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Moritz Heimann – Kritik der Kritik?

Essay

Moritz Heimann, Kritik der Kritik?, Verlag Helianthus, Berlin, 1903.
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Ein Russe sagte zu mir: »Ich verstehe nicht den Ton in der Kritik bei Ihnen zu Lande. Er klingt mir immer so, als sei hier das natürliche Verhältnis zwischen dem Dichter und dem Kritiker das feindliche. Bei uns, wenn sich eine neue Kraft regt, wird sie von dem Beifall des ganzen Volkes in die Höhe getragen. Wir sehen den Erfolg eines Dichters nicht sowohl als sein Glück, als vielmehr als das unsrige an. Wir fühlen uns vom Künstler beschenkt, mit Dingen, die wir lieben und suchen, mit Dingen, von denen wir glauben, dass sie uns nötig sind, ja, von denen wir glauben, dass sie uns mehr sind als nötig. Und ist nun wirklich eine Sache darunter, die uns missfällt, vielleicht eine, die nachweisbar schlecht ist – was soll man da thun, da doch die Absicht des Gebers freundlich war? Ich meine« – es ist immer noch der Russe, der spricht – »wenn mir ein Freund in mein schicklich ausgestattetes Zimmer eine Gabe stiftet, die nicht hineingehört, so kann niemand verlangen, auch er nicht, dass ich sie mir aufstelle; und ich werde sie, selbst auf die Gefahr hin, ihn zu verletzen, in die Rumpelkammer thun. Aber was sollte mich wohl überreden, ihm darum anders als mit gutmütigem, nachsichtigen Dank zu begegnen? Ist nun gar mein Zimmer nicht schicklich und mit Sinn geordnet, hören Sie, so findet sich wohl auch für unbedeutend Harmloses ein Plätzchen. Bei Ihnen dagegen, wie ist man anspruchsvoll! Ihr zieht ja schon die Augenbrauen hoch, wenn Ihr den Geber auf der Treppe hört. Klingelt er, so setzt Ihr Euch in Positur und sagt, mit Wolken auf der Stirn: »Wir wollen 'mal sehen!« Dann packt er aus – und Ihr werdet ganz sicherlich rabiat. Er bringt Euch eine Statue, Ihr hattet ein Relief erwartet; eine runde Figur, und Ihr hattet auf eine Gruppe gerechnet; sie ist aus Bronze, und Ihr hattet sie marmorn gewollt. Und dann beweist Ihr mit vielem Aufwand, dass eine Statue kein Relief, und Bronze nicht Marmor sei. Ich wollte, dass Sie mir das einmal erklärten.«

Dieser Russe ist kein Geschöpf meiner Einbildungskraft, und was ich ihn sagen lasse, das hat er wirklich gesagt: nur, dass er, statt fünf Minuten, ein paar Jahre dazu brauchte. Immer wieder erstaunte er über den aufsässigen Ton, in welchem, vornehmlich in unseren Tagesblättern, den Dichtern aufgespielt wurde, und brachte mir aus russischen Zeitschriften Beispiele, wie anders sie es zu Hause hielten. Dabei passierte es ihm, dass er, in dem Masse, in welchem er bei uns heimisch wurde, und wie er allmählich, der das Deutsche schlecht beherrschte, sich zu orientieren lernte und einige vorschnelle Begeisterungen erkalten liess, dass er selber sich gewöhnte, streng zu sein. Am Ende war er glücklich so weit, dass er an Autoren, die nach seiner Meinung schlechte Bücher schrieben, längst nicht mehr ästhetische Censur übte, sondern eine moralische Makel an sie heftete. Woraus zu schliessen gewesen wäre, dass es in Russland nicht nur, wie Tolstoj uns versichert, bessere Menschen, sondern auch im Durchschnitt bessere Autoren giebt als bei uns.

