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Annie Hruschka – Schüsse in der Nacht

Kriminalroman

Annie Hruschka, Schüsse in der Nacht, Verlagsanstalt Benziger und Co. Einsiedeln/Waldshut/Cöln a. Rh., o. J.



I.

Yolanthe von Rittler zog leise das kleine Seitenpförtchen, durch das sie aus dem Park ins Schloß getreten war, hinter sich zu und drehte tief aufatmend den Schlüssel um. Selbst die Sicherheitskette legte sie noch vor, so unheimlich und ängstlich war ihr plötzlich zumute.

War das aber eine Nacht geworden nach dem schönen Abend vorhin!

Vor zehn Minuten noch rührte sich kein Blatt und der Vollmond wob seine gleißenden Zauber über dem Park. Betäubend schier, wie in Sommernächten, dufteten die letzten Rosen in der schwülen, reglosen Luft.

Dann ein fauchender Windstoß wie der heiße Atem eines Raubtieres. In den Baumkronen raschelte es, Aeste knarrten, dürres Laub tanzte in der Luft.

Mond und Sterne aber waren verschlungen von pechschwarzen Wolken, die tiefe Finsternis über die Erde breiteten. Kaum daß Yolanthe mit Hilfe der leuchtenden Blitze den Rückweg ins Schloß fand.

Nun stand sie erschauernd im Korridor, wo es unheimlich still war, während draußen der Sturm sich zum Orkan steigerte und die verrostete Wetterfahne auf dem Dach ächzend knarrte, daß es wie Wehklagen und Hilferuf klang.

Bebend schlich Yolanthe die Haupttreppe hinauf nach dem breiten hufeisenförmigen Korridor des ersten Stockwerkes, in dessen rechtem Seitenflügel ihre und Schwester Maras Zimmer lagen.

Ihr Herz klopfte laut. Etwas wie Gespensterfurcht schnürte ihr die Kehle zusammen, während sie sich im Dunkeln der Mauer entlang tastete.

Und doch wagte sie kein Licht zu machen, obwohl sie Streichhölzer in der Tasche trug und ein Lichtstümpchen.

Mara konnte durch den Sturm erwacht sein und ihre heimliche Rückkehr bemerken . . .

Yolanthe erbebte bei der bloßen Vorstellung. Sie waren Zwillingsschwestern, und wenn sie auch Mara genau so beherrschte wie alle andern im Hause, und wenn Mara sie auch liebte und ihr blind vertraute – so gab es doch Momente, wo die stolze, verhätschelte Yolanthe sich vor der sonst bescheiden zurücktretenden Schwester fürchtete.

Das war, wenn Maras klare hellgraue Augen sich, wie manchmal in der letzten Zeit, vorwurfsvoll oder fragend auf Yolanthes Antlitz richteten.

Man konnte nicht lügen unter diesem reinen, durchdringenden Blick Maras. Nicht einmal Ausreden fielen Yolanthe ein, so klug sie sonst war.

Und jetzt – wenn Mara ihre Abwesenheit bemerkt hätte – welchen Vorwand könnte Yolanthe angeben? Es mußte fast auf Mitternacht gehen . . .

Immer hastiger wurde Yolanthes Schritt. Mit katzenartiger Geschmeidigkeit, den Kopf angstvoll lauschend vorgestreckt, eilte sie lautlos vorwärts und hatte die Tür ihres Gemaches fast erreicht, als diese plötzlich von innen geöffnet wurde, und Mara, ein Licht in der Hand, im Rahmen derselben erschien.

Wie erstarrt blieb Yolanthe stehen. Die Hand, welche den seidenen Staubmantel über dem hellen Gewand zusammenhielt, zitterte.

Auch Mara sah verstört aus. So standen sie einen Augenblick regungslos, einander stumm ansehend. Zwei wunderschöne Frauenbilder.

Beide hatten dasselbe reiche, glänzende kastanienbraune Haar, mit kupferrotem Reflex, dieselben tadellosen Gestalten, dasselbe fein geschnittene sanft gerundete Oval des Gesichtes.

Nur der Ausdruck war verschieden und die Augen. Von Yolanthes dunklen samtartigen Augen verbreitete sich ein geheimnisvoll verschleierter, träumerischer Reiz über das ganze Antlitz, das, weich und von berückender Färbung, an die lockende Schönheit einer Märchenprinzessin mahnte.

In Maras Antlitz war nichts Geheimnisvolles. Rein und edel war die klare Schrift dieser Mädchenzüge jedermann offenbar, und das Licht, das aus ihren grauen, tiefliegenden Augen strahlte, war wie das Licht eines hellen wolkenlosen Frühlingstages.

Jetzt aber wurde es streng und voll durchdringender Schärfe.

»Wo warst du?« fragte sie Yolanthe verstört. »Es ist fast Mitternacht und du gabst gleich nach Tisch vor, zu Bett gehen zu wollen!«

Yolanthe hatte sich gefaßt.

»Ich konnte nicht schlafen,« antwortete sie trotzig, »und der Mond schien so herrlich . . . ich war noch im Park.«

Unruhe malte sich in Maras Zügen.

»Im Park? Du . . . die du sonst nicht um die Welt am Abend allein vor die Haustüre gehen würdest . . .?« Und zögernd, fast ängstlich setzte sie hinzu: »Yolanthe, warst du allein bis jetzt im Park?«

»Natürlich. Mit wem sollte ich denn gewesen sein? Papa wollte noch arbeiten, Onkel Malchus behauptete, die Wochenrechnungen durchsehen zu müssen, und Mama sowohl wie du, ihr wolltet doch auch schlafen gehen! Ich wußte nicht, daß du –«

»Ich war schon zu Bett,« fiel Mara ein, »aber auch ich konnte nicht schlafen. Es ist so unheimlich heute . . . Der Sturm draußen . . .«

Sie verstummte, und beide Schwestern fuhren erschrocken zusammen. Mitten in das sich steigernde Toben des Sturmes draußen, das Kreischen der Wetterfahne und den rollenden Donner war ein seltsam kurzer scharfer Laut gefallen.

Die Mädchen sahen einander angstvoll an. Was war das gewesen? Und jetzt – klang es nicht wie ein durch die Entfernung gedämpfter Schrei, dem Klirren folgte?

»Es ist, als wäre es im Hause selbst . . .« murmelte Mara mit blassen Lippen. Beide horchten mit angehaltenem Atem.

Der Sturm hatte plötzlich nachgelassen. Und in die augenblickliche Stille klang nun kurz und scharf zum zweitenmal jener unheimliche Laut.

Diesmal konnten sie sich nicht täuschen: es war ein Schuß!

Wie gejagt flog Mara den Korridor entlang um die Ecke und gegen die Haupttreppe zu, an welche anschließend ihres Vaters Zimmer lagen, denn von dorther schien das Geräusch des Schusses gekommen zu sein.

Am ganzen Leibe zitternd folgte Yolanthe. Noch aber hatte sie die von Mara aufgerissene Türe von ihres Vaters Arbeitszimmer nicht erreicht, als ein markerschütternder Schrei das Haus durchgellte.

Mara stieß ihn aus, nachdem sie nur einen Blick in das Gemach geworfen und im hellen Schein des Gaslüsters ihres Vaters Gestalt lang ausgestreckt und regungslos am Boden liegend erblickt hatte.

Ratlos flüsternd stand die durch Maras Schrei aus dem Schlaf aufgeschreckte Dienerschaft am Eingang des Gemaches.

Paul, des Schloßherrn Kammerdiener, dessen Zimmer im Erdgeschoß lag, und der eben aufgestanden war, um sein offenstehendes Fenster des Sturmes wegen zu schließen, hatte den Schrei zuerst gehört und die andern alarmiert.

Hinaufgekommen fanden sie die beiden Schwestern fassungslos am Boden kauernd neben dem Körper ihres Brotherrn.

Schweigend half Paul, über dessen gefurchtes Greisenantlitz große Tränen liefen, dem Kutscher, Herrn von Rittlers Körper auf ein Ruhebett legen.

Jetzt, wo das helle Licht der Gasflammen auf das bleiche im Todesschreck wie versteinerte Antlitz fiel, konnte kein Zweifel mehr darüber herrschen: Joachim von Rittler, der Besitzer von Kreuzstein, war tot. Zwei Wunden an der linken Schläfe ließen die Todesursache nur zu deutlich erkennen.

Leise weinend sanken die beiden Töchter neben dem Leichnam in die Knie. Sie hatten mit ihm ihren besten Freund, ihre letzte natürliche Stütze verloren, denn Frau Isabel von Rittler war die zweite Gemahlin ihres Gatten, während die Töchter aus erster Ehe stammten.

Paul warf stumm zurücktretend einen forschenden Blick auf das Gemach.

Alles schien in tadelloser Ordnung. Nur der Stuhl am Schreibtisch war nach rückwärts umgefallen, als wäre er infolge jähen Aufspringens allzu heftig zurückgeschleudert worden.

Und das Fenster war zertrümmert. Es befand sich links vom Schreibtisch und von links waren auch die Schüsse gekommen.

»Man hat ihn von außen, durchs Fenster erschossen,« flüsterte die Beschließerin, Frau Baumer, scheu, »ach Gott, ach Gott, wer kann denn nur . . .«

»Am Ende hat er's selbst getan?« murmelte der Kutscher, auf einen Revolver weisend, der unweit von der Stelle auf dem Teppich lag, wo man Herrn von Rittlers Leiche gefunden hatte, »ganz richtig war's ja nicht mehr im letzten Jahr zwischen ihm und der gnädigen Frau, und wer weiß . . .«

»Schämen Sie sich, Johann,« sagte Frau Baumer entrüstet, »so was auch nur zu denken! Zwölf Jahre ist die Gnädige nun hier, und weiß Gott, abgöttischer kann kein Mann seine Frau lieben, als unser armer Herr die seinige lieb hatte. Und schön und lieb genug ist sie ja auch. Ein schlechter Kerl übrigens, der ihr das Geringste nachsagen möchte!«

»Na, ich meinte ja nur so . . . weil der Revolver dort liegt . . .«

»Der lag stets in einem Fach seines Schreibtisches,« mischte sich Paul ein, »und ich wette, der gnädige Herr hat nur zur Verteidigung darnach gegriffen. Meinen Kopf setze ich ein, daß er nie daran dachte – aber sollte man nicht die Gnädige holen? Sie wird kaum etwas gehört haben, da ihre Zimmer nach dem Weiher gehen und Sephines Kabinett sie vom Korridor trennt.«

»Holen wir lieber den Herrn Major, damit doch jemand da ist, der uns sagt, was zu geschehen hat. Die jungen Damen wissen ja vor Kummer und Herzleid nicht aus noch ein.«

»Jawohl, Johann, holen Sie den Herrn Major,« entschied Frau Baumer. »Die Gnädige müßte doch erst vorbereitet werden und dann wird sie höchstens auch den Kopf verlieren. Aber der Major weiß immer das Richtige, der ist energisch –«

»Und steckt seine Nase leider Gottes seit Jahren ohnehin in jeden Winkel auf Kreuzstein,« ergänzte der alte Paul ärgerlich, »und weiß Gott, es wundert mich nur . . .«

Die Beschließerin warf dem Alten einen verweisenden Blick zu.

»Sie können eben den Herrn Major nicht leiden, wie Ihre Kollegen, weil er streng ist und nicht viel Federlesens macht. Aber was wahr ist, bleibt wahr: seit er auf Kreuzstein die Oberaufsicht führt, sieht's hier ganz anders aus als zuvor. Der gnädige Herr wußte wohl, was er tat, als er ihm hier ein Heim anbot und freie Hand in der Wirtschaft ließ, sicherlich tat er's nicht bloß darum, weil Major Botstiber der Vormund unserer Gnädigen war und unseres jungen Herrn Leo Taufpate . . .«

»Wir brauchen jetzt nicht darüber zu streiten, Frau Baumer, meine ich. Schließlich muß uns auch recht sein, was unsere Herrschaft, bei der wir beide grau geworden sind, für gut findet zu tun. Gehen Sie also nur, Johann, und nehmen Sie sich Anton mit, falls Sie sich fürchten – blaß genug sehen Sie ja aus, daß man's glauben könnte.«

Ohne zu antworten, entfernte sich der Kutscher, von einem Diener begleitet.



II.

Die Wohnung Major Botstibers lag im zweiten Stockwerk, gerade über derjenigen des Hausherrn. Alles war dunkel und still ringsum, und Johann mußte eine gute Weile klopfen, ehe jemand verschlafen antwortete.

»Zum Kuckuck – brennt's etwa, daß man mich mitten in der Nacht aufstöbert?«

»Nein. Aber ein Unglück ist geschehen, Herr Major, und die Leute wissen sich keinen Rat. Sie möchten schnell hinunterkommen.«

»So? Ein Unglück? Na, wird wohl nicht so arg sein . . .«

Man hörte Stiefel kollern, ein Zündholz anstreichen, ärgerliches Gebrumm und endlich Tritte sich der Tür nähern. Diese wurde aufgerissen und des Majors breitschulterige Gestalt erschien, in einen Schlafrock gehüllt.

Kein Mensch hätte ihm den Sechziger angesehen, so stramm war seine Haltung, so tiefschwarz Haar und Schnurrbart, so lebhaft, fast jugendlich der Blick seiner dunklen Augen. Jeder Zug seines bräunlichen Gesichtes sprach von Energie und männlicher Entschlossenheit, verbunden mit militärischer Strenge. So schnauzte er denn auch jetzt die beiden Diener nicht sehr freundlich an: »Also was ist denn los? Heraus mit der Sprache! Hat eines der Pferde Kolik oder was ist sonst geschehen?«

»Der gnädige Herr ist tot. Man hat ihn erschossen!« antwortete der Kutscher knapp und ernst.

Mit einem Satz fuhr der Major zurück. Sein eben noch gleichgültiges Gesicht nahm den Ausdruck tiefsten Schreckens an und entfärbte sich.

»Tot? Joachim von Rittler – tot? Oh Gott!« er packte den Kutscher an der Schulter und rüttelte ihn ungeduldig. »Wer hat es getan . . . so rede er doch! Erschossen sagt ihr? Wie konnte das geschehen?«

»Wir wissen es nicht. Das Fenster neben dem Schreibtisch ist zertrümmert und der gnädige Herr lag schon tot am Boden, als die jungen Damen das Zimmer betraten.«

»Die jungen Damen?«

»Ja, sie waren noch auf und haben vermutlich den Schuß gehört. Jetzt weiß niemand, was eigentlich geschehen soll, darum . . .«

»Jawohl. Natürlich! Ich komme schon . . .« Der Major, immer noch leichenblaß und ganz verstört, machte hastig ein paar Schritte vorwärts, blieb aber plötzlich noch einmal stehen.

»Die gnädige Frau – wie trägt sie das Furchtbare?« fragte er hastig.

»Sie weiß noch nichts. Bis jetzt hatte niemand den Mut, sie zu wecken und es ihr zu sagen.«

Der Major atmete erleichtert auf.

»Ah, das ist gut! Sie schläft . . . man muß sie vorsichtig und nur allmählich vorbereiten, sonst ertrüge sie diesen furchtbaren Schlag kaum . . .«

Dann ging er mit festen Schritten hinab nach dem Sterbezimmer. Noch ehe er dasselbe betrat, hatte der Kutscher den Befehl, einzuspannen und in die Stadt zu fahren, um die Behörde von dem Vorgefallenen zu verständigen.

Der Diener wurde um den Bezirksarzt, der nur eine Viertelstunde von Schloß Kreuzstein wohnte, gesandt, ein anderer beauftragt, alles Nötige für das Begräbnis einzuleiten.

Zuletzt verbot der Major mit strenger Miene, daß irgend jemand sich im Park zu schaffen mache, damit alle etwaigen Spuren des Mörders unversehrt erhalten blieben.

Es war ein Glück, daß das Gewitter inzwischen vorübergezogen war, ohne sich zu entladen, sonst wäre diese Vorsicht wohl umsonst gewesen.

Erst nachdem all diese Befehle erteilt waren, betrat Major Botstiber leise das Zimmer, in dem der Tote lag.

Yolanthe warf sich laut weinend an seine Brust.

»Onkel Malchus . . . oh Onkel Malchus, man hat Papa getötet!!«

Der Major streichelte beruhigend das vom Weinen entstellte Gesichtchen und murmelte leise Trostworte, während er zugleich einen scheuen Blick mit Mara wechselte.

»Wollen Sie es nicht übernehmen, Ihre Mutter auf das Schreckliche vorzubereiten? Sie wissen, sie ist nicht an Leiden gewöhnt, und ich fürchte . . .«

»Nein – sie ist nicht an Leiden gewöhnt,« wiederholte Mara mechanisch, »aber ich will, wenn Sie es wünschen, versuchen . . .«

Yolanthe stieß plötzlich einen Schreckensruf aus und eilte mit ausgebreiteten Armen gegen die Tür, in deren Rahmen zwischen den scheu zurückweichenden Leuten eine Dame stand, die halb ängstlich, halb neugierig hereinspähte.

Mara atmete tief auf und warf dem Major einen Blick zu.

»Zu spät – da ist Mama bereits!«

Frau Isabel von Rittler, eine auffallend schöne, gut erhaltene Erscheinung mit großen blauen Kinderaugen und tizianblondem Haar sah indessen erstaunt von einem zum andern.

»Was habt ihr denn alle, daß ihr so todernste Gesichter macht? Und was macht ihr hier in Papas Zimmer? Ich fürchte mich so sehr! Alles im Schloß ist auf den Beinen und niemand will mir sagen warum . . . sie laufen beinahe vor mir davon, just als sei ich ein Gespenst!«

Sie wollte lachen, aber das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, als der Major statt aller Antwort ihren Arm in den seinen zog und sie fortführen wollte.

»Kommen Sie, Isabel. Achim ist nicht ganz wohl. Ich werde Ihnen dies später alles erklären . . . hier ist kein Ort für Sie.«

»Achim? Was ist mit ihm?« Frau von Rittlers Blick irrte durchs Zimmer und erblickte plötzlich das Ruhebett in der Ecke mit dem leblosen Körper darauf.

Im selben Augenblick sagte Maras tiefe klare Stimme neben ihr: »Du hast ein Recht auf Wahrheit, Mama, und kein Ort auf Erden wäre in dieser Stunde geeigneter für dich als dieser, der alles umschließt, was uns von Papa geblieben ist.«

Sie schlang den Arm um ihrer Stiefmutter Schulter und murmelte: »Laß uns beide zusammen weinen um den besten aller Menschen, liebe Mama, den ruchlose Mörderhände uns für immer entrissen haben!«

Einen Augenblick starrte Frau von Rittler fassungslos in das bleiche Gesicht des jungen Mädchens, dann schrie sie laut aus und schlug beide Hände vors Gesicht. Sie wäre zu Boden gefallen, wenn der Major sie nicht rasch gestützt hätte.

Dabei warf er Mara einen vorwurfsvollen Blick zu und stieß rauh heraus: »Wie konnten Sie nur so unvorbereitet . . .«

»Sie ist doch meines Vaters Frau!« erwiderte Mara heftig. »Und mußten nicht auch wir das Schreckliche unvorbereitet tragen? Komm, liebe Mama,« fuhr sie sanfter fort, »nimm Abschied von ihm, ehe Fremde dieses Gemach betreten. In dieser Stunde wenigstens gehört er noch uns allein!«

Aber Frau von Rittler wandte sich schaudernd ab, indem sie des Majors Arm umklammerte.

»Fort,« kreischte sie, »führen Sie mich fort . . . mir graut vor Leichen! Oh Gott, nie wieder werde ich nachts ein Auge schließen können . . . wie gräßlich all dies ist! Yolanthe, bleibe bei mir, ich bitte dich, sonst werde ich noch wahnsinnig!«

Und mit einer Hast, die fast etwas Lächerliches an sich hatte, zog sie Botstiber und Jolanthe mit sich auf den Korridor hinaus, von wo ihre vor Erregung kreischende Stimme noch eine Weile hörbar war.

Mara stand allein.

Ein unsäglich bitterer Zug grub sich um ihren Mund ein. Dann trat sie still zu dem Toten, sah lange in sein bleiches, verzerrtes Gesicht und breitete endlich ein Tuch über ihn aus.

»Armer Papa,« murmelte sie, »wohl dir, daß Tote nicht mehr sehen noch hören können! Du hast sie so sehr geliebt, und sie ist nur ein Kind, das den Anblick deiner Leiche fürchtet . . .«


* * *


Wer konnte Herrn von Rittlers Mörder sein? Darüber zerbrach sich jeder einzelne im Haus den Kopf und mehr noch darüber, aus welchen Ursachen man dem allseits beliebten, gütigen Mann nach dem Leben getrachtet haben konnte.

Frau Isabel hatte sich, von Jolanthe begleitet, in ihr Boudoir begeben. Sephine, die alle Augenblicke in der Küche erschien, um heißen Tee, kalte Limonade, Baldriantropfen, Kognak oder sonst ein Stärkungsmittel für ihre Herrin zu holen, erzählte, beide Damen hätten sämtliche Lichter anzünden lassen, säßen eng aneinander geschmiegt und führen beim leisesten Laut zu Tode erschrocken zusammen.

»Ich bin fest überzeugt, die Gnädige fürchtet, der arme Herr könnte ihr als Gespenst erscheinen,« schloß Sephine ihren Bericht,

»Jesus, Maria,« schrie die Hausmagd Trine auf, »rede doch keiner von Gespenstern in diesem Haus . . . als wenn's nicht schon an einem Opfer genug wäre! Die Gnädige hat ganz recht –«

»Sei sie still, Sie alberne Person,« herrschte Frau Baumer das spindeldürre grauhaarige, wie Espenlaub zitternde Figürchen an, »Geister spazieren doch ihr Lebtag nicht mit Pistolen herum! Die Gnädige fürchtet sich auch sicher nicht vor Gespenstern, sondern . . .«

»Doch, doch,« unterbrach sie Sephine, »sie jammert ja alle zwei Minuten: ›Wenn er mir nur nicht nachts erscheint! Er hat mich so schrecklich lieb gehabt . . . wer weiß denn, ob es den Geistern Verstorbener nicht möglich ist, wiederzukommen? Ich hatte mal eine Freundin, die war Spiritistin und sagte mir . . . ach Gott; Jolanthe, und überhaupt: stell' dir nur vor, daß wir in einem Haus mit einer Leiche sind! Das ist gräßlich‹ . . . Na, überhaupt, ich sag's euch, die Gnädige ist ganz außer Rand und Band. Wie wahnsinnig erscheint sie mir vor Angst und Aufregung!«

»Sie müssen bedenken, Sephine,« sagte Frau Baumer würdevoll, »daß es keine Kleinigkeit ist, einen kerngesunden Mann in den besten Jahren jäh durch Mörderhand zu verlieren!«

»Gewiß nicht! Aber fast komisch kommt's mir doch vor, daß die Gnädige vor lauter Graulen gar nicht dazu kommt, an den Verlust zu denken, den sie erlitten hat! Mir scheint, der gute, arme Mann hätte doch verdient, daß sie auch um ihn ein paar Tränen weint und nicht nur um sich selber. Freilich – so recht tief ist ihr wohl nie 'was gehangen außer die Sorge um die Erhaltung der Schönheit!«

Sephine nahm den inzwischen von der Köchin aufgegossenen Tee und verschwand.

Oben im Sterbezimmer weilte der Major mit dem Bezirksarzt. Letzterer hatte, da sein Gutachten der Behörde vorgelegt werden mußte, eine ziemlich sorgfältige Untersuchung der Wunden vorgenommen und blickte sich nun forschend in dem Gemach um.

»Der erste Schuß war nicht lebensgefährlich, aber der zweite mußte den Tod sofort herbeiführen,« sagte er, »beide scheinen aus einer Browningpistole abgegeben worden zu sein, wofür die eine Kugel, die deutlich sichtbar ist, spricht. Haben Sie irgend eine Vermutung, wer die Tat begangen haben könnte. Herr Major?«

Major Botstiber antwortete nicht gleich. Erst nach einer Weile sagte er zögernd: »Nein. Wenigstens möchte ich um keinen Preis der Welt einen Verdacht aussprechen, solange er sich auf nichts anderes stützt, als auf vage Möglichkeiten.«

»Hm – da die Töchter die Schüsse hörten und gleich hieher eilten, hätten sie den Mörder, wenn er im Zimmer gewesen wäre, beinahe noch auf der Tat ertappen müssen? Aber Sie nehmen wohl mich an, daß die Schüsse von außen durch das Fenster kamen?«

»Wahrscheinlich. Wenigstens könnte ich mir sonst nicht erklären, wie er entkommen wäre. Ich ließ sofort alle drei Ausgänge des Schlosses durch den alten Paul untersuchen, der feststellte, das; sie von innen verschlossen und durch die Sperrketten gesichert waren.«

Er warf einen langen, traurigen Blick auf den Toten und wandte sich dann seufzend zum Gehen.

»Armer, armer Freund, wer hätte geahnt, daß wir uns so wiedersehen mußten, nachdem wir zwei Stunden zuvor uns im besten Wohlsein eine gute Nacht wünschten!«



III.

Die Sonne stand noch nicht am Himmel, als zwei Wagen in raschem Trab den Park passierten und vor dem Schloßportal hielten.

»Die Kommission ist da!« schrie der Stalljunge aufgeregt in eines der Zimmer zu ebener Erde, wo sich die Dienerschaft versammelt hatte und laut diskutierend die Ereignisse der Nacht besprach.

»Endlich! Und daß du mir nun ganz genau alles sagst, was du gesehen haben willst,« sagte der alte Gärtner Martin zu seinem Gehilfen, einem siebenzehnjährigen Burschen, der blaß und verstört zusammenfuhr, als sein Meister ihn anredete. »Wie viele sind ihrer denn?« wandte der Alte sich an den knapp vor dem Fenster stehenden Stalljungen.

»Sechs Herren. Einer davon ist der Bezirksarzt Dr. Straub, der schon vor zwei Stunden hier war. Neben den Kutschern sitzen noch zwei Polizeileute. Aha, jetzt winken sie dem langen, klapperdürren Herrn, der uns vorhin alle ausfragte . . .«

»Hab mir's gleich gedacht, daß der 'n Detektiv ist, den sie sozusagen auf Vorposten rekognoszieren geschickt haben! Na schön, Peter, du kannst jetzt hereinkommen. Es macht sich besser, wenn wir alle beisammen sind.«

Draußen sagte Untersuchungsrichter Wasmut zum Staatsanwalt und zum Polizeikommissär: »Nun wollen wir erst einmal hören, was Haller zu berichten hat. Sie kennen doch Haller, Herr Staatsanwalt?«

»Natürlich! Sehr geschickter Detektiv. War eine gute Idee, ihn sogleich herauszuschicken. Es ist immer gut, wenn man vor dem Einzelverhör einen Ueberblick gewinnt über die internen Verhältnisse des Hauses. Holla, Herr Hempel – wohin denn! Sie werden uns doch nicht ausreißen?«

Der Angesprochene, ein blonder Mensch von unbestimmbarem Alter mit ziemlich nichtssagenden Gesichtszügen, blieb lächelnd stehen.

»Herr Staatsanwalt entschuldigen, ich bin ja nicht als Amtsperson hier und möchte ein bißchen spazieren gehen.«

»Aber ich dachte, der Fall interessiere Sie? Sie wollten ja partout mit!«

»Gewiß. Eben deshalb. Ich finde den Park hier wundervoll. Sie gestatten gewiß, daß ich mir die Szenerie ein wenig ansehe?«

»Wenn Ihnen das interessanter scheint als Hallers Bericht und die Vernehmung nachher . . .«

»Oh, das kann ich später ja alles im Protokoll nachlesen!«

Der Untersuchungsrichter lachte.

»Ganz Silas Hempel! So ist er immer: er muß das Gras selber wachsen hören! Was die andern davon erzählen, interessiert ihn nicht. Na, lassen wir ihn!«

Hempel verbeugte sich lächelnd und verschwand hinter einer Baumgruppe, gefolgt von den halb spöttischen, halb ärgerlichen Blicken der andern Herren.

»Ein komischer Kauz!« brummte der Staatsanwalt. »Man könnte ihn manchmal wirklich für verrückt halten!«

Polizeikommissär Stümper lächelte fein.

»Aber meist ist Methode in seinem Wahnsinn, meine Herren, und ich wollte, ich hätte Hempels hellen Kopf! Schade, daß er sich durchaus nicht entschließen will, bei uns einzutreten, sondern am liebsten für sich arbeitet . . .«

»Und zwar nicht aus Eigennutz, sondern aus einfacher Liebhaberei,« ergänzte Dr. Wasmut, »dies ist auch der Grund, weshalb ich ihm seine Bitte mitzukommen nicht abschlagen konnte. Idealisten sind in unserer Zeit fast etwas Rührendes! Aber nun an die Arbeit!«

Er wandte sich an den bescheiden wartenden Detektiv Haller.

»Nun, Haller – kurz und bündig: was haben Sie inzwischen hier herausgebracht?«

»Daß Herr von Rittler durch zwei Schüsse, wahrscheinlich von außen, getötet wurde, während er arbeitend an seinem Schreibtisch saß. Zu seiner Linken befindet sich ein Fenster, das in den Park geht. Die eine Scheibe ist total zertrümmert. Der erste Schuß war offenbar nicht tödlich, denn das Opfer sprang auf, um zu flüchten, wobei es den Revolver mitnahm, der nach Aussage des Kammerdieners stets geladen in seinem Schreibtisch lag. Eine Blutspur bezeichnet deutlich den Weg, den Herr von Rittler genommen. Ungefähr in der Mitte des Zimmers scheint ihn der zweite Schuß und zwar in die Schläfe getroffen zu haben. Dieser war sofort tödlich. Der Verwundete machte noch ein paar Schritte und stürzte dann vornüber in einen Winkel, wo ihn wenige Minuten später seine beiden Töchter bereits als Leiche fanden.«

»War sein eigener Revolver abgeschossen?«

»Nein. Er lag noch in allen Läufen geladen neben der Leiche.«

»Wo befindet sich das Zimmer, in dem die Tat geschah? Zu ebener Erde?«

»Nein, im ersten Stockwerk.«

»Aber wie konnte dann der Mörder durchs Fenster schießen?«

»Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Ein Rosenspalier ziemlich fester Konstruktion, das sich an der Schloßmauer bis an die Fenster des ersten Stockwerkes zieht. Dann eine Hainbuchengruppe, die genau dem fraglichen Fenster gegenübersteht und von jedem Kind mit Leichtigkeit erklettert werden kann. Man übersieht von ihr aus das Arbeitszimmer in seiner ganzen Ausdehnung.«

»Dann müssen sich ja Fußspuren unten vorfinden!«

»Leider nicht. Ich habe alles mit großer Genauigkeit abgesucht, aber nirgends auch nur die kleinste Spur gefunden. Der Kies konnte ja wohl kaum deutliche Spuren ergeben, aber dicht vor dem Rosenspalier und rings um die Hainbuchen befindet sich lockere schwarze Gartenerde, die jeden leisesten Eindruck bewahren müßte.«

»Vielleicht hat es nachts hier geregnet? Es hat gegen Mitternacht ja auch bei uns in der Stadt gedonnert und geblitzt!«

»Nein, es fiel kein Tropfen. Ein heftiger Sturm, der plötzlich ausbrach, trieb das Gewitter wahrscheinlich weiter, ehe es sich entladen konnte.«

»Wie steht es um die Familienverhältnisse des Ermordeten? Wer wohnt im Schloß?«

»Die beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe, die zweite Frau, eine geborne von Eckmann, Offizierswaise, und ihr ehemaliger Vormund, Major Botstiber, der, zugleich ein Freund des Verstorbenen und Taufpate von dessen einzigem Sohn aus zweiter Ehe, hier seine Pension verzehrt.«

»Wo und was ist der Sohn?«

»Ein elfjähriger Knabe, der sich zu Wiener-Neustadt in der Militär-Akademie befindet.«

»Was ist der Major für ein Mensch?«

»Tadelloser Kavalier, der, im übrigen gutmütig, etwas pedantisch und sehr glücklich darüber scheint, auf Kreuzstein nicht nur seine Heimat, sondern auch einen Wirkungskreis gefunden zu haben.«

»Wieso? Bekleidet er eine bestimmte Stellung im Hause?«

»Nein, aber da er Freude zur Landwirtschaft hat, nahm er dem Verstorbenen, der sich lieber mit Wissenschaft beschäftigte, einen großen Teil Arbeit ab. Er führt alle Rechnungen, beaufsichtigt die Leute, liest Frau von Rittler täglich zwei Stunden vor, musiziert mit den jungen Damen, die ihn ›Onkel‹ nennen, und begleitet sie nach der Stadt, wenn sie Einkäufe besorgen. So hat er seine Zeit nützlich angewandt und ist allen fast unentbehrlich geworden. Die weibliche Dienerschaft schwört auf ihn, die männliche ist ihm nicht sehr grün, weil er gelegentlich ein recht strenger Herr sein soll. Jedenfalls aber ist er derjenige, der überall am besten Bescheid weiß und die genaueste Auskunft geben kann.«

Eine kleine Pause trat ein.

»Hm,« meinte dann der Staatsanwalt, »dies klingt ja ganz harmlos, aber man muß doch alle Eventualitäten erwägen . . . wer weiß, ob die Gefälligkeiten dieses Herrn nicht einen ganz andern Hintergrund haben? Er könnte z. B. in die Frau des Hauses verliebt sein und sich einen verhaßten Nebenbuhler . . .«

Haller lächelte.

»Genau dasselbe sagte ich mir auch, Herr Staatsanwalt, und forschte deshalb die Dienerschaft gerade über diesen Punkt sehr eingehend aus. Ich beobachtete auch den Major und erwog alle Möglichkeiten – aber gerade dadurch kam ich zu der Ueberzeugung, daß Major Botstiber in bezug auf den Mord völlig außer Betracht kommt. Erstens ist Frau von Rittlers Ruf tadellos und der Major ein alter, etwas pendantischer Herr, dem jede Fuhre Dünger in der Wirtschaft mehr am Herzen liegt, als alle Frauen der Welt, darüber ist alles im Hause einig. Zweitens schuf ihm das Vertrauen und die Freundschaft des Toten eine ebenso angenehme als selbständige Stellung im Hause, die durch dessen Ableben nicht verbessert, wohl aber verschlechtert werden konnte. Zum Beispiel, wenn es Frau von Rittler einfallen sollte, wieder zu heiraten –. Endlich besteht für Botstiber die physische Unmöglichkeit der Täterschaft.«

»Wieso?«

»Einfach weil er unter keinen Umständen Zeit gehabt hätte, ungesehen in seine Wohnung – diese liegt im zweiten Stockwerk – zurückzukehren. Zwischen dem zweiten Schuß und dem Eintritt der jungen Damen in das Sterbezimmer verstrichen höchstens 23 Minuten. Wäre der Täter im Zimmer gewesen, hätten die beiden Damen mit ihm zusammentreffen oder wenigstens noch seine sich entfernenden Schritte hören müssen, denn die Haupttreppe lag auf ihrem Weg. Eben deshalb bleibt keine andere Annahme übrig, als daß die Schüsse von außen durchs Fenster abgegeben wurden, obwohl mir diesbezüglich noch manches unklar ist. War der Mörder aber außerhalb des Hauses, wie hätte z. B. der Major in sein Zimmer gelangen können? Das Haustor war von innen geschlossen, über die Treppe eilte die durch den Schrei der Tochter alarmierte Dienerschaft! Ganz abgesehen davon, daß durch zwei einwandfreie Zeugen festgestellt wurde, wie der Major erst geweckt werden und sich ankleiden mußte, als man ihn holte. Somit besteht die physische Unmöglichkeit, daß er das Verbrechen beging.«

»Sie haben recht,« nickte der Staatsanwalt, »er kann es nicht gewesen sein. Wie steht es nun um die Ehe des Toten? War sie glücklich?«

»Hm – darüber scheinen die Ansichten in der Dienerschaft geteilt. Fest steht nur, daß der Ermordete seine Frau abgöttisch liebte. Sie aber scheint eine passive Natur zu sein, dabei etwas launenhaft und jedenfalls von Grund aus verwöhnt. Was sie will, geschah stets unbedingt. Nur in bezug auf ihre Bewegungsfreiheit scheint ihres Gatten Eifersucht sie beschränkt zu haben, weshalb es öfter Verstimmungen und kleine Szenen gab.«

»Wie steht es mit dem Nachlaß?«

 »Frau von Rittler ist Universalerbin, d. h. sie hat den vollen Nutzgenuß, so lange sie lebt. Später fällt alles ihrem Sohne Leo zu. Die Töchter erster Ehe haben jede ihr eigenes Vermögen, das am Tage der zweiten Heirat ihres Vaters für sie deponiert wurde. Die Zinsen werden zugeschlagen, so lange sie im Elternhause leben, und das Kapital darf ihnen erst mit vollendetem 24. Lebensjahr ausgefolgt werden, und zwar nur dann, wenn sie vorher keine Heirat gegen den Willen ihres Vaters schlossen – andernfalls fällt das Geld an ihren Bruder Leo. Alle diese Bestimmungen erfuhr ich von einem Schreiber des Notars Dr. Funke, der das Testament in Händen hat, mit dem ich zufällig auf der Herfahrt das Coupé teilte.«

»Ist jemand unter der Dienerschaft, auf den ein Verdacht fallen könnte, die Tat begangen zu haben?«

»Kaum, so weit ich urteilen kann. Die Leute sind alle lange im Dienst auf Kreuzstein und offenbar sehr zufrieden. Sie liebten ihren Herrn und betrauern ihn anscheinend aufrichtig.«

»Aber irgend jemand muß die Tat doch begangen haben! Wenn Habsucht und Liebe wegfallen, bliebe als Motiv nur noch ein persönlicher Racheakt!?«

»Vielleicht lassen sich wirklich in dieser Richtung Spuren finden durch ein Dokument, welches ich in der Rocktasche des Toten fand,« erwiderte Detektiv Haller, plötzlich sehr ernst werdend, indem er einen Brief entfaltete und dem Untersuchungsrichter übergab.

Halblaut las Dr. Wasmut den Inhalt vor.


Geehrter Herr von Rittler!

Im Besitze Ihres ebenso rücksichtslosen wie tief verletzenden Schreibens, worin Sie meine Werbung um die Hand Ihrer Tochter als »empörende Frechheit« bezeichnen, habe ich nur zu erwidern, daß es nicht das Geringste an meinen Entschlüssen ändert. Es wird sich ja zeigen, wer in dieser Angelegenheit mehr Ausdauer und Energie besitzt. Jedenfalls sehe ich nur darum von einer gerichtlichen Austragung der Sache ab, weil Sie Yolanthes Vater sind, behalte mir aber eine persönliche Abrechnung – früher oder später – umso bestimmter vor. Denn Sie haben kein Recht, die Ehre eines Mannes anzugreifen, der kein anderes Verbrechen beging als das – Ihr Kind zu lieben. Möge der Versuch, in das Lebensglück zweier Menschen so hart einzugreifen, Sie niemals reuen.

Dr. Ernst Sturm


Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Die Herren sahen einander betroffen an. Dann sagte Dr. Wasmut, den Brief einsteckend: »Dies ist jedenfalls ein sehr merkwürdiges Dokument! Immerhin wollen wir uns hüten, voreilig Schlüsse daraus zu ziehen, ehe wir wissen, wer dieser Dr. Sturm ist und wo er die Nacht vom 20. zum 21. verbracht hat.«

 »Ganz meine Ansicht,« nickte der Polizeikommissär, »und da wir nun einen Ueberblick über die Verhältnisse hier haben, bin ich dafür, mit der Aufnahme des Tatbestandes zu beginnen.«

»Einen Augenblick noch,« sagte Detektiv Haller, »ich habe mich unauffällig bereits nach Dr. Sturm erkundigt. Er war ein Jahr lang Erzieher des kleinen Leo und verließ Kreuzstein im vorigen Herbst, als der Knabe in die Militär-Akademie kam. Gleich nachher errang er den Doktortitel an der technischen Hochschule, gewann den ersten Preis bei einer Schulbaukonkurrenz und trat vor zwei Monaten als Ingenieur in den Staatsdienst. Seine Eltern sind tot, er lebt mit einem alten Fräulein Rehbein, seiner Tante, zusammen und soll keinerlei Beziehungen mehr mit Kreuzstein unterhalten haben . . . so behauptet wenigstens die Dienerschaft.«



IV.

Es war wie Haller sagte: niemand von der Dienerschaft wußte etwas über Beziehungen des einstigen Erziehers zu einer der jungen Damen.

»Entweder handelt es sich hier um ein Liebesverhältnis, das sehr geschickt vor aller Welt verborgen wurde,« sagte Dr. Wasmut leise zum Staatsanwalt, »oder dieser Dr. Sturm ist ein Frechling, der einfach ohne Wissen der jungen Dame um sie anhielt, was dann freilich eine derbe Abweisung nur zu erklärlich machte!«

»Darüber wird uns wohl jemand von der Familie – am besten die junge Dame selbst, Auskunft geben können.«

Wasmut fuhr fort, eine Person nach der andern zu befragen, aber sein Gesicht wurde dabei immer ärgerlicher, denn das Ergebnis war gleich Null.

Die Leute hatten alle bereits geschlafen und waren erst durch den Kammerdiener alarmiert worden. Uebrigens gingen ihre Fenster nach dem Küchengarten an der Rückfront des Hauses, wo man kaum etwas von den Vorgängen an der Vorderseite wahrnehmen konnte. Niemand wußte irgend eine Person anzugeben, auf die ein Verdacht fallen konnte. Sie konnten sich das Verbrechen überhaupt nicht erklären, denn einen besseren Menschen hatte es nie gegeben als Herrn von Rittler, darüber waren alle einig.

So schienen auch die Vernehmungen der Dienstleute wie zuvor die Aufnahme des Tatbestandes resultatlos zu verlaufen, als der Untersuchungsrichter als vorletzte Person den alten Gärtner Martin aufrief.

Sofort machte sich unter der Dienerschaft eine gewisse Bewegung bemerkbar. Gespannt richteten sich aller Augen auf den alten Mann, der die üblichen Vorfragen ruhig beantwortete und dann auf die Frage, was er über die Vorgänge der Mordnacht wisse, sagte: »Ich selbst weiß gar nichts, Ew. Gnaden, denn die Gärtnerwohnung liegt bei den Treibhäusern, und ich ging wie gewöhnlich um neun Uhr schlafen. Aber da ist mein Gehilfe Valentin Faltner – wenn Sie den vielleicht mal scharf befragen wollten, Ew. Gnaden. Er ist erst um Mitternacht heimgekommen, und ich wette, er weiß etwas, wenn er's auch nicht sagen will.«

»Woraus schließen Sie dies?«

»Er hat sich selbst verraten im ersten Schrecken. Als der Stalljunge nämlich an unsern Laden polterte und uns die schreckliche Nachricht ins Zimmer schrie, wurde der Valentin geisterbleich und zitterte wie Espenlaub. ›Jesus, Maria,‹ stotterte er, ›er wird doch so was nicht getan haben!?‹ Dann fiel er auf den nächstbesten Stuhl und fing zu weinen an. ›Junge,‹ sagte ich, ›du weißt also was? Hast du etwa den Mörder gesehen, als du heimgingst?‹

›Er war's nicht, nein . . . er kann's nicht gewesen sein!‹ beteuerte Valentin und dann gab er weiter überhaupt keine Antwort mehr. Alles Zureden war vergebens und ich hoffe nur, Ew. Gnaden, es werde Ihnen besser gelingen, ihn reden zu machen. Vorwärts, Valentin –« und er schob den widerstrebenden Burschen direkt vor den Untersuchungsrichter hin.

Dieser betrachtete ihn kopfschüttelnd. Valentin wurde bald rot, bald blaß und sah verstört zu Boden.

»Warum wollen Sie nicht sagen, was Sie wissen?« fragte Dr. Wasmut ernst.

»Ich . . . nein . . . ich kann keinen unglücklich machen!«

»Ach so! Nun das ist ja sehr schön, aber Sie vergessen, daß nicht Sie, sondern der Mörder sich selbst unglücklich macht durch die Tat. Uebrigens handelt es sich vielleicht nur um harmlose Dinge, die sich aufklären lassen. Jedenfalls sind Sie als ehrlicher Mensch verpflichtet, die Wahrheit zu sagen, wenn Sie nicht selbst verdächtig werden wollen. Wo waren Sie gestern abend?«

»Ich habe in Sievering drüben eine alte Mutter, die krank ist. Die ging ich besuchen.«

»Wann kehrten Sie heim?«

»So um halb zwölf herum.«

»Welchen Weg nahmen Sie?«

»Durch den Park am Schloß vorüber. Es ist der nächste Weg und ich eilte sehr, denn es sah aus, als ob ein tüchtiges Wetter im Anzug wäre.«

»War man im Schloß noch auf? Ich meine, sahen Sie erleuchtete Fenster?«

»Nur die zwei, welche zu des gnädigen Herrn Arbeitszimmer gehören. Die Läden waren zurückgeschlagen, die Fenster aber geschlossen und eines war ganz zertrümmert, das sah ich gleich, dachte mir aber zuerst nichts dabei. Erst als ich den Herrn weglaufen sah –«

»Wo? Unter dem Fenster?«

»Ja – gerade auf dem Kiesplatz, der sich seitwärts gegen die Rampe zieht. Als ich ihn zuerst erblickte, stand er bocksteif da und schien nach dem Schloß hinauf zu blicken.«

»Erkannten Sie den Mann?«

»Anfangs nicht. Er trug einen Havelock, dessen Kragen aufgeschlagen war, und eine Radfahrermütze tief in die Stirn geschoben. Als er meine Schritte hörte, nahm er Reißaus und lief um die Hausecke. Mir aber fiel das zertrümmerte Fenster ein, und ich glaubte nichts anderes, als der Mensch habe einen Einbruch versucht. Also setzte ich natürlich hinter ihm her. Es war sehr finster, und der Sturm machte einen Heidenspektakel. Dennoch sah ich beim Schein der Blitze, wie er quer durch den Park lief geradenwegs auf ein Mauerpförtchen zu, das direkt auf die Landstraße mündet und stets verschlossen ist. ›Holla,‹ dachte ich, ›jetzt habe ich dich, denn dort hinaus kannst du nicht!‹ Aber zu meiner größten Ueberraschung war das Pförtchen nicht versperrt, er riß es auf und hatte im nächsten Augenblick ein Fahrrad ergriffen, das an der Parkmauer lehnte. Ich war dicht hinter ihm und hätte ihn wohl doch noch ergreifen können, wenn nicht . . .«

Der Bursche brach ab und starrte verlegen zu Boden.

»Nun – wenn nicht – was geschah denn, daß Sie nicht zugriffen?«

»Ein Blitz beleuchtete ihn, eben als er sich aufs Rad schwang. Da sah ich, wer es war. Und der konnte doch nie und nimmer einen Einbruch versucht haben . . . der war wahrscheinlich aus einem ganz andern Grunde gekommen . . .«

Valentin hatte leise gesprochen und dabei den Kopf gesenkt.

Dr. Wasmut, der seine Ungeduld kaum mehr zügeln konnte, fuhr ihn barsch an: »Aber zum Kuckuck, wer war es denn? Heraus mit der Sprache, sagen müssen Sie es ja doch endlich, eher geben wir Sie nicht frei!«

»Es war der Doktor Sturm, unseres jungen Herrn einstiger Hofmeister,« antwortete Valentin kaum vernehmbar, eingeschüchtert durch Wasmuts barschen Ton.

»Na also – dacht' ich's doch! Jetzt sagen Sie uns aber noch dies: Warum glauben Sie, daß Dr. Sturm aus einem ›andern Grunde‹ kam und welches könnte Ihrer Meinung nach dieser andere Grund sein? Nach Ihren Worten zu schließen, hegen Sie darüber bestimmte Vermutungen!«

Flammende Röte huschte einen Augenblick lang Über des Burschen offenes Gesicht. Dann warf er den Kopf trotzig zurück und sagte kurz:

»Ich weiß gar nichts weiter. Was ich heute nacht gesehen habe, das habe ich gesagt, und mehr wird niemand erfahren, auch wenn man mich totschlägt.«

Alles Drängen war vergebens, man mußte sich mit Valentins bisheriger Aussage zufrieden geben.

Aber war es nicht genug? Die Herren flüsterten leise, und auf des Staatsanwalts Antlitz spiegelte sich unverkennbare Befriedigung.

Dann entließ man die Dienerschaft und verlangte die Frau des Hauses zu sprechen. Statt ihrer jedoch erschien Major Botstiber mit der Erklärung, Frau von Rittler habe infolge des Schreckens Nervenanfälle und könne nicht vernommen werden.

 Außerdem wisse sie über die Tat nicht das Geringste. Wünsche man sonst irgend welche Auskünfte, so sei er selbst sehr gerne bereit, sie zu geben.

Der Major machte einen sehr guten Eindruck auf die Herren und gewann durch sein bescheidenes freimütiges und liebenswürdiges Wesen sofort alle Sympathien.

Als Freund des Ermordeten und langjähriger Hausgenosse war er in allen Stücken gut orientiert. Er wußte um die kürzlich erfolgte Werbung Dr. Sturms, die seinen Freund umsomehr in Harnisch gebracht, als man früher nicht die geringste Ahnung gehabt habe, daß der junge Mann sich mit so kühnen Absichten trage. Ob und wie weit ein Einverständnis zwischen Dr. Sturm und Fräulein Jolanthe bestehe, wisse er nicht. Nur dies, daß Frau von Rittler die Sache nie ernst genommen, sondern als ›Kinderei‹ betrachtet habe, von der man ›am klügsten gar nicht spreche‹.

»Ist es richtig,« fragte der Untersuchungsrichter, »daß die junge Dame an ihrem 24. Geburtstag nur dann ein Vermögen ausbezahlt bekommt, wenn sie vorher keine Ehe gegen ihres Vaters Willen einging?«

»Jawohl, so lautet die Testamentsbestimmung.«

»Wenn sie aber nach dessen Tode heiratet? Besteht auch dann irgend welche Beschränkung ihrer Wahlfreiheit?«

»Nein. Mein armer Freund dachte ja gar nicht an die Möglichkeit, so früh zu sterben. Er war überzeugt, seine Töchter selbst glücklich verheiraten zu können, und wollte durch jene Bestimmung hauptsächlich Mitgiftjäger von vornherein abschrecken.«

»Wissen Sie, wie hoch sich das Vermögen der jungen Damen beläuft?«

»Ich glaube auf 400 000 Kronen für jede derselben. Herrn von Rittlers erste Frau war sehr reich.«

»Konnte Dr. Sturm um jene Bestimmung wissen? Und auch, daß Herrn von Rittlers Tod dessen Töchtern freie Wahl ließ zu heiraten, wen sie wollen?«

»Dies entzieht sich meiner Beurteilung. Möglich wäre es ja, daß er Erkundigungen einzog oder einmal davon sprechen hörte. Darf ich übrigens fragen, wie die Herren auf diese Angelegenheit kommen?«

Dr. Wasmut sah ernst in das Antlitz des Fragers.

