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Lafcadio Hearn – Vom Ewig-Weiblichen.

Essay.

aus: Lafcadio Hearn, Kyushu, Träume und Studien aus dem neuen Japan, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1908, S. 76ff.

Jeder intelligente Fremde, der einige Zeit in Japan zubringt, wird früher oder später die Wahrnehmung machen: je mehr Einblick die Japaner in unsere Ästhetik und unsere Gefühlswelt erlangen, desto ungünstiger fühlen sie sich im allgemeinen davon berührt. Der Europäer oder Amerikaner, der versucht ihnen von abendländischer Kunst Literatur oder Metaphysik zu sprechen, wird sich vergebens an ihre Sympathie wenden, – man wird ihn höflich anhören, aber seine äußerste Beredsamkeit wird höchstens einige überraschende Bemerkungen hervorrufen, die völlig von dem verschieden sind, was zu hören er erwartete und hoffte. Wiederholte Enttäuschungen dieser Art zwingen ihn, seine orientalischen Zuhörer ungefähr so zu beurteilen, wie er abendländische Zuhörer beurteilen würde, die sich in gleicher Weise betragen. Unserer abendländischen Erfahrung erscheint ausgesprochene Gleichgültigkeit gegen das, was uns als höchster Ausdruck der Kunst und des Denkens gilt, als ein Beweis geistiger Inferiorität – darum werden die Japaner von einer Anzahl fremder Beobachter als eine Rasse von Kindern bezeichnet, während andere, darunter eine Majorität solcher, die viele Jahre im Lande zugebracht die Nation ungeachtet ihrer Religionen, ihrer Literatur und ihrer unvergleichlichen Kunst als eine wesentlich materialistische beurteilen. Ich kann nicht umhin, diese beiden Urteile als ebenso selbstgefällig anzusehen, wie Goldsmiths Bemerkung zu Johnson über den Literatur-Klub: »Nun kann es nichts Neues mehr zwischen uns geben, wir haben gegenseitig unseren Geist durchreist.« Ein gebildeter Japaner wäre wohl versucht mit Johnsons berühmter Antwort zu replizieren: »Meinen Geist verehrter Herr, haben Sie noch nicht durchreist, das dürfen Sie mir glauben.«

Und an all dieser Pauschalkritik scheint mir nur die unzulängliche Kenntnis der Tatsache schuld zu sein, daß Japans Denken und Fühlen sich aus uralten Sitten, Gewohnheiten, Religionen, ethischen Auffassungen entwickelt hat die den unsrigen in manchen Fällen diametral entgegengesetzt sind und in allen Übrigen seltsam davon abweichen. Die moderne wissenschaftliche Erziehung kann auf einem solchen psychologischen Boden die Rassenverschiedenheit nur verschärfen und steigern. Nur die Halbbildung kann den Japaner zu serviler Nachahmung abendländischer Art verführen. Die wahre geistige und moralische Kraft der Rasse, wie ihre höchste Intelligenz, widerstrebt kräftig dem westlichen Einfluß. Ja, diejenigen, die in diesen Dingen kompetenter sind als ich, versichern mir, dies sei gerade bei hervorragenden Männern der Fall, die Europa bereist haben, ja sogar dort erzogen wurden. Tatsächlich haben die Resultate der neuen Bildung mehr als irgend etwas sonst die ungeheure Kraft des gesunden Konservatismus dieser – von Rein als Kinderrasse bezeichneten – Nation dargetan. Die Ursachen dieses Verhaltens der Japaner gegenüber bestimmten ausländischen Ideenkreisen, sollten uns, selbst wenn wir sie nicht ganz verstehen, weit eher veranlassen, unser eigenes Werturteil dieser Ideen zu überprüfen, statt den orientalischen Geist als minderwertig hinzustellen. Was nun aber diese Ursachen selbst betrifft, die sehr mannigfaltig sind, können wir über die meisten nur vage Vermutungen anstellen – doch eine, und dies zwar eine sehr wichtige, können wir ganz genau studieren, weil ihre Erkenntnis sich jedem unwiderstehlich aufdrängt, der einige Jahre im fernen Osten zugebracht hat.


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»Herr Professor, sagen Sie uns doch bitte, warum in Ihren englischen Romanen so viel von Liebe und Heirat die Rede ist Es scheint uns dies sehr, sehr seltsam.« –

Diese Frage wurde mir in meiner Literaturklasse vorgelegt als ich eben versuchte, meinen jungen Hörern (im Alter zwischen neunzehn und dreiundzwanzig Jahren) zu erklären, warum ihnen manche Kapitel eines Standard-Romanes nicht klar geworden waren, während ihnen Jevons Logik und James' Psychologie keinerlei Schwierigkeiten gemacht hatte.

In dem gegebenen Fall war die Frage gar nicht leicht zu beantworten, und ich hätte sie auch tatsächlich kaum in befriedigender Weise beantworten können, wenn ich nicht schon längere Zeit in Japan gelebt hätte. Aber bei alledem, und obwohl ich mich bemühte, so klar und präzis zu sein als möglich, nahm meine Erklärung doch mehr als zwei Stunden in Anspruch. Ein japanischer Student könnte nur ganz wenige unserer Gesellschaftsromane wirklich verstehen, und dies einfach aus dem Grunde, weil die englische Gesellschaft etwas ist, wovon er sich unmöglich eine richtige Vorstellung machen kann, – nicht nur die englische Oesellschaft in einem speziellen Sinn, sondern das westliche Leben im allgemeinen ist ihm ein vollkommenes Mysterium. Jedes soziale System, dessen moralischer Kitt nicht die kindliche Pietät ist, jedes soziale System, in dem die Kinder ihre Eltern verlassen, um sich ihre eigene Familie zu gründen, jedes soziale System, bei dem es nicht bloß als natürlich, sondern auch als recht angesehen wird, Weib und Kind mehr zu lieben, als die Urheber seines Lebens; jedes System, in dem der Ehebund, unabhängig von dem Willen der Eltern bloß durch die gegenseitige Liebe der jungen Leute geschlossen wird, jedes System, bei dem die Schwiegermutter nicht ein Anrecht auf die gehorsame Dienstleistung der Schwiegertochter hat, erscheint ihm naturgemäß als ein Lebenszustand, der kaum besser ist, als der der Vogel in der Luft, des Getiers auf dem Felde, oder im besten Falle als eine Art moralisches Chaos. Und dieses Leben, wie es sich in unserer Belletristik widerspiegelt, ist für ihn erfüllt von unlösbaren Rätseln. Einige dieser Rätsel sind ihm unsere Ideen über die Liebe und das Wesen, das wir aus der Heirat machen. Dem jungen Japaner ist das Heiraten einfach eine natürliche Pflicht, für deren rechtzeitige Erfüllung seine Eltern schon die entsprechenden Abmachungen treffen werden. Daß das Heiraten den »Fremden« soviel Ach und Weh bereiten soll, macht ihn schon sehr stutzig, aber daß hervorragende Schriftsteller Novellen und Gedichte über diese Dinge schreiben, und daß diese Novellen und Gedichte gar noch allgemeine Bewunderung erregen, macht ihn noch weit stutziger, erscheint ihm »sehr, sehr seltsam«.

