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Max Jungnickel – Der Frühlingssoldat

Kriegszeilen

Max Jungnickel, Der Frühlingssoldat, Schriftsteller-Genossenschaft, Charlottenburg, 1915


Für meine lustige Soldatenmütze


Du meine liebe, lustige Märchenfeder, nun muß ich Dich verlassen!

Seid zum letzten Male gegrüßt, meine stillen Bücher und auch Du, mein Tintenfaß.

Seht Euch vor, Ihr Himmelschlüssel und Goldkäferlein und Ameisen; meine wilden Soldatenstiefel kommen!

Du, meine trauliche Dachstubenlampe, hast Du einmal etwas von Patronentaschen gehört; von einem Helm, von einem Soldatenmantel; von einem Säbel, einem Gewehr?

Meine neuen Freunde sind.

Grausige Gesellen.

Die können nicht lachen.

Die können nicht tanzen.

Die können nicht jubeln.

O, sind das grausige Gesellen!

Querpfeifentöne und Trommelwirbel und Kommandoworte rasen vor diesen Gesellen her.

Hinterher klappert und feixt und brüllt der Tod.

Auf fahler Mähre sitzt er und kauert er.

Lebewohl, meine liebe, lustige Märchenfeder!

Irgendwoher wird ein schwarzer Bleistift kommen und wird mein Kamerade sein.


* * *


Eine Lerche hat vom Frühlingshimmel selige Melodien geholt und streut sie nun, im Sonnengold, über unsern Exerzierplatz.

»Das Gewehr über!«

Ein Ruck und vierhundert Gewehre krachen an linke Schultern. Und die Lerche, die Sängerin aus dem Hofstaat des lieben Gottes, schwebt und singt und jubelt über uns und über die Gewehre.

Irgendwo steht ein Häuschen und ein Gartenzaun und Blumen; viele Blumen.

Eine Lerche trägt mit ihrem Lied das Häuschen und den Gartenzaun und die Blumen durch verzauberte Märchen. Ob es dieselbe Lerche ist, die überm Exerzierplatz fliegt?

– Ob – es – dieselbe – Lerche – ist? –

»Links um!« – –

– »Abteilung – marsch!« – –

Ob – es – dieselbe – Lerche – ist? – –


* * *


Auf die letzte Seite meines Soldbuches habe ich bei einem traurigen, flackernden Lichte, als schon alle schliefen, ein Wiegenlied geschrieben. Mit Bleistift habe ichs geschrieben. Alle zehn Tage bekomme ich 3 Mark 30 Pfennig. Und jedesmal, wenn ich über die 3,30 Mark quittiere, fängt's leise, ganz liebestill an zu singen:


»Stecke dein Näschen unter die Deck'
Eia – popeia – –
Horche, es raschelt im Fliederbusch
Guckt zum Fenster hinein.
Bläst ums Bettchen dein.
Stecke dein Näschen unter die Deck'.
Eia – popeia.«


Gestern blätterte der Feldwebel in meinem Soldbuch; sah mein kleines, liebes Wiegenlied und wurde wütend. Eine halbe Stunde mußte ich nachexerzieren. Als ich nachexerziert hatte, mußte ich mein Liedchen ausradieren.

Das hat mir so weh, so herzlich weh getan.

Draußen duftet so selig der Fliederbusch.

Irgendwo steht ein stilles Bettchen.

Und ich mußte mein liebes Wiegenlied ausradieren.


* * *


Nun ist alles still geworden.

Durchs offene Fenster kriecht der Schlaf, legt sich auf die blaugewürfelten Betten und drückt die Soldatenaugen fest zu.

Eine, mit großen, blauen Kinderaugen und weichen Händen, hat mir drei Kerzen geschickt, drei kleine, gelbe Kerzen.

Die Stille macht mich so froh.

Ich möchte schreiben und brenne ein Licht an, ein verirrtes Weihnachtslicht.

Aber mein Bleistift ist so faul.

Die Kerze brennt und flackert und schimmert und strahlt wie eine jauchzende Frühlingsseele.

Meine Hände, die am Tage Gewehr und Säbel umkrallt hatten, legen sich auf einmal ganz zärtlich zusammen.

Und nun, irgendwo, über eine Mandoline mit bunten, seidenrauschenden Bändern fällt langes, liebes Blondhaar.

