruhe nicht. Er verlor den Rest seiner bisherigen Selbstbeherrschung und plötzlich vor uns stehen bleibend, schrie er:

»Weshalb stellen Sie diese Fragen an mich und in solch verdächtigendem Tone?! Ist es nicht klar genug, daß meine Gattin Selbstmord beging unter der falschen Annahme, als ob ich sie nicht mehr liebte? Ist es nötig, dies alles nochmals aufzuwühlen, Angelegenheiten ganz persönlicher Natur, die für ein sensationslüsternes Publikum vielleicht interessant sein mögen, mir aber äußerst schmerzhaft sind!?«

»Mr. Jeffrey,« sagte der andere in ernstem, ruhigem Tone, der zweifellos Eindruck machte, »wir tun nichts ohne Absicht. Wir stellen diese Fragen und zeigen dies offene Interesse, weil die Selbstmordtheorie, die seither angenommen ward, nicht vollkommen klar erwiesen ist. Soviel ist sogar sicher, daß Ihre Gattin nicht allein war, als sie sich das Leben nahm! Jemand befand sich mit ihr im Hause!«

Der Erfolg dieser Erklärung machte uns bestürzt.

»Unmöglich!« schrie er, beide Hände mit aller Macht von sich stoßend. »Sie spielen mit meinem Elend! Es konnte niemand bei ihr sein! Sie hätte das nie getan!! Es gibt keinen Mann auf Erden, vor dem sie den tödlichen Schuß abgefeuert hätte – – ausgenommen vor mir – – vor mir, dem elendesten, unglücklichsten aller Geschöpfe – –«

Die letzten Worte, kaum hörbar gesprochen, gingen mir zu Herzen und wieder und wieder übermannte mich das neue, unbeschreibliche Gefühl zugunsten des Mannes vor mir. Mein weniger empfänglicher Begleiter indes ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen; er wollte dem Manne zeigen, in welch verdächtigem Lichte er stand und, möglichst wenig Ironie in seine Worte legend, sagte er:

»Sie sollten natürlich am besten wissen, in wessen Gegenwart sie zu sterben wählen würde – falls sie eine Wahl getroffen. Ebenso, wer wohl die Pistole an ihren Arm knüpfte und wer das Licht auslöschte, nachdem die grause Tat vollbracht.«

Ein hysterisches Lachen, das einzige, dessen der Gequälte noch fähig schien, ward offenbar durch einen Gedanken unterdrückt, der ihn starr machte. Ohne auf die beinahe offene Anklage zu antworten, ließ er sich im ersten Stuhle, den er erreichte, nieder und versank in dumpfes Brüten – – offenbar darüber, wer das Band geknüpft und das Licht verlöscht haben könne. Dann, mit dem letzten Rest seiner Energie, rüttelte er sich auf, erhob sich und murmelte kaum verständlich:

»Sie irren sich – niemand war dort – oder falls doch – ich war es nicht! – Ich kann dies durch einen Zeugen beweisen.«

– – – – – – – – – – –

Als Mr. Jeffrey nach dem Namen des Zeugen gefragt wurde, zeigte er sich verwirrt und mußte endlich zugestehen, daß er sich des Namens nicht mehr entsinnen könne und auch sonst keine Angaben über ihn zu machen imstande sei. Es sei ein Mann, den er gut kenne und der ihn gut kenne. Sie hätten kurz vor Sonnenuntergang in der Nähe des Soldatenheims miteinander gesprochen und der Betreffende würde sich deß gewiß erinnern – wenn er sich nur auf den Namen des Mannes entsinnen könne!

Da das Soldatenheim mehrere Meilen vom Moore Haus entfernt liegt und ganz abseits der belebten Stadt, fragte der Untersuchungsrichter, wie er dahin käme. Mr. Jeffrey erwiderte, er sei gerade vom Rock Creek-Friedhofe gekommen. Er habe sich den ganzen Tag über in gedrückter Stimmung befunden und, vielleicht veranlaßt durch das, was er von der alljährlichen Totenfeier des alten David Moore gehört, nach dem Friedhofe gegangen, um zwischen Gräbern die Ruhe zu finden, die er in der Stadt nicht habe finden können. So wenigstens erklärte er seine Gegenwart in jenem Stadtteil. Immer wieder schien er sich auf den Namen jenes Mannes zu besinnen, jedoch ohne Erfolg, wie er selbst eingestehen mußte.

»Ich kann nicht darauf kommen,« sagte er. »In meinem Kopfe geht alles durcheinander. Ich kann mich nur entsinnen, daß wir an jenem Tage zusammen den Friedhof verließen, als eben das Tor geschlossen werden sollte. Da dies bei Sonnenuntergang geschieht, kann die Zeit auf die Minute festgestellt werden. Ich glaube, es war gegen sieben Uhr – sicher nahe genug, um zu beweisen, daß es unmöglich für mich war, zu der Zeit im Moore Haus zu sein, als meine unglückliche Gattin sich das Leben genommen hat. Sie glauben dies doch ohne jeden Zweifel?« Dies fragend, erhob er sich und stellte sich mit dem ganzen Stolze seiner prächtigen Mannesgestalt vor uns hin.

»Ich wünsche es glauben zu können,« entgegnete der Untersuchungsrichter, sich ebenfalls erhebend. »Um aber den Glauben in Bestimmtheit umzuwandeln, haben Sie wohl die Güte, uns sofort den Namen des Mannes mitzuteilen, mit dem Sie gemeinsam aus dem Friedhoftore schritten, sobald Sie sich dessen erinnern? Sein Zeugnis wird besser als alle Ihre Worte eine Frage lösen, die andernfalls immer eine verwickelte bleibt . . .«

Mr. Jeffrey griff sich an die Stirne. Tat er nur so oder hatte er wirklich den Namen vergessen, der für ihn von solch großer Wichtigkeit war? Wenn dem so war, so bewies dies, daß eine Angelegenheit von weit größerer Tragweite ihn in jener Nacht beschäftigte, als ein Zwist zwischen liebenden Ehegatten! Ob mein Begleiter dasselbe dachte? Ich weiß es nicht. Er fragte nur:

»Sie sagten vorhin, daß Ihre Gattin sich keinesfalls in Gegenwart eines anderen das Leben nehmen würde, höchstens vor Ihnen selbst. Sie müssen doch wohl einsehen, daß jemand bei ihr gewesen. Wie vermögen Sie Ihre Ansicht mit der unumstößlichen Tatsache zu vereinigen?«

»Ich kann sie nicht vereinigen! Der Versuch würde mich wahnsinnig machen! Wenn ich denken könnte, daß jemand bei ihr war in jenem Augenblicke – –«

»Nun – –?«

Mr. Jeffreys Augen senkten sich; eine merkliche Veränderung ging in ihm vor. Ehe wir jedoch entscheiden konnten, was diese Änderung sei, hatte er sich wieder gefaßt und sagte:

»Es ist schrecklich, auszudenken, wie sie allein dort stand und die Pistole auf ihr junges, glühendes Herz hielt . . . aber noch schrecklicher, sich auszumalen, daß sie dies unter lieblosen Augen getan habe! Ich kann und will es nicht glauben!! Sie wurden irregeleitet durch gewisse Umstände oder, wie Sie es heißen, durch falsche Indizienbeweise.«

Er wollte offenbar die Möglichkeit eines Mordes nicht zugeben; das war uns klar! Mit der Höflichkeit, die er jedem bezeugte, den das Gericht noch nicht überführt hatte, empfahl sich der Untersuchungsrichter und folgte mir zur Treppe.

»Wir hoffen, morgen früh von Ihnen zu hören!« rief er zurück und stieg die Treppen hinab.




II. Teil.
Das Gesetz und sein Opfer.




11.
Einzelheiten.

Die Zeitungen, die seither wenig oder nichts über den »Fall Jeffrey« geschrieben hatten, brachen plötzlich los, und es verging kein Tag, an dem nicht »neue Verdachtsmomente« gefunden wurden, mit mehr oder weniger deutlichen Anspielungen auf Mr. Jeffrey, »von dem man endlich erwarte, daß er sein Alibi nachweise und den Namen des Mannes nenne, der mit ihm angeblich vom Friedhofe nach Hause gegangen«. Mr. Jeffrey jedoch tat nichts dergleichen. Sein Gedächtnis ließ ihn noch immer im Stich. So blieb nichts übrig, als in die Verhandlung einzutreten und dem Untersuchungsrichter das Weitere zu überlassen.

Der Gerichtssaal war ausnahmslos mit Angehörigen der besseren Stände angefüllt. Damen befanden sich im Saale, die gewiß nie vorher einer derartigen Szene beigewohnt hatten.

Kaum hatte ich meinen Platz eingenommen, als die Verhandlung begann. Ich ward als erster Zeuge aufgerufen. Was ich sagte, ist bereits beschrieben. Natürlich hielt ich mich streng an Tatsachen und brachte meist solche vor, die der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren und die daher bedeutendes Aufsehen erregten. So zum Beispiel geschah hier zum ersten Male der Fingerabdrücke auf dem Mantelofen Erwähnung, um zu beweisen, daß Mrs. Jeffrey am Abend ihres Todes nicht allein im Hause gewesen sei. Man hatte diese Abdrücke photographiert und meine Identifikation des Bildes endete meine Aussage.

Während ich meinem Platze zuschritt, schaute ich nach Francis Jeffrey, der zwischen David Moore und der tief verschleierten Miß Tuttle saß und seinen Kopf auf beide Hände gestützt hielt. Ob er eine Ahnung davon hatte, wie ich zu dem Beweis kam, daß die Abdrücke von seiner Hand stammten? Es war unmöglich, dies zu erkennen. Er schien unter fürchterlicher Erregung zu leiden, trotzdem er dasaß wie eine Statue, und sicher war er sich nicht bewußt, wie viele Augen in diesem Augenblicke auf ihn gerichtet waren.

Andere Detektive folgten, die meine Aussagen bestätigten und die Auskunft gaben über die Art, in welcher die Pistole an die Tote geknüpft war.

Der nächste Zeuge war der vom Untersuchungsrichter herbeigerufene Arzt. Er gab eine gelehrte Beschreibung der Wunde und erklärte, daß der Tod ein augenblicklicher gewesen sein mußte, das heißt: so schnell eingetreten, daß die Tote unmöglich nach Abfeuern des Schusses Hand oder Fuß bewegen konnte. Gefragt, ob er ein Zeichen von Gewalt an der Toten bemerkt habe, sagte er:

»Es befand sich eine unscheinbare Wunde an dem Finger der linken Hand, den man allgemein mit ›Ringfinger‹ bezeichnet.«

Alle Damen reckten hierauf ihre Hälse. Doch auch die Männer horchten genauer auf, als der Doktor fortfuhr:

»An den Händen befand sich kein einziger Ring. Da Mrs. Jeffrey aber mit einem Ringe getraut worden war, fiel mir die Abwesenheit desselben sofort auf.«

»War die Wunde, die Sie erwähnen, eine frische?«

»Ich bemerkte etwas Blut. Es war mehr eine Abschürfung, als ob der Ring, den sie dort zu tragen pflegte, mit Gewalt abgestreift worden war. Diesen Eindruck wenigstens machte die Wunde auf mich. Ich behaupte nicht, daß dem so war.«

Die Aufregung, die sich hierauf des Publikums bemächtigte, schien sich auf Miß Tuttle zu übertragen, die heftig zitterte. Auch Mr. Jeffrey schien erregt, denn seine Hand, mit der er öfters über die Stirne fuhr, zitterte merklich. Doch die beiden ließen keinen Laut hören und schauten auch nicht auf, als der nächste Zeuge aufgerufen ward.

Es war dies Loretta, die indes keine Anstalten machte, dem Aufrufe ihres Namens Folge zu leisten; nachdem ihr aber Jinny, die neben ihr saß, einige Worte ins Ohr geflüstert, stand sie auf und trat mit sichtbarem Mute vor die Schranken. Sie bedurfte dieses Mutes, denn aller Augen waren auf sie gerichtet mit Ausnahme der Hauptpersonen, die doch das größte Interesse an ihrem Zeugnis hatten.

Nachdem sie nach ihrem Namen gefragt und ihr Verhältnis zum Jeffreyschen Haushalte dargelegt, fragte sie der Untersuchungsrichter, ob ihre Pflicht sie in Mrs. Jeffreys Zimmer geführt habe. Als sie dies bejaht hatte, fragte er weiter, ob sie Mrs. Jeffreys Ringe kenne und ob sie zu sagen vermöge, ob diese alle auf ihrer Herrin Tisch gelegen, als die Polizei kam und die Todesnachricht überbrachte. Die Antwort war bestimmt: sie waren alle da, die Ringe und all ihr sonstiger Schmuck, mit Ausnahme ihrer Uhr; die war nicht auf dem Toilettentisch.

»Haben Sie die Ringe aufgenommen?«

»Nein.«

»Haben Sie gesehen, ob jemand anders sie aufnahm?«

»Ein Polizist war der erste.«

»Gut. Sie können sich einstweilen setzen.«

Durbin vom Hauptquartier war der nächste Zeuge. Er war es, der die Ringe aufgenommen hatte und solche besichtigte. An einem – am Ehering – hatte er eine kleine Blutspur entdeckt. Er richtete Mr. Jeffreys Aufmerksamkeit darauf, doch schenkte dieser ihm weiter kein Gehör.

Diese Bemerkung ließ alle Anwesenden auf Mr. Jeffrey schauen, doch schien er dies nicht zu bemerken; er saß unverändert da und nur aus dem blitzschnellen Ergreifen und Wiedergehenlassen von Miß Tuttles Hand war zu bemerken, daß etwas gesagt worden war, was ihn betreffe oder errege. Der Untersuchungsrichter schaute nach ihm hinüber; dann entließ er Durbin und rief noch einmal Loretta.

Diesmal tat mir das Mädchen leid; es schmerzt, seine Schwachheiten vor die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen, besonders, wenn die Person mehr einfältig als schlecht ist, was bei Loretta der Fall war. Doch vieles mußte erklärt werden und der Untersuchungsrichter hatte sich vorgenommen, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Wie lange sind Sie schon in dem Jeffreyschen Haushalte?«

»Drei Wochen; seit Mrs. Jeffreys Hochzeitstag.«

»Waren Sie dort, als die junge Frau von der Trauung kam?«

»Ich war.«

»Und sahen Ihre Herrin dann zum ersten Male?«

»Ja.«

»Wie sah sie aus und wie benahm sie sich an diesem Tage?«

»Erst dachte ich, sie sei die glücklichste junge Frau, dann wieder die traurigste, und ein andermal wußte ich nicht, was ich eigentlich denken sollte. Eine Minute war sie lustig, die andere tief traurig, voll Gespräch, wenn sie die Treppe hinaufsprang, und wieder so stille, wenn sie den Salon betrat, so daß ich anfing, sie als die sonderbarste Person zu betrachten, die ich je gesehen . . . bis man mir sagte, sie leide unter einer schrecklichen Erschütterung. Ich erfuhr, was an ihrem Hochzeitstage geschehen sei und was früher im Moore Hause passierte – –«

»Und Sie glaubten, was man Ihnen erzählte?«

»Glaubte?!«

»Glaubten es und paßten dennoch auf, ob Ihre Herrin glücklich war oder nicht?«

»Ich bitte Sie!«

»Das war nur natürlich; jedermann interessierte sich für diese Hochzeit . . . Sie paßten natürlicherweise auf . . . und das Resultat: glaubten Sie, Ihre Herrin sei vollkommen bei Sinnen und glücklich?«

Das Mädchen blickte scheu nach Mr. Jeffrey hinüber und erwiderte dann mit leiser Stimme:

»Ich dachte, sie sei nicht glücklich. Sie sang und lachte und flog immer in und aus den Zimmern wie ein Schmetterling; doch sie sah nicht glücklich aus – nur zuweilen, wenn sie mit Mr. Jeffrey allein war. Dann aber sah sie aus, daß einem das Herz weh tat, so ganz anders als wenn sie allein war oder . . .«

»Oder was?«

»Oder mit ihrer Schwester.«

Der Ton, in dem dies gesagt war, machte alle aufschauen. Die, welche schon früher Miß Tuttle mit verdächtigen Augen angesehen, glaubten nun ihren Verdacht begründet, und die anderen, welche in der Dichtverschleierten nur die unglückliche Schwester einer Geisteskranken gesehen, blickten nunmehr aufmerksamer hin, ob sie nicht hinter den dichten Schleier dringen könnten und das Geheimnis lösen, das Lorettas Ton andeutete.

»Sie meinen damit Miß Tuttle?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Mrs. Jeffreys Schwester. Ja.«

»Miß Tuttle lebte im Hause mit ihrer Schwester, nicht wahr?«

»Ja, bis diese starb und beerdigt wurde; dann zog sie aus.«

Der Untersuchungsrichter ging nicht weiter auf diese letzte Bemerkung ein; er wollte offenbar mehr über Mrs. Jeffrey erfahren.

»Sie sagten, Mrs. Jeffrey sei erregt gewesen seit ihrem Hochzeitstage. Können Sie mir hierfür Beweise anführen – ich meine, haben Sie zufällig etwas gehört, das hierfür spräche?«

»Ich möchte nicht gerne wiederholen, was ich gehört habe.«

»Sie sind unter Eid, alles zu sagen, was Sie wissen!«

»Ich kann mich erinnern, als ich einmal an Mr. und Mrs. Jeffrey im Korridor vorüberging, wie er zu ihr sagte: ›Du nimmst die Sache zu sehr zu Herzen; ich hoffte glückliche Flitterwochen zu verleben – es kam aber anders.‹ »Weiter habe ich nichts gehört. Mrs. Jeffrey war damals zu einer Gesellschaft angekleidet und sah so schön aus und so – so . . . als ob sie glücklicher sein könnte . . .«

»Wann war das? Wie lange vor ihrem Tod?«

»Etwa eine Woche; es war bald nach der Hochzeit.«

»Und nachher? Schien sie nachher glücklicher zu sein, ich meine weniger erregt?«

»Es schien, als ob sie's versuchte; es ging ihr aber offenbar etwas im Kopfe herum, das sie mit Lachen zu verwischen oder zu vergessen suchte. Dies ärgerte Mr. Jeffrey und schien Miß Tuttle zu beunruhigen. Es legte sich etwas wie eine dunkle Wolke über das Haus, über alle Gesellschaften, Essen, Bälle – – es tut mir leid, darüber zu sprechen, aber so war es.«

»Zeigte sie Zeichen von Geistesgestörtheit?«

»Ich glaube. Das Funkeln ihrer Augen war nicht natürlich; auch schaute sie manchmal so sonderbar auf ihre Schwester und ihren Gatten.«

»Hat sie oft von dem Unglück gesprochen, das sich an ihrem Hochzeitstage ereignete? Schien ihr das etwa im Kopfe herumzugehen?«

»Anfangs sprach sie viel davon, später nicht mehr so oft; ich glaube, es ärgerte Mr. Jeffrey, wenn sie davon sprach.«

»Hat er seine Gemahlin dieserhalb ausgescholten?«

»Nein, nicht wenn sie allein waren oder wenn ich zugegen war; er schien sie dann sehr lieb zu haben.«

»Wollen Sie damit sagen, daß er seine Geduld verlor, wenn andere dabei waren – zum Beispiel Miß Tuttle?«

»Ja. Er schien völlig verändert, wenn – – wenn Miß Tuttle das Zimmer betrat.«

»Verändert gegen seine Frau?«

»Ja.«

»In welcher Weise?«

»Er benahm sich zurückhaltender, viel zurückhaltender, stand vom Stuhle auf, wenn er bei ihr saß, und nahm eine Zeitung oder ein Buch zur Hand.«

»Und Miß Tuttle?«

»Sie schien dies nicht zu bemerken, indes . . .«

»Indes – –«

»Sie kam selten ins Zimmer, als das ein- oder zweimal vorgekommen war, ich meine in das obere Zimmer, in dem sie gewöhnlich saßen.«

»Loretta, ich bedaure, Sie dies fragen zu müssen, indes bin ich es den Geschworenen schuldig und den Parteien selbst, um das Verhältnis Miß Tuttles im Jeffreyschen Hause klarzustellen: glauben Sie, daß Miß Tuttle im Hause willkommen war?«

Loretta warf einen schnellen Blick nach den beiden, über die sie jetzt aussagen sollte; da diese aber nicht auf sie zu achten schienen, warf sie den Kopf zurück und erwiderte:

»Ich kann hier nur wiederholen, was ich darüber einmal von Mr. Jeffrey selbst hörte: Miß Tuttle hatte eben das Zimmer verlassen und Mrs. Jeffrey befand sich wieder in schlechter Laune; sie stand auf die Lehne eines Stuhles gebeugt. Ich war im Zimmer, doch schien niemand von mir Notiz zu nehmen; sie waren beide erregt. Plötzlich sagte Mr. Jeffrey: ›Warum muß Kora hier bleiben?‹ worauf Mrs. Jeffrey mit erschrockenem Blicke erwiderte: ›Weil ich sie haben will! Ich kann ohne Kora nicht leben!‹«

Diese Worte, die so ganz anders waren als das, was man erwartete, veranlaßten eine große Bewegung im Saale. Miß Tuttles Haupt sank etwas tiefer, während Mr. Jeffrey unbeweglich saß wie zuvor; man wußte nicht, ob er der Verhandlung überhaupt folge. Der Untersuchungsrichter zögerte einen Augenblick, ehe er die nächste Frage stellte, während Loretta gefaßter und auf jede Frage vorbereitet schien.

»Demnach war es Mrs. Jeffrey, die darauf bestand, daß Miß Tuttle bleibe?« fragte der Untersuchungsrichter endlich.

»Ja.«

»Und doch waren die Schwestern selten zusammen?«

»Sehr selten; so selten als es zwei Personen möglich ist, die im gleichen Hause wohnen.«

Diese Worte, die eigentlich im Widerspruch zu dem Vorhergesagten standen, erhöhten das Interesse. Man fühlte sich daher enttäuscht, als der Untersuchungsrichter dies Thema plötzlich fallen ließ und fragte:

»Wissen Sie, ob es zwischen Mr. und Mrs. Jeffrey zum offenen Bruch kam?«

»Ja,« klang es bestimmt. »Am Dienstag, der ihrem Tode voranging, hatten sie eine lange und ärgerliche Unterredung zusammen; nach dieser machte Mrs. Jeffrey keinen Versuch mehr, ihr Elend geheimzuhalten. Man kann eigentlich sagen, daß sie seit jener Stunde zu sterben anfing.«

Mrs. Jeffrey ward Mittwoch tot aufgefunden.

»Was wissen Sie von diesem Streit und was geschah nachher?«

Loretta, offenbar froh, endlich ihr Herz erleichtern zu dürfen, erzählte darauf das Folgende:

Frühstück am Dienstag verlief sehr ruhig. Des Abends zuvor hatte ein Ball an der Massachussets Avenue stattgefunden, indes niemand sprach davon. Miß Tuttle bemerkte, sie habe einen Freund dort getroffen, doch da die anderen nicht zuzuhören schienen, brach sie ab und verließ das Zimmer. Mr. und Mrs. Jeffrey blieben sitzen, sprachen aber kein Wort. Endlich erhob sich Mr. Jeffrey, und in einem Tone, der fremd und kalt klang, sagte er, er hätte ihr etwas zu sagen, und ging voran nach ihrem Zimmer. Mrs. Jeffrey sah erschrocken aus, so erschrocken, daß es klar war, es sei etwas sehr Ernstes vorgefallen. Da sich derartiges nie zuvor zugetragen, wartete Loretta, bis Mr. Jeffrey zurückkam. Als er erschien, war sein Benehmen und sein finsterer Ausdruck derselbe; sie paßte daher auf – was hatte sie auch anderes zu tun? –, ob er in dieser Stimmung fortgehen werde, ohne sein junges Frauchen zu küssen, wie er sonst immer getan. Zu ihrer Überraschung ging er nicht aus – es war seine gewohnte Ausgehestunde –, sondern nach Miß Tuttles Zimmer, woselbst er eine halbe Stunde lang in erregtem und lautem Tone mit seiner Schwägerin sprach; dann ging er zurück nach dem Zimmer seiner Frau. Er konnte diesmal nicht viel mit ihr gesprochen haben, denn er kam gleich darauf wieder heraus und rann die Treppe hinab und aus dem Hause, so schnell, daß er fast seinen Hut vergaß. Da Mary die Betten zu machen hatte und nicht Loretta, bot sich ihr keine Gelegenheit, den anderen Morgen ihrer Herrin Zimmer zu betreten. Als indes später Briefe kamen und mehrere Aufträge, sogar Besuch, klopfte Loretta wiederholt an die Türe; es ward ihr indes nicht aufgetan und auch auf ihre Fragen und Mitteilungen erhielt sie keine Antwort. Nur einmal ertönte ein scharfes »Geh fort!«

Auch Miß Tuttle ward nicht besser empfangen; sie klopfte öfters an der Schwester Türe, besonders des Abends, zur Stunde, da Mr. Jeffrey erwartet wurde; Mrs. Jeffrey indes wollte unbedingt allein bleiben. Als die Zeit des Abendessens gekommen, Mr. Jeffrey aber nicht zurückkehrte, ließ sie sich endlich bereden, ihr Zimmer soweit zu öffnen, um eine Tasse Tee entgegenzunehmen, die ihr Miß Tuttle hinaufsandte.

Loretta erzählte weiter, daß Mrs. Jeffreys Hand, als sie den Tee durch die Türspalte entgegennahm, so zitterte, daß sie die Tasse kaum zu halten imstande war. Sie hätte gerne der Herrin Gesicht gesehen, doch diese stand hinter der Türe. Auf Fragen bekam Loretta keine Antwort. Mrs. Jeffrey hielt ihre Türe fest verschlossen. So blieb es bis um Mitternacht, da Miß Tuttle uns beauftragte, das Haus zu schließen. Jetzt hörte ich leise Mrs. Jeffreys Türe öffnen, doch ehe jemand dahin kam, war sie wieder fest verschlossen.

Der nächste Tag brachte keine Änderung. Miß Tuttle, die sich während dieses unglücklichen Tages und der schrecklichen Nacht auffallend verändert hatte, ward auch jetzt nicht zu ihrer Schwester gelassen; ebensowenig vermochte Loretta ihre Herrin zum Sprechen zu veranlassen.

Da, gegen Mittag läutete Mrs. Jeffrey und gab ihren ersten Auftrag:

»Ein gutes Diner!« rief sie.

Als Loretta das Gewünschte brachte, war sie überrascht, die Türe weit offen zu finden und zum Eintritt aufgefordert zu werden.

Der Anblick, der sich ihr bot, erschütterte sie. Von einem Ende des Zimmers bis zum anderen sah sie Zeichen von Nervosität und leidenschaftlicher Erregtheit. Die Stühle lagen umgestürzt, als ob die junge Frau ruhelos auf und ab gerannt wäre. Die Vorhänge waren zerrissen, die Klavierdecke halb zerfetzt, als ob sie sich krampfhaft daran festgehalten hätte, um sich vom Fallen zu bewahren. Am Boden lagen Stücke zerbrochener Vasen, von deren hohem Wert Mrs. Jeffrey oft gesprochen; jetzt lagen sie da, wohin sie offenbar beim Herabziehen der Decke gefallen waren. Vor dem Mantelofen sah sie einen zusammengeknäulten Teppich; es schien, als ob Mrs. Jeffrey denselben in den Armen gehalten hätte, ihr Gesicht darin zu verbergen und ihr Schreien zu ersticken.

Das Schlafzimmer befand sich in keiner besseren Verfassung; nur das Bett war unberührt geblieben; hatte Mrs. Jeffrey sich niedergelegt, so konnte dies nur auf dem vorerwähnten Teppich gewesen sein, im Bette sicher nicht.

Diese Zeichen von offenbarem Leid und Leiden erregten Loretta so, daß das Servierbrett in ihren Händen zitterte. Dies Geräusch schien Mrs. Jeffrey, die, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, nach dem gegenüberliegenden Fenster schritt und hinausschaute, zu erschrecken; sie drehte sich nervös hin und her und so geschah es, daß Loretta ihr Gesicht sehen konnte: es schien mit Mehltau bedeckt. Einst lebhaft und frisch, war es in vierundzwanzig Stunden geisterbleich geworden; der unheimliche Glanz in den Augen schien einen Entschluß auszudrücken – das wenigstens konnte man aus Lorettas Aussagen entnehmen. Indes Mädchen wie Loretta sehen oft mehr, als wirklich zu sehen ist; es darf indes als bewiesen angenommen werden, daß Mrs. Jeffrey unheimlich blaß aussah und ihre lebhaften Bewegungen verloren hatte.

Loretta, die gewohnt war, ihre Herrin in lebhafte Farben gekleidet zu sehen, mit Brillanten und Schmuck behangen, fiel es auf, daß sie an jenem Abend, obwohl sie offenbar zum Ausgehen fertig war, ein einfaches schwarzes Kleid trug, ohne jeden Schmuck; nicht einmal eine Blume hatte sie angesteckt, um den düsteren Eindruck zu brechen. Auch das Haar, auf das ihre Herrin sonst so stolz war, hing nachlässig um den Kopf, gleich als ob sie mitten im Aufstecken vergessen hätte, was sie hatte tun wollen. Ein Umhang lag auf dem Stuhle; den Hut hielt sie in der Hand. Handschuhe sah Loretta nicht. Als Lorettas Blicke denen ihrer Herrin begegneten, sagte die letztere mit merklicher Anstrengung und mit einer Stimme, die Loretta erschreckte: »Ich gehe aus. Ich komme vielleicht erst spät zurück – – Was schaust du mich so an?« Loretta konnte erst nicht antworten. Als sie sich etwas gefaßt, versuchte sie ihre Verlegenheit zu verbergen und fragte, ob sie nicht die Haare etwas ordnen sollte. Mrs. Jeffrey warf einen Blick in den Spiegel und erwiderte ungeduldig: das mache keinen Unterschied. Doch schon im nächsten Augenblicke schien sie sich anders besonnen zu haben. Sie warf sich in einen Stuhl, beauftragte Loretta, einen Kamm zu bringen und – obwohl in scheinbarer Hast und Erregung – ließ sich in gewohnter Weise das Haar aufstecken. Doch die sonst so bekömmliche Tracht schien heute nicht sehr kleidsam. Loretta dachte eben nach, ob sie Miß Tuttle rufen solle, um ihr zu helfen, als Mrs. Jeffrey aufsprang, zum Tische ging und in größter Hast die Speisen hinunterschlang, die Loretta gebracht hatte. Jetzt hätte Loretta eigentlich gehen sollen, doch vermochte sie nicht, ihre Herrin in diesem Zustande zu verlassen. Sie stand da und schaute auf Mrs. Jeffrey, bis diese, sich Lorettas Anwesenheit plötzlich bewußt werdend, sich umdrehte und mit gepreßter Stimme sagte:

»Geh, Loretta; ich bin krank – bin schon seit zwei Tagen krank . . . Ich will nicht, daß man mich so anschaut!«

Dann, als Loretta erschreckt zusammenfuhr, sprach Mrs. Jeffrey mit gebrochener Stimme:

»Wenn Mr. Jeffrey nach Hause kommt – –«

Weiter kam sie nicht; ihre Stimme versagte. Sie fuhr sich mit beiden Händen an die Kehle, wie um sich gewaltsam die Worte zu entreißen . . . Endlich wiederholte sie:

»Wenn Mr. Jeffrey kommt – – falls er kommt – – sage ihm, daß ich recht hatte betreffs des Schlusses des Romans. Hörst du?! In demselben Augenblicke, wenn du Mr. Jeffrey siehst, sage ihm, daß ich recht hatte in betreff des Romans; er solle nachsehen, ob er nicht so ende, wie ich voraussagte. Und Loretta » sprach sie, aufstehend und auf die Dastehende zugehend, mit einer Stimme, die Loretta Tränen in die Augen trieb, »Loretta, sprich unten nicht über mich. Ich werde nicht lange krank sein; bald bin ich wieder besser . . . sehr bald. Wenn du mich wiedersiehst, bin ich wieder die alte . . . Vergiß, wie –« es schien Loretta, als ob sie nach einem passenden Worte suche, »– kindisch ich gewesen . . .«

Loretta versprach dies natürlich, obgleich sie nicht sicher war, ob sie es auch halten konnte; als sie indes Mrs. Jeffrey vor dem Ausgehen Miß Tuttles Zimmer betreten sah, fühlte sie ihr Gemüt erleichtert. Sie ging hinab und nahm ihr Abendbrot ein mit größerem Appetit, als sie eigentlich erwartet hatte. Ach, es war die letzte Mahlzeit für viele Tage, zu der sie sich niedersetzte. Drei Stunden darauf kam ein Mann, der die Nachricht von Mrs. Jeffreys Selbstmord brachte.

Alles dies erzählte Loretta, ohne vom Untersuchungsrichter unterbrochen worden zu sein. An dieser Stelle schluchzte Miß Tuttle hörbar, während von Francis Jeffreys Lippen ein Seufzer sich rang, der allen Anwesenden durchs Herz ging. Das Elend einer jungen Frau an derselben Stelle geendet, an der sie des Lebens höchstes Glück gefunden! Was konnte die Herzen mehr ergreifen? Aber die Ursache des Elendes? Diese Frage lag auf aller Lippen.

»Wo waren Sie, als der Polizist die erwähnte Nachricht brachte?« fragte der Untersuchungsrichter.

»In der Halle; ich öffnete die Türe für ihn.«

»Zu wem sprach er zuerst?«

»Zu Miß Tuttle. Sie war kurz vor ihm eingetreten und stand am Fuße der Treppe – –«

»Wie? Miß Tuttle war an jenem Abend nicht zu Hause?«

»Nein. Sie ging bald nach Mrs. Jeffrey. Als sie zurückkam, sagte sie, sie wäre nur um das Viertel herumgegangen; sie muß indes mehr als einmal herumgegangen sein, denn sie war etwa zwei Stunden fort.«

»Sie haben Miß Tuttle ins Haus gelassen?«

»Ja.«

»Und sie sagte, sie wäre nur um das Viertel herumgegangen?«

»Ja.«

»Sagte sie sonst noch etwas?«

»Sie fragte, ob Mr. Jeffrey nach Hause gekommen sei«

»Noch etwas?«

»Und ob Mrs. Jeffrey zurückgekommen wäre.«

»Und diese Frage beantworteten Sie mit . . .«

»Einfach, nein.«

»Erzählen Sie uns nun etwas von dem Polizisten, der die Nachricht brachte.«

»Er läutete fast unmittelbar nach Miß Tuttle. Da ich dachte, sie wollte nach oben gehen, ehe ich jemand einließ, wartete ich eine Minute – doch sie blieb stehen. Als ich öffnete und der Polizist eintrat – –«

»Nun?«

»Schrie sie auf.«

»Ehe der Polizist etwas sagte?«

»Ja.«

»Beim bloßen Anblick des Polizisten? !«

»Ja.«

»Trug er sein Polizistenabzeichen?«

»Ja, auf der Brust.«

»So daß Sie sofort wußten, es sei ein Polizist?«

»Ja.«

»Und Miß Tuttle schrie beim Anblick eines Polizisten?«

»Ja und sprang ihm entgegen.«

»Sagte sie etwas?«

»Nein.«

»Was tat sie?«

»Sie wartete, bis er spreche.«

»Tat er das?«

»Ja und in sehr brutaler Weise. Er fragte, ob sie Mrs. Jeffreys Schwester sei, und als sie nickte und ›Ja‹ hauchte, sagte er schroff, daß Mrs. Jeffrey tot wäre; er käme eben vom alten Hause an der Waverley Avenue, wo er sie tot gefunden.«

»Und Miß Tuttle?«

»Wußte nicht, was sie sagen sollte – barg einfach ihr Gesicht in den Händen und lehnte gegen den Treppenpfeiler. Ich erinnere mich, daß der Mann sie erstaunt ansah, warum sie keinerlei Fragen stelle.«

»Sagte sie gar nichts?«

»Doch, später. Sie hatte ihr Gesicht mit dem Mantel bedeckt und murmelte: ›Nein, nein, die Platte ist nicht todbringend – sie kann dort nicht gefallen sein.‹ Dann schaute sie auf und schrie: ›Sie wissen noch mehr! Sie sagten mir nicht alles! Sie hat sich erschossen – wollten Sie das nicht sagen?‹ Sie streckte ihre Arme gen Himmel – es war schrecklich, sie anzusehen! ›Sie hat sich erschossen!‹ schluchzte sie. ›Veronika, o Veronika!‹ ›Mit einer Pistole,‹ sagte der Polizist, und ich glaube, er wollte dazu setzen: ›die an ihren Arm gebunden war‹; doch kaum hatte er das Wort ›Pistole‹ ausgesprochen, als sie mit beiden Händen ihre Ohren bedeckte, wobei sie so gebrochen aussah, daß der Mann sie offenbar nicht weiter quälen wollte und sie nur noch fragte, ob Mr. Jeffrey eine solche Waffe im Hause gehabt habe. Miß Tuttles Gesicht veränderte sich bei dieser Frage auffallend. ›Mr. Jeffrey! War er dort?‹ fragte sie. Der Polizist schaute erstaunt auf. ›Man sucht nach Mr. Jeffrey,‹ antwortete er; ›ist er nicht hier?‹ ›Nein,‹ erwiderte Miß Tuttle. ›Sie sagten mir nicht,‹ sprach der Polizist dann in sehr arrogantem Tone, ›ob eine Pistole im Hause war oder nicht!‹ Miß Tuttle versuchte sich zu fassen, konnte es jedoch scheinbar nicht; so antwortete ich und sagte, daß Mr. Jeffrey eine Pistole in einer Schublade seines Schrankes aufzubewahren pflege. Als er darauf Miß Tuttle nach oben gehen hieß, um nachzusehen, ob die Pistole noch dort sei, schüttelte sie mit dem Kopfe und verlangte, sofort zu ihrer Schwester gebracht zu werden.«

»Ging niemand hinauf, um nachzusehen, ob die Pistole sich in der Schublade befand oder nicht?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Doch, der Polizist ging mit mir hinauf. Ich zeigte ihm, wo die Pistole gewöhnlich lag; er warf alles durcheinander, fand aber keine Pistole. Ich hatte dies erwartet, denn . . .« Loretta biß sich auf die Lippen und setzte dann verwirrt hinzu, »Mrs. Jeffrey hatte sie mitgenommen.«

Die Schöffen waren seither still und aufmerksam der Verhandlung gefolgt. Nun aber, veranlaßt durch Lorettas Verwirrung und einen Blick, den sie Jinny zuwarf, fragte einer:

»In welchem Zimmer, sagten sie, sei die Pistole verwahrt gewesen?«

»In Mr. und Mrs. Jeffreys Schlafzimmer; es befindet sich dieses neben dem Zimmer, in welchem sich Mrs. Jeffrey den ganzen Tag eingeschlossen hatte.«

»Kann man von dem Schlafzimmer direkt in den Gang gelangen, ohne erst durch das Boudoir gehen zu müssen?«

»Nein. Dies ist der einzige Fehler des Hauses. Mr. und Mrs. Jeffrey sprachen oft von dieser Unannehmlichkeit.«

Der Schöffe lehnte sich befriedigt zurück. Wir indes, die die offenbare Erregung der Zeugin bei dieser scheinbar nebensächlichen Frage beobachtet hatten, wunderten uns, welches Geheimnis zwischen diesem Zimmer und der Pistole bestehen könne, das Loretta so errege.

