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Adalbert Meinhardt (Marie Hirsch) – Catarina

Das Leben einer Färberstochter

Adalbert Meinhardt, Catarina, Das Leben einer Färberstochter, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin, 1902



Antonio Fogazzaro

dem Dichter und Denker,
dem Landsmann der Catarina
in langjähriger Verehrung
zugeeignet.



I.

»Catarina!«

Von ihrer Thürschwelle, auf der sie spinnend gestanden hatte, trat Frau Lapa Benincasa um ein paar Schritte in die schmale Straße vor und blickte zur Seite, wo zwischen dem Hause ihres Eheherrn und dem des Nachbars eine Treppe aufwärts führte. Und sie schüttelte ihren Kopf zu dem, was sie sah.

»Catarina!« rief sie noch einmal in strengerem Ton.

»Ja Herr, da seht Ihr's«, sagte sie dann, indem sie zu ihrem Gastfreund zurückkehrte, der mit seinem Sohne vor dem Hause auf der Steinbank saß – »es ist, wie ich's dachte, sie kniet dort schon wieder.«

»Ja, ja, Monna Lapa«, versetzte der Fremde, »so geht's in der Welt. Es ist keiner mit dem zufrieden, was ihm zu teil ward. Seht da meinen Tommaso, – was gäbe ich drum, wenn ich in dem eine rechte Vokation zur Frömmigkeit verspüren könnte, wie Ihr sie bei Eurer Tochter beklagt. Denn ich muß ihn heute nach San Domenico bringen, daß er sich in das Kleid der schwarz-weißen Predigermönche stecke. Ob's ihm selber nun lieb oder leid ist, ich muß es thun, weil seine arme Mutter in schwerer Krankheit es einst so gelobt hat. Aber da naht ja das heilige Fräulein, von dem Ihr eben so viel erzähltet. Nun, Catarina, bekommt nicht der alte Pate ein Küßchen?«

Von der Treppe, die man hier nicht sehen konnte, war das Kind mit einem raschen Satz in die enge Straße hinabgesprungen, und es war, als ob die Sonne, die dort droben auf der Terrasse noch scheinen mochte, mit ihr käme. Denn auf ihren blonden Haaren, die ihr offen um die Schulter hingen, lag es wie Lichtgold, und in dem schmalen weißen Gesichtchen leuchteten die dunklen Augen. Sie schien nicht scheu, als die Mutter ihr zurief näherzutreten, und auch nicht trotzig. Aber sie blieb, wo sie einmal stand, die schlanken Hände auf dem Rücken zusammengefaltet. Und als der fremde Mann den Arm vorstreckte, sie zu sich heranzuziehen, da wich sie ihm aus.

»He, was für ein zerbrechlich' Püppchen«, höhnte der Alte, »Du fürchtest Dich wohl, meine groben Finger möchten Dir wehthun?«

»So ist sie immer«, sprach seufzend die Mutter, »ich sagt' es Euch doch schon. Meine anderen Kinder, die kamen und schmiegten sich an mich und ließen es sich wohl sein, wenn ich sie streicheln wollte und küssen. Aber die! Rühr' mich nicht an und weicht mir aus, als ob ich ihr Böses anthun wollte. Catarina, geh hin zu dem Herrn, gieb ihm hübsch die Hand. Es ist unser sehr werter Herr Gevatter, der Herr della Fonte, der bei Deiner Taufe Pate gestanden.«

»Ja, als Du so klein warst«, sagte jener und maß ihr an seinem Arm die Länge ab, die sie damals gehabt haben mochte. »Nun sind sechs Jahre ins Land gegangen, daß ich nicht mehr nach Siena hereinkam. Und da ich heut komme nach meinen lieben zwei Patlein zu sehen, da ist eines ge­storben, und das andere, das am Leben geblieben, gar so wenig freundlich zu mir.«

»Auch meiner Schwester waret Ihr Pate?« fragte das Kind.

»Freilich wohl.«

»Und wie groß war sie damals?«

»Nun, so groß wie Du selber, da Du mit ihr als Zwilling geboren.«

»Nicht größer? Und ist doch ein Engel geworden?«

»Gewiß. Auch Du bist brav wie ein Englein hoff' ich. Also komm näher und gieb mir Dein Händchen.«

Das Kind stand, wo es von Anfang gestanden, es rührte sich nicht.

Frau Lapa hob zu schelten an, was denn alle die Frömmigkeit nütz sei, das viele Beten, Knieen und Fasten, das könne so ein kleines Ding von sechs Jahren füglich den erwachsenen Leuten lassen, die einmal dafür angestellt wären, und dagegen kindlich, pünktlich gehorchen, thun, was Vater und Mutter ihm sagten. Nur das sei brav und das sei fromm.

Das Kind Catarina stand mit den Händen auf dem Rücken, hörte zu mit ernsthaften Augen und regte sich nicht.

Herr della Fonte stellte sein Schießgerät, das er im Arm getragen hatte, auf die Seite, lehnte sich zurück an die Wand, schlug seine Beine übereinander, und lachte, daß es zwischen den hohen Häusern der schmalen Gasse dröhnend hallte.

»An der werdet Ihr Euer Wunder erleben, ha, ha, ha! Die wird noch anderen und klügeren Leuten, als Ihr seid, Monna Lapa, manch ein Rätsel zu lösen geben. Sie hat ihren Kopf für sich alleine, die, ha, ha! die weiß, was sie will. Das Fräulein Catarina wird nicht nur Euch Eltern, sondern alles, was Mann heißt in Siena, dereinst in ihre Tasche stecken, nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Ja wohl, ja wohl, ich kann darauf stolz sein, so ein gar absonderlich Maidlein zum Patkind zu haben.«

Sein Sohn, der neben ihm auf der Bank saß, hatte sich unruhig auf dem Sitz hin und her geschoben. Nun stand er auf, als ertrüge er es nicht länger, und rührte seinen Arm an:

»Vater!«

»Was willst Du? Ich soll wohl nicht so lachen? Daß so ein Ding von knappen sechs Jahren, weil sie grade die Augen im Kopf und den Eigensinn dazu hat, große Leute zu Schanden macht mit ihrem Willen, das soll ich nicht lustig finden? Ja, wenn ich die Welt nicht gar so gut kennte und nicht schon so vieles gesehen hätte, an Männlein und Weiblein. Du bist jung, laß Du Dich nur von der da behexen, oder fromm machen, wie sie es wünscht. Wenn sie es darauf angelegt hat, wird sie Dich auch wohl bekehren können, daß Du morgen die weiße Kutte mit Freuden anlegst. Geh nur mit ihr.«

Der Sohn ging zu dem Kinde. Ein junger Bursch von fast achtzehn Jahren, hoch aufgeschossen in seinem langen Rock, der schon halb geistlich war und doch bäurisch dabei erschien. Er mußte sein Haupt zu der Kleinen niederbeugen, die in ihrem grauen Kleidchen neben ihm herschritt. Und wieder wehte es wie Sonnenschein um ihr Köpflein und die langen flatternden Haare schimmerten goldig, da sie zu der Treppe einbog und also beide aus dem Gesichtskreis der Eltern verschwanden.

Monna Lapa ließ die Spindel sinken, die sie unverdrossen geschwungen hatte – die Feinheit des Fadens war ihr Stolz – und wischte sich mit der Hand von ihren Wimpern die Thränen ab Es dünkte sie eine arge Schande vor dem fremden Herrn, daß ihr eigen Kind ihr nicht gehorchte. Zwanzig Knaben und Mägdelein habe sie ihrem guten Manne geboren und seien auch viele gestorben, – der Herr hab' sie selig, – die am Leben geblieben waren, die hätten auf Vater und Mutter geachtet und wären alle gut ausgeschlagen; die Mädchen zu ehrsamen tüchtigen Hausfrauen für ihre Ehegatten, Färber und Walker, die der Vater ihnen bestimmt, die Söhne selbständig, schon im Gewerbe. Da sei unerwartet, wie ein Geschenk von den Heiligen im Himmel, fast wie ein Wunder, dies Zwillingspärchen noch gekommen, so fein, so zart, recht wie zwei Püppchen. Und da die Pest im nächsten Jahr gleich das eine wieder genommen, sei die Rinetta allein geblieben, allein im Hause, allein im Herzen, ihres Vaters vergötterter Liebling.

Der Herr della Fonte nickte dazu: »Ja, ja, Frau Lapa, ich kann es mir wohl denken. So geht's in der Welt.«

»Nun«, schluchzte die Frau, »nun ist sie zum Dank für all unsere Liebe nicht unser Kind, wie die anderen es waren, die ich geschlagen habe und gescholten und geküßt und die mich doch liebten. Ein Fremdling ist sie unserem Hause, mein Wort berührt sie nicht, meine Zärtlichkeit thut ihr nicht wohl, mein Zürnen nicht wehe. Aber ich, ich leide, leide bitter von ihrer Fremdheit.«

»Ein Kind von sechs Jahren!« sagte der Pate.

»Mein Kind, mein Kind, das ich geboren, gesäugt, gewartet, mit diesen meinen beiden Händen gehegt und gehätschelt. Und will nicht mehr mein sein. Ob sie sechs Jahre alt ist oder sechsundzwanzig – der Schmerz bleibt der gleiche. Nein, vielmehr, er ist jetzt viel herber, weil unnatürlicher. Daß ein Mädchen sich um eines Liebsten willen oder aus was immer für einem Grunde von der Mutter abwendet, das ist wohl oft schon geschehen. Und es muß getragen werden, denn sie ist ein fertiger Mensch dann und geht ihres Weges und denkt ihr Denken. Aber so ein Kind, ein Ding, das noch nicht denken kann, nicht fühlen, das mit allem Knieen und Beten nicht weiß, was sie thut, das, das . .«

»Frau Lapa«, sagte der della Fonte, »ich will Euch raten, wartet ein wenig, grämt Euch nicht zu frühe. Wer weiß, vielleicht – eines Tages besinnt sie sich anders und dankt Euch noch für alle die Liebe, die sie zu fühlen jetzt nicht den Verstand hat. Doch ich höre da eben das Ave-Maria-Läuten und die Färberknechte kommen schon aus Eurem Hause. Jetzt, denke ich, wird Meister Jacomo, Euer Gatte, wohl für mich frei sein. Wollt Ihr mich also zu ihm führen?«

Die beiden gingen hinein in das Haus.

– Unterdessen war Tommaso mit dem Kinde die enge Treppe zu der Terrasse hinaufgestiegen, er wie andere gewöhnliche Menschen auf seinen zwei Füßen. Das blasse kleine Mädchen aber kniete auf jeder einzelnen Stufe mit gefalteten Händen wie betend, dann war es wie ein Schweben, wie sie sich auf die nächste emporhob, so als ob nicht ihre Glieder, sondern die Gedanken in ihr sie aufwärts trügen, und wieder lag sie in sich versunken, das Köpfchen gebückt, daß die blonden Haare sie ihm verhüllten. Auch er hielt unwillkürlich dann inne.

»Warum thust Du das?« fragte er, als sie nun oben waren, und deutete auf die Stufen zurück.

Sie sah ihn an. »Warum? Ich weiß nicht. Weil ich so muß.«

Sie ging voran unter dem Schatten der blaugefärbten Tücher, die zum Trocknen hier auf Stäben ausgespannt waren, und kam zum Rande der Terrasse, wo diese die Dächer der benachbarten Häuser überragte. Mit einem leichten Satz schwang das Kind sich auf die Brüstung der Mauer und winkte ihn näher: »Da sieh!« sagte sie und wies ihm die Stadt, die weit ausgebreitet mit Hügeln und Thälern vor ihnen ruhte.

Seine Augen glitten gleichgiltig hin über die Paläste und Türme, über die Kirchen und die Brunnen. Er wünschte es sich nicht, so einen Steinhaufen fortan zu bewohnen. Vielmehr verlangte ihn nach den Bergen, deren wellige Höhenzüge er im blauen Abendscheine jenseits der Stadtmauern noch unterschied. So hörte er auch nur halb hin auf das, was seine Genossin ihm erzählte, von dem Dom dort gegenüber, wie mächtig groß der werden sollte, doppelt so groß wie bis jetzt und größer als irgend einer in der ganzen Christenheit.

»Ich weiß, ich weiß, wie Ihr Euch rühmt. Gab es denn jemals so eitle Leute wie das Volk von Siena?«

»So? Wer sagt das?« fragte sie mit großen Augen.

»Einer, den, solange er lebte, Florenz verbannt hatte und dessen Knochen es heute mit Freuden sich heimholen möchte, aber nie erhalten wird. Dante hieß er und gehörte zu den Allighieri.«

»Den kenne ich nicht,« sie schüttelte verächtlich den Kopf, – »er ist wohl auch nie hier in Siena gewesen. Sonst sagte er das nicht.«

Sie fuhr fort, ihm die Türme der Stadt zu zeigen, den Mangia dort, der am Rathaus steht, den höchsten, auf dessen Spitze ein Eisenmann an die Glocke anschlägt. Und andere Kirchen und endlich die neue – San Domenico hier ganz in der Nähe.

Er seufzte, als sie ihm den mächtigen hochaufragenden stolzen Bau mit ihrer schmalen Kinderhand wies.

»Freut es Euch nicht, Herr, dort wohnen zu sollen?« fragte sie mit leiser Stimme.

»Nein,« gab er rauh und kurz zur Antwort.

Sie faltete wie erschrocken die Hände über ihrer schmalen Brust. Und es reizte ihn und es ärgerte ihn, daß sie ihn so bemitleidend ansah. Solch ein Kind!

»Möchtest Du wohl ein Mönch sein?« fragte er spottend.

»Oh wie gern! wenn ich könnte . . .«

»Ja wohl, in härener Kutte schlafen, Sommers und Winters in der kalten, schwüldumpfigen Zelle und nichts vom Wald sehen, die Vögel nicht hören, nicht reiten, nicht jagen, nicht wissen, was vorgeht und wo es Krieg giebt, nichts thun als beten, beten früh und beten spät, in der Zelle, in der Kirche, beim Essen, beim Schlafen, sein ganzes Leben!«

Es war ihm so herausgefahren. Er hatte es nicht seinem Vater und gewiß nicht der sterbenskranken Mutter und keinem Freund und keiner Seele so offen gesagt, wie ihm zu Mute war. Nun hier in der allerletzten Stunde, an der Schwelle des Klosters, vor diesem unmündigen Kinde sprang ihm sein Denken laut von den Lippen. Er wußte selber nicht, wie es geschah.

Aber des kleinen Mädchens Augen waren weit und groß geworden und sie füllten sich mit Thränen. Die blassen Finger fester auf ihr Herz gepreßt, das ihr hörbar klopfend die Kinderbrust hob, wiederholte sie, Silbe um Silbe was er gesprochen. »Oh, in härener Kutte schlafen, Sommers und Winters in enger Zelle, nichts sehen, noch hören, nicht wissen ob Krieg ist, nichts thun als beten, beten, früh und spät, beim Essen, beim Schlafen, das ganze Leben!«

Und das klang nicht wie Klage, es klang wie ein Sehnen, wie ein Jubel, wie ein Gelöbnis von ihren Lippen.

»Du möchtest das?« wiederholte er ungläubig.

Sie hob die Augen zu ihm auf. Und es lag ein so glückseliges, sehnsüchtiges Leuchten in dem Blick, daß er beschämt sich zur Seite wandte.

»Warum bist Du so fromm? Wie kann ein kleines Kind so fromm sein? Du weißt nicht, was Gott ist, was Himmel und Hölle, und nicht was das Leben.«

Sie schwieg darauf und schien wie versunken in ihr Träumen. Er rührte ihr unsanft an die Schulter.

»Du, was denkst Du? Warum bist Du so? Wer hat es Dich gelehrt?«

»Ich weiß nicht.«

»Warst Du wohl drüben in San Domenico und haben die Mönche Dir geboten, so zu mir zu reden?«

»Ich war oft dort. Es ist kühl und still und hoch, so hoch. Ich darf dort beten. Aber die Mönche reden nicht mit mir. Sie sehen mich auf dem Steinboden knieen. So ein Kind, das wär' besser zu Hause bei seiner Mutter, sagte der eine. Er hat mich fortgeschickt, als ich ihn bat, mir den Leib des Herrn zu reichen.«

»Wie alt bist Du denn?«

»Sechs Jahre.«

»Richtig, ich weiß. Der Vater hat es mir oft erzählt, wie er mit unserem Herrn gen Siena geritten kam, der Republik Hilfe zu leisten in einer Fehde gegen einen vom Adel, der es mit den Ghibellinen hielt. Bei einem Färbermeister lagen er und seine Knechte zur Nacht. Der hatte just seine älteste Tochter mit einem della Fonte versprochen, der in Siena uns verwandt war. Und nun wurden ihm in selbiger Winternacht zu seinen schon erwachsenen Kindern noch zwei Mägdlein geboren . . .«

»Meine Schwester und ich. Sie ist nun aber ein Engel im Himmel.«

»Und Du möchtest auch einer sein?«

Das Kind lächelte wieder. Es war dasselbe überirdische Lächeln. Ihn schüttelte etwas wie Neid, wie Zorn, daß er, der ein Mann war, ein Mönch werden sollte, nicht fühlen konnte, wie dieses kleine, unwissende Kind.

»Willst Du wohl eine Heilige werden«, fuhr er sie an, »daß Du so viel betest?«

»Wenn ich wüßte, wie man das macht. Wißt Ihr es, Herr, wollt Ihr mir es nicht sagen?« fragte sie mit der sanftesten Stimme.

»Es ist sehr einfach«, sagte der Jüngling. »Du mußt nie etwas thun, was Du möchtest, sondern alles nur, was Du nicht magst; mußt beten, fasten, Dich kasteien – nun, das thust Du ja so schon. Und mußt in die Wüste fliehen, als Einsiedler leben, daß kein Menschentand Dich versucht.«

»Wo ist die Wüste?« fragte das Kind.

»Dort«, er wies mit der Hand über die Mauern von Siena hinaus, »ja« – er seufzte, »Du brauchst nicht einmal weit zu gehen. Die Wüste ist überall da, wo Du Dich einsam fühlst, verlassen und keine Seele in Deiner Herzensnot Dir hilft.«

»Ich will's mir merken«, flüsterte das kleine Mädchen.



II.

Es war ein früher Herbstmorgen, die Sonne stand noch vom Nebel verhüllt. Stille ringsumher, die Schatten lagen grau und kühl, der Dom auf seiner Höhe dort drüben, die ragenden Mauern von San Domenico hoch zur Rechten, blickten finster dräuend nieder. Da that sich in der Straße dell' Oca die Thür des Färberhauses auf und heraus schlüpfte ein schmächtiges Figürchen und drückte sich an den Häuserwänden hin. Mit ängstlichen Augen spähte das Kind nach jedem Schritt, ob niemand folge. Erst da, wo die Straße abwärts führte nach Fonte Branda, der kühlen Quelle nahe dem Stadtthor, da lief sie schneller. Sie kannte den Weg, ihre Schwester Nicoluccia, die mit Palmiero della Fonte vermählt war, wohnte dort in der Nähe. Wenn sie heute im Hause fehlte, so würden die Eltern meinen, sie sei bei ihrer Schwester. Man würde sie also nicht suchen, nicht heimholen wollen. Sie atmete freier, da sie das dachte.

Als sie dann aber unten war und gerade an Fonte Branda vorübergehen wollte, rief eine Stimme sie an: »He, Rina, Catarina, wo willst Du denn hin?«

Sie erschrak so, daß sie stehen bleiben mußte.

Es war aber niemand aus ihrem Hause, nicht der Vater, noch einer der Knechte, der sie heimholen wollte, sondern ein altes, gebücktes Weiblein kam aus dem Brunnenhause gehumpelt, in dessen Schutz sie genächtigt haben mochte, und verstellte ihr den Weg: »Nun, Kleine, wohin so früh und so eilig? Willst Du wohl die Messe schwänzen, in die Du so pünktlich sonst gehst mit der Mutter? Laß sehen, was trägst Du da im Tüchlein?«

Mit den häßlichen braunen Fingern wollte sie nach dem Päckchen greifen, das Catarina im Arm gehalten. Die aber trat rasch zurück, öffnete selber das verknüpfte Tuch und hielt es, so daß jene den Inhalt sehen konnte.

»Ei«, rief die Bettlerin, »ei seht doch, da giebt's was zu schmausen, Brot, blaue Trauben und Feigen dazu! So gut ist mir's schon lang nicht geworden. Hör' Du, mein Püppchen, wo Du dies hernahmst, wär' da nicht für Dich auch noch anderes zu holen? Laß dieses hier mir.«

Catarina hatte nicht den Mut, ein Wort zu entgegnen. Sie stand zitternd, wie gebannt. Die alte Cecca – sonst saß sie auf den Stufen vor San Domenico, wo jeder Kirchengänger ihr ein Almosen reichte, – die bettelte heute nicht, sie befahl. »Du mußt es mir geben«, rief sie dem Kinde zu. »Sie sagen alle ja, Du bist so fromm und wolltest eine Heilige werden. Versuch' es doch selbst, wie Hunger weh thut. So gute lederne Schuhe tragen und lange Haare und Weißbrot essen, das ist mir eine bequeme Art der Heiligkeit. Meinst Du damit in den Himmel zu kommen? Da sieh mich an! Da, sieh, so sieh doch, wie ich barfuß gehen muß mit meinen Wunden, wie ich krank bin, alt, schwach und elend!«

Dabei hatte sie ihren nackten Fuß aufgedeckt, das geschwollene Bein, mit schmutzigen Binden umwickelt, zu zeigen. Von den zerlumpten Kleidern, aus dem zahnlosen Munde der Bettlerin ging ein übler Dunst hervor. Nun streckte sie ihren Arm nach dem Kinde aus, mit ihren gekrümmten, gichtischen Fingern, die wie Krallen erschienen, wollte sie es näher ziehen. Catarina wich schaudernd ihr aus.

»He, das verwöhnte Fräulein Prinzeßchen fürchtet wohl, einer Bettelfrau Hand möchte ihrem schönen Kleide Schaden zufügen, das Färberstöchterlein scheut sich vor Flecken?« höhnte die Alte und dann jammerte sie kläglich: »So muß ich also verhungern, verschmachten! Du willst mir nichts geben?«

Das Kind reichte ihr so hastig das Tüchlein mit dem Brote und den Trauben, daß diese alle zur Erde fielen. Sie bückte sich, suchte die Beeren zusammen und gab ihr auch die schnell. Dann streifte sie von beiden Füßen die Schuhe noch ab und warf sie ihr zu und lief davon. Die Bettlerin rief etwas hinter ihr drein. Ob Dank, ob Scheltworte, Catarina hörte nichts mehr. Sie flog den Abhang hinab, an der Stadtmauer hin, zum Thor. Da stand der Wächter mit einem Landmann, der gerade sein Maultier zum Markte hereintrieb. Die plauderten und sahen sie nicht. Die Pforte war offen, sie schlüpfte hindurch und lief und lief geradeaus, immer weiter.

Hinter sich hatte sie eine Zeit lang noch gemeint, die krächzende Stimme der alten Bettlerin zu vernehmen. Dann war es ihr, als ob der Thorwächter laut ihren Namen riefe. Und zuletzt klang es ihr im Ohr, als gingen all' die Glocken und Glöcklein der Stadt rund um sie her. Sie mußte stehen bleiben, Atem zu schöpfen. Vielleicht war das Dröhnen auch drinnen in ihrem Kopfe selbst gewesen. Die Kirchentürme und die Glocken von Siena – wo waren sie denn? Sie wagte es endlich, nachdem sie eine ganze Weile nur vorwärts gerannt war, den Kopf umzudrehen. Sie war noch nie weit draußen vor der Stadt gewesen. Da, dort lag Siena unter ihr. Die Mauern und ihre Türme sah sie, und das war der Dom, und dort der Mangia und San Domenico zur Linken. Aber so klein, so klein, so fremd in dem Nebel. Alles anders, als sie gewohnt war es zu sehen. Und sie so fremd hier draußen in der Kühle, ganz allein. . . .

Das Kind zitterte vor Angst und vor Müdigkeit und Hunger Sie hätte weinen mögen. Aber das wollte sie nicht. So kniete sie nieder neben dem alten Olivenbaum, bei dem sie Halt gemacht hatte, und fing an zu beten. Alle die Gebete, die sie wußte, sagte sie her, und sagte noch eines, das hatte niemand sie gelehrt, das trat ihr wie von selbst auf die Lippen: »Lieber Herr Heiland da droben in Deinem schönen Himmel, steh mir bei, auch hier in der Wüste!«

Und als sie so gebetet hatte, da kam über sie eine Ruhe, daß sie ganz still ward. Sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Alleinsein, nicht vor dem Wind, der die grauen Zweige schüttelte, noch vor den Blättern, die feucht und kalt auf sie herniederfielen. Sondern sie bettete sich in das Moos hin, zu Füßen des Baumes, nah' am Stamm, faltete ihre Hände zusammen, legte ihr Gesicht darauf, wie sie es zu Hause in ihrem Bett that. Und da sie nun wieder beginnen wollte, auch wie im Bette, ein Ave zu beten, da versagte ihr die Stimme, ihre Lippen konnten nur lallen und eh' sie es wollte, war das Kind fest eingeschlafen.

Der Wind ging stärker durch die halbentblätterten Zweige, die Wolken zogen in Eile vorüber, nun kam die Sonne hervor und strahlte und brannte über der stillen Erde. Ein Rabe schwang sich durch die Lüfte, flatterte nieder, da er im Moose etwas Helles liegen sah. Sein scharfer Schnabel rührte an das goldene Kreuzlein, das die Schlafende auf ihrer Brust trug. Sie bewegte sich ein wenig. Da ließ er von ihr ab, schlug ein paarmal mit den großen, schwarzen Flügeln und trippelte näher und zog den Kopf ein und saß dann still, ihren Schlummer bewachend. Und die helle Sonne zog weiter und trocknete die Morgenfeuchte und sog die Dünste auf und den Nebel und die Wolken, daß es ein klarer, heißer Tag ward.

Als das Kind aufwachte, hob der Rabe gerade die Flügel und schwang sich empor und flog von dannen, in Schatten und Kühle den Durst zu stillen. Catarina blickte ihm nach. Sie spürte ein Brennen in der ausgedörrten Kehle. Vor den sonnengeblendeten Augen lag ein schwüler, roter Dunst. Immer dachte sie an die Traube und an die guten saftigen Feigen, die sie der Cecca gegeben hatte. Ob die jetzt alles schon aufgegessen? Ob nicht von der Traube noch ein Endchen, vielleicht eine Beere übrig geblieben? Sie sah es vor sich, ganz deutlich, das Zweiglein, daß sie in Hast vorhin von der Erde noch aufgelesen, die Beeren an kurzen Stielen so dunkel tiefblau, leicht beschlagen wie von grauweißem Reif, daß der Anblick allein schon den Durst löscht. An das Mittagmahl, das daheim jetzt die Mutter hereintrug, gerade jetzt, denn die Glocken von Siena begannen fern und dumpf nun wieder zu läuten, daran dachte sie nicht. Nur an die Trauben, die letzten Trauben. Es brannte sie in der Kehle vor Sehnsucht, vor Begehren nach deren Saft. Und sie betete wieder. »Lieber Herr Heiland da droben in Deinem goldenen Himmel, steh mir bei, hilf mir, daß ich nicht verdurste, gieb mir eine Traube, nur eine, eine Beere, Du kannst es, denn Du kannst ja alles, gieb sie mir doch!«

Als sie aufstand von ihren Knieen, fiel etwas zur Erde. Sie bückte sich danach. Am Kleidsaum hatte ein Zweiglein mit zwei kurzgestielten blauen, grauweiß bestaubten großen Beeren sich eingehängt. Das Kind schrie auf, sie nahm die Trauben und verzehrte sie mit Wonne. Und dann kniete sie hin und dankte dem Himmel, der ihr dies Labsal gesendet hatte. Und dann sang sie geistliche Lieder, die sie in der Kirche gehört, so viele sie wußte. Und dann betete sie wieder. Und wenn sie alle die frommen Verse, die sie kannte, hergesagt hatte, begann sie von vorn. Der Tag ging so hin und die Sonne schritt weiter. Catarina war über dem Beten abermals still eingeschlummert. Nun wachte sie wieder auf mit demselben brennenden Durstgefühl im Halse. Und der leere Magen schmerzte und es fröstelte sie. Die Raben flogen über das Feld und über die Bäume hin, der Himmel sah grau aus, und die Nacht kam schon näher. Sie fürchtete sich. Immer enger, immer fester drückte sie sich an den Stamm an, als sei der ihr Freund und ihr Schutz. Über Tage waren auf der Straße, die nicht weit von dem Erdhügel, auf den sie sich geflüchtet hatte, vorüberführte, wohl mancherlei Leute einhergezogen, Hirten mit ihren Herden, Reiter, Reisige und fahrendes Volk und Händler mit hochbepackten Karren, die allesamt der Stadt zustrebten, andere, die wieder von dort kamen. Jetzt aber, seit Ave Maria, war alles still. Catarina hatte den Abendsegen, wie sie es zu Hause that, gesprochen. Das Läuten hörte auf. Das Thor von Siena mochte eben geschlossen werden. Und der Mond kam heraus aus den Wolken. Nun rauschte es im Baum, ein Windstoß, fern ein Rollen wie Donner. Die Zähne schlugen ihr klappernd zusammen, vor Grauen, vor Angst. Kaum, daß sie mit ihren bebenden Lippen noch die Worte bilden konnte:

»Herr, liebster Herr Heiland da droben, Du im lichten Himmel, hilf, steh mir bei, laß mich nicht so allein hier im Finstern!«

Ein Laut auf der Straße wie von Schritten. Sie horchte, so gut sie es konnte, das Herz klopfte ihr aber überlaut. Wenn ein Räuber jetzt käme, ein böser Mensch, der sie schlagen würde . . . Bete, so wird Dir geholfen werden. Sie betete wieder, wortlos, stimmlos, in ihrem Herzen, mit den aufgehobenen gefalteten Händen: »Herr, hilf, Herr, hilf mir!«

Auf der Straße zwei Männer, in weißen Kutten, mit dem schwarzen Mantel der Dominikaner, der eine beritten, der andere zu Fuß. Sie halten gerade vor dem Hügel: »Etwas regt sich dort unter dem Olivenbaume, ein verirrtes Lamm, ein Kind gar – sieh nach, was es ist«, spricht der auf dem Maultier.

Sein junger Gefährte reicht ihm die Zügel, erklimmt den Abhang, sieht die Knieende, bückt sich, sie noch näher zu sehen.

»Catarina! Catarina Benincasa! Bist Du das wirklich? Wie kommst Du hierher? Was machst Du? So sprich. Kennst Du mich nicht mehr?«

»Doch, Herr, gewiß. Ihr seid ja gerade der Junker Tommaso, der es mir gesagt hat, daß ich hierher gehen sollte.«

»Ich Dir? Was sagte ich Dir?«

»Wißt Ihr es denn nicht mehr? Ihr solltet am Tag darauf in das Kloster eintreten . . .«

»Ja gewiß. Du sprachst mir zu. Und Deine Worte, obwohl Du ein Kind bist und nicht verstandest, was sie mir sagten, Deine Worte kräftigten mich und haben mir den Mut gegeben, zu thun, was ich doch einmal thun mußte. Sieh' her, ich trage nun das Mönchskleid, ich habe zu Rom Profeß geleistet und komme jetzt wieder in unser Kloster. Aber was hätte ich Dir denn geboten?«

»Herr, wißt Ihr es nicht mehr? Es ist lang her. Jeden Tag wohl hundert Mal seitdem dacht' ich daran, wie Ihr zu mir sagtet: wer heilig sein wollte, müßte in die Wüste flüchten. Und als ich fragte, wo ist denn die Wüste, da spracht Ihr: hier, gar nicht weit vor den Thoren . . Dessen müßt Ihr Euch doch erinnern?«

»Und deshalb?«

»Ach Herr,« schluchzte das Kind, »zürnt mir nur nicht, weil ich erst jetzt ging. Jeden Abend, jeden, dachte ich: Morgen früh. Aber am Morgen stand dann die Mutter bei mir am Bett. Und wenn ich zur Thür wollte, rief sie: Wohin? und ließ mich nicht fort. Bis gestern. Da nahm ich mir vor, es müßte nun sein. Die ganze Nacht habe ich gebetet: Laß mich nicht einschlafen, Herr Jesus. Er thut mir immer, um was ich bitte. So hielt er mich wach. Und als der Tag graute, da schlich ich hinaus, an den Eltern vorüber, sie merkten nicht, weil er mich schützte, ich schob den Riegel zurück von der Hausthür . . .«

»War das recht?« fragte der junge Mönch.

»Herr, was meint Ihr? Habt Ihr es mir doch selber gesagt.«

Tommaso nickte: »Es scheint so. Aber ich sage Dir jetzt noch ein Anderes: Wer ein echter Heiliger ist, der darf nichts thun aus eigenem Willen, hörst Du, Catarina? sondern seine erste Regel, sein Wunsch, sein Wille ist der Gehorsam. Du sollst Vater und Mutter gehorchen, lerntest Du das nicht?!«

»Herr, ich bin jung, ich lernte noch gar nichts!«

»So merke es Dir denn. Das kannst Du sehr gut schon. Gehorche Deiner Mutter immer. Es ist manchmal schwer. Weiß der Himmel, wie schwer es ist! Thu', was Dein Vater Dir gebietet, er kennt, was Dir frommen wird. Und nun komm', es ist spät.«

Er nahm das Kind, das ihm nicht widerstrebte, bei der Hand und führte sie den Abhang hinunter bis zu seinem Genossen, der dort auf dem gemächlich grasenden Tier saß und wartete. Die beiden Männer unterhielten sich ein paar Minuten, aber da sie Latein sprachen, verstand das Kind sie nicht. Sie hörte nur das Lachen des Priors. Der beugte sich zu ihr.

»So bist Du denn in die Wüste geflohen, eine kleine Heilige dort zu werden?«

»Ja«, sagte das Kind.

»Nun und was meinst Du, bist Du auf dem Wege zur Heiligmachung auch vorwärts gekommen?«

»Ja« – das Kind sah mit den ernsthaften Augen voll zu ihm auf – »denn der Herr erhörte mein Beten, er gab mir alles, was ich begehrte.«

Der alte Dominikanerprior schüttelte seinen grauen Kopf. »Bruder Tommaso«, sprach er mit gedämpfter Stimme, »es giebt doch wunderbare Käuze unter den Menschen, giebt solche, die etwas vom Teufel haben, und andere, denen, meint man, steckten die Engelsflügel schon halb fertig unter dem Kleid. Unseres Amtes aber ist es, die letzteren zu stärken. Versteh' mich wohl. Du sollst nicht absichtlich diesem siebenjährigen Kinde etwas sagen, das sie noch zu größerem Eifer anspornen würde. Aber Du sollst ihren Glaubenseifer also leiten, daß er ihr zur Ehre gereiche und zu gleicher Zeit – uns! – Vergiß das nicht, Du gehörst ja nun zu uns Dominikaner, den wachsamen Hunden im Weinberg des Herrn.«

Und Fra Tommaso gesenkten Hauptes: »Ich habe das Gelübde gethan. Es heischt Gehorsam. Ich werde ihn leisten.«

Er hatte inzwischen die Zügel wieder über seinen Arm genommen und leitete das Maultier seines Oberen behutsam bergabwärts. Dabei führte er Catarina an seiner Rechten. Weil aber das Tier und der junge Gesell, beide kräftig und groß gewachsen, sehr viel längere Schritte machten, als das Kind sie zu thun vermochte, so lief sie ängstlich an seinen Finger geklammert neben ihm her, über das unebene steinige Erdreich mit ihren armen kleinen Füßen. Nach einer Weile vernahm er etwas wie ein Wimmern. Er bückte sich zu ihr. Und da er merkte, daß sie hinkte, und ihre Kinderfüße nackt sah und blutend von den Steinen des Wegs und von Dornen zerrissen, fragte er es ihr ab, daß sie ihre guten Schuhe einer Armen geschenkt habe. Er hob sie auf und trug sie nun die letzte Strecke. Es war nicht sehr weit. Sie kamen durch das Stadtthor von Siena, der Thorwart öffnete den Mönchen. Was der eine da auf der Schulter schleppte, das zusammengedrückte Bündel, das mochte er wohl für einen Sack mit Büchern halten oder mit erbettelten Gaben, so unbeweglich lag Catarina. Fra Tommaso aber hörte, als er weiterschritt, an seinem Halse wieder etwas wie ein unterdrücktes Weinen. Er forschte abermals, was ihr fehle. Nun gestand sie ihm, daß sie Hunger fühle und Durst, weil sie auch das Brot und die Trauben, die sie in die Wüste habe mitnehmen wollen, fortgegeben. Er bat seinen Gefährten um Urlaub für ein paar Minuten. Und weil sie just vor dem Brunnenhaus von Fonte Branda angelangt waren, trug er sie dorthin, kniete nieder und schöpfte ihr Wasser mit seiner Hand. Sie trank es lechzend in einem Zuge. Aus seiner Kutte holte er ein Brot und brach ihr ein Stück ab. Mit ihren kleinen, ungleichen Zähnchen biß sie gierig hinein. Dann gab er ihr noch einmal zu trinken. Und wieder schlürfte sie mit Behagen aus seiner hohlgehaltenen Rechten das klarkühle Wasser. Er stand und sah auf die Kleine nieder.

»Um Fonte Branda gäb' ich nicht den Anblick« – murmelte er.

»Was sagt Ihr, Herr? Ich hab's nicht verstanden.«

Da lachte er. »Nichts für Dich, vergiß das lieber. Worte, die gar nicht hierher gehören. Aus der Hölle. Von einem Dante Allighieri, den mein Vater noch gekannt hat.«

»Ich weiß, Herr, Ihr erzähltet mir von ihm – der von den Leuten von Siena sagte, sie seien eitel.«

»So, das hast Du Dir auch gemerkt? So strafe ihn Lügen, werde nicht eitel.«

»Nein Herr,« sagte sie ernsthaft, »gewiß nicht.«

Er hatte ihr von seinem Brote noch abbrechen wollen, aber da sie sich weigerte, mehr als den einen Bissen zu essen, kehrte er mit ihr zu dem Prior zurück, und die Drei setzten sich wieder in Bewegung. Wo der Weg nach San Domenico zur Linken abbiegt, befahl jener seinem jungen Genossen, daß er das Kind bis an das Haus ihrer Eltern bringe und ritt von dannen. Tommaso trug sie also noch zu der Straße dell' Oca hinauf. Seit sie vorhin getrunken hatte, lag sie so still, als ob sie schliefe. Er unterschied kaum, war es ihr Herzschlag oder seiner, den er spürte. An der Last ihrer jungen Glieder hatte er nicht schwer zu tragen und schritt doch langsam, immer langsamer aufwärts, als ob er nicht an das Ziel kommen wollte. Sie lag so warm und weich ihm im Arme. Er dachte an eine kleine Schwester, die er einst besessen und früh verloren. Und er gedachte seiner Mutter, die so fromm war, daß sie sein Leben dem Kloster geweiht. Ob die ihn je so, an ihre Brust geschmiegt, getragen hatte? Er wußt es nicht. Und seine Gedanken gingen ihm weiter, er wollte es nicht denken und mußte es doch sich vorstellen, wie das hätte sein können, hätte er ein Weib sich werben dürfen und ein Kind sein eigen nennen. Weib und Kind, ihm war, als hielt er beide am Herzen, da er an seiner Wange das weiche Wehen von Catarinas Atmen fühlte, die Wärme ihrer nackten Füße in seiner Hand, in seinem müden Arm ihren müden Körper . . .

Vor der Thür des Färberhauses hob sie den Kopf von seiner Schulter und sah zu ihm auf mit wachen Augen:

»Ich danke Euch sehr, Herr«, sagte sie.

Er setzte sie nieder auf die Schwelle und nahm ihre kleine Hand in die seine: »Du wirst nie mehr so weit fortlaufen? Versprich es mir.«

»Ich verspreche es, Herr.«

»Nenne mich nicht Herr. Ich bin Bruder Tommaso, ein armer Mönch. Sag', Du wirst Deinen Eltern gehorchen?«

»In allem und immer, Fra Tommaso. Ich möchte fromm sein und bin nur ein Kind und weiß noch nicht wie.«

Er nickte dazu. Mit der Hand auf ihrer Schulter stand er zögernd. So viele Gedanken denkt ein Mensch zu gleicher Zeit. Wenn ich nicht ein Mönch wäre, dachte er bei sich, ich möchte wohl auf dieses unschuldigen Kindes Lippen meinen Mund drücken, es müßte wohlthun, beruhigen, kühlen. Aber für Mönche wird alles das, was sonst natürlich wäre, zur Sünde. Und in eben dem Atemzuge fragte er sich: War das auch richtig, wie der Prior es mir geboten, daß ich sie anwies, den Eltern zu folgen? Die Mutter möchte ja alles eher als eine Heilige aus ihr machen. Ich hätte am Ende ihr zureden sollen, stets einen Dominikaner zu fragen, bevor sie etwas thut und will. Und diese beiden Gedankenreihen kreuzte eine andere: Gleichviel, es ist recht so und ist für ihr Glück. Sie soll nur ihrem eigenen Herzen folgen, das wird sie gut führen, denn es ist gut! – Und indem er sich aufrichtete: Damals wollte sie sich nicht küssen lassen. So als ob sie ihre Lippen jungfräulich für den einen bewahren müßte, der kommen wird. So darf ich sie ihr auch nicht entweihen.

»Kind, Catarina«, sprach er wie segnend, »bleib, wie Du bist!« und wandte sich und schritt von ihr fort, die Straße hinunter, in die Nacht. –

Catarina hatte sich auf die Zehenspitzen stellen müssen, die Hausthür zu öffnen. Drinnen war es finster, über den Flur tappte sie sich zu dem Zimmer der Eltern. Seit Fra Tommaso es gesagt, wußte sie es erst, daß sie ein Unrecht begangen hatte. Ob nun die Mutter sie züchtigen würde? Und der Vater, – er hatte sie noch nie geschlagen, er nannte sie nur seine kleine Santa, sein weißes Lamm. Was würde der Vater jetzt zu ihr sagen? Sie horchte an der Thür. Und da – es klang schauerlich durch die Stille, ein Stöhnen, schmerzlich dumpfes Stöhnen. So war der Vater erkrankt an dem Tage? – Sie stieß die Thür auf:

»Mutter, Vater, weint nicht so, was fehlt Euch?«

Ein Schrei gab der Kinderstimme Antwort, ein Schrei von zweien zugleich ausgestoßen, ungläubig, doch jauchzend, ein Schrei der Wonne, halb von Thränen erstickt. Die Mutter griff nach ihr im Dunkeln, der Vater war im Bett aufgesprungen, auf dem er jammernd gelegen hatte, und warf sich über sie, hielt sie, umfing sie, drückte sie an sich und küßte und herzte sie unter Schluchzen, unter Lachen, bis das Kind auch anfing zu weinen.

»So bist Du's wirklich«, rief er, »nicht Dein Gespenst, das wir schon zu hören meinten? Du selbst, Du selbst . . – Ja, ich erkenne Dich daran, daß Du unseren Küssen ausweichst. Aber ich muß Dich auch noch sehen, meine süße, süße Rinetta, um ganz sicher zu sein, daß Du's bist!«

Er lief und holte den Stein vom Herde und schlug Feuer und brachte den Docht an der Lampe zum Brennen und füllte Öl nach und kam mit dem Lämpchen zu ihr in die Kammer. Denn schon ehe das Licht recht leuchten konnte, hatte die Mutter, die ihr Kind Glied um Glied befühlt und betastet, es gewußt, daß Catarinas Füße nackt und daß sie zerrissen waren und wund. Sie hatte die Kleine in das Schlafkämmerlein getragen, das halbverborgen, des Hauses innerster, heiligster Raum, hinter der Wand, an welcher das Kopfende des elterlichen Bettes stand, um ein paar Stufen höher lag. Dort bettete sie ihr Kind auf das Linnen, wusch und verband ihm die schmerzenden Füße und beide Eltern knieten vor ihr und streichelten ihr das Haar und den Hals, die Arme, die kleinen Hände und weinten dazu. Wie sie beide sich gebangt und wie sie gesucht, erzählten sie abwechselnd. Erst, am Morgen, hatten sie gemeint, die Rina sei einmal, wie andere Kinder, davongelaufen, in der Straße zu spielen. Als sie sie in der Straße nicht sahen, hatten sie gedacht, ihr Töchterchen wäre bei der Schwester, mit deren Kleinen sich zu tummeln. Und als sie auch dort nicht war, war die Mutter nach San Domenico gegangen, dort mußte sie sicher zu finden sein, die Rinetta liebe ja leider Beten und Messehören mehr als jedes Spiel. Auf den Kirchenstufen aber, just vor der Thür, da hatte Frau Lapa die Cecca gesehen und als sie ihr um Gotteswillen, auf daß die Bettlerin ein Gebet für ihr Kind sprechen solle, gerade ein Almosen reichen gewollt, da habe sie am Halse der Alten das Tuch bemerkt, Rinettas Tüchlein! Sie habe es gefunden, hatte die Cecca gelogen, gefunden nahe bei Fonte Branda, da wo die Mauern der Kirche von San Domenico steil wie ein Fels aus der Tiefe aufragen. Und die armen Eltern hatten schaudernd gemeint, ihr Kind müsse dort abgestürzt sein und hatten gesucht und geforscht nach den toten Resten ihres verloren geglaubten Lieblings.