Die Saiten klingen und eine Stimme singt ein Lied, ein zages, süßes Lied von einem Weiher, um den die Sterne glitzernd knieen.

Eine Nachtigall fliegt an's Fenster, nimmt das Lied und trägt es auf ihrem Rücken irgendwohin, irgend–wo–hin.

Die Kerze ist gestorben.

Es ist ganz finster, ganz still.

– – Herr – Feld–webel – –

– – Herr – Feld–webel – –

Nur einmal möcht ich noch nachhause.

Nur einmal, auf zehn Minuten nur.

Und will ein liebes Gesicht ganz zärtlich in meine Hände nehmen und will jubelnd in zwei blaue Augen sehen.

Nur eine – Minute – Herr – Feldwebel.

Auf dem Kasernenstubentische liegt der Mond.

– – Lieber – Herr – Feldwebel!


* * *


»Abteilung Müller mit zwei Schritten Zwischenraum schwärmen! – Marsch!«

39 Gewehre fliegen unter 39 rechte Arme.

Aus zwei Linien wächst blitzschnell eine lange, lange Linie und jagt über den Exerzierplatz hin.

Der Unteroffizier, eine gute, herzige Bauernnatur, brüllt aus seinen braunen, flatternden Schnauzbart: »Stellung!«

Blitzschnell fliegt die Linie auf die Erde, zwischen Staub und Schmutz, zwischen Steine und Gras.

Und wie ich mich hinstürze, lachen mich und kichern mich drei liebe Gänseblümchen an.

Ich reiße das Gewehr nach vorn; ziele und sehe noch, wie die Gänseblümchen vor Lachen das weiße, holde Köpfchen schütteln.

Und ich ziele und lege an auf ein Gehöft, das sich ganz in Maienbüsche verkrochen hat.

»Du hast Dir ja die Haare schneiden lassen?!« kichern die Gänseblümchen.

Und ich ziele und ziele.

»Du hast ja lange Stiefeln an«, lachen die Gänseblümchen.

»Warum singst Du denn nicht?!«

»Warum wirfst Du denn Deinen Hut nicht in die Frühlingsluft?«

Der Unteroffizier kommt pustend herangelaufen und schreit:

»Rü–h–ren! – Rü–h–ren!«

Und nun spreche ich mit den Gänsebltimchen wie mit seligen Boten geflügelter Lüfte.

Und sie erzählen mir von Sonnengold, vom Himmelsregen, vom Vogelhusch, von Sternennächten und von Mückentänzen.

Und ich denke an ein liebes, liebes Herz, das

irgendwo sehnsüchtig auf mich wartet.

»Zum – Sprung –«

Ich breche die Gänseblümchen und stecke sie schnell in meine Patronentasche.

Dann reiße ich das Gewehr aus und renne, renne, renne.

So bin ich noch nie, noch nie gerannt.

Als ich nachhause kam, in die graue Kasernenstube, zog ich die Gänseblümchen aus der Patronentasche.

Aber sie konnten nicht mehr singen, nicht mehr erzählen, nicht mehr lächeln.

Die Patronen, die wilden, wilden Patronen, hatten die lieben Gänseblümchen zerdrückt.

Und eine habe ich so lieb, irgendwo.

Und sie wartet so sehnsüchtig auf mich, irgendwo.

Und der Anblick der toten Blumenköpfchen wird nie verlöschen.

Ich habe ihr die Blumen mit in den Feldpostbrief gesteckt.

Es liegt unter meinem Kopfkissen ein kleiner Blumenkranz.

Unter meinem Kopfkissen von Stroh lachen Blumen bis in mein Soldatenherz hinein.

Und wenn ich schlafe, flüstert mir der Blumenkranz zärtliche Träume ins Ohr von Einer, die die Blumen für mich brach.


* * *


Sonntag! Sonntag!

Ruft eine Kirchenglocke, selig, als ob der liebe Gott die Engel aus dem Schlafe ruft.

Liegt Sonne auf allen Wegen.

Ich krame mir meine schöne, seidengraue Halsbinde aus dem Tornister, lege sie um und nun weiß ich, daß es Sonntag ist.

Ich setze mich hin, tief in eine Kirchenecke wo die Männer sitzen und die Frauen mit den zersorgten Gesichtern und den zerflickten Kleidern.

Ich höre keine Orgel, keine Predigt.

