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Otto Erich Hartleben – Der Römische Maler

Novellen

S. Fischer Verlag, Berlin, 1908

Der bunte Vogel

Das letzte Haus auf der Landspitze, das schon ganz in der Nähe des Leuchtturms lag, bewohnte ein alter graubärtiger Seemann, der von den andern Seeleuten der Gegend nicht anders als der Weise benannt wurde.

Er hatte sein ganzes Leben stets so klug eingerichtet, dass er jetzt, wo er bereits ein schönes Alter erreicht hatte, einesteils doch noch ein rüstiger und gesunder Mann war und andernteils auch ein gutes Stück Geld als Erspartes hinter sich liegen hatte. So konnte er sich seines Alters ruhig erfreuen.

Weib und Kind hatte er nie gehabt; seine liebste Beschäftigung und sein eigentliches Glück war immer das Denken gewesen. Er sagte sich: Entweder ist ein Weib meinem Denken förderlich, dann ist es unnötig, sie zu ehelichen, denn was ich von ihr gewinnen will, vermag ich auch so mühelos aus ihrem Gespräche zu ziehen – oder aber sie ist meinem Denken nicht förderlich, dann hiesse es eine Thorheit, sie zum Weibe zu nehmen, denn sie möchte mich leicht von meinen Gedanken abbringen und mir mein Glück zerstören.

Sein Glück war es aber, an schönen Tagen, wenn das Meer ruhte, sein Boot zu besteigen und langsam hinauszufahren, ganz allein mit seinen klugen und geliebten Gedanken. Er führte weder Waren an die nächste Küste, noch warf er das Netz nach Fischen aus; er sass still am Steuer und dachte in einem fort. –

Da geschah es eines Tages, als die Sonne schon tiefer am Himmel stand und ihre Lichter auf den Wellen lagen, wie Goldflitter auf einem dunklen Maskenkleide, dass sich ein grosser doch zierlicher Vogel, etwa von der Gestalt eines Reihers, vorn auf das Schiff des weisen Seemanns niedersetzte. Dieser bemerkte zuerst den Schatten, den der Vogel vor ihm auf den Boden des Schiffes warf und sah dann auf.

Nach einem langen Nachsinnen, während dessen er den Vogel unverwandt betrachtete, sagte der Seemann: Du scheinst mir ein Vogel zu sein, denn Du hast zwei Beine und zwei Flügel und bist am ganzen Körper mit Federn bedeckt.

Der Vogel erwiderte: Deine Gedanken haben Dich zu einer richtigen Erkenntnis geführt, ich bin allerdings ein Vogel und bitte Dich, mich gastlich auf Deinem Schiffe aufzunehmen.

Der Seemann wunderte sich, dass der Vogel reden konnte und sprach: Gern begrüss ich Dich als meinen Gast. Ich habe bisher noch keine Gelegenheit gehabt, einen Vogel reden zu hören und vermute daher, dass ein Gespräch mit Dir meinem Denken wohl förderlich sein möge. Nur mache ich Dich darauf aufmerksam, dass Du als ein Gast meines Schiffes Dich auch der Ordnung wirst fügen müssen, die auf ihm herrscht und die ich als ein Ergebnis meines vielfaltigsten, Jahre, lange Jahre währenden Nachdenkens hochhalten muss.

Der Vogel nickte mit dem Kopfe: Sprich nur, sagte er, was gehört zu dieser Ordnung?

Zu ihr gehört, dass man sich nicht auf ein Bein stelle, wie Du das thust, denn wollte ich ein Gleiches versuchen, so würde ich alsbald in dem schwankenden Boote umfallen oder wohl gar über Bord in das Meer hinausstürzen. Da ich es aber nicht kann, sollst auch Du es nicht thun: denn es sieht wie eine Überhebung aus.

Der Vogel streckte geduldig das zweite Bein hervor und setzte es auf den Schiffsrand –: Weshalb soll ich nicht auch einmal auf zwei Beinen stehn?

Nachdem der Seemann den Vogel wieder eine Zeit lang betrachtet und beobachtet hatte, sagte er: Du hast zwar einen weissen Bauch wie viele andere Vögel und wie ihn von Natur auch die Menschen meistens besitzen, aber was ich sonderbar finde und keineswegs begreifen kann, ist, dass Du auf dem Rücken ganz bunt, grün, rot und golden gefiedert bist, so dass die Sonne sich ordentlich zu freuen scheint, wenn sie auf Deinen Flügeldecken blinkt und schillert und einen gelben Saum um Deine Gestalt zieht. Die Menschen, die doch das klügste Geschlecht auf der Erde sind, pflegen sich mit einem schwarzen oder grauen oder braunen oder sonst einem schwach gefärbten Rocke zu bekleiden und die Vögel sind im allgemeinen wenigstens so gescheit, es den Menschen nachzuthun. Wenn Du nun dahingegen in einem so fremdartig bunten und auffallend scheckigem Aufzuge daher kommst, so scheinst Du mir damit wider die gemeine Bescheidenheit aller Creatur gröblich zu Verstössen, und mich dünkt, Du thätest besser, wenn Du solcherlei thörichten und hochmütigen Firlefanz von Dir legtest. Bedenke wohl, dass selbst der Vogel Strauss, mit dessen Federn doch ein so grosser und schwunghafter Handel betrieben wird, nur in zwei oder drei höchst einfachen Farben umherläuft. Bedenke auch ferner, ob es wohl klug und besonnen, sei, also durch sein Äusseres vor den Anderen hervorzustechen und bald den Neid, bald den Spott, immer aber eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken! –

Der Vogel riss den langen, spitzen Schnabel weit auf – aber ohne ein Wort zu sagen, klappte er ihn wieder zu. Seine kleinen, grauen Augen leuchteten wie vor innerem Vergnügen, er legte den Kopf etwas auf die Seite und blinzelte den alten Seemann freundlich an.

Dieser fuhr fort: Und ganz besonders verdreht erscheinen mir nun noch diese beiden langen, dünnen, gewundenen Federn, die auf Deinem Kopfe hin und herschwanken, als wollten sie alles, was fest steht, verhöhnen! Diese wirst Du Dir jetzt zu allererst einmal schleunigst abschneiden lassen.

Meinst Du? fragte der Vogel. Und was müsste ich dann wohl thun?

Das will ich Dir sagen. Ich habe hier einen guten und nützlichen Theer, mit dem ich die Bretter meines Schiffes überziehe, damit sie nicht faulen. Mit dem will ich Deine Flügel bestreichen und so ihre leuchtenden Farben auslöschen. Du hast dann die Farbe des Raben – so magst Du mir dann als Gast auf meinem Schiffe bleiben, denn noch manches hätte ich mit Dir zu bereden.

Da sprach der Vogel: Habe Dank für Deinen guten Willen und klugen Rat. Ich bin ein höflicher und friedsamer Vogel und würde mich gewiss gern der Ordnung fügen, die hier auf Deinem Schiffe und in Deinem nachdenksamen Kopfe herrscht – wenn ich es nötig hätte und darauf angewiesen wäre. Doch bedarf ich Deiner Gastfreundschaft länger nicht mehr. Schon, dieweil wir uns so klug miteinander besprachen – hab ich genug gerastet und zu neuem Fluge sind meine Kräfte gesammelt. Leb wohl!

Und mit einem übermütigen Krählaut dehnte der bunte Vogel seine langen, schimmernden Flügel aus, schwang sich auf und flog in den blauen Abendhimmel hinaus. – –

Der Seemann war ganz verdutzt. Er wollte dem Vogel nachschauen, aber er vermochte es nicht: die Sonne blendete seine Augen. –

Da legte er den Finger an seine Nase und nachdem er heftig nachgedacht hatte, sprach er zu sich: Merkwürdig, wie leichtfertig diese Vögel sind. – Ich denke mir aber: es wird das davon kommen, dass sie fliegen können.




Das Kalbscôtelette

Und was ist Ihr Beruf, wenn ich fragen darf?

– Ich … hm … ja, ich bin Jurist.

– Beamter?

– Nein. – Sagen wir … Privatgelehrter.

– So, so. Na, Gott sei Dank!

– Wieso?

– Nun – ich fragte aus Vorsicht. Sie erwähnten vorhin, dass Sie Freunde hätten, die – entschuldigen Sie – Dichter wären. Das machte mich stutzig. Denn sehen Sie, das giebt es gar nicht. Entweder sind es Freunde, dann sind es keine Dichter, oder es sind Dichter, dann – mögen Sie sie meinetwegen für Ihre Freunde halten – Sie werden immer betrogen sein. Die Dichter sind die erbärmlichsten, traurigsten Kerle von der Welt.

– Donnerwetter!

Ich war ernstlich erschrocken. Der etwa vierzigjährige kleine Herr mit der goldenen Brille und dem graugesprenkelten, kurzgeschorenen Haupt hatte bisher den Eindruck eines manierlichen und reservierten Mannes gemacht. – Wo er eingestiegen war, wusste ich nicht. Ich hatte von Florenz bis Verona sehr schön geschlafen, und als ich mir dann die Augen rieb und in den frühen Morgen blinzelte, sass er mir gegenüber. Kurz nach Bozen waren wir ins Gespräch gekommen, und alles, was er bisher gesagt hatte, war eigentlich ganz klug und nett gewesen, Und nun auf einmal diese Bombe!

– Was haben Sie denn gegen die unglücklichen Dichter?

– Ich bin Irrenarzt, erwiderte er ingrimmig. Und ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen. Die Geschichte vom Kalbscôtelette.

– Ich bin gespannt.

– Es war zu einer Zeit, die man sich jetzt kaum noch vorstellen kann: zu der Zeit, als es noch keine D-Züge gab. Man war heilsfroh, wenn man ein Coupe mit Toilette bekam. Der Fortschritt der Zeiten ist doch enorm! … Also, es war etwa vor zwanzig Jahren. Ich studierte in Zürich. Ich weiss eigentlich nicht weshalb, denn zu lernen war da nichts. Im Gegenteil: sie hatten damals entdeckt, dass alle Geisteskrankheiten vom Alkohol herkämen und überboten sich im jämmerlichsten Wassertrinken. Wie heisst es doch immer in den Mordberichten der Zeitungen: den Eintretenden bot sich ein grauenvoller Anblick dar …

Ich wohnte in einer sehr bescheidenen Pension unten am See in Riesbach. Es waren ausser mir noch ein paar Deutsch-Russinnen da – damals fingen die Frauenzimmer gerade an zu grassieren. Sie tranken viel Thee und rauchten massenhaft Cigaretten, waren aber sonst ganz ungefährliche Ziegen. Dann war noch ein riesig guter Kerl da, von dem niemand nichts Rechtes wusste, weder, woher er stammte, noch wie alt er war, noch wie er eigentlich hiess. Einige wollten wissen, er habe als Kind ein erfolgreiches Attentat verübt und sei später aus Sibirien entkommen. Thatsache war jedenfalls, dass ihn seine grosse Gewissenhaftigkeit und der ehrliche Respekt, den er vor der Wissenschaft empfand, bisher daran gehindert hatten, sein Physikum zu machen. Er war eine sanfte Seele, und jede Art von Examen wirkte auf ihn verstimmend, stiess ihn schon als Undelicatesse und Brutalisierung ab. Er war Anarchist und trug auch im Sommer stets einen wollenen Shawl. – Schliesslich als Hauptperson, als eigentlicher Mittelpunkt der kleinen Pension, galt nun aber unser Dichter. Eduard Potth, mit einem th am Schluss, den wir alle mehr oder weniger vergötterten und auf Händen trugen.

Wenn ich es mir recht überlege, ich war damals ein haarsträubender Esel. Ich hatte einen Respekt vor diesen breitmäuligen, humorlosen Phrasenschmied, ich müsste mich heute noch schämen. Na, den andern ging es nicht besser – und ich bin damals wenigstens geheilt worden.

Also Eduard Potth – übrigens bin ich der festen Überzeugung, dass das th von ihm stammte, und dass er eigentlich so hiess wie jeder ganz gewöhnliche andere Pott – Pott war in erster Linie Gesinnungsdichter. Wissen Sie, so: mit der Thräne im Knopfloch. Es that ihm scheusslich leid, dass es soviel Hunger und Elend auf der Welt gab, und was er dazu dichten könnt, das that er. Es war manchmal sehr rührend. Ganz böse könnt er aber werden, wenn er auf die Urheber all des Jammers zu sprechen kam, auf die sogenannten Tyrannen. Darunter stellte er sich teils gekrönte Häupter vor, weshalb er seinen Unterstützungswohnsitz in der freien Schweiz gewählt hatte – teils verstand er darunter die Inhaber sicherer Staatspapiere, Besitzer von Hypotheken, Hauseigentümer und ähnliche Verbrecher. Gegen die konnte er, wenn er gereizt wurde, sehr schlecht werden. Wir, seine Verehrer, waren stets in grosser Sorge um ihn, wenn er so seinen Wutanfall gegen die Tyrannen kriegte. Wir hatten damals schon die Ahnung, dass ihn derartige Angriffe lebhafter erregten, als die angegriffenen Tyrannen, und es that uns leid, ihn dieser schlechten Menschen wegen sich so quälen zu sehen. Er hatte dann fast regelmässig Verdauungsstörungen und damit war bei seiner ohnehin zarten Gesundheit nicht zu spassen. Er belehrte uns indes, wenn wir ihm unser Bedauern merken liessen, dass gerade hierin das eigentliche Martyrium der Dichterseele bestünde und belohnte unsere Teilnahme mit einem unendlich stolzen und schmerzlichen Lächeln.

Das war das Eine, die Hauptsache – seine Gesinnungsdichterei, seine Kampfpoesie – wie er es nannte. Aber damit war der Fall nicht erledigt. Er hatte noch einen zweiten schier ebenso unerschöpflichen Stoff. Können Sie raten?

– Die Liebe, warf ich nachlässig hin.

– Erstaunlich! Man merkt doch: Sie haben mit Dichtern verkehrt.

Wie hätten Sie das sonst erraten können. – Also: die Liebe. Mit zwanzig Jahren weiss man bekanntlich ganz genau, was das ist. Später wirds einem immer schleierhafter. Es kommen andere Vocabeln auf. – Na – das gehört nicht zur Sache. Sehen Sie mal, wie nett die Gegend hier ist! – –

Er wollte seine Gedanken unterbrechen und wies kopfnickend zum Fenster hinaus. In dem Augenblick rutschten wir in einen Tunnel. Als wir aber wieder herauskamen, lag Innsbruck vor uns. Wir hatten Aufenthalt, stiegen aus und assen etwas. Es war Nachmittag geworden.

Nachher, wie wir wieder in unseren Coupe-Ecken sassen, schwieg er. Seine Mitteilungsfreude musste einen Knacks bekommen haben, und ich fürchtete schon, ich würde die Geschichte vom Kalbscôtelette niemals zu hören bekommen. Da ich wohl merkte, dass ihm bei seiner Erzählung etwas Unangenehmes in die Gedanken gekommen war, scheute ich mich, ihn wieder darauf anzureden, und sah ebenfalls schweigend hinaus auf die lachenden Wiesen des Innthals.