Mit großen Augen lag Catarina und hörte zu, wie die beiden alten Leute einander erzählend unterbrachen, berichtigten, wie jeder seinen Schmerz und seine Angst schildern wollte, die heftiger waren als die des anderen. Sie selbst sagte nicht viel. Als sie ihnen gestanden hatte, sie sei draußen vor den Thoren von Siena gewesen, da fragten die Eltern sie nicht weiter, weshalb sie denn davon gegangen. Beglückt und dankbar nahmen sie ihres Kindes Rückkehr wie ein Geschenk der Heiligen hin.

Doch ehe sie sich entfernten, damit Catarina nun schlafen könne, wie die besorgte Mutter wünschte, beugte Meister Jacomo sich noch zu ihr nieder: »Kleine Rinetta, mein einziger Liebling, Du bleibst doch, gehst nicht wieder fort von Deinem greisen alten Vater, der ohne Dich nicht leben könnte?«

»Nie mehr,« sagte sie.

Er lächelte. »Oh doch, so strenge mein' ich es gar nicht. Wenn Du erst groß bist, fünfzehn Jahre, dann will ich Dir, wie ich es Deinen Schwestern that, einen braven Mann zum Verlobten aussuchen, den besten, schönsten, der sich in allen vier Quartieren von Siena für meine kleine Santa findet. Mit dem darfst Du, als mit Deinem Gatten, dann auch in sein Haus gehen. Nur mache mir nicht den Schmerz mehr wie heute!«

»Nie,« sagte sie. Sie lag auf einem weißen Kissen und ihre langen blonden Haare umgaben ihr ernsthaftes Gesichtchen gleich einem gold'nen Heiligenschein. Ihre dunklen, schwermütigen Augen blickten zu dem Vater auf.

»Nie,« sagte sie nochmals, »ich will zu keinem Gatten ins Haus, will keinen anderen Verlobten haben als meinen lieben, süßen Herrn Heiland droben im Himmel«.

Der Alte beugte sich auf sie nieder und küßte ihre Kinderfinger andächtiglich, als ob sie schon eine Heilige wäre.

»Sie träumt,« flüsterte er. Und dann verlöschte er seine Lampe und auf lautlosen Sohlen schlichen die Eltern sich aus der Kammer fort.



III.

In der Straße dell' Oca, der Gänsestraße, im Bezirk Fonte Branda von Siena kannten die Nachbarn einander alle. So gut, wie man es sehen konnte, was für Tücher von dem Dach des Färberhauses bis hinunter auf die Straße zum Trocknen hingen und daran wußte, ob der Meister für diese Woche rot oder grün, schwarz oder lichtblau in seinen Bottichen gemischt, so meinte auch jeder genau zu wissen, was sich im stillen Innern des Hauses, ja zu verstehen, was im Innersten der Menschen sich begab. Sie hatten die kleine Catarina heranwachsen gesehen, sie hatten miterlebt, wie die Eltern dies Jüngste, Nachgeborne, verzogen, hegten und pflegten. Frau Lapas Kummer um des Kindes widerspenstige Kühle, Frau Lapas Freude, als seit jenem Tag der Angst die Kleine so gefügsam geworden, das hatten sie alles mitempfunden. Und sie besprachen des Mädchens gute Gaben, ihre klugen Reden und lobten sie, als es damals hieß, Catarina habe ihre Schuhe der alten Bettlerin von der Kirchentreppe, der Cecca, geschenkt, die sie ihr freilich am Tag darauf verächtlich wieder zurückgebracht, weil sie so kleines Fußzeug unmöglich tragen könne, und tadelten sie, so oft man erfuhr, ein neues Kleid, das die Mutter selbst ihr genäht, oder ein Tuch, das der Vater zum Färben erhalten, oder das Essen für ihr Nachtmahl hätte sie gleichermaßen auch an Arme fortgegeben. Man lachte, als eines Morgens das Mägdelein mit kahlem Kopfe vorüberging. Denn sie hatte sich die langen, blonden Haare, die in Siena so selten waren, daß jeder sie darum ansprach, selbst abgeschnitten, um auf den Schmuck nicht zu eitel zu werden. Frau Lapa freilich vergoß heiße Thränen über diese kindische That, und die guten Nachbarinnen beklagten mit ihr den Verlust. Aber hinter ihrem Rücken zuckten dieselben Frauen die Schultern: »Was will sie nur! sie selbst und ihr Mann allein tragen die Schuld. Als Catarina noch so klein war wie unsere Kinder, die lustig in der Gasse spielen, hat die Mutter sie nie von sich lassen wollen, sobald die Kleine weinte, trug jene sie ängstlich nach Haus. Jetzt, wo sie größer wird, steht sie abseits, wenn unsere Mädchen tanzen und singen, und will nichts vom Spielen wissen. Im August, wenn auf der Piazza del Campo vor dem Palazzo Pubblico il palio stattfindet, unser größtes Stadtfest, zu dem eine jede den schönsten Schmuck anlegt, den sie besitzt, muß sie natürlich sich in ein graues Büßerkleid stecken von Nonnenschnitt und in ihrer dunklen Schlafkammer knien, sich geißeln und beten. Das haben aber die Eltern davon, daß sie von jeher etwas Besonderes aus ihr machen wollten. Nun thut sie, was ihnen selber leid ist. Und sind doch sonst ein paar brave Leute, von guter Art und beliebt in der ganzen Gegend. Freilich, Frau Lapa ist nur von geringer Herkunft. Ihr Vater trieb kein ehrbar Handwerk, wie ihr Mann und wir andern hier. Er war, müßt Ihr wissen, Muzio Piagenti, der alte wandernde Straßensänger, dessen sich viele noch sehr wohl erinnern, weil er immer ein freundlich Wort und ein nachdenklich Liedlein für Kinder und für Arme hatte. Wer weiß, vielleicht kommt es der Rinetta noch von dem Alten her, daß sie lieber mit den Armen und Elenden geht, als mit Ihresgleichen, den wohlangesehenen und ehrbaren Leuten.« So sprachen die guten Nachbarinnen.

Catarina war nun allmählich in das Alter gekommen, in dem ihre Schwestern das Elternhaus verlassen hatten. Sie war, wie diese, von der Mutter unterwiesen in jeder Tugend und Hausfrauenpflicht, die einem Mägdlein wohl ansteht. Von Wissenschaften, wie Lesen und Schreiben, die nur die Jugend verführen können, hatte sie nichts erlernt. Wenn nun auch Meister Jacomo vor dem Augenblick bangte, wo er sein Herzblatt, seinen Augapfel hergeben sollte, so hätte er doch gemeint, seiner Ehre als Bürger etwas zu vergeben, hätte er die Zeit vorübergehen lassen, sie zu vermählen. Nun traf es sich gut, daß gerade, als sie fünfzehn Jahre zählte, der Meisterknecht, ein Bürgerssohn von Siena und ein stattlicher Mensch, durch seinen Vater bei dem alten Benincasa um des Kindes Hand werben ließ. Er wollte auch die Färberei gern übernehmen und in dem Hause weiterführen. Meister Jacomo hätte nichts lieber gesehen. Fühlte er sich doch schon müde, nicht mehr recht fähig, das Geschäft so zu leiten, wie es jetzt gefordert wurde. Die Färberei nun aufzugeben, nachdem er sie in Flor gebracht, das hätte ihn geschmerzt. Darum gefiel ihm der Gedanke sehr wohl, sie dem Tochtermann zu lassen, der von ihm selber angelernt worden. Und vor allem: daß er sich dann nicht von Catarina zu trennen brauchte, sondern mit seinem Weibe in demselben Hause bleiben, immer sie um sich haben könne, das entschied. Nachdem er die Sache gehörig verhandelt, festgesetzt und abgeschlossen mit dem Vater des jungen Mannes und mit diesem selbst, ging er strahlenden Gesichtes, seinem Töchterlein zu vermelden, was ihr bevorstand und welch ein gutes, behagliches Leben er ihr liebend bereitet hatte. Da aber geschah, was Meister Jacomo nie und nimmer, auch im Traum nicht für möglich gehalten: Catarina weigerte sich. –

Die Mutter hatte freilich schon öfter ihn gewarnt, auf des Mädchens Gehorsam zu fest zu trauen. Wie dienstbereit und willig sie seit ihrem siebenten Jahre geworden, sie sei im Herzen noch immer dieselbe, die nur that, was ihr gefiel, und nichts darüber, die gehorchte, weil sie es wollte, nicht aus kindlich demütig sanfter Ergebenheit. Meister Jacomo aber vermochte an seinem Töchterlein kein Fehl zu finden, und weil die Mutter von jeher dies und jenes, den Stolz und die Klugheit, just was ihm lieb war, getadelt hatte und eifersüchtig war, daß er dieses jüngste all ihren anderen Kindern vorzog, so glaubte er ihr nicht.

Aber nun wollte Catarina den Mann nicht nehmen, den er als den besten, tüchtigsten, bravsten in ganz Siena ihr ausgesucht hatte. Er durfte sich das nicht bieten lassen. In dem Vertrag mit dem Vater des Jünglings war festgesetzt, daß, wer von dem Verlöbnis zurückstand, dem andern eine Entschädigungssumme auszahlen müsse. Und er besaß die Summe zur Zeit nicht, weil Catarina ihm für ihre Armen zu viel abgebettelt hatte und fortgeschenkt. Er hätte bei Söhnen und Schwiegersöhnen das Geld sich leihen müssen, um die Buße leisten zu können! Das wollte er nicht. Es dünkte ihn wie eine Schande. Er befahl seiner Tochter mit Strenge, ihm zu willfahren, er bat, er schalt, er drohte ihr.

Aber das Mägdelein blieb ganz ruhig:

»Ich kann nicht, Vater, ich hab's ja geschworen.«

Und das Wort, das sie als Kind von sieben Jahren, da sie den Eltern davongelaufen war, im Bett spät abends, verweint, halb schlafend ihm zugerufen, sie wolle nie einen anderen Verlobten, als den Heiland im Himmel, nie einem menschlichen Gatten folgen in sein Haus – das er halb gehört und halb vergessen, das hielt sie wie ein Gesetz ihm entgegen. Es gab böse Stunden und böse Tage zwischen Vater und Tochter im Färberhause. Monna Lapa stand händeringend daneben, sie wußte sich machtlos, ihr Kind zu bereden. Und die Nachbarn und die Freunde kamen und gingen, schüttelten die Köpfe über das schlechtgezogene Mädchen, zuckten die Achseln über den allzu nachgiebigen Vater, der sie nicht mit Schlägen zwingen wollte, wie jeder andere gethan haben würde. Der Vater des hübschen Färbergesellen aber pochte auf seinen Schein – entweder die Heirat oder die Buße.

In ihrer Not lief endlich Frau Lapa nach San Domenico in die Beichte. Fra Tommaso, ihr einstiger Gevatterssohn, hatte längst die Weihen erhalten. Ein gern gehörter Prediger, ein gelehrter Schriftforscher, dabei ihr und der Rina treuer Freund und Berater, aber, wie die Leute munkelten, kein so ganz fügsamer Diener des heiligen Dominicus war aus ihm geworden. Dem klagte die gute Frau den Zwiespalt, der in ihrem Hause entstanden, und bat und flehte so lange, bis er ihr versprach, selbst einmal nach dem Rechten zu sehen und der Rinetta ernstlich ins Gewissen zu reden. Er wollte am selben Abend noch kommen. So nah es von San Domenico hinüber nach der Straße dell' Oca ist, – der Mönch durfte den Gang doch nicht thun, durfte nicht außerhalb der Kirche die Beichte hören, ohne dazu seines Priors Erlaubnis sich zu erbitten. Die erhielt er denn auch. Nur hatte der Prior, der sich des Erlebnisses an jenem Abend vor acht Jahren noch sehr wohl entsann und auch seitdem oft die kleine Benincasa in der Kirche beten gesehen und beobachtet hatte, ihn dabei abermals ermahnt, wohl zu bedenken, was ihrem Orden zur Erhöhung gereichen würde. Die Mönche des heiligen Franciscus besaßen in ihrem Stifter einen Heiligen ihres Landes, zu dem jedermann gern betete; sie aber, die Predigerbrüder, hatten einen Ausländer – Dominicus war ein Spanier – in die Verteidigerschar der Kirche eingeführt, sie bedurften einheimischer Mitkämpfer, hier im Lande gebürtiger Frommen. Ob das Mädchen dabei Glück oder Unglück fände, das kümmerte ihn nicht. Und ob gar der Vater Kummer und Geldverlust davon hätte, war für den Klosterherrn ohne Bedeutung. »Ist sie wirklich tauglich, eine Heilige aus ihr zu machen, so rede Du ihr zu, in dem Sinne. Ist sie es nicht, ihr Wollen, Geloben, Beten und Geißeln alles nur Spiel, Ziererei und Eitelkeit, so mag sie den oder einen anderen zum Ehemann nehmen, das ist uns dann gleich. Also forsche Du gründlich, was an ihr echt ist, und berichte es mir und sage mir die Wahrheit, mein Sohn!«

Mit schwerem Herzen ging Fra Tommaso den kurzen Gang. Monna Lapa führte ihn in das Kämmerlein hinter dem Schlafgemach der Eltern. Sie fanden das Mädchen auf ihren Knieen vor dem Kruzifix. Fra Tommaso wartete, bis sie zu Ende gebetet. Er betrachtete sie unterdessen. In den drei Monaten, seit er sie zuletzt gesehen – er hatte zu Florenz und Pisa in der Fastenzeit gepredigt – seit sie in seinem Beichtstuhl vor ihm gelegen und sich weinend böser Eitelkeit angeklagt, weil sie sich, um nicht eitel zu scheinen, ihre Haare abgeschnitten, seitdem war das Blondhaar ihr schon wieder ein wenig gewachsen. In leichten Löckchen gekraust und luftig umgab es die Stirn. Und als sie nun aufstand von ihren Knieen, schien sie selber auch gewachsen, gestreckt und voller zur Jungfrau erblüht. Dem jungen Mönch schlug das Herz an die Lippen.

»Du willst nicht heiraten, Catarina?« fragte er.

»Herr, ich kann nicht, ich habe es geschworen.«

»Ich frage Dich, ob Du es nicht möchtest?«

»Herr, ich . . .« Sie sah zu ihrer Mutter hin, die noch in der Thür stand.

Er winkte Frau Lapa hinauszugehen und setzte sich auf den hölzernen Schemel, neben dem Bett. Sie kniete vor ihm inmitten des Raumes, nur ein vergittertes schmales Fenster dicht unter der Decke gab dem kleinen Schlafkämmerlein Licht. Und doch sah er sie, wundersam deutlich, viel zu deutlich.

Er seufzte: »Also ist es ein anderer, den Du zum Ehemann haben möchtest? Nur der nicht, den Dein Vater bestimmte, ein anderer wohl?«

»Nein, keiner auf Erden.«

»Sieh mir in die Augen, Catarina, und sprich die Wahrheit. Du bist jung, aber nicht so jung, daß Du nicht wüßtest, was leben heißt und glücklich sein. Glück für ein Weib ist es, einem braven Mann anzugehören, Kinder zu gebären, wie Deine Schwestern. Wünschest Du Dir das gar nicht?«

»Manchmal wohl.«

»Nun so thu's« – er stand heftig auf – »sei glücklich, gehorche Deinem Vater, – thu' was alle Welt thut, das wirst Du sicherlich nicht bereuen.«

»Fra Tommaso, ich kann nicht, ich habe es geschworen!«

»Und wenn auch! Sind wir Priester nicht da um zu lösen und zu binden? Deinem Vater Gehorsam zu leisten, das ist Deine Pflicht.«

»Ich schwor ja damals, ihm zu Liebe. Und nun . . Fra Tommaso, das könnt Ihr nicht wollen. Mein Vater weiß nicht, was er fordert. Kennt Ihr den Mann denn? Diesen Menschen! Ihr seid doch sonst gütig zu mir gewesen, selbst wie ein Vater, Fra Tommaso, das wollt Ihr doch nicht, daß der mich in seine Arme nehmen, mich herzen soll, wie meiner Schwestern Ehemänner es ihnen thun?«

»Deine Mutter hat mir gesagt, er sei ein hübscher Bursch, nicht viel über zwanzig, rotbäckig, gesund« –

Sie schauderte nur bei seinen Worten.

»Was willst Du also,« fuhr er fort, »sprich, wo ist einer, der Dir gefiele und wie müßte er sein?«

»O, der!« – es kam in ihre Augen ein wundersam Leuchten, das Blut stieg rosig in ihre schmalen, sonst bleichen Wangen und die jungen Lippen thaten sich ihr ein wenig auseinander wie eine Blume, die erblühen will, sehnsüchtig, durstig.

Er sah das alles, so dunkel die Kammer war, sah es nicht mit den Augen nur, auch im Herzen.

»Ich wüßte schon, wie er aussehen müßte«, flüsterte sie, »er ist ganz nahe.«

Der Mönch bog sich über sie. Seine Hände griffen nach ihren und packten sie, wie mit eisernen Klammern, sein Atem ging keuchend, seine Augen glühten düster in ihren Höhlen: »Catarina«, rief er, »wo ist er, wo? So sprich doch, hier?«

Da hob das Mägdelein sich von den Knieen, leicht, wie schwebend, kam sie noch einen Schritt zu ihm näher und zog seinen Arm, der ihre Hand hielt, empor und wies ihn auf die Wand hin und auf das Kruzifix, das dort hing.

»Da«, sagte sie, »der ist mein Verlobter!«

Fra Tommaso hob rasch seine Hände vor sein Antlitz und verbarg in den langen weißen Aermeln der Kutte sein Erschrecken und seine Scham. Sie war doch anders, als er es gedacht. So ein Mädchen zu begreifen, ein Menschenkind und so unschuldig, wissend unwissend, auf Erden wandelnd, dabei voll überirdischer Träume, das kann ein Mann und ein Mönch nicht erreichen. Während er also seine Gedanken aus der kurzen Verwirrung, die ihn überfallen hatte, wieder sammelte, erzählte sie ihm mit schüchterner Stimme, verschämt und stockend, wie andere Mädchen auch von ihrer Verlobung berichten, daß sie als Kind schon zu sieben Jahren sich dem Heiland angelobt. Hatte doch ihre fromme Namensschwester und Schutzpatronin Catarina von Alexandrien sich mit dem Jesusknaben versprochen und von ihm einen Ring erhalten, wie man noch es gemalt sieht in so vielen Kirchen. Und wenn sie auch in anderen Dingen jener hehren Märtyrerjungfrau nie zu gleichen hoffen durfte – jene hatte vierzig hochgelahrte Philosophen und Heidenpriester im Disput widerlegt und durch ihrer Rede Gewalt für das Christentum gewonnen, sie aber, sie konnte ja nicht lesen noch schreiben – sie würde auch schwerlich von dem Himmel gewürdigt werden, auf dem Rade um ihres Glaubens willen zu leiden, sie wollte aber jede Strafe eher erdulden und jegliche Buße thun, alles, nur nicht dem schönen Gianni, dem Färber, als ihrem Ehemann sich ergeben.

Und wieder seufzte der Mönch Fra Tommaso und schlug sich an seine eigene Brust. Denn er trug Mitschuld, daß sie so dachte und sich dem Leben abwenden wollte. Aus ihren Worten hörte er oft seine eigenen wieder. Das hatte er sie im Beichtstuhl gelehrt und jenes auf der Kanzel gepredigt, die Heidenbekehrerin Catarina hatte er selbst ihr als Vorbild geschildert. Jede Silbe war auf ein fruchtbar Erdreich gefallen, hatte gewurzelt in ihrem Herzen und war in Blüte aufgeschossen; daß er nun selber machtlos dastand, nicht ausrotten konnte, was er gesäet. Und durfte er's denn? Und – wollte er's denn? Er sah sie an, wie sie da vor ihm kniete. Sein Prior befahl ihm, sie anzufeuern, daß sie eine Heilige würde, so er sie dazu tauglich fände – Das hieß, er sollte sie ermahnen zu beten, zu büßen, sich zu geißeln, sich zu kasteien und allem Erdenglück zu entsagen. Nie würde sie Gattenliebe genießen, nie Kinderlächeln, nie das thätig friedliche Leben, das ihr Vater für sie ersehnte. Sollte er ihr, die ihm so lieb war, dazu raten? Zu dem Elend, das er wohl kannte, ach nur zu wohl! Oder zu ihrem wahren Glücke, das er niemals kennen würde? Er zögerte. Und zögerte doch nicht. Denn in ihm war etwas, das rief, das schrie, das würgte ihn am Halse, daß ihm der Atem vergehen wollte und Hören und Sehen und Bewußtsein. – Er konnte sie keinem anderen lassen, er wollte das nicht.

»Catarina«, sagte er leise.

Sie wandte sich auf ihren Knieen von dem Kruzifix ab und zu ihm.

»Soll ich Dir helfen?«

»Fra Tommaso, mein gütiger Vater! wisset, er hat mir Hilfe versprochen, mein Bräutigam, als ich ihn so verzweifelt gebeten. Er sendet Euch zu meinem Beistand. Ich danke ihm nur, indem ich Euch danke.«

Er hob sie auf, da sie sich bückte, den staubigen Saum seines Mönchsgewandes zu küssen.

»Catarina, so wird Dein Leben schwer sein und traurig, voll von Entbehrung, – denn Du bist weich gewöhnt und zärtlich, – voll von Qualen – denn Du wirst den Armen und Kranken wohl beistehen, aber nicht helfen können, – und voll von Reueschmerz und Enttäuschung, – denn dem Herrn, den Du Dir erwähltest, wirst Du doch nimmer an Reinheit, Mut, Entsagung, Größe zu genügen vermögen. Bedenk es wohl, was willst Du, Mädchen, bedenk es Dir nochmals, – Glück oder Elend – Du hast die Wahl!«

Da stand sie auf vor ihm, ihr Antlitz glühte, ihre Augen blickten leuchtend über ihn fort, wie in den Himmel, verzückt, mit weit ausgebreiteten Armen stand sie und sprach mit bebender Stimme, feierlich, aus tiefstem Herzen:

»Ich will das, was Ihr Elend nennet. Denn das ist mein Glück.«

Der Mönch Fra Tommaso begab sich heim zu seinem Prior. Er berichtet ihm: »Das Mägdlein ist rein und gläubig, sie ist wie geschaffen, eine Heilige zu werden und – ich habe ihr beigestanden auf dem Wege dahin.«



IV.

In der Straße dell' Oca standen die Leute am Nachmittag vor ihren Thüren und sahen zwei Nonnen nach, die gesenkten Blickes, die Hände gekreuzt in den weiten Ärmeln der weißen Kutten unter dem schweren schwarzen Mantel feierlich langsam vorübergingen und im Hause Benincasa verschwanden. Es waren Schwestern von der Buße des heiligen Dominicus, die man die Mantellate nannte. Eine Nachbarin kannte sie beide: Mutter Nera war es, die Oberin, eine Witwe aus edlem Geschlechte, und Suor Palmerina, die freilich nie vermählt gewesen, – die Mantellate nahmen sonst meist nur Witwen auf, – aber diese fromme Jungfrau war so gottesfürchtig und so alt, daß man sie zugelassen, inbesonders, da sie ihr Vermögen auch der Schwesterschaft eingebracht hatte. Und die Nachbarn wunderten sich, was die zwei, die sonst nur in die ärmsten Häuser gingen, wo es Verhungernde zu stärken, Sterbende zu erquicken gab, bei den Benincasa zu thun hätten? Sie kamen wohl um der Rina willen, die so viel kränkelte. Das hat sie davon, das arme Ding, daß sie nicht hat heiraten wollen, als damals im Frühling der Vater es für sie gewünscht. Damit wäre wahrscheinlich alles andere auch gut geworden. Man kennt das schon, wie solche Mädchenleiden sind, bestehen zu drei Vierteilen meist aus erhitzter Phantasie und zum letzten Viertel aus Langerweile. Andere haben das auch wohl zu leiden in diesen Jahren. Nur daß sie es leiden müssen, weil keiner sie zum Traualtar zu führen begehrte. Catarina aber hätte einfach ihrem Vater zu gehorchen brauchen und alles wäre gut gewesen. Ob ihr das nun gefiel, daß ihre eigene Nichte, die Nanna, ihres älteren Bruders Tochter, einen Monat danach mit dem Färber Gianni vermählt ward und sie zurückstand, eine Ledige blieb? Zum Sommer war die Mutter mit ihr in ein Schwefelbad gegangen, nicht weit von der Stadt, daß all die bösen Säfte in ihr gereinigt würden und das heiße Blut sich beruhige. Aber das hatte auch nicht geholfen, obwohl – die Nachbarinnen rückten flüsternd mit den Köpfen noch näher zusammen, – Monna Lapa berichtet hatte, das Mädchen sei immer tiefer, immer näher in den glühheißen dampfenden Quell hineingeschritten, daß sie, die Mutter, und die Badefrau mit ihr laut aufschrieen, vor Angst, sie müsse lebendigen Leibes verbrühen. Aber die Maid war unversehrt und unverletzt aus der Glut hervorgegangen. Und als man sie gescholten hatte ob ihrer Unvorsicht, hatte sie nur den Kopf geschüttelt: »Mir that es wohl, es brennt ja nur außen, innen nicht.« – Jetzt liegt sie schon wieder, seit Wochen und kann sich kaum rühren; alle Glieder sind ihr geschwollen. Zu dreien Malen hat Monna Lapa zu den Mantellate gehen müssen mit Botschaft von ihr, bis diese endlich sich entschlossen, aller Regel und Satzung zuwider zu ihr zu kommen. Und was sie von ihnen will, – die nächste Nachbarsfrau, die Haus an Haus mit dem Färber wohnte, hatte auch das durch ihre Magd von der Magd nebenan zu erfragen gewußt, – was sie von ihnen will, ist unmöglich, ist nur zum Lachen. Sie möchte in den Orden eintreten, ein halbwüchsig Ding von fünfzehn Jahren und die Tochter des Färbers! – Obwohl Siena seit Jahren schon von den Popolanen geleitet wurde und die Adeligen nichts mehr zu sagen hatten, ihr altes Ansehen blieb ihnen doch bei aller Welt und in solchem Orden fanden nur die vornehmen Frauen Aufnahme. Die Schwestern würden nimmer sich dazu entschließen.

So standen sie in der Straße und schwatzten, besprachen, was drinnen geschehen mußte, und was nicht geschehen durfte, und eine jede gab ihre Meinung, und jede Meinung lautete anders. Aber in Einem stimmten sie allesamt überein: »Ein wunderlich Ding, die Catarina Benincasa, eine, über die man immer neu sich verwundern und den Kopf schütteln muß.«

Die aber, von der so viel in der Straße hin und her geredet wurde, lag zu derselben Stunde ausgestreckt in ihrem Bette in der halbdunklen Kammer, mit über der Brust gekreuzten Händen und starrte angstvoll auf zu den beiden alten Frauen, die sich prüfend über sie beugten.

»Schön ist sie nicht«, sagte in verächtlichem Tone Suor Palmerina, »sieht ja zum Erbarmen krank aus. Nein, zu schön wär' die auch für uns nicht.«

Aber die Mutter der Mantellate neigte sich in ihrem weißen Gewande noch tiefer, daß der große schwarze Mantel sie selbst und die Bettstatt und das Mägdelein in ihren Linnen umhüllte und vor den hinter ihr Stehenden verbarg und abschloß.

»Kind Catarina«, sprach sie sehr leise und ihre sanfte Stimme streichelte wie mit linden Fingern die Fiebernde, – »Kind Catarina, Du bist fünfzehn, sagen sie mir, und sie sagen mir, daß Du fromm bist und daß Du Dir nichts sehnlicher wünschest, als in unseren Orden zu treten. Unser Beichtvater Fra Tommaso hat mich gebeten, Dich kennen zu lernen und dann zu prüfen, ob in den Satzungen unserer Schwesterschaft sich vielleicht um Deinetwillen eine Aenderung machen ließe. Denn wir anderen sonst sind müde und alt und mit dem Leben fertig. Keine Anfechtung kann uns mehr drohen, wenn wir gleich frei sind, nicht in enge Klausur gebannt, wie andere Nonnen, sondern gehen dürfen und kommen, pflegen, beten oder nicht beten, wie es unser Gewissen uns vorschreibt Aber Du . . .«

»Frau Oberin, ich bin auch müde, ich will auch fertig sein, ich mag die Welt nicht, ich will nichts anderes, nehmt Ihr mich auf?«

»Catarina, Kind, sprich die Wahrheit! Sieh mich an, mir gerade in die Augen, weshalb bist Du müde, weshalb? Mit fünfzehn Jahren giebt es nur einen, nur denselben Grund für uns alle. Sag mir es. Ganz leise. Schwester Palmerina hört nicht so scharf mehr, – es war wohl Einer, den Du gern gehabt hättest und der – er hat Dich im Stiche gelassen?« –

Da lächelte die Catarina: »Einer ist und hat mich lieb. Noch sehr viel lieber als ich ihn habe. Der dort. Unser Heiland droben im Himmel. Im goldenen Strahlenglanz, der hehre! Um dessentwillen möcht' ich Euch dienen.«

»Und das ist die Wahrheit?«

»Seht mir in die Augen, ehrwürdige Mutter, glaubt Ihr mir nicht?«

Sie hatte sich im Bett aufgerichtet, obwohl ihre kranken Glieder sie schmerzten, daß sie stöhnen mußte. Frau Lapa war hinzugesprungen, ihr Kind zu stützen; die Frauen sahen die schmalen Schultern, die mageren Arme des jungen, allzu zarten Geschöpfes.

»Soll ich es Euch noch schwören?« rief sie, »fragt meine Mutter hier, fragt meinen Vater, fragt meinen Beichtiger und wen Ihr sonst wollt. Ich liebe nur ihn, den Einen, Einen, ihn ganz allein. Er hat mich zu sich emporgehoben, sein Verlöbnis mit mir zu feiern, er nahm mein Herz in seine Brust auf und gab mir seines, das große, milde, allerbarmende, gewaltige. Das klopft und klopft nun. Gebt Eure Hand her, legt sie mir dahin, hier her, da könnt Ihr es fühlen, wie es pocht und wie es hämmert. Es ist zu stark für ein menschlich Wesen, es erstickt mich, es martert, es wird mich noch töten, sein Herz, mein Herz!«

»Sie redet irr im Fieber«, schluchzte hinter dem Rücken des Kindes Monna Lapa, »ach, sie hat schon oft so gesprochen!«

Catarina war in das Kissen zurückgesunken, sie lag da keuchend: »Nehmt Ihr mich auf?« flehte sie mit heiserer Stimme, »nehmt Ihr mich auf?«

»Und was will sie uns dafür geben, wenn wir sie in unseren Orden einlassen würden, das kranke Ding?« fragte Suor Palmerina; »sie ist doch nicht reich, sie wird uns kein Vermögen zubringen. Am Ende haben wir sie noch zu pflegen.«

Die gute Mutter Nera zögerte mit ihrer Antwort.

Catarina aber hatte die Worte vernommen. Abermals stützte sie sich im Bett auf. »Was ich Euch bringe, wollt Ihr wissen, was ich dem Orden nützen werde? Nun Besseres als Ihr. Was ich mitbringe, ist mehr als Gold wert. Denn ich trage in meinen Händen Euch sein Herz zu, seine Gnade und ich bringe Euch meine Gebete, die er gewähren wird, und meine Worte, die er mir auf die Zunge gelegt hat, werden Andächtige sammeln, und meine Hände, die er segnet, werden Kranke heilen, Lahme gehen, Blinde sehen machen und ich werde Wunder verrichten, durch seine Hilfe in seinem Schutze, mit seinem Beistand, wenn er es will, mein Fürst, mein Herr . . .«

Ihre anfänglich jauchzende Stimme erstarb in leisem murmelnden Flüstern.

Frau Lapa weinte. »Fromme Mutter Nera«, flehte sie, »schlagt es ihr nicht ab. Mir und meinem alten Manne ist es wie Sterben, wenn wir sie Euch hergeben sollen. Aber sie stirbt uns, wenn Ihr sie nicht nehmt. Will sie etwas, so muß sie es haben. Sie ist immer so gewesen, als kleines Kind schon. Thut man ihr den Willen, so wird sie gut und sanft und folgsam. Aber vorher ist's wie ein Fieber, gleich wie ein Krampf, der sie gepackt hält und gefangen. Erde und Himmel möchte sie in Bewegung setzen, daß ihr das wird, was sie braucht und begehrt.«

»Nun, uns soll sie nicht so beherrschen!« rief Suor Palmerina.

»Sie erreicht immer, was sie sich vorsetzt? Und sie bietet uns ihren Willen für unseren Orden an?« fragte die Mutter Nera, – »sie ist klug, sie weiß, was uns frommt. Kind Catarina, hör' mich noch einmal, weißt Du, daß, wenn Du bei uns eintrittst, Deine erste Pflicht, Dein einzig Gebot der Gehorsam gegen mich sein wird?«

»Ich weiß,« – flüsterte tonlos das Mädchen, das nach dem Krampf, der sie geschüttelt hatte, blaß, wie leblos, mit geschlossenen Augen da lag.

»Weißt Du, daß Du betteln gehen mußt, um Arzneien und Linnen und Geld, unser Leben zu fristen?«

»Ich weiß es.«

»Und Du willst das auf Dich nehmen, alles thun was ein jeder Dir ansinnt, als die Jüngste in unserer Genossenschaft, Magddienste verrichten, das Geringste, Gemeinste nicht gering finden noch gemein, sondern es thun mit Deiner ganzen Kraft, Deinem Willen, – sag', willst Du das?«

»Ich will, ich will, – um seinetwillen!« hauchte sie, wie ersterbend. In der abenddunklen Kammer sah man nur ihre Augen noch leuchten, wie sie sich jetzt in sehnsüchtigem Strahle seitwärts wandten zu dem alten Kruzifixe über dem Betschemel an der Wand.

Die fromme Mutter der Mantellate bekreuzte sich und legte dann ihre weiche, weiße volle Hand dem Kinde auf die brennende Stirne: »So sei es denn. Wir nehmen Dich auf. Möge es Dich nie gereuen, daß Dein Wunsch Dir erfüllt worden ist.« – Und sie segnete Catarina.

Dann, als die beiden das Haus des Färbers wieder verließen, sprach sie im Davongehen zu Suor Palmerina, die von dem Geschehenen nur wenig erbaut war: »Ergebt Euch darin, gute Schwester, Euch wird es künftighin noch ganz bequem sein, Euch von dem Kinde bedienen zu lassen.«

Und die Schwester nickte, daß der alte Kopf auf ihrem dürren Halse ihr wackelte: »So, hm, so meint Ihr es! Ja, dann ist's was anderes; einer Magd bedarf unser Haus wohl. Und schön ist sie nicht, daß sie übles Gerede in unseren Orden bringen könnte. Und klug scheint sie wahrlich, wie Ihr schon sagtet. Also möge sie denn nur kommen.«

Weil aber Schwester Palmerina zu ihrem dürren, langen Halse eine gar harte Stimme hatte, die man sehr laut und weit hören konnte, so vernahmen die, welche in der Straße noch vor ihren Thüren saßen, sich der Abendkühle aufatmend zu erfreuen, ein jedes Wort. Und alsbald ging es von Mund zu Munde, von Haus zu Hause: »Wißt Ihrs auch schon, Catarina Benincasa wird trotz ihrer fünfzehn Jahre von den Mantellate aufgenommen! Und wißt Ihr warum? Weil sie nicht schön ist – nicht schön, aber klug!«

Und jeder, der das wiedersagte, und ein jeder, der es hörte in der Straße dell' Oca, der lachte! Denn da sie wohl wußten, daß eines von den beiden nicht wahr sei, so konnten sie auch das andere nicht glauben. Jeder von ihnen hätte die Worte gerade umgekehrt gesetzt: Catarina Benincasa, die mit fünfzehn Jahren sich weigert, einem braven Mann zu gehören und lieber eine Nonne sein will, die ihre blonden Haare sich abschnitt und die nun ihre jungen Glieder in ein hären Gewand, in die weiße Kutte, den schwarzen Mantel verhüllen will, schön ist sie freilich, aber klug? nein, klug wahrhaftig ist sie nicht!

Ein paar Tage später aber, als man die Maid nun wirklich in der Tracht der Mantellate, die ernsten Augen demütiglich zu Boden geschlagen, vorübergehen sah, da neigten sich ganz unwillkürlich dieselben Leute, die über sie gespottet hatten, und die Kinder, die vor den Schwellen der Häuser spielten, liefen ihr nach und begehrten ihr die Hand zu küssen. –



V.

Catarina war, nachdem die zwei Schwestern von ihr gegangen, wie durch ein Wunder von dem Fieber geheilt worden. Ob sie noch Schmerzen litt oder nicht, wollte ihr blasser Mund nicht verraten, der Mutter selbst nicht. Die Nacht hindurch hatte sie gesessen und an dem Kuttenkleide genäht, daß sie fortan tragen sollte, und in aller Morgenfrühe, nachdem sie in San Domenico erst die Mette gehört, war sie zu den Nonnen gekommen. Und so hielt sies auch fürderhin, die halben Nächte brachte sie in Bußübungen wachend hin, früh morgens ging sie in die Kirche und den übrigen Tag war sie den frommen Schwestern zu Diensten. Diese besaßen dazumal noch kein eigenes Kloster, sondern sie bewohnten, soweit sie nicht in ihren Familien geblieben waren, ganz am andern Ende von Siena, nahe bei der Porta Romana ein kleines Haus, das Suor Palmerina der Gemeinschaft zugebracht hatte. Weil aber die meisten von ihnen betagt waren, und verwöhnt obendrein, so gab es viel Arbeit, die als der Jüngsten und zuletzt Eingetretenen selbstverständlich Catarina zufallen mußte. Sie hatte die Treppen und Dielen zu waschen, die Betten zu machen, das Wasser vom Brunnen herzuschleppen, das bescheidene Mahl zu kochen, den Tisch zu decken, die Speisereste zu Armen und Kranken fortzutragen. Aber sie that es alles freundlich, ohne Murren, ohne Zögern. Und wenn sie einmal nach Hause kommend, die Mutter, die plötzlich alt und schwach geworden schien, noch bemüht sah mit ihrer Arbeit, so griff sie mit zu, half dem Vater die gefärbten Zeuge falten, – er hatte nur mehr einen einzigen Knecht im Hause, er konnte seiner Frau auch keine Magd wie früher halten, – und trug auf ihren zarten Schultern die schweren Ballen die steilen Stiegen hinauf und hinunter, als wäre das alles nur ein Spiel. Oder sie stand bald nach Mitternacht heimlich auf von ihrem Lager, schlich sich aus der Kammer vorbei an den Eltern, die, von dumpfer Müdigkeit befangen in ihren Betten schwer schlafend lagen, in die Küche und fegte den Herd rein und schichtete das Holz zum Feuer und setzte die Töpfe an, daß Monna Lapa, wenn sie aufstand und die Tochter längst fort war, wie von heimlichen Geisterhänden alle ihre Arbeit gethan fand. – Früher, als Kind, hatte Catarina sich wohl geweigert, so niedere Dienste zu verrichten, sie habe nicht Zeit dazu, sie müsse beten. Nun schien sie für alles Zeit zu haben, nur nicht ruhig sitzen, nicht stille halten, nur etwas thun! Und am liebsten zwei Dinge zugleich. Während sie mit Sand den Steinfußboden scheuerte, sprachen ihre Lippen Gebete; während sie betete, waren ihre Hände beschäftigt, die weißen Kleider der Nonnen zu waschen, ihre Mäntel zu reinigen.

Die ließen sich alle Catarinas gute Dienste sehr gern gefallen. Besonders eine, Suor Alessia, vom stolzen Hause der Saracini, nicht viel älter als jene, aber schon Witwe. In ihrem ersten Schmerze war diese von geldgierigen Verwandten beredet worden, dem Reichtum wie der Welt zu entsagen und bei den frommen Mantellate einzutreten. Nun aber, da Jahr und Tag vergangen, seit ihr Gatte gestorben, der Schmerz sich, wie wohl leicht begreiflich, gesänftigt hatte, langweilte sich das junge Geschöpf zwischen all den alten Weibern, und über ihrem Horenbuche mit den schön gemalten Lettern, das sie zum Eintritt erhalten hatte, vergoß sie heimlich manche Thräne und gähnte noch viel mehr dazu. Daher wollte sie immer Catarina um sich haben. Aber wenn sie von ihrer kurzen Ehe zu sprechen anfing und von allen Wonnen derselben, saß die Maid neben ihr still wie im Traume, die weit offenen Augen in unsichtbare Fernen hinausgerichtet, die Lippen bewegend in heimlichem Beten. Suor Alessia schämte sich dann, daß sie selber nun einmal nicht so fromm sein konnte, und ärgerte sich, weil Catarina gleichsam sich vor ihren Reden flüchtete und weil ihr das wie ein Tadel erschien. Manchmal legte sie's förmlich drauf an, die junge Genossin zu verwirren und aufzuregen, sie erzählte ihr immer mehr und immer deutlicher von dem Glücke, daß sie so kurze Zeit nur genossen, und daß sie – wie gern! – jetzt noch einmal und länger und besser, seit sie wußte, wie sehr man es entbehrt, mit einem Anderen erlebt haben würde.

Und sie schalt mit Catarina, daß die sie nicht verstehen wolle, immer sich stelle, als ob sie so meilenfern und fremd und nicht auch ein Mädchen von Fleisch und Blut sei.

»Wie kannst Du nur beten, wenn ich zu Dir spreche? Wenn ich Dir von seinen Küssen erzähle, denkst Du dabei an den Heiland im Himmel?«

»Ja«, sagte Catarina leise.

»Denkst Du an ihn auch, wenn Du den Fliesenfußboden aufwäschst in der Küche, wenn Du den Wein im Keller kelterst, wenn Du betteln gehen mußt? Oder im Refektorium bei Tische, wenn die alten Nonnen dann neben Dir einander von ihren Gebresten erzählen, flüstern, zischeln, Dir und mir viel Übles nachsagen? Dann auch, ist das wahr?«

»Immer«, flüsterte Catarina, »wo ich auch bin, ich bin allein in meinem Herzen, wie in meiner Kammer, auch unter Menschen, allein mit ihm!«

Suor Alessia schüttelte ihren Kopf. Sie konnte ihr so recht nicht glauben, sie hätte es ihr nimmermehr nachahmen können Aber sie begann allmälig für ihre stille, fromme Genossin eine große Freundschaft zu fühlen, eine wachsende Bewunderung, einen unbedingten Glauben an ihre Güte und an ihre Macht.

Catarina war selbst nicht immer so ruhig, noch so gefaßt, wie sie schien und wie sie sein wollte.

Im Beichtstuhl lag sie zu San Domenico vor Fra Tommaso auf den Knieen und klagte ihrer Sünden sich an:

»Vater, o Vater, helft mir von den Teufeln, die mich verfolgen, und vor meinem süßen Herrn schuldig machen wollen! Neulich auf der Straße kam einer, flüsterte mir ins Ohr und verhieß mir seidene Gewänder und goldene Ketten!«

»Du bist ihm gefolgt?«

»Nein, o nein, ich wies ihn von mir, mir schauderte. Aber – es muß ja ein Teufel gewesen sein! – Denkt nur, welche Lästerung, welche Bosheit, – er blendete meine Augen so, daß ich gestern, ich hatte mein letztes, weltliches Kleid einem armen Kinde gegeben und kniete vor dem Kruzifixe und wollte beten, da sehe ich – denkt nur –, den Heiland, der sich zu mir beugte, von seinem Kreuzesstamm herunter, und hielt in seinen beiden Händen weit ausgebreitet mir das Kleid hin, mein eigenes Kleid, das ich getragen, nur anders, Edelsteine säumten den Hals und die Aermel, goldener Zierrat und köstliche Stickereien waren an allen Nähten, mein Mädchenrock schien ein Königsgewand, wie im Himmel die Engel es tragen. Und zu denken, daß mir ein Teufel solche Bilder vorspiegeln konnte!«

»Arme junge Catarina!« – sie konnte nicht sehen, wie hinter dem vorgehaltenen Kutten­ärmel der Predigermönch mitleidig lächelte, – »der Teufel, den kenne ich sehr wohl.«

Doch sie zieh sich noch ärgerer Sünden. Sie arbeitete und scheuerte und schleppte die Wassereimer vom Brunnen, sie ließ sich gar keine Zeit um zu denken, nur den bösen Geistern den Weg zu wehren. – »Aber sie kommen doch, kommen plötzlich, ungerufen, wenn es Nacht ist und ich allein liege in meinem Bette, höllische, verruchte gemeine Gedanken, dergleichen ich nie früher gedacht.«

»Arme junge Catarina«, murmelte lautlos Fra Tommaso.

