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Alfred von Hedenstjerna – Die Frau, welche von Kostgängern leben sollte, aber daran starb.

Novelle

aus: Allerlei Leute, Bilder aus dem schwedischen Volksleben, Deutsch bearbeitet von Margarethe Langfeldt, Zweiter Band, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1893, S. 142-152.

Die Frau, welche von Kostgängern leben sollte, war einmal neunzehn Jahre alt gewesen, hübsch wie eine neugebaute Villa im Thiergarten und gut wie die Morgenmilch, wenn die Kühe kürzlich auf die Weide getrieben worden sind.

Es würde für sie besser gewesen sein, wenn sie lieber so häßlich gewesen wäre wie die Gedanken des Tageblattes über die neue schwedische Heerordnung, denn dann hätte Magister Andersson sich nichts aus ihr gemacht. Doch das sah sie damals noch nicht ein, und wenn Magister Andersson auf den Subscriptionsbällen des Städtchens (Damen = 3 Mark, Herren = 2 Mark, Punsch = extra) mit ihr tanzte, schwebte sie stolz und überglücklich dahin. Sie vergaß total, wie sehr ihr Papa über das Geld zur Halskrause geschimpft hatte und daß ihre Mama Nachts das alte Linonkleid mit weißem Grunde, blauen Blumen und einem kleinen gestopften Riß in der linken Kniefalte zum sechsten Male geplättet hatte.

Und als ihr Magister Andersson gestand, daß er sie gern hatte – oder »sie mit einer an Wahnsinn grenzenden Hingebung anbetete« – da wurde sie, trotzdem sie schon ein halbes Jahr auf diesen Moment gelauert hatte, so überrascht, daß sie ihm vor lauter Erstaunen in die Arme sank. Und da nicht nur Andersson's Hingebung an Wahnsinn grenzte, sondern das Zimmer, in dem die Beiden auf dem Sopha saßen, auch an ein Cabinet stieß, in dem sich zwei andere Mamsells mit Nähen beschäftigten, so hatte das arme Mädchen zwischen einem Scandal ganz solo oder drei Zimmern mit Küche und abgeschlossener Etage in guter Gegend mit Herrn Andersson zu wählen. Und da der Magister sie küßte und wieder küßte und sie ganz vergessen hatte, aufzuspringen und in schüchterner Verwirrung auszurufen: »Unverschämter, wie können Sie es wagen!« so nahm sie denn ihren Andersson.

Aber sie hätte besser gethan, den Scandal zu wählen, denn davon würde sie mehr Vergnügen gehabt haben. In der kleinen Stadt hatten nämlich die Scandale ein langes und die Schullehrer ein kurzes Leben. Als zwei Jahre vergangen waren und Frau Andersson ihrem Gatten viele freudige Stunden bereitet, ihm einen Buben geschenkt und nur eine äußerst begrenzte Anzahl Gardinenpredigten gehalten hatte, machte der Magister Ferien und fuhr auf längere Zeit in den Himmel. Zuletzt flüsterte er noch matt: »Gott segne Dich, meine Anna!« Aber er sagte kein Wort darüber, wovon sie und der Junge leben sollten, wahrscheinlich aus Zartgefühl und um ihre Zukunft und ihren freien Willen nicht zu beeinträchtigen.

Es hätte doch wirklich nicht schaden können, wenn er gesagt hätte: »Im Schreibtischauszuge findest Du meine Lebensversicherungspolice« oder »im Rasirspiegel liegt eine Bankanweisung«; doch, wie gesagt, darüber setzte er sich hinweg. – –

Fünf Tage lang lebte Frau Andersson von Begräbnißtorte und Thränen, doch dann hatte sie Hunger und beschloß, das Mädchen zu Markt zu schicken. Zu diesem Zwecke wollte sie die Kasse untersuchen. Einen feuerfesten Geldschrank hatten sie nicht, aber aus der rechten Tasche in der Alltagshose des seligen Andersson zog sie eine Mark fünfzig, eine Schusterrechnung und die lateinische Stilübung eines Untersecundaners hervor.