Mein junger Fragesteller sagte »seltsam«, aus Höflichkeit – seine eigentliche Ansicht müßte eigentlich mit »indezent« bezeichnet werden. Aber wenn ich sage, daß für die japanische Auffassung unsere typische Novelle indezent ist, in hohem Maße indezent, wird die hierdurch hervorgerufene Vorstellung den abendländischen Leser leicht irreführen. Die Japaner sind nicht krankhaft prüde. Unsere Gesellschaftsromane chokieren sie nicht deshalb, weil ihr Thema die Liebe ist, vielmehr haben sie selbst eine große Literatur über dieses Sujet. Nein, unsere Romane scheinen ihnen aus etwa demselben Grunde indezent, wie ihnen der Bibeltext »du sollst Vater und Mutter verlassen und deinem Weibe anhangen«, als der unmoralischste Ausspruch erscheint, der jemals geschrieben wurde. Mit anderen Worten, ihre Kritik bedarf einer soziologischen Erklärung. Um erschöpfend darzulegen, warum unsere Romane ihrer Empfindung nach »indezent« sind, müßte ich die ganze Struktur, die Sitten und die Ethik der japanischen Familie darlegen, für die es im abendländischen Leben nicht die allerentfernteste Analogie gibt. Dies würde, selbst bei ganz oberflächlicher Behandlung, einen Band in Anspruch nehmen. Ich beschränke mich also darauf, einige Tatsachen von suggestivem Charakter anzuführen.

Als Ausgangspunkt stelle ich also im allgemeinen fest, daß ein großer Teil unserer Literatur, abgesehen von der Belletristik, der japanischen Moral revoltierend erscheint, nicht weil sie die Liebesleidenschaft an und für sich behandelt, sondern weil sie diese Leidenschaft in Beziehung zu tugendhaften Jungfrauen, und dadurch zum Familienkreis bringt. Nun ist es aber die allgemeine Regel, daß, wo in der japanischen Literatur der besten Klasse das Thema leidenschaftliche Liebe ist, es nicht jene Liebe ist, die zur Gründung einer Familie führt. Es ist dies eine ganz andere Liebe, eine Sorte, über die der Orientale keineswegs prüde denkt – die »Magire« oder Sinnesbetörung, der lediglich physische Anziehung zugrunde liegt. Ihre Heldinnen sind nicht Töchter aus vornehmen Häusern, sondern zumeist Hetären oder Berufstänzerinnen. Auch wird dieses Thema in der orientalischen Novellistik nicht in der Art der erotischen Literatur des Abendlandes behandelt beispielsweise der französischen. Der künstlerische Standpunkt ist ein verschiedener, und man hat es mit einer anderen Ordnung emotioneller Sensationen zu tun.

Eine nationale Literatur ist naturgemäß der Reflex des nationalen Lebens, und wir dürfen annehmen, daß das, was sie zu porträtieren unterläßt gar keine oder wenigstens keine sichtbare Manifestation im nationalen Leben hat. Die Reserve der japanischen Literatur nun über jene Liebe, die das große Thema unserer größten Novellisten und Dichter ist geht genau mit der Reserve parallel, die die japanische Gesellschaft über dasselbe Thema beobachtet. Die typische Frau figuriert in japanischen Romanen oft als Heldin, als musterhafte Mutter, als liebreiche Tochter, bereit, alles der Pflicht zu opfern, als ergebene Gattin, die ihren Mann in die Schlacht begleitet, an seiner Seite kämpft, sein Leben mit der Preisgabe ihres eigenen rettet, – nie aber als sentimentales Mädchen, das aus Liebe stirbt oder andere in den Tod treibt. Ebensowenig begegnet sie uns in der literarischen Darstellung als unheilvolle Schönheit, Männerberückerin, – und im wirklichen Leben Japans ist sie niemals in einer solchen Rolle aufgetreten. Die Gesellschaft als Zusammenklang der Geschlechter, als eine Daseinsform, deren feinster Reiz und Zauber die Frau ist, hat im Orient nie existiert. Die Annahme europäischer Bräuche und Sitten in vereinzelten Kreisen der Hauptstadt kann nicht als Symptom einer beginnenden sozialen Veränderung angesehen werden, die eventuell das nationale Leben nach westlichen Gesellschaftsbegriffen ummodeln könnte. Denn eine solche Umgestaltung würde die Auflösung der Familie involvieren, den Zerfall des ganzen sozialen Gefüges, die Zerstörung des ganzen ethischen Systems, mit einem Worte, den Zusammenbruch des ganzen nationalen Lebens überhaupt.

Nimmt man das Wort »Frau« in seinem verfeinertsten Sinn, und stellt man den Begriff einer Gesellschaft auf, in der die Frau selten erscheint, eine Gesellschaft, wo sie nie »zur Schau« gestellt wird, eine Gesellschaft, wo Hofmachen überhaupt nicht in Frage kommt und das leiseste Kompliment der Gattin oder Tochter gegenüber als verletzende Frechheit gilt, so wird sich der Leser vielleicht eine annähernde Vorstellung machen können, welchen verblüffenden und chokierenden Eindruck unsere Belletristik notwendigerweise auf Mitglieder dieser Gesellschaft hervorbringen muß. Aber ist seine Schlußfolgerung auch in mancher Hinsicht zum Teil richtig, so muß sie doch dort fehlgehen, wo er nicht mit der Reserve dieser Gesellschaft und den ethischen Anschauungen, die dieser Reserve zugrunde liegen, vertraut ist. Ein vornehmer Japaner wird beispielsweise niemals von seiner Frau sprechen und nur höchst selten von seinen Kindern, wie stolz er auch auf sie sein möge. Überhaupt wird man ihn nur selten von seiner Familie, seinem häuslichen Leben, seinen privaten Angelegenheiten reden hören. Aber erwähnt er schon irgend ein Familienmitglied, so werden es sicherlich seine Eltern sein. Von ihnen wird er mit einer Verehrung sprechen, die einem religiösen Gefühle nahe kommt, aber doch ganz anders, als dies einem Abendländer natürlich wäre und niemals in einer Weise, die einen Vergleich seiner eigenen Eltern mit denen anderer zuließe. Aber er wird niemals von seiner Frau sprechen, nicht einmal seinen Freunden gegenüber, die als Gäste seiner Vermählungsfeier beigewohnt haben; und ich glaube wohl behaupten zu dürfen, daß es dem ärmsten und unwissendsten Japaner, und wäre er in noch so großer Not, niemals in den Sinn käme, durch Erwähnung seines Weibes Hilfe zu erbitten oder Mitleid zu erregen. Aber er würde sich nicht bedenken, um seiner Eltern oder Großeltern willen Hilfe zu erbitten. Die Liebe zu Weib und Kind, bei dem Abendländer das mächtigste aller Gefühle, wird von dem Orientalen als eine selbstsüchtige Empfindung angesehen. Er behauptet, von einem höheren Gefühl gelenkt zu sein, – der Pflicht: der Pflicht zunächst gegen seinen Kaiser, dann gegen seine Eltern. Und da die Liebe bloß als ein ego-altruistisches Gefühl klassifiziert werden kann, hat der japanische Denker recht, wenn er sie – wie verfeinert und vergeistigt sie auch sein möge – nicht als das erhabenste aller Motive anerkennen will.

