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H. Clauren (Carl Gottlieb Samuel Heun) – Das Blutbeil.

Erzählung

H. Clauren, Scherz und Ernst, Arnoldischen Buchhandlung, Erster Theil, Dresden, 1818, S.124-140.

Bei einem der reichsten Fleischhauer in einer bedeutenden Provinzialstadt, war ein junger Grenadier mit einem Unteroffizier einquartirt. Der junge Soldat erzählte eines Morgens dem Unteroffizier, daß er in der vergangenen Nacht einen ganz eignen Traum gehabt habe; er könne sich desselben nicht mehr recht genau entsinnen; nur so viel sei ihm daraus erinnerlich, daß er eine zarte weiße Jungfrau gesehen habe, mit einem Kranze von funkelnden Sternen um das Haupt, und freundlichen Angesichts, die ihn gebeten habe mit ihr zu gehen.

»War sie hübsch?« fragte scherzend der Unteroffizier.

»Schön wie ein Engel im Himmel,« antwortete der Grenadier, »aber blaß. Kein Tropfen Blut im Gesichte; große, große Augen, aber kein Leben darin; weiß war ihr Gewand, aber im Halstuche hatte sie drei große Blutflecken. Nein, mit der hätte ich nicht gehen mögen!«

»Sprach sie denn nicht mit dir?« fragte der Unteroffizier jetzt ernsthafter.

»Kein Wort. Sie stand dicht vor meinem Bette. Es war, als käme sie gerade aus dem Grabe zu mir, so kalt war die Luft, die sie mitbrachte. Dreimal winkte sie mir, ohne eine Miene zu verziehen. Ihre Hand war knochendürr, und gelb wie eine Todenhand. Mich schauderte vor dem Gedanken, daß sie mich anrühren könne; da erwachte ich, und das Leichenbild war verschwunden.«

Beide sprachen noch lange über den Traum, und der Unteroffizier hatte den vernünftigen Einfall, von der ganzen Sache gegen die Wirthsleute nichts zu erwähnen. Die Tochter vom Hause war ungefähr in dem Alter der erschienenen Jungfrau; Leute der Art, meinte er, machen sich gleich Gedanken von Krankwerden und Sterben. Wozu die Menschen ohne Noth quälen!

Beim Schlafengehen am nächsten Abend, sagte der Unteroffizier lächelnd: »Wenn Deine blasse Jungfrau Dich wieder besucht, so grüße sie von mir.«

Der Grenadier aber drückte die Augen fest zu, und wollte von dem Nachtgeist nichts wissen; doch dieser kam ungebeten.

Ganz so, wie gestern erschien ihm die Jungfrau, und, zur Vermehrung seines Entsetzens, sprach sie dießmal mit leiser Stimme, aber vernehmlich: »Ich habe keine Ruhe im Grabe, denn nur eingescharrt bin ich; niemand hat mich christlich zur Erde bestattet, und ich bin fromm gewesen und unschuldig; darum sollst Du Dich meiner erbarmen, und die Last wegnehmen, die auf dem Todenhügel liegt, unter dem ich schlummere.«

Der Träumende erwachte, von Graus und Schrecken übermannt, und die blasse Jungfrau, mit den drei Blutflecken im Tuche, war verschwunden.

Er erzählte dem Unteroffizier am Morgen seinen zweiten, bösen Traum, und dieser scherzte nicht mehr, sondern schüttelte bedenklich den Kopf. Beide zergliederten jedes Wort, was die Erscheinung gesprochen, und beide kamen darin überein, daß das Mädchen ermordet seyn müßte.

Zur Familie des Wirths mußte die Unglückliche nach ihrer Vermuthung gehören; denn nur in diesem Hause war sie dem jungen Krieger erschienen, sonst hatte er nie Träume der Art gehabt; und war sie kein Mitglied der Familie, wo sollten sie der Unseligen auf die Spur kommen?