Der Untersuchungsrichter fragte weiter:

»Wie lange vor dem Eintritt von Mr. Jeffrey war dies?«

»Nur einige Minuten. Ich war sehr erschrocken und wollte nicht allein sein; eben wollte ich die anderen Mädchen aufwecken, als ich ihn die Türe aufschließen hörte und zurückging. Er war ins Haus getreten und sprach mit einem Polizisten, der offenbar mit ihm gekommen war; es war nicht derselbe, der mit Miß Tuttle gegangen. Ich hörte Mr. Jeffrey fragen: ›Was ist das? Meine Frau verunglückt?‹ ›Tot‹ sagte der Mann. Ich erwartete, Mr. Jeffrey erschreckt zu sehen, aber nicht so! Sein Aussehen erstarrte mich; ich versuchte davonzulaufen, vermochte mich indes nicht von der Stelle zu rühren und mußte ihn ansehen, ob ich wollte oder nicht. Er sagte kein Wort und fragte keine Silbe.«

»Was tat er, Loretta?«

»Ich weiß es nicht. Er sank auf die Knie und war blaß – o, so bleich. Als der Mann dann beschrieb, wo und wie Mrs. Jeffrey gefunden worden war, sah er mich mit stieren Augen an, und als ich etwas von der Botschaft stammelte, die mir Mrs. Jeffrey aufgetragen, schien es um ihn geschehen. Diese Botschaft handelte von einem Roman, wie Sie wissen. Ich zögerte, in diesem Augenblicke so etwas vorzubringen, doch ihr Befehl war ausdrücklich und ich mußte gehorchen. Während der Polizist und Mr. Jeffrey mir zuhörten, wiederholte ich Wort für Wort das mir Aufgetragene. Mr. Jeffrey schien dem Umsinken nahe. Doch kaum hatte ich geendet, da sprang er auf und flog nach oben. Am Fuße der oberen Treppe machte er plötzlich Halt und fragte, wo Miß Tuttle sei; er schien ihre Anwesenheit mehr als alles in der Welt zu wünschen. Als ich ihm sagte, sie sei bereits nach Waverley Avenue gegangen, gebärdete er sich ganz wild. Er erholte sich indes schnell, ging in das obere Wohnzimmer und schloß schnell die Türe, uns beide unten stehen lassend. Da der Polizist nicht wußte, was er zu mir sagen solle, und ich nicht, was zu ihm, schien die Zeit sehr lange, und doch können es nur wenige Minuten gewesen sein, ehe Mr. Jeffrey zurückkehrte. In der Hand hielt er einen Zettel und sein Gesicht schien ruhiger. »Die Tat war geplant,« sagte er. »Meine unglückliche Frau hat meine Gefühle gegen sie mißverstanden.« Dann richtete er sich auf und machte sich bereit, nach dem Moore Haus zu gehen. Das ist alles, was ich zu sagen weiß.«

Vielen schienen diese Details unnötig. Wer indes den Untersuchungsrichter kannte, wußte, daß er keine überflüssigen Fragen stelle und daß, wenn er sich Zeit zu diesen genommen, er nur den Grund vorbereiten wolle zu Mr. Jeffreys Vernehmung, die nunmehr folgte.


12.
Hiebe und Gegenhiebe.

Als Francis Jeffrey seine Hand von der Stirne nahm und sein Gesicht den Zuhörern zuwandte, ging ein dumpfes Gemurmel durch den Saal, ein Ausdruck der Sympathie mit diesem gebrochenen Manne. Viele hatten ihn vor kaum einem Monat gesehen, ein stolzer, aufgerichteter, lebensfroher, ein beneideter und vom Glück begünstigter Liebling. Und nun stand er da, ein Schatten seiner selbst, um, so gut er konnte, zu erklären, wie sein Glück zusammengebrochen und warum seine junge Gattin den Tod einem Leben unter einem Dache mit ihm vorgezogen.

Nach einigen unwichtigen Vorfragen hielt der Untersuchungsrichter den angeblich von seiner Frau hinterlassenen Zettel vor Mr. Jeffreys Augen und fragte:

»Sind diese Worte in der Handschrift Ihrer Gattin geschrieben?«

»Sie sind,« erwiderte er, einen flüchtigen Blick auf das Papier werfend.

Der Untersuchungsrichter hielt das Papier näher.

»Sehen Sie aufmerksam hin,« drängte er. »Die Handschrift ist sehr flüchtig und an manchen Stellen kaum leserlich. Können Sie schwören, daß diese Worte von Ihrer Gattin geschrieben wurden und von niemand anderem?«

Mr. Jeffrey zog die Augenbrauen leicht zusammen, zum Zeichen, daß ihn die Frage unangenehm berühre. Dann nahm er das Papier in eine Hand, blickte nochmals darauf und sagte in ungeduldigem Tone:

»Dies ist meiner Gattin Handschrift; es ist, wie leicht zu sehen, unter großer Erregung geschrieben, doch von ihr – ohne jeden Zweifel.«

»Wollen Sie uns die Worte laut vorlesen.«

Es war ein grausames Verlangen, wogegen die Zuschauer offenbar protestierten. Den Untersuchungsrichter schien dies nicht zu stören; er hatte offenbar die Absicht, den Zeugen zu quälen, und wenn er eine Absicht durchführen wollte, bedurfte es weit mehr als des Protestes von Zuhörern, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Mr. Jeffrey unterdrückte seine Gefühle. Mochte er über dieses Verlangen des Untersuchungsrichters denken, wie er wolle – er las die Worte mit festerer Stimme, als man erwartet hatte:

»Ich fühle, daß ich Dich nicht so liebe, als ich zuerst dachte, und ich kann nicht leben mit diesem Bewußtsein im Herzen. Ich bete zu Gott, daß Du mir vergeben mögest. Veronika.«

Kaum war dies letzte Wort wie ein Hauch von seinen Lippen gefallen, als der Untersuchungsrichter weiter fragte:

»Sie glauben noch, daß diese Worte von Ihrer Gattin geschrieben und an Sie gerichtet sind, mit anderen Worten: daß sie eine Erklärung des Todes Ihrer Gattin geben?«

»Gewiß!«

Das Wort war scharf ausgestoßen. Mr. Jeffrey fühlte den Hieb; er hielt sich offenbar zurück, einen Gegenhieb zu führen.

»Sie haben demnach einen Grund,« fuhr der Untersuchungsrichter unbeirrt fort, »diese sonderbare Erklärung des Todes Ihrer Gemahlin gelten zu lassen – ein Tod, der nach Ansicht der ganzen Welt der stärksten Provozierung bedurfte . . .«

»Meine Gattin befand sich in überreizter Nervenerregtheit – und einem solchen Zustande muß vieles zugestanden werden. Sie war sich vielleicht bewußt, meine Liebe nicht voll und ganz erwidern zu können. Daß sie dies in den Tod trieb, ist von unsagbarem Kummer für mich; die Erklärung können Sie indes, wie ich oft sagte, in dem Schrecken finden, den das Ereignis im Moore Hause auf sie übte.«

Der Untersuchungsrichter blieb einen Moment still, offenbar, um den Geschworenen Zeit zu geben, das Gesagte in sich aufzunehmen. Dann ging er zum Angriff über.

»Wenn der Tod Ihrer Gattin Sie so sehr betrübte, warum erschienen Sie offenbar wie erlöst, als Sie diese – keineswegs tröstliche – Erklärung fanden?«

Diese offene Anspielung brachte Mr. Jeffrey in Feuer.

»Wer sagt solches? Eine Magd, die erst so kurze Zeit im Hause ist, daß ich sie kaum kenne. Sie müssen wohl zugeben, daß eine Person ihrer Bildung kaum imstande sein dürfte, mich schon so zu kennen, daß sie meine innersten Empfindungen mit einem einzigen Blicke von meinen Zügen zu lesen verstände.«

Dieser Gegenhieb hatte einen ungeahnten Erfolg. Miß Tuttle schaute zum ersten Male durch ihren Schleier, und Onkel David, der vollständig teilnahmslos dagesessen, richtete sich plötzlich auf. Die Zuschauer und ich ganz besonders teilten der beiden Fühlen.

»Wir stützen uns nicht auf der Zeugin Urteil; die Änderung in Ihrem Wesen fiel noch anderen auf – wir können dies den Geschworenen beweisen, falls Sie wünschen . . .«

Da die Geschworenen nichts darauf erwiderten, fragte der Untersuchungsrichter, ob Mr. Jeffrey freiwillig etwas zu sagen habe. Als er nicht antwortete, begann der Richter wieder mit Fragen, indem er auf Tatsachen zurückgriff, deren Erklärung er wünschte.

»Wo fanden Sie den Zettel, darauf Ihrer Gattin letzte Worte standen?«

»In einem Buche im oberen Zimmer. Als Loretta mir gesagt, was meine Gattin ihr aufgetragen, wußte ich, daß ich eine Mitteilung von ihr in einem Romane finden werde, den wir gemeinsam lasen. Da wir nur ein einziges Buch seit unserer Verheiratung gemeinsam lasen, war ein Irrtum meinerseits ausgeschlossen.«

»Wollen Sie den Namen des Buches nennen?«

»Vergeltung.«

»Und Sie fanden dies Buch ›Vergeltung‹ im oberen Zimmer?«

»Ja.«

»Im Büchergestell?«

»Ja.«

»Wo befindet sich dies Büchergestell?«

Mr. Jeffrey schaute auf, als wollte er sagen: Warum so viele Fragen über eine so geringfügige Sache. Indes antwortete er einfach:

»Zur Rechten der Türe, die nach dem Schlafzimmer führt.«

»Und im rechten Winkel zur Türe, die nach der Halle führt?«

»So ist es.«

»Gut. Dürfte ich Sie nun bitten, den Einband des Buches zu beschreiben?«

»Den Einband? Ich achtete nie auf den Einband. Warum – verzeihen Sie, ich nehme an, Sie haben Ihre Gründe, solche einfache, fast naive und scheinbar überflüssige Fragen zu stellen . . . der Einband ist in der Tat ein besonderer, wie ich glaube – halb rot und halb grün . . . mehr vermag ich nicht anzugeben.«

»Ist dies das betreffende Buch?«

»Ich glaube, es sieht wenigstens so aus,« sagte Mr. Jeffrey, nachdem er einen Blick auf das Buch, das der Untersuchungsrichter hoch hielt, geworfen.

»Der Titel stimmt. Ist dies das einzige Buch im Hause mit einem derartigen Einbande?«

»Soviel ich weiß, das einzige.«

Der Richter legte das Buch hin.

»Das genügt vorerst. Nun möchte ich die Herren Geschworenen bitten, den charakteristischen Einband des Buches zu beachten und die Tatsache festzuhalten, daß es auf einem Büchergestell gestanden zur Rechten der Türe, die nach dem Schlafzimmer führt. Nun, Mr. Jeffrey, muß ich Sie bitten, sich diese Ringe anzusehen, besonders diesen einen hier. Sie sahen ihn früher schon: es ist der Ring, den Sie am Tage Ihrer Hochzeit an Ihrer jungen Gattin Finger steckten. Erkennen Sie den Ring?« »Gewiß!«

»Erkennen Sie auch diese kleine Blutstelle, die Ihnen ein Detektiv zeigte, als Sie vom Moore Haus zurückkamen, nachdem Sie Ihre tote Gemahlin gesehen?«

»Ja.«

»Wie erklären Sie sich diesen Blutflecken und die kleine Wunde an Ihrer Gattin Ringfinger? Sollte man nicht annehmen, der Ring sei vom Finger gerissen?«

»Man sollte.«

»Wer hat ihn abgerissen? Sie?«

»Nein.«

»Ihre Gattin selbst?«

»Das scheint so.«

»Das müßte in größter Erregtheit geschehen sein! Glauben Sie, daß ein alltäglicher Zwist zwischen Ehegatten eine solche Erregtheit hervorgebracht haben konnte? Denken Sie nicht, wir seien berechtigt, anzunehmen, daß etwas anderes zwischen Ihnen und Ihrer Gattin stattgefunden habe als das unscheinbare Mißverständnis, das Sie als Erklärung geben?«

Ein leichtes Murmeln, dann ein kerzengerades Aufrichten seiner schönen Gestalt . . . das war alles.

»Mr. Jeffrey: Ward in dem Gespräch, das Sie Dienstag mit Ihrer Gattin führten, Miß Tuttles Name genannt?«

»Er ward genannt, gewiß.«

»In anklagendem oder vorwurfsvollem Tone von seiten Ihrer Gattin?«

»Sie würden es doch nicht glauben, wenn ich ›Nein‹ sagte,« war die unerwartete Antwort.

Der Untersuchungsrichter fühlte den Schlag nur zu gut. Er war überrascht über diese Antwort von einem, der bis jetzt fast alles über sich ergehen ließ, von einem, der ihm vollauf gewachsen. Er sagte daher in würdevollem Amtstone:

»Mr. Jeffrey, Sie stehen unter Eid. Wir haben sicherlich keinen Grund, Ihnen nicht zu glauben.«

Mr. Jeffrey verbeugte sich leicht. Er bedauerte wohl, seine Selbstbeherrschung, wenn auch nur auf einen Augenblick, verloren zu haben und sagte:

»Wenn dem so ist, sage ich ›Nein‹.«

»Geben Sie dieselbe Antwort, wenn ich Sie frage, ob in der darauffolgenden Unterredung mit Miß Tuttle die Erwähnung Ihrer Gattin gleiche Rücksichtsnahme erfuhr?«

Die mit Spannung erwartete Antwort ließ etwas auf sich warten. Als sie endlich kam, war sie nicht so klar, als er sie offenbar hatte geben wollen.

»Miß Tuttle war Mrs. Jeffreys Stiefschwester; die beiden hatten sich sehr lieb. Warum hätte sie oder ich in bitterem Tone von meiner Gattin sprechen sollen?«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage, Mr. Jeffrey. Ich muß um eine präzisere Antwort bitten.«

Miß Tuttle bewegte sich. Ich sah dies, alle im Saale sahen dies, auch Mr. Jeffrey schien es bemerkt zu haben. Er zog die Augenbrauen zusammen und antwortete scharf:

»Es fielen keine derartigen Worte. Mrs. Jeffreys Benehmen hatte mir nicht gefallen und ich machte kein Hehl daraus. Ich vergaß indes keine Minute, daß ich von meiner Gattin sprach und zu deren Schwester.«

»Demnach sprachen Sie von Ihrer Gattin?«

»Gewiß.«

»In kritisierendem Tone?«

»Jawohl.«

»Wegen des Balles?«

»Ja.«

Mr. Jeffrey vermochte offenbar schwer, zu lügen. Dies letzte »Ja« brachte er nur mit größter Überwindung hervor.

Der Untersuchungsrichter wartete, bis das Echo dieses »Ja« verklungen, ehe er mit merklicher Kälte, aus dem zum ersten Male seine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen fühlbar waren, sagte:

»Falls Sie uns mitteilen wollten, was Ihre Gattin an jenem Abend sagte oder tat, das Veranlassung zu dem Vorgefallenen geben konnte, würde dies unendlich viel dazu beitragen, uns die Sache erklärlich zu machen . . .«

Der Zeuge schien nicht gewillt, etwas diesbezügliches zu sagen. Während die einen diese Zurückhaltung lobten, waren andere der Meinung, daß eine offene Mitteilung des Geschehenen am Platze gewesen wäre, und zu den letzteren zählte offenbar der Untersuchungsrichter. Er warf jede Rücksicht beiseite und drängte den Zeugen mehr und mehr in die Maschen des Netzes, das er heimlich für ihn gelegt. Erst mußte Mr. Jeffrey zugeben, daß die Unterredung mit Miß Tuttle nicht dazu beigetragen, einen Ausgleich der Verstimmung mit seiner Gattin herbeizuführen, daß er sich mit seiner Gattin nicht versöhnte und daß er in den sechsunddreißig Stunden, während denen er von Hause abwesend gewesen, keinen Versuch gemacht, sich der zu nähern, deren Handlungen er selbst als unverantwortlich bezeichne. Auf diese Inkonsequenz machte der Untersuchungsrichter die Geschworenen ausdrücklich aufmerksam. Dann wurden Zeugen aufgerufen, welche über den freundschaftlichen oder vielmehr liebenden Verkehr zwischen Mr. Jeffrey und Miß Tuttle aussagten, ehe der erstere sich mit Miß Moore verheiratete. Und endlich mußte Mr. Jeffrey noch einmal öffentlich verneinen, daß er je mit Miß Tuttle verlobt gewesen und er das Verhältnis löste, um Miß Moore zu heiraten.

Die Art und die Ausdrucksweise, mit der er diese Frage verneinte, befriedigten nicht vollkommen, zumal es durch deren krampfhaftes Händeringen offenbar war, wie sehr Miß Tuttle unter diesen Fragen litt. Welche Rolle spielte sie in dem sich hier abspielenden Drama? Ich muß gestehen, wir konnten kaum erwarten, bis die allgemein bewunderte Schönheit aufgefordert werde, ihren Schleier zurückzuwerfen und die Züge zu enthüllen, die – wie man sagte – nur um Goldes wegen einer anderen hintangesetzt worden waren. Doch die Zeit hierfür schien noch weit entfernt. Der Untersuchungsrichter ließ nicht so leicht von einem Zeugen ab, ehe er sein Ziel erreichte. Er wollte zeigen, daß Mr. Jeffreys Behauptung, seine Gattin habe Selbstmord begangen, zum mindesten sehr zweifelhaft sei. Die paar Zeilen, die er vorlegte, bildeten den einzigen Beweis, den er erbringen konnte. Es sollte bewiesen werden, daß diese Zeilen entweder gefälscht oder untergeschoben waren und daß – falls die Tote wirklich eine Mitteilung hinterlassen, auf die sie seine Aufmerksamkeit in solch geheimnisvoller Weise lenkte – diese Mitteilung nicht die vorliegende sein könne, in der sie ihre Enttäuschung als Todesursache angebe.

Daß der Untersuchungsrichter in seinen Fragen hierauf hinziele, war uns längst klar. Offenkundig wurde es indes, als er plötzlich den nunmehr erregten Zeugen fragte, ob er je bemerkt habe, welche Ähnlichkeit zwischen der Handschrift seiner Gattin und der Miß Tuttles bestehe.

Der Gefragte hatte bereits ein entrüstetes »Nein« auf den Lippen, hielt sich indes zurück und sagte nur: »Es mag vielleicht eine Ähnlichkeit bestehen oder bestanden haben – ich weiß dies nicht; ich sah zu wenig von Miß Tuttles Hand geschrieben, um solches beurteilen zu können.«

Der Untersuchungsrichter ließ noch nicht nach. Er legte Miß Tuttles Handschrift vor und ließ die Geschworenen diese mit den angeblichen letzten Worten der Toten vergleichen. Das Flüstern der Geschworenen, deren offenes Erstaunen und die dadurch sich immer mehr steigernde Erregung der Anwesenden veranlaßten Mr. Jeffrey endlich auszurufen:

»Ich weiß, daß diese letzten Worte von meiner Gattin geschrieben sind.«

Als ihn der Untersuchungsrichter nach den Beweisen oder Gründen für diese Behauptung befragte, konnte oder wollte er nichts weiter sagen als:

»Ich legte diese bereits dar.«

Der Untersuchungsrichter erwiderte hierauf nichts. Als er indes den Zeugen entschuldigte und Loretta wieder aufrief, wußten wir, daß das wirklich Dramatische des Verhörs erst jetzt beginne.


13.
Nur Hiebe.

Sofort beim Auftreten der Zeugin war es allen klar, daß seit ihrem letzten Aufrufe eine merkliche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Nicht als ob sie weniger beschämt gewesen wäre – es drückte sich auf ihren Zügen eine Entschlossenheit aus, alles zu sagen, was sie wußte, so daß ein Zittern und Zagen diejenigen befiel, die sich um Mr. Jeffreys Ehre und Ergehen besorgten, gleich als ob sie schon den Schatten sähen, der sich tiefer und tiefer über ein Haus werfe, das noch vor wenigen Wochen den Neid der besten Gesellschaft herausforderte.

Lorettas erste Antwort enthüllte schon die Ursache ihrer Beschämtheit und ihrer Entschlossenheit. Es war dies in Beantwortung der Frage, ob sie Miß Tuttle gesehen habe, ehe sie ausging, um den angeblichen Spaziergang zu machen, unmittelbar nachdem Mrs. Jeffrey das Haus verlassen.

»Ich sah sie nicht ausgehen,« entgegnete Loretta, »aber ich sah sie in Mrs. Jeffreys Zimmer.«

Der Kontrast im Tone ihrer Stimme, wie sie früher aussagte und wie sie das eben Gesagte vorbrachte, wäre sicher aufgefallen, hätte sich nicht die Aufmerksamkeit aller der Person zugewandt, deren Namen eben genannt worden war. Doch auch dieser direkte Angriff schien Miß Tuttle ebensowenig zu berühren, als alles zuvor Gesagte oder Gehörte. Sie bewegte nur nervös ihre Finger, schien sonst aber der Zeugin wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch Mr. Jeffrey gab kein Zeichen von Erregtheit; er hatte seinen Kopf wieder in die Hände gestützt und saß bewegungslos wie zuvor. Onkel David tat, als ginge ihn die ganze Angelegenheit nichts an.

So wandte sich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zeugin, die ihre Aussagen mit den folgenden Worten einleitete:

»Ich fühle wohl, daß es nicht . . . rühmlich ist, was ich in jener Nacht tat, indes ward ich nach und nach dazu gebracht und bitte schon jetzt Miß Tuttle um Vergebung für alles, was ich sagen muß.«

Dann erzählte sie, wie sie nach dem Fortgehen Mrs. Jeffreys in deren Zimmer ging, um selbiges in Ordnung zu bringen; dies war ihre Pflicht und gewiß nichts Unrechtes. Nachdem sie Ordnung geschaffen, hätte sie allerdings gehen sollen und nicht in die Briefe schauen, die auf dem Tische lagen. Hier unterbrach sie der Untersuchungsrichter und fragte, wess' Inhalts die Briefe waren. Sie erwiesen sich als von Freundinnen stammend und unerheblich zur Sache; jedenfalls hatten sie keinen Bezug auf den Streit zwischen den jungen Ehegatten.

Loretta war sich jetzt des Unrechts bewußt, das sie begangen; sie war so beschämt, daß, als sie Miß Tuttles Fußtritte hörte, sie nur den einen Wunsch hatte, nicht gesehen zu werden. Über das Warum konnte sie keine Erklärung geben; sie schämte sich und wollte sich verbergen, um nicht von Miß Tuttle gesehen zu werden, die nie gut auf sie zu sprechen gewesen sei. Sie bemerkte die Vorhänge auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, und ohne zu überlegen, schlüpfte sie dahinter, gerade als Miß Tuttle eintrat. Dieses Fenster ging nach einer Seitenmauer und ward fast nie geöffnet; es lag also wenig Grund zu der Befürchtung vor, daß Miß Tuttle dahin käme. Hinter diese Vorhänge stellte sich Loretta, und da dieselben nicht gut schlossen, konnte sie es nicht verhindern, zu sehen, was im Zimmer vorging.

Nach einer kleinen Pause fuhr Loretta fort:

»Zuerst ging sie zum Büchergestell . . .«

Wir hatten das erwartet. Im Publikum indes begann eine unruhige Erregung und mancher halb unterdrückte Ausruf des Erstaunens war hörbar.

»Was tat sie dort?«

»Erst schaute sie vorsichtig alle Bücher an, dann nahm sie eines heraus.«

»Welche Farbe hatte das Buch?«

»Grün mit roten Verzierungen – ich konnte den Einband nicht deutlich sehen.«

»Sah es aus wie dieses Buch?«

»Genau so.«

»Und was tat sie mit dem Buch?«

»Machte es auf, hat es aber nicht gelesen – dafür schloß sie es zu schnell wieder.«

»Hat sie das Buch mitgenommen?«

»Nein; sie stellte es wieder zurück.«

»Nachdem sie es öffnete und wieder schloß?«

»Ja.«

»Haben Sie gesehen, ob sie etwas hineinlegte?«

»Ich kann nicht beschwören, ob sie das tat. Sie stand mit dem Rücken gegen mich, so daß ich es nicht hätte sehen können, selbst wenn sie etwas hineinlegte.«

Diese verdeckte Anspielung veranlaßte frische Erregung unter den Anwesenden. Der Untersuchungsrichter mißbilligte dies offen und drängte die Zeugin, weiter zu sprechen, indem er sie fragte, ob Miß Tuttle sofort das Zimmer verlassen habe, nachdem sie das Buch zurückgestellt hatte.

Loretta antwortete mit »Nein«; sie habe noch einige Minuten auf derselben Stelle gestanden, offenbar in größter Erregung; dann ging sie ins Nebenzimmer, wohin sie schon öfters besorgte Blicke geworfen, zu einer Schublade, die sie öffnete. Da dieses Bureau ausschließlich Mr. Jeffreys Sachen enthielt, wunderte sich Loretta, was Miß Tuttle unter ihres Schwagers Sachen zu suchen habe. Ob sie etwas heraus nahm oder was sie heraus nahm, konnte Loretta nicht sehen, denn sowie sich Miß Tuttle umdrehte, schloß Loretta schnell die Vorhänge aus Furcht, gesehen zu werden. Als Miß Tuttle das Zimmer verließ, schaute Loretta nochmals durch die Vorhänge und – sie erinnere sich noch so gut, als sei es heute gewesen – wunderte sich, wie bleich Miß Tuttle aussah und wie sie krampfhaft die linke Hand auf ihre Brust drückte.

Da wir wußten, was sich in der Schublade befand, war uns das Eine sofort verständlich: ganz abgesehen davon, welchen Grund sie angab, warum sie ihrer Schwester Zimmer betrat, daß sie in die Schublade ihres Schwagers schaute, geschah, um zu sehen, ob die Pistole noch am Platze lag oder ob ihre Schwester diese mitgenommen. Dieses widersprach Miß Tuttles Aussage, daß sie unbesorgt ihre Schwester habe ausgehen sehen.

Da gleichzeitig der Verdacht, der Mr. Jeffrey mit einem solchen abscheulichen Verbrechen in Verbindung brachte, beseitigt war, rief der Untersuchungsrichter diesen Zeugen wiederum auf, zum größten Erstaunen aller Anwesenden.

Ob er seine Gattin zum Moore Haus begleitet habe? ward er zuerst gefragt.

»Nein.«

Ob er sie dorten getroffen hätte, sei es auf Verabredung oder auf Veranlassung einer dritten Person?

»Nein.«

Ob er die Fingerabdrücke betrachten wolle, die im Staube auf dem Mantel des südwestlichen Zimmers gefunden worden seien?

Er habe sie bereits gesehen.

Er solle nun seine linke Hand auf das Papier stützen und sehen, ob . . .

»Das ist unnötig,« brauste er auf, »diese Fingerabdrücke stammen von mir, das heißt, ich zweifle nicht, daß sie von meiner Hand herkommen.« Dabei warf er mir einen Blick zu, aus dem ich deutlich lesen konnte, daß er mich nunmehr durchschaute. Gleich darauf wiederholte er unter Eid dasselbe, was er damals in meinem Beisein dem Untersuchungsrichter erzählt hatte.

»Ich gebe zu, im Moore Haus gewesen zu sein, auch im südwestlichen Zimmer, aber nicht zu der Zeit, wie Sie annehmen. Es war in der Nacht zuvor.« Dann erzählte er, wie er in aufgeregtem Zustande und da er die Schlüssel in seiner Tasche fand, nach dem alten Hause ging und die Zimmer durchstreifte. Seine Erzählung schien wenig Glauben zu finden, noch weniger, als er auf die Frage, woher er die Lichter bekommen, angab, solche in einem Zimmer des oberen Stockes gefunden zu haben. Er wollte sich nicht erinnern, was er später mit den Kerzen getan habe, bis der Untersuchungsrichter fragte, ob er damit vielleicht in die Kammer geleuchtet habe, die an das Zimmer stoße, in dem die Fingerabdrücke gefunden wurden. Da brach er zusammen wie eine Mauer, unter der plötzlich eine Stütze weggezogen wird, und schaute sich hilflos nach einem Stuhle um. Es ward ihm ein solcher gereicht, während tiefes Schweigen im Saale herrschte. Als er sich etwas erholt, sagte er, sein Geist sei etwas verwirrt, was die Ereignisse jener Nacht beträfen; dann schwieg er und wartete auf die nächste Frage seines Peinigers. Dieser blieb bei der Sache: Ob er Kerzen gekauft habe oder nicht? Ja, er habe. Ehe er das Haus besuchte? Ja. Ob er auch Zündhölzer kaufte? Ja. Welche Sorte? Gewöhnliche Sicherheitshölzer. Ob er beim Nachhausekommen bemerkt habe, daß die Schachtel halb leer war? Nein. Er habe aber doch viele Zündhölzer bei seinem Gang durch das alte Haus benutzt? Möglicherweise. Vielleicht, um den Weg nach oben zu finden? Vielleicht. Habe er sie nicht dazu verwendet? Ja. Warum habe er Zündhölzer benutzt, da er doch Kerzen in seiner Tasche hatte, die viel praktischer gewesen wären? Er konnte diese Frage nicht beantworten; er wußte keinen Grund dafür, er war seiner Sinne nicht mächtig. Er wachte, während er hätte schlafen sollen – es schien ihm alles wie ein Traum.

»Waren Sie während Ihres nächtlichen Besuches auch im Bibliothekzimmer?«

»Ich glaube.«

»Was taten Sie dort?«

»Stöberte herum – ich weiß nicht mehr.«

»Was für ein Licht benutzten Sie?«

»Eine Kerze, glaube ich.«

»Sie müssen das doch wissen!«

»Ich benutzte eine Kerze; sie stak in einem Kandelaber.«

»Was für eine Kerze und was für ein Kandelaber?«

»Dieselbe, die ich oben benutzte.«

»Und Sie erinnern sich nicht, wo Sie das Licht und den Kandelaber ließen, als Sie das Haus verließen?«

»Nein, ich dachte nicht an Kerzen.«

»An was dachten Sie?«

»An den Streit mit meiner Frau und an den schlechten Namen, den das Haus trug, in dem ich mich befand.«

»Das war Dienstag nacht?«

»Ja.«

»Können Sie dies beweisen?«

»Ich kann es nicht beweisen.«

»Sie schwören aber – –«

»Ich schwöre, daß es am Dienstag war, in der Nacht vor der, in welcher der Tod meiner Gattin all mein Erdenglück raubte.«

»Gibt es nichts, durch das Sie diese Behauptung beweisen könnten?«

Lautlose Stille im Saale.

Ein tiefer Schatten legte sich über die Züge des Gequälten. Es war schon ziemlich spät und eine erdrückende Atmosphäre im Saale; doch niemand schien dies zu bemerken.

Neue Aufregung hielt diese gefesselt, als der Untersuchungsrichter unter den Papieren eine Schachtel hervorzog und daraus die weiße Schleife entnahm, die auf der todbringenden Pistole lag.

Daß dies Objekt, das zweifellos eine wichtige Rolle in dem Drama spielte und das solange in Reserve gehalten, in diesem Augenblicke dem Zeugen vorgehalten ward, schien vielen seiner Freunde als ein unnötiger dramatischer Effekt. Als indes der Untersuchungsrichter die Schleife hochhielt und den Zeugen fragte, ob er das Band kenne, wurden wir mehr überrascht durch einen unwillkürlichen Schrei von einem der Zuhörer, als durch die Antwort des Zeugen. Ich erkannte die Dame, die diesen Schrei ausstieß, als eine wohlbekannte Klatschbase und beauftragte einen Polizisten, sie im Auge zu behalten, während ich weiter der Verhandlung folgte.

Der Richter hatte Mr. Jeffrey dazu gebracht, zuzugestehen, daß er das Band als dasjenige erkenne, das die Pistole an seiner Gattin Arm festgehalten. Nun fragte er, ob der Zeuge denke, daß eine Dame eine solche Schleife an ihrem eigenen Arm knüpfen könne, was Mr. Jeffrey selbstredend mit »Nein« beantwortete. Dann stellte er wieder die Frage, deren Wichtigkeit jedermann einleuchtete:

»Können Sie beweisen, sei es durch einen Zeugen oder sonstwie, daß es Dienstag gewesen und nicht Mittwoch, als Sie in dem Hause weilten, in dem Sie getraut wurden und in dem Ihre Gattin den Tod fand?«

Die Ratlosigkeit, die sich schon so oft auf Mr. Jeffreys Zügen gezeigt hatte, trat jetzt mehr zutage denn je. Er schien nachzudenken – vergeblich nachzudenken. Eben wollte er wieder sprechen, als der Untersuchungsrichter, dem ein Detektiv etwas leise ins Ohr gesagt, den Zeugen entschuldigte und einen neuen Zeugen einschwur.

Man kann sich das allgemeine Erstaunen vorstellen und zumeist das meinige, als ich den neuen Zeugen vortreten sah: Onkel David.


14.
»Tallman! Bringt Tallman!«

Ich weiß nicht, warum der Untersuchungsrichter diesen Zeugen nicht früher aufrief. Im regelrechten Verhör hätte seine Aussage vor der meinen gehört werden sollen, indes ward bei dieser Untersuchung scheinbar keine Regel befolgt und es geschah nur auf sein ausdrückliches Verlangen, daß der Zeuge überhaupt aufgerufen wurde. Als er dann sprach, tat er dies mit einer Art Herablassung, die sicherlich Lächeln hervorgerufen hätte, wäre der Gegenstand nicht ein zu ernster gewesen. Der Zeuge selbst schien von der Wichtigkeit seiner Person durchdrungen und gleichzeitig stolz, sich denen, die ihn früher als Sonderling in altmodischer Kleidung kannten, in modernem Anzuge zeigen zu können.

Seine Aussage sollte Mr. Jeffreys Aussage bestätigen, daß er Dienstag im Moore Haus gewesen sei. Onkel David, der äußerst genau war mit Daten und Tagen, erklärte, daß der Lichtschein, der ihn veranlaßt habe, die Polizei zu rufen, nur eine Wiederholung dessen war, was er am Tage zuvor im alten Hause gesehen. Nur diese Wiederholung war es, was ihn veranlaßte, mit seinen Gewohnheiten zu brechen und des Nachts sein Haus zu verlassen, um die Polizei zu benachrichtigen.

»Die alte Schlange,« dachte ich. »Warum hat er uns das nicht früher gesagt?« Und wieder beschlich mich ein Zweifel an seiner Wahrheitsliebe, die mir noch immer etwas fraglich erschienen. Der Untersuchungsrichter schien meine Zweifel zu teilen, denn er unterzog den Zeugen einem solch scharfen Verhör über das, was er von seinem Fenster aus gesehen und nicht gesehen, daß nach Beendigung desselben es fast unmöglich schien, daß der Zeuge noch etwas wisse, das beachtenswert wäre.

Er frage, ob der Zeuge Mr. Jeffrey an dem fraglichen Abend habe ins Haus gehen sehen; ob er seit dem Hochzeitstage sonst jemanden ins Haus habe gehen sehen; ob sich jemand vor oder hinter dem Haus herumgetrieben – die Antwort war immer eine negative. In der Tat ward er immer undurchdringlicher, je weiter sein Verhör fortschritt, und außer dem, was er freiwillig sagte, war absolut nichts aus ihm herauszubringen. Das Leben in seinem kleinen Hause sei ein solch zurückgezogenes – er habe seine Orgel und seinen Hund –, warum sollte er aus dem Fenster schauen? Hätte er nicht die Gewohnheit, seinen Hund vor dem Schlafengehen ein Viertelstündchen spazieren zu führen, er hätte selbst das nicht gesehen, was er sah.

»Machen Sie diese Spaziergänge zu einer bestimmten Stunde?« ward er gefragt.

»Ja, gegen halb zehn Uhr.«

»Und zu dieser Stunde sahen Sie das Licht?«

»Ja, beide Male.«

Diese Aussage konnte stimmen, denn es war einige Minuten vor zehn Uhr, als er auf dem Polizeibureau erschien. Trotzdem traute ich ihm nicht; er schien viel zu übereifrig mit seiner Versicherung, daß er bedaure, nichts weiter sagen zu können, die mysteriöse Affäre aufzuklären. Seine Stimme – der Situation geradezu angepaßt – klang tadellos; so war sein ganzes Benehmen. Ich nahm ihn indes für einen Mann, der sich ins Fäustchen lachen würde, könnte er die Polizei an der Nase führen, falls sich ihm je eine solche Gelegenheit böte.

Er schloß seine Aussage mit der Wiederholung seiner Behauptung, daß im alten Hause sowohl Dienstag als auch Mittwoch Licht gewesen sei, und versuchte so, Mr. Jeffreys Aussage zu bestätigen. Doch der Untersuchungsrichter war damit nicht zufrieden. Er rief nochmals Mr. Jeffrey vor die Schranken und fragte ihn, wie er beweisen wolle, daß er seinen Besuch von Dienstag nicht am Mittwoch wiederholt habe und daß er nicht im Moore Hause gewesen sei, als der fatale Schuß fiel.

