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Else Jerusalem-Kotányi – Komödie der Sinne

Erzählungen

Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig, 1902



Meinem Manne gewidmet



Sehnsucht und Leben

I.

Eine lange Weile herrschte Schweigen.

Die kleine Dame mit dem Nonnenscheitel und den hellen, fast wimperlosen Augen wagte nicht, aufzublicken. Die Willkommworte ihres Neffen waren leise und klanglos über sie hinweggegangen. Sie hielt ihre graue Reisetasche krampfhaft am Schosse fest und sagte zweimal: »Der Zug ist pünktlich angekommen.« . . . Ihre zitternden Gedanken klammerten sich an die eine Phrase fest, und sie wiederholte, indem sie sich in einen Sessel drückte. . . . »Ganz ohne Verspätung, Leopold.« Er stand mit gesenktem Haupte vor ihr und bohrte die vom Nachtwachen geschwächten Augen in den Teppich fest.

Jetzt musste sie endlich anfangen, etwas sprechen, von ihrem Schmerz und Entsetzen, von ihrem Kummer, – Gott im Himmel, – da war ja etwas vorgegangen, – in diesem Hause, – etwas Entsetzliches. – – – Eine Katastrophe – mit Elina, – natürlich. –

Und plötzlich schlang sie ihre kleinen, vor der Zeit vergilbten Hände nervös zusammen. . . .

»Also so weit ist es gekommen, – mein Gott, o mein Gott,« jammerte sie auf. . . . Ein kurzes, stossendes Aufatmen, das einem unterdrückten Aechzen glich, drang durch das Zimmer. . . .

»Sie erlauben?« –

Steif und kalt sass er ihr gegenüber, – die Hand auf die Lehne des Armsessels ausgestreckt.

»Elina ist fort von hier,« sagte er und machte eine leichte schwankende Bewegung nach vorwärts. . . .

Tiefe Stille. . . .

Da legte sie sachte ihre Hand auf seine kalte, hängende Rechte. . . .

»Mein armes Kind,« sagte sie. . . .

Die kalte Hand entzog sich dem Drucke, krümmte sich, ballte sich, fiel hart auf das Knie.

Mit wunderbarem Scharfsinn fand sie plötzlich den richtigen, klanglosen Alltagston. . . .

»Bei dem Kinde bleibe ich. Natürlich. – Für den Haushalt hast du die Frau Marie. Paulchen übernehme ich ganz.« . . . Ihr Gesicht rötete sich.

»Ich danke Ihnen, Tante.« – Er machte wieder die seltsame, schlaffe Bewegung nach vorne. – »Heute schlafen Sie im Gastzimmer. – Von Morgen ab, – lasse ich alles aus – aus dem« – Plötzlich verlor er seine Ruhe. . . . Eine flackernde Röte stieg in seine Wangen. . . . Sie griff nach seinem Arm. . . .

»Was ist denn vorgegangen,« schrie sie schrill auf und zerrte an seinem Aermel, – »sprich, sprich.« . . .

»Ich habe zu viel nachgedacht, Tante,« – sagte er mit gebrochener Stimme. – »Tag und Nacht nachgedacht, ich weiss nicht mehr, was wahr ist. Etwas Komödie ist auch schon dabei.« Er stiess den Sessel weg. – »Aber ich bin ein Mensch, – ich brauche auch Betäubung. Alle gehen mir aus dem Weg, – alle beschäftigen sich, arbeiten, vergessen. An mich denkt niemand. An mich denkt niemand. Sie gehen mir aus dem Weg, – keiner hat mir geholfen.« . . .

Ein gurgelndes Schluchzen rang sich durch. . .

»Warum hat sie dich denn verlassen?«

Er fuhr mit erstickter Stimme fort:

»Gedacht, gedacht und gedacht und endlich an einen Punkt gekommen, da sträubte sich mein Denken, prallte ab und blieb hilflos liegen. Das war sie . . . Elina. Darüber kann ich nicht hinaus. Da suchte ich, Tante, – ich kroch um sie herum und tastete nach Fäden, tastete nach Lücken, wo ich meine Gedanken einhaken könnte und dann fand ich so viel. Das legt sich über meinen Schmerz, stillend, blutstillend – wie Spinnweben.« – Er vergrub den Kopf mit dem spärlichen Kranz braunroter Haare in beide Hände. . . .

»Warum hat sie dich denn verlassen?« –

»Warum hat sie mich geheiratet?« fragte er dumpf . . . »Warum ist sie mit ihrem ganzen Körper voll Geheimnissen zu mir gekommen, – zu mir, – der so offen, klar und ruhig ist. Was hat sie denn wollen? – Was hat sie erwartet? – Fünf Jahre hiess sie mein Weib, – und jetzt steh ich da wie ein Bub, dem ein unbekannter Schmetterling aus dem Netze geflogen ist.« . . .

Die gebrochenen Hände auf dem matten, braunen Seidenkleide lösten sich. . . .

»Und wir haben sie immer so gehütet,« . . . murmelte die alte Dame.

»Zu sehr vor dem Glücke, ja,« antwortete er bitter, – »zuerst ihr, – dann ich . . . Damals, als ich um sie warb, sagte sie mir: . . . ›Ich habe schon geliebt – – – . . . Aber die Tanten wollten nicht. . . . Da liess ich es sein. Das müssen Sie mir vergessen helfen.‹ . . . Warum habt ihr sie nicht lieben lassen? . . . Warum?« Er rüttelte an der Lehne seines Sessels.

»Sie war nur ein Kind, Leopold, und dann . . .«

»Und dann ist sie mein Weib geworden,« vollendete er. . . . »Mit dem ganzen Kinderglauben an das aufgesparte Glück. . . . Die Ehe musste sein wie ihr Kindertraum, – die Tanten haben es ihr ja versprochen. . . . So kam sie zu mir. In diese Wohnung, wo seit der Mutter Tod keine Frau herrschte. In dieses Fabrikhaus, wo Tag und Nacht Maschinen gehen. . . . Nichts wie Maschinen. Wenn die verstummen, hört das Leben auf in diesem Hause. So wollte ich sie haben. Den Maschinenwert des Lebens sollte sie verstehen lernen. Wissen Sie? – Unsere Bedeutung. Was der Vater geleistet hatte und ich. Wert erhandelte ich um Wert. Für ihre Jungfräulichkeit wurde sie Mutter, – das ist alles. Fünf Jahre hielt sie es aus. – Dann ging sie.« . . .

Er setzte sich wieder nieder. . . .

»Denk an das Kind, Leopold. Alles ist nicht verloren, Leopold.« . . .

»Nein, die Maschinen gehen weiter in diesem Hause,« murmelte er müde, – »Tag und Nacht.«

Plötzlich brach er los. . . . »Aber sie kannte mich ja nicht. . . . Gar nicht, gar nicht, das begriff ich erst, als sie ging. . . . Lassen Sie mich weiter sprechen, Tante. Es ist besser. Seit 14 Tagen lebe ich mit versperrtem Hirn. . . . Ich werde gesund werden. Natürlich. Es giebt so viel, warum ich leben muss. Nichts, – sagen Sie jetzt nichts. Wenn Sie – Mitleid mit mir haben, hören Sie nur zu. . . .

Ich habe jetzt die Empfindung, – Elina steht versteckt im Zimmer – und sie soll mich hören, ich will, ich will. . .« Er kreuzte die Hände auf den Knieen und bog den Kopf darüber. . . .

»Es war Scham von mir, etwas Dummes – Bubenhaftes. Buben, nicht wahr, sind so ängstlich bemüht, dass ihnen niemand eine Schwäche anmerkt. Es ist das Merkzeichen der Unreife; fertige Menschen geben, was sie haben, – das Gute und das Böse. . . . Ich hab mir immer gesagt: das und das soll sie nicht merken. . . . Dass du um ihren Verlust zitterst, – dass du ihre Gedanken, – ihre Wünsche erraten willst, suchst . . . Das alles ist nur Schwärmerei, – krankhaft . . . Du sollst für sie der Mann sein, – der starke, sichere . . . Nur achten muss sie dich, und dankbar muss sie dir sein.« . . .

Er machte eine Pause.

»Tante, es giebt einen Egoismus, so ein kleines, selbstisches, immer waches Gefühl, das vor den Thoren der Seele liegt und das man zuerst besiegen muss, – will man ins Innerste des Menschen dringen, den man liebt. Dahinter liegt dann das freie, rücksichtslose Geben und Nehmen, das Schenken von Seele zu Seele. . . .

Sie – nahm alles aus Egoismus. . . . Küsse, Schmuckstücke, – Geld. . . .

Alles gleich. . . . Durch meine Hand kam es geprägt mit dem Stempel der Pflicht. Fertig.«

Er bedeckte die Augen mit der Hand.

»Aber ihr wäret doch glücklich, Leopold, – ihre Briefe atmeten Frieden,« sagte die Tante mit zitternder Stimme. . . .

»Frieden? – Ja. An diesem Frieden ging sie zu Grunde. . . . ›An der Gewohnheit des Lebens,‹ sagte sie einmal. . . . Ja, ich hatte ihr Leben an meines gefügt, ihres, das in die Höhe rang. . . .

Tante, – sie hätte reden sollen, nicht weggehen, nicht so weggehen, – wie sie ging. . . .

Das eben werde ich nicht los . . . Das ist der Punkt, an dem mein Denken scheitert. Hätte ich sie nur leiden sehen, hätte ich sie kämpfen sehen, nichts, nichts.« . . .

Er schlug die Hände vors Gesicht.

»Tante, wer so geht wie sie, – hat recht.« . . .

»Leopold, ist es nicht besser, – ist es nicht –«

Er machte eine Handbewegung.

»Ich sehe sie immer nur, wie sie das letzte Mal mit mir sprach. . . .

In Pauls Zimmer. . . . Ihr letzter Blick war ein Lächeln, ihr letztes Wort. . . . Es traf niemand, auch nicht das Kind. . . . Es that ihr gar nicht weh, dass sie von uns ging. Sie wusste doch damals schon, dass es für immer sei, – für immer . . . Tante, – verstehen Sie das? –

Das Muttergefühl musste doch wach sein, – nein, Tante?« –

»Du quälst dich zuviel, mein armes Kind. . . . Deine – oh – sie ist schlecht. . . .

Sei still . . . das ist es. Und ihre gute Mutter hätte . . . . « Sie brach schluchzend ab. . . .

»Gut,« sagte er ungeduldig. . . . »Aber was ist nur damals in ihr vorgegangen? . . . . Wann hat sie gekämpft? . . . .

Es war früh am Nachmittag. Ich war schlecht gelaunt und abgespannt. Wir machten Bilanz, . . . Abschluss, verstehen Sie. Da liess sie mich in das Kinderzimmer holen. . . . Sie trug einen weissen Schleier.«

Er brach ab, sah die alte Frau gespannt an, da sie nichts erwiderte, fuhr er fort: ». . . . ›Bist du noch brummig‹, sagte sie dann, – ›Ich muss jetzt fort, – sei gut mit dem Kinde.‹ – Das ist mir im Gedächtnis geblieben und dann, – dass sie meine Kravatte aufknüpfte und anders band. . . . ›Kommst du denn später?‹ – ›Natürlich,‹ antwortete sie zerstreut. . . . «

Er brach ab.

»Plötzlich begann sie zu singen. . . . Eben als sie sich den weissen Schleier band. . . . Ich musste ein erstauntes Gesicht gemacht haben, denn sie sagte lächelnd: ›Wie komisch, – du weisst gar nicht, dass ich singen kann.‹ . . . . Und nach einer Weile: . . . ›Aber du hast wohl Singen gar nicht gerne‹ . . . .

Dann ging sie fort. – –«

Eine Pause entstand.

Durch die hohen, altertümlichen Bogenfenster fiel die Dämmerung.

– »Wer so sündigt, – hat recht.« –

»Leopold.« –

»Tante, ich kann mir nicht helfen. . . . Es ist der nackteste Kern meines Denkens. Der Schwerpunkt. . . . Dahin strebt alles, das reisst alles zu sich. . . . Ich bin hier zurückgeblieben mit diesem Kopf voll Qual und Reue, mit diesem gelähmten, zu Boden gestreckten Willen. . . . Ich werde mich nie mehr ganz aufrichten, Tante. Aber sie, – ich weiss nicht, – mir ist, als wüsste ich sie jetzt erst in Sicherheit, – als wäre sie jetzt gerettet.« –

Er hob ihre Hände und legte einen Moment seine Stirne darauf. . . . »Etwas wollte ich Ihnen noch sagen. . . . Ja. . . . Später werde ich Ihnen danken, dass sie mir so zuhören. Ich werde dem Kinde leben. . . .

Aber irgend etwas . . . Ja. . . . Das wissen Sie ja, dass sie geschrieben hat, nicht wahr. . . . In Zeitschriften und sonst noch. . . . Es war wie ein Geheimnis um sie. . . . . Wie etwas, das sie einhüllte und von mir trug. . . . Sie sprach auch nie darüber. . . . Sie litt eher Spott als Teilnahme. Stolz für Stolz. Ich fuhr fort zu lachen. . . . Tante, da hätte ich sie noch fassen können, festhalten, noch trug sie ihre Sehnsucht nicht aus dem Hause. Aber ich bin ein Kaufmann. Der wartet immer, bis die Ware am billigsten ist. . . . Und – dann – bin – ich bankrott.« – –

Er dämpfte seine Stimme zum Flüstern. »Ich hatte immerfort Angst, so eine eigentümliche Angst. Selbst im Anfange, selbst als uns die Jugend und die Liebe zusammenschloss. Stets lag es auf meiner Brust. Ich litt, oh, wie viel litt ich. . . . Ich sah ja, dass sie suchte, etwas suchte, etwas, das nicht da war, keine Antwort auf die stummen Fragen ihrer Augen hatte. Ich kann nicht. Und weil ich das wusste, nahm ich den Kampf auf mit ihrer Natur voll von geheimen, nach vorwärts treibenden Kräften . . . . Und weil ich sie liebte. Und weil sie mir notwendig war. Weil alle meine Wünsche sich an ihr entfesselten, weil sie mir so viel Freude bot, so viel, so viel. . . . . Ah, sie liebte mich im Anfange. . . . Damals, als ihr alles neu war, die Liebe und der Mann und die Wildheit des Mannes und das Verlangen. Aber dann litt ihre Seele mit. Ich wusste das und hatte nicht den Mut, ihr zu bekennen: . . . Ich bin fertig. In mir ist nichts mehr, nichts für dich als grenzenloses Mitleid und – grenzenlose Liebe. . . . Aber nur Wiederholung – und du willst das Neue, Du brauchst eine neue Kraft, die in dich eindringt und die sich den tausend Wünschen vermählt, die unbewusst aus deiner Seele tauchen und unbefriedigt sterben. . . . Sieh mich an, ich weiss es, – aber ich kann nicht. . . . Etwas ist schwer und träg in mir und verlangt nach Ruhe. . . .

Vielleicht hätte ich sie gerührt, vielleicht hätte ich sie behalten. . . . Sie war gut. . . .

Aber ich war feige, spielte den Ueberlegenen, und sah nicht, dass sie mir aus den Händen glitt und dass sie den Knoten löste und dass ich sie verlor.«

– – – – – – – – – – – – – –

»Ja, – sagten Sie etwas, Tante?« –

»Nichts, mein Kind,« antwortete die alte Dame und streichelte sein Haar . . . .

»Schon gut,« sagte er gequält. . . .

»Soll ich nach Paulchen sehen?« –

»Ja, ja.«

»Nicht so, Leopold. . . . Du musst einen Entschluss fassen. Fertig werden musst du mit dir.« . . . .

»Ich will schlafen,« sagte er mit befangener Stimme, – »hier schlafen. . . . Seit vierzehn Tagen, Tante, verlor ich nicht das Bewusstsein. . .

Kann ich hier bleiben, Tante?« –

Sie unterdrückte einen jäh aufsteigenden Weinkrampf. . . . .

»Auf der Ottomane, – da, – hier –Kind,« – murmelte sie . . . . und begann mit ihren schwachen Armen die Seidenpolster aufeinander zu stapeln. Er stand auf und liess sich zur Ottomane führen. . . . .

»Sehr gut, – ja, – sag mir nur immer, was ich thun soll,« – sagte er schlaftrunken und legte sich nieder. . . .

Leise schlich sie aus dem Zimmer.

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –


II.
Königin Gigine.

Das Zimmer war massig gross. Draussen flutete die Sonne in schweren, weissen Wellen.

Sie hatte über den blankgescheuerten Tisch eine rote Sammetdecke gebreitet und das Doppelfenster mit Leinentüchern verhängt. . . . Auf der Diele war feiner blinkender Sand gestreut. . . .

In einem dünnen, gelben Kleide sass sie beim Tische und zerteilte Orangen. Während er sprach, legte sie ihm die roten Fruchtstücke hin und er ass davon, während er mit dem Oberkörper auf dem Tisch lag und erzählte.

»Fertig,« sagte sie und wischte sich die feuchten Finger ab. . . .

»Fertig, fertig,« wiederholte sie lachend und hielt sich die Ohren zu. . . .

»Nein Gigine, das musst du zu Ende hören.

Es ist unglaublich, ob mich das Mädchen jemals zu einem Ende kommen liesse.« . . .

»Weil mich die Vergangenheit nicht kümmert. . . . Weil ich gar nichts davon hören mag, Riccardo,« versetzte sie ein wenig heftig.

»Eifersucht?«

Sie bewegte die Hand nach der Stirne. – »Nein,« sagte sie langsam. – »Angst.« . . . Er umschlang sie und legte seinen Kopf an ihre Brust. . . .

»Gigine, du bist heute melancholisch. . . . . Komm, – das taugt nicht. . . . . Komm, wir gehen ans Meer.« . . . .

»Es ist zu heiss, Riccardo.« . . . .

»– – – Also dann erzähl ich dir doch wieder eine Geschichte. . . . – Aber – meine schönste. . . . Die Geschichte von der kleinen Florentinerin, nach der du heissest. . . . Siehst du, – das wirkt.« . . .

»Das war doch ein Kind, nicht wahr?« –

»Ja, ein Kind. . . . Ein krankes Kind.« . . .

Er fasste sie bei beiden Händen. . . .

»Der schien die Sonne nie zu warm. . . . . Im glühenden Sand lag sie und sah mir bei der Arbeit zu. . . . Und als ich Abschied nahm, sagte sie: »Riccardo, versprechen Sie mir, dass Sie Ihre Geliebte nach mir nennen werden. Und wenn sie den hübschesten, deutschen Namen hat. Gigine muss sie heissen, – Gigine, – hören Sie? Nun, findest du das nicht reizend?« –

Sie blickte ihm voll ins Gesicht. . . .

»Und du hast ihr gefolgt . . . . Gigine, – die wievielte bin ich seit jener ersten?« –

»– Königin, – du sündigst.« . . .

»Die wievielte?«

Sie nahm sein Gesicht in beide Hände, legte das ihre darauf und küsste ihn. . . .

»Nein, nein, still, – ich will nicht, Riccardo. . . . Nichts von ewiger Liebe. . . . Schöner wie – damals – kannst du es ja nie mehr sagen. . . . Weisst du noch?« . . . .

»Ob ich es weiss! – Hinter den grünen Vorhängen bei der Frau Hofrat.« . . . Er streichelte die schimmerlosen, weichen, braunen Haare. . . .

»Zum frommen Manne hattest du mich ja gemacht.« Er faltete lachend die Hände über ihrem Scheitel. »Mein Modell, die Tini, – du kanntest sie ja, – begriff diese Veränderung nicht. . . . ›Der böse Blick‹, jammerte sie, – und zog sich an. . . . Ich traute mich einfach nicht mehr. . . . Der Begriff – Weib – war für mich etwas anderes geworden. . . . Ob ich aber später« –

Sie legte rasch die Hand auf seinen Mund. . . .

»Oh, nichts von der Zukunft, nichts von dem, was noch folgen kann. Ich habe das Denken und Wünschen verlernt, ich will nichts mehr.« . . .

»Ich aber, Gigine!« . . . Er stand auf und rückte das Tuch, das eine Sonnenspalte frei liess, fester um das Fenster. . . . »Arbeiten will ich wieder.« . . .

Er legte sich auf die Ottomane hin und öffnete die Arme.« »Komm her.«. . . .

Sie überwand die Sehnsucht und schüttelte den Kopf. . . . Rückte sich eine kleine Strohbank zu seinem Lager hin. . . . »Ob er mich noch einmal bitten wird,« dachte sie gespannt. . . .

»Da giebt's nichts, Gigine, dabei musst du mir helfen. Ich habe Neigung zum Spiel und Kraftvergeuden. Sitte und Ordnung brauche ich.« . . . Er wandte sich zu ihr. . . . »Glaubst du nicht, dass aus mir noch ein ganzer Künstler wird?« . . . .

Sie zögerte mit der Antwort. Ein schmerzliches Gefühl zuckte in ihr auf. . . Er verlangt doch nicht wieder nach mir. . . . An anderes denkt er. . . . Du hast schon so viel Schönes gemacht, ich kam zu spät.« . . .

»Aber so viel Schönes will ich noch! . . . .

O pfui, Gigine, dieser bittere Ton. . . .

Jetzt bist du mal die Dame der kleinen Stadt.« . . . Er stützte die Arme auf. . . . »Ist Ihnen die Köchin weggelaufen, liebe Frau? – Diese Schneiderinnen, nicht wahr?« – – – Er hob ihr Gesicht. . . . »Na warte nur. . . . Bis du nur die Welt ein bissel gesehen hast. . . . Das kleine Leben hat dich 'rumgekriegt, mein Mädchen.«

Sie nickte. . . .

»Ja, – ja . . . Ich bin schon froh, dass ich reden darf.« Sie unterbrach sich und kniete vor der Ottomane nieder. . . . »All das Dumme und Schwere, das hier aufsteigt, – jedesmal auch wirklich sagen, nichts mehr niederdrücken mit Pflichten und Angst. . . . Riccardo, das ist das Glück.« . . . Sie legte den Kopf neben den seinen und schloss die Augen. . . . »Und küssen können ohne Reue und mich so festsaugen in eine Nacht mit meinen Träumen und nicht aufkommen müssen mit bleicher Furcht vor dem Tage. . . . Das ist das Glück.« . . .

Er hielt sie sehr fest . . . .

»Riccardo, ich . . .«

»Sprich doch nicht,« sagte er fast rauh. . . .

Sie schwieg. . . .

»Was hattest du gedacht?« frug er. . . .

»Dass ich das Glück in meiner Brust klingen höre. Ja, wirklich. . . . Und du?« –

»Ich?« – Er lächelte. . . . »Königin Gigine. – Immerfort. Königin Gigine. . . . Das klang auch.« . . . Plötzlich trat sie von ihm weg. . . . »Du . . . heute Morgen haben sie mir geschrieben.«

»Wer?« . . .

– »Mein Mann – auch« –

Er stand hastig auf. – »Dein Mann? – Gut. Was?« –

»Und meine Tante.«

Er senkte den Kopf. . . .

»Welche?« frug er unsicher.

»Mamas Schwester. Sie hat mich miterzogen. – Er – ist eigentlich auch ihr Neffe. Irgend wie . . .« Ihre Hände wurden ein bischen nervös, und er umfasste sie mit seiner warmen.

»Paulchen ist gesund. Ich bin froh. Er wird mich vergessen.« . . . Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Er hatte sich auf die Ottomane niedergesetzt, den breiten Kopf gesenkt. . . .

»So. Also.« . . . Er sah flüchtig auf.

»Na ja – daran, weisst du, Mädchen, daran vergessen wir stets, – deshalb trifft es auch so. Thut nichts. Weine, Gigine.« . . . Er nahm ihre beiden Hände. »Die alte Haut ist noch ein bisschen festgewachsen, – das thut weh. . . .

Was wollen sie denn von uns?« –

»Die Tante sandte mir so eine Art – Verzeihung. . . . Dass er mir verzeihe, dass er mich vielleicht, wenn ich wiederkäme, – um des Kindes willen, – aufnehmen würde.« . . .

»Hm.«

Sie sah ihn rasch an. . . .

»Gut. Und der Mann?« . . .

»Geschäftlich, – bloss durch den Anwalt,« – sagte sie.

Sie entnahm ihrem Schranke einen Bogen und faltete ihn auseinander. . . . – »Er wird auch den Schmuck schicken, – das da,« – sie hielt den Bogen an sich – »ist mein Geld.« . . .

»Was für ein Geld?«

»Meines.«

»Wirf es weg,« sagte er beherrscht.

»Aber es ist ja nur – mein Geld – Liebster.«

»Wirf es weg,« – sagte er plötzlich losbrechend und wurde dunkelrot. – »Willst du mich noch mit seinem Gelde aushalten?« . . .

»Still, sprich nicht so, – du thust mir weh,« sagte sie starr.

»Also wirf es weg. Wirf es weg. Geh, geh, – ich bitte dich. Verstehst du das nicht. . . . Ich mag das nicht in deiner Hand sehen.« . . .

»Es ist ja nur Mamas Erbteil,« entgegnete sie betäubt. . . . . »Nichts von ihm. Ich schwöre es dir.«

Sie warf die Briefe hin.

»Riccardo, – bist du böse? – Was hast du? Was hast du denn? – Wenn ich dir aber schwöre.« . . .

Er hielt ihren Arm zurück. »Sei still, – ich glaube dir. Nicht das.« . . .

Er umschlang sie und legte seinen Kopf an ihre Brust. . . . – »Es wird ja vergehen, – ich weiss es. Schon wenn ich dich bei mir habe so fest und deutlich. . . . Aber« . . . Er bohrte den Kopf in die weichen Falten ihres Kleides. . . . »Ich schäme mich, – ich schäme mich vor deinem Manne.« . . .

Er presste die Zähne zusammen.

»Du sollst nicht. Sag rasch, dass es nicht wahr ist. Weil ich zu dir gekommen bin, weil ich Mann und Kind gelassen habe und zu dir gekommen bin?« . . . Sie fasste sein Gesicht. . . .

»Du, das ist eine Sünde.«

Er stand eine Sekunde still. . . . Plötzlich umfing er sie von rückwärts und legte seinen Kopf an ihre Schulter. . . .

Sie wehrte nicht ab, aber sie blieb starr mit herabhängenden Armen.

»Gigine.« . . . Sie neigte das Gesicht zur Seite, so dass ihre Wange seine gefalteten Hände streifte. »Ich kann nicht verwinden, dass ich dich so bekommen habe. So – unverdient. Bloss weil du – musstest . . . Dort hätt' ich bleiben sollen, – vor dem Tode hätte ich stehen müssen. Und das Schicksal zum Richter machen zwischen mir und ihn. Nicht so. – Nicht wie ein Glücksritter dich fassen. Aber ich konnte nicht Ich hatte dich zu lieb und das Leben; in diesem Augenblicke war mir alles gleich. So stark war das Glück in mir . . . . Aber wenn ich mir's jetzt überdenke.« . . . – Er schwieg und schob sie sanft von sich. . . .

»Er ist der Gekränkte. Er hat doch recht. Ich habe nur das Glück. . . . Aber er hat das Recht. . . .

Wenn er nur eine Gemeinheit begangen hätte, ich habe ja gewartet, was immer, was immer . . . .

Nur etwas, wobei man aufatmen kann und sagen: Gott sei Dank, dass sie von dem Kerl los ist. . . . Aber so.« . . .

»Ich habe kommen müssen,« – murmelte sie.

»Und wenn ich dann sein Geld in deinen Händen sehe. . . . Sein Geld! – Was aus seinem Hause kommt, ist von ihm. . . . Anders kann ich es nicht ansehen. – Wenn ich seine Wohlthaten mitgeniessen soll, – pfui, – wenn du sie auch nur allein geniessen sollst, – pfui, – pfui. – – – –

Nein, mein Mädchen, – besser, darüber nichts mehr sprechen. . . . Ich nehme das Glück mit gefalteten Händen auf. Gut. Aber sonst nichts, nichts, sonst nicht einen Faden.« . . .

Sie drehte sich um und fiel in seine Arme. . . . »Riccardo, ich muss dir noch viel, viel sagen. . . . Du weisst ja nichts von mir und – ihm. – Nein, du weisst nichts, das thut mir jetzt furchtbar weh. . . . Riccardo, es ist doch der grösste Segen, dass ich zu dir gekommen bin. Hörst du?« . . . .

»Sei still, Gigine. . . . Wie sie zittert. . . . Still« . . . Er hielt sie fest. . . . »Du wirst mir alles sagen. . . . Jedenfalls mehr, mehr, als ich schon weiss. . . . Ich lechze ja auch danach. . . . Das Schweigen war nicht gut. . . . Aber gut für die ersten vollen Züge! . . . Nicht wahr, Gigine?« –

»Du sollst dich nicht schämen,« sagte sie schluchzend. »Nie. . . . Ich wäre ja schlecht geworden. Elend. Aus Barmherzigkeit hast du mich zu dir genommen.«

»Siehst du, – was ich für ein edles Wesen bin,« sagte er lachend und streichelte sie. . . . »Aber jetzt ganz ruhig sein. . . . Ja? – Das Süsseste auf der Welt habe ich mir ausgesucht – aus Barmherzigkeit.« . . . Er küsste sie auf beide Augen. . . . »Gott sei Dank. Das ist nun vorbei.« . . . .

Er drückte ihre Hand. . . . »Du, thue, – was du musst.« . . .

Er nahm das Tuch vom Fenster und öffnete. . . . Die Pracht der Sonne lag schon am blauen Himmel verstreut. Vom Meere wehte es kühl durch das Zimmer, und wenn man sich ein wenig hinausbog, sah man streifenweise das grüne Wasser im Lichte blinken. . . . Dazwischen schimmerte endloser Sand. Alles war frisch, grün, ewig . . . .

Er fasste sie unter dem Arm. . . .

– »Komm hinaus.« – –

– Er war viel grösser als sie, und ein breiter, glatter Streifen des braunen Haares fiel tief in die Stirne. . . . Die Nasenwurzel scharf, – der feine Mund fest geschlossen. Mit grossen, ausgeprägten Händen hielt er sie vor sich. . . .

»Neues Leben,« sagte sie tief atmend.

Sie hatte viel zu bleiche Farben.

Der Mund platt, – wenig geformt.

Aber stahlblaue Augen, weich und sehnend wie Schwalbenflügel. . . .

»Gigine,« sagte er, – »hüte dich vor allen Empfindungen, die nicht in deiner Vernunft wurzeln. . . . Hüte dich vor dem Unbewussten in dir.«

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –


III.
Elina.

Nacht. Elina wartete. . . . Sie hatte zur Abendmahlzeit den Tisch gedeckt, – die Oellampe darüber entzündet und schloss das Fenster.

Früher als er war sie von den Dünen heimgekehrt und er hatte sie von sich gelassen, – stumm und verstehend. Nun waren die Briefe geschrieben, – der Faden zerrissen. – Aus. Sie war ganz frei. –

Mit herabhängenden Armen starrte sie in die kleine, rote Flamme. Mann und Kind und Haus. . . . Alles versunken. . . . Als hätte es eine schwere Hand ins tiefe Wasser getaucht, immer tiefer, immer tiefer, all das Leben, das sich noch wehrte, – jedes Gefühl tief hinunter, gurgelnd, kämpfend. . . . Sie bedeckte die Augen. Entsetzlich. . . .

– »Nein, ich lüge nicht,« fuhr sie in Gedanken fort, – – »es war Qual aber – – an etwas habe ich doch noch zu denken. . . . An etwas. . . . Wie er mich – – – –

Nein, das ist es nicht. . . . Das Kind ist es.« . . . Sie dachte einen Moment nichts. . . . Ihr ganzes Bewusstsein lagerte sich ruhsuchend um den Gedanken. . . . .

»Das Kind ist es. . . . « Sie wurde bleich und setzte sich auf die Ottomane. Das thut weh. Ja. Da schob sich ein nacktes, fremdes Gefühl zwischen all die stolzen, schwellenden, blutroten empor. »Armes Paulchen.« . . .

Langsam, befangen zog sie die Kniee empor und legte den Kopf darauf. . . .

»Dass ich vom Kind so gehen konnte. Von meinem Kind.« . . . Und ihr war, als sage ihr eine fremde Stimme, das erste Mal, – dass sie es geboren hatte. . . .

Fünf Jahre dachte sie nicht daran, dass sie Pflichten hatte, – gegen das – was sie geboren. . . .

Pflichten? – Nein. – Liebe.

Pflichten kann man lassen, wegwerfen, ins Meer tauchen, tief, immer tiefer, aber die Liebe nicht. . . .

Hier steckte Sünde. Mit bleichem Finger tastete die in ihre Seele, – und wo sie rührte, blieb ein toter Punkt. . . .

Zu ihrem Kinde konnte sie nie mehr zurück.

Nicht einmal im Gedanken, nicht einmal im Wunsch. – Zerschnitten. –

Sie schraubte die rauchende Lampe zurück und eine eisige Stimmung überschlich sie dabei.

So war es gewesen, gerade so, – wenn er – am Abend die Zeitung weglegte, – Weinflasche und Gläser zusammenstellte, das Licht im Speisezimmer verlöschte und zu ihrem Bette kam.

Immer mit drei langen, geraden Schritten. Und dann – musste sie das schlafende Paulchen der Kindsfrau geben. . . .

Die kalten, schlanken Glieder erbebten. . . .

– Es klopfte.

Ein kleiner, brauner Junge lugte herein. Er war ganz rot, – die Augen lachten. . . .

»Vom deutschen Herrn,« sagte er und legte seine Päckchen hin. . . . Auch ein Büschel langer, roter Wasserblumen, Farnkräuter, Ginster. Eine Flasche Wein, – Ziegenkäse auf Weinblättern und süssen Rahm.

Und hinterdrein kam er selbst und brachte sorgsam in einem Leinwandsäckchen frische Austern. Sie stand da und sah zu wie im Traume. . . .