»Ehe ich darauf antworte, muß ich um strengste Diskretion bitten!«

»Selbstverständlich! Ich hoffe das Wort eines alten Soldaten wird Ihnen genügen?«

»Gewiß. Nun denn: wir haben alle Ursache anzunehmen, daß Dr. Sturm der Mordtat nicht fern steht. Er wurde um die kritische Zeit unter Herrn von Rittlers Fenster gesehen.«

»Nicht möglich!« Der Major prallte erschrocken zurück und wurde erdfahl. Dann rief er lebhaft: »Aber das muß ein Irrtum sein! Sturm?! Nein – es ist undenkbar . . . Sie müssen sich irren!«

»Wir wollen es im Interesse des jungen Mannes hoffen. Es wird alles darauf ankommen, ob und wie er seine Anwesenheit hier heute nacht wird motivieren können. Aus diesem Grunde, Herr Major, muß ich Sie nun auch bitten, uns Fräulein Yolanthe hieher zu schicken. Ich hätte der jungen Dame ja gerne das Peinliche einer solchen Einvernahme erspart, aber wie die Dinge liegen, ist es leider unmöglich.«

Der Major, der immer noch sehr erschüttert aussah, verbeugte sich.

»Yolanthe wird sogleich erscheinen.«

Im Hinausgehen murmelte er mehrmals mitleidig: »Armes Kind! Arme, arme Kleine!«



V.

Yolanthe kam nicht allein, sondern in Begleitung Maras.

Sie entschuldigte dies mit ihrer großen Angegriffenheit, und wer einen Blick in ihr verweintes bleiches Gesicht tat und sah, wie die samtartigen Augen mit verstörtem Blick umherwanderten, begriff nur zu gut, wie tief die letzten Stunden sie erschüttert hatten.

Trotzdem war ihre Schönheit auch in diesem Augenblick noch so überwältigend, daß einige Minuten vergingen, ehe Dr. Wasmut so viel Fassung fand, um das Verhör zu beginnen.

Er stellte erst mehrere belanglose Fragen über die Auffindung der Leiche, die Yolanthe ruhig beantwortete.

Als man wissen wollte, ob sie bereits geschlafen habe, als die Schüsse fielen, sagte sie ohne Zögern: »Nein, aber ich stand eben im Begriff, zu Bett zu gehen, da trat meine Schwester, durch den Sturm erregt, aus dem Nebenzimmer herein. Gleich darauf hörten wir die Schüsse.«

Maras Augen hefteten sich groß und erstaunt auf die Schwester. Warum verschwieg Yolanthe, daß sie im Park gewesen und später mit ihr auf dem Korridor gestanden hatte, als die Schüsse fielen?

Aber Yolanthe tat, als sähe sie den fragenden Blick nicht.

Im nächsten Augenblick glitt eine jähe Röte, die aber sofort wieder verschwand, über ihr Gesicht. Der Untersuchungsrichter hatte gefragt:

»Wollen Sie uns nun – aber völlig wahrheitsgetreu – sagen, welcher Natur Ihre Beziehungen zu Dr. Sturm sind?«

»Meine – Beziehungen zu Dr. Sturm? Ich verstehe nicht . . .!« Yolanthe schien sprachlos vor Erstaunen.

»Nun, Sie werden mindestens wissen, daß der junge Mann Sie verehrte?«

»Ja. Aber ich sehe nicht ein, was daran besonderes ist? Es kommt sehr häufig vor, daß junge Männer jungen Damen den Hof machen.«

»Gewiß. Indessen – hier handelt es sich um mehr. Oder sollte es Ihnen unbekannt sein, daß Dr. Sturm vor einigen Tagen brieflich bei Ihrem Vater um Sie anhielt?«

»Ich weiß es. Papa teilte es mir erst nachträglich mit und auch, daß er ihn abwies.«

»Aber Sie? Waren Sie damit einverstanden?«

»Ich hatte keine Gelegenheit, eine Meinung auszusprechen, denn Papa teilte mir seine Entscheidung ja erst nachträglich mit.« Yolanthe antwortete ganz ruhig, ohne Erregung. Nur ein verwundertes Kopfschütteln schien ihr wachsendes Staunen über den Gegenstand der Unterredung anzudeuten. Untersuchungsrichter Wasmut sah ein, daß er so nicht weiter kommen würde. Er sagte deshalb: »Sie sprechen nur von Ihrem Vater. Ich aber möchte wissen, welcher Art Ihre Beziehungen zu dem jungen Mann waren, ob Sie seine Liebe erwiderten und vor allem, ob Sie selbst nach jener verunglückten Werbung mit ihm etwa eine geheime Zusammenkunft hatten?«

Aller Augen hingen an dem jungen Mädchen. Aber kein Zug ihres Gesichtes veränderte sich.

Eine Sekunde lang öffneten sich Yolanthes Augen weit und sie sah den Untersuchungsrichter starr an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf und antwortete unbefangen: »Nein. Ich bin ja niemals allein – wie sollte ich eine solche Zusammenkunft, selbst wenn ich sie für passend hielte – ermöglicht haben?«

»Dann können Sie uns also keine Auskunft darüber geben, was Dr. Sturm diese Nacht nach dem Park von Kreuzstein führte?«

Ein kalter hochmütiger Zug erschien in Yolanthes Antlitz. Starr wie eine Bildsäule stand sie da und blickte den Untersuchungsrichter an, als fasse sie den Sinn seiner Worte gar nicht.

Mara aber fuhr in namenlosem Schreck auf. »Oh,« stammelte sie völlig fassungslos, »er war hier . . . heute nacht hier . . . und du . . .«

Mit einer gebieterischen Gebärde ergriff Yolanthe ihre Hand und drückte sie fast brutal.

»Fasse dich, Mara, was hast du denn?« sagte sie kalt, während ein scharfer Zug ihren schönen Mund entstellte. »Oder hättest du Dr. Sturm etwa heute nacht hier zufällig gesehen?«

»Ich? Nein! – Du weißt wohl, daß ich mein Zimmer nicht verließ, aber . . .«

»Du wunderst dich natürlich gleich mir,« fiel ihr Yolanthe schroff in die Rede, »wie man dazu kommt, solche Fragen an uns zu stellen!! In der Tat, meine Herren, Sie scheinen sehr sonderbare Begriffe von der Anständigkeit einer jungen Dame aus gutem Hause zu haben . . . klingt es nicht fast, als vermuteten Sie, ich habe ein nächtliches Stelldichein mit dem Herrn gehabt? Wie sollte ich sonst wissen, ob er im Parke war? Was geht mich Dr. Sturm überhaupt an? Er warb um mich und wurde abgewiesen – das ist alles! Beziehungen irgend welcher Art bestanden und bestehen zwischen uns nicht. Wünschen Sie sonst noch etwas zu wissen?«

Sie stand da, flammende entrüstete Abwehr in jedem Zug. Ihre schönen Augen hatten den sanften Ausdruck verloren und wanderten vorwurfsvoll von einem zum andern.

Dr. Wasmut kam sich klein und beschämt vor, angesichts dieses edlen Mädchenstolzes, den er verletzt hatte.

»Nein, gnädiges Fräulein,« sagte er in entschuldigendem Ton, »und ich bitte inständig um Vergebung, daß ich durch meine Fragen Ihre gerechte Entrüstung hervorrufen mußte. Leider gebot die Pflicht, sie zu stellen. Dr. Sturm wurde diese Nacht unter Umständen hier gesehen, die ihn schwer verdächtigen. Hätte seine Anwesenheit mit Ihrem Einverständnis stattgefunden, würde sie natürlich einen ganz anderen Charakter tragen. Ihre bestimmte Erklärung vorhin beweist jedoch unzweifelhaft, daß er bei seinem nächtlichen Besuch andere Dinge im Auge hatte als ein verliebtes Stelldichein.«

Mara wurde leichenblaß und zuckte zusammen. Aber Yolanthe nahm auch diese Erklärung mit der stolzen Miene einer Königin entgegen. Nichts in ihren unbewegten Zügen verriet, daß sie überrascht oder erschrocken war, ihren Anbeter als Mörder verdächtigt zu sehen.

Und nichts konnte gleichgiltiger klingen als der Ton, in dem sie nun sagte: »Wenn die Dinge so stehen, habe ich allerdings kein Recht, beleidigt zu sein. Immerhin glaube ich, daß Dr. Sturm seine Anwesenheit irgendwie wird erklären können, denn ich halte ihn einer schlechten Handlung nicht für fähig. Was mich betrifft, so möchte ich bitten, mich nun zurückziehen zu dürfen . . . wir hatten seit gestern so viel Schweres durchzumachen, daß ich mich wirklich kaum mehr fähig fühle, gleichgiltigeren Dingen Aufmerksamkeit zu schenken.«

»Selbstverständlich! Ich bitte nochmals um Vergebung.«

Yolanthe neigte mit unvergleichlicher Grazie den Kopf zum Gruß und schritt, ihre Schwester mit sich ziehend, aus dem Gemach.

Mara, die dem Auftritt wie versteinert beigewohnt hatte, ließ sich willenlos fortführen. Ihr Antlitz war schneeweiß, die grauen Augen hatten einen völlig abwesenden Blick.

Erst als die Schwestern Yolanthes Zimmer betreten hatten, löste sich der Bann, der über Maras Wesen lag.

Mit einer heftigen Gebärde riß sie ihren Arm aus dem der Schwester und rief leidenschaftlich:

»Oh du . . . du! Fremde Leute konntest du belügen, aber mich nicht! Mir sollst du Rechenschaft geben . . .«

Sie verstummte erschrocken. Denn auch von Yolanthes Gesicht war die gleichgiltige Ruhe wie eine Maske abgefallen.

Kein Tropfen Blut war in dem plötzlich ganz entstellten Gesicht, dessen Zähne wie im Frost aneinander schlugen, während die eben noch so stolz und ruhig blickenden Augen angstvoll umherglitten und die Worte nur abgerissen über die Lippen kamen.

»Laß mich . . . hast du denn nicht begriffen . . . was es mich kostete . . . siehst du nicht . . . daß ich am Ende . . . aller Kräfte . . .«

Und plötzlich sank sie leblos wie ein geknicktes Rohr zu Boden.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sie unter Maras Bemühungen die Augen wieder aufschlug. Ihr Atem ging rasch und eine fiebrige Röte bedeckte ihre Wangen, während sie lange schweigend nach der weißlackierten Decke emporstarrte, als suche sie dort nach einem Ausweg aus schweren Gedanken.

So fremd und hart war dieser unverwandt nach oben gerichtete Blick, daß Mara in dem Glauben, sie sei noch immer nicht bei voller Besinnung, sie durch keine Frage zu stören wagte.

»Geh und schließe die Türe ab, damit niemand uns belästigt,« sagte dann Yolanthe plötzlich in rauhem, gebieterischen Ton, indem sie sich von der Chaiselongue aufrichtete und mehrmals über die Stirn strich. »Wir wollen uns ein für allemal über die Sache aussprechen und dann nie mehr darauf zurückkommen.«

Mara gehorchte schweigend. Als sie aber zur Schwester zurückkehrte, warf sie sich, einem Impuls folgend, mit gerungenen Händen plötzlich vor Yolanthe auf die Knie und rief in inbrünstigem Flehen: »Nur eines, Yolanthe, ehe du irgend ein anderes Wort sprichst, – aus Gnade und Barmherzigkeit, sage mir die Wahrheit: Weißt du wirklich nichts von Sturms Anwesenheit gestern abend im Park? Kam er nicht um deinetwillen? Warst du nicht mit ihm beisammen?«

Einen Augenblick lang nur zögerte Yolanthe mit der Antwort, dann sagte sie ruhig: »Ja, er kam um meinetwillen, und wir waren fast zwei Stunden lang beisammen auf der Bank an dem kleinen rückwärtigen Parkpförtchen, das ich selbst ihm öffnete. Als das Gewitter begann, begleitete er mich bis in die Nähe des Schlosses, wo wir Abschied nahmen. Er verlangte diese Zusammenkunft, um sich nach Papas schroffer Abweisung mit mir über unsere Zukunft zu verständigen, und ich war schwach genug, darauf einzugehen. Bist du nun befriedigt?«

Mara war aufgesprungen.

»Und du hast ihn verleugnet? Kalt, fühllos, obwohl du erraten mußtest, wessen man ihn beschuldigte . . .«

»Sollte ich meine Ehre preisgeben? Meinen guten Ruf für immer vernichten? Und was hätte es ihm schließlich geholfen? Ich weiß ja nicht, was er nach unserer Trennung tat. Vielleicht kehrte er sogleich zu seinem Fahrrad zurück, vielleicht . . .« Ihr Blick nahm einen grübelnden Ausdruck an, während sie langsam fortfuhr: »Er war furchtbar erbittert auf Papa . . . kann ich beschwören, daß der Zorn ihn nicht schließlich sinnlos übermannte . . . daß er eine günstige Gelegenheit benützte . . .«

»Yolanthe!!!« schrie Mara entsetzt aus. Dann schüttelte sie die Schwester wild an der Schulter. »Du sagst dies . . . du! Die du ihn kennst! Ihn liebst! An ihn glauben müßtest, auch wenn alle Welt an ihm zweifelte! Du, die du ganz genau weißt, daß er der edelste, reinste Mensch auf Erden ist und unfähig auch des allerkleinsten Unrechtes!«

Yolanthe betrachtete die Erregte mit unendlicher Ueberlegenheit.

»Liebes Kind, jeder Mensch ist tadellos bis zum ersten Fehltritt, und wer kann schließlich in das Innere eines Menschen blicken? Uebrigens habe ich nur die Möglichkeit angedeutet, keine Behauptung aufgestellt. Aber laß uns endlich vernünftig sprechen. Sieh, als man um die Behörde schickte, tauchte sogleich die Möglichkeit vor mir auf, daß Ernsts Anwesenheit gestern bekannt werden und der Verdacht auf ihn fallen könnte. Darnach überlegte ich. Die Wahrheit hätte ihm selbst wenig genützt, mich aber hätte sie zugrunde gerichtet. Und schließlich ist in Stunden der Gefahr doch jeder sich selbst der Nächste, nicht wahr?«

»Du vergißt, daß Dr. Sturm, verhaftet und befragt – selbst die Wahrheit enthüllen wird!«

»Ernst? Niemals! Er liebt mich und würde sich lieber in Stücke hauen lassen, als meine Ehre den Mäulern der Leute preisgeben.«

»Oh – und darauf baust du! Auf seine selbstlose Liebe – du, die du ihn kaltblütig –«

»Laß das doch! Ich kann ja nicht anders handeln. Glaubst du denn, es wurde mir so federleicht? Aber ich denke, es gibt nur zwei Fälle: entweder ist er schuldig –«

»Niemals!!«

»Gut, dann muß ein anderer die Tat begangen haben, und man wird ihn finden. Ist Ernst rehabilitiert, dann steht unserer späteren Verbindung ja nichts im Wege.«

»Und wenn der Schuldige nicht gefunden wird?«

»Dann bliebe der Verdacht auf Ernst sitzen, und ich könnte doch keinesfalls seine Frau werden – siehst du das nicht ein?«

»So leicht könntest du ihn aufgeben? Oh, Yolanthe – und das nennst du Liebe?«

»Beruhige dich. Ich weiß ganz gut, was Liebe ist, aber ich lasse mich eben nicht blind von ihr regieren. Die Vernunft muß stets die Oberhand behalten.«

Maras Wangen bedeckten sich mit glühender Röte.

»Nein, ich sage dir, das ist nicht Liebe, die noch fähig ist zu klügeln und den eigenen Vorteil zu erwägen! Das ist nicht Liebe, die nicht ohne Bedenken sich für den Geliebten zu opfern bereit, der es nicht Wonne ist, seine Not zu teilen, seine Schmach auf sich zu nehmen, mit ihm in den Tod zu gehen, wenn es sein muß!«

»Nun – es liebt eben jeder auf seine Weise, und Ernst war bisher mit der meinigen zufrieden. Er wäre sicher der letzte, der ein nutzloses Opfer von mir verlangte.«

Mara trat erblassend zurück und strich sich mechanisch das feuchtgewordene Haar aus den Schläfen. Endlich murmelte sie matt: »Du willst also weiterlügen . . . Tag für Tag . . . immerzu, bloß weil dein bißchen Ruf auf dem Spiele steht?«

»Ich muß! Der Ruf eines Mädchens ist alles, mit ihm steht oder fällt ihre ganze Existenz! Uebrigens werde ich der Geschichte gern aus dem Wege gehen. Onkel Malchus meinte schon vorhin, es wäre für Mama das beste, wenn sie zur Erholung jetzt eine Reise machte. Ich finde den Gedanken sehr gut . . .«

»Wie – du könntest fortgehen? Jetzt? Ehe du weißt, wie sich deines Bräutigams Angelegenheit entscheidet?«

»Warum nicht? Uebrigens vergiß nicht, daß kein Mensch außer dir um unsere Liebe weiß und Ernst noch lange nicht mein ›Bräutigam‹ ist. Vor der Welt ist er für mich nicht mehr als jeder andere oberflächliche Bekannte.«

»Und wenn dein Schweigen, welches ja den Dingen eine völlig andere Bedeutung gibt, Dr. Sturms Leben in Gefahr bringt?«

»Ich könnte es nicht ändern,« antwortete Yolanthe in gefühllosem Tone, so daß sich Mara darüber ganz entsetzte.

»Aber ich!« rief sie außer sich. »Du hast mich vergessen! Wenn er aus Liebe schweigt und du aus Selbstsucht, so werde ich sprechen aus Gerechtigkeit! Hörst du – ich werde hingehen und alles sagen! Magst du deine Liebe bisher noch so vorsichtig vor aller Welt verborgen haben, daß nicht einmal die Eltern, nicht die Dienerschaft sie bemerkten, so werde ich, die ich sie werden und wachsen sah, nun die volle Wahrheit sagen, weil mein Gerechtigkeitsgefühl sich dagegen empört, daß ein Unschuldiger geopfert werden soll!«

Jolanthe fuhr zusammen und starrte die Schwester erschrocken an.

»Das wirst du nicht tun, Mara . . . denn ich schwöre dir, so wahr wir einer Mutter Kind sind . . . daß ich es nicht überleben würde! Eher würde ich mich töten, als die Leute mit Fingern nach mir weisen lassen!«

»Oh, Menschen, die sich selbst so sehr lieben, daß sie kaltblütig die heiligsten Gefühle anderer in den Staub treten, töten sich nicht!« antwortete Mara bitter. Dann ballte sie zornig die Hände. »Ich habe so viel ertragen neben dir . . . wie viel, kannst du ja gar nicht ahnen, denn du hattest immer nur Augen für dich selbst! . . . Und ich ertrug es geduldig, denn deine Schönheit hat auch mich bezaubert und ich kannte dich noch nicht, wie ich dich heute kennen lernte. Daß du ein Sonntagskind bist, dem die Herzen mühelos zufliegen, daß du immer und überall, von den Eltern angefangen, die erste warst und ich die zweite, daß ich dich bediente und mich von dir tyrannisieren ließ, all das schien mir nur gerecht, denn du bist so schön, und ich hielt dich für gut . . . jetzt aber . . .«

»Nun – fahre nur fort – jetzt aber . . .« sagte Yolanthe, die ihre Schwester immer aufmerksamer betrachtete, spöttisch.

Und Mara, die jede Besinnung verloren zu haben schien, fuhr leidenschaftlich fort:

»Jetzt aber weiß ich, was hinter deiner Märchenschönheit steckt, ein kaltes, eiskaltes Herz! Und ich dulde nicht, daß du Sturm einfach deiner Selbstsucht opferst. Er vor allem hat dies nicht um dich verdient!«

Sie schwieg erschöpft und sank auf einen Stuhl, mit bebenden Händen die Lehne umklammernd.

Totenstille herrschte in dem Gemach, bis Yolanthe plötzlich dicht an die Schwester herantrat und mitleidlos sagte: »Ich will dir sagen, warum du die Ehre deiner Schwester besinnungslos einem fremden Mann zulieb preisgeben willst: Du liebst diesen Mann selber! Nicht Gerechtigkeit treibt dich zum Sprechen an, sondern einfach das Bestreben, ihn mir zu entreißen!«

»Yolanthe!!!« Mara schnellte auf, wie von einem Schuß getroffen. An allen Gliedern zitternd, starrte sie die Schwester leichenblaß an.

Yolanthe nahm Mara bei der Hand und führte sie an den Schreibtisch, über welchem das Bild einer schönen, dunkelhaarigen Frau hing, die lächelnd auf den Beschauer blickte.

 »Hier ist das Bild unserer Mutter, Mara. Denke, sie selber stünde lebendig neben uns, und wage es nun noch zu behaupten, daß ich log!«

Mara blickte abwesend auf das Bild. Allmählich wurde sie ruhiger.

»Nein,« murmelte sie endlich matt. »Ich leugne es nicht. Ich liebe ihn. Wie man das Beste, Edelste liebt, das einem vergönnt war, im Leben zu schauen. Aber ich schwöre, daß ich dir niemals auch nur mit einem Gedanken seine Liebe neidete.«

»Dann schwöre auch hier vor dem Bilde unserer Mutter, daß du über alles schweigen willst, was ich dir heute mitteilte, daß du mit keiner Silbe und gegen niemand unsere Liebe verraten willst!«

Mara schwieg. Ein furchtbarer Kampf spiegelte sich in ihren Zügen, die bis zur Unkenntlichkeit entstellt schienen.

»Mara – besinne dich! Wenn du nicht schwörst, so könnte ich nie mehr an die Reinheit und Selbstlosigkeit deiner Liebe für ihn glauben!«

Da flüsterte Mara mit Anstrengung. »Ich . . . ich schwöre es dir! Gott wird mir helfen, seine Unschuld auch anders an den Tag zu bringen . . .«

Tief aufatmend ließ Yolanthe ihre Hand los. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer. Mara hatte dasselbe fluchtartig verlassen.



VI.

Silas Hempel hatte sich, als die Gerichtskommission Kreuzstein verließ, nicht eingefunden.

Man wartete einige Minuten und fragte dann nach ihm, aber niemand von der Dienerschaft hatte ihn gesehen, und so fuhren die Herren denn schließlich allein fort.

Zur selben Zeit schlenderte Yolanthe anscheinend planlos den Treibhäusern zu.

Ihre Zofe hatte ihr soeben noch unter dem Bann der Erregung, welche Valentins Aussage vor dem Untersuchungsrichter in der Dienerschaft hervorgerufen hatte, den Inhalt dieses Verhöres mitgeteilt.

Als Yolanthe vernahm, daß der Gärtnergehilfe nur widerstrebend und durch seinen Meister gedrängt, sich überhaupt zur Aussage entschlossen hatte, atmete sie unwillkürlich tief auf und ein erlösender Gedanke fiel in die Unruhe, die sie seit einer halben Stunde marterte.

Hastig nahm sie ihren Schal um, schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, den sie kuvertierte, und begab sich alsdann nach den Treibhäusern.

Genau wie sie gehofft, fand sie Valentin allein dort arbeitend vor, während sein Meister einige Taglöhner beim Transport von Gewächsen beaufsichtigte, die nach der Schloßkapelle geschafft werden sollten.

Als Valentin die junge Herrin erblickte, ließ er vor Schreck die Gartenschere fallen und wurde abwechselnd rot und blaß.

Denn Yolanthe, von allen geliebt und bewundert, war für den armen Burschen ein Gegenstand tiefster heimlicher Schwärmerei.

Einmal, als er sich die Hand verletzt hatte, war sie seinetwegen um Verbandzeug gelaufen, und wenn sie ins Dorf kam, so vergaß sie selten, seiner alten Mutter im Vorübergehen ein Almosen zu schenken.

Darum betrachtete Valentin Jolanthe wie ein höheres Wesen, das gleich nach den Heiligen kam.

Aber eines Tages war er ihr auch menschlich näher gekommen, denn der Zufall hatte ihm ein Geheimnis enthüllt, das sonst niemand im Schloß ahnte: ihre Liebe zu Dr. Sturm.

Zwei Stunden vor dessen Abreise von Kreuzstein – im Herbst – war es gewesen, daß Valentin ahnungslos um eine Ecke der verschnittenen Hainbuchenalleen biegend, die beiden zärtlich Hand in Hand auf einer Bank sitzend erblickte und Zeuge eines Kusses wurde. Beide waren zu Tode erschrocken, als sie Valentin gewahr wurden. Die schöne Jolanthe hatte erst ein zorniges, dann ein recht verlegenes Gesicht gemacht. Und später war sie zu Valentin gekommen und hatte ihn mit weicher Stimme und schmachtendem Blick gebeten, doch ja niemand zu erzählen, was er gesehen habe. Und sie würde ihm diesen Dienst nie vergessen bis ans Ende ihrer Tage . . .

Valentin wäre lieber gestorben, als daß er sie verraten hätte. War ihr bloßer Anblick ihm doch mehr als die Sonne am Himmel!

Und nun hatte gerade er, der sich seitdem insgeheim als eine Art Beschützer dieser heimlichen Liebe fühlte, Dr. Sturms Anwesenheit gestern nacht verraten müssen!!

Die Tränen traten ihm in die Augen, als er jetzt Jolanthes bleiches Gesicht vor sich sah. Er faltete die Hände und stammelte unbeholfen Bitten um Vergebung, Entschuldigungen, Erklärungen durcheinander.

Aber Jolanthe unterbrach ihn hastig: »Ich weiß alles, mein armer Valentin, du konntest nicht anders! Aber siehst du – nun steht es schlimm um Dr. Sturm, wenn es mir nicht gelingt, ihm rechtzeitig einen guten Rat zukommen zu lassen. Sage, Valentin – kannst du reiten?«

»So gut wie nur irgend einer! Wissen Sie nicht, daß mein Vater Reitknecht auf Kreuzstein war und ich stets bei ihm im Stall steckte, solange er lebte?«

»Das ist gut! Und wolltest du mir zuliebe sogleich nach der Stadt reiten und ein Billett an Dr. Sturm bestellen?«

»Ob ich will! Und wenn es mich meinen Posten kosten sollte!«

»Ich werde dich bei Martin schon entschuldigen. Wir sagen ihm, die Mutter wäre kränker geworden und ich selbst hätte dich hingeschickt und dir meine ›Amelie‹ geliehen, damit du schneller fortkommst. Hier ist das Billett. Die Stute wird noch gesattelt sein, denn ich sah vorhin den Reitknecht auf ihr vom Morgenritt zurückkehren. Wer höre, Valentin – du darfst das Billett absolut nur in Dr. Sturms eigene Hände abgeben! Wenn er nicht zu Hause ist, bringst du es mir zurück.«

»Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges Fräulein, wie auf sich selber!«

Yolanthe horchte. Man hörte das Knirschen von Rädern, welche die Schloßrampe herabfuhren.

»Oh – sie fahren schon fort! Spute dich, Valentin! Du mußt unbedingt eher in der Stadt sein als die Herren, die eben wegfahren. Wirst du das können?«

»Sehr leicht! Ich reite über die Felder, da schneide ich einen Drittel des Weges ab.«

Er hatte die Schürze abgenommen und seinen an einem Nagel hängenden Rock übergeworfen.

»Wo wohnt der Herr Doktor?«

»Fürstenstraße 10, bei seiner Tante, Fräulein Rehbein.«

»Gut. In einer halben Stunde bin ich dort.«

»Vergiß nicht, wenn dich jemand frägt, zu sagen, daß du nach Sievering reitest!« rief Yolanthe dem Davoneilenden noch nach.

Er nickte. Yolanthe aber begab sich erleichtert nach ihrem Zimmer zurück. »Hoffentlich verläßt mich mein Glücksstern nicht und Ernst ist daheim, wenn der Bote kommt. Dann ist alles gewonnen,« dachte sie.

Sie öffnete eine Lade ihres Schreibtisches, dessen Schlüssel sie stets bei sich trug, warf einen Teil des Inhaltes achtlos heraus und griff nach zwei Päckchen, die Briefe enthielten.

Ohne das Band zu lösen oder einen Blick hinein zu werfen, schritt sie zum Ofen, zerbrach eine kleine Wandetagere und machte mit den Trümmern ein helles Feuer an, in dessen Mitte sie die Briefe legte.

Dann warf sie sich auf einen niedern Fauteuil und sah zu, wie die Flammen erst zögernd, dann immer gieriger an den zwei Paketchen fraßen.

Je weiter und gründlicher das Zerstörungswerk vorschritt, desto ruhiger wurden die Züge Yolanthes.

Plötzlich wurde sie durch das Oeffnen der Tür aufgeschreckt. Mara stand im Rahmen derselben und blickte verwundert auf das hellbrennende Feuer.

»Was tust du denn? Es kann dich doch nicht frieren?«

»Nein. Ich verbrenne nur Briefe.«

»Briefe?«

»Gott, ja! Ernsts Briefe und meine Antworten darauf, die ich mir gottlob immer zurückgeben ließ,« antwortete Yolanthe in ungeduldigem Tone, »ist deine Neugier nun befriedigt?«

Mara erwiderte nichts.

»Mama schickt mich. Du sollst zu ihr kommen,« sagte sie kurz und verließ das Gemach sofort wieder.

Yolanthe wartete noch eine Weile, ergriff dann einen Schürhaken und zerstampfte die verkohlte Asche, sorgfältig sich überzeugend, daß kein irgendwie lesbarer Rest von den Briefen übrig geblieben war.

Dann wusch sie sich die Hände und murmelte tief aufatmend: »So, nun ist alles, was mich kompromittieren könnte, dahin. Selbst der scharfsinnigste Mensch wird keinen Beweis mehr finden können, daß Ernst mir mehr war als irgend ein anderer Mann.«

Zwei Minuten später begab sie sich zu ihrer Stiefmutter hinüber.

Frau von Rittler hatte sich von den Schrecknissen der Nacht so ziemlich erholt und saß, aufmerksam den Ausführungen des Majors lauschend, der ihr von den bisherigen Resultaten der Untersuchung erzählte, auf ihrer Chaiselongue.

Als Yolanthe eintrat, warf sie dem Freunde einen warnenden Blick zu, denn er sprach eben von dem Verdacht gegen Dr. Sturm.

»Liebe Yolanthe,« nahm Frau Isabel das Wort, »ich wollte dich nur fragen, was deine Ansicht bezüglich der nächsten Zukunft ist. Mara hält es für unsere Pflicht, in Kreuzstein zu bleiben, bis das Dunkel, welches eures armen Vaters Tod umschwebt, gelichtet ist . . .«

»Sie erblickt nämlich, wie sie uns soeben emphatisch erklärte, ›die Aufgabe ihres Lebens‹ darin, den Mörder ausfindig zu machen!« fiel Major Botstiber spöttisch ein. »Was sagen Sie dazu, Yolanthe?«

»Daß dies doch Sache der Polizei ist und nicht die unsrige! Und wenn ich die Herren vorhin richtig verstand« – eine flüchtige Röte glitt über ihr Gesicht – »so scheint man ja auch schon eine Spur gefunden zu haben! Meiner Ansicht nach ist es sogar im Gegenteil unsere Pflicht – mag der Betreffende nun mit Recht oder Unrecht verdächtig sein – uns gerade deshalb so fern als möglich von der ganzen Sache zu halten!«

»Nicht wahr? Das sage ich auch!« Frau Isabel atmete erleichtert auf und warf ihrer Stieftochter einen fast dankbaren Blick zu, denn sie hatte kaum zu hoffen gewagt, daß Yolanthe die Sache so ruhig nehmen würde. »Onkel Malchus ist derselben Ansicht und meint, wir könnten dies am besten, wenn wir für einige Zeit ins Ausland gingen. Er will sich sogar so weit opfern –«

»Bitte, liebe Isabel, von ›opfern‹ kann dabei gar keine Rede sein. Irgend jemand muß inzwischen doch in Kreuzstein nach dem Rechten sehen, und da ich Sie stets wie eine Tochter betrachtet habe, Joachim auch nach Ihres Vaters Tod mein bester Freund war, so ist es selbstverständlich, daß ich den leider zu früh von uns Gegangenen vertrete.«

»Sie sind immer gut und edel gewesen, Malchus! Erst vorhin wieder sah ich dies, als Sie sich ohne Zögern bereit erklärten, Leos Vormund zu werden!«

»Mein Gott, wie viele Worte Sie über die natürlichste Sache der Welt machen! Denken Sie doch nun an gar nichts, als daß Sie selbst sich von diesem furchtbaren Schlag erholen. Reisen Sie mit Ihren Töchtern, genießen Sie das Leben und denken Sie: Daheim sitzt einer, der mit Freuden für uns schafft und uns jede Unannehmlichkeit fernhält.«

Frau Isabel drückte gerührt des Majors Hand. Yolanthe aber sagte: »Es ist in der Tat sehr liebenswürdig, wie Sie für uns sorgen, und ich wüßte jetzt wirklich nichts Klügeres als zu reisen. Kreuzstein ist uns allen durch die Schrecknisse der letzten Nacht auf lange verleidet, und wir würden Papas Verlust nirgends so schwer verwinden als hier, wo uns die Erinnerung an ihn auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Frage ist nur, ob man uns reisen lassen wird. Wird das Gericht nicht unserer Zeugenschaft bedürfen?«

»Hm – ich hoffe dies durch ein ärztliches Zeugnis zu umgehen. Ihre Mutter ist sehr angegriffen, das läßt sich nicht leugnen, und schließlich – was wissen wir denn alle? Als die Tat geschah, war niemand in Ihres Vaters Nähe. Außer Ihnen und Mara schliefen bereits alle, und was wir wußten, gaben wir ohnehin schon zu Protokoll.«

Wieder glitt eine flüchtige Röte über Yolanthes Gesicht.

»Ich meine nur . . . daß man vielleicht in bezug auf jene Spur . . .«

»Sie meinen wegen Dr. Sturm? Gut. Aber ich nehme an, daß Sie darüber auch bereits sagten, was Sie wissen?«

»Allerdings, nämlich die Wahrheit: daß ich dem Konflikt Papas mit ihm ganz fernestehe. Er war wie mancher andere ein Bewerber, den ich nicht mehr sah, seit er im vorigen Herbst in Gegenwart aller von mir Abschied nahm. Dafür, daß Papa ihn abwies, kann ich doch nichts?«

Der Major warf einen raschen, fast bewundernden Blick auf Yolanthe.

»Ausgezeichnet! Das genügt. Und will man noch mehr wissen, so bin ja ich da, der in diesem Sinn jede gewünschte Auskunft geben kann. Reisen Sie ohne Sorgen!«

»Und wohin, Mama? Was meinst du?«

»Onkel Malchus meinte, eine Mittelmeerreise, die man bis Indien ausdehnen könnte, würde uns die beste Zerstreuung gewähren?«

»Einverstanden! Wann glauben Sie, daß wir reisen sollen, Onkel Malchus?«

»Oh, sobald Sie reisefertig sind. Uebermorgen dürfte die Beerdigung erfolgen, dann steht Ihrer Abreise nichts mehr im Wege.«

Er blickte auf die Uhr und erhob sich.

»Ich muß nun zur Bahn, der Zug, welcher Leo bringt, trifft in einer Viertelstunde ein. Der arme Junge – ich wollte, ich hätte die erste Stunde nach seiner Heimkehr bereits überstanden!«

Frau Isabel blickte dem sich Entfernenden seufzend nach.

»Ich auch! Leo wird es furchtbar schwer tragen. Ach, und es ist ja auch alles so gräßlich! . . . Wirklich, ich müßte verrückt werden, wenn es nicht gerade jetzt so viel zu tun und zu denken gäbe! Da ist vor allem die Reise . . . was meinst du, Yolanthe, was wir an Toiletten mitnehmen sollen? Ich schickte Sophie vorhin mit dem Elfuhrzug nach der Stadt um Muster von Trauersachen. Ich ließ auch für euch mitbestellen . . .«

»Hoffentlich bei Gerold?«

»Natürlich. Was ich noch sagen wollte, Maras wegen – ah, da ist sie ja selbst! Nun, liebe Mara – du bist überstimmt! Yolanthe ist auch für die Abreise. Wir gehen also nach Indien!«

»So?« Mara, die geräuschlos eingetreten war, ließ sich müde auf einen Stuhl am Fenster nieder. »Nun, wie Ihr wollt. Ich bleibe hier.«

»Mara!!?«

»Jawohl, Mama. Es wäre mir ganz unmöglich, jetzt unter fremde Menschen zu gehen. Auch erklärte ich dir vorhin bereits, daß ich nicht ruhen werde, ehe Papas Mörder gefunden ist.«

»Liebes Kind – das ist eine überspannte Idee! Außerdem hat man aller Wahrscheinlichkeit nach bereits die richtige Spur . . .«

»Oh Mama – auch du kannst glauben –«

»Wer um Himmels willen sollte es denn sonst getan haben, da Papa absolut keinen Feind besaß?«

»Das weiß ich nicht. Aber Dr. Sturm ist unschuldig, dafür lege ich meine Hand ins Feuer!«

»Gut, gut, das Gericht wird ja wohl die Wahrheit an den Tag bringen . . . Du aber, Mara, kannst unmöglich allein auf Kreuzstein bleiben. Ich meine, ohne weiblichen Schutz!«

»Dann gehe ich eben zu Tante Sessa in die Stadt. Sie hat mich oft genug eingeladen. Ich kann von dort aus jederzeit per Bahn oder Wagen nach Kreuzstein hinaus, was mir die Hauptsache ist.«

»Zu der alten griesgrämigen Stiftsdame willst du? Nun ich gratuliere! Bei der wirst du ein amüsantes Leben führen!« warf Yolanthe ein.

Mara sah die Schwester ernst an.

»Mir ist es jetzt auch gar nicht um ein amüsantes Leben zu tun, wo der schwere Verlust, den wir erlitten, all meine Gedanken beherrscht!«

Yolanthe machte eine ärgerliche Bewegung.

»Gott, tue doch nicht, als ob wir Papas Verlust nicht ebenso schwer empfänden! Aber alle Tränen der Welt können uns schließlich den Toten ja doch nicht wiedergeben . . . Es ist Pflicht der Selbsterhaltung, sich in solchen Fällen gewaltsam zu zerstreuen. Aber wie du willst. Du bist ja stets am liebsten deine eigene Wege gegangen und würdest uns so am Ende nur jedes Lächeln zum Verbrechen machen . . .«

»Kinder, Kinder, streitet euch doch nicht! Streit ist immer häßlich in einer Familie und wir sollten jetzt im Gegenteil –«

Frau Isabel machte ein hilfloses Gesicht.

»Wir streiten uns nicht, Mama,« fiel ihr Mara sanft in die Rede, »aber wir sind eben ganz verschieden, Yolanthe und ich, deshalb wirst du begreifen, daß es auch von diesem Standpunkt besser ist, ich bleibe hier.«

»Meinetwegen, wenn du durchaus willst . . .«



VII.

In ihrer kleinen Wohnung in der Fürstenstraße Nr. 10 ging Fräulein Rehbein rastlos auf und nieder, während ihre Augen abwechselnd nach dem Zifferblatt der Wanduhr und nach dem Fenster glitten.

Die Wohnung lag im Erdgeschoß und man konnte von ihr aus einen guten Teil der mäßig breiten stillen Seitenstraße überblicken.

Immer deutlicher malte sich Unruhe und Besorgnis in dem gutmütigen Gesicht der alten Jungfer.

Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen: die Flurklingel war stürmisch in Bewegung gesetzt worden.

Ueber Fräulein Rehbeins Antlitz glitt ein Schimmer von Glück, während sie mit einem Seufzer tiefster Erleichterung hinauseilte.

»Endlich!« rang es sich von ihren Lippen, »Gott sei Dank, endlich!«

Sie riß die Türe auf, blieb aber dann wie versteinert stehen, während grenzenlose Enttäuschung sich in ihren Zügen malte.

Nicht der, den sie erwartet, sondern ein gänzlich fremder junger Mensch stand atemlos vor ihr und wußte offenbar nicht recht, was er sagen sollte.

»Sie wünschen?« fragte die alte Dame endlich, etwas erstaunt über das Schweigen des Burschen.

»Den Dr. Sturm. Er wohnt doch hier?«

»Allerdings. Aber . . .«

»Ich muß ihn unbedingt sprechen. Bitte rufen Sie ihn heraus!«

»Er ist nicht daheim. Wenn Sie aber vielleicht eine Botschaft hinterlassen wollen . . .«

Der Bursche achtete nicht auf die letzten Worte. Auch in seinen Zügen malte sich jetzt tiefe Enttäuschung, eine Enttäuschung, die an Schreck grenzte.

»Nicht daheim!!« rang es sich fast verzweifelt von seinen Lippen, während seine Blicke ratlos an Fräulein Rehbein vorüber irrten.

Sie betrachtete ihn aufmerksamer. Irgend etwas erweckte ihr Mißtrauen. Warum sah er nur so scheu zur Seite und weshalb erschrak er darüber, daß Ernst nicht daheim war?

»Wer sind Sie denn eigentlich und was wollen Sie von meinem Neffen?« fragte sie.

Aber auch jetzt schien es, als habe der Bursche ihre Antwort kaum vernommen. Ohne zu antworten, machte er eine linkische Verbeugung und wandte sich zum Gehen.

»So warten Sie doch, mein Neffe muß jeden Augenblick kommen,« rief ihm Fräulein Rehbein nach.

»Ich warte unten auf ihn,« klang es zurück und schon fiel das Haustor hinter dem seltsamen Besucher zu.

Die alte Dame blieb noch einen Augenblick stehen und starrte verwirrt vor sich hin, dann kehrte sie seufzend in die Stube zurück und nahm ihre Wanderung wieder auf.

Langsam verrann Viertelstunde auf Viertelstunde. Mittag war längst vorüber, draußen am Herd stand sorgfältig zugedeckt das fertige Essen, der Tisch im Nebenzimmer war gedeckt, nur der, den Fräulein Rehbein erwartete, kam noch immer nicht.

Sie erwog eben zum hundertsten Male alle Möglichkeiten, die ihn ferngehalten haben könnten, ohne irgend eine befriedigende zu finden, als es draußen abermals klingelte.

Diesmal waren es zwei Herren, die mit ernsten, gemessenen Mienen nach Dr. Sturm fragten.

Als sie hörten, daß er nicht daheim sei, wurden ihre Mienen noch ernster und sie wechselten einen bedeutungsvollen Blick.

»Sie sind seine Tante. Fräulein Brigitte Rehbein, nicht wahr?« fragte einer der Herren.

»Jawohl, die bin ich.«

»Wann ging ihr Neffe heute aus?«

Fräulein Rehbeins bekümmertes Gesicht nahm plötzlich einen Ausdruck gespannter Unruhe an.

»Oh Gott – er ist verunglückt und Sie . . . Sie kommen, es mir zu sagen,« stammelte sie fassungslos.

»Nein – ich glaube nicht, daß ihm etwas geschehen ist. Aber bitte, beantworten Sie meine Frage!«

Fräulein Rehbein rang die Hände.

»Ach Gott, das ist's ja eben . . . er ging heute noch gar nicht aus, denn seit gestern abend ist er überhaupt nicht nach Hause gekommen! Ich weiß nicht, was ich denken soll. Er war doch niemals unpünktlich! – Und nun warte ich seit Mitternacht auf ihn . . . Sie können sich kaum vorstellen, in welcher Unruhe und Todesangst! Ist er doch meiner einzigen Schwester Kind, das ich erzogen habe, und wenn ihm etwas zugestoßen wäre – bei Gott, ich glaube – es wäre auch mein Tod!«

Große Tränen perlten aus ihren Augen.

»Fassen Sie sich, mein Fräulein, und erzählen Sie uns genau alles, was Sie wissen!«

»Ach, ich weiß ja nichts. Gestern abend, so gegen sieben Uhr, ging er fort und bis jetzt ist er nicht heimgekehrt! Das ist alles, was ich weiß.«

»Ging er zu Fuß?«

»Nein, er nahm sein Fahrrad mit.«

»Wohin er sich begab, wissen Sie nicht?«

»Er sagte nur, er wolle sich etwas Bewegung schaffen, da er den ganzen Tag über seinen Plänen saß und arbeitete.«

»Wenn Sie besorgten, daß ihm ein Unglück zugestoßen ist, warum machten Sie nicht längst die Anzeige bei der Polizei?«

»Weil ich von Minute zu Minute hoffte, daß er wiederkehren würde. Ich bin allein – wenn ich mich entfernte, konnte er inzwischen gerade kommen. Wer nun will ich keine Minute mehr säumen und gleich zur Polizei –«

Ein halb mitleidiger, halb spöttischer Blick des Herrn hielt sie zurück.

»Ich glaube, Sie können sich den Weg sparen, Fräulein Rehbein. Ihr Neffe wird nicht heimkehren, wenngleich er durchaus nicht verunglückt ist. Wahrscheinlich befindet er sich längst auf der Flucht nach irgend einem Hafenort.«

Das alte Fräulein starrte den Sprecher verständnislos an.

»Auf der . . . Flucht? Ernst? Ich verstehe nicht« – stammelte sie, von unbestimmter Angst erfaßt. »Vor wem sollte er fliehen? Und warum denn?«

Beide Herren fixierten sie scharf.

»Sie haben also wirklich gar keine Ahnung, wohin Ihr Neffe sich gestern abend begab?«

Fräulein Rehbein erbebte unwillkürlich unter den gespannt forschenden Blicken. Ihr war zumute wie einer kleinen Maus, der die große Katze jeden Augenblick irgendwie den Garaus machen kann. Ihr schmächtiger Körper begann zu zittern und preßte sich, instinktiv nach einem Halt suchend, an den Schrank, der ihr zunächst stand.

»Nein . . . wie sollte ich es wissen . . . Ernst sagte mir doch nichts darüber!«

»Besinnen Sie sich gut! Sie wissen doch, daß er sich mit Heiratsabsichten trug?«

»Er sprach nie direkt mit mir darüber, aber aus gewissen Bemerkungen und vor allem aus seinem in letzter Zeit bald zerstreuten, bald glückstrahlenden Wesen dachte ich mir wohl, daß so etwas im Werk sei. Wer was hat dies jetzt mit . . .«

»Halt – noch eine Frage,« fiel nun der andere Herr, der bis jetzt noch nicht gesprochen hatte, rasch ein. »Wollen Sie uns sagen, ob Ihr Neffe eine Waffe besaß, als er gestern abend das Haus verließ?«

»Genau kann ich dies nicht sagen, denn er sagte nichts darüber. Aber da er sich kürzlich eine kaufte, eben um bei solch abendlichen Radtouren nicht schutzlos zu sein, so wird er sie wohl auch gestern mitgenommen haben.«

»Was für eine Art Waffe dies war, können Sie uns wohl nicht sagen?«

»Doch. Eine Browningpistole. Ernst sagte, dies sei gegenwärtig die sicherste und beste Waffe.«

Abermals tauschten die beiden Herren einen bedeutungsvollen, fast triumphierenden Blick.

Fräulein Rehbeins bemächtigte sich eine ungeheure Erregung. Irgend etwas Furchtbares senkte sich gleich einer dunklen Last tiefer und tiefer auf sie herab. Sie wollte die Augen schließen, nichts hören, nichts begreifen und schrie doch plötzlich halb wahnsinnig vor Angst auf: »Warum fragen Sie mich dies alles? Oh seien Sie barmherzig, erklären Sie mir, was dies alles zu bedeuten hat!«

»Es bedeutet,« antwortete der Herr, welcher zuletzt gesprochen hatte, mit tiefem Ernst, »daß wir gekommen sind, Dr. Sturm zu verhaften, da er dringend des Mordes verdächtig ist.«

»Des . . . des Mordes?« wiederholte Fräulein Rehbein mechanisch, während ihr Blick ausdruckslos herumschweifte. Dann wich alles Blut langsam aus dem Gesicht, und sie stammelte bebend: »Oh nein . . . Sie machen sich einen bösen Scherz mit mir . . .! Ernst? Das ist ja heller Wahnsinn!«

»Leider nicht. Urteilen Sie selbst. Herr von Rittler, sein einstiger Brotherr, wurde diese Nacht durch zwei meuchlings abgegebene Schüsse getötet. Ihr Neffe, der sich vermutlich schon längere Zeit mit der Absicht trug, Fräulein Yolanthe von Rittler zu heiraten, hielt vor wenigen Tagen schriftlich um deren Hand an, wurde aber natürlich und, wie es scheint, ziemlich energisch abgewiesen. Im Besitz des Toten fand man einen Brief voll versteckter Drohungen von der Hand Ihres Neffen.

Dazu kommt noch, daß ihm wahrscheinlich eine Testamentsbestimmung bekannt war, wonach Fräulein Rittler den Besitz ihres Vermögens nur dann antreten konnte, wenn sie bei Lebzeiten ihres Vaters keine Heirat gegen dessen Willen geschlossen hatte. Nach Herrn von Rittlers Tod aber standen ihrer freien Wahl keine Hindernisse mehr entgegen. Ihr Neffe hatte also, da der Vater ihn ablehnte, nur die Aussicht – vorausgesetzt, daß er Fräulein Rittlers Gunst gewinnen konnte –? entweder ein armes Mädchen heimzuführen oder den Tod des Vaters abzuwarten, was eine aussichtslose Sache gewesen wäre. Indem er das Hindernis gewaltsam aus dem Wege schaffte, gewann er dagegen alles –«

»Halten Sie ein!« unterbrach ihn Fräulein Rehbein flammend vor Entrüstung. »Oh – nun bin ich ganz ruhig! Wenn das Ihre Argumente sind, dann sind dieselben einfach lächerlich! Ernst und ein Mitgiftjäger?! Er, der unter diesen Umständen selig gewesen wäre, ein armes Mädchen heimzuführen und für sie arbeiten zu dürfen! Dessen Ehrgeiz es gerade gewesen wäre, nicht eher zu ruhen, als bis er ihr all das aus eigener Kraft verschafft hätte, was sie aus Liebe zu ihm ausgegeben hat. Oh, Sie kennen Ernst nicht –«

»Es tut mir leid, Ihre Illusion zerstören zu müssen, Fräulein Rehbein. Wenn Ihr Neffe Herrn von Rittler nicht aus Habsucht erschoß, so tötete er ihn eben aus Rache. Verübt hat er die Tat sicher, denn er wurde wenige Minuten danach unter dem Fenster, durch welches die Schüsse abgegeben wurden, von einem Gärtnerburschen betroffen. Er floh, und der Bursche ließ ihn leider entkommen. Die Schüsse wurden aus einer Browningpistole abgegeben, und wenn dies alles Sie nicht überzeugt – wie können Sie seine Flucht erklären? Man flieht nicht, wenn man unschuldig ist!«

Unter der Wucht dieser Argumente sank Brigitte Rehbein halb ohnmächtig auf den nächsten Stuhl. Starr hing ihr Blick am Boden, und als die Herren nun höflich um die Schlüssel zu Dr. Sturms Schränken ersuchten, reichte sie ihnen dieselben mechanisch und wies stumm nach den betreffenden Möbelstücken.