Mr. Jeffrey stand da in offenbarer Selbstvergessenheit; er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollte er seine Gedanken ordnen – – vergebens! Endlich schüttelte er seinen Kopf und sagte:

»Ich kann es nicht . . . Ein Mann könnte es beweisen . . . Wenn ich mich nur auf seinen Namen besinnen könnte . . .«

Plötzlich entfuhr ein unwillkürlicher Schrei seinem Munde – ein Gurgeln folgte, begleitet von einem unartikulierten Lachen, und deutlich hörten wir den Namen: »Tallman!« Endlich hatte er sich des Namens erinnert: Tallman war es, den er draußen am Tore des Friedhofes getroffen, zur Stunde, als seine Gattin fern davon mit dem Tode rang.

Wie ein elektrischer Schlag wirkte die Nennung des Namens auf die Zuhörer, von denen sich einer in der Erregung so weit vergaß, daß er laut rief: »Tallman! Bringt Tallman!«

Schon ehe dieser Ausruf fiel – für den der Betreffende eine scharfe Zurechtweisung erhielt –, hatte mir der Untersuchungsrichter gewinkt, den Genannten herbeizuschaffen.

Mein Ziel war der »Cosmos Club«, denn Phil Tallman und seine Gewohnheiten waren in Washington so gut bekannt als die Statue der Freiheit auf dem Dom des Kapitols.

Ich hatte richtig vermutet Tallman saß im Klubzimmer. Als ich ihn fragte, ob er je Mr. Jeffrey im Rock Creek Friedhofe getroffen habe, erwiderte er sofort:

»Gewiß hab' ich; es war in derselben Nacht, als seine Frau – – Doch was ist's damit? Sie sehen für einen Detektiv ziemlich erregt aus.«

»Kommen Sie sofort mit und Sie werden selbst sehen; Ihr Zeugnis wird von unschätzbarem Werte für Mr. Jeffrey sein.«

Ich werde das Gemurmel unterdrückter Erregung nie vergessen, das sich bei unserem Eintritt in den Gerichtssaal erhob. Mr. Jeffrey versuchte aufzustehen, doch er schien zu schwach; ein müdes Lächeln legte sich auf seine Züge, als er den Mann sah, der ihn von einem schweren Verdacht reinigen sollte.

Der Untersuchungsrichter schwur den Angekommenen sofort ein und fragte ihn kurz und bündig, was er über Mr. Jeffreys Begegnung am Tage des Todes seiner Gattin wisse.

Das Resultat war ein positiver Beweis für alles, was Mr. Jeffrey gesagt hatte; er war gegen sieben Uhr in der Nähe des Soldatenheims gewesen – also kaum fünfzehn Minuten, ehe Mrs. Jeffrey im alten Hause an der Waverley Avenue gefallen und ihre Uhr stehen geblieben war. Da die Entfernung zwischen beiden Plätzen in solch kurzer Zeit nicht zurückgelegt werden konnte, durfte Mr. Jeffreys Alibi als erwiesen betrachtet werden.

Eben wollten wir uns entfernen, da die Verhandlung vertagt worden war und wir froh waren, in die frische Luft zu kommen, als unsere Aufmerksamkeit wieder auf Mr. Jeffrey gelenkt wurde: er hatte eben Miß Tuttles Arm berührt, um sie zum Aufstehen zu veranlassen – doch sie bewegte sich nicht. Schnell riß Mr. Jeffrey den schwarzen Schleier in die Höhe und schaute in ein verklärtes Gesicht, das nie schöner war als in diesem Augenblicke – – es war unbewußte Schönheit, denn Miß Tuttle saß ohnmächtig in ihrem Stuhle.


15.
Eine weiß und rosa Schleife.

Mr. Jeffreys Verhör und sein glücklich erbrachter Unschuldsbeweis bildete das Gespräch aller Kreise. Die wichtigsten Tagesereignisse wurden vergessen über der Diskussion der Verhandlung; man kritisierte offen die Polizei und den Richter, der so offenbar einen der angesehensten Bürger Washingtons eines Verbrechens beschuldigte. Man freute sich allgemein über die Schlappe, welche die Polizei erlitten. Was werde nächst kommen? Gewiß etwas ebenso Verwegenes und Unbegreifliches. Aber was?

Die nächste Sitzung fand statt; der Saal war überfüllt. Zu meiner großen Überraschung war der erste Zeuge Mr. Jeffrey. Er hatte sich merkwürdig verändert in der einen Nacht: er sah viel älter aus und von der Selbstbeherrschung und seiner edlen Männlichkeit schien wenig mehr übrig. Er schien vollständig gebrochen.

Miß Tuttle saß nicht mehr auf der Anklagebank, und David Moore, ihr Onkel, war gar nicht anwesend.

Die Frage, die der Untersuchungsrichter lösen wollte, war die alte: habe Mr. Jeffrey den kleinen Tisch, auf dem der Kandelaber stand, dahin gestellt, wo er gefunden ward? Nein. Habe er zur Zeit seines zugegebenen Besuches die Kerzen in das Haus gebracht, die später darin gefunden wurden? Nein; er habe reiflich nachgedacht seit der gestrigen Verhandlung und sei in der Lage, positiv auszusagen, daß er zwar Kerzen gekauft habe, solche indes beim Eintritt in das Haus nicht in seiner Tasche gefunden hätte; er benutzte daher die Zündhölzer, die man später auf der Treppe gefunden; er erwartete, oben eine Kerze zu finden.

Dies gab dem Untersuchungsrichter Gelegenheit zu fragen, weshalb er erwartete, oben eine Kerze zu finden?

Die Antwort überraschte mich und zweifellos viele andere.

»Ich ging nach dem Zimmer, in dem sich meine Gattin zur Trauung angekleidet hatte. Das Zimmer war seitdem nicht berührt worden. Meine Gattin hatte ihre kleine Eigenheiten; so zum Beispiel benutzte sie am Ende ihrer Toilette eine Brennschere, ein Löckchen zu machen, das sie über die Stirne legte. Zu Hause machte sie die Schere am Gaslicht heiß; da im Moore Haus kein Gas liegt, vermutete ich, daß sie eine Kerze benutzte, denn ich sah das Löckchen unter dem Schleier.«

Wie müde er sprach, wie gebrochen; als ob er alles Interesse am Leben verloren hätte.

Das Vorhandensein jener Kerze sei erklärt, sagte der Richter; könne er auch Aufschluß geben, wie die anderen Kerzen dahin gekommen seien oder woher die Kerze stamme, die man in der Kammer gefunden?

Er könne nicht.

Nunmehr schien die Untersuchung eine andere Richtung zu nehmen. Es wurden Zeugen aufgerufen, welche Mr. Jeffreys Aussagen bestätigten – Bestätigungen, die der Untersuchungsrichter ausdrücklich zu wünschen schien. Erst erschien der Kaufmann, von dem Mr. Jeffrey die Kerzen kaufte. Er bestätigte, daß er etwa eine Stunde nach Mr. Jeffreys Weggange die Kerzen, die der Herr vergessen, auf dem Ladentische gefunden; er habe sie darauf sofort nach Mr. Jeffreys Haus gesandt.

Dies letztere wiederholte der Untersuchungsrichter mehrere Male, so daß uns klar war, er habe eine besondere Absicht damit, nur durchschauten wir diese noch nicht.

Die nächsten Zeugen waren Kellner aus Kauschers Hotel. Der eine sagte aus, er sei sofort nach Miß Moores Ankunft ausgesandt worden, eine Kerze und eine Schachtel Zündhölzer zu kaufen. Der andere trug aus dem Salon einen großen Kandelaber nach ihrem Zimmer. Hierauf ward eine feine, silberne Brennschere auf den Tisch des Richters gelegt, die man in Miß Moores Zimmer gefunden. Und nun erschien Chloe, eine Negerin aus Mr. Jeffreys Haus. Sie erzählte, daß sie die Kerzen, die der Junge mit den übrigen Spezereien am Tage, da sich »Missus« das Leben nahm, gebracht habe, nicht fand, als sie die Sachen weglegen wollte. Sie habe wiederholt danach gesucht, sie aber nicht gefunden. Weitere Fragen brachte zutage, daß sich noch eine Person in der Küche befand, als die Waren abgeliefert wurden; diese Person sei zusammengefahren, als der Junge gerufen: »Die Kerzen hat Mr. Jeffrey gekauft«; sie sei dann schnell hingegangen und habe die Waren in Empfang genommen; ob sie ein Paket fortgenommen, wußte Chloe nicht zu sagen.

»Und wer war diese Person?«

»Miß Tuttle.«

Mit der Nennung dieses Namens fiel der Schleier von des Untersuchungsrichters Absichten, und der Zweck seiner verlängerten Untersuchung war klar. Besonders für mich war der Augenblick ein Triumph; ich hatte nicht erwartet, daß meine Mordtheorie einen solchen Ausgang nehmen werde.

Als das Gemurmel sich gelegt, das dieser Wendung folgte, atmete der Richter tief auf, warf einen bezeichnenden Blick nach den Geschworenen und rief eine neue Zeugin auf, deren Namen die Zuhörer aufschauen ließ.

»Miß Nixon.«

Miß Nixon! Dieser Name war in Washington fast so gut bekannt wie der von Onkel David oder Mr. Tallman. Was konnte diese Dame mit dem zweifelhaften Selbstmord zu tun haben?

Ganz einfach: sie war es, die am Tage zuvor den Schrei ausstieß, als die seidene Schleife mit der Pistole daran den Geschworenen gezeigt wurde.

Die Schachtel in des Untersuchungsrichters Händen bereitete uns auf das Kommende vor. Er öffnete sie, entnahm die Schleife und, selbige Miß Nixon hinhaltend, fragte er:

»Haben Sie je zuvor eine Schleife wie diese gesehen?«

»Ja,« kam es in leisem Flüstertone, »ich besitze eine ähnliche, eine sehr ähnliche – so ähnlich, daß ich gestern einen Ausruf nicht unterdrücken konnte, als ich diese hier sah.«

»Woher bekamen Sie die Schleife oder wer band sie für Sie?«

»Miß Tuttle band sie für mich Sie ist – das heißt, sie war meine Freundin, eine sehr gute Freundin. Eines Tages, als sie sah, wie ich mich abmühte, eine Schleife zu binden, nahm sie mir das Band aus der Hand und machte die Schleife; sie war reizend.«

»Wie diese?«

»Fast genau so.«

»Haben Sie die Schleife hier?«

»Ja.«

»Wollen Sie selbige gefälligst den Herren Geschworenen zeigen?«

Sie entnahm ihrer Handtasche eine rosaseidene Schleife, das Gegenstück zu der, die auf dem Tische lag. Unter unheimlichem Schweigen sagten auch andere Zeugen aus, daß Miß Tuttles Geschick im Binden von Schleifen ein außerordentliches sei und daß sie oft für Freunde und Bekannte solche gebunden habe. Die vorliegende Art sei ihre beliebteste gewesen.

Während dieser Aussagen hatte ich fortwährend Mr. Jeffrey im Auge. Des Untersuchungsrichters Absicht war so klar, daß ich den Eindruck sehen wollte, den dies alles auf ihn machte. Ich sah nicht das, was ich erwartet hatte. Er schien so geistesabwesend, daß er die Zeugen, die mehr und mehr die Zeugenbank füllten, wie gespenstische Gestalten betrachtete, die seinen Geist immer mehr umnachteten anstatt klärten. Als gar mehrere Damen und Herren aufgerufen wurden, die erklärten, seine Aufmerksamkeit gegen Miß Tuttle sei einst derart gewesen, daß man eine Verlobung als sicher angesehen habe, ließ er seinen Kopf so tief sinken, als presse das Gehörte auf sein Gehirn und bringe seinen Geist zum Sinken. Der Hauptschlag ward geführt, als der Herr, den ich selbst in Alexandria gesprochen, aufgerufen wurde und über das Rencontre im Hotel berichtete, das sich in Atlantic City zugetragen. Andere Zeugen bewiesen, daß Miß Tuttle sehr rachsüchtig sei und selbst den nächsten Freunden und Angehörigen Geschehenes unnachsichtig nachtrage, bis sie Vergeltung üben könne.

Diese Art der Aussagen wären noch weiter fortgesetzt worden, hätten nicht einige der Geschworenen dagegen opponiert.

Nun spielte der Untersuchungsrichter die Hauptkarte des Tages aus, indem er Miß Tuttle selbst aufrief.

Nach all dem Voraufgegangenen klang der Name »Tuttle« allein schon wie eine Anklage. Die Würde indes, mit der sie sich erhob, unterdrückten jeden Ausdruck von Mitgefühl. Ich bewunderte ihre Haltung. War es möglich, daß sie in den wenigen Tagen, seit denen man sich zuflüsterte, daß man nicht an Selbstmord mehr glaube, sich derart auf das Kommende vorbereitet hatte, daß nichts ihre Selbstbeherrschung zu erschüttern imstande sein sollte? Nicht einmal die Anspielung, daß eine so schöne und temperamentvolle Dame wie sie ihre Hand bei einem solchen Verbrechen im Spiele haben könne?

Aller Augen waren auf sie gerichtet. Als der Schleier fiel und sie in vollem Angesichte vor der sensationslüsternen Menge stand, ging ein Murmeln durch den Saal, ein Murmeln, das weniger ihrer Schönheit galt, als der klassischen Ruhe und Würde, die auf ihren Zügen lagen. Und es gab nicht wenige, die schon an ihre Unschuld glaubten, noch ehe sie die Hand zum Schwure erhob.

Ich selbst zählte zu den letzteren, obwohl ich es selbst gewesen, der den Fall in die neuen Bahnen lenkte – allerdings nicht mit Aussicht auf Miß Tuttle. Unter ihren Blicken fühlte ich etwas wie Scham, bis ich mir sagte, eine Dame, die ganz unschuldig sei, zeige ein anderes Gebaren angesichts einer falschen und grausamen Anklage. Ich sagte mir: nur eine, die etwas zu verheimlichen hat, kann Geschworenen, die ihre Richter sind, derart in die Augen schauen, wie sie.

Diese Meinung machte mich weniger empfänglich für ihre anklagenden Blicke und ihre seelenvolle Stimme.

Sie fuhr nur einmal zusammen, als sie die zusammengesunkene Gestalt von Francis Jeffrey erblickte.

Ihren Namen sprach sie klar und deutlich:

»Alice Kora Tuttle.«

»In welcher Weise sind Sie mit der Toten verwandt?«

»Ich bin das Kind derselben Mutter aus einer früheren Ehe: wir sind Stiefschwestern.«

Dies war ohne Bitterkeit vorgebracht.

Der Untersuchungsrichter befragte sie über ihre Kindheit und ihr Verhältnis zu ihrer Schwester, doch schien dies stets harmonisch gewesen zu sein, wenigstens bis zur Zeit, als Veronika von der Schule zurückkam: dann veränderte sich dies etwas, indes in welcher Hinsicht, wollte Miß Tuttle nicht erklären. Der Untersuchungsrichter preßte diesen Punkt auch weiter nicht, da er scheinbar durch die Weigerung mehr gewann, als durch eine eventuelle Klarlegung, und ging auf die Tat über, die so offenbar auf ein Verbrechen hinwies.

Zuerst befragte er sie über das Gespräch, das Mr. Jeffrey mit ihr geführt, als er sie in ihrem Zimmer aufsuchte. Wir kannten Mr. Jeffreys Version und wollten nun ihre Darlegung kennen; wir wurden indes enttäuscht, denn sie wiederholte nur, was sie Mr. Jeffrey sagen hörte: sie sprachen von Mrs. Jeffrey, und Miß Tuttle habe zur Nachsicht ermahnt. Das war alles, was sie sagen konnte – sagen wollte, wie es schien.

»Was können Sie uns über die Unterredung sagen, die Sie mit Ihrer Schwester hatten, bevor diese ausging?«

»Sehr wenig, und selbst das ist sehr verschieden von dem, was Sie vielleicht erwarten. Sie kam nicht zur Unterhaltung zu mir, sondern mir zu sagen, daß sie einen Ausgang zu machen habe. Sie schien erregt, doch sagte sie nichts, was mich hätte beunruhigen können. Sie lachte sogar beim Gehen – entweder, um einen etwaigen Verdacht zu zerstreuen oder weil sie nicht mehr zurechnungsfähig war.«

»Wußte sie, daß Mr. Jeffrey am selben Tage in Ihrem Zimmer gewesen? Ich meine, machte sie hierüber eine Bemerkung?«

»Ganz und gar nicht. Als ich sie fragte, ob sie sich nicht wohl fühle, zog sie die Schultern in die Höhe und entging allen weiteren Fragen, indem sie das Zimmer verließ. Sie war immer kapriziös und dachte ich mir daher weiter nichts. Wollte Gott, es wäre anders gewesen! Wollte Gott, sie hätte mich fühlen lassen, daß sie leide; ich hätte vielleicht ihr Herz erreichen können und dieses Drama wäre vermieden worden . . .«

»Ist das alles, was Sie über diesen wichtigen Besuch den letzten Ihrer Schwester, sagen können?«

»Nein! Es gibt noch etwas, das ich gerne den Herren Geschworenen erklären möchte: als meine Schwester mein Zimmer betrat, hielt sie ein weißes Band in ihrer Hand, das heißt, sie hielt zwei Enden eines Seidenbandes, das scheinbar aus ihrer Tasche kam. Sie hielt mir beide Enden hin und bat mich, selbige an ihrem Handgelenk festzubinden. ›Unten einen Knoten und oben eine Schleife,‹ sagte sie, ›so daß es nicht abkommen kann.‹ Da ich dies oft für sie getan, zögerte ich keine Sekunde und machte die Schleife. Ich dachte, das Band halte ihren Fächer oder ein Bukett; es zeigte sich jedoch, daß . . . die Herren wissen ja das Übrige und ich möchte bitten, mir die Wiederholung zu ersparen.«

Kein Rechtsanwalt hätte einen klügeren Zug anweisen können – und doch hörte ich später, daß sie die Hilfe der besten Anwälte ablehnte. Ihre Aussage machte einen tiefen Eindruck und die Gefühle aller wandten sich ihr zu.

Der Untersuchungsrichter, der diesen Zug, welcher seinen Angriff vorweg abschlug, nicht erwartet hatte, beugte zustimmend seinen Kopf; er schien sich indes schon wieder anders besonnen zu haben und sagte:

»Ich möchte sie gerne mit weiteren Fragen verschonen, finde es indes unmöglich. Sie wissen, daß Mr. Jeffrey eine Pistole besaß?«

»Gewiß.«

»Daß diese in seinem Zimmer verwahrt wurde?«

»Allerdings.«

»In der oberen Schublade eines gewissen Schrankes?«

»Ja.«

»Nun, Miß Tuttle, wollen Sie uns gefälligst erklären, warum Sie nach jener Schublade gingen – wenn Sie überhaupt dahin gingen –, und zwar unmittelbar nach Mrs. Jeffreys Weggange?«

Sie hatte diese Frage jedenfalls erwartet, nicht nur seit der Untersuchungsrichter sie zu befragen begonnen, sondern seit sie aus Lorettas Munde gehört, daß sie beobachtet worden war. Und doch hatte sie keine Antwort auf die Frage!

»Ich schaute nicht nach der Pistole,« sagte sie einfach. Sie erklärte indes nicht, nach was sie schaute, und der Richter befragte sie auch nicht weiter darüber.

Die Stimmung schien sich wieder gewendet zu haben. Miß Tuttle fühlte dies offenbar, doch ließ sie sich nichts anmerken. Im Gegenteil: sie erschien schöner denn zuvor und schaute den Geschworenen freier in die Augen. Der Untersuchungsrichter, der dies bemerkte und fürchtete, Grund zu verlieren, fragte etwas schroff:

»Demnach hatten Sie etwas anderes in dem Zimmer zu tun?«

Ihr Kopf senkte sich unmerklich.

»Ach,« murmelte sie.

»Sie gingen zu dem Büchergestell, nahmen ein Buch herunter, das Mr. Jeffrey bereits als dasjenige identifizierte, in dem er einen gewissen Zettel gefunden . . .«

»So ist es,« hauchte sie.

»Und nahmen jenes Buch zur Hand.«

»Ja.«

»Wozu, Miß Tuttle?«

Sie öffnete den Mund zur sofortigen Antwort, doch besann sie sich anders. Nach einigem Zögern sagte sie:

»Meine Schwester bat mich um einen weiteren Gefallen, ehe sie ging. An der Türe sagte sie zu mir, sie hätte in das Buch, das sie mit ihrem Gatten gemeinsam lese, eine Note für ihn gelegt, indes vorn in das Buch statt gegen das Ende, wo sie eben stünden. Da sie wünsche, daß er den Zettel zufällig fände, indes nicht wisse, ob er vorn im Buche nachschaue, bitte sie mich, den Zettel mehr dem Ende zu zu legen. Sie sei in Eile, sonst würde sie zurückgehen und es selbst besorgen. Da meine Schwester und Mr. Jeffrey in Unfrieden geschieden waren, freute mich dieser offenbare Wunsch zur Versöhnung und ich ging daher nach ihrem Zimmer, ihren Wunsch zu erfüllen. So nahm ich das Buch herunter.«

»Fanden Sie den Zettel?«

»Ja und legte ihn gegen das Ende des Buches.«

»Weiter nichts? Haben Sie den Zettel nicht gelesen?«

»Er war gefaltet,« antwortete sie einfach.

»Sie blieben nicht lange vor jenem Büchergestell?«

»Sie haben eine Zeugin, die darüber mehr zu sagen vermag als ich,« entgegnete sie, und sich der Kühnheit dieser Antwort bewußt, sah sie einem weiteren Angriffe entgegen, der auch nicht lange auf sich warten ließ. Der Untersuchungsrichter nahm die Schachtel, deren ich schon des öfteren erwähnte, legte das Band beiseite und nahm die Pistole zur Hand. Im selben Augenblicke bedeckte Miß Tuttle ihre Ohren mit den Händen.

»Weshalb tun Sie das?« fragte der Richter. »Dachten Sie, ich würde abdrücken?«

Sie lächelte gezwungen und ließ ihre Hände sinken.

»Ich habe eine unerklärliche Angst vor Feuerwaffen, hatte immer Angst davor; jetzt sind sie mir noch schrecklicher und besonders diese hier . . .«

»Ich verstehe: Ihr Schrecken scheint in dem Geräusch zu liegen, das die Waffe macht. Man sollte meinen, Sie hätten die Waffe abfeuern hören.«

Da verließ sie alle Selbstbeherrschung.

»Ich hab'! Ich hab'!« schrie sie. »Ich war an der Waverley Avenue in jener Nacht und hörte den Schuß, der offenbar meiner Schwester Leben endete. Ich ging weiter, als ich beabsichtigt hatte, nach jener Straße, die solch traurige Erinnerungen für uns birgt. Nein, ich suchte nicht nach meiner Schwester, ich brachte meiner Schwester Ausgang in keiner Weise mit dem alten Hause in Verbindung; ich war erregt, ängstigte mich und – –«

Sie hatte offenbar ihre Kraft überschätzt; sie konnte den Satz nicht vollenden. Sie hatte sich durch ihre Gefühle weiter hinreißen lassen, als sie beabsichtigte, und hielt inne, sobald sie sich dessen bewußt ward.

Dem Untersuchungsrichter entging das nicht. Mit beißender Schärfe sagte er:

»Merkwürdig. Ähnliche Eindrücke veranlaßten auch Mr. Jeffrey, nach dem verrufenen Platze zu gehen und darin herumzuwirtschaften. Der alte Herdstein scheint auf Mitglieder Ihrer Familie eine größere Anziehungskraft auszuüben, als Sie zuzugeben gewillt sind.«

Diese Bezugnahme auf ihre eigenen Worte entwaffnete sie. Sie schaute hilfesuchend auf Mr. Jeffrey; dieser jedoch starrte wie immer vor sich hin und sah sie nicht. Fühlend, daß sie den verlorenen Grund wieder gewinnen müsse, sagte sie mit zitternder Stimme:

»Sie sagten ›herumwirtschaften‹ . . . Denken Sie auch nur einen Augenblick, daß ich in dem Hause gewesen sei?«

»Miß Tuttle,« entgegnete hierauf der Untersuchungsrichter mit eindrucksvoller Stimme, »wissen Sie nicht, daß man auf der Erde, die aus einem der Blumentöpfe gefallen, der beim hastigen Fliehen der Gäste aus dem alten Hause umgestürzt worden war, eine Fußspur gefunden, einen Abdruck, den Sie – falls Sie wollen – mit Ihrem eigenen Fuß vergleichen können . . .«

»Ach!« murmelte sie und fuhr mit der Hand zum Gesicht; doch sofort ließ sie diese wieder sinken und schaute den Sprechenden voll an.

»Ich war dort – ich sagte nie, ich sei nicht dort gewesen – als ich im Hause war, um meine tote Schwester zu sehen, ging ich angesichts verschiedener Detektive geradeswegs durch die Halle nach der Bibliothek.«

». . . und daß dieser Fußabdruck,« fuhr der Untersuchungsrichter unerbittlich fort, »nicht in gerader Richtung mit der Halle läuft, sondern zur Seite zeigt, als ob die, von der er stammt, ihren Kopf gegen die Wand gelehnt habe?«

Miß Tuttle senkte ihr Haupt. Vielleicht ward ihr jetzt bewußt, daß der Untersuchungsrichter Grund habe, ihr zu mißtrauen; vielleicht bedauerte sie, jede Hilfe zu ihrer Verteidigung abgelehnt zu haben – wie dem auch sei, sie gab den Kampf nicht auf.

»Als ich in das Haus ging,« sagte sie, »geschah dies nicht mit der Absicht, jenes Zimmer zu betreten; ich hatte zu große Furcht davor. Als ich meinen Kopf gegen die Wand lehnte, tat ich dies infolge des Schreckens über den gehörten Schuß. Es kam so plötzlich und war so schrecklich – schrecklicher, als Sie sich vorzustellen vermögen . . .«

»Demnach gingen Sie in das Haus?«

»Ich ging.«

»Und hörten den Schuß drinnen und nicht von draußen?«

»So ist es. Ich stand an der Türe der Bibliothek.«

»Sie geben dies zu?«

»Ich sagte so.«

»Sie gingen aber nicht in das Zimmer?«

»Nicht damals; erst als ich von dem Polizisten, der mir den Tod meiner Schwester mitteilte, dahin geführt worden war.«

»Dies klare Geständnis freut uns; es ermutigt mich, wieder zu fragen, was Sie veranlaßte, in jenes Haus zu gehen? Sie sagen, es sei nicht Besorgnis um Ihre Schwester gewesen; was denn? Nur eine klare und offene Antwort kann uns befriedigen, Miß Tuttle.«

Sie fühlte dies mehr denn irgend jemand.

»Ich kann diese Frage nicht beantworten,« sagte sie.

»Wir wollen Sie dazu nicht zwingen,« entgegnete der Richter mit scheinbarer Nachsicht. Die indes, welche das Gesetz kannten, daß ein Zeuge nicht auszusagen brauche, wenn er sich dadurch selbst belaste, verstanden diese »Nachsicht«.

»Vielleicht können Sie diese Frage beantworten,« fuhr er fort. »War das Haus beleuchtet oder nicht, als Sie eintraten? Und wie kamen Sie hinein?«

»Das Haus war dunkel und ich trat durch die Fronttüre, welche ich offen fand.«

»Sie haben in der Tat mehr Mut, als die meisten Damen! Ich glaube kaum, daß es viele gibt, die selbst bei hellem Tageslicht und in Begleitung das Haus betreten würden . . .«

Sie richtete sich stolz auf.

»Miß Tuttle: Sie hörten Chloe aussagen, daß Sie in der Küche gewesen seien, als der Junge die Kerzen brachte, die Mr. Jeffrey im Spezereiladen hatte liegen lassen – ist das wahr?«

»Gewiß, das ist wahr.«

»Haben Sie die Kerzen gesehen?«

»Nein.«

»Sie haben sie nicht gesehen?«

»Nein.«

»Sie standen aber doch vor dem Tische.«

»Ja; ich faßte die Pakete aber nicht an – ich hatte nichts damit zu tun.«

»Sie sagten uns noch nicht, was Sie taten, als Sie den Schuß hörten,« wandte der Untersuchungsrichter plötzlich seine Fragen.

»Ich lief fort, so schnell ich konnte.«

»Wohin?«

»Nach Hause.«

»Es war aber bereits halb elf Uhr, als Sie nach Hause kamen.«

»War es?«

»Es war halb elf Uhr, als der Polizist kam und Ihnen den Tod Ihrer Schwester anzeigte.«

»Das mag sein.«

»Ihre Schwester starb laut ärztlicher Aussage innerhalb weniger Minuten. Wo waren Sie in der Zwischenzeit?«

»Gott weiß es – ich weiß es nicht.«

»Vielleicht kann ich Ihrem Gedächtnis nachhelfen:

waren Sie nicht in der Kongreß-Bibliothek und betrachteten die Gemälde und kostbaren Leuchter?«

»Ich?!« fragte sie und öffnete ihre Augen in zweifelhaftem Staunen. »Falls ich wirklich dort gewesen sein sollte, so weiß ich davon nichts! Ich kann mich daran nicht erinnern!«

»Ihre Geistesabwesenheit und die von Mr. Jeffrey scheinen sich ja merkwürdig ähnlich zu sein,« bemerkte der Richter sarkastisch.

»Nein, nein!« protestierte sie.

»Und scheinen der gleichen Quelle entsprossen,« fuhr der Sprecher unerbittlich fort.

»Nein, nein!« schrie sie diesmal.

»Ich weiß nicht, was in jener Nacht in seinem Herzen vorging, ich weiß aber, was in dem meinen vorgegangen: Furcht vor dem alten Hause, zu dem ich gegen meinen Willen gezogen ward, vielleicht durch die Gewalt des sich darin abspielenden Dramas, gipfelnd in einem Delirium des Schreckens, das mich veranlaßte, mich in der gegenseitigen Richtung von meinem Hause zu wenden, nach Plätzen, die ich aufzusuchen pflegte, da mein Herz ruhig schlug und sorgenlos gewesen . . .«

Der Untersuchungsrichter schaute die Geschworenen an, welche ihre Köpfe schüttelten; er schüttelte auch den seinen und fuhr fort:

»Noch eine Frage, Miß Tuttle. Als Sie aus der Tiefe des Bibliothekzimmers einen Schuß hörten: was glaubten Sie, daß darin vorgehe?«

Wieder bedeckte sie die Ohren mit den Händen – es schien, als ob sie diese instinktive Bewegung nicht vermeiden konnte, sobald sie an die Vorgänge jener Nacht erinnert würde – und entgegnete mit lauter Stimme:

»Etwas Schreckliches – etwas Übernatürliches! Es war Nacht, wie Sie wissen und die Nacht flößt schaurige Gedanken ein – –«

»Und doch erklärten Sie eine Stunde oder zwei später, daß der Mantel keinen Todesstein berge! Sie vergaßen den Schrecken und Aberglauben, sobald Sie Ihr eigenes Heim betreten hatten?«

»Vielleicht; wenn dem aber so gewesen, kehrten sie aber bald wieder. Ich hatte Grund zu meinem Schrecken und zu meinem Aberglauben, wie die Tatsachen bewiesen.«

Der Untersuchungsrichter bestätigte dies nicht; er bereitete eine weitere Frage vor.

»Miß Tuttle: hatten Sie beim Nachhausekommen vom Moore Hause eine Unterredung ohne Zeugen mit Mr. Jeffrey?«

»Nein.«

»Sprachen Sie zusammen?«

»Ich glaube, wir sprachen zusammen, was ganz natürlich wäre.«

»Gewiß – Sind Sie willens zu wiederholen, was Sie zusammen gesprochen?«

»Ich glaube nicht, daß ich das kann.«

»Sie sagten doch etwas und er antwortete darauf?«

»Ganz natürlich.«

»Sprachen Sie in englischer Sprache?«

»Nein, französisch.«

»Können Sie uns das Gesagte übersetzen?«

»Es ist schon so lange her, daß ich mich dessen nicht mehr erinnere.«

»Erinnern Sie sich vielleicht besser an eine zweite und längere Unterhaltung am nächsten Tage?«

»Nein.«

»Können Sie uns gar nichts darüber sagen?«

»Nein.«

»Das ist Ihre endgültige Antwort auf diese Frage?«

»Es ist!«

Sie war nie zuvor unter dem Kreuzfeuer solcher Fragen gewesen; sie fühlte sich stolz, den Angriff energisch abgeschlagen zu haben, trotz der Geduld, mit der sie sich gewappnet. Mit geröteten Wangen und blitzenden Augen schaute sie den Mann an, der sie so quälte, und verbeugte sich kaum merklich vor ihm, als er sie entschuldigte und sie zurücktrat, ihren Sitz einzunehmen.

Mit ihrem Zurücktreten legte sich wieder die sorgenvolle Wolke über die Gesichter der Geschworenen.

Das Verhör war beendet.

Wie würde das Urteil lauten?

Zwei Personen glaubten fest an ein Verdikt auf »Selbstmord infolge Geistesgestörtheit«, nämlich Mr. Jeffrey und Miß Tuttle. Nun, da der kritische Augenblick gekommen, richteten sie sich in ihren Sitzen auf und begegneten den Blicken, die sich auf sie konzentrierten, mit der Würde bewußter Unschuld. Sie vermieden zwar, sich gegenseitig anzuschauen, indes war aus ihren Zügen zu ersehen, daß sie fühlten, sie vertraten eine gemeinsame Sache. Und wenn es wirklich wahr gewesen, daß sie sich früher nicht näher gestanden, als sie beide angaben, so war es doch deutlich, daß diese Verhandlung sie näher gebracht, als sie sich je im Leben gewesen! – –

Die Schnelligkeit, mit der die Geschworenen zu einem Beschlusse kamen, überraschte uns. Es verging kaum eine halbe Stunde, als sie melden ließen, sie seien zu einer Entscheidung gekommen.

Mr. Jeffrey und Miß Tuttle rieben nervös ihre Hände. Miß Tuttle zog den Schleier wieder über ihr Gesicht und lauschte.

»Wir finden,« sagte der Obmann,

»daß Veronika Moore-Jeffrey, die in der Nacht des elften Mai tot auf dem Boden ihres eigenen Hauses an der Waverley Avenue gefunden wurde, infolge einer Kugel starb, die aus einer Pistole abgefeuert ward, welche vermittelst eines Seidenbandes an ihr Handgelenk geknüpft worden war;

»daß die Theorie des Selbstmordes nicht vollkommen erwiesen ist und

»daß versucht werden sollte, der Person habhaft zu werden, welche die Pistole abdrückte.«

Dies war fast so gut als eine Anklage Miß Tuttles, ohne deren Namen zu nennen.

Ein Murmeln ging durch die Menge, und Mr. Jeffrey sprang auf, seiner Entrüstung über dieses Verdikt freien Lauf zu lassen. Miß Tuttle indes erhob ihre Hand mit gebietender Geste und verblieb so, bis Mr. Jeffrey sich beruhigt und wieder gesetzt hatte.


16.
Ein eingefleischter Egoist.

Hätte es in meiner Macht gestanden, ich hätte den beiden in diesem Augenblicke sicher eine Unterredung gestattet, nach der sie offenbar verlangten und die für beide eine große Erleichterung gewesen wäre. Jedoch ein unbeugsamerer Geist als der meine hatte nunmehr die Angelegenheit in den Händen, und der Staatsanwalt – denn dieser war es – war unerbittlich. Miß Tuttle genoß jede mögliche Nachsicht und ward mit allem Respekt behandelt, indes ward ihr nicht gestattet, mehr zu ihrem Schwager zu sagen als »Auf Wiedersehen«. Mr. Jeffrey preßte die Lippen zusammen, schaute mit einem Blicke voll Dankbarkeit und Liebe nach ihr hin, mit einem Blicke, in dem eine ganze Welt lag, drückte ihr herzlich die Hand und ging, ohne ein einzig Wort zu sprechen.

Das Lächeln, das sich über Miß Tuttles Züge legte, als sie dahinging, machte mich vom gläubigen zum ungläubigsten aller Menschen. »Sie ist unschuldig,« sagte ich mir, und sofort nahm dieser Gedanke mein ganzes Selbst gefangen. Warum dieser Umschwung? Woher diese Überzeugung? Dieser plötzliche Stimmungswechsel? Ich weiß es nicht! Ich ging dahin, Sturm im Gehirn und in der Brust. War ich es doch, der eigentlich das meiste dazu beigetragen zu ihren Qualen und Erniedrigungen und ich wartete mit Unruhe auf eine Gelegenheit, ihr einen Dienst zu erweisen, um mich selbst zu beruhigen.

Eines war mir klar, noch ehe ich den Saal verlassen: Mr. Jeffrey werde angesichts der offenbaren Mißbilligung Miß Tuttles keinen weiteren Versuch machen, die dunkle Affäre aufzuklären. Er sagte nur beim Verlassen des Saales laut, so daß der Staatsanwalt es hören konnte:

»Ich glaube nicht, daß meine Gattin erschossen ward! Das Verdikt ist unsinnig! Meine Frau tötete sich selbst. Ward nicht die Pistole an ihr gefunden?«

Nur seine Aufregung konnte ihn vergessen lassen, daß Miß Tuttle es gewesen, welche die Pistole an den Arm der Toten gebunden und daß man keinen anderen Beweis als ihr eigen Wort dafür hatte, daß sie die Schleife vor und nicht nach dem Tode ihrer Schwester knüpfte. Ich glaube, ich verstand ihn und ich fühlte mit ihm. Die anderen indes, die ihm weniger freundlich gesinnt waren, legten seinen Worten keinen Wert bei.

Inzwischen beschäftigte mich die Abwesenheit Onkel Davids von der heutigen Verhandlung, die doch von solcher weittragenden Wichtigkeit für die Mooresche Familie war. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Kollegen zu fragen, was er davon halte?

Der lachte nur und sagte:

»Onkel David hat keine seiner Eigenheiten aufgegeben, seit er der reiche Erbe geworden. Heute ist der Jahrestag seiner Frau und den verbringt er auf dem Friedhofe. Wußten Sie das nicht? Nichts auf Erden vermöchte ihn abzuhalten, den dreiundzwanzigsten Mai auf dem Friedhofe zu verbringen, und sicher nicht eine solche ›Bagatelle‹, wie der Tod seiner nächsten Verwandten.«

»Wie lange bleibt er dort?«

»Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, sagt man. Ich selber habe ihn nie gesehen; mein Viertel liegt auf der entgegengesetzten Seite.«

Ich bot ihm »Guten Tag« und machte mich auf nach dem Rock Creek-Friedhofe. Es waren noch mehr als zwei Stunden und ich beschloß, den Sonderling dorten aufzusuchen.

