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Alfred Hein – Der Unerlöste

Novellen und Skizzen

Alfred Hein, Der Unerlöste, Novellen und Skizzen, Norddeutscher Verlag für Literatur und Kunst, Stettin, 1919


Die Ausfahrt

Berkens waren durch den Krieg arm geworden. Sie besaßen nur noch das kleine, schmucke Landhaus und gerade soviel, daß sie anständig leben konnten. Das leichte Leben der lebten Jahre vor dem Krieg (Rennen, Spiel, Reisen, kitzelnde Spekulationen) wird nie mehr wiederkehren. Herr Berkens wird selbst die Hände rühren müssen, als Untergebener eines andern. Dieses Gefühl hätte ihn vor dem Krieg zornig und unzufrieden gemacht, jetzt aber durchstraffte es ihn und gab ihm Jugend. Er freute sich auf die Arbeit, durch die gewaltigen Kämpfe, die während der letzten fünf Jahre jede Seele durchmachen mußte, ernster und fester geworden. Er tauschte gern die Freude an ehrlicher, freier Lebenstat gegen den Genuß feinster Zerstreuung, die Verstreuung von Manneskraft und echtem Glück bedeutet.

»Waren wir seit den ersten Ehejahren je so glücklich wie jetzt in dieser bösen, wilden Zeit, wo wir so ganz einfach und still dahinleben?« sagte Frau Ruth gestern abend beim Glase Wein, den er selbst – die letzte Flasche – aus dem Keller geholt und mit den Worten: »Ja, ja, wer im flandrischen Dreck geschaufelt hat, dem fällt alles leicht!« entkorkt hatte.

Und sie hatten gelacht und sich geküßt! Und sie waren erstaunt, wie gut es das Leben trotz aller Not mit ihnen gemeint. Denn sie waren viel innerlicher geworden.

Berkens stand im Wagenschuppen und betrachtete den alten Landauer. Er entledigte sich plötzlich schnell seines Rockes, holte den Wasserschlauch aus dem Garten, stülpte ihn über das Leitungsrohr am Haussockel und begann vergnügt den Wagen zu reinigen. Wozu? Und er dachte zunächst an sein augenblickliches Tun. Wozu steht überhaupt der alte Wagen hier noch? spann der Gedanke weiter. Die Pferde hatte er verkauft. Doch der alte Landauer von anno 70 döste hier als totes Kapital. Nein . . . er war geistiges Kapital, er erinnerte . . . ach, noch an selige Kinderjahre. –

Jetzt rieb er den Wagen mit wollenen Tüchern blank. Putzte die Laternen. O, wie der Alte wieder schmuck in der Morgensonne, die durch staubige Fenster strich, blitzte! Fast kindisch entzückt und stolz zog Berkens den Wagen aus dem Schuppen hervor mitten in den Hof.

»Ruth!«

»Sonnenstich?« lacht eine schöne, dunkelblonde Frau aus dem Fenster.

»Nein. Aber wir fahren morgen aus!«

»Pferde?«

»Besorge ich!«

Und er sann, von wem er die Gäule leihen könnte. Ein Freund fiel ihm ein. Schon war er entschlossen. Er schlüpfte eiligst wieder in den Rock, strich den in fast kindlichem Eifer wirr gewordenen Scheitel glatt; klatschte bittend in die Hände; Frau Ruth verstand und reichte ihm, mit ihrem seltsam schwebenden Gang ins Zimmer hinein- und wieder zurückfliegend, bald Hut und Stock zum Fenster hinaus.

»Also wirklich! Wie werden sich die Kinder freuen! Wohin fahren wir?«

»Erst Pferde haben!« lachte er, küßte seiner Frau, die ein jungsilbernes Lachen wiedergab, die Hand und ging etwas übermütigen Schrittes zum Tor hinaus. Strich sich dabei die Augenbrauen und den Schnurrbart! Vor sich hinlächelnd . . . Das war seine Gewohnheit, die ihn immer überkam, wenn er sich sehr, sehr glücklich fühlte!

O, so mitten im blühenden Leben drin! Frau! Kinder! Sommer! Heimat!

Und morgen ist Sonntag!


* * *


Tag des Glücks ist heute für alle Berkens. Der Vater im hellgrauen Zivil, das ihn jünger und schöner macht, kutschiert selbst vom Bock die schlanken Schimmel; »Druff«, sein Neunjähriger sitzt stolz neben ihm. Im Rücksitz die Mutter mit »Häschen«, der Sechsjährigen.

Druff hat die kecke, helle Art der Mama, Häschen, das Ernste, Seelenzarte des Vaters. Alle Berkens sind dunkelblond. Bei Frau Ruth mischt sich ins gewellte Haar ein Gold, als trüge sie eine geheime Krone. Vater und Häschen haben stille, staunende, blaue Augen, Mutter und Druff schwarze, kühne, stolze.

Mutter und Kinder sind alle sommerweiß gekleidet.

Frau Ruth hat eine Rose im Haar. Keinen Hut.

Als der Landauer durch die Hauptstraße des Giebelstädtchens rollt, fragt ein Spießbürger seine Ehehälfte noch gerade so halblaut, daß die im Wagen es hören müssen: »Frau Berkens will wohl verrückte Moden einführen? Daß diese Leute auch jetzt nicht schlicht sein können!«

Die Spießergattin trägt ein mit allerhand schillerndem Krimskrams besetztes Schwarzseidenes und einen mit einem toten Vöglein »geschmückten« Hut. Das fällt dem Durchschnittsmenschen natürlich nicht auf, er nennt es sogar »schrecklich einfach«.

»Ich wüßte keinen schöneren und schlichteren Schmuck für eine dunkelblonde Frau, als eine feuerrote Rose –«, sagte Berkens, sich umwendend.

Frau Ruth lacht: »Laß die Leute! Wir und die Kinder! Fahr zu!«

»Fahr zu, Vatel!« jubeln Häschen und Druff.


* * *


Plötzlich ist alles neu. Sie spüren: Jetzt beginnt das Unvergeßliche, das Ewige. Sie besinnen sich auf den Namen, den der Wald von der Zeit erhalten hat, aber das Wort zerfällt. Schon ist alles rings nur hörbar ahnende Andacht in Gott.

Auch die Kinder schweigen, ein wenig bang, weil sie es noch nicht verstehen. Die Großen aber überbebts . . .

Sie wissen kaum mehr, daß Krieg war. Die lange, schmale, sich in ein ewiges, frohes Blau schmiegende, dunkelgrüne Stille des Tannenwegs saugt sie in sich und benimmt sie der Alltagsgedanken. Jetzt erst wissen sie, was die Erwartung, das festliche Antun der Gewänder vorahnte. Es sollte ein Glück heute kommen! – Nun ist es.

Leise knirschen die Räder durch den Sand.

O, seit den ersten Liebesjahren haben Mann und Frau nie mehr so zart miteinander gesprochen wie jetzt: »Liebster! (das Wort war ganz Blut!) Schau Dich um!«

»Nun Seele –?«

Lang, lang hatte der Alltag diesen heiligen Namen, den Gerhard Ruth, seinem lieben Mädchen, einst gab, verbannt. Nun war er wieder da. Und wie groß!

Und der Blick bleibt immer in ihnen, den sie jetzt wechseln. Und immer wird seine Erinnerung umgeben sein von dem Ernst edler Tannen, von dem Geblink eines sommerfrohen Sonnenhimmels, vom Leuchten des roten Mohns, der gerade am Wege stand, vom sanft und süß umfließenden Amselliede und von dem Spüren eines weichen, warmen Windes . . .

Und immer wieder werden sie sich erinnern, wie Häschen unter Tränlein erzitternd flüstert: »Mutterli, es ist alles so schön! Und Du bist die Waldfee, gelt?« Verlegen errötend über seine kühne Fantasie birgt das Kind in der Mutter Schoß das Lockenköpfchen, das Frau Ruth mit unendlich ihr selbst wohltuender Liebe streichelt. –

Druff weiß in diesem Augenblick mit dem verträumten Vater nicht recht etwas anzufangen. Am liebsten möchte er mit der Peitsche knallen! Aber ihm schwant, daß es dafür jetzt ein paar hinter die Ohren gäbe. Darum knirscht er nur einmal leis mit den Zähnen. Vater lacht hell. Mutter auch! Der ganze Wald echot das Glück dieses Lachens wieder! Alle Vöglein jubilieren auf! Kuckucke rufen Lebensfreude zu!

»Was ist denn Druff? Wütend?«

»Ach nee! Bloß ich hab Euch sehr lieb, und Ihr vergeßt mich ganz! Ja! Vatel! Mutti!«

»Aber Jungchen!« Eltern und Knabe lachen sich an, daß die Zähne blitzen. Vater zieht Druff an der Nase. Häschen klatscht darüber vergnügt in die Hände! O immer größer werdendes Sonntagsglück!

Keins sinnt mehr: Krieg – Krieg – –

Wie leis ist aber auch der Weg! Und hat kein Ende . . .


* * *


»Du! Ruthchen! Seele! Erschrick nicht! Wann habe ich das letzte Gedicht gemacht? Damals – – ja! – »Die junge Mutter« hieß es. Als Du mit Klein-Häschen im Arm eines Abends, seligverloren in das Kind, auf dem Balkon saßest – seit Jahren – – – und horch! Jetzt – –.«

Gerhard spricht unendlich milde herz­entquellende Verse trunkenen Erlebnisses! Der Wald, flüstert sie mit, der Wald gibt den Glücksjubel des Schlusses wild zurück! Die Sonne steht im Zenith! Vögel werben. Voll Liebe erklingt der einsame Wald, durch den vier Menschen in ein königliches Glück fahren.

Schon eine Viertelstunde nichts als das Geknirsch der Räder. Manchmal das Aufschnauben der Gäule, die aus dem Trab in den Schritt gekommen, plötzlich, wie gebannt oder auch verträumt, von selbst stehen bleiben.

Seitab leuchtet eine sattgrüne, blumenbunte Wiese durch die Tannen. Die Menschen lassen Wagen und Pferde am Wege stehen, steigen ab und gehen armverschlungen in den Wald, in den tiefträumiges Sonnensilber hie und da mit dünnem Strahl versinkt, hinein.

Häschen trägt stolz und tapfer die Ledertasche mit dem kalten Mittagimbiß.


* * *


Mann und Frau liegen im Gras. Die Kinder spielen am gegenüber ragenden Wald. Da ist es Ruth und Gerhard, als wäre es vor der Ehe und die Kinder dort drüben wären nur das lichte Traumbild seligster Sehnsucht . . . Sie lassen sich ganz von diesem Märchen einlullen, und ihre Küsse sind wieder so jung, so rein und so friedsam. – – –

In beiden Seelen tun sich nun Gründe auf, in die sie hineintauchen und denen sie neugekrönt als seltenster Liebesreiche schönstes Königspaar entsteigen!

Das zartsüße Getue ihrer Hände, das Ineinanderverlieren der durch des Waldes Trösteinsamkeit wieder völlig vom düstern Alltagsleben gereinigten Blicke, das Erspringen knospender Küsse auf zitternden Lippen geben zusammen ein jahrelang, ein ewig lang noch im Herzen nachjubelndes Fest!

»Du – mein – Alles!« spricht er.

Da zeigt die lichte, leise Hand der Frau zum Waldrand hinüber, wo Kinderspiel erklingt, schaut den Mann an und bebt hervor: »Ihr – mein –Alles!«

Und nach einer Weile, in der er geradeaus blickend, versinnt: »Bist Du bös, Gerd?«

»Nein, Mutter Ruth – – – – aber bitte! Einen Augenblick sei wieder nur meine Liebste! Vergiß! Auch die Kinder! Ja! Hab nur mich! Mach mich ganz stolz! Ganz groß! Wir können doch nicht Mutter sein! Und was ist Vater? Sei – ganz – mein– – eine Sekunde – – bist Du's?« – – –        

Blick und Kuß überwältigen ihn.

Liebe ist lodernd wie am Tage erstseligster Zweieinsamkeit!

Waldhinaus fährt langsam der alte Landauer mit den Schimmeln. Im Wagen sitzt das kleine Kinderpaar; auf dem Bock hocken die Großen. Ruth hat Gerd umschlungen und lehnt den Kopf an seine Schulter. So baden sie sich wohlig im Lachen der Kinder, das gegen ihren Rücken, fast körperlich zu spüren, seine Wellen schlägt.

Die Sonne ist lila umblühtes Gold! O leise Wölkchen, so fein, so hoch! O lauer, sanfter Wind! O tiefer Abend! O helles Lied der Kinder!

Da kommt ein stiller Wandrer vorbei.

Ruth und Gerd erschrecken leis. Ist es nicht urlange her, seit sie den letzten Menschen sahen?

Ach, es ist ihnen, als ob sie die Vertriebenen aus dem Paradiese seien, da die Hufe der Pferde hart auf das Pflaster der steifen, schläfrigen Stadt aufschlagen.

Frau Ruth sitzt längst wieder neben ihrem Töchterchen, das schon eingenickt ist. Der enge Alltag der Gassen umkrallt mit grimmigen Fängen. Brr! Wie die alten Häuser glotzen!

Frau Ruth seufzt.

Nur Druff plappert.

Gerhard Berkens wendet sich nach seinem Weib um: »Seele, es war doch selten schön, gelt?« Ruth nickt.

Zwei Tränen spiegeln ein leisverklingendes Glück       – – –



Der Unerlöste

Leo Natußczak ist dreißig Jahre alt geworden, noch immer bedrängt seine Seele das ewige rätselhafte Weh, das seit Kindheit unbefriedigt ihn quält. Es ist ein Gespenst ohne Kopf, das er irr in sich trägt. Durch sein Blut wogen Trunkenheiten, Sehnsüchte und zitternd zarte Wonnen, die Wort werden wollen, nach den Lippen strömen, dann aber, fast erlöst, plötzlich haltlos erstarren, zersplittern, versinken . . .

Leo ist Grubenschlepper in einem Industriedorf. Jahraus, jahrein trägt ihn die Förderschale in die Erde hinab, eine Woche zur Tagesschicht, eine Woche zur Nachtschicht. Alle jähre wird er um den Herbst herum krank, hustet und kommt ins Lazarett. Das geht aber immer bald vorüber. Der Arzt fragt: »Wird's wieder gehen?« Er nickt. Und wird entlassen. Die Mädchen des Dorfes lachen ihn aus, den Steifen, Unbeholfenen, stets Vorbeiblickenden. Die Eltern sind lange tot. Die Geschwister haben geheiratet. Er spürt aber deshalb keinen Schmerz, (denn selbst seine Mutter hatte kaum einmal den schweigsamen Burschen mit den schwarzen Strähnen und traurig-braunen Augen über die blasse Wange gestreichelt); nein, süß ist ihm sogar diese Einsamkeit. Etwas anderes dunkel Drängendes, manchmal heiß im Halse Würgendes, das er nicht bezeichnen kann, harrt auf Erlösung . . . Nur daß etwas in ihm verkümmert, etwas unendlich Schönes, Beseligendes, das fühlt er . . .

Armselig ist das Dorf, in dem Natußczak sein Tagelöhnerleben fristen muß, das Land für ein schönheitsdurstiges Auge ungenießbar. Rauch überwälzt es Tag und Nacht. Freien Ausblick auf Wiesen und Wald nie gewährend. Immer wieder das Mietskasernenchaos eines Stadt­dorfes, einer Dorfstadt. Jäh wie eiternde Wunden breiten sich diese Orte aus, heute noch Arbeiterdorf, morgen schon zur Stadt sich stempelnd, die sie nie werden. Hagere Äckerchen, magere, dürre Wäldchen sind hier und da noch dazwischen geklemmt, immer in Todesangst vor dem Vampyr Industrie. Die Flüsse sind Abwässerungskanäle geworden; gelb oder dreckiggrau taumeln sie träg wie schmutzige Dirnen. An den Kohlenhalden äugen trübe, unbewegte, schwarze Teiche. Und aller Ecken und Enden, mitten in Dorf und Stadt, auf Anger, im Hain ein düsteres Werk. Sticht mit steilen Schloten in den Himmel, der selbst am heitersten Sommertag noch ein grauüberschleiertes Blau trägt, kreischt, läutet, murmelt, wimmert, klimpert, faucht, knarrt, tost den ganzen Tag, die ganze Nacht, schweigt selbst am Heiligen Abend nicht, frißt Feuer um Feuer mit den Riesenmäulern seiner Hochöfen, spuckt seine Glut bei Nacht grell in die Sterne, daß diese zerflimmern, sammelt tausend und abertausend Seelen in sich, um sie zu verschrumpeln und zu verkümmern, träufelt giftige Gase in die gesunden, jungen Lungen und dient, dient, dient trotz aller Wut, allen Unmuts und Hasses, die ihm aus verhärmten Herzen entgegenschreien, dennoch dem Größten, Allgewaltigsten der Zeit, dem Mammon. Schon tragen die Männer alle den Nacken ein wenig vorgeneigt, die Augen stier am Boden, schon ist die Grenze aller Sehnsucht der Schnaps am Löhnungstage. Und die Frauen wissen immer weniger von dem Liebenden, Reinen, Mütterlichen in sich. Sie horchen bald nur noch den tierischen Bedrängnissen ihres welkenden Fleisches.

An dem allen krankt Leo Natußczak natürlich mit.

Ja, es gibt noch viele farblose Flecke auf dieser Erde. Aber dort leuchten Himmel und Gestirne wenigstens dann und wann in seliger Klarheit. Hier ist das Land wie in eine enge, graue Glocke voll von dumpfen Gerüchen getan. Gefühl ewiger Gefangenschaft bedrückt. Darum haben die Menschen hier etwas Wildes, jäh Hervorstechendes, hartnäckig Bohrendes in Wort und Blick. Sie sind mit dem Kopf anstürmende Fliegen unter einem Glase. Aber verhext durch den lockenden hohen Lohn, sinken sie immer wieder in die heißen, düsteren Erdschlünde hinab. Bald sind sie mit Branntwein geölte Maschinen. Letzte Liebe verblüht. Stillfeine Abende, sonnige Morgenwanderungen sind ihnen fremd. Nur wenn manchmal ein Mädchen ein altes Lied anstimmt, das ihre Vorfahren, die noch verträumt lächeln konnten, erfunden, lauschen sie auf, werden stumm; mancher faltet die Hände, mancher weint – –

Leos Feste sind die Sonntagsstunden, wo er zum Bücherlesen kommt. Da geht vor ihm jene andere Welt auf, die überall schön ist. Am Montag läßt er dann unter der Erde den Hammer sinken, schließt die Augen und lauscht irgendeinem geheimnisvollen Rauschen und Raunen und flüstert sehnsüchtig: »Das Meer –«

Leo wäre so gern einmal hinaus in die andere Welt. Aber er ist zu arm, sich auf die Eisenbahn zu setzen, zu schwerblütigen Schlages, als Wanderbursche loszugehen. Und so bleibt er im alten Trott. Mit dem fressenden, unerlösten Weh – – –

Er faßt den Entschluß, sich freiwillig zum Heeresdienst zu melden. Nun würde er bald »ganz von selbst« anderes Land zu sehen bekommen. »Ganz von selbst«, flüstert er sich immer wieder vor und lächelte zum erstenmal in seinem Leben. Oh, wie das lockt, lockt, lockt! Und andere Menschen, die lieb und licht sind! Selbst Sehnsuchtswonnen der Liebe spürt er schon; zum erstenmal. Im hohen Gefühl der Erwartung erträumt seine Fantasie vor ihm, dem Düsteren, Bleichen, ein himmelblauäugiges, sonngoldblondes, lachendes rankes Weib . . . Und vielleicht . . . kommt er gar bis über den Rhein! Das bischen Soldat sein – – Und der Tod – – Ach, wenn er nur das alles vorher erschauen darf, einsaugen in seine so lange, lange dürstende Seele! . . .

Leo tritt vor den Stabsarzt. Er zittert am ganzen Körper. Dürr, verkrümmt, mit schlenkernden Gliedern und zerdrückter Brust, an der der Stabsarzt viel zu lange horcht.  – – – Leo stürzt in die Knie, umklammert den über sein Schicksal Entscheidenden: »Nehmen Sie mich, nehmen Sie mich!«

Der Arzt schüttelt langsam den Kopf, einmal hin und einmal her. »Gehen Sie nach Haus, Sie Braver!«

Der Kranke richtet sich stöhnend auf. Haß schmeißt er dem Verurteilenden ins Gesicht. Dann knickt sein Kopf auf die Brust herunter. Er tapst ab. Irr. Schluchzend. – – –

Das alte Weh schnürt ihm wieder die Kehle. Die heiteren Sehnsuchtsträume taumeln noch durch das Hirn. Er krallt die Finger in die Augen. Er wirft sich auf den Boden, packt mit den zitternden Zähnen Erde seiner kargen Heimat und speit sie aus . . .

