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W. v. Neuhof – Stürme um Kap Marga.

Roman

W. v. Neuhof, Stürme um Kap Marga, Verlag moderner Lektüre G. m. b. H., Berlin, 1934
Neu durchgesehen, nach der Ausgabe bei der deutschsprachigen Wikisource.


1. Kapitel.

Das Kaoha-Ha'e der Oro-Königin.


In einer der vielen vulkanischen Höhlen der Insel Fatu Hiwa hatten sich in einer Vollmondnacht die Führer der Bruderschaft der Oro insgeheim versammelt und hockten nun in ihren phantastischen bunten Mänteln und ihren grausigen und noch phantastischeren Gesichtsmasken auf dem schwarzen Gestein und erwarteten das Erscheinen Talofas, der durch Beschluß der Oro-Häupter neuerdings erwählten Königin.

Mitten im Kreise der vermummten Gestalten brannte ein Feuer von Kokosschalen, dessen wohlriechende Qualmwolken in langen Schwaden unter der Grottendecke schwebten und langsam dem Ausgange zutrieben. Die zwölf Ober-Oro waren erst nach sehr eingehenden Beratungen zu dieser wichtigen Entscheidung gelangt, dem Bunde einen neuen weiblichen König zu geben. Sie hatten das Sinken des einst so übermächtigen Einflusses der Bruderschaft mit wachsender Besorgnis beobachtet und suchten nun dem durch die Kindesmorde mißliebig gewordenen Orden wieder zu früherem Ansehen zu verhelfen.

Zwei von ihnen, beides Männer von der Nachbarinsel Tauhata, standen am Eingange der Höhle und erwartete die Auserwählte mit brennenden Fackeln, damit das Mädchen leichter den Weg zu der versteckten Grotte fände. Als Talofa, die Schönste von Fatu Hiwa, erschien, als sie leichtfüßig den dornigen Ziegenpfad emporklomm und nun die letzten zackigen Lavablöcke überstieg, steckten die beiden Oro ihre Fackeln in Felsritzen und zogen sich bescheiden in die Grotte zurück, um nicht Zeugen zu sein, wie die neue Herrin die äußeren Kennzeichen ihrer Würde anlegte: Den blauen Mantel aus feinstem Bast, den Hüftschurz aus gegerbter und hellblau und künstlerisch tätowierter Menschenhaut und den Kopfputz aus dem sorgfältig präparierten Schädel eines Menschenhais, der mit Muschelketten und Vogelfedern überreich verziert war.

Das milde Licht des Vollmondes lag matt und doch in zauberischer Klarheit auf der kleinen Terrasse vor der Höhle. Als Talofa, die Waise eines armen Fischerpaares von der Nordküste, aus der Dämmerung des Gestrüpps und der Palmen und duftenden Büsche in den Lichtkreis hinaustrat, zauderte sie merklich und spähte argwöhnisch umher. Ihr schlichter Verstand begriff noch immer nicht, daß gerade sie von den gefürchteten Oro-Führern zur Königin bestimmt war und daß man ihr bereits hier am Südstrande inmitten eines Haines von dichtesten Bäumen ein wahrhaft fürstliches Haus erbaut hatte, das sie nun fortan allein und gebunden durch allerlei Gelübde bewohnen sollte.

Sie vermutete noch immer, daß die Oro mit ihr nur einen ihrer bekannten gefährlichen Scherze getrieben haben könnten, die zumeist darauf hinausliefen, daß das Opfer irgendeiner tollen und mit religiösen Gebräuchen verquickten Ausschweifung für die Festteilnehmer »Langschwein« spielen mußte, oder, um es ganz deutlich auszudrücken: Daß das Opfer schließlich gebraten und verspeist wurde.

Die Kanaken der Marquesas-Gruppe waren zu jener Zeit noch Menschenfresser.

Talofa, die über dem Bastschurz trotz der heißen Nacht einen geflochtenen Umhang von dünn geklopften und fein vernähten Blättern einer lederartigen Wasserpflanze trug, der ihre noch vor kurzem so schlanke und ebenmäßige Gestalt völlig verbarg, bückte sich zaudernd und raffte die für sie bereitgelegten Bekleidungsstücke ihrer neuen Würde vorsichtig vom Boden auf und trat damit in den Baumschatten zurück.

Sie war sehr jung und selbst für europäische Schönheitsbegriffe überaus reizvoll. Ihre Haut hatte jene bei den Insulanern der Marquesas so seltene hellbraune Farbe, ihr langes Haar war schwarz, aber nicht strähnig und hart, sondern weich und dünn, während doch die dortigen Bewohner zumeist einen abgeschwächten Negertyp zeigen. Ihre Lippen, fein geschwungen und von leuchtendem Rot, ergaben zusammen mit der zierlichen Nase und den großen dunklen und seelenvollen Augen ein Gesamtbild, wie es auf diesen Eilanden vulkanischen Ursprungs sonst kaum anzutreffen war.

Das Mädchen zog jetzt, noch tiefer im Schatten sich bergend, die Rangabzeichen ihrer Stellung als Oro-Königin bedächtig über den nackten Leib und versteckte ihre eigenen Sachen unter einem Dornbusch. Sie erschauerte, als sie zuletzt auch den helmartigen Haischädel überstülpte, und ihre verschüchterten Gedanken glitten sehnsüchtig nach ihrer armseligen väterlichen und ganz einsam gelegenen Hütte am brandungsumtobten Nordstrande zurück, wo sie nun nie mehr das stille, verborgene und verbotene Glück eines ihr fast unbegreiflichen Liebestraumes genießen durfte. Ihr junges Herz erbebte vor Angst vor den unheimlichen Zeremonien der gefürchteten Oro-Führer, die man haßte und doch verehrte, weil selbst der primitive Verstand der Marquesas-Kanaken durchaus begriff, daß der Übervölkerung der Inseln irgendwie Einhalt geboten werden mußte. Die Gefahr der Hungersnot war noch größer geworden, im letzten Jahre hatte selbst das Verbot von mehr als zwei Kindern für jede Frau nichts geholfen, die Bewohnerzahl war durch die Zunahme der heimlichen Geburten und durch Zuwanderung von den durch Erdbeben verwüsteten kleineren Inseln wieder bedrohlich gestiegen.

All das war der hübschen Talofa bekannt.

Nun sollte gerade sie, die schönste der Insulanerinnen und die vielbegehrteste, den anderen Frauen und Mädchen ein gutes Beispiel geben und ein Keuschheitsgelübde ablegen.

Sie erschauerte noch stärker unter der Last des Haifischkopfes und wünschte sich weit, ganz weit weg . . .

Aber das Schicksal hatte sie nun einmal für diese Rolle vorausbestimmt. Sie wußte, daß es kein Zurück mehr gab, und selbst wenn die Oro-Führer nur ein freventliches Spiel mit ihr trieben, konnte sie ihnen doch nicht entrinnen. Wen die Oro für ein Festmahl ausersehen, war verloren, es sei denn, daß er sich durch Spenden loskaufen konnte, wie es die Frauen der reichen Kanaken taten, die sich mehr als nur zwei Kinder gestatten wollten. Nein, es gab kein Zurück.

Sie betete zu Kowi, dem Gotte der Brandung, und betrat die Höhle, in der die zwölf Oro-Führer schon im Halbkreise bereitstanden und ein zweites mächtiges Feuer angezündet hatten. Vor den qualmenden Feuern war der Thron der neuen Königin, aus roten Korallenstücken und Federn und Menschenhaut hergestellt, auf einem Postament von Lavablöcken aufgebaut. Daneben waren drei pechschwarze Schweine und ein ebenso schwarzer kranichähnlicher Vogel, durch Baststricke gefesselt, am Boden niedergelegt – weibliche und trächtige Tiere – von der Kranichmutter hatte man auch die beiden kaum aus den Eiern geschlüpften Jungen mitgebracht.

Die arme junge Talofa geriet sehr bald durch die Dämpfe des in die Flammen geworfenen Hanfes und durch die wilden Tänze und Gesänge der Oro in einen Zustand halber Betäubung.

Zu ihrem Glück.

Denn sie, die nun infolge ihres so sorgsam behüteten Liebestraumes all diese Zeremonien als grausam, brutal und sinnlos empfand, hätte sich sonst mit Entsetzen davor gesträubt, zum Zeichen der eigenen Keuschheit die Tiere zu töten und die ungeborenen Jungen der Schweine in die Glut der Feuer zu werfen, desgleichen die bedauernswerten Vöglein.

Wie sehr sie bereits all dem, was sie noch vor kaum sechs Monaten als Zeichen der ungeheuren Machtfülle der Oro angestaunt hatte, völlig entfremdet war, erkannte sie in dieser Stunde, wie sie mit umnebelten Sinnen willenlos gehorchte und erst wieder erwachte, als die Oro-Führer sie in feierlichem Zuge zu der neuen Behausung aus vulkanischen Steinen und lehmigem Mörtel, der durch Menschenblut schwarz gefärbt war, geleiteten.

Unzählige Bewohner von Fatu Hiwa und den Nachbarinseln hatten sich an der Grenze des dichten Haines eingefunden und empfingen die Königin mit wildem Jubelrufen und brachten ihr allerlei Gaben dar. Aber ganz allein betrat sie nachher ihr Haus, das von dem Häuptling von Fatu Hiwa feierlich für Tabu erklärt worden war.

Das Kaoha-Ha'e der Oro-Herrscherin war sehr geräumig und hatte die landesübliche lange offene Terrasse aus Stein und eine sehr breite Freitreppe. Auf dem Herde in der nach hinten zu gelegenen Küche brannte ein Feuer, das alle anderen Räume mit erleuchtete. Die Zwischenwände bestanden nur aus Flechtwerk und hatten überall Öffnungen.

Talofa war nun allein. Sie war vollkommen erschöpft. Die Wanderung bis zu ihrem neuen Heim hatte die letzten Nachwirkungen des Hanfqualmes verscheucht. Sie sank müde und verzweifelt auf ihr Lager aus feinsten Gräsern und frischen Palmfasern und warf den Haifischkopf achtlos und angewidert von sich. Nun erst wurde ihr auch voll bewußt, was sie durch dieses Gelübde auf sich genommen hatte. Niemals hätte sie diese Versprechungen abgeben dürfen – gerade sie nicht!

Sie wühlte in tiefster Verzagtheit das Gesicht in die feinen Fasern und war in ihrer Verlassenheit und Verzweiflung nahe daran, eine dieser Fasern zu verschlucken, um eines kläglichen Freitodes zu sterben, denn die stärkeren Fasern sind schlimmer als eiserne Nadeln, sie durchbohren die Darmwände und führen unbedingt den Tod herbei.

Der ferne Lärm der begeisterten Kanaken verstummte allmählich. Sie entfernten sich, um nun mitten im Dorf die Hauptfeier zu beginnen: Eine Schwelgerei und eine Reihe von Ausschweifungen, die tagelang währen sollten, bis eben der letzte Palmwein verzecht und die allerletzte Kraft aus den berauschten Leibern gewichen und – der letzte der armen Gefangenen verzehrt war.

Der Lärm erlosch.

Und Talofa, nunmehr Königin einer der seltsamsten Bruderschaften, die es je in Form eines widerspruchsvollen Geheimbundes auf den Südsee-Inseln gegeben hat, war allein und hilflos den Schrecken der Erinnerungen dieser Nacht ausgesetzt.

Weinend und geschüttelt von einem besinnungslosen Schluchzen rief sie sich glücklichere Bilder vor Augen und suchte Trost in den Gedanken an eine heiße, stürmische und doch wundervoll zarte Liebe, die der Mann sie gelehrt hatte, der nun dort an der Nordküste ahnungslos auf sie warten mochte – vergebens! Sie durfte ja nie mehr in jene zauberhafte Einsamkeit zurück, sie hatte zugleich mit dem Eide der ewigen Keuschheit entsetzliche Pflichten übernommen, die weit grausamer und härter waren, als nur Tiere zu töten.

Sie weinte und dachte nur an den Fremden, den sie vor Monaten in einer finsteren und von Orkanen durchtobten Gewitternacht als einzigen Überlebenden einer großen Brigg am Strande bewußtlos aufgelesen und in eine nur ihr bekannte Höhle unweit ihrer Hütte geschleppt hatte, damit er dem Geschick all der Unglücklichen entginge, die an diesen Strand der ärgsten Menschenfresser der Südsee gespült wurden.

Dann merkte sie, daß ihre niedere Bettstatt aus fein geschnitzten Pfosten sich bewegte. Im Lichte des auf dem Herde langsam erlöschenden Feuers erkannte sie ihren weißen Geliebten.

Allan Mac Gory, einst Matrose auf der Brigg Scotia, nunmehr ein scheues Wild, das sich tagsüber in der Höhle hatte verbergen müssen und nur nachts die ganze Süße der schrankenlosen Liebe eines wahrhaft gütigen Naturkindes ausgekostet hatte, Allan schob sich aus seinem Versteck hervor und setzte sich neben die Weinende, die ihn sofort angstvoll umklammerte. Sie sorgte sich nur um ihn – ihr eigenes Leid war vergessen.

Mac Gory, ein Schotte von Geburt, jung, kräftig und voller Dank für seine Retterin, hatte neben anderen Vorzügen des Geistes die seltene Gabe, selbst diesem unverfälschten Naturkinde ein Lehrer und Berater und ein Deuter der Anschauungen der Europäer zu werden.

Das Sprachtalent der Kanaken der Marquesas beschränkt sich merkwürdigerweise auf das für andere so schwierige Englisch. Wie es kommt, daß die Kannibalen jener Inseln gerade das Englische überaus schnell erlernen, dafür gibt es keine einleuchtende Erklärung. Die Tatsache bleibt: Ein Volk, das noch Mitte des vorigen Jahrhunderts nichts von seinen unmenschlichen Sitten und Gebräuchen preisgegeben hatte, begriff mit dem Erscheinen der ersten Europäer, die ihre gierige Hand auf die reichen Eilande legten und sich mit Waffengewalt zu deren Herren machten, in allerkürzester Zeit die fremde Sprache und vermochte sich mit den Unterdrückern seiner Freiheit ohne Dolmetscher zu verständigen. Talofa hatte das Englische wirklich spielend gelernt.

Talofa, neue Königin der Oro, hing nun am Halse ihres Geliebten und beichtete ihm all das, was sie ihm bisher nicht anzuvertrauen gewagt hatte, weil sie gefürchtet haben mochte, er könnte sie empört und angeekelt von sich stoßen. Bisher hatte Allan Mac Gory die ungewissen Andeutungen Talofas nie ernst genommen, er hatte sich's nicht vorstellen können, daß ein Inselvolk zu derartigen Methoden greifen könnte, um die Bevölkerungsziffer niedrig zu halten.

Nun erfuhr er die entsetzliche Wahrheit, und diese volle Wahrheit packte auch an sein Herz mit schmerzlicher Wehmut und mit ehrlichem Erbarmen.

Er drückte Talofa fester an sich und tröstete sie und entwarf zu ihrer Beruhigung allerlei Pläne, um das Grauenvolle zu verhüten, das auch ihnen beiden drohte, wenn erst die Zeit gekommen sein würde, daß ihrer heimlichen Liebe schönste Frucht ausreifte und vor diesem Wahnsinn des Kindermordes behütet werden mußte.

Mac Gory fand in diesen Minuten, wo gemeinsame Sorge ihrer beider Herzen peinigte, auch den Weg zu der Seele dieses Naturkindes und verstand es, ihr mit nüchternen und doch liebevollen Worten ihre grauenvolle Mission in einem anderen Lichte zu zeigen, wobei auch er fühlte, mochte er auch ein schlichter Matrose sein, daß das Geschick ihn an diese Küste geworfen hatte, damit er zum Retter von ungezählten unschuldigen Säuglingen würde, die nie an der Mutterbrust trinken sollten, damit das Volk der Kanaken nicht durch Hungersnöte dahinsieche.

Er streichelte ihr dunkles und so seidiges Haar und küßte sie und raunte ihr den Namen ins Ohr, der als einziger für ihn eine geschichtliche Bedeutung besaß, die mit den früheren Begräbnisgebräuchen der Marquesaner zusammenhing.

»Die Tabu-Insel!« flüsterte er nochmals.

Und Talofa verstand ihn.

Noch enger schmiegte sie sich an ihn und besprach mit ihm alle Möglichkeiten, die das einstige Begräbniseiland für ihr Vorhaben bot.

Noch in derselben Nacht segelte Allan Mac Gory mit dem großen Auslegerboot des verstorbenen Vaters Talofas gen Westen und erreichte auch nach drei Tagen die einsame Ringinsel, auf der wie auf der berühmten Osterinsel mächtige, grob behauene Steindenkmäler die Grabstätten der toten Häuptlinge der Marquesaner schmückten und die Natur, seit einem vollen Jahrhundert durch das strenge Tabu vor Eingriffen der Menschen geschützt, wahre Wunder an üppigster Vegetation hervorgebracht hatte.

Während Talofas Liebhaber, vor ihrem Gewissen und in ihrem Herzen ihr Gatte, noch durch die Wogen der Südsee der Tabu-Insel entgegenfuhr, hatten schon am zweiten Tage nach seiner Abreise die Dorfältesten ihr nicht weniger als fünf Kinder gebracht und am Rande des Haines ihrer Tabubehausung niedergelegt, damit sie die Neugeborenen in jene von einem Sturzbach ausgefüllte, unendlich tiefe Schlucht schleudere, die seit Jahrzehnten für diesen entsetzlichen Brauch bestimmt war. Talofa, angetan mit ihren Insignien einer Königin der Oro, war schon am Tage vorher darauf bedacht gewesen, möglichst viele Ziegen mit säugenden Jungen als Geschenk zu erhalten, und bestellte nun die Dorfältesten und die Oro-Führer für die Nacht zu sich, – dann würde sie, wie es bisher üblich, die Säuglinge in den von weißem Gischt erfüllten Schlund werfen – als Hohepriesterin einer Pflicht, die über ihre seelische Widerstandskraft weit hinausgegangen wäre, wenn nicht Mac Gory ihr mit sorgfältig erwogenen Ratschlägen einen Weg gezeigt hätte, Leid und Grausamkeit in verborgenes, heimliches Beschützertum zu wandeln.

Als sich dann nachts der feierliche Zug zu der Schlucht bewegte, schritt die Oro-Königin weit voraus und trug ihre kleinen Opfer eingehüllt in Matten auf dem Rücken. Eingehüllt schleuderte sie die Opfer in die schauerliche Tiefe und warf ihnen nach alter Sitte je drei unreife Kokosnüsse und je drei Fußknöchelchen eines geräucherten »Langschweines « nach.

Als sie dann wieder in ihrer Behausung angelangt war, die den Namen Kaoha-Ha'e erhalten – also »Haus der Liebe«! – (nämlich »Haus der Liebe« zum Volke der Marquesaner, das nicht Hungers sterben sollte!) –, als sie nun allein und sicher vor jedem Lauscher und Verräter war, da holte sie aus dem Versteck unter der Terrasse, die in der Sprache der Inseln Paepae heißt, die geretteten Säuglinge hervor und sättigte sie an den Eutern der Ziegen und spielte in aller Heimlichkeit Pflegerin und Hüterin einer Zahl von hilflosen und winzigen Geschöpfen, die für den Tod bestimmt gewesen.

Später, als Mac Gory zurückgekehrt war und Talofa weinend vor Glück und Wiedersehensfreude an seinem Halse hing, da geschah noch weit mehr und weit Heimlicheres und Klügeres, um dem Morden der Kinder Einhalt zu tun.

Alles, was hier über die Maßnahmen der Marquesaner zur Verhütung der Übervölkerung ihrer Inseln geschildert ist, war einst in veränderter Form, aber in derselben zielbewußten Grausamkeit auf den meisten Inselgruppen der Südsee anzutreffen. All dies widerlegt schlagend die süßlichen Schilderungen von Schriftstellern, die über die Südsee und ihre in »engelhafter« Unschuld einst dahinlebenden Bewohner ihren Lesern nur Märchen auftischen.

Jene »Eilande der Seligen« waren und sind in Wirklichkeit keineswegs Stätten der stillen, behaglichen und durch eine wunderbare Natur verschönten Lebensfreude.

Nein, wer sich die Mühe nimmt, den Dingen aus den Grund zu gehen und ein ehrliches Bild dieser Gestade der früheren Menschenfresser zu entwerfen, findet in den Reisebeschreibungen so einwandfreier Berichterstatter, wie etwa Cook, Stevenson und andere es sind, so viele Züge einer uns Europäern unbegreiflichen und doch entschuldbaren Härte und Brutalität, daß man an das Wort von einer ausgleichenden Gerechtigkeit erinnert wird, denn dieselben Inseln, die einst den Kindermord zum Gesetz erhoben, wurden später durch ansteckende Krankheiten, besonders durch die Blattern, derart entvölkert, daß die neuen weißen Gebieter alle Mühe hatten, die Geburtenziffer wieder zu heben.

Was aber die Bruderschaft der Oro betrifft, so sei hier auf einen Irrtum Stevensons hingewiesen. Er bringt die Oro nur in unklare Beziehung zu dem Brauch der Kindertötung und stellt sie mehr als eine der Völlerei und der Verbreitung lockerer Sitten nachstrebende Gemeinschaft mit seltsamen Ordensregeln und Gesetzen hin. Die Oro hatten in Wahrheit das Wohl des Volksganzen auf ihre Art im Auge. Genau wie man nicht annehmen soll, daß nun alle zarten Reize jener Inseln der Korallenriffe und der hochragenden Palmen und der wundervollen blauen Lagunen durch diese notwendige Unsitte gegenstandslos geworden sind. Die Naturschönheiten und Naturschätze bleiben. Es bleibt der intime Zauber einer fremden Wunderwelt mit primitiven, keinerlei Unrecht sich bewußten Menschen, die gerade in ihrer Liebe zu ihren Kindern – und diese Liebe war bei den Marquesanern besonders stark ausgeprägt und führte zu schlimmsten Kämpfen mit der Autorität der Häuptlinge, Dorfältesten und hauptsächlich mit den Oro – die tiefe Tragik jener kleinen Völker aufweisen, die, auf ihren Inseln zusammengedrängt und ohne Möglichkeit der Auswanderung, sich der bitteren Zwangslage gegenübersahen, das zu vernichten, was sie liebten und hüteten und pflegten und verzärtelten – – reineren Herzens vielleicht, als so manche europäische Mutter.


2. Kapitel.

Das zweite Kaoha-Ha'e auf der Tabu-Insel.



Allan Mac Gory hatte eine sehr schlechte Rückfahrt gehabt. Ein Wunder, daß er überhaupt diese anhaltenden Stürme überstanden hatte. Ein Auslegerboot, mag es auch noch so geräumig sein, ist stets ein recht unzuverlässiges Fahrzeug bei rauhem Wetter und hat nur den einen Vorteil, daß es nicht untergeht, daß es wie ein Holzfloß schwimmt und nicht kentern kann.

Der junge schottische Matrose, dessen Geschick nun so unberechenbar eine Wandlung zu einer ihn innerlich begeisternden Mission erhalten hatte, gelangte nachts in die Nähe der Nordküste von Fatu Hiwa und begrüßte den niederprasselnden Regen als etwas ihm nur Günstiges. Niemand außer Talofa wußte hier im Archipel etwas von seiner Existenz. Er landete unter größten Vorsichtsmaßregeln in der Bucht, an deren äußerstem Ende die Hütte der Mutter Talofas und die Grotte, sein verborgenes Heim, lagen.

Sehnsucht nach dem Mädchen, das ihn so hochherzig gerettet hatte, und der Wunsch, ihr baldigst die günstigen Botschaften über das Ergebnis seiner Erkundigungsfahrt nach der Tabu-Insel mitzuteilen und ihre Sorgen zu zerstreuen, trieben ihn nun mitten in der Nacht durch die mit hohen Gebirgszügen und dichtesten Wäldern bedeckte Insel Fatu Hiwa. Endlich war er am Ziel. Eine volle Woche war seit seiner Abreise vergangen, und da er weit früher mit seiner Heimkehr gerechnet hatte, konnte er sich unschwer ausmalen, wie ängstlich Talofa Nacht für Nacht nach ihm ausspähen würde.

Inzwischen hatten die Bewohner von Fatu Hiwa auf Geheiß der jungen Oro-Königin rund um den Tabu-Hain einen Wall von Dornen anlegen und überall an der Außenseite dieses stacheligen Zaunes die roten Tabu-Fische aufspießen müssen. Talofa wollte durch niemanden in ihrem Heim überrascht werden. Wo derartige rote Fische mit der körnigen lederartigen Haut zu sehen waren, hütete sich auch der Fremde, der von anderen Inseln kam, vor einem Betreten des so gezeichneten Platzes.

Mit dem Tabu der Südsee-Insulaner hat es eine eigene Bewandtnis. Furcht vor der Strafe der Götter hält die Eingeborenen in steter Angst und läßt sie das Tabu respektieren. Diese Strafe besteht in jähen Erkrankungen, die nur durch besondere Heilmittel und durch Beschwörungen gebannt werden können. Die Furcht der Kanaken nimmt zuweilen – oder nahm vor Einführung des Christentums – so groteske Formen an, daß Leute, die zum Beispiel hinterher erfuhren, daß sie ein sogenanntes persönliches Tabu verletzt hatten, vor Angst starben. Nicht nur Häuptlinge und Dorfälteste und zu Zeiten des Oro-Bundes die Oro-Häupter sprachen ein solches »Tabu« aus, sondern auch der Einzelne durfte durch sein Eigentum, so seine Kokospalmen und seinen gesamten Besitz, durch eine solche öffentliche Unantastbarkeitserklärung gegen eine Abgabe an die Dorfbehörden wirksam schützen. Bewußte Übertretungen waren selten. Dafür sorgten schon die Häuptlinge und die Oro. Wie sie das taten, blieb Geheimnis. Es dürfte keinem Zweifel unterliegen, daß sie bei den Strafen der »Götter« wegen Übertretung heimlich nachhalfen. In jedem Falle war das Tabu zuweilen für die hohen Herren ein gutes Geschäft. Andrerseits bot es ziemlich sichere Gewähr für das Eigentum und für gewisse Fälle, wie zum Beispiel für das abgeschlossene Leben der Oro-Königin. –

Talofa saß auf der Terrasse ihres Heims und blickte voller Sehnsucht und Unruhe zu den ziehenden Wolken empor, die in den letzten Tagen so unendliche Regengüsse der Insel gespendet, aber auch die Küsten mit einer verheerenden Brandung umtost hatten. Sie befand sich in zwiefältiger Stimmung. Einerseits dankte sie den Göttern des Unwetters, die ihr den zweiten Teil ihrer Pläne erleichtert hatten, dann aber – und das war für sie Quelle ewiger Angst – sorgte sie sich um Allans Ergehen. Er hätte ja längst zurück sein müssen.

Gestern und vorgestern war es den Frauen, die sie einzuweihen für gut befunden hatte, infolge der unruhigen See und der starken Brandung gelungen, für immer aus den Augen der Bewohner von Fatu Hiwa zu verschwinden. Es handelte sich um vier junge Mütter, deren Neugeborene letztens scheinbar dem grausamen Gesetz der Kindestötung zum Opfer gefallen waren.

Ein leeres Fischerboot war an Land geworfen worden. Es gehörte dem Gatten einer dieser Frauen, und in dem Boot hatten die vier gesessen. Sie waren vom Sturme offenbar überrascht worden und auf See umgekommen. Ihre Leichen konnten nicht gefunden werden, und niemand suchte nach ihnen. Die Haie ließen keinen Toten je wieder auftauchen.

Die schöne und weichherzige Oro-Königin besaß die feinen Sinne aller Naturkinder. Trotz des Rauschens der Palmen und trotz des andauernden Knisterns und Wisperns der Büsche und des Lärmens der Brandung vernahm sie das sanfte Pfeifen eines Vogels. Daß der Vogel sich nachts meldete, war ein Beweis, daß die gut nachgeahmte Stimme aus menschlicher Kehle kam.

Das Mädchen flog mit einem Glücksschimmer in den dunklen Augen empor und eilte zu dem einzigen Eingang im Dornenwall, den sie nach Dunkelwerden stets verschloß. Sie zog die Dornenbüsche zurück, und eine flinke Gestalt huschte dem versteckten Hause zu. Derweil hatte der Wolkenvorhang den Mond völlig freigegeben und beleuchtete, durch die Baumkronen lugend, das selige Paar, das sich in dem Wohnraum Talofas eng umschlungen hielt.

Die weichen Lippen des Mädchens wollten sich von dem durch das Salzwasser zersprungenen Munde ihres Geliebten gar nicht lösen.

Talofa weinte und hing wie ein Vögelchen, das endlich wieder in den Schutz des heimatlichen Nestes zurückgefunden hat, an Mac Gorys breiter, sonnverbrannter Brust. Ohne ihn hatte sie sich unendlich verlassen und einsam und mutlos gefühlt. Nun, wo er ihr zurückgegeben, sanken die trüben Ahnungen kommender Gefahren von ihr wie leichte, harmlose Spinngewebe.

Und auch er fühlte in dieser Minute des Wiedersehens, was ihm dieses braune Kind bedeutete, das sich unter seinem Einfluß längst von den verkehrten Vorstellungen ihrer bisherigen Ideenwelt losgesagt hatte, er schloß sie noch enger in die starken Arme und behandelte sie trotzdem mit der ganzen Zartheit, auf die sie in ihrem Zustande Anspruch erheben durfte. Das, was bei Mac Gory anfänglich nur dankbare Hingabe für seine kühne und selbstlose Retterin gewesen, war nun zu einem engen Seelenbündnis und damit zu einer Liebe geworden, die für die Glücksucher die Erfüllung von Träumen bedeuten mag, denn solche Liebe ist seltener als aufopfernde Freundschaft.

Dann saßen sie im Mondlicht nebeneinander, und er berichtete kurz, was es Wichtiges über die ferne Tabu-Insel zu sagen gab: Daß die Insel sich für ihre Zwecke vorzüglich eigne, und daß man nunmehr den Plan vollenden dürfe!

Auch sie erzählte. Hand in Hand saßen sie, und als sie erwähnte, mit welcher Angst sie zum ersten Male den frommen Betrug gewagt und nur leere Bündel in die Schlucht geworfen habe, preßte er die kleine, tapfere Talofa abermals freudig an sich. Er begriff immer mehr, daß er hier wirklich eine Mission gefunden hatte, die ihm vorausbestimmt gewesen. Er war nur ein schlichter Seemann aus alter Seemannsfamilie, der Schiffbruch und Talofa hatten seine Fähigkeiten und seinen Charakter über sich selbst hinausgehoben.

Sie berieten nun, nachdem das Mädchen für Speise und Trank gesorgt und ihm auch das Versteck ihrer Schützlinge unter der Terrasse gezeigt und die vier Frauen mit ihm bekannt gemacht hatte. Es war unbedingt nötig, sowohl die Säuglinge als auch diese Frauen baldigst von Fatu Hiwa fortzuschaffen und nach der Tabu-Insel zu bringen, denn es bestand die Gefahr, daß ein tückischer Zufall die Machenschaften der Oro-Königin ans Licht brächte.

Sie berieten. Mac Gory war dafür, noch in dieser Nacht die Reise mit den Schützlingen anzutreten. Der Wind war günstig, und die Nacht nicht zu hell. Talofa sträubte sich dagegen, den Geliebten sofort wieder von sich zu lassen, doch sie gab ihm schließlich recht: es mußte sein!

Mit allergrößter Vorsicht wurde der lange Marsch durch Wälder und Berge zum Nordstrande angetreten. Die Zahl der geretteten Säuglinge betrug nunmehr zehn. Da man gezwungen war, mehrere Ziegen mitzunehmen, gestaltete sich der Weg zur Nordküste noch gefahrvoller.

Zwischen Talofa und dem Vater ihres sehnsüchtig erwarteten Kindes hatte es am Ausgang des Dornenverhaus einen fast herzzerreißenden Abschied gegeben, denn diesmal mußte die junge Insulanerin mit einer noch längeren Abwesenheit Mac Gorys rechnen. Dann verschwand der schweigsame Zug in der Dunkelheit. Die Kinder waren in Matten gehüllt, damit ihr Greinen niemanden aufmerksam machte. Die jungen Mütter führten die Ziegen, denen die Mäuler zugebunden waren.

Alles verlief unerwartet günstig. Talofa hatte in Allans Grotte ein zweites Auslegerboot bereitgelegt und Kokosnüsse und geräuchertes Fleisch ebenfalls nachts heimlich dorthingeschafft. Die kleine Flotte stach in See, als wieder eine größere Wolkenwand den Mond für längere Zeit verhüllte. Auch fernerhin hatten die Elemente ein Einsehen und machten die Überfahrt nach der Tabu-Insel zu einer bequemen Reise. Am dritten Tage abends landete man auf der großen einsamen Insel, die mit ihrem Uferkranz von Palmen und Büschen und Korallenfelsen und ihrer geschützten Einfahrt in die Lagune ein wahres Südsee-Paradies darstellte.