Beim Mittagessen brachte der Unteroffizier, ein gewandter Kopf, das Gespräch auf den Tod. Die Kinder saßen alle frisch und gesund um den Tisch herum. Er meinte, daß dies den Aeltern Freude machen müsse, so alle beisammen um sich zu sehen, und fragte ganz hingeworfener Weise: »Haben Sie nie eine Leiche im Hause gehabt?«

»Gott sei Dank! nein,« antwortete die Frau: »so lange wir im Hause wohnen, und das ist seit unserer Verheirathung, ist uns noch niemand gestorben, der uns lieb gewesen wäre.« Der Fleischhauer aber legte Messer und Gabel weg, und verfärbte sich und konnte den Blick des Fragenden nicht ertragen, sondern schlug das Auge nieder, und ging bald vom Tische, unter dem Vorgeben dringender Geschäfte.

Diese auffallende Veränderung bemerkten beide, der Unteroffizier wie der junge Soldat, und ersterer sagte, als sie nach dem Essen wieder auf ihrem Zimmer waren: »Dahinter steckt etwas; den Menschen traf das böse Gewissen zu sichtbar; hast Du gesehen, wie er nach Luft schöpfte und die Brust ihm zu eng ward, als ich von der Leiche anfing? Ich werde morgen, bei ihm auf den Busch klopfen! das ist nicht richtig!«

Als es Abend ward, begann der Grenadier wieder von seinem Traume zu sprechen. »Ich habe, meinte er, bei Leipzig gefochten, und bei Laon und auf dem Montmartre: Gott weiß, da ging es heiß her; aber ich will lieber eine ganze Schlachtlinie, als die Jungfrau noch einmal sehen. Sie kommt mir den ganzen Tag nicht aus dem Sinne; wo ich stehe und gehe, wandelt sie vor mir; es ist mir immer, als sage sie mir etwas ins Ohr mit ihrer heimlichen Stimme und dann weht es mich kalt an, als sei das ihr Grabes-Odem aus dem todtenblassen Munde; ihre Lippen, waren doch auch so weiß, wie Kreide. Es friert mich, wenn ich daran denke.«

»Sei kein Narr, Bursche,« erwiederte der Unteroffizier: »bist darin gewesen, im Feuer, wie ein Löwe und hast Dich überall geschlagen, wie ein braver Kerl, und nun wirst Du Dich fürchten, vor einem leeren Hirngespinst!«

»Fürchten? bei meiner armen Seele nicht! Ich habe mich noch vor nichts gefürchtet; aber in der Geschichte mit dem Mädchen, da graust mich etwas an, ich weiß nicht was. Ich kann das nicht, so beschreiben, wie mir zu Muthe ist; aber die Haut auf dem ganzen Leibe wird mir kalt, es ist mir, als würden mir die Haare dünner auf dem Kopfe, wenn ich an das gespenstige Wesen denke. Das Gesicht ist hübsch, da möchte ich gern hineinschauen, nur das Stiere im Auge und die bleiche Farbe, und die vertrockneten Leichenhände, und der Verwesungs-Geruch in dem weißen Sterbekleide -- nein, nein, ich mag die Traum-Gestalt nicht wieder sehen.«

»Wenn Du das Mädchen aber wiedersiehst,« sagte der Unteroffizier, »so behalte die Fassung, und höre es ruhig an, und thue was es von Dir will; merke auf alles recht genau, daß Du mir es von Wort zu Wort erzählen kannst, damit ich meine Maaßregeln darnach nehme; rühre es nicht an und greife nicht darnach; beides mögen dergleichen Luftbilder nicht leiden.«

Sie legten sich nieder; lange plauderten sie aus den Betten mit einander. Endlich schliefen sie ein.

