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Lotte Gubalke – Die Fremdherrschaft.

Novelle

aus: Neues Frauenleben, XV. Jahrgang, Nummer 6, Wien, Juni 1903, S. 13-17.



An jedem Hochzeitstag, und dieser schöne Tag war bereits achtzehnmal wiedergekehrt, ging er schon ganz frühe in den grossen Garten hinter seinem Haus. Schnitt von dem weissen Spätrosenstrauch die letzten, vom Nachtfrost schon rötlich angehauchten Blüten ab, fügte das immergrüne Laub der Stacheleiche dazu, einige Eisbeeren und gelbes Weinlaub. Diesen Strauch überreichte er ihr dann beim gemeinsamen Frühstück mit einer kleinen, feierlichen, halb scherzhaften Rede. Es hatte niemals etwas Ermüdendes für sie, diese kleine Rede immer wieder in jedem Jahr denselben Inhalt hatte: Herzliche Dankesworte für so viel Liebe und Treue – für all' das Gute und Schöne, was mit ihr in sein Leben getreten war, und zum Schluss kam jedesmal ein Passus, der auf das Datum ihres Hochzeitstages, den 18. Oktober Bezug hatte. Dieser Passus war fast wörtlich aus der Rede des alten Metropolitans der sie getraut hatte, entlehnt. Er nahm Bezug auf die Völkerschlacht bei Leipzig und die Befreiung von der Fremdherrschaft. Dieser Passus erfreute sie stets am meisten, denn er erinnerte sie an einen treuen Leiter ihrer frohen Jugend.

Ja, er hat wirklich Grund zum Danken. Sie schmückt ihm sein Heim, sein behagliches Heim mit allen Frauentugenden. ....

Er hatte es aber auch verstanden, sich seine Frau dienst- und nutzbar zu machen im besten Sinne und er war stolz darauf, als ob es sein eigenstes Verdienst sei, wenn seine Freunde ihre Schönheit und ihre Güte rühmten.

Als sie sich heirateten, erklärte alle Welt diesen Bund für eine vollkommene Liebesheirat. Man fand, dass der Reichtum der Frau aufgewogen werde durch die Talente des stattlichen Mannes.

»So muss es sein,« sagten sie, «Geld zu Talent, dann wird etwas aus dem kommenden Geschlechte.«

»Und die Schönheit der Beiden sollte man auch nicht gering anschlagen,« riefen einige.

»Hierzu möchte ich noch etwas bemerken,« sagte ein weitgereister Mann. »Ich glaube, seelische Anmut und Herzensgüte und Humor sind immer die besten Zutaten, wenn man daran geht, eine neue Generation ins Leben zu rufen.«

»Fehlt dieses denn Einem von Beiden?« fragte man erstaunt.

»Ich habe dieses nie behauptet. Ich glaube nur, Ihr würdigt diese Dinge zu wenig.«

Da die Frau ihren Mann liebte, hatte sie keine Schätzung für das, was sie ihm für die gemeinsame Lebenswanderschaft mitbrachte, sondern bezeugte nur grosse Eile, so viel wie möglich den aufgestapelten Seelenreichtum in liebevolle Taten umzumünzen und mit vollen Händen auszugeben.

Jedermann weiss, dass dieser Schatz die Eigenschaft sich zu vergrössern hat, je mehr man ihn verschwendet.

Sie verschwendete nicht nur mit vollen Händen, sondern sie that das auch mit einer unwiderstehlichen Anmut. Ob sie ihrem Manne am frühen Morgen Kaffee eingoss und eine Honigsemmel strich, ob sie ihm am Abend ein Glas Wein kredenzte, die Zeitung reichte, oder knieend den brennenden Fidibus an die Pfeife hielt, immer war sie froh und anmutsvoll. Er sonnte sich nicht nur im Vollgefühl des Glückes, eine solche Frau zuhaben, nein, er meinte auch, diese Tatsache hinge damit zusammen, dass er eine solche Frau verdiene.

Und wie rühmte er seinen Freunden gegenüber ihr Verständnis für alle seine geistigen Bestrebungen!