»Und sie kommen mitten im Beten. Und sie kommen, wenn ich vor dem Heiland kniee, mir mit scharfer Geißel den Rücken wund schlage, plötzlich muß ich ihn dann anschauen und stelle mir vor: – nähme er jetzt mich in seine Arme und küßte mich, wie das wohlthun würde! – Und auf der Straße, – ein Mensch geht vorüber, denkt es Euch, Fra Tommaso, mein Vater! – ich sah auf meinen Rosenkranz nieder, ich sah ihn gar nicht, ich betete fleißig, und plötzlich sehe ich seine Lippen, die rot sind wie Kirschen, – und ich fühle es auf meinen Lippen drücken, brennen, glühen, und denke, wie seine Küsse süß schmecken müßten. Hab ich dazu irdisches Lieben von mir gewiesen? ich weiß nichts von Männern, ich weiß nichts von Küssen! Seit ich ein Kind war, hat mein Vater, hat meine Mutter meine Lippen nicht anrühren dürfen. Und nun, und jetzt! Was hab' ich gethan, was unterlassen, daß die Dämonen Macht über mich haben? bin ich nicht ins Kloster gegangen, in den Orden der Buße eingetreten, den Ihr mir rietet? Helft mir, Fra Tommaso, mein Vater!«

Ihr Beichtiger beugte sein bleiches Antlitz auf seine Hände. »Du auch, Du auch!! So leiden wir alle, die wir, dem Himmel zu dienen, uns opfern. Der böse Dämon erspart es keinem.«

»Wie ist das möglich! Dann müßte es ja heißen, der Himmel strafe die fromme Buße.«

»Vielleicht,« sagte der Mönch, »wer kann das wissen!«

Sie starrte ihn ungläubig an durch das Gitter: »Und Ihr, Ihr hättet auch so gelitten?«

Er lächelte nur.

Sie aber sah durch das Gitter sein Lächeln, sah, wie seine schwarzen Augen feuchtschimmerten . . . . Und plötzlich schrie sie auf, daß es gellend von den Kirchenwänden von S. Domenico zurückklang.

»Fra Tommaso, Fra Tommaso, selbst hier in der Kirche! In der heiligen Beichte vor Euch frommer Bruder, auf meinen Knieen hat er Macht über mich. Ah, wie soll ich es Euch nur gestehen, wie soll ich es sagen, ohne zu sterben vor Erröten, vor Scham. Eben jetzt, da Ihr mich anblicket, eben jetzt hier . . . was ich dachte, als ich Eure Lippen sich teilen und so lächeln sah, nein, das kann ich nicht gestehen!«

Er hatte den Aermel rasch wieder vor sein Antlitz erhoben. Er murmelte etwas, es klang, als schlüge er mit der Faust sich vor seine Brust, er mochte beten. »Absolvo te« – vernahm sie endlich. Doch sie wollte sich nicht rühren. Sie lag wie gelähmt. Da stand er zuerst auf:

»Geh hin und sündige nicht wieder!« und wollte aus dem Beichtstuhl gehen.

Sie schleppte sich auf ihren Knieen zu ihm heran: »Mein Vater, süßer Vater Tommaso, legt mir eine Buße auf, sagt, was ich thun soll, mich zu reinigen von der Sünde!«

»Du! meine fromme, arme Catarina, Du!«

»Vater Tommaso, ich gehe nicht von Euch, bis Ihr mir sagtet, wie ich büßen kann, und bis Ihr mich segnet.«

Da legte er ihr die Hand, wie er's immer gethan nach der Beichte, auf den groben, schwarzen Mantel, der ihr gebeugtes Haupt verhüllte. Doch die Hand zitterte ihm dabei.

»Widerstehe der Versuchung, so gut Du es kannst. Du bist tapfer und stark. Es muß Dir gelingen, sie wird von Dir weichen. Nach einiger Zeit, wenn Du nicht mehr so jung bist, nicht so kraftvoll . . . Denn die Dämonen und Teufel haben mehr Macht bei jungem Blute, das heiß und rasch strömt. Haben sie uns so lange gepeinigt, daß wir siech sind, zerbrochen, elend, dann– hoffen wir's! – dann werden sie wohl befriedigt sein und lassen von uns.«

»Aber was soll ich thun bis dahin? Legt mir etwas auf. Ich will ja büßen. Soll ich noch zehn Aves mehr sagen? Soll ich auf dem nackten Boden schlafen? Soll ich nur Brot und Wasser genießen und nie etwas anderes? Sagt doch, was soll ich?«

»Es hilft nichts,« murmelte Tommaso.

»Sagt mir, was ich thun muß,« rief sie wie drohend, »ich will etwas thun, ich will nicht so leiden. Ihr seid mein Beichtiger, Ihr müßt mir helfen. Was soll ich? Rasch!«

Er seufzte und mußte dabei lächeln ob ihrer ungestümen Reue, ihrer gebieterischen Demut.

»Hilf dem ersten, der Dein bedarf vor der Kirchenthüre und stehe ihm bei in seinen Nöten,« sagte er sanft und ging fort von ihr in die Sakristei zu den anderen Brüdern.

Sie stand und runzelte die Brauen. Das war alles! Schöne Buße für solche Sünde, daß sie der Cecca, der alten Vettel, – denn sie würde sonder Zweifel die erste sein, die draußen gleich auf den Stufen sie ansprach, – ein Almosen reichte. Bruder Tommaso war nicht der Beichtiger, den sie brauchte. Er wäre ihr strenger weit lieber gewesen. Ein Beichtiger, der mit Höllenstrafen droht und ihr vorschreibt, wie viele Geißelhiebe zur Nacht, wie viele zur ersten, zur zweiten Mette sie sich zufügen soll, der wäre der rechte. Aber dieser! Immer schien es, als ob er sie schonen, jeden Schmerz ihr ersparen möchte. Vor ein paar Wochen, als sie ihm gestanden, wie das härene Kleid, das sie unter ihrer Kutte trug, einen so bösen Geruch verbreite, daß sie vor sich selber drob Ekel empfinde, – da hatte er ihr wahrlich geraten, es aufzugeben, und als sie zweifelte, ob sie das dürfe, da hatte er als ihr geistlicher Vormund und Berater ihr mit Strenge anbefohlen, sie solle nicht länger mit sothanem groben Bußhemd ihre jungzarte Haut kasteien. Sie hatte ihm gehorchen müssen, das kratzende übelriechende Haarkleid fortan von sich gethan. Aber sich kasteien wollte sie einmal, ob er's gestattete oder nicht. Drum hatte sie ihre Mutter gezwungen, heimlich ihr beim Meister Gürtler einen Gürtel machen zu lassen mit stählernen Spitzen, die nach innen gekehrt bei jeder Bewegung sie ritzen und verwunden mußten. In der Beichte hatte sie davon nichts gesagt. Fra Tommaso hätte, wer weiß, es ihr wieder verboten, da er für so viel größere Sünde heute noch eine geringere Buße ihr auferlegt. Mißmutig ging sie zur Kirchenthüre. Es fiel ihr auf, daß nicht die welke Hand der Cecca ihr wie sonst immer den schweren Teppichvorhang zurückschob. Beim Eintritt, sie entsann sich dessen erst jetzt, war die Alte auch nicht auf ihrem gewohnten Posten gewesen. Catarina stand vor der Kirchthür auf der obersten Stufe und sah um sich her. Keine Bettlerin. Sie schritt die Stufen hinab und weiter. An der Ecke der nächsten Straße, da, wo es zum Stadtthor und nach Fonte Branda hinabgeht, hockte ein alter verwachsener Krüppel an einer Hauswand, sie kannte ihn wohl und ging auf ihn zu und fragte ihn, was mit der Cecca wäre?

»Die! Herr des Himmels, fromme Mutter Benincasa, so wißt Ihr es nicht? Sie hat den Aussatz, denkt nur den Aussatz! Hier in Siena! Die Kommission der öffentlichen Sicherheit wies sie fort von der Straße. Sie darf sich vor keinem Christenmenschen mehr blicken lassen. Denn die Krankheit ergriffe sonst andere, wer weiß von den edlen Herrn der Regierung, deren so manche die Messe in San Domenico hören. So eine schauderhafte Plage! Wer will denn auch elend und den Menschen zum Abscheu werden! Die Cecca hat es lange verheimlicht. Aber nun es doch ruchbar geworden . . . .«

»Und wo ist sie?« fragte Catarina.

»Weiß ich's? Irgendwo. Vor den Thoren vielleicht. Kann auch sein in dem alten Pesthof auf der Lizza, wohin dazumal, Ihr, Fräulein, war't wohl erst eben geboren, die Siechen, die in den Straßen lagen, gebracht worden sind, um dort zu sterben. Wer fragt auch danach.«

»'S ist gut, ich danke«, sagte Catarina und wandte sich von dem redseligen Alten. Sie ging wie auf Flügeln, froh und eilig. Dem Ersten, der Dein bedarf, sollst Du helfen und in seinen Nöten ihm beistehen . . . hatte nicht Fra Tommaso ausdrücklich ihr das geboten? Nun wollte sie es thun, vielleicht anders, als er es gemeint. Doch je schwerer es ihr fiele, dies war eine Buße, wie sie gerecht schien, und wie es ihr dünkte, daß ihr Herr und Verlobter im Himmel sie lobend anerkennen müsse.



VI.

Der Tag Mariä Himmelfahrt war der größte Festtag des Jahres in Siena. Auf dem Campo, dem halbrunden Platz vor dem Stadtpalaste, fand alsdann das berühmte Turnier und Ballspiel il palio statt. Alle Alter und alle Stände schauten dabei zu, der Adel, obwohl er nun schon seit Jahren das Stadtregiment aus den Händen verloren, mischte diesen Tag sich zwanglos mit den Popolanen, die ihn besiegt und vertrieben, Alt und Jung rechnete es sich zur Ehre, die Vaterstadt zu dem Feste zu schmücken. Selbst bei den frommen Schwestern der Buße war wochenlang vorher von nichts anderem die Rede. Waren sie alle doch jung gewesen und hatten mit ihren Vätern und Brüdern, mit ihren Gatten dem Schauspiel früher zugesehen. Manche sehnte sich heimlich wiederum dabei sein zu dürfen. Und eine und die andere hatte durch reiche Anverwandte Zulaß bekommen und rüstete sich zum Campo zu gehen. Suor Alessia konnte von einem Fenster im Palast ihres Bruders alles am bequemsten und besten sehen. Ja, das Fenster war so breit, daß es Raum bot für mehrere. Im letztvergangenen Jahre hatte sie Suor Palmerina mit sich genommen. Diesmal wollte sie die Alte zwar nicht zu Hause lassen, aber sie hatte ihre neue junge Freundin, Catarina, auch noch eingeladen. Die hatte zu der Aufforderung gelächelt und keine Antwort sonst gegeben. Und Alessia hatte nicht weiter davon gesprochen, weil es ihr selbstverständlich schien, daß Catarina, erfreut ob der Ehre, mitgehen werde. Nun war der Tag da, aus allen Häusern zur Linken und Rechten kamen schon die geputzten Menschen. Catarina hatte das Mittagsmahl für die Schwestern gerichtet, selbst wie gewöhnlich nur ein Stückchen vom Fisch und einen Bissen Brot gegessen, ein Glas klaren Wassers dazu getrunken, nun ging sie rings um die Tische und sammelte die Speisenreste, auch wie gewöhnlich, in kleinen Töpfen sie an Arme zu verteilen. Suor Palmerina sah ungeduldig ihrem Thun zu.

»Bist Du noch nicht bald fertig?« rief sie.

»Was habt Ihr für Eile?« fragte Catarina erstaunt.

»Was für Eile! Weißt Du's denn nicht, daß die Leute schon unterwegs sind? Sieh doch hinaus, wie die Menschen in Scharen durch unsere Straße strömen. Es wird Zeit. Suor Alessia zieht sich ihre neue Kutte über, dann müssen wir gehen. So spute Dich doch. Du könntest auch wohl zu solchem Feste, wie der palio ist, eine bessere Kleidung anlegen. Da Dein Stirntuch sitzt schief. Wir sind zwar Nonnen und putzen uns nicht, und ich weiß, Du hast Deinen guten Mantel einer Armen geschenkt, aber doch, daß man zu einem solchen Feste in abgetragenem Mantel hingeht, der kaum mehr schwarz ist das . . .«

Catarina hielt das Suppennäpfchen in ihren Händen und blickte von der alten Palmerina zu den anderen Schwestern hinüber.

»Ja, was redet Ihr da? Das Fest, neue Kutten, bessere Mäntel? . . . Was geht uns Nonnenschwestern ein Fest an?«

»Nun ich dächte doch. Du solltest ja mitgehen«

»Ich, ich! zu dem palio? die Menschen kämpfen, sich verwunden, einander stoßen, bedrängen sehen, dazu sollte ich hingehen? ich? eine Schwester von der Buße, Dienerin Gottes und seine Verlobte! Ja, schämt Ihr Euch gar nicht, solche Pflichtvergessenheit mir anzusinnen?«

Suor Palmerina ärgerte sich, wie nur natürlich: »Nun, ich meine doch, Du hättest Alessias Einladung angenommen.«

»Ich! Sie sprach etwas vom Fest. Glaubt Ihr, ich hätte es für Ernst gehalten? Glaubt Ihr, ich hätte nur in meinen Träumen mir vorstellen können, daß Mantellate, die ihr Leben dem Wohlthun weihen sollten und dem Gebet, daß die an lautem Musikgetön, Fahnen, Wetten, Pferden, Tand und rohem Lärm teilnehmen könnten?«

Die Schwestern standen betreten, bedrückt und wußten nichts ihr dawider zu sagen.

Indessen kam Suor Alessia ins Refektorium in frischweißer Kutte, neuem Mantel vom feinsten Florentiner Tuch, einem Goldkreuz an langer Kette, wie sie sonst nur Aebtissinnen tragen, die Finger voll von blitzenden Ringen. Und mit ihr zugleich trat die ehrwürdige Mutter Nera ein, feierlich geschmückt wie zu dem größten Kirchenfeste . . Sie blieben auf der Thürschwelle stehen, sahen die verlegenen Gesichter, sahen Catarina inmitten, mit dem Suppennäpfchen in ihren Händen . . .

Die aber schien sie nicht zu sehen. Ihre Augen blickten starr an den beiden vorüber ins Weite, ins Leere. Und sie erhob ihre weißen gefalteten Hände und begann mit leiser, leiser Stimme:

»Herr vergieb ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie thun. Herr, mein Verlobter, der Du ganz Liebe bist, ganz Erbarmen, sieh ihre Sünde nicht noch meine, sondern hilf ihnen, auf daß sie bereuen und erkennen, was sie Dir schulden. Und ferner hilf mir, gieb meinen Worten, meiner Stimme Macht über die Herzen, daß ich sie führen könne und leiten vom falschen Wege fort und zu Dir!«

So betete sie. Es war aber den Schwestern, so ungern sie sich aufhalten ließen ihr zuzuhören, da Catarina weitersprach, als webe sich um ihre erhobene Stirn eine Glorie. Sie blickten auf ihre verzückten Augen und meinten mit ihr in den weitgeöffneten Himmelssaal hineinschauen zu dürfen, den ihre Worte ihnen beschrieben. Sie schlugen sich vor die Brust und empfanden reuig das Unrecht, daß sie, die Gottesbräute, sich gesehnt nach so irdischen Freuden. Sie fühlten mit jedem weiteren Worte sich doch gekräftigt und erhoben, weit über ihre Stadtgenossen, weil sie Nonnen sein durften und ihrem Heiland näher stehen als andere Menschen. Eine nach der anderen beugte demütig die Kniee. Schluchzend bekreuzten sie sich, preßten Catarinas zerschlissenen graugewordenen alten Mantel an ihre inbrünstigen, zitternden Lippen. So hatte noch keine Fastenpredigt von den besten Rednern des Predigerordens, so hatte noch nie eine Menschenzunge ihnen an ihre Herzen gegriffen, sie aufgerüttelt und erschüttert, wie die sanfte, traurige Stimme ihrer jungen Mitschwester. Und sie gelobten ihr, sich zu bessern und sie legten die Ringe, die Ketten, den Schmuck, vor ihr nieder.

Catarina strich sich mit der Hand über ihre weitoffenen Augen. Wie verzückt, wie aus fernen Himmelshöhen hatte sie zu ihnen geredet. Nun kam ihr bei dem Weinen der anderen Zeit und Stunde, die sie vergessen, plötzlich wieder zum Bewußtsein. Beim Anblick der Töpfchen mit Speiseresten fiel ihr ein, was sie damit gewollt. »Meine Armen!« rief sie erschreckend, »sie warten schon.« – Hastig raffte sie alles zusammen, Alessia half ihr. An der Hinterpforte des Hauses stand ein Häuflein von alten Weibern, Kindern, Krüppeln. Sie teilte ihnen aus, was sie hatte, sie gab jedem ein gütig Wort, ein aufmunternd Lächeln, einen freundlichen Händedruck mit, der ihm anfeuernd half, sein Elend besser zu ertragen. Und als die Armen gegangen waren, stieg sie auf den Boden um Linnen zu holen, denn sie mußte ja die Cecca noch besuchen und verbinden, die Aussätzige. Die anderen Schwestern waren im Refektorium geblieben, in gemeinsamem Gebet. Nur Alessia war bei ihr, ging ihr nach auf jedem Schritt und Tritt, treu und ergeben wie ein Hündlein . . .

»Bedenke, Du bist schon vor ein paar Tagen in eine lange Ohnmacht verfallen, weil Du Dir zuviel zugetraut hattest und den Anblick der gräßlichen Kranken nicht ertragen konntest. Und dazu diese Hitze; geh heut nicht zu ihr, Du solltest Dich schonen, Liebste, Süße!«

»Aber zum Palio hättest Du mich doch mitgenommen, obwohl Du meinst, ich müsse mich schonen?«

Da hing Suor Alessia den Kopf. »Du hast recht. Ich habe es mir nicht so klar gemacht. Ich that, was alle anderen auch thun. Aber nun, von nun an will ich immer, verstehst Du, in allem Dir nur folgen, Dir nachstreben, so sehr ich es kann. Denn Du bist vollkommen, bist fehllos.«

Catarina wies seufzend das Lob von sich ab. Es war gerade auf der Schwelle des Hauses, wo Suor Alessia also zu ihr gesprochen hatte, und da sie aus dem kühlen Flur auf die Straße hinaustraten, schlug ihnen glühend der Sonnenbrand des Augustnachmittags entgegen: »Es fällt auch mir manches schwer,« sagte sie.

Sie gingen durch die brütende Stille der jetzt menschenleeren Gasse und waren noch nicht weit gelangt, als ein Knabe auf sie zutrat. Es war das Kind eines Nachbarn aus der Straße dell' Oca und er kam, Schwester Catarina zu rufen, sie möge rasch nach Hause kehren, denn Messer Jacomo, ihr Vater, liege im Sterben.

Sie griff sich ans Herz. Es war, als ob sie umsinken wolle. Schwester Alessia stützte sie. »Ich komme!« rief sie dem Knaben zu. Und hastig, auf leichten, flüchtigen Sohlen, atemlos lief sie die Straße weiter. Wo zwischen den Häusern sich zur Rechten ein Ausblick zum Campo bot, da sah man eine Menschenmenge, einen Wald von bunten Fahnen, und Trompetengeschmetter und Stimmengewirr tönten herüber. Auf ihrem Wege war's desto stiller, keine Seele begegnete den zwei hastig eilenden Nonnen.

»Catarina«, rief Alessia, »süße Mutter, Du gehst ja zu weit, Du fehlst des Weges, dort führt's schon hinunter nach Via dell' Oca, in den Bezirk von Fonte Branda.«

Catarina wandte den Kopf nicht: »Als ob ich's nicht wüßte! Aber ich muß ja erst zu der Cecca.«

»Catarina, um alter guten Heiligen willen, die fremde Bettlerin, die Aussätzige! Und inzwischen stirbt Dir Dein Vater.«

»Sie ist eben mir fremd und ist aussatzkrank. Mein Vater wird sterben, ich weiß es wohl, vielleicht heute schon oder morgen. Ich liebe ihn und er liebt mich sehr. Zu ihm zu gehen wär mir eine Freude. Darum darf ich es nicht. Muß das andere zuerst thun. Denn das ist mir Pflicht.« Sie konnte kaum sprechen im schnellen Laufen, atemlos keuchte sie die kurzen Sätze hervor.

Und Alessia sagte sich, daß sie nicht wert sei, solcher Heiligen Freundin zu heißen. Einfältig kam sie sich vor und thöricht, weil sie schlichten Sinnes die Kindespflicht für die größere gehalten hatte und nicht bedacht, wie eine Nonne ihren Lieben, Vater und Mutter, abzusagen und vielmehr den Aermsten als ihren Bruder anzusehen habe. Sie seufzte dazu, – wenn sie noch ihre Eltern hätte! – Besser so, sie hätte nimmermehr sich zu solchem Grade der Pflichterfüllung aufschwingen können.

Es war fast am nördlichsten Ende von Siena, nahe Porta Camollia, wo auf der Lizza, dem offenen, grünbebuschten Platze, ein hölzerner Schuppen den Aussatzkranken zuerteilt war. Alessia blieb an der Thüre stehen, sie hatte den Mut nicht hineinzugehen. Aber sie hörte, wie da drinnen die häßlich krächzende alte Stimme Catarina begrüßte:

»He, geruht Ihr endlich zu kommen, Frau Königin von Fontebranda! Habt mich lang genug warten lassen. Aber freilich, ein krankes Bettelweib zu verbinden, ist schlechter Zeitvertreib für so ein Fräulein. Die hochwohledle Färberstochter ginge lieber mit anderen schönen Damen heute zum Palio und ließe sich von den jungen Herrlein sagen, wie ihre Augen strahlen und wie ihr Haar blond ist!«

Man vernahm draußen keine Antwort, nur ein sanftes Psalmensingen.

Es dauerte eine ganze Weile. Alessia wartete und horchte ungeduldig hinein und betete wieder, sich von der Ungeduld zu befreien. Als Catarina endlich herauskam, hatte sie den verzückten, weltfernen Ausdruck, wie vorher, da sie im Refektorium zu den Schwestern geredet hatte. Und im raschen Weiterschreiten wagte es Alessia, zu fragen:

»Ist Dir auch wohl? Du bist so bleich. Wie erträgst Du nur das alles! Die freche Alte mit ihren unverschämten Reden. Und ihre gräßlichen, eiternden Wunden. . . . Erfaßt Dich denn nicht Schauder, nicht Ekel?«

Aber Catarina drückte ihre gekreuzten Hände fester mit dem Rosenkranz auf die Brust: »Ich weiß nicht,« sagte sie. »Die Alte schmählt mit mir und will mich schrecken mit ihren Reden. Dann singe ich die Psalmen und höre sie nicht. Und wenn der Schwindel mich packen will vor ihren Wunden, so denke ich an meinen Verlobten im Himmel und sehe ihn droben thronen inmitten der lichten Engelscharen, und ich fühle leises Wehen wie von ihrem Flügelschlage um mich her. Und von den Wunden der armen Cecca steigt's zu mir auf wie Rosendüfte. Denn ich will nur Rosen atmen, nur Veilchengeruch, ich will es, ich muß und ich darf nicht unterliegen.«

Alessia senkte wieder die Stirn. Beschämend war sie sich ihrer eigenen Schwachheit bewußt. Sie hätte nimmer, nur weil sie's so wollte, ihre Angst bezwingen können, noch da drinnen bei der ekelhaften Kranken Blumendüfte zu spüren vermeint.

Da sie in die Straße dell' Oca kamen, sahen sie von weitem schon vor der Thür des Färberhauses viele Nachbarn stehen. Ehrfurchtsvoll traten die Leute auseinander, um der Tochter Platz zu machen. Alessia ging mit ihr in die Stube. Auf dem Bett, von seinen Söhnen und Töchtern umgeben, lag Messer Jacomo Benincasa und war tot. Und Catarina kniete nieder und legte ihre warme Wange auf seine kalte erstarrte Hand.

Alessia, die sich an der Thür gleich auf ihre Knie geworfen hatte, fühlte, wie man ihre Schulter berührte. Es war Lisa, die Gattin des zweiten Sohnes Bartolommeo, die ihr mit angstvollen Augen winkte. Nun erkannte sie erst in dem verdunkelten Zimmer, daß Messer Jacomo dort nicht allein lag. Auf der anderen Seite des breiten ehelichen Lagers ruhte eine zweite Gestalt, nicht mit einer Decke halb verhüllt wie jener, nein, in ihren Kleidern, aber lang ausgestreckt, starr und tot, eben wie er. Es war Monna Lapa.

»Sie weiß es nicht«, flüsterte Alessia voll Entsetzen.

»Wie sollte sie auch«, versetzte die Lisa, »die Mutter ist nicht krank gewesen. Sie pflegte ihn bis vor einer Stunde. Als wir zu Euch schickten, da hatte er die letzte Oelung eben erhalten. Der Knabe kam zurück und bestellte, Suor Catarina werde kommen. Wir warteten alle, der Sterbende auch, er schrie nach ihr, er wolle sie noch einmal sehen, noch einmal küssen, er könne so nicht fort aus dem Leben. Die Mutter hielt ihn. In ihren Armen hat er die Seele doch ausatmen müssen, ohne seines letzten Wunsches Erfüllung zu sehen. Dann hat sie ihn in die Kissen gelegt, ihm die Augen zugedrückt, die Decke ihm über die Brust gezogen und seine Hände darauf gekreuzt. Und dann wandte sie sich zu uns, gab einem jeden der Söhne und Töchter die Hand wie zum Abschied. Er ist tot, und Catarina, mein Kind ist nicht gekommen, ihm das Sterben zu erleichtern. Das sagte sie. Und ging um das Bett herum, streckte sich auf der andern Seite neben ihm aus und lag und war tot.«

War's das Flüstern der beiden, war es sonst etwas in der schwülen Stille des Zimmers, was Catarina zum Bewußtsein drang? Sie hob plötzlich den Kopf von ihres Vaters Brust auf, an der sie leise weinend gelegen und sah sich um und sah in dem Halbdunkel wohl nicht deutlich: »Mutter?« rief sie. Es kam keine Antwort.

Sie sprang empor. Mit beiden Händen schob sie die Geschwister von sich, die es mitleidig wehren wollten, und trat um das Bett herum zu der ausgestreckt Daliegenden. »Mutter!« schrie die Nonne noch einmal. Es regte sich nichts.

Da bückte Catarina sich und hob den schlaffen, reglosen Arm auf und schüttelte ihn:

»Mutter hör'! Du sollst mich hören. Ich bin da, ich, Dein Kind Catarina. Ich will, daß Du lebst. Wolltest Du so fortgehen, ohne Beichte, ohne Wegzehrung, unversöhnt mit dem Herrn der Himmel, in Deiner Sünden Glanz und Blüte? Darfst Du Deine Pflicht von Dir werfen, die erste, höchste, Deinem Kinde beizustehen? Wir leben keiner uns selber zur Freude. Ich so wenig wie Du. Mutter, Du kannst noch nicht von hinnen, weil Dein Gatte von Dir ging. Für mich sollst Du bleiben. Herr«, – rief sie, da jene regungslos dalag, »Herr, hör' mich auch Du an, mein Verlobter, süßer Heiland, ich will, daß sie lebe, Du sollst mir's gewähren, da ist mein Leib, da ist mein Leben, nimm es mir, nimm! Aber sie gieb Du mir wieder!«

So betete sie. Und sie trotzte und sie drohte und bat dann wieder in flehend kindlich weichen Tönen zärtlich mit Thränen, bat und beschwor und bettelte.

Jene lag regungslos und leblos.

»Mutter, meine Mutter, ich brauche Dich, ich kann nichts, wenn Du nicht bei mir bist, meine Mutter, lebe für mich!«

Sie rührte sich nicht.

Die andern schwiegen. Catarina betete. Ob ihr Flehen nützen würde? Die Tote lag so tot und weiß. »Herr,« rief Catarina, »Herr, mein Verlobter, hilf mir, Du hast mir noch immer geholfen!« –

Und es nützt. Sie sehen es alle. Monna Lapa hebt langsam, langsam und noch wie bewußtlos ihren Arm, der kraftlos schlaff vom Lager niedergehangen, hebt ihn zu der Tochter Antlitz und streichelt es.

Und dann liegen sie beide Wange an Wange und weinen und sprechen Dankgebete. Aber die anderen Söhne und Töchter und Schwiegerkinder des Entschlafenen stehen in einem weiten Kreise staunend umher und sehen zu. –

Als Messer Jacomo Benincasa am nächsten Tage zu Grabe gebracht ward, da sind hinter seinem Sarge als erste und nächste Leidtragende seine Witwe und ihre jüngste Tochter, die Nonne, einhergegangen, dann erst die übrigen Kinder und Enkel. Und nach diesen kam ein Gefolge, so groß wie selten die Stadt eins gesehen, die ganze Einwohnerschaft der Straße dell' Oca, die halbe des Quartiers Fontebranda, die gesamte Gilde der Färber folgte und die acht Herren des Kriegs und des Friedens und noch viele, viele andere. Messer Jacomo hatte, seit die Popolanen in Siena die Regierung führten, selber ein und das andere Amt ehrenvoll ausgeübt, und wenn er später auch verarmt war und nun seit Jahr und Tag krank gelegen, er hatte immer Achtung genossen. Aber nicht um seinetwillen gingen so viele mit in dem Zuge und drängten sich hinter dem Sarg auf den Stufen von San Domenico, während drinnen die Kirche so voll war, daß zu dem Totenamte keiner mehr hineinkommen konnte. Sondern was die Leute alle, Nachbarn und Fremde hinterdreinzog, das war die Neugier, das Verlangen, die Jungfrau zu sehen, Suor Catarina, die das Wunder vollbracht, eine Tote auferweckt hatte, durch ihre Gebete den Himmelsherrn besiegt und bezwungen. Dergleichen war von einem Stadtkind zu Siena nie früher geschehen. Und alle Leute sprachen von ihr und alle Leute waren stolz, sie zu ihrer Mitbürgerin zu haben.

Als aber der lange Leichenzug die Kirche von San Domenico verlassen hatte, trat in der Sakristei der Herr Prior der Predigermönche zu seinem Schüler Fra Tommaso, der eben seine Stola von sich legte:

»Hast Deine Sache gut gemacht, Freund. Das Mädchen bewährt sich. Man spricht schon von ihren Krankenbesuchen, die Heilung bringen. Und nun die Erweckung der Mutter vom Tode. Wenn es so fortgeht, werden wir den Bettelmönchen St. Francisci ihren Heiligen mitsamt seinen Wundmalen kaum mehr zu beneiden haben.«

»Hochwürden, ich, ich that dazu nichts, wahrlich ich nicht!« rief Tommaso.

Aber der andere lächelte zufrieden und klopfte ihm lobend, freundschaftlich die Schulter.

Und Fra Tommaso konnte nichts sagen. Der Kirchendiener ordnete seine Meßgewänder. Er aber ging von den plaudernden Brüdern fort in seine Zelle und saß dort allein auf dem Bettrand und weinte. –



VII.

Stille, tiefe Stille ruhte um das Haus Benincasa gebreitet: Die Leute, die vorübergingen, blickten andachtsvoll hinauf. Drinnen in der innersten Kammer auf dem kleinen Betschemel, – das wußten sie alle – lag Catarina auf ihren Knieen, die fromme Mutter, wie ihre Getreuen sie benannten, und betete. Keine Speise genoß sie als nur ein wenig Brot oder Früchte, über ihre blutlosen Lippen kam kaum ein Wort als nur zur Beichte. Ihre Genossinnen, die in Monna Lapas altem Heimwesen mit ihr lebten, trugen den Traurigen ihre Grüße, den Armen ihre Gaben zu. Selten, zur Nachtzeit nur, ging sie selber einmal zu Schwerkranken, durch ihren Zuspruch sie zu stärken. Und wer sie gehen sah oder kommen, der segnete jeden ihrer Schritte, segnete sich, daß er ihres Grußes, ihres Anblicks gewürdigt worden. So wuchs ihr Ruhm in der Straße dell' Oca, im ganzen Stadtteil von Fonte Branda. Und wie ein Jahr zu dem anderen sich fügte, breitete sich ihr Name aus über die Stadt und auf das Land hinaus, auf die Burgen der Adeligen, auf die Sitze der Bürger und Bauern, so weit das Gebiet der Republik von Siena reichte.

So geschah es, daß eines Tages die gute Alessia von einer ihrem Hause Gefreundeten ein Schreiben erhielt, ob sie nicht Suor Catarina um Trost angehen könnte. Es hatte nämlich, die also bat, Monna Bianchina, vom edlen Hause der Salimbeni, ihren Gatten durch einen Sturz mit dem Pferde verloren. Und um so härter traf das Leid sie, weil fast zu gleicher Zeit ihre Tochter, der schon einmal am Tage vor der Hochzeit der Jungverlobte gestorben war, nun eben vermählt, jählings auch zur Witwe geworden. Die beiden Frauen aber saßen auf ihrer fernen Burg, der Rocca, ohne geistlichen Zuspruch, nur umgeben von kriegerischen Leuten, unruhigen Söhnen und störrischen Brüdern.

»Wenn Du zu ihnen gehen könntest, Du zu ihnen reden, das würde sie trösten, müßte ihnen Beiden helfen, wie nichts anderes auf dieser Erde«, sagte Alessia zu Catarinen. Diese zögerte, sie meinte, sie müsse sich erst mit ihrem hohen Verlobten darüber besprechen, bevor sie recht erkennen könne, was ihre Pflicht sei. So that sie's immer, wenn sie einen Entschluß fassen sollte. Am Morgen darauf aber trat sie hervor aus ihrer Kammer mit hellem Antlitz, die Stirn erhoben, eins mit sich selber und mit ihrem Herrn und befahl Alessia, den edlen Frauen zu schreiben, daß sie ihre Bitte erfüllen werde. Und sie sagte ihrer Mutter, sie gedenke mit zwei Gefährtinnen über Land zu gehen, auf die Rocca der Salimbeni. Frau Lapa erschrak; ihr Kind, ihr zartes Kind auf einer tagelangen Reise, nur von schwachen Weibern begleitet, in diesen kriegerischen Zeiten, wo niemand wisse, wer gut sienesisch sei, wer nicht, wer guelfisch, noch wer ghibellinisch, wo kein Papst und kein Kaiser im Lande, das dürfe nicht sein, das litte sie nimmer. Catarina lächelte ruhig. Sie befahl Alessia, das allernötigste zu richten, was sie zur Wegzehrung brauchen würden. »Gute Menschen giebt es überall«, sagte sie, »und arme Nonnen auszuplündern, fällt keinem Söldner ein, keinem Räuber.«

Monna Lapa wollte sich nicht beruhigen. Hinter Catarinas Rücken schickte sie zu S. Domenico hinüber, Fra Tommaso möge gleich kommen. Es verging zwar selten ein Tag, daß er sich nicht im Haus Benincasa blicken ließ, wo er oft Catarina, die sich stets neuer Fehler zu zeihen wußte, doch öfter noch Hilfeflehenden, die sie zur Bereuung ihrer Sünden gebracht, die Beichte hören mußte. Diesmal aber, da er eintrat, fing Monna Lapa ihn gleich an der Thür ab, ihm ihre Sorgen zu klagen. Er war so ungehalten wie sie über Catarinas Absicht, und da er hineinkam zu seinem Beichtkind, wartete er nicht erst ab, daß sie selber ihm ihre Pläne kundthun konnte, sondern verwies ihr kurz und gut den abenteuerlichen Einfall. Zu den hochmütigen und übelbeleumundeten Salimbeni, die mit der Republik von Siena just in Fehde lagen, auf ihre entlegene Rocca zu gehen, das sei nichts für ein züchtig Weib.

Catarina stand vor ihm, wie sie meist sich hielt, wenn Neues und Unerwartetes an ihr Ohr traf. Unter ihrem schwarzen Mantel senkte sie die Stirn ein wenig, die weißen Lider verdeckten halb ihre ernsten Augen, so sah sie vor sich hin auf den Boden und schien mehr auf die Stimmen in ihrem Innern, als auf die ihres Beichtigers zu hören. Und als er geendet, blieb sie noch eine ganze Weile im Schweigen. Dann hob sie den Blick, sah ihn ruhig an und sieghaft: »Ich gehe doch!«

»Catarina, kraft meines Amtes verbiete ich Dir . . .«

»Ich gehe doch hin. Frommer Vater, Ihr könnt nichts verbieten, was mein Gewissen befiehlt und gutheißt.«

»Willst Du die geistliche Macht verneinen?«

»Das wahrlich nicht. Aber sie reicht bis zu mir nicht. Ich bin bevorzugt. Ich handle auch nicht unbedachtsam. Ich liege auf meinen Knieen und bete und bitte und frage um Rat bei dem Herrn an, bei der ewigen ersten Wahrheit, und wäge und sichte, bis ich weiß, was Recht und was Unrecht. Sagt sie mir einmal, was ich thun muß – nun, so kann keine Erdenzunge, kein geistlicher Mund, und wenn es der des Papstes selbst wäre, in meinem innersten Rechtsbewußtsein mich wanken machen.«

»Weißt Du, daß Du lästerst?« fragte der Mönch.

Sie blickte unbewegt: »Was ich weiß, das ist nur, daß ich will. Und ich will, weil ich muß, weil ich nicht lästere, vielmehr meinem Himmelsherrn diene, wenn ich helfe, wo meiner Bedarf ist.«

»Auf der Rocca der Salimbeni ist kein Bedarf für fromme Nonnen.«

»Auf der Rocca der Salimbeni sitzen verzweifelnd zwei einsame Frauen. Ein gewöhnlich sittsam Nönnlein könnte ihnen wohl wenig nützen, würde von ihren Kriegsleuten vielleicht verspottet werden. Aber ich, – seht mich an, mein ehrwürdiger Vater, seht mich doch nur an, – ich bin ich! Glaubt Ihr, daß ein Salimbeni, daß ein Ritter, daß ein Raufbold sich an mir vergreifen werde?«

Fra Tommaso geriet in Zorn: »Was für ein Hochmut ist das! Du willst allen Gefahren trotzen? Glaubst Du, daß Du gefeit bist? Ich kenne die Welt etwas besser als Du hier in Deinem mütterlichen Hause sie kennen kannst. Und ich verweise es Dir noch einmal kraft meines Amtes, als Dein geistlicher Vater, daß Du wie eine Landstreicherin Dich aus der Stadt fortmachst, von Kloster zu Kloster Almosen und Unterkunft heischend pilgerst und gar in weltlichen Herbergen nächtigst mit unsicherem Volk. Ich will Dein Bestes, ich habe Dich und Dein Leben zu schützen. Ich werde es Dir nimmer gestatten.«

Sie senkte ihr Haupt, so still ergeben, demütig gehorsam, schien es ihm, daß er aufatmete, wie nach schwer errungenem Siege.

»Mein teurer Vater, Fra Tommaso«, sagte sie mit ihrer kindlich sanften Stimme, »ich habe den beiden Frauen verheißen, zu ihnen zu kommen und Hilfe zu bringen. Alessia schrieb heute früh den Brief gleich, so wie ich ihn ihr vorsprach. Der Bote, der uns ihre Klagen hierher trug, nahm ihn mit sich zurück. Er war beritten. Er wird morgen vor Abend wohl dort sein. Ihr seht, ich kann das Wort nicht mehr brechen. – Und sollte es mich mein Leben auch kosten, das wär' nur Gewinn!«

»Ob Du Dein Wort gabst oder nicht, ich verwehre es Dir. Heißt Dein Gelübde Dich nicht gehorchen?«

»Meinem Herrn, ja.«

»Und ich bin Dein Herr. Und ich vertrete ihn für Dich auf Erden. Und ich sage Dir, Catarina . . .«

»Fra Tommaso,« sprach sie traurig, ihn unterbrechend, »was müht Ihr Euch nur so? Mein Herr ist viel näher, er redet viel lauter, denn er ist hier in mir. Sagt nichts dawider, es ist doch vergebens. Ich muß und ich will. Und wenn Ihr ein Geistlicher seid und lösen und binden und von Sünden frei sprechen könnt, – es thut mir weh, das sagen zu müssen, aber Ihr dürft es doch nicht vergessen! – so wurdet Ihr's nur, weil ich, ein armes Kind, es so wollte. Ich gehorche Euch gern, in Ansehung Eurer Würde, Eurer Gelahrtheit, Eurer Güte. Ich bin arm und unwissend. Aber im Glauben, im heißen Glauben an meinen süßen Herrn und Verlobten, – hört mich, Fra Tommaso, – darin bin ich stärker als Ihr seid. Und darum könnt Ihr das Wort, das ich aussprach, nicht ungesagt machen und, was mir mein Gewissen vorschreibt, nicht ungehört.«

Fra Tommaso sah auf die Jungfrau, wie sie da vor ihm stand in dem Kleide der Mantellate. Und er gedachte des Kindes mit dem goldigen Heiligenscheine von leichten Löckchen um ihre Stirn, das damals ihm zugeredet hatte, ins Kloster zu gehen. »Ja, Du bist Dir selbst treu geblieben,« sagte er und seufzte, »darum bist Du stärker. Ich kann nichts, weil Dein Glaube mir mangelt, der an den Himmel wie der an mich selbst. Mögest Du also Dich schützen und hegen, so wie ich es wollte, doch nicht gekonnt. Leb denn wohl, Catarina.«

»Halt Fra Tommaso! Fra Tommaso, mein gütiger Vater, Ihr scheidet doch nicht von mir, so nicht von mir? Nein, das darf nicht sein, ich bitt' Euch!«

Er schüttelte den Kopf: »Wozu? Ich tauge Dir nichts mehr. Du brauchst einen Beichtiger, der viel strenger ist als ich, Dir mehr Geißelungen und Fasten befiehlt, doch der Dich gehen läßt, wo Du hinwillst, ohne Dein leiblich Wohl zu bedenken – der Dich nicht lieb hat, Dich und jeden Deiner Finger und jedes Haar auf Deinem Haupte.«

»Ja,« rief sie, ohne die letzten Worte, die er halbmurmelnd sprach, nur zu hören, »ja, denn was ist dieser elende Leib mir! Hülle auf eine kurze Zeit nur, vergänglich, häßlich, qualvoll oft und schmerzensreich!«

Er sah sie immer noch unverwandt an. Er selber, er selber hatte in angelernter Rede von der Kanzel herab solche Worte benutzt. Sie nahm seine Sätze auf und ergoß ihren Glauben, ihre Herzenswärme, ihren hinreißenden Eifer in die leere Form. Und so ausgerüstet von seinem Geiste ging sie Wege, die er nie hätte gehen können. Er übersah sie, er wußte genau, daß er ihr Lehrer, daß er klüger war als sie und folgerechter dachte. Aber sie besaß das Eine, was ihm mangelte, und das Eine machte sie groß und ließ ihn klein. Er empfand es bewundernd und zugleich beschämend. So hob er ihres Mantels Falte an seine Lippe wie demütige Beter ein Heiligengewand erfassen: »Leb wohl, Catarina. Mögest Du nie erkennen und fühlen, was ich jetzt fühle.«

»Nie«, sagte sie stolz.

Und er neigte das Haupt und ging von ihr fort.

Am nächsten Tage verließ Catarina die Stadt mit ihren Genossinnen, Suor Alessia und Cecca Gori, die eine Tochter war jener Bettlerin Cecca und durch deren Bekehrung und gottseliges Ende von bösem Lebenswandel zur Demut und zum Nonnengelübde gleichfalls bekehrt. Furchtlos zogen die drei frommen Frauen auf die Burg der Salimbeni.

Darüber vergingen Wochen und Wochen, daß man in Siena nichts von ihnen hörte. Monna Lapa hatte zwar einen Brief erhalten, von Alessias Hand geschrieben, und Fra Tommaso hatte ihn ihr vorlesen müssen. Darin ermahnte Catarina ihre Mutter zur Geduld. Für ihres Kindes geistig Heil zu beten sei löblich, aber für ihr leiblich Teil zittern, das zeuge von geringem Vertrauen. Sie selbst, Catarina, sei nur auf diese Erde gesendet, die himmlische Liebe, das himmlische Mitleid den armen Menschen hienieden zu spenden. Wollte ihre Mutter sie nun darin hemmen durch allzu große Angst und Sorge, so würde auch sie ihr göttlich Werk nicht so, wie sie sollte, ausüben können. »Und so seid denn zufrieden,« schloß sie, »daß ich meinem Schöpfer gehorche. Ich bitte Euch, selbst wenn es Euch so schiene, daß ich länger hier draußen bliebe als Euch gefällt, seid doch zufrieden! . . . Denn ich kann nun einmal nicht anders. Und wüßtet Ihr, um was es sich handelt, ich glaube, Ihr selber schicktet mich her. Ich bleibe, ein großes Unheil abzuwenden, wenn ich's nur vermag. Es ist nicht Schuld der armen Gräfin. Und darum sage ich Euch allen, betet, betet zum Herrn im Himmel, daß er meinem Wunsch und Wollen einen guten, rechten Erfolg giebt.«

Frau Lapa zeigte den Brief allen Leuten, die sie nach Catarina befragten. Und die Leute lasen das Schreiben und schüttelten ihre Köpfe und meinten, daß etwas auf der Rocca im Werk sei, mehr als die Tröstung der zwei armen Witwen, das stehe ja da klar und deutlich. Aber was? Schwerlich ein Uebel, dergleichen sich durch geistlichen Zuspruch bannen ließe. Sei es aber ein politisch Ränkespiel, eine Anzettelung wider die Stadt – von den Salimbeni könne man sich wohl des Schlimmsten gewärtig sein, – nun so habe eine Mantellata damit nichts zu schaffen und sie zeige geringe Treue und schlechten Dank für die Regierung ihrer Heimat, so sie sich noch länger auf dem Raubnest zurückhalten ließe. Daß die Acht von der Justiz zu ihr geschickt hatten, sie zur Heimkehr zu vermahnen, das hörte man bald. Auch der Herr Prior der Dominikaner hatte ihren Beichtvater Fra Tommaso della Fonte ihr nachsenden wollen, der frommen Maid ins Gewissen zu reden. Der aber hatte sich dessen geweigert, er sei nur ein Mönch, sei nicht vornehmen Standes, wolle zu Buße und Frömmigkeit predigen, so gut er's vermöchte, aber in politische Dinge und Streitigkeiten großer Herren sich einzumischen, dazu tauge er nicht. So stand denn die Sache und ein Monat verging und noch einer. Von dem, was da draußen gesponnen wurde, erfuhr man nichts. Aber der gute Name der Jungfrau ward von den Nachbarn in der alten Straße dell' Oca, ward von den Mädchen, die früh Morgens mit ihren Krügen zur Fonte Branda hinunterstiegen, um Wasser zu holen, von den Bürgern, die nach Ave Maria auf der Piazza del Campo lustwandelten oder in Gruppen beisammen standen, arg mitgenommen. Am Ende, – eines Färbers Tochter, die nichts kann als beten, was soll man von der wohl besseres erwarten, als daß sie von ritterbürtigen Leuten, Stadtfeinden, Erzschelmen sich mißbrauchen und zu jeglicher treulosen Schlechtheit verführen lasse.