War es denn möglich, daß sie, die Ernst von Kindesbeinen an kannte, dennoch nichts wußte von seinem Inneren? Daß sie ihn für sanft, ideal, friedfertig gehalten hatte, während er . . . Nein. Es war nicht möglich. So harmlos froh und zuversichtlich war er gestern fortgegangen! Sie begriff gar nichts mehr. Nur das Eine wußte sie: etwas Böses konnte Ernst nimmer getan haben.

Dann kamen wieder Zweifel: Wo war er? Warum kehrte er nicht heim?



VIII.

Silas Hempel war erst ziemlich spät abends in seine Wohnung zurückgekehrt.

Kata, die alte Kroatin, welche seit vielen Jahren als Wirtschafterin bei ihm angestellt war und ihm vermöge einer seltsamen Charaktermischung von Treue, selbstlosester Ergebenheit, derber Offenheit, Schlauheit und versteckter Tyrannei, eine abwechslungsreiche Häuslichkeit schuf, empfing ihren Herrn mit unwirscher Miene.

»Wo so lange gewesen?« inquirierte sie polternd, »haben ersten Fasan gebraten und ersten Apfelstrudel gemacht und Herr sein nix gekommen! Jetzt Kata zornig geworden und alles weggeschmissen!«

»Das sieht dir wieder ähnlich, alte Hexe,« erwiderte Hempel ärgerlich, sich auf seinen Schlafzimmerdiwan werfend und erschöpft die Augen schließend, denn er war todmüde. »Wenn man nicht immer gleich da ist, sobald du einem einen guten Bissen zugedacht hast, gleich wirfst du in deinem Zorn die Sachen einfach weg. Eine nette Angewohnheit, das muß ich sagen!«

Kata stand unbeweglich und betrachtete ihren Gebieter höhnisch.

»Daß du auch nie lernen wirst,« fuhr er fort, »meinen Beruf zu begreifen! Wenn ich eine Sache von Wichtigkeit in der Hand habe, werde ich mich doch nicht an deine schnöden Eßstunden binden! Da hört alles andere eben auf zu existieren.«

»Immer Spitzbuben fangen nix wichtig sein!« warf die Kroatin geringschätzig ein. »Aber essen muß die Mensch, wenn will leben.«

»Ach, behalte deine Weisheit lieber für dich und bringe mir wenigstens eine Tasse Tee. Siehst du nicht, daß ich fast verhungere?«

Aber Kata rührte sich noch immer nicht vom Fleck.

»Gestern abend Herr sein fort und jetzt sein wieder Abend. Und Herr gestern haben gesagt, daß gehen in die schlechte Restaurant!«

»Unsinn! Wir waren im Stefanskeller, Dr. Wasmut und ich. Das ist ein sehr gutes Restaurant.«

»Dann Herr keine Hunger haben, wenn sitzen von gestern bis heute in die ›gute‹ Restaurant, wo alles immer kochen mit Unschlitt.«

»Närrin! Erstens ist das nichts als eine fixe Idee von dir, daß in allen Restaurants mit ›Unschlitt‹ gekocht wird, und zweitens saßen wir natürlich nicht 24 Stunden dort. Um eins wurde Dr. Wasmut abgerufen, und da mich die Sache interessierte, schloß ich mich ihm an.«

»Dann Herr später in andere Restaurant gegessen?«

»Nein, zum Kuckuck! Außer einem Kaffee, den wir kurz vor der Abfahrt nach Kreuzstein einnahmen, habe ich nichts im Magen als ein Stück trockenes Brot.«

»Kreuzstein aber sein eine Restaurant?«

Hempel fuhr sich wütend mit allen zehn Fingern durchs Haar.

»Du kannst einen verrückt machen mit deinen ewigen ›Restaurants‹, alter Drache! Nein, Kreuzstein ist keines, sondern ein Schloß, in dem man heute nacht einen Mord beging, der mich den ganzen Tag so auf den Beinen hielt, daß ich ans Essen nicht denken konnte. Und jetzt mach' dich daran, mir einen Tee zu bereiten, sonst, meiner Treu, esse ich unsern Kater Murx hier noch samt dem Fell auf!«

Kata lächelte schlau befriedigt.

Das war ihre Art, Hempel auszuforschen: sie brachte ihn durch Fragen so sehr in Wut, bis sie schließlich genau wußte, wo er gewesen und hauptsächlich, ob er etwa irgendwo besser gegessen hatte als daheim.

Da sie nun in dieser Beziehung beruhigt war und keine unbekannte Hotelköchin als Rivalin in der Gunst um ihres Herrn Magen zu fürchten hatte, lächelte sie plötzlich sanft und sagte beruhigend: »Teewasser schon kochen und Fasan nix weggeschmissen. Auch sonst noch gute Sachen da; Herr gleich essen sollen.«

Fünf Minuten später brachte sie eine so vollbesetzte Platte herein, daß dem erschöpften Privatdetektiv das Wasser im Munde zusammenlief und er Kata trotz ihrer struppigen Haare und ihres häßlichen Altweibergesichtes am liebsten umarmt hätte vor Dankbarkeit.

Bald füllte der Duft des Tees das Zimmer. Murx, der gelbe Angorakater, schnurrte behaglich neben seinem Herrn, und Kata kniete vor dem Diwan, um Hempel statt der kotigen Stiefel seine bequemen Hausschuhe anzuziehen.

Denn darin war er ja unverbesserlich: von selbst dachte er nie an sein Behagen.

Kata, glückselig bei dem Gedanken, daß ihr vielgeplagter Herr nun endlich ein paar Stunden der Ruhe vor sich hatte, suchte in ihrer unbeholfenen Weise auch für Unterhaltung zu sorgen.

So erzählte sie weitläufig von dem Befinden all der Vögel im Nebenzimmer, die Hempels Lieblinge waren und sonst das ganze Interesse seiner Mußestunden bildeten.

Heute aber hörte er gar nicht zu. Er hatte ein mit Namen und stenographischen Zeichen bedecktes Papier aus der Tasche gezogen, dessen Inhalt er aufmerksam studierte. Besonders schien ihn ein in der Ecke flüchtig angebrachter Plan von Schloß Kreuzstein zu interessieren.

So vertieft war er in diese Arbeit, daß er nicht einmal die Klingel hörte, die eben ertönte.

Erst als er eine bekannte Stimme draußen vernahm und gleich darauf Katas barsche Stimme: »Nix herein können. Herr schon lange schlafen!« sprang er auf und eilte lachend hinaus.

»Keine Spur von Schlaf, Wasmut, kommen Sie nur ungeniert herein. Sie hatten nie im Leben eine nettere Idee, als diese, mich heute noch aufzusuchen!«

Dr. Wasmut folgte ihm, von Katas wütenden Blicken gefolgt, gleichfalls lachend.

»Das muß ich sagen – einen netten Hausdrachen haben Sie da als Schutzengel, Silas!«

»Oh, sie ist treu wie Gold und kocht wie eine Göttin! Wenn sie mich jetzt für schlafend ausgab, geschah es nur aus Liebe, denn sie will mich zwingen auszuruhen. Kata ist ein Edelstein, – allerdings ganz ungeschliffen. Aber machen Sie sich's nur bequem, Wasmut. Hier ist noch Tee und allerhand gute Dinge. Dort stehen die Zigarren.«

»Na, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Haben wir doch beide die letzte Nacht nicht geschlafen. Eigentlich kam ich nur, erstens um zu erfahren, wohin Sie heute morgen so plötzlich gekommen sind in Kreuzstein – niemand wußte es – und zweitens um Ihnen zu sagen, daß die ganze Geschichte ganz banal verläuft.«

»So? Wirklich? Sie haben den Täter wohl schon?«

»Nun, wir wissen, wie die Tat geschah, kennen den Namen des Täters, das Motiv – alles!«

Ein feines ironisches Lächeln spielte um Silas Hempels schmale Lippen.

»Dann waren Sie viel glücklicher als ich, der ich wie ein Windhund zehn Stunden lang alle Räume des Schlosses ablief, in jeden Winkel schnobberte, alle möglichen Leute ausholte, den ganzen Park durchsuchte und mir jetzt den Kopf vergebens zerbreche über die mögliche Person des Täters, besonders aber über sein Motiv!«

»Nun, die Sache ist ganz einfach: es war ein abgewiesener Freier der schönen Jolanthe von Rittler, der die Tat aus Rache oder Habsucht verübte.«

»Hat er sich bereits dazu bekannt?«

»Noch nicht, denn wir haben ihn noch nicht –«

Hempel richtete sich überrascht auf.

»Ah – Sie hielten es doch noch nicht für geraten, Sturm verhaften zu lassen?«

»Im Gegenteil! Aber das Nest war leer, als die Polizei hinkam. Sturm kehrte nach der Tat gar nicht mehr in seine Wohnung zurück, sondern begab sich sogleich aus die Flucht.«

Silas starrte den Untersuchungsrichter einen Augenblick lang ungläubig an, dann stützte er den Kopf in die Hand, nahm wie stets, wenn ihn etwas stark beschäftigte, eine Prise aus der kleinen perlmutterverzierten Schnupftabaksdose, die er stets bei sich trug, und versank in tiefes Nachdenken.

»Hm – sonderbar,« sagte er endlich wie erwachend. »Das hätte ich nicht erwartet!«

Dr. Wasmut zündete sich gemütlich eine Zigarre an und lächelte.

»Aha – Sie halten ihn aus purer Opposition wieder einmal nicht für den Täter, weil ich von seiner Schuld überzeugt bin!«

»Gar nicht aus Opposition, sondern einfach darum nicht, weil seine Spur da fehlt, wo sie sein müßte, wäre er der Täter!«

»Aber er war zur Zeit der Tat im Park.«

»Zugegeben. Es waren auch noch andere Leute dort und doch . . .«

»Andere? Hätten Sie Spuren gefunden, die uns entgangen sein sollten?«

»Oh sie kommen kaum in Betracht, denn sie liegen weit ab von der Stelle, wo sie für uns von Bedeutung wären.«

»Nun, der junge Sturm aber war wenigstens an dieser Stelle, wie die Aussage des Gärtnerburschen beweist.«

»Bah – was beweist sie denn? Daß Sturm unter Rittlers Fenster stand, nachdem die Tat bereits geschehen war. Aber von dort aus könnte kein Mensch durch ein Fenster im ersten Stock schießen! Dies wäre überhaupt nur von dem Rosenspalier oder der Hainbuchengruppe aus möglich.«

»Sehr richtig. Logischer Schluß: nur Sturm selbst konnte es sein oder er hätte die Flucht des Mörders mitansehen müssen!«

»In beiden Fällen hätten sich aber Spuren unten im Erdreich finden müssen, da der Täter doch nicht durch die Luft geflogen sein kann! Nein, nein, Wasmut, es stimmt nicht. Ich muß morgen früh noch einmal hinaus, um mir das Zimmer des Ermordeten genauer anzusehen, als dies heute möglich war. Ist es versiegelt?«

»Nein. Der Tatbestand wurde aufgenommen, die Leiche entfernt, und da ich sämtliche Papiere des Toten in mein Bureau schaffen ließ, lag kein Grund vor, das Zimmer länger abzuschließen.«

»Schade. Indessen, es muß auch so gehen.«

Er versank abermals in Nachdenken und nahm mechanisch eine Prise nach der andern.

Plötzlich sagte er: »Haben Sie sich das Fenster genau angesehen, Wasmut?«

»Jawohl.«

»Und fiel Ihnen nichts auf dabei?«

»Nicht das mindeste. Was sollte mir denn aufgefallen sein?«

»Oh, ich meinte nur so. Ich selbst habe diesem Punkt leider zu wenig Beachtung geschenkt, wie ich jetzt sehe. Sind Sie sicher, daß die Schüsse von außen, d. h. durch das Fenster abgegeben wurden?«

Wasmut lächelte.

»Woher sollten sie denn sonst gekommen sein?«

»Könnte der Täter nicht im Hause versteckt gewesen sein?«

»Unsinn – wohin wäre er gekommen, da die beiden Töchter fast unmittelbar nach der Tat das Zimmer betraten?«

»Das weiß ich nicht. Der Gedanke kam mir eben erst ganz plötzlich . . . es ist allerdings rätselhast, daß Herr von Rittler . . . aber morgen werde ich es ja ergründen. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich aus Fachinteresse ein wenig mit der Sache beschäftige?«

»Im Gegenteil! Sie wissen, wie viel ich auf Ihr Urteil gebe, wenn ich auch im vorliegenden Falle Ihre Mühe für verloren halte. Sturms Flucht schließt für mich jeden Zweifel an seiner Schuld aus.«

»Diese Flucht . . . ja . . . sie belastet ihn in der Tat sehr . . .« murmelte Hempel, abermals eine Prise nehmend, gedankenvoll. »Dennoch . . .«

Er schwieg und blickte verloren in das Licht der Lampe.



IX.

Silas Hempel stand am nächsten Morgen eben im Begriff, sich nach Kreuzstein zu begeben, als eine junge Dame gemeldet wurde, die ihn dringend zu sprechen verlangte.

Es war Mara von Rittler.

Er erkannte sie sogleich und starrte überrascht in das schöne bleiche Gesicht, das dem Jolanthes so sehr glich und doch so ganz verschieden im Ausdruck war.

Was wollte sie bei ihm?

Mara erkannte ihn nicht wieder. Erstens hatte er sich bei seinen Nachforschungen gestern so wenig als möglich bemerkbar gemacht, zweitens war Mara viel zu tief mit andern Dingen beschäftigt, um bei den vielen fremden Leuten, die nun in Kreuzstein aus und ein gingen, auf eine derselben zu achten.

»Sie wünschen mich zu sprechen, meine Gnädige,« sagte Hempel, ihr höflich einen Stuhl anbietend, auf den sie sich mechanisch niederließ.

»Ja,« antwortete Mara, rasch den Blick voll auf sein Gesicht richtend, »ich habe gehört, daß Sie ein sehr geschickter Detektiv sind, und möchte Sie bitten, unabhängig von dem, was die Behörde unternimmt, Licht in eine dunkle Sache zu bringen, die . . .«

»Sie meinen unzweifelhaft den an Ihrem Vater begangenen Mord, nicht wahr?«

»Oh – Sie wissen –?«

»Spricht nicht heute ganz Wien davon? Und da ich die Ehre habe, Sie vom Ansehen zu kennen . . .«

»Gut, gut, das erleichtert die Sache. Ich brauche Ihnen also nicht zu wiederholen, was man bisher ermittelte . . .«

»Die Morgenblätter brachten alle Details. Auch bezüglich des mutmaßlichen Mörders . . .«

Eine flüchtige Röte glitt über Maras blasses Gesicht.

»Ich las heute noch keine Zeitungen,« sagte sie, »aber ich weiß aus den Fragen, die man gestern in Kreuzstein an verschiedene Personen stellte, wohin sich der Verdacht der Behörden lenkt, und dies ist mit ein Grund, weshalb ich hier bin. Dr. Sturm, den ich als Ehrenmann kenne, ist bestimmt unschuldig, und wenn ich auch hoffe, daß schon seine erste Einvernehmung den lächerlichen Verdacht zerstreuen wird, so ist es zu seiner völligen Rehabilitierung doch durchaus nötig, den wahren Täter zu finden.«

»Darin haben Sie nur zu sehr recht, mein Fräulein,« nickte Silas Hempel ernst, »umsomehr als Dr. Sturm durch seine unverständliche Flucht leider den gegen ihn gehegten Verdacht in furchtbarer Weise verstärkte.«

Mara fuhr zurück, als habe sie einen Schlag erhalten, und starrte den Detektiv verstört an.

»Flucht . . . Sie sagten Flucht? Das ist unmöglich . . .!« stammelte sie endlich tonlos.

Hempel berichtete, was er von Wasmut gehört hatte. Mara hörte gespannt zu. Immer blässer und verstörter wurde ihr Gesicht, immer deutlicher malten sich Schreck und Todesangst darauf, bis sie plötzlich außer sich aufsprang.

»Nein,« rief sie, »er ist nicht geflohen! Aber ihm ist ein Unglück zugestoßen . . . oh Gott, vielleicht weilt er gar nicht mehr unter den Lebenden, während diese Elenden ihn für einen flüchtigen Mörder halten!«

Tränen erstickten ihre Stimme.

»Fassen Sie sich, mein Fräulein,« sagte Hempel, wenn auch ergriffen von ihrem Schmerz, dennoch seine Ruhe nicht verlierend. »Wenn Dr. Sturm tot wäre, müßte man seine Leiche gefunden haben, und dies ist nicht geschehen. Anders läge die Sache, wenn es sich nur um einen Unfall handelte. Er kann mit dem Rad gestürzt sein – und, bewußtlos aufgefunden, in einem unserer Spitäler liegen. Ich verspreche Ihnen, darüber noch heute Erkundigungen einzuziehen. Nebenbei wollen wir aber auch die andere Angelegenheit nicht vernachlässigen – die Frage seiner Ehrenrettung. Denn auch ich bin bis jetzt von seiner Unschuld überzeugt.«

»Das lohne Ihnen Gott,« murmelte Mara tiefbewegt.

»Um sie aber beweisen zu können, müssen wir, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, den wahren Schuldigen haben. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir einige Fragen zu beantworten.«

»Fragen Sie!«

»Vor allem: Erwiderte Ihre Schwester Sturms Liebe?«

»Darüber kann ich keine Auskunft geben. Ich bin nicht meiner Schwester Vertraute,« antwortete Mara kurz, indem sie die Augen, verwirrt durch Hempels forschenden Blick, von ihm abwandte.

Es entging Hempel aber nicht, daß Mara bei seinen Worten noch tiefer erblaßt war.

›Sie weiß mehr, als sie sagen will oder darf,‹ dachte er befriedigt und fuhr rasch fort: »Vorderhand können wir übrigens diese Frage beiseite lassen. Sie würde ja auch den Verdacht gegen Dr. Sturm nur teilweise entkräften. Nur die Entdeckung des wahren Täters kann ihn ganz entlasten. Haben Sie in dieser Richtung einen bestimmten Verdacht?«

»Nein.«

»Besinnen Sie sich gut! Allem Anschein nach ist die Tat aus Haß oder Rache geschehen. Ihr Vater muß also einen Feind besessen haben. Wurde vielleicht jemand aus der Dienerschaft vor kurzem entlassen?«

»Nein, die Leute sind sämtlich schon länger im Hause und waren meinem Vater, der ihnen ein sehr milder Gebieter war, stets besonders zugetan. Wenn es mal einen Streit im Hause gab, so war es zwischen Major Botstiber und irgend einem Diener. Sie werden vermutlich gehört haben, daß der Major bei uns die Oberaufsicht führte?«

»Jawohl. Geschah dies auf Wunsch Ihres Vaters?«

»Gewiß! Papa beschäftigte sich am liebsten mit Wissenschaft und Sport. Er war ein vorzüglicher Reiter und Jäger. In seinen Mußestunden trieb er geschichtliche Studien. Praktische Dinge, besonders landwirtschaftlicher Natur, waren ihm verhaßt. Deshalb bestand auch auf Kreuzstein bis zu meines Vaters zweiter Heirat gerade keine Musterwirtschaft, und wenn es in den letzten dreizehn Jahren anders wurde, so verdanken wir es gewiß nur Major Botstibers Umsicht und unermüdlicher Tätigkeit. Freilich – er war ein strenger Herr und darum gab es zwischen ihm und den Leuten manche Reibereien, die aber Papa stets wieder in seiner gütigen taktvollen Art in Ordnung brachte.«

»Ihr Vater heiratete aus Liebe, nicht wahr?«

»Ja. Er kannte Major Botstiber, der gleich ihm Mitglied des Reiterklubs war, schon geraume Zeit. Durch ihn lernte er eines Tages anläßlich eines Praterrittes dessen Mündel, meine nachmalige Stiefmutter, kennen. Sie war damals erst neunzehn Jahre alt und von bestrickender Anmut. Heute, mit 32 Jahren, ist sie noch eine Schönheit ersten Ranges.«

»Vermögen besaß sie wohl keines?«

»Nein. Ihr Vater war ein Regimentskamerad Major Botstibers und so mittellos wie dieser. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß Mama meinen Vater des Geldes wegen heiratete. Es war auch von ihrer Seite eine Liebesheirat.«

»Trotzdem glaube ich gehört zu haben, daß die Ehe keine ganz friedliche war?«

»Oh – daran waren hauptsächlich schuld Papas große Eifersucht und Mamas zuweilen etwas kindische Launen. Aber sie hatten sich bis zuletzt doch herzlich lieb. Früher gab es überhaupt nie Streit, erst seit –«

Mara brach errötend ab und griff nach ihrem Sonnenschirm, indem sie sich erhob.

»Ich glaube, Sie wissen nun alles, Herr Hempel, und ich kann . . .«

»Pardon,« unterbrach Silas sie ruhig, aber bestimmt. »Sie vollendeten den letzten Satz nicht. Seit wann gab es Streit zwischen Ihren Eltern?«

»Ich möchte darüber lieber nicht sprechen. Die Sache ist verjährt und hat ja auch ganz bestimmt keinerlei Beziehung zu unserem Thema.«

»Dies ist möglich. Wenn Sie aber meine Hilfe wünschen, müssen Sie vor allem meine Fragen offen beantworten und Vertrauen in meine Diskretion setzen. Wenn ich finde, daß Ihre Auskunft wirklich in keiner Beziehung zu unserem Thema steht, so werde ich sie gewiß sofort vergessen wie ein Beichtvater.«

Mara zögerte noch einen Augenblick, dann sagte sie entschlossen: »Nun gut, obwohl die ganze Sache nur eine Kinderei war. Ich sagte Ihnen bereits, daß Mama zuweilen etwas kindische Launen hat. Eine solche war es, daß sie vor ungefähr einem Jahr, als sie mit Yolanthe und mir vier Wochen in Franzensbad zubrachte, sich einfach als Isabel von Rittler in die Kurliste aufnehmen ließ und es für einen Kapitalspaß ansah, daß man uns für drei unverheiratete Schwestern nahm. Ein junger Aristokrat, Baron Weltenberg, machte ihr ahnungslos den Hof und verliebte sich zuletzt so ernstlich in sie, daß er im Begriff stand, ihr seine Hand anzutragen. Am selben Tag kam mein Vater, um uns abzuholen, und erfuhr die ganze Geschichte von Mama selbst, die sich totlachen wollte über den ›Spaß‹! Begreiflicherweise nahm mein Vater die Sache nicht so scherzhaft. Es bedurfte meines ganzen Einflusses, um erstens die Eltern wieder zu versöhnen, zweitens ein Duell zu verhindern zwischen Papa und dem genarrten Weltenberg, der leider nur zu ernsthaft in Mama verliebt war und sie beschuldigte, sein ganzes Lebensglück zerstört zu haben.

Am nächsten Tage reisten wir gottlob ab. Aber seitdem war Papa so eifersüchtig und mißtrauisch, daß er Mama auch nicht für einen Tag ohne seine Begleitung von Kreuzstein fortließ, Sie, die an Freiheit und Vergnügungen gewöhnt war, litt darunter, und so gab es öfter kleine Zwistigkeiten.

»Baron Weltenberg hätte also Ihre Stiefmutter geheiratet, wenn sie frei gewesen wäre?«

»Unbedingt!«

»Und Frau von Rittler?«

»Oh, meine Mutter ist eine kühle, passive Natur. Was sie an Liebesfähigkeit besitzt, gehörte sicher nur Papa.«

»Hm – wir wollen es hoffen. Und auch, daß dieser Baron, dem so übel mitgespielt wurde, keine leidenschaftlich oder rachsüchtig angelegte Persönlichkeit ist.«

»Letzteres ist er bestimmt nicht. Ich bin überzeugt, daß er sein Vorhaben ausführte, auf Reisen ging und jene törichte Episode längst verwunden hat.«

»Eine Frage noch: Warum wies Ihr Vater Sturms Werbung so schroff zurück? Warum war er überhaupt gegen diese Verbindung, wenn er sonst so gütig war, wie man sagt?«

»Bestimmtes kann ich darüber nicht sagen. Sturm ist arm, und Papa hielt ihn wohl für einen Mitgiftjäger, Mama deutete mir einmal an, er habe in diesem Sinne eine anonyme Mitteilung bekommen, die ihn sehr gegen Dr. Sturm einnahm.«

»Mehr wissen Sie nicht über diesen Punkt?«

»Nein.« Mara erhob sich und schickte sich an, zu gehen, als sie plötzlich wie von einem Gedanken betroffen stehenblieb und den Detektiv fast bestürzt ansah.

»Sie haben mir noch etwas zu sagen?« fragte er.

»Ja. Und ich begreife kaum, wie ich es bis heute vergessen konnte! Oh – und gerade diese Sache erhält ja nun durch Papas Tod eine furchtbare Bedeutung!!«

»Welche Sache?«

»Hören Sie! Es mag ein halbes Jahr her sein, da kam Papa zu mir auf mein Zimmer und sagte folgendes: Mara – mir ist etwas sehr Seltsames begegnet. Als ich heute früher als gewöhnlich von der Jagd heimkehrte und eben langsam durch den dämmernden Park schritt, stieß mein Fuß an etwas Klirrendes, das mitten im Wege lag. Ich bückte mich darnach und hob zu meinem grenzenlosen Erstaunen meine eigenen Schreibtischschlüssel auf. Erst dachte ich, ich selbst hätte sie soeben verloren, aber ein Griff in die Tasche überzeugte mich, daß sie an ihrem richtigen Platze waren. Das Duplikat lag, wie ich bestimmt wußte, im Tresor der Wertheimkasse geborgen, also mußte irgend jemand sich ein drittes Paar haben anfertigen lassen. Die Entdeckung war, wie du dir denken kannst, nicht angenehm! Ich blickte unwillkürlich suchend um mich. Es wäre ja möglich, daß der Betreffende, der sie verloren hatte, sich noch in der Nähe befand. Im nächsten Augenblick schon erblickte ich wirklich eine verdächtige Gestalt, die scheu zwischen den Büschen hinglitt.

Ich sofort hinter ihr drein. Es war ein alter Mann mit struppigem grauen Kopf und verwildertem Bart, aber ganz sauber gekleidet. Einen Augenblick lang wandte er mir das Gesicht zu – mein Lebtag habe ich nichts Wilderes, Unheimlicheres gesehen als diese flackernden schwarzen Augen über schlaffen bläulichen Säcken und fahlen Wangen! Ich jagte ihn eine Weile, aber in der zunehmenden Dämmerung entkam er mir schließlich und verlor sich zwischen den Feldern.‹

›Und hast du nachgesehen, ob dir Gelder fehlen, Papa?‹ fragte ich.

Er zuckte verlegen die Achseln.

›Du weißt, ich bin etwas leger in Geldsachen, mein Kind. Und da ich über die Summen, die ich allmonatlich zur Bestreitung meiner persönlichen Liebhabereien in meinem Schreibtisch deponiere, nicht speziell Buch führe, so kann ich es wirklich nicht sagen. Vorgekommen ist es mir allerdings schon öfter, als ob ich unverhältnismäßig schnell damit fertig würde.‹

›Wirst du eine Anzeige machen, Papa?‹

›Gott bewahre! Dadurch würden alle im Haus beunruhigt werden und heraus käme wahrscheinlich doch nichts. Vorläufig habe ich ja die Schlüssel und in den nächsten Tagen will ich neue Schlösser an dem Schreibtisch anbringen lassen. Sage auch Mama ja nichts. Sie würde erschrecken. Ich wollte es nur dir erzählen, weil du ja stets mein guter Kamerad bist und auch reinen Mund halten kannst.‹

Wir sprachen noch einigemale von der Sache, aber da die Schlösser geändert wurden und nie mehr etwas wegkam, so geriet die Geschichte in Vergessenheit, bis mir Papa am Abend vor seiner Ermordung beim Gutenachtkuß zuflüsterte: ›Denke dir, Mara, ich habe heute den Kerl wiedergesehen, der damals meine Schreibtischschlüssel nachmachen ließ. Ich verfolgte ihn bis an seinen Schlupfwinkel, wagte aber nicht einzutreten, da ich ohne Waffe war. Morgen will ich mir indessen das Haus jedenfalls näher ansehen. Und denke dir: er sieht unserem alten verstorbenen Portier zum Verwechseln ähnlich!‹«

»Wo das Haus lag, sagte Ihr Vater nicht?«

»Leider nein. Wenige Stunden später war er eine Leiche und ich vergaß über andern Dingen diese Mitteilung vollständig. Erst jetzt erinnerte ich mich daran.«

»Eine sonderbare Geschichte. Aber Sie haben recht – angesichts der grausigen Mordtat gewinnt sie furchtbare Bedeutung. Der Kerl mit dem verwilderten Bart und blauen Säcken unter den flatternden schwarzen Augen muß jedenfalls aufgefunden werden!«



X.

Mara von Rittlers Mitteilungen beschäftigten Hempel den ganzen Tag. Da waren anscheinend zwei, wenn auch schwache Spuren, die sich daraus ergaben: die eine führte über Frau Isabel hinauf zu den Sphären der besten Gesellschaft, die andere tief hinab in die Hefe der Verbrecherwelt.

War eine davon die richtige, und welche?

Das erste, was Silas tat, nachdem ihn Mara verlassen hatte, war, daß er nach Prag telegraphierte um Auskunft über Baron Weltenberg.

Aus dem Gothaer Kalender ergab sich nur, daß Zdenko Weltenberg der Majoratsherr von Rosenbühl und der letzte Sproß seines Geschlechtes war. Er stand im 40. Lebensjahre.

Dann beauftragte Silas einen Kollegen, in sämtlichen Hospitälern nach einem jungen blondhaarigen Mann Umschau zu halten, der in der Nacht des 20. September oder am folgenden Morgen, wahrscheinlich in bewußtlosem Zustand, abgegeben worden sei. Auch in den Stationen der Rettungsgesellschaft sollte angefragt werden. Anstatt jeder andern Personsbeschreibung händigte Hempel seinem Kollegen einfach den von der Polizei ausgegebenen Steckbrief Sturms ein.

Zuletzt ersuchte er in einem Billett Polizeikommissär Stumper um Auskunft, welche Wachorgane während der Nacht des 20. September in Heiligenstadt den Dienst versehen hatten.

Erst nachdem er auch dies erledigt hatte, fuhr er nach Kreuzstein.

Schweigend lag das gelbliche, im Theresianischen Stil erbaute Gebäude inmitten des Parkes, den eine hohe Mauer nach allen Seiten vornehm abschloß. Niemand war zu sehen. Alles machte den Eindruck trauriger Einsamkeit.

Es herbstelte schon stark. Gelbe Blätter bedeckten Rasen und Wege, der Himmel war mit düstern Nebeln überzogen, was im Verein mit der langen Reihe verschlossener Fenster an der Vorderfront des Schlosses doppelt melancholisch aussah.

Hempel entließ den Wagen am Gittertor und schritt nachdenklich die Allee bis zum Portal entlang. Zu beiden Seiten zweigten von verschnittenen Hainbuchenhecken begrenzte Wege ab, da und dort sich zu Rondellen erweiternd. Verwitterte Steinfiguren und steife Blumen-Rabatten unterbrachen zuweilen die Eintönigkeit des Parkes, der eine Nachbildung im Kleinen des berühmten Schönbrunnerparkes darstellte.

Als Silas Hempel sich dem Eingange näherte, bemerkte er einen Mann, der soeben von dem Rosenspalier unter Herrn von Rittlers Fenster auf den breiten Kiesplatz, der Rampe und Portal umgab, herüberzuspringen versuchte.

Er lächelte. »Aha, Haller, der mir hier eine Arbeit erspart,« murmelte er und rief dann laut: »Nun – geht es?«

Haller, der soeben mitten zwischen den zausigen Monatsrosen gelandet war, die am Fuße des Spaliers ein breites Beet ausfüllten, blieb ärgerlich stehen und zuckte die Achseln.

»Unmöglich! Ich bin, weiß Gott, kein schlechter Turner und habe den Sprung viermal versucht, aber er gelingt so wenig wie der drüben an den Hainbuchen. Ich möchte einen Eid ablegen, daß der Täter sich anderswohin verzog!«

»Dachte ich mir. Waren Sie schon oben?«

»Nein, heute noch nicht. Ich plauderte ein wenig mit der hübschen Sephine . . .«

»Wer ist das?«

»Die Zofe der Gnädigen. Ein bildhübsches kluges Ding . . . Dann sah ich mir mal den rückwärtigen Teil des Parkes an, der gar nicht so uninteressant ist, als ich erst dachte. Es steht eine Schrift dort . . .«

»Sie meinen die Spuren des vor Valentin flüchtenden Sturm, die, ein wenig verworren, schließlich an dem Pförtchen endigen, das nach der Heiligenstädter Landstraße mündet?« fragte Hempel.

»Nein, das Pförtchen liegt links. Ich war im rechten Teile. Dort, wo der alte Weiher liegt –«

»Aha, nun weiß ich, welche Schrift Sie meinen: die Spuren eines schmalen spitzen Männerfußes, die sich um den Weiher herum finden. Ich habe sie auch bemerkt.«

»Auch die Stelle an der dort schadhaften Parkmauer, wo der Träger dieses Fußes in den Park eindrang?«

Hempel blickte überrascht auf.

»Oh – er kletterte über die Mauer? Nein, die Stelle kenne ich nicht. Ich beschränkte mich auf eine ganz flüchtige Besichtigung jenes Parkteiles, der mir gestern trotz jener Spuren nicht von Bedeutung schien.«

»Und heute? Sind Sie noch derselben Ansicht?«

Haller sah seinen berühmten Kollegen, dem nachzustreben seit Jahren sein Ehrgeiz war, gespannt an.

Silas aber machte sein gewöhnliches ausdrucksloses Gesicht.

»Warum sollte ich heute anderer Meinung sein, da jene Spuren sich auf die Umgebung des Weihers beschränken und hier an der Vorderfront des Schlosses nirgends wiederzufinden sind? Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir lieber hinauf in das Sterbezimmer. Es gibt dort etwas, das ich gerne feststellen möchte.«

»Gut, gehen wir hinauf.«

Ein heimliches Lächeln auf den Lippen schritt Haller hinter Silas die breite Freitreppe hinauf.

Auch hier schien alles öde und verlassen.

»Komisch, daß in solch einem vornehmen Haus nicht mal ein Portier im Vestibül ist,« brummte Hempel, »da kann ja jeder Strolch nur so herauf laufen!«

»Oh, das ist wohl nur heute so, wo ein Teil der Dienerschaft mit der Aufbahrung des Ermordeten beschäftigt ist und die andern alle Hände voll zu tun haben mit den Reisevorbereitungen der Damen.«

»So? Wer reist denn ab?«

»Frau von Rittler und ihre Stieftochter Yolanthe. Drüben im rechten Flügel, wo die Gnädige wohnt, geht es zu wie in einem Bienenstock. Morgen gleich nach der Beerdigung wollen sie fort. Uebrigens einen eigentlichen Portier gibt es auf Kreuzstein tatsächlich nicht. Der Major hat den Posten als überflüssig gestrichen, nachdem der alte Kastellan, der unter Herrn von Rittlers Vater Portierdienste versah, vor zwei Jahren an Säuferwahnsinn starb. Seitdem fielen seine Obliegenheiten den andern Dienern zu, die sie wechselseitig versahen.«

Sie waren inzwischen in dem Arbeitszimmer des toten Hausherrn angelangt.

Es war ein mittelgroßes zweifenstriges Gemach, das rechts an die Bibliothek stieß, von der es eine Wand ohne Türe trennte, und links durch eine Türe mit dem Schlafgemach verbunden war.

Das Schlafgemach bildete die Ecke zum rechten Schloßflügel, besaß vier Fenster und einen Ausgang nach einem kleinen Ankleidekabinett, von dem aus man direkt auf den Korridor des rechten Flügels gelangte.

Wenn man das Arbeitszimmer vom Korridor aus betrat, wurde die linke Ecke von einem mächtigen Kamin ausgefüllt, an den sich die Wand der anstoßenden Bibliothek mit Waffengruppen, Bildern, einer Stehuhr und Klubgarnitur schloß. Rechts befand sich ein kunstvoll geschnitzter Bücherschrank und gegen das Fenster zu neben einem Rauchtisch die Ottomane, auf welcher man Herrn von Rittlers Leiche zuerst gebettet hatte.

Ein grüner Plüschteppich, auf dem noch deutlich die Blutspuren des Flüchtenden sichtbar waren, bedeckte die Mitte des Fußbodens.

Etwa zwei Meter vom linken Fenster entfernt, schräg gegen die Mitte des Raumes gekehrt, stand der Schreibtisch. Von ihm aus übersah man beide Eingänge.

Hempel überflog alles mit einem Blick. Dann trat er vorsichtig an das zerbrochene Fenster heran, betrachtete es eingehend, maß die Entfernung nach den Hainbuchen in Gedanken ab und kniete endlich auf den Fußboden nieder, den er Zoll für Zoll untersuchte.

Immer nachdenklicher wurde der Ausdruck seines Gesichtes. Zuweilen nickte er befriedigt, dann wieder schüttelte er ratlos den Kopf.

Haller störte ihn nicht, sondern wartete geduldig das Resultat der Untersuchung ab. Als aber Silas Hempel jetzt sich erhebend sagte: »Es ist, wie ich dachte – die Schüsse wurden gar nicht von außen abgegeben, sondern der Mörder befand sich hier im Zimmer,« da blitzte es in seinen Augen hell auf und er rief lebhaft: »Wenn dies wahr ist, dann trog mich also mein Verdacht nicht!«

Hempel betrachtete ihn halb verwundert, halb mißtrauisch.

»So? Und welchen Verdacht hegen Sie denn?«

»Davon später. Sagen Sie mir lieber erst, was Sie zu der Ueberzeugung brachte, daß der Täter hier im Zimmer war?«

»Einmal der Umstand, daß diese Fensterscheibe nicht durch einen Schuß, sondern durch einen Stoß zertrümmert wurde. Ich habe mich einmal in ähnlichem Fall mit dem Durchschießen zahlloser Glasscheiben befaßt, um die Wirkung aller erdenklichen Projektile auf sie festzustellen. Auf Grund dieser Erfahrung kann ich positiv behaupten, daß wir einen Durchschlag mit muschelförmigem Bruch haben müßten. Das Glas hier aber ist zersplittert. Zweitens weist das darunter befindliche, hier sehr glatte Parkett einen breiten Streifen auf. Wodurch kann er entstanden sein?«

»Dadurch, daß jemand darauf ausglitt . . .«

»Jawohl. Und dabei unversehens an das Fenster stieß. Der Streifen zeigt weder Risse noch Kratzer, die Sohle jenes ausgleitenden Fußes muß also sehr weich, bestimmt ohne Absatz gewesen sein. Herr von Rittler trug Stiefel – daher kann es nur der Mörder gewesen sein.«

Er bückte sich und hob vorsichtig einen Glassplitter auf, den er Haller unter die Augen hielt.

»Wofür halten Sie die winzigen Härchen, die sich an der Schnittfläche befinden?«

»Unzweifelhaft für Fasern von braunem Filz!«

»Sagen wir getrost: für Teile der Filzschuhe, die der Mörder anhatte, als er achtlos auf den Glassplitter trat! Dies ist nicht viel, aber es ist etwas. Endlich betrachten Sie die Entfernung von den Hainbuchen bis hieher. Es ist lächerlich anzunehmen, daß ein Mensch von dort zwei so gut gezielte Schüsse abgegeben haben soll. Nein, der Mörder hielt sich wahrscheinlich bereits im Zimmer versteckt, als Rittler es betrat. Ich vermute hier zwischen Stehuhr und Klubfauteuil. Als er sich aufrichtete, mag es ein kleines Geräusch gegeben haben. Rittler wandte den Kopf, um zu sehen, was hinter ihm vorging – dabei traf ihn der erste Schuß. Sie werden sich erinnern, daß dieser etwas schräg von der Schläfe nach der Stirne zu verlief . . .«

»Jawohl!«

»Nun wollte er sich wohl mit einem Sprung auf sein Opfer stürzen, glitt aber aus und wurde nur durch das Fenster vor einem Fall bewahrt. Rittler benützte den Moment, um aufzuspringen, nach seinem Revolver zu greifen und zu flüchten, um irgend eine gedeckte Position zu erreichen. Auf dieser Flucht erreichte ihn der zweite – diesmal tödliche Schuß.«

Haller hatte gespannt zugehört. Ein unruhiges Feuer brannte in seinen lebhaften Augen.

»Und der Mörder – wohin kam er?« fragte er hastig. »Vom linken Flügel herüber kamen die jungen Damen, auf der Treppe mußte er der Dienerschaft in den Arm laufen. Außerdem schwört der alte Paul, daß alle Ausgänge versperrt und mit den von innen vorgelegten Sicherheitsketten versehen waren!«

Silas fuhr sich nachdenklich über die hohe wie Elfenbein glänzende Stirn.

»Ich weiß es nicht,« murmelte er langsam, »und ich möchte darüber noch keine Meinung aussprechen, ehe ich nicht . . .«

»Aber ich weiß es! Und ich will es Ihnen sagen,« stieß Haller, der sich in großer Erregung befand, jetzt hastig heraus. »Er floh nach der kleinen Treppe am Ende des rechten Flügels, wo man ihn hinaus ließ, wie man ihn vor der Tat eingelassen hatte. Der Mann vom Weiher ist es mit den schmalen, spitzen Füßen, über die er beim Eintritt ins Schloß Filzschuhe zog!«

»Sie meinen, daß ein Liebhaber der Zofe . . .«

»Nein, der Herrin selbst! Sephine weiß von nichts, sonst hätte sie wahrscheinlich geschwiegen.«

»Frau von Rittlers Ruf ist tadellos –«

»Bah – was beweist das? Daß sie eine raffiniert geschickte Frau ist, weiter nichts. Sie würden anders urteilen, wenn Sie wüßten, was ich weiß!«

»Was wissen Sie denn?«

»Daß Frau von Rittler, die bis dahin mit ihrem Manne im besten Einvernehmen lebte und gemeinsame Räume bewohnte, vor einem Jahr die Bekanntschaft eines Aristokraten machte, der sich rasend in sie verliebte. Damals gab es zwischen ihr und ihrem Manne – es war in Franzensbad – die ersten Szenen. Rittler traute ihr offenbar nicht, denn er bewachte sie förmlich und gestattete ihr nicht einmal mehr, allein für einen Tag nach Wien zu fahren. Immer mußte der Major oder eine der Töchter mit, wenn er selbst sie nicht begleiten konnte. Im übrigen schienen sie äußerlich ausgesöhnt, und niemand hier im Schloß vermutete einen tieferen Zwiespalt.«

»Der wohl auch kaum vorhanden war!«

»Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, daß er vorhanden war, denn Frau von Rittler verlegte kurz nachher unter einem nichtigen Vorwand ihre Zimmer an das äußerste Ende des rechten Flügels, wo sie durch eine Reihe unbewohnter Gemächer von ihrem Gatten getrennt war.«

»Hm – dies alles erzählte Ihnen die Zofe. Und die ist ihrer Herrin wahrscheinlich nicht sehr zugetan.«

»Im Gegenteil – sie ginge für sie durchs Feuer, und es kostete mich kein kleines Stück Arbeit, die Tatsachen aus ihr herauszulocken, ohne ihren Verdacht zu wecken. Sephine ist überzeugt, daß ihre Herrin ein Tugendengel ist und sich mit der Liebe jenes Aristokraten nur einen Spaß machte. Nun beachten Sie aber die eben angeführten Tatsachen neben Frau von Rittlers Verhalten nach dem Mord an ihrem Gatten. Es hieß, sie schliefe längst, und niemand wagte, sie von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen. Trotzdem erscheint sie plötzlich völlig angekleidet, obwohl sie bei der Lage ihrer Zimmer tatsächlich von der Unruhe nichts gehört haben konnte. Warum kam sie?«

»Sie vergessen den Gewittersturm!«

»Zugegeben. Aber was tut sie dann? Sie weigert sich, auch nur einen Blick auf die Leiche ihres Gatten zu werfen, flieht schreiend, bekommt hysterische Anfälle, die es unmöglich machen, Fragen an sie zu stellen, und läßt sogleich mit fieberhafter Eile für die Abreise rüsten. Wenn das nicht sonderbar verdächtig ist, will ich mich hängen lassen! Und nun denken Sie an die Spuren am Weiher, diese Spuren eines unzweifelhaft höchst eleganten Männerfußes und an das völlig rätselhafte Verschwinden des Mörders. Da Sie die Oertlichkeiten kennen, brauche ich Sie wohl nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Weiher den Fenstern der Hausfrau schnurgerade gegenüberliegt!«

Hempel wollte etwas sagen, als draußen auf dem Korridor Major Botstibers laute Stimme ärgerlich erklang und beide aufhorchen machte.



XI.

»Baron Weltenberg?« hörte man den Major sagen. »Ich kenne den Herrn nicht. Warum wiesen Sie ihn nicht ab, Jean? Sie konnten sich wohl denken . . .«

»Der Herr bestand darauf, daß ich seine Karte der gnädigen Frau persönlich übergäbe. Er sagte, daß er ein . . .«

»Es ist ganz gleichgültig, was der Herr sagte. Die gnädige Frau denkt nicht daran, in ihrer gegenwärtigen Lage Besuche anzunehmen. Sagen Sie dies dem Herrn. Die Karte werde ich selbst der gnädigen Frau bringen.«

Es war unmöglich, herrischer zu sprechen, als der Major es tat.

Haller hatte schon bei den ersten Worten die Türe geöffnet und war hastig verschwunden. Hempel folgte ihm etwas gemächlicher. Als er an dem Major, der neben dem Diener am Treppenrand stand, vorüberkam, grüßte er stumm, aber Botstober bemerkte es offenbar nicht, denn er sprach ruhig weiter.

Unten im Vestibül stand ein schwarzgekleideter eleganter Herr von imposanter Gestalt. Schwarzes Haar und ein schwarzer Spitzbart umrahmten das hübsche, frische, zwar gutmütige, aber nicht besonders bedeutend aussehende Gesicht.

Ein Blick in dasselbe belehrte Hempel, daß der Fremde jedes Wort der oben geführten lauten Unterredung verstanden hatte.

Er sah sehr blaß aus, ballte zornig die Hände, und einen Augenblick lang schien es, als wolle er die Treppe hinaufstürzen. Dann aber besann er sich und schritt, ohne die Rückkehr des Dieners abzuwarten, dem Ausgang zu.

Eine altväterische, von gediegenem Reichtum zeugende Equipage erwartete ihn dort. Silas erkannte das Wappen und die Livree des Grasen Saxen, dessen Reichtum und alter Adel jedermann in Wien wohlbekannt waren.

Sinnend blickte Hempel der fortrollenden Equipage nach, als plötzlich Haller an seiner Seite stand und ihm aufgeregt zuflüsterte: »Er war es, der Mann vom Weiher, den ich suche! Es ist derselbe, der sich in Frau von Rittler verliebte und der offenbar um ihretwillen vorgestern nach Wien kam, wo er bei seinem einzigen noch lebenden Verwandten, dem alten Grafen Saxen abstieg.«

»Woher wissen Sie . . .«

»Oh, ich habe meine Zeit nicht verloren und ein wenig mit dem Kutscher geplaudert. So erfuhr ich, daß Weltenberg vorgibt, eine zweite Weltreise antreten zu wollen, und auch, was noch viel wichtiger ist: daß er vorgestern abend kurz nach seiner Ankunft das Palais Saxen verließ, um erst gestern morgen zurückzukehren! So. Und nun werden Sie begreifen, daß ich Ihnen das Feld hier allein überlassen muß –«

»Was wollen Sie tun?«

»Was anders als der Fährte folgen, die eine günstige Laune des Schicksals uns sozusagen vor die Füße warf?«

Und ehe Hempel etwas erwidern konnte, war Haller verschwunden.

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –     –     –

Joachim von Rittler war begraben. Aber das Geheimnis seines Todes konnte damit nicht zur Ruhe kommen wie der arme Leichnam, den man unter Blumenspenden, Tränen und vielen schönen Worten in die Gruft hinabgesenkt hatte.

Allerlei Gerüchte flatterten da und dort auf. Denn obwohl die meisten Leute von Dr. Ernst Sturms Schuld überzeugt waren, so gab es doch einige, welche meinten, da stecke sicherlich ganz etwas anderes dahinter.

Manche wollten in der Umgebung des Schlosses öfter einen herabgekommenen Menschen gesehen haben, den niemand kannte, und der stets ebenso spurlos verschwand, wie er aufgetaucht war.

Andere behaupteten, in der Mordnacht auf den Feldern einen elegant gekleideten Herrn herumirren gesehen zu haben. Zwei Taglöhner, die spät aus dem Wirtshaus nach Hause gingen, frugen ihn, was er da suche, er aber gab keine Antwort, sondern entfernte sich rasch in der Richtung nach dem Heiligenstädter Friedhof zu. Auch ein Weinhüter hatte ihn gesehen und scharf im Auge behalten, da er ihn für einen Traubendieb hielt, bis er sich überzeugte, daß es ein vornehmer Herr sei, der nur den Weg verfehlt hatte und nun einen passenden Uebergang über den Schreiberbach nach der Wildgrubengasse suchte.

Eine alte Magd des Schlosses endlich schwor darauf, daß nur ein Gespenst den gnädigen Herrn getötet habe. Schon lange ging der Geist des alten Kastellans in Kreuzstein um, aber man lache sie – Trine – ja immer aus, wenn sie davon spreche. Und doch wisse jedermann, daß Kastellan Kratochwill mit einem Fluch gegen den gnädigen Herrn auf den Lippen gestorben sei, weil dieser verboten habe, dem alten Säufer Schnaps zu geben.