Wie alle Atolle war auch die Tabu-Insel am Innenstrande am fruchtbarsten. Der feste Korallenring erhob sich kaum drei Meter im Durchschnitt über die Höchstwassergrenze. Nur einige Stellen mochten sechs Meter Höhe haben. Die Breite des Ringes betrug an der schmalsten Stelle hundert Meter, an der breitesten etwa fünfhundert, und gerade hier lag der Friedhof der Häuptlinge und erhoben sich die Blöcke mit den roh eingemeißelten Zeichen – wie auf der Osterinsel, wo die Gelehrten noch immer nach einer Erklärung für die Steindenkmäler suchen und nie beachtet haben, daß es eine Zeit gab, wo die Insulaner so viel Respekt vor ihren Häuptlingen besaßen, daß sie ihnen besondere Friedhöfe oder Begräbnisplätze auswählten, mochten diese auch noch so schwer zu erreichen sein.

Das erste, was Mac Gory nach der Landung tat, war das Erneuern der roten Tabu-Fische an den Palmen des Außenstrandes. Dann suchte er einen Platz aus, der recht versteckt lag, und begann mit dem Bau des Hauses der Liebe – der Liebe zu den schuldlosen Kindern. Die vier jungen Mütter halfen ihm. Sie waren an Arbeit gewöhnt, und sie verstanden selbst Palmen zu fällen und zu behauen. So entstand denn binnen einer Woche eine Niederlassung auf der Tabu-Insel, wie sie kein anderes Eiland aufzuweisen hatte. Neben dem geräumigen Gebäude lagen die Stallungen für die Ziegen und die Jungtiere. Korallenblöcke, die der Schotte mühsam vom Außenstrande herbeiwälzte, sorgten dafür, daß die Gebäude unsichtbar blieben.

Dann wollte Mac Gory nach Fatu Hiwa zurückkehren und eine neue Ladung von Säuglingen und Ziegen und Schweinen und Früchten herüberholen, aber jähe Stürme verzögerten die Abfahrt und erhöhten nur seine ungewisse Unruhe. Er wurde das dumpfe Bangen nicht los, daß inzwischen auf Fatu Hiwa die Dinge eine böse Wendunggenommen hätten. Endlich konnte er absegeln. Diesmal gebrauchte er volle fünf Tage zur Rückreise, denn er hatte das zweite Auslegerboot im Schlepptau, was ihn sehr behinderte.

Und doch waren seine düsteren Vorahnungen zum Glück trügerisch gewesen. Er fand Talofa mutiger und froher denn je vor, und mit Stolz und Freude berichtete sie ihm, daß es ihr bisher gelungen sei, im ganzen fünfzehn Kinder zu retten und auch noch weitere drei Mütter für sich zu gewinnen.

Nach zwei von Zärtlichkeiten und glückseligem Beisammensein erfüllten Tagen mußte Mac Gory erneut an die Überfahrt nach der Kinder-Insel denken.

Da geschah etwas Unerwartetes. Auf Fatu Hiwa tötete ein Kanake den Verführer seiner Schwester, was nach den Gesetzen der Marquesaner erlaubt war. Erlaubt bei einem Volke, dessen Moral anderseits so unzählige leichtfertige Züge aufweist! Aber diese Widersprüche klären sich zum Teil, wenn man wieder die Furcht vor einer Übervölkerung mit berücksichtigt. Freie Liebschaften waren gestattet und allgemein üblich, nur durfte ein solches Verhältnis keine Folgen haben, erst die Geburt eines Kindes gab den Verwandten des verführten Mädchens ein Recht auf Vergeltung.

Talofa erhielt in ihrer Eigenschaft als Königin der Oro diese Nachricht an demselben Abend, an dem Allan hatte abreisen wollen. Sie empfing die zwölf Großen der Oro vor ihrer Behausung und vor dem Dornenwall. Als sie nachher zu Allan in das Haus zurückkehrte, war sie völlig verstört und niedergebrochen.

Mac Gory wußte bisher nichts von den Gebräuchen bei einem solchen Racheakt, – er begriff zunächst nichts von Talofas Verzweiflung und von ihrem Widerwillen, die gewohnten Zeremonien abzuhalten. Er tröstete die Weinende und erfuhr dann endlich die Wahrheit: Die Oro-Königin war verpflichtet, das Kind der ledigen Mutter zu töten, und dies durch einen Stich in die Brust und vor aller Augen bei einem Feste, das durch Gelage und durch das Verspeisen des Ermordeten und durch die gewohnten Ausschweifungen nach marquesanischer Anschauung seine Weihe erhielt. Der Mutter des Kindes geschah nichts. Auch das war altes Gesetz.

Und diese Mutter fand sich nun plötzlich und ganz heimlich mit ihrem dem Tode geweihten Säugling vor der Behausung Talofas ein und rief und flehte, bis sie eingelassen wurde. Allan verbarg sich schnell unter der Terrasse.

Die junge Mutter hatte das Geheimnis der Oro-Königin erraten und drohte, in ihrer Angst um ihr Kind, mit der Preisgabe ihres Wissens vor den zwölf Oro-Großen, falls Talofa sie und den Säugling nicht rette.

Wäre Talofa noch dieselbe gewesen, die sie vor Monaten vor Mac Gorys Auftauchen auf Fatu Hiwa war, dann würde sie sich keine Minute besonnen haben und hätte die junge Mutter getötet. Doch ihre Anschauungen über Selbsthilfe und über den Wert eines Menschenlebens hatten sich grundlegend geändert.

Noch anderes kam hinzu, ihren Entschluß, nunmehr selbst Fatu Hiwa zu verlassen, zu erleichtern. Sie sah ihrer schweren Stunde entgegen, und sie erkannte immer deutlicher, daß sie niemals ihre Niederkunft geheimhalten könnte. Was ihr und ihrem Kinde dann bevorstand, wußte sie: der Tod unter grausamsten Qualen!!

Noch in derselben Nacht wurde alles zu schleunigster Abreise vorbereitet. Aber ein Unstern waltete von Anfang an über dieser neuen Reise. Die Abfahrt wurde bemerkt, da die mitgenommenen Schweine großen Lärm verübten. Gewiß, Mac hatte beträchtlichen Vorsprung vor der Flotte der Verfolger, und doch wären sie auf See umzingelt worden, wenn der Schotte nicht schon längst durch Tauchen aus dem in der Bucht versunkenen Wrack der Brigg ein paar Feuerwaffen und ein Fäßchen Pulver geborgen hätte und die Kanaken nun durch Schüsse verjagen konnte. Trotzdem blieb das Geschick den Flüchtlingen ungünstig. Als sie vollkommen erschöpft und noch immer in der Furcht vor den Bewohnern von Fatu Hiwa die Tabu-Insel nach weiten Umwegen sichteten, brach ein Unwetter los, das von einem unterseeischem Erdbeben begleitet war.

Als dann endlich nach furchtbaren Stunden der Todesgefahr die Nacht des Schreckens vorüber war, hatten die Naturgewalten die Gestalt der Tabu-Insel völlig verändert. Es gab keine Möglichkeit mehr, dort zu landen – wenigstens schien es anfänglich so. Mac mußte die Insel mehrfach umsegeln, bis ein günstiger Zufall ihn doch eine Einfahrt entdecken ließ. Er hatte bereits beabsichtigt, sich nach Südwest zu wenden und eine der niederen Inseln der Paumotu-Gruppe, von denen viele unbewohnt und die alle nur Atolle sind, anzusteuern.

Diese lange Reise erübrigte sich nun. Die Tabu-Insel erhielt neuen Zuzug von Bewohnern, aber niemand hörte mehr etwas von Mac Gory, seinen Schützlingen und seiner treuen und weichherzigen Geliebten.

Was hier von den Schicksalen des Paares Talofa-Allan erwähnt ist, lebt noch heute als viel ausgeschmückte Sage weiter im Schatze der Überlieferungen der Marquesas-Insulaner, deren Häuptlinge in der Jetztzeit als geduldete Beamte der fremden Kolonialregierung in blendend weißen Tropenanzügen dahinwandeln und sich mit der Zivilisation brüsten, die ihnen das neue Jahrhundert beschert hat.

Nur noch in den Sagen lebt der Geheimbund der Oro und vieles andere, so auch die übergroße Mutterliebe der Frauen und Mädchen der wundervollen Inseln dicht am Äquator.

Aber aus halben Märchen kann wieder Wirklichkeit werden.

Und wurde Wirklichkeit . . . – –


3. Kapitel.

Der Herr.


Die Manihiki-Plantagen waren berühmt.

Da war vor Jahren ein Seemann auf Maloha erschienen mit einem Pachtvertrag über Maloha und die beiden Nachbarinseln und hatte sich mit Feuereifer und mit einer erstaunlichen Zähigkeit ans Werk gemacht. Seine Barmittel waren beschränkt. Er mußte an allen Ecken und Enden sparen, er schuftete ärger als seine Kanaken, er legte die Kokospflanzungen aufs billigste an, er setzte die Schößlinge nur mit einer Handvoll schwarzer Erde in den Korallengrund und legte dazu einen verrosteten Nagel oder ein ebenso verrostetes Stück Eisen und ein verschimmeltes Stück Brot.

Die Nägel und das Eisen und das Brot verschaffte er sich aus den Wracks der zahlreichen Segler, die hier an den Küsten gestrandet waren. Die fruchtbare Erde freilich mußte mit Kuttern weit hergeholt werden. So setzte er die Schößlinge nach Methoden, die er selbst ausgeklügelt hatte. Kam der Regen, so wurde das verschimmelte Brot aufgeweicht und zerfraß mit seiner Säure das verrostete Eisen und bildete zusammen mit der Handvoll Schwarzerde ein Gemenge, das die Palmen wunderbar gedeihen ließ. Andere Pflanzer hörten von diesem seltsamen Düngemittel und machten es dem Herrn nach – und erzielten dieselben Erfolge.

Der Mann hieß bei den Seinen nur »Der Herr«, nur einfach: Der Herr!

Er befaß alle Charaktereigenschaften, die ein Gebieter über drei entlegene Eilande und über ein Häuflein fauler Kanaken haben muß, – gute und schlechte. Er war streng bis zur Brutalität, er war ein rücksichtsloser Geschäftsmann und ein tollkühner Draufgänger mit eisernen Muskeln und Nerven. Er liebte seine Frau und sein einziges Töchterlein über alles und war daheim in seinem prächtigen Hause – denn schon nach kurzer Zeit mehrte sich sein Reichtum – der zärtlichste Gatte und Vater. Vor seiner Frau, einer Deutschen, hielt er alles geheim, was deren feinfühlige Seele hätte verletzen können. Nachdem sein Kind etwas herangewachsen, schickte er es in seine ferne Heimat und beließ es dort, bis das junge Mädchen selbst immer dringender den Wunsch äußerte, mit den Eltern wieder vereint zu sein.

Dem Herrn der drei Inseln kam dieses Verlangen seines Kindes gar nicht recht, – gerade zu der Zeit nicht. Seine Frau war krank. Nur er wußte, woran sie starb, als seine Tochter unterwegs nach den Inseln war. Er ließ ihr ein Grabmal auf Maloha, seinem Wohnsitz, errichten, das einer Königin würdig. Liebe und Schuldbewußtsein trieben ihn gleichermaßen zu dieser Ehrung der Verstorbenen.

An einem der herrlichen Sonnentage dieser abgeschiedenen Welt stand dem Herrn der neue Aufseher Harry Helger auf der breiten, schattigen Veranda gegenüber. Helger weilte erst sechs Wochen auf Maloha und war einer jener ruhelosen Gesellen, die mit einem überstarken Schuß Abenteurerblut in den Adern nirgends heimisch werden und stets irgend etwas zu suchen scheinen – vielleicht ein nebelhaftes Glück.

»Helger«, sagte der Herr in seiner abgehackten Sprechweise, die den ganzen Mann kennzeichnete, »Helger, heute trifft meine Tochter ein. Ich wünsche nicht, daß Sie sich mit ihr mehr beschäftigen als unbedingt nötig! Verstanden?!«

Harry Helger verbeugte sich nur.

Mit einer schroffen Handbewegung wurde er entlassen. Dem Herrn war es bereits leid, daß er diesen Deutschen hier als Aufseher eingestellt hatte, der Mann war zu still und zu neugierig. Die Zustände auf den Plantagen vertrugen keine allzu große Wißbegier.

Helger schritt gedankenvoll den Pflanzungen zu, in denen die Kanaken mit dem Einbringen der Ernte beschäftigt waren. Neuerdings hatte sich der Herr auf den Anbau von Kautschukbäumen geworfen, um dadurch noch bessere Einnahmen zu erzielen als mit der billigen Kopra, dem Produkt der Kokospalmen.

Der Herr schaute dem Deutschen lange nach, und sein braunes, gewalttätiges Gesicht war finsterer denn je. Seit dem Tode und dem letzten Stadium der Krankheit seiner Frau hatte niemand ihn mehr lächeln sehen.

Er warf sich in einen Liegestuhl und rief nach dem Hausmeister. Der alte Mann erschien und blickte gespannt auf seinen Gebieter, der heute allen Grund gehabt hätte, etwas zugänglicher zu sein.

Der Hausmeister, ehedem der erste Lehrer und sozusagen die Kinderfrau der nun erwachsenen Tochter des Herrn, hörte schweigend und mit recht verschlossenem Gesicht, wie der Herr nun die notwendigen Anordnungen für den Empfang seines Kindes erteilte.

»Das Grab wird frisch geschmückt. Die Wache auf dem Ausguck wird verdoppelt. Das bleibt übrigens auch für die Zukunft so, – du weißt, weshalb!«

Der wunderliche Alte brummelte etwas Undeutliches vor sich hin.

Ein gereizter Blick traf ihn. »Wenn es dir hier nicht mehr gefällt, kannst du gehen!« sagte der Herr mit einer Stimme, in der die Wut loderte. »Ihr seid alles nur Waschlappen!«

Der Hausmeister erwiderte ganz sanft: »Ihre Tochter würde an Sie mehr Fragen wegen meiner jähen Entlassung stellen, als Ihnen lieb sind. Sie hängt an mir und hat mir regelmäßig geschrieben.« Es lag etwas wie eine Warnung in diesen Worten.

Unten an der Küste sang die ewig unruhige Brandung ihr eintöniges Lied.

Das Lied besänftigte – sogar den Herrn.

»Du hast recht. Also du bleibst. Und dann, – ja, sie darf nichts merken. Richte das so ein, verstanden?!«

»Ich hoffe, daß ich es so einrichten kann. Aber ihren Briefen nach ist sie kein weltfremdes Püppchen, sondern ein Mädel mit hellem Verstand und Freude an jeglichem Sport und . . .«

»Weiß ich! Verschwinde!!«

Der kahle Kopf des alten und noch so kräftigen Mannes neigte sich unmerklich. Er zog sich zurück. –

Vier Wochen später saß die Tochter des Herrn einsam droben auf der höchsten Palme, die sich auf dem einzigen Korallenhügel von Maloha erhob und als Ausguck eingerichtet war. Strickleitern führten an dem glatten Stamm empor, und in die Krone war eine Art Laube eingebaut. Neben dem Mädchen standen die beiden Kanaken, die heute Dienst hatten, mit ihren Ferngläsern. Man konnte von hier aus das Meer weithin überschauen und jedes Schiff wahrnehmen, das sich den drei Inseln am Tage näherte, nachts war dies der Riffe wegen unmöglich, und so streng die Kolonialverwaltung auch verschiedentlich von dem Herrn die Aufstellung von Leuchtfeuern verlangt hatte, – er tat es nicht, und als er es doch schließlich tun mußte, nutzten die Feuer wenig: Ein Regierungsdampfer lief auf die Klippen auf, und von da an wurden die großen Laternen nie mehr angezündet.

Das Mädchen, das sehr genau wußte, wie sehr der Vater sich auf die Kanaken, die er als Wachen benutzte, verlassen konnte, richtete keine Frage an die beiden, als sie nun plötzlich in wilder Hast an dem Strang der Alarmglocke zu ziehen begannen und als kurz darauf in der Baumkrone ein grellroter Wimpel aufstieg, der zwar von den beiden Nachbarinseln, nicht aber von See aus gesichtet werden konnte. Das Mädchen hatte diesen seltsamen Alarm schon einmal miterlebt und war entschlossen, trotz des hartnäckigen Schweigens des Vaters und des Hausmeisters und all der übrigen den Dingen heimlich auf den Grund zu gehen.

Sie beobachtete nun dasselbe Schauspiel wie schon einmal: Eine Massenflucht konnte man es nennen, – und all diese braunen Insulaner, die jetzt drunten in dem hohlen Korallenhügel verschwanden, kamen erst spät abends wieder zum Vorschein, als das Regierungsschiff sich entfernt hatte.

An diesem selben Abend hatte sich das Mädchen, das in seinem übereleganten Schlafzimmer keine Ruhe fand und endlich den einzigen Mann allen Ernstes ausfragen wollte, der ihr hier etwas bedeutete, in aller Stille zu dem Häuschen davongeschlichen, das Harry Helger ganz allein und weit ab von den Hütten der Arbeiter am Außenstrande bewohnte. Sie fand die Hütte leer und schritt weiter dem Ufer zu, wo Helger seinen Lieblingsplatz hatte. Auch heute saß er dort und rauchte versonnen und von allerlei Zweifeln gequält seine Pfeife. Er hob den Kopf, als seine Freundin sich näherte und ihm vertraulich die Hand auf die Schulter legte.

»Helger«, sagte sie leise, indem sie sich zu ihm hinabbeugte, »wollen Sie mir nun endlich Rede und Antwort stehen?! – Was geht hier auf Maloha und den Nachbarinseln vor?«

Als er stumm blieb wie bisher, setzte sie sich neben ihn und nahm seine Hand. Er fühlte, daß ihre stillen Tränen auf diese Hand tropften, und sein Herz ward noch schwerer und doch auch wieder leicht und froh, denn er liebte sie.

Sie war liebenswert. Sie hatte zwar von der deutschen Mutter nur wenig von deren äußerer Erscheinung geerbt, aber innerlich glich sie ihr vollkommen, und die Frau des Herrn war dahingewelkt vor Seelenpein, – das wußte Helger und danach richtete er sich.

Ihre Tränen versiegten schnell, sie war kein Mädel, das die Tränen als einziges Mittel zur Linderung schmerzlichsten Grübelns kennt.

Sie hatte sich ohne Scheu an seine Schulter gelehnt. Sie war ein reifes Weib und kannte die Gründe, die den Aufseher Helger davon abhielten, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Ihr Vater hatte ihr jeden Verkehr mit Helger verboten, weshalb, das hatte sie erst später begriffen, als der erste Verdacht in ihr aufstieg.

»Harry«, sagte sie leise und zärtlich, »ich gehöre dir, das weißt du!«

Sie schämte sich nicht, vor ihm dies Geständnis ihrer Liebe abzulegen, denn sie kannte ihn, er würde sie nie falsch beurteilen. Auch der Hausmeister hatte ihr ja sofort nach ihrer Ankunft erklärt, Helger sei hier der einzige anständige Kerl.

Es wäre von Helger roh und mehr als taktlos gewesen, hätte er das Mädchen auch jetzt von sich gewiesen, es wäre auch über seine Kraft hinausgegangen, hier auf ein Glück zu verzichten, das ihm seit Wochen die Nächte mit sehnsuchtsvollen Träumen erfüllte. Was ging ihn schließlich auch der Herr an, der nur aus eiskalter Berechnung sein Kind von ihm fernzuhalten suchte?!

Harry Helger hatte seine schwache Stunde.

Er riß das Mädchen in seine Arme und küßte sie, berauschte sich an der Glut ihrer Liebkosungen. Sie saß auf seinem Schoß und überhäufte ihn mit zärtlichen Namen und wiederholte immer wieder voller Seligkeit: »Nun sind wir verlobt, nun wirst du mir helfen, diese dunklen Dinge zu klären.«

Für Helger waren es Minuten, die er nie vergessen würde. Der Mond stand als volle Scheibe am Himmel und tauchte die Küste und das Meer in Zauberlicht.

Und zauberhaft schön war diese Stunde. Doch das Mädchen drängte, die Wahrheit zu erfahren, und der Rausch zerflatterte vor der Unmöglichkeit, diese Wahrheit zu offenbaren. Helger mußte lügen. Es wäre ein Verbrechen gewesen, dieses einzige Kind einem Vater zu entfremden, der bei allen Fehlern für seine Tochter eine Liebe empfand, die in vielem ebenso rührend wie widerspruchsvoll war.

»Ich weiß nichts«, log der gequälte Mann und preßte das Mädchen noch fester an sich. »Aber sollte ich je etwas wissen, so verspreche ich dir, daß ich mich lieber töten lasse, als daß ich deinen Vater verriete!«

Leere Redensarten waren ihm bekannt. Er wußte recht gut, was er mit diesem Versprechen auf sich nahm, nur ahnte er nicht, daß die Zeit nahe war, wo er an seine Zusage unter Umständen erinnert werden sollte, die er nicht voraussehen konnte.

Sie glaubte ihm. Er hatte nun auch den Mut gefunden, ihre Bedenken und ihren Verdacht, der nur in ganz unbestimmten Formen sich bewegte, zu zerstreuen.

Sie atmete erleichtert auf, denn nie hätte sie ihm solche Verschleierung der Wirklichkeit zugetraut. Und auch er vergaß seine Lügen und genoß nur die ganze übergroße Seligkeit des Augenblicks.

Erst weit nach Mitternacht hatte das Mädchen sich in ihr Schlafzimmer zurückgeschlichen. Eine halbe Stunde darauf erschien ihr Vater aus derselben Richtung und begab sich leise auf die Veranda, wo er lange Zeit finster vor sich hin grübelte. Endlich war er zu einem Entschluß gelangt. Er schritt abermals davon und betrat das kleine feste Haus, über dem zwischen zwei Palmen die Antenne ausgespannt war. Sein Reichtum und die Zusammenarbeit mit einer großen Firma auf dem Festlande gestattete ihm die Anlage ganz moderner Einrichtungen. Der Sender arbeitete und jagte die Vereinbarung niederträchtigsten Verrats durch den Äther.

Harry Helger wurde in derselben Nacht noch aus festestem Schlafe wachgerüttelt.

»Sie müssen sofort mit dem Schoner nach Numea (auf Neu-Kaledonien) segeln. Soeben rief man mich von dort an«, sagte der Herr. »Die Maschinenteile sind eingetroffen, und wir brauchen sie notwendig. Sparen Sie kein Benzin, Helger, lassen Sie den Motor arbeiten, aber sparen Sie den Zoll. Wie, das ist Ihre Sache! Jedenfalls ziehe ich Ihnen den Zoll, den Sie nicht zu verdienen verstehen, vom Gehalt ab! Vorwärts, der Schoner liegt bereit, die Besatzung ist an Bord.«

Eine Stunde darauf stach das Schiff mit Kurs auf die australische Küste.

Als das Mädchen am folgenden Vormittag Harry Helgers Fehlen bemerkte, erklärte ihr der Vater mit gut gespielter Entrüstung: »Ich hätte dir's gleich morgens sagen sollen. Dieser Lump ist ausgekniffen und hat den besten unserer Motorschoner mitgehen heißen!! Du hieltest wohl sehr große Stücke auf Helger, nun siehst du, was an ihm dran war! Ich habe schon die Stationen ringsum benachrichtigt, er wird nicht weit kommen!«

Das Mädchen war sehr bleich geworden und starrte den Vater lange wortlos an.

Dann wandte sie sich ab und schritt zu Helgers Hütte hinüber, fand sie leer und völlig ausgeräumt, fiel kraftlos auf einen Stuhl und überließ sich ihrem Schmerz und ihrer wilden Empörung. Sie vergegenwärtigte sich die Vorgänge der nächtlichen Liebesstunde am Strande, und eine unsinnige Angst packte sie.

Als ihr vor Grauen die Hände vom tränenüberströmten Gesicht sanken, stand der alte Hausmeister vor ihr.

»Es dürfte sich alles anders verhalten«, flüsterte er mitleidig. »Du mußt nicht so verzweifelt sein. Er hätte dich freiwillig nie verlassen – nicht nach der letzten Nacht!«

Unter seinem gütigen Blick wurde sie blutrot. Ihr Kopf sank vornüber und nur wie ein Hauch war die verschämte Frage: »Hast du uns – beobachtet?!«

»Beschützt!« verbesserte er voller Zartheit. Aber auch er verschwieg ihr, was er wußte und was er vermutete. Er streichelte nur ihren aschblonden Scheitel, redete ihr liebevoll zu und tröstete sie und nahm alle Ängste von ihr.

»Sollte das eintreffen, was wir nicht voraussehen können, so werden wir – verreisen, – ja, verreisen. Wir haben ja schon häufiger längere Ausflüge gemacht.«

Wochen später fand das Mädchen endlich die Wahrheit heraus. Eines Nachts hatte sie am Strande an derselben Stelle gesessen, wo ihr Liebestraum beglückende Erfüllung gefunden hatte. Sie dachte wieder nur an den Mann, der von ihr gegangen war und sich an ihr so schwer vergangen hatte, die Folgen mußte sie nun allein tragen. Nicht allein, denn der treue alte Hausmeister hatte sich auch fernerhin als verschwiegener und kluger Berater und Tröster gezeigt. Und dann waren zu ihrer Überraschung zwischen den Riffen draußen, die so unpassierbar waren, die Laternen in den Holztürmen aufgeflammt, die großen Karbidlichter, die nie mehr gebrannt hatten. Zwei Schoner nahten und fuhren in den kleinen Nothafen von Maloha ein.

Das Mädchen vergaß ihr eigenes Leid über den gellenden Schreien und den höhnischen Flüchen. Sie stürmte davon und verbarg sich unweit der Bucht und sah alles. Da gingen ihr die Augen auf. Morgens tat sie ganz unbefangen, aber dann nahm sie den alten Hausmeister beiseite und erklärte ihm mit aller Energie und Eindeutigkeit: »Entweder kommst du mit, oder ich tue es allein!«

Der alte Mann, dessen Herz nur eine Liebe kannte, und das war das Mädchen, bereitete in vollster Heimlichkeit jede Kleinigkeit vor und billigte aus Überzeugung die Strafe, die über den verhängt werden sollte, der sich gegen die Gesetze verging.

Fünf Tage darauf fand der Herr der drei Inseln einen Brief auf seinem Schreibtisch, las ihn und zerriß ihn. Er trank ein volles Wasserglas Palmschnaps, um seine Erregung niederzukämpfen.

Nachher ging er zum Strande hinab zu der Stelle, wo er sein einziges Kind in den Armen Harry Helgers gesehen und dessen Versprechen mit angehört hatte: »Aber sollte ich je etwas wissen, so verspreche ich dir, daß ich mich lieber töten lasse, als daß ich deinen Vater verriete!«

Darauf hatte der Herr der Inseln gebaut.

Helger hatte auch nichts verraten.

Das Leben und Treiben auf den drei Inseln der Manihiki-Gruppe nahm wieder seinen alten Gang. Doch der Herr war still und ernst und duldsam geworden und bekam weiße Schläfen über all dem Leid, das er nun zu tragen hatte.


4. Kapitel.

Auf der Brücke der vierundvierzig . . .


Über Sidney lastete die Hitze eines ungewöhnlich schwülen Vormittags.

Marga Alting kam aus der George-Street von der Bankfirma Setter und hielt die Aktentasche mit den Schiffspapieren fest unter den Arm geklemmt. Sie hatte ihren Auftrag bei Setter sehr schnell erledigt und war froh, daß ihr nun wirklich noch Zeit blieb, die Verabredung mit Bert Snider einzuhalten. Sie wollte mit dieser Sache endgültig reinen Tisch machen. Das merkwürdige Angebot ihres Freundes war für sie unannehmbar. Mit solchen Dingen hatte sie sich nie abgegeben, obwohl ihr Dasein stets jene klare Linie entbehrt hatte, wie man dies bei einem Mädchen ihrer bescheidenen Herkunft und Stellung erwarten durfte.

Sie bog auf die neue Hafenbrücke ein und machte mitten auf dem wuchtigen Bauwerk von Stahl und Eisen und festesten Hölzern halt, lehnte sich leicht auf das Geländer und genoß wie so oft schon das Bild der australischen Hafenmetropole mit den Augen eines Menschen, der für diese ungeheure Sinfonie der Arbeit rundum vollstes Verständnis hat.

In der Tiefe unter ihr gellten die Sirenen der Dampffähren, der Schlepper, der Motorboote und der einkommenden Seeschiffe. Das Echo dieser grellen Töne wurde von den zahlreichen felsigen Buchten des Innenhafens verdreifacht zurückgeworfen. Es vereinigte sich mit dem Lärm der ruhelosen Stadt zu einer ohrbetäubenden, einzigartigen schrillen und doch ewig gleichmäßigen Musik. Es klang wie der halberstickte Schrei miteinander ringender Giganten.

Diese bis zu äußerster Vehemenz gesteigerte Geschäftigkeit war auch nur Kampf und immer wieder Kampf. Und die Feldherrn dieser Schlachten saßen dort in den modernen Wolkenkratzern mit den endlosen Fensterreihen, in denen die Sonne wie in Spiegelfronten schillerte und funkelte, obwohl über der Stadt bei dieser Windstille trotz der Nähe des Meeres eine dünne Wolke von Rauch und Qualm und Fabrikdünsten lagerte. Die Sonne durchbrach auch diesen Schleier und leuchtete wie ein seltsamer Riesenopal am sommerlichen Himmel.

Marga Alting wandte sich dem Herrn zu, der sie soeben vertraulich angesprochen hatte. Er war jung und hatte blasse durchgeistigte Züge, seine Kleidung verriet eine genial-nachlässige Verachtung aller Äußerlichkeiten. Er war Journalist, das besagte alles.

Seine Begrüßungsworte für Marga waren ein wenig flüchtig und zerstreut. Bert Sniders Gedanken pflegten sich gleichzeitig mit mehreren Fragen zu beschäftigen. Heute allerdings beherrschte ihn nur die Erwartung, ob Marga sich nun endlich fest entschlossen habe, ihm hilfreich zur Hand zu gehen. Ihr Gesichtsausdruck war nicht gerade vielverheißend, und daher hielt er es für zweckmäßig, nochmals zu betonen, daß Marga nur einer guten Sache diene und daß ihr Name nie genannt werden würde.

»Sobald du mit Consort erst auf Maloha bist, kannst du dir die Informationen bequem verschaffen, denn dich wird niemand beargwöhnen«, schloß er seine recht unbestimmten Andeutungen über ihre Aufgabe als seine – Spionin, denn darauf lief die Sache letzten Endes hinaus, und das gerade war's, was Marga zurückschreckte. Sie empfand unklar das Unsaubere dieser ganzen Angelegenheit, und für Unsauberkeiten war sie nie zu haben gewesen. Aber sie fühlte auch wieder den flehenden und fast hungrigen Blick seiner Augen, und sie hätte kein Weib sein müssen, wenn diese Anhänglichkeit – um das Wort Liebe auszuschalten – sie nicht gerührt hätte.

Er hatte ihre Hand ergriffen und das Gefühl ging mit ihm durch. Wie weit dieses Gefühl frei von kühler Spekulation war, darüber wollte er sich keine Rechenschaft ablegen. Seine Stimme wurde vertraulich und zärtlich, seine Augen noch hungriger. Er suchte einen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie schaute hartnäckig in die Tiefe des Hafens hinab, wo die Haie umherschwammen.

»Marga, bitte bedenke, daß mich weit mehr an deine Person fesselt als nur Freundschaft. Ich habe bisher geschwiegen, ich wollte dich nicht scheu machen. Daß ich dich aufrichtig liebe und daß es mein sehnlichster Wunsch ist, dich aus einer Umgebung zu befreien, die doch infolge der zudringlichen Art dieses Solwy Consort . . .«

Jetzt blickte sie ihn an. In ihren graublauen Augen lag ein Schimmer ungläubigen Staunens. Illusionen besaß Marga nicht mehr! Desto unwirklicher erschien ihr dieser Gefühlsausbruch eines Mannes, den sie bisher für einen eiskalten Rechner gehalten hatte. Sie unterbrach ihn etwas befangenen Tones.

»Freund Bert, – soll das ein Heiratsantrag sein?! Wenn ja, dann hast du dir dazu einen unmöglichen Ort ausgewählt. Auf dieser Brücke geschehen leider zumeist andere, traurige Dinge als Liebeserklärungen!«

Sie beließ ihm jedoch ihre Hand. Auch sie war Deutsche, auch in ihr lebte noch ein spärlicher Rest jener poetischen Sehnsucht, die man als deutsche Gretchennatur zu bezeichnen beliebt. Heute zum ersten Male betrachtete sie Snider mit den Augen des Weibes, dessen Hoffnungen auf eine glückliche Ehe und ein trauliches Familienleben gerichtet sind. Das Geschick hatte sie und Bert hier nach Australien verschlagen, ein Zufall hatte sie vor einem Jahr zusammengeführt, er war ihr stets ein treuer, ergebener Freund gewesen, der nie auch nur die geringsten Vertraulichkeiten gewagt hatte.

