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Auguste Groner – Am Verlobungstage.

Kriminalroman

Auguste Groner, Am Verlobungstage, Roman in Fortsetzungen, Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Deutsche Verlagsgesellschaft, Leipzig, 1903


Erstes Kapitel.

Dort, wo das französische Departement Finistére1 tatsächlich schon bald zu Ende ist, liegt im Bezirke Quimper die kleine, uralte Stadt Concarneau. Sie ist von großem malerischen Reiz, der nicht nur auf den grauen Befestigungsmauern, den gewundenen Straßen und den altväterischen Häusern liegt, sondern der auch von der zerklüfteten Küste ausgeht, auf welcher ein gut Teil der romantischen Geschichte des mittelalterlichen Frankreichs sich abgespielt hat. Ziemlich im Hintergrunde der Bai de la Forest gelegen und fast allseitig von Wasser umspült, nährt sich die gute Stadt vom Sardellenfang und von ihrem – Reiz. Zumeist jedoch, wenigstens in der Neuzeit, von ihrem Reiz, der jährlich Hunderte von Künstlern anzieht, so daß Concarneau mit Recht für eine der am meisten besuchten Malerkolonien gilt.

Aus aller Herren Ländern kommen sie hin, die malbeflissenen Männlein und Weiblein, um mit mehr oder weniger großem Geschick die unnachahmliche Durchsichtigkeit der Wogen und die ebenso unnachahmlichen Tinten der Luft, die sich über diesem interessanten Erdzipfel mit zuweilen ganz unbeschreiblich schönen Dunstgebilden schmückt, nachzuahmen.

Und nicht nur vor jeder pittoresken Felspartie und jeder alten Mauer, die sich zwischen Concarneau und dem ihm benachbarten Fischerdörfchen Pont-Aven erhebt, haben schon Staffeleien gestanden, auch draußen im Meere, auf den kleinen Glenainseln, wird der Pinsel fleißig gehandhabt, werden in allen Sprachen der Welt Kunstgespräche geführt, gleiten entzückte, suchende, abschätzende Augen über die nur zuweilen lächelnde, meist aber großartig ernste Natur.

Kurzum – Concarneau gehört den Malern!

– – – – – – – – – – – – –

An einem Februartag des Jahres 1884 gingen Jan Frit, ein junger Antwerpener Künstler, und ein etwa vierzigjähriger, eleganter Herr langsam die Hafenstraße entlang.

Es war ein ungemein stürmischer Tag. Die schweren Wolkenmassen lagerten fast auf dem Meere, das, jetzt glanzlos und düster, unter tollem Lärm gegen den Kai anschlug und die Schiffe, welche gut verankert im kleinen Hafen lagen, einen hüpfenden, fast lächerlichen Tanz ausführen ließ. Ein feiner Sprühregen, der schon seit Stunden niederging und alles triefen machte, begann soeben, sich in einen richtigen Guß zu verwandeln.

»Nun, Herr König, haben Sie noch nicht genug Feuchtigkeit an und um sich?« fragte Jan Frit lächelnd, indem er den Kragen seines Überrocks aufschlug.

»Lassen Sie mich nur noch ein bißchen den für mich so seltenen Anblick genießen,« bat König. »Man hatte recht, als man mir sagte, daß Concarneau unter allen Umständen prächtige Stimmung hat.«

»Es ist tatsächlich so,« gab der Niederländer zu. »Trotzdem jedoch freue ich mich auf ein Glas Burgunder bei Papa Briac » Eine Weile noch genoß der andere das interessante Schauspiel, welches die aufgeregte See bot, die sich das alte Städtchen holen zu wollen schien, dann bogen die beiden Herren in ein krummes Gäßchen ein, woselbst Papa Briac eine gemütliche Weinstube hielt, in welcher das Künstlervolk sich besonders gern zusammenfand.

»Sie werden mich heute mit le Jeune bekannt machen?« fragte König.

»Und mit Fleury und der hübschen Miß Kildonan, einem reizenden Weibe,« setzte der junge Maler hinzu.

»Das ist die Dame, deren »Klippenküste bei Sturm« in Paris so großen Anklang fand? Das Bild hat auch mir imponiert.«

»Dieselbe. Hoffentlich wird die niedliche Miß Ihnen nicht weniger gefallen als ihr Bild.«

»Werde ich auch ihr Atelier sehen können?«

»Atelier? – Wenn Sie ihr Kämmerchen so nennen wollen – warum denn nicht? Die kleine Kildonan, die eine so große Künstlerin ist, lebt nämlich in ziemlicher Dürftigkeit.«

»O!«

»Ja. Die Kritik« – Jan Frit verbeugte sich bei diesen Worten gegen seinen Begleiter – »ist natürlich einstimmig für sie, aber das Publikum kauft ihre Bilder nicht. Die Kildonan hat eben einen richtigen schottischen Hartkopf, sie macht dem Geschmack derer, die kaufen könnten, nicht das geringste Zugeständnis. Und die meisten verstehen ihre allerdings ein wenig eigenartige Kunst nicht.«

Jan Frit wollte noch allerlei über die von ihm vermutlich nach zwei Richtungen hin verehrte Kollegin sagen, aber da wurden seine Gedanken plötzlich von ihr abgelenkt.

Eine alte, ein wenig absonderlich aussehende Dame kam eilig aus einem Hause. Sie war sichtlich bekümmert und dachte in ihrem Kummer nicht daran, das alte Seidenkleid, das um ihre hagere Gestalt hing und das von einem einst prächtig gewesenen, jetzt fast schon schäbig wirkenden Samtmantel teilweise bedeckt war, aufzunehmen, sondern sie zog die Schleppe achtlos hinter sich her.

»Aber Madame Malachow – in diesem Wetter gehen Sie auf die Straße?« redete Frit die Frau an, indem er höflich den Hut vor ihr abnahm.

Frau Malachows welkes Gesicht erhellte sich ein wenig, als sie Frit erkannte. Sie reichte ihm die Hand. »Ich muß zum Doktor,« sagte sie seufzend, »Iwan geht es heute ziemlich schlecht.«

»Das Wetter – das abscheuliche Wetter! Heute geht es keinem Menschen gut,« suchte Frit Frau Malachow zu trösten. »Aber ich will selbst den Doktor holen. Gehen Sie nur wieder hinauf – Ich kann Sie natürlich hier nicht stehen lassen,« wendete er sich ohne jede Verlegenheit an König, »Sie gehen am besten mit Frau Malachow. Im Atelier Iwans finden wir uns wieder.« Damit war der ausnahmsweise sehr lebhafte Niederländer schon fort.

So blieb denn König nichts anderes übrig, als der alten Dame, die ihn mit freundlicher Geste dazu einlud, zu folgen.

»Nur wenn das Atelier, in welchem ich Herrn Frit erwarten soll, tatsächlich ein Raum ist, in welchem ich niemand störe, nehme ich Ihre Erlaubnis an, gnädige Frau,« sagte König zu seiner Führerin.

»Mein Sohn wird gar nicht wissen, daß er einen Gast hat. Kommen Sie also ruhig mit, mein Herr.«

In der ersten und einzigen Etage des Hauses angelangt, führte Frau Malachow ihren Gast in einen großen, hellen Raum, dessen Ausstattung bewies, daß er ernster Arbeit gewidmet war. »Wollen Sie es sich hier bequem machen!« sagte sie mit der eigenartigen Aussprache der Russen, nickte ihm freundlich zu und verließ das Atelier.

König sah sofort, daß er sich hier nicht langweilen würde, fand überhaupt, daß er in diesem guten Concarneau aus einer Anregung in die andere fiel. Natürlich war er darüber vergnügt und gab sich diesem Vergnügtsein mit vollem Behagen hin.

Daß in diesem Atelier nicht nur ein tüchtiger Mann sich eifrig seiner edlen Kunst hingab, was eine größere Anzahl vollendeter und begonnener Bilder bewies, sondern daß auch sorgende Frauenhände da walteten, konnte man aus der fast peinlichen Sauberkeit erkennen, welche hier überall herrschte und welche durch etliche Kleinigkeiten, die sozusagen über den hübschen Raum hingestreut worden waren, anmutig gemacht wurde. Gestickte Kissen und Teppiche, die reichlich vorhanden waren, nahmen dem sonst einfach eingerichteten Raum alle Kahlheit, und einige hübsch gestellte Gruppen verschiedener Pflanzen verliehen ihm eine große Freundlichkeit. Ein Umstand jedoch befremdete den berühmten Kunstkritiker. Es gab da keine farbenbesetzte Palette, keine nassen Pinsel und kein Bild auf der Staffelei, vor welcher König jetzt nachdenklich stand, nachdem er mit Freude und Bewunderung und auch mit einem gewissen grüblerischen Staunen die vorhandenen fertigen Kunstwerke betrachtet hatte. Der Künstler, welcher all dies geschaffen, war wohl ernstlich krank, der hatte wohl schon seit längerer Zeit den Pinsel aus der Hand gelegt.

»Wie schade, wenn es für immer wäre!« dachte König und ließ sich soeben in dem Sessel nieder, der vor der leeren Staffelei stand, als eine wohlklingende Stimme sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr, daß wir Sie so lange allein ließen.«

König hatte sich sofort wieder erhoben und verneigte sich vor der jungen Dame, welche auf ihn zu ging. »Mein Fräulein,« sagte er, »gestatten Sie mir, mich Ihnen vorzustellen, ehe ich Ihnen meinen Dank für den Genuß ausspreche, den ich hier im Atelier Ihres lieben Kranken gefunden habe.«

Sie lächelte und schüttelte das Haupt, indem sie in ihrer hübschen fremdklingenden Weise fortfuhr: »Das ist unnötig, Herr König. Jan Frit, der soeben mit dem Doktor gekommen ist, hat Frau Malachow und mir bereits gesagt, wen wir im Hause haben. Da bin ich denn sogleich gegangen, Sie im Namen Iwans – ich bin seine Braut – zu begrüßen; es tut mir wohl, daß Sie, der große, der unbestechliche Kunstkritiker, von »Genuß« sprachen.«

Das junge Mädchen streckte König beide Hände entgegen, und er beeilte sich, diese trotz mancher Arbeitsspuren schönen Hände kameradschaftlich zu schütteln, denn die junge Dame flößte ihm große Sympathie ein Sie waren bald in ein Gespräch vertieft, im Verlaufe dessen sie erfuhr, daß Doktor Hans König ständiger Mitarbeiter einer großen österreichischen Zeitung sei, daß er einen vierzehntägigen Urlaub erhalten habe, um verschiedene Kunstausstellungen zu besichtigen, daß ein Pariser Bekannter ihm geraten habe, nach Concarneau zu gehen, und daß er, wiewohl höchst befriedigt von diesem Ausflug, dennoch schon mit merkbarer Sehnsucht an seine Vaterstadt Wien denke, denn dort sollte – man schrieb jetzt den 27. Februar – am 3. März seine Verlobung gefeiert werden.

Er hatte recht launig seine Reise geschildert und hatte auch mit seinem Glücksgefühl nicht zurückgehalten, und das tat ihm jetzt leid, denn er bemerkte soeben, daß seiner Zuhörerin schöne Augen voll Tränen standen.

»Ich bin roh,« sagte er reuig. »Ich habe Ihnen weh getan. Ich vergaß, daß Ihr eigenes bräutliches Glück getrübt ist. Verzeihen Sie mir. Hoffentlich ist die Krankheit Ihres Verlobten nicht derart, daß sie zu ernster Besorgnis Anlaß gibt?«

Er erschrak über die Wirkung seiner Worte. Das Mädchen war in bitteres Weinen ausgebrochen.

»Mein Fräulein –« sagte er, »ich bitte –«

Da nahm sie sich zusammen und sagte leise: »Iwan ist so schwer krank, daß wir das Schlimmste fürchten müssen,«– Und plötzlich fuhr sie sehr lebhaft fort: »Deshalb freut es mich so innig, daß Sie, dessen Ruf auch hier bekannt ist, an seinen Werken Gefallen finden.«

»So großes Gefallen, mein Fräulein, daß ich mich sehr darüber wundere, Ihren Verlobten, der ein ganz bedeutender Künstler ist, noch in keiner Ausstellung vertreten gesehen zu haben, und daß ich mich schäme, eingestehen zu müssen, daß mir sein Name bis vor einer Stunde durchaus fremd war.«

Er hatte sich bei seiner lebhaften Entgegnung unwillkürlich erhoben, und auch die junge Dame war auf gestanden. Er sah sie verwundert an. Sie benahm sich aber auch so, daß sie Verwunderung erregen mußte. Ihre Augen, die seltsam aufgeblitzt hatten, waren jetzt hartnäckig auf den Boden gerichtet, ihre Wangen wechselten wieder und wieder die Farbe, und sie schien ihre Zähne nur deshalb in die Unterlippe zu graben, um sich so selber am Reden zu verhindern.

Endlich redete sie aber doch, machte eine Bemerkung und ging sonderbarerweise auf ein weitab liegendes Thema über. »O, ich kenne Wien auch! War schon mehrmals dort.« Und dann fragte sie: »Sie besuchen vermutlich jede bedeutende Kunstausstellung?« Dabei sah sie ihm wieder voll, ihm schien es sogar lauernd, ins Gesicht.

Natürlich mußte er bejahen. Sie aber verfolgte diesen Gegenstand nicht weiter, was ihn auch wieder befremdete.

Es entstand eine Pause der Verlegenheit, die König schließlich damit beendete, daß er abermals an eines der Bilder, die an der Wand hingen, herantrat und dessen Vorzüge in streng fachlicher Art zu beleuchten begann, wobei sie ihm mit Interesse zuhörte.

»Auf eines bin ich noch nicht gekommen,« beendete König nachsinnend seine Kritik, »darauf nämlich, wer auf Iwan Malachow, der heute wie ein neuer Stern für mich aufgeht, Einfluß genommen hat. Ich kenne nämlich diese Art, den Pinsel zu führen, diese besondere Art der durchsichtigen Untermalung schon. Sie ist wohl von ein und demselben Meister auf mehrere seiner Schüler übergegangen, und ich habe diese Art zu malen schon irgendwo anders gesehen.«

»Und Sie finden sie gut, diese Art zu malen?« Des Mädchens Gesicht hatte wieder den scharf forschenden Ausdruck von vorhin.

»Ganz meisterhaft!« sagte König. »Wo kann ich sie denn nur schon gesehen haben?«

»Iwan verkauft seine Bilder alle nach Amerika,« sagte, auch wieder recht unvermittelt, die junge Dame und griff – merkwürdigerweise zitterte ihre Hand dabei – nach einem Medizinschächtelchen, das auf dem Tische lag, neben welchem sie stand. In der Tat – ihre Hand zitterte, denn das runde Schächtelchen entglitt ihr und rollte ein gutes Stück über den Boden.

König wollte es aufheben, ging deshalb dem Schächtelchen nach und griff danach; da rollte es noch ein Stückchen weiter, unter eine Etagere, auf deren Fächern volle Mappen lagen.

»Bitte, lassen Sie doch die Schachtel, sie ist leer.«

»Mich dünkt, daß ich hier vor einer Art Schatzkammer stehe,« sagte König, und seine Augen konnten sich dabei von einem Bildchen nicht trennen, das auf einer der Mappen lag. Schließlich langte er danach. »Ah – das ist ja prächtig, ganz prächtig!« rief er, sich in den Anblick des Bildchens versenkend, geradezu begeistert aus. »O, bitte, lassen Sie mich mehr von den intimen Arbeiten Ihres Verlobten sehen! In seinen Skizzen, in seinen Entwürfen lernt man ja eigentlich einen Künstler am genauesten kennen«

»Sie interessieren sich also sehr für Iwan?« fragte des Malers Verlobte.

»Ich möchte der Welt von ihm erzählen,« sagte König ernst. »Über solch eminente Begabung, über solch herrliches Können muß man doch reden.«

Die junge Dame atmete tief auf. »Sie wollten das? Sie wollten das wirklich, Herr Doktor?« rief sie erregt, und ihre Augen flammten dabei in düsterem Feuer. »Sie wollen Iwans Namen bekannt machen? O ja. Tun Sie das. Es ist nur Gerechtigkeit, wenn Sie ihm zu dem Ruhm verhelfen, den er so sehr verdient –

Und jetzt, mein Herr, jetzt sollen Sie sein intimstes Arbeiten kennen lernen, sollen Sie sehen, wie das entsteht, das ihm bisher nicht allzuviel Geld und – gar keine Ehre eintrug.«

»Es ist beides unbegreiflich,« sagte König, während er zusah, wie sie fieberhaft schnell den einzigen großen Tisch, der sich im Atelier befand, von allem, das darauf lag, befreite, um eine der Skizzenmappen darauf zu legen.

Und wieder leuchtete es in ihren Augen auf, während sie leidenschaftlich bewegt rief: »Wie froh bin ich, daß Sie gekommen sind! Sie, der Sie uns längst kein Fremder mehr sind, Sie sollen es wenigstens wissen, wie viel er kann – nein, wie viel er gekonnt hat!« schluchzte sie plötzlich auf und schlug die Hände vors Gesicht.

König verlor dieser sprunghaften Erregtheit gegenüber ein wenig seine Fassung. Er sagte dem Mädchen wohl wieder etliche Trostesworte, hielt selber jedoch von deren Wirkung nicht viel.

Die junge Dame aber besaß eine elastische Natur, sie hatte sich schon wieder in der Gewalt. Ihm freundlich zulächelnd meinte sie: »Es ist erbärmlich, daß man nicht stärker sein kann. Mein bißchen Kraft gebe ich eben an Iwans Krankenbett aus. Da muß ich heiter und sorglos scheinen, da lachen seine Mutter und ich und reden vergnügt von einer Zukunft, in welcher er sicher nicht mehr ist, so – als ob er darin die Hauptperson wäre. Das reibt auf, mein Herr – das kostet uns fast alle Kraft, und dazu kommt noch, daß Frau Malachow und ich zur Verstellung nicht geschickt sind, und ich fürchte, Iwan merkt schon, daß unsere Heiterkeit nichts als eine Komödie der Liebe ist, denn seit etlichen Tagen ist es mir, als ob er Mißtrauen hege.«

König schüttelte den Kopf. »Wie immer es sei, liebes Fräulein, Ihr armer Kranker wird so oder so sich dieser schönen, großen Liebe erfreuen. Weshalb aber sind Sie denn so hoffnungslos, da Ihr Bräutigam selber – aus Ihrer Rede darf ich es schließen – an seine Genesung glaubt?«

»Er ist ein Lungenkranker.«

»O, ich verstehe.«

»Er hält sich überhaupt erst für »ein wenig« leidend, seit er die Palette nicht mehr halten kann.«

»Wie traurig! – Und auch wieder – wie gut!«

» Im November rief uns sein bester Freund, Jan Frit, hierher. Iwan war sehr überrascht, als wir kamen. Er glaubte es jedoch, daß seine Mutter eines argen Katarrhs halber hierher gekommen sei, und freute sich, daß ich sie nicht allein hatte reisen lassen. Sonst legte er ihrem und meinem Kommen keine Bedeutung bei.«

»Er war damals schon ernstlich krank?«

»Ernstlich, und er überarbeitete sich auch noch dazu, wiewohl er kaum mehr eine Stunde lang vor dem riesigen Rahmen stehen konnte.«

»Er arbeitete damals an einem großen Bilde?«

Über des Mädchens Gesicht huschte eine grelle Röte.

»An einem figurenreichen historischen Gemälde,« antwortete sie mit ebenso unverkennbarem als auch unverständlichem Trotz.

»Was stellte es vor?« fragte König, der interessiert die Skizzen betrachtete.

Sie mußte die Frage nicht gehört haben. Sie zog die graue Blende, die ohnehin die eine Seite des Fensters nur streifte, ganz zurück.

Es war das eine ganz überflüssige Arbeit. Es war wohl auch nur eine Scheinarbeit.

»Und was ist's jetzt mit dem Bilde? Hat er es vollenden können?« fragte König.

»Ja, und dann ist er zusammengebrochen!«

Sie hatte es durch geschlossene Zähne gesagt, und König, der daraufhin über einen allerliebsten Gassenjungen hinwegsah, dessen jedenfalls zum Sprechen ähnliches Abbild er in der Hand hielt, bemerkte, daß ihre Hände sich geballt hatten.

Er wiederholte daraufhin seine unbeantwortet gebliebene Frage nach dem Verbleib jenes riesigen historischen Bildes nicht mehr, denn er konnte es sich jetzt denken, daß ihr diese Frage aus irgend einem Grunde Pein bereite.

Er war auch sehr bald so gefesselt von dem hohen Reiz, welchen die meist nur ganz flüchtig hingeworfenen Entwürfe und Studien Iwan Malachows auf ihn ausübten, daß er fast seine Umgebung, ja selbst die Anwesenheit der jungen Dame vergaß.

Mappe um Mappe reichte sie ihm hin – ein zerstreutes »Danke« – dann war er wieder in konzentriertes Schauen versunken. Es beleidigte sie nicht, daß er über seinem Tun ihrer gar nicht mehr achtete – o nein, sie freute sich sogar innig über dieses Vergessensein, denn es bewies ihr, daß der in der ganzen Kunstwelt bekannte und hochgeachtete, weil unbestechliche Kritiker solch tiefes Interesse für die Schöpfungen eines ihr unsäglich teuren Menschen zeigte.

Und stolz, überaus stolz war sie auf Iwans Können, denn nur weil dieses auf einer ganz ungewöhnlichen Stufe stand, konnte Doktor Königs Bewunderung davon so gefesselt sein. Blatt um Blatt der reichhaltigen Sammlung wanderte an des Gastes Augen vorüber, und immer anerkennender, ja begeisterter klangen seine kurzen, zutreffenden kritischen Bemerkungen. Da geschah etwas Seltsames.

Er war eben zu einem Blatte gelangt, welches leichte Bleistiftzeichnungen aufwies; sie stellten nichts dar als gekrümmte Finger. Gekrümmte Finger an der hageren, aderreichen Hand eines alten Mannes. So mußte die Hand eines Mannes sein, der all sein Leben lang schwer gearbeitet hat. Solch eine Hand weist derlei kleine Mißbildungen auf, solch überstark gewordene Knöchel, solch charakteristische Hautfalten an den Beugestellen der Finger, so deformierte Nägel. Es war also die Hand eines hageren alten Mannes aus den schwer arbeitenden Volksschichten. Sie wiederholte sich mehr als ein Dutzend Mal auf dem großen Blatte, und es war immer nur eine rechte Hand, und sie hielt die Finger eingezogen. Es waren lauter Studien gekrümmter Finger. An jeder dieser Hände waren die Finger anders gekrümmt, und unter einer derselben befand sich ein Strich. Dieser Strich war von einem Pinsel gezogen worden, der blaue Ölfarbe enthalten hatte.

Vielleicht war der Strich nur zufällig dahin gekommen, vielleicht bedeutete er aber auch, daß der Maler die darüber befindliche Skizze benützt habe. Wiewohl dieses Blatt fraglos für die anatomischen Kenntnisse und die außerordentliche Gewissenhaftigkeit Malachows ein beredtes Zeugnis ablegte, interessierte doch Doktor König sich nicht in höherem Grade dafür, als dies ohnehin schon in Bezug auf die anderen Skizzen der Fall war.

Ganz plötzlich aber sollte sein ganz besonderes Interesse gerade für dieses Blatt geweckt werden, denn es geschah, wie schon gesagt, Seltsames.

Noch hielt er das Blatt, darauf diese eigenartige Handstudie sich befand, und wollte soeben noch einen letzten Blick auf die blau unterstrichene Skizze werfen – sie stellte die hageren Finger so dar; als grüben sie sich in wildem Schmerz in die innere Handfläche – da griff eine andere Hand nach dem weißen Blatt und entriß es ihm förmlich – ja, sie entriß es ihm. Man konnte die sehr unschickliche Eile, mit der das junge Mädchen ihm das Blatt nahm, nicht anders bezeichnen.

Er schaute denn auch höchlich verwundert auf die junge Dame, welche bislang entschieden feine Lebensformen gezeigt hatte.

Er meinte, sie müsse rot geworden sein, aber nein – ganz im Gegenteil, sie war sehr bleich, und hohe Bestürzung war aus ihren Zügen und etwas wie Trotz in ihren Augen zu lesen.

Und jetzt schämte sie sich auch ihres Benehmens. Jetzt stieg helle Röte in ihr Gesicht, und indem sich ihre Züge glätteten, ihre Augen wieder freundlich wurden, sagte sie im Tone der Verlegenheit: »Entschuldigen Sie meine ganz unpassende Raschheit. Ich meinte – ich glaubte –«

Was sie meinte und glaubte, das erfuhr Doktor König nicht, hatte jedoch das unangenehme Gefühl, daß sie ihn hatte belügen wollen.

Sie wurde jetzt ungemein gesprächig. Wollte sie vielleicht den unangenehmen Eindruck, welchen ihr Tun naturgemäß hatte hervorbringen müssen, verwischen und vergessen machen?

Sie wurde ihrem Besucher jetzt ein geistreicher, anmutiger Cicerone durch die vor ihm liegende Skizzenmappe, aber das ganze jetzige, liebenswürdige Gebaren nützte ihr nichts, denn König, dem sie nun wieder selber sehr interessant geworden war, beobachtete sie unauffällig und gewahrte recht gut, wie unruhig ihre Augen jedes neuaufgeschlagene Blatt überflogen und wie sichtlich erleichtert sie aufatmete, als er das letzte, das sich in dieser Mappe befand, zu den anderen legte.

Es geschah auch, was er erwartet hatte. Sie legte ihm keine andere Mappe mehr vor, und die Handskizzen, die sie hinter sich auf einen Diwan geworfen hatte, schob sie jetzt in eine Lade.

»Ich soll sie also gewiß nicht noch einmal zu Gesicht bekommen,« dachte König und schüttelte leicht den Kopf dazu.

Aber zu einer Aussprache über die gehabten Eindrücke fühlte er sich selbstverständlich verpflichtet, und sie fiel glänzend aus, auch fügte er hinzu, daß er es als seine Pflicht erachte, den Namen dessen, der solch Geniales geschaffen, dem Dunkel zu entreißen.

Darob erglühte die Braut des so ehrend Anerkannten abermals in heller Freude und Dankbarkeit und bat König, daß er zum Andenken an die Stunde, in welcher er ihren Bräutigam in seinen Werken wenigstens kennen gelernt, das Bildchen annehme, das ihm zuerst aufgefallen war.

»Aber ich bitte Sie, mein Fräulein,« lachte König, »es bedarf keines Andenkens, gar eines so wertvollen nicht, damit ich diese Stunde nicht vergesse.«

Er hatte ein wenig anzüglich gesprochen, und sie hatte ihn verstanden, denn bittere Verlegenheit spiegelte sich in ihrem Gesicht.

»Sie müssen mich entschuldigen,« sagte sie und ballte dabei die Hände. »O – es läßt sich leicht schöner Gleichmut bewahren, wenn man niemals mit der Schlechtigkeit zusammengekommen ist. Aber ich weiß, wie bitteres Unrecht einem geschehen kann, der Anerkennung und Ehre verdient. Mein Iwan – – du lieber Gott, wie haben die angesehensten Kritiker seine Werke als zu dem Besten, das je gottbegnadete Künstler geschaffen, gezählt – – und er hat es still lesen müssen und hat geweint, weil – – –«

Immer erregter war sie geworden, nun hielt sie plötzlich im Reden inne. Sie war jetzt ganz verwirrt; vielleicht über des Doktors Blick verwirrt, der sie ziemlich deutlich fragte, ob sie wohl bei klaren Sinnen sei.

Und wieder kam ein rascher Übergang bei ihr. Als sie merkte, daß er an ihrer Vernunft zweifle, war sie nicht aufgebracht und nicht beleidigt – o nein, ganz sanft reichte sie ihm das Bildchen hin, bezüglich dessen Annahme er sich noch immer nicht entschieden hatte, und bat herzlich: »Sie nehmen es mit! O ja! Sie nehmen es mit. Denken Sie immerhin als an eine Unglückliche an mich, aber kränken Sie mich nicht, indem Sie dieses kleine Andenken nicht annehmen.«

»Dürfen Sie denn auch frei darüber verfügen?« fragte König freundlich.

»O, wenn Sie wüßten, wie gern es Ihnen Iwan geben würde. Er ist Ihnen ja so viel – – –«

Was hatte sie nur sagen wollen? – »Dank schuldig?« Es paßte nicht leicht etwas anderes zum Anfang ihres Satzes.

Der Kritiker begann das seltsame Mädchen ernstlich zu bemitleiden. »Ihr Verlobter kennt mich ja gar nicht,« sagte er, um sie dadurch wieder zur Wirklichkeit zurückzubringen.

Sie senkte den Kopf und murmelte: »Nein, nein – er kennt Sie nicht!«

Dabei hielt sie ihm noch immer das Bildchen hin, und da nahm er es denn, sich vorbehaltend, es zurückzugeben, falls – nun falls die junge Dame, die sich so exaltiert benommen und mehrmals widersprochen hatte, wirklich unzurechnungsfähig sein sollte, also keine eigene Willensäußerung haben durfte.

Sein Vorhaben nicht ahnend, sagte sie innig: »Sie gaben mir mit Ihrem Versprechen mehr, als Sie ahnen. Sie gaben mir damit die Hoffnung, daß ein Sterbender – denn das ist Iwan – noch ein paar glückliche Stunden haben wird. Iwan ist nämlich sehr, sehr ehrgeizig, und sieht er sich einmal durch Sie, Herr Doktor, in der Presse geehrt, so weiß ich ganz genau, daß es ihm eine große Freude und Genugtuung –«

»Nun, habe ich zu viel gesagt? Ist Doktor König nicht der liebenswürdigste Europäer, der Ihnen – natürlich Iwan ausgenommen – je vorgekommen ist?«

Mit diesen Scherzworten eintretend, störte Jan Frit das Alleinsein und die ein wenig unbehaglich gewordene Situation, in welcher sich die beiden befanden.

»Gewiß, Doktor König ist ein prächtiger Herr,« gab das Mädchen lächelnd zu, fuhr jedoch sogleich ängstlich fort: »Sie kommen von Iwan! Wie finden Sie ihn, und was sagt der Arzt?«

Jan Frit gab sich ein sorgloses Ansehen. »Ich habe Iwan recht heiter gesehen, und der Doktor – nun, der meint, wie wir alle, daß der März überwunden werden wird, und daß damit alles gewonnen ist.«

Er schnellte, während er dies alles in gleichgültigem Tone vorbrachte, ein Stäubchen, welches nicht da war, vom Ärmel seines Rockes, als sei die besprochene Sache eines ungeteilten Gedankens gar nicht wert.

Die junge Dame lächelte wehmütig und streckte ihm die Hand hin. »Sie sind ein guter Mensch, Jan, aber Sie vergessen, daß Iwans Mutter und ich schon seit Monaten dieselbe Rolle spielen, die Sie jetzt durchführen wollen, daß wir also jede ihrer Nüancen kennen, und man uns damit nicht betrügen kann. Sie finden also, daß es Iwan recht schlecht geht, und Doktor Lenoir findet dasselbe.«

»Was immer kommen wird, lassen Sie mich Ihnen ein Bruder sein,« würgte Jan Frit heraus.

Da wurde sie kalkweiß und ging, alle geselligen Formen vergessend, mit langsamen, schweren Schritten aus dem Gemach.

Wenige Minuten später befanden sich die beiden Männer wieder auf der Straße. Das Wetter hatte sich insofern noch verschlechtert, da jetzt der Wind zum Sturme geworden war.

Die zwei waren also recht froh, als sie bei Papa Briac einen warmen, trockenen Winkel fanden. Jetzt erst konnten sie über die Eindrücke der letzten anderthalb Stunden reden, und Königs erste Frage war: »Ist die junge Dame geistig völlig normal?«

Frit schaute ihn überrascht an. »Ohne jeden Zweifel Sie ist vollkommen Herrin ihres Denkens,« war seine in sehr bestimmtem Tone gegebene Antwort.

»Sie haben viel mit ihr verkehrt?«

»Täglich, meist stundenlang, und sie ist seit November hier.«

»Und haben nie eine Störung bemerkt?« sagte König gedankenvoll. »Das ist sonderbar.«

Jan Frit lachte laut auf. »Ich finde nichts Sonderbares darin, wenn ein Mensch normal ist.«

König gab darauf keine Antwort, aber er stellte eine andere Frage, eine Frage, die er heute schon einmal gestellt hatte, ohne eine Antwort darauf zu erhalten. »Was ist denn mit dem großen Bilde geschehen, daran Malachow noch im November gemalt hat?«

»Ein großes Bild? Davon weiß ich nichts.«

»Ein historisches Bild.«

»Keine Spur. Ich war täglich bei ihm. Er hat ja überhaupt niemals viel gemalt. War wohl immer zu kränklich dazu. Einige kleine Bilder, das ist alles. Wir haben es niemals begriffen, wozu er so fleißig skizzierte und darin wirklich ein einfach großartiges Können bewies, wenn er doch nie etwas Bedeutendes ausführen konnte oder wollte.«

Doktor König hatte die Speisekarte zur Hand genommen. Das Thema interessierte ihn wohl nicht mehr.

– – – – – – – – – – – – –

Am Abend desselben Tages begleitete Jan Frit den Doktor zum Bahnhof. König dankte ihm herzlich für die Liebenswürdigkeit, mit welcher er ihm Ciceronedienste in Concarneau geleistet hatte, dann fuhr der Zug aus der sehr bescheidenen Halle, und das stimmungsvolle Küstenstädtchen tauchte in Nacht und Nebel unter.

König, der ein Coupé für sich hatte, konnte ungestört die Eindrücke der letzten Tage an sich vorüberziehen lassen. Die mancherlei Bilder, die er gründlich gesehen, die mancherlei Menschen, die er oberflächlich kennen gelernt hatte – – sie stellten sich, bald diese, bald jene, seinem Gedächtnis vor. Malachows Braut sah er wie leibhaftig vor sich. Wie leidenschaftlich sie Iwan liebte! Wie leidenschaftlich sie überhaupt war! Aber sonst normal? – König glaubte nicht recht daran.

Und Doktor Hans König schlief ein, erwachte wieder, sah Frankreichs Fluren wie im Fluge vorüberziehen, wechselte da und dort den Wagen und kam am 2. März bei anbrechender Dunkelheit in der niederösterreichischen Station Amstetten an, woselbst der Schnellzug, in welchem er sich befand, schon von den Passagieren eines aus dem Ennstal eingetroffenen Zuges erwartet wurde. Während das nicht übermäßig interessante Schauspiel des Aus- und Einsteigens vor sich ging, wanderten des schon ein wenig fahrtmüden Doktors Augen über das wenige, das in Amstetten überhaupt zu sehen ist, und das jetzt noch durch die Dämmerung verschleiert wurde.

König sah demnach wirklich nicht viel und darunter nichts Bemerkenswertes.

Eben als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, langte ein Bauer nach seinem Sack, den er auf die Erde gestellt hatte. Unwillkürlich folgten Königs Augen der etwas schwerfälligen Bewegung des alten Mannes, der übrigens sofort seinen Augen entschwand, denn schon hatte der Zug seine normale Fahrtgeschwindigkeit gewonnen.

Hätte der arme Doktor ahnen können, welch furchtbare Folgen dieses ja in Wahrheit so harmlose zuletzt Geschaute für ihn haben würde, er hätte gewiß sein ganzes Leben nie mehr alte Bauern, die hagere Finger krümmen, angeschaut.

Aber es kann ja keiner in die Zukunft sehen, und das ist gut – das ist meist sogar sehr gut. Dieses Mal aber – nun, vielleicht war es auch dieses Mal gut.

Seelenruhig zündete sich Doktor König soeben eine Zigarre an, es war sogar eine geschmuggelte, und begann über das für ihn höchst angenehme Ereignis seiner morgen bevorstehenden Verlobung nachzudenken. Er hatte ja all diese Tage her voll Innigkeit an seine Lena gedacht, hatte ihr, da sie nun einmal Vergnügen daran fand, täglich ein halbes Dutzend Ansichtskarten geschickt und außerdem unzählige Male ihrer gedacht – jetzt aber, jetzt sehnte er sich noch weit mehr nach dem lieblichen jungen Geschöpf, das mit so viel Zärtlichkeit an ihm hing, das sich ihm morgen verloben und ihm bald – ah, das wird er schon geschickt betreiben – ihm sogar sehr bald ihre schöne, weiche, warme Hand fürs ganze Leben reichen wird.

»Schöne, weiche, warme Hand« – das hätte er nicht denken sollen! Denn es brachte ihm den Gegensatz davon in Erinnerung: jene Hand, die er vor kurzem gesehen hatte, diese hagere, faltige, von rauher Arbeit deformierte alte Männerhand, die vorhin mit gekrümmten Fingern nach dem Sack gegriffen hatte.

Und diese gekrümmten Finger erinnerten ihn wieder an andere, die ein unbekannter großer Künstler in leichten Strichen auf ein Blatt Papier gebannt hatte, ein Künstler – – Doktor Königs Gedanken wanderten unglücklicherweise immer weiter – ein Künstler, der eine so ganz eigentümlich charakteristische Pinselführung, der eine so ganz besonders durchsichtige Art zu untermalen hatte.

Doktor Hans König erhebt sich ganz plötzlich und schaut mit dem angestrengten Blick, mit dem man in weite, weite Fernen zu schauen pflegt, auf den seinen Augen ja sehr nahen roten Samtsitz des Coupés, in welchem er seine Reise vollendet.

Aber König sieht den Sitz gar nicht, er sieht vor seinen geistigen Augen etwas ganz anderes, und dabei benimmt er sich ein wenig seltsam.

Es gibt etwas, das man Reflexbewegung nennt. Solch eine Reflexbewegung findet jetzt in den Muskeln von Doktor Königs rechter Hand statt. Ihr Besitzer weiß vermutlich gar nichts davon. Dessen Gedanken sind wahrscheinlich ganz anderswo als bei seiner rechten Hand, deren wohlgepflegte Nägel sich in die feine, weiche Haut der inneren Handfläche bohren.

Dabei stößt er einen leisen Pfiff aus, wie jemand, dem etwas ihm vorher Unbegreifliches plötzlich klar geworden ist.


Zweites Kapitel.

Doktor Hans König kam gegen elf Uhr Nachts in seiner Wiener Wohnung an, einem reizend gelegenen Gartenpavillon im neunzehnten Stadtbezirke.

Die Frau, welche ihn schon seit längerer Zeit bediente, und welche ihr bescheidenes Logis in einem der nächsten Häuser hatte, erwartete ihn, geschäftig fragend, ob er denn gut gefahren sei und ob er wohl auch schon gegessen habe; auf alle Fälle habe sie Tee, Eier und Schinken hergerichtet.

Aber er hatte schon auf dem Bahnhofe gespeist, stellte die appetitlich servierten Eßwaren dem alten Weiblein zur Verfügung, verabschiedete sie und ging zu Bett, um die sich merklich machende Reisemüdigkeit gründlich auszuschlafen. Aber der Schlaf wollte lange nicht kommen, und als er sich endlich doch einstellte, kam der Traum mit ihm – – ein sehr lebhafter Traum, aus welchem König plötzlich erwachte. Er fand nicht sogleich zur Wirklichkeit zurück, er mußte sich erst eine gute Weile besinnen. Dann setzte er sich mit einem Ruck aufrecht und sagte laut und mit großer Bestimmtheit: »Jan Frit hat recht, das Mädchen denkt vollkommen normal.«

Das sagte der Doktor ganz vernehmlich, und dann wartete er gar nicht mehr auf den Schlaf – er wußte ja, daß der in der heutigen Nacht doch nicht mehr zu ihm kommen werde.

Stunde um Stunde schlich in schier unerträglicher Langsamkeit hin. Endlich aber dämmerte es doch. Königs Verlobungstag brach an. Aber wessen der Doktor merkwürdigerweise nur ganz flüchtig gedachte, das war – seine Braut.

Und er liebte sie doch so herzlich, seine hübsche, zarte Lena, er nahm sich allen Ernstes vor, sie recht, so recht glücklich zu machen. Und trotzdem hatte er jetzt, von einer quälenden Ungeduld getrieben, kaum einen Gedanken für sie.

Es war noch nicht acht Uhr Morgens, als er schon auf seinem Rade saß und nach dem ersten Bezirk fuhr.

Das Künstlerhaus war sein Ziel. Er war da wohl bekannt.

»Ah, der Herr Doktor sind schon zurück! Und in aller Früh geb'n S' uns schon die Ehr'!« Mit diesen Worten empfing ihn der Diener, der das Vestibül reinigte, stellte schnell den Besen in eine Ecke und wollte König seines kurzen Mantels entledigen.

Dieser jedoch wehrte ihn freundlich ab und ging eiligst in die Ausstellungsräume, welche für den allgemeinen Besuch noch unzugänglich waren, denn noch hingen nicht alle Bilder, noch waren nicht alle für die morgen zu eröffnende Frühjahrsausstellung angenommenen Skulpturen an den für sie bestimmten Plätzen untergebracht. Ganze Wagenladungen von Topfpflanzen und Teppichen harrten noch geschickter Hände, welche sie an passenden Stellen unterbringen sollten.

Ganze Berge von Kisten verschiedensten Formates waren noch zu umgehen, wenn man von einem der Säle in den anderen gelangen wollte, und recht unharmonisch war auch der Lärm, welcher derzeit in den sonst so vornehm stillen Räumen herrschte, denn da wurde an allen Ecken und Enden noch genagelt und gehämmert, riefen die Arbeiter einander dies und jenes zu, und gaben die gestrengen Mitglieder der Hängekommission ihre Anweisungen und Befehle.

Durch all diesen Wirrwarr und Lärm schlängelte sich der Kritiker, bis er in einem der großen Seitensäle anhielt.

Da war es bereits säuberlich und still. Lang, sehr lange blieb König, welcher jede Begleitung abgelehnt hatte, in diesem Saale, und als er endlich ging, geschah es im Zustande großer Zerstreutheit. Er bemerkte nicht, daß einer der Herren von der Hängekommission, ein berühmter Maler, ihn gegrüßt hatte, ihm die Hand entgegenstreckte, er hörte auch den Gruß des Dieners nicht, der ihm die Tür öffnete, und er vergaß sogar sein Rad, das er dem Hausdiener in Verwahrung gegeben hatte. In Gedanken versunken ging er nach seiner Redaktion. Er fand erst einen einzigen seiner Kollegen vor. Diesem sagte er, daß er gestern nacht angekommen sei, daß er den heutigen Tag zur Ordnung etlicher Privatangelegenheiten benützen müsse, da er Abends seine Verlobung feiern wolle, morgen werde jedoch das Blatt den die Eröffnung der Kunstausstellung betreffenden Artikel ganz bestimmt bringen können.

Danach betrat Dokter König einen Blumenladen, der seine prächtige Auslage gegen die Ringstraße zu hatte, kaufte einen herrlichen Strauß blaßroter Rosen, winkte einen Fiaker herbei und fuhr nach Hause, woselbst er rasch Toilette machte.

Eine halbe Stunde, nachdem er seine Wohnung wieder verlassen hatte, hielt sein Fiaker, ein echter Wiener Schnellfahrer, vor einer ziemlich tief in einem herrlichen Garten gelegenen Villa in Hietzing. Es war ein sehr geräumiges Landhaus, und es war im gemütlichen Stile längst vergangener Zeiten gebaut, Zeiten, in denen man mit Licht und Luft und mit dem Raum noch nicht zu sparen gewohnt war.

Königs künftiger Schwiegervater, der Kommerzienrat Ludwig v. Mühlheim, ein reicher Seidenwarenfabrikant, hatte dieses überaus vornehme Landhaus schon seit etwa dreißig Jahren in Besitz. Es sah heute schon recht altväterisch aus, aber gerade das war Mühlheim lieb. Er hütete sich, irgend welche einschneidende Veränderungen in diesem, ihm von vielen mißgönnten Besitz vorzunehmen, denn andernfalls hätte das uralte Wappen, welches angenehm auffallend über dem breiten Tore angebracht war, lächerlich gewirkt, so aber gehörte es eben zu dem Hause, wie der großartig angelegte Park mit seinen Baumriesen, seiner Eremitage, seinen steifen Sandsteinfiguren und Felsengrotten dazu gehörten, die nicht nur auf das ehrwürdige Alter dieses Besitzes, sondern auch auf dessen vornehme Zeit hindeuteten.

Der Kommerzienrat v. Mühlheim war ein wenig eitel. Er war kein gewöhnlicher Geldprotz. Er wollte nur das durch seine Tüchtigkeit und viel Glück sehr bedeutend gewordene Vermögen in angenehmer Art genießen und zur »Gesellschaft« gerechnet werden. Zu ersterem war ihm eine einigermaßen glänzende Häuslichkeit und zu letzterem war ihm das Bekanntsein mit angesehenen Menschen nötig.

Als seine Töchter heranwuchsen, hatte er eine Zeitlang daran gedacht, durch sie mit dem alten Adel in Berührung zu kommen, aber diesen Gedanken hatte er, nachdem er sich etliche adelige Freier näher betrachtet hatte, bald fallen lassen. Seine älteste Tochter Edwine und sein herziges Naturkind Lena waren ihm denn doch viel zu lieb, um sie Männern zu geben, die um die Töchter warben, aber das Geld meinten. Wirklich vornehme, nicht nur ihrem Namen nach vornehme Bewerber waren eben im Hause des ehemaligen Fabrikanten nicht erschienen.

Mit dieser Art, sich in die »Gesellschaft« einzuführen, war es also nichts.

Da fiel es dem wackeren Kommerzienrat ein, daß es ja auch einen »Geistesadel« gäbe. Er fing an, sich mit Künstlern bekannt zu machen, und da er seit jeher viel Geschmack in seiner Lebensführung bewiesen hatte und somit auch den Künsten gegenüber kein Fremder war, gelang es ihm bald, einen Bekanntenkreis zu gewinnen, welcher ihm nicht nur viel Vergnügen, sondern auch Ehre einbrachte. Sein gemütliches und elegantes Heim war schließlich ein gern besuchter Sammelplatz so mancher geworden, welche in der Kunstwelt bedeutende Rollen spielten.

Unter denen, die gern, sogar sehr gern in Mühlheims Hause verkehrten, befand sich auch König.

Daß dieser nicht nur eine glänzende Anstellung, sondern auch ein recht beträchtliches Vermögen besaß, war Mühlheim sehr recht, denn so brauchte er ihm, da der Doktor sich um Lenas Herz und Hand zu bewerben begann, nicht zu mißtrauen und brauchte der wachsenden Liebe seines Kindes kein Hindernis in den Weg zu legen, ja konnte mit Befriedigung des Doktors Aussprache entgegensehen. Diese war knapp vor Königs Reise erfolgt, und heute abend sollte die Verlobung im Kreise der Intimen des Hauses gefeiert werden. – –

Als der Wagen Königs vor dem prächtigen Gittertor der Villa hielt, tauchten an einem Fenster derselben ein paar blonde Köpfe auf.

»Da ist er ja, der Heißersehnte!« rief der Inhaber des einen, ein etwa sechzehnjähriger Bursche, dem der Übermut aus den blitzenden blauen Augen schaute.

Das hübsche Mädchen an seiner Seite war rot geworden.

»Geniere dich nur nicht. Eile ihm doch entgegen,« meinte der Junge, die Schwester zärtlich anstoßend.

»Laß das sein, Erich,« unterbrach ihn in ruhiger, aber doch bestimmter Weise sein Hofmeister, der auch ans Fenster getreten war, um den jungen Herrn ohne viele Umstände aus dem Salon zu führen.

Erich Mühlheim ließ es sich ohne weiteres gefallen, schon deshalb, weil er, wie er zu behaupten pflegte, für Rührszenen keine Schwäche besaß – dann aber wohl auch, weil »dieser Herr Braun« nun einmal bezüglich seiner ja doch der Herr »über Leben und Tod« war.

Übrigens verging Erich nicht gerade in Furcht vor seinem Präzeptor, denn im Hinausgehen schrie er noch ein paarmal, wiewohl Braun ihm lachend den Mund zuhielt: »Auf den Flügeln der Liebe! Auf den Flügeln der Liebe!«

Lena aber eilte nicht hinunter, sie schaute leuchtenden Auges dem geliebten Manne entgegen und nickte ihm, der heraufgrüßte, zu.

Da legte sich ein Arm um ihre Schultern Edwine, Lenas ältere Schwester, war es, die ihr jetzt liebevoll in die Augen sah. »Bist du sehr glücklich?« fragte sie lächelnd.

Lena nickte nur, dann schloß sie plötzlich ihre Arme um Edwine und preßte sie leidenschaftlich an sich, während sie ihr zuflüsterte: »So glücklich, daß ich mir's – neben dir – gar nicht verzeihen kann.«

Edwine machte sich sanft frei. Ruhig schaute sie in der Schwester Augen, und sanft lächelnd entgegnete sie: »Laß dich's nicht kränken, daß ich für meine Person mit dieser Seite des Lebens fertig bin.«

»Du wirst wirklich nie einen anderen lieben?«

»Nie!« war die feste Antwort. Dann ging Edwine aus dem Zimmer.

Von draußen her wurden rasche Schritte hörbar. Der schmerzliche Zug, der soeben noch auf Lenas lieblichem Gesichte gelegen, schmolz wie Schnee im Sonnenschein. Jetzt tat sich die Tür auf – – im nächsten Augenblick hielt König, der jetzt alles andere vergessen hatte, die Geliebte in den Armen. Und er sagte, der sonst so Beredte, nichts als ein paarmal, tief aufatmend: »Mein Glück! Du mein süßes, herziges Glück!« –

Ein Viertelstündchen gönnte man den beiden, dann kamen die Familienmitglieder eines nach dem anderen herein, um König zu begrüßen, und bald vereinte ein gemütliches Frühstück die fröhlich Plaudernden, denen König verschiedenes von seiner Reise erzählen mußte.

Plötzlich schwieg er und brach ein wenig unvermittelt die Schilderung seiner Fahrt von Paris nach Concarneau ab. Und es war doch gar nichts Unangenehmes vorgefallen. Es war nur ein Eilbrief an den Kommerzienrat gekommen, in welchem einer der für heute abend geladenen Gäste die angenommene Einladung nicht etwa rückgängig machte, sondern nur bat, um eine Stunde später kommen zu dürfen, da er eine unabweisbare Abhaltung habe.

Selbiger Gast – er hieß Viktor Colmar – hätte auch ganz fortbleiben können; den beiden Liebenden war er gleichgültig, und Edwine – um deren Gunst dieser Herr sich leidenschaftlich bewarb – war ihm geradezu abgeneigt.

Dieser Brief also konnte an Königs schlechter Laune keine Schuld haben.

Der Kommerzienrat, der kein Freund schlechter Launen und stockender Gespräche war, fand rasch neue Themata und war schließlich, weil es nun einmal wie ein kalter Hauch über der kleinen Tafelrunde lag, froh darüber, daß sein künftiger Schwiegersohn durch seine Berufspflichten gezwungen war, bald wieder zur Stadt zurückzukehren. König mußte nicht nur noch einmal die Ausstellung besuchen, er mußte Nachmittags auch noch sein Referat schreiben, das er sonst wohl erst Abends seinem Blatte zuzustellen pflegte, das aber heute schon früher fertig sein mußte, da König ja heute abend anderes zu tun hatte, als an Kunstkritiken zu denken.

Gegen zwölf Uhr verabschiedete sich König denn auch und fuhr nach der Ausstellung, die um ein Uhr eröffnet werden sollte. Er langte eine halbe Stunde früher dort an und begab sich sogleich in die Ausstellungsräume, woselbst jetzt schon alles an Ort und Stelle gebracht und jede Spur der fieberhaften Tätigkeit, welche vor Stunden da noch geherrscht hatte, völlig verwischt war. Noch war dem Publikum der Zutritt nicht freigegeben worden, dennoch aber herrschte schon ziemlich viel Bewegung in den verschiedenen Sälen, denn es waren nicht nur die Berichterstatter der Zeitungen, sondern auch viele Künstler anwesend, welche den intimen Genuß, den nun einmal der Eröffnungstag bietet, haben wollten. Man konnte die Maler plaudernd, die Journalisten Notizen machend, da und dort beisammenstehen oder von Bild zu Bild gehen sehen.

Auch König war jetzt nur Kritiker. Er schaute, notierte, plauderte über seine Reise und sprach sich über dieses und jenes Kunstwerk aus. Daß seine Augen dabei jemand suchten, der nicht kam, bemerkte keiner. – –

Nachdem die Eröffnungsfeierlichkeit vorüber war, schrieb König im Vestibül auf eine Visitenkarte wenige Zeilen. Sie lauteten: »Ich muß Sie unbedingt heute noch sprechen. Bin bis sechs Uhr zu Hause.«

Die mit Umschlag versehene Karte übergab er einem Dienstmann mit dem Auftrage, den Brief sofort zu besorgen. Darauf nahm er einen Fiaker, der auch sein Rad mitnahm, und fuhr nach Hause.

Er schloß seine Wohnung hastig auf, brachte das Rad an den gewohnten Platz im Gange unter und begab sich in sein Arbeitszimmer.

Er war allein. Frau Winter hatte um diese Zeit im Hause nichts zu tun. Sie hatte seinen Reisekoffer schon entleert und dessen Inhalt in den betreffenden Kästen verwahrt. Die verschiedenen Kleinigkeiten, welche König unterwegs erworben hatte, kleine Plastiken, Photographien u. s. w., hatte sie auf seinen Schreibtisch gelegt. Er schob sie, als er sich an ihm niederließ, ein wenig ungeduldig zur Seite und begann sein Referat zu schreiben. Bald war er ganz und gar in seine verantwortungsvolle Arbeit vertieft.

Als er mit seinem Bericht zu Ende war, schlug die hohe englische Standuhr, welche neben dem Schreibtische stand, fünf Uhr.

Der Doktor schüttelte den Kopf, blickte auf seinen Chronometer und schüttelte abermals den Kopf.

»Na, auch gut!« sagte er eigentümlich harten Tones, legte sich noch ein Blatt Papier zurecht und schrieb weiter. Als es halb Sechs schlug, faltete er den großen, eng beschriebenen Bogen zusammen. Gerade, als er dies tat, ging das Gartenpförtchen. König schaute nicht auf, er steckte den zuletzt geschriebenen Artikel ein wenig hastig in einen schon adressierten Umschlag, faltete dann auch die anderen beschriebenen Bogen zusammen und schob sie zu dem ersten.

Indessen ging jemand durch den Garten und die Treppe herauf. Es klopfte an. König schrieb noch immer. »Herein!« rief er und legte die Feder hin.

Es war ein junger Mensch, der da über die Schwelle trat.

»Ah, Sie sind es!« sagte der Doktor. Er war sichtlich enttäuscht. Der junge Mann war ein Abgesandter seines Bankiers und brachte ihm eine größere Summe baren Geldes, das König während seiner Reise gekündigt hatte. Die zwei kannten sich flüchtig. Der Bankbeamte erkundigte sich danach, wie es dem Herrn Doktor während seines Fortseins ergangen sei, und teilte ihm mit, daß auch er und zwar heute noch im Interesse seines Chefs eine längere Reise antreten werde.

Der junge Mann, der vermutlich noch nicht viele Reisen gemacht hatte, wäre gern ein bißchen weitschweifig geworden, aber er bemerkte, daß Doktor König nervös sei. Er mußte wohl jemand erwarten, denn er sah des öfteren nach der Straße hinüber, und dazwischen griff er, während er zerstreute Bemerkungen machte, bald nach diesem, bald nach jenem der kleinen Päckchen, welche auf dem Schreibtische lagen. Sein Besucher stand denn auch bald auf, um sich zu empfehlen.

Eben als er sich erhob, hatte der Doktor den Umschlag von einem der Päckchen geöffnet. Das Kuvert umschloß ein in zarten Tönen gemaltes Frauenbildnis. Es war in einen flachen Malachitrahmen eingefügt. Einen Augenblick lang schaut der Doktor auf das Bild, da klirrt wieder die eiserne Gittertür draußen, Königs Blick fliegt hinaus.

»Sie bekommen Besuch,« sagt der junge Beamte.

»Ja, ich bekomme Besuch,« sagt auch König, schiebt das Bildchen wieder in den Umschlag und legt es auf den Schreibtisch, schüttelt den Kopf, hebt das Bildchen wieder auf, schlägt es in eine Zeitung ein und schiebt es zwischen einen Stoß Bücher, welche auf dem Rande des Schreibtisches liegen, dann wünscht er freundlich, aber auch merkbar zerstreut dem Besucher eine glückliche Reise und geleitet ihn bis zur Tür.

Von dorther wirft der junge Beamte unwillkürlich noch einen Blick auf das überbrachte Geld, das offen auf dem Schreibtische liegt.

Draußen begegnet er dem neuen Besucher. Dieser ist ein elegant gekleideter, noch jüngerer Mann. Er scheint recht wohlgelaunt zu sein, seine Miene verrät es und das Liedchen, das er summt.

Als die zwei aneinander vorübergehen, grüßen sie sich stumm.

Der junge Beamte vergewissert sich noch einmal, ob er die eben erhaltene Quittung auch gut verwahrt habe, und geht danach, auch in recht vergnügter Stimmung, die Straße hinnunter. Sie mündet in die Döblinger Hauptstraße. Gerade an der Ecke baumelt ein Barbierbecken an einer langen Stange, da fällt es dem jungen Menschen ein, daß er sich vor seiner Abreise noch rasieren lassen müsse, und so betritt er den Laden. Es tut ihm nichts, daß er, da eben andere Kunden bedient werden, etwas warten muß. Endlich kommt auch er daran. Just eine halbe Stunde hat das Warten gedauert. Die Zunge des wackeren Bartscherers ist bedeutend flinker, als es seine Hände sind, das merkt sein neuester Kunde jetzt auch an sich.

Endlich aber wird doch auch er fertig. Er hat schon gezahlt und zieht die Handschuhe an, wobei er gelangweilt auf die Straße hinaussieht.

Da geht soeben ein Herr an dem Laden vorüber – es ist derselbe, dem er vorhin im Hause Königs begegnet ist.

»Merkwürdig,« denkt der junge Bankbeamte, »wie verdrossen der jetzt dreinschaut, und war doch vor einer Stunde noch so lustig!«

Fünf Stunden später fuhr der junge Mensch, welcher diese Wahrnehmung gemacht hatte, in die weite Welt hinein, in der er irgendwo, auf Wochen hinaus, für seine Firma zu tun hatte.

– – – – – – – – – – – – –

Und etwa auch fünf Stunden später endete das Verlobungsfest bei dem Kommerzienrat v. Mühlheim. Es war diesem nicht recht gewesen, daß sein künftiger Schwiegersohn sich nicht einmal heute ganz frei hatte machen können, anderseits glaubte er es ihm ohne weiteres, daß er, ehe die Drucklegung des Morgenblattes begonnen hatte, also vor zwölf Uhr Nachts, noch einmal in die Redaktion müsse.

Lena war sogar ein bißchen gekränkt ob seines zeitlichen Gehens, aber sie kämpfte tapfer gegen ihre Verstimmung an, und als König in dem augenblicklich leeren Wintergarten von ihr Abschied nahm, sagte er: »Möchtest du lieber, daß ich niemals Wichtiges zu tun habe?«

Da schaute sie ihn voll ernster Liebe an und entgegnete: »Nein, nein. Wie es ist, ist es gut, und wie du bist, so sollst du immer sein – denn gerade so muß ich dich lieben.«

»Herz, liebes Herz!« – Er drückte einen Kuß auf ihre weiße Stirn, dann fragte er lächelnd: »So wirst du niemals eifersüchtig auf meinen Beruf sein?«

»Niemals werde ich eifersüchtig sein. – Deinen Beruf achte ich, und die Kunst – – die liebe ja auch ich. Eines anderen Weibes wegen wirst du dich aber nie zum Lügen und Betrügen erniedrigen. Ich werde keine Ursache haben, mich deshalb zu grämen – – und das nennt ihr ja Eifersucht. Aber du gehst – – solltest du nicht wenigstens mir sagen, was dir heute Peinliches begegnet ist? Denn es ist dir Peinliches begegnet. Ich – wir alle fühlten es.«

»Später wirst du es erfahren. Ich kann jetzt noch nicht davon reden.«

Noch ein paar liebe Worte, dann ging der Doktor.

Lena sah ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm schloß. Das Herz war ihr schwer, sie wußte nicht weshalb. Sie trat an das große Fenster, von welchem aus man zu dem Tore hinüberschauen konnte. Dieses Fenster war von vielfach verzweigten Schlingpflanzen ziemlich dicht verhangen. Lena schob etliche der schwankenden Zweige zurück und schaute hinunter – es bewegte sich soeben eine Gruppe von Herren auf dem breiten Kiesweg dem Tore zu. Ob ihr Bräutigam darunter war, konnte die junge Dame nicht erkennen. Sie spürte, daß ihre Augen voll Tränen standen. Ehe sie diese noch weggewischt hatte, waren die Herren schon auf die Straße hinausgetreten. Jetzt konnte man ihre Gestalten überhaupt nur noch undeutlich unterscheiden, denn nun befand sich zwischen ihnen und der Villa das hohe Eisengitter und die freilich noch kahlen Sträucher, welche innerhalb desselben gepflanzt waren.

Lena sah nur noch, daß etliche Wagen rasch hintereinander wegfuhren.

Von der ihr selber unbegründet erscheinenden Angst befallen, wandte sie sich seufzend in den großen Raum zurück – da stand Edwine vor ihr.

Erschrocken schaute ihr diese in die trüben Augen. »Aber Liebste! Was ist dir denn?« fragte sie besorgt. »Ist denn das die Miene einer glücklichen Braut? Und die bist du ja doch!«

»O ja – die bin ich!« begann Lena, und ihre Augen leuchteten auf. »Wie sollte ich denn nicht sehr, sehr glücklich sein! – Aber – weißt du, es gibt kein ungetrübtes Glück. Und wenn auch gar keine Ursache da ist, es zu trüben, dann grübelt man doch darüber nach, wie lange wohl solch ein großes Glück währen kann.«

»Das hast du getan?«

Lena nickte, dann gingen die Schwestern Hand in Hand aus dem Saale.

Eine Weile wirtschafteten die Dienstleute noch in den Gesellschaftsräumen herum, dann erlosch in der Villa ein Licht nach dem anderen, und bald herrschte tiefe Stille da, wo noch vor Stunden froher Festeslärm zu hören gewesen war.

Als sich Edwine von der Zofe das Haar auflösen ließ, zeigte ihr der Spiegel ein recht blasses Gesicht. Und noch etwas zeigte er ihr: die mitleidige Miene des Mädchens, welches hinter ihr stand.

»Warum machen Sie denn ein so trübseliges Gesicht, Lisi?« fragte Edwine freundlich.

»Ich habe den ganzen Abend an weniger Glückliche denken müssen.«

»An Sie selber also?«

»Und an Sie, mein liebes gnädiges Fräulein,« brach Lisi los, die ebensosehr die Vertraute als die Dienerin der Schwestern war.

»Auch an mich! Da taten Sie recht, Lisi,« sagte trüb lächelnd Edwine, »denn ich habe gar keine Aussicht, je eine glückliche Braut zu werden, während Sie dieses Glück vor sich haben und nur ein bißchen darauf warten müssen.«

»Vier Jahre noch, Fräulein! So lange wird es dauern bis Braun eine feste Anstellung erhält.«

»Ich wollte vier Ewigkeiten darauf warten.«

»Was alles kann da noch dazwischen kommen!« seufzte Lisi.

»Was soll denn dazwischen kommen? Braun hat Sie doch so recht herzlich lieb, seiner Treue sind Sie sicher, und hat er sich nur erst eine Stellung errungen, die das Heiraten möglich macht, dann denkt er gar nicht daran, eine andere zu seiner Frau zu machen als Sie. Als Hauslehrer kann er doch nicht heiraten!«

Die hübsche Lisi nickte. Ihr Verstand sagte es ihr ja, daß sie warten müsse, aber das Warten tat trotzdem recht weh. »Freilich, gnädiges Fräulein sind noch viel schlimmer daran als ich,« seufzte sie. »Daß aber auch der Herr Kommerzienrat so gar kein Einsehen hat! Er zwingt Sie ja fast –«

»Wozu denn, Lisi?« fragte Edwine trüb lächelnd. »Doch nicht dazu, gegen seinen Willen zu heiraten, in Zwist, vielleicht mit einem Skandal aus dem Hause zu gehen? Ich hätte nicht den Mut dazu.«

Lisi nickte eifrig: »Das ist's ja, und weil der gnädige Herr weiß, daß Sie sich nicht wehren können, wird er Sie auch noch zwingen, den anderen zu nehmen.«

Ordentlich zornig war das junge Ding geworden, aber auch Edwine hatte sich aufgerichtet, und fest klang ihre Stimme, als sie sagte: »Das kann Papa nicht. Mein Gehorsam hat Grenzen. Ich werde niemals Frau Colmar sein.«

»Merkwürdig, daß Sie ihn so gar nicht leiden können!« sagte das Mädchen nachdenklich. »Er ist doch eigentlich ein sehr hübscher und feiner Herr. Aber freilich – –«

»Es ist spät, Lisi,« unterbrach Edwine die Zofe. »All unser Reden hilft uns ja doch nicht. Glück überhaupt, und gar so ungetrübtes Glück, wie Lena es gefunden hat, ist eben nur wenigen beschieden. Gott bewahre es ihr!«

»Ja, Gott bewahre es ihr!« wiederholte Lisi, küßte Edwinens Hand, schaute sie noch einmal mit feuchten Augen an und ging.

Ihre junge Herrin sah ihr bewegt nach. »Armes Ding,« dachte sie, »sehnst und härmst dich auch, weil dich die Armut von deinem Liebsten trennt, und hast auch sonst gar wenig vom Leben. Aber du wirst doch einmal glücklich sein. Ich aber – ach! Daß doch unser Glück immer nur von einem ganz bestimmten Menschen kommen kann!«


Drittes Kapitel.

Mitternacht war vorüber.

Im Ärztezimmer der freiwilligen Rettungsgesellschaft befanden sich zwei Herren. Sie standen in Dienstbereitschaft, waren jeden Augenblick gewärtig, abberufen zu werden, jeden Moment bereit, ihr Können in den Dienst der Nächstenliebe zu stellen.

Der ältere der beiden Herren war Doktor Josephi, einer der leitenden Ärzte der Anstalt, der jüngere, Doktor Brenner, war einer der vielen Wackeren, welche sich dem Institute freiwillig zur Verfügung gestellt hatten. Zu Anfang ihres heutigen Nachtdienstes hatten die beiden Herren über allerlei, das der Tag gebracht, geplaudert, dann aber hatte sich jeder von ihnen in eine andere Lektüre vertieft.

Als es Zwölf schlug, legte Josephi sein Buch hin und verglich seinen Chronometer mit der Wanduhr, dann lauschte er nach der Straße hinaus. »Ist heute aber eine stille Nacht!« sagte er.

»Auch in dienstlicher Beziehung,« setzte Doktor Brenner hinzu, stand, sichtlich ein wenig gelangweilt, auf und dehnte und reckte sich.

Inzwischen hielt Josephi seine Virginia, welche kalt geworden war, über die Flamme der Lampe. Er dachte offenbar dabei an etwas Angenehmes, denn er lächelte vergnügt vor sich hin.

Da veränderte sich ganz plötzlich seine Miene. So sorglos heiter sie gerade noch gewesen war, so ernst und gespannt war sie jetzt.

Auch Doktor Brenner hatte aufgehorcht, denn es hatte am Telephon geläutet.

Der Apparat befand sich im Zimmer, aber er machte sich auch außerhalb desselben bemerkbar. Kaum erscholl die Klingel, als auch schon die zwei im Vorraum wachenden Heilgehilfen in zuwartender Haltung hinter der Glastür erschienen.

Doktor Josephi stand schon, die Hörmuscheln haltend, am Apparat. Sein jüngerer Kollege war, mit einem Notizblock und einem Bleistift versehen, zu ihm getreten, bereit, die Adresse aufzuschreiben, welche vermutlich angegeben werden würde.

Josephi nannte jetzt tatsächlich eine Adresse, welche der andere notierte. Er war merkbar erregt dabei gewesen, dann sagte er in den Apparat hinein: »Ja. Hier Rettungsgesellschaft. – Josephi. – Was gibt's denn bei Ihnen?«

Und wieder horchte er, schüttelte den Kopf, und dann wurde er blaß.

»Was gibt es denn?« fragte jetzt Doktor Brenner, besorgt auf den Kollegen schauend.

Er erhielt nicht sofort Antwort.

Josephi lauschte jetzt, lauschte mit seiner ganzen Seele, und daß diese Seele jetzt nichts weniger denn ruhig war, das konnte man an der ganz unbegreiflichen Spannung in des sonst so gleichmütigen Doktors Gesicht erkennen.

Jetzt ließ er die Hörmuscheln fallen, eilte zur Tür und rief den dort harrenden Männern zu: »Wir fahren sofort nach Döbling.«

Auf diese Weisung hin verschwanden die zwei Heilgehilfen augenblicklich.

»Sie bleiben, Herr Kollege,« wandte Josephi sich jetzt zu dem zweiten Arzt, der schon nach seinem Überrock langte, und warf sich seinen Havelock um. »Telephonieren Sie dem Polizeiamt Döbling, daß es sofort Leute an die gegebene Adresse entsenden solle. Es handelt sich um ein Verbrechen, vermutlich um einen Mord.«

»Wer hat uns denn angerufen?« fragte Brenner hastig.

Ebenso hastig wurde geantwortet: »Doktor König – er tat es unter den merkwürdigsten Umständen. Er selber ist das Opfer des Verbrechens. Denken Sie nur, er konnte mit seiner heiser gewordenen Stimme nichts mehr sagen, als: »Einbrecher, angefallen, verwundet, schnell –«

Josephi stand dabei schon auf der Schwelle. Jetzt stülpte er seinen Hut auf den Kopf, und fort war er.

Ein paar Sekunden lang starrte der junge Arzt ihm nach, dann ging er kopfschüttelnd an das Telephon, um Josephis Auftrag auszuführen.

Aus irgend welchen Gründen konnte er jedoch nicht sogleich mit dem Polizeiamte Döbling verbunden werden. Es dauerte für seine Ungeduld eine Ewigkeit, fast sieben Minuten, ehe seine Mitteilung an den diensthabenden Kommissar gelangte und er den Apparat wieder verlassen konnte .

Mit der Uhr in der Hand berechnete er, daß der Rettungswagen, mit welchem Josephi ausgefahren, und der schon seit etwa acht Minuten unterwegs war, jetzt schon auf dem Schottenring angelangt sein und höchstens zwanzig Minuten danach sein Ziel erreicht haben konnte.

»Vielleicht noch bevor die Polizei dort eintreffen kann,« dachte Brenner, sah nach, ob im Vorraum draußen Ersatzmannschaft eingerückt sei, was denn auch schon der Fall war, weckte einen seiner beiden Kollegen, die, für alle Fälle anwesend, in einem Nebenraume schliefen, und durchwachte nun mit diesem das Ende der Nacht, die so »still« begonnen hatte und die dann doch ein Ereignis gebracht, wie es seltsamer nicht gedacht werden konnte.

Während die beiden jungen Ärzte über dieses absonderliche Ereignis redeten, jagte der Rettungswagen, von zwei vorzüglichen Pferden gezogen, durch die längst menschenleere Nußdorferstraße dem Bezirke Döbling zu, darin in einer noch ziemlich ländlichen Gasse Doktor Königs bis heute so gemütlich gewesenes Heim lag.

Die gänzliche Unbelebtheit der Straßen hatte die größte Fahrgeschwindigkeit ermöglicht. Nur zweimal klang während dieser Fahrt der schrille Ton der Warnungspfeife durch die Stille der Nacht. Einmal, als ein Fiaker dem dahinrasenden Rettungswagen in die Nähe kam, und das zweite Mal, als ein Radler, aus einer Quergasse kommend, nahe der Nußdorfer Linie über die Straße fuhr.

Da hatte der Kutscher die Zügel an sich reißen müssen und hatte eine Verwünschung ausgestoßen, die dem Unvorsichtigen galt. Nur wenig hatte gefehlt, so wäre der so toll daher kommende Radler von den Pferden niedergeworfen worden.

Er mochte das selbst wahrgenommen haben, denn der Kutscher hatte es beim hellen Schein der zwei Wagenlaternen ganz genau gesehen: des Radlers totenbleiches Gesicht hatte eine Sekunde lang entsetzt auf den Wagen gestarrt, ehe er, einem Schemen gleich, wieder in der Dunkelheit verschwunden war.

Wenige Minuten später hielt der Wagen vor Königs Haus.

Als Doktor Josephi und seine beiden Begleiter heraussprangen, sagte ihnen schon der erste Blick auf die Villa, daß die Polizei noch nicht da, daß sie die ersten auf dem Platze seien.

Der Doktor hieß, während der eine Diener für alle Fälle zur Polizei gesandt worden war, und der Kutscher die Decken über die dampfenden Pferde warf, den zweiten Diener, ihm mit der einen Wagenlaterne folgen.

Es bot sich ihnen bezüglich des Eintrittes in den Garten und in das Haus keinerlei Hindernis. Die Tür des Vorgartens stand ebenso weit offen, wie diejenige, welche in die kleine Villa führte. Neben der Haustür, auf den bunten Fliesen, lehnte eine Hacke, neben dieser lagen etliche Holzsplitter. Die Tür war von innen aus gewaltsam geöffnet worden.

Im Hause herrschte tiefe Stille.

Josephi war früher schon etliche Male hier gewesen. Er verkehrte seit etwa zwei Jahren mit König und kannte die wenigen Räumlichkeiten von dessen eleganter Junggesellenwohnung.

Einige Stufen führten zu einem kleinen Hausflur, in welchen eine Stiege und zwei Türen mündeten. Durch die links gelegene dieser beiden Türen gelangte man in ein Vorzimmer.

Auch die Tür zu diesem stand offen. Es war da nichts Ungewöhnliches zu sehen, nichts, als daß ein Stuhl umgeworfen war.

Der Diener wollte ihn aufstellen.

Josephi hinderte ihn daran. »Rühren Sie nichts an,« sagte er. »Die Kommission muß alles so finden, wie es nach dem Verbrechen war.«

Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer, sich im stillen wundernd, daß nicht auch diese offen gewesen war. Die untere Glastafel des einen äußeren Fensterflügels, der leise knarrend sich in den Angeln drehte, war zerbrochen. Die inneren Flügel dieses Fensters standen offen. Auf dem dicht daneben befindlichen Schreibtisch herrschte große Unordnung.

»Dort ist man hereingekommen,« sagte der Doktor, rasch das große Zimmer durchschreitend, und dann sagte er noch etwas: »Also, da drinnen.«

Ja, da drinnen, hinter der nur angelehnten Tür, im Schlafzimmer mußte er König finden. Dahinein, so mußte man annehmen, hatte der Verwundete sich geschleppt.

Es war hinter der Tür, welche der Doktor jetzt aufstieß, unheimlich still.

»Ich bin zu spät gekommen,« dachte er, und seine Hand bebte bei dem Gedanken, daß hier einer, den er lieb gehabt hatte, ohne Hilfe hatte enden müssen.

Tief aufatmend trat er über die Schwelle. Tief aufatmend folgte der Diener ihm nach. Sie erwarteten beide Schreckliches zu sehen, einen armen Menschen, der tot in seinem Blute lag – aber sie sahen nichts dergleichen. Auch dieses Zimmer umschloß den, um dessenwillen sie gekommen waren, nicht. Ein zerwühltes Bett, ein Waschbecken, darin das Wasser ein wenig rötlich war, und ein Kleiderschrank, der halb offen stand – sonst gab es hier nichts, das auf einen ungewöhnlichen Vorgang hindeutete.

Aber auf dem Parkettboden lagen etliche Splitter polierten Holzes. Einer der beiden in diesem Zimmer befindlichen Schränke war erbrochen worden.

Der Laden des einzigen, sehr breiten Fensters, welches das Zimmer besaß und welches die abgestumpfte Ecke des Hauses unterbrach, war geschlossen.

Josephi wandte sich wieder dem Ausgang des Zimmers zu. Man mußte noch immer weiter suchen. Das unglückliche Opfer dieses nächtlichen Überfalles mußte doch zu finden sein!

Die beiden Männer hatten soeben den Flur erreicht, als eilig mehrere Personen durch den ziemlich tiefen Vorgarten auf das Haus zu kamen. Der Helm eines Wachmannes blitzte auf. Die Uniform eines Polizeibeamten wurde erkennbar.

Der Wachmann blieb unten, der Kommissar, von einem Josephi zufällig bekannten Arzt und einem Schreiber begleitet, stieg eilig die paar Stufen herauf.

Die Herren nannten ihre Namen, und Josephi berichtete eilig den Wortlaut der erhaltenen telephonischen Meldung, sowie auch, daß in den von ihm bereits durchsuchten Wohnräumen deren Inhaber nicht zu finden sei. So ergab es sich von selber, daß die weiteren Nachforschungen rasch in den anderen Räumen des Hauses fortgesetzt wurden.

Auch sie hatten keinen Erfolg.

Rätselhafterweise war von König im ganzen Hause keine Spur zu finden.

Aber er konnte sich ja ins Freie geschleppt haben. Die Herren verließen die Villa, um im Garten zu suchen.

Wenn jemand von der Straße aus herübergeschaut hätte, wäre er sicherlich zur Annahme gekommen, daß in der hübschen kleinen Villa ein Fest gefeiert werde, eines jener intimen Feste, deren passendster Schauplatz solch kleine, vornehme, hinter Bäumen halb versteckte Landhäuser sind. War doch jeder Raum der Villa erleuchtet, und Bewegung gab es daselbst auch genug.

Der Kommissar hatte nämlich den ihn begleitenden Wachmann geheißen, die vorhandenen Lampen anzuzünden und sie in den verschiedenen Räumen zu verteilen.

Aber gar zu unheimlich still war es in all den jetzt verlassenen Räumen.

Der Kommissar und die beiden Ärzte suchten mit ihrer Begleitung jeden Winkel des Vorgartens und des nicht sehr ausgedehnten Gartenteiles ab, der sich hinter dem Hause erstreckte – sie fanden König nicht. Sie gingen auch auf die Straße hinaus, um dort ihr Suchen fortzusetzen. Es war nämlich auf der einen Seite ein Graben, der sich am Rande der Vorgärten hinzog und der tief genug war, einen Hineingeworfenen oder Hineingefallenen zu verbergen. Dieser Graben zog sich auch an dem Vorgarten hin, hinter welchem das Heim Königs lag.

Man durchsuchte diese Bodenfurche. Umsonst!

»Vielleicht läuft doch das Ganze auf eine Mystifikation hinaus,« sagte der Kommissar, als er mit den Herren in das Haus zurückkehrte.

Josephi zuckte die Achseln.

Man wandte sich jetzt wieder zum Vorzimmer. Die brennende Lampe stand auf einem kleinen Tische ganz in der Nähe des Telephons.

Des Kommissars Augen hafteten auf dem umgeworfenen Stuhl. »Der lag so da, als Sie kamen?« fragte er Josephi.

»Genau so,« war die Antwort, dann zeigte der Arzt, der rasch zum Telephon hinging, auf die weißliche Tapete. »Es scheint doch keine Mystifikation zu sein,« fuhr er fort. »Hier und auch dort drinnen im Schlafzimmer ist Blut.«

Der etwas kurzsichtige Kommissar trat nun auch rasch an die Wand heran und besah sich den kleinen roten Flecken, welcher sich auf der Tapete zeigte. Dann nahm er die Lampe vom Tischchen und leuchtete noch näher hin.