Gehüllt, in das Dunkel der schweigenden Nacht, trat die weiße Jungfrau zum dritten Male vor die Seele des schlafenden, jungen Kriegers. »Mache meinem Leiden ein Ende,« sagte sie heimlich, aber vollkommen verständlich. »Geh hinab in den Hof! Da wirst da ein hohes verfallenes Gemäuer finden, zwischen diesem liegt ein Mordbeil. Du wirst es an meinem Blute erkennen. Das nimm weg! dann habe ich Ruhe in der kalten Erde. Drei Wunden hat mir das Mordbeil geschlagen -- (sie schob das Tuch vom Halse etwas zurück, und zeigte die tiefen, weit aufklaffenden, schrecklichen Wunden) da bin ich gesunken in die Nacht des Totes. Ich weiß, wer mich gemordet, aber ich darf es nicht kund machen; der Schreckliche wird seine Schuld Dir selbst bekennen, wenn er mein Blut sieht. Rein ist mein Blut nicht mehr; der Abscheuliche hat es geschändet. Doch dieserhalb darf Dir nicht grausen. Du bist der einzige im Hause, der das Werk verrichten kann. Denn von Deinen Händen ist auch schon Menschenblut geflossen, aber Du bist darum nicht strafbar. Du bist groß und herrlich dadurch geworden, denn Du hast erwürgt die Feinde des Landes. Geh und thue, wie ich Dir gesagt habe, aber sprich, vor vollbrachtem Werke keinen Menschen; der Morgen dämmert; auch der meinige. Die Verklärung tagt vor meinen Augen.«

So sprach die Jungfrau und verschwand.

Der Grenadier erwachte, und der Morgen graute.

Jedes Wort der Jungfrau wiederholte sich der Soldat, es war ihm, als hätte er nicht geträumt, als hätte er sie wachend gesehen.

Nach einigem stillen Sinnen stand er auf, kleidete sich, ohne den Unteroffizier zu wecken, an, warf den Mantel über, nahm sein Seitengewehr und schlich sich zum Zimmer hinaus und die Treppe hinunter.

Er entriegelte leise die Hofthür, öffnete sie, ging einige Schritte in den Hof vorwärts, und erblickte rechts in einem Winkel richtig das hohe verfallene Gemäuer.

Es schien die Umfassungswand eines ehemaligen Stalles gewesen zu seyn. Ohne Dach und Holzwerk. Die Thüre war mit schweren Holzkloben verrammelt, die so groß waren, daß ein Mensch sie nicht heben konnte. Aber an der einen Wand des Gemäuers lagen Holzstubben und Wagengeräthschaften, auch ein Stück einer alten Leiter. Er kletterte hinauf, so, daß er in den innern Raum des Gemäuers hinab sehen konnte; dieser war leer. In einem Winkel des Raums erhob sich ein Hügel ausgeworfener Erde, darüber kurzes Dornengesträuch, und etwas faules Stroh. Der junge Grenadier ließ die Leiter hinab, um dann wieder hinauf kommen zu können, und sprang ihr nach.

Er schürte das Stroh und das Dornengesträuch weg. Da fiel ihm das Mordbeil entgegen.

Kalt und krampfig zuckte es ihm in der vor Entsetzen erstarrten Hand, als er darnach griff.

Er nahm es mit sich, eilte ungesehen zurück auf sein Zimmer und legte es dem eben erwachenden Unteroffizier vor das Bette. Umständlich erzählte er nun, wie ihm die Jungfrau im Traume wieder erschienen, was sie gesagt, und was er darauf gethan. Aber der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er vermaß sich hoch und theuer, daß er einen solchen Gang nie wieder thun möge. »Lieber auf eine Batterie, als noch einmal nach diesem Beile!« sagte er und schüttelte sich, als wende sich vor innerem Fieberfrost das Herz im Leibe um.

Der Unteroffizier hatte sehr aufmerksam zugehört; er untersuchte das Beil; allein der daran befindliche Rost erlaubte keine genauere Erforschung des, nach der Aussage der Jungfrau daran klebenden Blutes.

Unterdessen war das Haus wach geworden, und die Stimme des Fleischhauers ließ sich vernehmen. Der Unteroffizier kleidete sich schnell an, und trug dem Grenadier auf, jenen heraufzurufen. Als er ihn kommen hörte, bedeckte er schnell das Beil mit einem Tuche.

Der Fleischhauer trat ein, wünschte einen guten Morgen, und fragte nach dem Begehren der Einquartirten.