In derselben Nacht bekommt er einen Blutsturz und stirbt. Man begräbt ihn. Kaum zehn gehen hinter seinem Sarge.

Unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers findet man ein Gedicht. Es heißt »Sehnsucht«. Und ist sein erstes und letztes Gedicht gewesen.



Die kleine Zeitungsgeschichte

Im Himmel der geistigen Kinder träumten alte, vergessene Volkslieder auf einer zartweißen Wolke, wandelten durch ewig lenzende Sternlandschaften zertrümmerte Statuen alter griechischer Meister in neuer, fehlerloser Pracht, tanzten einen lustigen Reigen des jungen Kleist einst in ohnmächtiger Wut verbrannten Gedichte und Dramen. Der liebe Gott machte sich nun das Vergnügen, in den Himmelsgarten, wo die vergessenen und verlorenen Dichtungen ihrer Paradiesesfreude lebten, einen schlichten Feldblumenkranz, den die Jungfrau Maria dem Jesusknaben geflochten hatte, als sie auf der Flucht nach Ägypten waren, hineinzuwerfen, darauf stand mit feingüldenen Mondstrahlen geschrieben: Wen soll er krönen? Ein unbekanntes Lied des heiligen Franz von Assisi, das er in einsamer Andacht auf dem Gipfel des Monte Subasio zum Preise einer Sternschnuppe gesungen hatte, hob den Kranz auf und las die Inschrift. Sofort steckten alle Englein die Köpfe zusammen . . . »Mich soll er krönen!« schrie ein magres, aber aufgeputztes Ding. Es war das numerierte Exemplar eines Gecken, und obgleich es nur einen Tag in dem Herzen eines Halbverrückten gelebt hatte (denn nur dies eine Stück des Buches war verkauft worden, doch war sein Einband aus Wildleder, und auf Büttenpapier lasteten die schwülstigen, aber nichtssagenden Worte) hatte es doch schon die Eitelkeit und den Größenwahn seines geistigen Vaters geerbt. Aber alle schrien: »Nein! Nein! Wir wollen Preisrichter einsetzen!« Und der Schwarm stürmte in den Dichterhimmel. Dort saßen Dante, Shakespeare und Goethe gerade beim Skat. Schwapp, waren die kleinen Engelspatschen zwischen den Karten, streuten sie in alle Winde und jubelten: »Hier der Kranz! Meister, Meister, ihr müßt Preisrichter sein!« – »Wollen wir, William?« »Na ja, Geheimrat!« (Das war Goethes Spitzname im Dichterhimmel.) Dante hatte sich aber gerade tags zuvor rechtmäßig mit Beatrice trauen lassen und sagte daher etwas ängstlich: »Ich muß erst Tricelchen fragen.« »Na, geh man!« brummten die beiden andern. Sie warteten, bald kam Dante, auf dem Hausschlüssel pfeifend, zurück. »Wenn wir schnell preisrichtern, können wir nachher noch unsern Skat weiterdreschen!« sagte er vergnügt zu Shakespeare.

Tausend Engelchen standen schon abseits und zuckten mit den Näschen und zwinkerten mit den Lidern und hatten unruhige Fingerchen. Die waren alle durchgefallen, Goethe hatte sogar seine unbekannten Jugendgedichte jämmerlich verhauen. In dem Winkel, wo die hockten, ging auch noch ein Schluchzen und Heulen, daß Gott erbarm!

Jetzt stand das Grauchen, wie sie's alle nannten, vor den drei Meistern. Es trug ein aschgraues Gewand aus schlechtestem Zeitungspapier, hatte immer die Hand auf dem Herzen und sah sehr schüchtern aus. »Ich bin eine kleine Zeitungsgeschichte«, fing es stockend an, »von Adalbert Wenigkeit und war gedruckt in einem kleinen Kreisblättchen, das hatte paar hundert Leser. –« Goethe zuckte die Achseln. Shakespeare rümpfte die Nase. Dante hörte garnicht mehr hin und träumte wieder von seiner Beatrice. Da, mit einem Mal, wurde das kleine Grauchen lebhaft, seine Hand löste sich im Eifer von der Brust und siehe, ein glühendes Herz leuchtete durch das Gewand! »O, und am Sonntag kam das ganze Städtchen zusammen unter der Marktlinde und dann las man mich vor. Und alles sagte, als es zu Ende war, wie wunderschön das Leben ist! Und sie küßten und lachten und tanzten! Es waren doch schlichte und arme Leute, nie aber gab es wohl sorglosere und glücklichere!«

Goethe starrte wie gebannt auf das glühende Herz. »Und dann –?« »Hast Du keine Geschwister? Hat der Wenigkeit nicht noch mehr geschrieben?« »Nein – ihm hat es doch niemand gesagt, wie selig er so viele Herzen mit mir gemacht hat! Er ist am Hunger gestorben, ganz, ganz verzagt und mit der Welt zerfallen.

»Gebt der Kleinen den Kranz!« sagten alle drei Meister. Und das Lied von Franz von Assisi kam lächelnd herbei und krönte die Schüchterne, die unter Tränen lachend erschauerte. Die andern Englein aber reichten sich die Hand und gingen einen Reigen um die graue Königin mit dem glühenden Herzen.

Goethe, Shakespeare und Dante gingen an ihren Stammtisch zurück. »Ist hier ein Wenigkeit?« brüllte der Geheimrat. »Hier!« piepste eine Schneiderstimme und ein dürres Männchen kam angehinkt. »Nun werde ich 'rausgeschmissen!« dachte er. »Du hast die kleine Geschichte »Das Glück« in der Sonntagsbeilage zum Kieferstädteler Kreisblatt geschrieben! Wundervoll! Haben wir eben preisgekrönt! Setz Dich hierher!« Und Goethe schüttelte dem verdutzten Männchen die Hand. Shakespeare und Dante beeilten sich, dasselbe zu tun.

»Kannst Du Skat?« »Ja«, sagte der völlig Verblüffte. »Dann springe immer ein, wenn der Dante, der verliebte Esel, träumt!«    ,

Alle Sonntagnachmittage aber mußte die kleine Zeitungsgeschichte in den Dichterhimmel kommen und von ihrer Seele singen. Und alle Dichter saßen dann mit gefalteten Händen da.



Die silberne Hochzeit

Es waren Menschen der Stille, die seit Jahren das Schulhaus von Friedgrund bewohnten. In ihren Gesichtern waren die Lippen ein wenig zu fest verschlossen und ihr Blick sog sofort nach innen bis auf den Grund ihrer sanften Seelen. Stolze, gerade Nasen, vorgewölbte Sinniererstirnen hatten alle Heidebrecks.

Und das niederschlesische Land mit der andächtigen Leisigkeit seiner Wiesen, die ein einsamer Wald ähnlich der samtenen Braue Hilde Heidebrecks am Horizont umwölbte, verdichtete noch das Geruhige, Reine und Lächelnde dieser gütigen Menschen. Von fern sah das kleine weiße Dorf aus leicht wie ein Falter, der sich blinkend im Grün, sonnte!

Hauptlehrer Heidebreck sagte den Kindern, morgen sei keine Schule. Nur ein paar klatschten mit den Händen, manche lächelten, die meisten ließen nur die Augen leuchten! Auch im Kinderjubel atmete die stille Andacht hierzulande. Als sie es zu Hause mit langsamen Worten ausplauderten, fragte kaum eine Mutter neugierig: Warum? »Na ja, scheen!« das war meist alles.

Am Nachmittag kamen im Schulhause die Söhne aus der Provinzhauptstadt an; auch darüber hätte man Schwatzen können. »Wer weiß, was die haben!« Man sagte es nicht gehässig, sogar mit einer leisen und doch zurückhaltenden Mitfreude, wie sie zu ihrer verschlossenen Art zu passen schien.

Es ist fast zu verwundern, man spricht doch ganz unwillkürlich davon; hier aber ahnte keiner im Dorf, daß morgen Heidebrecks Silberhochzeit haben. Nein, von Festen der Liebe und vom Glück spricht man hier überhaupt nicht. Das hegt jeder heilig für sich, still vor sich hinlächelnd.


* * *


Der Tag ist da, ein blinkgüldener Herbstmorgen, von leisem Nebelsilber überträumt. Der Hauptlehrer streicht sich erwachend über die ergrauten Schläfen und flüstert einmal den Namen seiner Frau; sie schläft noch weiter. Er steht auf, geht in den Garten und bricht draußen Aster um Aster, ein Liedlein vor sich hin summend. Der ältere Sohn, der wie Vater und Bruder Lehrer ist, kommt ihm entgegen. Der hatte schon eine Stunde einsam im morgenden Felde gestanden. –

Die Männer geben sich die Hände, stumm ihr ganzes Glück umschließend.

»Die Mutter schläft. –

»Ja.«

Und sie versinnen. – – – Ihre Gedanken sind ganz einfach: Der liebe Gott ist gut! Solch blauer, heller Tag! Und wir lieben uns alle so! Und wenn wir auch arm zu sein scheinen, wir sind reich! Und die Mutter. –

Dann treffen sich ihre Blicke, etwas trüb überschleiert; beide Hirne stoßen auf denselben Gedanken: Ob Hilde heute munter sein wird? Hilde liegt seit Jahr und Tag zu Bett. Ihr Bein ist wund und krank.

Und es bleibt krank.

Der Arzt sagt: »Warten. Es wird werden.« Aber er spricht nur noch selten vor . . .

Doch auch das Leid ist hier ohne theatralische Gebärde.

Einen Augenblick sinken die Häupter, dann rucken sie wieder empor; und eben ruft auch der blondhaarigen Marthe helles Backfischstimmchen: »Kaffeetrinken!« Der jüngere lebhaftere Sohn tritt aus dem Haus den beiden entgegen: »Vater, komm doch!«

Alle lachen sich zu. – – – Am blumengeschmückten Kaffeetisch wartet die Mutter; die Eltern küssen sich, die Söhne küssen die Mutter, nun gehen alle ans Bett der Kranken, die lacht – und ihre vorsichtigen und doch vielleicht Schmerzen bereitenden Küsse sind trotzdem voll strahlenden Dankes. – – –

Klein Marthe und Hans, der jüngere Sohn, wechseln geheimnisvolle Blicke . . . Jetzt macht Marthe vor den Eltern einen Knicks und spricht ein paar einfache, stille Verse unsagbarer Kindesliebe.

Nicht ein Wort hohlen Lobes; die Mutter streichelt nur leis Hans, der das Gedicht verfaßt hat, der Vater das erglühte Töchterchen. –

Den Morgen verträumen die Stillen im Garten; die Kranke darf im Fahrstuhl den milden Herbsttag genießen. Ihr Schoß ist voll Blumen. Vater, Mutter, Geschwister, alle hatten ihr die schönsten bringen wollen.

»Wir dachten es uns anders vor fünfundzwanzig Jahren, sorgloser«, sagt der dunkelblonde, schwarzäugige Hauptlehrer jetzt (die Söhne und Hilde sind ihm ganz ähnlich), »und doch, es ist fast schöner geworden trotz allem. –«

»Liebe hilft«, mehr erwidert seine noch immer blonde Frau mit den großen blauen Augen nicht.

Das kranke Mädchen nickt.

Die Söhne falten die Hände.

Die Bäume flüstern nur. Stumm kreisen die Vögel. Das Dorf ist still. Nur wenn die helle Marthe, die im Hause schafft, dem Fenster nahe kommt, hört man ihr Singvogelstimmchen leise trällern!

Es ist Abend geworden. Noch stiller war der Tag verweht als die anderen.

Die Lampe singt. Die Männer rauchen stumm. Mutter und Schwester sitzen bei der Kranken. Manchmal fragen sie nur sacht, ob Hilde etwas wünsche.

Jetzt bittet sie: »Ja, Hans möge Geige spielen.«

Töne der Liebe wogen durch das traut-dämmrige Zimmer mit den alten, guten Möbeln und den verwitterten Bildern an der Wand. Die Gardinen schweben leis wie im Takt – – – –sonst regt sich nichts. Die Menschen atmen kaum.

Das Lied findet kein Ende, denn das Herz des Geigers ist übervoll. Alles an Glück gibt er mit diesem Lied, Worte waren zu hart dafür. Und die Mutter weint vor sich hin. Sie fühlt sich emporgehoben von diesen Klängen – – – ach, sie breitet die Arme, schließt die Augen und lehnt sich wonnig gewiegt zurück. –

Ernst, der Älteste, erschauert . . .

Die Saiten versummen.

Der Vater nickt lächelnd vor sich hin. Immer wieder nickt er . . . Dann schneuzt er sich, klopft laut die Pfeife aus. Der Bann zerbricht.

Ernst geht auf die Mutter zu, nimmt ihre Hand, greift auch nach der schmalen der Kranken. »Muttel, als ich heute nachmittag fort war, habe ich mich verlobt.«

»Junge –?!«

»Mit Hanne Heger!«

»Ja, ja, ja, das ist gut – Vater, hör doch! – das ist gut!«

»Sie wird gleich kommen. Sie will um sieben Uhr kommen. Sie wird bald da sein!«

Da tritt sie schon ein. Ein mildfein blasses Antlitz mit braunen Augen, von schwarzem Haar umrahmt. Eine kleine Stille kommt zu den Stillen. Die Lächelnde zu den Lächelnden . . .

Sie sagt sogleich: »Mutter!« Denn nichts Fremdes fällt sie in diesem Hause an.

Und als es zum Abendbrot geht, sitzt sie neben Ernst zu Tisch, als sei es seit Jahren so üblich.

Bis zum Gutenachtgruß weilt sie dann mit Ernst zusammen am Bett der Kranken, meist still vor sich hin lächelnd.

Der Mond scheint so schön in das Zimmer, daß man die Lampe löscht.

Und noch einmal ertönt die Geige aus dunklem Winkel. – – – Glück umschwimmt, umschwebt, umschmiegt. – – –

Die Liebenden küssen sich.

Die Kranke lacht leis auf.

Die Mutter und die Jüngste gehen zum Vater und lehnen sich an ihn.



Ein halber Tag

Cecilie schreibt: Lieber! Wir werden uns wiedersehen. Nein, wir werden uns das erstemal erschauen! Denn das letztemal irrten unsre Regungen und Gefühle noch aneinander vorbei; diesmal spüren wir jetzt schon ineinander versinkende Zweieinigkeit. Und – – – wollen – wir – uns küssen? Ja! Ja! Ja!! Meiner Du! Es wird eine heilige Heimlichkeit für uns geben! Es muß eine geben, und wenn alles wider uns wär'! Ich fühl es ahnend, – – – Aber sei vorsichtig und hüte unser Geheimnis!

Mein Gott, der Brief findet Dich noch in Tosen und Tod, in Wüste und Weh. Wie mein Herz arm wird, wie arm – – ein Nichts – – –: wenn Du – nicht – kämest – – – nie mehr. – – –

Ja. Du kommst. Du mußt. Ein großes Glück wartet in uns auf Erfüllung. Es ist stärker als aller Geschosse Haß. Ich bin ganz Andacht . . . Ich tue meine sehnende Seele um Dich.

Aber komm bald! Ich freue mich!         Cecilie.

Dieser Brief ruht nun in einem Feldpostsack einem Müden zu Füßen. Einem Immermüden. Einem nimmer Aufstehenden . . . Denn sein Antlitz ist fahl, sein Auge starren, wehen Glanzes . . . Lehm und Blut haben seine Uniform schaurig bunt gemacht. Er hat sich zwischen den Gräben verirrt, als die Kugel ihn riß. Wer findet den Toten? Wann wird man ihn in der Öde überhaupt das erstemal sehen? Wann wird man ihn in dem höllischen Feuer holen können?

Ach, der hoffende Brief ist nach dem Land geflogen, wo keiner auch nur ganz zag hoffen darf . . . Nach Flandern.

Durch die Wüste, in der nichts aufsteht, nur weit und breit Eisen, Qualm und Erde aufspritzen in düsteren Fontänen, rennt schwarz ragend gegen goldene Sonne ein Mensch! Geknatter von Maschinengewehren. Er aber rennt, rennt, rennt. Eine Granate in seiner Nähe. Rauchwolke verschluckt ihn einen Augenblick. Dann rast er schon wieder weiter, Faust am pochenden Herzen, Augen grellweiß im schweißigen, lehmverklebten Gesicht. Jetzt kommt er am Toten vorbei. Er erschrickt, er kennt den Armen. Doch nur für Sekunden ist er ruhigen Leides voll, dann hat das Gesicht wieder das Harte, Starre, Grimmige der Helden hier vorn. Er kniet, entreißt dem Liegenden die Erkennungsmarke durch die zerfetzte Uniform hindurch, greift hastig in die Taschen, birgt Briefmappe, Uhr in den seinen, krallt dann die Faust um den Feldpostsack, springt auf. Eine Kugel siiirrrt. Er hört sie seelenruhig. Da spürt er plötzlich warmes Rinnen den Rücken entlang . . .

Er schleppt sich von einem Trichter zum andern. Schon verfolgen mehrere Maschinengewehre. Der Laufgraben! Er nimmt die letzte Kraft zusammen, springt einige Schritte – rollt bewußtlos in den Graben hinein.

Und der Sack wird abermals gefunden. Wieder neben einem Toten . . . Zwei sind um der Kameradenbriefe willen verglüht. Wer erzählt von ihrer schlichten Heldentat?

Nun in der Nacht kommen die Briefe auf dem Rücken eines ruhig dahinschreitenden Landsturmmannes, der zugleich noch Essen mitbringt, sicher nach vorn.

»Du hast einen Brief!« schreit einer den andern an. Er rennt geduckt von Trichter zu Trichter, schon zeigt sich die Sonne!

Und Musketier Hans Ansgard kriecht durchs Trichterfeld. Nur jetzt kein Ende. Nur noch den Brief lesen – – –!

Dort hockt der Leutnant. Da wird auch die Post in der Nähe sein!

Ansgard springt auf! Er hält es nicht mehr aus. Cecilie! sehnt es in ihm! Und er sucht aufrecht stehend, wo ein gelber Sack vielleicht leuchtet.

Da!

»Bist woll verrückt! Sollen wir das Feuer denn direkt für uns bestellen? Duck dich! Es qualmt ja schon rings an allen Ecken!«

»Ein Brief für mich!?«

»Hier.«

Aufreißen. Überfliegen. Du!! Ach. – – –

Und in demselben Augenblick heult's, heult's, – – – zerkracht's!!

»Sie haben uns gesehen! Wir müssen hier fort«, knirscht der andere.

Und die zwei kriechen paar Trichter weiter ab.

Lang ist der Tag. noch. Abertausend durchtoste Sekunden noch.

In der Nacht erst darf Hans Ansgard nach hinten. Urlaub! Urlaub!!

Vierzehn lange Tage! (O, sie vergehen schneller als vierzehn Minuten hier vorn . . .)

Urlaub!!!

Still, still im Land, wo man nicht hoffen darf . . .

* * *

Noch immer hat er sie nicht gesehen. Noch drei Tage, er muß fort. Heimliche Briefe sind hin und her geirrt. Noch war kein »Zufall« gefunden, der ihn nach dem Nachbarstädtchen führt, ohne daß es den Klatschbasen und der gestrengen, fürnehmen Frau Mutter auffiele. Denn »er« ist nichts für »sie«.

Da kommt das Glück! Es ist so gut, das Glück! Es gibt und gibt und gibt – aber auch, ach, das Glück sagt plötzlich: Schluß. Oder: Soviel diesmal noch nicht. Und geizt . . .

Eines Tages klingelt das Telefon. »Herr Ansgard dort? Guten Tag, mein Lieber. Hier Frau Elmenried. Ich hab 'ne dringende Bitte. Kann Ihr Sohn, der damals in Berlin den lausigen Vertrag mit Berenstein und Cie. für mich abschloß, nicht heute nachmittag herüberkommen? Es stimmt da etwas nicht. Vertreter von Berenstein ist auch hier. Bitte schicken Sie ihn, ja? – Danke. – Wie geht's ihm denn? – Bald wieder fort? – Wieder nach Flandern? – Der Ärmste. Ach ja, der Krieg. – Also bitte schicken Sie ihn! – Vielen Dank. Grüßen Sie Ihre Frau. Und Ihren Sohn natürlich auch. Ich freue mich, ihn wiederzusehen.« –


* * *


Der Vertrag ist in Ordnung. Der Vertreter von Berenstein ist schon abgefahren. Es ist fünf Uhr. Um neun Uhr muß Hans zurück. Bis jetzt hat Hans Cecilie nur von ihrem Mädchenzimmer her singen hören . . .

Frau Elmenried ist sehr liebenswürdig, aber auch nur das. Und etwas hoheitsvoll dem Sohn ihres früheren Geschäftsführers gegenüber, der zwar ein virtuoser Geiger sein soll . . . Pe, brotlose Kunst!

Da geschieht etwas unerwartet überflammend Schönes für Hans.

Die Tür öffnet sich. Cecilie darin im himmelblauen Kleid. Augen voll Glück! Lippen erbeben! Hände heben sich heiß hastig zum Gruß entgegen!