»Auch auf der einen Hörmuschel befindet sich Blut,« bemerkte er, »auf der rechtsseitigen Hörmuschel.«

»Welcher Umstand dem seltsamen Bericht, den Sie, Herr Kollege, erhielten, durchaus entspricht,« setzte der Polizeiarzt, sich an Josephi wendend, hinzu.

Dieser tat einen tiefen Atemzug. Es war ihm unsagbar peinlich, von dem ihm so lieben Menschen so sehnsüchtig gerufen worden und zu spät gekommen zu sein.

Nach all den Eindrücken, welche er hier erhalten hatte, zweifelte er nämlich nicht im mindesten mehr daran, daß wirklich hier ein Verbrechen vorlag, das wahrscheinlich zu Beginn ein ganz gewöhnlicher Einbruch hatte sein sollen und das durch Königs Dazwischenkunft zu einem Mord geworden war.

Auch für den Kommissar gewann diese Anschauung immer mehr Wahrscheinlichkeit, nachdem er das eingedrückte Fenster, den zum Teil hervorgezerrten und umhergeworfenen Inhalt des Schreibtisches, das Waschbecken mit dem blutigen Wasser und den erbrochenen Kasten gesehen hatte.

Das zerwühlte Bett war freilich nicht zu erklären. Darin gelegen hatte in dieser Nacht noch niemand, das war sicher. Denn wäre dessen Inhaber im Schlafe oder auch nur im liegenden Zustande von dem Einbrecher oder den Einbrechern überrascht worden, so hätten diese doch, wenn sie es für nötig fanden, ihn selber wegzuschaffen, kaum auch alle die von ihm abgelegten Kleider und sonstigen Toilettenstücke so peinlich genau hinweggeschafft, daß nichts, aber auch gar nichts davon vergessen worden wäre.

Männer, besonders wenn es Junggesellen sind, pflegen doch meist ziemlich genial beim Auskleiden zu verfahren. Es war also anzunehmen, daß irgendwo eines von den vielen Stücken, die beim Schlafengehen jeder ablegt, zurückgeblieben wäre, falls König im Bette überfallen worden war. Aber nichts, gar nichts deutete darauf hin, daß er zur Zeit des Überfalles entkleidet und schon zu Bette gewesen war.

»Ich habe keinen Überrock und auch keinen Hut draußen gesehen,« sagte der Kommissar. »Sollten die, welche hier waren, auch diese Dinge mitgenommen haben? Oder sollte König, der, wie wir annehmen müssen, schwer verwundete Mann, falls er selber sich von hier entfernen konnte, noch daran gedacht haben, Rock und Hut zu nehmen?«

Der Schreiber war bei seines Vorgesetzten ersten Worten in das Vorzimmer hinausgegangen. Er kam jetzt zurück.

»Es ist weder im Nebenzimmer noch auch im Vorraum ein Hut oder ein Überrock, aber –«

Da schauten alle zur Tür. Eine alte Frau stand auf der Schwelle. Sie sah ganz verwirrt aus.

»Wer sind Sie?« fragte der Kommissar.

»Ich bin die Bedienerin des Herrn König,« war die zaghafte Antwort.

»Was wollen Sie denn jetzt mitten in der Nacht hier?« examinierte, auf sie zutretend, der Polizeibeamte weiter.

»Ich bin so in Sorge gewesen,« stotterte die Alte und wischte sich über die Augen.

»Sie wohnen in der Nähe?« fragte der Kommissar. »Drei Häuser weiter unten an der Ecke.«

»In Sorge sind Sie gewesen? Ja warum denn?«

»Ich hab' den Rettungswagen fahren g'seh'n. Mein Fenster geht auf d' Gass'n heraus, und schlafen kann ich ja nimmer viel. Hab' zuerst g'meint, der Herr Doktor fahrt z' Haus – aber daß das kein Fiaker ist, das hab' ich bald g'wußt. Aber – ich bitt', meine Herr'n – warum sind denn Sie da?«

Ängstlich, hastig hatte die Alte geredet. Ihre letzte Frage stieß sie in vollster Angst heraus.

Aber sie erhielt keine Antwort darauf. »Kommt der Herr Doktor immer zu Wagen nach Hause?« fragte der Kommissar.

»Net immer, aber manchmal und heut schon g'wiß. Er is ja von seiner Verlobung 'kommen«

»So! Also heute hat er Verlobung gefeiert. Aber warum sagen Sie denn, daß er gekommen ist?«

»Ich hab' ja schon lang Licht da herüb'n g'seh'n.«

»So! Man kann also von Ihrem Fenster aus diese Villa sehen?«

»Net das ganze Haus, aber grad das Eck da.« Sie wies auf die beiden Zimmer, zwischen denen sie sich befand. Sie hatte sehr bescheiden, ja in demütiger Weise geredet und war so eingeschüchtert, wie es viele Leute sind, wenn sie sich der Polizei gegenübersehen.

Aber ihre Angst war doch noch größer als ihre Schüchternheit. Die Hände faltend, trat sie plötzlich ganz dicht an den Kommissar heran und rief fast gereizt aus: »Jetzt aber, Herr Kommissar, lassen S' mich zum gnädigen Herrn!«

Und die Tür zurückschiebend, die ihr den Einblick in das Schlafzimmer verwehrte, drängte sie sich in dasselbe. Einige Sekunden lang durchsuchte sie den hübschen Raum mit ihren alten Augen, dann stammelte sie: »Aber der Herr Doktor ist ja gar net da!«

»Nein, er ist nicht da,« sagte der Polizeibeamte ernst.

»Und – und warum sind denn –« Die Alte redete nicht weiter. Sie war bleich geworden und wich – Grauen in den welken Zügen – langsam vor den Männern zurück.

»Warum wir da sind? Wir von der Polizei und der Herr Doktor von der Rettungsgesellschaft? Nicht wahr, Frauerl, das haben Sie fragen wollen,« antwortete der Beamte, die Zitternde freundlich zu dem nächsten Sessel führend, »ja, da müßte ich Ihnen viel erzählen!«

»Herr Gott! So is 'm Herrn Doktor g'wiß was g'scheh'n!« schrie das Weib auf.

»Wir wissen noch gar nichts,« beruhigte sie der Beamte, »also denken Sie einstweilen auch nicht an das Schlimmste. Aber sagen können Sie uns verschiedenes, das den Fall vielleicht aufklären helfen kann.«

»Da ist ja ein'broch'n word'n!« jammerte die Alte, die jetzt erst die an ihrem Rande zersplitterte Kastentür bemerkt hatte.

»Wissen Sie, was in diesem Kasten ist?«

»Wäsch' und was sonst zum Anzieh'n g'hört.«

»Auch Krawatten und Krawattennadeln und Manschettenknöpfe – – nicht?«

»Ja, ja, das auch. Der Herr Doktor hat schöne Sach'n.«

»Kennen Sie die einzelnen Stücke?«

»Ich glaub' wohl, daß ich alles kenn'. Hab' ja oft selber aus dem Kast'n herausgeb'n, was der Herr Doktor 'braucht hat.«

»Also, was war denn an Schmucksachen darin?« fragte, die Kastentür zurückschlagend, der Beamte. Man sah sofort, daß eilige Hände den Inhalt des Schrankes durchwühlt hatten.

»Alles – war – in einer Lederkassett'n,« stammelte, entsetzt auf den Wirrwarr starrend, die alte Frau.

»Nun, die Kassette ist ja da,« entgegnete der Kommissar, das genannte Stück, dessen eine Ecke unter etlichen zerknüllten Sacktüchern sichtbar war, hervorziehend. »Aber freilich ist sie geleert, wenigstens nahezu geleert,« fuhr er fort und zeigte die geöffnete Kassette, in deren einer Ecke zwei Ringe, eine Krawattennadel, eine kurze Uhrkette und ein im Lampenlicht aufblitzender Manschettenknopf lagen.

»O je! Da war viel mehr drin,« jammerte die Alte.

Der Polizeiarzt bemerkte verwundert: »Warum nur die Kerle nicht gleich die ganze Kassette genommen haben?«

Der Beamte zuckte die Achseln. »Hier gibt es ein viel größeres Rätsel,« sagte er, während er die Kassette wieder in den Schrank stellte, wobei er sich, dem Schreiber einen Wink gebend, wieder an die Alte wandte. »Was also war denn noch in der Kassette?«

»Eine schwere, lange goldene Uhrkett'n mit einem lila Petschaft.«

»War das aus einem durchsichtigen Stein?«

» Ja, und ganz altväterisch war's. Ein' stehenden Bären hat's vorg'stellt.«

»Weiter, Frauerl!«

»Es war auch ein Armband von Silber da,« fuhr die Alte ein wenig verlegen fort. »Der Herr Doktor hat's einmal 'trag'n, wie er noch sehr jung g'wes'n ist » Und als ob sie rasch über diesen zarten Punkt hinwegkommen wolle, fuhr sie eilig fort: »Und in einem kleinen, rotseidenen Polster sind – ich weiß es g'wiß – sieben Krawattennadeln g'steckt.«

»Fehlen also sechs,« bemerkte der Kommissar.

»War ein auffallendes Stück unter den fehlenden Nadeln?«

»Eine war ein Mohrenkopf, und eine war eine rote Schlange.«

»Na, gut i's, Frauerl,« sagte freundlich der Beamte. »Jetzt schauen Sie einmal in den Kleiderkasten hinein, ob da auch etwas fehlt.«

Die Frau tat, wie ihr geheißen worden war. Sie gab an, daß außer dem Salonanzug, den der Doktor angezogen, noch sein lichter, kurzer Pelzrock fehle.

Darauf meinte der Beamte: »Morgen früh werden Sie uns über diese Sache noch mehr sagen. Für jetzt möcht' ich nur noch wissen, um welche Zeit etwa Sie Licht in dieser Villa gesehen haben.«

Die Frau dachte ein Weilchen nach. »Es muß nach Elf g'wesen sein,« gab sie an, setzte jedoch sogleich hinzu, »aber g'wiß weiß ich's freilich net. Es sind halt noch Wagen und Radler g'fahr'n und noch Leut' auf der Gass'n 'gangen – drum hab' ich mich ja so g'wundert, daß der Herr Doktor schon z' Haus ist. Denn so ein Fest dauert ja g'wöhnlich lang, und von Hietzing herein fahrt ma doch auch a gute Zeit.«

»Also in Hietzing war er?«

»Ja, beim Herrn v. Mühlheim.«

»Soll dieser Herr sein Schwiegervater werden?«

»Ja. Die Fräul'n Braut heißt Lena.«

»Schön,« sagte verstohlen schmunzelnd über diese echt weibliche Abschweifung der Kommissar. »Notwendiger aber sollte ich Herrn v. Mühlheims Adresse wissen.«

Die Frau konnte ihm auch diese nennen. Der Schreiber notierte sie auf einen Wink seines Vorgesetzten, der zur Alten freundlich sagte: »Ich meine, Sie sollten jetzt nach Hause gehen, gute Frau. Sagen Sie uns nur noch, wie Sie heißen.«

»Marie Winter.«

Sie hatte sich erhoben und zog fröstelnd ihr Umhängtuch fester um die Schultern.

»Und über den gnädig'n Herrn können S' mir wirklich nichts sag'n?« fragte sie ängstlich und doch auch zugleich erleichtert.

Der Beamte schüttelte den Kopf. »Wirklich nichts.« Damit begleitete er sie aus dem Zimmer. Bis zum Korridor ging er mit ihr. Es geschah nicht aus purer Achtung vor ihrem, wenigstens scheinbar ehrwürdigen Alter – er gab auch dem draußen harrenden Wachmann einen Wink mit den Augen, während er sagte: »Begleiten Sie die Frau. Sie wohnt gleich drüben an der Ecke.«

»Die ist wohl kaum mit im Spiel,« meinte der Polizeiarzt.

Doktor Josephi griff nach seinem Hut und sagte: »Ich bin hier auch überflüssig. – Gute Nacht, meine Herren!«

Einige Minuten später fuhr der Rettungswagen, der heute zu niemandes Nutzen ausgefahren war, wieder heim, und eine halbe Stunde später lag die Villa wieder in tiefster Finsternis da. Nur daß jetzt sämtliche Türen und auch das Fenster, durch welches man eingestiegen, verschlossen waren, und zwei Wachleute regungslos im tiefen Schatten der uralten Föhre standen, die unweit der Villa ihre weitausladenden Äste bis über die Straße breitete.

Die Nacht war sehr unfreundlich geworden.

Das tiefziehende Gewölk sandte einen dichten Sprühregen herunter, den ein kalter Wind noch unangenehmer machte. Es war eine Nacht, in der noch recht viel Häßliches hätte geschehen können, aber in der stillen Straße da draußen in Döbling ereignete sich nichts mehr – – nichts, das das Rätselhafte des daselbst Vorgegangenen noch verdichtet hätte, aber auch nichts, das es aufklärte.


Viertes Kapitel.

Es ist gegen drei Uhr Morgens. Das Wetter hat sich nicht gebessert; noch immer regnet es, und noch immer peitscht der Märzsturm den Regen.

Lena v. Mühlheim, welche keinen Schlaf finden kann, lauscht auf das Toben der Natur, das ihr heute merkwürdig auf die Nerven geht.

Da rollt ein Wagen durch die sonst um diese Zeit so stillen Straßen Hietzings. So rasch fahren nur Herrschaftsequipagen oder die Wiener Fiaker.

Lena nimmt also an, daß die Bewohner irgend einer Nachbarvilla von einer Soiree oder einem Balle heimkehren, und es bietet ihr eine willkommene Zerstreuung, darauf zu achten, welchen Weg wohl der Wagen nehmen wird, der so rasch daher kommt. Da er in ihre Straße eingebogen ist, muß er auch am Hause vorüberkommen, ist es doch das erste, welches auf seinem Wege liegt, denn der untere Teil der Straße wird nur von Gärten gebildet.

Der Wagen hat plötzlich angehalten. Warum fährt er denn nicht weiter?

Lena richtet sich im Bette auf und lauscht angestrengt. Eine – – zwei Minuten vergehen.

Lena erhebt sich, schlüpft in die Hausschuhe und in den weichen, warmen Schlafrock und tritt zum Fenster. Sie sieht vor dem Gitter einen Wagen stehen. Es ist auch bereits jemand bis zum Tor hergetreten. Er versucht soeben, ob er nicht das Pförtchen öffnen kann, welches sich neben dem großen eisernen Gittertor befindet. Aber das Pförtchen ist gut verschlossen. Dem nächtlichen Besucher bleibt nichts übrig, als zu läuten, wenn er in die Villa kommen will. Er drückt denn auch auf den neben dem Pförtchen angebrachten Taster.

Ganz sachte hat er es getan. Er will also, daß nicht jeder im Hause ihn höre, und weiß augenscheinlich nicht, daß das Läutewerk in der Dienerstube angebracht ist, und daß das elektrische Klingeln also so wie so nur dort deutlich vernehmbar ist.

Lena strengt ihre Augen an. Sie möchte den Mann erkennen, der da in einem Fiaker kam und der zu so ungewöhnlicher Stunde ins Haus will. Die Dunkelheit ist jedoch noch zu dicht, die Augen der jungen Dame können sie nicht durchdringen.

Die Nacht an und für sich wirkt schon auf nervöse Leute aufregend, das hat Lena ganz besonders deutlich in eben dieser Nacht an sich erfahren. Jetzt ist ihre Aufregung zur Bangigkeit geworden, zur atembeklemmenden Bangigkeit.

Was kann denn dieser Fremde hier wollen? Ein Fremder ist es, natürlich ist es ein solcher, oder wenigstens ist es einer, der nicht ins Haus gehört. Was aber hat ein Fremder zu solcher Stunde zu melden – – zu bringen? Natürlich nur eine schlechte Nachricht. Zu solcher Zeit bringt man nur schlechte Nachrichten.

Was also ist geschehen?

Das fragt sich das junge Mädchen, und sie denkt dabei – es ist so natürlich – an ihren Verlobten, denkt, wie sie es eigentlich schon den ganzen Abend und die ganze Nacht getan hat, daran, wie verstimmt er gewesen, wie viele Mühe er sich hatte geben müssen, um wenigstens allen anderen gegenüber das Frohgefühl herauszukehren, das ihn heute naturgemäß hätte erfüllen müssen, und das ja auch tatsächlich in ihm war, das aber von irgend einem peinlichen Eindruck getrübt wurde.

Lenas Beklommenheit war zur quälenden Angst geworden. Sie starrte, die kalten Hände auf ihr laut pochendes Herz gepreßt, noch immer auf den Mann hinunter.

Er war jetzt nicht mehr allein.

Wilhelm, der jüngere der beiden Hausdiener, stand jetzt innerhalb des Gitters und redete mit ihm.

Lena sah noch, wie Wilhelm das Pförtchen öffnete und den Fremden einließ, dann mußte sie sich setzen, denn ihre Kniee zitterten. Ihr war, als sei das Unglück ins Haus gekommen.

Nach einer kleinen Weile verließ sie ihr Schlafzimmer und schlich sich in den Wintergarten hinab. Sie konnte annehmen, daß Wilhelm den nächtlichen Besucher in den kleinen Salon führen werde, der an den Wintergarten stieß.

Ihre Annahme war richtig. Eben hatte sie die Tür, durch welche sie eingetreten war, hinter sich zugezogen, als draußen eine Flamme des Gaslüsters entzündet wurde.

»Bitte, warten Sie hier. Ich werde den Herrn Kommerzienrat wecken,« sagte der Diener und verließ den Salon.

Lena hatte vorgehabt, mit dem Fremden zu reden, sie besaß jetzt aber weder den Mut noch die Kraft dazu. Hinter einer Palmengruppe auf ein Sofa sinkend, starrte sie mit ängstlichen Augen auf den Herrn, der langsam da draußen hin und her ging. Er trug eine Uniform. Er war ein Polizeibeamter.

Der Kommerzienrat war eingetreten. Er sah noch verschlafen und auch ein wenig aufgeregt aus.

»Womit kann ich dienen?« war seine hastige Frage.

Der andere grüßte stumm und dem Herrn des Hauses einen Stuhl zurechtschiebend und sich selber setzend, antwortete er: »Mit einer Auskunft, Herr Kommerzienrat. Ich bin der Polizeikommissar Greiner. Ich komme aus meinem Amtsbezirk Döbling, fast direkt aus der Wohnung Doktor Königs, Ihres künftigen Schwiegersohnes.«

»Was!«

Herr v. Mühlheim war jetzt nicht mehr schläfrig.

»Erschrecken Sie nicht vorzeitig, Herr Kommerzienrat,« beruhigte ihn der Beamte.

»Also – was ist's mit König?«

»Es wurde in seine Wohnung eingebrochen– –«

»Und er – – er wurde dabei – –« Mühlheim stockte.

»Er ist also Ihrer Meinung nach zu Hause gewesen?« fragte der Kommissär, merklich ernster werdend.

»Das fragen Sie mich?« Mühlheim holte erleichtert Atem. »Also ist ihm nichts geschehen? Nun ja, er ist gegen elf Uhr von hier weggefahren.«

»Und konnte somit vor zwölf Uhr in seiner Wohnung sein. Dann stimmt ja alles.«

»Was stimmt? Weiß man, daß gerade um zwölf Uhr bei ihm eingebrochen wurde?«

»Das muß man annehmen.«

Mühlheim atmete erleichtert auf. »Da kann er noch nicht zu Hause gewesen sein, denn er ist von hier aus nach seiner Redaktion gefahren.«

»Ah! Sie wissen das bestimmt?«

»Bestimmt! Er sagte wenigstens, daß er es tun werde.«

»Scheint es aber doch nicht getan zu haben,« sagte der andere langsam.

»Woraus schließen Sie das?«

»Bald nach zwölf Uhr wurde die Rettungsgesellschaft von ihm angerufen, und zwar von seiner Wohnung aus.«

»Die Rettungsgesellschaft –« wiederholte, die Fassung verlierend, der Kommerzienrat. »Weshalb denn?«

»Er telephonierte wörtlich: »Einbrecher, angefallen, verwundet, schnell –« Der Krankenwagen und ich mit meinen Leuten trafen, es war keine halbe Stunde später, in Königs Wohnung ein, finden unzweifelhafte Beweise eines Einbruchs und ein blutiges Schallrohr beim Telephon – – aber König fanden wir nicht. – – Aber was war das?« Mit dieser Frage unterbrach der Beamte seine rasche Schilderung und stand auf.

Im Nebenraum war irgend ein Gegenstand zu Boden gefallen und zerbrochen.

Auch Herr v. Mühlheim hatte sich erhoben. Mit zitternden Händen langte er nach einem der Leuchter, die auf dem Kaminsimse standen.

Greiner aber mußte die Kerze anzünden, und er war der erste, welcher die halb offenstehende Glastür des Wintergartens aufstieß und den weiten Raum betrat.

Hinter einer Palmengruppe neben einem zersplitterten Blumentopf schimmerte etwas Weißes.

Eine Minute später hielt Herr v. Mühlheim die ohnmächtige Lena im Arm.

»Meine Tochter, Königs Braut – –« sagte er mit bleichen Lippen.

Nachdem man das unglückliche Mädchen in ihr Zimmer gebracht hatte, wo ihre Schwester und die treue Lisi, selber ganz verstört von der nun auch ihnen vermittelten Nachricht, sich liebevoll um sie bemühten, wurde Wilhelm zur nahen Polizeistation gesandt, von der aus man telephonisch bei der Redaktion anfragte, ob Doktor König in dieser Nacht nach elf Uhr dort gewesen sei.

Der Nachtredakteur beantwortete diese Frage mit Nein. Doktor König sei nur am Morgen des vergangenen Tages auf einige Minuten in der Redaktion erschienen, habe versprochen, das Manuskript des Artikels, welcher sich auf die heute stattgehabte Eröffnung der Kunstausstellung beziehe, rechtzeitig abzuliefern, habe aber sein Versprechen nicht gehalten; man wisse nichts von ihm und sei dieser, seiner ersten Unpünktlichkeit halber dem Publikum gegenüber in großer Verlegenheit.

Nachdem sich diese, vom Polizeiamt Hietzing schriftlich wiedergegebene Erklärung in Greiners Händen befand, blieb kein Zweifel mehr übrig, daß König einem Verbrechen zum Opfer gefallen war – einem Verbrechen, dessen Phasen ziemlich klar vor den geistigen Augen derer lagen, die von dem Falle überhaupt Kenntnis hatten, und wobei nur das spurlose Verschwinden Königs rätselhaft blieb.

Die häßliche Morgendämmerung war einem lichtarmen Tage gewichen.

In der Villa Mühlheim herrschte eine peinvolle Stimmung. Die Dienerschaft tuschelte miteinander, Lisi, ganz verweint, huschte, bald dies, bald jenes für ihre bedauernswerte junge Herrin besorgend, durch das sonst so trauliche Haus. Sogar Erich Mühlheim war ganz verstört und drückte sich, das Herz voll Mitleid, in der Nähe von Lenas Schlafzimmer herum, indem er sich, wenn Edwine oder Lisi zum Vorschein kamen, zu allen möglichen Diensten anbot. Ach! Man konnte ihn zu nichts brauchen, zu nichts anderem wenigstens, als dazu, auch mit zu leiden.

Aber als Edwine es ihm endlich erlaubte, Lena zu sehen, hatte das doch sein Gutes. Die Arme konnte, seit sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war, keine Ruhe finden. Wiewohl sie, in der jeder Nerv fieberte, so schwach war, daß sie sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, irrte sie doch unaufhörlich durch das Zimmer, ergriff ganz zwecklos bald diesen, bald jenen Gegenstand, um ihn, wohl auch ohne Bewußtsein ihres Tuns, wieder hinzulegen, starrte mit unnatürlich glänzenden Augen vor sich hin und wurde wiederholt vom Fieber geschüttelt.

So fand Erich die, welche sonst die Verkörperung schönsten seelischen Ebenmaßes war. Eine Weile stand der ganz erschütterte Bursche still an der Tür; er wagte angesichts solchen Leides kaum zu atmen und preßte sich, um nicht laut aufschreien zu müssen, die Nägel ins Fleisch; endlich aber hielt er nimmer an sich, eilte auf Lena zu, umschlang sie und fing bitterlich zu weinen an.

Da war es, als ob sie aus ihrer peinvollen Betäubung erwache, als ob es ihr erst jetzt ganz klar werde, was da geschehen war. Erich sanft von sich schiebend, schaute sie eine Weile auf sein tränenüberströmtes junges Gesicht, und dann füllten sich auch ihre Augen mit Tränen. Und als Erich laut aufschrie: »O, könnte ich dir helfen, meine liebe, liebe Schwester!« da legte sie ihre Arme auf seine Schultern und weinte laut und bitterlich.

»Gott sei Dank!« sagte Lisi, die mit Edwine Zeugin dieser schmerzlichen Szene war.

Bald danach traf der von Erichs Lehrer geholte Hausarzt ein. Als er wieder ging, ließ er die Beruhigung zurück, daß der furchtbare Schrecken, in welchen das zarte Mädchen versetzt worden war, höchst wahrscheinlich keine ernsteren Folgen für ihre körperliche Gesundheit haben werde, riet jedoch ernstlich zu einem sofort vorzunehmenden Ortswechsel.

– – – – – – – – – – – – –

Herr v. Mühlheim trat in das Bureau des ihm befreundeten Chefs des Sicherheitsinstituts. Derselbe, Herr v. Eichen hieß er, sah wie so ein urgemütlicher, gesetzter Wiener Bürger aus. Er war jedoch von altem Adel und ein hochgebildeter Mann. Äußerlich jedoch merkte man, wie gesagt, nichts davon, daß Herr v. Eichen fraglos hoffähig war. In gewissen Kreisen kannte man ihn als urfideles Haus, während die Angehörigen anderer Kreise alle Ursache hatten, seine amtlichen Eigenschaften vollauf zu würdigen, und wieder andere Kreise Grund besaßen, seinen Scharfblick zu fürchten. Herr v. Eichen wurde deshalb einerseits ebensosehr gefürchtet und gehaßt, als er anderseits geliebt und geachtet wurde.

Er war indessen keineswegs ein Feind der Verbrecher – er war nur ein Feind der Gemeinheit, der Niederträchtigkeit. Wer ein Vergehen oder gar ein Verbrechen begangen hat, der muß ja nicht immer gemein und niederträchtig sein.

Aus eben demselben Grunde war Herr v. Eichen auch keineswegs immer ein Freund derer, welche sozusagen unbescholten dahin leben, denn sein langes und inhaltreiches Dasein hatte ihm nur zu oft den Beweis erbracht, daß in einem noch so unbescholtenen Leben zuweilen recht viel Gemeinheit Platz findet.

Daß er jedoch ein Freund aller war, die sich in Not befanden, und daß sein Herz tiefer Teilnahme fähig sei, bewies er in dieser Stunde wieder.

Als Mühlheim so sichtlich schwer bekümmert bei ihm eintrat, eilte er ihm rasch entgegen und rief, ihm beide Hände reichend: »Was ist denn geschehen, das Sie in dieser Verfassung und in dieser frühen Stunde zu mir treibt? Du lieber Gott! Sie sehen ja ganz elend aus!«

Er hatte seinen wirklich recht übel aussehenden Besucher schon in den tiefen Lehnstuhl gedrückt, welcher neben seinem Schreibtisch stand, und schaute nun, selber recht bekümmert, auf Herrn v. Mühlheim nieder.

Etliche Minuten später wußte er, um was es sich handle. Auch er kannte und schätzte König, und deshalb ging ihm dieser Fall nach zwei Richtungen hin nahe. Er griff nach den Einläufen, welche im Laufe der verflossenen Nacht von den Kommissariaten der verschiedenen Bezirke an das Sicherheitsamt geleitet worden waren, die man ihm, wie allmorgendlich, auf den Tisch gelegt hatte, und welche er nur deshalb noch nicht durchgesehen hatte, weil er knapp vor Mühlheim erst ins Bureau gekommen war.

Er fand sehr bald die Anzeige des Döblinger Kommissariates, las sie dem Kommerzienrat vor und schellte alsdann.

»Herr Kommissar Mohr!« rief er dem eintretenden Diener zu.

Zwei Minuten später trat der Gerufene ein. Herr v. Eichen stellte die Herren einander vor und ließ sich alsdann von dem Kommissar über dessen amtliche Ausfahrt nach Döbling berichten. Es war nämlich auch schon eine Kommission seitens des Sicherheitsamtes an dem Tatort gewesen.

Kommissar Mohr konnte aber nichts Neues berichten.

Als er gegangen war, wischte Mühlheim sich die feucht gewordene Stirn und sagte: »Natürlich stelle ich der Behörde jede beliebige Summe zur Verfügung.«

Herr v. Eichen nickte. »Gut, gut. Können wir vielleicht brauchen,« sagte er, sich gleich seinem Besucher erhebend. »Natürlich werden wir auch uns selber nicht schonen. Falls sich dieses seltsame Verschwinden Königs nicht heute noch aufklären sollte, werden wir vermutlich unsere tüchtigsten Detektivs brauchen – – und einen« – es zuckte dabei in des alten Herrn Augen auf – »einen habe ich bereits. Jetzt aber sagen Sie mir noch: weiß Fräulein Lena schon von dieser Sache?«

Der Kommerzienrat seufzte schwer. »Sie hat den Bericht des Kommissars mit angehört.«

»O! – Und –«

»Und wir fanden sie wie tot im Nebenraume, wo sie gelauscht hatte. Als sie wieder zum Bewußtsein kam, war ihr Zustand noch fürchterlicher. Sie gebärdete sich wie eine Irre. Sie hat ihn sehr geliebt. Ich fürchte alles Schreckliche für mein Kind. O, ich habe Unglück mit meinen Töchtern – –«

»Ja, ja, auch mit Edwine – sie sieht nicht gut aus. Ich habe sie letzthin bei Thurmanns getroffen.« In Herrn v. Eichens Gesicht zeigte sich eine gewisse Spannung bei diesen Worten, und merkwürdigerweise hatte es in seinen Augen dabei wieder aufgeblitzt. Jetzt aber glätteten sich seine Züge, und fast nur so nebenher fragte er weiter: »Die Arme kann wohl diesen Gröden noch immer nicht vergessen?«

»Natürlich nicht. Wenn sich so ein Weiberherz einmal etwas einbildet –« Der Kommerzienrat lachte grimmig auf.

Herr v. Eichen lächelte auch. Es war ein liebes, weiches Lächeln, und seine noch immer schönen Augen lächelten mit, während er sagte: »Na, wissen Sie, lieber Mühlheim, den Gröden kenn' ich auch und kann's begreifen, daß man den nicht so leicht vergißt. Hätten Sie ihm doch lieber Ihr Haus geöffnet, statt auf die Schilderung Ihrer Schwester hin, die – nichts für ungut – eine verschrobene alte Jungfer ist, seine Vorstellung abzulehnen. Ich bin sicher, der Mann hätte auch Ihr Herz gewonnen, und Sie hätten jetzt wenigstens ein glückliches Kind. – Na, das ist vorbei, und – um wieder auf unseren Gegenstand zu kommen – wir wollen diese vielleicht schwierig werdende Untersuchung also einem recht schneidigen Menschen anvertrauen, da ich mir ja denken kann, daß Ihnen sehr viel daran liegt, den Fakt recht bald aufgeklärt zu sehen.«

»Es liegt mir ungeheuer viel daran,« fiel Mühlheim dem Beamten in die Rede. »Spüre ich es doch selber, daß diese Unklarheit, wo König ist, und ob er wirklich das Opfer eines Verbrechens geworden, viel schrecklicher ist als selbst die traurigste Gewißheit. Lena muß das noch tausendmal tiefer empfinden. Ich begreife, daß sie dem Wahnsinn nahe ist. Also – bitte, tun Sie, was Sie können, um uns bald Klarheit zu verschaffen.«

Mühlheim preßte fast in seiner Erregung Herrn v. Eichens Hand.

»Fahren Sie jetzt nach Hause?« fragte dieser.

Mühlheim nickte. »Ich könnte den Tatort nicht sehen,« sagte er schaudernd.

»Gut. Bleiben Sie daheim. Ich werde Ihnen Nachricht senden.«

Damit schieden die beiden Männer. Der Kommerzienrat bestieg seine Equipage, Herr v. Eichen aber war damit beschäftigt, den Mann, den er für diesen schwierigen Fall ins Auge gefaßt hatte, in die bis jetzt bekannten Einzelheiten des Döblinger Falles einzuweihen.

Das war sehr bald geschehen, wonach selbiger Mann eiligst nach Döbling fuhr.

Herr v. Eichen aber las den diesbezüglichen Einlauf des Tages noch einmal, und er war trotz alles Abgehärtetseins immerhin ein wenig aufgeregt über den Döblinger Polizeibericht, den er soeben mit seinem Untergebenen durchgenommen, und als er das Aktenstück aus der Hand gelegt hatte, gab er sich eine gute Weile tiefem Nachdenken hin.

Endlich fuhr er sich langsam über die Stirne und tat einen tiefen Atemzug, dann ging er daran, die übrigen vor ihm liegenden Akten zu erledigen, traf Verfügungen und empfing etliche amtliche Besuche. Aber wenn er auch all seinen Verpflichtungen aufs genaueste nachkam, ganz so gemütsruhig wie sonst war er dennoch nicht. Gar oft tat er einen Blick auf die Uhr, und wenn im Vorgemach draußen Schritte laut wurden, wandte sein Gesicht sich unwillkürlich zur Tür.

Der Fall König beschäftigte ihn eben doch am lebhaftesten, und seine Gedanken wanderten gar oft zwischen Döbling und Hietzing hin und her.

Gegen Mittag kam sein Abgesandter zurück. »Nun?« rief er ihm entgegen.

»Die Sach' liegt noch genau so wie heut nacht,« lautete die Antwort des Detektivs. »Übrigens bring' ich ein Nachtragsprotokoll, 's ist aber gar nichts Wichtig's drin.«

Es war so. Frau Winter, Königs Bedienerin, hatte noch einige Angaben über seine Lebensgewohnheiten und über die Besuche, die er zuweilen empfangen hatte, gemacht, sowie auch angegeben, daß er allerlei Kleinigkeiten von seiner Reise mitgebracht hatte, von denen auch einige entwendet worden sein mußten. Die Frau war nämlich, wie schon gesagt, aufgefordert worden, noch einmal und zwar recht genau festzustellen, was etwa von den Effekten Königs noch fehle, und da hatte sie im Beisein des Kommissars in der ganzen Wohnung des Verschwundenen Nachschau gehalten.

»Und was ist Ihre Meinung bezüglich dieses Falles?« fragte Herr v. Eichen den tatsächlich sehr tüchtigen Polizisten, der schon so manche schwierige Sache mit großer Gewandtheit durchgeführt hatte.

Des Mannes Augen leuchteten auf. Sein kräftiger Leib streckte sich, und tiefaufatmend antwortete er in seinem unverfälschten Wiener Dialekt: »Herr Oberpolizeirat, so was war schon lang net da. Wann i den Fall krieg'n tät'!«

Die helle Hoffnung funkelte aus seinen Augen.

Herr v. Eichen war aufgestanden. Er legte seine Hand auf des Mannes Schulter und sagte freundlich: »Es tut mir leid, lieber Klesing. Aber für diesen Fall hab' ich schon einen anderen bestimmt. Freilich, wenn der die Sache nicht übernimmt, weil – nun weil er anderes zu tun vorzieht, dann können wir ja weiter darüber reden. Vielleicht auch nimmt er Sie als Helfer an. So – – und jetzt sagen Sie dem Herr Doktor, der jetzt im Bureau arbeitet, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«

Der Detektiv ging. Er konnte seine Verdrossenheit nur schlecht verbergen. Die Möglichkeit, daß einer, dem solch ein Fall überwiesen wurde, etwas anderes zu tun vorziehen könne, schien für ihn offenbar nicht zu existieren.

Als Herr v. Eichen wieder allein war, ließ er sich in seinen Sessel nieder und schaute mit dem weichen Blick eines Menschen vor sich hin, der in eine weite Ferne blickt, in deren Helligkeit er Liebes sieht.

»Wenn sich so ein Weiberherz einmal etwas einbildet,« murmelte er lächelnd. »Ah – –! Es ist so schön, so wunderschön, solch ein Weiberherz, das nie mehr von dem läßt, den es lieben muß. Solch ein Herz war auch deines, meine Maria, und solch ein reines, starkes, treues Herz hat auch Edwine. Es ist wahrlich etwas Schönes um ein Herz, das nur einmal lieben kann.«

Das murmelte der alte, in der Liebe also nicht ganz unerfahrene Hagestolz vor sich hin, und als er ganz im stillen weiterdachte, wurde sein Lächeln schalkhaft – – merkwürdig schalkhaft, und er nickte ein paarmal so, als ob er von irgend etwas ganz besonders befriedigt sei, vor sich hin.

Der Eintritt des Berufenen unterbrach ihn in seinem Sinnen.

Er nickte dem nach artiger und auch wieder ein wenig vertraulicher Begrüßung Näherkommenden freundlich zu und wies auf den Sessel, den am Morgen Herr v. Mühlheim innegehabt hatte.

»Herr Oberpolizeirat, mir wird ganz feierlich zu Mute. So bin ich also nicht dienstlich hierher berufen worden?« fragte der stattliche junge Mann lächelnd.

Herr v. Eichen antwortete plötzlich ernst geworden: »Lieber Doktor, hören Sie erst zu – – –«

Und der Angeredete, ein sehr hübscher und sichtlich auch feiner Mensch, hörte dem alten Herrn zu und wurde immer aufmerksamer und immer nachdenklicher. Einmal hob er den Kopf jäh empor, und da sah er sehr stolz und abweisend aus, aber der alte Polizeirat und der junge Doktor juris waren keineswegs in Meinungsverschiedenheiten; sie schieden, nachdem sie reichlich eine Stunde lang beisammen gewesen, in recht freundschaftlicher und angeregter Weise voneinander. –

Gegen Mittag wurde Herrn v. Mühlheim der Oberpolizeirat v. Eichen gemeldet.

»Sie kommen selbst?« Mit diesen Worten und einem angstvollen Blick wurde der alte Herr von dem Kommerzienrat empfangen.

»Sie meinen wohl, weil es besonders Wichtiges zu melden gibt – aber da irren Sie. Wir wissen zur Zeit noch gar nichts über den Verbleib Königs. Aber wir werden etwas darüber erfahren, wenn Sie den Helfer annehmen wollen, den ich Ihnen überweisen will.«

So redete Herr v. Eichen und machte es sich in einer Sofaecke bequem.

»Gewiß nehme ich ihn an; aber daß Sie deshalb sich selbst hierher bemüht haben –«

Herr v. Mühlheim hielt zerstreut inne. Ein Wagen war vorgefahren, und das Gittertor wurde soeben geöffnet. Der Kommerzienrat seufzte schmerzlich.

Herr v. Eichen fragte teilnehmend, was es denn wieder Schmerzliches gäbe, und erfuhr, daß der soeben zurückkehrende Wagen seine beiden Töchter und Erich zur Bahn gebracht habe, weil der Hausarzt dazu geraten hatte, Lena für eine Weile wenigstens zu entfernen.

»Wohin haben Sie denn das arme Kind geschickt?« fragte Mühlheims Besucher.

»Zu meiner Schwester.«

»Nach Baden?«

»Nach Baden.«

»Und Fräulein Edwine ist mitgefahren?«

»Natürlich. Ich schickte auch Erich und seinen Erzieher mit. Lena wird es übrigens draußen nicht lange aushalten. Diese Unruhe, diese Aufregung, die nicht einmal ein sicheres Ziel haben – die lassen sie nirgends Ruhe finden, die können sie um den Verstand bringen.«

»Begreiflich,« meinte ehrlich und mitfühlend Herr v. Eichen, »und deshalb, lieber Mühlheim, muß man ihr wenigstens zur Gewißheit verhelfen und – wäre es die traurigste.«

»König kann ja noch immer leben,« sagte Mühlheim nervös.

»Eines ist sicher: es hat noch niemand seine Leiche gesehen.«

Der Kommerzienrat sank wieder in sich zusammen, sein Besucher aber fuhr – – immer gleichmäßig ruhig redend – – fort: »Finden wird man König ja schließlich doch – und der, dem das meiner Überzeugung nach am schnellsten gelingen wird, den sollen Sie heute noch sehen.«

»Wo?«

»Hier.«

»Sie werden ihn hierher schicken?«

»Natürlich. Von wo soll er denn bei seinen Nachforschungen ausgehen als von hier, wo König – so weit wir bis jetzt darüber unterrichtet sind – zum letzten Male gesehen worden ist!«

»Richtig! Also – bitte, schicken Sie ihn so bald wie möglich.«

»Er wird sogar hier wohnen müssen.«

»Hier wohnen? – – Ja – ja, auch das, da Sie es für notwendig halten.«

»Als was soll er denn in Ihrem Hause eingeführt werden?«

»Eingeführt? Vorgestellt meinen Sie wohl?« Mühlheim schaute verwundert auf. Er war aber nicht nur verwundert, er war auch merkbar verstimmt. Es paßte ihm offenbar nicht, einen Polizeiagenten im Hause zu haben.

Herr v. Eichen beachtete diese Mißstimmung nicht. »Natürlich muß er hier verkehren,« sagte er gelassen, »und zwar muß er als Ihr Gast, als Ihr intimer Gast hier weilen können, denn nur als solcher kann er sich hier vollständig frei bewegen, nur als solcher kann er unbeobachtet und ungehindert die Spur aufsuchen, die – ich wiederhole es – – ja doch von hier aus verloren gegangen ist.«

»Wird es nicht recht unwahrscheinlich sein, daß ich gerade jetzt einen Gast in mein Haus aufnehme?« fragte verdrießlich Herr v. Mühlheim.

Sein Besucher zuckte die Achseln. »Nicht die Spur. Sie geben den jungen Mann, der sehr gute Manieren hat, als den Sohn eines Ihrer Jugendfreunde aus, der weit her kommt und, in Wien völlig fremd, auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen ist. Mein Mann wird den nötigen Takt haben, diese Rolle nicht zu mißbrauchen, und das nötige Geschick, sie durchzuführen.«

»Aber – wo nehme ich nur gleich einen Jugendfreund her? Es lebt ja keiner mehr, und keiner hatte einen Sohn.«

»Um so besser. So können keine theatralischen Mißverständnisse entstehen. Der Mann, den ich Ihnen sende, ist einer der fähigsten Köpfe, die ich kenne, verbindet mit feinen Manieren bezüglich dieses Falles auch noch den Vorzug, der französischen Sprache vollkommen mächtig zu sein. Lassen Sie ihn also als Franzosen gelten, sagen wir als Monsieur Durand, der aus Nancy kommt, und dessen Vater, ein wohlhabender Seidenhändler, einst mit Ihnen befreundet gewesen ist.«

»Gut, gut – also Herr Durand aus Nancy, und sein Vater war Seidenhändler. Das kann man sich ja merken.«

»Sagen wir Eugen Durand.«

»Also Eugen Durand aus Nancy. Na – mag er also kommen. » Der Kommerzienrat lehnte sich, merkbar sehr ermüdet ob all der gehabten Aufregungen, in seinen Sessel zurück.

Herrn v. Eichen hatte der ein wenig hochmütige Ton, in welchem Mühlheim zuletzt geredet hatte, nicht gefallen. Er erhob sich ein bißchen steif und langte nach seinem Hut.

Der Herr des Hauses seufzte: »Sie gehen schon? Natürlich. Wer wird auch unnötig lang in einem Hause bleiben, darin das Unglück eingekehrt ist?«

»Keine unnötige Bitterkeit, lieber Mühlheim,« entgegnete der Oberpolizeirat kühl und setzte ebenso kühl hinzu: »Auch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß dieser Eugen Durand keiner unserer Agenten ist. Er ist ein angesehener Kriminalist. Ich sage das nur, damit Sie, lieber Freund, Ihr Benehmen danach einrichten.«

Einige Minuten später bestieg Herr v. Eichen wieder seinen Wagen. Er schmunzelte dabei.

Es war gegen drei Uhr, als er die Villa Mühlheim verließ.

Eine Stunde später fuhr daselbst ein Fiaker vor. Es entstieg ihm ein etwa vierunddreißigjähriger eleganter Herr, der, als Wilhelm zum Pförtchen kam, nach Herrn v. Mühlheim fragte und diesem seine Karte schickte.

Der Kommerzienrat war allein, als der Diener ihm die Karte überreichte.

»Eugen Durand – – Nancy,« stand da gedruckt, und darunter war mit Bleistift geschrieben: »Georg Durands Sohn.«

Mühlheim hatte sich rasch von seinem Sitze erhoben. Er sah verdrießlich und neugierig zugleich aus. Er war auch tatsächlich beides. »Der Sohn meines Jugendfreundes,« brummte er, noch immer auf das Kärtchen blickend, »und gerade heute muß er kommen! – – Führen Sie den Herrn zu mir,« fuhr er dann, zu Wilhelm gewendet, fort.

Eine Minute später verneigte sich der sehr stattliche junge Mann, der soeben vor die Villa gefahren war, artig, jedoch nicht ein bißchen unterwürfig, vor dem Herrn des Hauses, der ihn mit scharfem Blick maß. Aber zusehends ward dieser Blick milder, und als Eugen Durand aus Nancy die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt hatte und, seine blitzenden blauen Augen mit ernstem Ausdruck auf Mühlheim richtend, mit einer auffallend angenehmen Stimme und voller Ruhe sagte: »Herr Kommerzienrat – ich stelle mich Ihnen hiermit zur Verfügung,« da ging Mühlheim ihm rasch entgegen und streckte ihm die Hand hin.

»Ich heiße Sie,« sagte er warm, »wiewohl unter traurigen Umständen, willkommen, Herr –«

»Durand,« vollendete der andere lächelnd. »Durand. Mein wirklicher Name hat ja mit dieser Untersuchungssache nichts zu tun. Eines jedoch ist notwendig, Herr Kommerzienrat: Sie müssen mich Ihren Hausgenossen und Besuchern als irgend etwas vorstellen, und da bemerke ich gleich, daß ich weder als Künstler noch als Geschäftskundiger meinen Mann stellen könnte, denn ich übte niemals irgend eine Kunst in nennenswerter Weise aus, noch habe ich tieferes Verständnis für den Handel.«

»So könnten Sie vielleicht für einen Gymnasialprofessor gelten, welcher krankheitshalber auf Urlaub ist,« meinte Mühlheim.

»Da werden Sie in meinem Hause nicht in Verlegenheit kommen, weil die Herren dieser Kategorie zufällig jetzt bei uns nicht verkehren.«

»Gut, ich bin also der Gymnasialprofessor Eugen Durand. Und nun, bitte, lassen Sie mir ein Zimmer anweisen und noch eines: heute nacht werde ich auswärts sein.«

»Darf ich wissen, was Sie vorhaben?«

Durand erhob sich. »Ich will mir nur Königs Wohnung ansehen.«

Auch Mühlheim stand auf. Er drückte auf einen Taster. »In einer halben Stunde dinieren wir,« sagte er, »da werden Sie sogleich einige meiner Hausgenossen kennen lernen.«

Durand verbeugte sich. »Auf eines möchte ich Sie noch aufmerksam machen, Herr Kommerzienrat,« sagte er, »unsere Erfolge fußen häufig auf Kleinigkeiten, auf ganz geringen Kleinigkeiten zuweilen, und ferner haben wir Kriminalisten grundsätzlich zu niemand Vertrauen, aber – wir fordern volles Vertrauen von jenen, die sich an uns wenden.«

»Also fordern Sie, Herr Durand, solches von mir?«

Dem gezwungenen Lächeln Mühlheims antwortete ein recht natürliches, das den Mund seines Besuchers umspielte. »Ja – ich erwarte, daß Sie mir alles sagen, was sich bestimmt oder wahrscheinlich oder auch nur möglicherweise auf das Verschwinden Königs bezieht oder beziehen kann. Und ich bitte Sie, dagegen über alles, was Sie selbst durch mich Diesbezügliches erfahren, zu schweigen – –– gegen jedermann zu schweigen.«

»Also gut – niemand wird durch mich davon erfahren, selbst nicht meine nächsten Angehörigen.«

»Und nun bitte ich Sie, mir einige Fragen zu beantworten.«

»Fragen Sie.«

»Kennen Sie jemand, der König haßt?«

»Niemand.«

»Bedeutende Menschen haben doch immer Feinde.«

Mühlheim zuckte die Achseln.

»Hatte König irgend eine Leidenschaft, die ihn in Verwicklungen hat bringen können?«

»Mir ist nichts davon bekannt.«

»Er ist, wie verlautet, wohlhabend. Konnte sein Sterben jemand Nutzen bringen?«

»Er hat keine Verwandten.«

»Sie werden die Güte haben, mir Namen und Adresse aller, die an jenem Abend Ihre Gäste waren, zu notieren.

Mühlheim verneigte sich zustimmend.

»Und Sie werden sich darüber zu orientieren suchen, ob Ihre Hausgenossen nicht etwa einen Fremden oder jemand, der nicht zur Gesellschaft gehörte, zur kritischen Zeit in oder nahe dem Hause bemerkt haben.«

»Ich werde auch das tun.«

»Ihre Fräulein Töchter, Ihr Sohn und sein Erzieher sind nicht daheim,« fuhr Durand nach einer kleinen Pause fort.

»Das wissen Sie auch schon?« unterbrach ihn Mühlheim nervös lächelnd.

Durand nickte und erhob sich. »Da sind wir ziemlich ungeniert, weil ja, wie ich auch weiß, Anna Krause, eines Ihrer Dienstmädchen, knapp vor meiner Ankunft das Haus verlassen hat, und Ihr Gärtner mit seinem Gehilfen nach der hohen Warte gefahren ist, um aus den Rothschildschen Gärten Traubenableger zu holen.«

Mühlheim schüttelte verwundert den Kopf.

»Und da somit nur Wilhelm, Ihre Köchin und das Aushilfsmädchen Lori zu Hause sind –«

»Sie kennen schon alle meine Dienstleute?«

»Ich habe nicht die Ehre,« sagte Durand lächelnd.

»Natürlich – natürlich,« fiel der Kommerzienrat ein wenig verwirrt ein, »aber wer hat Sie über meinen Hausstand so genau unterrichtet?«

»Das Meldeamt. Ich weiß doch schon seit halb ein Uhr, daß ich würde hier zu tun haben, da habe ich mich also ein bißchen über Ihren Hausstand, Herr Kommerzienrat, orientiert.«

»Aber wer sagte Ihnen, daß –«

»Daß Ihr Haus dermalen so still sei und wer die Villa verlassen habe? Ich habe verfügt, daß sie genau beobachtet wird. An der Straßenecke unten hat mir ein Mann Bericht erstattet.«

Mühlheim schüttelte wieder den Kopf.

»Das ist mir ein bißchen unheimlich,« sagte er.

»Ich möchte Sie und –« Durand hielt ein, eine leise Röte war über sein Gesicht gehuscht, aber er war schon wieder gefaßt, und nun vollendete er den begonnenen Satz rasch: »Ich möchte Sie ebenso schnell als möglich von allem Unheimlichen befreien, daher meine Maßregeln.«

»Haben Sie deren noch mehrere getroffen?« fragte Mühlheim schwach lächelnd.

»Selbstverständlich – allein es wird Ihnen keine davon lästig fallen. – – Jetzt aber möchte ich Sie bitten, mich die Räume sehen zu lassen, in denen König an jenem Abend geweilt hat.«

Mühlheim stand auf. »Meinen Sie, daß er eine Spur zurückgelassen hat?«

Die Frage klang ziemlich spöttisch. Herr Durand war jedoch offenbar nicht empfindlich. Er hob nur ein wenig die Schultern und langte nach seinem Hut. Mühlheim führte ihn durch mehrere Zimmer. Sie weilten nirgends lang, aber Durands scharfes Auge und scharfer Geist hatten dennoch einen klaren Eindruck von den Räumen erhalten.

Jetzt standen die beiden Herren im Wintergarten.

»Hier hat König von seiner Braut Abschied genommen,« sagte Mühlheim und deutete auf eine Fensternische, die von den Wedeln hoher Palmen umgeben war. Er seufzte bei seinen Worten, und auch sein junger Begleiter tat einen tiefen Atemzug.

»Von hier aus also verließ er das Haus?« fragte er dann.

»Von hier aus. Jene Tür führt nach dem Korridor, wohin auch die Tür vom Speisezimmer mündet. Edwine, meine ältere Tochter – aber wozu sage ich Ihnen das, Sie wissen es ja natürlich doch schon längst, daß meine ältere Tochter Edwine heißt.«

»Ich weiß es in der Tat, Herr Kommerzienrat,« gab Durand, ein bißchen merkwürdig lächelnd, zu.

Mühlheim fuhr fort: »Edwine also und ich verabschiedeten uns gerade auf der Schwelle des Speisezimmers von unseren weiblichen Gästen, und auch etliche Herren befanden sich noch im Korridor, da trat König auch heraus. Er tat sehr eilig, und er sah erregt, aber nicht glücklich erregt aus. Er hatte sich schon früher von Edwinen und mir verabschiedet, dennoch wunderte ich mich und auch, wie ich hinterher erfuhr, Edwine wunderte sich darüber, daß König, der doch sonst sehr höflich war, uns nur flüchtig zuwinkend sich mit geradezu unschicklicher Hast zwischen den Damen durchdrängte und forteilte. Wir wußten ja alle, daß sein Beruf ihn zwang, nach seiner Redaktion zu eilen, aber solches Davonlaufen war denn doch nicht notwendig.«

»Lief er vielleicht jemand nach? Ihre Gäste entfernten sich ja, wie ich aus Ihrer Schilderung zu entnehmen habe, ziemlich zu gleicher Zeit.«

»Ja. Es war ein allgemeiner und ein geradezu plötzlicher Aufbruch.«

»Das pflegt sonst bei solchen Gesellschaften nicht der Fall zu sein.«

»Nein. Wenn es irgendwo gemütlich ist, pflegt das allerdings nicht der Fall zu sein. Aber beim Verlobungsfeste meiner armen Lena herrschte zuletzt eine gewisse Spannung.«

»Deren Ursache nicht bekannt und zu beseitigen war?«

»Nein – weder bekannt noch zu beseitigen. Sie lag sozusagen in der Luft. Und es könnte wohl auch heute noch keiner der Teilnehmer des Festes sagen, wer oder was die Quelle dieser wahrscheinlich allen fühlbaren Spannung war. Allen fühlbar – das schließe ich eben aus dem so plötzlichen und, wie gesagt, allgemeinen Aufbruch unserer Gäste. Es war wohl schon der Schatten des Ereignisses, das erst kommen sollte.«

» Erinnern Sie sich denn noch, wer mit König zu gleich das Haus verlassen hat?« unterbrach Durand das Sinnen, in welches der Kommerzienrat verfallen zu wollen schien.

Dieser zuckte die Schultern. »Es waren etwa sechs oder sieben Herren, welche sich damals schon auf der Treppe oder im Hausflur unten befanden. Oder vielleicht hatten sie auch schon den Garten erreicht.«

»Nun – jedenfalls wird es festzustellen sein, ob König mit ihnen zugleich das Haus und den Garten verlassen hat,« meinte Durand und trat mit Mühlheim auf den Korridor hinaus.

Sie machten dann den Weg, den König hatte zurücklegen müssen, um das Haustor zu erreichen.

Dreimal wendete sich die Stiege, ehe sie in den ziemlich weiten Flur mündete, der auch jetzt mit hochstämmigen, immergrünen buschigen Sträuchern, die man in Kübel gepflanzt hatte, geziert war.

Durands Augen wanderten durch den ziemlich hellen, reich mit Stuck ornamentierten Raum, in welchen etliche Türen mündeten. Eine derselben befand sich im Hintergrunde des Stiegenhauses. Sie war von den daselbst aufgestellten Pflanzen fast verdeckt. Durand erkundigte sich danach, wohin sie führe, und erfuhr, daß man durch sie in den Garten gelange.

Er trat näher und sah, daß der Schlüssel innen steckte. Sie war abgesperrt.

»Ich möchte auch Ihren Garten sehen,« sagte Durand plötzlich, und schon öffnete er die Tür. Das Licht fiel fast blendend herein. Daraus merkte man erst, daß dieser Teil des Stiegenhauses denn doch ziemlich düster war.

»Ein bißchen Luft nach der langen Reise wird mir gut tun,« sagte Durand laut, denn soeben wurden Tritte vom oberen Gang her vernehmbar. Es mußte Wilhelm sein, der herunterkam. Er brauchte es natürlich nicht zu wissen, daß hier eine Hausinspektion stattfand.

Die beiden Herren traten in den Garten hinaus. Er sah trotz seiner jetzt naturgemäßen Kahlheit ungemein freundlich aus, denn das helle Sonnenlicht lag auf den bleichgrünen Wiesen und den Stämmen der hohen Bäume.

Durands Blicke wanderten sehr angeregt über das schöne Bild. »Das ist ja ein Park,« sagte er, »und zwar ein ganz prächtig angelegter Park«

»Ja,« bestätigte Herr v. Mühlheim, »mein Garten und mein Haus sind ganz ungewöhnlich gut angelegt; wir fühlen uns denn auch – oder besser gesagt, fühlten uns – bis vor kurzem äußerst behaglich darin, und – – offen gesagt – auch Ihre Annahme, es könne hier ein Verbrechen geschehen sein, kann mir mein Heim nicht verleiden.«

»Sie können es sich also offenbar gar nicht vorstellen, daß hier in Ihrem Hause eine dunkle Tat begangen werden könnte,« bemerkte Herr Durand lächelnd. Im Weitergehen verdüsterten sich jedoch seine Züge rasch, und hart, ganz hart klang seine Stimme, als er fortfuhr: »Wenn's doch nur ein Plätzchen auf Erden gäbe, wo ein Verbrechen unmöglich wäre! Aber es gibt keines. Wo ein Mensch seinen Fuß hinsetzen kann, wohin eines Menschen Hand reicht, da ist auch ein Verbrechen möglich.«

»Sie sind noch so jung und denken schon so schlecht von den Menschen?«

»Nicht schlechter, als sie es verdienen, und auch wieder nicht so schlecht, als es für Sie, Herr v. Mühlheim, den Anschein haben mag. Meine Erfahrung hat es mich eben gelehrt, daß der Mensch schwach ist gegenüber den Versuchungen und Leidenschaften, gar gegenüber den letzteren; die können ihn im Handumdrehen zum Verbrecher machen, zum bemitleidenswerten Verbrecher – so fühle ich oft, während ich nur wenig Mitleid mit jenen habe, die uns nach langen und berechnet ausgeführten Gemeinheiten in die Hände fallen und die die eigentlichen Bestien der Gesellschaft sind.«

Der Kommerzienrat hatte diesem »Herrn Durand« aufmerksam zugehört, er war auch vollkommen einverstanden mit ihm und äußerte sich diesbezüglich ziemlich lebhaft, während er seinen interessanten Gast durch die schönsten Partien des Gartens führte.

»Die Tür, durch welche wir ins Freie traten, ist wohl immer verschlossen?« fragte Durand mitten in eine Bemerkung des Kommerzienrates hinein.

Dieser entgegnete: »Warum interessiert Sie das?«

»Ich möchte es eben für alle Fälle wissen.«

»Ah, ich verstehe. Sie halten an dem Gedanken fest, daß König hier zum letzten Male gesehen worden ist.«

»Ich halte an nichts fest. Sobald sich mir jedoch etwas Mögliches zeigt, lasse ich es nicht mehr aus den Augen, bis ich das Gewisse vor mir habe.«

Mühlheim war es offenbar peinlich, daß Durand annahm, es könne König in seiner Villa etwas zugestoßen sein. Er schwieg daher verstimmt und schlug, als wolle er die Promenade abkürzen, ein schnelleres Tempo im Gehen ein.

Sie gingen ins Haus zurück und wieder in Mühlheims Zimmer.

Plötzlich blieb dieser stehen.

»Wie Sie nur auf diese Idee kommen können!« sagte er in ironischem Tone. »Hat denn nicht König selber, nachdem er von hier fortgegangen ist, in seiner Wohnung durchs Telephon Hilfe herbeigerufen?«

Durand lächelte. »Wir zwei waren nicht dabei, als in jenes Telephon gesprochen wurde,« entgegnete er. Es war ihm sichtlich angenehm, daß Wilhelm in diesem Augenblick eintrat und an seinen Herrn eine Frage richtete. So war das Gespräch unterbrochen, und da Durand keine Lust hatte, es weiterzuführen, machte er die Bemerkung, daß er seine Toilette noch ein wenig in Ordnung bringen wolle, ehe man zu Tisch gehe.

Mühlheim verstand ihn. »Führen Sie Herrn Durand in das blaue Gastzimmer und stellen Sie sich ihm ganz zur Verfügung,« befahl er Wilhelm, und seine Rolle ausgezeichnet spielend, reichte er Durand beide Hände und sagte lebhaft: »Es tut mir leid, daß der Sohn meines liebsten Freundes in solch trauriger Zeit mein Haus kennen lernt. Trotzdem, lieber Eugen, sind Sie mir willkommen, und ich wünsche, daß Sie sich hier in jeder Weise – – – –«

»Wie daheim fühlen,« hatte Herr v. Mühlheim vermutlich sagen wollen, aber er sagte es nicht. Sein Blick war auf die Tür gerichtet, die ein wenig hastig geöffnet worden war.

Auf der Schwelle stand ein hübscher, blonder, mit auffallender Eleganz gekleideter Mann, der sehr aufgeregt aussah.

»Ah, Herr Colmar! Sie – Sie wissen es wohl auch schon?« fragte, dem neuen Besucher entgegengehend, der Herr des Hauses.

»Vor einer halben Stunde las ich es in einem der Abendblätter in meinem Kaffeehause,« antwortete Herr Colmar, Mühlheim die Hand drückend. »Es ist wirklich entsetzlich. Und gestern ging er noch in so angeregter Stimmung von hier weg.« Der junge Herr konnte das ja in der Tat überaus seltsame Ereignis offenbar auch nicht begreifen. »Wie befinden sich denn Ihre armen Damen?« forschte er voll Teilnahme und seufzte tief auf, als Herr v. Mühlheim nur die Achseln zuckte. Durand hatte sich ein wenig zurückgezogen; er wollte natürlich nicht stören.

»Haben Sie denn schon die Abendblätter gelesen?« fragte Colmar und reichte Herrn v. Mühlheim einen ganzen Pack Zeitungen. »Ich habe Sie im Vorbeigehen da unten gekauft,« bemerkte er, während der Kommerzienrat die Blätter ein wenig nervös entgegennahm, um sie sofort auf seinen Schreibtisch zu legen.

»Später, später will ich sie lesen,« sagte er dabei. »Neues können sie ja noch nicht gebracht haben. Man weiß ja noch gar nichts.«

Colmar stellte seinen Hut auf den nächsten Sessel und streckte dem Kommerzienrat beide Hände entgegen, während er mit großer Wärme sagte: »Das Entsetzliche hat mich sogleich herausgetrieben. Sie wissen ja, welch innigen Anteil ich an allem nehme, das Sie und Ihre Familie betrifft. Fräulein Ed– Fräulein Lena nimmt natürlich diese traurige Sache sehr schwer?«;

Als Colmar unwillkürlich zuerst Edwinens Namen auf die Lippen bekam, statt, wie es naturgemäß gewesen wäre, die weit mehr betroffene Lena zuerst zu nennen, schauten Durands Augen plötzlich sehr scharf auf den jungen Hausfreund der Mühlheimschen Familie.

In diesem Augenblick erinnerte sich der Kommerzienrat seiner gesellschaftlichen Pflicht, und er stellte die beiden Herren einander vor. Es geschah allerdings ein wenig hastig und zerstreut, und hastig und auch wie zerstreut verbeugten sich die Herren voreinander, aber dennoch suchten und fanden sich ihre Blicke für einige Momente, und mindestens aus denen Durands schaute eher Schärfe als Wohlwollen.

Gleich danach folgte Durand dem Diener, der ihn nach dem ihm angewiesenen Zimmer führte.

Etwa eine Viertelstunde später wußten es die anderen Dienstleute des Hauses schon, daß der hübsche brünette Herr wahrscheinlich für längere Zeit Gast im Hause sein werde, und daß Mühlheim befohlen habe, ihm, der seines liebsten Jugendfreundes Sohn sei, in jeder Weise dienlich zu sein. –

Um eben die Zeit, in welcher Wilhelm für Verbreitung dieser Kunde sorgte, ging Durand aus seinem Zimmer wieder nach dem Arbeitszimmer Herrn v. Mühlheims. Er meinte diesen noch dort zu finden. Allein es befand sich niemand mehr in diesem Raum.

Niemand mehr, nein, aber etwas befand sich darin, das Herrn Durand interessierte, das Paket Abendblätter, welches Colmar mitgebracht hatte.

Daß diese ihn interessierten, bewies Durand dadurch, daß er sie sofort aufmerksam zu durchblättern begann. Wenn er gemeint haben sollte, daß sie ihm noch unbekannte Einzelheiten über den Fall König enthielten, wäre er enttäuscht worden, denn sie brachten nichts als den kurzen Bericht über alles schon in der letzten Nacht bekannt Gewesene.

Dennoch richtete Durand, als er eine der Zeitungen entfaltet hatte, sich plötzlich jäh auf und dachte dann eine gute Weile über irgend etwas nach. Und ehe er das Gemach verließ, um in das Speisezimmer hinüberzugehen, das, wie Wilhelm ihm gesagt hatte, nur durch einen kleinen Salon von des Kommerzienrats Arbeitszimmer getrennt war, hatte Durand noch in seiner Brieftasche zu tun – –

Die erste Mahlzeit, welche Durand im Hause Mühlheims hielt, war naturgemäß nichts weniger als gemütlich. Es nahmen nur Herren daran teil. Der Kommerzienrat hatte dem Sohne seines Jugendfreundes den Platz an seiner rechten Seite angewiesen. Durand gegenüber saßen Colmar und Braun, der Präzeptor Erichs, welcher noch am Abend aus Baden zurückgekommen war.

Als man den Tisch verließ, erklärte Durand, daß er für die Zeit seines Wiener Aufenthaltes die ihm angebotene Gastfreundschaft annehme und daß er jetzt nach der inneren Stadt fahren wolle, um sein Gepäck aus dem Hotel, in welchem er abgestiegen, zu holen.

Bald danach verließ er die Villa. Als Wilhelm ihm das Gartenpförtchen öffnete, erkundigte Durand sich bei dem Diener, welchen Weg er einschlagen müsse, um zur Pferdebahn zu kommen, und auch danach, wo die nächste Tabaktrafik sei.

Durand fand denn auch beides sehr schnell. Kein Wunder. Er kannte Hietzing längst wie seine Tasche, denn er war zufällig in diesem eleganten Villenviertel geboren worden. – –

Es war schon dunkel, als er mittels eines Fiakers und mit seinem Koffer wieder in Hietzing anlangte.

Jetzt erst machte er es sich in seinem hübschen Zimmer bequem. Dann ließ er durch Wilhelm bei Herrn v. Mühlheim aufragen, ob es diesem unangenehm sei, wenn er heute noch ausgehen und erst spät Nachts heimkommen werde.

Nein, das war Herrn v. Mühlheim nicht unangenehm, der war sogar froh, daß Durand seine Gesellschaft nicht beanspruchte.

Die Dienstleute aber, die durch Wilhelm von Durands Absicht erfuhren, tauschten allerlei mißbilligende Bemerkungen darüber aus. Als aber Durand gegen halb neun Uhr das Haus verließ, besänftigten sich die Gemüter der Mühlheimschen dienstbaren Geister wieder, denn blieb es auch Tatsache, daß er nicht gerade feinfühlig handle so war es doch auch eine soeben bewiesene Tatsache, daß dieser Herr Durand aus Nancy mit Trinkgeldern sehr freigebig war.


Fünftes Kapitel.

Durand fuhr nach Döbling. Er ging direkt nach der noch immer unauffällig von Geheimpolizisten beobachteten Villa, in welcher König gewohnt hatte. Als er mit dem ihm längst ausgehändigten Schlüssel die Haustür öffnete, kam soeben ein ältlicher Herr an der Villa vorüber.

Durand fing den scharfen Blick auf, den der Mann auf ihn heftete, dann sagte er leise ein paar Worte, worauf dieser, den Hut lüftend, weiterging.

Eine Minute später stand Durand in dem finsteren Hausflur und sperrte die Tür, welche am Vormittage statt des zersprengten ein neues Schloß erhalten hatte, wieder hinter sich ab. Dann entnahm er seiner Rocktasche eine elektrische Lampe und ließ sie aufleuchten.

Er sah nun, daß er sich in einem kleinen, oblongen Raum befand, in welchen von oben herab eine Stiege und außer der Haustür noch zwei Türen mündeten. Neben der ersteren lehnte eine Hacke. Die eine der Türen stand offen.

Man kam durch sie in ein hell tapeziertes Vorzimmer.

Durand betrat es. Er wußte, daß man außer dem einen, eingedrückten Fenster, das geschlossen worden war, alles so gelassen, wie man es gefunden hatte.

Da lag also der Stuhl, und da hingen die Hörmuscheln des Telephons, davon die zur rechten Seite einige bräunliche, matte Flecken aufwies – – Blutflecken, wie die beiden Ärzte gesagt hatten.

Durand zweifelte nicht im mindesten daran, daß es tatsächlich solche seien, zeigten sich doch auch auf dem hellen Grunde der Tapete zwei deutliche, rotbraune Fingerabdrücke. Auch diese erwähnte ja das Protokoll, das Durand von Herrn v. Eichen erhalten hatte und das er bei sich trug.

Er trat an das Fenster des Vorzimmers heran.

Man konnte von ihm aus in den Vorgarten und auf die Straße sehen und von letzterer aus auch bis auf eine gewisse Tiefe hereinblicken.

Durand schloß den schweren, hölzernen Fensterladen.

Er wollte nicht beobachtet werden. Er merkte es sich indessen, daß dieser Fensterladen ohnehin zur Hälfte zugemacht gewesen war.

Außer dem, vermutlich während eines Kampfes umgeworfenen Stuhl und dem telephonischen Apparate befand sich nur noch ein kleines Sofa, davor ein Tisch stand, und ein Wandtischchen mit einer Lampe in dem kleinen Raum. Über dem Sofa hing ein Spiegel, und der Tisch davor war mit einer halb herabgezerrten Ripsdecke bedeckt. Auch das Sofa war mit solchem Stoff überzogen.

Neben der Außentür des Vorzimmers befand sich ein Kleiderrechen an der Wand.

Durand überblickte mit Interesse den Raum, in welchem ein verwundeter, ein – man konnte auch das annehmen – sterbender Mann mit seltener Willenskraft und Geistesgegenwart Hilfe herbeigerufen hatte, welche ihm aber, aus bisher unbekannten Gründen, nicht gebracht werden konnte.

Aber er verriet ihm nichts, dieser stille Raum, in welchem ein wertvolles Menschenleben vermutlich einen jammervollen Abschluß gefunden hatte.

Durand betrat nun Königs Arbeitszimmer.

Auch dessen Tür stand offen.

Auf dem Schreibtisch befand sich eine Lampe.

Durand zündete sie an, zündete danach auch die im Vorzimmer an und steckte seine elektrische Leuchte wieder in die Tasche. Ehe er alsdann im Zimmer die ganz an die Wände der Fensternischen gedrückten Läden schloß, untersuchte er das Fenster, durch welches man eingestiegen war.

Auf dem Sims sowohl als auch auf dem rotsamtenen Polster, welches auf das Fensterbrett geschoben worden war, befanden sich Erdspuren, welch letztere sich auch auf dem dunkel gebohnten Parkettboden vorfanden.

Auch lagen reichlich Glassplitter umher. Sie waren bis auf die Platte des Schreibtisches geraten, und zwischen diesem und dem Fenster war doch ein Raum von mehr als einem halben Meter Breite.

Die Fensterscheibe mußte also mit großer Gewalt eingestoßen worden sein. Der, welcher sich so den Weg zu den Fensterriegeln frei machte, hatte dann mehrere der strahlenförmigen Splitter aus dem Fensterrahmen gezogen. Diese lagen noch jetzt, nahezu nett aufgeschichtet, auf dem äußeren Sims.

Als Durand sich ein wenig vorbeugte, um diese Stücke zu betrachten, gewahrte er noch etwas. Auf dem von einer Fußsohle berührten roten Samt des Fensterpolsters hatte die betreffende Sohle nicht nur Erdspuren zurückgelassen. An einem Klümpchen der darauf haftenden Erde hing das Teilchen einer Pflanze. Dieses bißchen Grün sah einem zwerghaften Akazienblatte ähnlich.

Nun ja, der da hereingestiegen war, der hatte den Vorgarten durchschreiten müssen. Da war ihm auch dieses Pflanzenteilchen an der Sohle haften geblieben. Durand schob das Polster an den ihm zukommenden Ort, schloß das innere Fenster und den Laden und begann danach mit der Untersuchung des Schreibtisches.

Dieser – – so hatte Frau Winter ausgesagt – hatte ihrer Meinung nach niemals Wertgegenstände enthalten, denn seine Fächer waren niemals versperrt gewesen.

So stand es im Protokoll, das Durand auf seiner heutigen ersten Fahrt nach Hietzing studiert hatte.

Der oder die Einbrecher hatten diese Meinung nicht geteilt, denn der Schreibtisch war gründlich durchwühlt worden. Man hatte sogar die Manuskripte, welche auf seiner Platte lagen, durcheinander geworfen. Nur was sich auf seinem mehrteiligen Bücherbord befand, war in Ruhe gelassen worden. Bezüglich dessen hätte freilich auch nur ein Kunstverständiger gewußt, daß man just da einen ausgiebigen Fang hätte tun können.

Da standen neben verschiedenen Büchern zwei wunderschön ausgeführte Marmorfigürchen modernsten Geschmacks und modernsten Könnens und dazwischen ein kleines Kunstwerk vorchristlicher Zeit, eine Aschenurne von unzweifelhaft altgriechischer Mache. Es war ein Juwel klassischer Kleinkunst und sicherlich das Entzücken aller Kenner, davon einer es jetzt voll Interesse betrachtete.

Durand wunderte sich natürlich nicht, daß diese Wertobjekte unangetastet geblieben waren. Einbrecher sind ja für gewöhnlich keine Kunstkenner, und wer Manschettenknöpfe stiehlt, vor dem sind Überbleibsel der klassischen Kunst ganz sicher.

Deshalb also waren diese drei sehr wertvollen Dinge, sowie auch die Bücher, welche sich dahinter aneinander reihten, unberührt geblieben, und es herrschte da noch die Ordnung, auf welche der Besitzer dieses Schreibtisches offenbar gehalten hatte.

Waren doch diese Bücher pedantisch genau in Reih und Glied geordnet, wiewohl König sie sicherlich oft benutzt hatte, denn es waren lauter Fachwerke, lauter Werke, die sich mit der bildenden Kunst beschäftigten.

Und doch – ganz ordentlich waren König oder seine Bedienerin dennoch nicht gewesen. Zwischen der Buchreihe und der dicht dahinter befindlichen Wand lugte ein Papierzipfel hervor.

Durand streckte die Hand danach aus. Er wollte das Papier – er sah schon, daß es eine Zeitung war – hervorziehen, jedoch leistete es ihm Widerstand. Er rückte die drei dicken Bände, hinter denen es sich befand, ein wenig nach vorn, da hörte er, daß dahinter etwas bis auf den Boden rutschte.

Er langte danach und ergriff ein kleines Päckchen, welches in eine Zeitung gehüllt war. Der Gegenstand, der sich darin befand, besaß noch eine andere Hülle.

Er war auch noch in ein weißes Kuvert gesteckt worden. Dieses Kuvert war offen.

Durand nahm, was es enthielt, heraus. Es war ein Bildchen, ein reizend ausgeführtes Pastellbildchen, das Porträt eines Mädchens, dessen Gesicht nicht nur von großer Formenschönheit war, sondern auch hohen geistigen Reiz enthielt, wenn anders nicht etwa dieser ernste, leidenschaftliche Ausdruck nur von dem großen Künstler, der es gemalt hatte, so reich darüber ausgegossen war.

Durand, der ein offenes Auge für alles Schöne, ein tiefes Verständnis für die Künste besaß, vergaß bei Betrachtung dieses köstlichen Frauenkopfes ganz, wo er sich befand und unter welchen Umständen er dieses Kunstgenusses teilhaftig wurde.

Eine gute Weile war er in die Betrachtung des Bildchens versunken und studierte die reinen Linien und Farben dieses charakteristischen Kopfes, sich vorstellend, wie reizvoll dieses glanzreiche blonde Haar flimmern, wie leidenschaftlich diese großen dunklen Augen blicken, diese wunderschön geschwungenen Lippen wohl küssen konnten.

Schier wie eine Lebende sah er die vor sich, deren Abbild auf seiner Handfläche lag, so voll Leben und Lebenswahrheit war dieses Porträt einer Unbekannten von einem Unbekannten.

Durand hatte nämlich vergeblich die Signatur des Künstlers gesucht.

Der kleine Malachitrahmen umschloß in dieser Beziehung ein Geheimnis.

Aber einen Namen fand Durand doch.

Als er die Rückseite des Bildchens betrachtete, sah er an dessen rechtem unteren Rande den mit Bleistift hingeschriebenen Namen »Nadja«.

Eine Frauenhand, wohl die Hand derer, die so hieß und deren Bildnis er bezeichnete, hatte das eine Wörtchen geschrieben.

»Nadja,« sagte Durand, »Nadja! Sie ist also vermutlich eine Russin.« Und dabei tat er das Bildchen wieder in das Kuvert. Als er es auch wieder in die Zeitung einschlug, sah er, daß diese ein Abendblatt vom Datum des vergangenen Tages war.

Es wurde also erst gestern und zwar gestern nachmittag hier versteckt, dachte Durand, als er das Päckchen zu sich nahm und die drei Bände wieder an die Wand schob. Er achtete dabei darauf, daß sie wieder genau so zu stehen kamen, wie sie früher gestanden hatten, und dann tat er noch etwas – – er versuchte, ob das Päckchen vielleicht doch zwischen den Büchern und der Wand hinabgleiten konnte. Aber dieser Fall hatte nicht eintreten können. Es bedurfte eines direkten Druckes, um das kleine Paket an die Stelle zu bringen, an welcher Durand es gefunden hatte.

»Versteckt, ganz richtig versteckt!« wiederholte Durand nach diesem Versuche laut, was ihm vorhin nur so durch den Sinn gehuscht war, und danach richtete er an sich selber eine Frage. Es war eine Doppelfrage: Weshalb wurde das Bildchen versteckt, merkbar, in Hast versteckt? Und von wem wurde es so in Eilfertigkeit in sein Versteck geschoben?

Würde er je die Antwort auf diese beiden Fragen erhalten?

Nachdem er mit der genauen Untersuchung des Schreibtisches fertig war, wobei er auch nichts entdeckt hatte, das auf die Spur des Einbrechers führen konnte, machte er sich daran, das ganze Arbeitszimmer zu durchsuchen. Es gab auf dessen Parkettboden verschiedene mehr oder minder deutliche Fußspuren. Welche davon etwa diejenigen der Person oder der Personen waren, die in schlimmer Absicht in diesen Räumen geweilt, konnte natürlich jetzt nicht mehr entschieden werden, denn es waren nach der Tat ja schon gar viele Menschen hier hin und her gegangen.

