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Alfred von Hedenstjerna – Lieschen.

Novelle

aus: Allerlei Leute, Bilder aus dem schwedischen Volksleben, Deutsch bearbeitet von Margarethe Langfeldt, Zweiter Band, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1893, S. 77-87.

Morgens, als Vater aufstehen wollte, konnten die Beine den mageren, gebeugten Leib nicht tragen, die Hände zitterten und es überfiel ihn ein so wunderlicher Schwindel.

Aber er war Tagelöhner und mußte zur Arbeit.

Ein Jahr nach dem andern war dahin gegangen mit Regen und Sonnenschein, Hitze und schneidendkalten Schneestürmen, so daß Alle, die es haben konnten, die Thüren schlossen und sich am Herde wärmten.

Aber Vater war Tagelöhner, und so weit Lieschen zurückdenken konnte, hatte er stets zur Arbeit gemußt.

Nicht nur die Hofgängertagewerke für die Häuslerei. Das waren nur zwei in der Woche, denn die Häuslerei war klein und ernährte nur zwei kleine, magere Kühe. Aber die Tagewerke, um zu einer Vierteltonne Hering, einem Kopftuch für Mutter, ein wenig Salz, einem Schweinebraten zu Weihnachten und etwas Mehl, wenn sein Selbstgeerntetes aufgezehrt war, einige Groschen zu verdienen. Der eigene Acker wurde Abends und Morgens bestellt, wenn das Tagewerk zu Ende war, und ehe es wieder begann. Und davon wurde der Rücken krumm und der Blick matt.

Doch was war das heute mit Vater? Es sah wirklich aus, als sei er nicht im Stande, zum Herrenhofe zu gehen! O, das war wohl nur die Gicht. Frischen Muth gefaßt und dann rasch in die geflickte Jacke, die seit gestern halb durchgerissen war, und in die großen Stiefel mit Holzsohlen, die seit dem letzten Herbst Löcher hatten!

Was, wollten die Kartoffeln nicht hinunter? Gute Rosenkartoffeln in Salzlake getaucht! Nun, desto mehr bleibt für die Dirne.

In Tagelöhnerwohnungen wird nicht viel geredet. Mutter fing nicht an zu weinen, als sie sah, wie kümmerlich Vater war. Sie fragte ihn nicht, ob er krank sei, schlang nicht die Arme um seinen Hals und bat ihn, zu Hause zu bleiben; sie wußte zu gut, wie nöthig es ist, zu arbeiten, so lange noch ein Fünkchen Leben da ist. Aber sie sah betrübt aus, ging an den Schrank, nahm eine zerbrochene Kaffeetasse heraus und sagte: »Hier ist ein Bischen Milch, das ich für die Dirn' aufgespart habe; aber nimm Du es, Du hast es nöthiger, Du armer Kerl!«

Dies wurde Vaters letztes Tagewerk. Am nächsten Morgen war es ihm vollständig unmöglich, das Bett zu verlassen, und ein paar Tage darauf machte er für alle Zeit »Ferien«.

Lieschen wackelte im Zimmer umher mit dem Zeigefinger im Munde und den Haaren über den Augen, während Mutter umherwirthschaftete und Pfannkuchen zum Begräbniß buk. Mutter konnte es kaum fassen, daß es mit Vater zu Ende war, manchmal vergaß sie es sogar über der Arbeit. Mußte man auch Grütze kochen? »Ich will Johann fragen« ... und dann fiel ihr Alles wieder ein, und sie fuhr mit der Hand über die Augen und zog das Kopftuch tiefer in die Stirn. Arme Mutter.

Manchmal öffnete Lieschen die Bodenthür ein Bischen. Dort stand Vater aufgebahrt. Johann Larsson sah ruhig und zufrieden aus, ganz so wie er Sonnabend Abends einschlief und wußte, daß er am nächsten Morgen nicht zur Arbeit brauchte.

Sie mußten natürlich die Häuslerei verlassen. Erst wurden die beiden Kühe abgeholt. Damit wurden Vaters Schulden bezahlt, die er im Frühling, als kein Brod mehr da war, gemacht hatte. Dann kam Karl vom Walde und kaufte Vaters Holzaxt, Steinhacke und Spaten für 24 Mark. Darauf reisten der große Koffer, der Schrank und das eine Bett, und zuletzt fuhren Mutter und Lieschen zu Karl vom Walde, der ihnen eine Kammer einräumte.

