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Lotte Gubalke – Die Sonne als Wegweiser

Novelle

Lotte Gubalke, Die Sonne als Wegweiser, Aus: Meister-Novellen neuerer Erzähler, Herausgegeben von Richard Wenz-Enzio, Max Hesse Verlag, Leipzig, [um 1908]



Erstes Kapitel.

Michael Gonnermann schnickte mit dem Kopf, damit die schwarze Haarsträhne, die ihm in der Hitze des Redens immer auf die Stirne fiel, nach hinten flog, und fuhr fort:

»Vom Zaubern reden wir ein andres Mal. Heute also vom Lügen. Wer von euch erklärt mir, was ›lügen‹ heißt?«

Er überflog die Mädchenschar mit seinen hellen, scharfen Augen. Zwanzig junge Dinger waren es. Aus allerlei Alters- und Gesellschaftsklassen, wie sie sich in der Höheren Töchterschule einer kleinen Stadt zusammenzufinden pflegen.

Er gab den Religionsunterricht, Literatur und Geschichte, eine ältere Lehrerin den Sprachunterricht und der Kantor der Bürgerschule Gesang und die übrigen Realien.

Mit Feuereifer hatte Michael Gonnermann auch diese Seite seines Berufes ergriffen. Er sehnte sich danach, Einfluß auf die jungen, ihm anvertrauten Seelen zu gewinnen, nachhaltigen Einfluß, und dadurch auch den Eltern näherzukommen. Aber es war ein hartes Stück Arbeit. Diese Leute waren alle so eckköpfig. Sie gingen ihren alten Schlendrian, in dem sie von seinem Amtsvorgänger wenig gestört worden waren. Ja dieser Amtsvorgänger! Der war immer nur »Gehilfe ihrer Freude« gewesen. Das Strafen und Richten, das Mahnen und Erziehen, das hatte er beiseite gelassen. Das kam nun auf Michael Gonnermanns Teil. Er würde seinen Beruf ernst nehmen. Es war ihm wirklich heiliger Ernst. Er fühlte sich dem Donnerer verwandt, und niemand sollte ihm Saumseligkeit vorwerfen können! »Nun,« wiederholte er seine Frage, »kann keine antworten? Diese Dinge sollten den Älteren unter euch nicht fremd sein!«

Auf der obersten Bank zu unterst saß Melitta Schmerfeld. Seine Augen blieben auf ihrem schmalen Gesichtchen hängen. Sie saß regungslos da, wie aus Marmor gemeißelt, die Augen gesenkt, die Hände gefaltet. »Nun, Melitta Schmerfeld, du träumst wohl? Schaust ins Lerchenfeld und hast keine Ahnung von dem, was hier vorgeht!«

»Ach nein, Herr Pfarrer –«

»Dann versuche du mir zu erklären, was lügen heißt.«

Melitta erhob sich. Sie schlug die braunen Augen langsam auf und sagte: »Lügen heißt bewußt die Unwahrheit sagen, um jemand damit zu schaden.«

»Das hast du nicht von dir selbst!« rief Michael Gonnermann.

»Nein – so erklärte es uns der selige Pfarrer Radloff.«

»So – aber ich meine, es ist kein Unterschied zu machen in solchen Dingen. Merkt euch das! Man lügt, wenn man die Unwahrheit sagt, ob so oder so, und dies ist unter allen Umständen die einzig segenbringende Richtschnur, die ich euch gebe. Kein Gesetz über die Wahrheit! Habt ihr mich verstanden?«

Die Mädchen nickten. Einige riefen laut: »Ja!« Melitta, die noch stand, ein wenig vornübergebeugt, denn sie war für ihr Alter schwächlich und hochaufgeschossen, sagte: »Darf ich das Beispiel noch erzählen, das uns Pfarrer Radloff damals sagte, als er uns jene Erklärung gab – es war in der Konfirmandenstunde.«

Michael Gonnermann dachte einen Augenblick nach. »Wenn man Übel ausrotten will, so soll man, wie bei einem Queckennest, auch das kleinste Faserchen herausreißen«, meinte er. Also schien ihm geboten, das Beispiel zu hören, damit er das widerlege und den Einfluß des alten Sophisten total vernichten könne.

»Nenne das Beispiel.«

Als Melitta beginnen wollte, unterbrach er sie noch einmal: »Du bist wie alt?«

»Ich bin fünfzehn und ein halbes Jahr.«

Gonnermann lächelte mitleidig.

»Also beginne, mein Kind.«

Und Melitta begann. Erst langsam, als besänne sie sich auf den genauen Wortlaut der Geschichte, dann fingen ihre Augen an zu glänzen, die stockende Rede wurde fließend, und ihr Gesichtchen bekam Farbe. »Pfarrer Radloff erzählte uns zwei Beispiele, wie zuweilen eine Unwahrheit keine Lüge sein kann. Ich will das von Jakob Graue zuerst erzählen. Jakob Graue hatte eine Rede für Silvester Jordan gehalten und mußte fliehen. Pfarrer Radloff war damals Student. Zu ihm floh Jakob Graue. Es war sehr schwer für ihn, den Freund zu verbergen. Er hatte nicht einmal einen Kleiderschrank mit einer Tür. Darum kletterte er zum Fenster hinaus und klammerte sich an dem Weinspalier an, das die Hinterwand jenes Hauses bedeckte. Pfarrer Radloff selbst stellte sich davor in seiner ganzen stattlichen Breite und blies Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, als ob nichts passiert sei. Als die Häscher kamen und fragten: ›Wo ist Jakob Graue?› antwortete Radloff fest: ›Es ist niemand hier;‹ auch als sie sagten: ›Er muß in dies Zimmer gelaufen sein,‹ sagte er: ›Nein.‹ So rettete er ein hoffnungsvolles Leben. Er sagte, es habe ihn nie gereut, diese Unwahrheit gesagt zu haben, und ich denke, das kann ihm keiner als Lüge anrechnen, wenn er . . .«

Gonnermann winkte mit der Hand, sie solle schweigen, und sagte scharf: »Das gehört nicht hierher, Melitta Schmerfeld, was du meinst! Aber erzähle auch noch das andere Beispiel.«

Ja, das andre Beispiel! Die Mädchen auf der oberen Bank rutschten unruhig umher. Das zweite Beispiel, das hätte sie zuerst erzählen müssen, meinte Lene Hinterkamp leise zu ihrer Nachbarin. Melitta zögerte einen Augenblick. Sie hatte die weißen Zähne in die untere Lippe gebissen und zog die Oberlippe verächtlich etwas in die Höhe. Kaum merklich, aber Gonnermann sah doch den leisen Trotz, der sich darin ausprägte. Er zog die Brauen zusammen und sagte streng: »Beginne!«

Melitta begann: »Da war ein Jüngling, damals zur Zeit der Fremdherrschaft. Er wurde auch verfolgt, weil er seine Volksgenossen aufgerufen hatte zum Kampf für die Freiheit. Der mußte auch fliehen, weil ihm die Feinde auf den Fersen waren. Er kam zu einer Frau – vielmehr zu einem Mädchen, die allein mit ihrem Vater, der ein Förster war, am Waldrand wohnte. Dies Mädchen verbarg ihn im Bettstroh. Damit sie ihn nicht entdeckten, legte sie sich oben auf das Bett. So wurde er gerettet, denn sie glaubten ihr, da sie sich krank stellte und versicherte, der Jüngling sei nicht in ihrem Haus.« –

»Ob diese beiden nur durch solche Unwahrheiten zu retten waren?« fragte Gonnermann. »Und wäre es nicht mutvoller gewesen, wenn der Jüngling kämpfend für seine Überzeugung – oder als Märtyrer für seine Sache blutete und litt?«

Die Mädchen nickten wieder. Einige sagten sogar begeistert: »Wohl, wohl,« und Lene Hinterkamp rief: »Als man Hus verbrannte, flog aus seiner Asche eine Taube gen Himmel!«

Gonnermann hätte sich freuen können über Lenes Eifer, ihn zu begreifen, aber er wehrte ab und sah nach Melitta hin, die versteckt stillschwieg. Jedes Wort betonend, sagte er noch einmal: »Ein Mann soll sich nicht verbergen, am wenigsten auf eine so schimpfliche Weise wie dieser zweite Jüngling –«

»Das Mädchen«, unterbrach Melitta den Redenden, »liebte den Jüngling. Sie wurde seine Frau, das vergaß ich noch zu sagen. Pfarrer Radloff sagte zum Schluß damals noch, die Liebe sei das Grundgesetz der Welt.«

»Ja, das sagte er!« riefen die Mädchen. »Das Grundgesetz der Welt – die Liebe.«

Gonnermann sah sich ganz bestürzt um und rief: »Ruhe doch! Habt ihr gehört? Ihr sollt ruhig sein und euern Lehrer nicht unterbrechen. Ich sage euch, das Mädchen hat verwerflich gehandelt, seht ihr das ein?«

Wieder nickten die Mädchen. Nur Melitta nicht. Die saß steif da und schaute an ihm vorbei. Gonnermann rief eindringlich: »Melitta, ich wünschte sehr, du könntest deinen störrischen Sinn ändern und einsehen, was ich sagte!«

»Ja, aber«, sagte Melitta hartnäckig, »eigentlich handelt es sich darum, ob das Mädchen und der Student unrecht taten, wenn sie, um ihre Freunde zu retten, eine Unwahrheit sagten. Ich meine, sie konnten nicht anders handeln. Im andern Falle wären sie Verräter gewesen.«

»Setz dich,« befahl Gonnermann kurz. Noch nie im Leben war er auf sich und seine Art, Unterricht zu geben, so ärgerlich gewesen wie heute. Was sollte er diesem naseweisen Mädchen sagen? Nachdem er eine Weile gedankenvoll durch die Scheiben auf die stillen Straßen des Städtchens geblickt hatte, ging er auf sein Katheder, schlug hart mit dem Rücken des kleinen lutherischen Katechismus auf das Pult und proklamierte noch einmal laut und hart: »Kein Gesetz über die Wahrheit.«



Zweites Kapitel.

