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Otto Erich Hartleben – Diogenes

Szenen einer Komödie in Versen (Fragment)

S. Fischer Verlag, Berlin, 1905


Vornotiz

Der Gedanke zu dieser Diogenes-Dichtung geht auf das Jahr 1896 zurück. Was Hartleben ausgeführt hat, ist, wie er auf einem seiner Konzeptblätter selbst bemerkt: eine freie Bearbeitung der gleichnamigen Komödie von Felix Pyat, die 1846 in Paris erschienen war und, deutsch übersetzt von August Diezmann, Leipzig 1846.

Szene 1 wurde am 15. September 1896 fertig; Szene 2 am 13. November. Beide erschienen dann im Pan, II. Jahrg., Heft 3, Dezember 1896.

In die gleiche Zeit fällt auch die Ausführung der Szenen 3, 4, 5, die bisher aber nicht gedruckt wurden.

Zwei Jahre später, im Oktober 1898, nahm Hartleben den Plan wieder auf und schrieb Szene 1 zu der nachstehend gedruckten Fassung um mit allerlei kleinen frisierenden Korrekturen und Erweiterungen.

Leider blieb das Ganze abermals liegen.

Die vorhandenen Fragmente geben trotzdem jedoch ein klares Bild dessen, was Hartleben gewollt, und lassen es nur schmerzlich bedauern, daß die Dichtung unvollendet blieb.

Mai 1905

Cäsar Flaischlen






PROLOG

Auf dem Holzweg sind wir alle, wie wir auf den Brettern wandeln,
doch verächtlich sind nur jene, die darauf mit Waren handeln,
die um ihr Geschäft zu machen, wie der krummste Wucherjude
unserer Kunst geweihte Hallen wandelten zur Schacherbude.
Ach, das Lotterbett der Milde ist ein zu bequemes Möbel,
doch die Milde wird zum Laster, willst du mild sein mit dem Pöbel
Gern gewahr ich frohe Wunder, denn ich bin ein starker Glauber –
darum gar so unversöhnlich haß ich jeden faulen Zauber






PERSONEN

DIOGENES

ASPASIA

LAIS

ALKIBIADES

NIKIAS

ALKAMENES

EURIPIDES

PROTEUS, Sklave

DAPHNE, Sklavin

KAKOS

HYPERBOLOS

KYNEGIROS, Bettler

KLINIAS, Vater des Alkibiades

Ein Herold

Volk






SCHAUPLATZ

Erste Szene:

Festgemach der Aspasia.

Zweite Szene:

Öffentlicher Platz in Athen.

Dritte Szene:

Zimmer der Aspasia.

Vierte Szene:

Öffentlicher Platz in Athen.

Fünfte Szene:

Markt in Athen.

*

Anhang:

Einzelne Bruchstücke.




ERSTE SZENE

Festgemach der Aspasia






Festgemach der Aspasia.

Aspasia und Lais. Alkibiades, mit Rosen bekränzt, Nikios, Alkamenes und Euripides, alle mit Epheukränzen geschmückt, liegen an der Tafel. Sklaven, Sklavinnen und musizierende Tänzerinnen.
Beim Aufgeben des Vorhangs leise, müde Harfenmusik.



PROTEUS

tritt von rechts ein und meldet der Aspasia:

Der Tag, o Herrin, steht vor deiner Tür.



ASPASIA

fährt aus ihrem vor sich hin Träumen auf:

Ich mag ihn nicht – ich mag ihn nicht empfangen – schick ihn fort! –

und schließt die Läden, schließt die Tür undFenster!

für solche Leute bin ich nicht zu Hause,

nicht für die Sonne – nicht für die Verräter –
Aspasia will die Nacht und nur die Nacht,
darin die Sehnsucht auszuruhn vermag.
Weckt alle Lichter! Schüret jede Flamme!
Unheilig ist des Tages roher Schein –
wir wollen diese Nacht an jene knüpfen,
an jene letzte – die uns schmeichelnd lockt.



PROTEUS:

Auf deiner Schwelle, Herrin, sitzt die Not –
ein Bettler, der vor Hunger sterben will.



LAIS:

Hei, was du sagst! Kann man vor Hunger sterben?



ASPASIA:

Jag ihn davon! Er soll sich selig preisen! –
Man stirbt ja nur an Übersättigung,
an langer Weile – keine andre Not
kennen wir Glücklichen – wir Allerärmsten.
Beneidenswert ist dieses arme Volk,
das so voll Wunsch und Gier den Tag durchlebt!



PROTEUS

geht auf einen Wink der Aspasia ab.



ASPASIA

zu ihren Gästen:

Ihr aber – blind umdrängt von jeglichem Genuß,

von allem, was am Leben reizt, umworben –

Ihr seid nicht hungrig mehr – Ihr seid gesättigt.

Sie springt auf

Auf!

Spielt, tanzt und singt und füllt aufs neu die Schalen –

Kurz ist das Leben nur – seis denn voll Lust!

Die Harfen erklingen, die Sklaven rühren sich.

Pause. Tanz.

Aspasia kommt einige Schritte nach vorn rechts und

Überschaut die Szene.

Ha, ha! Bleich liegen sie da und stumm und müde …
Beim Zeus: ich furchte mich vor euch! Vor eurem Gähnen!
Ihr schreckt mich – starrend mit des Lebens Larven nur –
was ist euch? Sagts! Was habt ihr? Seid ihr tot?



ALKIBIADES

erhebt sich:

Wenn ich von mir für andre reden darf,
so zwingt uns wohl ein wundersamer Bann,

den du, o Herrin, selbst auf uns gelegt –
ein Bann des Schweigens und des müden Mutes. –
Auch diese Nacht verrann im Festesrausche zwar,
im Haus der Schönheit – aber unberührt
hältst du dich fern von uns – kein warmer Blick
ließ Hoffnung aus erregter Brust erstehn –
und alle sehnen sich umsonst nach deiner Gunst,
mit der du vordem Perikles begnadet hast.



ASPASIA:

Die Liebe ist ein armes blindes Kind –
das kann nicht selber wählen – tastet nur.
Und ist es nicht weit schöner, wenn ich so –
euch allen lieb – doch keinem eigen bin?



ALKIBIADES:

Du treibst dein Spiel mit uns, Aspasia – du gleichst

Penelopen, die Nacht für Nacht den Schleier

der Hoffnungen, den sie gewebt, zerstörte.

Odysseus kehrte wieder – Perikles

betrat die Fahrt in jenes unerforschte Land,

daraus es niemals eine Rückkehr gibt.

Du aber, du gehörst dem Leben – du bist unser,

bist mein – wenn je mich Göttergunst gesegnet hat!

Aspasia! Die Ewigen wollen deine Trauer nicht,

du handelst gottlos, wenn du fröstelnd länger noch
des Lebens Glut und heißen Wünschen dich versagst;
drum wähle! Wähle unter uns den Einzigen!



EURIPIDES:

O drängt sie nicht! Es ist so weich und schön,
im Zwielicht solcher Täuschung hinzuleben,
da jeder alles noch zu hoffen wagt
und keiner noch den andren neidisch haßt.
Das Zwielicht ist die Mutter aller Farben,
es weckt die neuen, eh die alten starben.



NIKIAS:

Nein! Sprich für dich allein – wir andern alle
ersehnen Klarheit! – Sprich, Aspasia, Herrin:
ende die lähmende, die bange Frist,
wähle den Mann, dem du dich liebend schenkst.
Die wir im Kreis der Erde herrschen wollen,
uns ziemt es nicht, zu zögern und zu zaudern.