»Tischlein deck' dich, – Was? –

Aber sieh dir doch den Kerl an. . . . Was? – Sechs solche hat der alte Kirsten. . . . Einer strammer wie der andere. . . . Und eine Tochter! – Wenn ich nur Thon auftreiben könnte.

Geh, – grüss' deine sorella, Junge, und morgen werde ich sie zeichnen.« . . .

Elina ordnete schweigend die Blumen in einem plumpen Steinkrug. . . .

Durch ihren Körper strömte wieder Wärme. . .

Ein bischen scheu lächelte sie zu ihm auf. . . .

Er übersah den Tisch. . . .

»Prächtig. . . . Natürlich ersparen wir so das Gasthaus. . . . Was sagst du zu dieser Oekonomie, meine Hausfrau? . . . .

Natürlich, – gar nichts sagt sie.«

Er kam zu ihr und fasste fest das kleine Gesicht. . . . »Nun, Gigine?«

Sie hängte sich in seinen Arm.

»Ja, ja.« . . .

»Mein Mädchen! Aber ich freue mich auf diesen Abend. Der Wein ist echt. . . . Ich will dich berauschen, Gigine.« . . .

»Was ist das für eine Frau dort unten?« frug sie mit einer Kopfbewegung. . . .

»Welche? – – Ja die? – Schön ist sie. Bis zum Halse prächtig. . . . Walkürenkopf. . . . Das andere ist schlapp. . . . Bei diesem Volke überhaupt.« . . .

Er warf seine graue Leinenjacke ab und zog sie auf seinen Schoss.

»Hast du denn Hunger?« frug sie. . . .

Er lachte. . . . .

»Denk dir, Gigine, so ein Barbar bin ich. Ja.« – – –

Sie nahm das Brot und strich es mit dem weichen, weissen Käse.

»Als ich dich kennen lernte, – konnt' ich es nicht begreifen, dass du essen musst wie andere Menschen. . . . Ich schämte mich förmlich, wenn du mir zusahst.« . . .

»Oh, ich weiss. Bei den schönsten Soupers bist du immer mit starren Augen dagesessen, hast irgend wohin geguckt,« . . . erwiderte er heiter.

»Von meiner Menschlichkeit bist du doch jetzt überzeugt?« . . .

»Sogar von deinen Bedürfnissen.« –

Er sah sie an. . . .

Sie wurde rot. . . . Das Mädchen fiel ihr ein, das bis zum Halse schön war. . . .

»Nichts.« . . .

Bis zum Halse nur. . . .

Sie biss von seinem Brot ab und sagte kauend: »Du, zeichnest du das Mädchen wirklich?« –

Er kniff die Augen zusammen und erwiderte nichts.

Sie sagte verlegen. . . .

»Oh, du Dummer.« . . .

»Ja. . . . Ich will arbeiten.« . . .

»Zeichne mich doch,« sagte sie und stand auf. . . .

Er schob den Teller weg. . . . »Du willst? – O ja, das ist prächtig. . . . Wirklich, du willst! Schau, ich hab so oft daran gedacht, – aber – dich – will ich nicht bitten kommen.« . .

»Ob ich aber so bin, – ich meine, ob du mich wirklich brauchen kannst,« – entgegnete sie ausweichend. . . .

»Lass sehen.« . . .

»Nein, nicht. . . . Bitte nicht.«

»O ja.« . . . Aber sie lag schon ganz still und breitete die Arme aus. Langsam zog er den dünnen Battist von ihren Schultern. » So schön,« sagte er und faltete die Hände. –

Den Nacken, die Schultern, die Arme bleich und knospend fast. Die blauen Adern sah man deutlich. . . . Und ein bischen die Knochen, die in das üppigere Fleisch der Brust mündeten. . . .

Er sah sie an.

Sie hob langsam, – wie abwehrend die Hände.

»Du wirst rot,« sagte er bebend.

– – – – – – – – – – – – – –

Er füllte zwei Gläser mit Wein, – »trink,« – sagte er. –

Sie stützte sich auf und nahm das Glas. Und sah ihm in die Augen ein bischen ernst und strenge. Aber der Blick brach sich in dem flammenden Aufleuchten der seinigen.

Er umwickelte sie schnell mit seiner Jacke, hob sie empor und legte sie auf die Ottomane.

»Gut so?«

Sie nickte.

Er brannte sich eine Cigarre an und schob sich das Strohbänkchen zu ihren Häupten.

– »Riccardo, – eines weiss ich genau.«. . .

»Nun?« . . .

»Irgend jemandem wäre ich schliesslich in die Arme gefallen. . . . Still, – glaube nicht. . . .

Nur aus Angst vor dem Tode.« . . .

Sie setzte sich auf. . . . »Ja, – ich habe zu schwer gelebt. Glaubst du das? – Jetzt ist alles ein Lachen, – das Essen, Schlafen, Pflichtenerfüllen. . . . Und bei ihm habe ich so darunter gelitten. Wie ein Sklave gehorchte ich den Stössen meines Bewusstseins. Das trieb mich an, – sonst nichts. . . . Nach solcher Liebe habe ich mich so sehr gesehnt.«

Er frug ganz leise:

»Hat er dich denn nicht lieb gehabt?« –

»Ich weiss nicht. Die Tante sagte immer: Ja. Aber was sie spricht, klingt wie die Bibel. Man glaubt daran – aus Gleichgültigkeit.

Ob er mich lieb gehabt hat? –

Möglich, – auf seine Weise. – –

Aber ich habe ihn nicht geliebt. Ich nicht.

Er hat auf mich gewirkt wie die Luft in seinem Hause, wie die Pflichten in seinem Hause, wie der Schlaf. . . . . Geliebt? . . . . Ich war ein kleines Mädchen, als er mich nahm« –

»Sehr jung?« –

»Siebzehn Jahre,« sagte sie langsam. »In engen Verhältnissen gross geworden. Mit Lust nach dem Leben, mit vielen Wünschen. Zuerst nur nach Theater, Vergnügen, neuen Menschen, fremden Dingen. – Vielleicht habe ich mich auch nach dem Manne gesehnt. . . . O ja, ich war warmblütig und gesund. . . Und alles erlahmte.« . . . Sie hob die Augen empor und fuhr fort:

»Schau mich an, Riccardo – es hilft nichts, – ich muss nun darüber sprechen.« Sie legte beide Hände ans Herz. . . . »Ich wollte schweigen. Nicht einmal das Gespenst dieser Zeit wollt ich in mein grosses Glück aufnehmen. Ich weiss ja nicht, Riccardo, wie lange es mir dauert. . . . Still, – vielleicht ist es thörichte Furcht.« . . . Sie legte ihre Hand in die seine und drückte sie heftig. . . .

»Du sollst nie mehr sagen, dass du dich vor ihm schämst. Ich ertrage es nicht. Er hat kein Recht an mich. . . . keines, hörst du – und nie gehabt. Er hat mich zum Weibe, zur Mutter gemacht, wie man Frühlingsblumen zwingt, im Winter fort zu blühen. . . . Für ihn giebt es nur eine Empfindung und ein Gesetz: Die Pflicht. –

Aus Pflicht nahm er sich ein Weib. Mutters alte Staatszimmer brauchten Bedienung. . . . . Und –

In dem grossen Fabrikhause musste der Herr mit sittlichem Lebenswandel vorangehen. . . . . Verstehst du? . . . .

Was darüber war, – war zu viel. . . .

Jede freie Regung meiner Seele, jeden aufflatternden Wunsch, jede Neigung vernichtete er. . . .

›Firlefanz,‹ sagte er ›Puppenspiel‹, und legte seine Hand darüber. . . .

Als ich Mutter wurde, sagte er: ›Das ist gut, deine Pflichten beginnen sich auszudehnen.‹

Maschinenmässig kam und ging das Leben. . . .

Ich lebte mit, wie die Uhr im Zimmer, wie die alten, düstern Bilder und Vasen, die er so ehrfürchtig hegte.

– Ich hörte ihn Mittags kommen und verstummte, wenn ich eben sang oder lachte.

Meine Gedanken wurden starr, alles, was sich sonst regte, stand still. . . . Wenn ich Suppe auf das Tischtuch tropfte, sah er mich an – und sagte kopfschüttelnd: ›Wie hastig.‹ . . . Ich wusste es und zitterte davor, wie vor einem Peitschenhieb. . . .

Ich zitterte vor jeder Frage, die er stellte, vor dem ›guten Morgen‹, den er mir bot, vor der gleichgültigsten Bemerkung. . . .

Riccardo, – aus Pflicht hat er mir jetzt verziehen. . . .

Aus Pflicht ruft er mich zurück. . . .

Komme ich nicht, so streicht er mein Konto im Kassabuch und engagiert die Tante. . . .

. . . Das arme Kind.« . . .

Sie sah starr vor sich hin. . . .

»Mein armes Kind. . . . Riccardo, oft, oft, so oft in der Nacht, denk' ich an mein Kind. . . .

Sag, hatte er das Recht, mit mir – einem Weibe, dessen Seele sich vor ihm verkroch in der heiligsten Liebkosung, hatte er das Recht, mit mir ein Kind zu zeugen? . . . Nein, nein. . . .

Ich sage dir, wo die Seele verstummt, da müsste sich die Natur erbarmen.

Nur dort sollte sie geben, wo zwei Menschen in einem höchsten Wunsche vereint – wollen. . . . Während er mich nahm, – konnte ich nichts vergessen . . .«

Sie warf die Umhüllung von sich, umschlang seinen Kopf mit beiden Händen und flüsterte erregt: »Vergessen machen konnte er mich nicht. Nie habe ich in seiner Umarmung vergessen, dass es ein Denken giebt, ein immerfort reges, verzweifeltes Suchen, ein Tasten und Spüren nach der Wahrheit aller Dinge, – nie habe ich vergessen, dass hinter dem Genusse ein qualvolles, demütiges Erwachen lauert, nie habe ich vergessen, dass die Kerze knistert, dass die Uhr leise tickt und tönt, dass der Regen ans Fenster pocht, dass nebenan das Kind im Schlummer seufzt, und dass ich ein Weib bin, das nach besserem Glücke verschmachtet.« . . . Sie sass eine Weile still und strich sich die Haare zurück.

»Es half nichts. . . . Der Schleier zerriss doch immer. . . . Immer lag ich nackt in seinen Armen. . . . Ich litt, ich kämpfte, – ich zwang mich, – es half nichts. – Immer flüchtete sich etwas aus meinem Leibe und hockte sich daneben und sah zu.« Sie glitt von der Ottomane und kauerte sich neben ihn nieder.

»O diese Empfindung. . . . Fühlen, das ist ein Mann, der thut mit dir was er will, der keucht und bebt und umzittert dich mit seinen Wünschen, dem gehörst du jetzt erbarmungslos an, und wenn du zu Grunde gehst, – stirbst. . . . Er weiss es nicht einmal. . . . Ah, da kommt auf einmal so eine Verachtung, so ein gemeiner, lachender Kitzel und man treibt sich an und sagt: ›Still, gieb nach, geniesse, schliess, die Augen, denk nicht nach, press dich an ihn, lass dich nehmen, raube dir eine Sekunde Glück.‹« . . . Sie war aufgesprungen und warf die Arme in die Luft.

»Dieser Jammer,« schluchzte sie auf – »jede, jede Nacht.« . . .

– »Sei still,« sagte er erschüttert, – nichts mehr, Gigine, deine Worte thun mir weh.« . . . Er hob sie empor und küsste den Mund und den weissen, schimmernden Nacken.

»Dank dir,« murmelte sie glücklich, – »dass es so, – so gut – gekommen ist.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Sie sassen stille. . . .

»Ich kann dir nichts erwidern,« sagte er endlich leise.« . . . Er strich sich über die Stirne.

»Wir wollen auch nicht wieder in Extase geraten, Gigine, es ist zu viel.« . . .

Er atmete tief auf. . . .

»Bleibe mir, bleibe mir, – und bleibe mir so. . . . Ich brauche etwas, woran sich mein Wille entzündet. . . . .

Das bist du.« . . . Er drückte sein Gesicht fest an das ihre. . . . »Das habe ich jetzt so deutlich gefühlt.« . . .

»Lieber, Lieber!« . . . .

»Ja, mein Mädchen. . . . So ist es. . . .

Ich bin nicht oft so gestimmt. . . . Aber jetzt habe ich eine rasende Sehnsucht, dich auch ins tiefste Herz sehen zu lassen.« . . . .

Er streichelte ihr Gesicht. . . . »Vor der Liebe hatte ich keine Angst. . . . Aber vor – meiner Kunst habe ich gezittert. . . . Ich habe sie gefürchtet – verstehst du mich, – ebenso wie du die Liebe« . . . Er zog sie auf die Ottomane nieder und legte seinen Kopf an ihre Brust. . . . »Alles ist kalt und tot. . . . Immer habe ich gezittert vor meinen Werken. Immer war mir die Erinnerung wie eine Anklage. . . . Gewusst habe ich, ich gehe mit einer Schuld von ihnen. . . . Etwas hat gefehlt, etwas – habe ich ihnen nicht geben können. . . . Und dieses Bewusstsein steckte wie ein vergifteter Stachel in meinem Willen, Weisst du, Gigine?« . . . .

Er sah ihr in die Augen. . . .

»Das ist es. Ich liebe das Leben zu sehr, den Genuss, die Unmittelbarkeit des Eindruckes, – zu wenig den Gedanken, das Grosse, Ewige, Gemeinsame, das an den Dingen haftet. . . . .

Ueberall steckt Seele. . . .

Und Seele habe ich ihnen nicht gegeben. . . .

Seit ich dich habe, weiss ich das erst. . . .

Seit ich dich fühle, mein fühle, versteh' ich es erst. . . . .

Er riss sie an sich. . . . .

»Sei doch still. . . . Das ist nichts, das ist zu wenig, nicht wahr, mein Mädchen, – viel, viel zu wenig.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –


IV.

Gegen Ende März wehte ein Hagelsturm durch die Stadt.

Die eisigen Körner prasselten an die Scheiben und klirrten beim Gesimse ab. Draussen war stete, flimmernde Bewegung. Die heisse Zimmerluft kletterte milchig die Glasscheibe entlang und verdunkelte den späten Nachmittag.

Im Zimmer roch es schwer und süss nach Fichtenäther.

Nichts bewegte sich.

Elina lag im Bette und hielt die Augen geschlossen.

Nahe beim verglühenden Feuer nickte in einem Sessel eine alte Frau.

»Hannah!«

Elinas Stimme hatte einen schleppenden Klang. . . .

»Oeffnen Sie, – öffnen Sie die Jalousien.« . . .

Da sie nicht gleich Antwort bekam, hob sie mühsam den Kopf und blickte sich um. Jetzt sah sie den Schimmer des Tageslichtes. . . . . »Finster,« murmelte sie und sank zurück. »Es schneit, gnädige Frau, – seit Mittag schneit es ja,« sagte die Dienerin, – »vor dem At'lier liegt es sogar fusshoch, – ja.« . . .

»War er hier?« . . .

»Freilich – war er hier.« –

Wieder Schnee. . . . Den ganzen Winter war Schnee gefallen, um die Weihnachtszeit, – und später. . . . Während sie für das kleine Kindchen nähte. . . . Ein weisses Wollenjäckchen, so weiss, so weiss. . . .

Viele Wollenjäckchen waren wie Schnee. . . .

Wenn man sie übereinanderwarf. . . . Wenn sie flatterten und wehten. . . .

Ach Gott. . . .

»Hannah, . . . trinken!« . . .

Sie umschlang den Arm der Frau und trank.

»Hannah – hat – das – Kindchen – einen Sarg bekommen?« –

»Na, na, – nur stille. . . . Wenn ich das wieder dem Herrn erzähle.« . . .

Ein gepeinigter Zug lag in ihrem eingefallenen Gesichte.

»Auf die Sonne warte ich. . . . Unter der Erde. . . .

So kalt ist es jetzt, Hannah« . . . .

»Ja, – da werden wir wohl darüber reden. . .

Das wäre schön. Da ist nichts zu bereden. Wenn die Sonne kommt, geht der Schnee weg. Ja, – immer ist es gleich.« . . . .

Elina schwieg. . . .

Warum, – warum? – –Die Augen blieben ihm zu und jemand sagte . . . – »Es ist tot.« – Riccardo kam zu Bette und sagte – »Es ist tot.« . . . . In dem weissen Wollenjäckchen trug man es hinaus. . . . Das konnte sie nicht fassen. . . . Warum? – In der Natur hatte alles Zweck. . . . Das war auch Riccardos Glaube. Sogar jeder Gedanke. Das kleinste Gefühl. . . . Ihr Kind war nichts? . . . .

Der Zusammenprall leerer Erscheinungen? . . .

»Nur zum Sterben,« . . . murmelte sie halblaut. . . .

»Das andere ist auch gestorben. . . . Nichts lebt.« . . .

Hannah erhob sich. . . .

»Wollen wir gar nicht mehr schlafen, Frauerl?«

»So viel Schnee, Hannah.« . . .

»Na ja. . . . Der wird wohl wieder aufhören.« . . .

Sie zupfte an ihrer Decke. . . .

»Das ist schrecklich. . . . Niemand heizt ihm, – ach Gott, – niemand sorgt für ihn.« . . .

– – – »Freilich. . . . Er war recht froh und frisch. . . .

Ein schöner Wagen steht draussen, ja, – mit einem feinen Bedienten. . . . – –

Jetzt müssen wir aber dazu schauen. . . . .

So ein Herr braucht eine gesunde Frau.« . . .

Sie drehte das Gesicht zur Wand. . . .

. . . Ob er es auch so empfunden hatte, ob es auf seiner Seele so gelastet hatte? – –

Ein bisschen ernst und traurig hatte er ausgesehen. Einen Tag die schwarze Krawatte. . . .

Und – dann – weiter gearbeitet. . . .

Fräulein Helene – eine Dame aus der französischen Gesandtschaft. . . .

Und sie lag da. . . . So schwer. . . Alles so schwer. . . . Alles war ihr zu viel. . . .

Dieser ewige Schnee. . . .

Wie das pochte. . . .

– Er sollte da sein, – von der Arbeit sprechen, von Rom, – von der Liebe. . . .

Doch wenn er da war, da musste sie so viel an das Kindchen denken. Warum es geboren wurde und gleich starb und warum – er und sie, – warum sie es so wenig betrauerten. . . .

Es war ja doch ihr Kind.

Eine starke Sekunde und es hätte fortgelebt. . . . Läge dort in der Wiege und schliefe. . . .

Würde aufkommen und schreien, ganz kleine feste, zornige Schreie. . . . Immerfort. . . .

– – – Sie runzelte die Stirne. . . .

Nein, nein, das konnte sie jetzt nicht ertragen.

Jemand kam und brachte es ihr. . . .

»Es will halt trinken.« . . . .

Und mit diesen müden Armen. . . .

Ach Gott. . . . .

Jemand öffnete das Hemd. . . .

Das that weh. . . . Und das Kind schrie.

Ach das that weh. . . . .

Ein eigentümliches Stechen und Ziehen. . . .

»Weg, weg, – ich will nicht, – weg.«

– – – – – – – – – – – – – –

»Nu, nu, – unruhig geträumt – was?« –

Sie öffnete die Augen. . . .

Hannah wischte mit einem Tuche über die nasse Stirne. . . .

Sie empfand eine wunderbare Erleichterung.

So gut, dass sie allein war. . . .

So gut.

»Horchens, Frauerl, aber jetzt fährt der Wagen fort.« . . . . Sie hörte nichts, aber sie hob sich mühsam auf. . . .

»Ja,« sagte sie glücklich, und fiel zurück. . . .

Im Leinenkittel, über und über voll Thon trat er zur Thür herein. . . . Sie hob die Hände.

»O nein, ich bin noch zu kalt, mein Bettschatz. . . . Geht es dir gut? –

Und dann – mit diesen Fingern – du Prinzessin.« . . . Er warf den Kittel in eine Ecke und trat zum Waschtisch. . . .

»Hast du es kalt gehabt, Riccardo?« –

»Ziemlich. – Helene, – das Fräulein mein' ich, – denke, Gigine, – im ausgeschnittensten Kleide sitzt sie da, – Tüll und Gschnas – und durch die Lücken fällt der Schnee auf ihre Schulter. . . . Ich habe zwar behauptet, – man könne es nicht unterscheiden – aber zum warm – machen – hat's doch nicht gelangt.« . . .

Er lachte herzlich. . . .

»Na, Frau Hannah, – darf ich jetzt?« Er streifte seine Hand an die runzliche Wange. . . .

»Hannah, – schauen Sie wegen des Nachtmahles,« – sagte sie ein bisschen verwöhnt, – »gehen Sie doch, Hannah.« . . .

Er setzte sich an den Rand des Bettes. . . .

»Liebe Frau« . . . Sie fasste ihn mit dünnen, bleichen, gespreizten Fingern.

»Endlich.« . . .

»Oh, dieser Stossseufzer. Ich war nämlich erst vor einer Stunde da.« . . . –

»Aber ich habe geschlafen.« . . .

»Aber ich habe dich doch geküsst.« . . .

»Wohin?«

Er deutete auf die Stirne.

»Jetzt, – hier.« . . . .

Er drückte seine Lippen auf ihren Mund. . . . Und streichelte die warme, verhüllte Brust. . . .

»Schmerzen?« –

»Ein bisschen,« sagte sie mühsam. . . .

Sie dachte an das tote Kind. . . .

Da musste es liegen, gerade zwischen ihm und ihr, und er würde es küssen, wie er jetzt sie geküsst hatte. . . .

Nein. . . . – ich bin keine Mutter. – –

»Erzähl mir doch,« murmelte sie. . . .

– – – »Vom Schnee? – – Nein, was Hübsches, Gigine. . . . Ich habe Antwort aus Fianona. . . . Thon schicken Sie mir herüber, was ich brauche. Schön, was? – Also wirst du bald aufstehen, mein Mädchen?« –

– Nein, ich bin keine Mutter. – Auch für Paulchen nicht. . . . Damals hatte ich meine Sehnsucht, jetzt ihn – – –

Mehr will ich nicht. . . .

»O – ja,« sagte sie dann langsam. . . . .

»Das ist schön. . . . Die Helene ist fast fertig. Gestern war der Gesandte da. –

›Comme un Parisien‹ – war seine ganze Kritik.« –

Ich habe das Kind mit meinen Gedanken getötet, dachte sie entsetzt. . . .

Sie bewegte sich unruhig. . . .

»Ja, heiss ist bei dir.« . . . Er stand auf, »Und ich mit meiner Masse erdrücke dich da.« . . .

– Weil ich nicht wollte, – starb es. Weil ich ihn lieber habe, als alles – alles. – Das ist der Endzweck. . . . Jedes Gefühl wollte das, jeder Gedanke. . . .

Sie begann nervös zu zittern. . . .

»Riccardo.« . . .

»Nun?«

»Das Kind,« sagte sie und ihre Lippen bebten. . . . .

Er fasste ihre Hand. . . .

»Ja, Gigine. . . . Da wollen wir nicht mehr hadern, – nicht wahr?« –

Sie zog seinen Kopf zu sich. . . .

»Hat es dich geschmerzt?« –

»Sehr. Ich wollte es dir gar nicht zeigen. . . . Aber,« – er fasste ihr Gesicht in beide Hände.

»Der liebe Gott hat wohl dabei gedacht, – was soll der arme Künstler jetzt mit zwei Kindern anfangen?« –

Sie sah aufatmend in sein Gesicht. . . . »Riccardo, – du – bleib bei mir, – immer.« – –

Er setzte sich an ihr Bett. . . .

»Gigine, hör zu. Du grübelst mir zu viel. – O ja. Lauter Dummheiten. . . . Wir wollen mal was anderes versuchen. Wenn ich Porträts habe, – und das muss ich haben, Mädchen, davon leben wir – da sollst du schreiben. . . . Schau, du hast so hübsche Sachen geschrieben. . . . – Wenn ich bei dir bin, dann nicht, – wenn wir jetzt fortgehen – erst recht nicht, – da sollst du mit mir arbeiten, – unser Schönstes, – du weisst ja.« . . . . Sie hielt die Augen geschlossen. »Möchtest du nicht gern ein bischen berühmt werden?« – frug er scherzend.

Ein quälendes Angstgefühl stieg in ihr auf. . . . Schreiben, wozu? – Erfüllt sein von fremden Dingen, – wozu? – Wieder in die Ferne horchen? – Warum wollte er das? – Sie war ja bei ihm, – sehnte nichts mehr. . . .

– – »Ja, – vielleicht,« antwortete sie gepresst. . . .

»So wie früher, Gigine. . . . Jede Arbeit thut gut.« . . .

Früher? – Sie strich sich über die Stirn. Da war sie doch geflüchtet. . . . Wie die Heimat war es gewesen. . . . Und was sie tief verschloss. . . . Aber jetzt. . . . Was sie tief verschloss, konnte sie nicht mehr sagen. . . .

»Nein,« sagte sie gequält. . . .

– Er sah sie an. . . .

»Nichts, Lieber, verzeih, – ich bin jetzt,« – sie versuchte zu lächeln, – »so launenhaft.« . . .

»Nur überreizt. . . . Also gut. . . . Du wirst schon selbst wollen.« . . .

»Nein, ich habe mich verloren,« – dachte sie plötzlich, »ich will nichts mehr, ich bin nichts mehr als eine dünne, dünne, arme Menschenhülle, – sein Leben lebe ich, seinen Willen, – ich bin nichts mehr.« . . . . Sie presste seine Hand. . . . .

»Ich will jetzt schlafen, Riccardo.« . . . .

»Wirklich – schlafen?« . . . .

»Geh, Riccardo, – geh fort, – ich bitte dich, – hier ist's doch einsam.« . . . Ihre Stimme zitterte.

»O du Tyrannin! . . .

Wenn du schlafen willst, schlafe nur. . . . Ich bleibe . . . da. . . . Im Hagelwetter schickt sie mich aus diesem prächtigen Zimmer.« . . . .

Er setzte sich in den Lehnstuhl. . . .

»So stört dich auch das Licht nicht mehr, Gigine.« . . . .

Sie grub den Kopf in die Kissen und starrte ihn an. . . . . Wenn er nur bei mir bleiben möchte, ganz nahe, ganz nahe. – –

Nach einer Weile rief ihn Hannah flüsternd zum Nachtmahl. . . .

Er legte das Abendblatt weg. . . .

»Riccardo, . . . . nur – gute Nacht, Riccardo.« . . .

Er küsste die bleichen Hände. . . .

»Gute Nacht, gute Nacht, mein liebes Mädchen.« . . .

Sie schloss die müden Augen. – –


V.
Schmerzen.

Das nackte Istrien mit seinen wilden Stürmen, tosenden Winden und der dünnen, aufkrallenden Vegetation machte auf Elinas Seele einen strengen, freudelosen Eindruck. . . . .

Fest eingehüllt sass sie in ihrer Stube mit einem kleinen, bleichen, enttäuschten Gesichte.

»Aber hast du denn das Meer nicht mehr lieb, Gigine?« . . .

»O ja, – Aber,« – sie wies auf die zerrissenen Felsen, die hoch über das Wasser emporstiegen, »hier ist zu viel Schatten, Riccardo. . . . Ich möchte Sonne, – etwas – das mir zum Weiterleben – Mut giebt.« . . .

Er fasste ihre kalten Hände. . . .

»Da muss die Sonne vom Himmel kommen, Gigine?« . . .

»Riccardo, versteh mich. – – – Müde kann man hierher flüchten, weisst du, nach einer grossen Arbeit, oder mit einem grossen Plan. . . . Wie du. . . . . Mit viel Zufriedenheit. . . . Aber so nicht. Auf mich drückt das Starre in der Natur.

Ich fühle mich« . . . sie legte sich an seine Brust, . . . »zu sehr als kleiner Mensch.« . . . .

Er lächelte und strich über ihre Stirne. . . .

Sie fühlte einen leisen, nervösen Schmerz durch ihren Körper zittern und fasste die schwere, liebkosende Hand. . . .

»Noch Ehrgeiz?« – frug er – »ich dachte, den hättest du mir gelassen?« . . .

– – »Hier ist mir, als würde alles fragen – wozu ich bin, wozu ich lebe,« sagte sie erregt. – »Wie unter Pflichtmenschen fühle ich mich hier. . . . Das Meer muss die Felsen abspülen, und die Felsen müssen Schlamm ansetzen, und das Stückchen Erde dazwischen trägt mühselig sein Korn.« . . . .

»Gott, was das Mädchen alles weiss,« antwortete er belustigt, – »der Natur hat sie auch in die Werkstatt gesehen. . . . Aber du bekommst mir keine lachenden Augen dabei.« . . .

Er fasste ihr Gesicht fest in beide Hände. . . .

»Wir wollen nach Italien gehen, wir zwei verlorenen Heidenseelen.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

In dem kleinen Orte nächst der kunsttrunkenen Stadt Florenz war es heiss, still und trocken. Wie ein schweres, goldbefranstes Tuch hing die Sonne über dem weissen Häuschen, das sie gemietet hatten.

Vor ihnen lag die grosse, breite Strasse, hinter ihnen stieg ein Olivenwald empor und vermählte seinen scharfen, grünen Duft mit dem majestätischen Licht. . . . . Elina holte wieder die geliebten, dünnen Kleider hervor, die der losen Tracht der friesischen Fischerinnen glichen und begann mit fiebernder Energie aufzuleben und zu gesunden.

»So muss es werden, wie es war,« sagte sie und nagelte weisse Tücher vor das grosse Fenster des gelbgetünchten Raumes, der zum Atelier bestimmt war. . . .

»So kann es nicht sein,« entgegnete er. Sie fühlte eine heftige Erschütterung, die sich vom Herzen strahlenförmig nach allen Gliedern ausbreitete.

»Warum?« . . .

»Weil unser Zimmer damals nach Osten lag. – . . . Hier sind Tücher zwecklos.« . . .

»So? . . . Lass sie aber, – lass sie,« – bat sie beklommen.

Er sah sie an. . . .

»Oh – du – kleines – Kind.« . . .

»Ich bin so glücklich, Riccardo,« sagte sie und rutschte vom Sessel in seine Arme hinab, »lange nicht – – – – habe ich so fest an unser Glück geglaubt,« vollendete sie unterdrückt. . . .

»Na, – dann lass die weissen Tücher hängen, Gigine, aber bei der Arbeit darf ich sie abnehmen – nicht wahr?« –

– – – – – – – – – – – – – –

Vor ihren Fenstern war eine wunderschöne runde Marmorbank mit zierlichen Figürchen und feinen Blumenranken. . . .

Das war ein Grab. . . .

Daneben ein buntbemalter Halbkreis mit einem kleinen, schlanken, lorbeerschwingenden Knaben. . . . Rund herum knospeten Margueritenen auf – und wuchsen in der Sonne so wild und gross empor, dass die weissen Blumenkronen das hölzerne Kreuz verdeckten, das irgend eine fromme Hand gespendet hatte. . . .

Kleine, gebrochene Säulen von Epheu oder wilden Rosen umsponnen, standen vereinzelt am Rande des Weges, dann fiel die alte Gräberstrasse jäh hinab und verlor sich im Himmel.

– – – – – – – – – – – – – –

Elinas Blick floh hinaus und zerstreute sich in dem leuchtenden Räume. . . .

Dann kehrte er langsam zurück und blieb augenblickelang an seinen arbeitenden Händen haften. . . .

Er warf Thon auf und trat prüfend zurück. . . . Sie richtete sich ein wenig aus der eingesunkenen Stellung empor. . . .

»Ja, – ich denke, – es wird. . . .

Noch ein bischen?« –

Sie nickte. . . .

»Langweilst du dich sehr.« . . .

»Oh nein, es macht mich glücklich.« . . .

»Süsse.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Er arbeitete weiter. . . .

Der Körper in seiner nackten Ruhe schob sich wieder zusammen, bloss um die Lippen blieb ein halbverlöschtes Lichtchen haften. . . .

Einmal hielt er inne. . . .

»Du?«

–? –

»Ich weiss nicht, – es ist jetzt etwas in dein Gesicht gekommen. . . . Ich arbeite nicht am Kopfe, aber es verwirrt mich. . . . . Der Totaleindruck, – verstehst du?« . . .

– »Dein ›Weib‹ – also, darf nicht denken?« . . . .

»Wenn es solche verräterische Spuren gräbt – nein. Da ist Persönlichkeit. Hast du was Böses gedacht?« –

Sie zog die Brauen zusammen. . . .

»Nein, aber immerhin – an Fremdes – – – So ist es besser – nicht?« – – –

Sie blickte die Totenstrasse entlang, langsam wandernd von Grab zu Grab. . . .

»Nicht wahr, Riccardo?« –

»O ja,« sagte er wieder vertieft, mit einem flüchtigen Blicke die nackte Gestalt streifend.

– – – – – – – – – – – – – –

Sie blickte auf seine arbeitenden Hände: So bin ich sein – dachte sie – so fliesst meine Seele – in seinen Willen, – in seine Hand hinüber. – –

Wenn die ersten Sonnenstrahlen auf ihren Körper fielen, legte er das Werkzeug hin.

»Genug, ich danke dir.« . . .

Sie trat von der Stufe, hüllte sich, ein bisschen erschauernd, – in den Mantel und ging in das Nebenzimmer. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Später stand sie neben ihm mit fragenden Augen.

»Und der Kopf?« –

Er lächelte. . . . »Lass mich nur erst den Akt 'rausbringen, wie ich möcht. . . . Bewegung soll in den Linien sein. . . . Trotz der momentanen Ruhe – wie schreitend.« . . . . Er überschattete die Augen. . . .

»Ja, es ist gut. . . . Vollkommen nicht. . . . Das Becken.« . . . Er sah sie an.