Nur die Worte sind sehr alltäglich: »Guten Tag, Herr Ansgard!«

»Guten Tag, gnädiges Fräulein!«

»Hertaaa!!« jubelt es übermütig aus Mädchenmund zum Fenster in den Kirschblütengarten hinaus. »Komm herauf! Besuch!!«

Frau Elmenried rümpft die Nase: Großartiger Besuch!

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –

»Meine Freundin Herta! – Der Geigenkünstler Herr Ansgard!«


* * *


Cecilie, Hans und Herta gehen sittsam im Schloßpark spazieren.

Das riesige Ringen der Welt ist zweien ein Nichts. Sie wissen nicht einmal zur Stunde, daß gerade ihre Seelen heiß daran hängen. Ach, sie wissen nicht einmal mehr, was sie alles an Widerwärtigkeiten am heutigen Tag besiegt haben, ehe sie zum jubelnden Jetzt gelangt sind.

Sie sind Nebeneinander-Schreitende, die sich Blicke voll Liebe geben.

Manchmal ein weiches, alltägliches und doch seltsam werbendes Wort.

Ein Weg im Park wird nun den beiden unvergeßlich. Sie werden, wenn sie ihn in Jahren gehen, sagen können, in welcher Richtung der Kuckuck schrie und welche Blumen um die alte Linde standen. Sie werden sich wohl noch erinnern, wie die Uhr vom Turme her schlug, welche Stunde sie aber schlug, werden sie ebensowenig wissen wie: ob der Tag des Glücks ein Montag oder Freitag war. Denn jedes Geräusch, jedes Blinken, jedes Aufflattern eines Falters nimmt die Seele in solcher Stunde für immer fühlend auf; Berechnungen und Maße aber wirft sie fort. Denn sie ist etwas Ewiges.

O der Rausch, die bei jedem leichten Berühren zusammenzuckende Sehnsucht, das nah wogende Blut des andern . . .!

Cecilie spricht von der Musik. Ihre braunen Augen überglänzen die Worte voll silberner Rührung, ihr dunkelgüldenes Haar bebt manchmal, als sei es Saite, auf der Frühlingswind geigt, ihre schmalen, weißen Hände formen die weichen, warmen Worte noch mit andächtiger Geste nach, so daß sie Hans mit großen Augen und lächelnden Lippen in sich trinkt als kostbar Unvergeßliches.

Sie sagt jetzt: »Du wirst mir heut abends geigen.«

Und er: »Ja, ich werde die Seele singen lassen – für Dich allein. –«

Stahl blitzt in seinem Blick. Er reckt sich. Man merkt, daß er mehr ist als Musketier. Ein Seltsamer. Ein Einsamer.

Und sie: »Musik aus Dir – – – Da werden wir ganz, ganz ferne sein – ganz . . . ganz . . . ferne . . . zweieinsamsüß versinkend in ein Meer Seligkeit – – –«

Die Freundin geht stumm neben den zwei Zitternden. Sie ahnt alles seit dem ersten Augenblick. Wie gern ließe sie die beiden allein.

Aber wir sind in der Kleinstadt!

Sie kommen an eine Bank. Es ist Einsamkeit. Jubelnde Finken und Amseln werfen mit der güldenen Sonne und dem seltsam beruhigenden Licht junggrüner Bäume und dem lauen, leichten Wind eine Überfülle an Frühling in die Allee. Man ist trunken. Man muß sich lieben. Man muß sich küssen können.

Die Freundin spürt, daß dieser Drang die zwei beherrscht. Sie will ein wenig weiter gehen, indes die zwei sich niedersetzen.

Cecilie hält sie zurück. »Bleib! Küsse improvisieren? Nein. Oder sie sich in wenigen ängstlichen Sekunden von den Lippen reißen? Nein.«

Und Hans sagt traurig, aber fest: »Es wäre nur Halbes.« Alle drei schauen ins Leere . . .

Nach einer Weile sagt Hans: »Bleiben Sie, Fräulein Herta. Wir sind sehr glücklich und wollen nichts sonst zur Stunde.«

Da springt Cecilie auf, tritt vor ihn hin, der in der Bank zurücklehnt, die Hände auf der Rückenlehne nach beiden Seiten ausgereckt. Er brauchte sie bloß zusammenzuschlagen, da hielte er die Geliebte innig umfangen – – –!

»Du. Lieber! Das war schön gesagt. Das war wunderfein schön.« Und leis, leise lächelt sie mehr als sie flüstert: »Ich liebe Dich.«

Ihre Knie berühren sich eine Sekunde lang ganz sacht und unwillkürlich . . . War – das – der – erste – Kuß ?


* * *


Eine Seele ist über eine Geige gespannt . . .

Und die Saiten erbeben:

Denn Du, zu der alle diese Klänge hauchen, jubeln, weinen und entzückt taumeln, bist ewig. Darum fürchte ich mich nicht, Tod von Flandern. Donnere, Tod, schreie, Tod, reiße, raube, räche dies Glück, Tod! Du kannst es nicht. Dieses Glück ist und ist und ist! Es hat keine Stunde.

Meine Liebe liegt lachend in Deiner, Cecilie. Ich werde ein hohes Fest in mir tragen, wenn wir auch wüstes, tosendes Land durchwaten.

Nun aber will ich von Dir singen, die ich anbete. Wenn ich mit andächtigen Händen über Dein Haar gleite, über Dein feines Haar, welche zauberzitternden Klänge sinken da hinein. Klänge der trunkenen Seele – – –

Wenn ich Deine großen Augen trinke, Deine braunen Augen, welch' Klänge erbeben im seltsamsten Rausch!

Klänge der trunkenen Seele – – – Wenn ich Deinen Mund sehe, Deinen niegeküßten Mund . . . welch' – Klänge –

Die Geige schweigt seufzend. Es wäre doch zu schön gewesen.

»Warum, Herr Ansgard?« fragt Frau Elmenried. (Man sitzt im Salon bei Wein und Zigarette.)

Hans muß, alle Kraft zusammennehmend, ein Lächeln auf seine Lippen zwingen.

»Vergessen, gnädige Frau.«

»Vergessen –« haucht's leise zwischen schmalen, blassen Lippen aus zerrissenem Mädchenherzen heraus. Cecilie, die im Erker im Lehnstuhl sitzt, schlägt die Hände vors Gesicht.

Hans erschrickt vor Entdeckung, errötet.

Herta zieht eilends Frau Elmenried in ein Alltagsgespräch.

Cecilie schaut aus ihrem dämmrigen Winkel mit grell glänzenden Augen voll Bangigkeit auf. Nur noch wenige Minuten – – –

»Flandern«, denkt Hans Ansgard.

»Allein«, denkt Cecilie.

Wo ist die Siegesgewißheit, die noch vorhin aus seiner Musik klang? Abschied zerschlägt doch alles.

Man spürt wohl, daß alles Liebe geblieben ist, aber es wird stärkster Wille und Glaube überdunkelt von der Pein des Risses. Man weiß, später wird es wieder lichter. Hoffnung kehrt wieder.

Was nützt der Gedanke, wenn alles jetzt Qual, Qual, Qual ist!

Da – in den letzten Minuten beginnen die Seelen wieder zu ragen.

Herta tritt ans Fenster: »Es ist eine wundersame Vollmondnacht! Können wir Herrn Ansgard nicht zur Bahn begleiten? Frau Elmenried, dürfen wir? Da schlafen wir auch besser!«

»Hmm – Meinetwegen.«

Herzen jauchzen auf: Du!! Du!! Noch einen süßen Weg durch die Vollmondnacht! Du!! Du!!

Wie in guter, alter Zeit liegt die kleine Stadt im Mondlicht. Das gibt Märchen in die eben noch zerquälten Gedanken. Er ist kühn und legt den Arm in den ihrigen. Eine stille Gasse lang – – Turmuhrklänge rollen durch sie. Die alten Häuser rumoren. Ein Brunnen singt.

Doch jetzt kommt die Hauptstraße. Klatschtanten kehren vom Kaffeeschmaus heim. Spießbürger vom Abendschoppen. Der Nachtwächter.

Vom Bahnhof her ertönen schon schrille Schreie von Lokomotiven. Die Arme lösen sich von einander. Augen starren geradeaus. Minuten rasen. Herzen stocken.

»Schreib viel!«

»Ja.«

»War's schön, Armer?«

»Ja, es war schön, Ärmste!«

»Ich bin nicht arm. Unendlich reich!«

»Ich auch! Du! Ja!«

Noch zwei Minuten, bis der Zug kommt, der ihn fortträgt. Sollen sie jetzt noch hier auf dem Bahnsteig vor allen Leuten den Kuß wagen? Denn – Hans – Ansgard – geht – ins – Land – des – Todes – – –

Nein. Sie haben sich ja geküßt!

Ihre Seelen sind tief ineinander getaucht, tausendmal!

Der Zug donnert heran.

Ihre Hände wollen sich nicht lassen.

Ein Riß.

Sie gehen auseinander, schauen sich nur halb an (»Auf Wiedersehen, Fräulein Herta! Wir danken Ihnen für die Idee des Begleitens!«)

Im Einsteigen schickt er, Cecilie einen großen, heißen Blick. Dann springt er, ein Schluchzen in der Kehle, in den Wagen hinein; schlägt die Tür zu und kann nicht mehr hinausschauen.

Herta führt die blasse, weh lächelnde Cecilie langsam fort.

Tränen.

Ein Name wird in die Nacht geschrien!

Ein Stern fällt vom Himmel.

Herta spricht weich und lieb: »Ich habe mir gewünscht, daß ihr glücklich werden sollt.« Denn sie sah den Stern fliegen.

Einer sitzt im trüblichten Eisenbahnzug, schlägt die Hände vors brennende Gesicht. Nichts denken, nichts denken, nichts denken – – nur immer wieder fühlen ihre Hände, ihre Blicke – – – die Sekunde der leisen Berührung im Park – – –



Hedwig und Edith

Das arme verrufene Land läßt in das graue Dunstmeer, das tausend Schloten entwebt, die Morgensonne hinein. Bald werden die Glocken kommen. Durch die Andacht der kümmerlich grünen Felder, in die überall die rauchgeschwärzten Riesendörfer und Städte emporragen und hineintatzen, ziehen in stummer Kameradschaft zu zweien und mehr, die Schwerarbeiter. Hin und wieder einer ganz allein mit seinen Sorgen. Die Männer lassen die armseligen engen Ortschaften, die die nach Sonne lechzende Seele förmlich zerquetschen, hinter sich, und die düsteren Burgen der Arbeit, deren Flammen- und Qualmfahnen ohne Unterlaß wimpeln, saugen die Stummen, die Traumkargen ein. Unter die Männer mischen sich jetzt die Knäuel der Frauen und Mädchen. Aus diesen springt manchmal ein Lachen noch auf. Auf den schmalen bleichen Gesichtern malen sich die leichten Scherzworte, die ein froher Frühlingsmorgen in schwerster Zeit auslöst.

Die Mädchen winken dem Schnellzug aus Berlin, sie winken besonders dem jungen am Fenster lehnenden Unteroffizier mit den großen braunen Augen ihrer Heimat. Sie sehen sein müdes Lächeln, das dünner ist als das Kräuseln eines Teiches in Sommermittagsstille, und wissen: der gehört in dieses Land.

Und eine sagt: »Das war ein hübscher Kerl!« Eine andere: »Die schwarzen Brauen und das schwarze Bärtchen. O ja!«

Und einen Augenblick sind sie alle in ihn verliebt. Denn ihre Liebsten sind alle gröber, härter, wilder. Die ärmsten Mädchen lieben gerade oft jene schlanken, vornehmen Männergestalten mit durchgeistigtem Gesicht, mit sinnenden Augen. Hoffnungslos. Drei, vier Tage. Und sie wissen kaum selbst, daß das ihre leiseste, schönste Liebe war . . .

Die Kinder schlafen noch. Die Großen sind alle schon in Schweiß und Glut mit harten heißen Händen und gestrafftem Gesicht. Da schmiegen sich silberzart, als sollte es zu einem Jesusknabenlied der Jungfrau Maria sein, die Aveglocken in das auflauschende Land.

Der junge Unteroffizier küßt die Tränen von seinen Händen mit langverträumendem Lächeln . . . Er fühlt, wie sich die Heimat in sein Herz singt. Dieses düstere Oberschlesien . . .

Der junge Unteroffizier ist der vierundzwanzigjährige Kriegsmaler Arnold Wirrmuth, dessen schönstes Bild »Die Mutter« heißt. Nur wenige sahen es in der großen Zeitschrift, wo er es veröffentlicht hat. Aber diese sagen, Wirrmuth kann etwas.

Dieses Bild zeigt eine Mutter am Bett ihrer schwerkranken Tochter. Mit der einen Hand kühlt sie die Stirne des Mädchens, in der anderen zerknüllt sie einen Brief, dessen Inhalt verschleiert in der einen Ecke des Bildes dargestellt ist: Das Grab ihres Sohnes in Frankreich, von dessen Tod sie eben benachrichtigt ist. Aber wie liebeshell leuchtet dennoch der Blick, welch Lächeln trotz größten Wehs um den Mund, damit die Kranke nichts merken soll.

Die Menschen ahnen kaum, daß dieses Bild so viel wehe Wahrheit enthält, daß die Kranke des Bildes Arnold Wirrmuths Schwester ist, daß seine eigene Mutter, so dastünde, wäre er noch in Flandern und zur Stunde gefallen . . .

Sind die Glocken schon still und läuten nur im Herzen, oder summen sie doch noch ganz wonnesacht hinterm Wald?

Eine feingeformte Künstlerhand hebt sich zum Fenster hinaus: Heimatwind, Heimatsonne, Heimathimmel – – –

Die Sehnsucht nach dem Frieden der dunklen Wälder läßt die Hand erzittern.


* * *


Er läutet an der Tür der väterlichen Wohnung. Da kommt ihm seine kranke Schwester selbst entgegen, gestützt von der Mutter. O, Freude zuviel, wenn man sie noch im Heraufschreiten der Treppen in Fieber und Ängsten sieht, und plötzlich lächelt sie wie auferstanden vor einem – – –

O schöner, schöner Frühlingstag!

»Mutter! Hede! Liebe, liebe Puppe!«

»Hab' ich Glück gebracht?«

»Ja, seit gestern ist sie fieberfrei und macht Gehversuche.«

Und doch, schöne Schwester, so lahm und so schmal und so bleich. Und doch, schöne, schöne Schwester, das Leid steht um deinen Mund.

Er küßt sie, damit sie seine Tränen nicht sieht.

»Puppe!« flüstert er wieder unwillkürlich, denn es scheint nur noch dieselbe Hülle zu sein. Wie haben sich die holden, feinen Linien alle verloren! Wie sind Wangen und junge Brüste zerronnen! Nur die Augen blauen noch trotz aller Traurigkeit so hell. Und die Frühlingssonne küßt die langen Flechten, daß sie märchensames Gold werden!

Aus Lerchenjubel und jungem Grün und dem zarten Lächeln der Kranken webt man zitternd sich ein wenig leuchtende Hoffnung.

Und, o Vaterhaus! Das ist ja viel mehr Duft als Gegenstand. Umhaucht alles die Erinnerung. Vom rostigen Türschild, auf dem kaum noch der Name des Vaters zu lesen ist, bis zum Spielwinkelchen der Kindheit. Es gibt da einen andachtsamen Platz, wo seit ewig her der Weihnachtsbaum steht, es gibt da Bilder an der Wand, die mit den Lebendigen begrüßen und zum Abschied zunicken.

Vaterhaus, da kann man alles, alles streicheln . . .

Gen Abend wird man immer froher. Der Vater, der edle, schlichte Lehrer, kehrt heim, der Bruder Gymnasiast, kommt aus der Schule und Schwester Töchterschulgänschen. Frohes Begrüßen. Einer sagt es immer dem andern: »Es geht ihr besser.« Und nach dem Abendbrot – wo hätte Arnold es für möglich gehalten, daß seine Schwester mit am Tisch sitzt und es sich schmecken läßt? – da läßt der Vater die kleine »Gans« oder Bubi, wie die zwölfjährige, drollige Grete von Kind an trotz langem Zopf genannt wird, einen großen Humpen voll Bier holen.

Bruder Franz sitzt am Klavier, lustiger Weisen voll. Und Arnold muß erzählen! Und spricht lachend von den schiefen Hüten der Berlinerinnen und von den witzigen Kameraden. Und sagt immer wieder, wie schön es zu Haus ist. So wie jetzt: der alte Kreis um den Tisch unter der grünsaphirmigen Lampe. Die Bilder seiner Jugend an der Wand, um das Kinderaltärchen, mit dem er immer »Pfarrer« spielte.

Er ist so kindselig froh! Nicht wahr geworden ist der Traum seiner Kindheit. Gott kam zu ihm nicht nur im Gebete. Gott gab ihm das Wunder der leichten, bildenden Hand und sprach in großer Stunde zu ihm: Schaffe!

Da ward er ein Maler und einsam.

O welch Freude, Freude! Welcher Gegensatz zwischen dem Abschied beim letzten Urlaub von der teilnahmslos fieberheiß liegenden Schwester und dem Augenblick jetzt, da sie schelmisch fragt: »Was hast du mir denn mitgebracht?«

Er verschwindet in seinem Zimmer und kehrt bald zurück. Einen duftigen Spitzenkragen mit rosa gestickten Röslein schmiegt er der Kranken um die schmächtigen Schultern. Röten die Röselein ihre Wangen?

Andachtsstill schauen alle auf die Kranke. Sie sind so froh, daß sie wieder unter ihnen lächelt, und schmücken sie, indem sie alle ihr ganzes Herz an sie hängen. Die Liebe der zulächelnden Augen baut einen großen Frieden um Hedwig. Und plötzlich reicht die Kranke Vater und Mutter die Hände, winkt die Geschwister mit den Augen heran und sagt glückselig: »Ihr seid so gut.«


* * *


Am andern Tag leuchtet ein großer weißer Brief auf dem Schreibtisch, da Arnold noch im Bett liegt und zum ersten Mal in die Goldfrühe blinzelt. Und in diesem Brief bittet die Base aus der Nachbarschaft ihn, an ihrer Hochzeit teilzunehmen. O, wie man solch helle Worte wie Braut, Hochzeit, liebt, in diesen dunklen, schweren Tagen; das Erleben dieser Dinge selbst aber scheint wie ein Märchen fern aller Erdenzeit . . .

Darf er die Einladung annehmen, wo Hedwig blaß und bang dort im Lehnstuhl sitzt und voll Andachtsfreude – welch' karge Freude! – morgenglockenumwogt, in sich ein stilles Dankgebet zum Himmel lächelt, dieses kurze Gebet, das er, auch aus dem Wirbelfeuer der Westfront kannte: Ich lebe! Ich lebe!

Darf er es?

Er zeigt der Kranken den Brief. Und sie zieht nicht die Stirn kraus, sondern sagt lustig: »Mal mir ein nettes Bild von der Hochzeit, da erleb ich es schöner als wirklich. Ich bin zu kindisch, zu dumm für die vielen feinen Leute.«

»Aber Mädel!«

»Also – viel Vergnügen!«

Und das Fest lockt ihn und er muß zur Feder greifen und eilig fliegen Worte eines Fernspruchs auf einen schnell aus der Tasche geholten Zettel.

Und paar Stunden darauf hat er den Nachurlaub genehmigt.

Nein, Hedwig ist wirklich nicht verstimmt. Sie denkt garnicht mehr daran. Stundenlang sitzt sie da und spürt mit allen Nerven und Gedanken in ihren Körper hinein und tastet an ihren Schmerzen herum, um immer gewisser zu werden, daß es besser geht. Noch hat sie keinen Sinn für ein Buch, kaum für die Lieben. Sie will allein blühen in ihrer Hoffnung.

Knospen nicht leis wieder die Wangen schon?

Arnold sitzt mit ganz leisem Atem auf dem Sofa der stillen, alten, gemütlichen Stube. Regungslos. Er betrachtet die Genesende am Fenster.

Das häßliche Wort mit dem todbringenden Gesicht: Knochenhautentzündung steht weit, weit hinter hundert Nebeln. Bei Wirrmuths feiert der Frühling Auferstehung.

Arnold schaut voll Liebe seine bleiche Schwester an und denkt: O ihr paar leisen Blumen, o ihr reinen Mädchen meiner Heimat, wie wunderselig fein seid ihr mir doch.

Wie wunderselig fein . . .

Und Arnold steht auf und trinkt der Kranken Freudenblick aus den langbewimperten, blauen, großen Augen.

An den Ufern dieser reinen, ruhigen, nur die enge Heimat kennenden Augen verebbt die wilde Unrast der von Haß und Neid erfüllten Welt.

»Schwester!«

Und Hedwig trägt das liebende Wort, das sich wie Sonne in die Wellen ihres Lächelns legt, lang verträumend nach dem Geheimsten ihrer feinen Mädchenseele.