»Marga, es ist ein Heiratsantrag«, erklärte er nun mit aller Wärme. »Gib mir das Recht, als Verlobter für dich zu sorgen. Ich dulde es nicht länger, daß dieser Solwy Consort dich als baldige Beute betrachtet und –«

Sie lächelte plötzlich, und das verschlug ihm die Rede.

»Du bist unlogisch, Freund Bert! Deine Fürsorge für mich zeigt bedenkliche Widersprüche. Mein Chef soll mir nachstellen, nimmst du an. Anderseits wünschst du, daß ich die Reise nach den Manihiki-Plantagen mit ihm zusammen auf einem Schiffe, also in engster Gemeinschaft, zurücklege.«

Als sie jedoch sein traurig gewordenes Gesicht sah, lenkte sie schnell ein, er war hier ja wirklich der einzige Mensch, der ihr näherstand. Sie drückte seine Hand und nickte ihm herzlich zu.

»Bert, der Heiratsantrag kam etwas sehr überraschend. Ich kann dir heute noch keine bindende Antwort geben, auf beide Fragen nicht, wenigstens jetzt nicht sofort. Es handelt sich doch um eine Entscheidung, die –« – sie wurde rot und verlegen und stammelte hastig. »Wir wollen uns abends im Wawerley-Strandbad treffen. Hier auf der Brücke kann man doch nicht . . .«, – und wieder verstummte sie. Sie sah in ihrer lieblichen Verwirrung reizender aus, denn je.

Bert Snider horchte auf. Was er in seinen kühnsten Träumen nie zu erhoffen gewagt hatte, hier schien es Wirklichkeit werden zu wollen. Er merkte ja, daß Marga ihm nur sehr zaghaft auswich und eine Entscheidung – echt mädchenhaft! – hinauszögerte. Das große Glück, das er nun so greifbar nahe sah, verwirrte auch ihn. Er glaubte an seine Liebe, – er war kein schlechter Mensch, er war nur ein Produkt seiner Zeit und der Verhältnisse, die ihn zum kühlen Rechner gemacht hatten. Er drängte sich näher an Marga heran, und seine Hand wurde heiß und bebte leicht. Sie spürte es. Sie hatte noch nie den Versuch gemacht, die Auswirkungen ihrer pikanten und taufrischen Schönheit zu erproben. Spielereien lagen ihr fern. Sie vernahm sein immer undeutlicheres und leidenschaftlicheres Gestammel und geriet mehr aus Unkenntnis dessen, was alles eine Frau sich unter den Liebesbeteuerungen eines bisherigen Freundes einzureden und einzubilden vermag, nun auch selbst in eine ihr völlig fremde und eigentümlich berauschende Stimmung. Bert war stets der treue, aufmerksame und bescheidene Gefährte ihrer freien Stunden gewesen, sie hatte sich an ihn gewöhnt, und die Gewohnheit ist die größte Kupplerin.

Sie duldete es, daß er ihr nun plötzlich den über ihrem Handgelenk am feingestanzten Lederband hängenden japanischen Papierschirm abnahm, ihn aufspannte und im Schutze dieses bunten Daches den Arm um ihre Schultern legte und ihren Kopf sanft herumdrehte, bis er ihr in die Augen sehen konnte. Sie las in seinen Blicken eine warme, wohltuende Zärtlichkeit und überließ sich willenloser, als es sonst ihre Art war, dem Taumel der jäh in ihr hochquellenden fraulichen Hoffnung auf eine Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche.

Sie wich nicht zurück, als er sie küßte und seine Lippen sehr bald ungestümer und verlangender wurden. Sie besaß bisher keinerlei Erfahrungen auf dem trügerischen Kampffelde der Liebe. Sie fühlte das Erwachen einer Erregung, die sie seltsam aufpeitschte.

Als er ihre Lippen endlich freigab, sagte sie schelmisch: »Und was wird nun aus deinem Auftrag, Bert?!« Sie nahm mit Recht an, daß die Sache hiermit abgetan sei.

Ihre Frage genügte, ihn wieder auf die sehr prosaische Erde zurückzubringen.

»Ach so, die unbedingt nötigen Informationen. Also der Fall Maloha! Daran, mein Liebling, läßt sich nun leider nichts ändern, denn mein Ruf als fixester Reporter von Sidney hängt davon ab, daß wir uns gegenseitig in die Hände arbeiten. Consort ist äußerst vorsichtig, und er weiß genau, was ihm blüht, wenn er bei einem solchen Geschäft abgefaßt wird. So ungern ich es dulde, daß du mit ihm nach der Manihiki-Gruppe fährst, nur an Ort und Stelle kannst du das Notwendige feststellen und mir deine Berichte dann zusenden. Das Wie besprechen wir noch. Jedenfalls werde ich in der Nähe sein, wenn auch heimlich. Der Zeitungskonzern ist in Geldfragen großzügig, und wenn wir Erfolg haben, dürfte eine nette Summe dabei herausschauen.«

Er redete sich immer mehr in Feuer und hatte das, was noch vor Minuten geschehen, völlig vergessen. Nachdem er sich dann von Marga mit langem Handkuß verabschiedet hatte, ließ er sie in recht zwiespältiger Stimmung zurück. Sie war noch auf der Brücke stehengeblieben und hatte ihm eine Weile nachgeschaut.

Dann fühlte sie den Blick fremder Augen und wandte ein wenig den Kopf.

Drei Schritt weiter lehnte neben ihr am Brückengeländer ein Seemann in einem billigen blauen Bordanzug. Sein schmales Gesicht mit der scharfen dünnen Nase besaß jene kirschbraune matte Lederfarbe, die den Dauergästen auf tropischen Meeren eigen ist. Trotz der drückenden Hitze war seine Haut ohne die kleinsten Schweißperlchen. Seine grauen Augen, umgeben von einem Gespinst feiner, lustiger Fältchen, lagen unter dicken blonden Brauen und hatten den festen, ruhigen, mehr nach innen gekehrten Blick derer, die an weite Entfernungen und an einen freien, nur von schillernden Wogen erfüllten Horizont gewöhnt sind.

Er schaute Marga blinzelnd an und rückte ihr ohne Aufdringlichkeit einen Schritt näher. Seine verarbeitete und doch gepflegte Hand deutete vielsagend auf die auf der Brücke patrouillierenden Bobbies.

Der Mann war keiner von denen, die irgendwie Abenteuer mit Frauen suchen. Die großen Gefühle und die großen Worte für Dinge, die ihn nichts angingen, hatte er sich längst abgewöhnt. Gerade was Frauen betraf. Aber mit der da neben ihm machte er eine Ausnahme. Er witterte etwas Heimatliches in dieser zierlichen und doch vollendet ebenmäßigen Gestalt. – – Das war's: Heimatliches!! Und das packte ihn. Die Heimat war ihm zwar zur Fremde geworden, doch je ferner das Einst für ihn im Schoße der Urmutter Zeit entschwunden, desto fester klammerte er sich an die Kleinigkeiten, die ihm noch immer die glücklichen Tage in der Heimat als verschwommenes Bild hervorzaubern konnten, – die herben Fehlschläge und Fehlgriffe übersah er dann.

Auch dieses Mädchen war ihm nur eine solche Kleinigkeit, ein Fünkchen, das ein dunkles Gemälde flüchtig in Licht taucht. Das Mädchen erinnerte ihn an einen wunderlichen, uralten, runden, grasbewachsenen Marktplatz mit schlechtem Pflaster, über den lachende und kichernde Mädels mit fliegenden Hängezöpfen hinweghuschten: An seine Vaterstadt auf Rügen!

Marga erging es wie ihm: Auch sie empfand irgendwie etwas Verbindendes zwischen sich und dem Seemann! Als er nun das Wort an sich richtete und mit voller, dunkler Stimme in seiner Muttersprache sagte: »Sie werden doch nicht!!« und dabei in die Tiefe deutete und mit einer weiteren Handbewegung auf die patrouillierenden Schutzleute wies, erwiderte Marga angenehm überrascht: »Haben Sie keine Sorge, Landsmann!« Sie blieb dabei vollkommen ernst wie er.

Er nickte. Ihre Stimme gefiel ihm, sie hatte einen Unterton von ruhiger Bestimmtheit und freier Natürlichkeit. Ein unnennbarer Hauch von Unberührtheit lag über ihrer ganzen Erscheinung.

»Man behauptet, es seien bisher sechsundsechzig«, fügte er gleichmütig hinzu.

»Vierundvierzig sind erwiesen«, sagte sie ganz sachlich. »Die übrigen wurden zu schnell von den Haien verschleppt, und es geschah nachts. Dabei ist die Brücke erst zwei Jahre in Betrieb.«

»Für Lebensmüde!« ergänzte er achselzuckend. »Wer jung das Leben von sich wirft, ist ein Feigling. Nur das Alter hat ein Recht, auf den Daseinskampf zu verzichten. Die anderen sind Halbnaturen und wertlos.« Das klang hart, fast unbarmherzig. Aber Tim Brack war nicht für seichte Redensarten.

Marga fühlte sich zunächst durch sein schroffes Urteil über die »Feigen« unangenehm berührt. Ihre Lippen spitzten sich eigentümlich. Das sah aus, als ob sie erwidern würde: »Pfui, – das ist mitleidslos!!« Aber sie sagte nur: »Da haben Sie wohl recht. Jugend und freiwilliges Sterben passen nicht zueinander. Kampf gibt es überall, und er ist die Pflicht der Jugend. Nur die Schwachen unterliegen.«

Er schmunzelte plötzlich, und die Fältchen um die Augen vertieften sich.

»Nicht nur die Schwachen unterliegen, Fräulein«, knüpfte er an ihre Bemerkung an. »Die Dummen unterliegen auch. Mit Kraft und Zähigkeit ist nichts getan. Ein gewisses Maß Schlauheit, Witz und Frechheit gehören mit zum Siegertyp, – das heißt: Einen Typ gibt es da nicht, die Erfolgreichen lassen sich in keine Schablone zwängen!«

»Mag sein«, meinte sie sinnend. »Ja, man muß kühn zupacken. Wer immer nur überlegt, ob ihm auch wirklich ein Erfolg beschieden sein wird, bringt es nie weit und trägt schon die Hemmungen in sich und baut sich selbst unbewußt Hindernisse.«

»Wie reif sie mit einem Male aussieht«, dachte Tim Brack und fügte laut hinzu: »Ich gehe wohl kaum fehl mit meiner Vermutung, daß Sie vor einer wichtigen Entscheidung stehen, Landsmännin. Packen Sie zu!! Mancher greift nach einem Goldstück im Straßenschmutz und greift elfmal nur Staub oder – eine Spielmarke. Erst beim zwölften Male hat er Glück. Ein Entschluß ist noch immer besser als gar keiner.«

Marga fühlte die Kraftnatur, die hier in ungewöhnlichen Worten ein ganzes Lebensprogramm verkündete. Aber sie war durch dieses Programm nur wieder sehr nachdenklich geworden, und die zwiespältige Stimmung von vorhin verstärkte sich nur. Immer klarer kam es ihr zum Bewußtsein, daß sie sich von Bert hatte überrumpeln lassen, – ja, das war's gewesen: Überrumpeln!!

Unter den blonden Löckchen erschien die gewisse tiefe Falte auf ihrer Stirn, bei ihr stets ein Zeichen der Unzufriedenheit mit sich selbst. Sie wich dem prüfenden Blick des Landsmannes aus und erwiderte frostig: »Vielleicht habe ich mich soeben gebückt und nur – Staub gegriffen – vielleicht?« Dann musterte sie ihn von neuem, und ein anderer Gedanke kam ihr. »Sie sind Seemann, nicht wahr?« fragte sie merklich gespannt. Auf das Äußere dieser Berufsklasse verstand sie sich ja.

Er nickte nur bejahend.

»Kennen Sie die Südsee genauer?« ergänzte sie ihre Frage, und schon der Ton ihrer Stimme verriet, wie interessiert sie an seiner Antwort war.

»Zu gut!« meinte er bedächtig und gab noch schärfer auf den Ausdruck ihres Gesichtes acht.

Marga rückte ihm vertraulich näher. Sie stellte eine neue Frage, die den von Bert erhaltenen Auftrag anging. Aus dem Gesicht des Heizers Tim Brack schwand der letzte Rest von gutmütiger Freundlichkeit.

»Zum Teufel, wie kommen Sie auf die gefährlichen Dinge, Fräulein?!« stieß er rauh hervor. »Haben Sie damit etwas zu schaffen?! Ich hoffe nicht! Und wenn jemand Sie da mit hineinverwickeln will, lassen Sie die Finger davon! Sie können sich dabei nicht nur die Fingerchen verbrennen, sondern ganz in Flammen aufgehen! Schon mancher, der sich da einmischte, ist nie wieder –« Er brach plötzlich ab und schloß den Satz sehr nachdrücklich: »Sie sind gewarnt!! Merken Sie sich das!!«

Er sah ihr Erschrecken, sah, wie sie die Farbe wechselte. Aber sie hatte sich gut in der Gewalt und verabschiedete sich eiligst, zu eilig für sein Empfinden. Sie streckte ihm die Hand hin.

»Möglich, daß wir uns nochmals begegnen, dann können wir unsere Erfahrungen austauschen, wie oft wir daneben gegriffen haben!«

Dann ging sie. In ihrer Haltung und in ihrer Art, wie sie die kleinen Schuhchen fest aufsetzte, lagen ein gewisser Trotz und etwas Herausforderndes, das dem Schicksal galt.

In ihrem Bürozimmer bei Consort & Comp. grübelte sie lange vor sich hin. Aber trotz der Warnungen des unbekannten Seemannes entschloß sie sich doch, diese geheimnisvolle Manihiki-Angelegenheit weiter zu verfolgen. Bert hatte zu oft versichert, daß sie nur der Allgemeinheit damit nütze, – sie wollte feststellen, ob es sich wirklich so verhielte oder ob Snider nur seinen eigenen Vorteil wahrnehmen wollte. Sie war mißtrauisch geworden.

Dann klopfte es, und ein Mann in einer Art Livree trat ein. Es war Solwy Consorts Diener und Koch, ein Mensch, der Marga unsympathisch war, obwohl sie für diese Abneigung keinerlei Gründe hätte angeben können. Sie hatte den Brief, den sie Bert schreiben wollte, bereits begonnen und nahm diesem Guy Trebber, der ein ungewöhnlich verwittertes Gesicht besaß, die Papiere ab – eine ganze Mappe voll. Während sie die verschiedenen Schreiben flüchtig durchsah, die zum Teil eilig waren, beugte sich Trebber plötzlich über ihren Sessel und las schnell die Sätze des offen daliegenden Briefanfanges, die sich auf Maloha und die Reise nach der Manihiki-Gruppe bezogen. Marga merkte nichts.

Der Diener kniff die Augen überrascht und unwillig zusammen und stand dann wieder in gleichgültiger Haltung da. Als Marga ihm nun einen Teil der Papiere zum Verteilen an die verschiedenen Ressorts zurückgab, sagte er vorsichtig gedämpften Tones:

»Miß Alting, man erzählt hier im Geschäftspalast, daß Sie den Chef begleiten werden. Im Vertrauen: Ich kenne Maloha, die – die Luft dort ist sehr ungesund – für Leute, die, wie soll ich mich ausdrücken, – die zu vertrauensselig sind. Ich rechne auf Ihre Diskretion, Miß Alting. Sehr ungesund ist die Luft dort – zuweilen! Ich war dort und habe es hinterher bitter bereut, obwohl manches mich noch heute dorthin zieht – manches!« Er nickte trübe vor sich hin und seine Züge verrieten ein bitteres, schmerzliches Rückerinnern.

Marga war erstaunt. Sollte auch dies eine Warnung sein?! Aber Guy Trebber zog sich bereits bescheiden zurück, und gleich darauf hatte sie den ganzen Vorfall vergessen. Sie beendete den Rohrpostbrief an Bert und teilte ihm mit, daß es bei ihren sonstigen Vereinbarungen bliebe, daß sie aber nach erneuter reiflicher Prüfung sich nicht als seine Verlobte betrachte, – das alles solle besser nach Erledigung der Reise und der anderen Dinge endgültig zwischen ihnen geklärt werden. Sie fügte einen herzlichen Gruß hinzu – für den altbewährten Freund!

Oberheizer Tim Brack war der Davonschreitenden lange mit den Augen gefolgt. »Begegnen?!« dachte er. »Dazu ist die Welt zu groß! Morgen schwimme ich wieder auf dem Ozean und schippe Kohlen! Lieber wäre es mir ja, ich könnte dich im Auge behalten, kleines Mädel, denn deine Fragen gefielen mir gar nicht! Wer du wohl sein magst, blonde, liebliche Landsmännin?!«

Die Lust zu weiterem Umherschlendern durch die Stadt war ihm vergangen. Eine halbe Stunde später betrat er das Deck des Frachters Maryland.


5. Kapitel.

Menschen in der Hölle.


Im Kesselraum der schäbigen und betagten Maryland herrschte eine erstickende Hitze. Der Dampfer schlingerte sehr schwer, und die Arbeit vor den Feuerschlünden ist eine Qual, selbst für die chinesischen Heizer, die doch wirklich sehr viel aushalten. Mitunter kam durch die Öffnungen der Ventilatoren statt der Musik des Taifuns ein Guß Seewassers hinab und bewies am allerdeutlichsten, wie übel es droben aussah.

Tim Brack lehnte an der Wand des einen Bunkers und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Daß selbst er heute schwitzte, war kein Wunder. Er hatte seit drei Tagen kein Auge zugetan. Der Maschinist war gestern früh, als er an Deck frische Orkanluft schöpfen wollte, über Bord gewaschen worden. Nun hatte Tim auch die Verantwortung für die Maschinen.

Die elektrischen Lampen brannten so trübe, daß Brack diese Dämmerung geradezu als Versuchung empfand, die Augen zu schließen und etwas einzunicken. Er hatte nur einen Wunsch: schlafen – schlafen! Er war körperlich fertig, er war ausgepumpt bis zum äußersten.

Er ließ die Lider auch wirklich herabklappen. Riß sie aber sofort wieder auf. Es war vor Tagen wie ein unbegreiflicher Zwang über ihn gekommen. Er sah nur noch das faunisch grinsende, süßliche Gesicht des Mister Solwy Consort über Margas Liegestuhl gebeugt.

Wenn er damals auf der Selbstmörderbrücke in Sidney geahnt hätte, daß es sich bei Marga Altings Entschluß um diese Seereise als Sekretärin dieses widerlichen Burschen handelte, dann hätte er ihr nicht geraten, nach dem blinkenden Etwas im Straßenstaub zu greifen, nein, niemals!

Armes Mädel!!

Daß er sich ihr in den ersten Tagen nicht gezeigt hatte und ihr auch später aus dem Wege gegangen war, so daß sie noch jetzt keine Ahnung von seiner Anwesenheit an Bord hatte, das hatten die Umstände so mit sich gebracht. Er war hier nur der Oberheizer Tim Brack – eine Null. Sie war die Herrin der besten Kabine und die Vertraute des großen Reeders Consort. Sie hätte sich gewiß seiner Bekanntschaft nicht geschämt, – aber es war besser so! Auch Tim Brack war Diplomat. Es gab hier an Bord so verschiedenes, was nicht sauber war. Da war zum Beispiel der Koch, den der feine Mister Solwy für sich und Marga Alting mit auf diese Inspektionsreise genommen hatte. Der Mensch hatte eine verwitterte Visage, daß man wirklich kein Menschenkenner zu sein brauchte, um den Mann sofort richtig einreihen zu können: Flüchtling aus einer Strafkolonie!! So hatte Brack am ersten Tage geraten und nicht auf gut Glück, denn er tat keinen, wer es auch sei, irgendwie leichtfertig mit vorschnellem Urteil ab. Drei Tage darauf hatte er diesen Neuling an Bord bei der Morgenwäsche – nicht zufällig! – heimlich betrachtet: Das Brandmal auf der Schulter besagte alles!! Tim war seiner Sache nun gewiß, und von da an hatte er sein eigenes Überwachungssystem für Marga durchgeführt, wobei ihm der Kajütboy Pei Feng der einzige und wertvollste Vertraute blieb. Der kleine Chinese hing an Brack mit jener erstaunlichen Dankbarkeit, die bei den Chinesen genau so selten ist wie ein Verzicht auf Rache für erlittene Ungerechtigkeiten und wie die unglaubliche Ausdauer bei der Verfolgung dieser Rachepläne.

Tim Brack schreckte urplötzlich aus seinen Grübeleien hoch.

Er horchte.

Die Schraube lief leer. Die Kolben rasten. Bisher hatte dieser Leerlauf außer Wasser stets nur kurze Zeit gedauert, wie dies bei schwerer See vorkommen kann. Jetzt aber . . .

Brack sprang mit zwei Sätzen zur Maschine und riß den Hebel herum.

Er war wach wie nie. Er dachte an die arme zarte Marga.

Dann erst kam das Signal des Maschinentelegrafen: »Stoppen!!«

Was bedeutete das nur?!

Das ganze schwarze Kielwasser war nach vorn geschwappt und stand dort vor der dritten Bunkertür wie ein häßlicher Tümpel und schlug Wellen wie ein Dorfteich bei Gewittersturm. Das Heck lag also hoch über Wasser. – Was bedeutete das?!

Auch die gelben Heizer waren aufmerksam und unruhig geworden. Schutzsuchend umdrängten sie den neuen Chef der grausigen Hölle dieser Unterwelt, aus der es kein Entrinnen gab, wenn der alte Kasten von Frachter etwa kenterte oder aufgelaufen war und von den Wellenbergen des Taifuns umbrandet wurde. – Zischelnde, verängstigte Stimmen umwogten den Deutschen, und glänzende fiebrige Augen forschten in seinen Zügen nach einer Erklärung für die ungewöhnliche Lage des Schiffes. Tim Brack besaß das volle Vertrauen seiner farbigen Kollegen. Er hatte es sich nicht erschlichen oder danach etwa gegiert wie ein Schwächling, dem es nur auf falsch verstandenen Kameradschaftsgeist ankommt. Nein, – er hatte stets die Farbengrenze gewahrt. Er hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß der Weiße für ihn obenan stand. Es lag jedoch in seiner ganzen Art, daß die gelben Burschen trotzdem an ihm hingen.

Er war kein verschlossener Charakter, er verfügte über die seltene Gabe, durch ein freundliches Wort zur rechten Zeit sein rein menschliches Empfinden für die kleinen und großen und sogar für die eingebildeten Leiden und Sorgen seiner Mitmenschen zu beweisen. Er hielt die entscheidende Grenzlinie trotzdem scharf ein, – vielleicht war er unbewußt das, was man eine Persönlichkeit nennt, vielleicht fühlten dies gerade die primitiven Farbigen am deutlichsten, – vielleicht mehr als er selbst, denn er pflegte sich mit seiner eigenen Person nie in Gedanken zu beschäftigen, und dies bewahrte ihn vor jeder Künstelei. Er gab sich, wie er war, und er war in seiner Art unbedingt etwas Besonderes.

Seine klare ruhige Stimme übertönte das heisere eilige Gezischel der verschüchterten Chinesen. Er stand noch an der Maschine und hatte den Hebel der Dampfleitung umklammert. Er wartete auf ein neues Kommando. Seine Augen aber glitten mit einem Ausdruck heimlicher Sorge unstät umher und fraßen sich nun an den durchnäßten und schmutzigen Leinenschuhen und an den schlotternden weißen Hosen fest, die soeben auf der schmalen Eisentreppe aufgetaucht waren.

Es war der Kajütboy Pei Feng. Seine protzige blaue kurze Jacke war zerrissen. Der Junge triefte, sein häßliches Gesicht mit den winzigen Augenschlitzen war fahl, über die eine Wange zog sich ein blutiger Streifen hin. Er taumelte auf Brack zu und klammerte sich an ihm fest. Seine Blicke waren leer vor Grauen und Furcht. In seinem unmöglichen ostasiatischen Hafenenglisch stieß er keuchend und japsend hervor: »Wrack sein von Strömung unter Maryland geschoben – Dampfer liegen mit Bug tief in Wasser und achtern ganz hoch.«

Pause.

»Da, – horchen!!! Wrack und Maryland sich drehen!!«

Brack hörte das schon selbst. Der Taifun fegte seine Riesenberge gegen die Bordwände ohne jede Gleichmäßigkeit. Bald hier, bald dort klatschten die Wogen über Bord.

Der kleine Pei Feng drängte sich noch enger an Bord und zischelte von neuem: »Oben alle weg, – weggewaschen – alle! Alles leer! Boote lange sein Kleinholz. Du helfen, Missu, – du helfen!!«

Dieser Angstschrei hatte etwas Rührendes an sich.

Brack fühlte, wie ihm ein dicker Knäuel in der trockenen Kehle hochquoll. Alle tot – alle?! – Selbst wenn der Junge übertrieb, – etwas Wahres mochte schon an der Hiobspost sein!!

Er schaute den Boy lange schweigend an. Ihm widerstrebte die Frage nach Marga hier vor all den anderen, die nichts von seinem Bündnis mit Pei Feng wußten.

Der von Todesangst gefolterte Junge stierte glasig zum Ventilator empor. Durch das Loch prasselten Holzstücke herab – vor kurzem noch Teile der Brücke. Und wie der Junge so unverwandt nach oben stierte, rief er überlaut, als ob er Bracks Sorgen ahnte: »Miß sein in Kabine . . . Sein sehr viel krank, seekrank . . . sehr viel stark krank . . .«

Das löste den Bann von Bracks wie gelähmten Nerven und lockerte den unnatürlichen Eisenreif um seine Stirn.

»An Deck!!« befahl er. »Jeder nimmt eine Korkweste mit . . .«

Unter dem Kiel der Maryland ertönte ein warnendes Schnarren und Stampfen. Es klang wie das dumpfe Splittern verfaulter Hölzer und Planken. Dann legte sich die Maryland nach Backbord über wie ein sterbendes Riesentier im letzten Todeskampf, und die Schmutzfluten des in den Maschinenraum eingedrungenen Wassers schwappten langsam seitwärts, während gleichzeitig durch den einen Ventilator der Taifun das gierige Meer in ganzen Strömen in die Gluthölle der Todgeweihten hinabschickte.

Mit einem schrillen Geheul, das sogar die unaufhörlichen Schläge der ungeheuren Wogenberge gegen die Bordwände des Dampfers übertönte, hatten die vier Heizer sich auf die Eisentreppe gestürzt und suchten einer den andern zurückzustoßen. Jeder wollte der erste sein. Die Todesangst fand hier einen grotesken und doch erschütternden Ausdruck. Sie stießen sich mit Fäusten und Schuhen in die verschwitzten Gesichter, sie behinderten einer den andern, sie rissen sich von den Stufen herab und kollerten in den schmierigen, schwarzen Schlamm hinein, sprangen wieder empor, in ihren weit aufgerissenen Augen funkelte der Haß der wildesten Verzweiflung und der Neid, der niemandem als sich selbst das Leben oder doch eine Rettungsmöglichkeit gönnte.

»Wahnsinn!!« murmelte Brack. Aber er verachtete diese Ärmsten nicht, er verstand sie, er hatte schon einmal solche Szenen miterlebt.

Er dachte an Marga.

Armes kleines Mädel!! Seekrank! Und droben sicherlich allein in der Kabine und wahrscheinlich unfähig, ein Glied zu rühren. Hoffentlich auch geistig schon so stumpf, daß sie sich ihrer verzweifelten Lage nicht bewußt geworden – hoffentlich!

Nun hatten die vier Chinesen sich nach oben durchgekämpft und waren verschwunden. Pei Feng hing noch immer an Bracks Hüften wie ein armseliges Bündel und schluchzte leise. Das Weinen des Jungen war nur zu spüren, nicht zu hören. Zu spüren an den Erschütterungen des kleinen mageren und so oft mißhandelten Körpers.

Tim Brack rüttelte den Boy und rief ihm in die Ohren:

»Sei kein Waschlappen, du!! Ich bin bei dir! Ich rette dich, oder wir ersaufen zusammen! Wir holen jetzt Miß Marga!« Er bediente sich absichtlich derber und halb vorwurfsvoller Ausdrücke. Er verstand diese Sorte Menschen zu behandeln.

Die Maryland neigte sich noch stärker nach Backbord, und der Stoß, der nun den ganzen Schiffskörper erschütterte, mahnte Brack zur Eile. Er übereilte jedoch nichts, er vernahm ja das ununterbrochene Dröhnen des überstarken Wogenpralles und malte sich unschwer aus, wie es droben an Deck bestellt war: Die See überflutete das Deck, und das Wrack, das sich als Hebebaum unter das Achterteil des Frachters geschoben hatte, mußte uralt und morsch und von beträchtlicher Größe sein. Es treiben sich hier in der Südsee genug derartige Leichen von Fahrzeugen umher – übergenug. Die Versicherungsgesellschaften weigern sich nicht ohne guten Grund, die Südseefrachter zu den üblichen Bedingungen aufzunehmen . . .

Brack schnallte dem Jungen die Korkweste um und fügte noch eine zweite hinzu – auch für sich. Er wußte, wie gut die dicken Westen die Stöße in der Brandung abfingen. Und Brandung war ringsum, das unterschied er mit geübtem Ohr an dem veränderten Brüllen der Wogen und an der Unbeweglichkeit der beiden nun offenbar festliegenden Wracke, – der beiden, denn auch die Maryland hatte nun ihre allerletzte Reise hinter sich, auch sie war nur mehr ein Wrack.

Dann schob er den Kajütboy vor sich her die Treppe nach oben und hielt ihn mit der Linken fest gepackt, ganz fest. Durch die Luke, die von den Heizern offen gelassen war, ergoß sich ein Strom Wasser die Treppe hinab und drohte den Deutschen zurückzudrängen.

Er drückte den Jungen zur Seite und schob den Kopf über den Lukenrand hinaus.

Was er sah, machte ihm den Herzschlag stocken.

Der Morgen graute gerade. Der Taifun war vorübergezogen, aber die See wütete mit vernichtender Kraft wie bisher. Zunächst hatte Brack auch nur die weißen Schaummassen und die geknickten Signalmasten und den verbogenen Schornstein des Dampfers zu unterscheiden vermocht. Dann kam eine kurze Pause in diesem grausigen Spiel der Naturgewalten. Da sah er auch die nahen hohen Felsgestade und riß die brennenden Augen noch weiter auf.

Hier inmitten der niedrigen Inselgruppen derartige steile und himmelhohe Felsufer?! Hier, wo es doch nur Atolle gab oder geben sollte?!

Er seilte sich an. Er sprach zu dem Boy. Pei Feng hatte wieder Mut geschöpft. Sein Vertrauen zu Brack war grenzenlos. Brack bekam ganze Ladungen Wasser in den Mund. Er mußte brüllen. Er brüllte, und der Boy grinste und zeigte die gelben Zähne . . .

Tim Brack kroch auf allen Vieren vorwärts, klammerte sich überall fest, wo er sich nur irgend festhalten konnte. Aber das Meer und der Sturm und die böse Schlagseite des Wracks der Maryland machten diesen Weg zu den Achterkabinen zu einer immerwährenden Kraftprobe zwischen Mannesmuskeln und der Mordgier der angeblich so wundervollen Südsee. Brack zwängte sich durch Trümmermassen des Deckhauses hindurch und bekam Ohrfeigen vom Meer und von Balken und Brettern, daß ihm zuweilen die Sinne zu schwinden drohten. Er verdoppelte seine Anstrengungen und taumelte nun den Kabinengang entlang, der voller Wasser stand und so schräg lag, daß Brack an der Backbordseite sich weitertastete wie auf einem zweiten Fußboden. Bis zu den Knien reichte ihm das schwappende Naß. Er planschte darin umher und fand alle Türen offen, fand niemanden mehr.

Sein Blut gerann vor Schreck. Er lehnte an den polierten Brettern und sog den Duft der Kabine Margas ungewollt tief in sich ein. Seine Brust hob und senkte sich unter krampfhaften Atemzügen. Unregelmäßig und flatternd arbeitete die überanstrengte Lunge. Vor seinen verkniffenen und wie Feuer brennenden Augen schwammen Nebel – rot – rot – grün – gelb. Er hatte seinem Körper zu viel zugemutet. Er sackte in sich zusammen. Wo war das Mädchen?! Wo?! War sie etwa in ihrer Todesangst über Bord gesprungen?! Dann – dann – konnte von ihr nur noch ein schreckliches, zerfetztes Etwas vorhanden sein. Denn die Steilküste dort würde alles zermalmen mit Hilfe der tobenden Brandung!

Er sackte zusammen. Die Spannkraft der bis zum Äußersten aufgepeitschten Nerven ließ urplötzlich nach.