Da schrieb sie denn an Andersson's Vater, der ein ganz gutgestellter Landrichter war, und bat, zu ihm ziehen zu dürfen. Sie wollte der Schwiegermutter in der Wirtschaft helfen, und der Junge könnte ja seinem Großvater Zerstreuung bereiten.

Doch der Schwiegervater antwortete, daß, obwohl er nichts lieber thäte, als der Gattin und dem Kinde seines geliebten Sohnes in seinem Hause eine Freistatt zu bereiten, er es doch nicht wagte seines gefühlvollen Herzens und seines weichen Gemüthes wegen, weil sie und das Kind ihn zu grausam an den Verlust erinnern würden, den er durch den Heimgang seines geliebten Sohnes erlitten. Niemand sollte jedoch sagen, daß er seine Schwiegertochter hülflos oder obdachlos ließe, darum bat er sie, mit den eingeschlossenen fünfzehn Mark vorlieb zu nehmen, und versprach ihr noch einen halben Käse zu Weihnachten.

Damals ließ Frau Andersson folgende Annonce in die Ortszeitung setzen:

Billige Pension


in einer hübschen Wohnung in guter Gegend kann ein einzelner Herr oder eine alleinstehende Dame erhalten. Offerten unter der Adresse »Wittwe« an das Bureau dieser Zeitung zu senden. – N.-S. Beköstigung à 1 Mark pro Tag für einzelne Herren ebendaselbst.

So kam Frau Andersson dazu, von Kostgängern zu leben. Die ab und zu gehenden Speisegäste bitte ich der Hauptsache nach ganz aus dem Spiele lassen zu dürfen. Es waren meistens junge Studenten an der technischen Schule, und wenn ihr Betragen auch nicht immer das beste war, so ließ doch ihr Appetit nichts zu wünschen übrig. Es kam auf dasselbe heraus, ob man einen Teller mit Butter auf ihren Tisch oder auf den Krater des Vesuvs setzte, und eine größere Schüssel mit Fricandellen verschlug bei ihnen ungefähr ebenso viel, als wenn man, in einem Luftballon sitzend, sich über dem Atlantischen Ocean mit den Fingern schneuzt.

Und oft hieß es am Schlusse des Semesters: »Liebe Frau Andersson, Papa ist gerade schlecht bei Kasse, wir werden es später mit der Post schicken.« Nein, wie gesagt, bei den Speisegästen die kamen und gingen, werden wir uns nicht weiter aufhalten, sondern nur bei denen, die volle Pension erhielten und in dem besten der drei Zimmer (abgeschlossene Etage in guter Gegend) wohnten.

Der erste war ein alter, bissiger Junggeselle, der Frau Andersson's Leben mit seinen giftigen Ein- und Ausfällen über Alles, was es im Hause und bei Tische gab, pfefferte.

»Liebe Frau Andersson, wohnt hier ein Schuster in der Nähe?«

»Jawohl, Herr Petterqvist, wollen Sie Schuhe ausgebessert haben, so kann das Mädchen auf der Stelle ...«

»Ei bewahre. Diese Beefsteaks brachten mich nur zufällig auf den Gedanken an Schuhsohlen, ich fürchtete, daß vielleicht eine Verwechselung ...«

Ein anderes Mal begann Herr Petterqvist: »Meine Liebe, Sie könnten den Armen nun zu Weihnachten viel Gutes erweisen.«

»Leider nicht, Herr Petterqvist, Sie kennen ja meine geringen Mit ...«

»Nun, nun, verstehen Sie mich recht, ich meinte auch nicht, daß Sie große Geldsummen opfern sollen, ich dachte nur, ob Sie nicht die fettigen Tapeten aus meiner Stube in irgend eine Suppenanstalt schicken und mir neue spendiren wollten.«

