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Adalbert Meinhardt (Marie Hirsch) – Frau Hellfrieds Winterpost

Briefroman

Adalbert Meinhardt, Frau Hellfrieds Winterpost, Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin, 1904


1.

      Doktor Christian Westphal an Frau

      Hellfried Gran.

29. 9. 1903.

Verehrte Frau und sehr liebe Patientin!

Wundert es Sie, daß ich der erste bin, der Ihnen schreibt? Ich bin es, der Sie fortgeschickt hat, so möchte ich denn gleich heute Ihnen einen Briefgruß senden. Als Sie vorhin – es ist kaum eine Stunde her – Ihre beiden Hände mit so leidenschaftlicher Bitte aus dem Coupéfenster heraus uns entgegen streckten, da galt Ihr Bitten vielleicht gar nicht mir, obwohl ich mit Ihren Verwandten und Freunden auf dem Perron stand. Schreibt mir! riefen Sie den Ihrigen zu. Wenn ich nun allein gehen muß, obwohl ich es nicht wollte, so laßt mich doch nicht vereinsamen, laßt mich auch in Montreux teilnehmen an eurem Leben, an Gutem, an Bösem, ich will nicht, nein, ich will nicht als Kranke behandelt werden und geschont, ich will wie bisher . . . Da ging der Zug fort. Sie bogen sich so weit zum Fenster heraus, wir standen und winkten Ihnen alle. Sie sahen es doch noch?

Als bei der Biegung des Schienenweges der letzte Wagen unsern Augen entschwunden war, wandte Ihr Bruder sich zu mir: Eigentlich, Doktor, hätten Sie ihr gar nicht gestatten dürfen, Briefe zu bekommen und zu lesen. Sie sollten doch wissen, daß in einer großen Familie immer irgend etwas vorkommt, Krankheit, eine Reise, Hochzeit, irgend etwas, worüber man sich aufregen kann, wenn man so sehr dazu geneigt ist.

Eigentlich, gab ich ihm zu, hätte ich es verbieten müssen. Aber bei so sensitiven Naturen, wie dieser seiner verehrten Frau Schwester, sei es unmöglich, alle Schädlichkeiten des Lebens ganz abzuwehren. Da könne man froh sein, nur einige vermieden zu haben. – Und Frau Mignonne, gütig für mich, wie sie es immer ist, meinte, ich hätte wohl nicht anders können, Sie wären sonst überhaupt nicht gegangen. Daß Sie versprochen hätten, nicht zu antworten, das wäre doch schon hart genug. Sie, Frau Mignonne, an Ihrer Stelle, gerade wenn sie krank wäre, sie würde sich, hörte sie nie von zu Hause, alle möglichen Schrecknisse ausmalen, sie ertrüge es nicht. – Ja, Du! Wir schicken Dich auch einmal in die Luftkur, damit Du uns nicht so nervös wirst wie Hellfried! rief ihr Mann. Er sprach davon, wie er im Gegenteil sich das wünsche und träume, einmal ganz frei zu sein, einmal ganz Mensch, der Sorgen ledig, ohne Weib, Kinder, Beruf und Pflichten. Und er hob seinen schönen Kopf hoch, als wäre er schon fern im blauen Wunschland. Zugleich aber bot er seiner Frau galant den Arm, sie aus der großen, hohen Halle des neuen Bahnhofs ins Freie zu führen.

Es ist eine Ähnlichkeit zwischen ihm und der Halle, die er hier gebaut hat. Bei beiden die Größe, dies ruhige, stolze Machtbewußtsein, das sich selber allein Gesetz ist, sich aufbaut nach seinem eigenen Bedürfnis.

Sie merken wohl, dieser poetische Vergleich kommt nicht von mir, sondern von Ihrer weißhaarigen Schriftstellerinfreundin. Er hinkt ein wenig wie alle solche Redebilder. Aber es ist doch was Wahres dran. Wie der große Meister da vor uns herschritt, den Kopf mit dem rotblonden, mächtigen Barte frei erhoben, so hünenhaft neben seiner zarten Frau, da empfand auch ich es, wie sehr seine Werke zu ihm gehören und er zu den Bauten, die er schafft.

Das Brautpaar ging eilig gleich mit den Eltern. Ich glaube, der Professor gönnt es uns nicht, seine Lili anzuschauen, will sie ganz allein für sich. Wir andren aber folgten gemächlich, Ihrer gedenkend, liebe Patientin. Ich will es Ihnen nicht genau wiedererzählen, was jeder sagte, es könnte Ihrer Bescheidenheit weh tun. Fräulein von der Hellen sprach von ihrer mit Ihnen gemeinsam verlebten Jugend. Mein Herr Kollege erzählte die Geschichte, wie einst sein Vater Sie auf einem Ball traf und darauf Jahr und Tag nachher Ihren Namen, ohne Ihr Wissen, seinem Erstgeborenen, obwohl es ein Knabe war, angehängt hat. Sie kennen doch die schöne Historie? Dr. Milde gibt sie, glaube ich, wie man Medikamente verschreibt, dreimal täglich zum besten. – Aber ich darf mich über meinen kleinen, rotbäckigen, braven Zimmernachbarn nicht lustig machen, Sie haben es mir schon öfter verboten, und es ist ja auch unkollegialisch; ich tu es nicht wieder, ganz gewiß nicht.

Fräulein Eva ging zwischen ihm und mir. Ob sie mir meine Ungeduld ansah und mich auch deshalb tadeln wollte? Wer will das wissen! Eva schwieg. Ist in ihrem innersten Wesen Ihre Nichte, die Ihnen im äußern so ähnlich erscheint, wirklich so anders, gehalten, ruhig, kühlvernünftig, wie sie es uns glauben machen möchte? Lebt von dem südländisch vermischten alten, wilden Wikingerblut der Grans, das in Meister Asbjörn braust, das in Ihnen, Frau Hellfried, überschäumend so oft Sie fortreißt, weiter, als Sie vielleicht es wollten, kein Tröpfchen mehr in des Meisters Kind? – Da sie neben mir herschritt, blickte ich von der Seite zu ihr auf, ja wörtlich hinauf, obschon wir gleich groß sind; sie hält sich so gerade. Ich versuchte aus ihren wimperverschleierten, grauen Augen einen Blick zu stehlen. – Sie ließ mich nicht ein. Ihre Lippen gaben mir kein Lächeln zurück. Und was sie dachte, kein Hauch verriet es.

Ich aber, was ich denke und fühle . . . . . Frau Hellfried, lassen Sie mich offen zu Ihnen sein. Sie haben mich manchmal schon fragen wollen, ich weiß es genau. Und wenn ich schwieg, so geschah es aus Scheu, aus Schüchternheit. Die Wahrheit, Frau Hellfried, ist die: ich bin ein Ehrgeiziger. Was ich von dem Leben will, ist nicht Glück, nicht so ein zahmes, wie das Lilis und des Professors. Das genügt mir nicht. Und die es zu besitzen wähnen – wie oft die sich täuschen –, Sie wissen das am allerbesten. Ich aber will ein Kraftbewußtsein, Ruhm, Macht, wenn es sein kann. Sie, Frau Hellfried, stehen über solchen Wünschen, haben von den Begehrlichkeiten Ihrer Mitmenschen nie etwas gewußt. Aber sind deshalb wir andren alle schlecht, weil wir eben anders als Sie sind? Wir sind menschlicher! . . . . . Mit meinen dreißig Jahren habe ich mir mühsam eine Stellung errungen und will weiter voran. Eva Gran ist, so oft sie Sommers an unsren Strand kam, des armen Schiffersohnes Gespielin und ist meine Jugendliebe gewesen. Vielleicht wußte sie es. Sie tat nie dergleichen, seit sie nicht mehr Kind ist. Sie, Sie dachten aber, Frau Hellfried, mein ganzer Ehrgeiz zielte nur darauf, eine Gran mir zu erringen, würde in ihr seinen Endpunkt erreichen. Und wenn Sie mich zum Arzte nahmen, wenn Sie mich andren empfohlen haben, Sie meinten wohl, dem künftigen Gatten Ihrer Nichte behilflich zu sein? Der werde ich nie. Deshalb darf ich von Ihrem Irrtum nicht noch länger Nutzen ziehen. Ihre stolze, blasse Eva blickt mit dem hochgetragenen Kopfe kühl über mich fort. Ich brauche aber eine Frau, vielmehr werde sie brauchen, in etwa zehn Jahren, wenn Eva längst einen Vornehmeren erwählt hat, die zu mir hinaufsieht, obwohl ich nur ein Schifferssohn bin. An Verstand und an Bildung will ich nicht so viele Ansprüche machen. Erst meinen Weg bahnen, dann, wenn ich den Ruhm in meinen beiden Händen festhalte, wenn er eine Münze ist, die hell genug klingt, mit ihm mir so eine zarte, liebe, kleine Frau erwerben – wer weiß, vielleicht eine amerikanische Millionärstochter, weshalb nicht? die ihre Millionen gegen den Namen Frau Christian Westphal nicht mit Bedauern, sondern mit Freuden hergeben wird. – Da haben Sie meine Lebenspläne.

Und nun ist dieser Brief, den ich begann, um meiner Patientin in den ersten Stunden ihrer Winterverbannung gleich ein Zeichen zu geben, daß wir alle hier ihrer gedenken, mir unter den Händen zur Beichte gediehen. Sie hassen mich schon, weil ich es war, der Sie verbannte, mehr noch, weil mir Ihr Alleinreisen, die plötzliche Absage Ihrer Begleiterin, der allzu schönen, allzu aufgeregten Frau Tilenius, durchaus nicht als Nachteil für Sie erschien. Nun werden Sie mich dazu noch verachten. Und das wird mir leid tun. Denn, Frau Hellfried, wie anders ich bin, von wieviel gemeinerer, gröberer, irdischer Textur und wie anders auch mein Streben, – daß es solche Frauen, wie Sie, gibt, solche reinen, über dem Schmutze des Alltags stehenden, die um ihrer Reinheit willen ihr Leben opfern, das erhebt mich. Und wird mein Ehrgeiz mich nie in Ihre Familie einführen, daß ich Ihnen, daß ich Ihrer Nichte Eva wertbleiben möchte, Sie sollten es fühlen. Ihre Freundschaft, Evas Freundschaft mir zu erhalten auf meinem Lebensweg, das zu erhoffen gestatten Sie mir.

Also bitte ich mit einer Inbrunst, gleich der Ihren, da Sie vorhin Ihre schlanken Hände verschlingend uns alle angefleht haben: Schreiben Sie mir! Ich habe es Ihnen freilich verboten, aber Sie wissen – praesente medico nihil nocet – hier vielmehr, an den Arzt zu schreiben, das strengt nicht an. Zwei Worte nur auf einer Karte, nicht wie die Reise war, nur Ihren Namen, weiter nichts, ich bitte Sie darum! Nur wissen möchte ich, daß es auch nach dieser Beichte nicht aus ist zwischen Ihnen und


      Ihrem dankbaren ergebenen
      Westphal Dr.


2.

      Lili Gran an Frau Hellfried Gran.

Liebe süße, süße Tante!

Mutter sagt, da Du nun auf unsre Grüße per Post angewiesen bist, müsse ich die erste sein, die Dir schreibt. Und zwar weil ich die sei, die von allen im Hause Dir den erfreulichsten Brief schicken könnte. O, liebe Tante, wenn ich es nur zu sagen wüßte, wie es in mir ist. Aber ich habe zu wenig gelernt, ich weiß die Worte nicht zu finden. Daß Du zu unsrer Hochzeit nicht da sein kannst, das ist, glaube ich, der einzige Schatten, den ich auf dem Weg vor mir sehe, sonst alles Licht, so sonniges Licht! – Als wir gestern vom Bahnhof fortgingen, da mußte ich weinen. Du tatest mir so leid. Allein sein! Ich kann es mir nicht mehr  denken. Wir sind ja nun zwei. Wir! Das Wörtchen klingt wie Musik, findest Du das nicht auch? . . . . . Nein, nein, das hätte ich nicht schreiben dürfen, Dir nicht. Verzeih mir, verzeih mir! Vor lauter Glück werde ich so egoistisch. . . . . Er würde das nie sein. Er denkt an alle möglichen Menschen und an alle möglichen Sachen. Ich nur immer an ihn! – Und er hat so viel zu denken. Ich bin manchmal böse auf all seine Bücher. Und auf die Gelehrsamkeit und auf das viele Schreiben und Lesen. Die Jungen in seiner Klasse, die den ganzen Tag ihn mir nehmen, die hasse ich oft! Aber er ist ganz anders. Was ich in den Stunden tue, während er fort ist, danach fragt er mich nicht. Wenn er da ist und ich wende den Kopf nur von ihm, zu irgend jemand, zu Vater, zu Eva, dann ist er gekränkt. Aber ich liebe ihn dann gerade, wenn er so ein bißchen eifersüchtig wird, es zeigt mir, wie sehr er mich liebt. Ich will Dir nicht immer von mir erzählen, was Du doch schon weißt. Nur das wollte ich Dir sagen, Du bist bei uns in unsrem Glück, bei uns hier und gar nicht da unten in Montreux, so abscheulich weit fort. Und Herbert läßt Dich sehr, sehr grüßen. Wie schade, daß da in Deiner Gegend die alten Römer nichts erbauten! Wären nur ein paar Inschriftsteine an Deinem Hotel, wir machten unsre Hochzeitsreise gewiß zu Dir!


      Deine kleine dumme
      Lili.


P. S. Richtig, ich habe Dir noch zu berichten: Ich bin zu Klotilde Tilenius gegangen. Du hattest Vater und auch Eva darum gebeten. Vater wird es natürlich vergessen, wir kennen ihn doch. Eva wollte nicht. Ich weiß nicht, was sie seit einiger Zeit gegen Klotilde hat. Die beiden waren doch sonst so befreundet. Darum ging ich hin, ich dachte, wenn ich sie so recht bitte, wird sie sich bewegen lassen, Dir noch heute nachzureisen. Herbert, als ich ihm das sagte, nannte mich seine kleine Unschuld. Aber ich ließ mich nicht abschrecken, ich ging doch zu ihr. Und denke Dir, da ich die Treppe hinaufkomme, höre ich, wie ihre Tür geschlossen wird. Ich sagte, daß ich es sei, ich rief, ich rüttelte – aber sie hat nicht aufgemacht. 

Ist es nicht wunderlich? Weshalb kann sie sich vor mir verstecken? Sie war doch zu Hause. Ich begreife es gar nicht. Aber ich gebe es nicht auf. Ich gehe morgen noch einmal hin und berede sie doch. Es tut mir zu leid, daß Du dort so allein bist. 


3.

      Luitgarde von der Hellen an dieselbe.

1. 10. 03.

Da sitzest Du nun, meine Beste, an Deinem Fenster und denkst her zu uns. Ist der See noch so blau? Ziehen die spitzhohen Segel, zwei dicht aneinander sich kreuzend, im Sonnenschein leuchtend, noch so weiß wie große, fremde Wundervögel über das Blau hin? Und flattern die Möwen, ihre schlanken Flügel schlagend, immer in so hellen Scharen um jedes Schiff? Wächst auf den Mauern der Efeu so dicht, der wilde Wein so leuchtend rot, mit den großen, feingezackten, dreilappigen Blättern einen Purpurüberhang bildend? Ist das alles nicht schön? Ja, was sehnst Du Dich denn hierher in Nebel, glitschrige Nässe und Kälte? Weil Du hier Menschen kennst und dort nicht? Die gibt's überall. Nur viel zu viele. Und blinde Frauen, für die Du Kohlen anschaffen und warme Jacken stricken kannst, ließen sich am Ende auch finden. Deine Mädchenhorts-Zöglinge aber werden Dich im kommenden Frühling mit ebenso unauslöschlich raschem Plätscher-Riesel-Geschwätz der hellen Stimmchen wieder begrüßen. Du denkst doch wohl nicht, die sollten unter Evas Obhut sich ganz verändern? Wer ändert sich denn so rasch im Leben? Du vielleicht?

Es war klug von dem Doktor Westphal, Dich fortzuschicken. So ging's doch nicht weiter, das sahen wir alle, Du verzehrtest Dich ja zum Schatten. Ob es für Deine Gesundheit sehr viel nützen wird, kann ich nicht wissen. Weiß ich doch kaum, woran Du leidest. Ja, ist es denn auch eine Körperursache, was Dich im Frühling so plötzlich schwach und krank gemacht hat? Du sagtest mir nichts, und ich wollte nicht fragen. Aber wenn ich Dich richtig kenne, meine arme, zartbesaitete, herbe und doch so weiche Helle –, die friedbedürftig, aber ihrem Namen zum Trotze so ganz und gar nicht friedlich ist, – wenn ich Dich kenne, so sind es nicht Magen noch Leber gewesen, sondern Dein Herz, das irgend einen Stoß erhalten und plötzlich Dich aller Kräfte beraubte, so daß Du nicht schlafen noch wachen mehr konntest. Was es war? Ich muß so viel darüber grübeln. War es – die Nachricht von – seinem Tode? Der arme Verschollene! Und da überkam es Dich plötzlich, daß Du nicht schuldlos warst an dem Untergange des Mannes, den Du einst doch geliebt. War es so, Hellfried? Höre mich an. Willst Du genesen? So laß mich Dein Arzt sein. Ich weiß es besser, was Dir not tut, als der junge Nervendoktor, so klug er auch sein mag. Vor allem mußt Du dort in Montreux die hundert Pflichten und tausend Sorgen, mit denen Du Dir Deine Tage hier angefüllt hast, daß keine Sekunde frei bleiben durfte, Dir ganz aus dem Gedächtnis streichen. Lege auch nicht die Briefe der Deinen, die dieses Winters Post bringt, vor Dich hin und schiebe, wie Kinder beim Geduldspiel, die Sätze von einem ängstlich zum andern, bis die verschiedenen Zacken und Zäckchen richtig ineinander greifen, daß Du das Bild erkennst, das sie Dir malen, und Dich erschreckst vor dem, was es darstellt. Und – auch das bitte ich Dich – glaube nicht, dies Bild sei die Welt, die Grans seien ihr Mittelpunkt, seien das Vornehmste, Edelste, Beste in aller Welt, und was eine Gran, Deines berühmten Bruders Schwester, als unrecht erkläre, das sei und bleibe einmal unrecht; gleich andren Frauen Schwächen begreifen, Torheiten achselzuckend belächeln und Fehler vergeben, das zieme Dir nicht. Denke gar nicht an Deinen Bruder, hörst Du wohl, Hellfried, ob er vollkommen ist oder auch menschlich, denke an ihn nicht, nur – an Dich! Horche nicht hierher, sondern einmal, einmal nur in Dich selber hinein. . . . . Wenn Du dann daliegst auf der weinberankten Terrasse am blauen See, dann werden aus den leisen Wellen Gestalten aufsteigen, in weißen Kleidern, mit langen, langen Flügeln, die sie still niederhängend umhüllen. Und sie stellen sich im Kreise um Dich her, und jede legt ihren mahnenden Finger, Schweigen gebietend, an die bläßlichen Lippen. Jede richtet ihre schmerzvoll dunklen Augen liebevoll und bittend auf Dich, Du aber läßt Deine Blicke wandern, von einer zur andren. Du sahst sie nie, Du wolltest sie nie sehen. Nun kennst Du sie doch. Denn es sind die Gestalten der Tage und der Stunden, die einst waren. Sieh sie Dir an, sieh sie Dir genau an. Und wenn Du die findest, in der Du zu hart warst – Hellfried, blicke ihr ins Auge, wende Dich nicht ab, stoße sie nicht von Dir, sondern erkenne sie, so wie sie ist, so wie sie war, vor sechzehn Jahren . . . . . Weißt Du es nicht, daß sie immer hinter Dir herschleicht, seit jenem Tag, und reißt und zerrt an Deinem Gewissen und bittet und bettelt, Du sollest sie hören? Du weißt es ganz gut. Hellfried, Du, die Du stolz bist und wahr und gut sein willst, Hellfried Gran, einmal blicke furchtlos ihr in die Augen, nicht feig, sondern ehrlich, sieh, wie sie ist. Und wenn dann all die andren blassen, weißen Gespenster entschwundener Stunden mit scheuen Händen die Augen verhüllen und weinend ihre Lockenhäupter von Dir kehren, dann, Hellfried, halte sie fest, die eine, und sprich zu ihr: Ich will verzeihen!

Es ist das Zauberwort. Sobald Du es aussprachst, wird alles, was einst war und nie mehr zurückkehrt, in milderem Lichte verklärt erscheinen. Deine Bitterkeit und Dein Zorn, Deine Leidenschaft, selbst Dein Zittern um der Deinen Wohl und Wehe, alles wird sich sänftigen und schweigen, wenn Du es einmal nur aussprachst: Verzeihung! Und die blasse Schar der Stunden breitet ihre weißen Flügel lind über Dich und verschwebt in melodischen Reigen. Du aber ruhst, aller Lasten entlastet, entsühnt, geläutert und kannst nun erst gesunden. – Glaub es mir, Hellfried!

Mir aber verzeih auch, daß ich meiner Jugendfehler mich nie entäußere, daß ich Dir immer wieder, nach so vielen Jahren, nach so vielen Kämpfen, immer wieder mit dem alten, alten Mahnen nahe. Es ist, weil ich Dich lieb habe, mehr als Du Dich selbst liebst, meine Helle! Und ich möchte Dir heute noch helfen, Dich, so wie ich es als Kind wohl vermochte, schützen vor Strafen, vor Reue und Tränen, als


      Deine alte getreue
      Garde.


4.

      Frau Mignonne Gran.

3. 10. 1903.

Liebe Schwägerin!