Plötzlich aber setzte er sich mit einem Ruck in die Höhe:

– Na … wer A sagt, muss auch B sagen. Also hören Sie weiter. Und indem er sich eine Cigarre anzündete, fuhr er in dem alten, frischen, bissigen Ton fort:

– Also die Liebe. Jawohl. Unser verehrter Eduard war auch ein grosser Liebeslyriker. Obwohl er selber trotz seiner dreiundzwanzig Jahre den Frauen bis dahin ohne Ausnahme mehr als zart entgegengekommen war, schwelgte er in seinen Gedichten durchaus unplatonisch – am liebsten à la Mussets Rolla. Sobalds ans Reimen ging, zeigte er sich als verdammt wüster Gesell – so, im täglichen Leben errötete er vor jedem Dienstmädchen und zog sich scheu zu sich ins Kämmerlein zurück.

Nun hatte unsere Hauswirtin eine Tochter … die Anna, neunzehn Jahre alt. Ohne die hätte die ganze Pension nicht existieren können. Denn obwohl sie morgens und nachmittags in ein grosses Weisswarengeschäft ging, wo sie als Cassiererin angestellt war, leitete sie doch noch so nebenbei den ganzen Haushalt. Die alte Mutter war viel zu passiv und melancholisch in ihre gute, alte Zeit versenkt, in die Zeit, bevor sie ihr lieber, guter Mann eines Tages Knall und Fall hatte sitzen lassen – die Anna machte alles, dachte an alles, war alles.

Wie soll ich sie Ihnen beschreiben. Ich habe nie wieder später etwas so herrlich Üppiges … wissen Sie: so im schönsten Sinne des Wortes Üppiges gesehen, wie dieses Mädel! Gross war sie, stark – und doch so weich und rund in den Formen – ein Meisterstück.

Der Erzähler hielt einen Augenblick inne. Die Cigarre wollte ausgehn. Er brachte sie durch stärkeres Paffen wieder in Feuer.

– Ja, fuhr er fort, so war sie damals, anfangs, als wir in die Pension kamen. Damals strotzte sie von Gesundheit, so dass Eduard sie nicht fein und interessant genug fand, während Omar und ich sie bewunderten. Omar hiess bei uns der russische Mediziner mit dem anarchistischen Kinderherzen; er war natürlich auch ein fanatischer Abstinenzler, und deshalb hatten wir ihn nach dem grossen Kalifen Omar getauft, von dem überliefert ist, dass er seinen eigenen Sohn totprügeln liess, weil er Wein getrunken hatte. Omar und ich hatten alle beide von vornherein eine stille, heftige Schwärmerei für die Anna – wie tief sie bei dem wunderlichen, wortkargen Omar gesessen hat, hab ich nie herausbringen können – bei mir – – Na, aber das kann man ja von sich selber auch nicht mehr wissen – nichts täuscht mehr als die Erinnerung an Gefühle. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass wir gute und gesittete Jünglinge waren und unserer Verehrung nur die ehrbarsten Ausdrücke gaben. Wir holten Fräulein Anna abends abwechselnd vom Geschäft ab, schenkten ihr Blumen, ruderten sie auf den See und lasen ihr Dostojewskis Raskolnikow vor. Zarter konnte man nicht sein. Sie erwiderte unsere Ergebenheit durch eine gleichmässige, harmlose, fast schwesterliche Freundlichkeit und belohnte unsere Treue, indem sie uns hin und wieder etwas für die Wirtschaft einkaufen liess, aber nur solche Dinge, die beim Händler durch den einfachen Gattungsbegriff zu nominieren waren, wie Zucker, Salz, Pfeffer und andere Gewürze. Auch solche Gegenstände, die durch Angabe der Preislage in bekannten Geschäften hinreichend bezeichnet erschienen, wie Butter zu so und so viel, Thee, Kaffee und so weiter, durften wir holen, und zwar erwies ich mich in diesen Geschäften zu meiner stillen Genugthuung als der geschicktere. Omar hatte einmal in seiner Zerstreuung für zwei Francs Zimmt gekauft!

Ja, Sie lächeln – aber ich kann Ihnen sagen: mir wird immer ganz weh, wenn ich an jene Pensionszeit zurückdenke, und dabei ist es doch wohl die schönste meines Lebens gewesen. –

Merkwürdig: wir fanden es ganz selbstverständlich, dass Anna in den Dichter verliebt war. Wir hatten ja selber Schuld, dass sie ihn von vornherein wie ein höheres Wesen behandelt hatte. Wir machten es ihr ja vor. Er beachtete sie anfangs kaum, sie war ihm zu robust – aber nach und nach, als er das stumme, hilflose Werben des Mädchens um seine Gunst fühlen musste, als Annchens Wangen blass und blasser, ihre Augen grösser und trauriger wurden, da fing er an, sich mit ihr zu beschäftigen. Er machte mit ihr abendliche Spaziergänge … Omar und ich folgten ihnen in zwanzig Schritt Entfernung. So unbefangen sie im Verkehr mit uns war, so befangen, scheu und demütig war sie in Gesellschaft Eduards. Und dabei sprach er doch wahrlich keine Dinge, die ihr hätten den Atem benehmen können, im Gegenteil, er setzte ihr mit möglichster Pedanterie die Lehre der internationalen Socialdemokratie auseinander und predigte, wenns hoch kam, von der in rund drei Jahren bevorstehenden Revolution. Aber keine Heiterkeit wollte über sie kommen, sie war ganz verschüchtert, und nur hin und wieder streifte sie ihn mit einem seltsamen Blick – einem Blick, der mich damals erschreckte und der mir noch jetzt in der Erinnerung zu raten giebt. Wir wussten alle, dass sie ein züchtiges und reines Mädchen war – wie kam sie zu solchen Blicken?

Ich weiss nicht, ob auch Omar dieses wilde Feuer in ihren Augen gesehen hat, gesprochen haben wir nicht darüber – aber worüber wir oft sprachen und was uns mit steigender Besorgnis erfüllte, war die Veränderung, die mit ihrem Gesundheitszustande vor sich ging. Ohne jede erkennbare Ursache verlor sie ihr blühendes Aussehen, ihre Frische und nahm ab. Wir beiden dummen Jungen von Medizinern zerbrachen uns die Köpfe über den Fall, hatten natürlich keine Ahnung davon, was es sein könne, und veranlassten sie schliesslich mit vielen Überredungskünsten, zu einem berühmten Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen. Als sie wiederkam und uns mit atemloser Spannung auf ihren Bericht warten sah, lächelte sie müde und sagte:

– Ach, Euer Doctor hat erst geglaubt, mir sei etwas passiert, hat mich gefragt, ob ich einen Schatz hätte, der närrische Kerl. Jetzt weiss ich übrigens auch, weshalb die Leute im Geschäft die Köpfe zusammenstecken und zu mir hinübersehn …

– Und was hat denn der Herr Doctor dann gesagt, Anna, fragte ich.

– Ich sei wohl etwas bleichsüchtig und solle viel Milch trinken und Eisen nehmen und Leberthran … weiter nichts. –

Unsere Sorge war damit nicht gehoben, zumal es trotz der angewandten Mittel immer weiter bergab mit ihr ging. Sie brauchte jetzt fast die doppelte Zeit zu ihrem Wege ins Geschäft, und wenn sie abends heimkam, war sie so müde, dass sie kaum noch ihre Glieder trugen. Sie setzte sich dann still in den alten Lehnstuhl und strich ihre Stirn. Sie hätte Kopfweh, sagte sie, fortwährend ein dumpfes, schweres Kopfweh.

– Sie sehnt sich zu Tode, sagte Omar eines Abends stöhnend zu mir. Er sah mich nicht an, sondern ging hinaus. –

Ich war schon damals in physiologischen Dingen nicht romantisch genug, um seine Ansicht zu teilen, aber immerhin war der Einfluss Eduards auf ihren Zustand offensichtlich. In seiner Gegenwart wich die Müdigkeit von ihr und eine fieberhafte Spannung, ein gewaltsames Aufhorchen trat an die Stelle. Ging er dann fort, war sie doppelt apathisch.

Damals bin ich zuerst an Eduard irre geworden. Diese egoistische Gemütsruhe, mit der er die Dinge an sich herankommen liess, wie er, stets kühl und stets freundlich, die Leidenschaft und die Leiden des armen, dummen Geschöpfes gar nicht zu bemerken schien und sich ruhig jede Verhätschelung von ihr wie etwas Selbstverständliches gefallen liess, wie er es zum Beispiel ruhig hinnahm, dass sie für ihn etwas Besonderes kochte, wenn er das Gewöhnliche, was die Anderen assen, »nicht mochte« – alles das, machte mich damals zum ersten Malestutzig. Aber ich dachte da noch, dass das nur eine individuelle Charakterschwäche Eduards sei – erst später, als ich fleissig Goethebiographieen gelesen hatte, bin ich dahinter gekommen, dass die Herren Dichter das überhaupt so an sich haben – die grossen, wie die kleinen.

Es kam zum Ende. Eines Sonnabends Abends – sie hatte sich so lange hingeschleppt, weil sie Sonnabends Abend ihr wöchentliches Salair empfing – sprang sie plötzlich beim Abendessen vom Tische auf, schlug mit beiden Händen an den Kopf, stiess einen fürchterlichen Schrei aus und fiel dann rücklings nieder. Omar und ich trugen sie auf ihr Bett, die Mutter zog sie unter fortwährenden dummen Jammereien aus, und sie ist nicht wieder aufgestanden.

Es dauerte noch acht Tage. Die ersten Tage war sie oft noch stundenlang bei Besinnung, war klar und sprach mit uns freundlicher und heiterer als in der letzten Zeit vorher. Sie fragte uns nach dem Dichter – aber den hatte der schreckliche Augenblick ihres Zusammenbruchs so angegriffen, dass er auf einige Tage eine befreundete Familie, die in der Umgegend wohnte, besucht hatte, und als er zurückkam und wir ihm mitteilten, wie es um sie stand, und dass sie nach ihm verlangt hatte, sagte er, dass es ihn doch zu stark erregen würde, sie zu sehen.– – – –

Furchtbar war es, wenn sie nachts in ihren Fieberphantasieen sang – laut, ganz laut – Kinderlieder, Volkslieder – und dazwischen lachte. Wach, starr, von kalten Schauern überlaufen, lag ich im Bett und horchte. Und es mischte sich noch ein anderer Ton in den Gesang, ich wusste erst nicht, was es war, bis ich merkte, dass es Omar war, der in dem Schlafzimmer neben mir lag und stöhnte.

Am Freitag gegen Mittag kam sie zum letzten Male zur Besinnung und wie sie die Augen aufgeschlagen hatte und alles ansah, war auch ihre letzte Freude. Denn wir hatten viele Frühlingsblumen auf ihr Bett gelegt. Es war Mai. Aber als sie nach ihnen greifen wollte, gehorchte ihr der Arm nicht mehr. In den letzten Tagen war ihr ein Glied nach dem andern abgestorben. Da verschwand das Lächeln, mit dem sie die Blumen wahrgenommen hatte. Sie sann und fragte:

– Was haben wir heute für einen Tag, Mutter?

– Freitag, mein liebes Kind.

– Freitag? – Hast Du auch nicht vergessen, Mutter, dass Herr Eduard sein Kalbscôtelette bekommt?

– Nun, mein liebes Kind, aber denk doch nicht daran, wie fühlst Du Dich denn?

Sie gab keine deutliche Antwort mehr. Sie hatte das Bewusstsein wieder verloren. Am Abend starb sie.

Mit dem Kalbscôtelette hatte es aber folgende Bewandtnis. In unserer Pension gab es an einigen Tagen der Woche stets dasselbe Mittagsessen. So kamen jeden Freitag Schweinscôtelettes auf den Tisch. Da der Dichter aber Schweinscôtelettes nicht mochte, so hatte Anna es eingeführt, dass für ihn extra stets ein Kalbscôtelette gekauft wurde, das sie selber briet. Es war ihr letzter Gedanke gewesen, dass ihre Mutter das vielleicht vergessen könnte.

Eduard war den Nachmittag auf dem Zürichberg gewesen und hatte gedichtet … einen Cyklus »Anna«, in dem er ihr »elend Los« sehr schön besungen hatte. Als er abends heimkam, war es uns nicht möglich, mit ihm zu sprechen. Aber nach etwa einer Woche, als wir das arme Annchen schon begraben hatten, – wobei der Dichter natürlich durch Abwesenheit glänzte – erzählten wir ihm von jenen letzten Augenblicken der Besinnung und von der letzten Frage, die sie gethan hatte. Da war er erst einen Augenblick still und dachte offenbar nach. Dann seufzte er und sagte mit dem Kopfe nickend:

– Ja, ja! Dass die Frauen doch bis zuletzt diese profanen Dinge im Kopf haben müssen.

Er hatte das kaum zu Ende gesagt, da hatte er ein paar Ohrfeigen von mir, rechts und links, von meinen beiden Händen, dass er weit hin über die Chaussee taumelte. Dann rief ich ihm noch einige kräftigere Schimpfworte zu und ging davon. Ich kochte und betrank mich an dem Abend furchtbar – mein treuer Omar, der mich schliesslich wiederfand, hatte seine Not mit mir.– – –

Sehen Sie: seitdem bin ich dem Dichter gram. Und nicht blos diesem, denn Alles, was ich seitdem gehört und gelesen habe, sowie meine eigenen klinischen Wahrnehmungen bestätigen mich in der Überzeugung, dass die Dichter eine ganz elende Sorte Menschen sind. Weiter wollt ich ja nichts gesagt haben.




Der Romancier

Und er sprach:

– Vor einigen Jahren, als ich noch das Realgymnasium meiner Vaterstadt besuchte und zuerst den Beruf zum Romandichter in mir verspürte, glaubte ich, es sei nichts leichter und angenehmer, als Romanschreiben, und ein solcher Beruf könne mir nur Liebes und Gutes bringen.

Da der Unterricht im »Schönschreiben« in den höheren Klassen, die ich der allgemeinen Bildung wegen durchmachen zu müssen glaubte, nicht fortgesetzt wurde, so hatte ich es bei meinen Eltern durchzusetzen gewusst, dass ich auch weiterhin Privatunterricht im Schreiben nehmen durfte. Dank meiner Energie und meiner natürlichen Begabung brachte ich es denn auch schon als Untersecundaner so weit, dass ich in einer durchaus lesbaren Handschrift mit Bequemlichkeit zehn Foliobogen in der Stunde vollschreiben konnte.

Mit freudiger Zuversicht verliess ich daher die Schule. Ich wusste mich gerüstet.

Auch als Student noch, wenigstens solange mir meine Manuscripte von allen Seiten mit bestem Dank und der lebhaftesten Anerkennung zurückgesandt wurden, lebte ich glücklich und zufrieden. Ich hatte die stille Genugthuung, meine Fertigkeit im Schreiben noch stetig wachsen zu sehen, und wartete im übrigen ruhig ab, bis meine Zeit kommen würde. Sie musste ja kommen.

Da errang ich meinen ersten grossen Erfolg. Ich verdankte ihn der ebenso genauen wie glutvollen Schilderung eigener Seelenerlebnisse. Wenn ein Staatsanwalt das Buch in die Hände bekam – errötete er und schwieg.

In der Zeit des ersten Rausches ahnte ich das Schreckliche nicht, was nun folgen sollte. Aber kaum war dieser Rausch verflogen, so stellten sich auch bereits jene Qualen und Widerwärtigkeiten aller Art ein, von denen ich von nun ab unablässig verfolgt werden sollte. Mit meinem Ruhme – wuchsen meine Leiden.

Wie oft habe ich in den verflossenen Jahren meines Martyriums voller Neid jener alten idealistischen und romantischen Romanciers gedacht, die sich nur an ihren grossen, behaglichen Schreibtisch zu setzen brauchten: da liessen sie ihrer Phantasie freien Lauf und – fertig war die Arbeit. Wie glücklich waren sie daran!