Bei diesen Fußabdrücken hielt also Durand sich nicht auf, wunderte sich aber, daß ein schön gearbeiteter Spiegelschrank nicht erbrochen worden war. Dieser Kasten stand sehr auffallend ganz allein an einer der Wände und sah außerdem ganz danach ans, als sei es recht sehr der Mühe wert, ihn auf seinen Inhalt hin zu untersuchen.

Die fernere Nachschau im Arbeitszimmer des Verschwundenen förderte also nichts zu Tage, was zur Klärung der Sache etwa hätte beitragen können.

So begab sich denn Durand in Königs Schlafgemach. Daselbst besah er sich das arg zerwühlte Bett, das rötlich gefärbte Wasser im Waschbecken und trat alsdann an den erbrochenen Schrank heran.

Daß von der in ihm befindlich gewesenen Wäsche und den sonstigen Toilettenstücken nichts weggekommen war, hatte Frau Winter am Morgen des heutigen Tages bereits festgestellt.

Man hatte nur die Kassette nahezu ganz geleert. »Nahezu,« dachte Durand, »warum nur nahezu? Und weshalb hatte man nicht auch die Kassette mitgenommen? Das wäre doch viel einfacher gewesen, als die verschiedenen Schmuckstücke herauszunehmen und sie anderswie zu verwahren. Die Zurücklassung der noch in der Kassette befindlichen Stücke bewies, daß die hier so frech zugreifende Bande sich wenig Zeit zu dem verbrecherischen Werk hatte gönnen können. Die Kassette, an welcher der Schlüssel steckte, an deren Deckel noch dazu eine Handhabe angebracht war, hätte man doch mit einem einzigen Griff zu sich nehmen können.

Warum also hatte man das nicht getan?

Durand besah sich die beiden Ringe und die Uhrkette, den einzelnen Manschettenknopf und die Krawattennadel, welche zurückgeblieben waren. Erstere repräsentierten einen ziemlich bedeutenden Liebhaberwert, denn es waren schön gearbeitete, altertümliche Schmuckstücke. Ihr Material jedoch war keineswegs hervorragend wertvoll. Anders die Uhrkette, die von schwerem Gold war, und die Busennadel, welche einen prachtvollen Diamanten enthielt. Auch der zurückgelassene Manschettenknopf stellte trotz seiner Einzelheit einen ganz hübschen Wert vor. Er mußte das Geschenk einer Fürstlichkeit sein. Wenigstens trug er das Wappen eines hohen Hauses und in Brillanten die fürstlichen Initialen.

Das offene Etui, dem er entfallen war, und welches auch in der Kassette lag, nannte eine vornehme Juwelierfirma.

Durand legte die Dinge wieder in die Kassette, betrachtete sich die Verwüstung, welche irgend ein grobes Instrument an dem Schlosse und an der Tür des Kastens angerichtet hatte, und verließ alsdann das hübsche Gemach, das ihm nichts, aber auch gar nichts Neues gesagt hatte.

Er begab sich nun in die anderen Räumlichkeiten, welche zu Königs elegantem Junggesellenheim gehörten: in das niedliche Badekabinett, in die, wie Frau Winter ausgesagt hatte, fast nie benützte Küche und in das kleine Dienerzimmer, welches neben ihr lag.

Daß der, welcher die Haustür von innen erbrochen hatte, um durch sie das Freie zu gewinnen, in der Küche gewesen sein mußte, war sicher, denn er hatte die Hacke, mittels welcher er jene Tür aufgesprengt, aus der Küche geholt. Sonst jedoch hatte er von dort nichts genommen. Der saubere kleine Raum wies vollständige Ordnung auf. Das wenige Geschirr, das da zu sehen war, blitzte und blinkte.

Und noch etwas blinkte im hellen Scheine der Lampe, welche Durand auf den Küchentisch gestellt hatte.

In der Kohlenkiste lag ein Schürhaken. Sein umgebogenes Ende war abgebrochen. Es konnte erst ganz kürzlich abgebrochen worden sein. Der Schürhaken glänzte noch an seiner Bruchstelle. Durand nahm ihn in die Hand. Der Griff war aus gelblichem, glatt poliertem Holz, aber er war nicht an allen Stellen glatt.

Als der Untersuchende dies fühlte, betrachtete er diesen Griff genauer, und dann legte er das harmlose Instrument ein wenig schneller, als er es wohl sonst getan hätte, auf den Tisch. Was da die Glätte des Holzes unterbrach, war Blut, unzweifelhaft Blut, welches auf dem gelben Griff eingetrocknet war und bräunliche Flecke darauf bildete.

»Bei welcher Gelegenheit brach wohl dein Haken ab?« fragte Durand das leblose Ding, das vielleicht dazu gedient hatte, ein Menschenleben zu vernichten.

Vielleicht auch hatte es nur als Stemmeisen gedient, dachte Durand weiter und ging danach wieder in das Schlafzimmer zurück, wo er nun jede Stelle des kräftig gemusterten Teppichs grell beleuchtete.

Er fand nichts. Aber er gab das Suchen noch nicht auf. Wie oft spielt der Zufall beim Abspringen eines Gegenstandes mit. Die Metallspitze konnte immerhin noch da sein.

Und sie war da – – sie lag unter dem Bette. Bis an die Wand mußte sie geflogen sein, und die hatte sie wieder etwa eine Spanne weit zurückgeworfen. Der Schürhaken mußte mit großer Kraft gebraucht worden sein. Jetzt waren auch die vielen Kratzstreifen rings um die Einbruchsstelle erklärt. Der Dieb hatte mit dem abgebrochenen Eisen weitergestemmt und war eben etliche Male abgeglitten.

Durand legte das gefundene Stück des Schürhakens zu diesem und machte sich alsdann bereit, das Haus zu verlassen.

Nur stieg er vorher noch zu dem ersten Stockwerk der kleinen Villa empor.

Dieses enthielt, wie klargestellt worden war, eine möblierte, derzeit aber nicht vermietete Wohnung.

Die Kommission hatte sich schon in der verwichenen Nacht davon überzeugt, daß der oder die Einbrecher, welche im Parterre gewirtschaftet hatten, da hinauf nicht gekommen waren.

Einige Minuten später stand Durand vor dem Hause und betrachtete sich die Stelle, von der aus eingebrochen worden war.

Er ging mit der Überzeugung, daß es ein leichtes gewesen sei, in das verlassene Zimmer zu kommen.

Der Mechanismus in dem Schlosse der Tür des Vorgartens war auch ein so einfacher, daß da bald einer auf den Witz kommen konnte, wie hier zu öffnen sei. Ein Schieben des in einem Knopfe endenden senkrechten Riegels, und die Tür ging auf.

Durand stand auf der Straße.

Wieder ging der alte Mann an ihm vorüber. Sie grüßten einander stumm. Durand schritt in der Richtung der Hauptstraße weiter.

Er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis seiner nächtlichen Nachschau.

Das versteckt gewesene Bild, das konnte allerdings in dieser seltsamen Affäre eine Bedeutung haben, aber bis jetzt gab es keinerlei Aufklärung, war nur ein Rätsel mehr noch, das gelöst werden sollte.

In tiefes Nachdenken versunken ging Durand ein großes Stück Weges. Er ging langsam, er hatte ja keine Eile. Vor Mitternacht durfte er keinesfalls in sein derzeitiges Quartier kommen, denn Mühlheims Leuten war ja die Meinung beigebracht worden, daß er, der Fremde, sich mit Wiens Nachtleben bekannt machen wolle.

Er hatte demgemäß auch Toilette gemacht, war elegant, aber auch ein wenig leicht gekleidet, welch letzteren Umstandes er jetzt eben gewahr wurde. Es hatte sich ein schneidiger Wind erhoben, ein echter Märzwind, wie ihn der Nordosten so gern zu Frühlingsanfang über Wien sendet, damit daselbst nur ja nicht zu früh eine Lenzesstimmung erwache.

Dieser bissige Wind erinnerte Durand daran, daß er gut daran tue, in ein Restaurant zu gehen, oder einen Wagen zu besteigen, oder, noch besser, hintereinander beides zu tun.

Da er sich soeben an einer Haltestelle der Straßenbahn befand, und soeben auch ein Wagen daselbst hielt, sprang Durand hinein und löste sich eine Anschlußkarte. Er hatte vor, in Hietzing zu speisen und danach schlafen zu gehen.

Aber man hat oft so manches vor und man führt es nicht aus.

Durand war bei der Bellaria umgestiegen und zufällig der einzige Fahrgast in der Raucherabteilung des Wagens. Es war ihm recht, daß er allein blieb, so störte ihn nichts im Nachdenken über die seltsame und schwierige Position, in welche er, vor Stunden erst, ganz unversehens geglitten war.

Als seine Augen während dieses Nachsinnens über seine Lage langsam über seine Umgebung wanderten, blieben sie auf einer Zeitung haften, welche ein Passagier hatte liegen lassen.

Es war ein Abendblatt, und es erinnerte ihn an andere Abendblätter, an das ganze Bündel Abendblätter, welches Colmar vor Stunden in die Villa Mühlheim gebracht hatte.

»Warum er wohl gelogen hat?« sagte Durand plötzlich laut vor sich hin, und dann griff er in die Innentasche seines Überziehers. Er entnahm ihr ein Portefeuille. Dieses enthielt ein kleines Notizbuch. Durand blätterte darin. Er fand sehr bald, wonach er suchte. Es war eine Trambahnkarte. Er verglich sie mit der seinigen. Ja, sie war vom heutigen Tage, und sie war zwischen vier und fünf Uhr ausgegeben worden, und Herr Colmar war ein wenig nach fünf Uhr bei Mühlheim eingetroffen, und die Karte hatte in einem der Abendblätter gelegen, bezüglich deren Colmar erwähnte, daß er sie »im Vorbeigehen da unten« gekauft habe, mit welchem »da unten« er nur die nächste Hietzinger Trafik bezeichnet haben konnte, denn er hatte bei dieser Bemerkung eine die Lage dieser Trafik sehr bezeichnende Gebärde gemacht.

»Warum nur hat er gelogen?« fragt Durand sich noch einmal, während er die in der Zeitung gefundene Fahrkarte wieder in seine Brieftasche legt. Daß diese ganz gegen alle Wahrscheinlichkeit erst nach vollendeter Fahrt aufbewahrte Karte zufällig in die später gekauften Zeitungen gefallen wäre, daran glaubt Durand nicht. Auch weiß er es schon, daß in der bewußten Trafik heute niemand mehrere Abendblätter gekauft hat.

Nein, Colmar hat mit den vor der Fahrt gekauften Zeitungen die Straßenbahn bestiegen und hat mindestens in der einen Zeitung gelesen, in der Durand die Fahrkarte eingeklemmt gefunden hat. Herr Colmar hat also die Zeitungen nicht erst in Hietzing gekauft.

Nun ist das kein Ereignis, das für gewöhnlich besonderes Nachdenken erregen könnte – es hätte auch Durands Gedanken sicherlich nicht beschäftigt, wenn er diesen Herrn Colmar dabei nicht auf einer Lüge ertappt hätte.

Auf einer jedenfalls ganz überflüssigen Lüge. Es fragte ihn ja niemand, wo er die Zeitungen gekauft habe, es beachtete nicht einmal jemand seine diesbezügliche Angabe, und hätte nicht die kleine Trambahnkarte ihr gar so bestimmt widersprochen, so hätte Durand sich jener, wenigstens scheinbar ganz zwecklosen Rede, die sich nun als Lüge herausstellte, gewiß nicht mehr erinnert.

Nun aber hatte sie für ihn, der ja gekommen war, um alle seine Sinne offen zu haben, eine gewisse Bedeutung gewonnen.

»Warum hat er gelogen?« Diese Frage tauchte zwischen der Bellaria und dem Hietzinger Platz noch öfter in Durand auf, nur flüchtig, denn Colmar interessierte ihn nicht oder interessierte ihn nur insofern, als er durch Wilhelm schon in Erfahrung gebracht hatte, daß dieser Herr um die ältere Tochter Mühlheims werbe.

»Warum er wohl gelogen hatte?«

Vielleicht nur deshalb, weil ihm, wie so vielen Menschen, die Lüge zur Gewohnheit geworden war, weil der Sinn für Wahrheit ihm einfach fehlte, weil er eine allzu reiche Phantasie besaß, welche etwas hervorbringen mußte, aber nichts Besseres hervorbringen konnte als eben nur – Lügen.

Vielleicht log er unbewußt und zwecklos, nicht bedenkend, daß so manche Lüge einem Stein gleicht, der uns dumm auf den Weg geworfen wird, und über den wir stolpern, weshalb wir erst aufmerksam werden und aufschauen und just dadurch den Weg zu dem finden, was wahr ist und was man durch solche Lüge vor uns hatte verbergen wollen.

Vielleicht war der hübsche, elegante Herr Colmar solch ein Gewohnheitslügner! Wenigstens war nicht abzusehen, warum er vor Stunden diese eine, erwiesenermaßen falsche Angabe gemacht hatte.

Eines aber in der eben gemachten Bemerkung stimmt – auf ihn übertragen – nicht.

Seine Phantasie arbeitete, falls er wirklich ein Gewohnheitslügner war, auch sehr bemerkenswert nach einer zweiten Seite hin; Viktor Colmar war ein schon recht geschätzter Maler, und war er schmerzlich erregt über das unheimliche Ereignis, das König und mit diesem die Familie des Kommerzienrats betraf, so hatte das seinen Grund nicht nur in der Sympathie, welche ihn an Mühlheims Haus fesselte, sondern auch darin, daß er mit König einen seiner eifrigsten Förderer verlor. Dies hatte Durand heute beim Mahle in des Kommerzienrats Hause erfahren und fand es danach sehr begreiflich, daß Colmar um dieses Grundes willen bei dem vermutlich schrecklichen Ende Königs wie ein Leidtragender auftrat.

Daran und an manch anderes denkend, war Durand bereits in Penzing angelangt und freute sich schon darauf, bald in ein warmes Lokal und zu einem Abendessen zu kommen, aber ganz plötzlich war es mit seinem Nachsinnen und seiner Ruhe aus. Er erhob sich hastig und eilte auf die Plattform des Wagens. Und dann tat er, worüber sich der Schaffner mit Recht verwunderte – – er sprang ab, um sogleich wieder einen gerade in entgegengesetzter Richtung daherkommenden Wagen zu besteigen.

Etwa eine halbe Stunde später stand Durand wieder in Königs Arbeitszimmer und beugte sich über das rote Samtpolster des Fensters, durch welches man eingestiegen war.

Und wieder eine Stunde später – – auf der Rochuskirche im dritten Stadtbezirk schlug es eben ein Uhr – hielt ein Einspänner vor einem Hause der Hauptstraße, und dessen Insasse verließ eilig den Wagen.

»Fahren Sie zu dem Gasthause da drüben und essen und trinken Sie, was Sie wollen. Wenn ich zurückkomme, fahren Sie mich nach Hietzing.«

»Aber Euer Gnaden – so spät!« meinte mißmutig der Kutscher.

Darauf sagte der Fahrgast nur: »Fünf Gulden!«

Da wurde der wackere Rosselenker sofort gemütlich, steckte schmunzelnd die Note ein, die ihm gereicht wurde, und sagte gnädig: »Branch'ns Ihnen net z' tumm'ln, Euer Gnaden. I wart' schon.«

Durand beeilte sich dennoch. Er setzte die Hausglocke rasch und recht nachdrücklich in Bewegung und erklärte dem schlaftrunkenen Hausmeister, der den ihm Fremden mißtrauisch fragte, was er denn um diese Zeit in einem Hause wolle, darin er nicht wohne, daß er durchaus zu Doktor Schmid müsse.

Das leuchtete dem Hausmeister ein, denn es war schon öfters dagewesen, daß der Herr Doktor des Nachts geholt worden war.

»Werd' halt gleich dableiben, bis Sie mit dem Herrn Doktor wieder herunterkommen,« sagte er, eines guten Trinkgeldes gewärtig.

Durand aber hieß ihn sich in sein Logement zurückziehen, da er nicht wisse, wie lange er bei dem Doktor bleiben werde.

Kopfschüttelnd schloß der Cerberus daraufhin das Tor und ließ es sich nicht nehmen, den merkwürdigen nächtlichen Besucher bis vor des Doktors Tür zu begleiten, ging auch erst, als nach längerem Parlamentieren der Fremde in des Doktors Wohnung Einlaß gefunden hatte.

Doktor Schmid war Junggeselle. Er empfing seinen Freund im Bette. Er sah recht verschlafen und nicht minder verwundert aus, als er den sichtlich in bestem Wohlbefinden Eintretenden mit der eigenartigen Frage: »Bist du übergeschnappt?« begrüßte.

Die Magd hatte die rasch angezündete Lampe auf einen Tisch gestellt und hatte sich alsdann zurückgezogen.

Durand quittierte die ja ziemlich motivierte Begrüßung mit einem gleichmütigen Nicken und der merkwürdigen Gegenfrage: »Hast du dein Mikroskop bei der Hand?«

Der gute Doktor stieg jetzt aus dem Bette. »Aber, bester Freund!« sagte er in dem sanften Ton, in welchem man zu denen spricht, die man für nicht ganz normal hält. Er zog dabei sein Beinkleid an und schlüpfte in die Pantoffeln und den Schlafrock.

Durand schien die schonungsvolle Art, mit der er behandelt wurde, nicht zu bemerken, er stellte wieder eine absonderliche Frage.

»Gelt,« sagte er, »bei uns überdauern die Farne den Winter im Freien nicht?«

»Nein, o nein,« entgegnete der Doktor noch sanfter als früher, denn jetzt war er erst recht davon überzeugt, daß sein Freund nicht ganz zurechnungsfähig sei, da er ja nicht annehmen konnte, daß ein geistig gesunder Mensch sich die erste Morgenstunde dazu aussucht, um die Leute aus dem Schlaf zu scheuchen bloß wegen der Frage, ob die Farne in Mitteleuropa den Winter im Freien überdauern.

»Setz dich, alter Sohn – na, so setz dich doch und erkläre mir's, warum dich diese Sache so plötzlich interessiert, dich, der du für Botanik immer nur ein recht minimales Interesse bekundet hast!«

So redete der gute Doktor, drückte seinen einstigen Korpsbruder auf einen Sessel nieder und trug eine ebenso große Unbefangenheit als Heiterkeit zur Schau.

Da endlich merkte Durand, daß der andere in tiefer, heimlicher Sorge um ihn war.

»Du hältst mich wohl allen Ernstes für verrückt?« fragte er.

»Ah – was du dir einbildest!«

»Es wäre ja begreiflich –«

»Aber, lieber Freund, reden wir doch von dem, was dich interessiert, also von den Kryptogamen.«

»Nun gut – – du wirst ja gleich sehen, daß ich ganz normal bin, und daß nur die Umstände oder vielmehr ein einziger Umstand mich zwingt, anormal zu handeln. Ich setzte nämlich trotz oder vielleicht wegen meiner geringen botanischen Kenntnisse voraus, daß auch Sporangion – du siehst, ein bißchen weiß ich doch noch – einer raschen Veränderung, ja vielleicht vollkommener Zerstörung unterliegen. Und dieser Grund ist es, der mich jetzt, um ein Uhr Nachts, zu dir führt.«

»Zu mir führt,« wiederholte Doktor Schmid, gedankenlos scheinend, bloß weil er dabei von dem traurigen Gedanken erfüllt war: Es ist zweifellos, der Arme ist verrückt geworden! – »Also aus diesem Grund bist du zu mir gekommen, mein Junge,« fuhr er lebhafter fort, »und ich soll dir vermutlich ein kleines Privatissimum über Sporangien und ihre Widerstandsfähigkeit halten?«

»Nein,« entgegnete sein Besucher ruhig, »du sollst nur so gut sein, mit Hilfe deines großen botanischen Wissens es zu versuchen, ob du aus einem winzigen Teilchen, das ich vielleicht ganz irrig für von einem Farn herrührend erachte, bestimmen kannst, ob es wirklich von einem solchen stammt und, wenn nicht, welcher Gattung die ganze Pflanze angehört.«

Währenddem hatte er seiner Brieftasche ein Kuvert entnommen, hatte ein weißes Blatt aus seinem Notizbuch gerissen, es auf den Tisch gelegt und schüttelte nun vorsichtig das scheinbar leere Kuvert über der weißen Unterlage aus.

Der Doktor schaute ihm voll heimlicher Sorge zu, als aber schließlich ein winziges Pflanzenteilchen auf das Notizblättchen fiel, atmete er schon ein wenig erleichtert auf. Er zog das Papier näher zu sich heran und betrachtete die grüne Winzigkeit, die darauf lag. Dann stand er auf und holte von dem Nachtkästchen sein Federmesser, mit dessen feinster Klinge er das Pflanzenteilchen sachte aufhob, um es verkehrt wieder auf das Papier zu legen.

»Natürlich, ganz recht hast du. Das sind die Fiederblättchen eines Farnes. Man sieht ja ganz deutlich die Sporangienhäufchen. – Nun sag mir aber, Mensch,« rief er aus, »warum mußt du denn just bei nachtschlafender Zeit Botanik studieren?«

Durand zuckte die Schultern und reichte dann seinem Freunde die Hand. »Ich sehe es ja, noch immer bist du über meinen Geisteszustand nicht im klaren, aber du wirst es sein, wenn ich dir sage, daß es – freilich nur möglicherweise – von höchstem Wert sein kann, zu wissen, wo man derzeit solche Pflanzen finden kann. Es ist ein Verbrechen geschehen, und am Tatort habe ich dieses grüne Nichts gefunden, das aber vielleicht ein sehr bedeutendes Etwas ist.«

»Na, Gott sei Dank, jetzt verstehe ich dich endlich. Mir fällt ein Stein vom Herzen.«

Das war des Doktors frohe Entgegnung. Er drückte dabei fast krampfhaft seines Freundes Hand, dann stand er auf und holte sein Mikroskop.

Danach herrschte für längere Zeit tiefe Stille in des Doktors Schlafgemach.

Das Licht der hoch aufgeschraubten Lampe fiel hell auf das zur Untersuchung gebrachte Pflanzenteilchen, das des Doktors Auge durch das scharfe Glas betrachtete.

»Es sind Fiederchen eines Farnes, der zur Familie der Hymenophyllaceen gehört – darauf deutet sowohl die Form als auch die Stellung dieser drei winzigen Fiederblättchen, sowie auch die charakteristische Form der Sporangienhäufchen hin. Sieh nur, sie haften wie kleine, bräunliche Röschen zwischen den feinen Rippen.«

Doktor Schmid war jetzt lebhaft geworden. Man merkte, daß er in seinem eigentlichen Fahrwasser zu plätschern begann.

Sein Besucher, der sich gerade nur heute so sehr für die Kryptogamen interessierte, betrachtete sich auch die Sporangienhäufchen, die er ja auch mit freiem Auge sogleich wahrgenommen hatte, nun durch das vergrößernde Glas.

»In der Tat – sehr hübsch und interessant,« bemerkte er dabei. »Und nun sag, wo kann man eine solche Pflanze jetzt, im März, in unserem Klima, frisch, so frisch, wie diese drei Fiederblättchen hier noch sind, finden? Auf einer Wiese? Auf einem Blumenbeet?«

»Keine Spur. Diese Gattung Farne ziehen alle ein, das heißt, sie verschwinden über den Winter, und ihr Wurzelstock treibt bei uns erst gegen den Mai hin wieder frisches Grün. Die Pflanze, von welcher dieses Teilchen stammt, kann sich nur in einem Warmhaus so grün erhalten haben.«

»Nun siehst du – das habe ich wissen wollen. Du bist also fest davon überzeugt, daß sie in einem Döblinger Garten derzeit im Freien nicht an eine Schuhsohle geraten konnte?«

»Fest überzeugt. Im übrigen kann ich dir jedenfalls noch etwas Näheres sagen.«

Der Doktor holte seinen Lennis vom Regal und bestimmte nach diesem ohne viele Mühe, daß das unter seinem Mikroskop liegende Pflanzenteilchen einem Hautfarn und zwar der Gattung Kammfarn angehöre, wonach er in einem anderen prächtig illustrierten botanischen Werke nach der Abbildung dieser Farnart suchte und auch richtig fand.

Durand hatte nun einen ganz deutlichen Begriff davon, wie Pecopteris oder Kammfarn aussehe.

»Kann ich dir mit noch etwas dienen?« fragte Doktor Schmid, und sein Freund nickte lächelnd.

»Womit also?«

»Mit irgend etwas Eßbarem.«

»Du hast Hunger?«

»Ich habe seit fünf Uhr nichts gegessen und bekomme vermutlich auch nichts mehr. Es ist ja inzwischen fast zwei Uhr geworden.«

»Stimmt. Na, für eine kleine Mahlzeit reicht jedenfalls noch aus, was meine Nanni in die Kredenz gestellt hat,« sagte Schmid gut gelaunt und führte seinen Freund in das Nebenzimmer, wo sehr bald ein tüchtiges Stück Schinken und Butter und Brot vor Durand auftauchte, welch allem er, ehrlich hungrig geworden, auch tüchtig zusprach.

Daß Schmid ihm auch mit Wein aufwarten konnte, war ihm sehr recht, denn es fror ihn.

So kam er also doch noch zu einem Abendessen, das freilich ebensogut Frühstück genannt werden konnte. Eine halbe Stunde später schnarchte Doktor Schmid wieder in seinem Bette, während Durand rauchend und über alles in dieser Nacht Getane nachdenkend gegen Hietzing fuhr. Es dämmerte schon der Tag, als er vor Mühlheims Villa ausstieg. Und als er die Augen endlich zum recht ersehnten Schlummer schloß, stieg eben die Sonne über den östlichen Himmelsrand.

»Nun, der hat sich Wien in dieser Nacht gut ang'schaut,« dachte der Hausmeister, welcher ihm die Gartentür geöffnet hatte.


Sechstes Kapitel.

Durand erwachte erst gegen zehn Uhr. Er hatte selbst da noch nicht ausgeschlafen und überlegte gerade, ob er sich nicht noch ein wenig Ruhe gönnen solle, da hörte er die Stimme des Kommerzienrats und gleich danach diejenige Wilhelms.

»Meine Töchter sind vorhin von Baden wieder zurückgekommen,« rief Mühlheim. »Ersuchen Sie Fräulein Edwine, daß sie zu mir kommen möge.« Er mochte am Ende des Korridors stehen, und Wilhelms etwas hohe Stimme antwortete darauf vom Stiegenhause her irgend etwas Unverständliches, worauf Mühlheim entgegnete: »Wie, das Fräulein ist im Garten? Da stören Sie sie nicht. Ist Lena auch unten?«

»Nein, Fräulein Edwine ist allein,« lautete die Antwort, welche Durand vielleicht nur deshalb ganz gut verstand, weil er jetzt mit aller Aufmerksamkeit darauf wartete, was Wilhelm auf seines Gebieters zuletzt gestellte Frage antworten werde.

Jetzt überlegte er nicht mehr, ob er schon aufstehen oder ob er noch liegen bleiben solle. Er fiel sozusagen in seine Kleider hinein, und nachdem er Kopf und Gesicht einer ebenso eiligen als gründlichen Behandlung mit kaltem Wasser unterzogen hatte, war er sehr bald mit seiner Toilette fertig und hatte dazwischen sich noch die Zeit genommen, mehrmals einen hastigen Blick zum Fenster hinauszuwerfen. Aber er konnte in dem noch kahlen Garten, der sich da unten ausbreitete, kein menschliches Wesen gewahren.

Ehe er das Zimmer verließ, und auch später noch, benahm er sich ein bißchen sonderbar.

Er horchte, ob sich niemand auf dem Gange oder im Stiegenhause rege. Als alles still blieb, öffnete er leise seine Tür, die er ebenso sachte wieder hinter sich schloß, und eilte so geräuschlos als möglich die Stiege hinab. Er kam denn auch ungesehen aus dem Hause und gewann ebenso unbemerkt von den Bewohnern der Villa die vorderste Partie der Gebüsche, welche die breite Rasenfläche einsäumten, die sich hinter dem Landhause hindehnte.

Jetzt hatte Durand keine gar so große Eile mehr. Sich immer hinter Bäumen und Stauden haltend, sandte er seine Blicke auf die Suche nach der jungen Dame aus, welche den guten Gedanken gehabt hatte, so schnell aus Baden wieder zurückzukommen.

Aber er war schon kreuz und quer durch die ganzen Anlagen gegangen, und noch immer gewahrte er die Dame nicht, um derenwillen er sich so sehr beeilt hatte.

Plötzlich aber stand er dicht vor ihr.

Er hatte einen mit Latschenkiefern und sonstigen Alpenhölzern bepflanzten Hügel umschritten, dessen einer Abfall an eine Kastanienallee grenzte, die unweit dieses Hügels an einem Tor des Gartens endete und sich anderseits bis in die Nähe der Villa hinzog.

Am Fuße dieses Hügels also sah Durand die junge Dame plötzlich vor sich. Sie jedoch bemerkte sein Herankommen nicht. Die Hände im Schoß gefaltet, den Blick zur Erde gerichtet, im hübschen, lieblichen Gesicht jenen Ausdruck peinvoller Spannung, den aussichtsloses, schmerzliches Grübeln erzeugt, so saß sie ganz versunken in quälenden Gedanken da. Mit dem romantischen Hintergrunde, den die gähnende Tropfsteingrotte, die sich hinter ihr befand, abgab, hätte diese Frauengestalt ein prächtiges Modell für eine Personifikation ohnmächtigen Weltleides gegeben.

Einige Sekunden lang betrachtete der neue Ankömmling das hübsche, gar so traurige Mädchen, dann sagte er leise, mit weicher Stimme: »Meine liebe, liebe Edwine!«

Da erhob sie langsam, wie im Traum, das tief geneigt gewesene Gesicht, darin ein jähes Rot aufstieg. Als ihr ihre Augen sagten, daß sie nicht geträumt habe, taumelte sie mit einem leisen Schrei empor und legte aufschluchzend ihre Arme um den Hals des jungen Mannes, der, selber tief bewegt, sie an sein Herz zog.

»Eugen, ich verstehe dein Hiersein nicht!« Das waren ihre ersten Worte, nachdem sie sich ein wenig gefaßt hatte.

Er lächelte. »Es hat sich ganz einfach gemacht,« erklärte er. »Dein alter Verehrer und mein alter Freund, Herr v. Eichen, hat mich – natürlich ohne meinen Namen zu nennen – deinem Vater zur Untersuchung des traurigen Falles vorgeschlagen, und so bin ich denn da, bin mit Einwilligung deines Vaters sogar für eine Zeit dein Hausgenosse.«

»Du also bist jener Durand, von dem Lisi behauptet –?«

»Ich weiß nicht, was sie behauptet hat, ich weiß nur, daß ich derzeit der sehr, sehr glückliche Eugen Durand aus Nancy bin, dessen Vater Seidenhändler und ein Jugendfreund des Kommerzienrats v. Mühlheim war.«

Herr Durand aus Nancy erinnerte in diesem Augenblick keineswegs an den ernsten, scharfausschauenden, jede Winzigkeit abwägenden Mann, der er im Dienste immer war – er sah jetzt in seiner Liebesseligkeit um reichlich ein halbes Dutzend Jahre jünger und so überschwenglich froh aus, daß es gar nicht zur Situation paßte, denn diese blieb jedenfalls sehr ernst, trotzdem sie augenblicklich so reizend war.

»Du also suchst nach den Spuren dessen, der das Verbrechen an König begangen hat?« fragte Edwine sehr verwundert.

Ihr Liebster war rot geworden, aber er sah ihr ruhig in die Augen, und ruhig war die Art, in der er sagte: »Ja, Edwine, ich, Doktor juris Gröden, tue hier die Dienste eines Detektivs, und ich werde sie nicht nur mit großer Gewissenhaftigkeit, ich werde sie auch mit großem Interesse tun, denn ich hoffe nicht nur dich dadurch zu erringen, ich hoffe auch der Gerechtigkeit einen ansehnlichen Dienst dadurch zu leisten. – Und auch deiner Schwester möchte ich dienen,« setzte er herzlich hinzu, »der Armen, die gewiß nichts als die qualvolle Ungewißheit so schnell wieder heimgetrieben hat. Ist es nicht so?«

Edwine drückte ihm die Hand. »Es ist so und – du wirst uns helfen. Du wirst Licht in diese schreckliche Sache bringen. O, wie ich dir vertraue! Und – – weißt du, daß Papa entzückt von dir ist?« sagte sie, fast schelmisch lächelnd. »Und er kennt dich doch erst seit Stunden! – Aber,« setzte sie seufzend hinzu, »wie kann ich nur jetzt froh sein, wo Lena so leidet, König so elend endete!«

»Wir wissen noch nicht, ob er endete,« sagte auffallend kühl der, welcher eigentlich Gröden hieß, der jedoch nach wie vor zunächst Durand bleiben mußte.

Seine ihm heimlich Verlobte sah ihn erstaunt an. »Wie du redest, wie eigentümlich du redest!« sprach sie vorwurfsvoll. »Kann man denn jetzt noch daran zweifeln, daß der Arme tot ist?«

Durand zuckte die Achseln.

Da fuhr Edwine in der Art einer, die genau überlegt, ehe sie redet, fort: »Es spricht ja doch alles dafür, daß man ihn getötet und die Leiche dann beiseite geschafft hat.«

»Beiseite! Wo ist dieses so kurzweg genannte Beiseite?«

»Ja, weiß denn ich es?«

»Laß gut sein, Liebste. Strenge dein Gehirn nicht ganz unnötig an. Es kann sich 's keiner vorstellen, wo diesmal dieses Beiseite sein könnte. Man hat mir gesagt, daß König gegen elf Uhr von hier fortging. Stimmt das?«

»Es stimmt.«

»Und daß er sein frühes Fortgehen damit motivierte, er müsse noch vor zwölf Uhr, vor Drucklegung des Blattes, in der Redaktion sein?«

»Ja, so sagte er.«

»Er ist jedoch nicht in der Redaktion gewesen, hat – – wie man die Sache jetzt ansehen muß – gar nicht die Absicht gehabt, in den ersten Bezirk zu fahren, sondern ist nach seiner Wohnung gefahren, wo er –«

Durand redete nicht weiter. »Es ist ganz zwecklos, dir den Kopf warm zu machen mit dem, was und wie ich über den Fall denke. Sage mir nur noch zweierlei.«

»Was denn?«

»Hat König auch gesagt, daß er am Dritten Nachmittags eine größere Summe Geldes behoben hat?«

»Nein. Ich wenigstens weiß nichts davon. Wie hast du es erfahren?«

»Sein Bankier brachte es gestern abend der Behörde zur Kenntnis. Es waren sechstausend und etliche hundert Gulden.«

»Merkwürdig. Wozu brauchte er denn jetzt solch eine Summe?«

»Und jetzt meine zweite Frage.«

»Nun?«

»Bist du überzeugt, daß er deine Schwester wirklich liebte, so recht innig, so ganz ausschließlich – so nun – – halt so, wie ich dich liebe, so, daß er an eine andere gar nicht denken mochte, daß keine andere auch nur die geringste Gewalt über sein Herz oder seine Sinne erlangen konnte?«

Bei dieser Frage, welche zugleich eine Liebeserklärung war, sah Edwine sehr glücklich aus, aber das Nachdenken verscheuchte bald ihr Glücksempfinden oder trübte es wenigstens.

»Wie du mich liebst – – ich glaube, ganz so hat König Lena nicht geliebt, wie ja auch ihre Liebe nicht der meinigen gleicht. Er war herzlich lieb gegen sie; sie selber nannte seine Liebe »onkelhaft«, und sie – – nun sie schwärmte ihn an und bewunderte ihn und« – – wieder huschte ein schelmisches Lächeln über Edwinens liebliches Gesicht – – »das tu' doch ich nicht, wiewohl ich dich für den klügsten und besten Mann der Welt halte,« setzte sie hinzu und sah ihn mit einem Blick an, aus dem die herzlichste Bewunderung sprach. – – – »Wie hätte denn ihre Liebe auch der unserigen gleichen können?« fuhr sie fort. »Bedenke doch, er war um mehr als zwanzig Jahre älter als sie – daher rührte wohl auch seine Ruhe und stete Gleichmäßigkeit. Ich wenigstens habe ihn nie leidenschaftlich gesehen. Gestern aber fehlte es ihm allerdings an der gewohnten Ruhe, derenhalben ihn Erich stets den »Olympier« nannte.«

»Wie war er gestern?«

»Aufgeregt, entschieden aufgeregt.«

»Nun – am Verlobungstage!«

»O, nicht freudig aufgeregt. Ganz im Gegenteil – – er mußte das bei solcher Gelegenheit übliche Frohsein förmlich heucheln.«

»Ah, ihr habt das gemerkt?«

»Lena sagte es ihm direkt, daß er peinvoll aufgeregt sei, und drang in ihn, es ihr zu sagen, was ihn denn quäle.«

»Nun?«

»Er sagte, sie würde es später einmal erfahren. Sie war sehr betrübt, als er im Wintergarten von ihr Abschied nahm. – Aber was hast du denn?«

Edwine hatte diese Frage mit Recht sehr verwundert gestellt, denn bei ihrer letzten Bemerkung war Durand ein wenig zusammengefahren.

Er beantwortete auch ihre Frage nicht. Er war jedoch schon wieder ganz gelassen, als er die ihr ziemlich überflüssig scheinende Bemerkung machte: »Ah – richtig! Ihr habt einen Wintergarten?«

Er hatte sich zugleich erhoben und horchte gegen das Haus hin. »Ich glaube, es kommt jemand,« sagte er. »Natürlich habe ich dich nur zufällig auf meinem Morgenspaziergang getroffen und habe dir von Nancy erzählt.«

Es kam wirklich jemand. Wilhelm war es, den Lisi heruntergeschickt hatte, damit er Fräulein Edwine hinaufbitte, weil Fräulein Lena wach geworden sei.

Wilhelm wunderte sich nicht darüber, daß Herr Durand mit seiner jungen Herrin in der Kastanienallee spazieren ging. Er hatte freilich gemeint, Herr Durand, der erst im Morgengrauen heimgekommen war, schlafe noch, fand es aber recht vernünftig von ihm, daß er lieber in dem sonnigen Garten als im Bett Erholung von der durchschwärmten Nacht suchte.

Durand geleitete die junge Dame ins Haus und verabschiedete sich im Flur recht zeremoniös von ihr, bat, als sie gegangen war, Wilhelm, er möge ihm das Frühstück auf sein Zimmer bringen, und erkundigte sich, ob Herr v. Mühlheim zu sprechen sei.

Der Herr Kommerzienrat war jedoch ausgefahren und wurde erst zum Mittagstisch wieder erwartet. So ging denn Herr Durand auf sein Zimmer, frühstückte, besah sich dann den Wintergarten, den Wilhelm ihm wies, und verließ später auch das Haus.


Siebentes Kapitel.

Frau Marie Winter befand sich vor ihrem Waschtrog. Als sie hörte, daß ein Beamter der Polizei vor ihr stand, seufzte sie tief auf. »Ich hab' ja schon alles g'sagt, was ich weiß,« meinte sie verdrossen, eines neuen Verhörs gewärtig, und dabei blickte sie scheu auf ihren Besucher.

Durand lächelte sie gutmütig an. »Na, kommen Sie nur, Frauerl,« sagte er freundlich. »Ich kenne alle Ihre Aussagen. Aber eine, die Sie, wie ich glaube, noch machen können, die steht nicht im Protokoll, steht deshalb nicht drinnen, weil keiner Sie nach dem hat fragen können, wonach ich Sie fragen will.«

Diese Worte hatten die alte Frau neugierig gemacht. Sie trocknete rasch ihre Hände ab und hieß ihren Besuch in das Zimmer treten. Es war ein sehr nett gehaltenes Stübchen, doppelt freundlich deshalb, weil die beiden Fenster voll Blumen waren.

Durand warf einen Blick auf die Straße. Es war ganz richtig, was die Winter angegeben hatte. Man konnte schon von ihrem Bette aus einen Teil des Hauses erblicken, darin vor zwei Nächten so Absonderliches vorgegangen war. Direkt in Königs Schlafzimmerfenster, welches an einer stumpfen Ecke der Villa lag, konnte man hineinsehen.

»Also, was soll ich denn noch sagen?« eröffnete Frau Winter das Gespräch.

»Kennen Sie diese Dame?« fragte Durand, ihr, während er sich setzte, das Bildchen im Malachitrahmen zeigend.

Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Die Dame kenn' ich nicht, aber das Bild hab' ich schon geseh'n. Der Herr Doktor hat mir's an dem Tag gezeigt, an dem ich ihn zum letzten Male geseh'n hab'.«

»Erst an diesem Tag?«

»Ja, vorher hab' ich es nicht bei ihm geseh'n. Er hat's vor sich liegen gehabt, wie ich ihm einen Brief hineingetrag'n hab'.«

»Er hatte es also vor sich liegen?«

»Ja, und er hat gar nicht g'hört, daß ich hereingekommen bin.«

»So! Das hat er also gar nicht gehört?«

»Nein. Ich hab' ihn zweimal anred'n müss'n.«

»Und dann?«

»Dann hat er das Bild in die offene Schreibtischlad' legen woll'n.«

»Nun, und er hat es nicht hineingelegt?«

»Nein. Er hat sich ein bissel besonnen, und dann hat er mir's gezeigt. »Was, Frau Winter? Die ist schön!« hat er g'sagt und hat ganz merkwürdig dabei ausg'seh'n.«

»Und was sagten Sie?«

»Ich hab' das Bild auch bewundert.«

»Und nicht gefragt, wen es vorstellt?«

»Ah! Wie werd' ich denn so was tun!«

»Und was ist dann mit dem Bilde geschehen?«

»Das weiß ich nicht. Ich hab' an dem Tag so viel zu tun g'habt, daß ich mich gar nicht mehr an das Bild erinnert hab'. Jetzt denk' ich zum ersten Mal wieder daran.«

»Sie selbst haben es also nicht aufgehoben?«

»Ganz sicher nicht.«

»Na, sehen Sie, liebe Frau, das habe ich wissen wollen. Und jetzt sagen Sie mir noch eines. Hat Doktor König niemals Damenbesuch erhalten?«

Die alte Frau fuhr entrüstet auf. »Nie! Niemals!« sagte sie bestimmt.

Ihr Besucher mußte lächeln. »Und Briefe von Damenhand – hat er auch solche niemals erhalten?« fragte er.

Da zuckte Frau Winter die Achseln. »Mir ist's wenigstens nicht aufgefallen,« antwortete sie nach einer kleinen Weile, um geringschätzig hinzuzufügen: »Er war keiner von denen, die immer Liebschaften haben.«

Durand erhob sich. Auch Frau Winter stand auf.

Durand hatte aber doch noch eine Frage. »Sie wissen die Zeit nicht genau anzugeben, in der Sie das Licht in der Villa sahen?«

»Ganz genau kann ich's nicht sagen. Ich weiß nur, daß ich, wie ich einmal wach geworden bin, Licht im Schlafzimmer geseh'n hab'. Ich hab' mich gleich gewundert, daß der Doktor so zeitlich schon zu Haus' sein soll. Ist doch die Tramway noch g'fahr'n, und auch ein Radler ist noch durch unsere Gassen gekommen. Dann bin ich wieder eing'schlaf'n, und dann hat mich der Rettungswagen aufg'weckt. Mehr weiß ich nicht.«

»Und das Licht ist noch immer dagewesen?«

»Nein. Das ist schon verloschen, wie ich zum ersten Mal aufg'wacht war.«

»So!«

Frau Winter fuhr sich über die Stirne. »Je – da fallt mir gerad ' noch was ein,« sagte sie.

»Was denn?« Durand, der schon im Gehen begriffen war, blieb stehen. Er sah die Frau aufmerksam an. Die aber redete nicht; sie sann offenbar über irgend etwas nach.

»Nun!« drängte Durand. Da äußerte sie ihre noch immer nicht geordneten Gedanken. Seltsamerweise begann sie mit einer Frage. »Waren Sie auch bei der Kommission?« forschte sie. »Ich war auch in Königs Quartier,« antwortete Durand ausweichend.

»Und haben sich alles genau angeschaut?«

»Genau. Natürlich, ganz genau,« entgegnete Durand, von dem Umstand, daß nun er ausgefragt wurde, heimlich erheitert.

»Haben Sie ein Radl g'seh'n?« forschte die alte Frau weiter.

»Ein Fahrrad meinen Sie?«

»Ja, ein Fahrrad.«

»Nein.«

»Es ist immer im Gang g'stand'n,« fuhr Frau Winter nachsinnend fort, »aber ich hab' nicht aufg'merkt, ob's jetzt noch dort steht.«

»Daß es seit der vergangenen Nacht nicht mehr dort steht, dessen kann ich Sie versichern,« erklärte Durand bestimmt.

»Seit dieser Nacht?! So waren Sie heut nacht in der Villa?« fragte Frau Winter.

»Sie wissen, daß jemand drinnen war?«

»Sie können sich's denken, daß ich heut nicht viel geschlaf'n hab'. Warum haben denn Sie auch die Spalettladen zugemacht?«

»Hat sie also der andere auch zugemacht?«

»Ja, der, den ich für den Herrn Doktor gehalten hab'. Der hat auch zuerst Licht gemacht, und dann ist's beim Vorzimmerfenster gleich wieder dunkel g'word'n.«

»Dafür ist's aber im Arbeitszimmer hell geworden.«

»Ja, aber auch nur für kurze Zeit, gerad' so wie im Schlafzimmer. Ich hab' mich recht gewundert, daß der Herr Doktor die Spalettladen schließt.«

»Das zu tun war wohl sonst nicht seine Gewohnheit?«

»Nein, es war auch gar nicht notwendig. Die Gegend ist ja sicher, und die Zimmer liegen auch zu hoch, als daß man von der Gassen aus tief hineinseh'n könnt'.«

»Ja, ja, und gegenüber gibt es auch kein Haus. Kurz, Doktor König hat sonst die Laden nicht geschlossen?«

»Niemals.«

»Jetzt aber wollen wir wieder von dem Fahrrad reden. Der Doktor war also Radler?«

»Ja.«

»Und sein Rad stand gewöhnlich im Gange?«

»Ja, aber manches Mal hat er's auch nur ans Haus gelehnt.«

»Doch nicht über Nacht?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Nun, dieses Mal hätte man es schon unter Dach geschafft, wenn man es vor der Tür gefunden hätte.«

»Da muß es also auch gestohlen worden sein.«

»Man muß das annehmen, gute Frau. Schade übrigens, daß es Ihnen erst jetzt einfällt, von dem Rade zu reden. Das ist ja etwas sehr Wichtiges. – Von welcher Art das Rad war, oder wo es Doktor König gekauft hat, wissen Sie nicht?«

»Nein.«

Durand hatte es plötzlich sehr eilig. Er empfahl sich rasch und ging.

Sein nächster Weg war zum Kommissariate Döbling, wo er sich davon überzeugte, daß der in der Wohnung Königs gewesene Beamte daselbst auch kein Fahrrad gesehen hatte, und woselbst er meldete, daß ein solches abhanden gekommen sei, welcher Umstand mittels Zirkulardepesche an alle anderen Wiener Polizeikommissariate bekanntgegeben wurde, die alsbald diese Kenntnis, gleich dem Döblinger Amte, sofort wieder an alle Geschäfte weitergaben, bezüglich deren es anzunehmen war, daß der Dieb das gestohlene Fahrrad verkaufen werde oder verpfänden könne.

Über dem Verbleib Königs aber lag noch immer tiefstes Dunkel.

Der Fall wurde immer rätselhafter. Wohl nahm man einen Mord an, aber – wo war der Ermordete?

Einer jedoch nahm es durchaus nicht als gar so sicher an, daß da ein Mord verübt worden sei, der nahm es nicht einmal als sicher an, daß da überhaupt irgend ein Verbrechen vorliege, kein anderes wenigstens, als daß ein liebendes, ein herzlich vertrauendes Mädchen getäuscht worden sei.

Der eine war Herr Durand, der bei einem Fiaker stand und zu ihm sagte: »Zur Polizeidirektion,« wonach er gemächlich in den Wagen stieg.

Es war ein offener Wagen. Das Wetter war ja heute ziemlich mild.

Als die Pferde anzogen, gab es einen so heftigen Ruck, daß Durand an die Seitenlehne des Wagens geschleudert wurde, wobei der Rahmen des Bildchens, das er in seiner inneren Rocktasche trug, gegen seine Brust drückte.

»Ah, Nadja meldet sich!« dachte er und lächelte eigentümlich, denn er stellte es sich vor, daß dieses schöne Weib, dessen Antlitz so viel Leidenschaft verriet, an Königs Seite von irgend einem Eisenbahnzug in die Ferne entführt werde, in eine sichere Ferne, in welche – – Ja, was denn?

Mit dieser an sich selbst gerichteten Frage hemmte Durand die Vorstellungen seiner Phantasie, und seine Züge verloren den spöttischen, lächelnden Ausdruck.

Er griff langsam nach dem Bildchen. Sachte löste er es aus seiner doppelten Umhüllung und betrachtete es lang und mit großer Aufmerksamkeit.

»Er war also keiner von denen, die immer Liebschaften haben,« murmelte er vor sich hin, aber er hatte einen Nachsatz: »aber gerade deshalb war er vielleicht für eine Leidenschaft reif, die vielleicht diese Nadja in ihm entzündet hat.« Aber – warum verlobte er sich dann mit der anderen? Er war ja frei, noch frei – bis zum Abend des 3. März völlig frei! – Warum, wenn diese Nadja vielleicht zu seinem Glücke gehörte, band er sich an Lena? Nun, er war doch fast um zwanzig Jahre älter als Lena. Da stand er diesem reifen, herrlichen Weibe schon weit näher, sobald es sich nicht um »Herzlichkeit«, sondern um »Leidenschaftlichkeit« handelte, und gegen diese war auch ein so reifer Mann nicht gefeit. König war freilich ein Ehrenmann und hat sich als solcher vielleicht verbunden gefühlt, die kleine Lena, die an seine Liebe glaubte, nicht zu enttäuschen. So wurde er ihr Verlobter – ein Verlobter, der es kaum den Gästen Mühlheims glaubhaft hatte machen können, daß er sich glücklich fühle, und dem es seine Braut ins Gesicht gesagt, daß er peinvoll bewegt sei.

Und dieser »peinvoll bewegte« Bräutigam verschwindet gleich nach dem Verlobungsfeste unter seltsamen oder wenigstens seltsam scheinenden Umständen, nachdem er einige Stunden vor seiner Verlobung das Bild einer schönen Frau in seiner Wohnung versteckt hat!

All diese Gedanken ziehen durch Durands Kopf, während seine Augen auf dem reizvollen Bildnis eines reizvollen Weibes haften, »eines Weibes,« so sagte er sich, »das sehr stolz und sehr willensstark, sehr ernst und sehr ehrbar aussieht, das so aussieht, als ob es sich zu gut, viel zu gut dünke für eine Tändelei, für eine Liebschaft.«

Durands Augen lösen sich von dem Bilde, sie blicken jetzt über dasselbe hinweg, aber ihr Eigner sieht nicht die Leute, an denen sein Wagen vorüberrollt, noch die Häuser, die da auftauchen und wieder verschwinden, er sieht dieses schöne Weib vor sich, wie es einen tötet, weil er, der ihr vielleicht alles genommen, worauf sie Wert gelegt, sich um geringerer Rechte willen von ihr abgewendet hat.

»Oder sie – –« denkt Durand.

Da wird er in seinem Nachsinnen gestört.

»Wir sind schon da, gnä' Herr!« ruft der Fiaker, und mit einem Ruck stehen die Pferde.

Durand fährt aus seinem Sinnen auf und steckt das Bildchen rasch ein. Die Zeitung und das Kuvert schiebt er in eine andere Tasche, bezahlt den Kutscher und geht in das Polizeidirektionsgebäude.

Einige Minuten später steht er vor dem Chef des Sicherheitsamtes, vor Herrn v. Eichen.

»Nun?« sagt der und reicht ihm die Hand.

Durand berichtete kurz und klar, was er seit gestern nachmittag getan und was er in Erfahrung gebracht hat, und auch Herr v. Eichen vertiefte sich mit großem Interesse in den Anblick des Bildes, das Durand vor ihm auf den Tisch gelegt hat.

»Ein wunderschönes Gesicht,« sagt der alte Herr, »und Sie glauben, daß diese Frau dem verschwundenen König nahe stand, und daß er ihrer berechtigten Eifersucht zum Opfer gefallen ist?«

Durand entgegnete lächelnd: »Ich habe zwar von dieser meiner Vermutung noch keine Silbe geäußert, aber es ist Tatsache, daß sie – neben einer anderen – – besteht.«

»Und gerechtfertigt ist,« setzte der Oberpolizeirat hinzu, »freilich nur auf Basis der Logik gerechtfertigt aber, lieber Doktor, vergessen Sie nicht, daß die Logik mit dem Tun der Menschen nicht immer etwas zu schaffen hat, daß der Zufall eine Hauptrolle in der Welt spielt und daß das Wahrscheinliche sehr oft dem Unglaublichen weichen muß.«

Durand nickte nachdenklich.

Er hatte, während Herr v. Eichen das Bild betrachtete, die Zeitung und das Kuvert, von denen es umhüllt gewesen, aus der Tasche gezogen.

Der alte Herr langte jetzt nach ersterer. »Das Blatt ist also vom 3. März, und es ist ein Abendblatt. Seine Verwendung und der Ort, an welchem Sie es fanden, spricht allerdings auch dafür, daß diese Nadja im Leben Königs keine unbedeutende Rolle spielte, denn – – – Was gibt es denn?« unterbrach er seine Bemerkung.

Durand war von seinem Sitz emporgefahren. Er starrte eine Weile auf das Kuvert, das er dann vor Herrn v. Eichen hinlegte. Es war ein größeres, fast quadratisches Kuvert von gelblichem Papier. Es war nie zugeklebt gewesen und trug auch keine Aufschrift, aber es war doch etwas darauf geschrieben.

Herr v. Eichen konnte es nicht lesen, denn die Stenographie war ihm fremd. Ihm sagten nur die drei Ziffern etwas, welche da am Rande mit Bleistift ganz klein hingeschrieben waren. Es waren Ordnungszahlen. »27. 2.« stand da.

»Am Siebenundzwanzigsten im Zweiten,« las der alte Herr, dann schaute er erwartungsvoll auf Durand, und dieser las nun das Ganze, das da notiert war.

»Am 27. 2. von N. K. erhalten,« las er und setzte hinzu: »Die Schrift ist, so sehr dies angeht, gekürzt.«

»Sie haben diese Notiz jetzt erst bemerkt?« fragte der Oberpolizeirat.

»Jetzt erst,« sagte Durand. Er war errötet.

»Am 27. 2. von N. K. erhalten,« wiederholte Herr v. Eichen und senkte nachdenkend den Kopf. »Der zweite Name dieser Nadja fängt also mit K. an – und am siebenundzwanzigsten Februar hat sie König das Bild geschenkt, das ihn an seinem Verlobungstage so sehr beschäftigte.«

Das sagte er langsam und laut vor sich hin, dann blickte er zu Durand auf, erhob sich und, dem jungen Mann die Hand auf die Schulter legend, fuhr er fort: »Ihre Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit – – aber, bester Doktor, verbeißen Sie sich trotzdem nicht hinein.«

»Diese Absicht habe ich ganz und gar nicht,« entgegnete Durand lächelnd. »Wenn ich aber einstweilen mein besonderes Interesse dieser Nadja K. widme, haben Sie, mein verehrter Gönner, doch wohl nichts dagegen einzuwenden?«

»Natürlich nicht.«

»Ihr Bild muß heute noch in die Hände unserer Leute kommen. Sie erlauben, daß ich die Vervielfältigung sogleich veranlasse.«

Durand hatte sich erhoben. Gleichzeitig war geklopft worden. Ein Wachmann brachte eine Telephonnachricht.

Herr v. Eichen langte gleichmütig nach dem Zettel. Während des Lesens wurde er lebhafter. Rasch sich erhebend, sagte er zu Durand: »Für Sie gibt's in Döbling zu tun, lieber Doktor – die Vervielfältigung des Bildes dieser Nadja werde ich schon besorgen.«

Damit reichte er dem Doktor den Zettel.

Der las, was das Döblinger Kommissariat amtlich meldete. Es hieß: »Soeben wurde hier ein Individuum eingebracht, welches mit dem Falle König zu tun zu haben scheint. Der junge Mann ist Russe. Er besitzt nach Bezahlung einer bedeutenden Zeche noch gegen fünfzig Gulden Bargeld, über dessen Herkunft er sich nicht auszuweisen vermag. Er wurde in dem Augenblick festgenommen, als er dem Kellner des Gasthauses, in welchem er zechte, ein Fahrrad verkaufen wollte. Das Fahrrad befindet sich ebenfalls hier.«

»Ein Russe also,« sagte Durand, den Zettel auf den Tisch legend.

»Ein Russe,« sagte auch Herr v. Eichen.

Der Doktor hatte schon seinen Hut in der Hand. Der alte Herr nickte ihm zu.

Eine Minute später bestieg Durand einen Wagen und fuhr nach Döbling zurück. Auf halbem Wege fiel es ihm ein, daß er Herrn v. Eichen von seiner zweiten Vermutung noch nichts gesagt habe. Aber daran lag ja nicht viel. Er konnte noch immer darüber reden.

Er war jetzt sehr ernst. Er fing soeben an zu glauben, daß Doktor König tot sei. Er dachte aber nicht an einen Raubmord er dachte an einen Eifersuchtsmord, der nur deshalb mit einem Raub verbunden worden war, damit man nicht das eigentliche Motiv zur Tat erkenne und also in falscher Richtung nach dem Täter suche.

»Nicht ungeschickt gemacht,« dachte Durand, »aber der Zufall bringt auch hier wieder einmal Unordnung in die Logik. Die Hand, die das Porträt Nadjas versteckte, hat in das künstliche Gewebe einen Riß gemacht. Die Russin kennen wir bereits, schauen wir uns nun den Russen an.«

Es war ein düsteres Lächeln, das während dieser Gedanken den Mund Durands umspielte. Als er in das Zimmer des journalführenden Beamten trat, fand er daselbst außer diesem auch noch Frau Winter und einen älteren Menschen, in welchem man auf den ersten Blick den Kellner erkannte.

Durand erinnerte sich, daß die alte Frau unter anderem auch ausgesagt hatte, daß am 3. März zweimal ein junger Mann nach Doktor König gefragt habe, und brachte diese Aussage mit ihrer jetzigen Anwesenheit in Verbindung.

Dem Kollegen die Hand reichend und der alten Frau zunickend setzte er sich.

»Ich habe das Verhör absichtlich bis zu Ihrem Eintreffen verzögert,« erklärte der Beamte und hieß dann Frau Winter ins Nebenzimmer treten.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, so wurde der Festgenommene vom Gange her hereingeführt. Durand sah ihm mit großem Interesse entgegen.

Es war ein hübscher, aber schon ziemlich verlebt aussehender Bursche, der da halb scheu, halb trotzig herankam.

Seine große, aber schön geformte Hand preßte die Astrachanmütze, die sie hielt, fest zusammen, und ebenso fest waren seine feingeformten Lippen geschlossen.

Durands und des Kommissärs Augen begegneten sich einen Moment lang.

Jeder wußte, was der andere dachte: daß der Häftling trotz seiner Herabgekommenheit den Eindruck mache, als ob er zum ersten Male sich in solcher Situation befinde.

Der Kommissär rief durch ein elektrisches Zeichen einen Schreiber herbei. Als dieser die Feder zur Hand nahm, begann das Verhör.

»Ihr Name?«

Der Häftling biß sich auf die Lippen.

»Machen Sie keine Geschichten,« sagte der Kommissär. »Ihren Namen sollen Sie sagen.«

»Wasili Alexin,« kam es zögernd von den blassen Lippen des jungen Menschen.

»Also schreiben Sie einstweilen Wasili Alexin,« sagte der Kommissär mit einem Blick auf den Schreiber, und dann sich wieder zu dem Häftling wendend: »Wie alt?«

»Fünfundzwanzig Jahre.«

»Wo geboren?«

»Rußland.«

»Rußland ist ein bißchen groß.«

»In Moskau.«

»Beschäftigung?«

»Zahntechniker.«

»Derzeit in Stellung?«

»Nein.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im achtzehnten Bezirk.«

»Gasse?«

Wasili Alexin gab den Namen der Straße und Hausnummer an.

»Seit wie lange sind Sie ohne Verdienst?«

»Seit sechs Wochen.«

»Bei wem und wo haben Sie zuletzt gearbeitet?«

»Bei Herrn Theimer im zweiten Bezirk, große Sterngasse.«

»Weshalb wurden Sie entlassen?«

Wasili Alexin schwieg.

Der Kommissär bestand nicht auf der Beantwortung dieser vermutlich heiklen Frage. Er ging auf die Ursache von des Russen Verhaftung über.

»Sie kamen in der verflossenen Nacht gegen zehn Uhr in das Gasthaus »Zum wilden Mann« in Grinzing?«

Wasili Alexin nickte.

»Sie kamen per Rad dorthin?«

Wieder nickte der Russe.

»Und bald nach Ihnen kam eine Frauensperson, die sich sofort zu Ihnen setzte?«

»Ja.«

»Sie hatten sie bestellt?«

»Ja«

»Um mit ihr zu zechen?«

»Ja.«

»Und Sie aßen und tranken was gut und teuer war?«

Der Russe schwieg. Der Zug von Trotz, der ohnehin schon in seinem Gesichte war, vertiefte sich.

»Wieviel betrug die Zeche?«

Keine Antwort.

Der Kommissär sah hierauf den Kellner an.

»Fünfunddreißig Gulden fünfzig Kreuzer,« sagte dieser, und dabei röteten sich seine fahlen Wangen. Es war, als ob die sprechenden Blicke der beiden Beamten, die auf ihm hafteten, das Blut in sein Gesicht getrieben hätten.

»Sie müssen aber sehr feine Weine führen,« sagte spöttisch der Kommissär.

Der Kellner senkte das pomadisierte Haupt.

»Also fünfunddreißig Gulden und fünfzig Kreuzer konnten Sie an einem Abend ausgeben,« wandte der Kommissär sich wieder zu dem Russen, »Sie, der Sie seit sechs Wochen ohne Verdienst sind! Das ist ein Kunststück, das ein ehrlicher Mensch nicht zusammenbringt. Sagen Sie uns, auf welche Weise Sie es zuwege gebracht haben. – Nun reden Sie doch!« drängte der Beamte, als der Häftling starr und als wolle er nie wieder den Mund auftun, an ihm vorüberschaute.

Jetzt mischte Durand sich in die Verhandlung. Er wandte sich an den Kellner. »War es eine bessere Dame, die mit Wasili Alexin an Ihrem Dienstorte zusammentraf?« fragte er.

Der ältliche Ganymed, ein jedenfalls schon mit vielen Salben geschmiertes Individuum, – zuckte vorsichtig die Schultern. »Eine Dame,« begann er in einem geschraubten Hochdeutsch, das große Neigung zeigte, ins ordinäre Wienerisch umzuschlagen, »eine wirkliche Dame, ah nein – so eine war's nicht, es war halt ein aufputztes Frau'nzimmer.«

»Auch eine Fremde – eine Ausländerin, meine ich?«

»Keine Spur! Die hat ja echt Wienerisch g'red't.«

Durand wollte ganz sicher sein. Er fragte nach der Farbe, welche die Augen von Alexins Gesellschafterin hatten.

»Graublaue Augen hat sie g'habt,« gab der Kellner mit Sicherheit Bescheid.

»Graublau –« wiederholte Durand und nickte unbewußt befriedigt von dieser Auskunft.

Es wäre ihm ganz ungerechtfertigterweise peinlich gewesen, wenn – – Nadja in dieser Nacht mit dem Russen zusammen gewesen wäre. Aber Alexins Gesellschafterin hatte ja graublaue Augen gehabt, und Nadjas Augen waren dunkel wie glänzende Kohle.

Durand brauchte keine weitere Frage mehr zu stellen. Er bat mit einem Blick seinen Kollegen, dieser möge mit dem Verhör fortfahren.

»Ist es Ihnen inzwischen eingefallen, woher Sie das Geld haben?« wandte der Kommissär sich zu Alexin.

Da entschloß sich dieser endlich, zu reden. »Aus dem Täschchen nahm ich es, welches an dem Fahrrade befestigt ist, das ich – – das ich auch genommen habe,« sagte er zum Schlusse ein wenig zögernd.

»Gestohlen habe,« verbesserte ihn scharf der Beamte.

Da warf Alexin hochmütig den Kopf zurück und wiederholte ebenfalls scharfen Tones: »Genommen habe.«

»Ich warne Sie, werden Sie lieber nicht frech!« meinte gleichmütig der Verhörende.

Des Russen Gesicht aber belebte sich plötzlich, der Trotz und die Scheu waren daraus verschwunden, und in freier, ja fast liebenswürdiger Weise entgegnete er: »Mein Herr, ich bleibe dabei, daß ich das Rad mir einfach genommen habe. Ich bin überzeugt, daß jeder in derselben Situation gehandelt haben würde, wie ich handelte. Bedenken Sie: es ist zwölf Uhr Nachts. Sie gehen auf der Straße, da lehnt ein Rad, ein herrenloses Rad, und nirgends ist ein Mensch zu sehen. Was werden Sie tun? Sie werden das Rad nehmen.«

Diese naive Art, sein Vergehen als eigentlich ganz selbstverständliche Handlung darzustellen, amüsierte offenbar den Kellner recht sehr.

Er schmunzelte ganz ungeniert, damit zugebend, daß er sehr begreiflich finde, was da getan worden war. Die Art, wie Jemand fremdes Handeln beurteilt, zeigt ja allemal an, wie fern oder wie nahe er derselben Handlung steht.

Ganz anders, als auf ihn, wirkte des Russen sehr lebhaft vorgebrachte Schilderung auf die beiden Beamten. Freilich standen sie aus zwei Ursachen auf einem anderen Standpunkt als der Zahlkellner vom »wilden Mann«.

Erstens gehörten sie nicht zu denen, die fremdes Gut ohne weiteres zu ihrem Eigentum machen, und zweitens interessierten sie dieses Russen Aussage und Darstellung aus einem viel ernsteren Grunde als nur deshalb, weil er damit zugab, ein Raddieb zu sein. Hatte er nicht gesagt, daß er das Rad um zwölf Uhr Nachts gestohlen habe? Das konnte für ihn sehr gefährlich werden.

Wieder verständigten sich die beiden Herren mit einem raschen Blick, dann drückte der Kommissär auf den Taster. Es trat der Wachmann ein, welcher den Russen hereingeführt hatte. Er erhielt die Weisung, den Kellner in die Wachstube zu geleiten.

»Sie müssen noch hier bleiben. Wir werden Sie vielleicht noch allerlei zu fragen haben.«

Mit diesen Worten wurde der Mann einstweilen aus dem Zimmer geschickt.

»Sie haben also das Rad, welches Sie dem Zahlkellner vom »wilden Mann« heute früh verkaufen wollten, um zwölf Uhr Nachts ge–nommen?« begann der Kommissär wieder das Verhör.

Irgend etwas in des Beamten Wesen machte den Russen stutzig. Er sah wieder ganz trotzig darein.

» In welcher Nacht geschah es?« lautete die nächste Frage.

War es Zufall und somit bedeutungslos, daß Wasili Alexin die rechte Hand in die Tasche seines einmal elegant gewesenen, jetzt schäbigen Überziehers schieben wollte? Nur wollte – denn der Kommissär hinderte ihn durch einen Befehl daran.

»Ihre Hand bleibt außen!« sagte er scharf.

Der Russe wurde bleich.

Warum? fragten sich die zwei, die ihn beobachteten. Erregte es ihn so sehr, daß man ihm keinen freien Willen mehr zugestand, oder kam es ihm soeben in den Sinn, daß er freiwillig zu viel schon zugestanden hatte?

»In welcher Nacht also geschah es?« klang es noch einmal durch das stille Zimmer. Alexin gab widerwillig zu, daß es in der Nacht vom 3. auf den 4. März geschehen sei.

»Was taten Sie, nachdem Sie das Rad genommen hatten?«

»Ich führte es in meine Wohnung.«

»Das heißt, Sie fuhren darauf zu Ihrer Wohnung?« warf Durand ein, der sich daran erinnerte, daß Frau Winter in der fraglichen Nacht gegen zwölf Uhr einen Radler hatte vorüberfahren sehen.

Der Russe widerlegte jedoch diese Annahme durch die Bemerkung: »Nein, ich schob das Rad, denn ich bin kein Fahrer.«

Durand sah seinen Kollegen an, der, sich ebenfalls der Aussage der alten Frau erinnernd, die Achseln zuckte.

»Weiter,« sagte der Kommissär.

»Dann schlief ich bis gegen Mittag, denn –«

»Nun?«

»Denn ich hatte einen Rausch,« vollendete Alexin seine Angabe.

»So – so, einen Rausch hatten Sie? Die Idee ist nicht übel, nur hätte Sie Ihnen früher einfallen müssen. Also – wie sind Sie denn zu diesem Rausch gekommen? Räusche kosten bekanntlich Geld. Hatten Sie denn schon gegen zwölf Uhr diesen Rausch? Oder tranken Sie sich ihn erst nachher an?«

Dieses sehr scharf betonte »nachher« veranlaßte den Russen zu einem Aufmerksamkeit verratenden Blick.

»Wann lasen Sie denn zum letzten Male eine Zeitung?« warf jetzt Durand ein.

»Das ist eine merkwürdige Frage,« meinte Alexin kopfschüttelnd.

»Wollen Sie sie nicht beantworten?«

»Wozu?«

»Dann werde ich sie beantworten,« sagte Durand. »Sie lasen seit gestern früh keine Zeitung mehr.«

»Das ist richtig,« gab der Häftling jetzt ohne weiteres zu, »aber was hat das mit meinem Fall zu tun – mit meinem Geständnis, daß ich das Rad als herrenloses Gut an mich nahm?«

»Herrenloses Gut? Ist etwas, das man in einem Hause oder in dessen Vorgarten findet, herrenloses Gut?«

»Ich sagte so schon, daß das Rad an der Straße stand. In einem Straßengraben lehnte es, an einem weißen Zaun.«

»Wie genau er den Abschluß von Königs Vorgarten beschreibt,« dachten die beiden Herren.

»Wie kamen Sie also zu dem Rausch, den Sie gestern gehabt haben wollen?« examinierte der Kommissär weiter.

»Den ich hatte,« betonte hartnäckig der Russe, nachdem er eine Weile nachgedacht. »Ich traf beim »Auge Gottes«2 einen Herrn, der mich einlud, sein Gast zu sein.«

»So – so! Wer war denn dieser Herr?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Aha, jetzt taucht auch schon der »Unbekannte« auf,« sagte ironisch der Beamte. »Na, hören Sie, auf Ihre Phantasie dürfen Sie sich nichts einbilden. Diesen großen Unbekannten haben vor Ihnen schon hübsch viele andere auftauchen lassen; an den glaubt kein Mensch mehr.«

Der Russe zuckte die Achseln.

»Erzählen Sie nur weiter,« meinte der Kommissär. »Wann also ließen Sie sich von dem Unbekannten traktieren?«

»Ich war zwischen zehn und zwölf in dem Gasthause.«

»Und was taten Sie, als Sie das Gasthaus verließen?«

»Dann ging ich nach Hause.«

»Allein?«

»Allein.«

»Unterwegs jedoch hielten Sie sich auf.«

»Kaum eine Minute. So lange etwa brauchte ich, um das Rad aus dem Graben zu nehmen.«

Der Kommissär war aufgestanden. Er ging durch das Zimmer und öffnete eine Tür.

»Kommen Sie herein,« sagte er. Da betrat Frau Winter die Amtsstube.

Wasili Alexin sah überrascht und zwar unangenehm überrascht aus.

Der Kommissär deutete auf ihn. »Ist das der junge Mann, der vorgestern zweimal nach Doktor König fragte?«

»Ja, der ist's,« sagte Frau Winter bestimmt.

Der Beamte wandte sich wieder an Alexin. »Was wollten Sie von Doktor König?«

Keine Antwort.

»Wenn man im Laufe eines Tages zweimal vor jemands Wohnung kommt, so will man doch etwas von der betreffenden Person.«

»Reden wollte ich mit ihm,« stieß Alexin grimmig heraus.

»Worüber?«

»Das werde ich nicht sagen.«

»Über etwas, das nur Ihre eigenen Angelegenheiten betrifft?« fragte Durand.

»Meine Angelegenheiten? O nein. Es sollte eine Schurkerei verhindert werden.«

»Gerade an dem Tag, an welchem Sie zu ihm kamen?«

»Eben an diesem Tage. Jawohl, gerade an diesem Tage. Es war die höchste Zeit, daß ich zu ihm ging. Ich hätte mich sonst nicht bis spät Abends in Döbling aufgehalten.«

»Bis spät Nachts, wollen Sie wohl sagen.«

»Meinetwegen, bis spät Nachts.«

Wieder lag der trotzige, verbissene Zug um des jungen Mannes Mund, und aus seinen Augen schaute der Haß.

»Bis dahin hatten Sie kein Geld, denn ein anderer mußte Sie traktieren, wo nahmen Sie –« Kommissär, aber er unterbrach sich und schaute gleich den beiden anderen Anwesenden aufmerksam auf den Russen.

Wasili Alexin antwortete nicht, er starrte einige Sekunden lang vor sich hin und wurde totenbleich, dann ballten sich seine Hände, rollte seine Mütze zu Boden und sank er selber, mit den Zähnen knirschend und Schaum auf den Lippen, zu Boden.

»Ein Epileptiker also,« sagte Durand und erhob sich eilig, um dem sich im Krampfe Windenden beizustehen.

»Oder ein Simulant,« sagte der Kommissär und drückte wieder auf den Taster. Einige Minuten später lag Wasili Alexin auf einer der Pritschen des Bezirksarrestes, und eine Viertelstunde später konstatierte der herbeigerufene Arzt, daß es sich hier tatsächlich um einen epileptischen Anfall und nicht etwa nur um eine gut gespielte Komödie handle.

Inzwischen hatte man die Kleider des Russen untersucht und darin eine hübsche Börse gefunden, in welcher sich etliche Gulden und verschiedenes Kleingeld befanden.

Und noch etwas hatte man aus einer Tasche seines Überziehers geholt – einen Revolver, in welchem zwei Schüsse fehlten, und ein Brieffragment. Es war das Ende eines Briefes, den eine Frauenhand in russischer Sprache geschrieben hatte.

Man konnte einstweilen nichts davon entziffern als das Wort »Warschau«.

Unterschrieben war der Brief mit »Nadja«.


Achtes Kapitel.

Als Durand gegen Mittag wieder in das Zimmer des Oberpolizeirats eintrat, fand er daselbst auch Herrn v. Mühlheim, der, von Unruhe erfüllt, gekommen war, um sich danach zu erkundigen, ob sich das Dunkel, welches über der ebenso seltsamen als peinlichen Affäre lag, denn noch nicht ein wenig gelichtet habe.

Ach nein, es hatte sich noch keineswegs gelichtet. War doch nicht einmal dieser immerhin verdächtige Wasili Alexin des Mordes oder auch nur der Beihilfe zum Morde, falls überhaupt solch ein Verbrechen an König begangen worden war, ernstlich zu verdächtigen.

Einstweilen wußte man überhaupt noch gar nichts, als daß Nadja K. und ihr Landsmann einander und auch König gekannt hatten. Erwiesen war das bislang freilich noch nicht, aber annehmen durfte man es.

Jedenfalls mußte man Alexin festhalten und nach Nadja K. forschen und – – falls ersterer nicht reden wollte – zu ergründen suchen, welche Ursache sein Grimm gegen König habe und welcher Art die »Schurkerei« war, die er, gerade am Verlobungstage Königs, hatte verhindern wollen.

Als Durand den beiden Herren Bericht erstattet hatte über das nicht uninteressante Verhör, dem er soeben beigewohnt, verließ er sie, um nacheinander zwei im Hause befindliche Kollegen aufzusuchen.

Der eine, welcher sämtlicher nordslawischen Idiome mächtig war, übersetzte ihm die wenigen, teilweise auch schon durch Abreißen des Papiers verstümmelten Zeilen, welche der Rest des Briefblattes, das man bei Alexin gefunden, noch enthielt.

Sie ergaben keinen einzigen verständlichen Satz. Es kam einmal etwas wie eine Anspielung auf einen Schwerkranken vor, und Warschau schien darin in Beziehung gebracht zu sein zu einer anderen Örtlichkeit, deren Name mit »Co« begann. Das Brieffragment gab also keinerlei Aufklärung.

Der zweite der Herren, die Durand aufsuchte, war ein ehemaliger Offizier und jetzt noch ein passionierter Jäger, und in diesen beiden Eigenschaften bezüglich der Beurteilung von Waffen vollkommen verläßlich. Er gab, nachdem er den Lauf des Revolvers, den man bei Alexin gefunden, untersucht hatte, sein Gutachten dahin ab, daß erst ganz kürzlich daraus ein oder mehrere Schüsse abgegeben worden seien, und nannte überdies noch einen Waffenkundigen ersten Ranges; dieser gab dasselbe Gutachten ab.

Daß das gefundene Porträt bereits vervielfältigt sei, in etlichen Stunden schon in der Hand des ganzen hauptstädtischen Sicherheitskorps und am nächsten Morgen bis über die Grenzen hinaus versandt sein würde, davon hatte Durand sich auch bald überzeugt.

Als er nach seinen verschiedenen Orientierungsgängen in sein eigenes Amtszimmer zurückkehrte, erwarteten ihn dort die Vorstände der Lohnfuhrwerksinnungen.

In der Villa Mühlheim wußte man nämlich nicht, mit welcher Art von Wagen König gekommen war, auch hatte ihn weder jemand aus dem Hause, noch einer der Festgäste wegfahren sehen. Dies hatte der Kommerzienrat, auf Durands Veranlassung hin, bereits erhoben, und das Resultat dieser Erhebung hatte er soeben vorhin Herrn v. Eichen und Durand mitgeteilt.

Letzterer, wenn auch ein negatives Resultat voraus sehend, hatte sich schon am vorhergehenden Abend die Vorsteher der Einspänner- und Fiakerbesitzer bestellt. Sie waren gestern schon verständigt worden, zu welchem Zwecke sie bei der Polizei zu erscheinen hatten, und hatten die ihnen aufgetragenen Erhebungen bereits angestellt.

Und nun brachten sie eine Liste von elf Kutschern, welche am 3. März Gäste zur Villa Mühlheim gebracht hatten.

Nachdem Durand die Versicherung erhalten hatte, daß die betreffenden Kutscher sich Nachmittags um fünf Uhr im Zimmer Nummer 9 einfinden würden, war diese Angelegenheit einstweilen erledigt, und der junge Kriminalist fand ein wenig Zeit zum Aufatmen. Da er seit dem Frühstück nichts genossen hatte, dachte er jetzt daran, in irgend ein nahes Restaurant zu gehen, als ihm einige Zeilen von v. Herrn Eichens Hand zugestellt wurden. Sie lauteten: »Man hat wieder einen eingebracht, der ein herrenloses Rad unter der Hand versetzte. Ich schicke ihn Ihnen zum Verhör. Herr v. Mühlheim ist soeben mit der Überzeugung weggegangen, daß die Polizei sehr wenig vermag. Im Grunde hat er recht. Wir wissen ja wirklich noch gar nichts, und es sind schon siebenunddreißig Stunden vergangen, seit man den Verschollenen zum letzten Male gesehen hat. Im übrigen ist M. entzückt von Ihnen.«

Durand zuckte, während er die letzten Bemerkungen las, die Achseln. Herr v. Mühlheims Entzücktsein kam ihm ja sehr gelegen, aber mit dem Stande der anderen Angelegenheit war auch er recht unzufrieden.