ALKAMENES:

O sieh – du schaltst uns matt und ohne Wunsch
in allem Lebensreichtum satt und müd –
o sieh – der Bettler auf der Schwelle kann
nicht heftiger begehren und – entbehren,

als wir – wir Hungrigen nach deiner Gunst.
Des Künstlers Sehnsucht ist die edelste:
denn Leidenschaft gehört dem Augenblicke –
doch Schönheit steht der Ewigkeit im Solde.



ASPASIA:

Die Wahl ist schwer – ich bin so reich umringt –



ALKIBIADES:

Blind kannst du wählen! Würdige allein

umgeben dich – die Besten unsrer Stadt.

Ich selbst bin der Geringste unter ihnen:

des zarten Dichters Worte sind mir nicht verliehn,

noch prägte sich kein Herrscherstab in meine Hand

und ewge Schönheit hab ich nicht gebildet –

was ich dir biete ist allein das Herz

der Jugend, das dir heiß entgegenschlägt.

Doch: – schaffendes Gesetz der Zukunft ist

der Jugend Herz–: das blühende Leben biet ich dir –

Rosen des Frühlings wind ich dir ums Haupt!



LAIS

die bisher auf ihrem Lager geruht, bat sieb während der letzten Verse erhoben.



NIKIAS:

Des Reichtums und der Macht gereifte Fülle
soll deiner zarten Füße Teppich bleiben.
Du weißt: in freier Wahl begabte mich
das Volk Athens mit fürstlicher Gewalt –:
ich will sie nützen! Dir, der schönsten Frau,
will ich sie dankbar in die Hände legen.



ASPASIA:

›Des Reichtums und der Macht gereifte Fülle ...‹
wohl gab es Zeiten, da die Macht mich lockte:
ich teilte sie mit ihm – mit Perikles –
das ist vorbei.



ALKAMENES:

Du täuschest dich, Aspasia! Zwar: es kann
der Herrschaft äußeres Gepränge dich
nie mehr befriedigen – feineres Gelüst
drängts dich zu suchen: nicht die plumpe Hand
des Stärkeren willst du gebieten sehn –:
es soll ein Zauber aus dem Eignen wirken,
unwiderstehlich auf das Herz der Menschen –
das ist die Macht, die deine Sinne lockt!



EURIPIDES:

Und mehr denn je ein Weib übst du sie aus!

Wer widerstände diesem stillen Zwange,

durch den du alle deinem Willen beugst –

wo war der Mann im rüstigen Athen,

der deines Wesens Kreisen sich genaht

und deinem Liebreiz sich entzogen hätte –

es lebt kein Mann, der deiner Macht nicht wiche!



LAIS

mit scharfer, klarer Stimme:

Doch! Einen weiß ich, den du nie gewinnst!

Alles wendet sich erstaunt nach Lais, die bisher unbemerkt an der linken Seite der Tafel gelegen bat. Pause.



ASPASIA

liebelnd:

Wen meinst du? Willst du mir den Mann nicht nennen?



LAIS:

Es ist Diogenes – der Cyniker.



ASPASIA

spöttisch:

Ach – wann erfuhrst du seinen Eigensinn?



LAIS:

Sein eigner Sinn ist allen wohl bekannt.



ALKIBIADES:

Genug! Es ist die Stunde der Entscheidung.
Heut oder nie mußt du das Schicksal künden
dem Seligen, dem du dich geben willst.
Nicht früher weichen wir von deiner Schwelle,
bis du ein glückgewährend Wort gesprochen.



ASPASIA:

Das Glück gewähren kann die Liebe nur.



ALKIBIADES:

Ein Blick Verheißung kann es schon gewähren.
Die Wenigen, die das Volk vor andern kennt,
mit Ruhm bedeckt vom strahlenden Athen,
vollzählig siehst du sie als Werber hier.



LAIS,

wie vorhin:

Vollzählig nicht. Es fehlt –



NIKIAS,

heftig:

Wer sollte fehlen?



LAIS:

Diogenes. Er – der Berühmteste.



NIKIAS:

Beim Zeus! Du wiederholst den alten Schimpf!
Wie paßte er, der Hund, der Würdelose
zu uns – in unsren Kreis!



LAIS:

Ich scherze nicht –
noch will ich eure Würdigkeit beschimpfen.
Doch jener ist berühmter noch als ihr:
sein Name ist Gewalt, sein Wort ist Macht,
ob er gleich selber jede Macht verschmäht –
vor allen andern sieht auf ihn das Volk.



NIKIAS:

Das Volk der Gasse mag er unterhalten,
es sieht auf ihn – weil ers zum Hohne reizt.
Er gibt sich selber jedem Spotte preis!
von aller Welt verlacht sein – ist das Ruhm?



LAIS:

In viel verschiednen Farben strahlt der Ruhm.
Den einen krönt er mit gewalztem Golde,
den andern hüllt er in geweihte Lumpen …

Diogenes wirbt nicht um Volkes Gunst,
noch um die Gunst der Mächtigen im Staat –
doch – wollt ich herrschen, wie Aspasia herrscht
um meine Gunst müßt er mir dennoch werben!



ALKIBIADES

streng, zu Lais gewandt:

Nicht über Hunde will Aspasia herrschen –
die Niedrigkeit der Gassen ist ihr fremd.



ASPASIA

nachdenklich:

Viel reden hört ich von Diogenes –

ein fremdes Wesen – eine fremde Welt …

Ist alles wahr, was man von ihm erzählt?



NIKIAS:

Er ist ein Narr und jeder Narrheit freund –
was du auch Tolles je von ihm vernommen,
an seiner Tollheit Grenzen reicht es nicht!



ASPASIA:

Ein Narr – der einen Mächtigen so erregt?
Ein wunderlicher Narr! Erzählt mir mehr!



EURIPIDES:

Man sagt, er schliefe Nachts in einer Tonne
und tränke Wasser aus der hohlen Hand …



ALKAMENES:

Er ist ein Tier und jeder Schönheit feind:
des Lebens wechselnd üppige Gestalt
verschmäht er mit dem bittren Blick des Hasses
und alle Größe wandelt er in Schutt!



ASPASIA:

Ein Tier, das eines Künstlers Ruhe stört?
Ein seltnes Tier …



NIKIAS:

Ein frecher Bettler ist
Diogenes – Verachtung jeder Sitte
ist seine Lehre: nur das rohe Volk,
die Rotte, die der ewge Neid gebar,
horcht seinem Worte!



ALKIBIADES

der Aspasias wachsendes Interesse beobachtet hat, ausbrechend:

Toren, die wir sind!
Je mehr wir ihn zu schmähen uns bemühn –
je heller seh ich deine Augen leuchten!



LAIS

lächelnd:

Er ist ein Narr … ein Tier … ein Bettler – ja!
jedoch ein Bettler – stolz wie ein Archont,
ein Narr – doch frei und keines Menschen Knecht,

ein Tier? – – ich kann die Tiere nicht verachten,

seit ich – wohl zu viel Männer kennen lernte!
Doch jener ist ein Weiser und ein Dichter –
wenn er auch Nachts in einer Tonne schläft
und Wasser trinkt aus seiner hohlen Hand.



ASPASIA

lebhaft:

Ich brenne vor Verlangen ihn zu sehn!



LAIS

schnell:

Das ist sehr schwer!



ALKIBIADES:

Warum so boshaft, Lais?



LAIS:

Warum so neidisch, Alkibiades?