Als Herr Petterqvist schließlich auch noch behauptete, daß die Rosen in dem Muster seiner Zitzdecke Frösche seien, kam es zum Bruche, und in das Zimmer zog Fräulein Juleima Desperato (geborene Pettersson!), Elevin des Stockholmer Conservatoriums, augenblicklich aber in der Provinz, um sich auszuruhen und ihrer Gesundheit zu leben. So lange sie im Hause wohnte, konnte Frau Andersson ruhig vor Einbrechern schlafen, denn die Polizei schlug ihre Hütten rings umher auf. Die Polizei bildete sich nämlich ein, daß der versoffene, kleine Schneider im Parterre seine Frau morden wollte, und daß diese es war, die in Todesangst schrie, sobald Fräulein Desperato ihre Bravoursachen vortrug. Frau Andersson's liebe, kleine Miez gab jeden Gedanken an Concurrenz auf dem Gebiete der Vocalmusik auf, lief fort und legte sich unter einem großen Wachholderbusch im Stadtpark nieder, wo sie aus reinem Neid starb. –

Fräulein Desperato machte Brüderschaft mit Frau Andersson, gab ihr drei Freibillete zu ihrem Concert in der Domkirche, gewann das Herz des Jungen mit einigen Tafeln Chocolade – und schob die Bezahlung bis nach ihrer Rückkehr von Paris auf, wo sie sich nun von Gounod und Madame Biardot weiter ausbilden lassen wollte.

Frau Andersson war kaum 26 Jahre alt und noch eine sehr hübsche Frau, als der Agent Johann Thara als Miether über die Schwelle der Etagenthür trat, die zu den drei Zimmern mit Küche in guter Gegend führte. Er hatte eine stattliche Figur, einen kühnen Blick und einen Schnurrbart, o, mein Gott, einen Schnurrbart ...

Der selige Magister, der in Cabinetformat und hübschem, gepreßtem Lederrahmen fünf Jahre lang von der Wand der guten Stube auf seine gebrochene Gattin herniedergeblickt hatte, wurde am selben Vormittag in dem Commodenauszuge zwischen Hagberg's Predigten und einer großen Düte Camillenthee untergebracht.

Gleich nach Tisch mußte das Dienstmädchen Punsch holen, und des Nachts grübelte Frau Andersson in ihrem Bette darüber nach, ob es wohl recht sein könnte, daß sie ihr ganzes Leben hindurch Trauer trüge. Hieß es nicht, seine heiligsten Gefühle entweihen, wenn man sie so öffentlich zur Schau trüge?

Am folgenden Tage, als der Agent ausgegangen war, verschwand die Rosen-Fröschedecke aus seinem Bette, und dafür wurde die etwas verblichene, blaue, wattirte Seidenhülle darauf gelegt, die die Mama des seligen Andersson ihrer lieben Schwiegertochter am ersten Aufgebotssonntage geschenkt hatte.

Andersson war bei Lebzeiten ein geduldiger Kerl gewesen, aber ich hätte ihn doch beobachten mögen, als er wie andere Engel auf seiner Wolke schaukelte und den Herrn Agenten zu sehen bekam, der sich behaglich gegen ein Kissen legte, das durch den Verkauf von Andersson's eigenem, bis dahin als heilige Reliquie betrachtetem Doctorfrack angeschafft worden war.

Einen Monat später ging Frau Andersson einmal durch die Hauptstraße und erblickte ihren Agenten, der ihr mit einer Dame am Arm entgegenkam.

Ihr war dabei zu Muthe, als schlüge der Blitz in die blaue Seidendecke und als wäre ein halbes Dutzend Technologen abgereist, ohne zu bezahlen.

Und dann stand man sich einander gegenüber.-

»O, wie erfreulich, meine Braut, Fräulein Rosenknopp – meine liebenswürdige Wirthin, Frau Andersson. – Sie müssen wirklich gute Freundinnen werden.«

– – – – – – – – – – – – – – –

Der selige Andersson in Cabinetformat und gepreßtem Lederrahmen thront wieder an der Wand der guten Stube und hat sogar einen Epheukranz bekommen.

Doch sein freundlicher Blick kann seine gebrochene Gattin nicht beruhigen, die thränenden Auges die theuren, theuren Züge betrachtet. Deutlicher wie je zuvor fühlt sie, daß sie sich nie trösten kann, daß sie den Tod im Herzen trägt, daß die blaue Seidendecke nie wieder aus dem Schranke kommt und daß die Rosenfrösche von Zitz von nun an stets nur weibliche Kostgänger einhüllen werden.

Und der selige Magister lächelt im Himmel und sagt gerade so wie damals, als er starb: »Gott segne Dich, meine Anna!«

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