»Dein Becken ist breit. . . . Aber so ist es auch gut. . . . Man soll dem ›Weibe‹ nur ansehen, dass es Kinder gebären kann.«

Sie machte eine jähe Bewegung. . . .

Er breitete nasse Tücher um die Figur. . . .

»Wird man mich erkennen?« –

»Nein.« . . .

»Aber dann, wie triffst du es dann?« –

Er drehte sie herum. . . .

»Nicht so viel fragen, Mädchen. . . . Hol' dir den Hut.« . . .

»Riccardo.« . . . .

»Eile doch,« . . . sagte er und wusch sich die Hände. . . . »Hast du nicht der kleinen Frau Beate einen Spaziergang versprochen?« . . .

»Ach ja,« . . . Sie sah zu ihm auf. . . . . »Soll ich nicht?«

»Gewiss sollst du. . . . Ihre Anhänglichkeit ist rührend. Uebrigens muss ich mit Madame Le–o–cadie« – er lachte – »ein schrecklicher Name – das, – – ins Museo nazionale hinüberfahren. . . . Gestern Abend überfiel sie so ein rapides Verlangen danach.« . . .

Sie runzelte die Stirne. . . .

»Beate verkehrt nicht mehr mit ihr.« . . .

»Das glaub' ich. . . . Für die jammernde Frau ist das keine Gesellschaft,« sagte er gutmütig, – »aber für uns.« . . . .

Sie versperrte die Thür und gab ihm die Schlüssel. . . . .

»Du meinst?«

»Von mir kann doch wohl nicht die Rede sein, – aber ich meine, dass sie dir so wenig von ihrem Bösen geben kann, als du ihr von deinem Guten. . . . Uebrigens segelt sie unter guter Flagge. . . . Der Mann ist uralter Adel.«

»Er ist gemein.« . . .

»Sie auch.« . . .

Eine Weile gingen sie schweigend weiter.

»Willst du Blumen, Riccardo?« sagte sie plötzlich in jäher Aufwallung von Glück und Reue. . . . Sie pflückte einen Zweig Rosen und steckte ihn auf seinen weichen, weissen Hut.

»Schön ist es da. Da möcht ich jetzt mit dir bleiben, Riccardo.« . . .

»Und euer Spaziergang?«

»Beate trinkt auch allein ihre Ziegenmilch, – bleiben wir, Riccardo.« . . . .

»Und Madame Leocadie?« –

»Ja, – komm, komm,« – sagte sie laut und lief den Abhang hinunter. . . .

Tiefaufatmend blieb sie unten stehen. – Wenn ich so fühle – bin ich verrückt – dachte sie – aber ihre Finger krampften sich, und eine Taumelempfindung bewegte ihr Hirn. . . .

Anders.

War denn etwas anders? . . .

Und gerade jetzt? . . .

Nein. . . . Aber ihr ganzes Leben hatte sich an das seine angeschmiedet. . . . Ein Atom von ihr weg und alle Fasern zuckten im Schmerze.

Sie fasste seinen Arm. . . .

»Heiss ist mir, Riccardo.« . . .

»Nun ja, du rennst über den Berg wie eine wilde Ziege . . . jetzt rasch vorwärts, Gigine, – da weht der Wind um die Ecke.« . . .

Sie stand mit geschlossenen Augen. . . .

»Aber auf einen Kuss warte ich,« sagte sie leise. . . .

Er lachte. . . .

»Wahrhaftig, daran habe ich vergessen.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Arm in Arm gingen sie weiter. . . . Hinter einem Wald von schlanken Bäumen sah man die gewundenen Türme des Kurhauses mit blinkendem Knauf und flatternden Fähnchen steigen. . . .

»Da sind wir ja.« . . .

»A–ch – wie sie das sagt.« . . . Er drückt ihren Arm. . . . »Geh, ist dieser zwanglose Verkehr nicht ganz nett? Wenn man will, kann man sich auch abschliessen – nicht?« –

»O ja.« . . . .

»Und ich schwärme seit jeher für dieses flüchtige Bekanntwerden, – Freund werden – und auseinander gehen. . . . Es hinterlässt eine fertige Gefühlsskala. . . . Nur die Erinnerung als Pedal schwirrt noch ein bischen fort.« . . .

Sie blickte an ihm vorüber. . . .

»Wir haben es dabei nicht einmal arg getroffen. . . . Der alte Edelherr ist sogar sehr gemütlich. . . . Für dich schwärmt er.« . . .

Elina machte eine Bewegung mit dem Kopfe.

»Du – und wenn sie erführen, dass ich – bloss – deine Geliebte bin?« sagte sie mit sehr kalter Tonfärbung

»Was weiter? – Frau Leocadie würde dich jedenfalls – küssen,« . . . antwortete er leichthin. . . .

Sie wurde dunkelrot. . . .

»Pfui,« sagte sie heftig. . . .

Er wurde aufmerksam. . . .

Langsam strich er mit der Hand über die gerötete Stirne . . . .

»Gigine, – im Ernste jetzt, – würde es dich sehr schmerzen? . . . Das vorhin war ein unbedachtes Wort, – – aber sag, – könnte es dich denn wirklich schmerzen?« – –

Ihre Augen begegneten sich. . . . . Sie schmiegte den Kopf in seine liebkosende Hand.

»Oh nein, . . . Ich weiss, . . . ich bin – ja doch dein Weib.« . . .

»Das will ich meinen, Gigine,« sagte er bloss. –

Sie verstummte. . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– Die kleine, hagere Beate kam langsam aus den Tiefen des Kurparkes. . . .

Trotz des warmen Tages trug sie ein dickes, graugestricktes Tuch um das gelblich weisse Gesicht geschlungen. . . .

»Eben war ich auf der Terrasse – Sie suchen. . . . Es ist so reizend, dass Sie mir Gesellschaft leisten wollen.« . . . Sie schluckte nervös und hängte sich in Elinas Arme. . . . .

»Heute sind Sie ja wieder recht wohl, nicht wahr?« –

»O ja, – recht wohl. . . . Die Gesunden finden das immer, meine Liebe. . . . Passons là-dessus . . . . .«

Sie wandte sich an ihn. . . .

»Sie gehen doch hinunter, Signor. Madame sitzt seit einer Stunde auf der Terrasse und legt Patience. . . . Pour amour de mes beaux yeux – hat sie sich doch das grüne Tüllkleid nicht angezogen? . . . .

Nicht wahr?« –

Sie drückte Elinas Arm.

Er verbeugte sich lächelnd.

In solchen Momenten fand Elina eine damenhafte Ruhe, die sich erstarrend um ihre aufwallende Empfindung legte. . . .

Sie reichte ihm die Hand und öffnete ein Thürchen ins Feld hinaus. . . .

Er blieb beim Zaune stehen. . . .

»Aber du bleibst dann im Hotel,« sagte er zögernd und berührte ihren Arm.

Sie erwiderte hastig:

»Ich habe auch im Hause vorbereitet.«

»Nein, so ist es bequemer. – Ermüde dich nicht, Gigine,« sagte er leise und küsste sie auf die Stirne. . . .

Ein spöttisches Lächeln verzog die dünnen, blutleeren Lippen. . . .

»Diese Amorette gönn' ich ihr . . . Laissez la. . . . . Ich freue mich auf eine Lektion.« . . .

Sie blieb stehen. . . .

»Mein Mann. . . . Passons là-dessus. . . . – Ich habe ihm einfach gesagt, dass ich die Kur unterbreche und nach Hause fahre und wenn ich dann sterben müsste. . . .

Das sind meine Mittel – – ich bin krank, meine Liebe. . . . Aber mit Ihnen kann sie es nicht aufnehmen, – cette mesquine.« Das nachsichtige Lächeln klammerte sich um Elinas Lippen fest. . . .

Es war so unnatürlich, mit dieser kranken Frau jetzt weiter zu gehen. . . . Den ganzen, langen, hellen Nachmittag von ihm nichts wissen. Wozu? Das andere war so gleichgültig, schmerzte sie nur. . . .

Sie blieb stehen. . . .

Viel langsamer kam Beate nach, das Kinn fest an die Brust gedrückt. . . .

Sie konnte ja umdrehen, – seinen Arm nehmen und sagen. . . . – »Bitte, komm mit mir.« – – – Lag ihm denn etwas an diesem Weibe? – – –

Und wenn sie bloss sagen würde: – Riccardo, es quält mich aber. – –

»Geben Sie acht, –jetzt kommen die Ruinen von Albona dran. . . . Ich kenne die Methode.« . . .

»Still,« sagte Elina plötzlich und wandte sich um. . . .

Beatens Augen hefteten sich mit nervösem Schrecken auf ihr Gesicht. . . .

– »Also, sprechen Sie nicht mehr davon.« . . . Elina warf aufatmend Schirm und Hut auf die Wiese hin. . . .

»Jetzt wollen wir Ziegen melken. . . . . Kommen Sie, ich freue mich darauf.« . . .

»Ich freue mich gar nicht,« antwortete Beate, heftig schluckend und setzte sich nieder, – »kranke Menschen schauen bloss den anderen zu, meine Liebe.« . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Nachts begleitete sie Herr Nansen, ein stämmiger blonder Norddeutscher, ins Dorf hinein. . . .

»Er ist seelenfroh, – wenn er ohne Kontrolle atmen darf,« sagte Riccardo, – als sie auf der Marmorbank vor ihrem Hause sassen. . . .

»Beate ist krank,« antwortete sie, mit grossen Augen vor sich hinblickend. – –

»Und wirkt doch so verletzend, dass ich manchmal in seine Seele hinein erröte. . . . Dann schau ich rasch auf dich, und freu' mich an deinem lieben Gesicht.«

»Eifersüchtig – darf ich also gar nicht sein,« sagte sie langsam. . . .

»Nein, – nicht eher, als bis ich selbst es dir sage. . . . Und dann, um Gotteswillen, nicht so. . . . Es muss die schöne Eifersucht sein, die den Mann zurück – sucht – und – findet. . . . Wie kann man an dem Altar noch opfern wollen, den man gerade zerstört?« . . .

Sie sprachen nichts mehr. . . .

Sie presste die Hände im Schosse zusammen. . . . Der Duft der Oliven vermählte sich über ihren Köpfen mit dem zitternden Sternenlichte. Bacchanal lag in der Luft. . . . – Also doch, – einmal doch – dachte sie – für die Ewigkeit halte ich ihn nicht. – Es kann kommen. – –

Und plötzlich blitzte es auf, wie helles Feuer unter Kohlenstaub. . . .

– Aber er denkt nicht an sie. – Nicht einen Augenblick, – mit keiner Regung seiner Seele. . . .

Sie lehnte sich fest an ihn. . . .

– »Du – ich bin bei dir,« sagte sie berauscht. . . .

»Ja, verzeih, – daran habe ich fast vergessen.«

Er legte seinen Kopf an ihre Schulter. . . .

»Deine Nebenbuhlerin, Gigine,« er wies mit der Hand ins Zimmer, »die lässt mich jetzt nicht los. . . . . Herrgott, wenn das nichts Grosses wird.« . . . Er breitete die Arme weit aus und erhob sich rasch.

Sie blieb zitternd in jäher Glücksaufwallung neben ihm stehen. – – – »Wie damals,« – fühlte sie hingerissen, – jetzt wird er mich packen, – und meinen Mund verschliessen.« –

»Komm, Gigine,« sagte er – »es wird kühl.«

– – – – – – – – – – – – – –

Schweigend legte sie die Betten auseinander. Von dem grossen Feuerbrande war nur ein glimmendes Restchen zurückgeblieben und das züngelte schmerzhaft an ihren Gedanken empor.

– Er braucht mich nicht mehr. – Was noch übrig bleibt, ist Gewohnheit. Er kann mich nicht allein draussen stehen lassen, – das ist alles. . . . Und Pflicht vielleicht.

Sonst hätte er fühlen müssen, – wollen müssen, – wie ich. . . .

Im Nebenzimmer feuchtete er die von der Sonnenhitze getrockneten Tücher an. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Sie hatte sich so gefreut auf dieses Alleinsein. . . . . Den ganzen Nachmittag – und Abends dann, während er mit den anderen lachte, Leocadies Hand zeichnete, von tausend Dingen mitschwatzte. . . . Und eine plötzliche Regung trieb sie an, davon zu sprechen, wie man sich manchmal bei einer kleinen, aufreizenden Empfindung nach wirklichem Schmerze sehnt. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– »Du – hat Beate Grund zur Eifersucht? Sie quält sich so, und ich möchte so gern helfen.« . . . .

Sie schlug die Polster gleich. . . .

»Nansen schaut sie doch gar nicht an.« . . .

»Das wäre wenig,« sagte er mit eigentümlicher Betonung, – – »zum Anschauen ist sie auch gar nicht da.« . . . Sie wandte sich um. . . . Er blinzelte sie lachend an und legte Uhr und Kette auf den Tisch hin. . . .

Durch ihre Glieder lief ein Frösteln. . . .

Sie wollte weiter sprechen, aber eine lähmende Angst hielt sie zurück . . . .

Das Glück in ihrer Brust war plötzlich ausgelöscht. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Durch Elinas Leben lief wieder eine dünne Kette von grübelnden Gedanken, die die starke Empfindung der Lebensfreude umfesselte und schwächte. Aus der unbestimmten Furcht: – Kann es anders werden?, – die vom ersten Momente an, wie ein giftiges Würzelchen in dem aufgelockerten Erdreich ihrer Seele lag, war langsam das marternde Bewusstsein aufgequollen: Etwas ist anders geworden, – in ihm – in mir – in unserer Liebe. – Sie begann zu suchen, zu forschen, hängte sich an alle Geschehnisse, an jedes Wort, an den Tonfall seiner Antworten, an den Druck seiner Hand und seines Kusses. Mit fiebernder Aufmerksamkeit häufte sie Beweis auf Beweis, Thatsache auf Thatsache, um plötzlich vor seiner Liebkosung aufatmend stille zu stehen. Dann warf sie einen Augenblick lang alles ab, empfing seine Küsse mit geschlossenen Augen. . . . . – Wie glücklich – dachte sie, – nie mehr will ich – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Und am nächsten Tage begann die wühlende Thätigkeit ihrer Sinne wieder, sie versuchte sich ihm zu entziehen, – schickte ihn unter einem nichtigen Vorwande von sich und wehrte kleine, absichtslose Liebkosungen mit kühlem Schweigen ab. . . .

– So schuf sie sich selbst ein zweites, ruhe­loses Leben, das sich tagelang wie eine Ohn­macht um ihr Bewusstsein breitete, bis sie in einem Augenblick des höchsten Schmerzes alles vergass, wild' in seine Arme flüchtete und der Umarmung mit fiebernder Wonne entgegenharrte. Es war ihr förmlich ein Bedürfnis, sich dieses Glück mit Pausen der Qual zu erkaufen und ihren Körper durch schwere Kasteiung zu dem Gefässe eines immer neuen Mysteriums vorzubereiten. . . .

Und erst, wenn sie den schlafenden Mann, vom Genüsse müde gemacht, an ihrer Seite liegen sah, – da löste sich aus den brausenden Reigen das erste wehe Gefühl los.

Elina nicht, – das Weib in ihr hatte gesiegt und triumphierte, – Königin Gigine. . . .

Die Sehnsucht ihres Körpers. . . .

Sie selbst zitterte um etwas. . . .

Sie ahnte im Besitze stetes Entsagen. . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Die Hitze nahm zu.

Die Blumen blühten auf in lodernden Farben. Alles drängte sich in Form und Duft und Glanz der höchsten Entfaltung zu . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Einmal kamen sie vom Kurhause zurück. . . . Beide matt von der Nacht, die wie ein feuchter Tüllschleier über allem Leben lag. . . . .

Die satte Unruhe des reifen Sommers, – die nach Entladung, – Erlösung schmachtet, zitterte in Elinas Nerven nach. . . . .

Er war sehr schweigsam, von geteilter Aufmerksamkeit, und einer Art höflicher Verlegenheit, wenn er ihren Körper streifte. . . . .

Wenn sie ihn ansprechen wollte, drängte sich ein lachendes Gesicht zwischen ihn und sie. . . . Der Mondschein lag über dem Weg wie fliessendes, blondes Haar. . . .

Und alle Sterne waren wie das Glitzern gieriger Frauenaugen.

Ihre Stimme erstickte in einem unnatürlichen Hüsteln. . . .

Bei dem Hause angelangt, sagte er flüchtig:

»Wir wollen morgen nach Albona. – Gehst du mit?« . . . .

Etwas feindseliges erhob sich in ihr. . . .

»Nein,« sagte sie hart. . . .

»Es ist besser,« entgegnete er, »denn der Weg ist sehr schlecht.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Sie schloss die braunen Holzläden und legte sich auf die harte, niedere Modellstufe hin. Warum? – Warum quälte sie sich so? . . . Durch ihr ganzes Leben zog der gleiche Schmerz. . . . .

Jetzt und früher. . . .

– – – Vielleicht hätte eine andere Frau auch damals fortleben können. . . .

Es gab so vieles, um auszuhalten. . . .

Das Kind. –

Und diese Ruhe

Das Leben war an ihr vorübergeschritten. . . .

Sie setzte sich auf.

– Jetzt geht es mitten durch mein Herz. Alles, was geschieht, – jedes Geschehen berührt den Nerv meines Daseins, . . . erschüttert mich. . . . .

– Früher war es leer um mich herum gewesen, – leblos, – so gut. . . .

Sie legte die kalten, zitternden Finger zwischen Stirne und Holz. . . . An nichts mehr denken. . . .

Riccardo war nicht mehr da. . . . Alles verflogen. . . .

Albona. . . . Und der Weg in die Ruinen. . . . Durch Nacht und Kälte. . . . Nein, nein, sie wollte nicht mehr. Wie die Melodie eines Schlummerliedes stieg die Vergangenheit empor.

Das grosse Zimmer mit der runden Hängelampe. . . . Paulchen sass und buchstabierte aus einem grossen, ledernen Bilderbuche. . . .

Und sie las irgend einen dummen Roman. . . .

Wenn sie die Blätter wandte, fühlte sie stets den dumpfen, frommen Hauch, der die Schränke des alten Hauses erfüllte. . . .

– – Um fünf Uhr kam der Kaffee. . . .

Dann gingen sie spazieren. . . .

Durch die enge, winklige Vorstadt ins Freie hinaus. . . .

Paulchen trippelte immer vor ihren Füssen und frug:

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

»Du, Mama – – – ? – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Aber das hatte sie nicht ertragen. . . . Nein.

Mit der ganzen, unverbrauchten Kraft ihrer Jugend stürzte sie in das neue Leben. . . .

– Jetzt lebte sie es. . . .

Also still. . . .

Und wenn sie es ganz vernünftig prüfte, ohne Ueberspanntheit und ohne Grübelei, was war denn geschehen, was war denn anders geworden? –

Er liess sie allein, – was weiter? –

Er sagte: »Langweile dich nicht, Gigine,« und ging. . . . .

Gut. . . .

»Aber, – dass er überhaupt fortgehen kann« – sagte sie halblaut – »von mir fort zu anderem, – das, – das – ist es.« – . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

In den ersten Monaten ihres Beisammenseins durfte sie nicht von seiner Seite weichen. . . . Sie erinnerte sich, – dass sie einmal aus einem Gasthof-Salon auf die Terasse hinaus getreten war. – Er kam in die Stube, sah sie nicht, drehte sich zweimal herum und sagte: »Wo ist sie, – wo ist sie denn?« mit so viel Aengstlichkeit in der Stimme, dass sie hellauflachen musste. Und dann presste er sie mit einem beschämten Lächeln an sich. . . . Wie ein Kind war dieser Mann in seiner Liebe gewesen. . . .

– Jetzt konnte er von ihr gehen. . . . Irgend ein Zufall winkte, – freche Augen, – ein Lachen, das Möglichkeiten versprach. . . .

Die Alltäglichkeit war gekommen und die Ruhe des Besitzes. . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Und wo war das andere? – Die tausend seligkeitdurchtränkten Augenblicke, – seine Sehnsucht schwer und still, – wortelos in ihrem Schosse zu liegen, einen aufwallenden Rausch in einem brennenden Kusse zu ersticken? . . . .

Mittags plötzlich zu ihren Füssen niederfallen, – stammeln: . . . »Gigine, ich liebe dich, so sehr, so sehr.« . . . Und die namenlose, ewige Angst des Verlierens? –

Wo war das alles? –

Das konnte doch nicht so plötzlich aus seiner Seele getreten sein? . . . Verstummt sein? . . .

Er brauchte neue Menschen, neue Eindrücke, fremdes Leben. . . .

Tausend Nichtigkeiten, die fremd an ihr vorbeiglitten, beschäftigten ihn. . . .

Wenn sie allein blieben, sagte er: »Also, höre Mädchen.« . . . Und erzählte von seinen Plänen – oder von der Arbeit. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Aber für wen war das andere? –

– – – – – Verlangen und Rauben, – heisses, wildes Werben, – und die hilflose Hingabe seines ganzen Wesens, das sie umgarnt, – so fest gehalten hatte? . . .

Wenn er sprach und Antwort forderte, – wenn sie an seiner Seite sass, so folgte nur ein Teil ihres Bewusstseins seinen Fragen; – der andere versank in ein Begehren und Versagen, Begehren und Schenken, Schenken und Vergessen, ein planloses Spiel ihrer Nerven, – an dem er keinen Anteil mehr nahm. . . . .

Seine Liebe war mit tausend Würzelchen ins Leben getreten. . . . Das Band, das den Traum und den realen Genuss verbindet, – war gerissen. . . . Ein anderes Weib. . . .

Sie starrte vor sich hin. . . .

Eine andere, ihr unterlegen an Geist und Liebe, – aber eine Fremde, in deren Augen ein neuer Reiz lag, – oh ja, fremde Finger konnten das Thor seiner Träume wieder öffnen. . . .

Sie lächelte bitter. . . .

Ihr war es verschlossen. . . . Wieder. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Elina erhob sich. . . .

Sie öffnete die Fensterläden und begann im Zimmer umherzuräumen. . . .

Eine gewisse psychische Befriedigung wie nach Erfüllung einer schweren Pflicht lagerte jetzt auf ihrem Wesen. . . . Während sie die Thonfigur mit feuchten Tüchern, umhüllte, – arbeiteten ihre Gedanken weiter, aber schon mühelos ohne Anteilnahme ihrer Seele. Was sich bis jetzt in Schmerz umgesetzt hatte, – blieb nunmehr mechanische Gehirnfunktion. . . .

– Riccardo, – sie, – das fremde Weib, – tausend Gefühlsverbindungen, – Details. . . . .

– – – – Unterdessen kleidete sie sich an. . . . Ihre Leidensfähigkeit stumpfte sich jedesmal bis zu diesem Grade ab. Nach einer wild und qualvoll durchjagten Gedankenreihe blieb nichts zurück als dieses Gespinnst, das kraftlos aus dem Boden ihrer überfüllten Phantasie ins Raumlose überwucherte. . . . Sie öffnete die Thür und ging ins Freie. . . . Die tiefe Einsamkeit umgab sie wie ein endloses, mit blauen Tüchern umspanntes Zelt. . . .

Früher, nach solchen Excessen, – lag sie stundenlang im schweren Halbschlummer, niemand störte sie, niemand beanspruchte sie, – er – nahm das Paulchen vom Bette weg, sagte gedämpft: »Still, – die Mama schläft.« . . . . Aber es war nichts gewesen, als das plötzliche Zusammenbrechen ihres Lebenswillens. . . .

Jetzt durfte der Wille nicht brechen. . . .

Dieses Bewusstsein that ihr wohl.

Sie musste sich aufraffen, ihm lächelnd entgegengehen, ganz sie selbst sein, an seinem Arme mit frohem Sinne hangen, plaudern. . . .

– – – Königin Gigine. – – –

Damit dies Bild in seiner Seele nicht wanke, wollte sie die Hand über Elinas Schmerzen legen.

– – – – – – – – – – – – – –

Bei der Biegung der Strasse kam er ihr ent­gegen. . . .

Sie blieb stehen. . . .

– – – Vorbei, alles vorbei, . . . Er warf das Plaid über die Schulter und nahm sie mit einer ungestümen Bewegung in den Arm. . . .

»Ich bin herzlich froh, dass ich dich sehe. . . . Lieb, dass du mir so weit entgegengekommen bist.« . . . . Er streichelte ihr Gesicht. . . . .

»Wie wahnsinnig glücklich,« dachte sie still. . . .

– »Die Ruinen sind freilich entzückend schön. . . . Aber ohne dich. . . . Wir gehen noch einmal zusammen hin. Es ist gar nicht so beschwerlich. Die – Leocadie – hat wie gewöhnlich gelogen. . . . Ueberhaupt.« . . .

»Nun?«

»Sie kam nicht mit. Ekelhaft. Die Breslauerinnen hatten sich in letzter Minute noch angeschlossen. Und da. . . . Weisst du, es ist geradezu peinlich durchsichtig gewesen.« . . . .

– Elina machte eine lachende Bewegung. . . .

»Wenn sie aber auch mit dir allein sein wollte, Riccardo.«

Er drückte ihren Arm.

»Erlaubst du denn das, Gigine?« –

– »Geh, das ärgert mich fast.« . . . .

Er küsste sie auf die Lippen. . . .

»Jetzt halten wir uns aber ein paar Tage entfernt. . . . Brrr – das hat mich satt gemacht, – diese Scene. . . .

Willst du, Gigine?« –

Sie sah zu ihm auf. . . .

»Ob ich will,« antwortete sie leise. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Heiss und goldig lagerte die Sonne über dem kleinen Hause.

Im Atelier hingen überall nasse Tücher, um die schwere Luft erträglicher zu machen.

Mit einem seidenen Hemde angethan, sass Elina beim Fenster und starrte in das Gefunkel.

Er arbeitete an dem Kopfe mit fahrigen, unruhigen Fingergriffen. . . .

Plötzlich sagte er. . . .

»Versuche doch« – –

Sie sah ihn an. . . .

»Nein, es wird nichts,« murmelte er unterdrückt und arbeitete weiter. . . . Sie erhob sich halb.

»Aber – Riccardo.« . . .

»Ja, ja, – bleib nur. . . .

Herrgott« – er warf den Meissel hin. »Du und du – und du bist es.« . . .

Er trat zurück. . . . »Das genügt mir nicht.

In diesem Kopfe möcht ich –

Aber das geht bei dir nicht.« . . .

»Brauchst du ein anderes Modell?«

»Ich bitte dich, sei nur nicht beleidigt. . . .

– – Aber etwas fehlt, – – nein, fehlt also diesem Kopfe, – rohe Kraft, – ein bisschen, – kurzum etwas, dass ich da 'reinkriegen muss, – es zittert mir in allen Gliedern, – aber du –

Was, – es ist alles Unsinn.« . . .

Er setzte sich nieder und beugte den Oberkörper vor. . . . Sie legte die Lippen trotzig zusammen und sah ihn an. . . .

»Also, was fehlt uns denn, Riccardo? –

Du, Riccardo?« – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

– Sicherlich, er hatte die Lust an der Arbeit verloren. . . .

Erst auf ihr Bitten und Drängen war er heute wieder an den Kopf gegangen. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Eigentümliche Schwere lastete in der Luft. . . . Jetzt fühlte sie es auch schon. – Wie alte Angst, so schleichend. . . .

Sie wollte aufstehen, den Arm um seinen Kopf schlingen. . . .

– Nein, – sein Gesicht war verändert.

Als horche er einer fremden Stimme. . . .

Als wäre ihm etwas näher, als sie. . . .

Was? –

Wie gelähmt blieb sie sitzen. . . . Sie wusste plötzlich genau, dass er ihr in diesem Augenblicke nicht gehörte. . . . Und dass er es sagen würde. . . . Jetzt. Gleich. . . . Sie wollte es verzögern, aufhalten. . . . Sie musste. . . . Es durfte nicht über seine Lippen kommen. . . . Nicht klar werden, nicht ausgesprochen. Und so starrte sie mit einer grossen, ungeheuren Bitte zu ihm hinüber. . . .

Er hielt die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, der Kopf hing nachlässig darüber, unter der Stirne blinzelte er ihr zu. . . . Ein starkes, sinnliches Lächeln lag um seine Lippen. . . . .

Und in seinen Augen noch eine halbsterbende Bitte um Verzeihen. . . .

»Euch fehlt,« sagte er langsam, – »was ich jetzt brauche, – Gemeinheit.« . . . –

Ein Stich brannte schmerzhaft in ihrem Herzen auf. . . .

Seine Augen thaten ihr weh. . . .

– Er soll nicht fühlen, dass ich alles weiss, – empfand sie taumelnd und stand auf.

– Ich muss es gar nicht gehört haben, – ich will nicht, – nein. . . .

Er hielt die Augen geschlossen. . . .

Seine Lippen öffneten sich leise und schwer.

Sie empfand Grauen. . . .

Er fing sie mit beiden Armen auf und presste sie zwischen seine Kniee. Sie wich mit dem Oberkörper weit zurück, und er küsste sie zweimal wild auf die Hüften.

»Also – geh, geh,« sagte er rauh und stiess sie weg.

Er soll es nicht fühlen, – dass ich alles weiss – wiederholte sie in starrer Verzweiflung – und dass ich leide, – weil ich ihn jetzt ganz verstehe. – . . .

Sie sagte mühsam: . . .

– »Ja, wirklich, es ist heiss,« . . . – und ging in das Nebenzimmer.


Sieg.


Schleppend kam sie bis zum Bette und kauerte sich fröstelnd in der vollen Sonne nieder.

Ja. Er verlangte nach dieser Gemeinheit. Sie gehörte zu ihm. . . . Und wenn sie in ihrer Einsamkeit – bangte, – lachte – oder stöhnte, – – vergebens, – aus seinem Körper brach nur diese kleine Begierde und zerstörte den Wahn ihrer ankämpfenden Phantasie.

– Und Elina empfand, dass sich das Leben niemals in den Bannkreis eines Willens zwingen lässt, weil etwas in den Dingen lebt, das über das Flitterwerk der Ideen triumphiert: Wahrheit. Und dass die Liebe – die schwerste Wahrheit ist, die je ein Frauenherz begreifen lernte.

Und dass das enttäuschte Weib nicht mehr ist, als eine, aus den Wunden ihrer Phantasie blutende, – arme Thörin. . . .

Sie fasste den Kopf mit beiden Händen. . . .

Das kann ich ihm nicht sein. . . . Das weiss er auch, das fühlt er auch. . . .

Also werde ich es dulden müssen.

Warum nicht? –

Die Augen zumachen, wenn seine brutale Natur begehrt – und die Fetzen des Königsmantels zusammenhalten. . . .

Oder . . . .

Zurück? . . . .

Ihr Gesicht veränderte sich nicht. . . .

. . . Der Schmerz wurde nicht grösser bei diesem Gedanken, sie erschrak nicht einmal.

Begierig nahmen ihre ermüdeten Sinne diese Vorstellung auf, sogen sich fest daran.

– Ruhewillig, satt und müde vom Glück kam sie jetzt zurück. . . .

Wollte bei dem Kinde bleiben, ihm dienen, endlich vergessen. . . .

Alt werden, ganz ohne Schmerz und Glück. . . . Endlich. . . .

Wie gerecht das Leben ist. . . .

Was wahr und rein war in der Vergangenheit, das liess sie doch nicht mehr los, tauchte immer empor wie eine weisse Hand unter dem Wasser, – lag in ihrem Denken wie ein Haken. . . . Ein Stückchen Weg zerrte es sie zurück . . . Seltsam. . . .

Das Kind, – der Frieden, – vielleicht auch seine milde, – alles verzeihende Liebe, – feierten Auferstehung in ihrem Himmel. . . . Wie Jesus die Sünder mitnahm in – – – – –

Und da ging sie in dem alten, dunklen Hause durch alle Zimmer, sperrte auf, lüftete, – nahm Staub von Bildern und Vasen, – ja, ja, – das war so gut und heilsam, – auch, – ja, auch so kann man leben oh ja. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Sie fuhr auf. . . . Beim Fenster Geräusch. . . . Jemand versuchte den braunen Leinenvorhang wegzuschlagen. . . . Sie sprang auf. . . .

Da griff eine mit gelben, feinen Seidenhandschuhen bekleidete Hand durch die Spalte und warf einen Strauss rosa Orchideen ins Zimmer.

»Wer?« frug Elina schlaftrunken. . . .

»Wir, . . . Leocadie. . . . Der Meister soll gut sein und heute Abend wieder kommen. Aber es wird gleich regnen. . . . Aber kommen Sie nur. Und der Meister soll gut sein. . . . Ja?« . . . Ein leises Lachen und der Schatten verschwand. . . . .

Elina bückte sich mechanisch. –

Dann stürzte sie ins Atelier. . . .

Er hatte den mächtigen Kopf fast auf den Knieen liegen und atmete tief und ruhig.

Sie hob ihn bei den Schultern empor und legte ihn im Sessel zurück. . . . Er öffnete halb die Augen, – sagte: »Du« – – und schlief weiter.

Sie schmiegte ihr Gesicht an seine Stirne und schloss die Augen. . . . Ein plötzlicher Krampf packte ihr Herz. . . . .

– »Aber ich bleibe ja. . . . Das Beste in mir hast du zum Leben erweckt. . . . . Vollendung hast du mir gegeben – Ihre Blicke wandten sich der Statue zu, die in schweigender Nacktheit aufleuchtete. . . . . Hinter diesen geheimnisvollen Lippen war ihre Sehnsucht eingefangen. . . . Sonst nichts, sonst nichts. . . . Umsonst. . . . Hier triumphierte ihre Seele. . . .

In diesen Augen lag das heilige Versprechen der Unsterblichkeit.

Sie küsste seine verschlungenen Hände, und ihre Thränen brannten darauf. . . .

»Ja, – mehr wie der Frieden ist dieser Schmerz. . . .

Mehr wie die Sehnsucht, diese Erlösung. . . .