Er rief durch ein Klingelzeichen den Amtsdiener herein, der ihm Herrn v. Eichens Schreiben gebracht und sich dann zurückgezogen hatte.

»Man will mir jemand vorführen. Ist der Häftling schon da?«

»Ja, Herr Doktor.«

»Mit dem Wachmann, der ihn festgenommen hat?«

»Jawohl.«

»Gut. Schicken Sie mir den Wachmann herein.«

Eine Minute später trat der Berufene in das Zimmer.

»Also was ist's mit Ihrem Mann? Wo und wann haben Sie ihn festgenommen?«

Daraufhin berichtete der Wachmann folgendes. Er hatte gegen acht Uhr Morgens in Erfahrung gebracht, daß an der Grenze der Brigittenau ein verwahrlostes Individuum bei einem Branntweinhändler am vorhergehenden Abend ein Fahrrad versetzt hatte. Dem Manne schien es sehr eilig damit, zu Gelde zu kommen. Er hatte sich mit der Hälfte der Summe begnügt, die man ihm für das Pfand angeboten hatte, und war darauf eingegangen, sich die andere Hälfte im Laufe des nächsten Vormittags zu holen.

Dem Branntweinschenker kam nachträglich die Sache nicht recht richtig vor, und so beeilte er sich, am nächsten Morgen den vorüberkommenden Rayonposten davon zu verständigen. Gegen elf Uhr hatte dieser schon, wie alle seine Kollegen, Kenntnis davon, daß es sich bei dem mysteriösen Döblinger Fall vermutlich auch um ein gestohlenes Fahrrad handle, und so paßte er um so eifriger auf, ob der Branntweinschenker nicht etwa doch noch den Besuch des Radverpfänders bekomme. Es war zwischen jenem und dem Wachmann ein Zeichen verabredet worden, welches diesem verriet, daß die betreffende Persönlichkeit im Laden sei.

Wenige Minuten nach zwölf Uhr wurde dieses Zeichen gegeben, und wieder etliche Minuten später wurde der Verpfänder des Rades festgenommen.

Das war es, was der Wachmann zu berichten hatte. Er setzte noch hinzu, daß das Rad stark verbogen, und eine der Pneumatiks arg beschädigt sei, und daß der Eingebrachte behaupte, es in einem Donautümpel gefunden zu haben.

»Also bringen Sie Ihren Mann herein,« sagte Durand, als der Wachmann mit seinem Bericht zu Ende gekommen war.

Der Häftling war einer von jenen Tausenden von Individuen, welche jede Großstadt besitzt. Die Armut, die mindestens zum Teil verschuldete Armut, hatte ihn merkbar schon seit langem in ihren Krallen. Er sah halb verhungert und wie ein Trinker aus; sein Atem verriet schon von weitem, welcher Art der Geist sei, mit dem er sich sein Elend erträglich zu machen suchte. Er war ein Mann, der vielleicht noch nicht vierzig Jahre erlebt hatte, den jedoch Entbehrungen aller Art wie einen Sechziger aussehen ließen.

Eines nur nahm sofort zu seinen Gunsten ein, der traurige, aber freie Blick, den er nach höflichem Gruße auf Durand heftete. Er blieb in demütiger Haltung ganz nahe der Tür stehen.

»Kommen Sie nur näher,« sagte Durand freundlich.

Der Mann trat ihm ein paar Schritte näher, und nun begann ein recht gemütliches Verhör, ein Verhör, das so recht deutlich Zeugnis dafür ablegte, ein wie warmes, echter Menschenliebe zugängliches Herz Durand besaß.

»Also, wie heißen wir denn?«

Der Gefragte tat einen vernehmlichen Atemzug, und dann antwortete er leise: »Ich heiße Alfred Horst.«

Durand schaute ein wenig verwundert auf den sehr reduziert aussehenden Mann, der mit solch ungewöhnlich angenehmer Stimme und in ganz ungezwungenem Hochdeutsch redete.

»Also Alfred Horst,« fuhr er fort. »Wie alt und wo geboren?«

»Dreiundvierzig Jahre. Geboren auf Schloß Derenberg in Kärnten.«

»Ihr Beruf?«

Über des Mannes Gesicht zog ein tiefes Rot.

»Sie haben wohl derzeit keinen Beruf?«

»Nein, ich verdiene schon seit vergangenem September nichts Nennenswertes mehr.«

»Warum denn nicht? Sie sind ja, wenigstens anscheinend, gesund und haben eine gewisse Bildung.«

Alfred Horst schwieg. Er hatte den Kopf tief gesenkt.

»Na, reden Sie doch. Warum sind Sie seit September stellenlos?«

Durand war aufgestanden. Er legte seine schöne, feine Hand auf Horsts verstaubten, fleckigen Ärmel. Da spürte er, wie der hagere Arm darunter zitterte, sah er, wie des Mannes ganze Gestalt bebte. Und noch etwas sah er, sah das Ausgehungertsein dieses ganzen schlotterigen Menschen.

»Wachmann, ich glaube, der Mann braucht dringend Nahrung,« sagte Durand und nahm aus seiner Börse einen Gulden, mit welchem der Wachmann das Zimmer verließ.

»Setzen Sie sich,« wandte sich Durand wieder an den Verhafteten, »und sagen Sie mir, solange wir allein sind, weshalb Sie schon lange brotlos sind.«

Dabei führte er den Mann zu dem Stuhle, welcher neben dem Amtstische stand, und drückte ihn darauf. Und jetzt erhob Alfred Horst den Kopf und sagte, mit Tränen in den Augen und in der Stimme: »Ich glaube, Sie denken sich's ohnehin schon, weshalb ich keine Beschäftigung mehr gefunden und warum ich es schließlich aufgegeben habe, nach einer solchen zu suchen.«

»Vielleicht denke ich schon an das Richtige,« entgegnete Durand und sah mitleidsvoll auf sein Gegenüber, das, er merkte es recht gut, an einem Geständnis würgte. »Nicht wahr, Sie stehen unter Polizeiaufsicht?«

Alfred Horst nickte.

»Und solche Leute beschäftigt man nicht gern.«

Wieder nickte der jetzt sehr bleiche Mann. »Bis Ende Dezember habe ich mich bemüht, Arbeit zu erhalten,« sagte er leise, »aber man hat mich da, wo man nach Papieren fragt, nirgends angenommen. Hie und da fand ich für ein paar Tage, oft nur für ein paar Stunden eine Beschäftigung beim Schneeschaufeln, beim Eisaufladen oder beim Holzmachen. Auch Marktweibern habe ich geholfen und habe hie und da einen Taglöhner vertreten, aber dazwischen gab es wieder viele Tage, an denen ich kein Brot und kein Bett und kein Feuer sah.«

»Sie sind wohl derzeit auch obdachlos?«

»Seit zwei Wochen nächtige ich im Freien.«

»Wo denn?«

»In einer Sandgrube an der Grenze des Praters.«

»Und womit haben Sie sich das Leben gefristet?«

»Durch Betteln, wenn ich, der ich jetzt mit dem wenigsten hauszuhalten verstehe, keinen Kreuzer mehr besaß.«

»Sie haben es dereinst wohl nicht verstanden, mit Ihrem Gelde hauszuhalten?« fragte Durand, und die feinen Züge des Verhafteten studierend, setzte er hinzu: »Sie sind in einem Schlosse geboren. Sie nannten mir vermutlich nicht Ihren ganzen Namen?«

Der Mann lächelte bitter. »Ich habe ihn fast schon vergessen,« sagte er leise. »Einst nannte ich mich Horst v. Derenberg; es leben jedoch noch einige unbescholtene Leute dieses Namens, deshalb habe ich ihn abgelegt. Wie paßte er auch jetzt noch zu mir?« Er sah auf seine armseligen Kleider, auf seine zerrissenen Stiefel nieder und strich sich über seinen verwilderten Bart. Der Ausdruck von Ekel, welcher sich dabei in seinem Gesichte zeigte und der von tiefer Selbstverachtung sprach, berührte Durand recht schmerzlich.

Er legte seine feinen, weißen Finger auf die schmutzige Hand des Verhafteten. »Sagen Sie mir noch, weshalb Sie verurteilt worden sind.«

»Ich habe gestohlen.«

»Gestohlen!«

»Ich war, nachdem ich mein und auch teilweise meiner Verwandten Geld verspielt hatte, Schreiber bei einem Advokaten in Graz geworden. Sieben Jahre lang führte ich so ein armseliges, aber ehrbares Leben, dann wurde ich krank, lag etliche Wochen im Spital und war, als ich herauskam, ohne Verdienst. Natürlich, es gibt immer viele, die auf eine Stelle reflektieren. Ich will nicht davon reden, wie eifrig ich nach einem neuen Verdienst suchte – Sie glaubten es mir vielleicht doch nicht. Als ich nimmer wußte, wie ich weiterleben könne – ich war damals noch nicht auf die Idee gekommen, daß ich auch Taglöhnerarbeit tun könne – stahl ich, bestahl meinen früheren Brotherrn.«

»Und büßten dafür wie lange?«

»Vier Monate.«

Man konnte zwei tiefe Atemzüge hören, dann war es ganz still in der großen Amtsstube.

Nach einer Weile fragte Durand: »Wo haben Sie das Rad ge–nommen«

Horst v. Derenberg war aufgestanden. Die Aufregung schüttelte ihn förmlich, als er, unwillkürlich die Hände faltend, sagte: »Werden Sie mir die romantische Geschichte denn auch glauben? Sie ist so unwahrscheinlich, so ganz unwahrscheinlich.«

»Ich werde glauben, was Sie mir jetzt sagen werden,« entgegnete Durand und schaute gütig lächelnd zu dem vor ihm Stehenden auf.

Da setzte Horst sich wieder und begann: »Vorgestern nacht war es. Ich kauerte in meiner Sandmulde und wartete auf den Schlaf. Aber ich fror – ich hatte fast nichts genossen den ganzen Tag, da ist man doppelt empfindlich. Meine Wohnung ist, wie ich schon erwähnte, eine verlassene Sandgrube, denn um diese Zeit steht das Grundwasser dort zu hoch, als daß man abbauen könnte. Auch die Tümpel der Donau, deren es dort mehrere gibt, sind jetzt fast bis zum Rande gefüllt. Wie ich so ganz still in meiner Mulde kauere, höre ich's am Weg oben knirschen – – nicht unter Schuhsohlen, nicht unter Tritten. Es kam ein Radfahrer daher. »Der hat sich gehörig verirrt,« denke ich und war in Sorge um ihn, denn die Nacht war ziemlich finster, der Weg schlecht, und der nahe Tümpel tief. Gerade überlege ich, ob ich ihn nicht warnen soll, und erhebe mich zu diesem Zweck, da hält er, gar nicht weit von mir, an und springt ab, und dann geschieht, was ich am wenigsten erwartet hatte: er stößt das Rad in den Tümpel. Das Wasser spritzt hoch auf, und der Mann geht eilig weiter. Es war ein elegant gekleideter Herr. Er trug einen dunklen, pelzverbrämten Rock und eine Pelzmütze.«

»Einen pelzverbrämten Rock und eine Pelzmütze?« wiederholte Durand und winkte dem in seinem Berichte Einhaltenden fortzufahren.

Da sagte dieser: »Sehr deutlich konnte ich den Mann wohl nicht sehen, trotzdem er, als er sich so eilig entfernte, dicht bei mir vorüberkam. Als alles wieder still geworden war, stieg ich zur Straße hinauf und ging zu jener Stelle, an welcher er das Rad in das Wasser gestoßen hatte. Es war nicht mehr zu sehen. Sobald es Tag wurde, holte ich mir eine der Holzstangen, welche die Arbeiter in der Grube hatten liegen lassen, und suchte mit dieser das Rad zu heben, aber ein Bauer, der in der Ferne auftauchte, zwang mich, von meinem Versuche abzulassen. Während des ganzen Tages beschäftigte mich der Gedanke an das versenkte Rad. Ich fand auch gestern, wie so oft, keinen Verdienst, aber eine Frau schenkte mir ein Stück Brot. Damit und mit einem Strick, den ich gefunden hatte, kehrte ich in meine Grube zurück. Von dem Strick machte ich eine Schlinge an die Holzstange und suchte, als die Dunkelheit eintrat, abermals nach dem Rade. Und nun störte mich niemand, und ich fand es. Die Schlinge hatte sich richtig in der Lenkstange verfangen. Ein Schlauch war geplatzt, und mehrere Teile der Maschine hatten sich verbogen, aber immerhin hatte sie noch einigen Wert. Ich führte sie zu dem Branntweinschenker, bei dem ich mir Wärme zu kaufen pflege, und bot sie ihm an, aber er wollte sie nur als Pfand nehmen, und so ließ ich sie ihm denn als Pfand.«

Alfred Horst v. Derenberg schwieg.

Durand war aufgestanden. Er ging ein paarmal, in Gedanken versunken, durch das Zimmer.

Als er endlich vor Horst stehen blieb, sagte dieser schwer aufatmend: »Sie glauben mir natürlich nicht.«

Durand lächelte. »O doch. Ich glaube Ihnen. Sagen Sie mir jetzt noch, um welche Stunde beiläufig das immerhin Merkwürdige geschah.«

»Daß der Mann sein Fahrrad in das Wasser stieß?«

»Ja.«

»Es mag gegen ein Uhr gewesen sein.«

»Können Sie das mit einiger Sicherheit behaupten?«

»Sicher ist es, daß Mitternacht schon sehr lange vorbei war.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Man kann bis dorthin, wo ich nächtigte, die Uhr der Leopoldikirche schlagen hören. Diese Uhr hatte, lang bevor sich das Seltsame ereignete, zwölf geschlagen.«

Durand dachte eine Weile nach, dann fragte er: »Wie lang etwa war der Rock, den jener Radfahrer trug?«

»Er war ganz kurz.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Bestimmt. Ich sah den Mann ja doch ziemlich deutlich.«

»Und der Rock war also mit Pelz besetzt?«

»Ja, das heißt sein Kragen und seine Ärmel. Ich meine auch, eine Verschnürung darauf gesehen zu haben. Aber freilich, ich sah den Mann im ganzen kaum zwei Minuten in größerer Nähe. Länger brauchte er kaum, um sein Rad zu versenken.«

»Sein Rad!« sagte Durand nachdenklich.

»Da fällt mir ein –« begann Horst zögernd.

»Nun?«

»Der Mann interessiert Sie wohl sehr?« fuhr Horst fort. »Dann möchte ich noch eine Wahrnehmung mitteilen.«

»Und die wäre?«

»Er schien sehr aufgeregt zu sein«

»So!«

»Einen Augenblick lang glaubte ich, er werde sich seinem Rade nachstürzen.«

»Was veranlaßte Sie zu diesem Glauben?«

»Er erhob – wie man's in der Aufregung zuweilen tut – – plötzlich den Arm.«

»Nicht die Arme?«

»Nein, nur einen Arm, den rechten. Aber er ließ ihn gleich wieder sinken.«

»Und tat sich nicht's an?«

»Nein, er ging sehr eilig weiter.«

In diesem Augenblick kehrte der Wachmann zurück Er brachte Brot und Schinken und ein Glas Wein mit. Er setzte all dies auf einem Nebentische nieder und legte das restliche Geld vor Durand hin.

»Das Rad ist doch draußen?« fragte ihn Durand.

»Jawohl.«

»Bringen Sie es herein. – Und Sie,« wandte er sich an Horst, »Sie sollen jetzt essen.«

Horst v. Derenberg nickte dankend und setzte sich dann zu dem für ihn so seltenen Mahle, dem er mit schwer zu verhehlender Gier zusprach, während Durand das Rad aufmerksam betrachtete.

Es stammte aus einer Berliner Fabrik, deren Adresse auf einem der metallenen Teile eingeätzt war. Das Nummertäfelchen, welches damals noch jeder Fahrer auf seinem Rade haben mußte, fehlte.

»Die Nummer des Rades haben wohl Sie entfernt?« fragte Durand den eifrig .

Dieser aber beteuerte, daß das Rad ein solches Kennzeichen gar nicht besessen habe.

Der Wachmann zog die Augenbrauen hoch. Er glaubte offenbar nicht an das, was der Mann sagte. Durand jedoch zweifelte nicht an der Wahrheit dieser Aussage, dem schien es sogar recht wahrscheinlich zu sein, daß der andere das Rad dieses Zeichens beraubt hatte, der andere, der dieses Rad jedenfalls nur verschwinden lassen wollte, weil es etwas aussagen konnte.

Als Horst gesättigt war, wurde er in polizeilichen Gewahrsam gebracht. Das Rad ließ Durand nach dem Döblinger Polizeiamt schaffen, denn dort sollte Frau Winter die beiden Räder besichtigen. Durand selber begab sich nach rasch eingenommenem Mittagsmahl zur Station der freiwilligen Rettungsgesellschaft, woselbst er mit Doktor Josephi, welchem sein Besuch schon angekündigt war, eine Besprechung hatte.

Dieser schilderte ihm, was er bezüglich des Falles König wahrgenommen, kurz und klar.

Ehe Durand den Arzt verließ, stellte er noch einige Fragen an ihn.

»Sie waren mit König befreundet?«

»Ich rechnete mich mindestens zu seinen intimen Bekannten.«

»Der Doktor war Radfahrer?«

»Jawohl.«

»Sind Sie es auch?«

»Nein.«

»Da interessieren Sie sich wohl kaum für Räder?«

»Wenig.«

»Und würden Königs Maschine natürlich nicht erkennen, falls sie wieder zum Vorschein käme?«

»Ist sie auch gestohlen worden?«

»Ja.«

»Nein, gewiß würde ich darüber nichts aussagen können, denn ich habe sie niemals aufmerksam angesehen. Aber etwas würde ich diesbezüglich doch aussagen können.«

»Nun?«

»König hat sich seine Maschine von irgend einer größeren Reise mitgebracht. Sie muß demnach ausländisches Fabrikat sein.«

»Ah! Woher er sie brachte, wissen Sie nicht?«

Josephi dachte eine Weile nach, dann schüttelte er den Kopf. »Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»War sie etwa deutsches Fabrikat?« Josephi zuckte die Schultern. »Ich weiß wirklich nichts Näheres darüber.«

»Und seit wann etwa besaß König sein Fahrrad?«

»Seit etwa drei Jahren,« antwortete Josephi, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte. » Ja, ja, in diesem Frühjahr wird es drei Jahre, daß er seine Reise nach Norddeutschland und Dänemark machte.«

»Hat er dabei Berlin berührt?«

»Wohl möglich.«

»Können Sie mir jemand nennen, dem Königs damalige Reiseroute besser bekannt ist als Ihnen?«

»Vielleicht kennt sie einer der Redaktionskollegen des Unglücklichen.«

»Unglücklichen!« wiederholte gedehnt und ein wenig lächelnd Durand. »Herr Doktor, soeben erwähnten Sie, daß Sie sich zu seinen intimen Bekannten rechnen durften; da könnte Ihnen ja doch einiges aus seinem Empfindungsleben bekannt geworden sein. War er nicht vielleicht sehr glücklich sogar?«

Auch Josephi lächelte jetzt. »Gewiß. Er liebte zum Beispiel Fräulein v. Mühlheim recht herzlich. Derlei wollten Sie doch erfahren?«

Durand nickte »Derlei, ja – aber neben einer »recht glücklichen Liebe« hat – wir wissen das, Herr Doktor – – noch manch andere Liebe Raum im Leben eines Mannes –«

»Zuweilen auch im Leben einer Frau,« warf Josephi gleichmütig ein, um dann zu fragen: »Was haben Sie denn da?«

Durand zog nämlich das Pastellbildchen aus der Tasche und hielt es ihm hin.

»Herr Gott, ist die schön!« platzte der Doktor enthusiastisch heraus.

»Das Original haben Sie niemals gesehen?«

»Niemals,« versicherte sehr bestimmt der Arzt, und es klang recht deutlich das Bedauern über diese Tatsache mit. »Sie bringen dieses schöne Mädchen mit König – eventuell« – er sagte das ganz langsam – »eventuell sogar mit seinem Verschwinden in Verbindung?«

Durand nickte. »Mit seinem Verschwinden,« wiederholte er, »ja. Deshalb meine Frage. Sie waren erstaunt darüber, aber jetzt scheinen Sie sie nicht mehr ganz ungereimt zu finden?«

Josephi antwortete nicht sogleich. Nach einer Weile aber sagte er, mehr zu sich als zu seinem Besucher: »Alles ist möglich. Ein Weib kann uns zum Narren und zum Schurken machen.«

»Es könnte sich in unserem Fall vielleicht doch um eine Mystifikation handeln,« warf Durand bedächtig ein.

Josephi fuhr sich aufgeregt durchs Haar. »Sie nehmen es also gar nicht als für so sicher an, daß König tot ist?«

Durand zuckte die Achseln. »Ich werde das erst sicher annehmen, wenn ich seine Leiche sehe.«

»Und dieses schöne Weib –?«

»Ist nahezu sicher mit ihm in Verbindung gewesen.«

Mit diesen Worten erhob sich Durand, steckte das Bild wieder zu sich, griff nach seinem Hut und empfahl sich.

Er ließ den guten Doktor in heller Verwunderung zurück.

– – – – – – – – – – – – –

In der Redaktion, wohin sich Durand nun begab, erfuhr er zweierlei, daß König daselbst als geistig sehr bedeutender Mensch hochgeschätzt, aber als Mensch schlechtweg nur wenig gekannt war.

Wohl hatten alle seine Kollegen freundschaftlich mit ihm verkehrt, daß aber dieser Verkehr dennoch ein ganz oberflächlicher gewesen war, ergab sich jetzt; denn ehrlicherweise konnte keiner der Herren, welche sich nach und nach im Zimmer des Chefredakteurs eingefunden hatten, ein sicheres Urteil über den Charakter des Mannes abgeben, der doch über fünf Jahre dem Redaktionsverbande des Blattes angehört hatte und mit welchem sie somit naturgemäß oft verkehrt hatten.

In zwei Punkten nur trafen sich ihre Meinungen: darin, daß sie sämtlich ihren verschollenen Kollegen für einen unbestechlichen und strengen Kritiker und Kunstkenner ersten Ranges und – für menschenscheu hielten.

»Er hat sich wenigstens niemals aus rein geselligen Anlässen zu uns gehalten,« bemerkte einer der Herren. Und ein anderer fügte hinzu: »Auch die Wiener Gesellschaft kannte ihn nicht. Wir haben uns oft darüber gewundert, daß er sich nirgends sehen ließ. Gar seit zwei Jahren muß er ein richtiges Einsiedlerleben geführt haben.«

So und ähnlich hatten sich die Herren geäußert. Über die Erwerbung oder das Aussehen seines Rades wußte keiner von ihnen etwas auszusagen.

Der Hausmeister, bei dem König, der häufig auf seinem Rad zur Redaktion fuhr, dieses einzustellen pflegte, erklärte, er würde es nicht erkennen können, falls man es ihm zeigte.

So war denn auch dieser Gang resultatlos gewesen.

Nur die Bemerkung, daß König seit etwa zwei Jahren wie ein Einsiedler gelebt haben müsse, gab Durand zu denken.

Hatte vielleicht jene Nadja diese vermeintliche Einsamkeit geteilt?

Nach dem Besuch in der Redaktion fuhr Durand nach seinem Bureau. Er traf gegen halb fünf Uhr dort ein und fand schon mehrere der vorgeladenen Kutscher daselbst seiner wartend an.

Die Leute sagten in ganz bestimmter Weise aus, daß sie keinen Herrn des Aussehens, wie es die Photographie ihnen wies, gefahren hätten, und jeder von ihnen wußte anzugeben, welches das Ziel seiner nächtlichen Fahrt gewesen war. Bis auf einen einzigen hatten sie alle ihre Fahrgäste direkt bis an das ihnen angegebene Haus gebracht. Nur einer der Kutscher hatte seinen Fahrgast in den ersten Stadtbezirk, und zwar bis zur Elisabethbrücke geführt, wo der Herr ausstieg, ihn bezahlte und gegen den Wienfluß hin verschwand.

»Und das war bestimmt nicht dieser Herr?« fragte noch einmal Durand den Kutscher und hielt ihm noch einmal das Bildnis Königs hin. Aufmerksam betrachtete der junge Mensch noch einmal die Photographie und erklärte dann, ebenso bestimmt wie zum ersten Male, daß sein Fahrgast so nicht ausgesehen habe.

Als die Kutscher gegangen waren, faltete Durand den Zettel, auf welchem ihre Namen, ihre Wagennummern und ihre Standplätze notiert waren, zusammen und steckte ihn in seine Brieftasche. Er schloß alsdann eine Lade seines Schreibtisches auf. Darin lagen die Dinge, die man bei Alexin gefunden hatte: der Revolver, das Brieffragment und die Börse.

Durand nahm die Börse heraus und untersuchte sie, wie er es schon in Döbling getan hatte, noch einmal recht genau. Es war eine recht hübsche, aber doch ganz gewöhnliche Börse. Sie hatte kein Fabrikzeichen und konnte ebensogut in der Kärntnerstraße zu Wien als in der Lubyanskaja zu Moskau gekauft sein. Es befand sich auch nichts anderes darin als etliche Guldenstücke und einige kleinere Münzen.

Die Börse schwieg, wie das Rad schwieg, wie alles schwieg, das sich auf diesen merkwürdigen Fall bezog.

»Und es sind schon dreiundvierzig Stunden vergangen, seit man König zum letzten Male gesehen hat,« sagte Durand, auf seine Uhr blickend, laut vor sich hin, und dann sagte er noch etwas, sagte: »Aber nur Geduld, Herr v. Mühlheim, in irgend einer Stunde wird man es dennoch wissen, wie die Sache sich verhält, die jetzt so rätselhaft ist.« – –

Etliche Minuten nach dieser Reflexion fuhr Durand nach Döbling. Daselbst fand er die zwei Personen, welche man zum Zwecke einer Gegenüberstellung mit Wasili Alexin vorgeladen hatte: den Zahntechniker Theimer und die Quartiergeberin des jungen Russen.

Ersterer hatte sich den Verhafteten schon angesehen und bestätigte, daß dieser zwei Monate hindurch bei ihm Beschäftigung gehabt, jedoch nicht bei ihm gewohnt habe. »Am 18. Jänner habe ich ihn entlassen,« gab er an.

Durand, der ihn vernahm, fragte, weshalb dies geschehen sei.

»Er ist mir unheimlich geworden.«

»Warum denn?«

»Und zuwider.«

»Auch das noch?«

»Ja. Ich habe mir, vielleicht ganz ohne Grund, eingebildet, daß der mir von ihm angegebene Name nicht sein richtiger sei.«

»Es muß Sie denn doch etwas auf diese Idee gebracht haben.«

»Freilich. Er bekam Briefe unter der Chiffre »W. K. » Er holte sich diese Briefe immer von der Hauptpost ab. Sie kamen, wie gesagt, unter der Chiffre »W. K.« an ihn. »W.« stimmt ja, das »K. » aber machte mich stutzig.«

»Mich auch,« bemerkte Durand trocken.

Theimer sah ihn nach dieser Bemerkung neugierig an, fuhr jedoch, als nichts weiter folgte, in der Schilderung seines Verhältnisses zu seinem gewesenen Gehilfen fort.

»Er hat mir überdies wenig genützt,« sagte er. »Er hätte schon etwas leisten können, geschickt ist er ja, aber er versteht es nicht, mit Kunden umzugehen, und hat keine Ahnung davon, was die Zeit wert ist.«

»Ist also träge oder gar faul.«

»Arbeitsscheu ist er, ganz einfach arbeitsscheu. Wo er sich drücken konnte von einer Arbeit, hat er es getan und hat dafür vom »Recht auf Arbeit« und vom »Recht auf Genießen« meinen Hausleuten und auch meinen Kunden vordeklamiert. Eine Dame ist aus Furcht vor ihm ausgeblieben.«

»Warum denn aus Furcht?«

»Weil er sich so exzentrisch gebärdet hat. Russe ist er auch noch dazu, da hat sie ihn kurzweg für einen Nihilisten gehalten. Manches Mal, wenn er Morgens gekommen ist, hat er auch geradezu unheimlich ausgesehen, ganz bleich, und war so unruhig, wie wenn er just von einem Attentat käme und die ganze Polizei auf den Fersen hätte.«

»Und hat vermutlich nur einen Anfall gehabt,« meinte Durand.

»Was für einen Anfall?« fragte Theimer verwundert.

»Einen epileptischen.«

Der Zahntechniker fuhr von seinem Sitz empor und rief schier entsetzt aus: »Die Epilepsie hat er? Und davon hat er mir kein Wort gesagt?«

»Was ziemlich leicht begreiflich ist, wenn er einen Posten bei Ihnen haben wollte,« warf Durand gleichmütig ein. »Epileptiker brauchen nämlich auch einen Verdienst, denn sie wollen doch auch leben.«

»Aber mein Geschäft, denken Sie nur mein Geschäft – das ist ruiniert, wenn es unter die Leute kommt, daß ein Mensch, den jeden Augenblick der Krampf hinwerfen kann, meinen Kunden die Zähne zieht.«

Der Mann war ganz aufgeregt. Desto ruhiger war Durand.

»Da muß man halt solch einem Unglücklichen nicht solche Arbeit zuweisen. Er hätte sich ja auch in aller Stille und Abgeschlossenheit bei Ihnen betätigen können, aber freilich, wenn er faul und Ihnen unheimlich war –«

»Der arme Kerl!« seufzte der im Grunde sehr gutmütige einstige Brotherr Alexins oder wie sonst dieser Russe heißen mochte, und nachsinnend setzte er hinzu: »Jetzt wird mir manches klar: seine scheue Art, sein oft so starrer Blick.« Der wackere Zahnkünstler hatte sich erhoben. »Was meinen Sie,« fragte er, »wenn ich ihn doch wieder nähme? Er ist ja geschickt, und seine Arbeitsunlust sehe ich jetzt auch mit anderen Augen an. Er ist vielleicht oft müde gewesen wegen seiner verheimlichten Krankheit.«

Durand schaute freundlich zu dem gutherzigen Menschen auf, der so eifrig redend vor ihm stand. »Ein echtes Wiener Herz!« sagte er, ihm die Hand reichend.

»Na ja, Sie sprechen ja selber für ihn,« meinte Theimer gerührt lächelnd, »da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meinen Russen womöglich gleich mitzunehmen. Ja aber,« fuhr er sich plötzlich besinnend fort, »warum ist er denn eigentlich hier? Er ist wohl verunglückt? Er ist so bleich gewesen, trotzdem er ruhig geschlafen hat, als ich bei ihm war.«

»Er ist in einem anderen Sinn verunglückt – – und deshalb ist er hier. » Durands Ernst erschreckte den Mann, der sich so eben für Alexin so erwärmt hatte. »Er ist wohl unterstandslos eingebracht worden?« fragte er.

»Er hat gestohlen,« sagte Durand.

»Gestohlen? Ah, das glaube ich nicht,« entgegnete der andere.

»Warum glauben Sie es nicht?«

»Ich habe ihn zwei Monate im Hause gehabt, und bei mir liegt viel herum, das einen, der fürs Stehlen Sinn hat, reizen muß, und es ist mir, solange dieser Alexin bei mir war, nichts, aber auch gar nichts weggekommen. Ich bin überzeugt davon, daß seine Zunge schlechter ist als sein Charakter.«

»Redet nicht etwa jetzt nur das Mitleid aus Ihnen?« forschte Durand.

»Nein, ich bin überzeugt davon, daß dieser junge Mensch exzentrisch ist, und weiß, daß er viel verrücktes Zeug redet, aber daß er gemein handelt, das glaube ich nicht. Er könnte vielleicht jemand niederschießen, aber ein Dieb wird er nie sein.«

»Niederschießen,« wiederholte Durand und senkte, für eine Weile in Nachdenken verharrend, die Augen, dann stand er auf. »Sie denken jetzt zu gut von diesem Wasili Alexin. Er hat in der Tat gestohlen, hat es überdies schon selber und zwar in merkwürdig naiver Form eingestanden. Freilich will er es im Rausche getan haben, aber als er Nutzen aus seinem Diebstahl zog, da war er ganz sicher nüchtern.«

Theimer sah bestürzt auf den Beamten, der ihm rasch sympathisch geworden war, und der jetzt so hart von dem unglücklichen Russen redete. Und als Durand schwieg, schaute der wackere Mann ihm traurig in die Augen und entgegnete: »Da muß Alexin tief gesunken sein, seit ich ihn so Knall und Fall entlassen habe.«

Durand zuckte die Achseln.

»Habe ich hier noch etwas zu tun?« fragte Theimer.

»Nichts mehr.« Durand reichte ihm dabei die Hand.

»Kann ich für Alexin nichts tun?«

»O ja. Er steht ja einstweilen erst in Untersuchung.«

Theimer legte zwei Zehnguldennoten auf den Amtstisch. »Die Gefängniskost ist vermutlich für Alexin nicht geeignet,« sagte er.

Wieder zuckte Durand die Schultern.

»Was hat er denn gestohlen?« fragte Theimer, als er schon an der Tür stand.

»Ein Fahrrad.«

»Ein Fahrrad! . . . Nun, das hat er dann nur gestohlen, um es zu Geld zu machen, denn benutzen kann er es nicht. Er ist kein Fahrer.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»Er hätte für mich des öfteren Geschäftsfahrten machen sollen und hat es nicht tun können. Vermutlich hat ihn seine Krankheit davon abgehalten, das Radfahren zu lernen – Werden Sie es mich wissen lassen, wenn Alexin frei wird?«

»Wollen Sie sich dann seiner annehmen?«

» Ja. Vielleicht ist er nur so tief gesunken, weil ich ihn davongejagt habe. Jedenfalls hat sich bezüglich seiner viel für mich aufgeklärt und hat's mit seinem Namen keinen Haken, so will ich es noch einmal mit ihm versuchen.«

Durand hätte dem weichherzigen Manne noch mitteilen können, daß Alexin, schon ehe er das Rad hatte verkaufen können, seinen Hunger auf recht kostspielige Art gestillt hatte, und daß dies auf ein zweites Verbrechen deute, aber er unterließ einstweilen diese Mitteilung. Eine Frage jedoch hatte er noch zu stellen, die Frage, ob Theimer wisse, daß Alexin mit einer jungen Dame verkehrt habe.

Darüber wußte Theimer jedoch nichts auszusagen, er sprach aber die Vermutung aus, daß die Briefe, welche der Russe während der Zeit erhalten hatte, in welcher er in seinem Hause beschäftigt gewesen war, von einer Frauenhand adressiert gewesen seien. Den Aufgabeort der Briefe wußte er nicht anzugeben. Alexin hatte nur einmal einen Umschlag neben sich liegen gehabt, und dessen chiffrierte Adresse hatte Theimers Aufmerksamkeit damals so in Anspruch genommen, daß er auf die Marke nicht geachtet hatte.

»Und Alexin hat niemals solch einen Brief oder auch nur solch ein Kuvert bei Ihnen vergessen?« fragte Durand.

Das verneinte Theimer mit aller Bestimmtheit, dazu bemerkend, daß ja eben das Geheimnis, welches der Russe aus seinem Herkommen, seinem Vorleben und seinen verwandtschaftlichen und anderen Beziehungen machte, ihm Alexin schließlich unheimlich erscheinen ließ.

– – – – – – – – – – – – –

Als Theimer gegangen war, ließ Durand die beiden Räder in das Zimmer bringen, und Frau Winter, welche schon lange anwesend war, hereinrufen.

Durand hatte schon Vormittags das Rad besichtigt, welches Alexin gestohlen hatte. Es war ein elegantes Rad, stammte aus einer Züricher Fabrik, und es war ihm ein wenig auffallendes, flaches, schwarzledernes Täschchen angeschnallt, nicht unter dem Sitz, wie dies bei manchem Rade der Fall ist, sondern an der Lenkstange. Auch diesem Rade fehlte die Nummer.

Frau Winter betrachtete die beiden Räder lang und aufmerksam, aber sie konnte nicht aussagen, welches davon oder ob überhaupt eines davon dem Doktor König gehört habe. »Ich weiß nur, daß an seinem Rad kein solches Tascherl war,« sagte sie endlich.

»Nun also,« meinte Durand, »da ist also dieses Rad sicher nicht das seinige.«

»Ich bitt', Herr Doktor. Das Tascherl ist aber ganz neu,« warf die alte Frau schüchtern ein. »Da könnt's wohl sein, daß sich's der Herr Doktor von der Reise mitgebracht hat. Es schaut ja auch ganz fremdländisch aus, und er hat ja mehr solche Sachen mitgebracht.«

»Da haben Sie recht, liebe Frau,« gab Durand gemütlich zu, löste die Tasche vom Rade und untersuchte sie auf das genaueste. Sie war tatsächlich ganz neu. Sie war jedoch nicht, wie ihre Dünnheit vermuten ließ, leer. Auf ihrem Boden lag etwas, das Durand auf den ersten Blick für ein Federmesser hielt, das aber ein Schlüssel war.

Es war ein merkwürdiger, ein ungewöhnlicher Schlüssel. Sein Bart steckte in einer Scheide, die sich bei einem Druck querüber legte und den Bart herausspringen ließ. Dieser zeichnete sich aber keineswegs durch eine absonderliche Form aus. Es war ein ganz gewöhnlicher Hausschlüssel.

»Hat der Ihrem Herrn gehört?« fragte Durand, Frau Winter den Schlüssel vorweisend.

Sie schüttelte den Kopf.

»Solch einen Schlüssel hab' ich nie bei ihm geseh'n.«

Das war das Resultat des nochmaligen Verhörs der Frau Winter. Ähnlich wenig zu Tage fördernd war die Einvernahme von Alexins Quartiergeberin. Diese, eine einfache, gutmütige und etwas beschränkte Person, konnte nur angeben, daß der Russe seit Ende Januar bei ihr wohne, daß er, wenn er nüchtern war, sich bescheiden und friedfertig zeigte, und daß er, wenn er Geld hatte, was etliche Male der Fall gewesen war, in »Saus und Braus« lebte und wohl auch immer seine Schulden abzahlte.

Wie er, der zuletzt keine eigentliche Beschäftigung hatte, zu dem Gelde gekommen war, das er so flott verausgabte, hatte er niemand anvertraut.

In der Nacht vom 3. auf den 4. März war er gegen ein Uhr, mit einem Rausch und dem Rade, heimgekommen, hatte einen Anfall gehabt und war am 4. März erst gegen Abend ausgegangen. Das Rad hatte er mitgenommen. Seither war er nicht mehr in seine Wohnung zurückgekehrt. Die Frau hatte sich deswegen keine Gedanken gemacht, denn er war schon etliche Male über Nacht fortgeblieben. Briefe und Besuche hatte er nie empfangen.

Mehr und anderes konnte Alexins Quartiergeberin über ihn nicht aussagen, konnte nur noch – als sie ihm gegenübergestellt wurde – bestätigen, daß dieser Mann es sei, der bei ihr gewohnt hatte.

Nach dieser Konfrontation, während welcher der Russe sich wohl verdrossen, aber doch auch gleichgültig benommen hatte, wurde die Frau entlassen.

Nun befand Durand sich zum zweiten Male, und zwar diesmal allein, dem Revolvermanne gegenüber.

Dieser hatte sich von seinem Anfall schon so ziemlich erholt und stand nun, die schmächtige Gestalt leicht vorgebeugt, erwartungsvoll da.

Durand rückte sich einen Stuhl zurecht und bedeutete Alexin, daß auch er sich setzen könne.

»Nun, haben Sie sich's überlegt?« begann Durand.

»Was denn?« fragte der junge Mensch verdrossen.

»Ob Sie die Wahrheit sagen wollen.«

»Ich sagte sie bereits.«

»Die ganze Wahrheit?«

»Ich sagte über alles aus, wonach man mich fragte.«

»Man muß Sie also nach noch mehr fragen.«

»Bitte!«

Der Russe nahm eine bequeme Stellung an. Durand, bedenkend, daß er es mit einem kranken Menschen zu tun habe, ließ ihn gewähren, fragte sich jedoch im stillen, ob die Sorglosigkeit, deren Ausdruck er da vor sich sah, wirklich vorhanden oder ob sie nur gut gespielt sei.

»Ich frage Sie also,« fuhr er fort, »woher das Geld stammt, das Sie in der vergangenen Nacht ausgegeben haben.«

Alexin senkte den Blick. Er wandte auch das Gesicht zur Seite. Wenn er damit das tiefe Rot verbergen wollte, das sich über seine Züge verbreitete, gelang ihm dieses Vorhaben nicht.

»Reden Sie,« ermahnte ihn Durand.

Aber Alexin verharrte in Schweigen.

»Es wird sich nicht immer ein Anfall zu gelegener Zeit einstellen, wenn Sie diese Frage beantworten sollen,« sagte Durand kühl. »Worauf warten Sie denn also?«

Wieder keine Antwort.

»Je eher und williger Sie die Wahrheit sagen, desto besser wird es für Sie sein, anderenfalls–«

Spöttisch lächelnd sagte der Russe: »Ich fürchte mich nicht.«

»Woher nahmen Sie jenes Geld?« wiederholte Durand, erhob sich und tat, als ob er gehen wolle. Alles Freundliche war aus seinem Wesen gewichen.

Der Russe zeigte jetzt Ängstlichkeit. Er spürte vielleicht, daß er einem Frager gegenüberstand, der ein gewisses Wohlwollen für ihn hatte, und überlegte es sich, daß nicht jeder Verhörende so sein dürfte.

Auch er hatte sich jäh erhoben. »Bitte, bleiben Sie,« bat er.

Die beiden Männer standen sich jetzt knapp gegenüber, und ihre Blicke ruhten ineinander.

»Wie gut seine Augen sind,« empfand Alexin.

»Wie scheu er blickt,« dachte Durand.

»An dem Rade befindet sich ein Täschchen,« begann der Russe nach einer ziemlich langen Pause.

»Ja, Sie haben davon schon einmal gesprochen.«

»Darin fand ich das Geld.«

»Das haben Sie recht ungeschickt erfunden,« klang es eisig an sein Ohr.

»Es ist doch so,« beharrte Alexin trotzig auf seiner Aussage.

Durand lachte laut auf. »Meinen Sie wirklich, daß es einen Menschen auf Erden gibt, der Ihnen das glaubt?«

Alexin zuckte die Achseln.

»Was wollten Sie von Doktor König?« fragte Durand ohne irgendwelche Pause; er wollte eben Alexin damit überrumpeln.

Dieser schrak denn auch wirklich merklich zusammen und brauchte lange, ehe er eine Antwort beisammen hatte, und diese lautete ganz unverschämt. »Das ist meine allereigenste Angelegenheit,« sagte er.

»Mensch, reden Sie, reden Sie die Wahrheit!« drang Durand auf ihn ein. »Der Besitz des Geldes und des teilweise entladenen Revolvers wirft einen bedenklichen Schatten auf Sie.«

»Man kann mir trotzdem nur die Entwendung des Rades beweisen,« sagte frech der Russe.

»Und beweisen, daß Sie vor kurzem Gebrauch von Ihrem Revolver gemacht haben,« setzte Durand ruhig hinzu.

»Vor kurzem?« Alexin lächelte spöttisch.

»Darüber liegt bereits ein Sachverständigenurteil vor.«

»Mir ganz egal,« meinte der Russe gleichmütig.

War er wirklich so völlig ruhig? Oder spielte er nur so ganz ausgezeichnet den Gemütsruhigen? Durand konnte es trotz scharfer Beobachtung nicht ergründen.

»Wollen Sie die Richtigkeit dieses Urteils bestreiten?« fragte er.

»Ich bestreite es nicht. Aber was besagt das?«

»Unter Umständen gar nichts,« gab Durand zu.

»Nun also! Ich kann ja letzter Tage auf Sperlinge geschossen haben.«

»O ja. Zuweilen ist es aber günstig, wenn man Zeugen hat bei solchem Schießen auf Sperlinge. Haben Sie Zeugen?«

Wasili Alexin war unruhig geworden, was Durand natürlich nicht entging.

»Haben Sie Zeugen dafür?« fragte er noch einmal.

»Ich verweigere jede fernere Auskunft,« antwortete der Russe, stellte sich an das Fenster und starrte in den düsteren, glasgedeckten Hof hinaus.

Durand zuckte die Achseln und brach das Verhör ab –

Als er auf die Straße trat, war er recht verwundert, denn es herrschte da eine ganz gewaltige Kälte, und ein heftiger Schneesturm trieb die wenigen Menschen, welche sich unterwegs befanden, zur Eile an.

Der Winter war noch einmal zurückgekehrt.

Durand fand das Verdeck des Wagens, in welchem er hergekommen war, und das des milden Wetters wegen offen gewesen war, jetzt geschlossen und die Pferde durch Decken geschützt. Der frierend hin und her trippelnde Kutscher empfing ihn mit den Worten: » Ist das ein abscheuliches Wetter!«

Vollkommen mit ihm einverstanden, nickte Durand und nannte ihm Frau Winters Adresse.

Er fand sie daheim und hatte eine kurze Besprechung mit ihr, dann fuhr er nach Hietzing.

In wenig mehr als einer halben Stunde hatte er sein Ziel erreicht.

Er beeilte sich, auf sein Zimmer zu kommen, verwahrte rasch den gefundenen Schlüssel und kleidete sich dann schnell um.

Es war nämlich schon nahezu acht Uhr geworden, und um diese Stunde pflegte man in der Villa Mühlheim zum Abendessen zu gehen.

Als er jedoch nach beendeter Toilette in das Speisezimmer trat, fand er dieses noch leer. Der hell erleuchtete Raum sah überaus traulich aus, aber plötzlich war er nicht mehr traulich. Das empfand Durand, der, um den prächtig überschneiten Park zu betrachten, an eines der drei Fenster des großen Raumes getreten war. Er hatte das reizvolle Winterbild nur wenige Momente lang betrachtet, als er davon abgelenkt wurde.

Vom Wintergarten her, der in den Speisesaal mündete, ließ sich Edwinens Stimme hören.

»Herzchen,« sagte sie zärtlich, »du mußt wieder die alten Lebensgewohnheiten aufnehmen. Du mußt wenigstens mit unseren Hausgenossen wieder zusammentreffen und auch sonst wieder alles tun, was du sonst getan hast. So überwindest du die erste und traurigste Zeit noch am ehesten. Wir wollen ja alles tun, um dir dein Leid zu erleichtern.«

Darauf antwortete eine müde, sanfte Stimme: »Ja, du Liebe, ich spüre es selber, daß ich mich nicht länger abschließen darf, denn ich würde, bliebe ich so ganz meinem Grübeln überlassen, wahnsinnig werden.«

Durand war nicht der einzige, der dieses traurige Zwiegespräch mit angehört hatte und der davon bis ins tiefste Herz hinein von Mitleid erfüllt war.

Gerade als sich Edwinens Stimme vernehmen ließ, war vom Korridor her Colmar in das Zimmer getreten. Er hatte wohl sogleich die Stimme Edwinens vernommen, denn er schloß leise, ganz leise die Tür hinter sich und blieb mit weit vorgebeugtem Kopfe lauschend stehen. Er konnte Durand nicht gewahren, denn der stand in der tiefen Fensternische, und zwischen ihm und Colmar wallte ein Spitzenvorhang nieder. Durand aber sah ihn eintreten, sah, wie auch er den herzbewegenden Worten lauschte, und sah noch mehr. Er sah, daß dieser überelegante Herr, den er, freilich ohne eigentlichen Grund, für einen ganz oberflächlichen Menschen gehalten hatte, noch viel mehr von Lenas Leid ergriffen wurde als er selber.

Colmars feine Hände ballten sich wie in körperlichem Schmerz, und seine Zähne bohrten sich in seine Lippen. Und diese Lippen waren, wie sein ganzes hübsches, interessantes Gesicht, bleich geworden.

Ein schwerer Atemzug, den er tat, klang bis zu Durand hinüber, und dann ging Colmar wieder leise aus dem Zimmer hinaus. Es mochte ihm dieses erste Zusammentreffen mit Lena nach dem Verschwinden ihres Bräutigams recht peinlich sein.

Es war ja auch Durand peinlich. Dennoch kam es ihm auch wieder gelegen, das unglückliche Mädchen, das er nur aus den Schilderungen Edwinens kannte, nun auch persönlich kennen zu lernen. Deshalb blieb er und ging den Schwestern, welche jetzt hinter der offenen Glastür sichtbar wurden, langsam entgegen.


Neuntes Kapitel.

Am Abend des 6. März saßen Mühlheim und Durand rauchend in des letzteren Arbeitszimmer.

»Gut,« sagte Durand, »gut, es ist in Königs Wohnung eingebrochen worden, es ist daraus allerlei abhanden gekommen, und es hat irgend jemand von dorther die Rettungsgesellschaft angerufen. Diese drei Tatsachen sind nicht hinwegzuleugnen, aber wie sie auf Wahrheit beruhen können, können sie auch ebensogut nichts als eine wohlberechnete Täuschung sein. Einbruch, Diebstahl, Überfall – wie oft ist das alles schon fingiert worden, um damit eine andere Handlung zu verdecken. Kann nicht etwa mit Königs Einwilligung all das geschehen sein, was geschehen ist?« Durand streifte nach dieser Frage seine Zigarre ab und schaute gedankenvoll auf den tief verschneiten Park hinunter.

Der Kommerzienrat sah aufgeregt und unmutig aus, als er entgegnete: »Es peinigt mich, daß Sie immer wieder auf den Gedanken zurückkommen, daß König alles vielleicht nur in Szene gesetzt hat, um sich von meinem Kinde frei zu machen.«

»Vielleicht weniger zu diesem Zweck, als um sich jenes schöne Weib, das ihn vielleicht vor ein Entweder – Oder stellte, in letzter Stunde noch zu sichern.«

»Doch nicht eine Stunde nach seiner Verlobung!«

»Wissen wir, ob sie nicht schon vorher ihren Einfluß auf ihn geltend machte, und er nur aus konventionellen Gründen sich mit Fräulein Lena verlobte?«

»Aus konventionellen Gründen! Herr, Sie geben mir viel Unangenehmes zu hören.«

»Entschuldigen Sie, Herr v. Mühlheim,« entgegnete Durand ruhig, »es ist notwendig, daß zwischen uns in dieser Sache volle Klarheit herrsche. Sie müssen meinen Gedankengang genau kennen, um mir sagen zu können, das und das kann König getan haben und das und das nicht. Sie verkehrten ja seit einem Jahre intim mit ihm und müssen ihn daher besser kennen als irgend jemand. Ich habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß ihn von all seinen Bekannten eigentlich niemand genau kennt. Man weiß im Grunde gar nichts Sicheres über seinen Charakter, seine Beziehungen, seine Lebensweise. Seine Berufsgenossen kennen seine Seele ebensowenig wie – nun wie etwa sein Rad, das hier übrigens, wie Sie mir mitteilten, auch niemand erkennen würde.«

Beide Herren mußten über diesen Redeschluß lächeln, und der Kommerzienrat sagte: »Weiß ich denn, ob König mir, ob er uns sein wirkliches Wesen gezeigt hat? Er schien mir ein ruhiger, gemütlicher Mann zu sein, der nur heiß und leidenschaftlich werden konnte, wenn es Fragen der Kunst oder gar Meinungsdifferenzen darüber galt. Wir zweifelten niemals an seiner Ehrenhaftigkeit aber freilich, wenn ich so recht nachdenke, weiß ich eigentlich keinen triftigen Grund für unser festes Vertrauen anzugeben.«

»König hatte wohl zufällig niemals Gelegenheit, seine Ehrenhaftigkeit durch etwas anderes als allenfalls durch Worte zu beweisen, und Worte allein beweisen eben gar so wenig,« warf Durand ein, als Mühlheim schwieg.

Dieser nickte. »Merkwürdig,« sagte er, »jetzt komme ich erst darauf, daß ich mein Kind einem mir in Wahrheit ziemlich fremden Menschen anvertraut habe.«

Der Kommerzienrat sah bei dieser Entdeckung schier bestürzt aus.

Auch Durand lächelte trüb, als er sagte: »Wir müssen uns immer »ziemlich fremden« Menschen anvertrauen, Herr v.Mühlheim. Sind und bleiben wir selber uns doch bis zum Grabe auch »ziemlich fremd«, wie sollen wir denn erst andere erkennen? Wie wollen wir wissen, wie andere sich in dieser und jener Lebenslage benehmen werden, da wir doch nicht einmal für unser eigenes Verhalten einstehen können, sobald Leidenschaften ins Spiel kommen? – – Sie brauchen sich also gar keinen Vorwurf zu machen, verehrter Herr. Und wir haben ja auch noch gar kein Recht, an der Ehrenhaftigkeit des Mannes zu zweifeln, dem Sie Ihr Kind anvertrauen wollten. Wir reden vielleicht von einem Toten.«

Mühlheim fuhr sich nervös über die Stirn. »Bei Gott, ich wünschte fast, daß er tot wäre,« sagte er, »denn wenn er's nicht ist, dann ist er –«

»Ehrlos – – wollen Sie sagen,« unterbrach Durand seine heftige Rede und schüttelte den Kopf. »Aber auch in diesem Falle muß er noch lang nicht ehrlos sein«

»So? Wenn er eine so erbärmliche Komödie aufführt, um meines Kindes ledig zu werden?«

»Läge nicht eben in dieser umständlichen Komödie der Beweis, daß er Fräulein Lena schonen wollte? Daß er das Odium des Verlassenseins von ihr fernhalten wollte?«

»Schöner Beweis von Liebe! Und auf diese hin hat er sich doch mit meiner Tochter verlobt.«

»Zuweilen ist eine Leidenschaft der Sinne mächtiger als eine Herzensliebe.«

»Sie nehmen also an, daß diese Nadja – –«

»Vielleicht. Jedenfalls hat König sich für Nadjas Schönheit bedeutend interessiert. Das beweist sein Ausruf: »Was? Die ist schön!« und der Umstand, daß er, wie Frau Winter bemerkte, ganz merkwürdig dabei ausgesehen hat.«

»Etliche Stunden vor der Verlobung mit meiner Tochter!« warf der Kommerzienrat bitter ein. »Es ist schändlich.«

» Ich finde darin noch nichts Schändliches,« entgegnete Durand lächelnd. »Sie urteilen über Königs Tun nur so schroff, weil Ihre Tochter damit in Verbindung steht. Handelte es sich hier um zwei ganz fremde Personen, so würden Sie des Mannes Entzücken beim Anblick eines so prächtigen Frauengesichtes begreiflich finden. Persönliches Empfinden macht immer ungerecht.«

»Sie haben recht,« gab Mühlheim offen zu. »Aber – sollte es sich so verhalten, wie wir einstweilen annehmen, sollte er sich in letzter Stunde darüber klar geworden sein, daß er von jener Nadja nicht lassen kann, dann konnte er doch einfach mit ihr durchgehen.«

»War er gar nicht eitel?«

»Wer ist das nicht?«

»In welcher Art war er eitel, oder sagen wir besser empfindlich für das Urteil der Welt?«

»Er hielt riesig viel darauf, in seinem Fache als Autorität anerkannt zu sein und – – für makellos bezüglich seines Charakters zu gelten.«

»Nun also! Ähnliches hat man mir auch schon in der Redaktion gesagt, und da Sie es bestätigen, gewinnt es für mich großen Wert.«

»Was erklären Sie sich daraus?«

»Daß er, falls er noch lebt, durchaus für gestorben gelten will; denn ein Ermordeter kann ein Eheversprechen eben nicht einhalten.«

»Aber –«

»Erlauben Sie mir eine Frage.«

»Bitte.«

»Hat Fräulein Lena oder haben Sie sich zuerst für König entschieden?«

»Allerdings – ich zuerst,« gab Mühlheim zögernd zu.

»Sie haben vielleicht Ihrer Tochter vorgestellt, was für einen angesehenen Namen sie als die Gattin dieses Mannes tragen wird.«

»Das tat ich. Aber Lena schwärmte schon für ihn, ehe sie ihn noch gesehen hatte.«

»Weil sie seine geistreichen Schriften kannte.«

»Gewiß –«

»Junge Damen schwärmen in dieser Beziehung für manchen geistig hervorragenden Mann. Wenn dann der Vater solch einen Mann ins Haus bringt, und dieser Mann solch eine fein erzogene und auch liebliche junge Dame kennen lernt und von dem Behagen eines vornehmen Hauswesens umfangen wird, kommt er – – besonders wenn er vom Vater noch dazu ermutigt wird – leicht auf den Gedanken, als Werber aufzutreten.«

»Herr – Herr Durand, was wollen Sie damit sagen?«

Der Kommerzienrat war plötzlich sehr steif geworden.

Durand ließ sich jedoch dadurch nicht abhalten, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren. »Ich sage damit, daß ein ganz achtbarer Mann auf solchem Wege leicht der Bräutigam eines liebenswerten Mädchens werden kann, ohne daß auf irgend einer Seite übergroße Liebe dabei entschieden hat. Nehmen wir nun an, daß dieser Bräutigam mit einer alten Leidenschaft fertig zu sein gemeint hat und diese – vielleicht von ihm selber ganz unerwartet – wieder aufloht, oder daß eine junge Leidenschaft ihn plötzlich ganz und gar in ihre Gewalt bekommt – – was kann der tun? Einer Lena v. Mühlheim, mit der man sich soeben öffentlich verlobt hat, kann man nicht sagen: Es ist alles wieder zwischen uns aus – nein, das kann man Ihrer Tochter, Herr Kommerzienrat, nicht sagen. Wenn man sich ihr entziehen will, dann muß man einfach unter irgend einem Vorwand verschwinden.«

»Das ist mir zu romantisch, das verstehe ich nicht,« warf kopfschüttelnd der Kommerzienrat ein. »Glauben Sie nicht, Herr – – Herr Durand, daß Sie Ihre Phantasie zu sehr arbeiten lassen?«

Der junge Mann lächelte gleichmütig. »Ja, verehrter Herr Kommerzienrat,« sagte er, »wenn unsereins keine Phantasie hätte, stünde es oft recht mißlich mit unseren Untersuchungen. Nur mit uns durchgehen dürfen wir unsere Phantasie nicht lassen. Nun, die meinige geht nicht mit mir durch. Ich verrenne mich durchaus nicht in dem Gedanken, daß es unbedingt so sein muß, wie zu sein es den Anschein hat. Ich habe immer beide Fälle im Auge: daß König tot ist, und daß er noch lebt. Jetzt beleuchten wir eben alle Momente, die für letzteres sprechen – das ist alles.«

»Es ist richtig. Man soll jede Möglichkeit erörtern,« mußte Mühlheim zugeben. »Also holen Sie mich nur weiter aus.«

»Ich werde Sie nicht mehr viel belästigen müssen,« meinte Durand. »Daß König während des Verlobungsfestes unter einem peinlichen Eindruck stand, das haben auch Sie gemerkt. Nicht wahr?«

»Ja, das habe auch ich bemerkt. Ich redete darüber auch mit Colmar, und der hatte denselben Eindruck erhalten.«

»Auch Herr Colmar hatte diesen Eindruck?« fragte Durand und schaute sinnend den bläulichen Rauchringeln nach, die sich aus seiner Zigarre drängten.

Und dann fragte er noch etwas, das gar nicht in Beziehung zu dem bisher gepflogenen Gesprächsthema stand.

»Herr Kommerzienrat, haben Sie Herrn Colmar ein Gastzimmer zur Verfügung gestellt?«

Mühlheim nickte. »Colmar ist entzückt von der Winterstimmung des Parkes. Er will einige Partien davon malen. Er hat solche Studien noch nie gemacht.«

»Er selbst hat Sie um Quartier ersucht?«

»Er selbst.«

»Wann?«

»Nach dem Eintreten des Schneefalls.«

»Er will also hier wohnen und malen, und er verbindet damit wohl noch einen weiteren Zweck?«

»Haben Sie es schon erraten?« meinte Mühlheim schmunzelnd. »Nun, es war nicht schwierig. Er hat eine große Leidenschaft für Edwine gefaßt und gibt sich keine Mühe, es zu verbergen.«

»Wollen wir lieber von der anderen Sache reden.« Damit schnitt Durand das Thema, das er doch selber angefangen, wieder ab. »Ich nehme auch als wahrscheinlich an, daß König sich in einer Zwangslage befand. Diese Nadja, die ihm am 27. Februar ihr Bild gegeben hat, mußte gewollt haben, daß König sie nicht vergesse. Ein Weib aber, das nicht vergessen sein will, das liebt noch, und ein Weib, welches liebt, das entsagt nicht so leicht. Nadja wußte vielleicht, daß Königs Liebe ihr, ihr allein gehöre, und wußte vielleicht, daß nur ein laues Empfinden den neuen, noch so lockeren Bund geschlossen hatte – – da hat sie, die sicherlich Temperamentvolle, ihn vielleicht wieder an sich gerissen, ihn wohl auch noch mit Überlegung zu solchem Verschwinden bewogen, denn danach gab es keine Rückkehr mehr, danach gehörte er ihr für immer. – Scheint Ihnen dieser Ideengang sehr unwahrscheinlich, Herr Kommerzienrat?«

Mühlheim, der den Auseinandersetzungen Durands aufmerksam gefolgt war, mußte zugeben, daß alles so sein könne, wie dieser folgerte. »Was hat Sie denn eigentlich zuerst zu dieser Auffassung veranlaßt?« fragte er interessevoll.

»Das Fiederblättchen eines Farnkrautes. Ich fand es auf dem Polster des Fensters, durch welches man eingestiegen war.«

»Nun, und –?«

»Solche Farne gibt es derzeit nur in Warmhäusern und in Wintergärten.«

Mühlheim beugte sich weit vor. »Ich habe einen Wintergarten,« sagte er hastig.

Durand nickte. »Und dieselbe Farnart darin,davon ein Teilchen auf jenem Polster klebte–«

»Das der Fuß dessen, der dort eingestiegen ist, berührt hat?«

»Ja. Und dieser Fuß – so nehme ich an – – ist vorher durch Ihren Wintergarten gegangen. Ich bekam danach aber noch einen äußerlichen Anhaltspunkt für meine Annahme, daß alles auf Täuschung berechnet war.«

»Welchen Anhaltspunkt?«

»Der Mann, welcher das Rad in den Donautümpel stieß, trug eine Pelzmütze und dazu einen pelzbesetzten, kurzen Rock.«

»Nun?«

»Auch König besaß eine Astrachanmütze und einen kurzen, pelzbesetzten Rock.«

»So?«

»Er ist natürlich hier niemals damit erschienen, denn, wenn er hierher kam, war er im Salonanzug.«

»Bitte – weiter.«

»Die Mütze und dieser Rock finden sich in Königs Quartier auch nicht mehr vor. Sie sind, gleich etlichen anderen seiner Kleidungsstücke und gleich ihm selber, verschwunden. Freilich, Frau Winter sagt aus, daß Königs Pelzrock hell gewesen sei, und der Mann, der das Fahrrad aus dem Tümpel zog, sagt, der Mann, der es hineingestoßen hat, habe einen dunklen Rock getragen. Aber seinerseits kann leicht ein Irrtum vorliegen.«

»Sie meinen also, König habe bei sich selber eingebrochen, die Mordgeschichte inszeniert und sich auf dem Wege zu dem Nord- oder Nordwestbahnhof seines Rades entledigt?«

»Daß das möglich, sogar nicht unwahrscheinlich ist, nehme ich so lange an, als ich ihn nicht tot vor mir gesehen habe.«

»Stimmt denn alles bezüglich Ihrer Annahme? Zum Beispiel die Zeit, die König zur Ausführung all dessen brauchte, was da getan werden mußte?« fragte Mühlheim.

»Mit der Zeit stimmt es schon,« antwortete Durand, »wenn er von einem gut bespannten Wagen in der Nähe Ihres Hauses erwartet wurde, und wenn vielleicht Nadja ihn da erwartet hat, um ihn zur Tat zu drängen. Er verließ – es war noch nicht elf Uhr – Ihr Haus. Er konnte um halb zwölf Uhr in der Nähe des seinigen anlangen. Dann hatte er dreißig Minuten vor sich, um die nötige Unordnung herzustellen, das Fehlende an sich zu nehmen und die Rettungsgesellschaft anzurufen. Der Wagen, der – so nehme ich einstweilen an – ihn nicht vor, sondern nur in die Nähe seiner Wohnung gebracht, hatte vielleicht Nadja gleich zur Bahn geführt, denn sicherer war es jedenfalls, wenn jedes allein an dem Abfahrtspunkt eintraf –«

»Aber der Kutscher, der da im Spiele war, der hätte sich doch schon gemeldet,« warf der Kommerzienrat ein.

Durand entgegnete: »Muß es denn ein Wiener Kutscher gewesen sein? Und lehrt nicht Geld Schweigen?«

Mühlheim nickte. »Bitte, weiter!« sagte er.

Durand fuhr fort: »Nadja braucht ja gar nicht in Wien den Zug bestiegen zu haben. Die beiden trafen wohl überhaupt erst irgendwo auf der Strecke zusammen. Kurz, ich nehme einstweilen an, daß König bald nach zwölf Uhr auf seinem Rade wegfuhr. Von seiner Wohnung bis zu dem bewußten Tümpel fährt man in zweiundzwanzig Minuten. Ich habe diese Tour probeweise selber gemacht. Jenes Rad wurde, laut Aussage des Augenzeugen, versenkt, als Mitternacht längst vorüber war, und danach ging der Mann mit dem kurzen Pelzrock in der Richtung der Leopoldstadt weiter, das ist zugleich die Richtung, in welcher recht nahe beieinander zwei Bahnhöfe liegen, und vom Nordwestbahnhof geht ein Zug um acht Uhr zwanzig Minuten Morgens weg, und vom Nordbahnhof geht ein Zug um sieben Uhr fünf Minuten nach Norden.«

»Ich verstehe,« sagte Mühlheim. »Und nun denke ich auch schon, wie es recht wohl möglich ist, daß wir mystifiziert wurden.«

Er hatte sich erhoben und ging aufgeregt im Zimmer auf und ab.

Auch Durand war aufgestanden. »Nach dem Abendessen werde ich heute wieder Wiens Nachtleben studieren,« sagte er lächelnd.

»So! Haben Sie in unserer Sache in der Stadt zu tun?« fragte der Kommerzienrat.

»Ich habe mir für zehn Uhr etliche unserer Leute bestellt. Vielleicht hat doch der eine oder der andere etwas zu berichten.«

»Arbeiten diese Leute unter Ihrer Anleitung?«

»Auch unter der meinigen, wiewohl auch Herr v. Eichen mancherlei Verfügungen trifft. Es muß ja da von allen Seiten zusammengearbeitet werden.«

»Ein merkwürdig kompliziertes Arbeiten.«

»Ja, man muß an allerlei denken,« gab Durand zu. »So war ich heute früh wieder bei jenem Tümpel.«

»Ah!«

»Und da fiel mir etwas auf.«

»Was denn?«

»In seiner Mitte etwa schwamm ein Stück Papier. Ein handtellergroßer, rosenroter Papierfetzen.«

»Nun?«

»Dieses Stück Papier wird Ihnen, Herr v. Mühlheim, etwa vierzig bis fünfzig Gulden kosten.«

»Wieso denn?«

»Sie waren so liebenswürdig, dem Herrn Oberpolizeirat v. Eichen gegenüber zu erklären, Sie würden gern die Kosten tragen, welche eventuell aus einer besonders eifrigen Verfolgung der vorhandenen Spuren erwachsen .«

»Das halte ich natürlich aufrecht. Aber was hat das mit jenem schwimmenden Papierfetzen zu tun?«

»Er ist, wie gesagt, rosenrot.«

»Nun, und –?«

»Im erbrochenen Schrank, aus welchem die Schmuckstücke gestohlen wurden, lagen – das erfuhr ich gestern von Frau Winter, der nachträglich immer noch allerlei einfällt – lagen also etliche am 3. März abgelieferte Wäschestücke, die – – wie auch sonst immer – – in rosenrotes Papier eingeschlagen waren.«

»Es gibt viel rosa Papier in Wien«

»Sehr viel. O ja – selbst so glänzendes, nach vielen Stunden Naßseins immer noch so glänzendes Papier gibt es gewiß auch in ungeheuren Mengen in Wien. Aber in einem Wassertümpel, in den ein vielleicht Flüchtender sein Rad versenkt, fällt solch ein Papierstreifen doch auf, wenn man vorher erfahren hat, was mir Frau Winter bezüglich der Wäsche des Doktors erzählte, und wenn man bestimmt weiß, daß solch ein rosenfarbenes Paket nach dem Einbruch sich nicht mehr in dem Kasten befand.«

»Hat das der Dieb also auch mitgenommen?«

»Die Wäschestücke nicht. Die sind noch alle vorhanden, wohl aber das weiche und doch recht widerstandsfähige Papier. Dieses fand sich wenigstens in dem Schrank nicht mehr vor«

»Ah!«

»Ich weiß es seit heute früh ganz bestimmt.«

»Sie waren auch noch einmal in Königs Wohnung?«

»Ja. Ich habe mir auch noch einmal die Staubspuren auf dem Sitz des Vorzimmersofas angesehen. Die mag jemand hinterlassen haben, der sich die Beinkleider, die ihn beim Radfahren genierten, »drosselte« und dabei den Fuß auf den Sofasitz stellte. Königs Hosenspangen fehlen nämlich auch. Nun aber wieder zu dem ebenfalls verschwundenen Papier. Sehen Sie, Herr Kommerzienrat, weil auch das fort ist, hat heute früh das Papierstückchen, welches auf dem Tümpel schwamm, meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.«

»Jetzt begreife ich,« entgegnete Mühlheim lebhaft. »Aber,« fuhr er fort, »sahen Sie es denn erst heute, am 6. März, wenn es doch schon in der Nacht vom 3. auf den 4. dort verloren wurde?«

»In jener Nacht herrschte ein ziemlich starker Wind.«

»Nun eben darum – –«

»Wenn einer außer dem Rade damals vielleicht auch noch ein Paketchen in jenen Tümpel warf – und der Mann im Pelzrock hat so etwas wie eine Wurfbewegung gemacht – wenn er also ein Paketchen hineinwarf, von dessen Hülle aus irgend einem Grunde ein Stück abriß, konnte der Wind dieses Stück gegen die Sträucher tragen, welche jenes Wasser teilweise einsäumen.«

»Das konnte geschehen,« gab Mühlheim zu.

»Es sind auch Hartriegelsträucher darunter,« sagte Durand.

»Die ihr Laub großenteils behalten,« fiel Mühlheim ein.

»Die ihr Laub großenteils bis zum Frühling behalten,« wiederholte Durand, »und zwischen deren vielen Stämmchen ein so biegsames Ding, wie solch ein Stückchen Papier es ist, sich so lange anklammert, bis ein neuer kräftiger Windstoß es wieder losreißt.«

»Und es weiterträgt.«

»Und es weiterträgt, zum Beispiel in den benachbarten Tümpel.«

»Auf dessen Grunde man vielleicht etliche Schmuckstücke finden könnte,« setzte Mühlheim gespannt hinzu, dann legte er plötzlich seine Hand auf Durands Arm und rief: »Da muß man ja baggern.«

»Geschieht heute mittag,« entgegnete ruhig der andere. »Ich sagte es Ihnen ja schon, Herr Kommerzienrat, das Stückchen Papier wird Sie vermutlich vierzig bis fünfzig Gulden kosten, denn –«

»Was gibt's?« Mit diesen Worten wandte im selben Augenblick Mühlheim sich zur Tür. Dort stand Wilhelm.

»Ein Mann will Herrn Durand sprechen,« meldete dieser.

»Wollen Sie ihn in Ihrem Zimmer empfangen?« fragte Mühlheim.

»Gestatten Sie vielleicht, daß dies hier geschieht?« lautete die Gegenfrage.

»Gern. Der Herr möge eintreten. – Sollte etwas Wichtiges entdeckt worden sein?« bemerkte Mühlheim, als der Diener gegangen war.

»Vermutlich, denn nur für diesen Fall kommt man hierher.«

Draußen wurden Schritte laut, und einige Sekunden später betrat ein ältlicher, hagerer Mensch das Zimmer. Er sah ungemein harmlos aus, gab sich auch ein wenig unbeholfen. Er schloß Wilhelm vor der Nase die Tür zu, dann verbeugte er sich vor den beiden Herren.

»Sie sind's, Siebold!« sagte Durand leise, und dabei horchten alle drei auf Wilhelms Schritte, die sich im Korridor draußen verloren.

»Ja, Herr Doktor –« Siebold hielt ein wenig inne. Er hatte den warnenden Blick seines Vorgesetzten aufgefangen. Dann fuhr er unbefangen fort: »Der Klesing schickt mich her. Wir haben bis jetzt nur dieses gefunden.«

Dabei reichte er Durand etwas, das in ein Stückchen Zeitungspapier eingeschlagen war, und das er aus seiner umfangreichen Brieftasche genommen hatte.

»Gut,« sprach Durand, »warten Sie unten auf mich. Sie haben doch einen Wagen?«

»Ja.«

Siebold ging.

»Er kommt von dem Tümpel,« sagte Durand und trat zum Schreibtisch, wo er das Papier auseinanderschlug.

Herr v. Mühlheim stieß einen Ruf der Überraschung aus. Durand lächelte nur ein bißchen spöttisch.

Das, was jetzt in seiner Hand lag, war eine lange, schwere, goldene Uhrkette, an der ein Petschaft hing.

Es war ein Petschaft von recht altväterischer Arbeit. Das Material, daraus es angefertigt worden, war ein heller Amethyst. Es stellte einen stehenden Bären vor.

Und noch einen Gegenstand entnahm Durand dem Papiere, eine jener elastischen Metallklammern, wie sie die Radfahrer gebrauchen, wenn sie ein weites Beinkleid »drosseln« wollen.

Eine gute Weile schauten die beiden Herren auf die unter so seltsamen Umständen gefundenen Gegenstände, die ohne jeden Zweifel zu den aus Königs Wohnung entwendeten Dingen gehörten.

Dann löste sich aus Mühlheims Brust ein tiefer Atemzug, und während der Kommerzienrat Durands Hand ergriff und drückte, sagte er mit Betonung: »Herr Doktor, ich bewundere Ihren Scharfsinn. Jetzt bin ich natürlich vollkommen überzeugt davon, daß jede Ihrer Folgerungen richtig war.«

»Ich aber, Herr v. Mühlheim, bin davon noch gar nicht überzeugt,« entgegnete Durand gleichmütig. »Selbst dieser Fund beweist noch gar nichts; er zwingt mich jedoch, sofort aufzubrechen – Und nun noch eins. Unser Gespräch und die Tatsache, daß man in jenem Donauarm gebaggert und diese Dinge gefunden hat, darf niemand bekannt werden.«

»Auch nicht Edwine?«

»Auch mit Ihrer Fräulein Tochter sollen Sie nicht darüber reden, so wie überhaupt kein Detail der Voruntersuchung bekannt gemacht werden darf.«

»Sie fürchten, daß Edwine nicht schweigen kann?«

»O, das Fräulein kann schweigen,« entgegnete Durand, und ein flüchtiges Lächeln glitt über sein hübsches Gesicht.

»Aber Colmar kann ich's wohl sagen? Er weiß doch so viel von dieser Sache.«

»Auch Herr Colmar darf nicht mehr davon erfahren, als eben alle Leute wissen,« entschied Durand, und seine in unbewachten Augenblicken sehr ausdrucksvollen Züge verrieten deutlich, daß diesem Herrn Colmar seine Sympathien nicht gehörten.

»Also nicht. Ich werde schon andere Themata bei Tische finden,« sagte Mühlheim lächelnd. »Und nun adieu, Herr Doktor!«

Er betonte diesen Titel ganz besonders.


Zehntes Kapitel.

Durand zog seinen Winterrock an, nahm den Hut und schickte sich an, das Haus zu verlassen. Man hatte ihm sowie auch Colmar ein Zimmer im zweiten Stockwerke angewiesen. Es lag gegen den Garten zu, und auch das Fenster des Korridors, den er jetzt betrat, hatte die Aussicht auf den in der Tat jetzt prächtig aussehenden Park. Durand hielt sich ein wenig bei diesem Fenster auf. Er tat, als ob er in den Garten hinunterschaue, und er sah ja auch wirklich hinab, aber er beachtete die winterliche Schönheit nicht, welche sich da vor ihm hin breitete. Von seinen Sinnen war jetzt nur sein Gehör so recht beschäftigt.

Im unteren Stockwerke redete Edwine mit einer Dienerin. Er hoffte, jene noch sprechen zu können, ehe er ging. Er hatte sie seit dem gestrigen Abendessen nicht mehr gesehen. Ach, Herrn v. Eichens Arrangement hatte ihm bislang noch nicht zu einem ausgiebigen Zusammensein mit der Geliebten verholfen!

Jetzt aber, jetzt neigte sich das da unten geführte Gespräch dem Ende zu. Durand ging schnell die Treppe hinunter. Er summte – die Dienerin, die das auch hörte, fand es recht unpassend – ein Liedchen vor sich hin. Edwine, die wußte, was das zu bedeuten habe, urteilte schon milder darüber. Jedenfalls sandte sie das Mädchen fort und beeilte sich so wenig, wieder in ihr Zimmer zurückzukehren, daß Durand sie noch im Korridor traf.

Sie reichten einander die Hände und sahen so strahlend dabei aus, als ob alles eitel Glück und Sonnenschein wäre.

»Du gehst? Du bleibst nicht bei Tisch?« fragte Edwine.

»Leider muß ich fort. Wo warst du denn? Während ich mit deinem Vater sprach, hoffte ich immer, du würdest eintreten. Hast wohl gar nicht gewußt, daß ich im Hause war?«

»Doch. Ich hab's gewußt. Lena und ich standen am Fenster, als du kamst. Aber kann ich sie denn allein lassen?«

»Wo ist Colmar?«

»Mir scheint gar, du bist eifersüchtig?«

»Leistet er euch oft Gesellschaft?«

»Ich sorge schon dafür, daß es nicht zu oft geschieht. Kannst mir's glauben, es ist mir recht peinlich, daß Papa ihn ins Haus lud.«

»Malt er denn wirklich, oder kam er einzig deinethalben?«

»O nein, Herr Untersuchungsrichter!« scherzte Edwine. »Einzig und allein um meinetwillen kam er sicherlich nicht. Er skizziert viel und bringt manche Stunde im Garten zu. Das muß man ihm lassen,« setzte sie, wieder ernster geworden, hinzu, »Ehrgeiz besitzt er, und ernst nimmt er's mit seiner Kunst.«

»Mir scheint, du schwärmst wenigstens in dieser Beziehung für ihn,« sagte Durand unruhig.

Er bekam keine Antwort darauf. Edwine bedeutete ihm Schweigen und wies nach dem oberen Stockwerke. Von dort kam jemand herunter.

»Also amüsieren Sie sich recht gut,« sagte Edwine und reichte Durand die Hand.

Nur das hörte und nur das sah der, welcher die Stiege herunterkam. Es war Colmar, der die beiden ein wenig steif begrüßte.

»O, Sie sehen aber gar nicht gut aus,« sagte Durand zu ihm.