Wir modernen Realisten dagegen, die wir es uns zur Pflicht gemacht haben, nichts zu schildern, nichts zu erzählen, was wir nicht selber gesehen und erlebt haben – wie unglücklich sind wir daran!

Der gedankenlose Leser unserer Werke ahnt gar nicht, welch eine Welt der Mühen und der Leiden wir selber haben durchleben müssen, um ihn zu deren heiterem Genüsse zu verhelfen.

Und nun erst ich, der ich ein realistischer Erotiker bin! Ich kann versichern, dass es nichts Anstrengenderes und Aufreibenderes giebt, als das Erleben meiner Romane.

Zum Beispiel neulich –: ich bin mitten in einem neuen, sehr anregenden Liebesroman, an dem ich bereits vier Tage schrieb und den ich noch zum kommenden Sonntag fertig zu stellen gedachte – plötzlich muss ich innehalten –: mir fehlt eine Situation.

Ganz gegen mein Prinzip hatte ich mich nämlich bei der Conception von einem Einfall leiten lassen. Und so war es gekommen, dass sich meine Heldin, deren junger, bebender Mädchenleib mir diesmal besonders gut geraten war, dem Helden gegenüber plötzlich in einer Situation befand, die ich notwendigerweise erleben musste, um sie schreiben zu können. Es handelte sich für mich darum, zu erfahren, in welcher Weise sie auf ein bestimmtes Ansinnen von ihm reagieren würde.

Was thun? –

Die Unterbrechung der Arbeit war mir höchst unwillkommen: es galt, sie möglichst einzuschränken.

Ich wandte mich also an ein junges Mädchen, das bei Gerson als Probiermamsell engagiert war, mir auch schon bei früheren Arbeiten wertvolle Dienste geleistet hatte, und bat sie per Rohrpostbrief, mich doch noch denselben Abend zu besuchen. Dieses junge Mädchen war angesichts der Eigenart meiner Productionen für solche Zwecke gerade deshalb besonders geeignet, weil die Motive ihres Handelns fast niemals aus einer Thätigkeit ihres Intellects resultierten, sondern durchweg aus den natürlichen Instincten hervorwuchsen.

Sie kam am Abend zu mir und nach einem kurzen, sachlich-einleitenden Gespräch stellte ich nun an sie jenes Ansinnen, von dem ich wissen musste, wie die Heldin meines Romans darauf reagieren würde. – –

Unglücklicherweise hatte ich mir am Tage zuvor Schopenhauer, von dem ich in Erfahrung gebracht hatte, dass er auch über die Weiber geschrieben habe, von einem Freunde entliehen, und der sechste Band lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Kaum hatte ich nun die fragliche Zumutung ausgesprochen, so ergriffdie Probiermamsell diesen ziemlich schweren Band – die neue Ausgabe bei Reclam war damals leider noch nicht erschienen – und warf ihn mir mit ausgesprochener Vehemenz an den Kopf. Es that weh und gab hinterdrein eine deutlich erkennbare Beule.

Nachdem mich das junge Mädchen hierauf nicht ohne einige laute Worte, die ihre Entrüstung zum Ausdruck bringen sollten, verlassen hatte, war ich nun zwar in der Lage, meinen Roman im Sinne eines garantierten Realismus fortzusetzen: doch wurde ich durch einen leise stechenden Schmerz in der sich nun ausbildenden Beule hin und wieder an meinen Kopf erinnert: etwas, was mir sonst beim Schreiben nicht begegnete und mich daher empfindlich störte. Ich wurde infolge dessen am Sonnabend mit dem Roman nicht fertig, sondern musste noch den ganzen Sonntag Vormittag daran arbeiten.

Einige Wochen später schrieb ich an einen Roman, in dem Er sich gegen Sie direct gemein benahm. Auch hier fehlten mir einige Züge, und ich war daher mit einem gewissen Grauen an die Arbeit gegangen. Ich liebte damals – nicht ohne Erfolg – die fünfzehnjährige Tochter eines blinden Droschkenkutschers, und was blieb mir anders übrig, als an ihr in der Eile eine Anzahl grösserer Gemeinheiten zu begehen. Es wurde mir schwer genug, aber ich hatte nicht die Zeit, mir zu diesen Versuchen erst noch ein anderes Object zu besorgen. –

Da spazierte ich eines Abends in später Stunde die Friedrichstrasse hinauf nach Norden. Ich ging gesenkten Hauptes, verloren in trübe Gedanken über meinen harten Beruf. Die unbestimmte Ahnung irgend eines seltsam düsteren Ereignisses lastete auf meiner Seele.

Über die Linden, am Bahnhof Friedrichstrasse vorbei, schritt ich weiter und weiter, unaufhaltsam gen Norden … Ich betrat die Weidendammer Brücke!

Oben auf der Brücke blieb ich einen Augenblick stehen. Sinnend starrte ich in die schwarzen Fluten … Mit Gewalt riss ich mich los …

Da – kaum hatte ich die Brücke verlassen – war es mir, als ob etwa fünf Schritte vor mir eine zarte, biegsame Mädchengestalt mit einer plötzlichen Wendung vor mir auswich und floh – Nebel und Dunkelheit verschlangen sie …

Ich schritt nun schneller vorwärts, und bald hatte ich sie wieder erreicht.

Sie war es – die fünfzehnjährige Tochter des blinden Droschkenkutschers.

Das Herz krampfte sich mir zusammen.

Sie blickte zur Seite, doch musste sie fühlen, dass ich neben ihr ging.

Endlich legte ich meine Hand auf ihren Arm, und mit meiner melodisch vibrierenden Stimme fragte ich leise:

– Was wolltest Du auf der Brücke, sprich!

Ein Schauer ging durch ihren Mädchenleib. Sie schwieg. Eindringlicher fuhr ich fort:

– Oh … ich habe es wohl bemerkt –: Du wolltest sie eben beschreiten. Wozu? –

Sie blieb stumm. Ich wiederholte meine Frage:

– Sprich, was wolltest Du auf der Weidendammer Brücke?

Noch immer war kein Wort aus ihr herauszubringen. Da flüsterte ich ihr zu:

– Ich fühle es … ich weiss es … was Du auf der Brücke wolltest! – Armes Kind! – Wie glücklich bin ich, dass ein Zufall mich des Weges führte!

Da – endlich löste sich ihr wilder Schmerz in Thränen. Sie presste ihr Taschentuch vor das Gesicht, und ihr Mädchenleib schüttelte sich wie von unterdrücktem Lachen.

Sanft legte ich meine Hand in ihren Arm und fragte kosend:

– Nun sage mir – wohin gehen wir jetzt?

Da sah sie mich zum ersten Male wieder voll an und rief lebhaft:

– Zu Emberg – tanzen!

Ich war verblüfft. Unergründlich ist das Weib! Wer darf hoffen, jemals hinter die Sphinx-Räthsel der Frauennatur zu kommen!

Ich fühlte mich nicht berechtigt, ihr die erste Bitte, die sie in dem ihr neugeschenkten Leben an mich richtete, gleich wieder abzuschlagen. Wir gingen zu Emberg. Ich merkte mir aber gar wohl diese psychologische Curiosität des plötzlichen Umschwungs in ihren Gefühlen und hatte die Genugthuung, sie tags darauf noch im laufenden Roman verwenden zu können. –

Doch nicht immer münden die Wege menschlichen Schicksals, die ich berufsmässig zu wandeln habe, auf den Schauplatz eines fröhlichen Tanzes! Nicht immer begegne ich den Unglücklichen, die eine meiner Katastrophen in den Tod treibt, auf ihrem letzten Gange.

Ich will es nur gestehen: manchmal, wenn ich mir vergegenwärtige, welche Opfer mein Beruf schon gefordert hat, wenn ich es auszudenken wage, wie mancher bebende Mädchenleib schon um meinetwillen die ewige Nacht in den dunklen Wellen der Spree gesucht und gefunden hat – packt mich ein jähes Entsetzen vor mir selber, wie vor einer unerbittlich waltenden, grausamen Naturmacht.

Denn ich kann nicht anders! –

Mit dem Portier des städtischen Leichenschauhauses bin ich im Laufe der Jahre recht befreundet geworden. Er sieht es den Wasserleichen, die bei ihm eingeliefert werden, auf den ersten Blick an, ob sie von mir sind. Er kennt allmählich meinen Geschmack.

Er schickt dann immer gleich einen Dienstmann zu mir, und ich fahre hin. Selbst wenn er sich geirrt hat, und die Leiche nicht von mir ist, verläuft die Besichtigung selten ohne eine gewinnbringende Anregung für mich.– – – – –

– – – – – – – – – – –

Ich muss innehalten. Es strengt mich an – dieses Zurückblicken auf die Opfer meiner Thätigkeit. – Ich wollte nur nachweisen, dass die Consequenzen, die das Dichten realistischer Liebesromane nach sich zieht, schwerer sind als alle anderen mir bekannt gewordenen Berufskrankheiten. Und an diesen Nachweis möchte ich eine Mahnung knüpfen an alle begabten Jünglinge, die zur Zeit voll harmloser Freude, voller Lust und Liebe am Schön- und Schnellschreiben die mittleren Klassen unserer höheren Schulen bevölkern –: werdet, was Ihr wollt – nur nicht Romancier.




Der Römische Maler

I.

Er kommt nach Rom, hat die Taschen voller Geld und wird sich an Deiner Eigenart freuen. – Mit diesen Worten hatte mich ein etwas schadenfroher Freund bei ihm, dem römischen Maler, angemeldet in einem Briefe, der mir vorausgeeilt war. Ich erfuhr diese Form der Empfehlung erst zwei Jahre später durch die Indiscretion eines zweiten schadenfrohen Freundes, nachdem ich inzwischen bereits sattsam Gelegenheit gehabt hatte, mich – an seiner Eigenart zu freuen und ihm schon lange nichts mehr pumpte.

Um gleich vorweg von seiner Kunst zu reden, so hat er damit entschieden Glück. Er ist nämlich Porträtmaler, und da sich seine Porträts sämtlich in dem Privatbesitz der Gemalten befinden, so ist es klar, dass fast nur günstige Urteile darüber gefallt werden, denn nur wenige Menschen sind so gemütsroh, einem gütigen Gastgeber die Laune dadurch zu verderben, dass sie seine ihm schliesslich von Gott verliehene Visage, wenn auch nur in der Wiedergabe, scheusslich finden. Was mich betrifft, so bin ich ausserdem so vorsichtig, das lebensgrosse Bild meiner Frau, das er damals vor fünf Jahren gemalt hat, nur solchen Menschen zu zeigen, von deren reiner Herzensgüte ich untrügliche Beweise habe.

Jedoch ebenso so sehr, wie man Michelangelo Unrecht thun würde, wollte man ihn ausschliesslich als Tafelmaler betrachten; ebenso falsch wäre es, in Ludovico, dem römischen Maler, lediglich den Porträtisten und bildenden Künstler zu schätzen. Zu allen Zeiten einer rege werdenden Cultur hat es Persönlichkeiten gegeben, deren Geist und Wesen mehr bedeuteten, als das Werk ihrer Kunst: die weit weniger durch ihre fertigen Schöpfungen als durch das Wollen, das in ihnen lebte, durch den ganzen Zauber ihrer Individualität auf andere wirkten. Ludovico, der Porträtmaler, wäre wohl kaum würdig, einen Geschichtsschreiber zu finden, Ludovico, der Mensch, verdient einen solchen im höchsten Grade.

Er besitzt ein ganz merkwürdiges Sprachtalent. Schon in seiner frühesten Jünglingszeit, als er noch in seiner ostpreussischen Heimat bei einem Rechtsanwalt Acten kopierte, lernte er heimlich auf eigene Faust Englisch, Französisch und Italienisch und bildete sich im geheimen durch Leetüre in diesen Sprachen fort. Kein Wunder also, dass er jetzt, wo er schon zehn Jahre in Italien lebt, die italienische Sprache in der vollendetsten Weise beherrscht und daher in der Lage ist, den nach Rom kommenden Fremden ein idealer Führer zu sein.

Sein psychologisches Interesse an dem ewig wandelbaren Menschenbilde ist so stark, dass es seinen Trieb nach eigener künstlerischer Bethätigung fast stets überwiegt – so dass er weit lieber mit den immer wieder frisch ankommenden nordischen Fremden die Strassen und Plätze der ewigen Stadt durchwandert, oder auch wohl in kühlen Osterien die besten Quellen des Frascatanerweines mit ihnen aufsucht, als dass er daheim im dumpfen Atelier unbedeutende Menschenköpfe in Öl setzt. – Es bietet meiner künstlerischen Natur – so pflegt er etwa zu sagen – unendlich mehr künstlerische Anregung, wenn ich mit meinem unbefangenen Künstlerauge die verschiedenen Typen meiner Landsleute betrachten kann – weshalb immer gleich malen? Es ist nicht mehr als recht und billig, dass die Fremden, denen er in solcher Weise seine Tage und oft auch seine Nächte weiht, sich hierfür in taktvoller Manier erkenntlich zeigen, seine Eigenart zu schätzen wissen und nicht durch mutwillige Verweigerung eines Darlehens das meist noch junge und schöne Verhältnis zerstören. Auch werden jüngere feurige Naturen kaum umhin können, mit ihm am zweiten Abend der Bekanntschaft und nach dem zweiten Fiasco Chianti Brüderschaft zu trinken: in diesem Punkte versteht er keinen Spass, sondern ist, wenn man Miene macht, sich dem zu entziehen, sofort bis zu Thränen gekränkt.

Übrigens hat ihm die Natur zur Erfüllung seines Berufes entschieden mit bedeutenden äusseren Mitteln versehen. Zwar ist er nur klein von Statur, etwa von der Grösse Napoleons oder Carl Bleibtreus, aber gewaltige buschige Augenbrauen, ein durchbohrender Blick und ein an persische Vorbilder gemahnender dunkler Vollbart geben seinem Kopfe mit der hohen, breiten Stirn etwas finster Majestätisches. Er spricht sehr wenig und fast nur in kurzen Sätzen, lapidaren Epigrammen, deren Sinn nicht immer jedem verständlich ist, die aber – wenigstens im Anfang der Bekanntschaft – sehr bedeutend klingen.

II.

Als ich das zweite Mal nach Rom kam, fand ich ihn in eine Actiengesellschaft verwandelt. Ich traf in Gesellschaft des Rechtsanwalts Rosenthal aus München, den ich zufällig in Florenz getroffen hatte, mit dem Abendschnellzuge in Rom ein. Unterwegs hatte ich meinem Reisegefährten manches von Ludovico erzählt und in ihm den Wunsch zu erzeugen gewusst, sich unverzüglich an seiner Eigenart zu erfreuen. Es sollte ihm über Erwarten gelingen.

Vom Bahnhof fuhren wir ins Hôtel und dann machten wir uns auf den Weg, die deutschen Brüder in den mir bekannten nächtlichen Localen aufzusuchen. Wir fanden sie bald in einem Cafe am nördlichen Corso, unweit der Chambre-garnie-Wohnung Goethes. Ludovico war nicht wenig erfreut, mich wiederzusehen und auch den Rechtsanwalt, hinter dessen jovialer Beleibtheit er sofort den Actionär wittern mochte, begrüsste er mit Herzlichkeit. Er war gerade dabei, Actien auszuschreiben, und es dauerte noch keine Stunde, da war mein glücklicher Reisegefährte bereits im Besitze einer solchen.