Mehr wie das bunteste Wähnen, deine nackte, arme Wahrheit. . . .«


VI.
Königin Elina.

Als er die Augen öffnete, strich Regenluft durch das Zimmer. Sie stand lächelnd vor ihm, angezogen, einen roten Shawl um die Schulter geschlungen.

»O komm, komm rasch, Riccardo. Ehe der Regen niederfällt. . . . Leocadie.« . . .

Sie brach ab. . . . »Sie hat dich nämlich einstweilen besucht. . . . . Schau.« . . . . Sie zeigte auf das Büschel von der Hitze fast versengter Orchideen, die in einer Schale lagen. . . . »Damit wollte sie dir abbitten, Riccardo.« . . .

»Und habt mich nicht einmal aufgeweckt,« sagte er gähnend. . . .

»Ah, wir waren sehr leise. . . . Weisst du.« . . .

Mit einer rührenden Bewegung kniete sie vor ihm nieder . . . »ich habe dich doch so lieb.« . . .

Er legte seine Hand auf ihren Kopf. . . .

Sie aber wusste:

– Glücklich bleiben im Leben – heisst, – unausgesetzt mit starkem Wollen über seine Sehnsucht siegen.



Liebestöten

Schweigend gingen sie das Endchen Weg bis zu ihrem Hausthore. Einmal unterbrach sie die Stille und fragte eilig: »Sie sollen wohl schon in der Redaktion sein?« Er schüttelte den Kopf. . . . Sie fasste die Kleidfalten mit der rechten Hand hoch und fühlte gleichzeitig, wie seine Finger sie im leisen Drucke berührten. . . . Da liess sie den Arm sinken und sah ihn erschrocken an und lächelte traurig wie ein gescholtenes Kind.

Und seine Blicke sagten: »Küssen, küssen, lass dich küssen, einmal, ein einziges Mal nur, – mitten auf den Mund.« . . . Sie hatte ihn verstanden, ihre Augen senkten sich in die seinen, fremd und losgelöst, – als gehörten sie nicht mehr zu ihr, zu dieser schlanken, feinen Frau in Pelz und Seide, die eben stehen blieb und sprach: »Morgen Nachmittag werde ich endlich Besuche machen müssen.« Aber ihre Augen antworteten: Ja, ich verstehe dich, ich weiss, was du willst, was du willst, kann ich nicht, nein, nein, aber. . . . Sie wandte sich rasch zur Hausflur und empfand momentan die gemütliche Wärme ihres hellerleuchteten Speisezimmers, den Duft vom Nachtmahle und das zärtliche Schelten ihres Mannes. . . . Sie hielt ihm die Hand hin. . . . »Rasch, rasch, – gute Nacht. . . . Mein armer Mann wird hungern, – auch nach mir.« . . .

Er hielt die Hand fest. . . .

»Ja, bringen Sie ihm nur rasch das tägliche Brot der Liebe,« sagte er ironisch. . . . .

Sie machte ein abwehrendes Gesicht. . . . »O bitte! Was glauben Sie eigentlich? Mein Mann ist nicht so wie die anderen.«

»Gewiss – von allen anderen ist er sogar – Ihr Mann.«

»Ja,« sagte sie gereizt, – »das ist er. Ich weiss, Sie unterschätzen ihn, – nur zu, ich liebe ihn doch. Nein, nein, – kein Wort mehr.« . . . Ein frostiges »gute Nacht«. . . . Sie ging. Eine Sekunde stand er nachdenklich da, dann trat er in die Hausflur und rief laut:

– »Gnädige Frau, gnädige Frau, nicht böse sein, ich habe . . . .«

Beim Treppenaufgang drehte sie den Kopf und überflog die geduckte Gestalt und die bittend emporgehobenen Hände mit einem letzten, spöttischen Blick. Wirklich, was sich dieser komische Mensch da einbildete. . . . Ihr Mann, ihr lieber, guter, herziger. . . . Sie rannte die Treppen empor. . . . Ich werde ihm von der Ausstellung erzählen. . . . Natürlich, sie war so prächtig. . . . Und der dumme Mensch! Aber seine Blicke sagen doch . . . Küssen, küssen . . . . . . Eigentlich. . . . Aber wie eitel er war. . . . Mit jedem ihrer kleinen, eiligen Schritte löste sich ein Gedanke und verschwand. . . . Plötzlich dachte sie. . . . Wenn ich zurückgekommen wäre – im Treppenhause, – wenn ich mich in seine Arme gelegt hatte??? . . .

Sie blieb stehen. . . .

Er hätte, – die Fäuste geballt, ja so fest, – sie gehalten mit geballten Fäusten. . . . Ein Schauer glitt durch ihren Leib, ein Sturm von seligen Sekunden jagte in ihrem Hirne, und als sie die Thür ihre Wohnung erreicht hatte, blieb von alledem nur ein starkes Gefühl von Lebenskraft und Freude zurück und indem sie ungeduldig die Klingel riss, dachte sie befriedigt. . . . »Natürlich, von der Ausstellung werde ich ihm erzählen.«

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Das Speisezimmer war noch gar nicht erleuch­tet, ihr Mann sass im Schlafzimmer beim Fenster und schrieb. . . .

»Du, sei nicht böse.« . . . »Na ja, gerade früher hättest du auch kommen können. . . . Man hatte seine Sorgen und kann da im Finstern allein sitzen.« . . .

»Aber, – warum hast du im Speisezimmer nicht angezündet?« – frug sie kleinlaut und ent­täuscht. . . .

»Weil – das Fräulein – die Lampe nicht geputzt hat.« . . .

»Das ist doch unerhört!« . . . Sie warf Hut und Jacke weg. . . .

Er zuckte die Achseln und nahm die Notizen zusammen: »Ja, liebes Kind, wenn die Frau des Hauses . . .«

»Was soll ich denn?« unterbrach sie ihn heftig. »Immer zu Hause sitzen und das Ding überwachen? Das soll alles sein, was ich vom Leben habe? – Geputzte Lampen?« . . . Sie ging in die Küche hinaus. . . .

Dann kam sie wieder herein und zog sich schweigend aus. . . .

Im Nebenzimmer holte das Mädchen die Lampe und brummte etwas. . . .

»Schau, wie keck sie noch ist.« . . .

Er sagte. . . . »Schon wieder.« . . .

Sie öffnete das Mieder. . . .

Der junge Körper dehnte sich, quoll atmend auseinander, ein Duft von Wärme und frischen, feuchten Linnen stieg empor. . . .

Da blitzte so ein glückstolles, herrliches Gefühl in ihr auf und sie sagte. . . . »Der Uhde ist schön, du, der Uhde ist wirklich schön.« . . .

»Küssen, lieben, untergehen,« dachte sie und presste die Arme um den Leib. . . . »Ich bin so müd,« klagte sie dann und empfand doch, dass sie so stark und jung und froh war. »Kopfweh habe ich auch, du, hilf mir doch, – die Schuh knöpfe mir nur auf.« . . . Halbnackt kam sie zu ihm gelaufen. . . . .

»Na ja, – schon gut,« sagte er. »Ihr glaubt, – es macht sich alles von selbst in der Welt. . . . Wie die Puppen seid ihr. . . . Sorgen und Unannehmlichkeiten giebt's gar nicht.«

Sie schlüpfte in einen Schlafrock. . . .

Eigentlich war sie so zufrieden, dass er in schlechter Stimmung war. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Beim Nachtmahl sagte sie zu ihm, indem sie ihm zärtlich das schönste Stück der Briesrose auf den Teller legte. . . . »Du, dein Bekannter, – der Doktor, na, der, – – – den ihr mir im Seehotel vorgestellt habt, – der war auch beim Uhde.« . . .

»So hast du mit ihm gesprochen?« –

»Ja. Er hat mich sogar begleitet. . . . Da nimm Salat. . . . Du, ein Damenfreund muss der sein. . . . Jede schaut er an.« . . .

»Ah,« sagte er . . .

»Bestimmt.« . . . Sie ereiferte sich. . . . . »Du und eingebildet. . . . Einfach ekelhaft. Ich hab's ihn auch merken lassen.« . . . .

Er kaute das weiche, rosige Fleisch. . . . .

»Na ja, vielleicht ist er's gegen dich, du kleines Weibi,« sagte er schon besänftigt und lehnte sich zurück, – »so entre nous ist er sehr gemütlich, – ein gutes, gemütliches Haus, – ich versichere dich.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –



Sie blieb steif und ruhig sitzen, als er plötzlich mit einer Dame zur Thür hereintrat. In ihrem Herzen brannte es sekundenlang fast schmerzhaft auf und hinterliess eine lästige, unfreie Empfindung, die sich um die Regsamkeit ihrer Glieder legte. Wieso? Was war das? Was ging sie dieser fremde Mensch an? . . . Das kommt von dem vielen Alleinsein, dachte sie, – da wird einem jeder Mensch gefährlich, zum Ereignis. . . . .

Schliesslich sah das niemand und sie wusste doch am besten. . . . .

Sie beugte sich mit gemachter Lebendigkeit zu ihrem Nachbar, einem schwerhörigen, alten Oberst, der teilnahmslos in Stahlstichen blätterte und begann mit ihm zu sprechen. Sie erzählte, dass sie im Sommer geritten sei, und ihr Pferd habe die Eigenschaft gehabt zu bocken, steif stehen zu bleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren, einfach gar nicht, das habe ihr nachgerade den Sport verleidet . . .

Jetzt sprach er mit Dora. . . . Dora sagte etwas, – sie lachten. . . . .

Er zwinkerte mit den kurzsichtigen, brillen­losen Augen in alle Ecken. . . . Jetzt. . . . . Nein oh, wie geschützt sie da sass. . .

Plötzlich kam er direkt auf sie zu. . . . Er hatte den Zwicker aufgesetzt, da sahen seine Augen so blau und glänzend aus. . . .

Sie beugte sich gegen ihren Nachbar, der ihr mit sehr lauter Stimme etwas erklärte und dabei seine von der Gicht gebogenen Finger in der Luft bewegte. . . .

»Ich bin erstaunt, Sie bei Dora zu treffen,« sagte sie gemessen, nach kurzer Begrüssung – »ich wusste nicht.« . . .

»Aber ich wusste.« . . . Er schob ein Fauteuil in ihre Nähe. . . . »Sie erlauben? – Ja, ich wusste, dass Frau Selten Ihre Freundin ist. . . . Das ist sie doch?« . . . .

»Ja.« . . .

»Sie sehen heute sehr blühend aus. Wirklich, das rote Kleid steht Ihnen vortrefflich.« . . .

Sie antwortete nicht gleich. . . . Eine boshafte Bemerkung schwebte auf ihren Lippen. Aber sie unterdrückte sie rasch, und der schiefe, lachende Blick blieb an der hohen Stirn und dem spärlichen Haarwuchs hängen.

– Salbungsvoll wie aus dem alten Testamente, – dachte sie, und sie entsann sich, dass man stets von ihm sagte:

»Ein Ehrenmann.« . . .

Er rückte unruhig seinen Zwicker, liess ihn endlich fallen und sagte: »Ich sehe schon, ich muss Sie um Verzeihung bitten, – ich glaubte, das würden Sie mir ersparen.« . . .

»Es war hässlich von Ihnen,« erwiderte sie mit einem grossen, ernsten Blick, – »ich habe darüber –geweint.« . . .

»Oh – wirklich!« . . .

»Dass die kleinlichen, dummen Menschen so von Robert reden, das,« – sie machte eine Hand­bewegung, – »das bin ich gewöhnt. . . . Schon früher, als ich noch Braut war, glaubte man, er ist mir nicht viel, so eine Art Versorgung, ein guter, braver Mensch, – aber da lachte ich bloss.«

»Sehen Sie, Sie sind doch so klug und wissen.«

»Oh nein,« fuhr sie fort, – »heute ist das zu wenig. Damals dachte ich, wenn ich heirate und glücklich bin, ist doch alles bewiesen, nicht wahr? – Ich bin glücklich und trotzdem spricht man so weiter. . . . Sie auch. . . . Da werde ich eben hilflos.« . . . Sie legte die Hände im Schosse zusammen und blickte hinab,

»Und gerade Ihnen sag ich viel von mir.« . . .

»Ich bin ja so dankbar für alles,« erwiderte er und faltete die Hände. . . .

Sie fuhr erregt auf. . . . .

»Mein Mann ist klüger wie ich, und viel besser. . . . Wenn ich ihn nicht hätte, – in mir ist so viel schwach und hilflos.« . . .

Er lächelte nicht mehr, – seine Augen glänzten feucht. . . . Wie gut er ist, – – dachte sie im Geheimen und fühlte sich sehr sicher und selbstbewusst. Sie vollendete: »Verstehen Sie, ich will nicht, dass man mir ihn klein macht, das stört mich, das bringt mich aus dem Gleichgewicht.« . . .

»Also nichts mehr, nichts mehr darüber, liebe, gnädige Frau, bitt' schön. . . . Sie beschämen mich so. . . . Damals war ich dumm, bubenhaft dumm. Fertig. . . . Geben Sie mir Ihr Handerl. . . . Nein? – also nein. Aber hier sitzen bleiben darf ich?« Sie nickte. . . . .

»Jetzt erst wage ich, frei zu atmen,« sagte er und lehnte sich im Fauteuil zurück. . . . . »Förmlich Herzklopfen hatte ich, als ich herein trat. . . . Aber ich sah sehr ruhig drein. . . . Nicht? . . . Während ich Dora begrüsste, bemerkte ich Sie natürlich sofort und verfolgte immer Ihr blondes Köpfchen, das sich wie ein blitzender Vogel hin und her bog.« . . .

Immer wieder stieg die kleine, nervöse Gereiztheit in ihr auf. . . . Mein Gott, sie konnte ja aufstehen, weggehen, ihn beleidigen. . . .

»Die Brillanten sind alle von meinem Mann,« erklärte sie und bog den Kopf, damit er sie besser sehen konnte. . . .

»So? – Er ist wirklich ein seltener Mann,« sagte der Doktor feierlich. . . .

Sie lachten, – wurden aber gleich wieder ernst, als hätten sie sich gegenseitig bei einem bösen Gedanken ertappt. . . .

»Diese Dame,« sagte sie und wies auf eine sehr schlanke Frau, die im anstossenden Salon sass, – »die kam mit Ihnen. Wer ist denn das?« –

Er setzte den Zwicker fest. . . . »Ja, das ist die Frau eines Kollegen. Eine sehr interessante Frau – nicht?« –

»Hübsch ist sie gar nicht« . . .

»Nein? Ich glaubte immer ja. Sie gefällt sehr. Sie ist aber jedenfalls eigentümlich, – im Wesen, meine ich.« . . .

»Sie schaut so aus, – eine unverstandene Frau – nicht?« –

»Vom Gros der Gesellschaft, – von ihrem Manne nicht – und das ist ein Glück. Er ist nämlich seelensgut und liebt sie masslos. Sie aber hat das Bedürfnis aus seiner einfachen, guten, ehrlichen Natur ein kompliziertes, sensitives, unruhiges Wesen zu machen, was ihr durch tausend kleine Künste, Komödien und Kniffe gelingt. Beide leben in fortwährender Erregung. . . . Eine kluge, alte Dame sagte einmal, sie komme ihr vor wie seine Geliebte, – nicht wie seine Gattin. Das ist gut erraten. Wäre sie weniger brav, – dann hätte sie das alles nicht nötig. . . . Sie verstehen? Würde ihn betrügen. So begnügt sie sich, das aus ihm zu gestalten, was ihrer Natur oder Phantasie Bedürfnis ist.« . . .

»Ich finde das dumm,« sagte sie beherrscht. . . .

»Dumm? O nein. Nennen Sie es – nicht alltäglich. – Sie sagt ganz einfach: Ich ertrage die Gewohnheitszärtlichkeit nicht. Es muss etwas in der Liebe sein, das mich und ihn fürchten macht. Dieses Element bringt sie herein. Nicht alle Frauen haben die Kraft, so für ihre eigene Natur zu kämpfen.« . . .

Sie schüttelte den Kopf.

»Wie Sie plötzlich milde sind. . . . Launen nennen Sie Natur!«

»Eine Laune führt man nicht durch zehn Jahre mit eiserner Konsequenz durch. . . . Aber immerhin ist es besser, man bekommt eine Gattin, die diese gefährliche Neigung nicht besitzt.« . . .

»Warum denn gefährlich?« . . .

»Nun, – anspannend ist das Verhältnis gewiss.« . . . Er drehte sich auf seinem Sessel halb um und sah in den grossen Salon hinaus. . . . »Ja, unsere Freundin Dora aber, die, sehen Sie, ist eine Musterfrau. Brav, frisch, liebenswürdig.« . . .

»Häuslich und rein, alle guten Eigenschaften eines Dienstmädchens.« . . .

Er blickte sie überrascht an. –

»Nun ja,« sagte sie nervös und errötete »wenn Sie auch so biedermännisch reden. . . .

So recht altmodisch. . . . Natürlich, sie muss ihre Pflicht erfüllen, keine Untugenden zeigen, – ah,« – sie brach ab und spielte mit ihrer langen, goldenen Kette. . . .

Er stemmte die roten, fleischigen Hände auf die Kniee. . . . »Verzeihen Sie gütigst, gnädige Frau, aber mir schien gerade, als ob sie das excentrische Genre nicht . . .«

»Ach was,« unterbrach sie ihn heftig, – »wenn man dem eigenen Mann kokette Komödien vorspielt.« . . .

»Immerhin besser, als man thut es den anderen.«

»Wieso?« frug sie scharf. . . . Er begann zu docieren:

»Meiner Ansicht nach scheiden sich im Organismus vieler Frauen Kräfte aus, die Ablenkung nötig haben, oder die durch die Ehe nicht verbraucht werden, oder die auf das eheliche Verhältnis nicht reagieren, – Sie verstehen, – das, was wir Männer in unseren Bubenjahren anbringen an Neugierde, Betäubung, vielleicht auch Gemeinheit, das meldet sich bei diesen Frauen in der Ehe – nach einer bestimmten Zeit . . . . Nämlich, wenn Ihnen das gewohnte Leben nichts mehr Neues bietet und Sie doch noch Kraft zum Genusse empfinden, frische, starke, unverbrauchte Kraft.« . . . .

»Aber – Sie meinen doch nicht alle Frauen?« –

»O gewiss nicht. Der grössere Prozentsatz kommt ja leer und erwartungslos in die Ehe, ist befriedigt, gelangweilt oder entzückt, je nachdem, was ihnen an Freuden geboten wird. Was wollen Sie? Das sind die Durchschnittsmenschen, die abhängig von dem engen Raum der Seele, – Glück in sich aufnehmen können. Mancher genügt es bloss, wenn das Dienstmädchen: ›Gnä' Frau‹ sagt.« . . .

Sie lachte. . . .

»Was lässt sich überhaupt von dem Weibe nicht sagen! Es giebt« . . .

Sie unterbrach ihn plötzlich: . . . .

»Und es giebt auch Frauen, die gar nicht lieben können.« . . .

»Frauen, die . . .« Sein Blick verlor sich in ihrem Gesichte. . . . »Nein,« sagte er fast zärtlich, – »das giebt es nicht.« . . .

»O ja, doch.« . . . Sie fühlte sich auf einmal wohl und heimlich und wie von einem lästigen Druck befreit. . . . »Schauen Sie, wenn man nicht kann, – wenn man fühlt, etwas sträubt sich, wenn man immerfort an anderes denkt. . . . Zum Beispiel, – der Mann küsst sie und sie denkt: Die dumme Schneiderin bringt heute das Kleid wieder nicht. . . . Nun?« –

Sie sah ihn mit erregten, fragenden Augen an. . . .

»Diese Frau,« sagte er langsam, – »liebt den einen nicht, der sie gerade küsst.« . . .

Die Spannkraft ihrer Gedanken lockerte sich.

»Und ich?« frug sie leise. . . .

Sie bog den Kopf und öffnete halb die Lippen. . . .

»Sagen Sie doch, – in welche Kategorie zähle denn ich?« . . .

»O, meine Gnädigste,« sagte er verlegen, – »vor dem Leben steht unsere Weisheit still.« . . .

Sie erhob die kleine, beringte Hand. . . .

»Das sind Ausflüchte, bitte.« . . .

Ihre Augen brannten sich fest in seinem Gesichte.

»Ich will es wissen,« sagte sie leise und demütig, – »so helfen Sie mir doch. . . . Wohin gehöre ich? Was bin ich?« –

»Was Sie sind?« Er neigte sich ganz vor, dass seine Stirne fast die Löckchen ihrer Frisur berührten. . . . »Gott, was Sie sind! Die süsseste, liebste Frau, die ich kenne, das letzte Lachen des Zufalls in meinem Leben, – der Lockruf eines gefährlichen Glückes,« – er bog sich in seinen Sessel zurück, – »das sind Sie, das sind Sie mir.« . . .

Ihre geöffneten Lippen tranken die geflüsterten Worte. . . . Eine heisse Blutwelle stürzte durch ihren Körper. . . . Die Augen entschleierten sich, aus der Frage wurde ein helles, durchsichtiges Verstehen. . . . »Still sein,« sagte sie bang. . . .

Er nickte heftig. . . .

»Ja, ja, still sein. . . . Ich habe es mir so sehr vorgenommen, – so fest. . . . Gerade heute, als Sie mir sagten, – wie hilflos Sie sind. . . . . . . Ich will nichts von Ihrer Ruhe. . . . Ich werde leiden, – aber ich will nichts.« –

»Gar nichts?« sagte sie mühsam lächelnd.

»Gar nichts,« wiederholte er, sie starr ansehend. . . .

»Auch nicht, dass ich Ihre Hand fasse,« sagte sie unbeherrscht, – in kindlichem Ton, ein bischen spielend, abgehackt und aufgeregt. . . . .

»Nein, nein,« entgegnete er, auf ihren Ton eingehend.

Sie empfand eine schwere, süsse Unruhe. . . .

Wenn nur, wenn nur alles so bleiben könnte, lang, lang, eine Ewigkeit. . . .

Die grüne, versteckte Nische, der niedere Sitz, das matte, verdämmernde Abendlicht und diese Augen, die sie mit sehnsüchtiger Glut festhielten, diese Augen, die sagten, – küssen, küssen ein­mal, – einmal nur mitten auf den Mund. . . .

Sie nahm einen Bonbon von der Servierplatte, brach es entzwei und steckte die eine Hälfte ihm entgegen. . . . »Da,« sagte sie. . . . Er lächelte, legte die Hand leicht an die Lippen und wandte sich um. . . , »Da,« sagte sie noch einmal heftig. . . . Ihre Fingerspitzen drückten sich an seinen Mund. . . . Sie fühlte, wie er sie küsste, – fest hielt. . . . Ein taumelndes Gefühl kreiste durch ihren Körper.

Sie fühlte rotes Licht vor den Augen.

Und durch den Schein sah sie Dora auf sich zukommen. . . . Sie sass steif wie eine kleine Prinzessin da und sagte: »Endlich! Du hast wohl viel zu thun?« . . . Einen Moment schien ihr, als rüttle sie jemand aus tiefem Schlafe auf, – erst als sie Dora mit dem Redakteur laut reden und lachen hörte, erwachte sie ganz und fasste sich. . . . »Deine Bonbons sind gut« . . .

»Kugler natürlich.« –

»Ja, das dachte ich gleich.« –

Sie häufte Stück um Stück vor sich auf. . . .

»Nun, so sagen Sie doch der Dora, – er ist nämlich entzückt von dir, musst du wissen, – sagen Sie doch auch Dora Ihre Meinung.«

»Worüber.« . . .

Er sah sie mit zärtlicher Unruhe an. . . .

»Die gnädige Frau,« begann er zögernd, »will durchaus wissen. . . . .«

»O nein.« . . . . Die junge Frau sprang auf. . . .

»Aber Herzchen.« . . .

»Weil er. . . . Sie sind doch dumm!« . . .

Er lächelte. . . .

»Aber, Herzchen. . . . Still, bleib doch still sitzen.« . . .

»Bitte, findest du das auch nett, wenn man seinem eigenen Mann Komödien vorspielt, sag', findest du das interessant?« . . .

Er sah sie erstaunt an. . . . »Ich wusste nicht,« sagte er dann ein bisschen beleidigt, »dass diese harmlose Geschichte so sehr Ihren Unwillen erregen wird.« . . . Sie sprach mit klingender, lauter, spottender Stimme zu Dora weiter. . . . »Und diese Beurteilung von Frauen!« Sie lachte auf. . . . »Das hättest du hören müssen, Liebste. . . . Oh, Herr Doktor.« . . . Er sah sie unverwandt an. – Der Blick störte sie, reizte sie noch mehr. . . . »Gar nichts wisst Ihr von den Frauen, gar nichts, nicht so viel.« . . . Sie schnellte mit dem Nagel des kleinen Fingers.

»Du bist ein kleines, mildes Geschöpf.« . . . Die gute und vornehme Frau Dora war peinlich berührt. »Komme nie mehr ohne Gatten, Herzchen, – der hält sie nämlich im Zaume.«

Sie wollte aufstehen.

»Nein, nein, so bleib doch noch,« sagte die andere plötzlich bang, »schau'.« . . . Sie reichte dem Doktor rasch die Hand. . . . »Es ist schon gut, – nicht wahr?« Sie warf ihm einen hastigen Blick zu. – »Es war ein dummer Streit.« . . .

Ihre Handlungsweise rückte plötzlich in ihr Bewusstsein und sie empfand Scham, Aerger, Reue. . . .

Etwas Versöhnendes wollte sie sagen . . . .

»Weisst du, Dorchen, – der Doktor behauptet, wir Frauen, – wir Frauen aus der Gesellschaft nämlich, hätten keinen Mut zur Liebe? . . . Würdest du . . .« Sie unterbrach sich. »Nein, also gut, – aber ich. . . . Ich zum Beispiel.«

»Ganz so,« sagte er halblaut zu Dora, – »war meine Meinung nicht, – aber bitte.« . . .

›O, wie alt und müde,‹ – dachte sie verächtlich. . . .

»Nun ja, ich würde lieben,« rief sie plötzlich hastig aus, »ganz frei und furchtlos. . . . Es giebt nur feige und mutige Menschen. . . . Sonst keine Kategorien. . . . Wenn ich den Mann finden könnte,« – sie sah blitzschnell um sich, bemerkte in seinem Gesichte ein starres Zuhorchen, während Dora eigentümlich mitempfindend lauschte. . . . »Den Mann, der bessere, heissere Empfindungen in mir erweckt, der mein ganzes Leben in . . . . in eine höhere Sphäre hebt, – dem wollt ich angehören, – so gern, so schnell.« . . .

Sie breitete im Affekt die Arme aus. . . .

»O, du Kind,« sagte Dora und erhob sich rasch. »Nun ja, Herr Doktor, – sie ist in der Provinz geboren und erzogen, hat die Schwärmereien der Jugend zu wenig durchgelebt. . . . Das bricht jetzt los.« . . . Sie streichelte sanft über das blonde Haar. . . . »Aber wir beide, nicht wahr, wir wissen schon, dass das Ideal solcher Träume in den Polsterflaumen lebt.« . . .

Er nickte. . . . »Aber das ist doch so jung, – so gut, – und schön,« sagte er bewegt. . . .

»Komödiant,« dachte die junge Frau und in ihrem Herzen begann es wild zu hämmern. . . Warum stand sie nicht auf? Was wollte sie nur, worauf wartete sie auf? Was wollte doch auf etwas? Eine Erlösung musste kommen. Noch ein letztes, glühendes Wort, ein Aufschrei, eine wilde, rücksichtslose Bewegung.

So konnte er doch nicht gehen. . . .

Nachdem sie das gesagt hatte. . . .

Nachdem sie ihm so viel, so viel gezeigt hatte.

Nachdem . . .

Er stand da und sprach mit anderen Menschen von gleichgültigen Dingen, hielt die Uhr in der Hand und rüstete sich zum Fortgehen. Der weiche Sammet des Polsters begann sich brennend um ihre Glieder zu legen. . . . Da stand sie auf.

Mit irgend jemandem musste sie sprechen, sie wandte sich an ein ganz junges Mädchen, das in ihre Nähe kam. Plötzlich sah sie ihn zur Thüre hereinkommen, er stellte sich ratlos in die Mitte des Zimmers und blinzelte umher. . . . Da musste sie lachen, wurde ganz ruhig und ging in seiner Richtung, als wollte sie an ihm vorübergehen. . . . »Da sind Sie ja. . . . Ich suche Sie. . . . Wie viel hätte ich Ihnen doch zu sagen. . . . Aber ich muss gehen.« . . . . »Sehen Sie doch Ihre Uhr,« sagte sie lachend. Er wurde rot und steckte sie ein. . . . Gott, gleich wurde er rot, – aber das gefiel ihr. – Sie hob damenhaft die Schleppe empor. »Bitte, verzeihen Sie mir die Unart von vorhin. Ja? Dora hat recht, es war unartig.« –

Er hielt ihre Hand. »Sie waren. . . . Was treiben Sie? Was treiben Sie? Was treiben Sie mit mir?« – – Sie fühlte die Erregung langsam ins Blut zurückkriechen. . . . Er liess ihre Hand fallen. . . .

»Sie berauschen mich, – das weiss ich.« . . .

Er setzte sich rasch den Zwicker auf und ging mit fliegenden Rockschössen eilig durch den leeren, stillen, kleinen Salon. Sie blieb angewurzelt stehen. Dann bewegte sie sich mit schlaffen, mühseligen Schritten dem Ausgang zu. . . . So voll, so vollgesogen war ihr kleiner Körper von lauter Glück. . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –



Und einmal kam eine klare Stunde, knapp nach dem Mittage, kalt, klar und windig.

Sie traf ihn ganz zufällig, als sie eben über die Kreuzung der Strasse lief und in das Dienstbotenbureau eintreten wollte. Sie schnitt ihm jede Frage ab. . . . »Wenn Sie mich begleiten wollen, – dann müssen Sie hier draussen warten ja?« Und verschwand mit ihrem langen, unförmigen, schottischen Kragen in dem dunklen Lokale. Als sie hinaustrat, warf sie erst einen scharfen Blick in sein Gesicht, riss ärgerlich an ihren grauen Lederhandschuhen und sagte. . . . »So, Sie sind gar schon im Winterrock?«

»Ja, es wird empfindlich kalt,« entgegnete er. . . .

Sie wollte etwas Spottendes erwidern, aber der Wind blies ihnen jetzt heftig entgegen, teilte den Kragen und rüttelte an den dünnen kornblumenblauen Seidenärmeln. »Oh, ich bin wütend,« rief sie aus, – »denken Sie nur, heute früh ist mir mein Mädchen fortgelaufen. . . . Und ich habe den Kopf voll von Besorgungen, Aufträgen.« . . .

»In der That.« . . . .

»Ja, gerade vor den Feiertagen,« jammerte sie. . . .

»Aber die Feiertage sind noch weit.« . . .

»So, – und das Reinmachen, die Teppiche, die Vorhänge vom Boden nehmen?« . . .

»Ja, freilich,« murmelte er entschuldigend.

Der Hut sass schlecht, baumelte hin und her, sie hatte die Empfindung, unvorteilhaft auszusehen, und ihre ganze Seele war erfüllt von launischen kleinen Sorgen . . . .

Wie sie sich heute mit dem Essen geplagt hatte und schliesslich mussten sie doch ins Hotel hinüberschicken. Alle Zimmer in der Wohnung waren kalt, ungemütlich, nicht einmal gebürstet.

Er sah zärtlich in das kleine bewegte Gesicht, beugte sich nieder und sagte . . . »Könnt' ich Ihnen helfen?« . . . .

»Ja – wenn Sie meine Zimmer bürsten und heizen, Nachtmahl kochen, Schuh putzen«, erwiderte sie verstockt.

»Sonst nichts, sonst kann ich nicht?«

Das Geständnis seiner Liebe schwebte das erste Mal frei und kühn, ohne die verräterische Heimlichkeit der Gedanken, die sich so gerne zwischen Wort und Empfindung schiebt – auf seinen Lippen . . . .

»Ich möchte alle die kleinen, grauen Sorgen von Ihnen nehmen, ich möchte Sie so gerne blühen und leuchten sehen« . . . Er verschluckte sich . . . .

›Ja, kleine Sorgen,‹ dachte sie höhnisch, – ›schöne, kleine Sorgen, – wenn man allein dasteht und sich plagen kann‹ . . . .

»Ich habe sie schon so gesehen«, fuhr er erregt fort, »so losgelöst, – so mutig auffliegend mit ihrer Empfindung, – mit ihrer – Liebe« . . . .

»Ja, – mit meiner Liebe!« . . . Sie lachte laut auf . . . . Er wischte sich die Stirne mit einem karrierten Kragenschützer, den er unversehens aus einer Tasche zog. Als er ihn wieder einsteckte, war sein Gesicht blass und um den sympathischen, ein bisschen frauenhaft geformten Mund lag ein glückssicheres Lächeln. Er sagte mit zitternder Stimme . . . . »Sie lieben mich ja, Sie lieben mich doch, – ich weiss es« . . . .

Sie hielt den grossen, breitkrämpigen Federhut krampfhaft mit der rechten Hand fest.

»Ich liebe Sie, – wirklich, – das glauben Sie.«

»Aber Sie sind eine so kluge, – brave Frau,« vollendete er . . . .

Sie lachte mit einer hässlichen, schrillen Stimme fort . . . .

