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Anne K. Green – Hand und Ring

Kriminalroman

Anne K. Green, Hand und Ring, Verlag von Robert Lutz, Stuttgart, 1921



Erstes Buch.



Erstes Kapitel.

Die Stadtuhr von Sibley hatte eben zwölf geschlagen, und die Gerichtssitzung war zu Ende. Richter Evans, der den Vorsitz geführt, stand noch mit mehreren angesehenen Advokaten des Bezirks vor dem Tor des Gerichtsgebäudes. Das Gespräch der Herren drehte sich um den Kriminalfall, der gerade verhandelt worden war und um die verschiedenen Verbrecherklassen im allgemeinen.

Ferris, der Bezirksanwalt, hatte die Behauptung aufgestellt, daß da, wo Irreligiosität und strafwürdige Neigungen zur Herrschaft unter den höheren Ständen gelangen, die Entdeckung von Verbrechen auf fast unübersteigliche Hindernisse stoße. Um die Gerichte irre zu führen und eine begangene Missetat zu verbergen, fuhr er fort, vermag der Gebildete weit eher alle Künste der List und Verstellung zu Hilfe zu rufen, als der Verbrecher aus niederen Volksschichten, dem der Hang zum Bösen häufig sozusagen auf der Stirne geschrieben steht.

Wie jenem Vagabunden da drüben, fiel der Advokat Lord ein, indem er auf einen plumpen, untersetzten Menschen von verdächtigem Aussehen deutete, welcher mit einem Pack auf dem Rücken gerade aus dem Heckenweg herauskam, der dem Gerichtsgebäude schief gegen über in die Hauptstraße mündete.



Seinesgleichen sieht man am häufigsten auf der Anklagebank, sagte darauf Rechtsanwalt Orkutt, der in Kriminalsachen einen nicht unbedeutenden Ruf genoß. Sehen Sie nur, wie er verstohlen um sich blickt. Er muß wohl bemerkt haben, daß wir ihn beobachten, denn er beschleunigt seinen Schritt und jetzt fängt er gar zu laufen an.

Der Kerl wird wohl irgendeinen Streich ausgeführt haben, sagte Evans.

Das dürfte ihm schlecht bekommen, äußerte der Bezirksanwalt. Es entwischt so leicht keiner. Die Spitzbuben führen hier zu Lande wahrhaftig kein Schlaraffenleben; Räuber und Diebe kommen selten mit ihrer Beute davon, und daß ein Mörder seiner Strafe entgeht, ist geradezu ein unerhörtes Vorkommnis.

Dann muß ja die Geheimpolizei in hiesiger Gegend ihr Geschäft ganz vortrefflich verstehen, ließ sich hier ein junger Mann vernehmen, welcher bisher geschwiegen hatte.

Das nicht gerade. Aber die Schurken fangen ihre Sache gar zu ungeschickt an; sie verstehen es nicht, die Spuren der Untat zu verwischen.

Wer pfiffig ist, hinterläßt überhaupt keine Spur, mischte sich jetzt eine scharfe Stimme in die Unterhaltung. Ein großer, rothaariger, etwas buckliger Mann trat aus dem Torweg, wo er, von den übrigen unbemerkt, sich bisher aufgehalten hatte. Niemand schien ihn zu kennen, er aber fuhr unbeirrt im gleichen Tone fort: Nur deshalb ist es so leicht, der Verbrecher habhaft zu werden, weil sie Spuren ihrer Tat hinterlassen und dann zu auffälligen Mitteln greifen, um sie zu verbergen. Wer unentdeckt bleiben will, der wählt zu der Tat am besten eine Waffe, die er am Orte selbst vorfindet, und womöglich eine belebte Verkehrsstraße, wo naturgemäß andere Menschen durch ihr Kommen und Gehen die Spuren verwischen, die etwa zurückgeblieben sind. So wird der Argwohn entkräftet, weil sich der Verdacht nach so verschiedenen Richtungen lenkt, daß die Verfolgung keinen Anhalt findet und schließlich aufgegeben werden muß. Sehen Sie zum Beispiel jenes Eckhaus da drüben – der Fremde zeigte auf ein schief gegenüberliegendes Gebäude – während wir hier stehen, sind Menschen verschiedenen Schlages durch den Seiteneingang nach der Küchentür gegangen und wieder zurück, unter andern jener verdächtig aussehende Hausierer. Wer dort wohnt, weiß ich nicht, aber nehmen wir einmal an, es wäre eine alleinstehende Frau. Käme nun in etwa einer Stunde jemand in ihren Garten und fände sie tot hinter dem Holzhaufen liegen und ihre eigene Axt daneben, – auf wen würde dann der Verdacht fallen? – Natürlich auf den fremden Hausierer, dem man, nach seinem Aussehen zu urteilen, jede Untat zutrauen kann. Aber ein Verdacht ist kein Beweis. Wenn er die Tat leugnet, würde kein Gerichtshof ihn als Mörder verurteilen, kein Richter den Stab über ihn brechen können.

Der bucklige Fremde ging hierauf gemächlich seines Weges, der Bezirksanwalt aber schien die einmal angeregte Frage noch weiter erörtern zu wollen.

Herr Byrd, wandte er sich an den vorhin erwähnten jungen Mann, was sagen denn Sie als Sachverständiger dazu? Meinen Sie nicht, daß es der Geheimpolizei gelingen würde, den Hausierer zu überführen?

Ich weiß nicht, versetzte der Angeredete zögernd, ich bin noch nicht gewiegt und erfahren genug in solchen Dingen, um eine bestimmte Meinung abzugeben. Doch habe ich Herrn Gryce (Sprich Grais.), unsern größten Neuyorker Detektiv, sagen hören, daß es ihm nur einmal vollständig mißlungen sei, irgendwelchen Aufschluß über eine verübte Mordtat zu erlangen. Die Sache ging ihm lange im Kopf herum und er hat sie uns weitläufig erzählt: ein jüdischer Händler war bei hellem lichtem Tage erschlagen worden, offenbar während er eine Schachtel mit Strumpfwaren von einem obern Brett herunterlangte, denn man fand ihn am Ladentisch liegen mit einer Wunde im Hinterkopf, die von einem Totschläger herrühren mochte. Sein Laden, der in einer belebten Straße lag, hatte eine Vorder- und eine Hintertür; es waren fortwährend Leute ein- und ausgegangen, aber wer die Bluttat verübt hatte, ließ sich nicht ermitteln. Auch die genauesten Nachforschungen brachten kein Licht in das Dunkel. Man wußte von niemand, der Böses gegen den Händler im Schilde geführt haben könnte, von keinem Verwandten, den es etwa nach seinen paar Dollars gelüstete. Sein Lebenslauf bot keinerlei verdächtige Umstände, man konnte nur mutmaßen, daß irgend jemand ihn habe aus dem Wege räumen wollen, aber wer und um welcher Ursache willen, das ist nie enthüllt worden. Nur der Täter selbst weiß es.

Und noch Einer, sagte Richter Evans mit Nachdruck: Gott!

Es entstand eine feierliche Stille. Rechtsanwalt Orkutt sah nach seiner Uhr. Ich muß zum Essen gehen, sagte er und schritt nach flüchtigem Gruß quer über die Straße auf das bescheidene Wohnhaus einer Witwe zu, bei welcher er sein Mittagsmahl einzunehmen pflegte, so oft er um diese Zeit im Gericht zu tun hatte.

Die andern Herren standen noch einige Minuten beisammen und sahen den Rechtsanwalt drüben in den Heckenweg einbiegen und in der Haustüre der Witwe verschwinden. Eben waren auch sie im Begriff auseinander zu gehen, als Advokat Lord, einen Ruf der Verwunderung ausstoßend, nach dem Hause deutete, in welches Orkutt eingetreten war. Aller Blicke richteten sich dorthin. Auf der Schwelle stand der Rechtsanwalt, der offenbar in höchster Eile wieder herausgestürzt war.

Er winkt uns, Ferris, rief Lord, und von unbestimmter Furcht angespornt, eilten beide Herren über die Straße ihrem Freunde entgegen, der in ungewöhnlicher Erregung schleunigst auf sie zukam. 

Ein Mord, rief er ihnen schon von weitem zu, ein Zusammentreffen grausigster Art! Drinnen liegt Frau Klemmens blutend am Boden mit einer tiefen Wunde im Kopf.

Sprachlos vor Schrecken starrten Lord und der Bezirksanwalt einander einen Augenblick an, dann stürmten sie vorwärts.

Halt, rief Ferris, plötzlich still stehend, wo ist der Mensch, der so sachverständig über Mordtaten zu reden verstand und die Art, wie man sich vor Entdeckung schützt? Das kann kein bloßer Zufall sein, – er muß sofort zur Stelle. Er winkte den jungen Byrd herbei, der ihnen nachgeeilt kam.

Rasch, rief er, holen Sie den Polizeidiener Hunt, er soll den buckligen Rotkopf festnehmen. Eine Frau liegt drüben in ihrem Blute, und jener Mensch muß darum wissen.

Byrd zögerte keinen Augenblick; der Bezirksanwalt aber zog Orkutt mit sich fort dem Hause zu, an dessen Türe Lord bereits auf sie wartete.

Sie traten zusammen ein; allen voran Ferris, ein kühner Mann, der vor nichts zurückschreckte. Das erste Zimmer war leer, kein Zeichen von Unordnung bemerkbar; es schien die Wohnstube der Witwe zu sein; auf dem Tisch in der Mitte lag Orkutts Hut, wo er ihn beim Eintreten hingelegt hatte. Die ganze Wohnung machte einen behaglichen, ja wohlhabenden Eindruck. Frau Klemmens hatte zwar allein gelebt und sich kein Dienstmädchen gehalten, befand sich aber, nach ihrer Einrichtung zu schließen, durchaus nicht in dürftigen Umständen. Durch die offene Türe sah man im Nebenzimmer das feine Porzellanservice auf dem gedeckten Eßtisch glänzen.

Sie traten ein.



Dort liegt sie, sagte Orkutt, nach der andern Seite des Zimmers deutend. Die Arme weit ausgestreckt, lag die Unglückliche, aus einer Kopfwunde blutend, hinter dem Tisch am Boden; in einer Hand hielt sie ihre Uhr, die sie aus dem Gürtel gezogen, die andere berührte fast ein Stück Knüppelholz, das offenbar als Mordwerkzeug gedient hatte. Sie war starr und unbeweglich, allem Anschein nach tot.

Entsetzlich ! rief Lord zurückschreckend. Welche Verruchtheit, einer harmlosen Frau auf so schändliche Weise das Leben zu nehmen!

Auch Ferris war tief erschüttert. Ein gräßliches Beispiel, das genau zu dem vorgetragenen Fall paßt, sagte er kopfschüttelnd. Wie läßt sich das begreifen? Er öffnete eine Tür, die auf die Hintergasse führte, und ließ die frische Luft hereinströmen.

Die Hintertür war nicht verschlossen? rief Lord mit einem fragenden Blick auf Orkutt, welcher unverwandt auf die leblose Gestalt am Boden starrte. Ihn mochte wohl der schreckliche Anblick überwältigen, hatte ihm doch die Frau seit Jahren so manches Mal bei Tische gegenüber gesessen.

Was sagten Sie? Nicht verschlossen? erwiderte er, aus seinem Sinnen auffahrend. Das wundert mich nicht. Sie verschloß die Türen nie, obgleich ich es ihr wiederholt wegen ihrer zunehmenden Taubheit anriet.

Von der Hinterseite des Hauses konnte man eine weite Strecke unbebauten Landes übersehen; Orkutt ließ die Blicke ringsumher schweifen. Es ist kein Mensch zu sehen, sagte er nach einer Weile.

Die Flucht ließe sich auf dem Sumpfboden durch das Riedgras kaum bewerkstelligen, entgegnete der andere. Wer aber in der Gegend gut Bescheid weiß, könnte auf dem Hügelpfad in die jenseitigen Wälder gelangen, um der Verfolgung zu entgehen. Aber was ist Ihnen denn, Orkutt?

Nichts – mir war nur, als hörte ich ein Stöhnen.

Ferris hatte sich über die regungslos Daliegende gebeugt und ihren Kopf aufgehoben, um ihr ins Gesicht zu sehen. Die Frau ist nicht tot, stieß er in höchster Erregung hervor.

Ist das möglich? riefen die andern wie aus einem Munde.

Sie atmet noch; sehen Sie nur, wie ihre Brust sich langsam hebt und senkt. Der Bösewicht hat seine Sache schlecht gemacht; vielleicht kann sie uns noch selbst Auskunft geben.

Schwerlich, murmelte der Rechtsanwalt, der Schlag muß mit furchtbarer Gewalt geführt worden sein, er wird sie der Denkkraft beraubt haben.

Jedenfalls muß sogleich für ärztliche Hilfe gesorgt werden; wäre nur Doktor Tredwell hier!

Ich will ihn geschwind holen.

Orkutt wollte sich entfernen, aber schon ging die Türe auf, ein Menschenschwarm drang herein, unter ihnen Doktor Tredwell, der als Coroner (In Amerika und England der Beamte, der bei verdächtigen Todesfällen die sofortige Untersuchung zu leiten hat.) und Gerichtsarzt fungierte. Auf seine Anordnung ward Frau Klemmens in ihr Schlafzimmer getragen, welches sich gleichfalls im untern Stock befand. Ein schnell herbeigeholter zweiter Arzt nahm am Kopfende des Bettes Platz, um das erste Zeichen des wiederkehrenden Bewußtseins zu erspähen. Alle Unbeteiligten mußten das Haus verlassen; draußen im Hof harrte die unruhige Menge mit gespannter Erwartung, was sich ferner ereignen, welche Wendung die Dinge nehmen würden.

Unterdessen saß drinnen im Eßzimmer der Bezirksanwalt zusammen mit dem Coroner in ernstem Gespräch.

Es unterliegt keinem Zweifel, meinte letzterer, daß sie den Schlag erhalten hat, als sie gerade damit beschäftigt war, die Uhr richtig zu stellen. Er zeigte auf die offenstehende, große, altmodische Wanduhr neben der Türe. Sie hat ihre Absicht nicht mehr ausführen können, fuhr er fort, die Uhr geht noch zehn Minuten nach, wie ein Vergleich mit der meinigen lehrt, mit welcher die Taschenuhr der Frau Klemmens genau übereinstimmt. Der Angriff muß von hinten erfolgt sein, und zwar völlig unerwartet. Hätte sie sich umgewandt, so wäre sie an der Stirn getroffen worden; ihre Taubheit hat sie verhindert, den Schritt des Mörders zu hören, und in ihre Beschäftigung vertieft, hat sie die grausame Hand nicht gesehen, die sich gegen sie erhob. Unbegreiflich, daß irgend jemand so viel daran gelegen sein konnte, sie aus der Welt zu schaffen! Wäre ein Raub beabsichtigt gewesen, so würde man ihr die Uhr nicht gelassen haben. Auch liegt hier eine Summe Kleingeld neben ihrem Teller; das hätte ein Vagabund sicherlich eingesteckt. Das Knüppelholz hat der Mörder von dem Haufen dort am Herd genommen.

Auf den buckligen Rotkopf, von dem ich Ihnen erzählte, fällt der stärkste Verdacht, meinte der Bezirksanwalt. Vielleicht stellt sich heraus, daß er verrückt ist.

Ich möchte das noch bezweifeln, versetzte der Doktor nachdenklich.

Im Hofe entstand jetzt Lärm und lebhaftes Stimmengewirr. Die Menge bestürmte den zurückkehrenden Byrd mit neugierigen Fragen, ohne jedoch die gewünschte Auskunft von ihm zu erhalten.

Byrd, ein junger Detektiv, war erst kürzlich von Neuyork herübergerufen worden, weil man seine Dienste in einem gerade zur gerichtlichen Verhandlung gelangten Fall zu gebrauchen dachte.

Nun, was haben Sie ausgerichtet? wandte sich Ferris an den eben Eintretenden.

Der bucklige Rotkopf, wie Sie ihn nennen, ist verschwunden, entgegnete Byrd; vielleicht gelingt es Hunt, seine Fährte wieder aufzufinden. Den Hausierer aber, der so ängstlich um die Ecke schlich, während wir vor dem Gericht standen, habe ich festgenommen; das schien mir das Erste und Wichtigste!

Meinen Sie? erwiderte Ferris, der des jungen Mannes einnehmenden, aber harmlosen Gesichtsausdruck mit gutmütigem Spott betrachtete. Halten Sie etwa den Hausierer für den Schuldigen, weil jener schlaue Unbekannte unsere Aufmerksamkeit in so auffälliger Weise auf ihn gelenkt hat?

Byrd errötete in augenblicklicher Verlegenheit, doch faßte er sich schnell. Ich weiß noch zu wenig von dem Tatbestand, sagte er, um auf den mutmaßlichen Täter schließen zu können.

Das Verbrechen ist fast genau auf die Weise verübt worden, wie sie der Bucklige angab, war des Bezirksanwalts Erwiderung. Im Begriff, die Wanduhr zu stellen, ist die Frau von hinten zu Boden geschlagen worden; dort liegt das Holzstück, das von ihrem Herd genommen wurde und als Mordwaffe gedient hat; die abscheuliche Theorie wurde hier in die Praxis umgesetzt.

Und glauben Sie, daß eine längere Zeit zwischen der Untat und ihrer Entdeckung verflossen ist?

Nein. Das Essen dampfte noch in der Küche, wo es zum Anrichten bereit stand.

Dann, meinte Byrd zuversichtlich, kann ich Sie versichern, daß der Bucklige den Streich nicht geführt hat. Dazu wäre doch wohl seine Anwesenheit hier im Zimmer erforderlich gewesen. Nun habe ich ihn aber den Morgen über mit eigenen Augen im Gerichtssaal gesehen. Er saß in der Nähe der Tür und fiel mir besonders auf.

Merkwürdig, brummte Ferris in ärgerlichem Ton; er ließ sich nicht gern auf einem Irrtum ertappen.

Es ist nur ein Schritt über die Straße, gab der Doktor zu bedenken, wie leicht kann er sich eine Zeitlang entfernt haben, ohne daß Sie es gewahr wurden. 

Byrd wußte hierauf keine Antwort. Der Hausierer scheint mir höchst verdächtig, äußerte er.

Schwerlich hätte er das Geld hier liegen lassen, sagte Ferris, auf das Silbergeld deutend.

Wer kann wissen, was ihn bewogen hat, sich aus dem Staube zu machen, ohne zuvor die Früchte seines Verbrechens zu ernten? Jedenfalls glaube ich, der Hausierer wird den Gerichten zu schaffen machen und nicht der Bucklige.

Sich höflich vor den beiden Herren verbeugend, verließ Byrd mit diesen Worten das Zimmer.

Möglich, daß der junge Mensch recht hat, murmelte Ferris vor sich hin. Und doch: der Rotkopf muß ein Prophet und Hellseher sein oder er hat um das Verbrechen gewußt!

Der Gerichtsarzt nickte zustimmend.



Zweites Kapitel.

Seitdem man die Witwe auf ihr Lager gebettet, waren anderthalb Stunden verflossen, ohne daß eine merkliche Veränderung in ihrem Zustand eingetreten wäre. Außer dem Arzt saßen noch mehrere Nachbarinnen an ihrem Bette, auf jeden ihrer Atemzüge lauschend und des Augenblicks harrend, wo Leben in die unbeweglichen Züge kommen würde, auf welchen schon die Schatten des Todes lagerten.

Im Wohnzimmer besprach sich Ferris mit dem Rechtsanwalt Orkutt darüber, was er etwa im Laufe der Jahre von den Verhältnissen der Frau in Erfahrung gebracht habe, mit welcher er in fast täglichem Verkehr gestanden. Draußen am Hoftor bildeten sich noch immer neue Gruppen Teilnehmender oder Neugieriger. Man stritt eifrig hin und her, ob der Hausierer oder der Bucklige der Mörder sei, sprach von Charakter und Lebensweise der Witwe, von der Möglichkeit ihres Wiederaufkommens, wiederholte die Aussprüche des Doktors und stellte eigene Vermutungen auf.

Byrd, der junge Detektiv, lehnte am Gitter, scheinbar mit eigenen Gedanken beschäftigt, und ließ sich das bunte Stimmengewirr ruhig um den Kopf herumschwirren. Auf einmal erschallte ein kurzer Aufschrei – es entstand eine plötzliche Stille – dann ward eine klare, volltönende Frauenstimme vernehmbar, welche die herrische Frage tat:

Habe ich recht gehört – ist es wahr – Frau Klemmens ermordet – von einem Vagabunden in ihrem eigenen Hause? – Gebt mir Antwort!

Sofort hefteten sich aller Augen auf die Sprecherin, die von der Straße herkam. Byrd sah, wie sich die Menge teilte, und ein junges Mädchen in den Hof trat. Es war eine auffallende Erscheinung, majestätisch in Haltung und Gebärde, eine hohe, stolze Gestalt, die den Blick wohl unwillkürlich gefesselt hätte, selbst wenn ihre Gesichtszüge nicht so blendend schön gewesen wären. Hatte man aber erst einmal in dies Antlitz geschaut, so vermochte man sich schwer wieder loszureißen. Es lag ein rätselhaftes Etwas darin. Nicht nur die hohe weiße Stirn, die tiefklaren Augen, deren durchsichtiges Grau sich unaufhörlich zu verändern schien, die gerade, feingeschnittene Nase, der ausdrucksvolle Mund war es, was den Beschauer selbst gegen seinen Willen festhielt; mehr als durch ihre Schönheit, durch den Reiz ihrer blühenden Jugend, fesselte sie noch durch ihr ganzes eigentümliches Wesen. Man fühlte, dies war ein Weib, das man anbeten, dem man sich blind ergeben konnte, aber das gänzlich zu begreifen man nie hoffen durfte.



Ihr Kleid war von dunkelgrüner Farbe; die Handschuhe hielt sie in der Hand, ihr ganzes Auftreten drückte die äußerste Bestürzung aus.

Ist sie tot – sagt mir's, wenn ihr's wißt! wiederholte sie heftig, als alle noch immer schwiegen.

Schwer verletzt ist sie, ließ sich endlich ein derber Bursche vernehmen, der Arzt gibt keine Hoffnung.

Der Eindruck dieser Worte war unverkennbar. Eine fahle Blässe bedeckte urplötzlich das Gesicht des Mädchens; krampfhaft preßte sie die Hände zusammen und schien nur mühsam ihre Fassung zu bewahren, doch stand sie hoch aufgerichtet da, sich gewaltsam bezwingend.

Schrecklich, schrecklich, murmelten ihre Lippen, als spräche sie zu sich selbst, es kann nur Unheil daraus entstehen. Dann, als besinne sie sich plötzlich, wo sie sei, wandte sie sich kopfschüttelnd an die ihr zunächst Stehenden: Und ein Hausierer soll der Täter sein?

Man hat ihn als des Mordes verdächtig festgenommen.

Dann müssen ja wohl dringende Beweise gegen ihn vorliegen, sagte sie. Sich den Weg durch die Menge bahnend, welche ihr scheu und ehrerbietig Platz machte, betrat sie das Haus.

Byrd hatte sich vorgebeugt, um ihr nachzublicken; dann wandte er sich an ein altes Weib in der Menge.

Kennen Sie die Dame? fragte er. Sie ist wohl eine Verwandte der unglücklichen Frau?

Die Züge der Alten nahmen einen grimmigen Ausdruck an. Nein, krächzte sie heiser, nicht einmal eine Bekannte.

Die Antwort kam Byrd unerwartet; es schien ihm wohl der Mühe wert, der Sache auf den Grund zu gehen. Eben wollte er dem Fräulein ins Haus folgen, als er sich von dem Weibe zurückgehalten sah.

Ich meine nur, flüsterte sie geheimnisvoll, sie besuchten einander nicht; gekannt haben sie sich natürlich, wie wäre das anders möglich in unserer kleinen Stadt!

Byrd fand die junge Dame mitten im Wohnzimmer stehen, in stolzer, entschlossener Haltung, den Blick auf die Türe geheftet, die in Frau Klemmens' Schlafgemach führte: Rechtsanwalt Orkutt war zu ihr getreten. 

Dies ist kein Platz für Sie, Imogen, sagte letzterer mit wahrhaft väterlicher Besorgnis; was suchen Sie hier an dem Ort des Schreckens? – Gehen Sie lieber heim; bei meiner Rückkehr sollen Sie alles erfahren, was Ihnen zu wissen frommt! Seine Stimme klang sanft, fast zärtlich.

Ihre Augen suchten den Boden: Ich weiß, ich habe kein Recht hier einzudringen, versetzte sie, aber ich kann nicht gehen, ohne den Ort gesehen zu haben, wo man die arme Frau in ihrem Blute gefunden hat und die Mordwaffe, mit welcher der Streich geführt wurde; bitte, zeigen Sie mir alles, Herr Ferris! Sie schien die Gewährung ihres seltsamen Verlangens mit Zuversicht zu erwarten, als sei sie sich der Macht ihrer Persönlichkeit bewußt.

Ich will den Coroner fragen, versetzte der Bezirksanwalt und ging nach dem Eßzimmer. Sie wartete jedoch die Erlaubnis nicht ab, sondern folgte ihm auf dem Fuße zu dem Schauplatz der Schreckenstat, wo sie sich alles genau zeigen und berichten ließ. Niemand widersetzte sich ihrem Willen; es schien, als habe sie nur zu befehlen, um ihre Wünsche erfüllt zu sehen; alle behandelten sie mit Rücksicht, fast mit ehrfurchtsvoller Scheu, nur Orkutt sah aus, als verursache ihm ihr Benehmen Unruhe und Besorgnis.

Und ein Hausierer hat die Tat verübt? rief sie aus, gedankenvoll vor sich niederblickend. Plötzlich stutzte sie. Byrd, der allen ihren Bewegungen folgte, sah, wie sie einen Schritt vorwärts tat und den Fuß sorgfältig auf eine Stelle des Teppichs niedersetzte.

Sie hat etwas erspäht, dachte der Detektiv und wartete, daß sie sich hinunterbeugen werde; aber sie stand aufrecht da und schien nur durch allerlei Fragen die Aufmerksamkeit der Anwesenden von ihrer Person ablenken zu wollen.

Klopft da nicht jemand an der Hintertür? rief sie plötzlich. Doktor Tredwell ging nachzusehen.

Haben Sie nichts gehört? wandte sie sich an Ferris. 

Auch dieser blickte nach der Richtung hin. Als sie aber bemerkte, daß noch jemand sie von der Tür des Wohnzimmers aus beobachtete, verzichtete sie auf jeden weiteren Versuch.

Von der Tür her vernahm man ein leises Gespräch, konnte jedoch im Zimmer die Worte nicht verstehen. Es war eine Botschaft aus dem Gasthaus, wo der Hausierer einstweilen in Haft gehalten wurde. Der Mensch hatte in schrecklicher Angst eingestanden, er habe aus einem Hause, wo man ihm zu essen gegeben, mehrere Löffel mitgenommen. Er glaubte, man wolle ihn um dieses Diebstahls willen ins Gefängnis führen und gab freiwillig seinen Raub heraus. Von dem furchtbaren Verdacht, der über ihm schwebte, hatte er offenbar keine Ahnung.

Dem Bezirksanwalt war diese Nachricht augenscheinlich nicht unwillkommen. Nun, wir werden ja sehen, sagte er, wieder ins Zimmer tretend, und fügte hinzu, als er die Blicke der jungen Dame ungeduldig fragend auf sich gerichtet sah: Es scheint sich doch als sehr zweifelhaft zu erweisen, ob der Hausierer der Täter ist.

Sie schrak zusammen und trat unwillkürlich auf Ferris zu. Sogleich näherte sich Byrd der Stelle, wo der kleine Gegenstand lag, den sie vorhin mit ihrem Fuß bedeckt hatte; es war ein Ring, den er gelassen aufhob.

Sie gab nicht acht darauf, sondern fragte, den erregten, fast angsterfüllten Blick auf den Bezirksanwalt richtend, mit erstickter Stimme:

Was sagen Sie? Nicht der Hausierer? Aber wer ist dann der Mörder?

Das ist bis jetzt noch eine offene Frage, entgegnete Ferris, das aufgeregte Mädchen verwundert betrachtend.

Beruhigen Sie sich doch, Imogen! nahm hier Orkutt wieder das Wort; wozu diese heftige Gemütsbewegung über eine Angelegenheit, die doch für Sie nicht von so entscheidender Wichtigkeit ist? Ich bitte Sie dringend, gehen Sie nach Hause.

Ein abweisender Blick war ihre ganze Antwort auf die wohlgemeinte Ermahnung; sie stand unbeweglich da, das Auge bald auf den einen, bald auf den andern der Herren gerichtet, als suche sie in deren Mienen eine Bestätigung der entsetzlichen Furcht zu lesen, die sich in ihrem Innern barg.

Da fühlte sie ihren Arm berührt.

Entschuldigen Sie, mein Fräulein, sagte hinter ihr eine Stimme in sorglos heiterem Tone, gehört dies vielleicht Ihnen?

Wie aus einem Traum erwachend, wandte sie sich um; aller Augen schauten auf Byrd, in dessen geöffneter Hand ein wertvoller Diamantring funkelte.

Ich fand ihn am Boden zu Ihren Füßen, erklärte der Detektiv der jungen Dame in ehrerbietigem Ton. In Orkutts Zügen malte sich heftige Bestürzung, auch die übrigen zeigten ihr Erstaunen beim Anblick des kostbaren Juwels.

Imogen dagegen hatte auf einmal ihre volle Ruhe wiedergewonnen, wie dies starke Naturen im Augenblick der Gefahr vermögen.

Ich danke Ihnen, erwiderte sie, sich anmutig verneigend und die Hand langsam nach dem Ringe ausstreckend. Ja, er ist mein, ich habe ihn wohl fallen lassen, ohne es zu bemerken. Sie sah Orkutts fragenden Blick auf sich gerichtet und errötete leicht, steckte aber, ohne zu zögern, den Ring an den Finger.

Der junge Detektiv war von dieser Wendung der Dinge höchlich überrascht. Daß sie sich so kaltblütig einen Gegenstand aneignen würde, von dem er alle Ursache hatte, zu glauben, daß er ihr nicht gehöre, hatte er nicht erwartet. Es beunruhigte ihn innerlich in hohem Grade, um so mehr, als die beiden andern Herren den Vorgang als ganz natürlich zu betrachten schienen; doch besaß er Selbstbeherrschung genug, nichts von seinem Argwohn merken zu lassen. Mißvergnügt, daß ihm der Versuch so schlecht gelungen war, trat er an ein Fenster des Wohnzimmers.

Nun kommen Sie, Imogen, ich begleite Sie nach Hause, sagte jetzt Orkutt, dem Fräulein den Arm reichend, länger können Sie doch unmöglich hier bleiben wollen.

Noch bevor sie eine Erwiderung fand, öffnete sich jedoch die Tür zum Schlafzimmer: auf der Schwelle erschien der Arzt, welcher bei der Sterbenden Wache gehalten, um ihre letzten Seufzer zu vernehmen. Seine feierliche Miene, seine erhobene Hand verkündeten deutlich, was vorging; ein Schauer der Erwartung durchrieselte die Herzen aller Anwesenden.

Sie regt sich, sie bewegt die Lippen, flüsterte der Arzt ins Zimmer hineinhorchend.

Aus dem Dunkel hinter ihm erklang ein Ton, zuerst leise und unbestimmt, dann laut und deutlich vernehmbar bis in den äußersten Winkel des fernsten Gemaches. Es war nur ein kurzer Ausruf, der sich wieder und wieder hören ließ: »Hand! Ring!« und abermals: »Hand! Ring!« bis ein keuchender Laut dazwischen kam, worauf wieder tiefe Stille eintrat.

Gerechter Himmel! rief Ferris und eilte auf die Tür zu. Der Arzt hielt ihn zurück.

Ruhe! gebot er, vielleicht spricht sie noch einmal, warten wir! Alle lauschten in angstvoller Spannung, aber das Schweigen ward nicht wieder unterbrochen. Nicht lange, so verkündete der Arzt, daß Frau Klemmens wieder in den früheren Zustand der Betäubung gesunken sei; ob sie noch einmal erwachen werde, ließ sich nicht vorhersagen.

Tredwell, der Bezirksanwalt und der Detektiv atmeten wie erleichtert auf; als sie sich umschauten, sahen sie, daß sich das Fräulein mit der weißen Hand krampfhaft am Fensterbrett festhielt; ihr Blick schweifte ins Weite, während Orkutt sie voll Zweifel und Bangigkeit zu betrachten schien. Sobald der Rechtsanwalt jedoch gewahrte, daß seine Freunde ihn beobachteten, verschwand der Ausdruck der Furcht aus seiner für gewöhnlich so ernsten, ruhigen Miene.

Als sie jetzt wieder ins Zimmer zurückblickte, glaubte Byrd noch die letzten Spuren einer furchtbaren Angst in ihren Zügen zu erspähen. Auf Orkutt zutretend, sagte sie in heiserem Ton: Ich möchte nach Hause. Es ist schrecklich hier.

Der Rechtsanwalt war nur zu gerne bereit, ihrem Wunsche zu willfahren; aber noch ehe sie das Haus verlassen konnten, wartete ihrer ein neues Grauen. An der Tür der Sterbenden erschien abermals der Arzt mit erhobener Hand.

Still, sagte er, sie bewegt sich wieder, als wollte sie sprechen. Wieder lauschten sie in atemloser Spannung, bis das leise Murmeln allmählich deutlicher wurde und sie Worte vernahmen, bei denen ihnen das Blut in den Adern erstarrte. Orkutt und das Weib an seiner Seite prallten auseinander, als sei ein zweischneidiges Schwert zwischen sie gefahren.

»Fluch über ihn,« klang es von dem Bette her, »Fluch über den Bösewicht! Ihn soll die Rache des Himmels ereilen, wo er geht und steht!«

Bleich und entsetzt starrten die Anwesenden einander an, als sähen sie schon die rächende Hand das Haupt des Schuldigen berühren. Schon im nächsten Augenblick hatte Imogen die Tür aufgerissen und war wie ein gescheuchtes Wild auf die Straße gestürzt, ehe noch Orkutt sich aus seiner Betäubung aufraffen konnte, um ihr zu folgen.



Drittes Kapitel.

Dürfte ich wohl fragen, wer die junge Dame ist? erkundigte sich Byrd bei dem Bezirksanwalt, der mit ihm abseits in einer Ecke des Eßzimmers stand.

Eben trat Rechtsanwalt Orkutt wieder ins Zimmer zurück, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Flüchtige einzuholen.

Es ist Fräulein Dare, erwiderte Ferris in gedämpftem Tone, eine vielbewunderte Schönheit; man sagt, sie stehe im Begriff, sich zu verheiraten mit – Er unterbrach sich und warf einen bedeutsamen Blick auf Orkutt, ohne jedoch den Satz zu vollenden.

Wirklich! rief der Detektiv, der jetzt Orkutt, in welchem er bisher nur den scharfsinnigen Kriminalisten gesehen hatte, mit ganz neuem Interesse betrachtete.

Der Rechtsanwalt war ein kleiner blonder, beweglicher Herr in den vierzigen, von guter Haltung und leichten Umgangsformen, aus dessen gefälligen Gesichtszügen jetzt indessen eine geheime Besorgnis sprach, die er vergebens zu bemeistern trachtete. Doktor Tredwell war ein schönerer Mann und Ferris höher von Wuchs, aber doch machte Orkutts ganze Persönlichkeit einen tieferen Eindruck und erschien Byrd wohlgeeignet, dem weiblichen Gemüt Bewunderung, vielleicht auch Zuneigung einzuflößen.

Das Fräulein scheint großen Anteil an dem Ereignis zu nehmen, bemerkte der Detektiv wieder zu Ferris gewandt.

Das ist so Frauenart, entgegnete dieser leichthin. Aber aus Fräulein Dare ist im allgemeinen nur schwer klug zu werden – bald zeigt sie mehr Gefühl als man erwartet, bald weniger. 

Orkutt trat jetzt näher. Mir scheint, sagte er mit nicht mißzuverstehender Beziehung auf den ihm fremden, jungen Mann, es sollten bei dieser Sache so wenig Personen wie möglich beteiligt sein!

Erlauben Sie, Orkutt, daß ich Ihnen Herrn Byrd vorstelle, nahm Ferris sogleich das Wort; er steht im Dienste der Polizei und hat mir in dem Kriminalfall, der heute verhandelt wurde, Beistand geleistet.

Ein Detektiv also! sagte der Rechtsanwalt, Byrd mit prüfendem Blick betrachtend. Schade, fügte er verbindlich hinzu, daß die Pflichten, die Sie übernommen haben, Sie hindern, sich dem Gericht in Sachen dieses geheimnisvollen Mordanfalls zur Verfügung zu stellen.

Sich höflich gegen Byrd verbeugend, nahm Orkutt wieder seinen früheren Platz in der Nähe der Tür des Schlafzimmers ein, in welchem die Sterbende noch immer atmete. Byrd bemerkte, daß seine Gegenwart nicht erwünscht sei, und wollte sich eben zurückziehen, als der Coroner, welcher eine Zeitlang anderweitig beschäftigt gewesen, ins Zimmer trat und den Detektiv zu sich heranwinkte.

Kommen Sie, sagte er, ich brauche Ihre Hilfe.

Byrd warf einen fragenden Blick auf den Bezirksanwalt, der ihm beistimmend zunickte, und folgte dann dem Coroner die Treppe hinauf in ein Gemach, das dieser sorgfältig hinter ihnen verschloß.

Es ist mir von großem Wert, begann Doktor Tredwell, Sie hier an Ort und Stelle zu haben. Ich möchte Sie fragen, ob Sie willens wären, dem Gericht bei Entdeckung des Mörders behilflich zu sein?

Wie Sie wissen, bin ich nicht mein eigener Herr, entgegnete der junge Mann im Gefühl einer unbestimmten Abneigung, sich weiter in die rätselhafte Angelegenheit zu mischen. Ich habe die Befehle meiner Vorgesetzten zu befolgen; auch leidet das Geschäft, womit mich Herr Ferris betraut hat, keinen Aufschub, und ihm bin ich die erste Rücksicht schuldig.

Ferris ist ein verständiger Mann – er wird uns keinerlei Schwierigkeiten machen.

Aber mir fehlt die Erlaubnis aus Neuyork.

Die werde ich sofort auf telegraphischem Wege einholen.

Byrd zögerte noch immer. Mir scheint der Fall zu einfach, sagte er, um außergewöhnlicher Maßregeln zu bedürfen. Sollte nicht Ihre hiesige Ortspolizei dazu genügen? – Eine Frau ist bei hellem Tage erschlagen worden und der mutmaßliche Täter befindet sich bereits in Ihrer Gewalt.

So glauben Sie noch immer, daß der Hausierer den Mord begangen hat? fragte Tredwell ungeduldig über des andern gleichgültiges Wesen.

Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Täter nicht jener Mann war, den ich den ganzen Morgen bei der Gerichtsverhandlung gesehen und von dem ich kaum ein Auge verwandt habe.

Dann muß er in eine ganz besondere Anziehungskraft für Sie besessen haben, bemerkte der Coroner mit leichtem Spott.

Es wird wohl auch noch durch andere Zeugen zu ermitteln sein, ob er den Saal verlassen hat oder nicht, war Byrds etwas gereizte Antwort. Er schien des fruchtlosen Streites über diese Angelegenheit herzlich überdrüssig.

Wie dem auch sei, entgegnete der Coroner auf ein Blatt Papier blickend, das er in der Hand hielt, ob der Bucklige ein Hexenmeister ist oder ein Mitschuldiger – ein Narr, der sein eigenes Geheimnis nicht zu wahren weiß, oder ein Verräter, der seine Werkzeuge preisgibt – jedenfalls wird diese Rechtssache keinen so einfachen Verlauf nehmen, wie Sie erwarteten. Es scheint in der Stadt nicht bekannt gewesen zu sein, daß Frau Klemmens einen Feind besaß, sie selbst war sich dessen aber wohl bewußt, wie ein angefangener Brief beweist, den ich auf ihrem Schreibtisch gefunden habe. Möglich, daß jener Hausierer nur den Streich geführt hat, und der eigentliche Urheber der Mordtat anderswo zu suchen ist.

Des jungen Mannes Augen glänzten bei dieser Eröffnung; sein Berufsinteresse war augenscheinlich erwacht. Doch streckte er die Hand nicht nach dem Briefe aus, den ihm Tredwell hinhielt.

Wenn ich den Fall nicht übernehme, sagte er ausweichend, so ist es besser, ich mische mich nicht weiter hinein.

Aber Sie werden ihn übernehmen, entgegnete der andere, den der Widerstand, auf welchen er so unerwartet traf, nur noch mehr in dem Entschluß bestärkte, sich Byrds Mithilfe zu sichern. Jedenfalls verschreibe ich mir einen Detektiv aus Neuyork. Die in unserer Stadt verübte Mordtat darf nicht ungesühnt bleiben, und wir wollen uns die beste Hilfe verschaffen, welche zu haben ist. Schwerlich wird aber das Polizeiamt einen andern herschicken wollen, wenn Sie schon auf dem Platze sind.

Wer weiß, versetzte Byrd, ohne seine Zurückhaltung aufzugeben, es gibt mancherlei Geheimpolizisten in unserem Bureau; einer wird zu dieser Arbeit verwendet, ein anderer zu jener; vielleicht tauge ich gar nicht für dies Geschäft.

Das wird sich finden, erwiderte der unerschütterliche Tredwell, inzwischen lesen Sie hier den Brief!

Dieser bestimmten Aufforderung widersetzte sich der junge Mann nicht länger, er nahm das Schreiben und las:


»Liebe Emilie!

Warum ich Dir eigentlich heute schreibe, weiß ich nicht. Ich habe alle Hände voll zu tun, und der Morgen ist sonst nicht meine Zeit für schriftliche Herzensergüsse – aber mir ist heute so ängstlich zu Mute, und ich fühle mich recht verlassen. Es will mir gar nichts nach Wunsch gehen, und da fallen mir die mancherlei Ursachen zu geheimer Furcht, die ich stets gehabt, besonders schwer aufs Gemüt. Das ist immer der Fall, wenn ich mich nicht ganz wohl fühle. Vergebens sage ich mir, daß achtbare Leute sich schwer zu einem Verbrechen hinreißen lassen. Es leben so viele, denen mein Tod nur allzu willkommen wäre, und ich schwebe fortwährend in der Angst vor einem –«


Gewaltsamen Ende, ergänzte Tredwell, als der junge Mann schwieg.

Wahrscheinlich ein Familiengeheimnis, äußerte dieser. Sollte nicht Rechtsanwalt Orkutt, der mit Frau Klemmens auf vertrautem Fuße gestanden hat, darüber Auskunft geben können?

Wohl möglich, aber ihn möchte ich nicht fragen. Er wird vermutlich die Verteidigung des Verbrechers zu übernehmen haben und schwerlich wünschen, sich an unserer Voruntersuchung zu beteiligen.

Byrd sah dem Coroner fest ins Auge: er schien einen Entschluß gefaßt zu haben.

Ist Ihnen nicht eingefallen, sagte er, daß Herrn Orkutt noch andere Gründe bewegen könnten, mit seiner Meinung in dieser Angelegenheit zurückzuhalten? Die junge Dame, welche hier war, fuhr er fort, ohne Tredwells verwunderte Miene zu beachten, scheint über das verübte Verbrechen in so furchtbarer Aufregung zu sein, daß ich glauben sollte, er werde sich schon aus Rücksicht für sie von der ganzen Sache möglichst fernhalten.

Wo denken Sie hin? – Fräulein Dares Interesse an der Mordtat ist bloße Neugier, von welcher sie sich als gebildete junge Dame freilich etwas zu sehr hat fortreißen lassen. Aber man kennt ihre Eigenheiten schon in hiesiger Stadt. Sie meinen doch nicht im Ernst, daß das Fräulein etwas mit dem schrecklichen Ereignis zu schaffen haben kann? –

Byrd errötete leicht; die Worte: »Also gehört ihr der Diamantring wirklich?« schwebten ihm schon auf den Lippen, doch widerstand es ihm, seinen Argwohn gegen das schöne Mädchen, für den er keinerlei Beweise hatte, verlauten zu lassen.

Tredwell bemerkte sein Zögern und fuhr fort: Nein, Fräulein Dare steht zu diesem Vorfall sicher in keinerlei Beziehung. Sie ist eins der unbescholtensten Mädchen unserer Stadt, und Frau Klemmens ist ihr völlig unbekannt, ich glaube fest, sie hat ihren Namen heute zum erstenmal gehört.

Byrds hübsche, männliche Züge erhellten sich sichtlich. Gut denn, sagte er, wenn sich bei der gerichtlichen Untersuchung nicht herausstellt, wer der Täter ist, und Sie meine Hilfe wirklich begehren, will ich mir aus Neuyork Erlaubnis einholen, den Fall zu übernehmen. Inzwischen – –

Inzwischen halten Sie immerhin die Augen offen, versetzte der Coroner, den Brief, welchen ihm Byrd wieder eingehändigt hatte, sorgfältig in der Brusttasche bergend. Und vor allem – unverbrüchliches Schweigen!

Der junge Mann verbeugte sich und folgte Tredwell die Treppe hinab. Drunten hatte unterdessen der Arzt den Ausspruch getan, daß Frau Klemmens' Zustand noch in gleicher Weise stundenlang fortdauern könne, und der Tod vielleicht nicht vor Mitternacht eintreten werde. Ihre Lebenskraft ist aber bereits zu sehr erschöpft, um ihr noch irgend welche Aeußerung zu gestatten; sie wird ohne Kampf in die Ewigkeit hinüberschlummern, versicherte er.

Unter diesen Umständen zogen es Orkutt und Ferris vor, sich zu entfernen. Kaum waren sie fort, so begann Byrd mit seinen eigenen Beobachtungen am Schauplatz der Tat. Sie richteten sich zunächst auf die Lage der verschiedenen Türen zu dem Herd, wo das Holzstück gelegen, und zu der Wanduhr, vor welcher der Angriff erfolgt war; er entwarf eine flüchtige Zeichnung der Ortsverhältnisse, notierte auch die auf dem Tisch befindlichen Gegenstände, öffnete dann die Seitentür und schaute vorsichtig ins Freie hinaus.

Sein früheres, gleichgültiges, schläfriges Wesen hatte ihn gänzlich verlassen, nichts entging seinem scharfen Auge, er war wie umgewandelt, entschlossen, umsichtig, voll Tatkraft. Tredwell beobachtete ihn mit Wohlgefallen. »Flink und schlau wie ein Wiesel,« dachte er bei sich und wünschte sich Glück zu dem Gehilfen.

Gegen zwei Uhr verließ Byrd das Haus, um mit Ferris bei der Fortsetzung der am Morgen begonnenen Gerichtsverhandlung zugegen zu sein. In Frau Klemmens' Hof harrte noch immer eine zahlreiche Menschenmenge, und kaum war der junge Mann auf die Straße getreten, als ihm jenes alte Weib wieder in den Weg kam, welches die Neugier offenbar an Ort und Stelle zurückgehalten hatte. Mit häßlichem Grinsen sah sie ihm ins Gesicht.

Darf ich nicht wissen, Herr, wie die Sachen stehen? krächzte sie. Gewiß können Sie mir sagen, was das schöne Fräulein mit der Geschichte zu tun hat!

Wer? – –

Ich meine das naseweise junge Ding, das glaubt, es habe nur zu befehlen, und alle müßten ihr Platz machen. Sie ist dabei beteiligt, das lasse ich mir nicht nehmen – was hätte sie sonst hier zu suchen gehabt?

Byrd konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als er seinen eigenen geheimen Argwohn aus dem Munde dieses widerlichen Geschöpfs vernahm. Fräulein Dare hat nicht das geringste mit der Mordtat zu tun, erwiderte er, sie kennt die Frau gar nicht und nimmt nur Anteil an ihrem Unglück.

Hi, hi, hi! kicherte die Alte, sobald eine nur ein hübsches Lärvchen hat, macht sie die Männer alle zu Narren. 



Was das für ein Anteil war, stand ihr ja im Gesicht geschrieben, und für nichts und wieder nichts stürmt man nicht so in ein fremdes Haus hinein. Nun, wir werden's ja sehen! Ein Mord läßt sich nicht vertuschen, und da wird sich's zeigen, was das schöne Fräulein damit zu schaffen hat.

Die letzten Worte sprach die Alte mit so eigentümlicher Betonung, daß es Byrd auffallen mußte. Halt! rief er, wenn Sie etwas von Fräulein Dare wissen, was uns andern verborgen ist – dann, heraus damit, sogleich! Spricht aber nur Bosheit aus Ihnen, fügte er in aufwallendem Zorn

hinzu, haben Sie nur gesehen, daß das Fräulein das Haus der Witwe in großer Bestürzung verließ und wollen Sie darauf Ihre verleumderischen Anspielungen gründen, so hüten Sie sich! Herr Ferris und Herr Orkutt lassen nicht mit sich spaßen und werden nicht dulden, daß Sie mit Ihrem Geschwätz den Ruf der jungen Dame besudeln!

Dabei packte er das Weib beim Arm.

Die Wirkung der Drohung war eine augenblickliche. Sich von ihm losmachend, krächzte die Alte: Was sollte ich wohl wissen? Nichts, als was aus jeder Miene und Gebärde des Fräuleins sprach. Wenn Sie's nicht verstehen können, ist's Ihr Schaden. Damit hinkte sie schnell die Straße hinunter und sah sich von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd um, als wollte sie sagen: Die Reihe kommt schon noch an mich; dann will ich reden, und niemand soll mir's wehren!

In nachdenklicher Stimmung begab sich der junge Mann nach dem Gerichtsgebäude. Hatte er denn ganz und gar vergessen, daß er Detektiv war? Anstatt die Alte in Schrecken zu setzen, hätte er die Gelegenheit ergreifen sollen, ihr auf geschickte Weise alles abzufragen, was sie etwa wußte. Was hatte ihn nur vermocht, so ganz ungeschäftsmäßig zu handeln? War der Eindruck, den Fräulein Dares Schönheit auf ihn gemacht hatte, seine Bewunderung ihrer Reize wirklich so groß, daß ihm alles daran lag, in seinem eben erst neu befestigten Glauben an sie nicht wieder irre zu werden? – Anders ließ es sich nicht erklären. – Aber gesetzt, sie war unschuldig, wie der Coroner mit solcher Sicherheit behauptete, gesetzt, es sprach nur Haß und Bosheit aus den Reden der greulichen Hexe, war es dann nicht seine Pflicht, das Fräulein vor der giftigen Zunge der Alten zu warnen oder wenigstens ihren Freund, den Rechtsanwalt, sofort von jenen verleumderischen Worten in Kenntnis zu setzen? – Wenn ein Mädchen, das meinem eigenen Herzen nahe stände, so schändlich verlästert würde, müßte ich da nicht wünschen, es zu erfahren, um die Geliebte schützen zu können? fragte er sich.

Diese Betrachtungen hatten zur Folge, daß Byrd nach beendeter Gerichtsverhandlung Orkutt beiseite zog, um, wenn auch mit innerem Widerstreben, die Frage an ihn zu richten, ob er wisse, daß die junge Dame, mit der sie heute im Hause der Frau Klemmens zusammengetroffen seien, hier in der Stadt eine Feindin besitze, die es sich angelegen sein lasse, böswillige Verleumdungen über sie zu verbreiten.

Der Rechtsanwalt sah ihn verwundert und mißtrauisch an. Ich verstehe Sie nicht, sagte er, was lassen sich für Beschuldigungen gegen eine Dame von Fräulein Dares Ruf und Stellung vorbringen?

Das Weib behauptet, meinte Byrd, Fräulein Dare müsse ein besonderes geheimes Interesse an der heute begangenen Mordtat haben, sonst wäre sie nicht voll Schrecken in das Haus der Frau Klemmens gestürzt. Ich habe getan, was ich konnte, um ihr die Unhaltbarkeit eines solchen Argwohns zu beweisen, aber ich fürchte, ich habe sie nur für den Augenblick zum Schweigen gebracht, und sie wird ihre alberne Geschichte bald weiter erzählen.

Orkutt ließ einen zornigen Ausruf hören; Byrd bemerkte, daß er bleich geworden war von innerer Erregung, obwohl er seine äußere Ruhe bald wieder gewann.

Ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung, sagte er; ich bin Fräulein Dares bester Freund und kenne sie genügend, um zu versichern, daß sie auch nicht in dem entferntesten Zusammenhang mit dem verübten Verbrechen steht. Ihr heutiges, allerdings etwas auffälliges Benehmen wird sie mir gewiß leicht erklären können. Sie würden mich verbinden, wenn Sie die Angelegenheit nicht weiter besprechen wollten, bis ich mir aus des Fräuleins eigenem Munde Aufschluß darüber verschafft habe, woher ihr besonderes Interesse an dem Ereignis stammt. 

Er streckte dem Detektiv lächelnd die Hand hin, aber der sichtliche Zwang, den er sich antat, berührte Byrd aufs peinlichste. Es schien ihm fast, als fänden seine eigenen geheimen Zweifel ein Echo in der Brust des Rechtsanwalts.



Viertes Kapitel.

Orkutt war kein Mann, auf den weibliche Reize mit ihren verführerischen Künsten Eindruck machten. Ob nun seine Unempfindlichkeit aus einem früheren Herzenserlebnis entsprang, welches er vor dem Geklatsch der Nachbarn und sogenannten guten Freunde zu verbergen gewußt hatte, oder aus einer von Natur kalten Gemütsart, gewiß ist, daß er jahrelang sowohl der schmeichelhaften Annäherung anerkannter Schönen als den schüchternen Bemühungen anderer liebender Herzen mit einer Geflissentlichkeit ausgewichen war, die an Geringschätzung grenzte.

Mit dem Tage, an welchem Imogen Dare sein Haus betrat, ward dies jedoch anders. Von ihr ging ein Licht aus, das für den trockenen Geschäftsmann zu einem neuen Lebenselement wurde und ihm die düstere, alte Behausung freundlich erhellte. In Sibley hatte man längst vergessen, daß dies schöne, stolze, einnehmende Mädchen einst als namenloses Findelkind auf der Schwelle einer armen Frau gefunden worden war, die es mitleidig aufgenommen und Mutterstelle an ihm vertreten hatte. Der Frau, welche allein in der Welt stand, erschien das Kind als eine wahre Gottesgabe. Zu einer solchen wurde es auch wirklich für sie, denn jedermann wetteiferte, ihr bei der Pflege und Erziehung der reizenden begabten Kleinen mit Rat und Tat beizustehen, so daß ihr die nötigen Mittel völlig ungesucht zuflossen. 

Zwar verlor Imogen in ihrem elften Jahre die Wohltäterin ihrer Kindheit durch den Tod, aber sie hatte das Glück, sofort eine neue Heimat zu finden. Ein reiches, herzensgutes Ehepaar nahm sie an Kindesstatt an und gab ihr Gelegenheit, sich die Schätze einer höheren Bildung anzueignen und die feineren Umgangsformen der Welt, welcher sie jetzt angehören sollte, zu erwerben. Sie bewahrte dabei jedoch die Eigenart ihres Charakters, die schon früh zu Tage getreten war, und zugleich gewann ihre äußere Erscheinung täglich neue Reize. Ein kräftiger, kerngesunder Körper, ihre einzige, kostbare Mitgift für das Leben, trug noch dazu bei, die Pracht ihrer Schönheit zu erhöhen, die sich mit der Zeit immer herrlicher entfaltete.

So verflossen für Imogen fünf Jahre in Glück und Wohlstand, als plötzlich ihr Geschick abermals eine neue Wendung nahm. Ihre Pflegeeltern verloren durch einen Bankerott ihr ganzes Vermögen, und als sie bald darauf starben, sah sie sich, kaum erwachsen, gezwungen, auf eigenen Füßen zu stehen. Zwar fehlte es ihr nicht an mancherlei Anerbietungen, um ihre Zukunft zu sichern, sie wies jedoch alle fremde Hilfe zurück und suchte nach einer Stelle, wo sich ihr Gelegenheit böte, ihre Kräfte zu verwerten und sich durch Arbeit ihren Unterhalt zu erwerben.

Eine solche fand sich denn auch bald für sie in dem Hause des Rechtsanwalts Orkutt als Stütze seiner betagten Schwester, welche der Wirtschaft vorstand. Die alte Dame bedurfte einer jüngern Kraft, die ihr die Arbeit erleichtern und zugleich neues Leben und Interesse ins Haus bringen sollte. Daß das Mädchen eine Schönheit war, schien ihr kein Hindernis; sie ließ Imogen frei schalten und walten, und legte ihr selbst dann keinen Zwang auf, als sie sah, welche Anziehungskraft die neue Hausgenossin auf ihren Bruder ausübte. Schon Imogens erster Anblick hatte ihn mit Bewunderung erfüllt, und bald fügte er sich willenlos ihrer unbewußten Herrschaft. Sie schien ihrer ganzen Natur nach für keine untergeordnete Stellung geschaffen und ward bald der leitende Geist an Orkutts Tisch und Herd.

In allem erwies sie sich als das gerade Gegenteil der Mädchen, mit welchen er bisher verkehrt hatte. Zuerst zurückhaltend, stolz, unnahbar, dann, als ihr Bildungstrieb mehr und mehr erwachte, lernbegierig, unverdrossen, bereit auf alle seine Erklärungen und Beweisführungen einzugehen. Zwischen jenen Stunden aber, welche sie seiner Aufforderung folgend, bei ihm im Studierzimmer zubrachte, aus seinen Büchern lesend und lernend, und der weit gefährlicheren Zeit, da er sie im Wohnzimmer aufsuchte, an ihrer Seite saß und nicht in Büchern, sondern in ihren Augen zu lesen suchte, lag ein langer, harter Kampf.

Orkutt liebte sie. Aber so heftig die Leidenschaft auch sein Herz ergriffen hatte, er hielt den Gedanken an eine Heirat lange Zeit von sich fern. Sie sollte seine Tochter werden, die Erbin seines Vermögens, seine Stütze im Alter. Dieser Entschluß war jedoch nur von kurzer Dauer. Imogen kam von einem Besuch in Buffalo zurück, wohin er sie geschickt hatte, als sein innerer Zwiespalt allzustark wurde, und er erkannte gleich beim ersten Wiedersehen klar und deutlich, daß jene Absicht unausführbar sei. Sie mußten einander als Gatten angehören, oder es galt, die Verbindung zwischen ihnen ein für allemal abzubrechen.

Es war ein einziger Blick ihrer Augen, der ihn so völlig besiegt hatte, ein verschämter, fast demütiger, entzückender Blick, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Aeußerlich blieb sein Wesen zwar unverändert, aber von jener Stunde an gab es für ihn kein Zweifeln und Zaudern mehr; sie sein eigen zu nennen, war allein noch Ziel und Zweck seines Lebens.

Ihr gegenüber schwieg er jedoch noch immer. Es lag in ihrem Wesen etwas Rätselhaftes, ihm Unverständliches, das sie von allen andern Frauen unterschied. Nach ihrer kurzen Abwesenheit von seiner Seite schien ihm dieser dunkle Zug noch stärker hervorzutreten als früher. Ob er Gutes oder Böses bedeute, wußte er nicht; aber die Ungewißheit zwang ihn, auf seiner Hut zu sein. Als er dann endlich doch im Drange des Augenblicks seine Gefühle offenbarte, und der Schleier zerriß, der ihr seine Leidenschaft bis dahin verhüllt hatte, sprach er daher keinen bestimmten Wunsch und Plan aus und sagte ihr nicht, daß er sie zum Weibe begehre.

Die Wirkung seines Geständnisses war anders, als er erwartet hatte. Imogen schien völlig überrascht und bekannte, ihr sei der Gedanke, daß er sie auf solche Weise auszeichnen könne, noch nie gekommen; die folgenden zwei Tage schloß sie sich in ihr Zimmer ein und wollte weder ihn, noch seine Schwester empfangen. Als sie wieder zum Vorschein kam, war sie zwar blühend wie eine Rose, aber gemessener und zurückhaltender in ihrem Benehmen als zuvor, unergründlicher denn je. Die stolze, weibliche Würde, mit der sie sich umgab, hinderte jede vertrauliche Annäherung und machte den Verkehr mit ihr bald unwiderstehlich anziehend, bald peinlich und gezwungen.

Sie wartet auf einen bestimmten Antrag, dachte Orkutt bei sich. So standen die Dinge damals, während man in den Bekanntenkreisen bereits auf eine bestimmte Entscheidung und Verlobung wartete. Da trat, wie schon berichtet, das schreckliche Ereignis ein und zeigte ihm das Mädchen in einem ganz neuen Lichte. War es möglich, daß Imogen auf eine ihm unbegreifliche Weise dem Geheimnis auf die Spur gekommen war, welches das furchtbare, verwegene Verbrechen umhüllte?

Er hätte den Gedanken als völlig widersinnig sofort von sich gewiesen, wäre des Mädchens Auftreten in der Witwe Haus weniger unpassend und unerklärlich gewesen. Dazu kam noch der Umstand, daß er allen Grund zu der Annahme hatte, jener Ring gehöre ihr in Wahrheit nicht, obwohl sie ihn vor aller Welt als ihr Eigentum anerkannte. Bei dem rätselhaften Ausruf der Sterbenden: »Hand! Ring!«  hatte er sie einen schnellen Blick voll Angst und Entsetzen auf das Juwel werfen sehen. Kannte sie dessen Eigentümer? Argwöhnte sie vielleicht, wer den Ring am Finger getragen hatte, bevor sie ihn an ihre eigene Hand steckte? –

Orkutt hatten alle diese Fragen von vornherein mit banger Unruhe erfüllt; war es da zu verwundern, wenn er nicht ohne Schrecken inne wurde, daß Imogens Benehmen auch andern aufgefallen war, wenn ihn nach der Unterredung mit dem Detektiv ein namenloses Grauen überfiel?

Er stand jetzt vor seiner Gartenpforte. Als er sie öffnete, sah er zu seiner größten Bestürzung Fräulein Dare im Reiseanzug mit einer Handtasche am Arm ihm entgegenkommen.

Imogen, rief er, was soll das bedeuten? Wo wollen Sie hin?

Ihr Gesicht, das sie ihm langsam zuwandte, trug einen unnatürlich gespannten Ausdruck. Ich fahre nach Buffalo, sagte sie.

Nach Buffalo! – Also wollte sie die Stadt verlassen, plötzlich, ohne den Grund anzugeben; das ließ Raum für die schlimmsten Befürchtungen. – Und weshalb diese unerwartete Abreise? fragte er in heftiger Bewegung.

Eine Nachricht, die ich erhalten habe, ist die Veranlassung. Ich muß fort. Einer von – von meinen Bekannten ist krank. Halten Sie mich nicht auf!

Seine Hand, die auf der Türklinke lag, zitterte, aber er machte keine Anstalt, dem Fräulein den Weg freizugeben.

Verzeihen Sie, Imogen, sagte er, aber ich kann Sie nicht fortlassen, bevor ich Sie gesprochen habe. Folgen Sie mir ins Haus, es soll nicht lange währen!

Mit zerstreuter Miene schüttelte sie langsam und traurig den Kopf. Es ist zu spät, murmelte sie, ich werde den Zug verfehlen, wenn ich noch länger zögere.

Wir müssen es darauf ankommen lassen, rief er voll Bitterkeit, in der Qual des Augenblicks alles andere vergessend. Was ich zu sagen habe, leidet keinen Aufschub. Kommen Sie!

Der gebieterische Ton aus dem Munde dessen, der bisher jeden ihrer Wünsche als Befehl angesehen hatte, war ihr neu. Aber sie besann sich, blickte ihn an, als verstehe und ehre sie sein Gefühl und erwiderte ruhig, wenn auch mit erbleichenden Wangen:

Sie haben recht, Ihr Anspruch geht vor. Ich will die Reise bis morgen aufschieben. Damit schritt sie ihm voran ins Haus und stellte ihre Tasche auf einem Tischchen ab.

Im Bibliothekzimmer setzten sie sich einander gegenüber. Die innere Erregung, in der sich Orkutt befand, gab seiner Stimme einen rauhen, fast strengen Klang, als er anhub:

Nun sagen Sie mir, Imogen, warum Sie mein Haus verlassen wollen?

Sie blieb kalt und unbeweglich wie ein Marmorbild. Ich habe es ja bereits gesagt, entgegnete sie in sanfterem Tone, als er erwartet hatte, eine Nachricht, die ich erhalten habe, ruft mich nach Buffalo, aber nur auf wenige Tage.

Er hielt dies für eine leere Ausflucht. So gedenken Sie hierher zurückzukehren? fragte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend.

Natürlich, versetzte sie überrascht. Hier ist ja meine Heimat. Die Worte fielen ihm wie ein Hoffnungsstrahl in die Seele; ihre Hand ergreifend, blickte er sie lange und forschend an.

Imogen, rief er endlich, sagen Sie mir, was für eine Last auf Ihrem Herzen liegt! Machen Sie mich zum Vertrauten Ihres Kummers. Was hat diese völlige Veränderung in Ihnen bewirkt seit dem schrecklichen Ereignis heute mittag?

Sein Flehen war vergeblich. Ihre Miene belebte sich nicht, ihr Wesen war nur noch verschlossener.

Ich habe Ihnen nichts mitzuteilen, sagte sie.

Nichts? – Er ließ ihre Hand los und saß in tiefes Sinnen versunken da. Zwischen ihnen lag ein unheilvolles Geheimnis; es betraf das heute verübte Verbrechen, darüber war kein Zweifel. Aber wie sollte er, ohne ihr zu nahe zu treten, ohne ihre Würde zu verletzen, sie dazu bewegen, dies einzugestehen und ihm den Schlüssel ihres Innern auszuliefern?

Sie mit Fragen zu bestürmen – das sah er wohl – war ein nutzloses Beginnen. Selbst wenn er es über sich vermocht hätte, seinen Befürchtungen Worte zu verleihen, so sagten ihm doch ihre starren, unbeugsamen Mienen nur zu deutlich, daß jeder derartige Versuch mißlingen oder nur dazu dienen werde, ihn in ihren Augen verächtlich zu machen. Er mußte ein anderes Mittel ergreifen, mußte sich auf der Stelle von dem furchtbaren Druck befreien, der ihm auf der Seele lastete; doch durfte er um keinen Preis dabei die Liebe aufs Spiel setzen, die jetzt mehr als je das tiefste Bedürfnis seines Lebens geworden war.

Trotz all seines Scharfsinnes, all seiner Weltklugheit fand er nur einen Ausweg. Er wollte ihr seine Hand antragen, wollte sie zum Weibe begehren – noch diesen Augenblick. An der Art, wie sie dies aufnehmen werde, hoffte er zu erkennen, welcherlei Gedanken und Gefühle sie im Busen hege. Zeigte sie sich ihm willfährig, gab sie auch nur von ferne zu verstehen, daß ihr seine Werbung nicht unwillkommen sei, so meinte er sich fest darauf verlassen zu können, daß kein wirkliches Unrecht, kein unseliges, entwürdigendes Geheimnis, kein Argwohn, der ihren Frieden bedrohte, zwischen ihnen lag. Wie rätselhaft ihm dies ungewöhnliche Mädchen auch zu Zeiten erscheinen mochte, seine Ueberzeugung von der Ehrenhaftigkeit ihrer Gesinnung war unerschütterlich.

Sich innerlich gewaltsam zusammenraffend, um gerüstet zu sein, welches auch der Erfolg seiner Werbung sein möge, zog er sie sanft an sich.

Sie wollen mir Ihr Vertrauen nicht schenken, Imogen, sagte er, aber ich habe Ihnen ein Wort zu sagen, ein Wort, das Sie schwerlich ganz unerwartet treffen kann; doch würde ich es wohl kaum heute über die Lippen bringen, wenn die Ereignisse mir nicht den Wunsch nahelegten, es möchte mir das Recht vergönnt sein, Ihnen Schutz und Mitgefühl zu gewähren.

Erschreckt hielt er inne: bei den letzten Worten war sie totenblaß geworden, und ihr Atem ging schwer; allein etwas in ihrem Wesen gab ihm den Mut, fortzufahren und seine aufsteigenden Befürchtungen niederzukämpfen. Sie wich nicht vor ihm zurück, als er, so ruhig er vermochte, weitersprach:

Ich liebe Sie, Imogen! Erhören Sie meine Bitte, werden Sie mein Weib und machen Sie mein Haus zu einer Stätte des Glücks auf immerdar!

Jetzt erst schien sie recht zum Bewußtsein zu erwachen. Sie fuhr zusammen und streckte wie abwehrend die Hände aus, aber nur einen Moment. Noch ehe er sich sagen konnte, daß alles aus sei, daß seine schlimmste Furcht sich bestätige, da nur das Bewußtsein einer unübersteiglichen Kluft zwischen ihnen ihr Zurückschaudern erklären könne, hatte sie sich ihm schon wieder zugewandt. Aus ihren Zügen sprach ein schwerer Kampf, eine düstere Wolke lag auf ihrem Antlitz, aber die Scheu und Entfremdung, vor der ihm so namenlos bangte, war nicht darin zu lesen.

Lange fand sie kein Wort der Erwiderung, dann kam es in kurzen abgerissenen Sätzen von ihren Lippen:

Sie sind sehr gütig – Ihre Frau zu sein – wäre mir ein Schutz – eine Ehre. – Ich weiß sie zu würdigen. Doch bin ich heute nicht imstande, Worte der Liebe aus eines Mannes Mund anzuhören. In einem halben Jahr vielleicht –

Aber schon hielt er sie in den Armen. Seine Freude über die Erlösung von der entsetzlichen Angst war so groß, daß er alles darüber vergaß. Imogen, murmelte er, teures Mädchen!

Mit angstvollem Stöhnen machte sie sich frei; sie fühle sich matt und krank, sagte sie, und wolle auf ihrem Zimmer Erholung suchen. Sie litt sichtlich, und schon wollte er sie von sich lassen, als ihm zur rechten Zeit noch einfiel, daß er zwar über die Hauptsache beruhigt sei, aber für die andern Rätsel noch keine Erklärung wisse.

Imogen, bat er, nur noch einen Augenblick. Ich muß noch eine Frage an Sie richten, so schwer es mir fällt, Sie zu quälen. – Was bedeutet Ihr Interesse an dem furchtbaren Verbrechen, das heute begangen wurde? Warum hat es auf Sie eine so erschütternde Wirkung geübt, daß Sie förmlich wie umgewandelt sind?

Sie sah ihm fest in die Augen.

Ist es nicht ganz natürlich, wenn ich Anteil nehme an dem gewaltsamen Tode einer Frau, deren Namen ich hier im Hause häufig vernommen habe?

Das wohl; aber auffällig war es, sich an den Ort des Verbrechens zu drängen, von dem jedes andere Mädchen sich schaudernd ferngehalten hätte.

Ich bin nicht wie die andern. Wenn ich von etwas Dunklem, Rätselhaftem höre, wünsche ich es zu verstehen. Die Leute mögen von mir denken, was sie wollen.

Aber Ihre unverkennbare Angst, Ihr Entsetzen, Imogen! Sehen Sie in den Spiegel, wie verstört Sie noch jetzt aussehen! – Wenn Frau Klemmens für Sie eine Fremde war, wie Sie mich immer glauben ließen, woher dann diese furchtbare Aufregung über das heutige Trauerspiel?

Sie wich der forschenden Frage aus.

Mir machen solche Schrecknisse einen dauernden Eindruck, sagte sie; ich kann nicht so schnell vergessen, wie andere Leute.

Sich der Tür nähernd, legte sie die Hand auf den Drücker. Er sah, daß sie unter dem Handschuh den Ring nicht mehr am Finger trug, den sie in der Witwe Haus angesteckt hatte.