Das Unternehmen war ebenso einfach wie sinnig erdacht und ruhte auf den solidesten Grundlagen.

Von der Erwägung ausgehend, dass Ludovico während der Zeit der Anwesenheit seiner Freunde und neugewonnener Gönner in Rom nicht dazu kommen konnte, etwaige Aufträge, die ihm diese zu teil werden liessen, auszuführen, weil

– nun eben, weil die Freunde und Gönner anwesend waren und doch vor allem anderen seinen persönlichen Umgang geniessen wollten, in der weiteren Erwägung jedoch, dass man das Eisen schmieden soll, so lange es heiss ist und dem reisenden Kunstfreund ein Bild verkaufen, so lange man ihn da hat

– verkaufte Ludovico Anteilscheine an den Ergebnissen seiner demnächstigen künstlerischen Thätigkeit

– den Anteilschein zu 50 Lire – und verpflichtete sich, dafür dem Actionär später, wenn dieser wieder daheim und er wieder Ruhe zum Arbeiten haben würde, mindestens ein Tambourin mit einem Ciociaren-knabenkopf zu schicken.

Die Folgen eines derartigen Gesellschaftsverhältnisses blieben nicht aus. Im Herbst – oder je nach dem Temperamente des Actionärs schon im Hochsommer – entspann sich ein reger, anfanglich freundlicher Briefwechsel zwischen dem Actionär und Ludovico, der in seinem weiteren Verlaufe den römischen Maler fast immer zu der traurigen Überzeugung führte, dass der deutsche Philister doch keine Ahnung habe von den geheimnisvollen Bedingungen eines wahrhaft künstlerischen Schaffens. Er müsste doch einsehen, dass es ihm gerade jetzt bei dieser drückenden Hitze oder zur Zeit der Weinernte ganz unmöglich war, zu arbeiten … und überhaupt: was bildete sich jener ein: womit begründete er seinen Anspruch, den andern vorgezogen zu werden – den andern, die doch auch noch kein Tambourin hatten. Das Ende des Gesellschaftsverhältnisses war dann meist der Bruch des gesellschaftlichen Verkehrs und die Einstellung des Briefwechsels.

Beide Teile sahen ein, dass sie sich ineinander getäuscht hatten. – –

Indessen, an jenem Abende unserer Ankunft in Rom wurde unsere Stimmung durch keine Wolke getrübt. Ludovico, gehoben durch den erfreulichen Fortschritt seines Unternehmens, war leutseliger und gesprächiger als sonst – und über uns kam der Zauber der Nächte Roms.

III.

Rom ist eine Gemütskrankheit. Wenn man erst mal eine Reihe von Jahren im Frühling hinuntergefahren ist, wird man es nur mit schweren Schmerzen des Heimwehs bleiben lassen. Und hat man sichs im vorigen Sommer noch so fest vorgenommen, nicht wieder hinzugehen, sondern seine Zeit nützlicher zu verwenden – wenn der März zu Ende geht und der April wächst, überfallt es einen wie heisse Angst, und eines Abends sitzt man doch wieder in dem üblichen D-Zuge.

Als ich Tertianer war, musste ich einen Aufsatz schreiben: ›Was zog die deutschen Kaiser immer wieder nach Rom?‹ Ich erklärte diese Thatsache sehr einfach daraus, dass unsere Kaiser immer romantische Naturen gewesen seien und dass schon das Wort »romantisch« von Rom herkomme. Ich hielt das aber damals selber für Schwindel und ahnte nicht, dass ich später einmal – zwar Gott sei Dank kein deutscher Kaiser, aber ebenso romantisch werden würde.

Es ist wirklich wahr: den Mai sollte der Mensch, der es sich irgendwie leisten kann, in Rom zubringen. Der Mai ist dort etwas wie eine Erlösung; das Leben im Freien beginnt wieder. Mein Freund Peter Behrens will zwar auch dann nicht recht was wissen von Rom: es ist ihm nun einmal die Stadt der Archäologen. – Aber selbst zugegeben, dass man die Archäologen in Rom weniger leicht vermeiden kann als in anderen Grosstädten, und dass einem die Nächstenliebe dadurch erschwert wird, so lernt ein leidlich geschickter und vorsichtiger Mensch diese Sandbänke bald umschiffen, zumal wenn ihm ein kundiger Lootse zur Seite steht. Ludovico ist solch ein tüchtiger Lootse in Tiefen und Untiefen des römischen Lebens. Ich kann ihn jedem, dem es um einen archäologisch stubenreinen Aufenthalt in Rom zu thun ist, nur auf das wärmste empfehlen. Ein doppelter Instinct leitet ihn sicher an all den Aufenthaltsorten vorbei, welche von deutschen Archäologen besucht werden. Einmal sein Instinct als schaffender Künstler, dem eine Sorte von Menschen unmöglich ist, welche die Kunst für die Schule ausschlachten, und zweitens der Instinct der Selbstachtung: denn es kann ihm unmöglich angenehm sein, Leuten zu begegnen, an deren frühere, wenn auch lose geschäftliche Beziehungen zu ihm er sich nur ungern erinnert.

Aber ich schwatze mal wieder, statt zu erzählen. – Was mich, je häufiger ich Ludovico wiedersah, immer stärker interessieren musste, war die Frage, wie es zugegangen, dass dieser Sohn des Nordens nach Rom verschlagen wurde und welche Schicksale ihn zu der marcanten Rolle, die er hier spielte, vorbereitet hatten.

Die Gelegenheit, ihn danach zu fragen, ergab sich erst im dritten Jahre unserer Bekanntschaft. Es war da eine neue Wandlung mit ihm geschehen. Er fühlte sich als ›Weltauge‹ und sprach ein eigenes pantheistisches Idiom. Sor Rodolfo war daran schuld. Angeregt durch meine Herausgabe des alten Gottesdichters Angelus Silesius, hatte dieser es auch nicht unterlassen können.

Er hatte ein »Pantheistisches Laienbrevier« drucken lassen, in dem derselbe Angelus Silesius, zum Katechismus der Zukunftsreligion zurechtgemacht, wiederum erschien. Nun brauchte Sor Rodolfo, während er die Correcturen zu diesem, seinem Jungfernbuche las, jemanden, mit dem oder gegen den er mit seinem stark- und wohltönenden Organ über Mystik und andere letzte Dinge reden konnte. Ludovico war ihm da sehr willkommen: er widersprach ihm nie, sass unentwegt mit tiefernster Miene da und bestärkte ihn durch gelegentliches gewichtiges Nicken des Kopfes in seinen theosophischen Überzeugungen. Leider benahm sich Sor Rodolfo hiergegen recht undankbar, denn wenn er Ludovico auch schon mal einen Anzug schenkte, so liess er ihn doch nicht entsprechend enger machen. Und Sor Rodolfo war wesentlich dicker als Ludovico.

In diesem Jahre nun, während der pantheistischen Lebensperiode des römischen Malers war es, dass ich Gelegenheit fand, ihn nach seiner Vergangenheit zu fragen. Er war damals noch ernster gestimmt als früher, und seine kurzen Worte klangen noch tiefsinniger als sonst.

Es geschah, dass ich ihn einmal allein in seinem Atelier draussen an der via Flaminia antraf. Er sass gebückt auf einem Stuhl, hatte die Füsse auf eine alte Kiste gestellt und ein Tambourin zwischen die Knie geklemmt. Auf das Tambourin malte er das Profil eines schönen Mädchens, wie es die Fremden, welche nach Rom kommen, so gern an den häuslichen Herd mitnehmen. Sie bringen es ihren Gattinnen mit und bemerken dabei schelmisch: Schmücke dein Heim.

Wenn man bedenkt, dass Ludovico in der geschilderten, unbequemen Stellung nicht nur Pinsel und Palette hielt, sondern auch ununterbrochen selbstgedrehte Cigaretten zu rauchen fertig brachte, so wird man wieder einsehen, dass man es in ihm mit keinem gewöhnlichen Maler zu thun hat, vor allem nicht mit einem von denen, die sich ihre Arbeit durch allerlei raffinierte Bequemlichkeiten zu erleichtern suchen. Der Schweiss lief ihm von der Stirn und er musste ihn immer wieder mit dem Rockärmel abwischen.

– Bitte, setz Dich, sagte er kurz, nachdem er mir gleichgültig geöffnet hatte, und ohne seine Miene zu verändern, setzte er sich wieder in Position und malte weiter. Manchmal liebte er es, seine angespannte künstlerische Thätigkeit ein wenig zur Schau zu stellen.

Ich setzte mich auf ein Möbel, das am Nachmittage den Namen Sofa trug, einen Teil der Nacht und vormittags dagegen dem Künstler als Bett diente. Es war mit etlichen Stücken schönfarbiger Stoffe bedeckt, die von den Malern Mittwochs auf dem campo de fiori so gern erworben werden, weil sie ihren schwelgerischen Augen wohl thun.

Nach einigen einleitenden knappen Worten der Alltäglichkeit äusserte Ludovico die Ansicht, das Schicksal jedes Menschen sei von Ewigkeit her mit Notwendigkeit in sich bedingt.

Mir kam das nicht überraschend, denn ich wusste, dass Sor Rodolfo seit einigen Wochen nachts in den tönenden Strassen Roms in seiner durch Strakosch gebildeten Vortragsweise die orphischen Urworte donnerte:

»Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Grusse der Planeten, Bist alsobald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.«

Ich erinnerte ihn daran und er neigte bedeutend das Haupt, indem er seiner Römerin ein fesches Glanzlicht auf die feingeschwungene Nase setzte.

Die Gelegenheit war günstig: ich fand einen glücklichen Übergang und fragte ihn, wie es denn eigentlich mit seinem eigenen Schicksale bestellt sei und ob er auch bei diesem die bedingenden Notwendigkeiten begriffen habe.

– Was führte Dich nach Rom? Er drehte sich eine Cigarette, und

als sie fertig war, antwortete er dumpfen Tones:

– Die Liebe.

– Ach! Pardon! Ich möchte nicht unzart sein, aber … würdest Du wohl … könntest Du mir das wohl erzählen.

Ueber sein Tambourin gebeugt, murmelte er:

– Du rührst an meine bitterste Stelle.

Ich muss bemerken, dass es eine seiner Eigenarten war, die Adjectiva in besonders kühner Weise zu verwenden, wodurch seine Sprache fast immer ausserordentlich originell wirkte.

– Du rührst an meine bitterste Stelle! Aber es sei. Schon zu lange trag ich es. Kein Mensch weiss darum. Nicht einmal Sor Rodolfo hab ich es erzählt. Er ist, wie Du weisst, schwerhörig wie die Nacht und eine Geschichte wie die meinige ist nicht zu brüllen. – Aber komm! Fahren wir nach Trastevere hinüber, in die Cisterna, da giebt es jetzt den besten Frascati pastoso. Die Pupille des Weltauges dürstet.

Das Tambourin flog neben mir aufs Sofa. Auch mir wars lieber, dass wir gingen. Es hatte etwas Beängstigendes, Ludovico arbeiten zu sehen.

IV.

Eine Würdigung der römischen Osterien, zu der unsere Fahrt zur Cisterna mich verführen könnte, will ich mir jetzt versagen und lieber auf ein anderes Mal verschieben, wenn ich auf Sor Rodolfo zurückkomme, an dessen Hand ich meine Erfahrungen gesammelt habe. Es genüge hier zu bemerken, dass die Cisterna in Trastevere – kein Bädeker nennt ihren Namen – ein fürstliches Local ist, dem ich zu unauslöschlichem Danke verpflichtet bin. Ludovico hatte nach römischem Ritus die Gläser ausgeschwenkt, mir eingeschenkt und ich ihm. – Er begann:

– Ja, lieber Freund: es ist so. Eine Frau ist schuld daran. Eine Frau hat mich heruntergelockt: ihr verdank ich es, dass ich nun hier festsitze, dass meine Kunst versauert, dass nichts aus mir geworden ist …

– Nichts geworden ist?

– Nun ja. Nichts – oder alles. Das ist dasselbe. Du weist, wie Faust zu Mephisto sagt: In Deinem Nichts hoff ich das All zu finden.

– Ich weiss es. Sor Rodolfo citiert es ja täglich. Aber bitte, erzähle mir nun, wie ist das alles zugegangen.

– Ja, siehst Du: Anton von Werner …

Ich zuckte zusammen.

– Was hast Du? fragte er.

– O nichts. Ich erschrak nur etwas. Diesen Namen hört man sonst in Rom nicht nennen.

– Ja, ich muss von der Zeit sprechen, als ich in Berlin auf der Academie war. Damals stand ich mit einem Fusse auf dem Zenith meines Lebens. Anton von Werner – Du gehörst vielleicht auch zu denen, die ihn verkennen – aber das geniert mich nicht. Ich halte ihn immer noch für einen unserer grössten Künstler und werde ihm Treue und Dankbarkeit bewahren bis in die Nacht meines Lebens.

– Ja, ja, das ist sehr schön von Dir. Aber ich … mir ist er zu phantastisch. Ich kann mir nicht helfen.

– Streiten wir uns nicht über diesen Mann. Er steht zu hoch dazu. – Hör weiter: Ich habe sehr lange und sehr gründlich bei ihm studiert, hatte ein Maler-Atelier in der Academie und war bereits so weit, dass er Aufträge, die ihm zu viel wurden, mir zuwandte. So hab ich damals zum Beispiel durch ihn den Auftrag bekommen, die Gattin des Inhabers einer der grössten deutschen Glanzwichsefabriken zu malen. Der Mann hatte in seiner riesigen Verehrung für Werner beschlossen, sich, seine Frau und seine sämtlichen drei Töchter von des Meisters Hand malen zu lassen. Anton von Werner nahm den Mann und die Töchter – die Frau gab er mir. Sie wurde sehr schön. –

Er schwieg, versunken in die Erinnerung an die schönen Zeiten der Vergangenheit und that einen tiefen Schluck.

– Siehst Du: so ging es mir schon! Und ich hätte nun bloss dazubleiben brauchen, hätte bloss noch 'ne Malschule für Damen aufzumachen brauchen, und ich könnte heute meine Bilder Stück für Stück mit 2000 Mark verkaufen. Na, 20 im Jahre bringt man leicht zu stände – 20 mal 2000 macht 40000 – kurz, ich wäre heute so gut wie ein Millionär. Und statt dessen … Hm! – Prost! – Also denk Dir: Eines schönen Morgens brachte mir Werner einen Mann ins Atelier, der so aussah, wie er hiess. Er hiess Levkojowitz, alter, alter mesopotamischer Adel. Irgendwo in Asien hatte er sich colossale Gelder verdient, niemand wusste, womit. Werner stellte ihn mir vor und sagte dann zu ihm: Hier, Herr von Levkojowitz, sehen Sie meinen hoffnungsvollsten, talentvollsten, tüchtigsten Schüler. Reden Sie mit ihm! Damit liess er uns allein. – Wollen Sie malen meine Frau? – Er hatte nicht mal seinen Hut abgesetzt. Ich hielt es für das einzig Würdige, schweigend zu überlegen. – Ich zahle Ihnen 1000 Mark. Wollen Sie? Nun könnt ich nicht mehr. Ich erhob mich und drückte ihm stumm die Hand. Als ich mich einigermassen gesammelt hatte, sagte ich: Herr von Levkojowitz, es ist nicht meine Art, vorschnell zuzugreifen – indes, da mich der Meister Ihnen empfahl, will ich nicht zögern, zu versuchen u. s. w. – Der Mann war glücklich. Er setzte seinen Hut ab und erzählte mir in aller Geschwindigkeit die Geschichte seiner Ehe. Er war erst vierzehn Tage verheiratet und erst vor sechs Wochen nach Berlin gekommen. Sein erster Gang war in Castans Panoptikum gewesen. Dort hatte er ein lebendes Bild ›Haremszauber‹ gesehen, die junge Sultanin hatte es ihm angethan: er war mit ihr soupieren gegangen und hatte sie dann ohne Aufenthalt geheiratet.