»So, und ich könnte da neben Ihnen hergehen, frei, zwanglos, – furchtlos . . . . Halten Sie mich für eine Heilige? – Sie, – so tugendhaft bin ich nicht. . . . Wenn ich liebte!« –

»Aber Ihre Augen,« murmelte er, – »sprechen anders.«

»Ach was, – die sagen jedem dasselbe,« erwiderte sie frech, – »was kann ich für meine Augen? . . . Lächerlich. Schlagen Sie sich doch diesen wahnsinnigen Gedanken aus dem Kopf. . . Wenn ich Sie liebte, da würden Sie sehen, wie ängstlich ich bin, wie feig . . . . Ich könnte gar nicht mit Ihnen gehen, so überall hingehen, ohne Furcht, ohne Bangen . . . Wenn ich Sie liebte! – Zittern würde ich, zittern von meinem Gefühle« . . . Sie schwieg, und da er keine Antwort gab, fuhr sie rasch fort:

»So können Sie überall mit mir sein, auf der Strasse, im Salon. Sie können mir tausend alberne Dinge sagen, meine Hand packen . . . . Aber wenn ich Sie liebte! . . . . Ich müsste von Stein sein oder ein Heilige . . . Ich weiss, wie ich lieben kann . . . . Kommen würde ich und sagen . . . .« Plötzlich blickte sie überlegen in sein Gesicht . . . . »Aber Sie lieben mich doch auch nicht . . . . Das ist nur Komödie gewesen, alles . . . Nicht?« Er sah starr vor sich hin. . . .

»Ich kann jetzt in diesem Tone nicht weitersprechen,« sagte er mühsam, – »ich – kann nicht« . . . Sie sah ihn mit grossen, neugierigen Augen an und nichts lag darin, – kein Ruf und keine Sehnsucht.

»Ich bin doch verheiratet« sagte sie dann mit einer geschickten Wendung der Stimme – »was denken Sie nur, – wohin?« –

»Ich weiss nicht . . . Sie sehen – und wissen, dass Sie mich lieben . . . Auseinandergehen beim Thore still wie bisher – und wissen, dass Sie mich lieben, meine Lippen auf Ihre Lippen pressen – und wissen«. . . . Er schwieg . . . .

»Still,« sagte sie rauh . . . »Sie vergessen.«

Dann begann sie schneidend: . . . .

»Nun ja, Sie sind mit dem Leben fertig und entsagen . . . . Ein Mann! . . . . Aber ich, – – glauben Sie, das würde mir genug sein, zu wissen, dass Sie mich lieben und . . .

Wie thöricht . . . . Aber ich sage Ihnen ja, es ist alles gleich . . . Von etwas anderem, von etwas anderem, bitte.« . . . Eine lange Pause entstand. Sie ging mit raschen, heftigen Schritten, er bewegte sich langsam, schwerfällig hinterdrein . . . . Plötzlich blieb er stehen . . . »Nun«, sagte sie ungeduldig und stampfte mit dem Fusse auf . . . .

»Leben Sie wohl, gnädige Frau« . . .

Sie trat scharf neben ihn . . . .

»Was heisst das? – Noch Komödie? – Was heisst das?« –

Er hob langsam die Augen zu ihr empor.

»Ich schäme mich«, sagte er leise und dann rasch und abgebrochen . . . »Leben Sie wohl, ich will Sie nie mehr sehen, ich kann nicht. Ich habe so fest an Ihre Liebe geglaubt, – ich habe geglaubt, – nein – es war, – ich weiss nicht, was es war, etwas Hässliches jedenfalls – leben Sie wohl« – Er fasste ihre Hand. . . .

»Sie glauben wirklich, ich bin mit dem Leben fertig, alt, müde, entsagend?

Nein, oh nein, es ist nicht wahr. Ich wollte Sie besitzen, ganz, ganz, jede Regung ihrer Seele, jede Regung Ihres Leibes, alles wollte ich besitzen, – ich Narr . . . . Sie haben Recht . . . . Wenn Sie mich geliebt hätten, dann wären Sie, – zu mir gekommen . . . Jetzt weiss ich es.«

Sie drückte die Federboa fest vor das Gesicht . . . Ein nervöses Schluchzen stieg in ihr auf, in ihren Augen etwas wie Thränen . . . Aber die Gesichtsmuskeln verzerrten sich zum Lachen. »Er soll nicht sehen, dass ich lache,« dachte sie und drückte die Boa ans Gesicht . . . .

»Wenn Sie wüssten, mit welch' wahnsinniger Glut ich jede Nacht an Sie denke, wie ich meine ganze Kraft, . . . . nein, nein, das will ich Ihnen nicht sagen.«

»Nein, thun Sie es nicht, nein,« wiederholte sie mit klangloser, banger Stimme.

,Ein Gefühl zuckte in ihr auf, so schmerzlich, als breche etwas in ihr entzwei . . . ›Was ist das,‹ dachte sie, ›ich bin doch sehr ruhig und will nichts von ihm . . . Im Gegenteil, ich will fort.‹

»Sehen Sie mich noch einmal an,« bat er . . . Sie schüttelte heftig den Kopf, zog die Hand aus der seinen und ging.

Schnellfüssig und geschäftig ging sie durch die Strassen, eilte in die Bureaus, zahlte eine Krone ein und begehrte »ein Mädchen für alles, – das gut kochen könne« . . . . Und inzwischen verarbeitete ihr Hirn die Erinnerung an das eben Geschehene mühelos und schmerzlos und hinterliess in ihrer Seele jenes schlaffe, ruhsuchende Gefühl, wie nach einem vorzüglichen Essen, das man ohne Schwierigkeiten verdaut.

Ihr Kopf war nüchtern und wunschlos, erfüllt von tausend launischen Sorgen. Sie kaufte Radieschen zum Nachtmahle, feilschte um Musca­tellertrauben und Wallnüsse und setzte sich endlich abgehetzt und bepackt in eine Konditorei. Draussen tropfte ein feiner Nebelregen, und sie hockte zusammengedrückt in der warmen, weichen Ecke . . . .

Da prasselte plötzlich ein Wort in ihr auf: »Ahnen Sie denn das? – Mit welch wahnsinniger Glut ich nachts an Sie denke? Wie ich meine ganze Kraft« . . . Ihre Augen wurden hell und durchsichtig, spannten sich ins Wesenlose . . . . Mechanisch schlürfte sie das gelbe, starkduftende Eis. – Eine Flamme stieg kerzengerade in dem jungen Körper empor und erfüllte mit wirbelndem Rauch das arbeitende Gehirn . . . . Die Empfindung hatte sich losgemacht von Kopf und Seele, schwebte frei in ihr, und darüber hatte sie keine Macht. – – – – –

– – Sie stand auf und schlich in der niederbrechenden Dunkelheit nach Hause. – – –

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

»Ich werde hinkommen, still in sein Zimmer gehen, ganz still, ihm mit den Augen winken, damit er ruhig bleibt, langsam Hut und Jacke aufhängen und ihn küssen, einmal, nur ein einziges Mal – mitten auf den Mund« . . . .

Plötzlich dachte sie das.

– – – – – – – – – – – – – –

Nachdem sie sich so oft seinen Abschied vorgehalten hatte, in vielen, unbewachten Momenten, wo sich ein Teil ihrer Seele verflüchtigte und wiederkehrte voll von neuen, wunderlichen Empfindungen. Dann konnte sie mitten bei der Näharbeit, oder wenn sie in der Küche half, oder wenn sie die langen, ziellosen Gänge in die Stadt unternahm, mit gross geöffneten Augen die vielen glitzernden Traumfäden aufhaspeln und verwirren, aufhaspeln und glätten, aufhaspeln und endlich zerreissen . . . . Und dann lachte sie auf, ein wenig boshaft und ein wenig traurig . . . .

»Er hat geglaubt, ich werde meinen Mann lassen, mich in irgend ein dummes, gefährliches Abenteuer stürzen . . . . Wie närrisch! . . . . Nein, nein, ich will ihn gar nicht mehr sehen« . .

Immer schlich sie müde daraus hervor, erschöpft, entkräftet . . . .

Und manchmal sass sie in den kleinen, struppigen Parkanlagen, allein auf einer der schmalen, lehnenlosen Holzbänke und träumte . . . .

»Etwas liegt in mir, das ich nicht kenne, das noch niemand berührt hat, das stumm und wesenlos sich sehnt . . . Wonach, wonach?« – Sie schloss die Augen halb zu und sah nur mehr den blassen, hohen, weitgespannten Himmel . . .

»Ich möchte so gerne, – dass jemand auf mich wartet, ich möchte mich auf etwas sehr freuen . . . .

Ich möchte . . . . Die Augen zumachen möchte ich« . . . . Und sie schloss sie.

»Ob er mich schon vergessen hat, – ob er noch immer nachts in wahnsinniger Glut . . . .

Ob er mich küssen möchte . . . . Noch so . . . .

Nein, wie er sich nach einem Kusse gesehnt hatte! Im Kaffeehause, – auf der Strasse, wenn der Nebel fiel oder wenn die Sonne schief über die Aeste strich oder wenn wir in der Hausflur standen, einander – gute Nacht – wünschten . . . Dann sagte sein Blick: küssen, ein einziges Mal, einmal, nur einmal mitten auf den Mund« . . . .

Sie öffnete die Augen, sah um sich . . . .

»Wie eigentümlich ich bin . . . . Ob viele andere Frauen. . . .? Nein, es liegt gewiss ein eigener vornehmer Zug in meiner Art . . . . Andere gehen jetzt am Korso, – ich grüble« . . . Und sie lächelte die Gassenbuben an, die auf der Planke ritten . . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

In ihrer Wohnung war es noch kahl, hell, sommerlich. Aus dem verschlossenen Salon zog ein scharfer Geruch von Kampher durch alle Zimmer . . . .

In ihrer Wohnung fand sie ihre Träume nicht mehr . . . .

Etwas Aengstliches, Zagendes ging mit ihr schon durch das Vorzimmer und der Gedanke – Gefahr – lauerte in allen Ecken. Dann stand sie in dem grossen Schlafzimmer, sah sich ratlos und unschlüssig um, – dachte . . . . »Es schickt sich doch wirklich nicht . . . . Eigentlich soll ich gar nicht so viel allein sein« . . . . Da zog sie sich eilig um, stellte sich in den Gang und wartete auf ihren Mann.

– – – – – – – – – – – – – –

›Ich werde zu ihm gehen, still in sein Zimmer treten, ganz still, ihm mit den Augen winken, da­mit er ruhig bleibt, langsam Hut und Jacke auf­hängen, meinen Arm um seinen Hals legen und ihn küssen, einmal nur, ein einziges Mal mitten auf den Mund, – – und – gehen. –

Ja. Und dann werde ich Ruhe haben und dann ist alles aus. Und dann werde ich Ruhe haben, . . . . Und dann, – – werde ich Ruhe haben.‹ Sie hatte die Augen gross geöffnet und sah doch nur den blassen, hohen, weitgespannten Himmel.

Eine erhabene Seligkeit durchströmte sie. . . .

Sie stand auf und ging nach Hause . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Sie ging durch die hellen, luftfrischen, staubfreien Zimmer hindurch, öffnete die Thüre des verhängten, festgeschlossenen Salons und trat ein. Da schüttelte sie mit leichter, froher Bewegung den schweren Kragen von der Schulter, öffnete das Kleid, das Mieder und der weiche Frauen­körper quoll aufatmend auseinander.

Das feuchte Hemdlinnen schmiegte sich auf­reizend an die erschauernde Haut . . . . ›So gut ist mir,‹ dachte sie betäubt und kroch katzenhaft, mit beiden Armen ihren blossen Leib umfangend, in den grossen, grauüberzogenen Fauteuil . . . .

Ihr Mann klopfte. . . . Sie sprang auf . . . .

»Da drinn? – Natürlich« . . . .

›O nein, verraten wird er mich nicht,‹ dachte sie schnell, überstürzt, – ›ihm liegt ja gerade so viel an der Vermeidung eines Skandals wie mir. . . . Und sie fasste ihre Kleider zusammen und öffnete . . . .

»Bist du verrückt? In dieser atemraubenden Luft legst du dich schlafen?« . . . .

»Geh, geh, sei ruhig,« antwortete sie lachend im Hemde . . . . »Da hilf« . . . Sie packt ihm Kleidungsstücke auf . . . . »Morgen Vormittag mach ich Ordnung hier« . . . .

»Zeit wäre gerade schon« . . . .

»Ja, aber ich habe bisher gar keine Lust gehabt, – jetzt hab ich Lust dazu, wirklich, jetzt hab' ich, – komm« . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Am anderen Tage kam er nach Hause und traf sie, ein braunes, verschossenes Seidentuch um die Haare gebunden, wie sie mit einem Lederläppchen beim Salonfenster stand und die goldenen Knöpfe und Haken putzte. Sie rief ihm entgegen: »Nicht herein du mit den schmutzigen Schuhen . . . Nein, hab' ich mich heute geplagt«. Mit der grauen Schürze wischte sie noch einmal über die Spiegelscheibe und lief zu ihm . . . . »Sauber, was?«

Er sagte: »Sehr brav« und küsste sie auf die feuchte, rote Stirne. »Ich habe gar geglaubt, du bist am Spaziergange gewesen, weil dein Putz am Bette liegt?«

»Ja,« sagte sie und nahm sich das Tuch vom Kopfe, »ich will Nachmittag zu Dora gehen . . . Schliesslich braucht man ein bissel Erholung nach der schmutzigen Arbeit. Nicht?« –

»Natürlich,« sagte er gutmütig – »geh nur«.

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Das schwarze, mit Jet besetzte Seidenkleid lag draussen, ein breiter Federhut und eine kurze, allerliebste Jacke mit granatroter Seide gefüttert. . . . Während sie sich Hände und Gesicht wusch, fühlte sie immerfort, wie seltsame, frohe Worte in ihr aufhüpften, dumme frohe Worte, die hinausklingen wollten, planlos, ziellos . . . .

»Schau, alle Frauen gehen mit ihren Männern, schau, alle Frauen kommen mit ihren Männern, komm auch mit mir, komm auch zu Dora« . . . .

»Aber geh, nach dem Bureau bin ich zu abgespannt für euere Gesellschaft« . . . .

»So, ich hab dich nicht lieb, da« . . . .

Und sie spritzte ihm Seifenschaum ins Gesicht.

»Na wart,« sagte er . . . . und fasste sie bei den Gelenken.

Sie prüfte ihr Gesicht und dachte froh: ›Mein Teint ist heute besonders rein, nur darf er mich nicht zu viel küssen, – sonst bekomme ich rote Flecken‹ . . . . Und sie neigte den Kopf tief zurück.

Nach dem Essen schlief er am Kanapee, – sie lag im Schaukelstuhl und schloss die Augen. . . Aber sie fand keine Ruhe . . . . Erst las sie die Zeitung, warf sie dann hin, – blätterte in einem neuen Romane, spielte mit dem Vogel, feilte und putzte sich die Nägel, liess endlich alles sein, setzte sich zum Spiegel und öffnete die Zöpfe . . . .

»Ja, – ich gehe zu ihm« . . . . So jubelnd und neu kam ihr dieser Gedanke, als erfasse ihn ihr Hirn das erste Mal . . . .

Und dann nach einer Weile dachte sie wägend:

»Ich kann ja dann sagen, ich möchte Theaterbillets oder will eine Annonce einrücken lassen, oder . . . . übrigens vielleicht gehe ich gar nicht hin . . . . Dora hat Jour« . . . .

Langsam und feierlich begann sie sich anzuziehen . . . .

Als sie fertig war, in dem engen, schwarzen damenhaften Kleide dastand, fühlte sie plötzlich die alte, lähmende Angst in sich aufsteigen . . . . In allen Ecken lauerte Gefahr. Sie setzte sich nieder. ›Wenn es läutet,‹ dachte sie – ›wenn jemand kommt, dann bleib ich zu Hause‹ . . . . Sie horchte mit angespanntem Atem hinaus.

– – Es läutete, – gewiss, jetzt – – musste – – es läuten . . . . Der elektrische Klang der Glocke vibrierte schon in ihrem Körper . . . . .

Nein, – nein, – nichts . . . .

Ihr Mann war längst fort, die Zeitung lag am Boden, seine schwarze Kappe auch.

Wie fettig die war. . . .

Das kam vom Bergamottenöl, ja dieses ewige Bergamottenöl . . . .

Mechanisch zerrte sie die weissen Handschuhe über die Hände.

Die Helle des Mittags begann zu sinken, Nebel fiel vom Himmel. Die junge Frau stand beim Fenster, sie rauschte und knisterte, wenn sie nur den Kopf bog oder die Arme hob. Sie dachte an ihre Mädchenzeit und wie da alle immer sagten : »O, sie thut nie etwas, was sich nicht schickt« oder:

»Ja, die versteht sich das Dasein angenehm zu machen, – die ist eine Lebenskünstlerin« . . . .

Blos weil sie allem aus dem Wege gegangen war, weil sie sich hütete vor Zank und Streit und Scenen . . . .

Man wusste nicht einmal, dass sie überhaupt dachte, dass sie noch etwas anderes wollte . . . .

Alles grub sich so innerlich die Wege . . . .

Ein Gefühl von Zorn und Wut glühte jetzt in ihr auf. . . .

Und nie hatte sie etwas vom Leben gehabt, nie, nie, nie . . . .

Sie fühlte die Haut im Gesichte prickeln. . . .

Einmal eine Stunde ganz glücklich, sein!

– – Was ist das, ganz glücklich? . . .

O, an nichts denken, gar nichts wollen, nichts wollen, – als was die Stunde giebt. Irgendwo allein sein mit einem Menschen, die Augen schliessen und sagen . . . . »da küss« . . . .

Ja und dann gehen, die lange Strasse hinabgehen, und ein Leben lang daran denken.

Unterdessen befahl sie dem Mädchen, das Nachtmahl für acht Uhr zu richten, die Fenster im Schlafzimmer zu putzen und wenn die Wäscherin kommt . . . . Dann unterbrach sie sich und sagte: »Es regnet, bitte, bringen Sie den Schirm«. –

Das Mädchen sagte: »Ja, – die scheene Jacke . . . .

»O das schadet nicht,« – antwortete sie und ging . . . .

Als sie auf die Strasse hinaus trat, war alles geschwunden . . . . ›Man soll immer fort gehen,‹ dachte sie, – ›sicherlich, wenn man bedrückt ist, soll man ins Freie gehen, da haben es die vier Winde‹ . . . .

Und sie wand diesen Gedanken im Kopfe hin und her, – er begann in Rhythmus zu kommen, sie knüpfte einen neuen daran und dichtete förmlich . . . .

Dabei achtete sie auf alles, alles beschäftigte und interessierte sie, sie guckte in alle Spiegelscheiben und warf hin und wieder zündende Blicke in die Menge . . . . ›Das ist der Weg zu Dora,‹ dachte sie, – ›ich kann sehr gut denken, ich gehe zu Dora.‹ So ging sie langsam und froh in den Abend hinein. . . . Jetzt bog sie in die hohe, schmale Gasse ein . . . .

Von weitem suchte sie das Zifferblatt der Turmuhr . . .

Es war schon so dunkel . . . . Zu dumm, dass die Zifferblätter nicht beleuchtet sind . . . .

So hell, so leicht, so glücklich ging sie den steilen, kleinen Weg zum grossen Thor empor.

›Wie er sich freuen wird,‹ dachte sie, – ›ja man soll nur immer Gutes thun‹ . . . Und sie nahm sich fest vor, besser, viel besser zu werden . . . .

Administration, Inseratenbureau, – Redaktion . . . .

»Ich werde sagen, ich brauche eine Köchin, oder ich will in die Oper gehen, Billets brauche ich, – was giebt man nur morgen in der Oper?« Und etwas Kaltes, Unheimliches rieselte über ihren Rücken . . . .

Sie empfand plötzlich so viel Unsicherheit, wenn sie nur wüsste, was man morgen in der Oper spielt . . . . Und dabei legte sie die Hand auf die Klinke und trat ein . . . .

Ein lauer, heimlicher Dunst schlug ihr entgegen. Sie stand in einem kleinen, breiten Vorraum, zu dessen beiden Seiten Gänge mit gepolsterten Thüren liefen. Ein alter Mann erhob sich schwerfällig von seinem Sitze und sah sie fragend an . . . . .

Mädchenhaft befangen, mit einen kokett bittenden Blick nannte sie seinen Namen.

Der Diener ging . . . . Nach einer Weile kam er zurück und sagte phlegmatisch: . . . . »Warten. – Der Herr Doktor ist beschäftigt.« Er schob ihr einen Sessel hin. Mechanisch nahm sie Platz . . . .

Da sass sie nun wie eine Bittstellerin, wie ein fremder, überflüssiger Mensch . . . Wie jemand, der stört . . . .

Komisch . . . . Nein, sie wollte gar nicht bleiben.

Sie bekam Herzklopfen. ›In zwei Sekunden,‹ dachte sie, ›kann ich bei der Thür sein, – Gute Nacht – sagen, oder – ich habe keine Zeit – und gehen‹ . . . .

Aber sie sass fast gelähmt und wusste, dass sie sich nicht erheben würde . . . .

Der Mann schrieb dort, oder klebte, – ja Streifen. Das waren die Adressschleifen, da kamen die Blätter hinein . . . . Wie gross doch seine Schere war . . . .

Ob man dem Mann da ein Trinkgeld geben sollte . . . .

Plötzlich schrillte die Klingel . . . .

Sie fuhr zusammen, ihr Atem stockte. Der Diener sah auf, sie sah ihn stumm und flehend an . . . . Nicht ich, nicht wahr, nicht ich . . »Jetzt – die dritte Thür rechts« . . . . Sie ging geradeaus hin, bei der dritten Thüre wandte sie sich noch einmal um, der Diener nickte, – sie klopfte nicht an, trat ein.

Sie stand im Zimmer mit eingezogenen Schultern ängstlich, verlegen in ihrem schwarzen, flimmernden Seidenkleide, dessen lange Schleppe sich störend vor ihren Füssen schlängelt. Sie hatte die Herrschaft über sich verloren,

›Was wird mit mir geschehen?‹ dachte sie zerbrochen

Er schnellte von seinem Sitze auf. »Gnädige!«

Er lief ihr entgegen . . . . »Gnädige Frau« . . .

»Gehen Sie,« murmelte sie unterdrückt, – »Sie sind abscheulich, – ich mag Sie nicht« . . . .

»Nein, o nein.« Er liess den Zwicker fallen und sah sie mit glänzenden Augen an . . . .

»Sie waren nur so abscheulich mit mir, weil Sie wollten, dass ich kommen soll, – ja, – ich weiss es, – Sie wollten, ich soll kommen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Sie thun mir Unrecht,« sagte er ernst, »ich habe es doch vermieden, – ich habe mich gezwungen, – nein, das konnte ich nicht ahnen.« Sie zerrte unruhig an ihrem weissen Handschuh . . . . Da wurde die Thüre geöffnet, ein Herr mit dem Federstiele am Ohr sah hinein – sagte »Pardon« und zog sich zurück . . . . »Es soll niemand mehr kommen,« sagte sie zornig und stampfte mit dem Fusse auf, – »wie dumm doch diese Leute sind« . . . .

»Es kommt niemand mehr, – gewiss, – ich bin um diese Stunde immer allein . . . . So sagen Sie mir doch ein freundliches Wort, – schauen Sie, – ich hab mich so unsinnig nach Ihnen gesehnt« . . . . Er führte sie zu einem grossen Fauteuil, rückte seinen Sessel daneben und sagte: »das ist gut von Ihnen, dass Sie gekommen sind.«

»Ich wollte,« murmelte sie »nachdem ich Ihnen doch damals nachmittag« . . . .

»Gott, was haben Sie mir da für Dinge gesagt. . . . Nein, nein, ich bin vernünftiger geworden. Ich war ja damals halb toll . . . . Wenn Sie eine Ahnung gehabt hätten, was ich damals noch alles getrieben habe« . . . .

»Was?« Sie steckte ihr kleines, bleiches Gesicht vor, etwas Armseliges, Hungerndes lag darin . . . .

»Ich bin wie ein Narr von Ihnen gelaufen, – das wissen Sie ja, bis tief in die Nacht irrte ich in den Strassen – habe Dinge, – – na aber lassen wir das, – Sie sind ja jetzt bei mir« . . . .

»Ich will es aber wissen,« sagte sie mit klingender, aufgeregter Stimme, – »ich möchte es ganz genau wissen, alles« – – Und sie hob ihre zitternde Hand und berührte sein Gelenk . . . .

Er sah die Hand stille an, legte die seine darüber, ein wildes Wonnegefühl stieg in ihr auf, – – jetzt kommt es – dachte sie, – ich weiss nicht was, aber etwas, das in Nacht gehüllt ist. . .

Sie sprang auf . . . . Er half ihr aus der Jacke und hing sie auf.

»Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind,« sagte er nach einer Weile – und ging stumm durch das kleine Zimmer. Sie stützte sich auf den Sessel und verfolgte ihn mit ihren grossen, fiebernden Blicken . . . . Der breite Rücken war nach vorwärts gedrückt, er stand beim Fenster und starrte in die dunkle Gasse . . . ›Hingehen, – sagen, – sei ruhig, – ich bin da, – schau doch, – ich bin da‹ . . . . Wie von einer fremden, ungeheueren Macht getrieben, machte sie einige Schritte vorwärts . . . . Er wandte sich um, – sah sie an . . . . Sie hob schwerfällig die Arme. . . . . Die Oberlippe schob sich empor und enthüllte den trockenen Glanz der Zähne . . . .

»Was ist das?« frug er heiser – »ist das Spiel?« – Sie beugte den Kopf nach rückwärts und umklammerte mit beiden Händen seinen Arm.

. . . . »Ich bin da,« sagte sie schleppend wie mit eingelernter Stimme, – »seien Sie ruhig, ich bin da« . . . .

»Mein,« schrie er ausbrechend und riss sie an sich . . . »Nicht in meinen wildesten Träumen habe ich dies zu denken gewagt . . . . Mein« . . . .

»Küssen Sie mich,« sagte sie heftig und hob sich an seinem Arme empor.

Er streichelte das blonde Haupt mit zitternder Hand . . . . »Ich kann es noch nicht fassen, – ich bin jetzt ein Narr . . . »Sei still, fürchte dich nicht . . . . Morgen, wenn du wiederkommst, bin ich ruhiger« . . . . Sie starrte mit aufgerissenen, entsetzten Augen empor . . . . Ein fremdes, rotes, schweissbedecktes Gesicht presste sich an ihre Brust, ein scharfer Geruch von Tabak und Bier strömte über sie hin. Ihre Finger lagen in seinem Haar und eine Menge kleiner, weisser Schuppen bedeckten das schwarzseidene Kleid. Sie sah alles mit aufgeschreckten, entsetzten Augen. –

»Wiederkommen,« wiederholte sie, »und mein Mann und« . . . .

Ihr war, als krallten sich Fingernägel in ihre arbeitende Kehle . . . . »Nie, nie, nie mehr« . . . Sie taumelte aus seinen Armen . . . . .

Er stierte sie an . . . »Was? – Was ist dann das alles? – Was, – was willst du denn von mir? – – Glaubst du, – du kannst kommen und gehen wie eine Dirne?« – Er kam auf sie zu . . . Sie hängte sich an ihn mit fiebernden, bettelnden Blicken . . . . »Still, sprechen Sie gar nichts von morgen, lassen Sie die Zukunft tot sein, ich bit­te . . . . Küss mich, küss mich, du hast dich doch so gesehnt«.

Sie zitterte . . . .

Er kniff die Augen zusammen, sah sie an . . .

Sie bewegte sich unruhig nach rückwärts . . .

Er fasste ihre Hand mit eisernem Griffe . . . .

»Nein,« sagte er verächtlich . . . .

Und da war sie plötzlich entzaubert.

Sie blickte wirr um sich, kalt rieselte es durch ihren Körper, ihr Kopf schien eingezwängt in eine scharfe, eiserne Hülle . . . . Er blickte ihr angestrengt in das Gesicht . . . . »Ich verstehe,« sagte er langsam, – »Sie haben sich da in Ungelegenheiten gebracht, – meine kluge Dame« . . . .

»Lassen Sie mich gehen,« ächzte sie, – »Sie thun mir weh, lassen Sie mich gehen« . . . .

Plötzlich begann er stossend zu lachen . . . .

»Wünschen Sie nicht vorher einen Kuss, gnädige Frau? – Es thäte mir leid, wenn Sie sich umsonst hierher bemüht hätten . . . . Befehlen Sie, – bitte« . . . . .

Sie sah ihn verständnislos an und zerrte sich unter seinem Griffe los . . . .

»Ich will gehen – fortgehen« – – –

Er schleuderte ihre Hand weg und sagte heiser . . . . »Was hast du denn mit mir vorgehabt? He? – So denke doch nach. Was bin denn ich? – Was bin denn ich für dich gewesen? He?«

Er ballte die Faust . . . . »Nichts, nichts als ein elendes Ding von Mann, das einmal gut gewesen ist für deine schamlose Begierde. Hörst du, für deine Gier, für deine Gemeinheit . . . . Und wenn ich, und wenn ich jetzt – – – Nein, – – Ruhig . . . . Sie können ruhig sein, gnädige Frau, – ich bin verschwiegen, – gnädige Frau« – – Er berührte seine Lippen, schritt nach rückwärts zu seinem Schreibtische und sank mit einem unterdrückten Laut in den Sessel.

Was war das? – – – Was war denn plötzlich geschehen?

Etwas schloss sich fest in ihr, ballte sich zusammen, kroch den Körper empor in die Kehle. . .

Weg – nur weg.

»Ich will weg,« stotterte sie mit weinerlicher Stimme . . . . Sie tastete sich über die Haare, über die Wangen, über das Kleid, fuhr in die Jacke, stolperte über die Schleppe und eine Thräne nach der anderen rollte über das graue, verfallene Gesicht . . . . Warum, warum, was hatte sie denn verbrochen? –

Tappend ging sie hinaus, mit herabhängenden Armen, ohne einen Blick auf den Mann zu werfen, der vor seinem Schreibtische sass, das Gesicht fest in beide Hände gepresst . . . .

An den finsteren Häusermauern schlich sie weiter und blieb angewurzelt stehen, als sie plötzlich in den roten Schein einer Laterne trat.

Wohin? –

Nach Hause, nachtmahlen, lachen, erzählen und nicht vergessen, nichts vergessen, – kein Wort, keine Geberde . . . Ihr ganzes Leben lang so . . . . Entsetzlich.

Sie krampfte die Finger zusammen.

»Ich hab doch nichts gewollt, – nichts, nichts, ich hab doch gar nichts Schlechtes gewollt« . . . . .

Ein ungeheures Mitleid mit sich erfasste sie. . . . . Sie öffnete den Mund und schluchzte.

Jemand kam an ihr vorüber, – sagte: »Machens Platz« und verschwand. Noch eine, – noch mehr Mädchen . . .

Die eine hatte einen weissen Federhut. Wieso? Es regnete ja . . . . Lächerlich . . . .

Nach Hause, – nachtmahlen . . . . Nein, nein. Ihr Körper fasste nichts als den Trieb, hinfallen, schreien, toben . . . . .

Die mit dem weissen Hute schlenderte zurück, trat in die Mitte der Strasse und blieb stehen.

Sie begann zu begreifen. . . .

Eine höhnische Grimasse verzerrte das kleine bleiche Gesicht. Die Augen funkelten voll Rachsucht.

Schlecht werden, dachte sie wild und ballte die Hände, – schlecht werden, – verderben. . . .

Und mit erstorbener Seele kehrte sie in ihr lichtes, freundliches Frauenheim zurück.



Das Besondere

Frau Sousain, die Gattin des reichen Spitzenhändlers Abraham Sousain sprach bekümmert und sorgenvoll auf ihre schlanke, schöne Tochter ein. Die sass in ihrem Morgenkleid von heller Seide auf einem hochlehnigen Stühlchen und schüttelte immer nur lachend, lärmend den blonden Kopf . . . .

»Nein, nein, nein, – Mutter, ich kann noch nicht . . . . Ich warte. Herr von Ryssel ist sehr gütig, – o sehr, – wenn er mich zu seiner Gattin erwählen will, aber« . . . .

»Sieh mal, jetzt schweigst du, du weisst eben kein – aber, – es giebt nichts, gar nichts. Emilia, bedenke doch, ein Mann wie Jonathan Ryssel, reich, jung, vornehm« . . . .

Emilia schlug lustig die blauen Glasaugen auf und sah in die Weite: »Stattlich und ehrenhaft. – ja Mama, – aber – ich warte noch« . . . .

»Kind, worauf?«

»Auf – etwas – Besonderes –« antwortete sie plötzlich ernst und seltsam, sprang dann auf, drehte sich auf dem Absatz herum, lachte, umschlang die bekümmerte Frau und sagte mit ihrer hohen, allerliebsten Stimme: »Kränk dich nur nicht, Liebe. Du wirst sehen, mein Gatte wird viel, viel herrlicher sein als Herr von Ryssel, – besser und schöner als die langweiligen steifen Stöcke mit den blauen Sonnenbrillen von Greta und Susel . . . . Lass die alle und lach' mit mir.«

– – – Da schien nun wieder jede Ueberredung umsonst, und Frau Sousain zog sich schweren Herzens mit ihrer Mission zurück . . . »Emilia lachte wieder«, sagte sie abends zu ihrem Gatten, der die Achseln zuckte und gleichmütig in der Lektüre seines Blattes fortfuhr.

So ging es seit Emilias sechzehntem Jahre, seit jenem Feste, an dem sie das erste Mal in die Gesellschaft geführt wurde; damals wollte der Staatsrat Hans Straaten dem bezaubernden, wilden Kinde seine zehnzackige Krone fest in die flatternden Locken drücken . . . . Emilia sprang wie toll im Zimmer herum, klatschte in die Hände und rief, – während ihr die Mutter an den Fingern Straatens Vorzüge aufzählte: . . . . »So walzen wir zusammen, – schau, Mamachen, so, – ach Gott, und der will mit mir durchs Leben tanzen« . . . .