Es verhielt sich tatsächlich so. Colmar war ein wenig bleich, und seine Augen glänzten, als habe er Fieber.

»Erkältet habe ich mich. Es ist hoffentlich ohne Bedeutung,« entgegnete er und wollte mit einer Verbeugung an den beiden vorübergehen.

»Sie haben sich ja auch die Hand verletzt,« rief Edwine. »Wie ist denn das geschehen?«

Colmar erhob ein wenig die rechte Hand. Auf ihrer inneren Fläche klebte ein Heftpflaster. Es war ein fleischfarbenes Heftpflaster. Man merkte es kaum.

»Ah, das ist auch nichts Besonderes, mein gnädiges Fräulein,« sagte er lächelnd. »Als ich gestern meines Umzuges wegen in meinem Farbenkasten kramte, habe ich mich geritzt. Morgen ist alles wieder gut.«

Er hatte eine wirklich liebenswürdige Art, über die kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens hinwegzugleiten, und machte sich sichtlich gar nichts daraus, in dieser Beziehung für interessant zu gelten.

Das gefiel Durand, der ihn für ein wenig geckenhaft gehalten hatte.

Er empfahl sich deshalb freundlicher von ihm, als er selber es vor einer Minute noch für möglich gehalten hätte, küßte mit wohl verborgener Innigkeit Edwinens Hand und ging.

– – – – – – – – – – – – –

Eine Stunde später befanden sich Durand und Frau Winter in Königs Vorzimmer.

»Ja, die Hosenspangen fehlen auch,« sagte soeben die alte Frau, »der Herr Doktor hat sie immer auf einen Nagel des Kleiderständers gehängt, aber jetzt sind sie auch nicht da. – – Was tun Sie denn?« fragte sie dann verwundert.

Durand hatte den einen Fuß auf das grüne Ripssofa gestellt. Jetzt hatte er beide Füße auf den Dielen und neigte sich über das Sofa.

»Was sehen Sie denn da?« fragte er gemütlich.

»Drei Staubspuren.«

»Ich habe aber nur einen Fuß dahingestellt, und die anderen Spuren sind mindestens seit der Nacht des 4. März hier, da habe ich sie schon gesehen.«

»Bis nach Mittag am 3. März waren sie noch nicht da,« erklärte mit Bestimmtheit Frau Winter, »denn da habe ich – – so gegen sieben Uhr, wie der Herr Doktor schon fort war – – alles zum Schlafengehen hergerichtet und nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist. Und weil auf diesem Sofa verschiedenes Gewand gelegen ist, hab' ich das ausgeputzt und hab' auch das Sofa und die Tischdecke gebürstet. Also am 3. März gegen sieben Uhr waren da keine Trittspuren.«

»Die werden erst gegen zwölf Uhr Nachts entstanden sein,« sagte Durand, »denn um diese Zeit ist einer oder sind vielleicht auch zwei zu Rad von hier weggefahren, und zwei Füße sind nacheinander hier hinaufgestellt worden.«

»Und der Betreffende hat sich die Spangen angelegt,« vollendete Frau Winter.

Durand nickte: »So wird es vermutlich gewesen sein. Es haben etliche Herren solche Gewohnheiten.«

»Der Herr Doktor hat sie auch gehabt.«

»Na, sehen Sie, liebe Frau. Wir werden uns kaum irren in unserer Annahme. Hatte der Herr Doktor solche Klammern? » Er zeigte ihr die Spange, die man beim Baggern gefunden hatte.

»Ganz genau solche. Ich könnt' schwören––«

»Schwören Sie nicht. Es verlangt's niemand, und überdies gibt es jedenfalls viele Tausende von solchen Klammern, die genau so aussehen wie diese. – So, und jetzt adieu, liebe Frau. '«

Gleich danach umfing wieder Stille und Einsamkeit das jetzt so unheimliche Haus. – –

Bei Herrn v. Eichen fand Durand schon Klesing, der knapp vor ihm in des Oberpolizeirats Bureau eingetroffen war, um noch einen Fund daselbst abzugeben.

Dieser bestand in dem ebenfalls abhanden gekommenen und von Frau Winter beschriebenen silbernen Armbande, welches König in seinen jüngeren Tagen getragen hatte.

Von den kleineren Gegenständen war nichts zu Tage gefördert worden. Diese hatte wohl das Wasser weggespült, oder sie hatten sich noch tiefer in den weichen Schlamm eingewühlt, was ja sowohl in Bezug auf die Krawattennadeln als auch auf den Manschettenknopf leicht erklärlich war.

Herr v. Eichen und Durand bestimmten, daß von einem weiteren Baggern einstweilen abzusehen sei, und Klesing wurde entlassen.

Mehr als diese, allerdings sehr wichtigen Funde hatte der 6. März indessen nicht zu Tage gefördert. Von der Berliner Fabrik, aus welcher das versenkt gewesene Fahrrad stammte, war ein Telegramm eingelaufen. Es hieß darin, daß das Rad, welches, wie angegeben, die Fabriknummer 3495 trage, vor drei Jahren, am 16. April 1881, in der Hauptniederlage der Fabrik von einem Herrn gekauft worden sei, der es bar bezahlt und sogleich mitgenommen habe. Den Namen des Käufers habe man nicht in das Geschäftsbuch eingetragen.

Diese Nachricht war enttäuschend. Sie brachte keine Gewißheit für den Verdacht, daß das aus dem Tümpel gehobene Rad König gehört habe, und man wußte also über dieses wichtige Moment noch immer nichts Bestimmtes.

Ganz sicher aber war, daß dieses Rad mit dem Verschwinden Königs in engem Zusammenhange stand, denn der, welcher es hatte verschwinden lassen, der hatte auch die in Königs Wohnung fehlenden Schmuckstücke in den Tümpel geworfen.

»Ein Raubmord also und ein Diebstahl gewöhnlicher Art sind ausgeschlossen,« sagte Herr v. Eichen, als sein junger Freund das Berliner Telegramm hinlegte.

»Und damit auch ein Einbruch aus habsüchtigen Motiven,« fuhr Durand fort, »denn wer ohne verfolgt zu sein – und verfolgt wurde ja der Mann mit dem Pelzrock nicht – seinen Raub wieder wegwirft, der hat sich nicht aus Gründen der Habsucht den fremden Besitz angeeignet. Es hat sich für diesen Mann also nur darum gehandelt, den Schein zu erwecken, daß ein Einbruch geschehen sei.«

»Und im Anschluß daran ein Mord,« setzte Herr v. Eichen hinzu.

»Ja – – auch ein Mord,« sagte in auffallend zerstreutem Tone Durand.

Der Oberpolizeirat schaute verwundert auf ihn. Durand bot aber auch einen sonderbaren Anblick. Er veränderte ein paarmal jäh die Gesichtsfarbe und starrte dabei verwundert auf seine rechte Hand. Auf deren innerer Fläche war ein kleiner violetter Fleck zu sehen, ein schon halb verwaschener, kleiner violetter Fleck.

Es mochte ein Tintenklecks sein. Jedenfalls bot er für einen vernünftigen Menschen keine Ursache, wegen seines Anblicks die Farbe zu wechseln und so traumverloren auf ihn hinzustarren, wie Durand es tat.

Er hatte sich denn auch rasch wieder gefaßt. Die Röte freilich, die jetzt bis zu seinen Schläfen emporgestiegen war, die blieb noch eine gute Weile dort, und auch das Unstete seines Blickes verriet, daß er seine Gedanken von irgend etwas ganz Absonderlichem noch nicht völlig hatte losreißen können; aber er konnte doch wenigstens schon über sein Gebaren lachen, war sich also dieser Absonderlichkeit bewußt.

»Nicht wahr, Sie wundern sich, daß ich so außer mir geraten konnte, weil ich da etwas auf meiner Hand entdecke, das nicht hingehört?« sagte er zu Herrn v. Eichen, der ihm still lächelnd in die gar so merkwürdig flimmernden Augen sah.

Weil aber der alte Herr ihm nicht antwortete, fuhr er hastig fort: »Ich habe nämlich mit dieser beschmutzten Hand gestern abend bei Mühlheims und zwar in Gegenwart Edwinens und ihrer Schwester bei Tische gesessen.«

»Das konnte Sie so außer Fassung bringen?« In Herrn v. Eichens Stimme klang etwas wie Unglauben mit.

»Wenn die Damen es bemerkt haben!« sagte Durand, und sein alter Freund wunderte sich heimlich über den entschieden forschenden Blick, der ihn während dieser Worte aus den Augen Durands traf.

Er begriff dessen Verhalten nicht.

»Beruhigen Sie sich,« sagte er ein wenig verdrossen, »wer hätte denn den Fleck sehen können?«

»Das dachte ich mir soeben auch,« antwortete Durand, wieder in seiner gewöhnlichen Weise, aber er atmete danach tief auf, und in seinen Augen war ein merkwürdiges Aufblitzen.

Herr v. Eichen erhob sich, ging ein paarmal langsam durch das Zimmer, dann blieb er vor Durand stehen und sagte, beide Hände gemütlich in die Taschen seines Beinkleides steckend und sich auf den Fersen wiegend: »Mein lieber Doktor, worüber spintisieren Sie denn eigentlich? Was für ein neuer Gedanke hat Sie da soeben gepackt?«

Durand strich sich über die Stirn. Wieder stieg ihm das Blut ins Gesicht. Er schaute eine Weile vor sich hin, dann schüttelte er den Kopf – – und war nun ganz Verlegenheit.

Endlich sagte er leise: »Ich kann noch nicht reden. Vielleicht ist's barer Unsinn, woran ich denke. Bis jetzt habe ich ja so gut wie gar keinen Anhaltspunkt für meine neue Vermutung, und – ich möchte mich nicht gern blamieren, am wenigsten vor Ihnen, mein verehrter Freund und Gönner.«

Dabei lächelte er zerstreut und griff nach seinem Hut. Wieder fuhr er sich über die Stirn, und wieder huschte eine dunkle Röte über sein Gesicht. »Bezüglich Nadjas und Alexins ist nichts eingelaufen?« fragte er.

Da klopfte der alte Herr ihn auf die Schulter und sagte ein wenig spöttisch: »Daß Sie trotz Ihrer neuen Idee doch noch an die beiden denken! – – Nein, über diesen schwebt auch jetzt noch tiefes Dunkel. Aber – wohin wollen Sie denn so eilig?«

»Darf ich es Ihnen morgen erst sagen?«

»Meinetwegen. Aber ich habe mich schon darauf gefreut, heute mit Ihnen zur »Pfeife«3 zu gehen.«

Durand zog die Uhr. Es war nahe an acht. »Vielleicht komme ich noch hin,« sagte er hastig, drückte kräftig seines alten Freundes Hand und war schon draußen.

Herr v. Eichen blieb noch lang auf der Stelle stehen, wo er gestanden, als der Doktor hinausstürmte. Jetzt war das Nachsinnen über den alten Herrn gekommen.

Endlich fuhr auch er sich über die Stirn und sagte alsdann laut etwas vor sich hin. Er brummte: »Jetzt hat er eine Spur gefunden.«

Danach ging Herr v. Eichen noch lange in seinem Zimmer auf und nieder und dachte über den seltsamen Fall und über das Gebaren seines jungen Freundes nach. Erst gegen halb neun Uhr verließ er sein Bureau und suchte sein Stammgasthaus auf.

– – – – – – – – – – – – –

An der Ecke der Polizeidirektion bestieg Durand einen Fiaker. Der Wagen hatte schon nach etwa zehn Minuten raschester Fahrt sein Ziel erreicht. Es lag im vierten Bezirk, ganz nahe der Elisabethbrücke und der Wiedner Hauptstraße. Das Haus, vor welchem der Wagen anhielt, war eines jener Gebäude, deren Äußeres schon verrät, daß nur arme Leute darin wohnen.

Daß dies tatsächlich der Fall war, zeigte sich sofort. Das Halten eines Wagens mußte einen gewaltigen Eindruck auf etliche seiner Bewohner gemacht haben.

Es öffnete sich zugleich eines der kleinen Fenster im ersten Stock und eine Ladentür.

Oben erschien der Kopf einer alten Frau und unten die schlanke Gestalt eines jungen Mädchens im erhellten Rahmen.

»Ist's der Herr Dokter?« rief die alte Frau herunter, worauf die junge mit einer Verneinung antwortete.

Sie hatte den Passagier schon gesehen, der sich hatte hierher führen lassen. Durand war nämlich schon aus dem Wagen gesprungen und wies den Kutscher an, an der Ecke auf ihn zu warten.

Während die alte Frau, die vermutlich schon lange an dem Lager eines Kranken auf den Arzt wartete, enttäuscht das Fenster schloß, wandte Durand sich an das ihn sichtlich mit Wohlgefallen betrachtende Mädchen, das noch immer in der offenen Tür stand, hinter der ein einfacher Kaffeeschank sichtbar war.

»Bitte, Fräulein, können Sie mir sagen, ob Herr Colmar noch hier wohnt?«

Er zeigte dabei auf das hübsche, elegante Nachbarhaus, ein richtiges Alt-Wiener Familienhaus, wie es deren in den äußeren Bezirken noch zahlreiche gab, die freilich seither dutzendweise den vornehmen Zinspalästen weichen mußten, auf welche die Wiener heute so stolz sind.

Das hübsche Mädchen, es war die Kellnerin des kleinen Kaffeeschankes, zeigte sich sofort zu Auskünften bereit. »Gewiß wohnt er noch da,« begann sie kokett, »das Haus g'hört ja dem Herrn v. Colmar.«

Durand schaute zu den Fenstern des Hauses hinauf. »Er scheint jedoch nicht zu Hause zu sein,« sagte er, »es ist ja da oben alles finster.«

»Haben Sie ihm einen Besuch machen wollen?« fragte das Mädchen.

Durand nickte. »Was tu' ich denn jetzt?« fragte er dann halblaut, wie zu sich selber sprechend.

»Vielleicht warten Sie bei uns drinnen auf ihn,« lud das Mädchen den Herrn ein. »Seine Wirtschafterin ist nämlich auch nicht zu Hause.«

»So – so, und meinen Sie, daß die Frau bald heimkommt?«

»Ich weiß halt nicht.«

»Ich könnte ihr vielleicht auch mitteilen, was mich hierher führt.«

»Sie ist wahrscheinlich in eine Visit' 'gangen. Ich hab' sie wenigstens in großer Gala ausgeh'n seh'n.«

»Und wann pflegt Herr Colmar nach Hause zu kommen?« erkundigte sich Durand, während er in das bescheidene Lokal trat.

Die Kellnerin war nun noch um einige Grade liebenswürdiger. »Was darf ich Ihnen bringen?« erkundigte sie sich und kredenzte dem hier ganz ungewohnt eleganten Gast alsbald wirklich zierlich den von ihm verlangten Likör. »Ja, der Herr v. Colmar, wann der nach Haus' kommt? Ja, das weiß ich erst nicht,« gab sie naiv zu. »Aber schließlich, wenn man etwas sehr Wichtiges mit jemand zu reden hat, so wartet man halt, bis er kommt. Einmal muß er ja doch kommen.«

So plauderte sie, ihre hübschen Zähne zeigend und ihre feurigen Augen nicht übel gebrauchend.

»Ich habe nämlich geglaubt, Herr Colmar sei unwohl und deshalb sicher zu Hause zu treffen,« log Durand.

Die Kleine schüttelte den hochfrisierten Kopf. »O nein,« meinte sie mit großer Sicherheit, »der ist ganz gesund. Er ist fast keinen Abend zu Hause. Was möcht' er denn da auch tun – – allein mit seiner alten Kathi. Er ist ja, glaub' ich, so gut wie Bräutigam, und da geht er halt wahrscheinlich zu der Fräul'n Braut. Vor ein paar Tagen ist er erst gegen zwei Uhr in der Früh nach Haus' 'kommen – – da muß er auf einem Ball gewesen sein.«

»War das nicht am Dienstag?« erkundigte sich Durand.

»Stimmt schon. Ja, am Dienstag war's. Ich hab' so arg Zahnweh g'habt, und die Marktleut' sind auch früher vorübergefahr'n, weil ja Markttag war, und so hab' ich wenig g'schlaf'n. Drum hab' ich g'hört, wie der Herr v. Colmar geläutet hat.«

»Nun, sehen Sie, Fräulein. In jener Nacht war ich mit Herrn Colmar in einer Gesellschaft, und da ist mir etwas Unangenehmes passiert, und deshalb will ich ihn eben aufsuchen.«

»Ja, was ist Ihnen denn passiert?« fragte höchlich interessiert das Mädchen.

»Er und ich hatten gleiche Überröcke, dunkle, kurze Pelzröcke, und die hingen nebeneinander, und da habe ich statt des meinigen den seinigen angezogen.«

»Einen dunklen Pelzrock? Da sind S' aber auf'm Holzweg. Der Herr v. Colmar hat einen kurzen Pelzrock von Pfeffer- und Salzstoff, und außerdem hat er am Montag, wie er gegen Abend weggegangen ist, gar nicht diesen, sondern seinen hellen Überzieher angehabt.«

»So? – Da muß ich also meinen Pelzrock mit dem eines anderen Herrn vertauscht haben.«

»Freilich.«

»Da hat mein Warten auch keinen Zweck mehr,« bemerkte Durand, sich erhebend.

Fünf Minuten später fuhr er wieder der inneren Stadt zu. Es war neun Uhr, als er Herrn v. Eichen begrüßte.

»Nun?« sagte der, indem er dem merkbar sehr Herabgestimmten die Hand reichte.

»Ich bin nervös,« antwortete Durand, während der Kellner ihm die Überkleider abnahm. »Ich sehe mehr, als zu sehen ist. Sie haben recht, mich vor dem »Mich verrennen« zu warnen. Und – lachen Sie mich immerhin aus. Ich bin ausgezogen, um vielleicht einen dunklen Pelzrock zu suchen, und habe einen hellen Überzieher gefunden.«

Mit diesen in sehr ironischem Tone gesprochenen Worten setzte Durand sich zu dem alten Herrn, der in dieser Stunde wieder bewies, daß er ein gar liebes, gutes Herz besaß.

Des sehr niedergeschlagenen Durands Hand tätschelnd sagte er gemütlich: »Also auf einer falschen Spur sind Sie gewesen. Na, nur nicht verdrießlich werden deshalb, so ist es jedem von uns schon hundertmal gegangen. Die Phantasie spielt uns halt auch Streiche – der kühle Verstand lenkt alles wieder ins richtige Fahrwasser. Und jetzt, lieber Eugen, was essen wir denn? Ich denk', es wäre Zeit.«

– – – – – – – – – – – – –

Kurz vor Mitternacht kam Durand vor der Villa Mühlheim an. Er war mit dem Omnibus hinausgefahren, und der alte Wackelkasten hatte viel Zeit gebraucht, die allerdings ziemlich weite Strecke zurückzulegen, denn es herrschte ein tüchtiger Schneesturm. Von der Omnibushaltestelle bis zu der Villa hatte Durand sich zudem ein gutes Stück durch oft meterhohe Schneewehen kämpfen müssen, gerade deshalb aber hatte er das angenehme Gefühl wohligster Wärme und wohligster Frische zugleich, und dieses körperliche Empfinden hatte sich auch seiner Seele mitgeteilt.

Er hatte den Katzenjammer bereits abgeschüttelt, der ihn überkommen, weil er einen ihm unsympathischen Menschen, einer Winzigkeit, einer Winzigkeit und freilich auch einer Lüge wegen durchaus mit der dunklen Affäre König hatte zusammenbringen wollen. Jetzt war er aber schon wieder so unbefangen, daß er sich der ganz ungewöhnlichen Schönheit einer Gruppe verschneiter, uralter Buchen erfreuen konnte, deren weitausladende Äste bis zur Ecke der Villa hinüberreichten, und unter denen tiefer Schatten herrschte.

Der Boden war dort nämlich schneefrei und stach deshalb wie dunkler Samt von der weißlichen Umgebung ab.

Durand hatte von Mühlheim einen Hausschlüssel erhalten. Er konnte also ohne Aufenthalt in sein derzeitiges Heim gelangen. Durch den tiefen Vorgarten schreitend, sandte er einen warmen Blick zu den Fenstern empor, hinter denen jetzt seine Liebste schlief, und war eben im Begriff, den Hausschlüssel zu gebrauchen, als er merkte, daß der eine Türflügel nur angelehnt war. Es führten drei Stufen zur Tür hinauf. Er stieg sie wieder herunter. Er wollte doch nachsehen, ob noch jemand außerhalb des Hauses sei. Vielleicht war noch jemand von der Dienerschaft im Garten. Der Kommerzienrat hatte Nachmittags angeordnet, daß die Rosenbäumchen des öfteren vom Schnee befreit werden müßten. Das geschah vielleicht eben jetzt wieder. Schneite es doch so dicht, daß die Last des Schnees den zarten Bäumchen natürlich nicht zuträglich sein konnte.

Durand arbeitete sich bis zur Ecke des Hauses. Richtig, da war jemand gegangen. Man sah noch ziemlich deutliche Fußspuren. Als Durand die Buchengruppe erreicht hatte, sprang gerade ein Mann vor ihm über die hohe Schneewehe, die sich an der Ecke der Villa gebildet hatte.

»Wilhelm, sind Sie's?« rief Durand.

Er erhielt nicht augenblicklich Antwort. Der Mann, der den tüchtigen Sprung getan, stand schweratmend unter den Buchen. Auch Durand trat jetzt unter deren breites Dach.

»Ein famoses Wetter!« sagte da der andere. »Ich habe mir die Zypressengruppe da drüben angesehen, die kommt morgen in mein Skizzenbuch.«

Herr Colmar atmete noch immer vernehmlich. Das war übrigens auch bei Durand der Fall. Sie hatten eben beide während ihrer nächtlichen Promenade tüchtig mit dem Sturm kämpfen müssen.

»Das heiße ich sich für seinen Gegenstand interessieren,« erwiderte der etwas verwunderte Kriminalist artig.

Colmar mußte gerade recht arg husten. Seine Erkältung schien noch nicht gehoben. Er ging dann mit Durand ins Haus. Die beiden Gasflammen, welche den Flur, die Treppe und die Korridore beleuchteten, waren ziemlich tief niedergedreht. Es herrschte überall nur Dämmerlicht. Vielleicht sah Colmar nur in diesem Halbdunkel so eigentümlich verfallen aus.

Die beiden Herren gingen schweigend nach ihren Zimmern. Sie wollten niemand stören. An seiner Tür angekommen, blieb Colmar stehen und sagte: »Ich bin froh, ins warme Bett zu kommen.«

Dabei reichte er dem zweiten Gast des Hauses seine Hand.

Sie war tatsächlich eisig kalt.

»Die nächtliche Exkursion wird Ihnen natürlich nicht gut getan haben, da Sie ohnehin schon erkältet waren,« entgegnete Durand, sich verabschiedend. Er sagte es wieder sehr freundlich. Gute Menschen drängt es ja ganz besonders, freundlich gegen die zu sein, denen sie irgendwie ein Unrecht getan haben.

Tiefe Stille liegt über dem Hause. Von der nahen Kirche her hallen zwölf Schläge.

Noch ärger als vorher wütet der Sturm, noch dichter fällt der Schnee, der sich in den Lüften mit den anderen weißen Massen mischt, welche schon längst gefallen sind, aber immer wieder aufgewirbelt werden.

Durand steht noch immer am Fenster und schaut in den weißen Aufruhr hinaus. Er überdenkt dabei die Angelegenheit, die derzeit seinen Geist am meisten beschäftigt, und dazwischen die andere Angelegenheit, welche nur sein Herz angeht.

Er sieht dabei auf eine Baumgruppe nieder, welche gar nicht weit vom Hause mitten auf einer Wiese steht und ihre spitzen Wipfel unter den Stößen des Sturmes beugt. »Sind diese da unten Colmars Zypressen?« muß er denken.

Und nachdem Durand jene Frage an sich gestellt, schaut er eine Weile nachdenklich vor sich hin. »Nur nicht verrennen,« sagt er zu sich, »nur nicht sich in eine Idee verrennen!«

Dann geht er zu dem Schrank, in welchem er neben den wenigen Kleidungsstücken, die er sich mit hierher gebracht hat, auch noch etliches anderes verwahrt, schließt ihn auf und entnimmt ihm den in der Radtasche gefundenen Klappschlüssel.

»Dich hätte ich heute bei mir haben sollen!« denkt er, und dann: »Nun, jedenfalls kann man's ja versuchen. » Und er lächelt dabei über seine Halsstarrigkeit.

Noch steht er vor dem offenen Schrank. Er vergißt es ganz, ihn wieder zu schließen. Es fällt ihm soeben ein, daß er seit etlichen Stunden zwei verschiedene Voraussetzungen, zwei Vermutungen wenigstens, hegt, davon die eine die andere kurzweg ausschließt. Denn nimmt er an, daß der Mann im kurzen Pelzrock König gewesen sei, dann hat es keinen Sinn, Colmar für den Radversenker zu halten. Anderseits durfte man wieder annehmen, daß der, welcher den Einbruch fingierte, derselbe sei, der das Rad und den Schmuck in den Tümpel warf.

Das Rad – – ganz gut – das hat der etwa flüchtende König verbergen müssen, um jede Spur hinter sich zu verwischen, den Schmuck aber, sein rechtliches Eigentum, zu versenken, das hätte doch für König keinen Sinn gehabt. Der Mann im Pelzrock wird also doch wohl nicht König gewesen sein. Es war aber einer von denen, die im Wintergarten des Kommerzienrats gewesen waren, das bewies wieder das Farnkrautblättchen.

Nun, Colmar war an jenem Abend in des Kommerzienrats Wintergarten, und Colmar hatte eine Wunde an der Hand, und Colmar interessierte sich ungemein für alles, was etwa über diesen Fall in die Zeitung kam, und Colmar – nun, Colmar machte sich durch allerlei Kleinigkeiten verdächtig.

Durand schloß jetzt den Schrank.

»Nur nicht verrennen,« sagt er noch einmal, und dann fällt sein Blick auf einen Brief, den man auf seinen Nachttisch gelegt hat.

Er öffnet ihn rasch. Der Brief kommt vom Sicherheitsamt. Er enthält nur wenige Zeilen. Sie lauten: »Frau Winter meldete, daß ein Schneider den kurzen pelzbesetzten Dreßrock Königs gebracht habe. Der Mann hat ihn von König zur Neufütterung erhalten, wovon Frau Winter nichts wußte. Auch hat sich der Bankier Leopold Mayer bei der Polizei eingefunden und angegeben, daß einer seiner Beamten am 3. März Nachmittags bei König gewesen sei und diesem ein gekündigtes Depot im Betrage von 2430 Gulden überbracht habe. König war am Vormittag des 3. März bei dem ihm befreundeten Bankier gewesen, um ihn zu ersuchen, das Geld flüssig zu machen und es ihm zu senden. Der Beamte, der es ihm überbracht, hat die zweifellos von Königs Hand unterzeichnete Quittung seinem Chef übergeben. Derzeit befindet sich der betreffende junge Mann auf einer Geschäftsreise.«

Das liest Durand, während ein ironisches Lächeln seinen Mund umspielt. Dieses Lächeln gilt ihm selber, das sagen seine Worte.

»Also 2430 Gulden hat er flüssig gemacht. Aber mit 2430 Gulden geht ein Mann wie König mit einem Weibe, wie Nadja eines ist, nicht durch.«

Eine Weile noch schaut Durand auf die erhaltene Nachricht, dann legt er sie hin und legt sich gähnend ins Bett.

»Nur nicht verrennen,« sagt er noch halb im Schlaf.


Elftes Kapitel.

Am Abend des 7. März saßen die Töchter Mühlheims an einem Fenster des Wintergartens und blickten auf den Park hinaus, auf dessen verspäteter Winterpracht die letzten Sonnenstrahlen lagen.

Die Schwestern waren nicht allein.

Auch Erich war da und sein Hofmeister und die hübsche Lisi. Alle bemühten sich, die arme Lena aus ihrem peinvollen Sinnen zu reißen.

Aber dies gelang ihnen nicht recht. Sie mochten was immer für Themata anschlagen, keines war im stande, Lenas Aufmerksamkeit zu fesseln. Wenn sie sich auch zuweilen aufraffte, um eine Frage zu beantworten, oder wohl gar selber eine Bemerkung zu machen, fiel sie doch bald wieder in ihr schmerzliches Brüten zurück.

Erich, der nicht übermäßig viel Geduld besaß, wußte bald nichts mehr zu sagen, und so half er denn Lisi, die welken Blätter zu sammeln, welche sich an den vielen Pflanzen vorfanden. Bei dieser Gelegenheit kamen die beiden dazu, einen Blick auf den Platz hinunter zu tun, der sich dicht unter dem Hause hinbreitete. Im Sommer gab es da eine kleine Wiese, in deren Mitte eine Zypressengruppe stand, jetzt ragte die Gruppe der prächtigen, alten, düsteren Bäume aus tiefem Schnee auf, auf welchem es, ebenso wie auf ihnen selber, flimmerte und blitzte, als hätte man Millionen Brillanten darüber hingestreut.

»Das Schönste, dieses Flimmern, kann Colmar doch nicht malen,« sagte Erich laut zu den anderen hinüber. Da kamen auch die beiden Mädchen heran und schauten auf den fleißigen, ganz in seine Arbeit vertieften Künstler hinab. Colmar saß in einem dicken Jagdpelz und hohen Stiefeln auf einer der Gartenbänke und malte eifrig darauf los. Er hatte nicht sein Skizzenbuch, er hatte seine Staffelei und Leinwand mitgenommen. Seine Riesenpalette war mit nur wenigen Ölfarben besetzt. Er hatte, man konnte es von hier oben aus recht gut sehen, in den paar Stunden, während deren er arbeitete, schon recht viel geleistet.

Erich bekam plötzlich Lust, zu ihm hinabzugehen, verschwand aus dem traulichen Raum, und gleich danach sah man ihn unten auftauchen und neben Colmar treten.

»Schade, daß er ihn gerade jetzt stört,« meinte Herr Braun, »und daß Herr Colmar sich stören läßt. Er wird vielleicht nicht wieder so schöne Lichteffekte haben.«

»Er ist nervös, er kann nicht malen, wenn man ihm zusieht,« erklärte Lena und setzte aufseufzend hinzu: »Das hat mir Hans einmal gesagt.«

»So? – – Das ist mir neu,« erwiderte Edwine. »Ich begreife übrigens diese Art von Nervosität. König hat ihn wahrscheinlich in seinem Atelier aufgesucht und ist bei dieser Gelegenheit darauf gekommen.«

»Ja, wahrscheinlich bei solch einer Gelegenheit. Ich weiß mich nicht mehr so recht darauf zu erinnern.«

Lena versank gleich wieder in ihre Lethargie. Sie wurde aber energisch daraus erweckt. Ihr Vater und Durand waren eingetreten, auch letzterer ohne Hut, woraus Edwine sofort erfreut schloß, daß er nicht gleich wieder gehen wolle.

Lena hatte sich erhoben. Sie sah ihren Vater angstvoll fragend an. Er faßte ihre Hand und sah sie dann, leise den Kopf schüttelnd, traurig an.

»Du kommst aus der Stadt, Papa?« forschte sie zitternd.

»Ja, mein Kind.«

»Du kannst mir wieder nichts sagen?«

»Nichts, Lena. Nichts Gutes und nichts Schlechtes.«

»Und warst doch bei Herrn v. Eichen?«

»Gewiß, Liebling. Auch Herr Eugen war mit mir bei unserem alten Freunde.«

Lena streckte Herrn Durand die Hand hin, die er an die Lippen drückte.

»Sie waren also auch bei Herrn v. Eichen?« fragte Edwine, sich zu Durand wendend. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln glitt dabei über ihr liebes, in diesen Tagen der Aufregung auch ein wenig schmäler gewordenes Gesicht. »Wie gefiel Ihnen der alte Herr?«

»Sehr gut,« lautete die Antwort. »Ihn zum Freund zu haben, das muß ein gutes Gefühl sein.«

»Und ist eine Gewähr dafür, daß er einen für einen Vollmenschen hält,« fügte Mühlheim mit Betonung hinzu.

Er sah nicht, daß Edwinens Augen aufleuchteten, daß ein frohes Lächeln ihre Lippen umspielte, aber er wunderte sich ein bißchen darüber, daß dieser Doktor, dieser angebliche Durand, der bis jetzt die Erwartungen, die man in ihn gesetzt, noch gar nicht erfüllt hatte, und den er trotzdem schon geradezu ins Herz geschlossen, Edwine innerhalb zweier Minuten schon zum zweiten Male die Hand küßte.

Auch Herrn Braun war dies aufgefallen. Er lächelte und sah dann vergnügt von Fräulein Edwine auf den Elsässer Besuch, der es viel besser als Herr Colmar verstand, die junge Dame erröten zu machen.

Als Braun gleich danach aus dem Wintergarten ging, den soeben auch Lisi verlassen hatte, erreichte er diese noch im Korridor.

Hand in Hand gingen die zwei die Stiege hinunter.

»Du, mir scheint, zwischen Fräulein Edwine und Herrn Durand spinnt sich etwas an,« sagte Braun.

Da schüttelte Lisi den Kopf ganz entrüstet: »Was fällt dir ein! Hab' ich dir's nicht gesagt, daß sie schon einen liebt?«

»Den sie nicht kriegen kann.«

»Wenn auch. Edwine denkt nicht daran, ihm untreu zu werden.«

»Kleine Schwärmerin! Und du könntest du an einen anderen denken und ihm süß zulächeln, wenn du mich durchaus nicht bekommen könntest?«

Lisi hatte eine gar liebe Antwort auf diese Frage. Ihre Augen wurden feucht, und sie küßte ihren Verlobten, auf den sie gewiß noch lang, recht lang warten mußte.

Und dann hatte auch sie eine Frage. »Hat Edwine dem Herrn Durand auch wirklich süß zugelächelt?« fragte sie ungläubig.

Braun nickte. »Süß, wundersüß!« sagte er herb. »Ich verstehe mich doch darauf.«

»Dann verstehe ich sie nicht mehr,« sagte entrüstet Lisi, die so viel auf Treue hielt. –

Etliche Minuten später ging Braun auf Colmar zu, neben welchem Erich auf der Bank kauerte und sichtlich fror.

»So laufen Sie doch ein bißchen herum, oder wollen wir mit Schneebällen werfen? Sie sind doch nicht warm genug gekleidet, daß Sie wie Herr Colmar im Freien sitzen können,« ermahnte Braun seinen Schüler.

»Das stört Herrn Colmar,« entgegnete Erich. »Auch hat er mir gezeigt, wie man die Halbschatten anlegt.«

»Merkwürdig!« dachte Braun. »Zu einer Lektion dieser Art ist es denn doch ein bißchen zu kalt hier.«

»Kommen Sie mit mir auf die große Wiese,« sagte er, »dort wollen wir einen Schneeballkampf ausfechten.«

Colmar wollte etwas reden. Aber er tat es nicht. Er schaute den beiden Weggehenden nur mit einem seltsamen Blick nach, dann malte er eifrig weiter.

Die im Wintergarten oben hatten, über allerlei redend, die kleine Szene beobachtet. Durand stand dicht neben Edwine. Seine Hand streifte die ihrige – – weder Mühlheim noch Lena konnten es gewahren; aber jetzt konnten beide bemerken, daß es wie ein Ruck durch Durands Körper ging, und Edwine war heimlich erst recht verwundert, denn sie fühlte plötzlich ihre Hand fest umspannt.

»Jetzt hört er endlich zu malen auf,« sagte Lena.

Auch Durand sagte etwas, sprach aber merkwürdig langsam, wie aus tiefen Gedanken heraus: »Und er malt mit der linken Hand.«

»Ja, Herr Colmar ist ein Linkshänder,« bestätigte Edwine. »Es ist nicht das einzige, das mir an ihm nicht gefällt.«

Sie sah dabei wie zufällig ihren Vater an, begierig, welchen Eindruck ihre Worte auf ihn machen würden.

Herr v. Mühlheim war nicht ungehalten darüber. Aber es kam von einer Seite, von der Edwine es am wenigsten erwartet hatte, Beistand für Colmar.

Lena legte ihre Hand auf den Arm der Schwester und bat: »Rede nicht unfreundlich von ihm. Bis vor kurzem war er mir auch nicht sympathisch, ich hielt ihn für einen Menschen mit allerlei Fehlern. Nun, diese hat er ja auch gewiß, aber er hat auch ein warmes, treues Herz. Er muß gar innig an meinem armen Hans gehangen sein, denn dessen Verschwinden hat ihn furchtbar erregt. Gestern ist er hier bei mir gewesen und hat bitterlich mit mir um den geweint, den auch er so lieb gehabt hat.«

»Aber Lena! Rege dich doch nicht auf! Gewiß, solche Treue gefällt auch uns, aber nun rede ja nichts mehr, Herzchen, werde nur wieder ruhig!«

So sprach Edwine zärtlich auf ihre Schwester ein, welcher schwere Tränen über die Wangen rollten.

– – – – – – – – – – – – –

Eine halbe Stunde später ging man zu Tisch. Es geschah ohne Lena. Diese hatte sich mit Lisi in ihr Zimmer zurückgezogen.

Neben Colmars Gedeck lag eine Zeitung. Mühlheim hatte sie bei des Malers Eintritt mit freundlicher Feierlichkeit hingelegt.

Colmar ahnte wohl schon, was das Blatt Interessantes für ihn enthielt, denn eine helle Röte flog, als er es gewahrte, über sein hübsches Gesicht, und da er die Zeitung entfaltete, zitterten seine Hände. Er mußte recht nervös sein.

»Ich gratuliere Ihnen,« sagte Mühlheim, ihm die Hand reichend, »Schmeichelhafteres kann man kaum mehr über ein Bild berichten, als da über Ihren »Aufstand polnischer Bauern« geschrieben wurde.«

»Wer hat denn diesmal kritisiert?« fragte – ihre Lippen zuckten merklich dabei – Edwine.

Es wurde ein bedeutender Kunstkritiker genannt, der an Königs Stelle getreten war.

Jetzt erst reichte auch die junge Dame Colmar ihre Hand und sagte: »Nehmen Sie auch meine Gratulation entgegen.«

»Ach, hätte doch lieber König geschrieben!« schaltete Erich ein. Da knisterte die Zeitung in Colmars Hand, und leise, ganz leise, sagte er: »Ja, hätte doch lieber König das geschrieben!«

Klang das wirklich so ausnehmend düster? Oder kam es nur Durand so vor, als habe Colmar die paar Worte durch geschlossene Zähne gesagt?

Sie wurden indessen, fast gleichlautend, noch einmal wiederholt. Mühlheim tat es, als er sich neben Colmar niederließ. Aber der lebensfrohe Mann wollte eine gar zu traurige Stimmung nicht aufkommen lassen. Er klopfte Colmar freundschaftlich auf die Schulter und sagte . » Jetzt aber lesen Sie!« Und sich Durand zuwendend fuhr er fort: »Es ist ein prachtvoll geschriebener Artikel, und Colmar wird darin in die erste Reihe unserer bildenden Künstler gestellt. Na, morgen muß ich endlich auch das Bild sehen. Es haben ja nicht nur die Toten ihr Recht!«

Ganz unversehens war der Kommerzienrat wieder auf das traurige Thema gekommen. Es war diesem eben nicht zu entrinnen.

Auch Colmars Augen, in denen einen Moment lang ein Leuchten des Triumphes aufgeblitzt hatte, erloschen wieder, und er legte das Blatt, darin er kaum erst zu lesen angefangen, ganz still zusammen und steckte es in die Tasche.

Das gefiel Edwine Sie nickte ihm freundlich zu.

Ob es auch Herrn Durand gefiel, konnte man nicht erkennen. Sein Gesicht drückte nichts als achtungsvolle Teilnahme aus.

Im übrigen hatte er jetzt auch keine Gelegenheit mehr, bei Colmar ebenfalls seine Gratulation an zubringen, denn es wurde schon serviert.

Man trug das Nachtmahl heute so ungewöhnlich zeitig auf, weil Colmar gegen acht Uhr am Südbahnhof eintreffen mußte. Als er Mittags in seiner Wohnung gewesen war, hatte er dort ein Schreiben von einem Kunsthändler vorgefunden. Dieser Mann – so hatte Colmar erzählt – wollte eines Bildverkaufes halber vor seiner Abreise noch mit ihm sprechen. Danach hatte man sich bezüglich des Abendessens gerichtet, denn man wollte nicht, daß Colmar in der großen Kälte, welche derzeit herrschte, den weiten Weg machen solle, ohne ordentlich gegessen zu haben. Auch wußte man, daß er eben jetzt nicht ganz wohl sei und schon deshalb Rücksicht verdiene.

Tatsache war es, daß Colmar, trotzdem er fast den ganzen Nachmittag im Freien gewesen, wenig Eßlust zeigte und zerstreut war. Vielleicht hatte die Besprechung mit dem Kunsthändler eine große Wichtigkeit für ihn. Kurz, er aß so wenig und dieses Wenige so hastig, als die Artigkeit es eben noch gestattete, bat dann, merklich schon nervös geworden, sich entfernen zu dürfen, und ging.

Die anderen blieben noch bei Tische sitzen. Man trug soeben Obst und Käse herein, als Wilhelm ein Telegramm brachte. Es war an Herrn Eugen Durand gerichtet.

Als dieser es öffnete, waren zwei Paar Augen mit hohem Interesse auf sein Gesicht gerichtet. Diese Augen gehörten Edwine und ihrem Vater.

Aber Durands Gesicht verriet nichts Besonderes, nur ein klein wenig Ärger, und Durands Stimme war ganz ruhig, als er sagte: »Mein gnädiges Fräulein – Herr Kommerzienrat! Leider muß auch ich mich sofort entfernen. Einer meiner Bekannten aus Nancy ist angekommen und beruft mich für heute noch zu sich ins Hotel. Da eine Absage nicht mehr gut möglich ist–«

»Aber entschuldigen Sie sich doch nicht lange. Es ist ja selbstverständlich, daß Sie gehen,« sagte Edwine, ihm, der neben ihr saß, die Hand reichend. Da fiel gerade seine Serviette zu Boden, und während er diese aufhob, flüsterte er seiner Nachbarin ein einziges Wort zu: »Nadja.«

Edwine wußte sich zu beherrschen. Sie hatte schon durch ihn, der ja von ihr auch allerlei Auskünfte brauchte und der ihr schon aus diesem Grunde den Gang der Untersuchung mitgeteilt hatte, erfahren, welche Rolle möglicherweise diese Nadja spielte. Es wäre also nicht verwunderlich gewesen, wenn sie allenfalls bei Nennung dieses Namens zusammengezuckt wäre. Aber sie zeigte keinerlei Bewegung dabei; sie lächelte nur freundlich und wandte sich dann mit irgend einer Bemerkung an Herrn Braun.

Durand hatte sich erhoben.

Auch Herr v. Mühlheim war aufgestanden. Er war ja ein sehr artiger Mann, aber sonst tat er doch nie, was er jetzt tat. Er begleitete seinen jungen Gast bis zur Tür.

Ein Wink mit den Augen, den Durand ihm von den anderen unbemerkt hatte zukommen lassen, war die Ursache dieser besonderen Artigkeit gewesen.

Als Durand ihm die Hand reichte, blieb in der seinigen das Telegramm zurück. – –

Einige Minuten später erinnerte sich Mühlheim daran, daß er noch einen Brief schreiben müsse, und zog sich in sein Zimmer zurück.

Mit wenigen Schritten hatte er seinen Schreibtisch erreicht. Sich daran niederlassend entfaltete er mit ein wenig zitternden Händen das Telegramm. Es meldete: »Das Original des Bildes und vielleicht noch einer, der bei N. ist, reist heute mit dem Abendschnellzug der Nordbahn ab. Klesing.«

»Also Nadja ist gefunden!« murmelte Mühlheim, während er das Telegramm in seinem Schreibtische verschloß. Mitten in dieser Beschäftigung hielt er inne. »Und noch einer!« murmelte er. Er sah sehr befriedigt aus. Es kam ja nun endlich diese peinvolle Angelegenheit in Gang und mußte sich schließlich doch bald so oder so aufklären.

Noch einmal nahm Mühlheim die Depesche aus dem Schubfach. Er suchte nach der Aufgabezeit.

Sie war um sieben Uhr fünfundvierzig Minuten aufgegeben worden, und jetzt war es acht Uhr dreißig Minuten.

Die Nachricht war überaus schnell an ihr Ziel gelangt. Natürlich. Es war eine amtliche Depesche. Sie hatte ohne Verzögerung weitergegeben werden müssen.


Zwölftes Kapitel.

Gegen halb sieben Uhr dieses Tages war es gewesen, als ein Mann eilig über den Stephansplatz ging, um einen schon im Wegfahren begriffenen Omnibus noch zu erreichen. Es gelang ihm auch, an den Wagen heranzukommen, und er war eben im Begriff, hinaufzuspringen – – aber er tat es nicht, sondern ließ die schon ergriffene Stange des Wagens wieder los und ging dann, bei weitem weniger eilig als früher, in der Richtung, aus welcher er hergekommen war, wieder zurück.

In dieser Richtung gingen gar viele Leute; sie drängten sich sogar an der Ecke der Rotenturmstraße. Dadurch entstand eine kleine Stauung, und es gelang dem Manne, der die beabsichtigte Omnibusfahrt so plötzlich aufgegeben hatte, an die Seite einer Dame zu kommen, die gleich den anderen Passanten gezwungen war, ein Weilchen stehen zu bleiben.

Es war eine junge, schlanke Dame. Sie war in tiefe Trauer gekleidet. Unter ihrem mattschwarzen Hut glänzte wunderschönes, hellblondes Haar.

Dieses ungewöhnlich schöne Haar hatte vorhin des Mannes Blicke auf sich gezogen, hatte ihn dazu veranlaßt, der Eigentümerin zu folgen. Ihr Gesicht hatte er auch jetzt noch nicht gesehen, soeben jedoch wendet sie es ihm zu.

Da tut er verstohlen einen tiefen Atemzug, flüstert ganz leise: »Na – endlich!« und ist sehr befriedigt.

Seit drei Tagen interessieren ihn nämlich blonde und schlanke junge Damen ganz ungemein, und wo er auf seinen Gängen einer solchen Dame gewahr wurde, schaute er ihr unter den Hut. Aber waren auch recht hübsche Blondinen darunter gewesen, so hatten ihn ihre Gesichter doch unbefriedigt gelassen, denn keines glich dem wunderschönen Antlitz, dessen Abbild derzeit nicht nur er, sondern auch noch gar viele andere Männer auf ihrer Brust trugen, und dessen feinste Linien er auswendig kannte, denn er hatte gleich jenen vielen anderen Männern mit außergewöhnlichem Interesse Zug für Zug dieses Gesichtes studiert. Auch wußte er, daß das Original des Bildchens goldblond sei, wenn ihr Haar inzwischen nicht eine andere Farbe erhalten hatte, daß es jedoch bestimmt dunkeläugig sei und daß es vermutlich, wenn es überhaupt Deutsch zu reden verstand, ein fremdklingendes Deutsch rede.

Letztere Charakteristika waren auf der Rückseite der interessanten Photographie vermerkt, und deshalb waren goldblonde, dunkeläugige junge Schönheiten derzeit gar so gesucht.

Diejenige, welche von Klesing entdeckt worden war, ging, als sich der Menschenknäuel löste, langsam die Rotenturmstraße hinunter. Vor einer Buchhandlung blieb sie stehen. Es waren da etliche neu erschienene Bücher im Ladenfenster ausgestellt.

Die junge Dame trat in das Geschäft, bei dessen Personal sie sofort Aufmerksamkeit erregte. Zwei der jungen Herren, welche soeben unbeschäftigt waren, beeilten sich, ihre Wünsche in Erfahrung zu bringen. Sie waren um die schöne Kundin so eifrig bemüht, daß sie auf das Erscheinen des Mannes, der gleich nach ihr das Geschäft betrat, gar nicht achteten.

Dieser Mann tat übrigens auch gar nichts, um irgend jemandes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Gehörte es ja mit zu seinem Beruf, sich so unauffällig als irgend möglich zu geben.

Er begann hinter dem Rücken der beiden Verkäufer scheinbar die auf dem Ladentisch ausgelegten Bücher anzusehen, aber er beaugenscheinigte nicht nur diese, sondern auch die blonde Dame.

Es blieb kein Zweifel. Das war Nadja K.

»Womit kann ich dienen, meine Gnädige?« fragte in seelenvollen Tönen der eine der Verkäufer.

Die Dame verlangte im bestem, aber doch fremd klingendem Deutsch einige Bände aus der »Union-Sammlung moderner Romane« .

»Aha.« dachte Klesing, »da heißt es auf der Hut sein, daß das Vögelchen nicht entkommt!«

Ganz zufällig schauten Nadjas schöne, ernste Augen einen Moment lang in die seinigen, und da sah er etwas darin, das zu jenem allen Respekts ermangelnden Ausdruck »Vögelchen« gar, aber wirklich gar nicht paßte.

Der Ausdruck dieses Gesichtes, dieser Augen ergriff ihn ganz plötzlich so sehr, daß ihm – es geschah ihm das zum ersten Male in seiner langen Amtstätigkeit – dieselbe zuwider wurde. Er hatte dabei das ganz klare Bewußtsein, daß die Schönheit der Fremden keinerlei Einfluß auf ihn ausübe, sondern daß irgend etwas in ihrem Wesen ihn zu so tiefer Teilnahme stimmte.

Klesing unterdrückte jedoch bald alle privaten Empfindungen und war nun wieder nur noch der ruhig Beobachtende.

»Und auch Gerhard Rohlfs Werk über die Libysche Wüste möchte ich,« sagte die Dame mitten in Klesings kurzes Sinnen hinein. Sie ließ sich dabei auf den Sessel nieder, den man ihr überaus höflich angeboten hatte. Die beiden Verkäufer hielten mit dem Herbeischleppen der neuesten Belletristik inne.

»Bedaure dieses Buch haben wir nicht auf Lager,« sagte der jüngere von ihnen.

Der andere war schon gewandter, der setzte rasch hinzu: »Aber ich werde es sofort besorgen. Ich werde es heute noch der gnädigen Frau zusenden, wenn uns Gnädigste Ihre Adresse geben wollen.«

Klesing las plötzlich sehr aufmerksam in einem der Bücher. Er hielt es vor sein Gesicht. Dieses drückte jetzt große Spannung ans. Aber das sah niemand. »Was wird sie jetzt antworten?« dachte er.

Und sie antwortete: »O nein – lassen Sie die Besorgung nur. Ich könnte die Zusendung nicht abwarten, denn ich fahre heute noch weg.«

»Gewiß gegen Norden, Gnädigste?« fragte, sehr viel Bedauern in seine Stimme legend, der Verkäufer.

»Mit der Nordbahn – – ja,« entgegnete die Dame ein wenig kurz und abwehrend, während sie drei der ihr vorgelegten Bände zur Seite legte.

Danach aber tat sie eine Frage. Sie erkundigte sich nach der genauen Abfahrtszeit des Abendschnellzuges nach Brünn, und es wurde ihr bereitwillig Auskunft gegeben.

Während dies der ältere der beiden Verkäufer besorgte, klopfte Klesing den jüngeren auf die Achsel und sagte zu dem sich zu ihm Wendenden: »Ich möchte dieses Buch da. Wieviel kostet es?«

Die Broschüre, welche Klesing zufällig zur Hand genommen hatte, war das Werk eines berühmten Astronomen. Es behandelte den Weltenlauf eines unlängst von ihm entdeckten Sternes und war nur für Fachleute geschrieben.

Verwundert schaute der Verkäufer sich den Mann an, der diese hochwissenschaftliche Schrift begehrte. Aber wie wenig gelehrt der Käufer auch aussah, konnte er ihn doch nicht auf den nur wenigen verständlichen Inhalt der Broschüre aufmerksam machen.

»Vielleicht kauft er sie im Auftrag eines anderen,« dachte der junge Mensch, reichte sie ihm, rief den Preis zur Kasse hinüber und kehrte eiligst zu der schönen Dame zurück, die sich soeben auch erhob, um das Paketchen, das man für sie bereitete, in Empfang zu nehmen.

Inzwischen hatte Klesing schon gezahlt und verließ das Geschäft. Etliche Minuten später trat auch Nadja K. aus dem Buchladen. Sie wandte sich nach einigem Zögern wieder dem Stephansplatze zu.

Sie betrat den Dom.

Der glückliche Besitzer der astronomischen Schrift blieb immer in ihrer Nähe.

Sie ließ sich auf einer der Bänke nieder. Er tat dasselbe, nur versank er nicht, wie sie, in Andacht, sondern zog ein Notizbuch hervor und schrieb einige Zeilen, dann löste er das beschriebene Blatt ab, beschrieb ein zweites, löste auch dieses ab und faltete jedes der Papiere zusammen. Eins von ihnen kuvertierte er. Das Notizbuch steckte er wieder zu sich und sah dann auf seine Uhr.

Sie zeigte zwanzig Minuten über sieben. Klesing nahm jetzt seine Börse aus der Tasche und versah sich mit zwei Gulden.

Dabei bemerkte er, daß die blonde Dame, welche zwei Bänke weiter vorn saß, denn doch nicht nur mit Beten beschäftigt war.

Es war ein Herr in ihre Nähe gekommen. Da schaute sie auf. Und dann tat sie, was soeben Klesing getan hatte. Auch sie blickte auf ihre Uhr.

Es mußte eine Uhr mit Metallmantel sein. Klesing hatte ganz deutlich das Zuschnappen des Deckels gehört.

»So – so!« dachte er. »Man ist also nicht allein der Andacht wegen hier, sondern man wartet auf jemand.«

Wer immer dieser Jemand sein mochte, besondere Eile hatte er jedenfalls nicht. Oder war Nadja K. zu früh gekommen?

Es mochte so sein, denn, nachdem sie sich bezüglich der Zeit orientiert hatte, erhob sie sich und ging aus der Kirche.

Auch Klesing tat dies.

Sie wandte sich diesmal nach der Kärntnerstraße und trat in eine Wechselstube. Klesing begnügte sich diesmal damit, sie von dem Trottoir aus zu beobachten. Sie legte etliche Banknoten auf den Tisch.

Klesing nahm den Zettel aus dem Kuvert, schrieb noch einige Worte darauf, verwahrte ihn wieder und verschloß dann das Kuvert.

Um diese Zeit schaute die blonde Dame wieder auf ihre Uhr.

Klesing winkte einem Dienstmann, der gleich einem anderen Kollegen dicht neben der Wechselstube seinen Standplatz hatte.

Er gab dem Mann den einen offenen Zettel, auf welchem er auch noch zwei Worte geschrieben hatte, und einen Gulden.

»Laufen Sie zur nächsten Polizeistation und geben Sie dort dem diensthabenden Beamten sofort diesen Zettel. Hören Sie? Dem diensthabenden Beamten und sofort.«

»Dem diensthabenden Beamten – sofort,« wiederholte der Dienstmann und eilte davon, während Klesing sich des zweiten Boten versicherte, der schon aufmerksam hergesehen und den Wink sogleich bemerkt hatte.

Diesen sandte er – ebenfalls mit der Weisung, so schnell als möglich seinen Auftrag zu erfüllen – zur Polizeidirektion.

Das Briefchen, welches er ihm mitgab, trug die Adresse des Oberpolizeirats v. Eichen.

Bald nachdem die beiden Zettel besorgt waren, kam Nadja K. aus dem Geschäfte.

Sie richtete ihre Schritte wieder zur Stephanskirche, und wieder ließ sie sich, wie vorhin, in der Nähe der Kanzel nieder.

Klesing blieb diesmal hinter einem der nächsten großen, vielgegliederten Pfeiler stehen, welche das Hauptschiff des Domes von den Nebenschiffen trennen, und dessen tiefer Schatten ihn fast verschlang.

Nadja K. saß im hellen Lichte. Ganz nahe von ihr versandte eine Lampe ihre milden, weißen Strahlen, davon gar mancher ihr helles Haar erglänzen machte.

»Warum sie sich's nicht gefärbt hat?« fragte sich Klesing einigermaßen verwundert.

Mit der Andacht der schönen blonden Dame war es nicht weit her. So oft ein Schritt sich in ihrer Nähe hören ließ, erhob sie die Augen.

Als die Kirchenuhr zum Schlag der achten Stunde ausholte, wurde sie sichtlich unruhig. Sie schaute auch wieder einmal nach ihrer Uhr. Es war kein Zweifel möglich, es schlug acht.

Sie erwartete offenbar jemand, und zwar mußte dieser jemand ein Herr sein, denn nur wenn ein solcher durch die Kirche ging, hefteten ihre Augen sich auf ihn.

Aber daß dieses Stelldichein mit Verliebtheit nichts zu tun hatte, war leicht zu erkennen. Nadjas Augen blickten so finster, und ihr jetzt so blasses Gesicht hatte einen so ernsten Ausdruck, daß Klesing schier Mitleid mit ihr hatte, auch Mitleid, weil sie gar so unruhig wurde.

Was stand wohl für sie auf dem Spiele, wenn der, den sie erwartete, etwa nicht kam?

Aber – er kam!

Schon von weitem sah sie ihn.

Sie schnellte fast empor und konnte dennoch nicht sogleich die Bank verlassen. Vielleicht zitterte ihr Herz zu sehr, oder vielleicht auch nur ihre Kniee. Jedenfalls bedurfte sie einer gewissen Anstrengung, um ihm entgegengehen zu können. Ihr Gang war jetzt ebenso steif, als er früher leicht und elastisch gewesen.

Und auch der von ihr doch sicherlich sehnsüchtig Erwartete kam merkwürdig steif daher. Auch er mußte sie sogleich erblickt haben. Nun ja, es waren ja auch nur wenige Menschen in dem Riesenraum des alten Gotteshauses.

Gerade unter einer der Leuchten trafen sie zusammen. Das Licht fiel auf zwei blasse Gesichter.

Die zwei gaben einander nicht die Hand. Sie nickten einander nur kurz zu, und dann schritten sie zum Ausgang der Kirche.

Wie ihr Schatten folgte ihnen Klesing, der immer wieder dachte: »Die führt nicht die Liebe, die führt die Schuld zusammen.«

Er war jetzt noch vorsichtiger, als er es früher gewesen, denn er bemerkte, daß der Herr unruhig um sich schaute.

Vor dem Kirchenportal hielt ein Fiaker. Nadjas Begleiter eilte auf ihn zu und riß den Schlag auf.

Aber die Dame stieg nicht ein. Was die beiden miteinander redeten, konnte Klesing nicht verstehen, denn sie sprachen Französisch.

Er sah jedoch, daß der Herr dem Kutscher eine Fünfguldennote reichte und ihm, der vermutlich zurückgeben wollte, ungeduldig abwinkte.

Der Arm, den er alsdann Nadja bot, wurde nicht angenommen. So gingen sie also nur dicht nebeneinander der Wollzeile und dann der Ringstraße zu.

Sie redeten leise, aber bisweilen doch auch heftig miteinander, dann wurden ihre Worte Klesing vernehmbar. Dies nützte ihm jedoch nichts, denn er verstand ja nicht, was sie redeten.

So viel jedoch ergab die Art ihres Redens, daß die beiden über den Gegenstand ihres Gesprächs durchaus nicht einer Meinung waren.

Am Ausgang der Wollzeile ist ein Mietwagenstandplatz. Da versuchte Nadjas Begleiter abermals, sie zum Fahren zu bewegen. Sie jedoch wollte durchaus gehen. Eilig schritt sie der Ringstraße zu.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Er tat es mit sehr verbissener Miene, und – Klesing sah dies ganz genau – – die Hand, die er schon auf den Griff der Wagentür gelegt hatte, die ballte sich, als der blasse Mann sie niedersinken ließ.

Blaß war er, ja sogar recht blaß war er, der hübsche, elegante Begleiter der schönen Russin, und auch er schien recht unruhig zu sein. Nicht derart unruhig, daß er etwa durch sein Gehaben Furcht vor Verfolgung verraten hätte, denn er beachtete jetzt die anderen Passanten nicht im geringsten, wohl aber unruhig in Bezug auf die junge Dame, die ihm zwar ein Stelldichein gegeben hatte, aber derzeit wenigstens auffallend ungnädig gegen ihn war.

Auf dem ganzen Weg vom Stephansdom bis zum Nordbahnhof hielt Klesing, während er die zwei beobachtete, auch noch Ausschau nach einem Geheimpolizisten; aber es kam ihm auch nicht einer seiner Kollegen in den Weg.

In der Bahnhofshalle selber aber gewahrte er einen Mann, der da in der Nähe der Kassen langsam auf und nieder schritt. Er trug eine kleine Reisetasche und sah so aus, als ob er sich recht langweile.

Als die blonde Dame für ihn in Sicht kam, wurde sein Blick ein wenig lebhafter. Er erblickte fast gleichzeitig auch Klesing.

Eine Minute später stand dieser und er nebeneinander vor einem Fahrplan.

Sie schienen eifrig zu lesen. »Wenn die Blonde und ihr Begleiter sich hier trennen sollten, nimmst du ihn auf dich,« sagte Klesing, dann wandte er sich wieder der säulengetragenen Halle zu.

Es waren nicht viele Leute da.

Die Passagiere zu dem bald fälligen Personenzug hatten sich wohl zumeist schon in die Wartesäle begeben; nur einzelne Nachkömmlinge eilten noch zur Personenzugskasse.

Diejenige für die Schnellzüge war noch nicht geöffnet. Es war auch noch nicht viel über neun Uhr, und der Schnellzug ging erst um neun Uhr fünfundvierzig ab.

Nadja und ihr Begleiter begaben sich in das im ersten Stockwerke gelegene Restaurant.

Klesing, vollständig sicher darüber, daß noch keines der beiden ihn bemerkt habe, setzte sich ganz in ihre Nähe.

Er hoffte, daß Durand nun bald eintreffen würde, und wollte ihm Gelegenheit verschaffen, sie reden zu hören.

Diese ergab sich ganz unauffällig, wenn Durand, der ihn doch gewiß hier suchte, sich zu ihm setzte.

Nadja bestellte eine fertige Fleischspeise und Tee.

Ihr Begleiter hatte ihr artig aus ihrer Pelzjacke, die sie der hier herrschenden Wärme halber geöffnet hatte, helfen wollen.

Aber sie wehrte seine Hilfe ab.

Aufseufzend erhob er sich und verließ den Saal.

Zu gleicher Zeit fiel es einem Mann, der bescheiden beim Eingang gesessen und der eine kleine Reisetasche trug, auch ein, daß er draußen noch etwas zu tun habe.

Klesing nickte darüber befriedigt hinter seiner Zeitung. Er bestellte sich übrigens gleich danach auch eine fertige Fleischspeise, der er, als sie ihm vorgesetzt wurde, ebenso hastig zusprach wie die Russin der ihrigen. Trotzdem fand sie dazwischen Zeit, sich einige Zeitungen bei einem vorübergehenden Händler zu kaufen, und er fand Muße genug, seinen Abendimbiß zu bezahlen, was Nadja sogleich nachahmte.

Es war inzwischen neun Uhr dreißig Minuten geworden. Durand kam noch immer nicht. Klesing wurde schon ein bißchen unruhig. Es befremdete ihn auch, daß der Begleiter der Russin noch immer nicht zurückkehrte.

Nadja K. jedoch teilte diese Unruhe nicht. Aber sie machte sich bereit, auch zu gehen. Sie schloß ihre Jacke, nahm ihr Täschchen, die Zeitungen und das Paketchen, das ihr der Buchhandlungsgehilfe gar zierlich zurechtgemacht, und verließ den Saal.

Sie begab sich zur Kasse.

Auf der Stiege kam ihr ihr Begleiter entgegen. Er trug einen eleganten kleinen Koffer, eine Reisedecke und ein ziemlich umfangreiches, mit rosa Seidenpapier drapiertes Veilchenbukett, welch letzteres er Nadja überreichte. Sie nahm es zögernd an und ging weiter. Die Halle umschloß jetzt das eigenartige Bild eines sich lebhaft bewegenden Menschenschwarmes.

Die Kasse war bereits umlagert; abschiednehmend standen da und dort Leute beisammen; Packträger beförderten Koffer und Reisekörbe in den Wägeraum, und viele der Reisenden eilten schon in die Wartesäle.

Nadja und ihr Begleiter standen, eifrig miteinander redend, bei einer eisernen Bank, die nahe der Kasse einen toten Winkel nutzbringend füllte. Der Herr hatte den Koffer und die Reisedecke darauf gelegt. Jetzt legte Nadja auch ihre Zeitungen und das Bukett nieder und gab dem Herrn einige Geldnoten, danach ging er, um den Fahrschein oder die Fahrscheine zu lösen.

»Speidl, schau, ob der Doktor denn immer noch nicht sichtbar ist,« sagte in diesem Augenblick Klesing zu seinem Kollegen, der sich hinter einer der Säulen zu ihm gefunden hatte.

Speidl eilte schon zum Ausgang und schaute die Straße hinauf und hinunter. Klesing aber eilte, wie einer, der sich verspätet hat, zur Kasse und wußte es so einzurichten, daß er dicht hinter den Begleiter der Russin zu stehen kam.

»Krakau, eine Karte zweiter Klasse,« sagte dieser soeben.

Klesing machte artig einer älteren Dame Platz – – er kannte ja jetzt das Ziel der blonden Dame und wußte, daß der Herr sie nicht begleiten werde.

Nadja nahm die Fahrkarte und das Geld, welches der Herr ihr zurückbrachte, in Empfang und verwahrte beides, jetzt schon ein wenig nervös geworden, in ihrer Börse. Soeben war das erste Läuten hörbar geworden, und da werden so viele Reisende nervös.

Auch Klesing war es.

Trotzdem er jetzt mehr auf den Eingang der Halle, als auf die beiden achtete, machte er doch noch zwei Bemerkungen. Er sah, daß der Herr, während Nadja mit ihrer Börse zu tun hatte, ihren Koffer und ihre Decke an sich nahm und dabei sachte die zwei Zeitungen, die sie sich gekauft hatte, ergriff und sie in die Spalte schob, welche die hohe Lehne der Bank und die Wand bildete. Er sah weiter, daß Nadja, welche von diesem seltsamen Gehaben nichts gemerkt hatte, den Veilchenstrauß achtlos auf der Bank liegen ließ, nicht vergaß – – o nein, sondern absichtlich liegen ließ, denn sie schob ihn wie etwas Widriges zur Seite, als sie ihr Täschchen und ihre Bücher ergriff und sich ebenfalls zur Treppe wandte, die zu den Wartesälen und der Abfahrtshalle führt.

Von diesem kleinen Manöver bemerkte wieder ihr Begleiter nichts, denn dieser hatte es nun plötzlich sehr eilig und hastete schon die Treppe hinauf.

»Na, nur Geduld,« dachte Klesing, »heute wird ja doch nicht abgereist.«

Im selben Augenblick ertönte vor dem Tor der Halle ein Pfiff, und da sagte der Geheimpolizist Klesing zum zweiten Male an diesem Tage: »Na, endlich!«

Dann ging er ruhig die Treppe hinauf, an deren oberem Ende soeben Nadja K. und ihr Begleiter verschwanden.

Ein Blick nach unten zeigte Klesing die schlanke Gestalt Durands, der neben Speidl im Bogen des Treppenhauses sichtbar wurde.


Dreizehntes Kapitel.

Zehn Minuten vor Abgang des Zuges betrat Durand das Bahnhofsgebäude, an dessen Schwelle ihn Speidl empfing.

»Nun?« fragte er.

»Sie sind gerade hinaufgegangen,« war die Antwort.

Knapp vor dem Ausgang zum Bahnsteig trafen sie mit Klesing zusammen.

Dicht vor diesem stand neben dem eben die Karte kupierenden Beamten eine Dame in Trauer.

Durand erkannte sofort das Original des Pastellbildchens in ihr.

» Ihr Begleiter ist schon draußen,« raunte Klesing seinem Vorgesetzten zu und hielt ihm zugleich eine Bahnsteigkarte hin. Er selbst und Speidl hatten sich längst welche gelöst.

Die Dame trat auf den Bahnsteig hinaus.

»Wohin fährt sie?« fragte Durand, der neben Klesing blieb.

»Nach Krakau.«

»So?« kam es verwundert aus Durands Mund, und dann stieß er einen leisen Pfiff aus. Er hatte, in die Abfahrtshalle hinausgehend, der Dame nachgeblickt. Diese stand jetzt vor einem Abteil zweiter Klasse, dessen Tür offen war, und aus welchem soeben ein Herr zu Boden sprang. Er hatte wohl das Gepäck seiner Dame untergebracht.

»Der ist's,« sagte Klesing; »er hat gerade Zeitungen, welche sich die Dame gekauft hatte, ihr heimlich weggenommen und hinter die Bank gesteckt, die neben der Kasse unten steht, und sie hat die Veilchen, die er ihr schenkte, nicht mitnehmen mögen.«

Durand nickte. »Sind Sie denn warm gekleidet?« fragte er ganz unvermittelt.

»Warum, Herr Doktor?«

»Weil Sie auch nach Krakau fahren.«

Klesing war darüber nicht sehr verwundert. Derlei Dispositionsänderungen hatte er schon oft erlebt.

Durand hatte schon seine Brieftasche in der Hand. Er entnahm ihr einige größere Banknoten, die er Klesing reichte. Dann wendete er sich an Speidl. »Sie sagen dem Schaffner, daß ein Passagier zweiter Klasse seine Fahrkarte im Wagen lösen wird.«

Der Mann eilte sofort auf die erwähnte Persönlichkeit zu, während Durand zu Klesing sagte: »In Trzebinia werden Sie Weisungen finden.«

Weiter wurde nichts mehr geredet.

Eine Minute später befand sich Klesing schon im Zuge. Er hatte in dem Abteil Platz gefunden, welches demjenigen, in welches Nadja stieg, benachbart war.

»Alles in Ordnung,« berichtete Speidl, wieder zu Durand tretend.

Da erwartete ihn ein neuer Auftrag.

Die Augen unverwandt auf die blonde Dame gerichtet, die mit ihrem auf dem Bahnsteig stehenden Begleiter redete, sagte Durand zu Speidl: »Bringen Sie mir die Zeitungen, welche hinter der Bank stecken, die da unten neben der Kasse steht.«

Speidl eilte fort.

Eben jetzt erst kamen irgend welche hohe Persönlichkeiten in die Abfahrtshalle. Diener eilten ihnen voraus in einen Salonwagen, und der Stationschef, in Galauniform, geleitete sie.

Das gab bezüglich der Abfahrtszeit einen kleinen Aufenthalt.

Durand bemerkte recht gut, wie ungeduldig die beiden, welche er beobachtete, schon waren. Er aber fühlte nichts von Ungeduld – er wußte jetzt, daß er endlich eine sichere Spur gefunden hatte, eine Spur, welche ihn zum Ziele führen mußte.

»Gut,« sagte er, als Speidl ihm zwei Zeitungen brachte, »heute bedarf ich Ihrer nicht mehr.«

Jetzt ertönte das Signal zur Abfahrt.

Er nickte dem Mann zu und steckte die Zeitungen in seine Rocktasche, dann ging er langsam auf den Wagen zu, in welchem Klesing und Nadja sich befanden.

Ersterer griff noch einmal grüßend an seinen Hut. Letztere redete noch mit dem Herrn, hinter welchem Durand stehen geblieben war.

Sie sprachen Französisch.

»Ich habe also Ihr Wort!«

Das war das letzte, das sie zu dem Zurückbleibenden sprach, und ihre dunklen Augen bohrten sich dabei mit kaltem, düsterem Ausdruck in diejenigen des Mannes, mit welchem sie redete.

Da setzte sich der Zug in Bewegung. Der Herr streckte Nadja die Hand entgegen. Aber die Dame ergriff sie nicht. Vielleicht brauchte sie ihre Hände dazu, sich festzuhalten, vielleicht auch tat sie nur so.

Jedenfalls war es kein Liebesblick, mit welchem sie von ihrem Begleiter schied.

Der Zug rollte aus der Halle.

Klesing beugte sich heraus. Vielleicht wollte er Durand noch einmal grüßen, vielleicht wollte er sich aber auch nur davon überzeugen, daß die blonde Dame, um derentwillen er die unverhoffte Reise machen mußte, nicht etwa im letzten Augenblick wieder ausgestiegen war.

Aber dies war nicht geschehen.

Es standen nur noch ihr Begleiter und Durand auf dem Bahnsteig. Jener blickte dem Zuge nach. Durand aber interessierte offenbar derzeit nur der elegante Herr, hinter welchem er stand.

So war es auch tatsächlich.

Durand hörte den schweren Atemzug seines Vordermannes und sah, wie dessen niederhängende Rechte sich ballte.

Und als der Herr sich langsam umwandte, sah Durand in ein bleiches, ein wenig verzerrtes Gesicht.

»Ah, guten Abend, Herr Colmar '» sagte er, leicht den Hut lüftend.

Da starrte ihn der so Begrüßte an, und dann schauten Verwirrung und Schrecken aus Colmars Augen und hohe Röte bedeckte sein hübsches Gesicht.

»Sie – Sie sind hier?« stammelte der Überraschte.

»Gewiß,« entgegnete Durand lächelnd, »auch ich bin hier. Warum sollte ich nicht hier sein?«

Colmar hatte sich schon gefaßt. Er war jetzt sehr lebhaft und sehr liebenswürdig.

»Ich bin selbstverständlich überrascht,« sagte er lächelnd, »glaubte ich Sie doch in Hietzing.«

»Und wir meinten, daß Sie auf dem Südbahnhof seien,« entgegnete Durand ebenfalls lächelnd.

»Und inzwischen haben Sie mich bei einem letzten Stelldichein überrascht.«

»Mit einer sehr schönen Dame.«

»Das ist sie, o ja, das ist sie. Aber –« Colmar zögerte, dann fuhr er, ein Lächeln markierend, fort: »man wird schließlich auch der Schönheit satt, wenn einen nichts gefesselt hat als eben diese Schönheit.«

»Sehr richtig!« gab Durand zu.

»Und wenn man die echte Liebe kennen gelernt hat,« fuhr Colmar hastig fort. » Sie wissen es natürlich schon, daß ich um Edwine – um Fräulein Edwine v. Mühlheim werbe?«

» Ich vermute es.«

Sie gingen, während sie so redeten, die Treppe hinunter. Colmar zuckte plötzlich zusammen. Eine Frau, die in der einen Hand einen Besen, in der anderen einen schönen Veilchenstrauß trug, der in rosa Seidenpapier gehüllt war, begegnete ihnen. Die Frau war nicht allein. Eine Arbeitsgenossin begleitete sie. Auch diese war mit einem Besen und mit Staubtüchern versehen. Die beiden plauderten miteinander.

»Nein, wie man so ein schönes Bukett lieg'n lass'n kann!« sagte die eine.

Und die andere rief: »Grad wegg'stoß'n hat sie's. Na, da hab' halt ich mir's g'nommen. Aber jetzt tummel dich, daß der Wartsaal wieder sauber wird.«

Die zwei gingen weiter.

Durand tat, als ob er den Ausdruck von Grimm nicht bemerkt hätte, der sich in Colmars Gesicht ganz deutlich zeigte.

»Ja, man muß sich eben schließlich einmal trennen,« sagte Colmar.

»Und ist froh, wenn es aus ist,« setzte Durand hinzu.

»Sehr froh. Diese Blonde hat mir das Leben schwer genug gemacht. Da habe ich sie denn jetzt mit einigen Opfern heimgeschickt.«

»Sie ist also keine hiesige?«

»Nein jetzt fährt sie nach Prerau.«

»So – nach Prerau!«

»Und ich fühle mich sehr erleichtert.«

»Das glaube ich.«

»Sie werden diskret sein, nicht wahr? Sie werden – aber, darüber redet man natürlich gar nicht. Es ist ja unter Kavalieren selbstverständlich, daß man über derartiges schweigt.«

»Sie meinen über Liebesverhältnisse?« Durand hatte merkwürdig kühl gesprochen. Er war dabei stehen geblieben und zündete sich eine Zigarre an.

Die beiden Herren befanden sich schon auf der Straße. Sie standen in der Nähe einer der dort befindlichen Riesenlaternen, welche weithin einen blendenden Lichtschein verbreiten.

Als Durand sich so zurückhaltend zeigte, schaute Colmar betroffen auf. Seine unruhigen Augen begegneten den ganz gleichmütig dareinschauenden Durands, der noch immer mit seiner Zigarre zu tun hatte.

»Natürlich – –– natürlich meine ich das,« bestätigte Colmar zaudernd. »In meiner Lage bin ich eben auf Ihre Diskretion angewiesen, denn selbst die klügsten Mädchen – und zu diesen gehört Edwine – – kommen über derlei nicht hinaus. Deshalb –«

»Muß ich diskret sein,« fiel Durand ein, »aber natürlich –«

Colmar ließ ihn nicht weiterreden. Er war sehr erregt. »Sie wissen nicht, wie viel mir Edwine ist! Um sie zu gewinnen, könnte ich –« Helle Leidenschaft hatte aus seinen Augen gesprüht, sie hatte ihn offenbar fortgerissen, Durand mehr zu sagen, als gerade einem Fremden gegenüber notwendig und geschmackvoll war. Das mochte ihm mitten in seiner Rede eingefallen sein, denn er hielt plötzlich inne und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann sagte er in ganz veränderter Weise: »Diese Liebe macht mich noch zum Narren.«

»Und die andere, die schöne Blonde? Die haben Sie nicht so geliebt?« fragte Durand leichthin.

Colmar zuckte die Schultern. »Nein,« sagte er schroff und stippte eine Schneeflocke weg, die von irgendwoher auf seinen Rockärmel getaumelt war.

»Na, dann ist's ja gut für sie!« meinte Durand, der noch immer mit seiner widerspenstigen Zigarre kämpfte.

Colmar sah ihn scharf an. »Wie meinen Sie das?« forschte er. »Sie reden doch wohl von – von Amelie, von der Dame, die Sie vorhin gesehen haben?«

»Von dieser spreche ich, ganz richtig, von dieser Dame. Aber hören Sie, bester Colmar, die scheint ja mit allen Wassern gewaschen zu sein. Da dürfen Sie wohl froh sein, daß Sie sich ihrer entledigen konnten.«

»Wie meinen Sie das? Kennen Sie –«

»Natürlich kenne ich das schöne Weib. Und – daß Sie es nur wissen – ihretwegen bin ich ja eben hier,« antwortete Durand weitergehend.

» Ich – ich verstehe Sie nicht,« war Colmars Entgegnung.

»Das glaub' ich. Ist's doch auch eine recht verwickelte Geschichte. Aber schauen Sie, da ist ein Kaffeehaus, und mir ist gründlich kalt geworden. Ihnen nicht auch? Eine Tasse Tee wäre nicht übel.«

Er betrat ohne weiteres das Lokal. Es war ein ziemlich feines Kaffeehaus, und jetzt bot es genug Plätzchen, an denen man ungestört und gemütlich plaudern konnte.

Dem bleichen Mann, der hinter Durand herging, und dessen Gesicht ihm jeder Spiegel zeigte, an welchem sie vorüberkamen, dem war es freilich sichtlich nicht gemütlich zu Sinne.

»Zwei Tee!« rief Durand einem der herbeieilenden Kellner zu.

Und dann saßen sie in einer hellen, traulichen Ecke einander gegenüber.