Du mußt es entschuldigen, daß ich Dir erst heute schreibe. Es war so viel zu tun in den Ferien, die Jungen für das beginnende Schulquartal und den Winter auszustatten. Du kennst das ja, wie es bei uns immer zugeht. Erlebt haben wir nichts, nicht das Geringste, und sind alle sehr wohl, auch Björn, mein Angstkind. Also sorge Dich nur nicht um uns. Asbjörn ist schon wieder fort. Für den großen Denkmalsbau – nun, das weißt Du ja. Hat er Dir vorher geschrieben? Ich bat ihn noch so. Wenn nicht, so fällt es ihm wohl unterwegs ein, und er schickt Dir, wie schon so oft, eine Menge kurzer Karten, in denen alles Mögliche steht, – nur nicht, was Du gerade wissen wolltest. Leider vergaß er auch, wie schon öfter, mir das Wirtschaftsgeld zu lassen. Das ist ein wenig unbequem. Dazu kam heute abend (ich schreibe Dir nämlich nach Mitternacht, ich hatte mit dem Strümpfestopfen für die drei Jungen so lange zu tun) ganz gemütlich Herr Dr. Milde, fragt, ob er wohl zum Tee bleiben dürfe und setzt sich hin und redet und redet, natürlich von sich, und ißt und ißt. . . . . Die Zwillinge schnitten ihm Gesichter hinter seinem Rücken. Lili und mir wollten die Augen vor Müdigkeit zufallen. Er ist gewiß ein guter Mensch. Ich will ihn nicht tadeln, ich kenne ihn zu wenig, aber . . . . . Denke nur, er scheint zu glauben, daß Eva ihn gern anhört. Ich verstehe das nicht. Er kommt so oft jetzt, kann er sich einbilden? . . . Der kleine Doktor Milde und Eva! Er ist reich, hörte ich. Aber nein, das ist doch nicht möglich, das wird sie nie tun. Ich habe den Respekt vor meiner Stieftochter – Du necktest mich damit vor Jahren, als ich ihre Mutter wurde – nie verloren. Sie ist und bleibt mir von höherer Art, sowie ihr Vater mir ein Mensch von andrem Wesen, nach andren Gesetzen ist. Und daß ich nicht eine Gran bin, von eurem Blute nichts in mir habe, das ist mir stets als ein Mangel erschienen, dem doch nicht abzuhelfen war. Meine Kinder haben – vielleicht ist das zu ihrem Glück – mehr von meiner bescheidenen Art, als von der Euren und werden sich leichter in Unabwendbares schicken können. Du siehst es ja, Lili betrachtet des Gymnasialprofessors beschränktes Leben wie ein Paradies, und die etwas schulmeisterliche Miene, die er bei aller Liebe oft zeigt, ihr tut sie nicht weh. Aber Eva! Die müßte in einem Schlosse hausen, so schön, wie nur ihr Vater es baut. Und der geistreichste, vollkommenste, der beste, edelste aller Männer wäre für sie nur eben, eben gut genug. Wenn sie es nur nicht tun wird – Hellfried, wäre das möglich? um mir die Wirtschaftslast zu mindern? Der Gedanke quält mich heute abend. Sie meinte einmal, kurz nach Lilis Verlobung, es sei wohl unrecht, daß sie mir noch immer im Hause säße und bisher nur Körbe ausgeteilt habe. Und ein andres Mal, es ist noch nicht lang, da hörte ich sie zu den Zwillingen sagen: wenn ich fort wäre, dann hättet ihr's besser, ihr armen Jungens. Sprach sie Dir je so? Weißt Du, was sie denkt? Kannst Du's mir nicht sagen? Rede ihr ab so rede ihr ab, von solcher Heirat!

Ich weiß, und Du weißt es besser noch, Hellfried, was die Ehe uns Frauen bringt, selbst mit dem edelsten der Männer, Asbjörn, Deinem Bruder. Aber ohne eine Liebe, die groß genug ist, alles zu tragen und zu verzeihen – ohne die – –

Ach, nun habe ich meine Sorgen richtig doch noch zu Deinen Dir aufgeladen! Ich bin so gewohnt, Dir alles zu sagen, was ich denke, ich kann gar nicht anders. Und natürlich rede ich mir die Sache nur ein; natürlich denkt Eva nicht daran.

Wie geht es Dir dort? Tut die milde Luft Dir wohl? Hast Du besser geschlafen? Hier ist es kalt, neblig und häßlich. Morgen will ich Deine alte Gesine besuchen, wie Du mich batst. Ich plaudere so gerne mit ihr; sie erzählt dann, wie sie Euch beide als Kinder gepflegt hat, Asbjörn und Dich, und das höre ich so gern. Leb wohl. Ich schreibe sehr bald wieder, leb wohl und sorge Dich nicht um uns, es geht uns ganz gut. Tausend innige Grüße von

      Deiner Mignonne. 


5.

      Frau Gesine Mordtmann.

Hochzuverehrende gnädige Frau!

Frau Gran war eben hier (Asbjörn seine Frau) und sagte, daß ich auch mal schreiben sollte, wie es hier in Ihrer Wohnung steht. Ja, meine gute, liebe gnädige Frau von Wilhelmy – – – nein, aber nein, verzeihen Frau Gran nur – der Name ist mir in die Feder gekommen, ich weiß gar nicht wie. Denn ich soll ihn ja nicht sagen, und ich sage ihn schon lange nicht mehr. Also, ich wollte Frau Gran nur berichten, daß alles richtig seinen Gang geht. Die Tapeziere sind dagewesen und haben die Gardinen und Decken abgenommen. Ich habe das Frau Gran noch gezeigt, wie wir sie vorsichtig weggelegt haben. Und morgen fangen die Maler auch an. Und die Scheuerfrau hat mir geholfen, weil Frau Gran doch wollte, daß ich mich nicht abstrapezieren sollte . . . Und ich mache es nun auch so, daß ich hier meine Kur halte mit Nichtstun und Bücherlesen, wie meine liebe Frau Gran das dort tut, ganz genau so. Frau Gran (natürlich Asbjörn seine), die hat mir was mitgebracht zu lesen, einen ganzen Packen. Aber ich habe noch genug für Jahr und Tag, wenn ich alles, was im Bücherschrank ist, mir nehmen darf. Und die Zeitungen muß ich auch lesen – man will doch wissen, was  in der Welt vorgeht. – Bloß auf dem Boden, da mache ich selbst rein und lasse mir nicht helfen. Da steht ja das Bild noch. Und Frau Gran können ruhig sein. Da kommt keiner dran, da soll die Scheuerfrau nichts von wissen. Das wollt ich nur sagen.


      Die ich mich allergehorsamst empfehle
      Ihre getreue alte Dienerin
      Gesine Mordtmann. 


6.

      Asbjörn Gran.

5. 10.

In der Bahn, nur ein Kartengruß. Komme von Weimar. Goetheluft! Milder Sonnenschein, feuchtgrüner Rasen, Herbstlaub purpurfarben und golden. Zum Gartenhaus in der traumhaften Stille. Bescheidenstes Hausgerät, ärmlich, nüchtern. Nur an den Wänden große, große Veduten von Rom. Über die Enge hinaus weltumfassendes Allerschauen. Ein herzerweiterndes, stolzerhebendes Gefühl, auf den Wegen des Genius hier wandeln zu dürfen und ihn zu begreifen. Wird auch mein Werk den Tag überdauern?


      Dein Bruder Asbjörn. 


7.

6. 10.

      Asbjörn Gran

Vergaß gestern auf erster Karte Dich zu fragen, wie es Dir geht? Hast Du Deine Reueschmerzen ad acta gelegt? Das wäre vernünftig. Sitzung hat mich erfrischt. Sagte den Leuten meine Meinung. Kunsterziehung? Pedanten erzieht man. Kunst, Poesie und goethehafte Persönlichkeit sind Gaben von oben, können nicht auch noch angedrillt werden. Überhaupt, verdummt lieber die Kinder, als sie so affenklug zu machen. Ihr Götter! wie danke ich euch, daß ihr mir ein Können geschenkt habt, daß ich nichts lernte, keine Moral und keine Vernunft, nur bauen und fühlen, fühlen und bauen. Träume von einem Schloß, vielen Schlössern, die ich mir einmal errichten werde. Daran soll das Volk es dann sehen, was wahrhaft schön ist. Wäre bessere Schulung als Lernen. Oder nein, nicht Banausen dürften meine Bauwerke erblicken, nur für künstlerische Augen sollten sie sichtbar sein, nur für Menschen, die selber schön sind. Und die Schönste aller Schönen, die müßte drin wohnen, allein mit mir!


8.

      Björn Gran.

Liebe Tante!

Nun will ich Dir auch einmal schreiben. Wir haben so furchtbar viel erlebt, seit Du fort bist. Die Zwillinge sind nach Obertertia versetzt und ich bin also nun Quartaner. Und denke Dir, in der neuen Klasse da ist ein Junge, ein ganz großer, der heißt Friedrich Meyer. Und der hat gleich den ersten Tag gesagt, daß ich dumm bin. Ich war ganz baff. Die andern haben ihn verhauen, und ich schlug auch tüchtig zu. Das hätte sich nicht anders geschickt. Aber eigentlich war ich nicht böse. Ich wollte doch schon lange gern wissen, wie ich bin, ob gut oder schlecht, ob nett oder eklig, das weiß ich doch selbst nicht. Du hast mir gesagt, daß ich immer in Nirgendland lebe. Und die Zwillinge, die sagen, ich bin ein Träumer. Und Mutter sagt: Mein armer Junge, wie kommst Du durchs Leben! Nun weiß ich also endlich, weshalb sie so ängstlich für mich ist. Gestern, da hatten wir Rechenstunde. Es stimmte gar nicht. Der alte Haha fragte, weshalb ich denn die Aufgabe nicht gemacht hätte. Und da sagte ich es ihm: Weil ich dumm bin. Du! rief er. Und dann lachte er ganz höhnisch: Haha! Dummer Jung! – Es ist also richtig. Vater hat einmal gesagt, wer von uns Jungens Verstand hätte, sollte Baumeister sein und Häuser und Brücken und Eisenbahnen machen, wie er; die Dummen, die könnten Beamte werden. Ich fragte Christel – (Du weißt, der ist nett), was ist eigentlich ein Beamter? Ein Geheimrat, sagte er, oder Minister. Nun bin ich also vollkommen ruhig. Ich finde, alle Menschen sollten ein Schild vorne tragen, auf dem steht, wie sie sind, sonst weiß man es nie. Und man irrt sich auch oft. Ich dachte zum Beispiel, Herbert, der wäre furchtbar nett, weil ihn Lili doch so gern mag. In der Klasse sagen sie aber: Der Harmstorff ist ein rechtes Stück Holz. Ich möchte wissen, ob das wahr ist. Christel weiß es auch nicht. Er sagte, das muß sich erst allmählich zeigen. Wenn man es nur sehen könnte. – Tante Hellfried, weißt Du was? Es gibt jetzt Uhren, die man zerlegen und von innen ansehen kann und dann wieder zusammensetzt. Ascan und Lothar wünschen sich solche zu Weihnachten, das soll ich Dir von ihnen bestellen, denn Du wärst in dem richtigen Land am Genfer See, und die besten Uhren und die künstlichsten Musikdosen, die kämen aus Genf. Tante Hellfried, weißt Du, was ich wohl haben möchte? Einen Kopf, genau so wie meiner, daß man sieht, wie es drinnen ist und wie alles gemacht und gedacht wird. Im Märchen gibt es so was. Ich würde mir dann auch weiter gar nichts wünschen. Ich schreibe Dir bald wieder.


      Dein treuer Neffe
      Björn Gran.


9.

      Lili Gran.

Liebe Tante!

Dir will ich's erzählen, was ich erlebte! Ich ging also noch einmal zu Klotilde – Du sagst doch selbst immer, was man tun will, muß man lieber gleich tun, – und dieses Mal sollte sie mir nicht entgehen. Es war früh morgens, und sie kam gerade die Treppe herunter, mir entgegen. Wie strahlend sie aussah, nein, das kannst Du Dir gar nicht denken. Mir ging's durch den Kopf: Ob mein Glück wohl so aus mir herauslacht? Und so kommt sie mir entgegen, eine große Reisetasche in beiden Händen, die schmale Haustreppe herunter von ihrer Wohnung im vierten Stock. Sie erkennt mich – sie ist doch kurzsichtig – erst wie ich dicht vor ihr stehe. Es war, als habe man einen Vorhang vorgezogen. Ganz grau sah sie aus, Augen, Haar und Lippen farblos, wie erloschen. Die Reisetasche versuchte sie hinter sich zu verstecken. Sie! stammelte sie, Sie, hier bei mir! – Aber Frau Tilenius, sage ich, weshalb erschrecken Sie so? Ich komme, weil ich Sie bereden möchte, meiner Tante nachzufahren. Die ist nun ganz allein in Montreux, ohne Pflege, ohne Gesellschaft. Und sie hatte doch darauf gerechnet, daß Sie mitreisen würden. Und so weiter. . . . . Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte. Sie hörte mir halb zu, stand da, ganz blaß, nagte an ihrer Unterlippe und sah von mir fort. Ich entschuldigte mich, so unbehaglich ward mir zumute, daß ich gekommen wäre, die Jüngste im Haus. Mutter und Eva seien diese Zeit so beschäftigt, und Vater, der Dir es versprochen hätte, zu ihr zu gehen, wieder verreist und hätte es vorher wohl vergessen. . . . . Da, denke Dir, fällt sie mir um den Hals und schluchzt und schluchzt und preßt sich an mich: Gehen Sie, so ein Kind, ach gehen Sie! Und küßt mich dazu und stößt mich von sich. – Dann läuft sie die Treppe hinauf, zurück in ihre Wohnung, den schweren Reisesack nach sich schleifend. Und ich ging nach Hause. Was sollte ich machen? Ich habe es keinem sagen mögen. Mutter nicht und Eva erst recht nicht, weil die beiden, ich weiß nicht weshalb, seit einiger Zeit ein Vorurteil gegen Klotilde haben. Und Herbert? . . . . . Ich sage ihm sonst ja alles. Aber dies . . . Ich weiß nicht. Er nennt mich dann seine Unschuld. So ganz unschuldig, weltunerfahren, wie er meint, bin ich doch nicht. Ich fürchte, es ist etwas, worüber man nicht viel reden sollte. Und nicht vor Männern, die so streng sind, wie Herbert es ist. Frau Klotilde tut mir zu leid, sie ist so schön, so arm, ganz allein . . . Man muß so allein sich sehr unglücklich fühlen.

Und wenn sie wirklich nun einen lieb hat, ist das ein Verbrechen? Ich habe einen lieb, der mich lieb hat, mich heiraten will. Wollte er das nicht und wäre alles ganz, ganz anders, sollte ich ihn darum weniger lieben? Ich fürchte, nein, ich könnte es nicht.

Tante Hellfried, schreibe Du ihr! Deine Worte werden ihr wohl tun. Ich bin ja so reich, so reich an Glück. Aber wie sollte ich es vermögen, andren etwas davon zu geben? Wie gern täte ich es sonst. Adieu, liebe, beste Tante Hellfried, ein andermal mehr von


      Deiner Lili.


Bei Gesine waren wir neulich, Mutter und ich. Das Haus sieht reizend aus, wie immer. Sie liest, glaube ich, schon wieder den Faust. Und sie sagt in jedem Satz dreimal: Frau Gran, – auch so wie immer, daß man nie weiß, ob sie Dich oder Mutter meint. 


10.

      Klotilde Tilenius.

Verehrte Frau! Liebe, liebe Frau Gran!

Ihre Nichte Lili hat mich bereden wollen, noch zu Ihnen zu reisen. Nun kommt Ihre Karte und bittet dasselbe. Sie haben ja recht, als ich all meine Klavierstunden aufgab, tat ich es, um mit Ihnen zu gehen. Nun sitze ich hier, kann nichts verdienen, nichts tun, als zum Fenster hinauszustarren und mich zu sehnen. Neulich faßte ich einen Entschluß, einen ganz tollen. Ich wollte – einerlei, was ich wollte. Ich packte meine Siebensachen und lief hinunter, ins Blaue hinein, geradeaus. – Da steht an der Treppe unten Lili. So ein süßes, süßes Kind, Braut ist sie und glücklich. Bin ich auch einmal vor hundert Jahren so ein unschuldig Bräutchen gewesen? Ich weiß es nicht. Sie hat mich gerührt, ich mußte weinen. Und ich küßte sie. Und dann schleppte ich meinen Handkoffer die vier Treppen wieder hinauf. Da sitze ich nun wieder. Worauf ich warte? Vielleicht darauf, daß das Glück selber an meine Tür anklopft. Und käme es, so wäre es das Unglück. Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir den konfusen Brief; ich kann, ich kann nicht fort.


      Klotilde Tilenius.


11.

      Dr. Hellfried Milde.

Den 20. Oktober 1903.

Verehrte Frau!

Erscheint es Ihnen nicht zu kühn, wenn ich mir gestatte, Ihre ganz im allgemeinen geäußerte Bitte: Schreibt mir alle, die Post dieses Winters wird mir zeigen, wer an mich denkt! – mir zunutze zu machen? Sie wissen es, wie dankbar ich war, meine Gnädigste, daß Sie, seit ich mich hier niederließ, mir erlaubten, manchmal Sie aufzusuchen, mir auch den Eingang zu dem Hause Ihres so großen, berühmten Herrn Bruders erschlossen haben. Vielleicht aber ahnen Sie doch nicht ganz, was mir das bedeutet, wie dankbar ich sein muß. Möchte bald noch mehr Anlaß sich bieten, daß ich es so recht Ihnen zeigen könnte! Nämlich, verehrte gnädige Frau, glauben Sie es mir oder nicht, ich bin wirklich ein ganz netter Mensch. Daß die Natur mir plötzlich Halt zurief, mitten im Wachstum, das ist mein Pech. Aber daß ich nun deshalb unglücklich sein und von allen guten Dingen dieser Welt ausgeschlossen bleiben sollte, nein, ich sehe es nicht ein. Menzel zum Beispiel ist kleiner als ich. Und ist denn doch ein ganzer Künstler. So denke auch ich ein ganzer und guter Arzt zu werden, trotz meiner mangelhaften Statur und meines, wie mir mein Spiegel gesteht, etwas lächelnden Gesichtes. – Weiß der Himmel, weshalb ich immer zu lächeln scheine, wenn mir noch so ernsthaft zumute ist. – Menzel freilich blieb unvermählt. Das wäre nicht mein Fall. Es schickt sich, meine ich, für einen Künstler, aber gar nicht für einen Arzt. Selbst der Spezialist und Ophthalmologe bessert seine Praxis durch eine Heirat. Und wenn das auch nicht der Fall wäre, ich . . . . . Ach, gnädige Frau, ich weiß ja gar nicht, ob ich so offen, wie ich es wohl wünschte, zu Ihnen sein darf.

Es geht mir gut. Daß ich auf den Rat meines Vaters mich hier als Augenspezialist niederließ, daß er mir Ihre Bekanntschaft vermittelt – es freut mich unsagbar. Und diese Straße – obwohl so viele Ärzte drin wohnen –, in der ich Ihrem Rat zufolge mich einquartierte, und diese Wohnung, in dem Hause, in dem Doktor Westphal mein Nachbar ist, behagt mir sehr. Ich gehe manchmal zu ihm hinüber. Er ist immer gleich höflich, zuvorkommend gerade nicht, aber höflich. Neulich wollte ich ihm erzählen, daß ich einen Abend im Hause Asbjörn Grans zugebracht habe, und wie liebenswürdig die Damen gewesen seien, Fräulein Eva besonders, – da hat er mich kaum angehört. Man trifft solche ungelenke Steifheit häufig bei Leuten, die sich aus bescheidenerem Stande heraufarbeiteten. Ich lasse ihn aber nie etwas spüren, als fühlte ich mich ihm überlegen, im Gegenteil, ich suche immer meine Achtung vor dem etwas älteren und schon erfolgreichen Kollegen zu betonen. Übrigens, was den Erfolg betrifft, – ich denke, der soll auch mir nicht lang fehlen. Gestern kam ein Fremder zu mir, mich für seine Augen zu konsultieren, – nicht als Kassenarzt, o nein. Er legte beim Fortgehen, nach englischer Weise, das Arzthonorar auf meinen Schreibtisch und sagte dazu: Auf Wiedersehen! Gestehe ich's nur, der Besuch hat mich förmlich gehoben. Ich denke nämlich so: ein Erfolg verbürgt auch andre. Habe ich so einen alten reichen Herrn für mich gewonnen, so finden sich wohl bald weitere Patienten. Und gelingt es mir gut bei denen, dann sieht mich vielleicht auch . . . sonst irgend jemand . . . mit günstigeren Augen an. Und dann – – Und dann – – Erinnern auch meine Luftschlösser vielleicht an die jenes Dorfmädchens, das aus dem Erlös ihrer Milch sich Hof und Haus erbauen wollte, bis der Korb mit allen Milchkannen ihr vom Kopf fiel – ich meine sicher, sie werden noch wahr! Und ich hoffe, verehrte Frau Patin, daß mein Geplauder Sie nicht langweilt und daß ich mir zu glücklicher Stunde manchmal es gestatten darf, brieflich bei Ihnen einzutreten.

Mit den verbindlichsten guten Wünschen für Ihr Wohlergehen zu Montreux und in aufrichtigster und ergebenster Verehrung


      Ihr dankbarer Patensohn
      Hellfried Milde, Dr. med. et. chir. 


12.

      Luitgarde von der Hellen.

25. 10.

Heute will ich Dir einen harmlosen Plauderbrief schreiben von lauter blonden und braunen Zöpfen, roten, weißen, rosenfarbenen, lichtblauen Schleifen auf sehr zierlich gelockten Köpfen, Sonnenschein und A capella-Gesang – Du merkst schon, ich bin bei der Feier in Deinem Mädchenhort gewesen.

Und reizend war's. Selbst so eine alte Novellistin, die sich sonst lieber in ihre ästhetisch mit alten Kupferstichen und Malerradierungen geschmückten, behaglichen, warmen vier Wände einschließt, um am Schreibtisch ungeborener Heroen seltsam vieleckige Charaktere psychologisch zu zergliedern, als armen Menschen, die in Menge leicht menschlich duften, die kranken Glieder zu verbinden oder Jacken und Röckchen zu sticken, selbst so ein gar nicht altruistisch angelegtes Geschöpf fühlt eine Regung da drinnen, von . . . Na, kurz, es hat ja manches für sich, edel zu sein. Und wenn ich's nicht bin, nie war, nie sein werde – es ist nett, daß Du's bist.