Und da sie am ärgsten so von ihr sprachen als Feindin des Staates, Verräterin, Abtrünnige, allerorten sie verschrien, da plötzlich, urplötzlich wurden alle die Lästerreden niedergeschlagen. Denn es hieß, daß sie zurück sei.

Früh morgens, das Stadtthor war noch nicht geöffnet, hatte man sie draußen vor demselben wartend stehen sehen. In ihrem Nonnenkleid, in dem sie vor Wochen ausgezogen, nur zerrissener, vom Wege verstaubt. Und mit ihr waren Suor Alessia und Cecca Gori und noch eine Dritte, die auch wie jene, den schwarzen Mantel über dem Haupt trug. Unter den Leuten, welche die Frauen vorübergehen sahen, meinten manche sie zu kennen. Die Schlanke, die um Haupteslänge Catarina überragt haben würde, hätte sie nicht ihren Kopf so demütig gesenkt gehalten, sei die Contessa, hieß es, die vielgenannte stolzschöne Bandeca (auf sienesisch ward der Name Benedetta also verzärtlicht) die zwiefache Wittib. Und als sie in die Via dell' Oca gekommen waren und in Monna Lapas Haus eingetreten, da wußte man auch schon, obwohl keiner recht sagen konnte, woher die Kunde sich verbreitet, daß diese junge hoffärtige Dame in sich gegangen, daß sie dem Weltleben absagen wolle und Nonne werden.

Catarina hatte gleich nach ihrer Ankunft nach S. Domenico geschickt, um einen Beichtvater für die Neubekehrte, wie für sich selber, doch ließ sie sagen, da ihr Jugendfreund Tommaso ihr Seelsorger nicht mehr bleiben wolle, erbitte sie einen andern der Mönche. Und zwar, – die Jungfrau Maria hätte ihr den Namen ins Herz gegeben, – und zwar den guten Fra Raimondo von Capua. Der ward denn auch zu ihr gesendet.

Als er zu ihr ging, die abschüssige Straße hinabwarts, von San Domenico zur Via dell' Oca, stand Fra Tommaso vor der Kirchthür und schaute ihm nach. Sein alter Gönner, der Herr Prior, der neben ihm stand, blickte in der gleichen Richtung. Und er berührte Tommaso's Schulter:

»Es schmerzt Dich, gesteh's nur.«

»Grade der«, rief Fra Tommaso, »jeden, jeden anderen Bruder hätte sie ja wählen dürfen. Doch grade den!«

Der greise, kluge Prior nickte: »Grade den nicht. So geht es meistens. Der uns fortnimmt, was unserem Herzen lieb ist und teuer, der ist der letzte, ist der ärgste von allen Menschen, die wir wissen. Und wär' es ein anderer Bruder gewesen, hättest Du ihm dieses Mädchens Seele, die Du Dir bildetest und heranzogst, nicht ebenso ungern anvertraut?«

»Ich weiß nicht, vielleicht. Aber Frate Raimondo! . . . . Er ist ja nicht schlecht. Er ist nur nüchtern, mit sich selber immer zufrieden. Er wird sie es spüren lassen, daß sie Färberstochter, daß er ein Herr ist vom Geschlecht der della Vigne, wird sie in Zucht und Strenge halten, wie andere Nonnen und Nönnlein auch. Ihre Leidenschaft, ihre heiße Demut, ihren Geist, ihre Größe kann er nicht verstehen.«

»Begriffst Du sie denn ganz?« fragte der Prior. »Wenn Du erst Deine Heftigkeit, die Dich jählings mit ihr entzweite, genugsam bereut hast, so wirst Du mir vielleicht noch gestehen: so schlecht war die Wahl nicht. Und die sie ihr riet, ist die Madonna allein nicht gewesen, sondern des Mädchens scharfsichtige Klugheit. Für die Heilige und Seherin, für die junge schwerringende Seele bist Du der bessere Führer gewesen. Aber der, den sie jetzt braucht, um mit einer Contessa Bandeca, mit den Salimbeni und deren Genossen gut fertig zu werden, muß ein Mann sein, in Welthändeln geübt, gewohnt, mit vornehmen, launischen Damen, mit schwertführenden Rittern umzugehen, wie mit seinesgleichen, ein Mann von Stande mit einem Worte. Daß dieser Raimondo aus dem Hause della Vigne ist, daß sein Ahnherr der Kanzler weiland Friedrichs des Hohenstaufen gewesen, das befähigt ihn, Catarina besser dienen zu können, als Du.«

Dazu schwieg Fra Tommaso.

Unterdessen war der neue Beichtiger bei Catarina eingetreten und hatte sofort angefangen, sie zu ermahnen, zur Einkehr in ihr eigenes Gewissen, auf daß sie ihm gestehen könne, was sie gesündigt in Worten, Werken oder Gedanken.

Catarina hob ihre Hand mit verweisender Geberde. »Nachher. – Nicht von meinem Seelenheil, noch von meinen eigenen kleinen Sünden und Schwächen soll zuerst die Rede sein. Sondern von dieser Stadt, meiner Heimat. Daß sie nicht wie andere Stadtrepubliken und Staaten Italiens einem Tyrannen sich beugen müsse, der sie mit Söldnergewalt sich erobert, – dazu bedarf ich heut' Eurer Hilfe. Wollt Ihr mir beistehen zu solchem Zwecke?«

»Laß erst hören,« sagte Raimund.

»Es sei. Ihr hättet Euch sagen können, Ihr alle in Siena, daß ich nicht um zwei Frauen zu trösten so viele Wochen fortbleiben würde. Waisen und Witwen giebt es genug hier und ärmere als jene. Vielmehr, was mich dort hielt, war, daß ich schon nach wenig Tagen es gemerkt, wie der Sohn und Bruder der beiden, Agnolino, Sohn des Giovanni, Sohn Agnolinos bei Salimbeni, gegen uns etwas im Schilde führte. Es war ein Kommen und Gehen von Männern, von Fremden, von Söldnern, es war ein Raunen und heimlich Flüstern, es ahnte mir, daß etwas schlimmes im Werke sei. Und ich liebe meine Heimat und ich liebe ihre Freiheit. Die soll sie behalten. Vor drei Tagen hat Agnolino, der Sohn Giovannis in meine Hand die alte Fehde abgeschworen, hat mir das Gelöbnis gethan, daß er die Absicht, unser Siena zu überfallen und in seine Gewalt zu bringen, aufgegeben und daß von den ihm verbündeten Herren bis auf einen, den alten Maconi, alle mit ihm dem Magistrat ihren Frieden böten. Nun müßt Ihr mir helfen, bei unseren ehrbaren acht Herren der Regierung diesen Frieden durchzusetzen.«

»Hm,« sagte Raimund, »hm, das läßt sich hören. Man muß es klug und bedächtig beginnen. Es wird sich schon machen. Aber sage mir, meine Tochter, welche Beweise, daß Du wahr sprichst, hast Du in Händen? Was kann ich denn den Herren bringen?«

»Beweise! Bestellt den Herren, ich, Catarina, ich sagte es ihnen. Das genügt. Und wollt Ihr dann noch genaueres wissen, so fragt meine Frauen, fragt die Contessa Bandeca selber, die mit mir kam, hier in Siena den Schleier zu nehmen. Sie werden es Euch bestätigen können, daß ich nicht lüge.«

»Gut, ich werde sie alle fragen.«

So nahm denn Raimund Catarinas Begleiterinnen und darauf der Neubekehrten die Beichte ab. Nachdem er eine nach der andern angehört, mit ihnen gebetet, sie ermahnt, legte er einer jeden von ihnen Bußübungen auf, wie sie in den Klöstern üblich: so viele Aves, so viel Paternoster, so viel Geißelhiebe und Fasten. Und dann hörte er Catarina erst die Beichte und maß ihr an Strafen nicht mehr und nicht härtere zu als jenen. Als er aus der Kammer gehen wollte, kam sie ihm nach, bis in das Zimmer, bis an die Hausthür, und bat, er solle ihr schwereres aufbürden.

»Laß es gut sein,« versetzte er kurz, »das ist meine Sache.«

»Mein Vater, ich habe viel gesündigt gegen der Mantellate Gelöbnis.«

»Aber Du hast auch etwas erreicht.«

»Ja,« rief sie, »Sena Julia, meine altedle Vaterstadt Siena, sie soll mit Stolz die säugende Wölfin, das Wahrzeichen ihrer Mutter Roma, weiter in ihrem Wappenschild führen dürfen. – Aber mein Vater, mein Vater, wie schön auch dies Endziel ist, das ich erreichte, heiligt denn der Zweck die Mittel? Bleibt es nicht sündhaft, daß ich davonging, wider meines Beichtigers Willen, daß ich die Genossinnen in Gefahren brachte, ruchlos war und eigensüchtig? Mein Vater, ach, ich fühle mich schuldig, straft mich dafür!«

Fra Raimondo von Capua war ein wohlbeleibter Herr, er hatte vordem ein recht beweglich Weltleben geführt. Daß da diese Maid im Nonnenschleier mit dem bleichen Gesichte so flehend ergeben vor ihm stand und aus gläubig schmerzlichen Augen zu ihm aufsah, als solle von ihm all ihr Heil ihr kommen, das regte ihn nicht sonderlich auf. Daß aber vom Turm des Mangia gerade der Glockenschlag klang, der die Mittags- und Essensstunde verkündete, das ging dem guten Herrn viel näher:

»Erfinde Dir nicht neue Sünden, nicht mehr als Du thatest; lade Dir nicht auf, was nicht Dein ist. Ich habe Deine Beichte vernommen, Dich gelöst und gestraft. Um das übrige laß mich nur sorgen, ich werde es wohl zu richten wissen. Genug für heute. Und damit basta.« –

So ging er von ihr. Catarina stand und blickte ihm nach, wie vorher Fra Tommaso diesem selben behaglich breitspurig dahinschreitenden Rücken nachgesehen hatte. Und auch ihr ward es bewußt, daß sie etwas verloren, was sie nie wiedergewinnen könne, und das, was sie dafür eingetauscht, vielleicht ein geringwertiger Ersatz sei.

Als aber um ein paar Tage später die Nachbarn und die Leute alle es erfuhren, was Catarina, die Färberstochter, auf der Rocca ausgerichtet, daß sie ihre Stadt beschützt vor nicht einmal geahnten Gefahren, da bat ihr ein jedermann zu Siena ein jedes Wörtlein ab, das er ruchlos gegen sie ob ihres langes Außenbleibens zu lästern gewagt. Und ihr Ansehen und ihr Name wurden noch größer im ganzen Lande.



VIII.

An einem hellen Frühlingsmorgen ritt durch das Thor der guten Stadt Siena ein blutjunger Rittersmann herein. Das war Stefano Maconi, des alten Ser Giacomo ältester Sohn. Dieser Ser Giacomo aber, vordem mit den Salimbeni und ihren Freunden gegen die Stadt verschworen, hatte, da jene plötzlich Frieden schlossen, seine alten Streitigkeiten auf seine eigene Faust ausfechten wollen und war dabei allein und von seinen bisherigen Verbündeten nunmehr auch als Feind behandelt, ganz und gar geschlagen worden. Seine Burg war geplündert, sollte geschleift werden, ihm drohte Tod, den Seinen Verbannung. Nur auf heimlichen Wegen hatte der Sohn den ihn dicht umzingelnden Feinden entschlüpfen können. Jetzt aber ritt er ganz wohlgemut durch die unbekannten Straßen, auf sein gutes Glück vertrauend, daß ihn so leicht niemand kennen noch verraten werde. Seine Mutter hatte ihm den Gedanken eingegeben, zu dem della Fonte zu gehen, der jetzt Fra Tommaso, ein besonders frommer Mann sei, und dessen Vater einst der Dienstmann des seinen gewesen. Er erfragte sich bald den Weg zu dem Dominikanerkloster, ritt ganz fröhlich und hoffnungsvoll hin, ward in die Zelle geführt zu dem Bruder und sprach mit ihm, daß dieser ihm einen gütlichen Frieden erlangen solle. – Kaum aber ein Viertelstündchen später war Jung Stefano schon wieder draußen vor der Kirche, band sein Roß ab von dem Ring in der Mauer und stand stirnrunzelnd und klopfte dem Tier den Hals und seufzte. Er mochte weder sich entschließen aufzusitzen, davonzureiten, noch zu Fuß fürbaß zu gehn. Fra Tommaso hatte ihm einen schlechten Bescheid gegeben. Er behauptete, gar nichts zu können, nur ein Mönch zu sein und machtlos; sein Prior, der auch mit dem Jüngling geredet, würde ihm nicht einmal die Erlaubnis erteilen, wenn ers selbst wollte, bei den Acht der Regierung für den Stadtfeind um Gnade zu bitten. Denn die Predigermönche hielten darauf, weder mit Siena, noch auch mit den Gegnern der Stadt, weder mit Guelfen noch Ghibellinen, oder wie immer die Parteiungen hießen, die ganz Toscana, ganz Italien zerrissen, je gemeinsame Sache zu machen, sondern über Kampf und Streit und Haß erhaben, wollten sie allein die Seelen zum Verzicht auf irdische Lust und empor zum Himmel führen. Das hatten ihm die Herren mit schönen, sehr wohlklingenden Worten gesagt. Weil es ihm aber, der jung war und an das Sterben nicht dachte, zur Zeit noch gar nicht um das Heil seiner armen Seele zu thun war, sondern nur darum, wie er dem Vater und sich selber Burg und Herrschaft erhalten konnte, so mißfiel ihm ihr »Nein« mehr, als alle die frommen Reden ihn zu trösten vermochten. Es mißfiel ihm auch der Rat, den ihm zuletzt, da er schon in der Thür gestanden, der Prior nachgerufen hatte: er solle zu Suor Catarina gehen, zu der Santa, die ja den Salimbeni auch mit Siena versöhnt. Die sei noch die einzige, die vielleicht ihm helfen könne. –

Er, ein Ritter und ein Mann, – er reckte sich, als er es dachte, strack in die Höhe und strich sein Bärtchen, das noch nicht sehr dicht war, – er sollte bei einer armen Nonne um Hilfe betteln! – Wenn sein Vater darum wüßte, der würde es nie dulden. Aber er dachte an seine Mutter. Er dachte an ihre Thränen, als sie ihn gebeten, heimlich, zur Nacht, hinter dem Rücken des guten Vaters nach Siena zu reiten. Die Sache stand schlimm: Sonst hätten ihn die frommen Herren wahrlich nicht so kurz abgewiesen. Gar so ängstlich, wie der Prior es dargestellt, waren die Dominikaner sonst nicht, sich in weltliche Händel zu mischen. Und er war nun einmal hier drinnen, die Thorwächter hatten ihn zwar achtlos hereingelassen, aber hinaus würde er so leicht nicht kommen. Darum – ob's ein Mönch war oder ein Nönnlein, er saß in der Falle, hatte die Wahl nicht, mußte einem jeden danken, der ihm aus der Not helfen wollte.

Und er seufzte noch einmal, warf die Zügel über seines Pferdes Rücken, faßte es vorn an der Trense und, nachdem er einen der Bettler auf der Kirchentreppe befragt, wo die Benincasa wohne, ging er in die Straße dell' Oca, wie ihn jener gewiesen hatte. Vor dem Hause stand er abermals still und sah sich's an und schüttelte den Kopf, da er's sah. Nicht einmal ein Ring am Thor, um ein Ritterpferd anzubinden. Er rief einen der Straßenjungen, die barfuß an dem Rinnstein spielten, daß er es ihm hielte.

Die Nachbarn steckten die Köpfe zusammen: Wieder einer zu der Rinetta! Was der wohl will? Ein so stattlicher junger Herr! Und die Nachbarinnen dachten: »Käm er lieber zu uns doch! Wir hülfen ihm auch wohl von seinen Nöten und hätten unsere Freude an ihm, von der so eine Santa nichts ahnt. Aber alles läuft einmal ihr nach. Wer nebenan wohnt, an den denkt niemand!«

Drinnen im Flur, wo es halb dunkel war und feuchtkühl, kam Monna Lapa dem Fremden entgegen. Mit Flüsterstimme wies sie ihn an, nur leis zu reden, auf daß er Suor Catarina nicht störe. Suor Catarina! Sie nannte das Kind, das sie geboren, längst nicht mehr mit dem Zärtlichkeitsnamen, den die Nachbarn ihr immer noch gaben. Nach seinem Anliegen fragte sie nicht, wollte auch, als er davon anfing, lieber nichts hören. Aber ob er nicht anderen Tages oder am Abend, oder sonstwie kommen könnte, jetzt nur nicht, bat sie, Suor Catarina hätte nicht zur Nacht geschlafen, hätte zu thun, bedürfe der Ruhe.

Könne die Nonne ihn heute nicht sprechen, so wollte er gehen und käme nicht wieder, sagte Stefano ärgerlich kurz.

Monna Lapa, die immer in Sorgen war, immer ihrer Tochter die Anstrengungen zu mindern wünschte, aber deren Ansehen zu mindern doch nicht wünschte, schwieg, seufzte, ergab sich. Eingedenk Catarinas Befehlen, daß sie einen jeden Hilfesuchenden, ob Herr oder Bettler, zu jeder Stunde der Nacht wie des Tages zu ihr führen müsse, ging sie also kopfschüttelnd voran. Der junge Rittersmann folgte ihr durch die Gänge des alten Hauses, treppauf und treppab.

Auf dem kleinen Altan, auf dem vordem die frischgefärbten Tücher zum Trocknen ausgespannt worden waren, saß an dem einen Ende Alessia mit Schreibgerät vor sich, an dem anderen Cecca Gori. Zwischen den beiden ging Catarina langsamen Schrittes auf und nieder, die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit den weithinausschauenden Augen wie ins Leere starrend, ins Unbekannte. Und wenn sie bis zu einer der Schwestern gelangt war, so hielt sie inne, hob ihr Haupt höher, sprach den Satz, den jene niederzeichnen sollte, machte Kehrt, ging bis zu der anderen, stand wieder und sagte dieser halblaut, was sie in ihren Brief schreiben müsse. Und sie irrte sich nie und stockte nicht einmal, die Worte flossen ihr von den Lippen, heiße Worte des Glaubens, der Liebe, der Ermahnung, volltönend, klingend, fast wie Verse, von Herzen kommend und in die Herzen der Leser eindringend, sie ergreifend, bezwingend wie nichts anderes in jenen Tagen.

Als aber der Maconi hinaustrat, hörte sie auf, senkte bescheidentlich ihren Kopf und wartete auf sein Begehren. Er sah eben nur eine Klosterschwester im weißen Wollkleid mit dem schwarzen Mantel darüber, wie er deren schon manche gesehen.

»Seid Ihr es? Seid Ihr die Suor Catarina von Siena, von der die Leute so viel erzählen, von der sie behaupten, sie hätte den Salimbeni beredet, von seinen Gefreundeten abzufallen?«

Sie hielt ihre Augen zu Boden geschlagen: »Nicht ich, allein mein Herr und Verlobter hat es bewirkt, daß Frieden ward.«

»Ein schöner Frieden! An die anderen, die ihrem Worte treu bleiben würden, dachtet Ihr wohl nicht, als Ihr jene zum Treubruch verleitet? Überhaupt, wie sollt Ihr's verstehen, um was es sich in diesen Fehden handelt, ein Weib und Nonne, geringer Herkunft, ungebildet, – denn ich sehe, Ihr laßt Eure Briefe für Euch schreiben, könnt's also nicht selber.«

»Ich lernt' es bisher nicht«, sagte sie.

»Und da schicken mich Fra Tommaso und der Herr Prior zu Euch um Beistand! Die Herren meinen wohl, daß es sich um Bettelsuppen und um Almosen für uns handelt!«

Schwester Alessia, die ihm zunächst saß, war aufgestanden und hielt ihm das Blatt hin, das sie mehr als zur Hälfte beschrieben; »Könnt Ihr denn lesen, junger Herr Hitzkopf?« fragte sie verächtlich.

Die Überschrift lautete: An den Herrn Vikar unseres heiligsten Vaters, des Papstes Gregor XI., den Herrn Bischof in Andalusien, Beichtvater weiland ihrer Hoheit der Frau Fürstin von Schweden Santa Brigida, zur Antwort auf seine Briefe, die er mir von dem Papste gebracht hat . . .

Maconi staunte: »So ein Herr kommt wirklich zu Euch? und er brachte Euch Schreiben von dem Papst selbst in Avignon?«

Alessia hatte der Cecca gewinkt. Die wollte gleichfalls den Brief, den sie eben geschrieben hatte, herzeigen. Aber bevor sie ihn Stefano reichen konnte, griff Catarinas Hand dazwischen:

»Wozu braucht es der Beweise, daß andere von mir Rats begehren und erhalten? Zweifelt Ihr an meinem Können, so habt Ihr recht, ich zweifle selbst dran. Oder vielmehr, ich weiß, daß ich nichts kann und nichts bin, eine arme, arme Magd nur, nichts, wenn mir nicht der Himmel beisteht, der die Macht mir giebt über Menschenherzen, nichts, wenn Ihr nicht vertraut und gläubig, demütig Euch ihm hingebt und betet. Thut Ihr das nicht und glaubt Ihr nicht, so kann auch ich Euch unmöglich helfen. Nein, ich kann es nicht, und was mehr ist: ich will's dann auch nicht«

Da sie das sagte, hob sie ihr Haupt höher.

Stefano Maconi, der auf seiner Burg draußen wohl tapfere Ritter und Bettelmönche und wandernde Sänger kennen gelernt, doch wenig Frauen, der sah sie an. Und da ihrer Augen Strahl ihn getroffen, fiel er auf die Kniee, und die Lippen auf ihres groben Kleides Saum gedrückt, bat er um Verzeihung, bat um Hilfe, versprach zu glauben, zu gehorchen.

Catarina streckte die Hand aus und berührte des jungen Knaben lockig Haupt. So fromm sie war, so viel sie betete und sich kasteite, so demütig sie ihren Genossinnen eben noch es verwiesen hatte, für ihren Ruhm sich zu bemühen, – einen, der nicht an sie glaubte, zu sich zu bekehren, das that ihr wohl. Die Dominikaner hatten nicht gewagt, die Stadtregierung für den Stadtfeind um Gnade zu bitten. Sie sagte ihm nicht, daß der Fall schwierig wäre. Sie hörte ihn an, ließ sich erzählen von dem alternden Vater, der sein Wort hochhielt, das er einmal geschworen. Und von der Mutter, die zart gewöhnt war, die um ihren Gatten bangte, um die Kleinen, und der ihr Ältester mit ganzer Seele ergeben war. Vielleicht dachte sie, daß sie selber solchem Ältesten auch vertraut haben würde, wäre sie seine Mutter gewesen. Er war genau so groß wie sie, nicht viel jünger an Jahren, denn auch sie war noch jung. Er errötete bei ihrer leisen Berührung. Die Heilige aber sah und ahnte nichts von dem, was den Knaben bewegte. –

Um eine halbe Stunde später ging im hellen Sonnenscheine des Mittags von der Straße dell' Oca ein Zug von Nonnen hinauf in die Stadt. Neben den schwarz bemantelten Schwestern schritt barhäuptig der junge Ritter. Als sie auf den Campo kamen, an dem der Palast der Regierung liegt, lenkten sie ihren Weg quer hinüber zu der offenen Kapelle, die dort am Fuß des Stadtturmes Mangia zum Gedächtnis jener großen Pest erbaut ward, der Catarinas Zwillingsschwesterchen kaum ein Jahr nach der Geburt zum Opfer gefallen. Catarina und ihre Nonnen knieten betend nieder. Und hinter ihnen kniete der Maconi und betete aus wundersam zerknirschtem, reuevoll dankbar gerührtem Herzen, nicht, daß ihm selber geholfen werde, – nein er bat, er stammelte, flehte den Himmel an für sie, daß ihr werde, um was sie bitte, daß sie Erhörung, Gewährung fände. Als sie aufstand und ihm winkte, mit ihr in das Stadthaus hineinzugehen, glänzten Thränen an seinen Wimpern. Sie wußte nicht, woher sie stammten, und lächelte und sprach ihm Mut zu.

Im Saal des Friedens saßen die Männer, welche zur Zeit die Regierung führten, ehrsame Kaufherren, Handwerksmeister, auch einer von der Malergilde, beratend beisammen, als ihnen die Dominikanerschwester gemeldet wurde. Und so groß war das Ansehen, dessen sie sich erfreute, daß man augenblicks sie vorließ, obwohl sonst niemand die Ratssitzungen stören durfte. Aber sie trat nicht allein in den Saal ein, sie führte an ihrer Hand den Stefano und stellte ihn mit seinem Namen den Herren vor. Das gab ein Entsetzen, einen Aufruhr! Einer rief nach der Wache, nach Ketten, der drohte ihm und jener drohte Catarina, daß sie es gewagt, den Stadtfeind hierher zu ihnen in das geheimste Herz der Stadt hereinzuschmuggeln. Sie stand und ließ den Lärm sich austoben.

Ob wohl ein Ritter ohne Schwert noch Waffen, und eine schwache Nonne etwas ausrichten könnten gegen ihrer acht und die Diener, den Geistlichen, die Wache im Vorsaal? fragte sie ruhig. Sie bat, – nein, ihre Stimme bat nicht, sie befahl, – die Männer möchten wieder ihre Sitze einnehmen. Während jene murrend, kaum besänftigt, angstvoll unter einander sich berieten, teils hinter den Tisch an ihre Plätze sich zurück begaben, teils noch voll Erregung sie beobachteten und umstanden, wies sie, als berührte all dies Murren und Reden sie gar nicht, als sei sie nur hierhergekommen, einem Fremden des Hauses und der Stadt Schätze zu zeigen, ihm die Bilder an den Wänden. An der einen Wand alle Segnungen des Friedens, zu Füßen der Mauer, auf der die Wölfin mit den Zwillingen, Sienas Wahrzeichen, Wache hält; an der anderen die Tyrannei, das Ungeheuer mit Gift und Dolch.

»Dort aber«, so erklärte sie weiter, »sind die Tugenden zu sehen, die hier herrschen. Zwar – ihre Namen kann ich nicht lesen, die über jedem Kopfe stehen. Das aber weiß ich, welcher seltenen Eigenschaften man bedarf, um gut zu herrschen: Friedfertigkeit, Kraft, Klugheit, Großmut, Mäßigkeit und Gerechtigkeit sind dort gemalt. Vor allen aber seht die Eintracht mit dem seitwärts geneigten Haupte. Über dem dunklen Stirnband glüht ihr ein Flämmchen auf. Die Eintracht trauert, wenn unter ihren, unter Sienas Kindern ein Zwist ist, sie hält die Schnur von der Wage der Justitia, auf daß die zwei Schalen stets Gleichgewicht halten, und reicht sie den Männern des Staates weiter zur treuen Hut. Hoch droben, über der Riesengestalt der Regierung, da stehen vier Lettern. Die kennt auch selbst der Ungelehrte, kennt ein jedes Kind in Siena und ich kann sie Euch deuten: C. S. C. V. – das soll heißen: Commune Senarum Civitatis Virginis. Der Jungfrau ist die Stadt geweiht, der Mutter des Herrn, in ihrer einen Gestalt verkörpert sie alle Tugenden zugleich und Glauben, Liebe, Hoffnung schweben über ihr.« –

So sprach sie zu Stefano. Und weiter schilderte sie, die Bilder ihm deutend, alle Übel, welche der Krieg und die Zwietracht bringen, wie Kinder und Mütter leiden müssen, wenn die Männer sich befehden, was seine, des Maconi Mutter, erduldet hatte, als sie vor ihren Augen die Greuel, die auf der eroberten Burg geschahen, mit ansehen mußte. Sie redete zu ihm allein. Aber die anderen mußten es hören. Von der Unbill, die sein Vater lange schweigend getragen, von dem Zorn, den er als ein guter Sohn der Stadt sich gemüht zu beherrschen, von dem Verrat, der an ihm geübt worden war, als seine Verbündeten sich bekehrten und ihn verließen, ihre Feindschaft sich gegen ihn wandte. Stefano hatte ihr auch davon wohl manches gesagt, doch so viel nicht. Er begriff nicht, woher sie es wissen, wie sie aus einem kurzen Worte so viel erfassen, verstehen könne. Von immer tieferer Ehrfurcht erfüllt, beugte er sein Knie, nicht vor den Männern, die über Leib und Gut zu entscheiden hatten, sondern vor ihr, die ihm seit wenig Stunden die Herrin seines jungen Lebens war. Und nun schilderte sie, was er selber fühlte, der Sohn, der Erbe, der seinen Vater, seine Mutter leiden sah, der, durch keine alten Bande an Freunde oder Feinde gekettet, frei war, um recht zu thun. Und der das Rechte thun, doch auch dafür sein Recht haben wollte. Und der mutig hier in die Stadt kam, den Acht von der Regierung vertrauend, die unter dieses Bildes Obhut, von dem Geist dieser Weisheit erleuchtet und beschützt von der milden Stadtherrin, der heiligen Mutter Gottes, herrschten, daß sie auch selbst den Sohn ihres Feindes unverletzt an Leben und Freiheit anhören würden. –

Die acht Männer, kluge Köpfe, auf ihr Bestes bedacht und auf der Stadt Ansehen und keiner geneigt, sich allzu weichlich noch allzu rasch bereden zu lassen, neigten sich horchend, während Catarina sprach. Sie wogen im Geiste, wie über ihnen die Justitia in ihrer Wage, das Für und Wider des Falles ab, die Vorteile des Friedens, die Nachteile längerer Streitigkeiten, die Staatsweisheit, die ihnen die Nonne so klärlich auseinandersetzte, und was sie als Preis bot und womit sie drohte. –

Kaum um ein paar Stunden später knieten die Mantellate wieder unten vor der Kapelle am Campo, und Catarina dankte inbrünstig ihrem Beschützer im Himmel droben, daß er ihren Lippen Gewalt verliehen, daß er auf ihre Zunge die rechten Worte gelegt, durch welche die Herzen ihrer Hörer ihr zugeneigt worden. Stefano Maconi aber ritt noch vor Abend ungehindert, wie er gekommen, wieder zum Stadtthor von Siena hinaus, mit dem ehrenvollen Frieden für seinen Vater in dem Ledertäschchen am Gürtel. –

Am nächsten Tage hatte Monna Lapa ihrer Tochter abermals Besuch zuzuführen, über den sie seufzen mußte. Nicht Bettler noch Hilfeflehende begehrten Einlaß, auch nicht ein fremder junger Ritter, der sie in bedenkliche Händel verwickeln konnte. Es kamen alle ihre Ordensschwestern, Mutter Nera und die alte Suor Palmerina an ihrer Spitze, die nämlichen zwei, die das Kind Catarina in ihre Gemeinschaft einst aufgenommen. Sie fanden sie nicht auf dem Altan, wo sie Briefe diktierte. Alessia bat die Frauen zu warten, Mutter Catarina bete drinnen in ihrer Kammer. Suor Palmerina aber erklärte gereizt, die Schwestern von der heiligen Buße hätten zu Siena nur eine Mutter und die stünde hier, die Äbtissin Frau Nera. Die erste Regel sei und bleibe der Gehorsam, auch beten dürfe man zu der Zeit nur, welche Mutter Nera befehle. Darum müsse Catarina jetzt kommen.

Die alte gute Äbtissin war mit den Jahren noch stiller geworden, ließ sich noch mehr von ihrer Altersgenossin beherrschen. Sie nickte deren Befehlen Beifall.

Aber Alessia, die Getreue, widersetzte sich, da jene in die Kammer eindringen wollten. Und Cecca Gori bat flehend, voll Ehrfurcht vor ihrer Herrin: »Stört sie nicht! Sie betet für uns alle ja, hilft uns allen, wenn sie betet. Ihre Inbrunst wirkt Wunder, ist selbst ein Wunder. Wenn sie, ganz in Andacht versunken vor dem Kreuz liegt, so ist es manchmal, als ob sie gleichsam von ihrem inneren Drang emporgehoben auf ihren Knieen zur Höhe schwebe.«

»So?« fragte Palmerina höhnisch, »ist es denn sicher der Herr am Kreuz, der drinnen in der Kammer bei ihr ist? Oder ist es vielleicht ein anderer, ein junger oder alter Ritter – sie empfängt ja deren so viele! – dem sie das Schwebewunder vormacht?«

Cecca Gori wollte empört eine zornige Antwort geben, Alessia sich zur Wehre setzen, mit ihrem Leibe den Zugang verteidigen. Da that sich die Thür auf – Catarina kam heraus. Hinter ihr sah man in dem Halbdunkel ihres alten Schlafkämmerleins die kleine Lampe am Kruzifix brennen.

Sie war so ruhig, ernst und bleich. Auch über die Erregung der anderen legte sich feierliche Ruhe. Sie ging auf Nera zu und beugte das Haupt demütig: »Kamt Ihr mich zu schelten, Mutter?« fragte sie leise, »thut es nur. Ihr habt recht mit allem. Glaubt mirs, ich kenne meine Fehler, ich suche mich immer genauer zu kennen, mich zu bessern und zu büßen. Da drinnen lag ich, als Ihr herkamt, vor meinem Heiland und gestand ihm meine Sünden und bat um Hilfe und bat um Vergebung. Mir war's, als ob er mitleidig Gewährung winke, als ob er mir verzeihen wolle, was ich aus irdischer Schwachheit oft fehle. – Wenn er aber Gnade übt, fromme Mutter, wollt Ihr es nicht auch thun?«

Bevor die Äbtissin antworten konnte, erhob Suor Palmerina die Stimme:

»Wohl, Ihr betet«, rief sie keifend, »und meint durch die Freundschaft und heimliche Zwiesprach mit Eurem Herrn und Heiland im Himmel alles andere verzeihlich zu machen. Glaubt Ihr denn, wir beteten gar nicht, wir anderen? Wir brachten dem Orden unsere Güter, unser Vermögen, während Ihr mit leeren Händen zu uns kamt. Aber wir sind darum nicht minder fromm, als Ihr. Wir prunken nur nicht mit Kasteien und Fasten, nicht mit unserem Herzen, das uns zerspringen will vor Gram über dieser Welt Schlechtigkeiten. Wir sind klug genug zu wissen, daß wir keine Heiligen sind, noch Engel mit Flügeln. Aber wir nehmen uns auch nicht heraus, auf unsere besondere Tugend pochend, allen Regeln unseres Ordens, die wir feierlich zu halten gelobten, ins Antlitz zu schlagen. Wir senden nicht Briefe in alle Welt aus, an Groß und Klein, wir reisen nicht über Land wie die Männer, von Burg zu Burg, empfangen nicht junge Herren, wir nicht, und gehen mit ihnen am helllichten Tage mitten über den Campo spazieren, wie Ihr gestern thatet. Wir verkehren nicht mit Raufbolden, Mädchenverführern gleich dem Malavolti Ser Vanni. Wir schleichen uns nicht nachts mit einem Laternlein, – da steht's auf dem Thürsims ja, – aus dem Hause, die allerschlimmsten Schlupfwinkel der Sünde zu gehen, sondern ruhen im Schlaf des Gerechten, den uns der Herr schickt, weil er uns lieb hat.«

Catarina blickte sie an. Die andächtig demütige Stimmung war von ihr gefallen, wie ein Kleid, das man abthut. Sie lächelte und hob ihren Kopf hoch: »Vor Euch, Suor Palmerina, habe ich mich nicht zu verteidigen, Euch bin ich keine Rechenschaft schuldig. Sondern allein unserer lieben Mutter.«

»Ihr hört ja, sie fordert es,« rief Palmerina, »sie befiehlt Euch zu gehorchen. So verteidigt Euch doch, leugnet, daß Ihr Männer aufnehmt in Euren Bund, mit Männern redet, an Männer schreibt, wie es noch nie eine Nonne gewagt hat!«

»Leugnen!« sagte Catarina.

Aber mit Thränen in der Stimme bat Frau Nera: »Zeige diese Miene nicht, setze nicht Deinen Trotz darein zu widerstehen. Ich nahm Dich auf in unseren Orden, ich. Und ich bleibe verantwortlich. Mich trifft es, wenn sie Dich verdammen, mir thut es weh, wenn sie schlecht von Dir reden. Kind Catarina, sprich, – Du bist ehrlich, ich will alles glauben, – sage Du mir, ist das wahr? gingst Du mit dem jungen Maconi? verkehrtest Du, wie sie hier in der Straße erzählen, mit dem Malavolti, dem übelberüchtigten, schlechtesten Menschen von ganz Siena? thatst Du das, was unserer frommen Ordensgemeinschaft zur Unehre gereicht?«

»Mutter, Mutter Nera!« riefen Alessia und Cecca und die anderen, »wie könnt Ihr so reden, wie dürft Ihr zweifeln an unserer Heiligen, an ihr!«

Monna Lapa lag und schluchzte.

»Sie soll reden«, riefen Palmerina und deren Gefährtinnen, »sie soll's nur versuchen sich rein zu waschen, sie kann es nicht.«

Catarina stand noch immer, mit ihren lächelnden stolzen Blicken sah sie von einer zu der anderen.

»Ich bitte Dich!« sagte die Mutter Nera, »sag's mir zu Liebe, um meiner armen Seele willen, ich bitte Dich sehr.«

Da beugte jene das stolze Haupt unter ihrem weißen Kopftuch und kniete nieder, legte die Lippen auf der Äbtissin gichtische, altersschwache gelbweiße Hand und seufzte leise:

»Es ist alles wahr,« sagte sie, »jeder Vorwurf trifft. Ich bin eigenmächtig. Ich muß meinen Weg gehen, der mir recht scheint, ob Klosterregeln auch andere gebieten. Fragt meinen Beichtiger, fromme Mutter, ob ich nicht meiner Schuld mir bewußt bin, ob ich nicht mich vor ihm anklage tausendmal! Den Frevel, daß ich selbst entscheide, entschließe, handele, wie es andere Nonnen nie thaten, den suchte ich ja gerade zu sühnen durch Gebet und Kasteiung da drinnen. Und das ist auch wahr, ich verhandelte mit den Männern. Wer in Nöten zu mir kommt, dem muß ich beistehen, ob Mann ob Weib, ob jung oder alt. Und wenn mein Herz mich heißt zu raten, dann rate ich, so gut ichs verstehe. Es ist auch das wahr, ich schrieb der Königin Frau Johanna von Neapel, die auf sündhaften Wegen wandelt, die nächstens, sagt man, ihrem dritten Gatten einen Nachfolger geben will. Ich schrieb auch einer armen Dirne im Buhlenhaus, daß sie von ihrem schandbaren Leben lassen solle. Und ging zu ihr zur Nacht. Ja, da steht die Laterne. Und dem jungen Maconi schaffte ich den Frieden für die Seinen von der Stadt. Und den Malavolti, Vanni di Ser Vanni – da Ihr das schon wißt, kann ich es sagen –, den habe ich beredet, sein weltlich Kleid von sich zu thun, in unseren Orden einzutreten. Sein festes Haus, die Villa Belcaro, von der man munkelt, daß böse Dinge da drinnen geschehen, die gab er mir in meine Hände, daß ich sie Euch gebe, fromme Mutter, für unsere arme Schwesterschaft ein neues, zweites Heim zu gründen. Das sind meine Sünden. Ich that's, es ist wahr. Und ich bekenne mich zu allem. – Straft mich wir Ihr wollt.«

Von dem Tag an haben die Mantellate von Siena nie mehr gewagt, ihrer Schwester Catarina Vorwürfe zu machen über allzu freie Sitten, nie mehr sie eingeengt in ihrem Thun.

Ob man dem Kloster ein Vermögen beim Eintritt mitbringt oder etwas später einen reichen Bösewicht dazu beredet, sein schönes Haus der Gemeinschaft zu schenken, das bleibt schließlich dasselbe. Erst seit sie ihnen zählbaren Geldwert geschaffen hatte, ward sie den andern ganz gleich geachtet.



IX.

»Ich aber habe es gesehen!«

»Und es kann doch nicht sein und Du hast Dir's erfunden, wie schon so manches.«

»So! – und wenn ich es schwöre, glaubst Du mir's dann auch nicht? Mit diesen meinen beiden Augen erschaute ich sie, mit diesen meinen beiden Händen, da, sieh her, habe ich sie gehalten«, – und Cecca Gori, die mit Alessia im Streite lag, hob ihre derben gebräunten Fäuste zu ihrer Genossin Antlitz empor, – »mit diesen Fingern stützte ich ihre Schultern, als sie vor Inbrunst und vor fieberhaftem Sehnen in ihrer Andacht vergehen wollte. Denn Du weißt es, wie sie betet, wie sie sich selbst und Essen und Trinken und ihre Umgebung und alles vergißt.«

»Ich weiß«, sagte Alessia mit Seufzen.

»Nun also. Wir waren von Florenz gekommen, wo sie beim Kapitel der Dominikaner so schön zum Frieden geredet hatte, – ich muß noch weinen, wenn ich dran denke, sie ein Weib und vor allen den Männern . . .«

»Komm zur Sache«, sagte Alessia, »das habe ich miterlebt, wie Du.«

»Also der Herr Erzbischof von Pisa hatte sie von unserm Ordensgeneral sich erbeten für diese seine Stadt. Bruder Raimund und Bruder Bartolommeo di Domenico, ihre beiden neuen Beichtväter, reden ihr zu, sie solle hierher gehen und solle helfen. Und sie entschließt sich, obwohl sie die Tage krank gelegen, geht zu Fuß her, ich mit ihr . . .«

»Mir hatte sie befohlen zu reiten«, murmelte Alessia.