Colmar sah jetzt wieder ruhig und sehr entschlossen aus. Das gefiel indessen Durand ebensowenig, wie der nicht ganz verborgene Ausdruck hoher Spannung, welcher trotz aller Gewalt, die Colmar über sich besaß, heimlich aus seinen Augen schaute.

Und noch eines konnte Colmar nicht unterdrücken – das Frösteln, das ihm über den Rücken lief.

»Nicht wahr, Ihnen ist's auch kalt geworden?« sagte Durand. »Da wird Ihnen der Tee gut tun.«

»Noch viel begieriger bin ich auf die Eröffnung, die Sie mir jetzt wohl machen werden,« meinte Colmar mit einer Art von Lächeln, das allerdings weniger ein Lächeln, denn eine Gesichtsverzerrung war.

Durand zog langsam seine Handschuhe aus, während er gleichmütig sagte: »Ah so? Ja, ja! Freilich bin ich Ihnen eine Erklärung schuldig. Sie sind ja ganz erstaunt über meine Andeutungen.«

»Das ist tatsächlich der Fall. Sie sehen mich völlig verwirrt darüber, denn ich kann mir nicht denken – –«

»Daß Ihre blonde Freundin falsch ist.«

»Falsch?« Colmar war emporgefahren.

Durand sah ihn spöttisch an: »Sie bekunden, wie es scheint, doch immer noch ein sehr großes Interesse an ihr.«

»Falsch? Inwiefern falsch?« fragte der Maler, über Durands Einwurf hinweggehend.

Durand sah recht gut, wie mächtig Colmar gegen eine hohe Erregung ankämpfte. Er schaute ihm fest in die Augen. »Ich darf mit gutem Grunde annehmen, daß die Schöne nicht nur Ihnen nahe stand.«

»Nicht nur mir nahe stand?« wiederholte Colmar, vermutlich aus keinem anderen Grunde, als um Zeit zu gewinnen.

Er griff zugleich, wie in Nachdenken versinkend, nach dem Löffelchen des Teeservices, welches der Kellner soeben vor ihn hingestellt hatte.

Aber zum mindesten war es kein ruhiges Nachdenken, in welches er versank, denn das Löffelchen klirrte etliche Male gegen die Tassenwand – so sehr zitterten die Finger, die es hielten.

Durand redete weiter. »Ich weiß einen, dem sie auch ziemlich viel gewesen sein muß, der Bedeutung nach zu schließen, die er ihrem Porträt beigelegt hat.«

»Sie machen mich neugierig,« drängte Colmar den gar zu säumigen Berichterstatter. »Wer ist denn dieser eine?«

»König.«

Das Wort hatte nicht die erwartete Wirkung. Besonders viel hatte ja Durand davon nicht erwartet, aber doch einiges Erschrecken.

Nun, mindestens hatte er einiges Überraschtsein damit erzielt. Er sah, wie Colmar sich jäh erhob, sah dessen Augen durchbohrend auf sich gerichtet, und sah, daß der Maler sogar leicht die Farbe wechselte. Trotz alledem jedoch sah er auch, was ihn heimlich wunderte, daß Colmar plötzlich ruhig wurde, und sah mit einigem Ärger, daß sein Gegenüber ihn nun ganz ungemein spöttisch anlächelte.

»Bitte – weiter, Herr – Herr Durand,« sagte der Maler, absichtlich zwischen jedem seiner Worte eine Pause einhaltend.

Er tat jetzt, immer noch das spöttische Lächeln in den Augen und auf den Lippen, langsam etliche Stücke Zucker in seinen Tee.

Durand ließ sich seine kleine Enttäuschung und seine große Verwunderung nicht anmerken, sondern fuhr gleichmäßig fort: »Es gibt noch andere Umstände, welche mich veranlassen, zu glauben, daß Ihre blonde Freundin auch die seinige war.«

Colmar lächelte noch immer. »Sie sind aus Nancy?« fragte er ironisch.

Jetzt lächelte auch Durand. »Ich sagte so.«

»Auch Herr v. Mühlheim sagt so.«

»Ja, Herr v. Mühlheim widerspricht dieser Angabe nicht.«

»Und Sie nennen sich Durand?«

»Gewiß.«

»Seit dem 4. März, fünf Uhr Nachmittags?«

»Nein, schon von drei Uhr an. Um diese Zeit ließ ich mir meine Visitenkarten drucken.«

»Auf den Namen Eugen Durand?«

»Auf den Namen Eugen Durand.«

»Und Sie sind Professor?«

»Professor.«

»Eigentlich ist Ihr Name nicht so?«

»Er ist in der Tat ein anderer.«

»Und Ihr Titel ist Polizeiagent?«

»Das stimmt nicht.«

»Oder so ähnlich also?«

»Auch nicht ähnlich.«

»Wie denn?«

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen auf diese Frage die Antwort schuldig bleibe.«

»Wie es Ihnen beliebt,« sagte Colmar und schlürfte danach mit sichtlichem Wohlbehagen seinen Tee.

Während dieses ganzen Wortwechsels war das Lächeln nicht von den Gesichtern der beiden Herren gewichen.

Seine Schale niederstellend begann endlich Colmar wieder: »Sie sehen mich jetzt nicht mehr erstaunt über Ihr Unterrichtetsein bezüglich des Verhältnisses, das zwischen König und Madeleine –«

»Früher sagten Sie Amelie,« unterbrach ihn Durand.

In Colmars Gesicht stieg eine flüchtige Röte. »Ich habe mich versprochen,« sagte er, »ich –«

»Sie haben sich heute schon etliche Male versprochen,« unterbrach ihn der Dokter.

Colmar sah auf. In seiner Miene zeigte sich Zurückhaltung und ein gewisser Trotz. »Zum Beispiel?« meinte er höhnisch.

Dieser Hohn war jedoch nur gemacht. Durand sah recht gut, daß sein Gegenüber unruhig wurde.

»Zum Beispiel verwechselten Sie nicht nur Amelie und Madeleine miteinander, sondern diese beiden Namen mit – Nadja!«

Colmars von der Wärme des Lokales und der Hitze des Tees gerötetes Gesicht wurde plötzlich wieder blaß.

»Und noch einmal versprachen Sie sich,« fuhr Durand trocken fort.

Jetzt sagte Colmar nicht mehr sein höhnisches: » Zum Beispiel?« Den Blick gesenkt, die Finger einziehend saß er da.

Der Doktor, ihn scharf beobachtend, sprach weiter: »Sie verwechselten ferner zwei Städtenamen, die einander allerdings ein bißchen ähnlich sind: Prerau und – Krakau.«

Colmar beugte sich noch tiefer über seine Schale. »Sie fährt wirklich nach Prerau,« antwortete er trotzig.

Er hatte noch immer die Augen gesenkt. So sah er das verächtliche Lächeln nicht, das Durands Lippen verzog, als er in so erbärmlicher Weise die Wahrheit umging.

»Nach Prerau? Nein nur durch Prerau,« sagte der Doktor ruhig. »Sie reist – – und das wissen Sie ganz genau – nach Krakau, wohin Sie selbst ihr die Fahrkarte lösten.«

»Das sahen Sie? Und so lange schon sind Sie hinter uns – hinter Nadja her?« verbesserte sich Colmar spöttisch. Und recht harmlos sich gebend fuhr er fort: »Sie begreifen vielleicht, daß man in meiner Lage die Spuren nach Möglichkeit verwischt. Das und nichts anderes habe ich tun wollen, wenn ich es mit den Namen nicht genau nahm. – Sagen Sie mir übrigens: Hat denn König keine Briefe, keine Beweise für die ganze Art ihres Verkehrs mit ihm hinterlassen?«

Durand antwortete nur mit einem Achselzucken und mit einem Lächeln, daraus Colmar eigentlich gar nichts entnehmen konnte, das ihn aber wieder frösteln machte.

»Ihnen ist noch immer kalt?« fragte Durand.

Der andere nickte. »Mir ist immer kalt, wenn ich mich in unbehaglicher Weise errege. Außerdem – – Sie wissen es ja – – fühle ich mich schon seit einiger Zeit nicht wohl. Ich habe mich schon am Tage von Fräulein Lenas Verlobungsfest so unwohl befunden, daß ich mich entschuldigen wollte.«

»Warum wird er nur so weitläufig?« fragte sich Durand. »Warum gibt er so genau das Datum seines Unwohlgewordenseins an?« Und dann dachte Durand noch etwas, dachte: »Gar so genau etwas nachweisen wollen, das an und für sich belanglos ist, macht dieses Belanglose zuweilen zu etwas Merkenswertem.«

Und er merkte es sich genau, daß Colmar soeben angegeben, er habe sich schon am 3. März unwohl gefühlt.

Laut jedoch sagte er: »Sehen Sie, ich habe es sogleich gewußt, daß Sie sich für diese Nadja noch immer interessieren. Es erregt Sie eben doch noch, daß man sie mit König in Verbindung bringt«

»Ich weiß nur, daß die beiden einander kannten, aber« – – Colmar hielt inne – – »hat man sich aus diesem Grunde allein schon für Nadja interessiert?« fragte er langsam, ja auffallend bedächtig.

»Man interessiert sich jetzt für alle, die König nahe standen, die in irgend welcher Weise mit ihm zu tun hatten,« lautete die ausweichende Antwort. »Sie wissen ja, wenn einer verschwindet was so hier wörtlich zu nehmen ist – – so fragt man sich zuerst nach dem Warum. Wer kann einen Nutzen gezogen haben aus diesem Verschwinden, dem in vielen Fällen ein Totschlag oder ein Mord vorausging? Jede Winzigkeit hat ja ihre Ursache und solch ein Verschwinden ist keine Winzigkeit, das hat erst recht seine Ursache.«

»Du lieber Gott! In diesem Falle liegt doch die Ursache auf der Hand,« fiel Colmar lebhaft ein. »Einbrecher waren da – König kommt ihnen in den Weg, und da – – nun, da töten sie ihn. Ist es denn niemand von der Kommission aufgefallen, daß –«

»Nun – was denn?« fragte Durand scheinbar sehr aufmerksam.

»Daß – ich hörte wenigstens oder las es in der Zeitung, daß es sich so verhalten habe – daß König auch nicht die geringste Spur zurückgelassen hat. Man habe auch von den Überkleidern, die er an jenem Abend trug, nichts vorgefunden.«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Was ich daraus schließe? Daß die Einbrecher –«

»Warum sagen Sie »die« Einbrecher?«

»Weil es doch mindestens ihrer zwei gewesen sein mußten, die den Unglücklichen so rasch und spurlos wegschafften.«

Durand nickte. »Bitte, weiter!« bat er dann.

Colmar schaute ihn ein wenig argwöhnisch an.

»Ja – bitte! Ihre Auslassungen interessieren mich sehr. Mir ist nämlich der Fall König bezüglich der Voruntersuchung zugewiesen. Da muß mich doch naturgemäß jeder Eindruck, den diese oder jene Einzelheit auf einen anderen machte, interessieren. Also, bitte, fahren Sie fort!«

Jetzt war Colmar beruhigt. Er geriet sogar in Eifer. Vielleicht hatte auch endlich der Tee seine Wirkung getan, kurz er war jetzt sehr angeregt. Seine Wangen röteten sich, seine Augen begannen zu glänzen, und der Ausdruck seiner Mienen begleitete getreulich den Sinn seiner lebhaft vorgebrachten Worte.

Durand folgte, behaglich rauchend, Colmars Darstellung.

Dieser schilderte, wie er sich vorstelle, daß König nichts ahnend seine Wohnung betreten und daselbst die Einbrecher in voller Arbeit gefunden habe. »Ein mutiger Mann, wie er es war, wird da nicht geflüchtet sein,« fuhr er fort, »der wird den Strolchen entgegengetreten sein, und – und so ist er niedergeschlagen worden. – Er war mir ein Freund, und er hat mich so sehr gefördert – ich schulde ihm großen Dank, ungeheuren Dank. – Sie begreifen, wie schwer mich der Tod eines Menschen trifft, an dem ich einen so warmen Gönner verloren habe.«

Durand nickte nur. Der Ernst in seinen Zügen war nichts Gemachtes. »Ganz so, wie Sie sich die Sache vorstellen, kann sie nicht gewesen sein,« warf er ein. »König hat ja noch durch das Telephon nach Hilfe rufen können.«

»Richtig – richtig!« sagte Colmar und schüttelte ungeduldig den Kopf wie einer, der etwas sehr Wichtiges vergessen hatte.

Durand lächelte fast unmerklich. Jedenfalls hatte Colmar das geringe Verziehen seiner Lippen nicht bemerkt, denn er war eifrig damit beschäftigt, sich eine Zigarette zu drehen.

»Nun, wie erklären Sie sich dieses Anrufen der Rettungsgesellschaft?« fragte Durand.

»Er mag, schon schwer verletzt, seinen Gegnern entkommen sein. Da kann er bis ans Telephon gelangt sein.«

»Vielleicht,« sagte Durand, nachdenklich die Asche von seiner Zigarre streifend. »Und dann?«

»Dann? – Mein Gott, sind das entsetzliche Vorstellungen!« stöhnte Colmar und barg etliche Sekunden lang sein Gesicht in den Händen. Als er diese sinken ließ, waren seine Wangen wieder bleich. Durand sah, wie erschüttert der Maler war.

»Nun – und dann, als König seinen Mördern doch nicht entkam, als sie ihn abermals erreichten und ein Ende mit ihm machten – so stellen Sie sich vermutlich das Ereignis vor – was geschah dann?«

»Dann – denke ich mir – haben sie ihn in die Donau geworfen,« sagte Colmar.

»In die Donau? – Ja, sehen Sie, daran haben auch wir schon gedacht, aber, wie vorauszusehen, waren alle Nachforschungen vergeblich.«

»Warum war das vorauszusehen?« fragte Colmar. »Was spricht denn gar so sehr dagegen?«

»Der weite Weg mit solcher Last – –«

»Es war nach Mitternacht. Da sind die Straßen einsam.«

»Die Polizeipatrouillen sind immer unterwegs. Wenn nur zwei Männer bei dem Verbrechen tätig waren, wenn sie keinen Aufpasser hatten –«

»Vielleicht hatten sie einen Aufpasser!« fiel Colmar lebhaft ein, und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: »Wenn man's recht bedenkt, war ja doch nur der Übergang über die Hauptstraße des Bezirks gefährlich. Hüben und drüben sind schon bei Tage die Seitengassen ziemlich menschenleer, um Mitternacht sicher aber ganz einsam. Unmöglich ist also – was ich annehme – nicht.«

»Sie haben sich stark mit der Sache beschäftigt,« warf Durand leicht hin.

»Er war mein Freund,« fuhr Colmar auf.

»Da wird Sie die Annahme, zu welcher ich für meine Person gekommen bin, erfreuen.«

»Welche Annahme?«

»Daß König noch lebt.«

Colmar starrte mit weitgeöffneten Augen auf Durand.

»Daß König noch lebt,« wiederholte er mechanisch, »daß König noch lebt!« Und die ungeheure Erregung, in welcher des Doktors Worte ihn versetzt hatte, trieb ihm das Blut ins Gesicht, nahm ihm fast den Atem. Er konnte sich offenbar in den soeben geäußerten Gedanken nicht sogleich hineinfinden. Dann aber blitzte es in seinen Augen freudig auf, und vor Bewegtheit fast heiser rief er: »Man hält es also wirklich für möglich, daß König noch lebt?«

»Es ist wenigstens nicht ausgeschlossen,« entgegnete Durand, und dann dachte er bei sich: »Warum fragt er jetzt nicht danach, wie ich zu dieser überraschenden Annahme gekommen bin?« und wartete noch eine gute Weile auf eine Frage dieser Art.

Aber es erfolgte keine.

Als Colmar sich endlich wieder zu reden entschloß, tat er eine ganz andere Frage. »Wie hat sich denn Nadja König gegenüber genannt?« forschte er.

»Ist uns nicht bekannt. Wir wissen nur diesen einen Namen der Dame. Wie hat sie sich denn Ihnen gegenüber genannt?«

Einen Augenblick lang zögerte Colmar, dann sagte er: »Mir sagte sie, daß sie Nadja Kerafski heiße.«

»Kerafski – das kann stimmen. Der Anfangsbuchstabe ihres zweiten Namens ist K.«

»Das war Ihnen also doch bekannt?« fragte Colmar. Durand war es, als ob Spott aus diesen Worten klänge.

Er nickte nur.

»Jetzt kann ich mir wohl denken, weshalb man sich so sehr für Nadja interessiert,« fuhr Colmar fort. »Man hält sie für diejenige, derentwegen König sein hiesiges Leben aufgegeben hat.«

»Nicht »man«, nur ich nehme das einstweilen an,« bemerkte Durand nebenhin und sah es in Colmars Augen abermals aufblitzen.

»Nur Sie, nur Sie allein denken so?«

»Nur ich allein habe mir Königs Verschwinden in dieser Weise zurechtgelegt.«

»Sie wollen wohl gar nicht, daß einer Ihrer Kollegen auch auf dieselbe Idee kommt?«

»Man behält seine eigenen Schlüsse immer gern für sich.«

»Und verfolgt lieber allein den Weg, den man für den richtigen hält.«

»So ist's.«

»Aber man läßt es sich gefallen, wenn zufällig von irgendwoher ein Helfer, ein stiller Mitarbeiter kommt.«

»Wo hinaus wollen Sie denn?« fragte Durand. Es war eine ganz überflüssige Frage. Er wußte schon, was Colmar ihm jetzt vorschlagen würde, der jetzt so eifrig war, der sich so harmlos und so treuherzig stellte, und den gerade in dieser Minute Durand in seinem Inneren zum ersten Male einen Schurken nannte.

Colmar ahnte davon nichts. Er tat sehr entrüstet, indem er von Nadja sprach, und stellte dann die Frage, was Durand in Bezug auf sie veranlaßt habe.

Durand gab an, daß man Nadja am Ziele ihrer Reise behördlicherseits in Empfang nehmen, und in der Sache König einem Verhör unterziehen werde.

»Und warum ist das nicht gleich hier und nicht durch Sie geschehen?«

»O,« meinte Durand sorglos, »als ich die Dame in Ihrer Gesellschaft sah, konnte ich ohne weiteres annehmen, daß Sie mir alles Nötige über sie mitteilen würden, und deshalb ließ ich sie ungehindert abreisen. Ich habe morgen noch hier Wichtiges zu tun, inzwischen erhalte ich aus Krakau Nachricht, die mir sagen wird, ob ich dort etwas zu tun finde. Wenn es so ist, reise ich morgen abend ab. Ihre bisherige Freundin wird mir also, falls sie wirklich bei Königs Verschwinden die Hand im Spiele hat, nicht entkommen.«

»Nein, sie soll uns nicht entkommen!« rief Colmar, anscheinend ganz grimmig.

»Uns? Wie meinen Sie das?«

Colmar hatte sich erhoben. »Wenn Sie Nadja folgen müssen, dann nehmen Sie mich mit,« bat er. Er sah nicht nur erregt aus, er war es jetzt tatsächlich. Es mochte ihm allen Ernstes ungeheuer viel daran liegen, sich in diese Sache mischen zu dürfen.

»Aber was wollen denn Sie in Krakau tun?« fragte Durand.

»Ihnen behilflich sein, Nadja zu finden, falls man sie doch nicht in Krakau anhalten kann.«

»Was für ein Hindernis könnte denn diesbezüglich eintreten?«

»Ist es denn so sicher, daß sie auch wirklich nach Krakau fährt? Kann sie nicht irgendwo zwischen hier und dort den Zug verlassen? Sie kann mich doch haben irreführen wollen. Wenn sie mit König zusammentrifft, dürfte dies wohl kaum an dem Ort geschehen, den sie mir als Ziel ihrer Reise angegeben hat.«

»Sie meinen also, daß sie unterwegs den Zug verlassen könnte?«

»Das fürchte ich.«

»Was nützte dann aber noch Ihr Mitkommen?«

»Ich kenne eine – eine Verwandte von ihr, die in Krakau lebt.«

»Was soll uns diese?«

»Es ist eine ihr sehr teure Person. Ich vermute, daß Nadja vor ihr keine Geheimnisse hat.«

Durand versank in Nachdenken. »Sonst kennen Sie niemand, dem Nadja nahe gestanden?« fragte er nach einer langen Pause.

Colmar schüttelte den Kopf. »Niemand.«

»Ich denke jetzt auch an Nadjas hiesige Bekannten.«

»Sie hatte hier keine Bekannten.«

»Sie verkehrte nur mit Ihnen?«

»Hier haben wir überhaupt nicht viel miteinander verkehrt.«

»Wo denn?«

»Auf Reisen. In Frankreich lernte ich sie kennen.«

»Da ist sie Ihnen also hierher nachgereist?«

»So ist es,« gab Colmar kurz zu. Es verdroß ihn offenbar, so ausgefragt zu werden. »Übrigens, wie ist's, wollen Sie noch bleiben oder gehen wir? Ich muß nämlich erst nach Hause, ehe ich nach Hietzing hinausfahre. Ich muß mir etliche Farben holen.«

»Also gehen wir,« sagte Durand, sich sofort erhebend. »Ich begleite Sie sehr gern. Da komme ich noch zu einem ganz unverhofften Kunstgenuß. In Ihrem Atelier haben Sie ja, wie mir Mühlheim sagte, unter anderem auch einen echten Murillo.«

Colmar war augenscheinlich erstaunt über die Art, wie Durand die Sache auffaßte. Er hatte ihn nämlich los werden wollen und deshalb davon geredet, daß er noch heimgehen müsse, bevor er wieder zur Villa Mühlheim fuhr.

Natürlich ließ er aber von seinem Ärger nichts merken, sondern fand sogar etliche Worte der Freude über diesen Entschluß.

Und so fuhren denn die zwei einträchtiglich in dem Fiaker, den sie sich hatten herbeiholen lassen, in den vierten Stadtbezirk und vor das hübsche kleine Familienhaus, welches Durand ja schon bekannt war.

Während der Fahrt hatte Colmar immer wieder von der auch ihm immer mehr einleuchtenden Idee Durands zu reden angefangen, hatte Königs Verhalten einer ziemlich abfälligen Kritik unterzogen und hatte die Bemerkung fallen lassen, daß er es schon lang gefühlt habe, Königs Empfinden für Lena sei ein nur sehr mäßig warmes gewesen, und es sei schließlich nur zur Verlobung gekommen, weil König anstandshalber nicht mehr hatte zurücktreten können.

Durand pflichtete ihm bei, was er auch guten Gewissens tun konnte, denn Edwine selbst hatte ja Ähnliches über das Verhältnis Königs zu ihrer Schwester gesagt.

So kamen die zwei Herren denn im besten Einvernehmen vor Colmars Hause an.

Jedoch paßte Durands scharfer Blick nicht ganz zu dieser großen Einigkeit, dieser harte, scharfe Blick, mit dem er zum Beispiel beobachtete, welcher Art der Schlüssel sei, den Colmar zum Öffnen seiner Haustür benutzte.

Und als er hinter dem Maler, der ein Wachszündholz in Brand steckte, in den Flur trat, beleuchtete die entstehende Flamme ein sehr blaß gewordenes Gesicht.

Dieses Gesicht war dasjenige Durands.

Etliche Minuten später befand er sich allein in Colmars Atelier vor einem tatsächlich echten Murillo, dessen dunkle, satte Farben eine von des Malers Haushälterin flink herbeigebrachte Lampe zur Wirkung brachte.

Colmar blieb ziemlich lange im Nebenzimmer. Als er wieder zu seinem Gast trat, war er recht wohl gelaunt.

»Darf ich Ihnen Wein oder Likör anbieten?« fragte er.

Durand dankte. Er schien zerstreut zu sein.

»Nun – was sagen Sie zu meinem Murillo?«

Aber Durand antwortete nicht auf diese Frage. Er deutete auf des Malers linke Hand. »Wenn man eine Wunde hat, soll man mit Tinte ein bißchen vorsichtig sein,« bemerkte er.

Colmar wischte daraufhin schnell die noch feuchte Tintenspur von seinem Handballen weg.

»Um Ihren Murillo beneide ich Sie sehr,« sagte jetzt Durand.

»Aber warum haben denn Sie gar nichts auf der Staffelei? Und nirgends Entwürfe? Es sieht so furchtbar aufgeräumt in Ihrem Atelier aus.«

»Nach einer eben vollendeten großen Arbeit ruht man gern,« entgegnete Colmar kurz und wendete sich schon wieder der Tür zu, was gerade nicht übermäßig artig war.

Durand schien ganz damit einverstanden, das Haus zu verlassen. Vor ihnen her ging die Wirtschafterin, die Lampe in der hoch erhobenen Hand. Innerhalb der Haustür blieb sie stehen und teilte ihrem Gebieter irgend etwas mit. Colmar hatte die Tür schon geöffnet, Durand stand schon auf der Straße, da sagte die Frau: »Also die Depesche geb' –«

Mehr war nicht zu hören. Colmar hatte die Tür schon zugeschlagen.

Durand vollendete den Satz selber. »Also die Depesche, die zu schreiben Sie heimgekommen sind, geb' ich sofort auf,« dachte er, während er in den Wagen stieg, und er konnte sich auch denken, daß diese Depesche an Nadja gerichtet war.

Ziemlich schweigsam ging die Fahrt nach Hietzing von statten. Einmal machte Durand die Bemerkung, daß solche Klappschlüssel, wie Colmar vorhin einen benutzte, recht praktisch seien.

Colmar hatte darauf nichts Bemerkenswertes zu entgegnen.

Es war fast Mitternacht, als die Herren ihre Zimmer betraten.

Durand ging, nachdem er die Tür hinter sich abgesperrt hatte, zu dem Schrank, in dem der Klappschlüssel lag. Er nahm diesen heraus und legte ihn in seine Brieftasche.

Er entledigte sich dann erst seines Überziehers. Die Zeitungen, welche Speidl hinter der Bank gefunden und ihm gebracht hatte, aus der Innentasche des Überrockes ziehend, ging er zum Tisch, auf welchem die ein wenig niedergeschraubte Lampe stand. Er drehte den Docht höher und setzte sich.

»Nun, was hat denn diese – übrigens wunderhübsche Nadja nicht lesen sollen?« fragte er sich und faltete die eine der beiden Zeitungen – es waren Abendblätter vom verflossenen Tage – auseinander.

Er sah, daß es dieselbe Zeitung war, welche Mühlheim heute Colmar zum Gedeck gelegt hatte. Sie enthielt eine wirklich großartig lobende Kritik über Colmars soeben ausgestelltes Gemälde.

»Das hat er ihr vorenthalten wollen?« fragt sich Durand verwundert. »Oder gibt es da noch etwas anderes, das sie nicht wissen soll?«

Er durchsuchte aufmerksam die Zeitung. Da kam er richtig noch auf eine Notiz, die sich mit dem Maler beschäftigte. Es war eine ganz kurze Nachtragsnotiz, und wieder konnte Durand es sich nicht erklären, warum sie Nadja nicht habe lesen sollen.

Die Notiz lautete: »Soeben kommt uns aus dem Künstlerhause die Nachricht zu, daß Viktor Colmars »Aufstand polnischer Bauern« angekauft worden ist.«

Die Zeitung brachte auch einige, übrigens ziemlich uninteressante Bemerkungen über den Fall König. Im anderen Abendblatt wiederholte sich jene Notiz fast wörtlich.

Irgend etwas anderes, das die bewußte junge Dame etwa besonders interessieren konnte, fand Durand in den beiden Blättern nicht. Er schloß sie schließlich kopfschüttelnd in den Schrank.

Dann entkleidete er sich und legte sich nieder. Er war ziemlich durchfroren und im Zimmer war es behaglich warm. Dennoch wollte der Schlaf, der sich bei solchem Temperaturwechsel sonst gern einzufinden pflegt, sich heute bei ihm nicht einstellen, denn gar zu viele Gedanken wälzten sich durch seinen Kopf.

Er war mit dem Ende dieses Tages sehr zufrieden. Er hatte Wichtiges aufgedeckt. »Das Telegramm, mein Teurer, das vermutlich jetzt schon abgegangen ist, wird doch nichts nützen. Klesing hält Nadja fest, was du freilich nicht ahnst,« dachte Durand. Und plötzlich fügte er laut hinzu: »Jetzt ist mir's doch viel wahrscheinlicher, daß König tot ist.«


Vierzehntes Kapitel.

Am nächsten Morgen saßen Durand und Colmar allein im Frühstückszimmer. Sie waren beide lange vor der gewohnten Zeit heruntergekommen.

»Gut, daß ich Sie schon hier finde,« sagte Durand nach eiligem Gruß. »Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß Sie, falls Sie die vielleicht notwendig werdende Fahrt wirklich mit mir machen wollen, vor ein Uhr das Haus nicht verlassen sollten. Ich kann Ihnen erst bis dahin Näheres mitteilen.«

Colmar war noch immer sehr bereit, freiwillige Fahnderdienste zu leisten, und stellte sich heute nicht weniger eifrig als am vorhergegangenen Abend Herrn Durand – – er betonte den Namen lächelnd – – zur Verfügung.

»Schon deshalb ist es gut, wenn Sie hier bleiben, bis ich wieder eintreffe, damit eine allenfalls hierher kommende Depesche nicht etwa in unrechte Hände gelangen kann,« fuhr Durand ruhig fort.

»Darf ich dann zur Belohnung für meinen Eifer auch mit ganzer Sicherheit auf Ihr Schweigen rechnen?«

»Natürlich! Niemand wird es erfahren, daß Sie gestern noch ein Stelldichein hatten,« versicherte Durand und setzte hinzu: »Übrigens rate ich Ihnen, es unseren liebenswürdigen Gastfreund wissen zu lassen, in welcher Angelegenheit Sie zu verreisen gedenken. Das wird sich sehr gut machen.«

»Glauben Sie?«

Diese Frage klang keineswegs so, als ob Colmar dem Rate zu folgen gedenke. –

Es war gegen acht Uhr, als Durand die Villa verließ. An der Straßenecke traf er auf Speidl, hatte eine kurze Unterredung mit ihm, dann bestieg er einen Fiaker, der schon eine gute Weile wartete. Speidl war gestern beauftragt worden, ihn zu besorgen, und so konnte Durand ohne Aufenthalt der inneren Stadt und der Polizeidirektion zufahren.

Bezüglich dessen, was Colmar an diesem Vormittag allenfalls unternehmen würde, war er ganz ruhig. Speidl ließ ja die Villa nicht aus den Augen, verließ Colmar diese, dann blieb Speidl auf seinen Fersen.

Durand war überzeugt davon, daß Colmar irgend etwas unternehmen werde.

Und so war es auch.

Gegen zehn Uhr trat der Maler auf die Straße hinaus, sah sich ein wenig um und ging dann gemächlichen Schrittes bis zum Hietzinger Platz.

Da stand nur ein einziger Einspänner. Er steuerte auf ihn zu, aber da kam ein Marktwagen daher und schnitt ihm für einige Sekunden den Weg ab. Als er dann die Fahrbahn überschreiten konnte, sah Colmar, wie soeben jemand in den Einspänner stieg.

Nun wandte er sich der Brücke zu und bestieg jenseits derselben einen Wagen, welcher den Weg nach den inneren Stadtbezirken einschlug.

Der Wagen, der vom Hietzinger Platz weggefahren war, hielt, von Colmar nicht beachtet, auch in der Nähe der Wechselstube an, in welche jener trat, und eben, als der Maler das Geld für etliche Wertpapiere, welche er verkauft hatte, in seine Brieftasche steckte, betrat ein neuer Kunde die Wechselstube.

Es war Speidl, welcher Colmar von der Straße aus beobachtet hatte. Durch eine kurze Unterredung mit dem einen der Geschäftsinhaber verschaffte er sich die Kenntnis, daß Colmar für fast volle dreißigtausend Gulden unzweifelhaft gute Papiere verkauft habe.

Danach fuhren sowohl Colmar als auch Speidl wieder nach Hietzing zurück, und bald darauf konnte letzterer den Maler im tiefverschneiten Garten sitzen sehen.

Colmar malte. Aber oft sank sein Arm nieder, und seine Augen verließen die Zypressengruppe, welche sein Original waren. Müden und doch ruhelosen Ausdruckes wanderten seine Augen über den Park, und einige Male schlossen sie sich, als ob sie nichts, gar nichts mehr sehen wollten.

Diesen Eindruck erhielt der Detektiv, welcher, von einer Fichtengruppe gedeckt, den Mann beobachtete, der gestern der Begleiter der schönen Dame in Trauer gewesen war.

Speidl mußte bis gegen ein Uhr auf seinem Posten bleiben.

Um diese Zeit herum sah er Durand an der Straßenecke unten auftauchen. Er ging ihm entgegen, oder vielmehr er folgte ihm, denn Durand war, ihn bemerkend, wieder umgekehrt.

In der nächsten Straße trafen sie zusammen, und Speidl berichtete, was er erkundet hatte.

»Sie haben Ihre Sache gut gemacht,« lobte ihn der Doktor. »Herr v. Eichen wird Ihre Leistung zu schätzen wissen. Und nun gehen Sie in ein Restaurant.

Bis etwa vier Uhr werden Sie wieder auf Ihrem Posten sein, falls ich Ihrer bedarf, werde ich Sie dann in der Nähe der Villa finden. Abends wird der Fiaker Nummer 184 mich und den Herrn, den Sie beobachtet haben, abholen. Wir werden zur Nordbahn fahren. Sie werden auch vor Abgang des Abendschnellzuges dort sein.«

Die beiden trennten sich dann.

Durand ging nach der Villa, in welcher nun schon drei Personen seinem Kommen mit heimlicher Spannung entgegensahen.

Er sah wie einer aus, der mit seinem Tagewerk, das freilich in jeder Beziehung erst ein halbes Tagewerk genannt werden konnte, sehr zufrieden ist. Er durfte es auch sein, denn sein Gespräch mit dem Oberpolizeirat war sehr zufriedenstellend für ihn gewesen.

Kurz nach neun Uhr war er in das Zimmer zu Herrn v. Eichen getreten. Dieser nickte ihm freundlich zu.

»Nun, wie steht es mit der schönen Russin?« fragte er, dem Eintretenden die Hand entgegenstreckend.

»Hat Speidl nicht berichtet?«

»O ja. Er wollte jedoch, wie gewöhnlich, ausführlich werden, da winkte ich ab. Ich möchte die Situation lieber von Ihnen geschildert haben.«

»Er hätte ohnehin nur über einen kleinen Bruchteil berichten können,« bemerkte Durand und erzählte dann in seiner ruhigen Art, daß Klesing die vielgesuchte Nadja gefunden habe, und daß dieser es war, der ihn in den Bahnhof berufen, von dem aus die beiden alsdann ihre Fahrt nach Krakau angetreten hatten. Dabei legte er Klesings Depesche vor den Oberpolizeirat nieder

Der las sie. Ihr Text war übrigens demjenigen des Zettels ganz ähnlich, den Klesing gestern vorsichtshalber auch an Herrn v. Eichen hatte gelangen lassen.

»Ich weiß schon,« sagte er dann, »daß noch jemand da war, der Sie interessierte.«

»Ja,« erwiderte der Doktor, »und zwar jemand, an den Sie sicherlich nicht denken.«

»Nun?«

»Viktor Colmar.«

»Ah!«

Herr v. Eichen hatte sich jäh erhoben. Es geschah nur selten, daß er sich so überraschen ließ. Er mußte, während er sich wieder setzte, selbst darüber lächeln.

»Colmar – – ja was kann denn Colmar mit diesem dunklen Fall zu tun haben?« fragte er.

Durand zuckte die Achseln, dann sagte er langsam: »Er ist es, an den ich seit vorgestern abend denke.«

»Seit vorgestern abend?« Herr v. Eichen dachte einen Augenblick nach. »Ah, der Flecken auf Ihrer Hand hat eine Ideenassoziation in Ihnen bewirkt, welche Sie auf den Maler führte?«

»Es ist so. Auch auf der Innenfläche seiner linken Hand ist etwas nicht in Ordnung. Er trägt da ein rosa Pflaster über einer kleinen, aber doch nicht ganz unbedeutenden Wunde, und diese Wunde existierte am 3. März bis gegen elf Uhr Nachts noch nicht. Colmar trug sich, als er zum Verlobungsfeste kam, ein wenig geckenhaft. – Er war hyperenglisch steif in Schwarz gekleidet und trug neue, rostfarbene Handschuhe, die er auch im Salon noch an den Händen hatte. Das habe ich ganz unauffällig von zwei Augenzeugen herausbekommen: von dem jungen Erich, dem Colmar das Vorbild mitteleuropäischer Eleganz ist, und der deshalb auf alle Einzelheiten in Colmars Toilette achtet, und von seiner Schwester Lena, welche auch bestätigte, daß Colmar von der Krawatte angefangen bis zu den Spitzen seiner Lackschuhe herab der eleganteste Herr der Gesellschaft war. Dies war mir ein Beweis, daß er damals, da er ganz neue, enge Handschuhe trug, noch keine Verletzung an der Hand hatte.«

»Sie denken daran, daß von seiner Wunde die Blutspuren in Königs Wohnung herrühren könnten?«

»Ja, daran denke ich, und auch, daß es sein Fuß gewesen sein kann, der das Stückchen Farnkraut auf Königs Fensterpolster abstreifte, und auch, daß vielleicht er das Rad und den Schmuck in den Tümpel warf. Wenn aber all dies auch nicht so sein sollte, so ist es mir doch heute schon zweifellos, daß er in dem Fall König eine Hauptrolle spielt, daß er ganz bestimmt in der Nacht vom 3. auf den 4. März in Königs Wohnung war, und daß er es ganz genau weiß, wo König – sei dieser nun lebend oder tot – – sich seit jener Nacht befindet.«

»Und was noch – außer seinem Bekanntsein mit Nadja – veranlaßt Sie zu diesem Schlusse?«

Durand zog den Klappschlüssel aus seiner Rocktasche. Ihn vor Herrn v. Eichen niederlegend, sagte er: »Dieser Schlüssel. Ich habe ihn in dem Täschchen gefunden, das sich an dem von Alexin gestohlenen Rade befindet. Er schließt das Tor von Colmars Haus. Vor einer halben Stunde habe ich mich davon überzeugt, und noch von etwas anderem habe ich mich überzeugt. Ein Fiaker fährt von der Villa Mühlheim bis zur Elisabethbrücke, wenn er gut bezahlt wird, in zwanzig Minuten. Bei der Elisabethbrücke hat einer der Kutscher, die von des Kommerzienrats Haus aus schon ein wenig vor elf Uhr die Gäste wegführten, seinen Passagier abgesetzt. Von dort aus kann man bei schnellem Gehen in längstens zehn Minuten Colmars Haus erreichen. Colmar führt seinen Hausschlüssel – – von dem er damals noch ein Duplikat besaß – – bei sich, er hat also sofort ins Haus gekonnt. Seine Wirtschafterin hat von seiner Heimkunft wohl gar nichts gemerkt. Er hat seinen hellen, auffallenden Überzieher mit einem kurzen Pelzrock, seinen Zylinder mit einer Pelzmütze vertauscht, hat sein Rad genommen und ist nach Döbling gefahren. Er kann leicht schon vor zwölf Uhr sein Ziel erreicht haben. Er kann es also gewesen sein, der den Einbruch fingierte, der die Rettungsgesellschaft anrief. Ich sage nicht, daß er es war – – ich fasse nur die Möglichkeit davon ins Auge. Und diese Möglichkeit ist vorhanden.«

»Richtig,« sagte nachdenkend Herr v. Eichen. »Diese Möglichkeit ist vorhanden. Aber warum hätte er dies alles getan? Um König, den er vielleicht um diese Zeit zu Hause wußte, zu ermorden? Er war ja sein Freund, und König förderte ihn durch seine Feder. König hat ihn sozusagen entdeckt – und dafür hing Colmar ihm fast leidenschaftlich an. Er ist ja nicht nur lächerlich eitel, er hat auch einen brennenden Ehrgeiz. Ich kenne ihn ziemlich genau. War doch auch ich selbst es, der ihn bei Mühlheim eingeführt hat.«

Durand hatte seinem Gönner mit Interesse zugehört. Bei dessen letzten Worten griff er in die Innentasche seines Überrocks und brachte eine Zeitung zum Vorschein.

»Noch etwas?« fragte Herr v. Eichen lächelnd.

»Leider nur ein neues Rätsel,« entgegnete Durand. »Sie redeten soeben von Colmars brennendem Ehrgeiz. Wenn er so ehrgeizig ist, wie kommt es dann, daß er eine so glänzende Kritik, wie sie dieses Abendblatt enthält, vor Nadja verbirgt?« Und Durand erzählte den von Klesing in der Bahnhofshalle beobachteten Vorgang.

Herr v. Eichen zuckte die Achseln. »Es ist uns bis jetzt alles noch rätselhaft,« sagte er.

Durand wiederholte seufzend: »Leider alles. – Wissen Sie übrigens, daß Colmar Nadja für seine ehemalige, jetzt von ihm verabschiedete Angebetete ausgibt?«

»Hat es den Anschein, daß sie es wirklich war?«

»Sie hat ihn sehr von oben herab behandelt, soweit ich dies in den wenigen Minuten, während deren ich die beiden beobachten konnte, wahrnahm. – – Ich las diese Zeitung,« fuhr Durand fort, »und fand nichts darin, was, soweit wir dies zu beurteilen vermögen, Nadja besonders interessieren konnte, als eben diese Kritik, die doch ein ehrgeiziger und eitler Mensch nicht leicht unterschlägt. Wohl enthält das Blatt auch noch eine winzige Notiz, den Fall König betreffend. Diese lautet: »In Bezug auf den so rätselhaft abhanden gekommenen Doktor König, den hochgeschätzten Mitarbeiter unseres Blattes, Können wir unseren Lesern noch immer keine Aufklärung geben.« Hat er ihr etwa diese Zeiten vorenthalten wollen?«

Nach dieser Frage herrschte eine gute Weile tiefes Schweigen in der Amtsstube des Herrn v. Eichen.

Dann bemerkte Durand: »Daß Nadja keinenfalls die zudringliche Person ist, als welche Colmar sie mir schilderte, steht für mich fest. Sie ist ganz gern von ihm gegangen, sie hat ihm nicht einmal die Hand zum Abschied gereicht, sie sah ihn so kalt und so gleichmütig an, als sich der Zug in Bewegung setzte, daß – falls sie ihn je geliebt hat – diese Liebe sicherlich gänzlich erloschen ist. Er muß ihr direkt widerwärtig sein, denn nicht einmal erinnern wollte sie sich seiner. Den Veilchenstrauß, welchen er ihr gebracht, ließ sie absichtlich zurück, was ihn, als er davon Kenntnis erhielt, sichtlich ergrimmte. Diese Zusammenkunft – – das ist meine Überzeugung – – hatte mit Liebe überhaupt nichts zu tun, auch nicht mit einer vergangenen Liebe.«

»Was also kann sie verbunden, was zusammengeführt haben? Eine gemeinsame Schuld?«

Durand zuckte die Achseln. »Vielleicht nur ein gemeinsames Geheimnis,« sagte er und setzte rasch hinzu: »das die Dame jedenfalls nur sehr ungern mit Colmar teilt.«

Herr v. Eichen nickte stumm.

»Vielleicht aber weiß diese Russin gar nichts von Königs Verschwinden,« sagte Durand, »vielleicht hat Colmar deshalb die Zeitung, die sie sich gekauft, beiseite geschafft.«

»Hat er sich sonstwie auch noch verdächtig gemacht?« forschte der alte Herr.

»Er hat mich bezüglich Nadjas Namen und auch in Bezug auf ihr Reiseziel irrezuführen versucht.«

»So?«

»Er hat die Dame einmal Amelie und dann wieder Madeleine genannt. Später gab er zu, daß sie Nadja heiße – Nadja Kerafski. Nadja dürfte ja stimmen, ob auch Kerafski, das wird sich erst zeigen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß auch dieser Name ein von Colmar rasch erfundener ist. Er hat ja auch, um ihr wirkliches Ziel zu verschleiern, schnell Krakau, wohin er selbst ihr die Karte besorgte, mit Prerau vertauscht.«

»So ist es also sein Bestreben, uns von Nadjas Spur abzubringen?« sagte verwundert den Kopf schüttelnd Herr v. Eichen.

»Offenbar ist das seine Absicht. Nun, es ist nur gut, daß Klesing dieser Russin so dicht auf den Fersen ist.«

»Meinen Sie?« sprach eigentümlich lächelnd der Oberpolizeirat.

Durand sah ihn aufmerksam an, während er, seinen Gedanken laut zu Ende führend, weiterredete: »Und gut ist's, daß bald eine Nachricht von Klesing da sein muß. Ich beauftragte ihn, wohl darauf zu achten, mit wem Nadja in Krakau, oder wo sonst ihre Reise zu Ende geht, verkehren wird – falls sie sich überhaupt dort aufhält. – – Es ist übrigens auch möglich, daß König, falls er noch lebt, unterwegs sich zu ihr findet. Klesing würde ihn leicht nach der Photographie, die er bei sich trägt, erkennen.«

Herr v. Eichen trommelte mit seinen schlanken Fingern auf einem Stoß Papieren, der vor ihm auf dem Tisch lag. Wieder lächelte er auf ganz eigentümliche Art. »Ich habe vor dem Zufall nicht umsonst eine gewisse Scheu,« bemerkte er dann ganz unvermittelt. »Es ist nämlich bereits ein Telegramm da.«

»Von Klesing?« rief Durand, Schlimmes ahnend.

Herr v. Eichen reichte ihm eine Depesche, die, von anderen Papieren bedeckt, auf dem Tisch gelegen hatte. »Klesing wird nicht sobald wieder Dienst tun können,« sagte er, während Durand ärgerlich das Telegramm las.

Es lautete: »Oderberg, den 8. 3, 5 Uhr 45 Minuten Morgens. Habe mir eine Kopfwunde zugezogen, liege nach längerer Ohnmacht in der Wohnung des Stationschefs. N. K. vermutlich nach bewußtem Ziele weitergereist. Habe vorsichtshalber nach Trzebinia, Granica und Krakau depeschiert, Dame so und so aussehend sei anzuhalten. Zu mehr leider derzeit nicht fähig. Brief folgt. Klesing.«

»Ich wundere mich nur, daß von Krakau noch keine Nachricht hier ist,« bemerkte Herr v. Eichen.

Durand lächelte. »Ich wundere mich nicht darüber,« entgegnete er. »Colmar hat nämlich auch depeschiert. Ich konnte ihn daran nicht hindern.«

»Wann hat er depeschiert?«

»Heute nacht.«

»Wissen Sie auch, wohin?«

»Nein. Aber ich kann mir's denken, daß Nadja irgendwo unterwegs die Depesche in die Hand bekommen und daß sie daraufhin nicht nach Krakau reisen wird – falls sie an unserem Fall wirklich beteiligt ist.«

»Nun, wenn wir auch sie nicht fassen,« meinte Eichen gleichmütig, »das eine Ende des Fadens, Herrn Colmar, haben wir ja, da werden wir früher oder später auch das andere Ende in die Hand bekommen. Auch werden wir endlich den Namen dieser blonden Schönheit erfahren.«

Durand hatte sich erhoben. Er griff nach seinem Hut.

»Warum wollen Sie denn selbst zum Telegraphenamt gehen?« fragte der Oberpolizeirat.

Sein junger Freund lächelte. »Vielleicht weil ich neugieriger und daher ungeduldiger bin, als es nötig wäre,« sagte er; »jedenfalls aber hoffe ich auf diesem Wege noch etwas zu erfahren. Der Fiaker Nummer 184 hat nämlich seinen Standplatz sehr nahe am Haupttelegraphenamt – vielleicht finde ich ihn sogleich.«

»Was ist's mit ihm?«

»Er hat den Herrn gefahren, der in der Nacht vom 3. auf den 4. März bei der Elisabethbrücke ausgestiegen ist. Da ich sogleich ein gewisses Interesse für diesen Herrn fühlte, habe ich mir die Nummer dieses Wagens notiert.«

»Gut, gut, Doktorchen. Gehen Sie und lassen Sie es mich bald wissen, falls Neues auftaucht.«

Ein Händedruck noch, und Durand ging.

Etwa zwanzig Minuten, nachdem er Herrn v. Eichen verlassen hatte, wußte er schon, daß in der verflossenen Nacht um ein Uhr zwanzig Minuten eine Frau eine Depesche aufgegeben hatte, welche an einen Passagier des Nachteilzuges der Nordbahn, Strecke Wien– –Krakau, aufgegeben worden war. Dieser Passagier hieß Nadja Kissilew. Die Depesche lautete: »Bewußte Sendung geht unter der Bedingung, daß Sie direkt nach Hause fahren, morgen noch an Ihre Adresse ab. Sonst wird alles rückgängig gemacht. Der wichtige Grund für dieses mein Ersuchen folgt brieflich. Bitte mir einstweilen nicht zu schreiben, da ich verreise. Antworten Sie mir sofort per Draht unter der Adresse der Frau T. B. S.«

Durand las die wenigen Zeilen auf der Stiege des Haupttelegraphenamtes noch einmal aufmerksam durch.

»Nadja Kissilew also heißt sie,« dachte er, die Telegrammabschrift zusammenfaltend. Und während er sie in einen Umschlag schob und diesen an Herrn v. Eichen adressierte, sagte er leise vor sich hin: »Sie wäre uns also entschwunden – für einstweilen wenigstens,« setzte er ganz gemütsruhig hinzu und begab sich dann auf die Freiung, wo der Fiaker Nummer 184 seinen Standplatz hatte.

Der Mann und sein Fuhrwerk waren aber nicht da. Durand hatte eine kurze Unterredung mit dem diesem Platze zugewiesenen Wachmann und kehrte alsdann wieder zur Polizeidirektion zurück, woselbst derzeit auch schon Alexin behufs weiterer Vernehmungen untergebracht worden war.

Durand suchte ihn sogleich auf. Er fand den jungen Russen in sehr verdrossener Stimmung.

»Wie lange wird man mich denn noch hier behalten?« war dessen erste, in ziemlich barschem Ton gestellte Frage.

Durand hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, seinen Hut auf den Tisch zu stellen, an welchem der Russe saß, auch jetzt noch immer saß, denn er hatte es nicht der Mühe wert erachtet, sich bei Durands Eintritt zu erheben.

Erst jetzt, unter Durands scharfem Blick errötend, stand er langsam auf und wiederholte in weniger gereiztem Ton die schon einmal gestellte Frage.

Durand zuckte die Achseln, und langsam seine Handschuhe ausziehend, sagte er gleichmütig: »Was wollen Sie? Es muß alles seinen Gang nehmen. Ihr Gedächtnis hat ja auch keine Eile, warum also sollen wir uns beeilen. Außerdem geschieht Ihnen dadurch, daß wir Sie hier festhalten, ganz bestimmt kein Unrecht. Die Zeit, welche Sie in der Untersuchungshaft verbringen, wird Ihnen ja doch wahrscheinlich in Ihre Strafhaft eingerechnet.«

Über Alexins Gesicht verbreitete sich der Ausdruck tiefen Grimmes.

»Ist Ihnen noch nicht eingefallen, was Sie von König wollten?« fragte Durand.

Der Russe schwieg.

»Von König, der um die Zeit, als Sie das Rad stahlen, ermordet worden ist,« setzte Durand langsam, die Blicke fest auf Alexin gerichtet, hinzu.

Dieser war emporgefahren. Steif aufgerichtet, die Hände wie abwehrend vorgestreckt und sichtlich erblaßt, so starrte er auf seinen Besucher.

Er bot sowohl das Bild vollkommener und zwar echter Überraschung als auch das großen Schreckens.

Letzteres war in seiner Situation erklärlich, und ersterer Umstand kam ihm überaus gut zu statten.

Durand wußte jetzt wenigstens eines: falls König ermordet worden war – und dieser Fall deuchte Durand seit kurzem der wahrscheinlichere zu sein – so war Alexin wenigstens an dem Morde nicht beteiligt, ja nicht einmal an der Mordabsicht, denn er wußte nichts von solch einer Tat.

»Sie sagen, König sei ermordet, um jene Zeit ermordet worden,« schrie der Russe auf, und seine Augen traten völlig aus den Höhlen. Er war ganz fassungslos.

Durand beeilte sich, diese Fassungslosigkeit zu benützen. »Sie kennen Colmar,« sagte er rasch. Es konnte eine Frage, es konnte aber auch eine Behauptung sein.

Alexin starrte ihn eine Weile an. »Wieso wissen Sie, daß ich ihn kenne?« fragte er. Es war jetzt etwas Lauerndes in seinem Wesen.

Durand machte eine Bewegung der Ungeduld. »Leugnen Sie es nur nicht.«

»Ich leugne es ja nicht,« entgegnete nach einer Pause der andere. Es zuckte dabei in seinem verlebten Gesichte, und sehr bald setzte er höhnisch hinzu: »Wer immer jedoch diesen Mord begangen hat – Colmar war es nicht.«

Wie bestimmt und wie grimmig und auch wie höhnisch das klang! Alexins Hirn mußte jetzt der Tummelplatz chaotischen Denkens sein, dies war aus der heftigen Arbeit seiner Gesichtsmuskeln und dem wirren Ausdruck seines Blickes zu erkennen. Der eine Gedanke jedoch, der, dem er soeben mit voller Bestimmtheit Ausdruck gegeben, der hatte sich sofort in voller Klarheit in ihm gebildet.

Durand wunderte sich heimlich darüber, versäumte jedoch deswegen nicht die gute Gelegenheit, die ihm dieses nervösen Menschen hohe Erregtheit bot. Er hatte ja noch eine wichtige Frage zu stellen, und er stellte sie, oder vielmehr er stellte noch eine Behauptung auf. »Und auch Nadja kennen Sie,« sagte er.

Da warf Alexin, als wolle er einer Gefahr ausweichen, den Kopf zurück, und dann sank er totenbleich auf seinen Stuhl. »Nadja – Nadja,« murmelte er, »was wissen Sie von ihr? Warum nennen Sie jetzt ihren Namen?«

»Sie ist in diesen Fall verflochten.«

»Das ist nicht möglich!«

»Und Colmar nennt sie seine Geliebte.«

»Der Schurke lügt!«

»Wieso wissen Sie das?«

»Weil –« Alexins Zähne knirschten, seine Hände ballten, seine Lippen schlossen sich.

»Nun, so reden Sie doch!«

Aber Alexin schwieg. Auf seiner Stirne entstanden Schweißperlen, und er fing zu zittern an.

Durand erwartete, daß jetzt Alexin von seiner schrecklichen Krankheit wieder hingeworfen werden würde. Aber dieser erholte sich bald. Und je ruhiger er wurde, desto mehr Trotz und Verbissenheit drückten sich in seinem Gesichte aus. Und noch etwas zeigte sich darin – ein Lauern und irgend etwas Schlechtes, ein Zug von Zynismus, von Gemeinheit, welchen der doch recht scharf beobachtende Durand bis dahin in des Russen Gesicht nicht gefunden hatte.

»Nun?« fragte er harten Tones. Dieser junge, armselige Mensch, in welchem die Natur fremde oder eigene Sünden schon so schwer bestraft hatte, war ihm jetzt recht unsympathisch.

Alexin zuckte die Achseln. »Warum fragen Sie mich nach Nadja? Fragen Sie diese doch selbst,« entgegnete er endlich und wollte gleichgültig dabei aussehen, aber seine Augen waren voll geheimnisvoller Sorge, und sein Atem ging schwer.

Durand lag nichts daran, ihn in seiner Aufgeregtheit zu belassen, er antwortete daher gleichmütig: »Fragen Sie doch einmal jemand, den Sie nicht haben.«

Da sah er ein jähes Aufblitzen in des Russen Augen. Das hatte er erwartet. Jetzt taute Alexin auch wieder auf. Er schaute freier, aber gleichwohl mied er noch immer Durands Blick, und es war auch merklich jedes seiner Worte wohl überlegt.

»Das braucht Sie nicht zu kränken,« begann er. »Nadja hat keinesfalls bei einem Verbrechen mitgewirkt. Die ist besser als wir beide zusammen.«

Er mußte über diesen Schluß seiner Rede selber lächeln, so wie auch Durand lächelte, während er sich für die merkwürdige Zusammenstellung, die sich Alexin da gestattet hatte, ironisch verbeugte.

»Wenn nur Colmar da ist,« setzte Alexin lauernd hinzu.

»O ja, der ist da.«

Jetzt wurde der Russe lebhaft. Mit eigentümlich cynischem Lächeln sagte er: »Auch ihm werden Sie übrigens nichts anhaben können. Wenn König ermordet wurde, hat Colmar damit nichts zu tun – –– der hätte, wenn es in seiner Macht gelegen wäre, Königs Leben sich ganz gewiß erhalten.«

»So! Sich hätte er es erhalten?«

»Sich, ja sich!«

»Und weshalb hatte Königs Leben gerade für Herrn Colmar so hohen Wert?«

»Tote Kritiker nützen einem nichts mehr.« Wieder verzerrte der Hohn des Russen hageres Gesicht.

»Um wen trauert Nadja?« fragte ganz unvermittelt Durand.

Alexin schaute ihn überrascht an. »Sie geht in Trauerkleidern?« rief er. »Wie können Sie das wissen?«

»Ich habe Nadja gesehen.«

Der Russe fuhr empor. »Sie war hier?«

»Gestern abend war sie noch hier Colmar hat sie auf den Bahnhof begleitet.«

»Sie war jetzt hier,« murmelte der andere, »und sie war bei ihm!«

Er versank in Nachdenken, er hatte offenbar ganz vergessen, daß er nicht allein war. Durand fragte sich, wen Alexin mit dem »ihm« gemeint haben könne – – König oder Colmar.

»Warum also geht sie in Trauer?« fragte er laut noch einmal. Dieser Umstand interessierte ihn plötzlich.

Aber er bekam keine Aufklärung darüber, bekam sie wenigstens nicht sogleich, denn Alexin mußte, offenbar in seinem eigenen Interesse, erst reiflich darüber nachdenken, ob er eine solche geben solle oder nicht.

Er tat vorher noch selber eine Frage. »Sprachen Sie denn nicht mit ihr, wenn Sie sich doch so sehr für sie interessieren?«

»Ich sprach nicht mit ihr,« gab Durand ohne weiteres zu, »aber mit Ihnen rede ich schon recht lang, erwartend, daß Sie, der Sie bald vor einem sehr scharfen Untersuchungsrichter stehen werden, es zur Milderung Ihrer Lage schon mir bekennen sollen, inwieweit Sie in diesen Fall verwickelt sind. Offenheit stimmt ja immer mild. Wenn Sie schon in der Voruntersuchung durch Offenheit beweisen, daß Sie sich nicht auf hartnäckiges Leugnen verlegen wollen, wird es sehr günstig für Sie stimmen.«

Alexin lächelte spöttisch. »Man wird mich nie in diese Mordaffäre verwickeln können,« sagte er sorglos. »Ich habe König nicht gekannt, habe nie mit ihm zu tun gehabt und habe keinerlei Nutzen von seinem Tode, warum hätte ich mich also an diesem Verbrechen beteiligen sollen?«

»Wird Ihnen der Beweis für all das, was Sie da sagten, gelingen?«

»Wird dem Gerichte der Gegenbeweis gelingen?« fragte Alexin lächelnd. »Was man mir einzig beweisen kann, ist, daß ich mich in den Besitz eines fremden Fahrrades gesetzt habe, und das habe ich ja schon eingestanden.«

»Ja, und auch, daß dieses Fahrrad am 3. März in der Mitternachtsstunde, also genau in der Zeit, in welcher in Königs Haus das Verbrechen geschah, in Ihren Besitz kam, und zwar in oder vor Königs Haus in Ihren Besitz kam.«

Alexin wurde bleich. »Sie sagen, daß eben in dieser Zeit – – –« Der Russe stockte. Er sah jetzt sehr geängstigt aus.

Durand fuhr ernst fort: »Ich sage es nicht nur, es verhält sich wirklich so.«

»Aber mehr kann man mir ja doch nicht beweisen,« meinte wieder aufatmend der Russe.

»O doch. Zum Beispiel, daß eine Ihrer Aussagen auf Unwahrheit beruht.«

»Welche?«

»Sie haben angegeben, daß Sie am 3. März zwischen zehn und zwölf Uhr Nachts von einem Unbekannten im Gasthause bis zum Berauschtsein traktiert worden seien. Das ist nicht wahr. Es ist bereits erhoben, daß Sie von etwa neun Uhr bis gegen zwölf Uhr ohne Gesellschaft dort waren. Sie saßen im Extrazimmer, an dem Ecktisch, der dem Ofen zunächst steht, verlangten, daß, weil Sie fieberten, eingeheizt würde, und ließen sich nebst der Speise- und Weinkarte auch Schreibzeug bringen. Noch ehe man Ihnen die bestellten Speisen brachte, hatten Sie einen Brief geschrieben, den Sie während des Essens noch einmal überlasen. Er mochte Sie gereuen, denn Sie zerrissen ihn und warfen ihn ins Feuer. Sie verhinderten es aber, daß man das Schreibzeug wegtrage. Sie wollten demnach noch schreiben; es kam jedoch nicht dazu, denn eine Gesellschaft von Herren und Damen, die nach Ihnen gekommen war, störte Sie. Sie kokettierten danach mit einer der Damen – es war eine helle Blondine –, ließen sich, wiewohl Sie schon ziemlich viel getrunken hatten, noch eine Flasche Klosterneuburger geben und tranken der blonden Dame halbverstohlen zu. Einer der Herren der Gesellschaft machte hierauf eine Ihnen geltende, scharfe Bemerkung, worauf Sie – Sie scheinen wenigstens im Halbrausch nicht sehr mutig zu sein – sich Ihrer Flasche allein widmeten. Die Gesellschaft, sowie die wenigen anderen Gäste, welche in dieser sehr unfreundlichen Nacht das Gasthaus aufgesucht hatten, verließen es vor Ihnen. Sie waren nun der einzige Gast in der Extrastube, welcher bis gegen Mitternacht blieb. Ehe Sie gingen, tranken Sie noch einen Kognak. Ihre Zeche betrug drei Gulden vierundfünfzig Kreuzer. Stimmt es?«

»Es stimmt,« sagte Alexin.

»Alles, meine ich?«

»Es stimmt,« wiederholte Alexin.

»Na, sehen Sie. So wie man auf das gekommen ist, so wird man auch auf alles andere kommen – früher oder später, mit oder ohne Ihr Hinzutun. Man wird schließlich doch wissen, was für ein eigenes oder fremdes Interesse Sie veranlaßte, Königs Wohnung am kritischen Tage um fünf und sieben und – um zwölf Uhr Nachts aufzusuchen. Man wird auch wissen, welche Art die Schurkerei ist, die Sie gerade an diesem Tage verhindern wollten, wird wissen, ob derlei überhaupt existierte oder ob vielleicht eine Schurkerei erst in Szene gesetzt werden sollte. Man wird schließlich auch wissen, woher Sie das Geld nahmen, um in der Nacht vor Ihrer Verhaftung Zechen von fünfunddreißig Gulden machen und bar bezahlen zu können.«

»Ich sagte es ja schon, die nahm ich aus dem Fahrradtäschchen,« entgegnete der Russe, aber er zeigte sich doch recht unsicher dabei.

Durand lachte ihm einfach ins Gesicht. »Wenn Sie schon lügen, so bleiben Sie doch wenigstens bei dem Wahrscheinlichen,« riet er ihm in gemütlichem Tone. »Wenn es auch glaubhaft wäre, daß einer in der Tasche seines so schlecht verwahrten Rades diese immerhin beträchtliche Geldsumme ließe, nützte Ihnen dieser Umstand doch wenig in Bezug auf den Ausweis, den Sie werden leisten müssen. Die Frau, bei welcher Sie während der letzten sechs Wochen wohnten, wird Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie in dieser Zeit zuweilen darbten, zuweilen aber auch in Saus und Braus lebten. Mit welchem Gelde?«

Alexin schwieg.

»Nun?« fragte Durand ernst, sich vom Stuhle erhebend.

Der Russe überlegte. Wieder kam der Trotz in ihm obenauf. Auch er stand auf. »Ich lasse mich nicht überrumpeln,« sagte er grob.

Durand langte nach seinen Handschuhen. »Es wäre gut für Sie, wenn Sie redeten, jetzt schon redeten,« bemerkte er freundlicher.

Da lachte Alexin höhnisch: »Für Sie wäre es gut nicht für mich.«

»Und vielleicht auch für Nadja Kissilew.«

Einen Augenblick lang wurde der Russe ernst. Dann aber lachte er spöttisch.

Da sagte Durand: »Sie sind sehr heiter. Es berührt Sie demnach nicht, wenn man diese Nadja Kissilew festnimmt?«

Alexin zeigte seine unangenehm großen, weißen Zähne. »Sie haben sie noch nicht!« höhnte er.

»Wir werden sie erreichen.«

»Wann – wo? Rußland ist groß, und der Kissilew gibt es dort viele. Suchen Sie einmal in Österreich einen Meyer – – einen, von dem Sie nichts wissen, als daß er Meyer heißt – –– Sie werden eher eine Stecknadel in einem Heuschober finden.«

Alles das hatte der Russe, der offenbar in Bezug auf Nadja Kissilews Sicherheit ganz ruhig war, voll lachenden Hohnes gesagt.

Durand ärgerte sich unsäglich darüber, daß er zu diesem Cyniker so warm, so gemütlich geredet hatte, wie eben der Mensch zum Menschen spricht. Bisher war er mit dieser seiner Taktik, zu welcher sein warmes Herz ihm riet, meist ganz gut gefahren. Aber freilich dieser Wasili Alexin oder wie er heißen mochte, der war bis ins Mark hinein Cyniker, der war einer von jenen gefährlichsten aller Gefährlichen, welche jenseits von Gut und Böse stehen – nicht nur mit hohlen Phrasen, sondern mit ihren Taten. Sein ganzes Gehaben sprach dafür. Aber Nadja mußte seine Sympathie besitzen, denn plötzlich leuchteten seine Augen auf, und gar froh klang seine Stimme, als er sagte: »Sie werden Nadja nicht belästigen können. In ganz Wien ist sie nur Colmar und mir bekannt, und wir beide werden Ihnen den Weg zu ihr nicht weisen.«

Durand zuckte die Achseln.

»Und ebensowenig werde ich über Colmar aussagen. Der soll in meiner Hand bleiben.«

»So – – haben Sie ihn in der Hand?«

Alexin schwieg, und Durand lenkte das Gespräch wieder auf Nadja »Was ist Ihnen diese Dame?« fragte er.

»Weder meine noch seine Geliebte. Darauf können Sie Gift nehmen. Und« – des Russen Stimme wurde plötzlich weich »da sie, bei Gott, weder mit diesem noch mit einem anderen Verbrechen etwas zu tun hat, lassen Sie die Unglückliche ungeschoren – sie trauert um einen, den sie unsäglich geliebt hat.«

»Das wissen Sie so plötzlich?«

»Jetzt weiß ich es. Guten Abend!«

»O, Sie entlassen mich schon,« entgegnete Durand ironisch und nahm seinen Hut.

»Sie haben mir demnach nichts mehr zu sagen?«

»Nichts mehr.«

Wasili Alexin kehrte ihm ganz einfach den Rücken.

»Dann bleibt mir nichts übrig, als auch zu reisen,« sagte Durand.

Im nächsten Augenblick schloß sich die Tür hinter ihm. Im Korridor draußen blieb er noch eine Weile stehen, aber Alexin rief ihn nicht zurück. –

Eine halbe Stunde später wurde Wasili Alexin in das Landesgericht gebracht. Er hüllte sich bei dieser Gelegenheit wieder in seine Frechheit und in seinen Trotz. Als er in das Zimmer geführt wurde, darin er die Untersuchungshaft zubringen sollte, nickte er ganz zufrieden, denn es war ein fast freundlicher Raum.

»Meinetwegen sitze ich hier monatelang,« sagte er und schlug in einer Art wilder Lustigkeit dem Mann, der ihn hergeführt hatte, auf die Schulter.

Der so vertraulich Behandelte, dem natürlich schon manch absonderlicher Bursche unter die Finger gekommen war, und der es verlernt hatte, leicht in Erstaunen zu geraten, entgegnete gemütsruhig: »'s wird sich auch Ihre Lustigkeit noch legen, falls Sie's vorhaben, so lang' zu sitzen – – Ich an Ihrer Stell' tät' lieber gleich red'n,« fügte er gutmütig hinzu.

Alexin aber schüttelte den Kopf und sagte dem Alten höhnisch lächelnd in seiner Muttersprache etwas ins Gesicht.

»So, so. Zeit gewonnen, alles gewonnen,« übersetzte der, worüber Alexin sehr betreten zurückwich. »Sehen Sie,« riet der Gefängnisaufseher, »solche Dummheiten darf man nicht machen. Wenn einer schon kein ehrliches Geständnis ablegen will, dann soll er überhaupt nichts reden, gar so etwas nicht, denn jetzt haben Sie schon zugegeben, daß Sie Ursache haben, die Geschichte auf die lange Bank zu schieben.«

»Habe ich wissen können, daß Sie Russisch verstehen?« knurrte Alexin, plötzlich sehr übellaunig.

»Ja, freilich haben Sie das nicht wissen können. Also entschuldigen Sie gütigst, daß ich ein bißchen was davon gelernt habe. Ich bin in Brodil geboren, und dort hört man bekanntlich die russischen Hähne über die Grenze herüberkrähen.«

Mit diesen spöttischen Worten verließ ihn der alte Gefängniswärter.

»Verwünscht!« murmelte Alexin, seine Mütze grimmig in eine Ecke schleudernd. »Wenn ich nur wüßte, ob sie Ungelegenheiten haben kann! Dumm wäre es, wenn ich mir diese Geldquelle, die noch oft lustig sprudeln soll, verstopfte.« –

Der alte Gefängniswärter aber meldete dem Kriminalbeamten, welchem die Untersuchung des Falles König zugewiesen worden war, die charakteristische Bemerkung Wasili Alexins. Der Untersuchungsrichter war nicht allein. Sein Freund, Doktor Gröden, weilte bei ihm.

Als der Aufseher gegangen war, nickten die beiden Herren einander zu.

»Ein frecher Bursche,« sagte Doktor Gröden.

»Und nach seiner Bemerkung zu schließen, schwerer schuldig, als du meinst,« setzte sein Freund hinzu.

Gröden-Durand zuckte die Achseln, schaute auf seine Uhr und erhob sich, indem er sagte: »Ich habe dir also alles, was die Voruntersuchung ergab, mitgeteilt.«

»Alles ist notiert. Ist ohnehin schon ein gewaltig großes Material.«

»Und ich bin bis gegen acht Uhr in der Villa Mühlheim.«

»Ja, man muß dich finden können, falls irgend etwas Besonderes eruiert wird. Und zur Abfahrt des Schnellzuges nach dem Norden bist du auf dem Bahnhof zu finden Ich fürchte jedoch, daß sich diese Sache in die Länge ziehen wird, und ich glaube auch nicht, daß dieser Russe, falls er wirklich ein solcher ist, so schnell seinen Trotz aufgeben wird, und daß ich dir also schon heute etwas auf ihn Bezügliches zu melden haben werde.«

»Was mir diese Reise ersparte.«

»Diese unerwünschte Reise!« lachte der andere. »Bei Edwine im molligen Wintergarten sitzen, wäre freilich ungleich angenehmer.«

»Spotte nur! Du hast dein Glück freilich im Trockenen, da kannst du leicht über mich lachen.«

»Ich tu's aber nicht, mein Alter. Ich freue mich ganz im Gegenteil unbändig darüber, daß Eichen dir das Haus Mühlheim geöffnet hat. Übrigens – – Edwinens Vater schwärmt von dir kaum weniger als sie selber. Er war heute bei mir. Er erbot sich noch einmal, uns alle irgendwie nötig werdenden Geldmittel zur Verfügung zu stellen, und bei dieser Gelegenheit suchte er auf deinen wahren Namen und deine wirkliche Stellung zu kommen. Natürlich wich ich einer Antwort aus, bestätigte ihm jedoch mit Vergnügen, was er selbst etliche Male aus vollster Überzeugung erwähnte, daß du nicht nur ein beispiellos liebenswürdiger Mensch, sondern auch einer der feinsten und scharfsinnigsten Kriminalisten der Jetztzeit seiest.«

Gröden schüttelte dem Freunde lachend die Hand. »Dir merkt man's an, daß du im Glücke sitzest. Küß deiner lieben Frau statt meiner die Hand. Und jetzt – Servus! Bei allem Besprochenen bleibt es. Nummer 184 schicke ich dir vom Bahnhofe aus hierher.«

»Gute Reise also und noch mehr Erfolg, als du bisher schon hattest. Wir werden die Hände hier auch nicht in den Schoß legen. Servus, Alter!«


Fünfzehntes Kapitel.

Die erste Person, welche Durand sah, als er vor der Villa anhielt, war ein Briefträger. Der Mann war eben im Begriffe zu läuten.

Da legte Gröden-Durand ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Lassen Sie das. Ich gehöre ins Haus. Geben Sie her, was Sie für uns haben. Für Mühlheims und für Colmar.«

»Für den Herrn Kommerzienrat ist nichts da, aber für Herrn Colmar habe ich einen Brief,« meinte der Mann und hielt Durand ein Schreiben hin. Er setzte offenbar nicht den geringsten Zweifel darein, daß er Herrn Colmar vor sich habe. Daß der Empfänger des Briefes in die Villa gehöre, ergab sich ja unzweifelhaft aus dem Umstande, daß er den Schlüssel zur Gartentür besaß und noch vor den Augen des Briefträgers das Haus betrat.

Als Durand das Treppenhaus passierte, fiel es ihm auf, was für tiefe Schatten in dem Winkel lagen, der unterhalb des ersten Absatzes der Treppe war. Die Stiege war aber auch ungewöhnlich breit, daher die tiefe Nische unter ihr, die man, weil sie gar so düster wirkte, mit hohen, buschigen, in großen Kübeln befindlichen Pflanzen maskiert hatte. Vier solcher Kübel standen da, und zwischen ihnen befand sich ein Durchlaß. Natürlich, man mußte ja zu der Tür gelangen können, welche nach dem Garten führte. »Nach dem Garten führt, durch so tiefe Schatten nach dem Garten führt –«

Einmal beugte er sich auch über die Brustwehr dieser wahrhaft ornamental aufgeführten Treppe, auf deren Pfeilern schwere Steinvasen mit Blumen- und Obstfüllung prangten. Aber über den sehr breiten Marmorabschluß dieser Brustwehr konnte man nicht gut in die Tiefe schauen, man hätte sich zu weit vorbeugen müssen.

Von einem ganz neuen Gedanken erfüllt, erreichte er sein Zimmer, das er sofort nach seinem Eintritt hinter sich abschloß.

Dann erst nahm er sich Zeit, Hut und Überrock abzulegen und einen Blick in den Garten hinunterzuwerfen.

Da saß Colmar noch immer vor der Zypressengruppe. Er hatte die Palette und die Pinsel noch in den Händen, aber er malte nicht. Ganz in sich zusammengesunken saß er da.

Plötzlich aber fuhr er von seinem Sitz empor und streckte die Arme wie abwehrend vor sich hin, und bis zu dem Fenster, an welchem Durand stand, klang der Schreckensruf, den der Mann dort unten ausgestoßen hatte, dieser Mann, welcher für jeden, der ihn etwa jetzt sah, ein Bild der Lächerlichkeit sein mußte – für jeden außer für Durand, der tiefer blickte, als es derzeit irgend einem anderen möglich war.

Eine Anzahl Raben, die auf einem nahen Baume gesessen, hatten sich plötzlich erhoben und waren mit heiserem Gekrächze über ihm hin geflogen.

Darüber hatte der elegante Colmar, der so ungemein lebensgewandt war, seiner Seele und auch schier seines Körpers Gleichgewicht verloren, denn wie ein Trunkener wankte er, um schließlich mit müder Hand wieder nach dem Pinsel zu greifen, der zu Boden gefallen war.

Und noch etwas tat er. Er schaute zu den Fenstern des Wintergartens hinauf und ließ seine Augen dann langsam über die ganze Hausseite schweifen. Durand wich rasch in die Tiefe des Zimmers zurück. Er hatte gerade noch gewahren können, daß Colmars Gesicht totenbleich war.

Auch Durands Gesicht war blaß, als er sich jetzt anschickte, den Brief zu öffnen, den er vorhin so kurzer Hand an sich gebracht hatte.

Daß er es hatte tun müssen, war ihm recht widerwärtig, aber der Schlechtigkeit kommt man eben nur durch List bei, und überdies hatte es Colmars Benehmen soeben abermals bewiesen, daß man alle Ursache habe, seinen Geheimnissen nachzuspüren.

Nun, wenn der Brief, den Durand in der Hand hielt, Geheimnisse barg, dann waren diese ziemlich schlecht verwahrt, denn Durand, der doch durchaus nicht bewandert in solchen Dingen war, gelang es mit Hilfe seines Federmessers sehr bald, den nur leicht verklebten Rand des Umschlags abzulösen. Er sah bereits, während er dies tat, daß dieser Umschlag von dickem, steifem Papier Colmar schon gehört hatte, noch ehe es von einer im Schreiben ungeübten Frauenhand an ihn adressiert worden war. Es befanden sich nämlich, der Mode des Tages entsprechend, die Buchstaben V. C. in Golddruck darauf, und Durand nahm sogleich an, daß Colmars Wirtschafterin die Schreiberin dieses Briefes sei. Es war in der Tat so.

Sie schrieb ihrem Herrn, daß die Depesche noch in der Nacht befördert worden sei und daß er, seinem Befehle gemäß, alles zu seiner Reise Nötige Abends beim Portier des Nordbahnhofes finden werde. Sie sei mit dem Packen bereits fertig.

»Er war also heute nacht tatsächlich schon fest entschlossen, zu verreisen,« dachte der Doktor, und dieser Gedanke hatte noch einen weiteren im Gefolge. »Ob sein Ziel auch das meinige ist, das bleibt offen,« setzte er nämlich sonderbar lächelnd hinzu.

Er hatte soeben den Schlußsatz des Schreibens gelesen. Dieser Schlußsatz lautete: »Gestern habe ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß der Mann, der die zwei großen Koffer und die Kiste weggeführt hat, fünf Gulden dafür verlangt hat.«

Eine Kiste also und zwei große Koffer! – –

Nachdem Durand den Umschlag wieder verklebt hatte, machte auch er seine Vorbereitungen zur Reise und ging, nachdem er sein Köfferchen gepackt hatte, hinunter. Im Speisezimmer legte er den Brief unter Colmars Serviette und suchte danach den Wintergarten auf.

Er fand die beiden Schwestern und auch Herrn v. Mühlheim daselbst vor.

Hier pflegten sich die Glieder der Familie mit ihren Gästen stets vor den Mahlzeiten zusammenzufinden, um in gemütlichem Plauderton die Meldung, daß aufgetragen sei, zu erwarten.

Freilich war es zur Zeit schlecht bestellt mit der Gemütlichkeit, denn die war durch das rätselvolle Ereignis, welches dieses Haus betroffen hatte, gründlich gestört.

Als Durand den Wintergarten betrat, redeten Mühlheims soeben von Colmar.

»Nun, ich an seiner Stelle würde nicht reisen, wenn ich so gründlich erkältet wäre,« hörte Durand den Kommerzienrat sagen. »Es kann ihm doch nicht auf ein paar Tage ankommen.«

»Nun, es kann da sehr wohl auf ein paar Tage ankommen,« sagte Durand, der zu den Plaudernden trat.

»Hat er denn so Wichtiges zu ordnen?« fragte Edwine, während sie Durand die Hand reichte.