Was gönnt ihr jenem – Ärmsten nicht das Glück,

ein einzig Mal – Aspasia zu zerstreun?



ASPASIA

in Gedanken versunken:

Wärs nicht ein Ziel? War es nicht neu und schön?
Könnt ich aus diesem Tiefverbitterten
ein glücklich Wesen frisch erschaffen – ich?



LAIS:

Das ist unmöglich!



ASPASIA:

Wenn ich wollte?



LAIS:

Nein!
Es ist unmöglich, sag ich dir!



ASPASIA:

Unmöglich –
häßliches Wort!



ALKIBIADES:

Lais, du reizest sie!
Wüßt ich nur, was du willst …



LAIS:

Wenn ichs nur weiß.
Vielleicht erfährst dus noch einmal von mir!



ASPASIA:

Sagt mir: ist er schon alt?



ALKIBIADES:

Ich weiß es nicht.




NIKIAS:

Ich auch nicht.



ASPASIA:

Lais!



LAIS:

In den guten Jahren:
nicht mehr so jung, wie Alkibiades,
doch auch noch nicht so alt – wie Nikias.



ASPASIA

zu einem Sklaven:

Man hole mir Diogenes hierher!

Der Sklave eilt ab.



ALKIBIADES:

Du rufst Diogenes in unsre Mitte?
den plumpen Bettler? – Das ertrag ich nicht.



PROTEUS

eilends von rechts:

Herrin! Ich höre staunend den Befehl,
den dieser Knabe mir gebracht – du willst –



ASPASIA:

Ich will. Geh! Hole mir Diogenes!

Proteus wieder ab. Pause.



NIKIAS:

In einen engen Kreis zwingt die Natur

die Edlen eines Stamms, die miteinander

verflochten sind wie Reiser eines Kranzes …

Aspasia! Ich bitte dich! Was tust du!

Du kannst ihn nicht mit uns wetteifern lassen …



ASPASIA:

Warum nicht? Fürchtet ihr den Nebenbuhler?



ALKAMENES:

O nein. Wir furchten nichts – wir schämen uns.



EURIPIDES:

In deiner Nähe schmerzt uns jeder rohe Ton.



ASPASIA:

Und sei's darum! Ich heiße ihn willkommen!
Zu müde bin ich eurer Schmeichelein,
zu übersättigt von dem Zuckerwerk

der süßen Worte. Ewig nur umringe

von überfeinerten Vergötterungen,

von edlen Reisern eines engen Kranzes,

lechz ich nach derben Worten wie nach Luft,

und bin begierig nach der Kraft des Fremden! –

Wer schuf mir diese satte Langeweile?

Nur ihr und euer ewig gleiches Lied.

Ein andres will ich! Und ich sehne mich

nach einer rauhen Kehle, die das Singen

niemals erlernt – nach einem Manne sehn'

ich mich, der nichts verschont, nichts furchtet, dem

ich nichts bin, als ein Weib, das er – nicht liebt.

Ein Ungetüm, ein Wesen ohne Herz

und Seele – ja: ein Hund, wie ihr ihn nennt!

Ach, war er doch ein wenig toll! o Glück!

das wäre neu – das wäre göttlich schön,

daß man sich furchten könnte und erzittern. –

Lais! Ich danke dir! Den heutigen Tag

werd' ich in Wahrheit einmal wieder – leben! –

Pause.

Wer sang in dieser Nacht das Lied des Lebens?

Eine Sklavin erhebt sich.

Du warst es, Daphne – sing es noch einmal.



DAPHNE

spielt zur Harfe und singt:

Groß ist das Leben und reich!
Ewige Götter schenkten es uns,
lächelnder Güte voll,
uns den Sterblichen, Freudegeschaffenen.

Aber arm ist des Menschen Herz!

Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte.

Immer wieder mit leeren Händen

sitzt der Bettler an staubiger Straße,

drauf das Glück mit den tönenden Rädern

leuchtend vorbeifuhr.

Pause.



ASPASIA:

Und immer wieder mit den leeren Händen …



PROTEUS

kommt atemlos zurück.



ASPASIA:

Schon wieder da? Wo ist Diogenes?



PROTEUS:

Herrin, ich ... eilte, was ich nur vermochte.
Er – will nicht kommen.



ASPASIA

befremdet:

Will nicht kommen? – Ah …
und sagtest du, daß ihn Aspasia rufe?



PROTEUS:

Ich nannte deinen Namen, doch umsonst.



ASPASIA:

Endlich einmal ein Mann, der mir nicht folgt,

wenn ich ihn rufe!



NIKIAS:

Um so besser denn!



ALKIBIADES:

Nein! Um so schlimmer nur. Schau sie doch an!



LAIS:

Er widersteht. Ich – sagt es dir voraus.
Nun wirst du deiner Schmeichler Wert verstehn:
nicht wahr, nun siehst du, daß du doch nicht alle
vor deinen Siegerwagen spannen kannst.



ASPASIA

rauh, zu Proteus:

Was sagt' er dir? Wie waren seine Worte?



PROTEUS:

Er.. brauche niemand. Wenn ihn jemand brauche,
mög er sich herbemühn zu ihm.



NIKIAS:

Der freche!



LAIS:

Ich wußte das.



ASPASIA:

Mich reizt sein Widerspruch!



NIKIAS:

Laß den Armseligen! Sagt ichs dir nicht:
er ist ein Narr.



ASPASIA:

Nein! Er hat Recht! hat Recht!
Ich bin es, die ihn braucht.

Entschlossen:

Und kommt er nicht
zu mir – geh ich zu ihm.

Alle erbeben sich in großer Bewegung.



LAIS:

Bedenke wohl!
Er lebt auf offenem Markte!



ASPASIA:

Um so besser:
so brauchen wir an keine Tür zu klopfen.



LAIS:

Nur ein zerlumpter Mantel ist sein Kleid.



ASPASIA:

Wir haben Schleier! – O, man soll nicht sagen,
daß dieser – Hund mir widerstanden hätte,
wo alle Edlen mir gehuldigt haben.



NIKIAS:

Ein Wahnsinn hat dich plötzlich hingerissen!



ALKAMENES:

Laß eines ernsten Mannes Wort dich warnen!
Nur allzuleicht verlockt ein Abenteuer
des Weibes wechselndes Gemüt. Du bist erregt –



ASPASIA:

Erregt! Ich bin es! Dank den Göttern! Ja!
Seit langer Zeit fühl wieder ich mein Blut,
wie's rollt und wogt–schweig mir von deinem Ernste!

Zu den Sklavinnen:

Gebt meinen Mantel – meinen zartsten Schleier –
gebt mir die Spangen mit den bunten Steinen
und Perlen – eine große Perlenschnur …

Die Sklavinnen bedienen sie.

Ein Siegesfest der Götter ist der Tag,
an dems gelang – an dems durch mich gelang –
ein Tier in einen Menschen zu verwandeln. –



LAIS:

Willst du nicht einen Liebestrank ihm reichen?



ASPASIA:

O scherze nur – du hörtest wohl das Wort:

Zu Alkamenes gewandt:

Es soll ein Zauber aus dem Eignen wirken
unwiderstehlich auf das Herz des Menschen. –
Ihr alle – folgt mir zu Diogenes!



ALKIBIADES:

Wir widerstehen nicht, du Wunderbare.
Wenn wir uns deiner Laune willig fugen,
so zwingt uns wohl ein seltsam fremdes Spiel,
das – Lais ohne Zweck – für uns erdacht.