»Weil Du zartere Fußsohlen hättest. So ist sie. Sie hat mit allen Mitleid. Nur nicht mit sich.«

»Und also? Wenn Du willst, daß ich Dir Dein Wunder glaube,« rief wieder Alessia, die neben der von geringem Volk herstammenden Cecca sich manchmal so weit vergessen konnte, daß sie wie ehedem als eine von den Saracini gebieterisch befahl, – »wenn Du das willst, so erzähle nun endlich!«

»Wir kommen hier in Pisa an. Gegen Abend war es. Wir beide müde, allein, halb verdurstet. Mir mindestens war die Kehle so trocken, daß ich wie ein Hund nach Wasser lechzte. Und so erkunde ich den Weg zum Palast des Herrn Erzbischofs, wo wir Unterkunft finden sollten. Man sieht uns an, – zwei arme Nonnen, die nach so großem Herrn fragen! Aber dann sind doch ein paar Leute, Handwerker, sie hatten vor ihren Thüren gearbeitet, die nehmen sich unserer an und weisen uns die Straße. Es liegt da eine Kirche. Santa Cecilia war's, erst nachher erfuhr ich den Namen. Da bleibt sie stehen, sagt, sie will beten, bevor sie ihr Haupt zur Ruhe legen darf. Ich ging mit ihr hinein. Eine kleine, kahle Kirche, kein Mensch, halbdunkel. Sie kniet und ringt ihre Hände und betet. Ich hinter ihr auch. Nur daß ich nicht um Sündenvergebung bat, noch mich inbrünstig meiner Fehler angeklagt habe, wie sie wohl that, sondern, – ja, ich muß es gestehen, ich betete und weinte beinahe, betete nur um einen Schluck Wasser und um ein Brot. Und da . . . .«

»Da?«

»Nun, da sehe ich, wie sie sich von den Knieen halb aufhebt, – das sah ich schon oft so, – aber es ist, als triebe es sie vorwärts, zum Kruzifix hin, sie kann nicht, kann nicht auf und kann sich nicht halten, sinkt zurück in meine Arme, atemlos, kraftlos, die starren Augen immer nach oben, die trocknen, lechzenden Lippen stammeln. Und ich selber verschmachtend, halb von Sinnen, ich halte sie, ich starre wie sie und träume, nein sehe – da, der Herr am Kreuze neigt sich und von den Wunden an seiner Seite, in seinen Händen, in seinen Füßen gehen Strahlen, goldglänzende Strahlen zu ihr hernieder, zu ihrer Seite, ihren Händen, ihren Füßen.«

»Du warst eben von Sinnen.«

»Ich war sehr wach Sie lag bewußtlos, ohnmächtig am Boden. Ich holte Leute, ließ Wasser bringen für die Erkrankte und wusch ihr die Lippen. Dann trank ich auch. Sie hat sich bald erholt. Wir gingen hierher, Ihr wart schon angekommen. Der Herr Erzbischof empfing uns beide. Von den Catarinati, sagte er, wie man uns in Siena nach unserer frommen Stifterin nenne, sei ihm ein jeder und jede willkommen um ihretwillen. Und wie die Jünger St. Franzisci an ihrem Heiligen die entsagende Armut vor allem gepriesen, so sei sie nun für den Predigerorden auch solch ein Vorbild von Armut, Demut und Entsagung, daß ihr zur völligen Wiederholung so erhabenen Lebenswandels eben nur die fünf Wundmale fehlten.«

»So sprach er, ich weiß. Und daraus hast Du Dir das Wunder erfunden.«

»Erfinden, ich! Willst Du es leugnen, daß sie so heilig ist, wie der Bettelmönch war oder irgend ein anderer, der jemals gelebt hat?«

»Nein, wahrlich nicht, meine vielholde Frau Catarina! das wahrlich nicht.«

»Warum zweifelst Du also? weil ich's war, die es sah? Und keine von den alten Familien, keine Saracini, oder Tolomei oder Salimbeni, sondern einer Bettlerin Tochter und Enkelin. Ich habe lesen gelernt und schreiben, so gut wie Du. Daß ich es nur lernte, weil ich ihr zu Diensten sein wollte und nicht von Haus aus, und daß meine Eltern es nicht konnten, das ändert daran nichts. Ich bin nicht dumm. Ich weiß, was ich sehe, ganz genau. So gut ich gestern sah, auf der Wiese vor dem Dom und dem Campo Santo, da sie zum Frieden sprach, wie die Bürger von Pisa ihr zugehört haben, und wie sie dann kamen, vor ihr knieten, ihr Kleid und ihren Schleier küßten, Arm und Reich, und Geringe und Vornehme, und von ihr Trost, Rat und Heilung begehrten und wie sie mit ihren leisen Worten jedem half und allen wohlthat – als ob das nicht ein Wunder wäre! – just so gut und so genau sah ich das andere auch mit den Strahlen.«

»Weshalb sprachst Du dann nicht?«

»Weil sie mir's verwehrte. Es sei eine Täuschung meiner müden Sinne gewesen, sagte sie, genau wie Du vorhin. Du weißt doch, wie sie ist. Sie will nicht, daß wir es merken, wenn sie fastet, nicht, daß wir ihr's ansehen, wenn sie Schmerzen hat vor Hunger, und ihr Leib sich zusammenzieht, sich krümmt, ihre Schultern zittern und ihre Lippen blau werden und farblos. Ich habe keine Schmerzen, sagt sie und lächelt wohl noch, – es ist süß so zu leiden! Der Herr thut Wunder um ihretwillen. Als sie ein Kind war, verlobte er sie sich, wie einstmals auch ihre Namenspatronin, Catarina von Alexandrien. Damals erzählte sie's, rühmte sich dessen, stolz auf ihr Glück. Nun, in ihrer frommen Demut, die sich den Stolz zur Sünde anrechnet, will sie nicht als Heilige gelten, nichts voraushaben vor uns anderen. Darum verbot sie mir, es zu sagen. Aber Dir, ihrer treuesten Genossin, – nicht wahr, das begreifst Du, daß ich es endlich einmal mir vom Herzen reden mußte? Du hättest es auch gethan.«

»Und Du sagst, es ist Wahrheit. Sahst Du die Wunden?«

»Wie sollt ich! Läßt sie sich von mir denn berühren? sich die müden Füße je waschen, wie andere thun würden? Sie leidet es nicht, aus Demut, weil eine Magd keiner Dienerin bedürfe. Vielleicht auch, weil sie sich scheut, uns zu zeigen, wie mager und abgezehrt ihr armer Körper, wie er von Geißelhieben wund ist. Ja, sie will nicht einmal sich die Hände von den Dankbaren, denen sie Rat gab, küssen lassen und – sieh nur hin, sie läßt sie nicht sehen.«

Da Cecca so sprach, ging gerade die Thür auf. Aus dem Gemach, vor dessen Schwelle die beiden Nonnen warteten, kamen die Herren, die dort beratschlagend gesessen hatten, der Prior der Dominikaner von Siena, der General des Ordens, und Ratsherren von Pisa mit dem Erzbischof ihrer Stadt, in dessen Hause sie hier sich befanden. Doch in der Thür stand Catarina zwischen den zwei Mönchen, die jetzt ihre Beichtväter waren, und hinter ihr etliche von den männlichen Genossen aus ihrer Gefolgschaft.

Sie neigte sich mit über der Brust gekreuzten Armen, die schmalen Hände in den langen weiten Ärmeln ihres weißen Kleides verborgen, als der Erzbischof im Gehen grüßend ihr seinen Segen gab. Und er neigte ebenso sich vor ihr.

Fra Raimondo sprach noch zu ihr. Er hatte eine ruhige vornehme Art, die immer etwas wie Herablassung bewahrte, auch wo nicht er es war, der befahl. Ein gestrengerer Beichtiger, als Tommaso, so wie sie ihn gewünscht, war der von Capua für sie nicht geworden. Aber selbst wenn er nichts anderes that, als ihre Gedanken auszuführen, so geschah es mit einer Würde, die den Zuschauer glauben ließ, er handle aus seinem eigenen Geist. – Der andere, Bartolommeo di Domenico, war nur als Raimunds Stellvertreter und Gehilfe zu Catarina gekommen. Wie jener jetzt eindringlich auf sie einsprach, bekräftigte er jedes der Worte, wiederholte, verstärkte es noch. Sie drückte ihre beiden Arme nur fester an sich, die Hände in die Ärmel verhüllt, und ließ beide reden. Aber zuletzt als Raimunds Stimme immer gebieterischer klang, und die des Bartolommeo dazwischen tiefer drohte, da hob sie die Stirn auf:

»Gebt Euch keine Mühe, ehrwürdige Väter. Ich thue es nicht, und ich weiß, was mir ziemt. Ich werde es nie thun.« – Damit schritt sie zurück in das Zimmer.

Bruder Raimund ging mit gekränkter Miene nach der anderen Seite davon. Aber der alte Bartolommeo blieb stehen, da er die Cecca und Alessia bemerkte: »Nun«, fragte er, »was sagt Ihr dazu? Ein Eisenkopf, unsere Mutter Catarina! Aber am Ende – sie weiß, was ihr frommt. Und wenn sie auch weder lesen kann, noch schreiben, sie hat recht, immer recht.«

»Was war's denn?« fragte neugierig Cecca.

»So wißt Ihr es nicht? Die Herren meinten, in unseren gar zu bösen Zeiten könnten Reden und Schriften nichts helfen. Und wenn sie die Königin von Neapel zur Zucht ermahne und den Visconti von Mailand zum Frieden und unsern heiligsten Vater Gregor den Elften in Avignon zur Heimkehr nach Rom und alle Städte von Toscana zur Freundschaft, zur Liebe unter einander und zu einem gemeinsamen Kreuzzug wider den äußeren Feind, den Türken, so würde sie von all den schönen und höchst wünschenswerten Dingen schwerlich viel erreichen. Es müßte denn ein Wunder geschehen. So eines zum Beispiel, wie das St. Franzisci.«

»Darum verbirgt sie ihre Hände?«

»Ja, darum. Ihr wißt es doch, daß sie viel krank ist. Auf ihren Lippen sah ich kürzlich so rote Flecken, auf ihren Wangen auch. Die kommen und gehen, wenn sie sich erregt. Und auf ihren Händen, wenn sich da eines Tages auch Flecken zeigten, rote Male, Wundmale gleichsam . . . . Aber sie hat recht. Ein Wunder ausposaunt und laut verkündet, wie gewöhnlich, wie niedrig! Ein Wunder zeigt man nicht, man glaubt es, fühlt es, ohne es gesehen zu haben. Sie soll nicht ihre Hände zeigen. Ich selber würde es ihr nur widerraten. Warne Du sie, meine gute Alessia, selbst wenn es wahr sein sollte, wenn sie auf ihren schmalen Händen Strahlenzeichen trüge vom Himmel, sie zeige sie nicht, sie zeige sie nie!«

Und Alessia zweifelnd: »Wenn's wahr sein könnte!« . .

Unterdessen war Catarina zurückgekehrt in das kleine Zimmer, das im Hause des Erzbischofs von Pisa ihr und denen, die sie ihre Familie nannte, zur Wohnung diente. Es war aber keiner jetzt darinnen, als nur der Maconi, der an dem Tische saß und las. Sie blieb stehen, da sie ihn sah:

»Du hier, Du immer noch hier, Stefano? Hattest Du mir nicht gestern gesagt, Du wolltest wieder zu Deinen Eltern?«

Der Jüngling hob errötend die Augen: »Ich wollte es auch. Denn ich hatte es ihnen versprochen. Aber nun ich auf meinem Pferd saß und ritt von Pisa hinaus, so wie damals, als ich zuerst Euch gesehen hatte, ich von Siena davonreiten mußte, da, – ja da war mir's auch so wie damals. Hier bin ich zu Hause, hier bei Euch, und alle anderen sind mir wie Fremde. – Und so kehrte ich um und so kam ich zurück.«

»Stefano, Du hattest Dein Wort gegeben!«

»Dieses ist heiliger und höher. Mahnt Ihr nicht selber alle Menschen zu kirchlichem und frommem Leben? So will ich es führen.«

»Und Eure Güter und die Burg, die Du mit so vielen Gefahren Deinem Vater zurückgewonnen, daß Du sie von ihm erben wolltest?«

»Mein Vater hat noch andere Söhne, mögen die seine Erben werden. Ich«, – er sprang auf, – »ich kann es nicht! Ich müßte sterben! Süße Mutter Catarina, Ihr sollt mir beistehen, ja das sollt Ihr. Sagt, daß Ihr's gestattet, daß Ihr mich bei Euch behaltet, daß ich mich zu Euren Catarinati zählen, als gottgeweihter Mönch leben darf.«

Sie hatte sich auf ihren Schemel gesetzt. »Ein Mönch!« sagte sie. Und da er sich vor ihr in die Kniee warf und so flehentlich zu ihr aufsah, da lächelte sie unwillkürlich: »Ein Mönch, Du!« und strich ihm mit leisem Finger über seine braunen Locken.

»Es ist mir ernst, Ihr dürft es mir glauben, Ihr solltet mir helfen,« sagte der junge Stefano nochmals. »Ich bitte Euch, beredet Ihr meine Mutter, daß sie mir Urlaub vom Vater erlange, um hier bleiben zu dürfen, und daß sie einwilligt und sich getröstet, wenn sie mich auch nie wieder sehen sollte.«

»Nie wiedersehen! die arme Mutter . . . .« murmelte Catarina für sich wie träumend, »den eigenen Sohn nie wiedersehen . . . Das Leben ist doch hart, mein Stefano! Wohl mir, wohl mir, daß ich keinen irdischen Menschen so lieben darf, als wie den ewigen Herrn im Himmel, meinen Vater und Schützer und Retter.« –

Stefano schwieg.

Sie aber saß eine ganze Weile in sich versunken und sah ihn nicht.

»Wollt Ihr meiner Mutter so schreiben?« fragte er endlich.

Da blickte sie auf: »Ich will's noch bedenken. Ich muß Dich erst prüfen. Freilich, dazu müßtest Du bleiben . . . . So nimm denn die Feder. Ich werde Deine Mutter ermahnen, daß sie ihr Herze nicht allzusehr an Dich hängen möge. Eine fromme Mutter soll an jedem Tag, zu jeder Stunde froh bereit sein, was sie besitzt dem Herrn zu geben, ihr Kind auf ihren eigenen beiden Händen darzubringen, so wie die Jungfrau Maria einst ihr Kindlein Jesu selber in den Tempel gebracht hat.«

»Wenn sie Euch so hörte, süße, heilige Catarina, so könnte sie nicht anders, sie müßte sich drein fügen,« sagte Stefano. Doch da er eben beginnen wollte, ihre Worte niederzuschreiben, hielt er inne: »Nein, unser Herr Kaplan wird meiner Mutter wie gewöhnlich den Brief vorlesen. Und wenn sie ihn fragen wird: schrieb das wirklich die Heilige selber? so kann er, denn er kennt meine Handschrift, es ihr nicht verhehlen, daß es von mir kommt und nur meine Wünsche ausspricht. Ihr müßt dies Schreiben von Schwester Alessia oder Cecca oder von einer von den anderen aufzeichnen lassen.«

»Gut«, sagte sie, »so will ich es machen.« Sie wollte damit von ihm gehen.

Er aber: »Es ist schade, daß Ihr nicht selber schreiben könnt.«

»Meinst Du, daß ich meinem Herrn darum weniger gut diene?«

»Nein, aber . . .«

»Was?«

»Wenn Ihr es doch noch lernen wolltet!«

Catarina lehnte am Tisch und blickte zu Boden.

»Seht«, fuhr er eifrig fort, »ich weiß ja, dem Himmel ist es gleich, der liebt Euch, der schenkt auch so Euren Bitten Gehör. Und die Euch kennen, verehren Euch und müssen es sehen, daß Ihr mehr wißt und klüger und besser, heiliger seid als alle, die auf Erden leben. Aber die anderen, die Euch nicht kennen. . .«

»Was gehen die mich an,« sagte sie stolz, »was rührt der Welt Gerede mich! Es ist ein Windhauch, der bald von der Rechten weht, bald von der Linken, der jeden Tag den Namen wechselt.«

»Sagt Ihr das auch? Seht her, da stehen dieselben Worte, ich las sie gerade, als ihr zu mir kamt:


Der Ruf der Welt ist wie der Wind, Ihr Thoren,
Der bald von hier weht und von drüben bald,
Und Nam' und Richtung geh'n zugleich verloren. –«


»Hat das ein Kirchenvater gesagt, ein Heiliger?« fragte sie.

»Ein Heiliger? Nein. Das heißt vielleicht . . . Wer weiß, einmal künftig könnte man ihn wohl heilig sprechen. Der Mann hieß Dante und ist von Florenz verbannt gewesen.«

»Einer von den Allighieri«, rief sie voll Eifer, »derselbe, der fragte: gab es jemals wohl so eitle Leute wie die von Siena?«

»Was wißt Ihr von ihm?«

»Nichts als das Wort. Das sagte mir . . . .« sie stand eine Weile in ihr Sinnen zurückverloren, etwas wie der Schimmer eines Errötens ging über ihre eingesunkenen, wachsbleichen Wangen. »Guter Tommaso«, sprach sie leise. »Er war so jung etwa, wie Du jetzt bist. Ich war noch ein Kind. Wie lang das her ist! Und wie viel dazwischen liegt! Er ist mir ein guter Freund gewesen. Ich hätte wohl besser gethan, seinem Beispiel zu folgen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Er blieb daheim in seiner Zelle und dienet seinem Herrn bescheidentlich, indessen ich . . . Bin ich auch eitel, weil ich zu Siena geboren wurde? Ich will es nicht sein, helft mir, Ihr Heiligen, hilf mir, mein Verlobter am Kreuze, daß ich es nie werde. – Du aber, Stefano, lehr' mich das Lesen. Ich will mich demütigen, lernen, gehorchen, als wie ein Kind. Und wenn ich es erlernt habe, will ich aus dem frommen Buch da beten, vielleicht, daß es Anderes enthält und Gutes, das mir beistehen wird auf meinem Dornenweg durch das Leben.«

Und Stefano, glücklich, bei ihr bleiben zu dürfen, glücklicher, ihr nützen zu können, ihr nah zu sein, sie, zu der er so andächtig aufblickte, lehren, unterweisen zu sollen, breitet die Blätter aus auf dem Holztisch und nennt ihr die einzelnen Lettern, die Worte. Ihre schlanken, mageren Finger folgen den geschriebenen Linien. Die durchsichtig bleichen Hände liegen auf dem weißen Pergamente. Es sind keine Flecken auf ihnen, noch Zeichen, keine Wundmale zu sehen. –



X.

Nicht weit von der Stelle, wo der Fluß Arno, der Pisa durchfließt, sich in die weite See ergießt, liegt draußen im Meer die Insel Gorgona, von grünem Buschwerk überwachsen, von wilden, kletternden Ziegen bewohnt. Dazumal, als Suor Catarina von Florenz kommend in Pisa verweilte und auf des Erzbischofs Wunsch sich bemühte, die empörten Stadtbewohner mit einander und mit der Kirche zu versöhnen, da bestand auf der einsamen Insel mitten im Meer ein Karthäuserkloster. Wiewohl nun die Mönche dieses Ordens vor allen andern das Schweigen üben und deshalb Stille und Einsamkeit gerade aufsuchen, so war zu ihnen dennoch die Kunde von der jungen Heiligen gelangt, deren Worte allen Menschen wohlthätig sein sollten, allen Frieden ins Herze flößen, die Feinde versöhnen und Böse bekehren. Und es erhob sich in den Gemütern der weltfernen Brüder ein großes Sehnen, das Mädchen zu sehen und von ihren Lippen hören zu können, was einem jeden von ihnen die Entbehrungen des täglichen Daseins erleichtern sollte. Sie hatten schon öfter zu dem Erzbischof Botschaft gesendet mit der Bitte, ihnen die Jungfrau auf einen Tag nur hinüber zu schicken. Es lagen aber bei Catarina allzuviel solcher Bittgesuche. Und die von Siena murrten schon wieder über ihr langes Außenbleiben und ließen sie wissen, für eine Jungfrau hielte man es nicht für schicklich und für eine Nonne noch viel minder, so im Lande umherzuziehen von einer Burg, einer Stadt zu der andern. Sie thäte besser, recht bald nach Hause zurückzukehren. Nun kam dazu noch ein Brief von einem Mann, freilich den sie nicht kannte, Bianco hieß er, aus der Stadt Civita Castellana. Als den wie gewöhnlich ihr Beichtvater Fra Bartolommeo ihr vorlesen wollte, stockte er inmitten des Satzes und meinte, er müsse erst Raimund fragen. Der nahm das Schreiben, murmelte etwas von frechen Reden und warf es fort und ging davon. Aber Catarina hatte nicht umsonst nun seit Wochen bei dem Maconi das Lesen geübt. Ein Kind erlernt die Kunst so leicht nicht wie es eine Erwachsene kann, die klug und die zu denken gewohnt ist. Dazu noch eine, die will, was sie thut. Bisher hatte sie nur ihr Brevier und was Stefano ihr zur Uebung vorgeschrieben, mit ihm zu buchstabieren gelernt. Nun galt es, das Erlernte zu prüfen. Sie nahm, da die Väter von ihr gegangen, den Brief von dem Schreibpult sich her und las ihn. Der fremde Mann warf ihr vor, sie treibe mit Frömmigkeit Staat und ihre vielen Andachten, Bußübungen, das Fasten, Kasteien, das thue sie alles nur, um sich selber Ruhm zu bringen. Da sie den Brief gelesen hatte, warf sie sich vor dem Kruzifix nieder:

»Hilf mir, hilf Du mir, gieb mir ein Zeichen, ob ich recht handle in Deinem Sinne, in Deinem Auftrag, – oder ob ich nur eine arme, arme Sünderin bin, vom Teufel verführt und vom Eigendünkel!«

Aber es gab keine Stimme ihr Antwort.

Und als die Schwestern nach ihr sahen, fanden sie sie bewußtlos liegen wie schon so oft, flach auf dem Boden, die Arme in Kreuzesform von sich gestreckt. Und da man mit Mühen sie zum Leben zurückgerufen, klagte sie sich mit Strömen von Thränen der Sündhaftigkeit an. Weder Raimund noch Bartolommeo fanden ein Mittel, sie zu beruhigen.

»Er hat recht, er hat recht, ich bin eitel, alle von Siena sind's, wir Weiber, und Männer auch. Um meiner Eigenliebe willen bete ich und erwarte vom Himmel, er solle mein Flehen rascher erhören als das eines anderen. Um Eurer Eigenliebe willen rühmt Ihr mich und thut, als ob ich in Wahrheit eine Heilige wäre, der zu dienen Euch Ehre bringt. So sind die Menschen, schwächlich, unwahr, immer bestrebt, durch ein kleidsam Mäntelchen sich auszuzeichnen und womöglich den Heiland im Himmel über ihr wahres Gesicht zu belügen.«

»Du hast ein Talent,« sagte Raimund, »alle Sünden der ganzen Welt Dir auf Deine Schultern zu laden und möchtest alle Leiden ertragen, sie abbüßen zu können!«

Sie aber hörte nicht auf seine Trostworte und wollte den Schmerz der Klarheit über ihr eigenstes Wesen, die ihr jener Brief gebracht, sich nicht wieder nehmen lassen. Fra Bartolommeo mußte dem Manne aus Civita Castellana die Antwort schreiben und in ihrem Namen ihm sogar noch danken für das, was er ihr angethan hatte. –

In ihrer Verzweiflung, irre geworden an all ihrem Thun, verlangte es sie nach einem Menschen, an dessen ganz unbedingte Wahrhaftigkeit sie glauben konnte. Als der ehrlichste aber von allen, die sie kannte, der aufrichtigste, kam ihr nicht einer ihrer Beichtväter in den Sinn, selbst nicht Tommaso, ihr alter Freund, überhaupt nicht ein Mann der Kirche, durch Weihen oder Gelöbnisse gebunden, sondern ein Laie, ein Knabe, ein Ritter – Stefano Maconi. Vor wenig Tagen hatte er auf seines Vaters Begehr von Pisa doch wieder fortreiten müssen. Sie sehnte sich, ihn zurückzurufen, und scheute sich doch, den Genossen zu sagen, sie sollten ihm schreiben. Hätte sie's doch selber gekonnt! Zum allerersten Mal im Leben kam ihr der Wunsch. Und zugleich sagte sie sich, sie habe sonst noch stets vermocht, was sie gewollt, – warum nicht dies? Er hatte sie die Lettern gelehrt, und wie sie sich zu Worten vereinen. Sie nachzumalen, nun sie dieselben las und kannte, das konnte doch so schwer nicht sein.

Es war wieder Nacht, sie ging aus der Kammer, in der Alessia und Cecca noch schliefen, und suchte, wo sie das Schreibgeräte finden könne, und legte von den Gebeten, die Stefano für sie aufgezeichnet, eins als Beispiel vor sich hin. Durch das schmale hohe Fenster fiel ein schwaches Frühlichtdämmern. Sie dachte an den Knaben, der zu ihr aufsah wie kein anderer Mensch, und dem sie alles Heil im Leben gern geschenkt hätte.

Als Alessia am hellen Morgen eintrat, fand sie Catarina betend vor dem Schreibpult, glücklich, mit verklärtem Gesichte: »Der Herr hat mir ein Zeichen gegeben,« rief sie, »daß er mir wohl will, wie früher, daß mein Leben und Beten nicht nutzlos, sondern daß es gut ist. Sieh her, es ist ein Wunder geschehen, ich lernte das Schreiben nicht, ich kann es, kann es urplötzlich durch seinen Beistand!«

Und Alessia und alle die Anderen staunten mit ihr über das Wunder, sogar Cecca Gori, die freilich nicht erst mit sechsundzwanzig Jahren, wie jetzt Catarina und nicht plötzlich, sondern schon mit neunzehn und in der Frist von vielen Monden die schwierige Kunst sich hatte beibringen lassen.

Da Stefano, von ihrem Brief gerufen, zurückkam, da dankte sie ihm wie für eine große Wohlthat, weil er es gewesen, der das Wunder bewirkt. Er zeigte ihr den Brief, den seine Mutter vor dem Abschied ihm in ein Seidentüchlein eingenäht hatte, und den er fortan als ein köstlich Heiligtum an seinem Halse tragen wollte unter der Kutte, die er demnächst anlegen würde. Und als sie ihm dann berichtet hatte, welche Sorgen, Zweifel und Qualen es gewesen, die in jener Nacht sie von ihrem Lager fort und zum Schreiben an ihn getrieben, da suchte er nicht so wie Fra Raimondo ihre Selbstanklagen ihr auszureden. Sondern er hörte ihrem Bericht zu, sah sie dabei aus seinen von Eifer glühenden jungen Augen andächtiglich an und meinte bescheiden, dem, was sie von sich wisse, wage er nicht zu widersprechen; dem aber, was ein Unbekannter ihr vorgeworfen, stünden so viele Dankbriefe entgegen für Wohlthaten, die ihr Gebet schon erwiesen, so viele Bitten um ihren Zuspruch, ihren Rat, von Leuten, die sie sehr gut kannten und auch von solchen, die sie niemals gesehen hatten, daß sie füglich auf die vielen mehr geben dürfe als auf den einen. Und da er aus dem Haufen von Schreiben, die neben ihm lagen, eines herausgriff, war es zufällig wieder ein Brief des Karthäuserabts von der Insel Gorgona, der um ihren Besuch bat. Stefano riet ihr, den Wunsch zu erfüllen. Das sei keine That, die vor den Leuten ihr Ruhm einbrächte, wohl aber würde sie von dem Wesen jener ehrwürdigen Schweigemönche es lernen können, wie wahre Frömmigkeit beschaffen, und ob die ihre nicht eben so echt sei, ebenso nützlich und ebenso rein.

Der Vorschlag gefiel ihr. Von einem Turm von Pisa aus hatte man ihr kürzlich die Insel gezeigt und ihr erzählt, wie jener Dante, der Florentiner, in der Hölle die Drohung vernommen, sie möge sich vor des Arno Mündung wälzen, daß die Wasser des Flusses zurückgedrängt die Stadt zu Grunde richten sollten. Sie aber hatte das meilenferne blaue Pünktchen in der blaugoldigen leuchtenden Meeresflut mit Sehnen betrachtet und sich dabei gedacht, wie friedlich in jener traumhaft sonnigen Stille unter den stillen weißen Mönchen man sich fühlen, wie man dort Muße haben könne, auf sich selbst und des eigenen Herzens Wollen und Sehnen sich zurückzubesinnen. Denn in den Streitigkeiten mit dem allzufernen Papst und seinen allzumächtigen Vertretern hier, in dem Für und Wider der Parteiungen von Siena, von Florenz und von Pisa, dem endlosen Hader zwischen Adeligen und Popolanen, zwischen Franziskanern und Dominikanern, zwischen Klerikern und Laien, in den man sie mit hineingezerrt hatte, da bedünkte sie es manchmal, als sei sie mit sich selber entfremdet, als verliere sie ihr eigenes Bewußtsein für Recht und für Unrecht, für gut und für böse. Und sie sehnte sich schmerzlich nach Frieden.

So geschah es, daß an einem Oktobermorgen, vor Tagesanbruch noch, ein Boot von der Rhede des Arno abstieß, mit Mönchen und mit Nonnen besetzt. Doch außer den Schiffsleuten, deren zwei die Ruder führten, saß noch der junge Maconi am Steuer und hielt scharfen Ausguck. Es wehte ein leichter Ostwind vom Lande her, daß er ihnen die Segel blähte, und das schwere Gefährt wie eine Nußschale leicht und spielend über die gekräuselten Wellen tanzend dahinglitt, geradeaus seinem Ziel zu. Catarina schaute hinaus. Was hatten die denn zu Pisa geredet von den Gefahren einer Seefahrt, und daß man sich elend zum Sterben fühle? Der Wind strich so frisch, so belebend salzig über ihre Wangen und Lippen. Ihr war zu Mute, wie sie so oft als Kind es empfunden, als müsse sie sich erheben können und von ihres Wunsches Schwingen allein getragen dahinschweben, ohne die schäumenden Wellenköpfe nur zu berühren, leicht und sicher, wie der Gedanke. Sie fühlte sich so wohl, so frei, losgebunden von irdischen Sorgen. Sie faltete ihre Hände in stiller, wortloser Andacht. Und da die Schwestern einen Psalmvers zu singen anhoben, stimmte sie ein mit heller jubelnder Stimme.

Um Mittag war's, da sie an der Insel landeten. Der Abt und alle seine Mönche, ehrwürdig feierliche Gestalten, kamen in geschlossenem Zuge, das Kruzifix und die Standarte tragend, durch Gestrüpp und über Felsen herab an das Ufer ihnen entgegen. Doch da eine Nonne nach der anderen aus dem Schiffe stieg, fragten sie staunend, welche von den jungen Schwestern die rechte sei. Raimund von Capua war durch Geschäfte verhindert worden, die Fahrt mitzumachen. Bartolommeo also stellte den Mönchen das Mädchen von Siena vor. Er sagte ihnen, sie sei um der bittenden Briefe willen hergekommen, doch auch zur eigenen Erbauung. Die Männer führten sie in das Haus ihres Abtes. Es war dies neben der Kirche gelegen, das einzige größere Gebäude. Denn die Zellen, vielmehr Karthausen der Brüder, geringe Hütten aus unbehauenen Steinen, aus Blockwerk, lagen vereinzelt, an die Felsen wie angeklebt, oder im Waldgebüsch halb versteckt in weiterem Umkreis über die Kuppe der Insel verstreut. In dem Saal, der Refektorium, Beratungszimmer, Bücherei und Empfangsraum zugleich war, hatte man rasch ein bescheidenes Mahl gerichtet, bestehend aus Früchten, die von den Mönchen hier gepflanzt und gepflegt worden waren. Keiner von ihnen aber setzte sich mit den Gästen zu Tische nieder. Sie durften zweimal nur in der Woche gemeinsam speisen. Da heute ein Tag war, an dem sie abgesondert ein jeder für sich ihre Nahrung bereiten und einnehmen mußten, so reichten sie nur den Fremden die Schüsseln. Catarina, die nie es leiden wollte, daß man sie bediene, erhob sich rasch, um selbst zu helfen. Aber der Abt, gewohnt, ohne Worte zu befehlen, füllte einfach ihren Teller mit der Kräutersuppe und machte dazu eine Handbewegung, die ihr sagte: Es ist unsere Pflicht so nach unserem Gelöbnis. Und Deine, nach Deinem, ist's Dich zu fügen.

Es war so still im Saal, man hörte nur die murmelnde Stimme dessen, der die Gebete vorlas und die schlürfenden Schritte der Brüder und hin und wieder ein Tellerklirren. Sie wagte nicht zu widersprechen, sie aß von der Speise. Und als er ihr mit der gleichen ruhig ernsten Miene einen Becher Weins vorsetzte, und alle tranken, da führte sie auch den an die Lippen. Es floß ihr heiß und schwer durch die Glieder, bis in alle Fingerspitzen meinte sie etwas wie plötzliches Feuer prickelnd zu fühlen. Als dann die Mönche zur None sich in die Kirche begaben, gingen die Gäste alle mit ihnen. Und während jene im Chorgesange mit rauhen Stimmen ihr tägliches Gebet hersagten, kniete Catarina am Boden und flehte und fragte unruhvoll, ob sie sich nicht versündigt habe, da sie im Sonnenschein und der Freiheit des Meeres sich erfreut, dann von dem reichlichen Mahle genossen, den heißen Trunk mit Behagen geschlürft. Und nun befahl der Abt gar noch, die Gäste sollten für die Zeit bis zum Vespergebet sich niederlegen, durch Schlaf sich stärken für die Rückfahrt. Fra Bartolommeo, Stefano und die andern Männer wurden je von einem der Mönche in seine kleine Behausung geführt. Catarina und ihre Begleiterinnen wies man wieder ins Refektorium, in dem die Tische abgeräumt worden und Lagerstätten hergerichtet. Und abermals, da sie sich weigern wollte und meinte, zu solchem den Körper verweichlichenden Nichtsthun sei sie nicht gesonnen, wies der Abt ihr mit seiner ruhigen, gebietenden Miene das Lager an und machte darüber das Zeichen des Kreuzes und grüßte und ging. Sie hörte draußen, wie er den Schlüssel im Schloß umdrehte. Die Schwestern, die sonst über ein jegliches Geschehnis so viel zu reden und fragen hatten, von dem feierlichen Wesen der greisen Männer eingeschüchtert, von dem Tag und der Fahrt auch ermüdet, begaben leise und rasch sich zur Ruhe. Catarina, die sonst nicht gewohnt war, auf irgend eines Menschen Geheiß irgend etwas zu thun oder zu lassen, konnte nicht anders, sie legte sich auch hin in dem halbverdunkelten Raume und streckte die Glieder und schloß ihre Augen.

Aber es war ihr nicht nach schlafen zu Mute. Sie sah und hörte und fühlte wieder alles, was sie in der letzten Zeit erlebt, alles, was sie hierhergetrieben. Ihre eigenen Schmerzen und Zweifel, die sie überfallen hatten, seit jenem Brief, der ihr allzuvieles Beten ihr als Sünde vorgeworfen. Und Stefanos Wort, da er ihr geraten, aus ihrer gewohnten Umgebung einmal für einen Tag sich frei zu machen. Und den Sonnenschein und die Meerluft und wie das Boot über die glänzende Flut dahintanzte und der Schwestern Gesang und Stefanos glückliches junges Gesicht, da er für sie das Steuer führte. Und das dankbare Aufatmen in ihrer Brust . . . War das nicht beinah wie ein Gottesdienst gewesen, Danken und Beten und Flehen zugleich, inbrünstig aus vollem, überquellend heißem Herzen? – Dann die Mönche, die alten, gebückten, ehrwürdigen Männer. Es überkam sie ein Sehnen, zu ihrer Gemeinschaft gehören zu dürfen, wie diese Karthäuser jede Stunde ihres Tages nach so fest vorgeschriebenen Regeln in Arbeit und Gebet und Ruhe einteilen zu dürfen, nein zu müssen. Nicht nach eigenem Willen sich oder anderen Gesetze geben, sondern wie ein Kind, wie ein Sklave, wie eine Sache, ohne zu denken, fromm sich fügen und gehorchen. Ja, das wär' wohl gut!

Zur hora vespertina klang die Glocke, und die Saalthür ward aufgeschlossen. Die Nonnen erhoben sich, folgten den Mönchen in ihre Kirche. Catarina war unter ihnen eine nur in der Schar der anderen, die ihre Gebete im Chorgesang verrichteten. Als sie darauf aus der Kirche wieder hinaus ins Freie traten, stand die Sonne schon tiefer und Fra Bartolommeo meinte, es sei Zeit zur Heimfahrt. Sie streckte die Hände abwehrend aus, sie konnte nicht fort, sie wollte bleiben.

Da trat der Abt vor. Mit einer Stimme, die des Redens entwöhnt, nur halblaut heiser zwischen den dünnen Lippen hervorkam, sagte er ihr ähnliche Worte, wie die, welche sie ihm bei der Mahlzeit vom Antlitz gelesen; »Du mußt zurück in das Leben draußen, das Deine Pflicht ist, das Dein Gelöbnis Dir auferlegt hat, wie uns das unsere Schweigen und die Einsamkeit hier und harte Arbeit. Aber, meine Schwester, ehe Du von uns scheidest, gieb uns das, was wir von Dir erhofften, das, weshalb wir Dein Kommen erbaten, sprich einmal zu uns!«

»Was«, rief sie, »was könnte ich Euch noch sagen, was Ihr nicht besser wißt, was Euch geben, das Ihr nicht habt in Eurem Herzen! Begreift Ihr nicht, wie Euer Anblick mir in der Seele nur diese eine Sehnsucht anfacht: Euch gleichen zu können, auch in so stiller, wilder Meereseinsamkeit, betend, demütig und zufrieden die Tage meines Erdendaseins hinbringen zu dürfen?«

Ueber des greisen Abtes Antlitz ging ein Zucken. »Zufrieden!« sagte er. Und dann, nach einer Weile, nachdem er schweigend zu Boden gesehen, hob er wieder die tief in den Höhlen ruhenden Augen und heftete sie mit dem gleichmütig erwartenden Ausdruck, der ihren Willen bezwang, auf Catarina.

»Sprich,« sagte er. »Nicht was Du denen draußen predigst. Dafür, daß Deine drei Herzenswünsche: Heilung der Kirche von inneren Schäden, der Kreuzzug wider den Feind von draußen, endlich vor Allem, die Heimkehr des Papstes in sein angestammtes Rom, Dir in Erfüllung gehen mögen, dafür wollen wir Brüder wohl beten, sonst aber können wir – hier auf Gorgona – nichts thun, Dir zu helfen. Sprich uns von uns, von unserem Leben, sag uns etwas, das uns hier not thut!«

Die Mönche hatten einen Kreis rings um Catarina gebildet. Im sinkenden Sonnenlicht blickte sie in die weißumhüllten Gesichter, mit weißen Bärten, mit grauen, mit braunen, in bartlose, grobknochige und in feingeschnittene, in solche, denen man die veredelnde Denkarbeit jahrhundertlanger Generationen von Ahnen ansah, in Bauerngesichter stumpf und dumpf, die nichts als ihre Scholle kannten. Doch aus den Augen, den schwarzen, blauen, braunen, manchen mit welken Lidern, die lichtscheu sich in ihre Höhlen zurückzuziehen schienen, anderen, die trotzig unter den gefalteten Brauen ihren Blick erwiderten, aus allen, allen sprach nur ein Ausdruck, sprach nur ein Sehnen, und das war, was sie selber fühlte: Wissenwollen! Und kein Mensch weiß und kein Mensch kann wissen!

Sie faltete ihre bleichen Hände vor ihrer Brust. »Meine Brüder«, begann sie leise, »was Ihr von mir hofft – ich vermag es Euch nicht zu geben. Denn ich selber, was bin ich denn anderes als ein sündhaft gebrechliches Wesen, ein Menschenkind mit kurzen Gedanken, die über dieses blaue Meer, in diesen blauen Sonnenhimmel nicht hinausreichen können. Ihr lerntet die Heilslehre, die ich predige. Ihr lerntet sie weit besser als ich. Euer ganzes Thun und Leben, es ist ja anderes nicht als Arbeit und Eure Arbeit ist Gebet und Euer Beten stärkt Euch, ergeben den Tod zu erwarten. Er ist's, der die Lösung aller Fragen, aller Bitten bringen wird. Er muß sie bringen, es steht so geschrieben, wer darf daran zweifeln? Wir wissen, wir, daß das Heil kommen muß und das ewige Leben. Die Weltleute können das so nicht fühlen. Wir sind ganz sicher, sind ruhig, freudig, die wir auf unseren Heiland vertrauen und auf sein am Kreuze besiegeltes Wort. Aber . . .« ihre Blicke gingen von einem zum anderen, »sagt mir, mein Bruder, wenn Ihr allein in Eurer kleinen Zelle sitzet, an Eurem Herd, und der Kessel kocht und das Wasser brodelt so munter – denkt Ihr dann immer, wie Euch ein Jubel im Jenseits erwartet? und Ihr, – Ihr steht da mit Eurer Schaufel, – denkt Ihr, wenn Ihr die Erde umwühlt und Samen säet und er dann aufsprießt, wie bald man auch Euch drunten bettet, ein Samen, der aufgeht im himmlischen Lichte? Oder Ihr, so gebückt und so siech, sorgt Ihr nicht manchmal um den armen irdischen Leib, braut Kräutersäfte, Eure Schmerzen vergessen zu machen, und süßen Würzwein? und Ihr da, blickt Ihr in Euren aller aller tief geheimsten Gedanken immer vorwärts und hinauf – oder steht Euch noch die Stunde, die That vor Augen, die Euch hierhertrieb, Euch ausschied aus froher Menschengemeinschaft, und die Ihr doch morgen wieder in der gleichen Lage just ebenso begehen würdet? – Ihr schweigt? Das Schweigen, das Eure Ordensregel Euch auferlegt hat, es ist so schön, es hindert Euch an bösen Worten, die oft schlimmer sind als Thaten, hindert Streit und Zank, verwehrt Euch hinter dem Rücken Eures Bruders ihn zu lästern. Aber hindert es Euch auch zu denken, daß dieser zu eifrig sei, jener zu gleichgiltig, hindert es Euch, Zorn zu fühlen oder Ärger? Und wenn der Tag vergeht über einer geringen Kränkung und Eure Zunge blieb gebunden, durfte Euren Schmerzgefühlen nicht Ausdruck geben, senkten sie sich nicht um so tiefer dann Euch ins Herze, fühltet Ihr sie nicht nagend, um sich fressend gleich einer bösen, schwärenden Wunde, wie einen Stich, wie einen Schlag, trotz aller Arbeit, trotz alles Betens, Nachts um Drei bei der Matutine, Morgens, Mittags oder Abends, beim Vespergebete und immer und überall und wachsend, daß Ihr zuletzt kein anderes Bewußtsein mehr hattet als nur die Kränkung und Euren Zorn? Und wächst so im einsamen drückenden Schweigen nicht jedes Fühlen, Reue, Sehnsucht, Ungeduld? Und das tägliche Dasein wird zur Qual, kaum mehr zu ertragen. Ach, meine Brüder, wie sehr ich Euch die Stille neide, die ruhige Gewißheit, thun zu müssen, was Euch vorgezeichnet worden nach der strengen Ordensregel, die Wachen und Schlafen, Speisen und Fasten, Arbeit und Gebet bestimmt, – das Denken, das bitterböse, nagende, qualvoll grüblerische, nie zu ersättigende Denken, – das, ich weiß es wohl, – das wird auch die Ordensregel nicht bannen. Ihr seid ergriffen? ich sehe Thränen, ich traf das Rechte? Kein Gebet und kein Fasten und keine Kasteiung lassen das Denken, das Sorgen Euch schweigen? – Brüder, meine viellieben Brüder, Euer ehrwürdiger Vater, der Abt, sorgt, denkt und wacht ja für Euch alle. Und für den Abt und das ganze Kloster denkt und sorgt unser heiliger Vater, der Christus auf Erden, Gregor der Elfte, ob er fern auch zu Avignon Hof hält. Aber über ihm ist noch einer, Ihr wißt es, Einer, der jeden Eurer Herzensgedanken sieht und kennt, er möge sie Euch tröstlich lenken, möge Euch kräftigen und leiten, Euch des Bösen zu erwehren, er, unser Heiland, der Christus im Himmel, mein Verlobter so wie der Eure!« –

So sprach sie in ihrer überzeugten Frömmigkeit. Und die Männer, alte und junge, knieten vor ihr und griffen nach ihrem Mantel, dem Schleier, dem Kleidsaum, ihn zu küssen.

Der Abt trat vor. Er nahm die schmalen Finger des Mädchens, die weiß auf dem weißen Gewand niederhingen, und auf die Mitte ihrer Hand preßte er seine welken Lippen so heiß, so zehrend, daß etwas wie ein roter Flecken auf der wachsbleichen Haut hervortrat. Er starrte darauf hin:

»Du bist eine Heilige«, sagte er leise mit seiner heiseren, ungleichen Stimme. »Es bedurfte des Wunderzeichens nicht, daß wir es wußten. Deine Worte beweisen uns, wie Du tiefer blickst als Menschen können. Was Du den Brüdern sagtest, jedem einzeln, ist gerade das, was jeder einzelne in heimlicher Beichte mir als seines Gewissens Last genannt hat, und was Du uns allen sagst von den Qualen, von den Gefahren einsamen Schweigens, das . . . –«

Der alte Mann bückte sich, auch ihren Rocksaum zu ergreifen und die großen Thränen rannen ihm über die gefurchten Wangen hinab in den Bart.

Catarina richtete ihn auf. Sie nannte ihn: mein Vater. Sie dankte ihm und dankte allen für den Friedenstag hier.

Dann gingen sie den schmalen Pfad zum Wasser hinunter, wo das Boot in der kleinen Bucht lag, die von Felsklippen umschlossen den Hafen der Insel bildete. Das Meer schien spiegelglatt. Der Ostwind, der sie vom Festland am Morgen hergetrieben hatte, wehte nicht mehr, der wolkenlose Himmel blaute in einem silbern schimmernden Dufte. Da Catarina in den Kahn steigen wollte, bewegte ihr Schleier sich eine Sekunde.

»Macht rasch«, rief sie, »es giebt ein Ungewitter, der Wind kommt von Westen.«

Aber weder der Abt noch die Schiffer wollten davon etwas hören. Das Meer sei so ruhig und nirgend eine Gefahr zu vermuten und Eile unnötig. Die Mönche sangen noch ihre Psalmen. Dann stießen sie erst vom Lande ab.

Als sie fuhren, tadelte ihr Beichtvater Catarina ob ihrer übertriebenen Besorgnis: »Vielleicht zur Nachtzeit, vielleicht morgen kann Regen kommen, wir sind ja im Herbst, wo das Wetter sich ändert, doch heute nicht mehr.« Die Schwestern rühmten sich, weil ihnen das Meer keine Furcht einflöße, und warfen Catarina vor, sie sei allzu ängstlich. – Nur der Maconi fragte nicht, ob es gut oder nicht gut bleiben werde, er that, was er konnte, um vorwärts zu kommen.

Viel konnte er nicht thun. Denn die Segel hingen schlaff. Kein Wind, kein Hauch, kein kräuselnd munteres Wellenspiel. Das Boot tanzte nicht dahin wie am Morgen. – Schwere, immer größere Wogen, Wogenberge trugen es schaukelnd hinauf, hinab, aber nicht von der Stelle.

Und dann ein Wölkchen am lichtblauen Himmel und dann noch eins und mehr und viele. Und dann urplötzlich kam der Sturm. Alessia lag in schwerer Ohnmacht, Cecca weinte, die anderen Frauen jammerten, kreischten, Fra Bartolommeo rief, sich bekreuzigend, alle Heiligen an im Himmel. Die Schiffer konnten die Ruder nicht mehr brauchen, Stefano bedurfte all seiner Kräfte, um das Steuer nur in der Gewalt zu behalten. Catarina stand aufrecht am Maste. Sie hielt die Segelleine, sie drehte, wandte das Segel nach dem Winde. Und als der Sturm am ärgsten tobte und der Blitz aufzuckte und der Donner und das Brausen und das Rauschen des Meeres sie brüllend umtosten, da sang sie zu dem Lärm einen Psalmvers, wie vorhin ihn die Mönche gebetet hatten.

»Nur Deine Heiligkeit hat uns gerettet«, sagten die Schiffer ihr, als das Gewitter endlich sich legte.