Es vergingen eine und eine viertel Stunde, ehe ich an meinem Ziele ankam; fünf Minuten mehr zum Grabe, woselbst ein eleganter Wagen stand, daran zwei prächtige Pferde gespannt waren. Der frisch aufgeworfene Grund und blühende Blumen zeigten, daß das Grab neu bepflanzt worden war. In der Mitte des Platzes stand ein einfacher Stein und daneben kniete Onkel David in eleganter Kleidung. Er rieb mit seinen Fingern vorsichtig die Flechten von dem Namen, der seiner eigenen Angabe gemäß das Einzige nannte, das er je im Leben geliebt. Zu seinen Füßen stand ein offener Korb, der die Reste einer kalten Mahlzeit enthielt; ganz offenbar hatte er keine seiner alten Gewohnheiten aufgegeben.

Die rasselnden Ketten der Pferde, deren Wiehern und die Zurufe des Kutschers machten einen sonderbaren Eindruck inmitten der sonstigen Grabesstille.

Ich ging ohne weiteres auf den Knienden zu und sagte:

»Die untergehende Sonne wird Sie bald erlösen, Mr. Moore. Gehen Sie direkt nach der Stadt zurück?«

Er hielt in dem Reiben inne, das so zart und vorsichtig geschehen, als ob er den Namen liebkosen wolle; dann schaute er ungeduldig um und sagte mürrisch:

»Ich bin nicht gewohnt, unterbrochen zu werden, höchstens von ungezogenen Jungen – daran bin ich gewöhnt und beachte sie kaum mehr,« setzte er etwas höflicher hinzu. »Ah, dort stehen einige meiner alten Freunde! Es ist Zeit, daß sie endlich wissen, daß eine Änderung in meinen Verhältnissen eingetreten. He dort! Hände auf! Fangt!« rief er. »Hier! Noch einmal! Noch einmal! Aber sagt nichts davon, sonst bekommt ihr nächstes Jahr wieder Kupfer!« Dabei warf er Vierteldollarsstücke rechts und links und freute sich kindisch an dem Rennen, Streiten und Schreien der Jungen, die sich um das Geld rissen.

»Jetzt geht fort!« rief Onkel David.

Die Jungen gehorchten, indem sie schrien:

»Gut, Onkel David! Nächstes Jahr kommen wir wieder, aber nicht für Viertel, sondern für Halbe!«

»Ich will ihnen Ganze geben, wenn ich's erlebe,« murmelte er. Plötzlich schien er sich meiner Frage zu erinnern:

»Ich gehe direkt nach Hause,« sagte er zu mir gewendet. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Nichts, danke. Ich dachte nur, Sie hörten gerne das Neueste: die ganze Stadt ist in Aufregung; die Geschworenen brachten eben ein Verdikt, daß Selbstmord nicht erwiesen sei – was natürlich gleichwertig ist mit der Annahme eines Mordes.«

»Ah!« rief er überrascht. »Und wen beschuldigt man des Verbrechens?«

»Es ward kein Name genannt, indes fällt der Verdacht auf Miß Tuttle.«

»Miß Tuttle? He?«

»Mr. Jeffrey hat unzweifelhaft bewiesen, daß er weit vom Schauplatze entfernt war, als der Schuß fiel, während sie – –«

»Ich höre zu . . .«

»Im Moore Hause war, sogar an der Türe der Bibliothek und den Schuß gehört haben will – falls sie ihn nicht selbst abfeuerte, wie viele glauben, ganz besonders der Staatsanwalt. Sie hätten dort sein sollen, Mr. Moore.«

Er schaute mich überrascht an.

»Ich bin am dreiundzwanzigsten Mai nirgends als wie hier!«

»Miß Tuttle benötigte jemanden, der ihr Rat erteilte.«

»Das mag wohl sein,« sagte er trocken.

»Sie wären da gewiß am Platze gewesen.«

»Und willkommen, was?«

Ich glaube nicht, er wäre sehr willkommen gewesen, hütete mich indes, dies auszusprechen. Er schien sich zu freuen, daß er Fortschritte in der Freundschaft seiner Familie gemacht habe.

»Miß Tuttle kann mich fast noch weniger leiden,« sagte er, »als Veronika konnte, und glaube ich daher kaum, daß sie meinen Rat gewünscht oder angenommen hätte. Doch eines soll sie wissen und das Publikum im allgemeinen: sie kann über jeden Betrag verfügen, den sie in dieser . . . Kalamität nötig hat. Sie kann zwar keinerlei rechtliche Ansprüche an mich stellen, das hat aber nichts zu sagen, sobald es sich um die Ehre der Familie handelt. Ihrer Mutter Gatte war mein Bruder – das Mädchen soll alles haben, was sie braucht. Ich werde ihr das schreiben!«

Er schritt seiner Droschke zu.

»Feines Gefährte,« sagte er selbstgefällig.

Ich stimmte dem bei.

»Das Beste, was Downey in der Zeit, die ich ihm erlaubte, aufbringen konnte,« fuhr er fort. »Wenn ich erst einmal das Vermögen in Händen habe – man wird staunen – – man wird staunen!«

Er hatte bereits seinen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als er, nach Westen schauend, bemerkte, daß die Sonne noch nicht ganz untergegangen war. Er suchte daher eine Verzögerung und sagte:

»Haben Sie mich was Besonderes zu fragen?«

Ich schaute bezeichnend nach dem Kutscher auf dem Bock.

»Sie können ruhig reden,« sagte Onkel David, »Cesar hört und sieht nichts als seine Pferde, wenn er mich fährt.«

Wirklich saß der Mann dort oben wie ein Bild von Stein, als hätte er im Leben nie was anderes getan, als den alten Sonderling gefahren.

»Er kennt seine Pflichten . . . Was haben Sie mir zu sagen?«

Ich zögerte nicht länger.

»Man vermutet, daß Miß Tuttle in der Nacht im Moore Hause gewesen sei, als Sie mich riefen. Sie haben zwar geschworen, Sie hätten niemanden ins Haus gehen sehen; trotzdem sind Sie vielleicht in der Lage, dem Gericht und dem Publikum im allgemeinen zu beweisen, daß sie es nicht gewesen, die den Schuß feuerte. Die öffentliche Meinung verdammt leicht, und ob schuldig oder unschuldig, das Omen eines Mordes bleibt an ihr haften, falls nicht unzweifelhaft bewiesen werden kann, daß sie die Bibliothek nicht vor Ankunft der Polizei betreten.«

»Und wie glauben Sie, daß ich das beweisen kann? Angenommen, ich hätte wirklich an meinem Fenster gesessen und hätte die Türe beobachtet, durch die so viele Personen eingegangen sein wollen – was ich aber nicht tat, wie ich unter Eid erklärte –, wie sollte ich durch Wände schauen können, da man kaum über die Straße schauen kann?«

»Demnach vermögen Sie nicht, ihr irgendwie zu helfen?«

Er sprang in seinen Wagen, setzte sich und sagte:

»Ich möchte gerne; sie ist zwar keine Moore, doch nahe genug verwandt, die Familienehre zu berühren. Da ich sie indes nicht einmal eintreten sah, kann ich nichts für sie tun. – Nach Hause, Cesar, und fahre geschwind. Ich bin nicht gerne im Zwielicht auf der Straße . . .«

Das Gefährt rollte dahin und war bald meinen Blicken entschwunden.


17.
Auf neuer Fährte.

An diesem Abend beschäftigte sich mein Geist mehr denn je mit Miß Tuttle. In meinen Augen war sie unschuldig, demnach ein Opfer der Justiz. Aber ein Opfer von was? Von überschwenglichem Pflichtgefühl? Pflichtgefühl gegen wen? gegen was?

Es erschien mir plötzlich als meine Pflicht, ihre Unschuld zu beweisen, denn ich war es eigentlich, der sie in die gegenwärtige Lage brachte.

Der Fall Tuttle ward vom Staatsanwalt nun ganz offen betrieben, und hatte ich naturgemäß niemanden, der meine Ansicht teilte. Da es bei mir jedoch unumstößlich feststand, daß sie das Opfer von Indizienbeweisen sei, hoffte ich – gegen alle Hoffnung –, daß es mir gelinge, eine Fährte zu finden, die nach den Beweisen ihrer Unschuld führte. Das »wie« war die große Frage. Es schien, als ob alles bekannt wäre, was den Fall betreffe, mit Ausnahme dessen, was vielleicht Mr. Jeffrey und Miß Tuttle verheimlichten. Hätte der erstere sein Alibi nicht so treffend bewiesen, er hätte gegen den nunmehr offenen Verdacht nicht erfolgreich angehen können. So aber, nach dem klaren und glaubwürdigen Zeugnis eines Mannes wie Tallman, war jede Möglichkeit ausgeschlossen, noch jetzt die Tat auf seine Schultern zu wälzen. Blieb wirklich Mrs. Jeffreys Uhr beim Hinfallen stehen – und die Richtigkeit dieser Theorie war noch nie bezweifelt worden –, dann war es absolut unmöglich, daß Mr. Jeffrey zu der Zeit an der Waverley Avenue sein konnte, als der fatale Schuß fiel. Die Tore des Friedhofes wurden bei Sonnenuntergang geschlossen; die Sonne ging an jenem Tage eine Minute nach sieben unter, und die Entfernung des Friedhofes von der Stadt ist eine beträchtliche. An seinem Alibi ließ sich nicht rütteln. Falls er demnach seine Hand im Werke hatte, konnte dies nur in der Weise sein, daß er Miß Tuttle als Werkzeug benutzte, sich von einer ungeliebten Gattin zu befreien. Daran glaubte ich nicht. Ich war überzeugt, daß Miß Tuttle die Bibliothek tatsächlich nicht betreten und daß sie die Schleife zu Hause gebunden. Es gehörte zwar ein besonderer Glaube hierzu, doch die Überzeugung war mir unwillkürlich in Fleisch und Blut übergegangen.

So stand ich vor einem scheinbar unlösbaren Rätsel, wenn nicht Onkel David – –

Um zu einem Beschlusse zu kommen, legte ich mir die Gründe dar, welche die Geschworenen zu ihrem Verdikt veranlassen konnten:

1. Die offenbare Erleichterung Mr. Jeffreys, als er einen Zettel gefunden, in dem seine Gattin auf Selbstmord hinwies.

2. Die Möglichkeit – infolge der gleichen Handschriften der Schwestern –, daß die sogenannte letzte Mitteilung eine Fälschung sein könne und nicht von Mrs. Jeffrey stamme.

3. Die Tatsache, daß das Buch, in dem dieser Zettel lag, in Miß Tuttles Händen war.

4. Die Tatsache, daß sie unmittelbar, nachdem sie das Buch zurückgestellt, in die Schublade schaute, in der Mr. Jeffrey seine Pistole aufbewahrte.

5. Daß die Möglichkeit bestand, daß sie die Pistole genommen, obwohl ein Beweis hierfür nicht besteht und sie behauptet, einen Gegenstand – offenbar die Pistole – an ihrer Schwester Handgelenk gebunden zu haben.

6. Daß, wenn dem so war, die Pistole und das Band vor oder nach dem Abfeuern der Waffe noch von anderen Händen angefaßt worden war, von Händen, die zuvor den Staub berührt hatten, der im Überfluß im Bibliothekzimmer vorhanden.

7. Daß Miß Tuttle zugegeben, allerdings nach langem Sträuben, daß sie nicht nach der Waverley Avenue, sondern sogar in das Moore Haus gegangen war und an der Tür der Bibliothek gestanden im Augenblicke, als der fatale Schuß fiel.

8. Daß, weil sie dies gestand, sie positiv verneinte, den Schuß in irgend welcher Weise mit ihrer Schwester in Verbindung gebracht zu haben. Sie war jedoch erwiesenermaßen so erregt, daß sie nicht einmal wußte, wo sie gewesen, bis sie endlich wieder in ihrer Schwester Haus anlangte, als eben ein Polizist eintrat.

9. Daß sie bei Ansicht des Polizisten aufschrie und demnach wußte, was er bringe, noch ehe der Mann ein Wort gesprochen.

10. Daß die im Moore Haus gefundenen Kerzen dieselben waren, wie die, welche Mr. Jeffrey kaufte und die später in der Küche abgeliefert worden waren.

11. Daß Miß Tuttle außer der Köchin die einzige Person in der Küche war und daß das Paket mit den Lichtern unmittelbar nach ihrem Weggange vermißt wurde.

12. Daß sie genügend Gelegenheit gehabt, sich mit Mr. Jeffrey auszusprechen, ehe die Polizei die Angelegenheit in die Hände nahm; daß sie sowohl als auch Mr. Jeffrey noch nicht die Hälfte dessen sagten, was sie wußten, und so beide dem Verdacht Tür und Tor öffneten, bei der Beseitigung einer unerwünschten Gattin beteiligt zu sein.

Wahrlich eine gravierende Liste, der ich nichts entgegenstellen konnte als meinen Glauben an ihre Unschuld und die bisher unbeachtete, doch keineswegs unwichtige Tatsache, daß das Vermögen, das Mrs. Jeffrey in die Ehe brachte, und das Haus, welches Miß Tuttle gegeben worden war, durch den Tod Mrs. Jeffreys dem alten David Moore zufielen.

Während ich sann und sann, wie ich meinen Glauben durch Beweise begründen könne und ob es doch möglich sei, daß Miß Tuttle aus Liebe zu Mr. Jeffrey ein solches Verbrechen begehen konnte, brach ein Lichtschein in das Dunkel, der allerdings aus ganz unerwarteter Richtung kam.

Ich erinnerte mich Mr. Jeffreys Bemerkung: seine Gattin sei nicht dieselbe gewesen, seit sie ihren Fuß zum ersten Male über die Schwelle des alten Moore Hauses gesetzt. Demnach mußte der Trauung etwas vorhergegangen sein, das ihren Geisteszustand . . . Hat es vielleicht an jenem Tage noch etwas gegeben, das die Zeitungen unbeachtet ließen?

Ich suchte meinen Freund, den Reporter, auf und fragte ihn, woher er die Tatsachen zu dem Artikel bekommen, welcher am Vorabend der Hochzeit im »Star« erschienen und ganz Washington in Aufruhr versetzt habe. Daß er sie von Augenzeugen erfahren, stand außer Frage. Wer war der Augenzeuge? Erst wollte er damit nicht herausrücken; als er indes meine Gründe kannte, nannte er den Namen einer jungen Dame, die zwar der besten Gesellschaft angehört, jedoch bisweilen die neuesten Klatschgeschichten den Zeitungen mitteilt.

Wie ich diese junge Dame kennen lernte und ihr Vertrauen gewann, ist nebensächlich; genug, daß ich meinen Zweck erreichte.

Wir hatten eben über Mr. Jeffrey und Miß Tuttle gesprochen, als sie das Gespräch auf die Braut brachte. Die Zeremonie habe verspätet stattgefunden – ob ich das wisse? etwa dreiviertel Stunden nach der festgesetzten Zeit. Und warum? Weil Miß Moore nicht fertig war. Sie hatte sich vorgenommen, sich im Moore Hause anzukleiden, und war auch früh genug dahin gekommen; doch sie verweigerte jede Hilfe, selbst die ihrer Zofe, und so mußten eben die Gäste warten. »Die nervöseste Person an jenem Morgen war zweifellos Miß Moore.« Mögen andere über Miß Tuttle oder Mr. Jeffrey sprechen, sie könnte Sachen erzählen, die beweisen, daß etwas mit der Braut nicht recht in Ordnung war, ehe der Todesfall in der Bibliothek die Gemüter erregte. Die Tatsache allein schon, daß die Braut ohne ihr Bukett herunterkam und sich ohne dasselbe trauen ließ, ist bezeichnend genug! Hätten die Gäste nicht so viel über den Todesfall im Hause gesprochen, sie hätte sich gewiß über das Fehlen des Buketts ebenso gewundert wie sie, die Sprecherin, und zwei andere Damen.

»Welche Damen?« fragte ich.

»Das ist nebensächlich; zwei aus der besten Gesellschaft. Ich weiß, sie bemerkten es, denn ich hörte sie darüber sprechen. Wir alle standen in der oberen Halle, fast bis an die Türe des Brautzimmers gedrängt, und warteten ungeduldig auf das Erscheinen der Braut. Es war dies kurz, ehe die grausame Entdeckung im Bibliothekzimmer gemacht worden war. Wir hatten gehört, die Braut ließe sich in dem alten Brautschleier ihrer Urgroßmutter trauen, der aus den feinsten Brüsseler Spitzen gefertigt war, und da ich eine große Schwäche für feine Spitzen habe, beschloß ich, an der Türe ihres Zimmers stehen zu bleiben, um ihr Erscheinen abzuwarten. Dies Warten wäre allerdings höchst langweilig gewesen, hätte ich nicht der Unterhaltung der beiden erwähnten Damen lauschen können; ich tat selbstredend, als ob ich nichts hörte, jedoch ist mir kein Wort entgangen. Was sie sagten? Oh, sie sprachen über das Bukett, das ich, nebenbei bemerkt, die ganze Zeit vor mir hatte, denn der Junge, der es brachte, war noch nicht in Miß Moores Zimmer gelassen worden. Wie die Damen sagten, stand er schon eine volle Stunde da; er klopfte von Zeit zu Zeit, doch niemand antwortete ihm.

›Das ist fast rücksichtslos,‹ hörte ich die eine Dame sagen. ›Veronika hat keine Entschuldigung für solche Gedankenlosigkeit. Es ist schon über eine Stunde, daß sie sich in ihr Zimmer eingeschlossen; nicht einmal ihre Zofe läßt sie eintreten – sie sagt, sie wolle sich allein ankleiden. Eines ist sicher: sie kann ihren Schleier nicht ohne Hilfe aufstecken und muß bald jemand rufen.‹

Die andere bemerkte dazu, die Moores seien alle etwas sonderbar und sie beneide Francis Jeffrey nicht.

›Was, nicht mit fünfzigtausend Dollars pro Jahr?‹ rief die erste. ›Ich habe einen Sohn, der mit diesem Betrage noch ganz andere Eigenheiten mit in den Kauf nehmen würde.‹

In der Tat, sie hat einen solchen (sagte die Sprecherin) und ganz Washington weiß es. Nun kamen die beiden auf Miß Tuttle zu sprechen.

›Warum kommt sie nicht und nimmt das Bukett in Empfang? So was! Mr. Jeffrey würde sich nicht sehr geschmeichelt fühlen, wüßte er, wie sein Bukett behandelt wird – ich nehme an, daß er diese prachtvollen Maiglöckchen und Rosen bestellte . . . großartig, nicht wahr?‹

›Miß Tuttle schaute schon mehrere Male aus ihrer Türe,‹ hörte ich die andere sagen; ›sie sieht reizend aus, nur etwas blaß . . . sie konnte Veronika nie zügeln . . .‹

›Still,‹ sagte die andere, ›du sprichst zu laut.‹ Das amüsierte mich so, daß ich sicher in der nächsten Minute laut aufgelacht hätte, wäre nicht in demselben Augenblicke ein anderer Junge gekommen, der an Veronikas Türe klopfte mit einer Energie, die Antwort verlangte. Er hatte jedoch nicht mehr Glück als der andere; da er aber nicht viel Zeit zu haben schien und des Wartens müde war, klopfte er wieder, diesmal stärker und rief: ›Ihr Bukett, Miß, und eine Mitteilung, die ich Ihnen machen soll, ehe Sie nach unten gehen. Der Herr ist sehr dringlich damit.‹

Ich glaube nicht, daß von den aufgeregten Gästen außer uns noch jemand das Gesagte hörte. Ich weiß, Veronika hörte es, denn sie öffnete die Türe ein wenig, so wenig, daß der Junge seinen Mund an die Spalte legen mußte, um ihr seine Botschaft zuzuflüstern; dann hielt er sein Ohr hin, die Antwort zu hören, die allerdings etwas lange auf sich warten ließ. In der Zwischenzeit nahm er dem Gärtnerjungen das Bukett aus der Hand und drückte es durch die Türspalte ins Zimmer. Kaum hatte er seine Antwort erhalten, als er davonlief, gerade als die Gäste sich wieder in die Halle drängten.

Doch wozu erzähle ich Ihnen das?« fragte die Sprecherin plötzlich. »Es ist sicherlich von keiner Bedeutung, daß Veronika Moore einen Jungen an ihrer Türe warten läßt, während sie sich ankleidet; es zeigt aber, wie sonderbar sie selbst damals schon war. Ich für meinen Teil glaube fest an Selbstmord und glaube auch den Grund, den sie angegeben. Hätte sie Mr. Jeffrey wirklich lieb gehabt, hätte sie sein wunderbares Bukett sofort angenommen.«

Da ich nicht ihre »Ansichten« kennen lernen wollte, sondern Tatsachen, fragte ich:

»Sie entschuldigen, wenn ich sage: Sie greifen vor. Die Türe des Brautzimmers war eben geschlossen worden; wann ward sie wieder geöffnet?«

»Nach einer guten halben Stunde. Die Erregung war allgemein und Miß Tuttle und einige andere ihrer besten Freundinnen hatten wiederholt an Veronikas Türe geklopft. Jedermann wunderte sich, was wohl die Braut zurückhalte und wie lange man noch warten müßte. Da öffnete sie die Türe, ich sah ihr Gesicht und hörte sie nach ihrer Zofe rufen. Oh, ich bin sicher, es war nicht ganz richtig mit Veronika Moore an jenem Tage. Ich habe mich oft gewundert, warum sie so zusammengefahren, als Francis Jeffrey bei der Zeremonie ihre Hand ergriff, den Ring anzustecken. Es war keine mädchenhafte Scheu, kann auch nicht Schreck gewesen sein, denn sie hörte erst nach der Trauung, was sich im Hause ereignet hatte. Konnte ihr im letzten Augenblicke, da es schon zu spät war, zum Bewußtsein gekommen sein, daß sie einen Mann geheiratet habe, den sie nicht liebe? Was denken Sie davon?«

Statt ihre Frage zu beantworten, stellte ich eine neue:

»Haben Sie den Jungen je wiedergesehen, der Miß Moore jene Mitteilung machte?«

»Den Jungen? Warten Sie einmal – ja, ich habe ihn sogar zweimal gesehen; das erstemal in einem Seitengange im Gespräch mit Mr. Jeffrey und das zweitemal an der Türe des Wagens, in dem das Brautpaar wegfuhr, und zwar kurz nach der Trauung. Diesmal sprach Mrs. Jeffrey zu ihm und ich wunderte mich, wie glücklich er ausschaute im Gegensatz zu allen anderen, die bleich waren wie der Tod.«

»Wissen Sie, wie der Junge heißt?«

»Sein Name? Nein. Er ist Kellner bei Kauschers, ein Lockenkopf mit blonden Haaren. Sie sehen ihn überall. Wie er heißt, weiß ich nicht. Denken Sie, er weiß mehr als andere? Wenn er das Geringste wüßte, was andere nicht kennen, hätte man das längst erfahren; derartige Leute sind die größten Klatschbasen der Stadt« – ich wunderte mich, für was sie sich selbst hielt – »und sind froh, wenn sie was erzählen können.«

Damit mochte sie wohl recht haben.

Als sie fortgegangen, sagte ich mir, daß ich mehr wisse, als ich je gehofft, von ihr zu erfahren. Sofort legte ich mir meiner Gewohnheit gemäß das Gehörte zurecht:

1. Die Trauung von Veronika Moore und Francis Jeffrey fand fast eine Stunde nach der angesetzten Zeit statt.

2. Dies geschah infolge einer Kaprize der Braut, die niemanden in ihr Zimmer lassen wollte, nicht einmal ihre Zofe.

3. Das Brautbukett war nicht bei der Trauung; es war entweder vergessen worden oder absichtlich zurückgelassen. Da dies Bukett zweifellos ein Geschenk des Bräutigams war, ist diese Tatsache beachtenswert.

4. Sie empfing eine Mitteilung von Wichtigkeit, ehe sie nach unten ging. Von wem? Vom Bräutigam?

5. Der Bote schien über die Antwort, die er zurückbringen sollte, überrascht. Und doch hatte man nie gehört, daß er darüber gesprochen. Warum? Weshalb schwieg er, während die ganze Stadt über die Angelegenheit sprach? Wer oder was veranlaßte ihn zu diesem Schweigen?

6. Während bei der Trauung alle erregt waren außer der Braut, wurde bemerkt, daß diese zusammenschreckte, als der Bräutigam sich niederbeugte, ihr den Ring anzustecken. Warum? Waren ihre Abschiedszeilen wirklich wahr und sie empfand in jenem Augenblicke den Mangel an Liebe?

7. Sie ging nicht wieder nach oben, sondern verließ das Haus mit den anderen Gästen.

Alles kleinliche Tatsachen, aber vielleicht wichtiger, als sie den Anschein hatten.

Vor allem mußte ich den Jungen finden, der das Bukett brachte, und den Kellner, der die Mitteilung machte.

Zu meiner größten Überraschung erfuhr ich, daß der Laufbursche des Gärtners seine Stellung aufgegeben habe; niemand wußte zu sagen, wo er zu finden sei. Auch der blondlockige Kellner war nicht mehr in der Stadt; er war nach San Antonio gegangen, dem »Freiwilligen-Korps« beizutreten.

Sollte in diesem gemeinsamen Verlassen der Stadt ein Zusammenhang bestehen?

Ich suchte die früheren Freunde der beiden auf, konnte indes wenig erfahren. Sie schienen nie über den Fall Jeffrey gesprochen zu haben. Der Gärtnerjunge schützte Dummheit vor, während der künftige Soldat solche Freude über seinen baldigen Eintritt in die Armee zeigte, daß ihm nichts anderes der Rede wert schien. Die Schwester des letzteren erzählte, daß ihr Bruder fast außer sich vor Freude gewesen sei, wieder ein Pferd besteigen zu dürfen, und daß er sich sofort nach Kuba aufmachte, sowie er alles in Ordnung gebracht habe, daß sie selbst während seiner Abwesenheit keine Sorgen zu leiden brauchte. Wie er dies zustande gebracht, wußte sie nicht anzugeben. Noch drei Wochen vor seiner Abreise sann er vergeblich, wie er der Armee beitreten könne. Da, eines Tages kam er überglücklich nach Hause und sagte ihr, daß er sofort abreise, seinen Lieblingswunsch auszuführen. Sie brauche sich nicht zu sorgen, denn er habe soeben fünfhundert Dollars für sie in der Bank deponiert und für ihn werde gesorgt.

»An welchem Tage sagte er Ihnen, daß er Geld für Sie in der Bank deponiert habe?«

»Am neunundzwanzigsten April.«

Zwei Tage nach der Jeffrey-Moore-Hochzeit!

Überzeugt, daß seine Abreise keine zufällige gewesen, forschte ich weiter und erfuhr, daß er tatsächlich dem »Ersten Freiwilligen-Korps« unter Hauptmann Wood beigetreten sei. Dies konnte nicht ohne einflußreiche Verwendung geschehen sein.

Wer verwandte sich für ihn?

Es verging einige Zeit, ehe ich dies ausfindig machen konnte, und auch dann erst nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten. Zuletzt jedoch erreichte ich mein Ziel und erfuhr: der Mann, der ihm den Eintritt in dieses Elitekorps möglich machte, war Francis Jeffrey!


18.
Im Grase.

Fast die ganze Nacht verbrachte ich mit Nachdenken über das Erfahrene. Ich erinnerte mich, daß die Jeffreys vor der Abfahrt vom Moore Hause im Gespräch mit dem Manne gesehen worden waren; nur etwas sehr Wichtiges konnte sie zu solcher Zeit hierzu veranlaßt haben! Wäre nur Tampa nicht so weit entfernt oder hätte ich all das früher gewußt! Vorerst konnte ich indes nicht daran denken, nach Tampa zu reisen, und mußte ich mich daher begnügen, solch neue Punkte zu sammeln, die ich in Washington finden konnte.

Erst dachte ich über Mrs. Jeffrey nach: was hatte sie zu den Sonderlichkeiten an ihrem Hochzeitsmorgen veranlassen können? Warum wollte sie sich allein ankleiden und warum schenkte sie dem Rufen und Klopfen kein Gehör? Nur eine Antwort schien mir zutreffend: ihr Herz war nicht bei der Heirat und die letzte Stunde ihrer Mädchenzeit verbrachte sie im Kampf mit ihrem eigenen Selbst. Vielleicht liebte sie Mr. Jeffrey nicht – vielleicht liebte sie einen anderen? Zwar unwahrscheinlich, doch wer kennt ein Frauenherz? Und welch andere Theorie paßte so gut zu dem Geschehenen? Die Stunde, welche glückliche Bräute zum Ankleiden und mit frohen Hoffnungen und Erwartungen füllen, benutzte sie zum Abschied von der Vergangenheit, vielleicht von einer heimlichen Liebe . . . Kein Wunder, daß sie allein sein wollte! Kein Wunder, daß sie nicht unterbrochen sein wollte! Vielleicht lag sie in jener Stunde auf ihren Knien, vielleicht . . .

Hier durchschoß ein plötzlicher Gedanke mein Gehirn!

Ich erinnerte mich der Feilspäne, die ich am Fenster gefunden und die sich als Gold erwiesen. Was war daraus zu schließen? In dieser Stunde suchte sie einen Gegenstand zu entfernen, den sie nicht in ihr neues Leben mit hinüber nehmen wollte! Was für einen Gegenstand . . . aus Gold? Nur eines war denkbar: ein Ring, ein Andenken an eine alte Liebe!

Auch die kleine Wunde, welche das angenommene zornige Abstreifen des Trauringes veranlaßt haben sollte, schien vielmehr eine Wiederöffnung einer alten Wunde – vielleicht durch die Feile gemacht – und nicht eine neue zu sein. Hätten die anderen den Feilspänen größere Bedeutung beigelegt, sie hätten zu derselben Folgerung kommen müssen!

Ich ließ mir die Ringe zeigen, die Mrs. Jeffrey zurückgelassen, ehe sie zum letzten Male nach dem Moore Hause gegangen war, besah sie eingehend, konnte indes an keinem ein Zeichen einer Feile bemerken. Dies bestärkte meine Vermutung und ging ich daher an die Lösung der Frage, ob Mrs. Jeffrey vor ihrer Verheiratung Ringe getragen habe, die sie nach der Hochzeit nicht mehr trug. Nachdem ich diese Bestimmtheit gewonnen, war mir das Weitere ein Leichtes. Ich versetzte mich in die Lage der jungen Braut, wie sie aufgeregt den Ring zerfeilte . . . Was würde ich mit dem zerfeilten Ring tun? Aufbewahren? Kaum. Wegwerfen? Wohin? Aus dem Fenster, an dem ich den Ring zerfeilte? Das wäre möglich, sogar wahrscheinlich . . . Warum nicht im Grase unter dem Fenster suchen?

Dies beschloß ich zu tun, indes so, daß der Verdacht des alten Moore nicht geweckt werde, der in letzter Zeit äußerst scharf auf alles achtete, was in »seinem« Hause, sogar in der Nähe desselben vorging.

Ich rief alle Straßenjungen zusammen, die ich finden konnte, und sagte ihnen, ich hätte einen zerbrochenen Ring verloren; wenn sie mir suchen hülfen, würde ich ihnen ein Abendessen verschaffen und der glückliche Finder könne bestimmen, aus was das Menü bestehen sollte. Um schneller zum Ziele zu kommen, sollten sie längs der Mauer hinknien und jeder solle die Stelle untersuchen, wo er knie. Damit kein Verdacht erweckt werde, wurde Ball gespielt; immer näher flog der Ball zum alten Moore Haus, bis er endlich an die Stelle flog, die ich durchsucht haben wollte. Ich blieb zurück und ließ die Jungen allein; es war zur Stunde, da Onkel David auszufahren pflegte. Ich wartete am anderen Ende der Straße, um den eventuell Ankommenden mit allerhand Fragen aufzuhalten, bis meine kleine Armee mit Suchen fertig wäre.

Diese Vorsicht war unnötig.

Plötzlich hörte ich Schreien aus mehr denn zwanzig Kehlen:

»Huhn, Gefrorenes und Kuchen!« und wußte, daß das Suchen erfolgreich gewesen.


* * *


Als ich den Ring in meiner Hand hielt, hätte ich mit niemandem auf der Welt getauscht, so stolz fühlte ich.

Es war ein einfacher, runder Goldreif, besetzt mit einem einzigen Rubin. Der Reif war durchfeilt und verbogen, wie ich erwartet hatte.

Welche Rolle spielte dieser Ring im Leben und beim Tode von Mrs. Jeffrey und welche Rolle ist ihm fürder bestimmt? Daß Veronika ihm große Bedeutung beigemessen, schloß ich aus der geheimnisvollen Entfernung und der Hast, mit der dies geschehen.

In welchem Zusammenhange stand dieser Ring mit Mr. Jeffreys angeblicher Eifersucht und der unterbliebenen Hochzeitsreise? Daß diese Eifersucht schon vor dem erwähnten Balle bestanden, konnte niemand bezweifeln; doch daß sie sogar zum Hochzeitstage zurückdatierte, war eine neue Version und ließ allerhand Vermutungen zu. Konnte ich dies beweisen und wie? Nur eine Möglichkeit blieb offen: der Kellner, der auf solch geheimnisvolle Weise weggebracht wurde, war vielleicht imstande, Aufschluß zu geben. Er war der Überbringer einer Botschaft, offenbar von Mr. Jeffrey an Miß Moore, unmittelbar vor der Trauung; nach derselben ward er in ernstem Gespräche gesehen, erst mit Mr. Jeffrey, dann mit Mrs. Jeffrey. Was betraf diese Botschaft und wie lautete die Antwort? Die Lösung dieser Frage war sogar eine Reise nach Tampa wert! Doch wenn diese Reise vergeblich wäre: der Verlust an Zeit und an Geld!

Am nächsten Tage ging ich zum Superintendenten und sagte ihm alles, was ich wußte und vermutete. Das Resultat war meine sofortige Abreise nach Tampa mit unbeschränkter Vollmacht und der Erlaubnis, dem blondgelockten Jim zu folgen und sei es bis zum Ende der Welt.




III. Teil.
Das Haus der Schicksale.




19.
In Tampa.

Beim Beginn meiner Reise war gerade Krieg gegen Spanien erklärt worden, jedoch noch kein Befehl ergangen, gegen Cuba vorzustoßen. Doch noch während meiner Reise nach dem Süden war das Erwartete eingetreten und bei Ankunft in Tampa fand ich mich mitten in Aufregung und Abmarsch. So war natürlicherweise mein Mann schwer aufzufinden und nur einem Zufalle verdankte ich es, daß ich über sein Verbleiben Mitteilung erhielt.

Ich traf eben einen Mann der »Wilden Reiter«, welchem Regiment James Calvert beigetreten war, und fragte diesen, wo ich Calvert finden könne.

Der Gefragte deutete nach dem Hospital.

»Krank?« fragte ich.

»Im Sterben,« war die Antwort.

Im Sterben! Der blondlockige Jim! Undenkbar! Der Mann mußte mich mißverstanden haben! Vielleicht gab es auch zwei James Calvert bei den »Wilden Reitern«. Jim war nicht der Mann, der sich krank hinlegte, noch ehe er Pulver gerochen!

»James Calvert vom ›Ersten Freiwilligen-Korps‹ suche ich; einen starken, festen Kerl, der . . .«

»Stimmt wohl, stimmt wohl. Mancher starke, feste Kerl liegt danieder. Er liegt zum Nimmeraufstehen. »Typhus, Sie wissen ja. Schlimmer Fall. Von Anfang an hoffnungsvoll gewesen. Schade, aber . . .«

»Ich muß ihn sehen!« rief ich. »Es ist sehr wichtig – eine Polizeiangelegenheit. Ein Wort von ihm kann vielleicht ein Menschenleben retten. Lebt er noch?«

»Er lebt noch, doch glaube ich nicht, daß er sprechen kann. Vor fünf Minuten erkannte er seinen Wärter nicht mehr.«

Schrecklich! Ich mußte ihn sehen! Seinethalben war ich gekommen! Er durfte nicht sterben, ehe ich ihn gesprochen!

»Ich will ihn sehen!« wiederholte ich.

Ich ward eingelassen.

Da lag er, auf einem Strohsack, in seinen letzten Zügen. Seine Augen waren geschlossen, sein Atem ging langsam. Ich kniete zu ihm nieder und flüsterte einen Namen in sein Ohr: Veronika Moore.

Er fuhr zusammen; alle sahen dies. Den Tod im Herzen, wollte er etwas sagen. Er strengte sich offenbar an; er wollte sehen, doch die Augenlider versagten ihren Dienst. Da öffnete er die Lippen und flüsterte:

»Hab' Wort gehalten – – nichts gesagt – – sie war so – –«

Dann streckte er sich aus und war tot!

Ich hätte aufschreien mögen! All meine Hoffnungen dahin! Sollte ich an seinem Totenbette das Letzte zu Grabe tragen, was mir zum Erfolge verhelfe? Was blieb mir übrig? Mit ihm ging der einzige Zeuge, der Kora Tuttle retten konnte!

Tiefbetrübt verließ ich die trostlose Stätte.

Draußen sah ich einen Jungen weinen; ich schaute ihn verwundert an und ging schneller, aus dem Bereiche der verfehlten Hoffnungen zu kommen.

Da fühlte ich mich an der Hand gefaßt.

»Nehmen Sie mich mit,« rief eine von Weinen erstickte Stimme, »nehmen Sie mich zurück nach Washington. Er ist jetzt tot und ich hab' sonst niemanden, der für mich sorgt.«

»Wer bist du?« fragte ich. »Gehörst du zur Armee?«

»Ich habe sein Pferd besorgt,« flüsterte er, »und dafür gab er mir die Hälfte von seinem Essen. Ich wollte mit in den Krieg; sie wollten mich aber nicht nehmen, weil ich zu jung sei. Da ging ich heimlich mit. Jetzt aber, da er tot ist, wird mir niemand mehr einen Bissen geben. Nehmen Sie mich mit, ich bitte Sie! Sie ist ja auch tot; aber selbst wenn sie lebendig wäre, würde ich ohne ihn nicht hier bleiben. Er war so gut zu mir . . .«

»Wer ist tot? Von wem redest du? Deine Mutter, Schwester – –«

»Nein, nein,« sagte er unter Schluchzen. »Ich habe keine Mutter und keine Schwester . . . Ich meine die Dame in dem großen Haus, die Hochzeit machte. Sie gab mir Geld, ich solle aus Washington fortgehen, und da ich Soldat werden wollte, ging ich mit Jim. Ich dachte nie, daß er sterben würde; er war so stark – – Au, warum packen Sie mich so?«

Ich hatte ihn am Arm erfaßt, ich glaube fast, ich schüttelte ihn.