Die kleinen Mädels marschierten also zwei und zwei in den Saal herein. Liebe Gesichterchen. Der Typus im ganzen gar zu schmächtig, spitz geschnitzte, früh schon verhärmte Züge. Unter den Blonden bei einigen fast weißliches Haar, oft gar kein Ausdruck, nur beim Singen so hier und da ein Grübchen in der linken Backe, nach dem Mundwinkel zu, wie leiser Humor und mutwillige Schalkheit. Süß, würden Deine Landsleute sagen. Sie saßen mäuschenstill in ihren Bänken unter dem großen, dreiteiligen Bilde des grünen Waldes an grüner Wiese. Der weite Saal mit dem offenen Balkenwerk der Decke ist schön, wie alles, was Dein Bruder gebaut hat. Durch die schmal geöffnete Tür zum Notausgang kam Herbstsonnenschein, machte das breite grüne Wald- und Wiesenbild an der Wand leuchten, spielte über die Mädchenköpfe, die blonden, braunen, flachsfarbenen hin, ließ hier und da den graugestreiften, dünneren Scheitel einer Lehrerin erkennen. Die Vorsteherin mit ihrer vom ewig vielen Reden etwas heiser gewordenen Stimme sprach eindringlich sanft. Eine kluge Stimme, ein kluges Gesicht. Ja ja, es gibt wirklich gute Menschen. Hunderte tun dergleichen wohl, um sich in der Stadt bekannt zu machen, auch zum Vergnügen, weil sie mit ihrer freien Zeit gar nichts anzufangen wissen und die Mädchenhorte, in denen man hin und wieder doch auch so einen Hort von Mann zu sehen kriegt, noch immer amüsanter finden, als sich selbst und ihr home. Aber einige wenige Weise, die sind eben gut. Was Deine Vorsteherin gesagt hat, das möchtest Du wissen? Na natürlich von Dir, viel Lobeserhebens, wie sehr Du allen fehltest, wie alle hofften, Du würdest zum Sommer gestärkt wiederkehren, Deine Arbeit hier wieder auf Dich zu nehmen. Sie fragte die Mädchen, ob sie Dich grüßen lassen wollten. Ja! riefen die. Fünfhundert helle Kinderstimmen! Ich fühlte hinter den Augenlidern so ein Brennen. Schade, schade, daß ich, wie gesagt, nicht gut bin. Die Schulnachrichten, die Deine Vorsteherin dann ablas, würden Dich vielleicht interessieren, hätte ich sie mir nur gemerkt. Ja doch, eine vielleicht: wir bedauern sehr, daß Frau Tilenius, obwohl sie nicht mit Frau Gran gereist ist, ihre Stelle als Gesanglehrerin hier nicht wieder aufnehmen will. – Daß diese goldige, blonde Schönheit in ihrem verschlissenen Trauerkleide und mit den heißen, Glück fordernden Augen, ihr Leben als arme Lehrerin nicht länger aushielt, das . . . Aber, um Gottes willen, da schaffe ich Dir wohl gar wieder Sorgen! Das will ich doch nicht.

Die Kinder sangen, ich weiß nicht was. Die neue Lehrerin ist nur klein. Wenn sie vor dem ersten Auftakt die Arme hob, zum Zeichen, daß alle einsetzen sollten, reckte sie sich dazu, so hoch sie konnte, ähnlich wie der Frosch im Märchen, der sich mühsam aufbläht, um desto würdevoller zu scheinen. Aber ich lächelte kaum darüber. Ihr Eifer hatte so etwas Warmes, ansteckend Gutes. Und die jungen, ungeschulten Stimmen klangen so hübsch zusammen. Sie sangen patriotische Lieder. Und es ist schön, daß es noch Begeisterung gibt und Menschen gibt, die in der Jugend solches Fühlen erwecken wollen. Ob diese kleinen blondzöpfigen Mädchen nun alle deutsche Heldinnen werden, Heldenmütter, hehr und rein, ohne begehrliche Wunschgedanken, Selbstsucht, Kleinlichkeiten und Eitelkeiten? Frau Klotilde, wie gesagt, gehört nun nicht mehr zu den Lehrerinnen. Ihr andren, Du an ihrer Spitze, und die Vorsteherin und die graugescheitelten ernsthaften Fräuleins in den ernsthaften grauen und schwarzseidenen Kleidern und die kleine Gesanglehrerin, die so hopste – sie scheinen mir alle aus einem einfarbig lichten Stoff, den Gemeines und Körperlichkeit nicht vielschillernd, buntwechselnd färben. Möchten die fünfhundert kleinen Mädchen sich alle Euch zum Vorbilde nehmen! . . .

Als ich dann fortging, sah ich auf der Treppe eine schlanke Gestalt in so vornehmer, stolzer Haltung vor mir hinabsteigen, daß ich unwillkürlich ihr nacheilen mußte. Ich dachte wahrhaftig, Du seist es selber. – Eva, Kind, Sie sind also auch jetzt unter die Wohltätigen gegangen? Ist doch ein Jammer! Warum heiraten Sie nicht lieber? Sie sah mich etwas finster an, ob meiner schnöden Redensarten: Sie wissen es ja, ich bin hier an Tante Hellfrieds Stelle. Aber Sie haben recht, Fräulein Luitgarde, eine, die so wenig nützt im Leben, nichts lernte, um sich selbst zu erhalten, als das bißchen Unterrichten, für die ist Heiraten wohl noch das beste.

Wie sie das sagte, tut es mir weh. Ein herber Zug war um ihre Lippen. Schade, daß sie nicht der sanften, geduldigen Frau Mignonne Kind ist, so rasch gefreit wie ihre kleine Stiefschwester Lili. Freilich, den ersten besten zu nehmen, danach sieht mir diese Eva nicht gerade aus. Sie ist Dir viel zu ähnlich. Sie wird sich ein Ideal erträumen, Ansprüche an Vollkommenheit machen, die keiner erfüllt, sie wird sich quälen, den Mann, den sie liebt, quälen, und dann so wie Du . . . . .

Aber nein! Wovon rede ich denn? Noch einmal, diese Mädchenhortsfeier war allerliebst. Addio!


      Luitgarde.


13.

      Frau Mignonne Gran.

Den 27. Oktober.

Liebe Schwägerin!

Asbjörn ist zurück. Er sagte aber, er müßte bald wieder fort. Es scheint, daß er neue Aufträge bekam, auswärtige Bauten, ich weiß nicht genau wo. Er sagt auch, er habe Dir schon geschrieben. Und ich, – nein, lache mich nicht aus, – es ist zu kindisch, aber doch, . . . liebe, liebe Schwester Hellfried, sei gut, schicke mir seine Briefe oder auch Karten. Denn, siehst Du, von ihm selber erfahre ich es ja nie, wie ihm zumute ist, was er tut und denkt. Von früh bis spät arbeitet er unten im Bureau mit den Zeichnern. Kommt er zu uns herauf zu Tische, so ist er sehr hungrig, muß zwischen dem Essen noch Briefe lesen und hat keine Zeit, mit uns zu sprechen. Aus den Zeitungen hören wir wohl von den Ehren, die man ihm erweist, von ihm selbst nie. Nach Tisch fährt er den drei Jungen mit seiner raschen Handbewegung über ihre drei runden Köpfe, schüttelt Björn ab, der sich an ihn hängen und fragen will, nickt den Mädchen zu, und fort ist er. Und wenn ich ihm nachgehen will, versuchen möchte, mit ihm zu sprechen: Schon wieder Sorgen! ruft er und flieht, als ob ich ihm etwas Böses tun wollte. Er ahnt es ja nicht, wie ich mich nach ihm sehne. Heute blieb er nach Tische hier oben. Aber, sowie wir aufgegessen hatten, setzte er sich in seinen Lehnstuhl in der Ecke, streckte sich aus darin und schlief. Du kennst ihn doch, wie rasch er einschläft und wie fest. Ich habe ihn dann immer doppelt lieb. Es tut mir wohl, daß er doch für die kurze Spanne Zeit mindestens bei mir zu Hause ist, mein geliebter Mann – und weh, daß er einzig zu Hause bei mir ist zum Schlafen und Essen, weiter für nichts, und wohl wieder, ihn so schlummern zu sehen, recht wie ein Kind, ohne Sorgen und schuldlos. Ja, schuldlos gewiß. Ein Mensch, der je etwas den Seinen zuleide tat, er könnte nicht so friedlich schlafen . . . . . Nicht wahr? – das ist sicher.

Ich mußte ihn allein lassen, die Mädchen und mich für die Gesellschaft bei Lilis zukünftigen Verwandten anzukleiden. Als wir, zum Ausgehen gerüstet, wieder in das Bibliothekzimmer kamen, wachte er gerade auf. Er rieb sich die Augen, drehte unsre kleine Braut um und um in ihrem weißen, frischen Kleide und betrachtete dann Eva. Manchmal hat sie so etwas Hartes, wenn sie ihn ansieht. Die beiden blickten sich sekundenlang in die Augen, wie Gegner, die ihre Kräfte messen. Meine stolze Älteste! sagte er, sie möchte es ihrem Vater sogar verwehren, sie schön zu finden. Aber ich freue mich trotzdem an ihr und lasse mich nicht abschrecken, wie die armen jungen Ballherren. – Damit kehrte er sich zu mir und musterte mich. Und denk Dir, er sagte: Kleine Mignonne, Du bist immer reizend. – Ich hatte natürlich mein schwarzseidenes Kleid an. Er kannte es wohl nicht, weil ich es ein bißchen aufgefrischt habe. Und denk Dir, er küßte mich vor den zwei Mädchen: Du bist und bleibst meine junge hübsche Mignonne. – Ich dachte schon, ob ich wohl, weil er doch gerade so gut gelaunt war, Eva und Lili allein in ihre Gesellschaft schicken und heute mit ihm reden könnte, wie ich mir's so lange wünschte. – Da zieht er die Uhr. Richtig, er hat seit einer halben Stunde im Rathaus zu sein, zu einer Besprechung. Und bevor wir drei nur zur Treppe kommen können, hat er Hut und Rock schon vom Haken gerissen, ist aus dem Hause, auf der Straße, eine Droschke anzurufen, und jagt davon, indessen wir Frauen in Regenmänteln und Gummischuhen, unsre sogenannten guten Kleider vorsichtig geschürzt, durch den kaltfeuchten Wind zu unsrem Vergnügen uns vorwärtstappen.

Daß er jetzt, um vier Uhr morgens, da ich Dir dies schreibe, noch nicht nach Hause kam, nun, das ist wie immer. Er wird nach seiner Konferenz mit den Herren beisammensitzen. Ich kenne es nicht anders, die zwanzig Jahre. Oder doch. Im ersten Jahre, bis unsre Lili geboren wurde, da war es doch anders . . . . . . Mit welcher Sorge ich nun mein Kind in ihre Ehe hineingehen sehe! Erst all der Jubel, diese Wonne, – und dann . . . . . . Ich hätte sie so gern noch ein wenig bei mir behalten. Aber Asbjörn lacht mich aus, weil ich wünschte, sie solle sich länger prüfen. So habe ich denn schweren Herzens heute abend meine Einwilligung gegeben, daß die Hochzeit vor Weihnachten sei. Mit der Aussteuer werde ich bis dahin kaum fertig, ich müßte sie denn außerhalb des Hauses nähen lassen. Das käme noch teurer. Wenn ich nur einmal mit meinem Mann von Geld reden dürfte! Alle andren Sorgen sind ernster. Um ihn, um Dich, um Lili, um Eva – Dr. Milde wich nicht von ihrer Seite heute abend in der Gesellschaft –, um Euch alle ist mir oft mein Herz schwer. Kommen aber noch Geldsorgen dazu – dann ertrage ich's nicht. Arm wollte ich gern sein, arbeiten auch; aber nach außen im Wohlstande leben, und doch immer in Angst . . . Ich will Dich nicht weiter damit quälen. Sonst falle ich Dir zur Last, wie Asbjörn. Leb wohl und behalte Du mich trotzdem lieb.


      Deine Mignonne.


14.

      Dr. Hellfried Milde.

1. November 1903.

Sehr verehrte Frau!

Obwohl ich ohne Antwort blieb, daher nicht wissen kann, ob Ihnen mein Schreiben überhaupt genehm ist oder nicht, wage ich es doch noch einmal. Ich denke, gute Nachrichten wird man, auch in einer Nervenkur, nicht ungern erfahren. Und es sind zum Glück ausschließlich angenehme, erfreuliche Dinge, von denen ich mit Ihnen plaudern möchte.

Ein Patient von mir – ich glaube, ich schrieb Ihnen schon von dem wunderlichen Herrn, den ein reiner Zufall mir zugeführt hat, – mein Name nämlich am Türschild gefiel ihm, er liebt milde Behandlung, scheint es. Ob auch Ihr Vorname, meine Verehrte, auf den ich so stolz bin, seinen hellfriedlichen Einfluß zu meinen Gunsten ausübte? Ich denke es mir. – Dieser Herr also will in der Nähe hier an der Küste sich ein Haus bauen. Er glaubt, die Seeluft müsse ihm gesund sein. Und zwar soll Asbjörn Gran für ihn bauen. Ich war's, der das vorschlug. Der alte Herr war gleich einverstanden. Es scheint ihm auf ein paar Tausende mehr oder minder nicht anzukommen. Nun habe ich eine kleine Bitte, verehrte Frau. Würden Sie vielleicht einmal – es muß ja nicht gleich sein – würden Sie – ich weiß, Sie sollen ja nicht schreiben – aber Sie tun es doch gewiß einmal – würden Sie gelegentlich die Sache erwähnen? Es könnte unbescheiden klingen, wenn ich es erzählte, und ich bin nicht gern unbescheiden. Fräulein Eva erlaubte mir neulich, sie zu Tische zu führen. Sie war sehr liebenswürdig mit mir, ich kann gar nicht sagen, wie mich das beglückt hat; aber sehen Sie, verehrte Frau Patin, ich habe leider gar so wenig, mich einer Dame zu empfehlen. Meine kleine Gestalt – Sie wissen es ja, wie dies Bewußtsein mich bedrückt. – Mein Vermögen, – nein, das wird sie, Fräulein Eva, nicht bestimmen. Daß ich aber jetzt sozusagen Leibarzt und Ratgeber eines Mannes geworden bin, der solche Stellung in der Welt einzunehmen scheint, wie mein neuer Patient, das bessert, denke ich, auch meine Stellung. Und darum – in der Liebe, so wie im Kriege muß man alle Vorteile wahrnehmen. – Sie finden das doch nicht etwa unschön, egoistisch von mir, das finden Sie doch nicht – wenn ich mir wünsche, Fräulein Eva möchte es erfahren, daß ich es war, der Mister Anders auf unsren ersten, berühmtesten Architekten hinwies? Verehrte Frau Patin, ich vertraue auf Ihren Takt, auf Ihre Güte. Wenn Sie mir beistehen, wird mir's schon gelingen. Ob Sie mir aber beistehen wollen? Ich hoffe, hoffe es.


      Ihr sehr ergebener Patensohn
      Hellfried Milde, Dr. med. et chir.


15.

      Asbjörn Gran.

13. November.

In der Bahn. Sausende Fahrt, sausender Sturm, der von West mit dem Zug im gleichen Takt heult, Nordseesturm. Ich selbst wie im Sausen. Das Leben ist schön, Können ist schön, Kraft ist schöner, dem Sturm, den Menschen, Gesetzen zu trotzen, tun, was man will, nehmen, was man wünscht und begehrte. In wundersamer Geberlaune schüttet das Glück seine besten Gaben aus goldenem Füllhorn seinem Günstling in den Schoß. Kinderträume, weißt Du noch? – von der Villa am Meer, sehr weiß, sehr fest, turmhoch ragend, brandungbespült, – der Traum wird wahr! Neuer Bauauftrag. Nach so vielen Stadt- und Vorstadthäusern eins an der Nordseeküste. Rasche Fertigstellung die erste, einzige Bedingung. Kredit unbegrenzt. Stil und Größe nach meiner Wahl. Habe keine Wahl, es muß so, kann nur so sein. Ich baue für mich, mein Glück, meinen Ruhm – nicht für den fremden Mann, den ich nie sah.

Soeben Terrainbesichtigung, Hünengrab als Standort gewählt. In der Nähe altes, kleines Schiffer-Wirtshaus, traulich blaugemalte Zimmer mit bunten Stühlen und alten Schränken. Mein gutes Glück ordnet auch das mir. Zu Hause Tagewerk von Pflichten, von Lasten und Quälereien. Hier am Meer Schönheit, rauschendes Wellengebrause und Träume!


      Dein Bruder
      Asbjörn.


      Dir geht es doch gut dort?


16.

      Luitgarde von der Hellen.

20. November.

Es ist grau draußen, meine Beste, grau und still. Ein Nebel lag, als ich vorhin meinen Spaziergang begann, über Stadt und Himmel gebreitet. Leise tauchten aus dem Halbdunkel Gestalten schwärzlich auf und hasteten an mir vorüber. Auf der Wasserflut glitten die Schwäne lautlos hin; weiß vom Grau des Himmels hob sich, fast zu grellweiß, der Dampferrauch. Ich liebe die Dämmerung. Tageslicht ist unbarmherzig. Es weist alle Schäden auf, alle Armseligkeiten und Gebresten an andren, wie an uns selber. Aber im Dämmern geht man wie traumhaft hin durch die Straßen, unter den Bäumen, als hätte man unendliche Schätze wohl geborgen daheim und wollte sie nur vor den Leuten nicht zeigen. In der Dämmerung erscheint mir selbst mein eigenes Leben lebenswerter, meine Bücher scheinen mir besser, und von den ungeschriebenen meine ich, wenn, ich so allein für mich wandere, die müßten Wunderwerke werden, alle Poesie enthalten, die ich empfinde, alle Poesie ausstrahlen, daß Tausende sie mitfühlen können . . .

Als ich vorhin aus dem Baumgebüsch am Wasser auf die Brücke hinaustrat und zur Stadt hinsah, da flammte aus dem Abenddüster das Viereck hellleuchtender Lichterreihen, gelber, dicht aneinander gereiht, weißer, großer mondstiller dazwischen. Hoch am First eines dunklen Hauses tauchte eine farbige Lichtreklame plötzlich hervor und verschwand dann wieder. Mit lichterhellen Fenstern brauste der Eisenbahnzug hin, sausend der elektrische Wagen an mir vorüber, ein taghelles Glashaus, grünrote Lichter funkelten vorn, unten sprühten aus den Gleisen gelbe Lichtfunken, blitzende oben in der Luft, wo die Stange den Draht berührte; Wagen mit Lichtern, Karren mit Lichtern, zaubergeschwinde Räder mit Lichtern, auf dem Wasser Dampfer mit Lichtern, grünen, blauen, gelben und roten. Und aus den breiten Ladenfenstern, den lichterumsäumten, leuchtete eine Flut von Helle auf die Straßen und auf die Menschen und die seidenen Stoffe, die Blumen, die Edelsteine, die Silbersachen; alles, zierlich geordnet, funkelte, leuchtete und strahlte.

Als ich ein Kind war, da hat es so nur im Märchen geleuchtet. Jetzt ist das Märchen auf die Straße hinausgegangen. Jeder arme Betteljunge, jeder tagesmüde Fabrikarbeiter hat heute umsonst sein funkensprühendes Feuerwerk, schöner, als ich in der Jugend mir's träumte. Ob die Leute heiterer drum wurden, ja ob sie nur wissen, wie feenhaft und schön das ist? Ich fand noch keinen, dem sein Leben viel leichter erschien, weil die Straßen ein Lichtmeer sind. Sondern die Leute haben an ihren Geschicken heute so schwer zu tragen, wie Du und ich zu unsrer Zeit. Es ist wunderlich, man erzieht so viel an den Menschen, tut so viel für sie; alles wird praktischer, besser, gesünder und komfortabler. Nur sie selbst, daß sie irgend vollkommener würden und fehlerloser, anspruchsloser, verträglicher, klüger – ich merke es nicht. Auf meinem Heimweg traf ich Deinen Arzt, Doktor Westphal. Ich erzählte ihm, daß ich Dir schreiben wollte, aber im Grunde nichts zu schreiben hätte. Da sagte er hastig: So schreiben Sie nichts, schreiben Sie ihr über nichts. Es ist oft viel besser, wenn in einem Briefe nur ein Nichts steht, als lauter böse, harte Gedanken und schlechte Nachrichten und Hiobsposten. – Damit ging er. Und ich kam nach Hause und schrieb Dir nun dies hier. Aber, Liebe, vielleicht verlangt es Dich gar nicht, zu hören, wie mir im Graudämmern und bei elektrischer Beleuchtung zumute ist. Du willst von andren etwas wissen. Ich sah nicht einen, den Du gern hast, als eben den Doktor. Und der gefiel mir gar nicht besonders. Kürzlich hieß es, er gedenke hier fortzuziehen; infolge seiner letzten Schrift über Nervenstörungen sei er aufgefordert worden, sich in Berlin zu habilitieren. Aber warum redet er dann von harten Gedanken und bösen Nachrichten?

Ich hörte auch neulich, der kleine Milde bemühe sich um Eva Gran. Und der ist – eine gute Partie! Aber ich werde allzu persönlich. Ich wollte Dir ja nur einen Brief schreiben, in dem gar nichts steht. – Da hast Du ihn.


      Luitgarde.


17.

      Dr. Herbert Harmstorff.

1. 12. 1903.

Verehrte Frau Tante!

Meine süße Braut behauptet, es werde Sie freuen, auch einmal direkt von mir zu hören. Meine süße Braut hat nämlich eine übertriebene Meinung von ihrem armen Zukünftigen. Manchmal fürchte ich, das muß sich noch rächen. Wenn sie erst mich ganz intim kennt, dann sieht sie es am Ende, daß ich eben nicht anders bin als andre gewöhnliche Sterbliche auch. Aber Sie wissen, es gibt auch so begnadete Wesen, die mit einer dichten Binde vor ihren Augen durchs Leben gehen, einer Binde, die ihnen den Anblick von allem Häßlichen, Gemeinen, von allen Schwächen und Menschlichkeiten ihrer Lieben zu sehen wehrt und nur den Anblick des Schönen gestattet. Solche wohltätige Schleierbinde wünsche ich ihr! Frau Tante, was soll ich Ihnen erzählen? Ich möchte Seiten und Bogen füllen von Lilis Lieblichkeit, ihrer Güte; die blonden Kraushärchen an ihren Schläfen, die Kleinheit ihrer flinken Füßchen wollte ich Ihnen schildern. Aber sie, die süße Blonde, sagt, das sei nur für sie allein, davon brauche sonst niemand zu wissen. Ich müßte Ihnen etwas schreiben, meint sie, was von Ihren sonstigen Korrespondenten keiner erzählt, etwas Neues und Schönes. Das will ich jetzt tun. Ich gebe Ihnen die erste, allererste Kunde von einer Freude, die mir soeben widerfuhr. Ob Ihnen das neu und schön und schreibenswert erscheinen wird? Ich weiß es nicht. Mir ist es das Beste, was ich heute weiß und was ich Ihnen zu spenden habe. Sie müssen wissen, ich sitze hier in der Stadtbibliothek. Über meinem wie jedem Tische brennt unter ihrem weißgrünen Schirm die elektrische Lampe, in den Behältern liegen Bleistifte, Federn und Bücherzettel mir zur Hand. Um mich her herrscht behagliches Schweigen. Nur selten erhebt sich einer der Herren und tritt zu dem Pult des aufsichtführenden Beamten, ein Buch zu fordern. Sonst arbeitet jeder eifrig für sich, schreibt oder liest und führt sein Treiben abgeschlossen von dem des Gelehrten am nächsten Tische. Mein Nachbar weiß nicht, was ich schreibe oder denke; daß ich glückselig bin – was ahnt er davon? So habe ich es denn noch keinem Menschen vertrauen können, wie froh ich mich fühle, hier an meinem Bibliothekspult über ein Bündel alter, verstaubter Manuskripte gebückt, die mir ein junger Hilfsarbeiter des Herrn Direktor vom Boden geholt hat. Denn siehe da: sie enthalten Schätze, Inschriften, römische und griechische alte Inschriften! Ja, Frau Tante, wissen Sie denn, was das für mich ist?