– Ein verwegener Bursche! Nun und sie?

– Anderen Tages brachte er sie. Es war an einem Donnerstage! Ich weiss es noch wie heute.

– Wie sah sie aus?

– Wie sie aussah? Hm. Kennst Du die Donna adultera vom Tintoretto? Weisst Du: die mit der doppelten Haube, mit den hochgezogenen Augenbrauen … ihre Augenlider sind müde, als hätte sie geweint, aber die grossen dunklen Augen blicken gespannt auf Jesus, der sich abgewendet hat und den alten Herrn etwas demonstriert … ihr Mündchen verharrt dabei in alter Holdseligkeit … sie weiss noch nicht genau: ist Er nun auch auf sie hereingefallen, wird Er die andern noch einmal herumkriegen? Dann wäre Alles gewonnen! – Ich habe das Bild erst später kennen gelernt, mir aber dann sofort eine Photographie davon verschafft, die ich bisher noch immer auch aus den traurigsten Mietsverhältnissen gerettet habe. Wenn die Dinge brenzlich wurden, rollte ich sie zusammen und steckte sie in die Brusttasche. Augenblicklich siehst Du sie mit einigen besseren Stecknadeln an meine Thür geheftet. – Ach, das zerknitterte Ding!

– Das zerknitterte Ding! Jawohl: das ist sie – so sah sie aus. Nun weisst Dus ganz genau. – – Ja, also: ich fing nun an, sie zu malen. Wenn es nach ihrem Gatten gegangen wäre, hätte ich sie im Tricot malen müssen. So hatte er sie kennen gelernt, und so wollte er sie ursprünglich dargestellt sehen. Aber ich protestierte. Ich konnte ihm nicht auseinandersetzen, dass ich mich – ganz abgesehen von meiner privaten Schamhaftigkeit – einer solchen Aufgabe einfach physisch nicht gewachsen fühlte – ich erklärte ihm kurzweg, das sei wider die Kunst. Erstens wider die Kunst im allgemeinen, weil mir meine persönliche künstlerische Auffassung der gnädigen Frau – die damals einem religiösen Empfinden nahe kam – derartiges absolut verböte und zweitens wider die Berliner Kunst, die ich bei meinem Meister Anton von Werner mit heissem Bemühen studiert habe. – Nach langen, ernsten Debatten, die sie, ohne ein Wort zu sagen, lächelnd mit anhörte, gab Herr von Levkojowitz schliesslich nach. Auf zwei Punkten bestand er jedoch mit aller Entschiedenheit: auf den Armen und auf den Füssen. Sie sollte in einem weissen Morgenkleide in halbliegender Stellung dargestellt werden: mit entblössten Armen und nackten Füssen. Das letztere that mir besonders leid, denn ich hatte es gerade in der Wiedergabe bekleideter Füsse bereits zu einer nicht gewöhnlichen Geschicklichkeit gebracht.

Ludovico schwieg und sah mich mit seinem tiefen Blick durchdringend an. Ich wollte gar nichts sagen – trotzdem rief er:

– Bitte, schweig! Ich weiss, was Du sagen willst – aber ein für allemal: ich lasse nichts auf

Anton von Werner kommen! – –

Also: die Sitzungen begannen. Ich bin der Ansicht, dass man zu einem Porträt gar nicht lange genug sitzen kann. Die Frivolität gewisser Collegen, die das Bildnis eines Menschen nach sechs, sieben Sitzungen zusammenstreichen, ist mir ganz unverständlich. In mir steckt Gott sei Dank noch die alte Solidität. Auch mein ich, darf der echte Künstler sich nicht in Stunden zur Arbeit zwingen, wo er keine Lust hat, wo ihm alles zuwider ist. Wie sagt doch Rodolfo immer; ›Hast in der bösen Stund geruht – ist Dir die gute doppelt gut.‹ Kurz: es war etwa Weihnachten, als ich angefangen hatte, der April kam und ich war noch immer nicht fertig. Dies war jedoch zum grossen Teil auch Schuld der gnädigen Frau. Anfänglich begleitete sie stets ihr Gemahl, aber als dieser später vielfach auf Geschäftsreisen abwesend war, erschien sie entweder in Begleitung anderer Herren, die sie mir vorstellte, oder auch gar nicht, und dann könnt ich mit dem seidenen Morgenkleide, das immer bei mir hing, allein auch nichts anfangen.

Nun hatten die Herrschaften sich aber eine längere Reise nach dem Süden vorgenommen, die sie Anfang April antreten wollten. Es wurde immer später und der Levkojowitz drängte. Mein Bild war fertig – bis auf die Füsse. Vor diesen hatte ich eine unerklärliche Angst und suchte mich von Tag zu Tag drum herumzudrücken. Ich steckte mich schliesslich hinter Werner und bat ihn, mir zu helfen. Er kam in eine Sitzung, in der auch der Gemahl zugegen war. Er lobte das Bild sehr und meinte schliesslich, es würde coloristisch noch bedeutend gehoben werden, wenn unter dem weissen Kleide, gewissermassen als Schlusspunkt, die beiden zierlichen, schwarzen Lackstiefeletten der Gnädigen zum Vorschein kämen. – Damit empfahl er sich.

Levkojowitz hatte schweigend zugehört und ich atmete schon heimlich auf und glaubte gewonnenes Spiel zu haben. So ein paar Lackstiefeletten malte ich virtuos, mit Verve und Temperament in einer halben Stunde herunter. Statt sich jedoch zu äussern, lud mich Levko, wie ich ihn für mich und meinen Collegen gegenüber zu nennen pflegte, zum Abendessen ein. Klopfenden Herzens, in dunkler Vorahnung einer wichtigen Entscheidung, ging ich zu ihm ins Hôtel, und nach Tisch eröffnete er mir dann folgendes:

– Ihr Bild gefallt mir sehr. Es ist schön, meine Frau ist darauf getroffen. Aber es fehlen die Füss. Was der Herr Professor sagt, mag richtig sein für die Kunst. Aber will ich ein Bild für die Kunst – oder will ich ein Bild für mich? Ich will ein Bild für mich. Ich will meine Frau mit die Füss. Sie haben übernommen zu malen mit Arme und mit Füss. Sie müssen noch malen die Füss.

Er hatte recht. Ich war gezwungen, die Füsse noch zu malen – um so mehr, als er mir von dem ausgemachten Preise von 1000 Mark erst die Hälfte bezahlt hatte. Ich versprach also seufzend, seinen Wunsch zu erfüllen.

– Nu, bis wann werden Sie fertig. Können Sies morgen machen?

– O nein! Einige Sitzungen brauch ich da noch.

Er sprang auf:

– Das hab ich mir gedacht … hab ich mir gedacht. Aber es geht nicht. Wir müssen reisen … übermorgen müssen wir reisen … bestimmt. Es wird mir sonst zu spät, es wird mir sonst zu heiss!

Mich packte eine tötliche Angst: die ganze Sache mit den Füssen war vielleicht nur ein Vorwand, um die restierenden 500 Mark zu sparen? Aber er beruhigte mich:

– Ich werd Ihnen einen Vorschlag machen. Was wollen Sie immer hier in Berlin? Ein Künstler wie Sie! Die ganze Welt müssen Sie kennen lernen, Italien, das Land der Schönheit, müssen Sie kennen lernen. Soll ich Ihnen was sagen – kommen Sie mit uns. Ich engagier Sie!

Ich war betäubt – wie vor den Kopf geschlagen. Zwar war es schon seit langem ein heisser Herzenswunsch von mir, einmal nach Italien zu kommen, aber ich hatte mir die Erfüllung dieses Wunsches immer als vorläufig unerreichbar gedacht: ich musste mir ja zunächst erst in Berlin eine Position schaffen, einen Namen machen, Geld verdienen. Während mir das im Kopf herumging, redete Levko immer weiter auf mich ein. Er stellte mir folgende Bedingungen. Zunächst wollte er mir den Rest von 500 Mark zahlen, ja ich glaube sogar, er gab sie mir noch denselben Abend, sodann sollte ich während der ganzen Reise, die auf etwa ein Jahr berechnet war, sein Gast sein und ausserdem ein Taschengeld von monatlich 200 Mark beziehen. Nach Ablauf der Reise würden wir dann alle drei wieder in Berlin eintreffen, wo ich, um so viele Eindrücke bereichert, meine Laufbahn mit verdoppelter Kraft wieder aufnehmen würde. Dagegen sollte ich mich verpflichten, von den landschaftlichen Punkten, die ihm besonders gefielen, Aquarelle oder Skizzen in Öl zu malen und diese sollten ohne weiteres sein Eigentum sein. Vor allem aber sollte ich zunächst mal die Füsse der gnädigen Frau vollenden.

Allen diesenAuseinandersetzungen hatte die gnädige Frau, die fast nie ein Wort sprach, von ihrer Sofaecke aus, in der sie, Cigaretten rauchend, mehr lag als sass, aufmerksam zugehört und das Lächeln, mit dem sie mich immer ansah, verwirrte mich noch mehr. –

Du wirst es nur begreiflich finden, dass ich schliesslich solchem Angebote nicht widerstehen konnte. Obwohl eine innere Stimme mir warnend zurief: Thus nicht! – sagte ich schliesslich doch zu allem Ja. Und so entschied sich noch in jener Stunde mein Schicksal. Ich habe Berlin, ich habe Deutschland seitdem nicht wiedergesehen. Flügellahm sitz ich seit zehn Jahren hier unten – und werde wohl so sitzen bleiben.

V.

Ludovico war in ein düsteres Sinnen versunken, er paffte seine Cigarette und trank ein ganzes Glas auf einen Zug aus. Ich mochte ihn eine geraume Zeit lang nicht stören. Schliesslich fragte ich ihn sanften Tones:

– Aber damals fühltest Du Dich doch jedenfalls zunächst sehr glücklich?

– O, und wie! Die Reise war herrlich. Wir fuhren von Genua nach Neapel mit dem Dampfer. Ich hatte einen ganz neuen Anzug an und die ganze Welt lag vor mir …

Aber schon bald trübte sich der Himmel. Noch auf dem Schiff war es. Die gnädige Frau war nicht wohl und hatte sich niedergelegt. Da nahm mich Levko bei Seite: Mein lieber, junger Freund, sagte er, ich werd Ihnen was anvertrauen. Haben Sie was gemerkt? – Was soll ich gemerkt haben? – Nu, was macht meine Frau für ein Gesicht? Freut sie sich? Ist sie froh? Die ganze Welt soll sie sehen – ist sie vergnügt? Ist sie glücklich? Nichts ist sie! Seit wir fort sind von Berlin ist ihr mies. Meinen Sie, ich hätt es nicht gemerkt? Mein lieber, junger Freund, ich werd Ihnen was sagen. Es war die höchste Zeit, dass wir abreisten von Berlin. Sie haben mir erzählt von den Freunden meiner Frau, mit denen sie zu Ihnen gekommen ist ins Atelier. Was heisst Freunde meiner Frau? Sind es meine Freunde? Wozu brauch ich Freunde meiner Frau? Lieber Freund – was ich Ihnen sage – es war die höchste Zeit.

Ich fragte mich vergeblich, warum Levko mir das alles verriet. Aber ich sollt es nur zu bald erfahren. Er fuhr fort: Sehen Sie, mein lieber, junger Freund: Marianne – so hiess nämlich die Gnädige – Marianne ist eine schöne Frau, eine kluge Frau, eine gute Frau … ich lebe glücklich mit ihr. Warum? Weil sie mir niemals widerspricht … und warum widerspricht sie nie? Weil sie überhaupt nicht spricht. Man sollte glauben, sie war eine ruhige Natur. Aber ich weiss es besser: ich trau ihr nicht über den Weg.

Nun wurd es mir aber doch zu bunt, ich fragte ihn direct: Sagen Sie mir, Herr von Levkojowitz: wozu sagen Sie mir das alles? – Wozu soll ich es Ihnen nicht sagen? Sehen nicht vier Augen mehr als zwei Augen?

Jetzt ging mir ein Licht auf.

Also ich sollte … Mein Herr! fuhr ich ihn an – wenn Sie glauben, dass ich Ihnen als Ihr ehelicher Privatdetectiv dienen werde, dann haben Sie sich in mir getäuscht. Ich bin ein Künstler, verstehen Sie! Und kein Spion.

Er sah mich einen Augenblick verdutzt an, aber dann lächelte er sanft und milde: Reden Sie nicht, lieber junger Freund, reden Sie nicht. – Hab ich gesagt: Spion? Ich habe gesagt: Freund! Sind Sie nicht mein Freund? Ich weiss: Sie sind ein Ehrenmann, Sie sind ein Gentleman. Hab ich was anders gesagt? Wie? Oder sind Sie einer von den Freunden meiner Frau? – O nein! – Nu also!

Kurz, er beschwatzte mich nach allen Regeln der Kunst. Ich bin stets eine innerlich moralische Natur gewesen und da er doch nun mal der Ehemann war, so wurd es ihm auch nicht allzu schwer: ich gelobte ihm schliesslich feierlich, in seiner Abwesenheit stets ein wachsames Auge auf die gnädige Frau zu haben und ihm sofort einen Wink zu geben, wenn mir die Ehre seines Hauses gefährdet schiene.

So kamen wir nach Neapel. Die wenigen Tage, die wir dort blieben, verliefen bei schlechtem Wetter still und friedlich. Marianne war sanft und melancholisch. Mit niedergeschlagenen Augen ging sie an Levkos Seite von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit.

Von Neapel ging es wiederum auf dem Seewege nach Palermo. Dort wollten wir den ersten längeren Aufenthalt nehmen, dorthin war das Gros unseres Gepäcks, unter anderem auch mein Bild, dirigiert.

Wir hatten etwas bewegte See und die gnädige Frau wurde sofort seekrank. Wir beide hielten uns wacker auf Deck und wurden immer befreundeter. Levko schien mir ein lieber, braver Kerl, der auf die Welt gekommen war, um mich aus meinem engen, norddeutschen Gesichtskreise herauszureissen und mein Glück zu machen.

Ich neckte ihn mit seinen eifersüchtigen Sorgen. Ich hielt ihm vor, wie tadellos Marianne sich in Neapel geführt hatte, wie sie thatsächlich weder rechts noch links geschaut hatte. Und ausserdem – so schloss ich meine neckische Rede: – Ihre Frau Gemahlin versteht ja kein Wort Italienisch – was kann sie denn da machen?

Er fasste mich unter den Arm und sagte gewichtig: Mein lieber, junger Freund – wie reden Sie zu mir? Wie ein junger Mensch. Unser Gott hat uns gegeben die Sprache. Sei er gedankt! Aber was hat er uns noch gegeben? Die Augen, die Hände und die Füss. Nu! Wenn wir nicht reden können mit der Sprache – womit werden wir reden?