Da immer noch ein Stück Rousseau in uns rumort, und wir die Wilden, die besseren Menschen, immer noch ein wenig lieben und beneiden, so hätte ich vielleicht wirklich mich dem Russen übergeben – wenn nicht der Bulgare gewesen wäre. Denn der erzählte uns von Zuständen in seinem Vaterland, die noch idyllischer und herzlicher sind als die des Russen. In Bulgarien ist es nur nötig, bulgarisch zu schreiben – nicht gut bulgarisch, sondern bloss bulgarisch schlechthin – und es ist schon gut und geehrt.

Besagt dieses alles nun nicht: je weiter ein Volk in seiner Geistesdurchbildung zurück ist, um so mehr empfindet es sich als Volk; und je mehr es sich als Volk empfindet und je weniger es als solches Geltung und Anerkennung hat, um so dankbarer erweist es sich jedem Sohne, der sich zu ihm bekennt?!

Da drängt der schmeichelhafteste Schluss sich auf: weil wir es in Deutschland weit gebracht haben, weil wir frei sind und geordnet, reich und geehrt, eben darum sind wir vornehm und argwöhnisch. Wir haben alles, so brauchen wir uns nichts schenken zu lassen; und wer uns mit Gaben kommt, dem sehen wir und klopfen auf die Finger.

Und um nun ernsthaft zu reden: sind solcherlei Erscheinungen unerhört in Deutschland? Goethe warnte:

»Niemand soll herein rennen
Mit seinen besten Gaben;
Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen,
Müssen sie Zeit haben.«

Goethe, wie ausser ihm kaum einer, hat die ganze grosse Skala des deutschen Interesses an der geistigen Produktion an sich erfahren. In frühen Jahren hatte der Ruhm seinen Namen über Länder und Meere getragen; als er vierzig Jahre alt war, kam er von Italien in die Heimat zurück, als in ein Land, das ihn kalt und fremd empfing; und als alter Mann, der aus übervollen, gütigen Händen nur immer gegeben und gegeben hatte, war er nicht sicher davor, dass ihn Kabalen und eine erbitterte, errechnete Aesthetik zusammenwarf mit Leuten, die gerade wert waren, auf den Saum seines Mantels gestickt, auf die Nachwelt zu kommen. Man lese die Darstellung, die Viktor Hehn von Goethes immer beargwöhnter Geltung in seinem Vaterlande gab, und man wird auch von diesem seinen Schicksal, wie von seinem übrigen Leben, den tragischen Geschmack empfinden.

Er hat über das vielfach bedenkliche Gehaben der Kritik je zuweilen, in Vers und in Prosa, sein kräftiges, einfaches, unpolemisches Wort gesagt. Einmal, im Jahre 1795, hat er in einem eigenen Aufsatz berliner »literarischen Sansculottismus« auf wenigen würdevollen Seiten zurückgewiesen, als der Fürst von Gottes Gnaden, den er sich wusste. Wenn nun ein Heutiger, auch Dichter, in sich den Zorn und Drang fühlt, gegen die Kritik aufzutreten, sollte ihn da nicht das Gefühl solcher Nachfolge zwingen, in sich zu gehen und sich ernsthaft zu fragen, ob er auserwählt dazu sei?

Es hat, wie bekannt, in diesen jüngsten Tagen ein Mann, die Kritik kritisierend, geglaubt, sich zu seinem Geschäft von Goethe allerlei Mut erholen zu dürfen. Er hat, wie jener, Ungebührliches bei den berufenen litterarischen Urteilern von heute angemerkt, und hat sich als den Mann erkannt, dem üblen Wesen Einhalt zu gebieten. So hat er den Kritiker, wie bei Mörike Lolegrin den sicheren Mann, angefahren: er sei »weder ein Halbgott, noch ein Begeisteter, sondern ein Schweinpelz«. Und da er schon einmal daran war, Goethes Beginnen fortzusetzen, und was jener geraten hatte, mit der That zu thun, so hat er es gewagt, den Hund, den Rezensenten, totzuschlagen.