Tim Brack spürte die Ohnmacht nahen und fühlte die flaue warnende Leere in der Magengegend und den leichten Brechreiz. Er konnte nicht mehr dagegen ankämpfen. Drei Tage, drei volle Tage hatte ein Taifun den andern abgelöst und das hält niemand aus: Drei Tage auf dem Posten sein und jede Minute auf die Befehle von der Kommandobrücke warten und jederzeit bereit sein und alle Sinne beieinander haben! Nein – das war zu viel, selbst für einen Tim Brack!

Er sackte zusammen. Er fiel in das schwappende Naß und verschwand darin. Wurde mit einem Male emporgerissen. Die Leine hatte sich gestrafft – ruckte und zuckte und verlangte Antwort durch Gegenrucke.

In der Luke drüben stand Pei Feng und zog und zog und zerrte und achtete nicht der über ihn hinwegbrausenden Wellen und Schaumfetzen und hölzernen Trümmer. Er hatte die Zähne in die dünne Unterlippe vergraben und keuchte und riß an der Leine und riß den bewußtlosen Brack gegen die unterste Stufe der Treppe. Der Stoß genügte: Brack erwachte durch den Anprall und fuhr hoch, taumelte, fühlte die Schmerzen an seinem zerschundenen Körper und schöpfte aus diesem Übermaß von Pein die erneuten Kräfte, diesen Kampf abermals aufzunehmen. Er deutete die Rucke an der um seine Brust geschlungenen Leine mit wieder bewußten Sinnen als die verzweifelten Mahnungen des Jungen, sich doch zu melden. Er nahm die Leine und gab Antwort und kroch dann die Stufen empor. Doch sein Hirn war wie umgestülpt und wie völlig entleert. Nur ein Gedanke blieb in dieser Leere allereinzigste grausige Vorstellung: Marga Alting war tot! Er selbst war zu spät gekommen. Der Taifun hatte ein halbes Kind als Opfergabe sich erwählt und stellte nun sein Wüten ein, seine Mordgier war befriedigt.

Plötzlich durchbrach die Sonne wie zum Hohn die letzten Wolkenstreifen der zerfetzten Unwetterdecke, und die Umgebung der Insel drüben und die Brandung und die steilen Gestade wurden in eine blendende Fülle von Licht getaucht. Tim Brack sah die Wogen heranrollen und an den Ufern emporklettern und sich krümmen und zu Gischt werden. Sah sie zurückgleiten in den Schoß ihrer Urmutter Ozean und von neuem aufsteigen und abermals anrennen gegen das hohe, felsige Vorgebirge dieser Insel, die wie mit einem Steinwall umgürtet schien, soweit er dies feststellen konnte, – mit einem unersteigbaren Wall von schwarzem vulkanischen Fels, an dem sich hellere Lavabänder wie schillernde Bäche abwärts zogen und in den hier und dort Riesenstücke von silbergrauem Bimsstein eingebettet waren wie Farbtupfen.

Seine Blicke nahmen das alles wahr, doch sein Hirn hatte keinen Anteil daran. In diesem klaren, nüchternen und den Illusionen des Lebens verschlossenen Kopf eiferte nur die eine Frage: »Was ist aus Marga Alting geworden?! Was ist aus Marga geworden?!«

Allmählich wurde er sich dieses unermüdlichen Gedankenspiels um ein Mädchen bewußt, mit dem er doch nur ein paar Minuten dort auf der Brücke in Sidney gestanden und so ernst gesprochen hatte. – »Nur?!« fragte er sich. »Nur?!« – Was will es besagen, ob es Minuten oder Tage oder Wochen sind?! Bei dem nie völlig zu begreifenden Wunder des Aufkeimens von Gefühlen, die nachher einen so unbegreiflich hartnäckigen und entscheidenden Bestand haben, sprechen Zeitabläufe überhaupt nicht mit. Hatte nicht er selbst damals daheim gewählt und geprüft und gezögert und immer wieder gezögert und schließlich nur deshalb sich entschieden, weil er mit seiner Draufgängernatur dieses Zaudern für Schwäche hielt?! Wochenlang hatte dieses Suchen nach der Gefährtin seines Daseins gedauert.

Wochenlang – und war doch der traurigste Mißgriff gewesen!

Hier aber nur Minuten, was Marga betraf. Hier sofort ein Gefühl der Gemeinschaft, das einfach berauschend gewesen. Das ihn, den verschlossenen Brack, hemmungslos sein Innerstes öffnen ließ. Denn wann hatte er wohl einer Fremden derartige Ratschläge erteilt, die er als Preisgabe seines eigenen Ichs ansehen mußte und durfte?! – Noch nie war ihm das widerfahren, selbst nicht vor jenem Fehlgriff. Frauen waren für ihn nie Mittel zum flüchtigen Genuß gewesen, dazu hatte er sich zu hart durch das Leben hindurchbeißen müssen, und dazu stand ihm die eigene, nun längst tote Mutter als stille rührende Repräsentantin echten Frauentums stets vor Augen und zu hoch.

So hatte der nüchterne und kaltblütig abwägende Tim Brack hier diese neue und widerspruchsvolle Umwelt vergessen und hing nur den feierlichen Gedanken an ein Mädchen nach, das schicksalhaft in sein Leben getreten war als nicht mehr fortzuweisende Offenbarung. Brack belog sich nie selbst. Kraftnaturen tun das nicht. Nur die Pfuscher auf der Lebensbühne geben sich mit solchen Mätzchen ab.

Ein wohliges Empfinden überflutete ihn. Er liebte. Er fühlte, wie tief diese Liebe saß, wie wenig sie mit törichter Augenblicksschwärmerei zu tun hatte. Er liebte und wußte doch, daß er mit dieser Erkenntnis zugleich die andere des ewigen Verzichtens verbinden mußte. Und trotzdem war er glücklich. So glücklich, wie nur ein Mensch sein konnte, der plötzlich eine Fessel in seiner Seele gesprengt sieht und nun wieder freier atmen kann, – freier, weil jene oft bis zur Verachtung sich steigernde Gleichgültigkeit den Frauen gegenüber geschwunden ist.

Marga Alting hatte dieses Wunder vollbracht, und das gab seiner Liebe den wertvollsten Gehalt der Dankbarkeit. –

Eine halbe Stunde drauf setzte die Ebbe ein, und der Wind drehte wieder in die für diese Jahreszeit übliche Passatrichtung – nach Nordost. Zusehends flaute nun die Brandung ab, die Wogen wurden zahmer und zahmer, und unter der Maryland erschien in der Tiefe das andere Wrack, in das der Dampfer eingebettet lag wie in ein weiches Dock. Je mehr jedoch das Meer zurückwich und so dem Dampfer die Hauptstütze raubte, die ihn in diesem Dock schwimmfähig gehalten, desto stärker rutschte die Maryland nach der offenen See zu in ihr Element zurück und mit ihr auch die morsche Stütze des halb verfaulten und kieloben seit Jahrzehnten unstät umhertreibenden Holzschiffes, das der Größe nach ein Dreimaster gewesen sein mußte.

Brack und Pei Feng standen bereit zum Absprung. Als der Dampfer mit einem fast menschlich klingenden Stöhnen und Ächzen sich vollends auf die Seite legte und seinen zweiten Stapellauf in die Tiefe antrat, packte Brack den Jungen am Jackenkragen und nahm ihn mit sich in die gurgelnde See.

Hinter ihnen rutschten die beiden Wracke fast lautlos abwärts, und die eiserne Maryland, fest verbissen in die hölzerne Schwester unbekannten Namens, tauchte auf Nimmerwiedersehen in die Korallengebirge des Meeresgrundes der Südsee hinab . . . – –


6. Kapitel.

Ein Geldgeschäft um Marga.


Es war ein etwas sehr bunter Weg für das erst achtzehn Jahre alte Mädchen gewesen. Die allerletzte Etappe hieß S. Consort & Comp., Plantagenbetrieb u. Reederei, Sidney.

Der Kapitän Alting, in später Ehe mit einer um zwanzig Jahre jüngeren Frau verheiratet, die wohl nur aus Berechnung und aus einem Hang zu mißverstandener Romantik dem wortkargen und nachher so verliebten Hein Alting, Besitzer des Gaffelschoners Helgoland, ihr Jawort gegeben hatte, verlor Leben, Schiff und Gattin und Besatzung bei der ersten Reise, auf der er sein einziges Kind mit nach Australien genommen. Weshalb das Schicksal gerade Marga jene Sturmnacht bei Kap York in der gefürchteten Torresstraße hatte überstehen lassen, – weshalb gerade sie so urplötzlich vor die bittere Frage gestellt wurde, sich nun selbst ihr Brot zu verdienen, nachdem der große Luxussteamer sie mehr durch Zufall gerettet und die Versicherungsgesellschaft sich durch schlaue Schachzüge um die Auszahlung der Versicherungssumme gedrückt hatte, blieb ihr ewig unbegreiflich, – allerdings mit der großen Einschränkung, daß Marga dieses »Ewig« nicht über Gebühr ausdehnte und sich mit den gegebenen Tatsachen sehr schnell abfand. In der Heimat besaß sie nur noch entfernte Verwandte, die sich niemals ihrer angenommen hätten. So packte sie denn ihre Zukunft mit eigenen Händen recht fest und zielbewußt an und gestaltete sie so, wie es für ein halbes und sehr verwöhntes Kind im Bereiche der Möglichkeit lag.

Ihr Leben war schließlich in seiner Endgestaltung nur abhängig von ihr selbst. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie früher als manche andere vielleicht begabtere und noch energischere Natur.

Ausgangspunkt ihrer Bemühungen, ihr Leben nach eigenen Richtlinien zu formen, war eine Stellung als Erzieherin bei einer deutschen Farmerfamilie im australischen Busch gewesen. Zwischenstationen stellten die Versuche dar, als Klavierspielerin in einem Kleinstadtkino und als Bardame in Sidney und als Empfangsdame bei einem Zahnarzt vorläufig ein Heim und Verdienst zu finden. Bevor sie dann zu der Firma Consort kam, hatte sie das Glück gehabt – übrigens das erste Glück binnen zwei Jahren! – als Sekretärin bei einem alten, verschrobenen Gelehrten unterzukommen, wo sie ihre Fertigkeiten für eine Bürotätigkeit ergänzte und ihre Sprachkenntnisse erweiterte.

Drei Monate Arbeit bei der Reederei Consort hatten ihr weitere Erfolge gebracht: Sie wurde Sekretärin des Chefs, – ein neuer Anstieg, der vielleicht von anderen in ihrer Lage überschätzt worden wäre. Marga Alting überschätzte nichts. Das war ihre Stärke. Auch ihre Schwächen kannte sie genau. Für ihre Hauptschwäche war sie nicht verantwortlich: Für ihr Äußeres! Die gewissen, hungrigen Blicke der Männerwelt hatten sie rechtzeitig mißtrauisch gemacht. Sie nahm nie all das, was man ihr sagte oder zuflüsterte, für bare Münze.

Zu der Zeit, als Tim Brack ihr auf der Selbstmörderbrücke in Sidney begegnete, hatte Marga den bösesten Gewissenskonflikt ihres Lebens auszukämpfen gehabt. Bert Sniders Angebot war verlockend gewesen und hätte ihr die bisher verschlossenen Pforten einer längst ersehnten Selbständigkeit geöffnet. Sie wußte, daß es für sie nur die eine Möglichkeit gab, eine eigene Existenz sich aufzubauen: Als Journalistin! Sie hatte Talent dazu, sie glaubte, sich durchsetzen und doch den erniedrigenden Auswirkungen ihrer rein äußerlichen Gaben ausweichen zu können. Nur deshalb hatte sie schließlich Bert Sniders Anerbieten angenommen und – nie durchzuführen brauchen, dafür sorgte, wahrscheinlich auch Schicksalswalten, der dreitägige Taifun oder genauer diese Folge von Wirbelstürmen.

Am dritten Tage hatte auch Margas Körper gestreikt. Die Seekrankheit, für sie bis dahin etwas völlig Unbekanntes – sie war ja Seemannskind! – überfiel sie mit einer alle Tatkraft vernichtenden Stärke und Hartnäckigkeit. Wenn sie, hier auf der Maryland einzige Frau an Bord, nicht den treuen Kajütboy Pei Feng als unermüdlichen Pfleger und vertrauten Helfer um sich gehabt hätte, wäre sie schon vor dem Auflaufen des Dampfers auf das Wrack kläglich umgekommen.

Pei Feng wich nicht von ihrem Lager. Niemanden ließ er zu ihr. Wenn der anscheinend so sehr besorgte Solwy Consort vor ihrer Kabine Einlaß begehrte und mit den Fäusten gegen die Tür hämmerte, dann lachte der Boy drinnen nur noch höhnischer und frecher und – lautloser. Er hielt sich genau an Bracks Instruktionen. Er besaß ebenfalls Menschenkenntnis, und nichts Menschliches war ihm fremd. Er verehrte Brack, nicht minder die allzeit freundliche Marga.

Er litt Höllenqualen, als es ihm so gar nicht gelingen wollte, mit seinen erprobtesten Mitteln die Seekrankheit zu bannen oder auch nur abzuschwächen, – er hatte in seiner wachsenden Verzweiflung das Alleräußerste versucht – eine Art Pferdekur, die bisher allerdings stets wirksam gewesen. Er mischte Whisky und in Ermangelung von Sagomehl gewöhnliches Weizenmehl zu einer durch Pfeffer und Zucker und Salz stark gewürzten dicken Brühe und flößte diese der Bewußtlosen löffelweise ein. Dann wartete er auf den Erfolg. Aber der blieb aus. Und gerade da bekam die Maryland die schlimme Schlagseite und Marga rutschte in die Ecke ihres eingebauten Kojenbettes, – wie eine Sterbende, – verkrümmt, die Augen verdreht und von jenem erschreckenden Nervenzucken hin und her geschüttelt, das selbst die Gleichgültigsten entsetzt hätte.

Da war denn Pei Feng davongestürzt – zu Brack. Hatte die Tür der Kabine offen gelassen und war durch einen Fußtritt Solwy Consorts die Treppe mehr emporgeflogen als gelaufen.

Consort trat ein und beugte sich über die Ohnmächtige. Neben ihm stand sein Koch und Diener Guy Trebber, – wenigstens behauptete der Exsträfling so zu heißen.

»Sieht schlimm aus«, meinte Trebber und hielt sich an der Kante des festgeschraubten Tisches fest.

Consort suchte die Leidende etwas bequemer zu betten, und gerade als er sie in den Armen hielt, schlug sie die Augen mit vollem Bewußtsein auf und blickte verwirrt und benommen um sich. Mit jeder Minute besserte sich nun ihr Zustand, sie setzte sich mit Consorts Hilfe aufrecht und lächelte ihm sogar dankbar zu. Sein besorgter und mitleidiger Gesichtsausdruck konnte ihr kaum entgehen. In diesen Minuten war Solwy Consort auch wirklich nur der mitfühlende Chef und der heimliche Verehrer ihrer Schönheit ohne alle Nebengedanken.

Er saß auf dem Bettrand und hatte ihr blondes blasses Köpfchen an seine Brust gelehnt. Er sprach ihr gütig und aufmunternd zu und flocht so nebenher ein, daß die offenbare Besserung ihres Zustandes nur ihm zu verdanken sei. Ihm waren schon ärgere Zwecklügen als diese über die Lippen gekommen.

Guy Trebber feixte unmerklich. Seine faltigen und sehr widerspruchsvollen Züge zeigten eine Verachtung und einen stillen Widerwillen, die sich bei einem früheren Sträfling sehr sonderbar ausnahmen.

Dann ging jener starke Stoß durch das aufgelaufene Schiff, den auch die Heizer drunten in ihrer Hölle spürten und der sie veranlaßte, in besinnungsloser Todesangst an Deck zu stürmen, wo die wütende See sie samt den letzten Resten der Brücke über Bord fegte – hinein in das sichere Grab zwischen Riffen und Klippen und weißen Schaumbergen.

Als nun die Maryland noch mehr nach Backbord sich neigte und ihre schräge Lage ein jähes Kentern nicht ausgeschlossen erscheinen ließ, wollte Guy Trebber ohne lange Erklärungen das Mädchen emporheben und nach oben tragen, denn er war überzeugt, daß jedes weitere Zögern sicheren Tod bedeutete. Marga wehrte sich verzweifelt und stieß Trebber, der ihr vom ersten Sehen unsympathisch gewesen, mit aller Kraft zurück. Auch Consort war über diese Einmischung des Kochs empört, wurde grob, nahm Marga in die Arme und befahl Trebber, dem Mädchen ein Paar Korkwesten umzubinden.

In seinem Ärger entging ihm völlig der geradezu wehe und schmerzliche Zug, der für Sekunden das Gesicht des Exsträflings umdüsterte. Es war, als ob in der Erinnerung Trebbers durch Margas ablehnendes Verhalten und durch ihren so deutlich gezeigten Abscheu irgendwelche Bilder aufgetaucht seien, die mit einer sonnigeren Vergangenheit etwas zu tun hatten. Gewiß, es war schwer zu glauben, daß dieser Mensch mit dem zerkerbten und von Leidenschaften zerfurchten Antlitz je weicheren und wärmeren Gefühlen zugänglich gewesen sein mochte. Consort war einer der ganz wenigen, die über ihn die Wahrheit kannten. Trebber hatte in Numea auf Neu-Kaledonien beim Versuch, sich als Schmuggler zu betätigen, einen Zollbeamten erschossen, – wenigstens war dies die amtliche Lesart der dunklen Geschichte, – beim Versuch, Maschinenteile unverzollt wegzuschaffen. Damals hatte Trebber allerdings einen anderen Namen geführt, der auch Consort durchaus geläufig war, und der schöne Solwy war recht froh, daß der Bursche sich dann gerade an ihn gewandt und um Beschäftigung gebeten hatte. Leute wie Trebber behielt man gern im Auge, zumal wenn solche Kerle als Druckmittel gegen andere benutzt werden konnten.

Es gab für Trebber Minuten, in denen er die sonnige Vergangenheit vor sich aufsteigen sah, wie ein Bild aus einem Paradiese. Und seine Gefährtin in diesem Paradiese war ein junges Weib gewesen, das er geliebt hatte und das sich ihm in einer Mondschein-Zaubernacht allzu eng in die Arme geschmiegt hatte. Ein betörender Rausch war's gewesen, – ein Rausch, wie ihn nur die Tropen und die seligen Küsten der einsamen Inseln der Südsee mit ihren verführerisch rauschenden Palmen und ihren zarten Düften wohlriechender Blüten und ihrer ewigen Melodie der Brandung heraufbeschwören. Ein Mädchen hatte damals sich ihm hingegeben, – bedenkenlos, – schrankenlos . . ., – ein Mädchen, an das ihn Marga immer wieder erinnerte. Nur daß diese Marga vielleicht kühler und weniger heißblütig und nicht so ausgesprochen aschblond war wie die andere.

Guy Trebbers wehes Zurückgleiten in jene Tage einer heimlichen Liebe blieb stets nur ein unbeabsichtigtes Sich-Verlieren in das Einst. So wurde er auch hier sehr bald der, der er nun geworden: Guy Trebber, der Exsträfling! –

Marga war infolge der Erregung über die Aufdringlichkeit des Kochs ohnmächtig geworden. Trebber gehorchte schweigend und schnallte dem Mädchen nicht weniger als fünf der breiten und dicken Korkwesten um, eine davon sogar um den Kopf. Derweil hatte sich Consort seit Stunden zum ersten Male wieder an Deck gewagt, war aber nur bis zur obersten Treppenstufe gekommen, – eine ungeheure rückflutende Woge hatte ihn mit voller Wucht getroffen und zurückgeschleudert. Immerhin hatte er noch einen Blick über das Deck werfen und feststellen können, daß Trebbers Angaben über die Verwüstungen hier oben keineswegs übertrieben waren. Er wischte sich die Augen trocken, und als er sie wieder öffnete, stand Trebber mit Marga in den Armen vor ihm und sagte nur mit einem etwas eigentümlichen Zucken um die Mundwinkel: »Nun, – wie gefällt's Ihnen da droben?!«

Consorts ein wenig weichliches Gesicht, das für einen Mann viel zu regelmäßig war, spiegelte deutlich das helle Entsetzen wieder, das ihm noch in der Kehle würgte in Erinnerung an den Anblick des verwüsteten Decks. Er war kein Feigling, doch diesem Orkan und seinen Auswirkungen gegenüber sank ihm der Mut. Er traute es sich nicht zu, selbst bei günstigsten Zufällen, Marga lebend bergen zu können. Und mehr noch: Wenn er sich vorstellte, daß er nun auf gut Glück in die tosende See hinabspringen sollte, dann überlief es ihn eiskalt.

Guy Trebber, der Exsträfling, bekam wieder das eigenartige Zucken um die Mundwinkel.

»Ich habe vorhin mit Hilfe eines Bootshakens eine Leine in die seitliche Einkerbung der Steilküste hineingeworfen, und die Leine hält. Der Haken hat sich irgendwo verfangen. Folgen Sie mir. Kriechen Sie, und binden wir uns aneinander . . .«

Er sagte das mit einer geradezu verletzenden Selbstverständlichkeit und in einem Befehlston, als hätte Consorts Autorität hier nun für immer aufgehört.

Solwy Consort trug seit Stunden vier Korkwesten und einen Sturzhelm. Er nahm diese Verletzung seiner Eitelkeit nur mit einem flüchtigen ärgerlichen Aufblitzen seiner dunklen Augen hin. Ohne die von Guy Trebber vorhin gespannte Leine wären sie niemals in die Felsspalte hineingelangt, und ohne Trebbers Bärenkräfte würde Consort, der als zweiter sich der Leine anvertraute, nie zum Ufer gekommen sein, wo eine flache Grotte ihnen zunächst genügend Schutz bot.

Allmählich erholte Consort sich. Sie hatten sich im hintersten Winkel der Grotte niedergetan und dem noch immer zum Glück bewußtlosen Mädchen die Korkwesten unter den Kopf als Kissen geschoben. Dann kam auch die Sonne hervor und mit ihr die Ebbe und die günstige Winddrehung. Von der Maryland war in diesem halbdunklen kleinen Zufluchtsort nichts zu sehen.

Sogar Trebber war so erschöpft, daß er still dalag und nur keuchend atmete. Nachher kroch er nach vorn, wandte aber sofort wieder den Kopf und rief Consort zu: »Unser Dampfer wird nun für Sie ein glattes gutes Geschäft!! Er ist versunken! Sie werden ihn doch hoffentlich über Gebühr versichert haben! Aber was frage ich, – bei Ihren kaufmännischen und sonstigen Fähigkeiten? Selbstverständlich also – hoch versichert!! Doch die Frage bleibt offen, ob Sie je Gelegenheit haben, die Summe zu kassieren. Wir dürften hier auf eine der unbewohnten Inseln zwischen der Marquesas-Gruppe und den Paumotu-Inseln geraten sein, also fernab von jedem Verkehr, und ob wir hier durch Zufall bemerkt und abgeholt werden, erscheint mir recht fraglich. Immerhin, – wir leben fürs erste, und mit dem Sterben kann's noch fünf oder sechs Tage Zeit haben, mehr bestimmt nicht!«

Solwy Consort fühlte den überlegenen Hohn des andern und zog es vor zu schweigen. Er mußte Trebbers unendliche Gleichgültigkeit bewundern, ob er wollte oder nicht. Er hatte den Mann bisher nur von einer ganz unmöglichen Seite kennengelernt, wie er nun einsah. Der Koch und Diener Guy Trebber war ein willfähriges Werkzeug seines vielbeschäftigten Herrn gewesen. Der Schiffbrüchige desselben falschen Namens war ein Kerl, den sein Herr neidvoll anstaunte.

Auch der Exsträfling war übel zerschunden und blutete aus vielen Rissen und Quetschwunden. Ihm machte das nichts. Er war an Schmerzen gewöhnt. Er hatte nicht einmal, sondern hundertmal sein Leben riskiert, als er aus der Strafkolonie entfloh, er hatte tagelang gehungert und gedürstet und dabei noch unter Sumpffieber gelitten und unter der blutigen Ruhr. Das Leben ohne Freiheit galt ihm nichts. Die Freiheit galt ihm alles. Wenn nicht damals der kleine Formfehler in der Urteilsbegründung gewesen wäre, läge er heute halb vermodert mit dem Kopf zwischen den Beinen auf dem Friedhof der Hingerichteten. Wer derartiges hinter sich hat, schaut das Dasein mit anderen Augen an.

Consort hatte, um sich zu erfrischen, sein wasserdichtes Zigarettenetui hervorgeholt, rieb nun sein Feuerzeug an und überlegte bereits wieder als kalter Rechner alle Aussichten dieses Abenteuers. Die Gedanken an Sterben, Verhungern und Verdürsten wies er von sich. Ein Solwy Consort wird gesucht, wenn die Gefahr vorliegt, daß er im Taifun auf ein unbewohntes Eiland geraten. Ein Solwy Consort ist keine Null wie dieser Guy Trebber.

Er überlegte und wollte die Lage zu seinen Gunsten umstanzen. Gnädigst hielt er Trebber das Etui hin – zum ersten Male seit sechs Monaten. So lange stand Trebber in seinen Diensten. »Da, – nehmen Sie, – ich danke Ihnen auch noch für Ihre Hilfe . . .«

Trebber bediente sich. Die Fingernägel seiner schönen schmalen Hand, um die ihn jeder Pianist beneidet hätte, waren sämtlich abgebrochen, und über den Handrücken lief eine breite, geschwollene, blau verfärbte Stelle hin.

Consort hüstelte und begann. Sein Koch und Diener und Retter mußte sehr scharf hinhören, denn der junge Reeder mit den schmachtenden Künstleraugen sprach äußerst leise und blickte immer wieder zu Marga hinüber, die bereits tiefer und regelmäßiger atmete.

»Sie können das Geld sofort haben, Guy.« Er öffnete seine Weste und holte eine Gummiblase von flacher Form hervor, die oben zugebunden war. Sie enthielt ein Vermögen in Banknoten.

Aber Consort kannte Guy Trebber noch immer zu wenig.

»Nehmen wir an, wir werden wirklich gerettet«, meinte der Sträfling bedächtig, so bedächtig, daß sein bisheriger Herr nervös wurde, denn Marga rührte sich schon. »Nehmen wir es also an. – Was haben Sie mit dem Mädchen vor?!«

Sein Herr war nicht überrascht, sondern empört über diese unverschämte Einmischung in Dinge, die diesen Sträfling nichts angingen.

»Was unterstehen Sie sich!!« brauste Consort auf. »Ich verbitte mir . . .«

Unter dem merkwürdig belustigten Blick des anderen verstummte er. Zu spät sah er ein, daß er hier keinerlei Macht über diesen Burschen habe und besser täte, vorläufig mit derlei Unverfrorenheiten sich abzufinden.

Trebber sagte nur, indem er genießerisch den Rauch der feinen Zigarette von sich blies: »Sie haben sich nunmehr gar nichts mehr zu verbitten und nur zu gehorchen, – um auch die Frage gleich zu klären! Der, der hier befiehlt, bin ich, der bei weitem Erfahrenere. Wenn es auf Sie allein angekommen wäre, lägen wir jetzt irgendwo in einem Haifischmagen oder in der Brandung oder im Wrack der Maryland ganz tief unten auf dem Meeresgrunde. Also das wäre geklärt. Nun zu dem zweiten Punkt. Zu Gemeinheiten gegen eine Waise und ein Mädchen, wie Marga Alting ist, gebe ich mich nie her. Wenn Sie sich ihre Liebe erschleichen und sie heiraten wollen, ich betone: heiraten!! – dann geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf, obwohl auch Ihr sogenanntes Manneswort wenig Wert besitzen dürfte. Jedenfalls: Zu Ihrer Geliebten werden Sie Marga nie machen dürfen, sonst – sterben Sie!! Und wem Guy Trebber den Tod für eine Schufterei zugesagt hat, der stirbt unbedingt! – Habe ich Ihr Wort?! Es eilt, sie erwacht schon. Und die Summe runden wir nach oben ab . . .! Wer sich als Lebensretter und Held aufspielen will, muß sich den Schwindel schon etwas kosten lassen!«

Das war für Consort eine neue moralische Ohrfeige. Aber er nahm auch das hin.

Gewiß, er wurde blaurot vor Wut, doch er schwieg. Dieses Schweigen schien dem menschenkundigen Trebber am bedenklichsten. Er hatte absichtlich erproben wollen, was sich Consort alles bieten ließe – des Mädchens wegen! Jetzt sah der Exsträfling ein, daß er nicht nur im Interesse Margas, sondern auch zu seinem eigenen Schutz die Augen sehr gut würde offenhalten müssen. Ein Mann wie Consort, der so hartnäckig einem Weibe nachstellt und für dieses Weib so viel an Herausforderungen hinnimmt, war auch der gemeinsten Rache fähig.

Nun, ein Guy Trebber fürchtete Burschen vom Schlage dieses schönen Solwy nicht im geringsten. Nur aufpassen hieß es und schleunigst Hilfe herbeirufen, falls die Insel wirklich so unzugänglich war, wie es den Anschein hatte.


7. Kapitel.

Eine halbe Sage wird wieder lebendig.


Pei Feng hatte Tim Brack schon immer für einen Halbgott gehalten. Wofür er ihn jetzt hielt, sagte er nicht, denn mit seinem Pidgin-Englisch war es sehr mäßig bestellt, sobald es sich darum handelte, Gefühle wiederzugeben. Mit dem kräftigen Fluchen ging es schon leichter. Jedenfalls erschien dem Chinesenjungen die Rettung aus der Brandung und auch das Eindringen in die versperrte Insel wie ein Wunder der Götter, obwohl es bei alledem nur sehr natürlich, wenn auch etwas heiß hergegangen war. Ein Bootsanker mit einer Kette, ein riesiger Bimssteinblock, der einen Wassertunnel verschloß und mit Ketten vor dem Eingang des Tunnels befestigt war, das waren die Hauptmerkmale der Rettung dieser beiden Schiffbrüchigen der Maryland gewesen.

Und nun standen sie seitwärts von der Einfahrt in die Lagune auf felsigem, ganz schmalem Strandstreifen und staunten das Bild an, das ihnen wie ein unwirkliches Gemälde erschien, – unwirklich infolge der Eigenart einer Insel, die von außen dem Beschauer nur kahle Steinwände gezeigt und den vorübersegelnden Schiffen bisher nie ihre Geheimnisse preisgegeben hatte.

»Bei Gott – es ist die Tabu-Insel!« flüsterte Brack.

Er fühlte angesichts dieser Wunderwelt tropischer Fruchtbarkeit und unberührter Schönheit einen Schauer über seinen Leib rinnen. Er hatte in der Südsee so manche Insel gesehen, die mit ihrem weißen Innenstrand und ihren hochragenden Palmen und Büschen und der leuchtend blauen Lagune ein wahres Paradies dargestellt hatte, aber noch nie war es ihm beschieden gewesen, eine Ringinsel zu schauen, der für ihre prunkende Überfülle von berauschender Vegetation ein so wirksamer Rahmen von hohen Felswänden beschert war.

»Schweine!!« sagte der Boy sehr nüchtern und sachlich und deutete durch die Baumlücke auf eine ganze Herde von schwarzen Borstentieren, die dort am Innenstrand jetzt den Segen der Ebbe aufsammelten und das Landschaftsbild angenehm belebten.

»Es muß die Tabu-Insel sein!« sprach Brack abermals vor sich hin.

Er kannte ja nicht nur die Sagen der Marquesas-Insulaner, sondern auch die vielfachen unklaren Gerüchte, die über ein Eiland, das nicht zu betreten sei, unter den Südseefahrern verbreitet und mit allerlei Ausschmückungen immer wieder aufgetaucht waren. Die Liebesgeschichte der barmherzigen Oro-Königin Talofa und ihres schottischen Liebhabers und Gatten Allan Mac Gory war den Kollegen Bracks zumeist recht gleichgültig gewesen, denn für Romantik besaßen die Seeleute wenig Sinn, falls nicht mit dieser Romantik die Hoffnung auf persönliche Vorteile, das heißt also auf wertvolle Funde, sich verknüpften. Und von solchen Hoffnungen war in dem Archipel in der Äquatorgegend keine Rede, – hier gab es nur die Reichtümer der Kokospalmen, der Brotbäume und all der anderen Pflanzen, die dem Menschen und den Tieren Nahrung boten und ihnen diese Nahrung in Überfülle in den Mund wachsen ließen, – ja, in Überfülle, und doch hatten einst die Hungersnöte diese Gestade der Kannibalen bedroht, und das große Rätsel tat sich vor dem ernster Nachdenkenden aus, wie sich Überfülle und Hungersnot in Einklang bringen ließen.

Die Antwort lautet – vielleicht zum Entsetzen aller Vegetarier: Mangel an Fleisch!!

Bewohner der Tropen und auf Fleischnahrung angewiesen, – wie reimt sich das?!