Ich schlafe, schl–a–fe, sch–l–a–f–e.

Tief, selig, träumend; so tief.

Die schönen Kirchenlieder kommen und die frommen Sprüche und flattern um mich herum und streicheln mich.

Ich sch–l–a–f–e, sch–l–a–f–e, sch–l–a–f–e.

Nur der Segen macht mich wach.

Ich glaube, der ist bis tief in mein Herz gekrochen.

Denn als ich aus der Kirche komme, schimmern die Häuser alle, die vorher grau waren.

Und die Kinder haben alle solche weichen Augen.


* * *


Brennen die Felder flammend rot vom Mohn. Aus der Bauernuhr kriechen die Stunden. Und die Stunden klirren wie Sensendengeln und lachen wie eine rotbäckige Magd und riechen wie Kornähren.

An meinen grauen Königsfrack habe ich mir eine Heckenrose gesteckt.

Die Heckenrose trägt einen goldenen Heiligenschein.

Den hat ein lustiger Pausbackenengel um die Heckenrose geblasen.

Ich setze mich irgend wohin, auf eine Sommerbank.

Ein kleiner, strohblonder Junge, einen Papierhelm auf dem Kopfe, ein Holzgewehr an der Schulter, marschiert ulkig, krummbeinig auf mich zu, steht still und präsentiert mit strahlenden Augen.

Und ich weiß nicht wie mir ist.

Ich bin ja nur ein Soldat, bin nur ein lachender Frühlingssoldat.

Und ein Junge, ein lieber Junge mit einem Holzgewehr steht vor mir und präsentiert.

Ich habe ihm aus Dankbarkeit das kleine Märchen geschrieben:

Es war einmal ein ganz kleines Abendgebet. Das wohnte am Tage oben beim lieben Gott, im großen Bilderbuche, das er für die Engel gemalt hat.

Wenn die Sterne kamen, nahm der liebe Gott das kleine Abendgebet aus dem Bilderbuche und ließ es noch ein bischen, wie einen Schmetterling, auf seinem rechten Zeigefinger tanzen. Dann flatterte es hinunter, auf die Erde, in ein Kinderbett.

Wenn die Wanduhr zur Lampe sagte:

»– Na – ja – nu –- ists – heite – schon – um – achte – – «,

da faltete das Abendgebet ganz sanft zwei kleine Hände, machte zwei kleine Augen fromm und sagte zärtlich:

»Lieber Gott,
mach mich fromm,
daß ich in den Himmel komm.«

Und dann fielen die beiden kleinen Augen zu und das Abendgebet legte sich selig an eine kleine Brust und schlief auch ein.

Der Frühling kam.

Das Abendgebet ging am Tage nicht mehr zum lieben Gott.

Es tanzte mit den Mücken im Sonnenlichte herum, es scherzte mit den Veilchen, es flog mit Kinderringelreihenstrophen auf den Wiesen umher.

Die Wanduhr sagte zur Lampe:

»Heite –- isse – awer – miede –, die – Kleene – um – achte.«

Die Frühlingssterne aber bestellten draußen dem Abendgebet viele Grüße vom lieben Gott.

Und weil das kleine Abendgebet doch den lieben Gott so lange nicht gesehen hatte, ließ es sich von den Frühlingssternen allerlei Himmelsgeschichten erzählen.

Die kleine Lampe, in der Stube, war schon eingeschlafen.

Die Wanduhr schnarrte vor sich hin:

»Wer – den – janzen – Tach – rumspringt, – schläft – jut, – um – neine.«

Das Abendgebet wußte garnicht, daß es schon so spät war und flog leise in das Kinderbett.

Aber wie sah das Kinderbettchen aus!

Das bunte Deckbett war auf den Fußboden gefallen.

Zwei kleine, nackte Beine hingen lustig über den Bettrand.

Braune Locken waren zerwühlt.

Zwei Schlüsselblumen hatten sich drin versteckt.

Zwei kleine Augen waren fest geschlossen.

Und ein Lächeln lag auf dem roten Gesicht; ein glückliches Lächeln, das die Kinder haben, wenn sie hinter Schmetterlingen herlaufen.

Da hat auch das Abendgebet leise gelächelt, und weil es nicht stören wollte, so ist es eben in die Wanduhr gekrochen und hat dort geschlafen, die ganze Frühlingsnacht hindurch.