Ihre Blicke begegneten sich und sie erriet seine Gedanken. Sie möchten wissen, sagte sie, woher der Ring stammt, der bei dem heutigen Auftritt so unerwartet zum Vorschein kam? – Ich habe dem Herrn, der ihn aufhob und mir einhändigte, geantwortet, daß er mir gehöre; sollte das nicht auch dem Manne genügen, der heute erklärt hat, er würdige mich eines so unbedingten Vertrauens, daß er mich zu seiner Gattin wählen wolle? – Doch gestehe ich, daß es mich selbst aufs höchste überrascht hat, als der Ring dort im Zimmer vom Boden aufgehoben wurde. Ich hatte ihn vielleicht allzu unbedachtsam in eine Tasche gesteckt – wie oder wann er herausgefallen ist, kann ich nicht sagen. – Was aber den Ring selbst betrifft, so haben wohl junge Damen öfters Besitztümer, von denen ihre Freunde nichts wissen, fügte sie in stolzem Ton hinzu.



Hier war wenigstens die Möglichkeit einer Erklärung gegeben, mit der sich Orkutt wohl begnügt hätte, wäre er nicht, wie schon erwähnt, überzeugt gewesen, daß der Ring bereits am Boden in dem Zimmer gelegen hatte, ehe Imogen es betrat. Dieser entschiedene Beweis ihrer Unwahrhaftigkeit war für ihn ein schwerer Schlag.

Doch sagte er sich, daß sie vielleicht ein Eigentumsrecht an dem Ringe haben könne – so unwahrscheinlich dies auch erschien –, ohne deshalb irgend welche Kenntnis von dem Verbrechen zu besitzen. Von dieser Hoffnung erfüllt, wagte er noch einen letzten Versuch. 

Imogen, nur noch ein Wort; mir ist die Angelegenheit zu wichtig, um so schnell darüber hinwegzugehen. Sagen Sie mir nur das eine: hat das Geheimnis, das Sie in Ihrer Brust bergen und das Sie veranlaßte, meine Werbung so aufzunehmen, wie Sie taten, irgendwelche Beziehung zu jenem Verbrechen? Kann es sich trennend zwischen mich und Sie stellen? – Ich frage nicht, weil ich selbst Zweifel hege, fügte er schnell hinzu, als er den Ausdruck verletzten Stolzes in ihren Blicken las, sondern weil Leute, welche unglücklicherweise Zeugen Ihres seltsamen, aufgeregten Benehmens waren, die Andeutung gewagt haben, daß Ihre heftige Erregung nur aus einer geheimen Mitwissenschaft des Verbrechens, aus einer Kenntnis des Täters entspringen könne.

Er hielt inne, atemlos auf eine Erwiderung harrend, die jedoch nicht erfolgte.

Antworten Sie mir, Imogen – haben jene Menschen recht – ja oder nein?

Sie sah ihm mit ihren großen tiefen Augen voll ins Gesicht; es lag bitterer Seelenschmerz in dem Blick, aber auch ein stolzes Selbstgefühl, wie es nur die Wahrheit verleiht.

Nein, sagte sie.

Ohne ein weiteres Wort verließ sie geräuschlos das Zimmer.

–    –     –     –     –     –     –     –     –     –     –     –

Am nächsten Morgen nahm Byrd drei Briefe in Empfang. In dem ersten zeigte ihm der Coroner an, daß die Witwe Klemmens um Mitternacht sanft entschlafen sei. Der zweite enthielt einige flüchtige Zeilen von Herrn Ferris, der ihn aufforderte, den heutigen Tag zu benutzen, um eine gewisse dringende Angelegenheit in der benachbarten Stadt zu erledigen. Der dritte war eine Zuschrift des Rechtsanwalts Orkutt, welche also lautete: 


»Geehrter Herr!

Nachdem ich mit der betreffenden Person über die bewußte Sache gesprochen habe, versichere ich auf mein Ehrenwort, daß sie keinerlei Kenntnis irgendwelcher Tatsachen besitzt, von denen die Behörden unterrichtet werden sollten.

Tremont B. Orkutt.«




Fünftes Kapitel.

Horaz Byrd stammte aus einer angesehenen, gebildeten Familie. Im Wohlstand aufgewachsen, hatte er sich von Kindheit an mit der Hoffnung geschmeichelt, dereinst in den Besitz eines beträchtlichen Vermögens zu gelangen. Allein der frühzeitige Tod seines Vaters machte diesen stolzen Erwartungen plötzlich ein Ende. Als Horaz zwanzig Jahre alt war, sah er sich auf sich selbst angewiesen, ohne Mittel, ohne Beruf, ja, was noch weit schlimmer war, ohne an regelrechte Arbeit und Anstrengung gewöhnt zu sein. Und doch sind für den Menschen die eigenen Kräfte oft weit bessere Helfer in der Not, als Freunde und Geld.

Nicht nur seinen eigenen Unterhalt hatte er jetzt allein zu bestreiten; er sollte auch eine kränkliche Mutter und zwei jüngere Schwestern unterstützen, an denen er mit zärtlichster Liebe hing. Zwar standen ihnen freundliche Verwandte zu Anfang mit Rat und Tat bei, so daß er sich der schlimmsten Sorge überhoben sah, doch erkannte der junge Mann es für seine Pflicht, der Versorger seiner Familie zu werden, und machte sich voll Mut und Hoffnung an die Aufgabe, sich nach einer passenden Beschäftigung umzusehen.

Nun folgte eine lange Reihe von Enttäuschungen, wie sie dem Unerfahrenen nicht erspart bleiben, der sich hat träumen lassen, ein gutes Gehalt oder eine angenehme Stelle seien für jeden zu haben, der nur die Hand danach ausstrecken wolle. Alle Versuche schlugen fehl, kein Wunsch ging in Erfüllung, eine Hoffnung nach der andern ward zuschanden. Allmählich begnügte er sich infolgedessen mit bescheidenen Ansprüchen und war bereit, jedes Anerbieten mit Freuden anzunehmen, das ihm ermöglichte, seine Lieben vor Not und Entbehrung zu schützen.

Der Zufall führte ihn um diese Zeit mit dem berühmten Neuyorker Detektiv Gryce zusammen, der in dem hochgebildeten jungen Mann, welcher sich in so übler Lage befand, Zeichen einer natürlichen Begabung für die »feinere Arbeit,« wie er es nannte, zu entdecken glaubte. Gryce war sehr erfreut über seinen Fund, da er schon lange danach gestrebt hatte, sich mit einer Persönlichkeit aus den bessern Ständen in Verbindung zu setzen. Einer solchen bedurfte er oft dringend, wo es galt, in vornehmen Häusern geschickte Nachforschungen anzustellen und mit feinen Herren oder schönen Damen Unterredungen oft peinlicher und heikler Art zu führen.

Sich der Polizei als Detektiv zur Verfügung zu stellen, wäre Horaz Byrd wohl von selbst niemals in den Sinn gekommen. Aber Leute in bedrängten Umständen können nicht allzu wählerisch sein. Eine Woche lang schwankte er noch, dann entschloß er sich und teilte seiner Mutter mit, welcher Vorschlag ihm gemacht worden sei. Die vom Unglück schwergebeugte Frau legte ihm weniger Schwierigkeiten in den Weg, als er erwartet hatte, und ehe er sich dessen noch recht klar bewußt ward, war der entscheidende Schritt getan, er halte sich Gryces Leitung anvertraut und war bei der Neuyorker Geheimpolizei angestellt.

In der Oeffentlichkeit erfuhr man nichts hiervon. Nur die höchsten Polizeibeamten kannten seinen Namen und verwandten seine Dienste zu besonderen Zwecken. Im Hauptquartier der Polizei brauchte er nicht zu erscheinen, da er möglichst unbekannt bleiben sollte. Sein zuverlässiger Charakter, seine Talente und Fähigkeiten machten ihn jedoch bald zu einem geschätzten Mitglied der Geheimpolizei; im Hauptquartier hielt man große Stücke auf ihn, und nach Ablauf eines Jahres hatte er sich in seinen neuen Beruf völlig eingelebt.

Für gewöhnlich wurde Byrd nicht nach auswärts geschickt. Er war nur infolge besonderer Umstände dem Bezirksanwalt Ferris zur Verfügung gestellt worden, als dieser zu gewissen Nachforschungen bei dem Kriminalfall, der in Sibley verhandelt wurde, eines umsichtigen und verschwiegenen Mannes bedurfte. Der Polizeiinspektor hatte dabei ausdrücklich die Bedingung gestellt, Byrds Stellung als Detektiv dürfte nicht öffentlich bekannt werden. Außer den wenigen Eingeweihten ahnte denn auch kein Mensch, daß der liebenswürdige, vornehm aussehende junge Fremde, welcher in dem Gasthofe des Ortes abgestiegen war, ein Mitglied der Neuyorker Polizei sei.

Der geheimnisvolle Mord wollte Byrd gar nicht aus den Gedanken – er wußte selbst nicht warum. Das Schreiben des Rechtsanwalts las er mit wahrer Herzenserleichterung. Brachte es ihm doch die Gewißheit, daß es mit dem Interesse der schönen jungen Dame an dem Verbrechen keine besondere Bewandtnis gehabt habe. Nur von weiblicher Neugier getrieben, war sie in dem Haus der Witwe erschienen. Er konnte nun seine Nachforschungen getrosten Mutes anstellen, ohne fürchten zu müssen, daß Fräulein Dare auf unliebsame Weise in die Sache verwickelt werden würde. So glaubte er wenigstens. – Zu seinem Leidwesen fand er schon bald darauf Veranlassung, seine Meinung abermals zu ändern.

Auf dem Bahnhof angekommen, um sich in Herrn Ferris' Auftrag nach Monteith zu begeben, bemerkte er unter den Fahrgästen, welche auf den Neuyorker Schnellzug warteten, auch Imogen Dare, eine Reisetasche in der Hand, zur Abfahrt gerüstet. – Sah das nicht täuschend nach Flucht aus? – Sie wollte sich aller ferneren Beobachtung entziehen, wollte Sibley und sein Geheimnis hinter sich lassen – und er selber – ein Polizeibeamter – hatte sie gewarnt, hatte ihr einen Wink gegeben, daß sie in Gefahr schwebe! – Trotz Orkutts beruhigender Zuschrift sah sich Byrd von neuen Zweifeln bestürmt, ja, sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sich habe eine Pflichtverletzung zu schulden kommen lassen.

Und doch – die edle, ruhige Erscheinung, der feste, fast feierlich ernste Ausdruck in ihren Zügen, der stolze Blick ihrer Augen! – Er fragte sich wieder und wieder, ob es denn möglich sei, daß dies Mädchen Kenntnis von dem schändlichen Verbrechen gehabt habe. – Es nützte nichts, daß er sich vornahm, sich aller Gedanken daran zu entschlagen, wie eine Klette hing ihm der Zweifel an. Er fühlte sich unwiderstehlich in Imogens Nähe gezogen, er beobachtete sie verstohlen, und als er sah, daß ein junger Mann an sie herantrat, offenbar in der Absicht, sie anzureden, horchte er aus allen Kräften, was sie sagen würde.

Es waren nur wenige Worte. Fräulein Dares Bekannter erkundigte sich, wie lange sie in Buffalo zu bleiben gedenke, und sie erwiderte, sie wisse noch nicht, ob sie eine Woche oder einen Monat abwesend sein werde. Dann brauste der Zug heran, und die Reisenden stiegen ein.

Das Geschäft, das Byrd nach Monteith gerufen hatte, hielt ihn unerwartet lange in dieser kleinen Nachbarstadt auf. Es war bereits fünf Uhr, als er Sibley wieder erreichte. Bei seiner Ankunft fuhr zugleich ein Zug vom Westen in den Bahnhof ein; es stiegen nur wenige Reisende aus, aber unter ihnen bemerkte er zu seinem größten Erstaunen eine junge Dame, die ihm schon von weitem bekannt vorkam. Und als er näherkam, entdeckte er, daß es wirklich Fräulein Dare war, die erst vor wenigen Stunden die Stadt verlassen hatte, mit der ausgesprochenen Absicht, einen längeren Besuch in Buffalo zu machen. Was konnte ihre Pläne so plötzlich verändert haben?

Der junge Mann mochte sich aber den Kopf zerbrechen, soviel er wollte, er konnte zu keiner Lösung der Frage gelangen. So war er denn herzlich froh, als ihn nach seiner Rückkunft in den Gasthof Herr Ferris aufsuchte, um ein Stündchen mit ihm zu verplaudern; er hoffte, das werde ihn auf andere Gedanken bringen.

An Stoff für Gespräche fehlte es nicht. Byrd hatte zunächst über sein Geschäft in Monteith zu berichten, das er glücklich zu Ende geführt, dann teilte ihm Ferris den Verlauf des Gerichtsverfahrens mit, das heute von dem Coroner eröffnet worden war, und dem der Bezirksanwalt beigewohnt hatte. Nach der Wahl und der Vereidigung der Geschworenen waren verschiedene Zeugen vernommen worden, und dabei einige, immerhin bemerkenswerte Tatsachen ans Licht gekommen.

Es hatte sich mit ziemlicher Sicherheit herausgestellt, daß der Angriff in mörderischer Absicht und mit Vorbedacht verübt worden sei; aber die Person des Täters war nach wie vor in Dunkel gehüllt geblieben, da keine Zeugenaussage Aufschluß darüber gebracht hatte. Der Verdacht gegen den Hausierer und den Buckligen war zwar noch keineswegs ganz aufgehoben, aber doch bedeutend abgeschwächt. Man wollte nämlich wissen, daß ersterer das Haus der Witwe gar nicht betreten habe; letzterer aber war erwiesenermaßen mit dem Morgenzug angekommen, hatte sich sofort in das Gerichtsgebäude begeben und es nicht verlassen, bis zu dem Augenblick, da er nach seiner seltsamen Rede vor aller Augen die Straße hinunterging.

Seitdem war er spurlos verschwunden; alle Nachforschungen nach ihm hatten sich als nutzlos erwiesen, was an und für sich schon verdächtig war. Immerhin konnte er höchstens als Mitschuldiger bei dem Verbrechen beteiligt sein; das Hauptinteresse drehte sich aber jetzt um die Frage: wer war der Verwegene, der das in der belebten Straße gelegene Haus bei hellem Tage zu betreten gewagt hatte, um den Mordstreich gegen die harmlose Frau zu führen?

Sieht es nicht genau so aus, als habe sie einen Feind gehabt, der ihr nach dem Leben trachtete? bemerkte der Bezirksanwalt. Und doch – wie kommt der Bösewicht dazu, sich an einer Frau zu vergreifen, die still für sich lebt, ihre Hausarbeit allein besorgt und sich grundsätzlich nicht in die Angelegenheiten anderer mischt?

Hat sie denn ein so zurückgezogenes Leben geführt? fragte Byrd, der bisher noch nichts von dem Charakter und den Gewohnheiten der Witwe erfahren hatte.

Freilich! Ich habe in all den Jahren, seit ich hier in der Stadt wohne, von niemand gehört mit dem sie verkehrte. Sie hätte ein wahres Einsiedlerleben geführt, wäre nicht Orkutt gewesen. Ihr Haushalt ging regelmäßig wie ein Uhrwerk. Sie stand zur bestimmten Stunde auf, machte einen Tag wie den andern zur selben Zeit Feuer an, kochte ihr Essen, wusch Teller und Töpfe aus, und nahm dann ihre Näharbeit vor oder irgendein anderes häusliches Geschäft. Eine Ausnahme von dieser gewohnten Ordnung machte sie nur für Orkutts Mittagsmahl. Er sagt, er habe es stets bereit gefunden und nie darauf zu warten brauchen, mochte er sich auch noch so unpünktlich dazu einfinden.

Hatte sie denn auswärts keine Freunde, keine Verwandten? fragte Byrd, dem der angefangene Brief wieder einfiel. Sein Inhalt ließ nicht gerade auf ein gleichförmiges, ungestörtes Leben schließen.

Ich habe nur von einem Neffen gehört, aber ich weiß nicht, wo er sich aufhält. Er ist, glaube ich, ein Sohn ihrer Schwester und muß wohl in ihrer Gunst gestanden haben, denn ihm wollte sie ihr Geld hinterlassen.

So besaß sie Vermögen?

Etwa fünftausend Dollars: das gilt bei uns schon für eine recht ansehnliche Summe. Wie sie dazugekommen ist, weiß niemand, denn zur Zeit, als sie in unsere Stadt zog, war sie arm und begnügte sich mit einem einzigen Zimmer. Orkutt hat natürlich für seine Kost bezahlt, aber von dem Gelde kann sie unmöglich allwöchentlich zehn Dollars bei der Bank eingezahlt haben, wie sie dies in den letzten zehn Jahren getan hat. Für Geld gearbeitet hat sie auch nicht, soviel man weiß. – Sie sehen, es ist noch manches Rätsel bei der Sache zu lösen, dem Sie als Detektiv gewiß auch gern nachspüren würden.

So haben Sie nichts dagegen, wenn ich dem Coroner behilflich bin, im Falle er meinen Beistand braucht?

Nicht das mindeste, erwiderte der Bezirksanwalt verbindlich, indem er sich zum Gehen anschickte.

Er war kaum fort, als der Coroner ins Zimmer trat. Ich habe Ihretwegen nach Neuyork telegraphiert, sagte er, und erwarte jeden Augenblick einen günstigen Bescheid. Der Inspektor, der mein Freund ist, wird meinen ausdrücklichen Wunsch sicher erfüllen. Morgen soll nun das eigentliche Zeugenverhör beginnen, aber der Hauptzeuge fehlt uns noch immer. – Um halb zwölf hat der Milchmann das Haus der Ermordeten verlassen, und es muß ein Zeuge aufzutreiben sein, der gesehen hat und eidlich bekräftigen kann, daß sich zwischen dieser Zeit und dem Augenblick, da Orkutt die Witwe sterbend am Boden liegen fand, irgendein Mensch dem Hause genähert oder dasselbe betreten hat. Um zu dem Hoftor zu gelangen, mußte der Täter an allen sechs Häusern vorübergehen, die an der Straße gelegen sind. Irgendein Bewohner derselben, Mann, Weib oder Kind, wird doch wohl seiner ansichtig geworden sein. 

Die meisten, die ich befragt habe, sind freilich gerade bei Tische gewesen, oder in der Küche mit dem Anrichten des Essens beschäftigt; doch ist der Hausierer von Verschiedenen bemerkt worden, unter andern von zwei Frauen, die bereit sind, zu beschwören, daß sie gesehen haben, wie er um das Haus herum bis zur Küchentür gegangen und dann wieder umgekehrt ist. So läßt sich doch annehmen, daß jemand auch den andern Menschen erblickt haben wird, der wenige Minuten vor dem Hausierer des Weges gekommen sein muß. Wir dürfen kein Mittel unversucht lassen, einen solchen Zeugen zu entdecken, und es wäre mir von großem Nutzen, wenn Sie mir dabei behilflich sein wollten.

Aber, warf der Detektiv ein, muß denn der Mörder notwendigerweise von der Straße hereingekommen sein? Kann er das Haus nicht durch die Hintertür betreten und sich so den Blicken der Nachbarn entzogen haben?

Schwerlich; dort ist kein gangbarer Pfad, nur eine Strecke Sumpfland, das mühsam zu überschreiten ist. Jemand, dem es dringend darauf ankommen muß, unentdeckt zu bleiben, würde zwar die Hindernisse des Weges überwinden können, doch scheint mir diese Anstrengung unwahrscheinlich für einen Menschen, der die Mittagsstunde zu seiner Mordtat wählt. Jedenfalls müssen wir zuerst feststellen, daß in jener verhängnisvollen halben Stunde niemand auf dem gewöhnlichen Wege in das Haus der Witwe gegangen ist.

Welchen Grund gibt denn der Hausierer dafür an, daß er an der Küchentür wieder umgekehrt ist?

Er sagt, er habe drinnen einen heftigen Wortwechsel gehört.

Wirklich! – Hat er auch nähere Angaben gemacht, welcher Art die Stimmen waren?

Nein; das würde auch nicht viel nützen. Er ist ein stumpfer, unwissender Mensch, der kaum die Sprache eines Gebildeten von der eines Steinklopfers würde unterscheiden können; zudem raubt ihm jetzt die Angst alle Ueberlegung.

Hier wurde das Gespräch durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Ein Bote brachte das erwartete Telegramm aus Neuyork. Während Tredwell es las, verfinsterte sich seine Miene; er reichte es Byrd hin und sagte mit unverhohlenem Verdruß: Das kommt mir sehr ungelegen! Der Inspektor scheint wenig geneigt, meine Wünsche zu beachten.

Errötend las Byrd folgende Worte:


»Erwarten Sie den geeigneten Mann mit dem Nachtzug. Er bringt einen Brief.«


Sie sehen, ich hatte recht, daß ich nicht für das Geschäft tauge, sagte der junge Detektiv betreten.

Doktor Tredwell stand auf. Das ist noch keineswegs ausgemacht, erwiderte er. Jener Abgesandte des Inspektors mag noch so scharfsichtig und erfahren in seinem Beruf sein, ich bin doch überzeugt, daß Sie mir in diesem Fall bessere Dienste geleistet haben würden.

Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, versetzte Byrd, jenen zur Tür begleitend. Der Inspektor weiß schon, was er tut; ich bin noch wenig gewöhnt, selbständig zu handeln. Sie sahen ja, ich hatte gleich das Gefühl, als ob ich den Fall nicht übernehmen dürfe. Es ist mir lieb, daß ich die Verantwortlichkeit nicht zu tragen habe.

Als der Coroner sich entfernt hatte, und Byrd die Angelegenheit noch einmal überdachte, empfand er doch – er wußte nicht recht warum – eine weit größere Enttäuschung, als er hatte eingestehen mögen. Zwar bangte ihm noch immer vor den Enthüllungen, die bei der genaueren Untersuchung der Beweggründe, welche zu dem Verbrechen geführt hatten, möglicherweise zu Tage treten könnten, aber doch war es ihm im höchsten Grade peinlich, durch die Anordnung seines Vorgesetzten von der Verfolgung dieses Falles, der ihn so lebhaft beschäftigt hatte, ausgeschlossen zu werden.

Um sich etwas zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu kommen, begab er sich in das Gastzimmer hinunter.



Sechstes Kapitel.

Im Gastzimmer befanden sich vielleicht ein halbes Dutzend Gäste. An einem Tischchen abseits von den übrigen saß, in eine Zeitung vertieft, ein fremder Herr, welcher sofort Byrds Aufmerksamkeit auf sich zog. Sein vornehmes, wenn auch etwas verlebtes Aussehen, die schöne, männlich kräftige Gestalt, das krause, lichtblonde Haar, die feinen regelmäßigen Gesichtszüge machten ihn zu einer auffallenden Erscheinung. Auf das Gespräch, das gerade im Gange war, schien er nicht im mindesten zu achten, seine Stirn trug eine tiefe Sorgenfalte, und er verwandte kein Auge von dem Blatt in seiner Hand.

Die übrigen Gäste waren Byrd meist bekannt und ließen sich durch sein Eintreten nicht in der Unterhaltung stören. Er gesellte sich zu der Gruppe, die am andern Ende des Zimmers einen jungen Mann umstand, der die Erzählung, in welcher er eben begriffen war, mit den lebhaftesten Gebärden begleitete.

Ich versichere Sie, hörte Byrd ihn sagen, es war so gut wie ein Auftritt in einem Trauerspiel. Ich habe auf der Bühne kaum je etwas Wirkungsvolleres gesehen. Sie war so schön, so hoheitsvoll, er so düster und entschlossen; beide so voll Angst, voll Schmerz. Sie traten zu verschiedenen Türen ein, er an einem, sie am andern Ende des Wartesaals, und in der Mitte trafen sie zusammen. »Du hier!« rief sie entsetzt und schlug die Hände vors Gesicht, als habe sie ein Gespenst gesehen. »Du hier!« stieß er im gleichen Augenblick heraus und stand da, wie zu Stein erstarrt. »Bist du gekommen, mich aufzusuchen?« flüsterte sie mit einem Ausdruck inneren Grausens. – »Wolltest du zu mir?« fragte er seinerseits voll leidenschaftlicher Qual. – Es erfolgte keine Antwort auf die angstvollen Fragen, beide schauderten zurück, wandten sich und flohen schreckensbleich nach der Seite hin, von der sie gekommen. Die Türen fielen krachend zu, daß das kleine Wartezimmer laut davon widerhallte. Die Szene hat Aufsehen erregt, alle Reisenden blickten einander betroffen an – so etwas war ihnen noch nicht vorgekommen. Mir auch nicht, das muß ich gestehen. Wer weiß, was für eine Unglücksgeschichte solchem Wiedersehen und solchem Abschied zu Grunde liegen mag.

Aber was wurde denn aus den beiden? Sind sie Ihnen nicht wieder zu Gesicht gekommen vor der Abfahrt? fragte einer der Zuhörer gespannt.

Die junge Dame fuhr mit mir im selben Zuge, berichtete der Erzähler, der Herr nach einer andern Richtung.

Wo ist sie denn ausgestiegen?

Das habe ich nicht bemerkt. Sie schien in der trostlosesten Stimmung und wollte offenbar möglichst unbeobachtet bleiben; ich sah noch, wie sie ihren Schleier herunterzog. Um ihr nicht durch meine Gegenwart lästig zu fallen, bin ich im Rauchkupee gefahren.

Nach einigen weiteren Fragen und Ausrufen über das seltsame Abenteuer und seine mögliche Bedeutung zerstreute sich die Zuhörergruppe. Byrd blieb mit dem Erzähler allein.

Wäre ich doch an Ihrer Stelle gewesen und hätte die beiden gesehen, wandte er sich an den Erzähler. Ich hätte die Szene gleich zu einer Skizze für meine Zeitschrift benutzen können.

Zeichnen Sie für Journale? fragte der andere.

Zuweilen, war die gelassene Antwort.

Das muß eine angenehme Beschäftigung sein, wenn man Talent dazu hat.

Byrd sprach die Wahrheit, er hatte sein Geschick im Skizzieren häufig zu einem kleinen Nebenverdienst verwendet. Jetzt nahm er ein Blatt Papier vom Schreibpult.

Sie haben den Auftritt so lebhaft geschildert, ich glaube wahrhaftig, ich könnte ihn wiedergeben, sagte er, den Bleistift aus der Tasche ziehend. Auf welcher Station war es denn?

In Syrakus, entgegnete jener, den Strichen des Stifts mit Interesse folgend.

Und wie war die Dame gekleidet?

In Dunkelblau. Das Kleid paßte ihr wie angegossen. Eine prachtvolle Figur, groß und stark – ich sage Ihnen, eine herrliche Erscheinung. – Ja, das ist ganz ähnlich, so war der Ansatz des Kopfes – merkwürdig, wie gut Sie es getroffen haben. Ein breitkrempiger Hut mit zwei Federn, die nach der Seite überfielen, eine Reisetasche, zwei Falbeln am Rock. Und das Gesicht! – Ja, hübsch, sehr hübsche große Augen, eine gerade Nase, ein entschlossener Mund, die heftigste Aufregung im Ausdruck. – Aber Sie sind ja ein Tausendkünstler – nein, so etwas hätte ich nicht für möglich gehalten – die Aehnlichkeit ist ganz sprechend!

Byrd hatte die Zeichnung mit festen, sichern Strichen auf das Papier geworfen. Das Lob des andern machte ihn erröten, er beugte sich tiefer über sein Werk.

Und der Mann, sagte er, wie sah er aus, jung oder alt?

Etwa fünfundzwanzig sollte ich meinen; mittelgroß, von kräftigem gedrungenem Körperbau und wahrhaft herkulischen Gliedern; er trug einen Schnurrbart, hatte sehr ausdrucksvolle Züge und blitzende Augen. Lassen Sie sehen, ob Sie ihn ebensogut treffen können wie die Dame.

Aber das ging nicht so leicht; der Bleistift bewegte sich mit weit weniger Sicherheit als vorher, und es dauerte lange, bis nur die Gestalt des Unbekannten zur Zufriedenheit gelang. Das Gesicht bot neue Schwierigkeiten, bald war das Kinn zu spitz, bald zu breit und erst die Haarlocke über der Stirn machte es einigermaßen ähnlich.



Byrd kam es übrigens weniger darauf an, die Züge genau zu treffen, als die Gestalt und Kleidung des Herrn so richtig wiederzugeben, als dies anging. Die Skizze mußte doch im ganzen sehr wohl gelungen sein, denn der junge Mensch, der die Anleitung dazu gegeben hatte, konnte sie nicht genug bewundern.

Nachdem Byrd das fertige Bild in die Tasche gesteckt hatte, plauderte er noch eine Weile bei einem Glase Bier gemütlich mit seinem Gefährten; dabei beobachtete er abermals den fremden Herrn, der noch immer unverwandt in seine Zeitung starrte. Als der Detektiv bald darauf das Gastzimmer verließ, belehrte ihn ein schneller Blick im Vorbeigehen, daß es der Anzeigenteil des »Herald« sei, dem jener so große Aufmerksamkeit schenkte.

Sonderbar, dachte er bei sich, er liest also nicht, sondern ist mit eigenen Gedanken beschäftigt. Die müssen auch nicht angenehmer Art sein, nach seiner Miene zu urteilen.

Auf seinem Zimmer angelangt, zog Byrd die Skizze aus der Tasche und betrachtete sie lange und nachdenklich. Sie stellte den Augenblick dar, als die beiden, einander zuerst erblickend, unwillkürlich zurückschrecken. Fräulein Dares Bild mußte sich ihm tief eingeprägt haben, sonst hätte er nicht vermocht, es aus dem Gedächtnis so sprechend ähnlich wiederzugeben. Sie war es, wie sie leibte und lebte, ihre Gestalt, ihr Gesicht, ihr Ausdruck. Der Auftritt im Bahnhof zu Syrakus hatte also offenbar ihre schleunige Rückkehr veranlaßt, die ihm so unerklärlich geschienen. Was aber hatte dieser Auftritt selbst zu bedeuten? Wer war der Mann, den sie suchte und doch floh? – Warum hatte Grauen und Todesschrecken die beiden ergriffen, als sie sich trafen und Auge in Auge gegenüberstanden? Sie schienen doch die Absicht gehegt zu haben, einander aufzusuchen?

Aber was ging ihn das alles im Grunde an? – Er hatte ja hier am Ort überhaupt bald nichts mehr zu schaffen. Das beste war, er schlug sich die ganze Sache aus dem Sinn. Die Skizze gedachte er als Andenken aufzubewahren und barg sie sorgfältig in seinem Notizbuch.



Siebtes Kapitel.

Als Byrd am andern Morgen erwachte, klangen ihm noch Worte in den Ohren, die, wenn er nicht geträumt hatte, in später Nachtzeit vor seiner Zimmertüre gesprochen worden waren.

Er hatte den Tonfall genau unterschieden, die Stimme des Hotelwirts erkannt, auch ein Geräusch von Fußtritten vernommen, als ob jener einen Gast durch den Korridor nach seinem Zimmer geleite; weiter war ihm nichts erinnerlich. Die Worte aber lauteten: »Freue mich, Sie wieder zu sehen! Es hat Sie gewiß überrascht, daß der Mord so bald nach Ihrem letzten Besuch verübt wurde. Ein beklagenswerter Vorfall und höchst geheimnisvoll. Sie kommen vielleicht, um Auskunft zu geben?«

Hatte er die Worte wirklich gehört, so konnten sie nur dem großen blonden Herrn gegolten haben, demselben, der im Gastzimmer scheinbar so eifrig die Zeitung las. Byrd fragte sich, ob er nicht in dem Wirt den Hauptzeugen gefunden habe, nach welchem der Coroner so eifrig suchte. – Am Ende war aber doch alles nur ein Traum gewesen, die Mordgeschichte ließ ihm ja im Wachen keine Ruhe, da war es leicht möglich, daß sie ihn auch im Schlafe verfolgte.

Er behielt nicht lange Zeit, sich mit Zweifeln zu quälen. Zu seiner Ueberraschung trat Doktor Tredwell zu ihm ins Zimmer, während er noch beim Frühstück saß.  

Hier, Byrd, ist eine Zuschrift vom Inspektor, die Sie vielleicht interessieren wird, sagte er freudig erregt; ich erhielt sie durch den Detektiv, der heute früh von Neuyork angekommen ist.

Von banger Ahnung erfüllt, er wußte selbst nicht warum, las Byrd wie folgt:


»Geehrter Herr!

Ueberbringer dieses ist im stande, jeden Fall von nicht ganz ungewöhnlicher Schwierigkeit zu übernehmen. Es liegt in unserm Interesse, daß Sie ihn allein bei der fraglichen Sache verwenden, mit Ausschluß des von Ihnen erwähnten Beamten. Sollte letzterer jedoch glauben, Ihnen durch selbständiges Vorgehen wesentliche Hilfe leisten zu können, so steht es ihm frei, in seiner Eigenschaft als Detektiv zu handeln, im Fall er dabei seinen Charakter wahren und seine Verbindung mit der Polizei möglichst geheim halten kann.«


Sie sehen also, rief Tredwell, Sie haben selbst zu entscheiden, ob Sie mir Beistand leisten wollen oder nicht.

Es müßten schon starke Gründe sein, die mich nach diesem Brief bestimmen könnten, mich noch weiter mit der Sache zu befassen, entgegnete der junge Mann unmutig.

Nun, das wird sich ja finden, war des Coroners zuversichtliche Antwort, warten wir erst die heutige Verhandlung vor den Geschworenen ab. Sollte sich infolge derselben Ihr Entschluß ändern, so lassen Sie mich's nur wissen!

Damit entfernte er sich, Byrd in keiner sehr beneidenswerten Stimmung zurücklassend. Zufolge der Erlaubnis seines Vorgesetzten, wozu der Wunsch des Coroners und sein eigenes Interesse kam, fühlte er sich abermals in Schwanken und Ungewißheit gestürzt, nachdem er kaum gehofft, den Zweifeln glücklich entronnen zu sein. Zudem nahm er mit Schrecken wahr, daß gewisse Gefühle, die er am Abend zuvor gewaltsam niedergekämpft zu haben meinte, wieder mit neuer Stärke erwachten. Es schien beschlossene Sache – er sollte seinem Schicksal nicht entgehen! –

Den Morgen über hatte er noch für den Bezirksanwalt auf dem Gericht zu tun; sobald er aber dort fertig war, begab er sich nach Frau Klemmens' Hause, wo die Verhandlung vor dem Coroner bereits im Gange war.

Die Zimmer waren alle so gedrängt voll Zuschauer, daß Byrd es von vornherein aufgeben mußte, sich im Innern einen Platz zu verschaffen. Wegen der unerträglichen Hitze, die in dem engen Raum herrschte, hatte man die Fenster geöffnet, so daß er seinen Stand an einem derselben nehmen und von außen der Verhandlung folgen konnte. Um die einzelnen Zeugen, welche vor den Geschworenen erschienen, zu beobachten, brauchte er nur den Hals ein wenig zu recken. Hinter ihm sammelte sich bald eine neugierige Menschenmenge, die ihm durch Drängen und Stoßen recht lästig fiel, was ihn jedoch nicht bewog, seinen günstigen Platz wieder aufzugeben.

Ein Zeuge war nach beendetem Verhör soeben abgetreten, und der Coroner nahm das Wort.

Meine Herren, sagte er mit klarer, weittönender Stimme, wir haben uns bisher damit beschäftigt, die Bewohner dieser Straße zu vernehmen, in der Absicht, womöglich zu erfahren, wer mit Frau Klemmens das Gespräch geführt haben kann, das der Hausierer an der Küchentür gehört haben will.

Unter den Zuschauern, die unmittelbar vor Byrds Fenster standen, erhob sich eine Bewegung. Sie ging offenbar von jemand aus, der sich außerhalb des Wohnzimmers befand, dessen Eingang dem Beobachter durch den Türpfeiler verdeckt wurde; wenigstens richteten sich viele Blicke dahin. Neben der offenen Tür, die in den Vorsaal führte, sah  Byrd einen blassen untersetzten Mann von unscheinbarem Aeußern an der Wand lehnen. Es fiel ihm auf, daß er, trotz der Unruhe um ihn her, bewegungslos in seiner Stellung verharrte, ohne sich darum zu kümmern, was in seiner Nähe vorging.

Unsere Bemühungen nach dieser Richtung hin, fuhr der Coroner fort, sind, wie Sie gehört haben, bis jetzt erfolglos geblieben. Niemand ist imstande gewesen anzugeben, wer an jenem Morgen bei Frau Klemmens im Zimmer war. – Ich wende mich nun einer andern Frage zu, die uns vielleicht eher zu einem Ergebnis führen wird. Fräulein Firman, wollen Sie gefälligst Ihr Zeugnis ablegen.

Sofort erhob sich aus einem Winkel des Gerichtszimmers eine anständig gekleidete, große, hagere Frau mit angenehmen Gesichtszügen. Sie trat mit ruhiger Sicherheit auf und nahm ohne Befangenheit ihren Platz den Geschworenen gegenüber ein.

Ihr vollständiger Name? fragte der Coroner.

Emilie Lätitia Firman. –

Bei der Erwähnung des Namens Emilie dachte Byrd an den unvollendeten Brief. –

Ihre Geburtsstadt und jetziger Wohnort?

Ich bin in Danbury geboren und lebe jetzt mit meiner bejahrten Mutter in Utika als Schneiderin.

Wie sind Sie mit der Frau Klemmens verwandt, die vor zwei Tagen hier ermordet wurde?

Ihre Großmutter und meine Mutter waren Schwestern, lautete die Antwort.

Auf welchem Fuße standen Sie mit ihr, und was können Sie über ihre sonstigen Verwandten und Bekannten berichten?

Wir sind von Kindheit an befreundet gewesen. Ihre überlebenden Verwandten sind erstens meine Mutter, zweitens bin ich, wie bereits gesagt, in Utika wohnhaft, wo ich für das Kleidergeschäft der Madame Trebelle arbeite, und drittens der Sohn ihres Lieblingsbruders. Diesen Neffen hat sie von jeher unterstützt und häufig die Absicht kundgetan, ihm einst ihre Ersparnisse zu hinterlassen.

Wie heißt der Neffe und wo wohnt er?

Sein Name ist Mansell – Craik Mansell, er ist in der großen Papierfabrik von Harrison, Goodman & Chamberlain in Buffalo angestellt. –

Byrd fuhr unwillkürlich zusammen; er horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit. –

Kennen Sie den jungen Mann? fuhr der Coroner in seinem Verhör fort.

Ja, er ist im Lauf der letzten fünf Jahre mehrmals in unserm Hause gewesen.

Wissen Sie uns etwas über seinen Charakter, seine Gemütsart mitzuteilen, sowie über die Gesinnung, welche er gegen die Tante hegte, deren Erbe er werden sollte?

Craik Mansell ist verschlossen und zurückhaltend von Natur, er ist nicht leicht zu ergründen. Ich habe ihn aber stets für einen ehrenwerten begabten Menschen gehalten, der es noch einmal zu etwas bringen wird, wenn man ihn seine eigenen Wege gehen läßt. Für die Tante muß er natürlich Dankbarkeit empfunden haben, aber es liegt nicht in seiner Art, besonders zärtliche Gefühle zu äußern.

Sie haben jedoch keinen Grund anzunehmen, daß er gegen seine Wohltäterin feindlich gesinnt war oder ein übergroßes Verlangen nach ihrem Gelde trug? warf der Coroner wie beiläufig hin.

O nein. Die beiden waren zwar häufig entgegengesetzter Meinung, wie das bei entschiedenen Charakteren leicht vorkommt, aber ich wüßte nicht, daß sie das je gegen einander erbittert hätte. Von seinen Aussichten habe ich ihn niemals sprechen hören, jedenfalls hätte er das unter seiner Würde erachtet. Er hat ein starkes Selbständigkeitsgefühl, wie das bei einem Mann von so ungestümer Gemütsart und großer Körperkraft kaum anders zu erwarten ist.

Byrd fiel seine Skizze ein; er hätte gern noch mehr über den Neffen erfahren, der ihn ungewöhnlich zu interessieren begann, aber des Coroners Verhör nahm eine andere Wendung.

Wenn Sie demnach Frau Klemmens genau gekannt haben, sagte er, und mit ihr auf freundschaftlichem Fuße standen, so sind Sie gewiß auch ihre Vertraute in Sorgen und Kümmernissen gewesen?

Ja – das heißt so weit meine Cousine sich überhaupt irgend jemand anvertraute. Sie klagte nicht gern und war von Natur nicht gerade mitteilsam. Sie hat öfters mir gegenüber geäußert, ich sei die einzige, der sie zuweilen ihr Herz ausschütte.

Dann werden Sie uns ihre Geschichte erzählen und uns erklären können, warum sie stets so zurückgezogen gelebt hat?

Frau Klemmens' Lebensgeschichte ist sehr einfach; aber warum sie sich von allem Verkehr abschloß, hat man nie erfahren. Als Mädchen war sie heiter und lebhaft und liebte die Geselligkeit.

Ist sie vielleicht von irgendeinem schweren Kummer betroffen worden, der ihr das Leben verbittert hat?

Möglich, daß der Tod ihres Mannes sie so menschenscheu gemacht. Seit sie ihn verlor, war ihr Wesen ganz verändert.

Und wie lange ist das her?

Volle fünfzehn Jahre.

Haben Sie Herrn Klemmens gekannt?

Nein, die Hochzeit fand in einem kleinen Ort im Westen statt, und er starb schon, ich glaube, einen Monat darauf; sie war, nach ihren Briefen zu urteilen, damals ganz untröstlich; wir machten uns Sorge um sie und wollten sie gern in unserer Nähe haben, doch weigerte sie sich, zu ihren Verwandten zu ziehen. Als sie sich bald darauf entschloß, nach dem Osten zu kommen, wählte sie Sibley zum Aufenthalt, wo sie seither gewohnt hat.

Der Coroner nahm jetzt eine sehr ernste Miene an.

Fräulein Firman, sagte er mit Nachdruck, ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß Ihre Cousine vielleicht aus geheimer Furcht das Einsiedlerleben wählte, das sie geführt hat?

Die Zeugin sah betroffen auf; in der Menge aber ward abermals jene Bewegung bemerkbar, die Byrd schon vorhin aufgefallen war. Diesmal war unverkennbar, daß sie durch eine Person veranlaßt wurde, welche sich unmittelbar hinter dem Pfeiler der Vorsaalstür befand, und deren Ellenbogen in der Türöffnung sichtbar wurden.

Sagen Sie mir, fuhr der Coroner eindringlich fort, ist Ihnen außer Frau Klemmens Neffen niemand bekannt, für den ihr Tod von Nutzen hätte sein können?

Sie meinen wohl den jungen Hildreth? entfuhr es ihr unwillkürlich. –

Ein erregtes Gemurmel lief durch den ganzen Raum, Byrd glaubte sogar einen unterdrückten Ausruf des Schreckens zu vernehmen, auch sah er, wie der untersetzte Mann, der zuvor an dem Pfeiler rechts von der Türöffnung gelehnt hatte, jetzt nach der linken Seite hinüberschritt, wo das für Byrd unsichtbare Individuum saß, nach dem sich wiederum die fragenden Blicke der Menge richteten. Die Ruhe, mit welcher jener Mann seine Stellung veränderte, ein gewisses Etwas in seiner Art und Weise machte den jungen Detektiv stutzig. Plötzlich ging ihm ein Licht auf: der unscheinbare Mensch am Pfeiler war niemand anders, als der neue Detektiv aus Neuyork! Wer aber mochte der Mann sein, der in der verborgenen Ecke saß und welchen jener offenbar beobachtete? – 

Wer ist denn dieser junge Hildreth? war des Coroners nächste Frage.

Ein Herr aus Toledo, entgegnete Fräulein Firman mit Bestimmtheit, der erst nach dem Tode der Frau Klemmens in den Besitz seines Vermögens gelangen konnte.

Wie ist das möglich? Sie erwähnten ihn doch nicht unter ihren Verwandten!

Er ist weder bekannt noch verwandt mit ihr. Eine sonderbare Geschichte! Soviel ich weiß, hängt sie mit dem seltsamen Testament zusammen, das der Großvater des jungen Hildreth hinterlassen hat. Der alte Herr wünschte das große Vermögen, welches er besaß, seinen Enkeln zu sichern, da sein Sohn ein ausschweifender, verschwenderischer Mensch war. So traf denn der Großvater testamentarisch die Verfügung, daß seine Hinterlassenschaft erst unter die Erben verteilt werden solle, nachdem zwei Personen, deren Namen er erwähnte, nicht mehr am Leben seien. Die eine davon war der Sohn seines ersten Kommis, ein Knabe, der bald nach Herrn Hildreths Tode starb; die andere war meine Cousine, Frau Klemmens, die damals als kleines Mädchen bei der Familie zu Besuch war und so rund und rosig aussah, wie das Leben selbst.

Was wurde denn aus den Hildreths im Laufe der Jahre?

Der Verschwender, um dessentwillen das seltsame Testament gemacht wurde, soll vor einiger Zeit gestorben sein, auch zwei oder drei von seinen Kindern. Die überlebenden Erben sind der junge Mann, von dem ich sprach – er scheint in seines Vaters Fußstapfen getreten zu sein –, und eine oder zwei Schwestern. Mir selbst sind die Leute ganz unbekannt, man hört jedoch nicht viel Gutes von ihnen.

Wissen Sie vielleicht den Vornamen des jungen Hildreth?

Ja, er heißt Valerian, wie sein Vater. 

Der Coroner nickte befriedigt.

Können Sie mir sagen, fuhr er fort, ob sich Frau Klemmens je Sorgen wegen dieses sonderbaren Testaments gemacht hat? Hat sie sich Ihnen gegenüber nie dahin geäußert, daß ihre eigene Sicherheit bedroht sei, weil die Erben mit Ungeduld auf ihren Tod warten müßten, um in den Besitz des ihnen so lange vorenthaltenen Vermögens zu gelangen?

Ich erinnere mich nur, daß sie einmal sagte, sie habe keinen Frieden mehr, seit sie wisse, daß es Leute gebe, für die ihr Todestag ein Freudenfest sein werde. »Mir ist immer, als betröge ich sie um ihr Recht,« fügte sie damals hinzu, »es ist nicht meine Schuld, und doch könnte ich eines Tages dafür büßen müssen.«

Wissen Sie etwas Näheres von Valerian Hildreth? fragte der Coroner weiter. Hat Frau Klemmens in irgend welcher Verbindung mit ihm gestanden oder Nachteiliges über ihn erfahren, so daß sich annehmen ließe, dies sei der Grund ihrer Befürchtungen gewesen?

Ich habe nur bemerkt, daß sie stets finster dreinschaute, wenn von dem Vater die Rede war; der Sohn soll gleichfalls ein sehr lockeres Leben führen, wie ich von meinen Freunden in Toledo weiß, ob das aber meiner Cousine zu Ohren gekommen ist, kann ich nicht sagen.

Der Coroner nahm jetzt ein Papier zur Hand, das unter mehreren andern vor ihm auf dem Tische lag. Vermutlich standen Sie in regelmäßigem Briefwechsel mit der Ermordeten, sagte er. Auf ihrem Schreibtisch fand sich ein angefangener Brief, – glauben Sie, daß er für Sie bestimmt war?

Die Zeugin nahm das Schreiben, welches der Coroner ihr reichte, warf einen schnellen Blick hinein und versetzte: Ohne Zweifel; die Anrede »Liebe Emilie« gilt mir.

Meine Herren, wandte sich der Vorsitzende jetzt an die Geschworenen, ich fordere Sie auf, von dem Inhalt dieses Briefes Kenntnis zu nehmen, welcher von der Ermordeten vielleicht nur wenige Minuten, ehe der Todesstreich fiel, geschrieben worden ist. Fräulein Firman wird die Güte haben, das Schreiben, das an sie gerichtet war, laut vorzulesen und es Ihnen dann zu übergeben.

So aufgefordert unterzog sich die Zeugin der traurigen Pflicht und las mit bebender Stimme:


»Liebe Emilie!

Warum ich Dir eigentlich heute schreibe, weiß ich nicht. Ich habe alle Hände voll zu tun, und der Morgen ist sonst nicht meine Zeit für schriftliche Herzensergüsse – aber mir ist heute so ängstlich zumute, und ich fühle mich recht verlassen. Es will mir gar nichts nach Wunsch gehen, und da fallen mir die mancherlei Ursachen zu geheimer Furcht, die ich stets gehabt, besonders schwer aufs Gemüt. Das ist immer der Fall, wenn ich mich nicht ganz wohl fühle. Vergebens sage ich mir, daß achtbare Leute sich schwer zu einem Verbrechen hinreißen lassen. Es leben so viele, denen mein Tod nur allzu willkommen wäre, und ich schwebe fortwährend in der Angst vor einem –«


Gerechter Himmel! rief das Fräulein, sich mit entsetzten Blicken im Kreis der Zuhörer umschauend, die ihr mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt waren.

Nur noch eine Frage, Fräulein Firman, unterbrach der Coroner die lautlose Stille, welche in der Versammlung herrschte, als die Zeugin schwieg. Wäre das Schreiben beendet worden und an seine Adresse gelangt, welchen Schluß würden Sie daraus gezogen haben?

Ich hätte nicht anders denken können, als daß das einsame Leben, welches meine Cousine führte, sie schwermütig gemacht haben müsse.

Aber die geheime Furcht, von der sie schreibt – wer ist der Gegenstand derselben gewesen?

Darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben.

Und doch haben Sie gewiß eine bestimmte Ansicht?

Ich weiß nur einen, auf den sich die Worte möglicherweise beziehen könnten.

Und der ist?

Valerian Hildreth.



Achtes Kapitel.

In der Zwischenpause, welche entstand, während die Zeugin Emilie Firman sich zurückzog, verwandte Byrd kein Auge von der Türöffnung, in welcher der Ellenbogen des unsichtbaren Individuums sich lebhaft hin und her bewegte, wie um sich Raum zu schaffen. Jetzt kam statt des Ellenbogens eine Hand zum Vorschein, die sich nach dem Hut ausstreckte, der in der Ecke am Boden stand. Byrd konnte nicht umhin, die Hand zu betrachten. Die muß einem besseren Herrn angehören, dachte er; sie war groß, weiß, schön geformt und trug am kleinen Finger einen auffallend schweren Siegelring. Sie langte nach dem Taschentuch, das im Hute lag, und verschwand damit hinter dem Türpfeiler, der sie den Blicken des Detektivs entzog. Als die Hand abermals erschien, um das Tuch in den Hut zurückzulegen, bemerkte jener zu seiner Ueberraschung den Ring nicht mehr, der einen Moment zuvor seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Der feine Herr hatte ihn abgezogen. Warum wohl? Fürchtete er sich etwa? – Ob wohl der Mann, den Byrd für den zweiten Detektiv, für seinen Nebenbuhler hielt, den Vorgang auch bemerkt haben mochte? – Rasch blickte er nach ihm hin; er stand ruhig, anscheinend teilnahmlos am Pfeiler, sich das Kinn mit der Hand streichelnd.

Jetzt nahm der Coroner wieder das Wort. Wir haben soeben aus dem Zeugnis von Frau Klemmens' bester Freundin ersehen, was die Ursache der geheimen Befürchtungen gewesen sein kann, welche die Ermordete für ihre Sicherheit hegte. Wir dürfen zwar, meine Herren, solchen Gefühlen einer einsam lebenden, vielleicht menschenscheuen Frau kein allzugroßes Gewicht beilegen, doch möchte ich Ihnen noch eine schriftliche Aufzeichnung der Witwe unterbreiten, welche –

Hier wurde der Vorsitzende durch die Ankunft eines Boten unterbrochen, der ihm ein Telegramm einhändigte. Während der Coroner die Depesche las, kam Byrd plötzlich ein Gedanke. Er riß ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb einige Zeilen des Inhalts darauf, daß er es für ratsam halte, den Wirt des Osthotels über Stand und Namen der Fremden zu vernehmen, welche am Tage der Mordtat bei ihm eingekehrt seien. Nachdem er seine Anfangsbuchstaben H. B. unterzeichnet, gab er das Blatt einem Knaben in seiner Nähe mit dem Auftrag, es dem Coroner zu überbringen.

Die Botschaft langte glücklich drinnen bei Doktor Tredwell an; er las sie mit zustimmendem Kopfnicken und einem Ausdruck der Befriedigung, dessen Ursache Byrd leicht erriet, sandte dann einen Polizeidiener ab und nahm die Verhandlung wieder auf.

Das erwähnte Schriftstück fand sich beim Suchen nach Fräulein Firmans Adresse in einem Fach von Frau Klemmens' Schreibtisch, fuhr der Coroner in seiner Rede fort. Es steckte unter einem Haufen alter Rechnungen in einem unversiegelten Umschlag; die Schrift stimmt mit der des angefangenen Briefes überein, und es ist »Marie Anna Klemmens« unterzeichnet. Ich ersuche den Geschworenen Black, die Anwesenden mit dem Wortlaut bekannt zu machen.

Herr Black kam der Aufforderung nach und las wie folgt:


»Im Fall meines plötzlichen oder gewaltsamen Todes fordere ich die Behörden auf, zu untersuchen, ob der strafbare Urheber desselben nicht ein Herr namens Valerian Hildreth ist, wohnhaft in Toledo, Ohio. So lange ich lebe, kann er nicht in den vollen Besitz seines Vermögens gelangen, und da er ein gewissenloser Mensch ist, wird er kein Mittel unversucht lassen, mich aus dem Wege zu räumen. Sterbe ich auf gewaltsame Weise, so geschieht es durch seine Hand, dessen bin ich überzeugt.

Marie Anna Klemmens.

Sibley N.-Y.«


Eine schwere Anschuldigung, bemerkte der Coroner, die wohl zu beachten ist. Auf meine Nachfrage hat mir der Polizeiinspektor von Toledo mitgeteilt, daß Herr Hildreth sich gegenwärtig nicht dort befindet, sondern irgendwo in hiesiger Gegend. Tredwell nahm eine Depesche vom Tisch und las:


»Der Gesuchte von Toledo abwesend. Reiste mit dem Nachtzug am Mittwoch den 27. nach dem Osten. Letzte Nachrichten aus Albany. Hat ausschweifend gelebt und ist, wie allgemein bekannt, in großer, dringender Geldverlegenheit. Näheres durch Brief.«


Dieses Telegramm, meine Herren, erhielt ich gestern abend, ihm ist soeben ein zweites gefolgt. Er nahm die zuletzt eingegangene Depesche zur Hand: 


»Neuere Nachrichten. Der Mann, den Sie suchen, sprach neulich im Klub von Selbstmord; schien in verzweifelter Lage und meinte, wenn nicht bald etwas geschehe, sei er verloren. Hasardspiel, Wetten und allerlei unglückliche Spekulationen haben ihn zugrunde gerichtet. Alles was er besitzt oder zu erwarten hat, reicht, wie es heißt, kaum hin, seine Schulden zu bezahlen.«


Darunter steht noch:


»Er soll in Ihrer Stadt gewesen sein.«


Byrd sah sich nach dem Ellenbogen in der Türöffnung um: er verharrte völlig unbeweglich, wie von plötzlichem Schrecken gelähmt. Die seltsamste Veränderung war jedoch mit dem Mann am Türpfeiler vorgegangen, der bisher so gleichgültig dreingeschaut hatte. Seine Augen funkelten, er sah drohend und kampfbereit aus, wie ein Panther, der auf seine Beute lauert und sich zum Sprunge anschickt.

Der Zeuge, den ich jetzt aufrufen werde, fuhr inzwischen der Coroner fort, ist der Eigentümer des Osthotels. – Ah, da sind Sie ja, Herr Symonds. Haben Sie das Fremdenverzeichnis der letzten Woche mitgebracht?

Hier ist es, erwiderte der neue Ankömmling mit unverkennbarer Unruhe und Verlegenheit in Miene und Gebärde. Er händigte dem Coroner eine Liste ein, die den Geschworenen zur Prüfung übergeben wurde.

Da steht ein Klemens Smith aus Toledo, bemerkte einer derselben, indem er fragend zu dem Wirt aufsah.

Smith – Smith? wiederholte Symonds mit unsicherer Stimme. Ach ja, der Herr kam gestern. Er – er ist noch im Hotel.

Hier beobachtete Byrd ein kleines, ihm höchst interessantes Zwischenspiel: im Augenblick, als der Zeuge den Namen Smith aussprach, hatte der Mann am Pfeiler sein Taschentuch mit einem so kräftigen Schwung herausgezogen, daß es ihm aus der Hand auf den Boden fiel. In der Eile, es aufzuheben, stieß er zur großen Belustigung der Umstehenden den in der Ecke stehenden Hut um. Das darin befindliche Taschentuch fiel dabei auch heraus, worauf der Mann, sich vielmals entschuldigend, beide Tücher aufhob, sie besah, und das eine in seine Tasche steckte. Das andere legte er in den Hut zurück, bei welcher Gelegenheit er diesen so weit auf die Seite stellte, daß der Herr seiner Kopfbedeckung nur habhaft werden konnte, wenn er aus dem verborgenen Winkel heraustrat. Byrd verstand das kleine Manöver seines Kollegen, auch sah er, daß dieser nunmehr seinen Standpunkt in dichtester Nähe des unsichtbaren Herrn eingenommen hatte.



Jetzt im Hotel, wiederholte der Coroner, und gestern angekommen? – Warum machten Sie denn ein so verlegenes Gesicht bei meiner Frage?

Weil – weil – stammelte der Wirt, der Herr schon einmal vorher da war.

Wann denn?

Am Dienstag, sagte jener entschlossen, als sehe er ein, daß es nutzlos sei, länger mit der Wahrheit zurückzuhalten.

Am Tage der Mordtat? – Und warum ist sein Name nicht verzeichnet?

Weil er nur kurze Zeit da war, nur um sich bei mir zu erkundigen.

Wonach?

Nach der Wohnung der Witwe Klemmens.

Die Antwort brachte endlich Licht in das Dunkel. Der lange gesuchte Zeuge war gefunden. Die Blicke des Coroners und der Geschworenen erhellten sich, und durch die Menge lief ein erwartungsvolles Gemurmel. Unabwendbar nahte das Verhängnis.

Wieviel Uhr war es, als Sie den Herrn nach dem Hause der Frau Klemmens wiesen?

Halb zwölf Uhr mittags. Und wann sahen Sie ihn wieder?

Erst gegen abend. Er kam mit dem Fünfuhrzug an, aber da ich den ganzen Nachmittag auswärts war, sah ich ihn erst spät abends im Gastzimmer. Ich brachte ihm gleich das Fremdenbuch zum Einschreiben und begleitete ihn dann auf sein Zimmer. Er war sehr wortkarg: den Zweck seines Kommens und Gehens habe ich nicht erfahren. 

Weshalb aber verschwiegen Sie, daß ein unbekannter Herr am Tage der Mordtat bei Ihnen eingekehrt ist, um sich nach der Witwe zu erkundigen?

Symonds sah verlegen zu Boden.

Ich bringe mich nicht gern in Ungelegenheiten – –

Aus dem Blick, den der Coroner ihm zuwarf, sprach keine Anerkennung für solche weise Vorsicht. Jetzt wandte er sich an den Polizeidiener:

Wir werden Herrn Smith als Zeugen vorladen müssen, sagte er. Er soll sich noch im Hotel aufhalten; bringen Sie ihn unverzüglich hierher!

Das wird kaum nötig sein, ließ sich hier eine laute Stimme aus der Mitte der Zuhörer vernehmen. Zugleich erschien der untersetzte Mann, dem Coroner sichtbar, im Türeingang. Er legte die Hand auf den Ellenbogen, der so lange schon der Gegenstand von Byrds Aufmerksamkeit gewesen war. Ein Ruck – und der stattliche, blonde Fremde vom vergangenen Abend kam plötzlich hinter dem Pfeiler zum Vorschein.

Was soll das heißen? schrie er, rot vor Wut, den gewalttätigen Detektiv an.

Sie werden es gleich erfahren, versicherte jener ruhig, treten Sie nur gefälligst etwas mehr in den Vordergrund.

Ohne Widerstand zu leisten, schritt der Fremde durch die Menge nach dem Eingang des Zimmers hin, in dem sich der Coroner und die Geschworenen befanden.

Nun, rief er, sich hoch aufrichtend, was wollen Sie von mir?

Der Detektiv stand hinter ihm, einen bedeutsamen Blick mit Doktor Tredwell wechselnd, der sich an den Gastwirt mit der Frage wandte:

Kennen Sie diesen Herrn?

Es ist Herr Klemens Smith.

Das Gesicht des Fremden glühte, ob vor Zorn oder Verwirrung war schwer zu unterscheiden, doch erwiderte er kein Wort.

Einen Moment zögerte der Detektiv, dann sagte er bestimmt:

Das beruht wohl auf einem Irrtum. Es wird richtiger sein, den Herrn jetzt Valerian Hildreth zu nennen.

Die Röte in dem Antlitz des Fremden wich urplötzlich einer verräterischen Blässe.

Wie kommen Sie darauf? fragte er, den Detektiv von Kopf zu Fuß betrachtend, so viel ich weiß, habe ich nicht die Ehre Ihrer Bekanntschaft.

Ganz richtig, entgegnete der Angeredete, das Taschentuch herausziehend, das er vorhin eingesteckt hatte, und es dem andern mit einer Verbeugung überreichend. Ich habe aber Ihr Monogramm gesehen und das ist –

Genug! fiel ihm jener mit verächtlichem Ton ins Wort. Ich sehe, ich bin einer schlauen Spionage zum Opfer gefallen. Dann trat er stolz über die Schwelle des Gerichtszimmers und sagte zu dem Coroner gewandt:

Mein Name ist Valerian Hildreth und ich komme aus Toledo. Was wollen Sie von mir? –



Neuntes Kapitel.

Der völlig überraschende Vorgang hatte die Anwesenden in große Aufregung versetzt. Es dauerte eine Weile, bevor wieder Stille eingetreten war, und der Coroner das Verhör des jungen Mannes beginnen konnte. Was er über seine Vergangenheit mitzuteilen hatte, stimmte genau mit Fräulein Firmans Angaben überein. Nach dem Zweck seiner Reise befragt, bekannte er nicht ohne Beschämung, er habe sie nur unternommen, um Frau Klemmens aufzusuchen und sich über deren Gesundheitszustand zu unterrichten. Durch seine Geldverlegenheit sei er gezwungen, jede Möglichkeit ins Auge zu fassen, auch solche, an die er unter andern Verhältnissen niemals gedacht haben würde.

Und wann fand Ihre Unterredung mit Frau Klemmens statt? fragte der Coroner.

Am Dienstag, gegen mittag. – Der Ton der Antwort klang fast herausfordernd. Es herrschte lautlose Stille.

Sie geben also zu, daß Sie in dem Hause der Witwe waren am Morgen ihres Todes und daselbst ein Gespräch mit ihr hatten, wenige Minuten, ehe der Mordstreich fiel?

Ja, entgegnete er mit fester Stimme.

Wie sind Sie in das Haus gelangt? Haben Sie es von der Straße durch die Vordertür betreten?

Ja.

Und sind Sie niemand auf dem Wege begegnet? Haben Sie niemand im Vorbeigehen am Fenster gesehen?

Nein.

Wie lange sind Sie im Hause geblieben, und was war der Erfolg Ihrer Unterredung?

Ich blieb etwa zehn Minuten und erfuhr von Frau Klemmens nur, daß sie sich im besten Wohlsein befinde. Nach ihrem Aussehen zu urteilen, hätte sie hundert Jahre alt werden können.

Er sprach dies wie grollend, seine Augen funkelten; ein Schauder durchlief die Versammelten in dem Gefühl, daß der Mörder selbst vor ihnen stehe.

Teilen Sie mir gefälligst mit, wie die Zusammenkunft verlief und ob dabei etwa zornige Worte gewechselt wurden.

Es kostete den jungen Mann offenbar die größte Selbstüberwindung, ruhig Rede und Antwort zu stehen; die Glut, die sich über sein Antlitz ergoß, verriet jedoch eher Entrüstung über die schmachvolle, demütigende Lage, in die er geraten war, als die geheime Furcht eines feigen Verbrechers.

Frau Klemmens sprach laut und heftig, erwiderte er endlich mit dumpfer Stimme, aber sie wußte nicht, wer ich war. Ich gab mich als Verkäufer eines Universalmittels aus, das alle Krankheiten heile. Sie aber entgegnete, sie wolle nichts mit Quacksalbern zu tun haben und brauche keine Tränke und Arzneien. Als ich, um meinen Zweck zu erreichen, noch weiter in sie drang, und nach ihrem Gesundheitszustand fragte, erklärte sie sich für wohl und kräftig, hieß mich meiner Wege gehen und wies mir zornig die Tür. – Weiter ist zwischen uns nichts verhandelt worden.

Byrd sah, wie seine Lippe bebte, als er die letzten Worte sprach, offenbar fürchtete er die nächste Frage. – Der Coroner zog es aber, wie es schien, vor, sein Ziel auf einem Umweg zu erreichen.

In welchem Zimmer fand die Unterredung statt und durch welche Tür betraten und verließen Sie dasselbe? forschte er.

Ich war durch die Vordertür eingetreten, und wir standen in jenem Zimmer – der junge Mann deutete auf die Wohnstube, aus welcher er kam.

Sie standen? – Sie nahmen gar nicht Platz, sondern standen die ganze Zeit über in dem Zimmer?

Ja, lautete die Antwort, deren Ton dem Coroner wohl nicht gefallen mochte, denn er sah Herrn Hildreth lange und prüfend an.

Sind Sie auch auf Ihrem Rückweg niemandem begegnet?

Nicht daß ich wüßte, ich habe mich nicht umgesehen.

Sie gingen also auf dem gewöhnlichen Weg nach der Hauptstraße und von da – wohin?

Nach dem Bahnhof; ich wollte die Stadt verlassen, wo ich nichts mehr zu tun hatte. 

Wohin reisten Sie zunächst?

Nach Albany, mein Gepäck war dort geblieben.

Demnach fuhren Sie mit dem Mittagszug, der fünf Minuten nach zwölf abfährt?

Ich glaube, ja.

Haben Sie das Billett am Schalter gekauft?

Nein, dazu war keine Zeit.

War denn der Zug schon eingefahren?

Herrn Hildreths Geduld – oder sein Mut – war offenbar erschöpft durch die sich Schlag auf Schlag folgenden Fragen.

Das kann doch unmöglich hierhergehören, entgegnete er unwillig. Der Zug war sogar schon im Abfahren; ich mußte laufen, ihn zu erreichen. Mit Lebensgefahr sprang ich gerade noch in den hintersten Wagen.

Er biß die Lippen zusammen und sah aus, als wünschte er, daß der gefährliche Sprung ihm damals mißlungen wäre. Die neugierigen Blicke, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, schienen ihn wie spitze Dolche zu durchbohren, ihm seine Lage mit jeder Sekunde unerträglicher zu machen; aber der Coroner, streng in Ausübung seiner Pflicht, gab sein Opfer nicht wieder frei.

Sie sind der einzige Mensch, Herr Hildreth, sagte er, von dem wir wissen, daß er während der letzten halben Stunde vor dem Mordanfall im Hause der Witwe anwesend war. Alles, was Sie uns über Ihren Aufenthalt dort sagen können, ist daher von der größten Wichtigkeit. Haben Sie irgend etwas gesehen oder gehört, was zu der Vermutung Anlaß geben könnte, daß die Witwe nicht allein war, daß sich sonst jemand im Hause befand? – Ueberlegen Sie wohl, ehe Sie antworten!

Byrd glaubte, der Zeuge werde den Wink verstehen und sich an diese Möglichkeit einer Entlastung klammern, wie der Ertrinkende an das Rettungsseil. Vielleicht hielt Hildreth aber seine Sache bereits für verloren und jeden Ausweg für abgeschnitten; er schüttelte nur langsam den Kopf und sagte mit düsterem Ausdruck:

Wenn jemand im Hause war, so habe ich ihn weder gesehen noch gehört. Ich dachte, wir seien allein.

Dies offene Zugeständnis sprach zu seinen Gunsten, aber die Unruhe und Verwirrung, die er dabei verriet, zeigten deutlich, daß er sich der Tragweite seiner Antwort wohl bewußt war. Dem unerbittlichen Dränger trotzend richtete er sich stolz empor.

Jetzt tat der Coroner einen ganz unerwarteten Schachzug, indem er den Zeugen ersuchte, ihm in das Nebenzimmer zu folgen. Verwundert kam dieser der Aufforderung nach, während die Anwesenden in atemloser Spannung den Vorgang beobachteten. Tredwell schritt bis in die Mitte des Wohnzimmers.

Ich wünsche zu wissen, sagte er, auf welcher Stelle Sie während Ihrer Unterredung mit Frau Klemmens standen. Nehmen Sie womöglich genau denselben Platz ein!

Es sind zu viele Leute im Zimmer, warf der Zeuge ein, den dies Verlangen, dessen Zweck er nicht einsah, mit Mißtrauen erfüllte.

Das Publikum wird sich zurückziehen. So, nun können Sie leicht die Stelle finden, an der Sie neulich standen.

Gut, hier also, rief der junge Mann.

Und die Witwe?

Stand mir gegenüber.

Der Coroner deutete nach den Fenstern.

Frau Klemmens stand also mit dem Rücken nach dem Hof, und Sie mit dem Gesicht.

Schnell wieder ins Gerichtszimmer zurücktretend, fragte er Hildreth:

Sahen Sie, während Sie dort standen, niemand um das Haus herum nach der Hintertür kommen und sich wieder zurückziehen, ohne zu klopfen?

Jener runzelte die Brauen, er schien nachzudenken.

Antworten Sie! drängte der Coroner, es ist nichts zu überlegen.

Nein, rief der Zeuge, ihm fest ins Auge blickend, ich habe niemand gesehen.

Auch nicht den Hausierer, der nach der Küchentür ging?

Nein.

Jetzt begann der Coroner auf ein Stück Papier allerlei Zahlen zu schreiben und sie zusammenzurechnen. Der junge Mann beobachtete sein Tun mit fast wilden Blicken, holte tief Atem und ward bleich, als jener endlich wieder aufblickte.

Und doch müssen Sie den Hausierer gesehen haben, der des Weges kam, wenn Sie wirklich an der Stelle standen, die Sie mir bezeichneten, fuhr Tredwell fort, als hätte gar keine Pause in dem Verhör stattgefunden.

Diese mit unumstößlicher Gewißheit behauptete Tatsache brachte den Zeugen aus der Fassung. Wie hilflos blickte er um sich, als suche er jemand, der ihm Beistand leisten werde in dieser Not. Da ihm aber keiner half, raffte er alle seine Kraft zusammen.

Ich verstehe nicht, sagte er, wie Sie das beweisen wollen? – Seine Stimme bebte vor innerer Angst. – Woher wissen Sie so genau, daß jener Hausierer an die Tür kam, während ich im Hause war? Kann er nicht vorher dagewesen sein? Oder – noch besser – erst gekommen sein, nachdem ich fort war? –

Die letzten Worte sprach er laut und eindringlich; sie hallten erschütternd in aller Herzen wieder. Viele wurden milder gestimmt, und selbst Byrds Gesicht verriet einen Umschwung seiner Gefühle.

Nur der Coroner blieb unbewegt. Er reichte dem Zeugen das beschriebene Papier und sagte in trockenem Ton: 

Die Rechnung ist sehr einfach, Herr Hildreth. Sie sagen, daß Sie von hier aus geradeswegs nach dem Bahnhof gingen und nur noch Zeit hatten, in den Zug zu springen. Das kann kaum sieben Minuten in Anspruch genommen haben. Folglich waren Sie zwei Minuten vor zwölf Uhr noch hier im Hause. Der Hausierer aber kam um fünf Minuten vor zwölf in den Hof der Witwe, mit der Sie noch im Gespräch gewesen sein müssen. Doch behaupten Sie, ihn nicht gesehen zu haben, obgleich Sie mit dem Gesicht nach dem Hof zu standen.

Der junge Mann bezwang sich nicht länger.

Handelt es sich etwa um astronomische Tabellen, brach er heftig los, daß Sie meinen, die Zeit so genau bestimmen zu können? Wie wissen Sie, daß die Angaben der Zeugen auf die Minute richtig gewesen sind? Der kleinste Irrtum in der Zeit wirft Ihre ganze Rechenkunst über den Haufen.