In dem Leben der unteren Volksklassen Japans ist nichts Verborgenes, hingegen ist das Familienleben der oberen Klassen der Beobachtung weil weniger zugänglich als das irgend eines Landes des Westens, selbst Spanien nicht ausgenommen. Es ist ein Leben, von dem die Fremden wenig zu sehen bekommen und beinahe nichts wissen, trotz aller gegenteiligen Schilderungen, die über die japanischen Frauen geschrieben wurden.1 Ist man zu einem japanischen Freunde geladen, kann man die Familie möglicherweise zu sehen bekommen, – dies wird von den Umständen abhängen. Kommt ein Familienmitglied aber zum Vorschein, wird dies nur für einen Augenblick geschehen, und zwar wird es wahrscheinlich die Gattin sein. Beim Eintritt gibt man seine Karte dem Diener, der sie dem Hausherrn vorzeigt und eilends zurückkehrt, um den Gast in das »zashiki« (Empfangszimmer) zu geleiten, das immer der größte und schönste Raum eines, japanischen Hauses ist. Dort findet man ein Kniekissen bereit mit einem Rauchtischchen davor. Der Diener bringt Tee und Kuchen. Nach einer kleinen Weile kommt der Hausherr selbst, und nach den üblichen Begrüßungen beginnt das Gespräch. Wird man gebeten, zu Tische zu bleiben, und nimmt man die Einladung an, wird voraussichtlich die Hausfrau selbst dich, als den Freund ihres Mannes, damit ehren, dir mit eigener Hand eine Speise anzubieten. Du magst ihr formell vorgestellt sein oder nicht, aber ein flüchtiger Blick auf ihr Kleid und ihren Kopfputz genügt, dich darüber aufzuklären, wer sie ist, und du mußt sie mit der tiefsten Ehrerbietung grüßen. Wahrscheinlich wird sie dir, insbesondere, wenn dein Besuch einem Samurai-Hause gilt, den Eindruck eines zarten, verfeinerten, ernsten Wesens machen, keineswegs den Eindruck einer Frau von der viel lächelnden und knixenden Art. Sie wird äußerst wenig sprechen, aber mit einer natürlichen Anmut, deren bloßer Anblick eine Offenbarung ist, dir eine Erfrischung reichen. Dann wird sie fortgleiten, um bis zu dem Momente deines Fortgehens unsichtbar zu bleiben, wo sie dann bei der Ausgangstür wieder auftauchen wird, um dir Lebewohl zu sagen. Bei deinen späteren Besuchen wirst du noch öfters ihren schönen Anblick genießen, vielleicht auch ein seltenes Mal die bejahrten Eltern zu Gesicht bekommen. Und bist du ein gern gesehener Gast, dann kommen vielleicht auch noch gar die Kinder und begrüßen dich mit wunderbarer Höflichkeit und Lieblichkeit. Alles, was du siehst, macht dir den Eindruck der größten Höflichkeit und Verfeinerung, aber das Innere dieses Familienlebens wird sich dir nie erschließen. Von den Beziehungen dieser Seelen zueinander wirst du nichts erfahren. Hinter den schönen Papierwänden, die das Innerste abschließen, bleibt alles geheimnisvolles, sanftes Schweigen. Der Japaner sieht keinen Grund, warum es anders sein sollte. Das Familienleben ist heilig. Das Heim ist ein Sanktuarium, und es wäre frevelhaft, den Schleier davon wegzuziehen. Auch kann ich nicht finden, daß diese Idee der Heiligkeit des Heims und der Familienbeziehungen den Begriffen, die der Abendländer über das Heim und die Familie hat, irgendwie nachsteht.

Sollten aber erwachsene Töchter in der Familie sein, so ist es weniger wahrscheinlich, daß der Besucher die Frau zu sehen bekommt. Ebenso schweigsam und zurückhaltend, aber noch schüchterner werden die jungen Mädchen den Gast willkommen heißen. Einer Aufforderung nachkommend, mögen sie ihn sogar durch eine musikalische Produktion erfreuen, durch die Vorzeigung einer selbstverfertigten Stickerei oder Malerei oder irgend eines seltsamen und kostbaren Familienerbstückes ehren. Aber all diese verbindliche Anmut und Höflichkeit ist von jener vornehmen Reserve, die der feinsten nationalen Kultur eigen ist, unzertrennlich. Und der Gast darf sich nicht erlauben, weniger reserviert zu sein, darf sich niemals zu einem persönlichen Kompliment oder zu irgend etwas, was einer Schmeichelei ähnlich sieht, hinreißen lassen, außer wenn ihn das Privileg des hohen Alters zu väterlicher Ungezwungenheit des Benehmens berechtigt. Was im Westen als ein Kompliment gelten würde, sieht man im Osten als einen argen Verstoß an. Unter keiner Bedingung darf der Besucher einem jungen Mädchen über ihr Äußeres, ihre Anmut, ihre Toilette etwas Schmeichelhaftes sagen, noch weniger ein solches Kompliment an eine Frau zu richten wagen. Aber der Leser mag einwenden, daß es gewisse Gelegenheiten gibt, wo ein Kompliment sozusagen nicht zu umgehen ist. Dies ist wahr, und bei solchen Gelegenheiten fordert die Höflichkeit, daß man dem Kompliment die demütigsten Entschuldigungen vorangehen läßt, die dann mit einer weit anmutigeren Phrase als der bei uns üblichen »ach bitte, es tut nichts«, entgegengenommen werden (nämlich die Unart, überhaupt ein Kompliment gemacht zu haben). Aber hier berühren wir das große Thema der japanischen Etikette, über die, ich muß es gestehen, ich selbst wenig Bescheid weiß. Ich habe mich nur so weit vorgewagt, um anzudeuten, wie wenig verfeinert unsere abendländischen Gesellschaftsromane dem orientalischen Geist erscheinen müssen.

Von der Zuneigung zu Frau und Kindern zu reden, irgend etwas mit dem häuslichen Leben nahe Verknüpftes zum Gesprächsthema zu machen, ist mit japanischen Begriffen von guter Erziehung unvereinbar. Unsere unverhohlene Erwähnung, oder vielmehr Zurschaustellung häuslicher Beziehungen muß demnach kultivierten Japanern, wenn nicht absolut barbarisch, so doch zum mindesten unschicklich erscheinen. Dieses Gefühl kann so manches im japanischen Leben erklären, was den Fremden so völlig unrichtige Begriffe über die Stellung der japanischen Frau beigebracht hat. In Japan ist es nicht einmal üblich, daß der Mann an der Seite seiner Frau spazieren geht, geschweige denn, daß er ihr den Arm reicht oder gar ihr beim Ersteigen einer Treppe behilflich ist, – aber dies ist keineswegs ein Zeichen mangelnder Zuneigung seinerseits. Es ist bloß ein Ausdruck eines sozialen Gefühls, das von dem unsrigen ganz verschieden ist; es ist einfach die Befolgung einer Etikette, die von der Idee ausgeht, daß öffentliche Zurschaustellung ehelicher Beziehungen unschicklich sei. Warum unschicklich? Weil es dem orientalischen Empfinden das Eingeständnis eines persönlichen, deshalb selbstischen Gefühles zu involvieren scheint. Für den Orientalen ist das Gesetz des Lebens die Pflicht Die Liebe muß überall und immer der Pflicht untergeordnet werden. Jede öffentliche Zurschaustellung persönlicher Gefühle einer gewissen Art ist gleichbedeutend mit einem öffentlichen Geständnis moralischer Schwäche. Heißt das, daß es eine moralische Schwäche ist, seine Frau zu lieben? Nein, – es ist die Pflicht des Mannes, seine Frau zu lieben, aber es ist eine moralische Schwäche, sie mehr zu lieben als seine Eltern, oder ihr öffentlich mehr Aufmerksamkeit zu erweisen als diesen. Ja, es wäre sogar ein Beweis moralischer Schwäche, ihr auch nur denselben Grad von Aufmerksamkeit zu zeigen. Während der Lebenszeit der Eltern ist ihre Stellung im Haushalt die einer Adoptivtochter, und der zärtlichste Gatte darf sich nicht einmal für einen Moment erlauben, die Familienetikette zu vergessen.