Es ist so. Damit muß sich auch der ärgste Zweifler abfinden. Vielleicht geht diesem Zweifler dann auch das Verständnis dafür auf, weshalb die Insulaner der gesamten Inselgruppen von Neu- Kaledonien bis Hawaii und vom Marschall-Archipel bis zu den Cook-Inseln nachweisbar Menschenfresser und daß auch kennzeichnenderweise die Borstentiere dieser Inselgruppen gefährliche Feinde von Lämmern und unbehüteten Ziegen waren, ganz abgesehen davon, daß viele Mutterschweine die Neigung zeigten, ihre Nachkommenschaft zu verspeisen, was übrigens auch in Europa nicht nur bei einzelnen, sondern sogar bei vielen Tierarten vorkommt.

Pei Feng, der doch bereits auf allen Meeren als Schiffsjunge und Kajütboy sich umhergetrieben hatte, dem also alles bekannt war, was irgendwie außergewöhnlich sein konnte, schrie jetzt vor Schreck und Grauen laut auf und deutete voller Abscheu dorthin, wo soeben mehrere der mittelgroßen Borstentiere einen jungen Hai von etwa ein Meter Länge im flachen Wasser erwischt und weiter an Land gezerrt und zu verspeisen begonnen hatten – bei lebendigem Leibe. Die wilden und sicherlich hier auf der Tabu-Insel völlig verwilderten Schweine rissen dem Fisch, der verzweifelt mit der Schwanzflosse um sich schlug, das Fleisch aus dem Rücken und schleppten ihn dabei immer weiter auf den weißen Strand. Wie tolle Bestien, die sich vor Grausamkeit nicht genug tun können, fielen sie nun futterneidisch auch übereinander her, und es entspann sich ein allgemeiner Kampf, in dessen Verlauf mehrere jüngere Tiere zuerst unterlagen und von der stetig mehr anwachsenden Menge der schwarzen Fleischfresser gleichfalls verschlungen wurden.

Pei Feng hatte sich vor Furcht wieder dicht an Brack geschmiegt und dessen Arm umklammert. Das entsetzliche Schauspiel dieser blutgierigen gegenseitigen Schlächterei verwischte mit einem Schlage alle Zartheit und Schönheit des bezaubernden Inselbildes. Wie eine finstere Wolke schien urplötzlich etwas namenlos Grausiges hier die Oberhand zu gewinnen und geradezu davor zu warnen, dem äußeren Eindruck zu trauen.

Der Massenkampf der Tiere dort drüben war wie eine Mahnung an die menschlichen Eindringlinge, sich gefaßt zu machen, daß auch ihnen hier Schrecken bevorstünden, von denen sie noch nichts ahnten. Aber Tim Brack war auf alles gefaßt. Schon allein der Zustand der Ketten, die den Bimssteinblock festhielten, hatte ihm bewiesen, daß die Insel noch immer bewohnt sei. An den Ketten fehlte jede Spur von Rost! Sie waren sogar zweifellos frisch geölt gewesen!

Tim Brack rechnete hier mit Überraschungen. Als sie dann aber kamen, geschah es so jäh, daß es keine Zeit zu langem Überlegen gab.

Brack gewahrte die flüchtende Frau zuerst. Sie kam aus den Büschen links vom Abfluß der Lagune lautlos hervorgeschossen und rannte gen Westen auf die Ufergestade zu. Sie war fast nackt. Sie trug nur ein kurzes buntes Gewand auf dem von der Sonne gebräunten Leibe, der mit der Spannkraft der Jugend und der Ausdauer der Übung in langen Sprüngen dahinjagte. Sie war kaum mehr als hundert Meter von der Stelle entfernt, wo die beiden Schiffbrüchigen standen.

Ihr überlanges aschblondes Haar flatterte aufgelöst hinter ihr her und ließ so das Gesicht völlig unbedeckt. Brack schaute schärfer hin. In seine klaren und etwas harten Züge trat ein Ausdruck ungläubigen Staunens.

Zuerst hatte er angenommen, daß die Frau eine Nachkommin jener Talofa sei, über deren Endschicksal niemand etwas wußte. Diese Vermutung lag ja so sehr nahe. Jetzt aber, als er die aschblonden Haare wehen sah und das Antlitz ganz genau erkennen konnte, berichtigte er sofort seinen leicht begreiflichen Irrtum und sagte sich, daß das Mädchen – und dem noch knospenden Körper nach war es sogar ein sehr junges Mädchen – bestimmt eine Weiße sein müsse. Neben diesen Erwägungen schossen viele andere blitzschnell durch sein Hirn und zerflatterten doch wieder vor der dringenden Frage, wie der Flüchtenden zu helfen sei.

Gewiß, sie kam gerade auf den Platz zu, wo er und Pei Feng standen.

Aber die Eigenart dieser Insel legte doch wieder ein unüberwindliches Hindernis zwischen das Mädchen und die neuen Eindringlinge dieses Paradieses, das wie alle Paradiese seine Flecken und häßlichen Stellen hatte. Es handelte sich hier ja um ein Atoll, das einst nur Korallenring ohne Mauer von vulkanischem Gestein gewesen. Und als diese Mauer dann aus den Tiefen des Ozeans durch die Kräfte der unterirdischen Feuer emporgestiegen war, da hatte die Allmutter Natur keine Rücksicht darauf genommen, daß dieser Wall von steilen Felsen sich dicht an den Außenstrand des Atolls anschmiege, nein, zwischen der ursprünglichen Küste der Tabu-Insel, wie die Marquesaner sie einst gekannt hatten, und dieser neuen Mauer der nunmehrigen Inselfestung zog sich ein breiter Graben hin, der mit der Innenlagune und deren Einfahrt in Verbindung stand und der Haupttummelplatz ungezählter Haie zu sein schien, die wahrscheinlich von den Schweinen lebten, wie die Schweine auch die Haie fraßen, wenn sie ihrer habhaft wurden.

Dieser Festungsgraben hatte eine Breite von mindestens fünfzig Meter. Ihn zu durchschwimmen, war infolge der Haie unmöglich.

Das Mädchen war nun verschwunden, da ein Streifen Gebüsch sich zwischen sie und die Beobachter geschoben hatte. Sie erschien jedoch sofort wieder, trug ein kleines Boot, aus der Rinde junger Brotbäume gefertigt, auf dem Rücken, hielt es nur mit der Linken fest und lief in kürzeren Sätzen dahin, als ob sie ihre Kräfte schonen wollte.

Wovor sie floh, war noch immer nicht zu erkennen. Nirgends war ein Verfolger zu bemerken. Freilich waren die Gebüschlücken mit Gräsern von halber Mannshöhe ausgefüllt, und es war nicht ausgeschlossen, daß in diesen Gräsern sich Tiere oder Menschen verbergen konnten und das Mädchen abzufangen suchten, bevor es das Ufer des Festungsgrabens erreicht hatte.

Tim Brack mußte sehr bald einsehen, daß er hier gar nichts helfen konnte. Er hatte Pei Feng tiefer in den Wassertunnel hineingezogen und sich hinter einigen größeren Steinen verborgen. Ihm lag daran, sich nicht sofort zu zeigen, sondern abzuwarten, was die Fremde weiter unternehmen würde. Er hoffte auf diese Weise, zumal ja anzunehmen war, daß die jetzigen Bewohner der Insel keinen Verkehr mit der Außenwelt wünschten, lediglich durch vorsichtiges Beobachten herauszubringen, wer alles auf dem Tabu-Eiland hauste. Vor Haien waren Pei Feng und er hier im Tunnel sicher, weil dort vorn ein richtiges Wehr von starken Pfählen die Einfahrt am Lagunenstrande sperrte und weil draußen wieder nach der See zu der Bimssteinblock den Kanal so eng abschloß, daß kein Hai hindurchkonnte. Anderseits wäre es aber unmöglich gewesen, der Flüchtenden irgendwie beizuspringen, da die Haie im Festungsgraben jede Hilfeleistung vereitelt hätten.

Die Frage, vor wem das Mädchen eigentlich flüchtete, blieb auch fernerhin ungelöst. Derweil hatte die Fremde mit ihrem Boot den Graben fast überquert. Sie ruderte im Stehen und bewies auch dabei eine Kraft und Geschicklichkeit, die auf lange Übung schließen ließ. Sie tauchte das plumpe Blattruder ohne Hast bald links, bald rechts ein und kam sehr schnell vorwärts.

Und doch mußte sie zuletzt bei ihrer Flucht durch die Büsche eine Herde Borstentiere beim Fraße gestört haben, da nun grunzend und quiekend an die dreißig dieser schwarzen wilden Bestien am Ufer des Grabens erschienen und eilfertig hin und her rannten. Ein einzelnes Tier, ein Eber mit starken gelbweißen Hauern, tat sich dabei besonders hervor und sollte dies auf schreckliche Art büßen, – er versank plötzlich in einem der unterspülten Wurzelballen der Palmen und kollerte ins Wasser. Umsonst waren seine Anstrengungen, sich aufs Trockene zurückzuretten. Obwohl er nur bis zum Bauche im Wasser umherplanschte, schossen doch blitzschnell zwei Haie herbei, packten ihn und zogen die jämmerlich schreiende Beute in die Tiefe.

Das bedeutete für Brack und den kleinen Chinesen eine recht eindringliche Warnung. Die Tabu-Insel zeigte, daß es nicht ratsam sei, sie blindlings zu betreten.

Brack reckte den Kopf etwas vor und sah, wie das Mädchen landete, sehr schnell das leichte Boot auf die Felsen zog und dort unter eine überhängende Stelle einer Felsterrasse schob. Gleich darauf war sie nach kurzer Kletterpartie noch zehn Meter höher in dem Eingang zu einer Grotte – so mußte Brack vermuten – untergetaucht und erschien nicht wieder. Ein Beweis, daß sie dort ihre Wohnung hatte, waren die Qualmwolken, die nun an demselben Platze ins Freie drangen.

Tim Brack war eine viel zu nüchterne Natur, als daß er sich je mit der Romantik oder der angeblichen Romantik einer Robinsonade beschäftigt hätte. Diese Romantik gibt es nur in Büchern. Freiwillig wird niemand auf einer Insel etwa aus einem Hang zum Abenteuerlichen heraus als Robinson sein Leben fristen, wenn ihm die Möglichkeit geboten ist, in bewohnte Gegenden zurückzukehren, und diese Möglichkeit lag hier auf der Tabu-Insel bestimmt vor. Das blonde Mädchen brauchte nur die Innenseite der Felsenmauer zu ersteigen – und diese war im Gegensatz zur Außenseite bequem erklimmbar, wie die zum Teil flachen Abhänge zeigten! – droben nach einem Schiff auszuschauen und Rauchsignale zu geben, – dann mußte sie bemerkt und abgeholt werden.

Weshalb, so fragte sich der nüchterne Tim Brack, hatte das Mädchen darauf verzichtet, – weshalb hauste sie hier in dieser in Wahrheit weltabgeschiedenen Festung unter dauernden Gefahren und in einer Verlassenheit, die doch jeden Menschen über kurz oder lang zur Verzweiflung treiben mußte. Dafür gab es seines Erachtens nur die eine Erklärung: das Mädchen war nicht allein und hatte alle Ursache, die große Welt da draußen zu meiden!

Nun, das alles waren Fragen, die sich noch klären würden. Zunächst hatte Brack auch andere Sorgen. Er winkte Pei Feng und verließ den Kanal, nachdem er sich eine Weile mißtrauisch nach allen Seiten umgeschaut hatte. Er wandte sich nach Osten, immer am Ufer der Steinmauer der Insel entlangkletternd, immer möglichst in Deckung bleibend, bis er mit dem Boy eine Stelle erreicht hatte, wo das vulkanische Innengestade eine kleine und dicht bewachsene Terrasse bildete. Dies Versteck genügte ihm zunächst. Er und Pei Feng mußten unbedingt der Ruhe pflegen. Inzwischen hatte sich bei beiden auch ein sehr gesunder Hunger eingestellt, der leicht zu stillen war. Die auch hier wachsenden Kokospalmen hatten einen Teil ihrer überreifen Früchte abgeschüttelt, und die Nüsse waren in der Sonne von selbst geplatzt.

Während Pei Feng nun die Nüsse eßfertig herrichtete, unternahm Brack doch noch einen kurzen Erkundungsgang. Er konnte jedoch drüben auf dem Atoll nichts Verdächtiges bemerken und kehrte sehr bald um.

Nach der kargen Mahlzeit streckten sie sich nebeneinander zum Schlafe aus. Der Boy schnarchte schon nach wenigen Minuten in allen Tonarten. Das war sein gutes Recht und das Recht der unbekümmerten Jugend. Anders Tim Brack. Ihm ging zu vieles durch den Kopf, als daß er sofort Schlaf gefunden hätte. Seine Gedanken verweilten bei Marga Alting, und es war eine Art stiller Totenandacht, die er hier abhielt und die ihm abermals bewies, wie stark sich das Mädchen, das nun irgendwo vielleicht als entstellter Leichnam im Ozean umhertrieb, sich in sein Herz eingenistet gehabt hatte – wie ein Vöglein, das sich verflogen hat und eine neue Heimat sucht! So war ihm Marga erschienen: Wie ein Vöglein ohne eigenes Nest! So nur konnte er, der selbst im Herzen so einsam war, ihrer in Liebe und Wehmut gedenken.

Dann schlummerte er ein. Das weiche Graslager schmiegte sich um seinen erschöpften Leib, und die wundervollen Düfte der Stachelakazien ringsum und das Rauschen der Riesenblätter der Palmen sorgten dafür, daß sein Schlaf tief und fest war. Dieser schattige Lagerplatz, den nur zuweilen die droben auf den Rändern der Felsenmauer nistenden Möwen und die kleinen Inselschwalben umkreisten, wurde in seiner idyllischen Ruhe viele Stunden durch nichts gestört.

Erst als die Schatten länger wurden und die Sonne sank und die abendliche Seebrise auch in die so sorgsam geschützte Festung in sanften Stößen hinabfuhr, – erst da näherten sich zwei Gestalten sehr vorsichtig dem Versteck der beiden Schiffbrüchigen, blieben stehen und betrachteten schweigend die Schläfer.

Dann entfernte sich die eine. Die andere setzte sich nieder, stützte den blonden Kopf in beide Hände und starrte nachdenklich, jedoch ohne Furcht auf das leicht gekräuselte Wasser des Grabens hinab, in dem die Haie gemächlich in der klaren Flut dahinzogen und über die zarten Korallenbauten hinwegschwammen, die so wunderhold in allen Farben in der Tiefe schimmerten und ungezählten kleinen Fischen zwischen ihren Ästen und Zweigen Schutz boten – wie die Bäume den Vöglein dieser Wunderinsel überall einen sicheren Unterschlupf gewährten.

Drosseln fangen drüben auf dem Atoll nach Abflauen der Tageshitze ihre zärtlichen Lieder. Zwitschernd schossen die kleinen Schwalben hin und her. Kreischend schwangen sich die Möwen und die großen Sturmvögel und die Albatrosse durch die kühlere Luft.

Da erwachte Tim Brack.

Er ermunterte sich sehr schnell, denn er spürte mit seinen geschärften Sinnen, daß etwas Ungewöhnliches in der Nähe und daß fremde Augen ihn anschauten. Er drehte den Kopf zur Seite und sprang mit einem Ruck auf die Füße. Zuerst blieben seine vor Staunen halb geöffneten Lippen stumm. Er vermutete eine Sinnestäuschung und hatte alle Ursache, seinen Augen nicht zu trauen. Unter einem rotblühenden Busch, der ihrer Schönheit einen wirkungsvollen Rahmen bot, saß da eine Totgeglaubte. Und sie lächelte fast spitzbübisch und nickten ihrem alten und doch so jungen Bekannten mehrmals zu, als wollte sie ihm klarmachen, daß sie es wirklich sei. Dann fragte sie, wobei ihr etwas zerschrammtes und zerkratztes Gesichtchen wieder den gewohnten ernsten und doch so taufrischen Ausdruck annahm:

»Nun, – wir wollten doch unsere gegenseitigen Erfahrungen austauschen. Wie steht's damit?! Haben Sie Staub oder eine Spielmarke oder – ein Goldstück aufgegriffen?«

Bracks Augen leuchteten. Er brauchte sich die Antwort nicht lange zu überlegen:

»Ein Goldstück!« sagte er leise und tief bewegt, – so bewegt, wie das Mädchen es ihm kaum zugetraut hätte . . . schien draußen. Aber wo . . . wo . . .?! War es nur eine Sehtäuschung oder lag sie hier wirklich in einer kahlen Felsenhöhle?!

Das Denken wurde ihr schnell zur Pein. Sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. In ihren Ohren brauste und zischte das Blut. Irgendwo meldete sich mit andauerndem Rauschen die Brandung. Sie gab das Denken auf. Sie spürte nur dem rein körperlichen nach: Nässe, Kühle und ein hartes Lager und überall Schmerzen. Mit diesen Feststellungen gab sie sich zunächst zufrieden.

So dämmerte sie denn still und mit geschlossenen Augen vor sich hin und war froh, daß der entsetzliche Brechreiz aufgehört und daß sie sogar Hunger hatte, – Appetit auf irgend etwas scharf Gewürztes. Sie ahnte nicht, daß die Besserung ihres Zustandes nur einem Mittel zu danken war, das ihr Pei Feng eingeflößt hatte.

Zu ihrer weiteren Beruhigung vernahm sie nun auch die leider allzu melodische Stimme ihres Chefs. Und diese so wenig männliche und doch so verführerische Stimme regte ihre Gedanken zu einem neuen Versuch an, die allerjüngste schreckvolle Vergangenheit sich klarer ins Gedächtnis zurückzurufen. Es gelang wieder nicht. Nur die fernere Vergangenheit meldete sich mit unvergessenen Eindrücken. Solwy Consort hatte noch nie – darin war der gute Bert Snider, der eigentlich Schneider hieß – ja, darin war Bert doch einem bedauerlichen Irrtum zum Opfer gefallen – ihr Denken zerflatterte, sammelte sich aber wieder auf demselben Punkt. Nein, ihr Chef war ihr nie irgendwie zu nahe getreten. Er hatte sie nur einmal eingeladen, mit ihm das Wochenende auf seinem Landsitz am Jackson droben in den Bergen zu verleben. Ihre eisige Ablehnung hatte genügt, – er hatte sich wortreich und für Margas Geschmack zu süßlich entschuldigt und auch erklärt, daß selbstverständlich seine Hausdame mit draußen sein würde als Ehrenwache.

Daß diese Bemerkung, die seiner Einladung das Verfängliche nehmen sollte, eine schlimme Entgleisung war und sogar als Beleidigung aufgefaßt werden konnte, dessen ward er sich erst durch Margas noch eisigeren Gesichtsausdruck bewußt. Klugerweise hatte er auf eine weitere Erörterung der peinlichen Angelegenheit verzichtet und sein ferneres Verhalten seiner Sekretärin gegenüber auf einen Ton rücksichtsvoller, feinabgetönter Vertraulichkeit in geschäftlichen Dingen eingestellt – nur in geschäftlichen. Jedes irgendwie geartete mehr persönliche Interesse schaltete er scheinbar aus. Dafür erteilte er Guy Trebber den Auftrag, Marga insgeheim zu beobachten.

Daß dieser auch hierbei seine eigenen Ziele verfolgte und ihm dauernd falsche Meldungen überbrachte, konnte Consort nicht nachprüfen. Der junge Reeder wußte nichts von den freundschaftlichen Beziehungen seiner Sekretärin zu Bert Snider, und als dieser selbe Snider durch Vermittlung eines in die geheimen Dinge eingeweihten näheren Bekannten Consorts ihm nahelegen ließ, Marga zur Kräftigung ihrer Gesundheit mit nach der Manihiki-Gruppe zu nehmen, war dies bei dem so ziemlich in allen Sätteln festen schönen Solwy längst beschlossene Sache. –

Marga war nun vor Erschöpfung eingeschlafen. Da sich mittlerweile die See immer mehr beruhigt hatte, so daß unterhalb der Grotte an den Uferfelsen der Strandstreifen bereits meterbreit freilag, erbot sich Trebber zu einem längeren Erkundigungsgang. Abermals mußte Consort die Zähigkeit seines Dieners ehrlich anstaunen. Er selbst war genau so übermüdet wie Marga. Trebber erklärte, bevor er sich auf den Weg machte, mit recht eindeutiger Schärfe:

»Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Mister Consort!! Das Mädchen steht unter meinem Schutz!! Wenn Ihnen daran gelegen ist, Ihre feudale Villa in Sidney wiederzusehen, so seien Sie hübsch vernünftig!!«

Kaum hatte Trebber dann die Grotte verlassen, als Consort sehr ernstlich mit sich zu Rate ging, ob es nicht zweckmäßig sei, Marga zu wecken und ihr als weit vorausahnender Mann gewisse Dinge mitzuteilen, die das Mädchen noch enger an ihn fesseln mußten. Die Erkenntnis, daß Trebber bestimmt bisher nur den willfährigen Diener gespielt hatte und in Wahrheit eine ganz anders geartete Persönlichkeit war, bereitete dem schönen Solwy ernsteste Sorgen.

Marga wachzurütteln wurde ihm weit leichter, als er zunächst geglaubt hatte. Erschrocken und verwirrt fuhr sie hoch, starrte Consort an und fragte ärgerlich: »Ist etwas geschehen . . .?!«

Die Frage klang angesichts der letzten Ereignisse rührend töricht. Aber es blieb auch die einzige Frage dieser Art, denn dieser kurze Schlummer hatte das Mädchen erfrischt und ihren Kopf von dem schweren Druck befreit, der ihr vorhin das Denken zur Qual gemacht hatte. Sie saß aufrecht da, sah die kleine Felsenhöhle und draußen die Sonne und das Meer und erfaßte sofort das inzwischen Geschehene.

»Die Maryland ist untergegangen, Mister Consort«, sagte sie mit recht kräftiger Stimme, – was Solwy gar nicht in seine Pläne hineinpaßte, denn eine körperlich und seelisch noch völlig niedergebrochene Marga wäre ihm eine bequemere Gefährtin gewesen.

Er nickte ihr schmerzlich zu.

»Leider, Miß Alting . . . untergegangen!! Wir sind Schiffbrüchige und wissen nicht einmal, wo wir uns befinden. Wir drei, nämlich Trebber als dritter, ja, – als dritter und als unangenehmste Beigabe . . .«

Der Name Trebber genügte, Marga noch empfänglicher für alles zu machen, was der kalt berechnende Consort jetzt weiter erklärte.

Er räusperte sich, als ob ihm das nun folgende Geständnis nicht leicht würde. »Miß Alting, ich habe damals, als ich aus reiner Menschengüte den entflohenen Sträfling, der sich Guy Trebber nannte und der so flehentlich um eine Anstellung bat und natürlich beteuerte, er wäre vollkommen schuldlos zur Deportation verurteilt worden, ja, ich habe damals einen bösen Fehler begangen. Bitte, entsetzen Sie sich nicht zu sehr über diese meine Eröffnungen. Ich werde Sie nötigenfalls genau so vor Trebber schützen, wie es mir vorhin gelang, Sie hierher zu bringen und Trebber auch. Von den übrigen ist niemand gerettet – es ist furchtbar! Alle sind umgekommen, alle . . .«

Auch die Register beherrschte Consort vortrefflich. Er heuchelte Mitleid, wo er nichts dergleichen empfand. Das Gefühl des Mitleids war ihm nur ein in diese Szene hineinpassendes Spiel mit gutgewählten Worten.

Anders Marga. Jede Schiffskatastrophe, von der sie hörte, weckte die allerschmerzlichsten Erinnerungen in ihr, denn das gierige Meer hatte ihr in einer Nacht Vater und Mutter und damit auch die Heimat geraubt. Die Schreckensnacht damals in der Torresstraße hatte ihr jedoch auch an dem Beispiel ihrer eigenen Rettung gezeigt, welcher Heroismus dazu gehört, für Fremde so rückhaltslos das Leben zu wagen. Diese Anschauungen über die bewundernswerte Tapferkeit ihrer Retter von damals übertrug sie hier auf den Mann, der so nebenher als Selbstverständlichkeit erwähnt hatte, daß er sie und den Sträfling aus dem sinkenden Wrack der Maryland geborgen habe. Solwy Consort mußte ihr so mit einem Schlage in ganz anderem Lichte erscheinen. Daß der ihr unsympathische Guy Trebber keinen Finger für sie gerührt hätte, bedurfte ja keiner Erörterung. Sie hatte Trebber über ihre Abneigung gegen ihn nie im Zweifel gelassen.

Mit einem Gefühl wahrhaft tiefen Dankes streckte sie Consort nun die Hand hin. Er zauderte und sagte ablenkend: »Ob ich Ihnen auch weiter dazu verhelfen kann, hier auf dieser unbekannten Insel vorläufig das Leben zu fristen, bleibt recht fraglich, wenn auch nicht unmöglich. In jedem Fall wollte ich Sie bitten, gegenüber Trebber sich freundlicher zu zeigen als bisher, denn letzten Endes sind wir drei nun einmal Leidensgefährten, die zusammenhalten müssen. Und Trebber ist doch schließlich auch ein Mensch, vielleicht sogar ein besserer, als es scheinen mag.«

Da erst nahm er ihre Hand, behielt sie wie selbstvergessen in der seinen und fügte hinzu: »Leider hat mein merkwürdiger Diener sich mir gegenüber vorhin Freiheiten herausgenommen, die ich nur in Ihrem Interesse ungerügt ließ. Sie werden ja selbst am besten den Ton finden, der den Mann ohne Schärfe in seine Schranken zurückweist.«

Das kleine diplomatische Meisterstück Consorts hatte vielleicht in der Erwähnung seiner großmütigen Einstellung – Trebber sei doch schließlich auch ein Mensch! – den wirksamsten Höhepunkt erreicht.

Als Marga diese Worte vernommen hatte, überkam sie ein Gefühl der Scham über ihr Pharisäertum: sie hatte Trebber ja von vornherein ihre Abneigung spüren lassen, ohne zu wissen, welche Vergangenheit auf ihm lastete. Sie war aus einem reinen Vorurteil heraus gegen ihn so unfreundlich gewesen, – und Vorurteile glaubte sie sich längst abgewöhnt zu haben.

Aber mehr noch. Auch was Consorts Person betraf, hatte sie ähnlich vorschnell sich durch Bert Snider beeinflussen lassen. Snider hatte gegen Consort Vorwürfe und Anschuldigungen erhoben, die immer nur Andeutungen geblieben waren, sogar hinsichtlich der gewissen Informationen, die er sich um jeden Preis beschaffen wollte – mit Margas Hilfe! Marga wußte noch heute nicht, was Consort an Gesetzwidrigkeiten begangen haben sollte. Es sollten da auf den Manihiki-Inseln dunkle Dinge geschehen, – welcher Art, darüber hatte sich Snider nie ausgelassen, sondern stets nur betont, daß Marga ganz unvoreingenommen die Sachlage prüfen solle.

Und dieser selbe Consort, von Snider als halber Verbrecher hingestellt, hatte sich hier nun als ein durchaus selbstloser und opferfreudiger Freund und Helfer sogar dem Sträfling gegenüber gezeigt! Bert Snider hatte also einfach aufs Geratewohl einen Mann angeschwärzt, der hier eine Hilfsbereitschaft bewiesen, wie sie sehr selten ein Mensch aufbringen wird. Marga sagte sich, daß sie Consort sehr viel abzubitten habe und daß auf Sniders Angaben überhaupt nichts zu geben sei.

Aus alledem entstand bei ihr ein Empfinden innerer Unsicherheit und eine gewisse Umnebelung ihrer klaren Urteilsfähigkeit. Sie überschätzte notgedrungen Consorts moralische Qualitäten und war nur zu schnell bereit, Vergangenes zu vergessen und ihr bisheriges starkes Mißtrauen ihm gegenüber auszuschalten.

Bert Snider spielte dabei überhaupt keine Rolle mehr, weder als Mahner zur Vorsicht noch als vertrauter Freund oder halber Verlobter. Sie hatte ihn ja in Sidney nach jenem Zusammentreffen auf der Hafenbrücke nicht wiedergesehen, seine Antwort auf ihre Zeilen war in demselben vorsichtigen, wenn auch in einem hoffnungsvolleren Tone abgefaßt gewesen und hatte sich in der Hauptsache um die Instruktionen gedreht, die er Marga für die gewisse Sache noch erteilen mußte. Dieses Schreiben hatte nur die Wirkung gehabt, daß Marga den leisen Argwohn nicht mehr los wurde, Bert läge weit mehr an ihrer Tätigkeit als seine heimliche Helferin als an ihrer Person schlechthin.

Nur so war es verständlich, daß sie nun, zu Consort mit tränenfeuchten Augen aufblickend, beschämt hervorstieß: »Ich habe Sie immer ganz falsch beurteilt. Verzeihen Sie mir!«

Und er?! – Er beging nicht den Fehler, nun etwa sofort ihre gegenseitigen Beziehungen durch eine vorschnelle Handlung aufs neue zu gefährden, nein, er hatte ja Zeit, er war mit dem ersten Erfolg sehr zufrieden, und das Weitere würde sich allmählich von selbst ergeben. Er lächelte sie so recht besorgt und väterlich-gütig an und meinte scherzend: »Marga, jetzt muß ich leider den Retter auch noch darin herauskehren, daß ich Ihnen befehle, sofort wieder einzuschlafen und sich einmal gründlich zu erholen. Nötig genug haben Sie es, gute Nacht also. Ich werde Ihnen mit gutem Beispiel vorangehen!«

Er legte sich nieder und rief ihr nur nochmals leise zu: »Also ganz brav einschlafen und mir die Sorge für unsere Zukunft überlassen!!«

Sie gehorchte und schlummerte sehr bald ein. Sie fühlte sich in seiner Nähe geborgen und nahm sich auch vor, mit Guy Trebber zu einer Verständigung zu gelangen, die allen Teilen nur zum Vorteil gereichen konnte, – das sah sie vollkommen ein.

Ohne ein weiteres Wort hatte Trebber vorhin die Felskluft verlassen. Er kannte seinen Herrn und diesen ganzen Typ von Mann. Er wußte, daß Consort sich hüten würde, das Alleinsein mit Marga Alting zu irgendwelchen unpassenden Annäherungsversuchen auszunutzen. Er hatte über den Wert und die Macht seiner doppeldeutigen Persönlichkeit ein völlig richtiges und vielfach bestätigtes Urteil.

Mühsam kletterte er die schroffe Küste hinab und stand nun auf dem sehr schmalen Streifen trockenen Ufers. Er schaute sich um und stellte fest, daß er sich hier auf der Spitze eines Vorgebirges der einsamen, unbekannten und so merkwürdig hohen Insel befand, deren nach Nordwest und Nordost verlaufende Gestade nirgends die Möglichkeit boten, diese glatten und gut zwanzig Meter hohen Steilabhänge zu erklettern. Er mußte auch seine Wanderung über den schmalen, steilen Pfad sehr bald aufgeben, da die Küste bald vollständig senkrecht in die See abfiel und jeder Versuch, diese schwarzen vulkanischen Mauern zu ersteigen, von vornherein zwecklos gewesen wäre.

Nachdem Trebber noch festgestellt hatte, daß offenbar nicht ein Mann der Besatzung der Maryland mehr lebte und weithin das Meer leer war und nirgends eine ferne Küste zu erblicken, kehrte er nach etwa einstündiger Abwesenheit in die Grotte zurück und fand hier sowohl das Mädchen als auch Consort in festem Schlafe vor. Er setzte sich in den Eingang der kleinen Höhle und entnahm der Innentasche seiner Weste drei flache kleine Aluminiumfläschchen, die ganz besonders konstruierte Verschlüsse hatten, dazu auch dünnes festes Papier und einen Bleistift und schrieb drei Zettel, – die Adressen und die Vorbemerkung in drei Sprachen und den eigentlichen Text in Chiffre. In jedes Fläschchen tat er einen Zettel und eine Banknote als Lohn für den hinein, der den Zettel weiterbefördern würde. Als Guy Trebber dies erledigt hatte, kletterte er abermals zum flachen Strandstreifen hinab und warf die Flaschen mit den knallroten großen Verschlüssen in die Strömung, die jetzt nach der offenen See hin lief.

Nachher streckte er sich in der Grotte gleichfalls zum Schlafe aus und überließ nun alles weitere seinen emsigen und geschickten Vertrauten, die hoffentlich eine seiner Botschaften erhalten würden.

Drei Menschen schliefen in der Uferhöhle den traumlosen Schlaf der Erschöpfung. Marga hatten nicht einmal bemerkt, daß Guy Trebber ihr den von draußen mitgebrachten trockenen Seetang in dicken Polstern zu einem neuen Lager hergerichtet und sie emporgehoben und anderswo niedergelegt hatte. Sie war dabei nur halb erwacht und viel zu matt und schlaftrunken, um die Augen zu öffnen, sie wußte ebensowenig von der Schicht trockener Algen, die nun ihre durchnäßte und fröstelnde Gestalt bedeckten und erst recht nichts von den scheuen, zärtlichen Blicken, mit denen Trebber ihr ins Gesicht geschaut hatte, als er sie in den Armen hielt und sanft an sich drückte und auf das neue Lager bettete. Sie wäre empört gewesen, wenn sie geahnt haben würde, daß dieser Guy Trebber es sogar gewagt hatte, sie mit aller Zartheit auf das kecke Stirnlöckchen zu küssen. Ihr war das alles entgangen.