»Wenn die Sendung vom Buchhändler kommt, so wählt sie mit feinem Verständnis aus, was ich zu meinen Arbeiten brauche.«

Und wie verstand sie es, die Kinder zu erziehen! Niemals wurde er von den Beiden belästigt, immer nur brauchte er die Früchte ihrer guten Erziehung zu pflücken. Als die Kinder dann zu ihrer weiteren Ausbildung in die Hauptstadt kamen, vermisste er sie freilich nicht in dem Masse, als er Sorgenkinder vermisst haben würde. Dass seine Frau am Ende jetzt einsamer sein könnte, daran dachte er nicht. Niemals klagte sie darüber, sondern sie nahm noch reicheren Anteil an seinem Schaffen und seinen Studien. Sie sah die Sendungen des Buchhändlers nicht nur durch, sie studierte die interessanten Werke und machte ihm Auszüge, arbeitete ihm vor. Mein Gott, sie hatte ja Zeit dazu. Und eine gewisse verständige Bescheidenheit hatte sie auch. Mit selbstgewonnenen Ansichten drängte sie sich nie vor. Sie war eine so bequeme Frau. Sie wuchs langsam, ohne gleich ins Kraut zu schiessen. Er hätte dies stetige Wachsen sehen können, aber er war zu sehr mit sich beschäftigt, mit sich als dem alleinigen Mittelpunkt des Hauses.

»Sie ist eine glücklich organisierte Natur«, sagte er zu jenem alten Herrn, der die Anmut der Seele gewertet haben wollte, »sie hat ein gewisses dramatisches Zumschlussdrängen und entbehrt doch nicht jenes romantischen Zuges, der dem Wirken einer Frau Schwung und Poesie verleiht.«

Der alte Herr hatte dazu genickt, aber trotzdem laut geseufzt. Für die meist die weniger scharf sahen als dieser Alte, hatte es den Anschein, als ob jetzt, wo naturegemäss die leidenschaftlichen Gefühle gesänftigt waren, die sie für einander gehegt, als sie sich fanden, auf stürmische Frühlingstage ein stiller blühender Sommer folgen sollte. Die Schatten in ihrem Lebensbild schienen nur dazu da zu sein, die leuchtenden Punkte in demselben hervortreten zu lassen. Diese Kameradschaft, in der sie sich zusammenfanden, in der sie mit gleichem Schritt den Weg durch dieses Leben zu gehen schienen, erweckte Neid und Bewunderung. Mit gleichem Schritt! Weil die Frau die Gangart ihres Mannes angenommen hatte!

Vor einem Jahre war er auf einen ehrenvollen, seinem Wissen und seinen Talenten entsprechenden Platz berufen worden. Als die Frau in den Reisewagen stieg, der vor dem alten Hause auf dem Markt hielt, um sie und ihren Gatten einem Ort zu entführen, in dem sie so lange Jahre gelebt hatten – in dem ihre Kinder geboren wurden und in dem sie aus einem jungen frohen Mädchen zu einer frohen zielbewussten Frau geworden war – stand sie einen Augenblick zögernd am Wagenschlag und sah noch einmal lange an dem alten Giebelhaus empor. So ein altes Haus! Schwarzes Balkenwerk mit seltsamen Schnitzereien, eine grosse Tür mit schweren eisernen Beschlägen. Fenster und Türen standen weit offen! Neue Menschen würden in das Haus ziehen. In das Haus, das ein Erbstück ihrer Familie war. Und sie ging nun in eine neue fremde Welt. ...

Wie sie so zögernd dastand, fasste der Mann ungeduldig ihre Hand und zog sie in den Wagen, in dem er bereits Platz genommen hatte, weil sie von allerlei Abschiednehmenden immer wieder zurückgehalten wurde.

Sie erschrack über diesen derben Griff, aber sie schob sein Benehmen auf seine nervöse Hast, die seine Beförderung und der Wechsel der Dinge in ihm hervorgerufen hatte. – Mit einem Schlag war ihr Leben ein anderes geworden.

»Man lebt auf,« sagte er. »Man. hat mehr als geschlafen in diesem Nest hinter dem Wald, man ist ganz verbauert – ohne dass man es merkt!«

Und sie versuchte seinen Worten zu glauben und liess sich von ihm in das »Leben« führen.

»Ob sie verbauert war?« Jedenfalls war sie anders als die Menschen, mit denen sie jetzt zusammen lebte.

Diese Menschen kamen ihr alle so genügsam vor. Sie lebten von lauter fertigen geistigen Präparaten. Sie hatten es so bequem – sie hatten Berge von köstlichen Konserven zur Verfügung für ihr materielle Ernährung und es gab weder Sommer noch Winter, noch Frühling oder Herbst – nein, sie hatten immer alles und alles immer. Rosen im Winter und Eis im Sommer und waren doch nie zufrieden, sondern langweilten sich.