Mutter war ein »Schwächling«. Sie wollte sich gern für sich und ihr Kind plagen; sie arbeitete, Tag und Nacht. Des Tags außer Hause, des Nachts daheim am Spinnrocken, aber sie war jedenfalls »ein Schwächling«, denn als sie zwei Decembertage bis zu den Knieen im See gestanden hatte, weil sie bei der großen Wäsche der Schulzenmutter helfen durfte, bekam sie die Lungenentzündung, starb und entfernte sich so schleichender Weise, indem sie Lieschen der Armenpflege von Hafreboda als Andenken zurückließ.

Lieschen wurde an Magnus in Kroken für dreißig Mark jährlich verkauft. An Schläge bekam sie reichlich, was sie brauchte, und an Essen beinahe auch. Sie war ja nicht verwöhnt, die Kleine. Aber das Schlimmste war, daß den schwachen, schmalen Schultern gar zu viel aufgebürdet wurde, daß es stets hieß: »O, das ist so leicht, das kann die Dirn' thun!« Darum mußte sie von ihrem zehnten Jahre an die schmutzigste und unangenehmste Haus- und Draußenarbeit verrichten. Sie war der Packesel für Alle, für den Bauer und die Hausmutter, den Knecht und die Magd. Die Kinder schlugen sie, wenn sie schlechter Laune waren, und waren sie bei guter Laune, so zupften sie sie am Zöpfchen und schrieen: »Armen-Liese!«

Doch Lieschen liebte sie Alle, den Bauer und die Hausmutter, den Knecht und die Magd, die Gören und die Katze, die Kühe und die Schafe. Es war eine sklavische, nicht reflectirende Anhänglichkeit, die nie durch Kummer oder Zorn getrübt wurde; sie konnte sich nicht denken, daß sie auch beanspruchen dürfte, in Frieden gelassen zu werden oder sich auszuruhen; sie liebte das Heimwesen in Kroken, wie die Katze den Stall liebt, wo sie ihre Milchschüssel bekommt.

Am schlimmsten waren die Confirmationsstunden. Ihr Schulbesuch war unregelmäßig gewesen, und ihr Kleid war häßlich und ausgeblichen und saß gar nicht wie die Kleider der anderen Mädchen. Sie hatte auch keine Kringel für die Buben und keine Eier für den Prediger, wie doch alle Anderen.

Der Pastor sagte: »Alle Menschen sind Brüder, jede Seele ist gleich kostbar. Wir müssen einander lieben, helfen und stützen hier auf Erden!«

Aber die Confirmanden redeten aus einem anderen Ton. Die Mädchen sagten: »Auf welchem Schmutzhaufen hast Du Dein garstiges Kopftuch gefunden, Armen-Liese?«

Der Pastor sagte: »Wir sind Alle schuldbelastet, sündig und elend und nur der Herr, der am Kreuze für uns blutete, ist unsere Hoffnung für Zeit und Ewigkeit.«

Aber Lieschen mußte doch wohl schlechter als alle Anderen sein. Warum hätte sonst wohl Schulzen's Lotte jedes Mal, wenn Lieschen sich zu den Kameraden gesellen wollte, geschrieen: »Wir wollen Nichts mit Dir zu thun haben, Armen-Liese! Du kannst allein gehen!« Da entstand Bitterkeit und Kummer in dem Gemüthe des Kindes, und Abends, wenn Lieschen vom Prediger zurückgekommen war, der Hausmutter geholfen, die Kinder zu Bett gebracht, das Vieh gefüttert, abgewaschen und das Feuer ausgelöscht hatte, und wenn sie dann ihren kleinen Verschlag hinter der Küchenthür aufsuchen durfte, lag sie noch lange wach und biß in den Strohsack, damit Keiner ihr Schluchzen hören könnte, und weinte, wie nur ein Kind weinen kann.

Dann kam der Confirmationstag. Die Pfingstsonne bestrahlte die Kinder vor dem Altar, das Silberhaar und den weißen Kragen des Predigers, den Dornengekrönten auf dem Altarbilde, sogar die strengen, runzeligen Gesichter der Eltern und Angehörigen, von denen die meisten Spuren harter Arbeitstage und der Sorge beim Kampfe um das tägliche Brod trugen.