Er hat das alles leider nicht gethan, Herr Sudermann. Es fielen ihm keine lustigen Zitate ein, er schlug die würdevollen auf. Und gar wen totzuschlagen, und sei es selbst den Kerr, das liess sein Gewissen nicht zu, sein staatsbürgerliches, poliziertes, sein mittelmässiges Gewissen.

Welch ein blechernes Geklapper von Mittelmässigkeit! Wenn es ein gutes Unternehmen ist, unsere Kritik zu seigen, Sudermann hat es kompromittiert. Er hat sein Geschäft ohne Geist verrichtet, ohne Tiefe, ohne Philosophie, mittelmässig.

Denn was thut er im Grunde – wenn nicht privates Gelüst der »Grund« war –?

Er dringt, bei allen Würdigen, auf einen allgemeinen anständigen Ton gegenüber den Verfassern.

Aber das wäre ein unanständiger Ton.

Vielmehr soll es wiederum und immer heissen; Was dem Einen recht ist, ist nicht dem Andern billig; was dem Hauptmann recht ist, soll nimmermehr dem .... (Blumenthal) ... billig sein.

Diejenige Kritik wäre wahrhaft verroht, die darauf verzichten würde, Mäusedreck von Koriander zu sondern – Mäusedreck, das ist von Goethe, dem beinah Siebenzigjährigen; die es sich gefallen liesse, wenn immer wieder »Thalia und Melpomene durch Vermittlung einer französischen Kupplerin mit dem Nonsens Unzucht treiben« – das ist auch von Goethe, von dem Zwanzigjährigen. Zürnte nicht vielleicht Goethe am meisten dann der Kritik, wenn sie nicht zwischen ihm und ... ( ) ... zu unterscheiden wusste?

Es wäre wohl ein pfiffiges Ding, wenn sich so ein allgemeines, abstraktes Recht-und-Billigkeit herstellen liesse, unter dessen Schutz sich jedermann gesichert fühlte! Um bei dem Beispiel ... ( ) ... zu bleiben: Hat er nicht oft und aberoft seine Stücklein gegen Männer gespielt, denen er nicht die Riemen aufbinden soll? Immerhin, nicht um dessentwillen, sondern um seiner Arbeit, seiner Produktivität, seiner poetischen Werke willen soll man gegen ihn gehässig sein, so »ganz frech gehässig«, wie Kerr empfiehlt. Armer Sudermann, er hat keine Ahnung, wie man über die »ganz freche Gehässigkeit« Kerrs entzückt sein kann.

Der grosse Mittelmässige fragt: »Wie kann ich denn wissen, ob wer ein ächter Dichter ist, gegen den ich anständig sein muss; oder ob er ein elender Skribent und Sudler ist, gegen den ich unanständig sein darf!?« Da sieh du zu! Denn das eben – spürst du es nicht? – ist ja das Herrliche, dass unser Urteilen auf Gefahr gestellt ist: vergehst du dich gegen einen wahren Wert, so bist du in der Hölle, wo ihre Schande am heissesten brennt; hast du aber recht, ei, so ist aller Hohn dir verziehen, und wenn du ihn gut stilisierst, wird er dein Ruhm.