Die Genauigkeit der Zeugenaussagen ist in diesem Fall kaum zu bezweifeln, entgegnete Doktor Tredwell gelassen. Die vier Herren vor dem Gerichtsgebäude haben die Stadtuhr zwölf schlagen hören, gerade als der Hausierer aus dem Heckenweg in die Straße bog; auch hat eine höchst glaubwürdige Zeugin eidlich versichert, sie habe eben gesehen, daß es auf der Stadtuhr fünf Minuten vor zwölf war, als sie den Hausierer bemerkte, der durch das Tor auf das Haus der Witwe zuging. – Damit wir aber vor jedem Irrtum sicher sind, kann ich die Sache auch noch von einer andern Seite beleuchten: um wieviel Uhr verließen Sie Ihr Hotel, Herr Hildreth?

Das weiß ich nicht, war die unwillige Antwort.

Ich kann es Ihnen sagen, behauptete der Coroner; es war etwa zwanzig Minuten vor zwölf; möglicherweise noch früher, aber nicht später. Ich weiß das, weil Frau Daytons Kinder aus der Nachbarschaft noch wenige Minuten, ehe der Hausierer vorbeikam, hier vor dem Hause spielten. 

Da Sie die Kinder nicht sahen, müssen Sie das Haus betreten haben, ehe jene ihr Spiel anfingen, also mindestens um dreiviertel auf zwölf.

Nun, und wenn dem so wäre? – Die Blicke des Zeugen fuhren wild im Kreise umher.

Wenn Sie um dreiviertel auf zwölf hier im Hause waren und es erst zwei Minuten vor zwölf verließen, fuhr der Coroner fort, wenn Ihr Gespräch mit der Witwe nur aus den wenigen Worten bestand, die Sie erwähnten, und also kaum zwei Minuten gedauert haben kann, so entsteht die Frage: wo waren Sie in der Zeit, die zwischen Ihrer Unterredung liegt und dem Moment, als Sie das Haus verließen?

Hier galt keine Ausflucht. Der feine junge Herr, der bisher so aufrecht dagestanden bei all den peinlichen, ja demütigenden Fragen, die ihm gestellt wurden, verlor seine stolze Haltung und beugte das Haupt, als habe ihn ein wuchtiger Schlag getroffen. Er murmelte einen unterdrückten Fluch, die Adern auf seiner Stirn schwollen ihm zum Zerspringen, und sein ganzes Gebaren trug so deutlich den Stempel der Schuld, daß sich manches Auge von dem peinvollen Anblick abwandte.

Der Coroner wartete eine Weile schweigend. Antworten Sie! sagte er dann.

Herr Coroner, rief jener so laut und zornig, daß ängstliche Gemüter zusammenschraken, es ist für einen anständigen Menschen ein ganz verdammtes Gefühl, so in die Enge getrieben zu werden. Doch Sie sollen die Wahrheit hören: ich habe das Haus der Witwe nicht so schnell verlassen, als ich vorhin angab; ich blieb noch etwa fünf Minuten in dem kleinen Vorsaal stehen, der zur vorderen Haustür führt. Währenddem muß wohl der Hausierer nach der Küchentür gegangen und wieder zurückgekommen sein. – Der Blick, den Hildreth dem Coroner zuwarf, schien zu sagen, daß nun die Sache doch wohl erledigt sei. Dieser aber verzog keine Miene.

Was taten Sie auf dem Vorplatz? fragte er mit Eiseskälte.

Der andere sah zu Boden. Was ich tat? – das will ich Ihnen sagen, ich überlegte. – Nimmt Sie das Wunder? rief er, sich erregt zu den Geschworenen wendend. Ich versichere Sie, ich hatte alle Ursache dazu, nach einer Unterredung, die mir die letzte Hoffnung raubte. Noch klüger wäre es vielleicht gewesen, ich hätte mich gleich ins Wasser gestürzt oder meinem Leben auf eine andere Weise ein Ende gemacht.

Wie hätte er die verzweifelte Stimmung, in der er sich in jenem verhängnisvollen Moment befand, besser schildern können? Er erkannte das selbst, als es zu spät war; der Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er raffte sich zusammen wie jemand, der sich auf das Schlimmste gefaßt macht. Doch ermannte er sich noch zu einem letzten Wort:

Eins erkläre ich noch der Wahrheit gemäß: ich habe die Witwe nicht wieder gesehen, nachdem wir beide das Zimmer verließen. Vielleicht war, ohne daß ich es wußte, die Hand, die den Schlag gegen sie geführt hatte, schon erhoben, während ich auf dem Vorplatz stand; aber ich habe nichts davon gesehen und ahne nicht, wer der Täter ist.

Dieser erste Versuch Hildreths, die Schuld von sich abzuwälzen, blieb nicht ohne Eindruck. Des Coroners Strenge ließ nach, und die Geschworenen sahen einander erleichtert an. Die günstige Stimmung verflog jedoch bald wieder; der Verdacht gegen den jungen Mann war zu schwer, und sein Auftreten hatte nur dazu gedient, ihn zu verstärken.

Dies war klar ersichtlich aus den Fragen, welche jetzt von einzelnen Geschworenen an ihn gerichtet wurden.

Wollen Sie mir sagen, forschte der eine, aus welchen Gründen Sie nach Sibley zurückgekommen sind, nachdem Sie es so eilig verließen?

Die Antwort erfolgte ohne Zaudern:

Ich las von dem Tod der Witwe in der Zeitung, und es ließ mir keine Ruhe, bevor ich nicht alle Einzelheiten des Ereignisses kannte.

So war es wohl Neugier, was Sie veranlaßte, bei der heutigen Verhandlung zu erscheinen?

Nichts anderes.

Und was bewog Sie, sich mit falschem Namen in das Fremdenbuch zu schreiben? fiel hier der Coroner ein.

Wie das kam, weiß ich selbst kaum. Es mag mir unter den Umständen wohl geraten erschienen sein, den meinigen zu verschweigen.

Mit andern Worten: Sie hatten Furcht! –

Das war schwer zu ertragen. Der junge Hildreth war unter seinen Genossen wegen seines persönlichen Mutes bekannt. Stolz und Wut kämpften in seinen Zügen um die Herrschaft. Er erwiderte kurz:

Ich war mir keiner Furcht bewußt. Freilich ahnte ich nicht, welcher Behandlung ich hier ausgesetzt sein würde.

Der Coroner und die Geschworenen sahen einander zweifelnd an, was in dieser peinlichen Angelegenheit weiter zu tun sei. Der junge Mann kam jedoch ihrem Entschlusse zuvor.

Meine Herren, sagte er so beherzt und kräftig, wie er bisher noch nicht gesprochen hatte, wenn Sie mich auch bisher noch nicht des Verbrechens beschuldigt haben, so hegen Sie doch offenbar den Verdacht, daß ich der Täter bin. Mich darf das nicht wunder nehmen. Wer sollte bei den belastenden Beweisen, die gegen mich vorliegen, an meine Unschuld glauben? Meine eigenen Worte haben wider mich gezeugt. Zögern Sie nicht, Ihre Pflicht zu tun! Der Gedanke, dieses furchtbaren Mords verdächtig zu sein, erschreckt mich jetzt nicht mehr. Ich bin bereit, ins Gefängnis zu gehen. Nach dem, was hier stattgefunden hat, kann mir die strengste Untersuchung nur willkommen sein, damit ich Gelegenheit finde, vor aller Welt meine Unschuld zu beweisen.



Die Wirkung seiner Rede in einem so entscheidenden Augenblick war groß. Viele Zuhörer waren tief ergriffen und zollten ihm Teilnahme und Beifall. Die Tatsachen sprachen jedoch allzu sehr zu seinen Ungunsten, als daß noch viel für ihn zu hoffen gewesen wäre. 

Die Verhandlung schien sich noch weiter in die Länge ziehen zu wollen, Hildreths Verhör ward fortgesetzt, ohne daß Wesentliches dabei heraus kam; einige der früher bereits vernommenen Zeugen wurden nochmals aufgerufen, doch war aus der ganzen Haltung des Vorsitzenden deutlich zu sehen, daß die Festnahme des Verdächtigen nur eine Frage der Zeit sei.

Unter diesen Umständen beschloß Byrd, der sich sehr ermüdet fühlte, den Schluß der Verhandlung nicht abzuwarten Er gab seinen Platz am Fenster auf und schlich sich geräuschlos fort.



Zehntes Kapitel.

War Valerian Hildreth wirklich schuldig? –

So überzeugend auch die Tatsachen dafür sprachen, Byrd konnte die Zweifel nicht aus seinem Innern verbannen; sie quälten ihn mehr, als er sich eingestehen mochte, und hatten ihm die Rolle eines unbeteiligten Zuschauers bei der Verhandlung zuletzt unerträglich gemacht. Sein früherer Verdacht, der nach einer ganz andern Richtung ging, zwang ihn immer wieder, die Möglichkeit zu erwägen, ob nicht der junge Mann statt ein verruchter Verbrecher nur das Opfer einer höchst seltsamen Verkettung von Umständen sein könne.

Daß der Inspektor ihm freigestellt hatte, sich an den Nachforschungen zu beteiligen, wenn er dies nach seinem eigenen Urteil für zweckmäßig hielte, vergrößerte noch seine Pein. Wie konnte er es verantworten, einen Unschuldigen seinem Verhängnis zu überlassen, wenn es vielleicht in seiner Macht stand, den wirklichen Täter dem Arm der Gerechtigkeit zu überliefern? 

Trotz dieser Erwägung fühlte er eine kaum zu überwindende Abneigung, den ersten Schritt zu tun, um das Rätsel zu lösen, welches Imogen Dares Persönlichkeit umgab. Sie hatte ein Gefühl in seiner Brust geweckt, das er nicht zu benennen wußte; es ging ein Zauber von ihr aus, der ihn bestrickte, eine Macht, die ihn bezwang. Bevor er sich in den Dienst der schweren Pflicht stellte, die zu erfüllen ihn sein Gewissen trieb, wollte er noch eine Probe wagen. Wenn er dabei zu der unumstößlichen Ueberzeugung gelangte, daß das Fräulein wirklich den Schlüssel eines Geheimnisses besitze, von welchem bei dem Verhör durch den Coroner nichts enthüllt worden war, dann galt es zu handeln.

Nach einigem Zaudern suchte er den Bezirksanwalt Ferris auf, erfuhr von diesem, daß Hildreth einstweilen unter polizeiliche Aufsicht gestellt worden sei, und fragte ihn, ob er nicht einen Auftrag an den Rechtsanwalt Orkutt für ihn habe, durch welchen er sich bei diesem einführen könne, da er seine nähere Bekanntschaft zu machen wünsche.

Ferris willfahrte seinem Verlangen, und Byrd begab sich ohne Säumen nach der ziemlich entlegenen Wohnung des Rechtsanwalts. Dort traf er es jedoch ungünstig für seinen Plan; Orkutt war zu sehr beschäftigt, um ihn empfangen zu können, und auf seine Frage, ob er vielleicht Fräulein Dare einen Augenblick sprechen könne, um eine Bestellung von Herrn Ferris auszurichten, erfuhr er, die junge Dame sei bei ihrer Freundin, Fräulein Tremaine, zu Besuch und werde erst in einigen Tagen zurückkehren.

Mißvergnügt und niedergeschlagen begab sich Byrd auf den Rückweg. Er war indes noch nicht weit gegangen, als er vor sich eine lustig trällernde Stimme hörte und den trefflichen Tenorsänger vom Kirchenchor erkannte, dessen angenehme Bekanntschaft er am letzten Sonntag gemacht. Bald hatte er ihn eingeholt; das heitere Geplauder des jungen Mannes zerstreute ihn, und sie gingen eine Strecke miteinander, bis Byrds Gefährte vor einem stattlichen Hause stehen blieb.

Hier muß ich mich Ihnen empfehlen, sagte der junge Dury, ihm die Hand reichend, es ist heute Fräulein Tremaines Empfangsabend, und wir wollen ein wenig musizieren. Sie kennen doch Fräulein Tremaine, die Tochter des Gymnasialdirektors? Die Schüler der obersten Klassen haben am Donnerstag immer Zutritt bei ihr, aber auch andere Gäste sind willkommen. Wenn Sie nichts anderes vorhaben, mache ich mir ein Vergnügen daraus, Sie dort einzuführen. Kommen Sie mit, Sie werden sich gewiß gut unterhalten.

Nur einen Moment schwankte Byrd, ob er dem Widerwillen, den er vor seinen eigenen Plänen empfand, nachgeben dürfe, dann kämpfte er alle Bedenken nieder und folgte der Aufforderung des freundlichen jungen Mannes. Bald betraten beide die hell erleuchteten Räume, in denen die Jugend schon versammelt war. Herr Dury stellte seinen neuen Bekannten der liebenswürdigen jungen Wirtin vor, und es entspann sich bald ein ungezwungenes Gespräch zwischen ihnen. Jetzt war auch Fräulein Dare ins Zimmer getreten, sie sah bleich und angegriffen aus, ihr Blick war starr, ihr Lächeln gezwungen, man sah, daß ihre Gedanken weit abschweiften von der harmlos heitern Gegenwart.

Dury eilte auf sie zu, um sie zu begrüßen. Nicht weit von ihnen stand Fräulein Tremaine neben Byrd. Rasch die Gelegenheit benützend, gab dieser dem Gespräch eine andere Wendung.

Sie werden gewiß von dem geheimnisvollen Mord gehört haben, sagte er, der in der Stadt verübt worden ist. Wissen Sie schon die letzten Nachrichten? Nein, entgegnete Fräulein Tremaine, aber das schreckliche Ereignis interessiert mich sehr, wir haben Frau Klemmens gut gekannt. Hat man den Mörder entdeckt?

Ja, man glaubt ihn zu kennen; es ist zwar noch nicht erwiesen, aber der Verdacht ruht auf –

Eben noch hatte er Fräulein Dares tiefe volle Stimme vernommen, jetzt stockte plötzlich das Gespräch hinter ihm; er dachte an ihre Herzensqual und vermochte das verhängnisvolle Wort nicht auszusprechen. Neue Gäste traten ein, die Wirtin begrüßte sie, die musikalische Unterhaltung sollte beginnen. Man machte Byrd mit der Gesellschaft bekannt, auch Fräulein Dare wurde er vorgestellt; sie schien sich nicht zu erinnern, ihm schon früher begegnet zu sein.

Sie sind fremd hier in der Stadt, wie mir Herr Dury sagt, begann sie die Unterhaltung; gedenken Sie längere Zeit in Sibley zu verweilen?

Das hängt von den Umständen ab, wird sich aber bald entscheiden; die Stadt ist sehr hübsch gelegen und gar kein übler Aufenthalt, – die nichtssagenden Worte wollten ihm kaum über die Lippen; es standen so wichtige Dinge auf dem Spiel, ihr Glück, vielleicht ihre Ehre! –

Inzwischen hatte Fräulein Tremaine drinnen im Musikzimmer am Klavier Platz genommen, der junge Dury war ihr gefolgt, und auch die übrigen Gäste drängten sich zu dem musikalischen Genuß. Kaum sah sich Imogen Dare mit Byrd allein, als sie ohne weitere Umschweife die Frage an ihn richtete, ob sie vorhin recht verstanden habe, daß in betreff des Mordes der Frau Klemmens neue Tatsachen ans Licht gekommen seien.

So brachte sie selbst das gefährliche Thema zur Sprache. Byrd bezwang seine Erregung und erwiderte so unbefangen wie möglich:

Es hat heute eine Verhandlung stattgefunden, und man glaubt des Verbrechers habhaft geworden zu sein.

Der flüchtige Blick, den er hiebei auf die junge Dame warf, hatte sein Schicksal besiegelt. Die Probe war nur zu gut gelungen. Angst, Schmerz, bleiche Furcht und Todesschrecken malten sich in ihren Zügen.

Aus dem Nebenzimmer vernahm man jetzt die Töne eines wohlbekannten Liedes; sie schienen Imogen wieder zu sich zu bringen. Mit erzwungener Fassung murmelte sie vor sich hin: Es ist so schrecklich, von einem Verbrechen in nächster Nähe zu hören. – Sie hatte ihre Selbstbeherrschung zurückgewonnen. – Und wer soll denn die Tat begangen haben? fragte sie. Nennt man etwa einen bestimmten Namen?

Ein Herr aus Toledo soll der Mörder sein, ein gewisser Valerian Hildreth, der auf seltsame Weise in betreff seiner Vermögensverhältnisse von der Witwe abhing. – Byrd brauchte seine ganze Kraft, um die ruhige Antwort zu erteilen. Sie hatte einen andern Namen erwartet. Er sah die Ueberraschung aus ihren Augen blitzen, ihre Züge erhellten sich unwillkürlich, sie holte tief Atem aus erleichterter Brust.

Valerian Hildreth? wiederholte sie: ich habe den Namen noch nie gehört.

Höchst wahrscheinlich, entgegnete Byrd. Es kennt ihn niemand in der Stadt. Erst am Morgen der Mordtat ist er hier angekommen. Ob er das Verbrechen wirklich begangen hat oder nicht, weiß natürlich niemand. Aber die Tatsachen zeugen wider ihn, und der arme Mensch ist verhaftet worden.

Verhaftet, sagen Sie? – Ihre Stimme bebte kaum merklich.

Ja, wie die Sachen stehen, war das selbstverständlich. Um die Zeit, als der Mordstreich fiel, hat er sich dort im Hause befunden. Er sagt aus, er habe auf dem Vorplatz gestanden und nichts von dem Täter gehört oder gesehen. Aber es liegen keine Beweise gegen irgendeinen andern Menschen vor; auch ist festgestellt worden, daß er das größte Interesse an dem Tod der Witwe hatte. Unter so erschwerenden Umständen wird es ihm kaum möglich sein, seine Unschuld zu beweisen. Vielleicht ist er aber auch wirklich der Mörder, fuhr der junge Detektiv fort, das Grauen und Entsetzen in ihren Blicken gewahrend, man kann sich freilich schwer vorstellen, wie ein feiner, gebildeter Mann dazu kommt, eine solche Tat zu begehen.

Sie schien seine Worte kaum zu beachten.

Er stand auf dem Vorplatz? wiederholte sie, wie kam er dorthin, was wollte er dort?

Er hatte eine Unterredung mit der Witwe gehabt und sagt, er habe seine Gedanken sammeln wollen. Das scheint nicht recht glaubhaft – aber die Sache ist so geheimnisvoll –

Sagt er, er habe die Witwe schreien hören? fragte sie mit zitternder Stimme; hat er kein Geräusch vernommen, keine Schritte gehört?

Nein. Wenn er die Wahrheit sprach und wirklich auf dem Vorplatz war, während das Verbrechen verübt wurde, muß kein Laut aus dem Zimmer zu ihm gedrungen sein.

Es entstand eine Pause; vom Klavier her vernahm man eine wohltönende Männerstimme:

»O sprecht, ist das Liebe, der treu nicht das Herz,

»In Ehre und Schande, in Freude und Schmerz?«

In Fräulein Dares Zügen ging eine sichtliche Veränderung vor; sie schwieg noch einen Augenblick. Wenn er nichts gesehen und gehört hat, sagte sie, wie weiß man denn, daß er überhaupt während der Tat im Hause war?

Das ist nur durch eine genaue Berechnung von Zeit und Stunde ans Licht gekommen. Er selbst will nichts davon gewußt haben.

Sie sagen, er sei ein gebildeter Mensch?

Ja, ein feiner Herr, und hübsch und jung obendrein. 

Und er ist ins Gefängnis abgeführt worden?

Wenn es noch nicht geschehen ist, geschieht es wohl schon morgen. –

Sie trat an das Fenster und blickte in die Nacht hinaus.

Vermutlich hat er Freunde, sagte sie leise.

Zwei Schwestern, vielleicht auch sonst jemand, der seinem Herzen nahesteht.

Mir wird plötzlich so schwindelig zumute, murmelte sie, sich auf das Fensterbrett stützend.

Die Klänge der Musik im Nebenzimmer, welche das ganze Gespräch begleitet hatten, schwiegen jetzt, und fröhliches Stimmengewirr trat an deren Stelle. –

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Mitteilungen, wandte sich Fräulein Dare wieder an Byrd; das traurige Ereignis hat mich viel beschäftigt, und es war mir lieb, Näheres darüber zu erfahren. Ich muß mich jetzt zurückziehen und wünsche Ihnen guten Abend. –

Sich höflich, aber stolz verneigend, schritt sie an Byrd vorbei in das Musikzimmer, entschuldigte sich bei der Wirtin mit leichtem Unwohlsein und verschwand, ohne Aufsehen zu erregen, aus der Gesellschaft.

Der junge Detektiv verweilte noch etwa eine halbe Stunde in dem heitern Kreise; was er aber dort sprach und tat, wann oder mit wem er fortging, und wie er in sein Hotel zurückkam, war ihm später nicht mehr erinnerlich. Lange nach Mitternacht ging er noch immer ruhelos in seinem Zimmer auf und ab, um den schwersten Entschluß seines Lebens zu fassen, welchen sein Pflichtgefühl jetzt unerbittlich von ihm forderte. 



Elftes  Kapitel.

Als Byrd am nächsten Morgen die Schreibstube des Bezirksanwalts betrat, fiel es Ferris auf, wie elend und angegriffen er aussah.

Ich komme, sagte der junge Detektiv, um mich bei Ihnen zu erkundigen, was Sie von Herrn Hildreths Aussichten halten. Sind Sie entschlossen, ihn verhaften zu lassen?

Das ist unzweifelhaft meine Pflicht, war die Antwort. Der Verdacht gegen ihn verschärft sich mehr und mehr, wenn auch bis jetzt nur Indizienbeweise vorliegen. Als er gestern durchsucht wurde, hat man einen Ring bei ihm gefunden, den er nach seinem eigenen Zugeständnis am Tage der Mordtat getragen hat.

Ich sah, wie er ihn während der Verhandlung vom Finger zog, murmelte Byrd.

Er hat seine Angst und Unruhe bei dem Verhör kaum verbergen können. Hickory – so heißt Ihr Kollege aus Neuyork – sagt, der junge Mann habe sich so auffällig benommen, daß erst dadurch seine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt worden sei. Einmal habe er seinen Platz verlassen, als wolle er sich entfernen; hätte er ungehindert durch die Menge kommen können, er würde gewiß einen Fluchtversuch gemacht haben.

Ist dieser Hickory ein Mensch, auf dessen Urteil man sich verlassen kann? fragte Byrd gespannt.

Ich glaube wohl. Er scheint sein Geschäft zu verstehen. Die Art, wie er uns Herrn Hildreths Zeugnis verschaffte, verdient alle Anerkennung.

Könnte ich ihn nur seine Ansicht über den Fall aussprechen hören, ohne daß er es weiß, äußerte Byrd nachdenklich.

Das ließe sich wohl machen, erwiderte der andere, ihm einen verständnisvollen Blick zuwerfend. Ich erwarte ihn jeden Augenblick hier; wenn Sie sich hinter jenen Schirm zurückziehen wollen, könnten Sie ganz nach Belieben anhören, was er mir mitzuteilen hat.

Auf des jungen Detektivs Stirn lagerten sich düstere Falten. Das will ich tun, sagte er entschlossen. Er begab sich nach der andern Seite des Zimmers und verschwand hinter dem bezeichneten Schirm.

Bald darauf nahte ein rascher Schritt, und von außen rief eine helle Stimme: Sind Sie allein, Herr Anwalt?

Kommen Sie, kommen Sie! versetzte Ferris, ich habe schon auf Sie gewartet; was bringen Sie Neues?

Der Mann trat ein, warf schnell einen Blick im Zimmer umher und sagte dann selbstgefällig: Was soll es viel Neues geben? Wir haben den Vogel gefangen, und er sitzt im Käfig. Jetzt fahre ich zuerst nach Albany, vielleicht läßt sich da noch dies oder jenes über ihn auffischen, und nächste Woche kann ich mich nach Toledo begeben, sobald Sie es für ratsam halten.

So sind Sie also überzeugt, daß Valerian Hildreth der Täter ist und kein anderer? rief Ferris, den Rauch seiner Zigarre vor sich hinblasend. Es steht für Sie unzweifelhaft fest?

Ueberzeugt? – Was hat ein Detektiv mit Ueberzeugung zu tun? Das ist Sache des Richters und der Geschworenen. Ich weiß nur, nach welcher Richtung alle Beweise zielen, und daß auch nicht der leiseste Schein eines anderweitigen Verdachts zum Vorschein gekommen ist. Freilich mag es nicht angenehm sein, einen so feinen Herrn in Haft zu nehmen, fügte Hickory mit der Behaglichkeit eines Mannes hinzu, der ein Recht zu haben meint, auf seinen Lorbeeren auszuruhen, aber vor dem Gesetz gilt nicht Vornehm noch Gering, das ist nun einmal eine ausgemachte Sache. – Er scheint sich's übrigens sehr zu Herzen zu nehmen, fuhr er redselig fort, als der Bezirksanwalt schwieg. Die ganze Nacht hat er kein Auge geschlossen, sondern ist im Zimmer auf und ab gegangen, wie ein wildes Tier im Käfig, oder hat dumpf vor sich hingestarrt, als sei er dem Wahnsinn nahe. »Hätte mein Großvater das ahnen können!«, hat er wieder und wieder gesagt und die Hände vors Gesicht geschlagen, wenn jemand ihm in die Nähe kam. Sobald der Morgen graute, ließ er sich Papier und Bleistift geben; der Polizeidiener sah, was er schrieb, es war ein Brief an seine Schwestern, worin er sie beschwor, an seine Unschuld zu glauben; der Schluß klang ganz wie eine Art letzter Wille. Man wird gut tun, ihn unausgesetzt zu bewachen, möglicherweise beabsichtigt er einen Selbstmordversuch. – Kann ich etwas für Sie ausrichten?

Nein, entgegnete Ferris, die nötigen Befehle sind schon erteilt worden. Für Sie wird es am besten sein, den Ausflug nach Albany zu machen. Wenn Sie zurückkommen, wollen wir sehen, was weiter zu tun ist.

Schön; in höchstens zwei Tagen bin ich wieder hier; ich lasse Ihnen meine Adresse, im Fall sich etwas Wichtiges zuträgt. – Hickory empfahl sich und verließ das Zimmer.

Nun, Byrd, was halten Sie von ihm? fragte Ferris, als die beiden wieder allein waren.

Hat Ihnen Coroner Tredwell mitgeteilt, entgegnete der junge Mann statt der Antwort, daß der Inspektor es meinem Urteil anheimstellt, dem Fall weiter nachzuforschen, wenn ich glaube, der Gerechtigkeit dadurch zu dienen?

Ferris nickte bejahend.

So darf ich Sie wohl bitten, Herrn Hildreth eine Botschaft zu übermitteln, fuhr jener fort, des Inhalts, daß er die Folgen seiner Verhaftung nicht zu fürchten braucht, wenn er an dem Verbrechen schuldlos ist. Sagen Sie ihm, daß sich jemand seiner Sache annehmen will, der sein Wort zum Pfande setzt, er werde nicht ruhen und rasten, bis er den Schuldigen entdeckt und den Unschuldigen von jedem Verdacht befreit habe.

Was? rief Ferris, verwundert über die ernste, entschlossene Haltung des jungen Mannes, dessen Wesen ihm bisher so gelassen und gleichmütig erschienen war. Sie teilen also Hickorys Meinung nicht, Sie sind zu andern Schlüssen gelangt als er?

Das bin ich. Hickory ist stolz darauf, den Verbrecher entdeckt zu haben. Deshalb zweifelt er nicht an Hildreths Schuld.

Und Sie?

Ich betrachte die Schuld noch als offene Frage. Doch räume ich das nur Ihnen gegenüber ein. Mein Anteil an der Sache muß überhaupt geheim bleiben, wenn ich die Fährte weiter verfolgen soll, auf welche ich geraten zu sein glaube. Es darf in hiesiger Stadt niemand etwas davon erfahren, dazu bin ich dem Inspektor gegenüber verpflichtet, auch verlangt es das Interesse des Falles selbst. Die Aufgabe, welche ich freiwillig übernehme, ist nichts weniger als angenehm; erleichtern Sie mir dieselbe dadurch, daß Sie mir Ihr Vertrauen schenken. Lassen Sie mich meine Nachforschungen allein anstellen, bis ich die unerschütterliche Ueberzeugung erlange, daß nicht Valerian Hildreth der Mörder von Frau Klemmens ist, sondern jemand, der mit ihm und seinen Interessen auch nicht das geringste zu schaffen hat.

Sie wollen also den Fall übernehmen?

Ja, Herr Anwalt, entgegnete Byrd kurz.

Durch diesen Entschluß zerstörte er den seligen Liebestraum, der ihn umgaukelt hatte. 



Zweites Buch.



Zwölftes Kapitel.

Byrd war sich wohl bewußt, daß er bei seinem Gespräch mit Imogen Dare etwas unterlassen hatte, was keiner seiner Kollegen an seiner Stelle versäumt haben würde, nämlich, den Namen dessen auszusprechen, welchen er im Verdacht hatte, der Mörder der Frau Klemmens zu sein. Hätte er dies getan, hätte er Craik Mansell erwähnt oder auch nur eine leise Anspielung auf ihn, den Neffen der Witwe, einfließen lassen, vielleicht würde dann das heftig erregte Mädchen durch ein Zeichen, einen Ausruf ihrerseits seine Vermutung zur Gewißheit gemacht und ihm die Grundlage geliefert haben, auf welcher er seine weiteren Pläne bauen konnte.

Aber dies Mittel, seinen Zweck zu erreichen, widerstand seiner ritterlichen Natur. Er war nicht nur Detektiv, er war auch Mensch. Zudem zweifelte er nach der angestellten Probe kaum mehr, daß sein Argwohn richtig sei.

Er brauchte nur noch zu untersuchen, ob die Tatsachen damit in Einklang ständen, eine Aufgabe, der er sich sofort zu unterziehen beschloß, mochte die Erfüllung der unwillkommenen Pflicht ihm auch noch so schwer fallen. 

Zwei Fragen galt es vor allem zu beantworten. Erstens: war der Herr, mit dem Imogen Dare die Zusammenkunft im Bahnhof zu Syrakus gehabt, und der von Fräulein Firman erwähnte Neffe wirklich eine und dieselbe Person? Zweitens: ließen sich Beweise beibringen, daß dieser Neffe zurzeit, als die Mordtat verübt wurde, sich im Hause der Frau Klemmens, oder in der Nähe desselben befunden hatte?

Um sich auf die Feststellung dieser zwei Punkte gründlich vorzubereiten, begab sich Byrd nochmals in das Haus der Witwe, dessen innere Einrichtung und äußere Umgebung er einer genauen Untersuchung unterzog. Dabei kam er zu der Ueberzeugung, daß, wenn ein anderer als Valerian Hildreth die Tat begangen hatte, der Mörder sich schon im Hause befunden haben müsse, als jener es betrat.

Das Haus besaß drei Eingänge: die Vordertür war von Hildreth, ohne daß Frau Klemmens es wußte, bewacht; auf dem Weg zur Küchentür befand sich der Hausierer in dem kritischen Augenblick, und die Tür zum Eßzimmer, obwohl allem Anschein nach unbeobachtet, war so gelegen, daß die Witwe, welche an der Uhr stand, als der Angriff erfolgte, den Eintretenden jedenfalls hätte sehen oder hören müssen.

Die Annahme, der Mörder könne durch die Küchentür hereingekommen sein, nachdem der Hausierer sich entfernt hatte, war so unwahrscheinlich, daß sie kaum in Betracht kam. Es lag daher auf der Hand, daß er sich schon früher eingeschlichen und entweder auf Frau Klemmens im Eßzimmer gelauert hatte, als sie dieses nach der Unterredung mit Hildreth betrat, oder vom oberen Stock auf der Treppe herabgekommen war, die gerade in eben dies Zimmer mündete.

Und noch eins stand für ihn unumstößlich fest:

Der Täter – vorausgesetzt, daß es nicht Hildreth war – konnte nur durch eine der Hintertüren in der Richtung des Waldes entflohen sein. Zwar lag die unebene mit Brombeergestrüpp bewachsene Strecke Sumpfland dazwischen, bis man den Schutz der Bäume erreichte, aber wen Angst oder Not trieb, der konnte sicher in fünf Minuten hinübergelangen. So viel Zeit war aber reichlich nach der Mordtat verstrichen, als Ferris die Eßzimmertür öffnete, um die Gegend hinter dem Hause zu überblicken. Durch diese Tür also war aller Wahrscheinlichkeit nach die Flucht erfolgt; sie war der Beobachtung nicht ausgesetzt, und der Zaun, welcher den Garten der Witwe von dem Sumpfe trennte, ließ sich leicht übersteigen. Byrd beschloß, rasch die Probe selbst zu machen, jenseits des Sumpfes in den Wald vorzudringen und zu sehen, ob man sich daselbst gut verbergen und die Flucht fortsetzen könne.



Freilich gab es dabei einige Schwierigkeiten zu überwinden; der hügelige Boden war halb vom Wasser bedeckt, und wer auf dem schlüpfrigen Grunde ausglitt, mußte sich mühsam aus dem Dorngestrüpp wieder herausarbeiten. Byrd fand jedoch im übrigen seine Annahme bestätigt; mit Schlamm bespritzt erreichte er nach kaum fünf Minuten den festen Waldboden, welchen Buchen und Ahornbäume nicht allzudicht bestanden. Noch war er nicht weit in den Wald vorgedrungen, als er an eine Lichtung kam, durch welche ein betretener Pfad zu einer kleinen, anscheinend verlassenen Hütte führte, die an einer Felswand lehnte. Sich vorsichtig näher wagend, blickte er in die offene Tür; als er jedoch den Raum leer fand, ging er, ohne sich aufzuhalten, auf dem Pfad weiter und erreichte nach kurzer Zeit den Saum des Waldes.



Er trat ins Freie und erkannte zu seiner Ueberraschung, daß er nicht, wie er geglaubt, den Wald in gerader Linie durchschritten, sondern eine Art Halbkreis beschrieben hatte, welcher in die Landstraße einmündete, die geradeswegs zur Stadt zurückführte. Zugleich sah er wenige Schritte davon die Endstation der Pferdebahn, welche diesen abgelegeneren Stadtteil von Sibley mit dem eigentlichen Geschäftsviertel verband. Leicht hatte der Flüchtling von hier aus die Eisenbahn erreichen können, die etwa eine Meile entfernt war. Wie kam es nun, daß die Behörden diese Möglichkeit des Entkommens so völlig übersehen hatten? – Byrd war zwar in dieser Gegend von Sibley noch nie gewesen, doch hatte er die schöne freie Aussicht sehr rühmen hören, die man in dem auf der Anhöhe erbauten vornehmeren Westende genoß. Er blickte umher: rechts von der Landstraße lag die prächtige Villa des Professors Darling, und über das grünschimmernde Becken des Sumpflandes hinweg, um das sich die Straße in Hufeisenform bog, sah er die Stadt wie auf einer Landkarte vor sich ausgebreitet liegen; er erkannte die einzelnen Straßen und Gebäude und glaubte sogar zwischen den höhern Häusern das neue Ziegeldach hervorblicken zu sehen, welches das Wohnhaus der Witwe deckte. Hierin konnte er sich jedoch leicht täuschen; auf weitere Entfernung sah sein Auge nicht sehr scharf.

Die Pferdebahn brachte ihn zur Stadt zurück, bis dicht an den Bahnhof. Gedankenvoll suchte er sein Hotel wieder auf.

Irre ich mich nicht, sagte er zu sich selbst, und hat wirklich ein anderer als Valerian Hildreth den Mord begangen, dann habe ich jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach genau den Weg zurückgelegt, auf dem der Mörder seine Flucht bewerkstelligt hat.

Es war nun seine Aufgabe, zu beweisen, daß diese Vermutung nicht aus der Luft gegriffen sei, sondern sich bestätigen lasse.



Dreizehntes Kapitel.

Die Papierfabrik von Harrisson, Goodman & Chamberlain, in einer Hauptstraße von Buffalo gelegen, beschäftigte eine große Anzahl Arbeiter.

Eines Abends sah man an dem Gittertor des weitläufigen schmucklosen Gebäudes einen feingekleideten Herrn lehnen, der mit unermüdlicher Geduld jede einzelne Gestalt musterte, als suche er jemand in dem herausströmenden Schwarm. Als sich die Leute verlaufen hatten, wandte er seine Aufmerksamkeit der kleinen Seitentür zu, durch welche die Bureaubeamten und Fabrikherren das Gebäude verließen.

Byrd hatte sich hier aufgepflanzt, weil er Umschau unter sämtlichen Angestellten der Fabrik zu halten wünschte, um aus ihrer Mitte den Neffen der Witwe Klemmens zu erkennen, dessen Aeußeres ihm so genau beschrieben worden war. Aber wie er auch spähte und harrte, es war in der Menge keiner, der dem Manne mit den herkulischen Gliedern, den ausdrucksvollen Zügen, dem Schnurrbart und den blitzenden Augen glich, den er auf seine Skizze, dem Bildnis von Imogen Dare gegenüber, gezeichnet hatte. Jetzt schienen die letzten das Fabrikgebäude verlassen zu haben, und schon glaubte Byrd alle seine kühnen Theorien in nichts zusammenfallen zu sehen, als die kleine Seitentür sich abermals öffnete, und zwei Herren heraustraten.

Bei dem Anblick des einen stutzte der Detektiv. Er war jung, stark gebaut, von ungewöhnlich dunkler Gesichtsfarbe und trug einen großen Schnurrbart. Zwar hatte sich Byrd nach der Beschreibung die Züge von Frau Klemmens' Neffen anders gedacht, indessen waren Wesen und Haltung des Mannes doch der Art, daß Byrd beschloß, ihm zu folgen. An der Ecke trennten sich die beiden Herren, und jener stieg in die Pferdebahn. Der Detektiv nahm sofort im selben Wagen Platz und hatte das Vergnügen, eine ganze Strecke weit den Rücken des mutmaßlichen Mansell zu beobachten, welcher vorn bei dem Kutscher stand. Dann stiegen andere Fahrgäste ein; ehe er sich dessen versah, war ihm die Aussicht versperrt, und als das Fenster wieder frei wurde, war der junge Mann verschwunden.

Mißvergnügt begab sich Byrd in sein Hotel zurück. Tags darauf schickte er nach der Fabrik, verschaffte sich Mansells Adresse und mietete sich in demselben Kosthaus ein, das jener bewohnte. Beim Mittagstisch hoffte er Gewißheit zu erlangen, ob der Mann auf dem Bahnhof in Syrakus der wirkliche Craik Mansell und derselbe gewesen sei, dessen Spur er tags zuvor gefolgt war.

Dem jungen Detektiv war dabei zumute, wie einem Jäger, der sein eifrig verfolgtes Wild endlich erspäht hat. Seine bisher so unerschütterliche Gelassenheit machte einer fieberhaften Erregung Platz.

Früher als die andern Kostgänger fand er sich im Speisezimmer ein und sah die alten und jungen Herren und Damen nacheinander bei Tische erscheinen; zu allerletzt kam auch der Herr, welchen er am vergangenen Abend so plötzlich aus dem Gesicht verloren hatte. Er zweifelte nun nicht länger daran, daß es Mansell sei.

Seltsamerweise veränderten sich Herrn Mansells Mienen in dem Moment, als sich ihre Augen begegneten, trotzdem sie einander doch völlig fremd waren. – Byrd fühlte, daß er nicht bloß Beobachter war, sondern selber beobachtet wurde, und bedauerte sehr, keine Verkleidung angenommen zu haben, ehe er das Kosthaus betrat. Er vermied es nun geflissentlich, nach jenem hinzublicken, und ließ sich's eifrig angelegen sein, sich seinen beiden Tischnachbarinnen, der Tochter des Hauses und einem älteren Fräulein, so angenehm wie möglich zu machen. Das Mahl war schon zur Hälfte vorüber, als eine junge Dame in seiner Nähe mit lauter Stimme sagte: Wie spät Sie kommen, Herr Mansell!

Byrd erkannte, daß er sich getäuscht hatte, sah nach dem Eintretenden hin und konnte sein Staunen kaum verbergen. – Ja, dies war das richtige Urbild seiner Skizze: das ausdrucksvolle düstere Gesicht, die herkulischen Glieder, die kräftige Gestalt, mit der sich keiner der anwesenden Männer messen konnte. Kein Zweifel, dies war der Mann, den Imogen Dare im Bahnhof von Syrakus getroffen. Vergebens hoffte Byrd aber aus der Art seiner Unterhaltung Aufschluß über seinen Charakter zu erhalten; der neue Ankömmling zeigte sich ungewöhnlich schweigsam und schien durchaus nicht in der Stimmung, an dem heiteren oberflächlichen Gespräch teilzunehmen, welches an Frau Harts Mittagstafel im Gange war. So mußte sich denn der junge Detektiv damit begnügen, Mansell genau zu betrachten, und er mußte sich gestehen, daß aus diesen Zügen keine kalte, grausame Verbrechernatur sprach. Wenn er, einer starken Versuchung unterliegend, wirklich den Mordstreich geführt hatte, so konnte dies nur in einem Moment sinnlos heftiger Aufwallung geschehen sein, welchem die bitterste Reue sofort auf dem Fuße gefolgt sein mußte.

Das änderte jedoch nichts in bezug auf Byrds Pflicht, den Schuldigen zu entlarven und den Unschuldigen zu retten, mochte auch Hildreth nach seinen sonstigen Charaktereigenschaften noch so tief unter Mansell stehen.

Die erste Frage war gelöst; jetzt kam die zweite an die Reihe; Byrd mußte sich ohne Säumen Gewißheit verschaffen, ob der junge Mann zurzeit der Mordtat in der Nähe des Hauses seiner Tante verweilt habe. Wer war aber der Mann mit dem Schnurrbart, den er zuerst für Mansell gehalten?

Am Abend versammelten sich Frau Harts Kostgänger gewöhnlich in den Gesellschaftsräumen. Von sieben bis zehn Uhr herrschte daselbst ein fröhliches Treiben, und man verbrachte die Zeit aufs angenehmste. Byrd schloß sich ohne Zaudern dem heitern Kreise an und war bald mit einer freundlichen jungen Dame in vertraulichem Gespräch begriffen.

Man scheint hier im Hause ein sehr geselliges Leben zu führen und sich vortrefflich zu unterhalten, äußerte er.

O ja, war die ihm höchlich willkommene Antwort, wir sind alle gut gelaunt – nur Herr Mansell macht eine Ausnahme. Aber das ist wohl natürlich und kaum anders zu erwarten.

Herr Mansell? fragte Byrd mit innerer Befriedigung über den schnellen Erfolg seines Plans, wohl der Herr, der so spät zu Tische kam?

Ja, er ist in sehr bedrückter Stimmung wegen des schrecklichen Todes seiner Tante, die vor einigen Tagen in Sibley ermordet wurde. Sie haben wohl davon gehört. Ein gewisser Hildreth hat den Mord begangen. Ehe sie starb, hat sie nur noch einige Worte sprechen können – etwas von einem Ringe; man glaubt, sie habe den Mörder beschreiben wollen.

Wirklich, eine gräßliche Geschichte – und dieser Mansell ist ihr Neffe? Da hat er Ihnen wohl alle Einzelheiten erzählt?

Bewahre! Dazu brächte ihn nichts in der Welt. Er spricht überhaupt nicht gern. Auch weiß er sicher nicht mehr als andere Leute davon zu berichten. Nach Sibley ist er gar nicht gereist.

Ging er denn nicht zum Begräbnis hin?

Nein, er war gerade krank, stark erkältet, glaub ich, und mußte das Zimmer hüten. Seine Tante hat ihm ihr Vermögen hinterlassen, aber er ist nicht nach Sibley gegangen, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen. Manche wundern sich darüber, aber ich – –

Sie brach mitten in ihrer Rede ab und lächelte einem Herrn verbindlich zu, welcher soeben aus dem Nebenzimmer eintrat. Byrd erkannte den Mann, den er zuerst für Mansell gehalten.

Sie entschuldigen, begann dieser eilfertig, die Gesellschaft hat drinnen ein Spiel vor, an welchem sich Fräulein Klayton unbedingt beteiligen muß.

Lassen Sie mich Ihnen zuerst Herrn Byrd vorstellen, Herr Brown, sagte die junge Dame mit anmutiger Leichtigkeit, da Sie beide noch fremd sind in unserem Kreise, freut es mich, Sie miteinander bekannt zu machen. Die Herren verbeugten sich, dann reichte Brown dem Fräulein den Arm und verschwand mit ihr im Nebenzimmer.

Byrd, der allein blieb, blickte dem unwillkommenen Störenfried mit nicht sehr freundlichen Gefühlen nach. Bisher war alles so gut gegangen, die Unterhaltung hatte so vielversprechend begonnen, nun kam dies erste Hemmnis!

Um einen neuen Versuch zu machen, näherte er sich seiner früheren Tischnachbarin, der etwas schüchternen Tochter vom Hause, die in einer Nische hinter dem Klavier Platz genommen hatte.

Der große, schwarze Herr, sagte er, der so spät kam, hat sich sehr früh wieder zurückgezogen.

Sie meinen Herrn Mansell? – Der ist in Trauer. Eine Verwandte von ihm ist neulich auf geheimnisvolle Weise umgebracht worden. Es war eine Frau Klemmens, die in Sibley wohnte. Sie werden es aus der Zeitung wissen.

Jawohl, und der Herr ist ihr Neffe? – Eine merkwürdige Erscheinung; wie mir scheint, wenig gesprächig.

Er ist sehr klug und geschickt, besonders interessiert er sich für Maschinen und hat eine Erfindung gemacht –

O komm, Klara, rief in diesem Augenblick eine muntere Stimme, du mußt mitspielen und kannst nicht da hinten sitzen bleiben, bringe nur den Herrn auch gleich mit! Das junge Mädchen, das die Säumigen herbeiholen sollte, lief auf ihren Platz zurück, neben den gleichen Herrn Brown, der sich dem jungen Detektiv schon vorhin lästig erwiesen.

Wieder ein Hindernis, dachte er, der Mensch ist mir ja überall im Wege.

So sah sich Byrd sehr wider Willen mit in das Spiel hineingezogen; erst nach einiger Zeit gelang es ihm, sich unbemerkt zu entfernen. Zunächst suchte er nun die Wirtin, Frau Hart, selbst in ihrem Wohnzimmer auf und wußte sie gleichfalls geschickt auf das Thema zu lenken, das ihn einzig und allein beschäftigte. Er hatte eben von ihr erfahren, daß Mansell zurzeit der Mordtat vom Hause entfernt gewesen sei, als an die Tür geklopft wurde. Mit höflicher Verbeugung, einen schnellen, überraschten Blick auf Byrd werfend, trat der unvermeidliche Herr Brown ins Zimmer, offenbar mit der Absicht, seine Aufwartung zu machen.

Diese dritte Störung war Byrd ausnehmend ärgerlich, doch ließ er sich nichts merken, empfahl sich bei Frau Hart, trotz ihrer liebenswürdigen Aufforderung zu längerem Bleiben, und kehrte ins Gesellschaftszimmer zurück.

Die letzten Gäste waren aber soeben fortgegangen, er fand nur leere Räume und mußte sich entschließen, sein eigenes Zimmer im vierten Stock aufzusuchen.

In dem langen Gang reihte sich Tür an Türe. Er glaubte sich zu erinnern, daß die seinige die dritte von der Treppe sei und öffnete diese ganz zuversichtlich. Sofort erkannte er, daß er in ein falsches Zimmer geraten sei und zwar in Mansells. Dies zeigte schon das zierliche Modell einer kleinen Maschine, das auf dem Tische stand. Aber auch der Erfinder selbst war zugegen. Er saß mit dem Rücken nach der Tür, die Arme auf dem Tisch und den Kopf darauf gelegt, wie gebeugt von Jammer oder Verzweiflung. Rasch wollte sich Byrd wieder zurückziehen, aber die Gestalt verharrte so still, so regungslos, daß ihn ein Schauder ergriff; er trat vor, nannte des jungen Mannes Namen, und da er keine Antwort erhielt, berührte er seine Schulter.

Dies wirkte. Craik Mansell schnellte in die Höhe und stand schon im nächsten Augenblick vor dem unberufenen Eindringling. Was haben Sie hier zu suchen? rief er mit finster gerunzelten Brauen. Die ganze Heftigkeit seiner Natur sprühte aus den zornigen Augen.

Entschuldigen Sie, bat Byrd höflich, ich habe mich im Zimmer geirrt – –. Sprachlos hielt er inne, kaum seinen Augen trauend: in Mansells rechter Hand erblickte er ein Bild – die Photographie von Imogen Dare. Quer über Gesicht und Gestalt waren unbarmherzig zwei dicke schwarze Striche kreuzweise gezogen. – Sie saßen so unbeweglich da, als ich eintrat, fuhr er fort, ich fürchtete, es sei Ihnen etwas zugestoßen, deshalb rief ich Sie beim Namen.

Mansell verneigte sich kalt. Ich bin Ihnen sehr verbunden, sagte er, sich unwillig abwendend.

Byrd sah, daß er allein sein wollte, und mochte sich daher nicht aufdrängen, wie wichtig es ihm auch gewesen wäre, das Gespräch fortzusetzen. Eben öffnete er die Tür, um sich zu entfernen, als sie plötzlich aufgerissen wurde und wiederum der überlästige Brown hereinplatzte.

Das ging über Mansells Geduld. Zornig trat er auf den zweiten Eindringling zu, wies auf die Tür und fragte, ob es nicht Sitte unter anständigen Leuten sei, anzuklopfen, bevor man ein fremdes Zimmer betrete.

Brown erschöpfte sich in Entschuldigungen; er wisse gar nicht, wie es zugegangen sei, solchen Irrtum habe er noch nie begangen; er hätte darauf geschworen, dies sei seine Zimmertür. Bitte noch tausendmal um Verzeihung, rief er, sich geräuschvoll zurückziehend.

Byrd stand starr vor Staunen; dieses seltsame Zusammentreffen ging denn doch über alle seine Begriffe. Er sah ein, wie vergeblich jeder Versuch einer Auseinandersetzung mit dem erzürnten Mansell sein würde; verwirrt und betreten stammelte er nur noch, daß er den andern Herrn nicht kenne, und entfernte sich so schnell wie möglich. 



Vierzehntes Kapitel.

Byrd verbrachte eine ruhelose Nacht. Bald quälte er sich mit Vermutungen, was wohl das unverschämte Benehmen jenes Brown zu bedeuten haben möchte, bald sah er wieder im Geist Mansell in trostlosem Jammer dasitzen, und in seinen unruhigen Träumen verfolgte ihn das verunstaltete Bildnis der schönen Imogen Dare. Das Mitleid mit dem unglücklichen jungen Mann, den nur blinde Leidenschaft zum Verbrecher gemacht haben konnte, regte sich so mächtig in ihm, daß er fast in dem Entschluß wankend wurde, der Fährte weiter nachzuspüren. Erst der neue Tag gab ihm die alte Tatkraft zurück.

Mansell hatte sich bereits in die Fabrik begeben, als Byrd am andern Morgen zum Frühstück kam; doch fand er Gelegenheit, seinem Vorsatz gemäß den unbequemen Brown scharf zu beobachten. In dem Benehmen dieses Menschen ihm gegenüber lag nichts, was sein Mißtrauen rechtfertigte; er war höflich, zuvorkommend und bereit, ihn ins Gespräch zu ziehen. Doch konnte Byrd nicht umhin, zu glauben, daß von jenem ein feindlicher Einfluß ausgehe, um ihm und seinem Vorhaben zu schaden. – Womit hätte er sich sonst die kühle Zurückhaltung sämtlicher Gäste erklären sollen, die sich ihm noch am Abend zuvor so freundlich erwiesen hatten? Sogar Fräulein Hart gönnte ihm nur wenige kurze Worte.

Wie groß war aber erst seine Ueberraschung, als die Wirtin, welche bisher die Liebenswürdigkeit selbst gegen ihn gewesen war, ihn zu sich entbieten ließ, um ihm mitzuteilen, sie sehe sich genötigt, anderweitig über sein Zimmer zu verfügen. Zwar suchte sie die Schroffheit ihres Verfahrens zu mildern, indem sie hinzusetzte, ein Herr wünsche das Zimmer auf längere Zeit zu mieten, aber Byrd erkannte deutlich, daß dies nur ein Vorwand sei, um ihn aus dem Hause zu entfernen. Da nun sein Zweck ohnehin vereitelt war, wenn man ihm mit Mißtrauen begegnete, erwiderte er höflich, er wünsche durchaus nicht, die Dame auf irgendeine Weise zu schädigen und werde sich nach einer andern Wohnung umsehen.

Bereits eine halbe Stunde später war er wieder in dem Hotel einquartiert, in dem er zuerst abgestiegen, und fand nun Zeit, seine weiteren Schritte zu überlegen. Trotz aller vorgefundenen Hindernisse, war er doch in den Besitz einiger wichtiger Tatsachen gelangt, welche Mansell betrafen. Er wußte erstens, daß dieser sich eines Vorwands bedient hatte, um sowohl von der Leichenschau als dem Begräbnis seiner ermordeten Tante fernzubleiben. Zweitens, daß er ein leidenschaftlicher Erfinder war und gerade jetzt das fertige Modell einer Maschine bei sich stehen hatte. Und drittens, daß er sich an dem Morgen, als die Mordtat in Sibley verübt ward, nicht daheim befand, sondern an irgendeinem andern Ort.

Die Kenntnis dieser Umstände genügte jedoch noch lange nicht, um die schwerwiegenden Verdachtsgründe zu beseitigen, welche gegen Valerian Hildreth vorlagen. Byrd beschloß daher, seine Nachfragen auf vorsichtige Weise in der Fabrik selbst fortzusetzen, um zu erkunden, wo sich Craik Mansell zurzeit der Mordtat aufgehalten habe. Er verwandte den ganzen Tag dazu und wählte eine sorgfältige Verkleidung, aber überall stieß er auf völlig unerwartete Schwierigkeiten. Die Unterbeamten, die er aufsuchte, waren zu beschäftigt oder gaben auf seine Erkundigungen nur ausweichende Antworten; bei den Fabrikherren ward er unter diesem oder jenem Vorwand gar nicht vorgelassen. Es war, als hefte sich das Mißgeschick, das ihn schon im Kosthaus verfolgt hatte, auch an jeden seiner ferneren Schritte. 

Nur eine Hoffnung, sich Auskunft zu verschaffen, war ihm noch geblieben: Herr Goodman, einer der Chefs der Firma, befand sich an jenem Tage nicht im Geschäft; vielleicht war der Argwohn, welcher Byrd zu verfolgen schien, noch nicht bis zu ihm gedrungen.

Der Empfang, der den jungen Mann in der Privatwohnung des Fabrikherrn erwartete, ließ jedoch viel zu wünschen übrig. Herr Goodman war durch eine Unpäßlichkeit ans Zimmer gefesselt und wenig gestimmt für fremden Besuch.

Mansell? wiederholte er frostig auf die Frage, ob er einen Angestellten des Namens in seinem Geschäft habe. Ja, so heißt unser Buchhalter. Darf ich wissen, weshalb Sie zu mir kommen, um Erkundigungen über ihn einzuziehen? – Der Fabrikherr musterte seinen Besucher mit scharfen Blicken.

Weil Sie mir eine Mitteilung machen können, entgegnete der Detektiv, entschlossen, diesmal zum Ziele zu gelangen, an welcher dem Gericht viel gelegen ist. Ich komme im Auftrag des Bezirksanwalts von Sibley, welcher zu wissen wünscht, wo sich Herr Mansell am Morgen des 26. September befunden habe.

Herr Goodman schien zu überlegen; er griff nach einem Stuhl und nahm Platz.

Und weshalb fragen Sie den betreffenden Herrn nicht selbst danach? Er könnte Ihnen doch am besten Auskunft geben?

Das wohl, entgegnete Byrd freimütig, ich wollte Herrn Mansell nur das unangenehme Gefühl ersparen, welches die Frage ihm vielleicht verursacht hätte, da er ohnedies in letzter Zeit so viel Schmerzliches erlebt hat. Die Sache ist gar nicht von Belang: bei Gericht hat man den Umstand erwogen, daß Herr Mansell als Erbe des kleinen Vermögens der Frau Klemmens aus ihrem Tode Gewinn zieht und möglicherweise die Hand dabei im Spiele haben könne. Es liegt keinerlei Beweis gegen ihn vor, aber, da die Sache nun einmal zur Sprache gekommen ist, bin ich hierhergeschickt worden, um sie näher zu ergründen. Ich höre, daß Herr Mansell an jenem unheilvollen Tage nicht in Buffalo war, doch braucht er deshalb nicht in Sibley gewesen zu sein. Sind Ihnen vielleicht Umstände bekannt, welche genügen würden, seine Abwesenheit vom Tatort zu beweisen?

Der andere verharrte jedoch bei seiner Zurückhaltung. Ich bedauere, sagte er, Ihnen über Herrn Mansells Reisen keine näheren Nachrichten geben zu können; wenden Sie sich gefälligst an ihn selbst!

Er war also nicht in Geschäften für die Fabrik abwesend?

Nein.

Aber Sie wußten um seine Reise?

Ja.

Dürfte ich fragen, wann er zurückkam?

Am Mittwoch war er wieder auf dem Bureau.

Byrd sah ein, daß bei des Fabrikherrn absichtlicher Verschlossenheit wenig für ihn zu hoffen sei. Doch ließ er sich noch nicht abschrecken.

Sie sind vermutlich mit Herrn Mansell befreundet? sagte er ruhig.

Er verkehrt viel in meinem Hause, erwiderte jener schnell und kurz.

Byrd verbeugte sich: So werden Sie keinen Zweifel hegen, daß er sein Alibi beweisen kann?

Ich zweifle überhaupt nicht an Herrn Mansell, lautete die schroffe Antwort.

Jetzt hätte sich Byrd füglich zurückziehen können, aber er wollte noch einen Versuch machen: Gedankenvoll das Haupt wiegend, murmelte er halblaut vor sich hin:

Ich dachte, er wäre vielleicht wegen seines Patents nach Washington gereist, . . .  dann fuhr er zu Herrn Goodman gewendet fort: Hat er nicht eine Maschine erfunden, die er mit Hilfe eines Kapitalisten auszuführen gedenkt?

Ich glaube ja, entgegnete der andere.

Könnte er da nicht nach Neuyork gefahren sein, fragte Byrd in vertraulichem Ton, um über diese Lieblingsidee mit irgend jemand zu beratschlagen? – Wenn ich das nur wüßte, würde ich mit ruhigem Gewissen nach Sibley zurückkehren.

Sein harmloses Aussehen und der freundliche Anteil, der aus seinen Worten sprach, verfehlten ihre Wirkung nicht. Herrn Goodmans Miene wurde etwas gefälliger, er gab zu, daß sein Freund Mansell ihm allerdings mitgeteilt habe, er werde in Sachen seines Patents auf einige Tage verreisen. Das war jedoch alles, was Byrd von ihm erfahren konnte; so verbeugte er sich denn und wandte sich zur Tür.



Erst in diesem Augenblick gewahrte er, daß er während der Unterredung nicht mit dem Fabrikherrn allein im Zimmer gewesen war. In einer Nische hatte ein kleines Mädchen von neun oder zehn Jahren auf dem Fensterbrett gesessen; jetzt glitt die Kleine herab und lief ihm voraus auf den Vorplatz. An der Haustür fand er sie, wo sie ihn schüchtern errötend, doch voll kindlichen Ungestüms erwartete. Er stand still und blickte sie freundlich an. Ich weiß, wo Herr Mansell gewesen ist, rief sie eifrig, gar nicht an dem Ort, von dem Sie sprachen. Auf dem Brief, den er an Papa schrieb am Tage, ehe er zurückkam, stand Monteith als Poststempel. So heißt auch der Mann, der unsere große Wandkarte gemacht hat, daran habe ich mir's gemerkt. Bitte, leiden Sie nicht, daß die Leute etwas Böses von Herrn Mansell sagen; der ist immer so gut!

Mit glühenden Bäckchen und flatternden Locken sprang die Kleine davon, froh, dem lieben Hausfreund, wie sie glaubte, einen Dienst geleistet zu haben. 

Byrd aber fühlte einen wahren Stich im Herzen, daß er die Auskunft, nach welcher er so lange und vergeblich geforscht, zuletzt von den unschuldigen Lippen eines Kindes erhalten hatte. Monteith war die nächste Eisenbahnstation nach Sibley. 



Fünfzehntes Kapitel.

Da man Valerian Hildreth nach seiner Verhaftung in Sibley allgemein für den Mörder der Frau Klemmens hielt, so konnte Byrd bei seiner Rückkehr die Nachforschungen ungehindert fortsetzen, ohne fürchten zu müssen, anderweitigen Verdacht zu erregen.

Bald hatte er festgestellt, daß an jenem verhängnisvollen Dienstag keine Person, die mit Craik Mansell Aehnlichkeit hatte, auf dem Bahnhof gesehen worden sei. Dies erregte sein Erstaunen, zumal auch seine Erkundigungen auf der Pferdebahn, welche doch seiner Ansicht nach der Täter zur Flucht benutzt haben mußte, gleichfalls ohne Erfolg blieben. Kein Schaffner erinnerte sich, daß in der letzten Woche auf der Endstation ein Mann eingestiegen sei, wie ihn Byrd beschrieb.

Nach dieser ersten Enttäuschung dachte er die Sache von einer andern Seite anzugreifen, sich nach Monteith zu begeben und die Fährte von dort aus zu verfolgen. Zuvor aber wollte er den Wald noch einmal durchstreifen, in welchem der Mörder nach verübter Tat zuerst Zuflucht gesucht haben mußte. Diesmal wählte er nicht wieder den Weg über den Sumpf hinter Frau Klemmens' Haus, sondern begann am entgegengesetzten Ende. Die Pferdebahn brachte ihn bis an den Saum des Waldes, und bald hatte er die Hütte auf der Lichtung erreicht. Jetzt untersuchte er auch den inneren Raum; ein paar Holzblöcke, ein Herd aus Backsteinen, auf dem noch ausgebrannte Kohlen lagen, Bank und Tisch, roh gezimmert, das war alles, was er enthielt. Als Byrd nun in der Lichtung umherspähte, entdeckte er hinter der Hütte einen verborgenen Pfad, der durch das Dickicht führte und zwar in einer entgegengesetzten Richtung von der bisher eingeschlagenen. Bergauf, bergab zog sich der schmale Weg in vielfachen Windungen hin, bis er sich endlich in einer mit Blaubeerkraut bestandenen, offenen Stelle des Gehölzes verlor. Erst nach längerem Suchen fand Byrd in dem dichten Gebüsch, das den Platz umgab, einen engen Durchgang, der sich an einer Felsenkante hinschlängelnd, tiefer in den Wald hineinführte und zuletzt in einen breiten Holzweg mündete.

Der Wanderer stand still; sollte er sich nach rechts oder links wenden? Nach einigem Ueberlegen entschloß er sich, den steinichten Weg, der wohl nur zur Holzabfuhr benutzt wurde, nach rechts weiter zu verfolgen, wo sich die Spuren von Wagenrädern, Pferde- und Ochsenhufen kreuzten. Bald gelangte er ins Freie und erkannte, daß er sich auf einer Anhöhe befand, von der man das Tal überblickte, in welchem Monteith lag. In etwa einer halben Stunde mußte er auf der Landstraße die kleine Zwischenstation erreichen können, die hauptsächlich von den Arbeitern im nahen Steinbruch benutzt wurde.

Byrd zweifelte nicht daran, daß er jetzt die richtige Spur entdeckt habe. Auf diesem und auf keinem andern Weg mußte Mansell damals entkommen sein. Aber Mutmaßungen genügten ihm nicht mehr, er mußte Gewißheit haben. Rasch eilte er die Anhöhe hinab, um sich auf der Landstraße nach dem Bahnhof zu begeben, den er in geringer Entfernung vor sich sah. Da stieß er jedoch auf ein unerwartetes Hindernis; ein breiter Fluß, den er vom Gipfel des Hügels kaum bemerkt hatte, rauschte zu seinen Füßen und trennte ihn von der Straße. Erst nachdem er eine weite Strecke zurückgewandert war, fand er eine Brücke, die ihn ans andere Ufer brachte. Es war ein langer und mühseliger Weg, aber alle Beschwerde war vergessen, als er endlich an dem kleinen Bahnhof, dem Ziel seiner Forschung stand. 

Eben war ein Zug abgegangen, der hier Anschluß hatte, und der Bahnwärter, im Augenblick unbeschäftigt, ließ sich gern mit Byrd in ein Gespräch ein.

Es steigen hier wohl nicht viele Leute in den Zug, außer den Steinhauern? fragte der junge Detektiv.

Man könnte sie an den Fingern herzählen, lautete die Antwort, höchstens alle Jubeljahre einer.

Dann wissen Sie vielleicht, ob ein junger Mann von dunkler Gesichtsfarbe, mit großem Schnurrbart kürzlich von hier nach Monteith gefahren ist. Er muß in ziemlich erregter Gemütsverfassung gewesen sein; wahrscheinlich hatte er einen grauen Ueberzieher an.

Der Blick des Alten erhellte sich.

Ja, ja, ich erinnere mich; er sah stark gerötet aus und trug einen merkwürdig geformten Sack so vorsichtig, als wäre es ein Kind; ich sah ihn schon, ganz in Gedanken vertieft, auf der Straße herkommen; er fiel mir gleich auf. Was ist denn los mit ihm?

Ach nichts. Seine Verwandten sind in Sorge. Er ist schwermütig und hat sich von zu Hause entfernt, ohne zu sagen wohin. Glauben Sie, daß Sie ihn nach seinem Bilde wieder erkennen würden?

Das will ich meinen. Es war der einzige Fremde, der an dem Nachmittag hier in den Zug stieg.

Wissen Sie noch, an welchem Tag es war?

Freilich, wir hatten gerade die große Ladung Steine fortgeschafft – am Dienstag war es.

Byrd atmete tief auf. Jener Sack enthielt gewiß das Modell der Maschine. Er hatte endlich gefunden, was er suchte, aber es war ein trauriger Triumph, den er feierte.

Besten Dank, sagte er; jetzt wird der Herr leicht aufzufinden sein. Hier ist auch sein Bild.

Er zog sein Taschenbuch heraus und zeigte dem Bahnwärter seine Skizze von Mansell, die ihn völlig naturgetreu darstellte.

Ja, ja, das ist er, rief der Alte. –

Alles weitere Fragen wäre überflüssig gewesen.



Sechzehntes Kapitel.

Zwei Tage später unternahm Byrd seinen dritten Ausflug nach dem Walde. Er hoffte dort irgend eine, wenn auch noch so unbedeutende Spur zu finden, welche ihm als Beweis dienen konnte, daß Mansells Weg ihn wirklich durch die Lichtung hinter dem Hause seiner Tante geführt hatte.

Der Himmel war klar und blau, als Byrd den Gasthof verließ, aber kaum war er aus der Pferdebahn gestiegen, um den Waldpfad einzuschlagen, als dunkle Wolken am Horizont heraufzogen, und ein rauher Wind durch das bunte Herbstlaub fuhr. Der junge Detektiv achtete jedoch weder auf das ferne Rollen des Donners noch auf die bleierne Färbung, welche die große schwarze Wolkenmasse am nördlichen Himmel allmählich annahm; er dachte nur an das Mädchen, das soeben aus dem Torweg von Professor Darlings Villa herausgekommen war, als er dort vorbeiging. Imogen Dares Anblick gerade in diesem Moment konnte nur höchst schmerzliche Gefühle in ihm wachrufen.

Plötzlich begann sich dichte Finsternis rings umher zu verbreiten; Byrd beschleunigte seine Schritte, und als nun die ersten Tropfen fielen, und eine einzige schwarze Wolkenmasse über ihm schwebte, sah er wohl, daß ein heftiges Gewitter loszubrechen drohte. Schon fiel der Regen klatschend hernieder, wie Schrotkörner prasselten die schweren Tropfen durch das Laubdach der Bäume, die Zweige bogen sich vor dem einhersausenden Sturm, und mancher starke Ast fiel krachend zu Boden.

War es klüger umzukehren oder vorwärts zu eilen? – Byrd überlegte nicht lange. Die Entfernung zur Pferdebahn war größer, er wollte daher lieber versuchen, die Hütte im Walde zu erreichen, bevor das Gewitter mit voller Wut hereinbrach. Vom ersten grellen Blitzstrahl erhellt sah er sie vor sich liegen und war im Begriff nach der Türe zu stürzen, als er bei dem nun folgenden furchtbaren Krachen des Donners zurückschrak, wie wenn eine unsichtbare Hand ihn ergriffen hätte. Er empfand eine ihm selbst unerklärliche Scheu, die Hütte zu betreten, und schlich erst vorsichtig um die Ecke nach der kleinen Fensteröffnung hin, um ins Innere zu blicken.

Sein Vorgefühl hatte ihn nicht getäuscht. In der Hütte saß ein Mann, dessen Gestalt und Haltung auffallend an Craik Mansell erinnerten. Natürlich konnte er es nicht wirklich sein, nur Byrds Einbildungskraft ließ ihn denjenigen sehen, welcher alle seine Gedanken erfüllte, aber die Aehnlichkeit war doch erstaunlich.

Byrd beugte sich vor, den Fremden genau zu betrachten. Abermals zuckte ein Blitzstrahl herab. Ja, es war Mansell; wer anders konnte so regungslos dasitzen bei diesem entsetzlichen Toben der Elemente. Den Kopf in die Hände gestützt, blieb er unbeweglich wie zu Stein erstarrt; wäre das Dach über ihm zusammengebrochen, er hätte sicher kein Glied gerührt. Auch Byrd vergaß den Sturm, der ihn umtobte, und fragte sich ratlos, was er tun solle bei dieser völlig unerwarteten Begegnung.

Ehe er jedoch einen Entschluß zu fassen vermochte, folgte eine zweite, noch weit erschütternde Ueberraschung. Es raschelte im Gebüsch, aber das war nicht Regen und Wind; und im nächsten Augenblick sah er eine hohe Gestalt, das Haupt stolz erhoben, wie um der Wut des Sturmes zu trotzen, durch den Wald auf die Hütte zukommen. Byrd bebte zurück vor Bestürzung, er glaubte kaum seinen Augen trauen zu dürfen: es war niemand anders als Imogen Dare.

Wie in den Boden gewurzelt stand er da, unfähig sich von der Stelle zu rühren. Er wußte, wen sie hier zu suchen kam; der Gedanke, wider seinen Willen Zeuge dieses Stelldicheins zu werden, nahm ihm fast die Besinnung; was würde er hören müssen?

Jetzt fuhr ein Blitzstrahl herab, der den ganzen Umkreis erhellte und die Nahende wie mit einem feurigen Mantel umgab; deutlich und scharf hoben sich die Umrisse der Gestalt, jede Linie ihres schöngeschnittenen Gesichts von dem dunkeln Hintergrund des Waldes ab, eine blendende Erscheinung, die Byrd sein Leben lang nicht vergaß.

Ein heftiger Windstoß raubte ihr fast das Gleichgewicht, aber weder Donner noch Sturm noch Todesfurcht konnte dies Mädchen in dem einmal gefaßten Entschluß wankend machen. Jetzt hatte sie die Schwelle der Hütte betreten.

Zurückschauernd vor dem, was die nächste Minute bringen konnte, und trotz inneren Widerstrebens dennoch mit klopfendem Herzen auf seinem Posten verharrend, lauschte Byrd, an die Hüttenwand gelehnt, auf den Ton ihrer Stimme. Deutlich vernehmbar klangen ihre Worte durch das Grollen des Donners und das Pfeifen des Windes.

Craik Mansell, sagte sie mit ernstem, fast strengem Ausdruck, du hast mich sprechen wollen, hier bin ich.