Gegen die Frauen in dieser neuen Welt stach sie sehr ab. Sie hatte eine sehr gesunde, sonnenverbrannte Haut. Jene sahen weiss aus. So nach Wachsblumen unter Glasglocken. Sie war schlank, sehnig und gewandt in jeder Bewegung. Sie hatte etwas herbes an sich; wie Waldbeeren und Heidekraut. Jene waren rundlich, weich und sorgten dafür mit allerlei Turn- und Knetversuchen, dass ihre Fülle nicht überhand nehme. Und war ja eine unter ihnen, die das Ideal der Zeit – eine hüftelose Figur – hatte, so wurde sie allgemein beneidet. Sie hatten alle lilienweisse Hände und rosa Fingernägel. Sie hatte auch wohlgepflegte Hände, aber sie waren kräftig ausgebildet und man sah ihnen ein Tagewerk an.

»Du musst Dich anders frisieren, Du musst eine bessere Schneiderin nehmen,« sagte ihr Mann.

»Auch müssen wir unsere Einrichtung vervollkommnen und Du solltest mehr aus Dir herausgehen! Ich bitte Dich, wie kommt das, sonst hattest Du doch ganz krauses Haar?«

»Ja,« sagte sie gedrückt, »früher brauchte ich nur einmal im Morgenwind ohne Hut durch den Garten zu laufen, dann kräuselte sich jedes Härchen von selbst! Aber hier gehe ich nie ohne Hut in die Sonne!« –

Dafür gab es Ersatz. Man kaufte Brennscheeren und bald kamen auch die eleganten Toiletten, und wenn sie zusammen ausgingen, dann bot er ihr nicht mehr wie einst den Arm – sondern er hing sich in den ihren. Aus dem Landrat, der sonst eine grüne Joppe trug, wurde sehr bald ein vollkommener eleganter Weltmann und sie war eine Frau, die jeden Salon zierte.

Aber in ihrem Innern schlummerten so viele Keime. Sie hatte so vieles erworben in jenen Zeiten, da sie für ihn vorarbeitete und das drängte zur Entwicklung. Aber es war kein Raum dazu in dieser neuen Welt. Wie sollte sich hier eine stolze Baumkrone entfalten? Eines Tages machte er sie mit einer Frau bekannt und sagte dabei zu ihr: »Diese nimm Dir zum Vorbild, sie vereinigt alle weiblichen Vorzüge in sich.« Sie schaute erst jene Frau an und dann ihren Mann, und obgleich es wie ein eisiger Hauch von der schönen, duftenden und liebenswürdigen Frau ausging, gab sie sich redlich Mühe, Vollkommenheiten an ihr zu entdecken. Diese Frau war wirklich in vielen Dingen vollkommen! Sie hatte, wenn Männer redeten, nie eine eigene Meinung, sprühte aber fortwährend Funken aus ihren schönen Augen. Man konnte sie wie ein gut gefasster Simili nicht von einem echten Brillanten unterscheiden. Sie fand eine Wonne darin, sich belehren zu lassen und alle Männer bestrebten sich, ihre wissensdurstige Seele zu stillen und zu befriedigen und meistens wunderte sie sich, dass ihr Mann immer von neuem, unermüdlich tausend überflüssige Fragen beantwortete.

»Was soll ich von dieser Frau lernen? ist sie nicht sehr dumm?« »Dumm? Kann sein, vielleicht, aber sie ist reizvoll, mein Kind, rührend in ihrer Unbeholfenheit, ein echtes Weib.«

Ein echtes Weib! Sie dachte über diesen Ausspruch ihres Mannes nach – heute gerade am Morgen ihres Hochzeitstages, des ersten, den sie in dieser neuen Umgebung verlebte, und an dem ihr Mann nicht in den Garten ging, um eine verspätete Unica zu schneiden. Wo er keine wohlgesetzte kleine Rede hielt mit alten und uralten Reminiszenzen. Er lag statt dessen im Bett und schlief, denn er war gestern Abend mit dem »Echten Weib« in der Oper gewesen.