Alle diese Schwätzereien verloren ihre Bedeutung, als der Untersuchungsrichter ihnen energisch zu Leibe ging.

Die Zeugen, welche vorgeladen waren, um über den angeblich gesehenen »herabgekommenen« Menschen auszusagen, behaupteten plötzlich, nichts zu wissen. Sie hatten es gehört und eben weiter erzählt, das war alles.

Der Taglöhner und der Weinhüter konnten keine deutliche Personsbeschreibung des »eleganten« Herrn geben. Er sah eben »vornehm« aus, und sie glaubten, daß er entweder vom Kahlenberg herabgekommen und sich während des Gewittersturmes in der Finsternis verirrt habe oder von einem Stelldichein käme.

Alle drei behaupteten, er sei groß und stattlich gewesen mit einem Spitzbart – ob blond, braun oder schwarz, wußten sie nicht anzugeben.

Dies stimmte auf Ernst Sturm, und Wasmut frohlockte schon. Als er ihnen aber eine Photographie vorlegte, wurden die Leute unsicher und meinten, der Herr habe doch ein wenig anders ausgesehen. Keinesfalls könnten sie einen Eid ablegen, daß dies das Bild des nächtlichen Wanderers sei.

Trine blieb steif und fest bei ihrer Gespensterbehauptung. Da sie aber allgemein als verschrobene alte Jungfer galt, deren Phantasie, durch jahrelanges Lesen von Schauerromanen erregt, sich meist in wunderlichen Bahnen bewegte, so entließ sie der Richter zuletzt mit einem mitleidigen Lächeln über ihre konfusen Behauptungen.

Fester denn je lebte in ihm die Ueberzeugung, daß nur Sturm der Täter sein konnte.

Frau von Rittler hatte dem Begräbnis nicht beigewohnt. Es hieß, sie leide noch immer an schweren Nervenanfällen und sei so angegriffen, daß der Hausarzt dringend auf Ortsveränderung bestände.

Wer aber die schöne, in ihrem eleganten Trauergewand doppelt jung erscheinende Frau am Tag nach dem Begräbnis in den Wagen steigen sah, der sie und Yolanthe sowie Sephine zur Bahn bringen sollte, bemerkte nichts von dieser »schweren« Erkrankung.

Die blauen Kinderaugen sahen weit eher erwartungsvoll anstatt verweint in die Welt und das wunderschöne reiche Blondhaar war so kunstvoll frisiert, daß es viel eher an eine Ballkönigin als an eine trauernde Witwe erinnerte.

Auch Yolanthes weiche Züge zeigten kaum mehr Spuren vergangener Schrecknisse. Mit einer glücklichen Mischung schwermütigen Ernstes und lieblicher Grazie verabschiedete sie sich von der den Wagen umstehenden Dienerschaft, bot Onkel Malchus die Wange zum Kuß und reichte der Beschließerin freundlich die Hand.

Sie wollte auch Mara die Hand reichen, aber diese, die in düsteres Schweigen versunken im Hintergrund stand, schien es nicht zu bemerken.

Da trat sie rasch noch einmal an die Schwester heran und flüsterte ihr zu: »Du bist sehr töricht, Mara, wenn du mir auch jetzt noch zürnst, daß ich Sturm aufgegeben habe, wo die Tatsachen selbst mich rechtfertigen!«

Mara warf ihr einen kalten Blick zu.

»Willst du mir damit einreden – was du ja selbst nicht glauben kannst – daß Dr. Sturm schuldig ist?«

»Ja. Und ich glaube es wirklich, Mara. Denn siehst du, je länger ich nachdenke, desto weniger finde ich eine Erklärung dafür, daß er nach dem Unglück noch im Park – ja sogar unter Papas Fenster war. Wir nahmen doch schon eine Viertelstunde zuvor am rückwärtigen Pförtchen Abschied, und er wollte gleich fort. Sein Rad stand ganz in der Nähe hinter der Mauer . . . Und dann war er auf einmal, viel später, an der Vorderfront des Schlosses! Was führte ihn dorthin? Ueberhaupt – wozu floh er, wenn er sich unschuldig wußte?«

»Er floh nicht . . .«

»Bah, deine fortwährende Behauptung von einem Unglücksfall ist lächerlich. Alle sagen es. Wenn unser Besitz auch isoliert liegt, so ist er doch unweit von Wien. Man hätte Sturm so oder so finden müssen!«

»Gib dir keine Mühe,« sagte Mara kalt ablehnend, »meinen Glauben an ihn wirst du nie erschüttern!«

Ein spöttisches Lächeln kräuselte Yolanthes Lippen.

»Wie du ihn liebst! Sogar einen Privatdetektiv sollst du ja beigezogen haben, um den Verlornen wiederzufinden und seine Unschuld zu beweisen!«

»Wer hat dir dies gesagt?« fuhr Mara auf, während dunkle Röte ihre Wangen überzog.

»Das ist gleichgiltig. Genug – man weiß es. Uebrigens will ich dir noch eins verraten, ehe wir uns trennen: Sturm ist durchaus nicht so uneigennützig gewesen, wie wir beide glaubten. Er hat sich zwei Tage vor Papas Ermordung durch einen Mittelsmann bei Notar Funke genauestens über meine Vermögensverhältnisse und Papas Testamentsbestimmungen erkundigen lassen. Erst darauf hin bat er mich brieflich um jene letzte, verhängnisvolle Zusammenkunft. Was sagst du nun?«

Mara starrte die Schwester tödlich erschrocken an. Jede Spur von Leben schien aus ihrem Gesicht entwichen.

Wieder lächelte Yolanthe spöttisch.

»Aha – nun gehen dir die Augen doch endlich auch auf! Du siehst, wie töricht es ist, in allzu blinder Liebe –«

»Schweig,« raunte Mara dumpf, »wenn ich erschrak, so war es, weil dieser Schritt sich für ihn nun zu einem neuen Verdacht gestaltet –«

»Und mit Recht! Kein vernünftiger Mensch wird darnach mehr an seiner Schuld zweifeln – und ich rate dir nur, deine voreiligen Schritte beizeiten rückgängig . . .«

»Geh',« murmelte Mara mit Anstrengung, indem sie sich abwandte, »Mama wartet . . . man sieht bereits nach uns . . .«

»Seid Ihr beide denn noch nicht fertig mit dem Abschiednehmen?« rief in diesem Augenblick Frau von Rittler ungeduldig aus dem Wagen, worauf Yolanthe ihre Schleppe raffte und eilig einstieg. Sephine saß bereits auf dem Bock.

»Doch, Mama, da bin ich schon. Vorwärts, Kutscher! Adieu, Onkel! Adieu, Mara . . .«

Mara starrte dem Wagen mit ausdruckslosem Blick nach. Dann folgte sie den andern müden Schrittes in das Haus.

Auch ihre Sachen standen bereits gepackt. In einer halben Stunde sollte der von der Bahnstation zurückkehrende Wagen sie nach Wien zu Tante Sessa von Arber, einer Cousine ihrer verstorbenen Mutter, bringen.

Auf der Treppe holte sie die Beschließerin, Frau Baumer, ein, und diese begann jammernd ihr Herz auszuschütten. Fünfunddreißig Jahre lang hatte sie im Schoß der Familie Rittler auf Kreuzstein ihren Dienst versehen und nun zerstreuten sich alle! Wie würde das nun werden hier? Der alten Frau bangte vor der Einsamkeit.

Mara tröstete sie, so gut sie es vermochte.

Aber sie, die sonst allen Klagen der Leute ein aufmerksames gütiges Ohr lieh, hörte jetzt nur zerstreut zu.

Es beunruhigte sie, daß Yolanthe von ihrem Schritt bei Silas Hempel wußte. Wer konnte ihr dies verraten haben? Doch nicht der sonst anscheinend so verschwiegene Detektiv selbst?

Viel tiefer beschäftigte sie indes noch das, was Yolanthe von Ernst Sturm behauptet hatte. Wenn es wahr war – und der Richter selbst sollte es ja gesagt haben – dann war dies der erste Zug an Sturm, den Mara trotz alles Grübelns sich nicht erklären konnte . . .



XII.

Eine Weile später klopfte es an Maras Tür, und der Kammerdiener ihres Vaters trat verlegen herein.

Das gutmütige, alte Gesicht unter dem schneeweißen Haarkranz sah bekümmert aus und hatte seine alte Frische in den letzten Tagen ganz verloren.

Mara nickte ihm freundlich zu.

»Nun Paul, was möchten Sie denn?«

»Gnädiges Fräulein werden gehört haben, daß ich Kreuzstein nun verlasse . . .«

»Oh wirklich? Nein, ich wußte nichts davon,« antwortete Mara überrascht, »aber wie denn, Paul, – bestimmte Papa nicht in seinem Testament, daß Sie hier das Ableben haben sollten? Mir ist doch, als hätte der Herr Notar . . .«

»Jawohl. Der gnädige Herr war so gütig, das zu bestimmen. Aber . . . es ist nämlich . . . wenn die Familie zusammengeblieben wäre, so läge die Sache natürlich anders. Während so . . .«

»Aber unsere Abwesenheit von Kreuzstein ist ja nur vorübergehend, lieber Paul!«

»Wer weiß!?«

»Wie – ich begreife nicht . . .?«

Der alte Kammerdiener raffte sich zusammen und sagte hastig: »Ich meine nur so, gnädiges Fräulein. Man kann nie wissen, was später geschieht . . . Sie und Fräulein Yolanthe sind jung und die gnädige Frau . . . je nun, sie ist auch noch jung und kann wieder heiraten . . .«

»Aber Paul – was fällt Ihnen ein!«

»Man kann's nicht wissen, sage ich, gnädiges Fräulein. Und kurz und gut, hier ist nun der Herr Major Herr, und ich alter Narr kann mich nicht mehr an einen neuen Herrn gewöhnen. Darum gehe ich. Leicht wird mir's ja nicht . . . das können Sie mir glauben, gnädiges Fräulein . . .« Seine Stimme zitterte plötzlich. Dann setzte er, sich bezwingend, kurz hinzu: »Besser ist besser. Um was ich bitten wollte, ist: daß mir das gnädige Fräulein erlaubt, sie einmal zu besuchen. Man kann nicht wissen . . . es könnte sein, daß ich mal ein Anliegen hätte . . . oder auch nur so . . . daß man wieder von den alten schönen Zeiten mit jemand reden kann . . .« Wieder zitterte die Stimme des Dieners.

Mara schossen heiße Tränen jäh ins Auge. Krampfhaft drückte sie Paul die Hand. »Ja,« murmelte sie mit erstickter Stimme, »kommen Sie! Kommen Sie oft, lieber Paul . . . auch mir wird es süß sein . . .«

Und plötzlich brach all die Fassung, die sie tagelang mühsam aufrecht erhalten hatte, zusammen unter der Wucht eines sie völlig überwältigenden Einsamkeitsgefühles.

Sie sank auf einen Stuhl und schlug die Hände vor das zuckende Gesicht.

»Oh wie arm bin ich geworden! Wie arm! . . .«

Eine scharfe, erregte männliche Stimme draußen auf dem Korridor, unterbrochen von einer weiblichen, angstvoll beteuernden, schreckte Mara auf.

»Der neue Herr!« sagte Paul als Antwort auf ihren fragenden Blick mit seltsam gereizter verbitterter Stimme, ohne sich vom Platz zu rühren.

Mara sprang auf und öffnete die Tür.

An der Biegung des Korridors stand Major Botstiber mit zornrotem Gesicht vor Trine, während Silas Hempel gleichmütig an einem der breiten Bogenfenster lehnte und auf den Wirtschaftshof hinabsah.

»Kein Wort weiter, Trine,« hörte Mara den Major sagen. »Sie kennen nun meinen Willen. Ein unnützes Wort noch zu wem immer, und Sie sind entlassen! Diese närrischen Schwatzereien müssen endlich einmal aufhören. Wer etwas Positives weiß, hat die Pflicht, damit vor den Richter zu gehen, aber jedem beliebigen Fremden Geistergeschichten zu erzählen, dazu hat die Dienerschaft von Kreuzstein keine Zeit!«

Mara machte unwillkürlich ein paar Schritte vorwärts, vielleicht in der Absicht, Onkel Malchus, den sie nie so heftig gesehen hatte, zu beruhigen.

Aber obwohl der Major das Oeffnen der Türe und die Schritte hinter sich hören mußte, wandte er sich doch nicht um, sondern an Silas Hempel, der dastand, als ginge ihn der Austritt nicht das mindeste an.

»Und Sie, Herr, wollen Sie mir nun die amtliche Legitimation zeigen, welche Sie berechtigt, schon seit Tagen hier aus und einzugehen, als wären Sie auf Kreuzstein zu Hause?«

Mara erschrak. Wieder machte sie ein paar Schritte vorwärts, diesmal mit dem bestimmten Vorsatz, lieber sich selbst preiszugeben, als einen Mann, der nur auf ihre Veranlassung hin in diese peinliche Lage gekommen war.

Aber ein rascher, zugleich warnender und gebieterischer Blick aus Hempels Augen zwang sie, untätig stehenzubleiben, während der Detektiv in oberflächlichem Ton antwortete:

»Ich bedaure, Ihnen anstatt einer amtlichen Legitimation nur meine Konzession als behördlich autorisierter Privatdetektiv anbieten zu können, Herr Major . . . und diese habe ich leider nicht einmal bei mir! Vielleicht sind Sie geneigt, mich zu entschuldigen, wenn ich offen gestehe, daß mich lediglich Fachinteresse schon am ersten Tage hieher führte und ich dann, angezogen durch das Geheimnisvolle des Falles, wiederkam. Die Magd hier traf ich zufällig und amüsierte mich über ihren Aberglauben.«

»Unerhört! Sie handelten also ganz ohne amtlichen Auftrag?«

»Zu dienen. Rein zu meinem Privatvergnügen! Aber ich glaube nicht, daß ich dadurch jemand Schaden zufügte, denn die Ermittlung der Wahrheit ist eine Sache, die aller rechtlichen Menschen Gemeingut ist.«

Je harmloser und sanfter Hempel sprach, desto ärgerlicher wurde Major Botstiber.

»Schön. Aber dies ist ein Privathaus, und ich habe es satt, hier alle möglichen Leute herumschnüffeln zu sehen, verstanden, Herr? Von jetzt an steht Kreuzstein nur behördlichen Organen offen, und ich verbiete Ihnen, sich hier noch einmal blicken zu lassen – gleichviel wer Ihr Auftraggeber ist. Guten Tag.«

Er hatte die letzten Worte mit so auffallender Prägnanz gesprochen, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, an wen außer dem Detektiv sie noch gerichtet waren.

Gleich darauf schritt Major Botstiber an Hempel vorüber, bog um die Korridorecke, ohne sich ein einzigesmal umzusehen, und stapfte die Treppe hinab.

Mara stand wie erstarrt. Sie begriff nun, woher Yolanthe um ihre Schritte wußte, und daß Onkel Malchus ihr soeben mit voller Absicht eine Lektion hatte erteilen wollen.

Ungestüm schoß ihr das Blut in die Wangen. Mit welchem Rechte spionierte er ihr nach? Und wie durfte er es wagen, ihr im Hause ihres kaum begrabenen Vaters so zu begegnen? War er denn wirklich der Herr – auch ihr gegenüber, und nicht vielmehr ein Fremder, dem nur Pietät und Dankbarkeit der Stiefmutter eine Ausnahmsstellung eingeräumt hatten?

Irgend etwas in ihr bäumte sich zornig auf. Sie wollte Onkel Malchus nacheilen und ihm sagen . . .

Aber da griff schon eine sanfte Hand nach der ihren und Hempels Stimme sagte beruhigend: »Verzeihen Sie meine Ungeschicklichkeit, es soll nicht wieder passieren. Sie können sehr zufrieden sein, die wirtschaftlichen Angelegenheiten Ihres Hauses in so schneidigen Händen zu wissen. Zwanzig geprüfte Verwalter würden keine so stramme Ordnung auf Kreuzstein halten wie er.«

»Aber –«

»Ich weiß, Sie nehmen ihm den Hieb übel, den er Ihnen gab. Aber begreifen Sie nicht, daß er, der ganz Vaterstelle an Ihnen vertreten will, Sie nur vor kompromittierenden Schritten zugunsten Dr. Sturms, den er für schuldig hält, warnen wollte?«

Mara blickte verwirrt um sich.

»Was werden Sie nun tun, da er Ihnen die Nachforschungen an Ort und Stelle unmöglich gemacht hat?« murmelte sie.

Hempel lächelte.

»Oh – vor allem muß ich bemerken, daß das Wort ›unmöglich‹ für unsereinen nicht existiert. Verrammelt mir einer den Weg, gut, so suche ich mir eben einen andern. Uebrigens die Trine ist nicht ohne. Eine sehr interessante, unterhaltende Person. Haben Sie sie schon lange hier?«

»Ich glaube vier Jahre. Sie ist sehr tüchtig in der Arbeit und gar nicht dumm, nur ein wenig überspannt nach Art vieler alter Jungfern.«

»Schön. Und nun leben Sie wohl. Ich will mich vorderhand doch lieber fortmachen, um den Zorn des Herrn Majors nicht noch einmal zu erregen. Wenn ich Ihnen raten darf, so söhnen Sie sich mit ihm aus. Er hat sich in diesen Tagen so korrekt benommen, daß er wohl einige Rücksicht verdient.«

Mara antwortete nicht. Plötzlich sagte sie, während tiefe Röte ihre Wangen bedeckte: »Ist Ihnen etwas über einen angeblichen Schritt Dr. Sturms bei Notar Funke bekannt?«

»Ja. Er erkundigte sich dort nach den Vermögensverhältnissen Ihrer Schwester.«

»Also wirklich!« rief Mara schmerzlich aus, »Ich hielt es nicht für möglich . . .« nach einer Pause setzte sie ruhiger hinzu: »Was denken Sie darüber?«

»Ich habe bis jetzt nicht den Schatten einer Erklärung dafür. Dieser Schritt wirft zweifellos ein böses Licht auf ihn und nur er selbst könnte ihn erklären.«

»Er! Oh, wo ist er . . .? Wer weiß, ob wir ihn je wiedersehen, ob er nicht schon längst . . .«

»Geduld, mein liebes Fräulein,« beruhigte Silas die Erregte, »ehe wir seine Leiche nicht vor uns sehen, dürfen wir die Hoffnung nicht sinken lassen und auch . . . nicht verdammen!«

Es kostete Mara keine kleine Ueberwindung, Hempels Rat in bezug auf den Major zu befolgen.

So oft sie an ihn dachte, lehnte sich etwas in ihr auf gegen den Mann, den sie bisher nur gewöhnt war mit dankbarer Liebe und Respekt zu betrachten. War er nicht immer zärtlich, rücksichtsvoll und besorgt um ihrer aller Wohl gewesen? Mit seinem Takt hatte er stets selbst die Grenzen seiner Stellung gezogen, es streng vermeidend, sich in Familienangelegenheiten zu mengen oder die Autorität des Hausherrn in den Hintergrund zu schieben.

Auch jetzt in diesen schweren Tagen stand er ihnen allen treu zur Seite. Mara dachte mit Schaudern daran, wie es ohne seine besonnene Leitung in Kreuzstein nun ausgesehen hätte bei Mamas haltlosem Wesen und Leos maßlosem Schmerz.

Und ihr Gerechtigkeitssinn flüsterte ihr zu: ›Nichts bringt dich gegen ihn auf, als daß er gleich den andern so rasch und willig an Ernst Sturms Schuld glaubte! Das allein kannst du ihm nicht verzeihen.‹

In dieser Erkenntnis entschloß sie sich endlich, knapp vor der Abfahrt zu Major Botstiber zu gehen und ihm einige freundliche Abschiedsworte zu sagen.

Er empfing Mara sichtlich erfreut. Und gleich nach den ersten Worten ergriff er ihre Hand und sagte warm: »Es freut mich mehr, als ich sagen kann, daß Sie nun doch noch zu mir kommen, liebe Mara, obwohl ich Ihnen heute vielleicht wehgetan habe . . . aber alles, was in diesen schrecklichen Tagen auf meinen Schultern lag, hat meine Nerven ein wenig überreizt. Ich bin kein junger Mann mehr . . . mit Ihrem Vater habe ich den einzigen Freund verloren, den ich noch besaß . . . verzeihen Sie mir also, mein Kind!«

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Onkel Malchus. Ich bin es ja, die Ihr Mißfallen erregte . . . aber glauben Sie mir: ich konnte nicht anders! Tag und Nacht hätte es mir keine Ruhe gelassen, wenn ich tatenlos zugesehen hätte, wie ein Unschuldiger, der sich nicht verteidigen kann, dem schmachvollen Verdacht preisgegeben blieb, ohne daß jemand auch nur den Versuch machte, ihm zu Hilfe zu kommen!«

Der Major betrachtete sie teilnahmsvoll.

»Es ist in der Tat sehr traurig,« seufzte er, »und ich wollte, ich könnte Ihren Glauben an Sturm teilen! Leider ist dies, wie die Dinge liegen, unmöglich, und ich kann deshalb Ihre Schritte nur mit Besorgnis ansehen. Gebe Gott, daß Sie sich damit nicht schwer kompromittieren!«

»Ich wollte nur Abschied nehmen,« sagte Mara, ihm die Hand reichend, traurig, »und die Gewißheit mitnehmen, daß Sie mir trotz der Verschiedenheit unseres Standpunktes nicht zürnen.«

»Ich Ihnen zürnen! Da sei Gott vor, mein teures Kind! Gehören wir jetzt nicht alle doppelt zusammen, geeint durch die gemeinsame Liebe zu einem lieben Toten? Möchte es mir doch mit der Zeit gelingen, Ihnen denselben wenigstens einigermaßen zu ersetzen.«

Er küßte die blassen Wangen Maras und geleitete sie dann hinab an den Wagen, in dem sie mit gesenktem Blick stumm Platz nahm.

Es wäre ihr unmöglich gewesen, auch nur einen Blick auf das liebe alte Haus zu werfen, ohne den letzten Rest von Fassung zu verlieren.



XIII.

Silas Hempel benutzte den Nachmittag zu einem Besuch im Kriegsministerium, wo er einen guten Bekannten besaß.

Major Kuver war ein alter Herr, der gern ein Stündchen angeregt verplauderte, was er sich umso eher gönnen konnte, als er sonst ein ungemein fleißiger, pflichtgetreuer Mensch war.

 »Aha – Sie wollen wieder eine Auskunft, lieber Hempel,« begrüßte er den ihm wohlbekannten sympathischen Detektiv freundlich. »Wen haben Sie denn momentan in der Arbeit?«

»Sozusagen niemanden, Herr Major. Ich möchte Sie bloß aus Privatinteresse bitten, mir Auskunft über einen Hauptmann von Eckmann . . .«

»Major von Eckmann! Er war Major, mein Lieber, und ich kannte ihn sehr gut. Armer Teufel – er fiel anno 66 bei Königgrätz, Aber zum Kuckuck, wie kommen Sie denn auf Eckmann? Halt – ich hab's! Eckmanns Tochter ist da, glaub' ich, nachher Achim von Rittlers Frau geworden, und der Mann ist –«

»Vor einigen Tagen ermordet worden, ganz richtig!«

»Donnerwetter . . .« Der Major rückte unruhig auf seinem Stuhl herum. »Sie werden doch nicht glauben, daß die Frau . . . die eigene Frau . . .«

»Nein. Ueberhaupt bin ich noch weit davon entfernt, in dieser Sache etwas zu glauben. Nur – Sie kennen ja meine Art: ich will immer bei allem klar sehen, denn man kann nie wissen, ob da nicht an einer persönlich ganz harmlosen Person andere kleben, die möglicherweise nicht so harmlos sind, wohl aber ein Interesse haben konnten an der Tat.«

»Dies trifft bei Frau von Rittler bestimmt nicht zu, denn sie steht, so viel ich weiß, ganz allein in der Welt. Sonst hätte der arme Eckmann sie ja wohl auch nicht sterbend einem Kameraden aufgehalst, mit dem er nie besonders befreundet war.«

»Dies war Major Botstiber? Aber ich dachte, er sei Eckmanns bester Freund gewesen?«

»Gott bewahre! Das sprach sich nur so herum, weil er sich um Eckmanns damals kaum einjähriges Kind – die Mutter war bei der Geburt gestorben – nachher so annahm. Aber in Wahrheit war, so viel ich weiß, nie jemand näher befreundet mit Botstiber, der immer ein wenig Sonderling war, zugeknöpft und kurz angebunden. Er selbst mied jeden Verkehr – viele behaupteten, aus Hochmut, andere, er sei ein kalter, verkniffener Mensch, der nur Interesse am Dienst habe. Na – damit geschah ihm wahrscheinlich doch Unrecht, denn an Eckmanns Kleiner hat er sehr schön gehandelt. Er ließ sie ganz auf seine Kosten erziehen und verhalf ihr dann noch zu der glänzenden Partie. Wenigstens sagt man, diese Heirat sei nur sein Werk gewesen.«

»Welche Charge bekleidete Major Botstiber anno 66?«

»Er war Hauptmann. Als er in den Ruhestand trat, bekam er den Majorstitel.«

»Da müßte er jetzt wohl schon hoch in den Sechzig stehen?«

»Gewiß. So viel ich mich erinnere, ist er laut Schematismus 68 Jahre alt.«

»Hm . . . Dann ist er großartig konserviert. Ich hätte ihm höchstens 54–55 Jahre gegeben. Und Major Eckmann fiel also bei Königgrätz?«

»Jawohl. Schuß in die Brust, tödlich. Er schleppte sich noch mühselig hinter eine Scheuer, wo er neben dem gleichfalls schwer verwundeten Botstiber niedersank. Ein paar Schritte entfernt lagen die Leichen von einigen Soldaten, darunter Eckmanns und Botstibers Diener. Letzterer war schrecklich zugerichtet. Eine Granate hatte ihn förmlich zerrissen. Doppelt traurig, denn der arme Teufel hatte ausgedient und wollte eben heimkehren, als der Krieg ausbrach. In dieser schrecklichen Umgebung nun mußten die zwei Offiziere eine ganze Nacht verbringen, ehe man sie fand. Eckmann starb während der Nacht. Botstiber wurde bewußtlos aufgehoben und in das nächste Lazareth befördert. Seine Wunde war schwer, die Lunge verletzt, man schickte ihn auf ein halbes Jahr nach dem Süden. Von dort kam er um seine Pensionierung ein. Erst viel später hörte ich, daß er sich um die Waise seines Kameraden treulich angenommen hat. Ich hätte ihn gern einmal wieder gesehen, aber er behielt seine alte Zugeknöpftheit bei und verkehrte, wie ich hörte, mit keinem Menschen.«

»Und Herr von Eckmann hinterließ kein Vermögen?«

»Sicherlich nicht. Denn die Waise erhielt bis zu ihrer Vermählung auf Botstibers Verwendung eine Gnadengabe.«

»Von Verwandten hörten Sie nie?«

 »Nein.«

»Eine traurige Geschichte!«

Der Major seufzte, in Erinnerungen verloren.

»Ja – alles war traurig und schrecklich, was mit jenem unseligen Krieg zusammenhing! Nie werde ich die Bilder des Jammers vergessen, die damals oft mein Blut erstarren ließen . . . Die sterbenden Kameraden, den Aufenthalt im Lazareth – denn auch ich bekam etwas ab – die Furchtbarkeit des blutgetränkten Schlachtfeldes . . . ich, ich mag gar nicht mehr daran denken!«

Er fuhr sich über die kahle Stirne. Aber die einmal heraufbeschworenen Erinnerungen ließen sich nicht mit einer Handbewegung vertreiben. Kuvers Augen blieben trüb. Mit verlorenem Blick vor sich hinstarrend fuhr er seufzend fort: »Und dann später, als alles vorüber war – wie viel herzzerreißende Szenen gab es da, als Mütter ihre Söhne, Frauen ihre Gatten, Mädchen ihre Liebsten suchten und nicht fanden! Da waren so viele, von welchen man nicht einmal wußte, wo und wann sie begraben worden waren! Die Verlustlisten enthielten so viele Irrtümer! Manche, die schon als tot beweint worden waren, lagen nur in irgend einem Feldlazarett oder Privathaus schwer verwundet darnieder und kamen später wieder zum Vorschein. Andere waren so schrecklich zugerichtet, daß man ihre Identität nicht feststellen konnte. Sie wurden einfach eingescharrt, ohne daß man ihre Namen kannte, wenn es nicht durch Zufall gelang, sie zu erkennen, wie z. B. bei Botstibers Diener, den sein Herr nach der Montur und einer alten silbernen Taschenuhr agnoszierte, als man ihm die Sachen im Lazarett vorlegte. Dabei fällt mir eine erschütternde Szene ein, deren Zeuge ich selbst war. Ich erwähnte schon, daß Botstibers Diener ausgedient hatte, als der Krieg begann. Er sollte dann gleich heiraten. Nun – eines Tages, der Friede war kaum geschlossen, erscheint da plötzlich eine junge hübsche Person und verlangt unter leidenschaftlichem Gebaren, man solle ihr ihren Geliebten zurückgeben. Sie glaubte nicht an seinen Tod, vielleicht sei er nur verwundet usw. Ich hatte eben Dienst und suchte sie zu beruhigen, indem ich sie auf den Jammer so vieler Leidensgenossinnen hinwies. Der Tod ihres Bräutigams – Lämmermaier hieß er – war ja leider durch seines eigenen Herrn Zeugnis unzweifelhaft festgestellt. Sie hörte mich an, wurde anscheinend ruhig – freilich von jener unheimlichen Ruhe der Verzweiflung, die beängstigend wirkt – und ging. Wissen Sie, was die Arme – sie konnte kaum sechzehn Jahre zählen – tat?«

»Nun?«

»Sie ging direkt an die Donau und sprang hinein. Dreimal wiederholte sie den Versuch, wurde jedesmal gerettet, und endlich brachte man sie zu ihrer Schwester, der Wirtin zum ›Goldenen Schwan‹ in Neuberg, die sich ihrer annahm. Jahre später stieg ich einmal dort ab und sah die Aermste wieder, die den Eindruck einer verwirrten Person machte.«

 Silas erhob sich,

»Ich danke Ihnen, Herr Major! Wenn ich nun auch nicht viel klüger bin als zuvor, so haben Ihre ergreifenden Schilderungen aus einer trüben Zeit mich doch lebhaft interessiert. So viel weiß ich nun, daß nicht etwa ein verkommener Verwandter Frau von Rittlers bei dem Mord in Betracht kommt.«

Vom Kriegsministerium schlenderte Hempel nachdenklich auf den Graben, wo er im Café Schrangl eine Zusammenkunft mit dem Kollegen Marstaller verabredet hatte, der in seinem Auftrag Nachforschungen nach Sturm anstellte.

Marstaller wartete bereits auf ihn.

»Nun,« fragte Hempel, »waren Sie heute glücklicher?«

»Nein. Dr. Sturm ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich durchforschte alle Hospitäler, Sanatorien und Privatkrankenhäuser – er ist nicht dort. Auch ein Leichnam, auf den seine Personsbeschreibung paßt, wurde nirgends aufgefunden.«

»Hm – sonderbar!«

»Wenn er nicht doch geflohen ist, bliebe nur mehr die Möglichkeit, daß er in der Dunkelheit den Weg verlor und mit dem Rad direkt in die Donau fuhr! Dort kann seine Leiche wochenlang nicht zum Vorschein kommen.«

»Nicht sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß er ein Jahr auf Kreuzstein lebte, also die Gegend genau kennen muß. Außerdem ist es nicht anzunehmen, daß er von der Landstraße, die direkt nach Heiligenstadt führt, so weit abkommen konnte, um in die Donau zu stürzen!«

»Vielleicht wurde er das Opfer eines Ueberfalles und die Mörder können –«

»Einen Leichnam ungesehen den weiten Weg bis an die Donau schleppen? Unmöglich!«

»Dann weiß ich wirklich keine Erklärung . . .«

»Haben Sie sich bezüglich der Posten informiert?«

»Ja. Da, wo die Landstraße den Schreiberbach kreuzt, stand in jener Nacht Malzahn auf Posten. Er trägt die Nr. 27. Ich habe ihn hieher bestellt.«

»Das war gut – ah, da ist er ja schon! Guten Abend, Malzahn! Nun setzen Sie sich mal her zu uns . . . wollen Sie Kaffee oder Kognak?«

»Kognak, wenn ich bitten darf, Herr Hempel.«

Malzahn, sehr geschmeichelt, in einem so vornehmen Café und neben dem berühmten Detektiv sitzen zu können, nahm Platz. Er war in Zivil und hatte ein offenes, jedoch nicht sehr intelligentes Gesicht.

»Nun, lieber Malzahn,« begann Hempel, nachdem sie bedient worden waren, sich gemütlich in seine Ecke zurücklehnend. »Sie hatten in der Nacht zum 20. Dienst in Heiligenstadt, nicht wahr?«

»Jawohl, Herr Hempel. Ich bin deshalb neulich auch schon zum Herrn Untersuchungsrichter zitiert worden, der wissen wollte, ob ich nicht einen Herrn mit blondem Spitzbart auf einem Rad habe vorüberfahren sehen. Aber ich sah bestimmt keinen –«

»Wann traten Sie Ihren Posten an?«

»Um neun Uhr. Gegen Morgen wurde ich abgelöst.«

»Schön. Sie haben also keinen Radfahrer kurz vor Mitternacht von der Kahlenbergseite gegen die Stadt herein fahren sehen?«

»Bestimmt nicht!«

»Nun denken Sie mal nach, Malzahn: Haben Sie aber auch einige Stunden früher keinen Radler gesehen, der aus der Stadt hinaus fuhr?«

Malzahn dachte einen Augenblick nach. Dann nickte er.

»Hinaus? Doch! Einen solchen sah ich, und zwar eben als ich meinen Posten antrat. Wir standen noch ein paar Augenblicke plaudernd beisammen, mein Kollege und ich, als ein Radfahrer die Brücke passierte. Er fuhr in schnellstem Tempo, aber gleich hinter der Brücke muß ihm etwas an seiner Maschine passiert sein, denn er sprang ab und bastelte eine Weile daran herum. Wir kümmerten uns nicht weiter um ihn und ich dachte auch gar nicht mehr daran. Denn es war stets nur die Frage nach einem Mann, der in die Stadt hinein wollte.«

»Gibt es denn aus der Gegend um Schloß Kreuzstein noch einen andern Weg nach Heiligenstadt?«

»Oh ja, gegen Grinzing hinab den Muckentaler und Schreiberweg. Aber dies wäre ein Umweg und keinesfalls könnte ein Radfahrer ihn jetzt kurz vor der Lese des Nachts ungesehen passieren, wo die Weinhüter gerade dort scharf auf Traubendiebe aus sind. Aus diesem Grund würde auch die Nußbergstraße, die nach Nußdorf hinab führt, nicht passiert werden können, ohne daß es die Weinhüter bemerken. So viel ich weiß, sind alle Hüter schon befragt worden – niemand hat um die fragliche Zeit einen Radfahrer bemerkt.«

»Und doch muß er zurückgekehrt sein! Wie erklären Sie sich sein Verschwinden?«

»Hm – man sagt ja, daß der Mann, den man sucht, einen Mord begangen haben soll? Da kann er wohl nach der andern Seite über den Kahlenberg geflohen und entweder auf der Donau oder der Westbahnlinie entkommen sein.«

»Unmöglich. Man hat an sämtlichen in Frage kommenden Stationen nachgeforscht. Nirgends wurde ein Passagier gesehen, auf den Dr. Sturms Personsbeschreibung paßt. Sie haben sich den Mann, der um neun Uhr die Brücke passierte, wohl nicht genauer angesehen?«

»Nein. Ich erinnere mich nur, daß er groß und stattlich war.«

»Sonst haben Sie in jener Nacht nichts Auffälliges von Ihrem Posten aus beobachtet?«

Malzahn zögerte einen Augenblick. Dann sagte er verlegen: »Doch. Ihnen, Herr Hempel, kann ich die Wahrheit nicht vorenthalten, obwohl sie mir gerade keine besondere Ehre einbringt . . . Sie werden mich deshalb ja nicht gleich vor meinen Vorgesetzten als einen lässigen Menschen hinstellen. Ich konnte doch nicht ahnen . . . und der Untersuchungsrichter frug mich gar nicht darnach, so meinte ich, es sei kein Unglück, wenn ich's verschwiege. Nun aber läßt's mir keine Ruhe . . . es könnte vielleicht doch etwas dahinter stecken . . .«

»Gut, gut, erzählen Sie lieber. Ich werde nur dann Gebrauch davon machen, wenn es unumgänglich notwendig ist. Also was gab's noch in jener Nacht?«

»Eigentlich nicht viel und doch geht's mir jetzt wieder im Kopf herum, da wir von jenem Radfahrer sprachen, der nicht aufzufinden ist. Es war wenige Minuten vor Mitternacht. Ich stand, in meinen Mantel gehüllt, an einem Baum und hörte gedankenlos dem Sausen des Sturmes zu, der wie verrückt vom Kahlenberg herabfuhr. Es donnerte und blitzte. Dazwischen tuteten die Weinhüter sich lauter als sonst ihre Signale zu. Plötzlich war mir, als hörte ich irgendwo in der Ferne einen lauten verzweifelten Hilfeschrei. Ich fuhr erschrocken zusammen und horchte – aber es ließ sich absolut kein menschlicher Laut mehr vernehmen. Der Sturm war schon im Abnehmen, hie und da lichtete sich der Himmel wieder. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Vielleicht hatte ich mich getäuscht – keinesfalls war ich mir über die Richtung ganz klar, aus welcher der Schrei gekommen war. Trotzdem schritt ich die Landstraße eine Strecke aufwärts, um nachzusehen. Aber es blieb alles still und keine Seele war zu sehen. Schon wollte ich umkehren, da kam mir ein Weinhüter entgegengelaufen und rief mich an. Der Mann war ganz verstört. Auch ihm war gewesen, als hätte er irgendwo einen Schrei gehört. Da wir aber nichts weiter finden konnten, glaubten wir endlich, es sei der Sturm gewesen, der uns wahrscheinlich getäuscht hätte.«

»Gibt es dort kein Haus in der Nähe?«

»Nur ein altes, halbverfallenes ehemaliges Weingarthaus, das von zwei Frauen bewohnt wird. Es war dunkel, die Haustüre verschlossen, die Läden an den Fenstern vorgelegt. Kein Zweifel, daß die Inwohner in festem Schlaf lagen. Immerhin pochte ich so lange an, bis eine der Frauen, eine Witwe Brauneis, das Fenster öffnete und ärgerlich frug, was es gebe. Ich teilte es ihr mit und fragte, ob sie nichts gehört hätten. Nein, sie hatten nichts vernommen und waren erst durch mein Pochen aufgewacht.

Dabei ließ ich es bewenden. Mit dem Mord auf Kreuzstein konnte der Schrei nichts zu tun haben, denn das Schloß liegt zu weit entfernt, als daß ich von dort hätte etwas vernehmen können. Und da am Morgen weder ein Toter noch ein Verwundeter gefunden wurde, unterließ ich auch eine Meldung des Vorfalls.«

Hempel nahm eine Prise und blickte nachdenklich vor sich hin.

Die Aussage Malzahns befriedigte ihn nicht. Der Mann war offenbar weder besonders intelligent noch mutig. Wahrscheinlich wagte er sich in der Dunkelheit aus dem unbewohnten Gebiet nicht weiter und unterließ die Meldung nur, um keinen Tadel dafür zu bekommen. Jetzt, nachdem Tage vergangen waren und es gestern geregnet hatte, würde sich natürlich nicht mehr viel finden lassen. Hempel machte sich also nur einige Notizen über die erwähnten Oertlichkeiten und entließ den Mann.



XIV.

Marstaller, der sich sehr für den Fall interessierte, war der Ansicht, daß man das ganze Gebiet zwischen Kreuzstein und der Heiligenstädter Brücke genau absuchen müsse, und erbot sich, dies zu tun. Damit war Silas einverstanden, und nachdem er ihm noch einige besondere Weisungen erteilt hatte, trennten sich beide Männer am Anfang der Neustiftgasse. Hempel war wie zerschlagen. Ueberall Spuren und keine, in die sich jener Punkt einreihen ließe, von dem er ausgegangen war! Er hatte kaum ein paar Schritte getan, als er seinen Namen rufen hörte. Sich umwendend erkannte er in einem ihm atemlos nachhastenden Mann den Detektiv Haller.

»Ich sah Sie von der Plattform eines Ringbahnwagens aus hieher einbiegen,« sagte Haller lebhaft, »sprang ab und folgte Ihnen. Sie gehen vermutlich nach Hause – darf ich Sie begleiten?«

»Mit Vergnügen. Aber wissen Sie was – spendieren wir uns einen Wagen. Ich bin zu Tode erschöpft nach all den Laufereien heute und sehne mich nach meiner Diwanecke wie ein Wüstenwanderer nach einer Oase.« Er winkte einem leerstehenden Einspänner und fuhr auf Hallers erstaunten Blick hin nervös fort:

»Ja, ja, mein Lieber, ich werde alt, fürchte ich! Diese vertrackte Geschichte läßt mich keine Minute zur Ruhe kommen . . . Da gibt's immer neue Seiten, die erwogen sein wollen, und das ewige Grübeln macht mich noch krank! Ich glaube, daß ich auch wieder mal zu essen vergaß und seit Morgen nichts als schwarzen Kaffee im Magen habe. Tun wir uns also zusammen gütlich an dem, was mein alter Hausdrache uns beschert . . .«

»Nein, so viel Zeit habe ich nicht, aber bis in die Bernardgasse muß ich Sie begleiten. Schon damit Sie sich nachher nicht weiter den Kopf zerbrechen, sondern mal ordentlich ausruhen, wenn Sie meine Neuigkeiten wissen. Die Sache wird nämlich immer klarer.«

»Nun, was gibt's denn?«

Haller lehnte sich behaglich in die Wagenecke zurück und nahm eine triumphierende Miene an.

»Nichts, als daß meine Berechnungen in bezug auf den böhmischen Baron sich als richtig erweisen. Ich brauchte mich gar nicht abzuhetzen, aß vorzüglich im Deutschen Haus und trank einen gemütlichen Nachmittagskaffee beim Portier des Palais Saxen, der sich als alter Bekannter entpuppte.«

 »Da haben Sie den Tag allerdings angenehmer verbracht als ich,« murmelte Hempel matt und fuhr mit der Hand über das seltsam bleich und schlaff gewordene Gesicht, denn all die Lichter ringsum schienen sich plötzlich vor seinen Augen im Kreise zu drehen.

Haller bemerkte die Schwächeanwandlung nicht, sondern fuhr fort: »Und ich wette, dabei habe ich doch mehr herausgebracht als Sie! Denn ich stellte fest, daß Baron Weltenberg tatsächlich in der Mordnacht auf Kreuzstein weilte. Er fuhr im Wagen bis an den Heiligenstädterfriedhof, wo er um neun Uhr ankam und den Wagen warten ließ. Um Mitternacht war er noch nicht zurück. Der Kutscher wollte schon wegfahren, da er aber für die ganze Nacht im voraus bezahlt war und vermutete, daß es sich um ein Liebesabenteuer handelte, blieb er doch. Endlich gegen zwei Uhr erschien sein Passagier ganz verstört, in Schweiß gebadet, die Kleidung derangiert, warf sich in den Wagen und stieß rauh heraus: ›Palais Saxen‹. Der Kutscher sagte mir, er habe nie einen Menschen so verändert gesehen, wie den seinen vornehmen Herrn, den er hinausgefahren habe und der nachher in seinen beschmutzten Kleidern, mit dem wirren Haar und dem angstverstörten Blick nicht viel besser als ein Wegelagerer ausgesehen habe.

Der Portier war gleichfalls entsetzt, als er gegen drei Uhr den Gast seines Gebieters in diesem Zustande wiedersah.

 Ein Kammerdiener, der beiden Herren am Morgen darauf das Frühstück servierte, war zugegen, als der Baron von seiner bevorstehenden Weltreise sprach. Sie sollte von England aus angetreten werden und zunächst nach Südamerika gehen. Um Mittag erfuhr man im Palais Saxen den Mord auf Kreuzstein. Der Baron wurde dabei weiß wie der Kalk. Seine Hände zitterten, seine Augen öffneten sich weit wie in stummem Entsetzen. Aber er sagte kein Wort dazu, bemühte sich, im nächsten Augenblick schon wieder gleichgiltig auszusehen, und sprach ausschließlich von harmlosen Dingen. Aber am Abend, als wieder die Rede von seiner Weltreise war, erklärte er seinem Onkel plötzlich ohne irgendwelche Motivierung, er habe den Gedanken aufgegeben und werde wahrscheinlich in einigen Tagen auf seine Herrschaft Rosenbühl zurückkehren.

Was sagen Sie zu alldem, Herr Hempel?«

Hempel sagte gar nichts. Er starrte abwesend vor sich hin. Zuweilen zuckte es seltsam in seinen Zügen. Und als jetzt der Wagen hielt, erhob er sich schwerfällig, warf dem Kutscher ein Geldstück zu und strebte taumelnden Schrittes der Haustüre zu.

Erst jetzt begriff Haller, daß etwas nicht recht richtig war mit seinem Kollegen.

»Ihnen ist unwohl – Sie haben sich überanstrengt,« sagte er erschrocken, Hempels Arm in den seinen ziehend, »ich werde Sie hinaufführen.«

»Es ist nichts . . . nichts . . .« murmelte Silas, während doch der kalte Schweiß auf seiner Stirn stand und er alle Kraft aufbieten mußte, die Treppe hinauf zu kommen.

Kata erschrak zu Tode, als sie ihren Herrn erblickte und Hallers Worte hörte: »Bringen Sie ihn rasch zu Bett und schicken Sie um einen Arzt, ich glaube, er ist total erschöpft. Ich selbst muß leider wieder fort, aber morgen sehe ich bestimmt nach ihm.«

Einen feindseligen Blick warf sie hinter dem sich Entfernenden drein, dann schloß sie die Türe ab und widmete sich ganz ihrem Herrn.

Um den Arzt schicken? Sie dachte nicht daran. Sie kannte diese Zustände ja seit Jahren. Das war immer so, wenn er sich in einen schwierigen Fall förmlich verbiß: dann vergaß er Essen, Trinken und Schlafen. Eine Zeitlang hielt fiebernder Arbeitsdrang ihn aufrecht, dann brach die mißhandelte Natur zusammen. Seit vier Tagen war er vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein fort gewesen – natürlich hatte er dabei wieder nichts gegessen – und in den letzten Nächten hatte sie ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und niedergehen gehört. Kein Wunder, daß er nun hilflos dasaß und sich endlich einmal nicht mehr wehren konnte gegen ihre Fürsorge.

Stumm tat sie, was ihr Hausverstand ihr eingab: sie brachte starken alten Wein und kräftiges Essen, räumte das Bett ab und half Hempel beim Auskleiden. Alles, ohne viel Worte zu machen.

Und Silas, obwohl etwas erfrischt, fühlte, daß ihm jetzt vor allem Schlaf, ausgiebiger Schlaf gründlich not tat.

Ehe Kata noch das Eßgeschirr ganz entfernt hatte, hörte sie schon seine ruhigen regelmäßigen Atemzüge hinter dem Paravent, der sein Lager umgab.

Ueberlegend blieb sie noch einen Augenblick stehen. Er schlief! Das war gut für heute. Aber würde er nicht morgen früh, kaum notdürftig ausgeruht, die Hetzjagd von neuem beginnen wollen?

Plötzlich kam Kata ein kühner Gedanke.

Reden, Bitten, Vorstellungen, das wußte sie aus Erfahrung, richteten gar nichts aus bei ihm. Und doch hatte er allem Anschein nach diesmal eine gründliche Erholung nötig. Schließlich war er trotz seines frischen jugendlichen Aussehens ein Fünfziger! Nein – er mußte einen Tag zu Hause bleiben. Und sie, Kata, würde ihn einfach dazu zwingen, mochte er nachher gegen sie wüten, wie er wollte.

Mit schlauem, etwas boshaftem Lächeln nahm sie seine eben abgelegten Kleides öffnete den Schrank, der Hempels Garderobe enthielt, und räumte auch diesen gründlich aus, nur einen Schlafrock darin zurücklassend, und schleppte alles hinaus.

Dann sperrte sie beide Türen von außen ab und verschwand triumphierend in ihrer Kammer, um nun auch ihrerseits schlafen zu gehen.

Silas schlief wie ein Toter, traumlos und ohne sich zu rühren, bis acht Uhr, Als er erwachte, fühlte er sich wie neugeboren. Er blieb noch einige Minuten im Bette liegen und jetzt erst kam ihm Hallers Bericht voll zum Bewußtsein. Aber auch andere Dinge, die gestern verworren durcheinander wogten, standen jetzt plötzlich klar und scharfumrissen wie Wegweiser an einem Kreuzweg da.

Sie wiesen zwar nach einander scheinbar entgegengesetzten Richtungen, aber das drückte heute Hempels Geist nicht zur Mutlosigkeit herab, sondern weckte im Gegenteil einen unerhörten Schaffensdrang.

Ausgeruht und neu gestärkt kam seine wahre Natur, deren Kraft an Hindernissen, deren Mut an Gefahren und deren Arbeitslust gerade an scheinbarer Aussichtslosigkeit wuchs, wieder zur Geltung.

»Bah,« dachte er, »ist es nicht besser, viele Wege, anstatt gar keinen zu haben? Und wer weiß, ob nicht zuletzt doch noch alle zu demselben Ziel führen? Welcher Triumph, wenn . . .«

Fiebernd vor Ehrgeiz und ungeduldig, wieder ans Werk gehen zu können, sprang er aus dem Bett und erfrischte seinen Körper durch Ströme kalten Wassers, wobei er fröhlich pfiff.

Dabei bemerkte er, daß auf dem Nachttisch eine Tablette mit dem Frühstück stand, das Kata offenbar noch während er schlief dorthin praktiziert hatte. Die Schokolade auf dem Spirituswärmer und eine Menge guter Dinge daneben.

»Famos,« murmelte Silas, »in einem ist mir die Alte doch über. Sie vergißt nie, was ich so oft vergesse: daß ein Motor, wenn er gehen soll, geheizt werden muß!«

Und da er gesunden Appetit verspürte, machte er sich gleich daran, die guten knusperigen Kuchen zu versuchen, die Katas Spezialität waren.

Erst dann sah er sich nach seinen Kleidern um. Sie waren fort. Ahnungslos öffnete er den Schrank – er war leer!