Und da sie spät in sinkender Nacht in der Nähe der Arnomündung gelandet waren und nun fürbaß gegen Pisa zuschritten, sprach sie zu Stefano Maconi: »Mein junger Freund, Dein Rat war gut. Und der Tag that mir gut. Ob man mir mein zu vieles Beten, Predigen, Reisen als selbstisch auch vorwirft, ich will es nicht lassen. Ganz sündenlos und ganz selbstlos ist keiner. Sogar die greisen schweigsamen Mönche, – sie denken an sich. Und die Schiffer und meine Nonnen, mein Beichtvater und Du und ich, ein jeder für sich. – Kann ich aber durch etwas und wäre es auch nur durch eine Minute meines Daseins, ein Wort, einen Hauch, einen Ton meiner Stimme anderen etwas helfen und geben, – wie heut jenen Mönchen erst, dann den Schiffern, – nun so ist das eine Gabe aus Himmelshöhen, für die ich danken muß all mein Lebtag und die mir Beweis ist, daß mein Beten, mein Sehnen, mein Leiden mich doch die rechte Straße geführt hat. Und ich will weiter so auf ihr wandeln, wie mein Herz und wie mein Gewissen mich wandeln heißt.«



XI.

Ein Junitag ist's, da vor den Thoren von Avignon der Zug von Mönchen und Nonnen anhält, in dessen Mitte Catarina gen Norden gepilgert ist. Im blendenden Sonnenschein der Provence erblickt man hier vor sich den breiten Rhonefluß, silberschimmernd, auf ragendem Felsen den Dom und den stolzen Palast der Päpste und dahinter die Stadt. Sie steht eine Weile, schaut stumm dort hinüber. Ein tiefes Aufatmen schwellt ihr die Brust. Und sie erhebt ihre beiden Arme und breitet sie weit aus, weit, als wolle sie den Papst und die Seinen, die dorten in diesem glänzenden Avignon hausen, an sich reißen, sie bezwingen, ihrer Aller Trachten, Sinnen mit ihres Herzens Schlag erfüllen. Aber im nächsten Augenblick sinkt sie zu Boden, in die Knie, beugt ihr Haupt in ihre Hände, wie Ächzen klingt ihr Gebet: »Herr hilf mir, Herr steh Du mir bei!« –

Indessen hatte Bruder Raimund von zweien der Brüder sich von seinem Maultier heben lassen. Er war ein wenig steif vom Reiten. Den ganzen Weg von Toskana nach Frankreich auf eigenen Füßen zurückzulegen, wie sie es gewollt und wie von ihren Familiaren es mehrere ihr nachgethan hatten, das war nun eben nicht die Sache des geistlichen Herrn. Aber voll Eifers, den Ruhm seines Beichtkindes zu erhöhen und sie ihrer Aufgabe würdig zu machen, kam er jetzt zu ihr, bevor sie die Stadt der Päpste betrat, noch einmal mit ihr zu bereden, wie sie dort sich zu halten habe. Obwohl er seines Adels und seines Ansehens sich sehr bewußt war, beunruhigte ihn jetzt doch die Erwartung. Der Anblick des Herrn der Christenheit war für ihn, wie für einen jeden Mann zu seiner Zeit, ein Ziel des Sehnens. Und nicht minder verlangte es ihn, den Hof von Avignon kennen zu lernen, von dem der Ruf so schöne Dinge und so schlimme zu berichten wußte. Da er aber Catarina zusprach, nur Mut zu fassen, ihre Ruhe zu bewahren, sich nicht vor den Großen dort, noch vor den Damen ihrer Niedrigkeit zu schämen, da stand sie auf von ihren Knien und sah ihn an und lächelte:

»Mich schämen? – wovor? Daß ich zu Siena geboren wurde, eines Färbers Kind, und jene sind vielleicht in Palästen, in goldenen Betten zur Welt gekommen? Das Schicksal fügt es Einem so, dem Andern anders. Ist kein Verdienst dabei, noch Ruhm. Und ob auch jene von Königen stammen – wir Sienesen dünken uns, ein jeder Bürger und ein jeglich Bürgerkind in unserer Stadt so gut, wie ein König. Wißt Ihr es nicht, wie Einer ins Fegefeuer mußte – Provenzan Salvani heißt er – weil er so hoffärtig und so kühn war, unserer Stadt Siena sich bemächtigen zu wollen? Der Dante Allighieri von Florenz – ich las es selber, – sah ihn noch dort. – Nein«, fuhr sie fort, »vor Fürsten und Herren bangt mir nicht und vor Damen noch minder. Nur vor mir selbst. Vor den tausend, tausend Teufeln in meinem Herzen, dem Hochmut vor Allem. Hat der Magistrat von Florenz mich ausersehen, als seine Gesandtin den Herrn Christus hier auf Erden um Frieden zu bitten, so hat das nur geschehen können, weil der Herr Christus im Himmel droben, mein süßer Verlobter, dem Podesta, wie dem ganzen Rat diesen Gedanken ins Herz gelegt hat, weil er es will, weil er mich wählte, weil er mir die Gabe verlieh, durchzusetzen, woran vor mir alle gescheitert. Und da Ihr soeben mich zerknirscht gesehen und flehend, glaubt Ihr, mein Bruder, mir sei bange um den Ausgang gewesen? Ihr irrt Euch sehr. Wie sollt' ich zweifeln! Er will's, er hat es mir geboten und so ist's gut, und so werde ich es können durch ihn! Hört mir die Beichte, Fra Raimondo, ich will mich meines Stolzes anklagen. Und dann, wenn Ihr's dürft, so reicht mir das Abendmahl zur Stärkung, auf daß ich freien und mutigen Sinnes dort einziehen kann, in die Stadt, in der die Sünde und die Weltlust wohnen sollen!«

Sie machten also Rast vor der Brücke und Raimondo hörte ihre Beichte und schüttelte seinen grauen Kopf und meinte wie immer: »Andere würden dieser Sünden, die Dich bedrücken, sich noch rühmen, als ob es die höchsten Tugenden wären.«

Als sie darauf das Abendmahl genommen hatte, sie und Alessia und Cecca Gori und die einstige Contessa Bandeca und ihre anderen Begleiter und Begleiterinnen – es waren deren mehr als zwanzig, die sie ihre Mutter und die sich Catarinati nannten, – machten sie sich wieder auf und zogen also über die Rhonebrücke hinüber, durch die engen schattigen Straßen von Avignon und die Steile hinauf zum Palast. Man ließ die Gesandtin der Stadt Florenz an demselben Tage gleich vor den Papst.

Da sie in den Saal trat und nun zwischen Herren und Prälaten in seinen weißen Kleidern ihn erkannte, der das Haupt ihrer Kirche war, warf sie sich zu Boden und kniete vor ihm mit ausgestreckten, flehenden Händen wie in Verzückung.

Der Papst Gregor, seines Namens der elfte, wich um einen Schritt zurück. Von dem, was die Jungfrau da zu ihm sagte, verstand er auch nicht das kleinste Wörtlein. Wie sie so beweglich mit leiser, eindringlich mahnender Stimme ihn anflehte, runzelte er seine Brauen und zuckte die Schultern in aufsteigendem Unbehagen; »Was will denn die? Die kränkliche Nonne ist doch wohl nicht die Gesandtin von Florenz? warum droht sie mir? ist es um ein Geldgeschenk für ihr Kloster? Man soll es ihr geben, man bringe sie fort. Ich habe für solche Bagatellen nicht die Zeit.«

Die geistlichen Herren waren nicht sämtlich Franzosen wie der Limousiner Papst Gregor, der vordem den Namen Pierre Roger von Beaufort geführt hatte. Einer und der andere stammte von jenseits der Alpen oder kannte doch den Klang der edlen Sprache von Toskana und begriff, daß es hier nicht um Klosterstreitigkeiten noch um Bagatellen sich handele. Aber bevor sie unter einander sich eins geworden, wer von ihnen den Inhalt der Rede dem Papste zu verdolmetschen habe, hatte Catarina sich von den Knien erhoben und maß die Herren ruhigen Blickes, den ersten, den zweiten und jeden einzeln und wandte sich und winkte ihren Beichtvater näher.

»Ihr werdet ihm meine Botschaft sagen, mein Bruder Raimund.«

Und sie fing an, weshalb sie gekommen. Je einen kurzen Satz nur sprach sie, Fra Raimondo wiederholte ihn auf Latein. Weshalb Florenz mit der Kirche im Zwiespalt, wie ungerecht das Interdikt sei, wie drückend hart, mit dem die arme Stadt jetzt zur Strafe von ihm belegt sei, weshalb Herr Niccolo Soderini, der Gonfalonier, nachdem man so viele Herren, Gelehrte, Geistliche und Krieger vergeblich gesendet, nun die Jungfrau gewählt und die Nonne, den Papst zu ermahnen, aufzustacheln aus seiner Trägheit, anzufeuern. Von sich selber sprach sie, daß sie ein Kind von Siena sei, der Stadt, die dereinst von Rom gegründet, Färberstochter, ungelehrt, daß sie kein Recht habe, keine Begabung, die sie würdigten, solches hohen Amtes Ehren zu empfangen. Nur eines besitze sie: die Liebe! Liebe zu dem Herrn im Himmel, der sie hierhergeführt und geschützt, Liebe zu seinem Vertreter auf Erden, dessen Bestes sie begehre, dessen irdischen, himmlischen Ruhm; Liebe zu ihrer Heimat Toskana, Liebe zu dem ganzen Lande jenseits der Alpen, dem Lande Italia mit Rom, der alten Stadt des Petrus, in die sie den Papst zurückführen wolle, und Liebe zu allen, allen Menschen, allen Christen, die Frieden erheischten, Frieden ersehnten von ihm, von ihm erflehten und hofften!

Raimund hatte mit Zagen begonnen. Es schien ihm bedenklich, den Herren da so grade ins Gesicht es zu sagen, daß ihr Thun nicht das löblichste sei, dem Papste, der doch sein höchster Gebieter, es vorzuhalten, er sei schwachmütig, furchtsam und uneingedenk der Pflichten seiner erhabenen Himmelssendung. Ein paarmal stockte er und suchte nach Worten, Catarinas allzu deutliches Toskanisch in ein für Höflingsohren geeignetes gemäßigtes Latein zu wandeln. Aber es glückte ihm damit nicht. Sie kannte die alte Römersprache aus ihrem Brevier, ihren täglichen Gebeten; konnte sie selbst auch die Sätze nicht bilden, so verstand sie doch die Worte genugsam, um es sofort zu bemerken, wo er ein zu mildes wählte. Sie unterbrach ihn dann, schob das rechte dazwischen. Der Papst sah sie mit Staunen an. So ein schmächtig blasses Mädchen, im weißen Nonnenkleid, und kommt daher aus dem fernen Toskana und wirft ihm vor, daß er Stellenschacher treibe, seine Günstlinge herrschen lasse, daß er nicht auf der Christenheit Bestes, sondern auf seiner nächsten Gefolgschaft und auf sein eigenes Wohlergehen sinne. Ob er denn den Grund auch wisse, den wirklichen Grund, weshalb die Kardinäle abrieten, den Sitz des Papsttums jemals wieder nach Rom zu verlegen? wagt sie ihn zu fragen. Zwar sie, Catarina, kenne die Herren nicht, erblicke sie heute zum ersten Male. Doch Volkesstimme, Gottesstimme, so heiße es ja. Und das Volk sage aller Orten, die Kardinäle wollten hier bleiben, weil . . . . ja, weil sie in Rom den Wein von Frankreich, den guten Wein entbehren müßten. Ob ihm, dem Papste, Christi Vertreter, französischer Wein zu jeder Mahlzeit auch wichtiger sei, als Himmelsruhm?

Hätte irgend ein Mann so gesprochen, Gregor hätte ihn ergreifen, ihn einsperren lassen. Der jungen Nonne gegenüber dachte er nicht einmal daran. Er war ein Franzose, auferzogen im Dienste der Frauen, der vornehmen alten, wie der jugendlich zarten. Und sie hatte eine so weiche, liebliche Stimme. Und er besaß ein beweglich Herze. Unter dem schweren schwarzen Mantel, der weißen Stirnbinde, verklärten im Sprechen sich ihre Züge, in ihre Augen kam ein Leuchten, in ihre schmalen Wangen stieg rosig das Blut. Von der Begeisterung, die sie erfüllte, ging, ohne daß er ihrer Worte Sinn recht verstand, ein Teil auch auf den Hörer über. Und der Papst Gregor erhob sich von seinem Sitze, er kam die Stufen hinab zu der Nonne und streckte seine Hand aus und faßte die ihre.

»Wohl«, sagte er langsam in seinem fehlerlosen Latein, sich zu Frater Raimund wendend, »erkläre Du der Jungfrau von Siena, sie solle jene Florentiner, die sie als Gesandten her zu mir schickten, es wissen lassen; wir werden als frommer Papst unsere Pflicht thun und werden gern ihre Wünsche erfüllen, – sobald wir es können. Und können wir es bald, so soll es uns freuen. Ganz frei so zu handeln, wie es ihm sein Herz gebietet, ist auch der Papst nicht. Die Rücksicht auf andere, Bedenklichkeiten, Rechte und Pflichten, sie engen ihn ein. Ich will die Gründe der Jungfrau prüfen, will sie hören, so oft sie's begehret, der Zutritt zu mir soll ihr offen stehen, zu jeder Stunde jeglichen Tages. Und wenn sie sich üben will, die Römersprache selbst zu reden, – sie versteht sie ja schon, wie ich merke, – so will ich die besten Lehrer ihr senden und sie wird dann ohne trennenden Dolmetschermund zu mir sprechen können. – Im übrigen, werte Schwestern und Brüder, seid mir in Avignon willkommen, und laßt es Euch wohlsein an unserem Hofe.«

Er grüßte sie, hob zwei Finger zum Segen, und damit war die Gesandtschaft entlassen.

In einem Palaste unterhalb des Felsens, auf dem die Papstburg stand, fanden Catarina und ihre Genossen eine Unterkunft bereitet. Gregor ließ am nächsten Tage gleich fragen, ob sie dort sich zufrieden fühlten und ruhig und abgeschlossen genug. Die Schwestern waren sehr zufrieden. Sie konnten hier ihr gewohntes Leben führen, genau wie zu Siena oder Florenz, ihr Nonnenleben, das den Tag durch Gebete einteilt. Arme, die der Speisung begehrten, Kranke, die der Wartung bedurften, gab es in Avignon genug, trotzdem im Palaste droben die Herren im Überfluß lebten. Und Catarina konnte lateinisch lernen, studieren und konnte beten, fasten, beichten, den Ihren predigen, auch ganz wie daheim. Aber was daheim in Toskana ihres Daseins Inhalt gebildet, das genügte ihr hier nicht. . Nach einer Woche der Ruhe sandte sie zu dem Papst, sie müsse ihn sprechen.

Der Bescheid, den man ihr brachte, er hieß: Geduld. Fra Raimund hatte nicht einmal bis zu Gregor vordringen können, die Kämmerlinge wiesen ihn ab, ihn und Stefano Maconi, den sie darauf als Kundschafter schickte, und schließlich sie selbst. – Wenn Du ein Anliegen hast, so komm zu mir, hatte der Papst ihr freilich verheißen. – Aber er hatte das Wort wohl vergessen. Oder die Herren seiner Umgebung hinderten ihn, es zu erfüllen.

Und die Tage gingen weiter. Sie gedachte jener Stunde, da sie von drüben, von jenseits des Flusses zuerst die Stadt und die Kathedrale und die Papstburg erblickt hatte. Wie sie da ihre Arme weit ausgebreitet, die ganze Menschheit hier zu umfangen, sie zu bezwingen durch ihre gottgeweihte Macht! . . . Und Raimund hatte sie gescholten, weil sie, die der Herr zu solchem Werke auserwählt, sich des Hochmuts angeklagt hatte. Nun litt sie die Strafe dieses Hochmuts. Allzu früh hatte sie sich gerühmt. Papst Gregor, der sie so gnädig empfangen, der von seinem Throne zu ihr hinabgestiegen war, er saß im marmornen Palaste, tafelte mit den Herren und Baronen, die ihm auch wohl Komödie vorspielten, und die Kämmerlinge regierten, so gut wie an den anderen weltlichen Höfen. Er, den sie in ihren begeisterten Briefen den Herrn Christus auf Erden genannt!

Und Catarinas Zorn schwoll höher. Und ihre eigene Machtlosigkeit brachte sie auf immer bösere Gedanken. Da sie an sich selbst zweifeln mußte, zweifelte sie auch an dem Himmel. »Du, Du da droben,« rief sie, »warum lässest Du das geschehen, lässest diese Geistlichen schalten und greifst nicht drein und wehrest nicht ihrem zuchtlosen Treiben? Und gabst Du mir die hohe Sendung, warum hast Du mir die Macht nicht gegeben, sie erfüllen zu können?« –

Ihre Genossinnen und Genossen sprachen ihr Mut ein, trösteten sie, beteten und warteten mit ihr. Aber was war denn allen diesen der Schmerz der Enttäuschung im Vergleich zu dem, was er ihr war! Jene hatten ihr Wort nicht verpfändet, diese Sendung zu erfüllen, jene hatten nie geglaubt, dem Herrn im Himmel so nahe zu stehen, nie, daß ihr Reden Wunder wirken, ihr Kommen Sieg bedeuten müsse. Hätte sie es nur auch nie gedacht. Sie geißelte sich, daß von ihren armen Schultern das Blut in Strömen auf den Steinfußboden hinablief. Sie fastete, daß die Sinne ihr vergingen vor Körperschwäche, daß, wenn die Ihren sie zwingen wollten, einen Bissen zu verzehren, ihr jede Speise widerstand, sie nichts mehr bei sich behalten konnte. Und das Fieber in ihr, die Verzweiflung stiegen immer höher und höher. Diese Höflinge, die sie nicht vor das Angesicht des Papstes ließen, weil sie wußten, ihres Mundes Rede hätte er nicht widerstehen können, sie gingen lächelnd an ihr vorüber, wenn sie die kranke, bleiche Nonne wie eine Bettlerin auf der Schwelle des Palastes sitzen sahen. Diese schönen jungen Damen rafften ihre Seidenkleider zusammen, der Armen grobes Gewand nicht zu streifen. Und das Volk tanzte auf der Brücke und sang dazu provencalische Lieder. Und keiner wußte von den Kriegen, den Leiden der Kirche, keiner dachte an Rom, das verfallen, verödet auf seinen sieben Hügeln dalag, eine Witwe, die ihr angetrauter Gatte treulos verließ, keiner an Florenz, das unter dem Fluche des furchtbaren Interdiktes ächzte. Sie aber, die all' das Elend fühlte, die sich und anderen laut geschworen, es zu mindern, Frieden zu bringen, – sie war machtlos und schwach geworden! –

Wen es aber am meisten kränkte, daß Catarina hier nicht als eine Heilige und Wunderthäterin angesehen wurde, das war ihr Beichtiger Raimund von Capua. War nicht sein Urahn Pietro della Vigne einst Kaiser Friedrichs Kanzler gewesen? In Toskana wußte das jeder, zollte ihm Ehrfurcht, lobte ihn, daß er seinen Stolz so weit bezwungen, sich zum Ordensbruder gemacht. Ob in seines Herzens allergeheimstem Kämmerlein nicht doch vielleicht ein Ehrgeiz schlief, den er gerade als Geistlicher wohl zu erfüllen hoffen durfte? Ob er nicht seines Beichtkindes steigenden Ruhm hatte nützen wollen, auf der Leiter der Hierarchie Stufe um Stufe empor zu klimmen? Er ging zu den Dominikanerprioren und zu den Franziskanermönchen, er klopfte bei toskanischen und bei römischen Großen an, er bestach die Diener der Kardinäle, er lauerte dem Papst auf, wenn dieser über die Rhonebrücke hinaus auf seinen Weinberg ritt. Auf graden Wegen oder auf krummen versuchte er, ans Ziel zu gelangen. Aber die Mönche, die Kirchenfürsten, die Palastdiener zuckten die Schultern. Und Papst Gregor reichte von seinem Maultier ihm die Hand mit dem Fischerring zum Kuß hin, fragte ihn nach seinem Ergehen und dem der blassen jungen Nonne, hörte seine Worte nur halb an, grüßte huldvoll und ritt davon. Frater Raimund fühlte sich machtlos, wie es Catarina auch war.

Als er so eines Tages abermals vor dem Palast stand, ohne viel Hoffnung, daß man ihn droben einlassen werde, kam die breiten steinernen Stufen ein Mann herunter, ein Liedlein trällernd, der ihm bekannt schien. Und der Mann bemerkte auch ihn und kam auf ihn zu. Es war Andrea di Vanni, ein Maler aus Siena. Mit einer Gesandtschaft seiner Stadt war er nach Avignon gekommen und hier geblieben, um an den Werken, die einst sein Meister Simone Martini in der Kapelle der Päpste geschaffen, etwas zu bessern und dabei zu lernen. Er kannte Catarina sehr wohl, noch von der Zeit her, da sie der Salimbeni wegen mit dem Magistrat verhandelt hatte; hatte er selbst doch als einer von denen, die den Adel aus der Stadtregierung vertrieben, dazumal im Rat gesessen. Und es schien ihm so gut wie Raimund Ehrensache, daß, die man zu Siena heilig gehalten, hier nicht wie eine Bettelnonne von der Thür gewiesen werde. Er war raschen Geblütes und besann sich nicht lange: »Ich helfe ihr. Der Papst soll sie hören. Verlaßt Euch darauf.«

»Aber wie?« fragte Raimund zaghaft, »wie wollt Ihr das machen, wenn er nicht will?«

»Bah, er muß wollen!« rief der Maler. »Glaubt Ihr, so ein Papst wär' kein Mensch und nicht von irgend einer Seite ihm beizukommen? Dieser nun gar, der Graf von Beaufort, ein Franzose, der jeden Tag für was anderes glüht und was anderes begehrt. Und ob ihn auch hundert Kardinäle mit hundert Paar Argusaugen umgeben, ein Ritzchen bleibt, eine Herzensspalte, durch die man bei ihm eindringen könnte. Augenblicklich ist's seine Nichte, die Vizgräfin Adelisa, die ihn im Bann hält. Und die kenne ich. Denn sie hat mich rufen lassen, daß ich ihr Konterfei ihr male. Die Dame ist eitel, neugierig, furchtsam und dabei sehr fromm. Ich rede ihr zu, die Prophetin Catarina um ihr Seelenheil zu befragen. Laßt mich nur machen. Sie wird schon kommen. Dann ist es Catarinas Sache, sie klug zu behandeln, daß Madonna Adelisa ihr Zugang zu dem Papste schafft.«

Raimund ging zum ersten Male etwas hoffnungsfroher nach Hause. Er berichtete sogleich von dem Plan des Sieneser Malers. Aber Catarina blickte nur düsterer drein. »Hinterrücks durch allerhand Listen und Weiberschliche mir erstehlen, was mein gutes Recht ist? Der Papst muß mich hören. Mein Herr im Himmel will es so. Keine vornehme Dame soll mir dazu helfen, nur meine eigene Macht und die des Himmels.«

Der gute Raimund war in Verzweiflung, er sprach ihr zu, er drohte ihr, er bat: »Kann der Himmel diese Dame nicht ebenso gut als Werkzeug gebrauchen, um des Papstes Herz zu rühren, wie irgend ein anderes? Was ist dem Himmel gering oder vornehm, reich oder arm? Wie darfst Du die Hülfe verachten, die sich Dir bietet? Du, die sich selber in jeder Beichte des Stolzes zeiht und Deinen Hochmut zu büßen begehrst, wie darfst Du zu hochmütig sein, von einer frommen Edelfrau zum guten Werke Dir beistehen zu lassen?«

Und endlich beugte Catarina den stolzen Kopf: »Es sei, sie komme. Ich bin so tief, so tief gesunken, der Herr hat mich so ganz verlassen, daß ich mir selbst nicht mehr gehöre, thun muß, was die andern heischen und wollen.«

Die Tage, die darauf vergingen, brachte sie in noch härteren Bußübungen zu. Die Sonne der Provence brannte heißer auf Avignon nieder und immer heißer. Und Catarinas Begleiterinnen wurden immer stiller, bedrückter, die Männer murrten, Raimund und Bartolommeo verfaßten lange Klageschriften, sandten Boten nach Florenz, nach Rom und heim nach Siena. Der Maconi kam zu ihr mit Thränen, seine Eltern riefen ihn, wenn sie binnen Monatsfrist nicht ihr Ziel erreicht habe, und nach Italien zurückkehren könne, so würde er allein reisen müssen ohne sie . . . .

Und da sie ganz verzweifeln wollte, kam eines Morgens Andrea Vanni und meldete, die Vizgräfin Adelisa begehre die Sieneser Nonne, von deren hohen Wunderthaten er ihr viel gesagt, um Rat zu befragen.

In der kleinen, dunklen Kapelle des adeligen Hauses, in dem man den Fremden Herberge gegeben, kniete Catarina betend, und alle Nächsten waren bei ihr. Die junge Frau kam, von dem Vanni geleitet. Über ihrem reichen Kleide aus Goldstoff trug sie einen Schleier, der ihren schneeweißen Busen verhüllte, demutvoll hielt sie die Hände gefaltet, die schönen Augen zu Boden geschlagen. Nur als sie an den Männern vorbeischritt, wo neben Raimund der jugendschlanke Stefano stand, der noch das priesterliche Kleid nicht tragen durfte, da lugte sie unter den langen Wimpern einen Augenblick neugierig vor. Rasch senkte sie wieder die weißen Lider und that noch ein paar Schritte vorwärts und sank ins Knie vor Catarina. Mit lieblicher Stimme begann sie schüchterne, bittende Worte.

Aber Catarina hatte, da jene ihr nahe kam, ihren Leib zurückgebogen. Sie hob die Hand an ihre Nase. Mit hastiger Bewegung zog sie ihren Mantel, den die knieende fromm ergreifen wollte, ihr aus den Händen und wandte sich ab und mußte sich vor Ekel schütteln.

»Was ist das für ein Geruch«, rief sie, »ich kenne ihn nicht, ich will ihn nicht kennen. Er empört mir die Eingeweide, empört mir die Seele. Mach fort, Du Weib, daß ich nicht krank werde vor Deiner Berührung. Wie darfst Du in meine Nähe kommen, wie darfst Du in ein Gotteshaus treten, unbußfertig, sonder Scham, im Dunst Deiner Sünden, Du Heuchlerin, Dirne!«

Die Provencialin hatte nicht jedes Wort verstehen können. Aber die abwehrende Geberde, den Ekel, den Abscheu, das alles begriff sie. Sie sprang rasch auf von ihren Knieen.

»Du Nonne«, rief sie in ihrer Sprache, »niedrige Bettlerin, was wagst Du gegen mich?«

Catarina war jetzt ganz ruhig. Sie sprach kein Wort mehr. Mit gebietendem Arm wies sie jene hinaus zur Kapelle und trat zum Altar und kniete nieder, zog ihren Mantel über das Haupt und über das Antlitz und lag da betend, eingehüllt in ihre Andacht, erdentrückt.

Die Vizgräfin Adelisa ging weinend zur Kapelle hinaus. In der Erregung, in der Verwirrung hatten sich Haare und Schleier verschoben, daß jetzt ihr weißer Busen frei blieb, die kindlich weichen Lippen bebten, die schlanken Hände verschlang sie im Schmerz. Und sie rief den Vanni zu sich und Raimund und Stefano Maconi und schluchzte vor ihnen und fragte sie alle weshalb wohl die finstere, fremde Nonne so aufgebracht gegen sie gewesen? Sie sei sich doch keiner Schuld bewußt, keiner, sie, ein harmlos Kind, in Züchten erwachsen an ihres Oheims stolzem Hofe, von ihrem Gatten gehegt und geliebt! Und die Männer hatten Mitleid mit dem holdseligen weinenden Weibe. Der Vanni schwur ihr zu, Catarina solle die Beleidigung zurücknehmen, Fra Raimondo bat sie um Vergebung für sein krankes, verzweifeltes Beichtkind, bat sie, dem Papste nichts zu sagen von dem, was ihr eben hier geschehen. Und während sie ihm ihre Hand gab und mit vielen Worten ihm zu schweigen gelobte, stand der junge Maconi zur Seite und schaute leuchtenden Blickes sie an.

Und sie lächelte ihm zu: »Ihr glaubt mir's, daß ich frei von Schuld bin, Ihr glaubt, daß ich rein bin, nicht wahr, junger Herr?« – –

»Wie darfst Du gegen des Papstes Verwandte, die gläubig zu Dir kommt, wie kannst Du Dich gegen eine fromme Frau so vergehen, die Dir den Weg erleichtern will, die Deine letzte Hoffnung Dir bietet?« so sprach ihr Beichtvater Bruder Raimund, da jene gegangen war, zu Catarina.

Sie seufzte schwer. »Der Herr wich von mir und so bin ich hilflos,« sagte sie. »Aber besitze ich auch keine Macht mehr, die Gemüter zu lenken, das des Papstes für meine Pläne zu gewinnen, – die Kraft, durch meiner Sinne Schärfe Menschenherzen und Art zu erkennen, die blieb doch mein. Von jenem Weibe stieg ein Geruch auf . . .«

»Sie duftete süß, wie Lilien und Rosen und Veigelein und Levkojenblüte,« rief Stefano.

»Sie hatte ein feines Rosenkränzlein von Ambrakugeln in ihren Händen, dergleichen tragen viel vornehme Frauen«, sagte der von Capua strenge, »Du bist vom Volke, bist aus Siena, der Volksstadt, Du kennst das nicht.«

Catarina seufzte wieder. »Ihr seid beide Männer und Ihr kennt es auch nicht. Euch schien sie süß und hold und lockend. Seht doch, mein Freund Raimund, wie dem Jüngling da die Wangen erglühen, schon bei dem Gedanken an sie! Eine Frau kennt die Frau immer besser. Ihr Duft war lüstern, und sie ist unrein. Und wollte ich mir zum heiligen Werke von solcher Buhlerin beistehen lassen, so wäre ich selber schlecht und wär' unrein, wert, daß man mich hinausweist zur Kirche.«

Des anderen Tages aber, früh morgens, kamen Leute vom Papste, Catarina in Gewahrsam zu führen. Sie war vor ihm angeklagt worden, daß sie seines Neffen Gattin beschimpft haben solle. – Die schöne Frau hatte ihr Wort nicht gehalten.

Die Catarinati, Männer wie Frauen, baten ihr zerknirscht und reuig das Unrecht ab, das sie ihr alle zugefügt hatten, da sie zum ersten Mal an ihr gezweifelt, ihrer Gegnerin mehr geglaubt. Weinend folgten sie ihr durch die Straßen bis hin zum Palaste.

Sie aber ging mit ruhigem Gesicht, mit heiterer Miene, so wie in ihren stolzesten Zeiten. Da der Bann des Wartens, der wie ein Alpdruck auf allen ihren Fähigkeiten gelegen hatte, durchbrochen war, bedünkte es sie, als sei das Schlimmste nun überstanden und der Sieg schon in Aussicht. Für ihre Aufgabe zu leiden, das schien ihr süß. Hätte sie sterben dürfen, um für ihres Heilands Macht zu zeugen, es wäre ihr höchster, letzter Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber in der Stadt Avignon und in dem Palast der Päpste ließ man für des Christentums Macht keine Blutzeugen mehr töten. Sie ward zwar in ein Gemach geführt, das zum Gefängnis bestimmt sein mochte, doch war's nicht so klein und lang' nicht so dunkel wie daheim zu Siena ihr altes Schlafkämmerlein gewesen. Was brauchte sie mehr als einen Raum, um darin niederknieen zu können und zu beten! Ihre Seele hielten keine Mauern fest, die erhob sich aus dem Kerker und schwang sich frei hinauf in brünstiger, tief inniger Andacht. Und da sie eine kurze Weile so weltenfern, der augenblicklichen Sorgen vergessend, betend gelegen hatte, da ging die Thür.

Und es geschah, was sie erfleht durch so viele Wochen, was sie ersehnt, vom Himmel erbeten, mit Thränen, mit Fasten und Selbstkasteiung, das, was sie zu hoffen heut kaum mehr gewagt: der Papst kam zu ihr. Er kam ihr Vorwürfe zu machen, weil sie Frau Adelisa beleidigt.

Sie aber lächelte zu seinen Worten.

Er erklärte, er habe der frommen, jungen Edeldame, seiner Nichte, zugesagt, die Nonne Catarina werde ihr Abbitte thun.

Da lachte sie leise. »Seid Ihr der Papst, der so zu mir redet?«

»Ja«, versetzte Gregor zornig, »das weißt Du.«

»Das weiß ich nicht. Wenn Ihr solches fordert, seid Ihr vielleicht der Graf von Beaufort, Franzos, ein Weltmensch, der eine Familie, Anverwandte, Neffen, Nichten hat, deren Wünsche ihm näher liegen, als was die Völker, die Menschen leiden.«

»Was willst Du, Mädchen, Du verwirrst mich. Der bin ich, nein, war ich. Jetzt bin ich der Papst und trage alle Würde des Papsttums und sagte Dir einmal schon, ich wollte alle seine Pflichten auch tragen . . .«

»Das sagtet Ihr wohl. Habt Ihr aber danach gehandelt? Ihr sprecht zu mir, die ich als Gesandtin zu Euch gekommen, von Weibersachen, von dem, was Euch Eine hinterbracht hat, Eine, von der Ihr selbst wissen solltet, ob sie keiner Untugend fähig, ob sie des päpstlichen Eintretens wert ist. Oder wißt Ihr es nicht? Ja, Ihr wißt es, ich sehe es Euch an. Und hätte ich selbst dem verbuhlten Weibe ein Unrecht zugefügt, was ich nicht that, – sagt, Herr Gregor, wenn Ihr dieser Gekränkten so warm Euch annehmt, sagt, hat denn der Papst nicht, wie Gott im Himmel, an Gottes Statt aller Notleidenden Klagen zu hören? Oder nur die von seinen Verwandten, seinen Dienern und Landesgenossen?«

»Die von allen«, sagte er seufzend.

»Herr Gregor, ist denn der Papst einst von Sankt Petrus zu Avignon und Venaissin eingesetzt worden? Erhielt er Rom nicht zu seiner Hauptstadt und zum Patrimonium der Kirche? Herr Gregor, wenn ein Bischof flüchtet oder ein armer kleiner Pfarrherr von dem Posten, den Ihr ihm gegeben, und läßt seine Gemeinde im Stiche und es ist sein Leben ihm lieber als sein Amt, – Papst Gregor, was würdet Ihr sagen?«

»Daß er feige ist«, murmelte jener.

Sie atmete tiefer. Sie kam näher zu ihm: »Papst Gregor, meines Heilands Amtsverweser hier auf Erden: feige, sagt Ihr, also waren alle Eure Vorgänger feige durch siebenzig Jahre?«

»Sie waren es«, sprach er.

»Ist das ein Grund, daß auch Ihr es nun sein müßt?«

»Nein«, rief er, »nein. In Deinen Augen lese ich Verachtung, wende die strafenden Augen von mir, blicke milder drein, ich bin nicht feige, ich will es nicht sein!«

»Und ist's ein Grund, daß Ihr noch länger hier in der Fremde weilen wollt, während Euer Rom verwaist steht? Dort seid Ihr Herr, ein Fürst und Herrscher, vor dem die Fürsten aus allen Landen als ihrem Haupt sich andachtsvoll neigen. Hier seid Ihr Vasall des Königs von Frankreich. Das heißt, Ihr seid's heute noch. Vielleicht seid Ihr morgen schon sein Gefangener. Herr, mein Herr, Papst Gregor der elfte, wollt Ihr ein Fürst sein oder Gefangener?«

»Ich will, ja ich will, Catarina, führe Du mich nach Rom!«

»Und wenn sie wieder zu Euch kommen, die Kardinäle, die hier bleiben wollen, die Franzosen, die Euch nicht fortlassen wollen, Weiber, Buhlerinnen, Schmeichler, und reden Euch zu und werden mich schmähen, daß ich das Beste der Kirche nicht kenne, daß Rom die Hauptstadt der Kirche nicht sei?«

»So mögen sie kommen! Mich werden sie nimmermehr wankend machen. Fromme Jungfrau, heilige Mutter, Himmelsbotin, leite Du mich, ich werde Dir folgen, denn ich glaube an Dich und Du allein, Du allein sollst mir meinen Weg vorschreiben.«

Er kniete vor ihr, und sie segnete ihn, ihn, den Papst, der allen Völkern und allen Menschen seinen Segen sonst spendete.

Aus dem Palast, in den sie gefangen eingebracht worden, trat Catarina frei heraus zu den Ihrigen, die vor dem Thore in Angst und Sorgen warteten. Und Raimund und Alle jubelten, da sie erfuhren, was vorgegangen. Sie priesen Catarina selig, der das Höchste gelungen, die erreicht hatte, was sie gewollt.

Sie aber ging geneigten Hauptes und nicht so stolz, wie sie am Morgen dorthin geschritten, durch die Gassen von Avignon zurück. Der Sieg war ihr zu leicht gelungen und allzu rasch. Es ahnte ihr, der Kampf sei noch nicht ausgefochten. Und schmerzlich bedrückte sie ein anderer Zweifel: waren es allein ihre Worte, ihre Gründe gewesen, die vom Himmel kommend, den Papst Gregor umgewandelt, oder . . . Sie gedachte an Frau Adelisa, deren Duft der junge Maconi so berauscht eingesogen hatte. Und sie dachte an ihre eigene Jugend, an manchen Mann, den sie von bösem Leben zu frommem bekehrt, an ihren Freund und ersten Beichtiger Fra Tommaso. In ihrer stillen Kammer warf sie sich auf den Steinfußboden. Und sie schluchzte und sie seufzte und betete laut. Denn irgendwo in ihrem Herzen ahnte es ihr – nicht ihre unwiderlegbar klaren, schlagenden Gründe, die der Himmel ihr eingegeben, hatten heute endlich den Papst überwunden. Es war der Blick aus ihren Augen, die verachtend, zürnend, Lob verheißend ihn getroffen, dem er nicht zu widerstehen vermochte. Ob aber diese Macht ihrer Blicke, wie ihre Worte vom Himmel herstammten oder ob sie nur von gemeiner, sehr irdischer Art waren, – die arme Nonne Catarina wußte es selber sich nicht zu sagen.



XII.

Da es in Avignon ruchbar geworden, daß der Papst sich entschlossen habe, dem Drängen der italischen Völker nachzugeben, nach Rom zu gehen, erhob sich ein Wehklagen und ein Jammern. Die Bürger sahen den Niedergang ihrer Stadt voraus. Die Verwandten der Beauforts, Frau Adelisa und ihr Anhang, fühlten ihre Macht bedroht. Die Kardinäle fürchteten sich vor dem verfallenen, verwilderten, fieberdrohenden Rom. Und sie alle warnten Gregor und beschworen und baten ihn, von dem Vorsatz zu lassen. Der Papst kam ins Schwanken. Drei von den weisesten Kirchenfürsten gingen hin, um das Mädchen von Siena zu prüfen, ob sie keine ketzerischen, keine zauberhaften Mittel angewendet, den Herrn zu gewinnen.

Es war in der Halle des Palastes, in dem die Catarinati wohnten.

Sie stand ruhig vor den Herren. In ihrem Geiste sah sie wieder Catarina von Alexandrien, ihre selige Namenspatronin, wie die vor vierzig heidnischen Priestern und Philosophen ihren Glauben verteidigt hatte. Ihr fiel es so schwer nicht. Waren die drei doch Christen wie sie.

»Giebt es in Florenz denn keine Männer?« fragte der erste, »daß sie so ein armselig Weiblein, eine Nonne als Gesandtin herschicken?«

Sie nahm die Schriften, die ihr die acht Herren des Krieges mitgegeben. »So Ihr zweifelt, hier ist, was mich beglaubigt. Es sind Männer genug und tapfere in Florenz. Aber sie meinten wohl, daß die Nonne besser und versöhnlicher rede.«

»Welchen Vorteil hast Du davon, wenn der Papst nach Rom geht?« fragte der zweite, »es ist wohl Eigennutz, daß Du es wünschest?«

»Was treibt Euch denn, die Ihr alle Drei Italiener wie ich seid, ihn hindern zu wollen, daß er dies Avignon verlasse?« sprach sie dagegen, »die Vaterlandsliebe kann es ja nicht sein. Also sind es persönliche Gründe und Ihr seid eigennützig, nicht ich bin's.«

»Und,« fragte der Dritte, »fühlst Du Dich auch ganz gewiß und sicher, daß es Gott ist, der Dich sendet, der Dir die spitzigen, scharfen Worte auf Deine Lippen legt und nicht der Teufel, der böse Feind?«

Sie hatte aufgerichteten Hauptes, kühl, unbeweglich vor den Herren dagestanden. Nun senkte sie traurig die Stirn: »Sicher, ganz sicher, fragt Ihr? Wer kann denn gewiß sein, wer kann denn schwören, daß ihm nicht ein höllisch Blendwerk den Sinn verwirrt? Hat Euer Heiliger« – der Prälat war ein Franziskaner – »nicht mit dem Teufel ringen müssen, hat er sich nicht in die Dornenhecke geworfen, den Teufel in seinem Fleisch zu bekämpfen? Aber die Hecke trug keine Dornen, nur duftende Rosen, da er sie berührte. Ob mich Gott, ob der Teufel mich antreibt, ich kann es erst wissen, wenn meines Handelns Folgen da sind, ob die gute oder böse sein werden. Nur will mich bedünken, ein Dorn sei schon zur Rose gewandelt, da nach aller Qual des Wartens, der Ungewißheit und der Angst, der Herr Christus auf Erden, Papst Gregor, Euer Haupt und das meine, sich meinen Gründen und Bitten geneigt hat.«

Da die drei weisen Kirchenfürsten am Abende von Catarina gingen, da waren sie ihre Freunde geworden und sprachen dem Papst zu, sein Wort ihr zu halten.

Doch es kamen Prüfungen, die schwerer für ihn zu bestehen waren. Der König von Frankreich wollte Gregor um keinen Preis aus seinen Staaten fortziehen lassen. Er sandte seinen leiblichen Bruder, den Herzog von Anjou, ihn zum Bleiben zu bewegen. Und da der Fürst mit Gründen und Bitten, mit Spott und mit Drohungen den Papst, der sich vor ihm noch als Graf von Beaufort und als des Königs Unterthan fühlte, dahin gebracht, daß er von dem gefaßten Plane schon ablassen wollte, da trat nächsten Tages Catarina abermals vor ihn:

»Darf ein Papst der Untergebene eines Königs sein? Oder muß er vielmehr als sein eigener Herr und Fürst in seinem eigenen Lande frei schalten?«

Papst Gregor hob seine feinen Hände halb verzweifelt: »Ich will, ich will ja. Nur bin ich schwach. Es bangt mir vor allem dem Ungemach, es graut mir vor dem Kampf und Hader. Wenn Du mir beistehst, so werde ich es können. Aber wenn Du einmal nicht bei mir bist . . .«

Sie aber rief: »Der Herr ist bei Dir, der Herr Christus im Himmel, den Du hier vertrittst für uns sündhafte Menschen. Bete zu ihm, bete Du zu ihm, er kann Dir besser helfen als ich!«

Zu dreien Malen kam es so weit, daß der Papst seinen festgefaßten Entschluß widerrief. Zu dreien Malen mußte sie ihn neu bereden, ermutigen, ihn zwingen, ihr sein Wort zu halten. Und als er endlich reisen wollte, die ganze Geistlichkeit schon im Aufbruch, die Schiffe im Hafen von Marseille sich rüsteten, und alles bestimmt war, da drohte Gregor wieder zu bleiben, weil er erfuhr, Catarina wolle nicht mit ihm, überhaupt nicht zu Meer zurück, sondern wie sie hergekommen, mit ihren Schwestern und frommen Brüdern nach Pilgerart den Weg zu Fuß gehen. Beinahe schien es, als solle der ganze Plan, der für sie und alle Ihren das Heil ihres Landes, das Heil der gesamten Christenheit bedeutete, an ihrer Weigerung noch scheitern. Aber sie siegte endlich auch darin. Bevor der Papst mit den Kardinälen und allem Gefolge den Zug zur Küste noch begonnen, brach sie mit ihren Familiaren von Avignon auf.

In der Stadt Genua hatten schon auf ihrem Hinweg nach Avignon die Catarinati ihre Herberge bei einer vornehmen Frau gefunden, Orietta Scotta, die sich einst brieflich, wie so viele, in Seelennöten an die Nonne von Siena gewandt. Catarina hatte damals der Frau geantwortet: »Bei eigenen Kränkungen, eigenem Kummer kommt es uns zu, geduldig zu sein; für die der anderen sollen wir großes Mitgefühl haben, da dürfen wir die Ungeduld zeigen gegen den, der sie kränkt. . . . Wer aber Geduld hat, hat vollkommene Liebe, und wer die vollkommene Liebe besitzet, klagt mehr, darf mehr klagen über das Leiden, das er mit ansieht, als über seinen persönlichen Schmerz und über seine Heimsuchungen.« –

Da nun Catarina abermals in Genua wohnte und Frau Orietta wie ihr Gatte alles aufboten, dem frommen Gaste unter ihrem Dache Ehre zu erweisen, zeigten sie ihr auch diesen Brief als ein Heiligtum ihres Hauses. Sie las, was sie selber geschrieben hatte und mußte weinen. Geduld bei eigenem Schmerz; – Empörung, Ungeduld über das Leid der anderen . . . Ja wenn sie nur immer genau hätte unterscheiden können, was ihr eigenster Schmerz war und was sie litt durch der anderen Schmerzen. Seit sie gesiegt in Avignon, den Papst überwunden, den Frieden für Florenz, für sich selbst das Höchste erlangt, was ihrer Wünsche Ziel gewesen, seitdem waren in ihrem Herzen allerhand Zweifel emporgestiegen. War es das Gute? War es das Beste? – Und nun seine Rückkehr nach Rom gesichert, würde der Herr Christus auf Erden, dieser schwankende Gregor der Elfte auch alles Das vollbringen, was sie noch von ihm begehrte; den Frieden in Italien, den Kreuzzug zur Rückeroberung des heiligen Grabes und vor allem die Läuterung seiner Kirche von den vielen Fehlern und Schäden? Es bangte ihr, er würde es nicht können. Es bangte ihr, daß ihr Sieg nur ein äußerer, ein schlechter Sieg sei und daß in Wahrheit wenig erreicht.