»Die Dame!« schrie ich. »Die Dame, die heiratete, hat dir Geld gegeben? War es Mrs. Jeffrey?«

»Ich glaube, so hieß sie oder der Mann, den sie heiratete. Ich kenne ihn nicht, aber ich habe sie gesehen . . .«

»Wo? Und warum hat sie dir Geld gegeben? Ich will dich mit nach Hause nehmen, wenn du die Wahrheit sagst!«

Er schaute zurück nach dem Zelte, darin der Tote lag, und sagte dann:

»Jetzt ist's ja doch kein Geheimnis mehr – er sagte mir oft, ich müßte schweigen – er war immer so gut zu mir – aber jetzt ist er ja tot – und ich kann heimkommen – hab' ohne ihn ja niemanden mehr hier – was wollten Sie wissen?« unterbrach er sein Selbstgespräch.

»Warum Mrs. Jeffrey dir Geld gegeben, um aus Washington fortzugehen?«

Der Junge zitterte; er schaute hinauf zum Himmel, dann wieder zurück zum Zelte und flüsterte endlich:

»Weil ich hörte, was sie zu Jim sagte.«

Mein Herz sank erst, dann preßte es nach meinem Halse, als ob es mich ersticken wollte; nie im Leben fühlte ich derartiges. Also lebte doch noch ein Zeuge! Und ich konnte mein Ziel erreichen!

»Was sagte sie?« fragte ich.

»Nicht viel; sie sagte nur: er solle den Mann in das Bibliothekzimmer führen. Es ist das Zimmer, darin die Leute sterben – und er starb auch darin. Jim sagte, er werde nie darüber sprechen und ich dürfe auch nicht darüber sprechen. Ich versprach das, aber – aber – – wann werden wir abreisen?«

»Bist du der Junge, der dem Gärtner in Washington weglief? Der Junge, der das Brautbukett für Miß Moore brachte?«

»Ja, der bin ich.«

Ich ließ seinen Arm los und setzte mich; die Situation hatte mich überwältigt. Sicher, eine höhere Macht als bloßer Zufall hatte die Hand im Spiele!

»Mrs. Jeffrey oder Miß Moore, wie sie damals hieß, beauftragte Jim, den Herrn nach der Bibliothek zu führen?« fragte ich. »Warum?«

»Ich weiß es nicht. Er sagte ihr den Namen des Mannes und das war ihre Antwort. Ich hörte dies und deshalb bekam ich das Geld. Doch ich habe alles aufgebraucht – – ach, Herr, wann reisen wir?«

Ich stand auf. Mein Geschäft hier war zu Ende. Die neue Fährte mußte ohne Zögern aufgenommen werden!

»Ich gehe sofort,« sagte ich, »und du kannst mitkommen. Eile dich, der Zug fährt in zehn Minuten ab.«


20.
»The Colonel's Own.«

Worte können nicht beschreiben, wie lange mir die Zeit dünkte, ehe wir in Washington ankamen.

Eine neue Fährte, eine neue Masche zu einem großen Netze! Welche Arbeit lag vor mir, das Netz zu weben und Masche an Masche zu reihen!

Meiner Gewohnheit gemäß legte ich mir wieder klar, welche neuen Tatsachen ich gefunden und welche Schlüsse diese zuließen, und kam zu folgendem Resultate:

1. Das dringende Interview am Hochzeitsmorgen, das Miß Moore so erregte, ward nicht vom Bräutigam verlangt, wie ich irrtümlich angenommen, sondern von dem Fremden, Mr. Pfeiffer.

2. Ihre Antwort auf dessen Verlangen war der Auftrag, ihn in die Bibliothek zu führen.

3. Der Bote hatte entweder unmittelbar vor oder nach dem Eintritt des Fremden – eine ernstliche Unterredung mit Mr. Jeffrey.

4. Der Tod überraschte Mr. Pfeiffer, ehe er Miß Moore zu sehen bekam.

5. Die Braut ward in Unkenntnis über die Katastrophe gelassen, bis die Trauung vorüber war; dennoch ward bemerkt, daß sie zusammenschauerte, als der Bräutigam ihr den Ring ansteckte. Als man ihr später den Tod des Fremden berichtete, verließ sie das Haus, ohne auch nur nach ihm zu sehen.

6. Dies alles beweist, daß der Fremde der Braut wohl bekannt gewesen. Trotzdem berichtigte sie die spätere Annahme nicht, der Fremde sei aus eigenem Antriebe und um seine Neugierde zu stillen in die Bibliothek gegangen.

7. Im Gegenteil: Mr. Jeffrey suchte die einzigen Zeugen, welche die Wahrheit hätten sagen können, zu entfernen und erkaufte deren Schweigen. Mrs. Jeffrey fand keine glückliche Stunde mehr seit ihrem Hochzeitstage.

8. Außergewöhnliche Anstrengungen zur Geheimhaltung einer Sache bedingen außergewöhnliche Angst. Die erste Frage ist demnach: was geschah im Moore Hause, nachdem Mr. Jeffrey vom blonden Jim erfahren, daß ein Mann, der ein Recht zu haben schien, eine Unterredung kurz vor der Trauung zu verlangen, nach der Bibliothek gewiesen worden war? Nach einem Raume, den der Tod so oft in geheimnisvoller Weise besuchte und den er wiederum besuchen konnte? Und besuchte, wie die Folge lehrte!

Weiter kam ich nicht.

Mit der denkbar größten Ungeduld erwartete ich meine Ankunft in Washington. Wie erstaunte ich, als ich, dort angekommen, sah, daß trotz meiner wichtigen Enthüllungen der »Fall Tuttle« noch in derselben Weise forciert wurde! Unter wessen Einfluß dies geschah, konnte ich nicht erfahren. Ich beschloß jedoch, mit oder ohne Unterstützung meine Untersuchungen zu Ende zu führen.

Nichts konnte mich von der Überzeugung abbringen, daß der Todesfall im Bibliothekzimmer mit der Hochzeit in intimster Verbindung stünde. Könnte ich die Todesursache ergründen, so hieß dies gleichzeitig das Rätsel des Hauses lösen. Es ward mir zwar gesagt, daß in dieser Hinsicht kein Schritt unversucht gelassen worden war: der Fußboden, die Herdplatte, das Kamin, der alte Sessel, kurz alles ward aufs genaueste untersucht, doch entdeckt ward absolut nichts. Das Rätsel blieb ungelöst und schien unlösbar.

Ich war jedoch nicht der Mann, den anderer Mißerfolge abschreckten. Die neuerlichen Entdeckungen gaben mir Mut und den Glauben, daß ich die offenen Maschen des Netzes am Ende doch noch zusammenfügen könnte. Zudem war meine Idee ganz verschieden von denen der anderen. Bis jetzt hatten alle Untersuchungen in der Bibliothek begonnen und daselbst geendet. Ich beschloß, an ganz anderer Stelle zu beginnen, vielleicht im südwestlichen Zimmer, eingedenk der merkwürdigen Empfindung, die mich in diesem Raume überfallen.

Der Major gab mir die Schlüssel zum Haus. Um Mitternacht, als alle Lichter in Onkel Davids Haus erloschen waren, ging ich in »das Haus der Schicksale«.

Erst betrat ich die Bibliothek. Ich wollte sehen, ob ich tatsächlich kein Mittel unversucht gelassen, die Hand des Todes zu entdecken, die hier hauste. Gar oft während meiner Reise und in Stunden stillen Nachdenkens hatte es mir geschienen, als ob ich wichtige Untersuchungen unterlassen hätte. Warum zum Beispiel betrachtete ich jenes Buch nicht genauer, das offenbar vor mir von jemandem herausgenommen worden war? Ich hatte es zwar zweimal in der Hand gehabt, doch niemals genauer untersucht. Das war eine unverzeihliche Nachlässigkeit, sagte ich mir. Jeder Gegenstand in diesem Zimmer, der absichtlich von jemandem berührt worden war – und dies war bei dem Buche hoch oben unzweifelhaft der Fall –, barg ein Geheimnis oder den Schlüssel zu einem solchen!

Ich nahm das Buch herunter und las wieder den nichtssagenden Titel. Ich überschaute wieder den Inhalt, hier, dort – nichts, was im allergeringsten hatte Bezug haben können auf das Haus oder den Tod, der in diesem Zimmer wohnte.

Eben wollte ich das Buch wieder an seinen Platz stellen, als ich zufällig daran dachte, mit der Hand hinter die Bücherreihe zu greifen, aus der ich das Buch genommen.

Ah! Was war das?! Ein Buch lag gegen die Wand gelehnt!

Ich nahm mehrere Bücher heraus und hatte gleich darauf ein Buch in der Hand, das mir sofort erklärlich machte, warum es wohl verborgen ward:

Es schienen Memoiren einer Engländerin, einer Engländerin, die während des Anfangs des neunzehnten Jahrhunderts in Amerika lebte und die mehr oder weniger mit den Mysterien des Moore Hauses in Berührung gekommen war. Verschiedene Seiten waren angezeichnet, besonders die eine. Da der Name Moore häufig darin vorkam, desgleichen in einigen eingeklebten Zeitungsausschnitten, machte ich mich unverzüglich an das Lesen dieser Memoiren, deren angestrichene Stellen folgendermaßen lauteten:

Zu dieser Zeit lebte ich eine Woche im Moore Hause, diesem prächtigen historischen Bau, über den wie auch über dessen Bewohner allerlei Gerüchte zirkulieren. Ich wußte damals nichts von den Schicksalen des Hauses. Doch kaum hatte ich die weiten, hell erleuchteten Hallen betreten, als mich ein Gefühl beschlich, über das ich mir angesichts des liebevollen Empfanges von seiten der jungen Besitzerin keinen Aufschluß zu geben vermochte. Ich vergaß dies wieder in der Freude des Willkommens und infolge des großen Interesses, das ich an Callista Moore nahm, die in jenen Tagen eine bewunderte Schönheit war. Man fühlte sich unwillkürlich zu ihr hingezogen; sie war die personifizierte Liebenswürdigkeit. Ihre Stellung als nominelle Besitzerin des großen Hauses, das bereits zu den feinsten in Washington zählte – der eigentliche Besitzer, Reuben Moore, zog es vor, mit seiner französischen Gemahlin in Paris zu leben –, gab ihr eine Stellung in der Gesellschaft, die sie mit ihrer schwer zu charakterisierenden Lebhaftigkeit und ihren unschuldsvollen Kinderaugen abzulenken suchte. Ich verstand sie nicht und gab den Versuch, sie zu verstehen, auch bald auf; meine Bewunderung für sie indes blieb bestehen, und ehe sich der Tag zu Ende neigte, war ich ihr ergebener Sklave. Aus dem, was ich später erfuhr, glaube ich, daß sie vorgezogen hätte, der meine zu sein.

Mein Schlafzimmer war ein großes Zimmer, das, wie ich später erfuhr, »The Colonel's Own« genannt wurde. Das Zimmer war sehr groß, und so war das Bett, das darinnen stand. Ich glaube, ich erschrak beim ersten Anblick dieses unheimlich großen Stück Möbels; es erschien so ganz außer Proportion mit meinem kleinen Selbst. Der ängstliche Blick, mit dem mich Mistreß Callista anschaute, brachte mich zum Bewußtsein meiner Stellung als Gast. Ich warf die Scheu ab und plauderte lustig über das charakteristische Zimmer und wie ich mich freute, darin schlafen zu dürfen. Dies verscheuchte sofort den ängstlichen Ausdruck in ihren Zügen. Mit der Bemerkung »Es war meines Vaters Zimmer« küßte sie mich »Gute Nacht« und ließ mich in glücklicher Stimmung zurück.

Ich dachte, ich sei sehr müde; nachdem ich aber das Holz in dem Mantelofen hatte niederbrennen sehen und die Gardinen des Riesenbettes zugezogen, fand ich, daß ich nie im Leben weniger schläfrig gewesen als eben jetzt.

Dies rastlose Gefühl konnte ich die ganze Nacht nicht los werden. Ich drehte mich hierhin, dorthin, um die Augen einer Zeichnung zu vermeiden, die an der gegenüberliegenden Wand hing. Das Bild hatte absolut keinen Wert als Zeichnung; doch unter den darauf fallenden Mondstrahlen übte es eine Wirkung auf mich aus, die ich mir nicht erklären konnte und die ich hoffe nie wieder zu empfinden. Endlich stand ich auf und zog die Vorhänge des Bildes weit übereinander. Ich konnte so das Bild zwar nicht sehen, vermochte jedoch noch weniger den Gedanken zu ertragen, als starrten mich diese Augen unsichtbar an – lieber wollte ich sie sehen. Ich zog die Vorhänge zurück, um sie kaum eine halbe Stunde später wieder zu schließen.

Ich regte mich in dieser Nacht so auf, daß ich wohl sehr blaß aussah, als meine liebenswürdige Wirtin mich des andern Morgens begrüßte. Sie zitterte, als sie mir ihre Hand reichte, und fragte mich mit bebender Stimme, wie ich geschlafen. Ich sagte der Wahrheit gemäß: »Nicht so gut wie gewöhnlich,« worauf sie die Augen senkte und erwiderte: »Wie mir das leid tut; ich werde dir ein anderes Zimmer anweisen.« Leise, fast flüsternd, setzte sie unbewußt hinzu: »Merkwürdig, alle fühlen es, selbst die Jungen und Lebensfrohen.« Laut sagte sie: »Du hast doch nichts gesehen, Liebste?«

»Nein!« rief ich. »Nur die sonderbaren Augen des Bildes ließen mich nicht schlafen. Ist das . . . ein . . . verwunschenes Zimmer?«

»Gewiß nicht!« protestierte sie. »Niemand hat je einen Geist darin bemerkt, doch kein Mensch scheint in dem Zimmer schlafen zu können – vielleicht, weil mein Vater darin so viele schlaflose Nächte verbrachte,« setzte sie hinzu.

»Ist er in dem Bette gestorben?« fragte ich.

Sie zitterte heftig und zog mich rasch die Treppe hinab. Unten angekommen, drückte sie meine Hand und flüsterte:

»Ja, des Nachts; der Vollmond lag auf seinen Zügen . . .«

Ich hatte von ihrem Vater gehört; er soll ein schrecklicher Mann gewesen sein und ließ einen bösen Namen zurück.

In der nächsten Nacht schlief ich in einem andern Zimmer. Ich bin indeß, in Anbetracht dessen, was ich seither über das Haus und die Familie hörte, froh, eine Nacht in diesem grauenerregenden Zimmer verbracht zu haben.


* * *


Ein zweiter Absatz, worin einige Stellen besonders unterstrichen waren, lautete folgendermaßen:

Das Haus enthielt noch ein anderes Zimmer, nicht weniger interessant als das beschriebene: die Bibliothek. Die Familie hielt sich nie darin auf und ich sah die Türe nur einmal offen, als Mistreß Callista mir zu Ehren einen Empfangsabend veranstaltete. Die Wände der Bibliothek waren bis oben mit Büchern bedeckt, doch alles war verstaubt und offenbar vernachlässigt. Als ich nach dem Grund fragte, hörte ich zufällig, daß niemand in diesem Zimmer verweilen wolle, seit dem unerwarteten Tode, der einen Freund ihres Vaters, einen bekannten Offizier, in diesem Raume überraschte.

Warum dieser Zufall die Familie permanent aus diesem Zimmer treiben sollte, konnte ich nicht begreifen. Je mehr ich darüber fragte, desto weniger wollte man mir sagen.

Eines Abends fragte ich Callista wieder. Sie lächelte, schüttelte den Kopf und sprach von etwas anderem. Ich ließ nicht nach; wir waren allein zu Hause. Der Wind pfiff durch das Kamin. Da zog sie einen Teppich zum flackernden Mantelofen und rückte ganz nahe zu mir. Sie war froh, sich endlich aussprechen zu können; sie bange so, besonders in Nächten wie die heutige. Wir saßen Wange an Wange und schauten in das glimmende Herdfeuer. Da erzählte sie mir:

Der Todesfall in der Bibliothek hatte sich in ihrer Kindheit ereignet, zur Zeit, da ihr Vater die hohe Stellung bei der Regierung annahm, welche die Familie Moore so bekannt machte. Ihr Vater und der Mann, der im Hause starb, waren Busenfreunde. Sie fochten Seite an Seite im Krieg von 1812 und erhielten dafür vom Präsidenten dieselbe Auszeichnung. Sie gehörten beide einer wichtigen diplomatischen Kommission an, die mit England unterhandelte. Während dieser Unterhandlung geschah es, daß ein Bruch in der Freundschaft zwischen den beiden stattfand, die eine Veränderung in meinem Vater bewirkte, welche überall auffiel. Was den Bruch veranlaßte, wußte niemand. Ob Eifersucht im Spiele gewesen, wie viele annahmen, oder etwas anderes, das man munkelte – mein Vater war nie wieder der, welcher er zuvor gewesen. Die Kinder, welche ihm immer jubelnd entgegenliefen, sobald sie seiner ansichtig geworden, verkrochen sich ängstlich vor ihm, wenn er stille vor sich hinbrütend die Halle auf und ab schritt oder mit zusammengezogenen Augenbrauen vor dem großen Herdsteine des Mantelofens saß und den sterbenden Funken zuschaute.

Die Mutter, eine Invalidin, teilte der Kinder Furcht nicht; der Vater war immer freundlich gegen sie und die einzige Zeit, wenn ein Lächeln auf seinen Zügen gesehen ward, war, wenn er ihr Zimmer betrat.

Dies waren Callista Moores früheste Erinnerungen. Die späteren waren bestimmter und eindrucksvoller. Präsident Jackson, der ihren Vater sehr hoch schätzte, ließ ihn schnell avancieren. So gelangte er in eine Stellung von nationaler Prominenz. Dies war von jeher sein Ehrgeiz gewesen und war es um so auffallender, daß er dabei unnahbarer wurde und mehr grübelte, denn je zuvor. Warum dieser Zustand durch den Besuch des einstigen Busenfreundes aufs höchste getrieben ward, konnte sich Callista nie erklären.

Der General war ein freundlicher Mann, groß, mager, mit scharf gezeichneten Zügen, aber Augen, die ihm die Herzen aller Kinder zufliegen ließen.

Der Eindruck, den er auf den Vater machte, schien ein völlig entgegengesetzter. Kaum hatte er den Gast in der Halle gesehen, als man auch schon gewahr ward, wie wenig derselbe willkommen sei. Nicht als ob mein Vater es an Höflichkeit hätte fehlen lassen – die Moores waren stets Gentlemen – doch seine Höflichkeit war schneidend, fast verletzend. Die beiden Kinder verkrochen sich hinter den Säulen am Eingange zur Bibliothek und waren dort ungewollte Hörer dessen, was zwischen den beiden erregt auf und nieder schreitenden Männern gesagt wurde. Noch heute, nach fünfundzwanzig Jahren, waren Callistas Eindrücke so frisch, als habe sie alles erst gestern gehört.

»Du hast vieles, was den meisten Menschen abgeht,« sagte der General. »Du hast Geld – zu viel Geld, Moore, ich könnte den Betrag sogar nennen – ein Heim, das viele Palast nennen, ein liebendes und liebenswertes Weib, zwei feine Kinder und all die Ehren, die ein Mann, wie du, wünschen kann. Laß ab von der Politik!«

»Politik ist mein Leben,« war die kalte Antwort. »Von Politik ablassen hieße Selbstmord begehen, und« – setzte er nach einer kurzen Pause hinzu – »wenn du mich daraus vertreiben wolltest, wäre das so gut wie ein Mord.«

»Gerechtigkeit für einen Verräter ist noch lange kein Mord,« war die schroffe Antwort. »Durch einen Akt von Verrat und Bestechung, den niemand außer mir kennt, hast du das Vertrauen der Regierung verwirkt. Würde ich, der ich dein Geheimnis zufällig entdeckte, dulden, daß du noch länger in deinem Amte bliebst, würde ich selbst zum Verräter an dem Lande, für das ich gefochten und für das ich zu sterben bereit bin. Deshalb verlange ich deinen Rücktritt, ehe – –«

Das Ende des Satzes konnten die Kinder nicht hören; doch es mußte etwas Schreckliches gewesen sein, aus des Vaters Aussehen zu schließen. Wir waren daher sehr erstaunt, als er ganz ruhig sagte:

»Du sagst, du seist der Einzige, der die Tatsachen dessen kennt, was du »Verrat« zu nennen beliebst?«

»Sagte ich nicht so?« fragte der General verächtlich. Dann mit völlig veränderter, fast rauher Stimme fuhr er fort:

»Alpheus, wir waren einst Freunde. Ich gebe dir zwei Wochen, mein Verlangen zu überlegen. Solltest du nach Verlauf dieser Zeit nicht ins Privatleben übergetreten sein, werde ich dir einen zweiten Besuch abstatten, dessen Folgen du zu tragen hast. Du kennst mich, wenn ich gereizt bin! Zwinge mich nicht, etwas zu tun, das uns beiden endloses Bedauern bringen würde.«

Ob der Vater darauf antwortete oder nicht, konnte Callista nicht sagen. Doch sie erinnerte sich der Stimmung, in der er am nächsten Tage ins »Weiße Haus« fuhr. Sie dachte sicher, ihr Vater würde seinen Posten und seine Ehrenstellung aufgeben. Doch dem war nicht so. Er kehrte zurück, frischer, mit erhobenem Haupte, und ward von Tag zu Tag freundlicher. Doch er war nervöser, ruheloser denn zuvor. Offenbar um sich zu zerstreuen, ließ er bauliche Veränderungen im Hause vornehmen, denen er sich persönlich widmete. Nichts schien ihm recht; Arbeiter, die heute arbeiteten, wurden morgen entlassen und durch neue ersetzt, und so ging es immerfort, bis die Arbeit durch die Ankunft seines unwillkommenen Gastes unterbrochen wurde, der genau zur festgesetzten Zeit eintraf.

Mistreß Callistas Stimme ward leiser; sie drängte sich näher an mich, ehe sie fortfuhr:

»Reuben und ich« – Reuben war ihr Bruder – »standen in einer dunklen Ecke unter der Treppe, als mein Vater den General an der Türe begrüßte. Wir hatten eine stürmische Szene erwartet, waren daher erstaunt, als wir sahen, wie ehrerbietig mein Vater den Gast begrüßte. Das Folgende war uns noch unverständlicher. Wir wurden zum Souper gerufen; unsere Mutter war auch dabei – etwas Seltenes in jenen Tagen; Toaste wurden ausgebracht und Vater trank auf das Wohl des Generals. Doch dieser berührte das Glas nicht, das er aus Höflichkeit gegen meine Mutter erhob, und wir fühlten, daß ein Gewitter in der Luft lag. Ich konnte mir diese Szene nie erklären, obwohl ich Jahr für Jahr darüber nachdenke. Jene Stunde war die letzte des Generals; er starb, ehe er unser Haus verließ, im Bibliothekzimmer, über das du mich so oft befragtest.

Ich erinnere mich genau an das Geschehene, o so genau! Mutter war auf ihr Zimmer gegangen; der General schlug vor, nach der Bibliothek zu gehen – er sei zum Trinken nicht aufgelegt – und sagte, es sei nun die Zeit gekommen, die Angelegenheit zu besprechen. »Dein Empfang,« fuhr er fort, »läßt mich vermuten . . .«

»Du scheinst nicht recht wohl,« unterbrach ihn der Vater mit lauter Stimme. »Setze dich hin und – –«

Die Türe ward geschlossen und wir hörten das Weitere nicht. Wir blieben noch einige Minuten stehen, um vielleicht den großen Sessel sehen zu können, der an jenem Tage in die Bibliothek gebracht worden war, liefen indeß bald davon und spielten in der Halle. Da ward die Türe geöffnet und mein Vater kam heraus.

»Wo ist Sambo?« rief er. »Sag ihm, er solle dem General ein Glas Wein bringen. Er sieht krank aus; ich gehe nach oben, eine Medizin zu holen,« sagte er leiser, indem er die Treppe hinaufstieg.

Ich erinnere mich noch, als die Türe aufging, den General in der Ecke des neuen Sessels sitzen gesehen zu haben. Ob er krank aussah? Ich gäbe Jahre meines Lebens darum, wenn ich diese Frage lösen könnte!

Sambo sah den General erst, da er tot auf der Herdplatte lag. Mein Vater war noch oben, im Zimmer der Mutter. Als ihm die Nachricht von des Generals Tod überbracht wurde, kam er herab, jammerte laut und rang seine Hände.

Ich wunderte mich in meiner kindlichen Einfalt, warum ihn der Tod eines Mannes, den er so haßte und fürchtete, so sehr betrübe. Auch später, nach dem Heimgange unserer teuren Mutter, blieb der Vater mürrisch und unnahbar; ob ihm der Tod des Mannes so nahe ging, daß er sich so aufregte? Ob er deshalb die Bibliothek nie wieder betreten wollte? Auch der Sessel, von dem der General gefallen, war geächtet. Von Zeit zu Zeit wurde das Zimmer geöffnet, wenn große Festlichkeiten dies bedingten, doch mein Vater betrat es nie. Ist es daher nicht natürlich, daß ich die Tochter, sein Fühlen teile?«

Es war natürlich und ich sagte so. Ich küßte sie auf die Stirne und lud sie ein, mit mir nach England zu kommen und das Haus mit seinen trüben Erinnerungen für immer zu verlassen.

Als ich dann nach einer andern schlaflosen Nacht in jenes Zimmer schaute, glaubte ich, ich müßte den Geist des unglücklichen Generals sehen, wie er sich aus dem Sessel erhob, der noch immer über dem todbringenden Herdsteine stand.


* * *


Ich wandte meine Aufmerksamkeit nun den Zeitungsausschnitten zu, die ein viel späteres Datum trugen, und las das Folgende:

Der Todesfall von Albert Moore, der im Hause seines Bruders gestern plötzlich starb, erinnert an einen gleicherweise geheimnisvollen Tod, der an derselben Stelle eingetreten. Der Verstorbene war mit dem Kopfe auf der gleichen Stelle gefunden worden, auf der vor vierzig Jahren General Lloyd sein Leben aushauchte. Man erzählt sich, daß dem Tod dieses starken und gesunden Mannes ein heftiger Wortwechsel mit seinem Bruder voraufgegangen sei. Wenn dem so ist, darf die Aufregung, die diesem plötzlichen Bruch ihres sonst so brüderlichen Verkehrs folgte, als Todesursache angesehen werden. Edward Moore, der leider nicht im Zimmer gewesen, als sein Bruder fiel – man sagt, er sei im Zimmer seines Großvaters, das über der Bibliothek liegt, gewesen – ward durch den Tod sehr erschüttert und befindet sich in kritischem Zustande. Der Verkehr der beiden Brüder war stets der freundlichste gewesen, bis sie sich unglücklicherweise beide in dasselbe Mädchen verliebten.


* * *


Der nächste Zeitungsausschnitt, auf den obigen geklebt, lautete:

Der Streit zwischen den beiden Brüdern Moore, der dem Tode des jüngeren voraufging, scheint doch gravierender Art gewesen zu sein, als zuerst angenommen wurde. Es soll ein Duell zwischen den beiden ausgefochten worden sein, in dem der ältere verwundet wurde. Man sagt sogar, die junge Dame, um die es sich handelte, versprach, dem ihre Hand zu reichen, der zuerst Blut fließen lasse. Es wird zugegeben, daß die Bibliothek in größter Unordnung war, als die Dienerschaft beim Geräusch eines Falles eintrat. Alle Möbel waren an die Wand gerückt worden und so ein freier Platz geschaffen, in dessen Mitte ein einziger Tropfen Blut zu sehen war. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es nicht der Kummer allein ist, der Mr. Moore an das Bett fesselt. – Die junge Dame, das Objekt des fatalen Streites, soll die Stadt verlassen haben.


* * *


Darunter las ich das Folgende:


Getraut: am 21. Januar im amerikanischen Konsulat in Rom, Italien: Edward Moore von Washington, D. C. Vereinigte Staaten von Nordamerika, mit Antoinette Sloan, Tochter von Joseph Sloan, von ebendaher.


* * *


Hiermit war mein Interesse an dem Buche beendet und ich wollte eben vom Stuhle steigen, auf dem ich die ganze Zeit gestanden, als ich einen Zettel bemerkte, der am Boden zu meinen Füßen lag. Dieser mußte aus dem Buche gefallen sein, denn er hatte vorhin nicht dagelegen. Als ich das Papier aufhob, sah ich, daß es ein neues Stück war, worauf erst kürzlich Notizen gemacht worden sein konnten. Die Handschrift war leicht zu identifizieren. Was ich las, war staunenswert – es waren meine eigensten Gedanken!


* * *


Wir haben hier zwei separate Fälle, wie der Tod diejenigen überraschte, die auf dem Herdsteine starben:

dieselben Merkmale sind bei beiden zu finden;

beide Opfer waren allein, als sie fielen;

beide Male ging dem Tod eine heftige Szene voraus zwischen dem Opfer und dem jeweiligen Besitzer des Hauses;

in beiden Fällen brachte der Tod des andern dem Eigentümer des Hauses einen Vorteil.


* * *


Merkwürdig! Noch jemand außer mir versuchte, die Fragen zu lösen, die mich beschäftigten. Ich hätte vielleicht annehmen können, es sei ein Detektiv, hätte nicht das Folgende unzweifelhaft darauf hingewiesen, daß der Schreiber niemand anders sein konnte, als ein Moore!


* * *


»Laß mich einmal die Worte ins Gedächtnis zurückrufen, die mein Vater aussprach, als mein Bruder ihm meine Missetaten erzählte, wodurch mein ganzer Lebensgang geändert ward. Es war an meinem einundzwanzigsten Geburtstag; der alte Mann hatte mir eben gesagt, daß ich, als der Älteste, dereinst das Haus erben und damit der Besitzer des Geheimnisses würde, das seit den Tagen von Colonel Alpheus stets nur vom Vater auf den ältesten Sohn übergehe, und fuhr fort: Das bedingt, daß ich dir Tatsachen erzählen muß, ohne deren Kenntnis du nie ein echter Moore sein wirst. Diese Tatsachen mußt du dereinst deinem Sohne oder nächsten Leibeserben mitteilen. Es ist dies eine Bestimmung, die kein Erbe jemals außer acht ließ. Höre: du hast oft das goldene Filigran-Herz gesehen, das ich an meiner Uhrkette trage. Dieses Herz ist der Talisman unseres Hauses, dieses Hauses. Solltest du dich im Laufe der Jahre in der äußersten Notlage befinden, aus der keine Rettung mehr scheint – höre wohl und achte gut auf die strikte Bedingung: die äußerste Notlage, aus der keine Rettung mehr scheint!!! – (ich befand mich nie in solcher und habe das Filigran-Herz nie geöffnet), dann nimm das Herz von der Kette, presse auf diese Stelle und benutze das, was du darinnen findest, in Verbindung mit – – – – –«. Hier stürmte mein Bruder ins Zimmer und berichtete das, was mir die Achtung meines Vaters verscherzte und dem Jüngeren mein rechtmäßiges Erbe einbrachte, zusammen mit dem Geheimnis, von dem ich nur einen Teil kenne. Doch der Teil soll mir zum Ganzen verhelfen! Ich habe das Filigran-Herz oft gesehen; Veronika trägt es jetzt. Doch den Inhalt habe ich nie gesehen. Wenn ich diesen kennen würde und wüßte, warum der Hausherr stets die Bibliothek verließ . . . . . . . .


* * *


Hier endete die Aufzeichnung mit einem langen Striche am s, als habe der Schreiber plötzlich erschreckt abgebrochen.

Wer war der Schreiber dieser Zeilen? Wer wollte das gleiche Geheimnis ergründen? Einer, dem gewisse Familientraditionen zu Gebote standen und der das Ende der Mooreschen Mysterien kennen lernen wollte. Einer, der durch seinen jüngeren Bruder aus seinem Erbe verdrängt worden war und der nunmehr infolge des Todes dieses Bruders und dessen einzigen Leibeserben wieder in den Besitz seines Eigentums kam: Onkel David war es, dessen Aufzeichnungen ich eben gelesen!

Diese Tatsache stellte mich vor ein neues Problem: waren diese Zeilen vor oder nach dem Tode Mr. Pfeiffers geschrieben und hatte der alte Moore das Rätsel gelöst oder war es ihm noch immer eine Mysterie?

Bald indeß vergaß ich diese Fragen unter dem Eindruck der wichtigeren: wo ist das Filigran-Herz? Ich habe es gesehen, dieses Herz; ich hatte es sogar in meiner Hand! Ich bin sicher, es befand sich unter den Gegenständen, die ich auf Mrs. Jeffreys Ankleidetisch gesehen, als ich – am Abend ihres Todes – jenes Zimmer zum ersten Male untersuchte. Wo war es jetzt? Hatte ein anderer, der dessen Wert kannte, es beiseite geschafft?

Mit einem Gefühle des Triumphes schloß ich meine Untersuchung für diese Nacht, um selbe des andern Tages mit neuem Mute fortzusetzen.


21.
Der Schlüssel zum Rätsel.

Meine erste Frage des andern Morgens war natürlich, ob jemand das goldene Anhängsel gefunden habe. Keiner der Polizisten wußte etwas davon. Man hatte sogar vom Präsidium aus danach gefragt, indeß – wie ich erfuhr – aus anderen Gründen als den meinigen. Das Filigran-Herz war auf der Liste der Gegenstände, welche die Polizei beschlagnahmte. Alles war abgeliefert worden, nur das kleine goldene Herz nicht; es mußte beim Transport verloren gegangen sein. Wer danach fragte? Nicht Mr. Jeffrey, sondern Onkel David, der eigentlich gar kein Interesse an seiner Nichte Schmuck haben kann, denn dieser fällt Mr. Jeffrey zu. Onkel David war bei der Übergabe dieser Schmuckgegenstände an Mr. Jeffrey zugegen und fragte ausdrücklich nach dem Filigran-Herz, das – wie er sagte – ein Familien-Erbstück ist; als solches gehöre es ihm, als Erben des Mooreschen Nachlasses, und nur ihm allein. Man suchte, fand das kleine Stück aber nicht; man hielt es für so wertlos, daß man nicht einmal danach gesucht hätte, wäre nicht der alte Moore tagtäglich auf das Präsidium gelaufen, um nach dem Verlorenen zu fragen. Dieses Herz, sagte er, sei für einen Moore soviel wert, als der gesamte übrige Nachlaß. Solch Unsinn! Seine Beharrlichkeit brachte den Staatsanwalt auf die Frage, ob er wirklich der interessenlose Erbe sei, als den er sich hinstelle. Falls man Miß Tuttles Schuld nicht nachweisen könne, werde zweifellos der alte Moore der nächste sein.

»Der Staatsanwalt weiß, was er tut,« sagte ich und verfiel in Nachdenken. Sollte der alte Moore wirklich der Schuldige sein? Der Zettel, den ich in dem Buche gefunden, bewies, daß er trotz seiner gegenteiligen Versicherung in allerletzter Zeit im alten Hause war, vielleicht gar in der fatalen Nacht! Er bewies auch sein Interesse an dem Familiengeheimnis! Was sonst? Sollte er sein Schreiben unterbrochen haben, um durch ein Verbrechen in den Besitz des Filigran-Herz zu gelangen? Wenn dem so war, warum ließ er es oben auf dem Tische liegen? Es war eine Kerze in jenem Zimmer gefunden worden – – sollte er diese benutzt haben, das goldene Herz zu suchen?

Falls dies alles wahr wäre, ließen sich die weiteren Folgerungen leicht ziehen. Warum sträubte sich mein Inneres dennoch, in ihm den Mörder vor Mrs. Jeffrey zu sehen? Ich weiß es nicht. Ich konnte den Mann nicht leiden und traute ihm nicht; trotzdem konnte ich nicht glauben, daß er das Verbrechen begangen.

Meine Kollegen waren anderer Meinung; sie hatten ihn bereits auf der Liste.

»Sehen Sie hier,« sagte einer, indem er mir eine Zeitung in die Hand drückte, »lesen Sie die dritte Anzeige unter »Verloren und Gefunden«; diese ließ der Staatsanwalt einrücken – die darunter stammt von Mr. Moore selbst.«

Ich schaute hin und las zwei Beschreibungen des Filigran-Herz. Die ausgesetzten Belohnungen waren merkwürdig verschieden: die Onkel Davids war so hoch, daß der Finder unzweifelhaft das kleine Schmuckstück sofort zurückbringen würde.

»Diesmal überbot er die Polizei,« bemerkte ich lachend. »Wann erschien diese Anzeige?«

»Zur Zeit, als Sie verreist waren.«

»Wissen Sie, ob er das Gesuchte bekommen?«

»O, wir wissen bestimmt, daß er es noch nicht hat; er kommt ja tagtäglich, um danach zu fragen.«

»Auch die Polizei hat es nicht finden können?«

»Nein.«

»Nichts blieb unversucht?«

»Nichts.«

»Wer nahm die Sachen und trug sie aus dem südwestlichen Zimmer zu Mr. Jeffrey?«

»Ich selbst,« sagte der Sprecher.

»Sind Sie sicher, das goldene Herz war dabei?«

»Nein. Ich weiß nur, daß ich es irgendwo gesehen; es befand sich aber nicht bei den Sachen, die ich Mr. Jeffrey aushändigte.«

»Wie haben Sie dieselben getragen?«

»In einer ledernen Handtasche, die ich selbst verschloß.«

»Ehe Sie das südwestliche Zimmer verließen?«

»Jawohl.«

»Dann muß das Filigran-Herz noch in jenem Zimmer sein!«

»Suchen Sie es,« war die lakonische Antwort.

Die meisten hätten dies vielleicht nicht getan; ich bin nicht der Mann, der sich nach dem richtet, was andere tun, und obwohl ich nicht hoffte, das Vermißte zu finden, ging ich des Nachts doch wieder in das Moore Haus und begann zu suchen.