Einen Augenblick stand Silas verblüfft, dann begriff er und brach in ein schallendes Gelächter aus. Er wollte klingeln.

Aber zugleich fiel ihm ein, daß er die gewöhnlichen Kleider heute ja ganz gut entbehren konnte, da er durchaus nicht als Herr Silas Hempel den Schlachtenplan betreten wollte. Er klingelte also nicht, sondern öffnete eine in die Wand eingelassene Tür, zu welcher er den Schlüssel im Schreibtisch verborgen hielt.



XV.

Diese Wandtüre verschloß Hempels Geheimnis. Ein Geheimnis, das selbst Katas schlauer Spürsinn noch nicht zu ergründen vermocht hatte.

Und doch war dahinter nichts als ein finsterer kleiner Raum, der aussah wie ein Trödlerladen. Alte Kleider, Hüte, Wäsche, Taschen, Perücken, Tiegel mit Schminke und Schächtelchen mit verschieden gefärbtem Puder, Schuhe, Stiefel und eine Menge anderer Dinge, deren Zweck nicht klar war. Mit kritischem Blick musterte Silas sein »Arsenal« und wählte endlich einen etwas aufdringlich karierten Anzug von schäbiger Eleganz. Dazu einen Zwicker, schwarze Perücke, eine Ledermappe und einen grotesken steifen Hut.

Zuletzt schleppte er einige Schachteln an seine Toilette, ließ sich lächelnd nieder und begann nun vor dem großen Spiegel sein geheimnisvolles Werk.

In weniger als einer halben Stunde stand ein gänzlich veränderter Mensch da, dessen gekräuseltes, rabenschwarzes Haar im Verein mit der Hakennase, den mandelförmigen Augen und blutroten, von kurz gestutztem krausem Vollbart umrahmten Lippen unverkennbar auf orientalische Abstammung hinwiesen.

Ueber der karierten Weste baumelte eine dicke silberne Uhrkette mit pompösen Anhängseln.

Hempel lächelte.

»Gott der Gerechte – nicht ämol Wasmut täte dich erkennen, Leb Rosenzweig« jüdelte er spöttisch, »werd dich de Alte auch nix kennen!«

Dann klingelte er und genoß im voraus Katas Schrecken, wenn sie einen wildfremden Menschen in ihres Herrn Schlafzimmer finden würde.

Aber draußen blieb alles totenstill. Selbst als Hempel Sturm läutete, rührte sich nichts.

»Ach so – sie wird einkaufen gegangen sein. Deshalb stellte sie mir wahrscheinlich das Frühstück so zeitig herein,« dachte Silas und wollte die Türe öffnen.

 Sie war verschlossen wie die andere, die ins Nebenzimmer führte. Alles Rütteln und Rufen blieb erfolglos.

Zum zweitenmal brach Hempel in schallendes Gelächter aus.

»Das Frauenzimmer hat wirklich manchmal den Teufel im Leib! Aber warte nur, meine gute Kata, – wer zuletzt lacht usw.! Du hast das Fenster vergessen und daß daneben die Regenrinne läuft. Indessen wollen wir zuerst deinem Frühstück die Ehre geben.«

Er setzte sich auf den Bettrand und frühstückte ausgiebig. Dann öffnete er das Fenster. Das Haus lag am Ende der stillen Sackgasse, die an einer Gartenmauer endete.

Nichts als ein paar kleine spielende Kinder waren zu sehen und ein Sicherheitsposten, der gelangweilt an der Ecke der nahen Schottenfeldgasse stand.

Hempel nickte ihm zu, machte ihm ein kleines Zeichen und schwang sich dann behend zum Fenster hinaus, indem er die knapp nebenan laufende Dachrinne benutzte, um vom ersten Stock auf den Gehsteig herab zu gelangen.

Kata war nicht einkaufen gegangen. Seelenzufrieden saß sie in ihrer Küche, schälte Bohnenschoten und wand sich heimlich vor Lachen, als drinnen das Läuten und Türrütteln begann.

Nun es still war, triumphierte sie. Er hatte sich also ergeben müssen – endlich einmal behielt ihr Wille die Oberhand zu des Herrn eigenem Besten.

Da läutete es draußen. Mürrisch wie immer – denn etwas Gutes kam ja nie von da draußen – ging sie, um zu öffnen.

Ein säbelbeiniger grinsender Mensch mit rabenschwarzem Kraushaar lächelte ihr devot durch seinen Zwicker entgegen.

»Komm ich zu fragen, ob Se nix wollen kofen scheene Geschichten? Geschichten von Prinzen und vornehmen Damen, von Geister, Gespenster – alles was Se wollen haben. Möcht ich raten der Dame zu nehmen de Totenhand um Mitternacht oder das Gespenst von Kastellamare.«

»Selber sein Gespenst,« unterbrach ihn Kata zornig, »und machen, daß fortkommen. Ich nix kaufen solche Dummheiten.«

»Dann vielleicht wird sein so gnädig de gnädige Herr und anschauen meine Ware –«

»Herr schlafen.«

»Werd ich warten, bis er wird sein aufgewacht!«

»Unverschämter Kerl – gleich fortgehen! Hier nix warten. Herr schlafen immerfort –« sagte Kata erbost und wollte die Tür einfach zuschlagen, als sie plötzlich wie zu Stein geworden auf den zudringlichen Besucher starrte, der in völlig verändertem Ton gemütlich sagte:

»Nein, meine liebe Kate, er schläft nicht ›immerfort‹, aber er wird sich zur Strafe für deine Tyrannei jetzt wohl eine Weile nicht blicken lassen in der Bernardgasse. Laß dir's also gut gehen inzwischen . . .«

Und ehe Kata sich von ihrem Schrecken erholt hatte, war der säbelbeinige Jüngling ihren Augen entschwunden.

–     –     –     –     –     –     –     –     –     –     –     –

 Trine war selig. Sie saß neben Frau Baumer in deren wohlgeheiztem Stübchen, und beide lasen um die Wette in dünnen gelben Heftchen, von welchen noch viele zu einem Stoß geschichtet auf dem Tische lagen.

Draußen fiel der erste Schnee in großen wäßrigen Flocken nieder, obwohl man erst den 20. Oktober schrieb.

Frau Baumer legte das Heft, in dem sie gelesen hatte, seufzend zu den andern.

»Da hat man's: jetzt weiß ich nicht, ist er wirklich tot oder war er nur scheintot und spielt bloß den Geist? Wenn der Leb Rosenzweig heute nicht kommt und uns die Fortsetzung bringt, so werde ich heute nacht kein Auge zumachen können vor Neugier.«

Trine legte ihr Heft gleichfalls fort.

»Mich freut's nur, daß Sie endlich einsehen, Frau Baumer, wie wunderschön so ein Roman ist! Früher haben Sie mich immer ausgelacht und gescholten, daß ich solch ›dummes Zeug‹ lese.«

»Na ja – früher! Da hatte ich auch, weiß Gott, Gescheiteres zu tun als beim hellichten Tage zu lesen. Aber jetzt, wo man nicht weiß, was anfangen, um die Zeit nur totzuschlagen, da ist's wirklich ganz amüsant. Wenn der Rosenzweig nur sein Wort hält – heute ist Mittwoch und er sollte eigentlich schon da sein!«

Draußen wurden Schritte laut. Gleich darauf klopfte es an die Türe.

»Ah – gottlob, da ist er!« atmete Trine auf und erhob sich, – »nur herein, Herr Rosenzweig, nur herein, wir warten schon auf Sie!«

Es war wirklich Leb Rosenzweig, der, in einen langen kastanartigen Mantel gehüllt, eintrat und seine mit Journalen gefüllte Mappe auf den Tisch legte. »Gott soll mich strafen, wenn's je um diese Zeit ä ärgeres Wetter hat gegeben! Möcht mer doch fast versinken in de kotigen Wege da draußen . . . hier freilich, die Damen haben's schön!«

Frau Baumer lächelte gönnerhaft.

»Setzen Sie sich nur, Herr Rosenzweig, Trine wird Ihnen eine Tasse heißen Kaffee bringen. Sie sind wohl schon weit herum gewesen heute?«

»Gott der Gerechte, wie werd ich nicht? Bin ich doch gekommen erst heute früh mit der Eisenbahn von Steiermark!«

»Was – gar in Steiermark waren Sie?«

»Ja. Und fein is es gegangen das Geschäft. Ausverkauft bin ich gekommen retour vom ›Goldenen Schwan‹ in Neuberg, wo mir hat de Frau Wirtin abgekauft alles, was ich habe gehabt bei mir . . . soll se leben hundert Jahr, die Frau Bumsmeier, was is gewesen so freundlich mit einem armen Kolporteur!« Er nahm seinen durchnäßten Hut ab und blickte gedrückt zu Boden.

»Da sind andere nicht so. Der gestrenge Herr hier, wie er hat mich erblickt vorhin, – Gott der Gerechte, wie hat er geblitzt mit seinen schwarzen Augen, als wenn er hätte gewollt erdolchen mich arme Kreatur! . . .«

»Ja, der Gnädige ist heute schlechter Laune,« nickte Frau Baumer etwas schadenfroh, »das macht, weil die Gnädige ihm gar nicht schreibt. Ich glaube, er weiß nicht einmal genau, wo die Damen sind.«

»Hab ich mir doch gedacht gleich, daß die Herrschaften hier nix müssen sein glücklich verheiratet, sonst wären sie wohl gegangen zusammen auf Reisen . . .«

»Ach was, die gehören ja gar nicht zusammen, Herr Rosenzweig! Der Herr Major ist nur der Vormund unserer Gnädigen gewesen und sie ist ihm viel Dank schuldig von früher her. Da glaubt er wahrscheinlich, sie müsse immer noch das kleine folgsame Mädchen sein, trotzdem sie inzwischen ja den armen Herrn von Rittler heiratete. Jetzt führt er halt hier die Oberaufsicht als Vormund unseres jungen Herrn Leo, dem einmal alles gehören wird.«

»Haben Se nicht gesagt, Frau Baumer, ›de arme‹ Herr von Rittler? Wie kann einer sein arm, dem gehört so ä Riesenbesitz und der hat eine Frau und ä Sohn auch noch dazu?«

»Jesus, Sie wissen's am Ende gar nicht, was hier vor vier Wochen geschehen ist?«

 »Wie soll ich's wissen, wo ich doch bin gewesen um diese Zeit vor vier Wochen tief im Ungarischen drin?«

»Dann können Sie freilich nicht wissen, daß es hier ganz anders war früher, ehe man unseren armen Herrn ermordet hat,« seufzte Frau Baumer tief auf.

»Er – mor – det?« Leb Rosenzweig spreizte alle zehn Finger aus vor Entsetzen, »Reden Se mer nicht von solche Sachen! Ich kann nix hören von Blut . . .! Aber leid tut es mir um Sie! Das muß wohl ein grausam böser Mensch sein gewesen, der so etwas kann tun! Jetzt sitzt er gewiß schon hinter Schloß und Riegel –«

»Gar nicht! Bis jetzt haben sie ihn noch nicht erwischt. Er war früher Hauslehrer hier, und warum er's eigentlich getan hat, versteh ich bis heute nicht, denn er war immer ein ruhiger, ordentlicher Mensch . . .«

»Aber er hat's ja gar nicht getan,« fiel ihr Trine in die Rede, die mit dem Kaffee zurückgekommen war, »das ist alles noch viel schrecklicher zugegangen, als die Leute glauben wollen . . .« Ihr Gesicht nahm einen geheimnisvollen Ausdruck an, während sie flüsternd schloß: »Mit natürlichen Dingen ging's nicht zu, darauf lege ich ein Jurament ab!«

»Ach was, das ist Geschwätz, Trine. Geister gibt's nicht, und was tot ist, kehrt nicht wieder!«

Leb Rosenzweig schob die Kaffeetasse von sich und schüttelte ernst den Kopf.

 »Wie haißt, gibt's nicht, Frau Baumer? Wo ich selber hab gesehen mit meinen bluteigenen Augen den Geist von einem jungen Frauenzimmer, das sich hat ertränkt aus unglücklicher Liebe? Vor zwei Tagen erst hab ich ihn gesehen . . .«

Trine bekreuzte sich und sah Frau Baumer an, die ein ungläubiges Gesicht schnitt.

»Haben Sie's jetzt gehört? So was gibt's!! Wie hätt' ich sonst den toten Kastellan dreimal leibhaftig vor mir sehen können, ehe unser Herr starb, und immer justament in seinem Zimmer?«

»Das ist's ja eben: niemand hat ihn noch erblickt, als Sie, Trine! Und was täte er im Herrn seinem Zimmer, wo er bei Lebzeiten kaum je den Fuß hinein setzte?«

»Niemand hat ihn gesehen, weil bloß ich dort aufzuräumen hatte. Und im Herrn seinem Zimmer war er, weil er keine Ruhe im Grabe finden konnte vor Haß und Rachedurst . . . ist er nicht mit einem Fluch gegen den Herrn auf den Lippen gestorben?«

»Leider ja! Aber er litt am Säuferwahnsinn und wußte gar nicht mehr, was er sprach. Das war nämlich so« – wandte sie sich an Rosenzweig – »unser verstorbener gnädiger Herr war der beste Mensch von der Welt, nur konnte er gewisse Dinge nicht leiden und dann wurde er zuweilen arg böse. Und da war dieser Mensch, der früher unter den alten Herrschaften, die meist aus Reisen waren, als Kastellan hier saß und sich dabei, weil er nichts zu tun hatte, das Trinken angewöhnt. Später konnte er's nicht mehr lassen, obwohl unser Herr es nicht leiden mochte und es ihm oft verboten hatte. Zuletzt, als im Guten nichts mehr half, mußte der Kastellan drüben im Stallgebäude schlafen und durfte sich im Schloß gar nicht mehr blicken lassen. Schon das brachte den Alten furchtbar gegen Herrn von Rittler auf, obwohl's nur gerecht war vom Herrn. Dann gab's einmal einen häßlichen Auftritt, als der Kastellan volltrunken mit einem fremden Lieferanten im Hof Streit anfing und die gnädige Frau darüber zu Tode erschrak. Der Herr drohte jetzt, er müsse Kreuzstein überhaupt verlassen, wenn das noch einmal vorkomme. Am selben Tag brach der Kastellan sich bei einem Fall ein Bein. So konnte er nicht mehr heimlich um Schnaps gehen wie bisher, und der gnädige Herr verbot strenge, daß irgend jemand ihm Schnaps oder ähnliches besorgte. Darüber aber brach bei dem alten Säufer vor lauter Wut der Wahnsinn aus, und Tag und Nacht fluchte er laut, der Herr richte ihn zugrunde. Aber sowie er wieder auf den Beinen wäre, würde er's ihm vergelten. Dazu kam's nun freilich nicht, denn drei Tage später war der Kastellan tot und mit ihm der Skandal im Haus.«

»Aber sein Wort hat er doch gehalten,« sagte Trine hartnäckig, »dreimal ist er gekommen als Warnung und das viertemal hat er seine schreckliche Drohung wahrgemacht!«

Leb Rosenzweig sah Trine halb ängstlich, halb ungläubig an.

 »Gott der Gerechte, was müssen Se haben gehabt für einen Schrecken! Habe Se ihn gesehen denn wirklich ganz deutlich?«

»So deutlich fast, wie ich Sie jetzt sehe. Das erstemal war's, als ich gegen Abend in des Herrn Arbeitszimmer wollte, um Feuer anzuzünden. Dann ein paar Monate später, wo ich ein vergessenes Staubtuch holen wollte, und wieder einmal, als man nach Paul verlangte und ich glaubte, er sei oben, um die Bücher, die der gnädige Herr für die Post bestimmt hatte, zu verpacken. Und jedesmal stand der Geist des toten Kastellans zwischen dem Schreibtisch und der Ecke, in der das große Bild des alten Ritters hängt –«

»Ein Urahne der Familie,« warf die Beschließerin ein, »vor dem sich Trine auch immer fürchtet, obwohl er, weiß Gott, fromm genug aussieht. Sie sieht eben überall Gespenster . . .«

»Und haben Se erkannt wirklich und wahrhaftig den toten Säufer in dem Geist?« fragte Rosenzweig.

»Natürlich! Das wilde graue Haar, das so struppig um das Gesicht stand zu Lebzeiten des Alten, und die häßlichen Hautsäcke unter den schwarzen bösen Augen – wer könnte denn das vergessen? Nur weißer war das Gesicht des Geistes, so weiß wie Kalk oder Leinwand. Aber das ist nur natürlich bei einem, der von Rechts wegen längst ins Grab gehört, nicht wahr?«

»Hat er denn nie gesprochen ein Wort zu Ihnen, Fräulein Katherine?«

 »Gesprochen?« Trine war entsetzt. »Das fehlte noch! Geister sprechen doch überhaupt nur sehr selten . . . und glauben Sie denn, ich wäre stillgestanden? Einen Schrei hab ich jedesmal getan und dann bin ich wie wahnsinnig davon gelaufen. Das erstemal in die Gesindestube, aber da haben sie mich nur ausgelacht und keiner wollte mir glauben. Später sagte ich überhaupt nichts mehr, denn auslachen lasse ich mich nicht ungerechterweise. Erst wie das Schreckliche mit dem gnädigen Herrn passiert ist, fing ich wieder davon an, aber selbst da glaubte mir niemand.«

»Na, aber jetzt haben Sie dafür genug darüber geschwatzt, Trine, und ich meine, es wäre gescheiter, Sie ließen Herrn Rosenzweig in Ruhe seinen Kaffee trinken, damit wir nachher bald zu unseren Heften kämen.«



XVI.

Mara von Rittler war allein zu Hause, als man ihr Major Botstiber meldete. Sie saß untätig am Fenster und blickte verloren in den grauen nebligen Tag hinaus.

Als der Major eintrat, erhob sie sich und ging ihm rasch entgegen.

»Welch angenehme Ueberraschung, Onkel Malchus! Ich dachte eben an Kreuzstein und wie traut dort vor einem Jahre noch alle zusammen . . .« ihre Stimme bebte, aber sie bezwang sich gewaltsam und fuhr fort: »Darüber wurde ich natürlich traurig. Aber Ihr Kommen scheint mir nun wie ein lebendiger Gruß von daheim!«

Botstiber seufzte.

»Wenn Sie Heimweh haben, liebe Mara, warum kommen Sie nicht allein oder mit Ihrer Tante öfter wenigstens für einen Nachmittag hinaus?«

»Tante Sessa ist gesellschaftlich stets so in Anspruch genommen, daß sie behauptet, keine Zeit dazu zu finden . . . Und allein? Sie werden mich auslachen, Onkel Malchus, aber ich fürchte mich, allein nach Kreuzstein zu kommen! Ich fürchte die Schrecken der Erinnerung, die traurige Leere dort in den lieben Räumen . . . nein, ich muß erst ruhiger werden . . .«

»Sie, Mara? Die immer Ruhige, Tapfere?«

Mara wandte den Blick verwirrt ab.

»Ich bin sehr nervös geworden. All die Aufregungen, die Angst, die Sorge . . .«

»Ich verstehe,« sagte er mild, »auch ich bin nicht mehr derselbe! Auch mich quält die Einsamkeit draußen, die einen so traurigen Gegensatz bildet zu vergangenen Zeiten . . . aber wir wollen uns nicht gegenseitig das Herz noch schwerer machen, als es schon ist,« fügte er hinzu, indem er sich neben Mara am Fenster niederließ. »Haben Sie Nachrichten von Mama und Yolanthe?«

»Nein.«

»Wie – sie schreiben auch Ihnen nicht?«

»Nur zwei Karten kurz nach der Abreise. Eine war aus Wiesbaden, die andere aus Nizza. Uebrigens wundert mich dies nicht. Wir schieden verstimmt.«

Eine kleine Pause trat ein. Der Major spielte unruhig mit den Fransen einer Tischdecke. Dann sagte er: »Ich will offen sein gegen Sie, Mara. Mamas Verhalten beunruhigt mich!«

»Oh – ist sie krank? Haben Sie schlimme Nachrichten?«

»Ich habe gar keine. Anfangs wie Sie – nur Karten. Bald von hier, bald von dort. Seit vierzehn Tagen schreibt man mir gar nicht, und ich weiß nicht einmal eine Adresse.«

»Mama und Yolanthe waren nie Freundinnen vom Briefschreiben. Indessen könnten sie doch –«

»Es scheint, daß Mama nicht einmal den ursprünglichen Reiseplan beibehielt. Sie sollten in kleinen Etappen nach Marseille, um sich da einzuschiffen . . . Der Arzt hielt eine Seereise für das beste, wie Sie wissen – nun reisen die Damen aber scheinbar planlos von einem Badeort zum andern – sie, die in Trauer sind und sich gerade von solchen Weltkurorten streng fernhalten sollten . . .«

»Ich glaube, man darf das Mama nicht allzu hoch anrechnen. Sie ist neugierig und impulsiv wie ein Kind und es war stets ihr Wunsch, mitschwimmen zu dürfen im Strom eines prunkvollen Gesellschaftslebens. Außerdem gehen beide von der Ansicht aus, sie würden am besten mit der Vergangenheit fertig, wenn sie jetzt Vergessen in Zerstreuungen suchten.«

 »Das ist roh – das ist pietätlos! Achim war ein Gatte, wie es deren nur wenige gibt, und Ihre Stiefmutter hätte alle Ursache . . .«

»Wir wollen nicht richten, lieber Onkel Malchus. Sehen Sie, mir kommt jetzt oft der Gedanke, als wäre mein armer Papa trotz aller Liebe doch eine viel zu trockene Gelehrtennatur gewesen für einen Paradiesvogel wie Mama. Er war zu tief, zu schwer, zu ernst . . . sie litt manchmal insgeheim daran und verzehrte sich vielleicht in brennender Sehnsucht nach dem glänzenden Leben und Treiben der großen Welt, zu dem Papas Reichtum und Name sie doch eigentlich berechtigt hätten. Nun ist sie frei und . . .«

Der Major sprang auf. Flackernde Röte glitt über seine Wangen. »So sprechen Sie, Mara? Sie, die Sie Ihren Vater liebten und Art von seiner Art sind? So lax beurteilen Sie das Benehmen seiner Witwe jetzt . . .«

»Ich vergesse nicht, daß Papa sie liebte eben so, wie sie war! Sie ist gut! Welche Unbesonnenheit immer sie begehen mag, nie wird es etwas wirklich Schlechtes sein. Es gibt Frauen, die klüger sind als Mama . . . berechnender, vorsichtiger . . . und dennoch in meinen Augen unendlich tiefer stehen als die arme Mama!«

Der Major ging einigemale unruhig durch das Gemach. Dann blieb er vor Mara stehen und sagte finster: »Ich habe einigen Grund anzunehmen, daß Ihre Stiefmutter und Yolanthe mit jemand zusammentrafen, dessen Gesellschaft Mama unter allen Umständen nur schwer kompromittieren kann. Sie erinnern sich vielleicht jener törichten Affäre in Franzensbad . . .«

Mara blickte betroffen auf.

»Mit Baron Weltenberg? Gewiß! Aber ich glaube nicht . . .«

»Der Mann hatte die Kühnheit, Ihrer Mutter hier einen Besuch machen zu wollen. Ich wies ihn selbstverständlich ab. Später erfuhr ich, daß er Wien am gleichen Tag verließ wie Mama, und ich traue ihm sehr wohl zu, daß er nun, wo sie frei ist, seine Bewerbungen erneuert!«

Mara antwortete nicht gleich. Die Nachricht kam ihr überraschend, denn sie hatte jener Affäre nie eine tiefere Bedeutung beigelegt.

»Wenn es wirklich der Fall wäre,« sagte sie endlich seufzend, »so müßten wir alle bezüglichen Beschlüsse Mamas persönlichem Ermessen überlassen. Ich kann unmöglich glauben, daß Baron Weltenberg ein unedler Mann ist . . . vielleicht paßt sogar gerade seine etwas flotte, lebemännische Art . . .«

»Aber begreifen Sie denn nicht, Mara? Die Gefahr liegt nahe, daß er Ihrer Stiefmutter Unbesonnenheit benützt . . . ihr Zusagen für die Zukunft entlockt . . .«

»Könnten – dürften wir es hindern, wenn sie selbst es als ihr Glück betrachtete? Es ist wahr, ich zürnte ihr früher manchmal, wenn ihre kindliche Art Papa Sorgen machte. Aber Papa war kein Egoist. So wenig er ihren Verlust bei Lebzeiten ertragen hätte, so wenig wäre es in seinem Sinn gelegen, sie über den Tod hinaus an sich zu binden. Mamas Charakter ist nicht geschaffen, ohne die leitende Hand eines Mannes mit dem Leben fertig zu werden.«

»Sie hat uns – hat ihren Sohn –«

»Leo ist ein Kind! Sein Beruf wird ihm nie gestatten, dauernd mit Mama zusammenzuleben. Und wir . . . Ihre väterliche Fürsorge in allen Ehren – aber einen Gatten werden wir alle Mama doch nie ersetzen können!«

Botstiber biß sich auf die Lippen und murmelte zornig: »Wenn Sie sich so leicht damit abfinden – ich kann es nicht! Achim war mein Freund, aus meinen Händen nahm er seine zweite Frau in Empfang, ich fühle mich verantwortlich für ihre Handlungen und werde einen so schmählichen Treubruch einfach nicht dulden. Sie soll hier auf Kreuzstein leben, Achims Andenken und ihrem heranwachsenden Sohne! Uebrigens ist ihre sofortige Rückkehr auch aus andern Gründen unbedingt nötig.«

»Aus – andern Gründen?« Mara horchte beunruhigt auf. Der Ton Botstibers war plötzlich entschlossen und von tiefem Ernst durchdrungen geworden.

»Ja. Sie wissen noch nicht alles. Ich war heute beim Untersuchungsrichter. Er hält noch an dem Glauben an Sturms Schuld fest, aber der Staatsanwalt ist anderer Meinung geworden. Jener Detektiv, den man zuerst nach Kreuzstein sandte, will neue Spuren gefunden haben im Park . . . er behauptet, aus Sephine allerlei herausgefragt zu haben, und will den Beweis liefern, daß Baron Weltenberg in jener Nacht gleichfalls auf Kreuzstein war. Jedenfalls wird der Baron nur schwer ein Alibi nachweisen können. Wenn man bisher mit entscheidenden Schritten zögerte, so geschah es nur im Hinblick auf die hohe gesellschaftliche Position Weltenbergs . . .

Und in dieser Gesellschaft reist Ihre Mutter aller Wahrscheinlichkeit nach! Begreifen Sie nun alles? Wie schwer sie sich kompromittiert, ja – sogar sich selbst in Verdacht bringt . . .!?«

Mara hatte wie betäubt zugehört. Man begann an Ernst Sturms Schuld zu zweifeln – wie lichter Himmelsschein fiel diese Nachricht in ihre Seele. Aber gleich darauf stockte ihr der Atem vor Schreck. Um welchen Preis – oh Gott, um welchen Preis!!

Sie sprang auf. Bebend preßten sich die Hände auf das wild schlagende Herz und in namenlosem Schreck starrte sie in das bleichgewordene Antlitz des Majors.

»Nein – oh nein – sprechen Sie dies nicht aus . . . Mama . . . Weltenberg . . . wer dürfte . . .« »Das Gericht fragt nicht um Erlaubnis, meine arme Mara! Man wird ihren Namen mitleidslos durch alle Mäuler ziehen, und was ich ihr eben durch diese Reise ersparen wollte, wird nun geschehen: sie wird Rechenschaft geben müssen über jede Minute ihres Lebens, über ihre Gefühle, ihre Ehe, ihre ganze Vergangenheit.«

Er fuhr sich nervös über die feuchtgewordene Stirn.

»Und wir, die wir wissen, daß sie nie etwas mit den furchtbaren Ereignissen jener Nacht zu tun gehabt haben konnte – wird man unseren Worten glauben? Welcher Tor war ich, sie fortzulassen! Man wird sagen, sie wollte fliehen . . . man wird nicht begreifen, warum sie ihren Aufenthalt selbst vor uns geheimhält . . .«

Es war, als habe der Major für einen Augenblick all seine sonstige kühle Ueberlegung verloren. Dann zwang er sich zur Beherrschung.

»Sie haben also keine Ahnung, wo sie sich zur Stunde aufhalten?«

»Nein. Was werden Sie nun tun, Onkel Malchus?«

Er dachte einen Moment nach. Plötzlich glitt ein blitzartiges Leuchten über sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht und er schlug sich vor die Stirn.

»Oh – ich weiß, wo ich es erfahren kann! Ein großer Teil der Trauergarderobe war noch nicht fertig und sollte nachgeschickt werden. Isabel ist viel zu harmlos und unüberlegt, um zu denken, daß ich bei ihrer Schneiderin nachforschen könnte . . . leben Sie wohl, Mara, ich muß sofort ins Maison Spitzer. Jede Minute ist kostbar.«

Mara sah dem Forteilenden in dumpfer Betäubung nach. Angstvolle Gedanken kreuzten sich in wirrem Durcheinander in ihrem Kopf. Welch neue furchtbare Aufregungen standen ihnen allen bevor . . . immer dunkler und verworrener wurde das Geheimnis, das ihres Vaters Tod umgab!

Und kein Lichtstrahl, nirgend, nirgends . . .

Plötzlich sprang sie auf und begann sich in fiebernder Hast zum Ausgehen anzukleiden.

Zu Silas Hempel! Seit Wochen hatte sie nichts von ihm gehört . . . wußte er um die neue Spur? Glaubte er an sie? Kam er deshalb nicht? Oder – der Herzschlag stockte ihr – hatte er die furchtbare Gewißheit von Ernsts Tod bekommen und wagte nicht, ihr Herz durch diese Nachricht zu brechen?

Verwirrt durcheilte Mara die Straßen. Es fiel ihr nicht einmal ein, daß sie einen Wagen benützen könnte. Ihr war, als brächte sie nichts so schnell in die Bernardgasse als ihre von Angst beflügelten Schritte.

Kata, mürrischer und struppiger denn je, hatte kein Auge für die Todesangst in dem schönen jungen Mädchengesicht. Sie verstand nur in den Zügen ihres Herrn zu lesen. Deshalb antwortete sie auf Maras Frage mit barscher Kürze: »Herr sein schon über zwei Wochen fort. Ich nicht wissen, ob er noch lebt oder totgeschlagen sein von verfluchte Spitzbuben.«

Damit schlug sie der Besucherin einfach die Tür vor der Nase zu.



XVII.

Mara war es, als wanke der Boden unter ihren Füßen. Das ruhig zuversichtliche Wesen Hempels hatte ihr bisher immer wieder in Stunden der Verzweiflung tröstend vorgeschwebt.

Sie traute seiner Erfahrung blindlings und zweifelte nie einen Moment an dem Eifer und der Hingabe, mit welcher er sich der übernommenen Aufgabe widmete.

Nun war er fort – seit Wochen – ohne sie mit einem Wort verständigt zu haben! Hieß das, daß er die Sache aufgegeben hatte? Oder folgte er einer Spur, die ihm selbst verhängnisvoll wurde?

Mara war von Natur aus ein verschlossener Charakter, der bisher alle Dinge am liebsten mit sich selbst allein ausgekämpft hatte.

Jetzt aber fühlte sie zum erstenmal im Leben ein beinahe wahnsinniges Sehnen nach menschlicher Teilnahme. Hätte sie doch eine Freundin besessen! Wie ein kleines Kind hätte sie den Kopf an deren Brust lehnen, ihren Kummer vor ihr ausschütten, ihr Herz durch Tränen erleichtern mögen . . .

Aber sie besaß keine Freundin. Ach – sie besaß seit ihres Vaters Tod ja überhaupt keinen Menschen auf Erden, dem ihr Wohl und Wehe wirklich naheging. Ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit, wie damals, ehe sie Kreuzstein verließ, packte sie.

Planlos durchschritt sie mehrere Straßen. Ihr graute förmlich davor, heimzukehren und in diesem Zustande Tante Sessa zu begegnen, die zwar lieb und gut war, aber doch nie von etwas anderem sprach als von ihren Standesangelegenheiten oder dem Klatsch, den sie bei ihren Besuchen gehört.

Tante Sessa nannte das »Mara ablenken und zerstreuen« . . .

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Lebte denn nicht in der Fürstenstraße ein armes altes Wesen, das in all diesen Tagen fast ebenso schwer gelitten haben mußte wie sie selbst?

Mara kannte Fräulein Rehbein nicht persönlich. Aber was lag daran? Standen sie einander nicht innerlich nah durch gemeinsame angstvolle Sorge um den einen teuren Verschwundenen?

Kaum gedacht, führte Mara ihren Entschluß auch schon aus, rief einen vorüberfahrenden Einspänner an und fuhr in die entlegene Fürstenstraße.

Am Haustor lehnte ein derbes Frauenzimmer auf einen Kehrbesen gestützt. Mara fragte etwas verlegen, ob und in welchem Stockwerk Fräulein Rehbein hier wohne.

»Ach, Sie meinen die alte Stickerin, deren Neffe . . . ja die wohnt hier. Im Parterre, die zweite Türe rechts.«

Mara hatte nicht gewußt, daß Fräulein Rehbein für Geld stickte, aber sie dachte: ›das erleichtert mir den Eintritt . . .‹

Auf ihr Klingeln erschien ein verkümmertes altes Mädchen mit abgehärmten Zügen und großen traurigen Augen.

»Fräulein Rehbein?«

 »Die bin ich. Bitte, treten Sie ein . . ., rechts bitte, links habe ich vermietet. So. Wollen Sie Platz nehmen, Fräulein . . . es handelt sich wohl um eine Arbeit, die Sie mir anvertrauen wollen?«

Dies alles wurde höflich, aber in gleichgiltig zerstreutem Ton gesprochen, wie eine oft gebrauchte Reihe von Phrasen.

»Ja . . . das heißt nein . . . ich wollte eigentlich . . .«

Fräulein Rehbein blickte erstaunt in das verwirrte Gesicht ihrer Besucherin, das sich langsam rot färbte.

»Sie wünschen keine Arbeit? . . .«

»Nein. Mein Name ist Mara von Rittler . . . er wird Ihnen bekannt sein . . .« antwortete Mara hastig. »Ihr Neffe war früher bei uns . . . und ich möchte . . . ich wollte nur . . .«

Brigitte Rehbeins Züge hatten sich jäh verändert. An Stelle der Gleichgültigkeit waren Mißtrauen, Abwehr und Unruhe in schnellem Wechsel darüber hingeglitten.

»Ah – Sie sind diejenige, um die er, wie ich höre, geworben hat und um deretwillen jetzt dieser schmachvolle Verdacht auf ihm ruht –«

»Nein. Die er liebte, war meine Schwester Yolanthe . . . ich selbst stand ihm ganz fern.«

»Und was führt Sie dann zu mir, Fräulein von Rittler?« fragte Brigitte immer noch mißtrauisch.

Mara blickte verwirrt zu Boden.

»Der innige Anteil, den ich an seinem Schicksal nehme! Es drängte mich, Sie kennen zu lernen . . . Sie, die Sie ihn erzogen haben, die Sie ihn lieben! . . . Ich dachte . . .«

»Man hat mir gesagt, daß in der Familie Rittler niemand an der Schuld meines Neffen zweifle,« unterbrach sie Fräulein Rehbein kalt, »auch diejenige nicht, die er . . . geliebt haben soll. Ich kann also nur annehmen, daß Sie gekommen sind, mich auszuhorchen, ob ich nicht heimlich von ihm Nachrichten erhielt. Aber ich weiß nichts . . . nichts . . . nichts!«

Bei der Versicherung Brigitte Rehbeins, daß sie von Sturm nichts wisse, bebte die Stimme des alten Fräuleins und die letzten Worte klangen, ohne daß sie es wußte, wie der Notschrei eines maßlos geängstigten Herzens. Da konnte sich Mara nicht länger bezwingen. Erschüttert schlang sie die Arme um Brigittens Schultern und stammelte, während große Tränen über ihre Wangen herabrannen: »Nein – ich bin nicht gekommen, Sie auszuhorchen . . . nein, ich glaube nicht an seine Schuld . . . ich möchte bloß, daß wir uns lieb haben, daß wir einander trösten, daß ich mit Ihnen von ihm sprechen kann . . .«

Erschrocken hielt sie inne. Kaum waren die Worte ihren Lippen entflohen, begriff sie, daß dieselben alles enthüllten, was sie in tiefster Seele zu verbergen wünschte.

Brigitte schwieg. Minutenlang starrten beide Frauen einander stumm und verwirrt an. Die eine tödlich verlegen, die andere betroffen, mitleidig, gerührt, als wollte sie sagen: ›Wie – dieses schöne edle Mädchen liebt ihn, und er konnte blind genug um die andere werben, die ihn verleugnete?‹

Endlich brach Fräulein Rehbein das Schweigen, indem sie schüchtern Maras Hand ergriff und sanft sagte: »Ja – wir wollen von ihm sprechen . . . so viel und so oft Sie nur wünschen. Und ich danke Ihnen aus tiefster Seele für . . . für Ihren Glauben an ihn!«

Dann saßen sie Seite an Seite auf dem harten altmodischen Sofa und die eine wurde nicht müde zu erzählen, die andere nicht müde zuzuhören. Beiden war plötzlich, als kennten sie sich seit Jahren.

Fräulein Rehbein erzählte von Ernst Sturms Knabenjahren, von seinem Fleiß, seinem Ehrgeiz, seiner Güte, seinem edlen idealen Empfinden.

Auch von seinem unerklärlichen Verschwinden sprachen sie und erwogen alle Möglichkeiten, ohne irgend ein wirklich stichhaltige zu finden. Brigitte hielt ihn für tot.

»Es ist ganz undenkbar, daß er mich sonst ohne Nachricht gelassen hätte,« schloß sie trübe, und Mara mußte ihr seufzend beistimmen.

Yolanthes Name wurde wie auf Verabredung nicht genannt.

Die Stunden vergingen im Flug. Längst war es draußen finster geworden. Brigitte hatte die Rollbalken herabgelassen und die Hängelampe angezündet. Da erhob sich Mara endlich, um zu gehen.

 »Wollen Sie mir noch die Freude machen, ehe Sie gehen, Ernsts Zimmer anzusehen?« fragte das alte Fräulein halb stolz, halb verlegen, »Es ist das hübscheste der Wohnung – wir haben Stück für Stück zusammen ausgewählt und er hatte solche Freude daran! Der Herr, dem ich es vermietete, ist nicht zu Hause, so können wir ganz ungeniert hinein.«

»Oh – Sie haben sein Zimmer an einen Fremden vermietet?« murmelte Mara traurig.

»Ich mußte leider! Die Wohnung wäre für mich allein viel zu kostspielig, und sie aufzugeben kann ich mich doch nicht entschließen, ehe ich volle Gewißheit über Ernsts Schicksal habe. Da betrachtete ich es wie einen Fingerzeig von oben, als kürzlich ein Herr Leb Rosenzweig bei mir anfrug, ob ich nichts zu vermieten hätte? Er ist sehr anständig und fast nie zu Hause, da sein Beruf als Kolporteur ihn viel über Land führt.«

Sie waren eingetreten. Stumm blickte Mara in dem mäßig großen, aber mit vornehmem Geschmack möblierten Raum umher, in dem alles so behaglich und sauber aussah, daß selbst sie, die an prunkvolle Zimmer Gewöhnte, meinte, nie etwas Hübscheres und Anheimelnderes gesehen zu haben.

Während die beiden Frauen noch plaudernd nebeneinander standen, klingelte es draußen und Fräulein Rehbein eilte hinaus. Sie ließ die Türe hinter sich ein wenig offen, so daß Mara jedes Wort hören konnte, das am Flur gesprochen wurde.

»Ah – Sie sind's?« sagte Brigitte freundlich. »Aber leider ist Herr Rosenzweig seit ein paar Tagen verreist, glaube ich. Wenigstens sah ich ihn noch nicht, obwohl er heute zurück sein wollte.«

»Das tut nichts, ich werde warten. Da er mich für heute abend hieher bestellte, wird er wohl kommen,« antwortete eine Stimme, die Mara sehr wohl kannte, sodaß sie schnell auf den Flur hinaus trat und überrascht ausrief:

»Paul! Sie! Aber wie kommen Sie denn hieher zu Fräulein Rehbein?«

Es war wirklich der ehemalige Kammerdiener ihres Vaters, der sichtlich verlegen und ebenso überrascht, wie Mara selbst, vor ihr stand.

»Ich – ich wollte nur einen alten Bekannten hier aufsuchen,« sagte er endlich.

»Ah. Herrn Rosenzweig, Fräulein Rehbeins Mieter!«

»Ja. Wir lernten uns mal im Kaffeehaus kennen . . . aber das gnädige Fräulein . . . nein, ist dies eine Ueberraschung!!«

Paul war noch immer etwas befangen, aber die Freude, Mara wiederzusehen, überwog schließlich alle andern Empfindungen und bald waren beide in ein halb wehmütiges, halb freudiges Gespräch über die alten schönen Zeiten in Kreuzstein vertieft.

Mara fühlte aus jedem Wort heraus, daß der alte Diener gleich ihr selbst heimlich von Heimweh verzehrt wurde, und Paul konstatierte insgeheim tief bekümmert, daß die Lieblingstochter seines verstorbenen Herrn gramvoll und gealtert aussah.

Sie trennten sich erst, als Leb Rosenzweig erschien und mit einem stummen Gruß gegen die Damen in seinem Zimmer verschwand.



XVIII.

Das war eine famose Idee von Weltenberg, uns hieher zu lootsen, anstatt nach Paris, wie wir zuerst vorhatten,« sagte Yolanthe von Rittler, sich behaglich in den Kissen einer Chaiselongue dehnend, die am Fenster stand und einen herrlichen Ausblick über das Meer mit seinen malerisch verstreuten Inseln und der Küste von Istrien gewährte. »Es ist ja wahr – was hätten wir von Paris gehabt, da wir keinen Menschen kennen und die Trauer uns von allen Vergnügungen ausschließt? Ich glaube, es wäre fast so langweilig geworden wie die famose Mittelmeerreise, die Onkel Malchus uns zugedacht hat.«

Sie sprach zu ihrer Stiefmutter, die am andern Fenster saß und mit ihren weißen rundlichen Kinderhänden an einer Stickerei herumbastelte.

Frau Isabel errötete ein wenig.

»Nicht wahr?« antwortete sie eifrig. »Weltenberg hat immer so nette Einfälle! Und immer trifft er das Richtige! Weißt du, was er sagte? ›Sie sind in Trauer,‹ sagte er, ›vergessen Sie das nicht! Was wollen Sie in diesen überfüllten Modeorten, wo man alle zehn Schritt einen Bekannten trifft und wo Sie doch nur zusehen dürften, wie die andern sich amüsieren. Reisen Sie doch lieber an einen stillen schönen Ort, wo Sie sich erholen können. Z. B. Brioni – dort ist jetzt die Saison vorüber, die paar Leute, die noch dort weilen, gehören nur der Elite an, und schließlich ist es – österreichischer Boden! Glauben Sie mir: die Heimat ist immer besser als die Fremde!‹ Hat er nicht recht? Ich fand dieses Herumreisen eigentlich fürchterlich anstrengend . . .«

»Dies hätte mich nun zwar nicht geniert, aber ich bin sehr zufrieden hier . . . wenigstens so lange Conte Almassa auch in Brioni bleibt,« nickte Yolanthe nachdenklich und streifte mit dem Blick ein herrliches Rosenarrangement, das den Tisch zierte. »Ich finde, die Italiener sind nicht nur die feurigsten, sondern auch die nettesten, galantesten Leute der Welt!«

Beide Damen lachten, unterbrachen sich aber rasch, fast erschrocken. Frau Isabel senkte den blonden Kopf wie ein schuldbewußtes Kind, das man zur Ordnung gerufen hat.

»Es ist eigentlich nicht recht, daß wir schon so bald nach des armen Papas Tod . . .« murmelte sie.

Yolanthe unterbrach sie beschwichtigend: »Wir werden den lieben guten Papa ja niemals vergessen! Sein Andenken bleibt uns heilig, auch wenn wir keine tragische Miene aufsetzen und nicht immer in Tränen schwimmen, wie z. B. Mara es für ihre Pflicht hält. Erinnere dich nur, Mama, er selbst hatte es am liebsten, wenn wir fröhlich waren!«

»Gewiß . . . nur weißt du . . . manchmal denke ich, er würde es vielleicht doch nicht billigen, daß wir gerade Weltenbergs ritterlichen Schutz annahmen . . .«

»Du meinst wegen der dummen Geschichte damals in Franzensbad? Aber Mama – das war doch ein Scherz und ist längst vergessen! Weltenberg selbst ist viel zu taktvoll, um jetzt darauf zurückzukommen. Sein Benehmen ist tadellos, ich beobachtete ihn genau, er wird dich sicher durch keine Unzartheit in Verlegenheit setzen, und daß er gleichsam par distance über uns wacht, ist etwas, wozu seine Kavalierspflicht als alter Bekannter ihn geradezu zwingt. Mache dir nur nicht unnötig Sorgen! Wir leben hier so still und zurückgezogen wie Klosterfrauen, mehr kann niemand verlangen.«

Frau Isabel rückte unruhig auf ihrem Stuhl herum.

»Jolanthe . . . Liebling . . . ich muß dir aber noch ein Geständnis machen: Weltenberg traf nicht aus Zufall vor acht Tagen mit uns in Nizza zusammen. Er suchte uns . . .«

»Nun – und was weiter? Das dachte ich mir gleich.« Jolanthe nahm eine weise, überlegene Miene an, wie öfter der Stiefmutter gegenüber. »In solchen Fällen ist es am besten, Mama, man tut, als merke man nichts.«

»Gewiß, das tat ich auch. Aber ich habe eine schreckliche Angst, Onkel Malchus könnte etwas erfahren . . . er würde all dies furchtbar unpassend finden. Er ist so streng. Und denke dir nur – Weltenberg wollte mir zwei Tage nach dem Unglück einen Kondolenzbesuch machen, aber Onkel Malchus erlaubte dem Diener nicht einmal, mir Weltenbergs Karte zu bringen. Er wies ihn sehr schroff ab . . . ich erfuhr dies erst jetzt von Weltenberg selbst.«

»Das ist eigentlich stark von Onkel Malchus. Was gehen ihn deine Besuche an?«

»Nun, er war mein Vormund und . . .«

»Ist es längst nicht mehr! Du bist doch jetzt ganz deine eigene Herrin!«

»Ich bin Major Botstiber viel Dank schuldig . . . immerhin möchte ich nicht, daß er . . . es ist wegen der Zukunft . . . ich kann mich doch nicht immer von ihm bevormunden lassen? Siehst du, darum hielt ich es für das beste, ihm gar nichts von unseren veränderten Plänen zu schreiben . . . ich bin so froh, daß du einverstanden warst!«

»Natürlich! Er wäre imstande, uns einmal zu besuchen, wenn er uns so nahe wüßte, und täte womöglich noch erstaunt, uns nicht in Sack und Asche zu finden . . . nein, nein, ganz gut, daß er nicht mehr weiß. Wir brauchen ihn jetzt durchaus nicht hier.«

Sie stand auf und trat vor den Spiegel, wo sie ihre Erscheinung einer kritischen Musterung unterzog.

»Schwarz steht mir nicht übel, glaube ich, wenn es mich auch nicht so vorteilhaft kleidet wie dich, Mama.«

»Tu bist immer bildschön, mein Kind. Das machen deine sanften verschleierten Augen, die so träumerisch aussehen wie ein Märchen . . . verdrehe dem armen Almassa nur nicht zu sehr den Kopf, er ist ohnehin schon ganz weg.«

Jolanthe lächelte zufrieden.

»Warum denn nicht? Wäre er nicht eine sehr glänzende Partie?«

Frau Isabel sah ihre Stieftochter überrascht an.

»Du denkst ernstlich daran . . .?«

»Hm – ich lasse die Dinge stets erst an mich herankommen. Dann greife ich danach oder – schiebe sie von mir, wie es mir eben vorteilhafter erscheint.«

»Liebst du ihn denn?«

»Ich glaube nicht. Er ist sehr nett . . . aber da wir in Trauer sind, haben wir ja noch lange Zeit zu überlegen. Liebe – hm, weißt du, Liebe ist unter Umständen das albernste Ding der Welt.«

Ein Schatten flog bei diesen Worten über das schöne Gesicht. War es die Erinnerung an einen Mann, den Jolanthe einst glauben ließ, sie liebe ihn? . . .

Mit gerunzelten Brauen wandte sie sich vom Spiegel ab.

»Bist du fertig, Mama? Es ist drei Uhr. Die Herren werden drüben im Hotel warten, um den besprochenen Ausflug nach Val Madonna zu machen,«

»Ja, ich bin fertig,«

Beide Damen traten hinaus auf den weißen Loggiengang der Dependance, in welcher ihre Zimmer lagen, und stiegen die Treppe hinab.

Ein zu beiden Seiten von Riesenaquarien eingefaßter Wandelgang verband die Dependance mit dem eigentlichen Hotel, das nur durch ein paar Tischreihen vom Strand getrennt war.

Zwei Herren promenierten wartend im Wandelgang auf und ab. Weltenberg und Conte Almassa, ein mittelgroßer Italiener mit blitzenden Augen, braunem Teint und sehr markierten Zügen.

Er gesellte sich sofort zu Jolanthe, während Weltenberg mit Frau Isabel langsam folgte.

Als sie den Wandelgang verließen, legte drüben am Hafen ein Schiff an. Es war nicht die schöne weiße Jacht, welche sonst den Verkehr zwischen Pola und den Brionischen Inseln vermittelte, sondern ein Militärtender, dem mehrere Herren entstiegen.

»Fremde – wie lästig,« sagte Jolanthe naserümpfend, denn die Herren sahen gar nicht so aus, als ob sie die kleine exklusive Gesellschaft, die momentan noch auf Brioni weilte, angenehm bereichern würden.

Conte Almassa warf einen Blick nach dem Molo. »Kaum,« lächelte er, »es sieht eher aus wie eine Kommission. Der Herr, welcher voran geht, ist der Bezirkshauptmann von Pola. Wahrscheinlich gilt es wieder Schmugglern oder einem Spion.«

Plaudernd schritten sie weiter auf der herrlichen, von Rosmarinbäumen eingesäumten Straße nach Val Madonna.

Das zweite Paar folgte schweigsam. Frau Isabels blaue Kinderaugen schweiften entzückt über die grünen Gelände der Insel, deren üppige Tropenvegetation, von kundiger Hand gepflanzt, wirksam unterbrochen wurde durch altersgraue Ruinen und die Befestigungen der Forts.