Mit den Augen, mit den Händen, mit die Füss. – Mein lieber, junger Freund: ich habe meine Frau kennen gelernt – was ist sie gewesen? Ein lebendes Bild! Was braucht ein lebendes Bild zu sprechen? Ich habe nicht gewusst: ist sie deutsch, ist sie französisch, ist sie englisch oder ist sie italienisch. –

Wir kamen in Palermo an. Frühmorgens. Ich brauche Dir nicht zu erzählen, wie wundervoll die Einfahrt in den Hafen von Palermo ist – Du kennst sie. Als das Schiff stillstand, kam Marianne die Treppe herauf – schweigend wie immer sah sie sich um – und da war es nun ganz entzückend: wie auf ihrem hübschen Gesichte – das anfänglich noch ganz matt und schlaff erschien – die Grösse und die Schönheit der Natur sich wiedergab – wie ein herrlicher Abglanz das süsse, müde Köpfchen wieder aufleben liess.

Und nun kehrte die bisherige Apathie überhaupt nicht mehr zurück. Es mag auch wohl das veränderte Wetter dabei mitgewirkt haben – die sicilianischen Officiere wirkten wie ein Frühlingsregen …

Sie war ganz anders wie in Neapel. Levko sagte: Nu sehen Sie: bis jetzt hat sie getrauert. Alle Achtung! Vierzehn Tage sind wir unterwegs … Jetzt ist sies los. Und nun passen Sie auf! Ich bitte Sie, lieber, junger Freund – ich bitte Sie um meinetwillen – passen Sie auf!

Dabei liess er sie selber nicht aus den Augen. Wir hatten eine möblierte Etage gemietet und mein Bild war angekommen. Ich zitterte! Drei Tage lang wusste ich es zu verhindern, dass die Kiste geöffnet wurde. Als ich eines Nachmittags heimkam, war es doch geschehen. Und nun fing Levko an zu drängen.

Ich erinnere mich eines gemeinschaftlichen Spazierganges zu dreien.

Ich war innerlich beschäftigt mit der schweren Aufgabe, die mir bevorstand, und neben Marianne gehend, blickte ich unwillkürlich auf ihre Füsse. Sie merkte es – wir sahen uns auf einmal an – sie lächelte – o Gott, wenn ich dieses Lächeln malen könnte! – Die Mona Lisa ist dagegen ein Unterofficier der Heilsarmee – sie lächelte mich an und ich wurde rot, dunkelrot.

Lieber Otto Erich! Du bist kein Maler … aber ich hoffe, Du kannst es Dir vorstellen …

– Was?

– Was es heisst, einer solchen Frau die Füsse zu – malen. Bleib ernst! Es ist die Klippe, an der mein Leben gescheitert ist. – Ich konnte mich schliesslich vor Levko nicht mehr retten. Ich aquarellierte am Strande im Schweisse meines Angesichts – aber ich konnte machen, was ich wollte … wenn ich heimkam, fragte mich Levko sicher:

Nu, mein lieber, junger Freund, was machen die Füss?

Ich wurde sie nicht mehr los – weder aus den Gedanken bei Tage, noch aus den Träumen bei Nacht …

Und schliesslich … Ja: wie es zugegangen ist, weiss ich Dir wirklich nicht zu sagen … Jedenfalls: am Morgen nach der ersten Sitzung

– bei Füssen kann man wohl eigentlich nicht von Sitzungen reden

– am nächsten Morgen sagte ich zu mir: Ludovico, Du bist ein Schuft. Du hast das Vertrauen des Mannes, der Dein Bestes gewollt hat, schmählich missbraucht. Geh jetzt zu ihm, schlage Dich an die Brust und bekenne ihm … Na, ich hab es natürlich nicht gethan.

Aber nun hatte ich doppelte Qualen zu ertragen. Ich war nun scharf wie ein bissiger Kettenhund: jeder Blick, den Marianne ihren sicilianischen Officieren zuwarf, brannte in meiner Seele und nebenbei, wenn ich in das trauliche Antlitz Levkos sah, empfand ich die schmerzlichsten Gewissensbisse.

Das dauerte so etwa drei Monate. Ihre Füsse hatte ich längst gemalt: es wird wohl das Beste gewesen sein, was ich je gemacht habe. Da, eines Tages – ertappte ich sie. – Er war Hauptmann. – Der Augenschein überzeugte mich.

Und nun wurd ich ganz wild. Ich vergass jede Vorsicht, stürmte zu Levko, Levko stürmte zu ihr, ich stürmte an den Strand und dort – nu ja – dort stürmte das Meer.

Ich ging die Nacht nicht heim. Erst am andern Mittag kam ich wieder in unsere Wohnung. Sie war leer. Ich trat in den Salon: da stand mein fertiges Bild. Aber es war nicht mehr fertig … nur noch einige Fetzen hingen in dem Rahmen, der Rest lag in verschiedene Formate zerschnitten auf dem Boden des Hauses, ich meine auf dem Teppich.

In meinem Zimmer fand ich zwei Briefe, einen von ihm und einen von ihr.

Er schrieb ohne Überschrift: Ich hab mich überzeugt: Sie sind der gemeinste Lügner und Verleumder, und weil Sie selber ein Wollüstling sind, haben Sie meine Marianne bei mir in einen falschen Verdacht bringen wollen. Fertig. Ignaz von Levkojowitz.

Sie schrieb … auch ohne Überschrift: Du bist ein Esel.

Die Kürze dieses Briefes entsprach durchaus ihrer sonstigen Schweigsamkeit. Das Wesentliche wusste sie trotzdem immer zum Ausdruck zu bringen. – –

Aber was war nun? Ich erfuhr, dass die Herrschaften am frühen Morgen nach Marsala gefahren waren und ihr Gepäck nach Tunis beordert hatten. Sie waren zweifellos bereits auf Deck nach Afrika.

Und ich sass da. – – Ich hatte zwar noch einiges Geld, etwa 50 Lire – die Skizzen, die ich gemalt hatte, waren vom tüchtigen Levko alle mitgenommen oder heimgeschickt, was weiss ich –

Ich machte ein paar verfehlte Selbstmordversuche – das heisst, Pardon: ich stieg gelegentlich auf einen Felsen am Meer und– die Welt ist eine ewige Einheit … Alles lebt in Allem … also, nicht wahr: da lohnt es sich gar nicht. Man bleibt lieber leben. –

Was soll ich Dir noch sagen? Mein Geld reichte bis Rom. Und hier … Nun ja: hier siehst Du mich ja. Ich werde doch hier nicht wieder weggehen? Was? Wos hier diesen wundervollen Frascati giebt? Wie? –– Na Prost!




Die Novelle des guten Kurt

»Ward ich zum Flug erzeugt?

Zum Flucht oder Pflug? –

Der Frosch, so hoch er sprang,

Sprang doch nicht hoch genug.«

I.

Es steht jetzt eine stattliche, prunkhafte Gruppe heiterer Renaissance-Villen dort, am Ausgange des Schiffgrabens in Hannover, wo vor fünfundzwanzig Jahren der gute Kurt und ich im Sande bauten. Damals in jenem wonnigen Sande, dem Paradies der Kinderphantasieen, legten wir als fünf- und sechsjährige Bübchen ernsthaft den Grund tu unserer Freundschaft, die sich seitdem mit wenigen Unterbrechungen dauernd erhalten hat.

Ach, es war ein bildschöner Junge, der gute Kurt – damals als Kind, und es ist heute sein grösster Schmerz, dass ihn seine Schönheit im Laufe der Jahre seiner Ansicht nach böswillig verlassen hat. Zwar finde ich, dass er für die Ansprüche, die er als Regierungsassessor in dieser Hinsicht machen kann, immer noch ganz gut aussieht, aber ich muss allerdings zugeben, dass ihm der kahle Schädel, der ihn heutigen Tages nach oben hin abschliesst, doch weit weniger vorteilhaft zu Gesichte steht, als damals das goldene, lockige Knabenhaar.

Er wurde sehr erzogen. Sein Vater starb, als er vier Jahre alt war und die junge Witwe vereinigte all' ihre Sorgen und Hoffnungen auf ihn, den einzigen Sohn.

Er hatte noch Schwestern, Tanten lebten im Hause, eine Erzieherin war auch da – so kam in sein Wesen etwas weiblich Zartes, eine ganz besondere niedliche Liebenswürdigkeit, aber auch etwas weiblich Unzuverlässiges: er wurde kokett. Und er ging noch einen Schritt weiter und machte Verse.

Er machte solche Verse, wie sie in den besten Familien vorkommen. AufregendeTanzstunden-Erlebnisse, wie etwa das Nichterwidern seines Grusses seitens der zur Zeit poussierten Elsa oder Anna, brachte er in kurze, aber ergreifende Verslein, in denen sich mindestens zwei Worte zuverlässig reimten. Hierdurch erreute er das Herz seiner Mitschüler und Freunde und strafte jene herzlosen Koketten unter den kleinen Mädchen, die sich vermassen, mit den erwachenden Gefühlen der Jünglingsbrust ihr thörichtes Spiel zu treiben.

Wie alle Dichter, war der gute Kurt, wenigstens in jener Periode seines Lebens, von einer auffallenden erotischen Vielseitigkeit. Besonders in Fensterpromenaden bethätigte er sich als ein gewissenloser Don Juan. Es kam ihm gar nicht darauf an, heute vor dem Fenster der schönen, blonden Hannah und morgen schon vor der Wohnung der lieblichen, braunen Lucie frivolen Schrittes auf und ab zu wandeln. Er fand das ganz in der Ordnung, nummerierte einfach die Mädchen und dichtete sie kaltblütig ab.

Ich zog mich damals von ihm zurück. Meiner schwerfalligen Natur konnte eine derartige lockere Lebensauffassung nicht behagen. Auch ich dichtete wohl schon, aber mein Sang galt nicht diesem Plural kichernder Backfische, sondern den ewigen, erhabenen Idealen der Menschheit. An sie richtete ich meine ernstgemeinten Oden – auf ein lebendiges, concretes Mädchen Gedichte zu machen, kam mir nicht in den Sinn und ich missachtete den guten Kurt ob seiner Tändelei.

Inzwischen hat sich das geändert. Ich bin der erotischen Empfindungswelt einigermassen näher gerückt und zur Zeit … Doch das gehört nicht hierher.

Abgesehen von dieser seiner dichterischen – sagen wir mal: Ader, ist nun aber der gute Kurt in Wandel und Thaten sonst stets ein braver und korrekter Mensch gewesen, weshalb er auch mit Recht der gute Kurt genannt wird.

Nachdem er die fünf Examina, die der anständige Mensch hier auf Erden absolvieren muss, bestanden hat, nämlich das Abiturientenexamen, das Doctorexamen, das Officiersexamen, das Referendarexamen und das Assessorexamen – steht er jetzt als dreissigjähriger Mann und stellvertretender Landrat, tadellos gekleidet und verlobt mit einer Tochter aus guter und begüterter Familie, wie ein leuchtendes Musterbeispiel, geradezu als Paradigma, da. So ist er im schönsten Sinne des Wortes ein fertiger Mann – darüber hinaus giebt es jetzt nur noch – Beförderungen.

Nun sollte man meinen, dass ein Mensch, der in dieser Weise Alles erreicht hat, was für den jungen Mann aus besseren Kreisen irgend wert ist, erstrebt zu werden, wohl Ursache habe, mit seinem Lose zufrieden zu sein. Man sollte meinen, dass die Pflege langer und eleganter Fingernägel, die musterhafte Handhabung der Bartbinde, verbunden mit den Anregungen und Genüssen der guten Gesellschaft, wohl geeignet waren, ein armes Menschenherz nach einem Menschenalter voller Examen in Ruhe und glücklichen Frieden zu wiegen. Doch ach, beim guten Kurt trifft das alles nicht zu: er ist nicht glücklich.

Er hat etwas in sich entdeckt, was er seine innere Persönlichkeit nennt. Diese, so meint er, stehe mit seinem äusseren Menschen, so wie sich solcher den Augen sichtbar darstelle, in einem derartigen Widerspruch, dass er, der gesamte arme Kurti, drunter ewig leiden müsse. Man muss sich den Zustand so vorstellen, wie eine unglückliche Ehe, deren Scenen sich im Bewusstsein ein und desselben Individuums abspielen. Der Regierungsassessor hat den freigeistigen Dichter zweifellos unter dem Pantoffel, aber er wird dessen nicht froh, die heimtückischen Kränkungen seitens des unterdrückten Dichters lassen ihm keine Ruhe …

II.

Berlin, dieses nie genug zu schmähende Berlin, hat auch dieses Unheil auf dem Gewissen, aus dem guten Kurt, der edlen Anspruch darauf besass, ein zufriedener Mensch zu werden, der dazu geboren schien, sich und den Vorgesetzten ein Wohlgefallen zu sein, einen einsamen Mann gemacht zu haben, einen Hamlet en miniature, der an sich und am Leben keine rechte Freude mehr hat.

Er hatte Berlin nicht gesehen, bevor er im vorigen Sommer hierherkam, um sein Assessorexamen zu bebestehen. Das war vielleicht falsch, aber die sorgende Mutter hatte es gut gemeint.

Er mietete sich zwei Zimmer in der Steglitzer Strasse bei einer Wirtin, deren Mieter bisher, solange sie ihre Wohnung inne hatte, noch alle ihr Examen bestanden hatten. Die alte Frau war indessen abergläubisch geworden und war der Meinung, dass das Heil Ihrer Zimmerherren von dem möglichst unveränderten Zustande ihrer bewährten Wohnräume abhinge, und daher wurde sie sehr böse, als der gute Kurt bald nach seinem Einzüge in höflicher und bescheidener Form die Ansicht äusserte, dass man die Wanzen, die ihn während der Nacht angeblich belästigten, vielleicht dadurch bekämpfen könne, dass man das Schlafzimmer frisch tapezieren und den Fussboden neu streichen liesse. Sie schlug ihm das rundweg ab, obwohl er sich erbot, die Kosten mit ihr zu teilen.

Der gute Kurt war traurig und erkundigte sich bei einigen Corpsbrüdern, die zu dem gleichen Zweck wie er in Berlin weilten, was er da thun solle. Diese aber klärten ihn darüber auf, dass das in Berlin nun einmal nicht anders wäre, dass sie alle auch welche hätten und beschworen ihn, indem sie ihn auf den Wert der Erinnerungen hinwiesen, nicht mutwillig seinen Berliner Aufenthalt für alle Zukunft des Localcolorits zu berauben.

So hielt es denn der gute Kurt tapfer aus. Er war es ja gewohnt, alles hinzunehmen, was conventionell geboten schien, und sobald er jene Tiere als dazugehörig erkannt und begriffen hatte, sträubte sich sein Gemüt nicht länger: Der Geist innerer Auflehnung war immer noch nicht in ihm geweckt. So verging der Winter unter fleissiger stiller Arbeit.

Als ich aber im nächsten Frühjahr eines Morgens in Florenz erwachte, brachte man mir eine Postkarte vom guten Kurt ans Bett, über die ich mich nicht wenig wunderte. Sie lautete:

»Ich ziehe um. In meine Räume Ist jäh der Frühling eingekehrt – Nicht länger fesseln Winterträume Das Leben, das sich still genährt.