»Herr Wirth,« begann der Unteroffizier in festem Tone, mit scharf auf den armen Sünder gerichtetem Blick, das verrostete, schreckliche Beil, mit dem Tuche verhüllt in der Hand. »Herr Wirth, Ihre Gräuelthat ist an das Tageslicht gekommen, und das Blutbeil, mit dem Sie dem Mädchen die drei Todeswunden in den Hals geschlagen haben, -- hier ist es.«

Der Ueberführte schlug laut aufschreiend die Hände gen Himmel und sank mit dem gräßlichen Brüllen der Verzweiflung ohnmächtig zu Boden.

Der Unteroffizier aber faßte ihn an der Brust, rüttelte ihn in das Leben zurück und überlieferte den Mörder dem Criminal-Gerichte.

Gleich im ersten Verhör gestand der Entsetzliche seine ungeheuere That.

Das Mädchen war die Tochter eines bemittelten Bürgers in seiner Straße. Durch tausend Künste hatte er die Tugend des schuldlosen fünfzehnjährigen Kindes einzuschläfern und ihre Sinnlichkeit zu wecken gewußt. Nach einigen Monaten gestand sie ihm die Folgen ihres vertraulichen Umgangs. Er beschwichtigte ihre Todesangst mit der Versicherung, ihre Furcht zu bannen, und gab ihr mehrere Arzneimittel. Doch diese bleiben ohne Wirkung, und schon fallen der Mutter sorgsame Blicke auf die veränderte Gestalt des Mägdleins. Da verabredet der Gräßliche mit dem armen gequälten Kinde, daß sie beide eines Morgens zusammen wegfahren wollen zu einer klugen Frau, auf einem nicht fernen Dorfe, die schon hundert Mamsells aus der Stadt geholfen, habe, und bei der sie sich gewiß auch Raths erholen werde; er bestellte die Leichtgläubige, höchst berechneter Weise gerade an einem Morgen ganz früh zu sich, an dem ein französisches Infanterie-Regiment abmarschirte. Sie kam.

Im Hause des Fleischhauers schlief noch alles, er lockte sie in den verfallenen Stall, dessen Thüre damals noch offen stand. Dort hob er rasch das Beil, und wollte ihr den Kopf spalten, sie wandte sich aber, vor Schrecken halb todt, um dem gräßlichen Schlage auszubeugen, und so fiel das Beil, statt auf den Schädel in den Vorderhals; sie sank auf der Stelle nieder und gab keinen Laut von sich. Aber das Röcheln des aus der zerschnittenen Luftröhre hervorfließenden Blutes war furchtbar, und um dieß zu hemmen, hieb er ihr noch zwei Wunden an zwei andern Stellen des Halses, verscharrte auf dem Flecke die Entseelte, schloß die Thüre zu, und ließ an dem nehmlichen Tage einen Haufen Eichenholz, den er schon früher bestellt hatte, vor dieser Thüre aufklastern.

Natürlich wurde das Mädchen von den Eltern bald vermißt; aber der Fleischhauer wußte das Gerücht, als sei das liederliche Ding mit einem Franzosen jenen Morgen davon gelaufen, so fein in Umlauf zu bringen, daß jeder Mensch es glaubte, obgleich keiner begreifen konnte, wie das junge, sonst so züchtige Mädchen auf einmal so hätte umschlagen können.

Er bot den jammernden Eltern selbst Pferde und Wagen an, um dem ausmarschirten Regiment den nächsten Weg nachzufahren. Er fuhr selbst mit, um sie ausfindig machen zu helfen.

Allein, ihre Mühe war vergeblich.

Im ersten Nachtquartier erzählte er den bekümmerten Eltern so viele Geschichten von weggenommenen Pferden und Wagen heimlich in's Ohr, daß diese ihm nicht zumuthen konnten, weiter zu fahren.

Er kehrte mit der trostlosen Mutter um, der Vater verfolgte seinen Weg zu Fuße, aber er kam nach acht Tagen auch wieder zurück, ohne dem Kinde auf die Spur gekommen zu seyn.

Diese Thatsachen gab der Mörder in völligem Zusammenhange zu den Akten des des Gerichts. Den dritten Tag entleibte er sich im Gefängniß.

Die Eltern der ermordeten aber ließen die Ueberreste des geliebten Kindes ausgraben und auf dem Kirchhof ihrer Gemeinde christlich zur Erde bestatten.

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