Hier muß ich jenes Gebiet der europäischen Literatur berühren, das mit japanischen Ideen und Sitten niemals in Einklang gebracht werden kann. Der Leser ziehe einen Moment in Betracht, welchen großen Raum Küsse, Liebkosungen und Umarmungen in unserer poetischen und selbst in unserer Prosa-Literatur einnehmen; und dann erwäge er, daß diese in der japanischen Literatur überhaupt nicht existieren, denn Küsse und Umarmungen sind in Japan als Liebesausdruck einfach unbekannt, wenn wir von der vereinzelten Tatsache absehen, daß japanische Mütter, wie Mütter allüberall in der Welt, ihre Kleinen manchmal herzen und küssen. Aber dies geschieht nur im Babyalter, und solche Liebkosungen gelten außer in der zartesten Kindheit als höchst unpassend. Niemals küssen Mädchen einander, niemals küssen oder umarmen Eltern ihre Kinder, sobald diese so weit sind, daß sie laufen können. Und diese Regel gilt für alle Klassen der Gesellschaft vom höchsten Adel bis hinab zum Bauer. Auch haben wir in der ganzen japanischen Literatur aller Zeiten nicht den geringsten Anhaltspunkt, daß die Liebesäußerungen jemals demonstrativer gewesen seien als heutzutage. Dem abendländischen Leser mag es vielleicht schwer fallen, sich eine Literatur auch nur vorzustellen, in deren ganzem Verlauf keiner Küsse, keiner Umarmung Erwähnung geschieht, ja nicht einmal ein zärtlicher Händedruck vorkommt. Denn der Händedruck ist dem Japaner ein ebenso unbekannter Impuls wie der Kuß. Über dieses Thema schweigen selbst die naiven Lieder der Landbevölkerung, ja sogar die alten Volksballaden von unglücklichen Liebespaaren, ebenso wie die kunstvollen Verse der Hofdichter. Nehmen wir zum Beispiel die alte Ballade von »Shunto-kumaru«, welche Anregung zu verschiedenen Sprichwörtern und Lebensregeln gegeben hat, die im ganzen westlichen Japan verbreitet sind. Hier haben wir die Geschichte zweier Verlobter Liebender, die, durch hartes Mißgeschick getrennt, einander suchend das ganze Land durchstreifen, um sich plötzlich, durch der Götter Gunst, beim Kiyomidzu-Tempel zu treffen. Würde nicht jeder abendländische Dichter eine solche Begegnung so schildern, daß die Liebenden einander selig, mit Küssen und Liebesbeteuerungen in die Arme sinken?

Aber die japanische Ballade? Die beiden setzen sich nebeneinander, und die Freude des Wiedersehens findet nur in leisem Streicheln Ausdruck. Aber selbst diese zurückhaltende Form der Liebkosung ist ein höchst seltener Gefühlsausbruch. Man kann oft und oft Väter und Söhne, Gatten und Gattinnen, Mütter und Töchter nach langen Jahren der Trennung sich wieder begegnen sehen und wird wahrscheinlich nicht die geringste Spur einer Liebkosung zwischen ihnen bemerken. Sie werden niederknien und einander grüßen und lächeln und vielleicht ein paar Freudentränen vergießen, aber sie werden sich weder in die Arme sinken, noch irgendwelche überschwengliche Koseworte ausrufen. Tatsächlich existieren solche Koseworte, wie »Liebling«, »Herzliebste«, »teures Leben«, »Herzensschatz«, überhaupt in Japan gar nicht, ebensowenig irgendwelche Bezeichnungen, die unserem Gefühlsausdruck entsprechen. Die japanische Liebe äußert sich nicht in Worten, sie ist kaum im Ton der Stimme merkbar, sie zeigt sich hauptsächlich in Handlungen von erlesener, zarter Höflichkeit und Güte. Ich will hinzufügen, daß die entgegengesetzte Empfindung unter der gleichen vollkommenen Beherrschung steht. Aber zur Illustrierung dieser merkwürdigen Tatsache wäre eine eigene Abhandlung erforderlich.


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Wer das Leben und Denken des Orients unparteiisch studieren will, muß auch das des Okzidents vom Standpunkt des Orientalen studieren; und das Resultat eines solchen vergleichenden Studiums wird sich in gewissem Maße als rückwirkend erweisen. Je nach seinem Charakter und seiner Beobachtungsgabe wird der Betrachter von den orientalischen Einflüssen, denen er sich überläßt, mehr oder weniger bestimmt werden. Die Bedingungen des westlichen Lebens werden ihm allmählich in ganz neuem Licht erscheinen und nicht wenig von ihrer vertrauten Bedeutung einbüßen. Vieles, was ihm früher recht und wahr dünkte, wird ihm falsch und abnorm erscheinen. Vielleicht wird er auch zu zweifeln beginnen, ob die moralischen Ideale des Westens wirklich die höchsten sind. Er wird vielleicht sogar geneigt sein, die übliche hohe Wertung der westlichen Zivilisation anzufechten. Ob seine Zweifel bestehen bleiben, ist freilich nicht ausgemacht aber sie werden mindestens eingreifend und wirkungsvoll genug sein, um einige seiner früheren Überzeugungen zu modifizieren, unter anderem seine Überzeugung von dem moralischen Wert des abendländischen Kultus der Frau als das Unerreichbare, das Unbegreifliche, das Göttliche, das Ideal der »femme que tu ne connaîtras pas« ...2 das Ideal des »Ewigweiblichen«. Denn im fernen Osten existiert das »Ewigweibliche« überhaupt nicht. Und hat man sich einmal an ein Leben gewohnt in dem es völlig ausgeschaltet ist, kommt man natürlich zu der Konklusion, daß es für die intellektuelle Gesundheit nicht absolut notwendig sei, ja, kann sogar die Frage aufwerfen, ob es auf der anderen Seite der Welt ewig weiter bestehen werde.