Ich ziehe um! Ein frisches Treiben Ists, das auch mich lebendig zieht: Ich kann hier nicht mehr wohnen bleiben, Ich ziehe um nach Moabit!«

Bei jedem Andern, hätte mich die ziemlich alltägliche Erscheinung eines Umzuges wegen Ungeziefers in keine besondere Erregung versetzt, bei meinem guten Kurt indes wollte mir dies sofort als ein für seine innere Entwickelung bedeutsames Ereignis erscheinen, als ein erster Schritt auf dem Wege einer Emancipation, die ihn noch zu abenteuerlichen Zielen hinführen konnte: es kam mir etwas wie eine Vorahnung kommender Dinge.

Als ich dann wieder nach Berlin kam, wohnte er in Moabit in einem ganz neuen Hause, Wand an Wand mit einer jungen Schauspielerin und deren tauber Grossmutter. Das heisst – um Gottes willen! – in allen Ehren. Er hatte, als er dort einzog, nicht die geringste Ahnung von dieser Nachbarschaft – im Gegenteil: er hätte die Wohnung sicherlich nicht genommen, wenn er davon gewusst hätte, denn was es für einen Mann, der die Ministerialverfügungen verflossener Jahrzehnte auswendig zu lernen die Not hat, bedeutet, Ohrenzeuge der verschiedenen Sprachleistungen zu sein, die der bürgerliche Beruf der jungen einerseits und der physische Zustand der alten Dame andererseits zur Folge hatten – das brauche ich wohl bloss anzudeuten.

Dennoch blieb der gute Kurt in dieser zweiten Wohnung geduldig bis ans Ende wohnen: zweimal zu einem Examen umzuziehen, würde ihm doch allzu frivol erschienen sein. Und ausserdem – – –

– Weisst Du – sagte er, als er sich eines Sonnabends an unserem Verbrecherstammtisch niedergelassen hatte – es ist sehr merkwürdig mit diesem Mädchen.

– Wieso?

– Ich glaube: sie hat einen Schatz.

– Nanu, sie wird doch nicht.

– Ich glaub es bestimmt. Sieh mal: was die alte Grossmutter spricht, kann ich ja nicht hören; aber aus ihren Antworten, die sie immer so laut schreit, dass sie ein Feldwebel beneiden würde, kann man doch Manches entnehmen. Gestern zum Beispiel … ich sitze ganz vertieft am Schreibtisch und ahne nichts Böses … da hör ich auf einmal schreien:

– Ach, Grossmama, das kann Dir ja doch ganz schnuppe sein!

Ich fuhr heftig zusammen, denn ich kam mir wie ertappt vor, da ich kurz zuvor verschiedenen Cabinetsordres gegenüber ganz die nämliche Empfindung gehabt habe –: das kann Dir ja doch ganz schnuppe sein.

Ich hörte dann wieder eine Zeitlang nichts, weil die Grossmama selber ganz leise spricht. Aber dann kam sie wieder dran und womöglich noch lauter:

– Du lieber Gott, meinetwegen kann er ja die Königin von England heiraten! Lass ihn doch, wenns mich nicht geniert – Dir kanns doch wahrhaftig egal sein!

Dann hört ich, wie eine Thür laut ins Schloss fiel, so als ob eine plötzliche Zugluft entstanden wäre – und dann wars still. – Findest Du das nicht sehr merkwürdig?

– Nein. – Ich konnte das wirklich nicht sehr merkwürdig finden.

– Ja, aber sieh mal: mir scheint es demnach doch sehr wahrscheinlich, dass sie einen Schatz hat. Ich denke mir eben, dass die Grossmutter in ihrer Jugend vielleicht auch mal sehr leichtsinnig gewesen ist, dass sie aber jetzt, so mit den Jahren, immer anständiger geworden ist, und dass sie nun gern möchte, ihre Enkeltochter lebte recht solide. Meinst Du das nicht auch?

– Es wäre möglich. – Und nun weiter?

– Ja, sieh mal, nun möchte sie gerne: der Schatz heiratete ihre Enkelin, und sie redet ihr nun zu, dafür zu sorgen. Aber der wird natürlich ein ganz anständiger Mensch sein und sich dafür bedanken. So denk ich mir die Sache. –

Die Auffassung des guten Kurt von einem ganz anständigen Menschen war mir zwar schon bekannt, aber ich musste doch lächeln und sagte:

–Du kannst doch gar nicht wissen, ob es nicht ein charakterloser Geselle ist, den sie doch noch herumkriegen könnte. Hier in Berlin ist alles möglich.

– Ja, sieh mal: das alles ist doch sehr interessant, und wenn ich nicht so kurz vor dem Examen stände …

– Na?

– Ja – ich habe eigentlich noch niemals so was erlebt.

– Um Gotteswillen! Was willst Du denn dabei erleben?

– Ich? O, erlaube mal! Der … der Schatz … das ist doch ganz klar, nicht wahr: das ist doch jedenfalls ein ganz trauriger Kerl, und wenn ich da nun so dazwischen käme ... Es wäre doch eigentlich eine Sache! Nachher, nicht wahr, wenn ich das Examen bestanden habe, ist es zu spät. Wer weiss in was für ein ostelbisches Nest man verworfen wird, und dann muss man heiraten, nicht wahr, und die Schwiegereltern kommen dann doch immer zur Taufe ... Es ist jetzt eigentlich die höchste Zeit.

Ich sah das ein und staunte im Geheimen über die Kühnheit seines Gedankenganges.

– Also los! Mach mal Deinen Besuch als Nachbar. Hast Du sie denn überhaupt schon mal gesehen?

– Das nicht. Aber ich denke mir, sie wird sehr schön sein, weil sie doch Schauspielerin ist. Ich möchte auch gar nicht mal, dass sie hässlich wäre. Ich meine, es ist doch netter, wenn sie hübsch ist … Nicht wahr?

– Ja, das ist ja immer netter. Aber weshalb machst Du ihr nicht Deinen Besuch?

– Vor dem Examen – wo denkst Du hin. Nein, es ist gerade s o sehr fein. Ich weiss: sie wohnt nebenan, hat einen Schatz und … wirklich, das ist sehr angenehm: es nimmt einen nicht zu sehr in Anspruch und gewährt einem doch erfreuliche Gedanken …

– Aber – – das Erleben?

– Ach, das braucht ja nicht immer in Äusserlichkeiten zu bestehen. Ich bin ganz zufrieden.

Hierauf zeigte er mir eine Anzahl Gedichte, die er auf die schöne Unbekannte gemacht hatte; eins davon ist mir erhalten geblieben. Es lautet:

An Elvira. (Das war nicht der wahre Namen der Künstlerin, sondern ein von ihm verliehener.)

Wenn Du mit Deiner klaren, lauten Stimme Der Mutter Deiner Mutter … (oder ›Deines Vaters‹ – das wollte er eventuell später ändern, wenn er Einblick in die Familienverhältnisse genommen haben würde.) Wenn Du mit Deiner klaren, lauten Stimme Der Mutter Deiner Mutter Rede stehest, Und dann in Deinem schönentfachten Grimme Mit starken Schritten durch das Zimmer gehest, Dann fühle ich in dem bewegten Herzen, Bin stilles Flämmchen sich für Dich entzünden: Mir ist, als müsste ich zu Deinen Schmerzen Mein tiefgefühltes Beileid Dir verkünden.

III.

Der Tag des Examens kam, und der gute Kurt bestand es natürlich mit Glanz. Er telegraphierte seiner Braut und reiste zu seiner Mutter. Dann kam er aber noch einmal nach Berlin zurück, um seine Abschiedsbesuche zu machen.

Eines Abends kam er auch zu mir, und ich fragte ihn nach Elvira.

– Ja, sieh mal: es ist wirklich sehr merkwürdig mit diesem Mädchen. Hör mal zu! An dem Abend nach meinem Examen kneipte ich mit einigen Regimentscameraden ziemlich lange. Da ich aber am andern Morgen nach Hannover fahren wollte und dort natürlich einen guten Eindruck machen musste, war ich sehr vorsichtig im Trinken und kam beinah völlig unbetrunken heim. Ich schlief sofort ein und würde jedenfalls ruhig bis acht Uhr, wo ich das Wecken bestellt hatte, durchgeschlafen haben, wenn mich nicht auf einmal ein furchtbares Knallen der Thüren aufgeschreckt hätte. Ich fuhr ordentlich in die Höhe.

Ich horchte nun und hörte, wie nebenan jemand ins Zimmer trat. Es konnte nur Elvira sein. Ich sah nach der Uhr: es war vier Uhr – immerhin eine etwas späte Stunde der Heimkehr für ein junges Mädchen« – Es wurde schon hell.

Ich war gerade wieder im eindösen – da hörte ich plötzlich ganz nah, als wenn es vor meinem Bette wäre, ein ergreifendes, markerschütterndes Schluchzen. Jetzt war ich ernstlich erschrocken: da musste doch jemand hereingekommen sein!

Ich sprang aus dem Bett und sah mich im Schlafzimmer um – da war niemand. Das Weinen kam von nebenan – aus meinem Arbeitszimmer – die Thür war nur halb geschlossen.

Was sollt ich thun? Ich war im Hemde, denn ich hatte mich gegen meine sonstige Gewohnheit im Arbeitszimmer ausgezogen und nicht im Schlafzimmer. Nun hätte ich ja, wie mir später eingefallen ist, wenigstens ein paar neue Unterhosen anziehen können, denn meine Wäsche befand sich im Schlafzimmer – aber

– wie das so ist im menschlichen Leben – in dem Momente dachte ich nicht daran. Ich schlich also ganz leise zur Thüre und sah vorsichtig ins Zimmer. Merkwürdig – das war auch leer. Es war schon ganz hell

– mein Schreibtisch – Gott hab ihn selig – sah aus, als ob ich mich ohne weiteres dran setzen würde.

Ich trat ein. Das Schluchzen hörte ich immer deutlicher – es machte mich ganz verwirrt. Da sah ich, dass das Fenster offen stand, und vor dem Fenster auf dem schmalen Balkon – Du weisst, wie sie hier in Berlin so oft sind, sie gehen vor der ganzen Etage her, auch vor den Zimmern, die keine Thür dazu haben

– also auf diesem schmalen Balkon, direkt vor meinem Fenster, kniete

– eine Dame. Sie war, soweit ich sehen konnte, in sehr eleganter Abendtoilette, presste den Kopf gegen das Gitter des Geländers und heulte wie ein … ich war tief ergriffen. Es konnte natürlich nur Elvira sein. Und ich stand da …

Der gute Kurt schwieg.

– Na? Und was machtest Du denn nun?

– Ja, sieh mal: ich musste doch um acht nach Hannover fahren. Also ich dachte mir: das Fenster kannst du ja nicht zumachen, denn dann bemerkt sie dich, aber wenn du die Kammerthür zumachst, dann wirst du wohl auch nichts mehr hören.

– Ich zog mich also vorsichtig zurück, schloss die Thür und schlief, bis ich um acht geweckt wurde.

– Alle Achtung!

– Nun ja, sieh mal, ich meine: es ist doch so viel pikanter. Ich weiss nun absolut nicht, was eigentlich passiert ist. Man kann sich alles Mögliche dabei denken. Sie kann zum Beispiel plötzlich das Ableben einer lieben Verwandten erfahren haben …

– Jawohl! Oder sie ist an dem Abend in Trilby gewesen.

– Nein, ohne Scherz: sie kann zum Beispiel eine sehr ernste Scene mit ihrem Schatz gehabt haben.

– Oder ihre Grossmutter ist plötzlich wieder hellhörig geworden – dafür spricht, dass sie auf den Balkon gegangen ist, um sich auszuweinen.

– Nein, da irrst Du Dich nun sicher.

– Wieso?

– Die Grossmutter war am andern Morgen noch genau so taub wie vorher.

– Woher weisst Du das?

– Ich konnte es constatieren, als ich am andern Morgen meinen Koffer packte – da hörte ich Elvira auf einmal nebenan – fast lauter noch als sonst schrein: ›So lass mich doch zufrieden! Du hast ja recht! Jetzt braucht er mich weiss Gott nicht mehr zu heiraten!‹

– Das sagte sie zur Grossmutter?

– Das schrie sie, jawohl. Und dann fing wieder ein mörderliches Weinen an, ich glaube, von beiden. Na, ich war froh, als ich im Zuge sass. Aber weisst Du: seinen Reiz hat es doch, so was zu erleben! Ich habe mehrere Gedichte daraufgemacht. Hör mal zu:

An Elvira! . Warum Du weinst–wer wagt es zu ergründen? Ein tiefgeheimnisvoller Schleier webt Ob Deinem Schicksal, das vielleicht aus Sünden Hinab zu grauenvollem Grunde strebt. Wozu Du weinst–ich kann es Dir nicht sagen – Wenn Du es selber nicht am besten weisst.: Das musst Du schon für Dich allein ertragen, Wenn Dich die Schlange des Gewissens beisst!

IV.

Das Ende der Novelle des guten Kurt erfuhr ich schriftlich – einige Monate später – aus einem Brief von ihm. Er war schon in seiner Staatsstellung.

Lieber Otto Erich!

Ich habe gehört, dass Johnny (dies war ein gemeinschaftlicher inzwischen verstorbener Freund von uns) demnächst nach Hannover kommt und meine Mutter besuchen will. Bitte, lege es ihm doch in schonender Weise nahe, dass er meiner Mutter nichts davon erzählt, dass ich mit Dir, lieber Erich, in einem so vertrauten Verkehr gestanden habe. Du weisst von früher, wie meine Mutter ist: sie würde es mir nie verzeihen, dass ich so intim mit Dir gewesen bin. Meine Mutter versteht ja nicht einmal, wie tief unglücklich ich in meinem Beruf und in der ganzen Regelmässigkeit meines äusseren Lebens bin. Sie ist sich nur meines einen Dranges bewusst – während ich mich gerade jetzt, wo ich Alles erreicht habe, was von mir als einem ordentlichen Menschen erreicht werden kann, im Kampfe mit meiner eigentlichen Persönlichkeit unglücklicher fühle, als je zuvor. Du verstehst mich. Du musst Dir vorstellen: ich bin jetzt glücklich verheiratet. Ich habe sogar schon den ersten Krach mit meinen Schwiegereltern gehabt – kurz: ich kann eigentlich vom Schicksal gar nicht mehr verlangen. Trotzdem habe ich wieder vierhundert Gedichte, vierzehn Novellen und einige tiefe Aussprüche gezeitigt. – Aber es ist nichts. Später kannst Du vielleicht mal die erträglichsten meiner Producte in einem Nekrolog anbringen. – Gestern hab ich hier die erste grössere Gesellschaft gegeben. Ja, sieh mal, es war ja ganz nett. Meine Frau sah riesig chic aus. Sie ist überhaupt eine ganz vollendete Frau. Aber … ich weiss nicht – manchmal komm ich mir ja complet dämlich vor, dass ich nicht zufrieden bin.

Ward ich zum Flug erzeugt?

zum Fluche, oder Pflug? – Der Frosch – so hoch er sprang – sprang doch nicht hoch genug!

Was meinst Du?

Wie gesagt, ich dichte jetzt mehr, denn je. Wenn es nur nicht herauskommt.

Also, nicht wahr: Du sagst Johnny, dass er bei meiner Mutter nicht von Dir spricht. Es wäre mir sehr peinlich.

Herzlichen Gruss

Dein guter Kurt.

P. S. Übrigens hast Du das gehört? Ein paar Tage nach meiner Abreise von Berlin hat sich die Schauspielerin – Du weisst doch, die neben mir wohnte – vom Balkon auf die Strasse hinuntergestürzt. Sie ist sofort tot gewesen, ihr Gehirn hat im Rinnstein gelegen. Wer weiss, was da vorgegangen ist. Aber es ist doch riesig interessant, so was mal mitgemacht zu haben.