Ich suchte so, als ob niemand vor mir je die Zimmer durchstöbert hätte: erst auf dem Boden; dann nahm ich Stück für Stück im Zimmer zur Hand – nichts; da sah ich die schweren Brokat-Vorhänge, welche die Fenster bedeckten und keinen Lichtschein von außen eindringen ließen – nichts; jetzt blieben nur noch die Schnüre und Quasten, welche zum Zurückhalten der Vorhänge diente und – – man mag es nennen wie man will: Zufall oder sonst etwas, man mag sagen: wenn es dort war, hätte es längst gesehen werden müssen – alles das ist wahr! Beim Schütteln sah ich etwas blinken, das nicht zu den Quasten zu gehören schien. Ich suchte vorsichtig und fand in den Schnüren der Quaste ein goldenes Kettchen hängen und an dessen Ende das Filigran-Herz!

Wie es dahin gekommen, ob es dahin rollte oder zufällig dahin fiel, wie sich die Kette in der Quaste verfangen und dort haften blieb, trotz des Schüttelns und Klopfens all das interessierte mich in diesem Augenblicke nicht. Ich hatte den Talisman gefunden und das genügte mir! Nun blieb mir nur noch übrig, zu sehen, was der Talisman enthielt, und ich kannte das Geheimnis, das Onkel David vergeblich zu lösen versuchte. Ich beugte mich zum Licht nieder, drückte auf den Verschluß und öffnete das Herz Und was fand ich? Etwas so verschieden von dem, was ich erwartet hatte, etwas so trivial und harmlos, daß ich mich erst der Worte erinnern mußte, mit welchen Onkel David seine Aufzeichnungen geschlossen, um zum Bewußtsein zu kommen, welche Möglichkeiten mir das kleine Ding boten. Es war nur ein Miniatur-Vergrößerungsglas; doch wenn es gebraucht wird »in Verbindung mit . . .« Mit was? Das war es, was auch Onkel David offenbar nicht wußte! Doch das war der Schlüssel zum vollen Verständnis des Dramas und der vielen Dramen, die sich in diesem Hause abspielten . . . Konnte ich je hoffen, zu lösen, was selbst einem Moore unlösbar schien? Nein, raten half hier nicht. Ich mußte einem Zufall vertrauen, einer momentanen Eingebung – – –

Da war es auch schon!

Das Bild! Das nichtssagende, scheinbar wertlose Bild über dem Mantelofen in »The Colonels Own«, dessen Dasein in solch reich ausgestattetem Zimmer mir immer ein Rätsel war!

Warum mir gerade jenes Bild so plötzlich vorschwebte, weiß ich nicht zu erklären. Weil ich so nahe an dem Bette stand, in dem niemand Ruhe finden konnte, da ihn die Augen des Bildes so anstarrten? Weil die Mooresche Tradition das Abnehmen oder Verhängen von Bildern verbot? Weil jenes Bild einen eigenartigen Einfluß auf jedermann ausübte – sogar auf Francis Jeffrey? Wie gesagt, ich weiß es nicht. Doch es drängte mich immer mehr nach jenem Bilde hin.

In großer Erregung sprang ich auf einen Stuhl, nahm das Bild herab und legte es auf das Bett. Dann nahm ich das Vergrößerungsglas, und – trotzdem ich auf alles vorbereitet war, schrie ich beinahe auf! Die kleinen Striche erwiesen sich als Buchstaben, Worte, Sätze! Die Zeichnung, die so unscheinbar und unschuldig aussah, war eine Mitteilung, vielleicht ein Testament, das diejenigen lesen konnten, welche ein Vergrößerungsglas benutzten. Ich vermochte meiner Aufregung kaum Herr zu werden. Langsam und unter großen Schwierigkeiten las ich das Folgende:

»Ein Feigling, der ich bin, will ich meinen Nachkommen das Verbrechen beichten, dessen Folgen zu tragen ich zu feig war. Beichten muß ich es; sterben, mit dem Verbrechen im Herzen, ist unmöglich. Doch wie soll ich es niederschreiben, daß nur meine Leibeserben es lesen und auch die nur dann, wenn sie sich in der größten Notlage befinden? Ich glaube, ich fand eine Lösung in dieser Zeichnung und der Bestimmung, die ich dem Besitzer des Filigran-Herzen auferlege.

Kein Mensch wünschte je den Tod seines Feindes mehr, denn ich, und kein Mensch erdachte je einen teuflischeren Plan, seinen Zweck zu erreichen. In meinem eigenen Hause ließ ich einen Mechanismus bauen, durch den der Mann, der mein Schicksal in seiner Hand hielt, auf dem Herdsteine meiner Bibliothek seinen Tod fand, oder daß jemand in seiner Nähe war oder man mich mit seinem Tode in Zusammenhang bringen konnte. Liest sich das nicht wie das Geständnis eines Irrsinnigen? Gehe zu dem alten Zimmer, das man »The Colonels Own« nennt; trete in die Kammer, nimm die beiden Schubladen heraus und suche dann nach einem Guckloche an der Hinterwand, durch das du – wenn du dich tief genug niederbeugst – die Bibliothek und den großen Sessel sehen kannst, der auf dem Herdsteine steht. Halte diese im Auge. Suche mit den Fingern deiner Rechten an der Wand, bis du auf etwas stößt; ist dies eine Handhabe, so suche weiter, denn diese dient nur zum Aufwinden des Apparates und muß gedreht werden, bis man nicht mehr kann. Findest du dagegen einen Knopf, so drücke fest darauf! Doch hüte dich, auf diesen Knopf zu drücken, wenn einer, der dir lieb ist, auf der Stelle sitzt, wo der gepolsterte Sessel zum Sitzen einladet; denn dann wirst du trauern und klagen und die Stunde verfluchen, wie ich es tue, seitdem ich meinen Weg durch einen Mord ebnen wollte. Das Schicksal jenes Mannes lag in meiner Hand – sein Tod kam über mich! Ich habe das Hindernis beiseite geschafft, doch ein Grauen ist über mich gekommen, das nur der verstehen kann, des Seele verfolgt wird von den Geistern eines Toten, eines Gemordeten. Nacht für Nacht muß ich zu der Stelle gehen, wo ich die Tat vollbrachte; Nacht für Nacht muß ich dasselbe tun – ich kann mir nicht helfen! Und noch jetzt, nach dreißig Jahren, foltert mich dieselbe Qual! Den tödlichen Mechanismus herausreißen und jede Spur davon vernichten, hieße nur, mich öffentlich als den Mörder anklagen: denn ich müßte in der Öffentlichkeit dasselbe tun, was ich jetzt geheim tue, unter tausend Schrecken und Qualen. Und wenn die Stunde kommt, die einst kommen muß, wenn ich nicht mehr aufstehen und jene Kammer betreten kann, dann muß ich selbst in meinen Träumen die schreckliche Tat wiederholen! Ich schreie laut und rufe den Tod, den ich so sehr fürchte! Doch selbst in der Hölle muß ich dasselbe tun, was mir das Leben vergiftete, die Seele zerfleischte!

Willst du mein Schicksal teilen? Dann versuche durch Mord dir Freiheit zu schaffen!«


22.
Ein Faden in der Hand.

Es gibt Dinge im Leben, die sich einem unwillkürlich aufdrängen: der Schreiber jener Zeilen mußte das erleben und ich fühlte denselben Drang – hingehen und den Mechanismus probieren!

Doch meine bessere Vernunft siegte; ich beschloß, meinen Vorgesetzten zuerst von meiner Entdeckung zu benachrichtigen und in dessen Beisein die Probe zu veranstalten, zu der außerdem mehr Licht nötig war, als mir im Augenblicke zur Verfügung stand. Ich hing daher das Bild wieder an seinen Platz und verließ das Haus.

Es dämmerte bereits; ich hatte drei volle Stunden gebraucht, das Geheimnis zu entziffern und das Gefundene niederzuschreiben.

Ich war frühzeitig auf dem Präsidium, fand den Superintendenten jedoch nicht allein. Der Staatsanwalt war dort, zwei Detektive, die »den Fall Tuttle« bearbeiteten, und ein Fremder. Ich wußte sofort, um was es sich handelte. Die beiden Detektive, die mir nicht sehr gewogen waren, hätten mich am liebsten gehen sehen; da mich der Superintendent indes zum Sitzen aufforderte, hörte ich dem Fremden zu. Dieser zwinkerte beim Sprechen mit den Augen und stotterte; sonst machte er einen vertrauenerweckenden Eindruck.

»Sind Sie sicher,« fragte der Major ,,daß dies derselbe Herr war, den ich Ihnen gestern Abend zeigte?«

»Ganz sicher! Ich kann das beeiden!«

»Sie erkannten ihn positiv?«

»Positiv! Ich hätte ihn ebenso bestimmt erkannt, hätte ich ihn in einer andern Stadt gesehen und in seiner ebenbürtigen Gesellschaft. Sein Gesicht machte einen tiefen Eindruck auf mich; Sie wissen, ich hatte genügend Zeit, seine Züge zu studieren, als ich neben ihm stand.

»Das sagten Sie bereits. Wollen Sie nun so gut sein, die ganze Sache noch einmal zu wiederholen? Ich möchte gerne, daß der Herr, der eben eingetreten, Ihre Beschreibung der Szene hört. Machen Sie auch die Bewegungen – es war sehr interessant.«

Der Fremde warf einen schnellen Blick nach mir und begann dann, der Aufforderung Folge zu leisten.

»Ich kehrte gerade nach meinem Hause in Georgetown zurück – es war am Abend des elften Mai, da die Frau ermordet wurde. Meine Frau war krank; ich war nach der Stadt gegangen, einen Arzt zu rufen, und hätte gleich heimgehen sollen; ich war jedoch neugierig, zu sehen, wie hoch die Flut gestiegen war – Sie erinnern sich, der Fluß war ausgetreten. Ich ging zur Brücke und traf dort den Herrn, über den Sie mich befragten. Er war allein und lehnte sich über das Geländer, so« (der Sprecher nahm hier einen Stuhl, kreuzte seine Arme, legte sie auf die Lehne und beugte seinen Kopf darüber). »Ich kannte den Mann nicht; die Art und Weise aber, wie er in den Fluß schaute, war nicht die eines Neugierigen, sondern die eines Mannes, der eine dunkle Tat brütet. Es war ein schöner Mann, feingekleidet, doch schien er elend zu sein und so tief in Gedanken versunken, daß er mich nicht bemerkte, obwohl ich keine zwei Schritte von ihm entfernt stand. Ich dachte erst, er wolle sich ins Wasser stürzen; statt dessen richtete er sich plötzlich auf, blickte starr vor sich hin, als sehe er einen Geist, und schrie: Sie muß sterben! Sie muß sterben! Kein Name, nichts weiter als zweimal dasselbe: sie muß sterben! Dies erschreckte mich so, daß ich nicht wußte, sollte ich Hand an ihn legen oder weglaufen. Plötzlich nahm er die Hände vom Geländer und, noch immer nach derselben Stelle starrend, sagte er noch das eine Wort: heute! Dann ging er fort, der Stadt zu. Ich hörte ihn noch sagen: eine Kugel für sie und – –. Den Rest verstand ich nicht mehr, da er schon zu weit weg war.«

»Um welche Zeit war das?«

»Etwa halb sechs Uhr; es war sechs, als ich nach Hause kam.«

»Von da muß er nach dem Friedhofe gegangen sein,« bemerkte der Major.

»Ganz sicher,« entgegnete der Staatsanwalt.

»warum folgten Sie dem Manne nicht?« fragte der Major weiter.

»Er ging mich nichts an; er war mir fremd, vielleicht ein Verrückter; ich wußte nicht, was ich tun sollte.«

»Was taten Sie dann?«

»Ich ging nach Hause. Meine Frau war sehr krank in jener Nacht und ich hatte genug zu tun.«

»Sie lasen aber doch die Zeitungen am nächsten Morgen?«

»Nein, nicht für viele Tage. Meine Frau ward schwächer und schwächer und eine ganze Woche lang ging ich nicht von ihrem Lager. Als sie dann besser ward, nahm ich sie fort und hatte so keine Gelegenheit, mit jemand über den Fall zu sprechen. Erst letzte Woche, als ich zufällig etwas über Mrs. Jeffreys Tod las, dachte ich wieder an das Zusammentreffen auf der Brücke. Ich sagte zu einem Nachbarn, daß ich glaube, der Mann, den ich auf der Brücke gesehen, sei Mr. Jeffrey gewesen. Wir sahen die Zeitungen nach, fanden sein Bild, und aus war's! Kein Zweifel – er war der Mann! So kam ich hierher zur Polizei . . .«

»Das genügt, Mr. Gelston,« unterbrach ihn der Major. »Wenn wir Sie wieder wünschen, lasse ich Sie rufen. Ich danke Ihnen. Mr. Durbin, begleiten Sie Mr. Gelston hinaus.«

Ich war allein mit dem Major und dem Staatsanwalt. Niemand sprach ein Wort. Mein Herz pochte so laut, daß ich fürchtete, die beiden müßten es hören. Seit ich Miß Tuttle als unschuldig betrachtete, glaubte ich, trotz des erbrachten Alibis, nicht so recht an Mr. Jeffreys Unschuld und erwartete, denselben Gedanken aus dem Munde der beiden Anwesenden zu hören.

Der Major sprach zuerst.

»Das ist ein ganz materieller Punkt,« sagte er. »Wir haben hierdurch einen Beweis, daß Mrs. Jeffreys Tod geplant war. Hätte Miß Tuttle die Tat nicht ausgeführt, hätte er sie erschossen. Ich wundere mich, ob er sich erleichtert fühlte, als er beim Nachhausekommen hörte, die Tat sei bereits vollendet . . .«

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen.

»Miß Tuttle?« fragte ich. »Ist es so unzweifelhaft bewiesen, daß Mr. Jeffrey nicht Zeit genug hatte, zum Moore Haus zu gehen und die Tat selbst zu begehen?«

Der Major schaute mich verwundert an.

»Ich dachte, Sie betrachteten Miß Tuttle als die Schuldige!«

Ich fühlte, daß es an der Zeit war, Farbe zu bekennen.

»Ich habe meine Ansicht geändert. Ich kann keinen Grund dafür angeben – vielleicht liegt es in der Persönlichkeit der Dame, die nicht wie eine Verbrecherin aussieht und sich nicht wie eine solche benimmt. Ich will mein Urteil nicht über das meiner Vorgesetzten stellen, die ich in jeder Weise respektiere; ich habe jedoch diese Ansicht und habe auch den Mut, sie auszusprechen. Kein Zweifel: falls Mr. Jeffrey tatsächlich nicht zur Zeit im Moore Haus sein konnte, die Tat selbst zu begehen, sind die Verdachtsmomente gegen Miß Tuttle ziemlich schwere; sie gibt selbst zu, im Hause gewesen zu sein, als der Schuß abgefeuert ward, jedoch . . .«

»Jedoch was? Sie wissen etwas Neues! Ich merkte das sofort, als Sie eintraten. Was ist es?«

»Ich verbrachte die vergangene Nacht wieder im Moore Hause. Alle Versuche, die Mysterien des alten Hauses zu lösen, waren, wie Sie wissen, vergebens. Ich dachte, auf eine andere Weise zum Ziele zu gelangen und täuschte mich nicht. Die Sache war so einfach, daß ich mich jetzt nur wundere, nicht schon lange daran gedacht zu haben; nun habe ich den Schlüssel zu all den mysteriösen Todesfällen, die sich auf dem Herdstein der Bibliothek ereigneten. Und wo glauben Sie, steckt das Geheimnis? Nicht in dem Herdstein selbst und nicht im Boden unter dem Sessel; in der Tat überhaupt nicht in der Bibliothek, sondern in dem unscheinbaren Bilde, das oben im südwestlichen Zimmer hängt.«

»In dem Bilde? In der verblaßten Skizze, die eigentlich in die Rumpelkammer gehört?«

»So ist es. Für Sie und alle andern ist es nicht mehr wert, als Sie eben sagten. Aber für die Eingeweihten – Gott sei Dank waren es nur wenige – ist es Geschriebenes, das geheime Instruktion enthält. Das Bild besteht gänzlich aus Buchstaben, Worten, Sätzen, die vermittels eines Vergrößerungsglases leicht entziffert werden können. Ich habe das Geheimnis gelesen, habe es sogar abgeschrieben. Wollen Sie es lesen? Es enthält ein merkwürdiges Geständnis, ein Geständnis, das als Warnung dienen sollte, das aber ganz entgegengesetzte Resultate zeitigte. Es dient vielleicht zur Erklärung, wie der Mann aus Denver starb, wenn es auch sonst wenig Licht auf den vorliegenden Fall wirft.«

Während ich so sprach, legte ich die Abschrift vor mich auf den Tisch. Sofort beugten sich beide darüber. Als sie wieder aufschauten, sah ich keine Überraschung in ihren Augen, aber Anerkennung, was mich mehr befriedigte als alles.

»Sie sind ein Mann unter Tausenden!« sagte der Major voll Enthusiasmus. »Lassen Sie uns sofort zum Moore Haus gehen. So was kommt selbst in Washington, wo man doch an Überraschungen gewohnt ist, nicht oft vor! Wir wollen die Feder suchen und sehen, was geschieht. He? Und auf dem Wege können Sie mir erzählen, wie Sie zu dem Geheimnis gekommen sind. Nebenbei bemerkt: Mr. Jeffreys Interesse an dem Bild ist hiermit erklärt. Er wußte um das diabolische Geheimnis!«

Dies war offenbar und bedauerte ich nur Miß Tuttle, welche so tief im Vertrauen ihres Schwagers schien. Trotzdem hielt ich fest am Glauben ihrer Unschuld und ließ mich davon auch nicht abbringen.

Wäre David Moore an seinem Fenster gesessen, er hätte gewiß erstaunt auf »seine Feinde« geschaut, die zu so früher Stunde in »sein Eigentum« drangen. Er war jedoch noch nicht aufgestanden, und so konnten wir das Haus betreten, ohne gesehen worden zu sein.

Zuerst gingen wir in das südwestliche Zimmer, nahmen das Bild herab, untersuchten es vermittelst eines Vergrößerungsglases, um uns zu überzeugen, daß das Geschriebene wirklich in den Zügen zu lesen war, und nachdem dies geschehen, begaben wir uns nach der Kammer, um die geheime Feder zu probieren und zu sehen, welch teuflisches Beginnen folge.

Zu meiner großen Genugtuung ward mir die Ausführung der Instruktion überlassen. Ich zog die beiden großen Schubladen heraus und stellte sie zur Seite. Dann suchte ich nach dem Guckloche, das ich endlich auch fand; ich schaute hinab, sah jedoch nichts und verlangte, daß ein Licht in das Bibliothekzimmer gestellt werde.

Der Major, der Staatsanwalt und ein Detektiv gingen hinunter; nichts konnte ihre Neugierde mehr zügeln, selbst nicht die Möglichkeit einer geheimen Gefahr. Als der Lichtschein zu mir drang, konnte ich das Zimmer unter mir fast ganz übersehen. Es war nicht nötig, die unten zu warnen, denn ich sah sie ganz nahe der Tür stehen, eine Vorsicht, die jedenfalls angebracht war.

»Fertig?« rief ich hinab.

»Fertig!« erwiderten drei Stimmen.

»Dann Achtung!«

Ich drückte mit aller Macht auf den geheimen Knopf. Da fiel etwas Rundes, Schweres, Tödliches aus der Decke, genau auf die Stelle, wo der Sessel zu stehen pflegte; das Ding schwebte an einem Drahte, schwang hin und her, kam jedoch bald zur Ruhe, etwa einen Fuß über dem Herdstein.

Ein Schrei von denen im Zimmer veranlaßte mich, hinabzueilen, um die Wirkung des geheimen Mechanismus kennen zu lernen. Da hing das teuflichste Instrument, das Menschengeist je erdachte.

Nachdem wir uns von der ersten Überraschung erholt, betrachteten wir das Ding näher: es war ein schweres Gewicht in Form einer Rosette, bemalt und so gearbeitet, daß es genau in die Decke paßte, als ein Stück derselben und unmöglich als auslösbar zu erkennen war.

»Es hängt genau über dem Sessel,« sagte ein Detektiv.

»Und genau über der Stelle, welche zum Sitzen einladet, wie der Erbauer so bezeichnend in dem geheimen Dokument schreibt,« bemerkte der Staatsanwalt.

»Stellen Sie den Sessel an seinen gewohnten Platz,« sagte der Major, »und lassen Sie uns sehen, ob das tatsächlich stimmt.«

Der Sessel ward zurechtgerückt und wir sahen, daß unsere Annahme korrekt war.

»Teuflisch!« sagte der Major. »Das Gewicht fiel so tief es konnte; wenn es etwas höher gezogen würde . . .«

»Einen Augenblick,« sagte ich, »ich will sehen, was ich damit tun kann.« Dann ging ich nach oben, in die Kammer von »The Colonels Own«.

Ich schaute durch das Guckloch, um zu sehen, ob noch alle an derselben Stelle standen; dann ergriff ich die Handhabe und drehte. Sofort zog der Draht an.

»Halt!« rief der Major. »Drücken Sie jetzt nochmals auf den Knopf!«

Ich gehorchte und bemerkte aus den bleichen Zügen der Untenstehenden, daß der Besitzer des Hauses genau und richtig kalkuliert hatte und daß derjenige, der sich auf dem Sessel niederließ, unfehlbar dem Tode verfallen war, sobald ihn das tödliche Gewicht traf. Das Gewicht war gerade schwer genug, das Opfer zu töten, ohne die Schädeldecke zu zerschmettern; dadurch ward der Eindruck geschafft, als sei die Wunde beim Fall und Aufschlagen auf die Herdplatte entstanden und so jeder Verdacht einer Gewalttat abgelenkt. Die Tatsache, daß alle Todesfälle in diesem Lichte betrachtet worden waren, spricht für die richtige Kalkulation des Erfinders.

Ich dachte mit Staunen über all das nach und über eine neue Entdeckung, die ich eben gemacht und die mich im Innersten erschütterte, als ich das Kommando hörte, die Handhabe wieder zu drehen und die Öffnung zu schließen. Ich tat dies mit zitternder Hand, und obwohl ich das Resultat nicht sehen konnte, schloß ich aus den erstaunten Ausrufen, daß das Gewicht seine Stelle fehlerlos ausfülle.

Als ich nach unten kam, sah ich alle nach der Stelle suchen, die eben noch offen gewesen. Es schien unmöglich, einen Riß zu entdecken oder die Stelle zu finden; als ich endlich die Rosette gefunden hatte und die Aufmerksamkeit darauf richtete, wollte keiner glauben, daß dies die Stelle sei, bis ich sie durch erneutes Herablassen davon überzeugte.

»Ich bin froh, mein Name ist nicht Moore,« sagte der Staatsanwalt.

Der Major stand nachdenkend:

»Einer der Kandelaber, die im Salon auf dem Mantelofen standen, ward in der Kammer gefunden,« sagte er. »Jemand muß dort gewesen sein, vielleicht am Tage, als Mr. Pfeiffer hier gesessen .«

»Ich kann den Tod Mr. Pfeiffers erklären,« rief ich, indem ich meine Hand öffnete, die ich seither hinter meinem Rücken liegen hatte und den Erstaunten ein Stückchen der feinsten Brüsseler Spitze hinhielt.

»Wo haben Sie das gefunden?« rief der Major, der zuerst die Meinung meiner Worte begriff, in großer Erregtheit.

»Im Holz hinter den Schubladen,« entgegnete ich. »Eine Frauenhand hat auf den Knopf gedrückt, ehe ich dies tat, eine Frau, die Spitzen am Kleide trug, sehr, sehr wertvolle Spitzen!«

Es gab nur eine einzige Frau, welche mit dieser Affäre in Verbindung stand und auf die alle Voraussetzungen paßten: die Braut – Veronika Moore!


23.
Worte in der Nacht.

Veronika Moore im Zusammenhang mit Mr. Pfeiffers Tod – ein Tod, der in unerklärlicher Weise bald darauf ihren eigenen zur Folge hatte – diese Tatsache machte auf uns einen überwältigenden Eindruck.

Der Superintendent war der erste, der sich wieder gefaßt hatte.

»Dies wirft ein völlig neues Licht auf den Fall,« sagte er. »Nun können wir auch verstehen, weshalb Mr. Jeffrey auf der Brücke murmelte: Sie muß sterben! Sie war mit blutbefleckten Händen zu ihm gekommen.«

Dies schien fast unglaublich – mehr als das: unnatürlich. Ich erinnerte mich noch, wie sie dalag, mit gramdurchfurchten Zügen. Ich glaubte zu viel an die Reinheit des Frauengeschlechtes, um anzunehmen, daß die bloße Lust zu morden sie zu einem Verbrechen getrieben habe. Und wieder fragte ich mich, inwieweit ihre Schwester an dem Verbrechen beteiligt sein könnte, dessen wahres Motiv wir noch immer nicht verstanden.

Der Staatsanwalt fragte den Major, wann er von Denver zu hören erwartete; es sei von größter Wichtigkeit, festzustellen, in welcher Beziehung die Tote mit dem durch den tödlichen Mechanismus Gemordeten stand.

Der Major entgegnete, daß er stündlich Antwort erwarte; er habe Befehl hinterlassen, ihm unverzüglich die eintreffende Antwort zu überbringen, käme diese bei Tag oder Nacht. Er erwarte solche in dieser Stunde, in dieser . . .

Der Major hatte den Satz noch nicht vollendet, als ein Polizist mit einem Telegramm in der Hand eintrat. Der Major griff rasch danach: es war in Geheimschrift und lautete übersetzt folgendermaßen:


Resultat der offenen Erhebungen in Denver:


Drei Brüder Pfeiffer; alle guten Leumund; einfach, aber exzentrisch. Einer Kaufmann in Denver; starb Juni 97; einer starb in Klondike Oktober desselben Jahres. Der dritte, Wallace, starb vor etwa drei Monaten plötzlich in Washington.

Nichts weiteres durch geheime Nachfrage erkundet.


Resultat der offenen Erhebungen in Owosso:


Mann namens Pfeiffer hatte Geschäft in Owosso, zur Zeit, da V. M. die Schule daselbst besuchte; war einer der drei Brüder Pfeiffer, Heimat Denver, Namen Wallace. Zugleich mit V. M.'s Austritt aus Schule gab P. Geschäft auf, um seinen Bruder William nach Klondike zu begleiten. Nichts über näheren Verkehr zwischen V. M. und P. bekannt.


Resultat der geheimen Erhebungen:


V.M. sehr intim mit Schülerin, die seither starb. Ritten oft zusammen aus; einmal sehr lange fort gewesen, kurz ehe V. M. die Schule verließ. Datum derselbe, an welchem Hochzeit in Stadt, zwanzig Meilen entfernt, stattgefunden; Braut Antoinette Moore; Bräutigam W. Pfeiffer aus Denver. Zeuge: junges Mädchen mit roten Haaren. Schulfreundin hatte rote Haare. Hatte V. M. Mittelnamen mit Anfangsbuchstaben A?


Wir schauten uns gegenseitig erstaunt an; die letzte Frage konnte keiner von uns beantworten.

»Bringen Sie sofort Mr. Jeffrey hierher,« sagte der Major, »und Sie holen Miß Tuttle. Kein Wort zu beiden über das, was hier vorgegangen, und keine Andeutung, daß sie sich hier treffen werden!«

Mir war die Aufgabe zugefallen, Miß Tuttle zu holen. Dies war mir sehr angenehm, denn es gab mir Zeit, meine Gedanken zu sammeln und mir das Gehörte zurechtzulegen. Doch ich vermochte zu keiner weiteren Folgerung zu kommen, als daß Mrs. Jeffrey für den Tod Mr. Pfeiffers verantwortlich war und daß sie mit blutbefleckten Händen zu Mr. Jeffrey kam, wie der Staatsanwalt sich ausgedrückt hatte. Inwieweit Mr. Jeffrey und Miß Tuttle an dem Verbrechen beteiligt waren, vermochte ich, trotz alles Nachdenkens, mir nicht zu erklären.

Ich hatte Miß Tuttle seit der Verhandlung nicht wieder gesehen und saß daher klopfenden Herzens in dem kleinen Salon des Hauses, das sie gegenwärtig bewohnte und woselbst sie unter strenger Aufsicht stand. Die Ungewißheit, inwieweit dieses schöne Weib an dem eben entdeckten Verbrechen und dem Tode ihrer Schwester beteiligt war, machte diese Augenblicke des Wartens noch zu aufregenderen, und so war ich schlecht auf das duldsame Lächeln vorbereitet, das auf den Zügen der eben Eingetretenen lag.

Ich glaube kaum, daß sie meine Erregung bemerkte; dazu war sie selbst zu sehr erregt. Sie kam mir mit dem unbewußten Stolz ihrer gewinnenden Schönheit entgegen und fragte mit zitternder Stimme:

»Sie haben eine Nachricht für mich? Vom Präsidium? Oder hat der Staatsanwalt noch mehr Fragen an mich zu stellen?«

»Es steht Ihnen leider ein schwieriger Gang bevor,« entgegnete ich, um sie auf das Kommende vorzubereiten. »Aus Gründen, die Ihnen meine Vorgesetzten nachher erklären werden, wünscht man Sie zu sehen, und zwar in dem Hause, wo – wo –« ich konnte unter ihren melancholischen Blicken die rechten Worte nicht gleich finden, »– wo ich Sie bereits zuvor gesehen,« schloß ich stotternd.

»Nach Waverley Avenue?« rief sie, die Arme ausstreckend, mit sichtbarem Schrecken in den Augen.

Ich nickte stumm und schaute zu Boden.

»Sind sie alle dort, alle? Die Polizei und – und Mr. Jeffrey?« fragte sie.

»Madam,« entgegnete ich, »mein Auftrag lautet nur, Sie nach dem genannten Hause zu begleiten. Es wartet eine Droschke vor dem Hause; darf ich Sie bitten, so bald als möglich mitzukommen?«

Statt einer Antwort schaute sie mich mit durchdringendem Blicke an, dem ich nicht standzuhalten vermochte. Dann verließ sie das Zimmer, jedoch mit sehr unsicheren Schritten; ihr Mut schien sie verlassen zu haben. Ihr ganzes Benehmen schien verändert. Hatte sie begriffen – wie ich gerne wünschte – daß das Geheimnis des Moore Hauses nicht mehr ihr und ihres unglücklichen Schwagers alleiniges Geheimnis war?

Als sie zurückkam, schien sie gefaßter, und zur Zeit, da wir in Waverley Avenue ankamen, schien ihre frühere Selbstbeherrschung zurückgekehrt.

Der Major erwartete uns an der Türe und verbeugte sich ernst vor der tief Verschleierten.

»Miß Tuttle,« begann er ohne jede Einleitung im Augenblicke, als wir das Haus betraten, »darf ich Sie fragen, ehe ich Sie mit den Gründen bekannt mache, die uns veranlaßten, Ihnen den unangenehmen Gang hier her aufzuerlegen, ob Ihre Schwester, Mrs. Jeffrey, noch einen zweiten Vornamen hatte neben Veronika?«

»Sie ward Antoinette Veronika getauft; jedoch war die Person, zu deren Ehre sie den ersten Namen trug, ein Schandfleck für die Familie, weshalb sie den Namen fallen ließ und sich nur Veronika nannte. Was habe ich getan?« schrie sie plötzlich erschreckt auf, als sie unsere erregten Gesichter gewahrte.

Keiner antwortete. Zum erstenmal beschäftigten sich die Gedanken aller in ihrer Gegenwart mit einer andern.

Die Braut! Die unglückliche Braut! Kein Mädchen – eine verheiratete Frau! Nein, erst Frau, dann Witwe, dann wieder verheiratet, noch ehe der Gatte im Tode erkaltet war! Wen wundert es noch, daß sie zurückschrak, als ihr junger Gatte ihr den Ring anstecken wollte, daß ihre Flitterwochen unglückliche waren und daß der Schatten, der sich an jenem unglücklichen Tage über sie legte, nicht von ihr wich, bis sie an derselben Stelle den Tod gefunden, an dem sie das grause Verbrechen begangen.

Ehe einer von uns fähig war zu sprechen, hörten wir den andern Detektiv an die Türe klopfen und wußten, daß er mit Mr. Jeffrey draußen stand. Als sie eingelassen worden waren und der letztere Miß Tuttle erblickte, ward auch er sich bewußt, daß der Höhepunkt der Ereignisse gekommen sei und daß er all seines Mutes bedurfte, dem Kommenden standzuhalten. Das unheimliche Schweigen in der düstern Halle unterbrechend, sagte er ernst:

»Lassen Sie mich nicht länger in Ungewißheit. Warum ward ich hierher gerufen?«

Die Antwort war so ernst, als es die Gelegenheit gebot:

Sie wurden gerufen, um das mörderische Geheimnis des alten Hauses kennen zu lernen und auch welche Person es gewesen, die zuletzt davon Gebrauch machte. Wollen Sie dies aus meinem Munde hören, oder sind Sie bereit, zuzugeben, daß Sie schon wissen, auf welche Weise der Tod die im Bibliothekzimmer Sitzenden überraschte? Wir verlangen nicht, daß Sie die Frage beantworten.«

»Ich kenne das Geheimnis,« erwiderte er in der richtigen Erkenntnis, daß ein weiteres Leugnen nutzlos wäre.

»Dann erübrigt uns nur, Ihnen zu sagen, wer die Person gewesen, die zuletzt auf den geheimen Knopf drückte. Doch vielleicht wissen Sie das auch?«

»Ich – –«

Er schwieg; es war ihm unmöglich, weiter zu sprechen. Er schaute hilfesuchend nach Miß Tuttle, jedoch der Major, der diesen Blick bemerkte, stellte sich schnell zwischen ihn und die junge Dame. Dies zwang Mr. Jeffrey zu stammeln:

»Ich– wünschte – daß Sie – mir – das – sagen.«

»Vielleicht sagt es Ihnen dies Stückchen Spitze in zarterer Weise, als ich dies vermöchte,« sagte der Staatsanwalt und öffnete seine Hand, in der das Stückchen Spitze lag, das ich vor etwa einer Stunde in der Kammer gefunden.

Mr. Jeffrey schaute hin und verstand. Er fuhr mit beiden Händen nach der Stirne – er schwindelte und wäre gefallen, hätte ihn Miß Tuttle nicht schnell gestützt.

»Gott,« murmelte sie, als sie der Spitze ansichtig geworden, »all unsere Arbeit, unser Leugnen und Leiden vergebens!«

»Ja, kam es von dem Munde des Mannes, den bis zu diesem Augenblicke keiner von uns recht verstanden hatte, »ein solches Verbrechen konnte nicht verborgen bleiben! Gott will seine Rache haben – – Wie können wir schwache Menschen sie abwenden?«

Der Major schaute den völlig Gebrochenen mit durchdringenden Blicken an und sagte:

»Demnach drängten Sie Ihre Gattin zum Selbstmord?«

»Nein –« begann er, jedoch ehe er ein weiteres Wort sagen konnte, schrie Miß Tuttle, die in ihrer Erregung schöner aussah, denn je:

»Sie beleidigen ihn und sie durch diesen Verdacht! Nicht ihr Gatte, ihr eigenes Gewissen trieb sie zur Vergeltung, in den Tod! Was Mr. Jeffrey vielleicht getan hätte, wäre sie am Leben geblieben, ich weiß es nicht. Daß er aber unschuldig ist, beweist sein Schrecken, sein Zusammenbruch, als er erfahren, daß sie die Buße für ihre Schuld sich selbst auferlegte!«

»Mr. Jeffrey kann wohl für sich selbst sprechen,« sagte der Major, worauf Mr. Jeffrey unter größter Anstrengung, indes mit voller Offenheit sagte:

»Ich habe sie in keiner Weise beeinflußt. Ich war nicht fähig, etwas derartiges zu tun. Ich war sinnlos – mehr tot als lebend. Als ich die erste Andeutung der Tat hörte – es waren Worte, im Schlafe gesprochen – glaubte ich, sie habe einen schweren Traum. Doch als sie mir auf Befragen die Wahrheit sagte, glaubte ich, mein Herz sei zu Stein geworden . . . hätte es nur nicht so unsagbar geschmerzt. So ist es noch; mir ist noch jetzt alles wie ein Traum. Sie war so jung, so unschuldig und herzensfroh. Ich hatte sie so lieb! Sie, meine Herren, glaubten, ich hätte sie getötet, sie, diese junge Frühlingsblüte, in der ich alle Tugenden verkörpert sah! Und ich ertrug es, ertrug es gerne, daß Sie dies glaubten – und so ertrug es ihre Schwester, diese edelsinnige, die hier vor Ihnen steht – nur um den Namen derjenigen nicht in den Staub zu ziehen, die ich liebte, liebte, mehr als mein Leben!

Wir dachten, wir könnten das Geheimnis wahren – wir fühlten, daß wir es wahren mußten – so schwuren wir einen Eid . . wir sprachen französisch . . . in der Droschke . . . Detektive saßen uns gegenüber. Sie hat den Eid gehalten – Gott segne sie dafür. Ich blieb dem Schwur treu. Doch alles vergebens! Das kleine Stückchen Spitze sprach lauter als Menschenstimmen. Die Welt wird bald ihr Verbrechen kennen und ich – – –«

Er liebte sie noch! Jeder Blick, jedes Wort verriet dies. Wir standen lautlos, bis der Major begann:

»Die Tat war demnach nicht mit Vorbedacht ausgeführt. Ist das der Grund, weshalb Ihnen die Ehre Ihrer toten Gattin teurer war, als Ihre eigene, und daß Sie den guten Namen, wenn nicht gar das Leben derjenigen in Frage stellten, von der Sie soeben sagten, sie opfere sich für Ihre Gattin?«

»So ist es; die Tat war nicht vorbedacht; sie wußte kaum, was sie getan. Wenn Sie einen Blick in ihr innerstes Fühlen werfen müssen, so kann ich Ihnen Worte zeigen, die sie an dem letzten elenden Tage ihres Lebens niederschrieb. Die wenigen Zeilen, die ich Ihnen vorlegte und die veröffentlicht wurden, waren in dem Briefe eingeschlossen und für die Öffentlichkeit bestimmt. Den eigentlichen Brief, der die ganze schreckliche Wahrheit enthält, behielt ich für mich selbst und für die Schwester, welche die große Sünde schon kannte. O, wir taten alles, was wir konnten,« seufzte er wieder, »doch vergebens, alles vergebens!«

Dies schien alles so wahr, und wir glaubten ihm.