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß nur, daß er sich mir anschließen will – ich reise nämlich auch.«

Am meisten verwundert schaute Lena ihn an, während sie sagte: »Ihnen will er sich anschließen? Ja, sind Sie denn schon so intim mit ihm geworden?«

Wieder zuckte Durand die Achseln. »Ich weiß nur, daß Herr Colmar selbst so liebenswürdig war, mir seine Gesellschaft anzutragen.«

»So!« Zwei hatten das zugleich gesagt: Herr v. Mühlheim und Edwine. Und beide verrieten ein großes Erstaunen. Sie wollten diesem vermutlich keine Worte leihen, jedenfalls aber wären sie darin gestört worden, denn soeben traten Colmar und Erich mit seinem Erzieher ein.

Diesen Moment benutzte Durand dazu, den Kommerzienrat zur Seite zu winken.

»Was gibt es denn?« fragte dieser.

»Colmar wird einen Brief bei seinem Teller finden.«

»So?«

»Diesen Brief haben Sie soeben vorhin dem Postboten abgenommen.«

»Ich?«

»Ja, Sie! Ich aber habe ihn neben Colmars Teller gelegt.«

»Schon gut.«

Die beiden Herren traten wieder zu den anderen.

Das Gespräch wurde, dafür sorgte schon Durand, sogleich ein allgemeines, nur Edwine und ihr Vater beteiligten sich wenig daran. Diese beiden dachten offenbar an irgend etwas ganz Bestimmtes, und immer wieder glitten ihre Blicke verstohlen zu Colmar hin, was übrigens nur Durand bemerkte und beobachtete, der sich einen Platz neben Edwine gesichert hatte.

Gewahrte es auch Colmar selbst, daß er der Gegenstand so großer Aufmerksamkeit war? Er zeigte sich heute merkwürdig lebhaft, geradezu fieberig lebhaft. Immer fand er Stoff zum Plaudern, immer versuchte er es, alle Anwesenden ins Gespräch zu ziehen. Aber merkwürdigerweise blieb er bei keinem der doch von ihm selbst angeschlagenen Themen, sondern fing rasch immer wieder von anderem zu reden an.

»Herr Colmar ist aber heute merkwürdig nervös,« sagt Erich leise zu Braun.

Dieser entgegnete ein wenig ironisch: »Ihr Ideal ist eben auch nicht anders als andere Leute, er leidet, wie Sie sehen, auch an Reisefieber.«

Durand aber sagte ganz laut: »Spötteln Sie nicht über Herrn Colmars Reisefieber! Wer weiß, welch weite Fahrt er vorhat. Da ist ein bißchen Aufgeregtheit nichts Verwunderliches.«

Colmar lächelte ganz natürlich, so ein bißchen ärgerlich und ein bißchen spöttisch. »Weite Fahrt! Sehr gut. Mit einem Handköfferchen eine weite Fahrt! Ach nein. Mein Fieber – ich fiebere nämlich in der Tat – stammt von meiner tüchtigen Erkältung. Ein Luftwechsel wird mir vielleicht gut tun.«

»Für Zustände, wie der Ihre einer ist, scheint ein Luftwechsel immer das Wünschenswerteste zu sein. Das muß man annehmen, denn in fast allen derartigen Fällen tritt die Sehnsucht nach Luftwechsel ein,« entgegnete Durand in gemütlicher Weise. Sein Blick jedoch hielt dabei mit einer gewissen harten Kraft denjenigen Colmars fest, und es kostete diesem sichtlich Anstrengung, ruhig zu scheinen.

»Ah – ein Brief!« rief Colmar aus, als er seine Serviette aufnahm.

Er sagte es mitten in eine Bemerkung Edwinens hinein. Das war etwas auffallend, denn er pflegte sonst nie unartig zu sein, wurde es wohl jetzt auch nur deshalb, weil sein ganzes Denken auf einen bestimmten Gegenstand gerichtet war, und er darüber, wenigstens zeitweilig, selbst Edwinens Gegenwart vergaß.

Seine Unhöflichkeit ging sogar noch weiter. Er riß voll Ungeduld das Schreiben auf und las es. Auf seinem Gesichte zeigte sich dabei der Ausdruck der Erleichterung.

»Sonst wurde für mich nichts abgegeben?« fragte er, abermals recht unpassend, während er das Schreiben in die Tasche schob.

»Nichts. Sie hätten es sonst gleich diesem Brief erhalten,« antwortete kühl Herr v. Mühlheim. – –

Jetzt erst fand Colmar sich wieder zu den gewohnten Formen zurück. Er errötete und stammelte eine Entschuldigung, und dann wurde er wieder auffallend gesprächig.

Aber nicht nur er allein war froh, als die Tafel endlich aufgehoben wurde, und man sich wieder in den Wintergarten zurückbegab.

Mühlheim ging mit Durand. »Sie reisen in unserer Angelegenheit?« fragte er leise.

»In Ihrer Angelegenheit, Herr Kommerzienrat und, wie gesagt, mit Herrn Colmar, und zwar auf seinen eigenen Vorschlag hin.«

»So ist er also richtig in diese Sache verwickelt?«

»Zweifellos.«

»Aber wie?«

Durand zuckte die Achseln.

»Sie wissen also noch gar nichts Bestimmtes?«

»Gar nichts, als daß Colmar diese Nadja kennt, und daß er tatsächlich Ursache haben muß, sich unseren Griffen zu entziehen. Er hat heute gegen gute Papiere, die er sich wahrscheinlich gestern nacht aus seiner Wohnung geholt hat, über dreißigtausend Gulden eingetauscht. Ungeschickterweise noch dazu bei einem einzigen Wechsler. Unser Mann verliert also schon den Kopf. Übrigens hätte größere Vorsicht ihm auch nicht genützt. Er war von einem unserer Agenten überwacht.«

Mühlheim war sehr bestürzt. »Das muß freilich Verdacht gegen ihn erwecken,« stammelte er.

»Das allein noch nicht. Es werden ja weit größere Geldgeschäfte gemacht, und niemand denkt dabei an ein Verbrechen. Hier weisen vor allem die Nebenumstände auf ein solches hin.«

»Ja, ja, so zum Beispiel kennt er diese Nadja.«

»Und führt merkwürdig viel Gepäck mit.«

»Ein kleines Köfferchen doch nur.«

»Vielleicht auch ein solches. Schon möglich! Aber auch zwei große Koffer und eine Kiste wurden gestern oder noch früher für ihn aufgegeben.«

»Wohin?«

»Das weiß ich noch nicht. Wir haben bis jetzt wohl schon viele Glieder gefunden, aber sie wollen noch nicht recht zusammenpassen. Mir ist es aber, als seien wir trotzdem schon nahe daran, die Kette bilden zu können –«

»Die sich legen wird um – –?« fiel Mühlheim flüsternd ein. Er war ganz blaß vor Erregung.

»Ich glaube – um Colmar.«

Der, von welchem sie redeten, saß mit den beiden Schwestern unter einer prachtvollen Arancaria, von deren dunklem Grün sich Lenas bleiches Gesicht rührend lieblich abhob. Edwine nahm fast gar nicht teil an dem Gespräch, welches Lena und Colmar führten und welches, nach des Malers heute so sprunghafter Art, häufig das Thema wechselte.

Edwine war vielmehr so in Gedanken versunken, daß sie es gar nicht merkte, wie leidenschaftlich die Blicke waren, mit denen ihr Verehrer sie betrachtete.

Aber Lena sah sie wohl, diese heißen, sehnsüchtigen und – wehevollen Blicke, und Colmar tat ihr recht leid. Wußte sie es doch, daß er niemals hoffen durfte, seine Liebe erwidert zu sehen.

Es war ihr sichtlich erwünscht, daß jetzt ihr Vater und Durand zu ihnen kamen, und ersterer sie aufforderte, mit ihnen, da es gerade jetzt so sonnig und windstill sei, ein wenig hinabzugehen.

Sie verließ die beiden in der Tat sehr gern. Mochte es denn einmal zu einer endgültigen Aussprache kommen, der arme Mensch wußte dann doch, woran er war.

Lena war vollkommen davon überzeugt, daß es diesmal zum Bruche zwischen den beiden kommen werde, dennoch oder, besser gesagt, trotzdem verließ sie Edwine, denn sie hätte jetzt, da ihre Nerven bis fast zur Unerträglichkeit gespannt waren, es nicht ertragen können, Colmar noch tiefer leiden zu sehen. Er war ihr bis in die letzte Zeit recht gleichgültig gewesen, seit er aber sichtlich so ergriffen war von ihrem Leid und von der Ursache dieses Leides, war er ihr sympathischer geworden, und seit sie selber so tiefen Gram um einen geliebten Menschen empfand, fühlte sie lebhaft mit, wie es Colmar zu Mute sein mußte, dessen Liebe so ganz hoffnungslos war.

Um Edwine ängstigte sie sich nicht; die wußte sie geschützt durch ihre Kühle, und so verließ sie, mehr an Colmar als an ihre Schwester denkend, mit den Herren den Wintergarten. Die beiden blieben allein.

Edwine schien es gar nicht zu bemerken. Kaum aber hatte sich die Tür hinter den Gehenden geschlossen, fuhr die junge Dame empor.

Colmars heiße Lippen preßten sich auf ihre Hand.

»Was wollen Sie?« rief sie ebenso zornig als erschrocken.

Da hatte er sich schon wieder gefaßt. Er hatte sich gleich ihr jäh erhoben. Sie standen einander gegenüber und sahen sich in die Augen.

»Nichts will ich, Edwine, nichts mehr, seit » er hielt inne und fuhr sich über die Augen, dann vollendete er mühsam den begonnenen Satz: »seit ich die unzweifelhafte Gewißheit habe, daß Sie mich beinahe hassen.«

Er machte eine Pause. Vielleicht zwang ihn nur seine Atemnot dazu, vielleicht aber hoffte er, Edwine würde diese peinliche Pause mit einem guten Wort unterbrechen.

Dies geschah jedoch nicht. Ernst und kalt und mit einem ihn peinigenden Blick hielt sie den seinigen fest, aber ihr Mund blieb geschlossen.

Da senkte sich sein Kopf, und er murmelte: »Darum gehe ich fort. Ich ertrage es nicht länger.«

Jetzt redete Edwine. Kühl, aber doch ein wenig mitleidig klang ihre Stimme, und ihr Lächeln drückte Befriedigung aus. »Ich gratuliere Ihnen und mir zu diesem vernünftigen Entschluß,« begann sie und rückte den Stuhl zur Seite, der sie daran hinderte, aus der Nische gehen zu können.

»Freundlicheres haben Sie mir nicht zu sagen?« fragte Colmar und legte seine Hand auch auf die Stuhllehne. Sein Gesicht war jetzt dicht vor dem der jungen Dame, seine Gestalt verstellte ihr den Ausgang.

Und diese Gestalt zitterte, und dieses Gesicht war wieder so verzerrt wie vorhin. Sehnsucht und Liebe waren das Schöne darin, ein Ausdruck von Qual und Grimm machten es entsetzlich.

»Ich lüge nie – ich kann auch jetzt nicht lügen,« rief Edwine erbebend und wollte sich an ihm vorbeidrängen.

Da fühlte sie seine Hand, welche die ihre fest umklammerte.

»Eugen!« schrie sie auf.

In demselben Augenblick war sie frei, Colmars Hand sank nieder. Er trat zur Seite und bat sie, unbeschreiblich traurig aussehend: »Verzeihen Sie einem Menschen, der so vermessen war, das höchste Glück für sich zu erwarten und dessen Leben nun zerbrochen ist.«

»Aber, Herr Colmar –« stammelte Edwine.

Da wandte er sich ab, schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte laut.

Einige Sekunden später war Edwine allein. Sie sank kraftlos auf ihren Sitz nieder und schaute trüb vor sich hin.

Der Maler tat ihr jetzt recht, recht leid. Ein gar so tiefes Empfinden hatte sie ihm nicht zugetraut. »Oder,« fragte sie sich plötzlich, »oder hat seine fast wahnsinnige Aufregung noch einen anderen Grund?«

Lange dachte sie darüber nach, und das Resultat dieses Nachdenkens war wieder tiefes Mitleid. Welche Schuld auch Colmar drückte – sie erdrückte ihn fast. Daß ihr Ausruf ihm verraten hat, wessen ihr Herz voll war, daran lag ihr gar nichts. Er wußte ja schon, seitdem er ihr zum ersten Male von seiner Liebe sprach, daß die ihrige bereits vergeben sei, wußte auch, daß Doktor Eugen Gröden ihr Erwählter sei, und konnte sich's – und das war das einzig Üble bei dieser Sache – – jetzt vermutlich zusammenreimen, daß Eugen Gröden und Eugen Durand ein und dieselbe Person waren.

»Das aber brauchte einstweilen wohl niemand zu wissen, am allerwenigsten Colmar.« So dachte Edwine, tat einen tiefen Atemzug und hob dann jäh den Kopf. Aber nein, sie brauchte nicht zu erschrecken. Es war nicht Colmar, der dort auf der Schwelle stand, es war nur Lena, die ihr freundlich zunickte und, die Tür hinter sich schließend, fragte, wie denn dieses sicherlich peinliche Gespräch geendet habe.

Sie erfuhr noch mehr als nur das, wonach sie gefragt hatte, erfuhr, wer eigentlich Herr Durand sei, und daß er schon allerlei entdeckt habe, was zur Aufklärung des schrecklichen Rätsels, das sie alle so schwer bedrückte, beitragen werde, und erfuhr auch, daß Gröden-Durand heute in Königs Angelegenheit eine Reise antreten werde, und daß merkwürdigerweise Colmar ihn durchaus begleiten wolle.

»Aber woher weißt du denn alles das?« fragte Lena, nachdem sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatte. »Du und dieser Herr »Durand«, ihr redet ja niemals heimlich miteinander.«

»O doch,« lächelte Edwine glückselig, »zuweilen wissen wir es schon so einzurichten, daß wir uns für etliche Minuten allein sehen, andernfalls hält mich Eugen mittels solcher Zettelchen auf dem Laufenden.«

So erzählte Edwine und entnahm ihrem Portemonnaie das letzte der erhaltenen Zettelchen, welches etliche stenographische Zeichen enthielt.

»Daß Gröden sich in unserer traurigen Angelegenheit so eifrig zeigt, begreife ich,« sagte Lena, nachdem sie aus tiefem Nachdenken erwacht war, »er liebt ja dich und will dich erringen, und außerdem« – Lena lächelte schmerzvoll – »ist der Fall ja für einen künftigen Staatsanwalt und schneidigen Kriminalisten an und für sich schon lockend. Daß aber Colmar sich ihm und bescheidenerweise noch dazu heimlich zur Hilfe anbietet – Colmar, der jetzt gesundheitlich so übel daran ist, und den nichts als die Freundschaft zu meinem armen Hans zu handeln treibt– das ist ebenso überraschend als schön.«

»Meinst du!« entgegnete trocken Edwine.

Ihre Schwester schaute betroffen auf. »Du meinst das nicht?« fragte sie und schüttelte höchlich verwundert den Kopf.

Edwine lachte schneidend auf: »Nun, wir und vor allem Gröden, wir haben so unsere eigenen Vermutungen.«

– – – – – – – – – – – – –

An diesem Nachmittag war kein Briefträger mehr vor die Villa Mühlheim gekommen. Colmar wußte das, denn seit er Edwine verlassen und sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, bewachten seine Augen aufmerksam das Gittertor.

Aber auch Mühlheim und Durand taten dies, und letzterer tat es mit der festen Absicht, keinen etwa noch für Colmar einlaufenden Brief in dessen Hände gelangen zu lassen.

Gegen fünf Uhr fand Colmar sich wieder unten ein. Er zeigte sich jetzt weniger nervös als früher und spielte mit großer Willenskraft den Harmlosen. Allein nicht nur er, auch alle anderen atmeten auf, als der unbehagliche Nachmittag zum Abend geworden war, und die Zeit zur Abfahrt herankam.

»Ich habe einen Fiaker bestellt,« bemerkte Durand, sich zu dem schon sehr unruhig gewordenen Colmar wendend, »Sie können ganz unbesorgt sein. Der Mann ist sicher schon eingetroffen. Ich sehe wenigstens einen Wagen unten.«

Im selben Augenblicke kam Wilhelm herein und meldete, daß Nummer 184 da sei.

»Hat Ihnen der Kutscher aufgetragen, daß Sie sein Kommen melden sollen?« fragte Durand, auf seine Uhr sehend.

Wilhelm bejahte.

»Es ist tatsächlich schon Zeit zum Aufbruch,« warf der heute auch sehr nervöse Kommerzienrat ein, und nun standen alle auf.

Colmar passierte dabei noch etwas Unangenehmes. Der Stiel des Weinglases, das er in seiner Zerstreutheit noch umspannt hielt, brach ab.

Während er sich stotternd entschuldigte, küßte Durand inniger, als seine Umgebung wahrnahm, Edwinens Hand und sagte ihr etliche liebe, heimliche Worte.

Da fühlte er auch Lenas kühle, kleine Hand in der seinigen, und als er sich ihr zuwandte, schaute er in tränenvolle Augen. »Möchte Ihre Reise mir Ruhe bringen,« flüsterte sie, nickte ihm freundlich zu und ging rasch auf Colmar zu, der gegenüber Mühlheims steifem Wesen plötzlich verstummt war.

Lena wollte sich in ihrer herzlichen Art von ihm verabschieden und ihm die Hand reichen, aber er verbeugte sich so tief vor ihr, daß er die ihm entgegengestreckte Hand offenbar nicht sah, und ebenso verhielt er sich gegenüber Edwine, die sich übrigens ohnehin sehr kühl benahm.

Nur gut, daß dies alles so schnell vorüberging. So kamen eigentlich alle beteiligten Personen erst viel später zum Bewußtsein der ganz merkwürdigen Art, in welcher der sonst so formengewandte Colmar aus dem ihm so befreundeten Hause gegangen war.

Als die beiden Herren auf die Straße hinaustraten, stand schon der Kutscher neben dem Wagenschlag, den er, während er sich danach erkundigte, wohin er fahren müsse, langsam öffnete.

»Na, etwas rascher!« rief Colmar ungeduldig. »Sie haben wohl geschlafen?« Es klang geradezu grob.

»Fahren Sie uns zum Nordbahnhof,« sagte Durand freundlich. »Wir wollen zum Schnellzug zurechtkommen.«

»Sehr wohl, Euer Gnaden.«

Colmar stieg hastig in den Wagen. Der Kutscher machte ein pfiffiges Gesicht, zeigte auf den Einsteigenden und nickte.

Durand warf ihm einen warnenden Blick zu und hieß zugleich Wilhelm das Gepäck in den Wagen legen.

Als das geschehen war, stieg Durand auch ein.

»Verwünschte Trödelei!« knurrte Colmar.

»Geben Sie acht, da steht Ihre Reisetasche,« rief Durand dem sich ungeduldig Bewegenden zu.

Colmar tastete danach auf dem finsteren Grund des geschlossenen Wagens, aber die Reisetasche stand auf dem Rücksitz. Durand hatte nur Colmars Augen ein anderes Ziel geben wollen, als den Mann, der sich soeben zu dem Kutscher hinaufgeschwungen hatte, und welcher nun, vom Kutschbock verdeckt, nicht mehr zu sehen war.

Aber zu hören war jetzt etwas. Der Kutscher pfiff den Radetzkymarsch.

Er konnte jedoch dieses Musikstück offenbar nicht bis zu dessen Ende pfeifen, denn zweimal hörte er an einer bestimmten Stelle auf und begann wieder von vorne.

Colmar, der sich in seinen Reisemantel wickelte, achtete nicht darauf, Durand jedoch nickte unmerklich, als diese musikalische Übung begann.

»Wieder ein Glied,« dachte er, während der Wagen durch das nächtliche Wien fuhr. Die beiden Herren waren sehr schweigsam. Einmal fuhr Colmar, der vielleicht wirklich eingeschlummert war oder auch dies nur heuchelte, empor und betastete die Brusttasche seines Rockes.

Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er sich danach wieder in die Wagenkissen zurücksinken. Hatte er sich überzeugt, ob er sein Geld auch wirklich bei sich habe, oder hatte er sich des Besitzes einer Waffe versichert, einer Waffe, mit der er rasch allem ein Ende machen konnte, falls es zum Schlimmsten kommen sollte? – –– –

Am Bahnhofe angekommen, kaufte sich Durand noch Zigarren. Bei dieser Gelegenheit konnte er unauffällig mit Speidl noch einige Worte wechseln und ein Telegramm in Empfang nehmen, das an Herrn v. Eichen adressiert war und von diesem auf den Bahnhof geschickt worden war. Auch einige Zeilen an die Direktion des Künstlerhauses schrieb Durand noch und warf den Brief in einen Postkasten.

Eine Viertelstunde später fuhr der Zug mit ihm und Colmar aus der Halle. Letzterer hatte beim Portier tatsächlich nur das Notwendigste zu solcher Reise, einen kleinen Koffer und einen warmen Plaid, entgegengenommen.

Er machte es sich sofort bequem in dem Coupé, das mit ihm nur noch Durand teilte. Er blies sich ein Luftpolster auf, hüllte sich in den Plaid und legte sich nieder.

Schlief er wirklich so rasch ein oder heuchelte er nur die tiefen Atemzüge eines Schlafenden, um von seinem Reisegefährten nicht behelligt zu werden?

Durand war es gleichgültig, oder vielmehr, es war ihm sogar lieb, daß er nicht zu reden brauchte.

So hüllte denn auch er sich in seine Reisedecke und gab sich dem Schlafe hin. Er wußte ja, daß er etliche Stunden vor sich habe, welche er der Ruhe widmen durfte.

Einmal erwachte er plötzlich.

Man hatte eine Station ausgerufen.

In der Minute, während welcher der Zug hielt, machte Durand eine Wahrnehmung. Er bemerkte, daß Colmar munter war. Einen Moment lang hatte er des Malers Augen offen gesehen. Aber er hatte auch während der Fahrt schon gewacht und in seiner Reisetasche zu tun gehabt. Die Tasche befand sich jetzt an einem anderen Platze.

Durand schlief nicht mehr ein.

Siebzehn Minuten später hatte der Zug Prerau erreicht. Durand ließ ein Fenster nieder und neigte sich hinaus.

Die Bahnhofsuhr zeigte gerade ein Uhr.

Es war eine nebelige, naßkalte Nacht. Das Licht der Gaslaternen hatte nicht viel Kraft. Jede der bleichen Flammen war von brauenden Dünsten, denen sich der Rauch der Lokomotive zugesellte, verschleiert.

Der Bahnhof bot ein trübes, ein fast gespenstisches Bild, einen Anblick, der wohl niemand heiter stimmte.

Durand aber schien heiter zu sein, denn er sah recht animiert umher, ja er pfiff sogar. Er pfiff »Nie sollst du mich befragen« aus Lohengrin. Aber es mußte ihm wohl gleich zum Bewußtsein kommen, wie wenig rücksichtsvoll solch musikalische Äußerungen gegenüber seinem Reisegenossen seien, denn er stellte sie sofort wieder ein.

Als der Zug weiterfuhr, schloß er auch wieder das Fenster und drückte sich fröstelnd in seine Ecke.

Aber auch jetzt wehrte er den Schlaf ab. Er durfte sich jetzt auf keinen Fall mehr der Ruhe hingeben.

Mährisch-Weißkirchen, Zauchtel, Standing, Schönbrunn wurden ausgerufen. Durand betrachtete sich genau die wenigen Passagiere, welche auf den Nachtschnellzug warteten. Nicht einer entging seinem scharfen Blick.

Einmal sah er gähnend und mit allen Zeichen des Gelangweiltseins auf seine Uhr, stand dann auf und reckte sich, wie einer, dem das Stillesitzen schon zur Qual geworden ist, ließ auch wieder ein wenig das Fenster herab und nahm ein paar Atemzüge frischer Luft ein.

Da kam man endlich ganz fahrplanmäßig nach Oderberg.

Durand hatte, voraussetzend, daß Colmar ihn beobachte, schon etliche Minuten, bevor man die Station erreichen konnte, sein Kursbuch herausgezogen und halblaut Ankunfts- und Abfahrtzeit des Zuges im Hinblick auf die nahende Station abgelesen.

»Na, fünfundzwanzig Minuten Aufenthalt,« brummte er. »Da kann man sich während des Rangierens schon ein bißchen die Füße vertreten,« hatte sich daraufhin den Überrock angezogen, die Mütze aufgesetzt und schaute nun angelegentlich den matten Lichtern der Station entgegen, welche rasch näherkamen.

Und als der Zug in Oderberg hielt, stieg Durand sofort aus.

Colmar tat, als erwache er gerade. »Wo sind wir denn?« rief er Durand nach.

»In Oderberg,« antwortete dieser. »Lassen Sie sich nicht stören. Unser Wagen wird mit verschoben. Oder wollen Sie auch ein wenig an die Luft kommen?«

»Ach – nein. Ich bleibe lieber hier, wo ich bin,« klang es verdrießlich aus dem Wagen zu Durand hinab, der bereits auf dem Trittbrett stand.

Jetzt ging der Doktor über die Geleise zu dem Bahnsteig hinüber. Es waren außer ihm noch etliche andere Reisende ausgestiegen und warteten darauf, den neurangierten Zug besteigen zu können. So gab es also ein ziemlich bewegtes Leben auf dem Bahnhofe, auf welchem ja auch alle die diensthabenden Beamten hin und her eilten, da und dort Rufe und Befehle laut wurden und weiße, rote und grüne Lichter auftauchten und wieder verschwanden.

Colmar schloß, als Durand den Wagen verlassen hatte, nach einem tiefen Atemzuge die Augen. Nicht daß er zu schlafen hoffte oder einschlafen wollte, nein, er wollte nur endlich völlige Dunkelheit um sich haben, wollte endlich nichts mehr sehen.

Wenn er nur auch allen anderen Eindrücken zu entrinnen vermocht hätte! Aber das zeitweilige Erschüttern des Wagens, das Kreischen der Achsen und das spröde klingende Zusammenschlagen der Puffer quälten ihn ebenso wie die einzelnen Rufe und sonstigen Geräusche, welche von draußen kamen.

Eben als der abgekoppelte und wieder angehängte Wagen, darin Colmar nun schon seit Stunden ruhelosen und peinvollen Gedanken nachhing, sich endgültig in Bewegung setzte, um auf ein anderes Geleise zu kommen, ließ sich ein neues Geräusch hören – ein Tönen oder noch besser gesagt eine Tonfolge. Das Lohengrin-Thema »Nie sollst du mich befragen« klang ganz leise, immerhin aber noch vernehmlich bis an Colmars Ohr. Er dachte anfangs gar nichts anderes dabei als eben an Durand, und daß er sich auf solche Weise die Zeit des Wartens kürze. Ganz unklar ging dieser Gedanke durch des Malers Hirn – einige Augenblicke später aber richtete er sich auf, warf, als ob er sich von etwas Schwerem befreien müsse, den Plaid von sich und eilte zum Fenster.

Wenn er Durand hatte sehen wollen, kam er zu spät, denn die Rangiermaschine mit den wenigen Wagen, die sie zum anderen Geleise bringen mußte, war schon an der Station vorbeigefahren und manövrierte jetzt ziemlich weit draußen im zweifachen Dunkel der Nacht und des Nebels, in das Colmars weit geöffnete Augen hinausstarrten.

»War das ein Verständigungszeichen?« fragte er sich ganz laut. Seine Stimme war heiser, sein Gesicht bleich vor Erregung, und seine Hand legte sich auf die Klinke der Wagentür.

Diese war nicht geschlossen, sie klappte auf, als Colmars Hand so schwer auf ihrer Klinke lag. Immer breiter wurde der dunkle Spalt. Es war, als ob die Nacht zu ihm herein wollte – – diese finstere Nacht, in welche der bleiche Mann mit gierigen Augen hinaussah.

Einen Moment lang schien es, als wolle er das Coupé verlassen, aber er tat es nicht. Er schloß die Tür, zog sich in seine Ecke zurück und wickelte sich wieder in seinen Plaid. Es schlugen ihm dabei die Zähne zusammen. Er fühlte nach etlichen Taschen, die er in seinen beiden Röcken hatte, und murmelte: »Das alles hat noch Zeit – – hat noch immer Zeit.«

Und dann verhielt er sich ganz still.

Lauschte er auf all die natürlichen Geräusche, die zu hören waren? Oder lauschte er auf den Gang von Ereignissen, die sich vielleicht jetzt, wenige Schritte von ihm, abspielten und die ihn sehr, sehr viel angingen?

Jetzt stand sein Wagen wieder knapp vor dem Bahnsteig. Die Passagiere schickten sich an, einzusteigen. Die Schaffner eilten den Zug entlang und öffneten die Türen; auch diejenige des Wagenabteils, darin Colmar sich befand, wurde geöffnet.

»Trzebinia, Schaffner, zweiter Klasse. Nach Trzebinia fahre ich!« rief eine helle Frauenstimme. Im selben Augenblick flog schon ein Köfferchen und ein Karton ins Coupé.

»Trzebinia! Da steigen Sie nur hier ein,« sagte gleichzeitig eine Männerstimme, und eine Dienstmütze wurde sichtbar und der schwankende Lichtschein einer Handlaterne. Gleich danach kletterte ein schlankes junges Mädchen ins Coupé und ließ sich nach schüchternem Gruße, der nicht erwidert wurde, gleich neben der Tür nieder. Sie mochte sich ein wenig scheuen vor dem unheimlichen, stillen Klumpen, der die andere Ecke des Sitzes einnahm.

Sie hätte vermutlich am liebsten das Coupé gleich wieder verlassen – es sah wenigstens so aus, denn ihre Augen suchten den Schaffner – – und dieser kam auch gerade daher. Das hübsche Mädchen erhob sich und öffnete schon den Mund, aber es kam nicht mehr zum Reden. Der Schaffner schloß soeben die Tür. Da schrak die junge Reisende auch noch aus einem anderen Grunde zusammen. Denn der, welcher sich bisher nicht gerührt hatte, der stand jetzt plötzlich dicht neben ihr und schrie zum Fenster hinaus: »Da soll noch ein Herr einsteigen!«

Der Schaffner achtete nicht auf diesen Ruf, der war schon weitergeeilt.

Das Mädchen aber duckte sich jetzt noch ängstlicher zusammen, und ihr Reisegefährte ging, eine Entschuldigung murmelnd, zu seinem Sitz zurück.

Der Zug war schon in Bewegung. Eine Minute später verschwanden die letzten Lichter der Station Oderberg.

– – – – – – – – – – – – –

Durand wußte, schon seit er Wien verlassen hatte, daß er in Oderberg oder wohl auch schon früher irgendwo mit Klesing zusammentreffen werde. Diese Kenntnis hatte ihm das vor der Abfahrt übernommene Telegramm vermittelt, deshalb seine wachsende Aufmerksamkeit, seit man Oderberg immer näher kam. Als er aus dieser Station den Zug verlassen hatte, begab er sich, wie schon erwähnt, auf den Bahnsteig, konnte aber Klesing nicht sogleich entdecken. Und als er endlich seiner gewahr wurde, befanden sich ziemlich viele Leute zwischen ihm und dem Agenten, der ihn noch nicht entdeckt hatte. Da war es, daß Durand noch einmal das zwischen ihm und seinen Helfern ein für allemal verabredete Signal pfiff, worauf Klesing, ihn erwartend, stehen blieb.

»Du lieber Gott! Wie schauen denn Sie aus!«

Das war Durands Gruß, und er paßte recht sehr zu der kläglichen Überraschung, welche Klesings Aussehen jedem geboten hätte, der ihn bei seiner Abfahrt von Wien noch frisch und gesund gesehen.

Die eine Hälfte seines Kopfes war verbunden, und eines seiner Augen sowie ein Teil seiner Wange waren hoch verschwollen.

Gleich nachher saßen die zwei im Restaurationszimmer beisammen, wo Durand schon Tee für sich aufgetragen fand. Und während der Doktor die willkommene Labung zu sich nahm und dabei die Tür des Lokales im Auge behielt, berichtete der Agent über sein unliebsames Erlebnis und über noch allerlei anderes.

Was vierundzwanzig Stunden vorher geschehen war, war folgendes.

Kaum hielt der Zug in Oderberg, als ein Bahnbeamter die Wagenreihe entlang ging und mehrmals laut ausrief, daß für Nadja Kissilew ein Telegramm da sei.

»Nadja« – dieser Name schlug gewaltig an Klesings Ohr. Als der Beamte ihn und den anderen Namen zum zweiten Male ausrief, notierte sich der Agent rasch diesen zweiten Namen, dann ließ er das Fenster herunter und steckte den Kopf hinaus. Da kam beim Nachbarfenster auch ein Kopf zum Vorschein. Es war ein hübscher, blonder Frauenkopf.

»Das Telegramm ist an mich gerichtet. Bitte, mein Herr, geben Sie es mir.«

So bat eine tiefe, klangvolle, derzeit ein wenig bebende Stimme. Natürlich, man wird erregt, wenn man während einer Bahnfahrt, noch dazu Nachts, ein Telegramm erhält.

Der Beamte zögerte mit der Übergabe. »Gnädige können sich legitimieren?« fragte er.

»Sogleich,« antwortete die Dame und verschwand vom Fenster. Nach kurzer Zeit kam sie wieder zum Vorschein und reichte dem Herrn ein Papier. Es war ein Reisepaß.

Der Beamte winkte einen Bediensteten, der eine Laterne trug, herbei und warf einen Blick auf das Papier. »Sehr wohl, meine Gnädige,« sagte er alsdann, reichte ihr den Paß und das Telegramm, griff artig an seine Mütze und zog sich zurück.

Um diese Zeit verließ Klesing sein Coupé.

»Achtung! Es wird verschoben,« schrie ihm der diensthabende Beamte, der soeben vorübereilte, zu, und da gab es auch schon dem ganzen, noch ungeteilten Zuge einen Ruck, lösten sich etliche Wagen los und rollten samt der Lokomotive auf die Strecke hinaus.

Im letzten dieser Wagen, die da entführt wurden, befand sich Nadja.

Einen Augenblick lang schaute Klesing dem verschwindenden Wagen nach, dann ging er in das Telegraphenbureau des Bahnhofes.

Aber er fand den Beamten dort nicht. Es war nur ein Diener anwesend, ein nicht übermäßig intelligenter Mensch, der sich, was ja übrigens von seinem Standpunkte aus ganz richtig war, nicht dazu herbeiließ, irgendwelche Auskünfte zu geben, sondern den Fremden an den Inspektor wies, der ja ohnehin gleich kommen müsse.

Wer aber nicht kam, das war der Herr Inspektor. Sehr erklärlich. Es galt ja, etliche vierzig Personen unterzubringen, höhere Beamte, welche von einer Konferenz kamen und natürlich bequem versorgt sein wollten.

Da hatten denn die Herren vom Dienst alle Hände voll zu tun, und Klesing war gezwungen, sich in Geduld zu fassen und schließlich die Hoffnung aufzugeben, den Inhalt des Telegramms zu erfahren.

Fatal war ihm das natürlich, aber er tröstete sich mit dem Gedanken, daß der Text der Depesche ja später festgestellt werden konnte, und machte sich, als der Zug langsam wieder zur Station zurückkehrte, bereit, wieder sein Coupé aufzusuchen.

Er hatte sich dessen Nummer gemerkt, aber es hätte dessen nicht bedurft, sah er doch dicht daneben Nadjas schönes, es wollte ihm dünken jetzt etwas blasses Gesicht hinter der spiegelnden Fenstertafel. Er hielt gerade darauf zu, als etwa ein Dutzend Herren sich zwischen ihn und sein Ziel schoben.

Die Schaffner hatten schon die Wagentüren geöffnet – die Herren stiegen ein. Klesing begriff natürlich, daß er für sich allein nicht ein ganzes Coupé beanspruchen könne, aber seinen Platz wollte er doch wieder haben, und deshalb drängte er sich vor. Aber er kam schon zu spät. Das Coupé war bereits besetzt.

»So öffnen Sie doch hier,« rief er dem Schaffner zu und zeigte auf Nadjas Coupé. Da tauchte der Beamte neben ihm auf und erklärte bestimmt, die Dame reise im Frauenabteil und dürfe nicht behelligt werden. Im zweitnächsten Wagen seien noch Plätze genug.

Was wollte Klesing machen? Er ging, es war schon die höchste Zeit, wohin man ihn gewiesen hatte, schwang sich ärgerlich auf den hohen Tritt und lag im nächsten Augenblick auf dem Eisenbahnkörper. Eine Orangenschale, welche auf dem Tritt gelegen, und die man später auf der Sohle seines Stiefels fand, hatte ihn zu Fall gebracht.

Er wußte es nicht, daß der Zug ohne ihn weiterfuhr. Als er aus seiner tiefen Betäubung zu sich kam, befand er sich in der Wohnung des Stationsvorstandes unter den Händen eines Arztes, der soeben die Bemerkung machte, daß es ein Wunder sei, daß er sich beim schweren Aufschlagen auf das Trittbrett des Wagens nicht die Schädeldecke zertrümmert habe.

Klesing machte sich übrigens aus dem Zustande seiner Schädeldecke viel weniger als aus dem Umstande, daß die Russin nun allein davongefahren sei, und das sprach er, vielleicht in nicht ganz lichtvoller Weise, aus, weshalb der Arzt ihm beruhigend zuredete und ihm bis auf weiteres vollkommenste Ruhe verordnete.

Trotz oder vielleicht wegen seines erregten Widerspruches zwang man ihm die Ruhe dadurch auf, daß man ihn allein ließ, das heißt so gut wie allein ließ, denn es blieb nur ein Packer bei ihm, ein Tscheche, der keine Ahnung davon hatte, was der kranke Mann zu ihm sagte.

Erst gegen halb sechs Uhr Morgens kam der Stationsvorstand wieder, um nachzusehen, wie es mit dem Verunglückten stehe. Er fand ihn wohl matt und fiebernd, aber doch in einem Zustande, der ihn nicht daran zweifeln ließ, daß der Mann bei klarem Bewußtsein sei. Und da kam es zu Tage, was er denn eigentlich wolle, und wer und was er sei, und da gingen endlich die Depeschen nach Granica, nach Krakau und jene andere nach Wien ab.

Und etliche Stunden später fuhr der bandagierte, verschwollene Klesing, nachdem er auch noch einen Brief an Herrn v. Eichen geschrieben, eine Depesche aus Krakau und von dem Stationschef etliche Winke erhalten hatte, weiter gegen Norden.

Unterwegs hatte er noch einmal die Krakauer Depesche gelesen, davon ein Duplikat auch an das Wiener Sicherheitsbureau abgegangen war. Sie lautete: »In dem Zuge, der um 5.26 hier eintraf, befand sich die bewußte Persönlichkeit nicht. Jeder folgende Zug wird im Auge behalten werden.«

Absender dieses Telegramms war der dem Krakauer Bahnhof zugeteilte Polizeibeamte. In Trzebinia erfuhr Klesing, daß eine blonde Dame in Trauer den Wiener Zug verlassen habe und auf der russischen Strecke weitergefahren sei, und in Granica brachte er in Erfahrung, daß die bewußte junge Dame richtig die Grenze passiert habe.

Und als er, den Gegenzug erwartend, mit einem österreichischen und einem russischen Kollegen in der Bahnhofsrestauration saß, erfuhr er so ganz nebenbei, daß drei Tage zuvor eine ältliche Frau, die, aus Frankreich kommend, nach Rußland zurückkehrte, beim Wechseln des Zuges von einem russischen Polizeiagenten in Empfang genommen und von einer hierzu bestimmten Frau einer Leibesvisitation unterzogen worden sei, wonach ihr erst die Weiterreise gestattet worden war.

Diese Frau, die Gattin eines nach Sibirien Verschickten, heiße Malachow und stünde gleich allen, die mit ihr verkehren, unter dem Verdachte politischer Umtriebe.

Nun, Frau Malachow interessierte Klesing sehr wenig. Er berichtete Durand auch nur ganz flüchtig von diesem seinem Gespräche mit den beiden Polizeiagenten.

Und als er darauf zu reden kam, befanden sich er und Durand auch nicht mehr in der Restauration des Oderberger Bahnhofes, sondern fuhren in einem der letzten Wagen des Zuges, in welchem das junge Mädchen sich so sehr vor dem blassen Manne fürchtete, welcher zuerst ihren Gruß nicht erwidert und gleich danach munter neben ihr gestanden hatte.

Das ängstliche junge Ding schlief in dieser Nacht nicht mehr, und sie wußte ganz genau, daß auch ihr Reisegefährte nicht schlief, denn wenn dieser sich auch völlig regungslos verhielt, so atmete er doch nicht wie einer, der ruhig schläft, sondern eher wie einer, dem die Luft zu knapp wird. Deshalb war die Kleine herzlich froh, als man beim Morgengrauen nach Trzebinia kam, wo sie den Zug verließ.

Und nebst ihr und anderen verließen ihn auch Durand und ein Mann, dessen halber Kopf von Binden verhüllt war.

Aber nur Durand trat an das Coupé heran, in welchem Colmar fröstelnd in der Ecke kauerte.

»Na, sieht man Sie endlich!« knurrte dieser verdrossen, als Durands Gesicht vor ihm auftauchte. »Wo waren Sie denn?«

»Ich habe mich bei meinem Tee ein wenig verspätet und konnte gerade noch in den letzten Wagen springen,« war Durands Erklärung, und dann setzte der Doktor hinzu: »Aber wenn Sie von jetzt an das Vergnügen meiner Gegenwart genießen wollen, so müssen Sie den Wagen wechseln. Ich fahre nämlich nicht nach Krakau.«

Dabei hatte Durand das Coupé betreten und bemerkt, wie sehr erschrocken Colmar war.

»Ja, es hieß doch – - –« stammelte er.

Durand zuckte die Schultern. »Was wollen Sie? Wir müssen oft unsere Dispositionen ändern.«

Colmar hatte sich erhoben und griff, gleich Durand, nach seinen Sachen.

»Also kommen Sie mit?« fragte Durand.

»Was soll ich denn tun?« entgegnete der andere verbissen.

»Ah! Sie sind doch ein freier Mensch. Und Sie wollten doch nach Krakau fahren. Ich will Sie daran nicht hindern.«

»Und wohin fahren Sie?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Wie es in des Malers Augen aufblitzte!

»Jedenfalls bleibe ich bei Ihnen,« sagte er jetzt viel ruhiger, als er es noch soeben gewesen war.

Und danach verließen die beiden den Zug.

Der Mann mit dem verbundenen Kopf war nirgends mehr zu sehen.

Aber er war doch ganz nahe. Er stand hinter einem hochbeladenen Gepäckwagen und beobachtete die beiden.

»Ja, wie ist das denn? Sie können ja gar nicht über die Grenze,« sagte Durand, plötzlich stehen bleibend, zu Colmar.

»Warum denn nicht?« meinte dieser.

»Sie haben ja keinen Paß.«

Über des Malers Gesicht verbreitete sich eine jähe Röte, als er entgegnete: »O doch. Ich habe ja vorgehabt, zu reisen, und so bin ich mit allem dazu Nötigen versehen.«

»Na, das trifft sich gut,« meinte gleichmütig Durand und betrat das jetzt recht unfreundlich aussehende Bahnhofsgebäude.

Er sah ihn nicht, aber er fühlte den grimmigen Blick Colmars, der langsam, ganz langsam hinter ihm her ging.


Sechzehntes Kapitel.

Also warum reisen wir jetzt auf einer anderen Linie?« waren Colmars erste Worte, als er und Durand einander in dem Warschauer Zuge, der schon auf den Zug aus dem Süden gewartet hatte, gegenübersaßen.

Colmar war jetzt ganz Freundlichkeit. Er spielte den Interessierten, aber im Grunde doch Harmlosen ganz ausgezeichnet gut. Es war nicht die geringste Unruhe in seinem Wesen, keine Spur von Spannung in seiner Miene, keine Spur von Lauern in seinem Blick.

Durand konnte sich seine Ruhe nicht erklären, denn er wußte nicht, daß ein Achselzucken sie ihm gegeben hatte.

Ein Achselzucken, ja nur ein Achselzucken war die erste Ursache der verhältnismäßig wirklich großen Ruhe, in der Colmar sich derzeit befand.

Als Durand vorhin in dem ziemlich dunklen Restaurationsraum für einige Minuten mit einem Manne zusammentraf, mit welchem vorher Klesing ein paar Worte gewechselt, hatte er nicht darauf geachtet, daß er neben einem offenen Fenster stand, welches auf den Bahnsteig hinaus die Aussicht gewährte, und wußte nicht, daß Colmar sich dicht neben diesem Fenster postiert hatte – Colmar und noch einer, auf welchen der ganz mit Lauschen beschäftigte Maler nicht achtete. Dieser andere hatte den Kopf verbunden, er schien des blassen Mannes nicht zu achten, neben dem er stand, bemerkte aber gleichwohl den jähen Mienenwechsel in dessen Gesicht, wonach er, an ihm und dem Fenster vorüberschlendernd, Durand sich soeben aus dem Restaurant entfernen sah.

Und was hatte Colmar gesehen?

Ein Achselzucken des Mannes, mit welchem Durand geredet hatte, und nachdem dieses seine Aufmerksamkeit erregt, hatte er auch einige Worte vernommen, nichts von dem, was Durand geredet, wohl aber was der andere geantwortet hatte.

»Daß sie den Namen der alten Frau nannte, weiß ich ganz genau, und auch diese trug Trauer. Aber es war kein Grund da, sie aufzuhalten und ihr eigentliches Reiseziel zu erforschen.«

Das hatte der Mann gesagt, hatte alsdann trotz seiner Zivilkleidung militärisch gegrüßt, und gleich danach war Durand auf den Bahnsteig hinausgetreten, wo Colmar jetzt langsam auf und nieder ging.

Eine Minute später stellte er im Coupé jene Frage an Durand, und dieser antwortete: »Warum wir jetzt auf einer anderen Linie unsere Fahrt fortsetzen? Weil Nadja Kissilew auch hier die Nordbahnstrecke verlassen hat.«

»Kissilew« – das schlug ein. Colmar knickte völlig zusammen. Er mochte nicht, gleich Wasili Alexin, der Meinung sein, daß eine Kissilew im heiligen russischen Reich schwerer aufzufinden sei als eine Stecknadel in einem Heuschober. Eine Weile starrte er ganz fassungslos sein Gegenüber an, dann zwang er sich zu einem Lächeln und fragte: »Wer sagt es, daß die Dame Kissilew heißt?«

»Ihr Paß. Er ist ganz ordnungsmäßig ausgestellt.«

»Dann wissen Sie wenigstens, von wo ihre Reise ausging,« warf Colmar rasch ein.

Durand dachte: »Weißt du es wirklich nicht, wo Nadja wohnt? Oder spielst du nur den Unwissenden? – Jedenfalls reisen wir einstweilen nach Warschau,« sagte er laut.

Colmar schien nichts dagegen einzuwenden zu haben, sagte nur bedauernd: »Da kann ich Ihnen leider nicht behilflich sein – ich hätte allenfalls in Krakau jemand ausfindig machen können, der Nadja kennt, aber sonst weiß ich in der weiten Welt niemand, den ich um ihren Verbleib fragen könnte.«

»Mir ist es schon dienlich, wenn Sie überhaupt bei mir sind,« sagte Durand, den Maler dabei fest ins Auge fassend, was diesem sichtlich unangenehm war.

»Wen übrigens hätten Sie denn in Krakau nach der jungen Dame fragen können?« fuhr Durand fort.

Colmar dachte noch ein Weilchen nach, ehe er antwortete: »Es lebt dort ein Fräulein Therese Lubinska, eine entfernte Verwandte Nadjas.«

»So. Wo wohnt sie denn?«

Jetzt überlegte Colmar nicht mehr, er mußte mit sich darüber einig geworden sein, daß es ungefährlich sei, den Namen und die Adresse dieser Dame zu nennen.

»In der Grodzkastraße, neben dem Gebäude der juridischen Fakultät, wohnt sie,« sagte er. Dann zündete er sich ein wenig umständlich eine Zigarre an.

»Was ist diese Frau?«

Der Maler wurde über die Konsequenz, mit welcher Durand bei diesem Thema blieb, merklich betreten. »Die Dame ist nicht verheiratet, und mehr weiß ich nicht,« sagte er verdrossen.

Durand fragte nicht mehr. Er blätterte jetzt in seinem Kursbuch und machte darin eine kleine Notiz.

Colmar hatte sich erhoben und war, Durand fast den Rücken zuwendend, an das andere Ende des Coupés getreten. Er betrachtete die immer heller werdende, aber keineswegs reizvolle Gegend mit einer Aufmerksamkeit, deren sie sicherlich nicht wert war.

Er sah sie wohl auch gar nicht – er dachte gewiß an ganz anderes als an die verschneite Fläche, durch welche der Zug hineilte und auf der da und dort ein armseliges Gehöft auftauchte. Weshalb hätte sich sonst seine Hand so krampfhaft zur Faust geballt, weshalb hätte sich sonst sein Gesicht so verzerrt? Er achtete in seiner Versunkenheit nicht einmal darauf, daß der Spiegel, der in die Coupéwand eingelassen war, verriet, in welch verzweifelter Stimmung er sich derzeit befand.

Durand aber, der achtete darauf, und der Blick, mit welchem er des Malers Spiegelbild studierte, war recht düster. Aber auch voll Mitleid.

Auf der Grenzstation Granica gab er, von Colmar unbemerkt, Klesing einen Auftrag, worauf dieser auf der Station zurückblieb.

In Warschau angekommen nahmen die beiden Herren in der Krakauer Vorstadt in einem vornehmen Hotel Quartier. Sie hatten zwei nebeneinander liegende Zimmer gemietet.

»Und was geschieht jetzt?« fragte Colmar, als er, nachdem er Toilette gemacht, in Durands Zimmer trat. Er schien wieder ganz gleichmütig zu sein.

»Jetzt gehe ich zum hiesigen Polizeiamt und werde dort erfahren, ob unter den seit gestern hier Angekommenen eine Nadja Kissilew ist.«

»Und wenn sie nicht hier ist?« Colmar lächelte unmerklich.

»Dann werde ich sie eben einige Tage später finden.« Durand hatte schon den Hut in der Hand. »Bleiben Sie hier?« fragte er.

»Ja.«

Colmar ging wieder in sein Zimmer. In der nächsten Straße nahm Durand einen Wagen und fuhr zum Telegraphenamt, dann erst ließ er sich zum Polizeiamte bringen.

Dort wußte man von einer Nadja Kissilew nichts, wohl aber war da der Name Malachow bekannt.

Eine Frau Katharina Malachow war sechsunddreißig Stunden vorher in Trzebinia angehalten worden. Sie war die Witwe eines nach Sibirien verbannt gewesenen ehemaligen russischen Beamten, der sich politisch vergangen hatte. Die Frau stand, wie alle Angehörigen eines Verschickten, unter geheimer polizeilicher Aufsicht, und so wußte man es, daß Frau Malachow vor Winters Anfang nach Frankreich gereist und jetzt wieder zurückgekehrt sei, daß ihre Tochter, die bis dahin in Radom gelebt, inzwischen den beiderseitigen Haushalt aufgelöst und in Mlociny, einer kleinen Ortschaft nördlich von Warschau, ein Häuschen gemietet habe, wohin auch Frau Malachow sich begeben hatte.

Mit dieser Auskunft versehen kehrte Durand in das Hotel zurück. Es folgte ihm ein Mann dahin, der, von dem ein wenig scheelen Blick des Portiers begrüßt, sich auf eine Bank setzte, welche im Hintergrunde des Ganges stand, in den die Zimmer der beiden Herren mündeten.

»Na, sehen Sie, wir kommen doch zum Ziele.« Mit diesen Worten trat Durand in Colmars Stube.

Der Maler, welcher anscheinend in ein Buch vertieft neben dem gemütlich erwärmten Ofen saß, fuhr ein wenig zusammen. »Was haben Sie erfahren?« fragte er hastig. »Doch nicht, daß –«

»Daß Nadja Kissilew hier ist? – Nein, das nicht; aber in Koluszki hat eine blonde Dame in Trauer den Zug verlassen und ist vermutlich nach Lodz weitergefahren.«

»Woher weiß man das?«

»Die Kissilew steht unter Polizeiaufsicht.«

»Unsinn!«

»Sie scheint mit irgend jemand politisch Kompromittiertem in Verkehr zu stehen.«

Jetzt schwieg Colmar.

»Wissen Sie nichts darüber?« fragte Durand.

»Nichts,« antwortete Colmar kurz.

In diesem Augenblick meldete ein Kellner, daß für die beiden Herren serviert sei, und so gingen sie nach dem Speisesaal.

Aber nur Durand aß mit Appetit und teilte während des Essens seinem verstimmten Reisegefährten mit, daß er noch an diesem Nachmittag nach Koluszki und nach Lodz fahren wolle. Er erkundigte sich auch bei dem aufwartenden Kellner, zu welcher Stunde ein Zug abgehe, und ob man Lodz heute noch erreichen könne.

Jawohl, man konnte diesen Ort heute noch erreichen.

Durand zeigte sich recht befriedigt darüber. Colmar aber blieb verdrossen und konnte das nicht verbergen.

Ganz plötzlich jedoch besserte sich seine Stimmung wieder auffallend.

Durand erhob sich, seinen Stuhl rasch zurückschiebend. »Also,« sagte er, »ich mache mich zur Fahrt bereit. Kommen Sie –«

»Mit,« hatte er sagen wollen, er sagte es jedoch nicht. Er stieß nur einen leisen Wehruf aus, denn er war auf dem glatten Parkett ausgeglitten und lag nun mit einem Knie auf dem Boden.

Unwillkürlich hatte er nach einem Halt gesucht und ein gut Teil des Tischtuches, das ihm zwischen die Finger gekommen war, mitgerissen, so daß etliche Gläser und eine Flasche ins Wanken kamen und zu Boden stürzten.

Ebenso unwillkürlich hatte der ihm gegenübersitzende Colmar das Tischtuch zurückgehalten, um weiterem Unheil zu steuern. Auch der servierende Kellner war herbeigeeilt, um Durand aufzuhelfen, denn merkwürdigerweise hatte dieser noch keine Anstalten getroffen, sich zu erheben.

Und jetzt sagte er süßsauer lächelnd zu dem Kellner: »Sachte, sachte, mein Lieber, das geht nicht so schnell. Stützen Sie mich unter dem Arm. Ich habe große Schmerzen. Ich meine, ich habe eine Sehnenzerrung erlitten.«

Nun ist eine Sehnenzerrung ja nichts, das auf Leben und Tod geht, trotzdem aber pflegt man die Ankündigung, daß jemand sie sich zugezogen hat, mit Zeichen des Bedauerns aufzunehmen.

Solche jedoch zeigte bei Durands Worten nur der Kellner, dessen freundliches Gesicht ganz bestürzt aussah, als er sich über den Gestürzten beugte.

In Colmars Augen aber hatte es jäh aufgeleuchtet. Das hatte Durand recht gut gesehen. Im nächsten Moment freilich stand der Maler schon neben ihm und brachte ihn, einige Phrasen des Bedauerns murmelnd, mit Hilfe des Kellners auf den Stuhl.

»Wie hat mir denn nur das geschehen können?« fragte Durand, das Bein an sich ziehend, und setzte sogleich hinzu: »Ah, eine Apfelschale, auf die ich getreten bin!«

»Ja, eine Apfelschale,« sagte auch der Kellner und hob das schlüpfrige Streifchen auf, das Durand früher absichtlich hatte zu Boden gleiten lassen, um – er hatte dabei an Klesings Unfall gedacht – eine Ursache für seinen Sturz zu schaffen.

Die Sache war ebenso einfach als glaubwürdig; den beiden Zeugen des Vorganges fiel es nicht ein, sich irgend etwas Besonderes dabei zu denken.

Und Durand spielte auch weiterhin seine Rolle ganz gut. Nachdem er eine Weile geruht und dann aufzustehen versucht hatte, sank er mit einem Schmerzenslaut wieder auf den Stuhl zurück.

»Ich muß den Stiefel ausziehen, noch ehe der Fuß anschwillt,« sagte er und bat die beiden, ihn nach seinem Zimmer zu führen.

Sich kräftig auf sie stützend, humpelte er alsdann aus dem Speisesaal, legte sich in seinem Zimmer auf das Sofa und entledigte sich da unter etlichen recht glaubwürdigen Schmerzensäußerungen des Stiefels.

»Es wird gut sein, wenn Sie mir einen Arzt holen,« sagte er zu dem Kellner, der ihm behilflich war, es sich bequem zu machen.

Der junge Mensch eilte eifrig davon.

Colmar zeigte sich jetzt sehr teilnehmend, brachte Polster und Decken herbei und plauderte dazwischen angeregt mit Durand, der verschiedene Äußerungen der Ungeduld laut werden ließ.

»Daß mir das gerade jetzt geschehen muß,« sagte er unter anderem ärgerlich, »heute, da ich so Wichtiges vorhabe! Nadja Kissilew ist morgen vielleicht schon nicht mehr in Lodz. Wo soll ich sie dann suchen?«

Er sah sehr geärgert und sehr unruhig aus, aber plötzlich war das nicht mehr so. Es mußte ihm eine gute Idee gekommen sein. Er nickte Colmar zu.

»Wir Männer sind wirklich Jammerlappen, wenn wir physische Schmerzen haben,« sagte er. »Auch ich verliere den Kopf, weil mir der Fuß wehe tut. Vergesse ganz, daß Sie da sind, und Sie sind doch speziell Ihrer ehemaligen Flamme wegen mit mir gereist. Sie interessiert es ja auch, ob diese Nadja allein oder vielleicht doch in Gesellschaft reist, oder ob sie diesen König etwa unterwegs irgendwo trifft.«

»Natürlich interessiert mich das,« beeilte sich Colmar zu versichern. Er war jetzt wie elektrisiert. Er konnte, so wie er seine Gedanken nicht in Ruhe zu halten vermochte, auch seine Gliedmaßen nicht zum Stillhalten zwingen. Namentlich seine Hände vermochten nicht ruhig zu bleiben.

Soeben hatten seine Finger mit den Anhängseln seiner Uhrkette gespielt, hatten so kräftig an jenen gezerrt, daß sich eine der Berlocken ablöste und zur Erde fiel.

Sie war rundlich und glatt, und so rollte sie durch das halbe Zimmer und verschwand unter einer Kommode.

Colmar war sofort hinter dem aufblitzenden Flüchtling her. Aber er kam schon zu spät. Das Ding war unter dem Kasten verschwunden.

Da faßte Colmar diesen und schob ihn mit einem einzigen Ruck zur Seite, hob das Anhängsel auf und brachte den Kasten wieder ebenso leicht an Ort und Stelle.

»Wie ein anderer einen Sessel stellt,« dachte Durand und verglich Colmars elegante, schlanke Gestalt mit dieser Kraftleistung.

Aber er fand keine Zeit dazu, sich dem Gedanken, der soeben auf ihn einstürmte, hinzugeben.

Colmar hatte sich zu ihm gesetzt. »Ich glaube zu erraten, wo hinaus Sie wollen,« sagte er lebhaft. »Ich soll Sie heute vertreten?«

»Stimmt.«

»Ich soll an Ihrer Stelle nach Koluszki fahren?«

»Nach Koluszki und dann nach Lodz.«

»Warum meint man, daß die Dame nach Lodz fuhr?«

»Sie soll mit dem Schaffner über Lodz gesprochen haben,« log Durand.

»Ah so!« Colmar fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Es war gerade so, als ob er dort etwas in Ordnung zu bringen habe – wohl die Gedanken, die sich dahinter drängten. »Und wenn ich Nadja finde – was dann?« fragte er.

»Dann telegraphieren Sie mir sofort und bleiben in ihrer Nähe. Sie darf, ehe sie sich über ihr Verhältnis zu König nicht klar geäußert hat, unseren Augen nicht mehr entschwinden.«

Colmar hatte seine Uhr herausgezogen. »Jetzt ist es 2 Uhr 23, um 3 Uhr 45 geht, wie der Aufwärter sagte, ein Personenzug nach Koluszki ab. Mit dem soll ich fahren?«

»Natürlich, sonst kommen Sie heute nicht mehr nach Lodz.«

»Liegt das weit ab von der Hauptlinie?«

»Na, so dreißig Kilometer, schätze ich. Sie haben also eine Verbindung dahin und können heute noch dort sein. Freilich zurückfahren können Sie frühestens erst morgen, falls Ihre Fahrt nämlich kein Resultat haben sollte.«

»Das heißt, wenn ich Nadja nicht finde.«

»Wenn Sie sie nicht finden – ja. Und wenn Sie auf ihre Spur kommen oder gar ihr selber begegnen, werden Sie eventuell noch länger bleiben müssen.«

»Auf alle Fälle jedoch soll ich telegraphieren?«

»Auf alle Fälle.«

Colmar erhob sich und ging in sein Zimmer.

Etliche Minuten verweilte er darin, dann kam er, vollständig zur Reise ausgerüstet, heraus.

Er trug auch seinen Handkoffer, hatte überhaupt alles bei sich, was er von Wien mitgenommen.

Über Durands Gesicht huschte ein kaltes Lächeln, als er seinen Reisegefährten so vollständig ausgerüstet aus dem Zimmer treten sah. »Nun, so eilig haben Sie es nicht!« sagte er ein wenig ironisch.

Colmar wurde verlegen. »Ich leide immer etwas an Eisenbahnfieber,« meinte er lächelnd.

»Na also, so gehen Sie nur. Und –« Durand brach ab, er lächelte abermals, aber seine Augen hatten dabei einen merkwürdig scharfen Ausdruck – »und auf Wiedersehen!« vollendete er seine unterbrochene Rede.

Es war ihm angenehm, daß der andere nicht zu ihm trat, um ihm die Hand zu reichen, sondern daß Colmar so eilig, als brenne ihm der Boden unter den Füßen, nach einem flüchtigen Gruß davoneilte.

»Wenn es nach deinem Sinn ginge,« dachte Durand, während sich die Tür hinter dem Maler schloß, »gäbe es zwischen uns beiden kein Wiedersehen mehr.«

Noch waren Colmars Schritte draußen nicht verklungen, pochte es an die Tür, und auf Durands Aufforderung hin trat ein junger Mann ein.

Der Zimmerkellner hatte ihn geleitet. »Der von Ihnen gewünschte Arzt, mein Herr,« sagte er und ging.

»Doktor Chodorowski,« stellte der Arzt sich vor und wunderte sich nicht wenig über den Patienten, der sich eilig erhoben hatte, zur Tür ging und diese abschloß.

»Doktor juris Gröden aus Wien,« sagte er dann, während er rasch zum Fenster trat und durch die Scheiben auf die Straße hinunterschaute, woselbst soeben Colmar auftauchte.

Der junge Arzt dachte nicht anders, als daß er mit einem Irrsinnigen zusammen sei. Er warf rasch einen Blick nach der Tür. Ja, der Schlüssel steckte dort noch. Der merkwürdige Patient hatte ihn nicht abgezogen. So konnte man sich also im schlimmsten Falle in Sicherheit bringen. Da der kräftige junge Mann auch sonst der Furcht nicht leicht zugänglich war, fand er die Situation weniger unheimlich als interessant.

»Nun, jetzt bedarf ich keiner verschlossenen Tür mehr. Vielleicht haben Sie die Güte und schließen wieder auf.«

So sagte der Mann am Fenster, und der Arzt willfahrte nicht ungern dieser Bitte. Dann stellte auch er sich ans Fenster. Durand mit freundlicher Aufmerksamkeit ansehend, sagte er: »Haben Sie gemeint, daß uns jemand stören werde?«

»Dieses Herrn wegen, der da unten soeben in eine Droschke steigt, habe ich abgeschlossen.«

»Was soll denn der nicht wissen?«

»Daß ich frisch und gesund bin.«

»Der Kellner, der mich holte, hat etwas von einem Sturz und einer Sehnenzerrung gesagt.«

»Beides war Schwindel.«

»Mein Kommen ist demnach überflüssig?«

»Ganz überflüssig, Herr Doktor, soweit es meine Gesundheit anbelangt – und dennoch bedarf ich Ihrer.«

»Zu welchem Zweck?« Des jungen Polen Gesicht und Redeweise war recht kühl geworden. Er griff auch schon nach seinem Hut.

Den aber nahm ihm Durand sanft aus der Hand und stellte ihn wieder auf die Kommode. »Sie halten mich entweder für verrückt – was mir vor etlichen Tagen schon einmal passiert ist – oder Sie denken sonst nicht gut von mir,« sagte er ruhig, »aber Sie werden sogleich wissen, daß ich vernünftig und keineswegs zu schlechten Streichen aufgelegt bin. Bitte, setzen Sie sich zu mir.«

»Gut, ich will hören, warum Sie, der Sie gesund sind, einen Arzt holen ließen.«

Noch immer klang des Polen leicht verletzter Stolz durch diese Worte; anderseits aber regte sich auch schon die Neugier, wie wohl solch merkwürdiges Tun begründet werden würde, in ihm.

»Erlauben Sie, daß ich vorher noch meinen Stiefel anziehe,« entgegnete Durand lächelnd und vollzog schon diese notwendige Tätigkeit, dann fuhr er, in seine gemütliche Weise verfallend, fort: »Ich habe mich Ihnen nicht vollständig vorgestellt. Erlauben Sie, daß ich das jetzt nachhole. Ich bin also der Doktor juris Eugen Gröden aus Wien und gehöre zur Zeit vorübergehend dem Sicherheitsamte dieser Stadt an.«

»Ah!« machte der Pole, der zu verstehen begann. »Und der Herr, welcher da soeben weggefahren ist –«

»Der gehört zu jenen Persönlichkeiten, für welche ich mich augenblicklich sehr interessiere.«

»Er ist, wenn ich nicht irre, ehe ich eintrat, aus diesem Zimmer gegangen.«

»Ganz richtig.«

»Und Sie haben ihn fortgehen lassen?«

»O, er ist nicht allein weggegangen.«

»Ah so!«

»Haben Sie nicht gesehen, daß auch ein zweiter Wagen bestiegen wurde?«

»Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Aber ich. In dem zweiten Wagen saß ein hiesiger Polizeiagent.«

»Und der wird den hübschen Herrn im Auge behalten?«

»Der wird dem hübschen Herrn überallhin folgen, bis – nun, bis ich wieder mit ihm zusammentreffe.«

»Wird das bald geschehen?«

»Es wird geschehen, und dann werden der Herr und ich wieder miteinander nach Wien fahren.«

»So!«

»Sie haben gewiß auch in Wien studiert?«

Der Arzt nickte.

»Da kennen Sie wohl die Alserstraße?«

»Gewiß.«

»Der Herr und ich werden in die Alserstraße fahren.«

»In die Alserstraße Nummer eins?«4

»In die Alserstraße Nummer eins.«

Doktor Chodorowski atmete tief auf. »Wessen hat er sich schuldig gemacht?« fragte er dann.

Durand zuckte die Achseln.

»Sie wissen das nicht?« rief der Pole befremdet.

»Noch weiß ich es nicht; aber ich werde es demnächst, vielleicht schon« – er hielt ein wenig inne und lauschte – »heute wissen,« antwortete er und rief dann: »Herein!«

Ein Telegraphenbote war es, der draußen zu irgend jemand gesagt hatte: »Depeschen für Herrn Durand«, und der jetzt über die Schwelle trat.

Als er wieder gegangen war, besichtigte Durand zuerst die Angabe der Örtlichkeit, an welcher die Depeschen aufgegeben worden waren. Zwei kamen von Wien, die dritte von Krakau.

Er öffnete letztere zuerst. Klesing war ihr Absender.

Er depeschierte folgendes: »Therese Luise Lubinska wohnte bis 16. Februar 1882 in der Grodzkastraße, ist aber abgereist – unbekannt wohin.«

Die erste Wiener Depesche war auch nicht viel länger. Ihr Inhalt lautete: »Die bewußte Kiste ist am 4. 3. als Eilgut an Frau Malachow nach Mlociny, Russisch-Polen, abgegangen. Die beiden Koffer waren an Frau Therese L. Soigni, Genf, Rue de la Corraterie 7, adressiert. Alexin schweigt noch immer.«

Durand hatte die Depeschen still gelesen, jetzt sagte er laut: »Therese Luise Lubinska und Therese L. Soigni. Das stimmt.«

Er öffnete die dritte Depesche. Sie kam von der Direktion des Künstlerhauses. Ihr Inhalt war folgender: »Das Bild »Aufstand polnischer Bauern« wurde von dem Künstler kurzer Hand an Fräulein Nadja Kissilew, Radom, Russisch-Polen, verkauft. An diese Adresse wird es laut Verfügung Colmars von uns aus nach Schluß der Ausstellung gesandt werden.«

»Also Radom!« sagte Durand befriedigt.

Langsam faltete er die Telegramme zusammen und verwahrte sie in seiner Brieftasche.

»Sie gelten hier für einen Herrn Durand?« bemerkte der junge Pole.

Da wies dieser Herr Durand ihm seinen Paß vor, in welchen genaue Einsicht zu nehmen sich Chodorowski nicht im mindesten scheute.

»Jetzt glaube ich Ihnen, daß Sie sind, als was Sie sich mir gegenüber nannten,« meinte er lächelnd, während er das Papier zurückgab.

Durand nahm es und entgegnete: »Jetzt wissen Sie also, daß meine Angaben richtig sind. Wollen Sie mir auf dieses Wissen hin und unter dem Versprechen absoluten Schweigens beistehen?«

»Ohne Frage! Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Sie müssen mich noch weiter behandeln.«

»Gut.«

Die beiden lächelten.

»Und wenn es dazu kommt, daß ich mit dem hübschen Herrn wieder nach Wien fahren werde, da wird sich mein Fußleiden verschlechtert haben.«

»Was ich zu bestätigen haben werde?«

»Ja. Und Sie werden die Sache sehr arg finden.«

»Werde ich das?«

»Natürlich. Denn ein ernstlich Erkrankter kann die weite Reise nach Wien nicht leicht allein machen.«

»Ah! Der hübsche Herr soll veranlaßt werden, Sie zu begleiten?«

»So ist es. Er ist mit mir hierher gekommen – freiwillig hierher gekommen, er soll auch – allerdings unter dem leichten Zwang der Schicklichkeit – freiwillig wieder mit mir zurückreisen.«

»Wie werde ich es erfahren, wann der Zeitpunkt gekommen ist, an welchem der Zustand Ihres Fußes schlecht sein muß?«

»Sie werden mir täglich eine ärztliche Visite machen, und da genügt ja wohl ein Wink.«

Chodorowski verbeugte sich. Dann stand er auf.

Er sollte aber noch einmal Ursache finden, in Verwunderung zu geraten. Auch Durand hatte sich erhoben. Er war auf die große Kommode zugetreten, welche die eine halbe Wand des Zimmers einnahm. Es war ein ungewöhnlich massiv gearbeitetes Stück aus Eichenholz.

Durand schickte sich an, den Kasten zu rücken. Er brachte ihn auch tatsächlich ein Stück von der Stelle, aber das hatte ihn Anstrengung gekostet. Er atmete tiefer, und das Blut war ihm in den Kopf gestiegen.

»Warum tun Sie das?« fragte Chodorowski.

»Meinen Sie, daß Sie ihn leichter wegschieben können?« war Durands Entgegnung.

»Ich fühle kein Bedürfnis, diese Probe zu machen,« meinte der Pole, in welchem sich wieder der Verdacht, daß dieser Doktor Gröden, vulgo Herr Durand, doch verrückt sei, zu regen begann.

Durand ahnte wohl, was der Pole dachte, und so beeilte er sich, ihn aufzuklären. »Der, welcher mein Reisebegleiter sein wird, hat nämlich diese Kommode mit staunenswerter Leichtigkeit weggeschoben, um wieder zu einem Schmuckstück zu gelangen, das unter dieses Möbel gerollt war.«

Da legte der Arzt seinen Hut wieder hin und ging zur Kommode. »Da muß er sehr viel Kraft besitzen,« sagte er dabei und legte nun auch Hand an, um die Schwere des Kastens zu prüfen. Es ging ihm, wie es Durand ergangen war, er keuchte und hatte einen roten Kopf, als er die Kommode wieder an ihren Platz geschoben hatte.

»Das Ding hat reichlich zwei Meterzentner,« schätzte er.

Da nickte Durand und machte eine seltsame Bemerkung. »Ja, reichlich zwei Meterzentner! Und ein normal gebauter Mann wiegt höchstens ein halbmal so viel.«

Chodorowski wollte eine Bemerkung machen, allein er sah, daß dieser Herr Durand in ein tiefes Nachdenken versunken war, und so ging er nach stummem Gruß hinaus.

Durand stand noch eine Weile in der Mitte des Zimmers und wiederholte noch einmal seine letzten Worte:

»Und ein normal gebauter Mann wiegt höchstens ein halbmal so viel.« –

Eine Viertelstunde später klingelte er nach dem Kellner.

»Der Arzt hat mir eine Wagenfahrt angeraten,« sagte er. »Seien Sie so gut und rufen Sie eine Droschke herbei. Sie soll knapp vor die Treppe kommen.«

Wie angeordnet, so geschah es.


Siebzehntes Kapitel.

Durand hieß den Kutscher zum Telegraphenamt fahren und gab daselbst zwei Depeschen auf. Die eine war an Klesing gerichtet, die andere ging an den Chef des Wiener Sicherheitsamtes ab.

Als dies besorgt war, befahl er dem Kutscher, nach dem Gehölz von Bielany zu fahren. Und so lenkte denn der ganz stattliche Zweispänner in jene Chaussee ein, welche im Nordosten Warschaus das flache Land mit der Stadt verbindet.

Diese Chaussee führt an der Westgrenze des schönen und ziemlich ausgedehnten Gehölzes von Bielany hin. Man gelangt auf ihr auch zu dem ausgedehnten Militärlager der Warschauer Garnison und befindet sich, sobald man dieses im Rücken hat, auf dem Grund und Boden des kleinen Dorfes Mlociny. Es liegt etwa acht Kilometer von Warschau entfernt. An einem der ersten Häuser erkundigte sich der Kutscher danach, wo die Witwe Malachow wohne. Nach erhaltener Auskunft fuhr er durch das Dorf und noch ein gutes Stück weiter.

Vor einem kleinen, sehr nett aussehenden Hause hielt er an, und Durand stieg ans. Der Kutscher warf Decken über seine heißgelaufenen Pferde, hockte sich in den Wagen und zündete sich seine Pfeife an.

Indessen hatte sein Fahrgast den breiten Vorgarten durchschritten, welcher zwischen der Straße und dem Hause lag, und zog an dem Klingelknopf der verschlossenen Haustür.

Eine kleine, schwarzhaarige Magd steckte alsbald den Kopf aus dem Türspalt.

»Kann ich Frau Malachow sprechen?« fragte Durand.

Das Mädchen hatte offenbar nichts als den Namen, der in dieser Frage enthalten war, verstanden. Aber es konnte sich's vorstellen, was der fremde Herr wolle, und da er in einem vornehmen, zweispännigen Wagen gekommen war, imponierte ihr dieser Besuch so sehr, daß sie ihn sofort einließ.

Kaum aber hatte Durand den schmalen Flur betreten, stürmte eine riesige Dogge mit wütendem Gebell auf ihn ein, und ganz erfolglos war das Bemühen der Magd, den Hund zu beruhigen. Durand blieb nichts übrig, als sich still und regungslos zu verhalten, wenn er nicht das mächtige Tier zu einem tätlichen Angriff reizen wollte.

Er wurde indessen sehr bald aus dieser ebenso lächerlichen als peinlichen Situation befreit, denn kaum hatte sich des Tieres wütendes Gebell erhoben, ließ sich auch schon eine volltönende Frauenstimme vernehmen, welche offenbar dem Hunde einen Befehl erteilte. Es kam nämlich der Name »Cäsar«, den auch die Magd schon angewendet hatte, in dem russischen Ausruf vor, welchem der Hund wohl widerwillig, aber doch sofort Folge leistete, indem er sich knurrend bis zu einer der beiden in den Flur mündenden Türen zurückzog.

Danach kam ein wunderhübscher, blonder Frauenkopf und eine schlanke Gestalt zum Vorschein.

Durand atmete tief auf, als er sich vor der jungen Dame verneigte. Denn diese blonde Schönheit war Nadja Kissilew.

Nach einem verwunderten, fragenden Blick sagte sie irgend etwas auf Russisch, das er nicht verstand. Statt der Antwort verneigte er sich noch einmal und trat ihr einige Schritte näher.

»Wenn gnädiges Fräulein dieses prächtige, aber auch ein wenig unbequeme Tier fortschicken wollten, wäre es mir recht angenehm,« sagte er lächelnd auf Deutsch.

Auch Nadja lächelte und befahl dem Mädchen, den Hund zu entfernen, woraufhin das Mädchen und die Dogge hinter der zweiten Flurtür verschwanden.

»Werden Sie mir jetzt sagen, was Sie hierher führt?« fragte Nadja in einem tadellosen Deutsch.

Da verbeugte sich Durand zum dritten Male und antwortete: »Ich wollte Frau Malachow ersuchen, mir zu sagen, wo ich Sie, mein Fräulein, wo ich Nadja Kissilew finden könne.«

»Mich suchen Sie?«

Nadja sah überaus verwundert aus. Sie war mit einer freundlichen Gebärde, die ihn ihr folgen hieß, in das Zimmer zurückgetreten, in das jetzt auch Durand trat.

Es war ein gemütlich eingerichteter Raum. Nahe dem Ofenwinkel stand ein kleines Sofa und davor ein Tisch und ein altväterischer Lehnstuhl.

Auf diesen zeigte die junge Dame, während sie selber sich auf dem Sofa niederließ. Ihre Augen, ihre Miene drückten Erwartung aus.

»Mein Fräulein,« begann Durand, »gestatten Sie mir, ehe ich Ihnen meinen, Ihnen vollständig fremden Namen nenne, eine Frage.«

»Fragen Sie, aber setzen Sie sich auch.«

»Sie kennen Herrn Viktor Colmar?« fragte er.

Nadja richtete sich steif auf. Alles Freundliche, alles Harmlose, das sich soeben noch in ihrem ganzen Wesen ausgedrückt hatte, war verschwunden. »Ja, ich kenne ihn,« gab sie übrigens ohne weiteres zu.

»Sie kennen ihn genau?«

»Ich kenne ihn genau.«

»Und sind ihm nicht freundlich gesinnt, wenigstens derzeit nicht freundlich gesinnt?«

»Ich war ihm niemals freundlich gesinnt.«

»Niemals?«

»Mein Herr!«

»Fräulein Kissilew, ich bin von weither gekommen, um diese und noch manche andere Fragen an Sie zu richten. Und es wird viel davon abhängen, wie Sie diese Fragen beantworten werden.«

»Von woher sind Sie gekommen, und wer sind Sie, daß Sie mich derartiges fragen dürfen?«

»Ich diene der Gerechtigkeit.«

»Ah! Und da interessieren Sie sich für Herrn Viktor Colmar?«

Nadjas ganzes Wesen drückte jetzt große Spannung, aber auch ebenso großes Überraschtsein aus.

»Für ihn und für noch manch andere Persönlichkeit,« sagte Durand.

Sie schüttelte den Kopf. »Wie haben Sie es in Erfahrung gebracht, daß ich Herrn Colmar kenne?«

»Ich habe Sie mit ihm am Abend Ihrer Abreise von Wien gesehen.«

»In der Tat, er hat mich damals begleitet.«

»Sie sind in der Stephanskirche mit ihm zusammengetroffen.«

»Das weiß man auch? So ist er aus irgend einem Grunde von der Polizei beobachtet worden?«

»Nicht er,« sagte Durand mit Betonung.