Moritz, der Sortimenter

Den lieben Hallenser Damen

der litterarischen Gesellschaft

in freundlicher Erinnerung

an den 25. April 1898.

Allmählich ist er ein alter Junggesellgeworden. Sein massiver Schädel entbehrt mehr und mehr des Schmuckes der Haare, und sein Gang ist langsamer geworden – aber trotzdem – wo man ihn auch trifft, sei es auf der Strasse oder in seinem hinter dem Laden belegenen kleinen Comptoir – noch immer beginnt seine Rede nach den nötigsten Begrüssungsformeln mit den Worten: Ach, ich sage Ihnen, da hab ich kürzlich ein Weib kennen gelernt – ein Weib, sag ich Ihnen … Und dann folgt eine Geschichte, die nicht immer originell ist, deren Ergebnis sogar stereotyp genannt werden muss.

Indes, manchmal erzählt er auch recht nette und drollige Sachen, von denen ich einige behalten habe. Als ich das letzte Mal bei ihm war, und er aus dem Schatze seiner Erinnerungen schon Verschiedenes zum Besten gegeben hatte, machte ich ihm mein Compliment ob seines grandiosen Casanovahaften Gedächtnisses und fragte ihn, ob er diesem etwa durch Notizen nachhelfe.

– Niemals! – rief er mit einer befremdenden Entschiedenheit. – Ich habe es früher gethan, aber nachdem es mir einmal beinahe das Leben gekostet hätte, thue ich keinen Strich mehr in meinem Notizbuch. Sehen Sie hier – er zeigte mir sein dickes, abgegriffenes Notizbuch – das ist alles Geschäft, alles Geschäft. O nein, das thu ich nie wieder.

Da ich ihn fragend ansah, fuhr er fort:

– Ich will es Ihnen erzählen, hören Sie zu. Es mag jetzt etwa fünf, sechs Jahre her sein, da lernte ich eines Abends im Omnibus ein Weib kennen, ein Weib sag ich Ihnen – grossartig, strahlenförmig! Sie hiess Ida und hatte rote Haare – entzückend sag ich Ihnen. Sie hatte noch nicht zu Abend gegessen. Ich erzählte ihr, dass ich keinen Wein vertragen könne, dass der Arzt mir vielmehr Münchener Spatenbräu verschrieben hätte. Wissen Sie, das ist so ein Tric von mir, durch den ich immer gleich herausbekomme, ob ich es mit einer wahrhaft bescheidenen Person zu thun habe.

– Nun, und bestand sie die Probe?

– Jawohl, sie erklärte, dass auch sie gern Münchener Bier tränke, und wir gingen. Es war sehr nett, wirklich ganz reizend. Es stellte sich heraus, dass sie ein sehr rechtliches und braves Bürgermädchen war, wie sie sagte, das tags über bei einem Rechtsanwalt an der Schreibmaschine thätig war und spätestens morgens sechs Uhr zu Hause sein musste, weil ihre Eltern zwischen sechs und sieben Uhr aufstanden. Beim Abschied wurde freudig beschlossen, dass sie mich recht bald mal wieder besuchen solle, und ich notierte mir zu dem Zwecke ihre Adresse.

Es vergingen indes mehrere Wochen, ohne dass ich an sie dachte, da ich inzwischen durch verschiedene andere Bekanntschaften gefesselt wurde. Da, eines Abends – es war ein besonders schwüler Sommertag gewesen – fiel sie mir wieder ein: ihr wundervolles, rotes Haar, ihre entzückende Lustigkeit … und ich nannte mich einen Esel, dass ich sie nicht schon früher einmal wieder citiert hatte. Vielleicht war sie mir nun böse und kam nicht.

Ich schrieb ihr folgenden Brief:

Meine süsse, kleine Ida!

Hoffentlich verzeihst Du mir, der ich die letzten Wochen mit Arbeiten überlastet war, dass ich mit meinem Schreiben so lange auf mich warten liess. Glaube nicht, dass ich Dich vergessen habe, mein süsser Balg, im Gegenteil, ich träume jede Nacht von Deinen roten Haaren, ja auch ohne das würde mich der Toilettenspiegel, den Du so freundlich wärest, zu zerknaxen, jeden Morgen beim Rasieren an Dich erinnern. O kehre wieder in meine Arme – ich erwarte Dich morgen Abend bei mir im Geschäft, wo Du aber gesittet sein und etwas kaufen musst, oder später bei mir. Die Adresse hast Du ja.

Ich küsse Dich vieltausendmal. Dein Moritz.

P. S. Sieh doch, dass Du Deine Eltern betümpelst. Hast Du nicht eine Freundin, bei der Du die Nacht gewesen sein kannst? Es ist so ungemütlich, um halb sechs aufzustehen.

M.

Ich hatte diesen Brief auf eine ›Mitteilung‹ meines Geschäfts geschrieben – ich hatte ihr gesagt, wer ich sei, denn ich genierte mich damals noch sehr wenig. Das hab ich erst später gelernt und nicht am wenigsten durch diese Geschichte.

Am nächsten Vormittag sitze ich in meinem Bureau und ärgere mich, da kommt mein Gehilfe und sagt, ein alter Herr wolle mich persönlich sprechen. Ich springe dienstbereit nach vorn und stehe vor einem Riesen: zwei Kopf grösser als ich, breit wie ein Schrank, riesigen Schnurrbart und kurzgeschorenes graues Haar.

Ich mache eine tiefe Verbeugung und frage nach seinen Wünschen.

Er sieht mich fürchterlich an und nach einigem Schweigen fragt er:

– Sind Sie der Sortimenter Moritz Kullack?

– Jawohl, Herr Baron.

– So. – Er sah sich um. – Haben Sie hier nicht einen Raum, in dem wir unter vier Augen verhandeln können?

– O gewiss, Excellenz, mein Bureau. Wenn ich bitten darf?

Ich lud ihn höflich ein, hier einzutreten. – – –

Der alte Herr trug einen furchtbar zugeknöpften, schwarzen Gehrock, und steif und schweigend setzte er sich auf den Divan. Ich wiederholte meine Frage:

– Womit kann ich Ihnen dienen, Excellenz?

Aber er schwieg noch immer, starrte mich mit grässlichen Blicken an und wurde krebsrot im Gesicht. Es war unheimlich.

Schliesslich knöpfte er mitbebender Hand den zweiten und dritten Knopf seines Gehrocks auf und holte aus der inneren Brusttasche ein Papier hervor. Er hielt es mir hin und fragte mit gepresster, keuchender Stimme:

– Haben Sie das geschrieben? Ich erkannt es sofort: es war

meine harmlose »Mitteilung« an die kleine Ida. Mit einem etwas verschämten Schwerenöter-Lächeln antwortete ich:

– Jawohl, Herr Baron, das habe ich geschrieben.

– So sind Sie ein Schurke!! Der alte Herr war aufgesprungen

und stand, am ganzen Leibe bebend, vor mir. Ich fragte, etwas befangen:

– Wieso?

Der alte Herr fasste sich mit grosser Anstrengung, trat einen Schritt zurück und sagte leise mit ruhiger Höflichkeit:

– Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe mich hinreissen lassen … aber damit ist uns nicht gedient. – Erfahren Sie denn zunächst: ich heisse Heigel und bin der Vater dieses … dieses Mädchens, an das Sie diesen Brief geschrieben haben.

Alle Wetter, dacht ich, das kann ja gut werden, äusserte aber nur ein unglaublich dumm klingendes Oh! des Bedauerns. Der alte Herr fuhr mühsam fort:

– Ich habe diesen Brief heut Morgen aufgefangen. Ich bin sofort hierher gekommen, um einige wenige Fragen an Sie zu richten. Sie werden mir die volle Wahrheit sagen?

Nun denken Sie sich meine Lage. Die volle Wahrheit musste in den Ohren dieses Vaters doch eigentlich recht unangenehm klingen – andrerseits sah mir der Mann aber so aus, als ob er gegebenen Falles unbedenklich Gebrauch von seinen physischen Mitteln machen würde, und diese Aussicht war wieder für mich recht unangenehm, denn ich habe schon als Kind eine unüberwindliche Abneigung gegen das Hauen gehabt.

Indes, ich entschloss mich kurz und sagte:

– Herr Heigel: ich werde Ihnen die volle Wahrheit sagen.

Ich wollte ihm meine Hand darauf geben – aber er nahm sie nicht.

– Seit wann kennen Sie meine Tochter?

– Seit etwa drei bis vier Wochen.

– Sie ist bei Ihnen gewesen?

– Ja.

– In Ihrer Junggesellenwohnung?

– Ja.

– Zu welcher Tageszeit?

– Nun … etwa von zwölf bis halb sechs.

– Am Tage?

– Nein.

Der alte Herr musste eine Pause in seinem Verhör machen. Er fasste sich an die Brust, und ich muss sagen, dass er mir in diesem Augenblick selber herzlich leid that. Dieser Vater sah ganz anders aus, als ich mir den Vater der kleinen Ida vorgestellt hatte. Dies war zweifellos ein vornehmer und gebildeter Mensch, der ganz den Eindruck eines pensionierten Officiers machte. Ich fasste mir ein Herz und sagte:

– Herr Heigel, wenn Sie diesen Fall gerecht beurteilen wollen, – müssen Sie sich auch ein wenig in meine Lage denken. Nicht wahr: ich bin ein Junggesell und lebe – wie Tausende und Abertausende hier in Berlin leben: man nimmt, was man kriegen kann. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass Ihr Fräulein Tochter mir durchaus keine Schwierigkeiten gemacht hat, dass von einer Verführung meinerseits nicht im mindesten die Rede sein kann – dass ich ganz gewiss nicht der Erste gewesen bin!

– Herr!! Er wurde wieder wild, und ich musste schnell hinter meinen Schreibtisch springen. Er drohte mir mit der Faust:

– Wie dem auch sei: Sie werden mir Genugthuung geben: so oder so! Ich bin alter Militair, bin Major ausser Diensten, meine Tochter Ida ist verlobt mit dem Premierlieutenant Freiherrn von Seckendorff. Unter diesen Umständen glauben Sie wohl selber nicht, dass Ihnen Ihr Bubenstreich ungeahndet durchgehen wird.

Er sprach jetzt sehr gebieterisch und mit einer verhaltenen Wut, die mich erbeben machte. Ich dachte gleich an Schiessen und solche Sachen, und Sie müssen wissen, schon von klein auf bin ich immer ein principieller Gegner des Duells gewesen. O, wie verfluchte ich in dem Augenblick dieses Mädel, das offenbar die ganze Familie hinterging. Hätte sie mir wenigstens von ihren Familienverhältnissen etwas erzählt – ich würde mich wohl gehütet haben, mich mit ihr einzulassen. Aber davon hatte sie wohlweislich kein Wort verraten.

Der unglückliche Vater tobte nun sehr energisch weiter und erklärte mir schliesslich, dass ich, obgleich ich ein ganz miserabler Kerl sei, seine Tochter entweder heiraten müsse, oder dass er mich niederschiessen würde, wie den bekannten tollen Hund. Ich liess ihn ruhig reden, mir war sehr schlimm zu Mute. So lange ich denken kann, sind mir Thätlichkeiten stets in tiefster Seele verhasst gewesen, und ich wusste aus den Zeitungen, dass gewisse Officiere, wenn sie es ihrer Ehre schuldig zu sein glauben, für das Dasein eines Civilisten wenig Sinn bekunden. Ich fing daher schon an, mir den alten Herrn als Schwiegervater vorzustellen – als plötzlich mein Gehilfe eintrat und mir meldete, im Laden sei ein Herr, der mich durchaus persönlich sprechen wolle. Er hätte schon vor acht Tagen die grosse illustrierte Ausgabe von Julius Wolffs ›Lurlei‹ bei mir bestellt, auch gleich bezahlt, aber das Werk sei noch immer nicht angekommen.

Ich war über diese Ablenkung sehr froh.

– Entschuldigen Sie, Herr Major – sagte ich höflich zu dem alten Herrn – ich stehe sofort wieder zu Ihrer Verfügung.

Der Angstschweiss war mir inzwischen auf die Stirn getreten. –

Ich ging in den Laden und erkannte den Herrn sofort wieder. Er sah aus wie eine Reclame für eine Bartbindenfabrik. Ich erinnerte mich, dass er vor etwa acht Tagen, abends, als ich gerade schliessen wollte, in den Laden kam und mit fein-fein knarrender Stimme dieses Prachtwerk, die Lurlei für sein Fräulein Braut kaufte. Es war dann auch, wie ich mich genau besinnen konnte, am andern Morgen abgeschickt worden. Den Abend war es zu spät, der Packer war schon weg, die Bücher hatt ich schon eingeschlossen und notierte mir noch schnell den Auftrag in mein Notizbuch.

Ich erklärte dies ganz ausführlich dem höchst ungnädigen jungen Herrn, der mir ganz grob immer wiederholte: das Buch sei bei seinem Fräulein Braut nicht angekommen, und er verlange es jetzt. Ich wusste nicht, was ich machen sollte – da glitt sein Blick auf einmal über mich weg, und er rief in einem plötzlich sehr freundlichen Tone:

– Schwiegerpapa! Donnerwetter: Du auch hier?

Der alte Herr war aus dem Comptoir herausgekommen. Er trat jetzt näher und fragte mit Grabesstimme:

– Was suchst Du hier?

– Ach nichts. Bagatelle. Ich hatte hier vor acht Tagen für Ida 'n kleines Geschenk gekauft. Vorhin komm ich zu Euch, rede davon – ist das Ding gar nicht angekommen. Bummelei das. Unglaublich!

Jetzt ward mir plötzlich alles klar. Ich zog mein Notizbuch und blätterte nach. Richtig … natürlich: ich hatte einfach die eine Ida mit der andern Ida verwechselt. – –

Um mich vor meinen Gehülfen nicht auch noch zu blamieren, bat ich die beiden Herren, in mein Comptoir einzutreten. Hier klärte ich dann alles auf. Obgleich den alten Herrn alsbald ein befreiendes, aber fast krampfhaftes Lachen befiel, so dass ihm die Thränen kamen, während er mich immer wieder ›Oh, Sie Held, oh, Sie Held …‹ nannte, hatte ich von dem Herrn Premierlieutenant Freiherrn von Seckendorff noch manches böse Wort zu hören:

– Sie können Ihrem werten Schöpfer auf den Knieen danken, dass Ihr gottverdammter Brief nicht in die Hände meiner Braut gefallen ist. Sie Tapergreis hätten von mir die schönste Tracht Prügel besehn. Und in Zukunft rat ich Ihnen, dass Sie sich für die Adressen Ihrer gottverdammten Frauenzimmer ein besonderes Hauptbuch anlegen, wo sie nicht mit denen anständiger Leute verwechselt werden können. Adieu, Sie. – Und heute kommt die Lurlei noch. Verstanden?

So ging er von mir!

Der alte Herr aber warf mir beim Scheiden noch den ominösen Brief ins Gesicht und rief:

– Da haben Sie Ihren fatalen Wisch wieder! Schämen Sie sich, wenn Sie können.

Damit verliessen mich die Herren!

Sie lächeln, mein lieber Otto Erich, und Sie haben recht. – –

Ich aber überlegte mir, nachdem ich mit mir allein gelassen war, dass ja … … … (leider fehlen die letzten drei Seiten in der Vorlage, wir bemühen uns, sie nachzureichen. ngiyaw eBooks)

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