Das war also ihr Gruß. – Byrd atmete erleichtert auf; gespannt horchte er nun auf die Antwort, doch alles blieb still. Der Donner rollte, der Wind heulte unheimlich durch den finstern Wald, aber der Mann in der Hütte schwieg.

Craik, hörst du nicht?

Ein unterdrücktes Stöhnen, kein anderer Laut. Sie stand noch immer auf der Schwelle. – In deiner Angst und Verzweiflung hast du nach dieser Unterredung verlangt, fuhr sie fort; auch mich trieb es, dich zu sehen, und wäre es nur, um dir zu sagen, daß ich wollte, der Blitz vom Himmel wäre an jenem Tage auf uns niedergefahren, als wir beisammensaßen, unsere Zukunft besprachen und – –

Grell leuchtete es auf bei ihren Worten, ein furchtbares Getöse ging durch die Luft und krachend stürzten große Aeste auf das Dach der Hütte nieder. Das Mädchen stieß einen wilden Schrei aus.

Ich glaubte, die Rache des Himmels wolle den Mörder vernichten, stöhnte sie. Es entstand eine Grabesstille. Zwischen uns gibt es keine Gemeinschaft mehr, sagte sie endlich mit der Ruhe der Verzweiflung; die blutige Tat trennt uns auf ewig – auf ewig. Aber doch wünsche ich aufrichtig, dir beizustehen, und frage dich daher: Was kann ich für dich tun? Weshalb hast du mich gerufen?

Diesmal kam eine Antwort.

Sage mir, wie ich den Folgen meiner Tat entfliehen kann, murmelte eine leise, erstickte Stimme.

Sie schwieg eine Weile.

Droht dir Gefahr? fragte sie.

Byrd hatte sich dem Fenster genähert; er sah, wie sie auf die gebückte Gestalt, die noch immer das Gesicht in den Händen verbarg, zuging.

Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe, tönte es dumpf.

Es quält dich, daß ein anderer des Verbrechens verdächtig geworden ist, das er nicht begangen hat, flüsterte sie.

Ein tiefes Stöhnen, dann lange, bedrückende Stille, nur von dem ferne verhallenden Donner unterbrochen.

Craik, nahm sie wieder das Wort, und die unvertilgbare Sehnsucht eines liebenden Herzens zitterte zum erstenmal in ihrer Stimme, es gibt kein Entrinnen. Büße deine Tat, indem du sie bekennst! Rette den Unschuldigen vom unverdienten Verdacht und baue auf die Gnade Gottes!  



Ich weiß keinen andern Rat, keinen andern Weg zu Ruhe und Frieden. Wüßte ich einen – – sie hielt inne, von Entsetzen überwältigt. Wenn du ein offenes Geständnis ablegst, fuhr sie dann fort, so schwöre ich dir, Craik, ich werde nie heiraten, niemals einem andern angehören – das ist der einzige Lohn, den ich bieten kann, für den Jammer und die Schuld, in die dich unsere beiderseitige wahnsinnige Ehrsucht gestürzt hat.

Sie streckte die Hand aus, als wolle sie zum Abschied das gebeugte Haupt berühren, zog sie aber schaudernd zurück; noch einen letzten Blick, dann eilte sie flüchtig davon und verschwand in dem Dunkel des unheimlich rauschenden Waldes.

Als ihre Schritte verhallt waren, kam Byrd aus seinem Versteck hervor und betrat leise die Hütte. Der einsame Mann saß noch immer in derselben Stellung da, das Gesicht in den Händen verbergend. Beim ersten Geräusch, das der Eintretende machte, stand er jedoch auf und wandte sich um.

Byrd taumelte zurück vor Schrecken über die Entdeckung, die nun folgte: der Mann, welcher ihm mit so ruhiger Sicherheit gegenübertrat, war nicht Craik Mansell.



Siebzehntes Kapitel.

Oho! wir sind also zu zweien. Das dachte ich mir gleich, als ich Sie in Buffalo zu Gesicht bekam!

Dieser Ausruf des Fremden riß Byrd aus seiner grenzenlosen Bestürzung. Er sah sich den Mann genauer an, der in Größe, Gestalt, Haar und Gesichtsfarbe das wahre Ebenbild dessen schien, den er so meisterlich dargestellt hatte. Jener ließ sich die Prüfung gleichmütig gefallen, er lächelte sogar. 

Ich sehe, Sie erkennen mich nicht, sagte er.

Byrd fuhr unwillig zurück.

Was – Sie sind der Hans in allen Gassen – Brown!

Zu dienen; auch Frank Hickory genannt.

Bei diesem so unerwarteten Namen errötete Byrd vor Ueberraschung und Entrüstung.

Und Sie, fuhr der andere fort, sind wohl der Herr, der mir bei dieser Klemmensgeschichte behilflich sein sollte? Daran hatte ich gar nicht gedacht, sonst wäre ich Ihnen nicht hinderlich gewesen. Zwar, ich wollte die Sache lieber allein besorgen; – und das habe ich auch getan, wie Sie mir zugeben werden, falls Sie sich schon seit einiger Zeit an diesem Orte befinden.

Der selbstgefällige Hinweis auf einen Auftritt, bei dem dieser Mensch eine so unwürdige, kaum zu rechtfertigende Rolle gespielt hatte, erfüllte Byrd mit einem Widerwillen, den er nicht zu verbergen vermochte. Er warf einen vielsagenden Blick in den Wald hinaus und fragte in scharfem Ton:

Wußten Sie wirklich kein anderes Mittel, um sich von Craik Mansells Schuld zu überzeugen, als diese verächtliche Posse zu spielen? Sie haben sich die Liebe des Mädchens für jenen Mann zunutze gemacht, um sie in die Falle zu locken. Ihr Gewissen wird Ihnen ewig Vorwürfe machen.

Ueber das Gesicht des hartgesottenen Detektivs flog ein leichtes Rot der Scham, wie es Frank Hickorys Wangen wohl nicht eben häufig färbte.

Sie braucht es ja nicht zu erfahren, sagte er unwirsch und stieß mit dem Fuß gegen den Holzblock, auf dem er gesessen. Es war ein schlechter Streich, das gebe ich zu, aber unsereins darf nicht allzu zimperlich sein. Was nützt es auch, noch viel darüber zu klagen? Was geschehen ist, ist geschehen. Jedenfalls wissen wir beide jetzt, wer die Witwe Klemmens umgebracht hat. 

Um Byrds Lippen zuckte es spöttisch. Ich dachte, Sie hätten schon früher keinen Zweifel darüber gehegt, bemerkte er. Waren Sie nicht vor kurzem ganz überzeugt, daß Valerian Hildreth der Täter sei?

Freilich, freilich, gab der andere gutmütig zu. Auch der Klügste gerät manchmal in die Irre, wenn er den Verbrechern auf ihren dunkeln Wegen folgt. Ich bekam zum Glück einen Wink mit dem Zaunpfahl, der mich auf die rechte Spur brachte – Sie vielleicht auch?

Wann erhielten Sie den Wink und von wem? fragte Byrd.

Hickory schlug die Arme unter, lehnte sich gegen die Hüttenwand und sah den Frager schweigend an.

Ja, sagte er endlich, da müßte ich doch zuerst wissen, ob wir gemeinsame Sache machen, oder ob Sie mich nur ausholen wollen, um dann auf eigene Rechnung weiterzuarbeiten.

Byrd hatte bisher seine ferneren Schritte noch nicht überlegt, er mußte einen Entschluß fassen. Schwer beunruhigt ging er in dem Raume auf und ab, was bei seinem völlig durchnäßten Zustand jedenfalls zweckmäßig war.

Den Ruhm, welchen Ihnen Ihr heutiges Unternehmen einbringt, mögen Sie allein ernten, entgegnete er nicht ohne Bitterkeit; ist aber jener Craik Mansell wirklich schuldig, so wird es wohl meine Pflicht sein, Ihnen zu helfen, die nötigen Beweise gegen ihn zu sammeln.

Gut, sagte Hickory, am Tische Platz nehmend, dann frisch ans Werk. – Sagen Sie mir vor allem, wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, gegen Mansell Verdacht zu schöpfen?

Byrd blieb vor ihm stehen. Sollte er ihm reinen Wein einschenken? Nein, er konnte sich nicht überwinden, nach dem was vorgefallen war, diesem Menschen gegenüber Imogen Dares Namen auch nur auszusprechen. – 

Ich hielt Hildreth für unschuldig, versetzte er, und als ich überlegte, wer denn sonst der Täter sein könne, verfiel ich auf den unglücklichen Mann in Buffalo. Leider scheint sich meine Vermutung zu bestätigen.

Und mir hat ein abscheuliches altes Weib die richtige Fährte gewiesen. Sally Perkins nennt sich die Holde, glaube ich.

Ein altes Weib? – Byrd setzte sich ihm gegenüber. Was hat sie Ihnen anvertraut? Lassen Sie mich's wissen.

Gleich, gleich! Nur ist hier nicht gerade ein angenehmer Ort zu längerer Unterhaltung; zudem sind Sie ganz durchnäßt. Wir wollen's uns wenigstens etwas gemütlicher machen.

Geschäftig trug Hickory Holzstücke und trockene Reiser zusammen, die in der Hütte verstreut lagen, und bald prasselte ein lustiges Feuer auf dem Herde. Nun streckte er sich der Länge nach auf den Boden, zog eine wohlgefüllte Likörflasche heraus, reichte sie seinem Gefährten hin und sagte in bester Laune: So, jetzt machen Sie sich's auch gemütlich, und wenn Sie nichts dagegen haben, sagen Sie mir, wie Sie eigentlich an diesen Ort gekommen sind?

Byrd, der die behagliche Wärme durch seine erstarrten Glieder strömen fühlte, ward mitteilsamer und sagte:

Ich war zu dem Schluß gekommen, daß der Mörder der Frau Klemmens nicht auf der Straße, sondern durch die Hintertür entkommen sein müsse. Schon neulich fand ich den Pfad und die Hütte, und heute suchte ich sie wieder auf, um womöglich irgendein Anzeichen zu entdecken, daß der Flüchtling wirklich hier gewesen ist. Sein weiterer Weg durch den Wald auf die Landstraße und zu der Zwischenstation am Steinbruch bei Monteith, von wo er nach Buffalo zurückfuhr, ist mir schon völlig klar.

Hickory hörte aufmerksam zu und ließ sich den Weg genau beschreiben. Der Beweis, daß Craik Mansell hier gewesen ist, läßt sich vielleicht beibringen, sagte er trocken. Sehen Sie einmal hier den Haufen Tannenzweige in der Ecke; sie liegen noch gerade so, wie ich sie vorfand.

Die haben einem Mann als Kissen gedient; man meint noch den Abdruck der Gestalt in dem Staub am Boden zu sehen, rief Byrd und beugte sich nieder, um den Haufen zu betrachten. Die Zweige sind mit einem Messer abgeschnitten, fuhr er fort und nahm einen in die Hand; hier an der Rinde sind ein paar schwarze Haare hängen geblieben: er hat nicht einmal daran gedacht, sein Taschentuch unter den Kopf zu breiten.

Hickory lachte. Sie verstehen Ihr Geschäft, wie ich sehe. Nun kommen Sie einmal hier an den Tisch, vielleicht bemerken Sie da auch etwas.

Byrd suchte lange, dann nahm er ein winziges Holzstückchen von der rohbehauenen Platte auf. Es war von einem Stift geschnitten, dessen blaue Farbe sich sogar erkennen ließ.

Hier sind noch mehr solche Abfälle, sagte Hickory: Steinhauer, Holzknechte und Kohlenbrenner spitzen sich selten Blaustifte, sollte ich meinen.

Haben Sie mir sonst noch etwas zu zeigen? fragte Byrd.

Nur noch diesen Zeitungsfetzen, den der Wind unter die Büsche geweht hatte. Vielleicht ist's ein Stück vom Buffalo Tageblatt – wer weiß? Man muß einmal nachsehen. Byrd blickte gedankenvoll vor sich hin. –

Das sind so allerhand Kleinigkeiten, sagte der andere, aus denen man seine Schlüsse zieht. Aber was haben Sie denn eigentlich in Buffalo erfahren?

Nicht viel. Ein gewisser Brown war mir überall im Wege, sowohl in Frau Harts Hause als in der Fabrik. Hätte mir Herrn Goodmans Töchterchen nicht erzählt, daß Craik Mansell von Monteith aus an ihren Vater geschrieben, ich wäre fast so klug wieder fortgegangen wie ich kam. Es war der reinste Zufall.

Ich wußte gar nicht, daß mir's so gut gegangen war, lachte Hickory. Wäre ich meiner Sache gewiß gewesen, ich hätte, wie gesagt, einen andern Weg eingeschlagen; aber ich kannte Sie ja nicht. Die Wirtin bekam einen Todesschrecken, als ich ihr sagte, Sie seien ein Detektiv. Bei den Herren Chamberlain und Harrison gab ich mich zu erkennen, ließ mir alles mitteilen, was sie wußten, bat sie, gegen jedermann von der Sache zu schweigen und warnte sie davor, sich mit dem andern Mann einzulassen, welcher Mansells Spur verfolgte. Nach Goodmans Haus bin ich aber nicht gekommen.

Und was war denn schließlich das Ergebnis Ihrer Forschung in Buffalo? fragte Byrd.

O, ich erfuhr allerlei, lautete die Antwort. Erstens, daß Mansell am Tage vor der Mordtat abgereist war, um, wie er angab, mit einem Neuyorker Herrn über seine wunderbare Erfindung zu verhandeln. Zweitens, daß er gar nicht nach Neuyork ging, sondern am nächsten Abend mit seinem Modell wieder zurückkam und furchtbar elend und verstört aussah. Drittens, daß es schon seit einem Jahr sein Lieblingswunsch und sein größtes Streben gewesen ist, das Modell auszuführen. Er glaubt so felsenfest an seine Erfindung, daß er sein Herzblut darum gäbe, auch die Welt von ihrer Vortrefflichkeit überzeugen zu können. Dazu fehlt ihm aber das Geld, und er kann keinen Menschen finden, der genug Vertrauen in ihn setzt, um ihm die nötigen fünftausend Dollars vorzustrecken.

Fünftausend Dollars! Soviel beträgt ja gerade die Erbschaft seiner Tante, warf Byrd ein. Und viertens? –

Viertens? – nun als er am Mittwoch wieder in der Fabrik war, las zufällig einer der Herren aus der Zeitung die Mordgeschichte in Sibley vor; Mansell wurde weiß wie die Wand, und geriet so außer Fassung, daß er das Geschäft verlassen und nach Hause gehen mußte. Er sagte, die Schreckensnachricht habe ihn krank gemacht, auch schlich er umher wie ein Schatten: erst vorgestern kam er zum erstenmal wieder in die Fabrik. Auf die Todesnachricht hin hätte er zur Leichenschau und zum Begräbnis nach Sibley reisen sollen; er entschuldigte sich aber damit, daß er stark erkältet sei und Fieber habe. Zwar soll er an jenem Mittwoch die Stadt verlassen haben, gleich nachdem er die Nachricht erhielt; er kann aber nicht lang fortgewesen sein, denn gegen Abend lag er, wie gesagt, krank im Bette. Fünftens –

Nun fünftens?

Ja, das wird Ihnen schwerlich gefallen, da Sie so zartfühlend und bedenklich sind. Ich kramte etwas in Herrn Mansells Sachen und fand ein zusammengebundenes Päckchen Briefe von Damenhand – Liebesbriefe von Fräulein Dare natürlich, die ich mir die Freiheit nahm, etwas näher anzusehen. Da stellte sich denn heraus, daß der Ehrgeiz nicht die einzige Triebfeder des jungen Mannes war. Er hoffte von dem Erfolg seiner Maschine auch die Erfüllung seiner heißesten Liebeswünsche. – Sie sehen, meine Reise nach Buffalo war nicht ganz vergeblich.

Selbstgefällig blickte Hickory seinen Kollegen an. Bei Fräulein Dare fällt mir übrigens ein, fuhr er fort, daß ich Ihnen noch nicht gesagt habe, was ich von Sally Perkins weiß. Sie hätten das boshafte Weib nur sehen sollen, wie sie förmlich zitterte vor Freude darüber, das schöne stolze Mädchen ins Unglück zu stürzen. – Als die alte Hexe vor kurzem, es war am Tage vor dem Morde, im Walde war, um Kräuter zu suchen, hat sie auf einem Baumstumpf einen jungen Herrn neben einem Mädchen sitzen sehen, das sie kannte. Neugierig, was die beiden zu verhandeln hätten, versteckte sie sich im Gebüsch und lauschte auf das Gespräch. Der Herr sprach in höchster Entrüstung von der Selbstsucht und dem Eigensinn seiner Tante, und Fräulein Dare, statt ihn zu besänftigen, stimmte ihm völlig bei, bis er zuletzt voll Bitterkeit ausrief: »Es ist unerträglich. Sie brauchte mir nur die Summe vorzustrecken, die sie einst für mich bestimmt hat, dann wäre mir geholfen. Ich würde ihr Glück machen, so gut wie meines, und wir beide könnten einander angehören. Soll der Mensch nicht wahnsinnig werden, wenn er mit Händen greifen könnte, wonach er in dieser Welt einzig und allein trachtet, und ihm doch alles entrissen wird, selbst die letzte Hoffnung, auf die er noch baute.« Er war aufgesprungen; das Mädchen trat zu ihm, murmelte einige unverständliche Worte und schlug zornig mit der Faust gegen einen Baum. »Kennte ich nur Frau Klemmens,« rief sie dann, »ich ginge sogleich zu ihr, um sie zu bereden.« Das alles sah und hörte die alte Sally in ihrem Versteck; dann traten die Liebenden etwas abseits und flüsterten miteinander. Die Alte vernahm nur die bittenden Worte: »Nimm ihn doch, mir scheint das Leben weniger trübe, wenn du mir den einen Wunsch gewährst,« und des Mädchens Antwort: »Nein, nein, es ist ja doch alles vergebens; mein Ehrgeiz ist nicht geringer als der deine und das Schicksal ist nun einmal wider uns.« – Einen Moment hielt er ihre Hand in der seinen, dann entzog sie ihm dieselbe wieder. »Tu es nicht,« rief sie, »ich kann es nicht; warte wenigstens bis morgen.« – »Warum bis morgen?« – »Ueber Nacht wird leicht vieles anders« – und wieder schlug sie mit der Faust gegen den Baum wie in hellem Zorn. »Wohl wahr!« gab er zurück.

Ihr Wort ist in Erfüllung gegangen, fuhr Hickory fort, wie dies auch die alte Hexe mir gegenüber betonte: kaum vierundzwanzig Stunden später war Frau Klemmens eine Leiche, und Mansell Eigentümer der fünftausend Dollars, die er begehrte, um sich ein Vermögen zu erwerben und seine Braut heimzuführen.

Byrd hatte mit abgewandtem Gesicht dagesessen; jetzt stand er langsam auf. Sie wollen damit andeuten, das Mädchen habe jenen Mann zu dem Morde angestiftet? sprach er mit mühsam unterdrückter Bewegung. Davon will ich nichts hören; lassen Sie sich das gesagt sein, Hickory! – Wie kommt es denn aber, wenn ich fragen darf, daß die Alte ihre Weisheit nicht bei dem Zeugenverhör ausgekramt hat? Da wäre sie am Platze gewesen.

Sie meint, es gehöre nicht zu ihren Liebhabereien, mit dem Coroner und den Geschworenen etwas zu tun zu haben. Auch mir hatte sie nur so von ungefähr einen Wink zugedacht. Sie schob dies Briefchen unter meine Stubentür im Gasthaus und war fast die Treppe wieder hinuntergeschlichen, aber ich kam ihr zuvor und hielt sie fest. Nun mußte ich mich doch überzeugen, ob ihre Geschichte keine bloße Erfindung sei und habe zum Teil deshalb das Mädchen hierhergelockt.

Sie sind doch nicht ganz so schlecht, als ich dachte, versetzte Byrd. Mir ist nur ein Rätsel, wie Sie es überhaupt zu dieser Zusammenkunft gebracht haben.

Das war kein Kunststück. Als ich in Buffalo Mansells Papierkorb durchsah, fand ich einen Zettel an Fräulein Dare, welcher sie nach dieser Hütte bestellte, dem Ort, wo sie sich gewöhnlich trafen. Er war nicht abgeschickt worden und trug keine Unterschrift, aber für meine Zwecke erwies er sich doch als brauchbar. Den Zettel sandte ich ihr, das war alles.

Byrd staunte über den Gleichmut, mit dem er sprach. Sie sind ein würdiger Schüler des großen Gryce, sagte er.

Meinen Sie? rief jener geschmeichelt und hocherfreut. Ihre Hand, Kollege – was, Sie wollen sie mir nicht geben? – Aber wenn ich Ihnen verspreche, daß ich gegen jedermann schweigen will von dem, was sich hier zugetragen, selbst gegen unsern Chef – wie dann? – Das Geheimnis bleibt zwischen uns, das Mädchen soll nie erfahren, daß es nicht ihr Geliebter war, mit dem sie die Unterredung gepflogen hat.

Versprechen Sie das wirklich? fragte Byrd.

Mein Wort darauf, rief jener. Es liegen ja ohnedies genug Beweise vor, um den armen Menschen zu überführen. Hier meine Hand – der Vertrag ist besiegelt.

Byrd schlug schweigend ein in die dargebotene Rechte. Der Regen hatte aufgehört, und sie schickten sich an, die Hütte zu verlassen. Merkwürdig, wie Sie Craik Mansell gleichen, sagte Byrd, den anderen nochmals von Kopf zu Fuß betrachtend, ich muß mich jetzt noch besinnen, mit wem ich eigentlich spreche. Wie man eine so täuschende Verkleidung zustande bringen kann, ist mir ein Rätsel.

Ja, lachte Hickory, das ist aber auch mein besonderes Fach, in dem ich Vorzügliches leiste. Diesmal war es nicht schwer, denn Mansell und ich sind einander im Wuchs wirklich sehr ähnlich, wie Sie bemerkt haben werden, als Sie uns in Buffalo zusammen sahen. Das brachte mich eigentlich zuerst auf den Gedanken, ihn darzustellen. Mein Gesicht hatte ich schon vorher dunkel gefärbt, und um die andern Nebensachen – Haar, Stimme, Bewegung, Kleidung – nachahmen zu können, brauche ich mein Modell nur fünf Minuten lang zu betrachten; obendrein kam mir heute auch noch das Gewitter zu Hilfe, es ließ sich ja nichts unterscheiden bei der Finsternis, und das Gesicht zu zeigen hatte ich sowieso nicht nötig.

Aber das wußten Sie doch nicht zum voraus! rief Byrd, der nicht begriff, wie ein Mensch um solchen Unternehmens willen seinen ganzen Ruf gefährden könne.

Ich verließ mich eben auf mein Glück und meinen Verstand – die haben mir schon oft gute Dienste geleistet. 

– Aber gesetzt auch, das Mädchen hätte mein Spiel durchschaut – was dann? Ein Weib wie sie schwatzt nichts aus. Byrd fand hierauf keine Entgegnung; er überließ sich wieder den trüben Gedanken über Imogen Dare und die Enthüllungen, zu welchen sie auf so hinterlistige Weise veranlaßt worden war. Schweigend schritt er neben seinem Genossen hin, der sich wohl hütete, ihn in seinen Betrachtungen zu stören.



Achtzehntes Kapitel.

In recht düsterer Stimmung saß der Bezirksanwalt in seinem Bureau. Er hatte am Morgen aus dem Gefängnis die Nachricht erhalten, daß Valerian Hildreth in der Nacht einen Selbstmordversuch angestellt habe und jetzt in bedenklichem Zustand im Krankenhaus liege.

Wenn auch die Wahrscheinlichkeit der Schuld des Mannes durch diesen verzweifelten Schritt keineswegs verringert wurde, so fühlte sich Ferris doch von dem Vorfall tief ergriffen. Er konnte dem Bedauernswerten, welchen Reue oder Hoffnungslosigkeit getrieben hatten, Hand an sich selbst zu legen, sein Mitleid nicht versagen. Dies veranlaßte ihn zugleich, nochmals ernstlich zu prüfen, ob auch die Behörden kein Vorwurf treffe, ob Hildreths Gefangensetzung, unter welchem Gesichtspunkt man sie auch betrachten mochte, völlig gerechtfertigt sei.

Im allgemeinen fand er an den Verfahren nichts auszusetzen; nur ein Punkt, den er bisher übersehen hatte, erregte ihm Bedenken: das Papier, auf welchem die Witwe ihre schwere Beschuldigung gegen Valerian Hildreth niedergeschrieben, war merkwürdig vergilbt, und die Tinte so verblichen, als sei der Zettel mindestens ein Dutzend Jahre alt. Demnach mußte der Angeklagte, der jetzt noch nicht fünfundzwanzig Jahre zählte, ein reines Kind gewesen sein, als die Schrift aufgesetzt wurde. Sie bezog sich also gar nicht auf ihn, sondern auf seinen Vater, der den gleichen Namen geführt hatte.

Wenn nun auch das Ereignis durch diese Entdeckung viel von seinem dramatischen Charakter verlor, so entstand doch kein wesentlicher Unterschied dadurch. Man erkannte nur, daß sich des Vaters Verderbtheit und Gesinnungslosigkeit auch auf den Sohn fortgeerbt habe.

Während Ferris noch mit solchen Gedanken beschäftigt war, ging die Tür auf, und er sah zu seinem Erstaunen die beiden Detektivs Byrd und Hickory zusammen eintreten.

Wir kommen, Ihnen zu melden, nahm ersterer sogleich das Wort, daß Tatsachen zu unserer Kenntnis gelangt sind, die wohl auch Ihre Meinung über die Person des Mörders der Witwe Klemmens beeinflussen dürften.

Wirklich, rief Ferris überrascht, das müssen ja wichtige Umstände sein, welchen Sie beide einen so großen Wert beilegen. Er warf einen fragenden Blick auf Hickory.

Freilich, bestätigte dieser, hören Sie nur, und Sie werden uns recht geben: bald nachdem ich zuletzt bei Ihnen war, erhielt ich höchst seltsame Mitteilungen, die mich bewogen, einen ganz andern Kurs einzuschlagen. Ich traf auf meiner neuen Fährte mit diesem Herrn zusammen, welcher das gleiche Wild verfolgte, und wir machten gemeinsame Sache. Das Beweismaterial, das wir gesammelt haben, ist für den Betreffenden nicht minder belastend, als was gegen Valerian Hildreth vorliegt.

Das wäre! – und gegen wen richtet sich Ihr Verdacht?

Gegen Craik Mansell, den Neffen der Frau Klemmens.

Von Hickory dazu aufgefordert, begann nun Byrd dem Bezirksanwalt ausführlich über das Ergebnis ihrer letzten Forschungen zu berichten. Ferris hörte ihm mit wachsendem Staunen zu; was er vernahm, konnte jedoch nicht verfehlen, ihm die peinlichste Unruhe und Verlegenheit zu bereiten. Die Verdachtsgründe gegen Mansell wogen einerseits so schwer, daß ein gerichtliches Einschreiten fast geboten schien, andererseits war ihm aber der Umstand, daß Fräulein Dares Name mit in die Sache verwickelt wurde, im höchsten Grade unerwünscht. Es konnten daraus Schwierigkeiten entstehen, die jeden Freund des Rechtsanwalts Orkutt mit Besorgnis erfüllen mußten. Orkutt liebte das Fräulein; ihre Beziehung zu dem des Verbrechens verdächtigen Mann war für ihn eine bittere Enttäuschung, ein schwerer Schlag. Und Imogen Dare selbst? Sollte das stolze Mädchen, das bisher so erhaben dagestanden hatte über allem, was niedrig war und gemein, nun der Neugier und dem böswilligen Geschwätz der Menge preisgegeben und von ihrer Höhe herabgezogen werden in den Staub? – Das schien hart. Ferris brauchte Zeit, um zu überlegen, ob es wirklich die Pflicht von ihm fordere, einen Schritt zu tun, der solche Folgen nach sich ziehen mußte. Er hielt es daher für ratsam, die Detektivs einstweilen zu entlassen.

Am nächsten Tage ließ er jedoch Byrd und Hickory schon wieder zu sich rufen. Er hatte die Wahrscheinlichkeit von Hildreths oder Mansells Schuld ernstlich geprüft und jedes Für und Wider genau erwogen.

Wie Sie sich erinnern werden, Byrd, wandte er sich an den jungen Mann, hat die Witwe Klemmens in ihren letzten, bewußten Momenten einen Ausruf hören lassen, der dazu dienen konnte, den Mörder kenntlich zu machen. Sie rief: »Ring« und »Hand« als wollte sie zu verstehen geben, daß die gegen sie erhobene Hand einen Ring getragen habe. Von dieser Ansicht ausgehend, machte ich gestern einen Versuch: ich stellte mich vor die große Wanduhr im Eßzimmer, wo die Witwe erschlagen wurde, und ließ meinen Schreiber ein Holzscheit mit beiden Händen umfassen, es hoch emporhalten und von hinten auf mich zukommen. Als er hierauf die Arme wie zum Schlage senkte, vermochte ich, ohne den Kopf zu wenden, mit einem schnellen Seitenblick den großen Siegelring zu erkennen, den ich ihm vorher an den kleinen Finger gesteckt hatte. Dies überzeugte mich vollends, daß der Ring ein wichtiges Glied in unserer Beweiskette gegen den Verbrecher sein muß. Nun wissen wir alle, daß Hildreth am Tage des Mords einen Ring getragen hat und ihn sogar vom Finger zog, als er fürchtete, daß man gegen ihn Verdacht schöpfen werde. Bei den Beweisen gegen Mansell ist dagegen von keinem Ring die Rede gewesen; das nimmt ihnen zwar nicht gerade ihre Glaubwürdigkeit, macht sie aber weit weniger belastend.

Haben Sie denn den Diamantring vergessen, den ich an jenem verhängnisvollen Morgen in Frau Klemmens' Eßzimmer aufhob? fragte Byrd mit innerem Widerstreben.

Nein, war die kurze Antwort. Aber Fräulein Dare hat ihn als ihr Eigentum bezeichnet, und die Richtigkeit dieser Behauptung ist noch nicht widerlegt. Bringen Sie Beweise bei, daß Mansell den Ring am Finger trug, als er am Tage des Mordes Frau Klemmens' Haus betrat – auch seine Anwesenheit dort beruht übrigens bis jetzt nur auf Vermutung; wenn Sie das können, will ich zugeben, daß der Verdacht gegen Mansell so stark ist, wie gegen Hildreth – sonst nicht.

So werden Sie ihn nicht verhaften lassen? fragte Byrd.

Ich sehe dazu noch keine Veranlassung. Er mag wohl den Wunsch gehegt haben, durch das Ableben seiner Tante in den Besitz ihres Vermögens zu gelangen, möglich sogar, daß er das Verbrechen wirklich geplant hat. Ob aber er es ausgeführt hat oder ein anderer, der ein ebenso starkes Interesse an dem Tod der Witwe hatte, ist durch Ihre Ermittelungen nicht bewiesen. Nur ganz überzeugende Gründe könnten mich – besonders jetzt, nach Hildreths Selbstmordversuch – dazu bewegen, gegen Mansell gerichtlich einzuschreiten. Einstweilen werden wir ihn insgeheim genau überwachen lassen und abwarten, ob Hildreth infolge der Anklageakte vor das Schwurgericht gestellt werden wird oder nicht.

Byrd, der seine eigenen guten Gründe hatte, nicht an Mansells Schuld zu zweifeln, war über diesen unerwarteten Beschluß des Bezirksanwalts einigermaßen betreten. Er fürchtete, Hickory werde es kaum über sich gewinnen, unter solchen Umständen die Zusammenkunft in der Waldhütte geheimzuhalten, obgleich er sein Wort gegeben.

In diesem Augenblick ward Herrn Ferris ein Brief überbracht, der seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, so daß die beiden Detektivs Zeit fanden, ihre beiderseitige Meinung auszutauschen.

Nun, Hickory, fragte Byrd, was halten Sie denn von dem Einwurf?

Er scheint mir nicht unberechtigt, lautete die Antwort. Ich habe mich in Buffalo besonders danach erkundigt, ob Mansell für gewöhnlich Ringe trägt. Er ist schon seinem ganzen Wesen nach kein Mann dazu, jener Diamantring aber wäre ohne Frage ein viel zu kostbares Juwel für ihn. Dies fehlende Glied zerstört unsere ganze Beweiskette. Ich glaube, ich komme wieder auf die frühere Fährte zurück.

Unmöglich; denken Sie doch nur an Fräulein Dares Gefühle und Aeußerungen in der Hütte!

Ja, daß sie ihn für schuldig hält, steht außer allem Zweifel.

Byrd starrte ihn mit großen Augen an. Es gab also eine Möglichkeit, daß Imogen Dare sich täuschen und Mansell für den Verbrecher halten könne, während er unschuldig war? Das hatte er noch nicht in Betracht gezogen.

Wahrhaftig, höchst seltsam! rief hier der Bezirksanwalt aus, von dem Brief aufblickend, den er gelesen hatte. Zweifel und Bestürzung spiegelten sich in seinen Zügen.

Was gibt es denn, dürfen wir es nicht wissen? riefen beide Detektivs wie aus einem Munde.

Gewiß, es gehört sogar in Ihr eigenstes Bereich. Wunderbar, wie das wieder zusammentrifft! Eben sprechen wir noch von dem fehlenden Beweisglied, und schon wird es uns ganz von selber angeboten. Lesen Sie nur!

Er hielt ihnen den Zettel hin. Auf gewöhnlichem Schreibpapier waren folgende Worte gekritzelt:


»Wenn Herr Ferris Gerechtigkeit üben will, und glaubt, daß der Verdacht nicht immer den Schuldigen trifft, so möge er bei dem hier wohnhaften Fräulein Imogen Dare anfragen lassen, mit welchem Recht sie den Ring als ihr Eigentum beansprucht hat, der auf dem Fußboden in Frau Klemmens' Zimmer gefunden wurde.«

Da wird wohl Sally Perkins dahinterstecken, meinte Hickory, auf den Brief weisend, bei dem Unterschrift und Datum fehlten.

Ferris runzelte die Brauen. Die Schrift läßt darauf schließen, sagte er, aber der Stil klingt nicht danach. Woher sollte auch die Alte etwas von dem Ring erfahren haben? Sicherlich nicht durch die Personen, welche bei dem Auftritt zugegen waren.

Von wem glauben Sie denn, daß der Brief herrührt? fragte Byrd.

Das herauszufinden ist Ihre Sache, war des Bezirksanwalts Erwiderung.



Hickory griff nach dem Zettel. 

Warten Sie, rief er, mir kommt ein Gedanke.

Er trat ans Fenster und prüfte das Blatt genau. Ich glaube, ich kann Ihnen sagen, wer den Brief geschrieben hat, meinte er, auf den darin vorkommenden Namen deutend.

Was? fragte Ferris erstaunt, Imogen Dare?

Sie und keine andere, versetzte der Detektiv zuversichtlich. 

Wie kommen Sie zu dieser Vermutung?

Ich kenne ihre Handschrift, ihren Namenszug. Zwar hat sie ihre Schrift sehr geschickt verstellt, aber der Name verrät sie doch. Ueberzeugen Sie sich selbst.

Hickory zog einen kleinen beschriebenen Papierstreifen aus seinem Taschenbuch und wies ihn zur Schriftvergleichung vor. Die Aehnlichkeit der Unterschrift war unbestreitbar, sowohl Byrd als Ferris mußten dem Detektiv recht geben.

Auf diese Wendung war ich nicht vorbereitet, murmelte der Bezirksanwalt.

Auch uns kam sie unerwartet, bestätigte Byrd und warf Hickory einen warnenden Blick zu.

Das beste wird sein, meinte Ferris nachdenklich, wir lassen die Sache einstweilen auf sich beruhen, bis ich Gelegenheit finde, selbst mit Fräulein Dare Rücksprache zu nehmen.

Die Detektivs, welche diese Ansicht teilten, stimmten ihm bereitwillig bei. Der Schritt, den das Fräulein getan, kam ihnen selbst höchlich überraschend, obgleich sie sich bei ihrer Kenntnis der Sachlage einigermaßen erklären konnten, daß sie durch ihre Reue und die namenlose Angst, in welche sie infolge von Hildreths Selbstmordversuch geraten sein mochte, zu dem verzweifelten Entschluß getrieben worden war.



Neunzehntes Kapitel.

Um zu begreifen, was Imogen Dare bewogen hatte, den Brief zu schreiben, müssen wir uns in Orkutts Wohnung versetzen, wohin das Auge der Detektivs nicht zu dringen vermochte.

Der Rechtsanwalt konnte Imogens seltsames Benehmen zur Zeit der Ermordung der Witwe Klemmens nicht wieder  vergessen. Daß sie über das Verbrechen nichts wisse, was nicht auch an die Oeffentlichkeit gedrungen war, glaubte er zwar noch immer, aber der Auftritt mit dem Ringe verfolgte ihn förmlich und ließ ihm keine Ruhe. Immer wieder fragte er sich, was sie veranlaßt haben könne, das Juwel für ihr Eigentum zu erklären, während er doch fest überzeugt war, daß sie den Ring nie besessen habe, daß er ihr nicht gehöre. Oft schon hatte er sich vorgenommen, sie näher auszuforschen, aber die Worte wollten ihm nicht über die Lippen. Und doch mußte er reden, er mußte sich dazu zwingen, um das Vertrauen zwischen ihnen wieder herzustellen – sonst war alles verloren.

Ihre Zurückhaltung und Verschlossenheit nahm von Tag zu Tag zu, und mehr und mehr begann ihm die Hoffnung auf ihren Besitz zu schwinden, für den er doch mit Freuden sein halbes Leben hingegeben hätte. Wäre er nur wenigstens im stande gewesen, die Quelle des geheimen Kummers zu ergründen, der ihr am Herzen nagte! Entsprang der Jammer, den er in ihren starren Augen las, bitterem Seelenschmerz oder einer Reue, die keine Zeit zu lindern vermag – er wußte es nicht zu sagen. Je länger die Qual dauerte, desto unerträglicher ward sie; ihm bangte für seinen Verstand, wie für den ihrigen.

Endlich kam der Tag, der ihm die Zunge löste. In seiner Gegenwart war ihr ein Brief überreicht worden, dessen Inhalt sie völlig zu überwältigen schien. Es war, wie wir wissen, die Botschaft des Detektivs Hickory, welche sie, trotz der Adresse von fremder Hand, für eine wirkliche Zuschrift Craik Mansells halten mußte. Er bat darin um eine Zusammenkunft und setzte Zeit und Stunde fest. In ihrer Ueberraschung sah sie sich außer stande, den Aufruhr in ihrem Innern vor dem forschenden Auge zu verbergen, das auf sie gerichtet war.

Was ist es, Imogen? fragte Orkutt mit angstvoll bebender Stimme und streckte die Hand aus, als wolle er das Papier an sich reißen.

Statt der Antwort trat sie an den Kamin, in dem ein Feuer loderte, und warf den Brief in die Glut. Erst als er zu Asche verzehrt war, wandte sie sich nach Orkutt um. Verzeihung, murmelte sie, dies Schreiben durfte niemand zu Gesicht bekommen.

Er stand unbeweglich da, die Hand auf das Herz gepreßt: wie jenes elende Blatt Papier, so sollte für ihn Liebe und Hoffnung in nichts zerfallen.

Sie sah seinen Blick und senkte das Haupt vor Schmerz und Scham.

Orkutt bezwang sich nicht länger. Imogen, rief er, ihre Hand leidenschaftlich ergreifend, sagen Sie mir, was Ihnen solche Qual bereitet. Ich liebe Sie und kann Ihren Kummer nicht verstehen. Vertrauen Sie mir nur an, woher er stammt; alles übrige will ich ertragen.

Wie tief sie auch in ihr eigenes Leid versunken war, die flehende Bitte erschütterte sie doch. Sie blickte ihn teilnehmend an: Bin ich schuld an Ihrer Pein? rief sie aus. Zu lindern vermag ich sie nicht; könnte ich nur wenigstens weinen, damit Sie sehen, daß ich nicht von Stein bin, daß ich noch Mitgefühl habe für Anderer Schmerz, aber mein Tränenquell ist versiegt. Mein Pfad führt durch Jammer und Verzweiflung; ich muß ihn allein gehen und darf nicht schwach sein, damit ich nicht erliege. Fragen Sie mich nicht warum; halten Sie mich nicht zurück; dringen Sie nicht weiter in mich! Mir hilft nur Einsamkeit und Schweigen.

Sie wollte das Zimmer verlassen, aber er hielt ihre Hand fest. Seine Bestürzung, seine Angst hatten den Gipfel erreicht.

Sie sollen reden! rief er; schon allzu lange martert mich diese Heimlichkeit. Ich muß die Ursache Ihres Kummers kennen, die auch mein Glück vernichtet. 

Stumm blickte sie ihn an; in ihren Augen stand der unerschütterliche Entschluß zu lesen, eher zu sterben, als ihr Schweigen zu brechen. Er gab den nutzlosen Kampf auf und wandte sich ab. Schon im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Von nagenden Zweifeln umhergetrieben, fand Orkutt nirgends Ruhe; er war außer stande, die Pflichten seines Berufs mit gewohnter Genauigkeit zu erfüllen; hunderterlei Vermutungen über den Inhalt des vor seinen Augen zerstörten Briefes peinigten ihn ohne Unterlaß, und die Worte, welche Imogen gesprochen, blieben ihm ein dunkles Rätsel. Daß sie nach dem heftigen Gewitter, welches am Nachmittag hereinbrach, erst spät heimkehrte und wie es schien, in fieberhafter Erregung, erhöhte noch seine Besorgnis. Seitdem fürchtete er an jedem neuen Morgen, daß das entsetzliche Schicksal hereinbrechen, die unheilschwere Wolke sich entladen werde, welche, über ihren Häuptern schwebend, eine unbekannte, aber unaufhaltsam nahende Gefahr barg. Er sah, daß Imogen ein Ereignis, eine Nachricht erwarte, nach der sie eifrig in den Zeitungen forschte, aber lange strengte er seinen ganzen Scharfsinn vergebens an, um zu erraten, was es sei, bis er endlich glaubte, es gefunden zu haben.

Eines Tages, als er vom Gericht kam, ließ er sie zu sich rufen.

Es hat sich etwas ereignet, woran Sie möglicherweise Anteil nehmen werden, sagte er ohne alle Vorbereitung, mit grausamer Ruhe. Der Mörder der Frau Klemmens hat sich soeben den Hals abgeschnitten.

Während er sprach, sah er, daß er das Rechte getroffen. Dies war es, was sie gefürchtet und erwartet hatte, dies die Ursache all ihres Kummers und Entsetzens. Aber kein Wort entfuhr ihren Lippen, keine Bewegung tat kund, daß der kalte Stahl sie mitten ins Herz getroffen. 

Zum erstenmal überwältigte ihn rasende Eifersucht.

Ha, das war es, wonach Sie gesucht haben! rief er mit erstickter Stimme. Sie kennen den Menschen – haben ihn vielleicht schon gekannt, ehe Frau Klemmens ermordet wurde – ihn gekannt und geliebt?

Sie gab keine Antwort.

Er rang nach Fassung und schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Reden Sie! rief er, kennen Sie Valerian Hildreth oder nicht?

Valerian Hildreth? Wie ein Schrei der Ueberraschung entfuhr es ihrem Munde, wie ein angstvoller Klagelaut. Orkutt war starr vor Bestürzung. Ist er es, der Hand an sich gelegt, sich das Leben genommen hat? rief sie in wildem Grauen.

Wer sollte es sonst sein? – Orkutts Lachen klang entsetzlich. – Welcher andere Mensch ist jenes Mordes angeklagt? Sie sind von Sinnen, Imogen, und wissen nicht, was Sie reden.

Den Kopf gegen die hohe Lehne des Stuhls gepreßt, an dem sie gestanden, verbarg sie das Gesicht in den gefalteten Händen. Auch der Mann neben ihr focht einen furchtbaren Seelenkampf durch.

Wann ist es geschehen? stöhnte sie, ohne das Haupt zu erheben. Sagen Sie mir alles!

Der Rechtsanwalt lächelte voll Hohn und Bitterkeit, dann sprach er erbarmungslos:

Er hat schon seit einigen Tagen versucht, sich umzubringen. Seine Gefangennahme und die Aussicht, vor Gericht gestellt zu werden, haben ihn fast um den Verstand gebracht. Da er sich weder eine Schußwaffe, noch Gift, noch einen Strick verschaffen konnte, zerbrach er letzte Nacht eine Fensterscheibe und –

Er sprach nicht weiter. Die Todesangst in ihren Mienen war entsetzlich. Wie ein Medusenblick traf ihn ihr Auge. 

Schaudernd sah er, wie ihr starrer Mund sich öffnete: Ist er tot? hauchten ihre Lippen.

Noch bis vor einem Jahr war Orkutt frei gewesen von der Herrschaft leidenschaftlicher Gefühle. Erfolg in seinem Beruf, die Bewunderung der Menge, eine angesehene gesellschaftliche Stellung, das war das Ziel seines Strebens. Jetzt hatte ihn die Leidenschaft mit sinnbetörender Gewalt ergriffen; er fühlte sich machtlos und unfähig zu widerstehen. Bei der Angst in Imogens Blick, die einem andern Manne galt als ihm, bei der Frage auf ihren bebenden Lippen, welche die seinigen noch nie berührt hatten, ward sein Inneres von heißen Qualen durchwühlt. Er hätte die Fragen bejahen mögen vor grimmer Eifersucht, hätte das Mädchen mit einem einzigen Wort besinnungslos zu Boden strecken können, aber er bezwang die grausame Lust.

Er hat sich nur schwer verletzt, sagte er, ihrem Blick ausweichend, und der Arzt meint, daß er mit dem Leben davonkommt.

Ein tiefer Seufzer erleichterte ihre gequälte Brust. Gott sei Dank! stöhnte sie; dann blieb alles still.

Er sah nach ihr hin; aus ihren Mienen sprach verzweifelte Entschlossenheit. Imogen, rief er, was werden Sie tun? Was haben Sie vor?

Fragen Sie nicht! entgegnete sie, was ich tun will, dürfen Worte nicht aussprechen. Aber an Ihnen ist es, Sorge zu tragen, daß Valerian Hildreth aus dem Gefängnis entlassen wird. Er ist unschuldig – beherzigen Sie es wohl! Er hat das Verbrechen, dessen man ihn zeiht, nicht begangen; nur aus Scham und Zorn über den falschen Verdacht hat er Hand an sich gelegt. Stirbt er im Gefängnis, so ist ein Mord an ihm verübt worden – hören Sie, ein Mord! Und er wird sterben in Schmach und Verzweiflung, wenn man ihn nicht freigibt, das weiß ich gewiß.

Aber Imogen – 

Wenden Sie mir nicht ein, daß erst die gerichtliche Untersuchung erfolgen muß, die seine Unschuld ans Licht bringt. Es handelt sich hier um Leben und Tod. Sie als Advokat können Mittel und Wege ausfindig machen, seine einstweilige Freilassung zu bewirken. Gebrauchen Sie Ihren Scharfsinn, wenden Sie Ihren ganzen Einfluß bei den Behörden auf – wenn Sie das tun, so will ich –; dabei warf sie ihm einen langen, bedeutungsvollen Blick zu.

Sie wollen – rief er, was?

Ihnen gewähren, was Sie verlangen, sagte sie mit matter Stimme.

Wollen Sie mein Weib werden? fragte er in freudiger Aufwallung.

Ja – wenn ich nicht zuvor tot bin, stieß sie mühsam heraus.

Er umfing sie mit den Armen und drückte sie voll Entzücken an seine Brust. Sie sollen nicht sterben, rief er. Sie sollen leben und glücklich sein. Werden Sie noch heute die Meine!

Nicht bevor Valerian Hildreth frei ist, entgegnete sie leise, aber bestimmt.

Er fuhr zurück wie von einer Natter gestochen und sah sie mit eisigen Blicken an.

Lieben Sie ihn so glühend, daß Sie sich verkaufen wollen um seinetwillen? fragte er finster.

Ein Ausdruck der Entrüstung flog über ihre Züge, doch sie drängte das Wort zurück, das ihr auf den Lippen schwebte.

Antworten Sie! rief Orkutt, der jetzt fühlte, daß er die Macht habe, sie zu zwingen. Ich muß wissen, welche Gefühle Sie für diesen Mann hegen. Lieben Sie ihn, Imogen? Reden Sie, oder ich schwöre Ihnen, ich rühre keine Hand, um ihm beizustehen, und er wird meiner Hilfe vielleicht mehr bedürfen, als Sie glauben. 

Die Drohung rief ihren Stolz wach. Und wenn ich ihn liebte, murmelte sie mit abgewandtem Blick, wäre es ein Unrecht? Er ist jung, schön und unglücklich. Fragen Sie nicht weiter!

Orkutt trat einen Schritt zurück. Ich habe genug gehört, sagte er mit erzwungener Ruhe; jetzt ist mir alles klar, Ihre Angst, Ihr Entsetzen, Ihre geheimen Zweifel, Ihr unbegreifliches Benehmen. Der Mann, den Sie liebten, war in Gefahr, und Sie wußten nicht, wie Sie ihn befreien sollten. Ich beklage Sie, Imogen, aber helfen kann ich Ihnen nicht. Ich würde Sie zu meinem Weibe machen, trotzdem Ihr Herz einem andern gehört, denn ich liebe Sie leidenschaftlich – aber ich kann Ihr Verlangen nicht erfüllen. Auf meine Berufsehre ist während meiner ganzen Laufbahn noch nie ein Flecken gefallen, sie muß unangetastet bleiben. Man kennt mich als ehrenwerten Mann, und ich werde meinen Ruf vor der Welt behaupten, so lange ich lebe. Selbst wenn ich wollte, könnte ich aber jetzt nichts für den Gefangenen tun; die Beweise sprechen zu stark gegen ihn. Nur wenn sich aufs überzeugendste herausstellte, daß ein anderer die Tat begangen hat, würde das Gericht an seine Unschuld glauben und ihn in Freiheit setzen.

So ist also keine Hoffnung vorhanden? fragte sie voller Verzweiflung.

Für jetzt keine, Imogen, lautete seine düstere Antwort.

Als Orkutt abends einsam am Kamin saß, brachte ihm ein Diener folgenden Brief:


»Werter Freund!

Es duldet mich nicht länger unter einem Dache, wo ich den Schutz und die Freundschaft eines Ehrenmannes genoß. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, welche mich für immer aus dem angesehenen Kreise verbannt, in dem ich gelebt habe. Von Schmach befleckt, wird Imogen Dare fortan ihr Haupt nur an einer Stätte bergen, wo sie durch ihrer Hände Arbeit leben kann. Was auch mein Geschick sein wird, ich muß es allein tragen. Ihr ehrenwerter Name darf nicht länger in Gemeinschaft mit dem meinigen genannt werden. Sollte dies Ihr großmütiges Herz kränken, so ersticken Sie das Gefühl. Wenn Sie diese Zeilen lesen, habe ich Ihr Haus bereits verlassen, und nichts, was Sie sagen oder tun könnten, würde mich zur Rückkehr bewegen.

Leben Sie wohl und vergessen Sie das Mädchen, das Sie zum Lohn für Ihre Wohltaten fast so unglücklich gemacht hat, als sie selber ist!«

Während Orkutt diesen Brief las, öffnete gerade der Bezirksanwalt Ferris die Zuschrift von unbekannter Hand, in der Imogen Dare verdächtigt wurde.



Zwanzigstes Kapitel.

Als Ferris allein war, schwankte er lange, ob er mit dem Brief zu Orkutt gehen oder wirklich eine Unterredung mit Imogen Dare selbst suchen solle.

Er entschloß sich endlich zu letzterem, wenn auch mit innerem Widerstreben. Bisher hatte er für das Fräulein stets die größte Hochachtung gefühlt und an den Tag gelegt, ja er hatte gehofft, sein Freund werde sie als Gattin heimführen. Nun sollte ihr Name in aller Leute Mund kommen und mit dem schrecklichen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. – Ferris würde viel darum gegeben haben, hätte er es hindern können; seine Stellung als Bezirksanwalt gestattete ihm jedoch nicht, persönliche Gefühle in Betracht zu ziehen. Hildreths Zustand heischte jede Rücksicht von seiten der Behörden; war Fräulein Dare imstande, das fehlende Beweisglied zu liefern, um den Verdacht des Gerichts auf einen andern zu lenken, so durfte dies nicht unbeachtet bleiben.

In Orkutts Wohnung, wohin Ferris am nächsten Morgen ging, erfuhr er, daß Fräulein Dare sich auf einige Tage nach Professor Darlings Villa begeben habe. Der Bezirksanwalt suchte sie dort auf und brauchte nicht lange zu warten. Mit ihrer gewöhnlichen, ruhigen Selbstbeherrschung trat Imogen in den Empfangssalon, wo er saß. Sie kam aus dem kleinen Arbeitszimmer im oberen Stock, wo sie soeben als bezahlte Schneiderin das Hochzeitskleid für eine der Töchter des Hauses zugeschnitten hatte; davon ahnte er freilich nichts.

Ferris war nicht in der Stimmung, die gewöhnlichen Höflichkeitsformen auszutauschen; er begrüßte Imogen kurz.

Es ist eine unerfreuliche Angelegenheit, Fräulein Dare, die mich herführt, sagte er. Ich wünsche von Ihnen Auskunft über einen Umstand zu erhalten, der für mich von großer Wichtigkeit ist.

Wenn ich Ihnen etwas mitteilen kann, was Sie wissen möchten, entgegnete sie, ohne seinem forschenden Blick auszuweichen, so bin ich dazu bereit.

Er ließ sich täuschen durch die Ruhe und Sicherheit ihres Wesens, durch die Offenheit, mit der sie sprach, und fuhr mit weit geringerer Verlegenheit fort:

Zuerst muß ich Ihnen einen peinlichen Auftritt ins Gedächtnis zurückrufen. Als wir an jenem Morgen in Frau Klemmens' Haus zusammentrafen, erkannten Sie einen Diamantring, der dort auf dem Fußboden gefunden wurde, als Ihr Eigentum an. Erinnern Sie sich dessen?

Gewiß.

Gehörte Ihnen dieser Ring wirklich, oder täuschte Sie vielleicht der Schein? Sie gestatten mir wohl diese Frage, denn, wenn der Ring nicht Ihr Besitztum ist, wird er höchst wahrscheinlich in dem Prozeß gegen den Mörder der unglücklichen Frau eine wichtige Rolle spielen.

Sie zögerte nur einen Augenblick mit der Antwort; Gott allein weiß, welche letzte schwache Hoffnung sie vielleicht in diesem Moment auf ewig ins Grab versenkte. Da Sie mich danach fragen, Herr Anwalt, entgegnete sie, teile ich Ihnen mit, daß der Ring in gewisser Beziehung mein Eigentum war, in anderer aber nicht. Der Ring gehörte mir, weil er mir am Tage zuvor als Geschenk angeboten worden war. Er war nicht mein, weil ich mich geweigert hatte, das Geschenk anzunehmen.

Sie sprach mit atemloser Stimme, mechanisch, wie im Traum. Ferris war aufgesprungen. Die Tragweite dieser Aussage war nur allzu einleuchtend.

Darf ich fragen, forschte er, ohne zu ahnen, welche Qualen er ihr bereitete, wer es war, der Ihnen den Ring anbot, welchen zu nehmen Sie sich weigerten?

Wer es war? Ihre Stimme bebte; mit einem wilden Blick nach oben schien sie den Himmel zum Zeugen zu rufen, daß dies mehr sei, als menschliche Kraft zu ertragen möge. Dann lagerte sich eine eisige Ruhe auf ihren Zügen; wie zu Stein erstarrend drängte sie jedes Gefühl zurück, schaute Ferris fest ins Auge und sagte deutlich und langsam:

Es war Craik Mansell, der Neffe der Frau Klemmens.

Diesen Namen zu hören, war der Bezirksanwalt gekommen, und doch vernahm er ihn nicht ohne Betroffenheit aus ihrem Munde, vielleicht, weil er noch immer an ihr Verhältnis zu Orkutt dachte. Mit scheinbarer Gelassenheit fragte er:

War denn Herr Mansell hier in der Stadt am Tage vor der Ermordung seiner Tante?

Ja. 

Und Sie hatten eine Unterredung mit ihm?

Ja.

Darf ich fragen wo?

Ein flüchtiges Rot stieg ihr bis in die Schläfe; noch hatte ihr herbes Geschick nicht jedes weibliche Gefühl in ihr ertötet.

In dem Walde hinter dem Haus der Frau Klemmens. Aus guten Gründen, die ich nicht zu berühren brauche, hatte eine Begegnung dort für uns nichts Unstatthaftes.

Ferris, der von anderer Seite genau über diese folgenschwere Zusammenkunft unterrichtet war, konnte sich eines geheimen Schauders nicht erwehren. Sie meinen, weil Sie einander liebten? fragte er in scharfem Ton.

Er hatte mir einen Antrag gemacht, und ich wußte, aus welchen Gründen er mich zu sprechen wünschte.

Wenn Sie sich weigerten, Herrn Mansells Ring zu nehmen, Fräulein Dare, bemerkte Ferris, so müssen Sie ihm denselben zurückgegeben haben.

Der angstvolle Blick, mit dem sie ihn ansah, bewies, daß sie die volle Bedeutung dieses Punktes nur zu gut verstand; sie neigte bejahend das Haupt.

Also war der Ring in seinem Besitz, fuhr er fort, als Sie ihn damals verließen, um nach Hause zurückzukehren?

Ja, schienen ihre Lippen zu hauchen, aber man vernahm keinen Laut.

Und sahen Sie den Ring nicht wieder, als bis er in Frau Klemmens' Zimmer gefunden wurde?

Nein. Das genügt mir, Fräulein Dare, nahm Ferris nach einer kurzen Pause wieder das Wort. Ich danke Ihnen, daß Sie meine etwas peinlichen Fragen so offen beantwortet haben. Darf ich Sie nur noch bitten, mir zu sagen, ob Sie die wichtigen Tatsachen, die Sie mir soeben mitgeteilt, schon gegen irgend einen andern Menschen erwähnt haben?

Nein, entgegnete sie, sich mühsam aufrecht haltend, was ich zu sagen hatte, kommt jetzt zum erstenmal über meine Lippen.

Ferris war nun über alles unterrichtet, was er zu wissen brauchte, er verneigte sich achtungsvoll vor dem bleichen Mädchen mit den starren Zügen und verließ ohne Aufenthalt das Haus.



Einundzwanzigstes Kapitel.

Er ist hier.

Ferris warf seine Zigarre weg und sah zu Byrd auf, der vor ihm stand.

Sie haben also keine Schwierigkeit gehabt?

Nein. Er benahm sich, als sei er der Aufforderung stündlich gewärtig gewesen. Kaum hatte ich gesagt, daß Sie ihn in Sibley zu sprechen wünschten, so stand er vom Schreibpult auf, wechselte einen raschen Blick mit Herrn Goodman, traf einige Vorbereitungen und erklärte sich bereit, mit dem nächsten Zug abzufahren.

Hat er keine Fragen an Sie gestellt?

Doch. Er wollte wissen, ob ich ein Detektiv sei, und als ich dies bejahte, erkundigte er sich, ob er als Zeuge vorgeladen werde. Ich blieb ihm natürlich die Antwort schuldig.

Lassen Sie ihn eintreten, Byrd! sagte Ferris, seine Schreiberei beiseite schiebend.

Einen Augenblick später stand der junge Mann vor ihm. Seine kraftvolle männliche Erscheinung verfehlte ihren Eindruck auf den Bezirksanwalt nicht, der Mansell zum erstenmal sah. Entschuldigen Sie, daß ich Sie herbemüht habe, sagte er, ich war gerade zu sehr beschäftigt, um die Reise unternehmen zu können.

Mansell verbeugte sich stumm, trat an den Tisch, vor welchem Ferris saß, stützte die Hand fest darauf und sagte kurz: Ich stehe zu Diensten – was wollen Sie von mir?

Genau so hatte Hildreth gesprochen unter ganz ähnlichen Umständen, aber wie verschieden war die Wirkung! Dort kamen die Worte aus dem Munde eines Schwächlings, hier sprach ein starker Mann. Unsicher und zweifelnd blickte Ferris zu Byrd hinüber.

Ihre Gegenwart hier ist uns von nöten, sagte er, weil wir hoffen, durch Sie über verschiedene Tatsachen Aufschluß zu erhalten, die mit dem gewaltsamen Tode Ihrer Tante im Zusammenhang stehen. Als Frau Klemmens' Verwandter muß Ihnen natürlich daran gelegen sein, daß der Mörder seiner Strafe nicht entgeht.

Ferris hatte die letzten Worte wie fragend gesprochen. Byrd wartete nicht weniger gespannt als er auf eine zustimmende Aeußerung, die unter allen Umständen fast geboten schien, aber sie erfolgte nicht. Der Bezirksanwalt wählte eine andere Wendung. Als Neffe der Ermordeten, sagte er, und Erbe ihrer kleinen Hinterlassenschaft ist das gewiß Ihr dringendster Wunsch, Herr Mansell?

Der Angeredete preßte die Lippen aufeinander, er schien die Frage völlig zu überhören. Seltsam: der Mann sollte den Todesstreich geführt haben und war von so strenger Wahrheitsliebe, daß er sich seinen Anklägern gegenüber zu keiner falschen Beteuerung verstehen mochte.



Ferris drang nicht weiter in ihn.

Es wird Ihnen bekannt sein, sagte er, daß ein gewisser Valerian Hildreth sich als des Mordes verdächtig in Haft befindet. Die Beweise gegen ihn sind stark, und man zweifelt im allgemeinen nicht daran, daß das Gericht ihn schuldig sprechen wird. Nun ist aber kürzlich auch gegen eine andere Person ein scheinbar ebenso belastendes Beweismaterial beigebracht worden. Um uns zu überzeugen, daß dies nur auf Täuschung beruht, habe ich Sie auffordern lassen, sich hier einzufinden.

Bei den Worten »eine andere Person« zuckte es krampfhaft in Craik Mansells Gesicht, aber noch ehe der Bezirksanwalt geendet, war er wieder vollkommen Herr seiner selbst.

Sie haben mir den Namen der neuerdings verdächtigten Person noch nicht genannt, bemerkte er.

Können Sie ihn nicht erraten? fragte Ferris, der sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren konnte, als er den Blick des andern so fest auf sich gerichtet sah.

Mir scheint, ich habe das Recht, ihn aussprechen zu hören, versetzte jener mit funkelnden Augen.

Sogleich, Herr Mansell, entgegnete der Bezirksanwalt, seine ruhige Haltung wiedergewinnend; zuvor möchte ich einige Fragen an Sie richten. Es steht natürlich ganz in Ihrem Belieben, mir die Antwort darauf zu verweigern; ich will Sie durchaus nicht dazu verleiten, Angaben zu machen, die Ihnen später leid werden könnten.

Reden Sie! war die einzige Erwiderung.

Ich bitte Sie also, mir zu sagen, wo Sie sich befanden, als Sie zuerst von dem Mordanfall auf Ihre Tante hörten.

An meinem Platze in der Fabrik.

Und – Sie verzeihen, wenn ich zu weit zu gehen scheine –, waren Sie am Morgen, als sie ermordet wurde, auch ebendaselbst?

Nein.

Wenn Sie mir sagen könnten, an welchem Ort Sie sich zu jener Zeit aufhielten, so würden Sie uns eine große Wohltat erweisen, die möglicherweise auch Ihnen selbst zu gute käme.

Mir selbst? – Erstaunt und ungläubig sah er sich langsam im Zimmer um. Sein Blick traf Byrd, der ihn mit unverkennbarem Mitgefühl betrachtete. Das schien Mansell mächtig zu erregen; er starrte den Detektiv an, als wolle er ihn durchbohren, um seine geheimsten Gedanken zu ergründen.

Sie können mir glauben, fuhr Ferris fort, daß es für alle Teile am besten ist, wenn Sie offen angeben, wo Sie an jenem Morgen waren.

Sollten Sie es nicht schon wissen? gab jener zurück, ohne das Auge von Byrd abzuwenden.

Wir haben Grund zu vermuten, daß Sie sich in hiesiger Stadt befanden, lautete die Antwort.

Ich wäre begierig, zu hören, wie Sie zu dieser Annahme kommen, bemerkte Mansell ruhig. Es kann mich hier niemand gesehen haben. Vor drei Monaten habe ich meine Tante besucht und seitdem heute zum erstenmal wieder die Straßen von Sibley betreten.

Sie brauchten die Straßen der Stadt nicht zu betreten, um in Frau Klemmens' Haus zu gelangen.

Und auf welchem andern Wege kann man es vom Bahnhof aus erreichen? fragte er mit kaum merklicher Bewegung.

Sind Sie denn auf dem Bahnhof in Sibley ausgestiegen? forschte Ferris statt der Antwort.

Das habe ich nicht gesagt, entgegnete der andere mit unerschütterlicher Selbstbeherrschung.

Herr Mansell, sprach jetzt der Bezirksanwalt mit Nachdruck, wir wollen Sie weder betrügen, noch irreführen. Wir wissen, daß Sie an dem Morgen der Mordtat hier in der Stadt gewesen sind, Sie waren sogar im Hause Ihrer Tante. Das steht zweifellos fest. Die Frage, um die es sich handelt und deren Tragweite zu beurteilen ich Ihnen selbst überlasse, ist nur, ob Sie früher als Hildreth dort waren, oder später. Wenn Sie Beweise vorbringen können, daß Sie vor Hildreth da waren, werden wir ihnen die vollste Beachtung schenken.

In Mansells bis dahin unbeweglichen Zügen ward eine große Veränderung bemerkbar; er beugte sich vor und betrachtete Ferris mit scharfen Blicken, dann sagte er verächtlich auf Byrd deutend, der verlegen dreinschaute:

Als ich den Mann dort fragte, ob ich als Zeuge vorgeladen würde, hat er mich bei diesem Glauben gelassen. Ich möchte mir zuvörderst Auskunft erbitten, ob es in der Ordnung war oder nicht, mich hierüber in Unkenntnis zu erhalten?

Das war unter den obwaltenden Umständen nicht zu vermeiden, Herr Mansell, entgegnete Ferris. Ich ließ Sie vorladen in der Hoffnung, Sie würden mir beweisen können, daß Sie außer aller Beziehung zu der an Ihrer Tante verübten Mordtat stehen. Die Achtung, welche ich gegen verschiedene Personen hege, die mit Ihnen in Verbindung stehen – der Bezirksanwalt sagte dies mit besonderer Betonung – rechtfertigt allein mein etwas ungebräuchliches Verfahren einem verdächtigen Menschen gegenüber.

Ein unsagbar bitteres Lächeln glitt einen Augenblick über Mansells festgeschlossene Lippen; er richtete sich in die Höhe, und man sah ihm an, daß er entschlossen sei, seine Sache nach besten Kräften zu führen.

Es ist wohl billig, sagte er, daß ich erst erfahre, welche Beweisgründe gegen mich vorliegen, bevor ich versuche, Sie von der Unrichtigkeit Ihres Verdachts zu überzeugen.

Ich will Ihnen meine Gründe nicht vorenthalten, versetzte Ferris. Schon um meiner Freundschaft für Herrn Orkutt willen werde ich meinerseits alles tun, damit das ärgerliche Aufsehen vermieden wird, das durch Ihre Verhaftung und die daraus entspringenden Folgen unfehlbar entstehen müßte. Von Ihnen erwarte ich dann jedoch gleiche Aufrichtigkeit. Die Sache ist zu ernst für leere Ausflüchte. 

Mansell sah schweigend vor sich nieder.

Wir halten Sie aus verschiedenen Gründen für ebenso verdächtig, wie Hildreth, fuhr Ferris fort. Erstens ist erwiesen, daß Sie, um eine Erfindung ausführen zu können, die Sie sich haben patentieren lassen, dringend einer Geldsumme bedurften, welche etwa so viel betrug, wie das Vermögen Ihrer Tante. Zweitens haben wir in Erfahrung gebracht, daß Sie Ihre Wohnung in Buffalo am Tage vor der Mordtat verließen, sich nach unserer Nachbarstadt Monteith begaben, an der kleinen Zwischenstation beim Steinbruch ausstiegen, über die Hügel und durch den Wald gingen bis an die Hütte, welche auf der Lichtung hinter dem Haus Ihrer Tante steht und daselbst die Nacht zubrachten.

Drittens können wir beweisen, daß Sie von da aus die Wohnung Ihrer Tante einmal, wenn nicht zweimal aufsuchten, das letztemal am Morgen des Mordes selbst. Sie kamen verstohlen zur Hintertür herein und stahlen sich auf ebenso verdächtige Weise wieder fort, worauf Sie den weiten und beschwerlichen Rückweg über die Berge antraten.

Wenn wir nun neben diesen Tatsachen noch Ihre große Zurückhaltung in betreff jenes Besuchs bedenken, der für die Behörden von so augenscheinlicher Wichtigkeit sein mußte, so werden Sie mir selbst zugeben, daß der Verdacht gegen Sie nicht weniger stark ist, als gegen Valerian Hildreth.

Mansell warf schnell einen forschenden Blick auf Ferris, dann sagte er mit sichtlichem Zwang:

Sie stellen da allerlei Behauptungen auf, aber, wie wollen Sie zum Beispiel beweisen, daß ich eine Nacht oder auch nur eine Stunde in jener Waldhütte gewesen bin?

Das können Sie erfahren. Man hat Sie dort am Nachmittag vor der Ermordung Ihrer Tante in Gesellschaft einer jungen Dame gesehen, mit der Sie ein Stelldichein hatten. – Was wollen Sie bemerken? – 

Nichts! klang es zornig, fast geringschätzig zurück.

Im Hause Ihrer Tante haben Sie nicht geschlafen, denn in keinem der Zimmer war ein Gast beherbergt worden; in der Hütte aber ließen Sie verschiedene Spuren Ihrer Anwesenheit zurück. Ich könnte Ihnen sagen, wo Sie die Tannenzweige abgeschnitten haben, die Ihnen als Kissen dienten, und wo Sie saßen, als Sie mit einem Blaustift, wie dort einer aus Ihrer Westentasche heraussieht, Notizen auf den Rand des Buffalo-Tageblattes schrieben.

Sie sind in der Tat gut berichtet, entgegnete der junge Mann mit düster gefalteter Stirn. Woher aber wissen Sie, daß ich das Haus meiner Tante am Tage ihrer Ermordung betreten habe? Hat mich dort jemand gesehen, oder trägt das Haus wie jene Hütte Spuren meiner Gegenwart zu einer bestimmten Zeit?

Sein Ton klang spöttisch, ja verächtlich, und grimmer Hohn blitzte ihm aus den Augen. Ferris sah nach der Hand hin, welche Mansell auf den Schreibtisch stützte und bemerkte ruhig:

Sie tragen heute den Diamantring nicht, den Sie von jenem Stelldichein mitnahmen? Ist das vielleicht derselbe, der nach der Mordtat in Frau Klemmens' Zimmer gefunden wurde? Sollten Sie ihn etwa da vom Finger verloren haben?

Bei diesen Worten schrak der junge Mann heftig zusammen: es war das erste Zeichen von Schwäche, das er sehen ließ.

Woher wissen Sie, fragte er bestürzt, daß ich von jener Zusammenkunft einen Diamantring mitnahm?

Gewisse Umstände, entgegnete der Bezirksanwalt, erheben dies über allen Zweifel. Fräulein Dare –

Fräulein Dare! – Mansells ganzes Inneres schien sich zu empören. Der Ton, mit dem er den Namen sprach, klang entsetzlich; Byrd schauderte, als er ihn hörte. 

Fräulein Dare sagt aus, fuhr Ferris unbeirrt fort, daß sie Ihnen den Ring zurückgegeben habe, den Sie ihr bei jener Unterredung einhändigen wollten.

Es entstand eine bedrückende Pause.