LAIS:

Ich?



ALKIBIADES:

Ja. – Glaubst du: ich spürte nicht, wie du
uns alle fuhrst? Mir scheint: dich freut, daß wir
dem Ziele, dem wir uns entgegensehnen,
aufs neue ferner sind gerückt, denn je.



ASPASIA

fertig geschmückt:

Sei ohne Sorgen, Alkibiades.
Es wird »das Tier« – euch nicht gefährlich werden.
Auch will ich euch nicht länger warten lassen:
noch heute Abend treff ich meine Wahl,
zu der ihr schon so lange mich gedrängt …
Nur daß dann unter euren Brautgeschenken
auch das des Cynikers erglänze! – Kommt!




ZWEITE SZENE

Öffentlicher Platz in Athen






Öffentlicher Platz in Athen.

Diogenes sitzt am Fuße einer Statue und zeichnet mit seinem Stabe Figuren in den Sand. Kakos und Hyperbolos mit andern Bürgern Athens. Sie machen sich auf den sinnenden Diogenes aufmerksam, trennen sich von dm andern, die sich wieder zerstreuen, und treten auf Diogenes zu.



KAKOS:

Sprich du in unsrem Namen.



HYPERBOLOS:

Nein. Ich spreche
nur gegen bar und Vorschuß.



KAKOS:

Guten Morgen
Diogenes.



DIOGENES:

Was wünschest du von mir?



KAKOS:

Mein Freund Hyperbolos, der große Redner
und ich vernähmen dankbar einen Rat
aus deinem Munde.



DIOGENES:

Einen Rat? Worüber?



KAKOS:

Nun … über Dinge, die den Staat betreffen.



DIOGENES:

Den Staat? Was kümmert mich der Staat? Geht weiter.



KAKOS:

Ich weiß: das Los des Staates ist dir fremd,
nicht eignen Anteil nimmst du an den Dingen –
du bist der Weise drum, der raten kann.

Er räuspert sich.

Wenn man ein Bürger ist in Amt und Würden,
wenn man besitzt und mehr besitzen möchte,
dann hält man auf die Ehrlichkeit der Menschen
und auf den guten Willen der Regierung:
man nimmt sich selber ernst und andre auch.



DIOGENES

hat während der letzten Worte die beiden aufmerksam betrachtet:

Wie ist mir denn? – Sah ich euch nicht schon früher?
Gewiß! Gewiß! – Ha, jetzt erinnre ich mich:
den Hagren kenn ich an der Falkennase …
Ei, ei! Mir scheint, ihr fragtet früher schon,
wenn auch vor langen Jahren, mich einmal
um Rat, ob ich – das Leben lieber ließe,
oder mein Geld und Gut.

Zu Hyperbolos:

Du warst der Räuber!



HYPERBOLOS:

Das ist vorbei. Man hilft sich wie man kann,
jetzt bin ich Rechtsanwalt.



DIOGENES

zu Kakos:

Du warst sein Helfer!



KAKOS:

Ich bins auch heute noch: doch nur im Rechten:
ich bin Gerichtsvollzieher.



DIOGENES:

Das ist brav.
Das Recht bedarf der umgestülpten Diebe.



HYPERBOLOS:

Beim Zeus!



DIOGENES:

Schuft! Glaubst du etwa noch an Zeus?



HYPERBOLOS:

Nein. Doch das hindert nicht bei ihm zu schwören –

im Gegenteil – ich find es grad bequem.

Nun also – glaube mir: seit vielen Jahren

vermeiden wir das – Außerrechtliche

und halten uns an redlichen Gewinn,

wie das Gesetz ihn reichlich uns gewährt.

Wir kamen heut zu dir, um zu erfahren

zunächst – ob du uns wiederkennen wurdest.

Nachdem du dies getan – sind wir bereit,

dein ehemals uns anvertrautes Gut

wie eines Freundes Darlehn zu erstatten.



DIOGENES:

Ei, ei – so glänzend gehen die Geschäfte.



HYPERBOLOS:

Nicht lohnts der Mühe mehr ein Dieb zu sein.
Du willigst ein – so nimm dein Geld zurück.



DIOGENES:

Nicht doch! Ich danke. Es sei fern von mir
euch um den redlichen Gewinn zu kränken.
Was heute ihr erwerbt, das fällt euch zu
kraft Rechtens und im Namen des Gesetzes,
doch was ihr damals nahmt, das fiel euch zu
kraft eurer selbst – euch schirmte kein Gesetz
und mit dem Galgen drohte euch der Staat.
Um wieviel eigner war euch damals alles,
was ihr erwarbt – ihr danktet es nur euch.

Die beiden stecken ihre Geldbeutel wieder ein.



HYPERBOLOS:

Die tiefe Einsicht deines reichen Geistes
hat sich in voller Größe neu bezeugt!
So dürfen wir von deiner Güte hoffen
wohl auch das Eine noch, daß … daß du schweigst?



DIOGENES:

Ich mag die holde Freiheit nicht vermissen,
vor aller Welt dich einen Dieb zu nennen –
so du mich jemals dazu reizen solltest.



HYPERBOLOS:

Wir werden deine Wege niemals kreuzen.



DIOGENES:

Ihr seid sehr gütig. Drückt euch– sonst noch was?



KAKOS:

Die Zeit ist ernst – Archontenwahl ist morgen:
wen soll man wählen? Alkibiades?
Alkamenes? Wir wüßten gern von dir.
Der eine hält es mit den großen Leuten
und will in jugendlichem Ungestüm
den Krieg ins feindliche Sizilien tragen,
der andre stützt sich auf das niedre Volk,
verheißt den Frieden und verspricht uns Brot –
wem sollen wir nun unsre Stimmen geben?



DIOGENES:

Ich rat euch, gebt sie – keinem von den Beiden.



KAKOS:

Hast du kein Mitleid mit dem Vaterlande?



DIOGENES:

Was ist das Vaterland? Was kümmert mich
die Politik - der Friede und der Krieg?

Ich kenne nur den Stall, in dem die Herde

des Volks sich dränge und – frei beschließen darf,

mit welchem Messer es geschoren werde.



KAKOS:

Frei ist das Volk und keine Hammelherde!
Vertrieben wir nicht längst schon die Tyrannen?
Lebt nicht das Volk nach eigenen Gesetzen?



DIOGENES:

Freiheit der Völker bleibt ein hohles Wort,
solang Gewalt nicht Volkes Eigen ward.
Nehmt die Gewalt – dann naht euch erst die Freiheit.
Nur die Gewalt steht über dem Gesetz.



KAKOS:

Oh! – ›das Gesetz nur kann uns Freiheit geben‹!



DIOGENES:

Mir scheint: nur Freiheit kann uns Ordnung geben,
und aller Freiheit Mutter ist Gewalt,

Menschengewalt! – –

Doch weiß ich nicht, warum ich mit euch streite.
Ich bin kein Schafhirt. Laßt mich jetzt allein.



HYPERBOLOS

tritt dem Diogenes zutraulich näher:

Nun, nun! Zum Schluß – hör doch …



DIOGENES

hebt seinen Stab:

Mach daß du fortkommst.



HYPERBOLOS

läuft davon.



DIOGENES

zu Kakos:

Siehst du: so macht Gewalt den Menschen frei;
ihn bin ich los …



KAKOS:

Ich gehe schon. Leb wohl.

Er gebt würdig ab.