Stunden verstrichen so. In der Grotte rührte sich nichts. Nur das tiefe Atmen der Schläfer und draußen das sanftere Rauschen der nimmermüden Brandung blieben die einzigen Geräusche in dieser Stätte der Ungewißheit und der Wohltat eines alle Sorgen und Zukunftsbefürchtungen ausschaltenden festen und todähnlichen Schlummers.

Die Sonne näherte sich dem westlichen Horizont. Ihre Strahlen färbten sich rötlich. Von der See stieß die frische Brise in die Grotte und säuselte wie feine Geisterstimmen in den Rissen und Winkeln und Zacken. Das Vorgebirge war nun infolge der Ebbe deutlich sichtbar. Seine alleräußerste Schroffe zeigte die Form eines grob gemeißelten Frauenkopfes – im Profil.

Seevögel und blauschwarze Raben aus dem Innern der Tabu-Insel stelzten am Strande auf und ab und heimsten die reiche Beute der Ebbe ein. Aber stolz und unnahbar wie stets reckte das Eiland mit seinem Festungsgürtel seine steilen Mauern aus dem Ozean empor und sorgte dafür, daß der Eindruck der Öde, Unfruchtbarkeit und Unnahbarkeit bestehen bliebe. Sofern sich droben auf den Rändern des Felsenwalles ein verräterisches grünes Pflänzchen anzusiedeln gewagt hatte, waren immer sehr schnell vorsichtige Hände bereit, dieses spärliche erste Grün auszutilgen. Das Geheimnis des fruchtbaren Innern der Tabu-Insel wurde sorgsam gehütet.

In der Grotte der drei Schiffbrüchigen rührte sich nichts.

Es ereignete sich aber doch etwas. Über den rissigen Wänden des Hintergrundes erschien ein aschblonder Kopf und spähte lange hinab, dann schwang sich eine graziöse Gestalt an den Vorsprüngen abwärts und beugte sich über Marga.

Die Tochter Kapitän Altings erwachte erst, als ihr der Qualm eines Feuers in die Nase drang und sie daher niesen mußte. Sie nieste mehrfach, und dabei richtete sie sich auf und schaute verwirrt und befangen und ungläubig um sich.

Zunächst mußte sie einen für die Geschmacksnerven des werten Mister Barabas Barb sehr verletzenden Irrtum schleunigst vor sich selbst richtig stellen: Es war nicht der Qualm eines Feuers, der ihr in die Nase geraten war, sondern der freilich zweifelhafte, dafür aber doppelt kräftig duftende oder unduftende Tabakrauch aus einer selbstgeschnitzten Holzpfeife, deren Kopf einen der vielen Teufel darstellte, an die Barb unbedingt glaubte. Als zweites schloß Marga doch noch einmal vorsichtshalber die Augen und zwickte sich unter der blütenweißen Decke heimlich in den Arm. Sie wollte sicher gehen, daß sie wirklich nicht träumte! Als sie dann aber von neuem die Lider öffnete, war das Bild dasselbe geblieben, und jetzt erst fand sie den Mut, den Mann dort zu fragen:

»Verzeihen Sie, – wo bin ich?!«

Barabas Barb erhob sich halb, ließ das bibelartig dicke Buch, in dem er bisher unter häufigem Schütteln seiner Billardkugel gelesen hatte, auf den kleinen Tisch sinken und reckte sich zu seiner vollen Höhe auf, die jedoch nicht sehr imponierend war. Mutter Natur hatte seinen Körper zu kurz und zu breit gemacht. Dann schickte er sich zu einem altmodischen Kratzfuß an und sagte mit der ganze Fülle seines höflich gedämpften Basses, der sich eben nicht dämpfen ließ, weil durch Barabas' Kehle im Laufe von siebzig Jahren so ungeheure Quantitäten Alkohol – von der Qualität schon ganz abgesehen! – gegluckert waren, daß diese arme Kehle selbst gegenüber Brennspiritus oder Salzsäure ziemlich unempfindlich geworden war.

»Mein Name ist Barabas Barb . . . Mit dem gewissen Barabas oder Barnabas aus der Bibel bin ich wahrscheinlich nur sehr weitläufig verwandt, – es liegt also kein Grund vor, sich hier zu fürchten, am wenigsten vor mir, Miß. Im übrigen befinden Sie sich in dem Schlafgemach meiner Herrin.«

Marga hatte nun die Arme unter der leichten weißen Decke ihres Bettes hervorgenommen, denn dieser Mister Barabas stand bereits in einem Alter, wo man sich nicht weiter zu schämen braucht – selbst nicht im Bett und vor einem Manne.

Sie wollte dem neckischen Greise nunmehr in demselben gutgelaunten Tone etwas erwidern, aber angesichts der Spitzenärmel ihres Nachthemdes, das ihr hier jemand angezogen und geliehen hatte, denn sie selbst hatte noch nie so seine Wäsche ihr eigen genannt, kam sie ein wenig aus dem Konzept und meinte nur noch erstaunter: »Auf welcher Jacht befinde ich mich denn?!«

Die Frage lag den Umständen nach sehr nahe.

Barb grinste und entblößte dabei den einzigen vorderen Oberzahn, den er überhaupt noch besaß. Dieser ungeheure gelbe Hauer stand zur Zeit auf schön Wetter, das heißt, er war etwas nach innen geklappt.

»Die Jacht heißt »Tabu«, Miß Alting. Alles weitere . . .« – so kam er schleunigst unbequemen Fragen zuvor – »werden Sie von Miß Evy hören. Ich möchte Sie aber schon jetzt bitten, ohne viele Winkelzüge auf deren Vorschläge einzugehen, denn meine Herrin kann zuweilen sehr kurz angebunden sein und sehr leicht in schlechte Laune geraten, und in dem Zustande stehe ich dann für nichts ein. Seien Sie also Diplomatin, Miß Alting. Wer sich in einer Lage befindet wie Sie, darf nicht zu neugierig werden, – gerade das verträgt Evy gar nicht!«

Marga war eine Weile ganz still. Für ihr so unromantisches Gemüt stellte diese merkwürdige Andeutung des kahlköpfigen Mannes eine rechte kräftige Belastungsprobe dar. Aber Mister Barabas griente andrerseits so außerordentlich vertrauenerweckend, daß sie nach einem flüchtigen Blick über den zierlich und geschmackvoll eingerichteten Raum nur erklärte: »Ich schulde Ihrer Herrin zu großen Dank für diese liebenswürdige Aufnahme, als daß ich so taktlos sein könnte, Miß Evy mit lästigen Fragen zu behelligen. Nur eins möchte ich gern wissen: Woher kennen Sie meinen Namen? Hat Mister Consort, der sich doch wohl auch hier auf der Jacht befindet, Ihnen meinen Namen genannt?«

In den verwitterten Zügen des greisen Kahlkopfs ging eine blitzschnelle Veränderung vor sich. Es machte ganz den Eindruck, als ob Barabas urplötzlich aus Versehen Wasser in die Kehle bekommen hätte. Sein Vorderzahn ruckte oder schnellte ein Stück über die Oberlippe hinaus, und sein Baß wurde noch eine Oktave tiefer, als er höchst ablehnend entgegnete: »Wir haben Ihre beiden Gefährten bisher nicht gesprochen, Miß Alting. Sie sind noch in der Grotte. Ihren Namen hörten wir aus der Unterhaltung mit diesen Herren . . . Herren . . . hm, – . . .: Herren!«

Und um nun endgültig jedem weiteren Verhör zu entgehen, fragte er sehr dienstbeflissen:

»Wünschen Sie Tee oder Kakao zum Abendessen, Miß Alting?«

Marga zupfte an den Spitzenärmeln, um sich klar zu machen, daß Tee und Kakao nun wieder im Bereiche der Möglichkeit lägen.

»Tee, bitte!« Sie war noch immer recht nachdenklich und zerstreut, denn Herrn Barabas' Bemerkungen über ihre Leidensgefährten Consort und Trebber gaben genügend Stoff zu allerhand unklaren Vermutungen.

Nachdem der Alte dann hinter einem Vorhang aus buntem dickem Stoff verschwunden war, wagte es Marga, das Schlafzimmer Miß Evys genauer zu mustern. Unwillkürlich hafteten ihre Blicke längere Zeit auf den beiden kleinen Fenstern, und diese Blicke wurden immer starrer und verschüchterter. Schließlich sprang sie kurz entschlossen aus dem Bett und eilte zu dem einen Fenster hin, schob die dünnen Vorhänge noch weiter zur Seite und schaute hinaus. Sie erschrak. Aber dieses erste Gefühl der Furcht verlor sich sehr schnell. Die wundervolle Aussicht auf die grüne Insel und auf die blaue Lagune zerstreuten all ihre Bedenken, daß sie hier irgendwie Grund hätte, den Bewohnern der Insel nicht zu trauen.


8. Kapitel.

Erstes Wetterleuchten um Marga . . .


Marga ruhte auf dem feuchten Lager von Seetang, unter dem Kopf die Korkwesten. Trebber hatte ihr das bescheidene Bett im äußersten Winkel der Grotte hergerichtet. Marga regte sich und bewegte die Hände und tastete noch schlafbefangen nach den am meisten schmerzenden Körperstellen. Die Stimmen in der Nähe waren verstummt. Consort hatte die Unverfrorenheit Trebbers schweigend hingenommen, und Guy Trebber wieder wußte nun, wie sehr er sich vor diesem schönen Solwy, dem Schwarm aller jungen Damen von Sidney, in acht zu nehmen habe.

Marga öffnete mühsam die Augen, schloß sie aber schnell wieder. Das Salzwasser der See brannte zu stark, hatte sich in den Augenwinkeln als unsichtbare Salzkristalle eingenistet und ließ ein paar Tränchen über die zerkratzten Wangen des Mädchens rinnen.

Marga lag nun wieder ganz still und suchte über ihren Zustand sich klar zu werden und über ihre Umgebung, von der sie soeben nur wenig mit einem einzigen Blick erhascht hatte. Die Sonne schien draußen. Aber wo . . . wo . . .?! War es nur eine Sehtäuschung oder lag sie hier wirklich in einer kahlen Felsenhöhle?!

Das Denken wurde ihr schnell zur Pein. Sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. In ihren Ohren brauste und zischte das Blut. Irgendwo meldete sich mit andauerndem Rauschen die Brandung. Sie gab das Denken auf. Sie spürte nur dem rein körperlichen nach: Nässe, Kühle und ein hartes Lager und überall Schmerzen. Mit diesen Feststellungen gab sie sich zunächst zufrieden.

So dämmerte sie denn still und mit geschlossenen Augen vor sich hin und war froh, daß der entsetzliche Brechreiz aufgehört und daß sie sogar Hunger hatte, – Appetit auf irgend etwas scharf Gewürztes. Sie ahnte nicht, daß die Besserung ihres Zustandes nur einem Mittel zu danken war, das ihr Pei Feng eingeflößt hatte.

Zu ihrer weiteren Beruhigung vernahm sie nun auch die leider allzu melodische Stimme ihres Chefs. Und diese so wenig männliche und doch so verführerische Stimme regte ihre Gedanken zu einem neuen Versuch an, die allerjüngste schreckvolle Vergangenheit sich klarer ins Gedächtnis zurückzurufen. Es gelang wieder nicht. Nur die fernere Vergangenheit meldete sich mit unvergessenen Eindrücken. Solwy Consort hatte noch nie – darin war der gute Bert Snider, der eigentlich Schneider hieß – ja, darin war Bert doch einem bedauerlichen Irrtum zum Opfer gefallen – ihr Denken zerflatterte, sammelte sich aber wieder auf demselben Punkt. Nein, ihr Chef war ihr nie irgendwie zu nahe getreten. Er hatte sie nur einmal eingeladen, mit ihm das Wochenende auf seinem Landsitz am Jackson droben in den Bergen zu verleben. Ihre eisige Ablehnung hatte genügt, – er hatte sich wortreich und für Margas Geschmack zu süßlich entschuldigt und auch erklärt, daß selbstverständlich seine Hausdame mit draußen sein würde als Ehrenwache.

Daß diese Bemerkung, die seiner Einladung das Verfängliche nehmen sollte, eine schlimme Entgleisung war und sogar als Beleidigung aufgefaßt werden konnte, dessen ward er sich erst durch Margas noch eisigeren Gesichtsausdruck bewußt. Klugerweise hatte er auf eine weitere Erörterung der peinlichen Angelegenheit verzichtet und sein ferneres Verhalten seiner Sekretärin gegenüber auf einen Ton rücksichtsvoller, feinabgetönter Vertraulichkeit in geschäftlichen Dingen eingestellt – nur in geschäftlichen. Jedes irgendwie geartete mehr persönliche Interesse schaltete er scheinbar aus. Dafür erteilte er Guy Trebber den Auftrag, Marga insgeheim zu beobachten.

Daß dieser auch hierbei seine eigenen Ziele verfolgte und ihm dauernd falsche Meldungen überbrachte, konnte Consort nicht nachprüfen. Der junge Reeder wußte nichts von den freundschaftlichen Beziehungen seiner Sekretärin zu Bert Snider, und als dieser selbe Snider durch Vermittlung eines in die geheimen Dinge eingeweihten näheren Bekannten Consorts ihm nahelegen ließ, Marga zur Kräftigung ihrer Gesundheit mit nach der Manihiki-Gruppe zu nehmen, war dies bei dem so ziemlich in allen Sätteln festen schönen Solwy längst beschlossene Sache. –

Marga war nun vor Erschöpfung eingeschlafen. Da sich mittlerweile die See immer mehr beruhigt hatte, so daß unterhalb der Grotte an den Uferfelsen der Strandstreifen bereits meterbreit freilag, erbot sich Trebber zu einem längeren Erkundigungsgang. Abermals mußte Consort die Zähigkeit seines Dieners ehrlich anstaunen. Er selbst war genau so übermüdet wie Marga. Trebber erklärte, bevor er sich auf den Weg machte, mit recht eindeutiger Schärfe:

»Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Mister Consort!! Das Mädchen steht unter meinem Schutz!! Wenn Ihnen daran gelegen ist, Ihre feudale Villa in Sidney wiederzusehen, so seien Sie hübsch vernünftig!!«

Kaum hatte Trebber dann die Grotte verlassen, als Consort sehr ernstlich mit sich zu Rate ging, ob es nicht zweckmäßig sei, Marga zu wecken und ihr als weit vorausahnender Mann gewisse Dinge mitzuteilen, die das Mädchen noch enger an ihn fesseln mußten. Die Erkenntnis, daß Trebber bestimmt bisher nur den willfährigen Diener gespielt hatte und in Wahrheit eine ganz anders geartete Persönlichkeit war, bereitete dem schönen Solwy ernsteste Sorgen.

Marga wachzurütteln wurde ihm weit leichter, als er zunächst geglaubt hatte. Erschrocken und verwirrt fuhr sie hoch, starrte Consort an und fragte ärgerlich: »Ist etwas geschehen . . .?!«

Die Frage klang angesichts der letzten Ereignisse rührend töricht. Aber es blieb auch die einzige Frage dieser Art, denn dieser kurze Schlummer hatte das Mädchen erfrischt und ihren Kopf von dem schweren Druck befreit, der ihr vorhin das Denken zur Qual gemacht hatte. Sie saß aufrecht da, sah die kleine Felsenhöhle und draußen die Sonne und das Meer und erfaßte sofort das inzwischen Geschehene.

»Die Maryland ist untergegangen, Mister Consort«, sagte sie mit recht kräftiger Stimme, – was Solwy gar nicht in seine Pläne hineinpaßte, denn eine körperlich und seelisch noch völlig niedergebrochene Marga wäre ihm eine bequemere Gefährtin gewesen.

Er nickte ihr schmerzlich zu.

»Leider, Miß Alting . . . untergegangen!! Wir sind Schiffbrüchige und wissen nicht einmal, wo wir uns befinden. Wir drei, nämlich Trebber als dritter, ja, – als dritter und als unangenehmste Beigabe . . .«

Der Name Trebber genügte, Marga noch empfänglicher für alles zu machen, was der kalt berechnende Consort jetzt weiter erklärte.

Er räusperte sich, als ob ihm das nun folgende Geständnis nicht leicht würde. »Miß Alting, ich habe damals, als ich aus reiner Menschengüte den entflohenen Sträfling, der sich Guy Trebber nannte und der so flehentlich um eine Anstellung bat und natürlich beteuerte, er wäre vollkommen schuldlos zur Deportation verurteilt worden, ja, ich habe damals einen bösen Fehler begangen. Bitte, entsetzen Sie sich nicht zu sehr über diese meine Eröffnungen. Ich werde Sie nötigenfalls genau so vor Trebber schützen, wie es mir vorhin gelang, Sie hierher zu bringen und Trebber auch. Von den übrigen ist niemand gerettet – es ist furchtbar! Alle sind umgekommen, alle . . .«

Auch die Register beherrschte Consort vortrefflich. Er heuchelte Mitleid, wo er nichts dergleichen empfand. Das Gefühl des Mitleids war ihm nur ein in diese Szene hineinpassendes Spiel mit gutgewählten Worten.

Anders Marga. Jede Schiffskatastrophe, von der sie hörte, weckte die allerschmerzlichsten Erinnerungen in ihr, denn das gierige Meer hatte ihr in einer Nacht Vater und Mutter und damit auch die Heimat geraubt. Die Schreckensnacht damals in der Torresstraße hatte ihr jedoch auch an dem Beispiel ihrer eigenen Rettung gezeigt, welcher Heroismus dazu gehört, für Fremde so rückhaltslos das Leben zu wagen. Diese Anschauungen über die bewundernswerte Tapferkeit ihrer Retter von damals übertrug sie hier auf den Mann, der so nebenher als Selbstverständlichkeit erwähnt hatte, daß er sie und den Sträfling aus dem sinkenden Wrack der Maryland geborgen habe. Solwy Consort mußte ihr so mit einem Schlage in ganz anderem Lichte erscheinen. Daß der ihr unsympathische Guy Trebber keinen Finger für sie gerührt hätte, bedurfte ja keiner Erörterung. Sie hatte Trebber über ihre Abneigung gegen ihn nie im Zweifel gelassen.

Mit einem Gefühl wahrhaft tiefen Dankes streckte sie Consort nun die Hand hin. Er zauderte und sagte ablenkend: »Ob ich Ihnen auch weiter dazu verhelfen kann, hier auf dieser unbekannten Insel vorläufig das Leben zu fristen, bleibt recht fraglich, wenn auch nicht unmöglich. In jedem Fall wollte ich Sie bitten, gegenüber Trebber sich freundlicher zu zeigen als bisher, denn letzten Endes sind wir drei nun einmal Leidensgefährten, die zusammenhalten müssen. Und Trebber ist doch schließlich auch ein Mensch, vielleicht sogar ein besserer, als es scheinen mag.«

Da erst nahm er ihre Hand, behielt sie wie selbstvergessen in der seinen und fügte hinzu: »Leider hat mein merkwürdiger Diener sich mir gegenüber vorhin Freiheiten herausgenommen, die ich nur in Ihrem Interesse ungerügt ließ. Sie werden ja selbst am besten den Ton finden, der den Mann ohne Schärfe in seine Schranken zurückweist.«

Das kleine diplomatische Meisterstück Consorts hatte vielleicht in der Erwähnung seiner großmütigen Einstellung – Trebber sei doch schließlich auch ein Mensch! – den wirksamsten Höhepunkt erreicht.

Als Marga diese Worte vernommen hatte, überkam sie ein Gefühl der Scham über ihr Pharisäertum: sie hatte Trebber ja von vornherein ihre Abneigung spüren lassen, ohne zu wissen, welche Vergangenheit auf ihm lastete. Sie war aus einem reinen Vorurteil heraus gegen ihn so unfreundlich gewesen, – und Vorurteile glaubte sie sich längst abgewöhnt zu haben.

Aber mehr noch. Auch was Consorts Person betraf, hatte sie ähnlich vorschnell sich durch Bert Snider beeinflussen lassen. Snider hatte gegen Consort Vorwürfe und Anschuldigungen erhoben, die immer nur Andeutungen geblieben waren, sogar hinsichtlich der gewissen Informationen, die er sich um jeden Preis beschaffen wollte – mit Margas Hilfe! Marga wußte noch heute nicht, was Consort an Gesetzwidrigkeiten begangen haben sollte. Es sollten da auf den Manihiki-Inseln dunkle Dinge geschehen, – welcher Art, darüber hatte sich Snider nie ausgelassen, sondern stets nur betont, daß Marga ganz unvoreingenommen die Sachlage prüfen solle.

Und dieser selbe Consort, von Snider als halber Verbrecher hingestellt, hatte sich hier nun als ein durchaus selbstloser und opferfreudiger Freund und Helfer sogar dem Sträfling gegenüber gezeigt! Bert Snider hatte also einfach aufs Geratewohl einen Mann angeschwärzt, der hier eine Hilfsbereitschaft bewiesen, wie sie sehr selten ein Mensch aufbringen wird. Marga sagte sich, daß sie Consort sehr viel abzubitten habe und daß auf Sniders Angaben überhaupt nichts zu geben sei.

Aus alledem entstand bei ihr ein Empfinden innerer Unsicherheit und eine gewisse Umnebelung ihrer klaren Urteilsfähigkeit. Sie überschätzte notgedrungen Consorts moralische Qualitäten und war nur zu schnell bereit, Vergangenes zu vergessen und ihr bisheriges starkes Mißtrauen ihm gegenüber auszuschalten.

Bert Snider spielte dabei überhaupt keine Rolle mehr, weder als Mahner zur Vorsicht noch als vertrauter Freund oder halber Verlobter. Sie hatte ihn ja in Sidney nach jenem Zusammentreffen auf der Hafenbrücke nicht wiedergesehen, seine Antwort auf ihre Zeilen war in demselben vorsichtigen, wenn auch in einem hoffnungsvolleren Tone abgefaßt gewesen und hatte sich in der Hauptsache um die Instruktionen gedreht, die er Marga für die gewisse Sache noch erteilen mußte. Dieses Schreiben hatte nur die Wirkung gehabt, daß Marga den leisen Argwohn nicht mehr los wurde, Bert läge weit mehr an ihrer Tätigkeit als seine heimliche Helferin als an ihrer Person schlechthin.

Nur so war es verständlich, daß sie nun, zu Consort mit tränenfeuchten Augen aufblickend, beschämt hervorstieß: »Ich habe Sie immer ganz falsch beurteilt. Verzeihen Sie mir!«

Und er?! – Er beging nicht den Fehler, nun etwa sofort ihre gegenseitigen Beziehungen durch eine vorschnelle Handlung aufs neue zu gefährden, nein, er hatte ja Zeit, er war mit dem ersten Erfolg sehr zufrieden, und das Weitere würde sich allmählich von selbst ergeben. Er lächelte sie so recht besorgt und väterlich-gütig an und meinte scherzend: »Marga, jetzt muß ich leider den Retter auch noch darin herauskehren, daß ich Ihnen befehle, sofort wieder einzuschlafen und sich einmal gründlich zu erholen. Nötig genug haben Sie es, gute Nacht also. Ich werde Ihnen mit gutem Beispiel vorangehen!«

Er legte sich nieder und rief ihr nur nochmals leise zu: »Also ganz brav einschlafen und mir die Sorge für unsere Zukunft überlassen!!«

Sie gehorchte und schlummerte sehr bald ein. Sie fühlte sich in seiner Nähe geborgen und nahm sich auch vor, mit Guy Trebber zu einer Verständigung zu gelangen, die allen Teilen nur zum Vorteil gereichen konnte, – das sah sie vollkommen ein.

Ohne ein weiteres Wort hatte Trebber vorhin die Felskluft verlassen. Er kannte seinen Herrn und diesen ganzen Typ von Mann. Er wußte, daß Consort sich hüten würde, das Alleinsein mit Marga Alting zu irgendwelchen unpassenden Annäherungsversuchen auszunutzen. Er hatte über den Wert und die Macht seiner doppeldeutigen Persönlichkeit ein völlig richtiges und vielfach bestätigtes Urteil.

Mühsam kletterte er die schroffe Küste hinab und stand nun auf dem sehr schmalen Streifen trockenen Ufers. Er schaute sich um und stellte fest, daß er sich hier auf der Spitze eines Vorgebirges der einsamen, unbekannten und so merkwürdig hohen Insel befand, deren nach Nordwest und Nordost verlaufende Gestade nirgends die Möglichkeit boten, diese glatten und gut zwanzig Meter hohen Steilabhänge zu erklettern. Er mußte auch seine Wanderung über den schmalen, steilen Pfad sehr bald aufgeben, da die Küste bald vollständig senkrecht in die See abfiel und jeder Versuch, diese schwarzen vulkanischen Mauern zu ersteigen, von vornherein zwecklos gewesen wäre.

Nachdem Trebber noch festgestellt hatte, daß offenbar nicht ein Mann der Besatzung der Maryland mehr lebte und weithin das Meer leer war und nirgends eine ferne Küste zu erblicken, kehrte er nach etwa einstündiger Abwesenheit in die Grotte zurück und fand hier sowohl das Mädchen als auch Consort in festem Schlafe vor. Er setzte sich in den Eingang der kleinen Höhle und entnahm der Innentasche seiner Weste drei flache kleine Aluminiumfläschchen, die ganz besonders konstruierte Verschlüsse hatten, dazu auch dünnes festes Papier und einen Bleistift und schrieb drei Zettel, – die Adressen und die Vorbemerkung in drei Sprachen und den eigentlichen Text in Chiffre. In jedes Fläschchen tat er einen Zettel und eine Banknote als Lohn für den hinein, der den Zettel weiterbefördern würde. Als Guy Trebber dies erledigt hatte, kletterte er abermals zum flachen Strandstreifen hinab und warf die Flaschen mit den knallroten großen Verschlüssen in die Strömung, die jetzt nach der offenen See hin lief.

Nachher streckte er sich in der Grotte gleichfalls zum Schlafe aus und überließ nun alles weitere seinen emsigen und geschickten Vertrauten, die hoffentlich eine seiner Botschaften erhalten würden.

Drei Menschen schliefen in der Uferhöhle den traumlosen Schlaf der Erschöpfung. Marga hatten nicht einmal bemerkt, daß Guy Trebber ihr den von draußen mitgebrachten trockenen Seetang in dicken Polstern zu einem neuen Lager hergerichtet und sie emporgehoben und anderswo niedergelegt hatte. Sie war dabei nur halb erwacht und viel zu matt und schlaftrunken, um die Augen zu öffnen, sie wußte ebensowenig von der Schicht trockener Algen, die nun ihre durchnäßte und fröstelnde Gestalt bedeckten und erst recht nichts von den scheuen, zärtlichen Blicken, mit denen Trebber ihr ins Gesicht geschaut hatte, als er sie in den Armen hielt und sanft an sich drückte und auf das neue Lager bettete. Sie wäre empört gewesen, wenn sie geahnt haben würde, daß dieser Guy Trebber es sogar gewagt hatte, sie mit aller Zartheit auf das kecke Stirnlöckchen zu küssen. Ihr war das alles entgangen.

Stunden verstrichen so. In der Grotte rührte sich nichts. Nur das tiefe Atmen der Schläfer und draußen das sanftere Rauschen der nimmermüden Brandung blieben die einzigen Geräusche in dieser Stätte der Ungewißheit und der Wohltat eines alle Sorgen und Zukunftsbefürchtungen ausschaltenden festen und todähnlichen Schlummers.

Die Sonne näherte sich dem westlichen Horizont. Ihre Strahlen färbten sich rötlich. Von der See stieß die frische Brise in die Grotte und säuselte wie feine Geisterstimmen in den Rissen und Winkeln und Zacken. Das Vorgebirge war nun infolge der Ebbe deutlich sichtbar. Seine alleräußerste Schroffe zeigte die Form eines grob gemeißelten Frauenkopfes – im Profil.

Seevögel und blauschwarze Raben aus dem Innern der Tabu-Insel stelzten am Strande auf und ab und heimsten die reiche Beute der Ebbe ein. Aber stolz und unnahbar wie stets reckte das Eiland mit seinem Festungsgürtel seine steilen Mauern aus dem Ozean empor und sorgte dafür, daß der Eindruck der Öde, Unfruchtbarkeit und Unnahbarkeit bestehen bliebe. Sofern sich droben auf den Rändern des Felsenwalles ein verräterisches grünes Pflänzchen anzusiedeln gewagt hatte, waren immer sehr schnell vorsichtige Hände bereit, dieses spärliche erste Grün auszutilgen. Das Geheimnis des fruchtbaren Innern der Tabu-Insel wurde sorgsam gehütet.

In der Grotte der drei Schiffbrüchigen rührte sich nichts.

Es ereignete sich aber doch etwas. Über den rissigen Wänden des Hintergrundes erschien ein aschblonder Kopf und spähte lange hinab, dann schwang sich eine graziöse Gestalt an den Vorsprüngen abwärts und beugte sich über Marga.

Die Tochter Kapitän Altings erwachte erst, als ihr der Qualm eines Feuers in die Nase drang und sie daher niesen mußte. Sie nieste mehrfach, und dabei richtete sie sich auf und schaute verwirrt und befangen und ungläubig um sich.

Zunächst mußte sie einen für die Geschmacksnerven des werten Mister Barabas Barb sehr verletzenden Irrtumschleunigst vor sich selbst richtig stellen: Es war nicht der Qualm eines Feuers, der ihr in die Nase geraten war, sondern der freilich zweifelhafte, dafür aber doppelt kräftig duftende oder unduftende Tabakrauch aus einer selbstgeschnitzten Holzpfeife, deren Kopf einen der vielen Teufel darstellte, an die Barb unbedingt glaubte. Als zweites schloß Marga doch noch einmal vorsichtshalber die Augen und zwickte sich unter der blütenweißen Decke heimlich in den Arm. Sie wollte sicher gehen, daß sie wirklich nicht träumte! Als sie dann aber von neuem die Lider öffnete, war das Bild dasselbe geblieben, und jetzt erst fand sie den Mut, den Mann dort zu fragen:

»Verzeihen Sie, – wo bin ich?!«

Barabas Barb erhob sich halb, ließ das bibelartig dicke Buch, in dem er bisher unter häufigem Schütteln seiner Billardkugel gelesen hatte, auf den kleinen Tisch sinken und reckte sich zu seiner vollen Höhe auf, die jedoch nicht sehr imponierend war. Mutter Natur hatte seinen Körper zu kurz und zu breit gemacht. Dann schickte er sich zu einem altmodischen Kratzfuß an und sagte mit der ganze Fülle seines höflich gedämpften Basses, der sich eben nicht dämpfen ließ, weil durch Barabas' Kehle im Laufe von siebzig Jahren so ungeheure Quantitäten Alkohol – von der Qualität schon ganz abgesehen! – gegluckert waren, daß diese arme Kehle selbst gegenüber Brennspiritus oder Salzsäure ziemlich unempfindlich geworden war.

»Mein Name ist Barabas Barb . . . Mit dem gewissen Barabas oder Barnabas aus der Bibel bin ich wahrscheinlich nur sehr weitläufig verwandt, – es liegt also kein Grund vor, sich hier zu fürchten, am wenigsten vor mir, Miß. Im übrigen befinden Sie sich in dem Schlafgemach meiner Herrin.«

Marga hatte nun die Arme unter der leichten weißen Decke ihres Bettes hervorgenommen, denn dieser Mister Barabas stand bereits in einem Alter, wo man sich nicht weiter zu schämen braucht – selbst nicht im Bett und vor einem Manne.

Sie wollte dem neckischen Greise nunmehr in demselben gutgelaunten Tone etwas erwidern, aber angesichts der Spitzenärmel ihres Nachthemdes, das ihr hier jemand angezogen und geliehen hatte, denn sie selbst hatte noch nie so seine Wäsche ihr eigen genannt, kam sie ein wenig aus dem Konzept und meinte nur noch erstaunter: »Auf welcher Jacht befinde ich mich denn?!«

Die Frage lag den Umständen nach sehr nahe.

Barb grinste und entblößte dabei den einzigen vorderen Oberzahn, den er überhaupt noch besaß. Dieser ungeheure gelbe Hauer stand zur Zeit auf schön Wetter, das heißt, er war etwas nach innen geklappt.