»Und dieser Mr. Pfeiffer war mit ihr verheiratet? Sie hatte ihn geheiratet, da sie noch fast ein Kind war, und jetzt, gerade ehe sie zum Altare schreiten wollte, hatte er sie wieder aufgesucht, um . . .«

»Sie sollen ihren Brief lesen. Er ist zwar für mich bestimmt, für mich allein – doch Sie sollen ihn lesen. Ich kann nicht davon sprechen, auch nicht von ihrem Verbrechen; es ist genug, daß ich an nichts anderes mehr denken kann, seitdem ich die schrecklichen, im Schlafe gesprochenen Worte hörte!«

Gleich darauf jedoch brach er in seiner Erregtheit gerade in die Worte aus, vor denen er so zurückschreckte:

»Sie murmelte,« begann er, »als sie so ruhelos dalag, daß sie kein Bigamist wäre; sie habe einen Gatten getötet, ehe sie den andern geheiratet, habe ihn in dem alten Haus getötet, wie es ihre Vorfahren sie gelehrt. Und ich, auf meinen Arm gestützt, hörte zu. Der Angstschweiß rann von meiner Stirne, doch ich glaubte ihr nicht. Wie hätte ich es auch glauben können, da ich sie so liebte, so innig liebte! Doch als sie aufschrie: »Mörderin!« und die Faust schüttelte, die kleine Faust, die ich so oft geküßt, da faßte mich ein Schrecken, ein Grauen! Ich wollte die Hand halten und sie drücken, o so fest – doch ich konnte nicht, konnte nicht sprechen, kaum atmen. Sicher ist es ein Traum, sagte ich mir, ein schwerer Alp, der sie drückte – – Als sie dann wieder ruhig dalag und der Mond das bleiche Antlitz beschien, da mußte ich sie anstarren, und das Wort, das gräßliche Wort klang mir wieder in den Ohren, das Wort, das kein weibliches Wesen auf sich anwendet, wenn nicht – – – Dann faßte mich der gräßliche Zweifel – nichts schien mehr wahr – die Nacht – das Tagesgrauen – nicht ihr Gesicht, das lockenumwallt in den Kissen lag – nicht die wohlbekannten Stücke im Zimmer – nicht ich selbst, vor allem nicht ich selbst! Nur das eine schien wahr, der kalte Schweiß, der von meiner Stirne träufelte, der sich wie eine kalte Mauer zwischen mich und sie zu legen schien – er schien wahr, so wahr, daß ich ihn fassen und erwürgen wollte, wenn ich . . . O, ich phantasiere, ich rede sinnlos – – Aber ich war nicht sinnlos in jener Nacht! Ich war auch nicht sinnlos, als in der goldenen Morgensonne sie die Augen zu mir aufschlug und ich mich über sie beugte – aber nicht mit einem Kusse, wie ich sonst getan. Ich konnte sie nicht fragen – ich wagte es nicht – ihr Lächeln war so vertrauensvoll, so voller Liebe. Ich wartete bis nach dem Frühstück. Dann, sie saß so, daß ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fragte ich sie: »Weißt du, daß du einen schrecklichen Traum hattest?« Sie schrie auf und kehrte sich mir zu: ich sah ihr Gesicht und wußte, daß ihre Lippen die Wahrheit gesprochen!!! – – – Ich erinnere mich nicht, was ich zu ihr sagte. Sie versuchte, mir zu erklären, wie die Versuchung über sie gekommen und daß sie nicht wußte, was sie tat, bis ich mich niederbeugte und ihr den Ring an den Finger steckte. Ich hörte ihr nicht zu – ich konnte nicht! Ich rann in Miß Tuttles Zimmer und fragte sie drohend, ob sie wüßte, daß ihre Schwester schon verheiratet war, ehe sie mir angetraut wurde. Sie schrie in größter Überraschung »Nein!« Dann brach ich zusammen, schrie in unmännlicher Weise und sagte ihr alles, was ich wußte. Dann rann ich zurück zu meinem Weibe und fragte, wie sie das Schreckliche getan? Sie erklärte es mir. Und wieder glaubte ich es nicht und dachte, es wäre ein Traumgebilde oder die Phantasie eines zerrütteten Geistes. Diese Gedanken beruhigten mich; ich sprach liebevoll zu ihr und versuchte sogar, ihre Hand zu erfassen. Doch nun begann sie zu wüten, umschlang meine Knie, schrie aus Angst und Seelenqualen – meine schlimmsten Ahnungen kamen zurück, ich nahm die Schlüssel vom Moore Hause, eilte davon – – ich weiß nicht wohin. An diesem Tage kam ich nicht nach Hause zurück. Ich konnte sie nicht sehen, ehe ich wußte, was an ihrem Geständnis wahr und was Phantasiegebilde sei. Ich lief von einem Ende der Stadt zum andern – – des Nachts ging ich in das Haus, welches das schreckliche Geheimnis enthalten sollte. Auf dem Wege dahin kaufte ich Kerzen, vergaß aber, sie mitzunehmen; so hatte ich kein Licht – nicht einmal der Mond schien. Ich wollte jedoch nicht wieder fortgehen. Was ich über die Zündhölzer aussagte, die ich benutzte, um nach dem südwestlichen Zimmer zu gelangen, beruht auf Wahrheit; desgleichen daß ich dort den alten Kandelaber fand mit einer Kerze darin. Diese Kerze zündete ich an. Der einzige Grund, weshalb ich nach jenem Zimmer ging, war der, das alte Bild zu untersuchen und die Worte zu finden, die – wie sie sagte – darauf stünden. Ich hatte vergessen, ein Vergrößerungsglas mitzubringen; meine Augen indes sehen äußerst scharf, und da ich wußte, wo ich suchen mußte, war es mir möglich, hier und dort Worte zu entziffern, aus deren Sinn ich sehen konnte, daß meine Frau die Wahrheit, die fürchterliche Wahrheit gesprochen! Ich war jedoch noch nicht völlig überzeugt; ich lief in die Kammer und nahm die Schubladen heraus . . . Sie waren dort und kennen das Geheimnis. Sie können jedoch meine Gefühle nicht ermessen, wie ich drinnen in der Kammer kniete, noch voller Liebe im Herzen, voller Hoffnung und voll Glauben an mein Weib – wie ich nach der Feder suchte, von der sie im Schlafe gesprochen, wie ich sie fand – drückte – – – Und dann das schauerliche Echo, das zu mir heraufdrang – – – ein Ton, als habe etwas Tödliches den Sessel getroffen, der unten im Zimmer über dem Herdstein stand! – – – Ich glaube, ich fiel in eine Ohnmacht, denn als ich wieder zu mir kam, fand ich das Licht über einen Zoll kürzer gebrannt. Beim Einstecken der Schubladen warf ich zufällig den Kandelaber um; die Kerze fiel heraus und begann, den wurmstichigen alten Boden zu entzünden. Da faßte mich eine wilde Lust, fortzurennen und das ganze Gebäude niederbrennen zu lassen! Ich tat es aber nicht. In blinder Wut trat ich das Licht aus, tastete im Dunkeln und verließ das Haus. Sollte ich in der Bibliothek gewesen sein, so geschah dies ohne mein Wissen; in meinem Zustande war dies leicht möglich.«

»Diese Tatsache ist jedoch für uns von der allergrößten Bedeutung,« unterbrach ihn hier der Major. »Wir müssen positiv wissen, ob Sie in jenem Zimmer waren oder nicht.«

»Ich erinnere mich nicht, dort gewesen zu sein.«

»Dann können Sie uns nicht sagen, ob der kleine Tisch drinnen stand mit dem Kandelaber darauf oder – –«

»Ich kann nichts darüber sagen.«

Nun wandte sich der Major an Miß Tuttle.

»Sie müssen Ihre Schwester sehr lieb gehabt haben,« sagte er teilnahmsvoll.

Sie errötete und schaute auf Mr. Jeffrey.

»Ich liebte ihren guten Ruf,« war die ruhige Antwort, »und – –«

Der Rest war unverständliches Murmeln. Wir alle jedoch wußten und fühlten, daß das Ende des Satzes im innersten Herzen lautete: »und ich liebte ihn, der das Opfer von mir verlangte.«

»Und um ihrer Schwester Ruf zu retten, banden Sie die Pistole an ihren Arm?« fragte der Major.

»Nein!« entgegnete sie heftig. »Ich wußte nicht, was am andern Ende des Bandes war. Was ich darüber sagte, war die volle Wahrheit. Sie hatte die Pistole in den Falten ihres Kleides verborgen. Ich träumte nie – konnte es nicht – daß sie ein solches Ende plante. Ihr Benehmen war zu natürlich, zu frei, um einen solchen Argwohn zuzulassen. »Binde diese herabhängenden Enden an meinen Arm,« waren ihre Worte. »Binde sie fest, unten einen Knoten und oben eine Schleife. Ich gehe aus – frage mich nichts – was du zu sagen hast, hat Zeit bis morgen – heute nacht will ich mich noch einmal freuen, allein –« Sie lachte. Ich schauerte ob ihres fast frivolen Benehmens und konnte kaum die Schleife binden; zu sprechen war mir völlig unmöglich. Ich wagte auch nicht, sie anzusehen. Ich berührte die Hand, welche . . . Und sie lachte fortwährend, solch gräßliches Lachen – – ihren Entschluß zu verbergen – – Dann drehte sie sich um und gab mir jenen letzten Auftrag, den Zettel betreffend – – –«

»Und Sie ahnten nichts?«

»Nicht das geringste. Ich beurteilte sie falsch – es scheint, ich beurteilte sie nie richtig. Ich hielt sie für leichtsinnig, vergnügungssüchtig . . . Ich wußte nicht, daß dies alles nur gekünstelt war, ihr schreckliches Geheimnis zu verbergen . . .«

»Demnach wußten Sie nicht, daß sie sich als Schulmädchen verheiratet hatte?«

»Kein Wort. Eine andere, nicht ich, war ihre Vertraute, und diese starb inzwischen. Ich wußte nichts von dieser unseligen Heirat, bis Mr. Jeffrey an jenem Morgen in mein Zimmer stürzte und mir das schreckliche Geheimnis entgegenschleuderte.«

Der Staatsanwalt, der einige Punkte klarstellen wollte, die der Major nicht berührte, nahm nun das Wort.

»Sie versicherten uns, daß Sie keine Ahnung hatten, daß ihre sonst so frohgemute Schwester Selbstmord begehen wollte, als sie das Haus verließ.«

»Ich wiederhole es!«

»Weshalb gingen Sie dann sofort an Mr. Jeffreys Schublade? Doch nur, um zu sehen, ob die Pistole noch dorten lag?«

Miß Tuttle senkte ihr Haupt; eine leichte Röte flog über ihre Wangen.

»Ich dachte an ihn,« sagte sie. »Ich fürchtete für ihn. Er hatte am Morgen wie sinnesverwirrt das Haus verlassen und war nicht zurückgekommen, weder zum Essen noch zum Schlafen. Ich wußte nicht, was ein Mann zu tun fähig war, dessen innerstes Fühlen, dessen Ehre so verwundet worden. Ich dachte an Selbstmord. Ich erinnerte mich, wie er sagte: »Ich glaube ihr nicht! Ich glaube nicht, daß sie so kaltblütig morden kann, noch daß eine solche Mordmaschine im alten Hause sich befindet. Ich werde es nicht glauben, bis ich es selbst gesehen, es selbst probiert habe! Ein schwerer Alp drückte sie, Kora. Wir sind alle wahnsinnig!« Ich dachte an all das. Als ich dann nach ihrem Zimmer ging, den Zettel im Buche zurechtzulegen, ging ich an seine Schublade, nicht um nach der Pistole zu sehen – ich dachte nicht daran – sondern danach, ob die Schlüssel zum Moore Hause noch dort waren. Ich nahm an, daß nur er sie genommen haben konnte, falls sie nicht mehr am gewohnten Platze lagen. Sie waren nicht da, und deshalb rannte ich nach dem alten Moore Haus an der Waverley Avenue. Ich sorgte um Mr. Jeffrey, ich dachte ihn dort zu finden, wahnsinnig oder tot.«

»Sie hatten aber doch keine Schlüssel.«

»Nein, Mr. Jeffrey hatte den einen mitgenommen, meine Schwester den andern. Doch weder dies noch der Grund, daß ich kein Licht hatte – denn ich habe die fehlenden Kerzen nicht genommen (Wir fanden später tatsächlich, daß diese Kerzen überhaupt niemals im Jeffreyschen Hause abgeliefert worden waren; sie waren in einen falschen Korb geraten und so hatte sie ein Nachbar bekommen.) – vermochten mich zu Hause zu halten, nachdem ich einmal überzeugt war, daß er in das schreckliche Haus gegangen. Konnte ich nicht hineinkommen, so konnte ich doch an das Tor klopfen und die Nachbarn erwecken. Etwas mußte geschehen – ich überlegte nicht: was – ich rannte nur davon.«

»Wußten Sie, daß es zwei Schlüssel zum Hause gab?«

»Damals nicht.«

»Aber Ihre Schwester wußte es wohl?«

»Wahrscheinlich.«

»Als Sie dann fanden, daß der einzige Schlüssel – wie Sie annahmen – nicht in der Schublade war, liefen Sie nach dem Moore Hause.«

»Sofort.«

»Und dann?«

»Ich fand das Tor offen.«

»Das hat jedenfalls Mrs. Jeffrey offen gelassen.«

»Ja. Ich dachte aber damals nicht an sie.«

»Darauf gingen Sie in das Haus . . .«

»Ja. Alles war dunkel; ich tastete umher, bis ich an die vergoldeten Säulen gelangte.«

»Weshalb gingen Sie dahin?«

»Weil ich fühlte – weil ich wußte, daß, wenn er irgendwo zu finden war, es nur hier sein konnte.«

»Warum zögerten Sie dann, einzutreten?«

Mit schreiender Stimme rief sie: »Sie wissen es! Sie wissen es! Ich hörte einen Schuß – dann einen Fall – weiter weiß ich nichts mehr! – – – Sie sagen, ich sei durch die Stadt gegangen – vielleicht, ich weiß es nicht. Ich weiß von gar nichts. Ich erinnere mich erst wieder an das, was geschah, als der Polizist kam und sagte, meine Schwester sei tot. Da hörte ich zum ersten Male, daß der Schuß nicht sein Leben endete, sondern das ihre. Wäre ich bei Sinnen gewesen, damals, als ich an der Türe der Bibliothek stand, ich wäre noch beim Knalle eingetreten und hätte meine Schwester in meinen Armen sterben lassen.«

»Kora!«

Der Schrei kam von Mr. Jeffrey und war unfreiwillig.

»Während all der langen Wochen, seit wir nicht zusammen sprechen konnten, dachte ich immer und immer wieder über das Geschehene nach. Ich wünschte Ruhe, ich wünschte selbst das Grab – –. Ich dachte aber nie, daß deine Motive die sein könnten, welche . . . Willst du mir verzeihen?«

»Du hattest an anderes zu denken,« entgegnete sie mit bebenden Lippen. Wie schön sie in diesem Augenblicke aussah!

»Noch eine Frage, bitte,« sagte der Major zu Mr. Jeffrey gewendet, »ehe wir nach dem Briefe senden, der – wie Sie sagen – völligen Aufschluß über das Verbrechen Ihrer Gattin gibt: erinnern Sie sich, was auf der Brücke nach Georgetown in jener Nacht passierte, unmittelbar ehe Sie nach dem Friedhofe gingen?«

Er schüttelte seinen Kopf.

»Haben Sie Jemanden dort getroffen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Erinnern Sie sich Ihrer Gedanken?«

»Ich dachte an die Zukunft.«

»Und was dachten Sie darüber?«

»Ich dachte an den Tod, Tod für sie und für mich!

Sie hatte ein Verbrechen auf dem Gewissen und sie mußte sterben – – und ich mit ihr! Ich sah keinen andern Ausweg. Ich konnte nicht zur Polizei laufen und sagen: hier ist meine junge Gattin, hier ist alles, was ich auf Erden liebte, und sie ist eine Mörderin, eine kaltblütige Mörderin. Ich konnte aber auch nicht mehr mit ihr zusammen leben, nachdem ich ihre Schuld kannte, und noch weniger getrennt von ihr. So beschloß ich zu sterben. Doch sie trug schwerer an ihrer Schuld, als ich dachte. Als ich heimkehrte, die Pistole zu holen, welche unser beider Dasein enden sollte, da fand ich, daß sie ihr Schicksal in die eigene Hand genommen. Wie ich dann sah, daß sie selbst im Todesgange an mich dachte und so die paar Zeilen für die Öffentlichkeit schrieb, damit ich frei der Welt ins Auge schauen könnte, da wandte sich mein Herz ihr wieder zu. Ihre Gedanken gehörten mir, ihre ganze Seele war mein, und hat sie auch gefehlt, sie hat gebüßt . . .«

Er schwieg erschüttert.

Einen Augenblick herrschte völlige Stille, bis der Staatsanwalt sagte:

»Sie erklärten uns vieles, das wir vorher nicht begriffen. Doch es bleibt immer noch ein sehr wichtiger Punkt unerklärt, den weder Sie noch Miß Tuttle klarzulegen vermochten: es brannte ein Licht in jenem Zimmer; als die Polizei ankam, war dies Licht erloschen. Auch im obern Stocke ward ein Licht gefunden, außer dem, welches Sie zugegebenerweise benutzten. Woher kamen diese Kerzen? Hat Ihre Gemahlin die eine in der Bibliothek ausgeblasen, ehe sie den tödlichen Schuß feuerte, oder hat eine andere Person dies getan?«

»Das alles sind Fragen,'» entgegnete Mr. Jeffrey, »die ich, wie bereits vorhin gesagt, nicht beantworten kann. Da sie den Mut hatte, hierher zu gehen, mag sie wohl auch die Kerzen gekauft und – so unwahrscheinlich es auch dünkt – das Licht vor dem fatalen Schusse ausgeblasen haben.«

Der Staatsanwalt und der Major schienen an diese Möglichkeit nicht zu glauben. Der letztere wandte sich an Miß Tuttle und fragte, ob sie etwas zu der Sache zu bemerken habe.

»Auch ich kann diese Fragen nicht beantworten,« sagte sie. »Ich habe zwar an der Türe der Bibliothek gestanden – was darinnen geschah, weiß ich nicht.«

Der Major fragte nun, wo Mrs. Jeffreys Brief zu finden sei.

»Suchen Sie in meinem Zimmer nach einem Buche, das einen Papierumschlag hat; Sie finden es wahrscheinlich auf meinem Tische. Der Einband ist rot. Bringen Sie dies Buch hierher; unser Geheimnis ruht darin.«

Sofort ward ein Detektiv gesandt, das Buch zu holen.


24.
Quälende Taktik.

Ich ging zur Eingangstüre, kam indes sofort zurück, rief den Major zur Seite und bat um einen gewissen kleinen Gegenstand, den er mir einhändigte. Dann ging ich wieder zur Türe und kam eben recht, den alten Mr. Moore zu treffen, der aufgeregt über die Straße kam.

»Ah,« rief ich, indem ich mich tief verbeugte, »guten Morgen, Mr. Moore.«

Er starrte mich an und Rudge starrte mich an; die Polizei schien den Bewohnern des kleinen Hauses nicht sehr willkommen.

»Wann soll dies aufhören?« fragte er ärgerlich. »Wann wird dies Eindringen in das Heiligtum eines friedlichen Bürgers endlich aufhören? Ich erwache mit dem Gedanken, daß mein Haus – und daß es mein Haus ist, wird wohl kein Mensch bestreiten wollen – mir heute zum Einziehen übergeben wird. Doch was seh ich statt dessen? Ein Polizist kommt heraus, während ein anderer vor der Türe steht und sich die Sonne in den Hals scheinen läßt. Darf ich fragen, wie viele Ihresgleichen noch drinnen sind? Vielleicht ein halbes Dutzend? Und kein einziger davon gescheit genug, die Sache zum Abschluß zu bringen.«

»O, ich weiß nicht,« sagte ich mit geheimnisvoller Miene.

Seine Neugierde war geweckt.

»Was Neues?« fragte er.

»Vielleicht,« entgegnete ich in einem Tone, der einen Heiligen außer Fassung bringen konnte.

Er kam herüber und stellte sich neben mich; ich tat, als bemerkte ich das nicht, und schaute auf Rudge.

»Wissen Sie,« sagte ich nach einer Pause, »daß ich einen großen Respekt vor dem Hunde habe, seitdem ich weiß, weshalb er nicht über die Straße gehen will?«

»He? Was ist das?« fragte er mit einem schnellen Blicke nach Rudge.

»Er sieht weiter als wir; er sieht durch Wände und Türen,« sagte ich. Dann nahm ich nachlässig ein Stückchen zusammengefaltetes Papier in meine Hand, hielt es Onkel David hin und sagte:

»Weil ich gerade daran denke – das gehört wohl Ihnen?«

Er griff danach, zog jedoch seine Hand schnell wieder zurück und sagte: »Ich weiß nicht, was Sie meinen. Sie haben nichts, das mir gehört.«

»Nicht? Dann hatte John Judson Moore eben noch einen andern Bruder.« Dabei steckte ich das Papier wieder in meine Tasche – es war das Memorandum, das ich in der Bibliothek gefunden. Er hatte es erkannt und sah, daß ich den Schreiber kenne, und doch wollte er nicht beigeben.

»Sie verstehen ja vorzüglich, herumzustöbern,« sagte er. »Schade, daß nichts Gescheidteres dabei herauskommt.«

Ich lächelte, griff wieder in die Tasche und bemerkte leichthin: »Ich glaube, Sie tun der Polizei unrecht, mein lieber Mr. Moore. Wir sind nicht solch böse Menschen, als Sie denken, und wir vergeuden auch nicht unnütz unsere Zeit.« Jetzt zog ich meine Hand aus der Tasche, darin ich das Filigran-Herz hielt, und schlenkerte die Kette, daran das kleine goldene Herz hing, achtlos um meinen Finger.

Wie er zusammenfuhr, als er das kleine Ding bemerkte! Er hatte es wohl für immer verloren geglaubt. Sofort ward mir klar, daß er auch jetzt noch nicht mehr über das Geheimnis des Filigran-Herzens wußte, als er in seinem Memorandum zugestanden.

»Zum Beispiel,« fuhr ich lässig fort, »ein kleines Ding, so ein kleines Ding wie dieses hier« – dabei schlenkerte ich es wieder um meinen Finger – »verhilft zu Entdeckungen, die man ohne es in Jahren nicht machen konnte. Ich sage nicht, daß es verholfen habe, ich meine nur, es könnte vielleicht verhelfen – denken Sie nicht auch? Und wer sollte es besser wissen als Sie.«

Das war zu viel für ihn. Er sah mich mit offenbarer Verachtung an und sagte dann grimmig:

»Sie hatten einfach mehr Gelegenheit zum Stöbern, selbst unter meinen eigenen Sachen. Dies kleine Herz zum Beispiel, das Sie mir so vor der Nase herumschlenkern – von dessen Wert oder Geheimnis ich absolut nichts weiß, weil ich es noch nie in Händen hatte –, gehört mir, zusammen mit dem Rest des Mooreschen Erbes. Ich finde Ihr Betragen daher ganz impertinent, denn es hat gewiß niemand ein größeres Anrecht auf dieses Anhängsel, das seit Jahren ein Familientalisman ist, als eben ich.«

»Ah,« rief ich, »demnach gehört Ihnen auch das Memorandum? Es war zwar im Hause hier geschrieben, aber ohne Hilfe des Talismans,« setzte ich bissig hinzu.

»Nichts gehört mir,« schrie er. Gleich darauf besann er sich jedoch eines Besseren und fragte: »Was meinen Sie mit dem Memorandum? Die Aufzeichnung der alten Mysterien, die ich einst machte? Dann allerdings gehört das Ding mir. Warum sollte ich nicht? Jedes Mitglied meiner Familie besitzt dieselbe Wißbegierde. Wenn es nicht indiskret von Ihrer Seite ist: darf ich fragen, in Verbindung mit was das kleine Herz, daß Sie die ganze Zeit vor meinen Augen hin und her pendeln, gebraucht werden soll?«

»Lesen Sie die Zeitungen,« sagte ich, »lesen Sie morgen früh die Zeitungen, Mr. Moore; vielleicht steht es auch schon in den heutigen Abendblättern.«

Er war ärgerlich, wie ich gewünscht hatte. Da sein Ärger nicht der Angst entsprang, sondern nur seiner ungestillten Neugierde, war ich befriedigt und ging zurück ins Haus, während Mr. Moore draußen blieb.

Der Major stand noch in der Halle; die andern waren im Salon.

»Der Mann gegenüber weiß gar vieles,« sagte ich zum Major, »aber nichts über das Bild im südwestlichen Zimmer oder über den tödlichen Mechanismus.«

»Sind Sie sicher?«

»So sicher, als ein Mann mit seinen Erfahrungen sein kann. Aber ebenso sicher bin ich, daß er mehr über Mrs. Jeffreys Tod weiß, als er sollte. Ich möchte fast behaupten, er sei zu jener kritischen Zeit im Hause hier gewesen.«

»Sagte er so?«

»Keineswegs.«

»Aus welchem Grunde nehmen Sie das an?«

»Aus vielen Gründen.«

»Wollen Sie die darlegen?«

»Gerne. Einige davon dürften Ihnen nicht neu sein. Ich bin sicher, er war öfters hier in diesem Hause und weiß mehr über das darin Vorgefallene, als er zugeben will, und weiß über ein gewisses zerbrochenes Fenster mehr als wir. Ich bin ferner sicher, daß er in der Nacht, als Mrs. Jeffrey sich erschoß, im Hause war. Er war viel zu wenig überrascht, als ich ihm die Tatsache mitteilte, um nicht schon vorher davon unterrichtet gewesen zu sein, selbst wenn das brennende Licht und das schnell zurückgestellte Buch seine Anwesenheit nicht bewiesen. Auch ist er nicht der Mann, der bei Nacht sein Haus verlassen würde, nur um der Polizei zu sagen, daß er einen Lichtschein gesehen habe. Er wußte, was wir im Hause finden würden!«

»Sehr gut! Wenn Mr. Jeffreys Aussagen wahr sind, sind Ihre Folgerungen jedenfalls korrekt. Mr. Moore hat jedoch alles schlankweg geleugnet; ich fürchte, es handelt sich hier darum, wem mehr Glauben zu schenken ist.«

»Doch nicht. Ich glaube, es gibt einen Weg, den Mann zu zwingen, daß er zugeben muß, in jener Nacht im Hause gewesen zu sein.«

»Sie glauben?«

»Gewiß. Ich will nicht prahlen und möchte Sie bitten, mir die Erklärung zu erlassen, wie ich sein Geständnis erzwingen will. Ich möchte nur um die Erlaubnis bitten, eine Anzeige in die Morgen- und Abendzeitungen setzen zu dürfen, und werde in zwei Tagen berichten, ob ich erfolgreich war oder nicht.«

Der Major schaute mich mit einem Blicke an, der mein Herz vor Freude hüpfen ließ, und sagte dann schnell:

»Sie haben dies Vertrauen verdient. Ich gebe Ihnen zwei Tage Zeit.

»In diesem Augenblicke klopfte es an die Türe. Auf das »Herein« kam der nach dem Buche gesandte Detektiv und überreichte es dem Major. Gleichzeitig sagte er: » 's ist nichts drin; der Mann hat Sie offenbar belogen.«

Der Major öffnete das Buch, schüttelte es – nichts zu finden. Schnell ging er in den Salon; wir folgten. Der Staatsanwalt sprach mit Miß Tuttle, während Mr. Jeffrey nervös auf und ab ging. Als er uns eintreten sah, blieb er stehen.

»Geben Sie mir das Buch,« sagte er.

»Es liegt nichts darinnen,« bemerkte der Major. »Der Brief scheint herausgenommen worden zu sein, vielleicht ohne Ihr Wissen – –«

»Ich glaube kaum,« war die unerwartete Antwort. »Glauben Sie, ich würde ein Geheimnis, für dessen Wahrung ich meine Ehre und gar mein Leben hinzugeben bereit war, den offenen Blättern eines Buches anvertrauen? Als ich von der Polizei erstmals besucht ward und jede Minute einer Haussuchung gewärtig sein mußte, schaffte ich geheimen Platz für diesen Brief, den nur jemand mit übernatürlichem Spürsinn begabt ausfindig machen konnte. Sehen Sie hier?«

Er nahm die äußere Papierhülle vom Buche ab, öffnete sein Taschenmesser und schnitt das die Decke beklebende Papier am Rande entzwei. Dann zog er mehrere Briefbogen daraus hervor und hielt sie dem Major hin.

»Ich habe das Papier selbst über den Einband geklebt,« sagte er. »Ich wäre lieber tausend Tode gestorben, als daß ich das Geheimnis meiner unglücklichen Gattin verraten hätte. Nachdem indes ihr Verbrechen an den Tag gekommen, dient die Geschichte ihrer Sünde und Reue vielleicht dazu, das Publikum milder gegen sie zu stimmen. Sie ward in Versuchung geführt und ist unterlegen. Das Verbrechen ihrer Vorfahren lag ihr im Blute.«

Während Mr. Jeffrey wieder auf und ab ging, durchlas der Major die Blätter.


25.
Welcher von beiden war es?

Der Brief war in Absätzen geschrieben, genau wie ich sie hier wiedergebe. Jedenfalls hatte die unglückliche Frau ihr Schreiben oft unterbrochen, um ihre rastlosen Spaziergänge aufzunehmen, von denen das Zimmer so deutlich Zeugnis ablegte.

Das Geständnis beginnt mit den Worten:


»Ich hab' ihn getötet! Ich bin all das, dessen ich mich selbst anklage! Wie kannst Du je meiner gedenken, ohne dem Tage zu fluchen, an dem ich Deinen Weg kreuzte! Doch Du kannst mich nicht mehr verdammen, als ich mich selbst verdamme, mein elendes Selbst, das – als ich ein Hindernis zu meiner Glückseligkeit fand – dieses vernichtete und so das Recht auf Glückseligkeit auf immer verscherzte.


Es war so leicht! Wäre es schwer gewesen, wäre es nötig gewesen, die Hand an ein Messer oder an eine Pistole zu legen – ich hätte es nicht getan. Aber auf einen Knopf drücken, ein Kinderspiel – – Wer hätte es nicht getan, wenn auch nur, um zu sehen, ob – –


Ich war stets ein zügelloses Mädchen, vergnügungssüchtig, wild, und dachte nie an die Folgen dessen, was ich tat. Als mir das Schulleben nicht mehr gefiel, nahm ich meine Bücher, forderte die Mitschülerinnen auf, das gleiche zu tun, ging ins Feld, legte die Bücher auf einen Platz zusammen, hielt eine Rede, die wenig Schmeichelhaftes für unsere Lehrerinnen enthielt, und verbrannte die Bücher angesichts der bewundernden Schülerinnen. Ich ward deswegen aus der Schule entlassen, aber nicht in Unehre. Lehrer und Schülerinnen bedauerten mein Fortgehen, nicht aus Liebe oder der guten Tugenden halber, die sie vielleicht in mir entdeckten, sondern meines Geldes wegen, das ich mit offenen Händen an sie wegwarf. Damals war ich zwölf Jahre alt. Ich ward nun nach dem Westen gesandt, wo ich all die Jahre blieb. Mein Vormund meinte es jedenfalls gut mit mir. Ich kam jedoch vom Regen in die Traufe. Ich wuchs auf ohne Kora und ohne jede Anleitung, was später von mir verlangt würde, oder welche Stellung ich einnehmen sollte, käme ich wieder nach Washington zurück und in die Gesellschaft, in die ich gehörte. Ich wußte, daß ich reich war; das wußten auch die, welche mit mir verkehrten; ich hatte jedoch keine Idee über die Höhe meines Vermögens. Eines Tages – ich war gerade achtzehn Jahre alt – verliebte ich mich (oder dachte so) in einen Mann, der (o Francis, denke Dir, jetzt nachdem ich Dich gesehen!) für ein ungebildetes Mädchen, das nichts von der Welt gesehen, wünschenswert genug war, der mir aber nicht mehr dünkte, als ein gewöhnlicher Arbeiter oder Dorfkrämer, nachdem ich Washington und das Leben daselbst kennen lernte. Ich war damals jung, unwissend, eigensinnig und dachte, er sei der Rechte, weil ich errötete, wenn ich ihn sah – das heißt: falls ich überhaupt dachte, was ich bezweifle. Ich war ein heißblütiges Mädchen, das nur den Eingebungen des Augenblickes folgte, und war, so oft dies ohne Wissen der Lehrer geschehen konnte, mit ihm zusammen. Und ach, das war nur zu oft. Er war der Bruder eines Geschäftsmannes in Owosso, im Orte zu Besuche und stets im Laden, wenn wir Mädchen kamen. Wieso die Lehrer nicht merkten, wie oft wir in jenem Laden zu tun hatten, begreife ich nicht. Sie merkten es nicht und so blieb es eben – –


Ich kann von jenen Tagen nicht erzählen und Du wirst es auch nicht hören wollen. Alles scheint mir so fremd, als sei es einer andern passiert, so vollkommen habe ich jenes Mannes vergessen. Wäre er nur nicht die Ursache dieses unermeßlichen Elends! Er war nicht schlecht, nur alltäglich und einfältig. Wir ließen uns schnell trauen, weil er nach Klondike gehen wollte, sich ein Vermögen zu erschaffen, das dem meinen gleichkäme. Ich weiß nicht, wen von uns beiden die größte Schuld für diese Heirat trifft; er wünschte sie, weil er so weit fortgehe und meiner sicher sein wollte; ich nahm an, weil es so romantisch schien, weil ich meine Lehrer und meinen Vormund an der Nase führen konnte und weil alle Mädchen vernarrt in den Mann waren und ich zeigen wollte, daß ich allein ihn bekommen kann.


Über ein Jahr lang haßte ich schwarze Augen – er hatte schwarze Augen.


Ich vergaß Kora; ich erinnerte mich ihrer kaum mehr. Ich hatte sie seit unserer Kindheit nicht mehr gesehen, und ihre Briefe – waren mir ein Greuel. Ihr Leben war so verschieden von dem meinen, und was sie schrieb, war mir gänzlich fremd. Auf meinen Knien flehe ich sie jetzt um Vergebung. Ich verstand sie nie – ich verstand mich selbst nie. Ich war wie das Riedgras, das der leiseste Wind bewegt. Eines Tages kam ein Föhn, der mich in den Höllenrachen blies. Dort bin ich noch, Francis, und sinke – sinke – – Rette mich! Ich liebe Dich – ich – ich – –


Er hatte alles arrangiert; ich habe keinen Sinn für dergleichen. Sadie half ihm – Sadie war meine Freundin – doch sie hatte nicht viel zu sagen; er schien alles selbst gut genug zu wissen und inszenierte es so, daß niemand etwas von unserem Tun erfuhr. Nicht einmal seinem Bruder sagte er es, denn der war Krämer und schwatzte viel mit den Kunden; außerdem sei er auch viel zu beschäftigt, sagte William, da er ausverkaufen wolle, um mit ihm nach Klondike zu gehen. Ich muß Dir das alles sagen, damit Du die Versuchung begreifen kannst, die an mich herantrat, als ich nach Washington kam und sah, in welch andere Kreise ich gehörte. Ich war verheiratet – o, welche Torheit! Doch es wußten nur wenige darum, und die sind alle so weit fort und eine sogar tot, meine Freundin Sadie. Warum nicht die Vergangenheit vergessen, das Leben genießen, wie Kora es genoß, und vertrauen . . . Vertrauen auf was? Nun, auf Klondike mit seinem mörderischen Klima, auf das Land, das schon so viele Tausende verschlungen; warum sollte es nicht diesen einen verschlingen, dessen Tod mir – – O, ich weiß, der Gedanke war feindisch, doch ich war meiner selbst genommen! . . . Ich hatte Dich gesehen! . . .


Ich erhielt nur einen einzigen Brief von ihm aus Alaska und das war, ehe ich Owosso verließ. Ich schrieb ihm nie; er sagte, ich solle erst schreiben, nachdem er mir mitgeteilt, wohin ich meine Briefe richten solle. Als dann sein Brief kam, hatten sich meine Gefühle für ihn längst geändert. Ich wollte frei sein und ihn vergessen! Und ich vergaß – beinahe. Ich fuhr mit Dir aus, tanzte mit Dir, ging hierhin und dorthin, tat alles, was mein Herz verlangte, und nannte mich Veronika, und dies alles, um der Zeit zu vergessen, da ich Antoniette hieß und nur Antoinette. Klondike war ja so weit fort und das Klima todbringend, und Männer starben dort tagtäglich und Briefe kamen nicht (wofür ich oft Gott dankte), und ich brauchte nicht daran denken, wie es enden würde . . . noch nicht. Nur wenn mich Deine treuen Augen trafen, so voller Stolz und Vertrauen, ward mir mein Elend bewußt; ich wollte frei in dieselben schauen können . . . frei. Doch ich konnte nicht und ich litt, litt unsagbar . . .


Gedenkst Du noch der Nacht, da wir zusammen auf dem Balkon des »Ocean View House« standen? Du hattest Deine Hand auf meinen Arm gelegt und wundertest Dich, warum ich nur immer den Mond anschaue und nicht Deine Augen. Es war, weil die Musik im Saale mich an eine ähnliche Nacht erinnerte, da eine andere Hand auf meinem Arm lag, eine Hand, die ich im Leben nie wieder zu fühlen hoffte. Doch ich fühlte sie, fühlte sie schwerer als die Deine, und fast hätte ich laut aufgeschrien und Dir das ganze Geheimnis verraten . . . Ich nahm Deine Aufmerksamkeiten mit der größten Zurückhaltung auf, und nur nach schweren Kämpfen gab ich Dir mein Jawort. Du weißt das. Du weißt besser, als sonst jemand auf der Welt, wie ich immer und immer um Aufschub bat und so Dir Kummer bereitete und mein Herz zerfleischte. Da eines Tages – Du erinnerst Dich, als Du mich in hysterischem Lachen fandest inmitten meiner erstaunten Freundinnen – Du zogst mich zur Seite und flüstertest Worte in mein Ohr, so berauschend süß, so beglückend und selig, und ich sagte »Ja!«, denn nun war ich ja frei, frei, Dich zu lieben, und frei, Dir es zu sagen! Die Morgenzeitung hatte die Nachricht gebracht: ein Mann in Nome war halb erfroren in ein Zelt gekommen, fast verhungert, kaum mehr fähig, seinen Namen zu nennen, ehe er zusammenbrach. Es war William Pfeiffer. Für mich gab es nur einen William Pfeiffer in Klondike, meinen Gatten, und der war jetzt tot! Deshalb sahst Du mich lachen . . . Es war nicht Freude, weshalb ich lachte – so schlecht bin ich nicht – doch nun fühlte ich nicht mehr die würgende Hand an meiner Kehle – – o, ich empfand erst dann, wie ich fast erstickte . . .