Denn dieses hier ist nicht die Sphäre bürgerlicher Wohlanständigkeit. In den Künsten ist, was Nietzsche als neue Moral aufgestellt hat, längst alte Moral und hat immer gegolten. Sei falsch wie Yorick, aufdringlich wie Yorick, lecke die Teller wie Yorick, und schreibe den Tristram Shandy, und man wird dir die Hände küssen. Machst du schales, leeres Zeug, so hilft dir gegen die Verachtung und das Gelächter der Nachwelt kein gutes Führungsattest der Polizei und kein quittierter Steuerzettel. Es gilt hier nicht das Menschliche aus anderem Kreis. Wohl ist es wahr: dass Arbeit auch in dem schlechten Werk steckt, dass Hoffnung daran hängt und manche bittere Sorge. Ja, man kann noch näher zusehen und erkennen, dass, wie es vielleicht keinen Unterschied zwischen der Befruchtung einer Dirne und der einer Ehefrau giebt – weil Befruchtung mächtig über dem Individuellen ist –, dass ebenso in eines schlechten Poeten Seele ein Augenblick der Konzeption so rein aufleuchtet wie beim Genie. Aber – die Kinder sind verschieden; das Vorher und Nachher ist anders. Und wie in dem einen Falle das Leben, so richtet in dem andern die Kritik. Bedenke, dass Plato aus seinem Staat hat die Dichter entfernt wissen wollen; es scheint also wohl eine Schuld in ihnen zu sein: die kann nur wett gemacht werden durch Geist.

Vor Gott sind alle Menschen gleich; womit gesagt ist: dass der Mensch ein Sünder sei, der es Gott ähnlich thun und über Gerechte und Ungerechte dieselbe Sonne scheinen lassen will. Es ist obenein die kläglichste Gottähnlichkeit, die gefahrloseste, die liberale. Die grossen Dichter – vielleicht ist diese Psychologie Herrn Sudermann nicht zugänglich – sind keineswegs tolerant: sie ertragen das Mittelmässige nur, wenn es sich bedingungslos unterwirft und demütig opfert; sie werden abgründig krank, wenn es auftrumpft. Und sie einzig haben den Schaden, wenn durch einen gleichmässig »anständigen« Ton die Accente der Huldigung und die der Verwerfung verwischt werden.

In diesem Betracht darum, und in anderem, ist es innerlichst falsch, und also unnützlich, die Kritiker nach dem objektiven Thatbestand1 von ihnen ausgesprochener Grobheiten oder Roheiten unterschiedslos1 abzuurteilen. Denn wenn zweie schimpfen, ist es nicht dasselbe. Es ist ein Unterschied, ob ein hastiger Gernegross heftige Reden führt, weil die betreffenden Vokabeln am leichtesten zu handhaben sind und die entsprechenden Gebärden am schnellsten auffallen; oder ob eine Persönlichkeit, mit nicht gemeinen Gaben ausgestattet und in jeder Hinsicht sui juris, die Waffe führt. Selbst wenn auf eine solche Persönlichkeit der schlimmste, der Sudermannsche Ausdruck zuträfe: dass sie verrohte – so verroht sie auf eigene Gefahr, nicht auf dem Grunde einer allgemeinen Verrohung der berliner Theaterkritik. Für einen Kampf gegen sie wären Geisteskräfte vonnöten, nicht Gesinnung. –

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Bei alledem, den Sudermann beiseite gesetzt, muss der unbefangene Betrachter dieser Dinge gestehen, dass er von vielen der von Sudermann mitgeteilten Aeusserungen der Kritik entrüstet und empört worden ist. Dieses ist ein reales, unverstelltes Gefühl und zwingt zur Besonnenheit. Wie immer, muss man auch hier sich hüten, jeden Schritt eines Mannes zu verdammen, dessen Weg und Ziel man verwirft. Vielleicht muss es als Verdienst Sudermanns ausdrücklich anerkannt bleiben, dass diese Dinge jetzt besprochen werden; denn es giebt viele, die über und gegen unsere Kritik manches auf dem Herzen haben.

Gewiss ist nichts damit gethan, dass ein paar Dutzend Sünden angekreidet werden. Die schlimmen Ausdrücke nicht geschrieben oder mit anständigen vertauscht, und der wirkende Wert der Kritik bliebe derselbe.