Ein Riccardo Riccardi zu Florenz hat um etwa 1600 im Garten seines Palastes daselbst Antiken gesammelt, Votivsteine und Statuen, Reste von Bauten. Ein hanseatischer Jurist, der seine Bildungsreise machte, besuchte den Garten, schrieb sich die Inschriften in sein Notizbuch, sandte die Blätter an seinen Bruder, der eines berühmten Philologen Schüler war und sie sorgsam bewahrte. Und ich, nach beinahe dreihundert Jahren, hier bei der elektrischen Lampe sitzend, entfalte die vergilbten Bogen, entziffere die Worte, lese, vergleiche . . . Ja, diese Texte sind zum Teil nie ediert, denken Sie nur. Zum andren Teil werden sie Längstbekanntes berichtigen, verbessern, werden es erst verständlich machen. Das dünkt Sie wenig, geehrte Frau Tante? Mir ist es ein Glück! Ein Einblick in die Vergangenheit tut sich mir auf, das Leben Griechenlands, Roms wird lebendig, jene Florentiner Humanisten steigen feierlich, schönheitsfreudig vor mir empor und öffnen mir die gastfreien Tore ihres zypressenumstandenen Gartens, in dem sich Rosen um antike Steine ranken. Und auch in die Zukunft blicke ich heute abend hoffnungsfroh. In dem langen Zuge deutscher Gelehrten, deren Namen man ehrfürchtig nennt, schreite ich selber mit, wenngleich an bescheidener Stelle. Nicht nur so ein obskurer Klassenlehrer werde ich bleiben, der den Jungen den Aorist von παιδειóν täglich, Jahr um Jahr, in versteinernder Ermüdung abhören muß, nicht nur Lili Grans Erwählter, der zum Bedauern aller Freunde so gar kein Geld hat und dazu ein schulmeisterlicher Pedant scheint . . . ich bin einer von den Findern, den Entdeckern, den Auserwählten! 

Da sitzen sie still an ihren Tischen, die andren Herren, lesen, exzerpieren, notieren – Ob einer von ihnen auch so etwas fand? Ich darf ihnen von meinem Schatze nichts verraten. Bis ich ihn ganz gefördert habe, die Texte erklärt, verglichen, gedruckt sind, mag wohl Jahr und Tag noch vergehen. Und wenn ich es sagte, die Herren würden vielleicht gleichgültig die Schultern zucken, sie suchen ja andres. Jeder in seinem Fach, wie ich in meinem. Lili wird, wenn ich ihr morgen davon erzähle, fragen, wie ich über vergilbten Pergamenten sie einen ganzen langen Abend vergessen konnte.

Und die Frau Tante? Ich weiß nicht, ob es Ihnen gefällt, daß ich von dem sprach, was meinem Herzen so nahe liegt, ob Sie nicht andres hören wollten. Es ist das Beste, was ich besitze, Deshalb vertraue ich es Ihnen.


      Ihr sehr ergebener Neffe
       Herbert Harmstorff,
      Dr. phil. und Oberlehrer.


18.

      Lili Gran.

6.12.

Meine liebe, gute Tante!

Denkst Du daran? Heut in vierzehn Tagen! Ich gehe immer umher und lächle. Wenn ich nähe – an einem Kleide, das ich dann tragen soll, so muß ich lächeln: dann nachher! Und wenn ich meine Sachen ordne – ich muß doch nun so ordentlich werden! – bestimme, was hier bleibt für die Brüder, oder für Eva, und was ich mit mir nehmen will, – ja, ich lache manchmal hell auf. Unter meinen Füßen ist etwas, das trägt und hebt mich. Ich meine immer, ich könnte fliegen. Gestern – ich kam die Treppe herunter –, da trat gerade Vater aus seiner Zeichnerwerkstatt heraus, sah mich und nahm mich in seine Arme und tanzte mit mir, tanzte herum im Kreise, wirbelte mich ein paarmal und hob mich in die Höhe, hoch, ganz hoch und setzte mich hin. Er sagte gar nichts, nickte, ging zurück in sein Bureau. Es tat aber wohl. Es war so, als ob er ebenso fühlte, genau so wie ich. Und das kann doch nicht sein. Er warnte mich nicht, wie Mutter immer tut, vor der Zukunft, vor Armut und Enge. Er tanzte mit mir, sein Herz klopfte mit mir, und er war so glückselig, wie ich bin!

Manchmal aber, dann möchte ich weinen. Nicht aus Angst, wie Mutter meint, weil Glück nicht dauern kann. Als ob ich jemals daran dächte! Das Glück ist da, – – was will ich denn weiter? – Die Zukunft ist fern, wer weiß, ob sie je kommt? Jetzt bin ich glücklich, heute und morgen und gestern und übermorgen. Und erst wenn vierzehn Tage um sind! O, Du liebe Tante, daß nicht alle Menschen so froh sein, daß nicht alle mitfühlen, nicht mit mir jubeln und tanzen möchten, nicht einmal die Meinen hier im Hause, das tut mir so weh. Die Jungens freilich, die freuen sich – weil sie am Hochzeitstag nicht in die Schule zu gehen brauchen, weil sie Kuchen und Wein bekommen und bei Tische sitzen dürfen. Aber sonst? Mutter arbeitet die halben Nächte, zerarbeitet ihre lieben Finger mit Nähen. Und wenn ich sie bitte, es doch zu lassen, ich würde auch mit etwas weniger Tischtüchern, Servietten und Unterkleidern zufrieden sein, dann schüttelt sie den Kopf – meinetwegen sei es ja gar nicht, es sei für die Leute. Vor denen dürfe Asbjörn Grans Tochter, auch wenn ihr Verlobter selber nicht reich sei, nur mit einer standesgemäßen Aussteuer in die Ehe treten. Standesgemäß! Was ist mein Stand denn? Ich bin eine Künstlerstochter und werde eine Gelehrtengattin. Dein Stolz und Deine Ehre sei Armut, so sagt mein Herbert. Und Mutter nickte und sagte, es ist so. Aber – ja aber, sie rechnet Nacht und Tag und quält sich, ich sehe es. Vater gibt ihr, glaube ich, nicht so viel Wirtschaftsgeld, wie sie braucht. Und ich glaube – verrate es niemandem, Tante Hellfried – ich glaube, sie hat ihre alten Perlen, die noch von ihrer Großmutter stammen, verkauft, um meine Aussteuer zahlen zu können. Soll ich da nicht weinen?

Und noch etwas drückt mich. – Eva! Sie geht mir absichtlich aus dem Wege, spricht nie von sich. Und was ich sage, das tut ihr weh. Von Christel Westphal wage ich gar nicht mehr zu sprechen. Aber auch ganz andre, ganz fernliegende Dinge regen sie auf. Ich fragte sie gestern nach Klotilde Tilenius, ob sie denn gar nichts mehr von der wüßte, sie soll ja nun doch fort aus der Stadt sein. Da steht Eva auf, ihre Arbeit fällt ihr auf die Erde, sie ist totenblaß und geht aus dem Zimmer. – Am Abend besuchte uns Doktor Milde; von dem ließ sie sich vorerzählen, so viel er nur wollte. Und wenn er davon spricht, daß er klein ist, sein Lieblingsthema, sie hört ihm geduldig zu. – Wenn er sie fragen wird, meine Schwester, so sagt sie ihm Ja! Ich sehe es. Ich kann es nicht hindern. Soll ich da nicht weinen, Tante Hellfried? Wie geht es denn Dir? Von Deinem Leben weiß ich so wenig. Ihr habt mich immer als kleines Kind behandelt. Ich habe aber doch manches erraten. . . . .

Ach, ich bin ja so glücklich, so glücklich. Wie wär ich es erst, wenn Ihr es alle auch sein könntet! 


      Deine Lili.


19.

      Björn Gran.

Liebe Tante!

Heute sollten die Zwillinge schreiben. Sie haben aber gar keine Zeit, weil es gefroren hat und sie rasch zur Eisbahn müssen. Ich darf aber nicht. Und ich schreibe auch eigentlich lieber. Ich schreibe sehr gern. Es ist so hübsch: erst ist das Papier ganz weiß und glatt und kein Mensch kann sagen, was darauf stehen wird, und ich weiß es selbst nicht. Und dann kommen allmählich die Buchstaben und werden Worte, eines nach dem andern stellt sich hin, wie Soldaten auf meinen Befehl. (Findest Du nicht, daß sie jetzt schon ganz gerade stehen, so wie sie sollten? Ich schreibe doch seit dem Herbst so viel besser, findest Du nicht?) Manchmal kommen aber auch Worte, die hatte ich selber nicht erwartet. So zum Beispiel eben die Frage. Meinst Du wohl, ich hätte sie Dir schreiben wollen? Ich dachte nicht daran, ich wollte es gar nicht. – Schreiben ist darum viel netter als Lesen. Denn wenn ich ein Geschichtenbuch habe, so ist das schon fertig, und am Schluß sieht man, wie alles wird, und wenn ich den Schluß weiß, so kann ich mir das dazwischen leicht denken. Und es ist ja gedruckt, und so viele Jungens lesen es auch und wissen es dann so gut wie ich. Aber schreiben! Das rät kein Mensch, was da auf der nächsten Seite kommen wird. Ich kann mir das Allerschönste ausmalen und es Dir schreiben. Und alle Leute hier, alle im Hause, die Postbeamten, der Briefträger dort, die wissen es nicht. Und sie bringen den Brief hin zu Dir, an den Genfer See, Du machst ihn auf und Du liest das Geheimnis, Du allein. Ich will es Dir sagen: Das Allerschönste, was ich weiß. Ich habe einen Stern. Wallenstein glaubte an die Sterne – wir hatten ihn in der Geschichtsstunde gestern, – der Lehrer sagt, es sei Aberglaube, und Friedrich Meyer lachte darüber. Aber ich finde es nett. Ich bin gestern abend aufgestanden, die Zwillinge schliefen. Und da habe ich ihn mir gewählt. Den allerersten vom Großen Bären, ganz vorn an der Spitze, kennst Du ihn? den hellen. Der soll nun bestimmen, was aus mir wird. Wenn Du ihn dort siehst – er scheint doch auch am Genfer See? – so grüßt er Dich von mir. Ich heiße ja Björn, darum paßt der Bär zu mir. Die Zwillinge würden mich auslachen, wenn ich ihnen das sagte, wie sie immer tun. Aber Eva, ich glaube, der dürfte ich es sagen, obwohl sie meist so ernsthaft aussieht. Weißt Du, meine Stiefschwester gefällt mir von uns allen am allerbesten. Ich möchte . . . nein, ich glaube manchmal, ich bin auch ein Stiefkind. Als ich die Zwillinge neulich fragte, ob sie sich nicht ausdächten, daß sie gar nicht zu uns gehörten, sondern von ganz wo anders her kämen und nur so für eine Zeitlang zu Vater hier ins Haus gegeben wären, um später ihr Königreich gut zu regieren, da haben sie mich wieder verhöhnt, wie ich auf solchen Blödsinn verfiele. Ich glaube es aber doch, ganz bestimmt. Ich bin irgendwo anders geboren, weit, weit fort, vielleicht da oben auf meinem Stern. Glaubst Du es nicht auch? Ich möchte es gern.


      Dein Björn,
      der Sohn vom Großen Bären. 


20.

      Eva Gran.

Meine liebe Tante Hellfried!

Du hast recht, ich hätte Dich nicht die ganze Zeit lang ohne Brief lassen sollen. Ich hatte auch immer schreiben wollen. Aber dann . . . . . Dann konnte ich's nicht. Wenn Du nur hier wärst! Ich schliche mich zu Dir in Deinen kleinen roten Erker, Du säßest da in dem niedrigen Lehnstuhl, sähest von Deiner Arbeit auf und sagtest: Nun, Kind? – Und dann kniete ich mich hin auf den Teppich, legte den Kopf Dir in Deinen Schoß, Du würdest mich so ganz leise streicheln, ich sagte kein Wort. Nur Du würdest sprechen, nicht laut, sehr sanft, daß Deine Stimme mir wohltun würde. Sorge Dich nicht so viel, würdest Du sagen; so ist das Leben, Du machst die Menschen nicht anders, nicht besser, nimm sie, wie sie sind, und sei selbst, wie sie alle. Das würdest Du mir wohl so ungefähr sagen. Doch in Deiner Stimme würde ich ein Zittern hören, ein Mitgefühl. Und ich wüßte ganz bestimmt, Du bist auch nicht, wie alle sind, und hast Dich selbst auch nie so ganz darein schicken können, daß die Menschen so . . . ja so viel anders sind, als sie sein sollten . . . Aber während Du leise sprächest, würde mir doch etwas leichter, ich atmete freier. Und dann stünde ich auf und ginge getröstet nach Hause. Ja, so wär es, wenn ich zu Dir könnte. Nicht ein Wort brauchte ich dann zu sprechen.

Du bist aber nicht hier. Statt dessen ist heute Dein Telegramm an mich gekommen. Es liegt da und sieht mich aus allen den runden weißen Augen seiner blaugedruckten Lettern auf den geklebten Papierstreifen an, drohend an:

– Schreib mir. Aber ehrlich! –

Liebste Tante, Du siehst ja, ich schreibe, siehst, ich liebe Dich wie immer. Ist das nicht genug? Du bist dieselbe. Und ich bin dieselbe, genau die ich war. Ich möchte ein wenig, ein klein wenig klüger werden. Und ich gebe mir alle Mühe, und ich hoffe, vielleicht, einmal künftig . . .

Ja, was soll ich denn noch schreiben? Wie es im Hause aussieht, das weißt Du. Vater läßt sich nur selten blicken, Mutter arbeitet, näht und rechnet bis nach Mitternacht, bis sie beinahe umfällt. Und wie meine Tage vergehen, das weißt Du ja auch. Die Stunden in der Mädchenschule machen mich manchmal sehr müde. Das freut mich, denn dann schlafe ich gut. Die Abendstunden, die ich jetzt dem armen, blinden Volksschüler gebe, die regen mich auf. Ich muß dann immer so viel denken. Und denken ist schädlich . . . Weshalb soll ich Dir ehrlich schreiben, ich kann es nicht!

Ich will Dir lieber etwas erzählen, eine Geschichte. Es ist lange her, ich war noch nicht fünfzehn. Wir wohnten draußen an der Elbe und hatten fremden Besuch im Hause. Da sagte einer von den Herren etwas . . . Einerlei was, es war nicht schön. Wenn ich heute noch daran denke, höre ich die Worte, höre die Stimme, und es verwundet mich so wie damals. Damals, da war ich wie von Sinnen. Ich rannte aus dem Zimmer, um Vater zu holen. Der sollte das nicht leiden, er sollte den Menschen bestrafen, töten, der in seinem Hause, von ihm – ja, der so etwas sagen konnte.

Ich lief hinaus und traf auf Christel. Du weißt doch, unsre Wohnung gehörte seinem Vater, dem alten Lotsen, und im Hof hatten wir immer zusammen gespielt. Er war damals Student, ein erwachsener Mensch, er hatte schon diese Arztaugen, die so gut zu erraten verstehen. Und nahm  mich beim Arm und fragte, was mich aufgeregt habe. Und ich . . . nun ja, ich sagte es ihm. Heute begreife ich nicht, wie ich's konnte. Ich sagte ihm alles. Er aber, als er mich angehört hatte, blieb ganz still. Eine lange Weile sah er vor sich hin. Wir saßen auf der Bank in der Laube mit den großen, hellgrünen Pfeifenkrautblättern, weißt Du noch? Daneben der Busch von Calicanthus, die so süß wie Erdbeeren riechen. Manchmal meine ich noch jetzt den starken, warmen Duft zu spüren. Es regte kein Lüftchen sich. Draußen kam mit der Flut ein Dampfer langsam herauf, auf dem vielleicht sein Vater oder einer seiner Brüder als Lotse fuhr. O, wie war er anders, wie anders als die!

Eva, sagte er dann, wenn Du klug bist und gut handeln willst, so läufst Du nicht hin zu Deinem Vater, seinen Freund bei ihm anzuklagen, und erzählst auch nicht Deiner Mutter, was Du gehört hast. Jeder sagt wohl einmal etwas hin, was er im Grunde gar nicht meinte. Es gibt aber Dinge, die sollte man nicht sagen. Und wenn einer sie doch gesagt hat, der andre sollte sie nicht wiederholen. Ich kann Dir nur raten, Eva, schweige. Du wirst, je älter Du bist, es erfahren, daß es Tatsachen gibt und Gefühle, für die Schweigen das einzige Heilmittel ist.

Das sagte er mir mit seinem tiefernsten Arztgesicht: Es gibt Sachen und gibt Gefühle, für die ist Schweigen das einzige Heil.


      Leb wohl, liebe Tante.
      Deine Eva.


21.

Telegramm.

Soeben verlobt. Eva glückselig. Ich hundertmal mehr.

      Ihr Neffe Milde.


22.

      Frau Mignonne.

Liebe Schwägerin!

Es ist mir Bedürfnis, Dir heute zu schreiben. Sie haben sich also gestern abend wirklich verlobt. Eva kam zu uns herein, als wir alle im Wohnzimmer saßen, Asbjörn, Lili und ich. Sie ging bis zu dem Tisch mit der Lampe und stand da, mit ihrem allerruhigsten, ernsthaftesten Gesicht, daß Asbjörn unwillkürlich aufsah: Nun, was hast Du, was gibt's?

Vater, sagte sie, – ihre Stimme zitterte nicht einmal, – Doktor Milde wartet unten in der Bibliothek. Ich möchte ihm mein Jawort geben, seine Frau zu werden. Es ist Dir doch recht?

Ich weiß nicht, was ich und was Lili riefen.

Asbjörn, das weiß ich, war aufgesprungen und packte sie, als ob er sie mit Gewalt aus ihrer gewollten Fassung aufrütteln müsse; das sei keine Art, wie ein junges Mädchen ihre Verlobung ankündigen solle. Ob sie denn gar nicht einen Tropfen von Blut in sich habe, von seinem Blut? Und wenn ihm auch der Schwiegersohn selber nicht unlieb sei, und für sie eine gute Versorgung, daß seine, Asbjörn Grans, älteste, schöne, junge, blühende Tochter für eine auskömmliche Versorgung heiraten sollte, das wünschte er denn doch nicht! Lili weinte. Ich weinte mit ihr. Wir hielten sie beide umarmt. Sie aber machte sich frei von uns.

Doch, Vater, doch, ich bin Deine Tochter, sagte sie mit ihrer klaren Stimme, ich habe meinen Stolz so wie Du. Nur, – er ist etwas andrer Art. Und ich tue es nicht für die Versorgung allein, beruhige Dich darin . . . Ich tue es, weil . . . Ich bin nicht mehr so jung, wie Du sagtest, ich bin Lehrerin und leidlich vernünftig. Ich möchte ein gutes Leben führen, auch nützen womöglich. Ich glaube, als seine Frau das zu können. Und da er es wünscht, und ich frei bin und keinen andren so sehr lieb habe . . . . . Er fordert nicht mehr von mir, ist zufrieden mit dem, was ich ihm gebe. Seid Ihr es auch! – Und da hat Asbjörn eingewilligt. Nachher, nachdem die beiden Männer unten eine ganze Zeitlang noch allein verhandelt hatten, kamen sie zu uns herauf. Lilis Verlobter war eingetroffen, die Jungen drängten sich herein, um zu gratulieren, Asbjörn hieß mich Wein heraufholen, es ging ganz laut und lustig her. Und der kleine Mensch mit dem Kindergesichtchen gefiel mir eigentlich nicht so schlecht. Er war so glücklich, daß es einen rühren mußte, bescheiden, wie ich ihn sonst nie gefunden habe. Er sagte mir, er verdiene sie ja gar nicht, er hoffe aber, mit der Zeit doch sie mehr und besser sich zu verdienen. Und dann, wie er zum Abschied nur ihre Hand nahm, sie ihr zu küssen, ganz schüchtern, sah ich sie erröten, und sie hielt ihm die Backe zum Kuß hin. Es war mir förmlich wie eine Erlösung, als ich es sah. Vielleicht hat sie ihn doch gern und tut es nicht nur aus kühler Vernunft. Wer weiß das, wer kennt sie? Ich habe sie so lieb, unsre Eva! Und ich fühle mich irgendwie schuldig, daß ich doch anders, als eine rechte Mutter es täte, sie ihr Leben habe sich einrichten lassen. Es liegt, ich weiß genau die Zeit, seit wann das ist, zwischen ihr und mir etwas wie ein Schatten. In dem letzten Sommer, den wir in dem Haus unten an der Elbe verbrachten, war sie ein Kind noch, so offen, zärtlich, mit mir genau so, wie mit ihrem Vater. Seitdem ist das anders geworden. Man merkt so etwas nur nicht im Moment, erst nach und nach. Sie fiel ihrem Vater nicht mehr um den Hals, so oft sie ihn sah; sie sagte nicht mehr frei heraus, was sie eben dachte, war rücksichtsvoller mit mir, aber fremder, sie hatte mädchenhaftes Schweigen und sich selbst zu beherrschen gelernt. Ihre blaß gewordenen Lippen verschlossen hermetisch ihre Gedanken. Nun ist sie Braut, und ich kann's nicht ergründen, ob sie glücklich, ob sie sterbensunglücklich ist. Und ich möchte mich selber, o, wie gern! ihr zum Opfer bringen, damit ich nur nicht denken müßte, daß sie sich und ihre Freiheit mir, unserm Hause, zum Opfer gebracht hat.

In einer Woche ist Lilis Hochzeit. Ich habe so viel zu tun, daß ich nicht weiß, wie ich durchkommen soll. Ein andermal mehr, leb wohl!


      Mignonne.


23.

      Eva Gran.

Du willst wissen, wie mir als Braut zumute ist? Wie soll mir denn sein? Ich bin nicht aufgeregt, gar nicht, gar nicht. Ich bin ganz ruhig und zufrieden, daß es so ist, fertig ist und abgeschlossen und nun so bleibt. Sie freuen sich alle. Besonders die Jungen. Denen schenkte er goldene Uhren, und sie lieben ihn sehr. Du glaubst nicht, wie viele Menschen kommen, mir Glück zu wünschen. Und alle so herzlich. Es rührt mich förmlich. Nur Mutter ist nicht so froh, wie ich dachte. Ihr, meinte ich, würde es eine Erleichterung sein, eine Sorge weniger auf ihrem lieben Herzen, und nun . . . Es ist nun so. Ich denke oft an Dich. So wenig weiß ich eigentlich von Dir. Ich war doch neun Jahre kaum, als alles geschah. Und später, als ich ein erwachsenes Mädchen ward, da habe ich mich gescheut, viel zu fragen. Du nanntest mich oft Deine jüngere Schwester. Aber von Dir und Deinem Leben – was kenne ich davon? Sage mir, sage mir nur das eine – Du hast ihn geliebt? trotz allem, so wie . . . . . Nein, nein, ich will Dich nicht danach fragen.