Sie sind über den Fall so gut unterrichtet, bemerkte Mansell dann mit erzwungener Ruhe, daß mir kaum etwas zu sagen übrigbleibt. – Aber Herr, rief er von Entrüstung übermannt, plötzlich vorwärtstretend und mit der geballten Faust auf den Tisch schlagend, ich habe meine Tante nicht umgebracht! – Ich gebe zu, daß ich sie aufgesucht habe, wie Sie behauptet haben, aber das war am Tage vor dem Mord und nicht nach demselben. Ich ging zu ihr, um nochmals zu versuchen, sie für meine Erfindung günstig zu stimmen. Ich begab mich heimlich dahin und auf dem Umwege, den Sie beschrieben haben, weil mich noch ein anderer Zweck nach Sibley führte, der es mir wünschenswert machte, meine Anwesenheit dort zu verbergen. Bei meiner Tante waren alle Bemühungen vergeblich, auch mein anderer Herzenswunsch, auf den sich der Ring bezog, von dem Sie sprachen, ging nicht in Erfüllung. Durch diese Enttäuschungen entmutigt, lag ich die ganze Nacht dort in der Hütte, auch noch einen großen Teil des nächsten Morgens; aber ich habe meine Tante nicht wieder gesehen und die Hand nicht gegen sie erhoben.

Es lag eine feierliche Ruhe, eine überzeugende Gewalt in dem Ton, mit welchem er die letzten Worte sprach; sein Blick war fest und unbewegt auf den Bezirksanwalt gerichtet.

So behaupten Sie also, das Haus der Witwe am Tage ihrer Ermordung nicht betreten zu haben? fragte Ferris.

Ja.

Wir stünden demnach vor der Frage, wer von Ihnen die Wahrheit spricht, Sie oder Fräulein Dare. 

Tiefes Schweigen.

Fräulein Dare sagt aus, daß sie Ihnen den Ring zurückgegeben hat. Da derselbe also in Ihrem Besitz war, als Sie beide am Montagabend auseinandergingen, wie kann der Ring am nächsten Morgen in das Eßzimmer der Witwe gekommen sein, wenn Sie ihn nicht selber dorthin gebracht haben?

Ich vermag nur meine Worte zu wiederholen, erwiderte Mansell.

Ferris fand es aus mehr als einem Grunde schwer, an die Schuld des Mannes zu glauben. Sie lassen es sich nicht sehr angelegen sein, mir bei der Ergründung der Wahrheit beizustehen, sagte er unmutig. Können Sie mir nicht angeben, was Sie mit dem Ring getan haben, nachdem Sie sich von Fräulein Dare trennten, ob Sie ihn an den Finger steckten, oder in die Tasche, oder ob Sie ihn fortwarfen? – Wenn er nicht durch Sie dort ins Haus gekommen ist, muß ihn ein anderer dahin getragen haben; helfen Sie mir entdecken, wer das war!

Ich kann über den Ring keine Auskunft geben, erwiderte Mansell bestimmt. Von dem Augenblick an, als Fräulein Dare ihn mir zurückgab, wie Sie sagen, habe ich ihn gänzlich vergessen. Hätten Sie mich nicht soeben daran erinnert, würde er mir schwerlich wieder eingefallen sein. Durch welche Hexenkünste er sich aus meinem Besitz verlor, um auf dem Schauplatz des Mordes wieder zum Vorschein zu kommen, bin ich außer stande, zu erklären.

Und weiter haben Sie mir nichts zu sagen?

Nein, jetzt wissen Sie alles.

In tiefes Sinnen versunken, stand Mansell da, starr und unnahbar, wie ein Marmorbild. Nach einer Weile wandte sich Ferris an den Detektiv.

Byrd, sagte er, Herr Mansell wird wahrscheinlich wünschen, nach dem Gasthaus zu gehen, wenn er nicht vorzieht, mit dem nächsten Zuge nach Buffalo zurückzukehren.

Jetzt kam wieder Leben in die regungslose Gestalt.

Sie wollen mir gestatten, nach Buffalo zurückzukehren? fragte Mansell überrascht auffahrend.

Ja, lautete die Antwort. Sie sind ein wackerer Mann, kam es unwillkürlich von des andern Lippen; dem ersten Antrieb folgend, streckte er Ferris die Hand entgegen, zog sie aber sofort mit einem Anflug von Stolz zurück, der ihn trefflich kleidete.

Damit ist jedoch nicht gesagt, daß ich Sie der polizeilichen Aufsicht entheben kann, bemerkte jener. Es ist meine Pflicht als Bezirksanwalt, den Mörder der Frau Klemmens ausfindig zu machen. Die Auskunft, die Sie mir erteilt haben, ist weniger befriedigend und erschöpfend gewesen, als ich erwartete.

Die Polizei wird mich stets an meinem Platz in der Fabrik finden, entgegnete Mansell in gemessenem Ton, worauf er sich kurz vor Ferris verbeugte und das Gemach verließ.

Der Mann ist unschuldig, rief der Bezirksanwalt zu Byrd gewandt, welcher seine Weisung in betreff der polizeilichen Ueberwachung Mansells erwartete, die Art, wie er mir die Hand hinstreckte, sprach deutlicher als alle Schuldbeweise.

Der Detektiv warf einen düstern Blick nach der Richtung, in welcher sich Craik Mansell entfernt hatte.

Es würde Ihnen schwerlich gelingen, Hickory zu Ihrer Ansicht zu bekehren, erwiderte er. 



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dies Wort des Detektivs klang Ferris fort und fort in den Ohren; er ward es nicht wieder los. Solange Mansell ihm gegenüberstand, war er von seiner Unschuld überzeugt gewesen, aber je mehr er jetzt seine Unterredung mit ihm bedachte, um so ungewisser wurde er, was er von ihm zu halten habe. Dazu kam noch die Erwägung, daß Fräulein Dare, die ihn liebte, aus freien Stücken Zeugnis gegen ihn abgelegt hatte. Wie fest mußte sie an seine Schuld glauben, um einen solchen Schritt zu tun!

Besonders Orkutts wegen war es dem Bezirksanwalt in hohem Maße zuwider, gegen Mansell einzuschreiten. Wenn es irgend anging, wollte er dem Rechtsanwalt die Pein ersparen, das Mädchen, welches dieser liebte, als Zeugin gegen seinen Nebenbuhler vor Gericht zu sehen. Er beschloß daher, Mansell für jetzt nicht in Haft zu nehmen, sondern alle Beweise gegen beide Verdächtige, die er in Händen hatte, direkt bei der Großen Jury einzureichen, deren Mitglieder eidlich verpflichtet sind, das Geheimnis zu wahren. Sollte sich dann der Verdacht gegen Mansell als nicht genügend begründet erweisen, um ihn in Anklagestand zu versetzen, so würde von dem ganzen geheimen Verfahren nichts in die Oeffentlichkeit gelangen. Würde dagegen nicht Hildreth, sondern Mansell vor Gericht gestellt, so traf ihn, Ferris, keinerlei Verantwortlichkeit, weder dem Rechtsanwalt Orkutt noch Fräulein Dare gegenüber.

Wie geheim jedoch der Bezirksanwalt auch die ganze Sache betrieb, es mußte sich doch ein Gerücht davon verbreitet haben. Orkutt selbst, mit dem Ferris seit einer Woche jede Begegnung vermied, redete ihn eines Tages in der Straße an und brachte das Gespräch darauf. Der Rechtsanwalt sah bleich und angegriffen aus und fragte voll Unruhe, ob es wahr sei, daß außer Hildreth jetzt noch ein anderer des Mordes der Witwe Klemmens verdächtigt werde. So sah sich denn Ferris zu der unerwünschten Erörterung genötigt. Er konnte seinem Freunde die verlangte Auskunft nicht verweigern und teilte ihm auf dessen stets dringender werdende Fragen nicht nur mit, daß ein starker Verdacht gegen den Neffen der Frau Klemmens vorliege, sondern auch, daß es hauptsächlich Fräulein Dare gewesen sei, durch welche die Aufmerksamkeit der Behörden auf Craik Mansell geleitet worden. Orkutt sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Aber das ist ja unmöglich; was kann sie von dem Morde wissen! rief er erregt, und der Bezirksanwalt erkannte mit steigender Verlegenheit, daß jener über Imogens Verhältnis zu Mansell völlig im Dunkeln sei.

Das Zeugnis des Fräuleins ist in der Tat von großer Wichtigkeit, erwiderte er. Verlangen Sie aber nicht, daß ich mich noch näher darüber auslasse; Sie erfahren alles weitere am besten von ihr selbst. Mir ist die ganze Sache in hohem Grade peinlich; wenn es sich irgend mit meiner Pflicht vereinbaren ließe, würde ich der jungen Dame, die Ihnen so nahe steht, sicher die Unannehmlichkeit eines öffentlichen Verhörs ersparen.

Orkutt lächelte bitter. Und sie hat sich aus eigenem Antrieb erboten, Ihnen diese Beweise gegen Mansell zu liefern?

Ja, ganz ohne mein Zutun.

Der Rechtsanwalt hatte genug gehört. Mühsam seine Fassung bewahrend, verabschiedete er sich von Ferris. Für Imogens Handlungsweise gab es nach seiner Meinung nur eine Erklärung: sie hatte, getrieben von dem leidenschaftlichen Verlangen, Valerian Hildreth zu befreien, ein falsches Zeugnis abgelegt, um die Schuld auf einen andern zu wälzen. Die Worte ihres Abschiedsbriefes bestärkten Orkutt noch in diesem Argwohn. Für den Mann, den sie liebte, wie er nicht anders glauben konnte, war sie sogar bereit, einen Meineid zu begehen. Von Eifersucht gepeinigt, faßte Orkutt hundert verschiedene Pläne, um ihr Zeugnis zu entkräften, ihr wahnsinniges Vorhaben im Keime zu ersticken. Düster vor sich hinbrütend, wie es seine Gewohnheit war, seit ihn Imogen verlassen, saß er in seinem Studierzimmer und wieder und wieder klang es ihm in der Seele: Sie liebt ihn so unaussprechlich, daß sie willens ist, ihn durch einen Meineid zu retten.

Endlich erhob er sich und verließ das Haus. Die Uhr hatte acht geschlagen, und ohne daß er sich selbst recht klar war, was er eigentlich beabsichtige, begab er sich nach Professor Darlings Villa und ließ Imogen um eine Unterredung bitten.

Sie weigerte sich zuerst, ihn zu empfangen, und als sie seiner wiederholten Aufforderung endlich Folge leistete, zeigte ihre stolz abweisende Miene nur zu deutlich, welche Ueberwindung es sie koste, sein Verlangen zu erfüllen.

Er war darauf gefaßt, sie kühl und unnahbar zu finden. Imogen, was haben Sie getan? rief er ohne weitere Vorbereitung, sobald sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte.

Herr Orkutt, entgegnete sie matt und niedergeschlagen, als ich Ihr Haus verließ, schrieb ich Ihnen, daß ich durch die Erfüllung einer unseligen Pflicht auf immer von Ihnen getrennt sei. Warum versuchen Sie die Kluft zu überbrücken, die uns scheidet?

Was nennen Sie Ihre Pflicht? gab er zornig zurück. Reden Sie, ich will es wissen! Speisen Sie mich nicht länger mit leeren Ausflüchten ab, wo es sich um eine Lebensfrage handelt!

Sie sagten mir in unserer letzten Unterredung, erwiderte sie, Valerian Hildreth könne nur frei werden, wenn  sich aufs überzeugendste herausstellte, daß ein anderer die Tat begangen hat. Ich glaubte die Beweise dafür in Händen zu haben und tat sie den Behörden kund, denn Hildreth muß um jeden Preis gerettet werden, hören Sie – um jeden Preis!

Und in Ihrer rasenden Liebe für diesen Menschen wollen Sie einen Meineid schwören, wollen das Gericht glauben machen, daß Ihre erfundenen Beweise auf Wahrheit beruhen, und die Schmach auf den unschuldigen Mansell wälzen?

Wie tief mußte ihr Stolz bereits gebeugt sein, daß sie solche Worte ohne Entrüstung anzuhören vermochte! Was ich sage, ist die Wahrheit, murmelte sie, ich habe nichts erfunden.

Orkutt starrte sie mit ungläubigem Staunen an. Sie hatten wirklich Beweise gegen diesen Mansell, rief er, und haben Ihr Zeugnis zurückgehalten, obgleich der Mann, den Sie liebten, in Todesgefahr schwebte – das ist undenkbar!

Sie stand einen Augenblick in heftigem Kampf mit sich selbst, dann schien sie einen plötzlichen Entschluß zu fassen. Wozu es noch länger verbergen? sagte sie. Früher oder später werden Sie es ja doch erfahren. Nicht Hildreth ist es, den ich liebe, sondern der andere, dessen Namen Sie nannten – Craik Mansell.

Das Wort war heraus, das ihr nicht über die Lippen gewollt hatte. Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, dann gewann Imogen Kraft und Fassung zurück.

Was ich sage, mag Ihnen unglaublich klingen, fuhr sie fort, doch es ist wahr. Ich lernte ihn in Buffalo kennen; sein entschlossenes, kräftiges Wesen zog mich von vornherein an; er war der erste Mann, der mir je einen tieferen Eindruck gemacht hatte. Sein hohes Streben erschloß mir eine Welt, die ich nie gekannt, mir war, als habe auch mein Dasein auf einmal Inhalt und Zweck gewonnen. Ich horchte auf seine Stimme, erwiderte seine Blicke und ehe ich es noch selber recht wußte, hatten wir Worte der Liebe getauscht. Es war der Anfang des furchtbaren Kampfes, dessen Ende – – lassen Sie mich nicht daran denken, oder ich gerate von Sinnen!

In leidenschaftlicher Erregung hatte Orkutt ihre Erklärung vernommen. Endlich fand er Worte: Und mit der Liebe für einen andern im Herzen kehrten Sie in mein Haus zurück, hörten den Ausdruck meiner Gefühle für Sie an, und gaben mir Hoffnung, Sie dereinst zu besitzen?

Wirklich, tat ich das? Ich glaubte, ich hätte Sie nur gebeten, nicht weiter in mich zu dringen. An jenem furchtbaren Tage, als Sie mir Ihre Hand antrugen, wollte ich Ihnen nur zeigen, daß ich nicht undankbar sei für so viel Güte. Zudem war meine Liebe völlig aussichtslos. Hing doch unsere Zukunft von dem Erfolg einer Maschine ab, an deren Ausführbarkeit niemand glauben wollte.

Dem Rechtsanwalt schwebte eine bittere Erwiderung auf den Lippen, doch bezwang er sich und sagte kurz:

Sie haben mir nicht mitgeteilt, welche Beweise Sie gegen Craik Mansell vorzubringen hatten.

Ich habe Herrn Ferris davon unterrichtet und das genügt, war ihre Antwort.

Er schwieg einen Augenblick. Ferris ist Bezirksanwalt und verfolgt den Verbrecher, sagte er dann. Ich aber bin Ihr Freund und kann Ihnen raten und beistehen in der seltsamen Lage, in die Sie sich gebracht haben – wenn Sie offen gegen mich sind.

War denn noch irgendeine Aussicht auf Rettung? Ein Schimmer von Hoffnung schien ihr in der Dunkelheit aufzuleuchten.

Und Sie wollten mir wirklich helfen? fragte sie gerührt. Sie wären großmütig genug, zu vergessen, daß ich Ihnen Schmerz, ja vielleicht Schmach bereite? Sie würden mir Ihren Beistand nicht verweigern, wenn er statt Hildreth vor Gericht gestellt werden sollte?

Es war ein großer, ein folgenschwerer Entschluß, den sie von ihm forderte; Orkutt war nicht so leicht bereit, sich durch ein Versprechen zu binden.

Zuerst muß ich den Tatbestand kennen, ehe ich mich weiter darüber ausspreche, entgegnete er.

Imogen sah sich ängstlich nach allen Seiten um, dann flüsterte sie: An jenem Morgen war Craik Mansell von allen unbemerkt im Hause seiner Tante. Der Ring – –

Nun? fragte Orkutt gespannt; alle Zweifel und Unruhe, die ihm dieser Ring schon bereitet hatte, bestürmten ihn von neuem.

Er gehörte ihm, fuhr sie fort, es war ein Erbstück seiner Mutter; er hatte den Diamant für mich neu fassen lassen. Tags zuvor trafen wir uns im Walde hinter dem Hause seiner Tante, er wollte mir den Ring an den Finger stecken, aber ich litt es nicht. Die Zukunft sah zu trübe aus, es war keine Aussicht vorhanden, daß unsere Wünsche je in Erfüllung gehen würden.

Verstehe ich Sie recht? fragte Orkutt halb staunend, halb entrüstet. Sie hatten im Walde eine Zusammenkunft mit diesem Menschen am Tage vor der Mordtat? Und am andern Morgen begab er sich nach dem Hause und verlor dort im Zimmer den Ring?

Ja, so ist es.

Schweigend schritt der Rechtsanwalt mehrmals in dem Gemach auf und ab, endlich blieb er vor Imogen stehen.

Also nur, weil Sie den Ring jenes Herrn dort im Zimmer fanden, halten Sie ihn für den Mörder seiner Tante? – Es lag etwas wie Spott in dem Ton seiner Frage.

Es beweist seine Anwesenheit daselbst; dazu kamen die furchtbaren Worte der Sterbenden: »Ring« und »Hand«, und wenn ich an Herrn Mansells Aeußerungen bei unserer Unterredung denke – sie hielt inne, von Grauen überwältigt.

Was hat er Ihnen damals gesagt? drängte der Rechtsanwalt.

Imogen schüttelte das Haupt, dann murmelte sie: Die fünftausend Dollars, die seine Tante hinterläßt, waren gerade die Summe, die er brauchte, um sein Glück zu begründen.

Wenn das auch der Fall war, Imogen, ja, wenn er das selbst Ihnen gegenüber betont haben sollte, so sind solche Reden kein Beweis. Wollen Sie nicht bewirken, daß er verurteilt wird, so schweigen Sie davon.

Der Unschuldige darf die Strafe nicht für den Schuldigen erleiden, sagte sie hart und streng.

Orkutt schien die Bemerkung zu überhören.

Ist das alles, was Sie mir mitzuteilen haben? fragte er.

Ja, alles – und ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was habe ich zu erwarten?

Der Fall ist höchst merkwürdig, Imogen, erwiderte der Rechtsanwalt sichtlich erleichtert; mir ist in meiner Praxis noch kein ähnlicher vorgekommen. Jedenfalls ist abzuwarten, gegen welchen der beiden Männer die Große Jury die Anklageakte erläßt, ehe ich mich weiter darüber äußere.

Und Sie glauben, daß noch ein Zweifel möglich ist?

Ein Zweifel besteht immer, wenn der Beschluß von dem Urteil vieler abhängt. Kein Mensch kann jetzt vorhersehen, wer von den beiden Verdächtigen vor Gericht gestellt werden wird; mir scheinen die Indizienbeweise, welche gegen sie vorliegen, gleich stark. Weil Sie Mansell für den Schuldigen halten – –

Daß er es ist, weiß ich nur zu gut, murmelte sie.

Deshalb steht noch lange nicht fest, daß die Große Jury dieselbe Entscheidung trifft. Bis dahin wäre es ganz vergeblich, von Zukunftsplänen und Möglichkeiten zu reden. 

Leben Sie wohl, Imogen – wenn der Würfel gefallen ist, sollen Sie weiter von mir hören.

Aus dem Abschiedsblick, den er ihr zuwarf, sprach das ganze Feuer seiner geheimen Leidenschaft. Er preßte ihre Hand an die Lippen und verließ eilends das Gemach.



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Ganz Sibley war in Aufregung. Die Große Jury hielt Sitzung, und der Mord der Witwe Klemmens stand auf der Tagesordnung. Die Beratung fand bei geschlossenen Türen statt, und draußen vor dem Gerichtsgebäude drängte sich eine dichte Menschenmenge, die unter allerlei Mutmaßungen und Meinungsäußerungen ungeduldig harrte, daß der Name des Angeklagten an die Oeffentlichkeit dringen sollte.

Währenddessen war im Darlingschen Haus des Professors Tochter liebevoll um Fräulein Dare bemüht.

Imogen, flehte sie in zärtlicher Besorgnis, sage mir nur ein Wort, vertraue mir an, was dich so schwer bekümmert. Warum bist du heute früh mit Papa nach dem Gerichtshof gegangen und dann halbtot vor Unglück und Enttäuschung wiedergekommen? Sage es mir oder ich sterbe vor Angst. Seit jenem Tage, als du mir bei dem Hochzeitskleide halfst, lastet ein furchtbarer Druck auf deiner Seele; sprich es aus, das wird dir Erleichterung gewähren.

Laß mich, Helene, seufzte das unglückliche Mädchen, mein Kummer wird nicht durch Worte leicht. Es gibt Leiden, die der Mensch am besten allein trägt. Dein Weg ist sonnig und heiter, was weißt du von hoffnungslosem Seelenschmerz? Geh' und sei glücklich! Nur noch kurze Zeit, und ich weiß das Aergste. Habe Dank für deine Liebe, aber verlaß mich jetzt, vielleicht kann ich ruhiger werden. 

In tiefer Betrübnis entfernte sich das junge Mädchen, und Imogen blieb allein in ihrer entsetzlichen Spannung und Qual.

Jetzt kam eine Botschaft.

Ein Herr ist unten und wünscht Sie zu sprechen, meldete der Diener.

Sie fand Orkutt im Empfangszimmer – ein Blick, und sie wußte alles.

Wer ist es? – keuchte sie.

Mansell! –

Mehrere Minuten lang lehnte Imogen schon in sprachlosem Schmerz am Fenster. Jetzt trat Orkutt zu ihr heran.

Hören Sie, Imogen! sagte er, ich muß eine Frage an Sie stellen, die der Antwort bedarf.

Sie wandte sich nach ihm um, stumme Verzweiflung im Blick.

Liegt es nach dem, was vorgefallen ist, noch im Bereich der Möglichkeit, hub er an, seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfend, daß von einer Heirat zwischen Ihnen und Craik Mansell die Rede sein kann, wie auch der Spruch der Geschworenen fallen mag?

Sie zuckte zusammen, als hätte eine rauhe Hand ihre schmerzhafte Wunde berührt.

Nein, klang es von ihren Lippen, wie können Sie fragen?



Orkutts verstörte Züge erhellten sich. Dann darf ich Ihnen auch gestehen, sagte er, daß ich Sie nie heißer geliebt habe als heute, daß ich alles opfern würde, selbst meinen Stolz, um das Leid, das Sie erdulden, von Ihnen zu nehmen. Kann ich irgend etwas zu Ihrem Trost, Ihrer Beruhigung tun, Imogen, so sprechen Sie es aus.

Wollen Sie ihm eine Botschaft von mir überbringen? stammelte sie. 

Selbst dazu bin ich bereit, erwiderte er düster.

O, rief sie, dann sagen Sie ihm, daß ich um den Unschuldigen zu retten, gezwungen war, den Schuldigen zu verraten, aber dabei auch meiner nicht geschont habe. Ich werde das Verhängnis teilen, dem er entgegengeht, und sollte es der Tod sein. Bringen Sie ihm diese Botschaft, seien Sie barmherzig!

Erst sagen Sie mir, was sie bedeutet, Imogen, rief Orkutt, sie mit wilden Blicken durchbohrend, wollen Sie sich das Leben nehmen? 

Ich fühle, ich werde es nicht überstehen, sagte sie und preßte die Hand aufs Herz.

Er starrte entsetzt vor sich nieder.

Und wenn er freigesprochen wird? fragte er in heiserm Ton.

Dann – werde ich versuchen, mein Geschick zu ertragen.

Das also ist die Wahl, vor die Sie mich stellen? Ich muß Sie zugrunde gehen sehen, oder den Mann befreien? – Sei es drum; ich will seine Sache führen und ihm die Freiheit verschaffen, wenn er selbst es zuläßt.

Ein Freudenstrahl blitzte in ihren Augen auf.

Und Sie werden meine Botschaft ausrichten?

Das kann ich nicht, wenn ich als sein Anwalt zu ihm komme.

So sagen Sie ihm doch, daß Imogen Dare Glück und Leben auf das Spiel setzt, um den Unschuldigen zu retten.

Ich will ihm berichten, wie Sie leiden, will ihm Ihr Mitgefühl kundtun.

Schon diese Zusage war für Imogen ein Trost; von der neuen, unerwarteten Hoffnung belebt, reichte sie Orkutt die Hand und murmelte ihren Dank für die versprochene Hilfe.



Vierundzwanzigstes Kapitel.

Da nun Valerian Hildreth aus dem Gefängnis entlassen worden war, und Craik Mansell sich bis zur nächsten Schwurgerichtssitzung in Haft befand, hatte Byrds Anwesenheit in Sibley keinen Zweck mehr. Er war im Begriff, die Stadt zu verlassen, sein Koffer war gepackt, und er brauchte nur noch Abschied zu nehmen. 

Noch eins geht mir im Kopf herum, Hickory, sagte er zu seinem wackeren Kollegen, den er aufgesucht hatte; vielleicht haben Sie es im Laufe Ihrer Forschungen erfahren. Wissen Sie, wo sich Fräulein Dare am Morgen der Mordtat aufgehalten hat?

Das will ich meinen. Sie war in Professor Darlings Haus in der Sommerstraße.

Bei diesen Worten schrak Byrd zusammen. Dort am Westende mündete ja der verschlungene Pfad durch den Wald, den er entdeckt hatte, als er zum erstenmal versuchte, der Spur des Mörders vom Hause der Witwe aus zu folgen. Er erinnerte sich noch zu deutlich, wie er ins Freie tretend Professor Darlings prächtige Villa vor sich liegen sah.

Wie lange sie dort war und mit wem, wird man aber wohl schwerlich erfahren können, äußerte er nachdenklich.

Das wäre doch keine Hexerei, war Hickorys Antwort, wenn es weiter nichts ist, das wollen wir bald ausfindig machen.

Schon hatte er das Zimmer verlassen.

Nach einer Stunde kehrte er ziemlich aufgeregt zurück.

Jetzt weiß ich doch, wie Fräulein Dare aussieht, sagte er. Neulich in der Hütte mußte ich die ganze Zeit zu Boden sehen und durfte den Blick nicht zu ihr erheben, aus Furcht mich zu verraten; das ist mir schwer genug geworden.

Sie haben Sie gesehen – wo? wie? sagen Sie es mir! rief Byrd ungeduldig.

Gleich, versetzte der andere. Ich muß zuvor aber etwas vorausschicken. Das Mädchen, welches bei Professor Darling im Dienst steht, hat mir schon öfter Auskunft gegeben. Sie erinnerte sich, daß Fräulein Dare an jenem Morgen etwa um zehn Uhr gekommen und in die kleine Sternwarte im Turm gegangen war, wo sie sich häufig aufhielt, um mit des Professors ältester Tochter Astronomie zu treiben. Da aber Fräulein Helene ausgegangen war, habe sie sich an jenem Tage allein hinaufbegeben. Ich war neugierig, den Turm zu besteigen, und da das Mädchen sagte, von der Herrschaft sei niemand zu Hause, ließ ich mich von ihr hinaufführen. Man kann unmittelbar vom Garten aus auf einer Wendeltreppe in den Turm gelangen. Das Zimmer, in dem der Professor sein Fernrohr und seine Himmelskarten bewahrt, war unverschlossen, ich konnte mich mit Muße darin umsehen und die Aussicht bewundern.

Auf meine Frage an das Mädchen, wann Fräulein Dare an jenem Morgen den Turm wieder verlassen habe, erhielt ich bereitwillig Antwort. Sie hatte das Fräulein nicht fortgehen sehen, aber als gegen zwölf Uhr Fräulein Tremaine zum Besuch kam und Imogen Dare rufen ließ, sei der Turm leer gewesen. Das Mädchen meinte, das Fräulein werde wohl einen Spaziergang im Garten oder Wald gemacht haben, wie sie häufig tue; etwa um ein Uhr habe sie sie dann in der Pferdebahn vorbeifahren sehen, nach der Stadt zurück. – Das sagte sie mir alles in dem Turmzimmer, und wie ich mich noch einmal darin umsah, gewahrte ich eine große Mappe auf einem Gestell am andern Ende des Raumes. Ich ging hinüber, blickte dahinter, und was sah ich, Byrd – – ein bleiches Weib kauerte dort und blitzte mich mit funkelnden Augen an. Einer Vorstellung bedurfte es nicht – es war Fräulein Dare. Im nächsten Augenblick schon stand sie neben mir: »Sie sind ein Detektiv?« sagte sie mit stolzer Miene. »Nun, Sie wissen jetzt, was Sie erfahren wollten und können gehen.« Ich glaube, ich murmelte einige Entschuldigungen, verbeugte mich und verließ den Turm so schnell ich konnte. Aber mein Lebtag vergesse ich den Schreck nicht, wie ich sie hinter der großen Mappe versteckt fand; da hätte man lange nach ihr suchen können. –

Um Mitternacht desselben Tages, an dem Hickory so kühn in Professor Darlings Sternwarte eingedrungen war, stand Imogen Dare dort im Hause in ihrem Schlafzimmer am Tisch. Sie hielt einen Brief von Orkutt in der Hand und las in heftigster Gemütsbewegung die Worte:

»Ich habe Herrn Mansell gesprochen und seine Verteidigung übernommen. Wenn ich Ihnen sage, daß ich von den vielen hundert Fällen, die mir übergeben worden sind, in meiner ganzen Praxis nur wenige verloren habe, so wissen Sie, was das zu bedeuten hat.

Um Ihrem Wunsche nachzukommen, nannte ich Ihren Namen und gab dem Gefangenen zu verstehen, daß ich einen Auftrag von Ihnen auszurichten habe. Er unterbrach mich jedoch mit den Worten: 'Von Fräulein Dare nehme ich keine Botschaft an!'

So sehr ich auch wünschte, Ihren Willen zu tun, ich mußte davon abstehen, denn sein Ton klang verächtlich, und aus seinen Blicken sprachen Haß und Abscheu.«

Dies war der ganze Inhalt der Zuschrift. Imogen hatte die Worte schon dreimal gelesen.

Wahrlich, er muß von Sinnen sein, murmelte sie vor sich hin, mir scheint das auch kein Wunder. Aber, so wahr Gott lebt, er soll mich hören, und wäre es auch vor versammeltem Gerichtshof, im Beisein des Richters und der Geschworenen.

Dann hielt sie den Brief in die Flamme des Lichts, daß er zu Asche verbrannte. 



Drittes Buch.



Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Nach Sibley, wo der große Kriminalfall vor dem Schwurgerichte verhandelt wurde, richteten sich die Blicke des ganzen Landes; man war allgemein auf den Ausgang gespannt, in der Bevölkerung herrschte ungewöhnliche Aufregung.

Die erste Gerichtssitzung war zu Ende, und in einem Zimmer des Gasthauses saßen die beiden uns bekannten Detektivs in eifrigem Gespräch beisammen.

Mir scheint, die Sache steht schlecht, äußerte Byrd bedenklich, schlecht für den Angeklagten, meine ich.

Sie nehmen also Partei für Mansell? fragte Hickory verwundert.

Das nicht gerade, denn ich halte ihn nicht für unschuldig, und die Wahrheit muß ans Licht gebracht werden, mag daraus entstehen, was da will.

Sein echt männliches Auftreten nimmt wirklich sehr für ihn ein, das muß ich sagen, meinte Hickory. Der Ton, in dem er seine Unschuld beteuerte, klingt mir noch in den Ohren, so ruhig und überzeugend, so nachdrücklich und doch freimütig.

Ich glaube, man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören, so still war es im Gerichtssaal. 

Wenn ich nur wüßte, was die verächtliche Miene bedeuten soll, die er zur Schau trägt, fuhr Hickory fort. Es ist nicht Stolz allein, auch keine Unschuldsmaske – die würde ich bald durchschauen – nein, es ist ganz etwas anderes, ich weiß nur nicht was. Dabei legte er bedächtig den Zeigefinger an die Nase.

Auch ich habe keine Ahnung, gab Byrd zurück und warf das Ende seiner Zigarre ins Feuer; Mansell ist mir ein unergründliches Rätsel– und Fräulein Dare desgleichen.

Das wird eine interessante Sitzung werden, wenn wir ihre Zeugenaussage zu hören bekommen.

Haben Sie wohl beobachtet, wie sie dasitzt, ohne einen Blick von dem Gefangenen abzuwenden, während er scheinbar kalt und gleichgültig nach der andern Seite schaut. Der Gedanke, daß sie es ist, die den Verdacht auf ihn gelenkt und ihn in seine jetzige Lage gebracht hat, verläßt ihn offenbar keinen Augenblick.

Hickory klopfte seine Pfeife aus. Soweit ich die menschliche Natur kenne, sagte er, würde Mansell dem Weibe gegenüber, das ihn verraten hat, eher Haß und Wut zeigen, als diese stumme Verachtung. Wer aus Liebe oder Ehrgeiz einen Mord begeht, der fühlt überhaupt zu leidenschaftlich, um Fräulein Dares Handlungsweise verstehen zu können. Wäre er unschuldig, dann freilich bedürfte seine verächtliche Miene keiner weiteren Erklärung.

Byrd warf seinem Kollegen einen raschen, forschenden Blick zu. Er war also doch nicht der einzige, der sich mit Zweifeln quälte.

Ob wohl Fräulein Dares Zeugenvernehmung noch lange auf sich warten läßt, was meinen Sie? fuhr jener fort.

Vielleicht erfolgt sie schon morgen, entgegnete Byrd, froh, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Ich weiß nicht, ob Sie gemerkt haben, wie methodisch die Anklage verfährt? Zuerst wurde der Beweggrund für das Verbrechen ermittelt. Herrn Goodmans Aussagen und die der andern Zeugen aus Buffalo lauteten einstimmig dahin, daß der Gefangene häufig den Wunsch geäußert habe, genügende Mittel zu besitzen, um seine Erfindung ausführen zu können. Dann ward die Höhe der hiezu erforderlichen Summe festgestellt, und es ergab sich, daß diese genau mit dem Betrag der Hinterlassenschaft seiner Tante übereinstimme. Auch hatte er um ihre Absicht gewußt, ihn zum Erben einzusetzen. Der Anlaß zur Tat war also vorhanden. Nun kamen die Beweise an die Reihe, daß er Gelegenheit gehabt hatte, sie auszuführen.

Um seine Anwesenheit in Sibley außer Zweifel zu stellen, wurden der Bahnwärter der Zwischenstation und die alte Sally Perkins vernommen, zuletzt Sie und ich. Nunmehr leuchtete jedem ein, daß er die Tat verübt haben und dann auf dem Waldweg über die Hügel unbemerkt nach der Station am Steinbruch entkommen sein könne. Was fehlt noch, um ihn zum Verbrecher zu stempeln? Nichts als ein starker Indizienbeweis. Den liefert der Ring. Und wessen Zeugnis bedarf es dazu? Nur das Fräulein Dares. Und sie wird es nicht verweigern können.

Das Gespräch stockte.

Was ist Ihre Meinung über Orkutt? forschte Hickory nach einer Weile.

Er verhält sich merkwürdig ruhig. Jeder, der ihn kennt, wundert sich darüber. Er hat bis jetzt fast kein Kreuzverhör vorgenommen und nichts für die Verteidigung erreicht. Nur das vortreffliche Zeugnis, das Goodman dem Gefangenen ausgestellt hat, kommt diesem zu gute.

Goodman ist Mansells Freund.

Ich weiß wohl; aber seine kurzen, entschiedenen Aussagen waren von großer Wirkung auf die Geschworenen. Die Art, wie er Mansells Charakter schilderte, mußte sie zu seinen Gunsten stimmen. 

Orkutt weiß recht gut, was Eindruck macht.

Er versteht sich auf den vorliegenden Fall und sieht ein, daß es ein vergebliches Bemühen wäre, die Beweise umstoßen zu wollen. Die Tatsachen sprechen zu deutlich, und die Zeugen sind angesehene, zuverlässige Leute. Was die Herren Goodman und Harrison aussagen, steht unerschütterlich fest; auch was wir beide ans Licht gebracht haben, läßt sich nicht wegleugnen.

Nein, das wäre unmöglich.

So wird Orkutt also die Verteidigung auf ganz andere Grundlagen aufbauen wollen. Nach seinem Benehmen zu urteilen, muß er noch etwas Wichtiges in Bereitschaft halten. Aber was das für ein geheimer Punkt sein mag, ist eben die Frage.

Ja, das ist die Frage, wiederholte der andere nachdenklich.

Sie saßen einander noch eine Weile stumm gegenüber, bis Hickory aufstand und sich nach seinem eigenen Zimmer begab.



Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Am nächsten Morgen betrat Byrd als einer der ersten den Sitzungssaal, um sich einen Platz zu verschaffen, von dem aus er sowohl die Zeugen als den Gefangenen genau beobachten konnte. Allmählich füllte sich der Zuschauerraum weit mehr als am vergangenen Tage; die dichte Menge verharrte in erwartungsvollem Schweigen, und manches Auge war auf Fräulein Dare gerichtet, deren Leichenblässe nur zu deutlich den schweren Kampf in ihrem Innern verriet. Rasch schaute sie empor, als der Gefangene jetzt festen Trittes eintrat, senkte aber den Blick sofort wieder: die Stunde konnte ja ohnehin nicht mehr fern sein, da sie einander Auge in Auge begegnen mußten.

Orkutt sah nach dem Mädchen hinüber, das er mit so leidenschaftlicher Glut liebte, und Ferris beobachtete seinerseits wieder den Rechtsanwalt mit lebhaftem Interesse. Daß Orkutt die Verteidigung seines Nebenbuhlers übernommen hatte, zeugte von Edelmut und hochherzigster Gesinnung, doch lag etwas in seinem Gesichtsausdruck, das den Bezirksanwalt peinlich berührte. Hofft er vielleicht Imogen Dare für sich zu gewinnen, als Preis dafür, daß er Mansell das Leben rettet? fragte er sich.

Die Sitzung ward eröffnet, und Fräulein Dare als Zeugin aufgerufen.

Imogen erhob sich ohne Zögern von ihrem Platz, trat den Geschworenen gegenüber und leistete den feierlichen Zeugeneid, die reine Wahrheit zu bekennen, wissentlich nichts zu verschweigen und nichts hinzuzusetzen, so wahr sie dereinst auf Gottes Gnade hoffe.

Nun begann das Verhör. Nach den üblichen Eingangsfragen über Namen, Alter und Abkunft, fuhr der Bezirksanwalt fort:

Bei wem wohnen Sie in hiesiger Stadt?

Augenblicklich bei einer Frau Kennedy. Ich erwerbe mir den Lebensunterhalt durch Handarbeit, fügte sie schnell hinzu, wie um der nächsten Frage zuvorzukommen.

Imogen sah den Gefangenen überrascht aufblicken; offenbar hatte er von ihrer veränderten Stellung nichts erfahren; sie richtete sich stolz empor.

Wie lange ernähren Sie sich schon auf solche Weise?

Erst seit einigen Wochen. Früher lebte ich in Herrn Orkutts Hause, als Stütze der Dame, die seiner Wirtschaft vorsteht. – Sie wandte den Kopf nach der Seite des Verteidigers hin.

Ferris, dem diese Erörterungen um Orkutts willen unangenehm waren, wünschte möglichst schnell zur Sache zu kommen.



Sehen Sie den Angeklagten an, Fräulein Dare, und sagen Sie uns, ob er Ihnen bekannt ist, forderte er die Zeugin auf.

Sie hob langsam das Haupt und ließ den Blick erst über die dichte Zuschauermenge schweifen, ehe er auf ihren früheren Geliebten fiel. Plötzlich blitzte es in ihren Zügen auf: zum erstenmal sah sie sein bisher stets abgewandtes Auge fest auf sie gerichtet.

Ja, ich kenne ihn, gab sie zur Antwort. So ruhig ihre Stimme klang, sie machte Mansell im Innersten erbeben: trotz seiner eisernen Selbstbeherrschung mußte er den Blick senken.

Wo sind Sie mit ihm bekannt geworden und wann?

Vor vier Monaten sah ich ihn zum erstenmal in Buffalo, bei einer ihm befreundeten Familie, in der ich mich zum Besuch aufhielt.

Wußten Sie damals, daß die in hiesiger Stadt wohnhafte Frau Klemmens mit ihm verwandt sei?

Nein, ich erfuhr erst bei einer späteren Begegnung, daß er eine Tante in Sibley habe.

Entschuldigen Sie die Frage, Fräulein Dare, aber es ist für den Gerichtshof von Wichtigkeit zu erfahren, ob der Angeklagte Ihnen je seine Liebe erklärt hat?

Eine dunkle Glut trat in ihr Antlitz. Ja, kam es mühsam über ihre Lippen.

Und hat er Ihnen einen Heiratsantrag gemacht?

Ja.

Nahmen Sie ihn an?

Nein.

Sie schlugen ihn also aus?

Ich willigte noch in keine Verlobung.

Und wann verließen Sie Buffalo?

Am neunzehnten August. Blieben Sie auf freundlichem Fuße mit dem Angeklagten, bis Sie sich trennten, so daß unter günstigen Umständen eine Heirat in Aussicht genommen wurde?

Ja, unter günstigen Umständen.

Haben Sie miteinander in Briefwechsel gestanden?

Ja, von Sibley aus, nach meiner Rückkehr.

Wollen Sie uns nun die Gründe angeben, warum Sie den Antrag fürs erste ablehnten, das heißt, wenn der Herr Verteidiger die Frage nicht beanstandet? sagte der Bezirksanwalt, sich verbindlich an Orkutt wendend. 

Dieser war aufgesprungen, als wolle er Einspruch erheben; bei Ferris' letzten Worten verbeugte er sich jedoch und sagte ruhig: Es wird mir nur erwünscht sein, wenn Sie volle Klarheit in die Angelegenheit bringen.

Antworten Sie gefälligst! wandte sich der Bezirksanwalt wieder an die Zeugin, welches waren Ihre Gründe?

Imogen stand hoch aufgerichtet da. Ich sagte ihm, erklärte sie mit fester Stimme, daß er noch nicht imstande sei, zu heiraten. Ich bin ehrgeizig von Natur und dachte mehr an meine Stellung vor der Welt, als an das, was des Mannes wahren Wert und Würde ausmacht. Damals hatte ich noch nicht gelitten wie jetzt.

Die Worte klangen wie eine demütige Abbitte, sie waren offenbar für den Angeklagten bestimmt. Auf ihn und auf den Verteidiger, der in seiner Nähe saß, richteten sich jetzt aller Blicke. In Mansells bleichen Zügen war Verachtung zu lesen; Orkutts tiefe Bewegung, mit der er Imogen ihre Gefühle für einen andern aussprechen hörte, begriff jeder, der die Verhältnisse kannte.

Und was äußerte der Angeklagte hierauf? fuhr Ferris fort, bei dem die Amtspflicht über jedes Mitgefühl gesiegt hatte.

Er erwiderte, auch er sei nicht ohne Ehrgeiz, auch sein Streben gehe dahin, sich Namen und Stellung in der Welt zu erringen.

Jetzt reichte ihr der Bezirksanwalt ein Paket Briefe hin, welches durch ein breites, schwarzes Band zusammengehalten war. Sie erschrak, als sie dies erblickte.

Haben Sie diese Briefe geschrieben, Fräulein Dare?

Ja, es sind meine Briefe, sagte sie und löste das Band, ich habe sie alle geschrieben.

Ferris ließ sich das Paket wieder einhändigen; das Band hielt Imogen jedoch krampfhaft mit den Fingern fest, bis das Verhör vorüber war. 

Ich beabsichtige, zwei dieser Briefe vorzulesen, sagte der Bezirksanwalt. Vielleicht wünscht der Herr Verteidiger zuerst Einsicht davon zu nehmen? Er bot Orkutt die Briefe dar, welche das Weib, das er liebte, an seinen Nebenbuhler gerichtet hatte.

Der Rechtsanwalt näherte sich dem Gefangenen; keine Miene seines Antlitzes verriet, was in seinem Innern vorging.

Haben Sie etwas dagegen, daß der Inhalt der Briefe öffentlich bekannt wird? fragte er.

Nein, war Mansells Antwort.

Nun wandte sich Orkutt an Ferris.

Lesen Sie die Briefe vor, wenn Sie es für gut befinden, sagte er kurz.

Der Bezirksanwalt verbeugte sich und las mit vernehmlicher Stimme:


»Sibley, N.-Y., den 7. September 1882.

Lieber Freund!

Du verlierst die Geduld und bittest um ein Trostwort in dieser Zeit der Unruhe und Ungewißheit. Was könnte ich Dir sagen, das Du nicht schon alles weißt? – Ich glaube an Dich und Deine Erfindung und harre stolzen Mutes der Stunde, da Deine Arbeit die ersehnte Frucht getragen hat und Du vor mich hintrittst, um meine Hand zu begehren. Meine Ungeduld ist so groß als die Deine, aber ich habe mehr Vertrauen als Du. Es kann ja nicht lange dauern, bis der Wert Deiner Erfindung erkannt wird; vielleicht leistet Dir auch Deine Tante die Hilfe, deren Du bedarfst, damit Dir der Weg zu Ehren und Ruhm offen steht. Ich kann an keinen Mißerfolg glauben. Wie innig Dein Gedeihen und mein Glück miteinander verbunden sind, weißt Du auch ohne meine Versicherung. 

Laß uns das Wiedersehen, nach dem wir beide verlangen, aufschieben, bis die Zukunft etwas gesicherter erscheint. Ich warte getrost darauf und bleibe, an Hoffnung reich

Deine

Imogen Dare.«


Der zweite Brief, den ich vorzulesen gedenke, fuhr Ferris fort, ist am 23. September, drei Tage vor dem Tode der Witwe geschrieben; er lautet:


»Lieber Craik!

Da Du darauf bestehst, mich zu sprechen und sagst, Du habest besondere Gründe, dies nicht vor aller Welt zu tun, so muß ich wohl einwilligen, Dich an dem Platze zu treffen, den Du für die Zusammenkunft bestimmt hast.

Ich weiß, daß dergleichen Heimlichkeiten Deiner ganzen Natur widerstreben, auch mir sind sie aufs äußerste zuwider. Möchte uns doch das Geschick so günstig sein, daß wir künftig nie mehr nötig haben, uns auf solche Weise zusammenzustehlen.

Ich werde voll banger Sorge auf Dich warten.

Imogen Dare.«


Der tiefe Eindruck, den die Briefe in der Versammlung hervorbrachten, war unverkennbar. In Sibley hatte man allgemein Imogens Verlobung mit Orkutt für nahe bevorstehend gehalten; um so mehr mußten ihre Beziehungen zu dem Angeklagten, die hier enthüllt wurden, die Anwesenden überraschen.

Inzwischen setzte der Bezirksanwalt das Verhör ohne Aufenthalt fort. 

Wann und wo trafen Sie den Angeklagten der Verabredung gemäß, Fräulein Dare?

Am Montag nachmittag, den 25. September, in der Lichtung hinter dem Hause der Frau Klemmens.

Und was ging dort zwischen Ihnen vor? Ich begreife, daß die Erinnerung für Sie schmerzlich sein muß, kann sie Ihnen jedoch nicht ersparen.

Fragen Sie! entgegnete sie mit Würde, ich werde antworten, so gut ich vermag.

Sprach der Angeklagte mit Ihnen über seine Aussichten?

Ja, doch war er in sehr niedergeschlagener Stimmung.

Weshalb?

Es war ihm nicht gelungen, einen Kapitalisten für seine Erfindung zu interessieren, und seine Tante hatte ihm die Summe Geldes verweigert, die er von ihr entlehnen wollte. Er kam eben aus ihrem Hause.

Sagte er, auf welchem Wege er sich dorthin begeben habe? Erwähnte er den Pfad, der durch den Wald und quer über den Sumpf führt?

Nein.

Sprach er sich erzürnt darüber aus, daß seine Bemühung, das Geld von seiner Tante zu erhalten, fruchtlos gewesen war?

Ja, sagte sie nach sichtlichem Zögern.

Erinnern Sie sich, welche Worte er gebrauchte und ob sich daraus auf seine damalige Gemütsstimmung schließen ließ?

Imogen schwieg; sie fühlte das Auge des Richters auf sich ruhen; vielleicht gedachte sie ihres Eides.

Aller seiner Worte entsinne ich mich nicht genau, sagte sie endlich; doch weiß ich, daß er zuletzt ausrief: »Das Leben gilt mir nichts ohne Erfolg. Schon um dich zu gewinnen, muß ich alles daransetzen und ich werde es tun.«

Sie sprach mechanisch, ohne Nachdruck, als wolle sie der Rede jede besondere Bedeutung nehmen.

Und Sie selbst, fuhr Ferris fort, drückten Sie Ihre Entrüstung darüber aus, daß Frau Klemmens dem Gefangenen ihre Hilfe verweigerte?

Leider ja. Es schien mir grausam und hartherzig, daß sie ihm nicht helfen wollte, während sie doch die Mittel dazu besaß. Mein dringendster Wunsch ging dahin, daß ihm Gelegenheit geboten würde, sein Genie ungehindert zu entfalten.

Hatten Sie vor jener Zusammenkunft schon Geschenke von dem Gefangenen erhalten, Schmuck oder dergleichen?

Nein, niemals.

Gab er Ihnen jetzt irgendein Andenken?

Ja, einen Diamantring.

Nahmen Sie ihn an?

Nein; ich hätte mich dadurch für gebunden gehalten, und das war noch nicht an der Zeit.

Steckte er Ihnen den Ring an den Finger?

Ja, aber ich zog ihn wieder ab.

Was sagten Sie dabei?

Ich weiß es nicht mehr.

Ferris erinnerte sich an den Bericht der alten Sally. Sagten Sie: »ich kann warten bis morgen« – und als er dann fragte: »warum bis morgen?«, antworteten Sie da: »über Nacht hat sich schon manches geändert«?

Ja, ich glaube.

Was hatten diese Worte zu bedeuten, Fräulein Dare?

Ich erhebe Einspruch gegen die Frage, sagte Orkutt, sich schnell erhebend. Ohne daß es sonst jemand bemerkte, hatte er von dem Angeklagten einen leisen aber dringenden Wink erhalten.

Der Bezirksanwalt ließ sich nicht beirren.

Meiner Ansicht nach habe ich das Recht, die Frage zu stellen, behauptete er. 

Orkutt beharrte jedoch auf seinem Widerspruch, und der Gerichtshof pflichtete ihm bei.

Während Ferris noch bemüht war, der beanstandeten Frage eine neue Wendung zu geben, ward dem Zwischenfall durch die Zeugin selbst ein Ende gemacht; sie sprach unaufgefordert:

Meine Herren, ich kann ohne Bedenken die Bedeutung der Worte erklären: meine Absicht war, Frau Klemmens, die ich noch nicht kannte, am nächsten Tage aufzusuchen. Durch meine Fürsprache hoffte ich sie zugunsten ihres Neffen umzustimmen.

Die freiwillige Erklärung, in aller Einfachheit und Offenherzigkeit vorgebracht, blieb nicht ohne Wirkung auf die Geschworenen, auch Orkutts umwölkte Stirn erheiterte sich, nur Mansell verzog keine Miene. Für Ferris war die bereitwillige Antwort der Zeugin ein kleiner Triumph, der ihn sichtlich erfreute; in seinem Verhöre fortfahrend, fragte er:

Was erwiderte der Gefangene auf Ihre Bemerkung, daß sich über Nacht manches ändere?

Er stimmte mir bei.

Sie sagten, daß Sie ihm den Ring zurückgaben; haben Sie ihn in seine Hand gelegt, Fräulein Dare?

Nein, nicht in die Hand; ich ließ ihn in seine Tasche gleiten.

Hier stieß Hickory den neben ihm sitzenden Byrd an. Haben Sie das gehört? flüsterte er.

Ja, es klingt höchst wundersam, gab dieser zurück.

Unglaublich, bestätigte der andere.

Dem Bezirksanwalt war keinerlei Ueberraschung anzumerken.

Sie ließen den Ring in seine Tasche gleiten? Warum taten Sie das?

Ich wollte dem Streit ein Ende machen, der infolge meiner Weigerung, das Andenken zu nehmen, entstand, daher gab ich es auf diese Weise zurück.

In welche seiner Taschen steckten Sie den Ring?

In die linke äußere Rocktasche, erwiderte sie mit Bestimmtheit.

Bei diesen Worten sah der Angeklagte zu Boden; um seine Lippen zuckte es halb schmerzlich, halb verächtlich.

Sahen Sie den Ring noch einmal während Ihrer Unterredung? Bemerkten Sie, ob der Angeklagte ihn aus der linken Rocktasche herausnahm, so lange Sie bei ihm waren?

Nein.

So befand der Ring sich also Ihres Wissens noch in seiner Tasche, als Sie sich trennten?

Ja.

Und haben Sie ihn seitdem wiedergesehen?

Ja.

Wann und wo?

Am Tage des Mordes. Er lag auf dem Boden in Frau Klemmens' Eßzimmer. Als ich von dem Mordanfall hörte, eilte ich in der ersten Ueberraschung nach dem Hause der Witwe; bei Besichtigung des Tatorts sah ich den Ring vor mir auf dem Boden liegen.

Erkannten Sie ihn sogleich wieder?

Ich glaubte es; als ihn dann ein Herr aufhob und fragte, ob er mir gehöre, erkannte ich ihn bestimmt.

Was taten Sie, als Sie den Ring zuerst am Boden liegen sahen?

Ich setzte den Fuß darauf.

Zu welchem Zweck?

Es geschah unwillkürlich.

Weshalb zogen Sie den Fuß wieder zurück?

Aus Ueberraschung. Es klopfte an die Tür. Jemand brachte eine Botschaft aus dem Gasthof, an Sie, Herr Bezirksanwalt, Sie verließen das Zimmer, und als Sie zurückkamen, sagten Sie etwas, das mich überraschte.

Was war es?

Sie sah ihn mit stummer Bitte an, dann antwortete sie ruhig:

Daß der Hausierer das Verbrechen wahrscheinlich nicht begangen habe.

Sie waren zugegen, Fräulein Dare, als die Sterbende noch einmal zu sprechen begann; wie lauteten die Worte, welche sie mehrmals wiederholte?

»Hand« und »Ring«.

Sie sagen, ein Herr habe den Ring aufgehoben. Was erwiderten Sie ihm, als er Sie fragte, ob der Ring Ihr Eigentum sei?

Ich sagte, er gehöre mir, nahm ihn und steckte ihn an den Finger.

Aber es war nicht Ihr Ring?

Sobald ich ihn annahm, war er mein. Herr Mansell hatte ihn mir tags zuvor zum Geschenk gemacht.

Ferris sah die Zeugin bedeutungsvoll an. Sie glaubten also, es würde Ihrem Geliebten zum Schaden gereichen, wenn der Ring in jenem Zimmer gefunden würde?

Orkutt stand sofort auf, um Einspruch zu erheben.

Ich bestehe nicht auf der Antwort, sagte Ferris gelassen, die Herren Geschworenen bedürfen ihrer nicht, um die Sachlage zu erkennen.

Sie hätten die Frage gar nicht stellen sollen, erwiderte Orkutt kühl, indem er seinen Sitz wieder einnahm.

Wie lange behielten Sie den Ring am Finger, nachdem Sie das Haus verlassen hatten? fuhr der Bezirksanwalt fort.

Nur wenige Minuten.

Wo befanden Sie sich, als Sie ihn abzogen?

Auf der Brücke in der Warrenstraße, sagte sie leise. 

Was taten Sie damit?

Sie senkte den Blick. Ich ließ ihn ins Wasser fallen. Die Antwort enthielt ihre innersten Gedanken zu jener Zeit.

Sagen Sie uns, welches die letzten Worte waren, die Sie mit dem Angeklagten wechselten, als Sie sich damals im Walde von ihm trennten?

Er sagte: »So nehmen wir also Abschied, Imogen?« und ich erwiderte: »Der morgige Tag wird darüber entscheiden.« »Soll ich denn hier bleiben?« fragte er, und ich antwortete: »Ja«.

Auf diese an und für sich so einfachen Worte folgte eine unheimliche Totenstille. Die Zeugin blickte ängstlich fragend zu Orkutt hinüber. Ich hoffte auf die Wirkung meiner Unterredung mit Frau Klemmens, fügte sie gleichsam erklärend hinzu.

Der Bezirksanwalt neigte zustimmend das Haupt. Sehen Sie seitdem den Angeklagten heute zum erstenmal wieder? fragte er.

Nein, ich traf ihn am folgenden Mittwoch im Bahnhof zu Syrakus.

Wie kamen Sie am Tage nach dem Morde dahin?

Ich war auf dem Wege nach Buffalo, ich wünschte Herrn Mansell zu sprechen.

Hatten Sie Nachricht erhalten, daß Sie ihn in Syrakus treffen würden?

Nein, die Begegnung war völlig unerwartet.

Was taten Sie, als Sie einander sahen?

Ich war so überrascht – ich erinnere mich nicht, was ich tat und sagte.

Und er?

Er fuhr betroffen zurück, dann fragte er, ob ich ihn habe aufsuchen wollen.

Und Sie erwiderten? 

Ich weiß nicht was – mir war, als sei alles nur ein Traum.

Hätte sie gesagt: ein entsetzlicher Traum, es würde niemand wundergenommen haben. –

Wie endete die Begegnung? fragte Ferris weiter.

Ich verließ den Wartesaal und fuhr nach Hause zurück mit dem Zug, der schon auf dem Bahnhof stand.

Und er?

Entfernte sich gleichfalls; wohin er sich begab, weiß ich nicht.

Können Sie uns sagen, Fräulein Dare, fragte nun Ferris mit scharfer Betonung, wer von Ihnen sich zuerst von dem andern abwandte?

Ich glaube – sagte sie und schwieg sodann; ihr Auge schweifte über die Menge und blieb auf den beiden Detektivs haften, die mit atemloser Spannung ihrer Antwort harrten. Die Frage mußte wohl von großer Wichtigkeit sein.

Ich weiß es nicht, erwiderte sie endlich: ich glaube, wir entfernten uns gleichzeitig voneinander.

Bei Ihrem Eide, Fräulein Dare, beharrte der Bezirksanwalt, fällt Ihnen kein Merkmal ein, an dem sich erkennen ließe, wer von Ihnen die schnelle Trennung veranlaßte, während Sie doch wünschen mußten, das traurige Ereignis zu besprechen, das für Ihre beiderseitige Zukunft so wichtig war?

Nein; ich weiß nur, daß ich den Ort aus eigenem Antrieb verließ, und nicht infolge eines Schrittes, den ich ihn tun sah.

Ferris verbeugte sich. Ich bin fertig, Herr Verteidiger, sagte er zu Orkutt gewandt.

Als der Bezirksanwalt seinen Platz wieder eingenommen hatte, sah er sich sichtlich befriedigt im Gerichtszimmer um und erwartete ruhig die weitere Entwicklung der Angelegenheit. Er hatte erreicht, was er wollte und durch das Verhör auf geschickte Art erwiesen, daß Imogen selbst Verdacht gegen den Angeklagten hege. Die Geschworenen hatten den Eindruck empfangen, daß das Weib, welches ihn liebte, an seiner Unschuld zweifelte und ihn für den Mörder seiner Tante hielt. – Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben.

Alles wartete nun auf den Verteidiger. Nach einem kurzen Zwiegespräch mit seinem Klienten erhob sich Orkutt jedoch und erklärte zu allgemeinem Erstaunen, er habe keinerlei Fragen an die Zeugin zu stellen und verzichte auf das Kreuzverhör.

Imogen Dare trat ab und kehrte zu ihrem früheren Sitz auf der Zeugenbank zurück.

Byrd, flüsterte Hickory seinem Kollegen zu, was in aller Welt soll denn das bedeuten? Mir schien, als müsse es dem Verteidiger ein leichtes sein, die Zeugin aufs Glatteis zu führen, und er macht nicht einmal den geringsten Versuch dazu. – Will Orkutt etwa aus Liebe zu ihr seinen Nebenbuhler an den Galgen bringen?

Wo denken Sie hin? Für kein Weib auf Erden würde er absichtlich einen Prozeß verlieren. Er betrachtet Fräulein Dares Zeugnis eben von einem ganz andern Gesichtspunkt als Sie; er glaubt, daß sie die Wahrheit spricht.

Um so schlimmer für Mansell, lautete Hickorys Erwiderung. Er ist ein Narr gewesen, sich ihm anzuvertrauen.

Aehnlicher Meinung wie Hickory waren der Richter, die Geschworenen und die ganze Zuhörerschaft. Orkutt stand allem Anschein nach auf schlüpfrigem Boden. 



Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Noch bis zum späten Nachmittag dauerte die Vernehmung der Belastungszeugen. Ihre Aussagen dienten sämtlich dazu, den Verdacht gegen den Angeklagten zu verschärfen, so daß sich der günstige Eindruck, den seine Persönlichkeit auf alle Anwesenden gemacht hatte, mehr und mehr verlor.

Wenn Orkutt sich nun nicht bald zusammennimmt, wird er für seinen Klienten nichts mehr ausrichten können, äußerte ein Zuhörer im Vorsaal des Gerichtsgebäudes.

Endlich war der Augenblick gekommen, da der Rechtsanwalt die Verteidigungsrede beginnen sollte. Ruhig und siegesgewiß stand er da. Obgleich von Natur weder besonders wohlgestaltet noch imponierend, gehörte Orkutt doch zu den Menschen, welche verstehen, jeder Gelegenheit gerecht zu werden. Im entscheidenden Augenblicke war es stets, als wüchse seine Schlagfertigkeit; seine Worte sprühten von Geist und Leben, und dabei schien selbst seine äußere Erscheinung eine Kraft und Größe zu gewinnen, die ihr für gewöhnlich abging.

Welche Gefühle ihn auch heute bewegen mochten, von dem Augenblick an, da er sich erhob, um Mansells Sache zu führen, kannte er kein anderes Bestreben, als den Angeklagten zu retten und als Sieger aus dem Kampfe hervorzugehen.

Meine Herren Geschworenen, begann er, es liegt heute nicht in meiner Absicht, mit dem verehrten Herrn Bezirksanwalt über das Beweismaterial zu streiten, das er uns mit so viel Scharfsinn vorgeführt hat. Die Pflicht, welche ich zu erfüllen habe, ist eine weit einfachere. Ich will Ihnen zeigen, daß der Angeklagte völlig unschuldig ist, trotz aller Beweisgründe, die sich bergehoch gegen ihn auftürmen und obgleich es ihm weder an Beweggründen noch an Gelegenheit gefehlt hat, das Verbrechen zu begehen. Mit anderen Worten: die Verteidigung bestreitet nicht etwa die Tatsachen, welche zu unserer Kenntnis gekommen sind, sondern die Folgerung, die der Herr Bezirksanwalt und vielleicht auch andere daraus gezogen haben. Hier schweifte Orkutts Blick nach der Zeugenbank hin; dann fuhr er fort: Es kann nicht die Hand des Angeklagten gewesen sein, die den Mordstreich auf die Witwe Klemmens geführt hat, dem steht eine physische Unmöglichkeit im Wege. Ja, meine Herren, der Angeklagte gibt zu, daß er ein großes Verlangen nach jener Geldsumme trug, daß er sich nach Sibley begab, in der Hoffnung, seine Tante werde sie ihm vorstrecken. Er kam heimlich dahin und auf dem bezeichneten Umwege. Die Zusammenkunft im Walde hat wirklich stattgefunden und auch die Angaben über den Inhalt seiner Unterredung mit dem Mädchen, das er zum Weibe begehrte, bestreitet mein Klient nicht. Es ist richtig, daß er den Diamantring Fräulein Dare an den Finger steckte und daß sie ihn wieder abzog, auch trotz seiner Bitten bei ihrer Weigerung, ihn anzunehmen, beharrte. Auf welche Weise sie ihm sein Geschenk wieder gegeben hat, vermag er nicht zu sagen, denn es ist ihm nur erinnerlich, daß er ihre Hand mit dem Ringe fortschob, als sie auf der Rückgabe bestand. Der Angeklagte hat in der von den Zeugen beschriebenen Hütte geschlafen und sich noch bis zum nächsten Mittag dort und im Walde aufgehalten. Dies alles gibt er zu, ohne Vorhalt. – Aber, meine Herren, was mein Klient bestreitet und nun und nimmermehr zugeben wird, ist, daß er den Mordstreich geführt hat, durch welchen die Witwe Klemmens ihres Lebens beraubt wurde. Hiefür bin ich bereit, den Beweis anzutreten:

Durch die Aussage der Belastungszeugen ist erwiesen, daß der Mordanfall auf Frau Klemmens am Dienstag den 26. September, früher als drei Minuten nach zwölf Uhr erfolgte. Zuerst wünsche ich festzustellen, daß die Witwe zehn Minuten vor zwölf noch unverletzt und im besten Wohlsein war. Zu dieser Zeit sah sie ein Zeuge und sprach mit ihr; folglich muß der Schlag, welcher die Ursache ihres Todes wurde, später geführt worden sein, als zehn Minuten vor zwölf. Nun hat aber das Zeugenverhör gleichfalls ergeben, daß der Angeklagte am selben Tage, zwanzig Minuten nach ein Uhr, den Eisenbahnzug auf der Station beim Steinbruch vor Monteith bestieg. Der Weg, den er dorthin einschlug, war erwiesenermaßen derselbe, auf welchem er sich tags zuvor heimlich und verstohlen dem Hause der Witwe Klemmens genähert hatte: nämlich der Pfad durch den Wald, der einzige, wie ich hier gleich erwähne, auf welchem man von der Station die Rückseite des bewußten Hauses erreichen kann. Aber, meine Herren, was sich bei dem Verhör nicht herausgestellt hat und was ich Ihnen jetzt zu zeigen beabsichtige, ist der Umstand, daß kein Mensch jenen Pfad benutzen kann, ohne auf die größten Hemmnisse und Schwierigkeiten zu stoßen. Dorngestrüpp und Steingeröll verhindern sein schnelles Vorwärtskommen; beim Abweichen nach der einen oder andern Seite gerät man in Sumpfboden, der mit dicht verwachsenem Unterholz bestanden ist; einen Richtweg durch den Wald zu nehmen ist daher ein Ding der Unmöglichkeit. Bleibt man aber auf dem Pfade und folgt allen seinen Biegungen und Windungen bis an die Hauptstraße, welche zu der Station am Steinbruch führt, so kann man diesen Weg nicht in der kurzen Zeit zurücklegen, die zwischen der Mordtat und dem Augenblick lag, als der Angeklagte auf der Station gesehen wurde. Meine Zeugen für diese Behauptung sind zwei Neuyorker Schnelläufer, welche auf der Strecke selbst den Versuch angestellt und ihren Aussagen zufolge eine größere Minutenzahl dazu gebraucht haben, als dem Angeklagten zur Verfügung stand. Hat er also, wie erwiesen ist, den Zug nach Buffalo benutzt, so kann er zur Zeit, als der Mordstreich fiel, unmöglich im Hause der Frau Klemmens gewesen sein; er muß sich auf dem Wege nach dem Bahnhof befunden haben und nirgends anders. – Meine Herren, dies ist unsere Antwort auf die furchtbare Anklage, die gegen meinen Klienten erhoben worden ist. Auf diese einfache, aber folgenschwere Behauptung stützen wir unsere Verteidigung wie auf einen Felsengrund.



Orkutt verbeugte sich vor dem Gerichtshof und nahm seinen Platz wieder ein. Es war inzwischen spät geworden, und die Verhandlung wurde vertagt. 



Achtundzwanzigstes Kapitel.

Nun, Byrd, was sagen Sie zu der Verteidigung? fragte Hickory seinen Kollegen, als sie sich durch die Menge Bahn gebrochen hatten, Sie sehen ja ordentlich verblüfft aus.

Wer weiß, ob Orkutt nicht ganz recht hat, lautete die Antwort, zuerst kam mir seine Behauptung einfach lächerlich vor, aber ich kenne den Weg, und je mehr ich daran denke, welche Hindernisse Mansell bei seiner Flucht zu überwinden gehabt hat, um so unwahrscheinlicher wird es mir, daß er die Strecke in neunzig Minuten zurückgelegt haben kann.

Die Ansicht teile ich einstweilen noch nicht, meinte Hickory mit schlauem Lächeln; wissen Sie, während der ganzen Zeit, daß Orkutt sprach, habe ich Fräulein Dare genau beobachtet. Sie verwandte kein Auge von ihm, und daraus schloß ich zweierlei: erstens, daß sie ebensowenig eine Ahnung hatte wie wir, worauf er seine Verteidigung gründen wolle, und zweitens, daß sie dieselbe für einen klugen Kunstgriff hielt und für weiter nichts, gerade so wie ich. Hätte sie gewußt, was kommen würde, so wäre ihr Hauptinteresse gewesen, welchen Eindruck die Rede auf die Geschworenen machte, aber sie sah nicht einmal nach ihnen hin. Als ihr dann klar wurde, was Orkutts Absicht war, leuchtete nicht etwa ein Freudenschimmer in ihrem Gesicht auf, als hoffe sie nun, die Unschuld des Geliebten verkünden zu hören. Nein, sie saß wieder starr und teilnahmslos da, als wären es doch nur leere Worte, was Orkutt zu Mansells Verteidigung vorbringen könne, und alle Mühe vergebens.

Sie glauben also, sie habe auf irgend eine geheime Weise völlige Gewißheit erlangt, daß Mansell wirklich das Verbrechen begangen hat, und halte daher die Verteidigung für bloße Spiegelfechterei? 

Ich glaube, sie weiß mehr, als sie heute vor Gericht ausgesagt hat, sonst wären ihr Orkutts Gründe einleuchtend gewesen. Selbst die Tatsache, daß der Ring sich in dem Zimmer der Ermordeten fand, schwindet ja zu nichts zusammen, sobald feststeht, daß Mansell sich zur Zeit der Mordtat unmöglich in der Nähe von Frau Klemmens' Haus befunden haben kann. Fräulein Dare muß noch andere Beweise seiner Schuld in Händen haben. Hätte nur Ferris wenigstens nicht vergessen, sie zu fragen, wo sie selbst sich an jenem verhängnisvollen Morgen aufgehalten hat. Darüber Auskunft zu bekommen, wäre eine wahre Beruhigung.

Denken Sie etwa, daß sie nicht in Professor Darlings Turmzimmer, sondern in der Lichtung im Walde war? fragte Byrd gespannt.

Und wenn dem so wäre?

Hickory, rief jener mit Heftigkeit, wenn Sie recht haben, soll es Orkutt nicht gelingen, seine Behauptung zu beweisen. Ich selbst werde die Strecke durchlaufen und den Gerichtshof überzeugen, daß es möglich war, die Flucht in der angegebenen Zeit zu bewerkstelligen.

Hickory machte ein nachdenkliches Gesicht und betrachtete seinen Gefährten prüfend von Kopf bis zu Fuß. Das ist nichts für Sie, sagte er, Ihre Kräfte würden nicht ausreichen. Aber es schlägt in mein Fach; Turnen und Wettlaufen waren von jeher mein Hauptvergnügen. Wenn irgend jemand zu beweisen vermag, daß Mansell den Mord begehen und doch noch rechtzeitig auf der Station vor Monteith anlangen konnte, so bin ich der Mann dazu.

Wirklich? rief Byrd erfreut, ist das Ihr Ernst? Sind Sie im Laufen und Klettern so geübt und erfahren, daß Sie den Versuch unternehmen könnten?

Hickory sah ihn verwundert an. Was man nicht alles erlebt! sagte er. Vor kurzem noch hatten Sie das größte Mitgefühl für Mansell, und nun kennen Sie keinen dringenderen Wunsch, als daß ich mir womöglich Hals und Beine breche, um seine Schuld zu beweisen. Bloß damit Fräulein Dare nicht noch einmal ins Verhör genommen wird.

Byrd tat, als hätte er die Bemerkung überhört. Orkutt muß seiner Sache doch sehr sicher sein, meinte er, da er sich einzig und allein auf diese Zeitberechnung verläßt und darauf die ganze Verteidigung gründet. Wahrscheinlich hat er in den verflossenen Wochen den Versuch wer weiß wie oft wiederholen lassen. Es wird wohl mehr als ein Schnellläufer von Fach die Strecke verschiedenemal zurückgelegt haben.