DIOGENES:

Die Mutter aller Qualen ist der Neid.
Mir scheint, die beiden störten mir beinah
die Ruhe – weil ich sie beneiden möchte.
Kein Wesen lebt, den Göttern ähnlicher,
als solch ein Schuft, der sich für ehrlich nimmt,

gewichtig seine Lebensseile dreht

und so mit sattestem Behagen sich

und dieses Weltall zu genießen weiß …

Im Hintergrunde geben Leute über die Bühne, unter ihnen Kynegiros, ein lahmer Bettler.

Heda! Kynegiros! Kynegiros!



KYNEGIROS

hinkt heran, die Andern verschwinden wieder:

Was rufst du mich, Diogenes? Hast du
für mich 'ne Feige?



DIOGENES:

Keine Feige zwar,
doch hier die Datteln, einen ganzen Zweig.



KYNEGIROS

nimmt und ißt:

Du weißt, ich mache mir nicht viel aus Datteln,
doch weil dus bist und weil du mich so liebst.



DIOGENES

klopft ihm auf die Schulter:

Iß nur mein Alter! Schelten kannst du später. –
Weißt du das Neuste von den Philosophen?

Das Drum ist da, das haben sie gefunden,

nun fehlt nur noch das Dran – dann wissen wirs.

Denn ohne Drum und Dran sind wir nicht glücklich.



KYNEGIROS:

Du ißt nicht gut genug, Diogenes.



DIOGENES:

Ich könnte besser speisen, wenn ich wollte.
Heut morgen kroch ein Hund vor meine Tonne
und wedelte und lud mich ein
in seiner Herrin reiches Haus zu kommen. –
Kennst du Aspasia?



KYNEGIROS:

Ob ich sie kenne!
Ich bettelte heute früh vor ihrer Tür,
sie gab mir nichts – man jagte mich davon.
Ich find es sonderbar von ihr, daß sie
den einen Bettler höflich zu sich ladet
und mitleidslos den andern von sich stößt –
sie weiß doch sonst mit Männern umzugehn.



KLINIAS

in reicher Kleidung mit Gefolge. Er entläßt das Gefolge und nähert sich während der letzten Verse den beiden.



DIOGENES

ohne ihn zu beachten, zu Kynegiros:

Und hast du sie gesehen? Ist sie schön?



KYNEGIROS:

Ich weiß es nicht, verstehe nichts davon.
Für mich sieht sie noch lang nicht besser aus,
als ich und du – sie riecht nur etwas stärker.



KLINIAS

räuspert sich:

Ich störe wohl?

Die Beiden sehen ihn groß an, wechseln dann einen Blick mit einander und zucken die Achseln.

Ich hätte eine Bitte.
Ich möchte deinen Rat, Diogenes.



DIOGENES:

Ich habe keinen Rat für andre Leute.



KLINIAS:

Ich will ihn nicht umsonst – ich will ihn kaufen.



DIOGENES:

Du kannst ihn nicht bezahlen.



KLINIAS:

Ich bin reich!



DIOGENES:

Dann wirst du geizig sein. Ich bin zu teuer.



KLINIAS:

So sprich: was forderst du für deine Weisheit?



DIOGENES:

Für meine Weisheit nichts; für meinen Freund
hier – eine Drachme.



KYNEGIROS:

Warum denn so wenig?



DIOGENES:

Für eine Drachme Wein verträgst du nur.



KLINIAS:

Hier hast du zwei – für dich und deinen Freund.



KYNEGIROS

ohne Klinias anzusehn:

Ich danke dir, Diogenes. –

Er wendet sich zu Klinias und mustert ihn.
Und dir

geb ich den Rat: das graue Fell des Weisen
nicht höher als des Esels Haupt zu schätzen.
– Er trinkt ja keinen Wein. Er trinkt nur Wasser:
Ich muß auf mich die beiden Drachmen nehmen.

Zu Diogenes:

Du – kämme dieses Widders goldne Locken!

Zu Klinias:

Verzeih: ich war in meiner Jugend Dichter,
an stolzen Bildern reich blieb meine Rede.

Er geht ab.



DIOGENES:

Doch wer bist du?



KLINIAS:

So kennst du mich noch nicht?
Ich heiße Klinias und bin der Vater
des Alkibiades – den kennst du doch?



DIOGENES:

Kein Mittel gibt es, um ihm fremd zu bleiben.



KLINIAS

seufzend:

Ach, du hast Recht! Er streut sich auf die Gassen
Verzeih: auch du lebst ja auf offnem Markt,

doch nicht gleich jenem, der sich selbst vergeudet,
sich selbst und seines Vaters Hab und Gut.



DIOGENES:

Aha – du Armer furchtest für dein Geld.



KLINIAS:

Das ist es nicht allein, ich bin nicht arm.
Ich gönnt ihm gern der Jugend laute Freude;
und wenn das Herz auch blutete, sah ich,
wie er in allerschlechtester Gesellschaft,
mit Künstlern, Dichtern, Komödiantenvolk,
mit Buhlerinnen und mit Philosophen
mein schwer erworbnes Gut verschwendete –
so tröstete mich stets noch der Gedanke,
daß, wie des tollsten Weines Schaum zergeht,
auch er gleich mir sich endlich finden werde.
Doch was nun meiner wachen Sorge naht,
ist mehr als dieses Vaterherz erträgt.
Denk dir: die Buhlerin des Perikles,
die meines Sohnes Mutter könnte sein,
Aspasia – zog ihn ganz in ihren Bann.
Für sie vergißt er alle frühern Freuden,
vergißt die Pferde und die Philosophen

und dient nur ihr – ja – was das Fürchterlichste,
womit er seine Narrheit krönen möchte –
er ist im Stande, sie zum Weib zu nehmen,

weinerlich:

zum Eheweib … Diogenes! … zur Frau!



DIOGENES:

Nun, weine nicht. Bedenke deine Würde
als Obmann der Archonten.



KLINIAS:

Rate mir!
Was soll ich tun, wie muß ich mich benehmen?
Soll ich ihm drohen, daß ich ihn enterbe?
Soll ich gewaltsam ihn im Hause halten?
Es ist mein einziger Sohn – mein einzig Kind.



DIOGENES:

Und also könntst du wohl ein Opfer bringen?



KLINIAS:

O jedes!



DIOGENES:

Und auch eines, ein besondres,
das nicht in Gold und Geldeswert bestünde?



KLINIAS:

Was für ein Opfer könnte das wohl sein!



DIOGENES:

Ein Opfer deiner selbst.



KLINIAS:

Wie? Meiner selbst?



DIOGENES:

Du mußt den ganzen Ekel runter würgen,
all deinen tiefen Haß mußt du verwinden
und – selber dich bemühn um jenes Weib!



KLINIAS

taumelt erschrocken zurück. Pause:

Wa-s … was sagst du? Verstand ich dich denn recht?



DIOGENES:

Siehst du! Da schaudert deine feige Seele.

Das ist zu viel! An Gold und Geldeswert

vermöchtest du das Größte darzubringen,

doch nur ein wenig selbst dich überwinden,

preisgeben eine Krume deines Ichs –

das kannst du nicht. Erkennst du dich nun selbst?



KLINIAS

sehr verwirrt:

Ich sollte … ich … oh … oh … Diogenes!
Was mutest du mir zu! Du bist ein Narr.



DIOGENES:

Nun also. Warum fragst du mich um Rat?
So geh und schließ dein tolles Söhnchen ein
und leg dich hin und warte bis bei Nacht
dir Haus und Hof in Wind und Flammen geht. –



KLINIAS:

Du denkst … wenn ich um jene Dirne würbe …



DIOGENES:

Dann würde sich dein Sohn vielleicht – besinnen.