* * *


Er aber hebt aus dem spiegelnden, glitzernden, goldenroten Saal, der festlichen Menge, dem Tanz und der Musik die eine Säule, an der die schlanke Schwester der Braut funkelnddunklen Haares lehnt und läßt nur dies eine, ihn befangende Bild im malenden Traum aus blutigrotem Rosenmeer in einen von Weißwölkchen marmorierten Lenzhimmel mit dem Regenbogen ragen, Ihr Gewand ist von derselben blauen Seide wie der Himmel. Ihre braunen Augen sind das Heimatlichste, das Arnold kennt. Der Mund ist die keuscheste Rose.

Kühner malt der Träumer. Ihre schmalen Hände leuchten zart weiß über die rote Blumenflut.

Ihre schmalen Hände strecken sich ihm entgegen! Man sieht, daß diese Hände Musik sind. Sie leben in eigenen, von ihrer Herrin kaum bewußt gewollten, schwingenden, weichen Bewegungen, wie sie am Flügel entstehen über einem Liede von Grieg . . .

Arnold fühlt, wie zur Stunde wieder Anfang eines Lebensrätsels ist, daß er nicht wagt, Liebe zu nennen, weil er zu sehr noch die Enttäuschung fürchtet, wieder von dem Gipfel dieses großen Wortes in den Abgrund des Alltags gestoßen zu werden.

Er beschwört die arme, bleiche Gestalt seiner Schwester herauf. Doch sie hat keine Macht.

Er wacht aus seinem Traum auf. Er sieht, es ist ja Hochzeit. Zwei sind glücklich geworden heut, die Menschen lachen und stoßen an mit kristallenem Glas.

Dort an der Säule lehnt aber die, vor der alles wieder versinkt.

Tyrannin! denkt er und geht zu ihr; verneigt sich. Sie tanzen.

Während des Tanzes schaut er sie verlangend weich, süßlich an, wie er es gewohnt ist, leichthin bei Mädchen zu werben. Doch hartgrell verstößt ihn ihr Blick.

Er lächelt gezwungen. Sie lacht grausam auf: »Oho!«

Dann lacht sie nicht mehr. Mit wildem Busen und bebenden Händen läßt sie ihn los. Er denkt, sie ist empört.

Sie aber zittert, erschauert, fühlt ihr wild gewordenes liebendes Blut! Sie haßt ihn, weil er, mit demselben Augenspiel, wie alle andern die andern, sie verlangt. Denn sie ist stolz und rein.

Spät zur Neige des Festes sitzt sie am Flügel und singt. Da sie geendet, hat er das Lied schon vergessen. Dennoch zittern in ihm wie verzaubert die roten Klänge, ihrem Munde entwoben. – – –

Es war ein Liebeslied.

Er weiß, nur sie kann die Rubinen singend wieder lodern lassen!

Aber er ist zu sklavisch verzagt vor ihr, als daß er daran denkt, er würde sie je bitten dürfen: Singe dies Lied für mich.

Fern des Festes, halb im Träumen schon, kurz vor dem Einschlafen erscheint sie ihm.

Da flüstert er: Singe dies Lied für mich!

Und er hört wieder die verwunschenen Klänge.

Diesen seinen Gedanken aber begegnen die Ediths: Ob er gefühlt hat, daß ich ihm gesungen?

Und spielerisch übermütig beraubt sie sich heut schon ihres Stolzes und lehnt sich versinnend sacht an seine Traumgestalt. Lächelnd schläft sie ein.

Der andere Morgen aber setzt beiden noch einmal die langweiligen Alltagsmasken vor das innerlich frohe Gesicht. Sie geben sich die Hand. Er verneigt sich; sein Mund berührt fast ihre Finger. Er sagt »Auf Wiedersehen«, sie nickt. Dann geht er zur nächsten Dame, um dasselbe zu tun. Genau dasselbe.

Erst, als er zur Tür hinaustritt, sich von ungefähr umwendet, wirft ihr Blick die silberblinkende Kette verhaltener Sehnsucht.

Doch es ist zu spät. In zehn Minuten geht sein Zug. Der Urlaub ist zu Ende. Er ist Soldat.

Auch glaubt er noch, er habe sich getäuscht.


* * *


Nach dem unfaßlichen Wunder eines ganz großen, das Leben neu morgenrötenden Geschehnisses kommen Tage, die ganz von den Nebeln kleiner Alltagsbegebenheiten gefangen sind. Nach dem Himmlischen, das in uns ward, düstert doppelt drückend der graue Ingrimm des Arbeitslebens herein. Arnold muß in die Berliner Kaserne zurück. Er nennt sie zur Stunde Gefängnis. Der umzäunte Exerzierplatz, die öde Unteroffizierstube, die ölstinkenden Magazine sind Käfige, in denen sich der Vogel Freude scheu in eine Ecke drückt und nicht zu singen wagt. Arnold denkt, daß nur noch grau--in-graue Tage kommen können. Er merkt kaum, daß diese Gedanken aus dem Gefühle entstehen, so Ewigherrliches in sich getrunken zu haben mit dem Anblick der Schönsten, daß dieses Gefühl es für schon zu viel des Glückes hält, als daß noch größer Seliges ihm würde. Bewußt denkt er kaum an sie. Und doch, da er später um diese müden Tage sinnt, ist es ihm, als hätte auch da dunkel sein Blut immerwährend ihre Schönheit gespiegelt. Ja, er erinnert sich dann, wie es manchmal war, als sei das Lied, das sie sang, seltsam sein wogendes Blut, als sänge sein Blut ihr Lied . . .

In die Erlebnisleere blitzt eines Abends bei trüber Öllampe im erbärmlichen Kantinenraum ein amtliches Schreiben. Das Armee-Oberkommando der X. Armee befiehlt ihm, sich beim Stab der X. Division als Kriegsmaler zu melden.

Hurra! Und diese äußere Besserung seines Lebens entfacht von neuem das große Seelenfest. Er hat Mut zum Glück, zum ersten Mal spricht er selbst aus: Ich liebe Edith. Und er wagt einen Brief, bei dessen Schreiben er sich wie ein Reiter vorkommt, der die aberhundert wilden, übermütig anfallenden Worte wie die tückischen Sprünge eines widerspenstigen Rappens mit straffen Zügeln der Selbstbeherrschung zurückhalten muß. Aber in flottem Trab fliegen doch die hellen Worte dahin, die dann verhalten berauscht ausklingen in ein riesiges: Auf Wiedersehen!


* * *


Es ist aber an diesem Abend in Arnolds Heimat ein Wind und eine Wolke, die Ängste brauen. Sie zerfetzen die Mengen in den Straßen in früher Dämmerung, der Wind mit unsichtbaren Messern, der Regen mit langen Nadeln. Teufel keifen in den Schloten. Türen stiller Heime knallen auf. Ein wilder Unsichtbarer steht darin. Endlich erhebt sich eins in der Familie unsicher und macht die Tür langsam zu, keines Wortes mächtig, als drängte er jemanden mit gutem zuredenden Blick hinaus. Aber es ist, als wäre der Wilde darin geblieben. Eine Unruhe erfaßt den Kreis der Familie um den lampenhellen Abendbrottisch.

Es wird ein Schweigen, das unerklärlicher fast ist, als das große Ewighinausschweigen des Alls.

Wirrmuths dürfen sich eigentlich freuen. Hedwig blüht sichtlich auf.

Schau, sie sind mit dem Abendbrote fertig, Hedwig wird noch leicht müde, sie geht wieder zu Bett. Ganz allein humpelt sie schon.

Vater und Mutter und die beiden jüngeren Geschwister begleiten sie wie freudige Engel.

Groß und tief gibt die Kranke ihnen die Worte der Freude: »Wie mich das froh macht, das Gehen!«

Sie geht drei Schritt noch nach diesen Worten, sie hat noch zwei Schritt bis zu ihrem weichen Lager, da stürzt sie zusammen, und es beginnt der höllische Schrei schmerzhaftester Marter aus dem weinenden, verzerrten Antlitz der Kranken, der Schrei, der zwei Tage lang gellen soll. Er krallt sich in die Herzen der Lieben und hält sie um das Lager fest, auf dem von neuem hilflos, erbarmungswürdiger denn je das zarte Mädchen liegt, dessen entzündetes Bein nun gebrochen ist.

Der Mutter erstarren die Gebete auf den Lippen. Dem Vater erfrieren die mitleidigen Worte. Der Arzt flieht ratlos, kommt wieder, tastet, wird unsicher, und sagt: »Sie muß ins Krankenhaus.«

Da mischt sich in den Schrei des Schmerzes der heißere der Kindesliebe, und es kommt das herzausreißende Wort:

»Laßt mich zu Hause sterben!«

Laßt mich zu Hause sterben!

Hundertmal und mehr ergellt es.

Der Arzt bleibt unerbittlich. Männer der Straße kommen mit der Bahre und tragen die Arme fort.

Sie ist ganz still.

Sie ist bewußtlos.

Sie ist nur noch ein leises Beben.

In Arnolds Vaterhaus steht es an allen Wänden schwarz, steht es in allen Augen mit Tränen, steht es auf dem Brot und auf dem weißen Kissen schwarz, schwarz das schrille: »Laßt mich zu Hause sterben!«

Eine Nacht und einen Tag und eine Nacht und einen Tag. Den Schrei vergißt keiner.


* * *


Ahnungslos nimmt Arnold Abschied von Berlin. Er holt, übermütig wie er mit einem Mal ist, seine kleine Freundin ab, an der ihm eigentlich nur das Lachen und Plaudern gefällt, und rudert mit ihr den Tegeler See hinaus. Mitten im See läßt er die Ruder schleifen, und immer goldener erschimmert seine Seele im Abendrot. Einmal denkt er leise an seine liebe Schwester und sieht sie froh und glückselig. Seine kleine blondblaue Freundin schwatzt. Er nickt und antwortet, seine Gedanken aber wandern hinauf am Himmelsbogen, sehen die ganze Welt, sehen sie nicht mehr, weil eine Einzige erblüht und zu ihm emporschwebt!

Er rudert glücksatt zurück, sie fahren in das nachtfaltertaumelnde, die lilabläulichen Kugellampen umwirrende Berlin.

Er genießt mit jener mitleidigen Lust, Besseres als dies schon getan zu haben, den Kino, das Kaffeehaus, in den ihn die Kleine mitlockt. Er nimmt diese Nacht der Schwäche des Alltagsmenschen in ihm wie eine schnörklige Arabeske um das reine Meerbild seiner hochgemuten Seele.


* * *


In der stillen kurländischen Etappenstadt, die Arnold gegenwärtig studiert, und wo er zunächst innerlich widerwillig, aber doch zu sehr Soldat, die Offiziere vom A. O. K. für das Kasino malen muß, klingt Hedwigs Weheschrei aus dem Briefe des Bruders Franz so gedämpft, ja, so ungewiß, daß Arnold fast darüber hinwegliest. Seine Liebe hat auch das birkensilberne, waldweiche, flüsseblitzende Kurland zu sehr abgelenkt. Die Kunst verhext ihn. Er malt Tag und Nacht. Und selbst Edith feiert selten in seinem Herzen eine Stunde der Andacht.

Edith hat geantwortet. Herb und spitz witzelnd.

Er hat in einer weichen Stunde sich gehen lassen und einen Traum aus leisen Worten um sie gemalt und mit jähem Entschluß ihr ihn geschickt.

»Mich friert auf dem hohen Altar der Anbetung, lieber Vetter, und ich erkälte mich in dem Duftgewande und bekomme das Niesen, war die Antwort.

Da schreibt er burschikos.

Da antwortet sie, mit halb belustigten, halb sehnsüchtigen Worten lockend, er möchte doch wieder träumen.

Er malt sie aus dem Gedächtnis. Er sendet ihr das kleine Bild.

Das bin ich nicht. Oder doch? ist die mädchenfrohe Antwort.

Ich bin stolz und hart und unnahbar, klingts aus einem ihrer Briefe.

Er erzählt ihr im nächsten, wie er die andern Mädchen geküßt, wie er nie das ganze Glück gefunden hat, wie er ein Einsamer ward. Auch er sei stolz.

Sie schreibt ihm, wie sie von einem Rittergutsbesitzer träumt, malt mit Worten des »Zukünftigen« Gestalt, halb Arnold ähnlich, halb nicht, daß er ganz wirr wird, und sagt dann zum Schluß, die Männer seien alle schlecht.

Auf diesen Brief antwortet er wütend mit Strindbergischem Haß gegen das Weib.

Edith frohlockt und schreibt, sie hätte diese Nacht träumend im blauen Kleid auf einer Telegraphenstange gesessen und ihm Kirschkerne auf den Kopf gespuckt.

Arnold ist ärgerlich, aber er malt dieses Bild.

Glaubst Du, daß eine Madonna Kirschkerne spuckt? Ich bitte mir ein frecheres Gesicht aus für solche Malerei. Kannst nichts.

Dann ein junifroher Brief mit Sekt und Flieder, da heißt es: Ich habe auf Dein Wohl getrunken. Eigentlich bist Du's nicht wert.

An diesem Tage fällt Arnold das Liebeslied ein und er summt es nun wochenlang vor sich hin.

Die Briefe aber vergleiten noch einmal in die Zurückhaltung. Nur manchmal ein scheues Träumen, nur manchmal in der Ecke ein wartendes sehnsüchtiges: »Schreib bald!«


* * *


Die Briefe von Haus an Arnold sind alles fromme Lügen. Sie wissen, daß er, seit er in Flandern verwundet wurde, leicht erregbar ist und sein Herz schneller schlägt, und schreiben darum behutsam und vieles garnicht.

Hedwig aber geht durch die Minuten ihres Leidens mit härmenden Gedanken wie durch Jahre, düsterste Jahre.

Im Gipspanzer bis zur Hüfte, den Blick zur ödweißen Decke der Krankenstube, fiebernd, kränkelnd an den anderen Organen, glühende Wunden vom Liegen am Rücken, so duldet die bis zum Skelett Abmagernde, die schon wie springende Rosenknospe war.

Der Arzt will sie sich einigen Wochen aus der Erstarrnis erlösen, er zersprengt den Panzer, betastet das Bein, wagt es zu biegen und – wieder der schrille Schrei! – bricht es von neuem.

Abermals in einen Orkan von Schmerzen zurückgeworfen, webt die Erschlaffende mit stoßendem Atem das höllischste Leben.

Was die Eltern und Geschwister nicht wagen, Edith schreibt es Arnold, da sie ihre Base Hedwig besucht hatte. Schreibt ihm alles. Und da läßt er Pinsel und Augen ruhn und tritt aus seiner Einsamkeit heraus, und schreibt einen Brief lieber, lieber, lieber Worte nach dem Krankenhaus, der seiner armen Schwester ein müdes Lächeln entlockt.

Es soll aber das Leid noch größer werden in Arnolds Familie.

Eine hexenhäßliche Frau trägt seltsame Pilze in Ediths Vaterhaus. Gerade weilen zum Besuch noch die Töchterchen einer Tante Arnolds, und eines Tages findet der Maler unter einer süßlich verliebten Karte seiner Berliner Kleinen, dem Anerkennungsschreiben eines berühmten Professors, der Tageszeitung eine kurze erregte Karte, die heißt:

In O. sind alle an Pilzvergiftung erkrankt. Die kleine Helene ist bereits gestorben. Das Unglück lastet auf unsern Familien.

Dein treuer Vater.

Edith!! lebst Du noch? Vor einigen Tagen schon geschah es.

Edith! – – –

Er merkt, wie er das Höllenleid der Schwester vergißt über dem Liebesschrei nach Edith. Er schilt sich schlecht, denn seine Schwester steht ihm jahrelang nah und dieses Mädchen erst seit Wochen, kaum hundert Worte hatten sie miteinander gesprochen . . . ein Lied . . . er gedenkt auch kaum der kleinen Toten, von der ihm die traurige Karte des Vaters meldet. Seine Seele schreit nur immer: Edith!

Er irrt tagüber durch die stille, nordische Stadt, endlich wird es Abend, Nacht, abermals Tag – kein Brief von Edith!

Da wird er ganz ruhig, schließt ab mit dem Glück. – Sie ist tot.

Er arbeitet sogar nachmittags an seinem einsamschönen Bilde »Ein Schloß in Kurland«.

Er versucht, die Ruhe seines kleinen Quartiers mit den schnörkligen Möbeln auf sich wirken zu lassen. Er lächelt seinen Landschaften an der Wand zu.

Er schläft nachts sogar anfangs. Aber dann springt er plötzlich auf. Wilde Gedanken peitschen ihn zur Staffelei. Die höchste Stunde seines bisherigen Lebens kommt mit Urgewalt. Der Pinsel hastet wild über die Leinwand, er malt die Geliebte in reiner Schönheit, wie sie seine Phantasie träumt! Eine Göttin!

Aus dem einen Anblick, aus dem einen Lied, aus dem einen Abend haben die Sehnsuchtsträume dieses Gemälde geformt!


* * *


Edith aber schreibt, kaum erholt, daß nur die kleine Helene ein Engelchen geworden sei. Und dann antwortet sie ihm auf seine große, quer über den Bogen geschriebene Frage: Lebst Du? mit einem langen Brief, in dem sie sagt, wie sie, da sie zwischen Tod und Leben lag, im stillen von ihm Abschied nahm.

Edith ist nicht mehr stolz.

Die nächsten Briefe bringen einander das feierliche: Ich liebe Dich, ich sehne mich.

Da kommt ein Brief von Haus, Hedwig ist nur noch ein Hauch. Ihm ist, als verschlimmerte er irgendwie durch sein selbstsüchtiges Liebesglück das Leid seiner Schwester. Er fühlt sich Hedwig gegenüber in einem nicht zu entwirrenden Unrecht. Er klagt sich an, fragt sich aus, und spürt doch immer wieder den seligen Triumph Ediths stärker als das Mitgefühl mit Hedwig.

Er wird bleich und zerrissenen Herzens.

Er bittet um Urlaub und erhält ihn.

Er zwingt sich immer wieder den Anblick der erbarmungswürdigen Schwester vor Augen.

Doch ach, im Halbschlaf, und frühmorgens das erste Wort, da erklingt's aus ihm: Edith!

Er schreibt ihr: Ich komme.

Sie fragt: Wann küßt Du mich?

Er lächelt über diesem Brief . . .

Dann kommen ihm wieder die Tränen, und er macht sich selber unwürdig vor Hedwig. Er nennt die Schwester die Reine, und weiß nicht, daß er sie zurücksetzt, da er so oft der Geliebten »Reinste, Friedseligste« zujubelt.

So taumelt er dahin zwischen Begriffen, Träumen und Bangnissen, indessen der Schnellzug mit ihm durch die sommernächtige Heimat knattert.

Die Arbeit läutet stählern aus den Munitionswerken, sie wirft Flammen aus den Hochöfen, daß die Sterne scheinbar darin verbrennen. Winzige Menschen zwischen den Hunderten von Riesenschloten, Maschinen, Kesseln, geschwärzten Baukolossen entfesseln diesen siedenden, wurlenden, flammenden, schrillen Durcheinanderschrei nervöser Arbeit.

O Menschenkraft wie groß!

O Menschenkraft wie klein – – – denn da liegt im selben Land, wo die Fäuste Schwierigstes meistern, ein Mädchen zart und quält sich in Wunden seit Monden. Und die Ärzte wagen nur zu tasten und ahnen kaum, wie alles noch werden kann durch ihre zage Hilfe . . .


* * *


Da aber versinkt ihm wieder die Welt. Und diesmal mit Edith.

O gräßlicher Tod im Antlitz der duldenden Schwester!

Nahmst Du schon eh das Blühen der Wangen, nun rissest Du ihr noch die blonden Flechten vom Haupt, nun läßt Du nur noch das Harte im einst so milden Gesichte stehen. Das spitze Kinn, die Backenknochen, die nadeldünnen Finger, sie schneiden in Arnolds Herz.

Doch da geht vor ihm die Sonne der Augen auf. Dieses feine Leuchten einer kranken Seele, aus Stunden geblieben, da sie schon zwischen Sternen auf das öffnende Himmelstor wartet . . . Dieses sündenferne, ewigtiefe Meer Reinheit, wie es nur Kinder, Krieger im Trommelfeuer und Kranke in Pein im Blicke blinken lassen . . .

Er taucht tief in diese Augen hinein und dadurch gestärkt, stärkt er wiederum die Kranke mit einem langen, lächelnden, bewundernden Blick.

Dann schenkt er ihr helle, heitere Worte. O siehe, sie lacht.

»Es wird schon werden!«

–     –     –     –     –     –     –    –     –     –

Er ertappt sich plötzlich, wie nicht der Bruder an der Kranken mit den Augen sucht, sondern der – Künstler. Ihm ekelt vor sich selbst.

Er möchte so gern nur liebender Mensch sein. Und bleibt grausamer Künstler.