Die Schule war aus. Gonnermann zögerte einen Augenblick, ehe er die steinerne Treppe hinunterging, die von der Haustür auf die Straße führte. Er wollte gerne noch einmal eindringlich mit Melitta Schmerfeld reden, aber er wartete vergeblich. Sie kam nicht. Er fragte ein paar von den Mädchen, wo sie sei. »Melitta? Die geht immer über die Schulmauer durch die Gärten und den Kirchhof heim.« Er dachte, das sähe ihr ähnlich. Krumme Wege – Schleichwege, und das war alles eine Folge jener ungesunden Romantik, die etwas in der Familie lag. Der alte Schmerfeld gehörte zu den Leuten, die nicht logisch im Denken und Handeln sind – so ein merkwürdiges Gemisch von Freigeist und Pietist, meinte Gonnermann. Als er langsam heimwärts ging, wurde ihm recht klar, wie schwer es doch sei, ein Pfarramt zu bekleiden – und dann dieser Unterricht in der oberen Klasse einer Mädchenschule – diese Melitta war wirklich die Hartköpfigste von allen! Aber sollte es ihm nicht gelingen, so ein junges Ding von fünfzehn Jahren noch zu regieren?

Nun, er würde schon ans Ziel kommen. Melitta ging indessen wie immer durch die Hintertür des Schulhauses, kletterte über die Gartenmauer, lief durch ein paar Gärten, deren Verbindungstüren offen standen, und kam so auf den Kirchhof. Sie schlenderte langsam über den Platz. Es war so kühl unter den alten Linden, und wozu sollte sie eilen? Daheim wartete nur eine ewig übellaunige Tante, und der Vater kam erst später von seiner Landpraxis heim. Ja, wenn ihre Mutter noch gelebt hätte! – Sie setzte sich in die Vorhalle der großen Kirchtür auf eine der niedrigen Steinbänke, die sich längs der Wand hinzogen, und überdachte noch einmal die Geschichte von Jakob Graue und dem Jüngling, den ein Mädchen im Bettstroh verbarg. Und je mehr sie darüber nachdachte, je sonderbarer wurden ihre Gedanken. Sie schlug schließlich mit der flachen Hand auf die steinerne Bank und rief in die Kirchenstille hinein: »Ich hätte es genau so gemacht wie die beiden, wie das Mädchen und Radloff, als er noch Student war. Wer nicht für seine Freunde lügen kann – soll sich hängen lassen.« –

Links von der Bank, auf der sie saß, war eine schmale Pforte, die zu dem dort angebauten Glockenturm führte. Auf der untersten Stufe der steilen Wendeltreppe, die da hinaufführte, saß Elias Küllmer, der Neffe von Küster Heller. Er war ein bißchen »dählsch« geblieben, seit er die Masern als Kind gehabt hatte. Er läutete jeden Mittag um 11 Uhr und versah alle niederen Küsterdienste, zu denen Heller sich zu vornehm vorkam. Das Taufwasser wärmte er, hielt die Sakristei in Ordnung, stellte die Kirchenuhr und prügelte mit seinen langen Armen die Jungen und Mädchen durch, die sich auf den steinernen Gewichten schaukelten und dadurch den Gang der Zeit ins Stocken brachten. Auch das Bälgetreten gehörte zu seinen Betätigungen, jedenfalls war er eine sehr notwendige Persönlichkeit. Unter Pfarrer Radloffs Regiment hatte er unbeanstandet dies und manches andere tun dürfen, denn der Alte meinte, es sei für Elias Küllmer von unschätzbarem Wert, einen Beruf zu haben, und Elias war sehr stolz auf seine Ämter.

Michael Gonnermann dachte jedoch anders über diese Dinge. Er sah den Küster fett werden durch seinen bequemen Lebenswandel und ärgerte sich täglich, daß das Geläute nie so pünktlich einsetzte, wie es seine nach Normalzeit gehende Uhr heischte. Kurzum, er fand diesen Umstand wie vieles in seiner Gemeinde unerträglich und reformbedürftig. Aber bis jetzt hatte er nichts ändern können.

Elias behauptete seinen Posten. Als Melitta aber ihre lauten Worte mit einem Schlag der flachen Hand auf die steinerne Bank begleitete, rasselte Elias beifällig mit seinem Schlüsselbund und trat aus der Pforte heraus.

»Sag’s noch mal, Littachen, was du meintest, ich hab’s nit verstannen!«

»Trauerwagen, du bist’s? Ich habe mich furchtbar erschrocken!« Elias führte diesen Namen wegen seines schwankenden Ganges, der von seinen schiefen Beinen herrührte, die einen Rumpf mit mächtigem Kopf zu tragen hatten.

»Es ist eine sehr lange Geschichte, Lias«, fuhr sie dann fort. »Wenn ich sie dir erzähle, so hast du den Anfang vergessen, wenn ich beim Ende bin!«

»Ne so was«, staunte Elias ungläubig. »Sprich nurt,« sagte er neugierig, »wovon handelt se denn?«

»Ach, vom neuen Pfarrer, vom großen Krieg und vom Lügen – von Notlügen –, ach, laß doch, frag nit, was weißt du wohl, was eine Notlüge ist!«

Elias hob seinen Schlüsselbund, rasselte damit und sagte mit schlauem Grinsen: »Weiß ich wohl!«

»Na?«

»Onkel Hellern seine Paruck’ is enne Notlüge.«

»O weh,« rief Melitta lachend, »dein Onkel soll sich hüten! Der neue Pfarrer geht streng gegen alle Notlügen vor! Nehmt euch zusammen! Du sollst doch auch nicht mehr läuten, du!«

»Jawoll, ich tu’s aber doch, Onkel Heller kann’s ja gar nit mehr!«

»Du, ich werd’ heute mit auf den Turm steigen«, erklärte das Mädchen. »Ich war seit Pfarrer Radloffs Tod nicht oben . . .«

Das freute Elias sehr. Sie waren gut Freund miteinander von klein auf und stiegen nun langsam die steile Treppe hinauf. Endlich waren sie oben.

»Dazu gehört was – das alle Tage zweimal überwinden«, meinte Elias stolz.

Melitta setzte sich auf einen Querbalken neben die große Glocke, und Lias rief: »Hör mal genau hin – sie summt immer, auch wenn ich sie gar nicht berühre – hör mal.«

Melitta lauschte, und sie glaubte es am Ende selbst und hörte ein Singen und Rauschen und fragte mehr für sich: »Ob es davon kommt, weil sich die Erde bewegt?«

Elias zuckte verächtlich die Achseln:

»Woher dann! Die Kirchenlieder fangen sich darin! Die kommen hier durch das offene Liet. Ich lasse es immer auf. Die Glocken klingen nachher nochmal so schön!«

»Läute doch«, mahnte Melitta, nach ihrer kleinen Taschenuhr sehend.

»Ne, die Sonne muß erst hier in diese Luke hineinscheinen und einen Ringel auf die Wand malen, dann ist’s elf.«

Die beiden warteten geduldig, fast andächtig, bis die Sonne kam, und als der Ringel erschien, zog Elias den Strang und läutete. Dann schob ihn Melitta zur Seite und zog statt seiner das »Walte Gott Vater, Sohn und Geist«.

Elias lobte ihre Kraft und sah grinsend zu.



Drittes Kapitel.

Michael Gonnermann hatte sich darüber geärgert, daß wieder einmal die Normalzeit nicht beachtet war, und entschloß sich, ein Exempel zu statuieren. Darum erstieg er den Turm. Er kam gerade an, als Melitta mit kräftigem Schwunge das Seil für den »Heiligen Geist« zog, und blieb infolgedessen sprachlos vor Staunen stehen. Die beiden Übeltäter hatten ihn gar nicht bemerkt. Jetzt, als er mit lauter Stimme sagte: »Melitta Schmerfeld, was ist das für ein unschickliches Betragen, was ficht dich an, zu läuten?« fuhren sie ganz erschrocken zusammen. Elias entfloh so schnell er konnte die Treppe hinunter. Nun standen sie allein da oben, der Pfarrer und Melitta. Unbefangen, als ob käuten zu den alltäglichen Beschäftigungen junger heranwachsender Mädchen gehöre, sagte sie: »Ich steige gerne hier herauf. Man sieht so viel! Man sieht in die Straßen hinein, über alles hinweg,« und da Gonnermann immer noch schwieg, sehr enttäuscht, daß seine strafenden Worte keinen tieferen Eindruck machten, sprach sie weiter: »Man kommt sich so wichtig vor. Tut etwas, was alle Welt da unten hört – die Kranken und die Gesunden, keiner ahnt, daß man’s tut! Pfarrer Radloff ging oft hier herauf, er sagte immer, er liebe die Vogelperspektive so.«

Gonnermann war wirklich in Verlegenheit, was er dem Mädchen sagen sollte. Endlich meinte er: »Das Läuten ist doch keine ganz ungefährliche Beschäftigung, und –«

»Ich will nun heim«, sie ließ ihn gar nicht ausreden und sprang leichtfüßig die Wendeltreppe hinab.

»Melitta! Melitta Schmerfeld!« O, er hatte gut rufen! Sie hörte nichts und drehte sich nicht ein einziges Mal um.