Seit sie von Avignon geschieden, drückten sie aber noch andere Sorgen. Unter den Ihren war mehr als Einer, geschwächt von den Aufregungen, von dem ungewohnten Leben in der fremden, üppigen Stadt krank geworden. Auf der Reise waren einige liegen geblieben, andere langten in Genua im Fieber an oder mußten ein paar Tage später sich legen, daß Frau Orietta sofort zwei Aerzte kommen ließ, um ihre Pflege anzuordnen. Und wer am kränksten aussah, am bleichsten, das war der junge Laienbruder Stefano Maconi. Er gestand es aber nicht zu, daß er krank sei wie jene. Bruder Raimund war mit der Siegesbotschaft für Florenz vorausgeritten, der alte freundliche Bartolommeo war selber krank. Er hörte ihm wohl die Beichte, ermahnte ihn auch. Aber Catarina wußte, daß er dem Jüngling nicht helfen werde. Denn sie wußte ja auch, was ihm fehlte. So viele hatten ihr schon gesagt, sie könne ihre Gedanken durchschauen. Wie hätte sie da nicht erraten sollen, was ihn, ihren Jünger, ihres Herzens liebsten Sohn, wie sie ihn oft und oft genannt, jetzt peinigte. Aber wenn er auch neben ihr herging, wenn sie es ihm auch täglich ansah, wie er litt, sie fragte ihn nicht darum und er sprach nicht. Er wich ihr aus. Und in ihr war ein Etwas, das sie zurückhielt, das ihre sonst so beredten Lippen wie mit eisernen Klammern ihr zuschloß. Eben weil sie es genau wußte, was zwischen ihnen beiden lag, konnte sie es ihm nicht verzeihen. Die Frau mit den Düften von Ambra und Moschus, mit der silbern schimmernden Haut unter den schwarzen, sich ringelnden Locken, die hatte es ihm angethan. Catarina hatte gesehen, wie der Maconi sie angeschaut hatte, sie hatte es gewußt, wie er zu Avignon sich aus dem Hause hinausgestohlen zu ihrem Palast, wie man ihm Brieflein zugetragen, die ihn wieder dorthin bestellten, als des Papstes Absicht, nach Rom zu gehen, bekannt geworden. Sie hätte es selber kaum sagen können, woher sie es wußte. Sie war ein Weib. Aus den kleinen, kleinsten Zeichen hatte sie das Große erkannt, begriff sie das Ganze, wie's um ihn stand. Ein Duft, der von seinem Gewande, da er vorüberging, zu ihr hinzog, ein Blick, der sie zornsprühend traf, als sie mit Raimund einmal von der Verderbtheit gesprochen hatte, die am Hofe zu Avignon herrschte, ein flehender Ton seiner jungen Stimme, als er scheinbar gleichgiltig gefragt, weshalb sie nicht noch die kurzen paar Wochen, bis der Papst zöge, auch bleiben könnte. So wenig war's und verriet ihn ihr doch. Auf der Reise war es beiden leichter gefallen, einander aus dem Wege zu gehen. Hier aber, im Hause bei Frau Orietta, konnten sie sich kaum vermeiden. Hatte Catarina bei der Pflege ihrer Schwestern den Tag verbracht, und kam Stefano von dem Krankenlager Bartolommeos, so mußte er ihr Bericht erstatten. Bei den Mahlzeiten saß er ihr gegenüber, und ihr wie ihm widerstand jeder Bissen. Bei den täglichen Andachten ging er ihr zur Hand; wenn Bittgesuche und Briefe einliefen, so hatte er sie durchzusehen, wie er's immer gethan, seitdem er zu ihrem Haushalt gehörte. Und die Briefe, die sie selber schrieb, wie sie es von ihm gelernt, die gingen durch seine Hände, und er war es, der sie den Boten übergab.

Jeden Tag sah sie, wie sein junges Antlitz bleicher und verzweifelter dreinschaute, fühlte sie das Brennen in seinen Augen und hörte das Klopfen fast seines Herzens und sprach zu ihm mit achtloser Stimme, als sei sein Leiden ihr fremd und nicht wichtig. Aber es war ihr nicht fremd, es war ihres, ihr eigenes Leid. Wenn sie in ihrer Kammer allein war, warf sie sich vor dem Kruzifix nieder und schrie und flehte hinauf zum Himmel: »Hilf ihm, hilf mir, ich ertrage das nicht!« – Geduld in eigenen Schmerzen, nur für fremde Zorn und Empörung – das hatte sie selbst Frau Orietta geschrieben. Und nun dünkte es sie unmöglich, sich drein zu ergeben, daß dieser Zwiespalt zwischen ihr und dem jungen Genossen weiterbestände. Und alles Große, das sie erreicht, und das allgemeine Wohl des Vaterlandes, das die Menschen ihr Werk nannten, und für das sie ihr dankten, es erschien ihr gering, schien ihr wertlos geworden im Vergleich zu dieser einen Seele, die sie für sich als verloren ansah. Sie fühlte seinen wortlosen Widerspruch, sie meinte immer: er denkt an jene, es zieht ihn zu ihr, mir wird er entfliehen, ich sehe ihn nimmer. – Denn er besaß nur die niedrigen Weihen, und sie selbst hatte bisher ihn daran gehindert, durch irgend ein Gelübde sich zu binden und dem Willen seines Vaters zuwiderzuhandeln. – Aber wenn sie am Abend so gedacht, so schöpfte sie morgens neue Hoffnung, er werde in alter Treue sich zu ihr neigen, sein Herz ihr reuig offenbaren, und wartete angstvoll und horchte in ihrem eigenen Herzen auf jede Schwankung seiner Stimme, auf den Ton seines Schrittes, ja auf sein Atmen, ob es ruhig klang oder stoßweise, bedrückt und gequält.

Und es klang immer angstvoll, gequält. Und sie sah ihn immer schwerer, immer düsterer dahingehen. Seine Stimme war heiser, seine Hand brannte wie höllisch Feuer, da die ihre sie einmal streifte. – Dann, eines Tages, sagte man ihr, er könne nicht kommen, er liege im Fieber. Da sie an sein Lager trat, kannte er sie nicht. Der Arzt, Frau Oriettas Freund, kam auch zu ihm und zuckte die Schultern: »Es ist genau dasselbe Übel, an dem die anderen alle litten. Einige sind ihm erlegen, andere davongekommen.«

»Und er«, rief Schwester Catarina, »er muß genesen, er ist so jung.«

»Um so härter packt ihn die Krankheit. Auch ist er nicht kräftig zum Widerstande. Wer weiß, was ihm den Körper geschwächt hat, vielleicht zu großer Eifer, vielleicht auch Unlust in seinem Dienste, Seelenkämpfe, die Keinem erspart sind. Wer kennt denn die Menschen und ahnt, was sie im Herzen fühlen!«

Ich! so hätte Catarina ihm entgegnen mögen, ich kenne sein Leid, und ich hätte ihm helfen sollen, es leichter zu tragen, und zögerte aus falschem Stolz.

Sie sagte es nicht laut. Denn sie wollte das Geheimnis ihres Genossen nicht offenbaren. Sie schwieg, wie er geschwiegen hatte. Doch seine Pflege übernahm sie ganz allein. Keine andere Hand durfte den Kranken speisen und betten, kein anderes Ohr die irren Fieberreden vernehmen, die aus seinem jungen, heißen, liebekranken Herzen kamen. Die anderen waren fast alle genesen, Alessia und Cecca konnten dem Häuflein an ihrer Statt vorstehen, Frau Orietta führte das Hauswesen für sie alle, und Fra Bartolommeo hielt wieder die Andacht. Sie blieb in der Kammer bei Stefano Tag und Nacht und Nacht und Tag kniete sie an seinem Lager, auf dem er mit dem Tode rang: »Herr, erhalte ihn, Herr, mein Beschützer, Du gabst mir so viel, gieb mir die Macht noch, ihm das Leben zu bewahren, nimm mich fort, nimm mich doch! Sieh, diese Stunde bin ich bereit, in den Tod zu gehen, wenn Du ihn leben läßt, süßer Herr Christus!« – so flehte sie.

Aber die Tage gingen hin und anstatt ihm Genesung zu bringen, machte jeder ihn nur noch kränker. Der Arzt sah immer bedenklicher drein. Und als es am schlimmsten mit ihm stand, da kam die Kunde, Papst Gregor sei in Genua gelandet und begehre sie zu sprechen.

»Ich gehe nicht von ihm, ich kann nicht, ich darf nicht!« schrie Catarina.

Der Maconi lag und wußte von nichts, was um ihn her sich begab. Aber Alessia und Frau Orietta und die anderen kamen jeden Morgen und klopften an die Thür der Kammer, in die sie Niemanden einlassen wollte. Sie sprachen ihr zu, sie baten und flehten, Catarina müsse mit dem Papst reden. Alle fühlten sie sich machtlos gegen ihrer Herrin Willen und jammerten, wenn Bruder Raimund von Capua da wäre, der hätte sie wohl bezwungen. Sie mußte fast lachen in ihrem Schmerze. »Mich zwingen, etwas zu thun, das gegen meine Herzenspflicht ginge? Nein, das hätte auch er nicht können.«

»Aber«, sagte Alessia bittend, »Papst Gregor hat Dir sein Wort doch gehalten, er fährt nach Rom, so schwer es ihm fiel. Du gabst ihm Deines, hier ihn nochmals zu sprechen. Darfst Du das nun brechen?«

»Ich kann nicht anders«, rief Catarina, »ich muß bei meinem Stefano bleiben, bis er gesund ist. Es zerreißt mir das Herz sonst. Mag mich der Papst oder mag ein König mich erwarten, ich bleibe hier.«

In der Nacht aber, nachdem Alessia so zu ihr gesprochen, da sie nach ihrer Gewohnheit betend vor dem Kreuze kniete und um Stefanos Leben flehte, da kam ihr wieder in den Sinn, was sie selber geschrieben: eigenes Leid geduldig ertragen, für das der andern nur kämpfen und klagen. – Und dies war ihr Leid, ihr allereigenstes. Das der anderen aber war die Not des Vaterlandes, für die sie nach Avignon gegangen, für die sie Gregor zu der Reise beredet hatte. Und sie vergaß die Pflicht, die sie übernommen, vergrub sich in ihren kleinen Schmerz. Und sie vergaß auch den Gehorsam, den sie einst als Nonne beschworen, und folgte nur mehr ihrem Herzen. Catarina ging in der langen Nacht mit sich streng ins Gericht: ungehorsam, wider eigenmächtig – sie schonte sich nicht. Am Morgen mußte Fra Bartolommeo ihr die Beichte hören: »Absolvo te, absolvo te«, rief der gute Vater ein über das andere Mal und weinte auf ihre Hände und küßte ihres Schleiers Saum, aus Rührung, daß sie, die heiligfromme, sich so menschlich vor ihm erniedrigen wollte. Dann nahm sie Abschied von Stefano: »Wenn es der Herr im Himmel will, so wirst Du genesen«, sagte sie, »auch ohne daß ich bei Dir bleibe.«

So ging sie zu dem Papst. Er hatte sie schon seit Tagen erwartet. Für heute war die Weiterreise beschlossen gewesen und alles bereitet. Er hatte aber nicht fahren wollen, ohne mit ihr gesprochen zu haben. Von Marseille bis hierher war's bei dem herbstlichen Wetter ihm schon angst und bange geworden.

»Ich sorge mich«, sagte er, »Deine Gefährten sind krank geworden, wenn die Meinen nun erkranken oder gar ich?«

»Darf Dir Dein Leben wichtiger sein, als Deiner Kirche Macht und Größe?«

»Nein, da hast Du recht, Suor Catarina, ich will mein Leben gewiß nicht schonen. – Aber in Frankreich lebten wir im Schutze des Königs, in Rom sind so viele Parteiungen, sind die Barone und die vom Volke, so viele Feinde, ich werde zerrissen, ermordet werden.«

»Ist nicht die Kirche Herrin in Rom, war sie nicht des Königs von Frankreich Gefangene zu Avignon und Benaissin?«

»Ja, da hast Du recht, Suor Catarina. – Aber wenn nun das Fieber wütet und ich könnte doch nicht bleiben und müßte umkehren, wie Papst Urban vor mir?« –

Und da sie ihn so weit gebracht, daß er endlich entschlossen schien und sie wandte schon den Rücken und wollte gehen, da holte an der Thür sein Kämmerer sie zurück:

»Seine Heiligkeit hat noch ein anderes Bedenken. Es droht heute Regen . . .«

Und sie mußte umkehren und sagen, daß Regen kein Hindernis sei für einen Papst, um recht zu handeln, und mußte wieder von vorne anfangen und wieder ermahnen und wieder seinen schwachen Willen aufrichten, stärken. Hatte sie in einem Punkte ihn überzeugt, so fand er alsbald einen anderen ihr entgegenzusetzen. Es war ein Kreislauf ohne Ende. Ihr drehten, drehten sich die Worte im Kopfe rund um und hatten ihren Sinn und Wert verloren. Dabei verlangte es sie nach Hause, zurück zu dem Kranken. Mit eisernem Willen hielt sie sich fest, nichts zu sagen, was ihre Ungeduld verriete. Vielleicht kommt ihm es zu gut, meinem Stefano, wenn ich mich bezwinge, dachte sie.

Da endlich nach allem vielstündigem Reden man dem Papst Gregor zu melden kam, der Wind scheine günstig, und da sein Gefolge nun wirklich bereit war, zu Schiffe zu gehen, da geleitete sie ihn noch, ihn zu segnen und zu weihen für seine Fahrt.

Er stieg in das Boot, das ihn hinüber zu seiner Galeere führen sollte. Die Geistlichkeit von Genua, die versammelt war, stimmte Bittpsalmen an; das Boot stieß vom Lande. Alle die Fahrzeuge im Hafen setzten die Ruder in Bewegung. Gelbrötlich leuchtend beschien die untergehende Sonne die weißen Priestergewänder, Standarten, Monstranzen und draußen auf dem Meer Masten und Segel. Die Dominikanernonne kniete an dem Hafengelände unter allem Volke nieder. Andächtiglich fielen neben und mit ihr die Menschen alle in die Knie. Wie sie Catarina betend ihre Hände erheben sahen, flehten sie laut den Himmel an um eine glückliche Fahrt für die Flotte des Papstes.

Das Gebet aber, das aus Catarinas Herzen wortlos emporgestiegen war, hatte nicht dem Papste gegolten, es war ihr Dank, weil Gregor fort war. – Und da sie sich plötzlich dessen bewußt ward, was die Leute geglaubt, daß sie bete, und wieviel schlechter, unheiliger sie war, als jene es dachten, da beugte sie zerknirscht ihr Haupt in den Sand und die Steine des Ufers, ihrer Sündhaftigkeit schmerzlich bewußt.

»Seht die Heilige, wie sie fromm ist, wie heiß ihre Andacht«, flüsterten die armen Schiffer und die Weiber, die noch am Hafen geblieben waren, zu sehen, wie das Wetter sich wende.

Sie aber lag und konnte in ihrem Reueschmerz sich nicht ermannen. Sie hatte so sehr sich fortgesehnt an das Bett ihres Kranken. Nun war ihr's, als würde sie zur Strafe für ihr Vergehen, ihn nicht mehr finden, als müßte die Herzlosigkeit, die sie gegen Gregor begangen, durch Stefano sich an ihr rächen.

Der Herbstwind fegte über die Bucht hin, regte das Meer auf, daß es schäumend sich an dem Damm brach. Der Schaum spritzte hochhinüber bis auf den schwarzen Nonnenmantel. Und nun sprühte der Regen nieder, vom Sturm verweht, in kurzen Güssen, heftig prasselnd, wieder versiegend, und zwischen den finster geballten Wolken erschien der Vollmond.

Frau Orietta und Alessia waren, da Catarina nicht heimkam, mit den Dienern des Hauses Scotta ausgezogen, ihre verlorene Mutter zu suchen. Sie fanden sie im Regen dort knieend, sie mußten sie zwingen, sich zu erheben, mit ihnen zu gehen. Und als sie dann bei Stefano eintrat, lag er im Fieber wie vorher. Ihm hatte ihr Unrecht keinen Schaden gebracht, ihre Reue brachte ihm kein Heil.

Durchnäßt, wie sie war, blieb sie an seinem Krankenlager in Gebeten. Sie flehte den Himmel an um eine glückliche Fahrt für Papst Gregor, um eine glückliche Ankunft in Rom, um Frieden, Frieden im ganzen Lande, in allen Herzen, in dem des armen Stefano wie in ihrem eigenen, das so sündhaft und schwach!

Die ganze Nacht durch brannten in dem Saal neben Stefanos Kammer die Kerzen auf dem kleinen Altar, den der Papst ihr geweiht hatte und ihr verliehen mit dem Rechte, wo immer sie weilte, daran die Messe lesen zu lassen. Die ganze Nacht durch wachten sie alle, die Catarinati, Schwestern und Brüder und die Freunde vom Hause Scotta. Der Sturm, der sich erhoben hatte, bald nachdem das Schiff des Papstes den Hafen verließ, er wütete weiter, brauste durch die engen Gassen, rüttelte an den festen Mauern des vielstöckigen Hauses und heulte und wimmerte und pfiff durch die Ritzen an Thüren und Fenstern und blies durch die Kammer, über das Bett des Kranken hin mit leisem, unheimlichem Stöhnen. Stefano lag in seinem Fieber, der wußte von nichts. Wenn sie ihm leise die Stirn berührte, fühlte sie, wie das Blut ihm in den Schläfen hämmerte, brannte. –

»Es geht zu Ende«, flüsterte der Arzt Frau Oriettas, »keine Hoffnung mehr.«

Die Genossen beteten lauter.

Und Catarina drückte ihr Haupt in die groben Decken des Krankenlagers und fühlte ihr eigenes Herzblut klopfen, leiser klopfen, verebben, stocken. Sie dachte, daß sie ihn den Seinen, seiner Mutter fortgenommen. Und sie dachte an die schwarzlockige Frau, die ihr ihn geraubt. Aber sie zürnte der schönen Falschen nicht mehr wie bisher. Sie fühlte Mitleid mit ihr, die seine Sinne ihm wohl vergiftet und verblendet, sein edles Herz aber von der beschworenen Treue ihm nicht abwendig machen gekonnt. War er doch, obwohl all sein Sehnen in Avignon bei jener weilte, ihr, Catarina, bis hierher gefolgt. Und da sie es dachte, verzieh sie Adelisa, der Armen, verzieh auch ihm. Sie hob sich leise von ihren Knieen, sie beugte sich über ihn und küßte seine heiße Stirn. Es ging ein Zucken durch seine Glieder. Er streckte sich länger aus auf dem Lager. – »Er stirbt«, flüsterten die um ihn standen. Fra Bartolommeo kam im Priesterornate, ihm das Viatikum zu reichen. Sie beteten. Doch der Wind heulte lauter.

Es dämmerte draußen. Ein grauer Tag, eintönig grau strömte der Regen vom Himmel nieder, grauer Novembernebel zog vom Meer durch die Straßen. Es war der Tag Allerheiligen. Die Leute, die sich zur Kirche begaben, hielten vor dem Hause an, sie wollten Catarina hören und sehen, wollten Trost von ihr. Denn es ging das Gerücht, es sei auf dem Meere eine böse Nacht heut gewesen, viele Schiffe seien gescheitert. Was dem Papst und den Seinen geschehen, das wußte man nicht. Catarina mußte hinaus zu dem Volk, es zu beruhigen, mußte an den Bittgebeten teilnehmen, sie konnte nicht bei Stefano bleiben. Es war das die Buße dafür, daß sie gestern mehr an ihn, als an den Papst und das allgemeine Beste gedacht. Und der Tag ging so hin, und es regnete weiter und stürmte fort und keine Nachricht noch von der Flotte. Stefano lag allein in der Kammer. Die Gebete Aller galten heute dem Herrn Christus auf Erden, Papst Gregor dem Elften. Catarina betete lauter, inbrünstiger als alle anderen, und schlug sich die Brust wund und raufte ihre blonden Haare, weil sie die Schuld trug, sie allein, sie, die ihn zu der Reise beredet.

Der zweite graue Morgen tagte, nachdem die Flotte abgesegelt, das Fest Allerseelen. Durch die Straßen von Genua zogen im Regen die Menschen vorüber zu den Gräbern ihrer Lieben, über den Grüften in den Kirchen wurden Messen gelesen, für die armen Seelen im Fegefeuer. Catarina mit den Ihren kniete vor dem Altar im Saale und hörte eine Messe für die, so draußen in bitterer, in salziger Meerflut ihr Ende gefunden und nicht im geweihten Kirchenfußboden, in kühler Erde ruhen durften.

Da hob sich ein Schreien aus den Straßen, ein Rufen, ein Fragen. Unten, an die Thür der Scotta, klopfte ein Bote. Auf schaumbedecktem, keuchendem Pferd, durchnäßt vom Regen, zerzaust vom Winde, war er atemlos hergesprengt: »Botschaft vom Papste«, schrie das Volk unten, »er lebt, er lebt!«

Catarina las das Schreiben. Die Galeere war unweit von hier bei Portofino in dem Sturm gestrandet, Papst Gregor hatte an Land gehen müssen. In allem Wind, in allem Wetter hatte er Unterkunft gefunden in dem Cervarakloster am Berge, dessen Prior Catarina die Nachricht nun sandte.

Vor dem kleinen Altar stimmte Fra Bartolommeo statt der ernsten Seelenmesse das Tedeum laudamos an, für die Rettung des Papstes. Die Genossen, die Scotta, die Freunde, das Volk vor dem Hause in der Straße, ganz Genua dankte dem Himmel mit ihm. Und Catarina, mit erhobenen, gefalteten Händen, die glänzenden Augen zu dem alten Kruzifixe aufgeschlagen, das sie aus ihrer Kindheit im Färberhause, auf allen Reisen, in alle Lande mitgenommen und nie von sich gelassen hatte, betete laut:

»Herr, mein süßer Herr, mein Verlobter, ich danke Dir, Du hast mir geholfen. Nun hilf, hilf mir weiter!«

Sie wandte sich von dem Altare. Mit ihren erhobenen, gefalteten Händen ging sie, während alle noch knieten, aus dem Saal in die Kammer daneben, in der Stefano allein lag. Und trat an sein Lager und streckte die Hand aus. Seine Stirn war feucht.

»Lebe«, sprach sie. »Du wirst leben, ich will, daß Du lebst! Der Herr ist mir gnädig, er erhörte mir meine Gebete, er wird auch dieses mir gewähren, er wird und muß. Stefano Maconi!« rief sie mit stärkerer Stimme. »Stefano, Currados Sohn, höre mich! All' Deine Sünden sind Dir vergeben, ich will sie vergessen. Du sollst genesen. Steh auf, sei gesund!«

Und Stefano auf seinem Lager richtete sich in die Höhe. »Heilige Mutter Catarina, vergieb, vergieb mir! Fiel ich in einem meiner Gedanken so von Dir ab, jetzt bin ich Dein, mit Leib und Seele, für alle Zeit, und will bei Dir bleiben und will genesen, wenn Du es so willst!«

»Ein Wunder,« rief Frau Orietta, »ein Wunder ist unter unserem Dache geschehen, Heil ist unserem Haus widerfahren. Der Papst ist gerettet und Stefano lebt!«

Und die Kunde ging durch ganz Genua, ward auch Gregor und seinem Gefolge im Kloster von Cervara gemeldet und weiter bis Toscana getragen: Die Nonne Catarina von Siena, die Gesandtin von Florenz, die den Papst zur Heimkehr nach Rom beredet, sie vermag mehr noch, sie vollbringt Wunder, zum zweiten Male hat sie einen Toten ins Licht des Lebens zurückgerufen.



XIII.

In der Straße dell'Oca, im Bezirk Fontebranda von Siena saßen die guten Nachbarsleute vor den Thüren, hämmerten, klopften, nähten und schnitzten. Die Frauen legten sich ins Fenster, mit den Gevatterinnen zu schwatzen, und die Kinder spielten auf den Stufen vor jedem Hause und an der guten alten Gosse inmitten der Straße, wie sie es von jeher gethan. Die fleißigen Handwerker, die hier wohnten, Schuster und Tischler und Holzschnitzer und Waffenschmiede, fanden immer zu thun. Man sprach wohl voll Entsetzen darüber, wie finster die Welthändel sich wandten, und stritt und eiferte, so um die Stunde nach Ave Maria, wenn es zu dunkel wird für die Arbeit und auch die Männer Zeit haben zum Plaudern. – Aber am nächsten Morgen ging jeder wieder an sein gewohntes Tagewerk. Am Ende kommt es auch mehr darauf an, daß ein Mann in seinem Hause genug zu beißen auf den Tisch schafft für sich selber, für Weib und Kinder, als daß er irgend was Großes leistet, von dem die Leute eine Weile sich Heil erwarten, – um es dann zu vergessen. Denn vergessen wird schließlich alles, Kleines wie Großes, und die Welt geht ihren Weg weiter, wie sie ihn vorher ging.

Da drüben in dem alten Hause des braven Färbers Benincasa schafft Frau Lapa von früh bis spät und bäckt und kocht und wäscht und scheuert. Und im dunkeln Kämmerlein hinter dem einstigen Ehegemache der Färbersleute kniet ihre Tochter Catarina, die man wohl die heilige nannte, und betet, betet! – Die hat es versucht, etwas Großes zu leisten, ist bis nach Avignon gezogen, den Papst zu bereden, daß er heimkehren solle in sein Rom und hat Fürsten und Herren geboten, von ihren Hadern, und allen Geistlichen, von ihren Sünden abzulassen, und hat den Kreuzzug und hat Frieden gepredigt. – Wer aber erntet nun die Früchte, die greise Frau, die, was sie in langen fleißigen Jahren mit Mühe für ihr Haus ersparte, von einem Heer von fremden Leuten, Siechen und Bettlern, aufgezehrt sehen muß? Oder die Tochter, die kaum über dreißig, so mager ist wie ein Gerippe und krank zum Erbarmen von allem Beten, Fasten und Geißeln? Ach, keine von beiden! –

Und auch dem Papsttum ist aus der Rückkehr kein Heil erblüht. Gregor ist freilich in Rom eingezogen. Tausend Gaukler in weißen Kleidern tanzten vor ihm her mit Posaunen und brennenden Fackeln. Auf dem langen Weg von Sankt Paul vor den Mauern bis zu Sankt Peter streuten von Fenstern und Balkonen schöne Frauen Blumen und Konfekt hinunter auf seinen Zug. Ganz Rom schwamm in Jubel, ganz Italien atmete auf. Aber er hatte, entgegen Catarinas Gebote, ein Söldnerheer sich zum Schutze mitgebracht. Und den Frieden brachte er nicht.

Sie aber bat und flehte um Frieden, schrieb und predigte Frieden, nur Frieden! Nach Florenz war sie nochmals gegangen, im Auftrage des Papstes die Stadt zu versöhnen. In dem blutigen Feuer des Aufruhrs, der dort ausgebrochen war, schrien die Empörer nach ihr. Denn die Fromme, Schuldlose galt, weil sie für den Papst gesprochen, dem Pöbel bald als die Anstifterin des Unheils.

Da war es geschehen, nachdem die Ihren sie gezwungen, vor den Wütenden zu flüchten, daß ein Haufe gemeinen Volkes, berauscht, vertiert von Blut und Greueln, sie aufgefunden. Über die Mauer drangen sie zu ihr hinein – in einem Gärtlein war's bei S. Giorgio – und Einer, sein scharfgeschliffenes Beil über seinem Haupt wild schwingend, kam über sie, sie zu erschlagen.

Sie lag auf den Knien. Mit seligem Lächeln breitete sie ihre beiden Arme weit aus, ihre jungfräuliche Brust dem Schlage bietend.

»Ich bin's, bin, die Du suchst, triff mich,« sprach sie mit ihrer sanften Stimme.

Der Knecht wich zurück.

»Mein Herr und Heiland, mein süßer Verlobter,« betete sie, »wie soll ich Dir danken, daß Du mir die rote Rose des Märtyrertums verleihen willst. – Nun Mann, so schlage, ich bin bereit, schlag zu, töte mich und schone der Meinen.«

Er stand noch mit seinem geschwungenen Beile. Er starrte in ihre glänzenden Augen. Es war, als ob die Hand ihm erlahmt sei, er ließ sie sinken, das Beil glitt zu Boden. Die mit ihm gekommen waren, drängten nach vorn. Er aber wandte sich, schob jene ungestüm bei Seite, daß sie erschreckt auseinander fuhren, und schlug die Hände vor sein Antlitz und stürzte davon. Die Catarinati stimmten dankbar Loblieder an, für ihrer Mutter wundersame Errettung. Sie aber schlug ihre beiden Hände vor ihr Gesicht, wie der gethan, der sie hatte morden wollen, und weinte und weinte. Denn sie sah ihr Opfer verschmäht. Durch ihren Tod sollte sie für ihres Glaubens Wahrheit nicht Zeugnis ablegen, sich nicht die Märtyrerkrone verdienen.

Seit jenem Tage lebte sie also wieder zu Siena im Hause ihrer Mutter.

Papst Gregor starb. Er war ein schwacher Mensch gewesen. Aber was nach ihm kam, das war schlimmer.

Hie Guelfen und hie Ghibellinen hatte es im Lande Italien schon oft in blutigen Kämpfen geheißen, in Florenz stritten die Schwarzen und Weißen, in Siena Adelige und Popolanen, und eine Stadt hatte mit der anderen und Nachbar mit Nachbar in Fehde gelegen, seit Menschengedenken. Doch so wilden Hader, wie er jetzt die Italiener und die Franzosen im päpstlichen Kollegium entzweite, und an so hoher, geheiligter Stätte hatte man noch selten gesehen. Nach langen Kämpfen wählten zu Rom die Einen sich den Erzbischof von Bari, einen Italiener und Unterthan der Königin Johanna als Urban VI. zum Papste. Die Anderen, Kardinäle und Prälaten von jenseits der Alpen, Franzosen und Franzosenfreunde, entwichen aus der Petersstadt, hielten ein zweites Konklave zu Anagni und wählten einen aus ihrer Mitte, Robert von Genf, als Papst, Clemens geheißen.

Zwei Fürsten der Kirche, zwei Statthalter Christi, der nach Catarinas innigem Glauben sie ausgesendet, Frieden zu stiften, und statt des Friedens, den sie so viel erfleht, erbeten, die Spaltung ihres Vaterlandes, statt des Kreuzzuges wider den Türken zwei feindliche Lager hier in der Heimat, statt der Reinigung der Kirche von Schäden und Mängeln das Gräßlichste aller Übel, das Schisma!

Sie konnte nicht ruhen, konnte kaum atmen unter der Last von mitfühlenden Schmerzen, die sie bedrückten, daß sie oft meinte, der Zwiespalt ginge, gleichwie ein Schnitt, ihr mitten durch ihr eigenes Herz.

Auf dem kleinen Altan am Färberhause, von dem aus man die Stadt Siena mit all ihren Hügeln, ihren Thälern, Kirchen und Türmen überblickt, saßen im Schatten, zur Frühlingszeit an kleinen Pulten, ihre Genossen und schrieben Briefe, die sie, rastlos auf und nieder wandelnd, ihnen vorsprach. Sie war so weiß wie ihr Nonnenkleid, unter der Leinenbinde ihr Antlitz schmal und blutlos. Und sie rang ihre durchsichtig mageren Hände in der Sehnsucht, durch ihre Worte das zu erreichen, was sie wollte. Dünkte es sie doch, als wären die Menschen, die von dem zuerst und in Rom erwählten Papste, der ihr der einzig berechtigte schien, abfallen konnten, alle Ketzer und Gotteslästerer. An drei italienische Kardinäle, die zu den Franzosen hinüberstrebten, hieß sie ihre Alessia schreiben:

»Ich, Catarina, die Dienerin und Sklavin der Diener Jesu Christi, ich rede zu Euch in dem inniglichen Wunsche, Euch zu dem wahren, dem vollkommenen Lichte heimkehren zu sehen. Dann werdet Ihr mir als Väter erscheinen, anders nicht. So Ihr in Treuen, so ihr in vollkommenem Gehorsam Euch vor Urban VI. neiget, nenne ich demütig Euch meine Väter.«

Während Alessia die Worte aufzeichnete, war Catarina schon weiter gegangen. Das nächste Schreiben hieß sie nach Neapel richten:

»Teuerste und verehrteste Mutter«, so hub die arme Färberstochter den Brief an die Königin an und unterbrach sich – »verstehet mich recht: Teuer werdet Ihr mir sein, sobald ich sehe, daß Ihr für die heilige Kirche eine ergebene, gehorsame Tochter, verehrungswürdig – und ich werde Euch die schuldige Verehrung bezeugen, weil Ihr deren dann würdig sein werdet, – sobald Ihr das Dunkel dieser Ketzerei, der Anhängerschaft an den Gegenpapst Clemens, verlassen habet, dem Lichte zu folgen. Gedenket an das Heil der Völker, die in Eure Hand gegeben, der Bürger, die Ihr durch so viele Jahre in emsigem Fleiße, in Frieden regiertet. Jetzt, da Ihr Euch dem, was recht ist, verschließet, seht Ihr sie haltlos, in Fehden, in Mordwut untereinander, gleich wilden Tieren, durch diese verruchte Kirchentrennung.«

Sie trat zu dem Dritten hin, der schon wartend, die Feder in der Hand, bereit saß. »Du schreibst an Papst Urban«, sagte sie, »o schreibe ihm gut und ziehe die Linien und forme die Worte so schön Du es kannst, auf daß sie sein Herz bewegen mögen.«

Stefano Maconi, ihr Jünger, sah zu ihr auf von seinem weißen Pergamentblatt: »Wenn er Deine Worte liest und bleibt doch hart, dann muß er von Stein sein. Rühren sie ihn nicht und machen sie ihn nicht gerecht und milde, so ist ein Jedes, was die Gegner von seiner Härte und Grausamkeit klagen, nicht hart genug und nicht grausam genug.«

»O heiligster und süßester Vater«, sprach sie und sah den Schreibenden schon nicht mehr an, sondern blickte verzückt in die Höhe, – »jetzt ist es Zeit, jetzt ziehet aus seiner Scheide das Schwert, das ich meine, und das ist: der Haß gegen die Sünde in Euch selber, in Euren Genossen, in alten Dienern der heiligsten Kirche. Ich sag', in Euch selber – denn in diesem Leben hinieden ist Keiner sonder Fehle. Und mitleidige Liebe muß bei dem eigenen Selbst beginnen, es reinigend der Tugend öffnen, erst alsdann das des Nächsten. Drum schneidet es ab mit dem Schwerte, das Laster. Zum mindesten, mein heiligster Vater, mög' Eure Heiligkeit bei denen, die Euch zunächst stehen, das zuchtlose Leben, die wüsten Sitten und Unsitten bessern. . . . Denn nicht wie Geistliche, nicht wie Männer der Kirche, die gleich Blumen, gleich Spiegeln Eurer Heiligkeit leben sollten, betragen sie sich; sie thun, als ob sie Spieler wären und Betrüger, einen Gestank von Unrat verbreiten sie und geben nur ein Beispiel von Bösem. – O wehe, wehe, viellieber, süßer Vater mein! mit Kummer, in Schmerzen, in tiefer Bitternis und in Thränen schreibe ich dieses. Und klingt mein Reden Euch zu viel und dünkts Euch vermessen, so mögen der Schmerz und mög' meine Liebe mich entschuldigen vor Gott und vor Eurer Heiligkeit auch!«

»Was braucht's der Entschuldigung«, murmelte Stefano, »wenn Du wahr redest!«

»Denn wohin ich mich auch wende«, sprach sie lauter, wie im Psalmentone, »ich habe nicht, wo mein Haupt hinzulegen. Und ich sehe an Eurer Stelle, der Ihr der Christ auf Erden sein solltet, ich sehe eine wahre Hölle von so vielen Schlechtigkeiten, erfüllt vom Gifte des Eigennutzes. Der Eigennutz ist es, der jene verführt hat, gegen Euch das Haupt zu erheben. . . . Doch findet Ihr Euch auch verlassen von solchen, die Eure besten Stützen sein sollten, so hemmet darum doch Euren Schritt nicht. Denn nach dem, was jetzt ist, nach Mühen und Kummer wird kommen die Ruhe, wird kommen die Besserung und die Läuterung der Kirche. Suchet aber außer der Hilfe vom Himmel droben Euch noch Hilfe von seinen frommsten Dienern zu schaffen, die in gläubiger Treue und ehrlich Euch beistehen werden. Denn guter Rat, dünkt mich, wäre Euch von Nöten . . .«

»Dein Rat«, sagte Stefano, »Deiner allein vermöchte zu helfen.« Sie war schon von ihm fortgegangen. Sie stand vor Alessia und sprach den Brief weiter an die abtrünnigen Kardinäle.

Da Stefano das Schreiben an Papst Urban beendet hatte und jene beiden ihm auch die ihren übergaben, daß er sie den Boten einhändigen möge drüben bei San Domenico, wo immer der Mönche mehrere bereit waren, auf Catarinas Wunsch zu ihrem Wanderstab zu greifen, da blieb er noch eine Weile stehen, wog die drei Pergamentblätter in seinen Händen und schien zu warten. Die beiden Mantellate waren von dem Altan schon fortgegangen. Nur Catarina lehnte noch an der Brüstung, auf ihr Siena hinunterblickend. Als sie sich gleichfalls zum Gehen wandte, sah sie ihn. Seit er damals nach der Rückkehr von Frankreich und nach seiner Krankheit, seinen Willen durchgesetzt hatte, der Welt zu entsagen, trug er geistliche Kleidung. Jedesmal, wenn sie ihn so erblickte, mit den kurzgeschorenen Haaren, der großen Tonsur inmitten des Kopfes, so mußte sie lächeln, oder auch seufzen. Heut that sie beides. Sie seufzte schwermütig, doch zugleich trat ihr in die Augen ein lächelnd mitleidig Verstehen.

»Armer Freund! Wie es Dich schmerzt, daß Du mich für andere Schmerz tragen siehst.«

»Es wird Dich noch töten«, rief er, »Du marterst Dich, zergrämst, zerreibst Deinen zarten Körper und wir werden Dich verlieren.«

»Was liegt daran, was liegt an mir und an meinem Leben! Herr, ewiger Gott, o nähmest Du doch das Opfer dieses armen Leibes an für Deine heilige Kirche! Ich habe anderes nicht Dir zu geben als das, was Du mir gabst. So nimm denn mein Herze!«

Er blickte voll Bewunderung auf sie. Alles, was er sonst empfunden, alles, was sein Jugendblut einst aufwallen gemacht, die Weltlichkeit, die er von sich gethan, um ihr zu dienen, die Gelüste, die er überwunden, die Zwistigkeiten mit den Seinen, die so lange ihn hin und her gezerrt hatten, alles war ihm zusammengeschmolzen in dieses eine starke Sehnen: daß sie groß, immer größer, daß sie als Heilige verehrt werde, daß alle Lande ihres Geistes Macht anerkannten, das war, was er noch begehrte im Leben. »Ja«, sagte er, »Du sollst Dich opfern. Geh nach Rom und lehre es sie, lehre es diesen Papst Urban, wie wahre Frömmigkeit ist und handelt.«

Sie schüttelte ihren Kopf; »Nach Rom gehen, ungerufen, daß sie fragen, was will denn die Nonne, was kommt denn das Färbermädchen von Siena daher, uns Kirchenfürsten zu weisen, wie man Welthändel schlichtet? Und meine Schwestern und die Bürger hier und alle guten Nachbarinnen, was würden sie sagen, ginge ich abermals auf Reisen, nur meinem eigenen Willen folgend!«

»Und wenn sie Dich rufen würden?« fragte er.

»Dann würde ich müssen, dann wäre es des Herrn Wille, wär' meine Pflicht.«

»Dein geistlicher Berater, Raimund von Capua, hat von Rom aus an mich geschrieben, weil er glaubt, so wie ich, nur Du könntest helfen. Darf ich ihm Deine Antwort berichten?«

Da breitete sie die Arme weit aus; »Herr! Herr, mein Heiland, mein süßer Verlobter, riefest Du mich in Deinen Himmel, um wie viel lieber, um wie viel froher eilt' ich zu Dir! Aber was Du mir auch gebietest durch den Mund derer, die Dich vertreten, ich will folgen, will gehorchen, so wie ich gelobte, will thun, was sie fordern, um Deinetwillen.«

In der Straße dell'Oca zu Siena saßen die Handwerker vor ihren Thüren gegen Abend, als eine Gesandtschaft von dem Papst kam, die ein eigenes Breve brachte, Catarina nach Rom zu berufen. Die Leute sahen ihr andachtvoll nach, da sie nächsten Tages zum Campo hinaufging, sich im Palaste der Regierung Urlaub zu erbitten zu der Reise. »Der Papst braucht sie,« sagten die Herren vom Krieg und vom Frieden, sagten die Bürger, die sonst so oft gemurrt hatten, wenn die Nonne auf irgend eine Sendung auszog, »der Papst selbst hat sie gerufen, von Rom aus, – so muß man sie wohl ziehen lassen.« Nur eine war, die sie nicht fortlassen wollte. Und das war Frau Lapa. Catarina hatte nie ihre Mutter sonderlich viel um ihren Rat noch um ihre Erlaubnis befragt. Die einfache Frau hatte sich darein gefunden, wie in so manches andere auch: Daß ihr die Tochter von ihren Absichten und Plänen, von Gehen und Kommen nur sehr selten Rechenschaft gab, daß sie damals, es waren nun an drei Jahre her, von Florenz aus die Botschaft nach Avignon übernommen, ohne von der Mutter, die, wie immer, in Siena geblieben war, sich zu verabschieden, darüber hatte Frau Lapa nicht geklagt, hatte nie nur mit einem Worte es ausgesprochen, wie dieses Fortgehen sie geschmerzt. Es war alles ja zu der Tochter Ruhm gewesen. Da hatte sie es geschehen lassen müssen. Jetzt aber, die Reise in dieses Rom, das zur Hälfte nur dem italienischen Papst, zur andern Hälfte noch der Franzosenpartei gehörte, in die Mitte der Kämpfe und Wirren, unter die gleich zügellosen Kleriker und fremden Söldner und zu diesem Urban, der finster, hart und grausam sein sollte, – ihr mütterliches Herz empörte sich ihr bei dem Gedanken. Sie bat und weinte: »Du darfst es nicht, Du kannst es nicht, schwach wie Du bist, ohne Schlaf, zermürbt vom Beten und vom Grämen, Du überlebst es nicht, Catarina, Du kehrst nicht zurück, nie, nie werd' ich Dich wiedersehen.«

»Was liegt daran,« gab jene zur Antwort, mit den gleichen Worten, die sie zu Stefano gesprochen, »was liegt an mir! Könnt' ich nur helfen, den Frieden zu bringen, mit tausend Freuden gäbe ich mein Leben. Und ich darf nicht viel fragen, ich muß gehorchen; Seine Heiligkeit befiehlt es, und mir im Herzen befiehlt es mein Herr.«

»Ja,« murmelte Monna Lapa aufschluchzend. »Dein Herr, Dein Herr! Ich weiß, wer der ist, der Dir in Deinem Herzen gebietet, den Du Herr nennst und dem Du Dich beugst– Dein eigener Wille.«

Catarina neigte ihre Stirn vor dem Vorwurf. Sie sprach auch nicht ein Wörtlein dawider. Doch sie ließ Fra Bartolommeo zu sich rufen, ihren Beichtiger, der drüben im Kloster San Domenico wohnte. »Ist es alles wieder nur mein Eigenwille, mein Eigendünkel?« fragte sie.

Und der Gute bewies ihr klärlich, daß sie, nachdem ein Breve des Papstes sie zu kommen eingeladen, nichts anderes thun könne, als ihm folgen. »Willst Du denn«, fragte er, »unseren Orden im Stiche lassen? Wie Du es ihm anrietst in Deinen Briefen, entbietet Papst Urban von allen Seiten die Weisesten und Frömmsten sich zum Beistand. Franziskaner und Benediktiner, Cistercienser und Karthäuser haben ihm ihre Besten gesendet. Sollen die Fratres Dominicanes ohne Stimme sein in der Versammlung? Und Raimund von Capua, der neue Prior des Dominikanerklosters zu Rom, der weiß was dort not thut, wie es am Hofe, wie in der Stadt aussieht, der schreibt, Dein Wort könnte die Guten stärken – Du wirst doch Deinem alten Freunde und Beichtiger zur Hilfe kommen, wenn er Dein bedarf!«

Sie seufzte: »Wenn's nur nicht wieder Eitelkeit und Weltsucht wären, die ihren Vorteil und den meinen darin sehen, daß man mich hört! . . .«

»Ist es etwa Dein Vorteil, daß Du, krank wie Du jetzt bist, reisest? Dein Vorteil, daß Du nicht hier von Siena aus, durch deine Briefe die Herzen Dir wirbst? Was blüht Dir Gutes aus der Romfahrt, was anderes als Not und Kummer und Anstrengung? Und wenn Du doch das Verlangen danach im Herzen spürest, wer legte Dir dies Verlangen ins Herze? Dein Herr, Dein Gott. Seit wann beginnst Du an seiner vernehmlichen Stimme zu zweifeln?«

»Wenn ich nur immer so sicher wäre, so sicher wie früher«, flüsterte sie. »Aber Du hast recht – Raimund fordert es und der Orden und der Papst. Es wäre feige, nicht zu gehorchen.«

Anderen Tages schon machte sie sich auf zu der Reise. Monna Lapa blieb in Thränen auf der Schwelle. Catarina zog mit den Ihren die Gasse hinabwärts, hin zu dem Thor von Fontebranda, aus dem sie als Kind einst sich in die Wüste flüchten gewollt. Und die Nachbarn und Jugendgespielen in der Straße dell'Oca sahen, vor ihren Thüren stehend, dem Zuge nach. Und sie schüttelten ihre Köpfe: »Sie kommt nie wieder,« sagten sie, wie es Monna Lapa gesagt.