In der Ferne, klippenumsäumt, blaute das Meer. Unbewohnte Eilande, nur von weißen Möwenscharen bevölkert, bildeten da und dort eine angenehme Unterbrechung der endlos scheinenden Fläche.

»Wie wunderschön es hier ist!« rief Frau Isabel impulsiv aus und blieb stehen.

»Aber Sie sind so schweigsam . . . gefällt es Ihnen denn hier nicht auch, Baron?«

Er schwieg. Seine Züge waren düster, er selbst so in Gedanken versunken, daß er die Frage gar nicht gehört hatte.

Auch seine Blicke streiften über das grüne Gelände hin, aber er sah nichts von seiner Pracht. Vor ihm stand überall das schöne blonde Rätsel mit den blauen Kinderaugen, das einmal so rein und harmlos wie ein Engel, dann wieder voll dunkler Unergründlichkeit wie ein Dämon erschien.

Er liebte sie verzehrend. Ein Jahr lang war er ruhlos von Ort zu Ort geflohen, um diese Liebe zu vergessen, aber sie war nur gewachsen, immer heißer, immer gieriger, bis sie ihn völlig um den Verstand gebracht hatte . . .

Nun endlich war die geliebte Frau frei, nun endlich konnte sie sein eigen werden – wenn sie wollte . . .

Aber würde sie wollen? Liebte sie ihn? Konnte sie ihn überhaupt lieben? Dies war die Frage, um die sich seit Wochen all sein Denken drehte.

In fieberhafter Angst suchte er ihre Seele zu ergründen. Aber er fand bis jetzt nur ein weißes Blatt. Weder das Leben noch die Ereignisse der letzten Zeit schienen eine Spur darauf zurückgelassen zu haben.

Sie lächelte, plauderte und gab sich wie damals vor einem Jahre, als er sie noch für ein Mädchen hielt. Ab und zu, mitten im Gespräch fiel ihr wohl das schreckliche Ende ihres Mannes ein, dann fuhr sie schaudernd zusammen, erinnerte sich seiner gütigen Liebe und weinte ein bißchen.

Aber diese Tränen waren wie Sommerregen – sie trockneten schnell.

Und der Mann an ihrer Seite, der jede Regung angstvoll belauerte, fragte sich bang: ist dies nur die Oberflächlichkeit einer Frau, deren Herz trotz Ehe und Mutterschaft noch in jungfräulichem Schlafe liegt, oder angeborene Kälte?

»Ich habe eine Frage an Sie gerichtet, Aaron!« sagte Frau Isabel, verletzt durch sein Schweigen, und ihre feingeschnittene» Lippen zitterten ein wenig.

»Pardon . . .« er fuhr herum. Seine dunklen Augen versenkten sich in die ihren, »ich war in Gedanken . . . was wünschten Sie zu wissen, gnädige Frau?«

Sie wandte den Kopf ab.

»Ach, es lohnt sich nicht der Mühe . . .« Plötzlich sah sie ihn wieder an. Anders als sonst: fest, geradeaus, unruhig, forschend.

»Wissen Sie, daß Sie gar nicht mehr so nett zu mir sind, wie . . . wie früher? Immer schweigsam . . . immer versunken in weiß Gott was für ernste, düstere Gedanken . . . nein, wirklich, Sie sind gar nicht lieb und gut zu mir!«

»Ich!!!« Er sagte nur dies eine Wort, aber es lag alles darin, was er bisher mühsam in sich verschlossen hatte. Seine ganze Liebe, seine Angst, seine Sehnsucht.

Frau Isabel erschrak und begriff, daß sie etwas sehr Törichtes getan hatte. Etwas, das sie um jeden Preis hätte vermeiden müssen.

Sie schämte sich, war unglücklich über sich selbst und wünschte sich tausend Meilen weg. Und in ihrer Ratlosigkeit tat sie zum zweitenmal etwas Törichtes: sie setzte sich, anstatt weiter zu gehen und das Paar vorne einzuholen, auf eine Bank am Wege und begann hilflos zu weinen wie ein Kind.

›Nein,‹ dachte sie, ›ich werde nie lernen, mit dem Leben fertig zu werden. Immer sage und tue ich gerade das Gegenteil von dem, was ich eigentlich sollte und – möchte.‹

Weltenberg stand schwer atmend neben ihr. Er hätte sie in die Arme nehmen und trösten mögen, ihr sagen, wie er sie liebe, sie fragen, ob . . .

Aber er begriff: es wäre gemein, ihr jetzt, einen Monat nach ihres Mannes Tod, von Liebe zu sprechen.

Mit einem Rest von Vernunft hatte er sich selbst das Wort gegeben, in dieser Richtung stark zu sein und nicht vor Ablauf des Trauerjahres zu sprechen. Dieses Wort mußte er halten.

Isabel von Rittler weinte still in sich hinein. Sein Schweigen ließ das Unpassende ihres Gebarens ihr immer deutlicher ins Bewußtsein treten.

Verstört murmelte sie: »Oh – was müssen Sie von mir denken? Ich bin so ungeschickt . . . so töricht . . . verzeihen Sie . . .«

In ihm aber blitzte plötzlich das Verständnis ihres Wesens auf wie eine Offenbarung. Er erkannte hinter den oberflächlich anerzogenen Allüren der Weltdame die naive, seltsam unentwickelt gebliebene Kinderseele.

Worte fielen ihm ein, die ihre Stieftochter Mara einst besänftigend gesprochen hatte, als Zorn und Schmerz ihn um alle Besinnung zu bringen drohten,

»Sie dürfen Mama nie messen mit dem Maß anderer Frauen. Sie handelt immer impulsiv, manchmal unbesonnen, aber nie in böser Absicht. Man hat sie bis zu ihrer Vermählung fast immer in der Obhut eines Klosters gelassen, und später schuf meines Vaters Liebe einen Wall um sie, der sie nur selten mit der Welt in Berührung treten ließ. So blieb sie, was sie war: weltfremd, fröhlich, und . . . . gedankenlos. Das bildet ihren Charme, aber es ist auch die Wurzel manches Fehlers.«

Wie richtig beurteilten Maras Worte diese Frau! Rührung und ein großes Glücksgefühl durchströmten Weltenberg.

Er setzte sich neben Frau Isabel, nahm ihre Hand und sagte sanft: »Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Sie sollen sich mir gegenüber immer geben, wie Sie sind, und ich werde Sie nicht mißverstehen. Aber Sie müssen auch Vertrauen in mich setzen . . . Wenn ich Ihnen heute weniger lieb und gut erscheine, so sollen Sie nichts anderes daraus schließen, als daß ich schwerwiegende Gründe habe, so und nicht anders zu handeln. Gründe, die Sie eines Tages gewiß verstehen und . . . billigen werden.«

Sie blickte zaghaft, unsicher zu ihm auf. Dämmerte ihr der Sinn dessen, was er meinte?

Weltenberg konnte es nicht ergründen, denn in diesem Augenblick kehrten Jolanthe und Conte Almassa, die sich öfter umgeblickt hatten, zurück.

Er drückte also nur noch einmal beruhigend ihre Hand und flüsterte: »Vergessen Sie nicht – ich bitte Sie nur um unbedingtes Vertrauen.«

Frau Isabel kam bei Jolanthes Anblick plötzlich peinlich zum Bewußtsein, daß sie verweint aussehen mußte.

»Was würde Jolanthe, die immer kühle, gelassene, formvollendete, von ihr denken?«

Hastig griff sie nach ihrem Täschchen, in dem sich das Taschentuch befand.

Im nächsten Augenblick stieß sie einen leisen erschrockenen Schrei aus, indem ihre Hand eine noch uneröffnete Depesche aus dem Täschchen zog.



XIX.

»Mein Gott – wie konnte ich nur darauf vergessen,« stammelte sie ratlos und verwirrt zu Jolanthe aufblickend, die neugierig näher getreten war. »Sephine gab sie mir, als wir nach Tisch hinüberkamen.«

»Bah, es wird nichts besonderes sein,« meinte Jolanthe, »von der Schneiderin wahrscheinlich. Sonst weiß ja niemand, daß wir hier sind.«

Frau Isabel reichte ihr das Telegramm.

»Bitte, mache du es auf. Ich habe immer Angst vor Depeschen . . .« sagte sie naiv.

Jolanthe riß das Telegramm auf und las halblaut: »Wünsche sofortige Heimkehr, die im eigenen Interesse dringend nötig ist. Erwarte Euch mit erstem möglichen Zug. Botstiber.«

»Woher weiß er denn, daß wir hier sind?«

Verwundert ließ Jolanthe das Papier sinken.

Frau Isabel zuckte ratlos die Achseln.

»Von mir nicht . . . ich begreife es nicht . . .« Dann setzte sie kläglich hinzu: »Wir werden wohl fahren müssen – was meinst du?«

Jolanthe warf ärgerlich den Kopf zurück.

»Warum denn? Etwa weil es Onkel Malchus beliebt, uns einfach wie entsprungene Verbrecher zurückzuzitieren? Ich muß gestehen, der gute Onkel Malchus nimmt sich ein bißchen viel heraus . . . fast als betrachte er sich nun als rechtmäßiges Familienoberhaupt. Aber das ist nur, weil du dich stets willenlos von ihm einschüchtern ließest, Mama! Nun glaubt er, wir müßten zeitlebens gehorsam nach seiner Pfeife tanzen!«

»Wir sind ihm viel Dank schuldig . . .«

»Bah – er uns auch,« gab Jolanthe trocken zurück, »schaltet und waltet er nicht wie der eigene Besitzer auf Kreuzstein? Mag er dort den Herrn spielen, ich habe nichts dagegen, aber uns soll er zufrieden lassen.«

»Du glaubst also, es ginge an, daß wir . . .«

»Hierbleiben! Selbstverständlich!«

Frau Isabel schwieg und atmete erleichtert auf. Jolanthes Auffassung von Malchus Botstibers Stellung in der Familie Rittler war ihr neu. Sie selbst hätte nicht gewagt, auf diesen Gedanken zu kommen, aber sie griff begierig darnach, denn er entlastete ihr Gewissen und gestattete ihr, hier zu bleiben, was sie, ohne es sich klar einzugestehen, im Augenblick brennend wünschte.

Conte Almassa sah Jolanthe verliebt an.

»Ich danke Ihnen . . .« flüsterte er, »ich wäre sehr unglücklich gewesen, wenn Sie sich zur Abreise entschlossen hätten. Ohne Sie würde Brioni allen Reiz verloren haben.«

Sie antwortete nur durch ein Lächeln.

»Es beginnt schon zu dämmern,« wandte sie sich an ihre Stiefmutter, »wollen wir heimkehren?«

»Ja gewiß – wenn du glaubst –«

Langsam schritten sie dem Hotel zu, dessen Bogenlampen eben aufflammten und einen weißen zitternden Schein weit hinaus auf die Wasserfläche warfen.

»Sind Sie müde? Wünschen Sie sich zurückzuziehen, gnädige Frau?« fragte Weltenberg.

Sie verneinte rasch.

»Es ist so schön und mild heraußen. Wir könnten wohl noch bis zum Abendessen ein wenig am Strande promenieren.«

Auch Jolanthe war dieser Ansicht und so wandelten sie am Hafendamm auf und ab.

Das Meer war ruhig, unzählige Sterne spiegelten sich auf seinen sanft schaukelnden Wogen, schweigend zogen Fischerbarken, deren bunt bemalte Segel aussahen wie die Fittiche märchenhafter Riesenvögel, durch die Flut.

Drüben an der Küste von Istrien schimmerten die Lichter Fasanas geheimnisvoll aus dem Dunkel.

Man sprach nur wenig und von ganz gleichgültigen Dingen. Aber Frau Isabel hatte die merkwürdige Empfindung, als erlebe sie etwas ganz Außerordentliches, Tiefes, Niedagewesenes. Irgend etwas, das sie froh und traurig zugleich machte. Es legte sich bang und beklommen um ihre Brust und raubte ihr fast den Atem.

»Ich fürchte, wir bekommen Scirocco,« murmelte sie, »fühlen Sie nicht – man kann kaum Atem holen?«

»Nein, die Luft ist kühl und klar,« antwortete Weltenberg ruhig, »es steht eher Bora zu erwarten. Die ist wild und rauh, aber das tut nichts – sie stählt die Nerven und härtet ab. Sie sind zu sehr an die Zimmerluft gewöhnt – ich möchte Sie einmal mit Gewalt hinaus in einen Borasturm führen und dann sich selbst überlassen. Und ich wette, Sie würden mit Erstaunen sehen, wie stark Sie sind!«

»Oh nein – ich bin nicht stark. Ich würde mir nie allein zu helfen wissen –«

»Das kommt Ihnen nur so vor. Junge Hunde wirft man ins Wasser und siehe – sie können auf einmal schwimmen!«

»Welch galanter Vergleich!«

Weltenberg blieb stehen und blickte seine Begleiterin ernst an.

»Ich will nicht galant sein – Ihnen gegenüber! Aber ich möchte Sie vieles lehren – vor allem: feststehen im Leben, auf eigenen Füßen, wie jeder rechte Mensch es soll. Man hat es Ihnen bisher viel zu bequem gemacht – meinen Sie nicht auch?«

Frau Isabel sah unsicher in das ernste Männerantlitz, das nicht so geistreich war wie viele andere, die sie im Lauf ihres Lebens erblickt hatte, aber dafür voll Kraft und männlicher Entschlossenheit.

Sie atmete tief auf.

»Vielleicht . . .« murmelte sie befangen. Zugleich tauchte ein stilles feines Gelehrtengesicht vor ihr auf. Das Antlitz ihres toten Gatten.

Er hatte nie so zu ihr gesprochen . . . so streng, fast kalt. Er hatte sie immer angebetet. Was würde er sagen, wüßte er . . .

Schaudernd hüllte sie sich in ihren leichten Mantel. Und plötzlich überkam sie das Gefühl eines begangenen Unrechtes an dem armen Toten.

»Ich bin herzlos, ich bin schlecht, leichtsinnig, gedankenlos . . .« dachte sie, »Achim war so gut! Ihm verdanke ich alles, was ich habe, und doch schmerzt mich sein Verlust nur wie der eines teuren Bruders . . . oh warum trauere ich nicht um ihn, wie die Frau um den Mann trauern soll, der ihr alles war?«

Tränen traten in ihre Augen.

Sie gab sich keine Rechenschaft darüber, woher ihr gerade jetzt Gedanken kamen, die ihr bisher ferngelegen. Warum sie plötzlich wußte, welche Gefühle sie natürlicherweise allein beherrschen sollten in dieser ersten Zeit ihrer Witwenschaft. . . .

Aber sie begriff dunkel, daß Jolanthes Reden von dem »stets heilig bleibenden Andenken« des Toten nichts weiter waren als Ausreden eines kühl und lieblos fühlenden Herzens.

»Ich will nicht kühl und lieblos sein wie Jolanthe,« dachte sie aufgeregt, »ich bin es nicht . . .«

Rasch, mit gesenktem Kopf schritt sie vorwärts. Sie wagte nicht mehr, Weltenberg auch nur mit dem kleinsten Blick zu streifen.

Ihr war auf einmal, als graute ihr vor ihm. Als müsse ihr grauen. Als müsse sie ihn fliehen, wie die Sünde . . .

Sie näherten sich dem Hotel. Niemand von den vier Personen hatte bemerkt, daß ihnen schon geraume Zeit ein Herr in vorsichtiger Entfernung folgte. Als sie nun in den Lichtkreis der elektrischen Bogenlampen traten, wechselte er ein Zeichen mit zwei andern Herren, die wartend vor dem Hoteleingang auf und ab gingen.

Sie traten auf das erste Paar – Frau Isabel, und Weltenberg zu.

»Baron Weltenberg?« fragte einer der Herren höflich.

»Ja. Sie wünschen?«

»Zuerst, daß Sie sich von der Dame hier verabschieden. Herr Kommissär Walter, Sie sind wohl so freundlich, die beiden Damen nach ihren Zimmern zu begleiten und ihnen dort das Nötige mitzuteilen.«

Dies wurde höflich, aber sehr bestimmt gesprochen. So bestimmt, daß niemand darüber im Zweifel sein konnte, die Aufforderung käme einem Befehl gleich.

Weltenberg wurde aschfahl.

»Was soll . . . dies . . . heißen . . .?« stammelte er,

»Ich bitte kein Aufsehen – schon im Interesse der Damen,« sagte der fremde Herr kalt, »wir wünschen doch gewiß alle nicht, daß die Hotelgäste drinnen alarmiert werden.«

Weltenberg verbeugte sich stumm vor Frau von Rittler, die sich leichenblaß und zitternd auf Jolanthes Arm stützte. Einen Augenblick lang ruhten seine dunklen Augen fest, wie beschwörend, in den ihren, die groß, verstört, wie erloschen zu ihm aufstarrten. Dann wandte er sich rasch ab.

Jolanthe, deren schönes bleiches Gesicht einen hochmütigen Ausdruck angenommen hatte, führte ihre Stiefmutter, die sich willenlos fortziehen ließ, nach der Dependance.

In Frau Isabels Zimmer stand Sephine, blaß und verstört. Die Laden waren aufgezogen, die Schränke geöffnet.

»Wollen Sie mir sagen, was dies alles heißen soll?« wandte sich Jolanthe empört an den ihr stumm folgenden Kommissär Walter.

»Gewiß. Es ist meine Pflicht. Man hat soeben Baron Weltenberg als den mutmaßlichen Mörder Ihres Vaters verhaftet. Und da Ihre Stiefmutter aller Wahrscheinlichkeit nach Beziehungen zu dem Schuldigen besitzt, war man gezwungen, Einsicht in ihre Effekten zu nehmen.«

Frau Isabel stieß keinen Schrei aus. Starr wie eine Bildsäule stand sie mit verzerrten Zügen da und blickte stier vor sich hin.

Einen Augenblick blieb es totenstill im Zimmer. Dann sagte Jolanthe, den Kopf hochmütig zurückwerfend: »Und wir? Sind wir etwa nun auch verhaftet?«

»Nein, mein Fräulein. Dazu bedürfte es der Beweise . . . ich meine in bezug auf Ihre Stiefmutter, denn Ihre Person bleibt selbstverständlich außer Frage. Aber Frau von Rittler ist gezwungen, sich sofort nach Wien zurückzubegeben, da man ihrer Zeugenaussage bedarf. Hier ist die betreffende Vollmacht. Ich werde mir die Ehre geben, die Damen morgen früh vor Abgang der Jacht am Hafen zu erwarten.«

Jolanthe bebte vor Zorn und Scham. Sie dachte gar nicht daran, ihre Stiefmutter, die wie leblos dasaß, zu trösten. Ein einziger Gedanke beherrschte sie: Wie würde Conte Almassa sich nun verhalten? Was würde er von ihnen denken?

»Packen Sie sofort, Sephine,« herrschte sie die Zofe an, »wir reisen morgen früh nach Kreuzstein zurück!«

Dann ging sie in ihr Zimmer und schloß sich ein.

Es war ein Spießrutenlaufen am nächsten Morgen, der kurze Weg zum Hafen. Trotz aller Vorsicht war etwas von den Ereignissen des vergangenen Abends den übrigen Gästen bekannt geworden. Man hatte erfahren, daß Baron Weltenberg die Insel auf einem Militärtender verlassen, daß die beiden schönen Damen sich entschlossen hatten, Knall und Fall ohne Abschied abzureisen.

Man war zu taktvoll, sich geradezu aufzustellen, um Zeuge dieser Abreise zu sein, aber Jolanthe bemerkte doch nur zu gut, daß trotz der frühen Stunde heute bereits alles am Strand promenierte und verstohlen nach ihnen blickte.

Das Schlimmste war: die Herrschaften vergaßen zu grüßen und blickten stets rasch weg, wenn ein Blick aus Jolanthes dunklen Augen sie streifte.

Blaß, zähneknirschend, aber hoch ausgerichtet, schritt Jolanthe vorwärts, ohne sich um die arme Frau Isabel zu kümmern, die ihr kaum folgen konnte.

Egoistisch wie immer, machte sie in Gedanken nun die Stiefmutter für den Eklat verantwortlich, unter dem ihr Stolz so bitter litt. Warum hatte sie Weltenberg neben sich geduldet? Warum ihn nicht wenigstens gestern abend entschieden verleugnet? Sie hätte ja ganz gut sagen können: »Der Mensch geht uns gar nichts an. Er hat sich an uns herangedrängt . . .«

Aber sie hatte nichts Besseres zu tun gewußt als zu schweigen . . . Welche Schwäche, welche ungeschickte Schwäche!

Heimlich spähte sie unter den Kurgästen nach Almassa aus. Er war nicht darunter. Natürlich – er ließ sie fallen, er schämte sich für sie – vielleicht war er schon in aller Frühe mit einem Boot nach Fasana hinübergefahren.

Aber nein! Draußen am Molo, hart an der Schiffsbrücke stand er, und seine schwarzen Augen grüßten Jolanthe nun von weitem ernst, heiß und in unveränderter Ergebenheit.

Sie atmete tief auf. Zum erstenmal im Leben wallte auch in ihr eine warme, wirklich dankbare Regung auf.

Er grüßte stumm. Aber als sie im Begriff stand, die Schiffsbrücke zu betreten, drückte er plötzlich ihre Hand und flüsterte leidenschaftlich: »Ich weiß alles. Und ich gehe nur darum nicht mit Ihnen, weil ich fürchte, meine Begleitung könnte im Augenblick kompromittierend aufgefaßt werden. Aber später, wenn Sie nicht mehr in so tiefer Trauer sind, darf ich dann nach Kreuzstein kommen?«

Jolanthe erwiderte den Druck seiner Hand.

»Ja,« antwortete sie mehr mit den Augen als mit den Lippen.

»Und – darf ich Ihnen inzwischen schreiben?«

Wieder senkten sich die langen, dunklen, schleierartigen Wimpern.

»Addio, stella dell mio cuore . . .« murmelt er heiß. Dann wurde das Glockenzeichen gegeben, strudelnd brachen sich die Wellen am Bugspriet und stolz glitt die weiße Jacht hinaus in die tiefblaue Flut.



XX.

»Ich weiß, es ist gegen die Regel, Wasmut, aber Sie könnten ja Ihrem Protokollführer einmal ein Stündchen Urlaub gönnen und mich dafür an seine Stelle setzen . . . was meinen Sie? Ich möchte mir diesen Baron Weltenberg gar zu gerne einmal in der Nähe betrachten!«

Der Untersuchungsrichter lächelte.

»Na – alte Freunde sollen einander nichts abschlagen, wenn es halbwegs geht – und ich sehe nicht ein, warum es nicht gehen sollte, lieber Silas. Noch dazu, da Fellner sich ohnehin krank melden ließ und ich mich um einen andern Schreiber umsehen müßte.«

Er stand auf und schritt im Gemach auf und ab.

»Wissen Sie, daß es mir im Grunde ganz lieb ist, wenn Sie heute dabei sind? Ich kann mir keinen Vers auf die ganze Geschichte machen. Haller spricht ja so bestimmt und ist so felsenfest von Wellenbergs Schuld überzeugt . . . aber ich –«

»Sie sind ebenso felsenfest von Sturms Schuld überzeugt!?«

»Jawohl. Und ich glaube mit gutem Grund. Wo anders wäre der Mensch denn hingekommen, wenn er nicht geflohen wäre? Ganz abgesehen von allen andern Indizien!«

»Hm – was die Indizien anbelangt, so werden die bei Sturm und Weltenberg einander schier die Wage halten nach Hallers Feststellungen.«

»Wahr! Leider wahr!« Der Untersuchungsrichter blieb vor Silas Hempel stehen und sagte ungeduldig: »Was ist denn eigentlich Ihre Meinung?«

Silas machte ein harmloses undurchdringliches Gesicht.

»Ich habe noch gar keine. Sonst würde mich Weltenbergs Aussage überhaupt nicht interessieren.«

»Aber Sie haben sich doch gewiß all die Zeit her mit der Sache beschäftigt? Ich wollte Sie neulich besuchen, da hieß es, Sie seien verreist . . . haben Sie nichts gefunden, was für die eine oder andere Theorie zu verwerten wäre?«

»Nein. Die Sache ist sehr verzwickt . . .« Hempel lächelte seltsam, »bis jetzt möchte ich es fast mit der alten Jungfer auf Kreuzstein halten und sagen: es war der Geist des toten Kastellans, der Herrn von Rittler tötete.«

Dr. Wasmut wandte sich ärgerlich ab.

»Ach – jetzt machen Sie gar noch schlechte Witze, während ich mir den Kopf zerbreche . . .«

Ein Justizsoldat steckte den Kopf zur Türe herein.

»Der Angeklagte Weltenberg.«

»Gut – führen Sie ihn herein und warten Sie dann draußen, bis man Sie ruft.«

Dr. Wasmut nahm mit würdevoller Miene an seinem Schreibtisch Platz und musterte den Eintretenden mit einem jener scharfen durchdringenden Blicke, die er sich im Lauf einer zehnjährigen Praxis angeeignet hatte.

Zugleich dachte er halb befriedigt, halb geringschätzig: ›Nein – ich wußte ja gleich, daß Haller sich in seine Idee blind verrannt hat. Der Mann sieht aus wie ein Kavalier, der gedankenlos seine Renten verzehrt, nicht wie ein Mörder.‹

»Sie heißen?« sagte er laut.

»Zdenko Baron Weltenberg, Majoratsherr auf Rosenbühl.«

»Ihr Alter?«

»Fünfundvierzig Jahre.«

»Wo leben Sie für gewöhnlich?«

»In Böhmen auf Schloß Rosenbühl oder auf Reisen.«

»Ah richtig – Sie machten ja schon einmal eine Weltreise und wollten, glaube ich, zum zweitenmal eine antreten. Deshalb kamen Sie angeblich nach Wien. Warum gaben Sie die Reise auf?«

»Aus Gründen privater Natur, die ich nicht weiter zu erörtern wünsche,« gab Weltenberg ziemlich hochmütig zurück.

»So. Hm – wissen Sie, das klingt ein bißchen sonderbar – wenn man Ihre jetzige Lage in Betracht zieht. Offenheit – vollste Offenheit und rückhaltloses Vertrauen liegen momentan am meisten in Ihrem Interesse, Herr Baron! Sie dürfen nicht glauben, daß die Justiz nicht jederzeit bereit ist, einem Unschuldigen entgegenzukommen. Im Gegenteil – es ist unsere Pflicht, ihm zu helfen, den Beweis dafür zu erbringen. Wir entscheiden hier nicht, wir prüfen nur. Gegen Sie liegen allerdings schwere Indizien vor, aber es soll mich nur freuen, wenn Sie dieselben einwandfrei aufklären können.«

Der Untersuchungsrichter hatte wohlwollend, zuletzt fast warm gesprochen. Er war so fest von Sturms Schuld überzeugt und Weltenberg machte einen so offenen, vornehmen Eindruck, daß er sich vorläufig nicht entschließen konnte, ihm mit Mißtrauen zu begegnen.

Der Angeklagte hörte ruhig und unbewegt zu.

»Fragen Sie,« sagte er gelassen, »ich habe nichts zu verbergen, soweit es sich um Tatsachen handelt.«

»Gut. Beginnen wir also mit Ihrem Interesse für Frau von Rittler. Sie verliebten sich in sie, glaubten sie frei und warben um ihre Hand, nicht wahr?«

»Ich muß dies zugeben. Aber als ich erfuhr, daß sie verheiratet sei, zog ich mich sofort zurück.«

»Kam es damals zu Differenzen zwischen Herrn von Rittler und Ihnen?«

»Nein. Ich wollte ihn erst fordern, ließ mich dann aber überzeugen, daß dazu kein Grund vorliege. Er war im vollen Recht.«

»Die Schuld an dem Mißverständnis lag also nur an seiner Gattin, die . . .«

Weltenberg machte eine heftige Handbewegung und unterbrach den Richter finster: »Ich muß bitten, Frau von Rittlers Namen aus dem Spiel zu lassen. An jenem Mißverständnis war einzig meine eigene Torheit schuld.«

»Diese Erklärung macht Ihrem ritterlichen Sinn alle Ehre, aber es wird dennoch nicht möglich sein, Frau von Rittlers Namen aus dem Spiel zu lassen. Sie unterhielten doch auch gewiß später noch Beziehungen zu ihr?«

»Ich unterhielt überhaupt niemals Beziehungen zu ihr, dies bitte ich speziell festzustellen! Ich machte ihr den Hof – das war alles! Zu einer Aussprache kam es niemals. Ich habe nie eine Zeile mit ihr gewechselt, nie mehr einen Versuch gemacht, mich ihr zu nähern. Ich sah sie erst als Witwe wieder.«

Der Angeklagte hatte rasch und heftig gesprochen.

»Oh, oh . . .« Wasmuts Gesicht wurde plötzlich unruhig, »wollen Sie mir das weismachen? Nie mehr einen Versuch gemacht, sich ihr zu nähern? Welche Absicht führte Sie dann in der Nacht des 20. September nach Kreuzstein?«

Weltenberg fuhr bei diesen Worten zusammen und starrte den Untersuchungsrichter verstört an. Er war ganz blaß geworden. Offenbar hatte er nicht angenommen, daß man von diesem Ausflug etwas wisse.

»Nun – wie erklären Sie diesen Widerspruch?«

Der Angeklagte fuhr sich über die Stirn, auf der plötzlich Schweißperlen standen.

»Es . . . es ist kein Widerspruch,« murmelte er mit Anstrengung.

»Sie geben aber wenigstens zu, daß Sie dort waren?«

». . . Ja.«

»Erwartete Frau von Rittler Sie? Wußte sie um Ihr Kommen?«

»Nein,« die Antwort kam rasch, ohne Zögern. Zugleich schien der Angeklagte wieder seine ganze Fassung erlangt zu haben. Seine Augen richteten sich fest auf den Frager.

»Sie sprachen vorhin von ›rückhaltlosem Vertrauen,‹« sagte er langsam, »gut – da Sie um meine Anwesenheit im Kreuzsteiner Park wissen, so will ich nun auch offen den Grund derselben angeben. Ja – ich war dort! Aber ohne daß irgend jemand im Schloß meine Nähe auch nur ahnte. Frau von Rittler weiß davon bis heute nichts, und da mich überhaupt niemand sehen konnte, begreife ich eigentlich nicht, woher Sie . . .«

»Gut, gut, das ist unsere Sache. Sie wollten uns von dem Grunde sprechen, der Sie hinausgeführt.«

.,Ja. Es war Liebe! Dieselbe arme, heiße, törichte Liebe, die sich nicht offenbaren durfte und doch nicht sterben konnte . . . die heimlich wie ein Bettler hinschlich, um den Ort zu suchen, die Luft zu atmen, welche die teure Frau umgaben. Das war vielleicht töricht . . . doppelt töricht, da ich kein Jüngling mehr bin – aber ein Verbrechen war es gewiß nicht! Ich kannte Kreuzstein nicht. Aber ehe ich für lange Zeit auf Reisen ging, drängte es mich, die Umgebung der verehrten Frau kennen zu lernen . . . sie dann wenigstens in Gedanken dort aufsuchen zu können, wo sie lebte. Bei Tag durfte ich mich nicht hinaus wagen. Ich kaufte mir also eine Generalstabskarte und studierte die Oertlichkeit. Dann fuhr ich gegen neun Uhr an den Heiligenstädter Friedhof, wo ich den Wagen warten ließ. Auf Umwegen erreichte ich die Parkmauer, fand eine schadhafte Stelle und kletterte ohne Schwierigkeiten hinüber. Es war Mondenschein. Ich kam an einen Weiher und setzte mich dort nieder. Fast zwei Stunden lang verbrachte ich dort unter den Fenstern Frau von Rittlers . . . glücklich, ihr heimlich nahe zu sein. Wenn Sie je geliebt haben, Herr, dann werden Sie nicht lächeln, sondern begreifen, daß in meiner Lage auch diese armselige Sache schon Glück bedeutete . . .«

Er richtete sich auf und schloß verwirrt: »Dies ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Wasmut schüttelte ungläubig den Kopf und blickte halb ärgerlich, halb höhnisch auf den Angeklagten.

»Und diese harmlose Geschichte soll man Ihnen glauben?«

»Es ist die Wahrheit!«

»Dann erklären Sie mir gefälligst, woher Sie, der Sie nie zuvor in Kreuzstein gewesen sein wollen, ohne fremde Hilfe wußten, welche Fenster zu Frau von Rittlers Wohnung gehören?«

Diese Frage war ein Schuß ins Schwarze. Hempel ließ die Feder sinken und blickte gespannt in Weltenbergs Gesicht, das sich langsam mit dunkler Röte überzog.

Trotzdem antwortete der Angeklagte ruhig: »Es ist nur natürlich, daß Sie mich darnach fragen, Herr Untersuchungsrichter, denn in der Tat ist dies der Punkt, der mir selbst beim Betreten des Parkes schwere Unruhe machte. Wie sollte ich aus den langen Fensterreihen der drei Fronten die richtigen finden? Nun – ein Zufall kam mir zu Hilfe. Als ich am Weiher anlangte, blieb ich stehen und betrachtete die mir gegenüber liegende Seitenfront. Sie enthielt zwanzig Fenster. Vier davon waren erleuchtet und eines stand offen. Im Rahmen dieses offenen hellen Fensters erschien plötzlich gleich einer Vision eine weißgekleidete Frauengestalt, beugte sich einen Augenblick heraus und wandte sich dann zu einer zweiten dunkel gekleideten, die offenbar nur gekommen war, um das Fenster zu schließen, denn zwei Minuten später war es zu und die Rollbalken herabgelassen. Mir aber hatte jener kurze Augenblick genügt, um beide Gestalten zu erkennen: es. waren Frau von Rittler und ihre Zofe Sephine.«

Ein ironischer Zug in Wasmuts Gesicht zeigte nur zu deutlich, was er von dieser Erklärung hielt. Indessen sagte er nichts, sondern stand auf und warf einen nachdenklichen Blick über Hempels Schulter in das Protokoll, gleichsam als wolle er sich vergewissern, daß der Angeklagte wirklich nichts Besseres zustande gebracht hatte, als diese törichte Verantwortung.



XXI.

Als der Untersuchungsrichter sich dem Angeklagten wieder zuwandte, stand ein lauernder Zug in seinem Gesicht.

»Können Sie die Zeit annähernd angeben, in der Sie den Park verließen?« fragte er.

»Nicht nur annähernd, sondern ganz genau. Irgend eine Kirchenuhr in der Umgebung schlug gerade elf Uhr, als ich die Mauer zum zweitenmal überklettert hatte.«

»So. Dann erklären Sie uns doch, wie es möglich war, daß Sie erst um zwei Uhr Ihren Wagen am Heiligenstädter Friedhof erreichten? Sie können zu dem kaum halbstündigen Weg doch nicht drei Stunden gebraucht haben!«

Diesmal zögerte Weltenberg mit der Antwort. Etwas wie Verlegenheit glitt über seine Züge.

»Es wird Ihnen vielleicht unwahrscheinlich vorkommen, dennoch ist es so: ich verirrte mich,« sagte er endlich zögernd. »Als ich den Park verließ, war ich sehr bewegt. Ohne auf den Weg zu achten, ging ich vorwärts, immer in gerader Richtung einem Pfade folgend, der zwischen Feldern hinführte. Erst als sich der Mond verfinsterte und ein Gewittersturm losbrach, erwachte ich aus meinen Träumen und bemerkte erschrocken, daß ich mich auf gänzlich unbekanntem Terrain befand.«

»Woraus erkannten Sie denn dies in der Dunkelheit?« fragte der Untersuchungsrichter ironisch.

»Es blitzte stark. Dabei sah ich, daß vor mir Wald lag. Mich umwendend, erblickte ich die Lichter der Stadt tief unter mir und so entfernt, daß ich ernstlich erschrak. Ich hatte keine Waffe bei mir, die Gegend schien wie ausgestorben – es war keine angenehme Situation. Immerhin glaubte ich, die Lichter unten als Richtschnur festhaltend, könne es für mich nicht schwer sein, bald wieder hinabzukommen.«

»Haben Sie denn niemand begegnet, den Sie um den Weg fragen konnten?« Wasmut stellte die Frage anscheinend harmlos. Dennoch wartete er begierig auf die Antwort, denn die Aussagen der Taglöhner und des Weinhüters fielen ihm ein.

»Ja, ich begegnete Menschen. Aber ich wagte nicht, mich mit ihnen in ein Gespräch einzulassen, erstens weil sie mir nicht vertrauenerweckend genug aussahen, zweitens weil ich Fragen ihrerseits vermeiden wollte.«

»Schließlich aber fanden Sie sich dennoch zurecht. Nur gibt der Kutscher, der Sie gefahren hat, an, er wäre über Ihr verstörtes gehetztes Aussehen erschrocken gewesen. Was brachte Sie denn in diesen Zustand, wenn Sie einfach harmlos Ihren Rückweg gesucht haben wollen?«

Düstere Schatten legten sich über Weltenbergs Antlitz. Etwas wie Grauen spiegelte sich in seinem Blick.

»Wenn ich verstört aussah,« sagte er dumpf, »und ich gebe dies gerne zu, so war es, weil ich ahnungslos Zeuge einer furchtbaren Szene wurde, die mir kaum je aus dem Gedächtnis schwinden wird. Schon darum nicht, weil wohl auch mein Leben damals nur an einem Haare hing.«

»Wie das? Wollen Sie diese ›furchtbare Szene‹ nicht ein wenig deutlicher beschreiben?«

»Ich mochte etwa eine Stunde herumgeirrt sein und näherte mich eben einer Straße, die sich als graues Band durch das Dunkel der sie umgebenden Weingärten schlang, als plötzlich gedämpfte erregte Stimmen an mein Ohr schlugen. Unwillkürlich blieb ich stehen. Und dies war gut, denn in der nächsten Sekunde hätte mich ein Blitz den Kehlabschneidern zeigen müssen, die dort eben ihr Wesen trieben. So sah ich zu meinem namenlosen Entsetzen nur, wie drei Männer einen vierten vom Fahrrad rissen und offenbar töteten, denn ich hörte ihn einen furchtbaren Schrei ausstoßen, worauf es sofort wieder totenstill wurde. Das Ganze – nur eine Sekunde vom Blitz beleuchtet – glich einer schrecklichen Vision und ließ mir das Blut in den Adern erstarren. Waffenlos, wie ich war, konnte ich nichts anderes tun, als mich selbst in Sicherheit bringen, auch wenn ich nicht die Ueberzeugung gehabt hätte, daß jede Hilfe dort zu spät gekommen wäre. Ich warf mich also in den Weingarten und kroch auf allen vieren zunächst eine Strecke weit tiefer in denselben hinein. Erst nachdem ich annehmen konnte, weit genug entfernt zu sein, richtete ich mich auf und lief, so gut es ging, quer durch den Weingarten weiter. Der Zufall war mir hold. Ich traf auf der andern Seite einen Hohlweg, der schnurgerade abwärts führte, und sah bald darauf in dem wieder auftauchenden Mondlicht die weißen Gruftdenkmäler des Friedhofes vor mir schimmern.«

Er schwieg. Auch der Richter schwieg und betrachtete den Angeklagten mit einer gewissen gereizten Neugierde.

Mehr als vier Wochen hatte der Mann Zeit gehabt, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten, und nun kam er mit einem solch albernen System daher. Mancher halbwüchsige Junge hätte sich ein besseres zurechtgelegt.

»Es scheint, daß Visionen bei Ihnen eine große Rolle spielen,« sagte Wasmut endlich mit ätzendem Sarkasmus, »können Sie uns nicht wenigstens den Punkt etwas genauer angeben, auf dem sich diese phantastische Szene abgespielt haben soll?«

»Wie könnte ich dies, da mir die Gegend völlig fremd ist? Ich weiß nur, daß eine Fahrstraße dort war, die aus dem Tal zu den Höhen des Kahlenberges hinauf führte. Etwas unterhalb des Schauplatzes sah ich ein einstöckiges Haus –«

»Oh – ein Haus? Und es fiel Ihnen nicht ein, dorthin um Hilfe zu eilen?«

»Nein, denn das Haus muß völlig unbewohnt sein, sonst hätten die Schurken doch keinesfalls zwanzig Schritte davon einen Mord zu begehen gewagt! Auch würde der Schrei dort vernommen worden sein, und die Bewohner wären von selbst zu Hilfe gekommen. Es rührte sich aber nichts. Die Läden waren geschlossen, es blieb alles dunkel und still darin.«

Dr. Wasmuts Gesicht wurde immer ironischer, der sarkastische Ton seiner Stimme verstärkte sich.

»Wir wollen einmal annehmen, alles, was Sie uns da soeben auftischten, sei wahr – wo blieb der Leichnam des Ermordeten? Wie kam es, daß keiner der Weinhüter etwas von dem angeblichen Todesschrei vernahm? Daß keine Meldung einlief, die irgendwie mit dem von Ihnen behaupteten Auftritt in Zusammenhang zu bringen ist? Erklären Sie mir dies 'mal gefälligst!«

»Ich kann es nicht. Was ich mitteilte, ist die Wahrheit, das kann ich beschwören! Aber, . . .«

»Genug. Angeklagte schwören nicht,« unterbrach ihn der Untersuchungsrichter scharf, »und da Sie offenbar auf Ihrem Unsinn beharren wollen, ist es am besten, diese Komödie zu enden. Herr Hempel, lesen Sie dem Angeklagten das Protokoll vor, damit er es unterzeichnen kann.«

Hempel, auf dessen Wangen zwei kreisrunde rote Flecken brannten, begann zu lesen, während Wasmut sich in seinen Stuhl zurücklehnte, die Beine übereinander schlug und ärgerlich an seiner Unterlippe nagte.

Er war innerlich wütend. In weniger als einer Stunde war das anscheinend so feste Gebäude seiner Ueberzeugung Stück für Stück zusammengebrochen.

Niemand war geneigter gewesen, an Weltenbergs Unschuld zu glauben, als er, der ja Sturm für den Schuldigen hielt. Jede einigermaßen vernünftige Verantwortung hätte er gelten lassen. Das ganze Verhör erschien ihm anfangs nur als reine Formsache.

Statt dessen tischte man ihm nur unglaubwürdige Märchen auf. Denn, daß es solche waren, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Wer sollte glauben, daß ein reifer Mann sich gleich einem verliebten Studenten im Mondschein hinsetzte, bloß um zwei Stunden lang die Fenster seiner Angebeteten anzustarren?

Und wie könnte hart an der Stadtgrenze ein Mord begangen werden, von dem die Polizei nichts wußte?

Nein – es war klar, daß all diese Geschichten erlogen waren. Und man lügt nur, wenn man Ursache hat, die Wahrheit zu verbergen!

So war zehn gegen eins zu wetten, daß tatsächlich Baron Weltenberg und nicht Ernst Sturm der Mörder Rittlers war.

Aber dann . . . Wasmut fuhr sich verwirrt über die Stirn und warf einen ratlosen Blick auf Silas Hempel, der dem sich entfernenden Angeklagten vergnügt lächelnd nachsah.

Kaum hatte sich die Türe hinter demselben geschlossen, als der Untersuchungsrichter fast heftig ausrief: »Was sagen Sie jetzt? Haller, dieser junge Niemand, von dem man bisher kaum etwas wußte, hat diesmal den Vogel abgeschossen!«

»Oh, oh – Sie glauben das wirklich, lieber Wasmut?« antwortete Silas, um dessen Lippen noch immer ein vergnügtes Lächeln spielte. »Halten Sie denn diesen armen Baron für schuldig?«

»Na, ich denke doch, darüber kann kein Zweifel mehr bestehen!!« Wasmut sah den Detektiv maßlos verblüfft an. »Wenn man diese unglaubliche Verantwortung gehört hat . . .«

»Ja, sie war sehr interessant. Fast so unglaubwürdig, daß sie wahr sein muß! Ein Narr hätte sonst etwas Besseres erfunden.«

Wasmut sprang ärgerlich auf und stürmte ein paarmal durchs Zimmer.

»Ach was – Sie machen schon wieder Witze! Sagen Sie mir lieber, wo Sturm hingekommen ist, wenn Weltenberg der Mörder ist!«

»Hm – ich fürchte sehr, daß Sturm der arme junge Mann ist, dessen Todesschrei Baron Weltenberg gehört hat!«

»Bah – Sie glauben an diese phantastische Geschichte?«

»Unbedingt! Bis dahin zweifelte ich stark an der Wahrheit von Weltenbergs Aussage. Als er aber jene Szene beschrieb, da war ich überzeugt, daß er in allen Punkten nur die Wahrheit sprach.«

»Angenommen, Sie hätten recht – wo wäre denn der Leichnam des Ermordeten?« lächelte Wasmut ungläubig.

»Den hat man wahrscheinlich in einem der umliegenden Weingärten vergraben. Man wird erst im Frühjahr beim Umgraben darauf stoßen «

»Und die Mörder? Niemand hat sie gesehen . . .«

»Gott – auf den Abhängen des Kahlenberges zwischen weiten Strecken von Weingärten, Hecken, Feldern und Wald um Mitternacht!! Gewiß werden sie nicht irgend einen Hauptweg gewählt haben zum Verschwinden –«

»Nein, nein, ich glaube nicht daran!« sagte Wasmut energisch. »Es ist zu unwahrscheinlich!!! Schon daß keiner der Weinhüter jenen Schrei gehört haben sollte!«

»Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen außer einem Weinhüter noch einen Schutzmann brächte, die beide den Schrei hörten und sich nur darum einredeten, der Sturmwind habe sie geäfft, weil sie zu feige waren, die Sache weiter zu verfolgen?«

»Silas!!!« Der Untersuchungsrichter starrte verblüfft drein. »Sie wissen . . . Sie könnten . . .«

»Den unglaubwürdigsten Punkt in Weltenbergs Aussage durch Zeugen erhärten, jawohl das kann ich.«

Wasmut fuhr sich über die Stirn. Er war ganz verwirrt. Er wußte nicht mehr, was er denken sollte.

»Wenn aber Sturm ermordet und Weltenberg unschuldig ist . . .« stammelte er verstört, »wer um Himmels willen hat denn dann den Mord begangen?«

Silas Hempel lächelte geheimnisvoll.

»Ich deutete es vorhin schon an: wahrscheinlich der Geist des toten Kastellans!«

Ehe Wasmut erwidern konnte, sah Hempel auf die Uhr und sprang erschrocken auf.

»Mein Gott, schon vier Uhr, und heute ist Mittwoch! Da bleibt mir ja kaum eine halbe Stunde zum Toilettemachen!«

Er riß seinen Hut vom Nagel und warf den Mantel um die Schultern, ohne ihn ordentlich anzuziehen.

»Hab da nämlich einen kleinen Nebenverdienst angefangen als Kolportagebuchhändler. . . . Gott der Gerechte, schauen Sie mich nix an so versteinert, Wasmut! Werd ich doch nicht tun was Unrechtes dabei?« Er nickte dem sprachlosen Richter lachend zu, und fort war er.

Wasmut aber wußte nicht, was er von alldem denken sollte. Er wußte in erster Linie nicht, ob er nach dem Gehörten Weltenberg nun doch für unschuldig halten sollte oder nicht.

Plötzlich kam ihm eine wunderliche Idee: Wenn jener Schrei tatsächlich gehört worden war und Sturm ihn sterbend ausstieß – konnte dann nicht Weltenberg auch hier der Mörder sein? Wer wußte denn, ob Sturm nicht Zeuge des ersten Mordes gewesen war und als solcher später aus der Welt geschafft werden mußte?

›Alles käme darauf an, festzustellen, was aus Sturm geworden ist?‹ dachte der Untersuchungsrichter. Dann klingelte er und ließ den Detektiv Haller zu sich bescheiden.



XXII.

Später als sonst war Herr Rosenzweig heute bei seinen beiden alten Freundinnen erschienen.

Und da sie ihn doppelt ungeduldig erwartet – ja die Hoffnung auf sein Kommen schon beinahe aufgegeben hatten – so war der Empfang dann auch doppelt warm und freudig geworden.

Ueberhaupt – Frau Baumer schwor darauf, die Stunde Mittwoch-Nachmittag, wenn Herr Rosenzweig käme, sei die schönste der ganzen Woche.

Wie wußte er so spannend und geheimnisvoll von seinen vielen Reiseerlebnissen zu erzählen! Wie nahm er Anteil an den kleinsten Ereignissen ihres eigenen Lebens und wie gefällig war er, wenn es galt, den beiden »Damen« – er nannte Frau Baumer und Trine nie anders – irgend einen kleinen Handgriff, eine Besorgung in der Stadt, eine Mühe abzunehmen!

»Mein Lebtag hätt' ich's nicht gedacht, daß ein Jude so nett sein könnte,« sagte die Beschließerin immer öfter zu Trine, die dazu nur still lächelte und sich ihr Teil dachte. Als ob sie, Trine, nicht längst gemerkt hätte, wie es um Frau Baumers Herz stand . . . aber die würde eines Tages schön enttäuscht sein. Es war ja klar, daß Rosenzweig nur um Trines willen die Plauderstündchen immer mehr ausdehnte. . . .

Inzwischen wetteiferten beide Frauen in Aufmerksamkeiten für ihn.

Heute hatte er sogar neben dem Kaffee ein großes Stück Kuchen und ein noch größeres Butterbrot gefunden: der Kuchen war von Frau Baumer, das Butterbrot von Trine.

Und nun saßen sie schon fast eine Stunde gemütlich plaudernd beisammen. Draußen herrschte das richtige Allerseelenwetter: Nordsturm und mit Schnee vermischter Regen.

Im Schloß war es still. Das Gesinde hielt sich zumeist in der Küche auf, da es dort warm war, und der Major war oben in seinem Zimmer, wo er mit dem heute angekommenen Inspektor eines zu Kreuzstein gehörigen Landgutes Rechnungen prüfte.

In diese idyllische Stille fiel plötzlich das knirschende Geräusch von über Kies rollenden Rädern. Gleich darauf hielt vorne an der Rampe ein Wagen.

Frau Baumer und Trine horchten hoch auf und liefen dann eilig hinaus, um das Haustor zu öffnen, das man der Kälte und Dunkelheit wegen schon um sechs Uhr geschlossen hatte.

Jetzt ging es auf sieben. Die Tür aus Frau Baumers Stübchen in das Vestibül war etwas offen stehen geblieben.

Leb Rosenzweig trat an den Spalt und spähte hinaus. Das Vestibül – im Sommer frei und luftig – wurde im Winter stets durch eine Glaswand gegen das Haustor abgegrenzt und in eine Art »Hall« umgewandelt. Gewächsgruppen, Korbmöbel und ein um die Luftheizung montierter Kamin, vor dem ein paar bequeme Fauteuils standen, ermöglichten es zur Not, hier Lieferanten und Geschäftsleute zu empfangen, die man nicht gerade in die Salons hinaufführen wollte.