Er spricht mit ihr vom Alltäglichsten. Er will Anteil an ihrer kleinen, weißen, blumenbunten Krankenstubenwelt nehmen. Es bleibt das Schauspielerische in seinem Wesen. Er quält sich die mitleidigen Worte ab. Nur das Blut spricht erst wieder zu Hedwig, da er ihr die Hand drückt, da er sie küßt.

Als er fortgeht, fragt er die hereintretende Hilfsschwester seltsam sachlich: »Wann schläft sie?«


* * *


Und er fiebert neben der schlafenden Kranken das Bild auf die Leinwand. In einer Nacht. Die Welt ist nichts. Seine Schwester ist ihm nur – Modell. Grausam wagt der Pinsel das Furchtbarste. Er spürt, ihm gelingt Großes. Über ihn Wachsendes. Er malt, malt, malt.

Er bricht zusammen, er wird wieder Mensch, er weint, er möchte das Bild zerreißen . . . Er schreit auf, die Kranke regt sich, da packt er sein Höllenwerk unter den Arm und flieht.

Am andern Tag ist seine Stimmung ganz ins Soldatentum umgeschlagen, und er schämt sich vor der Heldin Hedwig. Anfangs wollte er Edith besuchen, jetzt will er sich selbst strafen und geht nur täglich zu seiner Schwester, tröstet die Eltern und ist sonst tief einsam.

Der letzte Urlaubstag kommt, er nimmt Abschied, ganz Bruder heute, und küßt innig, innig seine arme, aber nun schon lächelnde Schwester.

Er kommt herauf nach Kurland, in Berlin hat er bei einem Gönner das Bild »Die Kranke« zurückgelassen. Er wird es nicht los. Es peinigt ihn, starr bei Tag und Nacht vor ihm stehend.

Er meldet sich beim General. Er möchte zur Front.

»Malen?«

»Nein, mit auf Riga los.«

»Nanu?«

»Jawohl, Exzellenz.«

»Nun gut.«

Arnolds Mannestum ist gekränkt, ohne, daß er sich's recht bewußt wird. Er will nicht, daß seine Schwester »das Größere«, wie er ihr Leid im Gegensatze zu seiner erlebten Sturm- und Trommelfeuernot nennt, geduldet hat. Daß er ihr lebend helfen kann, verwirft er. Eine Unruhe – manchmal ist ihm, als hätte er mit dem Bilde »Die Kranke« der Schwester edles Märtyrertum für sich gestohlen – macht seine anfangs noch schwankenden Gedanken entschlossen. Er will ein Ende. Irgendeins.

Edith erhält kurze Karten.

Edith weint. Er weiß es nicht. Er ahnt es nicht.

Er ist nur durstig, wieder alle Nerven, Muskeln, Adern anzuspannen, Schlacht, Sturm, Todverlacher zu sein.

Er ist nur Kriegsmann in diesen Tagen.

Den Lieben und Hedwig schreibt er, als säße er in der stillen Stadt und malte an einem Bilde.


* * *


Augen, von einem Licht entflammt! Alles andere tritt vor diesem Glanz in den harten, heißen Gesichtern zurück. Durch den einigenden Blick sind sich alle ähnlich. Der gelle Hammerschlag des Befehles: Sturm! hat die Herzen im Aufglühen getroffen – zusammengeschweißt. Nun ist es gut. Nur eins gelingt nicht: Träumen noch, wie man so gern möchte. Die Granaten schmettern jeden leisen Gedanken nieder. Blut bleibt vor dem Blick. Einen wilden, den Höllenlärm überbrausenden Akkord muß die Seele anschlagen, um Herr des alle Ecken, Unterschlupfe und Winkel aufspürenden Donnertodes zu werden. Straffe Ruhe in den Nerven. Kein abirrender, einschläfernder Gedanke . . . So rückt die Zeit eigentlich langsam vor bis zum Fertigmachen.

Man ißt. Man trinkt. Man spricht. Man lacht. Doch das ist alles so seicht und nebensächlich und sofort vergessen. Die Seele beschäftigt sich nur mit dem Nähern der Sturmstunde. Wie eine Uhr, deren Ticken Granatenwirbel ist. Und doch wird es tief innen im Herzen Sonntag. Man macht sich von allem Vergangenen frei. Dadurch entsteht eine klareinfache Reinheit. Junge Freude blüht auf in dem blauen Stückchen Himmel über Arnold. Ein Wölkchen zergeht darin wie der Hauch des Lebens, der ihn noch umfing . . . Klar und unendlich ruhig ist ihm nun die blaue Ewigkeit da droben, ein Sinnbild friedseligsten Todes. Er wird froh. Doch da immer näher ein Heulen – Angst engt den Hals – ein Donnerschlag, himmeldröhnend! – – Erdregen – – und das Herz klopft,

klopft wieder ohne Ruhe –

»Fertigmachen!« schreit's von rechts. Da kommt sie doch langsam wieder – die Gleichgültigkeit. Es ist Arnold nie ganz erklärlich gewesen, dieses Loslösen vom Leben, dieses Ergeben ins Grausigste, Toddurchtoste – – – Gelassen nimmt er Handgranate und Gewehr. Pflanzt das Seitengewehr auf. Ein Kamerad kommt vorbei. Sie lachen sich an. Was ist das für ein Lachen? Verzweiflung? Nein. Freude? Nein. Verlegenheit? Nein. Sturm! Ja, so heißt es. Nun schneiden die himmeldurchwütenden, erdezerreißenden Granaten rings nicht mehr in die Nerven. Tat ermannt. Der Zagste will. Tod ist jeder Gedanke, aber ohne Schrecken, mit einer tiefen Feier.

Noch eine Minute.

Es ist, als ob die Flammen in dem Blick der Sturmharrenden schon über den Grabenrand emporzüngeln müßten. Worte und Bewegungen sterben. Eisen. Die verbissenen Lippen, die gewehrumkrampfenden Fäuste bilden unzerreißbare Ketten den Graben entlang. Ganze Männer stehen.

Pfiff! Sprung empor, heraus! Vor!

Schreie! Niederstürzen! Granaten da, dort! Maschinengewehrkugeln fitschen wie Platzregen!

Hingeworfen!! Verwirrung – – –

Wo ist Arnold? Schon hinter der ersten feindlichen Stellung. Doch wo sind seine Leute, die er noch beim Herausspringen führte? Alle fort. Jetzt liegt rechts neben ihm einer, der ist wenigstens noch von seiner Kompagnie, doch links – – fremde Gesichter.

»Von welcher Kompagnie bist Du?« fragt er den Mann zur Linken.

»Sechste!«

Wieso seid Ihr hier?«

»Weiß ich!«

Da springt's schon wieder rechts Mann für Mann hoch! Mit! Vorwärts!

Russen? Ohne Waffen? Gefangene schon? Ja, wo steckt denn die erste Welle? Und plötzlich der Gedanke: Jetzt essen sie Abendbrot zu Haus. Er sieht das ruhige Bild des trauten Zimmers mit der mildlichten Lampe – der Vater spricht – die Mutter schneidet das Brot – die Geschwister necken sich . . .

Pfüiiitt! Ein Splitter an seiner Nase vorbei. Angstschweiß. Das sinnleere Hirn durchtost wieder das aufgepeitschte Blut: Tod, Tod –

Da schreit's dort in dem Granatloch: »Kamrad! Kamrad!« Ein Verwundeter. Er reißt (wie eine Maschine kombiniert er) ein Verbandspäckchen hervor, – wirft sich neben den am Kopf Blutenden – da platzt ein Schrapnell rechts, ein Schrapnell links, ein Schrapnell hinter ihm – er läßt das Verbandspäckchen fallen . . . läuft fort. – – Kamrad! Kamrad!

Er hat sich wieder unter einen Schwarm Vorstürzender gemischt, es sind Leute der achten Kompagnie, also dritte Sturmwelle – – Der wunde Kamerad, den er im Stich gelassen, kommt ihm in den Sinn. War's feig, mitleidlos? Oder vorsichtig, berechnend, selbsterhaltend? War er denn Herr seiner Sinne, wie die Schrapnells über ihm zerplatzten? Was trieb ihn fort? Wer kann aus dem Chaos solch zerrissener Gefühle herausfinden?

»Kamrad! Kamrad!

Warum wird er den flehenden Ruf nicht los? Warum möchte er am liebsten zurückeilen?

Und rennt doch immer weiter! »Hinlegen.«

»Wir holen das Maschinengewehr da dicht vor uns halbrechts, das uns aufs Korn nimmt!« sagt er plötzlich im ganz selbstverständlichen Befehlston zu den Leuten, die neben ihm liegen. – –

»Auf!«

Da haben sie's mit der ganzen Bedienung, obgleich sie allerdings zu weit geworfene Handgranaten empfingen. Glück! Wie? Sie sind einfach drauf zugelaufen.

Weiter! Mögen andre die Panjes entwaffnen . . .

Daß sie eine besondere Erbeutung gemacht haben, kommt Arnold garnicht in den Sinn. Weiter! Wieder rennen! Wie lange schon? Sprung über von Granaten zerklaffte, verschüttete Gräben. Wieso ducken sich da noch Russen drinnen? Er wirft mechanisch eine Handgranate in die Feinde und läuft weiter.

Hinlegen hier in der Talmulde. Schon wieder Schrapnells! ' Schreie rechts, hinten, links! Neben ihm!

»Kamrad?« Er schüttelt ihn. Kalt. – – und das Lächeln . . . Ihm graust doch noch vor dem Tod.

»Hurra! Hurra! Hurra!«

Dort auf den Hügeln ragen schwarz gegen das blutige Lodern der Sonne die aufrechten, stolzen Gestalten der Kameraden.

Da läuft er noch einmal! Dort ist's zu Ende! Sieg!

Und er sieht das brennende Riga.

Als sie des Abends in die qualmende, zum Himmel die Flammenhände ringende Vorstadt einmarschieren und eine kurze Rast machen, vermag sein Stift keine Skizze aus dem heutigen Erleben festzuhalten.

Am frühen Morgen marschieren sie durch das erlöste, mädchenhelle, blumenfenstrige, geflaggte Riga, da sieht er im Vorbei, wie eine ihre Locken aus der Stirn streicht, und Edith ersteht wieder vor dem plötzlich Heißsehnsüchtigen. Er lächelt: So tief liebe ich sie, diese leise Bewegung allein ähnelt an der Fremden ihr. Und er hat es gleich erkannt.

Mit diesem Lächeln träumt er noch im Gefecht, das wieder hinter Riga beginnt.

Er erhält Befehl, geht auf Patrouille. Er kommt nicht zurück. Gegen Abend finden ihn die Sanitäter noch immer lächelnd mit blutiger Stirn zwischen bebenden lila Glockenblumen.


* * *


Hedwig, die Genesene beugt sich über Arnold, dessen Stirn weiß verbunden ist, dessen Hände mit scharfem Geäder in bleichgelber Haut auf der weißen Decke liegen, dessen blasse Lippen im Fieberschlaf immer wieder nur: »Edith« flüstern.

Er schlägt die Augen auf und sieht die wiedererblühte Schwester.

»Geh!«

Sie macht einige langsame Schritte zum Fenster. Schamrot um des verlorenen schwebenden Ganges willen senkt sie ihr blondes Haupt in die Rosen auf dem Blumenbrett.

Sie lahmt für immer.

Sein Mund wird hart entschlossen, er lächelt, aber die Augen sind ernst.

»Hedwig, wir zwei bleiben zusammen.«

»Ach, was machst Du Dir für Gedanken! Weißt Du denn, daß Dein Bild verkauft ist?«

»Das Geld ist für Dich.«

»Aber Arnold – wieso ich – die Eltern sind doch auch –«

»Nicht immer. Ich werde mir nie eine Frau nehmen. Wir werden uns einander helfen. Du darfst mit Deinem Leid nicht allein sein.«

»Und wenn ich doch die Liebe finde, Arnold?«

–     –     –     –     –     –     –    –     –     –

Er sinnt. Er kämpft.

Hedwig erinnert sich wieder seines flammend gehauchten: »Edith, Edith!«

»Ausrede!« knurrt er.

»Ich liebe heute schon und werde geliebt, Arnold!« leise webt sie diese Worte.

»Hedwig, ich – wünsch – Dir Glück!« lachte er da heraus. So befreit!

Die Schwester streichelt die erregt roten Wangen des Verwundeten.

»Guter, guter Bruder!«

Und Hedwig sieht dabei mit entsagendem Lächeln im alten grünen Park ein weißes Kloster, in dessen golden und sammetrot geschmückter Kapelle mit dünnen zitternden Stimmen singend weiße Nonnen vor dem Bilde des heiligen Franziskus knieen, des Mannes, den der Dichter Rainer Maria Rilke so schön der Armut großen Abendstern nennt.


* * *


Arnold ist vom Heer entlassen.

Die Völkersehnsucht nach Frieden rinnt durch die kriegbefreite, aber unentwirrte, härteste, kärgste Zeit.

Zwei aber sind glücklich.

Sie wissen in ihrer Heimat einen Wald, der befreiender Liebesfreude schönste Einsamkeit ist.

Dort waren Arnold und Edith eines Tages auf stillgesonntem Wege geschritten, da die Worte ausgingen und sie plötzlich vor seltsamen Mächten, die wie gewaltige Meere sie aneinander drängten, stehen bleiben mußten.

Und sie gaben sich ihre Augen und ihren Mund und den Duft ihrer Haut. Ihre Hände glitten einander leise durch die weiche Flut ihres Haares. Ihre Lippen wären am liebsten zwei nimmerwelke Rosen geworden; an dem einen zitternden Zweig, der aus Ewigkeit ragt und nach Ewigkeit neigt, und der Liebe heißt.

Im leichten, flügelwebenden Lenzlicht, im nur schwebender Worte und bebender Blicke mächtigen Liebesglück beginnt Arnold sein neues Werk, das seine armselig-schöne Heimat zum Hintergrund hat: das »Ave Maria in Oberschlesien«. Die keusche, weiße Gestalt seiner blassen, feinen Schwester und die flammenäugige, dunkellockige Geliebte im himmelblauen Gewand singen zur Glockenstunde, Hand in Hand auf einem mit Sternblümelein und rotem Mohn besäten Hügel, hinwegschauend über das neblige Dorf mit grünem Turm, dessen Kreuz im hellen Schein grell funkelt, das Ave Maria. Wunderbar wirken die heilige Ruhe im Gesichte Hedwigs und das lebendige Leuchten der Geliebten gegeneinander. Düster wehen langverwebend aus den Riesenschloten gegen die Abendröte die schwarzen Fahnen harter Arbeit. Aber auf weicher, heiterer Wolke wiegt Maria ihr Kind und lächelt in das arme, seltsam heilige Land.



Ein Schloß in Kurland

Es ist etwas Leises, Zartes, Feines . . . was man voller Liebe herzen und hegen möchte in dem Lande zwischen Windau und Aa, den schimmernd nordblauen Himmel spiegelnden, abends braunrosa erglitzernden Flüssen. Die Silberjungfern Birken tragen mit so geheimnistiefer Sehnsucht ihre traurigschwarzen Stickereien auf den schlanken, wehvoll geneigten Leibern, und es sind ihrer tausend oft und abertausend in einer Heide . . . Sie lassen ihr Laub hängen, als lösten sie in müder Verlassenheit ihr grünes Haar . . . Und jeder Wald hat einen Kuckuck zur hellen und eine Nachtigall zur dunklen Stunde. Der Kuckuck zählt die Tage – oder Wochen – oder Monate – oder Jahre – bis das Land befreit ist. Die Nachtigall aber singt ja im schwermütigsten Baum am schönsten! Wie schwellend sinkt ihr Sang hinein, wenn einsame Sonne die zu goldenen Bechern gewordenen Waldröslein hinhält. – Und nirgendwo wissen die alten Tannen von verschwundenem Märchenglanz und rauschender Ritterzeit so zu raunen wie hier . . . – Aber der rote Mohn lechzt wild am Rain wie ein lüsternes Kosakenlied. Wenn die Bäche am Abend Blut tragen, steigen dunkle, wilde Sagen aus den Wäldern herauf, und aus den toten Augen trüber Tümpel schreien Kröten, schwarze Rabenschwärme spiegeln sich oft darin. Verschmitzte Lettenhütten hie und da. Dann wieder voll offener Blumenfenster, den Storch auf dem grünbemoosten Dach, den Star in den Pappeln, ein weißes, deutsches Bauernhaus mit hellblauer Tür und hellblauen Fensterläden, die Herzen als Gucklöcher haben. – Die deutschen Dragoner und Husaren ritten doch noch schneller als die Kosaken! Nur hie und da hängt sich der Himmel in die letzten Fenster zusammengebrochener Mauern . . .

Ein Leutnant reitet durch Kurlands Heide. Sein Regiment liegt in Ruhe; der Tag ist lang, und der Wein ist schlecht. Die Kameraden haben alle schon ihren Schwarm auf dem oder jenem famosen Gute oder Schlosse gefunden. Er aber ist ein Stiller. Er reitet auf einem Rappen langsam, lässiger Zügel in die Kirschblüteneinsamkeit – waldzu . . .

Wenn man schon eine Stunde oder zwei sich so in die Einsamkeit hineinlocken läßt, dann ist es, als trüge plötzlich ein feines Sonnengeweb das eigene Herz vor einem. Doch die Spinne Alltag hockt nicht mehr darauf, sondern eine Nachtigall jubiliert in ihm. – Wundersam, wenn Natur und Seele so eins werden: wenn die Nachtigall singt, als ob sie des Einsamen Kehle hätte, und der Einsame seine Arme breitet, als wären es der Nachtigall Flügel . . .!

Der Leutnant lächelt. Neben ihm reitet das Glück auf einem blitzenden Schimmel. Er mag nicht zur Seite schauen. Er fühlt die Augen auf sich – die blauen großen, die vom Himmel geholten Augen!

Ja – – –

Er schrickt zusammen. Es ist kein Traum. Er blickt zur Seite: schlank und rosa bebenden Gewandes, wie der Abendröte über den verhauchenden Wäldern entstiegen, mit ruhigen engelstiefen Augen blickt ihn unendlich schön ein Mädchen an. Ihr Tier ist wie für sie so passend leicht gebaut.

Im von zitternden Spitzen umschmiegten Busen wogt ein werbendes Warten. Sie trägt kein Reitkleid, sie glaubte wohl niemanden zu treffen. Nun errötet sie und weiß noch nicht, daß es Liebe ist.

Seine Augen brennen in sie hinein. Seine Hände wissen nicht wohin. Er wird unruhig. Er will ihr zulächeln. Er spornt sein Pferd, das bäumt sich hoch – die Tiere berühren sich, und ihr kleiner, feiner Fuß . . .

Da sagt sie, um die webende Liebe noch einmal zu zerreißen: »Es ist ein schöner Abend heut!« Er aber hört schon nur noch die Melodie des Glückes aus ihrer schwach zitternd verklingenden Stimme.

Sie reiten. Sie schweigen. Sie denken: warum das jetzt so kommen muß in ihrem Leben. Warum sie sich nicht fremd sind . . . Sie schauen sich an und prüfen ängstlich einander, ob etwas Schlechtes vielleicht an ihnen hafte. Aber sie finden nichts. Jeder kommt dem andern, wie vom Himmel hernieder, so rein und schön vor. Einmal trennen sich in einem dunklen Drange die Hände von dem Zwang, der die Lippen und Augen und Herzen noch in Schranken hält, und küssen sich mit innigstem Druck. Dann reiten sie wieder lange still nebeneinander. Die Worte sammeln sich erst in tiefster Seele, noch zu trunken, um gesprochen zu werden . . .

Da sagt sie: »Ich heiße Paula Marie.«

Und er sagt: »Nenne mich, wie Du willst!«

Sie findet sein »Du« nicht seltsam.

Und lange beseligt ihn der Gedanke, von Blume zu Blume hüpft er, da sie gerade durch eine überblaute Wiese reiten: Sie ist erst siebzehn Jahr!

Manchmal fallen ihr die schwarzen Locken in die Stirn. Dann hebt sich mit immer derselben Bewegung die schmale, weiße Hand, vom spiegelnden Arme gleitet der Hauch des Ärmels, und feensüß legt sie jedesmal mit dem dritten Finger, an dem ein Smaragd aufblitzt, die Locken zurück. Da muß sein Auge wie gebannt dieser zauberzarten Bewegung folgen und einmal schlägt er alle Saiten auf seiner Herzenharfe an und das erklingt: »Paula Marie . . .«

Nun wechseln Tannen um Tannen schon seit einer halben Stunde neben ihnen. Das ist wie eine leise, weltfern tragende Musik: das Gleiten des dunklen, sacht wiegenden Grüns am Auge vorbei, das darüber ungestört Träume und Glücke blinken und fluten lassen kann . . .