Bald darauf heirateten wir. Ich fürchtete, noch länger zu zögern – nicht, als ob ich das Gelesene nicht geglaubt hätte, sondern weil ich dachte, Du könntest das Geschehene vielleicht doch noch erfahren. Ich wollte Dir gehören, so ganz und gar, daß Du keinem Menschen glauben würdest, ich habe je einen andern geliebt. Die Hochzeitswoche kam; ich war außer mir vor Freude und Hoffnung. Nichts hatte meine Erwartungen getrübt: kein Brief von Denver, kein Lebenszeichen von Klondike, nicht einmal ein Wort von Wallace, der doch seinen Bruder hatte sterben sehen. Bald sollte ich wieder Gattin gerufen werden, von Lippen, die ich liebte und bei deren Worten mein Herz höher schlug. Die Vergangenheit würde bald nichts mehr sein, als ein böser Traum. Bald konnte ich glücklich sein wie andere Mädchen, mich meiner Jugend und Deiner Liebe freuen, die mir von Tag zu Tag teurer ward.


Doch Gottes Auge ruhte auf mir, und inmitten meines Glückes und den Vorbereitungen zu unserer Hochzeit traf mich sein Donnerkeil. Er traf mich, als ich – lache nicht, Francis – bei meiner Kleidermacherin in der Vierzehnten Straße war. Ich saß am Tische und erklärte eben, wie ich mein Hochzeitskleid gemacht haben wollte, als ich ein Stückchen Zeitungspapier fand, in dem etwas eingewickelt gewesen. Was starrte mir da entgegen? Der Name meines Gatten: William Pfeiffer. Es war eine Denver Zeitung. Ich las und las; die Buchstaben schwirrten vor meinen Augen und der Boden schien unter mir zu versinken. Der Mann, der in Nome gestorben, war Wallace, nicht William. William war zurückgeblieben, als sein Bruder, der stärker und energischer war, dem Sturme entgegenging. Wo war William? Ich las nicht weiter – – Vielleicht war der Artikel zu Ende, vielleicht nicht – – das Papier war hier abgerissen. Doch ich hatte genug gelesen, wollte nicht mehr wissen. Es war Wallace, der gestorben war, und William war vielleicht am Leben – vielleicht – – vielleicht. Und meine Hochzeit sollte Donnerstag stattfinden . . .


Warum habe ich Kora nicht alles erzählt? Warum nicht Dir? Aus Hoffnung, aus Scham. Ich dachte, daß, wenn Wallace dem mörderischen Klima unterlegen, der schwächlichere William nicht am Leben sein konnte. So war ich dann doch frei. Ich würde die Wahrheit sicher aus späteren Zeitungsnachrichten erfahren; ich wollte nachschauen – habe es aber nie getan. Ich glaube, ich hatte nicht den Mut dazu; ich fürchtete auch, ich könnte lesen, er sei gerettet worden. Ich fürchtete, ich erführe die Wahrheit . . . So tat ich nichts. Doch drei lange Nächte hindurch lag ich schlaflos.


Die Kaprice, mich im alten Hause trauen zu lassen, brachte mich auch dazu, mich daselbst anzukleiden. Kora und ich fuhren früh dahin, aber nicht früh genug, die Menschenmenge zu vermeiden, die sich vor dem Hause angesammelt hatte, die waghalsige Braut zu sehen. Warum ich diese Menschen fürchtete, weiß ich nicht. Ich zitterte bei ihrem Anblicke und beim Ton ihrer Stimmen und fürchtete, ein bekanntes Gesicht unter der Menge zu entdecken . . . Jene Zeitung, die ich gelesen, datierte sechs Monate zurück. Ein Mann konnte in diesem Zeitraum von Alaska kommen . . . Oder erwachte mein Gewissen jetzt, wo es zu spät war? An der Ecke der N-Straße hielt unser Wagen plötzlich an: ein Mann war unmittelbar vor den Pferden über die Straße gegangen, fast wäre er überfahren worden. Ich beugte mich aus dem Fenster, sah den Mann flüchtig und sah in dem Augenblicke mein Lebensglück vernichtet – – Der Mann war William Pfeiffer. Ich sah ihn nur von der Seite, doch ich kannte seine Gestalt, kannte seinen Gang. Schon war er außer Sehweite, und der Wagen fuhr weiter. Doch ich wußte in jenem Augenblicke so gut, was mir bevorstand, als ich es eine Stunde später wußte! Mein Gatte lebte und war hier; er war dem Tode in Klondike entronnen und kam, sein rechtmäßiges Weib zu fordern; er hatte von meiner Hochzeit gelesen – es stand ja in allen Zeitungen des Landes; ich würde ihn bei meiner Ankunft im Hause finden; Du und Kora würden alles erfahren, die Hochzeit findet nicht statt und mein Name ist das Gespötte der ganzen Welt; statt glücklich an Deiner Seite muß ich mit ihm gehen, in eine Wildnis, woselbst man nie meinen Mädchennamen nennen hörte, und all die seligen Stunden des vergangenen Jahres wandeln sich in lebenslange Trauer. O, es war schrecklich! Und alles in einer einzigen Minute! Kora saß da, bleich und ruhig und schön wie ein Engel; sie sah mich an mit liebevollen Augen, deren Ausdruck ich nie verstanden. Ich aber, mit einer Hölle im Herzen und einem Lächeln auf meinen Lippen – –


Du wartetest vor der Türe. Ich weiß noch, wie mein Herz fast stille stand, als Du die Droschke öffnetest und mich mit dem Blicke strahlenden Vertrauens anschautest, das nimmer von Deinen Zügen wich seit der Stunde, da wir uns einander versprochen. Würde er dies sehen und aus einem Verstecke stürzen? Müßte ich auf der Straße seiner Anklage standhalten? In folternder Angst ergriff ich Deinen Arm und eilte in das Haus, in dessen Hallen nie ein Herz geschlagen so voller Weh und Qualen. Fast hätte ich laut geschrien: »Das Haus der Schicksale! Das Haus der Schicksale!« Ich dachte seiner Schrecken und Verbrechen zu trotzen, und nun rächt es sich! Doch statt zu schreien drückte ich Deine Hand fest in der meinen und lächelte. O Gott, hättest Du die Gedanken sehen können, die dieses Lächeln barg! Ich dachte an mein Erbe, den Talisman – – Ich erinnerte mich plötzlich an das, was einst mein Vater mir sagte, als ich noch ein kleines Mädchen war – ich glaube, es war, da er zum ersten Male des Todes Hand fühlte: wenn ich mich in der äußersten Notlage befände, aus der keine Rettung scheine, dann soll ich das kleine goldene Herz öffnen und das herausnehmen, was ich darinnen fände, und soll das ganz nahe an das Bild halten, das seit undenkbaren Zeiten im südwestlichen Zimmer des alten Hauses hänge. Er konnte mir nicht sagen, was ich in dem goldenen Herz finden würde, doch es sei etwas, das mir helfe und das sich stets vom Vater auf das älteste Kind vererbe seit vielen Generationen. Wäre ich glücklich und erfolgreich, dürfte ich das Herz nie öffnen und auch nicht versuchen, dessen Geheimnis zu erforschen; nur wenn mir unabwendbares Elend drohe, dann sollte ich das Herz öffnen. Ein solcher Augenblick war in der Tat gekommen und – der Zufall wollte es – gerade in dem Hause, in welchem das Bild hing. Warum nicht die Zaubermacht des Bildes und des Filigran-Herzens erproben? Zweifellos stand ich vor einem unabwendbaren Elend – William würde nie erlauben, daß ich einen andern heirate, solange er am Leben sei. Ich bedurfte dringender der Hilfe eines Talismans, denn ein Moore je zuvor.


Als ich mein Zimmer betreten, öffnete ich weder das Filigran-Herz, noch nahm ich das Bild herab. Ich hatte eben meine Handschuhe abgezogen und bemerkte an meinem Finger einen Ring – den Ring, über dessen Herkunft Du mich einst befragtest. Es war ein unscheinbarer, billiger Ring, der einzige, den er in dem kleinen Dorfe, wo wir getraut wurden, kaufen konnte. Ich sagte Dir damals nicht die Wahrheit, als ich Dir antwortete, der Ring sei ein Familienkleinod. Ich nahm den Ring aber auch nicht ab, vielleicht weil er zu eng geworden und mich umschloß wie das Gelübde, das ich mit ihm abgelegt. Ich erschrak bei dem Anblicke dieses Ringes; mit diesem Zeichen an der Hand konnte ich ihm nicht entgegentreten und ihn Lügen strafen, falls er sagte, daß ich ihm gehöre, konnte nicht sagen, daß er von Sinnen sei, durch Klondikes Leiden geistig zerrüttet. Ich mußte mich des Ringes entledigen, dann würde ich freier fühlen. Doch er ging nicht vom Finger. Ich zog und zog – vergebens. Da nahm ich eine kleine Nagelfeile und arbeitete, bis der Reif endlich brach; dann bog ich ihn vom Finger und warf ihn aus dem Fenster, aus den Augen – wie ich hoffte –, aus dem Sinne. Ich atmete erleichtert, als ich meine Hand vom Ringe ledig sah, und doch zitterte ich bei jedem Tritte, der meiner Türe näher kam. Ich trug mein Brautkleid, ich konnte dies allein anziehen; zum Schleier aufstecken indes bedurfte ich der Hilfe einer andern, und war es daher ganz natürlich, daß Kora und meine Zofe an die Türe kamen und Einlaß verlangten, den ich ihnen indes nicht gewährte. Ich wollte nunmehr die Zaubermacht des Filigran-Herzens kennen lernen und wissen, wie ich das Hindernis beseitige, das zwischen meinem Glücke und der Vergangenheit lag.


Ich dachte nicht, daß das Entziffern des Bildes so lange Zeit in Anspruch nehme. Der Inhalt des Filigran-Herzens entpuppte sich als ein kleines Vergrößerungsglas und das Bild als Schrift. Ich las nicht alles, nicht die Hälfte – es war das nicht nötig. Ich konnte schon aus wenigen Sätzen den Schluß ziehen – und was für einen Schluß! Schrecklich! Teuflisch!! Ein Mord, ein Mord aus der Entfernung, so einfach, so unverdächtig. Ich ging nach der Kammer – mußte gehen – zog die beiden Schubladen heraus – ach – ach – verlange nicht, daß ich die Minuten noch einmal durchlebe – ich zitterte nicht – ich war nur kalt, kalt wie Marmor. Doch jetzt zittere ich und schaudere, und die Seele scheint sich in Angst vom Körper zu trennen, und ich fühle die Qualen der Hölle und das Gehirn scheint zu flammen! Ach, wenn doch die Tat, die ich jetzt plane, mir Erlösung brächte und mich nicht noch tiefer in den Schlund der Hölle treibt! Doch ich muß sterben, ehe ich Dich wiedersehe, muß sterben in dem alten Hause, wohin mich Reue und Verzweiflung treiben, muß sterben an der Stelle, woselbst ich ein unschuldiges Leben genommen, und befreie Dich so von einem Weibe, das Deiner nie würdig war und dem Du fluchen müßtest, ließe sie die Sonne noch ein einziges Mal auf ihr fluchwürdiges Haupt scheinen . . . Ich stand nicht lange vor dem Mechanismus, den meine Vorfahren zum Morde benutzten. Eine Botschaft ward mir durch die Türe zugerufen – eine Botschaft, auf die ich schon seit zwei Stunden mit angespannten Nerven wartete: ein Mann namens Pfeiffer wolle mich sehen, ehe ich zur Trauung hinabgehe . . . Ein Mann namens Pfeiffer! Ich schaute den Jungen, der die Botschaft brachte, durchdringend an; er schien nicht erregt. Dann schaute ich all die Menschen an, die sich in der Halle versammelt hatten – keine Aufregung dorten, nur natürliche Überraschung, warum die Braut so lange auf sich warten lasse. Das bestimmte meinen Entschluß. Der, welcher die Botschaft gesandt, war sich selbst treu geblieben und unserm Gelübde. Er hatte niemand etwas von unserm Geheimnis erzählt, das die ganze Gesellschaft sofort in größten Aufruhr versetzt haben würde; er wollte es mir allein in die Ohren flüstern. Ich erinnerte mich seiner Worte, ehe er ging; er stand da mit gegen Himmel erhobener Hand und sagte: »Du warst gut zu mir und hast dich mir gegeben, da ich arm und unbedeutend war; dafür schwöre ich dir, das Geheimnis unserer Ehe zu wahren, bis ich durch meine Erfolge deiner würdig bin oder bis du selbst mich deiner würdig erachtest und mir zu sprechen erlaubst. Der Tod allein oder deine Erlaubnis soll meine Lippen entsiegeln.« Als ich hörte, er sei tot, fürchtete ich, er möchte vorher gesprochen haben; nachdem ich ihn aber gesehen, wußte ich, daß keine Seele außer ihm und dem Priester eines kleinen, kaum benannten Dorfes um unser Geheimnis wisse. Ohne Zögern, ohne Furcht, so ohne Gewissensbisse sagte ich zu dem Jungen, der Herr solle sich in die Bibliothek begeben. – – Dann . . .


Eine Vision verfolgt mich jetzt, verfolgte mich seit der Sekunde, da ich dies Haus verließ, mit dem Kusse Deiner Liebe auf meinen Lippen. Sie verläßt mich nicht – sie steht zwischen uns – sie zwang mich, aus dem Schlafe zu sprechen! Es steht hier – deutlich – ganz deutlich, was ich in jener mörderischen Stunde gesehen: ein Mann, auf einer Ecke des alten Sessels sitzend, den Kopf zurückgelehnt, träumend; sein Gesicht war von mir abgewandt – ich dankte Gott dafür – nein, ich dankte Gott nicht, ich habe in jenem Augenblicke nicht an Gott gedacht, nur an eine Feder in der Wand und an meine Freiheit! Ich dachte an Deine Ungeduld und an die wartenden Gäste, an das Glück, das ich finden würde, wäre ich erst einmal frei von dieser quälenden Fessel, ich dachte nur an Dich den ich so unendlich liebte. Hätte ich an etwas anderes gedacht, ich hätte den Knopf vielleicht nicht berührt, wäre heute verachtet, aber doch unschuldig eines Mordes. Unschuldig! – – Wo auf Gottes weiter Welt kann ich wieder schuldlos werden, daß ich Dir wieder ins Auge schauen kann und Dich lieben – es bricht mir das Herz entzwei – Dich lieben!! . . .


Aufrollen und drehen, nachdem die elende Tat vollbracht, das war das Ärgste und das war es, was mir die Fassung raubte. Doch ich wagte nicht, das mörderische Instrument hängen zu lassen; ich mußte es aufwinden. Der Mechanismus knarrte, und das Geräusch schien im ganzen Hause widerzuhallen; doch niemand kam und niemand betrat die Bibliothek. Ich wünschte oft, es wäre anders gewesen; dann wäre meine Schande an den Tag gekommen und Du wärest unberührt geblieben von verbrecherischen Händen – –


Ich hörte viele sagen, ich habe strahlend ausgesehen, als ich zum Altare schritt . . . Wenn meine Augen strahlten, dann war es nur in dem Gedanken, daß ich triumphierte über all die Hindernisse und daß ich neben Dir stehen konnte, ohne daß eine Stimme die feierliche Handlung unterbrach und schrie: »Ich verbiete es! Sie ist mein Weib! das Weib von William Pfeiffer und kann keinen andern Mann heiraten!« Das konnte nicht geschehen! Die Lippen, die so sprechen konnten, waren stumm! – – Doch ich vergaß, daß stumme Lippen am lautesten schreien und daß ein Leben vor mir lag – sei dies kurz oder lang – in dem ich dieser Lippen Klage hören müsse und ihre Drohungen . . . O, der Fluch! Beim Tanz und Mahl, bei Sang und Spiel hörte ich diese Lippen, und am lautesten, wenn wir allein beisammen waren, Du und ich, dann am lautesten, o, dann am lautesten!


Er ist gerächt! Aber Du! Wer wird Dich rächen und wo wirst Du je wieder ein Glück finden – –

Könnte ich mein Andenken aus Deinem Gedächtnisse löschen, ich würde ja gerne noch viel mehr leiden, als ich schon gelitten! Aber nein, nein, vergiß mich nicht ganz! Gedenke meiner, wie Du mich in einer Nacht gesehen, in jener Nacht, als Du eine Blume aus meinem Haare nahmst, sie küßtest und sagtest: »Washington hat viele schöne Frauen, aber keine, die je mein Herz so gefangen nahm, wie du.« O, deine Stimme klang so wahr und dein Auge sprach so viel, und ich vergaß – vergaß für einen kurzen Augenblick – alles, nur nicht Deine Liebe, Deine reine Liebe, und das Herz schlug so wild, und ich betete, daß ich sie wieder hören dürfte, diese Worte, wenn wir erst alt geworden, wieder in demselben Tone und im Auge wieder derselbe Blick! In jenem Augenblicke war ich unschuldig, rein und gut! Gedenke meiner, wie ich in jener Nacht gewesen . . .


Wenn ich an ihn denke, wie er im Grabe liegt, das ich ihm gegraben, dann ist mein Herz wie Stein. Doch wenn ich Dein gedenke – –


Ich fürchte den Tod, aber noch mehr das Leben! Ich will die Pistole an mich knüpfen lassen, daß ich sie brauchen muß! Ich war zur Freude und zum Glück geboren, und doch blieb mir kein Elend und kein Schmerz erspart! Doch ich habe es selbst verschuldet und klage weder Gott an noch die Menschen; nur mich selbst, nur mein gedankenloses Haschen nach Vergnügen.


Ich wünsche, daß auch Kora diese Zeilen lesen soll. Sie soll mich im Tode kennen, da sie mich im Leben nie kannte. Und doch kann ich ihr nicht sagen, daß ich diesen Brief geschrieben: sie muß ihn zufällig finden, wie Du. Wenn ich nur eine Entschuldigung ersinnen könnte, um jenes Buch in ihre Hand zu spielen, worin ich diese Zeilen zu verbergen gedenke. Dann könnte sie dieselben lesen, ehe Du sie siehst, und das wäre das beste; vielleicht kann sie Dich dann trösten – ich hoffe so. Kora ist eine edle Seele, und nur mein unseliges Geheimnis hielt mich ihr fern.


Du hast meinem Wunsche willfahrt und Rauschers Kellner einen Platz bei dem »Freiwilligen Korps« verschafft. Du warst zwar erstaunt über das Interesse, das ich an ihm nahm, doch Du fragtest kein Wort und erfülltest diesen meinen ersten Wunsch ohne Zögern. Hättest Du dasselbe getan, wenn Du gewußt hättest, warum ich diese wenigen Worte ihm aus der Droschke zurief, warum ich nicht schlafen konnte und keine Ruhe fand, ehe er und der andere Junge die Stadt verlassen hatten?


Ich muß einige Zeilen zurücklassen, die Du den Leuten zeigen kannst, falls man darüber spricht, weshalb ich mir so kurz nach einer scheinbar glücklichen Hochzeit das Leben genommen. Sie liegen in demselben Buche, in welchem Du diesen Brief findest. Es wird Dir jemand sagen, Du sollst in dem Buche nachlesen, ob – – Ich kann nicht weiter schreiben – –


Ich muß schreiben – es ist das einzige, was mich noch mit dem Leben und Dir verbindet. Ich habe nichts mehr zu sagen, als: vergib – vergib – –


Glaubst Du, daß Gott die Elenden verdammt, wie dies die Menschen tun? Glaubst Du, daß er Mitleid hat mit einer Reuigen – daß er Platz findet für – – Meine Mutter ist dorten und mein Vater! Ich schaudere, dahin zu gehen – sie zu treffen – – Mein Vater wies mir das Geheimnis – er kannte es selbst nicht – – Ich will jetzt nur noch an Gott denken – –


Lebe wohl – lebe wohl – – lebe . . .«


* * *


Das war alles.

Das Ende war wie der Anfang: ohne Datum, ohne Name – die Seelenqualen einer Unglücklichen, die zum Bewußtsein ihrer Tat kam, als es zu spät war. Wer wollte ihr sein Mitleid versagen?

Wir standen stille da, als ein Detektiv eintrat und dem Major das folgende Telegramm aus Denver überbrachte:

»Soeben erfahre, daß der Mann, der das Geschäft in Owosso hatte, nicht der war, welcher Miß Moore heiratete; es war dessen Bruder William, der später in Klondike starb. Der, dessen Todesursache Sie eben untersuchen, hieß Wallace.«


Wir standen starr!

»Ich glaube, ich verstehe das Geschehene,« unterbrach ich das Schweigen. »William Pfeiffer war zurückgelassen worden, während sein Bruder sich in ein Zelt schleppte; William war der schwächere und starb, während Wallace sich erholte. Sie wußte das nicht, da sie nur einen Teil der Zeitung gelesen hatte. Als sie dann den Mann sah, der Pfeiffer glich, und später sich ein Pfeiffer melden ließ, nahm sie sicher an, daß dies ihr Gatte sei; glaubte sie doch, Wallace sei tot.«

»Diese Erklärung klingt sehr plausibel,« bemerkte der Staatsanwalt, »macht aber den Fall noch tragischer, als er schon war. Sie war zweifellos Witwe, als sie auf die todbringende Feder drückte, und der Bruder war nur gekommen, ihr dies zu sagen und vielleicht einen Abschiedsgruß von dem toten Gemahl zu überbringen. Hätte sie den Mann doch angehört . . . Wer will dies dem unglücklichen Gatten dort drinnen sagen? Es mag sein Todesstoß sein . . .«


26.
Rudge.

Je mehr ich über die Brüder Pfeiffer erfuhr, desto fester war ich überzeugt, daß die unglückliche Veronika nicht nur die beiden Brüder verwechselte, sondern auch das Motiv mißverstand, weshalb Wallace sie so dringend zu sprechen wünschte. Es war gewiß nur, um ihr zu sagen, daß sein Bruder – ihr Gatte – tot sei und sie frei wäre, dem Manne ihrer Wahl zu folgen, doch nichts, das sie erschrecken und gar diese unglückliche Tat rechtfertigen konnte. Hätte sie ihn empfangen und angehört, dann wäre sie heute – –

Doch wozu Reflexionen – kehren wir zu Tatsachen zurück. Am Abend desselben Tages erschien in allen Abendzeitungen die folgende Anzeige:

Jede Person, die sich unzweifelhaft erinnert, am Abend des 11. Mai gegen sieben Uhr durch Waverley Avenue, zwischen N- und M-Straße, gegangen zu sein, wird gebeten, ihren Namen unter F. beim Polizei-Präsidium zu hinterlegen.

Ich war F., und war bald mit Briefen überhäuft. Ich ersuchte alle Sender, zu kommen, und hatte aus der großen Menge bald diejenigen ausgeschieden, welche nur aus Neugierde die Anzeige beantwortet hatten. Nach eingehender Befragung der übrig Gebliebenen blieb nur ein einziger Mann, der mir das bestätigen konnte, was ich zu wissen wünschte. Diesen Mann nahm ich mit zum Major, und wir drei gingen sofort zum alten Mr. Moore.

Onkel David schaute uns erschreckt an, verlor indes seine Fassung nicht und begrüßte uns mit ausgesuchter Höflichkeit, die aber dem Blicke widersprach, den er mir zuwarf. Doch dieser Blick war noch nichts im Vergleich zu dem, welchen ich in seinem Auge sah, als ich – da ich Rudge bellen hörte – sagte:

»Das ist unser Zeuge, meine Herren. Dies ist der Hund, der nicht über die Straße geht, selbst wenn sein Herr ihn ruft, und der geduldig am Straßenrand wartet, bis sein Herr zurückkommt. Ist das nicht so, Mr. Moore? Sagten Sie das nicht wiederholt selbst?«

»Ich kann das nicht leugnen,« war die trotzige Antwort »Aber was . . .«

Ich ließ ihn die Frage nicht beenden.

»Mr. Currean,« sagte ich, »ist dies der Hund, den Sie am Abend des 11. Mai zwischen sieben und acht Uhr in dieser Straße gesehen haben?«

»Das ist der Hund. Ich betrachtete ihn genau; er schien das Haus dort drüben zu beobachten.«

Sofort wandte ich mich an Mr. Moore.

»Würde Rudge das tun, wenn sein Herr nicht in jenem Hause war? Ich selbst sah ihn zweimal in derselben Stellung, und beide Male waren Sie in jenem Hause, an das der Hund – wie Sie selbst zugeben – nicht näher herangeht als bis zum Straßenrand.«

»Sie haben mich,« war die Antwort, mit der Mr. Moore das Leugnen aufgab. »Rudge, geh' auf deinen Platz. Wenn wir dich wieder als Zeugen brauchen, werde ich dich rufen.«

Der Sarkasmus, den der alte Mann in diese Worte legte, war mehr gegen sich selbst gerichtet. Nach einigen eindringlichen Worten von seiten des Majors erzählte Onkel David freiwillig, was er über »das letzte Drama wußte, das je in der Moore-Familie sich ereignen werde«.

»Ich dachte an kein Unrecht, als ich versuchte, die Geheimnisse des alten Hauses zu erforschen. Ich wollte Veronika nicht um die Erlaubnis bitten, hineingehen zu dürfen, und benutzte so den Eingang, der sich mir zufällig bot. Ich war oft in jenem Hause, das letzte Mal – wie einer von Ihnen so fein ausklügelte – an jenem Abend, da sich Mrs. Jeffrey dort das Leben nahm. Meine Neugierde betreffs des todbringenden Herdsteines war aufs höchste gestiegen, als ich eines Abends einen Lichtschein bemerkte, der aus dem südwestlichen Zimmer kam. Ich wußte nicht, wer dort sein könnte, hatte indes Mr. Jeffrey in Verdacht; wer sonst würde es wagen, Licht in jenem Hause anzuzünden, ohne erst alle Läden fest zu verschließen? Ich hatte nichts gegen Mr. Jeffrey, zweifelte auch nicht an seinem Rechte, das Haus zu besuchen, wenn immer er wollte. Nichtsdestoweniger war ich ärgerlich. Er hatte zwar eine Moore geheiratet, gehörte aber trotzdem nicht zur Moore-Familie. Er durfte das Haus betreten, ich nicht! Ich wartete, bis er herausgekommen, und als ich ihn bestimmt erkannte, schwur ich in Ärger und Eifersucht, in der folgenden Nacht selbst ins Haus zu gehen und nochmals zu versuchen, ob ich das Geheimnis lösen könne, wodurch ich ihm ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen wäre.

»Es war früh, als ich das Haus betrat, es war noch nicht einmal dunkel. Da ich wußte, welch undurchdringliches Dunkel im alten Hause herrscht, sobald die Sonne untergegangen, steckte ich zwei oder drei Kerzen zu mir, die Kerzen, die Ihnen so viel Kopfzerbrechen verursachten. Mein Besuch bezweckte zweierlei: erstens wollte ich sehen, was Mr. Jeffrey in der Nacht vorher im alten Hause getan habe, und zweitens wollte ich ein Buch Memoiren studieren, dessen Inhalt mir zu dem gesuchten Geheimnis verhelfen sollte. Erinnern Sie sich an die Türe, die vom Hinterzimmer nach der Bibliothek führt? Durch diese trat ich ein, den Stuhl in der Hand, den Sie später dort fanden.

Ich wußte, wo ich die Memoiren finden würde – Sie auch, wie ich jetzt sehe – denn ich war es, der sie dorthin legte. Ich trug den Tisch herbei, stellte den Kandelaber, den ich aus dem Salon geholt, darauf und machte mich bereit, die angestrichenen Stellen der Memoiren nochmals zu überlesen. Doch ehe ich das Buch herunterholte, wollte ich erst sehen, was Mr. Jeffrey oben getan habe. Ich ließ die Kerze in der Bibliothek brennen, nahm eine andere zur Hand und ging nach oben. Dort war alles dunkel.

Ich schaute nach einem Leuchter, um meine Kerze hinein zu stecken, fand aber keinen; so nahm ich die Flasche und leuchtete umher. Ich fand nichts – ausgenommen Mrs. Jeffreys Kostüm, das mich nicht interessierte, und einem umgestürzten Stuhle, dem ich weiter keine Bedeutung beilegte – und ging daher wieder nach unten. Das Licht ließ ich oben brennen, im Fall ich wieder heraufkommen sollte.

»Es war Totenstille im Hause, als ich mich in der Bibliothek zum Lesen niedersetzte. Ich schrieb auf ein Stückchen Papier meine Gedanken nieder, als ich plötzlich ein Geräusch hörte: die Haustüre ward aufgeschlossen!

Ich dachte natürlich, es sei Mr. Jeffrey, der dem Hause seiner Gattin einen weiteren Besuch abstatten wollte, und da ich wußte, was mich erwartete, falls er mich hier überraschte, stellte ich schnell das Buch an seinen Platz und blies das Licht aus. Ich beabsichtigte, aus der Türe zu fliehen, durch die ich gekommen war, vermochte indes nicht, mich zu bewegen. Ich konnte nur dastehen und lauschen Mr. Jeffrey, oder wer sonst es war, kam in das Haus ohne Licht. Ich konnte die suchenden Schritte hören, hörte die tastenden Finger an der Wand – dann ein Rauschen von Frauenröcken – eine Tatsache, die mich aufs höchste überraschte – dann ein Seufzen oder Schluchzen – –

Wer konnte in dies Haus kommen, welches weibliche Wesen sich in diese Räume wagen, in denen der Tod umgeht? Ich dachte nicht an Veronika – man sucht keinen Schmetterling in einem Grabgewölbe. Ich dachte an Miß Tuttle, diese willensstarke, junge Dame. Da hörte ich ein herzzerbrechendes Stöhnen, aus dem ich schloß, daß es sicherlich nicht Neugierde war, was dieses weibliche Wesen hierher brachte. Ich hörte Weinen und Schluchzen, unterbrochen von Bitten und Gebeten, und dazwischen den Namen »Francis«. Und wieder dachte ich, die Anwesende sei Miß Tuttle, und ich glaubte sogar den Grund ihres Kummers zu kennen. Und wieder Weinen, wieder Worte des Schreckens, der Furcht, unterbrochen durch den Fall eines Gegenstandes; ich weiß nicht, was es gewesen, glaube aber, daß es der Revolver war und daß beim Aufheben die Staubflecken an das Band kamen, deren Vorhandensein Sie nicht erklären konnten.

Ihre Stimme klang jetzt ganz verändert. Ich hörte abgebrochene Sätze: »Ich muß – kann ihm nie wieder lebend ins Auge sehen – er würde mich verachten – tapfer genug andern Tod – Feigling – dein eigenes – O Gott – vergib!« Dann Todesstille – und dann – – ein Knall, ein Blitz, bei dessen Feuer ich plötzlich sie sah, Veronika – dann ein Fall, der den ganzen Boden erzittern machte und sogar mein eigenes altes Herz! . . . Ich hatte eben dem Selbstmord des letzten Moore – mich ausgenommen – beigewohnt, einen Selbstmord, den ich am wenigsten erwartete und für den ich noch jetzt keine Erklärung finde.

»Ich ging nicht zu ihr hin; sie war tot, als sie fiel, mußte tot gewesen sein, denn beim Aufblitzen des Feuers hatte ich gesehen, wohin sie die Pistole gehalten. Warum die Tote belästigen, dachte ich. Ich suchte nun so schnell und unbemerkt als möglich aus dem alten Hause zu kommen. Nehmen Sie mir das vielleicht übel? Ich war der gesetzliche Erbe und befand mich in einem Zimmer, wo zu weilen ich kein Recht hatte. Wenn mich die Polizei hier fände! Denken Sie vielleicht, ich sollte mich öffentlich bloßstellen und sagen, daß ich anwesend war, als meine eigene Nichte Selbstmord beging? Der Schuß machte mich zum Millionär – das war Aufregung genug für mich. Außerdem benachrichtigte ich die Polizei – später, als ich mich gesammelt und eine Ausrede erdacht hatte. Das war nicht genug? Ah, ich sehe, Sie alle sind Muster von Mut und Großherzigkeit! Sie würden sich lieber von der Welt öffentlich verdammen lassen, als daß eine Notlüge über Ihre Lippen käme! Ich aber bin keine solche Musterseele, ich bin nur ein einfacher Mann, den das Leben siebenzig Jahre bös mitgenommen hat und der daher keine Tugenden mehr besitzt. Ich machte einen Fehler, das merke ich jetzt, indem ich einem Hund Vertrauen schenkte, das er nicht verdiente – –«

Wir hatten uns unwillkürlich umgewandt und drehten dem Sprecher den Rücken zu.

»Was soll das?« schrie er erzürnt.

»Wir tun nur, was morgen ganz Washington tun wird und später die ganze Welt,« erwiderte der Major ernst. »Ein Mann, der durch eine beschworene Notlüge – wir nennen es Meineid – eine unbescholtene Frau und einen unschuldigen Mann fünf Wochen lang unter den schweren Verdacht eines Mordes bringt, wird nicht nur vom Gesetz bestraft, sondern auch von jeder anständigen Gesellschaft gemieden werden. Von heute ab gehören Sie zum Auswurf der Gesellschaft, Mr. Moore!«

Hier endet meine Geschichte. Der Selbstmord war bewiesen, und der Fall Moore beschäftigte fürderhin Polizei und Gerichte nicht weiter. Des Majors Prophezeihung erwies sich später als nur zu wahr. Mr. Moore lebt im alten Moore Haus mit allem Glanz und Pomp, den Reichtum zu schaffen vermag, hat Diener und Pferde, die ihresgleichen selbst in Washington nicht haben – doch niemand nimmt seine Einladungen an, und selbst in seinem Palaste ist er so allein, als er je in seinem kleinen, rebenbehangenen Hause gewesen.


27.
»Du Hier! Du suchtest mich!«

Mehrere Monate nach dem im letzten Kapitel Erzählten las ich den folgenden, von einer Mrs. Edward Truscott an eine Freundin in Neuyork gerichteten Brief:


Edinburgh, 7. Mai 1900.

Liebe Louisa!

Du pflegtest immer zu sagen, ich hörte und sähe mehr, als andere Deiner Bekanntschaft. Vielleicht bin ich glücklicher im Hören und freier im Sehen – jedenfalls kann ich Dir heute etwas erzählen, das mein größtes Interesse in Anspruch nahm . . . ich habe es gehört und gesehen. Du weißt, ich wollte längst einige Skizzen des Innern der alten Roßlyn-Kapelle machen, über deren Schönheit ich Dir oft geschrieben. Da Edward in der Stadt zu tun hatte, benutzte ich die Gelegenheit und ging allein dahin. Der Himmel war klar und das Wetter prächtig, und wunderte ich mich daher nicht, eine andere Dame zu sehen, die demselben Ziele entgegenging. Ich betrachtete diese Dame – mußte sie betrachten: selten sah ich schönere, ebenmäßigere Züge und selten so viel Gram in einem Antlitz. Fast hätte ich sie angesprochen . . Ich schritt an ihr vorüber in die Kapelle und hatte beim Zeichnen bald sie und meine ganze Umgebung vergessen. Ich saß unter der großen Treppe, die nach oben führt, denn ich wollte ungestört arbeiten. Da hörte ich Schritte und das Rauschen von Frauenkleidern. Ich nahm an, daß die unbekannte Schönheit nach oben gehe und täuschte mich nicht.

Plötzlich hörte ich andere Tritte – die eines Mannes. Er schritt hastig, schaute sich suchend um – ein leiser Schrei von ihren Lippen – von den seinen ein Name – dann stieg er schnell die Treppe hinauf.

Ich wußte, daß ich der Begegnung zweier sich Liebenden beiwohnte, zwei, die seit langem getrennt waren und sich endlich fanden. Ich saß ganz still, um den erhabenen Augenblick nicht zu stören.

Sie sprach zuerst.

»Francis! Du hier!? Du suchtest mich!«

Worauf er mit tiefem Fühlen erwiderte:

»Ja, ich bin hier, ich habe dich gesucht! Warum fliehst du vor mir? Hast du nicht bemerkt, daß mein Herz für dich schlägt, wie es nie für – für – – selbst in den Tagen ungestörter Liebe?! Ich konnte nicht rasten, nicht ruhen, bis ich dich gefunden, um dir zu sagen, daß die Augen, die einst blind gewesen, nun sehen, und daß ich dich liebe, so innig, so wahr – –«

Er brach ab, vielleicht um seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen, vielleicht, um aus ihrem Munde ein Wort der Liebe zu hören. Doch sie seufzte nur und sagte endlich in ängstlichem Tone:

»Haben wir ein Recht, glücklich zu sein, während sie – – O, Francis, ich kann nicht! Sie hat dich so lieb gehabt! Ihre Liebe für dich trieb sie – –«

»Kora!« rief er vorwurfsvoll. »Wir haben unsere Verirrte begraben und – so sehr ich sie einst liebte – sie gehört nun Gott und nicht mehr mir. Laß die Tote ruhen. Du, die litt und alles opferte, was einem Weibe heilig ist, um das zu retten, was eben nicht zu retten war, hast ein Anrecht auf größeres Glück, als ich dir zu geben vermag Kora, es gibt nur eine Hand, welche die dunklen Schatten von meinem Leben zu scheuchen vermag, die Hand, welche ich jetzt halte. Ziehe sie nicht zurück – sie ist mein Anker, meine Hoffnung! Ohne sie werde ich scheitern auf den Trümmern, die mir das Leben gelassen.«

Tiefe Stille folgte. Dann hörte ich ihn sagen: »Gott sei Dank!« und ich wußte, daß ihre Herzen sich verbunden.

Gleich darauf verließen sie Hand in Hand die Kapelle.

Wunderst Du Dich, daß ich gerne wissen möchte, wer die beiden waren und wen sie meinten mit »unsere Verirrte?«

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