XIV.

Als Catarina damals, vor drei Jahren, zu Papst Gregor nach Avignon gegangen war, das war im Frühsommer gewesen, im Sonnenschein. An allen Wegen hatte es von Blumen geduftet, die frischgrünen Bäume hatten wohlthuend Schatten gespendet, durch die holden Provencerthale waren Tanzweisen und Lieder erklungen und in dem reichen Avignon in seinem Marmorpalaste hatte der Papst sie inmitten seines stolzen Hofes gnädig, ritterlich begrüßt. Jetzt war's im November. Regen und Herbststurm fuhren auf die Pilger nieder, durchtränkten der Mantellate Gewänder, rissen ihnen die Hüllen vom Haupte; auf den schlecht gehaltenen, von Heereszügen verdorbenen Straßen konnten die müden Füße nicht vorwärts. Wo sie an ein Kloster zur Herberge kamen, fanden sie das Brot kaum sich zu nähren, wo sie eine Stadt zu betreten hatten, mußten sie vorher ängstlich erkunden, ob die da drinnen zu der italienischen Partei oder zu den Franzosen hielten und der Thorwart fragte sie argwöhnisch aus, woher und wohin. Und als sie endlich an ihrem Ziele angelangt waren, in diesem Rom, das ihnen allen als Haupt und Mutter der Christenheit verehrungswürdig war und heilig, da fanden sie es wüst, verödet. Dicht vor den Thoren herrschten die Feinde; ja im Norden der Stadt selbst, am Tiber, hatten die brettonischen Söldner des Gegenpapstes das Grabdenkmal Hadrians besetzt, das in diesen bösen Zeiten lange schon als Festung diente. Ihre Pfeile und Wurfgeschosse drangen bis weit in die menschenleeren Gassen hinein und verwehrten dem Papst Urban den Weg nach St. Peter.

Im Bezirk Colonna hatte Raimund für Catarina und die Ihren eine ärmliche Wohnung bereitet. Er selbst war jetzt Prior von Santa Maria sopra Minerva, die über den Resten eines Weisheitstempels sich erhob. Und um wenig nur weiter stand noch das einstige Pantheon, das der Maria und allen Märtyrern jetzo geweiht war. Als Catarina zu dem Papste ging, kam sie an dem Rundbau vorüber. Und sie meinte, die Knochen der Märtyrer, derer, die um ihres Glaubens willen ihr Blut vergossen, die seien das Beste, das einzig Lebende in diesem weiten, toten Rom. Raimund geleitete sie zu dem Papst, der in dem verlassenen Stadtteil jenseits des Tiber bei einer alten Marienkirche unfürstlich hauste. Sie sollte vor ihm und vor dem Konsistorium wiederholen, was sie in Briefen so oft ausgesprochen. Und sie redete wie immer, mit ihrer Leidenschaft, mit all dem Feuer, die ihr aus Herzenstiefen kamen. Aber Papst Urban – sie hatte ihn vordem in Avignon schon gekannt und fand ihn unverändert wieder – blieb dabei ruhig, strengblickend, finster auf seinem Thronsitz. Sie stand vor ihm, ein armes Glied ihres Predigerordens. Daß sie ein Weib sei, jung, zart und heilig, das spiegelte sich nicht in seinen Augen, wie es in denen Gregors, des Franzosen, bewundernd aufgeleuchtet hatte. Und sie, obzwar sie heilig war, sie war einmal ein Weib. Während sie ihn zum Frieden ermahnte, zur Weisheit, zur Geduld, empfand sie deutlich den Unterschied. Nebengedanken nicht zu denken, vermochte sie nie, obwohl sie es sich zur Sünde anrechnete, daß ihr solche kommen konnten. Da sie den Papst und die Kardinäle zur Reue aufrief, zur Einkehr in ihre eigene Brust, klang ihre Stimme zerknirscht und flehend, ihre Worte drangen beweglich warm in die Herzen, denn sie mahnte zugleich auch sich und zieh sich selber ihrer Schuld. Und da sie geendet und die alten, hochstehenden Herren tief erschüttert Thränen vergossen, streckte Papst Urban – er hatte ihr Toskanisch verstanden, das jener Gregor damals nicht kannte – von seinem Throne gnädig die Hand zu ihr aus, um sie zu segnen, und winkte dann Raimund heran zu sich:

»Wahrlich, Euer Orden zieht gute Redner, ich kann Euch nur loben, daß Ihr aus einem einfachen Mädchen so viel gemacht habt.«

»Ich bin hergekommen, um Euch beizustehen, allerheiligster Vater, und um Euch zu raten«, sagte sie.

Papst Urban runzelte seine Stirne: »Wir werden uns selbst schon zu raten wissen, was gut und was recht ist, ohne darum Dich zu befragen.«

»Aber Euch beistehen könnte sie doch, Euch Anhänger werben. Wie wär's, wenn sie nach Neapel ginge«, fragte einer von den Herren, »Frau Johanna, die Königin, vermittelst ihrer Rednergabe Eurer Heiligkeit günstig zu stimmen?«

»Was Ihr befehlt, will ich vollbringen«, sprach Catarina und kreuzte ihre bleichen Hände vor ihrer Brust, »ich bin zu allem bereit.«

Aber Raimund sprach dagegen: »Sendet die Jungfrau nicht nach Neapel! Seht, wie sie weiß und blutlos und krank ist. Sie that die Reise hierher nach Rom auf den Ruf Seiner Heiligkeit, that mehr damit, als ihre Kräfte vermögen. Zieht sie noch weiter, so gilt es ihr Leben!«

»Was soll denn mein armes Leben anderes als der Kirche dienen«, rief Catarina. »In ihrem Dienst mein Blut hinzugeben, das dünkte mich süß.«

»Und«, sagte ein anderer von den Kardinälen, »Ihr kennt den Hof von Neapel, Ihr kennt Frau Johanna selbst, die ihren vierten Mann genommen. Dürfen wir die Reine, Keusche, wie ihr Name Catarina sie nennt, in jenen Pfuhl der Sünde senden, daß der Schmutz übler Nachrede ihr die Weiße ihres Hermelingewandes beflecke?« – –

»Befiehl, Herr Christ auf Erden, befiehl mir«, rief sie immer wieder, »der Herr Christ im Himmel, mein Heiland, mein Verlobter, er wird mich beschützen.« Die Herren sahen einander an, schienen schwankend. »Laßt mich gehen, Ihr Herren, ich fürchte nichts. Je schwerer die Sendung, je lieber ist mir's.«

»Nein,« sagte der Papst, ohne auf ihr Flehen zu achten, »Bruder Raimund hat recht, Du könntest dran sterben. Und das wär uns ein schlechter Dienst. Dein Tod würde uns alsdann zur Last gelegt werden. Du mußt hier bleiben, daß man nicht noch mehr Grund hat, uns zu verleumden.«

Catarina streckte ihre gefalteten Hände ihm wortlos entgegen.

»Du bleibst,« wiederholte er kurz, »wir befehlen Dir, daß Du hier bleibst, und daß Du Dich still hältst.« – So mußte sie denn thatenlos in ihrer römischen Klause sitzen und durfte nichts thun, um ihrem Lande in seinen Nöten Hilfe zu schaffen.

Aber der Eindruck, den ihre Reise zu Urban, ihr Vertrauen auf diesen Urban überall hervorgerufen, der wirkte und der warb ihm Freunde. Seine Landsleute begannen dem Beispiel des Mädchens von Siena zu folgen, ihm als dem Ihren sich zuzuwenden. Zum ersten Male auf dem Boden Italiens stand den Deutschen, Engländern, Limousinern, Gascognern, Brettonen, die von dem Franzosenpapste Clemens Handgeld genommen, auf Seiten des italienischen Papstes eine Söldnerbande gegenüber, die nur aus Italienern bestand. Und Catarina, so sehr sie den Frieden gewünscht und gepredigt, betete Tag für Tag jetzt mit ihren Genossen um den Sieg dieser Sankt Georgskämpen. Ihr Beten half; die fremden Scharen, die zum Entsatze der Engelsburg gegen Rom marschierten, wurden im Angesichte der Stadt, dort jenseits der weitgedehnten Campagna, da sie von den Albanerbergen herabsteigen wollten, zu Marino, von Alberico, Grafen von Barbiano, dem Führer der Italiener geschlagen. Die Engelsburg ward übergeben und der Weg nach St. Peter war frei.

Ein Apriltag war es, die Sonne leuchtete und die Stadt schien aufzuleben. Und alle, die sich dieses Sieges ihrer heimischen Waffen freuten, dankten Catarina dafür; »Du hast es uns erfleht und erbeten,« sagten sie. »Du stehst dem Himmel näher als andere sterbliche Menschen, Du erreichst von Deinem Verlobten, was Du bittest, so bitten und beten wir denn zu Dir, unserer Heiligen!« –

Sie hörte die an, die so zu ihr sprachen, demütig, die Augen gesenkt. Und nach einer Weile des Schweigens gingen ihre inbrünstigen Blicke zu dem alten Kruzifixe, das auch hier an der Wand ihrer Zelle hing. »Es ist wahr, endlich einmal wieder wahr, daß Du auf meine Stimme achtest und mir gewährst, um was ich flehe, Herr, mein Herr, ich danke Dir!«

Es war, als sei mit diesem Siege etwas von ihrer einstigen Kraft ihr zurückgekehrt. Jung und stark richtete sie sich in die Höhe, die Schmerzen, die den ganzen Winter über ihre Eingeweide ihr krampfhaft gepeinigt hatten, daß sie sich krümmen und winden mußte, schienen von ihr gewichen. Sie rüstete sich, zum Papste zu gehen. Raimund war nicht da, Alessia folgte ihr zaghaft. Denn Papst Urban sah es nicht gern, wenn man mit Ratschlägen und mit Wünschen oft zu ihm kam. »Er wird Dich wieder rauh anlassen«, murmelte die bange Genossin. »Schreib' ihm lieber. Deine Briefe muß er wohl lesen.«

Aber Catarina hob ihren schlanken Kopf unter dem schwarzen Mantel höher: »Heut wird er mich hören«, sagte sie. Und aus ihren Augen leuchtete das alte Feuer, vor dem alle Menschen sich beugten.

Sie gingen quer durch die Stadt, vorbei an Trümmern, neuen und alten. Bevor sie zur Tiberbrücke kamen, blickte im Vorbeigehen Catarina zu dem Hause hin, darinnen dem Volksgerede nach vor Jahren, als Knabe, Nicola Rienzi, der Tribun, gewohnt haben sollte. Es war von außen mit Marmorbruchstücken altrömischer Bauten ganz bedeckt. Und um wenig Schritte weiter, noch näher der Brücke, stand unversehrt in seiner Schönheit ein Tempelchen, das runde Dach von einer Reihe zierlich schlanker Säulen getragen. »Wie ist es möglich«, sagte sie im Weitergehen, »wie ist es nur denkbar, daß jener Cola an seinem Hause das Heidentum litt und hier so nahe vor seinen Augen; ja daß er sogar in seinem Handeln es nachahmen wollte. Wie kann nur jemand, der heute lebt und Besseres lernte, an den Sitten der Götzenanbeter, an ihren Werken, ihren Büchern sich noch erbauen, anstatt an seinen Heiland zu denken und zu ihm zu streben?«

»Es sind nicht alle Catarinen«, meinte Alessia.

»Können Menschen anders denken, anders fühlen als ich?«

»Du siehst es doch, wer ist Dir ähnlich, wer so gläubig, so fromm, wie Du bist? und wer ist so bereit, sich selbst und sein Leben aufzuopfern für das, was er glaubt?«

»Ja«, sagte Catarina seufzend, »es muß wohl so sein, daß andere anderes empfinden. Ich fasse es nie, ich kann mir's nie denken. Das ist mein Fehler und ist meine Schwäche: Immer wieder meine ich, die, mit denen ich rede, mit denen ich lebe, sie wären wie ich. Und wenn ich dann merken muß, daß sie's nicht sind, so trifft mich das wie Schlag und Kränkung.«

»Gieb Acht«, sagte Alessia, »der Papst Urban, den Du beschützest, der durch Dich Papstherrscher bleibt und heute siegte, er ist so ein anderer, denkt nicht wie Du. Er fühlt nicht Dankbarkeit, sondern Ärger, fast Beschämung, weil er Dir so viel danken müßte. Statt sich gut von Dir raten zu lassen, thäte er lieber noch das Böse, von dem Du ihm gerade abrätst.«

»Ich weiß«, seufzte Catarina, »ich weiß es. Ein Papst, Vertreter des Herrn im Himmel und ist so, so . . .«

»Und ist ein Mensch«, rief rasch Alessia. »Vergiß es doch nicht, daß Du eine Heilige bist! Also, willst Du etwas von ihm erreichen, so rate ihm nicht, daß er es thue, befiehl es ihm auch nicht, er würde nimmer Dir gehorchen. Sondern bitte, laß es als Gnade, als ein Geschenk für Dich erscheinen, als Deine Laune – vielleicht thut er's dann.«

»Du bist klug!«

»Und Du solltest es auch sein; eine Menschenkennerin, wie Du es bist, sollte der Menschen Schwächen begreifen, sie, wo es nötig thut, benützen zu ihrem Besten.«

»Ich will's versuchen«, sagte traurig Catarina, »ich werde mich bessern, zum Klugsein mich zwingen.« Und da sie hinüber, zu Santa Maria in Trastevere kamen, wo der Papst wohnte, ließ sie durch seinen Kämmerer ihm sagen, sie habe heute, am Siegestage, von ihm eine Gnade für sich zu erbitten. Man gestattete ihr einzutreten, Alessia blieb draußen und wartete. Als sie wieder herauskam, sah sie noch trauriger aus als vorher.

»Er schlug es Dir ab, was Du von ihm wolltest?« fragte die Getreue beim Heimweg.

»Nein, er hat es mir versprochen.«

»Was grämt Dich also?«

»Ich that, wie Du sagtest, ich erbat um meinetwillen, um mein Gelübde zu erfüllen, daß er thun solle, was ihm, dem Papst, als Pflicht und als Ehre erscheinen müßte. Und er willigte ein, um mich zu erfreuen, mir, ja mir einen Dienst zu leisten. – Ach meine Alessia, wie es weh thut, wenn man einen Menschen zu seinem Besten betrügen muß, auf Umwegen hinterlistig erschleichen, was grade und einfach wäre zu sagen, ja, was er selber, dächte er nur einfach und grade, von selbst wünschen müßte . . . wie das weh thut, dieses Klugsein, und wie es schlecht ist, und wie ich's bereue und büßen möchte, und wie es mir das Leben verhaßt macht, daß man so lügen muß und so trügen – Du ahnst es ja nicht!« –

Am nächsten Morgen im hellsten Aprilschein der römischen Sonne ist Papst Urban der Sechste von seinem Sitz in Trastevere aus die lange Straße hin zu der neu eroberten halbzerstörten Feste, der Engelsburg hinausgezogen. Und von dem Kastell, das ehedem ein altes Kaisergrabmal gewesen, pilgerte er durch den ganzen Borgo zur Peterskirche, zum Vatikan. Und alle Glocken gingen und klangen in allen Kirchen von ganz Rom und die Kleriker im Zuge sangen Danklieder und die Chorknaben schwenkten die Weihrauchkessel, die mitgetragenen Heiligenbilder, Standarten und Fahnen flatterten, leuchteten in den Lüften. Das Volk stand wartend auf allen Straßen. Sobald sie von weitem den Papst nahen sahen, riefen sie jubelnd ihm Heil entgegen. Aber wo er dann vorbeikam, hörte das Lachen auf und das Jubeln, in tiefster Ehrfurcht, in Scheu und Ergriffenheit und Andacht warfen sie sich auf die Kniee, flehten sie um seinen Segen, priesen sie ihn hoch und heilig. Denn der Papst Urban, der Sechste, er ward nicht auf dem Sänftenthrone hoch über allen Häuptern von seinen Trabanten und Fächerschwingern einhergetragen; nein, mit den anderen schritt er auf gemeiner Erde, auf gewöhnlichen Sandalen, demütig und menschlich niedrig. Und hatten die Römer einen feierlichen Triumph und Siegesdankzug seit Cola di Rienzis Zeiten nicht mehr gesehen, einen Papst, der zu Fuß durch Rom zog, hatten alle, die jetzt lebten, hatten seit wohl sechshundert Jahren die Mauern und Trümmer Roms nicht erblickt und sollten sie auch nie wieder erblicken. Wo das Volk kniete, pries es ihn, rief jubelnd ihm Heil, gerührt durch die Erniedrigung des höchsten der Fürsten. Aber wenn sie dann im Zuge weit hinter ihm Catarina sahen, so wiesen Männer und Frauen auf sie: »Die hat's ihm geraten, die hat's ihm geboten, ihr dankt er den Sieg, und dankt ihr das auch, daß wir ihm heute alle danken.« So sprachen die Leute. Und Alessia wußte nun, welche Gnade Catarina sich gestern von Urban erbeten hatte.

Der Papst schritt auf seinen des Gehens ungewohnten Sohlen nur langsam dahin, und hielt sich sehr gerade und schaute oft um sich, ob alle ihn sähen, ob alle erstaunten über seine fromme Demut. Catarina hatte die Augen zum Himmel erhoben, ihre weißen Finger drehten den Rosenkranz, ihre blassen Lippen sprachen Gebete. Daß sie ging und wie sie ging, und wer's sah, wie sie ging, von dem allem wußte sie nichts.

Als sie nach St. Peter kamen, rief Papst Urban den Grafen Alberico, den Sieger, zu sich heran, ihn hier im Angesichte des Altars zum Ritter zu schlagen. Dazu verlieh er der Kompagnie von Sankt Georg eine Fahne, auf der stand in güldenen Lettern zu lesen: Italia von den Barbaren befreit. – Die Mantellate vom Orden Sancti Dominici hatten über Nacht, genau nach ihrer Mutter Vorschrift, die Buchstaben schön aufgezeichnet und mit Gold gestickt.

Wieder hoffte Catarina, daß der Frieden nun kommen möchte. Der Gegenpapst Clemens war zu der Königin Johanna entflohen. Die Neapolitaner, die endlich auch für ihren Landsmann gewonnen waren, verjagten ihn. Er mußte weiter flüchten, nach Frankreich, nach Avignon. Weil sie jenen beherbergt hatte, wandte sich Papst Urbans Haß gegen seine einstige Landesmutter, er entsetzte sie des Thrones, berief einen Neffen des Königs von Ungarn, daß er an ihrer Stelle herrsche. Und Papst Clemens verfolgte diesen und Urban und die für ihn waren. Und die Franzosen, die wiederum zu Clemens hielten, schickten Gelder, Anführer und Heere, ihn zu bekämpfen. Auf allen Seiten Haß und Zwietracht, Verrat und Not und Bürgerkrieg!

Das war's, was ihr Leben, ihr Beten, Predigen und Schreiben erreicht hatten!

Sie blieb in Rom. Von den Mantellate mußte jede Woche eine andere in den Straßen um Almosen betteln. Sie thaten das hier nicht nur wie sonst, die Gabe noch Ärmeren reichen zu können, sondern weil sie zur eigenen Notdurft und der ihrer Genossen dessen bedurften. Catarina aber ging früh jeden Morgen den weiten Weg bis hinüber nach Sankt Peter, dort am Grabmal des Apostels die Messe zu hören. So schwach sie war von Kummer und Schmerzen, daß es fast wie ein Wunder schien, wie sie überhaupt noch sich aufrecht hielt, sie wollte es nicht lassen. Und wenn die Ihren ihr Vorwürfe machten, weil sie sich nicht schonte, so sprach sie: »Ich lebe ja. Was wollt Ihr denn mehr, was kann's mir denn schaden, da mein Heiland nicht will, daß ich sterbe, vielmehr will, ich soll all den Jammer, all die Not und die Sündhaftigkeit seiner Kirche mit offenen Augen sehen und dulden!« Und es kam schlimmer noch. In Rom selbst, in diesem Rom, dem sie den Papst zurückgegeben, erhob sich ein Aufruhr. Das Volk wollte den Vatikan stürmen, wollte Urban erschlagen, weil es meinte, daß seine rauhe, finstere Strenge Schuld sei an allem. Die Söldner hielten dem Andrängen der Menge Stand, so lange sie konnten. Einige Geistliche waren indessen auf Seitenwegen nach Trastevere und weiter, bis in die Mitte der Stadt gerannt, um Mönche und Laien zum Schutze aufzubieten. Von den Dominikanern bei der Minerva kam die Kunde zu Catarina. Sie hatte die Nacht in Schmerzen gelegen, doch ließ sie sich von der Krankheit nicht halten. Sie raffte sich auf, und so rasch sie's vermochte, ging sie den wohlbekannten Weg über die Brücke hin nach Sankt Peter. Sie fand den Papst ratlos, inmitten der zitternden Kardinäle.

»Herr«, sagte sie, »Herr Christus auf Erden, ich empfehle Euch, daß Ihr die heilige Perle der Gerechtigkeit, gepaart mit reiner, mit erbarmend sanfter Milde weit leuchten lasset, als das schönste Juwel Eurer dreifachen Krone.«

»Das schriebst Du mir oft schon. Ich brauche Deines Rates nicht. Hilf Du mir lieber.«

Sie aber seufzte: »Helfen, helfen! wüßtet Ihr nur, und wüßten es alle, daß guter Rat vorher köstlicher ist und sicherer nützt als Hilfe, wo die Not schon kam.«

»Hilf mir nur rasch! Hörst Du es nicht, sie schreien draußen, sie toben, sie drängen. Binnen kürzester Frist haben sie das Thor erbrochen und stürmen hier herein und dann . . .«

»Ich sehe ihn, ich sehe ihn,« rief erschauernd Catarina, »er ist den anderen allen voran, er hebt sein Beil, er schwingt, er zückt es, gleich wird er treffen . . .« Sie war in ihre Knie gebrochen, sie breitete die Arme aus, wie um den Todesstreich zu erwarten . . . »Sie fiebert schon wieder,« flüsterte Alessia bange, »sie sieht jenen Mann, der beim Aufstand damals in Florenz sie bedroht hat und der ihr noch oft in wachen Träumen vor Augen steht.«

Aber Catarina hörte die Worte. Sie hob den Kopf und schüttelte gleichsam das Fieber von sich und trat vor den Papst hin: »Das Beil traf nicht, der Arm sank nieder, der Mörder entfloh. Nur weil ich ihm ruhig ins Auge gesehen, weil ich nicht gezittert hatte. Thut Ihr desgleichen, so ist Euch geholfen.« Sie bot Urban ihre Hand und führte ihn in den großen Saal zum Throne. Seine Wedelschwinger und Sänftenträger mit ihren Standarten hieß sie zu beiden Seiten stehen, die Kardinäle, die hohen Prälaten, im Kreis umher und dahinter Mönche und Frauen. Und dann befahl sie die Pforten zu öffnen.

Als die wartende Menge, die auf dem Platz draußen laut getobt und gewütet hatte, in den weiten Goldsaal eindrang, als die Männer vom Volk den Papst auf seinem Thronsitz sahen, der seine Brust ihren Pfeilen freigab, und ringsumher die feierlichen Kirchenfürsten, die singenden Nonnen – da geschah es, wie Catarina vorausgesagt hatte. Das Volk war besiegt. Und der Papst sprach. Und alle bewunderten seine Weisheit, seinen Mut und riefen seinen Worten Beifall, gelobten Gehorsam, Besserung, Reue.

Aber dann sprach Catarina. Da riefen sie nicht und gelobten nichts laut und wollten nur hören. Ihre Stimme klang so leise, ihre Lippen waren so blaß, ihre schlanke Gestalt schien von der Anstrengung zu schwanken, als wie ein junges Rohr im Winde. Aber sie sprach und hielt sich aufrecht und lächelte gar. Die Männer vom Volke, Jünglinge wie Greise, sie schluchzten alle, die Mönche und die Würdenträger, die Kirchenfürsten und der Papst selbst, es blieb keiner trockenen Auges. Da sie geendet hatte, schwiegen sie rings im Saal.

Und Stille lag und tiefste Rührung, und wie ein Abglanz ihres Geistes über allen, so sie gehört. –



XV.

»Das war das Letzte«, sagte Catarina, da sie an jenem Abend heimging, zu ihren Genossen und Genossinnen.

»Du hast gesiegt, Du hast gewonnen, den Papst auf seinem Thron befestigt, Rom Frieden gebracht, der Herr ist stets mit Dir – so freu' Dich doch dessen.«

Sie schüttelte den Kopf: »Und morgen?« fragte sie. »Was geschieht morgen? Wird wieder Aufruhr hier in der Stadt sein? Oder neuer Krieg mit Frankreich? Und wird Urban, der eben so mild schien, morgen früh seine heutigen Gegner köpfen lassen? Wenn überhaupt bis morgen früh der Einfluß meiner Worte dauert, denen der Herr stets für eine Minute, aber nicht länger Macht verleiht über Menschenherzen.«

»Du lästerst«, riefen Alessia und Cecca, ihre Getreuen. Sie seufzte nur, sie konnte nicht sprechen.

Als sie in ihre Zelle kam, packte das Fieber sie wieder stärker. Sie verlangte zu beichten. Bruder Raimund war als Gesandter nach Frankreich unterwegs. Bartolommeo di Domenico hörte sie an und gab ihr die Absolution wie immer und reichte ihr das Abendmahl. Aber als er von ihr herauskam, weinte er bitterlich. Die Schwestern wachten bei ihr. Sie lag bewußtlos. Inmitten der Nacht urplötzlich richtete sie sich in die Höhe: »Stefano!« rief sie, »Stefano Maconi, Sohn Currados!« – Und sank wieder hin auf ihr hartes Lager und rang mit ihrem versagenden Atem.

Gegen Morgen schienen die Schmerzen nachzulassen. Sie fieberte noch. Aber sie verlangte trotzdem, aufzustehen und nach Sankt Peter zur Messe zu gehen. Als man ihr vorhielt, das sei ein Unrecht, das sei unmöglich, lächelte sie unsagbar traurig: »Unmöglich ist nichts auf dieser Erde, nicht was dem Herrn lieb ist, noch was ihm feindlich. Und Unrecht kann nicht sein, was er zugiebt. Außerdem gehe ich ja gerade zur Messe, um Unrecht zu büßen und abzubitten.« Sie ließ sich nicht abhalten, sie ging.

Und als sie zurückkam – zwei Schwestern und ein Laienbruder waren auf dem ganzen Wege heimlich hinter ihr dreingeschlichen, die geliebte Mutter zu stützen, falls sie zusammenbrechen sollte, – als sie wiederkam, totmüde, kaum im stande, eine Silbe vernehmbar zu sprechen, grauweiß von Gesichte, wie der Stoff ihres Ordenskleides, da befahl sie, daß man einen Boten nach Siena sende, ihre Mutter herzuholen, dieweil es nun mit ihr zu Ende ginge. Ob sie sonst jemanden zu sehen begehre von ihren Brüdern oder Verwandten? fragte man sie.

Sie schüttelte den Kopf: »Wozu? was ich ihnen zu sagen hatte, das sagte ich oft. Ob sie es nun befolgen wollen oder nicht – es steht bei ihnen. Nur Einen, Einen möchte ich wohl sprechen, Fra Tommaso della Fonte, meinen ersten Beichtiger. Dürfte ich an den auch meine letzten Geständnisse richten . . . Aber nein, es würde ihn schmerzen, 's ist besser nicht. –«

Hinaus bis nach Sankt Peter vermochte sie nun nicht mehr sich zu schleppen. Wieder lag sie oft lange Stunden bewußtlos da. Und raffte dann sich auf, wenngleich fiebernd, glühend vor Eifer, in dem Bestreben, noch zu nützen, so lange sie konnte, befahl sie den Ihren aufzuschreiben, was sie sprach. Noch einmal ließ sie Briefe hinausgehen an die Königin Johanna, an die Könige von Frankreich und Ungarn; auch an Papst Urban, ihn zu ermahnen, an Raimund, Stefano und andere, um Abschied zunehmen. »Raimund wird General unseres Ordens«, sagte sie zu der treuen Alessia, »er taugt dazu. Und Du wirst Mutter der Mantellate an meiner statt. Du bist klüger als ich und gewiegter und welterfahrener. Du wirst sie besser und ruhiger führen.«

»Älter bin ich«, schluchzte Alessia, »klüger gewißlich nicht. Und gar besser! wer kann denn besser sein als Du. Catarina, meine Freundin, meine süße Schwester und Mutter! Du bist so jung noch, gar so jung, Du darfst mir nicht sterben, wolle nur und Du kannst wieder leben.«

Die Kranke faltete ihre Hände vor der Brust: »Ich habe keinen Willen mehr. Ich will nur gehorchen. Und wer sagt Dir denn, daß ich jung bin? Ich habe mehr gelitten, gesündigt und gebüßt als andere, die reifer an Jahren. Der Herr Christus, den ich vermessen von Kindheit auf meinen Verlobten nannte, er fand mit dreißig schon sein Ende. Ich lebte um drei Jahre länger, bin um drei älter. Es sind der bitteren Jahre zu viele. Und sind nun genug.«

Und wieder verfiel sie in bewußtlos starren Krampf. Und wieder wachte sie auf und suchte im Fieber nach ihrem Körper, der so litt, der arme, der schwere. Sie meinte, ihre reine Seele schwänge sich auf zum Quell des Lichtes, er aber blieb unten in seinen Schmerzen. Ihr Ich schien ihr doppelt, eines, das sieghaft auf das andere, gequälte hinabsah. Und sie freute sich der Qualen, der süßen Schmerzen, wie sie oft sagte, die sie ein Martyrium dünkten, heiligend gleichwie Kerker und Holzstoß und viel härter zu ertragen als Feuer- oder Wassertod. –

Mitten in solchen Phantasien trat eines Tages ihr Beichtiger Bartolommeo Dominici zu ihr, bevor er sich nach Bologna begab zur Versammlung des Ordenskapitels, zur Neuwahl des Ordensgenerals. Und er sagte ihr, daß noch einer, auf derselben Reise begriffen, nach Rom gekommen sei, von dem Papste und auch von ihr sich seine Instruktionen zu holen: Fra Tommaso della Fonte.

Sie richtete sich von ihrer harten, sargartig schmalen Lagerstätte auf bei dem Namen: »Es ist doch wahr. Der Herr im Himmel hat mich lieb, er schickt ihn mir!« Als jener dann kam, verlangte sie, daß alle anderen hinausgehen sollten. Einen der Brüder ihres Ordens, der ihr im Rücken von einem Vorhang ganz verborgen gesessen hatte, beschäftigt, jedes ihrer Worte gleich niederzuschreiben, bemerkte sie doch und schickte ihn fort. Sie litt auch nicht, daß Bartolommeo zugegen bliebe. Sie wolle beichten, ihrer Sünden ganze Last dem Freunde bekennen.

So trat denn Tommaso zu ihr.

Sie hatten sich lange nicht gesehen. Er hatte seiner Jugend Stürme überwunden, im Dienst seines Ordens gehorsam und emsig, war er ein ernster Gelehrter geworden, ein kräftiger Mann in den besten Jahren, von ruhigem, sicher gefestetem Wesen. Dagegen sie . . Da er sie erblickte, wie sie geisterhaft bleich sich aus der schmalen Sargbettlade mühsam zu ihm aufhob, im Gesichte die Augen nur lebend, die glühenden, fieberhaft schmerzvollen Augen, über den Knochen die Haut wie faltig, welk, vergilbt, und war doch um zwölf Jahre jünger und war das Kind, das er gekannt, das halbwüchsige Mägdelein, dasselbe, das er einst so sehr geliebt . . . Tommaso wandte sich wortlos von ihr.

Es that ihr weh und wohl zugleich, ihn so tief ergriffen zu sehen. »Ich hatte Dir ja beichten wollen«, sagte sie nach einer Weile.

»Ich weiß«, rief er und kehrte sein Gesicht wieder zu ihr, »ich weiß, es ist wie immer. Du willst Dich anklagen und martern mit Sünden, so Du nie begangen; daß Du von Deinem geringen Gute nicht noch viel mehr den Armen gegeben, daß Du der Welt den Frieden nicht brachtest, daß Du Deinen armen Leib nicht noch mehr kasteiet, Dir das Herz mit Sorgen um das Gemeinwohl, mit Kummer und Reue nicht noch mehr zerfleischt hast.«

»Nein«, sagte sie, »denk' nicht, Du wüßtest es. Diese Sünde habe ich noch keinem gebeichtet, die sucht bei mir keiner, denn wenn man das von mir nur ahnte . . .« »Was ist es denn?« fragte er, sich zu ihr beugend.

Sie stützte ihre fleischlose Hand auf den Rand der Bettstatt, das Haupt zu ihm in die Höhe hebend. Ihre Augen gingen noch einmal durch den Raum und in alle Ecken, zu sehen, ob sicher niemand nahe sei.

»Es ist in der Beichte und Du wirst schweigen?« fragte sie Tommaso.

»Immer«, sprach er.

Ihre Brust hob sich keuchend. Ihr fieberheißer Atem streifte sein Gesicht. »Weißt Du noch«, flüsterte sie, »damals, als Du zuerst kamst, als ich noch klein war, da graute es Dir vor dem Kloster. Ich aber wünschte mir nichts Besseres als beten, immer beten zu dürfen, früh und spät und Nacht und Tag . . .«

»Und jetzt?« fragte er.

»Jetzt . . .! Hat es denn genützt, mein Beten? Ich brachte den Papst hierher nach Rom. Hat das genützt? – Ich predigte Frieden aller Orten. Hat das genützt? Haben sie deshalb Frieden gehalten? Giebt es zwei Menschen nur, die sich vertrugen, länger als zwei Tage vertrugen, weil ich's ihnen riet? Und wenn das nicht half und wenn es nicht nützte, wozu denn die Andacht, wozu all das Beten? Und wenn es nicht nützte – sag, wer riet mir denn, so zu handeln? Meines eigenen Herzens Stimme – oder . . . ? . . . Oder der Stolz der Dominikaner, die für ihre Zwecke und für ihren Orden eine Heilige haben wollten, wie die Bettelmönche den von Assisi den ihren nennen. Und waren es so irdische Zwecke, so kamen die Wünsche, die Gedanken wohl gar nicht von Gott, so war es nicht mein Verlobter am Kreuze, der sie mir eingab. Und wenn er es nicht war, wer schickte sie mir denn, wer? Wenn er's nicht war, wie konnte er, zu dem ich täglich, stündlich flehte, wie konnte er denn einem anderen, seinem Feind und dem aller Menschen, solche Gewalt über mich verleihen? Oder ist seine Macht so viel schwächer, als die jenes anderen? Hat er wohl keine, gar keine Macht, und . . .« Sie hatte immer leiser gesprochen, war ihm dabei immer näher gekommen, ihre Stimme, ihr keuchender Atem, ihre Augen – es war, als wollten sie in ihn eindringen mit ihren Fragen bis in sein Herz. »Und«, fragte sie fast lautlos und schaudernd, »ist er überhaupt oder ist er gar nicht? – Ist es alles ein Nichts?«

Tommaso kniete an ihrem Lager. Er stützte sie in seinen Armen, er bettete ihr kraftloses Haupt an seiner Schulter. »Meine Schwester«, flüsterte er so leise wie sie gesprochen hatte, daß seine Stimme nicht um eines Haares Breite über ihr Ohr hinausklingen konnte, »meine arme, arme Schwester, ich weiß es nicht. Mir haben die Zweifel, Du fühltest es damals, meine Jugendjahre vergällt. Dir, dachte ich, sollten sie niemals kommen. Und sie kommen Dir doch. Meine Schwester, ich kann Dir's nicht künden, ob es ein Gott war, der Gott unserer Kirche oder ein anderer oder keiner, der Dir diese Zweifel ins Herz gelegt hat. Aber er darf Dir nicht zürnen deshalb, sie kommen ohne Deinen eigenen Willen. Im Jenseits erst wirst Du es erfahren, vielleicht auch dort nicht, – vielleicht giebt es gar keins, – was Gott oder die Natur damit wollte. Aber wie immer es sein mag, was wahr ist oder was nicht, ob Du drüben in klingendem, singendem Engelchore lobpreisen wirst, oder bewußtlos, tot in der grauen Erde fortschläfst, – das eine bleibt bestehen: das Gute. Die Liebe zu dem Schönsten und Besten, die Menschenliebe, die Du lebtest, sie bleibt und ist! Und um ihretwillen, Schwester, meine Schwester, in ihrem Namen: Du hast das Beste gethan, was Du konntest, was Du wußtest, darum darf Dein Gewissen auch rein sein: Absolvo te. Ich spreche Dich los, Dir werde verziehen, wie ich hier Dir Deine Zweifel verzeihe. Fahr hin denn in Frieden und sei Du gesegnet. –«

Da Fra Tommaso von ihr hinausging, waren ihm die Augen vom Weinen gerötet. Sie aber lag mit über der Brust gekreuzten Händen in wunschlosem Frieden, als wäre alle Erdenpein schon von ihr gewichen. –

Ein paar Tage später kam ihre Mutter von Siena an. Sie hatten alle gemeint, die Tochter könne ihr Kommen nicht mehr erleben. Aber Catarina erkannte sie und zog sie an sich. »Ach, das ist gut!« Und sie schmiegte sich in Frau Lapas Arme. »Meine Mutter« – sie küßte die abgearbeiteten harten Hände der alten Frau so zärtlich, wie sie's wohl nie im Leben vordem gethan, – »arme Mutter! Sag', kannst Du denn Deiner Rinetta verzeihen, die so selbstwillig von Dir fortging? Kannst Du sie denn auch noch lieben, ein wenig, ein klein wenig nur?«

Monna Lapa bedeckte die Sterbende mit ihren Küssen und mit ihren Thränen.

Doch an der anderen Seite der Bettstatt lag auf seinen Knieen der Begleiter, mit dem jene nach Rom gereist war. Catarina kannte auch ihn.

»Stefano«, sagte sie, »mein Knabe, weshalb kommst Du her?«

Er hatte zu Siena die Messe gelesen in der halbdunklen Taufkapelle unter dem Dom und plötzlich hatte er da ihre Stimme zu vernehmen gemeint: »Stefano Maconi, Sohn Cureado's!« hörte er sie deutlich rufen. Da hatte es ihn nicht länger gelitten, er mußte zu ihr. Und nun sagten Alessia und Cecca, daß in der Nacht zur selben Stunde, ganz genau um dieselbe Minute, Catarina in ihrem Fieber seinen Namen gerufen habe.

»Und nun weiß ich's«, flüsterte er, »daß es meines Herzens Liebe, meine Sehnsucht war, die es hörte, dort zu Siena, was Du in Rom riefst. Und ich weiß auch, ich kann nicht leben, mag nicht leben ohne Dich, Du wirst mich nachziehen. Catarina, die Du so rein bist und heilig wie Christus, heiliger als Sankt Franziskus, mit dem Du die Wundmale gemein hast, ich bitte Dich, ich flehe Dich an, kommst Du in den Himmel morgen, so bitte für mich dort, mach', daß ich Dir folgen darf.«

»Du Kind!« sagte sie.

Ob sie seine Reden und Klagen alle verstanden, das wußte er nicht. Sie lag, die Augen nach oben gerichtet, mit demselben verklärten Lächeln, wie schon seit Tagen. Und nun glitten ihre Finger, die er an seine Lippen gedrückt, über seinen Kopf zärtlich streichelnd, wie ehedem, da er noch Ritterlocken getragen.

»Stefano, Stefano mein, wie das Meer rauscht! es wiegt uns singend, brausend ein. Und die weißen Mönche . . . sie schweigen alle . . . Ich aber fühle, in meinem Herzen, was sie alle denken. Und Du bist ihrer einer. Und ich fühle auch alles, was Du denkst.«

»Sie redet irre,« rief voll Entsetzen die arme Mutter.

»Sie denkt an früher,« flüsterte Alessia, »an die Fahrt nach der Insel Gorgona, auf der Stefano mit uns war, dort bei den Karthäusermönchen.«

»Raimund wird unser General . . . Und Alessia wird Eure Mutter . . . Und Stefano Maconi, – wo bist Du? Ich sehe Dich nicht mehr! . . . Mein lieber Knabe, – gieb mir Deine Hand, Du sollst mir's geloben, daß Du zufrieden sein willst und still sein und schweigen, schweigen dort in der Sonne, im blauen Meer . . . . .«

»Ich gelobe, gelobe Dir alles!« rief er verzweifelt.

Sie hörte ihn nicht mehr. Sie hatte sich zu ihrer Mutter gewendet. »Küsse mich,« flüsterte sie, »Du lebst und Dein Kuß ist wirklich. Vielleicht küßt morgen mein süßer Verlobter mich droben in seinem goldenen Himmel. Vielleicht träumte ich von ihm nur. Ich liebte ihn so sehr! . . . Und alle Menschen um seinetwillen, wie schlecht sie oft schienen. Ich liebe ihn noch. Und liebe ihn doch. Auch wenn ich nie in den Himmel komme und wenn . . . auch dann . . .«

Sie streckte sich ein wenig, sie bettete ihre Wange, wie kleine Kinder thun, vertraulich gegen ihrer Mutter Brust und seufzte noch einmal und war verschieden. – . . .

Am 29. April des Jahres 1380 ist zu Rom die Dominikaner-Nonne Catarina gestorben, die im Jahre 1347 in der Stadt Siena geboren war. Ihre Leiche hat am Tage nach ihrem Tode der liebste ihrer Jünger, Stefano Maconi, auf seinen Armen, so federleicht war sie, von ihrer Wohnung im Stadtteil Colonna an der Märtyrerkirche, dem Pantheon vorüber nach Santa Maria sopra Minerva zu Grabe getragen. Da aber ihre Heimatstadt einen Anteil an dem für heilig gehaltenen Leibe zu haben begehrte, so hat Raimund von Capua, der inzwischen, wie Catarina geweissagt hatte, Ordensgeneral geworden, ihr Haupt den Sienesern überlassen. Und da das tote Haupt im Triumphe durch die Gassen von ganz Siena in die Dominikanerkirche geführt worden ist, da ist hinter der Reliquie ihres geliebten, viel beweinten, eigenmächtigen, heiligen Kindes Monna Lapa einhergegangen, die greise Mutter, und neben dieser gebeugt und schweigend Stefano, der Karthäusermönch.

Im Jahre 1461 hat ein Sohn von Siena, aus dem edlen Hause der Piccolomini, Aeneas Sylvius, als Papst Pius II. geheißen, die Catarina Benincasa heilig gesprochen. Das Färberhaus in der Straße dell'Oca ist zum Oratorium geworden. In S, Domenico, da wo sie als Kind gebetet, ward ihr eine Kapelle errichtet, ihr Kopf, in silberner Kapsel, ruht dort in dem Altar; die Wände schmücken die schönsten Fresken, die ihr Leben, Leiden und Wirken darstellen. Und in unseren eigenen Tagen, im Jahre 1866, erhob ein anderer Papst gleichen Namens, Pius IX., die Maid von Siena zur Schutzpatronin von Rom.

Es sind dies die äußeren historischen Daten. Wenn wir es versuchten, hier Catarinas Lebensgang uns auf unsere unkirchliche und moderne Weise darzustellen, dem nachzuspüren, wie sie vielleicht gedacht haben mag, wie ihr Geist und ihr reiches Empfinden in ihr geworden sind und gewachsen, so geschah das nicht deshalb, weil sie für eine Heilige gilt. Sondern es dünkte uns, mehr als all das, was Frauen heute wünschen und zu erreichen träumen, hatte sie vor fünfhundert Jahren schon erreicht: das Wissen, den Einfluß auf die Geschicke ihres Landes, die Thatkraft, die weise Staatsklugheit und das Ansehen unter den Männern. Sie war Volksfreundin, Schriftstellerin, Rednerin und Gesandtin. Sie nahm Teil an Ordensversammlungen und Konsistorien. Sie führte den Papst zurück in seine Hauptstadt, und in ihrem Geiste war es, daß er dem Anführer seiner italienischen Söldner das Banner gereicht, auf dem das Wort »Italien« stand.

Es giebt der heiligen und der frommen Frauen sehr viele. Aber von solchen, die im Kriege ihrem Vaterlande Rettung brachten, kennt die Weltgeschichte nur Judith, die Heldin von Galiläa, Jeanne d'Arc, die Anführerin der Franzosen. Und der Zeit nach zwischen diesen stehend, dem innern, geistigen Gehalt, dem Wollen und Wissen nach jene beiden weit überragend, – sie, die arme, ungelehrte, zarte Färberstochter von Siena, Catarina. –