KLINIAS:

Meinst du? Zwar – bin ich nicht in gleichem Alter
wie Perikles?



DIOGENES:

Im allerbesten Alter –
so wissen wirs – die Jugend weiß es anders.



KLINIAS:

Doch, glaubst du denn, daß ich – wie soll ich sagen?



DIOGENES:

Gewiß!



KLINIAS:

Was meinst du denn?



DIOGENES:

Des Mannes Kraft,
zu werben und zu siegen, lebt dir noch!



KLINIAS:

O! Ganz gewiß. Natürlich. – Doch ich zweifle,
ob ich gerad bei einer solchen Frau –



DIOGENES:

Erst recht. Bist du nicht – reicher als dein Sohn?



KLINIAS

verblüfft, dann überzeugt:

Wie? – freilich! Wovon lebt er denn? Von mir!
Und sie? Von ihm! – Natürlich bin ich reicher.
Und – unter uns gesagt, Diogenes:
zwar jammr' ich ihm ja stets die Ohren voll:
er brächte mich noch an den Bettelstab –
wüßt er, wie groß mein Reichtum …

Diogenes lächelt.

Doch genug,
ich habe nichts gesagt. Nur – du hast Recht:
ich bin ihm überlegen. Eine Närrin
war dieses Weib, zog es den Sohn mir vor,
nahm es vorlieb mit einem Becher Weins,
wo's doch den vollen Schlauch besitzen könnte.



DIOGENES

reicht ihm die Hand:

Du bist gelehrig. Das sind volle Schläuche
nur selten. – Siehe da! Wer kommt?



ASPASIA, LAIS, ALKIBIADES, NIKIAS, ALKAMENES und EURIPIDES

kommen von hinten. Ihnen schließt sich im Lauft der folgenden Szene buntes Volk an, das zuletzt einen Kreis um die vordere Gruppe bildet.



LAIS:

Da ist er!




KLINIAS

sieht sich um:

Mein Sohn! Und sie ... ich gehe. Habe Dank.



ALKIBIADES:

Das war mein Vater! Was bedeutet das?



ASPASIA

bleibt stehen:

Ihr Götter, nein. Wie häßlich, wie verwildert!



LAIS:

Er kleidete sich nicht, dir zu gefallen –
du aber schmücktest dich für ihn.



ASPASIA:

Oh, laß uns gehn.



LAIS:

Nicht wahr? Schon siehst dus ein: ihn zähmst
du nicht. Hier sind die Grenzen deiner Macht.
Wer so wie er den äußren Schein verachtet,
für den ist Schönheit keine Lockung mehr.



ASPASIA

nach einer Pause:

Kommt. Treten wir heran.

Sie nähern sich dem Diogenes.



ALKIBIADES:

Nur nicht zu nahe:
er beißt.

Er schlägt sich auf den Schenkel.

He, he, Diogenes, komm her,
hierher, du Hund!



DIOGENES

ohne ihn zu beachten:

Bist du Aspasia?

Aspasia nickt.

Und diese stolzen Herrn sind dein Gefolge? –
Du ludest mich heut früh zu dir und kommst
nun selber – was begehrst du?



ASPASIA

in Gedanken verloren:

Ich begehre …
Dich sehen, wollt' ich.



DIOGENES:

Nimm den Schleier ab,
daß du mich klarer siehst.

Aspasia nimmt den Schleier ab.

Gib ihn den Armen.



KYNEGIROS

kommt von rechts mit einem Becher Weins:

Hochlebe Klinias!

Er stutzt:

Alkibiades?
Komm an mein Herz: ich liebe deinen Vater!

Alkibiades weicht zurück.

Aspasia? Wie? Aspasia bei den Bettlern …

Er verstummt und tritt zurück.



DIOGENES:

Viel Gold und Perlen tragen deine Schultern,

Armselige – wer kaufte dich dafür?

Tränen und Blut, von Räuberhand erpreßt –

gib sie dem Volk zurück, dem sie gehören.

Lerne das Leben lieben aus dir selbst.

Aspasia nimmt ihr Geschmeide ab und läßt es sich von umdrängendem Volk aus den Händen nehmen.

Von außen häufst du Taumel und Genuß,
doch mit Verzweiflung spürst du stets aufs neu,
wie leer du selbst nach jedem Rausch geblieben.
Zerrissen ist dein Sein, wie Stückwerk liegts
um dich herum. – Was suchtest du bei mir?
Ein neues Spielzeug, eine neue Posse,
bald schal gleich allen andern. – Ehren lerne

die Lust des eignen, selbstgebornen Lebens.
Frei, reich und glücklich kannst du sein – wie ich.
Ich lebe ohne Wünsche, ohne Qual
und jeder goldne Sonnenstreif, der sich
auf Attikas Gelände Abends schmiegt,
ist meinen Augen ungewollter Schmuck,
ist meinen Sinnen nichtbegehrte Lust.
Nicht Vaterland, noch Eigentum und Haus
sind meine Herren – beugen muß ich mich
vor keiner Knechtschaft, die im Herzen thront.
– Siehst du mich nun, Aspasia? Dein Blick
ist tief und groß – siehst du mich nun?



ASPASIA

wie im Traum:

Ich sehe …




ALKIBIADES:

Aspasia komm, hör seine Tollheit nicht.
Komm folge uns.



ASPASIA:

Was wollt ihr noch von mir?
Ihr seid mir fremd … Hab Dank, Diogenes.
Mit Vielen kam ich und ich geh allein.

Sie gebt durch die Mitte ab. Alles sieht ihr nach.



DIOGENES

steht auf:

Götter! Was war das?



KYNEGIROS

trunken:

Pah – das war – das Weib




DRITTE SZENE

Zimmer der Aspasia






Zimmer der Aspasia.

Abendröte. Aspasia liegt auf einem Ruhebett und schläft.



LAIS

tritt herein und bleibt vor dem Lager der Aspasia stehen.

Nach einigem Schweigen:

Herrin, der Abend naht!

Aspasia fährt aus dem Schlaf auf.

Die Sonne sinkt.




ASPASIA:

Was schreckst du mich aus süßem Schlaf empor
und scheuchst mich aus dem Garten meiner Träume?



LAIS:

Verzeih! Ich wußte nicht, Aspasia,
daß du, so reich mit jedem Glück begütert,
mit Sehnsucht hängst am Lande deiner Träume,
am Heimatland der Unglückseligen.



ASPASIA:

Sag, Lais: warum hast du mich geweckt?



LAIS:

Weißt du es nicht? Denkst du des Wortes nicht,
das du am frühen Morgen uns gegeben?
Heut Abend willst du deine Wahl verkünden,
willst unter den Bewerbern ihn erlesen,
den du fortan mit deiner Gunst begnadest.

Aspasia erbebt sich:

Vergaßst du das? – Schon brachten ihre Sklaven
Geschenke, bunt und reich – ich häufte sie
auf deinem Tisch im Saal – bald nahn sie selber,
strahlend im Festgewande, bangen Herzens
und harren schweigend deines Spruchs–und Einem
wirst du die schöne Hand entgegenstrecken …



ASPASIA

heftig:

Niemals! – – – O, Lais, warum quälst du mich?

Du warst es, du, die mich zu ihm gebracht –
dein Widerspruch –ich könnt ihn nicht ertragen –
er führte mich zu ihm – ihn zu besiegen! –
Und sieh nun mich – und sieh nun, was ich bin!