Gibt es Ehen, Liebesehen, die glücklich bleiben? Ich fürchte nein.

Mir geht es gut, Tante. Sorge Dich gar nicht. Und er ist so glücklich, so dankbar glücklich, der gute Mensch. Das tut mir wohl. Gewiß, ich habe recht gehandelt. Es wird durch mich keine Seele leiden müssen. Ich werde allen helfen können. Und nächsten Winter reise ich mit Dir in den Süden. Willst Du das, ja?


      Deine alte Eva.


24.

      Dr. Christian Westphal.

15. Dezember.

Verehrte Frau!

Aus einem Schreiben Ihres Arztes in Montreux erfahre ich, daß es mit Ihnen doch ein wenig vorwärts gehe und daß Sie etwas geschlafen haben. Sie selber ließen mich ohne Nachricht, ohne Antwort. Ist das recht, liebe Freundin? Ich hatte Sie um ein Zeichen gebeten, daß Sie mir nicht zürnen. Sie zürnen mir also?

Wenn Sie es wüßten, wie sehr ich ein klein bißchen Freundschaft brauche! Mehr als Sie ahnen. Mir ist zumute, als wäre die ganze Welt auf einmal kalt und leer, keine Seele mehr, die mich versteht, keine Seele mehr, die mich nur kennt. Heute Nacht hat mir geträumt, ich läge im Sarge, und denken Sie, Sie waren es, Sie, Frau Hellfried, die mir den schwarzen Deckel zuschlug. Ich sah Sie deutlich, mit verzerrten, beinahe unkenntlichen harten Zügen nickten Sie spöttisch durch den letzten schmalen Spalt zu mir hinab, und dann klappte das Holz herunter, und ich hörte nur noch Ihr Lachen. Aber eigentlich nicht Ihres; es war die Stimme von Doktor Milde. Und sie klang so selbstzufrieden, so satt und gesund. Ich kann nicht sagen, wie sie mir weh tat, diese laute, vergnügte Stimme. Sie stach mir ins Herz. Wie mit einem spitzen Messer stach sie mich. Ich erwachte davon.

Liebe Patientin, ob etwas Wahres an meinem Traum ist? Haben Sie mir den Sargdeckel wirklich zuschlagen geholfen? Haben Sie . . . . . Nein. Das ist nicht möglich.

Ich bitte Sie, schreiben Sie mir, daß es nicht ist.


      Ihr sehr ergebener
      C. Westphal, Dr.


25.

      Lili Gran.

19. Dezember.

Weißt Du, daß dieses mein letzter Brief ist? Der letzte Brief, den Lili Gran je schreiben wird! Von morgen an bin ich nicht mehr ich, bin seine Sache, sein Kind, nein, sein Weib! Tante Hellfried, er soll mit mir machen, was er will, ich werde still halten und werde ihm danken. Nur danken will ich ihm, immer nur danken. Auch wenn er mich tadelt und wenn er mich auslacht. Das tut er nämlich oft, und es schmerzt mich, ich muß mich so schämen, daß ich nicht klüger bin, nicht fleißiger beim Lernen als Kind war, nicht ganz so regelrecht ordentlich bin, wie er mich brauchte. Und will ihm danken, auch wenn er mich – er wird es ja nie tun! – schlagen sollte und verwunden, was weiß ich, danken müßte ich ihm doch. Daß er so ist und daß er mich wählte und – für alles. Er weiß es nicht. Ich sagte es ihm nie so. Aber morgen – ja, dann sage ich ihm alles!

Morgen gehe ich aus dem Hause, von Mutter, Vater, Eva, den Brüdern. Und – denk Dir – ich fühle es nicht. Oder doch, ich fühle es manchmal, aber nicht für mich, ihretwegen. Daß nun Vater keine kleine Tochter mehr hat, die durchs Haus singt, die mit ihm lacht oder tanzt, wenn ihm so zumute ist! Daß ich nun mit Mutter nicht mehr nähen und stillsitzen kann. Und Eva! Ob sie wohl weint morgen abend, wenn ich fort bin und sie allein ist im leeren Zimmer? Oder ob sie so wenig an mich denkt, wie ich an sie? Ich habe solche Sorge um Eva . . . Manchmal ist mir, als läge in der Luft hier so Dumpfes, Schweres. Und als täte ich unrecht, sie alle hier im Dunkeln zu lassen. Wie sagtest Du früher manchmal, Tante? Das Leben ist eine so furchtbar komplizierte Sache, keiner weiß selber, ob er recht tut, und keiner weiß, ob er gut oder schlecht ist?

O, mein Leben wird einfach werden, von morgen an, ganz klar, ganz licht und hell, ohne Zweifel – von morgen an!

Gute Nacht, Du liebe Tante! Ich denke an Dein Leben, wie schwer das wohl war. Nein, ich denke gar nicht an Dich. Nur an mich und an morgen! Ich muß nun schlafen, damit dies Morgen desto schneller mich weckt.

Gute Nacht zum letzten Male, zum letzten Male Grüße und Küsse


      von
      Lili Gran.


26.

      Frau Mignonne.

20. 12. 1903.

Liebe Schwägerin!

Es ist vorbei, der Tag ist zu Ende, das junge Paar ist abgereist, die Gäste sind fort. Wie leer mir das Haus scheint! Ich habe meinen kleinen Björn und die Zwillinge eben in ihren Betten besucht. Die genossen ihren Tag doch und waren so müde! Asbjörn hat seinen Handkoffer gepackt, wieder an die Nordsee zu fahren, weil er den Bau für Mister Anders auch sogar in den Weihnachtstagen nicht verlassen kann. Ich möchte schlafen wie meine Jungen. Das Haus ist so still. Ich höre dann immer mein Herz nur klopfen, und das klopft so laut. – Da ruhe ich doch nicht und schreibe Dir lieber. Ob wohl so jeder Mutter zumute ist, die ihr erstes Kind hergeben mußte? Wozu nun noch alles? Für wen die Mühe! Die Knaben sind schon wie alle Männer, vergessen über Wein und Torten, daß sie überhaupt eine Mutter besitzen, die sich um sie sorgt. Und erst mein Mann – nein, nein, nein, nein, ich will es nicht denken. Und doch, es wäre vielleicht für ihn besser, wenn . . . Ich bin ihm zur Last mit meiner Liebe . . .

Vorhin bei Tisch wurden so viele Toaste gehalten, taktlose natürlich. Im Grunde sind alle Toaste doch taktlos und bei einer Hochzeit gewiß. Doktor Milde sprach auf mich. Ich sei das Ideal einer deutschen Hausfrau – und so weiter. Du kannst Dir's schon denken. Meine Schwiegersöhne brauchten sich nichts Schöneres zu wünschen, als daß ihre Frauen auch in solchem Verhältnis zu ihnen stünden, wie ich zu meinem berühmten Gatten. Meine kleine Lili, die unter ihrem Schleier wirklich das Ideal einer Braut war, so weiß, so rosig, so jung, unberührt, grüßte mich mit treuen Augen quer über den Tisch. Das arme Kind, wenn sie nur nicht in meine Fußtapfen tritt und wird, wie ich bin! Aber dann sah ich zu Asbjörn hinüber, der starrte auf seinen Teller, die Brauen gerunzelt! Und ich fing einen Blick von Eva auf, der galt nicht mir, er galt dem Redner. Sie sah nicht gut aus, unsre ernsthafte Alteste, den ganzen Tag nicht. Es ging ihr wohl nahe, ihr junges Schwesterchen zu verlieren. Aber sie war so totblaß geworden ein paar Stunden schon vor Tische, daß ich sie fragte, was sie habe. Nichts, sagte sie kurz. Das ist die Tochter, die mir geblieben. Meine Stieftochter, die erst mein Kind war und die mir dann plötzlich stief geworden, fremd, daß sie mir nicht mehr vertraut. Für wen lebe ich denn noch? Hellfried, Du warst viel klüger als ich. Du sagtest Deinem Mann auf, als Du sahst, daß er Dich nicht mehr liebte. Ich aber bin seine Sklavin geworden . . . Und seine Kinder verachten mich deshalb.

Hellfried, ich hätte es nicht schreiben sollen.

Aber es steht da. So mag es da stehen. Du ahnst es längst schon, wie mir ist, ohne daß ich es jemals Dir aussprach. Und es tut so wohl, einen Menschen zu haben, zu dem man das sagen kann, was man denkt. Ich sollte heute von der Traurede Dich unterhalten, von Hochzeitstoiletten und Hochzeitsgeschenken. Und von den Vorbereitungen für Weihnachten auch. Vielleicht tue ich es morgen.

Heute habe ich meine Kleine, mein Kind, meine Freude fortgegeben, daß sie Sklavin werde, wie ich bin. Heute bin ich so todmüde und möchte nichts als weinen und weinen, und kann mich nicht vor Dir mehr beherrschen.

Ich schicke den Brief ab, so wie er ist. Lies ihn nicht, zerreiße ihn lieber. Wahr bleibt es doch. Ich möchte . . manchmal . . . . . Nein, nein, nichts weiter, ich will nicht!


      Mignonne.


27.

      Eva.

Wie geht's Dir, Tante Hellfried? Geht es Dir gut? Es ist Nacht, ich bin allein in meinem Zimmer, neben mir Lilis leeres Bett, auf dem alles noch umherliegt, wie sie es ließ. Sie ist nun verheiratet. In drei Monaten soll ich ihrem Beispiel folgen. Dieser Tag heute ist der härteste Tag gewesen, den ich je erbebte. Ob der Tag in drei Monaten noch schrecklicher sein kann?

Daß man immer weiter still hält und lügt und lächelt, wenn man doch meint, man verginge viel lieber! Lügen und Leben ist wohl dasselbe. Meinst Du nicht? Mir ahnte es schon lang. Heute weiß ich es aber. Es geht nicht eines ohne das andre. Ich lüge ja jede, jede Sekunde. Daß ich da saß, am Tisch, mit den Leuten, im weißen Kleid, das Diamantherz, das er mir geschenkt hat, an meinem Hals, und Blumen in der Hand und Blumen im Haar! Vater saß mir gegenüber, sah sehr heiter aus und zufrieden, ihn bedrückt nie etwas. Und um uns her das Stimmengeschwirr und das Lachen, und auf dem Tisch die Kerzen, die Gläser, das alte Silbergerät, das so hell blitzt und das Mutter doch viel lieber verkauft hätte, hätte sie nur gedurft. Und der viele Wein und das viele Essen . . . . . Wahrhaftig, ich selber, ich habe gegessen. Log ich da nicht? Hieß denn das nicht, daß auch ich dies Leben liebe, daß ich mir es verlängern möchte, so wie es ist? Ich aß, ich sprach, ich lachte, ja wirklich, ich glaube, ich habe auch gelacht, an diesem Tag, nachdem eben vorher . . . . . . Und ich, ich will andren es übel nehmen, wenn sie unwahr sind? ich!

Wie soll man denn handeln, wo immer wahr zu sein so schwer ist, daß fast keiner es vermag? Man handelt, wie man eben kann, wie es einem vernünftig scheint; man meint wohl gar noch, die Wahrheit zu verheimlichen, sei tugendhaft. Und dann auf einmal! . . . Da steht sie vor uns mit strafenden Augen und blickt in die unsren . . . . . 

Und wir möchten vergehen vor Reue, vor Scham und Gram. – O, ich ertrage es nicht, ich ertrag's nicht.

Die Nacht ist so still rings um mich her, ich bin so allein. Wenn nur Lili da wäre! – nein, ihr würde ich's noch weniger sagen . . . . .

Eben bin ich aufgesprungen von diesem Brief und durchs Zimmer gelaufen. Davon wird nichts besser. Ich habe das leere Bettchen gestreichelt, mit all den unordentlich fortgeworfenen Kleidern darauf. Liebe Lili – daß sie so anders ist, ein so andres Leben haben wird, wie froh mich das macht! Ich habe an der Wand die Bilder angesehen, ihres, Deines, Mutters, Vaters schönen, stolz getragenen blonden Kopf. Und dann das Bild meiner eigenen Mutter. Wenn sie heute noch lebte, was würde sie sagen? Ich habe sie lange, lange betrachtet. Um ihren Mund ist ein feiner Zug, nicht wie Lebensgenuß einer jungen, glücklichen Frau, ein Zug, so, als werde ihr das Entsagen und Sterben nicht so hart sein. Ich gleiche ihr nicht, vielmehr meinem Vater. Und geistig bin ich doch Mama Mignonnes Kind; deren Kind will ich sein und bleiben. Ihre Lehre sprach sie selbst nie, sie handelt danach. Und ihre Lehre und ihr Handeln, das sagt mir: ergib Dich in Dein Schicksal und schweige. Ich will stärker als mein Blut sein. Ich beiße meine Zähne fest zusammen, bis die Lippen blaß und ganz kalt sind.

Tu Deine Pflicht und halte Dein Wort und lasse andre nicht um Dich leiden. – Ja, wenn man das könnte! Wenn nicht einer immer doch leiden müßte! Es fragt sich nur – wer?

Gute Nacht, Tante Hellfried! Warum hast Du den Schlaf denn verloren? Du tatest doch nichts, was Du zu bereuen hast, handeltest wahr und wiesest Deinem Mann die Tür, als Du ihn nicht mehr lieben konntest . . . . . Ich . . . . . Es ist so schweigend still um mich her. Wer schlafen könnte, anstatt zu denken! . . .

Morgen gehe ich in die Schule, um zu unterrichten. Und ich muß wach sein, und ich muß stark sein. Ich tu meine Pflicht, ich halte mein Wort.

Vorher, da war Zeit, es zu überlegen. Ich habe hin und her gesonnen, lange genug. Und ich tat das, was ich für recht hielt. Nun bleibt es auch recht. Ich darf nun keine Reue haben, keine, keine, ich will keine haben.

Tante Hellfried, könntest Du doch schlafen! Ich kann es nicht.


      Eva.


28.

      Björn Gran.

Liebe Tante!

Ich soll Dir von der Hochzeit schreiben. Die war nämlich Sonntag. Und gestern war Weihnachten, und heute haben wir also Ferien und nächste Woche auch noch. Vater war zur Hochzeit hier, er hat drei Pagenkostüme gezeichnet, die hat Mutter genäht, für die Zwillinge und für mich. Und so haben wir drei Lilis Schleppe getragen. Lothar und Ascan mochten es nicht, sie sagen, so etwas wäre unmännlich. Mir gefiel es; die Leute fanden auch alle, es stünde mir gut. Von Lili sagten sie, in ihrem Schleier wäre sie wie eine Rosenknospe. Sie sah aus wie eine Braut, weiter brauchte man sich nichts zu denken, das war schon so hübsch. Und daß Blumen Gesichter haben, liest man doch nur in Märchen und sieht es im Kinderballett. Darum finde ich es so kindisch. Die schönste bei der Hochzeit war Mutter. Sie war angezogen wie jeden Tag, in einem schwarzen Kleid, aber von Seide und mit einer Schleppe, und einmal trug ich ihr die, heimlich, sie merkte es nicht. Wenn ich groß werde, kaufe ich ihr Wagen und Pferde und stelle einen Diener an, der muß immer hinter ihr bleiben. Sie darf dann nichts tun als Spazierengehen, und manchmal sehe ich sie von weitem an und denke: ist sie wohl eine Fürstin? Hast Du schon mal eine Königin gesehen, Tante Hellfried? – nicht auf dem Theater, in Wirklichkeit, meine ich. Ich möchte wohl wissen, wie sie aussehen. Manchmal denke ich: so, wie Frau Tilenius, meine frühere Klavierlehrerin, nur mit einer Krone im Haar und in ganz andren Kleidern. So sehen sie aus in den Märchenbüchern. Ich bekam sechs Stück zu Weihnachten, denk Dir, und nächstens werde ich selbst eins schreiben. – Ich glaube aber, eine rechte Königin müßte so ungefähr aussehen wie Mammi. Ganz klein, ganz still, mit so einem weißen, ernsthaften Gesicht, mit so leisen Füßen, so weichen Händen. Und mit gar keiner Krone und keinem roten Krönungsmantel für alle Tage, und doch so vornehm, nur weil sie innen Königin ist und sich königlich hält. Und weißt Du was, Tante Hellfried? Ich sehe ihr ähnlich. Sie sagen es alle. Ich sehe ihr von ihren vier Kindern (wir sind eigentlich fünf, aber Eva zählt ja nicht) am meisten ähnlich. Und wenn ich erst König bin, dann will ich auch so unscheinbar umhergehen, wie Aschenbrödel, oder nein, wie Harun al Raschid, daß kein Mensch es merken kann, wer ich bin. Aber ich weiß es, ich bin der König. Das ist genug, wenn ich das nur weiß. Und Du sollst es dann auch wissen.

Ich wünsche Dir viel Vergnügen zu Neujahr


      Dein Neffe
      König Björn.


29.

      Frau Gesine Mordtmann.

Hochzuverehrende gnädige Frau!

Heute muß ich Frau Gran zu Neujahr vielmals gratulieren. Und zu Fräulein Lilis Hochzeit und auch zu Fräulein Evas Verlobung. Ich freue mich ja natürlich sehr, daß sie sich verlobt hat. Aber den Mann, zu dem hätte ich ihr nicht geraten. Wie ich hinkomme, das ist doch meine Schuldigkeit, und Glück wünschen will, Frau Gran, die schiebt mir noch einen Stuhl hin, sie ist doch immer so reizend mit mir, und die Fräuleins auch. Also richtig, wie ich da sitze, kommt der Bräutigam, dieser Doktor Milde, ins Zimmer. Ach so, sagt er, eine alte Köchin. Hier, gute Frau. Und denken, Frau Gran, da will er mir 'nen Taler geben! Ich, was ich gesagt habe, das weiß ich gar nicht. Frau Gran und die Fräuleins baten so, ich sollte doch bleiben. Aber nein. Ich sehe doch nicht aus, wie eine, die betteln will? Zur Hochzeit bin ich nur in der Kirche gewesen, Fräulein Lili die sah zu süß aus. Ich habe einen Kuchen gebacken und einen Glückwunsch dazu geschrieben. Hingehen wollte ich nicht. – Und nun, denk bloß, kommt spät, am Abend der Hochzeit, mein junger Herr Asbjörn zu mir zu Besuch. Ich war ganz zitterig vor Freude. Er hatte den Zug verfehlt. Mit dem nächsten müßte er doch weg, und nach Hause zu gehen wär nicht Zeit und bei mir hätte er gerade noch Licht gesehen, da hätte er Lust gekriegt, ein bißchen mit mir zu schnacken, wie früher als Junge. Na, daß ich ihm nicht mehr wie gern die Tür aufgemacht und ihm Tee gekocht habe, das können sich Frau Gran wohl denken!

Er saß da und sprach wie mit seinesgleichen. Frau Gran weiß das wohl auch, wenn Herr Asbjörn mal nett sein will, wie er denn ist, das kann gar kein andrer. Und den Bau, den er jetzt macht, beschrieb er mir, daß ich meine, ich sehe den weißen Turm am Meer schon fertig da vor mir, so schön wird das. Er baut doch in Groden, wo ich zu Haus bin. Und wohnt ja bei Jens Jenssen, meinem Bruder, der die Wirtschaft dort hat und dessen Tochter nun nächsten Monat zu mir kommt, damit ich sie hier anlerne für Fräulein Lili. Er wußte aber nichts von ihr. Ich sollt ihm lieber von mir was erzählen und von früher. Das tat ich auch. Wie Ihr beide klein wart und so schön alle beide und so wild und hattet schon Euren Kopf, gerade wie heute. Was Ihr Euch mal da hineingesetzt hattet, in Eure harten Granköpfe, davon konnte kein Mensch Euch wegbringen. Eure Mutter nicht und ich nicht. Und wenn Ihr beide was gewollt habt, das habt Ihr gekriegt, es hätte auch keiner das Herz gehabt, Euch irgend etwas abzuschlagen. Und er hört mich an und nickt dazu: Kluge, alte Gesine, recht hast Du. Wenn ich was will, das will ich haben.

Wie er das sagt, steht er auf und reckt sich, so groß wie er ist, und hebt seine Arme über den Kopf hoch, als ob er gleich den packen möchte und fortreißen, weit fort, der nicht gutwillig mit ihm gehen will. Aber wer würde ihm widerstehen? Kein Mann und – die gewiß nicht – kein Weib! Herr Asbjörn, sage ich, das ist nur gut, daß Sie eine zur Frau gekriegt haben, die so ist, wie Ihre. Meine Hellfried hat ja zum Unglück gerade an einen kommen müssen, der war auch nicht viel anders, als sie. Oho, ruft er, was weißt denn Du davon, Du warst damals hier gar nicht im Hause. Stimmt, sage ich wieder, ich bin auch verheiratet gewesen. Und darum gerade, darum weiß ich Bescheid von solchen Sachen. Meiner war der allerbeste, aber eben auch nur ein Mann. Siebenundzwanzig Jahre haben wir getreu und friedlich miteinander gehaust. Er hat mich gelitten, ich habe ihn gelitten. Anders ist das mal nicht in der Ehe. Und unser gnädiger Herr von Wilhelmy – ich kannte ihn doch gut, und er war immer freundlich zu mir und hat mir Theaterbillette geschenkt, ganz zuletzt noch. Leicht ist er gewesen, wie die Männer nun mal sind. Besonders so einer, der erst Offizier war und nun nichts zu tun hat. Leicht wohl, schlecht war er aber nicht! 

Herr Asbjörn, der rührt seinen Tee um und stützt dabei seinen Kopf in die Hand. Kluge Gesine, sagt er so halblaut, kluge, gute, kluge Gesine. Leicht wie eben alle. Sie sind einmal so, sie können nicht anders. Schlecht deshalb nicht.

Wie er dann weg war, habe ich immer noch da gesessen und habe seinen Stuhl und die Tasse mir ansehen müssen. Mein junger Herr Asbjörn! Der ist auch nun mal so, wie er ist, und weiß es selbst gar nicht, was an ihm gut ist, und wie alles schön ist. Er kann wohl auch weh tun und weiß auch das nicht. Wenn ich so mit ihm gesprochen habe, dann meine ich doch, ich hätte in der Sonne gestanden, so warm ist mir geworden, so hell. Dem muß eine Frau wohl alles verzeihen, das Allertollste, was er auch anstellt. Er ist nun mal so und kann gar nicht anders. Stunden und Stunden könnte ich über ihn spintisieren. Aber nein – das will ich doch heute nicht.

Ich habe Frau Gran bloß erzählen wollen, daß er da war und wie gut und schön er aussieht, und wie nett er mit mir war. 

Nun wünsche ich noch einmal vergnügtes Neujahr und bessere Gesundheit, und daß meine liebe, beste Hellfried recht bald wieder hierher zurückkommt.


      Ihre treue alte Dienerin
      Gesine Mordtmann.