Späterhin wurde sie stiller und bestimmter, gab für Ihre Ablehnungen kleine, spitze Gründe an und genoss sehr bald den Ruf einer Komödiantin, einer oberflächlichen und herzlosen Kokette. Und da man nichts leichter wird, als das, wofür man gilt, lernte sie bald den Kopf hochmütig tragen und mit grossen, hellen Augen über missliebige Menschen einfach hinwegzusehen, während sie dem Chor ihrer Begleiter kleine, tolle Worte zurief, die zündend aufgefangen und erwidert wurden . . . . Emilia lechzte nach Leben, Lust und Lachen, jeden Lärm, jeden Scherz, jede Tollheit machte sie heiss und begierig mit, und wenn sie mitten im Taumel war, – gefangen von Spiel, Musik und Maskerade, – wenn sie von ihrem blumengeschmückten Sitze auf die Männer blickte, in deren Mienen die schlecht verborgene Begierde flammte, – da wurden erst die weissen, schmalen Wangen ein wenig rot, die Augen glitzerten umher, suchend, spähend, ängstlich – und wer tief in ihre harte Helle lauschte, konnte am Grunde ein scheues, unruhiges Zittern erspähen . . . . Aber keiner von den dicken, gemütlichen Herren, die einesteils Emilias Vermögen, anderteils ihre fremdartige Schöne lockte, nahm sich Mühe und Lust, in dem spöttischen Mädchen eine »Seele« zu erobern; für jedes Liebeswort, für jede Huldigung, ja selbst für einen ernsten, in geziemender Form erfolgten Antrag, hatte sie ein beleidigendes Lächeln und eine verletzende Rede bereit; da entdeckten sie nach und nach, dass sie es denn doch »nicht nötig« hätten und zogen sich kühl zu minder anspruchsvollen Fräuleins zurück. – –

Und wenn das Lachen und Spielen des Tages verklang, wenn sich die Nacht stumm und schwer niedersenkte und die kalten, unruhigen Lichter in Emilias Augen verlöschten, dann sass sie auf der Terrasse, weich und warm in Decken gehüllt und sah in das Dunkel hinaus, zage, demütig wie ein kleines, gescholtenes Kind. Die Schauer der Erwartung senkten sich rein und kalt in die kleine Seele und jagten alle tollen, leichtfertigen Gespenster hinaus . . . .

›Ryssel,‹ dachte sie beschämt, – ›o ja, ich glaube, er liebt mich. Warum nicht? Es ist so wunderbar, das zu wissen. – Morgen wird er kommen, ich will gut zu ihm sein, – vielleicht kommt es dann plötzlich.‹ – –

Und Thränen der Sehnsucht rieselten über ihre Wangen. Sie legte sich glücklich zu Bette, träumte von phantastischen Erlebnissen, – feierlichen Liebkosungen und kam auf – entzückt, verwirrt, voll Verlangen, – um eilig in das glitzernde Kleid der eitlen Weltdame zu schlüpfen.

Und sah dann mit hellen, ruhigen Augen auf Ryssel, der bei ihr eintrat, einen prächtigen Strauss Flieder in den gelbbehandschuhten Fingern.

»Sie haben gestattet zum Geburtstage,« sagte er schüchtern. »O wie schön,« erwiderte sie leise und zog ihre kleine Hand wie liebkosend durch seine bebende . . . . .

Er stolperte, – denn die Gläser seines Zwickers liefen in der Zimmerluft stets an, ein wenig verlegen legte er ihn ab und lächelte gutmütig in ihr weisses, ernstes Gesicht . . . .

Nach einer Weile kniete er bereits zu ihren Füssen und flehte sie mit erstickter Stimme um Liebe an, . . . , er wolle sie auf den Händen tragen, jeder Wunsch sei ihr gewährt . . . . Draussen am Seeweg baue er eine Villa, ihr Liebesnest, ganz so, wie sie es damals bei Greta Mellhausen geschildert habe . . . . Nur ein Wort, ein Lächeln, ein kleines Zeichen! –

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Emilia sah, wie die Adern an seinem Halse sich langsam röteten und anschwollen . . . . Der ganze kräftige Körper bebte vor Erregung . . . .

Dass war ja nicht mehr Herr von Ryssel, – »der fromme Jonathan« – o nein, das war ein Mann, ein schöner, vornehmer Mann, den sie besiegt hatte, – sie, – das kleine Mädchen, einfach weil sie – Emilia war . . . .

Ein triumphierendes Leuchten trat in ihre Augen . . . . Worin lag diese Macht? –

Was fühlte er jetzt? War es Schmerz, – war es Glück? – Warum zitterte er, – wenn sie so wie jetzt, – spielend – über seine Haare hinfuhr?

Und alles, was sie im halben Traume ersehnte, das zergrübelte und zergliederte sie jetzt im Erleben, wach, kalt und freudlos, ohne Schauder, ohne Ehrfurcht, ohne die schmerzliche Beklemmung, die die Nacht über ihre Gedanken warf.

– Wenn sie jetzt – Ja – sagte, – was dann? – Er würde aufspringen, sie fassen, – küssen wahrscheinlich – und seine Lippen fühlten sich so nichtssagend weich auf ihren Fingern.

Sie machte eine kleine Grimasse . . . . . Aus war dann alles . . . . Dann stürzte natürlich Mama herein . . . . Mit affektierter Ermüdung stand sie auf . . . . Er taumelte empor, blickte in halber Seligkeit auf, die kurzsichtigen Augen näherten sich fragend ihrem Gesichte . . . .

Ach Gott, das ist ja nur Jonathan Ryssel, der gute, blinzelnde Wollhändler . . . . Sie sagte spöttisch: »Schön Dank für den Flieder! Bringen Sie nächstens getrost wieder Ihre liebe Brille mit, – die Gefahr ist überstanden.« . . . . .

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Mit raffinierter Vollendung lernte sie der geheimnisvollen Macht nachspüren, die wie ein Fluidum von Begehrlichkeit ihre zierliche Figur umfloss. Die leichte Koketterie genügte ihr nicht mehr. . . . Sie begann gewagte und gefährliche Verführungskünste in Scene zu setzen und sog begierig jeden Blick, jede Geberde ein, die sie sich im Halbdunkel geschlechtlicher Reizungen erschlich. – Sie lebte glühend auf, wenn heisse Huldigung ihr Ohr erreichte, mit naiv grausamer Neugierde neigte sie sich der Atmosphäre der Leidenschaft entgegen, durch ihre Glieder ergoss sich ein köstliches Gefühl der Erschlaffung und während die Lippen ein sehnsüchtiges Kinderlächeln festhielten, brannten die Augen in ungesättigtem Feuer, das nur das Fieber nach dem Verborgenen, Unbekannten zu entzünden vermag. – – –

Und mitten im Erleben wurde der berauschende Trank schal, lau, – sie stiess ihn von sich, – mass den kühnen Bewerber mit einem fremden Blicke, – und erbarmungslos enthüllte ihr der Moment nur Seufzer und Phrasen, die wirkungslos an ihrer ernüchterten Phantasie vorüberrauschten . . . . Ihre nächsten Freundinnen verehelichten sich, aus den jungen Männern wurden sehr rasch – ernste, sorgenvolle Kaufherren, ein junger Arzt, der ihretwegen das Studium fast fallen gelassen hätte, übersiedelte in eine fremde Stadt; Emilia, obwohl noch schön, jung und begehrenswert, zog sich sehr oft, früh ermüdet von den lauten Winterfreuden, in streng abgeschlossene Einsamkeit zurück. Ein Ekel vor jedem Geschehen und Begeben zog durch ihre Seele, sie fürchtete sich vor der Wirklichkeit, vor der ewig gleichen Wiederkehr ihrer Genüsse, begierig begrub sie sich in die lockenden Bilder einer frühgereiften und unersättlichen Einbildungskraft . . . So entzog sie dem Leben seine heiligste Kraft . . .

Oft klangen Worte in ihr auf, ungewollt, ungesucht, ein bitteres Gefühl löste sich in ihr, wurde Sprache, – es war wie ein banges Deuten und Erfassen, sie setzte sich zu ihrer Mutter, die mit jenem einfachen und milden Lächeln zuhorchte, wie es Müttern gegeben ist, die nur animalische Liebe mit dem Kinde vereint. »Es ist eine Lücke in mir Mama, etwas ist übersprungen, unausgefüllt, leer, ich kann es dir nicht begreiflich machen, gerade als ob etwas Wichtiges, Schönes im Leben an mir vorübergegangen wäre, . . . . verstehst du, Muttchen?«

»Du brauchst nur Zerstreuung, Emilia, – plötzlich gehst du nirgend hin« . . . .

»Nein Liebste, da sitzt es« . . . .

Emilia legte die Hand aufs Herz.

»Du fühlst Schmerzen, Kind?«

»O ja,« Emilia nickte. »Manchmal fühl ich mein Herz, als wäre es tot, erstarrt. Dann erinnere ich mich immer an Gretas totgeborenes Kind. Es giebt nichts traurigeres als das kleine Dingchen, das nie gelebt hat und das man so plötzlich in dem prächtigen Taufkleidchen begrub.

Niemand hat ihm einen Kuss gegeben. Da war ich so traurig, dass ich mich niederbeugte und es mitten auf die winzige Stirn küsste . . . . Eiskalt war das!« –

»Ach, Emilia, dir fehlt ein Wirkungskreis, das ist alles. Heirate« . . . .

Emilia lächelte . . . .

»Siehst du, du hast nur zu viel überschüssiges Gefühl in dir, das weiss keinen Platz hier im Hause. Denk mal, wenn du Frau Reichsrat Etterbeck – würdest, . . . dieser Stolz! Er hat jetzt einen Palast gebaut, der starrt von Gold und Seide.«

»Und da willst du mein totes Herz hineinlegen, Mama? – O nein, nein, – du verstehst mich nicht . . . .

Aber ich danke dir. . . – Frau – Reichsrat – Etterbeck, – lass sehen?« – Sie stützte das schmale, weisse Gesicht in beide Hände und ihre feinen Lippen, die wie von Künstlerhand gezeichnet schienen, zuckten leise . . . .

Es kommt ja nie, – dachte sie, – »das Besondere,« – was ist es nur? – Liegt es in mir, liegt es draussen in der Welt? – Kann ich es überhaupt – wollen? – Aber vielleicht liegt es nur im Traume und stirbt vor dem Leben? – – –

Oder – – – »Liebste,« sagte sie plötzlich wie erwachend, – »ich mache dir so viel Kummer. Doch warte, warte nur noch ein einziges Jahr, ja, – dann schenke ich mich einem so, so vornehmen und reichen Herrn, dass man ihn vor Orden und Geldsäcken gar nicht sieht, . . . Schlag ein, so . . . . Bist du zufrieden meine weinerliche Mama?«

An diesem Tage legte sich Emilia mit einem wunderbar beruhigten Bewusstsein nieder, und ehe sie einschlief, dachte sie noch . . . . Nein, das kann nicht alles bleiben, – das wäre sinnlos . . . . Lachen, tanzen, begehren, denken so entsetzlich viel, – dann heiraten, ohne Bindeglied, ohne Erwachen . . . .

Vielleicht kommt in dieser letzten, allerletzten Frist, – »das Besondere« – küsst mein totes Herz, wie ich es mit Gretas Kindchen machte . . .

Jedenfalls kann ich ruhig weiterleben, das Ende muss kommen, – so oder so. – – – – – – – –

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Emilia entschloss sich, diesen Sommer nur mit ihrer Familie zu verbringen, – und statt wie alljährlich eine Reihe Seebäder zu besuchen, fuhr sie an einem kühlen Märzmorgen müde und melancholisch mit ihrem kleinen Bruder Charlot in das prächtige, weisse Landhaus, das sich Sousain in dem schönsten Gebirge, weit ausserhalb des Landes erbaut hatte . . . .

»Emilia, du willst wahrhaftig in diese Einöde! Was um Gotteswillen beginnst du dort, du stirbst doch vor Langeweile,« riefen ihre Freundinnen entsetzt – und sie antwortete mit dem geheimnisvollen Lächeln, das sie stets bereit hielt, wenn fremde Finger eine Saite ihres Inneren berührten.

»Ich habe das Vergnügen so oft und oft aufgestöbert, – nun mag es einmal zu mir kommen.«

»Emilia fängt an altjüngferlich zu werden, sie philosophiert,« sagten die Männer, und die Frauen fügten höhnisch hinzu: »Und resigniert. Uebrigens thut sie, als ob sie nicht recht gut wüsste, dass Bernard St. Gilles zurückgekommen ist. Aber der mag in Paris Besseres gefunden habe, als diese kleine, bizarre Puppe.«

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Unterdessen war im Thale von Chamounix der volle Frühling hereingebrochen . . . .

Emilia lag in dem hohen, blumigen Wiesengras mit halbgeschlossenen Augen, verfolgte blinzelnd die Lichtkringeln, die von Halm zu Halm tanzten und begnügte sich mit der ungestümen Bewunderung der zerlumpten Dorf jungen, die an dem Zaume des Gartens herumkletterten, um einen Blick in das fremdartige, blasse Gesicht zu werfen. Eine milde Apathie hielt sie fest gefangen, das eintönige Zwitschern der Vögel umgrenzte ihre Gedanken, der starke Duft der blühenden Bäume und der reifen Erde umnebelte und schwächte die Spürkraft ihrer Sinne, – sie lebte fast ohne Bewusstsein ihrer selbst, die Tage, wie ein langer Lichtschlummer, nur unterbrochen von alltäglichen Redensarten, automatischen Pflichten und dunklen, kurzen Nächten, deren Schlaf tief, undurchdringlich, wesenlos war.

»Emilia, du solltest nicht so viel in der Sonne liegen, – deine Haut wird braun und rauh« . . .

»Lass Mama, das schadet nichts. Ich habe vergessen, wie ich aussehe, – ich denke nicht mehr daran« . . . .

»Weisst du, dass Etterbeck sehr böse war, weil du dich gestern verleugnen liessest? Er sah dich durch den Zaun« . . . .

»Mamachen, mein liebes, das klingt mir jetzt alles so fremd. Hier ist es schön, ich ruhe mich für mein ganzes Leben aus, – nie mehr werde ich so glücklich sein« . . . .

»Viel, viel glücklicher, mein Kind,« antwortete Frau Sousain gerührt und küsste die feuchten Augenlider . . . .

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Eines Tages drang ein Name an Emilias Ohr. Mitten durch das Gezwitscher der Vögel und durch den starken Duft des blühenden Sommers klang er hell wie ein Schlachtruf vor den verschlossenen Thoren ihrer Seele . . . .

»Bernard St. Gilles ist zurück . . . . Papa traf ihn heute auf der Jagd . . . Du musst ihn nicht empfangen, wenn du nicht willst,« sagte Frau Sousain bekümmert »obwohl er Papa darum bat« . . . . Sie brach ab. Emilia schlug die grossen, blauen Glasaugen auf und sah zögernd um sich.

»Wie seltsam,« dachte sie, – »Blumen, Ruhe, Sonne – sonst nichts, gar nichts, – und man kann leben« . . . .

Plötzlich sagte sie ruhig, indem sie Blüten und Blätter aus ihrem blonden Haare schüttelte: »Warum nicht? . . . . St. Gilles mag immerhin kommen. Ich glaube, ich langweile mich ein wenig.«

Dann ging sie in ihr Zimmer hinauf, stellte sich vor den Spiegel, prüfte aufmerksam Gesicht und Hände, schloss und öffnete die Augen wie zum Spiele, entleerte einen Korb Mousselinkleider, begann in ihnen zu wühlen, zu wählen, und während sich ein verträumtes Lächeln um ihre Lippen schlich, blickten die Augen hart und hell in die Spiegelscheibe, die ihr blasses, begehrliches Gesichtchen, von einer Krone Lichtstrahlen umflattert, zurückwarf.

Von diesem Momente an begann sich Emilia in der Einsamkeit des Landlebens wirklich zu langweilen . . . . Wenn sie morgens mit dem langwierigen Prachtbau ihrer Locken zu Ende kam, genugsam Kleider probiert und verworfen hatte und sich endlich zu einem entschloss, das für jeden Spaziergang untauglich war, sass sie schläfrig und verdrossen auf der Terrasse, las und stickte, presste mit Charlot Blumen, ordnete Schmetterlinge und reinigte dann stundenlang ihre kleinen, weissen Hände . . . .

Sie wurde wieder launisch, aufgeregt, verbittert, begann plötzlich mit Almas Frank, dem jungen, stillen Hofmeister Charlots, ein unüberlegtes Augenmanöver, – lag nachts schlaflos mit brennendem Kopfe in dem Bette, dachte an das strahlende Leben, das irgendwo ferne von ihr brandete und schäumte, – und an etwas geheimnisvoll Banges, das sich schwül und dunkel wie eine Gewitterwolke auf ihre Glieder niedersenkte.

In ihren Augen flackerte ein kleiner, unruhiger Punkt, der über alle Dinge hinausschoss, einem fremden und unbekannten Ziele zu.

Sie zeigte plötzlich eine ganz besondere Vorliebe für Bergtouren und Jagden, stieg frühmorgens mit ihrem Vater und den Forstknechten in wild entlegene Schluchten – und kehrte abends matt, – mit erloschenen Blicken wieder heim. Starr und fragend blickte sie ihre Mutter an, – lächelte, – während ein zuckender Schmerz ihr Herz durchfuhr, fasste Charlots Arm und zog ihn mit in den Park, auf den Myriaden Sterne niederfunkelten. Lange, lange konnte sie so sitzen, – den Kopf des schlummernden Knaben in den Schoss gebettet, während Almas Frank vor ihr stand und ihr die Himmelsbilder erklärte . . . .

Seine Stimme klang jung und enthusiastisch durch die stille Nacht, und sie betrachtete ihn unverwandt mit grausamen Blicken . . . . .

Bloss einmal sprachen sie von anderem . . . Emilia hatte ihren Kopf so nahe zu den seinen gebeugt, dass der Hauch seines Mundes ihre blonden Schläfenlöckchen in Bewegung setzte . . . . Sie fühlte den unwiderstehlichen Wunsch, von ihm berührt zu werden, von seinen Händen gefasst, von seinen Lippen geküsst zu werden, – sie hörte längst nicht mehr, wovon er sprach, die Sehnsucht nach körperlicher Vereinigung flog in kleinen, glühenden Schauern durch ihr Blut.

Die roten Pantoffeln lösten sich vorsichtig von den kleinen Füssen, in schwarzen, durchbrochenen Strümpfen leuchteten sie auf dem Gartenkies.

Almas Frank docierte weiter, seine Stimme nahm immer mehr getragene Färbung an.

»Schweigen Sie, schweigen Sie,« – sagte sie ungeduldig im Tone eines schmollenden Kindes, »können Sie nichts Schöneres sagen?« . . . .

»Aber Sie verlangten doch,« murmelte er bestürzt . . . .

»Aber jetzt nicht mehr . . . . .

Hören Sie, Almas, – grollen Sie nie mit ihrem Schicksal, mit der Welt? –

Eigentlich geht es Ihnen doch recht schlecht?

Nicht wahr?« . . . .

Sie stützte das Gesicht in beide Hände . . . .

»Dafür habe ich mir einige Verse zurechtgelegt,« antwortete er errötend, – »darf ich?« –

Ihr Gesicht nahm einen geringschätzigen Ausdruck an . . . »Nun«? . . . .


»Herz, mein Herz, willst missmutig sein,
Willst neiden? –
Lass den Menschen ihre Freuden,
Sind ja immer schwer erkauft . . . .
Schwing dich durch ein reines Wollen,
Ueber diesen irren, tollen,
Ungestümen Lebenstraum« . . . .


Mit einer heftigen Bewegung war sie in ihre Pantoffeln geschlüpft . . . .

»Schwärmer,« sagte sie mit unbeschreiblicher Ironie, – nickte – und ging ins Haus . . . .

. . . . Eines Tages sagte ihr Vater: »St. Gilles ist weggefahren. In Martigny veranstalten sie eine Wildhetze. Er empfiehlt sich euch« . . . .

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Dem Wunsche ihrer Mutter, zur Aufmunterung ihrer Stimmung ein Seebad zu besuchen, setzte Emilia hartnäckigen und heftigen Widerstand entgegen . . . . Nein, lieber wolle sie noch die Trostlosigkeit ihres jetzigen Lebens hinnehmen, als wieder unter diesen aufgeputzten Puppen zu wandeln und mit ihnen Komödie zu spielen, wo sie nichts mehr empfand. Ueberhaupt graue ihr längst vor allem, was hinter ihr liege . . .

Stundenlang machte sie abenteuerliche Pläne für die Zukunft, sprach vom Ausland, von russischen und Schweizer-Universitäten, von Beruf und vom Ernste des Lebens, liess sich massenhaft Frauenzeitungen, Bücher und Prospekte senden, – las sie in einem Zuge durch, verfocht begeistert ihre Theorien, verwarf sie später wieder als eng und unzulänglich – und gab sich sofort ebenso leidenschaftlich dem Versuche einer mühsamen Frisur hin, deren Misslingen sie zu Nervenkrisen reizte . . . .

Dann wurde sie wieder still und schwermütig, legte ein Tagebuch an und schrieb die folgenden, merkwürdigen Sätze hinein, die freilich auch das einzige blieben, was es enthielt.

». . . Was ich jetzt beginne und begehre, ist nur ein grosser Sarg für den toten Teil in meinem Leben . . . . Ich begrabe in ihm »das Besondere«, das die Augen ewig geschlossen hält, das ich nie erkannte . . . . . Was es wirklich ist, weiss ich nicht. Als dummes, kleines Mädchen nannte ich es so, und damals war es mein Traum vom Schönsten und Herrlichsten . . . .

Manchmal, wenn ich ganz still bin und alle, alle Stimmen schweigen, – dann glaube ich, es liegt im Kleinsein, im Demütigsein, – im Versinken . . . .

Einmal nichts denken, nichts wollen, nichts verstehen, einmal diese kleine, nagende Stimme zur Ruhe bringen, die wie eine Aufsichtsdame hinter meinen Instinkten hergeht, einmal nur die Arme ausbreiten und mich zu irgend etwas niederstürzen, ohne Absicht, ohne Vorsicht, – dann möcht ich das Leben hinwerfen und sagen: – Es ist genug. – – –

Nein, dem »Besonderen« darf man nicht entgegengehen . . . . Es ist da, wenn die Seele schamvoll versinkt und die betrügerischen Sinne schweigen; dann steigt aus ihrem Boden etwas Neues, Unbekanntes empor, ein weisser, verschlossener Kelch, der seine Blütendeckel öffnet und dem Dunkel der Nacht zitternd entgegen harrt. Ach, willenlos sein! – Irgend wem angehören in Untertänigkeit. . . . .

Ich habe alle Dinge zergliedert. An meinem Herzen klebt nur ihr Blütenstaub, – wie er Charlot an den Händen bleibt, wenn er Schmetterlinge fängt . . . . Was er kriechen lässt, ist ein freudloses, entwürdigtes Tier . . . . Oder wir stecken eine Nadel durch, kleben eine Vignette dazu . . . . Mein ganzes Leben, mag es jetzt noch so prahlerisch erklingen, wird nur die Leichenfanfare meines totgeborenen Glückes sein.« . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Nach diesen heftigen, seelischen Revolten wurde Emilia ruhig; die sprunghaften Wünsche und selbstquälerischen Launen schwanden, eine neue, wehmütige Befangenheit legte sich über ihr Wesen.

Nur vereinzelt kreuzten sich hin und wieder phantastische Gedanken in ihrem Kopfe. Einmal wollte sie ins Kloster gehen, dann wieder in Chamounix eine Schule für Bauernkinder leiten – und jedesmal, wenn sie ihrer Mutter in die bangen Augen sah, fiel sie ihr mit einem Rest des alten Ungestüms um den Hals und sagte lachend: »Liebste, du hast doch mein Wort . . . . Der dekorierte Geldsack bleibt schon mein letztes Loos« – –

Sie verlangte endlich nach einer ernsthaften und ausreichenden Beschäftigung, und da der Sommer noch endlos lange vor ihr lag, – liess sie sich von Almas Frank – zugleich mit Charlot – im Griechischen unterrichten . . . .

Seit ich die letzte Wandlung in ihrem Inneren vollzogen hatte, gab sie das kokette und verwegene Spiel mit dem jungen Manne auf; sie wurde sogar weich und bewegt, wenn sie in seinen umränderten Augen, in seinem bleichen Gesichte die Spur durchwachter Nächte fand, und in ihren sonst so spöttischen Ton mischte sich ein milder Klang von Verstehen. . . . .

Einmal fuhr sie nachts durch irgend etwas geweckt aus dem Schlafe auf, sie trat zum Fenster und sah Almas an einem Baume lehnen, das Gesicht unverwandt zu ihrem Zimmer emporgewandt. . . . . Sie errötete heftig und zog sich zurück . . . .

Doch ein wonniges Gefühl breitete sich schmeichelnd wie eine Liebkosung über ihren Körper aus . . . .

In dieser sonderbaren Betäubung lag sie lange mit schlaflosen Augen . . . .

Tags darauf, als sie über die Felder gingen, rief sie den jungen Mann gebieterisch zu sich.

»Frank,« sagte sie – »unterlassen Sie – diese Thorheiten, – ich will nicht, dass irgend jemand« . . . .

»Glossen darüber macht,« vollendete er und sah zu Boden . . . .

»Ja – und dann, hauptsächlich Ihretwillen, Frank« . . . .

»Ich liebe Sie,« antwortete er einfach.

Sie blieb stehen . . . . »Das sollen Sie nicht,« sagte sie heftig mit einem missglückten Versuch, hochmütig auszusehen . . . .

Ein Beben glitt über sein Gesicht . . . .

»Verbieten Sie doch der Blume zu blühen« . . .

Seine Stimme erfüllte sie wieder mit heimlichem Lustgefühl, das sich im Taumel durch ihre Glieder ergoss . . . .

Ihre Worte, ihre Bewegungen wurden unsicher, abhängig . . . . .

»Was soll daraus werden,« murmelte sie mit klagender Stimme . . . .

»Das weiss ich nicht, ich frage auch nicht danach . . . . Verzeihen Sie, ich will nie mehr« . . .

Ehe er noch ausgesprochen hatte, zuckte sie mit den Achseln, sah kalt über ihn hinweg und entfernte sich . . . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Um diese Zeit kehrte Bernard St. Gilles in sein Schloss zurück und stattete den Nachbarn in Chamounix kurz darauf eine Visite ab. . . .

Mit feierlicher Erregung nahm ihn Emilia auf . . . . Die gewisse, kühle Ueberlegenheit, die sie sich im Verkehre mit Männern angeeignet hatte, ging ihr St. Gilles gegenüber fast völlig verloren . . . .

Sie befand sich einerseits in jener ungünstigen Gemütsstimmung, in der man geneigt ist, jeden Zufall als bedeutungsvoll und als Schickung anzusehen, anderseits brach sich ihr schillerndes Wesen an des Herzogs festgefügter, keines Zwiespalts mehr fähiger Lebensform. Er war ein höflicher und vornehmer Weltmann, von sympathischem, wenn auch etwas verlebtem Aeusseren, besass den Geist und die Grazie, die allen Parisern der höheren Gesellschaft eigen ist, nicht ohne eine gewisse Mischung von selbständiger Beobachtung und gutmütiger Naivität . . . . So repräsentierte er mit seinem alten Namen, seiner glänzenden Stellung und seinem enormen und klug verwalteten Vermögen, den Typus des vollendeten Grand Seigneur. St, Gilles machte kein Hehl daraus, dass ihm Emilia gefiel und ihn anzog; er stattete regelmässige Visite ab, brachte ihr neue Bücher und Musikalien, ritt ihr ein Pferd zu und liess sich sogar herab, ihr hin und wieder die Regeln der griechischen Grammatik zu erläutern. . . . . Oder er lud die Damen in den wunderbaren Schlosspark von St. Gilles, erzählte von Paris, von dem Leben der grossen Welt, von rauschenden Festen und intimen Soireen, wobei er zu Frau Sousains staunendem Schrecken die höchsten Namen mit einfacher Vertraulichkeit erwähnte. Zum Schluse verfiel er gewöhnlich in sein Lieblingsthema, – über die Züchtung von Luxushunden, welche er auf seinem Gute im grossen Stile betrieb. –

Die ersten, schüchternen Versuche ihrer berechnenden Verführung verloren sich bei der Gelassenheit seines Benehmens fast gänzlich; entweder achtete St. Gilles überhaupt nicht darauf, – oder er ging mit lächelnder Nachsicht über die Capricen der kleinen Dame hinweg. Emilia war viel zu klug und gewandt, um hier die Erfolglosigkeit ihrer gewohnten Angriffsweise nicht wahrzunehmen; sie hob sie allsogleich auf und bewegte sich dank ihrer vorzüglichen Anpassungskraft sehr rasch in seinem Sinne, mit einfacher Sorglosigkeit wie eine Gleichberechtigte, die über alle Halbheiten der kleinen Stadt hinausgekommen war.

Er wurde langsam das Vorbild, nach dem sie ihr ruheloses Temperament jetzt zuschnitt.

Seine geordneten Begriffe, seine bestimmten, wenn auch etwas exklusiven Ansichten brachten langsam die verstörten Sinne zur Ruhe, seiner kühlen, gleichbleibenden Bestimmtheit ordneten sich rasch ihre ungefügen Willensregungen unter, umsomehr, da ihr St. Gilles keine Wahl und keinen Standpunkt freigab. Er liess sich nicht auf Präliminarien ein und unterwarf, oder er ging mit bestimmter Artigkeit über Meinungsverschiedenheiten hinweg. Doch was für sie nach den überstandenen, seelischen Krisen ein beruhigendes und ablenkendes Spiel war, dem sie sich mit naivem Selbstgefallen hingab, das bedeutete ihm die Wirklichkeit, – das Leben . . . Emilia sättigte im Stillen und Geheimen den Hunger ihrer Seele mit hochfliegenden Phantasien, lockenden Zukunftsträumen, denen sie jetzt ein reales Bild unterschob: St. Gilles; ehe sie sich's versah, umflatterten ihn ihre heissen, begehrlichen Wünsche und aus dem hageren, höflichen Pariser schuf sie sich den Mann, dem sie nun die Sehnsucht ihres Lebens jubelnd entgegentrug.

Und diesen schweren Irrtum beging Emilia, – die unerbittliche Richterin des Lebens, welche mit fast grausamer Freude die Fratze der Wirklichkeit erträumten Idealen gegenüberstellte, aus Ermüdung, aus einer Art Erschlaffung des Intellekts, der sich endlich verwundet und hilflos hinter kleineren Instinkten zurückzog . . . .

Ehe sie dem Herzog gegenübergetreten war, hatte sie sich besiegt – mit dem Leben ausgesöhnt. Frisch und neu in gedemütigtem Verlangen, stürmisch wie alle Neugeworbenen griff sie jetzt nach seinen Illusionen, nach seinem verräterischen Scheinglück, nach all' der goldenen Romantik, die der ersten Jugend gehören und die nur sie leichtsinnig und schmerzlos zu überwinden versteht.

Gierig nahm ihre Seele Surrogate auf. Eitelkeit, Glanz, Reichtum und Pracht vermählten sich lodernd ihrem heimlichen Erträumen; dazu kam, dass ihr der Typus des gesättigten Lebemannes, wie ihn in so hohem Grade nur die Grossstadt erzeugt, thatsächlich eine unbekannte Erscheinung war, und hinter des Herzogs erschlafften Wesen zauberte sie ein reiches, glühendes Temperament, das nur der kleinen Hand gewartet hatte, unter deren Berührung es lebenstoll hervorsprudelte. Auf tausend Schleichwegen suchte sie in das geträumte Mysterium seiner Seele einzudringen, sie sprach sich heiss über die Qual der Sehnsucht, sie verschwendete ihr Mitleid in den zartesten Formen, und wenn er sie, halb belustigt, halb gerührt, mit seinen müden, hochgezogenen Augen anstarrte, – erfasste sie ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Triumph. . . . .

»Einsam war er wie ich,« jubelte es in ihr auf. . . . . Alles war hinter ihr versunken, mit seiner Liebe öffneten sich die Thore einer neuen königlichen Welt und ihr schien, als läge alles, was sie jemals erhofft und geträumt hatte, auf dem schimmernden Wege, der sich hier erschloss.

Jede gekünstelte Berechnung war erlahmt; sie ergab sich willig dem geheimnisvollen Walten ihres Schicksals.

Das ist es ja, dachte sie entzückt, – so musste es kommen . . . . Emporgehoben werden, ihm mehr sein als alle anderen. Aus seinen Händen Leben, Grösse empfangen und dabei nur seine Geliebte bleiben, seine thörichte, kleine Geliebte, die er aus der Menge erhob, aus dem Nichts . . . .

Eines Abends kehrte Emilia atemlos und erregt von ihrem Spaziergange zurück . . . . Sie trat in das Zimmer ihrer Mutter, die eben beschäftigt war, einen Strauss Rosen zu binden »Liebste,« sagte sie jubelnd und machte eine kleine Wendung mit dem Kopfe . . . . »da, – sieh mich 'mal sehr genau an, – weisst du, – wer jetzt vor dir steht?« –

»Närrchen.«

»Nein, bitte, bitte, sag es« . . . .

»Also, – meine dumme Emilia« . . . .

Emilia faltete die weiten, seidenen Röcke auseinander, knickste und sagte feierlich:

– – »Emilia, Valerie, Denise, Herzogin von St. Gilles« . . . .

Frau Sousain stand einige Sekunden sprachlos, dann breitete sie die Arme aus und jubelnd und lachend fiel ihr Emilia um den Hals . . . .

»Siehst du, Mama, – das Warten auf – ihn, – war das Allerschönste« . . . .

»Sei glücklich, mein Kind, sei sehr, sehr glücklich« . . . .

»Mamachen, – und wie sie mich alle beneiden werden, – diese Glückwünsche, diese Blicke, brrr, – – – – Etterbeck und alle andern, – denk nur« . . . .