Daran ist nicht zu zweifeln, bestätigte Hickory.

Soll es Ihnen also gelingen, weniger Zeit zu brauchen als jene, so müssen Sie mit dem Wege völlig vertraut sein und alle Schwierigkeiten kennen, auf die Sie stoßen werden. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: kommen Sie mit auf mein Zimmer und beschreiben Sie mir den Weg so genau, daß ich eine Karte danach zeichnen kann.

Bald saßen die beiden Kollegen zusammen im Gasthaus. Vor Byrd lag ein großer Bogen Papier, auf dem er die Zeichnung entwerfen wollte.

Also, hub Hickory an und beugte sich vorwärts, um den Linien, die jener mit dem Bleistift zeichnete, besser folgen zu können, ich verlasse das Haus der Witwe von der Eßzimmertür aus – ganz recht, das Viereck bedeutet das Haus und die punktierte Linie den Pfad, welchen ich einschlage – dann laufe ich durch den Hof bis nach dem Zaun, springe hinüber und arbeite mich quer durch den Sumpf nach dem Walde zu. Wo die Bäume etwas weiter auseinander stehen, fängt der Pfad an, der mich in gerader Linie nach der Lichtung führt – zeichnen Sie einen Kreis für die Lichtung und ein kleines Quadrat an die Stelle, wo die Hütte steht. – Ich stürze in die Hütte hinein und wieder hinaus – –

Halt, unterbrach ihn Byrd, dessen Stift bisher rasch über das Papier geflogen war, wozu wollen Sie die Hütte überhaupt betreten?

Um den Sack zu holen, den ich heute abend dorthin bringen will. Sie erinnern sich, der Bahnwärter sprach von einem sonderbaren Sack, den der Reisende in der Hand trug: wahrscheinlich war sein Modell darin. Mit solchem Gepäck beladen, kann man nicht so schnell laufen, als wenn man die Hände frei hat. Ich will keinen Vorteil vor ihm voraushaben, weiß ich doch, daß es ihm das Leben kosten kann.

Ganz recht, sagte Byrd, mit seiner Zeichnung beschäftigt. Warten Sie einen Augenblick, mir scheint von Wichtigkeit, daß wir uns überhaupt ein klares Bild von der ganzen Gegend machen, ich will sie erst flüchtig skizzieren. Sehen Sie, hier von der Lichtung aus in der entgegengesetzten Richtung Ihres Weges geht der Pfad nach dem Westend, den ich bei meinem ersten Ausflug in den Wald entdeckte, derselbe, auf welchem Fräulein Dare bei dem schrecklichen Gewitter nach der Hütte kam. Hier links ist Professor Darlings Villa und der Hügelrücken mit der schönen Aussicht, von wo aus man auch Frau Klemmens' Haus in der Ferne sehen kann. So – nun wieder zu Ihnen – Sie kommen also mit dem Sack aus der Hütte heraus –

Ja, und dicht hinter der Hütte fängt der schmale Waldpfad an, den verfolge ich in gerader Richtung, bis ich zu den Blaubeerbüschen komme, die am Abhang zwischen dem Steingeröll wachsen, dann – ja dann werde ich wohl stillstehen müssen.

Weshalb?

Weil mich der Henker holen soll, wenn ich weiß, wie ich die Fortsetzung des Pfades finde.

Das kann ich Ihnen sagen. – Wo sich der Wald wieder öffnet, steht ein einzelner, hoher Tannenbaum, gehen Sie auf den zu, und Sie können nicht fehlen.

Schön; aber über das Steingeröll zu kommen, ist keine leichte Aufgabe, man muß wie auf Eiern gehen – ein Fall den Abhang hinab, und mein Lauf wäre ein- für allemal zu Ende.

Ich zeichne die Strecke im Zickzack. – Dann erreichen Sie den Holzweg.

Ja, den verfolge ich nach rechts, bis ich ins Freie komme und den Fluß unten sehe. Nun muß ich den Hügel hinunter und ans andere Ufer hinüber; wie ich das aber bewerkstelligen soll, weiß ich nicht.

Das ist gerade der schwierige Punkt. An jener Stelle kann man nicht übersetzen, es fahren dort keine Boote wegen des starken Gefälles; man muß eine ziemliche Strecke am Ufer zurückgehen, bis man zur Brücke gelangt. Nach einem andern Uebergang zu suchen, wäre bei den vielen und plötzlichen Windungen, die der Fluß macht, nur verlorene Zeit. Ich will Ihnen den Lauf auf dem Papier angeben. Sehen Sie, ungefähr so – da können Sie sich einen Begriff davon machen. Sind Sie aber erst einmal auf der Brücke – –

So liegt die Landstraße vor mir und der kleine Bahnhof am Steinbruch, sagte Hickory, die vollendete Skizze zur Hand nehmend und sie nachdenklich betrachtend.

Wissen Sie, Byrd, fuhr er nach einer Weile kopfschüttelnd fort, es kommt mir höchst unwahrscheinlich vor, daß Mansell den weiten Bogen gemacht haben soll: er kennt gewiß einen Richtweg durch den Wald, auf dem sich ein Stück abschneiden läßt.

Das glaube ich kaum. Sie erinnern sich, daß Orkutt den Bahnwärter fragte, wie Mansell aussah, als er am Bahnhof anlangte. Er war erhitzt und von Kräften gewesen, aber seine Kleider weder zerrissen noch mit Schlamm bespritzt. Sobald man aber nach rechts oder links von dem Waldpfad abweicht, muß man bis an die Knie im Sumpf waten, oder die Kleider bleiben einem in Fetzen am Dorngestrüpp hängen. Folglich muß Mansell auf dem Wege geblieben sein.  

Möglich, daß Sie recht haben. Nun, ich werde ja morgen sehen, was sich durch Schnelligkeit ausrichten läßt.

Schnelligkeit allein wird's nicht tun, behauptete Byrd. Glück und Verstand müssen auch mithelfen. Es könnte zum Beispiel ein Fuhrwerk des Weges kommen – –

Mir soll kein Vorteil entgehen, verlassen Sie sich darauf. Ich bin doch begierig, ob ich's nicht mit Orkutts Schnellläufern von Fach aufnehmen kann.

Nach diesen Worten trennten sich die beiden Kollegen.





Neunundzwanzigstes Kapitel.

Voll Ungeduld sah man der Eröffnung der Gerichtssitzung am nächsten Morgen entgegen. Nicht nur die neugierige Menge, selbst Richter und Geschworene warteten mit Spannung darauf, wie Orkutt seine kühne Behauptung begründen werde. Byrd, der sich rechtzeitig einen Platz verschafft hatte, fand Zeit und Muße, die Gesichter der zumeist Beteiligten zu beobachten, deren Ausdruck sich infolge der letzten Ereignisse merklich verändert hatte. Gern würde er allerlei Bemerkungen darüber mit seinem Kollegen Hickory ausgetauscht haben; allein der fehlte an seiner Seite.

Die Verhandlung begann. Nachdem feststand, daß Frau Klemmens um drei Minuten nach zwölf Uhr bewußtlos und blutend auf ihrem Eßzimmer am Boden liegend gefunden worden sei, galt es, den Zeitpunkt genau zu ermitteln, wann die Mordtat geschehen sein könnte.

Ein Murmeln der Ueberraschung lief durch die ganze Versammlung, als Orkutt mit lauter Stimme Valerian Hildreth als Zeugen aufrief.

Schnell war Ferris aufgesprungen. Sie können doch unmöglich einen Mann als Zeugen vernehmen wollen, der selbst, wie Sie wissen, dieses Verbrechens verdächtig gewesen ist und deshalb bereits längere Zeit in Untersuchungshaft gesessen hat. Denken Sie etwa Ihren Klienten dadurch vom Galgen zu retten, daß Sie jenem den Strick um den Hals legen?

Ich lege niemand den Strick um den Hals, war Orkutts kaltblütige Erwiderung. Dies Vorrecht gebührt nicht dem Verteidiger, sondern dem Ankläger, Herr Bezirksanwalt.

Mit unmutiger Gebärde nahm Ferris seinen Sitz wieder ein, während Hildreth zögernden Schrittes herbeikam. Seine verfallenen Züge, sein kränkliches Aussehen, der Verband, den er noch um den Hals trug, machten ihn zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Scheu wich er den Blicken der Menge aus; in seinem Antlitz, das sich mit plötzlicher Glut übergoß, wechselten Scham und ohnmächtige Wut, seine ganze Erscheinung war völlig dazu angetan, Mißtrauen und Verachtung einzuflößen.

Von dem Zeugen, der in unmännlicher Haltlosigkeit vor Richter und Geschworenen stand, schweifte Byrds Auge zu dem Angeklagten hinüber, der ruhig und gefaßt dasaß, ein Bild stolzer, unerschütterlicher Selbstbeherrschung. Warum Orkutt die beiden Männer hier zusammenbrachte, war dem Detektiv leicht verständlich. Der Vergleich zwischen ihnen, zu dem sich jeder unwillkürlich veranlaßt sah, mußte auch auf die Geschworenen eine entscheidende Wirkung üben. Selbst wenn Hildreths Zeugnis der Verteidigung keinerlei Nutzen brachte, so war doch seine bloße Gegenwart ein Meisterstück kluger Berechnung von seiten Orkutts gewesen.

Er hält Hildreth für den Mörder oder will wenigstens bei andern den Glauben erwecken, daß er es ist, war der Schluß, zu welchem Byrd gelangte.

Der Zeuge leistete den Eid, sein Verhör begann. Welches auch Orkutts Gesinnung gegen Hildreth sein mochte, er behandelte ihn mit Achtung und großer Rücksicht. Seine Fragen schienen einzig und allein die Feststellung der Tatsache zu bezwecken, daß Hildreth an dem Morgen, als die Mordtat verübt wurde, im Hause der Witwe anwesend gewesen war und sie nur wenige Minuten vor zwölf Uhr lebend gesehen und mit ihr gesprochen hatte.

Daß er das Haus nicht vor dreiviertel auf zwölf betreten haben konnte, ergab sich aus dem Zeugnis von Frau Denton, der Nachbarin, deren Kinder bis zu dieser Zeit vor der Tür gespielt hatten, sowie aus Hildreths eigenen Aussagen. Angenommen, die Dauer seiner Unterredung habe auch nur fünf Minuten betragen, so mußte die Witwe um zehn Minuten vor zwölf Uhr noch am Leben gewesen sein.

Das Kreuzverhör, welches Ferris hierauf anstellte, war scharf, aber kurz; der Bezirksanwalt hütete sich wohl, Hildreth zu Angaben zu veranlassen, bei denen man sich hätte fragen müssen, warum nicht der Zeuge statt des Angeklagten auf der Anklagebank säße.

Hildreth war abgetreten, und die Verteidigung beschäftigte sich nunmehr mit der Frage, ob der Nachmittagszug, mit welchem Mansell, wie bereits festgestellt, von der Station am Steinbruch nach Buffalo abgefahren war, an jenem Tage Verspätung gehabt habe. Das Zeugnis des Bahnwärters, daß der Zug zur fahrplanmäßigen Zeit, um 1 Uhr 20 Minuten abgegangen sei, wurde noch durch ein Telegramm bestätigt, das dem Bahninspektor in Monteith die Ankunft des betreffenden Zuges gemeldet hatte.

Nachdem auch dieser Beleg geprüft worden war, galt für erwiesen, daß erstens der Mordanfall nicht früher als 10 Minuten vor 12 Uhr erfolgt sein könne, und daß zweitens der Angeklagte sich um 1 Uhr 20 Minuten auf dem Bahnhof am Steinbruch befunden habe.

Zunächst ging man nun an die Beschreibung des Pfades, auf welchem sich vom Hause der Witwe aus die Station erreichen ließ. Eine Karte, ähnlich der von Byrd gezeichneten, die ein Feldmesser genau an Ort und Stelle aufgenommen hatte, wurde den Geschworenen vorgelegt. Dann sollte ein wohlbekannter Neuyorker Athlet und Schnelläufer über die auf dem Wege zu überwindenden Schwierigkeiten Bericht erstatten.

Bisher hatte Byrd der Verhandlung mit größter Aufmerksamkeit zugehört; jetzt ward er zerstreut und seine Augen wanderten häufig nach der Tür. Er hatte den Zug pfeifen hören, welchen Hickory zur Rückfahrt nach Sibley benutzen wollte und erwartete mit Ungeduld die Rückkehr seines Kollegen. Merkwürdigerweise begegnete er dabei öfters den Blicken Orkutts, der gleichfalls die Eingangstür zu beobachten schien.

Was der Neuyorker Sachverständige aussagte, war folgendes:

Das erstemal habe ich die Strecke in 120 Minuten zurückgelegt, das zweitemal in 115 Minuten; ich gewann fünf Minuten, weil mir der Weg bekannt war und ich meine Kräfte sparte, wo es anging. Zu dem dritten Lauf brauchte ich jedoch drei Minuten mehr als das erstemal. Der Holzweg war nämlich vom Regen aufgeweicht, und ich blieb bei jedem Schritt im Schlamm stecken. Es ist mir also nicht möglich gewesen, in weniger als 115 Minuten an das Ziel zu gelangen.

Ein Murmeln der Befriedigung ging durch den Saal. Die Zeit, welche dem Angeklagten bis zur Abfahrt des Zuges nach Buffalo zur Verfügung gestanden hatte, betrug nur 90 Minuten.

Ferris begann das Kreuzverhör: Haben Sie den ganzen Weg dreimal zu Fuß zurückgelegt?

Ja, vom Hause der Witwe bis zur Station.

War das nötig?

Bis zur Landstraße jedenfalls. Der Pfad durch den Wald ist zu schmal für ein Pferd, und der Holzweg, der breit genug wäre, so uneben, daß ein Reiter unfehlbar Hals und Beine brechen müßte.

Auch auf der Straße jenseits der Brücke sind Sie gelaufen?

Ja, alle drei Male, so schnell mich meine Füße tragen wollten.

Hier trat Orkutt dazwischen.

Warum taten Sie das? Der Bahnwärter hat bestimmt ausgesagt, er habe den Angeklagten auf der Landstraße gehen sehen?

Es kam mir darauf an, Zeit zu gewinnen, lautete die Antwort.

Und Sie brauchten so lange, obgleich Sie diesen Vorteil voraus hatten?

Ich war nicht imstande, schneller anzukommen.

Der zweite Schnelläufer, der nun an die Reihe kam, stimmte in seinem Bericht fast genau mit dem ersten überein. Durch Aufbietung aller Kräfte war es ihm gelungen, die Strecke einmal in fünf Minuten weniger, als sein Kollege, zu durchlaufen. – Während dieses Kreuzverhörs erschien endlich Hickory in der Tür. Als er Byrds Blick erwartungsvoll auf sich gerichtet sah, schüttelte er niedergeschlagen den Kopf. Offenbar war sein Versuch mißlungen. Daß Orkutt sie beobachtete, merkten die beiden Detektivs nicht, sonst hätte Hickory wohl seine Gefühle für sich behalten.

Sobald er in Byrds Nähe gelangen konnte, flüsterte er ihm zu: Es war nichts damit. Weniger als 105 Minuten bringe ich nicht heraus, und ich habe das Mögliche getan. Es sind noch fünfzehn Minuten zu viel: aber nur wenn ich Flügel hätte, die mich über den Fluß trügen, würde ich kürzere Zeit brauchen.

Immerhin haben Sie die beiden Schnelläufer übertroffen und ihnen fünf Minuten abgewonnen. 

Das ist mir lieb, ändert jedoch an der Hauptsache nichts, fuhr Hickory im Flüsterton fort. Mir schien übrigens, als würde ich beobachtet. Ein Mensch war in Frau Klemmens' Haus versteckt, ein anderer lungerte an der Station herum; sie haben gewiß den Moment meines Abgangs und meiner Ankunft genau notiert. Der zweite Aufpasser schickte eine Depesche ab und kam auf demselben Zug mit mir zurück. Orkutt muß wirklich ein Hexenmeister sein, daß er erfahren hat – –

Hickory fuhr zusammen; eine laute, befehlende Stimme hatte seinen Namen genannt. Als er aufblickte, sah er das Auge des Verteidigers von der andern Seite des Gerichtssaals her auf sich gerichtet. Orkutt hatte ihn als Zeugen aufgerufen.

Donnerwetter, brummte Hickory mit einem bedeutsamen Blick auf Byrd. Dann folgte er der unerwarteten Ladung.



Dreißigstes Kapitel.

Es war nicht das erstemal, daß Hickory im Laufe der Verhandlung vor dem Gerichtshof erschien. Auch unter den Belastungszeugen hatte er eine Rolle gespielt; seine unverwüstliche Laune, sein derbes Wesen und keckes Auftreten war allen Anwesenden wohlbekannt. Was aber wollte der Verteidiger von ihm? Welchen Vorteil versprach sich Orkutt von seinem Zeugnis?

Sagen Sie dem Gerichtshof gefälligst, wo Sie heute gewesen sind, Herr Hickory! lautete des Rechtsanwalts Anrede.

Der Zeuge schien zu überlegen; er sah, wie um Entschuldigung bittend, zu Ferris hinüber, dann erwiderte er mit zuversichtlicher Miene: An vielen, verschiedenen Orten –

Sie wissen recht gut, was ich meine, unterbrach ihn Orkutt. Wo waren Sie zwischen elf Uhr und dreiviertel auf eins? Er blickte auf ein Blatt Papier, das er in der Hand hatte.

Zu der Zeit, war Hickorys Antwort, hielt ich mich nirgends dauernd auf; ich war unterwegs von Sibley nach der Zwischenstation von Monteith, mit der Absicht, dort schneller anzukommen als andere Leute und die Verteidigung über den Haufen zu werfen.

Ah so – und wer veranlaßte Sie zu diesem Unternehmen?

Einer meiner Freunde, auch so eine Art Detektiv.

Wann und wo tat er das?

Nach Ihrer gestrigen Rede; wir verabredeten es in dem Gasthaus, wo mein Freund und ich eingekehrt sind.

Unternahmen Sie den Versuch nicht im Auftrag des Bezirksanwalts?

Nein, er wußte nichts davon.

Wer kannte dann Ihren Plan?

Mein Freund.

Sonst niemand?

Da ich hier als Zeuge aufgerufen werde, scheint mir doch noch jemand darum gewußt zu haben, lautete Hickorys schlaue Erwiderung.

Orkutt biß sich auf die Lippen. –

Sind Sie im Wettlauf so geübt, daß Sie glaubten, es darin mit Schnelläufern vom Fach aufnehmen zu können?

Ja, ich besaß die Dreistigkeit, mir dies einzubilden.

Und Sie wollten damit den Beweis liefern, daß es möglich sei, die Strecke in 90 Minuten zurückzulegen?

Das hatte ich mir vorgesetzt.

Wollen Sie uns gefälligst sagen, welchen Weg Sie von Frau Klemmens' Haus bis zu der Station vor Monteith einschlugen? 

Ich ging durch den Wald über die Brücke und auf der Landstraße: ich kenne keinen andern Weg.

Und diesen kannten Sie so genau, daß Sie keinen Umweg gemacht haben, auch unterwegs nicht durch Zweifel aufgehalten wurden?

Ja, denn ich hatte ihn schon früher zurückgelegt.

Was taten Sie, als Sie an den Fluß kamen?

Ich wandte mich nach rechts, bis ich die Brücke erreichte.

Suchten Sie nicht erst auf andere Weise über den Strom zu kommen?

Nein. Schwimmen konnte ich nicht, ohne mir die Kleider naß zu machen, und meine Flügel hatte ich leider zu Hause gelassen.

Orkutt runzelte die Stirn. Ihre Späße sind hier schlecht angebracht, sagte er. Sind Sie den Rest des Weges gelaufen?

Nein.

Warum nicht?

Ich war zu müde.

In welchem Tempo sind Sie denn vorwärts gekommen?

So schnell als vier Pferdebeine laufen können, lachte Hickory, ein Fuhrwerk kam daher, und ich sprang hinten auf.

Sie sind also einen Teil des Weges gefahren – wie weit, wenn ich fragen darf?

Bis der Bahnhof in Sicht kam.

Und warum nicht weiter?

Weil man mir gesagt hatte, daß der Gefangene auf der Landstraße gegangen sei.

Ich wollte keinen unbilligen Vorteil vor ihm voraus haben.

Und war es billig, daß Sie ein Fuhrwerk benützten?

Ja, denn niemand hat gesagt, daß er es nicht auch getan hat.

Haben Sie Beweise, daß er es tat?

Nein. 

Hier sah Byrd, welcher den Angeklagten mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete, ein verächtliches Lächeln über seine Züge gleiten. Orkutt setzte das Verhör fort.

Herr Hickory, sagte er, können Sie versichern, daß Sie den Weg mit aller Geschwindigkeit zurückgelegt haben, die Ihre Kräfte gestatteten?

Keineswegs.

Und warum nicht?

Nun, ich fürchtete mir den Hals zu brechen; der Pfad ist so uneben, daß man auf Schnelligkeit verzichten muß, will man mit heilen Gliedern davonkommen.

Aber sind Sie so schnell gelaufen, als Sie vermochten, wo dies möglich war?

Ja, mit Windeseile.

Wollen Sie nun dem Gerichtshof sagen, wie viele Minuten Sie gebraucht haben, um von Frau Klemmens' Tür nach der Station von Monteith zu gelangen?

Nach meiner Uhr genau hundertundfünf Minuten.

Und wissen Sie, in wieviel Zeit die beiden Schnellläufer den Weg gemacht haben?

Sie haben fünf Minuten länger gebraucht als ich, wie mir gesagt wurde; aber das kommt auf dasselbe heraus – es sind noch immer fünfzehn Minuten zu viel.



Einunddreißigstes Kapitel.

Sofort nach Hickorys Kreuzverhör war die Verhandlung der späten Stunde wegen geschlossen, und die Menge drängte sich dem Ausgang zu.

Byrd hatte keine Eile, den Sitzungssaal zu verlassen, wo es für ihn noch mancherlei zu beobachten gab. Er sah Imogen Dares Auge voll neu belebter Hoffnung auf die Tür gerichtet, durch welche man den Angeklagten soeben abgeführt hatte, sah wie sie das Haupt langsam wandte und nach Orkutt hinblickte, der befriedigt und triumphierend auf der andern Seite des Saales stand. In dieser einfachen und doch so ausdrucksvollen Gebärde spiegelte sich ihre Lebensgeschichte, vielleicht ihre ganze Zukunft wieder, wenn es dem Verteidiger wirklich gelang, seinen Zweck zu erreichen. – Da fiel Byrds Blick auf den Bezirksanwalt, neben welchem Hickory stand, der ihm eifrig etwas zuzuflüstern schien, während Ferris ihm überrascht und betreten mit gerunzelter Stirn zuhörte. Was die beiden miteinander zu verhandeln hatten, war für Byrd kein Geheimnis; er wußte ja, was seinen Kollegen so lebhaft beschäftigte. Voll der widersprechendsten Gefühle suchte er seinen Gasthof auf.

Nicht lange nachher trat Hickory zu ihm ins Zimmer.

Nun, was sagen Sie dazu, lachte er ungebührlich laut und belustigt, das hätten wir zwei nicht gedacht, daß mich die Verteidigung als Entlastungszeugen würde brauchen können. Ich war nicht schlecht davon überrascht, das muß ich gestehen. Dafür habe ich Orkutt jetzt aber auch eine schöne Suppe eingebrockt.

Wie so? Das Zeugenverhör ist ja geschlossen.

Bah, der Bezirksanwalt kann die Wiedereröffnung beantragen, kein Gerichtshof würde ihm das verweigern.

Byrd überlegte. Hält denn Herr Ferris Ihre Mitteilungen für so wichtig? fragte er.

Ich merkte wohl, daß sie ihn beunruhigten, lachte Hickory.

Das scheint Ihnen großen Spaß zu machen.

Warum nicht? Mich freut's, daß ich Orkutt die Aufpasserei gehörig einsalzen kann, versetzte jener, ohne sich darum zu kümmern, daß seine rohe Art dem zarter besaiteten Kollegen abstoßend war.

Allerdings war Ferris durch Hickorys Einflüsterung, daß Fräulein Dare mehr von dem Verbrechen wisse, als sie vor Gericht ausgesagt habe, höchlich beunruhigt worden. Er fragte sich allen Ernstes, ob es nicht seine Pflicht sei, das Verhör wieder zu eröffnen, um festzustellen, wo sich Imogen befunden habe, als der Mord verübt wurde. Aber nur wenn er eine neue Tatsache vorzubringen hatte, welche geeignet war, der Verteidigung ihren scheinbar unanfechtbaren Standpunkt zu rauben, konnte die Wiederaufnahme für gerechtfertigt gelten.

Nach langem Ueberlegen kam der Bezirksanwalt endlich zu dem Entschluß, sich womöglich Gewißheit zu verschaffen, ob Imogen wirklich aus Rücksicht für den Angeklagten etwas verschwiegen habe, was für die gerichtliche Entscheidung bestimmend sein könne.

Er suchte sie zu diesem Zweck gegen acht Uhr auf, fand jedoch die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, keineswegs leicht. Imogen empfing ihn mit Kälte und Zurückhaltung; sie sah todmüde aus und doch unnatürlich aufgeregt, als habe sie viele Nächte lang kein Auge geschlossen. Wohl war es grausam, sie von neuem zu ängstigen und zu quälen, aber Ferris fühlte deutlich, es werde ihm keine Ruhe lassen, wenn er nicht die Gelegenheit ergreife, um seinen neu erwachten Zweifeln ein für allemal ein Ende zu machen.

Ich bedauere lebhaft, Sie heute noch einmal belästigen zu müssen, Fräulein Dare, sagte er nicht ohne Teilnahme. Es ist jedoch meine Pflicht, noch eine Frage an Sie zu stellen, welche ich auf dem Herzen habe –

Sie ward sehr bleich, begann zu schwanken und griff nach einem Stuhl. Nachdem sie Platz genommen und auch Ferris durch eine Gebärde zum Sitzen aufgefordert hatte, gewann sie ihre Fassung wieder. Welche Frage? murmelte sie; ich verstehe Sie nicht.

Bei allen Ihren Aussagen, sowohl mir gegenüber als vor Gericht, haben Sie nie erwähnt, wie Sie die erste Nachricht von dem Verbrechen erhalten haben. Waren Sie –

Ich hörte die Leute auf der Straße davon sprechen, unterbrach sie ihn mit fieberhafter Hast.

Da hörten Sie es zuerst?

Ja, zuerst.

Waren Sie seit längerer Zeit auf der Straße, vielleicht schon als der Mord begangen wurde? – Es wäre uns von Wichtigkeit, das festzustellen, fügte er hinzu, als er sie die Farbe wechseln sah.

Herr Bezirksanwalt, rief sie plötzlich entrüstet aufspringend, was sollen diese neuen Fragen, nachdem ich mein Zeugnis abgegeben habe und, soviel ich weiß, das gerichtliche Verhör zu Ende ist?

Schnell entschlossen nahm Ferris sie bei der Hand und führte sie vor den Spiegel. Blicken Sie hierher, sagte er fest, in Ihrem Gesicht steht es geschrieben, warum ich auf einer Antwort bestehen muß.

Einen Augenblick starrte sie entsetzt in ihre eigenen Züge, dann sank ihr Haupt auf die Brust; sie hielt sich krampfhaft mit den Händen am Tisch fest, um nicht umzusinken. Es dauerte einige Zeit, bis sie die Schwäche überwunden und eine Entscheidung getroffen hatte.

Was wünschen Sie zu wissen? fragte sie mit kaum hörbarer Stimme, ich will Ihnen Rede stehen.

Wo waren Sie an dem Tage von Frau Klemmens' Ermordung, als die Uhr zwölf schlug?

Sie hob den Blick empor, ihre hohe Gestalt stand plötzlich stolz aufgerichtet vor ihm da.

Ich war in Professor Darlings Villa, erklärte sie mit großer Bestimmtheit.

Die Antwort kam Ferris überraschend, er sah Imogen zweifelnd an. 



Trauen Sie meinem Worte nicht? fragte sie, ist das möglich nach allem, was dieser Stunde vorhergegangen ist?

Nein, Fräulein Dare, nach dem Opfer, das Sie gebracht haben, um der Gerechtigkeit zu dienen, wäre es Vermessenheit meinerseits, wollte ich jetzt an Ihrer Aufrichtigkeit zweifeln. –  

Sie atmete erleichtert auf.

So genügt Ihnen also meine Antwort, und Sie sind zufriedengestellt?

Ja, wenn Sie noch hinzufügen wollen, daß Sie in Professor Darlings Sternwarte im Turmzimmer waren, erwiderte er rasch, als hoffe er so dem Rätsel auf die Spur zu kommen.

Ja, dort war ich, bestätigte sie ohne Zögern.

Wirklich? – Er stockte und die Röte stieg ihm in sein Mannesantlitz. Dann können Sie mir vielleicht sagen, wie es kam, daß das Mädchen Sie nicht dort fand, als es hinaufgeschickt wurde, um Sie zu holen, weil eine Dame Sie zu sprechen wünschte?

Die Worte trafen sie wie ein Donnerschlag. O, rang es sich stöhnend aus ihrer gepreßten Brust, Sie haben mich in eine Falle gelockt!

Wie betäubt sank sie auf den Stuhl zurück und sah Ferris geisterbleich und verzweifelt an. Es war ein bemitleidenswerter Anblick, aber Ferris gehorchte der gebieterischen Pflicht.

Wenn ich Ihnen einen Fallstrick gelegt habe, Fräulein Dare, sagte er nach kurzem Besinnen, so geschah es nur, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, wie es die Gerechtigkeit verlangt. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht alles ausgesagt haben, was Ihnen von dem Verbrechen bekannt ist; Sie besitzen die unumstößliche Gewißheit, daß Mansell den Mord begangen hat, mag auch zu seiner Verteidigung vorgebracht werden, was da wolle. Nennen Sie mir die Tatsache, die Sie verschwiegen haben, ich fordere dies kraft meines Amtes. Heute und unter vier Augen haben Sie zwar das Recht, mir die Antwort zu verweigern, aber morgen nicht mehr, wenn ich die Frage in Gegenwart von Richtern und Geschworenen an Sie stellen werde.

So wollen Sie morgen mein Zeugnis abermals verlangen? flüsterte sie in heiserem Ton. 

Ich muß es tun.

Aber das Zeugenverhör ist geschlossen; es fehlen nur noch die Schlußbemerkungen der Anwälte und die Fragestellung an die Geschworenen.

In einem Fall wie der vorliegende kann Wiedereröffnung beantragt werden. Als Bezirksanwalt muß ich den Antrag stellen, wenn ich glaube, beweisen zu können, daß die Verteidigung sich auf eine falsche Voraussetzung stützt, oder wenn eine neue, wichtige Tatsache zu meiner Kenntnis gekommen ist. Der Gerichtshof wird sicherlich darauf eingehen.

Imogen saß wie vernichtet da; nach einer Weile faßte sie sich und deutete auf einen verhängten Alkoven am andern Ende des Zimmers. Lassen Sie mir dort fünf Minuten Bedenkzeit, allein und ungestört – fünf Minuten, um mit mir zu Rate zu gehen.

Gut, Sie sollen sie haben, lautete die Antwort.

Sie schritt nach dem Alkoven hinüber. Wenn die Uhr neun schlägt, komme ich wieder heraus, sagte sie mit heiserer Stimme und verschwand hinter dem Vorhang.

Während der fünf endlos langen Minuten ging Ferris allein im Zimmer auf und ab. Hinter dem Vorhang vernahm man keinen Laut, es herrschte eine wahre Totenstille. Er hatte versprochen, das Mädchen nicht zu stören; sie sollte den Kampf allein ausfechten dürfen. Als die Uhr neun schlug, fuhr er zusammen, eine geheime Furcht beschlich ihn. Der Vorhang bewegte sich nicht, kein Zeichen verriet, daß sie zum Vorschein kommen werde. Noch zögerte er, sie zu rufen, als ihm plötzlich der Gedanke kam, daß der Alkoven einen zweiten Ausgang haben, und sie seine Nachsicht mißbrauchen könnte, um die Flucht zu ergreifen. Rasch schritt er zu dem Vorhang hin, aber ehe er noch die Hand erhoben hatte, um ihn zurückzuziehen, teilte er sich, und Imogens Gestalt war in der Oeffnung sichtbar. 

Ich komme, hauchten ihre bleichen Lippen; sie trat heraus, mehr einem wandelnden Marmorbild gleich, als einem lebenden menschlichen Wesen. Es schien eine rätselhafte Umwandlung mit ihr vorgegangen zu sein, und daß sie eine Entscheidung getroffen hatte, war leicht erkennbar.

Herr Ferris, sagte sie im Flüsterton und trat dicht an ihn heran, ich habe mich entschlossen, Ihnen alles zu offenbaren. Nie hätte ich geglaubt, daß ich gezwungen werden könnte, dies letzte Geheimnis, das ich so fest in meiner Brust bewahrte, zu enthüllen. Es ist so seltsamer Art, kein Mensch hätte es je entdecken können. Aber der Himmel will mir auch diese Prüfung nicht ersparen. Gottes Finger hat von Anfang an die Spur des Verbrechens gezeichnet: es gibt kein Entrinnen. Wie es Ihrem Scharfsinn gelungen ist, zu ergründen, daß ich über den Mord noch etwas weiß, was ich bisher vor aller Welt verborgen habe, verstehe ich nicht. Aber es ist die Wahrheit; der Himmel will sie ans Licht bringen, und ich kann nicht widerstehen! Sie sollen alles wissen, wenn Sie versprechen, mir offen kundzutun, welche Wirkung meine Aussage haben wird, und ob der Angeklagte verloren ist, wenn ich vor Gericht mein letztes Zeugnis gegen ihn ablege.

Ihr Auge glühte wie im Fieber; sie starrte angsterfüllt nach ihm hin.

Reden Sie! sagte er bestimmt, erst wenn ich weiß, was Ihre Aussage enthält, kann ich mir ein Urteil über ihre Tragweite bilden. Wo Wahrheit und Gerechtigkeit unser Zeugnis verlangen, Fräulein Dare, muß jede Nebenrücksicht schweigen.

So hören Sie denn, sagte sie leise, sich gewaltsam zusammenraffend, jene Stunde in Professor Darlings Turmzimmer war mein Verhängnis. Ich sah das Mädchen nicht, das mich zu rufen kam, und gab ihr keine Antwort, weil ich am andern Ende des Zimmers, hinter einem hohen Mappenständer verborgen, etwas beobachtete, was alle meine Sinne beherrschte. – Wie gewöhnlich hatte ich mich am Dienstag morgen zu den astronomischen Studien eingefunden, die ich mit Helene Darling betrieb. Ich war an jenem Tage durchaus nicht dazu aufgelegt, denn ich dachte nur an die Unterredung mit Frau Klemmens, welche ich mir für den Nachmittag vorgenommen hatte. Als ich erfuhr, daß Fräulein Darling ausgegangen sei, war ich froh, ein stilles Stündchen für mich zu haben, um alles wohl zu überlegen. In dem Turmzimmer hoffte ich ungestört zu sein und saß dort lange in Nachdenken versunken, bis mir plötzlich einfiel, es müsse schon sehr spät sein, und ich ans Fenster trat, um nach der Stadtuhr zu sehen. Ich konnte mit bloßen Augen zwar das Zifferblatt erkennen, doch nicht wohin die Zeiger deuteten, aber ich erinnerte mich, daß wir vor einigen Tagen zur Kurzweil das Fernrohr auf die Stadt hinuntergerichtet hatten. Als ich hindurchsah nach der Uhr, stand der Zeiger gerade auf fünf Minuten vor zwölf – hierbei stockte sie und warf einen forschenden Blick auf Ferris.

Dieser fuhr zusammen. Fünf Minuten vor zwölf – rief er, und was geschah weiter?

Ich wollte versuchen, Frau Klemmens' Haus zu entdecken und wandte das Fernrohr nach rechts, da sah ich – –

Was? fragte Ferris gespannt.

Die Tür zum Eßzimmer war nur angelehnt – ein Mann sprang in wilder Eile über den Zaun – er lief nach dem Sumpf zu.

Und Sie erkannten den Flüchtling?

Sie rang nach Fassung.

Ja, es war Craik Mansell. –

Ein tiefer Ernst lagerte auf des Bezirksanwalts Stirn. Das geschah fünf Minuten vor zwölf, sagen Sie? – und fünf Minuten früher, zehn Minuten vor zwölf, war es der Verteidigung zufolge schon unmöglich, von Frau Klemmens' Haus die Station am Steinbruch bis zur Abgangszeit des Zuges, 1 Uhr 20 Minuten, zu erreichen?

Voll Todesangst hing ihr Blick an seinem Munde. Ich irre mich nicht, hauchte sie kaum hörbar; dann stieß sie verzweifelt hervor: Glauben Sie, daß mein Zeugnis ihm das Leben kosten wird?

Fragen Sie mich nicht, Fräulein Dare! war des Bezirksanwalts ausweichende Antwort. Das ist weder meine noch Ihre Sache.

Sie lachte wild und schrecklich auf. Nicht meine Sache? Freilich nicht. Ein Verbrecher ist ja dem Gesetz verfallen, und jeder gute Bürger ist verpflichtet, ihn der Staatsgewalt zu überliefern. Da müssen alle Herzensgefühle schweigen. Liebe und Treue, die man einander geschworen, die innigsten Bande, die zwei Menschen verknüpfen, gelten nichts, wo das Gesetz sein Opfer verlangt. Das Gericht sagt: Du weißt etwas, um diesen Mann ins Verderben zu stürzen, sprich es aus, man muß dem Gesetz gehorchen!

Vergebens war Ferris bemüht, der wilden Flut ihrer Rede Einhalt zu tun; ihr Jammer hatte endlich Worte gefunden.

O, Sie begreifen nicht, worum es sich handelt, rief sie; sehen Sie denn nicht, daß es meine Hand allein gewesen ist, die ihn langsam und erbarmungslos aus dem sichern Hafen vertrieben hat, bis ich ihm jetzt auch noch den letzten armseligen Zweig entreißen muß, an den er sich zu seiner Rettung klammert, der ihn allein noch bewahrt vor dem Sturz in den grausen Abgrund, der zu seinen Füßen gähnt. Sehen Sie nicht – –

Ich sehe genug, um Sie vom Grund meiner Seele zu beklagen, Fräulein Dare. Aber Sie sind nicht das einzige Werkzeug der Gerechtigkeit gewesen. Die Detektivs –

Verschwenden Sie nicht leere Worte! unterbrach sie ihn. Können Sie mir ins Antlitz behaupten, daß die Lage für ihn gefährlich geworden wäre, auch wenn ich nicht gezwungen würde, diese letzte Tatsache zu enthüllen?

Ferris schwieg.

Sagte ich es nicht? stöhnte sie. Wenn der Gerichtshof ihm das Urteil spricht, so hat mein Zeugnis ihn zugrunde gerichtet. Fürwahr eine rühmliche Heldentat! Selbst auf Kosten des Lebens, das uns am teuersten auf Erden ist, die Wahrheit zu sprechen, das geht noch über römische Tugend. Ich werde als Muster für mein Geschlecht gelten; alle Welt wird das Weib rühmen, das um der Gerechtigkeit willen ihren Geliebten dem Henker überliefert hat.

Der leidenschaftliche Erguß hatte ihre Kraft erschöpft; die Arme sanken ihr schlaff am Leibe herab. Wissen Sie, murmelte sie mit hohler Stimme, daß manche Frau sich weit lieber das Leben nehmen würde, als das Entsetzliche zu vollbringen?

Ferris erschrak. Und Sie? fragte er schnell.

Ich? entgegnete sie dumpf. O fürchten Sie nichts – ich werde nicht sterben, bis ich Antwort gegeben habe auf Ihre Fragen, morgen – in der Gerichtssitzung. Sie zuckte krampfhaft zusammen und hielt sich mühsam aufrecht. Er wollte sie stützen, wollte Beistand herbeirufen; sie aber lehnte alle Hilfe ab, sie wünschte nur allein zu sein.

Lassen Sie mich! sagte sie und blickte wirr im Zimmer umher, als sei ihr plötzlich ihre ganze Umgebung neu und unbekannt geworden, ich brauche Zeit, mich zu sammeln, mein Zeugnis zu überlegen – ich muß allein sein – und Gott wird mir helfen.

Ich will Ihnen nicht länger zur Last fallen, Fräulein Dare, sagte Ferris mit gepreßter Stimme, doch bitte ich Sie, sich zu beruhigen und – –

Und morgen mein Zeugnis abzugeben, ohne Zaudern und unnötige Gefühlsäußerungen, unterbrach sie ihn kalt. Ich danke Ihnen und weiß, was Sie sagen wollen. Seien Sie ohne Furcht: ich werde Kraft und Fassung bewahren. Da es mir nicht erspart bleiben soll, den furchtbaren Streich zu führen, will ich es mit fester Hand tun.

Mit der geballten Rechten schlug sie hart gegen die eigene Brust, als ob dort der Streich zuerst treffen solle.

Bis ins Innerste bewegt verließ der Bezirksanwalt das Gemach. Er war von dem Auftritt mehr erschüttert worden, als er für möglich gehalten hätte.



Zweiunddreißigstes Kapitel.

War es das klare Frostwetter draußen, was allen Gesichtern im Gerichtssaal einen so heiteren Ausdruck verlieh, oder war frohe Hoffnung in die Gemüter eingezogen? Selbst der Angeklagte schaute weniger düster und verächtlich drein, nun die Möglichkeit einer Freisprechung auf Grund von Orkutts Verteidigung für ihn in Aussicht stand.

Die beiden Detektivs saßen auf ihrem gewöhnlichen Platz.

Wo sind Sie nur seit gestern abend gewesen, Hickory? fragte Byrd, ich habe Sie nirgends aufspüren können.

Auf Posten, lautete die Antwort. Ich sollte einen Vogel im Käfig bewachen, von dem man fürchtete, er werde wild werden, die Stäbe mit den Flügeln zerschlagen und auf und davon fliegen.

Was reden Sie für Torheiten, ich verstehe Sie nicht.

Die ganze Nacht bin ich vor Fräulein Dares Fenster auf und ab gewandert; es war kein angenehmes Geschäft. Erst bei Tagesanbruch erlosch ihre Lampe.

Byrd sah seinen Kollegen mit besorgten Blicken an. Wissen Sie, was Ferris zu tun beabsichtigt? fragte er; haben Sie eine Ahnung, warum das Fräulein den schwarzen Schleier trägt, der sie so dicht verhüllt? 

Nein, aber ich bin begierig, was wir zu hören bekommen.

Kopfschüttelnd sah Byrd nach Imogen hinüber. Was für ein neues Rätsel lag hier verborgen? Würde sich der undurchdringliche Schleier heben, um es der Welt zu offenbaren?

Nach Eröffnung der Sitzung war die erste Frage des Richters, ob die Anklage eine Duplik in Bereitschaft habe und willens sei, die Verteidigung durch Gegenbeweise anzugreifen.

Ferris stand schon gerüstet da.

Fräulein Dare, treten Sie gefälligst vor! sagte er.

Orkutt, der bis zu diesem Augenblick seine Sache schon für so gut wie gewonnen gehalten hatte, sprang heftig erregt auf. Ich erhebe Einspruch, rief er. Die Zeugin hat bereits zu den ausführlichsten Aussagen vor dem Gerichtshof reichlich Gelegenheit gehabt. Der Ankläger hätte das Verhör nicht schließen sollen, bevor er sich überzeugt hatte, daß alle Beweise beigebracht waren.

Haben Sie etwas Tatsächliches anzuführen, was die Wiedereröffnung des Verhörs verlangt? wandte sich der Vorsitzende an Ferris.

Ja, erwiderte dieser; nach Schluß der letzten Sitzung habe ich einen Umstand erfahren, den ich verpflichtet bin, zur Kenntnis der Geschworenen zu bringen. Niemand als die von mir aufgerufene Zeugin vermag Aufschluß über diesen Punkt zu geben, deshalb bitte ich, sie nachträglich darüber vernehmen zu dürfen.

Ist diese neue Tatsache geeignet, die Stellung zu erschüttern, welche die Verteidigung eingenommen hat?

Sie hat direkt Bezug auf die Frage, ob der Angeklagte imstande gewesen ist, den Zug auf der Station beim Steinbruch zu erreichen, wenn er das Haus der Witwe verließ, nachdem die Mordtat begangen war. Die Frage  würde bejaht werden müssen, wenn das zu leistende Zeugnis auf Wahrheit beruht.

Die rätselhafte Drohung, welche in diesen Worten lag, war ganz dazu angetan, Orkutt mit Unruhe und Besorgnis zu erfüllen. Barg sich vielleicht hinter Imogens dichtem Schleier eine Erklärung für die Bedeutung derselben? Des Verteidigers Lippen bebten, als er sich jetzt mit spöttischem Lächeln zu Ferris wandte:

Sie wollen beweisen, daß der Angeklagte erst um zehn Minuten vor zwölf Uhr das Haus der Frau Klemmens verlassen und doch um 1 Uhr 20 Minuten auf der Station beim Steinbruch anlangen konnte. Wollen es durch diese Zeugin beweisen?

Ja, um festzustellen, daß die Behauptung der Verteidigung unhaltbar ist, war des Bezirksanwalts ruhige Erwiderung.

Ich wäre doch begierig zu hören, was Fräulein Dare über diesen Punkt auszusagen hat, den eine Dame unmöglich beurteilen kann, rief Orkutt in ironischem Ton, seine starke Erregung gewaltsam bezwingend. Meine Herren, ich ziehe den Einspruch zurück; lassen Sie die Zeugin vernehmen!

Er nahm, scheinbar völlig unbekümmert, seinen Sitz wieder ein, aber seine Blicke, die ruhelos von Imogen zu seinem Klienten hinüberschweiften, führten eine beredte Sprache.

Betrachten Sie einmal den Angeklagten! flüsterte Byrd seinem Kollegen zu. Die Selbstbeherrschung, die er besitzt, grenzt ans Fabelhafte; er scheint nicht halb so erschüttert wie Orkutt.

Aber seine Augen – sehen Sie nur diese Blicke! – man meint, sie könnten durch ihren schwarzen Schleier dringen. Er will endlich seinen Einfluß auf sie geltend machen.

Ja, aber die Zeit dazu ist vorüber. 

Als Ferris jetzt seine Aufforderung wiederholte, erhob sich Imogen langsam, wie im Traum; mechanisch löste sie den Schleier, zog ihn herab und trat vor die Geschworenen hin. Was lag denn in den nun enthüllten Zügen, daß sich plötzlich eine so lautlose Stille über die ganze Versammlung breitete? Die Leichenblässe ihres Antlitzes wurde durch das eng anschließende, tiefschwarze Kleid, welches das Mädchen trug, noch schärfer hervorgehoben. Jede Spur fieberhafter Erregung war von ihr gewichen, unbeweglich stand sie da, mit gesenkten Lidern. Eben noch waren die Augen der Menge voll herzloser Neugier auf sie gerichtet gewesen;  jetzt fühlte sich jeder bei ihrem Anblick von Mitleid und Furcht bewegt.

Fräulein Dare, begann der Bezirksanwalt, sobald er seine Gefühle genügend bemeistert hatte, wollen Sie uns angeben, wo Sie sich um die Mittagsstunde des Tages aufhielten, an dem Frau Klemmens ermordet wurde?

Noch ehe die Zeugin die Lippen öffnete, war Orkutt ungestüm aufgesprungen, entschlossen, vor der unbekannten Gefahr, die drohend nahte, auch keinen Fuß breit zurückzuweichen. Die Frage ist völlig unzulässig bei dem jetzigen Stand der Verhandlung, rief er in höchster Aufwallung; sie steht in keinerlei Beziehung dazu; jedes Kind muß das einsehen. Ich bitte den hohen Gerichtshof, mir hierin beizupflichten.

Für Orkutt stand alles auf dem Spiel, Leben und Liebe, Imogens Herz und Hand. Dieser so heiß begehrte Lohn sollte ihm jetzt durch ein unbedachtes Wort vielleicht auf immer entrissen werden. Nicht minder erregt als sein Verteidiger zeigte sich der Angeklagte, der jetzt zum erstenmal, seit er vor Gericht erschienen war, seine Gefühle nicht zu beherrschen vermochte.

Meine Herren, redete der Bezirksanwalt die Geschworenen an, ich setze meine Ehre zum Pfande, daß die Zeugin Kenntnis von einer Tatsache besitzt, durch welche die ganze Verteidigung zunichte gemacht wird. Wenn meine Fragestellung dem Herrn Rechtsanwalt mißfällt, so bin ich bereit, mich deutlicher auszudrücken, wir kommen dann vielleicht noch schneller ansZiel. Er wandte sich an die Zeugin: Sagen Sie uns, haben Sie den Angeklagten am Morgen der Mordtat später gesehen als zehn Minuten vor zwölf? Ja oder nein? –

Es war heraus. Was Ferris beabsichtigte, konnte niemand mehr verborgen sein, und ein Murmeln der Ueberraschung lief durch die Menge. Orkutt, der trotz seiner unbestimmten Befürchtungen auf einen so vernichtenden Angriff nicht vorbereitet war, sah mit starrem Blick bald Mansell, bald Imogen an. Waren die beiden wirklich töricht und vermessen genug gewesen, ihn hinsichtlich eines so wesentlichen Punktes im Dunkeln zu lassen? Der bleiche Schrecken, der aus den Zügen des Angeklagten sprach, zeigte dem Verteidiger nur zu deutlich, daß von der Antwort der Zeugin alles zu fürchten sei. Eben wollte er noch einen letzten Versuch wagen, um die dringende Gefahr abzuwenden, als Imogen mit klarer, volltönender Stimme zu reden begann.

Meine Herren, sagte sie, wenn Sie mir erlauben, meinen Bericht ungehindert zu erstatten, so wird es mir vielleicht gelingen, alle Teile zu befriedigen.

Der Blick, den sie Orkutt zuwarf, schien diesen zu beruhigen. Hatte er sich vielleicht unnötige Sorge gemacht? Er nahm seinen Platz wieder ein, und Imogen sprach weiter, jedes Wort scharf betonend:

Herr Ferris hat zwei Fragen an mich gestellt. Ich ziehe vor, die erste zu beantworten, wo ich mich zu der Zeit aufhielt, als Frau Klemmens ermordet wurde. Sie hielt inne und rang nach Atem. – Ich will Ihnen die Wahrheit nicht länger verbergen, ich war bei Frau Klemmens selbst, in ihrem Hause. 

Wäre ein Blitzstrahl aus blauer Luft vor dem Bezirksanwalt niedergefahren, er hätte ihn nicht unerwarteter treffen können als dies seltsame Bekenntnis, während er auf eine ganz andere Aussage gefaßt war.

In Frau Klemmens' Haus? wiederholte er unter dem aufgeregten Gemurmel vieler hundert Stimmen. Habe ich recht gehört? –

Sie lächelte kühl und überlegen; sie wußte, Ferris war machtlos ihr gegenüber. Ja, sagte sie fest, ich versichere bei meinem Eide, daß ich mich an dem Tage und zu der Stunde, als Frau Klemmens ermordet wurde, bei ihr im Hause, in ihrem Eßzimmer befand. Ich hatte mich heimlich dorthin begeben, fuhr sie, um jeden Einwurf abzuschneiden, mit fieberhafter Eile fort. Als ich an jenem Morgen allein im Turmzimmer von Professor Darlings Villa saß, die unweit des Waldes am Ende der Sommerstraße liegt, war mir plötzlich der Gedanke gekommen, sofort Frau Klemmens aufzusuchen, um den versprochenen Versuch zu machen, sie zu Gunsten ihres – ihres – des Angeklagten umzustimmen. Ich schlich mich die Treppe hinab, erreichte den Wald, ohne bemerkt zu werden und konnte mich so dem Hause der Witwe von der Rückseite nähern. Gegen Mittag langte ich dort an; ich fand Frau Klemmens allein im Hause – wenn noch jemand bei ihr gewesen war, so hatte er sich bereits entfernt – sie war gerade damit beschäftigt, ihre Uhr zu stellen – – – –

Warum hielt denn die Zeugin plötzlich inne?

Ferris hatte keinen Laut von sich gegeben; die Ueberraschung fesselte ihm die Zunge. Orkutt saß da wie gelähmt; sein Denken, Fühlen, das Leben selbst schien in ihm stillzustehen; er starrte Imogen versteinert an und las das Schreckliche, das da kommen sollte, in ihren verzerrten Mienen. Aber nicht auf ihn war ihr Blick gerichtet, sondern auf den Angeklagten, den plötzlich die bisher so streng bewahrte Fassung und Zurückhaltung verließ. Mansell war aufgesprungen, mit erhobener Hand stand er da, Imogen einen herrischen Befehl zuwinkend.

Schon war er wieder auf seinen Platz zurückgesunken; das Auge des Richters hatte ihn getroffen. Aber das Zeichen war gegeben, man erwartete Imogen schwanken, ihren Mut gebrochen zu sehen. Sie aber ließ sich in ihrem Vorsatz nicht beirren; mochte die plötzliche Gefühlsäußerung Mansells sie auch tief erschüttert haben, sie schwieg nicht, wie er verlangte. Mit seltsamem, der Erde entrücktem Ausdruck wandte sie sich von ihm ab und den Geschworenen zu.

Wie ich schon sagte, fuhr sie entschlossen fort, Frau Klemmens war dabei, ihre Uhr aufzuziehen. Als sie mich bemerkte, trat sie auf mich zu, und es entspann sich zwischen uns ein kurzes, aber zorniges Zwiegespräch. Sie war entrüstet darüber, daß ich sie aufgesucht hatte. Mein Interesse für ihren Neffen mißbilligte sie im höchsten Grade. Aufs äußerste gereizt und empört über ihre Worte, wollte ich mich entfernen – doch kehrte ich wieder zurück. Sie stand mit dem Gesicht nach der Uhr und schien meine Gegenwart nicht mehr zu beobachten. Da kam es über mich, ich weiß nicht, war es Liebe oder Haß, was mich von Sinnen brachte – aber – –

Sie brauchte nicht weiter zu sprechen; ihre Haltung und Gebärde waren beredter als Worte. Ferris, Orkutt, sämtliche Zuhörer, die gespannt an ihrem Munde gehangen hatten, wurden plötzlich inne, daß sie keine Anklage gegen den Gefangenen aussprach, sondern sich selbst anschuldigte. Bis zum Wahnsinn getrieben, vor die furchtbare Wahl gestellt, ihren Geliebten dem Untergang zu weihen, oder sich selbst zu opfern, hatte sie zu dem verzweifelten Mittel gegriffen, sich hier, vor Richter und Geschworenen als die Mörderin der Frau Klemmens zu bekennen.

Eine unbeschreibliche Bewegung entstand. Der Angeklagte, vielleicht der einzige unter allen Anwesenden, der ihre Absicht geahnt hatte, als sie zu reden begann, hatte erschüttert das Gesicht mit den Händen bedeckt; Orkutt stand vernichtet da, von widersprechenden Gefühlen überwältigt, unfähig, das Entsetzliche zu fassen. Auch Ferris war keines Wortes mächtig, der Gedanke, daß er, ohne es zu wollen, dies grausame Bekenntnis veranlaßt habe, raubte ihm fast die Besinnung. Schrecken und Aufregung verbreitete sich durch den ganzen Gerichtssaal, bis der Vorsitzende endlich das Wort ergriff.

Sie haben wohl die Tragweite des Zeugnisses, das Sie vor uns abgelegt haben, nicht bedacht und sind nicht in der Verfassung, um den Inhalt Ihrer Aussage abzuwägen, Fräulein Dare, redete er die Zeugin an. Das Mitgefühl für den Angeklagten und Ihre eigene Erregung über die Wiedereröffnung des Verhörs hat Sie verwirrt und unzurechnungsfähig gemacht. Wir lassen Ihnen Zeit, sich zu fassen; der Gerichtshof wird warten, bis Sie ruhiger geworden sind und uns den wahren Sachverhalt mitteilen können.

Mit bleichen Lippen und gesenkten Hauptes stand Imogen da, ein Bild starrer Verzweiflung; aber sie blieb bei ihrem Vorsatz.

Ich habe nichts mehr zu erwägen, sagte sie. Sie wissen nun, wie Frau Klemmens den Tod gefunden hat: ich habe sie erschlagen; Craik Mansell ist unschuldig.

Während des erregten Stimmengewirrs, das auf diese Worte folgte, sahen Byrd und Hickory einander mit zweifelnden Blicken an.

Sie spricht nicht die Wahrheit, flüsterte ersterer, denken Sie daran, was sie damals in der Hütte sagte –

Still, gab Hickory zurück, geben Sie acht, Orkutt will reden.

Dem Rechtsanwalt war es endlich gelungen, seiner furchtbaren Gemütsbewegung Herr zu werden und sich zu erinnern, was sein Amt, seine Stellung von ihm fordere. Angesichts der bestürzten Geschworenen, der erregten Menge, schleuderte er zündende Worte hervor, welche die schwüle Atmosphäre mit einem Schlage verscheuchten.

Dies ist keine Zeugenaussage, rief er, es ist Wahnsinn und Raserei. Das Fräulein ist durch das Verhör so lange gemartert worden, bis sie nicht mehr zurechnungsfähig und verantwortlich ist für ihre Aussage. Der Herr Bezirksanwalt wird sicher keinen Augenblick zögern, die Zeugin abtreten zu lassen, die so sichtlich unter einem Anfall von Geistesverwirrung leidet.

Ich muß vor allem feststellen, sagte Ferris, sich gleichfalls ermannend, daß mir das Bekenntnis der Zeugin nicht weniger überraschend kommt, als den übrigen Anwesenden. Es hat durchaus nichts mit der Tatsache gemein, welche ich dem Gerichtshof zu unterbreiten wünschte; nach der Unterredung, welche ich gestern abend mit dem Fräulein hatte –

Ich protestiere gegen jede Wiedergabe dieser Unterredung, fiel Orkutt leidenschaftlich ein; welcher Art sie gewesen ist, lassen die Folgen, die hier zu Tage treten, nur zu deutlich erkennen. Die Stimme erhebend, so daß sie bis ans äußerste Ende des Saales drang, fuhr er fort:

Meine Herren, wir haben soeben einen Auftritt erlebt, der zu dem erschütterndsten gehört, was es auf Erden gibt. Durch ein übermächtiges Gefühl fortgerissen, sich selbst zu opfern, hat ein junges, schönes und bisher hochgeachtetes Weib in einem Augenblick falschen Eifers oder wahnsinniger Angst Worte ausgestoßen, die wie ein Schuldbekenntnis klingen. Ein solches Begebnis muß in jeder Brust das tiefste Mitgefühl wecken. Auch ich, meine Herren, teile diese Empfindung. Wie auch Ihr Urteil für meinen Klienten ausfallen mag, ob Sie ihn schuldig sprechen, statt ihn ehrenvoll zu entlassen – er wäre nicht der Mann, für den ich ihn halte, wenn er seine Rettung einem so wahnsinnigen Bekenntnis verdanken möchte, das jeden Schein der Wahrheit entbehrt. Ich wiederhole daher meinen früheren Einspruch und bitte den Herrn Bezirksanwalt, ein Verhör zu beenden, das für seine Sache ebenso unersprießlich ist, wie für die meinige.

Ich teile ganz Ihre Ansicht, war Ferris' Erwiderung, daß der Augenblick für unsere Verhandlung durchaus ungeeignet ist. Mit Erlaubnis eines hohen Gerichtshofs will ich daher die Zeugin zurückziehen, obwohl ich dann zugleich darauf verzichten muß, die wichtige Tatsache zu enthüllen, welche ich gegen die Verteidigung vorzubringen dachte.

Noch ehe jedoch der Bezirksanwalt Imogen auffordern konnte, abzutreten, wandte sich diese selbst an den Vorsitzenden:

Euer Gnaden werden mir gestatten, zu bleiben, bis ich klar bewiesen habe, daß nicht die Hand des Angeklagten Frau Klemmens getötet hat, sondern die meinige. Habe ich die Qual erdulden müssen, Zeugnis gegen ihn abzulegen, so gebührt mir auch das Recht, öffentlich seine Unschuld und meine Schuld zu erklären.

Der Gerichtshof ist der Meinung, lautete die Antwort, daß Ihre heutige Gemütsverfassung nicht für das Verhör geeignet ist. Wenn Sie die Wahrheit sprechen, so wird Ihnen später hinreichende Gelegenheit geboten werden, Ihre Erklärung abzugeben und zu beweisen. Denn Sie müssen wissen, Fräulein Dare, daß ein Bekenntnis dieser Art völlig nichtig ist, wenn es nicht durch anderweitiges Zeugnis bestätigt wird.

Aber ich kann ein solches Zeugnis beibringen, Euer Gnaden, entgegnete sie mit entsetzlicher Ruhe. Rufen Sie jenen Mann wieder auf, sie deutete auf Hickory, und lassen Sie ihn die Unterredung wiederholen, die er vor etwa zehn Wochen in Professor Darlings Turmzimmer mit einer Dienerin geführt hat. Das wird meine Aussage bestätigen. 

War das nicht weit schlimmer als ihre erste Selbstanklage? – Was allen wie eine Ausgeburt des Wahnsinns, wie ein wirrer Traum erschienen war, erhielt auf einmal Gestalt und Wesen, dadurch, daß sie einen Gewährsmann aufrief, um ihr Bekenntnis zu erhärten. Sie stand und wartete mit starrem Blick auf die Antwort des Richters, wie jemand, der auf dieser Welt nichts mehr zu fürchten und nichts mehr zu hoffen hat.

Der Vorsitzende fand kein Wort der Erwiderung, auch Orkutt und Ferris waren verstummt. Eine bedrückende Stille lagerte über der Versammlung, als plötzlich eine unbekannte, männlich feste Stimme von der Seite des Gerichtszimmers her schallte, wo man zuvor Orkutts Redefluß vernommen hatte.

Es war der Angeklagte, welcher sprach. Stolz aufgerichtet, eine nicht weniger edle Erscheinung als das Weib, das er geliebt hatte, stand Craik Mansell vor seinen Richtern. Konnte der Mann, der mit so ruhiger Festigkeit auftrat, dessen würdig ernstes Wesen ihn den Ehrenmännern, die ihn umgaben, gleichzustellen schien, in Wahrheit ein Verbrecher sein? Es schien kaum glaublich, aber seine Worte waren nicht die eines fälschlich Angeklagten, und er beteuerte seine Unschuld nicht.

Ich bitte um Verzeihung, sagte er, daß ich mich unmittelbar an den hohen Gerichtshof wende; besonders möge es der Herr Verteidiger entschuldigen, der meine Sache mit so außerordentlicher Geschicklichkeit geführt hat. Wäre er weniger edel und hochherzig, ich würde fürchten, mir seinen Groll zuzuziehen.

Ohne den überraschten und finsteren Blick zu bemerken, den Orkutt ihm zuwarf, fuhr der Angeklagte, zu dem Vorsitzenden gewandt, fort:

Ich hätte geschwiegen, wenn ich nicht besorgen müßte, das Gericht könnte von seinem Beschluß in betreff der Zeugin zurückkommen. Es ist auch meine Ansicht, daß ihr Zeugnis nicht berücksichtigt werden darf, und ich will tun, was in meiner Macht liegt, damit dies nicht geschieht.

Der Richter erhob warnend die Hand, aber Mansell sprach ruhig und bestimmt weiter:

Ich bitte, mich anzuhören: ich habe nicht die Absicht, gleich der Zeugin ein voreiliges Bekenntnis abzulegen; ich will nur verhindern, daß ihre Selbstanklage an Gewicht gewinnt durch die Zweifel über meine Schuld, welche infolge meiner Verteidigung entstehen könnten.

Sobald der Angeklagte zu reden begann, hatte Orkutt in großer Unsicherheit geschwebt, ob er seinen Klienten fortfahren lassen oder ihm das Wort abschneiden solle. Jetzt erkannte er, daß der Ausgang des ganzen Rechtsfalls ernstlich gefährdet sei und erhob sich schnell. Ein Blick auf Imogen brachte ihn jedoch auf andere Gedanken, und er nahm seinen Platz ebenso rasch wieder ein.

Noch gestern, fuhr der Angeklagte fort, war ich willens, meine Rettung der anscheinend so unanfechtbaren Verteidigung zu danken, aber heute ist es anders. Es wäre schmähliche Feigheit, wollte ich der Großmut dieses Weibes gegenüber zugeben, daß eine Unwahrheit irgendwelcher Art sie in Gefahr bringt, oder mich vor dem Verhängnis schützt, das meiner vielleicht wartet. – Herr Rechtsanwalt, wandte er sich mit größer Hochachtung an Orkutt, man hat Ihnen gesagt, daß der Weg von Frau Klemmens' Hause über die Brücke und nach der Station am Steinbruch nicht in 90 Minuten zurückgelegt werden könne, und Sie haben es geglaubt. Auch war es kein Irrtum. Nur wenn man ein Mittel findet, über den Strom zu kommen, ohne den Umweg nach der Brücke zu machen, läßt sich die Zeit erheblich kürzen. Ich weiß wohl, fuhr er fort, als mancherlei Ausrufe in der Menge laut wurden, besonders seitens des höchlich betroffenen Hickory, daß ein Wanderer, der zufällig des Weges kommt, ein solches Auskunftsmittel schwerlich entdecken würde. Wäre aber ein Holzhauer hier zugegen, so würde er mir ohne Zweifel bestätigen, daß die Baumstämme, welche häufig dort den Strom hinunter nach der Station geflößt werden, einen leichten Uebergang gewähren. Als ich an jenem verhängnisvollen Tage an das Flußufer kam, lag ein solches Floß dort angebunden. Mit der langen Ruderstange, die ich im Grase fand, stieß ich es ab und gelangte hinüber. – Der Detektiv, der sich schon einmal in dieser Sache eine große Anstrengung zugemutet hat, wird vielleicht den Versuch wagen und finden, daß man unter diesen Umständen die Strecke vom Hause der Frau Klemmens bis zu der Station in 90 Minuten zurücklegen kann, ja sogar in noch kürzerer Zeit. Ich habe es getan.



Mit männlichem Stolz, ohne einen Blick auf Imogen zu werfen, nahm der Angeklagte seinen Platz wieder ein und blieb ruhig und gefaßt sitzen, wie zuvor.

Daß er sich in eine höchst kritische Lage gebracht hatte, war unschwer zu erkennen. Nach den wechselnden Empfindungen der letzten halben Stunde befand sich die Menge in einer ungeheuren Aufregung. Die gereizte Stimmung der Geschworenen konnte leicht in ihrem Wahrspruch Ausdruck finden. Unmittelbar nach Imogens Selbstanklage hatte Mansell durch sein Geständnis seine eigene Verteidigung Lügen gestraft und stand nun schutzlos da, der Strenge des Gesetzes preisgegeben. Er war des Mordes angeklagt, die Gerechtigkeit verlangte Blut für Blut, die Menge wollte ein Opfer haben, es war ein gefährliches Spiel, das man mit ihr getrieben hatte. Was ging der Liebesmut dieser zwei Menschen, die füreinander sterben wollten, die Geschworenen an? Mußten sie nicht sagen, daß die Schuld des Gefangenen so gut wie erwiesen sei? Er hatte gestanden, daß er mit falschen Waffen gekämpft habe; wer unschuldig ist, braucht sich nicht durch eine Lüge zu schützen. Man war gerechtfertigt vor Gott und Menschen, wenn man annahm, daß ihn sein eigenes Zeugnis überführt habe.

Solche und ähnliche Reden vernahm man in der Menge, ein wildes Stimmengewirr brauste durch den ganzen Saal, und selbst den Gerichtsdienern würde es mit Aufbietung ihrer ganzen Amtsgewalt schwerlich gelungen sein, die Ordnung wieder herzustellen. Aber plötzlich verbreitete sich ganz von selbst eine erwartungsvolle Stille in der Versammlung; man sah, wie der Vorsitzende Ferris und Orkutt zu sich heranwinkte, und die Anwälte in eifrige Verhandlung mit dem Gerichtshof traten.

Bald nachher wandte sich der Richter zu den Geschworenen und kündigte ihnen an, es sei unbedingt nötig, die Enthüllungen, welche die Sitzung gebracht habe, einer sorgfältigen Erwägung zu unterwerfen und einstweilen die Verhandlung zu vertagen. Die Geschworenen würden am besten tun, sich inzwischen jeder Besprechung des Falls auch unter einander zu enthalten. Der Beschluß ward einstimmig angenommen, und die Sitzung bis zum andern Morgen um 10 Uhr vertagt.

Imogen sah von ihrem Platze auf der Zeugenbank aus, wie der Angeklagte abgeführt wurde. Mochte ihr Zeugnis wahr oder falsch erfunden werden, ihr Ruf war in den Augen der Welt auf immer vernichtet. Auch schien es, als habe das furchtbare Opfer, das sie gebracht hatte, nur dazu gedient, den Mann, welchen sie liebte, unrettbar in den Abgrund zu stürzen, aus dem sie versucht hatte ihn zu befreien.



Dreiunddreißigstes Kapitel.

In des Bezirksanwalts Bureau fanden sich die beiden Detektivs wieder zusammen.

Ich habe Sie rufen lassen, sagte Ferris, um in der schwierigen Frage Ihre Meinung zu hören: sollen wir Fräulein Dares Zeugnis fallen lassen und Mansells Anklage weiter verfolgen?

Hickory war schnell mit der Antwort bei der Hand: Ich dächte, wir wären doch dieser neuesten Bewerberin um die Ehre, die Witwe Klemmens erschlagen zu haben, wenigstens Gehör schuldig, sagte er.

Aber Sie können doch ihrer Geschichte unmöglich Glauben schenken, rief Byrd ungeduldig, Sie wissen so gut wie ich, daß sie das Verbrechen nicht begangen hat. Auch Sie, Herr Bezirksanwalt, zweifeln doch gewiß nicht an Fräulein Dares Unschuld?

Statt der Antwort wandte sich Ferris an Hickory: Die Dienerin hat Ihnen damals mitgeteilt, sie habe das Fräulein am Morgen der Mordtat nicht im Turmzimmer gefunden. Glauben Sie, daß sich Fräulein Dare auf Sie berief, damit Sie dies bestätigen sollten?

Vermutlich, meinte der Detektiv.

Aber ist sie auch wirklich nicht dagewesen? fuhr Ferris kopfschüttelnd fort. Mir hat sie bei unserer gestrigen Unterredung ganz andere Angaben gemacht. Sie sagte, das Mädchen habe sie nur nicht gesehen, weil sie hinter einem hohen Mappenständer, der sie ganz verbarg, durch ein Fernrohr schaute –

Hickory sah betroffen auf: Dies ist nicht unwahrscheinlich, fiel er ein. Als ich den Besuch im Turmzimmer machte, merkte ich zuerst auch nichts von ihrer Anwesenheit. Zufällig blickte ich hinter das Gestell, auf dem die Himmelskarten standen, da sah ich sie.

Nun hielt Ferris es für geboten, den Detektivs die weiteren Aussagen Imogens vom vergangenen Abend mitzuteilen, die ihnen erstaunlich genug klangen. Durch das Fernrohr, das sie zuerst auf die Stadtuhr, sodann auf Frau Klemmens' Haus gerichtet haben wollte, hatte sie Mansell um fünf Minuten vor zwölf nach dem Sumpfe zu fliehen sehen.

Aber soll ich nun ihren gestrigen Angaben glauben, oder ihrem heutigen Zeugnis vor Gericht? fuhr Ferris zweifelnd fort und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen.