30.

      Dr. Herbert Harmstorff.

Salò am Gardasee, 1. Januar 1904.

Verehrte Frau!

Lili meint, sie könne nicht schreiben, ich solle Ihnen an ihrer Stelle berichten, wie es uns hier geht. Wie es einem geht, Frau Tante, der das Jahr lang im Schulstaub gefangen, im Norden, im Winter und nun auf einmal mit seiner kleinen, lieben Frau für kurze Weihnachts-Hochzeitsreise-Ferien am blauen See! Ist es bei Ihnen dort ebenso milde? Doch wohl nicht wie hier. Und antike Inschriftsteine, gibt's die dort auch? Für die ging ich her! Ich habe sie heute so gesehen, wie ich mir's geträumt. Zwar – es hätte September sein müssen. Gleichviel, auch am Neujahrstage schien uns hier die Sonne, die Sonne Italiens, nur leicht umhüllt, wie durch Duftschleier lächelnd. Wir aber saßen im Boot, wir zwei beide, meine Lili und ich. Wir hatten Kissen mitgenommen, Decken genug, uns einzuhüllen, ein Fiaschetto mit rotem Landwein, Brot, ein Körbchen voll feinschäliger, rosiger Äpfel und blauer Trauben. Das stand vor uns auf dem weißgestrichenen, runden Holztisch, der unten am Mast war. Und unser Schiffer schlang um den Mast und um das Tischchen eine lange Ranke aus dem Garten, die Blätter braunrotgelb, aber doch noch ein paar Rosen, sommerfrisch in ihrer Knospenhülle. Für Hochzeitsreisende, wie wir es ohne Zweifel doch seien, gehöre sich das so, meinte der Mann. Und da er sah, wie sein Tun mich erfreute, da hat er für die junge Frau ein Myrtenreislein und für mich – ach! ich werde ihn nie erringen als dies einzige Mal! – für mich einen Lorbeerzweig noch hinzugefügt. Die Sitten eines Ortes bleiben durch die Zeiten sich ähnlich. Vor vier und einem halben Jahrhundert ist auch eine Barke, mit Teppichen ausgeschlagen, mit grünem Lorbeerlaub festlich geschmückt, über diesen See gefahren, um Inschriftsteine aufzusuchen. Und ich gedachte jener »florentissima caterva«, der blühenden Schar, die an einem schönen Herbsttage des Jahres 1464 also sich vergnügte und die zu Maderno, so wie ich heute, landete. Der große Maler Andrea Mantegna von Padua, der auf seinen Bildern die Antike so oft verherrlicht, der ist dazumal einer jener Fahrtgenossen gewesen. So wie ich stand er vor dem romanischen Kirchlein, das seinem Namenspatron geweiht ist, sah, so wie ich heute, das Portal und die Säulenkapitelle mit ihren schwerfälligen, mittelalterlichen Bandverschlingungen. Mit Schmerzen sah er das Relief, Diana auf ihrer Biga darstellend, von barbarischen Maurerhänden verkehrt, so daß die hehre Göttin schnöde auf dem Kopfe zu stehen kam, als Eckstein dem Bauwerk eingefügt. Und mit Entzücken las er damals, las ich jetzt die Inschriften in den klaren großen, klassisch einfachen Lettern Roms. Sie sind stark verwittert. Aber trotzdem! – Meine ganze Wonne würden Sie, verehrte Frau, erst fassen können, hätten Sie als ein Fachgenosse mit mir auch die Funde entziffert. Mein Weib und ich, ich mit meinem Weibe, wir standen auf geheiligtem Boden! Der See war blau, blau wie dazumal im September. So wie einst Mantegna und seine Schar von Freunden und edlen Altertumsforschern, bestiegen auch wir wiederum unser grün geschmücktes Schifflein, tranken den Wein, der uns durch sein Feuer des Tages Kühle nur als eine labende Erfrischung spüren ließ, verzehrten unser idyllisch Mahl von Äpfeln, hartem Landbrot, Trauben. Und obschon wir keine Laute noch Zither mitgenommen hatten, wie jene Genossen, wir entbehrten der Töne nicht. Mein Frauchen erhob ihre klare Stimme, und deutsche Lieder zogen im Wintersonnenschein klingend über die lächelnd aufhüpfenden Fluten.

Also hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Altertumsforscher, der zwar kein Maler ist noch Künstler, sondern nur ein simpler Scholarche, nicht Pataver, jedoch der nordischen, edlen Hammonia fleißiger Bürger, mit seinem jung getrauten Weiblein seinen Neujahrs- und Weihetag allhier auf dem Benacus begangen.


      Ihr ergebener Neffe
      Herbert Harmstorff,
      Dr. phil. und Oberlehrer.


31.

      Lili.

Einen Gruß, meine liebste Tante, muß ich doch auch noch darunter schreiben. Einen Gruß nur – und der sagt Dir alles – von


      Lili Harmstorff.


32.

      Asbjörn Gran.

10. 1.

Noch einmal vom Strand. Bau hält mich fest hier. Und das Meer. Heute graugelb, düster, braunschwarz, fast violett in den Tiefen, finsterdrohend. Und plötzlich dann wieder hell aufblitzend, wie grünes Gras und lichtes Silber, spottet es: Ihr Menschlein, armselige Menschlein! Wenn ich mich erhebe, so stürzen all Eure stolzesten Bauten. – Und ich fühle in mir trotzig etwas Verwandtes mit diesem Meer da. Ich brauche Glück, das strahlt und leuchtet, bald drohend, bald sonnenglanzdurchglüht. Nicht so ein braves, hausbürgerliches, mit Sorgen um Zahlung bei Schneider und Schuster, nicht eines, das sich jede Stunde um etwas ängstigt, sei es auch nur um mich. Vielmehr . . . 

Also deshalb bin ich am Strand hier. Weil es mir wohltut, weil mitten im Winter das Wiegenlied der Flut da draußen meine Nerven mir besänftigt. Und schließlich, ja richtig, ich baue das Schloß auf dem Hünenhügel, Du weißt es ja.


      Asbjörn.


33.

      Luitgarde von der Hellen.

Meine Beste!

Anstatt daß Du still in Deinem Lehnstuhl in der Sonne daliegst und mit den Wolken, die über die blauen Wasser hinziehen, Deine Gedanken träumerisch ins Unbekannte schweifen läßt, sorgst Du Dich wieder und quälst Dich auch dort um andre. Und anstatt Deinen Augen und Nerven Ruhe zu gönnen, wie Dir es Dein Arzt geboten hatte, schreibst Du mir um dieser fremden Klotilde willen. Was kümmert sie Dich! Laß Du die Vielzuschöne ihrem Geschick. Ich habe es nicht von ihr abwenden können, obwohl ich's versuchte.

Du hast recht, ich bin sehr erschrocken, als sie damals nicht mitgereist ist. Darüber grübelst Du nun vier Monate lang und errätst, was Dir kein Mensch sagte. So bist Du einmal. Wolle mir nur nicht zuviel erraten. Da ist es schon besser, ich sage Dir, was ich selbst davon weiß. Also: es war vor einem Jahre, nicht lange nach dem Tod ihres Mannes, da besuchte ich sie. Ich hatte sie ja bei Deiner Schwägerin wohl getroffen, sonst kannte ich sie nicht. Wie ich nun komme, sitzt Eva bei ihr, der hatte sie ihren blonden Kopf auf den Schoß gedrückt und weinte und schluchzte. Als ich eintrat, sprang sie auf und rief mich klagend zur Zeugin, wie schlecht die Menschen seien, wie grundschlecht. Von ihr, von ihres armen Mannes trauernder Gattin, die unter dem langen, schwarzen Schleier gebückten Hauptes und trostlos dahinschleicht, von ihr so zu denken, an sie, an sie! so schamlos zu schreiben! Und sie zeigt mir einen Brief, den sie auf den Tisch geworfen hatte, einen Liebesbrief ohne Namensunterschrift und so, wie wohl seit unvordenklichen Zeiten die Männer schrieben, wo sie glaubten, schließlich Erhörung finden zu müssen. In den kurzen, abgerissenen Sätzen aber ein Feuer, eine Leidenschaft, daß es mich – gestehe ich's nur – ergriffen hat. Von wem? fragte ich. Sie aber schwor mit erhobenem Haupte, daß sie nichts wisse, nichts wissen wolle, nur allein ihren armen, toten Gatten liebe und ihm ihr Leben lang treu sein werde. Dabei schluchzte sie auf aus Sehnsucht nach jenem, schüttelte sich in Abscheu und Ekel vor dem andern, der es gewagt, mit solchen Anträgen ihr zu nahen, und schritt dann wieder hin und her durch ihr enges Zimmer. Schön sah sie aus, schön! Wenn alle Männer sich vor der auf die Knie würfen, mich sollte es nicht wundern. Und wollte einer, anstatt der abgetragenen, schwarzen Lehrerinnen-Kleider sie in Goldgewänder hüllen, von der Farbe ihrer Flechten, er täte nur recht; so mußte ich denken in meiner höchst gewissenlosen, unmoralischen Novellistenfreude an der wundervollen Erscheinung. Deine Nichte Eva aber saß da wie erstarrt. Daß sie so kindlich jung war, über einen anonymen Brief sich derart zu entsetzen, wunderte mich. Sie ist ja so gehalten ernsthaft, man traut ihr unwillkürlich Erfahrung und Weltkenntnis zu, weit über ihre Jahre hinaus. Und wird man älter, so vergißt man, wie viel das Leben einen selbst allmählich, sehr allmählich erst lehren mußte. Mit vierundzwanzig hätte ich über solchen Liebesantrag an eine angebetete Freundin mich auch wohl entsetzt.

Das ist, wie gesagt, vor etwa einem Jahr geschehen. Als ich Eva noch einmal fragte, ob denn weder sie noch Klotilde eine Ahnung gehabt hätte, von wem jener Brief sein könne, gab sie mir nur zur Antwort, die Handschrift sei ja verstellt gewesen. Das hatte ich schon selber gemerkt. Und seitdem hörte ich nichts von der Sache. Viel später, an einem Augustnachmittage dieses Sommers, traf ich Klotilde. Sie schleppte sich mit einer dicken Notenmappe. Ihr schwarzes Kleid sah bei der Hitze noch ärmlicher aus, der schwere Schleier zog ihr den kleinen Krepphut nach hinten hinüber. Todmüde schien sie und todtraurig. Ich ging eine Strecke mit ihr. Wir sprachen von der Hitze natürlich und ihren Stunden und davon, daß so viele Familien im Sommer verreisen. Und Sie? frage ich. Sie schüttelte den Kopf nur müde: Ich! – Und wie's einem geht, daß man manchmal denkt, was man lieber nicht denken sollte, laut ausspricht, was man verschweigen müßte, so fährt es mir heraus: Arme Schönheit! Ja, was ist es denn mit dem Krösus, der Ihnen Goldkronen und Diamanten gern zu Füßen legen wollte. Schrieb er nie wieder? – Da fällt sie in ein Zittern, daß ich meine, sie wird mir gleich hier auf offener Straße in Ohnmacht sinken. Wenn Sie nicht davon reden mögen, liebe Frau Tilenius, rufe ich, ich bin nicht neugierig, lassen Sie es. Aber schon faßt sie sich wieder zusammen, es sei ihr nichts, sie rege sich nicht auf, nur ein Zufall, nur die Hitze. Und Briefe? Nein, einen Brief hätte sie nicht wieder bekommen. Wir standen just vor ihrem Hause. Sie gab mir ihre Hand zum Abschied, eine feuchtkalte, zitternde Hand. Sie wollte lieber hinauf und wollte sich auch schonen und etwas weniger Stunden geben.

Also der Unbekannte, dachte ich, verfolgt sie noch, und sie kann ihm nicht mehr lang widerstehen. . . . . Als Doktor Westphal Dir, beste Hellfried, kurz darauf die Winterkur verordnete, da habe ich Dir Klotilde Tilenius als Begleiterin vorgeschlagen. So bildet man sich töricht ein, den Wagen des Schicksals abzulenken.

Mehr, meine Beste, kann ich nicht erzählen. Sie ist fort von hier, das erfuhr ich. Wohin, mit wem? Wie soll ich es wissen! Sorge Dich nicht so. Was hilft es denn noch? Sie wollte die Rettung nicht, wollte ihr Schicksal. Vielleicht macht es sie glücklich. Wer kann das heute schon entscheiden? Ich nicht.


      Luitgarde.


34.

      Frau Gesine.

Hochzuverehrende gnädige Frau!

Erlaube mir gehorsamst zu melden, daß meine Nichte Elsabe Jansen vor einer Woche hier eingerückt ist. Und einen Liebsten hat sie richtig, aber zur See und noch für lange – so schadet das nichts. Sie scheint ganz vernünftig, weiß mit der Küche schon etwas Bescheid (ihr Vater hat ja doch die Wirtschaft); das Übrige bringe ich ihr bei.

Was ich noch erzählen wollte, – gestern ist auch Frau Gran dagewesen, um sich das Mädchen mal anzusehen. Sie hat von ihr hören wollen, wie es dem Herrn geht. Denn Herr Asbjörn, der ist ja – Frau Gran sagte das nicht, ich weiß es aber – seit vor Weihnachten, seit der Hochzeit, in Groden unten bei seinem Bau. Er schreibt auch gar nicht. Das Mädchen – sie ist eben eine vom Lande und noch nicht gewohnt, mit Herrschaftsleuten umzugehen –, die steht da, streicht ihre Schürze glatt, spricht ja und nein zu allen Fragen und weiter gar nichts.

Elsabe, sage ich, tu nur nicht so, als ob du nicht bis drei zählen könntest. Frau Gran will das doch gerade gern wissen, was der Herr macht, und ob er vergnügt und wohl ist. Na, so sag es ihr doch.

Da sieht sie mich an mit ganz ängstlichen Augen, als wenn sie mich fragt, ob ich es denn auch wirklich so meine. Ja, fängt sie an und kann nur stottern, ja, wohl ist der Herr. Er hat immer beim Bau zu tun. Und dann liegt er im Sande so lange, bis die Flut kommt. Und abends? Ja, abends sitzt er in dem kleinen Hinterzimmer, wo das Klavier steht. Dann spielt er so schön, – o, – so wunderschön! Und sie singt dann dazu. Sie? frage ich. Wer denn? Wer kann denn singen bei Euch in Groden?

Aber Frau Gran meint rasch, das sei eine gute Bekannte von ihr. Sie wüßte natürlich, daß sie dort ist, lange schon. Und danach hätte sie nicht fragen wollen. Nur, wie es ihm geht, nein, weiter gar nichts. Sie war sehr eilig. Fräulein Lili, die junge Frau Doktor, käme nämlich vielleicht schon morgen von der Reise; da hätte sie in ihrer Wohnung noch so viel zu richten. Ehe wir weiter was fragen konnten, war Frau Gran fort. Sie sah aber blaß aus.

Ist das auch wahr, daß Frau Gran von der Dame wußte, die in Groden beim Herrn ist und so schön singt? Wer kann denn das sein? Mir ist so bang. Hätte meine Nichte nur lieber nicht das erzählt. Morgen soll sie denn also den Dienst antreten. Sie läßt sich auch allerbestens empfehlen und schöne, gute Besserung wünschen, ebenso wie


      Ihre getreue alte Dienerin
      G. Mordtmann.


35.

      Eva.

Mutter bittet mich, Dir, liebste Tante, heute an ihrer Stelle zu schreiben. Ich soll Dir etwas Heiteres erzählen, sagte sie, etwas, was Dir Freude macht, Dich zerstreut. Ich weiß nur nicht was. Lili ist zurück von der Hochzeitsreise, sie schrieb Dir wohl schon selbst. Was kann ich Dir denn sonst berichten?

Ein Abenteuer hatte ich neulich. Stelle es Dir vor: später Abend, Kälte, Schneetreiben, ich komme von einer Lehrerinnenversammlung, in der die andren Damen sich zankten. Ich hatte vorgezogen, zu schweigen. Und ich gehe und denke . . . so allerlei . . .

Ja, richtig, ich wollte Dir also erzählen. An der Straßenecke war es, nicht weit von hier. Da tritt aus dem Dunkel ein Mann an mich heran: Sie sind Eva Gran! Ich erschrak. Er war so plötzlich neben mir aufgetaucht. Aber wie ich ihm ins Gesicht blickte, da blieb ich stehen. Ein alter Herr, den ich nie gesehen habe, hager, mit tief in den Höhlen liegenden, halberloschenen Augen und gebückt. Ganz gewiß kein Strolch oder Bettler. Eva Gran, sagte er leise, liebe Eva! Dabei nimmt er meine beiden Hände, hält sie fest und streichelt sie. Und ich, denke Dir, Tante, ich mußte sie ihm lassen. Wir standen in dem Schneetreiben, er und ich. Und mir war mit dem fremden Menschen, als hätte ich ihn lange gekannt. Ich fragte ihn weder, wer er sei, noch woher er meinen Namen wisse. Ich sagte kein Wort. In seinem großen Pelzrock schien ihn zu frösteln, seine Lippen sah ich zittern. Und dann ließ er mich plötzlich los, grüßte und ging. Ist das nicht wunderlich?

Leb wohl, liebste Tante, für heute nichts weiter. Vater ist noch an der Nordsee und Mutter – richtig ich vergaß, Dir von ihr zu sagen, weshalb sie nicht schreibt – Mutter muß Björn Eisumschläge machen. Sie hat sich gestern sehr erschrocken, als er mit Fieber aus der Schule nach Hause kam. Aber es geht ihm heute schon besser. Nun weißt Du, wie es bei uns hier aussieht. Nicht viel anders als sonst.


      Leb wohl!

      Deine Eva.


36.

      Asbjörn.

1. Februar 1904.

Dein Mann? Liebe Schwester, mir scheint, Du fieberst! Weil irgendein frecher, fremder Gesell es gewagt hat, im Abenddunkel meine Tochter anzureden? Rege Dich doch nicht wieder auf. Du bist krank genug seit dem Brief im Frühling. Warum tatest Du denn nicht, was er wollte, daß Du seinen Namen wieder annahmst? Und nun natürlich wieder die Angst, nicht das Rechte getan zu haben, Grübeln, sich selbst zerfleischende Reue. So seid Ihr Frauen! Die eine weist ihrem Mann die Tür wegen nichts, Spielschulden und Tänzerinnengeschichten – ja, war es denn mehr? – und büßt dann bitter, sechzehn Jahre hindurch, ihren kindischen Stolz. Eine andre, die folgt ihrem Herzen, tut, was sie muß, im Überschwange des Lebensdurstes – aber möchte zugleich mit ihrem schönen, verbotenen Glück in allen Ehren vor den Menschen dastehen können. Und noch eine, die schreibt so rührend liebevolle Briefe, daß ihrem Mann beinahe die Tränen kommen, schreibt von Verzeihen, von Sterbenwollen. Na ja, ich fahre morgen nach Hause zu Mignonne. Was erwartet mich da? Ich weiß es im voraus. Geldsorgen, zuviel ausgegeben für die Hochzeit, weil ich alles zu prunkvoll wollte, Kleinlichkeiten, Vorwürfe, Ärger. Sie wird erkältet sein, dadurch herunter, ich kenne das. Und hier das Meer, mein Bau, Freiheit, Schönheit . . . Ich fahre wohl auch erst übermorgen. Es hat sicher ja Zeit. Gib Du Dich nur auch endlich zur Ruhe.


      Asbjörn.

37.

      Dr. Westphal.

2. Februar 1904.

Verehrte Frau!

Auf keinen Fall kann ich Ihnen jetzt gestatten, nach Hause zu kommen, bei diesem Ostwind in der schärfsten, härtesten Zeit des ganzen Winters. Und nachdem mir Doktor Dupuis gerade schrieb, daß er eine merkliche Besserung konstatiere! Ich weiß auch nicht, was Sie plötzlich so aufregt. Sie schreiben mir, Ihr und andrer Lebensschicksal hinge davon ab, daß Sie jetzt hier seien? Meine liebe Patientin, dieser Ihr leidenschaftlicher Brief beweist mir leider, daß Sie noch nicht ganz geheilt sind. Als Sie mir vor einem Jahre die Ehre erwiesen, an Stelle Ihres verstorbenen alten Freundes mich zu Ihrem Arzt zu machen, fand ich Sie in einem ähnlichen Zustande der Erregung. Sie wollten mir den Anlaß nicht sagen; nur daß es ein Brief gewesen, der Sie damals aufgeregt hatte, habe ich erfahren. Sollte es dieses Mal wieder ein Brief sein? So werde ich am Ende Ihren sämtlichen Verwandten noch das Schreiben verbieten müssen. Beruhigen Sie sich. Welches Lebensschicksal im Hause Gran sollte denn auch durch Ihre Heimkehr ein besseres werden? Meinen Sie wirklich, den großen Künstler, Meister Asbjörn, zu einem alltäglich bequemen Gatten und guten Vater erziehen zu können? Glauben Sie, Ihr Einfluß werde ihn dahin bringen, die Last, unter der man die blasse Frau täglich müder werden sieht, ihr zu erleichtern? Wie sollten Sie jetzt plötzlich etwas vermögen, was Sie bis vor ein paar Monaten doch nie erreichten! Aber wenn nicht für Frau Mignonne, für wen wollten Sie sonst wiederkommen? Für Fräulein Eva? Hat sie Ihnen geschrieben, Frau Hellfried? Hat sie mich verklagt? Ja, ich habe unrecht getan. So lange hatte ich mir vorgenommen, vernünftig zu sein, mit Ehrgeiz und Strebertum und Arbeit, lauter kühlen, ungemein praktischen Maximen hatte ich mir mein Herz umpanzert: bleib davon, sie ist nichts für dich, ist viel zu stolz und liebt dich nicht. Das hatte ich mir so gründlich gepredigt, bis ich selber daran glaubte. Ich mied sie und schwieg.

Und plötzlich eines schönen Tages hat sie sich verlobt. Mit Doktor Milde. Mit Hellfried Milde, meinem Nachbarn, gerade mit dem, mit dem . . . Eva Gran und mit dem!

Nein, Frau Hellfried, Sie sagten mir einmal, Sie kennten die Reue. Sie kennen sie nicht, wenn Sie das nicht erfuhren, was ich litt und noch leide.