Der Notstand der Kritik ist wichtiger als die Sünden der Kritiker, folgen sie doch zum grossen Teil aus ihm. »Papiers Natur ist Rauschen,« heisst es im Wunderhorn. Es liegt im Wesen der heutigen Zeitung, dass den an ihr Beamteten sich die Maxime aufdrängt, dass die Welt den stille Wirkenden überhört, sogleich aber aufmerkt, wenn sie, aus welchem Munde immer, skandalisiert wird. Es ist so leicht, zu lärmen, und so schön, zu wünschen und zu fordern. Wenn man die Zähne nur recht weit sperrt, weil eine Dichtung tief unter Shakespeare, Kleist und Hebbel stehe, so braucht man nicht mehr eine Kritik zu liefern, die an Gewicht der Lessingischen ähnlich wäre. Und am bequemsten dient man der Moral, wenn man den Tugendpreis, um den geklettert wird, hoch hängt; sich selber aber überhoben wähnt, mitzuklettern. Das alles ist so menschlich, dass, wer nicht zanken will, es füglich übersehen kann; wie auch, da ein allgemeines Uebel bezeichnet werden soll, die Fähigkeiten Einzelner nicht geprüft werden sollen.

Das Uebel aber hat eine Wurzel; diese: dass Persönliches in der sachlichen Leistung und Erscheinung heute eine grössere Rolle spielt als früher. Die Entwicklung aller öffentlichen Zustände, selbst der politischen, hat es mit sich gebracht, dass die Kunstleistung in einer Weise auf dem Individuellen basiert ist wie niemals vorher. Kein Gemeinsames umfasst die Schaffenden, dem sie glauben können zu dienen; sondern ein jeder sitzt auf seinem Hof, streng gegen den Nachbar umfriedigt. Man erinnere sich früherer Einungen: der jungen, leidenschaftlich kultivierenden Früh-Goethe-Zeit, der Romantiker, der revolutionären und der bürgerlichen Aufklärung. Wer abseits stehen musste, von dem Unverständnis der übrigen oder von der eigenen die Gefahr liebenden Natur gezwungen, litt daran. »Individuen sind an sich schon komisch,« sagt Hebbel! Ja, noch die letzte Zeit des naturalistischen Sturms hatte etwas dem Aehnliches; es ging zu schnell vorüber. Mag auch die Einung nur scheinbar sein und immer nur auf kurze Zeit den Streit der Individuen binden und zu einem Wettstreit nach gemeinsamem Ziele sammeln! Jeder ächte Mann kämpft, auch in seinem persönlichsten Streben, für eine Sache oder um eine Sache. Geht man recht tief in einen ursprünglichen Menschen hinein, so findet man dort nicht mehr ihn, man findet eine Sache. Das Gefühl davon kommt, zum grössten Schaden, leicht abhanden, wenn die Persönlichkeit allgemein zu sehr isoliert wird. Und dieses ist der heutige Zustand, wo jeder auf seine Weise, und Gemeinsamkeit eifersüchtig ablehnend, produziert.

Entwicklungen solcher Art scheinen in den Künsten notwendigerweise einzutreten.

In der Tonkunst sehen wir, wie Bach es ist, vor dem seine Kunst noch in ihrer objektiven Heiligkeit steht, der es seine Pflicht ist zu dienen; auszusprechen, was auf dem Grunde ihres, nicht seines Herzens liegt; wie dann die Musik niederschwebt, sich der irdischmenschlichen Einzelexistenz geschwisterlich anbequemt; bis sie, in Beethoven, so sehr den menschlichsten Ausdruck herzugeben weiss, dass jener zugleich fruchtbarste und gefährlichste Augenblick der Entwicklung eintritt, von dem fortschreitend sie die Verderbnis einleiten muss; und wie dann wirklich die Musik von einer Königin eine Dienerin geworden ist, Dienerin dem Subjekte und aller seiner Willkür.