»Die Jacht heißt »Tabu«, Miß Alting. Alles weitere . . .« – so kam er schleunigst unbequemen Fragen zuvor – »werden Sie von Miß Evy hören. Ich möchte Sie aber schon jetzt bitten, ohne viele Winkelzüge auf deren Vorschläge einzugehen, denn meine Herrin kann zuweilen sehr kurz angebunden sein und sehr leicht in schlechte Laune geraten, und in dem Zustande stehe ich dann für nichts ein. Seien Sie also Diplomatin, Miß Alting. Wer sich in einer Lage befindet wie Sie, darf nicht zu neugierig werden, – gerade das verträgt Evy gar nicht!«

Marga war eine Weile ganz still. Für ihr so unromantisches Gemüt stellte diese merkwürdigeAndeutung des kahlköpfigen Mannes eine rechte kräftige Belastungsprobe dar. Aber Mister Barabas griente andrerseits so außerordentlich vertrauenerweckend, daß sie nach einem flüchtigen Blick über den zierlich und geschmackvoll eingerichteten Raum nur erklärte: »Ich schulde Ihrer Herrin zu großen Dank für diese liebenswürdige Aufnahme, als daß ich so taktlos sein könnte, Miß Evy mit lästigen Fragen zu behelligen. Nur eins möchte ich gern wissen: Woher kennen Sie meinen Namen? Hat Mister Consort, der sich doch wohl auch hier auf der Jacht befindet, Ihnen meinen Namen genannt?«

In den verwitterten Zügen des greisen Kahlkopfs ging eine blitzschnelle Veränderung vor sich. Es machte ganz den Eindruck, als ob Barabas urplötzlich aus Versehen Wasser in die Kehle bekommen hätte. Sein Vorderzahn ruckte oder schnellte ein Stück über die Oberlippe hinaus, und sein Baß wurde noch eine Oktave tiefer, als er höchst ablehnend entgegnete: »Wir haben Ihre beiden Gefährten bisher nicht gesprochen, Miß Alting. Sie sind noch in der Grotte. Ihren Namen hörten wir aus der Unterhaltung mit diesen Herren . . . Herren . . . hm, – . . .: Herren!«

Und um nun endgültig jedem weiteren Verhör zu entgehen, fragte er sehr dienstbeflissen:

»Wünschen Sie Tee oder Kakao zum Abendessen, Miß Alting?«

Marga zupfte an den Spitzenärmeln, um sich klar zu machen, daß Tee und Kakao nun wieder im Bereiche der Möglichkeit lägen.

»Tee, bitte!« Sie war noch immer recht nachdenklich und zerstreut, denn Herrn Barabas' Bemerkungen über ihre Leidensgefährten Consort und Trebber gaben genügend Stoff zu allerhand unklaren Vermutungen.

Nachdem der Alte dann hinter einem Vorhang aus buntem dickem Stoff verschwunden war, wagte es Marga, das Schlafzimmer Miß Evys genauer zu mustern. Unwillkürlich hafteten ihre Blicke längere Zeit auf den beiden kleinen Fenstern, und diese Blicke wurden immer starrer und verschüchterter. Schließlich sprang sie kurz entschlossen aus dem Bett und eilte zu dem einen Fenster hin, schob die dünnen Vorhänge noch weiter zur Seite und schaute hinaus. Sie erschrak. Aber dieses erste Gefühl der Furcht verlor sich sehr schnell. Die wundervolle Aussicht auf die grüne Insel und auf die blaue Lagune zerstreuten all ihre Bedenken, daß sie hier irgendwie Grund hätte, den Bewohnern der Insel nicht zu trauen.


9. Kapitel.

Evy.


»Ein Goldstück!« wiederholte Brack nochmals ganz andächtig und schaute Marga dabei mit noch leuchtenderen Augen an.

Gewiß, sie war erstaunt, daß er vor ihr seine Empfindungen so wenig verbarg oder verbergen konnte. Er mochte eine grundehrliche und schlichte Natur sein, der alles zuwider war, was nach Künstelei aussah. Sie kannte ihn ja so wenig, und was diese blutjunge und doch so kluge Evy ihr da vorhin über ihn mitgeteilt hatte, waren schließlich nur Beobachtungen, die auch unrichtig oder ungenau gewesen sein dürften.

Immerhin stand wohl das eine fest, daß dieser Brack sich ihretwegen die allergrößten Sorgen gemacht und versucht hatte, sie aus ihrer Kabine zu retten, als sie bereits gerettet war – aber durch wen?! Auch in dieser Hinsicht hatte sich Evy so merkwürdig behutsam ausgedrückt.

Marga folgte jetzt nur einer echten und warmen Gefühlsregung, als sie dem Oberheizer der versunkenen Maryland beide Hände hinstreckte und gerührt und weichsten Tones erklärte: »Sie verdienen meinen Dank, Herr Brack. Ich weiß, daß Sie meinetwegen das von Wogen überflutete Deck des Dampfers unter größten Gefahren überquerten und mich suchten. Daß mich Herr Consort bereits geborgen hatte, konnten Sie nicht wissen.«

Sie sah seinen jäh veränderten Gesichtsausdruck und das ebenso schnelle Erlöschen des stillen Glücksschimmers in seinen Augen und bedauerte sofort, mit ihren Andeutungen über ihre Kenntnis von den allerletzten Vorgängen auf dem Wrack der Maryland nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Diese Andeutungen mußten ihn ja nicht nur verblüffen, sondern auch vielleicht zu falschen Schlüssen verleiten.

Sie fügte daher eiligst und etwas befangen hinzu: »Consort, Trebber und ich fürchteten, die ganze übrige Besatzung sei bereits umgekommen. Wir wurden auch nicht Zeugen Ihrer und Pei Fengs Rettung, – nein, das hat mir jemand anderes erzählt –, erzählt ist zu viel gesagt: Diese Miß Evy war nämlich seltsam zugeknöpft, – ja, das ist der richtige Ausdruck dafür: zugeknöpft!«

Tim Brack hatte schon seine Hände aus den ihren gelöst und meinte in einem so überaus ablehnenden Tone, daß Marga sich dadurch verletzt fühlen konnte:

»Wer hat Sie an Land gebracht – wer?! Consort?! Das glauben Sie doch selbst nicht!!«

Er lachte hart und rücksichtslos auf.

»Solwy Consort als Lebensretter bei so schwerer See wäre genau so unmöglich wie . . . wie etwa Guy Trebber ohne Sträflingsbrandmal auf der Schulter!«

Was ihn dazu trieb, seinen Chef hier derart anzugreifen, wußte er selbst nicht. Er folgte lediglich einem bei ihm stets unbezwingbaren Drange nach Wahrheit und Aufrichtigkeit. Daß er dies auch in weniger verletzender Form hätte tun können, kam ihm gar nicht zum Bewußtsein, und als er diese Entgleisung aus Margas Verhalten entnehmen konnte, war das Unheil schon geschehen.

Margas Züge wurden streng und frostig. Sie empfand Bracks Worte nur als Regung eines Neides, der in diesem Falle doppelt kleinlich erschien. Er gönnte es Consort offensichtlich nicht, gerade ihr rechtzeitig beigesprungen zu sein. Er bewies dadurch nur eine Gehässigkeit, die sie erkältete und ihr die weitere Unterredung mit Brack fast zur Pein machte, denn wie sollte sie einem Menschen, der so schnell zur Voreingenommenheit und zu mißgünstigen Regungen sich hinreißen ließ, gerade all diese für sie selbst so unklaren Verhältnisse hier schildern und verständlich machen?! Würde er nicht hinter jedem ihrer Worte eine beabsichtigte Verhüllung der Tatsachen und ein Einverständnis mit Evy wittern, wo doch von alledem keine Rede war, – im Gegenteil, Marga hätte gewünscht, daß sie selbst vollkommen offenen Aufschluß erhalten haben würde, und das war nicht der Fall!

Und noch mehr kam hinzu, was sie sehr bedrückte und ihr jede Sicherheit raubte. Evys Vorschriften für den ferneren Aufenthalt hier auf der Tabu-Insel waren so stark mit der Person Bracks verquickt gewesen, daß sich auch hieraus allerlei Weiterungen ergeben mußten, da Tim Brack wohl kaum geneigt sein würde, sich von einem Mädchen wie Evy so einfach kommandieren zu lassen, zumal viele der Forderungen Evys auch geradezu zum Widerstand reizten, wie Marga sehr gut einsah.

Brack war Menschenkenner. Eigenes Leid und eigene Herzenseinsamkeit hatten ihn auch aus den Gesichtszügen anderer die jeweiligen Empfindungen heraustasten gelernt. Daß er sich nebenher einen gewissen Frohsinn bewahrt hatte, daß er die unzulängliche Welt und die ebenso unzulänglichen Menschen mit einem nachsichtigen Schmunzeln abzutun pflegte, war ein karger Rest seines wahren Wesenskernes von einst. Er las Margas Gedanken von der gekrausten Stirn ab und zuckte dazu nur die Schultern. Wenn sie Consort für einen Helden hielt – nun gut, das war ihre Sache! Er hätte ihr allerdings etwas mehr Lebenserfahrung zugetraut.

Er fragte kurz: »Wer ist Evy? Ist es etwa das Mädchen, das vor irgend etwas entfloh und dort nach Westen zu in einer Höhle wohnt?« – Auch das klang wieder ein wenig geringschätzig, so daß Marga nun die Geduld verlor.

Sie blitzte Brack herausfordernd mit kampfeslustigen Augen an und erwiderte etwas schadenfroh: »Sie werden Evy ja kennenlernen! Evy hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, als ob sie vor irgend etwas entfliehen würde! Ach nein, dieses Mädchen weiß, was es will, und von uns will sie so verschiedenes, was Ihnen nicht ganz passen dürfte, und doch werden Sie sich fügen müssen, oder Sie wären nicht der, für den ich Sie bisher hielt, das heißt ein Mann, der auf Frauen die notwendige Rücksicht nimmt.«

Brack wurde neugierig. Schon diese Andeutungen gaben ihm zu denken. Aber zunächst herrschte bei ihm noch das Gefühl vor, daß Marga sich unverständlicherweise auf die Seite derer stellte, die er selbst für Schwächlinge hielt.

»Evy?!« Er lachte. »Evy flüchtete vor Borstentieren, und ihr einziger Vorzug besteht in ihrer Fertigkeit, ein Blattruder zu benutzen.«

Marga wurde noch erregter. »Die Schweine hier auf der Insel sind völlig zahm und hängen an Evy wie treue Hunde! Und geflohen ist Evy überhaupt nicht, – damit Sie auch das wissen! Evy hatte Sie und Pei Feng beobachtet und wollte mit Barabas beraten, was man mit Ihnen beiden tun solle, denn wer die Insel einmal betritt, darf nicht mehr fort, – so liegen die Dinge!!«

Sie weidete sich an seiner Verblüffung. Diesmal war es ihr doch gelungen, ihn für Minuten verstummen zu lassen.

Tim Brack schaute nachdenklich vor sich hin und beneidete insgeheim den Boy, der immer noch so wundervoll fest schlief und nicht ahnte, daß sein Gefährte hier mit einem Mädchen aneinander und auseinander geriet, das wohl als Verbündete gegen die anmaßenden Forderungen dieser ewigen Evy – Evy hin, Evy her! – kaum zu gebrauchen war.

»Wer ist denn nun wieder dieser feine Herr Barabas?! Schon der Name verspricht so allerlei . . .!«

Marga sprang jetzt auf. Sie war blaß geworden. Sie fand diesen Brack einfach unerträglich. Und mit diesem Menschen sollte sie nun fernerhin drüben auf dem Atoll zusammenhausen?! Unmöglich!! Aber es mußte ja sein. Gegen Evy gab es kein Sichauflehnen!

»Sie sollten sich schämen: Herr Brack!« stieß sie hervor. »Dieser Barabas ist ein braver und freundlicher Greis, der hier zusammen mit Evy wohnt und für die Insel schon sehr viel getan hat, – so zum Beispiel hat er die Ketten an dem Bimssteinblock erneuert, die . . .«

Der Oberheizer der toten Maryland hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Kinn in die geballten Fäuste vergraben. Er unterbrach sie sehr kühl:

»Ich glaube, es ist ratsamer, Sie erzählen mehr im Zusammenhang, denn sonst kommt die Nacht herbei, und wir beide sind noch immer auf dem Kriegspfade gegeneinander, was zwecklos ist.« Und jetzt lächelte er mit jenem gutmütigen Schmunzeln, das so sehr für ihn einnahm. Er hatte eingesehen, daß er vielleicht doch etwas zu weit gegangen und daß Marga Alting schließlich auch nur Weib und unvollkommen war, wofür sie nichts konnte, – das liegt nun mal so in der Frauennatur.

»Setzen Sie sich wieder, Fräulein. Ich bin ein schreckliches Rauhbein. Doch die feine Politur, wie sie Herr Consort und Konsorten besitzen« – er lachte leise über das Wortspiel – »ja, die fehlt mir allerdings. Aber ich persönlich verzichte gern auf diesen Kulturlack. Immerhin will ich mich bemühen, jenen Salonton zu finden, der hier freilich gar nicht angebracht sein dürfte, denn Robinson hat sicherlich auch nicht viel Wert auf Redensarten gelegt, sondern gehandelt. Sie kennen doch Robinson?! War das ein Kerl!! Schade nur, daß er eine Phantasiefigur bleibt und daß die echten Robinsone – so wie wir beide etwa! – über Belanglosem das Wichtigste versäumen, nämlich, daß es Abend wird. Nein, setzen Sie sich nicht! Wenn Evy – wenn diese unvermeidliche Evy, die Ihnen so zu imponieren scheint, verlangt, daß wir auf dem Atoll drüben wohnen sollen, was ich vermuten muß, denn hier in den Festungsmauern hat sie ja ihr Heim, dann dürfte Sie Ihnen auch ein Boot zur Verfügung gestellt haben. Aufbruch also!«

Er erhob sich, reckte sich ungezwungen und stieß den Boy leicht mit dem Fuße an. »Hallo, – aufwachen, Pei Feng! Das neue Leben beginnt!«

Marga wußte nicht, ob sie sich weiter noch über ihn ärgern sollte. Seine großzügige Unbekümmertheit hatte etwas Heroisches an sich. Aber der leichte ironische Ton, der so gar nichts recht ernst nahm, mißfiel ihr. Nun, er war eben ein etwas rauher Naturbursche, und mit der Zeit würde er sich schon ändern. Sie wollte versuchen, ihm nichts zu verargen.

Das Rindenkanu lag wirklich unten am Ufer des Grabens. Zwei Blattruder befanden sich darin, – Barabas' Arbeit, wie Marga nachdrücklich betonte, während der Boy den leichten Nachen über die schmale Wasserrinne trieb. Auch die Kanus stammten aus Barabas' Werkstatt. So kam Marga nun ganz von selbst ins Erzählen. Viel konnte sie nicht berichten. Brack stellte auch keine Zwischenfragen. Daß Miß Evy eine so fein ausgestattete Höhlenwohnung besaß, ließ ihn kalt. Wenigstens tat er so. Er machte sich über alles seine besonderen Gedanken. Er hielt es jedoch für ratsamer, diese Gedanken für sich zu behalten, nur als Marga ihm mitteilte, daß Evy über das Schicksal der beiden noch in der Grotte am Außenstrande befindlichen Leidensgefährten erst morgen endgültig entscheiden wolle, horchte er auf und meinte so nebenher:

»Hm, – merkwürdig! Also scheinen Consort und Trebber vor Miß Evys strengen Augen keine Gnade gefunden zu haben, wie wir zum Beispiel, insbesondere Sie, Fräulein Alting! Denn Pei Feng und ich haben uns ja ohne Einladung hier Zugang verschafft. Sie jedoch hatten die Ehre, von Evy eigenhändig der Gesellschaft Ihres Chefs und Trebbers entzogen zu werden.«

Er hätte an diese Sätze noch andere und weit aufschlußreichere anfügen können, aber er mochte es nicht nochmals auf sich nehmen, unrichtig beurteilt zu werden. Ja, – wenn Marga nicht gerade eben Marga gewesen wäre, dann hätte er wohl jetzt schon auf so manches hingewiesen, was allen Anlaß zu bedeutsamer Beurteilung der Lage bot. Doch Marga war nun einmal immer noch für ihn die liebe Bekannte von Sidney her und auch das Mädchen, dessen er in stillen Minuten mit tiefer, nie zu erfüllender Sehnsucht gedacht hatte. Daß sie Frau war und als solche ihre Schwächen besaß, – wer war denn vollkommen, – er etwa?! – So suchte er sich die Enttäuschung von vorhin wieder auszureden und fühlte sich nunmehr als Margas schicksalgewollter Freund und Beschützer, und das würde er ihr sein bis zum Letzten.

Schweigend und versonnen schritt er neben ihr her und achtete kaum auf den weiten Weg, den sie zurückzulegen hatten, bis ihr neues Heim am Ostrande des Atolls im Glanze des Abendrots unter uralten Palmen und Brotbäumen und umgeben von einem Garten mit zierlichem Holzzaun in Sicht kam.

Da blieb Brack doch überrascht stehen.

»Das Kaoha-Ha'e der Oro-Königin Talofa!« sagte er leise.

»Ja . . .!« nickte Marga. »Evy hat mir die Sage erzählt, die nie eine Sage, sondern Wirklichkeit war!«

In der breiten Tür des aus schwarzen Vulkansteinen erbauten Hauses war eine weibliche Gestalt im Sportanzug aus derbem Leinen erschienen.

Es war noch hell genug, jede Einzelheit dieses wie durch Zauberspruch hier aufgetauchten Mädchens zu unterscheiden, das in seiner modernen blitzsauberen Kleidung und mit dem großen Basthut in dieser Umgebung eigentümlich fremdartig wirkte.

Evy näherte sich den an der Zaunpforte Stehenden und machte erst dicht vor ihnen halt, musterte Brack sehr eindringlich mit ihren dunklen Augen und sagte dann mit einem leichten Kopfneigen, das eine Art Begrüßung vorstellen mochte:

»Herr Brack, Sie sollen ein etwas schwieriger Charakter sein. Ich möchte die Lage von vornherein klären. Hier auf der Tabu-Insel gibt es nur eine Person, die zu befehlen hat. Das bin ich. Sie werden sich danach richten.«

Ihre Stimme war angenehm und vermied alle Schärfe. Was sie sprach, klang jedoch so selbstverständlich und so jede Widerrede ausschließend, daß Tim Brack gar nicht dazu kam, seinem jäh aufsteigenden Ärger irgendwie Luft zu machen. Evy hatte Marga die Hand gereicht und hinzugefügt: »Ich wünsche Ihnen hier ein recht frohes Zusammenleben. Für heute muß ich mich verabschieden. Auf Wiedersehen also, Fräulein Alting.«

Dann öffnete sie die Zaunpforte und verschwand hinter den großen Korallenblöcken, die außerhalb des Haines seinerzeit künstlich aufgeschichtet worden und nun im Laufe der Jahre längst mit Farnen und Lianen und Akazien dicht umsponnen und bewachsen waren.

Brack hatte sich von der ersten Überraschung über den so eindeutig knappen Befehlston dieser Evy erholt und wäre am liebsten hinter ihr hergeeilt. Er unterließ es. Er blickte Marga an, und wieder zuckte das gutmütig nachsichtige und doch etwas überlegene Schmunzeln um seinen Mund, woran auch die Fältchen um die Augen ihren Anteil hatten. – »Eigentlich hat sie mir recht gut gefallen. Das ist Rasse und Klasse, das merkte man, und Deutsch sprach sie auch. Wie heißt sie mit Vatersnamen?«

Marga verspürte eine unklare Enttäuschung über den Verlauf dieses ersten Zusammentreffens zwischen Evy und Brack. Sie hatte sich diese Begegnung etwas dramatischer vorgestellt oder weniger friedfertig von seiner Seite. Worin diese Enttäuschung wirklich bestand, wußte sie aber doch nicht so recht, – es war da etwas rein Gefühlsmäßiges dabei, das sie nicht zu deuten vermochte.

»Ihren Vatersnamen kenne ich nicht«, erwiderte sie recht frostig. »Gehen wir ins Haus. Auch mir ist diese alte Niederlassung der einstigen Oro-Königin noch fremd.«

Brack schwieg und folgte ihr.

Das Kaoha-Ha'e empfing die neuen Bewohner mit den Düften frischer Blumen und dem zarten und doch so nachhaltigen Geruch von Sandelholz. – –

Evy hatte mit schnellen Schritten sich nach Süden gewandt und näherte sich, immer am Außenstrande der Ringinsel sich haltend, der Lagunenausfahrt. Die Dämmerung war bereits angebrochen, die Röte des Sonnenunterganges verblaßte, und unter den Büschen lagerten dunkle Schatten. Das Mädchen, das hier so einsam nur in Gesellschaft des alten Barabas Barb bisher gehaust hatte, fand die Stelle, wo das große Kanu, mit dem Brack und die beiden anderen den Wallgraben überquert hatten, leer. Sie nickte zufrieden. Barabas hatte seine Pflicht getan. Sie durfte den dreien, die nun dort im Kaoha-Ha'e untergebracht waren, nicht die geringste Möglichkeit bieten, auch nur die Felsenufer zu erreichen und zu erklimmen.

Als sie dann die Ausfahrt der Lagune vor sich hatte, spähte sie nach dem starken Wehr aus Baumstämmen aus, das die Hauptmenge der Haie von der Lagune ferngehalten hatte, – der Wasserzaun war gleichfalls verschwunden! Und wieder nickte Evy befriedigt.

Unter einem dichten Strauchwerk holte sie ein kleineres Kanu hervor und ruderte über den Graben, wobei sie kaltblütig einigen besonders frechen Haien einen Hieb mit dem Blattruder versetzte und dazu nur die Oberlippe geringschätzig schürzte. Furcht war ihr fremd. Sie hatte sich zu diesem weltabgeschiedenen Dasein vor langer Zeit aus bestimmten Gründen entschlossen und war auch für ein so abenteuerliches Leben gut vorgebildet gewesen. Ein verzärteltes Geschöpf hätte niemals derartige Pläne verwirklichen können.

Sie landete drüben unterhalb ihrer Wohngrotte und brachte das Kanu in Sicherheit, indem sie es in eine Vertiefung schob und Felsstücke vor diese Spalte der Steilwand häufte.

Sie stand noch gebückt da, als eine sehr ruhige und sehr klare Stimme hinter ihr so jäh ertönte, daß sie mit leisem Schrei herumfuhr.

»In der Tat, – ein unverhofftes Wiedersehen!!«

Der Mann, der sich Guy Trebber nannte, gab sich nicht die geringste Mühe, die Bitterkeit und die ablehnende Kälte irgendwie zu bemänteln, die in dem Tone seiner kurzen Begrüßung mitschwangen.

Evy wich etwas zurück. Ihre Augen weiteten sich fast unnatürlich und ihr gebräuntes Antlitz entfärbte sich. Sie lehnte an der Felswand, ihre Arme hingen schlaff herab. Sie bewegte wohl die Lippen, aber kein Laut kam aus ihrer Kehle, die plötzlich wie gelähmt war. Dann schoß ihr die tiefe Röte in die Wangen, und die Erstarrung wich.

»Du . . . du . . . hier?!« Das war das einzige, was sie zunächst mit seltsam belegter Stimme hervorstieß.

»Wie Sie sehen: Ich!!« meinte Trebber kalt und schaute sie von oben bis unten und von unten bis oben mit bewußter Gleichgültigkeit an, als wollte er nur feststellen, ob sie sich äußerlich sehr verändert habe. »Sie sind beinahe jünger geworden«, lautete dann sein Endurteil.

Evy trat schnell auf ihn zu. Ihre Hand legte sich schwer auf seine Schulter. Diese Hand zitterte. Aber ihre Stimme bebte nicht, als sie ihm leise und mit berechtigter Empörung und doch eigentümlich beherrscht entgegnete:

»Ist das deine Begrüßung für mich nach einem Jahr der Sorge und Pein?! Wodurch habe ich das wohl verdient?!«

Guy Trebbers Gedanken eilten für Sekunden in eine ferne und tote Vergangenheit, – kehrten aber sofort wieder in die Gegenwart zurück und hatten doch den einen Widerhall in ihm geweckt: Erinnerungen, die sich nicht so einfach austilgen ließen! Zu vieles verband ihn einst mit diesem Mädchen, das so überraschend jung aussah und doch weit älter war! Ihre Schuld an dem, was inzwischen geschehen, mochte auch geringer sein, als es den Umständen nach schien.

»Von Verdienen oder Nichtverdienen wollen wir hier nicht sprechen«, meinte er etwas weicher. »Zur Erörterung steht nur mehr die Gegenwart, von der ich nur das begreife, was mich und meine Schicksalsgefährten angeht. Was du hier treibst, Evy, ist deine Sache, – das geht mich nichts mehr an. Du hast jedoch Marga Alting aus unserer Grotte dort am Außenstrande weggeholt und dich somit in Dinge eingemischt, die meines Erachtens eine weniger unklare Erledigung hätten finden können. Ich entdeckte die Spalte oben an der Decke der Grotte. Consort schläft noch immer. Ich suchte Marga und habe mir erlaubt, in deinem Felsenheim droben einige Anleihen zu machen und deines treuen Barabas' Rasierzeug zu benutzen. Daß du mich mit einem fünftägigen Stoppelbart und in den Lumpen und nach den sechs Monaten Strafkolonie nicht sofort wiedererkannt hast, wundert mich nicht.« Seine Stimme wurde wieder bitterer, und bitterste Selbstironie war es, als er hinzufügte:

»Ich kenne mich zuweilen ja selbst nicht mehr wieder! Nur dann, wenn ich wie jetzt daran erinnert werde, daß es einmal eine Zeit gab, wo ich nicht Guy Trebber hieß.«

Ein schmerzlicher Zug erschien auf seinem so arg zerfurchten Gesicht. Er war alt geworden. Tiefe Falten zogen um Mund und Augen und Kinn, und seine Stirn war wie gekerbt von Hautwülsten. Er wußte, wie er sich verändert hatte. Er war nicht mehr der Mann von einst, der all seine Tatkraft in den Dienst Fremder gestellt hatte in der Hoffnung, dereinst das zu erringen, was ihm insgeheim Lebensinhalt bedeutet hatte.

Evy war die Veränderung in seinen Zügen nicht entgangen. Es drängte sie, ihm ein liebes, zärtliches Wort zu sagen und so die Wege wieder zu ebnen, die einst für beide nur ein Weg gewesen. Aber sie dachte an all das andere, was sich nun als Scheidewand zwischen ihnen erhob und für das Harry kaum die rechte Einschätzung haben konnte. Wie sollte er auch?! Er wußte ja nichts von ihrem großen Leid, von ihrer Angst vor einer dunklen Zukunft, – nichts davon, daß dieses Leid sich nun für sie in ein unaussprechliches Glück verwandelt hatte – hier in der Weltabgeschiedenheit der Tabu-Insel! Er würde nur immer an den Vater denken, der ihn so heimtückisch zu beseitigen gesucht hatte, – er war verbittert und gehörte doch zu ihr, ob er wollte oder nicht!

Ihn ketteten Fesseln an sie und die Vergangenheit, die unzerreißbar waren. Es hätte ihrerseits nur eines Wortes, eines kurzen Satzes bedurft, und er wäre ihr zu Füßen gesunken und hätte um Verzeihung gefleht, weil er ihr so eisig ablehnend gegenübergetreten war. Doch dazu war sie zu stolz. Das war ihr Geheimnis und ihr Glück, – wie einst hier die Oro-Königin ein Glück gefunden haben mochte, das von niemandem bedroht wurde.

Ja, der Vater war's, der zwischen ihnen stand für immer, – weil Harry nicht vergessen konnte!! Es mochte ja schwer sein, sehr schwer, dies Vergessen-Können! Sie trug ihm nichts nach. Nur das vermochte sie nicht: Ihm ins Gesicht zu rufen: »Hast du denn die eine Nacht vergessen, und ist dir nie die Vermutung gekommen, daß auch ich an dieser Nacht getragen und gelitten habe viele Monate?!«

Evy ließ den Kopf sinken und fragte aus tiefstem Widerstreit der Empfindungen heraus:

»Wie begrüßte Barb dich?!« – Sie konnte sich zwar auf Barabas verlassen, aber sie wollte sicher gehen.

»Er mußte einen ganzen Becher von seinem vorzüglichen Palmschnaps trinken, bevor er wieder seine fünf Sinne beieinander hatte. Dann aber fiel er mir um den Hals.«

Evys Hand war längst von Trebbers Schulter herabgesunken.

Sie beneidete Barb. – Um den Hals gefallen war er ihm . . .!! Glücklicher Barb!

»Trotzdem blieb er verschwiegen wie das Grab«, fügte Trebber ohne Schärfe hinzu. »Ich könnte dich ja belügen und behaupten, ich wüßte, was ihr beide hier treibt, könnte so von dir die Wahrheit erschleichen, doch das liegt mir noch immer nicht.«

Das Mädchen mit den aschblonden Haaren und dem energischen Kinn und der dünnen, feinen und leicht gekrümmten Nase über einem zierlich geschnittenen Mund hob langsam den schmalen rassigen Kopf.

»Begleite mich, bitte. Wir müssen uns aussprechen und zu einem Entschluß gelangen . . .«

Sie spürte selbst, wie mutlos und wie unsicher das klang. – Zu einem Entschluß gelangen?! Mit Brack hatte sie vorläufig leichtes Spiel gehabt, aber hier mit ihrem einstigen Verlobten?! Sie kannte ihn ja.

Guy Trebber schaute ihr fest in die Augen. »Falls du mir gegenüber nicht mit offenen Karten spielst, gelten hier nur meine Entschlüsse, und meinen Willen durchzusetzen wird mir um so leichter werden, als ich das Gewesene ausschalten kann. Es ist tot für mich. Beachte das. Die Umstände haben uns zu Feinden gemacht. Entweder die volle Wahrheit oder – nun, du weißt ja, daß ich nie umsonst drohe! Gehen wir. Barb wollte ein Abendessen herrichten wie zur Feier der Rückkehr eines verlorenen Sohnes. Armer, treuer Alter! Er mag insgeheim hoffen, daß wir beide Arm in Arm bei ihm erscheinen. Er irrt sich. Nie waren sich zwei Menschen fremder als wir, Evy, – auch das vergiß nicht!«

Er wandte sich ab und erstieg den kaum erkennbaren Pfad, der zu Evys Heim emporführte. Sein ihn erniedrigendes Brandmal auf der Schulter schien wieder in frischen Schmerzen aufzuleben. Er hatte die Lippen fest zusammengepreßt, und sein faltiges Gesicht war hart wie Stein, – die Schicksalsrunen auf seiner Stirn lagen tiefer denn je und zogen sich bis zu den ergrauten Schläfen hin. Guy Trebbers voller Scheitel war sogar von schneeweißen Strähnen durchkreuzt und leuchtete stellenweise silbern wie die Firnen jener Berge, die sich dem menschlichen Wagemut trotzig und unnahbar entgegenstemmen. Aber das Mädchen, das ihm folgte, betupfte sich heimlich immer wieder die Augen und fand in ihrem aufgescheuchten Denken keinen Ausweg aus dieser doppelten Seelennot.


10. Kapitel.

Solwy Consort erhält Gesellschaft.


Bert Snider hatte wieder beten gelernt. Das Fluchen lag ihm ohnehin nicht. Es hätte auch weniger geholfen als die angstvollen Stoßgebete, die der Reporter während des dreitägigen Orkans gen Himmel schickte. Bis zum Himmel war es nicht weit, die schwarzen Wolken hingen so tief, daß man sie fast greifen konnte. Als der Motorkutter, der in vorsichtiger Entfernung der Maryland stets gefolgt war, dann endgültig versank, hielt es Snider doch für ratsamer, nicht nach den Wolken, sondern nach dem losgerissenen Deckaufbau zu greifen und sich daran festzuklammern, bis es ihm in einer Atempause des Taifuns sogar gelang, sich an dem Notfloß festzubinden. Gleich darauf hatte er die Besinnung verloren und erwachte erst, als bereits die Sonne unterging und er zu seinem Erstaunen merkte, daß er noch immer am Leben und daß ein günstiges Schicksal sein Floß zwischen Klippennadeln unweit einer Insel festgekeilt hatte.

Aribert Schneider war zwar in der Hauptsache Federfuchser oder besser Maschinentipper, denn seine vielbegehrten Artikel schrieb er seit Jahren nur noch mit Hilfe der Tastatur einer Hamilton. Immerhin hatte er etwas Sport getrieben und auch das Segeln erlernt, weil er sich auch mit solchen Dingen abgeben mußte. Er war eben sehr vielseitig und bildete sich darauf mehr ein als auf seine Gerissenheit, die er als Hauptmerkmal seines Charakters stets als Intelligenz deutete.

Die beiden ersten Stunden nach seinem Erwachen blieb er ganz still liegen und schlummerte auch zuweilen wieder ein. Von der nahen Steilküste sah er nur die obersten Ränder und auch nur, wenn er sich halb aufrichtete. Vorläufig wagte er es noch nicht, an Land zu schwimmen, da er die verfänglichen Rückenflossen von Haien zwischen den Riffen und Klippen sehr wohl bemerkte und von Sidney her die lieben Fischlein genau kannte.