Wenn wir sagen, daß das Ewigweibliche im fernen Osten nicht existiert, haben wir aber noch nicht die ganze Wahrheit ausgesprochen. Denn tatsächlich ist es undenkbar, daß es selbst in der fernsten Zukunft dort Eingang finden könnte. Wenige, wenn überhaupt irgendwelche unserer damit verknüpften Ideen lassen sich auch nur in der Sprache des Landes wiedergeben, einer Sprache, in der die Substantive kein Geschlecht haben, Adjektive keine Steigerungen und Verben keine Personen, einer Sprache, in der – wie Professor Chamberlain sagt – der Mangel des Persönlichkeitsbegriffes ein so tiefwurzelndes und alles durchdringendes charakteristisches Merkmal ist daß er sogar die Verbindung transitiver Verben mit sächlichen Substantiven unmöglich macht.3 »In der Tat« fügt er hinzu, »es ist so gut wie ausgeschlossen, dem orientalischen Geist auch nur eine Erklärung der meisten Metaphern und Allegorien zu geben.« Und zur Illustration seiner Behauptung bringt er ein frappierendes Zitat aus Wordsworth. Aber selbst weit klarere Dichter als Wordsworth sind dem japanischen Geiste ebenso dunkel. Ich entsinne mich, welche Schwierigkeit es mir bereitet hat, einer vorgeschrittenen Klasse folgende einfache Zeile eines wohlbekannten Gedichtes von Tennyson zu erklären:

»Sie ist schöner als der Tag.«

Meine Hörer konnten die Anwendung des Adjektivs »schön« zur Qualifikation von »Tag« verstehen und die Anwendung desselben Adjektivs an und für sich zur Qualifikation des Wortes »Mädchen«, aber daß irgend ein Mensch die allerleiseste Analogie zwischen der Schönheit des Tages und der eines jungen Mädchens finden könne, überstieg ganz und gar ihr Fassungsvermögen. Um ihnen den Gedanken des Dichters nahe zu bringen, war es nötig, ihn psychologisch zu analysieren, eine mögliche Gefühlsanalogie zwischen den beiden Formen der durch zwei verschiedene Eindrücke hervorgerufenen Lustgefühle nachzuweisen.

So sagt uns also schon die Natur der Sprache selbst, wie uralt und tief im Rassecharakter wurzelnd diese Anschauungen sind, die uns den Mangel, eines dominierenden, dem unsrigen entsprechendem Ideals erklären. Diese Ursachen reichen weiter zurück als das Bestehen der sozialen Struktur, weiter als die Idee der Familie, weiter als der Ahnenkult, unvergleichlich weiter als das Gesetz des Konfuzius, das eher eine Spiegelung, als eine Erklärung vieler seltsamer Eigenheiten des orientalischen Lebens ist. Aber da Glaubenslehren und Gebräuche auf den Charakter zurückwirken und der Charakter wieder auf Glaubenslehren und Gebräuche zurückwirken muß, war es nicht ganz ungereimt, in der Lehre des Konfuzius sowohl nach Ursachen wie nach Aufschlüssen zu forschen. Weit unvernünftiger waren die Anwürfe voreiliger Kritiker gegen Shintismus und Buddhismus als religiöse Einflüsse, die den natürlichen Rechten der Frau entgegenwirken. Der alte Shintglaube stand der Frau zum mindesten ebenso wohlwollend gegenüber, als der Glaube der Hebräer. Seine weiblichen Gottheiten sind nicht weniger zahlreich als die männlichen und stellen sich der Phantasie der Gläubigen in nicht weniger anziehender Form dar, als die Träume der griechischen Mythologie. Von einigen, wie So-tohori-no Iratsumé, wird gesagt, das Licht ihrer schönen Körper strahle durch ihre Gewänder. Und die Quelle alles Lichtes und Lebens, die ewige Sonne, ist eine Göttin, die schöne Amaterasu-oho-mikami. Jungfrauen dienen den alten Göttern und figurieren bei allen religiösen Schaugeprängen, und an tausend Altären im Lande wird der Frau als Gattin und Mutter ebenso verehrungsvoll gedacht, wie des Mannes als Helden und Vater. Ebensowenig kann dem späteren und verwandten Glauben des Buddhismus der begründete Vorwurf gemacht werden, die Frau zu einer niedrigeren Stellung in der geistigen Welt herabzudrücken, als ihr das mönchische Christentum im Westen zuerkannte.

Gleichwie Christus, wurde Buddha von einer Jungfrau geboren; in der japanischen Kunst und Volksphantasie sind die liebenswertesten Gottheiten des Buddhismus, mit Ausnahme von »Jiz«, weiblich. Und in der buddhistischen wie auch in der römisch-katholischen Hagiographie nehmen die Lebensgeschichten der heiligen Frauen einen Ehrenplatz ein. Es ist wahr, daß der Buddhismus, ebenso wie das frühe Christentum in seinen Predigten seine äußerste Beredsamkeit gegen die Versuchungen durch den weiblichen Zauber aufbot, und es ist wahr, daß in der Lehre seines Begründers, wie in der Lehre Paulus', dem Manne soziale und geistige Überlegenheit zuerkannt wird. Aber wenn wir nach Urkunden über dieses Thema suchen, dürfen wir nicht die vielen »Erleuchtungen« außer acht lassen, mit denen Buddha Frauen aller Klassen begnadet hat, noch darf jene Legende eines späteren Textes unerwähnt bleiben, in welcher ein Dogma, das die Frau von der höchsten Erkenntnis ausschließt, von dem »Erleuchteten« aufgehoben wird.

In dem elften Kapitel der Sutra des Lotos vom guten Gesetze steht geschrieben, daß vor Buddha eines jungen Mädchens Erwähnung geschah, die in einem einzigen Augenblick zu der höchsten Erkenntnis gelangt war, die in einem Momente die Verdienste von tausend Meditationen und die Beweise der innersten Wahrheit aller Gesetze erreicht haben sollte. Und das Mädchen kam und stand vor Buddhas Angesicht.

Aber der Bodhisattva Pradjñâkûta zweifelte, indem er sagte: »Ich sah den Herrn Sâkyamuni zur Zeit da er nach der höchsten Erleuchtung strebte, und ich weiß, daß er zahllose gute Werke in unermeßlichen Äonen vollbrachte. In der ganzen Welt gibt es nicht ein Fleckchen von der Größe eines Senfkorns, wo er nicht seinen Leib dahingegeben hätte um der Menschen willen. Nur, nachdem er all dieses vollbracht, gelangte er zur höchsten Erleuchtung, – wer vermöchte also zu glauben, dieses Mädchen könne in einem Augenblick zur höchsten Erkenntnis gelangt sein?«

Und auch der ehrwürdige Priester S'âriputra zweifelte und sagte:

»Es mag in der Tat geschehen, o Schwester, daß ein Weib die sechs vollendeten Tugenden erfüllt, aber es gibt bis jetzt noch kein Beispiel, daß sie je zum Buddhatum gelangt wäre, weil eine Frau den Rang eines Bodhisattva nicht erreichen kann.«

Aber das Mädchen rief Buddha den Herrn zum Zeugen auf. Und allsogleich, angesichts der Versammelten, verschwand ihr Geschlecht, und sie manifestierte sich alsbald als Bodhisattva, indem sie den Raum nach allen Richtungen mit dem Glanze der zweiunddreißig Zeichen erfüllte; und die Erde erbebte. Und der Priester S'âriputra schwieg.4