Da stand nun Michael Gonnermann allein auf seinem Kirchturm und kam sich sehr einsam vor auf diesem erhabenen Standpunkt. Die Glocke summte noch. Im Schalloch des Turmes saß eine Schwalbe, die zwitscherte unbekümmert um des Mannes verdutztes Gesicht ihr Lied weiter. Eine Zeitlang stand er noch ganz still und sah die dunkle Treppe hinab, auf der eben ein helles Mädchenkleid verschwunden war. Dann trat er zu dem Schalloch, aus dem die Schwalbe fortflog, und schaute hinunter auf die Wohnstätten seiner Gemeinde und fand, daß der alte Radloff recht hatte, wenn er gerne hier heraufstieg. Es war ein liebliches Bild, das sich da unten vor ihm ausbreitete. Und je länger er hinuntersah auf die Plätze und Gassen und weiterhin auf grüne Wälder und fruchtbare Felder, auf den schimmernden Fluß und höher hinauf in den blauen Himmel, an dem die Sonne leuchtend stand, so daß ihm die Augen weh taten, wenn er hineinsah, da kam ihm der Gedanke, daß man die Welt von der Vogelperspektive wirklich ganz anders schaut als von der Froschperspektive. Ja, er hatte das schon lange gewußt, er stand ja doch nicht zum erstenmal auf einem Turm, nur war es ihm noch nie so zum Bewußtsein gekommen. Er wurde etwas kleinlauter, als es sonst in seinem Wesen lag.

Er seufzte – wie wollte er eine Gemeinde regieren, wenn er nicht einmal Einfluß auf dies wilde Mädchen gewinnen konnte?

Langsam stieg er dann die steile Wendeltreppe hinunter, und langsam ging er in sein Pfarrhaus.

Da durchschritt er alle Räume des alten Hauses. Aus allen Winkeln und Ecken kam ein Duft von vertrockneten Rosenblättern und Lavendelbüschen. Das war weiter nicht sonderbar, denn des alten Pfarrers Schwester, Fräulein Jette Radloff, die noch ein Gnadenviertel in der Pfarre abwohnen durfte, legte dieses, die Rosenblätter und den Lavendel, gegen die Motten in den Zimmern aus. Er suchte das alte Mädchen, aber Fräulein Jette war nirgends zu finden. Er hätte gerne jemand gehabt, dem er sein Herz ausschütten konnte.

So setzte er sich endlich allein in die Geißblattlaube im Garten und rauchte eine lange Pfeife, sah träumend in den blauen Dunst und ging ernstlich mit sich zu Rate, wie er Melitta Schmerfeld zur Einsicht bringen könne. Es war merkwürdig, immer erschien Melittas blasses, trotziges Gesichtchen mit den braunen Augen zwischen den Tabakswolken. Da kam den Gartenweg herauf Fräulein Jette Radloff.

Sie war eine mittelgroße, zierliche Dame mit hellen Augen und trug das Haar, zu kleinen Locken gedreht, an der Seite mit kleinen Kämmen aufgesteckt. Ihr Bruder hatte das immer scherzhaft die Lord-Byrons-Frisur genannt. Etwas ungemein Liebenswürdiges lag in ihrer Erscheinung und in ihrer schlichten und doch vornehmen Art, sich zu kleiden. Sie schätzte den jungen Pfarrer, welcher der Nachfolger ihres Bruders geworden war, wenn sie auch im stillen manchmal über seinen Eifer lächelte. Sie lobte sich die Jugend, die rasch im Handeln ist, weil sie wußte, daß man mit der Zeit ganz von selbst einrostet. Sie setzte sich mit einer Handarbeit zu ihm in die Laube und fragte: »Sie suchten mich, erzählte mir die Magd? Ich war bei Fräulein Graue; Sie kennen die alte Dame bis jetzt nur vom Sehen.«

Gonnermann stimmte zu: »Ja, ja, Ihre taube Freundin.« Nach ein« Weile fragte er: »Sie hatte einen Bruder, dem Pfarrer Radloff sozusagen das Leben rettete?«

»Kann sein, daß mein Bruder das tat. Jakob Graue war ein sehr guter Freund meines seligen Bruders, einer stand immer für den andern, sie sind in bewegten Zeitläuften jung gewesen. Ich weiß nichts Genaues davon. Aber es kann schon möglich sein – vielleicht mehr als einmal.«

Wieder nach einer Weile fragte Gonnermann: »Fräulein Jette, was halten Sie vom Lügen?«

»Lügen ist schändlich.«

»Ja, ja, selbstverständlich. Aber meinen Sie auch, daß eine Unwahrheit noch keine Lüge ist?« Und nun erzählte er ihr sein Erlebnis in der Schule. Sie gab ihm keine direkte Antwort, sondern sagte:

»Mein Bruder war allezeit ein vollkommen wahrhaftiger Mensch. Wenn er seinen Freund vor diesen Verfolgern rettete, so war das eine kluge Tat. Was wäre dabei herausgekommen, wenn Jakob Graue einen oder beide Verfolger niedergeschlagen hätte oder selbst gestorben wäre? Jakob Graue hat dem Vaterland noch manchen guten Dienst geleistet.«

Gonnermann sagte etwas von »schwächlichen Vermittelungen« und »unheilvollen Kompromissen«. Fräulein Jette wiegte den Kopf und zuckte mit den Achseln. »Das Leben ist nicht immer so einfach, wie sich das von weitem ansieht. In beiden Fällen diktierte die Liebe diese Handlung.«

Beide schwiegen. Warum sollte sich Michael Gonnermann mit einem Frauenzimmer streiten! Noch dazu mit Henriette Radloff, die er verehrte.

»Mögen Sie diese Melitta Schmerfeld gut leiden?« Jette Radloff lächelte kaum merklich, als sie diese Frage an den jungen Pfarrer richtete, während sie eine Masche auffing, die ihr beim Stricken entglitten war. Er sagte ohne Besinnen:

»Nein, ich mag sie nicht, sie ist ein unerzogenes und störrisches Mädchen.«

Fräulein Jette lächelte und sagte dann: »Aber sie ist ein sehr hübsches und gutveranlagtes Geschöpf, und es verlohnt sich der Mühe, sie zu erziehen. Einer festen und dabei linden Hand sollte das gelingen.«

»Sie interessiert mich nicht mehr als meine anderen Schülerinnen,« rief Michael Gonnermann, »und ich finde sie weder besonders hübsch noch begabt!«

Da dachte Fräulein Jette: »Das sind gleich mehrere Unwahrheiten auf einmal und doch keine Lügen.« Und obgleich sie schwieg, wurde Michael Gonnermann dunkelrot im Gesicht, als sie erstaunt mit ihren guten, klugen Augen zu ihm aufsah, und sie brachte die Rede auf einen anderen Gegenstand.



Viertes Kapitel.

Als Pfarrer Gonnermann am nächsten Donnerstag Literaturstunde gab, fehlte Melitta Schmerfeld. »Sie ist krank geworden«, erzählten ihre Freundinnen. Sie war an einem leichten Scharlachfieber erkrankt, und als sie wieder aufstand, hielt es ihr Vater für angemessen, sie in ein südlich gelegenes Bad zu schicken, da er besorgt war, der Keim einer tückischen Krankheit, die ihre Mutter früh dahingerafft hatte, könnte auch bei ihr Wurzel schlagen. Aber er hatte sich zum Glück geirrt. Melitta erholte sich schnell wieder. Dennoch brachte er sie nicht wieder heim in das kleine Nest, sondern übergab sie zur Vollendung ihrer Erziehung seiner Schwiegermutter, die, in der Residenz lebend, mehr Mittel zur Verfügung hatte, ihre Ausbildung zum Abschluß zu bringen.

Zwei Jahre waren vergangen, als Melitta endlich wieder heimkehrte, um als gesittete junge Dame ihrem Vater das vereinsamte Hauswesen zu einer gemütlichen Stätte zu machen. In der kleinen Stadt hatte sich in dieser Zeit wenig verändert. Gonnermann hatte wenig von dem erreicht, was er so heiß gewollt hatte, die Welt ging ihren langsamen Gang, und Gonnermann hatte in stillen Stunden zuweilen den Gedanken, daß der alte Radloff, als er sich anschickte, vornehmlich »Gehilfe der Freude« seiner Gemeinde zu sein, auf dem besten Weg gewesen war, jenen Einfluß zu gewinnen, der das Strafen unnötig macht. Er hatte Fräulein Jette Radloff gebeten, als sie Anstalten machte, das Pfarrhaus zu verlassen, bei ihm zu bleiben, um ihm die Wirtschaft in Ordnung zu halten. Sie hatte freudig ja gesagt und schaltete nach wie vor in den alten lieben Räumen, in denen sie geboren war und soviel freudvolle und leidensschwere Tage erlebt hatte. Als Gonnermann an einem schönen Juniabend ihr in der Gartenlaube gegenübersaß, erzählte sie ihm, daß Melitta Schmerfeld wieder in der alten Heimat angekommen sei. »Melitta, die Ihnen soviel zu schaffen machte, die Sie gar nicht leiden mochten – wissen Sie noch?« O ja, er entsann sich ganz genau und schalt sich im stillen schwach und unkonsequent, denn er hatte das Exempel, das er nach jener Turmbesteigung statuieren wollte, immer noch nicht statuiert – aber wenn Elias um elf Uhr läutete und sich dabei nach der Sonne und nicht nach der Normalzeit richtete, dann dachte er an das Mädchen auf dem Turm, das von einer Weltbetrachtung aus der Vogelperspektive geredet hatte und dann entschwunden war. »Sie ist ein großes Mädchen geworden – nein, was sage ich,« verbesserte sich Fräulein Jette, »eine richtige Dame ist sie. Ich sprach heute mit ihr. Sie fragte auch nach Ihnen und sagte sogar –«

»Was fragte sie? Warum reden Sie nicht weiter, Fräulein Radloff?«

»Nun, Sie mochten Melitta Schmerfeld nicht leiden, und wenn ich Ihnen sage, daß sie immer etwas zum Necken aufgelegt war, weil ihr das so im Blut liegt, so wird das für Sie keine Geltung haben. Und am Ende bricht dann eine offene Feindschaft aus.«

»Das ist ja eine lange Vorrede!« rief der junge Pfarrer lachend und doch etwas ungeduldig und ärgerlich.