Dann kam Lilis Hochzeit, ich mußte hingehen zu gratulieren. Ich wollte erst nicht. Aber es wäre aufgefallen. Ich wollte es nicht. Und ich ging eben doch hin. Und atmete auf, als ich Eva im Saal nicht antraf. Ich war schon wieder im Vorzimmer draußen, da sieht mich der Meister: Was, Christel, gleich wieder fort? Ich glaube, Sie haben Lilis Geschenke noch gar nicht gesehen. Nicht ihr zukünftiges Haus, das ich für sie skizzierte? Nein, so dürfen Sie mir nicht fortgehen! – Wer hätte ihm je widerstehen können! Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf, ich kam in das kleine Hinterzimmer, das voll gesteckt von bewundernden Besucherinnen war, ich trat vor das Aquarell eines im Grün halb verborgenen poetischen Häuschens, entzückend gemalt. – Aber ich wußte nur das eine: Eva war in dem Zimmer, stand an dem Tisch mit dem Bild und den Gaben. Er erklärt mir in seiner lebhaften, feurigen Weise, wie das Haus werden müsse, das er dem jungen Ehepaar bauen wird. Wann? Sobald er es kann, sobald Lili es von ihm wünscht. Auch schon den Grundriß hat er entworfen. Die Damen drängten sich natürlich näher um ihn, kein Wort zu verlieren. Wenn aber erst Evas Hochzeit sein wird, fährt er fort, die soll von mir nicht so ein verstecktes Nestchen bekommen, der errichte ich einen stolzen, weißen Palast, das paßt besser für sie.

Die Worte hörte ich: Eva braucht einen stolzen Palast.

Er ist fort, die Damen mit ihm. Nur ich allein bin noch geblieben, mit ihr allein. Eva braucht einen Palast! Wie ich die Worte laut wiederhole, sieht sie mich an . . . Und dann sagte ich es ihr. Alles sagte ich. So wie man in heimlichen Stunden nur zu sich selbst spricht, in bitterem Zorn, in anklagender Reue, leidenschaftlich, verzweifelnd, flehend, ich weiß nicht was, ich weiß nicht wie mehr. Es brach aus mir heraus, was ich so lange in mir getragen, eine Flut von Liebe, von Schmerzen und Reue und Qualen. Und alles Vernünftigsein war vergessen.

Sie hielt ganz still, stand da in ihrem weißen Kleide, selber weiß wie das Tuch, auf dem das Silber und die Kunstgegenstände aufgebaut waren. Ihre blassen Hände hingen an ihr zu beiden Seiten nieder. Mit großen, großen Augen sah sie mich unverwandt an und hörte meine wirren Reden und antwortete mir mit keinem Laut, keinem Blick, keinem Wimperzucken . . .

Erst nachher, auf der Straße draußen – die Jungen waren hereingestürmt, wieder neue Besucher gekommen – ich bin geflohen – erst nachher, wie ich das Geschehene mir überdachte, da kam es mir: Eva Gran, die des Doktor Milde Braut ist, wie hätte sie meine Worte denn anders anhören können, als in versteinerndem Entsetzen! 

Kommen Sie nicht zurück, Frau Hellfried, kommen Sie nicht her. Als Ihr Arzt verbiete ich es Ihnen. Als Freund kann ich Sie nur darum bitten. Was wollen Sie die alten Wunden neu bluten machen? Eva liebt ihn, wird hoffentlich mit ihm glücklich werden. Und ich – mir ist nicht mehr zu helfen, ich habe mein Glück verscherzt. Und ich wußte es nicht einmal.

Leben Sie wohl und schlafen Sie friedlich.

 

      In alter Ergebenheit
      C. Westphal. Dr.


38.

      Lili Harmstorff.

Liebe Tante Hellfried!

Nun sind wir über eine Woche schon hier zu Haus. Wir sind nämlich heimlich einen Tag früher, als wir es geschrieben hatten, zurückgekommen. Mutter hatte aber schon alles fertiggemacht. Und alles ist reizend. Über dem Sofa im Wohnzimmer hängt das Bild von dem dereinstigen Landhaus, das Vater uns malte. Ich weiß nicht, ob er es jemals bauen wird. Und ich wünsche es mir auch gar nicht. So klein und alles so nah beieinander, das ist doch zu nett. Meine Küche, die solltest Du sehen! Wir lieben sie beide, Herbert auch! Als ich am ersten Morgen hinauskam, ich hatte nämlich nach der Reise mich etwas verschlafen, denk Dir, da finde ich ihn, wie er dasitzt auf dem Küchentisch mit baumelnden Beinen und seine Stiefel wichst. Ich schwang mich zu ihm hinauf natürlich. Erst da küßten wir uns ein bißchen, das ging doch nicht anders. Dann aber nahm ich meine Schuhe und putzte sie auch. Es schickt sich, finde ich, für ihn nicht, solche Arbeit zu tun; ein Lehrer! Seine Klasse, wenn sie es sähe, würde sich über ihn lustig machen. Seitdem nun das Mädchen gekommen ist, braucht er's nicht mehr. Am liebsten würde ich alles für ihn ganz allein tun, selbst Stiefel putzen. Wenn ich gekocht habe – sie kann das ja auch, aber ich glaube, es schmeckt ihm doch besser, wenn ich es tue –, dann bin ich so stolz: mein Mann ißt die Speise, die ich ihm bereite! Er arbeitet für mein Leben und ich für seins. Vaters Worte bei seiner Rede, die er hielt, als wir von der Ziviltrauung nach Hause kamen, die gehen immer und überall mit mir: Die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den wir in den Mund nehmen, möge in uns immer lichter werden. Ich glaube, es ist ein Zitat aus Goethe. Ach, ich habe so wenig gelesen; ich wußte nicht, daß der es sich in sein Tagebuch schrieb, dachte, bis Herbert es mir erklärte, es sei aus Vaters Denken entstanden. Vater selber, ich glaube, der lebt so und möchte uns nach seinem Beispiel auch zu leben anleiten. Mein Vater! Als ich noch zu Hause war, sah ich all seine kleinen Schwächen. Daß er immer in Eile war, uns Kinder kaum kannte, daß er einschlief, wenn er nicht las oder zeichnete, und zeichnete oder las, wenn er nicht schlief, und nie für uns und nie für Mutter eine freie Minute hatte. Jetzt, da ich fort bin, auch fort aus der Stadt war, ein paarmal es sah, was fremde Leute für Augen machten, sobald ich sagte, ich sei seine Tochter, jetzt weiß ich besser, wer er ist. Seinen großen Denkmalsbau besuchten wir zuletzt auch. Und obwohl ich die Zeichnungen kannte und Abbildungen gesehen hatte, da in der freien Luft vor dem ganzen fertigen Bauwerk war es mir anders, ward mir so feierlich zumute: Mein Vater hat das geschaffen, mein Vater! – Und doch – ich bin froh, daß Herbert nicht ein Künstler ist. Ich meine, Gelehrte können doch leichter ihr Leben führen, wie Goethe es meinte. Seit ich verheiratet bin, muß ich soviel denken, so anders als früher. Ich möchte . . . ach . . . – wenn ich etwas für ihn tue, und selbst wenn ich unser Essen koche, ich denke daran – ich möchte ihm dazu helfen können, daß in ihm wie in mir die Idee des Reinen immer lichter, lebendiger werde.

Und wenn er mich jetzt seine kleine Frau nennt – er hat ja recht, ich bin's: jung, unerfahren und dumm –, künftig einmal soll er ganz stolz »meine Frau« von mir sagen. Aber – bis dahin – es währt wohl noch lange!


      Deine kleine dumme Lili.


Weißt Du, was ich getan habe? Meinen alten Kinderschreibtisch mit dem großen Schubfach, den habe ich mir in die halbdunkle Kammer neben unser Schlafzimmer gestellt. Dahinein kommt nun alles, was irgendwo in der Wohnung umherfährt. So habe ich doch noch die eine Ecke, in der ich, wenigstens fürs erste, ich selbst sein kann, ein klein bißchen unordentlich. Mit der Zeit will ich aber ganz gewiß überall und immer furchtbar korrekt und fehlerlos werden – eine Musterhausfrau! 


39.

      Björn Gran.

Liebe Tante Hellfried!

Du mußt es doch wissen, daß ich krank war. Und schön war das! Nämlich was mir eigentlich fehlte, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, es war ganz dunkel um mich, mein Kopf brannte, alles tat mir weh, und ich lag da und sah zu, wie sie Schmerzen hatten, mein Kopf und der Rücken, jeder Arm, jede Fingerspitze. Ich selbst war dabei gar nicht traurig, ich dachte immer: Was kommt nun wohl? und wartete. Und da kamen die Träume. Wenn ich sie nur alle noch wüßte! Ich erzählte sie Dir gern. Ich war nur so müde vom Warten und von dem Horchen auf alle die Schmerzen. So merkte ich nie, wie der eine Traum fortging und der andre dastand. Manche waren ganz feuerfarben und glänzten wie Gold und stachen mich mit spitzigen Nadeln. Andre waren grün wie der Wald, flogen leise zu mir und sangen wie lauter kleine, kleine Vögel. Und andre wieder, die waren so leise, wie Mutter geht – man hört den Schritt nicht. Und die sahen blaß aus, lichtblau mit Silber, und hüllten mich ein in seine Schleier, weiß wie Schneeflocken, immer dichter, immer weicher, immer einer über den andern. Ich weiß auch noch, wie mir da zumute war, erst mollig warm, dann schwer, so schwer . . . . . Und auf einmal war alles fort. Ich hatte den hübschen Pagenkittel angezogen, aber ich trug keiner Fürstin die Schleppe, ich war selbst König und saß auf dem Thron, und sie knieten vor mir, die ganze Schule, und die Zwillinge, auch als Pagen, brachten die Krone, Ascan setzte sie mir auf den Kopf, Lothar drückte sie, bis sie fest saß. Nur zu fest. Ich mußte laut schreien. Da legte Mutter mir einen frischen Eisbeutel auf, Du glaubst nicht, wie das wohl tat und kühlte. Überhaupt das Allerschönste am Kranksein war, daß sie immer bei mir blieb, Mutti. So oft ich aufsah in der Nacht, sie war da am Bett. Und wenn ich es nicht aushalten konnte, dann nahm sie mich in ihre Arme, ich drückte mich an sie an. Und dann wurde es gut. Ich habe ihr all meine Träume erzählen wollen, aber sie hat es nicht erlaubt, es wäre aufregend, ich dürfte das nicht. Mutter versteht nicht, daß es schön ist, dann schadet es doch nichts. Ich glaube, andre Menschen, die sind oft so traurig, die träumen wahrscheinlich nicht so hübsch. Wenn ich nur einmal, einmal das wüßte, wie es in einem andern Menschen drinnen aussieht! Es war ja kindisch, was ich Dir vor Weihnachten schrieb, daß ich gern solchen Kopf haben möchte, wie meiner ist. Ein so kleiner Junge bin ich jetzt doch nicht mehr, daß ich glaubte, man könnte so was nachmachen. Ich weiß auch schon, wie man am meisten von den Menschen innen erfährt: ich werde Arzt. Ich habe gestern mit Hellfried Milde darüber gesprochen (Christel Westphal kommt jetzt nie, sonst mag ich den lieber) – der meint auch, es wäre richtig, man kennt dann alles, was in einem Kopf vorgeht. Eva sagt: doch nicht immer alles. Aber Eva ist ein Mädchen, die versteht es natürlich nicht so. Ich möchte auch zum Beispiel gern sehen, was Mutter denkt, wenn sie traurig ist. Einmal bin ich aufgewacht, da weinte sie. Ich habe sie so viel geküßt und ihr gesagt, ich würde gesund, und sie sollte sich nicht um mich grämen; ich wollte nicht sterben; ich wollte ein ganz berühmter Arzt oder ein großer Dichter werden, eins von beiden gewiß. Und ich sagte ihr, ich wäre doch Michaelis mit versetzt und mein Osterzeugnis würde wohl auch nicht so schlecht wie das von vorigem Jahr. Aber sie hat nicht aufhören wollen zu weinen. Wenn ich erst Arzt bin, so wie ich es möchte, dann mache ich ihr andre Gedanken in ihren Kopf, lauter lustige, so wie meine Träume waren. Glaubst Du, Tante, daß man das kann? Ich muß nun schließen.


      Dein Björn.


Ich bin auch gewachsen. Und morgen soll ich schon wieder zur Schule. 


40.

      Asbjörn.

Noch hier. Konnte unmöglich fort. Zu Hause sicher alles in Ordnung, da Mignonne mir schon länger nicht schrieb. Hier plötzlich seit gestern wunderbarer März-Sonnenschein, Meer lichtsilbern und smaragdgrün mit leichtem Perlschaum. Frost scheint vorüber für diesen Winter. Mein ungesehener Bauherr hat Glück. Sein Haus wächst. Leiter erstiegen und weit, weit hinaus gesehen. Steht erst das Schloß mit Türmen und Zinnen, meerbeherrschend, landüberblickend, wird's ein Heim der Schönheit werden. Ja, planen, bauen, aus sich heraus in das offene Tageslicht hinstellen, was man mit inneren Augen schaute – nur das ist Leben! – Laßt doch Euer ewiges Bedenken, Bedauern, Bereuen, Ihr schwachmütigen Frauenzimmer. Tun, etwas Ganzes, etwas Starkes, und wenn's selbst verkehrt ist – tun, was man muß, – nicht vorher zagen, nicht nachher bereuen. Nur so kann ich leben!


      Asbjörn.


41.

      Eva.

Liebe Tante!

Was denkst Du nur, was soll denn geschehen sein? Dein Telegramm sagt, wir hätten Dich über einen Monat ohne Brief gelassen. Ich kann mir's nicht denken. Wenn es aber wirklich so ist, dann geschah es, weil hier so gar nichts Schreibenswertes sich ereignet hat. Meine Hochzeit ist noch nicht bestimmt. Sie wird keinesfalls so bald sein. Doktor Milde läßt Dich schön grüßen. Ich gab ihm neulich Deine Karte zu lesen, wie ich es mit allen Briefen jetzt tue. Er denkt sonst immer, ich hätte ihm etwas zu verbergen. So las er denn auch Deine Fragen wegen des Fremden von jenem Abend – wie kann Dich der nur so aufregen, Tante? Erst wollte er mir es übelnehmen, daß ich vergessen, es ihm zu erzählen. Dann aber, als ich ihm genauer den Herrn beschrieb, da meinte er, es wäre wohl Mister Anders gewesen, sein Patient. Und da freute es ihn, daß der wunderliche Mann, der sonst sich vor allen Leuten versteckt, mich, als seines Arztes Braut, hatte kennen lernen wollen. Wer glaubtest Du denn, daß es sein könne? Ich verstehe Deine Fragen gar nicht.

Ein andermal mehr.


      Deine treue Eva.


Mutter schickt einen Gruß und bittet Dich, sie zu entschuldigen, wenn sie nicht schriebe, Sie ist schon die ganze Zeit erkältet, weil sie doch Björn vor ein paar Wochen Eisumschläge machen mußte, drei Tage und drei Nächte lang. Sie hustet noch, aber sonst sei es nichts weiter. Das soll ich Dir sagen. Ich sitze hier neben ihr und schreibe, sie rechnet. Die drei Knaben schlafen, Vater ist noch verreist. So ist das nun. Wir beiden allein. Sie rechnet, rechnet, und es stimmt nicht. Stimmt es denn je? Sag Du mir's doch, Tante, stimmt bei irgend einem Menschen die Rechnung, die er sich gemacht hat, mit dem Fazit, das sein Leben ihm zieht? Bei keinem, glaube ich. Ich habe versucht, mir für meine Zukunft nicht goldene Luftschlösser zu erbauen, die dann so jäh zusammenstürzen. Ich hatte Mutters Beispiel vor mir. Nur das nicht, dachte ich, nur das nicht! Aber – ich weiß nicht, was ist denn nun besser – gar nichts mehr hoffen, gar nichts träumen, aus Furcht, zu erwachen? Oder sich in süße, süße Träume einwiegen, sanft und selig sich von ihnen umschweben lassen, bis man erwacht? Man träumte sie doch! 


42.

      Gesine Mordtmann.

7. März.

Hochzuverehrende gnädige Frau!

Für den schönen Glückwunsch danke ich auch vielmals. Solche wunderhübsche Karte mit dem See und den Segeln darauf und selbst gemalt von meiner Hellfried! Ich habe beinahe geweint vor Freude. Aber – das muß ich Frau Gran doch sagen – was zuviel ist, das ist zuviel. Eine Menge Besuche bekam ich den Tag, Frau Gran, Herrn Asbjörns Frau, die ist ja nicht wohl, aber die junge Frau Doktor Harmstorff und Fräulein Eva waren da und die drei Jungens. Und denken Frau Gran bloß, auch Herr Doktor Milde kam, er hätte von seiner Braut gehört, heute wäre ich siebzig, und er brachte mir Maiblumen mit. Ich glaube, er tat das nicht für mich; er meinte wohl, seine Braut, die sollte ihn loben, darum, daß er nett zu mir wäre. Und für wen er es getan hat, ist am Ende ganz gleich – nett war es wirklich. Er ging dann eilig, er müßte noch zu einem Kranken. Nachher, wie ich so allein sitze und nachdenke über den Tag und die Besuche und alles, und wie das so im Leben geht, daß immer einer oder eine den andern lieb hat, der ihn nicht so lieb hat und nur eben still hält, – da kommt denn wirklich noch ein Geschenk. Meine liebe, alte Hellfried, meine beste gnädige Frau von . . . – ach, nein, Frau Gran – ich kann das wirklich nicht annehmen. Ein Abonnement! Und für jeden Tag! Das ist doch zu viel, das kann ich doch gar nicht, davon werde ich ja schwindlig. Einmal ja, und auch dreimal den Winter, daß man was zu denken im Kopf hat. – Aber so was! Wissen Frau Gran noch, wie Frau Gran mich zum Geburtstag einmal besuchte, ich war doch auch verheiratet damals, und unser guter, gnädiger Herr, der kam mit und fragte mich, was ich mir wohl wünschte? Ich möchte mal »Faust« sehen, das soll doch so schön sein. Und Herr von Wilhelmy, der schenkte es mir. Das ist nun zwanzig Jahre her. Ich muß noch immer daran denken. Dies heute – es kann doch nur von Frau Gran sein, ich weiß sonst keinen, der mir sonst so was geben würde! – dies heute freut mich. Aber doch so nicht, wie das damals.

Und ich danke sehr. Und ich wollte . . . das soll ich nicht sagen. Ich wollte es doch: der Herr käme wieder und wäre alles wieder wie damals.


      Ihre ergebene dankbare
      treue alte Dienerin
      Gesine Mordtmann.


43.

      Asbjörn.

Noch so ein Brief! Wie kommst Du nur auf Mister Anders? Weil die alte Gesine Theaterbillette bekam, die nicht von Dir sind? Du phantasierst im Fieber, sag ich. Der Name ist in England sehr häufig, bedeutet gar nichts. Sah freilich den Mann nicht, schreibt mir auch nie. Sein Sekretär erteilt nach des Herrn Diktat mir Befehle, macht Anmerkungen zu meinen Entwürfen. Hat übrigens Geschmack, der Herr Anders. Die Zimmer für die Frau des Hauses ganz in weiß, ein wenig Silber, ja kein Gold und sonst keine Farben. Möbel schon bestellt in Paris und zum Teil in New York. Ist er verheiratet? Sekretär lächelte etwas verlegen: er wisse nichts, der Herr sei sehr leidend, fast erblindet, habe sein lebelang arbeiten müssen, härter als ein Sklave, wolle nun endlich, so scheint es, beginnen, auch zu genießen . . .  Verkehrtes Prinzip. Arbeiten wie ein Sklave? Nein, arbeiten wie ein Herr, das heißt mehr als zehn Sklaven leisten können, daß etwas entstehe, die Welt reicher werde, einen Palast, ein Denkmal schaffen, sich selber zum Zeugen, wie man gelebt. Aber den Genuß drum verschieben? Bis wann? Bis man alt ist? Mister Anders, Sie irren sehr, Genuß und Arbeit gehören zusammen. Das schwerste Tagewerk, die schönste Ruhe. Erst Steine tragen und dann ein Weib mit rotem Goldhaar, mit königlichem Wuchs und Augen, die leuchten, des Tages Mühe in dem Glanze zu vergessen . . .

Richtig, Du fragst, wann ich nach Hause komme? Wollte hinein diese ganze Woche. Konnte aber nicht fort, unmöglich. Wie ich Dir wohl schrieb, kostet jeder Tag später mich Sühnegeld, bringt nach dem Kontrakt einen Tag früher fertig werden ein paar Tausende ein. Mignonne ist doch Rechnerin. Muß also auch ihretwegen hier bleiben und nicht zur Stadt. Und die Fabel von dem, der sich »anders« benennen sollte, schlag Dir nur aus dem Sinn. 

Übrigens muß ich schließen. Nachmittags-Glockengeläute. Die Maurer kehren wieder an ihre Arbeit. Und ich muß hinaus zu ihnen. Anwesenheit des Herrn verdoppelt den Fleiß der Leute. Also lebe wohl für heute.


      Asbjörn.


44.

15. März 1904.

      Luitgarde.

Meine Beste!

Die sechs Monate, die Dein Arzt Dir zudiktiert hat, sind nun nächstens wohl um. Mir kommt es vor, als seist Du gar nicht lang fortgewesen, und es habe sich recht wenig verändert in der Zeit. Mich mindestens findest Du an demselben Schreibtisch am Fenster, um mich die Bilder all meiner Lieben, vor mir aufgeschlagen ein Bogen, auf dem ich bald mit zögernder, bald mit hastig hineilender Feder schreibe, was mir just durch den Sinn geht, Gestalten sprechen und handeln lasse, Gestalten, die mich lebendig umgeben und die vielleicht unter hundert Lesern kaum einer erkennt, kaum einer sieht, so wie ich sie sah, ehrlich – ohne Modetendenz und parteiische Färbung – nur eben als Menschen, die leben und leiden. – Haben in den Monaten, seit Du fort bist, diese meine Gestalten greifbareres Leben gewonnen? Und ich selber? Jünger konnte ich ja leider nicht werden, aber ward ich klüger indessen? Ach, wir bessern uns nur zu wenig. – Und Du, sage mir, bist Du noch die Hellfried, die Heftige und Reuevolle, zitternd Erregbare, Nervöse, Ungestüme und reizbar Zarte? Ganz umgewandelt möchte ich Dich nicht haben. Aber das sollte solche Stille und Einsamkeitskur in einem armen Menschenkind wohl zeitigen können: inneres Begreifen, etwas gerechtere Milde im Urteil über andre, etwas leidenschaftsloseres Erkennen dessen, was man selber gefehlt. Hellfried, es ist sechzehn Jahre, daß wir zwei, obwohl wir von Kind auf Freundinnen blieben, nicht mehr über Aller-Intimstes gesprochen haben. Der, um dessentwillen wir schwiegen, ist wohl lange schon tot. Ich kannte ihn nicht genug. Ich sagte Dir nur: Ob Du recht hast oder nicht recht hast – wenn Du es getan hast – ihn von Dir gestoßen, – so wirst Du es bereuen, Hellfried. Aber es war ja schon geschehen. Vielmehr waren in Deinem Herzen Zorn und Empörung so hoch gestiegen, daß meine ruhigen, vernünftigen Worte keinen Eingang mehr fanden. Ich sehe Dich noch, wie Du dastandst und horchtest, während ich sprach, horchtest nicht auf das, was ich sagte, sondern auf die Töne des Hauses. Da ich noch nach Milderungsgründen suchen wollte, Deines leichtsinnigen Mannes böse Streiche zu beschönigen, da hörten wir unten die Haustür gehen. Und mit springenden Schritten kam er die Treppe herauf und pfiff sich – ich höre es noch – einen Gassenhauer. Du aber standest mit blassen Wangen und flammenden Augen. Hellfried! bat ich. – Hätte ich nur nicht gesprochen! Du schrakst zusammen, richtetest Dich empor, schrittst zu der Tür in Deinem ganzen Gran-Stolz, um den Schlüssel im Schlosse umzudrehen.