LAIS:

Du hassest ihn!



ASPASIA:

Obs Haß ist oder Liebe –
ich weiß nur, daß er mich leibeigen machte
in einem Augenblick, mit einem Schlage. –

Ich atme nun in banger und doch so süßer Not –
Ich sehne nun nach ihm mich immer und immer hin –
O kam er doch in dieser Nacht noch her zu mir –
Die Rosen duften stärker und betäuben mich.
Sie wirft sich mit dem Gesicht auf das Kopfende ihres Lagers.



LAIS:

Du liebst ihn!––-Dank dir, siegende Aphrodite!



ASPASIA

wendet sich um:

Dank? Dank? Was dankest du der Göttin?



LAIS:

Ja!

Laß es dir sagen! Laß es dir gestehn!
Mit aller Glut versteckter Raserei,

mit allen Schmerzen des verschmähten Weibes
lieb ich ihn, Alkibiades, den Einen,
den Einzigen, den du erwählen konntest
und der, ein Sklave, dir zu Füßen liegt.
Ihn bet ich an, ihn will ich mir erringen -
und keine Tat ist schmutzig und verrucht
genug, die ich nicht freudig für ihn täte!



ASPASIA:

Lais! Ich kenne dich nicht wieder!



LAIS:

Nein!
Mich kennt wohl niemand wieder, wenn ich liebe.



ASPASIA:

Und deshalb triebst du mich zu jenem – Hunde,
zu jenem Halbgott, der mir widerstand?



LAIS:

Zu jenem Halbgott, der dir widerstand,
doch dem du selbst nicht widerstehen konntest.



ASPASIA:

Wer sagt dir das? Wer gibt dir die Gewähr,
daß diese Laune nicht in Luft verfliegt,

daß nicht mein Blut schon morgen wieder still
und ruhig fließt? Fürchtest du nicht, zu früh
mir deine Pläne aufgedeckt zu haben?
Noch bin ich Herrin und mein Eigen!



LAIS:

Nein!
Du fühlst es wohl: sein Eigen bist du nun. –
Aspasia, ich denke groß von dir –
ich habe dir mein Innerstes verraten,
ich habe meine Seele dir entblößt
und stehe dennoch ohne Furcht vor dir:
du kennst mein Leid und kannst nur mit mir fühlen.



ASPASIA:

Noch gestern hätt ich dich wohl kaum verstanden.



ASPASIA:

O er ist schöner, als die andern alle! –
Der stille Sturm in seinen tiefen Augen
ist allgewaltig wie das Schicksal selbst,
das ewig ruhende und ewig rege.

Ich stand vor ihm wie ein beschämtes Kind,

vom Vater eines Irrtums überführt,

und dieser Irrtum, Lais – war mein Leben.



LAIS:

Zogst du nicht aus, den Wilden dir zu zähmen?
Und nennst ihn Vater nun und nennst ihn schön?



ASPASIA:

O er hat recht: wie Stückwerk liegt das Leben
um mich herum. Und er – aus sichrer Fülle
steigt ihm der Tage sonniges Glück empor –
und hat doch nichts und ist ein armer Mann.




VIERTE SZENE

öffentlicher Platz in Athen






Öffentlicher Platz in Athen.



DIOGENES

allein (sitzt und sinnt):

Aspasia! warum bin ich nicht der Herr der Welt!
warum kann ich des Perserkönigs Schätze nicht
dir vor die Füße schütten, wie den knirschenden Kies!
Ach! oder war ich nur der Herr des kleinsten Meierhofs,
für dich und mich und unsere Liebe groß genug,
mit einem Garten, drinnen heller Krokus lacht,
mit duftenden Gebüschen, dunkeldicht genug,
ein seltenes Glück zu bergen vor des Neides Blick!
Aspasia! siehe doch, wie allzu arm ich bin!
zum ersten Male fühl ich heute meine Not
und auch das Eine, was mir bisher alles war,

verlor ich nun: in schmerzhaft süßem Drange starb
die Weisheit. Ärmer lebt auf Erden nun kein Mensch!



KYNEGIROS

kommt näher, ohne gleich von ihm bemerkt zu werden. Er betrachtet Diogenes mit Erstaunen und Befremdung. Schließlich muß er nießen.



DIOGENES

blickt auf:

Kynegiros!



KYNEGIROS:

Ich bins!

Er nießt.

Jawohl! doch du?
Bist dus denn wirklich, du, Diogenes!



DIOGENES:

Soweit ich von mir selber weiß …



KYNEGIROS:

Nein! nein!

mit wachsendem Schaudern:

Diogenes – du – wärest beim Barbier!?



KYNEGIROS:

Diogenes, man sollte glauben fast,

als habest du des Weibes Gunst noch nie

genossen, ja, als traf es dich das erste Mal …



DIOGENES:

Es ist, als traf es mich das erste Mal.



KYNEGIROS:

Wie? war es möglich! Niemals hättest du
bisher geliebt?



DIOGENES:

In früher Jugendzeit …
O ja! Ich wähnte schon, es sei vergessen,
doch gestern schon und heute, immer wieder
muß ich gedenken früher Jugendzeit.

Auf Thasos wars! das schräge Licht des Abends
warf einen Schattenriß von ihren Zügen,
von ihrer jungen Brust auf weiße Wand –
auf eine weiße Marmorwand, die nicht
die Kunst der Menschen baute, die Natur
aufwachsen ließ aus dunkler Erde Schoß. –

Auf Thasos wars … Aus jener Jugendzeit
ist alles sonst versunken und vergessen!
nur noch die Woge lebt, die helle Woge,
die mit den weißgewaschnen Steinen spielte,
und die Cypresse lebt, die am Gestade
im Abendwinde ihren Wipfel bog,
und sie, die kleine zarte, schlank und schwarze,
die ihre Frühlingsblüten mir geschenkt,
lachend, wie Kinder tun – und dann verschwand
die Woge, die Cypresse und das Kind …

Pause.



KYNEGIROS:

Was ward aus ihr?



DIOGENES:

Sie haben sie geraubt!

Pause.



KYNEGIROS:

Geraubt?



DIOGENES:

Da sie am Ufer Muscheln suchte,
die Grotte meines Gartens auszuschmücken,

drin über Mittag ich zu ruhen pflegte,
entführten sie Seeräuber übers Meer.
Nun dient sie wohl dem prassenden Satrapen
des großen Königs.



KYNEGIROS:

Die Augen sind des Menschen schwächster Teil,
denn was sie sehn, ist ewig Außenwerk
nur ein Gemisch von unverstandenen Farben.
Und wie die Massen eines Baus sich gliedern
die Menschen planvoll durcheinanderstreben –
die Augen sagens nicht, weißt dus nicht sonst.



DIOGENES:

Wer sagt dirs denn?



KYNEGIROS:

Mein göttlicher Verstand!



DIOGENES:

Was wäre wohl dein göttlicher Verstand,
wenn ihn die Augen nicht erzogen hätten?

Weshalb zerlegst du dich? Bist du denn nicht
schon klein genug?



KYNEGIROS:

Diogenes, dir fehlt
der Tiersinn! du bist äußerlich geworden!




FÜNFTE SZENE

Markt von Athen






Markt von Athen.

Rufe der Markthändler und Weiber.



DER HEROLD:

Athener hört! Vorbei ist heut der Markt.

Auf! zu den Wahlen ruft euch jetzt die Pflicht!

Demosthenes und Alkibiades

sind Kandidaten und – Diogenes.