Und Lieschen? Sie hatte Niemand. Keine Mutter hatte ihr das weiße Kopftuch gefaltet und umgebunden, keine Schwester ihr eine Blume in's Gesangbuch gesteckt. Sogar das Tuch und das Gesangbuch waren von der Armenpflege. Und sie blickte in das Schiff hinüber, wo sich Antlitz an Antlitz reihte, aber kein freundliches Auge war auf sie gerichtet. Sie fühlte sich so unheimlich verlassen, daß sie laut hätte schreien mögen, als sei sie in Lebensgefahr ...

Aber wärmer und wärmer schien die Pfingstsonne, lauter und lauter brauste die Orgel, immer lebendiger stieg das Bild des Dornengekrönten aus dem Rahmen und immer inniger wurden die Worte des alten Lehrers, je mehr die Jungen vor dem Altar ihre Blödigkeit überwanden.

Da wurde auf einmal selbst Lieschens Herz warm, die Bitterkeit schmolz, und hingebend wandte sich ihr Sinn den Worten der Liebe zu, die aus Predigersmund in dieser Welt der Gefühllosigkeit ertönen. Daheim in Kroken hatte sie es heute auch nicht schwer. Der Confirmationstag ist ja selbst für die in Pflege gegebenen Kinder ein Feiertag und die Hausmutter befahl der Magd, die Abendarbeit zu besorgen. Ueberdies blieb Lieschen nicht mehr lange dort. Die Armenpflege bezahlt für »solche« nur bis zur ; nachher müssen sie sich selbst durchbringen, dann geht's in die Welt hinaus.


* * *


Hinaus in die Welt! Ja, gerade deshalb habe ich hier von Lieschen gesprochen, damit Ihr ihr und ihren tausend alleinstehenden, schutzlosen Schwestern aus dem Volke einen Strahl von Liebe und Theilnahme in ihr leeres Leben werft.

Gnädige Frau, wenn Sie in Ihrem glücklichen Heim sitzen, wo der Friede herrscht und die Liebe wärmt, wird eines Tages ein Lieschen an Ihre Thür klopfen und um Arbeit als Ihre geringste Dienerin bitten. Geben Sie Ihr dann ein Bischen Freundlichkeit, die das Armenkind stets entbehrt hat, geben Sie ihr etwas mehr als Kost und Lohn, seien Sie nachsichtig mit ihrer Unkundigkeit und geduldig bei ihrer Einfalt; sie wird ihr Bestes thun, die Armen-Liese, wenn sie sich an Sie halten darf und nicht nur an Ihre Gesindestube.

Geehrter Gönner und Ritter des Wasaordens! Lieschen will gern Arbeit in Ihrer Fabrik haben, aber in ihrer Einfalt durchschaut sie nicht die Gefahren, denen die alleinstehende Arbeiterin in der Stadt ausgesetzt ist. Geben Sie ihr etwas mehr als den Platz eines Zapfens in der großen Maschinerie, geben Sie ihr noch Etwas außer so und so vielen Pfennigen Tagelohn! Wenden Sie ihr ein Bischen Interesse und Aufsicht zu, thun Sie ein wenig, um sie vor der Gefahr zu schützen! Sagen Sie Ihrer Frau und Ihren Töchtern, die für den Missionsverein nähen und Bazare für die Australneger arrangiren, daß man auch hier zu Lande Seelen retten kann.

Ihr jungen, feinen Herren! Während Eurer Ausflüge aufs Land, in Gestalt der Dienstmädchen in den Häusern, wo Ihr verkehrt, im Gaslicht auf dem Trottoir, vor den Thüren der Vermiethungsbureaux werdet Ihr Lieschen oft, sehr oft treffen. Ihre Wange ist roth und weiß, Euer Blut ist jung und warm, und sie ist ja nur ein Kind aus dem Volke. Aber denkt an Eure unschuldigen Schwestern daheim, denkt an sie, die Ihr einmal als Braut in Eure Arme schließen werdet, denkt daran, was es auf sich hat, ohne Schutz und Anhalt in der Welt zu stehen und – schont Lieschen!

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