Heuer, wo in Abwesenheit der Familie die Heizung des ersten Stockwerkes überhaupt unterblieb, war diese Einrichtung besonders vorteilhaft.

Rosenzweig – oder vielmehr Silas Hempel – war gerade an den Spalt getreten, als sich die Glastür öffnete und Mara von Rittler unter den lauten Freudenbezeigungen der beiden alten Dienerinnen in die Hall trat.

Fast gleichzeitig kam über die Treppe herab Major Botstiber gelaufen.

»Nein, Sie dürfen heute nicht mehr zurück bei dem abscheulichen Wetter,« erklärte Frau Baumer bestimmt, »gleich wollen wir den Ofen in Ihrem Zimmer heizen, gnädiges Fräulein . . . und alles zurechtmachen. Welches Glück, daß wir neben der Luftheizung noch die alten Oefen in den Zimmern haben.«

»Lassen Sie nur, liebe Baumer,« sagte Mara, die sehr blaß aussah, matt, »ich werde wahrscheinlich nicht hier bleiben. Ich wollte nur etwas mit Onkel Malchus besprechen – ah, da sind Sie ja schon selbst, Onkel . . .«

Sie schritt dem Major entgegen, über dessen Antlitz, als er sie erkannte, ein Schatten von Enttäuschung flog.

»Sie sind es, liebe Mara! Ich dachte schon – heute depeschierte ich nämlich an Ihre Stiefmutter nach Brioni. Aber es wäre wohl kaum möglich, daß die Damen schon hier sind.«

Mara achtete nicht auf die Worte. Ihr Blick ruhte abwesend auf dem Major. Es war, als beherrsche sie ein Gedanke völlig, von dem sie nicht wußte, wie sie ihn in Worte kleiden sollte.

Botstiber wies auf einen Fauteuil am Kamin.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Mara? Ich kann Ihnen momentan keinen bessern Raum anbieten als diesen hier. Die Räume oben sind nicht geheizt und in meinem Zimmer wartet Inspektor Leffler.«

Mara warf einen unruhigen Blick um sich. Die Hall war leer. Trotz ihres Protestes hatten sich Frau Baumer und Trine nach oben begeben, um ihr Zimmer instand zu setzen. Sie folgte Botstibers Aufforderung und ließ sich am Kamin nieder. Hempel, der durch den kleinen Spalt Maras Gesicht genau sehen konnte, bemerkte verwundert, daß ihre Lippen bebten. Plötzlich schlug sie die Augen voll auf, blickte den Major an und sprach zu ihm:

»Ich bin gekommen, Ihren Rat einzuholen, Onkel Malchus, denn ich weiß wirklich nicht, was ich von dieser seltsamen Sache denken soll.«

»Worum handelt es sich?«

»Vielleicht nur um einen schlechten Scherz . . . vielleicht . . . aber bitte sagen Sie mir vorher, ob das alte Winzerhaus am Ende unseres Weingartens, das, soviel ich mich erinnere, wegen Baufälligkeit seit Jahren außer Gebrauch steht, noch zu unserem Besitze gehört?«

Der Major antwortete nicht gleich. Hempel glaubte aus seinem Versteck zu bemerken, daß für einen Augenblick fahle Blässe über Botstibers Gesicht huschte. Aber im nächsten Moment trug es wieder den gewöhnlichen strengen, unbewegten Ausdruck.

»Das alte Winzerhaus? Gewiß ist es noch Kreuzsteinscher Besitz,« antwortete er, sich neben Mara am Kamin niederlassend und die Beine übereinander schlagend. »Wie kommen Sie darauf?«

»Sie sollen es gleich hören. Ist das Haus etwa bewohnt?«

»Ich glaube ja. Ihr Vater vermietete es vor einem Jahre an eine arme alte Frau, in deren Kopf es nicht ganz richtig zu sein scheint. Sie wohnt dort mit einer Enkelin . . .«

»Kennen Sie diese Frau?«

»Ich? Nein. Das Haus liegt über der Straße drüben, und da der winzige Zins stets pünktlich von der Enkelin entrichtet wurde, hatte ich bisher keine Veranlassung, mit den Leuten in Berührung zu kommen.«

»Eine Wahnsinnige also!« murmelte Mara schaudernd. Dann öffnete sie ihr Täschchen und legte einen Brief vor den Major hin.

»Lesen Sie dies, Onkel Malchus, und sagen Sie mir, was ich tun soll!«

Botstiber las halblaut:

»Wenn Sie wissen wollen, warum man Ihren Vater ermordet hat, so kommen Sie morgen nachmittag an das alte Winzerhaus, das zu Ihrem Besitz gehört. Kommen Sie aber allein, sonst werden Sie kein Wort von der ganzen Geschichte erfahren.

Eine Unglückliche.«

Der Major hatte das letzte Wort schon eine Weile gelesen und starrte immer noch nachdenklich in den Brief. Wahrscheinlich überlegte er, welchen Rat er Mara geben sollte.

»Das Schreiben wurde Ihnen wohl durch ein junges Mädchen überbracht?« sagte er endlich, Mara fragend anblickend.

»Nein, durch einen Dienstmann. Wer das ist ja gleichgiltig. Sagen Sie mir lieber, was Sie davon halten!«

»Hm – der Brief klingt sehr seltsam,« murmelte er langsam, »er würde von der größten Bedeutung sein, wenn nicht manches darauf hinwiese, daß er von – jener Wahnsinnigen verfaßt wurde. Immerhin –« er stand auf und vollendete entschlossen: »Sie müssen morgen unbedingt hin. Allein – wie es gewünscht wird.«

»Oh Gott . . . ich allein . . . zu einer Wahnsinnigen!« stammelte Mara angstvoll. »Und ich hoffte . . .«

»Ich würde sehr gerne mit Ihnen gehen, liebes Kind, aber dann würden wir wohl beide nichts erfahren. Aber seien Sie ruhig, ich werde in Ihrer Nähe sein . . . was den Wahnsinn jener Frau betrifft, so ist es vielleicht nicht so arg damit. Man würde sie sonst nicht allein mit der Enkelin wohnen lassen, ja Ihr Vater hätte sie wohl kaum in das Winzerhaus genommen.«

Er faltete den Brief zusammen und schob ihn in seine Brusttasche. »Ich brauche Ihnen wohl nicht erst einzuschärfen, daß Sie strengstes Stillschweigen gegen jedermann beobachten müssen! Diejenige, die den Brief geschrieben hat, kann Sie beobachten lassen. Sie kann selbst hier im Schloß Spione haben . . . Das Schreiben behalte ich. Ich möchte es nachher noch einmal gründlich durchstudieren. So, und nun will ich Ihren Kutscher ablohnen und zurückschicken.«

Mara sah unentschlossen drein.

»Den Kutscher zurückschicken? Ich wollte – Tante Sessa wird mich erwarten . . .«

»Ich werde dem Kutscher ein paar Zeilen mitgeben, die Sie an Ihre Tante schreiben können. Es wäre Torheit, bei diesem Wetter nach Wien zurückzufahren, da Sie morgen doch wieder heraus müssen. Ich glaube, die Baumer hat auch Ihre Zimmer bereits geheizt und instand gesetzt.«

Mara stand auf und zerrte nervös an ihrer Pelzstola.

»Dann muß aber Trine bei mir oben schlafen . . . mutterseelenallein im ganzen ersten Stockwerk, das ertrüge ich nicht!«

»Sie, Mara? Seit wann sind Sie denn so furchtsam geworden?« Der Major lächelte ernst. »Uebrigens kann ja Trine ganz gut mal oben schlafen. Gehen Sie nur, damit ich das Billett für Tante Sessa bald bekomme.«

Er blickte ihr nach, als sie langsam die Treppe hinaufstieg. Und plötzlich verzerrten sich seine Züge in schrecklicher Weise. War es Zorn, Schreck oder Todesangst? Silas Hempel konnte daraus nicht klug werden. Wer während er aus seinem Versteck in atemloser Erregung diese Veränderung beobachtete, erfaßte ihn zugleich eine an Furcht grenzende Unruhe.

Was sollte all dies bedeuten? Der Brief, das Stelldichein am Winzerhaus, die Erregung des Majors, die Wahnsinnige? Am Winzerhaus hatte jener Ueberfall stattgefunden, dessen Zeuge Weltenberg gewesen. Tort war allem Anscheine nach der unglückliche junge Sturm für immer verschwunden.

Hempel konnte seinen Gedanken nicht weiter nachhängen. Frau Baumer kam die Treppe herab. Der Major ging ihr lächelnd entgegen und sagte ungewöhnlich freundlich: »Nun, das ist einmal eine freudige Ueberraschung in unserem einförmigen Dasein, nicht wahr, Frau Baumer? Sie haben es dem lieben Kind doch recht behaglich gemacht oben?«

»Das will ich meinen,« nickte die Beschließerin strahlend, »die Oefen sind geheizt, die Lichter brennen, das Bett ist gerichtet. Trine bleibt zur Bedienung oben und ich will nur noch rasch in die Küche, um wegen des Abendessens Vorsorge zu treffen. Die Herrschaften werden herunten im kleinen Speisesaal essen, nicht wahr?«

»Natürlich.«

Hempel faßte einen plötzlichen Entschluß. Lautlos glitt er an den Tisch, raffte seine Mappe an sich und drehte die Gasflamme, die er schon kleingestellt hatte, völlig aus. Dann schlich er hinaus.

Als Frau Baumer eine halbe Stunde später nach der Speisekammer ging, die nahe dem Seitenausgang des Schlosses lag, vernahm sie von dort her unterdrücktes Stöhnen.

Erschrocken eilte sie hin und fand zu ihrem Schrecken auf der Schwelle des Ausganges Leb Rosenzweig liegen, der erbärmlich ächzte.

Unter Jammer und Wehklagen vertraute er seiner Gönnerin an, daß er sich, gleich nachdem das schöne gnädige Fräulein angekommen sei, habe still davonmachen wollen, damit der »gestrenge Herr Major«, vor dem er eine wahre Todesangst habe, ihn nicht etwa erwische. Aber die Stufen hier waren von der Nässe glatt, und in der Eile fiel er so unglücklich, daß er nun nicht einmal allein aufstehen könne. Er fürchte, die rechte Hüfte sei verrenkt. Und was er nun um Gottes willen anfangen solle? Wie nach Wien zurückkommen, da er sicher keine zwei Schritte machen könne?

Frau Baumer war ratlos.

»Wenn ich doch bloß zehn Minuten früher hieher gekommen wäre!« klagte sie. »Eben ist der Wagen, der das Fräulein brachte, leer nach der Stadt zurückgefahren . . .«

»Wenn Sie bloß sein wollten so barmherzig, Frau Baumer, und mich lassen diese Nacht im Schloß!« jammerte Leb Rosenzweig. »Werden Sie doch haben ä Loch irgendwo, wo mich kann der Gestrenge nix entdecken?«

Frau Baumer dachte nach. Hier unten ging es nicht, denn die andern Dienstboten würden es bemerken und konnten es gelegentlich dem Major verraten. Daraus könnten allerlei Unannehmlichkeiten für sie selbst erwachsen.

Aber im ersten Stock oben war ja noch die einstige Heizerkammer aus der Zeit, wo die großen alten Kachelöfen allmorgendlich von außen geheizt werden mußten. Seit die Luftheizung im Gebrauch stand, schlief der Heizer unten im Keller und seine einstige Kammer oben war Rumpelkammer geworden. Ein altes Bett stand auch darin, das zur Not wohl noch benützt werden konnte . . .

Ja, es ging. Freilich, schön war es nicht dort, und Licht durfte man auch nicht brennen, und kalt würde es sein . . . Sie setzte Herrn Rosenzweig dies alles auseinander, während sie ihm emporhalf, was sichtlich nur unter argen Schmerzen gelang. Er aber war mit allem einverstanden.

»Nur, daß mich nix kann sehen der Gestrenge,« ächzte er fortwährend.

»Er wird Sie nicht sehen,« beruhigte Frau Baumer, »aber wir müssen gleich nachher hinaufgehen, während die Herrschaften unten beim Abendessen sind. Bleiben Sie einstweilen hier sitzen, Herr Rosenzweig, bis ich Sie abholen komme. Ich schaffe inzwischen auch ein warmes Federbett in die Kammer und etwas Eßbares.«



XXIII.

Die Heizerkammer konnte nicht besser für Hempels Zwecke liegen, als sie in der Tat lag. Ein kleiner Vorraum – einst offenbar für Holz und Kohlenvorräte bestimmt – trennte sie vom Korridor.

Da dieser Vorraum kein Fenster besaß, war in die Tür ähnlich wie bei Speisekammern eine durchlöcherte Blechscheibe eingefügt, welche die Ventilation besorgen sollte.

Hempel, dessen Schmerzen wie weggeblasen schienen, als er allein war, warf einen Blick durch die Löcher der Scheibe und nickte befriedigt.

Man übersah nicht nur den ganzen linken Flügel, sondern auch die beiden Absätze der Treppen, die hinab ins Parterre und hinauf nach dem zweiten Stockwerk führten.

Und das war gut. Denn Silas hatte so eine Ahnung, als ob diese Treppen heute nacht noch benützt werden würden: entweder von jemand, der von außen herein kam, um zu spionieren, oder von jemandem, der in derselben Absicht hinausging.

Einstweilen war es ganz still geworden im Haus. Man ging stets zeitig zu Bett aus Kreuzstein. Auch heute hatte man sich um zehn Uhr getrennt. Major Botstiber begab sich mit Inspektor Leffler, der in einem der Gastzimmer des zweiten Stockwerkes schlief, nach oben, Mara zweigte links ab.

Sie bewohnte ihr altes Zimmer, Trine schlief in einer Kammer daneben.

Hempel hatte sich einen Stuhl an die Tür des Vorraumes getragen und saß nun dort, in seinen Mantel gehüllt, frierend und erwartungsvoll.

Er wußte nicht, worauf er wartete. Er hatte keinerlei bestimmten Verdacht, überhaupt keinen klaren Ueberblick über das, was geschehen war und noch geschehen konnte.

Aber einer jener blitzartigen Instinkte, die ihn zuweilen überkamen und fast nie betrogen, hatte ihn heute abend erfaßt, als er den Major jenen Brief an Mara vorlesen hörte. Darum war er geblieben.

Jetzt zwang ihn irgend ein unheimliches Vorgefühl, hier Zu sitzen und zu warten . . .

Indessen verging Stunde um Stunde, und es rührte sich nichts draußen. Mitternacht war vorüber. Es schlug ein Viertel, zwei Viertel, drei Viertel – alles blieb totenstill.

Plötzlich aber fuhr Hempel zusammen: es war ihm gewesen, als sei draußen im Korridor leise eine Tür gegangen. Blitzschnell erhob er sich und spähte hinaus. Seine Augen öffneten sich weit vor Erstaunen, unwillkürlich lief ein Schauer über seinen Rücken.

Es war die Türe des Zimmers gegangen, in dem Herr von Rittler ermordet worden war! Des Zimmers, das seitdem unbewohnt und stets fest verschlossen geblieben!

Die Gestalt, welche sie eben wieder hinter sich zuzog, trug ein dünnes Wachslicht in der Hand, dessen winziges Flämmchen nur einen schwachen flackernden Schein auf das blutlose, von verwildertem grauen Bart und Haupthaar umrahmte Antlitz warf.

Zwei starrblickende schwarze Augen standen über bläulichen Hautsäcken in dem weißen Gesicht.

Der tote Kastellan!! Genau so, wie ihn Trine oft und oft beschrieben hatte! Aber auch der Mann, der Herrn von Rittlers Schreibtischschlüssel hatte nachmachen lassen, den dieser zweimal verfolgte und dessen Schlupfwinkel er sicher näher erforscht, wenn der Tod ihn nicht daran verhindert hätte . . .

Mit steifen feierlichen Schritten bewegte sich die Gestalt vorwärts, ohne daß man das geringste Geräusch vernommen hätte. Es war, als schwebe sie über dem Boden.

Hempel hielt den Atem an vor Erregung. Die Gestalt hatte die Treppe erreicht. Würde sie hinauf oder hinab gehen? Nein, keines von beiden: Sie schritt weiter. – Langsam, feierlich, lautlos vorüber an Hempels Versteck, bog um die Ecke und näherte sich dem Ende des linken Flügels.

Hempels Augen verschlangen den Vorüberschreitenden förmlich. Gierig suchte er nach einem Zeichen, irgend einer leisen Andeutung, die ihm die wahre Person des nächtlichen Wanderers verraten hätte.

Aber er fand nichts als unnatürlich weiße Wangen, blutleere Lippen und schwarze Augen, die einen toten stieren Blick hatten. Verworren und glanzlos starrte das struppige Grauhaar um den Kopf. Jede Bewegung war von automatenhafter Steifheit. Er sah wirklich aus wie ein dem Grabe Entstiegener.

Nur eines konstatierte der Detektiv, und es entlockte ihm einen leisen Seufzer der Befriedigung: die Füße des Gespenstes steckten in Filzschuhen von genau derselben braunen Farbe wie die Wollflöckchen, die er seinerzeit an den Glassplittern in Herrn von Rittlers Zimmer gefunden hatte.

Wer immer auch hier in der Maske des toten Kastellans einherging – es war der langgesuchte Mörder!

Hempel hatte nicht Zeit, seinen Gedanken länger nachzuhängen, denn das Gespenst lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Es war an Maras Zimmertür stehen geblieben. Einen Augenblick streckte sich der graue struppige Kopf horchend vor, dann legte es die Hand auf die Klinke, öffnete und verschwand lautlos im Innern des Zimmers.

»Teufel – was macht er dort?« dachte Hempel unruhig. »Er wird doch nicht ein neues Unheil im Schilde führen? Ich muß hin . . .«

Schon wollte er die Türe seines Versteckes öffnen und hinausstürzen, als das Gespenst, Maras Zimmer verlassend, wieder auf dem Korridor erschien.

Fast zugleich öffnete sich aber Trines Kammertür, und das alte Mädchen, das wahrscheinlich ein Geräusch vernommen hatte, streckte den Kopf heraus. Das Gespenst erblicken und einen Schrei ausstoßen, war eins. Dann blieb sie mit krampfhaft ausgespreizten Fingern schreckgelähmt stehen.

Der tote Kastellan hatte den Kopf gewendet und ihr einen seiner furchtbaren starren Blicke zugeworfen, war dann aber ruhig weitergeschritten, dem Ende des Korridors zu.

Dort befand sich die Tür zu einer Seitentreppe, die in den Park hinab führte, genau wie drüben im rechten Flügel an Frau Isabels Zimmern.

Als das Gespenst sie erreichte, blieb es stehen, zog einen Schlüssel heraus und öffnete. Im nächsten Moment war es verschwunden.

Im selben Augenblicke hatte Hempel seine Tür aufgerissen und jagte den Korridor entlang ihm nach, ohne Trine, die noch immer wie erstarrt dastand, zu beachten.

Aber Hempel hatte nicht mit der Vorsicht dieses schlauen Verbrechers gerechnet, der zwar keine Ahnung von des Detektivs Anwesenheit hatte, aber offenbar jede Möglichkeit in Betracht zog.

Die Tür zur Treppe war versperrt! Unten aber hörte man soeben die Ausgangspforte zuschließen.

Entwischt! Silas weinte beinahe vor Wut und Enttäuschung. Warum habe ich ihn nicht gleich gefaßt – dachte er. Aber alsbald beruhigte er sich wieder.

Nein – es ist besser so! Er hätte mich einfach niedergeschossen und sein Geheimnis wäre dann wahrscheinlich nie entdeckt worden. So aber – oh, ich werde es ihm schon entreißen! Vom Erdboden verschwinden kann er nicht.

Langsam kehrte er zurück. Trine stand noch an ihrer Kammertür. Ihre Finger waren noch immer krampfhaft ausgespreizt, und sie zitterte wie Espenlaub.

»Der Kastellan . . . haben Sie ihn gesehen?« stammelte sie flüsternd.

Silas nickte. Er war so in Gedanken versunken, daß er seine Rolle als Kolporteur ganz vergessen hatte. Aber auch Trine war viel zu aufgeregt, um an Hempel irgend eine Veränderung in Gebaren oder Sprache zu bemerken.

»Gehen Sie in Ihre Kammer zurück, Trine, und treten Sie beileibe nicht mehr heraus, außer man ruft Sie,« sagte er, »der Geist könnte wieder kommen.«

»Jesus . . .« Trine stürzte hastig in die Kammer, und Hempel hörte mit Befriedigung, wie sie innen einen Riegel vorschob. Es war besser, man ließ die alte Jungfer noch bei ihrem Gespensterglauben.

Er blieb einen Augenblick unschlüssig an Maras Zimmertür stehen und horchte. Nichts regte sich innen.

»Ich habe keine Ruhe, ehe ich nicht wenigstens weiß, daß ihr kein Leid geschehen ist,« dachte er und klopfte leise an. Aber er mußte mehrmals klopfen, ehe eine Stimme von innen matt frug: »Ja? Trine sind Sie es?«

»Bitte, öffnen Sie! Es ist nicht Trine, aber ich muß Sie einen Augenblick sprechen,« antwortete er leise, dicht am Schlüsselloch. »Silas Hempel.«

Plötzlich aber setzte er hastig im Ton des Schreckens hinzu: »Machen Sie um Gottes willen kein Licht, oder es gibt ein Unglück!«

Zwei Minuten später öffnete Mara die Türe. Sie hatte rasch einen Schlafrock übergeworfen. Ihr Schritt schien unsicher, fast taumelnd. »Ich bin noch ganz betäubt vom Schlaf,« murmelte sie. »Was gibt es denn? Wie kommen Sie hieher, Herr Hempel? Und warum . . .«

Aber anstatt zu antworten, stürzte Hempel an ihr vorüber, stolperte im Dunkeln über einen Stuhl, raffte sich auf und öffnete die beiden Fenster des Gemaches weit.

»Wieviel Gasarme gibt es hier?« fragte er aufgeregt.

»Einen dreiarmigen Lustre über dem kleinen Tisch in der Mitte. Aber warum . . . oh mein Gott, ja, jetzt rieche ich es auch . . . es strömt Leuchtgas aus!!«

Hempel hatte den Lustre bereits gefunden und schloß die Hähne. Sie waren alle offen gestanden.

»Das also hat er gewollt,« murmelte er dabei schaudernd, »und es wäre nur zu sicher gelungen, wenn ich nicht . . . drei Arme auf einmal! Teufel, Teufel . . . Sie haben doch sicher abends die Hähne abgedreht, nicht wahr?« wandte er sich an Mara.

»Ja – natürlich. Ich brannte überhaupt nur eine Flamme an. Aber erklären Sie mir ums Himmels willen . . .«

»Später.« Er schnobberte in der Lust. Der Gasgeruch hatte sich durch das Eindringen der kalten Luft und den durch das Offenlassen der Tür erzeugten Zug rasch verloren. Hempel schloß erst die Türe, dann beide Fenster und ließ die Rollbalken herab.

»Ich glaube, wir können nun getrost wagen, Licht zu machen,« sagte er, ein Streichholz anreibend und eine der Gasflammen anzündend.

Mara, die nun bei Licht sich einem anscheinend fremden Menschen gegenüber sah, prallte erschrocken zurück.

»Um Gottes willen, wer sind Sie? Wie –«

»Jaso,« entschuldigte er sich lächelnd und riß mit einem Griff Perücke und Bart herab, »die Verkleidung hatte ich wirklich vergessen. Sie war nötig, um Eintritt in das mir von Ihrem Onkel verbotene Haus zu erlangen. Aber nun brauche ich sie nicht mehr.«

Er rieb mit seinem Taschentuch all die seinen, geschickt angeschminkten Linien vom Gesicht.

»So – nun sind Sie wohl überzeugt, daß ich der bin, für welchen ich mich beim Eintritt ausgab? Und nun wollen wir vor allem keine Zeit verlieren –«

»Wollen Sie mir denn nicht wenigstens erklären, was dies alles zu bedeuten hat?«

»Ich bin eben dabei: Der Mann, welcher Ihren Vater erschossen hat, wollte soeben auch Sie töten, Diesmal wählte er eine harmlosere Form – er wollte den Anschein eines Selbstmordes erwecken. Warum Sie ihm im Wege standen, weiß ich noch nicht und auch über seine Person besitze ich momentan nur Vermutungen. Bestätigen sich dieselben, dann allerdings war mein erster Instinkt der richtige, und vieles, wenn auch nicht alles klärt sich auf . . . Doch darüber haben wir morgen Zeit zu sprechen. Für jetzt will ich Ihnen nur Verhaltungsmaßregeln geben, die Sie streng befolgen müssen, wenn die errungenen Vorteile nicht wieder verloren gehen sollen. Vor allem: der Mörder darf nicht ahnen, daß Sie seinen Plan errieten. Sie müssen morgen allen Leuten im Hause erzählen, daß Sie aus Unachtsamkeit die Gashähne zu schließen vergaßen und beinahe erstickt wären. Nur durch große Willensanstrengung gelang es Ihnen, sich halb bewußtlos zum Fenster zu schleppen und dieses zu öffnen.

Im übrigen zeigen Sie sich völlig unbefangen. Mißtrauen Sie allen Personen im Hause – von Trine angefangen bis zum Inspektor Leffler, der heute hier übernachtete. Dies ist sehr wichtig. Und nachmittag begeben Sie sich zu jener Unterredung an das Winzerhaus . . .«

»Wie – Sie wissen?«

»Ja. Ich war ungesehen Zeuge Ihrer Unterredung mit Major Botstiber. Er will während der Zusammenkunft in Ihrer Nähe bleiben. Ich will noch mehr: ich will jede Silbe, die gesprochen wird, hören! Wählen Sie also einen Platz, wo ich mich in der Nähe verbergen kann. Keinesfalls aber willigen Sie ein, das Haus selbst zu betreten. Ich habe alle Ursache, diese alte Baracke für eine Mördergrube zu halten.«

Mara hatte schaudernd, wie betäubt zugehört. Man sah ihr an, daß tausend Fragen auf ihren Lippen brannten, aber Hempel schien nicht gewillt, für jetzt auch nur eine derselben zu beantworten.

Rasch stand er auf.

»Sie wissen nun alles Nötige, und ich muß auf meinen Posten zurück. Schließen Sie die Türe ab, wenn ich draußen bin, es war ein großer Leichtsinn, sie vorhin unversperrt zu lassen! Und nun Gott befohlen! Vergessen Sie nur keinen Augenblick, die größte Ruhe und Unbefangenheit zu heucheln!«



XXIV.

Hempel glaubte nicht, daß sich der Geist des toten Kastellans in dieser Nacht noch einmal zeigen werde, aber er hielt es auch nicht für ganz ausgeschlossen.

Deshalb begab er sich wieder auf seinen Platz im Vorraum zur Heizerkammer und wartete. Schlaf hatte er gar keinen.

Wirre Gedanken quälten ihn. Was hatte er im Grunde gewonnen? Er wußte, daß der Mörder sich gelegentlich als Gespenst verkleidete, um weniger leicht belästigt zu werden, falls ihm zufällig jemand begegnen sollte.

Aber hatte er dies nicht aus Trines Erzählungen längst vermutet?

Er wußte weiter, daß der Mörder auch Mara nach dem Leben trachtete. Indessen komplizierte dies das Geheimnis, anstatt es zu lösen.

Die beiden großen Fragen: »Warum wurde Herr von Rittler getötet?« und »Wie konnte der Mörder sich in Zeit von wenigen Minuten ungesehen vom Schauplatz der Tat entfernen?« wußte er heute noch so wenig zu beantworten wie vor vier Wochen.

Draußen blieb alles still bis zum ersten Schein der Morgendämmerung. Dann war es Silas, als vernehme er ein unbestimmtes, mehr mit dem Instinkt als dem Gehör wahrnehmbares Geräusch.

Vorsichtig spähte er hinaus. Richtig – dort bog die Gestalt, die wie der Geist des toten Kastellans erschien, eben um die Korridorecke. Diesmal kam er von rechts und trug kein Licht in der Hand.

Geräuschlos verschwand er in Herrn von Rittlers Zimmer, dessen Tür, wie Hempel deutlich hörte, leise abgesperrt wurde.

»Er kann sich doch nicht dort einlogiert haben, zum Kuckuck?« dachte Silas und glitt im nächsten Augenblick geräuschlos den Korridor entlang zu der betreffenden Türe, wo er sich bückte und durch das Schlüsselloch spähte.

Lange Zeit blieb er in dieser Stellung. Als er sich endlich aufrichtete, war sein Gesicht leichenblaß.

»Oh,« murmelte er, sich verwirrt über die Stirne streichend, »das also ist des einen Rätsels Lösung . . .! Und: Nun weiß ich auch, wo ich die zweite zu suchen habe! . . . Er kehrte nur in die Heizerkammer zurück, um seine Mappe und den Mantel zu holen, dann stieg er leise die Treppe hinab, öffnete im Parterre ein Fenster und schwang sich hinaus.

Der noch nicht völlig angebrochene Tag fand Silas Hempel bereits oben am alten Winzerhaus, wo er sich zwischen Gestrüp und dahinter beginnenden Weinstöcken geschickt ein Versteck zurechtgemacht hatte.

Er konnte von da aus nicht nur die ganze Vorderfront und einen Teil der linken Seitenfront, sondern auch ein gutes Stück der Umgebung übersehen.

Hinter dem verwahrlost aussehenden Haus, dessen Läden geschlossen waren, gab es ein Stück Rasen, von Gestrüpp eingefaßt. Links davon begannen, sanft ansteigend, Weingärten, rechts Felder. Vorne ging die Straße vorbei.

Hempel mochte kaum eine Viertelstunde in seinem Versteck gelegen haben, als er auf der Straße, von Heiligenstadt heraufkommend, einen jungen Burschen sah, der ihm trotz seines vagabundenmäßigen, wenig vertrauenerweckenden Aussehens bekannt schien.

Im nächsten Augenblick lächelte er und stich einen leisen eigentümlichen Pfiff aus.

Der Bursche stutzte, eilte aber dann sofort vorsichtig näher, bis er Hempel erblickte und nun ohne weiteres neben ihm ins Gebüsch kroch.

»Sie, Meister! – Wie kommen Sie denn hieher und was tun Sie hier?«

»Dasselbe, was Sie vermutlich tun wollten, Marstaller: die beiden Frauenzimmer ein wenig ausbaldowern!«

»Oh, ich treibe mich schon acht Tage hier herum und meiner Treu: nicht umsonst!«

»So? Na, lassen Sie mal hören. Wie lange wohnen denn die Frauen eigentlich hier?«

»Kaum ein Jahr. Die Alte hat offenbar einen Sparren im Kopf und dabei sitzt's ihr faustdick hinter den Ohren. Mit der gibt's kein Anbandeln. « Den ganzen Tag wandert sie in ihrer Stube herum, scheinbar immer aufgeregt, immer in der Erwartung irgend eines Ereignisses, das nicht kommen will. Manchmal weint sie, manchmal foltert sie irgend eine geheime Angst und zuweilen wieder ist sie voll stolzer Zuversicht und spricht von glänzenden Tagen, die nun bald kommen würden. All das hat mir die Junge nach und nach anvertraut, ihre Enkelin, ein armes Ding, das wohl noch wenig gute Tage im Leben gesehen hat. Von den Geheimnissen des Hauses weiß die Kleine nichts, denn man schickt sie dann hinauf in ihre Dachkammer zum Schlafen.«

»Welche Geheimnisse gibt es denn?«

»Nun da sind vor allem drei Kunden, die hier links im Keller unten ihr geheimnisvolles Wesen treiben. Sie kommen ganz unregelmäßig, und bleiben ein paar Stunden, manchmal auch einen Tag lang und verschwinden wieder. Was sie eigentlich unten machen, weiß ich nicht, denn sie haben Tür und Fenster so verrammelt, daß es unmöglich ist, auch nur einen Blick hinein zu werfen. Gehen sie fort, so schließen sie mit einem sehr künstlich konstruierten amerikanischen Sicherheitsschloß ab. Nicht mal die Alte darf hinein, obwohl sie sonst mit dem Anführer auf dem besten Fuß steht.«

»Eine Diebsbande also, deren Hehlerin die Alte ist,« brummte Hempel enttäuscht, »wahrscheinlich haben sie im Keller ein Lager gestohlener Waren! Weiter!«

»Wissen Sie, wer der Anführer ist, Herr Hempel? Ich habe ihn gleich auf den ersten Blick erkannt!«

»Nun?«

»Der Ignaz Halwanger, der einst als geschickter Kupferstecher anfing, dann seine Frau erstach und seitdem immer tiefer sank, bis er aus Wien polizeilich abgeschafft wurde.«

»Was – der alte Gauner ist wieder da, der in den letzten zehn Jahren mehr Zeit im Gefängnis verbrachte als anderswo?«

»Derselbe. Die beiden andern kenne ich nicht. Aber Halwanger tritt hier auf, als wäre er der Hausherr – das heißt nur so lange, als der andere nicht in Sicht ist. Sonst macht er sich sofort aus dem Staub.«

»Welcher ›andere‹?«

»Ja, wenn ich das nur schon herausgebracht hätte!! Dieser andere kommt nur selten und meist nachts. Poldi – das ist die Kleine – hat ihn noch nie gesehen, aber sie sagt, alle hätten eine furchtbare Angst und noch größeren Respekt vor ihm. Er kommt nur zur Großmutter und wird einfach ›der Herr‹ genannt. Wenn er da war, ist stets Geld im Haus. Anfangs dachte ich, er sei es, der vielleicht die gestohlenen Waren fortschafft und verkauft. Aber Poldi schwört, er wisse gar nichts von der gelegentlichen Anwesenheit der drei andern, und Großmutter habe eine Todesangst, er könne es durch Zufall doch mal erfahren.«

»Von Sturm fanden Sie keine Spur?«

»Nur eine ganz schwache. Poldi scheint um die Sache zu wissen, aber sie ist nicht zu bewegen, offen über die Ereignisse der Nacht des 20. Sept. zu sprechen. Das arme Ding ist so eingeschüchtert und bildet sich ein, man würde es totschlagen, wenn es nur eine Silbe verriete. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Sie hält mich für einen stellenlosen Arbeiter und gewinnt von Tag zu Tag mehr Vertrauen . . .«

»Bst,« unterbrach ihn Hempel, indem er nach dem Hause hinüberwies, aus dem soeben ein ärmlich gekleidetes Mädchen getreten war. »Ist sie das?«

»Ja, es ist Poldi, Sie geht jeden Morgen hinunter nach Heiligenstadt, die kleinen Bedürfnisse des Haushaltes einzukaufen. Wer so spät wie heute ging sie noch nie . . .«

Hempel erhob sich.

»Bleiben Sie hier und lassen Sie das Haus nicht aus den Augen. Besonders ist auf das Gebaren der Alten zu achten – jede Miene ist wichtig. Ich will inzwischen das arme Ding dort ein wenig näher besehen.«

Ohne Hast schlenderte Hempel anscheinend gleichgültig die Straße abwärts. Poldi war schon weit voraus. Sie schien große Eile zu haben und lief beinahe.

An den ersten Häusern angelangt, verlangsamte sich ihr Schritt. Zögernd schritt sie weiter, blieb zuweilen ratlos stehen und musterte verstohlen die wenigen Leute, die ihr begegneten, als wollte sie jemand ansprechen und wage es doch nicht.

Aber alle, die ihr entgegenkamen, waren nur Arbeiter, was sie offenbar nicht befriedigte.

Zuletzt wandte sie sich um und schritt langsam zurück. Ihr schmales, nicht unhübsches Gesicht trug einen kläglichen Ausdruck. Aber dann erblickte sie Hempel, der ihr behaglich schlendernd entgegenkam.

Ihre Augen leuchteten auf, als sie seinen Anzug musterte. Rasch näherte sie sich ihm und sagte bittend: »Ach könnten Sie nicht so gut sein, Herr, und mir eine Zwanzigkronennote wechseln? Der Kaufmann hat noch nicht so viel Kleingeld beisammen, da es noch zu früh morgens ist.«

Sie hielt ihm die Note entgegen. Hempel wußte natürlich, daß sie noch gar nicht beim Kaufmann gewesen war. Auch sah er auf den ersten Blick, daß die Note, obwohl geschickt gemacht, doch falsch sei.

Trotzdem zog er bereitwillig seine Börse und wechselte.

Poldi gab sich alle Mühe, ihre heimliche Freude zu verbergen, und entfernte sich mit lebhaftem Dank. Aber auch Hempel frohlockte.

Mehr Glück hätte er im Augenblick gar nicht haben können. Er wußte nun, was die drei Männer unter Halwangers Leitung im Keller des abgelegenen Winzerhauses trieben.

Natürlich hatte sich Poldi, die beim Kaufmann bekannt sein mußte, gefürchtet, dort die falsche Note wechseln zu lassen. Aber indem sie dieselbe Hempel übergab, gab sie sich selbst und alles, was sie wußte, gleichfalls in seine Hand.



XXV.

»Ein Augenblick, mein kleines Fräulein . . . ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.«

Silas Hempel, der Poldi gleich hinter den letzten Häusern erwartet hatte, sagte es zwar freundlich, aber in einer Weise, die keinen Widerspruch aufkommen ließ.

Poldi fuhr zusammen, und blieb stocksteif stehen, mit den unruhigen Augen eines Eichkätzchens nach einer Fluchtgelegenheit ausspähend.

Aber Hempel nahm lächelnd ihre Hand.

»Nein, mein Kind, davonmachen geht nicht! Aber was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen einen kleinen Spaziergang zum nächsten Polizeikommissariat vorschlüge, damit wir die Note, die Sie mir gegeben haben, ein wenig auf ihre Echtheit prüfen lassen?«

Jeder Blutstropfen wich aus Poldis Gesicht, in dem sich nichts als nackte Todesangst spiegelte.

»Herr . . . Herr . . .« stammelte sie, und plötzlich in ausbrechendem Jammer die Hände faltend, rief sie verzweifelt: »Haben Sie doch Erbarmen! Ich konnte nicht anders . . . nein, ich konnte nicht anders, so wahr unser Herrgott mir helfe! Wenn ich nur irgend 'nen andern Ausweg gewußt hätte . . . aber ich will's Ihnen bei Heller und Pfennig ersetzen nach und nach . . . nur haben Sie jetzt Erbarmen und lassen Sie mich gehen!!«

Der Detektiv blickte während dieses leidenschaftlichen Ausbruches neugierig forschend in die flehend zu ihm aufgeschlagenen dunklen Augen.

Sie waren rein und ohne Falsch. Nichts als Angst stand darin geschrieben. Wäre Poldi das gewesen, wofür er sie bisher gehalten hatte, die verderbte, in Verbrecherumgebung aufgewachsene Dirne, so würde sie sich wohl auch nicht so besinnungslos ergeben, sondern auf die Unwissende, Ahnungslose hinausgespielt haben.

Hempel mußte sich gestehen, daß ihr Benehmen ihn überraschte. Es erschütterte das System, das er sich über die Bewohner des Winzerhauses gebildet und das Marstallers Bericht zu bestätigen schien.

»Ich will Ihnen was sagen, mein Kind. So einfach geht die Geschichte nicht,« meinte er endlich. »Wo die eine falsche Note war, müssen noch andere stecken und es ist sicher nicht das erstemal, daß Sie es . . .«

»Doch! Ich schwöre Ihnen, Herr, es ist das erstemal! Ich hatte sie schon lange . . . Männer, die zuweilen in unser Haus kommen, warfen sie weg oder verloren sie, ich weiß es nicht – kurz ich fand sie. Nie bis heute hatte ich die Absicht, sie auszugeben.«

»Sie wußten natürlich, daß sie falsch ist?«

Poldi senkte den Kopf.

»Ja,« antwortete sie leise, »ich vermutete es.«

»Warum gaben Sie die Note nicht an jene Männer zurück?«

»Dazu hatte ich keine Gelegenheit. Großmutter schärfte mir immer ein, ihnen aus dem Wege zu gehen. Das sei keine Gesellschaft für uns, die wir vielleicht eines Tages vornehme Damen sein würden . . .«

»So, das sagte Ihre Großmutter?« Der Detektiv horchte hoch auf.

»Ja. Manchmal. Dann freilich weinte sie wieder und klagte, daß es für uns beide wohl kein Glück auf dieser Welt mehr geben würde. Vor jenen Männern hätte sie mich übrigens gewiß nicht zu warnen brauchen, die jagten mir Angst genug ein . . .«

»Sonderbar – Ihre Großmutter warnte Sie und bot den Leuten doch einen Unterschlupf! Was Machten sie denn eigentlich im Keller unten?«

»Ich . . . weiß es nicht.«

»Oh, ich denke, Sie wissen es recht gut, Kleine, daß die Burschen eben jene falschen Banknoten fabrizierten, von welchen Sie mir heute eine anboten!«

Poldi schwieg. Dann sagte sie ängstlich: »Darf ich jetzt gehen?«

»Einen Augenblick noch. Sie haben mir ja noch nicht gesagt, was Sie veranlaßte, die falsche Note gerade heute zu wechseln?«

Poldi wurde sehr rot.

»Ich hatte kein Geld und mußte unbedingt Lebensmittel einkaufen . . . wir haben fast nichts mehr im Hause . . .«

»Ihre Großmutter ist wohl sehr arm?«

»Oh nein. Sie gab mir immer so viel Geld, als ich brauchte. Aber heute, als ich an ihre Tür klopfte, um wie gewöhnlich welches zu verlangen, bekam ich keine Antwort. Sie schlief wahrscheinlich noch. Ich wartete eine Weile, aber da sich nichts rührte, dachte ich endlich . . . ich konnte ja nicht einmal Frühstück kochen ohne Milch, Holz und Zucker . . . und doch . . . kurz da fiel mir eben die Note ein.«

Hempel war die Verlegenheit des Mädchens nicht entgangen.

»Warum warteten Sie denn nicht, bis Ihre Großmutter erwachte?«

»Ich wartete ja! Aber es dauerte zu lange . . .« und, plötzlich von Unruhe und Ungeduld übermannt, setzte sie dringend hinzu: »Ich habe einen kranken Bruder daheim. Er war sehr schwer krank . . . heute morgen zum erstenmal verlangte er zu essen. Darum hatte ich Eile. Und darum seien Sie jetzt barmherzig, Herr, und lassen Sie mich endlich gehen!«

Aber anstatt ihn zu rühren, zerstörten diese Worte den ganzen guten Eindruck, den Poldis Wesen aus Hempel gemacht hatte.

»Sie lügen,« sagte er hart. »Sie haben keinen Bruder daheim. Im Winzerhaus wohnt niemand als Sie und Ihre Großmutter!«

Wäre ein Blitz vor ihr niedergegangen, Poldi hätte nicht entsetzter zurückprallen können.

»Oh – Sie wissen, wo ich . . . Sie kennen mich!?« stammelte sie.

»Ein wenig, jawohl! Gestehen Sie nun, daß Sie mich belogen haben?«

Statt aller Antwort begann Poldi zu weinen. »Ich bin verloren,« murmelte sie, »sie werden erfahren, was ich getan habe . . . und . . .«

»Wer soll etwas erfahren? Und was haben Sie getan?«

»Die Leute, welche die falschen Noten machen . . . sie werden mich töten . . . sie machen keine Umstände . . .«

»Hören Sie,« sagte Hempel, dem ein Licht zu dämmern begann, entschlossen. »Sie haben nur diese Wahl: entweder Sie sagen mir nun auf der Stelle offen, was Sie getan haben, dann werde ich Sie auch gegen jene Leute zu schützen wissen, oder ich bringe Sie ohne Gnade und Barmherzigkeit zur nächsten Polizeistation, wo man schon das Nötige aus Ihnen herausbekommen wird!«

Das Mädchen zitterte am ganzen Leib vor Angst.

»Herr,« stammelte sie, »es war nichts Böses . . . gewiß – es war nichts Böses . . .«

»Dann reden Sie offen!«

Und Poldi begann hastig, verworren, halb besinnungslos vor Angst zu erzählen.

»Nein, er ist nicht mein Bruder, Sie haben recht. Wir wissen gar nicht, wer er ist. Aber als ich vor etwa vier Wochen, durch Geschrei erschreckt, heimlich aus meiner Dachkammer hinuntereilte und ihn wie tot mitten auf der Straße liegen sah . . . und doch merkte, es sei noch Leben in ihm, da jammerte er mich. Und Großmutter, die mich erst zornig fortschicken wollte, erbarmte sich seiner auch . . . so schleppten wir ihn schnell ins Haus hinein . . .«

»Und die Mörder?«

»Oh die Elenden! Sie hatten ihn ausgeplündert und für tot liegen lassen. Der eine fuhr auf dem Rad, das sie dem armen jungen Menschen gestohlen hatten, die Straße hinauf auf den Kahlenberg, die andern beiden hatten sich in einen Weingarten geschlagen. Als ich hinab kam, hörte ich eben noch, wie der Alte meiner Großmutter zuraunte: ›Daß du schweigst, wenn dir dein Leben lieb ist – der Bursche ist tot, kommt jemand, so hast du nichts gesehen und nichts gehört. Wenn du uns verratest, so verrate ich den andern – du weißt schon . . .«

»Wen meinte er damit?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht den Herrn, welcher heimlich zur Großmutter kommt?«

»Wer ist dies?«

»Ich weiß es nicht. Großmutter ist meist sehr aufgeregt, wenn er da war. Sie spricht von ihm nur immer per ›der Herr‹. Ich glaube, er bringt ihr Geld und er ist es, von dem sie hofft, er werde doch noch einmal unser Glück machen . . .«

»Sahen Sie ihn einmal?«

»Ein einzigesmal von ferne, denn meist sperrt mich Großmutter ein, wenn er kommt. Damals kam er unerwartet und in der Dämmerung. Er sieht sehr wild und bös aus mit seinen grauen Haaren und den stieren schwarzen Augen, unter denen er abscheuliche Hautsäcke hat.«

Hempel nickte befriedigt.

»Weiter. Was tatet ihr mit dem jungen Mann? Lebt er noch?«

»Gottlob ja – ich sagte es Ihnen schon – obwohl sie ihn übel zugerichtet hatten. Er hatte ein Bein gebrochen und war bewußtlos von einem furchtbaren Hieb, den sie ihm über den Kopf gegeben hatten. Großmutter sagte, einen Arzt dürfen wir nicht holen, schon wegen der Männer und auch weil ›der Herr‹ absolut nichts erfahren dürfe von der ganzen Geschichte. Aber sie war mal in ihrer Jugend bei einem Arzt bedienstet gewesen, dem sie öfter helfen mußte, denn es war auf dem Land. Sie wies mich an, was ich tun mußte, während sie den gebrochenen Fuß in die richtige Lage brachte und mit hölzernen Schienen versah. Wir hatten ihn in einem entlegenen abgeschlossenen Raum unter dem Dach untergebracht und ich pflegte ihn. Aber er wollte und wollte nicht zur Besinnung kommen! Großmutter meint, es sei wohl eine Gehirnerschütterung, und man müsse Geduld haben. Vielleicht überstehe er's doch.

Nun – gestern endlich sprach er zum erstenmal vernünftige Worte. Und heute früh sagte er, er sei hungrig, ich solle ihm rasch zu essen bringen, denn er müsse sobald als möglich zu Kraft kommen.«

»Weiß er, wie lange er sich bei Ihnen befand?«

»Nein. Großmutter meinte, wir sollen es ihm erst sagen, wenn er kräftiger geworden.«

Hempel atmete tief auf.

Sturm lebte also! Wie durch ein Wunder war er dem Leben erhalten geblieben!

Da kam ihm ein Gedanke.

»Hören Sie mal, Poldi, waren Sie es vielleicht, die Fräulein von Rittler für heute an das Winzerhaus bestellte?«

»Ich?« Poldis grenzenloses Erstaunen bezeugte, daß sie keine Ahnung von dem Brief hatte, »Warum sollte ich . . . aber warten Sie? . . . sagten Sie nicht ›Rittler‹? Den Namen sprach der arme junge Mann so oft in seinen Fieberphantasien aus . . .«

»Kann ich mir denken! Aber nun kommen Sie, Poldi. Ich muß nun unbedingt Ihre Großmutter sprechen.«

Während sie dahinschritten, bekam Poldi wieder Angst.

»Großmutter wird böse sein, daß ich Ihnen alles sagte . . . und wenn es bekannt wird – oh Gott, die elenden Mörder werden sich an ihr und mir furchtbar rächen . . .«

»Aengstigen Sie sich nicht, mein Kind. Wenn sich alles so verhält, wie Sie angaben, dann haben Sie nicht das mindeste zu fürchten –« ein grimmiges Lächeln spielte um Hempels Lippen – »weder von jenen Männern noch von dem ›Herrn‹!«

Im Winzerhaus war alles noch wie zuvor. Die Läden geschlossen, die Haustüre zu.

»Großmutter schläft also immer noch?« murmelte Poldi verwundert. »So lange hat sie noch nie geschlafen . . .«

Hempel sah sie betroffen an. Plötzlich spiegelte sich Unruhe in seinem Blick.

»Oeffnen Sie rasch die Haustür,« sagte er rauh, »wir müssen nachsehen, was mit der alten Frau los ist.«

Poldi sperrte auf. Beide wandten sich links nach dem Zimmer der Witwe Brauneis und pochten an. Alles blieb still. Da öffnete der Detektiv entschlossen die Türe, prallte aber im nächsten Augenblick erschrocken zurück.

Das Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus und wies mit ausgestreckten Händen auf den Pfeiler, der einen grauenhaften Anblick bot.

Ein für gewöhnlich dort hängender Spiegel war herabgenommen und an die Wand gelehnt. An dem Hacken aber hing der Körper der alten Frau.

»Jesus, Maria,« stammelte Poldi, »sie hat . . . sie hat sich . . . erhängt!!!«

Hempel sagte nichts. Er trat an die Tote heran, betrachtete aufmerksam ihr Gesicht, überzeugte sich durch einen Griff, daß die Totenstarre bereits eingetreten war, und hob zuletzt den nebenstehenden Spiegel probeweise auf.

»Nein,« sagte er dann, während ein furchtbarer Ernst seinen Zügen etwas Drohendes verlieh, »sie hat sich nicht erhängt. Man hat sie erst erdrosselt und später den Schein eines Selbstmordes erwecken wollen!«

Er trat hinaus vor die Haustür und rief Marstaller durch einen Pfiff zu sich.