Erregt plaudernd zog sie ihre Mutter von Zimmer zu Zimmer, lief dann in den Park, suchte Charlot, hob ihn in die Höhe und jagte wie ein Kreisel mit ihm herum . . . .

Als sie Almas Frank erblickte, trat sie auf ihn zu, reichte ihm freundlich die Hand und sagte: »Wissen Sie schon, dass ich mich mit dem Herzoge verlobt habe? « – Er antwortete nichts. Mitten in ihrem Glückstaumel überfiel sie plötzlich ein grausam lüsternes Gefühl, sie blickte neugierig in sein erblasstes Gesicht, hielt die eiskalten Finger fest in ihrer kleinen, warmen Hand, trat näher an ihn heran und frug leise und gespannt: . . . . »Nun, und wo bleibt Ihr Glückwunsch?« – Er hob langsam die Augen zu ihr empor, ihr Blick kreuzte einen Moment funkelnd den seinen, – sie errötete und sagte verwirrt: . . . »Ich weiss, Sie wünschen mir das Beste, lieber Frank, nicht wahr?« – und ging eilig weiter . . . Aber hinter einem Busch blieb sie aufatmend stehen und sammelte sich, ehe sie mit gemessenen Schritten zu ihrem Verlobten trat. – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Nun kam eine Reihe von Tagen, die, nachdem der erste Taumel des Glückes vorüber war, fast spurlos an Emilias Inneren vorüberglitten. . . .

Ihr äusseres Verhältnis zu St. Gilles hatte sich dabei kaum geändert, er blieb der stets reservierte Weltmann, der die Dinge leidenschaftslos an sich herantreten liess und sich im übrigen an Emilias sonniger Frische und anmutiger Unterwerfung erwärmte . . . .

Allein je bestimmter und formvoller sich ihr Verhältnis gestaltete, das der Herzog noch unter vier Augen in einem gemässigt freundschaftlichen Tone fortführte, um so ungeduldiger und erregter wurde Emilia, um so banger sehnte sie sich nach einer Scene, nach einem Ausbruche, nach irgend einem grossen Erlebnis, das die erwartungsvolle Spannung in ihrem Herzen zerbrechen sollte. Manchmal war ihr, als griffen des Herzogs Hände in die Flügel ihrer Phantasie, – hielten sie fest und sie musste nun neben ihm hinkriechen langsam, schrittweise, gebändigt. . . . .

Das angezwungen Kühle und Damenmässige wurde ihr langsam zur Qual; sie begann es abzustreifen, – Unruhe blitzte in mannigfaltiger Färbung durch ihr Gespräch, sie sprang abends, wenn die Unterhaltung eine allgemeine wurde, ungestüm auf, – klagte über die dumpfe Luft, – zog ihren Bräutigam schmeichelnd in dunkle Parkgänge, legte ihren Kopf an seine Schultern und starrte ihn mit ihren leuchtenden Augen an, bis er sie lächelnd umfing, einige scherzende Liebesworte in ihr Ohr flüsterte und sie zum Schlusse »Die Schäferin aus Arkadien« hiess.

– – Oder sie erzählte ihm von ihren Fehlern und Vorzügen in hastiger, abgerissener Form, kramte eine Fülle von Träumen, Bildern und halberfundenen Vorstellungen ihres Wesens vor ihm aus, drängte ihn zu Erwiderungen, zu Bekennt­nissen aus seinem Gefühlsleben, verlangte halb scherzhaft, halb ernsthaft eine »Beichte«, und St. Gilles, in die Enge getrieben von dieser nervösen Hartnäckigkeit, die er für eine kleine, natürliche Hysterie hielt, entschädigte sie für ihre Vertraulichkeit, indem er ihr den Stammbaum und die Geschichte seiner Familie erzählte, für die er, wie alle vornehmen Franzosen, eine unbegrenzte Verehrung hegte . . . .

Dann sass sie neben ihm, mit einer feinen seidenen Stickerei beschäftigt, den Kopf geduckt, die Finger in unruhiger Bewegung und ihre Gedanken bäumten sich in unbezähmtem Trotze auf . . . . Etwas thun, was ihn empörte, was sein Blut in Wallung brachte, was die Ruhe um sie beide zerstörte . . . . Was? – Abenteuerliche Pläne schossen wie Blitze durch ihren Kopf, – doch seine Stimme tönte im halblauten Gleichklang darüber hinweg, er unterbrach, frug etwas, – sie antwortete, – und ihre ganze Revolution wich einer ohnmächtigen Unterwerfung. . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Einmal im Walde, sie lag in einer Hängematte, und der Herzog las kleine Gedichte von Musset vor, sah sie plötzlich Almas Frank mit Charlot vorüberkommen . . . . Der Knabe blieb stehen, rief ihr etwas zu, Frank hob den Hut und blickte starr den Weg hinunter. Emilia sah ihn hell und herausfordernd an, er winkte dem Knaben und ging weiter . . . . Sie liess ihre Arbeit sinken, ein mattes, schläfriges Gefühl kroch durch ihren Körper, der glänzende Punkt in ihren Augen flackerte auf, wurde gross und grösser und erfüllte ihre Augen wie loderndes Feuer. Ein Lächeln spielte um ihren Mund, das das feine, weisse Gesicht fast entstellte . . . .

– Wie, – wenn sie jetzt aufspränge, hinliefe und sich an Franks Hals werfen würde, sinnlos, trotzig, wild, – sie schloss sekundenlang die Augen, – und das Gefühl der Mattigkeit wurde fast zum körperlichen Schmerze, – und versinken, versinken, an seiner Brust, – voll seligen Vergessens . . . .

Der singende Rhythmus der Verse drang durch das Brausen des Blutes an ihr Ohr . . . . Ein Frösteln zog durch ihren Körper, sie erwachte . . . St. Gilles machte eine Pause, blätterte um und las weiter . . . . In der Sonne funkelte die kleine Krone, die er stets in der Kravatte trug.

Er zog ein rotes Foulardtuch aus der Tasche, fuhr sich über die Stirne und mit dem starken Dufte von Fichten und Harz mengte sich ein fremder, bezaubernder. Sein Gesicht war ein klein wenig gerötet und eine energische Falte bildete sich beim Lesen zwischen den Augenbrauen. Emilia sah ihn starr an, er fühlte ihren heftigen Blick, sah auf, lächelte, streichelte begütigend die kleine Hand, die sie ihm sehnsüchtig entgegenstreckte und las weiter.

›Nein, es wird doch nicht immer – so bleiben, dachte sie angstvoll, – das würde, – das könnte ich nicht aushalten, ich sehne mich entsetzlich . . .‹ Und ihre hungernde Phantasie begann zu hämmern, zu glühen, – sie sah den Herzog sich emporrichten, wild und herrisch, – seine Augen blitzten, – er hob drohend den Arm, – schlug, – einen zu Boden, – der mit wehem Schmerzlaut niedersank. Dann fühlte sie sich emporgezerrt, emporgeschleudert, – ein harter Druck, ein Aufschrei, – ihre Hände krampften sich um seinen Körper, – – ihre – – – – –

Da klappte St. Gilles das Buch zusammen, strich mit zwei Fingern über den Einband hin und sagte: »Reizend, nicht wahr? . . .

Musset ist der Dichter des Adels. Ich möchte dir seine Lektüre empfehlen. Er stösst nirgends an, gleitet überall hindurch – und sagt doch alles« . . . . .

Wenige Tage darauf hörte Emilia beim Nachtessen, dass man von Franks Abreise sprach . . . .

Sie richtete langsam ihren Blick auf ihn . . . . Er wich aus und sprach mit Charlot weiter. Seine rechte Hand zitterte und spielte nervös mit den Brotkrumen. »Wer fährt morgen fort?« – frug sie dann ihre Mutter. –

»Frank, seine Studien beginnen, – leider« – antwortete Frau Sousain und nickte dem jungen Manne mütterlich zu . . . . . »Es ist schade, – Charlot hatte den besten Freund an Ihnen gefunden« . . . .

»Ja, – schade« – sagte Emilia mechanisch . . Sie fühlte, wie bei diesen Worten ein heftiges Brennen ihr Herz durchfuhr, sie machte ein hochmütiges Gesicht, neigte sich dann zu St. Gilles, der eine Zeitung las und sagte: »Ich fange an, nervös zu werden . . . . Als du jetzt das Blatt umbogst, bin ich förmlich erschrocken« . . .

»Oh,« sagte er lächelnd. –

»Fahr' fort, Emilia . . . Nach Norderney. – Möchtest du nicht?« . . . .

»Vielleicht, Mama,« antwortete Emilia zer­streut und stand auf . . . .

Später, als sie St. Gilles zum Thore begleitete, traf sie im Rückwege Almas Frank im Garten.

Er schien auf sie zu warten – und trat ihr entgegen . . . . Sie blieb wie im Vorübergehen stehen und sagte mit befehlender Stimme:

»Warum fahren Sie fort?« –

»Ich muss,« antwortete er tonlos . . . .

»Morgen?«

»Ja . . . . «

»Die Universität beginnt noch nicht« . . . .

»Nein.«

»Also?« Sie machte eine Bewegung, ihre Augen strahlten klar und voll in sein Gesicht . .

»Sie wissen ja,« sagte er sehr leise, – – »ich liebe Sie« . . . .

Sie erbebte und der leuchtende Blick erstarb im Dunkel . . .

»Und,« murmelte sie . . . .

»Weil ich zu sehr darunter leide,« vollendete er mühsam, – »verzeihen Sie, Fräulein, ich weiss, Sie stehen zu hoch für jeden, – für meine Wünsche . . . . Ich wollte nie mehr als Sie sehen, Ihre Nähe fühlen, – hören, wie Sie sprechen, und lachen – aber« er bedeckte sein Gesicht . . .

Sie verlor plötzlich jede Herrschaft über sich, eine eigentümliche Schwäche erfasste sie, sie öffnete die Lippen, doch nur ein erstickter Ton taumelte aus ihrer Kehle . . . . Ohne sich zu besinnen, fasste sie seine Hand, zog sie herunter . . .

Sein blasses, jugendliches Schwärmergesicht war feucht von Thränen . . . .

»Wie thöricht Sie sind . . . . So gehen Sie also . . . . Nur weil Sie leiden? . . . . Thut es Ihnen nicht weher, wenn Sie von mir gehen?« –

Sie packte seine Hand fest mit kleinen, scharfen Nägeln . . . . »Sagen Sie doch, sagen Sie doch« . . . .

»Sie quälen bis zur letzten Sekunde,« sagte er bitter.

»Nein,« erwiderte Emilia, – »das ist nicht wahr, . . . Ich brauche nur etwas anderes, um so zu fühlen wie Sie . . . . Verstehen Sie? – Die laute Welt, Pracht brauche ich, dann könnte ich lieben wie Sie . . . . So denke ich zu viel . . . .

Aber es ist schön, wunderschön« . . . .

Sie standen einander dicht gegenüber, der Glanz in seinen grossgeöffneten Augen warf fast einen Schein auf ihr Gesicht . . .

»Ich weiss ja, – es ist Wahnsinn,« sagte er ausser sich . . . . Ein scharfes Lustgefühl, das trotzdem milde und köstlich durch ihre Glieder sickerte, presste ihre Brust zusammen, dass der Atem mühsam zischend entfloh.

»Wahnsinn,« wiederholte sie unhörbar mit geschlossenen Augen, – »wage!«

Etwas Entsetzliches stieg in ihr auf, lähmende Trunkenheit, brutales Wollen, eine unheimliche Gleichgültigkeit, die sich wie eine Mauer rings aus der schwarzen Erde hob und sie räumlich von allen Dingen trennte . . . . Der Sieg des Lebens, – die feierliche Krönung des entselbsteten Menschen! –

Sie schloss die Augen, sekundenlang . . . . Hätte er sie jetzt genommen, Emilia war willenlos . . . .

Der junge Mann hob enthusiastisch den Arm empor und rief mit seiner helltönenden Stimme: . . . . »Nein, Emilia, – Sie lieben den Herzog nicht« . . . . Da kam sie auch zur Besinnung . . . Sie raffte sich empor, ein grausames Ersticken durchlief ihr tobendes Blut . . . .

»Oh,« sagte sie heiser und abgebrochen, – »ich bin sehr erstaunt, – dass – – gute – Nacht« . . . .

Sie machte eine steife Bewegung mit dem Kopfe und entfernte sich . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Am anderen Morgen reiste Almas Frank ab. Emilia zeigte sich nicht mehr, sie war krank. Der Doktor sagte: »Es ist nichts. Eine leichte Ermüdung, gewissermassen Abspannung der Nerven« – empfahl Zerstreuung, Luftveränderung, vielleicht eine leichte Wasserkur. Frau Sousain sass an ihrem Bette und sprach ihr zu: »Denke doch, wie sie dich in Norderney anstaunen werden. Greta Mellhausen ist dort und Etterbeck und alle . . . Entschliesse dich doch«

»Bald, Mama,« antwortete Emilia mühsam, – »jetzt, jetzt warte noch, – ein bisschen noch, – ich kann noch nicht« . . . .

Sie lag meist stumm da mit geschlossenen Augen. St. Gilles kam zweimal des Tages herüber und brachte jedesmal einen Strauss weisser Rosen mit.

Emilia berührte die feuchten Kelche mit ihren Fingerspitzen . . . .

»Tragt sie weg, – dankt ihm« –

»Nicht denken,« schrie sie manchmal aus ihrem Halbschlummer auf, – »Mama, bitte dich, – lass mich nichts denken« . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

»Aber Sie sind ja gesund,« sagte der Doktor, – »nur ihr Wille ist krank« . . . .

»Ja, – mein Wille ist krank,« wiederholte sie aufmerksam, – »ich weiss es« . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

Einmal kam sie früh morgens auf und gewahrte ihre Mutter, die bleich und überwacht an ihrem Bette sass.

»Liebste,« sagte sie und brach in einen Thränenstrom aus, – »kränk dich nicht so, – ich bin ja gesund, – ich – will – es sein« . . .

Sie drehte ihr Gesicht der Wand zu. – – –

Nun muss ich zu Ende kommen, dachte sie – aufstehen, leben wollen, – denn immer dasselbe denken, kann ich nicht mehr, mein Hirn ist wund davon . . . .

Sie verbarg ihr Gesicht in der Decke, – versuchte krampfhaft, an Norderney zu denken,– an Gretas primitives Leben, – an ihre kargen Jours allmonatlich . . . . .

Und sie, – Emilia wurde Herzogin von St. Gilles . . . Ein Kavalier und Pariser . . . Hochzeitsreise nach Italien, ein Brillantendiadem, – der alte Familienschmuck . . . . Greta besass nur eine vierfache Schnur kleiner, gelber Perlen. . . . . Wie karg . . . .

Und hinter diesen gewaltsam festgehaltenen, willkürlichen Vorstellungen stiegen drohend andere empor, drängten sich, schoben sich vorwärts und fixierten Emilias unruhiges Umherirren mit Zauberkraft in ihrem Kreis . . . .

Der Garten, – ganz leise knirschte der Kies unter ihren Füssen, – sie schlich, – lachend, – im weissen, losen Kleid – zur Laube, – da wartete jemand, – die heissen Wangen an den kühlen Stein gepresst. . . . Da warf sie das Kleid von sich, – das Dunkel wich vor ihr zurück, – jauchzend streckte sie ihm die Arme entgegen . .

Und eine wilde, junge Liebe goss sich wie blutroter Wein über ihren nackten Leib . . . .

Leben, leben –

Leichter Schweiss bedeckte ihr Gesicht.

Sie kauerte sich an der Wand zusammen . . . – Fort war er, niemand wusste wohin, das war ja auch so gleichgültig, – da, – – dort, – – ganz in der Nähe, oder gestorben . . . . . Wenn sie ihn jetzt hören würde, – unten, – vor ihrem Fenster, – was könnte es ihr nützen? . . . . Aber er war ja fort!

Und eine grenzenlose, zornige Verachtung gegen den Mann stieg in ihr auf, der weitergegangenen war, der sie stehen gelassen hatte, mit dem brennenden Erlösungsweh im Herzen.

Narrheit, Narrheit

Der, gerade der, – der – hatte sie nicht begehrt, – nie – – – –

Wilde Scham trieb Blutwellen in ihr verborgenes Gesicht . . . . .

Dann gab es Augenblicke, wo sie den Alpdruck von sich warf und zu prüfen begann . . .

»Bernard wird mich kennen lernen, ganz so, wie ich wirklich bin, dann muss alles gut werden. Alle diese Sehnsucht gilt nur meinen Träumen, meiner Phantasie, das weiss ich ja, – nicht – ihm – – –

Bernard nur wird alles erfüllen.

Ihm werde ich angehören, einzig, vollkommen.

Er wird mich gut machen, still machen, – meiner lieber Liebster« . . . . .

So wurde sie ruhiger, lebhafter, – nahm wieder Anteil an ihrer Umgebung, an neuen Plänen und ein fester, heisser Entschluss wurde die Stütze, an der sich ihr müdes Empfinden wieder emporrankte. . . .

Erst schrieb sie einen langen, zärtlichen Brief an St. Gilles, legte eine Locke bei und küsste das Blatt . . . . »gieb es ihm, Mama, – und sage, – aber nein, das will ich bald selbst« . . . .

Als er ihr das erste Mal entgegentrat, empfing sie ihn zage, mit demütiger Freude, spielte ein wenig die Leidende, liess sich führen, – bedauern und versank ganz in die eigene Hilflosigkeit.

Es wurden eifrig Pläne gemacht, Emilia sollte vorerst in ein Seebad, im Herbste nach Paris, um ihres Bräutigams Verwandte kennen zu lernen, – den Trousseau bestellen, – und im Frühling dann – – – – –

Emilia legte ihrer Mutter die Hand auf den Mund und vollendete mit allerliebster Betonung . . . . »Heiraten« . . . .

Alle lachten und sie klatschte in die Hände . .

Eines Tages kam Emilia dem Herzoge lebhaft erregt entgegen . . . .

»Bernard, eine niedliche Ueberraschung, – sieh« . . . .

Charlot hatte insgeheim im Parke ein reizendes, grünes Epheuversteck angelegt und eine Tafel mit glänzend goldenen Buchstaben darüber gehängt »Emiliens Ruhe« . . . .

Sie zog ihren Bräutigam ungestüm auf den mit Moos bewachsenen Sitz nieder . . .

Da war nun die Entscheidung . . . .

Pochenden Herzens und mit gepresster Stimme begann sie unbefangen:

»Weisst du schon, Liebster, Mama will mich durchaus nach Norderney schicken?« . . . .

»Ich bin's zufrieden,« antwortete St. Gilles, »das bunte Leben wird dich völlig aufmuntern«. .

»Gehst du mit uns?« . . . .

»Nicht gleich, aber ich komme nach« . . . .

Er zog einen kleinen Kalender aus der Tasche.

Eine Pause entstand, plötzlich nahm Emilia den Kalender aus seiner Hand und sagte:

»Bernard, sag', – bist du eifersüchtig?« –

»Ich, – ich war es« – antwortete er ein wenig erstaunt . . . .

»Auf mich?« – Sie sah ihn gespannt an . . .

»Auf dich, – o nein,« sagte er ganz verblüfft . . . .

»Wirst du es auch nie sein?« –

»Auf dich, – auf meine Frau,« entgegnete er nachdenklich, »ich glaube nicht, – vorausgesetzt, dass, – aber wozu alle diese Fragen, Emilia?« – Sie fasste seine Hand . . . »O ja, lass mich fragen Bernard, – es ist gut, – sehr gut sogar, – wenn wir, – das heisst, wenn man – überhaupt, – vor der Ehe, – sich über gewisse Dinge gegenseitig klar wird . . . . Ich z. B. habe mir über die Liebe, – und über – das Zusammenleben ganz bestimmte Vorstellungen gemacht« . . . . . .

»Ei« . . . .

Emilia war schon sehr erregt und ihre Augen flackerten . . . »Ich sehne mich sehr, mit dir darüber zu sprechen . . . . Seit jeher schon Du glaubst nicht, wie viel Unnützes ich deswegen durchkämpfte . . . . Ich weiss nicht, – niemand sagte mir, ob das, was ich immer dachte, – erwartete, – nur blosse Träume waren, Hirngespinste oder – Wahrheit . . . . Ich meine, ob das auch im Leben besteht, – ›das Besondere,‹ – das, wovon die Mädchen, – oder ich – träumte, – ich kann es nicht ausdrücken, – es ist« . . . .

»Nun,« sagte er nach einer Weile überlegend, »ich habe nichts dagegen, mit dir darüber zu sprechen, – obzwar das meiner Meinung nach in die Kompetenz einer vernünftigen Mutter fällt, aber schliesslich bist du ernst und reif genug, um auch, – übrigens,« unterbrach er sich, – »ich möchte vorerst dich um eine Aufklärung bitten, – was heisst denn das, – ›das Besondere‹?«

– – – – Sie errötete . . .

»Das weiss ich eigentlich selbst nicht,« antwortete sie befangen, – »das nannte ich nur so, es ist das Verborgene, – das Schönste, – ist alles, was man nicht kennt, – was noch kommen soll« . . . . Und sie sah auf, blickte ihn voll Hingebung an . . . . »Ich will nicht mehr selbst denken,« sagte sie fast feierlich, – »nur auf dich hören« . . . .

»Ja, ja,« sagte er, – »ich begreife wohl,« – er strich über den Schnurrbart, »aber das scheinen mir, – du verzeihst, liebes Kind, Anschauungen der Provinz zu sein, ich möchte sagen, – Ideale des kleinen Lebens, – die bei uns Mädchen von 15 Jahren abgelegt und abgethan haben . . . . Eine Art, so eine Art – verspäteter Romantik – scheint da über ihre Zeit hinaus in deinem Kopfe zu stecken« . . . .

»Wie meinst du das?« frug sie aufmerksam . .

»›Das Besondere‹ – so nanntest du es doch vorhin? . . . Ich verstehe darunter, in deinem Sinne gedacht – natürlich, – das rastlose Ineinanderaufgehen zweier Menschen, das Abgeschlossene, Einsame einer Idylle, – den Liebestraum – von unbegrenzter Dauer – und – sehr begrenztem Inhalte, nun, das ist wirklich nur Mädchengespinst, im Leben kaum möglich, – auf die Ehe in unseren Kreisen angewandt, einfach lächerlich; für den Mann ist dieser romantische Glaube, wenn er 'mal heiratet, – gänzlich vorüber.« –

»Und – für die Frau?« –

»Mein Gott,« antwortete er überzeugt, »für die Frau höchst wahrscheinlich auch . . . . Das ist, – hm, – eben ihre Sache . . . . Liebes Kind, – sie findet sich ab, sei getrost . . . . Es giebt so viele ernstere Pflichten, – besonders für die Frau in unseren Kreisen . . . . – Ich bin nicht Barbar genug, um zu leugnen, dass – dein Traum seine Reize hat . . . . Gar in einer gewissen Zeit, von 16–20 sagen wir, – es ist sogar Bedürfnis, das Leben gewissermassen mit seinen Idealen einzurichten. Man hat da immer jemand, – den man mit der überschüssigen Poesie seiner Jugend umgiebt, – ein kleines Häuschen am Land, Petroleumlampe, Butterschnitten zum Thee,« – er lächelte, – »du siehst, ich kenne das . . . . Aber wo bleiben diese Bedürfnisse, wenn man in die Ehe eintritt. . . . Die Ehe« . . . .

»Nun?« Sie stützte das bleiche Gesicht in beide Hände

»Die Ehe in unseren Kreisen ist ein, – ich möchte sagen, recht zwangloses und freundschaftliches Verhältnis, – gestützter, formvoller, aber in der Art, wie wir beide es heute schon führen . . . Siehst du, Emilia,« fuhr er lebhaft fort, »das klare, selbstbewusste, unabhängige Wesen, das dich auszeichnet und das mich, – aufrichtig gestanden, – so sehr eingenommen hat, – ist für eine Frau, die in der grossen Gesellschaft zu leben bestimmt ist, geradezu eine Notwendigkeit« . . . .

Er stand auf und stellte sich in den Eingang der Laube . . . . »Es giebt sehr wenige Frauen,« sagte er interessiert, – »die das Bedeutungsvolle» ihrer Stellung so recht erkennen. . . . Auch ich habe mir da ein bestimmtes Ideal zurecht gelegt, – und wäre glücklich, Emilia, – wenn du daran Teil nähmest . . . . Die Frau ist ja die Trägerin unseres Namens, – die augenblickliche Vollendung unseres Geschlechtes, – in ihrer gesellschaftlichen Stellung repräsentiert sich die ganze Bedeutung, verkörpern sich alle Ansprüche der Familie . . . . Noch mehr: sie allein vertritt nach aussen hin die angestammten Rechte des Hauses, – in ihrer Macht ist es gegeben, diese zu wahren, zu erweitern, – auszudehnen über das ganze Land. . . . . Ja, Emilia, was haben schon Frauen für die Privilegien des Adels gewirkt, – wir leben in Frankreich! – Wer weiss, – was sie noch wirken werden« . . . .

»Das also bedeutet – euch – die Frau?« –

»Nein, – nur das Mädchen, das wir heiraten,« entgegnete er fein, – »das Teuerste, das wir besitzen, – unsere Ehre – legen wir in ihre Hand«.

»Das Teuerste,« sagte sie mit klangloser Stimme, – »das glaube ich, – hat vor ihr, – eine andere besessen« . . . .

»Oh,« sagte er auflachend, – »welche Idee! Du hast in deinem Köpfchen die Begriffe verwirrt . . . . ›Das Besondere‹, wie du es mit viel schöner Emphase nennst, deckt sich mit seiner Bezeichnung nicht . . . . Das ist vielmehr die Gewohnheit, das Gemeine, Alltägliche . . . . Das Schäferglück des Spiessbürgers weicht sehr bald einem formlosen Zusammenleben; dann wird aus dem engen, poetischen Heime die karge, beschränkte Wohnung, angefüllt mit Küchendunst und Kinderlärm . . . . Glaube mir, ich sah,« –

Er brach ab . . . . »Das ist die unausbleibliche Konsequenz deines erträumten Glückes, Emilia, die jeder Mann, der Sehnsucht nach dauernder Form in sich trägt, flieht« . . . .

»Und die andere?« frug Emilia und hob die Hand . . . .

»Welche andere? Ach, – du meinst. . . Nun, da geht man vorüber, – – oder auch umgekehrt, – wie sich's eben trifft. . . . Jedenfalls ganz unverbindlich; – übrigens, Liebste, entsprang dieses Examen nicht einer verfrühten und wie ich dich versichern kann, grundlosen Eifersucht? – Es kommt ja die Zeit, wo andere Interessen« . . .

Emilia sass ganz regungslos da und rührte sich nicht. Sie fühlte ihr Herz schwer werden wie Stein, etwas unerträglich Schlaffes, Mutloses quoll daraus hervor und zerteilte sich in ihrem Körper.

Wie eine Spinne, – dachte sie, – sonderbar, wie eine Spinne kriecht es herum . . . .

Sie sah in das Gesicht des Mannes und erschrak. Ganz fremd und nichtssagend blickte es ihr mit hochgezogenen Augenbrauen entgegen, seine Lippen bewegten sich fortwährend, – sagten etwas, ein Wort, einen Satz . . . . Emilia versuchte zu hören, zu erfassen, zu lächeln, – und lachte plötzlich auf, laut und schrill, dass es wie ein klirrendes Zerbrechen durch den kleinen Raum gellte . . . . Sie sah ihn starr an und stammelte, indem sie mit unnatürlicher Kraft ihre letzten Gedanken zusammenhielt . . . .

»Klug, – das war sehr klug . . . Ich lache jetzt über mich . . . . O, das ist eine Komödie gewesen, da, – drin«. –

Sie stand auf und fiel vornüber, dem Herzoge in die Arme, der sie erschrocken auffing . . . .

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –

Als sie die Augen aufschlug, beugte sich ihre Mutter angstvoll über sie . . . .

»Emilia, Kind, – wie ist dir?« . . . .

»Es ist Zeit,« antwortete Emilia mit einem schneidenden Lächeln, – »jetzt musst du mit mir nach Norderney fahren« . . . .



Messias

Sie gingen beide vom Bureau, nach Hause . . .

Es war spät am Nachmittage, sie hatte viel gerechnet und verspürte ein klein wenig Kopfschmerz.

Ueberdies surrte und blies der Februarwind über ihrem Kopfe, zerrte an dem grauen, verbogenen Filzhut, – dass die festgesteckte Nadel immer schmerzend ein Büschel Haare hochriss.

Er ging unbekümmert mit langen, robusten Schritten neben ihr, der Ueberrock war offen und baumelte hin und her. Er trug bereits einen hellen Sommerhut und grelle gelbe Lederhandschuhe.

»Na sehen Sie, Fräulein Marie. So verlief mein schöner Sonntag. Ich war einfach wütend. Aber das nächste Mal packe ich das Ding« . . .

»Packen – oh« –

Sie blieb stehen . . . .

»Aber ja. Diese Sorte muss die Faust spüren. Früher geben sie gar keine Ruhe – die Weiber«.

Sie öffnete ganz die müden, grauen, ein wenig von Fältchen umzogenen Augen und starrte ihn an . . . .

»Uebrigens hol sie der Teufel, – die langweilt mich schon mit ihren Launen« . . . .

Und er schleuderte den Rest der Cigarre von sich. Die Bewegung machte sie unwillkürlich zusammenschrecken.

Er merkte es, wollte entschuldigend etwas sagen, – da sah er ihre Augen, die jetzt betäubt und gefesselt im hilflosen Staunen zu ihm emporschauten; klare, graue Augen, die sonst gleich und gutmütig gläubig lächelten, – fast ein bisschen humoristisch über menschliche Thorheit hinaus. Aber, – da lag ja etwas anderes darin, – etwas Neues, – Seltsames . . . .

Gerade so schauten die kleinen Mädchen drein, wenn man ihnen was ganz Ungeheueres in die Ohren flüsterte . . . .

Und die da, – »die Alte« – die –

Ach was . . . . Plötzlich überfiel ihn eine kleine freche Neugierde . . . . Er neigte den Kopf, so dass seine dunklen, zärtlichen Blicke von unten empor ihr Gesicht streiften und frug langsam und weich: »Hab ich Sie erschreckt, Fräulein Marie­chen? Soll ich nicht, – sagen Sie, – nein?« –

Sie wurde blutrot. Das lange, schmale Gesicht mit den feinen, zierlichen, blutlosen Lippen und dem angefrorenen Zug der Entsagung bog sich zur Seite, sie ging rasch weiter und sagte dabei: »Oh dieser Wind, – man kann gar nicht atmen, – das ist der Frühling« . . . .

»Ja, – der Frühling,« antwortete er mit seltsamer Betonung. Er strich den aufgebürsteten, schwarzen Schnurrbart zurecht, unter dem der volle, grosse Mund fast ein bisschen aufdringlich rot leuchtete und dachte: »Augen macht sie wie ein geprügeltes Kind . . . . Na, ob die auch noch . . . . . . . . »Natürlich,« schloss er leichtfertig, – »Weib bleibt Weib« . . . .

Er blieb stehen: »Wartet die Mutter auf Sie?«

»Ja,« antwortete sie . . . .

»Zum Doktor – was?« – spottete er – »oder am Kanal spazieren gehen . . . . Das ist ein Leben« . . . .

»Ich habe es einmal nicht anders,« antwortete sie mühsam . . . .

»Ach was, – stemmen Sie sich dagegen,« brach er gereizt los . . . . »Haben Sie denn gar keinen Mut? – Gar keinen? – Gehn's halt jetzt nicht nach Hause, – einmal nicht . . .«

Sie schüttelte den Kopf.

Verteufelt, – sie ist doch ganz hübsch, dachte er, – die Figur ist sogar reizend. Wenn sie nur ein bisschen üppiger wäre, . . . der Heiligenschein ist so fad . . . . .

»Sagen Sie – Fräulein Marie,« begann er ein bisschen unsicher, – »wie lange kennen wir zwei uns eigentlich?«

. . . . . »Ich weiss nicht,« stammelte sie, – »im Bureau, – natürlich« . . .

»Na freilich,« sagte er gezwungen lachend und beugte sich zu ihr, – »gerade zwei Jahre . . . Komisch, was?« –

Sie klemmte die Lippen ein und starrte auf seine kräftige Hand, die jetzt nachlässig hin und her schlenkerte und ihren Rock streifte . . . .

»Fräulein Marie, waren Sie schon einmal recht verliebt?« sagte er plötzlich unvermittelt . . .

Sie blieb stehen . . . . Etwas Zuckendes flog über ihr Gesicht, blieb darin haften und machte es hilflos . . . . Sie hob die Hand . . . .

»Nein,« sagte sie mit gepresster Stimme, »noch nie« . . . .

»Noch nie?« – Er blieb stehen . . . .

»Und – haben Sie noch nie geküsst?« frug er lauernd –

»Noch nie,« entgegnete sie wie früher . . . .

Er warf den Kopf zurück . . . . Ein Rausch von Kraft und Glück und Jugend überstürzte sein tastendes Besinnen . . . .!

»Kommen Sie doch da, – kommen Sie,« . . . murmelte er . . . . Plötzlich bog er in eine kleine Gasse ein . . . .

Sie ging willenlos einige Schritte mit, – dann blieb sie an der schmalen, grauen Feuermauer eines Hauses stehen . . . .

. . . . »Ich kann nicht,« murmelte sie . . . . Er schob sich mit dem Ellenbogen an sie heran . .

»Sie haben vorhin Angst gehabt, – nicht wahr? – . . . . Ich thu' nichts . . . . Nur manchmal« . . . . Er pfiff auf . . .

»Reizen darf man mich nicht, – wissen Sie . . Und ihr Weiber könnt das« . . . .

Er ging einen Schritt zurück . . . .

»Aber Sie, – na, – Sie nicht, Sie sind ja« . .