Die Detektivs sahen einander fragend an; dann ergriff Byrd das Wort:

Herr Bezirksanwalt, wir beide, Hickory und ich, wissen genau, daß Fräulein Dare an dem Morde unschuldig ist; ein Umstand, den wir bis jetzt verschwiegen haben, hat uns den wahren Verbrecher verraten. – Erzählen Sie, Hickory, wie Sie das Fräulein durch Ihre Verkleidung in der Hütte getäuscht haben, wandte er sich an seinen Kollegen, mir scheint, die Sache ist schon allzulang geheim gehalten worden. 

So berichtete denn der Detektiv, was er getan hatte: wie er Imogen durch Mansells Brief nach der Hütte gelockt und sie bei der Unterredung mit ihrem vermeintlichen Geliebten ihre Ueberzeugung von dessen Schuld ausgesprochen und ihn aufgefordert habe, sie zu bekennen.

Ferris hörte überrascht und gespannt zu.

Damit scheint mir die Frage ein- für allemal erledigt, sagte er.

Wie man an ihrer Unschuld auch nur einen Augenblick zweifeln kann, ist mir unfaßlich; ihre Selbstanklage scheint mir dagegen weit eher begreiflich, rief Byrd. Ich denke mir den Verlauf der Sache von ihrem Standpunkt aus etwa so: sie hält ihren Geliebten für den Mörder, ein Unschuldiger gerät statt seiner in Verdacht; nach der Unterredung im Walde hofft sie, der Verbrecher werde freiwillig seine Schuld bekennen, aber die Zeit verrinnt, Hildreth macht den Selbstmordversuch, nun läßt sie ihr Gewissen, ihr Gerechtigkeitsgefühl nicht länger schweigen, sie selbst tut den ersten Schritt, um uns auf die Spur der Wahrheit zu lenken. Mansell wird angeklagt, das Gerichtsverfahren beginnt. Bei der Erfüllung der schweren Pflicht, wider ihn zu zeugen, hält die Hoffnung sie aufrecht, daß es nicht gelingen werde, ihn des Verbrechens zu überführen, daß ihn die Verteidigung retten könne. Die Tatsache, die ihn vernichten müßte – seine Flucht vom Hause der Frau Klemmens zur Zeit des Mordes – denkt sie fest in ihrem Busen zu verschließen. Lieber, als diese vor Gericht zu bekennen, würde sie zu dem letzten Ausweg greifen, der ihr dann noch bleibt – sich selbst zu opfern. Was geschieht? – Der Scharfsinn des Verteidigers hat ein Mittel gefunden, selbst die überzeugendsten Beweise zu entkräften, die Freisprechung scheint kaum mehr zweifelhaft. Da treten Sie vor sie hin und sprechen den Argwohn aus, daß sie von dem Verbrechen mehr wisse, als sie enthüllt habe. Entsetzt erkennt sie, daß sie ihr Geheimnis nicht zu bewahren vermag; sie steht vor der Wahl, den Geliebten zu vernichten oder sich selbst. – Aber, vielleicht irrt sie sich, vielleicht ist er trotz ihres Zeugnisses noch zu retten? – Um hierüber Gewißheit zu erlangen, gesteht sie Ihnen die Tatsache, an der, wie sie glaubt, Mansells Leben hängt. Nein, sie hat sich nicht getäuscht: Ihre ernste Miene, vielleicht ein Wort Ihres Mundes bestätigt ihre Furcht. In der angstvoll durchwachten Nacht reift ihr Entschluß, sich selbst zu opfern. Hat sie den Geliebten anklagen können, um einen Schuldlosen zu befreien, so besitzt sie auch Seelenstärke genug, sich selbst zu beschuldigen, damit das teuere Leben gerettet werde, das durch ihr Zutun am Rande des Verderbens schwebt. Aber, schloß der Detektiv seine Auseinandersetzung, daß Mansell ihr Opfer nicht annehmen und lieber auf seine Rettung verzichten würde, als auf seine Mannesehre, daran scheint sie freilich nicht gedacht zu haben.

Sie nehmen Mansells Schuld für völlig erwiesen an, sagte Hickory kopfschüttelnd; bei mir ist das durchaus nicht der Fall. Zwar gestehe ich offen, daß ich manches unerklärlich finde, z. B. seine Flucht vom Hause der Witwe, die übrigens nicht einmal vor Gericht beschworen ist; aber meine sonstige Ansicht habe ich völlig geändert. Ich bin jetzt fest überzeugt, daß er unschuldig ist, während ich ihn früher für den Mörder hielt.

Byrd und Ferris wechselten erstaunte Blicke.

Sie können sich darauf verlassen, wiederholte Hickory bestimmt, Craik Mansell ist kein Verbrecher. Ich wußte das von dem Moment an, als er seine Verteidigung zurückzog. Das Kurze und Lange ist, daß er Fräulein Dare für die Schuldige hält und sich den Prozeß machen läßt, um sie zu retten.

Und wegen ihres Verbrechens an den Galgen zu kommen? fragte Ferris. 

Das nicht; er glaubt, man wird ihm nicht beweisen können, was er nicht begangen hat, und ihn freisprechen. Wäre dies anders, so hätte er sich heute zu dem Verbrechen bekannt, aber das geschah nicht. Er will alles für Fräulein Dare tun, nur nicht lügen. Ich sage Ihnen, der Mann ist unschuldig.

Also ist Imogen Dare die Mörderin?

Er hält sie wenigstens dafür. Ich kann Ihnen auch sagen, wie er zu dem Verdacht gekommen ist: ihr Zorn gegen Frau Klemmens gab dem seinigen nichts nach, ihre Worte: »bis morgen kann vieles anders werden«, ließen eine bestimmte Absicht erkennen, der Verlobungsring, den er ihr gegeben, fand sich im Eßzimmer der Ermordeten auf dem Boden – –

Halt, rief Ferris, der ist ihm aus der Tasche gefallen, die Zeugin hat eidlich versichert, daß sie ihn hineingesteckt hat.

Wohl möglich: ich will Ihnen ja nur zeigen, daß Mansell an ihre Schuld glaubt. Kaum hat er von der Ermordung seiner Tante gehört, so machte er einen dicken Strich quer über das Bild seiner Geliebten – weshalb tut er das? – es ist kein Wort, keine Zeile zwischen ihnen gewechselt worden, die vermuten läßt, daß sie sich entzweit haben. Er bindet ihre Briefe mit einem Trauerband zusammen, als sei sie gestorben und für ihn auf immer verloren. Was soll das anders bedeuten, als daß er sie für die Verbrecherin hält? – Hat aber Mansell zu irgendeiner Zeit, nachdem der Mord verübt war, diese Ueberzeugung gehegt, so geht daraus sonnenklar hervor, daß er unschuldig sein muß. Denn wer selbst das Verbrechen begangen hat, kann unmöglich glauben, daß ein anderer der Täter ist.

Das gebe ich zu, meinte Ferris, nur müßte man in seinem Innern lesen können, um zu wissen, was er wirklich glaubt. 

Meiner Ansicht nach hat er es durch seine Taten bewiesen, warf Hickory ein.

Wären Sie also unter den Geschworenen, Sie würden ihn freisprechen?

Zuversichtlich und ohne mich zu besinnen.

Ferris saß eine Weile in Gedanken versunken schweigend da, endlich wandte er sich an Byrd:

Warum nur jener Bucklige niemals aufgefunden worden ist, der am Tage der Mordtat ein so großes Interesse erregte, sagte er, wissen Sie denn gar nichts von ihm?

Byrd machte ein verwundertes Gesicht; doch als ihm klar wurde, was dies Zurückgreifen auf den früheren Verdacht zu bedeuten habe, lächelte er befriedigt vor sich hin. Um die Antwort schien er jedoch einigermaßen verlegen zu sein.

Wenn er nicht gefunden worden ist, so kommt das wohl daher, daß ich ihn nicht gesucht habe, gestand er endlich offenherzig.

Haben Sie klug daran getan? fragte Ferris streng.

Byrd lachte. Wenn Sie ihn brauchen, kann ich ihn auf der Stelle herbeischaffen, sagte er.

Wirklich? Sie kennen ihn also?

Sehr genau, Herr Ferris. Ich hätte es Ihnen damals vielleicht gleich sagen sollen, aber bei unserem Beruf gewöhnt man sich so an Heimlichkeiten, daß man manchmal schweigt, wo man reden sollte. Der Bucklige, der an jenem Tage auf den Stufen des Gerichtshauses mit uns sprach, war ein Detektiv, ein Mann, in dessen Angelegenheiten ich mich niemals unaufgefordert mischen würde, kein anderer als unser berühmter – Gryce.

Ist es möglich, rief Ferris voll Staunen, wirklich Gryce?

Er selbst; ich erkannte ihn an seinem Blick. Wer so viel mit ihm zu tun gehabt hat, wie ich, kann sich darin nicht täuschen. Weshalb er die Verkleidung trug, wird er selbst am besten wissen.

Und Sie verschwiegen mir, daß der ausgezeichnete Detektiv an Ort und Stelle war, als der Mord entdeckt wurde? Seine Hilfe wäre unbezahlbar für uns gewesen.

Wer hätte damals ahnen können, daß wir vor einem so schwierigen und verwickelten Rechtsfall ständen. Zudem verließ Gryce wenige Minuten nachher die Stadt mit der Bahn; er hatte einige wichtige Angelegenheiten vor, ich glaube nicht, daß er sich mit dieser Sache befassen wollte. Wäre ein ernstlicher Verdacht gegen ihn entstanden, dann freilich hätte ich ihn davon in Kenntnis gesetzt, und er würde sich selbst verantwortet haben. Da jedoch die Dinge bald eine bestimmte Wendung nahmen, hielt ich das nicht für nötig.

Ferris war offenbar unzufrieden, er runzelte die Stirn. Haben Sie Gryce inzwischen gesprochen? fragte er.

Ja, mehrmals.

Und er gibt zu, daß er der Bucklige war?

Gewiß.

So werden Sie ihm auch von dem Mord erzählt haben, für den er sich schon deshalb interessieren muß, weil er in so seltsamer Beziehung dazu stand. Hat er Ihnen gegenüber keine Meinung über den Fall geäußert?

Gryce interessiert sich für jeden Kriminalfall, doch spricht er seine Meinung nicht aus, bevor er ihn gründlich studiert hat. Dazu hat er nur Zeit, wenn der Fall ihm übergeben wird. Will man wissen, was Gryce über ein Verbrechen denkt, so muß man ihn mit der Ermittlung des Täters beauftragen.

Während Ferris nachdenklich im Zimmer auf und ab ging, wechselten Byrd und Hickory verständnisvolle Blicke miteinander.

Herr Bezirksanwalt, begann ersterer, wenn Sie Gryces Rat in dieser Sache zu haben wünschen, so lassen Sie sich durch keine Rücksicht auf uns davon abhalten. Wir bekennen beide, daß unsere Weisheit an diesem Fall zuschanden geworden ist, und Gryce hat mit seinem Urteil schon manchem aus der Verlegenheit geholfen.

Ja, ja, bestätigte Hickory, lassen Sie den Alten nur kommen; je mehr Klarheit in die Geschichte gebracht wird, um so besser.

Gut, meinte Ferris, sagen Sie mir also, wo ich ihn finden kann.

Heute abend ist seine Adresse in Utica; bis morgen früh könnte er hier sein.

Solche Eile hat es nicht, versetzte der Bezirksanwalt und versank wieder in Nachdenken.

Dies benutzend, wandte sich Byrd an seinen Kollegen. Bevor wir abgedankt werden, sagte er mit gedämpfter Stimme, wüßte ich gern Ihre wahre Meinung. Heraus mit der Sprache! Sie halten Mansell nicht für den Täter – an Fräulein Dares Schuld können Sie unmöglich glauben – wer soll denn also den Mord begangen haben?

Er nicht, denn er hält sie für schuldig. Sie nicht, denn sie glaubt, daß er der Verbrecher ist. Also ein dritter, der außer allem Zusammenhang mit den beiden steht.

Etwa Valerian Hildreth? flüsterte Byrd.

Möglicherweise ja, gab Hickory zurück.

Die beiden Detektivs sahen einander erleichtert an.

Ferris war aufgestanden. Eines ist ganz unzweifelhaft unsere Pflicht, sagte er, wir müssen unverzüglich Fräulein Dare davon in Kenntnis setzen, daß sie das Opfer einer Täuschung ist, wenn sie annimmt, sie sei damals mit ihrem Geliebten in der Hütte zusammengetroffen. Ihre Ueberzeugung von Mansells Schuld beruht gewiß hauptsächlich darauf, daß sie glaubt, er habe sie ihr gegenüber zugegeben. Daß sie in diesem Irrtum gelassen wurde, geschah ohne Zweifel in guter Absicht, aber den beiden ist damit ein schweres Unrecht geschehen, und die Folgen waren verhängnisvoll. Die Sache muß sofort ins reine gebracht werden. Holen Sie das Fräulein hierher, Byrd, Sie werden sie noch in dem Gerichtshause finden, denn sie bat mich, im untern Zimmer bleiben zu dürfen, bis die Menge sich verlaufen habe.

Byrd zögerte nicht, der Aufforderung Folge zu leisten; auch er sah ein, wie wichtig es sei, das Mißverständnis schleunig aufzuklären, welches durch die Verheimlichung von Hickorys unbedachter Tat entstanden war.



Vierunddreißigstes Kapitel.

Schon nach wenigen Minuten kehrte Byrd in Begleitung von Fräulein Dare zurück. Sie sah bleich und erschöpft aus, aber der entschlossene Ausdruck ihres Gesichts sagte deutlich, daß ihr Vorsatz nicht erschüttert sei.

Den Bezirksanwalt, der sie höflich begrüßte, sah sie mit unsichern Blicken an und blieb gesenkten Hauptes von ferne stehen, als erwarte sie willenlos seine Befehle. Ferris bot ihr einen Stuhl, worauf sie näher trat.

Sie haben mich rufen lassen, sagte sie nach einer verlegenen Pause, vielleicht um eine Erklärung meines Benehmens zu hören, eine Versicherung, daß meine heutige Aussage vor Gericht der Wahrheit entsprach?

Nein, Fräulein Dare, versetzte Ferris mit Nachdruck. Ich habe Sie auf zu vielen Widersprüchen betroffen, um ferner Ihrer eigenen Bürgschaft für die Wahrhaftigkeit oder Falschheit Ihrer Angaben zu trauen. Auch handelt es sich jetzt nicht um Bekenntnisse Ihrerseits; mir selbst liegt die Pflicht ob, Ihnen eine Eröffnung zu machen. Die Männer, die Sie hier sehen, haben sich leider beim Forschen nach dem Mörder der Frau Klemmens in ihrem übergroßen Eifer Täuschungen erlaubt, welche ihre Auftraggeber, wären sie davon unterrichtet gewesen, nie und nimmermehr gestattet hätten.

Sie blickte betroffen bald den Bezirksanwalt, bald die verlegenen Gesichter der beiden Detektivs an. Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, murmelte sie.

In den verflossenen Wochen war ich genötigt, Ihnen bei meiner unablässigen Verfolgung des Verbrechers viel Seelenschmerz zu bereiten, Fräulein Dare, fuhr Ferris fort. Meine Amtspflicht zwang mich dazu. Aber wie sehr mir auch daran lag, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, nie hätte ich zugegeben, daß dies auf unrechtmäßige Weise geschah. Hätte ich ahnen können, daß man Sie zum Opfer eines Betruges gemacht habe, daß Ihr Urteil nicht frei sei, ich würde Sie davon unterrichtet haben, bevor ich Sie zur Zeugin aufrief. Der Irrtum hat schlimme Früchte getragen. Sie haben heute vor Gericht vorsätzlich ein falsches Zeugnis abgelegt, haben sich als die alleinige Mörderin der Frau Klemmens bezeichnet, während Sie an dem Verbrechen völlig unbeteiligt sind. Diese Unwahrheit aufrechtzuerhalten, wäre Ihnen jedenfalls unmöglich geworden; auch glaube ich, die Beweggründe dazu werden zum Teil fortfallen, wenn Sie erfahren, was ich Ihnen zu sagen habe. Als Sie diesen Mann hier, er deutete auf Hickory, heute zum Zeugen aufriefen, wußten Sie schwerlich, daß gerade er am besten beweisen kann, daß Ihre Selbstanklage unbegründet ist.

Wie, stammelte sie, dieser Mann, den ich gar nicht kenne, mit dem ich nur einmal gesprochen habe?

Sie haben ihm Ihr ganzes Herz entdeckt, bei Gelegenheit einer Zusammenkunft in der Hütte im Walde, kurz nachdem der Mord verübt worden war.

Imogen schrak zusammen und griff nach der Lehne des Stuhles, um sich aufrechtzuerhalten. 

Hat er mich damals belauscht, meine Worte vernommen? fragte sie angsterfüllt.

Sie haben die Unterredung mit ihm selber geführt. Er hatte sich als Craik Mansell verkleidet, um Ihre geheimen Gedanken zu ergründen. Es ist ihm gelungen, Fräulein Dare, das läßt sich nicht leugnen, wenn es gleich ein großes Unrecht gegen Sie und Ihren Geliebten war, daß man Sie bei dem Glauben ließ, als hätte Herr Mansell Ihnen gegenüber selbst seine Schuld eingestanden.

Imogen rang die Hände. Es ist unmöglich, rief sie, so konnte ich mich nicht täuschen lassen; Sie spielen mit meinem Elend.

Aber schon hatte Hickory, den Kopf auf die Arme stützend, dieselbe Stellung eingenommen, wie damals in der Hütte. Selbst ohne Hilfe der Verkleidung und sonstiger Täuschungsmittel war die Aehnlichkeit mit der gebeugten Gestalt, die sie für ihren unglücklichen, reuigen Geliebten gehalten, groß genug, um sie von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Imogen stand starr vor Entsetzen da. Plötzlich ermannte sie sich jedoch, von einem Gedanken erfaßt, der sie neu zu beleben schien.

Sagen Sie mir, rief sie auf Hickory zutretend, der sich sofort erhob, war es alles erlogen? nichts als Betrug von Anfang bis zu Ende? Ich habe einen Brief erhalten; war der auch von Ihrer Hand? Verstehen Sie bei all Ihrer Hinterlist auch die Schrift zu fälschen?

Der Detektiv, der sich nicht anders zu helfen wußte, ließ ein verlegenes Lachen hören.

Nur der Umschlag und die Aufschrift waren von mir, den Brief fand ich in Herrn Mansells Papierkorb in Buffalo, er war nicht abgeschickt worden.

So hat er mich also nicht nach der Hütte bestellt, wie ich glaubte; er ist nicht nach Sibley gekommen, hat meine Beschuldigungen nicht schweigend angehört, die Tat nicht zugegeben? – Weh mir, daß ich das jetzt erst erfahren muß, rief sie verzweifelt zu Ferris gewandt.

Ich bedaure es aufrichtig, entgegnete dieser. Der Umstand, daß Sie von der Schuld des Gefangenen überzeugt waren, ist natürlich nicht ohne Wirkung auf die Geschworenen geblieben, und diese Ueberzeugung selbst muß durch die Unterredung in der Hütte, wenn auch nicht erzeugt, so doch wesentlich verstärkt worden sein.

Aber, wäre es denn möglich –? Sie stockte.

Ich würde Ihnen gern ein Trostwort sagen, sprach Ferris mit ruhiger Würde, allein wie die Sachen stehen, kann ich Sie nur ermahnen, auf die Gerechtigkeit und Weisheit derer zu vertrauen, welche die Angelegenheit in Händen haben. Ihre wahnsinnige Handlung von heute wird hoffentlich bald als ein Akt der Verzweiflung erkannt werden, zu dem Sie nur übermenschlicher Jammer treiben konnte.

Sie murmelte ihren Dank mit bleichen Lippen; ein Hoffnungsstrahl schien ihr zu leuchten bei dem flüchtigen Zweifel, ob Craik Mansell auch wirklich das Verbrechen begangen habe. Was hätte sie nicht darum gegeben, die Gedanken der Männer, welche vor ihr standen, ergründen zu können! Aber sie sah ein, daß an die Erfüllung dieses Wunsches nicht zu denken sei und sie noch immer mehr als genügend Ursache habe, an seine Schuld zu glauben. Sie wollte fort, fort aus den Augen dieser Menschen, welche, wie sie wohl wußte, ihre Worte und Blicke zu deuten suchten.

Ferris verstand ihre Bewegung.

Möchten Sie nach Hause zurückkehren? fragte er.

Ja, wenn ich einen Wagen haben kann.

Auf einen Wink des Bezirksanwalts entfernten sich die Detektivs, um ihren Wunsch zu erfüllen.

Bevor Sie gehen, Fräulein Dare, sagte Ferris, als sie allein waren, möchte ich Sie noch einmal dringend ermahnen, zu warten und Geduld zu haben. Eine plötzliche oder gewaltsame Handlung Ihrerseits kann zu nichts Gutem führen und großen Schaden anrichten. Folgen Sie meinem Rat, bleiben Sie ruhig in Ihrer Wohnung und verlassen Sie sich darauf, daß Orkutt und ich alles tun werden, was in unserer Macht steht, um dem Recht und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen!

Sie neigte sich schweigend und blickte in fieberhafter Erregung nach der Tür.

Wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren, überlegte Ferris stillschweigend, während er nicht weniger ungeduldig die Ankunft der Detektivs herbeisehnte.

Als diese endlich erschienen, warf er Byrd einen vielsagenden Blick zu, welchen dieser verstand. Imogen verließ das Zimmer, um in den unten wartenden Wagen zu steigen, und die Detektivs folgten ihr.



Fünfunddreißigstes Kapitel.

In dem engen kleinen Zimmer, das jetzt ihr einziger Zufluchtsort war, fand Imogen die ersehnte Einsamkeit.

Die beiden Detektivs hatten sich in der Nähe des Hauses getrennt voneinander aufgestellt, um ihr zu folgen, für den Fall, daß sie das Haus verlassen sollte. Zu dem Geschäfte hätte wohl ein Mann genügt, aber keiner wollte dem andern den Posten abtreten, obwohl sie ihre Wachsamkeit aller Wahrscheinlichkeit nach ganz vergeblich anstrengten. Was sollte wohl Imogen bewegen, noch einmal den Schutz des Hauses zu verlassen und sich an diesem Abend hinauszuwagen?

Es vergingen mehrere Stunden. In der Stadt, wo den Tag über ein so unruhiges Treiben geherrscht hatte, war es still geworden; sie lag friedlich da im Scheine der Mondsichel.

Wahrlich kein Schauplatz für Gewalttat und Verbrechen, dachte Byrd, während er fortfuhr, das Fenster drüben zu beobachten, hinter dessen Vorhängen sich jedoch nichts regte.

Plötzlich aber erlosch die Lampe, die es erhellt hatte, und bald darauf ward die Haustür vorsichtig geöffnet. Eine hohe, dicht verhüllte Gestalt trat heraus und schritt eilig die Straße hinunter.

Rasch gab Byrd das mit Hickory verabredete Zeichen und folgte Imogen auf dem Fuße. Sie glitt im Schatten der Häuser dahin durch das Geschäftsviertel der Stadt, wo nur hier und da das Licht einer Laterne seinen matten Schein in das tiefe Dunkel warf. Erst als die breite Allee im östlichen Stadtteil erreicht war, gelang es Hickory, seinen Gefährten einzuholen.

Wer wohnt in dieser Gegend? Wo will sie hin? keuchte er.

Vielleicht zu Fräulein Tremaine, flüsterte Byrd, das Gymnasium ist hier in der Nähe.

Jetzt bog die Gestalt vor ihnen abermals um die Ecke und schlug den Weg nach der Parkstraße ein.

Halt, nun weiß ich's, triumphierte Hickory, sie will Orkutt aufsuchen.

Von neuem Eifer beseelt folgten die Detektivs der mit Windesschnelle Dahineilenden und langten endlich atemlos bei der hohen Baumgruppe an, welche den Eingang zu des Rechtsanwalts Grundstück bezeichnete. Eben hörten sie das Tor zufallen, und ohne sich lange zu besinnen, kletterte Byrd über die Hecke, es seinem Kollegen überlassend, ob er ihm folgen wolle oder nicht.

Unterdessen war Imogen, vom Gartenweg abbiegend, an die Veranda des Hauses vorgetreten. Als sie die dahinter liegenden Fenster des Erdgeschosses erleuchtet sah – ein Zeichen, daß der Herr des Hauses sich noch im Bibliothekzimmer befand – lehnte sie sich einen Augenblick an das Weinspalier, um nach dem raschen Gang erst wieder zu Atem zu kommen, ehe sie dem Rechtsanwalt ihre Gegenwart kund tat. Dann trat sie dicht an die ein wenig geöffnete Verandatür; es schlug gerade neun Uhr.



Durch einen Spalt im Vorhang vermochte sie in das Innere zu sehen, und der Anblick, der sich ihr bot, erschütterte sie tief. Orkutt saß vor dem ausgebrannten Kamin, nur noch wenige Funken glühten in der toten Asche, neben ihm lagen Papiere, die er vom Pult genommen hatte, aber er schrieb nicht und las nicht, er schien nur vor sich hinzubrüten in einsamer Qual. Die einzige Lampe, die das Gemach erhellte, war tief herabgebrannt und flackerte von Zeit zu Zeit auf, gleich einem erlöschenden Menschenleben, das bald in Nacht und Dunkel verschwinden soll.

Von ihrem Platz aus konnte Imogen zwar des Rechtsanwalts Gesicht nicht sehen, aber aus seiner ganzen Haltung sprach solche Hoffnungslosigkeit, ein so tiefer Lebensüberdruß, daß sie unwillkürlich zusammenschrak. War dies der Mann, auf den sie all ihr Vertrauen gesetzt hatte, den sie noch in so später Stunde aufsuchte, um sich Rat zu erbitten wegen des Betrugs, der an ihr verübt worden war?

Jetzt wandte er das Haupt nach ihrer Richtung. Wohl hatte sie seine Züge während der letzten Wochen von so mancher Leidenschaft erregt gesehen, aber der Ausdruck, den sie jetzt trugen, war entsetzlich und ihr völlig neu; sie fühlte ihr Herz in der Brust stillstehen vor Furcht und Grauen. Von dem unheimlichen Blick wie gebannt, stand sie noch lange starr da, als er schon wieder in die Asche des Kamins stierte. Ihr war, als sei plötzlich vor ihren Augen der Schleier zerrissen, als habe sie eine Seele sich in der Qual  der Verzweiflung winden sehen. Und sie selbst war es gewesen, die durch ihre heutige Tat diese furchtbare Veränderung verursacht hatte; sie war schuld an der völligen Umwandlung des Mannes, für den sie bisher stets Hochachtung und Verehrung empfunden. Wie vernichtet sank sie bei dem Gedanken in die Knie und stammelte ein Gebet um Kraft, auch dieses schwere Leid, diese neue Enttäuschung zu ertragen.

Sich zusammenraffend stand sie auf, bot dem kalten Nachtwind die Stirn und sog die reine Luft mit tiefen Atemzügen in ihre gepreßte Brust. Dann hob sie die Hand und klopfte an die Fensterscheibe. Der Ton klang scharf durch die Stille der Nacht; sie hüllte sich fester in den Mantel und wartete.

Schon kam Orkutts schneller Tritt über den Fußboden, der Vorhang ward zurückgezogen. – Wer ist da? rief eine erregte Stimme. Imogens düstere Gestalt gewahrend, die hoch aufgerichtet auf der Veranda stand, fuhr der Rechtsanwalt betroffen zurück und machte eine heftig abwehrende Bewegung.

Sie ließ sich jedoch nicht beirren, trat in das Zimmer, schloß die Glastür wieder hinter sich, und jetzt standen die beiden einander gegenüber. In Orkutts wilden Blicken glühten Liebe und Zorn.

Sie hier? rief er mit heiserer Stimme. Was wollen Sie noch von mir, Unglückselige, nach dem, was Sie heute getan? War es nicht genug, daß Sie seit Wochen und Monaten mit meiner Liebe, meinem Elend ein erbärmliches Spiel getrieben haben? Mußten Sie auch noch in der letzten Stunde gegen mich aufstehen und meinen Ruf in den Augen der Welt vernichten? Was brachte Sie zu der wahnsinnigen Aussage, daß Sie selbst das Verbrechen begangen hätten, um dessentwillen Ihr Geliebter vor Gericht stand? Ist das der Lohn für die Hingabe und Opferwilligkeit, mit der ich alles versucht habe, um den Menschen zu retten und Ihre Hand zu gewinnen?

Sein heftiger Vorwurf erschütterte sie nicht. Jede Frau hätte an meiner Stelle ebenso gehandelt und in der äußersten Not die Wahrheit eingestanden, sagte sie ruhig.

Orkutt brach in verächtliches Lachen aus.

Die Wahrheit? – rief er. Sind Sie von Sinnen? Wollen Sie auch mir gegenüber das rasende Possenspiel fortsetzen? – Sie sind so unschuldig an dem Verbrechen, wie ein neugeborenes Kind; in unbegreiflicher Verblendung haben Sie den törichten Schritt getan, alle meine Mühe zunichte gemacht und mein Glück zerstört.

Lassen Sie uns nicht streiten über das, was ich getan habe und was nicht mehr zu ändern ist, erwiderte sie. Ich habe mich selbst zugrunde gerichtet, aber das ist jetzt völlig nebensächlich; was mich einzig und allein bekümmert, ist, daß ich durch mein Opfer Craik Mansell nicht habe retten können.

Und an mich, an meine Leiden denken Sie nicht, Imogen?

Wer vor der Welt entehrt dasteht, wie ich, darf den Blick nicht mehr zu Ihnen erheben; es wäre eine Beleidigung für Ihren Ruf, Ihre Stellung.

Ja, sie hatte recht; Orkutt mußte es sich eingestehen. Vor der Welt waren sie auf ewig getrennt, eine unübersteigliche Kluft gähnte zwischen ihnen. Von Unruhe und Schmerz gepeinigt, durchmaß er das Zimmer mit raschen Schritten.

Als er zu ihr zurückkam, war es nicht mehr der unglückliche Liebhaber, sondern der Anwalt, welcher sprach.

Was hat Sie vermocht, Imogen, fragte er, ein so entsetzliches Mittel zu wählen? Hatten Sie denn alles Vertrauen zu mir verloren? Ich versprach Ihnen doch, den Mann vor dem Schicksal zu retten, das ihn bedrohte!

Das Unmögliche können auch Sie nicht vollbringen, war die Antwort; ich wußte, daß Craik verloren sei, wenn ich vor Gericht das Zeugnis ablegte, das Herr Ferris von mir forderte.

So bekennen Sie also, daß Ihre Aussage falsch war, rief er schnell, die Blöße benützend, die sie sich unbedachtsam gegeben hatte. Sie haben Ihre Selbstanklage erfunden, um nicht zu Aussagen gezwungen zu werden, die dem Gefangenen verderblich sein mußten? –

Ihre Lippen bebten, und sie wechselte die Farbe. – Warum soll ich es Ihnen länger verbergen, sagte sie, ja, ich habe mich für schuldig bekannt, um Craik Mansell nicht durch mein Zeugnis zu verdammen. Ich hatte so viel gelitten, daß ich zum äußersten entschlossen war, um ihn dem Verhängnis zu entreißen, das ich selbst über ihn heraufbeschworen. Ich vergaß, daß die Lüge nicht vor Gott bestehen kann.

So bereuen Sie also, daß Sie durch Ihr falsches Zeugnis mein Glück zerstört haben?

Ich bereue, daß ich nicht auf Gott vertraute und die Wahrheit sprach.

Bei diesen einfachen Worten, die aus aufrichtigem Herzen kamen, schrak Orkutt zurück.

Leider kommt diese Erkenntnis zu spät, sagte er spöttisch.

Sie ist die Folge von Aufschlüssen, die mir erst jetzt geworden sind. Ich habe mich überzeugt, daß es unmöglich gewesen wäre, meine Behauptung aufrecht zu erhalten und daß mein Versuch, Mansell zu retten, selbstmörderische Torheit war.

Nur des Zweckes eingedenk, der sie noch zu später Nachtstunde hergeführt, trat Imogen näher an den Rechtsanwalt heran. Ich hatte guten Grund, an Mansells Schuld zu glauben, sagte sie eifrig; nicht nur, daß alle Tatsachen, die vor Gericht enthüllt wurden, gegen ihn zeugten: ich selbst hatte ihn mit eigenen Augen in wilder Hast von Frau Klemmens' Eßzimmer entfliehen sehen, um die Zeit, als eben der Mord geschehen war.

Orkutt starrte sie ungläubig an. Unmöglich, murmelte er.

Ich sah ihn, fuhr sie fort, durch das Fernrohr in Professor Darlings Sternwarte, das auf die Stadt zu gerichtet war; ich hatte zuvor nach der Turmuhr geschaut: es war genau fünf Minuten vor zwölf.

Und gerade in dem Moment sahen Sie ihn durch das Fernrohr, das Sie selbst auf jenen Punkt gerichtet hatten? Das ist unglaublich, wunderbar! Orkutt wandte sich ab, trat an den Kamin und stieß mit dem Fuß nach den verkohlten Holzstücken, die in der Asche lagen. Man wäre fast versucht, an Gott und sein Walten zu glauben, hörte ihn Imogen zwischen den Zähnen murmeln.

Sie fuhr zusammen, wie von einem Schlage getroffen. Leugnen Sie Gottes Dasein? fragte sie mit bleichen Lippen und angstvoller Gebärde. O, seine Gerichte sind schwer und furchtbar. Er fordert Blut für Blut, er stürzt den Schuldigen in den verdienten Tod. – Wollte er mir nur gnädig sein und mein Opfer annehmen, wie gerne gäbe ich mein Leben hin, das für mich keinen Wert mehr hat, könnte ich dadurch den Geliebten retten.

Mansell und immer wieder Mansell, rief Orkutt mit ausbrechendem Zorn. Das geht zu weit, Imogen. Geben Sie endlich diese endlose Leidenschaft für einen Mann auf, der Sie nicht mehr liebt, der – –

Nicht weiter, bat sie bebend, schonen Sie mein, lassen Sie mich vergessen –

Er lachte höhnisch auf. Sie haben solche Rücksicht um mich verdient, das muß ich sagen, rief er; dann fuhr er ruhiger fort: Hat Sie kein anderer Grund heute nacht hierher geführt, als der, mir diese seltsame Geschichte zu erzählen? 

Sie blickte zu Boden. Herr Ferris, sagte sie, bestand darauf, ich solle vor Gericht bezeugen, daß ich den Angeklagten vom Hause seiner Tante hatte entfliehen sehen; ich vermochte das nicht, es hätte ihm das Leben gekostet. – Zu Ihnen trieb mich ein anderer Zweck; ich wollte Ihnen mitteilen, wie schändlich ich betrogen worden bin. Man hat mich glauben machen, daß Craik Mansell selbst mir gegenüber seine Schuld eingestanden habe und sich nur auf die Verteidigung verlasse, um der Strafe zu entgehen.

Voll Entrüstung erzählte ihm hierauf Imogen, welche Täuschung der Detektiv ersonnen hatte, um ihr das Geheimnis zu entlocken. Aber Orkutt hörte ihr teilnahmlos zu; was sie berichtete, empörte ihn nicht, schien ihm überhaupt kaum einen Eindruck zu machen. Mit Schrecken ward Imogen inne, daß sich eine unübersteigliche Scheidewand zwischen ihnen erhoben hatte, seit er die Hoffnung aufgegeben, sie zu seinem Weibe zu machen. Was sollte daraus werden?

Haben Sie denn alles Interesse an Ihrem Klienten verloren? Hoffen und wünschen Sie nicht mehr, ihn freigesprochen zu sehen? fragte sie vorwurfsvoll.

Mein Klient hat seine Sache selbst in die Hand genommen, war die erbitterte Antwort. Es wäre anmaßend, wollte ich mich noch ferner zu seinen Gunsten bemühen.

So verlassen Sie ihn in seiner äußersten Not?

Im Gegenteil, Mansell hat mich im Stich gelassen.

Das war nicht zu leugnen; um ihretwillen hatte er die Verteidigung Lügen gestraft, die Hilfe seines Anwalts verschmäht. – Sie senkte schweigend das Haupt.

Es ist schwer vorauszusehen, fuhr Orkutt im Geschäftston fort, welche Entscheidung der Gerichtshof morgen treffen wird. Vielleicht läßt Ferris in Anbetracht der Täuschung, die an Ihnen verübt worden ist, die Klage fallen, vielleicht zeigen sich die Geschworenen zur Milde gestimmt, um der Großmut willen, die der Angeklagte geübt hat. Sollte letzteres der Fall sein, so werde ich seine Freisprechung nicht hindern, aber mehr verlangen Sie nicht von mir! Was könnte mich wohl bewegen, noch ferner für den Geliebten eines Weibes zu kämpfen, das meine Ehre geschädigt hat. –

Sie hatte so fest auf ihn gebaut; diese Entscheidung mußte sie zu Boden schmettern.

Wehe mir, murmelte sie, so glauben Sie also an seine Schuld, sonst würden Sie ihn nicht hilflos seinem Schicksal überlassen. Wäre Ihnen je der leiseste Zweifel gekommen, wie mir, als ich erfuhr, daß er sich niemals zu dem Verbrechen bekannt hat, Sie würden nicht um meines Irrtums willen Ihre Pflicht als Verteidiger vergessen und die Hand von ihm abziehen.

Orkutt warf ihr einen spöttischen Blick zu. O, diese Weiber! höhnte er. Sie haben alles geopfert, selbst Ihr Leben aufs Spiel gesetzt für den Mann, den Sie für einen Mörder halten. – Und wenn ein anderer in seiner Lage Sie nur um Mitleid anflehen wollte, Sie würden ihn fliehen wie die Pest.

Sie achtete nicht auf seine Worte. Herr Orkutt, fragte sie mit dem Mut der Verzweiflung, glauben Sie, daß Craik Mansell unschuldig ist?

Er sah sie verächtlich an. Habe ich seine Sache geführt, als ob ich ihn für schuldig hielte?

Nein, doch Sie sind ein Anwalt; Sie müssen Ihre wahre Meinung verbergen. Wie könnten Sie ihn aber in Ihrem innersten Herzen für schuldlos halten, wenn so viele und schwere Beweise gegen ihn sprechen?

Sie suchte die Antwort in seinen Blicken zu lesen; der seltsame Ausdruck seiner Miene erfüllte sie mit tausend Zweifeln.

O, wenn Sie auch nur je vorübergehend an seine Unschuld geglaubt haben, sagen Sie es mir! flehte sie und legte beschwörend die Hand auf seinen Arm. 

Er trat einen Schritt zurück und sagte mit eisiger Kälte: Ich habe Herrn Mansell niemals für den Verbrecher gehalten.

Niemals – auch jetzt nicht?

Nein, auch jetzt nicht.

Trotz allem, was gegen ihn spricht und ihn zu verdammen scheint?

Ich weiß, daß er im Hause seiner Tante war um die Zeit, als der Mord verübt ward, aber damit ist nicht erwiesen, daß er sie erschlagen hat.

Aber warum entfloh er in solcher Hast? Warum reiste er sofort nach Buffalo, ohne mir noch Gelegenheit zu einer Zusammenkunft zu geben, wie wir verabredet hatten?

Soll ich es Ihnen sagen? fragte Orkutt voll Hohn. Wollen Sie wissen, warum er es tat – dieser Mann, den Sie so innig lieben, für den Sie Ihr Leben lassen möchten? – Nun, er traut eben dem Wort einer Frau. Er verläßt sich so fest auf Ihre Aufrichtigkeit, Imogen, daß er glaubt, Sie haben die Wahrheit gesagt, als Sie sich heute vor Gericht für eine Mörderin erklärten und behaupteten –

Was? stieß sie bebend hervor, was glaubt er? – Lassen Sie es mich noch einmal hören, ich fasse es nicht!

Daß Sie wirklich die Verbrecherin sind, für die Sie sich ausgeben, die Mörderin der Frau Klemmens. Er hat es von Anfang an geglaubt, aus welchem Grunde weiß ich nicht. Ob er damals, ehe Sie ihn von dem Hause fliehen sahen, dort etwas gehört hat, was ihn in dieser Meinung bestärken mußte; ob es ihm als Beweis Ihrer Schuld genügte, daß sich der Ring, den Sie ihm seines Wissens nicht zurückgegeben hatten, auf dem Fußboden fand – genug, sobald er die erste Nachricht von dem gewaltsamen Tode seiner Tante erhielt, fiel sein Verdacht auf Sie, und er ist trotz meiner Gegenvorstellungen bis zum heutigen Tag nicht davon abzubringen gewesen. – Das ist die Ehre, die Ihr Geliebter dem Weibe erweist, welches für ihn alles geopfert hat, was auf der Welt für hoch und heilig gilt.

Ich – ich kann es nicht glauben. Sie spotten meiner, stammelte sie verwirrt.

Haben Sie es denn nicht selber bemerkt? Er hat ja seine Gefühle so deutlich zur Schau getragen, daß ich mehr als einmal gefürchtet habe, der Gerichtshof möchte seinen Argwohn verstehen –

Den Argwohn, daß ich die Mörderin sei, meinen Sie? – Reden Sie wirklich im Ernst, Herr Orkutt? – Man hat mich so oft betrogen, kaum wage ich es noch, meinen besten Freunden zu trauen. Ist es denn wahr, daß er mich für die Verbrecherin hält? Können Sie mir schwören, daß Craik Mansell den Verdacht gegen mich gehegt hat? Sprechen Sie, ich will, ich muß es wissen!

Ja, ja, verlassen Sie sich darauf, es unterliegt keinem Zweifel.

Die Hände zum Himmel erhoben, sank sie tief bewegt in die Kniee. Herr Gott, ich danke dir, stammelte sie, hilf mir die große Freude tragen!

Freude? – Aus Orkutts Stimme sprach grenzenlose Ueberraschung.

Sie war aufgestanden. Ja, Freude, murmelte sie. Wenn er mich für schuldig hält, muß er ja unschuldig sein. Bin ich auch selbst geächtet und verbannt aus der Gesellschaft ehrenwerter Menschen, der Preis ist nicht zu hoch für diese Gewißheit. – Sie schien alles um sich her zu vergessen. – Nein, Craik, rief sie beglückt, du bist kein Verbrecher; es war nur ein furchtbarer Traum. Noch bist du zu retten. Dem Schuldlosen kann kein Leid geschehen. Gottes Auge kennt den Missetäter, er wird seine Sünde ans Licht bringen und wäre sie im tiefsten Dunkel verborgen. Der Mord schreit nach Rache.

Sie schienen heute doch anderer Meinung, als Sie das falsche Zeugnis vor Gericht ablegten, sprach Orkutt mit bitterem Hohn.

Craik Mansell ist unschuldig, wiederholte Imogen; nichts als eine Verkettung der seltsamsten Umstände hat ihn und mich in die schreckliche Lage gebracht. Ich hoffte, der Himmel würde mein Opfer annehmen, aber er hat es anders beschlossen. Möge Gott nun an den Fluch der Witwe denken; möge die Strafe den Schuldigen ereilen, wo er geht und steht; möge –

Sie kam nicht weiter. Orkutts Hand legte sich schwer auf ihre Lippen. Still, sagte er, Ihr Mund soll dem Missetäter nicht fluchen. Auch ohne Ihre Verwünschung kann ihn das Verhängnis treffen.

Bestürzt schreckte sie vor ihm zurück und starrte mit weit geöffneten Augen in sein aschbleiches Gesicht. Das matte Licht der Lampe warf nur einen düstern Schein, dann flammte es plötzlich grell auf.

Herr Orkutt, sprach Imogen dumpf und feierlich, wenn Craik Mansell die Witwe Klemmens nicht getötet hat – sagen Sie mir – wer ist der Mörder?

Einen Moment stand er wie gebannt vor ihrem Blick, dann nahm er sich zusammen, trat an den Tisch und blätterte in den dort liegenden Papieren. Ich habe immer geglaubt, daß Valerian Hildreth der eigentliche Verbrecher ist, entgegnete er langsam und gepreßt.

Unwillkürlich wich sie noch weiter nach der Tür hin.

Gott nur vermag in den Herzen der Menschen zu lesen, rief sie, aber eine innere Stimme sagt mir, daß Hildreth so unschuldig ist wie Mansell, und daß der wahre Mörder –; sie endete mit einem durchdringenden Schrei; das Licht der verlöschenden Lampe hatte das Antlitz des Mannes, der vor ihr stand, mit gespenstischem Schein erhellt.

Jetzt war das ganze Gemach in tiefes Dunkel gehüllt; eilige Fußtritte tönten durch die Stille, die Tür ward geöffnet und die kalte Nachtluft strömte herein. Imogen war geflohen.


*   *   *


Während dieser Unterredung hielt sich Hickory in der Nähe des Hauses im Gebüsch verborgen, Byrd aber war, nachdem er die Hecke überstiegen, bei der Baumgruppe am Eingangstor stehen geblieben. Hier führte der Pfad vorbei, auf welchem Imogen den Garten wieder verlassen mußte; er war daher sicher, sie nicht aus den Augen zu verlieren, wenn er auf dieser Stelle Posten faßte.

Der Baum, an dessen Stamm er lehnte, warf den Schatten seiner ausgebreiteten Aeste weit über das winterliche Gefilde. Nach seiner riesenhaften Größe zu urteilen, mußte er schon seit undenklicher Zeit hier am Platze stehen, und er galt für eine der schönsten Zierden des Gartens, wenn er im Schmuck des Sommerlaubes prangte. Aber auch kahl und entblättert machte das dichtverschlungene Gezweig der ungeheuren Aeste einen mächtigen Eindruck auf den Beschauer. Dies empfand Byrd, der immer wieder zu der Krone des Baumes hinaufschauen mußte, so oft ein Windstoß die Aeste erschütterte. Hickory war leise zu ihm herangeschlichen.

Sie sind noch im Bibliothekzimmer, flüsterte er, was zwischen ihnen vorgeht, kann ich nicht beobachten, aber ich will dort bleiben, um ihr Gesicht zu sehen, wenn sie wieder zum Vorschein kommt. Schnell war er wieder verschwunden, kam aber ebenso rasch zurückgehuscht.

Das Licht in der Bibliothek ist erloschen, rief er bestürzt. Kaum hatte er die Worte gesprochen, als auch schon Imogens dunkle Gestalt den mondbeglänzten Pfad herabeilte. Die Detektivs verbargen sich schnell im dichtesten Schatten des Baumes.

In ihrer Aufregung hatte das Fräulein ihren Schleier nicht herabgezogen; Furcht und Entsetzen sprachen aus ihren bleichen Mienen; ihre Füße strebten dem Ausgang zu, als sei schleunige Flucht ihr einziger Gedanke.

Byrd und Hickory hielten sich bereit, ihr zu folgen, sobald sie an dem Baum vorüber sein würde. Aber sie kam nicht so weit. Kaum hatte sie den Schatten des Baumes betreten, als eine befehlende Stimme sie stillstehen hieß, und Orkutt ihr nachgestürzt kam.

Ich kann Sie nicht so gehen lassen, rief er und blieb neben ihr auf dem Wege unter dem Baume stehen. Craik Mansell soll frei werden, ich will tun, was Sie wünschen, Imogen.

Nicht mein Wunsch, sondern Ihre Pflicht als Verteidiger des Mannes, den Sie für unschuldig halten, gebietet das, erwiderte sie ernst und kalt.

Bei ihren Worten brach Orkutts verhaltene Leidenschaft mit einer Macht hervor, von der sich die Detektivs, welche Zeugen des Auftritts waren, nichts hätten träumen lassen.

O, Imogen, rief er, was haben Sie aus mir gemacht! Ehe ich Ihre Reize, Ihren unbezwinglichen Sinn kannte, war mein Streben der Ehre und Pflicht geweiht. Ich lebte in meinem Beruf, ihn auszuüben war meine Freude. Jetzt ist mir alles gleichgültig geworden, und nur die eine Furcht beherrscht mich, daß Sie einem anderen angehören werden, nachdem Sie für mich verloren sind.

Das kann nicht geschehen, erwiderte sie. Craik Mansell und ich sind auf immer getrennt. Vergessen Sie nicht, daß ein Flecken auf meiner Ehre ruht, den nichts wieder zu tilgen vermag. Als ich mich heute vor Gericht als Verbrecherin bekannte, nahm ich Abschied von jedem Erdenglück.

Orkutt schien zu überlegen. Die Detektivs hinter dem Baum sahen seinen Schatten im Mondenlicht ungewiß hin und her schwanken; dann sprach er dumpf: Sie haben gesiegt. Wenn ein Mensch die Strafe für das Verbrechen erleidet, so soll es nicht Craik Mansell sein, sondern – 

Der Satz blieb unvollendet. Ein plötzliches seltsames Krachen ertönte über ihren Häuptern, es rauschte gewaltig durch die Luft, und ein ungeheurer Baumast lag auf dem Wege, gerade an der Stelle, wo noch eben Imogen Dares' schöne Gestalt neben Orkutt gestanden hatte.

Als die erschreckten Detektivs die Größe und Furchtbarkeit des Unfalls erkannten, der die beiden so unvorbereitet ereilt hatte, schauerte Byrd unwillkürlich zusammen.

Die Rache des Himmels – murmelte er tief erschüttert, Imogen Dare ist doch wohl schuldiger gewesen als wir dachten.

Erst nach übermenschlichen Anstrengungen und unter Aufwendung aller Kräfte gelang es ihnen endlich, den mächtigen Baumast von der Stelle zu heben. Auf dem Boden niedergestreckt fand man die beiden, die der stürzende Ast getroffen hatte; aber nur eine Gestalt blieb starr und bewußtlos liegen, und das war nicht Imogen Dare, sondern Orkutt, der Rechtsanwalt.



Sechsunddreißigstes Kapitel.

Orkutt tot? fragte der Bezirksanwalt.

Er liegt im Sterben, erwiderte Byrd.

Wie ist es geschehen, wann – wo?



Bei ihm zu Hause. Ein herabfallender Baumast hat ihn erschlagen.

Der Bezirksanwalt, der aus dem ersten Schlaf aufgeschreckt worden war, um die Unglücksnachricht aus Byrds Munde zu vernehmen, sah die verstörten Mienen des Boten und konnte seine heftige Bewegung nicht bemeistern. Auch der junge Detektiv stand noch ganz unter dem Eindruck der furchtbaren Erschütterung. 

Man hält Ihre Gegenwart für durchaus notwendig. Es ist möglich, daß er die Sprache noch wiedergewinnt – und – und – Sie werden Fräulein Dare dort im Hause finden. Nach diesen hastig ausgestoßenen Worten entfernte sich Byrd schnell.

In größter Aufregung beeilte sich Ferris, ihm zu folgen; es dauerte nicht lange, so befand er sich auf der Straße. Als er Orkutts Haus erreichte, sah er es von einer Schar teilnehmender Nachbarn und Bekannten dicht umdrängt. Am Tor warf er einen scheuen Blick auf den Riesenbaum und den gebrochenen Ast und schritt der Haustür zu. Er erhielt sofort Einlaß; Doktor Tredwell stand vor ihm, und im Hintergrund sah er eine Gruppe von Orkutts vertrauten Freunden versammelt. Den Coroner hier zu finden, war für Ferris eine böse Vorbedeutung; er reichte ihm schweigend die Hand und fragte dann mit bebender Stimme, ob der Rechtsanwalt noch am Leben sei.

Tredwell bejahte dies mit ernster Miene und ging Ferris voran nach Orkutts Schlafzimmer. Hier bot sich dem Bezirksanwalt ein seltsamer Anblick. Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen bösen Traum verscheuchen, dann wandte er sich zu dem Coroner:

Doktor, sagte er, mir scheint, wir sehen diesen Auftritt nicht zum erstenmal; er weckt eine furchtbare Erinnerung in meiner Brust.

So war es auch. Was sie vor Monaten in dem kleinen Hause am andern Ende der Stadt erlebt hatten, schien sich hier wiederholen zu sollen, auf dem Bette lag eine bleiche, bewußtlose, schwer atmende Gestalt mit starren Zügen, die Beute des nahen Todes. Auch Orkutt war am Kopf verletzt, wie die schweren Binden bezeugten, und derselbe Arzt, der damals zu Frau Klemmens gerufen worden war, weilte an der Seite seines Lagers. Am Fußende des Bettes aber, das wachsame Auge stets unbeweglich auf denselben Punkt gerichtet, saß Imogen Dare, als habe sie das nächste Recht an dem Sterbenden. Keiner wagte ihr den Platz streitig zu machen, auch Orkutts Schwester nicht, deren liebevolles Gemüt von dem schrecklichen Verlust tief gebeugt war.

Ferris und Tredwell hatten sich in die entfernteste Zimmerecke zurückgezogen.

Ist keine Hoffnung mehr vorhanden? fragte ersterer.

Nein, die Wunde ist lebensgefährlich; zudem hat sie merkwürdige Aehnlichkeit mit derjenigen, welche Frau Klemmens' Tod herbeiführte. Er wird vielleicht noch einmal zum Bewußtsein kommen, aber seine Stunden sind gezählt. Ein Trost ist's nur, daß diesmal kein Mord vorliegt.

Der Bezirksanwalt sah nach Imogen hinüber: Wie kam sie in seine Nähe? fragte er.

Tredwell ging mit ihm ins Nebenzimmer.

Das Unglück hat sich gerade zugetragen, als Orkutt Fräulein Dare zur Gartentür begleitete, erklärte er; der Ast ist auf beide herabgestürzt.

Und das Fräulein ist nicht verletzt? fragte Ferris mit düsterer Miene.

Tredwell schüttelte den Kopf. Sie ist heil und gesund, erwiderte er.

Und doch waren sie dicht beisammen?

Sie stand neben ihm, der Ast warf sie beide zu Boden, flüsterte eine Stimme an seiner Seite: Byrd war hinzugetreten.

Es geschah also in Ihrer Gegenwart? fragte Ferris den Detektiv.

Ja, ich war dabei, lautete die kurze Antwort.

Bald darauf ward Tredwell durch einen Freund abgerufen.

Haben Sie mir noch Näheres mitzuteilen? fragte Ferris, als er sich mit Byrd allein sah. 

Ich weiß nicht, entgegnete dieser, von ihrer letzten Unterredung haben wir wenig gehört.

Dann erzählte er dem Bezirksanwalt, was sich an dem Abend begeben hatte; er berichtete genau, wie Imogen mit allen Zeichen der Furcht aus dem Bibliothekzimmer entflohen, und Orkutt ihr nachgeeilt war; auch wiederholte er das Gespräch, welches zwischen ihnen unter dem Baum stattgefunden, bis der Ast sie in seinem Sturze begrub.

Hickory und ich, fuhr er fort, glaubten nicht anders, als daß sie zerschmettert und blutend darunter liegen würde, aber sie richtete sich bald auf, und als sie Orkutt regungslos am Boden sah, beugte sie sich über ihn, gerade als lausche sie gespannt, ob er den angefangenen Satz nicht vollenden werde.

Welchen Satz?

Seine letzten Worte, ehe das Unglück geschah, lauteten: »Wenn ein Mensch die Strafe für das Verbrechen erleidet, so soll es nicht Craik Mansell sein, sondern –«. Weiter kam er nicht.

Mein armer Freund, rief Ferris voll Trauer, mitten aus den Pflichten seines Berufs, dessen Zierde er war, ist er so plötzlich dahingerafft worden! Wahrlich, die Wege der Vorsehung sind dunkel.

Schmerzerfüllt trat der Bezirksanwalt wieder in das Sterbezimmer zurück, wo inzwischen keine Veränderung vorgegangen war; der bleiche Mann lag in den Kissen, und am Bette wachten der Arzt und Imogen, die noch immer unbeweglich dasaß, weder Gram noch Hoffnung in den Mienen, nur entschlossenes schweigendes Warten.

So schlich eine Stunde nach der andern in drückender Langsamkeit dahin. Es war fast vier Uhr geworden, als Ferris, der etwas abseits gesessen hatte, sich erhob und von unbestimmtem Grauen getrieben, näher an Orkutts Lager trat. Er starrte nach ihm hin, unfähig zu begreifen, was er vor sich sah. Auch aus Imogens Blicken sprach stummes Entsetzen. Was war denn vorgegangen? – Der Sterbende gab kein Zeichen von wiederkehrendem Bewußtsein, aber das war nicht mehr der Mann, den sie seit Jahren gekannt und verehrt hatten: ein fremder, bösartiger Ausdruck lag in seinen Zügen, der alle, die ihn liebten, aufs peinlichste berühren mußte. Auch verschwand dies Bild nicht flüchtig wieder; nein, wie bei einer unsichtbaren Schrift, die, ans Licht gehalten, deutlich hervortritt, kamen nach und nach alle die feinen unverkennbaren Linien zum Vorschein, die Zeugnis ablegten von dem wahren Charakter, von der verborgenen Gesinnung des Mannes, der bisher in der Achtung der Welt so hoch gestanden hatte.

Fragend hob Imogen das Auge zu Ferris empor, um zu sehen, ob er die furchtbare Veränderung gewahre; die Erschütterung, welche sie in seinen Mienen las, gab ihr genügende Antwort.

Und wieder schlichen die Minuten träge dahin. Plötzlich machte der Arzt ein Zeichen: Tredwell, Ferris und ein fremder Herr, der gerade eingetreten war, eilten herzu. Aber schon hatte sich Imogen erhoben; auf ihren Wink, halb Bitte, halb Befehl, wichen die andern zurück, und sie beugte sich langsam über das Bett des zu Tode Verwundeten. – Er hatte sie erkannt, seine Lippen bewegten sich; sie hielt das Auge fest auf ihn gerichtet, ihre ganze Seele lag in dem Blick; dann wiederholte sie ernst und feierlich die Frage, die sie in jener verhängnisvollen Stunde an ihn gestellt hatte: Wenn Craik Mansell die Witwe Klemmens nicht getötet hat – sagen Sie mir – wer ist der Mörder?

Sie wartete auf die Antwort, die ihre entschlossene Gebärde unabweisbar zu fordern schien, während die Zeugen des Auftritts, welchen die Bedeutung ihrer Worte unverständlich war, nicht anders glauben konnten, als daß der letzte schwere Schlag ihr den Verstand geraubt habe. 

Ein krampfhaftes Zittern durchzuckte die Glieder des Sterbenden, vergebens forschte sein Auge in ihren Zügen nach einer Spur von Nachsicht oder Milde, dann öffneten sich die starren Lippen.

Hat nicht das Schicksal gesprochen? sagte er laut und nachdrücklich.

Hoch aufgerichtet stand Imogen da und deutete mit dem Finger auf die bleiche Gestalt. Ihr habt es gehört, rief sie, Tremont Orkutt gesteht auf dem Totenbette, daß die Vergeltung des Himmels sich an ihm verkündet. Wer den Fluch vernommen hat, den die Witwe Klemmens gegen ihren Mörder schleuderte, muß wissen, was das bedeutet.

Ferris, der von allen Anwesenden wohl das wärmste Gefühl für den Rechtsanwalt hegte, war außer sich vor Entrüstung über die ruchlose Beschuldigung, die das Sterbelager seines Freundes entweihte.

Wahnsinnige, rief er, sie von dem Platze verdrängend, was für eine Raserei werden Sie noch ersinnen? – Er beugte sich nieder, um ein erklärendes Wort aus Orkutts eigenem Munde zu vernehmen, allein der Leidende war schon wieder in Bewußtlosigkeit zurückgesunken; nach allen Anzeichen konnte der Tod nicht mehr fern sein.

In heftiger Erregung wandte sich Ferris an die bestürzten Anwesenden. Diese Anklage, rief er, erinnert lebhaft an diejenige, welche Fräulein Dare gestern vor Gericht gegen sich selbst erhoben hat. Sie ist von Sinnen und weiß nicht mehr, was sie redet.

Niemand kennt jenen Mann, so wie ich ihn kenne, sagte Imogen ruhig und bestimmt. Dann zog sie sich still in eine dunkle Zimmerecke zurück, das weitere abzuwarten. Sie war überzeugt, daß der Finger Gottes selbst den Mörder gezeichnet habe, nach welchem man so lange vergebens geforscht hatte. 

Jetzt sah Ferris, der kein Auge von dem Freunde verwandte, wie Orkutt abermals zum Bewußtsein erwachte und starr ins Leere blickte. Mit klarer durchdringender Stimme, als spräche er vor versammeltem Gerichtshof, rief er: Blut fordert Blut, und dann in leisem, vertrautem Ton: O Imogen, Imogen – alles um deinetwillen. Seine Augen schlossen sich wieder, und ihren Namen noch auf den Lippen, versank er zum letztenmal in Bewußtlosigkeit.

Imogen war aufgestanden. Meines Bleibens ist hier nicht länger, murmelte sie; ich habe meine Pflicht getan, nun will ich gehen.

Sie blickte um sich; in den Gesichtern aller Anwesenden glaubte sie ihr Verdammungsurteil zu lesen. Das brach ihr den Mut, sie schwankte und wäre umgesunken, hätte nicht ein ihr unbekannter Herr den Arm ausgestreckt, um sie zu stützen. Noch einmal wandte sie sich an Ferris:

Hören Sie mich, ich rede die Wahrheit! Besser als Craik Mansell, als Valerian Hildreth und als die unglückliche Imogen Dare, hätte der Mann, welcher hier von der Rache des Himmels ereilt, auf dem Sterbebette liegt, Ihnen sagen können, wie Frau Klemmens den Tod gefunden hat.

Sie wankte aus dem Zimmer und dem Ausgang zu. Matt lehnte sie sich gegen den Türpfeiler. O, wie soll ich es beweisen, wer wird meinen Worten Glauben schenken? stöhnte sie dumpf.

Verzagen Sie nicht, Fräulein Dare! ertönte eine Stimme voll väterlichen Wohlwollens hinter ihr; vertrauen Sie sich mir an, ich will Ihnen glauben, und wir wollen sehen, was sich tun läßt.

Ueberrascht blickte sie auf. Vor ihr stand ein freundlicher Herr mittleren Alters, derselbe, welcher ihr vorhin so hilfreich den Arm geboten. Er flößte ihr Zutrauen ein, und doch lag etwas Rätselhaftes in seinen Mienen, auch sah er sie nicht an, während er sprach, sondern schien die düster brennende Hängelampe im Hausflur mit teilnehmenden, fast mitleidsvollen Blicken zu betrachten.

Wer sind Sie? fragte sie mit bebender Stimme.

Seine Augen schweiften von der Lampe nach dem Schleier hin, den sie fest in ihrer Rechten hielt.

Wenn ich es Ihnen ins Ohr flüstern darf, sollen Sie es wissen, erwiderte er.

Sie neigte sich zu ihm hin, und er murmelte einige Worte, die sie neu zu beleben schienen.

Und Sie wollen mir helfen? rief sie.

Zu welchem andern Zweck bin ich hier? war seine Antwort.

An der Treppe stand eine wohlbekannte Gestalt, die Imogen jetzt erst bemerkte.

Hickory, befahl jener Herr mit der ruhigen Bestimmtheit eines Vorgesetzten, sorgen Sie dafür, daß während meiner Abwesenheit niemand das Krankenzimmer betritt oder verläßt!

Darauf geleitete er Imogen nach der Bibliothek und schloß die Tür hinter sich ab.



Siebenunddreißigstes Kapitel.

Als Ferris eine Stunde später in Tredwells Begleitung das Haus verlassen wollte, fühlte er sich am Arm berührt. Er wandte sich um und sah Hickory vor sich stehen.

Entschuldigen Sie, sagte der Detektiv mit höflicher Verbeugung, in der Bibliothek wartet ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht, ehe Sie fortgehen.

Sie begaben sich nach dem bezeichneten Zimmer und blieben tieferschüttert auf der Schwelle stehen. Die hohen Bücherschränke an den Wänden, der große, mit Akten und Papieren bedeckte Mitteltisch, die ganze wohlbekannte Einrichtung und dazu der leere Armstuhl vor dem ausgebrannten Kamin – es war ein düsteres Bild.

An einem Fenster am andern Ende des Raumes hatte ein Herr, anscheinend in ein Buch vertieft, gestanden, jetzt wandte er sich und trat auf sie zu.

Sie erlauben, daß ich mich Ihnen vorstelle, sagte er, mein Name ist Gryce, ich bin Beamter der Neuyorker Geheimpolizei.

Sie hier, Herr Gryce? rief der Bezirksanwalt erstaunt, wie ist das möglich?

Der berühmte Detektiv verbeugte sich. Horaz Byrd, einer meiner Untergebenen, hat mich gerufen, sagte er. Vor etwa sechs Stunden erhielt ich seine Depesche in Utica. Der junge Mann ist bei dem hier schwebenden Kriminalfall beschäftigt, ich hoffe, er hat sich Ihre Zufriedenheit erworben und genießt Ihr Vertrauen.

Ich halte große Stücke auf Herrn Byrd, entgegnete Ferris, aber daß er nach Ihnen schickte, geschah ohne meinen Auftrag. Um wieviel Uhr ist denn sein Telegramm von hier abgegangen?

Um halb zwölf, unmittelbar nach Herrn Orkutts Unfall. Wahrscheinlich glaubte Byrd meiner Hilfe bei dieser neuen Verwicklung zu bedürfen, da er sich allein ihr nicht gewachsen fühlte.

Ferris warf einen forschenden Blick auf den erfahrenen Detektiv. Es kommt mir durchaus nicht ungelegen, daß Sie hier an Ort und Stelle sind, sagte er, Sie werden vernommen haben, welche schmähliche Anklage soeben gegen den trefflichen Rechtsanwalt, einen unserer angesehensten Bürger, erhoben worden ist. Das Fräulein, von welchem sie stammt, hat dergleichen völlig grundlose, wahnsinnige Verleumdungen schon früher vorgebracht. Sie muß an Geistesstörung leiden, und ich rechne auf Ihren Beistand, um den Namen meines sterbenden Freundes von dem Schimpf zu reinigen, den sie ihm angetan hat.

Bester Herr, entgegnete Gryce, den Blick vertraulich bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand im Zimmer richtend, wir leben in einer Welt voll Trug und Schein. Große Geister, die wir bewundern, Herzen, auf die wir uns verlassen, täuschen uns oft durch Treulosigkeit, Gewalttat und Hinterlist. Das ist eine schreckliche Wahrheit, aber wer vermag sie zu leugnen?

Unwillig und betroffen sah Ferris den Detektiv an. Was, rief er, auch Sie lassen sich durch die Fieberphantasien meines unglücklichen Freundes betrügen, der schwer verletzt an einer Kopfwunde darniederliegt? Können Sie im Ernst den Worten einer Rasenden trauen, die eben erst vor Gericht wissentlich falsch ausgesagt hat?

Auch Tredwell konnte seinen Verdruß über die Rede des Detektivs kaum unterdrücken; ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. Unsinn, rief er, wie kann man den Mann für einen solchen Narren halten?

Gryce ließ sich nicht beirren. Zunächst, mahnte er eindringlich, werden wir Maßregeln ergreifen müssen, damit durch die Personen, welche die Beschuldigung vernahmen, die böse Nachrede nicht weiter verbreitet wird.

Ich habe allen, die zugegen waren, Schweigen anbefohlen, sagte Doktor Tredwell. Schon aus Achtung für Orkutt wird man meinem Wunsch willfahren.

An uns ist es, das Andenken eines Mannes, der in so hohem Ansehen steht, rein und makellos zu erhalten, meinte Gryce. Darum ist es vor allem unsere Pflicht, sein Verhältnis zu der Ermordeten völlig klarzustellen.

Orkutt hatte nichts mit ihr zu schaffen, als daß er bei ihr zu Mittag aß, weil sie gut kochte. Das ist stadtbekannt. Von einer andern Verbindung zwischen ihnen kann nicht die Rede sein. 

Gryce blickte zu Boden. Sie vergessen, meine Herren, sagte er, daß es der Rechtsanwalt war, der zuerst den Schauplatz des Mordes betrat, einige Minuten früher als alle übrigen. Sobald ein Verdacht gegen ihn verlautet, wird man sich dieser Tatsache erinnern.

In den Zügen der beiden Männer malte sich die heftigste Bestürzung.

Ich meine nur, fuhr jener fort, mißtrauische Leute können daran denken, daß es Herrn Orkutt nicht an Gelegenheit gefehlt hat, das Verbrechen zu begehen, da er an jenem Mittag im Hause der Frau Klemmens war.

So töricht wird niemand sein, rief Tredwell, während Ferris kaum Worte fand, um seiner Entrüstung Luft zu machen.

Wie, brauste er auf, Sie könnten wirklich glauben, daß irgend jemand in Stadt oder Land den sinnlosen Argwohn hegen würde, Orkutt habe die Frau mit eigener Hand erschlagen? Trat er denn nicht nach höchstens zwei Minuten schon wieder heraus, um uns die Todeskunde zu bringen?

Der Gedanke liegt doch nicht gar so fern, beharrte Gryce, wenn man bedenkt, daß eben vor dem Gerichtshaus darüber verhandelt worden war, wie man ein Verbrechen begehen und sich am besten vor Entdeckung schützen könne.

Es kann Ihr Ernst nicht sein, rief Tredwell, der bisher ebensowenig wie der Bezirksanwalt an die Möglichkeit gedacht hatte, daß man Orkutts letzte Worte für ein Geständnis halten würde.

Unüberlegt zu schwatzen ist nicht gerade meine Art, gab Gryce zurück. Sagen Sie mir doch, woher bekam die Witwe Klemmens das Geld, von dem sie lebte?

Das weiß man nicht.

Sie soll ja auch ein hübsches Sümmchen hinterlassen haben. 

Ja, fünftausend Dollars.

Seltsam, daß in einer Stadt wie Sibley niemand weiß, woher das Geld stammt, bemerkte der Detektiv.

Die Herren schwiegen.

Daß Orkutt ihr so viel für das Essen bezahlt haben soll, läßt sich kaum annehmen.

Das hat auch noch niemand behauptet, stieß Ferris hervor.

Aber weiß man, daß dem nicht so ist? forschte Gryce weiter. – Meine Herren, fuhr er erregt fort, ohne die Antwort abzuwarten, ich befinde mich in einer höchst peinlichen Lage. Trotz meiner vielseitigen Erfahrung ist mir nie ein ähnlicher Fall vorgekommen. Glauben Sie mir, es wird mir nicht weniger schwer als Ihnen, an der Rechtschaffenheit des bedeutenden Mannes zu zweifeln, den auch ich verehrt habe. Aber gerade als sein Freund würde ich sagen: lassen Sie uns der Sache auf den Grund gehen und nicht eher ruhen, als bis sich die Unschuld des Rechtsanwalts noch klarer herausgestellt hat, als die der beiden andern Männer, welche vor ihm desselben Verbrechens angeklagt worden sind!

Dabei ist nur der Unterschied, nahm Tredwell das Wort, da Ferris vor innerer Erregung verstummt war, daß gegen Orkutt nicht der Schatten eines Beweises vorliegt. Auch wüßte ich auf der Welt nicht, was ihn bewogen haben könnte, der armen Frau nach dem Leben zu trachten. Es scheint geradezu unsinnig, zu glauben, er habe die Missetat mit eigener Hand verübt und dann die Heuchelei soweit getrieben, den unschuldig des Verbrechens Angeklagten vor dem Schwurgericht zu verteidigen.

Das gebe ich alles zu, entgegnete Gryce, doch hat mich die Erfahrung gelehrt, daß mancher Verdacht auf den ersten Blick falsch, grundlos und widersinnig erscheint; deshalb trete ich völlig vorurteilsfrei an jede Sache heran. 

Wie Sie sich erinnern werden, war bei jenem Gespräch vor dem Gerichtshause gerade von dem Verbrecher aus der Klasse der Gebildeten die Rede, dem alle Künste der List und Verstellung zu Gebote stehen und der weiß, daß der Beweggrund seiner Tat für die Welt ein Geheimnis ist.

Aber gerechter Gott, rief Ferris entsetzt, was Sie behaupten, ist ja in diesem Fall ganz undenkbar.