»Eilen Sie sofort hinab nach Heiligenstadt und machen Sie die Anzeige, daß hier ein Mord geschehen ist. Ich bleibe einstweilen hier.«



XXVI.

»Sie aber, mein Kind,« wandte sich Hempel sanft an die weinende Poldi, »gehen nun hinauf und versorgen Ihren Kranken. Sagen Sie ihm nichts von dem, was hier geschehen ist, es würde ihn zu sehr erschüttern.«

Poldi stand im Begriff, sich stumm zu entfernen, als er sie noch einmal zurückrief und ihr ein Bild vorhielt.

»Kennen Sie diese Photographie, Poldi?«

Sie brach von neuem in krankhaftes Schluchzen aus.

»Großmutter! Es ist doch Großmutters Bild, Sie müssen es selbst erkennen! Wie kommen Sie dazu? Es stammt erst aus dem vorigen Jahre. . . .«

»Wo Sie noch im ›Goldenen Schwan‹ zu Neuberg bei Ihrer Großtante waren, nicht wahr?«

»Ja – oh Gott, woher wissen Sie denn nur dies alles?«

»Sagte Ihnen Ihre Großmutter nie, warum sie heimlich von dort fortzog und nicht einmal mehr ihrer Schwester Nachricht gab?«

»Nein. Sie sagte, es müsse sein. Sie war kurz zuvor einer kleinen Operation wegen in Wien gewesen und als sie zurückkehrte, war sie ganz und gar verändert . . .«

»Ich weiß, ich weiß . . . nun, gehen Sie jetzt nur zu Ihrem Patienten. Und machen Sie sich keine Sorge wegen der Zukunft. Ihre Großtante sucht Sie schon lange und wird glücklich sein, Sie endlich wieder zu haben. Auch sonst ist noch jemand im ›Goldenen Schwan‹, der Sie sehnlichst erwartet! . . .«

Poldi wurde feuerrot und verschwand rasch.

Silas Hempel aber setzte sich in den hintersten Winkel der Stube neben einen Kleiderständer, stützte den Kopf in die Hand und dachte nach.

Ja, es stimmte alles. Die Spur, die er instinktiv von allem Anfang an verfolgt hatte, obwohl er so gut wie keinen Anhaltspunkt dafür hatte, war die richtige gewesen. Blieben nur mehr die Beziehungen zu ermitteln, welche die arme Tote hier mit . . .

Ein leises Klirren am Fenster ließ Hempel aus seinen Gedanken auffahren. Jemand hatte von außen an das Fenster geklopft. Jetzt wurde auch ein kurzgeschorener grauer Kopf sichtbar, der vorsichtig durch die Scheiben herein spähte.

Da Hempels Platz ganz im Hintergrund war, außerdem durch den Kleiderständer halb verborgen wurde, die Leiche aber noch am Pfeiler hing, mußte der Mann draußen das Zimmer für leer halten.

»Gottlob, daß ich die Haustür hinter Marstaller nicht abschloß,« dachte Hempel und verbarg sich geräuschlos zwischen den Kleidern des Ständers, »so wird mir der Vogel wohl von selbst in die Arme fliegen! Welches Wiedersehen für den alten Gauner!«

Er hatte sich nicht getäuscht. Im nächsten Augenblick wurde die Zimmertür geöffnet und ein etwa sechzigjähriger Mann mit kleinen listigen Augen und scharfen Zügen schlüpfte herein.

Aber bei dem schrecklichen Anblick, der sich ihm bot, blieb er wie angewurzelt stehen. Leichenblässe deckte sein Antlitz. Mit stierem Blick starrte er auf den Leichnam, als könne sein Verstand nicht fassen, was er sah.

Diesen Augenblick der Verwirrung benützte Hempel, um sich mit einem Sprung von rückwärts auf den Mann zu werfen. Wie mit Eisenklammern umfaßten ihn seine Arme, er warf ihn zu Boden und legte ihm Handschellen an.

Der Alte war so überrascht, daß er kaum Widerstand leistete. Erst als Hempel ihn wieder aufrichtete und auf einen Stuhl setzte, sagte er mit einem giftigen Blick: »Ah – Sie sind's wieder?«

»Jawohl, Halwanger! Derselbe Silas Hempel, der dich schon einmal ins Graue Haus geliefert hat. Aber diesmal, mein Bursche, werden sie dich wohl nicht so bald wieder frei geben. Diesmal wird's um Jahre gehen!«

»Bah – was soll ich denn getan haben?«

»Das solltest du wirklich nicht wissen, alter Sünder?«

Halwanger machte das harmloseste Gesicht der Welt.

»Keine Idee habe ich . . .«

»Nun warte nur. Man wird dir zuerst Papierchen vorlegen, die du wahrlich nicht zum bloßen Vergnügen angefertigt hast im Keller dieses Hauses! Dann wird man dich um einen jungen Mann fragen, dem du da draußen wenige Schritte vom Hause den Garaus machen wolltest . . .«

»Ich nicht, bei Gott, das war nicht ich! Ich war sogar dagegen. Aber die andern hörten nicht auf mich. Sie fürchteten, weil uns der junge Mensch aus dem Kellerfenster steigen sah, er würde uns verraten. Da schlugen sie ihn gegen meinen Rat nieder.«

»Na – mindestens warst du doch dabei und hast stillgeschwiegen! Uebrigens wird man dich auch ein wenig fragen, was du mit der armen alten Frau hier gemacht hast?«

Hempels Blick hing bei diesen Worten gespannt an den Zügen des alten Gauners. Dieser fuhr entrüstet auf.

»Ich? Was kann denn ich dafür, wenn sie sich erhängte? Ich wollte, sie hätte so viel Verstand gehabt, es nicht zu tun . . . zwei Finger gäbe ich drum, wenn sie noch am Leben wäre, die arme Haut.«

»Na . . .«

»Machen Sie sich nicht lächerlich,« fuhr ihm Halwanger grob in die Rede, »daß ich kein Tugendengel war, will ich Ihnen gelten lassen, aber so schlecht bin ich nicht, daß ich die eigene Schwester in den Tod getrieben hätte!«

Jetzt war es Hempels Gesicht, das die größte Ueberraschung zeigte.

 »Bah,« sagte er dann ungläubig, »die Witwe Brauneis wäre deine Schwester?«

»Jawohl! Nur daß sie so wenig Brauneis heißt und Witwe ist, wie ich z. B. Halwanger heiße, obwohl ich seit zwanzig Jahre diesen Namen führe . . .« er versuchte zu lachen, »seit ich den andern – wahren – nicht mehr in Ehren tragen kann. In Wirklichkeit heißen wir beide Schartner.«

Er schwieg und blickte seufzend zu Boden. In diesem Augenblick, wo tausend Erinnerungen ihn bestürmten, war nichts als Gram und Bitterkeit über ein verfehltes Leben in seinen Zügen zu lesen.

Hempel betrachtete ihn nachdenklich. Endlich sagte er kurz: »Deine Schwester hat sich nicht selbst erhängt. Sie wurde ermordet.«

Halwanger fuhr zusammen und starrte den Detektiv fassungslos an.

»Oh,« murmelte er, »oh . . .«

Dann schwieg er verstört. Aber in seinen Zügen arbeitete es, und wilde, zornige Gedanken ließen ihre Spuren darin zurück.

Plötzlich ballten sich seine gefesselten Hände, er hob den Kopf und stieß aufgeregt heraus:

»Aber dies ist sein letztes Stück, ich schwöre es! Er bildet sich ein, mit der armen Kathi habe er die Sache aus der Welt geschafft . . . er weiß nicht, daß sie ein Zufall wieder mit mir zusammenführte, und daß ich alles weiß! . . . oh Kathi, Kathi, warum hast du nicht auf mich gehört! Ich warnte dich immer . . .«

Er warf einen halb traurigen, halb vorwurfsvollen Blick auf die Leiche und wandte sich dann langsam gegen den Detektiv um, dessen Augen in atemloser Spannung an ihm hingen.

»Ich weiß, wer ihr Mörder ist,« sagte er dumpf, »er heißt . . .«

»Major Botstiber!« ergänzte Hempel rasch.

Einen Augenblick malte sich grenzenlose Verblüffung in des Alten Gesicht. Dann aber lachte er trocken auf.

»Ach was – so nennt er sich! Aber er ist so wenig Major, wie Sie oder ich. Ein ganz gemeiner Bursche ist er, namens Lämmermaier, der die arme Kathi unglücklich machte und dann mit ihrem Kinde sitzen ließ. Ehe er zum Militär ging, versprach er ihr freilich die Heirat, aber dann, als er sich durch ein Verbrechen zum vornehmen Herrn zu machen wußte, dachte er nicht mehr daran . . .«

»Wissen Sie etwas Näheres über jenes Verbrechen?« fragte Hempel fast atemlos vor Erregung, denn gerade dieser Punkt beschäftigte ihn seit Wochen, ohne daß es ihm gelungen war, die verbindenden Linien zwischen Ursachen und Wirkungen klarzustellen.

»Natürlich! Alles weiß ich! Der Kathi gegenüber konnte er's doch nicht ableugnen, als sie ihm eines Tages auf der Eisenbahn gegenübersaß und ihn wiedererkannte. Da half nichts, als Farbe bekennen, wenn er nicht fürchten wollte, daß sie ihn verrate. So hat er ihr's denn nach und nach eingestanden. Daß sein Herr – der wirkliche Major Botstiber – bei Königgrätz schwer verwundet hinter eine Scheune kroch, in der Lämmermaier sich gleich zu Anfang der Schlacht feige verkrochen hatte. Später schleppte sich noch ein anderer Offizier vom selben Regiment hin und beschwor Botstiber, falls er selber sterben sollte, sich um sein Kind anzunehmen. Er sagte ihm alles, wo er sein Vermögen deponiert hatte, wo das Kind in Kost sei usw. Zuletzt schrieb er mühsam ein paar Worte an seinen Rechtsanwalt auf, damit dieser Botstiber volles Vertrauen schenke. Lämmermaier hörte alles im Innern der Scheune. Als der Tag graute, kroch er heraus und wollte sich davonmachen. Da stößt er auf die beiden Offiziere und sieht, daß sie tot sind. Jetzt kommt ihm ein teuflischer Gedanke. Seine Kameraden in der Kaserne hatten ihn oft damit geneckt, er kopiere seinen Herrn so getreulich, daß er ihm völlig ähnlich sehe, was umso leichter war, als beide fast gleiche Augen und Haare hatten.

Sie waren von gleicher Statur. Lämmermaier, der drei Jahre Botstibers Diener war, kannte alle Gewohnheiten, alle Beziehungen seines Herrn. Und schließlich – wer würde je auf die Idee einer Täuschung kommen? Er wechselt also rasch Kleider und Wäsche mit dem Toten, steckt seine eigenen Habseligkeiten in dessen Taschen und macht durch ein paar Bajonettstiche dessen ohnehin bereits entstelltes Gesicht völlig unkenntlich.

Zuletzt bringt er sich selbst mit demselben Bajonett ein paar Wunden bei und läßt sich eine Stunde später von Sanitätssoldaten anscheinend bewußtlos in ein Feldspital schaffen.«

Halwanger schwieg und starrte einen Augenblick grimmig vor sich hin. Dann fuhr er fort:

»Und so frech das Ganze war – es gelang ihm alles! Niemals hat jemand an seiner Identität gezweifelt! Schlau, wie er war, nahm er sich jenes Kindes sehr an, um alle Welt durch diese ›gute edle Tat‹ für sich zu gewinnen. Von dem Vermögen sprach er natürlich nicht . . . Später verschaffte er seinem Mündel eine glänzende Partie, setzte sich mit ihr ins warme Nest und wußte sich so beliebt zu machen, daß in Wahrheit bald er allein Herr im Hause war.

Da mußte ihm das Unglück passieren, Kathi zu begegnen! Sie hat den schlechten Kerl unglaublich gern gehabt. Als man ihr sagte, er sei gefallen, wollte sie sich ertränken und nur unserer ältesten Schwester, einer braven rechtlichen Frau, gelang es allmählich, sie wieder zur Besinnung zu bringen. Aber schweigsam und unglücklich blieb sie immer, auch als ihre Tochter sich gut verheiratete und nach deren frühen Tod eine Enkelin neben ihr heranwuchs. Und sie, die Lämmermaier nie vergessen hatte, erkannte ihn trotz seines Leugnens. Als er sah, daß sie sich nichts ausreden ließ, gestand er ihr endlich alles ein und beredete sie, ganz mit ihren Leuten zu brechen und hieherzuziehen unter dem Namen einer Witwe Brauneis. Er gab ihr die nötigen Papiere, schickte sie zu dem Besitzer des Hauses und sorgte dafür, daß sie hier Wohnung bekam.

Er wollte sie wahrscheinlich nur unter Aufsicht haben. Ihr selbst versprach er, daß sie bald unter irgend einem Vorwand zu ihm ins Schloß ziehen sollte, wo er ihr sodann eine gute Stelle verschaffen werde.

Ich glaube aber nicht, daß er dies wirklich wollte. Er versorgte sie mit Geld, kam zuweilen als gemeiner Mensch verkleidet hieher, wurde jedoch immer unfreundlicher und zog sie mit leeren Versprechungen hin. Die ganze Sache wurde ihm offenbar lästig, vielleicht auch zu gefährlich . . . Denn eines Tages wurde er – warum weiß ich nicht – von Herrn von Rittler bis nahe an das Haus hier verfolgt. Kathi erzählte mir, er sei außer sich vor Angst und Aufregung gewesen und habe sie – als die Ursache – hart angelassen. Noch in derselben Nacht wurde Rittler erschossen. Ich werde mich nicht irren, wenn ich sage: Lämmermaier tat es, um weitere Nachforschungen Rittlers zu verhindern!«

»So war es auch. Aber was sagte deine Schwester zu der Sache? Gingen ihr nicht die Augen auf?«

»Gott bewahre! Haben Sie schon je gesehen, daß ein Frauenzimmer, wenn es einen richtig gern hat, vernünftig urteilt?«

»Die Kathi war doch eine alte Frau!«

»Ja. Aber sie hat ihr Lebtag nichts anderes im Kopf gehabt als diesen Menschen! Und er war immer ein Komödiant. Außerdem hoffte sie von ihm ein unerhörtes Glück. Trotzdem gelang es mir, sie stutzig Zu machen. Er aber brachte sie in fünf Minuten zum Schweigen. Der Mörder sei längst gefunden. Und nun komme auch die glückliche Zeit. Die Familie sei fort und werde kaum so bald wieder kommen. In einigen Monaten könne Kathi als Wirtschafterin in Kreuzstein einziehen und in ein oder zwei Jahren – wer weiß – würde er sie vielleicht sogar heiraten, wenn sie brav und fügsam sei . . .

Kathi glaubte alles. Ich aber hatte unter der Hand so manches erfahren. Vor allem, daß Lämmermaier höchst wahrscheinlich mit der Idee umgehe, nach Ablauf des Trauerjahres Frau von Rittler seine Hand anzutragen. Dann, daß der Mörder noch nicht gefunden sei, wie er behauptet hatte. Ich teilte es Kathi mit, und sie stellte ihn scharf zur Rede, so scharf, daß er alle Besinnung verlor und ihr Dinge gesagt haben muß, die ihr wohl, seinen wahren Charakter endlich verrieten. Das war vor ein paar Tagen. In der Nacht darauf war ich hier, und sie sagte mir folgendes: ›Ignaz – es ist alles aus! Er ist ein Schurke, und ich fürchte mich vor ihm . . . ich weiß jetzt auch . . .‹

Da brach sie ab, schauderte zusammen und murmelte kaum hörbar: ›Aber er kennt auch mich nicht ganz! So schlecht bin ich nicht, daß . . .‹

 Mehr sagte sie nicht. Was sie meinte oder vorhatte, weiß ich nicht, aber es wird wohl, fürchte ich, die Ursache ihres Todes geworden sein . . .«

Hempel nickte ernst.

»Ja. Sie schrieb einen Brief, in dem sie der Tochter des Ermordeten Aufschlüsse versprach. Die Zusammenkunft sollte heute nachmittag hier am Winzerhaus stattfinden. Gestern abend bekam der Major Kenntnis von dem Brief und – er hat seine Zeit nicht verloren . . .«

Draußen fuhren Wagen vor. Hempel eilte in den Flur. Es war die Polizeikommission unter Führung des Kommissärs Stumper.

»Ich habe Dr. Wasmut und die Staatsanwaltschaft telephonisch benachrichtigt,« sagte letzterer, »und hoffe, die Herren werden nicht allzulange auf sich warten lassen.«



XXVII.

Mara ging unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die Ereignisse der letzten Nacht gingen ihr immerfort im Kopf herum.

Je länger sie darüber nachdachte, desto unheimlicher und rätselhafter schien ihr alles.

Sie begriff weder, wer ihr nach dem Leben trachten konnte noch warum. Und am wenigsten begriff sie, wie Silas Hempel sich verkleidet hatte ins Schloß einschleichen können, wo man doch seit dem Mord doppelt vorsichtig war. Seine Weisungen, weit entfernt sie zu beruhigen, ängstigten sie nur noch mehr.

»Mißtrauen Sie allen im Hause!«

Klang das nicht, als ob sie von Räubern und Mördern umgeben wäre?

Mit Aufbietung aller Willenskraft war es Mara gelungen, das Frühstück zu überstehen. Leidlich unbefangen hatte sie ihre Geschichte vorgebracht, man hatte sie erschrocken bedauert, und Onkel Malchus war unerschöpflich gewesen in besorgten Fragen, wie ihr dies denn habe passieren können und ob sie wohl keine Nachwirkungen der Leuchtgasvergiftung mehr spüre.

Endlich gelang es ihr, sich unter dem Vorwand von Kopfschmerzen in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Gegen neun Uhr war von Jolanthe ein ausführliches Telegramm aus Graz an den Major gekommen.

Sie und Frau Isabel waren bereits vor zwei Tagen von Brioni abgereist, doch war Mama so leidend, daß man in Graz die Reise unterbrechen mußte und erst heute morgen fortsetzen konnte.

Um Mittag würden sie in Wien eintreffen und gleich mit der Verbindungsbahn weiterfahren.

Onkel Malchus, an dem Mara schon gestern eine gewisse Nervosität aufgefallen war, strahlte plötzlich.

»Endlich!« sagte er aufatmend. »Wie froh und beruhigt werde ich sein, wenn Mama erst wieder bei uns daheim ist! Wir wollen ihr den Empfang so hübsch machen, daß sie alle Traurigkeit vergißt!«

Er rief den Gärtner und befahl ihm, die Treibhäuser zu plündern. Ueberall in Zimmern und Korridoren sollten Blumen und Gewächse stehen. Frau Baumer sollte die Teppiche auflegen lassen, der Heizer dafür sorgen, daß um Mittag kein Fleckchen im Schloß sei, wo die Temperatur nicht 16° betrage. – »Sie müssen bedenken, die Damen kommen aus dem Süden!« –

Ein Diener wurde in die Stadt geschickt, um junges Gemüse und Fasanen – Frau Isabels Lieblingsessen – einzukaufen. Die Konferenz mit der Köchin und Frau Baumer wegen des Menüs dauerte eine volle halbe Stunde.

Der Major war wie ausgewechselt, förmlich verjüngt. Er lief treppauf und ab, als wäre er fünfundzwanzig Jahre alt. Die Dienerschaft warf sich heimlich bedeutungsvolle Blicke zu, und auch Mara dachte halb erschrocken, halb empört: Oh – sollte er denn andere Gefühle für Mama haben, als irgend jemand ahnen konnte? Er ist ja ganz verändert . . .

Als Botstiber gegen Mittag, vom Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet, bei ihr erschien, um sie zum Mitfahren auf den Bahnhof aufzufordern, lehnte sie kalt ab.

»Ich erwarte Mama und Yolanthe hier.«

Sie bemerkte wohl, daß der Major gar nicht ungehalten war über dieses Arrangement, und ihre Unruhe wuchs, als sie wieder allein war.

Plötzlich blieb sie, ihre Wanderung unterbrechend, wie angewurzelt mitten im Zimmer stehen.

Ein furchtbarer Gedanke war blitzartig in ihr aufgetaucht: Wenn Onkel Malchus wirklich die Absicht hätte, sein Mündel zu heiraten, wessen Einfluß mußte er dabei fürchten? Mama war lenksam und leicht zu bereden, Leo ein Kind, Jolanthe dachte nur an sich selber. Sie aber, Mara, würde sich dieser Heirat einer lebensdurstigen unerfahrenen Frau mit einem alten Mann sicher widersetzt haben. Ihr Gewissen würde sie zwingen, die Mutter zu warnen . . .

Ahnte Botstiber das? War sie ihm deshalb im Wege gestanden?

Der Schweiß trat Mara auf die Stirn, abwehrend erhob sie die Hände. »Nein – nein – ich bin wahnsinnig, so etwas nur zu denken,« murmelte sie, »es ist ja nicht möglich!«

In diesem Augenblicke – der Wagen, welcher den Major an die Bahn bringen sollte, war soeben abgefahren – klopfte es an Maras Tür.

»Herein,« sagte sie mechanisch.

Silas Hempel erschien auf der Schwelle. Sein Gesicht strahlte, ein frohes Leuchten lag in seinen blauen Augen.

»Oh – Sie! Sie!« stieß Mara, in tiefster Seele erleichtert, heraus, und es war, als wiche bei dem bloßen Anblick dieses Mannes alle Angst und Unruhe von ihr. »Gottlob, daß Sie da sind . . . werden Sie mir nun endlich erklären . . .«

»Vor allem bringe ich Ihnen eine frohe Botschaft,« sagte er, ihre Frage überhörend, »Dr. Sturm lebt und ist gefunden!«

Bei diesen Worten versank alles andere in Mara. Unfähig, sich zu verstellen, stieß sie einen Schrei tiefsten Glückes aus, während Tränen in ihre Augen traten.

»Er lebt . . . er lebt . . . er lebt . . .« wiederholte sie unaufhörlich, als hätte die Sprache kein süßeres Wort als dieses.

Hempel wandte sich ergriffen ab und trat ans Fenster. Er hatte längst geahnt, daß Maras Herz dem Verschwundenen gehörte, und da sein Beruf ihn nicht gegen weiche Regungen verhärtet hatte, war er zuerst zu ihr geeilt, um ihr die frohe Nachricht zu bringen.

Als er sich nun nach fünf Minuten Mara wieder zuwendete, klang seine Stimme weich und teilnehmend.

»Dr. Sturm wurde in jener Nacht überfallen und nur durch ein Wunder dem Tode abgerungen. Er machte eine schwere Gehirnerschütterung durch und ist noch sehr schwach. Man hat um einen Krankentransportwagen geschickt, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe er oben am alten Winzerhaus eintrifft.«

»Wie – Sturm ist im Winzerhaus?«

»Ja. So nahe, und doch konnten wir ihn nicht früher finden, da . . . aber das erzähle ich Ihnen später alles im Zusammenhang. Wollen Sie nun nicht lieber zu ihm gehen?«

»Ich – zu ihm – ?« Mara, deren sich eine ungeheure Aufregung bemächtigt hatte, wich erschrocken zurück. »Oh nein, nein . . . um keinen Preis . . .«

Und sie dachte entsetzt an sein enttäuschtes Gesicht, wenn er sie anstatt Yolanthe erblicken, wenn er Fragen stellen würde, auf die sie nur mit Schweigen antworten konnte.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit, wie sie meist auf langanhaltende Erregungen folgt, bemächtigte sich ihrer zugleich mit der Erkenntnis, daß nur neue Leiden seiner und ihrer harrten.

Ja, er lebte! Aber wie trostlos würde ihm dies Leben nun erscheinen ohne Yolanthes Liebe! Er war gefunden – ihr aber war er mehr verloren als je zuvor. Sie durfte ihn weder trösten noch pflegen, noch auch nur – sehen, obwohl sie wußte, daß Brigitte Rehbein kein Blatt vor den Mund nehmen werde in bezug auf Yolanthes herzloses Verhalten.

Gestern noch hatte sie zu Fräulein Rehbein gehen und mit ihr um den Verlornen weinen können. Heute . . ., sie stöhnte auf und sank erschöpft auf einen Stuhl.

Hempel verstand sich zu gut auf die Schrift in Menschenantlitzen, um nicht zu erraten, was in Mara vorging. Bisher hatte er sich kaum in Gedanken mit Yolanthe beschäftigt, jetzt aber fiel ihm ein, was Sturm damals in den Park von Kreuzstein geführt hatte, und er begriff alles.

Mara erhob sich plötzlich entschlossen.

»Ich will zu Fräulein Rehbein,« sagte sie, »wenn ich den nächsten Zug benütze und drin einen Wagen nehme, komme ich wohl noch früher bei ihr an als der Verwundete.«

»Gewiß. Aber,« er ergriff sanft Maras Hand und versenkte seinen Blick forschend in den ihren, »was wollen Sie bei Fräulein Rehbein?«

»Sie vorbereiten. Sie bitten . . . ich will nicht, daß Dr. Sturm erfährt . . .«

»Warum soll er nicht erfahren, was Sie für ihn getan haben und was – andere nicht taten?«

Mara senkte den Blick, machte sich verwirrt los und kleidete sich hastig zum Ausgehen an.

»Ich will es so!«

»Denken Sie nicht, daß Schweigen manchmal . . . Lüge ist?«

»Möglich. Aber es gibt Lügen, die beglücken . . .«

»Und Wahrheiten, die befreien!« sagte Hempel sehr ernst. Mara tat, als höre sie nichts, und wollte das Zimmer verlassen. Hempel vertrat ihr noch einmal den Weg.

»Gut. Ich kann Sie nicht hindern zu tun, was Sie für Ihre Pflicht ansehen, auch wenn diese mir zwecklos und töricht erscheint. Aber ich möchte vorher von Ihnen erfahren, wo sich Ihr Onkel aufhält?«

»Er ist auf die Bahn gefahren, um meine Stiefmutter und Jolanthe abzuholen, die heute zurückkehren.«

 »Dann bitte ich Sie noch, ehe Sie gehen, mir einen Schlüssel zu Ihres Vaters Sterbezimmer zu geben. Sie besitzen doch einen?«

»Ja –« Mara war an ihren Schreibtisch getreten, schloß eine Lade auf und reichte Hempel einen Schlüssel. »Hier ist er. Und nun adieu, Herr Hempel – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen jetzt nur flüchtig danke, obwohl mein Herz voll inniger Dankgefühle ist . . . ich bin so aufgeregt . . . ich möchte nicht zu spät kommen zu Fräulein Rehbein . . .«

Sie drückte dem Detektiv hastig die Hand und eilte hinaus.



XXVIII.

Major Botstiber hatte Frau Isabel, die sehr blaß und schweigsam war, bis an ihre Gemächer begleitet und kehrte nun in sein Zimmer zurück, das er seit dem Morgen nur betreten hatte, um sich umzukleiden.

Er strahlte nicht mehr. Irgend etwas an Frau von Rittlers Wesen beunruhigte ihn. Trotz ihrer kläglichen Gedrücktheit schien sie nicht mehr so hilflos und fügsam wie früher. Zuweilen blitzte sogar etwas wie Entschlossenheit in ihren Augen auf und das erste Wort, das sie nach der Begrüßung sprach, war Botstiber so unerwartet gekommen, daß er sich noch jetzt nicht fassen konnte darüber.

»Wissen Sie etwas über Baron Wellenberg, Malchus?« hatte sie gefragt. »Er befand sich in Meiner Gesellschaft und wurde verhaftet. Aber er ist unschuldig, und ich werde nicht ruhen, ehe der Richter mir glaubt!«

»Aber begreifen Sie denn nicht,« hatte er niedergeschmettert gestammelt, »daß es die Gesellschaft jenes Mannes war, der ich Sie durch mein Telegramm entreißen wollte? Er kompromittierte Sie.«

»Dies habe ich nur vor Gott und mir selber zu verantworten. Der arme Achim selbst würde verlangen, daß ich unter diesen Umständen alles tue, um einen Unschuldigen zu retten!«

»Aber ich kann nicht dulden, daß Sie sich . . .«

»Lieber Malchus, Sie vergessen immer, daß ich längst kein Kind mehr bin,« war sie ihm ins Wort gefallen. »Dies ist eine Angelegenheit, die ich ganz allein mit mir ausmachen muß.«

Damit war sie in ihrem Zimmer verschwunden und hatte den Major einfach stehen lassen.

Von den widerstreitendsten Gedanken beherrscht, stieg er in das zweite Stockwerk hinauf. Als er die Tür seines Zimmers öffnete und eintrat, sah er sich plötzlich zwei wildfremden Leuten gegenüber, die offenbar hier auf ihn gewartet hatten.

Mehr verwundert als erschrocken, wollte er eine Frage tun, als einer der Herren ihm zuvorkam und sagte: »Sie nennen sich Major Botstiber?«

»Ja. Aber was soll . . .«

»Dann erkläre ich Sie hiermit für verhaftet. Hier ist der Haftbefehl.«

Er zog ein Papier heraus und wollte es entfalten, während der zweite Herr sich vor die Ausgangstür stellte. Aber zugleich hatte Botstiber begriffen.

Er stieß einen wilden Fluch aus, und ehe einer der Polizeibeamten nur einen Finger rühren konnte, war er mit einem Satz im Nebenzimmer verschwunden, dessen Tür er hinter sich verschloß.

»Schnell – er entkommt uns,« rief der Kommissär. Aber sein Gehilfe schüttelte den Kopf.

»Wohin? Das Schlafzimmer hat ja keinen zweiten Ausgang! Uebrigens wollen wir die Türe bald offen haben.«

Gelassen stemmte er seine breite Schulter gegen die Füllung.

Botstiber hatte inzwischen auf alle Fälle seinen Revolver aus der Tasche gerissen. Diesen in der Hand stürzte er auf einen altertümlichen geschnitzten Eichenschrank zu, riß dessen Tür auf und drückte mit bebenden Fingern auf einen scheinbar nur zur Verzierung angebrachten Knopf.

Lautlos schob sich die Rückwand auseinander. Ein dunkler Raum, aus dem eine enge gewundene Wendeltreppe nach abwärts führte, wurde sichtbar.

Schon wollte Botstiber einen zweiten Knopf, der hinter ihm die Schranktür wieder in Ordnung bringen sollte, berühren, als er sich plötzlich von zwei eisenfesten Armen umklammert fühlte.

»Nein, mein Lieber – da hinab gibt's keinen Ausweg mehr,« sagte Hempels Stimme spöttisch. »Sie müssen sich schon bequemen, mit mir zu den beiden Herren zurückzukehren!«

Er drängte den vor Wut Sprachlosen mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem Schrank zurück.

Im selben Augenblick krachte die Tür.

»Holla – hieher, ich habe ihn,« rief Hempel laut, »aber er wehrt sich wie ein Wahnsinniger . . .«

Botstiber wehrte sich in der Tat mit der Verzweiflung eines Menschen, der seine Sache lebend nicht verloren geben will. Es gelang ihm, die Hand mit dem Revolver frei zu bekommen. Plötzlich krachte ein Schuß, gleich darauf ein zweiter.

Hempel fühlte, wie der Körper in seinen Armen schlaff wurde und zu Boden gesunken wäre, wenn er ihn nicht gehalten hätte.

»Oh – er hat sich getötet . . .« rief er den erschrocken herbeieilenden Polizeibeamten zu, »rasch – helfen Sie mir, vielleicht können wir ihn noch retten . . .«

Mit vereinten Kräften trugen sie den scheinbar leblosen Körper ins Zimmer zurück und legten ihn aus das Bett.

Botstiber war nicht tot. Seine Augen standen offen und ruhten starr vor Wut und Grauen auf Silas Hempel, als wollten sie sagen: Du also bist es, der mein Verderben herbeiführte!

Silas beugte sich über ihn und untersuchte die beiden Wunden an der Brust.

»Sie haben vielleicht nur mehr kurze Zeit zu leben, Tobias Lämmermaier,« sagte er, »wollen Sie Ihr Gewissen nicht wenigstens durch ein offenes Geständnis erleichtern?«

Der Sterbende war bei dem Namen Lämmermaier zusammengezuckt. Jetzt verzerrte ein böses Lächeln seine Züge.

»Wozu . . .? Da Sie ja doch schon alles wissen? Sagen Sie mir lieber . . . wie . . . Sie auf . . . meine Spur kamen? Niemand wußte . . . um die Treppe . . .«

Die Worte kamen stockend von den Lippen, aber der Blick der stechenden schwarzen Augen hing in düstrer Spannung an dem Munde des Detektivs.

»Wenn dies alles ist, was Sie noch zu wissen wünschen, so mögen Sie es erfahren: Ihr Bett hier war es, das mich zuerst auf Ihre Spur führte. Während damals die Kommission nach Herrn von Rittlers Tod unten den Tatbestand aufnahm, trieb ich mich unbeachtet im Schloß herum. Dabei kam ich auch in dieses Zimmer. Ich wußte noch nicht, daß es das Ihre ist, aber ich sah, daß man das Bett hier künstlich in Unordnung gebracht hatte, um den Anschein zu erwecken, als habe bereits jemand darin geschlafen.

Von diesem Punkt ging ich aus, obwohl später alles gegen Ihre Schuld zu sprechen schien und ich keine Erklärung dafür finden konnte, warum Sie Herrn von Rittler töteten, und wie es denkbar wäre, daß Sie nach der Tat Ihr Zimmer ungesehen wieder erreichten.

Erst als ich Sie gestern nacht, als Sie von Ihrem Mordgang aus dem Winzerhaus heimkehrten, durch das Schlüsselloch beobachtete und sah, wie Sie durch einen Griff das alte Ritterbild im Zimmer des ermordeten Hausherrn unten in eine Tür verwandelten, begriff ich Ihr Geheimnis. Und als ich durch den Bruder der armen Kathi Schartner Ihre Geschichte erfuhr, die mir zum Teil allerdings schon früher bekannt war, wußte ich auch, warum Sie zum Mörder wurden . . . sind Sie nun befriedigt?«

Lämmermaier antwortete nicht. Eine fahle Blässe hatte sein Antlitz überzogen. Jetzt ging ein Zucken durch seinen Leib und die Augen bekamen einen leeren glasigen Blick.

Zwei Minuten später sagte Silas Hempel, der ihn aufmerksam beobachtet hatte, feierlich: »Es ist vorüber, meine Herren. Er war ein großer Verbrecher und der schlaueste Mensch, der mir je begegnet ist, aber er steht nun vor seinem Richter. Möge er im Frieden ruhen.« – –

Unten saßen indessen Mara und Yolanthe beisammen. Ohne daß sie es beabsichtigt hatten, ja im Gegenteil gegen ihren festen Vorsatz, war das Wiedersehen kühl, die ersten Worte steif ausgefallen.

Nun lag es wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Yolanthe sprach viel und lebhaft. Aber während sie von der Reise erzählte, dachte sie: »Wie sonderbar, daß ich gar kein Bedürfnis empfinde, ihr von Almassa zu erzählen! Aber mit ihrem steinernen Gesicht und dem ernsten Blick, den sie immer wie in heimlichem Vorwurf auf mich richtet, kommt sie mir noch fremder vor als damals bei der Abreise . . .«

Und Mara fragte sich heimlich mit schmerzhaften Gefühlen: »Oh – sind wir denn nicht mehr Schwestern, Jolanthe und ich? Warum spricht sie von Nichtigkeiten, anstatt mich nach ihm zu fragen? Es ist ja nicht denkbar, daß sie inzwischen nicht zur Besinnung gekommen ist . . .«

Und plötzlich eine Pause benützend, sagte sie, den Blick fest auf die Schwester richtend:

»Jolanthe – man hat Dr. Sturm heute oben im alten Winzerhaus gefunden, wo er durch Meuchelmörder schwer verwundet und besinnungslos lag. Siehst du nun wohl ein, wie schweres Unrecht du ihm tatest mit deinem schmählichen Verdacht?«

Jolanthe machte eine Bewegung der Überraschung.

»Oh – man hat ihn wirklich gefunden? Und er ist in der Tat ganz unschuldig? . . . Nun – das freut mich um seinetwillen,« setzte sie errötend hinzu.

Mara atmete schwer.

»Sonst hast du gar nichts zu sagen? Gar nichts . . . Jolanthe?«

Jolanthe warf den schönen Kopf stolz zurück.

»Nein!«

»Du nimmst ihm vielleicht seine Erkundigungen bei Notar Funke übel, Jolanthe? Aber auch dies hat sich aufgeklärt. Herr Hempel, der Sturm auffand und eine Unterredung mit ihm hatte, erhielt auf seine Frage von Sturm folgende Antwort: ›Ja, ich erkundigte mich um die Vermögensverhältnisse Fräulein von Rittlers, wie es meine Ehre mir gebot. Man hatte meine Bewerbung in der beleidigendsten Form abgewiesen, und ich hätte das, was ich beabsichtigte, nicht tun dürfen, wenn sie unter allen Umständen eine reiche Partie geblieben wäre. Aber ich erinnerte mich dunkel, einmal darüber in anderem Sinn sprechen gehört zu haben. Darüber wollte ich mir Gewißheit verschaffen. Gottlob, es war so: wenn Fräulein von Rittler gegen den Willen ihres Vaters meine Frau wurde, so war sie arm! Diese Gewißheit machte meine Hände frei. Ich durfte sie nun bitten, aus eigenem Antrieb meine Frau zu werden, mir das unaussprechliche Glück zu gewähren, für sie arbeiten, ihr alles ersetzen zu dürfen, was sie um meinetwillen aufgab‹ . . .«

Mara schwieg und schöpfte tief Atem. Dann setzte sie leise hinzu: »Du siehst, es war tiefste Liebe und höchste Selbstlosigkeit, die ihn zu jener Erkundigung antrieb, und auch darin tatest du ihm schwer unrecht!«

Yolanthe sagte kein Wort. Was in ihren Zügen stand, war viel eher ärgerliche Ungeduld als Reue oder Rührung.

Da trat Mara an sie heran und sah ihr beschwörend in die Augen.

»Yolanthe – du sagtest damals: wenn seine Unschuld erwiesen ist, wer hindert mich denn dann, seine Frau zu werden? Nun – seine Unschuld ist erwiesen! Ich war heute bei seiner Tante – er wird nichts von deinem kränkenden Verdacht erfahren, nichts davon, daß du bereit warst, ihn aufzugeben. Aber er wird nun auf ein Wort von dir warten, wie ein Verdurstender in der Wüste. Er wird sich nach deinem Anblick sehnen . . .«

»Genug,« schnitt Yolanthe ihr die Worte kurz ab, indem sie sich erhob. »Du fragst, was mich hindern könnte, seine Frau zu werden – nun gut, ich will es dir sagen: er ist mir völlig gleichgültig geworden. Jene Liebe war eine Täuschung. Eine Torheit – durch die Langweile auf Kreuzstein hervorgerufen. Außerdem habe ich eine unvergleichlich glänzendere Partie in Aussicht, und wenn das Trauerjahr zu Ende ist . . .«

»Yolanthe! Das kann dein Ernst nicht sein!« schrie Mara empört auf.

»Doch. Es ist mein unabänderlicher Entschluß. Wenn du willst, daß wir in Frieden nebeneinander leben, so bitte, komme nie mehr auf jene Torheit der Vergangenheit zurück!«

Ehe Mara etwas antworten konnte, wurde die Tür hastig aufgerissen und Frau Isabel stürzte leichenblaß herein.

»Kinder – Onkel Malchus – er ist – er hat sich soeben erschossen –« stammelte sie bebend, »und . . . und . . . oh, ich bringe es kaum über die Lippen . . . er ist es, der auch den armen Papa getötet hat . . .!«

Beide Mädchen prallten fassungslos zurück.

»Also doch er!« murmelte Mara entsetzt.

Frau von Rittler, die auf einen Stuhl gesunken war, atmete tief auf, während ihr Blick unbewußt etwas Leuchtendes bekam.

»Und Weltenberg ist unschuldig! Oh, ich wußte es ja! Ich fühlte es in tiefster Seele, daß man ihm unrecht tat!«



XXIX.

Mehr als ein Jahr war vergangen. Wieder standen die Bäume im Kreuzsteiner Park blätterlos da, und der Nordsturm fegte um die Mauern des Schlosses.

Innen aber war es noch stiller als vor einem Jahre. Vor vier Wochen hatte Jolanthe unter großer Prunkentfaltung Conte Almassa ihre Hand gereicht und war ihm nach Florenz gefolgt.

Und gestern ließ sich Frau Isabel in aller Stille mit Baron Weltenberg trauen. Das junge Paar wollte erst eine Hochzeitsreise nach England machen und dann auf Schloß Rosenbühl dauernd Aufenthalt nehmen.

Mara allein war auf Kreuzstein geblieben. Mit Frau Baumer und der Witwe eines verarmten Gutsbesitzers, die sie als Gesellschafterin engagiert hatte, wollte sie sich ganz Werken der Wohltätigkeit widmen, um in der liebreichen Sorge für andere einen Ersatz dafür zu finden, daß ihr vom Schicksal Eigenglück versagt blieb.

Sturm hatte sie nur zweimal flüchtig wiedergesehen. Einmal im Gewühl der Straße, das anderemal bei Fräulein Rehbein, wo er zu ihrem Schrecken unerwartet früh heimkehrte.

Sie hatten nur wenige gleichgiltige Worte gewechselt, aber es war etwas in dem melancholischen Blick des jungen Mannes gewesen, das Mara verwirrte.

Besonders das zweitemal hatte er sie so eigentümlich befangen und zugleich so wehmütig angesehen, daß ihr fast die Tränen in die Augen traten.

Was mußte er leiden bei ihrem Anblick, der ihm das Bild einer andern schmerzhaft in Erinnerung brachte . . .

Mara beschloß daher, lieber Fräulein Rehbein gar nicht zu besuchen oder doch nur, wenn Ernst verreist war.

So spann sie sich immer mehr in ihr einsames Leben auf Kreuzstein ein, das nur selten durch einen Besuch von auswärts unterbrochen wurde.

Die liebsten Besuche waren Mara diejenigen Silas Hempels, der zuweilen einen Abend draußen verbrachte und durch seine Unterhaltungsgabe, sowie durch seine vornehme gemütvolle Denkweise bald zu ihren geschätztesten Freunden zählte.

Auch heute saß er im kleinen Speisesaal zwischen Mara und ihrer Gesellschafterin Frau Rottmann, trank seinen Tee und erzählte allerlei lustige Geschichten.

Aber Frau Rottmann hatte furchtbare Kopfschmerzen und bat um neun Uhr, sich zurückziehen zu dürfen, da sie es nicht länger aushielte.

Mara erwartete natürlich, daß sich Hempel nun auch bald empfehlen würde, aber er schien gar nicht daran zu denken, sondern plauderte munter weiter.

Plötzlich sagte er: »Wissen Sie, daß Dr. Sturm ein unerhörtes Glück hat? Man übertrug ihm den Bau des neuen Volkshauses, das da irgendwo gegründet werden soll. Ueberhaupt – der Mann weiß sich vor Aufträgen kaum zu helfen. Er ist in die Mode gekommen und verdient ein rasendes Geld. Heute würde es Ihr Vater wohl nicht mehr als Frechheit angesehen haben, wenn er um Fräulein Jolanthe geworben hätte.«

Mara sah verwirrt vor sich hin. Wie auf Verabredung war bisher der Name Sturm zwischen ihnen nie erwähnt worden. Warum erzählte er ihr dies jetzt?

Hempel aber fuhr, ohne ihr Schweigen zu beachten, fort: »Schade um den prächtigen Mann, daß er trotz allen äußeren Erfolges innerlich langsam zugrunde geht. Aber so geht es – Weiberlaunen haben schon den besten Männern das Genick gebrochen!«

»Er kränkt sich also noch immer um meine Schwester?« murmelte Mara mit blassen Lippen.

»Um die Contessa? Bah – was fällt Ihnen ein? Ich glaube nicht, daß er ihr je viel Tränen nachweinte. Wenigstens nahm er damals, als man ihm ihr Verhalten erzählte, die Geschichte verdammt kaltblütig. Wissen Sie, was er sagte: ›Ich wußte, daß sie mich nie geliebt hat, sonst hätte sie eingewilligt, meine Frau zu werden, als ich sie bei unserer letzten Begegnung darum anflehte. Damals sind mir die Augen gründlich aufgegangen, so gründlich, daß ich ihr schon zwei Minuten später nacheilte und mein Wort zurückverlangen wollte. Leider war sie bereits im Haus und gleich darauf war mir, als hörte ich irgendwo Schüsse fallen. Ich eilte um die Ecke, sah in Herrn von Rittlers Zimmer Licht und wurde dabei vom Gärtnergehilfen überrascht. Hätte ich noch die geringste Aussicht haben können, Yolanthe mein eigen nennen zu dürfen, wäre ich wohl geblieben und hätte dem Burschen, der ohnehin um unsere Liebe wußte, meine Anwesenheit erklärt. So aber hatte ich nur mehr die Pflicht, ihren Ruf zu schonen, darum floh ich, um nicht erkannt zu werden. Wie richtig ich Yolanthes Gefühle taxierte, bewies ihre Unterredung mit dem Untersuchungsrichter, die man mir ja nun mitteilte. Bah – sie ist kein Weib, um das ein ehrlicher Mann sich selbst verlieren kann! Sie ist schön, aber eine Frau ohne Seele!‹«

Mara hatte in wachsender Erregung zugehört.

»Aber dann,« stammelte sie jetzt, »dann begreife ich nicht . . .«

»Woran er zugrunde geht? Ich werde es Ihnen sagen: es ist eigentlich eine komische Geschichte – er verzehrt sich in Reue und Selbstvorwürfen!«

»Mein Gott, worüber denn?«

»Ueber eine Verwechslung, die ihm ahnungslos passierte: er liebte in Ihrer Schwester die Seele einer andern Frau. Aber erst als er begriffen hatte, daß hinter der schönen Larve überhaupt keine Seele sei, kam ihm das Bewußtsein. Dann freilich fiel's ihm wie Schuppen von den Augen . . . nur war es leider zu spät. Die andere machte sich nichts mehr aus ihm.«

Mara stand auf und ging mechanisch ein paarmal auf und ab.

Er liebte eine andere! Und sie hatte ihn die ganze Zeit über bedauert, mit ihm gelitten . . .

Zum erstenmal stieg wild und brennend der Schmerz einer rasenden Eifersucht in ihr empor.

Wer war diese andere? Sie wagte nicht zu fragen. Aber sie sagte bitter: »Oh Sie erzählen mir da einen Roman, Herr Hempel . . . so etwas gibt es nicht . . . und selbst wenn es so wäre . . . was sollte Dr. Sturm hindern –«

»Ich sagte es Ihnen ja schon: sie macht sich nichts mehr aus ihm! Sie weicht ihm aus. Sie zeigt es ihm deutlich genug, indem sie sogar ihren früher recht lebhaften Verkehr mit seiner Tante abbrach. Und da er nun einmal töricht genug ist, sich kein Glück ohne diese Frau denken zu können, so wird er eben daran zugrunde gehen.«

Mara wandte sich langsam um und sah Hempel lange an.

»Warum sagen Sie mir dies alles?« murmelte sie bitter. »Mir . . . gerade mir!«

Auch er stand aus. Seine lächelnde Miene war plötzlich ernst geworden.

»Darum, weil ich es mir längst vorgenommen hatte und froh bin, daß Ihre Gesellschafterin uns endlich mal allein ließ. Weil ich mir einmal einbildete, Sturm sei Ihnen nicht gleichgiltig –«

»Herr Hempel!«

»Nun – ist dies etwa eine Beleidigung? Ich habe mich eben getäuscht. Gut. Aber deswegen sollen Sie es doch wissen, daß Ihre Kälte ihn mehr quält und ihn viel elender macht als der Verrat Ihrer Schwester.«

»Ich? Ich?« stammelte Mara außer sich. »Meine . . . Kälte . . .? Oh wie dürfen Sie so grausam sein mit mir?! Was gibt Ihnen ein Recht, mich so zu erniedrigen? Sich über mich lustig zu machen . . .«

»Aber wer tut denn dies, um Himmels willen? Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, die Sie hoffentlich nicht anzweifeln, daß Sturm seit Monaten keinen andern Gedanken hat bei Tag und Nacht als – Sie! Daß er leidet, weil Sie Ihre Besuche bei Fräulein Rehbein eingestellt haben, und dafür nur eine Erklärung findet – die, daß Sie seine Liebe nie erwidern würden.«

Mara sank auf einen Stuhl und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Ich – die ich ihn mehr liebe als mein Leben!« schluchzte sie. »Wie konnte ich ahnen? Was hielt ihn denn ab, sich mir zu nähern, wenn er wirklich –«

»Oh – machte er denn nicht den Versuch? Kam er nicht eines Tages, als er Sie bei seiner Tante wußte, nach Hause? Was war die Folge? Sie stellten Ihre Besuche ganz ein! War das nicht deutlich genug? Wie konnte er nach allem, was zwischen Ihrer Schwester und ihm vorgefallen war, es wagen, noch einen zweiten Schritt zu tun? Sie kennen Sturm. Er ist stolz und doppelt empfindlich, wo es sich um Fragen der Ehre handelt. Wurde er nicht schon einmal unter dem schmählichen Verdacht der Mitgiftjägerei von Ihrer Familie zurückgewiesen? Wenn er heute auch als gemachter Mann dasteht, so mag die Erinnerung an die Vergangenheit doch nicht tot sein . . . jedenfalls wartete er seit langem auf einen ersten ermutigenden Schritt von Ihrer Seite und dieser – blieb aus!«

Mara weinte still in sich hinein. Waren es Tränen des Glückes oder des Leids – sie wußte es selbst nicht . . .

Plötzlich aber richtete sie sich aus und sagte, Hempel mit lieblichem Erröten die Hand hinstreckend: »Ich will morgen zu Fräulein Rehbein gehen . . . aber nicht wahr, Ernst soll nie erfahren, was wir heute hier gesprochen haben?«

»Ich muß dies im Gegenteil von Ihnen erbitten, Fräulein Mara, denn wüßte er, daß ich mir auf eigene Faust die Freiheit nahm, Ihnen seine Gefühle zu verraten, so würde mich das vielleicht seine Freundschaft kosten, was mir wirklich sehr leid täte!« Mara blickte traumverloren in die Weite. Vor ihrer Seele versank alles, was bisher gewesen war, und nur ein Bild erhob sich strahlend aus dem Dunkel vergangener Schmerzen: er, dessen Liebe sie nie zu erringen geglaubt hatte und der nun sehnend die Arme nach ihr ausstreckte.

Geblendet schloß sie die Augen.

Wie leuchtend und selig lag die Zukunft vor ihr!