»Nun, sie fragte: ›Steigt Pfarrer Gonnermann noch manchmal auf den Turm, um die Normalzeit mit dem Geläut in Einklang zu bringen, und sagt er immer noch: ›Kein Gesetz über die Wahrheit?‹«

Gonnermann zuckte ärgerlich die Achseln.

Fräulein Jette erzählte weiter: »Sie ist wirklich immer übermütig wie ein Kind – tragen Sie’s ihr nicht nach.«

»O, es ist mir gleichgültig«, sagte er aufstehend und ging dann zwischen seinen Blumenbeeten umher. Er nahm sich im stillen fest vor: Melitta Schmerfeld soll daran glauben lernen: Kein Gesetz über die Wahrheit! Ja, das soll sie. Als er dann nach der Laube zurückschritt, in der Jette Radloff immer noch über ihre Arbeit gebeugt saß und vor sich hinlächelte, sagte er:

»Sie scheinen eine große Nachsicht für Fräulein Schmerfelds eigentümliche Art und Weise zu haben.«

»O, gewiß,« meinte Jette Radloff, »ich war dabei, als ihre Mutter starb, und hob sie aus der Taufe und sah sie aufwachsen, wild und froh und frei in Licht und Sonne und Wind, so ein Pflänzchen gewinnt man lieb und versteht seine Eigenart . . .«

»Bei aller Hochachtung vor Ihnen und allem, was Radloff heißt –«

»Ach,« siel sie ihm ins Wort, »jetzt endlich kommen Sie dazu, Ihr Herz zu erleichtern! Sie wollen sagen: ›Warum war Pfarrer Radloff ein Mann schwächlicher Vermittelungen, warum log er, um seinem Freund das Leben zu retten?‹

O, Herr Pfarrer, es ist so einfach – aber wer’s nicht fühlt –

Ihm ging die Liebe über Ihr Gesetz der Wahrheit – und es gab doch kaum einen Mann, der wahrhaftiger gewesen wäre!«

Michael Gonnermann senkte den Kopf. Er schämte sich, denn er war wohl jung und stürmisch, aber es lag ihm ferne, jemand zu kränken.

»Verzeihen Sie mir, Fräulein Jette,« sagte er herzlich, »ich wollte Ihrem Bruder nicht zu nahe treten. Aber ich kann nicht einsehen, daß der gerade Weg nicht immer der beste sei.«

»Wer leugnet das?« fragte das alte Fräulein, »wer spricht davon? Wenn Sie einen jungen Baum ziehen wollen, so müssen Sie einen Stecken daneben stellen und müssen ihn anbinden – gut! Binden Sie ihn mit festen Seilen, so scheuert ihn das und – die Rinde ist so zart – er verblutet sich und geht ein. Binden Sie ihn locker an und legen Sie Hede zwischen Rinde und Stecken, dann hat er Freiheit, sich im Sommerwind zu schaukeln, hat dennoch Halt und wird schlank und gerade zum Himmel schießen.«

Gonnermann zuckte die Achseln. »O, Fräulein Jette, Sie sind gut und liebenswürdig, aber damit allein baut man nicht eine Welt!«

»Die baut keiner, außer Gott«, sagte das alte Fräulein. »Aber liebster Gonnermann, warum streiten wir uns denn, wir meinen im Grund ja beide dasselbe; wir wollen einen Kompromiß schließen: jeder erzieht die Leute, die ihm lieb sind, so gut er kann – die Menschen meine ich, die ihm anvertraut sind. Die Hauptsache ist, daß man sich das Vertrauen dieser Menschen erwirbt, ihre Liebe, das andere findet sich dann, und schreiben Sie auf Ihr Panier: ›Kein Gesetz über die Wahrheit‹, und ich ›über alledem aber die Liebe‹.«

»Immer scherzen Sie, Fräulein Jette!«

»O nein, es ist mir bitterer Ernst!«



Fünftes Kapitel.

Als Pfarrer Gonnermann am nächsten Sonntag die Kanzel betrat, flog sein Blick zu dem Ratsherrnstand hinüber. Ja, wirklich, da saß Melitta Schmerfeld neben ihrem Vater. Die Augen gesenkt, gerade wie sie in der Schule zu sitzen pflegte. Es kam eine merkwürdige Stimmung über ihn. Eine Glut und ein Eifer! Er richtete unbewußt alle seine eindringlichen Worte an das Mädchen da drüben, über dessen gesenktem Haupt grüne und rote Lichtreflexe zuckten, von der Sonne hervorgezauberte, die durch bunte Kirchenfenster schien. Und er ermahnte und lehrte so von Herzen und so eindringlich, als ob er einen Ausbund von allerlei Untugenden vor sich habe oder einen ganz besonderen Sünder, der ihm sehr am Herzen lag. Da schlug Melitta einmal ihre braunen Augen voll zu ihm auf, denn er sprach von der Schändlichkeit krummer Wege. Ein Schalk blitzte aus ihren Augen, ein ganz kleines Lächeln umzuckte ihren Mund, denn sie dachte an ihre Schleichwege über Mauern und Gartenzäune – an ihr Mittagläuten . . .

O, warum ereiferte sich denn dieser Mann da auf der Kanzel, sie hatte ja niemals behauptet, daß es ehrenvoll wäre, sich zu verkriechen!

»Amen«, erklang es von der Kanzel, und die Orgel fiel ein.

Melitta lauschte der alten Liederweise, jenen Klängen, deren zauberische Macht daher stammt, daß sie der Seele die Wege zu ihrer Heimat weisen, und meinte, es sei nirgends schöner als daheim. Und wenn sie wähnte, sie sei dem Ewigen nie näher als in dieser alten Kirche, in der ihre Vorfahren schon über dreihundert Jahre dem Herrn der Welt Loblieder gesungen hatten oder ihm ihre Not geklagt, so soll keiner mitleidig darüber lächeln, – wir geben ihm ohnedies von vornherein zu, daß die Erde überall des Herrn ist.



Sechstes Kapitel.

Melitta Schmerfeld war nicht so ganz junge Dame, wie Fräulein Jette dem Pfarrer erzählt hatte. Sie tollte mit des Nachbars Kindern im Garten herum, wenn der Haushalt, dessen sie sich mit Feuereifer annahm, besorgt war. Sie kletterte auf die Stadtmauer und legte sich unter den Pfaffenhutstrauch, in dem die Zaunkönige so gerne nisten. Sie lauschte dem Quinquilieren der Blattmönche und schloß die Augen, und versuchte, ob sie noch das Knirschen höre, wenn sich die Erde in ihren Angeln drehe – wie es die Kinder machen. Ja, sie hörte noch das Weltgeräusch, aber sie meinte heute, es sei das Erklingen eines großen Lebensakkordes, den der Herr der Welten anschlug, und sie war voll Sehnsucht, zu erfahren, ob ihre Lebensmelodie nicht auch bald stark und mächtig erklingen werde. Jenseits der Mauer lag der Friedhof. Seit Jahrzehnten begrub man niemand mehr dort. Hohes Gras wuchs auf den Gräbern, nur hier und da pflegte noch eine liebe Hand ein Grab. Hohe Bäume gaben Schatten, altertümliche Grabsteine erzählten in kurzen Inschriften von denen, die hier schliefen.

Die Nutznießung von diesem Friedhof gehörte dem Pfarrer. Heuer lag das Heu in Schwaden und duftete lieblich. Die Pfarrmagd ging mit dem Rechen umher und lockerte das Heu und trug es zu Haufen zusammen. Melitta war durch das Knistern des Heues aus ihren Träumen erweckt und sah nun von ihrem Versteck aus zu, wie das flinke Mädchen zwischen Gräbern und Kreuzen umherschritt, nicht gerade sorgsam das Betreten der Gräber vermeidend und leise vor sich hinsingend, eine lebensfrohe Weise, ein Lied von Lust und Liebe, als ob nicht Tod und Moder unter Gras und Blumen läge.

»Trine,« rief eine Männerstimme, »schone die Grabstätten, mache doch lieber einen Umweg, ich gönne dir soviel Zeit als du brauchst!«

Melitta richtete sich empor, um besser sehen zu können. Sie stützte sich auf die Ellbogen und beobachtete den Pfarrer. Er ging von einem Grab zum andern, richtete manchmal eine Frage an Trine, die ein Kind des Orts war, um Aufklärung über Namen zu bekommen, die er von den Grabsteinen ablas. Sie sah, wie er hier einen Rosenstrauch beschnitt, der verwildern wollte, und dort ein morsches Kreuz stützte, und während sie ihm so zusah und bemerkte, daß er in den Jahren, da sie fortgewesen war, männlicher und stattlicher geworden sei, fiel ihr wieder ihre letzte Schulstunde ein, und sie wunderte sich selbst, wie tief sich das alles eingeprägt hatte, jedes Wort und mancherlei Gedankengänge, die sich daran geknüpft hatten in ihrem ferneren Leben.