Die alte Wanduhr stotterte:

»Im – Friehjohr – meents – der – oole – Vater – oom – mit – den – Menschen – jut – Zwelwe. –

Draußen sang eine Nachtigall dazu.

Das Licht ist gestorben.

In der Nacht aber kriechen wieder Träume auf meinen Strohsack und bringen mir den kleinen strohblonden Jungen wieder, dem ich dieses Märchen schrieb, und der vor mir mit einem Holzgewehr präsentierte.


* * *


Mein liebes Gewehr, nun gehen wir beide allein; immer auf – und – ab, – ab – und – auf. –

Immer – auf – und – ab.

Du hast mich ja manchmal so gedrückt und zerschunden.

Aber heute tust Du mir nichts zu leide.

Du liegst auf meiner Schulter und schläfst.

Der Mond guckt uns an und die Sterne fallen lächelnd auf uns herab.

Immer – auf – und – ab –, ab – und – auf – an – der – Kompagnie – kammer – ent – lang.

Wenn ich Dich nur nicht zu wecken brauche, liebes Gewehr!

– – – – Ab – und – – – auf – – –.

Da, an der Kompagniekammer!

Unten, am Kellerfenster raschelts!

Spinnen haben das Fenster versponnen und

der Mond hat sich drin verwickelt.

Drinnen – drinnen – – eine Zauberstabe; eine richtige Zauberstube!

Da liegen ja vom Schießstand die Schützen aus

Pappe.

Eine zerhauene Trommel!

Heime ohne Spitzen.

Schwarze und weiß bekleckerte Töpfe mit Pinsel.

Ein verbogenes Fechtgewehr.

Ein zerrissener Waffenrock.

Ein Notizbuch – wirklich, ein schwarzes Notizbuch, das unser Unteroffizier hat zum Einschreiben der Nachexerzierer.

Dort, auf dem Tische, der sicherlich Rheumatismus hat, kauert ein ganz breiter Tornister wie

ein Frosch, der springen möchte.

Ein abgebrannter Leuchter steht wie ein verspielter grauer König neben einer zerrissenen

Generalstabskarte auf dem Tische.

Eine Maus, ach, eine kleine, graue Maus tanzt um den Leuchter, im Mondenschein

Und dort, weiß Gott, am Riegel der Türe hängt doch eine Locke! Eine liebe, blonde Locke – –.

Ab – und – – auf – – –

Du liebes Gewehr, wenn ich Dich nur nicht zu wecken brauche!

– – Du schläfst ja so schön – –

– – Auf – und – – ab – –.

Wieder – – Am Fenster raschelts doch schon

wieder?!

– – Barmherziger Himmel, wer steht denn da drinnen am Tische? – –

Der Schnurrbart herabbaumelnd, der Waffenrock aufgeknöpft, der Kahlkopf über die Karte gebeugt; das Licht funzelt – –

– – Großer Gott, unser – Hauptmann – – Unser – – Hauptmann! – –

Weshalb springst Du denn von meiner Schulter,

liebes Gewehr? Unser Hauptmann ist doch schon so lange tot.

Schon – so – lange – –.

Der Mond lacht, weil wir präsentiert haben.

– – A – b – – u – n – d – – au – – f. – – Behalt mich lieb, mein gutes Gewehr! – –

Auf – und – – ab.


* * *


Unsere Fahne schläft; nur manchmal, bei leisem Winde, räkelt sie sich, als ob sie aufmachen wollte; blutig, krallend wie ein Adler. – –

Der Trommler liegt im Grabe.

Ich weiß noch, damals, als wir auszogen – – Tränen fielen aus seinen hellen Augen und purzelten in den knatternden Wirbel, den seine Fäuste schlugen.

Der Trommler liegt im Grabe verscharrt.

Ich liege im Grase und gucke mir die Sonne an und die Heupferdchen springen über mich.

Aus meiner rechten Stiefelspitze sitzt ein Fink und guckt mich an und fiedelt mir ein Liedlein vor, ein – Lied – lein – vor. – –

»Lehmann! – Leh–mann!«

In meiner Hosentasche, neben einem schmutzigen, bunten Taschentuche, liegt mein Liederbuch – – Und weil ichs fast vergessen habe, ists gelb und braun vor Gram geworden und hat sich ganz zusammengezogen.