Meine Frau, was ist das? Bist Du drinnen?

Ja, sagtest Du.

Ich höre noch seine und Deine Stimme und höre das Schweigen, das darauf folgt. – Dann aber ging er die Treppe hinunter Schritt für Schritt. – Und Du, nachdem wir kaum das Zufallen der Haustür deutlich gehört, wandtest Dich zu mir: Ich habe recht getan.

Das ist nun so viele Jahre her. Ich weiß nicht, wie es gerade heute mir in den Sinn kam, davon zu reden. Ich weiß es doch: es ist der Tag heute, an dem es geschah.

Hellfried, ich will es Dir einmal schreiben, was ich Dir nie zu sagen wagte: Hellfried, Du hast nicht recht getan.

Ich verstünde ja so eigentlich gar nichts davon, wirst Du mir wieder antworten; das Leben sei schwer, die Ehe sei schwerer. Aber obwohl ich hier draußen stehe, außerhalb Eures vielgelobten schönen Eheparadieses, und nach allgemeiner Meinung kein Urteil über das Menschenleben haben kann, weil ich so bitter, bitteres Leid wie manche Ehefrau, nie erlebte, so viel meine ich doch zu verstehen, daß bei einem Bündnis von zweien selten einer allein nur sündigt. Warst Du nie zu hart? Warst nie zu stolz in Deiner Tugend? Sahst Du mit dem Hochmut der großen Grans nicht den Mann zu streng an, der weder ein Künstler noch ein Genie war, so wie Dein Bruder, Dich aber trotz allem von Herzen liebte?

Und noch eins. – Du hättest sicher nie gesündigt. Aber sind alle Gran wie Du? Willst Du einstehen für alles, was Gran heißt, was war, sein wird und ist? Du wiesest ihn fort, weil er Dir und der Deinen nicht würdig schien. Wenn jeder Mensch jeden andern Menschen nach seinem und seiner Familie Maßstab messen wollte, es würde kaum einer genügend befunden. Das bedenke.

Weiter wollte ich nichts. Ich liebe Dich, wie verschieden wir zwei auch sind. Behalte Du auch lieb


      Deine alte Garde.


45.

      Lili.

Tante, liebste Tante Hellfried!

Wir haben uns gezankt gestern abend. Einem Menschen muß ich es klagen. Und Mutter würde sich darum grämen. Und Eva erst! . . . Um nichts, denke Dir, um ein Schuhband . . . Ach, Tante Hellfried! Ich sagte ihm nämlich beim Spazierengehen, wenn er mich jedesmal auslachen und mir Unordnung vorwerfen wollte, so oft mein dummes Schuhband aufgeht, so sollte er lieber es selber binden und sehen, ob das hält. Er tat es wirklich, in einer stillen Straße war es – er nahm meinen Fuß in seine Hand, streichelte ihn so verliebt, wie er manchmal ist, und machte einen festen Knoten, und dann gingen wir weiter. Aber natürlich, ich dachte heimlich: ob es wohl hält? ob es wirklich nun hält? Und als er schon nach Hause wollte, da wollte ich's nicht. Wir gingen wohl eine Stunde, noch länger. Richtig, zuletzt – der schöne Knoten war aufgegangen! Hätte ich da denn nicht lachen sollen? Siehst Du, da hast Du's! Du meinst immer alles so viel besser zu können, Du alter Pedant . . . Und denk Dir, das hat er mir übelgenommen. Er war ganz empört. Während er nur daran gedacht hätte, den Spaziergang, die Sterne, die Nachtluft, unser Beisammensein zu genießen, hätte ich – ach, ich weiß gar nicht, was er alles mir sagte – hätte ich hinterlistig, nach Frauenart, nur spekuliert, ihn eines Fehlers überführen zu können. O Tante! Und ich, die ich immer nur daran denke, in Reinheit zu leben, ich hinterlistig! Das sagt er von mir. – Heute früh ging er aus dem Hause ohne Kuß, zum ersten Male! O, liebe Tante, Du hast einmal gesagt: um nichts kann zwischen zwei Menschen, die sich lieben, ein Zwist entstehen, der, gleich wie ein Funken zur verheerenden Flamme anwachsend, sie auseinanderreißt und trennt. Wenn ich das erlebte! Hilf mir!


      Deine Lili.


46.

      Asbjörn.

Der Frühling kommt mit Brausen. Das Meer rauscht. Meine Arbeiter singen. Vom Schiff, das am Strand liegt, sehe ich eine Kette von Männern, Hünengestalten, in der Sonne rot beleuchtet, rot ziegelbestaubt. Unter ihren schweren Lasten, die sie auf Leinenkappen tragen, heben sie sich scharf umrissen vom blauen Himmel, über die Planken zum Lande schreiten sie, wie in feierlichem Zuge, bedächtig die steilen Leitern erklimmend. Stein wird auf Stein gelegt, langsam türmt sich mein Bau immer höher. Und das Meer rauscht, daß er werde und wachse. Und das Singen der Männer, die keuchend ihre Steinlasten schleppen, klingt eintönig mit, ein Naturlaut, wie jener. Aber aus dem kleinen Wirtshaus weiter unten am Strande, da singt eine weiche Frauenstimme, die jubiliert und jauchzt und trillert . . .

Ich weiß nicht, ob es auf dieser Erde sonst Kummer gibt. Ich, ich bin hier glücklich!


      Asbjörn.


47.

      Dr. Westphal.

23. März 04.

Auf all Ihre Fragen kann ich Ihnen keine Auskunft erteilen, und ich werde in kurzem es noch weniger können. Hörten Sie nicht, daß ich mich in Berlin habilitiere? Ihr Arzt in Montreux muß es beurteilen, ob Sie jetzt schon heimfahren dürfen, ob erst im Mai. Und ob Sie gerade in dieser Zeit hier so notwendig sind, wie Sie mir schreiben, kann ich Ihnen noch minder sagen.

Den Knaben Björn habe ich gestern, als er von der Schule hier vorüberkam, angeredet. Der Junge sah aus, wie das Leben selber, blond und rosig und stolz auf ein gutes Osterzeugnis. Er erzählte mir, seine Mutter liege zu Bett, und ihr Arzt sei Doktor Milde. Es ist so natürlich – zwar ist er Augenspezialist, aber der künftige Schwiegersohn, ich hätte es mir ja denken können. Weiter den Knaben auszuforschen . . . Sie begreifen, daß ich mich scheute. Beruhigen Sie sich doch. Sie sollten es aus Erfahrung schon wissen, verehrte Freundin, daß Ihr Schwarzsehen Sie oft genug täuscht. Warten Sie weitere Briefe noch ab. Ich will, wenn ich Ihnen dadurch dienlich sein kann, meine Reise nach Berlin um ein paar Tage noch verschieben. Vielleicht doch, daß ich inzwischen hier etwas höre, was ich Ihnen dann sofort melde.


      Ihr sehr ergebener
       Ch. Westphal, Dr.


48.

      Mignonne.

Liebe Schwester!

Bist Du das nicht? Warst Du mir es nicht immer? Ich wünschte, es ginge Dir gut, meine Hellfried. Mir wird wohl bald besser. Eva pflegt mich so sorgsam, so lieb. Wenn sie nur glücklich wird, wenn sie sich nur nicht selbst täuscht – arme Eva. . . . . Die Jungen sind brav, sie gehen auf den Zehenspitzen im Hause, um mich nicht zu stören. Daß ich mir den dummen Husten holte, weil ich Björn Eisumschläge machte, das weißt Du, nicht wahr? Es ist doch wunderlich, so vieles erlebt man, meint, man könnte es nicht ertragen, nicht überleben, erträgt's eben doch. Und dann um ein paar Eisumschläge, zwei Nächte lang aussitzen, weiter nichts, man fröstelt ein wenig, denkt sich, das muß sein und denkt gar nichts weiter. Aber es wird ja rasch wieder gut. Asbjörn kommt nächste Woche, denk Dir. Wenn er nur kommt! Ich habe mit ihm so viel noch zu sprechen, so viel, so viel . . . Kann ich's nicht mehr, so sollst Du es ihm bestellen. Wie sehr ich ihn liebte, das wirst Du ihm sagen. Und dann – auch das . . . . . Daß ich sein Glück will, nur sein Bestes. Die schönste, glänzendste, heiterste, lachende, gesunde Frau, ja, die möchte ich ihm wünschen. Ich war doch nie so, wie er es brauchte. Sage ihm das, Hellfried.

Du selbst? . . . . . wirst Du immer noch so hart sein? Wo er ist, weiß ich nicht, ob er noch lebt, weiß ich nicht, – aber wenn er doch einmal käme . . . . . Wie viel Verkehrtes tun wir alle in dem allerheißesten Wunsche, nur recht zu tun! Ich wenigstens, wenn ich zurückdenke, . . . . . Sei nicht hart, Hellfried! Ich küsse Dich. Leb wohl, leb wohl. Und verzeih mir. . . . . .


      Mignonne.


49.

      Luitgarde v. d. Hellen.

26. März.

Meine Beste!

Sie schreiben es Dir nicht, aus falscher Rücksicht. Ich meine aber, ich will es Dir sagen; es ist recht, daß Du die Wahrheit erfährst. Mignonne ist krank, sehr krank. Ob Du ihr helfen kannst? – Ich weiß es nicht. Aber es scheint mir richtig, daß Du her kommst zu ihrem Bett, ihre Fieberreden hörst und Eva beistehst. Weißt Du noch, wie ich Dir schrieb, Du solltest Dich nicht aufregen und sorgen, Dein Hiersein oder Dortsein würde keinen so merkbaren Unterschied machen? Und schrieb Dir auch noch, Du solltest Dir aus den Briefen der Deinen nicht ein zu düsteres Bild ihres Lebens ausmalen. Ach, Liebste, friedliche Reiseruhe, blauer See, Möwenschwärme im Sommerlichte, sie täuschen doch. Denn das Leben geht weiter. Mit ehernem Schritt stapft es geradeaus, unaufhaltsam, reißt die eine, die holde, zärtlich liebe Gestalt fort, stößt die andre unsanft in ein Chaos neuer Pflichten und holt Dich aus erträumtem Frieden, daß Du wieder in seinen kontrastierenden Wirbeln Dich mit drehen mußt. Hellfried, auch Du bist ein Rad im Uhrwerk des Daseins, ein Rad, das zu dem Ganzen gehört, wenn es auch nur eine Weile mitschwirrt und sich dreht und macht, daß sich die andren drehen. Das Leben ist Kampf, ist Auf und Ab, ist leiden machen und selber leiden – lebe es denn wieder! An der Bahn erwarte ich Dich


      Luitgarde.


50.

      Dr. Westphal.

26. nachts.

Meinem Versprechen gemäß, verehrte Frau Gran, schreibe ich gleich wieder. Eben kam Herr Dr. Milde. Seine Schwiegermutter hätte in ihren Fieberphantasien meinen Namen gerufen. Er glaubt, es könnte seiner Braut, obwohl sie selbst ihm nichts davon sagte, eine Beruhigung sein, wenn ich die Kranke sehen wollte. Sobald es Tag ist, gehe ich zu ihr. Weiteres nachher.

 

      Westphal, Dr.


51.

      E. W. Anders.

27. März.

Meine Frau!

Hast Du meinen Brief vor einem Jahr nicht erhalten? Es kam mir heute eine Schreckensnachricht Frau Mignonne liegt krank, schwerkrank, der Arzt scheint an ihrer Rettung zu zweifeln. Frau Mignonne, meine kleine, liebe, milde Freundin. Mein Fürsprech von damals. Es schmerzt mich, sie nicht mehr sehen zu sollen. Hellfried, meine Frau, bedenke – das Leben verrinnt, meins auch und Deines . . . Was ich gesündigt vor so vielen Jahren, ich büßte es – durch sechzehn Jahre. Leicht waren sie nicht. Und Du, was Du mir angetan hast, weißt Du es noch nicht, daß es zu hart traf? Willst Du es noch immer nicht sühnen? Als ich an dem Abend von Deiner Tür ging, die Du mir verschlossen hattest, da schwor ich mir's zu: nie und nie will ich ihr verzeihen, nie und nie von ihr Verzeihung erbitten. Meinen Namen legte ich ab, kehrte unsrer Heimat den Rücken, nichts sollte mich an Dich erinnern. Ich war jung, heiß, heftig. Und ich liebte Dich sehr. Das glaube mir, trotz allem. Nun ward ich müde, alt und milder. Wirst Du es denn nie?

Ich habe Dir im Frühling geschrieben, gib mir ein Zeichen, ich fordere nichts andres als dies Zeichen: trage wieder meinen Namen. Du gabst es mir nicht. So muß ich denn noch 'anders' heißen, muß mich vor den Freunden verbergen, wenn mein Weib mich so ächtet. Hellfried, ich habe in den Jahren meiner Selbstverbannung arbeiten gelernt, Du brauchtest Dich jetzt nicht mehr meiner zu schämen. Hellfried Gran, willst Du noch nicht verzeihen? Wie soll ich mich nennen? – noch

 

      E. W. Anders?
      oder – Dein Mann Eduard von Wilhelmy. 


52.

      Eva.

Ich muß es Dir schreiben. Ob ich's kann, das weiß ich nicht. Ich darf Dir das nicht telegraphieren. Sie hat mir's verboten, Dich zu erschrecken. Aber erfahren mußt Du es ja doch. Tante Hellfried, denke es Dir. Nein, Du kannst es Dir nicht denken! Gestern noch hat sie mich gestreichelt: Eva, mein Kind! Und heute nicht mehr, und nie, nie wieder . . . Man denkt es nicht aus! – All diese Zeit war ich in Angst und fürchtete und zitterte für sie und hatte es doch nicht zu Ende gedacht, nicht für möglich gehalten. Sie wollte keinen Arzt. Es sei überflüssig. Sie hatte Björn ganz allein behandelt, sich so dabei aufgeregt, überangestrengt. Bis Dr. Milde es sah und eingriff. O, er war gut, er war hilfreich und sorgsam. Gestern hat sie noch aufstehen wollen, hat Dir noch geschrieben. Du bekamst doch den Brief? Dann, als ich sie wieder ins Bett gebracht hatte, da stieg das Fieber. Sie rief nach Vater, ich mußte ihr Papier und Tinte bringen, sie hätte ihm so viel zu sagen. Und sie versuchte wieder zu schreiben. Nach zwei Worten rollte die Feder ihr auf den Boden. Aber als wäre der Brief nun fertig, faltete sie den Bogen zusammen, schob ihn noch in den Umschlag und drückte mir den in meine Hände, daß ich ihn besorgen sollte. Dann lag sie mit geschlossenen Augen und atmete. Schlief sie? Ich wußte es nicht. Immer schwerer, immer tiefer holte sie Atem, ihr ganzer kleiner Körper hob sich von der Anstrengung zitternd. Ich saß bei ihr, ich hörte das. Doktor Milde kam, als es Tag ward. Und plötzlich war Christel auch da, Christel Westphal. Ich glaube, sie kannte ihn. Sie murmelte etwas und hielt seine Hand fest. Er zählte den Pulsschlag. Die beiden Ärzte flüsterten miteinander. Sie wollten mich hinausschicken. Aber ich ging nicht. Sie atmete einen Augenblick leichter, schlug die Augen auf, sah in meine, lächelte fast. Und dann ein Blick, so ein suchender, trostloser: Asbjörn! – ich verstand es ganz deutlich: Asbjörn, Asbjörn! – Und dann wieder das Atmen. Wir standen und horchten, Lili und ich. Beide hatten wir keinen Menschen noch sterben gesehen. Das Atmen stieg, es füllte das Zimmer, das ganze Zimmer. An alle vier Wände schlug der Laut und fand keinen Ausgang und fand keine Hilfe. Christel feuchtete ihr leise die Lippen. Sie sah ihn nun nicht mehr. Und immer lauter wurde das Röcheln. Die arme Lili preßte sich an mich: »Jetzt!« – Nein, noch nicht. Das war nicht der letzte Atemzug. Noch einer und noch einer. Starr das Gesicht, verzerrt, so qualvoll. Und plötzlich, da wir es nicht dachten, ein leiseres Aufatmen, ein Zurseitesinken des Kopfes – und plötzlich Stille.

Das ist meine Mutter gewesen und ist es nun nicht mehr. Meine, meine eigene Mutter! Ich habe keine andre gekannt. Ich hätte keine andre so zu lieben vermocht, wie ich sie geliebt, wie ich ihr vertraut. Und vertraute ihr doch nicht genug. Gestern, ja, da hätte ich's noch können und tat es nicht. Heute, wie gerne würde ich ihr alles sagen und kann es nun nie mehr. Ich bin allein, muß selber entscheiden. Das dachte ich alles in der einen kurzen Sekunde. Und noch viel mehr. Dachte an uns, die wir übrig bleiben, an mich am meisten. Und kaum an sie.

Christian Westphal gab uns die Hand, erst Lili, dann mir. Er ist fortgegangen, ohne ein Wort. Es ging ihm selbst nahe.

Doktor Milde, der wollte seinen Arm um mich schlingen, wie um mich zu trösten. In der Stunde, da sie gestorben, an ihrem Bett. Ich nahm seinen Arm fort, ich ging hinaus und winkte ihm. Um ihretwillen hatte ich es getan, ihr die Sorge um mich zu nehmen. Und habe vielleicht ihr zu allem andren noch eine schwerere Sorge um mich auf ihr armes Herz geladen. Ich tat es aus Vernunft, wie ich glaubte, und aus Mitleid mit ihm. Nun scheint mir die Vernunft so sinnlos unvernünftig. Und aus Mitleid mit ihm, der ein guter, edler Mensch ist, kann ich ihn nun nicht mehr betrügen. Ich ging mit ihm in das Vorderzimmer und sagte ihm, daß es aus sein müßte. Er hat mir erst nicht glauben wollen. Aber ich hatte bei ihrem Sterben es gefühlt, ein ganzes Leben der Lüge zu tragen, vermag ich nicht – ich muß nun wahr sein. Und so dankte ich ihm, wie ich's konnte, und sagte ihm: nein. Und da hörte er auf, mich zu bitten, und da hat er es mir geglaubt.

Ich saß dann wieder bei ihr am Bett – Lili hatte ich mit ihrem Mann nach Hause geschickt, mit ihm ist sie glücklich, vergißt alle Schmerzen. – Ich blieb bei Mutter. Mit ihrem stillen Gesichte lag sie so feierlich da, so mahnend schön und weiß und friedvoll. Mir selbst ward davon Friede im Herzen. Ich habe mit ihr, der Stillen, gesprochen. Alles, alles ihr gestanden. Nun drückt es nicht mehr so, nun kann ich es tragen.

Vater kam dann. – Ich muß auch das noch heute gleich schreiben, damit Du es weißt. Er hat geweint, wie ich nie gedacht, daß ein Mann weinen könnte, lag an ihrem Bette und schluchzte und rief sie mit so viel zärtlichen Namen. Er hätte ja nicht gewußt, daß sie krank sei, nicht wie krank. Sonst wäre er längst zu ihr gekommen. Und klagte sich an in seiner Verzweiflung und bat um Verzeihung, flehentlich.

Ich hielt es nicht aus, ich zog ihn fort. Wieder ging ich mit ihm hinüber ins Vorderzimmer. Aus Mutters Schreibtisch nahm ich das Blatt, das ich gestern dort verschlossen, auf dem sie ihm hatte schreiben wollen. Er schlug behutsam den Bogen auf: Sei glücklich! – und – Klotilde Tilenius. . . – Weiter stand nichts da. Nur den Namen hatte sie lesbar noch schreiben können. Wie er sich über den Schreibtisch hinwarf und aufschrie und schluchzte, da wurde es in mir plötzlich licht. Denn ich wußte nun, was sie gewollt, und auch, was ich wollte. Er tat mir leid. Sie war so milde und hat ihn geliebt, ihm alles verziehen. Ich, seine Tochter, will es auch tun. Ich sagte ihm, daß er also Klotilde nun heiraten müsse. Er starrte mich an, so, als wäre ich von Sinnen. Und ich sagte ihm, wir beide hätten es gewußt, sie und ich, von Anfang an. Wie Frauen eben etwas wissen, was niemand aussprach. Wir haben einander nicht gestanden, daß wir es wußten, und fühlten es doch. Wolle er jetzt in Mutters Sinn, so wie sie es gewünscht, handeln, so müsse er die Wahrheit bekennen. – Er könnte die arme liebe Tote niemals vergessen, sich selbst nie verzeihen, rief er mir zu; ich hätte keine Achtung vor ihr, wenn ich ihm riete, seinen Namen einer andren jetzt zu geben. Und er täte das nie. Ich zeigte ihm nur ihre letzten Worte: Sei glücklich und – Klotilde Tilenius. . . . . 

Ob er aber glücklich sein wird? Ich weiß es nicht. Ich dachte auch nicht dabei an Klotilde. Nur an sie. Sie ist drum gestorben. Weil sie nicht länger atmen konnte in einem Dasein, das sie täglich zwang, zu lügen. Wir aber, wir beiden, die sie am allertiefsten geliebt hat, ihr Mann, ihr Stiefkind, wir müssen nun so offen und wahr sein, wie sie es uns lehrte. So ist ihr Tod doch nicht zwecklos gewesen. So wird doch nicht auch noch jene andre elend um sie. Als ich ihm das sagte – da hat er geschwiegen.

Ich habe Dir, meine liebe Tante, das alles heute gleich schreiben müssen, damit Du es weißt, heute gleich am ersten Tage. Um mich sorge Dich nicht. Ich werde mit meinen drei kleinen Brüdern irgendwo leben, wo ich sie gut erziehen kann. Vater bleibt hier dann, in seinem Hause. Sage mir nichts dagegen, bitte! Es muß so sein.


      Eva.


Telegramm aus Montreux
an Eva Gran.

Ich komme. Zu spät! Erhielt ihren Brief jetzt erst, mit Deinem zugleich. Alles zu spät! Du hast recht – in ihrem Sinne wahr sein, begreifen, verzeihen, ist einzigster Trost. Bin morgen bei Euch. Bin, wie sie es wünschte, wieder
Hellfried von Wilhelmy.