Aber wie aus dieser Verderbnis Bruckner rettet, mit seiner in hundert Jahren gültigen Sternenkunst – der einzigen heute, in der kein Tristan-Wille mehr giert, und die in dem hochherrlichen Fiat des Schlusssatzes der VIII. Symphonie so sehr in die strahlend reinen, glühend kalten Himmelskreise emporrauscht, dass nur eine arme Ahnung ihr folgen kann –, so dürfen wir hoffen und warten, dass auch die deutsche Poesie noch werde von der Qual der individuellen Zersplitterung befreit werden.

Vorläufig aber sehen wir noch die Zersplitterung – und wie wir, so die Kritik. Und bewusst und unbewusst antwortet die Kritik dem allzu Persönlichen durch ein allzu Persönliches. Sie findet, wenn sie die Reihe der Schaffenden übersieht, nichts Gemeinsames, dem sie sich mit gehörigem Selbstbewusstsein anschliessen und hingeben könnte. Sie muss schliesslich glauben, immer nur persönlichem Wollen und Erreichen zu dienen, und fühlt sich recht menschlich gekränkt.

Das wirkt ins Kleine und wirkt ins Grosse. Hass, Neid, Eifersucht, Klatschbedürfnis sind Künstlern so natürlich wie anderen Menschen, und sind beweglicher, wo Geist sie spielerisch benutzt. Wenn man in Briefen aus der grossen Weimarer Zeit liest, so erstaunt man, welch ein kleiner Weiberkrieg dort um die heut unerschütterlich gültigen Dinge geführt wurde. Eine Frau Schlegel war, ihrem Manne zu Liebe, schnell bereit, Goethe heute für einen Gott, morgen für einen passierten Greis zu erklären. Kabalen waren an der Tagesordnung. Aber in diesem persönlichen Spielwerk war das Gift aufgebraucht; und wenn man öffentlich urteilte, fühlte man sich gezwungen, sachliche Prinzipien zu gewinnen. Heute sitzt man, für einen redlichen Klatsch, nicht nahe genug bei einander. Und die Frauen treiben ihre eigenen Geschäfte und haben, scheint es, für lange ihre Handarbeitsunschuld eingebüsst. Zudem ist die Welt polierter geworden. Tugend steht so hoch im Preis, dass Neid und Missgunst ihre Naivetät verloren haben. Und, da sie nicht auszurotten sind, maskieren sie sich und schleichen sich in die sachlichen Erwägungen ein. Dazu verhilft ihnen ein modernstes Laster, ein dämonischer Zerstörungstrieb in sublimer Verfeinerung: die Psychologie.

In einer Zeit der äussersten Individualisierung der Kunstübung wurde es für den Kritiker notwendig, weniger auf das Werk und mehr auf seinen Schöpfer zu blicken. Alte ästhetische Grundsätze wurden als dürr und trocken aufgegeben, und eine neue Philosophie der Kunst kam praktisch überschnell zur Anwendung. Während es früher den Feinsten vorbehalten blieb, hinter dem am objektiven Massstab der Ueberlieferung und der Theorie kontrollierbaren Werk die Persönlichkeit des Verfassers durch Intuition zu gewahren, ist es jetzt so weit, dass die Pyramide auf der Spitze steht: heute weiss der Erste, der Beste alle Schlupfwinkel besonderer Seelen auswendig; und es vermag wohl so ein Allerspürsamster, über das Wesen eines Autors nach einem Gedichte zu weissagen, dessen äussere dargestellte Situation er nicht versteht. Eine Genialität ist eingerissen –! ein Erkennen des Letzten, bevor man das Vorletzte und was dem etwa noch vorangeht, erkennt.

So ist, was eine Zauberkraft grosser Männer war – Nietzsche ist der Rattenfänger, der am verführerischsten blies – zur allgemeinen Manier geworden. In mehr oder minder ohngefähren Formeln wird die Individualität eines Verfassers ausgedrückt, und das neue Werk findet die schon starr gewordenen Phrasen vor. Sie bequemen sich ungern, denn Psychologie schafft Eitelkeit.