»Nicht er?«

»Nein, mein Fräulein, Sie waren es, welche man beobachtete.«

»Ich?« – Nadja hatte sich rasch erhoben. Sie starrte Durand verständnislos an.

»Und weil man nach Ihnen fahndete und Sie gefunden hatte, wußte man schließlich auch, daß Colmar mit Ihnen bekannt sei.«

»Nach mir hat man also gefahndet? Nach mir? Mein Herr, verstehe ich Sie denn wirklich recht?«

Durand griff in die Innentasche seines Rockes. Er entnahm ihr einen Umschlag und diesem ein kleines Bild, das ein Malachitrahmen umschloß. »Nach dem Original dieses Porträts hat man gefahndet,« sagte er, der jungen Dame das Bildchen reichend.

Sie nahm es entgegen. Nachdem sie einen Blick darauf geworfen hatte, schaute sie betreten, ja sichtlich peinlich berührt auf Durand.

»Sie kennen das Bildchen natürlich?«

»Selbstverständlich.«

»Auch den Rahmen?«

»Der war nicht darum, als das Bild noch mein Eigentum war.«

»Es ist ein sehr wertvoller Rahmen. Das Bild oder dessen Original muß dem, der ihn kaufte, viel wert gewesen sein.«

»Das Bild ist des Rahmens wert,« sagte Nadja. Es klang zerstreut. Die junge Dame mochte an ganz etwas anderes denken.

»Sie sind mit Colmar nicht nur in Wien beisammen gewesen!«

War das eine Frage oder eine Behauptung? Nadja entwand sich jetzt ihren Gedanken. Ihr Blick war forschend, ihre Stimme scharf, als sie, seine letzten Worte übergehend, fragte: »Wie und wann kam dieses Bild in die Hände der Polizei? Sie sehen mich peinlich überrascht von dieser ja immerhin unangenehmen Tatsache.«

»Darf ich, ehe ich Ihnen diese berechtigte Frage beantworte, nicht erfahren, mit wem, außer mit Colmar, Sie in Wien verkehrten?«

»Mit niemand! Auf mein Wort – mit niemand! – Warum nehmen Sie denn an, daß ich mit noch jemand außer mit Herrn Colmar verkehrt habe?«

»Weil ich weiß, daß noch ein anderer dort ist, der Sie kennt, denn –«

»Herr König – o ja, Herr König. Ich leugne das nicht. Aber warum kümmert sich die Polizei darum? Und warum –«

»Es kennt Sie dort immer noch einer – einer, dem Sie nahe stehen,« fiel Durand ihr rasch ins Wort.

Weshalb war sie denn jetzt verwirrt? Weshalb schoß ihr denn jetzt eine Blutwelle ins Gesicht? Und warum sah sie denn jetzt so ängstlich aus?

»Was ist Ihnen dieser andere?« fragte Durand dringlich. »Er nennt sich Wasili Alexin.«

»Wasili – ja, Wasili! Er – er ist mein Bruder. Ich hielt mich auch seinetwegen in Wien auf. Ich habe ihn schon länger als ein Jahr nicht gesehen.«

»Und da wollten Sie auch ihn aufsuchen, diesen Ihren – Stiefbruder.«

»Wir hatten denselben Vater und dieselbe Mutter,« sagte Nadja leise.

»Und doch trägt er einen anderen Familiennamen als Sie?«

»Er hat kein Recht dazu.«

»So meinten wir auch, als er uns den Namen Alexin nannte,« entgegnete Durand trocken.

Aus Nadjas Gesicht war alles Blut gewichen. Angstvoll schauten ihre Augen, angstvoll klang ihre Stimme, als sie fragte, warum denn die Polizei sich für seinen Namen interessiere.

Und als Durand ihr Wasilis Einbringung und deren Ursache bekannt gab und ihr seine Art zu leben und seine Art sich zu verantworten schilderte, weinte sie bitterlich, und dann erfuhr Durand, daß Wasili seit jeher nicht gut getan, und daß er seiner Schwester in früherer Zeit viel Kummer gemacht habe. Die Art dieses Kummers verriet jedoch Nadja nicht.

Durand aber hoffte, heute und hier auch noch über Wasili nähere Auskünfte zu erhalten. Er wollte nur nichts überstürzen, und so kam er wieder auf die Hauptangelegenheit zurück und fragte noch einmal in Bezug auf das Bildchen: »Sie haben es also verschenkt?«

Nadja nickte. »Am 27. Februar war es noch mein Eigentum,« sagte sie seufzend.

»Also bis zum 27. Februar?«

»Ja. Ich werde diesen Tag niemals vergessen.«

»Von solch großer Bedeutung war für Sie der Besitzwechsel dieses Bildchens?«

Nadja lachte herb. »Ah, nicht deswegen – – nur weil der, der es gemalt, wenige Stunden, nachdem ich es verschenkt hatte, gestorben ist. Er war mein Bräutigam!«

Nach diesen Worten trat eine längere Pause ein. Nadja kämpfte gegen ihr junges Leid, und Durand ließ ihr Zeit, sich wieder zu fassen.

Die junge Dame erhob soeben wieder den Kopf, um weiterzusprechen. Da öffnete sich die Tür, und eine alte Frau trat herein.

Sie blieb verwundert auf der Schwelle stehen. »Du hast Besuch?« sagte sie, noch die Klinke in der Hand behaltend.

»Mutter, bleibe!« rief Nadja. »Dieser Herr gehört der Polizei an, er ist mir von weither gefolgt –« sie lachte bitter auf – »denke nur, für wie wichtig man meine Aussagen hält!«

»Du Arme! So belästigt man auch dich, weil du mit uns verkehrst?«

So sagte schmerzlich die alte Dame, dann trat sie rasch auf Durand zu und fuhr mit einer Art bitterer Energie fort: »Aber mein Herr, da irrt man sich. Man kann recht wohl den Sohn eines Verbannten lieben, ohne dem Staat gefährlich zu werden. Man sollte uns wenigstens jetzt in Frieden lassen, da es keinen Malachow mehr gibt.«

»Aber meine Damen, es denkt ja niemand daran –«

»O ja, man hat mich belästigt!« unterbrach ihn zornig die alte Frau. »Müde an Leib und Seele, wie ich es bin, hat man mir die Heimkehr noch bitterer gemacht, als sie es ohnehin schon war. Bis zur Leibesuntersuchung hat man die Vorsicht getrieben. Die letzten Briefe meines Sohnes, der niemals ein Unrecht getan hat, der – –«

Sie brach in Weinen aus.

Durand führte sie zum Sofa. »Sie sollten sich nicht unnötig aufregen, gnädige Frau!« sagte er herzlich. »Ich weiß, daß man Sie künftighin in Ruhe lassen wird, und daß Ihres Sohnes Briefe als harmlos befunden wurden. Man wird sie Ihnen wieder einhändigen, seien Sie dessen sicher.«

»Was kann ich Gutes erwarten, da man selbst diese da verfolgt?« schluchzte Frau Malachow, und ihre Hand strich dabei liebevoll über Nadjas Kopf. »Unsere Nadja, die so selbstlos, so edel ist. Ach, wenn man wüßte, wie schuldlos sie ist!«

»Es hält sie ja niemand für schuldig,« fiel Durand ein wenig ungläubig ein.

Die beiden Frauen sahen ihn verwundert an.

»Warum verfolgt man mich dann?« fragte Nadja.

»Man folgte Ihnen nur, man verfolgte Sie keineswegs.«

»Um Fragen an mich zu stellen? Sie erst hier an mich zu stellen, wenn man mich doch schon in Wien zu finden wußte?«

»Man hat geglaubt, daß unterwegs vielleicht jemand mit Ihnen zusammentreffen würde.«

»Wer?«

»Jene Person, der Sie am 27. Februar Ihr Porträt schenkten.«

»Herr König also, denn diesem habe ich es geschenkt. Warum hätte denn dieser unterwegs mit mir zusammentreffen sollen?«

»Es war eine keineswegs unsinnige Annahme, mein Fräulein. Leider – ich sage das mit voller Überlegung – – leider aber war diese Annahme unrichtig.«

»Sie sind so ernst, da Sie dies sagen! – Was ist also mit Herrn König?«

»Sie sind nicht minder ernst, da Sie das fragen, mein Fräulein. König interessiert Sie?«

»Es ist so. Mutter, nicht wahr, Herr König hat ein Recht an unsere Teilnahme, denn er nimmt auch an unserem lieben Toten warmen Anteil – er wird ihm, spät freilich, zu spät, zu den Ehren verhelfen, deren er so würdig war.«

»Gott segne ihn dafür,« sagte unter Tränen die alte Frau, aber ihre Augen leuchteten, als sie hinzusetzte: »Er wird den Menschen erzählen, daß mein Sohn ein großer Künstler gewesen ist.«

Durand heftete seine Augen fest auf Nadja, während er sagte: »Ich fürchte, er wird niemals mehr irgendwelche Äußerungen tun können.«

»Warum?« fragten zwei Stimmen zugleich.

»Er ist verschwunden, unter sehr seltsamen, ja unheimlichen Umständen verschwunden.«

»Verschwunden?« wiederholte ungläubig Frau Malachow.

»Verschwunden?« sagte auch Nadja. Sie hatte sich weit vorgebeugt, ihr Gesicht wurde blaß, ihre Hände begannen zu zittern, und aus ihren Augen schaute das Entsetzen.

»Wir denken jetzt an ein und denselben Menschen. » Durand schaute sie bei diesen Worten mit zwingenden Blicken an.

Sie schlug die Augen nicht nieder. Aber sie schaute nicht ihn an, sie schaute in weite Ferne und sah offenbar irgend etwas Grauenhaftes.

Ihre Augen redeten förmlich – und dann, dann redete auch ihr Mund.

Sich nun mit ihren Gedanken zu ihrem Besuch wendend, fragte sie: »Hat Colmar Herrn König gekannt?«

»Die beiden verkehrten miteinander fast wie Freunde. Colmar war König viel Dank schuldig, denn dieser war ein eifriger Förderer seines Ruhmes.«

»Er hat ihn gekannt!« murmelte Nadja. »Er hat ihn gekannt!«

Und dann tat sie eine Frage, über welche Durand sich wunderte, denn sie schien ihm so gar nicht zur Sache zu gehören. »Wissen Sie, daß König am 27. Februar in Concarneau war und dort meines nun toten Verlobten Kunstwerke gesehen hat? Und – – weiß Colmar es? Weiß er, daß König Iwan Malachows Skizzen gesehen hat? Auch die Skizzen zu seinem letzten Bilde gesehen hat – und daß er seine Manier kennt? Und seine künstlerische Auffassung? Weiß Colmar das? Und weiß er, daß König es veröffentlichen wollte, daß Iwan Malachow ein großer Maler war?«

In großer Erregung stellte Nadja all diese Fragen, und dann faßte sie – gegen alles Herkommen verstoßend – Durand an der Hand und zog ihn ins nächste Zimmer.

Da stand eine große, flache Kiste auf einem Tisch. Sie war offen. Sie war wohl eben erst geöffnet worden, denn noch lagen Stemmeisen und Hammer, sowie etliche Nägel neben ihr, und ihr Deckel lehnte an der Wand.

Zu dieser Kiste führte Nadja ihren Besuch. Es lag ein Bild darin. Eine Meeransicht, eine prächtig gemalte Meeransicht; etliche Fischerboote belebten das Bild, eine charakteristisch wiedergegebene Steilküste machte es besonders interessant.

»Lesen Sie,« sagte Nadja, auf die im rechten unteren Winkel des Bildes befindliche Signatur zeigend.

Und Durand las, unwillkürlich laut, den Namen »Viktor Colmar«.

»Viktor Colmar – ja, das steht hier,« sagte Nadja mit hart klingender Stimme, »gemalt aber hat dieses Bild, wie alle anderen auch, die so signiert sind, Iwan Malachow, den wir am 1. März in Concarneau begraben haben.«

»Und das wußte König seit dem 27. Februar?«

Nadja wiederholte: »Das wußte er seit dem 27. Februar, und nun ist er – verschwunden!«

Ihre Hand, die noch immer auf Durands Arm lag, fühlte sich wie Eis an. Und wie Frost ging es von ihrem ganzen Wesen aus. Man sah es ihr an, daß sie sich der furchtbaren Tragweite ihrer Worte klar bewußt war, und daß sie selber schwer unter dem schrecklichen Zwang der Wahrheit litt.

Endlich ließ sie ihre Hand, die sich geballt hatte, niedersinken. Schweigend ging sie Durand voran in das Zimmer, in welchem Frau Malachow bleich und zitternd im Sofawinkel zurückgeblieben war.

Dann saßen die drei noch eine gute Weile wortlos beieinander.

Selbst Durand war ein wenig verwirrt von der endlichen Lösung des Rätsels, und wenn er noch einen Rest von Zweifel besessen hätte, von Zweifel daran, daß König ermordet worden sei – jetzt wäre auch dieser Rest geschwunden.

Was er, nachdem Nadja und Frau Malachow sich gefaßt hatten, noch durch sie erfuhr, war folgendes: Iwan Malachow, seit zwei Jahren Nadjas Verlobter, hatte wohl große künstlerische Begabung, aber wenig Glück gehabt. Mühselig hatte er, der die einzige Stütze seiner Mutter war – seine viel ältere Schwester war auch schon verwitwet und in ärmlichen Verhältnissen – jene und sich durch seine Kunst erhalten. Da hatte er eines Tages einen Kunstgenossen ins Haus gebracht. Das war Viktor Colmar, der Studien halber reiste und Iwan zufällig kennen gelernt hatte.

Bald waren die zwei schier unzertrennlich, und doch – so sagte Frau Malachow – – war es keine richtige Freundschaft, welche sie verband. Sie hatten allerdings eine Menge gleichartiger Interessen und eine Menge – Heimlichkeiten miteinander, aber Iwans wirkliche Sympathie gehörte keineswegs dem neuen Bekannten, der ihn mit geradezu eifersüchtiger Leidenschaftlichkeit ganz in Beschlag nahm.

In jener Zeit, das war vor vier Jahren, wohnte Iwan mit seiner Mutter in Warschau. Sie hatten ein kleines Quartier, darin zuweilen die bittere Not mit ihnen hauste. Das Wohn- und Schlafzimmer Iwans war zugleich sein Atelier; seine Mutter schlief in einer Kammer, die nichts weiter enthielt als ein Bett und einen Kleiderschrank. Zu mehr Möbeln wäre darin, auch wenn man sie besessen hätte, kein Platz gewesen. Allzeit luftarm, war diese Kammer im Winter auch bitterkalt. Iwan und seine Mutter lebten allezeit in liebevollem Streit darüber, wer darin schlafen müsse: er, jung, aber zart und kränklich – oder sie, alt, aber gesund.

Sie siegte stets in diesem Streit, aber Iwan gab nur sehr ungern ihren von der Vernunft und der Liebe zugleich diktierten Vorstellungen nach.

Er, der ohnehin ein wenig exzentrisch Veranlagte, hätte seine seit langem schon unglückliche, heißgeliebte Mutter am liebsten in Reichtum gebettet, um ihr wenigstens nach dieser Seite das Leben hell zu machen. Aber lange, lange konnte er wenig für sie tun.

Endlich jedoch kam auch zu ihm das Glück – es war mit Colmar zugleich eingetroffen. Seit dieser in Warschau war, verkaufte Iwan seine Bilder merkwürdig schnell und gut, malte infolge davon mit doppeltem Fleiße, mit doppelter Lust. Im Herbst hatte er Colmars Bekanntschaft gemacht, und noch ehe der Winter kam, konnte er seine Mutter in ein heimlich gemietetes, gemütlich eingerichtetes Quartier führen, darin eine tüchtige Magd ihr die anstrengenden Arbeiten abnahm. Bei Malachows war so etwas wie Wohlstand eingezogen. Die alte Frau genoß ihn gern, und auch Iwan freute sich sichtlich der angenehmen Veränderung, die in seinem Leben eingetreten war. Aber wie er früher niemals gewesen, wurde er jetzt ganz merkwürdig leicht erregbar, besonders gegenüber Colmar, welcher noch immer in Warschau weilte und der fast lästige, weil nahezu immer anwesende Genosse Iwans blieb.

Als der Frühling kam, drängte Iwan seine Mutter, irgendwohin auf das Land zu gehen. Sie wehrte sich lang dagegen, war sie ja doch gesund und hatte niemals solchen Luxus mitgemacht und besaß überdies ein solch hübsches Heim, darin es ihr eine wahre Freude war, für ihren Sohn zu sorgen.

Aber all diese Gründe ließ Iwan nicht gelten. Sie müsse fort, behauptete er, müsse Luftwechsel und Zerstreuung haben.

Da entschloß sie sich endlich, für etliche Wochen zu ihrer Tochter zu ziehen, welche im nahen Radom an den Schulleiter verheiratet war. Dort besuchte sie ihr Sohn, und dort lernte er die Freundin seiner Schwester, Nadja Kissilew, kennen.

Nadja, die Waise eines höheren Offiziers, lebte in Radom bei ihrer Tante, der Gutsbesitzerin Johanna Ostrofska, in deren Hause sie wie eine Tochter gehalten wurde.

Oft und immer öfter kam Iwan nach Radom. Zuweilen begleitete ihn sein Freund Colmar. Aber wie sehr der junge Malachow es verstand, sich die Sympathien der Menschen zu erwerben, so wenig war diese Kunst Viktor Colmar zu eigen. Dieser zeigte sich merkwürdig launisch und merkwürdig scheu.

Auch schien er gegen Frauenschönheit unempfindlich zu sein; Nadjas reizvolle Erscheinung wenigstens hatte für ihn keinerlei Reiz. Er wich der, welche sein Freund bald sehr eifrig suchte, in fast auffallender Weise aus.

Und wenn dies aus Antipathie geschah, dann beruhte dieselbe auf Gegenseitigkeit; denn auch Nadja war dieser hübsche, elegante Maler, den man so selten malen sah, widerwärtig. Er war ihr so widerwärtig, daß ihr sogar Iwans Gegenwart durch ihn verleidet wurde.

So ging ein Sommer und ein Herbst hin. Der Winter trennte die jungen Leute.

Iwan Malachow machte mit Colmar eine Reise nach Italien. Sie blieben bis zur Osterzeit fort und beisammen, wiewohl es Iwans Briefe verrieten, daß Colmar ihm lästig zu werden beginne.

Nicht, daß er deutlich über sein Verhältnis zu jenem geschrieben hätte, aber da und dort eine Andeutung verriet, daß es keineswegs eine richtige Freundschaft sei, welche ihn mit Colmar verband.

Was aber war es sonst, das diese zwei in jeder Beziehung verschiedenen Männer aneinander fesselte? So fragte sich oft und oft Frau Malachow, so fragte sich auch Iwans Schwester und noch eine, die ihn innig liebgewonnen hatte und die seiner in zart verheimlichter Treue gedachte, eine, die schmerzlich verwundert darüber war, daß der Mann, der ihr so unverhohlen sein heißes Interesse gezeigt hatte, ihr vor der Welt nichts sein wollte – –– und diese eine war Nadja Kissilew.

Als aber der Sommer wiederkam, da begann für sie eine glückliche Zeit, da kam wieder die alte Frau Malachow nach Radom und diesmal nicht allein. Auch Iwan wollte die schöne Zeit in dem stillen Städtchen zubringen.

In diesem Sommer fanden sich sein und Nadjas Herz so eng zusammen, daß nichts mehr sie trennen konnte.

Und ehe Iwan diesmal von der Geliebten schied, war sie seine Verlobte geworden. Aber um dieselbe Zeit sollte ihr junges Glück auch eine arge Trübung erfahren, denn sie merkte, daß Iwan ein recht kranker Mann sei, und wußte noch eines: daß er seine Kunst an einen verkauft hatte, der ebenso reich an Geld und Eitelkeit wie arm an Können war. Der, welcher einen für ihn so schmählichen Handel geschlossen hatte, war Colmar.

Daß Iwan Malachow, gedrückt von dem Gedanken, ein für allemal der Armut verfallen zu sein und in Not verkommen zu müssen, der Versuchung erlegen war, ist nicht schwer zu begreifen, und seinerseits war dieser Handel nicht ehrlos. Er gab sein Können für Geld hin; er opferte seinen Ruhm der Not des Lebens, dieser entnervenden Not, welche noch dazu seine von ihm so sehr geliebte Mutter mit ihm teilen mußte. Das war das Ganze!

Nadja Kissilew erfuhr das in derselben Stunde, in welcher Malachow sie fragte, ob sie sein Weib werden wolle.

Geld – o, Geld konnte er ihr jetzt zur Genüge bieten. Nie mehr, solange er noch den Pinsel führen konnte und auch darüber hinaus, brauchten er und die Seinigen Not zu leiden, denn all die Summen, welche Colmar für seine trefflichen Bilder erhielt, flossen nach dem Vertrag, den die beiden Maler geschlossen hatten, ungeschmälert in Malachows Tasche. Aber Ehren, aber den Glanz eines berühmten Mannes – – den konnte er ihr nicht bieten, immer würde der Name, den sie doch so gern tragen wollte, unbekannt bleiben, und er würde zugleich der eines Mannes sein, den der Tod schon gegrüßt hat.

So standen die Dinge, ehe Malachow zum zweiten Male in die Fremde ging, aus der er nicht wieder heimkehren sollte.

Er ging gern fort, denn seit er der Mutter und der Braut das trübe Geheimnis seines Lebens mitgeteilt hatte, lastete die Bürde der Scham noch weit schwerer auf seiner Seele als früher.

Und auch die beiden Frauen ließen ihn erleichtert ziehen, denn sie fühlten, daß er das Alleinsein brauche.

Diesmal war er nach Frankreich gegangen, wo auch sein »Freund« Colmar weilte.

Die beiden hatten sich in irgend ein Pyrenäenstädtchen zurückgezogen, von wo aus manch reizendes Bild in die Welt hinauszog, um den Namen »Colmar« immer mehr bekannt zu machen.

Und wieder kam ein Frühjahr und ein Sommer, aber Iwan besuchte diesmal die Seinigen nicht. Er war auf einer Reise durch Spanien begriffen, und dieses Mal, so schrieb er, reiste er gern, denn Colmar war weit weg, den hielt eine Herzensangelegenheit in Wien zurück.

Wohl sehnten die beiden Frauen, deren ganzer Lebensinhalt Iwan geworden war, sich nach ihm, aber sie gönnten ihm, der ja noch so wenig glücklich gewesen, diesen ersten freien Flug in die Welt, die einem Künstler ja viel, viel mehr zu bieten hat als einem gewöhnlichen Menschen.

Es war ein stiller, trauriger Sommer für die Frauen. Die Schwester Iwans war in dieser Zeit Witwe geworden. Man schrieb ihm nichts von diesem Trauerfall, denn man wollte ihm ein ja doch unnützes Leid ersparen.

Einer seiner Briefe meldete, daß er auf dem Wege nach dem nördlichen Frankreich sei. Dieses Schreiben traf im Juli in Radom ein. Dann kam lange kein Brief. Die Frauen wußten auch nicht, wohin sie hätten schreiben sollen, denn in seinem letzten Briefe hatte Iwan ihnen keine Adresse genannt.

Tag für Tag verging ihnen in immer tiefer werdender Sorge, und dann kam ein Tag, der ihnen den traurigen Beweis brachte, daß ihre Angst nur zu wohl begründet gewesen war.

Wieder einmal kam ein Brief aus Frankreich. Es war ein Brief von fremder Hand. Aus dem nordwestlichsten Winkel Frankreichs kam er, aus der Bretagne. Dort befindet sich im Bezirke Quimper die kleine, uralte Stadt Concarneau. Sie ist ein Malernest, von ganz eigenartigem Reiz umflossen. Ihr Ruf hatte auch Iwan Malachow angezogen. Auch er war gekommen, um da zu arbeiten. Und er arbeitete fleißig, und wer seine Skizzen sah, war entzückt davon. Aber es gab auch Zeiten, in denen keiner seiner Kunstgenossen wußte, womit er sich beschäftigte. Zuweilen verschwand er für viele Tage aus ihrem heiteren Kreis, und erschien er dann wieder unter ihnen, so sah er erbarmungswürdig angegriffen aus, war leicht erregt und scheu und verdrossen.

Er war überhaupt ein Original. Er lud niemand zu sich und liebte doch die Geselligkeit; er benahm sich auch gegen seine Wirtsleute überaus seltsam. Sein Atelier zum Beispiel durfte niemand betreten, nicht einmal die alte Dienerin, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte. So liebenswürdig er sich sonst gegen seine Hausgenossen zeigte, so borstig benahm er sich, wenn man sich um sein künstlerisches Tun kümmerte.

All dies meldete andeutungsweise der Brief aus Concarneau, den einer geschrieben hatte, welcher sich auch Maler und Iwans Freund nannte. Er hieß Jan Frit.

Aber er meldete noch anderes, recht Betrübendes, meldete, daß er es als seine Pflicht erachte, der Mutter seines Freundes mitzuteilen, daß es mit dessen Gesundheit nicht gut stehe, daß jemand, der mehr Einfluß auf Iwan habe als der sehr besorgte Schreiber dieser Zeilen, kommen solle, um den Kranken von allem abzuhalten, das sein Leiden gar zu rasch fördern würde.

Es war ein kurzer, kerniger, von einem warmen Herzen und einem klaren Verstande diktierter Brief, der recht viel Leid in das Herz der drei Frauen brachte. Er kündigte übrigens auch einen Brief Iwans an, der in der Tat schon wenige Tage später eintraf.

Malachow erzählte darin, daß eine große Arbeit, mit der er nun glücklich zu stande gekommen sei und welche bald abgesandt werden müsse, ihn so ganz gefesselt hatte, daß er während ihrer Vorbereitung und ihrer Ausführung an nichts anderes zu denken vermochte. Nun er damit fertig geworden sei, wanderten seine Gedanken und seine Sehnsucht wieder der Heimat zu. Er erwarte auch, daß man ihm sein langes Schweigen verzeihen, und daß er recht bald Nachricht bekommen werde.

Einen Tag nach dem Eintreffen dieses Briefes befanden sich Frau Malachow und Nadja auf dem Wege nach Concarneau.

Dort fanden sie nur noch einen Schatten dessen, der vor Monaten noch leidlich frisch und kräftig von ihnen gegangen war.

Und noch etwas fanden sie: ein herrliches, großes Gemälde, welches Zeugnis dafür ablegte, daß sein Schöpfer auf den lichten Höhen seiner edlen Kunst angelangt sei.

Iwan war außerordentlich überrascht über den Besuch, welcher ihm so unerwartet wurde, ja er wurde sogar ein wenig ängstlich und nachdenklich darüber, trotz der großen und unverhofften Freude, die er selbstverständlich empfand, als die beiden Frauen über seine Schwelle traten.

Als er jedoch hörte, daß seine Mutter einen schweren Lungenkatarrh überstanden habe, daß ihr ein Luftwechsel verordnet worden sei, und daß sie, des Arztes Weisung befolgend, zugleich ihren Sohn habe sehen wollen, da schwand der unklare Verdacht, der sich in ihm erhoben hatte, und er gab seiner Freude unverhohlen Ausdruck. Und Nadjas Anwesenheit, die erklärte sich ja von selber – die hätte gar keinen Vorwand gebraucht. Die Liebe hatte sie hergeführt und nur so nebenbei das Besorgtsein um die alte Frau.

Iwan wußte ja auch, daß in seinem Brief kaum eine Andeutung über seinen allerdings nicht gerade glänzenden Zustand enthalten gewesen war, und so beruhigte er sich schnell wieder.

Eine große Freude war es ihm, ihnen sogleich sein großes Bild zeigen zu können, sein – – letztes Bild. Er selbst ahnte das ja nicht, aber die beiden Frauen wußten es, und deshalb tat ihnen des Bildes Anblick trotz aller Befriedigung bitter weh.

Und mehr noch als Nadja war Frau Malachow erschüttert, denn in der Hauptfigur des Bildes erkannte sie ihren toten Mann. Sie nickte ihm wehevoll lächelnd zu, und das Herz wollte ihr brechen.

Aber Frauen werden durch ihre Liebe stark. Der blasse, hohlwangige Iwan hörte nur ihre bewunderungsvollen Worte, sah nur das Lächeln ihrer Lippen und den erhöhten Glanz ihrer Augen – in ihre wunden Herzen aber, in ihr angsterfülltes Gemüt konnte er nicht schauen.

»Ihr seid also zufrieden!« sagte er stolz.

Da küßte ihn seine Mutter, und auch Nadja küßte ihn, und beide lächelten ihn an.

»Du bist ein großer Künstler geworden«» sagte leise das Mädchen, »ich sehe es eben hier wieder und – – ich halte mir viele Zeitungen. Ich habe es da und dort gelesen, wie hoch man deine Kunst schätzt.«

»Ja – Colmars Name gehört schon zu den vielgenannten und zu den vielgepriesenen,« antwortete Iwan bitter.

Seine Mutter forschte danach, ob er sich denn gar nicht von jenem losmachen könne.

»Hat er nicht seinen Vertrag, und hat er nicht mein Ehrenwort, daß ich niemals, solange er noch lebt, meinen Namen auf eines meiner Bilder setzen werde?«

»Gilt denn solch ein Ehrenwort? Du hast es doch einem moralisch ganz wertlosen Menschen gegeben!« meinte zaghaft die alte Frau.

Da sagte Iwan festen Tones: »Ich halte mein Wort, wem ich es auch gegeben habe.« –

Etliche Tage später wurde das Bild unter Beobachtung gewisser Vorsichtsmaßregeln und Heimlichkeiten nach Wien gesandt.

»Es macht das Dutzend voll,« sagte Iwan, als es fortgebracht wurde.

Er hatte dem Bilde auch einen Namen mitgegeben. Es hieß: »Aufstand polnischer Bauern.« Es war in allen Beziehungen wunderbar gelungen. Die ganze Not des Unterdrücktseins hatte der Maler darin ausgedrückt.

Jede der Figuren lebte, die siegenden Soldaten, die überwältigten polnischen Bauern – – jede lebte, und eine davon, die Vordergrundsfigur, die mit brennenden Augen vor sich hin starrte, nicht ins Leere, nein, in eine Weite voll Grimm und Gram, diese Figur, deren rechte Hand schier aus dem Bilde herausragte – diese Figur hatte die Züge seines toten Vaters.

Er hatte ihn dargestellt, wie er, von dem Bajonett eines Soldaten durchbohrt, eben zu Boden sinkt. Seiner Hand ist das Gewehr schon entsunken, und die gekrümmten Finger dieser hageren, arbeitsharten Hand graben sich im Schmerz in den Handballen. Es war ein tief ergreifendes Bild, ein Bild, wie es nur ein großer Künstler hatte malen können.

Nachdem es fortgesandt worden war, und nachdem Iwan sich an die Freude gewöhnt hatte, die ihm liebsten Menschen bei sich zu haben, sank er merklich in sich zusammen; sachte schwand seine Lebenskraft, er fing an zu sterben. Das einzig Gute dabei war, daß er es nicht wußte, wie nahe er seinem Ende war.

Übermüdung nannte er seinen Zustand und beruhigte sich damit.

Die Frauen und Jan Frit, den sie bald als ihrer aller wirklichen Freund kennen lernten, wußten es besser. Die fürchteten das Frühjahr nicht umsonst.

Eine große Freude war dem Sterbenden noch vorbehalten. Der ganz zufällige Besuch eines berühmten Kunstkenners und Kritikers, Königs, der sich's zur Pflicht rechnete, die Welt mit dem hohen Wert der Skizzen, die er da in dem Atelier eines unbekannten Künstlers entdeckt hatte, bekannt zu machen.

Diese Freude war Iwan Malachow in seinen letzten Lebensstunden geworden.

– – – – – – – – – – – – –

Dies hatte Nadja Kissilew voll trauriger Ruhe berichtet, während Frau Malachow, in deren noch wunder Seele das erfahrene Leid aufgewühlt worden war, leise weinend im Sofawinkel kauerte, und draußen die Nacht nicht den Frost, sondern das Tauen mitbrachte.

Der Gast der beiden Frauen war ein ganz stiller Zuhörer geblieben.

Jetzt, da Nadja mit ihrem Bericht zu Ende war, erhob er den Kopf und nickte ihr zu. »Ich danke Ihnen für die sehr wichtigen Aufklärungen, welche Sie mir gegeben haben,« sagte er, »aber zwei Fragen müssen Sie mir noch beantworten.«

»Fragen Sie.«

»Haben Sie König während Ihres Aufenthaltes in Wien gesehen?«

»Nein. Ich war wohl in der Ausstellung und fragte nach ihm, aber er hatte soeben das Künstlerhaus verlassen.«

»An welchem Tage war das?« fragte Durand.

»Am Eröffnungstage, am 3. März. Da merkte ich, welch großen Eindruck Iwans letztes Bild auf das Publikum machte, und war unsäglich stolz auf meinen lieben Toten. Gegen fünf Uhr ging ich zu Colmar. Er sollte mir das Bild überlassen. Ich wollte ihm drohen, den ganzen Handel zu veröffentlichen, wenn er es mir nicht gab, für mich und Iwans Mutter wollte ich das Bild haben – dieses letzte, heilige Andenken an unseren Liebling, der es, man kann wohl so sagen, sterbend gemalt hatte. Ich fand Colmar nicht zu Hause. Er sei zu einem Fest gegangen, sagte man mir. Da schrieb ich in seiner Wohnung an ihn und nannte ihm die Adresse der Freundin, bei welcher ich wohnte. Am nächsten Vormittag kam er zu mir. Er sah auffallend übel aus. Ich wunderte mich nicht darüber. Nach der durchschwärmten Nacht hatte ihm mein Brief vollends den Rest gegeben. Er versuchte es, mich umzustimmen. Ich aber blieb dabei. Da mich kein Ehrenwort binde, würde ich ihn in den Kunstkreisen, in der Gesellschaft überhaupt unmöglich machen, wenn er mir das Bild, nachdem die Ausstellung geschlossen sei, nicht geben würde. Er bot mir an, das Bild, das Sie soeben gesehen haben, an Iwans Mutter abzutreten. Er nannte mich eine Erpresserin. Ich lachte ihm ins Gesicht. Er war wie verrückt vor Erregtheit, redete von »Erpressersippe«, zog sogar Wasili, mit dem er ein einziges Mal beisammen gewesen war, in seinen Wutausbruch hinein und gab schließlich doch nach. Wenn die Ausstellung geschlossen sein würde, sollte ich das Bild gegen die Zusicherung ewigen Schweigens erhalten. Ich schlug ihm vor, als Käuferin gelten zu wollen, aber er wollte nicht einmal mehr mit meinem Namen etwas zu tun haben. Das Bild würde auch ohne mich sofort für verkauft gelten, meinte er.«

»Es gilt tatsächlich schon als verkauft,« sagte Durand, »und es ist schon von Colmar die Weisung ergangen, wohin es zu senden sei.«

»So hat mich der Schurke darum betrogen!« Nadjas Augen flammten zornig auf.

Da reichte er ihr das Telegramm des Wiener Künstlerhauses.

Sie las es. Ihre bleich gewordenen Wangen färbten sich wieder.

»Also doch!« sagte sie und atmete tief auf.

»Frau Ostrofska ist Ihre Tante?«

»Ja.«

»Sie haben während Ihrer Fahrt ein Telegramm erhalten?«

»Ja. » Nadja wunderte sich über nichts mehr.

»Und haben sich doch nicht an die darin enthaltene Weisung gehalten. Sie hätten sofort nach Radom reisen sollen.«

»Ja, und meine Karte lautete nach Krakau. Aber ich bin nach Warschau gefahren.«

»Warum nicht nach Krakau?«

»Die Freundin, welche ich dort besuchen wollte, steht mir nicht so nahe wie Iwans Mutter, und von dieser wußte ich, daß sie an der Grenze Unannehmlichkeiten gehabt hatte.«

»Wieso erfuhren Sie davon?«

»Man redete in Trzebinia davon. Ich war da ausgestiegen, um mir ein wenig Bewegung zu machen; da hörte ich zwei Reisende, die von Rußland kamen, von einer alten Dame in Trauer reden. Diese Dame sei in Granica einer scharfen Durchsuchung unterzogen worden. Ich sprach die Herren an, fragte sie, ob die Dame in Trauer Malachow heiße. Die Herren glaubten, dies bejahen zu können Da fuhr ich nach Warschau.«

»Noch eine Frage.«

»Bitte.«

»Sie hatten einst eine Freundin, welche in Krakau in der Grodzkastraße wohnte und Therese Luise Lubinska hieß?«

»Es ist so. Aber sie wohnt jetzt nicht mehr dort.«

»Nein, jetzt lebt sie in der Schweiz, in Genf. Sie wohnt Rue de la Corraterie 7 und heißt jetzt Soigni.«

»Es ist so.«

»Danke. Das wollte ich von Ihnen bestätigt haben.«

»Ich sollte Colmar dorthin schreiben.«

»Ja, aber er ist nicht dort.«

»Wo denn?«

»Ich denke mir, daß er jetzt auf dem Weg nach Radom ist. Ich habe ihn zwar nach Lodz geschickt, aber er wird nach Radom fahren. Er hofft, Sie dort zu finden und Sie beeinflussen zu können.«

»Er könnte mich nicht beeinflussen. Ich werde immer nur die Wahrheit sagen. Haben wir es doch erfahren, wie übel es ausschlägt, wenn man nicht bei der Wahrheit bleibt.«

»Gewiß,« sagte Durand voll Mitleid. »Sie und der, den Sie lieben, haben deshalb viel Trauriges erfahren. Aber das eine Herbe wenigstens wird nicht weiter fortbestehen, daß der Name Malachow auch in Zukunft unbekannt bleiben wird. – Freilich,« fuhr er sinnend fort, »der Name Colmar wird auch noch genannt werden.«


Achtzehntes Kapitel.

Als Durand von der Mutter und der Braut Malachows schied, fragte ihn letztere ein wenig ängstlich, ob sie in dieser Angelegenheit werde nach Wien reisen müssen. Da lächelte er ganz seltsam und sprach die Vermutung aus, daß diese Reise wohl nicht notwendig werden dürfte.

»Und Wasili –«

Nadja konnte vor peinvoller Bewegung nicht weitersprechen.

Durand zuckte die Achseln. »Wenn er sich nicht mehr hat zu schulden kommen lassen, als was man ihm jetzt schon nachweisen kann, werden Sie ihn bald hier haben,« meinte er und setzte tröstend hinzu: »Vielleicht treibt der furchtbare Ernst, der jetzt an ihn herangetreten ist, ihn zur Umkehr.«

Aber Durand glaubte selbst nicht so recht an diesen Trost.

Als er – es war schon Nacht geworden – wieder nach Warschau fuhr und sich über das so plötzlich eingetretene Tauwetter wunderte, das ihn seinen Pelz nicht ertragen ließ, dachte er an den jungen Russen. »Es wird dir schon auch warm werden, mein lieber Wasili Kissilew, wenn du hören wirst, daß man's jetzt weiß, inwiefern du Colmar in der Hand hast. Ein Erpresser – ei ja, es ist nicht schwer, zu glauben, daß du ein Erpresser bist, und nur, um deine rätselhafte Geldquelle nicht zu verstopfen, über Colmar nichts aussagen willst!«

Als Durand hinkend wieder in seinem Zimmer angekommen war, fand er daselbst ein Telegramm.

Der russische Detektiv, den er Colmar zum Begleiter gegeben, hatte es abgesandt. Es lautete: »Wir sind auf dem Wege nach Radom.«

»Selbstverständlich,« sagte Durand lächelnd.

– – – – – – – – – – – –

Am nächsten Tage hatte er vollauf Zeit, Klesing telegraphisch nach Warschau zu berufen und mit Doktor Chodorowski eine diesen genau instruierende Besprechung abzuhalten.

Gegen zehn Uhr Abends traf Colmar wieder im Hotel ein. Er sah um Jahre gealtert aus.

Durand fühlte ein ganz unzeitgemäßes Mitleid mit ihm, das sich jedoch um vieles verkleinerte, als Colmar ganz überflüssig breitspurig zu erzählen begann, wie eifrig er in Lodz nach Nadja geforscht habe und wie seine Mühe leider ganz ohne Erfolg geblieben sei.

»Na, da haben wir beide hier eben kein Glück gehabt,« entgegnete Durand. »Ich war so unvorsichtig, auszufahren, weil mich die Langeweile plagte, und habe dadurch mein Leiden um vieles verschlechtert. Der Doktor riet mir soeben vorhin, je eher, je besser nach Hause zu fahren.«

»So?« Colmar schien sichtlich erleichtert.

»Ja, denn später würde eine Reise vielleicht unmöglich werden. So eine Sehnenzerrung sei öfters mit Komplikationen verbunden, sagte der Arzt. Da reise ich also besser gleich ab und bin froh, daß Sie bei mir sind, denn allein könnte ich jetzt nicht reisen.«

In Colmars Gesicht hatte sich anfangs schlecht verhehlte Befriedigung gezeigt, die aber rasch verschwand, als er aus dem Redeschluß erkannte, wie ganz sicher Durand auf sein Mitkommen rechnete.

Natürlich sagte er es ihm zu, ja beeilte sich, Durand zu versichern, wie es ihm ein Vergnügen sei, ihm dienlich sein zu können.

Danach nahm er in seinem Zimmer, in Gesellschaft Durands, sein Abendessen ein. Er hatte indes wenig Eßlust.

»Ihre Hand schmerzt Sie wohl noch immer?« sagte Durand einmal, als Colmar, vielleicht nur achtlos, die Gabel fallen ließ. »Mit einem Nagel haben Sie sich verletzt?«

»Mit einem Nagel,« antwortete der Maler kurz.

Durand bemerkte darauf: »Ja, so ein abgebrochenes Eisen kann einem gefährlich werden.«

Colmar schaute betreten auf. »Abgebrochen? Der Nagel war ja gar nicht abgebrochen,« sagte er unsicher, Durand dabei mit einem scheuen Blick streifend.

Jener aber sagte mit großer Bestimmtheit: »O doch, das Eisen war abgebrochen.« Und danach fragte er: »Sie haben ja wohl einen Revolver bei sich?«

Der Maler starrte ihn daraufhin eine gute Weile an. Er war erbarmungswürdig bleich geworden, und seine Lippen zitterten so stark, daß er das, was er reden wollte, nicht hervorzubringen vermochte.

Er gab es schließlich auf, reden zu wollen. Er sank ganz in sich zusammen und starrte vor sich hin.

»Sie wollen schlafen gehen – – ich auch,« sagte Durand, erhob sich und ging mit Hilfe seines Stockes mühselig in sein Zimmer.

Am nächsten Tage reisten die beiden ab.

Colmar hatte sich wieder gefaßt. Ein Zug von Trotz und wilder Entschlossenheit zeigte sich in seinem merkwürdig rasch verfallenen Gesicht.

Aber dieser Ausdruck verschwand, als Durand und er vor dem Warschauer Bahnhofe ausstiegen. Ersterer hatte sich nämlich einer kleinen Inkonsequenz schuldig gemacht. Er hatte einen Augenblick lang vergessen, daß er eine nicht unbedenkliche Sehnenzerrung hatte, und war ganz so wie ein gesunder Mensch aus dem Wagen gesprungen. Er ward sich seines Tuns auch sofort bewußt, das merkte Colmar an der tiefen Röte, welche in Durands Gesicht stieg, und merkte es auch daraus, daß Durand es von nun an aufgab, den Kranken zu spielen.

Als auch Colmar den Wagen verlassen hatte, war sein Gesicht aschgrau und von Wut und Angst verzerrt.

»Sie haben mir also eine Komödie vorgespielt, und der Mensch, der gerade vorhin noch den Arzt bei Ihnen spielte, der war mit Ihnen im Bunde?«

So zischte Colmar, beim Wagen stehen bleibend, dem Doktor zu.

Dieser hatte den ihm eigenen Gleichmut schon wieder erlangt. »Natürlich war's eine Komödie,« gab er gemütlich zu. »Ich habe sie aus Rücksicht für Sie inszeniert. Sie haben dadurch entschieden gewonnen – ein paar Stunden wenigstens.«

Durand hatte inzwischen sein Köfferchen aus dem Wagen genommen.

»Nun?« sagte er jetzt und deutete auf Colmars noch darin befindliches Reisegepäck.

Da richtete sich der Maler auf. »Und wenn ich nun nicht mit Ihnen fahre?« sagte er in wieder erwachendem Trotz.

Da schaute Durand ihm mit zwingendem Blick ins Auge, und wieder schwand der Trotz aus den Mienen des Unseligen, und er griff nach seinem Reisegepäck.

Eine halbe Stunde später fuhren sie dem Süden zu.

In dem Nachbarcoupé saß ein Mann, dessen halber Kopf in Bandagen steckte.

Colmar hatte sich gleichwie bei der Herfahrt in eine Ecke zurückgezogen und stellte sich schlafend. Durands Augen streiften zuweilen mitleidig seine zusammengekauerte Gestalt.

So ging Stunde um Stunde vorüber. Man hatte schon die Hanna durchquert, als Colmar sich aufrichtete.

Wie warm es geworden war in den letzten vierundzwanzig Stunden!

Die dichte Schneedecke, welche der auch hier wiedergekehrte Winter neuerdings über die Erde gebreitet hatte, wies schon viele Risse und Löcher auf.

Von den Häusern und Zäunen rann das Wasser, und die Bäume schüttelten, froh der sie durchströmenden Wärme, die glitzernden Schneelasten ab.

Die junge Wintersaat zeigte sich wieder, und immer öfter kamen die braunen Furchen zum Vorschein, welche der Pflug gerade vor des Winters Wiederkehr gezogen hatte. Hungrige Krähen suchten in ihnen nach dem Futter, das die Sonne auf die Oberfläche der Erde lockte, und der Feldsperling schwirrte lustig über die Ackerbreiten hin.

Es war ein stilles, aber reges Leben in der Natur, die sich soeben anschickte, den Winterschlaf endgültig von sich abzuschütteln.

Die beiden Männer, welche sich gegenübersaßen, schauten oft auf dieses erwachende Leben hinaus. Der eine, weil es ihm ein Bedürfnis war, sich zuweilen auszuruhen von der Pein, welche seines Gegenübers Gesicht so deutlich verriet; der andere, der unglückselige Eigner dieses Gesichts, schaute auch oft hinaus – sehnsüchtig, denn da draußen war die Freiheit. Zwar voll verzweifelnden Leides, denn auch diese Freiheit barg für ihn nur noch Angst und Reue, aber sie lockte ihn doch – o sie lockte ihn doch noch, denn selbst der Elendeste will das Leben, und mag es noch so verdorben, für immer verdorben sein, nicht aufgeben.

O ja, die Sehnsucht, frei, weit, weit weg zu sein von all denen, die sich jetzt so sehr für ihn interessierten, die lebte ganz gewaltig stark in dem bleichen Menschen, der jetzt sich erhob und zu dem Fenster trat, das an der anderen Seite des Wagens lag.

Er schaute lang hinaus und stellte sich langsam so, daß er die Klinke der Tür verdeckte.

So blieb er eine gute Weile stehen.

Da sagte Durand: »Bemühen Sie sich nicht. Die Türen sind beiderseits vorschriftsmäßig abgesperrt. Davon habe ich mich bereits überzeugt.«

Colmar wandte sich langsam seinem schrecklichen Reisegenossen zu und sah ihn mit wutsprühenden Augen an. »Wozu sagen Sie mir das?« zischte er.

»Weil Sie eben überlegt haben, ob Sie auf diesem Wege sich nicht von mir befreien können.«

In Colmars Gesicht war derzeit nicht mehr viel Menschliches. Er sah wie ein gefolterter Teufel aus. Er fuhr sich mit geballten Händen über die fahlen Schläfen, er drückte die Fäuste darauf, und dabei stöhnte er wie ein wundes Tier. Und dann – – dann griff er blitzschnell in die Innentasche seines Rockes.

»Lassen Sie das,« sagte Durand. »Ich habe nämlich auch einen Revolver bei mir, und im Nachbarcoupé befindet sich jemand, der genau weiß, warum ich diese Reise machte.«

Colmars Hand war schlaff niedergesunken. Einige Augenblicke lang vermochte er sich noch aufrecht zu erhalten, dann aber fiel er schwer wie ein Stein auf den hinter ihm befindlichen Sitz.

Etwas, das recht sehr einer Ohnmacht glich, hatte ihn befallen. Aber es war keine Ohnmacht im eigentlichen Sinne des Wortes, es war nur ein plötzliches Versagen aller Kräfte, denn des Unglücklichen Augen blieben offen, schauten auch Durand mit einem Ausdruck so verzweiflungsvollen Leides an, daß sich des guten Doktors Herz vor Weh zusammenzog.

Und als er, gleich nach Colmars körperlichem und seelischem Zusammenbruch, schwere Tränen über dessen Wangen rollen sah, da setzte er sich zu ihm, ergriff seine eiskalte Hand und sah ihm voll Teilnahme in die Augen.

»Colmar,« sagte er herzlich, »lassen Sie uns miteinander reden. Seien Sie wahr in dieser Stunde, es wird Ihnen dann leichter werden.«

Colmar regte sich nicht, es kam kein Wort über seine Lippen, nur die großen Tränen rollten noch immer über sein Gesicht – diese Tränen, die er um der Hilflosigkeit willen weinte, in der er, schuld- und reuebeladen, seinem Untergang verfallen war.

Eine gute Weile noch flog die Gegend an den zweien vorüber, ehe wieder Leben in Colmar kam. Dann aber lag er plötzlich an Durands Brust und weinte laut und herzzerreißend.

Und in des wackeren Grödens Seele hatte nun nichts mehr Raum als das tiefe Mitleid, das jeder gute Mensch für einen anderen empfindet, der ganz ohne Hoffnung, der ganz elend ist.

Er fand liebe gute Worte, die den Unseligen nach und nach aufzurichten schienen.

Colmar wurde ruhiger und schaute jetzt fast verwundert auf den, den er erst vor wenigen Tagen kennen, vor wenigen Stunden erst fürchten gelernt hatte, und der nun sein ferneres Geschick in der Hand hielt, der ihn tröstete, dessen Verachtung in großem Mitleid untergegangen war und ein weiches, dankbares Lächeln erhellte sein verfallenes Gesicht.

Durand nickte ihm zu. »Ich will Ihnen über das Schwerste, über ein offenes Geständnis, so gut ich kann, hinaushelfen, und Sie – nicht wahr, Sie werden mir rückhaltlos antworten?«

»Ich werde es,« antwortete Colmar ernst, »Es wird mir die entsetzliche Last von der Seele wälzen.«

»Sie haben König in Mühlheims Haus getötet?«

»Ja, in Mühlheims Haus. In dem von den Pflanzen maskierten Flurwinkel ist es geschehen. Ich wartete auf König. Auf der Treppe kam er mir nach. Er selbst zog mich in den Winkel, riet mir noch einmal, von Wien wegzugehen und nicht mehr als Maler gelten zu wollen, widrigenfalls es schon am folgenden Morgen ganz Wien wissen würde, daß ich ein Betrüger sei, der einem großen Künstler den verdienten Ruhm gestohlen habe. Ich habe nämlich –«

Colmar hielt ein. Eine flammende Röte hatte sich über sein Gesicht ergossen.

Durand fiel ihm rasch in die Rede. »Darüber brauchen Sie mir nichts zu berichten,« sagte er. »Ich weiß, daß König in Concarneau war und dort aus Malachows Skizzen erkannte, wer den »Aufstand polnischer Bauern« gemalt hatte.«

»Das wissen Sie?«

»Ja. Ich war vorgestern, während Sie nach Radom fuhren, bei Nadja Kissilew.«

Wieder flammten Colmars Wangen auf. Er senkte für eine Weile die mit Schweiß bedeckte Stirne, dann fuhr er heiser fort: »König hatte mich für den Nachmittag zu sich beschieden. Ich ging auch zu ihm. Ich ahnte nicht, daß er alles wisse, ahnte nicht, was er wolle. Ich sagte ihm, daß ich mich so schnell nicht zu meiner moralischen Selbstvernichtung entschließen könne, er solle den über mich und Malachow schon geschriebenen Artikel noch nicht an die Zeitung senden, ich würde ihm, wenn wir Abends bei Mühlheims zusammentreffen, sagen, ob ich verschwinden oder den Kampf mit ihm aufnehmen wolle. Mit ihm – ja mit ihm allein, denn daß Malachow mich nicht verraten würde, dessen war ich sicher. Iwan hatte mir ja bei Abschluß unseres Vertrags auch sein Ehrenwort gegeben, daß jedes seiner Bilder mir gehöre, daß er, solange er lebe, nur für mich malen wolle, und unser Übereinkommen ein streng bewahrtes Geheimnis bleiben würde. Er hat freilich dieses Ehrenwort nicht gehalten. Er hat es seiner Braut gesagt, warum er niemals einen »Namen« haben würde. Aber das wußte ich am 3. März noch nicht. Sonst hätte ich selbstverständlich Königs Rat befolgt.«

Wieder hielt der Unglückliche im Reden inne.

»König selbst also hat Sie in den Flurwinkel geführt?« fragte Durand.

Colmar nickte. Sein Gesicht war aschfarben, er redete mit Anstrengung. »Er selber hat mich hingeführt, und als er mich einen feigen Schurken nannte, da waren meine Hände an seiner Kehle. Ich bin sehr stark, wie stark, das weiß ich eigentlich erst seit jener Nacht. Er sank unter meinen Händen zusammen. Es waren schon vor uns Gäste weggegangen. Als er niedersank, gingen eben wieder welche weg. Es war ziemlich viel Lärm im Treppenhause, so hörte es niemand, daß ich mit dem Leblosen, den ich aufgehoben hatte, durch die Tür, die dort in den Garten führt, ins Freie gelangte. Ich wußte, daß es dort, in der großen Kastanienallee, eine tiefe Grotte gibt. Dorthin trug ich König. Ich fühlte nach seinem Herzen. Es war ganz still. Ich schob ihn tief in die Grotte hinein und wälzte einen der großen Tuffsteine vor die Öffnung. Dann rannte ich zum Gitter und war bald auf der Straße.«

Colmar mußte sich die feuchte Stirn trocknen. Er konnte augenblicklich überhaupt nicht weitersprechen, denn die Zähne schlugen ihm aufeinander.

Deshalb setzte Durand das gräßliche Bekenntnis fort, sagte ihm, daß er alsdann bis zur Elisabethbrücke fuhr, von dort zu Fuße in seine Wohnung eilte, sich dort der zum Radfahren unbequemen Kleider entledigte, um sie mit einem kurzen Pelzrock und einer Mütze zu vertauschen, und daß er danach in Königs Wohnung einen Einbruch fingierte. »Und doch nicht nur fingierte,« sagte Durand nach einigem Nachdenken, »denn Sie wollten sich des Manuskriptes bemächtigen, das König gewiß schon geschrieben hatte, und das Ihr Verderben war. – – Ist es so? Waren Sie auch deshalb in Königs Wohnung?«

Colmar nickte. »Auch deshalb,« gab er kaum vernehmlich zu. »Und haben Sie die Schrift gefunden?«

»Nein. König hat sie wahrscheinlich bei sich gehabt.«

»Und hat sie noch bei sich.«

»Und hat sie noch bei sich,« wiederholte der Maler.

Durand fuhr fort, zusammenzufassen, was dann noch geschah, daß Colmar, um die Täuschung voll zu machen, die Rettungsgesellschaft anrief – – denn auch der Mord mußte als in Döbling geschehen gelten. Glaubte man dies, dann fiel es natürlich niemand ein, den Ermordeten im Mühlheimschen Park zu suchen. »Daß vor Königs Haus Ihr Rad gestohlen wurde,« fuhr Durand fort, »zwang Sie, auf Königs Maschine das Weite zu suchen. Sie entledigten sich dieses Rades dann bei jenem Donautümpel, in welchen Sie auch die Schmuckgegenstände warfen, die Sie ja um keinen Preis der Welt behalten hätten.«

Colmar nickte wieder. Er wunderte sich vermutlich darüber, daß man all dies schon wußte, aber er fand es nicht mehr der Mühe wert, dieser Verwunderung Ausdruck zu geben.

Er nickte auch nur müde dazu, als Durand bemerkte, wie es ihm nun auch aufgeklärt sei, warum Colmar all die Zeit her so fieberig gewesen und weshalb er trotz seines üblen Zustandes im Garten gemalt habe. Er habe eben nicht so sehr als Maler stundenlang in der bitteren Kälte ausgeharrt, sondern sei damals nur ein Hüter seines entsetzlichen Geheimnisses gewesen.

Als in dieser Hinsicht nichts mehr klarzustellen war, fragte Durand, welche Rolle Wasili Kissilew in Colmars Leben gespielt habe, und erfuhr, daß dieser ganz so, wie König, nämlich durch Malachows Skizzen, die er vor Jahren gesehen, darauf gekommen sei, daß Bilder, deren Reproduktionen in Zeitungen gewesen waren und welche den Namen Colmars trugen, von seinem künftigen Schwager herrühren mußten. Er hatte diese Entdeckung wohlweislich nur Colmar mitgeteilt. Er war auch nur um dieser Entdeckung willen nach Wien übersiedelt, damit er Colmar immer nahe sein könne. Er hatte seit etwa einem Jahr von dieser Entdeckung die vielen Luxusbedürfnisse, die er hatte, gedeckt.

So war auch diese Sache aufgeklärt.

Es herrschte danach lange Zeit Schweigen zwischen den beiden Männern. Colmar zog sein Notizbuch heraus, wartete dann, bis der Zug auf einer Station hielt und schrieb einige Zeilen in das Büchlein und setzte dann seinen Namen unter das Geschriebene.

»Genügt das?« fragte er, das Büchlein Durand reichend.

Dieser überlas das klar und kurz abgefaßte Schuldbekenntnis des Unglücklichen und steckte das Büchlein zu sich.

Es enthielt schon viele Notizen, deren Schrift natürlich vollständig mit den zuletzt eingetragenen Zeilen gleich war.

Und wieder setzte sich der Zug in Bewegung, und wieder jagte er in der weiten Ebene dahin.

Colmar war in tiefes Sinnen versunken. Durand machte keinen Versuch, ein Gespräch zu beginnen.

Was hätten denn diese beiden auch jetzt noch besprechen können?

In Lundenburg kaufte Durand etliche Wiener Blätter. Er begann eines derselben durchzusehen. Es war ein Abendblatt. Er richtete sich plötzlich auf, als er es entfaltet hatte. Es war eines jener Blätter, die, den Geschmack des Publikums kennend und berücksichtigend, in auffallenden Überschriften sich hervorzutun suchen.

Solch eine Überschrift war soeben Durand ins Auge gefallen. Sie lautete: »Die Leiche in der Tuffsteingrotte! Der verschwundene Doktor König aufgefunden!«

Durand las nicht weiter. Was hätte ihm denn das Blatt noch Neues sagen können?

Er reichte es Colmar.

Der las auch die bedeutungsvolle und für ihn schließlich jetzt doch schon ganz bedeutungslose Überschrift und nickte gleichgültig.

Dann gab er die Zeitung an Durand zurück und griff, als er sah, daß dieser eifrig darin las, in die Tasche seines Überrockes, der ihm gegenüber auf dem Sitz lag.

Er zog ganz sachte einen Revolver heraus, den er hinter seinem Rücken verbarg.

Er war ganz grau im Gesichte.

Eben ging ein Mann, dessen Kopf verbunden war, an dem Coupé vorüber. Dessen Tür stand offen. Durand beugte sich zu ihm hinaus.

In diesem Augenblick fiel ein Schuß.

An der zweiten Tür des Coupés lag ein Mann mit durchschossener Schläfe auf dem Boden. Seine brechenden Augen sahen es noch, wie sich ein bleiches Gesicht über ihn beugte.

Gleich danach kamen noch andere Leute herein. Der Stationschef, der diensthabende Beamte und der Mann mit dem bandagierten Kopf.

Der Zug hatte nun noch einige Minuten Aufenthalt. Dann fuhr Durand allein nach Wien weiter.

Klesing hatte den Auftrag erhalten, bei der Leiche Colmars zu bleiben.


Neunzehntes Kapitel.

Am zweiten Tage nach der Abreise der beiden Herren, also noch vor der Auffindung Königs, war ein Besuch in die Villa Mühlheims gekommen, ein daselbst von allen gern gesehener Besuch, Herr v. Eichen.

Er ließ sich vorerst bei dem Kommerzienrat melden und berichtete diesem, daß Durand telegraphisch verlangt habe, daß alle irgendwie zur Verbergung einer Leiche geeigneten Örtlichkeiten in der Villa und in deren Umgebung genauestens durchforscht werden sollten.

»Das begehrt Herr Durand? Ja, lieber Freund, glauben Sie denn, daß das einen Sinn hat?« Mühlheim sah recht verdrossen aus bei dieser Frage.

Der Oberpolizeirat legte ihm die Hand auf den Arm und nickte: »Was dieser Durand je gewollt, hat noch immer einen Sinn gehabt. Er hat mir nicht mitgeteilt, warum es ihm derzeit so nötig erscheint, diese Untersuchung vorzunehmen, aber ich befürworte sie ohne weiteres. Und Sie, nun, Sie haben sich einfach seiner Anordnung zu fügen.«

»Nun, nun, ich füge mich ja, aber für meine Töchter wird die Sache schrecklich peinvoll sein.«

»Sie werden Ihre Töchter entfernen.«

»Das will ich selbstverständlich tun. Wann soll es denn sein?«

»Es braucht nicht vor morgen früh zu geschehen.«

»Gut. Und ich werde mich auch entfernen, denn solch eine Suche ist auch mir widerwärtig.«

»Also morgen! Und jetzt bitte ich Sie, mich zu Ihren Töchtern zu führen.«

»Sie schenken uns also noch für ein Weilchen Ihre liebe Gegenwart?«

»Ich will doch auch wieder einmal meine jungen Freundinnen sehen.«

Die beiden Herren gingen nach dem Wintergarten.

Da gab es ein zugleich freudiges und trauriges Wiedersehen. Da zeigte es sich, wie lieb und herzlich der alte Herr zu trösten verstand, und wie klug er die leidvollen Gedanken Lenas auf Harmloses zu lenken wußte.

Edwine aber und er tauschten einen ganz merkwürdig innigen Blick und Händedruck, und ganz unverständlich war es ihrem Vater, warum sie, als der alte Herr sie begrüßte, so glückselig lächelte und solch tiefe Röte dabei ihre Wangen färbte.

»Wissen Sie, meine Damen, was ich auf dem Herzen habe?« sagte Herr v. Eichen, als er sich bei den Mädchen niedergelassen hatte.

»Nun?« rief Lena, und Edwine forderte ihn lebhaft auf, sich dieser sichtlich schweren Last rasch zu entledigen.

Da erzählte er ihnen von Horst v. Derenberg, und wie gern dieser so ganz herabgekommene Edelmann wieder ein achtenswerter Mensch werden wolle, und wie wenig schwierig es sei, ihm zu helfen.

Da gab es denn ein eifriges Beraten, und daran beteiligte sich auch der gutmütige Kommerzienrat. Und das Resultat dieser Beratung war für Horst ein sehr günstiges. Mühlheim sagte es auf die herzlichen Bitten seiner Töchter hin dem Oberpolizeirat zu, daß er seinem Schützling einen sicheren Posten verschaffen werde.

»Meinem Schützling?« lächelte der alte Herr. »Da irren Sie sich. Er ist weit mehr dieses Herrn Durand Schützling, und nur weil der sich so sehr für Horst interessiert, interessiere auch ich mich für ihn.«

»Durand interessiert sich für diesen armen Menschen?« Edwine hatte so gefragt, hatte sehr lebhaft so gefragt.

»Mir scheint, daß dieser Umstand deine Teilnahme an jenem armen Teufel noch erhöht,« bemerkte ihr Vater schmunzelnd.

Da wurde Edwinens Gesicht wieder rot, aber sie schlug die Augen nicht nieder, sondern schaute ihrem Vater ernst und offen ins Gesicht, als sie sagte: »Ist dir's nicht recht, Papa, daß es so ist?«

Mühlheim war wohl ein wenig überrascht, aber nicht unangenehm überrascht. Es mischte sich auch eine jäh in ihm aufsteigende Bewegtheit in diese Überraschung.

Seinem Kinde tief in die Augen schauend, antwortete er warm: »Es ist nur recht, auch recht, daß du so offen gegen mich bist. Und deine Augen wieder froh zu sehen, das tut mir wohl. Aber wie ist denn das, was du mich da erraten läßt, so rasch gekommen?«

»O Papa!«

Edwine schaute hilfesuchend auf ihren alten Freund, und der redete denn auch rasch statt ihrer weiter.

»Na,« fing er an, »gar so rasch hat sich ja die Sache nicht gemacht. Es ist ja wohl schon zwei Jahre her, seit Sie sich Grödens Besuch verbaten.«

Jetzt wollte Mühlheim auffahren, aber Edwinens Arme schlangen sich noch enger um seinen Hals.

»Papa – o lieber, lieber Papa!« sagte sie voll bitterer Angst.

Da gab er rasch jeden Widerstand auf, gab ihn gern auf, denn er sehnte sich danach, wieder Freude in seinem Hause zu sehen und – was hätte er denn auch gegen Gröden vorbringen können, da er »Durands« Lob ja doch schon in allen Tonarten gesungen und »Durand« schon vor Tagen ein für allemal als lieben Gast für sein Haus requiriert hatte?

»Papa!« mahnte ganz leise Lena den Überraschten, und ihre schönen, traurigen Augen baten auch für die Schwester.

Da rief Mühlheim schier ungeduldig aus: »Aber Kinder, was wollt ihr denn noch, ich habe ja gar nichts gegen Edwinens Glück einzuwenden – – sobald dieser Gröden wirklich Durand ist!«

Er selber mußte über diesen Schluß seiner Rede lächeln, und so strich er denn lächelnd über Edwinens Haar und schob die von der raschen Entscheidung noch halb Betäubte in die Arme ihrer Schwester.

»Haben Sie das eingeleitet?« wandte er sich an Herrn v. Eichen.

Und dieser, froh über den guten Erfolg seiner Intrige, gab in humoristischer Weise zu, daß es sein ureigenster Einfall gewesen sei, Gröden auf diese Weise zu einem Eindringen in das Haus und Herz seines künftigen Schwiegervaters zu verhelfen.

Danach blieb der alte Herr den ganzen Abend in dem Hause, in welchem man, wenn der Tag wieder kam, nach einem Toten suchen wollte.

– – – – – – – – – – – – –

Kurz nach Tisch fuhr der Kommerzienrat mit seinen beiden Töchtern und Erich aus dem großen Parktor, welches sich am Ende jener Allee uralter Kastanien befand, in welcher Edwine und Gröden vor einigen Tagen nach langer Zeit wieder zum ersten Male zusammengetroffen waren. Es war etwas ganz Ungewöhnliches, daß dieses Tor offen stand. Dies pflegte nur wenige Male im Jahre so zu sein, nur wenn das viele Reisig und die vielen Zweige, welche beim Beschneiden der Bäume und Sträucher abgefallen waren, auf großen Wagen fortgebracht wurden, oder wenn Holz- und Kohlenfuhren kamen, welche durch die Kastanienallee am kürzesten zu den Kellern gelangten, die in einem Hintergebäude lagen.

Gestern nun, da ganz plötzlich wieder Tauwetter eingetreten, und der lockere Schnee in wenigen Stunden geschmolzen war, hatten der Gärtner und sein Gehilfe jene Bäume und Sträucher, mit denen sie vor dem letzten Schneefall nicht fertig geworden waren, gestutzt, und die Abfälle wurden heute fortgeschafft.

Deshalb hatte man das selten benützte Tor geöffnet, und auch des Kommerzienrats Wagen erreichte diesmal durch die Kastanienallee die Straße.

Mühlheim hatte seinen Kindern vorgeschlagen, eine Partie nach der Brühl zu machen und so den schönen sonnigen Tag auszunützen.

So befanden sich jetzt also nur noch Herr Braun und die Dienstleute in der Villa.

Braun und Lisi standen im Garten, woselbst letztere damit beschäftigt war, Wäsche aufzuhängen.

Es war so hell, so warm, als wäre es ein schöner Maitag. Die Witterung hatte wieder einen starken Wechsel gehabt, nur daß es diesmal ein Wechsel zum Guten war.

Die Sonne war eben dabei, die letzten Schneereste wegzutauen und die glänzenden braunen Blattknospen, die an Bäumen und Sträuchern schwollen, ein wenig zu öffnen.

Es war eine freudige Stimmung in der Natur.

Die beiden jungen Leute aber, welche diese Stimmung eigentlich hätten teilen sollen, schauten recht ernst, Lisi sogar recht bestürzt darein. Ihr Bräutigam hatte ihr mitgeteilt, was heute noch hier geschehen sollte.

»Wenn ich denke, daß es möglich ist, daß wir all die Tage her vielleicht in der Nähe eines Ermordeten gelebt haben,« sagte sie schaudernd.

»Närrchen,« entgegnete Braun, seiner erschreckten Braut zärtlich über die Haare streichend, »Närrchen, diese Vorstellung ist mir viel weniger peinlich als die Vorstellung, daß wir, wenn Königs Leiche hier gefunden wird, all die Tage her mit seinem Mörder verkehrt haben.«

»Mit seinem Mörder!« schrie Lisi entsetzt auf, und ihre Finger furchtsam in Brauns Hand zwängend, forschte sie ängstlich danach, ob er etwa eine Ahnung habe, wer denn Königs Mörder sei.

»Ist dir nichts, gar nichts aufgefallen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Daß einer, der hier verkehrte, so ziemlich anders war als sonst?«

»Nein! Oder doch? Aber du – das ist ja nicht möglich!« Sie war ganz blaß geworden.

»Alles ist möglich,« sagte Braun und schaute sehr ernst dabei aus.

»Denkst du auch an – an Colmar?« flüsterte sie ihm zu.

Er nickte.

»Aber wenn du einen Verdacht gefaßt hast, hättest du da nicht Anzeige machen müssen?«

»Das hätte ich tun müssen, wenn nur ich allein meine Beobachtungen gemacht hätte.«

»Hat ihn ein anderer auch verdächtigt?«

»Herr Durand.«

»Der hat ihn doch früher nicht gekannt– früher, meine ich, wie Colmar noch nicht so – – so verändert war. Warum hätte denn der auf ihn aufmerksam werden sollen?«

»Er ist's doch geworden. Er hat ihn genau beobachtet, und er ist ein Mann vom Fach, er ist eigens hierher gekommen, um zu beobachten, das war und ist meine Überzeugung, und deshalb habe ich meine Wahrnehmungen für mich behalten.«

»Durand ist ein Mann vom Fach? Ja wie meinst du denn das? Daß er ein Detektiv ist?«

»Das wohl kaum, denn mit einem Detektiv wird der Herr Oberpolizeirat v. Eichen gewiß nicht Arm in Arm über die Ringstraße gehen.«

»Das ist geschehen?«

»Das ist gegen Mittag am 24. Dezember vorigen Jahres geschehen. Ich bin gerade aus dem Geschäft von Sirk gegangen, wo ich das Weihnachtsgeschenk für dich gekauft habe, da sind mir die beiden Herren entgegengekommen, Arm in Arm und sehr vertraulich plaudernd. Wie ich Herrn Durand aus Nancy hier zu Gesicht bekommen habe, bin ich mir sogleich darüber klar gewesen, daß er kein Herr Durand aus Nancy, sondern daß er ein hiesiger guter Bekannter vom Herrn v. Eichen ist, und daß er ihm die Voruntersuchung in dem Fall König übertragen hat.«

»Und von all dem hast du mir nichts gesagt?« schmollte Lisi.

Ihr Liebster küßte sie auf den roten Mund und sagte lächelnd: »Nein, denn auch du bist eine Plaudertasche, und in solch einem Falle kann selbst das harmloseste Wort unberechenbare Folgen haben.«

Lisi nickte in schöner Selbsterkenntnis verständnisvoll zu diesen weisen Worten.

In diesem Augenblick entstand in der Kastanienallee wüster Lärm. Dort war der Kutscher des Fuhrwerkes, welches, mit Reisig hochbeladen, soeben in die Allee eingelenkt hatte, plötzlich nicht mehr fähig, seine beiden Pferde zu bändigen. Braun und Lisi sahen, wie das eine der Tiere kerzengerade in die Höhe stieg und dann wie rasend ausschlug und davonrannte. Natürlich mußte das zweite Pferd nun auch ein ähnliches Tempo einhalten, kam aber mit seinem Gefährten nicht sogleich in den gleichen Schritt, was zur Folge hatte, daß der Wagen hin und her geschleudert wurde, und daß der Kutscher sich kaum auf seinem Sitze zu erhalten vermochte.

Braun und Lisi waren zur Allee hingeeilt. Freilich helfen konnten sie nicht, aber die Unruhe ließ sie nicht auf ihrem Platze verharren.

Als sie gewahrten, daß das scheu gewordene Pferd sich endlich doch wieder lenken ließ, blieben die beiden jungen Leute tief aufatmend stehen. Sie wußten jetzt auch schon, worüber das Pferd so außer sich geraten war. Eine Hornisse hatte es verfolgt. Das plumpe Tier schwirrte jetzt davon und setzte sich auf eine der Latschenkiefern, welche auf dem Hügel wuchsen, in dem gegen die Allee hin sich die Tropfsteingrotte befand.

Auch mit deren Grenzsteinen hatte der so wütend umhergeschleuderte Wagen karamboliert. Einen der vordersten Steine hatte er weggerissen. Es war ein rundlicher Block, das hatte seine Bewegungsfähigkeit gesteigert. Er lag jetzt reichlich einen Meter weit von seinem früheren Platz auf dem Wege.

»Na, den muß man fortschaffen,« sagte Braun, »dort kommt schon die zweite Fuhre heran, da könnte es wieder Unannehmlichkeiten geben.«

Gedacht, getan. Der kräftige junge Mann bückte sich schon, um den schweren Stein wieder an den ihm zukommenden Ort zu wälzen.

Aber der Stein blieb unberührt.

Eine kalte Hand hatte sich bebend auf Brauns Arm gelegt.

»Lisi – mein Gott! Was ist dir?« schrie Braun erschrocken, denn aufblickend sah er, daß Lisis Gesicht ganz weiß geworden war.

Einen Augenblick lang dachte er an die zornige Hornisse, aber die saß hoch über dem Eingang der Grotte auf einem der sonnbeschienenen Kieferzweige.

Lisis zweite Hand jedoch deutete auf den Boden. Der wurde auch von der Sonne beschienen. Bis gut auf einen halben Meter Tiefe fanden die lichten Strahlen einen Weg in die Grotte, deren etwa mannshohe und etwa meterbreite Öffnung von den niederhängenden Zweigen einer Latschenkiefer fast ganz verhüllt war.

Bis ganz hinab aber reichten die schweren Zweige nicht, da konnte man den graubraunen, stellenweise mit Moos bewachsenen Grund der Grotte sehen.

Aber an einer Stelle konnte man ihn nicht sehen, denn darauf lag ein mit einem eleganten Stiefel bekleideter Männerfuß. Die noch helle Schuhsohle war deutlich sichtbar, und das Lackleder des Oberteiles glänzte in der Sonne.

»Kannst du allein ins Haus gehen?« fragte Braun, als Lisi sich schaudernd abwendete.

Sie nickte und ging dann der Villa zu. Sie ging ganz langsam, das Entsetzen hatte sie fast gelähmt.

Endlich aber hatte sie die Villa doch erreicht und schickte Wilhelm und den Hausmeister zu ihrem Verlobten hinaus. Dann setzte sie sich, plötzlich müde geworden, auf den nächsten Stuhl.

Da klingelte es. Sie mußte zur Pforte gehen. Dort standen drei Männer. Der eine sah recht elegant aus, die zwei anderen hielten sich, wie Untergeordnete, hinter ihm.

»Sie wissen wohl schon, warum wir kommen?« fragte der Herr, als sie öffnete.

Lisi nickte. »Er ist schon gefunden,« sagte sie, und dabei schlugen ihre Zähne aufeinander.

»So! So!« machte der Herr. Dann gingen er und seine Begleiter in der Richtung weiter, welche Lisis Hand ihnen wies.

So war Königs Leiche endlich aufgefunden worden, und mit ihr jene Summe Geldes, welche man ihm damals überbracht, und das Manuskript jenes kritischen, aufklärenden Artikels, um dessentwillen Colmar an ihm zum Mörder geworden war.

– – – – – – – – – – – –

Lena erholte sich nur langsam, und erst nach Jahren gewann sie wieder so viel Lust am Leben, daß sie eine Heirat einging. Längst war Edwine und Gröden ein glückliches Paar geworden. Alfred Horst v. Derenberg ist Buchhalter in der Fabrik eines Freundes des Mühlheimschen Hauses, und Wasili Alexin oder vielmehr Wasili Kissilew ist – tot.

Er hat nicht einmal die Haft überstanden, die ihm des begangenen Diebstahls halber auferlegt worden war. Das Faktum, daß er auch ein Erpresser war, ließ Gröden ein Geheimnis bleiben. Der, an welchem dieses Verbrechen verübt worden, der konnte ja niemand mehr anklagen. Und wo kein Kläger ist, da bedarf es auch keines Richters. Wasili Kissilew wäre diesem so wie so entkommen. Man fand ihn eines Morgens – genau zwei Tage fehlten noch zu seiner Entlassung – tot in seiner Zelle.

Der Arzt konstatierte einen Gehirnschlag.

Und Nadja Kissilew? Die lebt nach wie vor auf dem Gute der Ostrofska, nur daß sie derzeit dessen Herrin ist. Denn ihre Tante ist gestorben und hat sie zur Erbin eingesetzt. Nadja lebt nicht allein. Ihres verstorbenen Bräutigams Mutter und Schwester leben bei ihr, die nun sehr reich geworden ist und ihren Reichtum genießt, indem sie ihn warmherzig mit den Armen teilt. Das ist ihre größte Freude.

Nadja hat aber auch eine Freude, die sie nur mit ihrer Mutter und ihrer Freundin teilt. Zuweilen stehen die drei vor einem Bilde, dessen Hauptfigur ein niederbrechender Bauer ist, und betrachten mit kundigen Augen jede Einzelheit des herrlichen Gemäldes, und dann haben sie das frohe Empfinden, daß sie vor dem Werke eines großen Künstlers stehen. – –

Und wieder einmal erfreuen sich Nadjas Augen und ihre Seele an dem letzten Werke dessen, den sie so innig liebgehabt. Sie schaut auf die gekrümmten Finger der Hauptfigur und gedenkt der Stunde, in der König im Atelier zu Concarneau weilte, und denkt daran, daß er jene Händeskizzen dort vor die Augen bekam, und daß es ihm etliche Tage später klar wurde, daß nicht Colmar, sondern daß Iwan Malachow der große Künstler war.

Sie seufzt tief und schmerzlich auf. »Du Armer!« sagt sie leise vor sich hin. »Du Armer – um dieser Entdeckung willen hast du sterben müssen an deinem Verlobungstage!«




1 Von finis terrae = Landende

2 Ein uraltes Gasthaus in Döbling, dem 19. Stadtbezirk Wiens

3 Ein altes Wiener Gasthaus.

4 Wien, IX. Bezirk, Alserstraße 1 ist das Landesgerichtsgebäude.