Die Seelen weben ineinander. Es ist, als finge in leichten Goldnetzen die Luft um sie ihren Atem, Duft, ihre Blicke, den Nachhall ihrer Worte und das sehnende Glühen ihrer Leiber, sammelte sie zu köstlichem Trunk, der ihre Lippen bespült und ins Herz hinabsinkt. Sie sind ganz voll voneinander und suchen nach Namen. Aber sie können noch immer nur schweigen, wenn sie sich ansehen.

Weiß blitzt es durchs düstere Grün. Ein Windspiel springt kläffend heran. Er fährt zusammen. Sie lacht, daß alles blinkt und klingt!

»Mein Schloß«, sagt sie. »Mein Vater jagt, meine Mutter ist tot . . . wir werden allein sein. – Ich möchte jetzt singen, und Du wirst zuhören, und dann. –«

Zwei Diener und der Stallknecht kommen. Sie erklärt nichts. Die Diener staunen nicht. Prinzeß Paula Marie winkt. Da sind sie fort.

Schwarz gegen das Abendaufflammen stechen sechs Türmchen, auf dem langen Giebeldach reitend, steil in die Höhe. Auf dem Balkon purpurne Rosen. Die Fenster voll kostbarer, schwebender Gardinen. Wilde Wappen glänzen in goldener Reihe über dem eichenen, von seltsamen Zieraten durchrankten Portal. Sie führt ihn die Terrasse herauf – schmale, weiße Stufen, wie zum Himmel sinds; Efeu umspielt die schlanken Säulen der Estrade, auf der sie jetzt stehen. Rechts und links fangen von den Flügeln des Hauses in diesem Augenblick die Erker das letzte Sonnenblut auf: wie riesige, seltsame Ampeln leuchten sie nun funkelnd in den dunklen Park; das müde, grüne Auge eines von alten Bäumen umsponnenen Teiches schaut verwunschen den Leutnant an.

Sie führt ihn durch eine dunkle Galerie. Ihr Schritt ist so leicht, daß er sich fast um sie wie ein Kind um eine leise Feder bangt, es könnte der Wind sie wegtragen.

O kindische Liebe du!

Sie bleibt stehen, sieht ihn noch einmal an. Ein Dunkel kettet sie – sie berühren sich – ihre Seelen verranken; – die Hände wagen – die Häupter sinken sich zu und nichts ängstigt mehr zwischen Mund und Mund . . . Ihr vergangen und ihr kommend Selbst fällt von ihnen.

Reinste Stunde beginnt.

»Was machen wir mit uns?« fragt sie.

»Glück . . .«

Und sie lächelt und öffnet die Tür, und der Dämmer in dem kleinen Zimmer nimmt sie ihm fast fort. Doch um so seliger fühlt er ihre Hand, die ihn hineingeleitet in ihr Heiligstes . . . – Er setzt sich an den Flügel und schlägt einige Akkorde an, trunkener Seele entflossen. »O!« jubelt sie freudig, »spiele und ich singe!«

Und sie beginnt . . . Ihre Hand ruht leicht auf seinem Haupt. Er sieht mit den hellen Augen des Liebenden ganz genau wie in einem Spiegel die zarte Hand liegen. Er trägt sie wie eine Krone. Der Duft ihres Leibes aber umgibt ihn, als trüge er einen Mantel aus Meereswogen . . . Leis berührt ihre klangzitternde Brust seine Schulter. So fließen sie zusammen: ein Lied!

Die Welt verweht mit Krieg und Tod. Alle Wünsche sind erfüllt und keine Märchen mehr, alles ist dies einzigste Märchen geworden. Der Meister, dessen Lied sie singen, kommt vom Himmel und wird ein Bettler vor ihnen. Denn erst die zwei Einsamen haben sein Liebeslied zu vollster Schönheit erhoben. Das zittert mit allen Saiten inbrünstigster Seele! Und auf jauchzt's . . . Sie bangen vor dem Finale: schon?? – Und jubeln es doch heraus: zu schön!! – – – nun ist es ganz still.

Er hebt sich halb erwachend an ihr empor: »Prinzeß!« – Die ersten Tränen durchsickern das Glück dieses Wortes. Sie weinen, lachen noch einmal – küssen – weinen . . .

»Du mußt gehen!« Und es ist das traurigste Wort, das sie bis jetzt sprechen mußte. Immer kürzer zerreißen die Küsse. Die Wonnen verkriechen sich in den Winkeln, erschaudernd vor der unbarmherzigen Nacht.

Sie führt ihn selbst hinaus. Holt selbst sein Pferd.

»Noch einmal – Du –?«

»Nein – – –«

Er versteht, verzichtet, verschluchzt es in sich.

Nun lacht er sogar!

Ihr Haar ist grün im Vollmond. Ihre Hände mattblau. Sie hängen wie erfrorene Veilchen. Aber die Rose Mund blüht und glüht grell. Lockt!

»Ewig  ?« fragt er, und das Wort ist ihm ein letztes Fest.

»Ewig«, sagt sie, »ade, auf Nimmerwiedersehen, ade!«

Sie führt langsam sein Roß.

Sie führt es nicht mehr – sie ist am Weg zusammengesunken.

Er aber weiß, daß er nur noch reiten muß. In die Nacht, durch den dunklen Wald.

Er betet, daß kein Morgen kommen soll, kein Halt. Er betet, daß das sein Himmel sein soll: so – immerfort reiten, reiten – noch unberührt vom lästernden Leben die Wonne in der Brust.

Hähne durchkreischen den gelb aufdämmernden Morgen. Der Tag kriecht den langen, langen Weg entlang, zeigt dem müden Reiter das kleine Dorf, in das er zu seinem tiefen, tiefen alten Leben zurückkehren muß. Daß derselbe Tag ein Schloß in Kurland umglänzt und das Schönste weckt, ist ihm nicht möglich auszudenken.



Der erste Kuß

Leni und Erhard waren Jugendgespielen, gingen zusammen in die Tanzstunde; inzwischen ist Erhard von der Universität heimgekehrt als Doktor und Referendarius. Was war nun einfacher als daß sich die beiden verlobten? Denn daß ein jedes im Herzen des andern zu tiefst seinen Platz hatte, ging schon aus dem Einstellen des alltäglichsten Gedankens beider hervor auf ein: was wird Leni – was wird Erhard dazu sagen? Gewiß, Leni war beinahe zwei Jahre älter als Erhard. Doch, das war nur ein Geburtstag-Kuriosum. Denn wer die Beiden sah, mußte Erhard für mindestens vier bis sechs Jahre älter halten: sein brünettes Gesicht, auf dem sich Ernst und Klugheit in scharfem, Kinn, hoher Stirn und starker, gerader Nase ausprägten, in dem zwei große graue Augen von einer tiefen Erkenntnis aller Weltdinge sprachen, erheischte Achtung, ja, trotz seiner Jugend Bewunderung; dagegen Leni: ein fast immer lächelndes, von hauchrosigen Wangen umblühtes Braunguckengesicht mit dem reizendsten Schmalnäschen der Welt war überstrahlt von reiner, sonniger Kindlichkeit. Und wenn ihr die Locken im übermütigen Augenblick in die Stirn fielen, konnte man sie für neunzehn, siebzehn, vierzehn, aber nie für vierundzwanzig Jahre halten. Es gibt eben ewig junge und ewig alte Gesichter. Und es macht sich gut, wenn eines von jener Art die Frau, eines dieser Art den Mann schmückt. Und bei dem Paar, das sich festlich für immer einen sollte, war es so. Es gäbe nun an sich nichts Einfacheres, als daß die alten Herrschaften, die gute Freunde waren, die Verlobung ihrer Kinder kurzerhand vorbereiteten. Sie wurde auch ohne Geschmacklosigkeiten und mit Vorsicht eingefädelt. Trotzdem ergaben sich Schwierigkeiten genug von denen die Außenwelt allerdings wenig zu ahnen bekam. Schon jetzt sei zur Beruhigung gesagt, daß die Verlobung zu stande kam und die Beiden auch überglücklich wurden. Nur aber lasse man mich auch in Ruhe erzählen, was alles an sonderlichem Drum und Dran sich hierbei zutrug.

Erhardchen, zwar Korpsstudent und Leutnant d. R., aber doch noch ein zahmes Jüngchen als Werber. Mit seinem zierlichen Seidenhut in der Hand, deren Zittern noch der weiße Handschuh verstärkend wirken ließ, stand er an der Tür des guten Zimmers, wo ihn erwartend die Eltern Lenis saßen, mit einem Gesicht: Ihr wißt ja, daß ich sie lieb habe, warum quält Ihr mich? – Aber es half nichts. Herr Berchthold sagte, als wäre er ganz ahnungslos: »Na, mein Junge?« Und da setzte sich Erhard hin, ehe er aufgefordert war (das war unschicklich, aber es gibt Augenblicke, da der Edelmann in uns vor lauter Aufregung in Stücke geht), der Seidenhut rollte über den Tisch hinweg Frau Berchthold auf den Schoß. Erhard stieß ein entsetztes O! hervor. Frau Berchthold streichelte Erhards Arm beschwichtigend, die Hände in den weißen Handschuhen fingen ein Wettrennen eine um die andere herum an, noch einmal überflog, nein überraste Erhard die sich selbst schon hundertmal wiederholten Werbeworte. Gott sei Dank, es fehlte keines in seinem Hirn, und nun legte er los! Er hatte immer vor dem einen Angst: wie er die ganze Geschichte betonen sollte . . . Er mußte doch Eindruck machen. Sein Schwiegervater mußte sagen: »Das ist ein Kerl, der hat Schneid.« Und nun fing er an, seine Stimme bebte, sie war schmelzweich wie nie . . . denn auf ihr lag der tiefe Ton Liebe, der uns in hohen Stunden aus dem Herzen dringt und die alltäglichsten Worte mit einem Zauber umhaucht, der den Härtesten rührt. Frau Berchthold war auch, als Erhard aufschauend (bis dahin hatte er andauernd das Stickmuster der Decke betrachtet) endete, dem Weinen nahe. Herr Berchthold schluckte . . . und holte seine Tochter. So war die Werbung in fünf Minuten erledigt. Man hatte schon auf die Formensache verzichten wollen. Es war aber doch ganz gut. Man spricht nicht gern von seiner Liebe zu andern, wenn man nicht muß. Erhards Schwiegereltern hätten vielleicht nie den tiefen Ton Liebe vernommen. Nun wußten sie: Leni wird glücklich. Das Mädchen kam. Ein zages Ansehn, ein Lächeln. Die Alten standen mit Absicht abseits. Sie dachten im Stillen: Nun kommt's . . . Aber die Beiden küßten sich nicht; denn Leni konnte es noch nicht. Erhard berührte nur einmal scheu ihren rechten Oberarm. Da zuckte die kleine Mimose.

In diesem Augenblick kam auch Klein Günther angestiefelt, der Vetter Lenis.

»Leni hat sich eben verlobt«, sagte Herr Berchthold.

»So? Na, ich gratulier«, schrie der zehnjährige Kavalier. Und gleich dahinter: »Du, Leni, im Tiergarten geht der Wärter zum Nilpferd in den Käfig.« Es wird nicht sobald jemand kurz nach seiner Verlobung von einem Nilpferd gehört haben. Jedenfalls lachte alles, und dieses Lachen legte den Grund zur fröhlichen abendlichen Feier, denn gerade traten auch Erhards Eltern ein.


* * *


Lenis Ausdruck von Zärtlichkeit bestand vorläufig in Stößen mit ihren kleinen Fäustchen, die sie Erhard in Arm und Seite puffte. Erhard fing die Händchen auf und küßte sie. Eines Tages steckte er ihr ein Briefchen zu, darin fragte er, ob er sie nicht einmal auf den Mund küssen dürfte. O Gott, nun ist es so weit, dachte Leni. Nun ist die schöne Zeit aus, nun wird er mich packen wie ein Othello und mir die Rippen brechen und seine Zähne in meine Lippen quetschen. O!

»Heute schon?«

Die Beiden saßen sich im Berchtholdschen Wohnzimmer am Tisch allein gegenüber. Leni hatte eine kleine Stickerei unter den Händen.

»Na, wir können ja die Kußsperre auf einige Tage verlängern«, meinte Erhard. Leni lachte über das Wort Kußsperre hell auf: »Du bist zum Schrein!« Und sie schrie auch wirklich vor kindlichem Vergnügen. Überhaupt war sie voller Natürlichkeit. Ihr war es ganz unmöglich, etwas anderes zu tun als was ihr Herz befahl. Nie machte sie sich etwas nachsinnend klar. Sie befolgte den Drang ihrer Gefühle.

»Wollen wir abmachen, daß Du mir den ersten Kuß gibst, nicht ich Dir.«

»Ja, Hardchen! Ach, mir ist die Uhr stehen geblieben . . .«

»Gib her, mit deinen zierlichen Nägelchen kannst Du die Zeiger nicht stellen!«

»Willst Du?« Und sie schnallte ihr silbernes Uhrarmband ab.

Aufmerksam mit leuchtenden Augen voll kindlicher Liebe sah sie Erhard zu, wie er die Uhr stellte. Und dann . . . er reichte sie ihr nicht über den Tisch, nein, er kam selbst auf sie zu . . . nun will er mich küssen, nun will er mich küssen, malte es sich ängstlich auf ihrem Gesicht. Erhard sah es und war schalkhaft genug, sehnsüchtige Augen zu machen.

»Das Ärmchen bitte! Ich leg es Dir wieder um.«

»Kann ich nicht?«

»Hast Du Angst?«

Die Frage war überflüssig, denn Leni hatte Riesenängste auszustehen, aber sie sagte: »Nein.« Und reichte auch ihren Arm hin, dankend: Vielleicht besänftige ich ihn so etwas. Erhard legte ihr ganz ruhig das Uhrarmband um und ging wieder auf seinen Platz zurück. Er mußte lächeln, wie er ihr den Rücken kehrte. Leni machte das klügste Gesicht nicht. Als er ihr wieder gegenübersaß, sah sie verdutzt zu ihm hinüber. In Ihrem Gesicht drückte sich, ihr selbst vielleicht ganz unterbewußt, eine kleine Enttäuschung aus.


* * *


»Weswegen mag man sich heiraten?«

»Nun, Ihr heiratet, damit Euch die Frau die Wohnung schön hält und kocht und pflegt und mit Euch ins Theater geht und Wein trinkt und – und – sie muß wohl auch manchmal küssen, aber nur manchmal – so nebenbei! – ja, zärtlich sein, das will ich immer, ich lehne mich gern an deine Schulter, und ich streichle Dich auch – – nur – – jaa – –«

»Und wenn gerade dem Mann das Küssen die Hauptsache wäre? Ich will Dir gleich sagen, das es solche Männer gibt.«

»Aber wie kann das sein?«

»Glaubst Du nicht? Es ist doch schließlich der Beweis der Liebe?«

»Ach geh.«

»Für Dich nicht?«

»Ja, ja, es ist mal so üblich, aber –«

»Weißt Du, was ich jetzt tun müßte, wenn ich ein richtiger Bräutigam wäre? Ich müßte mich entloben.«

Leni macht große Häschenaugen. Ganz banggroße. – –

»Aber da bist Du ja kein richtiger Bräutigam, denn entloben wirst Du Dich nicht . . .«

»Nein.«

»Da bist Du ja unnormal?«

Erhard lachte: »Vielleicht. – Ich habe Dich eben so lieb, daß ich auch das Küssen vermissen kann, wenigstens einige Wochen wird es noch gehen. Wäre ich aber ein Hitzkopf, dann würde ich vielleicht jetzt mit der Faust auf den Tisch schlagen und –«

»Ja, ja, tu's doch endlich!« schrie Leni, darauf habe ich immer schon gewartet. So habe ich mir die Männer gedacht. Deswegen wollte ich auch nie heiraten. O!«

»– und hinausgehen. Ich habe Dich aber sehr lieb, Lenie.«

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –

»Liebster?«

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –

Ja?«

Die Uhr tickte. Die Abendglocken gingen. Sonst nichts . . . Zärtliche Dämmerung umzitterte zwei Menschen, deren Augen nur noch einander zuleuchteten. Hell und freudig . . . Zwei Hände fanden sich über den Tisch.

»Erhard – soll – ich – Dir – jetzt – einen – Kuß geben?«

»– –?«

»Aber ganz leise tu ich's nur.«

»O ja, Liebste, ganz leise – –«

Leni stand auf und schritt auf ihn zu. Wie eine Löwenbändigerin fixierte sie ihn, ob er auch nicht im letzten Augenblick aufspränge, sie umklammerte – – um Gottes-willen. – – –

Er saß aber ganz ruhig da und wartete . . . Da neigte sich das feine Antlitz zu ihm nieder und drückte einen kurzer scheuen Kuß auf seine Lippen.

Dann huschte sie wieder flugs auf ihren Platz zurück und sah ihn bang an: »Ich glaube, ich habe es schlecht gemacht –«

Erhard schüttelte fast unwillig den Kopf, nicht nur um zu verneinen, sondern auch um seinen Tränen zu wehren. Denn er wußte, solch einen kindsüßen reinsten Kuß hatte noch keiner erhalten.

Und Erhard erhob sich, ging auf den Zehen zu der kleiner Heiligen und drückte einen ganz leichten Kuß auf ihrer lächelnden, rosenblattweichen Mund.



Ballade

Als die Liebenden von ihren langen seligen Küssen erwachten, verträumt, gesenkten Hauptes, armverschlungen aus dem kleinen Parkhäuschen hinaustraten und mit leichtem Schritt über den glatt verschneiten, von Silberbäumen umeinsamten Weg dahingingen, mußten sie plötzlich aufblicken.

Das Schloß brannte!

Sie liefen und sie sahen, daß alles aus sei. Sie warfen die jäh verstörten Gesichter einander an die Schultern und bald waren sie wieder in die Wonnen versunken, die auch in dieser Stunde aus ihrem Leibe süß strömten . . .

Als sie sich endlich voneinander lösten, waren sie mit dem Gedanken vertraut, daß sie Eltern, Geschwister, Freunde, Geld und Gut verloren hatten.

Langsam schritten sie zum geborstenen Schloßtor hinaus.

Sie gingen und gingen; die Liebe im Blut war der einzige Trost. Ein Brot, das die Bolschewistenbande verloren hatte, fanden sie. Sie aßen es gefühllos, es war ganz schneegetränkt. Dann, schon im wilden Walde, fanden sie einen Pelz. Sie zogen ihn gemeinsam über die Schultern und lächelten nun sogar ein wenig, weil sie noch enger geschmiegt wandern durften.


* * *


Jetzt ist um einen weißen, weichen Hügel das sanfte Lilarot scheidender Wintersonne. Die russische Heide silbert glatt und gleiß, hie und da im Abend golden leuchtend . . .

Auf dem Hügel stehen die Liebenden. Der Wind weht milder, und der Abendstern zittert über ihnen. Den Liebenden kommt der kindliche Glaube, dort seien all die, die ihnen lieb waren. Und der Abendstern wartete, auch ihre Seligkeit zu umblühen. – – –    

Inbrünstig wonnevoll schauen sie zu ihm empor! – – –


* * *


Schwarz wälzt's und wogt's über die silberne Heide . . . Murrend, kreischend; knarrende Wagen, klappernde Geschirre! Schrilles Lachen.

Plötzlich erstarrt der düsterwilde Zug. Steht und schweigt. Sie sehen alle die verklärten Gestalten der Liebenden.

Langsam, demütig, immer wieder unsicher stockend setzt sich der Zug in Bewegung. Jetzt kommen die ersten an den Liebenden vorbei. Warum entreißen sie ihnen nicht den Pelz? Warum durchsuchen sie die Verklärten nicht nach Gold?

Nein, jeder greift in seine Plündertaschen und wirft etwas vor dem Hügel hin. Gold, Brot, Kleidung.

Scheu aufblickend, schweigend gesenkten Hauptes mit eingezogenen Schultern weiter wandernd . . .

Die Liebenden schauen verwundert auf den andächtigen Zug und sehen die Opfer zu ihren Füßen sich häufen.

Sie nehmen nur ein wenig Brot, ein wenig von den Kleidern und eine Handvoll Gold.

Sie wandern in die sternfrohe Nacht und finden in ihrem Glück auch eine abgelegene Scheune, in der sie friedsam schlafen können.

s

Schnee

Sie waren aus Davos zurückgekehrt. Ihr Haus grüßte sie von Grün umschmiegt und schwalbenumflogen! Milde Tage, deren jubelndes Blau zarte Sonne durchzitterte, hatten die ganze Rückreise lang das voll Heimweh ersehnte Deutschland überhaucht, so daß sich in die Heimkehr gar keine Trauer um den verlassenen südlichen Frühling mischte; hier war ja auch schon alles lind und leis . . . Und heimatlich dazu!