Ist es nötig, zu sagen, wie unwahrscheinlich es ist, dass anders als in Ausnahmefällen auf diese Weise Wahrheit geschaffen, Wahres auch nur konstatiert wird? wie wahrscheinlich, dass auch ein belesener und intelligenter Mensch, als ein rechter Dupe seiner Belesenheit und Intelligenz, vor dem Geheimnis des Werdenden ausgeschlossen und fremd steht? Auch wenn es nicht so wäre, müsste Bangen und Vorsicht unser Teil sein. Der grosse Gott braucht das ganze Leben eines Menschen und Zeit noch darüber, um den Charakter aufzubauen – und zu richten. Und wir wollten uns vermessen, schon das Ganze zu erkennen, wenn noch kein Ganzes da ist? Wir können es nicht, glücklicherweise; wenn wir es könnten, müssten wir uns vor der Macht entsetzen, die im stände wäre, den Rest eines Lebens überflüssig zu machen. Bosheit und Neugier ist diese Psychologie, keine Wahrheit. Die Natur schickt uns alle auf nachtwandlerischen Wegen, und keinem Menschen ist das Wort verraten, das uns wecke und töte.

Die ungeduldige Zeit will gegen diesen Stachel ausschlagen. Und die Kritik hat, indem sie den Takt vor dem Anonymen der Seele verlor, Verderbliches wirken helfen. Auch auf die Dichter selber – doch darüber scheint es mir hier nicht am Platze zu reden – und vornehmlich auf das Publikum.

Die Leser solcher Kritiken gewöhnten sich an die scheinbar erschöpfenden Urteile; die konnte es, ohne innere Arbeit zu leisten, nehmen und weitergeben, und konnte ohne Kosten anspruchsvoll werden. So ist der Hochmut über die Leser gekommen. Sie glauben, dass sie nicht mehr nötig haben, belehrt zu werden; ja, sie ertragen nicht die Geste des Lehrenden. Sie wollten unterhalten sein; und schliesslich können sie nicht schneller unterhalten werden, als durch einen Witz; und der Witz geschieht am leichtesten auf jemandes Kosten. Schnell ist, ohne dass er es merkte, der Kritiker, der nicht mehr fähig war, ein Lehrer zu sein, der Amüseur des Publikums geworden, das heisst: sein Sklave.

Denn die Kritik kann nicht Kunst sein – wofern man dieses Wort in seinem wesentlichen Sinn gebraucht. Die Kritik als Kunst, das wäre: ein hysteron proteron, eine verkehrte Kausalität und Zeitfolge. Das Genie spannt erst in uns die Saiten, auf denen es spielt. Nur der historische Wahn kann dieses Grundverhältnis übersehen, und glauben, er könnte sich der herrischen, ewig erneuten Gegenwärtigkeit genialer Werke entziehen und sie zum Material für seinen spielenden Trieb erniedrigen. Will also die Kritik Kunst, d. h. souverän sein, so muss sie das Genie aus ihrer Rechnung lassen; das aber kann sie nicht; sie kann es prinzipiell nicht, selbst wenn in kargen Zeiten niemand da wäre, der sie zum Respekt zwingt. Die Kritik eine Kunst – das hat nur einen Sinn, den rohen, reinen, formalen Sinn des Satzes: l'art pour l'art Könnte dieser Un-Sinn je Wirklichkeit sein, dann wäre die Kunst ein irres Kind und die Kritik ein Aeffchen.

Will die Kritik wirken, so muss sie lernen zu dienen und zu lehren. Sie weiss ja selber um die Misslichkeit ihrer Lage und leidet darunter. Man kann sie oft versichern hören, dass, was ihre heftige, rücksichtslose Behandlung der Theaterangelegenheiten betreffe, Notwehr sie zwinge. Das Interesse am Theater sei zu gleicher Zeit so leer und so ungeheuer, dass man ihm nicht ohne Hohn willfahren könne.