Der Pfarrer war jetzt vor einer Grabstätte angelangt, die sich vor den andern auszeichnete. Sie war von einem kleinen Eisengitter umgeben, und eine alte Esche beschattete einen Grabstein, auf dem eine bekränzte Leier abgebildet war. Immergrün, das blau blühte, umspann den Hügel.

»Wer pflegt dies Grab, und wer ruht hier? Der Name ist ganz verwaschen.«

»Ach, des Doktors Melitta tut’s. Solang das Fräulein fort war, tat’s die Mamsell Radloff, jetzt kommt sie wieder selbst.«

»Den Namen von dem Schläfer weißt du nicht?«

»Ach, es ist all lang her, daß der starb – ich weiß nit!«

»Wie kommt aber Fräulein Schmerfeld auf den Friedhof? Hat sie einen Schlüssel?«

»Jawoll, einen Schlüssel hat sie, aber sie macht nit den Umweg durch die Stadt, sie klettert immer die Mauer herunter, das war auch schon immer ihr Schulweg, fragen Sie sie nur selber, sie wird’s Ihnen erzählen; hier die Außenmauer herunter, dann über den Friedhof – durch die Lücke in der Hecke – hier die Gasse herunter und –«

Melitta mußte lachen, und da sie nicht die Absicht hatte, sich zu verstecken, Gonnermann sie auch, als er Trines erklärenden Handbewegungen mit den Augen gefolgt war, entdeckt hatte, erhob sie sich, bog den Strauch zur Seite und rief ihrem ehemaligen Lehrer ein freundliches »Guten Tag« zu. »Trine hat ganz recht berichtet, Herr Pfarrer,« sagte sie; »das war wirklich mein Schulweg, und auch heute gehe ich ihn noch manchmal. Ich denke, Sie werden ebenso tolerant wie Pfarrer Radloff sein und es mir erlauben.«

Sie kletterte flink die Mauer herab. Der junge Pfarrer sah zu seinem Staunen, daß aus gelockerten Mauersteinen eine Art Treppe hergestellt war. Eine Birke und eine Eberesche, die dicht nebeneinanderstanden, verdeckten mit ihren alten Stämmen den Schleichweg und gewährten gleichzeitig eine Stütze. Ehe Gonnermann sich von seinem Staunen erholt hatte, stand Melitta neben ihm an dem Grab.

»Jedem, der ein Grab hier pflegen will, gewähre ich freien Eintritt oder vielmehr, der hat das Recht, diese Stätte zu betreten,« sagte Gonnermann höflich ernst. »Wer ruht hier?« fragte er weiter.

»Jakob Graue.«

»Der Mann am Weinspalier, den Pfarrer Radloff mit seinem Leibe und mit Tabakswolken deckte«, dachte Michael Gonnermann, aber er sagte nichts, sondern nickte nur.

»Sie entsinnen sich,« fuhr Melitta ein wenig befangen fort, »ich erzählte Ihnen davon in meiner letzten Schulstunde.«

»Ah – Sie entsinnen sich noch?«

»Ich dachte oft daran,« erwiderte Melitta, ihn offen ansehend, »Sie ließen mich damals nicht ganz ausreden, Sie sagten ziemlich böse: ›Setze dich!‹«

Gonnermann fragte, immer noch nicht ganz Herr der Situation:

»Was wollten Sie mir damals noch sagen? Ja, was hätten Sie mir eigentlich noch dagegen sagen können, wenn ich Ihnen dies alte, unumstößliche Grundgesetz der Moral vorhielt?«

Während er sprach, war er ganz ernst und streng geworden. Aber das Mädchen schlug die Augen nicht furchtsam nieder, sondern nickte ihm zu, als ob sie ihm vollkommen recht gäbe. »Ja, ich habe gar nichts dagegen zu sagen, auch nichts dagegen sagen wollen. Daß ein Mann größer ist, wenn er bis zum letzten Atemzug für sein Werk einsteht – ich hätt’ mich weder im Bettstroh verkrochen, noch hätt’ ich mich an ein Weinspalier gehängt, ich wär’ kühn drauf los –«

»Aber ich hätt’ meine Freunde auch nicht verraten.«

»Lieber Herr Pfarrer, das Leben ist so sonderbar! Manchmal denk’ ich, es ist alles sehr leicht und einfach, – aber es ist genau so wie mit einer Landschaft und wie mit den Bergen darin, die man ersteigen will. Immer sind da Bäche, die man überbrücken muß, Gräben, Schluchten und Felsen, die man umgehen muß, sagte Pfarrer Radloff . . .«

Gonnermann sah vor sich nieder, ein kleiner Käfer kroch an einer Grasrispe empor, und wenn er fast oben war, schwankte das Ding, und er flog mit ärgerlichem Surren herab, und Ameisen trugen auf Kreuz- und Querwegen ihre Puppen in Sicherheit, und wenn der Wind wehte, dann bog sich alles, denn es hatte keine Lust, vor der Zeit zu brechen.

Er sah das alles und hörte auch die altklugen Worte aus einem Mädchenmund, der ihm lieblich erschien, so sehr er sich dagegen sträubte. Als er immer noch stumm blieb, redete Melitta eifrig weiter. So eifrig, wie eben nur ein junges Mädchen reden kann, die einen über alles geliebten Lehrer verteidigen möchte und noch ein anderes, ihr selbst nicht klares Gefühl im Herzen hat, – ein unbezwingliches Sehnen nach Verständigung.

»Glauben Sie nicht, daß Jakob Graue feig gewesen wäre! O nein, ich kannte ihn noch als alten Mann in weißen Locken, er hat immer seinen Mann gestanden, und ihm lag die Pflicht auf, für eine alte Mutter und eine taube Schwester zu sorgen, und auch im Krieg hat er sich bewährt! Und mein Vater sagt immer, es gibt noch heut die Pilatusfrage: ›Was ist Wahrheit?‹ Darum begnüge sich der Mensch damit, zu lieben und barmherzig zu sein!«

Nun sah der junge Pfarrer lächelnd auf und sagte gutmütig und mit leichter Überlegenheit: »Ich muß Ihnen für das Privatissimum dankbar sein, Fräulein Schmerfeld, aber Sie sind ein beredter Anwalt und schweifen vom Thema ab – nach Frauenart.«

Trine trat jetzt zu den beiden und verkündete, daß sie fertig sei und heimkehren werde.

»Auch ich muß gehen,« erklärte Melitta, »meine Hausfrauenpflichten rufen.«

Gonnermann zog seinen Hut und reichte ihr die Hand zum Abschied; sehr höflich, aber etwas gehalten.

»Sie sind mir böse?« fragte das lose Mädchen.

»Ich war Ihnen nie böse, Fräulein Melitta, es schmerzt nur, wenn man sich nicht begreiflich machen kann.«

Melitta kletterte ihre Mauertreppe hinauf, und Michael stand noch eine Weile am Grabe Jakob Graues. Der kleine Käfer hatte seine Rispe trotz aller Mühe nicht erklimmen können, so breitete er seine braungoldigen Flügelchen aus und flog mit großem Gesurre davon. Auch der Pfarrer ging heim. Irgend eine Stimme in seinem Innern wollte behaupten, daß es Dinge gäbe, die man Streiten um Kaisers Bart nennt.



Siebentes Kapitel.

An diesem Abend stand Gonnermann am Fenster seiner Studierstube und schaute hinunter in den mondbeglänzten Garten, der sich da unten ausbreitete. Es war ein Garten ganz nach der alten Mode. Gerade Rabatten mit Blumen, wie sie jede Jahreszeit bot. Sie wuchsen ohne Mühe und boten ihre bunte Pracht zu Sträußen und Girlanden an den Fest- und Trauertagen der Menschen. Ein grüner Rasenplatz hinter der Geißblattlaube lag ganz vom Mondlicht überflossen da. Heute nachmittag hatte er gehört, wie das taube Fräulein Graue, das neben Jette Radloff in der Laube saß, ihrer Freundin in die Ohren schrie: »Sind lang keine Pfarrwindeln hier gebleicht, deine eignen waren die letzten – will denn Gonnermann auch ledig bleiben?« Fräulein Jette hatte die Achseln gezuckt, und Fräulein Graue hatte hierauf mit Stentorstimme eine ganze Reihe heiratsfähiger Töchter aufgezählt. Fräulein Jette hatte immer den Kopf geschüttelt und abgewehrt, worauf jene sagte: »So soll er sich selbst eine suchen!« Ein Lächeln flog bei dieser Erinnerung an das erlauschte Zwiegespräch über sein ernstes Gesicht. Vor kurzer Zeit hätte er dieses Ansinnen weit von sich gewiesen. Heute kam ihm ungewollt der Gedanke an ein Mädchen, das ihm ein Privatissimum gelesen hatte. Wie sie heute neben dem Grab unter der Esche stand, auf ihren rosigen Mädchenlippen die alte Pilatusfrage: »Was ist Wahrheit? . .«

O Michael Gonnermann, du kannst nicht Versteckspielen – gestehe es dem Mond, er ist verschwiegen – da schlug dein Herz einen unruhigen Takt, und fast hättest du dich zu Jette Radloffs Bekenntnis: »Über alledem die Liebe« bekannt!