Sie sass also allein am Frühstückstisch und wischte eine Thräne aus dem Auge. Dann kam ihr Mann und trank übellaunig seinen Kaffee und nickte, als sie ihm aus den Briefen ihrer Kinder die Stellen vorlas, die ihn »interessierten.«

Wirklich, der Tag verging wie alle Tage. Es geschah der Bedeutung, die er für sie allein hatte, keiner Erwähnung. Und nun begann ein Winter, öde und einsam, trotz aller Feste und Gesellschaften. Einmal fragte sie, als sie kurz vor Weihnachten müde und abgehetzt von einem Fünf-Uhr-Thee aus gleich in eine Abendgesellschaft fuhren: »Nennst Du das Leben?«

»Es ist traurig,« antwortete ihr Mann, »ein wenig tragisch, dass Du so wenig in die neuen Verhältnisse passest. Ich habe mich doch sehr in dieser Hinsicht in Dir getäuscht. Bis jetzt habe ich vergeblich gewartet, dass Du das Gänschen vom Lande abstreifst! Und ich gab Dir doch in dieser Frau ein so gutes Vorbild!«

»Ich brauchte bis heute keine Vorbilder – ich bildete mich aus mir selbst und nur Dein Wunsch war meine Richtschnur, weil ich Dich liebte!« »Du wirst sentimental,« rief er.

»Ach nein, nicht im mindesten, ich hatte nie Anlage dazu, aber ich werde mich nie nach Deiner Freundin richten.«

Er trommelte an den Scheiben des Wagenfensters und sie sah hinaus auf den Asphalt, der von einer zähen schleimigen Masse bedeckt war, auf dem es sich so viel schwerer gehen liess, als auf den festen Basaltchausséen ihrer Heimat. Aber sie hütete sich, zu seufzen. Ja sie lächelte sogar, während sie mechanisch ihre Handschuhe glattstrich. Sie war an diesem Abend strahlend heiter und er hörte von mehr als einer Seite die Erklärung, dass er eine schöne geistvolle Frau besitze. Als er sie daraufhin ansah, fand er, dass sie grösser als die meisten anwesenden Frauen sei und sich mit geradezu verblüffender Sicherheit bewege. Und dieses Lob hörte er dann noch sehr oft und ausserdem machte er die Bemerkung, dass sie mit einemmale über alle Dinge eine fertige Ansicht hatte, ehe er dazu kam, ihr eine beizubringen.

Weiss Gott wie schnell das Jahr vergangen war! Im Sommer war sie mit ihren Kindern bei ihren Eltern, im Herbst reiste sie allein in ein Seebad. Ehe man's sich versah, war wieder der achtzehnte Oktober vor der Thür. Das Laub der Strassenbäume trieb auf dem Asphalt sein Spiel und die Tage waren heute neblig, morgen sonnig.

Wieder war der Morgen ihres Hochzeitstages und wieder sass sie allein am Frühstückstisch. Aber neben ihr auf dem Tisch stand ein Strauss Spätrosen. Und nichts fehlte in diesem Herbststrauss. Nicht die Unica und nicht die Stacheleiche. Jetzt kam er herein. Er sah ein wenig erstaunt und verwundert auf die Blumen und dann auf seine Frau. Sie erhob sich und hielt eine kleine Rede und in dieser Rede war alles das enthalten: Dank für Guttaten und vor allen Dingen für gewonnene Erkenntnis. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie dann zum Schluss sagte: Ich hatte mich Dir verlobt im Glauben und im Vertrauen, nach den Worten des Weisen Sirach. Der Glaube konnte nicht standhalten und das Vertrauen? Nun, ich mag nicht moralisieren, ich halte mich wieder an ein altes Wort: Die Ehe ist nicht Jedermanns Ding. .... Was soll ich noch länger unter Deiner Herrschaft stehen? Es ist eine Fremdherrschaft – eine Vergewaltigung – Kinder habe ich Dir geboren – die sind flügge – und auf den Traum, dass an einem goldenen Abend – durch Erinnerungen goldenen Abend, wir Beide Eins geworden durch Leid und Glück das Ende erwarten sollten – habe ich verzichten lernen. Darum gehe ich heute – denn ich bin der Komödie müde.

Ich murre nicht über mein Geschick – ich habe Dir für manches zu danken« – dann sagte sie mit einem Blick ins Weite: »Vielleicht, wenn ich nach tausend Jahren desselben Weges gefahren komme, reichen wir uns als neue Menschen die Hand – doch nun trennen sich unsere Wege.«

»Frau, Du rasest,« sagte der Mann. »Dir hat das gottlose Gerede vom ›neuen Weibe‹ die Sinne verwirrt.« –

Sie war schon im Gehen: »Vom neuen Weibe? Ihr habt nie das alte begriffen – das Weib, die Dienerin aus freier Wahl!«

Und sie ging. Der Mann war einsam, denn die Herzen seiner Kinder flogen der scheidenden Frau nach.

Und es ist so gekommen – weil es nicht so war, wie es ewige Gesetze verlangen: Ein Leib und ein Geist. –





Lotte Gubalke – Die Fremdherrschaft.

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