Im allgemeinen, fuhr der Detektiv ruhig fort, spreche ich mich selten so offen über meine Ansichten aus, wie jetzt Ihnen gegenüber. Ich befolge meist den Grundsatz, Zweifel und Argwohn für mich zu behalten, bis meine Forschungen beendet sind, und ich meine Angaben mit triftigen Gründen belegen kann. Heute liegen die Dinge jedoch anders. Zwar will ich noch durchaus nicht behaupten, daß Orkutts Worte ein Geständnis enthielten, aber an seiner Unschuld hege ich starke Zweifel. Es ist besser, Sie wissen dies zum voraus und können sich auf das Schlimmste gefaßt machen.

So beabsichtigen Sie also, was sich hier zugetragen hat, an die Oeffentlichkeit zu bringen? fragte Ferris erregt.

Im Gegenteil, erwiderte der Detektiv. Ich möchte Sie dringend bitten, die wirksamsten Mittel zu ergreifen, um alle, welche Zeugen des Auftritts gewesen sind, zum Schweigen zu veranlassen.

Dem Bezirksanwalt war zumute, als liege ihm ein schwerer Alp auf der Brust. Raten Sie mir, was soll ich tun? wandte er sich an den Coroner. Wenn Sie glauben, daß mir die Amtspflicht gebietet, den Fall näher zu untersuchen, will ich nicht zögern, wie sehr sich auch mein Gefühl dagegen sträubt.

Aber Tredwell war nicht weniger unentschlossen und ratlos wie er. In peinlicher Verlegenheit wandte er sich endlich an den Detektiv.

Herr Gryce, sagte er, wie Sie wissen, sind wir Freunde des Mannes, der oben im Sterben liegt; doch möchten wir nicht aus Mitgefühl für ihn die Pflichten verletzen, die wir dem Angeklagten und unserer verantwortlichen Stellung schuldig sind. Sprechen Sie, was soll geschehen?

Vor allem, entgegnete Gryce, nehmen Sie den Leuten, die noch im Sterbezimmer versammelt sind, das Versprechen ab, daß sie vor Ablauf einer Woche nichts von dem verbreiten, was sie dort gehört haben. Ferner vertagen Sie die schwebende Gerichtsverhandlung und überlassen Sie es mir und meinen beiden Gehilfen, die nötigen Nachforschungen über Orkutts früheres Leben anzustellen. Vielleicht stoßen wir dabei auf einen dunkeln Punkt oder finden irgendeinen Aufschluß über die Worte, die er auf dem Totenbette sprach. Nach Ablauf einer Woche sollen Sie Nachricht haben.

Aber Fräulein Dare?

Hat schon Schweigen gelobt.

Da die vorgeschlagenen Maßregeln dazu angetan waren, Ferris und Tredwell etwas zu beruhigen, erklärten sie sich mit allem völlig einverstanden, zumal Gryce versprach, mit der größten Rücksicht zu Werke zu gehen, weil der Gedanke, daß auf dem Namen eines solchen Mannes ein unauslöschlicher Makel haften solle, auch ihm in der Seele zuwider sei.

Noch eine Frage! rief Ferris, als er sah, daß der Detektiv sich anschickte, das Zimmer zu verlassen. Spielt nicht bei dem Verdacht, den Sie gegen unsern unglücklichen Freund hegen, auch der Aberglaube eine Rolle? In dem Verhängnis, welches ihn ereilt hat, scheint sich der Fluch der Witwe zu erfüllen. Sollte etwa Ihr gesundes Urteil dadurch beeinflußt worden sein? Der jähe Schlag, der ihn traf, erinnert so sehr an das Ende der Frau Klemmens, daß man meinen könnte – –

Gryce nahm seine grimmigste Miene an.

Es hat der Katastrophe nicht bedurft, um meine Aufmerksamkeit auf Orkutt zu lenken, sagte er; vielmehr nimmt es mich Wunder, daß der Verdacht nicht schon längst auf ihn gefallen ist. Denken Sie nur daran, wie merkwürdig das verübte Verbrechen mit der Rede des Buckligen übereinstimmte! Ehe Sie wußten, wer dieser Bucklige war – ich selbst nämlich – glaubten Sie, er müsse der Täter sein. Der Mord erschien unmittelbar als die Folge seiner Worte: der Verbrecher mußte diese wenigstens vernommen haben, wenn es nicht mit Zauberei zugehen sollte. Wäre mir durch einen meiner Gehilfen berichtet worden, daß sich ein geheimnisvoller Mord zugetragen, nachdem fünf Minuten vorher der Verlauf desselben im Beisein mehrerer Personen genau so beschrieben worden war, wie er in Wirklichkeit stattfand, so würde ich sagen: »Suchen Sie nach dem Mann, der, nachdem er das Gespräch mit angehört, sich zuerst von der Gruppe entfernte und auf dem Schauplatz des Verbrechens erschien – das ist der Mörder!« – Freilich als Byrd mir mitteilte, was sich hier zugetragen, schwieg ich, denn der Mann, auf welchen diese Voraussetzungen paßten, war – Orkutt.

Sie wollen also sagen, daß nur sein Ansehen und seine Stellung den Verdacht bisher von ihm ferngehalten haben? versetzte Ferris.

Davon bin ich überzeugt, war des Detektivs unzweideutige Antwort.

Ohne auf die Bestürzung der Freunde zu achten, schritt er hierauf nach der Tür, an welche schon mehrmals geklopft worden war, und öffnete. Byrd trat hastig ein; welche Botschaft er brachte, stand ihm im Gesicht geschrieben.

Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen – begann er.

Orkutt ist tot! fiel Ferris rasch ein.

Der junge Detektiv verbeugte sich stumm. 



Achtunddreißigstes Kapitel.

Mansell saß in seiner Zelle, von düstern, unruhvollen Gedanken bestürmt. Er wußte, daß Orkutt tot war. Am frühen Morgen hatte es ihm der Gefängniswärter mitgeteilt und hinzugefügt, daß ein herabfallender Baumast den Rechtsanwalt in seinem eigenen Garten erschlagen habe. Die näheren Umstände blieben dem Angeklagten unbekannt.

Auch als sich der Gerichtshof versammelte, um sich nach wenigen Minuten zu vertagen, erhielt Mansell keinen weiteren Aufschluß. Zwar sagte ihm ein unbestimmtes Gefühl, daß seine Sache durch den Tod des Verteidigers eher gefördert, als geschädigt worden sei, aber niemand fühlte sich veranlaßt, ihm dies Rätsel zu erklären.

In dem einsamen Gefängnis empfand er die Ungewißheit doppelt qualvoll, und die Minuten wurden ihm zur Ewigkeit. So atmete er denn erleichtert auf, als etwa eine Stunde später der Wärter die Tür der Zelle öffnete, um einen fremden Herrn einzulassen. Mansell erhob sich rasch, in der Meinung, daß dies der neue Verteidiger sei, dessen Namen er aus einer ihm vorgelegten Liste aufs Geratewohl ausgesucht hatte. Aber der Fremde war kein Anwalt, wie der Gefangene sofort erkannte.

Mein Name ist Gryce, sagte er, sich ihm freimütig nähernd; ich bin Detektiv. Der Bezirksanwalt, welcher durch die Ereignisse der letzten Tage einigermaßen in Verlegenheit geraten ist, hat sich an mich gewandt, weil er glaubt, meine Erfahrung werde ihm nützen. Es handelt sich darum, zu ermitteln, welche Person unter allen denen, die des Mordes der Frau Klemmens verdächtig sind, die Tat wirklich begangen hat. Zu diesem Zwecke sehen Sie mich hier; ich habe Erlaubnis erhalten, ungehindert mit Ihnen verkehren zu dürfen. Nach Prüfung der Beweise, die gegen Sie vorliegen und infolge meiner sonstigen Erkundigungen, bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß Sie unschuldig angeklagt sind. Wenn Sie sich nicht länger weigern wollten, gewisse Punkte aufzuklären, die noch im Dunkeln schweben, so könnte ich leicht –

Verzeihen Sie, unterbrach ihn Mansell ernst, einem Detektiv habe ich keinerlei Mitteilung zu machen.

Sie tun unrecht daran, wie ich Ihnen sogleich beweisen werde. Ohne Zweifel wissen Sie, daß Herr Orkutt von dem Baumast erschlagen wurde, als er gerade Fräulein Dare zum Gartentor begleitete.

Der Gefangene war totenbleich. Ist das Fräulein verletzt? stammelte er.

Gryce schüttelte den Kopf. Warum haben Sie es dann erwähnt?

Weil es hierhergehört, war die Antwort. Wie Sie wissen, war außer Ihnen noch ein anderer Mann des Mordes verdächtig; warum hat man nicht lieber ihm den Prozeß gemacht? Einzig und allein deshalb, weil Sie sich weigerten, über Dinge Auskunft zu geben, die Sie naturgemäß imstande sein mußten, zu erklären. Woher stammte Ihre Zurückhaltung? Es gab nur einen denkbaren Grund dafür. Sie fürchteten, eine Person in die Untersuchung zu verwickeln, deren Ehre, deren Leben Ihnen teuerer ist, als Ihr eigenes. Wer kann das sein? Niemand anderes als die junge Dame, die gestern vor Gericht ausgesagt hat, sie selbst habe das Verbrechen begangen. Aus alledem ziehen wir den Schluß, daß Sie Fräulein Dare von Anfang an für Frau Klemmens' Mörderin gehalten haben.

Je länger der Detektiv sprach, um so gewaltiger ward Mansells Erregung; bei den letzten Worten sprang er heftig empor.

Wie können Sie das behaupten? rief er. Was wissen Sie von meinen Gedanken und Ueberzeugungen? Ich trage sie nicht öffentlich zur Schau und posaune meine Gefühle nicht vor aller Welt aus. Sie haben kein Recht zu Ihren Vermutungen und können sie nicht beweisen.

Vielleicht doch, entgegnete Gryce. Weshalb schwiegen Sie so lange über den Ring? – Sie wollten Fräulein Dare nicht Lügen strafen, indem Sie aussagten, daß Sie ihn nicht von ihr zurückerhalten hätten. Warum versuchten Sie sie gestern an ihrer Zeugenaussage zu hindern? Weil Sie voraussahen, daß sie in einem Geständnis enden würde. Warum machten Sie Ihre eigene Verteidigung zu nichte und verrieten, auf welche Weise Sie in 90 Minuten die Station erreicht hatten? Weshalb erklärten Sie sich nicht lieber einfach für schuldig? Weil Sie fürchteten, daß eine nähere Untersuchung die Schuld des Fräuleins bestätigen würde. Sie waren für ihre Rettung zu jedem Opfer bereit, nur zu einer Lüge konnten Sie sich nicht entschließen.

Sie trauen mir viel Großmut zu, entgegnete der Gefangene kalt. Ich glaubte, man würde annehmen, daß meine Schuld erwiesen sei, nachdem sich herausgestellt, daß ich um die Zeit, als die Mordtat geschehen sein soll, das Haus meiner Tante noch nicht verlassen hatte.

Das wäre auch der Fall gewesen, entgegnete Gryce, hätten wir nicht neuerdings Grund zu glauben, daß wir uns in der Zeit geirrt haben und der Mord nicht fünf Minuten vor zwölf stattfand, sondern erst nachdem es zwölf geschlagen hatte.

Wirklich? fragte Mansell mit großer Selbstbeherrschung.

Gryce nickte ernsthaft. Sie könnten uns leicht über diesen Punkt Gewißheit verschaffen, sagte er nachdrücklich, wenn Sie angeben wollten, was Sie damals im Hause der Frau Klemmens gesehen und gehört haben, als Sie so eilig die Flucht ergriffen.

Woher wissen Sie, daß ich von dort entfloh? 

Von einem Augenzeugen, den ich nennen könnte. Der Umstand kam vor Gericht nicht zur Sprache, aber man hat Sie von der Tür Ihrer Tante mit einer Hast entfliehen sehen, als hinge Ihr Leben davon ab.



Außer allen Beweisen, die gegen mich sprechen, ist Ihnen auch dies bekannt, rief Mansell betroffen, und doch sagen Sie, daß Sie mich für unschuldig halten?

Ja, denn ich glaube, wie gesagt, daß Frau Klemmens erst nach zwölf Uhr ermordet wurde, gerade fünf Minuten nachdem Sie sich so eilig entfernt hatten.

Die Aufregung des Gefangenen wuchs zusehends.

Wie kommen Sie zu dieser neuen Annahme? fragte er.

Der Detektiv beugte sich vertraulich näher zu ihm hin. Sie wissen zwar, daß Ihr Anwalt tot ist, sagte er, aber nicht, warum Fräulein Dare ihn gestern abend aufgesucht hat. Sie wollte nämlich Herrn Orkutt mitteilen, daß sie bei ihrer ganzen Zeugenaussage von der Voraussetzung ausgegangen sei, daß Sie wirklich das Verbrechen begangen haben, dessen man Sie beschuldigt. Durch eine übel angebrachte List meiner Gehilfen Hickory und Byrd war sie zu der Ansicht gelangt, Sie hätten ihr gegenüber Ihre Schuld zugegeben. Erst nachdem sie gestern vor Gericht sozusagen meineidig geworden war, um Sie zu retten, klärte man sie über ihren Irrtum auf.

Meineidig? wiederholte Mansell zweifelnd.

Wie ich sage. Fräulein Dare ist an jenem Morgen weder in dem Hause der Witwe gewesen, noch hat sie die Hand gegen Frau Klemmens erhoben. – Was sie aussagte, war eine Lüge. Auch geht aus den Angaben meiner Gehilfen deutlich hervor, wie fest sie früher überzeugt war, daß Sie, Herr Mansell, der Schuldige wären.

Als nun Gryce den Auftritt in der Hütte mit allen Einzelheiten beschrieb, hörte ihm der Gefangene zu wie ein Träumender; er schien nicht imstande, den Worten des Detektivs Glauben zu schenken.

Natürlich mußte Fräulein Dare hiernach einsehen, fuhr der Detektiv fort, daß es Torheit war, bei ihrer Selbstanklage zu beharren. Sie ging zu Orkutt, erklärte ihm ihre ganze Handlungsweise und bat um seinen Rat. Im Laufe der Unterredung enthüllte der Rechtsanwalt dem Fräulein zufällig, daß sein Klient aus unbekannten Gründen von vornherein sie selbst für die Verbrecherin gehalten habe. Nun konnte Fräulein Dare unmöglich länger an Ihrer Unschuld zweifeln. Daraus, daß Sie sich gegenseitig in Verdacht gehabt hatten, geht sonnenklar hervor, daß Sie beide schuldlos sein müssen. – Sind Sie nicht auch dieser Ansicht?

Ob ich es bin oder nicht, tut wenig zur Sache.

Von größerem Nutzen würde es freilich sein, wenn Sie sagen wollten, weshalb Sie an jenem Morgen so plötzlich die Flucht ergriffen?

Das sehe ich nicht ein.

So sind Sie auch wohl nicht begierig, Näheres über den Unfall zu erfahren, der Sie so plötzlich Ihres Verteidigers beraubt hat? fragte Gryce in völlig verändertem Ton.

Mansell sah ihn gespannt an.

Herr Orkutt war nicht auf der Stelle tot, fuhr jener fort. Er lebte noch mehrere Stunden, und die Worte, die er sprach, haben dem Verdacht eine ganz neue Richtung gegeben. Fräulein Dare, die seit dem Unfall nicht von seinem Lager gewichen war, fragte ihn, sobald er aus der Bewußtlosigkeit erwachte, zu aller Erstaunen geradezu, wer der Mörder der Frau Klemmens sei.

Und wußte es Herr Orkutt? stieß Mansell ungläubig hervor.

Nach seiner Antwort zu urteilen – ja. Sagen Sie mir doch, sind Ihnen nie Zweifel an ihm gekommen – an seiner Rechtschaffenheit, Gutherzigkeit und Bereitschaft, Ihnen zu dienen?

Nein, niemals.

Dann wird es Sie höchlich überraschen, zu erfahren, sagte Gryce mit tiefem Ernst, daß Orkutts Antwort auf Fräulein Dares Frage den Verdacht erregt hat, daß er selbst der Mörder ist. Der Bezirksanwalt fragt sich jetzt nicht mehr, ob Craik Mansell das Verbrechen begangen hat, sondern ob sein Verteidiger, Tremont Orkutt, schuldig ist.

In des Gefangenen Zügen malten sich Unwillen und Abscheu. Das geht zu weit, rief er. Ich müßte ein Narr sein, wollte ich mir so etwas vorspiegeln lassen. Orkutt ein Mörder? – Warum beschuldigt man nicht lieber gleich den Richter selbst, daß er Frau Klemmens umgebracht hat?

Dieser Ausbruch natürlicher Entrüstung schien Gryce recht wohlgefällig zu sein; vielleicht war ihm Mansells Unschuld doch noch nicht über alle Zweifel erhaben gewesen.

Weil, erwiderte er in ruhigem Ton, Orkutt bekanntlich zuerst die Todesbotschaft aus dem Hause der Witwe gebracht hat.

Und Sie wollen mir einreden, daß Ihnen dies als Verdachtsgrund genügt? sagte Mansell verächtlich. Ich hätte Ihnen größeren Scharfsinn zugetraut.

Durch seine eigenen Worte auf dem Sterbebette hat Orkutt den Argwohn auf sich gelenkt.

Die irren Reden eines Fieberkranken, dessen Geist seit längerer Zeit ganz von dieser Sache eingenommen war, beweisen nichts.

Fräulein Dare hält seine Worte für ein Geständnis, und auch Männer, auf deren ruhiges Urteil man sich verlassen kann, wissen sie nicht anders zu deuten.

Unmöglich, rief Mansell mit Ueberzeugung, ein Mann von Orkutts Stellung und Fähigkeiten sollte ein so schändliches Verbrechen begangen haben, und dann noch als Verteidiger seines Klienten auftreten, der eben dieser Untat angeklagt ist? Der Gedanke ist widersinnig und völlig unglaublich.

Sehr richtig, entgegnete Gryce trocken, aber nach meiner Erfahrung geschehen in Wirklichkeit gerade die widersinnigsten Dinge.

Mansell starrte ihn wie versteinert an. –

Wenn Sie wirklich im Ernst reden, wie es den Anschein hat, sagte er, so müssen Sie mir noch andere und gewichtigere Gründe für Ihren Verdacht mitzuteilen haben, sonst wären Sie mir gegenüber schwerlich so offen gewesen.

Gewiß, bestätigte Gryce, wir wünschen Sie in unser Vertrauen zu ziehen, in der Erwartung, daß Sie uns in dieser schwierigen Lage beistehen werden.

Ich Ihnen beistehen – vom Gefängnis aus?

Sie sind frei, sobald wir uns überzeugen, daß Orkutts Worte ein Geständnis waren. Dazu könnten Sie uns leicht verhelfen, wenn Sie angeben wollten, aus welcher Ursache Sie damals entflohen.

Mansell senkte den Blick; sein altes Mißtrauen schien zurückzukehren.

Das würde Ihnen wenig nützen, verlassen Sie sich darauf!

Gryce kannte derartige Verhandlungen zu genau, um sich durch diese Hartnäckigkeit entmutigen zu lassen. Er verbeugte sich ruhig, als sei die Weigerung des Gefangenen eine unwiderrufliche Tatsache und begann seinerseits ausführlich von Orkutts letzten Stunden zu berichten. Dann schilderte er die Unterredung, die er selbst mit Fräulein Dare gehabt, und führte die Gründe an, welche ihn in seinem Argwohn gegen den Rechtsanwalt bestärkten. Zwar gab er zu, daß bis jetzt noch kein ersichtlicher Beweggrund für die Tat vorliege, aber ein solcher würde sich sicher aus dem geheimen Zusammenhang ergeben, welcher zwischen Orkutt und der Ermordeten bestanden haben müsse. Er sprach so überzeugend und mit solcher Beredsamkeit, daß ein Hoffnungsstrahl in Mansells Augen zu leuchten begann, und Gryce den Sieg schon für errungen ansah. Zuversichtlich fuhr er fort:

Es wäre für uns eine große Hilfe, zu wissen, was in Frau Klemmens' Haus vorgegangen war, ehe Orkutt es betrat. Hiervon ausgehend, würden wir alles übrige leicht ermitteln. Noch einmal: überlegen Sie es sich, ob Sie nicht gut täten, uns über diesen Punkt aufzuklären! Sie würden es sicherlich nicht bereuen.

Da Ihr Zweck ist, zu beweisen, daß Orkutt das Verbrechen begangen hat, versetzte Mansell unbeirrt, so kann ich Ihnen mein Wort darauf geben, daß ich nichts weiß, was ihn im geringsten betrifft.

So betrifft es also Fräulein Dare? erwiderte der Detektiv rasch.

Mansell fuhr zusammen. –

Mag es sein, was es wolle, fuhr Gryce fort, eins ist sicher, das Fräulein kann nicht schuldig sein.

Ihre Ansicht hierüber hat wenig Gewicht, rief jener erregt, so lange Sie die Beweise nicht kennen, die gegen sie vorliegen.

Es liegen nur Indizienbeweise vor, die niemals zu einer unumstößlichen Gewißheit über die Schuldfrage führen können. Ich weiß, daß Fräulein Dare bis vor kurzem fest überzeugt war, Sie seien der Schuldige, folglich muß sie selbst schuldlos sein. Dagegen läßt sich nichts einwenden.

Sie haben diese Bemerkung schon einmal gemacht.

Und ich wiederhole sie, weil sie unwiderlegbar ist. Sind Sie nur erst einmal von des Fräuleins Unschuld überzeugt, so werden Sie von selbst nicht länger mit dem zurückhalten, was Sie wissen. Oder haben Sie etwa gesehen, daß sie den Todesstreich führte?

Mansell fuhr unwillig auf. Natürlich nicht, rief er.

Sie haben sie nicht mit Ihrer Tante zusammen gesehen, ehe Sie die Flucht ergriffen?

Nein, gesehen habe ich sie nicht.

Der Nachdruck, den er auf das Wort legte, verriet ihn. Wie ein Stoßvogel fuhr Gryce zu.

Also gehört? rief er. Sie glaubten vielleicht ihre Stimme, ihr Lachen, ihren Schritt im Zimmer zu vernehmen? 

Nein, entgegnete Mansell, ich habe sie auch nicht gehört.

Wie sollten Sie auch? war Gryces Erwiderung, aber vielleicht hat jemand etwas gesagt oder getan – was durchaus kein Beweis ist – aber woraus Sie entnehmen, daß sie sich dort im Hause befand. Und nun schweigen Sie darüber, um sie nicht zu gefährden.

Woher wissen Sie, daß es kein Beweis ist?

Weil sie nicht dort war, sondern in Professor Darlings Turmzimmer – über eine Meile entfernt.

Behauptet sie das?

Ja, und wir wollen es beweisen.

In Mansells Augen blitzte es hell auf. Wenn Sie das könnten!

Ich werde es tun, aber erst müssen Sie mir sagen, in welchem Zimmer Sie waren, als Sie jene Andeutung von Fräulein Dares Anwesenheit erhielten.

Ich war in keinem Zimmer, sondern stand auf den Steinstufen vor der Eßzimmertür. Soviel ich weiß, habe ich Herrn Ferris bereits mitgeteilt, daß ich an jenem Morgen das Haus meiner Tante überhaupt nicht betreten habe.

Das ist ja viel einfacher, als ich dachte. Sie sind also nur an die Tür gegangen und dann ohne einzutreten nach der Richtung des Sumpfes entflohen?

Mansell nickte bejahend. Erinnern Sie sich, daß Sie über den Zaun sprangen und dabei fast zu Falle gekommen wären?

Von wem wissen Sie das – von Fräulein Dare? – Wie kann sie mich gesehen haben, wenn sie eine Meile entfernt war, wie sie angibt?

Das will ich Ihnen sagen. Sie schaute gerade durch das Fernrohr in Professor Darlings Sternwarte nach jener Richtung hin und sah Sie vom Hause aus nach dem Sumpf zu entfliehen. 

Wollte Gott, ich könnte die Geschichte glauben, rief der Gefangene mit mühsam unterdrückter Bewegung. Es würde einen neuen Menschen aus mir machen.

Stellen Sie sich doch einmal die Lage des Hauses Ihrer Tante vor. Sie glauben, Fräulein Dare war bei ihr im Eßzimmer? Das hat nur ein Fenster, nach derselben Seite hinaus, wie die Tür. Konnte sie von dort die Stelle sehen, wo Sie über den Zaun sprangen?

Wenn sie aus dem Zimmer vor die Tür trat, war dies leicht möglich.

Ich muß gestehen, meinte Gryce ihn erstaunt betrachtend, Sie wissen sich zu helfen und haben eine Antwort auf jede Frage bereit. Aber, fügte er mit Nachdruck hinzu, hätte sie dort gestanden, so würden Sie es bemerkt haben, als Sie sich umwandten.

Tat ich das?

Fräulein Dare behauptet es wenigstens. –

Mansell schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

Sie hat recht, rief er, jetzt erinnere ich mich; ich sah nach der Turmuhr, um zu wissen, welche Zeit es sei. Weiter, weiter! Sagen Sie mir alles, was das Fräulein gesehen hat.

Er war völlig verändert, seine Wangen glühten; der Detektiv rieb sich die Hände vor Vergnügen. –

Sie sah, wie Sie die sumpfige Strecke überschritten, am Eingang des Waldes stillstanden, Ihre Taschenuhr herauszogen und dann mit rasender Eile in den Wald hineinliefen.

Ja, ja – und ohne ein Fernrohr kann sie das nicht gesehen haben.

Sodann beschrieb sie Ihren Anzug und sagte, daß Sie die Beinkleider aufgekrempelt hatten und den Ueberrock auf dem linken Arm trugen.

Hatte ich ihn nicht auf dem rechten Arm? 

Sie sagt, auf dem Arm nach ihr zu. Da sie auf der Sternwarte stand, war es Ihr linker.

Ich weiß aber doch, daß ich mich mit der linken Hand festhielt, um über den Zaun zu springen, als ich auf das Haus zuging, und den Rock hatte ich auf dem andern Arm.

Das ist von großer Wichtigkeit, versetzte Gryce enttäuscht. Wenn Sie den Rock auf dem anderen Arm trugen, so ändert das die Sache wesentlich.

Halt, rief Mansell plötzlich erleichtert, ich besinne mich jetzt, daß ich den Rock auf den andern Arm nahm, als ich nach der Seitentür zurückging; es ist ganz richtig – Fräulein Dare sah mich ja erst, als ich das Haus verließ.

Gut, daß Sie es erklären können. Aber sind Sie denn nicht gleich nach der Seitentür gegangen?

Nein; ich wollte wie gewöhnlich durch die Vordertür in das Haus gehen. Als ich jedoch an die Ecke kam, sah ich den Hausierer das Hoftor öffnen. Um ihm nicht zu begegnen, kehrte ich zurück zur Eßzimmertür.

Richtig, und da hörten Sie – –

Was ich hörte? entgegnete Mansell verstockt.

Sie wollen sich also nicht aussprechen und glauben noch immer, daß Fräulein Dare in Frau Klemmens' Haus war und nicht in Professor Darlings Turmzimmer?

Beantworten Sie mir eine Frage, und ich tue Ihnen den Willen, kann man von dort aus den Eingang in den Wald beobachten?

Gewiß. Erst vor zwei Stunden habe ich den Versuch gemacht. Ich kniete an derselben Stelle wie damals das Fräulein, habe durch das nämliche Fernrohr deutlich den Platz erkannt, wo Sie stillstanden, um nach der Uhr zu sehen, und jede Bewegung meines Gehilfen Hickory beobachten können, der sich dort aufgestellt hatte. Von Frau Klemmens' Stubentür aus jene Stelle zu erblicken, ist unmöglich, verlassen Sie sich darauf! Wäre ich meiner Sache nicht sicher, ich würde Sie nicht hier aufgesucht haben.

Genug, sagte Mansell; wie schwer es mich auch ankommt, ich muß glauben, daß Fräulein Dare nicht war, wo ich sie vermutete. Ich will Ihnen sagen, was ich gehört habe. Vielleicht liegt darin, auf mir unbegreifliche Weise, der Schlüssel des ganzen Geheimnisses; doch zweifle ich, ob Sie es enträtseln können. – Ihre Vermutung von vorhin war richtig: ich hatte guten Grund anzunehmen, das Fräulein habe sich damals bei meiner Tante befunden, denn obgleich ich sie nicht selber gesehen noch ihre Stimme gehört habe, vernahm ich doch deutlich, wie Frau Klemmens sie bei ihrem Namen nannte.

Ist das möglich?

Ich öffnete gerade die Tür, da hörte ich meine Tante sagen: »Sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu heiraten, Imogen Dare, aber ich schwöre Ihnen, das wird nun und nimmer mehr geschehen, solange ich lebe.«  

Wie merkwürdig! rief Gryce unwillkürlich aus und stemmte den Arm in die Seite. Mansells angstvollen Blick gewahrend, lächelte er jedoch mit großer Zuversicht. Nur weiter, sagte er, was haben Sie noch gehört?

Mehr bedurfte es nicht. Es war mir ein deutlicher Beweis, daß Fräulein Dare meine Tante aufgesucht hatte, und ihre Bemühung, sie zu meinen Gunsten umzustimmen, vergeblich gewesen war. In wildem Zorn stürmte ich ohne Ueberlegung davon. Mein einziges Verlangen war, den Ort zu verlassen, um wieder bei meiner Arbeit zu sein. Als ich sah, daß ich mit Anstrengung aller Kräfte den Zug in Monteith noch erreichen könne, fing ich an zu laufen. Das hat den Verdacht auf mich gelenkt.

Richtig, richtig, murmelte Gryce.

Nur meinen eigenen Gedanken wollte ich entfliehen, fuhr Mansell eifrig fort, ich dachte an nichts Böses, sondern allein an meine schwere Enttäuschung. Erst am nächsten Tag erfuhr ich – –

Ja – ja –, unterbrach ihn Gryce zerstreut. Aber die Worte Ihrer Tante: »Sie haben sich in den Kopf gesetzt, ihn zu heiraten, Imogen Dare, aber das wird nun und nimmermehr geschehen, so lange ich lebe« – was sollen sie bedeuten? Imogen Dare war ja nicht da. Wir müssen dieses Rätsel lösen.

Aber wie?

Es ist ohne Zweifel der Schlüssel des Geheimnisses, murmelte der Detektiv und versank in tiefes Nachdenken.

Auch Mansell starrte eine Weile ratlos vor sich hin. Ich weiß nur eine Erklärung, sagte er endlich, meine Tante muß ein Selbstgespräch geführt haben. Sie war schwerhörig und lebte allein: solche Menschen nehmen häufig die Gewohnheit an, laut zu denken.

Gryce schlug mit der Faust auf den Tisch. Wahrhaftig, rief er, Sie haben es getroffen. Natürlich sprach sie mit sich selbst; sie war gerade die Frau dazu. Imogen Dare lag ihr im Sinn, und sie redete mit ihr, als sei sie zugegen. Hätten Sie die Tür vollends aufgemacht, Sie würden Ihre Tante allein im Zimmer gefunden haben, wo sie ihren Gedanken freien Lauf ließ.

Hätte ich sie doch geöffnet! seufzte Mansell.

Des Detektivs Lebensgeister schienen neu zu erwachen. Gut, rief er, das also steht fest: Imogen Dare war nur in Frau Klemmens' Einbildung anwesend, und die Witwe wollte Ihre Verbindung mit dem Fräulein nicht zugeben.

Dann muß Fräulein Dare schon früh am Morgen bei meiner Tante gewesen sein. Noch als ich diese am vorhergehenden Tage aufsuchte, hatte sie keine Ahnung von meiner Neigung und wußte daher auch nichts von den Hoffnungen, die ich hegte. 

Was sagen Sie da? rief Gryce, habe ich recht gehört?

Dadurch wäre auch erklärt, wie sich der Ring dort auf dem Fußboden finden konnte, fuhr Mansell fort, ohne den Ausruf zu beachten.

Wußte denn Frau Klemmens nicht aus Ihrem Munde, daß Sie Imogen Dare heiraten wollten? forschte Gryce.

Ich habe es meiner Tante nicht mitgeteilt; das Fräulein muß dies selbst getan haben, als sie bei ihr war.

Vielleicht hat Frau Klemmens es durch die Nachbarn erfahren?

Kein Mensch ahnte etwas von unserem Verhältnis. –

Der Detektiv dachte eine Weile schweigend nach. Jetzt geht mir ein Licht auf, rief er plötzlich sich schnell erhebend, nun wird bald alles klar werden.

Auch der Gefangene war aufgesprungen.

Was haben Sie im Sinn? Was wird klar werden? fragte er erregt.

Sie sollen es bald erfahren, lautete die Antwort; genug, daß Sie mich auf die Spur gebracht haben, die zur Lösung des Rätsels führen kann, vielleicht auch zu Ihrer eigenen Freisprechung von der falschen Anklage des Mordes.

Und Fräulein Dare?

Gegen sie ist keine Beschuldigung erhoben worden, noch wird dies je geschehen.

Aber – Orkutt?

Geduld, sagte Gryce, nur Geduld!



Neununddreißigstes Kapitel.

Gryce glaubte keineswegs, daß Imogen Dare Frau Klemmens vor ihrer Ermordung aufgesucht habe, und daß die Witwe um das Verhältnis ihres Neffen zu Imogen wisse. Die Worte, die dieser gehört hatte, konnten sich daher nicht auf seine Heirat bezogen haben. – Wer anders aber wurde damals allgemein in Verbindung mit Imogen Dare genannt, als der Rechtsanwalt Orkutt?

Eine wichtige Schlußfolgerung! »Sie sollen ihn nicht heiraten, Imogen Dare, solange ich lebe,« hatte Frau Klemmens gesagt. Sie besaß also eine geheime Macht über den Mann, dessen Ehebündnis sie zu hindern drohte. Ein unbekanntes Band mußte zwischen ihnen bestehen, ein Band, durch welches das arme, einsame Weib zur Herrin über das Geschick des großen Rechtsanwalts wurde. Was konnte es sein? War sie vielleicht Mitwisserin eines Geheimnisses, dessen Enthüllung Orkutts eheliche Verbindung vereitelt hätte? Diese Frage zu lösen war nunmehr Gryces wichtigste Aufgabe. Hier mußte der Beweggrund zu finden sein, der den Rechtsanwalt zu der Mordtat getrieben hatte.

Noch einmal ließ der erfahrene Detektiv alle Einzelheiten der vielverschlungenen Beweiskette vor seinem Geist vorüberziehen, um zu sehen, ob nirgends ein Widerspruch oder ein fehlendes Glied zu entdecken sei.

Nein. Alle Angaben, die Hildreth und Mansell gemacht hatten, ließen sich, was Ort und Zeit betraf, miteinander vereinbaren. Als Orkutt auf dem Schauplatz erschien, fand er das Feld frei und die Umstände günstig zur Verübung der Tat. Eins nur blieb unbegreiflich: wie kam der Ring auf den Fußboden des Eßzimmers? – Der Verbrecher mußte ihn an der Hand getragen haben, die er gegen die Witwe erhob, nur so erklärte sich ihr wiederholter Ausruf: »Ring und Hand« – aber war dies möglich, wenn Orkutt den Streich geführt hatte? –

Gryce strengte seinen ganzen Scharfsinn an. Wo war der Ring gewesen? – Zuerst, als sich die Liebenden im Walde trennten, in Mansells Rocktasche, wohin ihn Imogen gesteckt hatte. Da Mansell dies nicht wußte, konnte er ihn leicht verlieren. Der Ring war also herausgefallen; aber wann und wo? Nicht in der Hütte, nicht auf dem Wege nach dem Hause der Witwe, aber vielleicht in dem Augenblick, als Mansell den Rock vom rechten Arm auf den linken warf. Wo war das? An der Hausecke nach der Straße zu. Gesetzt, der Ring war dort aus der Tasche geflogen und auf den Weg gerollt, der zur Vordertür führte: der erste, der hier vorbeikam, war Orkutt; er mußte den Ring aufgehoben und an den Finger gesteckt haben.

Aber verhielt sich das alles wirklich so? – Gryce ließ Byrd zu sich rufen.

Sie standen bei den andern Herren vor dem Gerichtsgebäude, als Orkutt über die Straße nach dem Haus der Witwe ging, sagte er; haben Sie ihn dabei beobachtet? Sahen Sie, wie er das Hoftor öffnete, ob er stehen blieb und sich umsah, ehe er das Haus betrat?

Nein, entgegnete Byrd; zwar blickte ich ihm nach, als er hinüberging, aber ich erinnere mich nicht, daß er dabei etwas Besonderes getan hätte.

Enttäuscht begab sich Gryce mit der nämlichen Frage zu Ferris. Die Antwort, welche er erhielt, war jedoch nicht die gleiche.

Mir ist, als sähe ich ihn noch, meinte der Bezirksanwalt, wie er über die Straße schritt, mit raschem Gang, den Kopf erhoben – halt! unterbrach er sich plötzlich, eben fällt mir etwas ein, das sich sicher nicht mit der mörderischen Absicht zusammenreimen läßt, die Sie ihm zutrauen. Würde wohl ein Mensch, der solch einen höllischen Plan im Busen trägt, sich bücken, um etwas aufzuheben, das er auf der Erde liegen sieht?

Hat Orkutt das getan? fragte Gryce mit bewundernswerter Selbstbeherrschung.

Ja, vor der Haustür; ich erinnere mich noch deutlich daran. Ein Mann, der Mordgedanken hegt, bückt sich schwerlich nach einer Stecknadel.

Aber vielleicht doch nach einem Diamantring.

Einem Diamantring?

Ja, Herr Ferris, entgegnete der Detektiv mit Nachdruck. Ohne es zu wissen, haben Sie soeben ein wichtiges Glied ergänzt, das bisher in der Beweiskette gegen den Rechtsanwalt fehlte. Sie haben die Frage beantwortet, wie der Ring, welchen Imogen Dare in Mansells Rocktasche steckte, in das Eßzimmer der Frau Klemmens gekommen sein kann, ohne daß der Angeklagte ihn dorthin trug.

Mit kurzen Worten setzte er Ferris die näheren Umstände von Mansells Flucht auseinander und schloß damit, daß Orkutt den Ring vor der Tür gefunden und an den Finger gesteckt haben müsse, wo ihn Frau Klemmens erblickte, als er die Hand gegen sie erhob.

Der Bezirksanwalt sah mit Schrecken, daß des Detektivs Verdacht gegen Orkutt immer bestimmtere Formen annahm. Seine Freundschaft für den Verstorbenen trieb ihn noch zu einem letzten Versuch, ihn zu rechtfertigen.

Wie kam der Ring aber auf den Fußboden? fragte er beklommen, wenn Orkutt ihn an der Hand trug?

Auf ganz natürliche Weise: er mochte an Fräulein Dares Ringfinger passen, aber für Orkutts kleinen Finger war er etwas zu weit und fiel zu Boden, als er nach dem Schlage die Hand sinken ließ, die das Knüppelholz hielt. Daß er in diesem Moment nichts davon merkte, ist nicht gerade verwunderlich. Als aber der Ring gefunden wurde, und Imogen Dare ihn als ihr Eigentum erkannte, muß seine Bestürzung groß gewesen sein – das war ein schlimmer Augenblick für ihn! Dazu kam dann noch der Ausruf der Witwe!

Ferris sah düster vor sich nieder; des Freundes Aufregung bei jenem Auftritt war ihm noch deutlich erinnerlich. Also nicht Unwillen über Imogens seltsames Interesse an dem Verbrechen sollte ihn so erregt haben, sondern die Angst, daß ihr Argwohn auf ihn selber gefallen sein könne?

Fräulein Dare sagt mir, daß Orkutt bei der ersten Zusammenkunft nach der Mordtat ihr seine Hand angetragen habe, fuhr Gryce fort. Sie meinen vielleicht, er habe damit zeigen wollen, wie fest sein Vertrauen zu ihr war? Ich aber sage, er tat es, um zu erfahren, ob sie Verdacht gegen ihn hege. –

Der Bezirksanwalt war verstummt. –

Auch die Verteidigung Mansells übernahm er aus ähnlichen Gründen, fuhr der Detektiv fort. Selbst wenn es ihm gleichgültig war, ob der um seines Verbrechens willen unschuldig Angeklagte freigesprochen wurde oder nicht, so wußte er doch aus Imogen Dares eigenem Munde, daß sie die Verurteilung ihres Geliebten nicht überleben werde. Er durfte also auf eine Vereinigung mit ihr nur hoffen, wenn sie aus Dankbarkeit dafür, daß er seinem Nebenbuhler das Leben gerettet hatte, einwilligte, sein Weib zu werden.

Sie schildern ihn als vollendeten Bösewicht, versetzte Ferris voll Bitterkeit.

War das nicht der Ausdruck, den sein Gesicht auf dem Sterbebette trug? fragte der Detektiv.

Aber was kann ihn zu dem entsetzlichen Verbrechen bewogen haben? rief Ferris ratlos aus.

Nichts anderes als seine Leidenschaft für Imogen Dare, verlassen Sie sich darauf – nur wie das alles zusammenhängt, weiß ich noch nicht zu sagen.

Was soll die einfache, unbedeutende Frau Klemmens mit seiner Liebe für das Fräulein zu schaffen haben?

Sie stand ihm offenbar im Wege. Wie das möglich ist, müssen wir noch ergründen.

Vergessen Sie aber nicht, Herr Gryce, sagte der Bezirksanwalt mit großem Nachdruck, daß die Anklage gegen den hochgeachteten, angesehenen Mann vollkommen begründet werden muß, sonst kann es überhaupt nicht für gerechtfertigt gelten, sie zu erheben. Es müssen Beweise beigebracht werden, daß der Tod dieser Frau unumgänglich nötig war, wenn er nicht auf seine teuersten Hoffnungen verzichten wollte. Mit Indizienbeweisen, wie das Vorhandensein des Ringes an der Stätte des Mordes, ist es nicht getan. Der Ruf eines Mannes wie Orkutt darf auch nicht durch ein Wort, das er im Fieberwahn ausgestoßen hat, zerstört werden. Wir müssen vollkommene Gewißheit haben, wenn wir Ihrer Beweisführung Glauben schenken sollen.

Versteht sich, entgegnete Gryce, und deshalb bat ich um eine Woche Frist.

Sie glauben also entdecken zu können, was ihn zu der Tat bewogen hat?

Gryce sah den Gegenstand, den er gerade im Auge hatte, mit seltsamem Lächeln an. Ferris vergaß den Ausdruck seines Gesichts sobald nicht wieder.



Vierzigstes Kapitel.

Gryce wußte recht gut, daß er keine leichte Aufgabe vor sich hatte. Mochte er selbst auch noch so fest von Orkutts Schuld überzeugt sein, der Welt gegenüber genügte das nicht. Es galt, den Beweggrund aufzuhellen, der den Rechtsanwalt zu der Missetat getrieben hatte, und ihn mit unumstößlicher Sicherheit darzulegen. Doch ließ der Detektiv den Mut nicht sinken. Er rief seine beiden Gehilfen zu sich, um mit ihnen über Mittel und Wege zu beratschlagen, die zum Ziele führen könnten.

Frau Klemmens muß jedenfalls in Orkutts Leben eine wichtigere Rolle gespielt haben, als sich bei einer so einfachen Frau vermuten läßt, begann er. Sollte ihr vielleicht eine unehrenhafte Handlung aus seiner früheren Zeit bekannt gewesen sein und sie dadurch Gewalt über ihn erlangt haben? Ist Ihnen nichts der Art zu Ohren gekommen?

Ich habe mit verschiedenen Leuten über den Rechtsanwalt gesprochen, entgegnete Byrd. Zu meinem Erstaunen hörte ich manches abfällige Urteil; er scheint sich keiner besonderen Zuneigung erfreut zu haben, aber seinen guten Ruf hat niemand angetastet. Dem weiblichen Geschlecht gegenüber soll er sehr zurückhaltend gewesen sein und niemals die Absicht bezeugt haben, sein Junggesellenleben aufzugeben, bis er Imogen Dare kennen lernte.

Sonderbar, murmelte Gryce. Wie lange wohnt Frau Klemmens wohl schon in hiesiger Stadt?

Seit fünfzehn Jahren.

Und Orkutt? – Wann ist er hergezogen?

Ungefähr um dieselbe Zeit wie sie.

Von wo kam er denn?

Aus einer Stadt in Nebraska.

Und sie?

Auch aus Nebraska, ob aber aus demselben Ort weiß ich nicht.

Das müssen wir erfahren, sagte Gryce. Wissen Sie nicht, Byrd, wo er seine Studien gemacht hat und ob er schon einen bedeutenden Ruf genoß, ehe er nach Sibley kam?

Ich glaube, er hat erst hier seine Praxis angefangen. Haben Sie nichts davon gehört, Hickory?

Ja, Herr Ferris sagte mir heute morgen, Orkutt habe den Anwaltsberuf erst hier ergriffen. Er soll früher Schullehrer in einem kleinen Orte im Westen gewesen sein. Als aber der Sohn des alten Stephan Orkutt starb, trat er an dessen Stelle hier bei seinem Onkel ins Bureau.

Der alte Orkutt war ein guter Anwalt.

Aber nichts im Vergleich zu seinem Neffen; dem ging gleich alles mit der größten Leichtigkeit von der Hand, in kürzester Zeit hatte er sich einen Namen gemacht.

Gryce versank in Nachdenken. Mich soll's nicht wundern, sagte er, wenn das Geheimnis, nach dem wir suchen, aus alter Zeit stammt, vielleicht noch von seinem Aufenthalt im Westen. Seit zehn Jahren legt Frau Klemmens jede Woche eine Summe Geldes in die Bank. Wo hat sie es her? Von Orkutt natürlich. Und wofür? Etwa als Bezahlung für sein Mittagessen? Nein, um ihr Schweigen zu erkaufen über einen Umstand, der geheim bleiben sollte.

Aber sie ist seit fünfzehn Jahren hier, und erst seit zehn Jahren machte sie die Einzahlungen.

Vielleicht war er im Anfang in seinen Mitteln zu beschränkt, um ihr größere Summen zu bieten.

So handelt es sich also darum, sein früheres Leben im Westen zu erforschen?

Das ist Ihre Aufgabe; die meinige soll indessen sein, über Frau Klemmens Näheres aus jener Zeit zu erfahren. Das verbindende Glied zwischen beiden wird sich dann von selbst ergeben. Orkutts letzte Worte: »alles um deinetwillen, Imogen,« müssen eine besondere Bedeutung gehabt haben.

Ohne Aufschub begab sich Gryce nach Orkutts Hause, um die Privatpapiere des Verstorbenen einer genauen Durchsicht zu unterwerfen und womöglich irgendeinen Hinweis auf das Vorleben des Verstorbenen zu entdecken. Aber seine Bemühung war umsonst. Auch in der Wohnung der Witwe war er nicht glücklicher. Aus ihren Briefen schöpfte er nur die Gewißheit, daß sie ihre Vergangenheit ängstlich vor aller Augen verhüllte, weil sie irgendein gefährliches Geheimnis barg.

Gryce blieb als letztes Auskunftsmittel jetzt nur noch übrig, Emilie Firman zu Rate zu ziehen, die einzige Person, von der er wußte, daß sie Frau Klemmens gekannt hatte, ehe diese nach Sibley kam. Zwar hatte Fräulein Firman schon vor dem Coroner alles ausgesagt, was sie wußte, aber Gryce war der Ansicht, kein Brunnen sei so leer, daß er nicht noch ein paar Tropfen Wasser hergebe, wenn man nur recht zu pumpen verstehe.



Einundvierzigstes Kapitel.

Fräulein Firman, wenn ich nicht irre?

Das hagere, große Fräulein mit den angenehmen Gesichtszügen sah weit älter und sorgenvoller aus als beim Verhör. Sie stand von dem Platz in ihrem Wohnzimmer auf und betrachtete den unerwarteten Besuch mit verwunderten Blicken.

Mein Name ist Ihnen vielleicht unbekannt, fuhr der Fremde mit freundlicher Stimme fort. Ich heiße Gryce, und Sie sind, soviel ich weiß, eine Verwandte der Frau Klemmens, die in Sibley auf so schmähliche Weise ermordet wurde. Natürlich liegt Ihnen viel daran, daß der Mörder entdeckt wird; da dies nun auch mein Wunsch ist, haben wir beide das gleiche Interesse, nicht wahr?

Er sprach diese Worte zwar mit besonderer Betonung, aber ohne jede verletzende Vertraulichkeit. Fräulein Firman verstand ihre Bedeutung.

Sie sind ein Detektiv, rief sie eifrig. Ist etwa Craik Mansell freigesprochen worden?

Das Urteil ist noch nicht gefällt, und die Verhandlung einstweilen vertagt worden, damit er einen neuen Anwalt wählen kann.

Fräulein Firman bat Gryce, Platz zu nehmen. Was führt Sie denn zu mir? fragte sie ohne Umschweife.

Das will ich Ihnen sagen, erwiderte er offenherzig.



Nicht wahr, Sie halten Craik Mansell für unschuldig? Ich auch.

Das freut mich, rief sie und streckte ihm die Hand entgegen, die er verständnisvoll drückte. Craik wäre ja nicht seiner Mutter Sohn, wenn er eine solche Untat verüben könnte. Aber die Beweise sprechen alle gegen ihn; wie kommt es, daß Sie an seine Unschuld glauben?

Ich habe mit ihm gesprochen und mit Fräulein Dare. Auch war ich zugegen, als sein Verteidiger im Sterben lag.

Herr Orkutt – was hat das damit zu tun?

Die verwunderte Frage vernichtete seine kühnen Hoffnungen; er schlug einen andern Ton an.

Sie haben also den Rechtsanwalt nicht gekannt? Er war doch fast täglich im Hause Ihrer Cousine; haben Sie diese denn nie in Sibley besucht?

Doch, einmal. Ich hatte auch die Ehre, ihn dort zu sehen, aber seine Bekanntschaft machte ich darum noch nicht.

Er war wohl stolz und verschlossen?

Nicht besonders; nur wie man das in unserem Stande von einem solchen Herrn nicht anders erwarten kann.

Gryce holte tief Atem. Aus diesem leeren Brunnen schien es wirklich unmöglich, noch etwas herauszupumpen.

Warum fragen Sie mich nach Herrn Orkutt? Hat etwa sein Tod Einfluß auf den Prozeß des jungen Mansell?

Jawohl, das ist es eben, entgegnete Gryce schnell. Wo hat denn Frau Klemmens die Bekanntschaft des Rechtsanwalts gemacht? Wohl irgendwo im Westen?

Nicht, daß ich wüßte. Ich habe immer geglaubt, sie wären zuerst in Sibley bekannt geworden.

Sie kamen doch aber beide aus Nebraska, vielleicht hatten sie sich dort schon getroffen?

Davon weiß ich nichts; meine Cousine hat es nie erwähnt, –

Es war für Gryce eine starke Geduldsprobe, aber er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. –

Ich dachte, sie wäre in Toledo aufgewachsen, sagte er.

Jawohl. Sie war eine Waise und mußte früh für ihr Fortkommen sorgen. In einem Gasthaus in Swanson brauchte man eine Kellnerin, und sie nahm die Stelle an.

Hm! Also doch in Nebraska! Blieb sie denn in der Stelle bis zu ihrer Verheiratung?

Ich glaube wohl, aber aus jener Zeit weiß ich wenig. Wir sprachen nie darüber, es war ihr zu schmerzlich.

Weshalb denn?

Weil sie dort ihren Mann so früh verlor.

So? – wissen Sie mir gar nichts Näheres darüber zu sagen?

Nein, höchstens wäre meine Mutter imstande gewesen, Ihnen Auskunft zu geben. Doch können wir sie nicht darum befragen, ohne sie allzusehr aufzuregen. Ihre schon vorher schwache Gesundheit ist durch den Schrecken über die Ermordung meiner Cousine so erschüttert worden, daß sie kaum mehr das Bett verläßt.

Aber Sie haben ihr doch mitgeteilt, was sich weiter zugetragen, die Gerichtsverhandlung, Orkutts Tod – –

Freilich; auch fragt sie mich, sobald sie sieht, daß ich die Zeitung lese, ob keine Nachricht aus Sibley darin steht. Ich vermeide es aber so viel wie möglich, den Prozeß zu erwähnen; des Rechtsanwalts schreckliches Ende hat sie nämlich so ergriffen, daß ich ernstlich für ihren Verstand fürchte. Sie gerät seitdem häufig in fieberhafte Unruhe und führt ganz wirre Reden.

Das muß Ihnen ja rechte Sorge machen; wie äußert sie sich denn zum Beispiel?

Sie murmelt in ihrem geistesschwachen Zustand viel vor sich hin, was ich nicht verstehe, auch verspricht sie sich manchmal und sagt Frau Orkutt statt Frau Klemmens. Erst vorhin rief sie im Halbschlafe: »Marie Anna, warum hast du mir's gesagt, hättest du doch dein Geheimnis Emilien anvertraut. Nun muß ich ihr verschweigen, daß eigentlich Frau Orkutt –« weiter kam sie nicht. –

Gryce rieb sich vergnügt die Hände; der Brunnen war doch nicht ganz ausgetrocknet. –

Seltsam, rief er, aber für mich von großer Wichtigkeit. Glauben Sie mir, nicht von ungefähr bringt Ihre Mutter Orkutts Namen mit dem ihrer unglücklichen Nichte in Zusammenhang; das muß eine tiefere Bedeutung haben, denn ich sage Ihnen: Orkutt und kein anderer war der Mörder der Witwe Klemmens.

Ihr Mörder? Nicht möglich!

Das ist meine feste Ueberzeugung, versicherte Gryce feierlich. Soviel es ihm nötig schien, machte er hierauf Emilie Firman mit den Einzelheiten des Falles bekannt. Sie vernahm seine Erklärungen mit grenzenlosem Erstaunen.

So verbirgt meine Mutter am Ende wirklich ein Geheimnis vor mir, rief sie. Hätte ich es doch ahnen können, gewiß hat ihr das auf der Seele gelastet und sie so schwer bedrückt. Wer weiß, ob nicht der Briefumschlag etwas damit zu tun hat, den sie so ängstlich bewacht. Sie hält ihn stets unter dem Kopfkissen versteckt, seitdem sie das Bett hütet. Ich glaubte, es seien Briefe meines Vaters, aber –

Trägt der Umschlag eine Aufschrift? Ich möchte wohl wissen, was darin ist.

Wozu – hat das für Sie irgendein Interesse? Gewiß würde die Mutter merken, wenn man das Papier entfernte; es könnte sie ängstigen und ihr schaden.

Stecken Sie ihr einen andern Umschlag mit einem zusammengefalteten Papier unter das Kissen.

Weshalb soll ich sie täuschen?

Um Craik Mansell zu retten.

Den jungen Mansell kann doch das unmöglich etwas angehen.

Vielleicht ist weder leeres Papier in dem Umschlag noch alte Briefe Ihres Vaters – vielleicht enthält er irgendeine Urkunde – einen Trauschein zum Beispiel –

Einen Trauschein? –

Ja – eine Bescheinigung der Heirat von Frau Klemmens mit Herrn Orkutt. Wäre das der Fall, so könnte man ohne allzu großen Scharfsinn vorhersagen, daß die Folge davon Craik Mansells Freisprechung sein würde.

Marie Anna – Herrn Orkutts Frau? Unmöglich! rief Emilie Firman erregt; schon stand sie auf der Schwelle des Schlafzimmers.

Es sind schon weit unwahrscheinlichere Dinge in dieser Welt geschehen, entgegnete Gryce mit überlegenem Lächeln; Frau Klemmens kann sehr wohl Frau Orkutt gewesen sein.

Länger vermochte Emilie Firman ihre Neugier nicht zu bezähmen. Sie ließ den Detektiv stehen und schlich leise an das Bett ihrer Mutter. Bald kam sie mit geröteten Wangen zurück.

Ich habe den Umschlag, stieß sie hervor und nahm aus der Schürze ein Paket, das sie mit fliegender Hast öffnete. Dicht beschriebene Blätter lagen darin.



Zweiundvierzigstes Kapitel.

Die Frist, welche Gryce verlangt hatte, war vorüber. Vor dem Bezirksanwalt standen die Detektivs, um ihm Bericht zu erstatten.

Nun, haben Sie gefunden, was Sie suchten? fragte Ferris gespannt.

Mein Verdacht hat sich bestätigt, war Gryces Erwiderung. Orkutt hat in der Tat Frau Klemmens umgebracht, weil sie seiner Heirat mit Imogen Dare im Wege stand. Sie war nämlich seine eigene Frau.

Orkutts Frau?! –

Ja, und zwar schon seit vielen Jahren, schon ehe sie nach Sibley kamen.

Ferris glaubte zu träumen.

Sie lernten sich während ihres Aufenthalts im Westen kennen, nahm jetzt Byrd das Wort. Der arme Schulmeister verliebte sich in die hübsche Kellnerin und beredete sie, ihn zu heiraten, aber die Ehe geheim zu halten, damit sie ihre einträgliche Stelle in dem Gasthaus nicht verliere. Hierin tritt schon seine kalt berechnende Natur zutage.

Und sie wurden wirklich getraut?

Sie stehen im Register.

Hat er denn seine Heirat niemals veröffentlicht?

Es scheint nicht. Die Frau war ihm zu ungebildet, und als er einen Monat später den Ruf hierher erhielt, wo sich ihm die glänzende Laufbahn als Rechtsanwalt eröffnete, dachte er sie im Stich zu lassen. Er entfernte sich heimlich aus der Stadt und hatte bereits die zwanzig Meilen entfernte Eisenbahnstation erreicht. Die Abfahrt des Zuges verzögerte sich jedoch, und es gelang ihr, den Flüchtigen einzuholen. Ein stürmischer Auftritt fand statt, von dem ich natürlich nichts Näheres weiß. Orkutt sagte ihr ohne Zweifel, daß ihm eine Frau aus niederem Stande, wie sie, in seiner veränderten Lebensstellung nur hinderlich sein würde, worauf sie dann erwidert haben mag, wenn er schlecht genug sei, sie zu verlassen, so wolle sie ihn nicht halten; die Lebensgefährtin eines solchen Menschen zu sein, wäre ohnehin kein Glück. Er möge gehen, aber zuvor ihre Ansprüche anerkennen und ihr ein Jahrgeld aussetzen. Jedenfalls ward ein derartiges Abkommen getroffen, denn er kam hierher und sie ging nach Swanson zurück. Lange hielt sie es jedoch dort nicht aus, bald darauf finden wir sie in Sibley, wo sie in seiner nächsten Nähe ihren kleinen Haushalt einrichtete. Ja noch mehr, sie bewog ihn, sie täglich zu besuchen und bei ihr zu speisen. Daß er ihr wenigstens diese Aufmerksamkeit erweise, hielt sie für recht und billig, und begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß keine andere Frau die Stelle einnehmen dürfe, die ihr gebührte.

Wahrscheinlich ist dies der Anlaß zu ihrem Tode gewesen. Sie wollte alles ertragen, aber eine Nebenbuhlerin duldete sie nicht. Er kannte sie und beging das Verbrechen, um nicht auf den Besitz des Weibes zu verzichten, das er liebte.

Sie scheinen ja sehr genau unterrichtet zu sein, sagte Ferris, darf ich fragen, woher Sie das alles wissen?

Aus Briefen, erwiderte Gryce, und zog ein dickes Paket vergilbter Blätter aus der Rocktasche. Glücklicherweise war Frau Klemmens eine von denen, die ihre Gefühle gern zu Papier bringen.

Wo haben Sie das entdeckt? fragte Ferris, die ihm bekannten Schriftzüge der Witwe betrachtend.

An einem merkwürdigen Ort, entgegnete der Detektiv; die alte Frau Firman hatte die Aufzeichnungen in Verwahrung. Vor etwa zwei Jahren nämlich vermißte Frau Klemmens – das heißt Frau Orkutt – ihren Trauschein, den sie an einem verborgenen Ort aufbewahrte. In der Angst, daß Orkutt sich ihrer entledigen wolle, beschloß sie, ihre alte Tante, Frau Firman, ins Vertrauen zu ziehen und übergab ihr jene Blätter, eine Art Tagebuch, das sie von Zeit zu Zeit fortgeführt hatte.

Hier ist noch ein Brief von anderer Hand, bemerkte Ferris.

Ein Versuch der alten Dame, die Geschichte aufzuschreiben, wie sie ihr erzählt worden, und zu erklären, wie die Blätter in ihren Besitz gekommen sind, für den Fall ihres plötzlichen Todes oder eintretender Altersschwäche. Es war eine weise Vorsicht. Frau Firman ist infolge des Schrecks über die Ermordung ihrer Cousine schwachsinnig geworden; wir hätten also über das Tagebuch der Witwe keinen Aufschluß mehr von ihr erhalten können. Ja, wir würden von dem Vorhandensein dieser wichtigen Papiere vielleicht noch lange Zeit nichts erfahren haben, wäre mir das Glück nicht besonders günstig gewesen.

Ich will die Blätter lesen, sagte Ferris dumpf.

Hier ist auch noch ein Telegramm aus Swanson mit der Nachricht, daß die Heirat von Tremont Orkutt und Marie Mansell in dem alten Kirchenregister steht, fügte Gryce hinzu.

Mit kummervollem Blick nahm der Bezirksanwalt die Papiere in Empfang. Als sich die Detektivs entfernt hatten, blieb er noch lange in trübe Gedanken versunken sitzen und konnte sich nur schwer entschließen, diese Beweise von der Falschheit und Treulosigkeit seines ehemaligen Freundes einer genauen Durchsicht zu unterwerfen.

Aber als er endlich mit dem Lesen des Tagebuchs zu Ende war, mußte er zugeben, daß ihm Gryce die volle Wahrheit mitgeteilt hatte.



Dreiundvierzigstes Kapitel.

Helene!

Ja, Imogen.

Was für ein Lärm ist denn das? Warum schreien die Leute auf der Straße so?

Die junge Frau Richmond, die noch vor kurzem Helene Darling hieß, blickte in das abgezehrte, vom Fieber gerötete Antlitz ihrer Freundin und schwieg eine Weile, dann flüsterte sie:

Du warst so krank, ich durfte dir's nicht sagen; aber jetzt sollst du alles wissen, die Freude wird dich gesund machen: das Volk jubelt draußen, weil ein unschuldig Angeklagter endlich freigesprochen ist. Craik Mansell ist heute früh aus der Haft entlassen worden.

Er ist frei – o Helene!

Ja, liebes Herz; seltsame Dinge sind ans Licht gekommen, während du hier krank lagst. Der Rechtsanwalt Orkutt – –

O, rief Imogen und versuchte aus dem Lehnstuhl aufzustehen, in dem sie geruht hatte, du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich war ja bei ihm, als er starb, und hörte sein Geständnis. Er und kein anderer hat Frau Klemmens umgebracht.

Daran ist kein Zweifel mehr, aber weißt du auch, was ihn zu dem Verbrechen trieb?

Das ist mir ein unergründliches Rätsel. Er sagte, um meinetwillen habe er es getan – aber, wie kann das sein, Helene?

So weißt du es nicht? Die Ermordete war seine Frau, seit vielen Jahren mit ihm verheiratet.

Seine Frau! Und er wagte es, mir von Liebe zu sprechen, mir die Hand anzutragen, die noch von dem Blut seiner Gattin befleckt war. O, der schändliche Bösewicht!

Er ist tot! flüsterte Helene besänftigend.

Imogen sank mit einem tiefen Seufzer in den Stuhl zurück. Ich darf nicht an ihn denken, rief sie; ich bin nicht stark genug. Aber Craik – Craik ist freigesprochen. – Welch ein Glück! –

Die ganze Stadt ist voll Freude darüber.

Aus Imogens Augen leuchtete seliges Entzücken.

Das habe ich kaum zu hoffen gewagt, sagte sie endlich, Herr Gryce versprach mir nur, der Bezirksanwalt würde die Anklage fallen lassen, und Craik in Freiheit gesetzt werden.

Ich weiß, erwiderte Helene, allein der Angeklagte wollte sich dabei nicht beruhigen, er verlangte sein Urteil von den Geschworenen. Herr Ferris war großmütig genug, den Antrag auf Freisprechung zu stellen; als der Richter jedoch zögerte, darauf einzugehen, erhob sich der Obmann der Geschworenen und erklärte, sie seien bereit, ihr Urteil abzugeben. Der Richter war hiermit einverstanden, und es erfolgte einstimmig ein glänzendes »Nichtschuldig«.

O Helene, Helene!

Das geschah vor einer Stunde, berichtete die Freundin weiter, und noch immer schreien und jubeln sie draußen. Die Stadt ist schon seit mehreren Tagen in der größten Aufregung.

Aber woher weißt du, was heute vor Gericht stattgefunden? fragte Imogen mit forschendem Blick.

Herr Byrd hat es mir erzählt. Er kam, um dir Lebewohl zu sagen, weil er heute nachmittag nach Hause reist.

Ich hätte ihn gern noch einmal gesehen, erwiderte Imogen.

Meinst du? sagte die junge Frau kopfschüttelnd; mir scheint, es wäre besser so; es hätte dich aufgeregt.

Als aber nach einer Weile Gryce angemeldet wurde, hegte die junge Frau kein Bedenken, den wohlwollenden freundlichen Herrn ohne weiteres vorzulassen. Gryce war offenbar nicht zum erstenmal hier im Hause, und auch er hielt eine frohe Botschaft für die beste Arznei.

Nun, sagte ich's nicht, Sie sollten sich mir anvertrauen, ich würde schon alles ins reine bringen? rief er mit strahlendem Lächeln. Jetzt sehen Sie, daß ich recht hatte.

Wie soll ich Worte finden, Ihnen zu danken? erwiderte Imogen gerührt. Sie haben zwei Menschen das Leben gerettet, Herr Gryce, ihm und mir.

Bitte, bitte, rief der Detektiv abwehrend, was ich dabei getan habe, ist nicht der Rede wert. Wäre der große Baumast nicht herabgefallen, Orkutts Gewissen hätte sich schwerlich geregt. Was dann aus uns geworden wäre, weiß ich freilich nicht, denn mit Mansells Angelegenheit sah es schlimm genug aus.

Imogen schauderte.

Ich bin aber nicht hergekommen, um unerfreuliche Erinnerungen wachzurufen, fuhr Gryce fort, sondern um Ihnen Glück zu wünschen und frohe Genesung. – Wissen Sie denn, sagte er vertraulich näherrückend, wie Mansell überhaupt dazukam, Sie für schuldig zu halten?

Nein, erwiderte sie trübe, wahrscheinlich weil sich der Ring an der Mordstätte fand, und er nicht glaubte, daß ich ihm denselben zurückgegeben habe.

Bewahre, sagte Gryce eifrig, er hatte einen weit triftigeren Grund.

Von dem Wunsche beseelt, auch das letzte Mißverständnis aufzuklären, teilte er ihr nun mit, welche Worte ihr Geliebter Frau Klemmens hatte sagen hören, als er an der Eßzimmertür stand.

Imogen war tief erschüttert und wandte das Gesicht ab, um ihre Gemütsbewegung zu verbergen. Es lag etwas von ihrer alten Kraft in diesem innern Kampf.

Wie seltsam, bemerkte sie nach einer Weile. Ich hatte einen so guten Grund, ihn für schuldig zu halten, und er ebensoviel Ursache zu seinem Verdacht gegen mich. Kein Wunder, daß wir aneinander irre wurden. Doch kann ich mir meine Zweifel nie verzeihen; die seinen sind weit eher zu entschuldigen. Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, wie sehr Imogen Dare ihm dankt, daß er sich ihr gegenüber so edelmütig erwies, obgleich er glauben mußte, sie sei durch ein schimpfliches Verbrechen befleckt. Sagen Sie ihm, daß sein Argwohn weit gerechtfertigter war, als der meine, denn er kannte die Schwächen meines Charakters, während ich von ihm nichts wußte, was ihm nicht zur Ehre gereichte.

Mir scheint, Sie täten weit besser daran, ihm das alles selbst zu sagen, Fräulein Dare.

Dazu werde ich keine Gelegenheit haben. Mansell und ich werden uns nicht wiedersehen. Meine letzten Aussagen vor Gericht haben mir einen unauslöschlichen Makel aufgedrückt; die Kluft zwischen uns läßt sich nicht überbrücken, sie trennt mich auf immer von Liebe und Freundschaft. Niemand, selbst derjenige nicht, um dessentwillen ich meineidig geworden bin, kann die Schmach von mir nehmen.

Das ist hart, meinte Gryce.

Ja, mein Geschick ist hart, war ihre Antwort.

Der kluge erfahrene Mann, der die Welt und das menschliche Herz so genau kannte, lächelte vor sich hin, doch erwiderte er nichts. Es schien ihm nun an der Zeit, Abschied zu nehmen.

Der große Rechtsfall von Sibley ist zu Ende, begann er, die Stadt hat von sich reden gemacht und kann nun ausruhen von all der Aufregung. Wir Detektivs haben es nicht so gut, für uns gibt es weder Ruhe noch Rast.

Sie wollen fort? fragte Imogen; auf ihrer Stirn lagerte eine düstere Wolke.

Ja, entgegnete er, aber ich verlasse den Ort nur ungern und nicht ohne Reue. Wir haben uns alle mehr oder weniger Vorwürfe zu machen. Trotz meiner redlichen Absicht kann ich mir nicht verhehlen, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach der Anstifter des Verbrechens gewesen bin. Hätte ich Orkutt nicht gezeigt, auf welche Weise ein Mann wie er den Mord ausführen könne, ohne Verdacht zu erregen, wer weiß, ob er den Mut zu der Missetat gehabt hätte. Glauben Sie mir, Fräulein Dare, der Gedanke liegt mir schwer auf der Seele.

Aber Sie konnten doch nicht wissen, daß einer der Zuhörer verbrecherische Absichten hegte, warf Imogen ein.

Ein Detektiv muß alles wissen. Er hat Gelegenheit genug, die Menschen kennen zu lernen. Aber mir soll so etwas nicht zum zweitenmal passieren. Selbst in der auserlesensten Gesellschaft werde ich mich nie wieder des längeren darüber verbreiten, wie man ungestraft ein Verbrechen begehen kann. Man läuft stets Gefahr, einem Orkutt zu begegnen.



Imogen ward bleich. Sprechen Sie nicht von ihm! rief sie, ich will vergessen, daß ein Mann, wie er, je gelebt hat.

Gryce lächelte zustimmend. Das ist das beste, was sie tun können, sagte er. Fangen Sie ein neues Leben an, liebes Kind; fangen Sie ein neues Leben an!

Mit diesem väterlichen Rat nahm er Abschied, und sie sah sein kluges, freundliches Gesicht nie wieder.

Als Imogen allein war, fiel es ihr schwer aufs Herz, daß zwar Craik Mansell gerettet sei, aber ihr eigenes Lebensglück auf immer zerstört. Sie empfand das jetzt schmerzlicher, als je zuvor. Im Geist sah sie Mansell umdrängt von Freunden und Bewunderern und meinte, im Gefühl ihrer eigenen Verlassenheit, es wäre fast besser gewesen, wenn die Krankheit ihrem traurigen, entehrten Leben ein Ende gemacht hätte.

Helene Richmond, die sie in Schwermut versunken sah, versuchte nicht, sie zu trösten. Doch horchte sie auf jedes Geräusch, und als sie draußen einen Schritt vernahm, stand sie auf und ging aus dem Zimmer; die Tür ließ sie offen stehen.

Imogen überließ sich nun ganz ihrer schmerzlichen Stimmung, bis ihre Augen, die so lange keine Tränen vergossen hatten, feucht wurden, und schwere Tropfen ihr an den Wimpern hingen. Da raffte sie sich auf und schaute sich schnell um, ob jemand sie beobachtete. Aber das Zimmer war leer und eben wollte sie wieder in den Stuhl zurücksinken, als ihr Blick auf die geöffnete Tür fiel und wie gebannt darauf haften blieb. Dort stand eine hohe, männliche Gestalt mit strahlenden Augen und zärtlichem Lächeln.

Nicht das dunkle Geschick, das sich ihr Trübsinn ausgemalt hatte, lag vor ihr: eine andere Zukunft erwartete sie, ein neues Leben im Sonnenschein der Liebe und des Glücks.