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Um ganz zu verstehen, worin das größte Hindernis für die intellektuelle Sympathie zwischen dem Westen und dem fernen Osten liegt, müssen wir uns über den ungeheuren Einfluß klar werden, den das Ideal des Ewigweiblichen, das im Osten nicht existiert, auf das Abendland ausübt. Wir müssen uns vorstellen, was dieses Ideal für die abendländische Zivilisation war, was es für alle ihre Freuden, Verfeinerungen, ihren Luxus, ihre Skulptur, Malerei, Dekoration, Architektur, Literatur, ihr Drama, ihre Musik, für die Entwicklung zahlloser Industrien bedeutet hat Wir müssen daran denken, welche Wirkungen es auf die Gebräuche und Sitten des Abendlandes hatte, auf die Sprache des Geschmacks, auf Betragen und Ethik, auf Philosophie und Religion, auf fast jede Phase des privaten und öffentlichen Lebens – kurz auf den Nationalcharakter. Auch dürfen wir nicht übersehen, daß die vielen Elemente, die sich zu seiner Bildung verschmolzen, das teutonische, das keltische, das skandinavische, das klassische, das mittelalterliche, die griechische Apotheose menschlicher Schönheit, der christliche Madonnenkult die Überschwenglichkeit des Rittertums, der Geist der Renaissance, der allem früheren Idealismus eine neue farbenfrohe Sinnlichkeit verlieh – ihre Nahrung, wenn nicht gar ihre Entstehung in einem Rasseempfinden haben müssen, das so alt wie die arische Sprache und dem östlichsten Osten ebenso fremd ist.

Von all diesen verschiedenen Einflüssen, die unser Ideal geschaffen haben, bleibt das klassische Element ausgesprochen vorherrschend. Freilich wurde das uns überlieferte hellenische Schönheitsideal durch eine Konzeption der Seelenschönheit, wie sie in der Antike oder Renaissance niemals vorhanden war, wundersam vertieft und bereichert. Auch ist es wahr, daß die neue Evolutionsphilosophie – indem sie uns die Erkenntnis des unberechenbaren und furchtbaren Zusammenhanges der Gegenwart mit der Vergangenheit aufdeckte, eine ganz neue Auffassung unserer Pflicht gegen die Zukunft schuf und unsere Schätzung von Charakterwerten ungeheuer steigerte – mehr als alle vorhergehenden Einflüsse zusammen zu der höchstmöglichen Vergeistigung des Frauenideals beigetragen hat. Aber wie sehr sich auch dieses Ideal durch fortschreitende intellektuelle Expansion noch weiter vergeistigen möge, muß es doch seiner innersten Natur nach wesentlich künstlerisch und sinnlich bleiben.

Wir sehen die Natur nicht, wie der Orientale sie sieht und wie seine Kunst zeigt, daß er sie sieht. Wir sehen sie weniger realistisch, wir kennen sie weniger intim, weil wir sie anthropomorphisch ansehen, wenn wir sie nicht gerade durch die Brillen des Spezialisten betrachten. Nach einer Richtung ist allerdings unser ästhetischer Sinn zu einem unvergleichlich höhern Grad entwickelt worden als der des Orientalen, aber diese Richtung ist erotisch. Unser weit in die Vergangenheit zurückreichender Frauenkult hat uns etwas von der Schönheit der Natur erschlossen. Es ist sogar wahrscheinlich, daß der menschliche Schönheitsbegriff der Hauptquell aller unserer ästhetischen Sensibilität war. Vielleicht verdanken wir ihm auch unsere Idee der Proportion5, unsere übertriebene Wertschätzung der Regelmäßigkeit, unsere Vorliebe für Parallelen, Kurven und alle geometrischen Symmetrien. Und in dem langen Prozesse unserer ästhetischen Evolution ist das Frauenideal für uns schließlich zu einer ästhetischen Abstraktion geworden. Wir sehen die Schönheit unserer Welt nur durch die Illusion dieser Abstraktion, so wie uns die Formen der Dinge durch die schillernden Dünste einer tropischen Atmosphäre erscheinen würden.


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Aber dies ist nicht alles. Was wir jemals künstlerisch oder gedanklich mit der Frau verglichen haben, ist durch diesen Symbolismus seltsam verwandelt und beseelt worden, weshalb im Verlauf der Jahrhunderte die abendländische Phantasie die Natur immer mehr und mehr weiblich gemacht hat. Was immer uns entzückt, das hat die Phantasie feminisiert: die unsagbare Lieblichkeit der Himmelswölbung, die wogende Flut, die Morgenröte, die strahlende Sonne, die Nacht mit ihren Himmelsleuchten, selbst die Wellenlinien der ewigen Bergketten, die Blumen, die Früchte und alles, was duftend schön und anmutig ist, die Jahreszeiten mit ihren Stimmen, alle Erscheinungen, die sich mit unserer Liebe zur Anmut, Zartheit, Sanftmut berühren, wecken in uns einen vagen Traum von Weiblichkeit. Wo unsere Phantasie der Natur Männlichkeit leiht, sieht sie sie nur in der Grimmigkeit und Gewalt, gleichsam um durch mächtigen und rauhen Kontrast den Zauber des Ewigweiblichen zu erhöhen. Und nicht bloß Schönheit der Erscheinung oder des Klanges, sondern fast alles, was mystisch-erhaben und heilig ist, wird durch seltsam verstrickte Fäden mit unseren erotischen Empfindungen verknüpft Selbst die subtilsten Kräfte unseres Universums sprechen uns vom Weibe. Neue Wissenschaften haben uns neue Namen für das erhöhte Lebensgefühl, das ihre Gegenwart in uns weckt, gelehrt, für jene magische Erschütterung, die wir erste Liebe nennen, für das ewige Rätsel ihrer Zaubermacht.

So haben wir aus einer einfachen menschlichen Leidenschaft durch zahllose Einflüsse und Transformationen eine kosmische Emotion, einen weiblichen Pantheismus entwickelt.


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Aber darf man nicht die Frage aufwerfen, ob die Folgen dieses Einflusses der Leidenschaft auf die ästhetische Evolution des Abendlandes vorwiegend wohltätige genannt werden dürfen, ob nicht hinter all diesen sichtbaren Resultaten, deren wir uns als Triumphe der Kunst rühmen, andere unsichtbare lauern, deren zukünftige Enthüllung vielleicht unsere Selbstachtung nicht unwesentlich erschüttern wird. Ist es nicht ganz möglich, daß unsere asketischen Fähigkeiten einseitig, ja sogar abnormal durch die Kraft einer einzigen emotionellen Idee entwickelt wurden, die uns fast wenn nicht ganz blind, für viele wunderbare Seiten der Natur gemacht hat – oder vielmehr, muß dies nicht die unvermeidliche Folge sein, wenn dieser einzigen Empfindung eine solche Vorherrschaft in der Evolution der ästhetischen Sensibilität eingeräumt wird? Und schließlich darf man wohl fragen, ob denn dieser überragende Einfluß selbst auch der ethisch höchste war und ob sich nicht etwa der orientalischen Seele ein höherer erschlossen hat ...

Ich kann diese Fragen nur anregen, ohne zu hoffen, sie befriedigend lösen zu können. Aber je länger ich im Osten weile, desto mehr fühle ich mich von dem Glauben durchdrungen, daß in dem Orientalen außerordentliche künstlerische Fähigkeiten und Perzeptionsgaben entwickelt sind, von denen wir kaum mehr wissen können, als von jenen für das menschliche Auge unsichtbaren Farben, deren Vorhandensein aber durch das Spektroskop bewiesen ist.