Als sie den Garten, wo allerorts die Knospen äugten, durchschritten, küßte der Mann, ein blondblauer Recke, innig die zu blau geäderte, zu weiße Hand seiner schlanken, aber auch kranken Frau. Denn ihre braunen Augen träumten groß und kindlich geweitet in den Vorfrühling hinein. – – Kranke lieben sehr Tage, in denen alles erst nur zag zu leuchten und zu lächeln wagt . . . Die sind schwesterlich zu ihnen in ihrer Einsamkeit. »Da kann ich ja auch mein helles Kleid noch einmal anziehen! Und den Hut mit den weißen Rosen aufsetzen, nicht wahr, Karl?« »Mein Zartes ist wieder eitel geworden!« »Du . . .! und wenn es irgendwie geht, läßt Du am ersten Osterfeiertag anspannen und wir fahren zu Brandts hinaus, ich möchte Tilla wiedersehen . . .« »Wir müssen schaun, ob das Wetter so bleibt gern, Liebling!« »Ja, es muß aushalten! Ich freue mich so . . .«

Karl kamen die Tränen fast: O Ärmste! Himmel, erfülle ihr Hoffen!


* * *


Es schien so zu bleiben. Ostersonnabend war es bereits, und Finken und Amseln jubelten aus dem nahen Walde herüber, der mit blitzenden Wipfeln sprühte! Horch! Auch Frau Hanna summte ein Liedchen vor sich hin, während sie ihr Kleid für morgen zurechtlegt und wie ein erwartungsvolles Kind streichelt. Man nannte sie immer »Frau Schneeglöckchen«, wenn sie in früherer Zeit das Kleid trug, ach, noch vor einem Jahr . . . ja, da war sie noch gesund . . . dann plötzlich . . .! Der Ritt im Gewitter, das lange Lager, die müde Fahrt nach Süd . . . Doch nun fühlt sie sich froh und frisch! Sie fährt wieder verträumend über das weißseidene Gewand, das frühlingsgrüne Borten und Gürtel hat. Sie tritt vor den Spiegel und hält das Kleid lose vor ihre Gestalt: Ja, es steht ihr noch immer! Ei, sieh, ihre Wangen leuchten sogar ein wenig rosig!

O, und das Wetter hält nun schon acht Tage lang so mild und sonnig an: es wird doch Ostern nicht verderben?

Sie hört Karls Schritte. Sie fliegt ihm lachend entgegen, da er die Tür öffnet, er hält die fast Atemlose in den Armen . . .: »Aber Kind, Du weißt doch, Deine Lungen! Wie kannst Du nur? . . .« »Ach, Liebster, laß mich ein wenig übermütig sein! Ich bin ja so voll Freude, morgen wieder ausfahren zu können, in einem schönen Kleide lachend unter lieben Menschen sitzen zu dürfen . . . O Leben! Leben! Leben!!«


* * *


Die Auferstehungsnacht war voller Wolken, der Ostermorgen warf Hagel in die junggrünen Gärten. Schwalbensang verstummte. Dicke Flocken sanken, sanken, sanken. Das Land war blaß, der Himmel fahl. Hanna hatte noch die Augen geschlossen und lächelte – gewiß sah sie einen frühlingsfrohen Ostertag im Traum – – –; aber Karl lag schon wach neben ihr, hatte längst die jähe Verwüstung der Frühlingsmilde gesehen und bangte nun, daß sein Weib nicht zu sehr erschrecke. – O schliefe sie doch weiter! – Bis wieder über dem Grün güldene Strahlen zitterten!

Doch jetzt – sie dehnt sich, hebt sehnend die Arme, öffnet die Augen, erschaut mit irrem Blick den düsteren Vorhang am Fenster. – – –

»Karl?!!«

Er nickt traurig. Da springt sie auf, eilt, ehe er's verhindern kann, ans Fenster, reißt den Vorhang weg, schreit auf, schlägt die Fäuste gegen die eisblumigen Scheiben, daß diese zerklirren, und bricht mit blutenden Händen zusammen.

Das Mädchen springt entsetzt herzu. Man trägt die Bewußtlose ins Bett zurück. Der Arzt ist auch bald da, schüttelt ernst den Kopf. Röchelnd atmet die Bebende.


* * *


Osterfeiertags abends. Ein bleicher Mann nimmt sein totes Weib, kleidet es in ihr frühlingsleises Kleid und kniet nieder. Draußen sinken noch immer Flocken um Flocken. Düsterer Dämmer, heulender Sturm. Keiner glaubt heute an Auferstehung. Nur die tote Frau lächelt . . . Ihre letzten Gedanken hatten von Frühling, Lachen und Schönheit geträumt. Dieses Lächeln ist das Einzige, was der weinende Mann von den leuchtenden, hoffnungsvollen Vorfrühlingstagen übrig behält.



Die Amsel

Es ist vor Verdun im Mai 1916, wo die Tage jede Sekunde mit dem Hammer des Todes zählen, der mit harten, zauberhaft fliegenden Händen wütiger und gewaltiger als der wilde Donar die Stellungen hüben und drüben benagelt. Noch gräßlicher aber fast als diese 28 Zentimeter und 42 Zentimeter dicken Nägel, die um uns bersten, wirken die spitzen Nadeln, die er in unsere Nerven treibt. Wenn ihm wirklich für ein oder zwei Stunden oder nachts eine Weile länger noch die Erschlaffung überkommt, dann läßt er in unseren Seelen noch immer die dröhnende Pein nachklingen, und die niederträchtige, hinterlistige Arbeit des Nervenstechens muß ihm auch dann noch Spaß machen. Man sieht ihn neben sich sitzen im eleganten Frack mit weißer Binde, mit blassem, übermüdetem Gesicht, und mit seinen langen, knochigen Fingern greift er lässig nach einem grinsenden Teufelskopf, der vor ihm mit schauderhaft glotzenden Augen liegt und wie ein Kissen aberhundert Nadeln aufgesteckt hat. – In diese Hölle sollen wir wieder hinein. Die goldenen Teufel, wie wir die Granateinschläge bei Nacht nennen, springen wieder umher. Hundert kann man rings zu jeder Sekunde zählen, wie wir jetzt die Anhöhe überschreiten. Als hätten beide Gegner in plötzlicher Laune ein Sommerfest verabredet, springen in beinahe regelmäßiger Reihenfolge bald hier, bald da die weißen Leuchtkugeln auf und schwimmen in einem grellen Meer von Licht, als wollten sie im kleinen das Weltall mit seinen kreisenden Sonnen darstellen. Jetzt weitab, fern in den Argonnen muß es schon sein, schießen sechs rote Leuchtbälle hintereinander in die Höhe. Links vor uns steht eine grüne, aus der plötzlich zwei silberne Sterne fallen . . . Als wären es Preisrätsel der Stäbe, beschäftigt man sich mit der Bedeutung der Lichtzeichen.

Wir nahen uns einem Wäldchen. Der Mond bläst den letzten Wolkenflaum von seinem Antlitz. Heute hat die Nacht all ihre Ordenssterne des seligen Friedens angesteckt. An jedem hängt wohl eine Soldatensehnsucht, die von dieser tosenden Erde in die blaue Stille die ohnmächtigen Hände hebt. Wie weiche Samtbaretts gütiger Erdgeister liegen die dunklen Haine rings. Aus dem Schutt von Bethincourt glänzt, noch ein unversehrt gebliebenes Häuschen, so verträumt und das glitzernde, die Fenster umrankende Weinlaub macht es so lebendig. Irgendwoher kommt Veilchenträumen . . . Dieser Duft hängt sich bei Nacht an jene silberzarten Nebelfrauen, die mit sanften Schritten über die Wiesen schweben. Und eine Amsel singt von Liebe und Heimat und geheimnisdurchflüsterten Nächten . . . Jetzt schreiten wir durch das Wäldchen. Sie schweigt. – Im nächsten Augenblick – sitzen ein paar Granaten in den Tannen. Pause – da wieder krach! – Einer schreit auf! Krach! krach! krach! Die Leiber drängen aufeinander. Wirre Menschenknäuel entstehen. Alles fliegt, stürzt, stolpert, springt zwischen den Baumreihen – hinaus, hinaus aus diesem Teufelswald! –

Da wir abgelöst werden, scheint auch der Mond, und die Amsel singt. Und wieder schweigt sie, da wir hindurchschreiten. Und wieder merkt es der feindliche Artilleriebeobachter im kaum 150 Meter entfernten Graben. Und wieder fordern die Granaten ihr Opfer.

Wie wir zum zweiten Male wieder in dieselbe Stellung nach vorn müssen, beängstigt uns schon von weitem das Tiutiu der Amsel. Jetzt hat es etwas Falsches, Feiges, Verräterisches an sich. Und als wir am Waldrand sind, machen wir Halt.

Da schickt der Leutnant unser drei in den Wald. Wir spüren die Amsel auf. Im Mondlicht sitzt sie auf einer Astspitze. Ihre Äuglein blitzen so treu. Ihr Lied läßt all das Unheil, das sie schon gebracht, vergessen – so schön ist es!

Doch da hatte mein Kamerad schon angelegt. Ein Knall. Sie fällt. Stille.

Und nun gibt es wieder Granaten – doch wir sind schon aus dem Wäldchen heraus bei der Kompagnie. Zwischen meinen Fingern sickert das warme Blut der toten Amsel.



Am Brückenwinkel

Am Brückenwinkel wohnen nur arme Leute. Die Häuser haben da die rissigen Dächer wie alte, schiefe Hüte ins Gesicht gedrückt, und ihre Fenster sind wie trübe, hohle Augen, denen Lenz und Sonne fehlen. Ein schmutziger Bach läuft dort. Darüber geht eine alte Brücke. Auf der poltern alle Tage die müden Schritte der Hausväter und jungen Burschen, wenn sie früh in die große Stadt zur Arbeit ausziehen und abends heimkehren. Und der Karren der Äppelliese rollt alle Wochen einmal darüber und das Wägel vom Lumpenhannes auch alle zwei, drei Tage. Sonst ist es still da, denn die vielen Kinder sind, kaum von der Schule heim, schon wieder in der Stadt drin; dort tragen sie Zeitung oder helfen Kohlenschippen und eins schuftet da und eins dort ein bißchen. Und wenn abends alle daheim sind, dann wird es auch nimmer laut dort, dann sind alle so müde. Höchstens, daß sich einmal zwei zusammentun und von Kummer und Leid klagen.

Auf der alten Brücke steht an dem einen Ende auf hohem Pfeiler die Muttergottes mit dem Jesuskinde. Vor dem ziehen die Männer alle die Mützen, und die Frauen machen drei Kreuze, und die Kinder knien wohl gar nieder.

Da passierte es, als der Frühling sich die eine Nacht auch auf eine Weile in die alte Linde vor des Lumpenhannes Tür gesetzt und flugs die Blättlein angehangen hatte, als schon ein lauer, feiner Wind durch die Gasse schlich und heimlich kichernd die kahlen Blumenstengel an Äppelliesens Fenster kitzelte, daß einer in das erste Haus gleich an der Brücke, das dem Taglöhner Mertens gehörte, oben ins Giebelstübchen zog, – – – der war wohl nicht ganz richtig. Das war so ein verrückter Musikus, der fiedelte und diedelte den halben Tag lang auf seiner Geige. Aber fein spielen konnte er, so daß es manchmal selbst denen im Brückenwinkel ankam, stehen zu bleiben.      – – – Und der Mertens und seine Jungen waren heute schon nicht mehr in die Arbeit gegangen, sondern haben den ganzen Tag zu Hause gesessen und dem Fiedel-Diedel dort oben zugehorcht. Und was die Bitterseichten, die geradeüber wohnt, der Äppelliese, als die vom Markte heimkam, erzählt hat! Die hat doch gesehen, wie die Mertens dem Hungermusikanten ein ganzes Mittagbrot geschenkt. Als wenn die's so hätten! »Möcht' sich mir gerade, von meinen paar Kreeten noch so een Faulenzer freezen!« hatte die Äppelliese drauf gebrummt. Dann war sie weitergerollt mit ihrem Wagen, da ging ihr schon wieder im Kopf herum, was sie heut abends wohl essen sollte.

Und am Abend, da standen alle Kinder vor dem Fenster, hinter dem der Musikant geigte.

Im schwarzen Bach spielten die Sterne vom Himmel mit goldenen Bändchen, und der Mond hatte der Muttergottes einen feinen Silberschleier umgehangen, und es war nun, als wenn die Muttergottes lächelte. –- – –

Um die Stunde spielte der Musikante oben eine wunderfeine Weise. Der Musikante stand im Dunkel seines Stübchens, niemand sah ihn. Mit bleichen, dünnen, seeledurchzitterten Fingern koste er die Saiten und mit wonniger Milde ließ er den Bogen darüber streichen – – – Daraus wurde ein schönes, schönes Lied und seine Lippen hingen wie küssend den Klängen nach, die durchs offene Fenster flogen. – – – Und seine Augen sahen dieweil flehend die lächelnde Muttergottes auf dem Brückenpfeiler an, die gerade in sein Fenster schaute.

Der Musikante spielte ein Gebet. Das wußten die unten, die alle so still staunten, nicht, aber es packte sie geheimnisvoll schön.

Verzeih! bat er die lächelnde Muttergottes.

Verzeih!

Da stand die Muttergottes ganz im Mondschein und lächelte ihm nun zu. Und da lächelte auch der Musikante. Und sein Lied lächelte auch. Immer vergessener stand er da, und sein Gesicht wurde immer seliger, freudiger – glücklich sah der Bleiche aus!

Und seine Geige jubelte. Seine Geige. Wie lange hatte er die Saiten entbehrt. Tausend Lieder hatten ungesungen sein Herz erfüllt. Die konnte er nun alle, alle singen lassen. Alle!

Wie hatte er sich gemüht und gearbeitet, um soviel zu verdienen, daß vielleicht auch einmal etwas für ein Saitenspiel übrig bleibe. Aber von solchem kargen Lohn – – – Nie hatte er bis jetzt eine Geige besessen. Gelernt hatte er, so schön zu spielen, heimlich in Sommernächten, im düstern Schulzimmer auf des Lehrers Geige.

Doch er mußte einmal eine Geige haben. Eine eigene! Und jetzt endlich hatte er sie.

Wie er darüber jubelte, der Musikante! Er hatte die Tage jetzt ganz vergessen, zu arbeiten. Lieber gehungert! Um nur Geige spielen zu können. Aber jetzt wollte er noch einmal so freudig an die Arbeit gehen. Wird doch immer die Freude seiner Hände zu Fleiß und Eile jagen, seine Freude auf den Feierabend, auf seine Geige.

Das wird ein Leben werden, lachte die Geige – – – Das wird ein Leben werden!! – – –

»Platz!!«

Ein Polizist, ein feiner Herr auf der Brücke. Die Kinder schreien, die Leute schauen verwundert. Eine Gasse zu Mertens Tür wird im Haufen. Allen kommt eine Ahnung: der Musikante – – –          

»Jetzt ham wir'n!« sagte der Polizist. Dann klopfte er an Mertens Tür. Die zwei, der Polizist und der feine Herr, gingen ohne Antwort auf die Frage des öffnenden Mertens, was sie wollten, hinein. Oben der Musikante spielte weiter – – – das wird ein Leben werden!!! – – –

Da bricht plötzlich das Lied ab. Auf einmal fliegt die Geige durchs Fenster in den Bach. Der Musikante kommt zum Haus hinausgejagt mit wildem Haar, Tränen in den Augen und schreit, auf die Muttergottes zeigend: »Sie hat mir verziehen, ihr nicht, ihr nicht!« Dann ist der Musikante auf der Brücke und dann, und dann auf einmal im Wasser. – – –

Stille wirds jetzt wieder am Brückenwinkel. Die Muttergottes lächelt noch immer im Mondenschein. Zu ihren Füßen wiegt im leichten Wellenschlage die gestohlene Geige.



Die Rache

Frau Agnes Mellenthin war eine Base Herrn Kurt Carnos; dessen Mutter hatte einst die fünfzehnjährige Agnes, als diese durch die Cholera am gleichen Tage die Eltern verlor, in ihr Haus aufgenommen, wo das junge Mädchen im Kontor des Engrosgeschäftes so fleißig half, daß die alte Frau Carno beschloß, Agnes einen Teil ihres Vermögens erben zu lassen, so als wäre sie ihr eigenes Kind. Auch der damals zwanzigjährige Kurt betrachtete Agnes bald wie seine leibeigene Schwester, ja, er schenkte ihr viel liebe Worte, war höflich und liebenswürdig und hatte dann und wann zarte Überraschungen für die erblühende Schöne, so daß im Personal das Raunen ging, die beiden würden noch ein Paar. Nie hat indes jemand etwas Bestimmtes zu sagen gewußt, jedoch merkte man bald darauf, daß Kurt Carno eine Falte zwischen den Augenbrauen hatte, die auch nicht wich, als er sich nicht lang darauf zu manches Erstaunen mit der reichen Mathilde Franken verlobte. Tatsächlich ist auch kein Wort zwischen Kurt und Agnes gefallen. Aber eines Tages hatte sein jäh erflammter Blick in den Augen Agnetens gesucht und kühle Abneigung darin gefunden. Das genügte.

Die alte Frau Carno hatte mit ihrem Sohn von ihrem letzten Willen für Agnes gesprochen. Kurt war nun, als er in der Liebe nicht das Ersehnte gefunden hatte, die Geldgier überkommen, ihn wurmte es, daß Agnes ihm auch noch das halbe Erbe entreißen sollte, obgleich sie es redlich ob ihres Fleißes und ihrer Sorgfalt verdiente. Mürrisch, voller wühlender Gedanken, schritt er alle Tage durch das Kontor, dem er als Haupt vorstand, seit seine Mutter zu altersschwach geworden war. Wenn er an dem Pult vorüberkam, an dem Agnes saß, verfinsterte sich sein Gesicht zu teuflischer Fratze.

Eines Tages suchte er wegen eines nichtigen Versehens scharfen Händel mit Agnes, sie ward unwillig, er gebrauchte harte, ja gehässige Worte, sie sah ihn erstaunt an –, wußte bald, was die Stunde geschlagen, warf die Arbeit hin und floh ratlos an die Brust Hermann Mellenthins, des jungen armen Schriftleiters vom Kreisblatt. Kurt Carno begab sich scheltend zu seiner Mutter, ließ sich aber beschwichtigen, alles schien wieder im alten Geleise. (Er wußte, daß er Agneten zu ungerecht angelassen und zu hart beleidigt hatte, als daß sie wiederkehrte. Sein Haß triumphierte! Sie würde trotzen und –.)

Er hatte recht Agnes kam nicht zurück, sondern blieb bei der Mutter Mellenthins, mit dem sie sich noch am gleichen Tage öffentlich verlobte. Frau Carno sah nicht mehr klar in diesem Streit, sie hielt in greisenhafter Kurzsichtigkeit und natürlich-eigensinniger Mutterliebe Agnetens verletzten Stolz für Hochmut, auch paßte ihr die Wahl Agnetens nicht; und als diese ihr auf die nochmalige Bitte, heimzukehren, sagen ließ, sie hasse den Sohn, bat die Alte den Rechtsanwalt zu sich und stieß ihr Testament um.

Kurt ward Alleinerbe, heiratete, seine Tochter war Dorothee.

Auch Hermann Mellenthin und Agnes Weingärtner machten still Hochzeit. Ihr Sohn aber war Viktor Mellenthin, der Dichter.


* * *


Viktor ist in aller Welt gewesen, nachdem er schon mit fünfundzwanzig Jahren durch ein begeisterndes Drama reich geworden war, hat manche Frau geküßt und steckt überhaupt voll seltsamer Erlebnisse, als er heimkommt. Furchen und Kanten trägt seine junge weiße Stirn, im schwarzen Haar flimmern ein paar weiße Pünktchen, die Augen sind groß, gelassen, ernst und ein wenig schalkhaft selbstironisch, beobachtend sind die dunklen, buschigen Brauen hochgezogen, die sich manchmal in der Freude oder bei tiefen Gedanken wie ein schlankgefiederter Falke emporschwingen! Scharf gerissen die harte, gebogene Nase. Darunter blüht ein kleiner, weicher Mund, der nur in den Winkeln ganz kurze, straffe Striche zeigt. Braune Wangen spannen sich über die festen Backenknochen. Das Kinn sticht hervor. Die Hände sind sehr musikalisch in ihren Bewegungen, das Schreiten ist ohne Würde und doch ungemacht selbstbewußt. Die Brust breitet sich, so weit sie es vermag, der Leib ist schmiegsam und von fast frauenhaften Formen. Der ganze Mensch eine feine, junge Eiche.

Jubelnd und heiß begrüßte ihn die Mutter, stolz der Vater. Es ist Frühling. Die Gärten der kleinen, bunten Stadt sind von erstem Grün überweht. Es ist Mittag. Hoch und selighell steht die Sonne und die Glocken läuten das Herz voll Heimat. Wortlos aneinander geschmiegt schauen Mutter und Sohn über Tulpen und Hyazinthen hinweg durchs offene, fröhlich mit den Scheiben blitzende Fenster auf die gegenüberliegenden, in den seidenblauen Himmel glanzvoll gerissenen Firste, von denen überall schöne, schwarze Schwalben singen.