Und nun lächelts mich wieder an.

Der Fink sitzt immer noch aus meiner Stiefelspitze und wippt und guckt mir in's Gesicht.

»Lehmann! – Leh –mann!«

Er kommt!

Ich sehe ihn von weitem schon.

Der graue Helmbezug ist angerissen; der graue

Königsfrack ist abgeledert, die Halsbinde zerschwitzt, die Stiefeln grau und schief; am Tornister klebt Erde.

Nur das Gewehr, umgehängt, hei, das Gewehr!

Wie hat er immer sein Gewehr so lieb geputzt.

Eins hätte ich bald vergessen. – – –

An seinem Helme baumelt eine Rose.

Der Lehmann kommt, in der rechten Faust einen Krückstock.

Das zottige Gesicht ist zerrissen von Sturm und Wind und Schützengrabendonnerwetter.

Von zwei blauen Augen wirds ganz sanft durchleuchtet.

Hinter ihm her; eins und zwei, eins und zwei, eins und zwei, trippeln schmutzige, abgerissene Kinder.

Lehmann singt, tief und schnarrend und tänzelt wie ein Bär und schwingt taktierend den Krückstock.

Die Kinder lachen und tanzen hinterdrein.

Lehmann hat nun etwas von Vagabundenholdheit.

Irgend eine Spinnrock-Muhme müßte kommen

und ihn unter die Arme fassen und ihn angrinzen durch eine blaue Brille: »Guten Tag, mein Schätzchen!«

So zieht er dahin, an einem Zaun vorüber, der vor Kugelschrecken und Kanonenfieber das Gleichgewicht verloren hat und halb verbrannt ist.

Am Dorftor steht eine Kanone.

Es wäre so wunderschön, wenn ich jetzt aus dieser Kanone eine Glocke machen könnte.

Ich würde sie zum Einzuge Lehmanns läuten.

Ach, das wäre doch so wunder, wunderschön.


* * *


Durchs Dorf sind wir gezogen.

Auf der Straße liegt unser Leutnant auf dem Bauche, die Karte ausgebreitet.

Wir sind ganz verstaubt.

Der Helmriemen drückt ums Kinn.

Wir sind so verstaubt und müde.

Ueber uns siedendes Himmelsblau.

Die Häuser zerschossen.

Einer schleicht sich über die angebrannte, knarrende Kirchtreppe, schlägt mit einem Stein an die Glocke und das klingt so schauervoll, so schauervoll, als ob der Teufel mit wilden, zottigen Lippen dort oben herumschreit.

Das klingt so schauervoll.

Aus niederer morscher Tür kriecht eine bucklige Großmutter, weißhaarig, buntgekleidet wie eine Hexe aus einer düsteren Dorfballade.

Ueber ihr faltiges Pergamentgesicht glitzert eine Träne.

Am Fenster ein Kanarienvogel und grellrote Blumen.

Vorm Schulhaus liegt ein Kinderranzen mit Schwämmchen und Läppchen.

Wenn ich nicht still stehen müßte, in Reih und Glied, dann möchte ich den kleinen, schwarzen Schulranzen auspacken und möchte sehen wie die letzte Kinderrechenaufgabe heißt, die auf der Schiefertafel steht.

Ueber den Schulranzen fliegt ein verirrter Schmetterling.


* * *


Ich glaube, heute muß Ludwig Höltys Geburtstag sein.

Alle seine Frühlingszeilen sitzen auf Schmetterlingsflügeln und kommen auf mich zu, blumenbekränzt, tanzend und singend und wollen sich in mein Herz verkriechen.

»Ach, könnt ich mit Euch ziehen!«

Aber mein Säbel hält mich so fest.

Allein Gewehr läßt mich nicht fort.

Und meine Stiefeln krachen:

»Wir – kommen – nicht – mit!«

Und abends, beim Putzen, singen sie mir alle drei ein schauerliches, furchtbares Lied von Sturmkolonnen, die zu glühenden Teufeln wurden.

Und dann lachen sie alle drei vor Jubel und Lust

– – – Ich glaube, heute muß Ludwig Höltys Geburtstag sein.


* * *


Daheim sehen wohl jetzt die Rechenbücher und die Lesebücher und die Schiefertafeln ganz anders aus als im Winter?

Lächeln können sie wohl jetzt und singen?