Hier wird es ebenso schwer als gefährlich, auf Einzelheiten einzugehen. Ich will nur einigen allgemeinen Betrachtungen Ausdruck geben. Ich glaube, diese wunderbare Kunst verkündet, daß dasjenige, was in den unendlich mannigfaltigen Naturbildern keinerlei Geschlechtscharakter hat, das, was nie anthropomorphisch angesehen werden kann, das, was weder männlich noch weiblich ist, sondern neutral, gerade das ist, was von dem Japaner am meisten geliebt und verstanden wird. Ja, er sieht in der Natur vieles, was für uns Jahrtausende lang unsichtbar geblieben ist, und wir lernen von ihm Bilder des Lebens und Schönheitsformen kennen, denen wir früher blind gegenüberstanden. Wir haben schließlich die verblüffende Entdeckung gemacht, daß seine Kunst – trotz aller gegenteiliger dogmatischer Behauptungen des vorurteilsvollen Abendlandes und ungeachtet der seltsam geisterhaften Unrealität ihres ersten Eindruckes – niemals eine bloße Phantasieschöpfung ist, sondern eine getreue Widerspiegelung dessen, was war und ist: Weshalb wir zur Erkenntnis gekommen sind, daß schon die bloße Betrachtung seiner Studien des Vogel-, Insekten-, Pflanzen- und Baumlebens geradezu eine höhere Kunsterziehung genannt werden kann. Man betrachte beispielsweise unsere schönsten Insektenzeichnungen neben solchen von Japanern, man vergleiche Giacomellis Illustrationen zu Michelets »L'insecte« mit den gewöhnlichsten japanischen Abbildungen der gleichen Art auf dem bedruckten Leder eines billigen japanischen Tabaksbeutels oder auf der Metallarbeit einer wohlfeilen Pfeife. Die ganze minutiöse Genauigkeit der europäischen Arbeit hat es nur zu einem indifferenten Realismus gebracht, während der japanische Künstler in einigen Pinselstrichen mit unbegreiflicher Interpretationskraft nicht bloß jede Eigentümlichkeit der Form des Tierchens erfaßt und wiedergegeben hat, sondern auch jede spezielle charakteristische Einzelheit seiner Bewegung. Jede von dem Pinsel des orientalischen Künstlers hingeworfene Gestalt ist eine Lehre, eine Offenbarung für jeden von Vorurteilen ungetrübten Geist, und muß denen die Augen öffnen, die sehen können – mag es auch nur eine Spinne in einem windflatternden Netze sein, eine sich auf einem Sonnenstrahl wiegende Libelle, ein paar ins Riedschilf huschender Krabben, oder eine zappelnde Fischfinne in einem klaren Strom, oder das Aufschwirren einer Wespe, eine Mantis in kämpfender Stellung oder ein Semi, der einen Zedernzweig emporklettert. All diese Kunst lebt, ist intensiv lebendig, und unsere analoge Kunst sieht daneben tot aus. Und nun betrachte man die Blumenmalerei. Ein englisches oder deutsches Blumenstück, das Resultat von monatelanger, geschulter und mit Hunderten von Pfund bewerteter Arbeit, vermöchte sich sicherlich als Naturstudie in höherem Sinne nicht mit einem mit wenigen Strichen hingeworfenen und vielleicht mit fünf Sen bewerteten japanischen Blumenbild zu messen. Ersteres würde im besten Fall ein mühseliger und wenig erfolgreicher Versuch sein, einen Farbenakkord nachzuahmen, das letztere wäre ein vollkommenes Erinnerungsbild bestimmter Blumenformen, intuitiv aufs Papier hingeworfen, ohne irgend ein unterstützendes Vorbild. Nicht irgend eine individuelle Blume zeigend, sondern den vollendeten Ausdruck eines allgemeinen Formengesetzes, vollkommen gemeistert mit all seinen Stimmungen, Nuancen und Flexionen. Unter den abendländischen Kunstkritikern scheinen nur die Franzosen allein dieses Charakteristische der japanischen Kunst ganz zu erfassen, und unter allen abendländischen Künstlern nähert sich einzig und allein der Pariser in seinen Methoden dem Orientalen. Ohne den Pinsel vom Papier zu heben, kann der französische Künstler manchmal mit einer einzigen Wellenlinie die fast sprechende Gestalt eines besonderen Männer- oder Frauentypus schaffen. Aber diese hohe Befähigung ist hauptsächlich auf die humoristische Skizze beschränkt, sie ist noch entweder männlich oder weiblich. Um zu begreifen, was ich unter der Geschicklichkeit des japanischen Künstlers verstehe, muß sich der Leser eine solche Gabe des blitzschnellen Kunstschaffens, wie sie gewisse französische Werke charakterisiert, auf fast jede Erscheinung angewendet denken, mit Ausnahme der Individualität, auf fast alle bekannten allgemeinen Typen, auf alle Schauspiele japanischer Natur, alle Formen der heimatlichen Landschaft, auf Wolkenzüge, fließendes Wasser und wallende Nebel, auf alles Leben in Wald und Flur, auf alle Naturstimmungen der Jahreszeiten, Töne des Horizonts, Morgen- und Abendfärbungen. Sicherlich erschließt sich der tiefe Geist dieser magischen Kunst dem ungeübten Auge selten auf den ersten Blick, da sie an so Weniges in der ästhetischen Erfahrung des Abendlandes anknüpft Aber allgemach wird sie sich einem empfänglichen und vorurteilslosen Geiste so mitteilen, daß alle seine früheren Schönheitsbegriffe sich völlig umwandeln. Freilich, sie ganz zu erfassen, bedarf es vieler Jahre, aber etwas von ihrer umbildenden Kraft wird er schon in kürzester Zeit fühlen, und der Anblick einer amerikanischen oder europäischen illustrierten Zeitschrift wird ihm ganz unerträglich sein.

Psychologische Verschiedenheiten von weit tieferer Tragweite ersehen wir aus anderen Tatsachen, die wohl in Worten erklärt, aber nicht durch abendländische ästhetische Maßstäbe oder Gefühle irgend welcher Art interpretiert werden können. So habe ich zum Beispiel zwei alte Männer beim Einsetzen von Bäumchen in dem Garten eines benachbarten Tempels beobachtet. Sie verbringen manchmal eine Stunde beim Pflanzen eines einzigen Schößlings. Nachdem sie ihn in den Boden versenkt haben, treten sie auf eine bestimmte Entfernung zurück, um die Linienverhältnisse zu beobachten und miteinander darüber zu beraten. Das Resultat ist, daß das Bäumchen wieder herausgehoben wird, um an einer anderen Stelle versuchsweise hineingesteckt zu werden. Dies kann sich oft mehr als achtmal wiederholen, bis das Bäumchen vollkommen dem Plane des Gartens eingefügt ist. Diese zwei Männer gehorchen unbewußt einem geheimnisvollen Gedanken, indem sie diese kleinen Bäume wechseln, versetzen, verschieben, gleichwie der Dichter seine Worte versetzt und verschiebt; um seinen Versen die größte Zartheit und Ausdruckskraft zu geben.