Auf! zu den Wahlen ruft des Staates Pflicht.

Die Kaufleute schließen ihre Buden und entfernen sich.



ALKIBIADES

mit einem Brief in der Hand:

Wertvolles Schriftstück! Hochwillkommner Brief!

Er sieht sich um.

Wo nur Hyperbolos so lange bleibt?
Es ist die Stunde, wo ich ihn berief.

Er ist mein Mann – er fehlt mir nur am Werke.
Anwalt des Rechtes – alter schlauer Dieb,
beredter Herzfreund jeglichen Verbrechens,
Hochmeister sykophantischen Verrats,
der du im Stande wärst für klingend Geld
den eignen Vater und die eigne Mutter
der Schandtat zu bezichtgen, daß sie dir
das Leben gaben – deinen Fängen wird
Aspasia nicht entrinnen. Zwar, es ist
das äußerste, das allerletzte Mittel –
jedoch: sie zwingt mich ja, sie will es ja
nicht anders. Erst verderben muß ich sie,
daß ich sie dann vor dem Verderben rette,
für mich sie rette – vor Diogenes!
Ist sie verurteilt – wird er sie verlassen,
und sie ist mein.

Er bemerkt Hyperbolos.

Sieh da! Seid mir gegrüßt,
erhabner Meister! – Denn ihr seid es doch?
Hyperbolos? Ich täusche mich doch nicht?

Hyperbolos nickt.

Man sollt es dir nicht glauben: bist du denn
ein stummer Redner? Warum sprichst du nicht?



HYPERBOLOS:

Mein Wort ist wertvoll – drum vergeud ichs nicht.



ALKIBIADES:

Ich kenne wohl die Farbe deiner Zunft.
Was kostet eine Rede?



HYPERBOLOS:

Was für eine?



ALKIBIADES:

Der besten eine.



HYPERBOLOS:

Und für welche Sache?



ALKIBIADES:

Für eine Sache, die den Staat berührt.



HYPERBOLOS:

Hört! Hört!



ALKIBIADES:

Es handelt sich um eine Klage,
erhoben vor dem Richtstuhle der Archonten.
Dransetzen sollst du all dein bestes Können –
was ist dein Preis?



HYPERBOLOS:

Erst sage mir: wie nennt
sich das Verbrechen?



ALKIBIADES:

Gotteslästerung.



HYPERBOLOS:

Sehr gut. Und wer ist Angeschuldigter?



ALKIBIADES:

Aspasia. Kennst du sie?



HYPERBOLOS:

Dem Namen nach.
Persönlich leider nicht. Doch das ist gleich.
Und wessen schuldigt man sie an?



ALKIBIADES:

Hör zu!
Erst gestern schwur dies Weib den Göttern
der ew'gen Keuschheit heiliges Gelübde:
für ewig sich zu weihen der Diana,
ihr – oder einzig dem Diogenes –
und diese Nacht schon – brach sie das Gelübde!



HYPERBOLOS:

Sehr schön. Ein Sakrileg. Ein Staatsverbrechen.
Einhundert Drachmen.



ALKIBIADES:

Hundert Drachmen?



HYPERBOLOS:

Ja …

Man glaubt nicht mehr an Gott. Es ist sehr schwierig!!
Sie zu verteidigen, nahm ich nur die Hälfte.



ALKIBIADES:

Man glaubt nicht mehr an Gott …?



HYPERBOLOS:

Und der Beweis?




ALKIBIADES:

Hier: Dieser Brief, von ihrer Hand geschrieben
an ihn.



HYPERBOLOS:

Und wer ist er?



ALKIBIADES:

Du!

Hyperbolos erschrickt.

Es ist klar

daß der Mitschuldige der beste Zeuge

und wie du weißt, verschont ihn das Gesetz.



HYPERBOLOS:

Ankläger und Mitschuldiger? – Das kostet
zweihundert Drachmen.



ALKIBIADES

nach kurzem Besinnen:

Gut. Doch merke wohl:
Setzt du nicht all dein bestes Können dran
und wirkst du nicht mit deinen stärksten Mitteln:
»Der Sitten Laxheit und dem wachsenden
Unglauben unsrer Zeit« … und solchen Dingen –
ich sage dir: du sollst mich kennen lernen!



HYPERBOLOS:

Seid unbesorgt: ich kenne mein Metier.



ALKIBIADES:

Du bürgst mir, daß man sie verdammt?



HYPERBOLOS:

Ich bürge.
Hab ich doch alle, die ich einst bestohlen
der sicheren Verdammnis zugeführt.



ALKIBIADES:

Nun also! Vorwärts denn: mach deine Klage.



HYPERBOLOS:

Ist schon geschehn. Ich habe Formulare,
ich brauche bloß die Namen einzufügen.



ALKIBIADES:

Aspasia – in ein Formular geschrieben ...
Geh! Heut noch muß der Schreiber der Archonten
die Klage haben. Nun – was zögerst du?



HYPERBOLOS

die Hand ausstreckend:

Pränumerando lieb ich meine Kunden,
nur gegen baren Vorschuß rühr ich mich.



ALKIBIADES:

Oho! Und läßt du mich nachher im Stich –



HYPERBOLOS:

Bin ich ein Lump?



ALKIBIADES:

Na – Gut: ich will dir trauen.
Hier ist das Geld – nun aber rasch ans Werk!



HYPERBOLOS

blickt mit Entzücken auf das Geld:

Zweihundert Drachmen! Oh! Ich werde reden!
Zweihundert Drachmen! Wunder werd ich tun!
Und gäbs auch nicht den winzigsten Beweis –
sie müßte dennoch meine Beute werden.
Zweihundert Drachmen! Sittenloses Weib!
nicht länger sollst du die Moral verhöhnen!
noch lebt der Geist der Ordnung in Athen!



ALKIBIADES:

Wie plötzlich dir das Gold die Zunge löst!



HYPERBOLOS:

Zweihundert Drachmen! Schon ist sie verloren,
verurteilt und verdammt und hingerichtet.
Zweihundert Drachmen! Kein Demosthenes,
kein Aeschines und kein Isokrates,
ja selbst Merkur kann dich vor mir nicht retten!

Beide ab.




ANHANG



Einzelne Bruchstücke

Die wunderliche Welt der seltenen Bücher
und was Gestalten deinen Augen sagen,
die dich zu fremder Schönheit überreden –
und auch der Töne unerforschte Heimlichkeit,
das alles hüllt dich in ein eigen Reich
darin du Herrin bist, doch ohne Diener –
dir selbst gehörig, ohne Pflicht und Tat!

*

Sie haben die Tyrannen nicht vertrieben.

Nein? nicht? Aspasia, Perikles Geliebte,

die den verlornen Staatsschatz der Athener

als Witwe jetzt beklagt mit ihren Freunden

beim Wein, beim Tanz, beim süßen Klang der Saiten

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Sobald du hast und mehr besitzen möchtest,
mußt du den krummen Wegen dieser Menschen
nachspähn und dich gleich ihnen drehn und winden,
bis du gleich ihnen krumm und schief geworden
und nicht mehr weißt, was grad ist und gerecht.

*

Ich habe Haß erfahren von der Niederträchtigkeit,
denn viel verlorne Güte hab ich ausgestreut –
und bin nun so geworden, wie du heut mich siehst!

*



DIOGENES

nachdem er sich gesammelt hat:

Still! still! verdamme nicht! … du darfst es nicht! –
Du griffst zu spät in dieses Leben ein,
zu spät – um es nach deiner Form zu modeln –

*

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