Ach, die guten Lesebücher und Schiefertafeln!

Und wir ziehen hinaus, irgendwohin; das Gewehr an der Schulter.

Stiefeln knallen auf das Straßenpflaster.

Die Häuser im Städtchen bekommen glänzende Augen.

Auf dem alten Ziehbrunnen, der von Wegerich und Löwenzahn ganz überblüht ist, liegt träumende Morgensonne.

– » Links – rechts!«

Die Trommel poltert.

»Links – rechts!«

Die Pfeife schreit.

Die Papierfähnchen auf unseren Gewehren flattern und knistern.

Und wir singen und wir singen und singen.

Ein alter Rechnungsrat steht am Straßendamm; bucklig, bebrillt, vertrocknet.

Man sieht es ihm an, daß verstaubte Akten hinter ihm herkriechen.

An meinen Stiefeln kleben zertretene Blumenköpfchen.

In meinem Tornister, neben einer Konservenbüchse und einer Schuhbürste und einer Zigarettenschachtel und einer lieben, blonden Locke, liegt eine Puppe; die zottelhaarige Kinderpuppe meiner Frau.

Als ich auszog, hat sie mir mit Tränen und leisem Singen die Puppe eingepackt.

Ein neues Kleid hat sie ihr noch genäht.

Und alle Liebe und alles Glück und alle Seligkeit hat sie mit hinein, in das Puppenkleid genäht.

Und wir singen und wir singen und singen.

Und hinter mir, auf meinem Rücken, singts ganz leise, ganz weh, wie eine weinende Fabel.

Und wir ziehen aus, irgendwohin, irgend – wo – hin.

Und die Kinderpuppe meiner Frau liegt in meinem Tornister.


* * *


Die Sonne ist das heiße, taumelnde Weib des Teufels geworden.

Sie drückt uns und umkrallt uns und sie küßt uns glühend heiß; macht unsere Gewehre zentnerschwer, die Beine totmüde und die Augen sterbensmatt.

Auf eine Minute hat sich ein Sperling auf mein Gewehr gesetzt.

Da hat mein Gewehr ganz still auf meiner Schulter gelegen.

Die Wiese summt.

An meinen Helm schlägt taumelnd ein Falter.

Auf einem Waldweg finde ich ein schmutziges Diariumblatt.

Ein ungelenker Jungenfederhalter ist langsam über das Diariumblatt gelaufen.

»Es ist nun Frühling geworden.

An unserm Hause steht ein Kirschbaum.

Der blüht schon.

Unsere Mutter sitzt nun oft am Fenster und strickt für meine älteste Schwester Kinderwäsche.

Zu meiner Schwester wird bald der Klapperstorch kommen.«

Weshalb ruckst Du denn, mein liebes Gewehr?

Weshalb tanzst Du denn, mein scharfer Säbel?

Weshalb wollt Ihr denn rennen, Ihr alten, treuen Stiefeln?

Sie wollen Dich schützen, kleines Häuschen irgendwo im deutschen Land, mit der Mutter am Fenster, die Kinderkleidchen strickt.

O, die Heckenrosen!

Die vielen, lustigen Heckenrosen!

Da knallts und sprühts und knallts!

Die Rosen brennen und zerflattern im Abendwind.


* * *


Auf eine Stunde, am Wegrain, kommt der Mond und lacht mir ins Gesicht.

Schlafend drücken sich die Blumen an mich.

Die Sterne liegen auf mir.

In meinem Tornister schläft mein Bibelbuch wie ein strahlender, lieber Engel.

Und mein Gewehr liegt in meinem Arm wie ein treuer Wächterhund.


* * *


Wenn eine dumme Kugel in mein Herz hineintanzt, dann ist alles vorbei.

Tief, auf einem Felde, werde ich liegen; irgendwo.

Aus meinem Herzen werden Himmelschlüssel blühen und Gänseblümchen und roter Mohn.

Und eine wird kommen mit lachendem Gesicht und wird sich einen Kranz flechten aus den Gänseblümchen und den Himmelschlüsselchen und den roten Mohn, die aus meinem Herzen gewachsen sind.

Und sie wird sich den Kranz aufs Haar setzen und wird tanzen gehen.

Und bei Geigensingen und Flötenklingen werde ich wieder lachen; wieder lachen.

Irgend – wo – –