Er lehnte seine Stirne an das Fensterkreuz und wollte seufzen über die Unzulänglichkeit aller weltlichen Dinge, aber der Seufzer stieg nicht empor, sondern ein wonnesames Frohgefühl entströmte seinem Herzen über die schöne mondbestrahlte Zauberwelt. Und da fiel ihm ein, daß er eine Traurede machen müsse. Da trat er vom Fenster zurück, zündete seine Lampe an, wählte kurzerhand den Text: »Der Herr entsandte seine Jünger zu zwei und zwei«, und siehe, die Gedanken flossen ihm nur so zu, und als er das Datum nach seiner Gewohnheit unter das Amen am Schluß setzte, war es der 7. Juni, und zu ihm herauf durch das offene Fenster dufteten die Rosen und der Jasmin.



Achtes Kapitel.

Als Fräulein Jette Radloff am andern Tag neben Melitta unter dem Lindenbaum vor Doktor Schmerfelds Haus saß, bekannte diese: »Tante Jette, wenn ich katholisch wäre, so würde ich in ein Kloster gehen, das weiß ich bestimmt und genau.«

»Wieso?« fragte Jette Radloff.

»Nun werde ich es wie du machen und ledig bleiben, und später einem jungen Pfarrer den Hausstand führen.«

»Ach so«, machte Jette Radloff.

»Denn es wäre mir interessant, mich von einem gelehrten Mann bilden und unterweisen zu lassen.«

Nun sah Jette Radloff auf und bemerkte den Schalk in Melittas Augenwinkeln. Als Jette Radloff drohend den Finger hob, rief Melitta ernst: »Nein, wirklich, Tante Jette, ich bleibe ledig wie du!«

»Davor bewahre dich ein gütiges Geschick.«

»Wieso?« sagte nun Melitta.

»Meinst du, ich wäre freiwillig ledig geblieben? Ich habe lange Jahre gebraucht, um die Welt heiteren Blickes anzusehen – es war nicht mein Wille, einsam zu sterben –, der, den ich liebte und dessen Weib ich werden wollte, starb – jung, in der Blüte seiner Jahre.«

»Das ist nicht auszudenken, wie entsetzlich das sein muß!« rief Melitta.

Da legte das alte Fräulein ihre runzlige Hand auf Melittas Scheitel und sagte: »Daß Scheiden unser Los, wissen wir alle, liebes Kind; es ist gut, daß es uns nicht immer vor Augen steht und vollkommen in unser Bewußtsein eingeht. Nur wenig ganz Starke könnten bei voller Klarheit froh sein. Daß Wiedersehen unsre Hoffnung ist, verstehen und erfahren innerlich noch wenigere. Doch warum zagen und trüb sein, kleine Melitta, du selbst weißt, daß Rosen auf den Gräbern blühen – also zage nicht. Reden wir von dir, mein Kind.«

»Nein, Tante Jettchen, erzähle mir von dir, wenn’s dich nicht schmerzt.«

»Er zog fröhlich aus an einem Sommertag, am Abend trugen sie ihn tot heim, – er war ertrunken, als er ein Kind retten wollte. Das sind überwundene Dinge, sie gehören der Vergangenheit an; komm, laß uns von der Gegenwart und der Zukunft reden!«

Melitta war stiller geworden, sie hätte am liebsten eine Flut von Liebe und Zärtlichkeit auf die Alte ausströmen lassen, doch sie drängte ihre stürmischen Gefühle zurück und faßte nur Jettes Hand, hielt sie liebkosend an ihre Wange und küßte sie:

Die Alte sagte: »Erst denkt man, so etwas ist nicht zu überwinden, und nachher sieht man mit Staunen, daß das Leben sein Recht fordert und daß man sich beugt. Und dann entsteht im Innern eine neue Welt, und ich glaube, diese innere Welt ist ein Spiegelbild der Ewigkeit. Man soll nicht mit jedermann davon reden . . .«

Dann stand sie auf; elastisch und liebenswürdig wie immer ging sie Melittas Vater entgegen, der im bequemen Hausrock aus dem Haus kam und seiner alten Freundin die Hände entgegenstreckte. Doktor Schmerfeld setzte sich zu den beiden unter der Linde, und nachdem er allerlei von seinen Patienten erzählt hatte, sagte er:

»Da hatte ich fast etwas vergessen – der Elias Küllmer hat eins seiner krummen Beine gebrochen – beim Läuten, er fiel die letzten Treppenstufen herunter. Es ist ja dein alter Freund, Melitta; machtest du nicht gemeinsam mit ihm Front gegen den Pfarrer, als er die Normalzeit einführen wollte? Das ist nämlich sein größter Kummer, daß jetzt der Pfarrer Oberwasser bekommt, weil er krank liegt und nicht läuten kann! – › Er wird die Sonne beleidigen‹ rief er ganz außer sich, › und sich nach der neumodischen Zeit richten, die nichts taugt.‹ Ich soll dich fragen, ob du nicht läuten willst, um elf, wenn der Kringel auf dem Liet erscheint, und um sechs, wenn die Sonne am Rathausturm vorbeischeint! – Sag mal, was hattest du denn für Läutegemeinschaft mit dem armen Kerl?«

Melitta erzählte ihr Erlebnis von damals und bat Jette Radloff, sie möge Gonnermann bitten, daß er die Sonne nicht absetze als Richtschnur für das Läuten.

»Ja, tun Sie das,« bat auch Schmerfeld, »der arme Kerl liegt so schon im Fieber!«

»Komme mit, Melitta, und bitte ihn selbst darum,« schlug Jette Radloff vor.

Aber Melitta schüttelte den Kopf. Es waren Wolken über den Himmel ihrer Seele gezogen. Sie war seit gestern eine andre geworden, und das Leben hatte ein ganz andres Gesicht für sie erhalten. Früher nahm sie gedankenlos und gefügig hin, was liebe Autoritäten ihr sagten. Kam ein andrer mit andern Anschauungen, so wies sie diese von sich, voll inniger Pietät an den Grundsätzen hängend, die sie überkommen hatte. Sie trug noch nichts Eigenes in ihrer Seele Schatzkammer – nur ein großes Sehnen saß darin, das beherrschte alles. Sie fühlte sich verwandt mit allem, was blühte, wuchs und sang, und ihre wachsende Kraft äußerte sich in frohem Übermut. Aber nun kam das Unbegreifliche, ewig Rätselhafte auch ihr so nahe.

Kann man verlieren, was man liebt? Gibt es eine Zeit, wo Entsagung und Verzicht auch von ihr verlangt werden wird? Sie schmiegte sich an ihren Vater, legte ihr heißes Köpfchen auf seine Schulter und sagte mit einem tiefen Seufzer: »Ach, ich bin so entsetzlich unglücklich – mein Herz tut mir so weh – so weh.« Nur mit Mühe schluckte sie die Tränen herunter.

»Nanu?« sagte Doktor Schmerfeld, »Kind, du wirst am Ende hier bei uns Alten sentimental? Hast am Ende nicht genug Arbeit? Ich werde dich wirklich manchmal mit auf die Praxis nehmen müssen, damit du lernst, was Unglücklichsein und Herzweh für Dinge sind?«

»Ich habe ihr von der Vergangenheit erzählt«, begütigte Jette.

»Kann ich mir denken, – aber ich wünschte, daß diese Dinge eine andere Wirkung bei meinem Mädel hätten. Holla – aufrecht, mein Fräulein! Haben wir ganz vergessen, daß Gott die Tage aus Nacht und Morgen zusammensetzte?«

Melitta lächelte schon wieder und ergriff mit Feuereifer den Vorschlag ihres Vaters. »Ja, ich will mit zu deinen Kranken – ich muß mich mehr betätigen, ich bin doch kein Kind mehr!«

Schmerfeld lachte. »Betätige dich, betätige dich, mach deine Augen auf, es gibt allenthalben Arbeit für dich! Du kannst zum Beispiel gleich jetzt zu Elias Küllmer gehen und ihm Obst bringen, ich denke mir, Küster Hellers Frau hat wenig Zeit, sich mit seiner Pflege zu quälen.«

Während Melitta Obst aus der Speisekammer holte, rüstete sich Jette zum Aufbruch. Schmerfeld sah hinter Melitta her, bis ihre schlanke Gestalt im Haus verschwunden war, und wiegte gedankenvoll sein Haupt: »Liebste Jette, da in diesem kleinen Hirn gärt’s alleweil – helfen Sie mir, daß ein reiner Wein entsteht.«

Jette reichte dem Jugendfreund die Hand: »Keine Angst, Schmerfeld! Sie haben schon selbst das Rechte getroffen! Mitleid wecken, mit mitleidigen Augen sehen lernen, dann lösen sich alle Rätsel von selbst.«



Neuntes Kapitel.