»Nachmittags gehe ich wohl zu Carnos Guten Tag sagen?« 

»Ja, mein berühmter Junge!« – – –         

Dorothee, die Blaublonde mit den Pfirsichwangen und dem süß erblühenden Leib, erwartet voll kindlicher Sehnsucht den Vetter, der ihr dann und wann einen schönen Brief aus Italien, Argentinien oder Ceylon geschrieben hat. Nun steht er vor ihr. Auch die alten Carnos schauen ihn begeistert an: Ein schöner, schöner Mensch!! ganz vergessend, wer er eigentlich ist. Er holt die »Mitbringe« für Dorothee hervor. Ein gräßlich schwarzer Käfer, an einer leisen goldenen Kette hangend. Ein Künstler unter den Negern hatte den Käfer aus einem exotischen Stein geformt. Kühn legt der Dichter den seltsamen Schmuck um Dorotheens Hals. »Meiner lieben Brieffreundin«, flüstert er dabei. Die dünne Kette streichelt den fehlerlos schlankweißen Hals, der gräßliche Käfer kriecht zwischen die jungen Brüste und äugt nach Dorotheens reinem Herzen.

Einige Tage sind vorbei, heimliche Briefe fliegen hin und her. Ein knospender Rosenstrauch in Carnos Garten ist der selige Briefkasten der Liebenden, die sich die süßen Grüße nachts oder in aller Frühe holen.

Nachtigall singt. Mond kommt groß und voll über die abendglockenverklingende Stadt. Dorothee hat ein sachtseidenes, hellrosa Kleid an, hat tief sehnsüchtige Augen und Hände, die sich nur mit Gewalt des Verstandes zurückhalten lassen, daß sie sich nicht entgegenbebend heben . . .

Carnos haben Mellenthins eingeladen. (Es besteht eine lose, äußere Freundlichkeit, auch etwas Reue mischt sich von Carno aus in das Verhältnis.)

Die Kinder stehlen sich vom Gartentisch, auf dem die Lampe maikäferumschwirrt in den dämmernden Garten friedsam leuchtend träumt, zur Rosenhecke weg. Sie schauen sich in die Augen. Sie lächeln. Viktors warme Hände gleiten über Dorothees kühle Oberarme. Sie spürt es heiß, zuckt, er küßt, sie vergeht.

Morgen und übermorgen küssen sie sich noch heimlich, himmelselig ist Dorothee! Singend von früh bis spät eilt sie durchs Haus und Garten leichten Schrittes wie nie, lachenden Auges und übervollen Herzens.

Dann hängt ein Brieflein in der Rosenhecke. Viktor ist plötzlich nach der Hauptstadt fortgereist. Sie solle ihm verzeihen, die Kunst riefe, er hätte sich aber schwer losreißen können bei einem Abschied, sie solle nicht böse sein, er käme wieder, und dann – – –!

Und nun überschüttet sie ein Kirschblütenregen von andächtig zarten, tiefbeseelten Briefen. Sein innigstes Dichtertum ist am Werk, und er erobert Dorothees junge, jauchzende Seele ganz.

Sie wartet. Sommer wird. Herbst – – – Schön glühen Viktors Briefe, wie der wilde Wein. Aber die Sehnsucht wird übermächtig, wenn allabends die hellen Glocken zu klingen beginnen wie einst im Mai, ein Traum ist schon alles und Viktor ist so weit. Alles Schöne in der Erinnerung zerfließt. Sehnsucht weint in die herbstwindstille Nacht.

Ein schmutziger, grauer Dezembertag kurz vor Weihnachten. Verdrießliches Erwachen, man läßt die Vorhänge zu und zündet die fahle Lampe an. Nun sitzen Carnos stumm und verschlafen um den Kaffeetisch, da – die Post!

Ein Brief dabei von Viktor? hofft die Liebende. Geschäftsbriefe . . . aber hier ein großer, weißer Umschlag

Herr Carno öffnet.

»Die Verlobung unsrer Tochter Elisabeth mit Herrn Dr. Viktor Mellenthin – – –«

Dorothee erbleicht, hält sich am Tisch fest, einen Augenblick lang – – – keiner sieht es, Gott sei Dank! – – – Die Mutter ist ganz Ohr – – – »Ach, wie nett!« sagt sie jetzt. »Ja, wirklich nett!« spricht auch Dorothee, ganz wie sonst. Sie wundert sich selbst.

Bald darauf aber erkrankt sie, siecht, verblüht. Ihr Blick ist still, mühsam kommen aus ihrem Mund nur karge, alltägliche Worte. Frau Carno wird schwermütig, Herr Carno vergrämt.

Viktor aber lacht teuflisch auf. Die Tat an seiner Mutter (sie hatte ihm eines Abends unter Tränen von Kurt Carnos Schlechtigkeit erzählt), war gerächt.

Nun geht er zu seiner von ihm wahrhaft geliebten Braut und küßt sich ins selige Vergessen. Er fühlt sich voll Kraft und Macht und Jugend. Bald aber überkommt ihn die ganze Schlechtigkeit seiner Tat, er muß ins Einsame flüchten und weint bitter.



Einsamkeit

Wera war seines Kraftwagens freiwillige, immer heitere Führerin gewesen, da die Weltkriegstage sich dem unglücklichen Ende neigten. Hatte ihr Conrad anfangs in seiner etwas düstern, in sich gekehrten Art Furcht eingejagt, so verflog diese bald. Beim Bewundern der romantischen Landschaften Frankreichs mit ihren von Pappeln bewachten Wegen und idyllischen, an buschigem Hang geschmiegten Dörflein zeigte sich Conrad Hausfelds naturwarme Seele, die die kindliche, in ihrem Wesen, ihren Bewegungen und Worten natürlich graziöse Wera bald so sanft zu umwiegen wußte, daß sie zum erstenmal fühlte, wie das Bewundertwerden ihrer Anmut nicht nur schmeichelte, sondern wie sie gern dafür auch Bewunderung gezollt hätte . . . Und sollte es Liebe werden – –? – –! So wurden die beiden immer unsicherer in ihren Gesprächen, schweigsamer . . . eines Tages wußten sie, daß sie sich liebten und sagten es leis. Die Revolution kam. Conrad war Leiter der Charleviller Kriegszeitung, die natürlich sofort ihre Daseinsberechtigung verlor. Weras Auto trug Conrad noch bis Cöln, dort stieg man in den D-Zug, Hand in Hand flogen die Liebenden der trotz allem Leid und Unglück selig lächelnd gegrüßten Heimat zu. Er blieb in Berlin, sie fuhr nach Schlesien hinein, auf das stille Gut im Schweidnitzer Land.


* * *


Zärtliche Briefe wehte der rauhe Spätherbstwind den sehnsüchtigen Herzen zu. Und die Gedanken darin vereinigten sich immer enger um ein Ziel: eines Tages ward der Entschluß gefaßt. Conrad wollte bei Weras Vater anhalten; die sachliche Lebensfrage machte kaum Schwierigkeiten, er war ein vermögender Privatgelehrter, der durch zwei philosophisch Bücher bereits einen in Fachkreisen mit Achtung gesprochenen Namen hatte – – kurzum er kam, er bat, man gewährte gern, als seine natürliche Art sogleich gefangen nahm: die zwei jungen Menschen, die sich im Felde gefunden hatten, küßten sich. Zu Weihnachten wurde die Verlobung bekannt.


* * *


Es gab kaum grundverschiedenere Menschen als Wera und Conrad. Beide waren natürlich und ohne Falsch, diese Natürlichkeit und Offenheit boten das Schloß zur Kette ihrer anderen geradezu entgegengesetzten Eigenschaften.

Wera war völlig Kind, als sie sich verlobte; Conrad ein Mann, der durch nichts mehr überrascht werden konnte und frühreif sich schon der großen Einsamkeit bewußt war, die auf dem Grunde des tiefsten Liebesgefühls ruht. Wera glaubte innig an die tausend Märchen, die das Leben und besonders die Liebe zauberte. Conrad wußte stets, daß alles Schaum und Rauch und das Schönste die Sehnsucht ist. Wera liebte die menschenversammelnden Vergnügungen, Conrad waldsanfte Stille; Conrad liebte den Tanz als Entladung der Leidenschaft, Wera als schmiegendes Wiegen, Conrad war die Liebe von ähnlichen Gefühlen etwa begleitet wie die Jupiters, als er zu Semele herniederstieg (die Freude des grübelnden Erkenners am träumenden Menschsein) – Wera bewunderte auch tatsächlich in Conrad einen Gott! Und das war gut, denn jeder fand so seine Befriedigung für sein Sehnen. Weras Leben war bisher in einer sie so recht in Schlummer wiegenden Unnahbarkeit und Gedankenlosigkeit vergangen, alle bisherigen Begebenheiten hatten sie nur ganz sacht berührt . . . zum erstenmal hatte Conrad tief in ihr Herz geschaut, sodaß sie vor seinem Scharfblick und seinem feinen Verständnis für ihre einfache Seele erschrak, umsomehr als er für ihre sich selbst so unscheinbar vorkommende Seele einen Spiegel aus zarten Worten zu formen wußte, in dem sie sich göttinschön erstrahlen sah! Das dankte sie ihm, weil er sie über sich selbst hinaus wachsen ließ. Und sie, die Einfältige, liebte der Vielfältige, sie mit ihren tausend kleinen Alltagseitelkeiten liebte der trotz seines besonderen Wissens und Könnens Bescheidene. Das alles waren für Wera Wunderdinge, die der Folgerichtigkeit gebrachen und die sie selig und sorglos hinnahm, als wäre es eben der Wunsch einer Fee im Märchen.

Conrad war es eine Freude, einen weder von Kunst noch Wissen angekränkelten Menschen gefunden zu haben, dem alles Glück aus dem Gefühl her ausblühte; er hegte natürlich die immer seltener werdende Blume, die so ganz anders als seine einem ewig wühlenden Krater vergleichbare nachdenkliche Seele war, mit aller Zartheit, was Wera wiederum zu dem Glauben brachte, das Schicksal hätte ihr gnädig den Zartesten geschenkt, weil jeder andre mit plumper Hand ihre Kindlichkeit zerbrochen hätte . . . Und sie war voller Dank. Man sieht, die Wechselwirkungen ihrer Stimmungen griffen ohne Hemmung und Reibung ineinander. Das Glück mußte gedeihen und sich von Tag zu Tag mehr entfalten, obgleich man sich kaum schon nach dem Äußeren verschiedenere Menschen denken konnte. Conrad hatte große schwarze Augen, von dicken Brauen umbuscht, einen schwarzen Vollbart, volles schwarzes, an den Schläfen trotz seiner achtundzwanzig Jahr leicht ergrautes Haar. Der Mund war schmal, von leichtem Trotz ein wenig aufgeworfen. Die Nase scharf gebogen. Die Wangen zerfurcht. Seine Schritte waren gemessen, für seine Verschlossenheit sprach der stets zugeknöpfte Rock, das Verbergen seiner schönen Hände in den Taschen und ein fast unmerkliches, unbehagliches Zusammenziehen der Schultern in großer Gesellschaft. Wera ward unter trubelnden Menschen erst lebendig, ging gleichsam immer mit offenen Armen durch die Welt und lachte in den Tag, leichten Schrittes dahintänzelnd . . . Ihre Rehaugen waren treu und traut; ihr ganzes Gesicht weich und regelmäßig wie ein abendlicher See . . .

So schüttelten auch etliche den Kopf, selbst Menschen von Künstlerart wie Weras Schwester Gertrud. Als sie den Verlobten ihrer Schwester das erste Mal sah, erschrak sie! Nie und nimmer würden die beiden glücklich, und da sie als Insichgekehrte wenig für die heitere offene Art der frischen Schwester übrig hatte, bedauerte sie nicht die Blutsverwandte, sondern den Bräutigam. Ob unterbewußt das Parteinehmen für ihn noch einen andern Grund hatte, der sich aus späteren Ereignissen herleiten läßt, ist nicht so ohne weiteres zu bejahen, da die äußeren Einflüsse auf unsere Gefühle für oder gegen einen Menschen stets so unbestimmbarer Art sind, daß wir eigentlich nie feststellen können, wo der Urgrund einer Neigung oder Abwendung wurzelt; ja, bei den ganz großen Gefühlen der Liebe hat man doch stets die Empfindung, als hätte man diesen Menschen seit Anbeginn geliebt und nur das Glück gehabt, ihn jetzt zu finden! Gertrud war der Musik ergeben, dabei ein wissender, mit seinen Gedanken tief schürfender Mensch, der nur nicht über allen Dingen stand und sie mit der Kühle des seiner Einsamkeit ganz Bewußten betrachtete, sondern in vielen gern der Familienmensch, die Freundin und Geliebte geblieben wäre. Sie hatte nicht den Mut, ganz aus den Alltagsniederungen, die von den täuschenden Nebeln der Gemeinsamkeit beschlichen wurden, nach den grellklaren, eiskühlen Gipfeln der Einsamkeit zu entfliehen. Dadurch kam in ihre Natur etwas Zwiespältiges, ja Unaufrichtiges gegen sich selbst.

Conrad hatte, bald nachdem er sich mit der sonnigen Wera verheiratet, im neuen Heim mit Gertrud ein Gespräch.

»Wenn Du heute ein großes Werk schreibst und Wera versteht es nicht, würde Dich das kränken?«

»Wera würde, wenn nicht verstehen, so doch seine Seelenkraft erfühlen. Sie steht in völligem Zusammenhang mit meiner Seele –«

»Ja, vielleicht . . . Aber wenn Du es schaffst und Du brauchst jemandem mit dem Du, um das vielleicht stockende Werk in Fluß zu bringen, eingehend sprechen willst, so wird es doch nie Wera sein, die Dir befruchtende Antworten wird geben können?«

»Meinst Du nicht? Im Grunde ist doch in Weras Worten nicht weniger Kern als in meinen. Ja, es geschieht, daß sie mit ihrem natürlichen Instinkt viel tiefer oft und schneller in die Rätsel der Dinge eindringt als ich mit meinen langsamen verstandesmäßigen Folgerungen. Zugleich aber zwingt es mich, meine manchmal sich zu sehr verrankenden Gedanken auf ein auch für den Laien verständnisvolles Wort zusammenfließen zu lassen.«

»Du verteidigst sie, weil Du sie liebst, Schwager?«

»Glaubst Du das? Ich weiß, wo Du hinauswillst: Du denkst, die Frau muß mit dem Manne, vor allem mit dem Schaffenden, dem Erfinder, dem Künstler, geistig auf einer Stufe stehen. Ich weiß nicht, ob das das Richtige ist. Geistreichtum bedingt Gefühlsarmut. Hör zu!«

 »Ich bin wirklich sehr ungläubig . . .«

»Höre nur! Du weißt es von Wera selbst, daß sie nicht die erste Frau ist, die meiner Seele, sagen wir, nahe kam. Denn geliebt habe ich vor Wera keine! Ich glaubte aber vor ihr eine andre zu lieben – natürlich gab es auch Wochen, wo ich mir einredete, sie ist die Geliebte! – Und doch sofort im Anfang krochen durch mein Hirn die Zweifel. – Sie war mir geistig völlig gewachsen. Es war ein wahrer Genuß, sich mit ihr über Literatur zu unterhalten, sie hatte ihre eigene, philosophisch begründete Weltanschauung, und es war eine Wonne zu hören, wie sie sich am Klavier in Beethoven, Wagner und Hugo Wolf hineinfühlen und hineinsingen konnte –«

»O das ist herrlich! Ich kann mir Eure Briefe denken: Kleinode der Stilkunst – – unendlich fein gefeilte Rede und Gegenrede – –«

»Ja, das waren sie. Hinzu kam noch, daß uns die weichste und mildeste, aber auch die Sirene der Künste, die Musik, am meisten Briefstoff gab. Es war Briefkunst, was wir da schufen, würdig der Veröffentlichung, sollte ich einmal berühmt werden. Druckreif! Ja, leben wir denn, um druckreif zu sein? Nie waren ihre und auch meine Briefe dieser Zeit Kleinode natürlicher Liebe!«

»Aber solch eine Frau muß doch auch eine bedeutende Geliebte gewesen sein?«

»Sie konnte nie vergessen. Nein, sie war jämmerlich in der Liebe. Und wir waren beide wissend . . . Wir konnten sogar uns selbst gegenüber nur objektive Beobachter sein, wir sahen in unsre eigenen Seelen hinab von der hohen Warte der Einsamkeit. Du weißt, daß wir Besonderen, Sehenden, das alle tun, und welche Grausamkeit darin liegt, wenn man sich im süßesten Märchenaugenblick des Lebens, wie es ein inniger, womöglich erster Kuß doch schließlich ist, plötzlich kühl beobachtet und feststellt, wie trotz aller Inbrunst nie der Sieg ewiger Zweieinigkeit errungen wird. Und das taten wir beide stets. Kein Kuß durfte bei uns so aussehen, wie ihn etwa ein Dichter vorher schon beschrieben hatte. Etwas ganz Neues, Absonderliches konnte unsrer Liebe nur noch Reiz und Adel geben. Alle Mädchenandacht und -scham, Mannesinbrunst und seliger Überschwang waren verspottet als Schwärmerei. Und küßten wir uns wirklich einmal, so wie es alle tun, so lachten wir uns im nächsten Augenblick gell und grausam aus. Erkennst Du nun, wie ich Wera brauche? Sie ist Mensch, dessen Hirn unverwirrt und unverdorben von tiefsinnigen Grübeleien alles mit gesundem, heiterem und im besten Sinne herkömmlichen Menschenverstand auffaßt, der im goldnen Irrtum und Taumel soviel Süßigkeit und Wonne und Vollkommenheit im Leben sieht. Ach, dessen Hirn überhaupt nur das Herz ist! Wera ist ganz Gefühl. Sie tut, was ihr Blut spricht. Ich bete sie an. Denn wie viel sonniger, seliger ist sie! Und die Ehe mit ihr führte mich aus der Einsamkeit des greisen Allesverstehenwollens nach dem jungen Land der Zweiseligkeit! Mühen wir uns nicht, in die Welträtsel einzudringen, vergeblich? Durchdrungen hat das Chaos noch keiner. Drum werde ich wieder lieber Mensch; von Tag zu Tag mehr! Siehst Du, Gertrud, hätte ich Dich z. B. zur Frau, hättest Du je so übermütig hingerissen und vergessend, nur leichtes, lachendes Glück trunken fühlend, küssen können wie Wera? Nein.«

»Ja!! Ich könnte vergessen – – –!«

Conrad lachte und schüttelte den Kopf. »Du bist mir auch viel zu wissend! Schon daß Du verstehst, was ich eben gesagt habe –«

In diesem Augenblick tritt Wera ein. »Guten Tag, Gertrud! Ach, Liebster! War Dir bang zumute? Mir furchtbar.«

Conrad trank die an sich so herkömmlichen Worte Weras, aus denen dennoch ein ganzes, nur voller Gefühle durchströmtes Herz klang. Er warf einen lachenden Seitenblick zu Gertrud hinüber, als wollte er sagen: Siehst Du, das brauche ich wie mein täglich Brot. – – – Gertrud sah düster und starr vor sich hin.

Die Glücklichen küßten sich lange. Gertrud ging ohne Gruß, langsam, mit schmalen, bleichen Lippen, nach Haus. Ins Alleinsein. »Und selbst er versteht mich nicht . . . Conrad, der kluge! Oder will mich nicht verstehen. Auch er irrt sich in mir. Bah! Wo finde ich echtes Erkennen? Wer erfaßt meine Seele ganz? O, ich kann auch Weib sein! Ich könnte vergessen um eines Mannes, eines Helden willen. Er ist wohl nirgends für mich – – –«

Sie stand am Fenster und schaute in den Abend hinaus und wußte, daß sie heute auf dem umfirnten Gipfel der Einsamkeit mit dem selbstherrlichen, aber auch kalten Lächeln der Erkenntnis des Lebens ragte und ruhig in die sonderbar schöne Mitternachtssonne des Todes sähe. Ja, voll Verachtung sah sie herab auf alle und alles!

Aber Gertrud wußte noch nicht, daß diese Einsamkeit und dieses Sichunverstandenfühlen ihr Trost bereitete in dem Verlust, den ihr Frauenherz, das mit innigem Gefühl Conrad liebte, erlitten hatte; sie ahnte nicht, daß Conrad auf dem Pfad des Lebens schon weiter war, auf dem Grad der frostigen Einsamkeit längst gestanden hatte und sein Weg wieder in das Tal der Märchen hinabbog, in dem er mit wissender, doch heiterer Liebe in selig gern irrender Wiedermenschwerde das – Glück suchte . . . das Glück, das Gertrud zornvoll eine Schaumgeburt der Dummheit nannte.

So sinnen wir alle aneinander stets vorbei und finden uns nur im Gefühl.