Sie fühlt sich da also wie das notwendige Korrelat zu einer höchst unnotwendigen Sache, etwa wie der Gefangenenwärter zum Zuchthäusler; je schädlicher dieser, um so nützlicher jener.

Sie macht sich, scheint mir, ihre Verantwortung zu leicht. Denn die von ihr geübte Art des Kampfes wirkt nicht der Ueberwucherung der Theaterdinge entgegen. Mit allen Registern des Witzes, des Spottes, der Brutalität, ja, der Verachtung vermehrt sie nur den Lärm, durch den die theatralischen Interessen wachgehalten und gesteigert werden. In dem aufgeregten Staub wird die Feuersbrunst sichtbarer und wüster und lockt mehr Gaffer an als Flammen in reiner Luft. Es hilft das Mindeste nicht, dass je zuweilen die Kritiker ihren Unwillen verkünden. Einige Fälle giebt es, in welchen wir ihnen nicht glauben: ach, du, sagen wir, wie übel geschähe dir, wenn du nichts mehr zu lärmen hättest; – ein paar andere, in denen der ehrenhafte Mann uns von seinem Gefühl überzeugt, und doch geht es uns nicht an, es ist seine Privatsache.

Denn alle die Anklagenden haben es in der Gewalt, durch positive Arbeit an den Zuständen zu bessern. Ihnen stehen Zeitungsspalten genug zur Verfügung, dass das Uebergewicht des Buches über das Theaterstück allmählich wohl zu schaffen wäre.

Heute erlebt ein Theaterstück in einem Winter zwanzigmal Sieg oder Niederlage, das heisst in beiden Fällen: die erneute Aufmerksamkeit der lesenden Welt. Jede Zeitung rechnet es sich zur Aufgabe, die betreffenden Telegramme zu veröffentlichen. Ob aber ein gutes Buch von epischer, lyrischer oder essayistischer Art gebührend erwähnt wird, hängt oft an dem Zufall eines persönlichen Enthusiasmus.

Während also über den Stand der Theaterdinge fast jedermann im Lande unterrichtet ist, wissen nicht viele von dem Stand der übrigen Litteratur. Hier giebt es Arbeit! Es ist kein Grund einzusehen, warum ein gutes Buch, wenn es schon in einer Zeitung – und oft wie matt – angezeigt wird, darnach für immer aus dem Gesichtskreis ihrer Leser entschwinden muss! Warum nicht Leidenschaft und Kampf sich darüber machen sollten, auch wenn kein Parteiinteresse aufgestöbert ist!

Auf ein schlechtes Theaterstück kommen oft genug hunderttausend, ja eine Million Menschen, die es sehen, und mit Vergnügen sehen. Die Barbarei ist so gross, dass ihr derjenige schmeichelt, der sie bekämpft. Was will ihr gegenüber aller kritische Zorn ausrichten?! Ein Mann hat seine Meinung gesagt, weiter nichts; und wieder ist das eine Privatsache.

Und die Kritik kann sich auch nicht darauf berufen, dass sie die Kultur des Volks vor dem Eindringen falscher, schädlicher und niedriger Geltungen zu schützen habe. Es giebt heute keine deutsche Kultur, die durch schlechte Theaterstücke beleidigt wird.

Sondern es gilt erst, zu kultivieren, langsam und sehr von unten herauf. An dieser Arbeit nimmt nur teil, wer positiv an ihr teilnimmt.

Käme es zu solcher Arbeit, so würden unter den Kritikern als die schlimmsten die unfähigen bald erkannt sein; sie würden ausgejätet werden; und von den übrig bleibenden soll jeder roh sein dürfen nach Herzenslust.

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1 Es liegt ausserhalb meines Themas und muss doch angemerkt werden, dass Sudermann Nachsicht und Verzeihung einigen Leuten gegenüber hat, die einem wahren Zorn nicht zuletzt hätten verfallen müssen.

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