Elias lag auf dem alten blau und rot gewürfelten Kanapee unten in der Wohnstube. Er konnte von hier aus gerade in die Vorhalle sehen, die vor der großen Kirchtür lag, denn das Sofa stand mit dem Kopfende vor einem der vielen kleinen Schiebfenster des Küsterhauses. Frau Heller hatte ihn hier der Bequemlichkeit wegen hingebettet. Für gewöhnlich schlief Elias in der Dachkammer. Die steile Stiege hinaufzuklettern wäre für Frau Sophie ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Sie war ebenso wie ihr Gatte ganz außerordentlich wohlbeleibt. Sie seufzte, wenn sie ihr Bild in der grünen Glaskugel des Küstergärtchens betrachtete, immer tief auf. Selbst wenn sie das davon abstrich, was der Rundung des Glases zu verdanken war, so blieb noch genug. »Mein Gott,« sagte sie dann zu ihrem Gatten, der auf der grünen Bank an der Hauswand unter einem Bogen von blaublühender Aristolochia saß und sich, die breiten weißen Hände auf die Knie gestützt, von der Arbeit des Blumenbegießens ausruhte, »mein Gott, ich war mit achtzehn Jahren so schlank wie eine Birke im Mondschein, genau so schlank wie Radloffs Jettchen! Und was ist aus mir geworden! Wenn ich wüßte, wieso und wovon!«

»Welche Frage,« sagte Küster Heller langsam und würdevoll, jede Silbe deutlich betonend, »du lebst in geordneten Umständen, getragen von einer gewissen geistlichen Würde, die allen feindlichen Einflüssen den Eingang verwehren und einen sozusagen geheiligten Lebenswandel nach sich ziehen!«

»Wenn das Dicksein mit der Heiligkeit zusammenhängt, so danke ich dafür!«

»Lästere nicht, Sophie! Lästere nicht! Meine Mutter selig war dick und gut, von Herzen gut, und mein Vater gab mir den Rat: ›Hüte dich vor dürren Weibern, sie kommen einer ungeschmalzten Suppe gleich, und das Zetern gehört zu ihren täglichen Geschäften.‹ Denk’ auch daran, Sophie, du hast all dein Lebtag gute Tage gehabt und wenig Gemütsechauffements!«

»Aber nun das Unglück mit dem Jungen!«

»Käme nur das Läuten in Frage, denn das Bein heilt wieder an, aber ich bin allweil schlimm daran mit meinem Läuten – von wegen meinem Schwindel, der mich ergreift, wenn ich nur von unten den Turm ansehe!«

Elias, der vom Fenster aus neidisch zusah, wie die Schulkinder in der Vorhalle »Murmeln« spielten, da sich die Fußspuren frommer Kirchgänger besonders gut zum Aufhalten der Kugeln eigneten, hatte jetzt bemerkt, wie Fräulein Melitta Schmerfeld über den Kirchplatz kam. Leichtfüßig übersprang sie den Bach, der ihn durchfloß, und Elias bemerkte voll Freude, daß sie nicht nur auf das Haus seines Onkels zusteuerte, sondern daß sie auch ein Körbchen am Arm trug. O, er kannte seine alte Freundin, sie würde ihn sicherlich besuchen und dafür sorgen, daß ihm niemand sein Läuten verpfuschte!

Nun stand sie an seinem Schmerzenslager, und Onkel und Tante Heller saßen wehklagend daneben, und Melitta tröstete und packte ihre eingesottenen Früchte aus und legte dem Elias einige von den roten Prinzenäpfeln, die sich so lange hielten, bis es wieder frische in jedem Herbst gab, auf die Bettdecke.

Fast freute sich Elias, daß er sein Bein gebrochen hatte. Noch niemals war er so der Mittelpunkt seines kleinen Kreises gewesen!

Ja, wer soll heute abend um sechs Uhr läuten? Das war Küster Hellers Seufzen. Für morgen findet sich schon eine Vertretung. Elias meinte mit breitem Grinsen: »Onkel Gottlieb, habt keine Sorge, Fräulein Littachen kann die dreimal drei Schläge fürs Abendgebet läuten, ich weiß es, – gelle, Fräulein Littachen, Sie tun’s?«

Sein altes, verwelktes Gesicht rührte Melitta. Sie sah die roten Flecke auf seinen breiten Backen. Sein dicker Kopf sank ganz matt in die Kissen.

»Es sind zwar zwei Jahre her, seit ich den Strang zog« – sie wurde ganz rot bei der Erinnerung –, »aber ich wag’s, Lias, schlaf nur ruhig ein, und morgen läutet der Vertreter, so wie’s die Sonne anzeigt, nicht nach der Normalzeit, ich sorg’ dafür!«

Elias Küllmer drückte die Hand seiner Freundin und schloß müde die Augen. Gottlieb Heller trocknete sich verlegen den Angstschweiß ab: »Das geht doch nicht, verehrtes Fräulein Melitta, es ist gegen alle Reputation, wenn ich so etwas annehme; ach, es ist so schlimm, einen Menschen zu finden, alle sind noch auf dem Feld, die Taglöhnersleute!«

Auch Frau Heller machte Einwände und redete auf ihren Mann ein, er solle seine Schwindelfurcht überwinden. Schließlich schlug Melitta vor, er solle die Schlüssel nehmen und einige Treppen bis zum ersten Absatz mitgehen, sich dort hinsetzen, sie wollte hinaufspringen und, wenn die Sonne am Rathausturme zur Luke hineinscheine, die Betglocke läuten. »Kein Mensch merkt’s, Herr Heller, und mir macht’s Freude!«

Heller holte seufzend den Bund Schlüssel, und dann wanderten sie über den Platz. Heller ging nur wenige Stufen mit, dann flog Melitta leichtfüßig die steile Wendeltreppe hinauf. Sie kam zu früh oben an. Die Sonne war noch nicht mit ihren Strahlen da, wo sie sein sollte, wenn die Glocke erklang. Wieder setzte sich Melitta auf den Querbalken und sah hinab auf die im Abendsonnenschein erstrahlenden Dächer ihrer kleinen Heimatstadt. Wie schön war die Welt! Ein Habicht flog langsam durch die blaue Luft, und eine Schar kleiner Vögel umringte ihn wie neckend und spielend. Ein Summen und Singen lag in der Luft, manchmal streifte eine Schwalbe fast ihr Haar. Sie war so ganz allein hier oben und doch so von dem Bewußtsein umfangen, daß sie in diese liebe Welt da zu ihren Füßen hineingehöre, dort wurzle. Sie sah die Schornsteine mit ihren kleinen Rauchsäulen und sah die Schiffe auf dem Fluß und hörte den schrillen Pfiff der Eisenbahnzüge, – aber sie sehnte sich nicht fort aus diesem Weltwinkel.

Jetzt stand sie auf – sie sah nach ihrer kleinen Uhr – und dann nach dem Sonnenstrahl. »Himmel, wie lang eine Minute ist, und wieviel Zeit die Sonne auf ihrer Wanderung braucht!«

Da! Nun, wirklich da glänzte die kleine Dachluke mit ihren runden Glasfensterchen ganz goldig, und Melitta griff zum Glockenseil. Sie hatte Kraft in ihren jungen Armen. »Das walte Gott Vater«, sagte sie laut und erschrak vor ihrer eignen Stimme, die sich in den Ton des Geläutes mischte. Nun hielt sie einige Sekunden an, da hörte sie Tritte auf der Turmtreppe. Ob Gottlieb Heller die Geduld verloren hatte und trotz seiner zweihundert Pfund Leibesgewicht doch heraufkam? Sie drehte sich seitwärts – nein, es war nicht Gottlieb Heller, der trug keinen weichen schwarzen Filz.

Sie zog tapfer »Das walte Gott Sohn.« Aber sie war abwechselnd rot und blaß dabei. Als sie damit zu Ende war und aufblickte, stand der Besitzer des weichen Schlapphutes vor ihr. Sie sah in das Gesicht Michael Gonnermanns, und sie konnte sich das Zucken, das darüberging, nicht deuten; sie sagte: »O, wie bin ich erschrocken!«

»Können Sie nicht allein zu Ende läuten? Ich werde Ihnen helfen, Fräulein Melitta.«

Sie nickte, und diesmal verstrichen nicht ganz die vorgeschriebenen Sekunden, als drei Schläge ertönten zum Schluß des Abendgeläutes. Melitta sprach das »Walte Gott heiliger Geist« nicht. Michael Gonnermann sagte es allein.

Die Befangenheit bei Melitta währte nicht lange. Schon während sie gemeinsam am gleichen Strange zogen, war ihr der alte Mut wiedergekommen. Als sie jetzt den Strang fahren ließ und, zurücktretend, sich an die Turmwand lehnte, sagte sie:

»Wie kommen Sie nun gerade heute auf den Turm? Ich hoffe, Sie erfüllen meine Bitte und erlauben, daß, solang’ der arme Elias krank liegt, auch sein Vertreter sich nach der Sonne richtet?«

»Ich werde natürlich auf seine Schwachheit Rücksicht nehmen – Sie erlebten es ja schon, Fräulein Melitta, daß ich mit Ihnen an einem Strange zog!«

Melittas Gesicht übergoß eine helle Röte. »O, darauf kommt es nicht an, darauf gewiß nicht! Ich denke, hier gilt es nur einem armen Jungen etwas zuliebe tun. Und überhaupt,« fuhr sie kühner fort, »diese Normalzeit, die find’ ich ganz schrecklich, Herr Gonnermann!«

»Das glaub’ ich, ein so romantisches Mädchen wie Fräulein Melitta, das noch dazu die Vogelperspektive liebt!«

»Ah, Sie spotten!« Wirklich, in Melittas Augen stand eine Zornesträne. Was fiel diesem Manne ein! Sie war nicht seine Schülerin und kein Kind mehr, wie damals, als er zu ihr sagen durfte: »Setze dich.« Sie richtete sich stolz auf und sagte: »Jeder nach seiner Weise, Herr Gonnermann«, und schon im Begriff, wie damals vor zwei Jahren, die Turmtreppe hinunterzueilen, wandte sie sich noch einmal um und sagte mit einer altklugen Wichtigkeit, die ihr allerliebst stand:

»Übrigens, nirgends in dieser schönen Welt da unten und hier oben« – sie zeigte, mit ihrer kleinen Hand einen Bogen beschreibend, nach der Landschaft zu ihren Füßen und nach dem Himmel, an dem sich Gewitterwolken ballten – »herrscht eine schnurgerade Linie; der Fluß macht viele Bogen, eben darum wird das Bild so reizvoll, und dort die Landstraße umgeht viele Hügel und Berge, selbst die Blitze fahren im Zickzack, und alles kommt ans Ziel. Nur Sie nicht, Herr Gonnermann; ›es kommt wirklich nichts Gutes dabei heraus, wenn man ein gestreiftes Weltbild anfertigt,‹ sagte Pfarrer Radloff, ›dieweil die Erde rund ist‹.«

Sie hatte sich ganz in Eifer und Zorn geredet und wurde immer ärgerlicher, je mehr sich Michael Gonnermanns Züge aufhellten.