In jedem größeren, japanischen Landhäuschen sind mehrere Alkoven oder »Tokonoma«6, eines in jedem Hauptzimmer. In diesen Alkoven werden die Familienschätze zur Schau gestellt. In jeder Toko hängt ein Kakemono, und auf ihrem leicht erhöhten Boden, – der gewöhnlich aus poliertem Holz ist – stehen Blumenvasen und ein oder zwei Kunstgegenstände. Die Blumen in den Vasen sind nach alten Regeln geordnet, und die ausgestellten Kakemonos und Kunstgegenstände werden, je nach Gelegenheit und Jahreszeit, in regelmäßigen Zwischenräumen gewechselt. In einer dieser Tokos habe ich zu verschiedenen Zeiten viele Kunstgegenstände gesehen: eine chinesische Elfenbeinstatuette, eine Weihrauchschale aus Bronze, ein paar durch Wolken schwebende Libellen, die holzgeschnitzte Statuette eines buddhistischen Pilgers, der auf der Landstraße rastend seinen kahlen Schädel wischt, Meisterstücke in Ladearbeit reizendes Kytoporzellan und einen großen Stein auf einem eigens dazu gemachten schweren Postament aus kostbarem Holz ruhend. Ich weiß nicht, ob der Abendländer in diesem Steine irgend etwas Schönes sehen würde. Er ist weder ausgehauen noch poliert, noch besitzt er auch nur den allergeringsten inneren Wert. Es ist einfach ein grauer, ausgewaschener Stein aus einem Flußbett Und doch kostet er mehr als eine dieser Kytovasen, die ihn manchmal ersetzen und die du vielleicht froh wärst, selbst zu einem sehr hohen Preise erstehen zu können.

In dem Garten des kleinen Hauses, das ich nun in Kumamoto bewohne, sind ungefähr fünfzehn Felsen oder große Steine von ebenso vielen Formen und Größen. Auch sie haben keinen wirklichen, inneren Wert, nicht einmal als verwendbares Baumaterial, und dennoch zahlte der Besitzer des Gartens für sie etwas mehr als siebenhundertundfünfzig japanische Dollars, bedeutend mehr, als das hübsche Haus selbst gekostet haben kann. Und es wäre ganz irrig, die hohen Kosten der Steine etwa durch den Transport aus dem Bette des Shirakawa zu erklären. Nein, sie sind siebenhundert Dollars wert, nur weil sie von einem bestimmten, ästhetischen Gesichtspunkt als schön gelten, und weil dort eine große Nachfrage nach schönen Steinen herrscht. Ja, sie gehören nicht einmal zu der besten Sorte, sonst würden sie weit mehr gekostet haben. Nun, ehe du nicht begreifen kannst, daß ein großer, rauher Stein ästhetisch suggestiver wirken kann als ein kostbarer Stahlstich, daß er eine Schönheitsoffenbarung ist und eine Freude für alle Zeit kannst du nicht verstehen, wie der Japaner die Natur ansieht.

»Aber was,« wirst du fragen, »kann an einem gewöhnlichen Stein schön sein?« – Vieles, aber ich will nur eines hervorheben: die Unregelmäßigkeit.

In einem kleinen japanischen Häuschen haben die Fusuma oder verschiebbaren undurchsichtigen Papierwände zwischen einem Zimmer und dem anderen Motive, die ich nie müde werde, anzusehen. Diese Motive variieren in den verschiedenen Teilen der Wohnung. Ich will bloß von der Fusuma sprechen, die mein Studierzimmer von einem kleineren Gemach trennt. Die Grundfarbe ist ein zartes Cremegelb, und das Goldmuster ist sehr einfach, die Symbole der mystischen Edelsteine des Buddhismus, paarweise über die Fläche verstreut. Aber nicht zwei Paare sind genau in demselben Zwischenraum aufgetragen, und die Symbole sind seltsam variiert, indem sie nie zweimal in derselben Stellung oder Beziehung zueinander erscheinen. Manchmal ist ein Juwel transparent und das Gegenstück undurchscheinend, manchmal sind beide undurchscheinend oder beide diaphan, manchmal ist das transparente, manchmal das undurchsichtige das größere, manchmal sind beide gleich groß, manchmal sind sie aufeinandergestellt, manchmal berühren sie sich nicht, manchmal ist das undurchsichtige links, manchmal rechts, manchmal ist das transparente oben, manchmal unten. Vergebens schweift das suchende Auge über die Fläche nach einer Wiederholung, etwas wie Symmetrie, sei's in der Anordnung der Gruppierung, in den Dimensionen oder Kontrasten. Und in den verschiedenen Dekorationen des ganzen Hauses wird man nirgends etwas Regelmäßiges erblicken. Die Findigkeit, mit der dies vermieden ist, muß erstaunlich, ja geradezu genial genannt werden. Dies ist nun eine allgemeine charakteristische Eigentümlichkeit der japanischen Dekorationskunst. Und hat man einige Jahre unter ihrem Einfluß gelebt, so empfindet man den Anblick eines regelmäßigen Musters auf einer Wand, einem Teppich, einem Vorhang, einer Decke, auf irgend einer dekorativen Fläche als furchtbar vulgär. Nur weil wir solange gewohnt waren, die Natur anthropomorphisch anzusehen, sind wir noch imstande, die mechanische Häßlichkeit unserer dekorativen Kunst daheim zu ertragen und bleiben unempfänglich für Naturzauber, die selbst das Auge des japanischen Kindes klar wahrnimmt, wenn es über die Schulter seiner Mutter jauchzend und staunend auf die grünen und blauen Wunder dieser Welt blickt.

Ein buddhistischer Text sagt: »Wer des Gesetzes Nichtigkeit erkannt hat, der ist weise.«

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1 Ich beziehe mich jedoch nicht auf jene merkwürdige Sorte von Leuten, die nach einem flüchtigen Besuch in Teehäusern und Etablissements noch zweifelhafterer Art heimgekehrt, über die Frauen Japans schreiben.

2 Ein Zitat aus Baudelaire.

3 Siehe »Things Japanese«, zweite Auflage, p. 255, 256, »Sprache«.

4 Siehe die ganze wunderbare Stelle in Kerns Übersetzung dieses prachtvollen Sutra, Die Heiligen Bücher des Ostens, Band XXI, Kap. XI.

5 Siehe Herbert Spencers Essay über den Ursprung der Idee der bilateralen Symmetrie, »Die Quellen der architektonischen Typen«.

6 Die Tokonoma oder Toko soll in die japanische Architektur vor ungefähr 450 Jahren durch den buddhistischen Priester Eisai, der in China studiert hatte, eingeführt worden sein. Vielleicht war diese Nische ursprünglich geteilt und für die Schaustellung heiliger Gegenstände bestimmt. Aber jetzt würde es in den gebildeten Ständen als ein Zeichen sehr schlechten Geschmackes angesehen werden, Bilder der Götter oder malerische Darstellungen heiliger Gegenstände in der Tokonoma eines Gastzimmers aufzustellen. Aber die Toko hat noch immer in gewissem Sinne einen geheiligten Charakter. Niemand sollte je dort herumgehen oder darin hocken oder auch nur irgend etwas nicht ganz makellos Reines oder den Geruchsinn Beleidigendes hineinstellen. Im Zusammenhang damit steht eine sehr verfeinerte Höflichkeitsetikette. Der Gast, den man besonders ehren will, wird immer der Toko zunächst gesetzt, und die übrigen nehmen je nach ihrem Rang näher oder ferner von der Toko ihre Plätze ein.

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