Sie war an der Wand stehen geblieben und löste ihre Blicke nicht von den seinen, die sich tief in alle feinen Linien ihres Gesichtes bohrten . . .

»Auch nur ein Weib, – geben Sie acht, Fräuleinchen« – vollendete er geschmeidig, – in halb scherzendem Ton und atmete tief auf . . . . In ihrem Gesichte entzündete sich ein klares, goldenes Licht . . . .

»Keine Heilige,« – jubelte es in ihr und ihre Sinne, ihre klanglosen, verstummten, tönten auf. Die ganze Schüchternheit, das Unfreie und Gebundene ihres Wesens schien sich auf einmal zu verlieren . . . . Da fasste er die kalte herabhängende Hand . . .

»Gute Nacht« . . . .

»Sie gehen fort?«

»Es ist besser, – wenn, – ich will frische Luft schöpfen,« – sagte er roh . . . .

Sein Blick überflog die lange, schmächtige, geduckte Gestalt des alten Mädchens von dem dünnen, weissen Halsansatze bis zu den zitternden, in grauen, gestrickten Handschuhen steckenden Fingerspitzen . . . .

Er schlug mit dem Stocke in die Luft . . . .

»Na ja, Sie müssen doch ins Joch . . . . Ich nicht, ich . . . . Na gute Nacht,« schloss er kurz und drehte sich um . . . .

Sie bewegte grüssend den Mund und lächelte. Und mit lächelndem Munde schlich sie ihm nach.

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –



In der Stube, die immer ein bisschen nach Nachtöl roch, sass der Andere beim Fenster und wartete auf sie. Er war klein und hager, hatte ein kluges, leidendes Gesicht, braune Schwärmeraugen und die weiche, leise Stimme von einsam lebenden Menschen.

Rückwärts tief im Schatten lag die alte Frau und schlief . . . .

Da trat Marie ein.

»Lange blieben Sie heute aus.« . . .

»Ach Willy – und Sie warten noch.« Sie stand zögernd bei der Thüre . . . . »So finster ist es bei euch; – draussen, – doch, – nein, nein es ist wirklich Nacht geworden, – einstweilen« . .

Sie trat ein und legte Hut und Jacke ab.

»Sie waren spazieren?« –

»Nein. Warum sprechen Sie mit so gedämpfter Stimme?« Sie steckte sich die Nadeln fest in dem dicht geflochtenen Haare, drehte die alte Hausschürze prüfend hin und her, schüttelte den Kopf und legte sie wieder weg.

»Eine Menge Sorgen habe ich mir abgebeutelt . . . Also erst war ich beim Doktor . . . . Er wartet noch.

Da kann ich die Mutter am Land unterbringen. Es geht aus.«

»Und Sie wollen ganz hier bleiben, Marie?«

Sie ging zum Fenster und reichte ihm jetzt die Hand wie zum Grusse. . . . »Ich will auch weg. Aber anders wohin . . . . In die Berge will ich. Natürlich heute mache ich Pläne, heute bin ich froh. Aber das war auch ein sauerer Weg, Willy. Gerade die glückliche Stunde habe ich gefunden, wo man leicht handelt und leicht lebt. Es giebt nicht viel solcher Stunden« . . . .

»Die ganze Kinderzeit ist voll von ihnen« . . .

»Nicht bei allen Menschen, – viele tragen gerade dann ein Schicksal . . . . Aber nein, nein,« unterbrach sie sich heftig – »nichts von trüben Dingen . . . . Dass sich doch der Mensch immer bemitleiden muss« . . . .

»Sie, Marie, thun das gewiss nicht« . . .

»Doch Willy, wir alle . . . . Wir leben so sehr im Detail« . . . .

Sie schloss das Fenster . . . .

»Für Mutter wird es zu kühl« . . . .

»Ich habe mich nach Ihnen gesehnt, Marie,« begann er leise, – »wie ein Licht zündet sich der Gedanke an Sie in meiner Seele an . . . . Alles wird mir klar dadurch« . . . . .

Sie hatte die Hände im Schosse vergraben. Eine Falte schob sich in die hohe, glatte, ein bisschen glänzende Stirne . . . .

»Aber still,« sagte sie. »Sie träumen und schwärmen ja, Freund. Ich bin ein altes Mädchen und Sie machen sich ein Wunder aus mir« . . .

»Sie sind nicht alt, Marie. Ihre Seele ist jung und unberührt. Was sich in Ihnen regt, ist aus eigener Kraft emporgeblüht . . . . Schuldlos wie die Pflanze, die sich nach stummem Naturgesetz entwickeln muss, – so ist Ihre Seele«. . .

»Vegetieren nennt man das auch,« murmelte

sie . . . . .

Er rieb sich nervös die Stirne . . . .

»O, ja, – das Leben schmerzt, – wenn wir uns über das Detail erheben . . . .

Wenn wir hinauf wollen . . . . Wenn wir fliehen wollen mit den zerschnittenen Flügeln . . . O pfui, da sehen die Dinge hässlich aus . . . Aber das ist es ja . . . . Sollen wir es? – Dürfen wir es? – Im Detail steckt unser Glück, – in der nächsten Stunde unser Elend . . . Alles andere ist Betrug . . . .

Was interessiert mich? – Ob mein Schneider pünktlich den Frack besorgt, nicht wahr? Ob mein Nachbar heiratet, – ob ich ins Bad fahren soll mit meinen elenden Bronchien, oder zu Ihnen ins Gebirge fertig. Wenn ich mich frage:

Was bedeutet jede Erscheinung um dich . . . . Was ist der Sinn deines Lebens? Bist du Ursache oder Zweck, – oder beides zugleich? – Welchen Weg muss dein Intellekt nehmen, um sich zu seiner reinsten Vollendung emporzuheben? Da grüble ich eine Stunde, – werde nervös, – warte, bis mich einer holt, jammere dann ihn und Sie und die ganze Welt an – und geh' schliesslich ins Theater. Sind wir denn nicht alle wie jenes kleine Mädchen, das nicht begriff, wie es Menschen geben könne, die morgen nicht Geburtstag feiern? . . . . .

Da steckt der Betrug, . . . . merken Sie? –

Nächsten Monat rücke ich doch in der Rangklasse vor . . . . Auch im Gehalt. Und es giebt Menschen, Marie, die ohne diese Hoffnung leben müssen . . . . Entsetzlich, wie?« – Er machte eine Pause und stand auf. »So zappeln wir in den Schlingen des Augenblicks und der grosse Geist in der Natur lacht höhnisch dazu . . . . Alles könnten wir unterkriegen, – Schmerz, Zweifel, Glück, – alles, – gerade wie wir den alten, lieben Gott untergekriegt haben, nur weil wir auf Seligkeit und Rache des Himmels verzichteten.

Aber was ist dagegen der Frack und die Geliebte und der Wagen und der Herr Nachbar? – Realitäten, – nicht Symbole, – greifbare fassliche Genussartikel, daran klammern sich unsere Sinne mit tierisch Äugenden Rüsseln fest, und wenn der Tod kommt mit seiner ernsten, heiligen Forderung, sind wir so satt, so vollgepumpt von all dem ›Glück‹, – dass wir demütig und schläfrig unter die Erde kriechen . . . . Und freuen uns noch darauf und erzählen uns an kalten Winterabenden, wie sie so schön warm und ruhig ist, die Erde, nach all dem grossen Lärm« . .

Sie trommelte mit den Fingern nervös auf das Fensterglas . . . .

Ein eigentümlich heftiger Widerwille gegen die Art dieses Gespräches stieg plötzlich in ihr auf . . . .

Schon schwebte etwas Frostiges auf ihren Lippen, da besann sie sich, – stand auf und sagte fröhlich: »Kommen Sie, kommen Sie, Freund – und keine Philosophien mehr . . . . Heut' hab' ich so viel addiert . . . . Erbarmen« . . . . .

Wieder fühlte sie die leichte, schwebende Art im Reden und Bewegen wie Spiel und Tanz der Glieder und Gedanken . . . . .

»Mutterl schläft noch,« sagte sie, – »pst« – Dann trat sie zum Schranke und nahm eine feine Näharbeit heraus. »So, jetzt wollen wir recht gemütlich plaudern . . . . Wissens, Freundchen, so recht dumm, – vom Detail« . . . . Sie lachte. Die Petroleumlampe warf einen milden, roten Schein auf die beiden Menschen, die nahe bei einander sassen . . . . Sie stickte, er zündete sich eine Cigarette an. . . . .

»So eine Heimat,« sagte er nach einer Pause, »hab' ich mir immer gewünscht . . . . In meinen schönsten Stunden träumte ich das Weib, wie Sie es sind . . . Nein, nein, sagen Sie nicht wieder, dass ich schwärme . . . . Sehen Sie, es giebt ja für jeden Menschen einen anderen, der ihm alles ist, der ihn ergänzt, der sein anderes Leben lebt, nämlich seine Sehnsucht, – verstehen Sie, das Höherere, Bessere, Vollkommenere in ihm lebt, – wirklich ausführt« . . . . .

»Ja, ja, ich verstehe,« entgegnete sie aufmerksam . . . . .

»Als Kind war ich viel krank und bin viel abseits gestanden und habe alles nur durch Gläser gesehen. Wenn ich die Hand ausgestreckt habe, war eine Scheidewand da, – ich konnte nicht durch . . . . . Immer, immer stand etwas zwischen mir und dem Leben . . . . Da bin ich schlecht und kalt geworden, neidisch, wissen Sie und habe zu nörgeln und zu handeln angefangen mit jeder Freude . . . . . Und habe daran gelitten, dass andere mehr haben, mehr erreichen, mehr genies­sen . . . . Gelauert hab' ich auf jeden Genuss und ihn dann in meinen Gedanken zerpflückt und zergliedert . . . . Kennen Sie das?« –

»Nein« . . . .

»Das ist schön,« sagte er ausbrechend . . . . »Sie haben immer Frieden gehabt . . . . Ich nicht. Was Stillstand heisst, – Ruhe, in einem Erlebnisse, einem Buche, einem Menschen aufgehen, ihm soviel von sich hingeben, dass der Schwerpunkt des eigenen Seins in dem fremden Dinge liegt, das habe ich nie gekannt . . . . Nie, nie, – ausser jetzt . . . . Immer waren meine Augen, hastig, begierig, fiebernd auf das Nächste gerichtet . . . . Immer schien ich etwas zu versäumen. . Einstweilen könntest du das thun, dort sein, das brächte dir mehr Genuss, mehr Glück, mehr Ruhe . . . . Sehen Sie, so war es später, als ich die Gesundheit hatte . . . . . Und Sie haben immer Frieden gehabt?« . . . .

»Immer« . . . .

»Wie ist das gekommen? Jedes Leben hat seine Enttäuschung . . . . Und ein grosses, rechtes Glück haben Sie nie erlebt? . . . . Wie haben Sie sich diese Ruhe geschaffen?« . . . .

»Indem ich meine Pflichten ernst nahm,« entgegnete sie einfach . . . . »Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, keine Müsse zum Vergleichen . . . Meine Tage waren voll Arbeit, meine Nächte voll traumlosen Schlafes. Ja, ich habe wenig geträumt all mein Leben . . . . Es war zu viel Helle und Kälte um mich . . . . . Manchmal hatte ich schwere Sorgen . . . . Jetzt nicht mehr, aber früher, als ich die feste Anstellung nicht hatte . . . Als ich noch in Bureaus arbeitete . . . Aber das ging vorbei, dann kam der Friede von selbst . . . . Immer ging ich mit der klaren Empfindung herum: »Mehr kannst du nicht thun' . . . Das rastlose Aufgebot aller Kräfte macht die Seele rein von allen Wahnvorstellung auf Erden und Himmel . . . .

Und dann – hab' ich die blinde Frau neben mir gehabt« . . . . .

Sie machte eine Pause, steckte die Nadel fest, und dämpfte die Stimme:

»Ja, ja, es klingt vielleicht schlecht, aber glauben Sie mir, daran bin ich stark geworden . . . Ich war schon froh, dass ich sehen kann, im Frühling das Gras und im Sommer die Blumen und alle Tage die Sonne . . . . Freund, das ist viel, das ist genug, glauben Sie mir, da kann man leben« . . .

»O, man kann,« sagte er und fasste ihre Hände . . . Aber sie litt es nicht, dass er sie küsste.

»Nicht, nicht« . . . .

»Marie, ich liebe Sie« . . . .

Sie schüttelte den Kopf . . . . »Man liebt nur die Jugend,« sagte sie leise . . . . Dann hob sie den Kopf und nähte weiter . . . »Das, was sie vorhin gesagt haben, war ein schöner Gedanke,« begann sie nachdenklich, »dass ein anderer unsere Sehnsucht leben kann; das, was als Bestes im Grunde der Seele ruht und, – dass es das höchste Glück ist, – diesen Menschen – zu begegnen« . . . . .

»Was ist Ihre höchste Sehnsucht, Marie?«. .

Sie schwieg . . . . Ein Gedanke blitzte in ihr auf, plötzlich, heiss und lohend, wie ein ferner, ferner Traum, der nichts zurücklässt, – als Schmerz und Bangigkeit . . . . Und der Traum war berührt und der Traum leuchtete und sprach: »Weib sein.« . . . Aus dem Flimmern ihrer Augen löste sich gaukelnd das Bild der vergangenen Stunden los. Sie sah sich in der kleinen, dunklen Hintergasse stehen, an die Wand gepresst von einem starken, rücksichtslosen Arm.

Wie da ihre ganze, stolze Selbständigkeit, ihre Ruhe und ihr Frieden zerrissen wurde von dem Klange dieser werbenden Stimme.

Und doch, und doch, sie wusste, dass hinter allem nur ein Spottgelächter lag, vielleicht eine Spur von Mitleid und guter Laune.

»Meine Sehnsucht,« entgegnete sie langsam und schwer, – »Gut bleiben« . . . .

Seine Augen füllten sich mit Thränen. Sie liess es willenlos geschehen, dass er ihre Hand fasste und an seine Stirne zog.

»Wirklich, Sie sind heilig, Marie« . . . .

Starr blickte sie an ihm vorüber.

Wie ich lüge, wie ich lüge, – dachte sie bitter. – wie meine Lüge in diesen Augen weint. – – –

– – – – – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – –



Erregt und unruhig ging er im Korridor auf und nieder. Aus allen Thüren kamen Menschen, liefen händereibend herum, begrüssten sich, fanden sich zusammen und plauderten . . . . In einer Ecke standen seine Kollegen, rauchten und erzählten sich Witze . . . . Er schaute von der Ferne hin und ein dumpfes Zorngefühl stieg in ihm empor . . . . Er wusste, dass es thöricht war, dass sie jetzt nicht mehr von ihr sprachen, die paar rohen Witze längst vergessen hatten, und trotzdem krampfte sich sein Herz zusammen und die langen, mageren Finger, die den Spitzbart drehten, zitterten heftig . . . . Aber vorhin. . . . . im Bureau. . . . Warum war er da nicht aufgesprungen und hatte ihm die Faust ins Gesicht geschlagen? . . . Warum hatte er ihn sprechen lassen und weitergeschrieben und alle lachen lassen und kaum aufgeblickt? Warum? . . . . Aus Feigheit, – aus Angst? . . . . Oder? . . . . Ja, – aus Verachtung. . . . . Aus Ekel . . . . Ganz einfach, er ist ein Schuft . . . Nicht wert, dass er ihn berührte . . . . Marie war nicht beleidigt . . . . Von diesem Menschen nicht . . . . Er wollte ihr alles erzählen und ausspucken . . . . So . . . . Plötzlich ging er den Korridor hinunter . . . . Da kam ihm jemand entgegen, nahm die Cigarette aus seiner Hand und sagte: . . . . »Erlaube« . . . .

Willy warf die glimmende Cigarette zu Boden und trat mit dem Fusse darauf . . . Er wurde blass und rieb, – während er sprach, mit dem Absatz nervös auf den Steinfliessen fort . . . .

»Sagen Sie, – warum sprechen Sie eigentlich so von ihr? . . . . Warum? . . . . Macht Ihnen das Freude? Schämen Sie sich, wenn es Ihnen Freude macht!« . . . . .

»Per Sie? – Bist du verrückt? – Aber jedenfalls, komm weiter, du blamierst uns ja.« –

Als sie am andern Ende des Ganges anlangten, begann er:

»Also seit wann sind wir denn – per Sie – Willy?« –

»Seit, seit du – wie – – nein« . . . . Plötzlich blieb er stehen, fasste ihn bei den Rockknöpfen und sagte erregt: – »Du, ich will dir was sagen. Es ist gewiss nur Leichtsinn von dir. Ich kenne dich. Du denkst nichts dabei, – ausser. . . ja, gerade wie sie dir erscheint . . . Was sie dir momentan ist . . . . Dir, was kann – sie – dir sein? . . . . Ich will nicht verlangen, dass du sie bis zum Grunde ihrer Seele fasst und ehrst, – aber sprich nicht so von ihr, – in dieser Weise, – wie Ihr von Weibern redet. . . . Die verdient das nicht.«

Der schöne Mann legte gutmütig seine Hand auf die hagere Schulter . . . . »Du bist ein Narr, das ist nichts Neues« . . . .

»Also dann fordere ich es, – verstehst du! Denk darüber, wie du willst. Aber dehn' deinen Leichtsinn nicht auf sie aus . . . . Geh' an ihr vorüber . . . .

Sie würde entsetzlich leiden, wenn sie es ahnte.« . . . . .

Der andere kreuzte achselzuckend die Arme . .

»Der grösste Narr, den ich kenne! Sag mal, was willst du eigentlich von mir? Bin ich ein Seelenmörder? Was bezweckst du mit deinen Predigten?« –

»Zum Gespött lasse ich sie nicht machen,« stiess Willy heftig hervor . . . .

»Du, hör' mal zu . . . . Was dich betrifft, du bist unheilbar . . . . Ein Dichter! – fertig . . . . Aber das Mädel lass doch leben . . . . Das Mädel wär doch froh, wenn einer sie nehmen möchte . . . Schweig, Dichter . . . Ja also, das Mädel wär froh, wenn ich – sie – nehmen möchte . . . . z. B. ich, der Seelenmörder . . . . So mach' doch nur deine zwei Augen auf . . . Wenn ich blos sagen möchte: »Marie, kommen's morgen in die Alhambra mit,« – sie käm' . . . . . . Halt sei still, ich bin noch nicht fertig . . . . Aber ich mag sie nicht, nicht aus Respekt vor dir oder ihr, – Gott bewahre, aber wegen mir, – so was bringt man nicht los, – es ist, – mit einem Wort, es ist mir unbequem – – – Also jetzt geh nach Haus, dichte . . . Und hier sei g'scheit« . . .

»Das ist alles nicht wahr, ich glaube nichts,« sagte Willy, – »du, – du bist« . . . .

»Pst . . . . keine Beleidigung, Freundchen, gieb Acht« . . . .

Plötzlich änderte er seine Haltung und fasste ihn gutmütig unter'm Arm . . . .

»Du Willy, was ich jetzt mach', ist ein Unsinn . . . . . Aber meinethalben. Komm, gehen wir zu ihr hinüber . . . . Mach' die Augen auf und überzeug' dich selbst. Komm« . . . .

– – Sie gingen in die Abteilung der Fräuleins . . . . Marie sass vor ihrem Schreibtische, die Feder hinter dem Ohre, grüne Schutzärmel bis zum Gelenk gezogen und ass eine Semmel . . .

»Guten Morgen, schön' guten Morgen, Marie.«

Sie öffnete starr die Augen und vergass zu danken . . . . Dann errötete sie, legte rasch die angebissene Semmel weg . . . . »Guten Morgen«.

»Wie war's nach dem gestrigen Spaziergang, Fräulein? – haben Sie fest geschlafen?« . . . .

»O, wunderbar.« Ihre Augen leuchteten . . . »Die Veilchen habe ich noch verloren auf der Stiege . . . . Denken Sie, Willy, einen Strauss selbstgepflückter . . . Da musste ich im Finstern.« Plötzlich zog sie hastig die grünen, unförmigen Aermel aus, lächelte und stand auf . . . .

»Na siehst du, wie frisch sie ist! Glauben Sie Marie, der Mensch da behauptet, sie wären weich und müde und hätten eine Seele wie Fensterglas. Und so böse Buben wie ich« . . . Er blickte sie an.

»Ist das wahr, Fräulein? – Bitte, schau sie an. . . . Wenn sie so ein bissel rot ist, sieht sie sogar famos aus« . . . .

»Sie sind zu gut, Willy, viel zu besorgt,« sagte sie freundlich.

»Was? – Ein Narr ist er, das hab ich ihm auch schon gesagt« . . . . .

»Ein Narr, der wie ein Mensch empfindet,« sagte Willy leise und nachdrücklich . . . .

»Hören Sie? – Rettungslos verloren . . . . Ein Dichter, Fräulein« . . . .

Der schöne Mann lachte herzlich auf . . . .

»Uebrigens, – haben Sie heute wieder die gelben Schuhe an. . . . die . . . Ja, richtig . . . Darum bin ich eigentlich hinübergekommen . . . . Also hat sie nicht einen schönen Fuss? . . . . . Hören Sie, Fräulein, der verzweifelte fast, weil ich drüben im Bureau erzählte, – ich kenne bloss zwei Frauenzimmer mit schönen Füssen, – nämlich vollendet schön . . . Sie, – besonders in dem rotkarrierten Strumpf . . . . Haben's den auch an?« . . . . .

Sie errötete heftig.

»Zeigen,« bat er. . . .

»Und die andere?« – frug sie und wippte auf den Boden . . . .

»Die andere?« . . . . Er bückte sich . . . . »Die, – Fräulein Mariechen, – die kümmert Sie gar nichts« . . . .

»Wissen Sie es vielleicht, Willy,« sagte sie gezwungen scherzend, – »Sie sind doch sein Freund« . . . .

»Marie, warum lassen« . . . . .

»Still Dichter, schweig, stör uns nicht,« sagte der andere heftig, »du siehst, es liegt ihr nichts daran. Warum? – Sitzt sie denn im Käfig drinn? Sie ist ein Weib, – für mich ist sie eines. Punktum ich sag' es vor ihr . . . . Entweder das, – oder gar nichts. Eine Maschine« . . . .

»Haben Sie sich gezankt?« frug sie hastig, – »Willy, sind Sie böse mit ihm?« – – – –

»Lassen Sie ihn, – er ist ein Narr . . . Komm, Freundchen, komm . . . . Adieu, Marie . . . . . Heute kann nichts aus unserem Spaziergang werden« . . . . .

Sie blieb stehen . . . . »Aber Sie haben doch.«

»Ja, aber ich bin bestellt,« sagte er lakonisch und berührte ihre Hand. Sie reichte sie ihm mit einem seltsam abwehrenden Blick . . . . Er ging weiter.

. . . . »Sie – haben – Kopfweh, Marie?«

»Ein bisschen,« antwortete sie und setzte sich. »Marie, warum dulden Sie – – –«

»Still, nicht fragen, – nicht fragen,« entgegnete sie hastig, – »bitte gehen Sie jetzt und lassen Sie ihn, – keine Vorwürfe, Willy, lassen Sie ihn« . . . . .

– – – – – – – – – –



Am Abend sass sie in ihrem Zimmer und nähte . . . . Eine sehr feine, leichte, weisse Arbeit und die Augen waren rot und ein wenig geschwollen. Er sass ihr gegenüber, hielt den Hut auf den Knien und sprach nichts . . . .

»Was ist das?« sagte er endlich . . . .

Sie fasste es auf und liess es wallend niederfallen.

»Ein Hemd« . . . . .

»Ein Hemd?« . . . . .

»Ja, für eine Braut, für eine sehr junge Braut. Ich arbeite ihr nämlich die Ausstattung . . . . Ist das nicht hübsch? . . . . . Lauter Herzen« . . . .

»Hören Sie doch auf,« sagte er nervös, – »und ihre Augen?« . . . .

»Und diese Herzen?« . . . . . entgegnete sie lächelnd . . . . .

»Marie – und ihr Herz?« –

Sie nähte weiter . . . . .

»Wie fleissig,« sagte er gequält, – »Stich für Stich.«

Sie hob die Augen und sagte einfach: »Nicht so . . . . Wenn Sie mir etwas sagen wollen oder müssen, – dann ehrlich . . . . Es war immer mein Stolz, dass wir so ehrlich sein können« . . . . Sie atmete schwer und zog die Nadel durch den Battist. . . . »Verstecktes giebt es so viel . . . Ich will aber nicht, dass es Eingang findet zwischen mir und Ihnen« . . . . .

Er presste den Hut in den Händen . . . . »Zwischen mir und Ihnen ist es aus, Marie,« sagte er bebend . . . . Sie legte die Arbeit zusammen und stand auf.

»Gut« . . . . Sie ging durch das Zimmer und machte sich beim Schranke etwas zu schaffen . . . Er verfolgte sie mit den Augen . . . .

Er setzte den Hut auf und ging zu ihr: »Gute Nacht« . . . .

»Gute Nacht,« sagte sie . . . .

»Marie, – Sie können, – Marie, – Sie lassen mich – so gehen?« –

Sie wandte sich zu ihm . . . .

»Freund,« sagte sie leise aber bestimmt, – »ich kann Sie nicht halten« . . . . .

»Nein, Sie können mich nicht halten,« wiederholte er verbissen . . . . »Ich muss Platz machen. Adieu« . . . .

Sie regte sich nicht . . . . Da faltete er die Hände . . . .

»So haben Sie alles vergessen, Marie, alles Schöne, die tausend heiligen Stunden, das Glück, – die Gedanken, – unser ganzes Glück haben Sie vergessen« . . . . Er stampfte auf . . .

. . . . »Was wollen Sie von mir,« sagte sie fest. »Warum diese Worte? – Sagen Sie es doch klar . . . . . Haben Sie nicht den Mut dazu?« – – –

. . . »Weil ich noch nicht daran glaube« . . . .

»Woran? – Dass die Heilige doch nur ein Weib ist? – Dass es nicht Sand und Gestein und Gestrüpp und Dornen genug giebt, der Quelle den Weg zu sperren, wenn sie herausbrechen muss? – Dass sich alles nach der Sonne sehnt? – Dass ich mich auch nach der Sonne sehne? – Dass ich fühle wie ein Mensch fühlt? . . . . Dass ich mich sehne, sehne, dass ich auf meinen Knien betteln möchte, um ein bisschen Liebe« . . . .

Sie sank in den Sessel und vergrub das Gesicht in beiden Händen.

»Wissen Sie denn nicht, dass alles stirbt, wenn das Weib in uns gestorben ist? Wissen Sie denn nicht, dass ich längst gestorben wäre, wenn ich nicht gehofft und gewartet hätte in namenloser Sehnsucht auf – den Mann . . . . .«

Er warf den Hut hin und stiess hervor . . . .

»Der jetzt mit Ihnen spielt?« . . . .

»Der jetzt mit mir spielt, – ja,« vollendete sie schweratmend, – »ja« . . . . .

»Sie sind weniger wie ein Weib, Sie sind ein Kind,« sagte er verbissen . . . .

Sie richtete klar und gross die Augen auf ihn.

»Wahr,« entgegnete sie langsam, – »das ist wahr . . . . Ein Kind. . . . Sie haben Rech . . . Etwas in mir ist Kind geblieben, ein kleines, harmloses, albernes Ding, das lacht, wenn man ihm Schätze raubt und weint, wenn man ihm das Zuckerbrot aus den Fingern nimmt. Und doch ist es das Schönste im menschlichen Leben, wenn man nicht weiss, was man giebt, – nicht weiss, was man erhält, – Wert gegen Wert nicht abzuschätzen versteht . . . . Wenn man sein Bestes begierig hinträgt und ein Lachen, ein spielend Wort, ein bisschen vergoldeten Spott davonträgt. Und es birgt in seines Herzens Herzen . . . . Ich sage Ihnen, jeder Mensch muss seine Zeit haben, wo er verschwendet – sonst bleibt er ewig arm. . . . . Lieber, die Weisheit ist mir jetzt aufgegangen« . . . . .

Sie legte die Hände auf die Kniee und starrte vor sich hin . . . .

Er kam näher . . . . »Sie sind – Sie sind so anders geworden« . . . . murmelte er . . . .

»Ja, ja, ich fühle es auch . . . . Endlich . . . . Und die andere kann weiter leben, arbeiten für die Pflicht und das harte Leben und froh warten, bis der Tod sie holt. Der Tod . . . . Ich habe ihn immer weggezwungen aus meinen Gedanken, ich habe mich so geschämt vor ihm mit meinem armen Dasein« . . . .

»Marie, ich«

»Und Sie haben wirklich geglaubt, ich werde aushalten, werde mir die Augen wund schreiben und die Hände dazu und meine Seele laben an schönen Worten und an dankbaren Blicken? . . .

Lüge, Lüge, Willy

Wissen Sie denn nicht, dass hinter jedem Menschen, den man Frau nennt, etwas anderes sich verbirgt, etwas, das für sich denkt, für sich lebt, für sich will und für sich handelt?« . . . .

Sie legte ihre Hand sanft auf seine Schulter und fuhr leiser fort . . . . »Das ist das Weib . . . Sie sitzt hinter jedem unserer Worte, Lächeln und Geberden und wartet; sie sitzt hinter jedem Wunsche unserer Seele, hinter jedem Schachzuge unseres Verstandes und wartet . . . . Bis sie etwas weckt und aufreisst, bis sie etwas nahen hört, kommen hört, – dann stürzt sie über das Gerümpel von Worten, Lächeln, Geberden, dann stürzt sie über das Lügenspiel des Verstandes, – und stürzt« – – sie schwieg, sah sich um, griff sich nach der Stirne, setzte sich nieder und sagte kalt und bestimmt: »dem Manne in die Arme« . . .

»Ja, ich war immer die Heilige,« fuhr sie dumpf fort, – »die schöne Seele, – das herrliche Mädchen, das wunderbare Herz, – alles, nur kein Weib . . . . Das, was in mir als Bestes lebt, hab' ich verscharren müssen, schmachvoll zudecken mit meinen beiden Händen, das, was sie hundertmal an Dirnen weggeworfen haben in ihren jungen Jahren, – das, was sie zwei, drei Mal in närrischer Liebe vor guten Frauen gestammelt haben, das hab' ich alles da drinn' begraben, verscharren müssen, zudecken mit meinen beiden Händen« . . . Sie hob sie empor . . . »Sind sie nicht blutig?« –

Sie bog sie hin und her . . . . »Müde sind sie, – müde davon« . . . . .

»Marie,« begann er, – »lassen Sie« . . . .

Sie unterbrach ihn . . . .

»Und womit sind – Sie – dann zu mir gekommen? . . . . Dann, – als die Wirklichkeit Ihre Träume entzaubert hat? . . . .

Mit Seele . . . .

Alles was schön und gut und glühend ist am Leben, – das haben Sie dem Leben gelassen und sind zu mir gekommen mit Seele . . . .

Den Frieden brachten Sie mir . . . . Ich hasse den Frieden . . . . Ich will etwas anderes . . . . Einmal, einmal« . . . .

»Ich hätte ja nie gewagt, Sie um Ihre Hand zu bitten,« sagte er betäubt . . . .

Sie mass ihn mit grossen Blicken . . . .

»Will ich denn geheiratet werden? – Ich will« . . . .

Sie stand auf und trat an ihn heran . . . .

»Ich will behandelt werden, – wie er mich behandelt . . . . Roh und verächtlich, einmal lachend, einmal wild, einmal unsäglich gütig und warm . . . Ich will, dass er mich zu sich zieht und wieder wegstösst . . . . Ich will, dass er mit geballter Faust zu mir kommt und geht mit sehnenden, schlaffen Händen . . . .

Ich will, dass er mich stehen lässt auf offener Strasse, mit meiner aufgescheuchten Sehnsucht und achtlos weitergeht . . . . Und dann will ich mich niederlegen mit tausend weissen Träumen.«

Ihre Stimme sank zu einem leisen Flüstern . . .

»Und einen Augenblick will ich, – wo er seine Hände auf meine Stirne legt und sagt: . . . . . »Komm, ich brauche dich jetzt, nur diese Sekunde, aber diese Sekunde, dich – nur dich, – nur dich allein« . . . . .

Er hörte sie nicht mehr . . . . Sie sass zusammengekauert in ihrem Sessel, – murmelte vor sich hin und die Augen schlossen sich halb . . . . Sie lächelte . . . .

. . . . Nach einer Pause sagte er . . . »Sie lieben ihn also?«

Sie wiederholte aufmerksam seine Worte . . . . »Ich weiss nicht,« sagte sie dann . . »Ich weiss nicht, ob das Liebe ist . . . . Liebe ist ein Wort . . . . Es kann auch Erbarmen heissen . . . Erbarmen mit mir« . . . . Sie breitete beide Arme aus . . . .

»Segensreich ist er mir, Willy, – segensreich, . . . . ich lebe! . . . Willy, so viel Zertretenes, Zerstampftes blüht auf unter seinem harten Drucke, unter seinem Lachen, seinem Spiele, so viel, was ihr alle mit den schönen Worten und den schönen Gedanken zugeschüttet habt . . . . Er macht so viel gut in mir« . . . . .

»Und wenn er geht, – für immer geht, und wenn es aus ist, Marie?« –

Sie stand auf . . . . .

»Ich bin kein Bettler, der Almosen einscharrt,« sagte sie stolz. »Wenn er geht, – nun wohl, – dann ist der Traum ausgeträumt – zu Ende« . . .

»Und weiter?« frug er blitzschnell und bang.

»Sie fürchten? . . . . O, fürchten Sie nichts, Willy« . . . . .

Sie legte ihren Arm um seinen Hals . . . .

»Dann wollen wir wieder schweigen . . . . Aber die da drinnen muss sich nicht mehr schämen« . . . .

Sie drückt die freie Hand fest ans Herz: . . .

»Das arme Weib« . . . . .