»Ich danke Ihnen für dies zweite Privatissimum, Fräulein Schmerfeld, – ich denke, wir steigen jetzt gemeinsam von unserer hohen Warte herab und fragen Elias Küllmer, ob er mit unserer Tätigkeit zufrieden war, und bemühen uns um einen Stellvertreter für ihn; mir scheint, Küster Heller kommt vor lauter Seufzen nicht dazu.«

Sie zog die Mundwinkel verächtlich herunter. Er nahm sie nicht einmal ernst! Sie wollte ihn stehen lassen und davonlaufen, mochte er denken, was er wollte, und tun, was er für gut hielt – was ging sie das im Grunde genommen an! Ehe sie ihren Gedanken ausführen konnte, sagte er:

»Bitte, Fräulein Melitta, lassen Sie mich vorausgehen, damit ich Ihnen an schwierigen Stellen die Hand reichen kann. Es ist mittlerweile dämmerig geworden, und Elias brach auch auf dieser bösen Wendeltreppe das Bein, wie Sie wissen.«

Am liebsten wäre Melitta dennoch vorausgestürmt, aber sie war eine wohlerzogene junge Dame in diesen zwei Jahren geworden und konnte sich beherrschen. Darum ließ sie den Pfarrer vorausgehen. Es war wirklich schon ganz dunkel auf der engen Treppe, zu den offenen Turmluken huschte nur spärlich das rötliche Licht der scheidenden Sonne herein. Sie ging langsam hinter dem Vorherschreitenden her, er war ihr immer zwei Stufen voraus, und obgleich sie mit gesenkten Augen folgte, fühlte sie doch seine Blicke, die sorglich und ernst auf ihr ruhten. Sie kannte diese alten ausgetretenen Steinstufen gut genug, sie brauchte keine stützende Hand! Nur einmal, als sie ganz unten angekommen waren, da, wo die Treppe ihre letzte Biegung macht, strauchelte sie ein wenig, weil ein schräger Sonnenstrahl, der zum Fenster hereinflog, ihre Augen blendete. Er faßte nach ihrer Hand und fühlte, als sie ihre kleine Hand etwas widerstrebend in die seine legte, daß sie fest und kühl war und trotz aller Festigkeit einen weichen Griff hatte.

Als Gonnermann, Melitta noch an der Hand haltend, hinaus auf den Kirchhof trat, blendete ihn das Licht der scheidenden Sonne, obgleich es von dem grünen Blätterdach der alten Linden gemildert war. Es mußte wohl so sein, denn er hielt einen Augenblick die Hand vor die Augen. Melitta aber blinzelte, als ob ihr ein Sandkorn ins Auge geflogen wäre. Gottlieb Heller lehnte ganz marode an der Kirchmauer und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, und Frau Heller kam in ihrem braunen Umschlagtuch hustend vor Wichtigkeit aus der Stadt und erzählte, daß der lange Riemenschneider von morgen an läuten werde, bis Elias gesund sei – nach der Normalzeit – sicherlich! »Und wenn der Aas wieder gesund ist, so werden sie ihn daran gewöhnen, nur – er hat einen so furchtbaren Dickkopf, Herr Pfarrer, Sie wissen ja! Er ist ein Narr, leider; was fängt man mit ihm an! Er glaubt nun mal daran, daß die Sonn’ der beste Wegweiser sei. –«

So klagte Frau Sophie und lehnte sich dann ebenfalls ganz außer sich neben ihren Gottlieb an die Kirchwand. Gonnermann sah Melitta an, und während ein sehr glückliches Lächeln über sein Gesicht flog, sagte er zu den alten Küstersleuten:

»Wohl dem, der an die Sonne als Wegweiser glaubt, – ich habe eingesehen, daß man am besten fährt, wenn man es wie der Fluß und die Landstraße macht und wie manche andere Leute außerdem auch noch – und wie der Blitz, – die alle Umwege nehmen, um ans Ziel zu gelangen.« Diese letzten Worte sagte er halblaut zu Melitta.

Diese zuckte die Achseln dazu. Aber das stand im Widerspruch mit ihrem sonstigen Mienenspiel, das einen gelinden Triumph verriet. – »Ich werde es dem Elias selbst sagen, Herr Heller,« fuhr Gonnermann fort.

»Elias verlangt so nach dem Fräulein,« warf Gottlieb Heller ein, »denn er ängstigte sich, weil er doch den Herrn Pfarrer auch auf den Turm steigen sah – und sie doch für ihn läutete!«

»Vielleicht begleitet mich Fräulein Schmerfeld zu ihrem Freund und erklärt ihm, daß sie auch mir zum Glauben an die Sonne verholfen hat?«

Melitta ging mit. Diesmal ging sie voran. Elias lag mit heißem Kopf und großen, angstvollen Augen im Bett. Als er Melitta und den Pfarrer gemeinsam hereintreten sah, konnte er vor Aufregung nur die Worte stammeln: »Herr Pfarrer, tun Sie der Melitta nichts – ich war der Anstifter!«

»Guter Junge,« lachte Gonnermann, »wo denkst du hin? Wie werde ich deiner Freundin etwas anhaben! Der Riemenschneider und du, wenn dein Bein heil ist, ihr könnt euch ruhig nach der Sonne richten, wenn ihr die Betglocke läutet!«

»Gut,« sagte Elias, der gar nicht so »dählsch« war, wie alle Welt meinte, »sagen Sie doch dem Bürgermeister, daß er die Rathausuhr nach der Normalzeit stellt – danach können sich dann die Leut’ richten, die Arbeiter oder die verreisen müssen – die Betglocke richtet sich nach der Sonn’.«

»Da hätten wir ein Kompromiß,« meinte Gonnermann, »Fräulein Jette wird mit mir zufrieden sein.«

Nicht nur die war zufrieden, auch Elias und die Küstersleute. Ja, sie begeisterten sich sogar für ihn und meinten, heute hätten sie ihn erst von der rechten Seite kennen gelernt.

»Wenn nicht die Melitta an allem schuld hat.«


* * *


Jette Radloff saß am gedeckten Abendbrottisch und wartete auf den Pfarrer. Sie hatte ihm Melittas Bitte vorgetragen, und da war er zu ihrer Genugtuung sofort aufgestanden von seinem Schreibtisch, um sich der Sache selbst anzunehmen. Sein langes Ausbleiben konnte sie sich nicht erklären. Die Glocke hatte doch schon lange geläutet.

Endlich kam er – und nicht einmal allein. Melitta ging neben ihm, und dem alten Mädchen kamen wehmütig frohe Gedanken geflogen, als die beiden den Gartenweg heraufschritten. Ziemlich dicht nebeneinander, denn der Weg war nicht allzu breit.

»Ich bringe Ihnen einen Gast, Fräulein Jette, lassen Sie sich von Fräulein Schmerfeld erzählen, wie ich ›schwächlichen Vermittlungen‹ zum Opfer fiel.«

Melittas sonst so lustiges Wesen war heute von einer seltsamen Befangenheit niedergehalten. Sie berichtete so kümmerlich, daß Gonnermann schließlich das Wort nehmen mußte. Obgleich er seinen Worten nach der Besiegte war, bemerkte Jette gar nichts von Niedergeschlagenheit an ihm.

»Ich werde«, bemerkte er zum Schluß, »jetzt öfters Fräulein Melitta zu Rate ziehen, wenn ich in meiner Gemeinde Wirkungen erzielen will – ich meine auf friedlichen Wegen, die nicht gerade und doch nicht krumm sind –, ach, was man alles von einer Frau lernen kann!«

»Wundern Sie sich darüber? Melitta ist nach vorzüglichen Prinzipien erzogen und hat einen hellen Verstand!« Fräulein Jette sagte das ein klein wenig spitz. Aber Michael Gonnermann war für alle Spitzen unempfindlich, er hob sein Glas Moselwein hoch und rief: »Die Sonne als Wegweiser!«


* * *


Die Sterne funkelten am Sommerabendhimmel, als Michael Gonnermann mit Melitta Schmerfeld gemeinsam über den Kirchhof ging. Er hatte sie darum gebeten, sie heimbringen zu dürfen, obgleich in den friedlich stillen Straßen dieser kleinen Stadt weder Räuber noch Diebe lauerten. Sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Je länger sie nebeneinander gingen, je ernster wurde des Mannes Gesicht.

»Sind Sie mir böse?« fragte Melitta.

»Ich bin Ihnen nicht böse«, sagte Michael. Dann schwiegen sie wieder. So gelangten sie an die Tür, die zu Doktor Schmerfelds Garten führte.

»Darf ich noch einen Augenblick mit eintreten?« fragte Michael Gonnermann.

Melitta nickte. Gleich am Eingang von dieser Türe ist eine große Jasminlaube; in dieser Laube fragte Michael Melitta, ob sie ihm so gut sei, daß sie imstande wäre, alle die Biegungen und Krümmungen, die der Lebensweg eines Menschen macht, über Höhen, durch Niederungen Hand in Hand mit ihm zu überwinden?

Die Sterne sahen es, daß Melitta Schmerfeld »ja« dazu sagte, und Gonnermann schlang seinen Arm um sie und trat mit ihr noch an diesem Abend vor den alten Schmerfeld. Sie sind sehr glücklich geworden, Michael und Melitta. Sie hatten sich dahin geeinigt: »Wahrheit in Liebe.«