Jetzt aber hielt Bert Snider-Schneider die Zeit für günstig. Es gab da einen fast trocken liegenden Pfad bis zum Ufer, und, bewaffnet mit einer Planke des Deckaufbaus, schritt er der Küste zu und wäre dann beinahe vor Schreck auf dem schlüpfrigen Felsen ausgeglitten, weil urplötzlich über ihm eine Stimme ertönte, die er leider kannte – nur die Stimme, denn er hatte es sorgsam vermieden, Solwy Consort je zu begegnen. Consort war für ihn auch erst eine beachtenswerte Erscheinung geworden, als Marga als Stenotypistin bei der Firma Stellung fand und als dann zur selben Zeit – ein Zufall! – die gewissen Dinge den Zeitungskonzern zu interessieren begannen. Die Sache war nun für den Konzern eine aufgelegte Pleite geworden, der Motorkutter und fünf Mann waren während der Taifune verlorengegangen, und Snider hatte an anderes zu denken als an die dunklen Gerüchte von gesetzwidrigen Handlungen.

Consort stand droben im Grotteneingang und winkte nun dem armen Teufel von Leidensgefährten eifrig zu. Der junge Mann dort glich genau wie er selbst einem abgerissenen Stromer und hatte kaum einen ganzen Fetzen mehr auf dem Leibe.

Atemlos und mit blutenden und vom Salzwasser zerfressenen Lippen und böse entzündeten Augen kletterte Snider zu der Felsspalte hinauf. Consort half ihm, allerdings ohne sich sehr anzustrengen, führte seinen Gast nun in die Notwohnung und weidete sich an dessen Erstaunen über den reich gedeckten Tisch, – das heißt, der Tisch war nur eine gewürfelte Tischdecke, die auf dem Steinboden ausgebreitet lag.

»Setzen Sie sich. Wie Sie sehen, lebe ich hier im Schlaraffenland«, versuchte Consort zu witzeln, aber es gelang ihm nicht recht, denn er hatte böse Sorgen. Das Verschwinden Margas und Trebbers hatte in ihm allerlei Befürchtungen geweckt, anderseits hatte es ihn beruhigt, daß er beim Erwachen all die Speisen und Früchte und den großen Tonkrug Trinkwasser vorgefunden hatte. Die Petroleumküchenlampe mit dem blanken Blechschirm stellte so ungefähr neben dem Tischtuch den Gipfelpunkt des Komforts dar.

Die Lampe brannte, und Snider betrachtete wirklich voller Staunen die Teller, Tassen und Eßbestecke. »Haben Sie das hier vorgefunden, Mr. Consort?« fragte er neugierig.

Der junge Reeder nickte gönnerhaft. Er glaubte, diesem Reporter, der ihm derweil eine durchaus glaubwürdige Geschichte von einem Ausflug nach den Marquesas erzählt hatte, nichts von den eigenen Erlebnissen verschweigen zu brauchen. Als er so auch erwähnte, daß Marga und Trebber auf eine bisher unaufgeklärte Art sich entfernt hätten, ließ Snider die Banane, die er gerade als Nachtisch verspeiste, auf den Teller zurückfallen und starrte den Reeder groß an. – »Und das nehmen Sie so gleichgültig hin, Mr. Consort?! Haben Sie denn draußen am Strande sich umgeschaut?! Wie, – und nichts von den beiden bemerkt?!«

Der schöne Solwy war alles andere, nur keine Abenteurernatur. Seine Neigungen und Fähigkeiten lagen auf anderen Gebieten. – »Was sollte ich denn noch tun?!« meinte er achselzuckend.

»Dummkopf!!« dachte Snider. Laut sagte er: »Und haben Sie sich gar keine Gedanken darüber gemacht, wer Ihnen diese Delikatessen hier aufgetischt haben mag?!«

»Natürlich!« Consort beließ es bei dem gönnerhaften Ton. »Die Insel ist natürlich bewohnt«, fügte er nachlässig hinzu. »Daß die Bewohner sich nicht zeigen – nun, sie mögen ihre Gründe dafür haben. Mir genügt es, daß ich die Sorgen um Essen und Trinken zunächst los bin.«

Snider pflichtete ihm scheinbar bei, dachte sich aber sein Teil, setzte seine Mahlzeit fort und war nur etwas schweigsamer geworden. Er belächelte die großspurige Art, in der Consort sich als Retter Margas und Trebbers ausspielte, und hatte besonders für diesen Exsträfling, von dem Consort stets als von seinem Schützling sprach, außerordentliches Interesse. Guy Trebber war ihm eine völlig neue Erscheinung, und er sagte sich sofort, daß das Verschwinden Margas und dieses Kochs und Dieners auf weit ernstere Ursachen zurückzuführen sein dürfte, als der geistig so einseitige Consort dies vermutete.

Überhaupt: Marga!! – Das war für ihn ein dunkles Thema und ein immerwährender feiner Nadelstich für seine Eitelkeit! Und eitel war er. Wie alle die, denen die Macht des gedruckten Wortes den Kopf etwas verwirrt und sie zur Überschätzung dieser Macht verleitet hat. Margas letzter Brief mit der kühlen Abwehr gegen die Annahme einer bereits feststehenden Verlobung war von ihm lediglich als Diplomat höflich beantwortet worden – als Diplomat, der alle Aussichten hatte, durch die erhofften genauen Informationen in die hohe Politik hineinzuschlüpfen. Diese Aussichten waren nun in eine nebelhafte Ferne gerückt. Der Mann, der bestimmt seine Finger mit in dem üblen Spiel hatte, saß ihm nun hier als Schiffbrüchiger gegenüber, abgeschnitten wie er von aller Welt und unglaublich stumpf für die vielen Anzeigen besonderer Vorgänge, die zu allerlei phantastischen Schlüssen berechtigten.

Solchen feinen Fädchen nachzugehen, wie hier dem ungeklärten Verschwinden zweier Menschen, war Sniders Stärke von jeher. Und in diesem Falle hatte er ja auch ein persönliches Interesse an alledem. Es ging um Marga! Er hatte den kurzen Rausch auf der Hafenbrücke nicht vergessen. Eine Marga Alting vergißt man nicht so schnell.

Consort, der sich zuletzt über die Flasche mit Palmschnaps hergemacht hatte, geriet immer mehr in Stimmung. Sein Gefährte tat nur so, als schmecke ihm das scharfe Getränk gleichfalls. Sie schwatzten über alles Mögliche, und der Reeder nahm mit Genugtuung davon Notiz, daß Snider ihn als den bekannten Sidneyer Millionär mit größtem Respekt behandelte.

Es war für zwei Schiffbrüchige ein recht seltsames Beisammensein. Consort war schließlich weit stärker betrunken, als er es selbst empfand, er wurde müde, gähnte und warf sich auf sein Lager. Im Nu war er eingeschlafen.

Bert Snider horchte eine Weile auf die tiefen Atemzüge des anderen, löschte dann die Lampe aus und wartete. Geduldig ließ er eine halbe Stunde verstreichen. Während dieser Zeit lächelte er dreimal verstohlen und nickte im Dunkeln sich selbst Beifall zu. Er hatte an der Grottendecke Geräusche gehört, die vielsagend genug waren. Er wußte nun, auf welchem Wege sich Marga und Trebber entfernt hatten oder, was wahrscheinlicher, weggeholt worden waren.

Um nichts zu verderben, legte er noch eine halbe Stunde zu und erkletterte dann die Stelle der rissigen Wand, an der er das Scharren und Kratzen vernommen hatte. Die Lampe nahm er mit. So fand er das Loch droben unter der überhängenden Hinterwand und räumte unschwer den Korallenblock weg, der es versperrte. Die Nebengrotte war eng und mündete unten an dem Graben vor einem dichten Akaziengestrüpp. Als Snider sich vorsichtig ins Freie gedrängt hatte, blieb er lange regungslos stehen und umfing das nächtliche Bild der wundervollen Insel mit prüfenden Blicken, denen freilich jede Naturfreude fehlte.

Gerade vor ihm glitzerte das klare Wasser des Grabens in breiter Bahn wie flüssiges Silber. Aber durch diesen Silberglanz sah er die Hyänen des Meeres ihre Kreise ziehen und sagte sich mit aller Kaltblütigkeit, daß dieses mauerumgürtete Atoll seinen Bemühungen, es zu durchforschen, wohl einigen Widerstand entgegensetzen würde. Dann duckte er sich plötzlich tiefer zusammen und hielt vor Schreck den Atem an. Links von ihm kam ein Mädchen in einem Sportanzug und mit großem Basthut über die Felsen gestiegen und holte aus einer Kluft ein Kanu hervor, bestieg es und ruderte mit erstaunlicher Gewandtheit und Kraft über die mondhelle Rinne.

Snider spitzte die Lippen, als wollte er pfeifen, aber er pfiff nicht. Das Mädchen kehrte nach kurzem Aufenthalt von drüben zurück und legte mehr nach Osten an einem flachen Felsblock an. Gleich darauf erschien ein Mann, der einen anderen über der Schulter trug und seine Last in das Kanu legte, worauf er sich entfernte.

Bert Snider lächelte. Er hatte wieder mal Glück gehabt. Das Mädchen trieb den Rindenkahn mit schnellen Schlägen über den Graben und zog drüben am Ufer ihre lebende oder tote Fracht an Land, schleppte sie ein Stück weiter fort und tauchte in den Büschen unter. Diesmal blieb sie fast eine Stunde aus, und während dieser Zeit überlegte sich der Reporter das Beobachtete auf seine Art. Daß der Mann, der dort soeben weggeschafft worden, nur der Sträfling Guy Trebber sein konnte, war nicht schwer zu erraten. Snider war auch überzeugt, daß Trebber nur bewußtlos gewesen und daß man ihm irgendein Betäubungsmittel verabfolgt haben müsse. Als nun das Mädchen den Rindenkahn wieder versteckt hatte und nach Osten zu verschwunden war, kehrte Snider in die Grotte zurück, nahm die Lampe, die er hier vorläufig niedergelegt hatte, wieder mit sich und holte das Kanu aus dem Versteck hervor, wobei er allerdings sehr vorsichtig und mißtrauisch zu Werke ging, denn daß man Trebber betäubt und weggeschleppt hatte, trug nicht gerade dazu bei, seinen Mut zu erhöhen.

Er konnte jedoch trotz aller Aufmerksamkeit nichts Verdächtiges wahrnehmen, ergriff das Blattruder und wollte seine Fahrt über den Wallgraben beginnen. So recht wohl war ihm dabei nicht zumute, aber die Aussicht, mit dem Sträfling bekannt zu werden und aus ihm vielleicht allerlei herauslocken zu können, was dessen Erlebnisse mit dem Mädchen im Sportanzug und mit dem kahlköpfigen Alten betraf, verscheuchte seine Ängste. Außerdem war die Nacht auch so mondhell, daß man auf weite Entfernung alles genau erkennen konnte.

Er streckte den Fuß aus dem Boot, um sich vom Ufer kräftig abzustoßen, als eine Faust ihn unsanft beim Genick packte und ein Baß, der schreckerregend tief war, ihm zugrunzte:

»Steh still, du Lämmergeier!! Oder ich schmeiß dich den Haien zum Fraße zu, obwohl die Biester an deiner Magerkeit nicht viel Gefallen finden werden!!«

Snider hätten die Hosenbeine geschlottert, wenn er noch welche auf dem Leibe gehabt hätte, aber er hatte ja nur noch Lumpen an. Und weil es mit dem Hosenschlottern nichts war, weil außerdem der Baß unweigerlich deutscher Art war, faßte er sich ein Herz und erwiderte wehleidig:

»Ich stehe ja ganz still. Aber Sie müssen sich auch etwas weniger bewegen, sonst kippt der Kahn um und wir fallen beide ins Wasser und werden gefressen!«

Barabas griente laut und höhnisch. »Gefressen, – als wie ich?! Hast du 'ne Ahnung, Jüngelchen!! Vor mir reißen die Haie wie Schafleder aus! Dreh dich mal um, du Grashupfer!«

Aribert Schneider-Snider tat's.

Er war ja auf so allerlei vorbereitet, aber vor dem alten Kerl mit der Billardkugel, mit dem Zinken und dem braunen, zerknitterten Gesicht und dem fürchterlichen Oberzahn hätte selbst des Teufels Großmutter sich entsetzt! Der Reporter war einem Nervenzusammenbruch ziemlich nahe. Kein Wunder! Er hatte drei Tage Taifun hinter sich und einen Schiffbruch und drei Stunden Gesellschaft mit Solwy Consort, diesem unleidlichen Burschen!! Und jetzt noch als verspäteten Nachtisch dieses Ungeheuer von Insulaner oder Menschenfresser!!

»Wer sind Sie, Herr?!« stotterte er noch weinerlicher.

Barabas Barb war kein roher Patron, im Gegenteil. Er hatte hier auf der Tabu-Insel so zahlreiche zarte und zärtliche Pflichten zu erfüllen, daß ihm dieser verschüchterte Jüngling ehrlich leid tat. Aber aus einer Überlegung heraus, die darin gipfelte, daß es stets besser ist, Gefangene in Angst zu erhalten, ließ er seinen gelb-weißen Hauer noch ein Stück weiter vorschnellen und orgelte in einem Tone, der einem Lautsprecher mit verstimmter Rückkopplung glich:

»Setz dich, du Jammerlappen!! Sei froh, daß ich heute bei Laune bin! Sonst lägest du schon im Graben, und die Haie könnten sich deine Knochen zwischen den Zähnen hervorpolken! – Zum Deibel, setz dich auf deine mageren vier Buchstaben und muckse nicht!«

Mister Aribert Schneider-Snider gehorchte prompt. Dann stieg das Monstrum von Vorderzahn nebst dem dazugehörigen Besitzer in das Kanu, und die Fahrt begann, doch mitten im Kanal ließ der Alte das Blattruder sinken und fragte:

»Wer bist du? Auch einer von der Maryland? Wenn du schwindelst, fliegst du dem da« – er zeigte mit dem Ruder auf einen Hai von gut fünf Meter Länge – »in den Rachen, und dann kannst du dir im Haimagen überlegen, ob man den alten Barabas belügen darf oder nicht!! Also los! Name? Stand? Heimat? Alter? Religion?«

Aribert schielte nach dem Hai und beeilte sich mit der Antwort.

»Aribert Snider, Journalist, Sidney oder Deutschland . . . mehr Deutschland . . . Achtundzwanzig und neun Monate, Mormone.«

Barabas' nicht gerade klein geratener Mund stand sperrangelweit offen.

»Mor . . . mor . . . mor . . . mo – ne –, nee, nicht die Möglichkeit!! Jüngelchen, wie viel Frauen hast du denn?! Ein Dutzend?! Deshalb bist du wohl auch so mager!! Armer Kerl, dann muß ich dich anständiger behandeln, denn für deine Sünden strafen dich schon deine Weiber! Wieviel sind's also?!«

Schneider-Snider wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Da hatte er sich ja eine nette Suppe eingebrockt!! Daß ihm das auch so leichtfertig entschlüpft war! Kein Mensch ahnte bisher, daß er vor Jahren, als es ihm mal sehr schlecht ergangen, aus der Not eine Tugend gemacht hatte und Mormone geworden war. Er hatte sich den Teufel was um die Mormonen später gekümmert, Hauptsache war ihm damals gewesen, daß der Prediger ihm mit Geld ausgeholfen hatte.

»Ich – ich bin nur verlobt – nur mit einer einzigen Dame«, erklärte er sehr beschämt, denn diese Erinnerung an den damaligen Glaubenswechsel war ihm äußerst peinlich. »Mit einer Landsmännin«, fügte er eiligst hinzu. »Mit Fräulein Marga Alting, die ebenfalls hier auf der Insel sein dürfte, wenigstens entnahm ich dies Herrn Consorts Andeutungen und . . .«

Barabas hatte plötzlich einen Ton von sich gegeben, den man so oder so auslegen konnte, aber da dem Ton ein ellenlanger Fluch folgte, war der einleitende Laut offenbar auch ein Zeichen des Mißfallens gewesen.

»Himmel, Alarm und Zwirn, – da wird die Evy kaum mit einverstanden sein!!« schnaubte der Alte und ließ seinen Hauer wieder vorschnellen wie eine Giftschlange ihren Natternzahn. »Das ist ja unmöglich, du Grashupfer! Du und die Marga! Na, laß das nur nicht die Evy wissen, die wird dich nicht den Haien, sondern den schwarzen Ferkeln vorwerfen!«

Aribert hatte aufgehorcht. Daß der Alte gar nicht so bösartig war, wie er sich anstellte, hatte er mittlerweile schon gemerkt. Die junge Dame mit dem Basthut und den feinen Knickerbockers hieß also offenbar Evy – immerhin etwas!

Trotzdem hielt es Snider-Schneider für ratsam, die Verlobung schleunigst zu dementieren. »Das heißt, Herr – Herr – pardon, wie war doch Ihr allerwertester –«

»Barabas Barb, – mit dem Barnabas oder Barabas aus der Bibel nur ganz weitläufig verwandt«, fiel ihm der Alte fast höflich ins Wort. »Sie wollten offensichtlich Ihre Behauptung von vorhin etwas einschränken, Herr Snider, nicht wahr?«

»Sehr wahr, – denn was die Verlobung angeht, so schwebt die Sache noch, und ob Marga –«

Abermals ertönte da ein Laut, der vielleicht dem Gähnen eines Walrosses glich, einem recht behaglichen Gähnen. »Na – Ihr Glück!! Sonst hätte ich für Ihr Leben keinen Pfifferling gegeben! Denn Evy hat wie gesagt mit Marga aus sehr triftigen Gründen ganz andere Absichten, und was Evy will, geschieht hier. Jedenfalls, – die Marga schlagen Sie sich gefälligst aus dem Sinn!! – Und nun noch die Hauptfrage: Sie kamen von dem großen Motorkutter, den wir untergehen sahen. Wo wollten Sie hin?«

Aribert überlegte. Es schien ihm nicht ganz leicht, den Alten zu beschwindeln, anderseits konnte er, zumal er schon Consort das Märchen von einem Ausflug nach den Marquesas aufgetischt hatte, unmöglich diesem Barabas etwas anderes erzählen.

»Ich wollte nach den Marquesas«, log er frech und tat sehr gleichgültig. »Meine Zeitung hatte von mir eine Schilderung der Zustände auf . . .«

»Danke!« Barabas wußte genug, griff zum Ruder und legte dann drüben an. Als Snider-Schneider ausgestiegen war, sagte der Alte sehr ernst: »Ich habe Ihnen noch mitzuteilen, daß ein Verlassen des Atolls verboten ist. Morgen hören Sie Näheres. Gute Nacht.« Er stieß ab, ruderte zurück und versteckte das Kanu wieder.

Aribert hatte sich die Stelle genau gemerkt, wo diese höllische Evy vorhin den Sträfling in die Büsche geschleppt hatte. Gleich darauf hatte er Guy Trebber, der also in Wahrheit Harry Helger hieß, unter einer Palme auf einem weichen frischen Graslager und mit dem Kopf auf einem Moospolster aufgefunden und wunderte sich sehr über die Sorgfalt, mit der Evy dem Exsträfling hier ein feines Bett hergerichtet hatte, neben dem auch so allerlei gute Dinge, wie Eßwaren und ein Schächtelchen Zigaretten, lagen.

Snider schüttelte zu alledem mehrfach den Kopf und nahm sich dann zunächst mal eine Zigarette, zündete sie an, setzte sich neben Harry Helger ins Gras und dachte sehr scharf nach. Harry – Harry Helger – Helger, – das klang ihm so bekannt. Der Name schmiegte sich förmlich ins Ohr ein. Woran erinnerte der Name ihn doch nur?! Woran?!

Dann beugte er sich mit einem Male ganz tief über den Bewußtlosen und strich ihm das graue Haar aus der Stirn.

Eine rote breite Narbe kam zum Vorschein.

»Der Mörder von Numea!!« flüsterte Snider erschauernd.

Er konnte sich auf sein fabelhaftes Gedächtnis als Journalist verlassen.

»Wieviel Belohnung war doch ausgesetzt?! Richtig: Fünfhundert Pfund! Fünfhundert Pfund!«

Wirre Pläne durchzuckten Sniders geschäftstüchtiges Hirn.

So saß er im Mondlicht auf der Tabu-Insel neben dem bewußtlosen Mörder und grübelte und grübelte.

Bis ein nicht allzu ferner weinerlicher Schrei ihn aufhorchen ließ.

Der Schrei ging in ein anhaltendes Wimmern über, dann wurde alles still.

Snider überlief es eiskalt. Da hatte sicherlich ein Hai ein Ferkelchen erwischt!! – Das war eine schreckliche Insel!!

Zur Nervenberuhigung entlieh er sich eine zweite Zigarette.


11. Kapitel.

»Ich habe ja nur dich . .!«


Es hatte eine feinsinnige Aufmerksamkeit Evys darin gelegen, daß sie, bevor die neuen Bewohner des Kaoha-Ha'e ihren Einzug hielten, alle Räume entweder durch Petroleumlampen oder durch Öllampen beleuchtet hatte. Der Rundgang durch das einstöckige Gebäude erforderte einige Zeit, da Marga und Brack überall auf vielsagende Anzeichen der früheren emsigen Tätigkeit der einstigen Insassen des großen Kinderheimes stießen – auf mannigfachste Spuren künstlerischer Vielseitigkeit und eines Schönheitssinnes, der wohl in der Hauptsache dem Einfluß Allan Mac Gorys zuzuschreiben war.

Gerade Brack hatte als genauer Kenner der Südsee zahlreiche Bauten aus der Übergangszeit von reinem Barbarentum zu den ersten Anfängen von Zivilisation wiederholt in Augenschein genommen, wenn auch nicht mit denselben kritischen Augen wie heute, wo Marga, die mit der Architektur und den Kunsterzeugnissen der Polynesier sich aus reinem Bildungsdrang wohlvertraut gemacht hatte, ihn immer wieder auf die Besonderheiten der Inneneinrichtung der Räume hinwies.

So kam es auch, daß zwischen den beiden Menschen, die nun hier in engster Gemeinschaft durch den Befehl Evys miteinander leben und miteinander auskommen mußten – denn Pei Feng sprach als dritter kaum mit –, über alledem die geringe Entfremdung von vorhin wenigstens größtenteils vergaßen und jenen harmlosen Umgangston wiederfanden, der eine gute Kameradschaft auch fernerhin verbürgte.

Tim Brack hatte ja längst eingesehen, daß er bei der ersten Aussprache mit seiner Freundin von der Hafenbrücke in Sidney her weit über das Ziel hinausgeschossen war. Genau so hatte Marga sich nicht der Erkenntnis verschließen können, daß vieles von dem, was Brack dort am Lagerplatz an der Innenseite des Felsenwalles an schroffen Bemerkungen vielleicht vorschnell und etwas zu scharf an abfälligen Urteilen gefällt hatte, seine gewisse Berechtigung haben mochte. Es war ja doch recht sonderbar, daß Evy offenbar von Consort gar nichts hielt und daß auch der alte Barabas den Reeder mit höchst zweideutigen Äußerungen abgetan hatte, – schon ganz zu schweigen von der Tatsache, daß Evy es sich erst noch überlegen wollte, was mit Consort geschehen solle.

Jedenfalls hatte dieser Rundgang durch das Kaoha-Ha'e die letzte Spannung zwischen ihr und Brack wohltuend beseitigt und sich immer mehr zu einem fast freudigen und ganz zwanglosen Gedankenaustausch gestaltet.

Pei Feng zeigte gar kein Interesse für all diese seiner Ideenwelt fernliegenden Dinge, ihm genügte es, daß er die Vorratskammer reichlich gefüllt und eine Küche vorfand, die seinem peinlichen Sauberkeitsgefühl durchaus genügte, denn sauber war er wie alle Chinesen, die mit Europäern als Seeleute in Berührung gekommen sind. Pei Feng hatte sich denn auch schleunigst über die verschiedenen Kochtöpfe und so weiter hergemacht und sie noch blanker gescheuert. Daß er auch für sich hier neue Kleider bereit liegen sah und seine Lumpen wegwerfen konnte, hatte ihn sofort für Evy eingenommen. Für ihn war sie so etwas wie ein guter Geist der Insel. Über alles andere zerbrach er sich seinen Kopf nicht im geringsten.

Das Haus hatte sechs durch Flechtwerkwände abgeteilte Räume. Diese durch Pflanzenfarbe bunt gemusterten und mit primitiven Arabesken geschmückten Zwischenwände stellten schon allein kleine Kunstwerke dar. Mehr noch die Türpfosten und die Dachbalken, die alle reich geschnitzt waren. – Was die Insulaner in der Holzschnitzerei leisten oder besser leisteten, denn auch die Kunstfertigkeit hat ihnen die moderne Zivilisation nebst vielem anderen geraubt, kann jeder in den Völkermuseen anstaunen: So sind die Schnäbel ihrer Boote und die Türpfosten der Häuser meist überaus geschmackvoll verziert, mag dieser Geschmack auch etwas barbarisch anmuten!

Fenster mit Glasscheiben fehlten. Die Fensteröffnungen waren der vielen Stechmücken wegen mit dichtestem, aber doch luftdurchlässigem Flechtwerk aus feinsten Fasern versehen. Auf die gründliche Durchlüftung der Räume war überhaupt der größte Wert gelegt. Zwischen dem oberen Rande der Hausmauern und dem Dache, das sich freischwebend über dem Ganzen erhob, war ein meterbreiter Zwischenraum belassen, das Dach war neuerdings wohl von Barabas Barb wieder mit Palmblättern sauber gedeckt worden und ragte weit über die Terrasse hinaus, die nach Norden zu lag. Eine Zwischendecke zwischen Wohnräumen und Dach gab es nicht. Die Türöffnungen trugen Matten oder moderne Stoffe als Vorhänge, die Möbel verrieten am deutlichsten den Einfluß des europäischen Einflusses des Gatten der Oro-Königin. Es gab Tische, Betten, Stühle, Schemel mit geflochtenen Sitzen und Schränke mit Holzriegeln, vieles andere noch. Überall wiesen auch einzelne Möbelstücke auf die ursprüngliche Bestimmung der Insel und des Hauses als Kinderheim hin.

Gerade diese Sachen – so die Wiegen und eine Art Kinderwagen – veranlaßten den Oberheizer zu der Frage, ob Evy und Barabas nirgends Aufzeichnungen des Schotten Mac Gory gefunden hätten. Marga verneinte. »Ich habe mich danach bei Evy erkundigt. Sie erzählte mir, daß sie hier bei ihrer Ankunft lediglich in dem kleinen Schlafgemach nach Norden zu ein Skelett auf einem Bett entdeckt hätte, das bestimmt das des Schotten gewesen sein müßte, sie hätten es bestattet, – draußen weit ab vom Hause befindet sich ein Friedhof mit etwa dreißig Gräbern.«

Marga und Brack saßen nun auf der Terrasse und warteten auf das Abendessen, das Pei Feng auftragen wollte. Ihre Unterhaltung drehte sich sehr bald nur noch um Evy und den alten Mann mit dem erstaunlich großen Vorderzahn. Sie rieten hin und her, wer Evy wohl sein mochte, weshalb sie in dieser Einsamkeit hause und was nun weiter werden solle . . .

Das Mondlicht fiel in Streifen durch die Baumkronen auf die Terrasse und ließ alles, was außerhalb des Lichtscheines der Lampe lag, in traulicher Dämmerung. Die Stimmung, die die beiden hier zur Gefangenschaft verurteilten Menschen beherrschte, war träumerisch und erfüllt von unausgesprochenen Gedanken.

Tim Brack sagte also. »Fräulein Alting, Sie werden zugeben, daß es einfach unmöglich ist, daß ich mich so ohne weiteres mit dieser unserer Haft abfinde. Das Verbot, die Insel nicht zu verlassen, habe ich stillschweigend ohne irgend welche Versprechungen meinerseits hingenommen. Man hat hier offenbar alle Waffen entfernt – man, also Evy und der Alte! Die beiden rechnen auf die Haie als Behüter von Häftlingen. Ich werde nicht zögern, mir sofort nachher die Insel gründlich anzusehen. Ich behaupte – und das liegt doch aus der Hand – daß Evy und Barb hier irgendwo ein Fahrzeug oder genauer ihr Fahrzeug versteckt haben, mit dem sie herkamen. Daß sie nicht etwa durch Schiffbruch hier auf die Tabu-Insel gerieten, sondern mit ihrer Landung nur einen wohlüberlegten Plan vollendeten, brauche ich nicht näher zu beweisen. Schiffbrüchige verfügen nicht über derartige Mengen von Lebensmitteln und nicht über so zahlreiche Geräte, Geschirr, Wäsche, Kleider und anderes.«

Marga erschrak. Der Gedanke, daß sie hier in dem fremden Hause womöglich die ganze Nacht allein zubringen müsse, ängstigte sie.

Inzwischen hatte auch Brack einen neuen Anzug angelegt, der ihm leidlich paßte, genau wie Marga bereits in der Wohngrotte Evys sich in ein buntes Stück Stoff hatte hüllen können, unter dem sie Wäsche von Evy trug, – mit Evys Kleidervorräten schien es nicht zum besten bestellt, oder Evy hatte ihre Gründe gehabt, Marga ein vollständiges Kleid vorzuenthalten.

Marga blickte ihren Gefährten bittend an und beugte sich weiter über den Tisch, an dem sie Platz genommen hatten. »Herr Brack, das werden Sie nicht tun, – bedenken Sie, – ich soll hier mit Pei Feng vielleicht Stunden allein in diesem Hause bleiben, das mir so unheimlich ist, weil ich die Vergangenheit dieser Räume nicht vergessen kann, in denen Menschen lebten, die . . .« – sie führte den Satz nicht zu Ende. Brack begriff ihre Scheu vor dem Alleinsein und meinte herzlich, indem er ihr beide Hände hinstreckte, die sie sofort ergriff: »Sie haben recht. Das alles hat Zeit. Ich bleibe. Man soll nichts übereilen.«

Seine Rücksichtnahme empfand sie als Wohltat. »Das ist lieb von Ihnen, sehr lieb, Herr Brack!!« Ihr Ton war warm und innig.

Brack lächelte Marga an, nickte ihr vertraulich zu und drückte ihre Hände:

»Lassen Sie mich nur machen! Es wird schon alles gut werden!« Aber ernster fügte er hinzu: »Falls sich nicht daraus Schwierigkeiten ergeben, daß wir hier in unserem Heim Zuzug erhalten, – Consort und Trebber! Die Aussicht auf deren Erscheinen entzückt mich nicht!«

Marga zog langsam ihre Hände zurück. Das war seinerseits schon wieder ein leicht gehässiger Ton, – so schien es ihr. Brack freilich verspürte nichts von Gehässigkeit, er sprach hier nur Befürchtungen aus, die seiner Ansicht nach berechtigt waren.

Zum Glück tauchte Pei Feng auf und richtete den Tisch für die Mahlzeit her. Brack schaute zu und sagte dann aus tiefsten Gedanken heraus: »Wir sind in eine seltsame Lage geraten. Nicht viele Schiffbrüchige dürften es so gut angetroffen haben wie wir. Und doch hat all das, was wir erleben, so gar nicht den Anstrich des Außergewöhnlichen. Ich grübele gerade darüber nach, wie es kommen mag, daß ich in dieser unserer Robinsonade und Gefangenschaft nichts Besonderes finden kann. Alles erscheint so durchaus natürlich, wenn auch umwoben von einer fast sagenhaften Vergangenheit und von dem modernen Rätsel des ungeklärten Aufenthaltes Evys und des Alten hier auf der Tabu-Insel. Ich habe einfach das Gefühl, es müßte alles so sein, und das ist doch recht merkwürdig.«

Marga pflichtete ihm nicht bei. »Mir sind dieser Schiffbruch und seine Folgen stets Quelle ängstlicher Gedanken, – darin bin ich ganz ehrlich. Ich wünschte, ich könnte mich zu Ihrer Gleichgültigkeit durchringen, Herr Brack!«

Er schwieg dazu. Sie irrte sich, er war nichts gleichgültig, er war zwar ein kühler nüchterner Kopf, aber doch ein Mensch, der keine Unklarheiten liebte. Nachher füllte er ihr das Glas wiederholt mit Palmwein und zwang sie fast zum Trinken.

»Sie müssen fest und traumlos schlafen«, sagte er überredend. »Sie sehen noch immer recht mitgenommen aus. Kein Wunder, was haben Sie Ärmste durchgemacht!«

Sein Mitgefühl, so warmherzig vorgebracht, rührte sie. Der Palmwein wirkte auch. »Sie sind wirklich ein treuer Kamerad, Freund Brack!« In ihren Augen schimmerte ein dankbares und friedvolles Leuchten. Sie fühlte sich unter seinem Schutze geborgen.

So suchte sie denn nachher beruhigt ihr Schlafzimmer auf, nachdem sie draußen noch allein die Stallungen und den Auslauf für die Ziegen – es war eine Herde von gut sechzig Stück – besichtigt hatte.

In dem Gemach neben ihr schlief Pei Feng. In dem früheren gemeinsamen Wohnraum der nunmehr längst in die Ewigkeit abgerufenen ersten Gäste der Tabu-Insel hatte Brack sich eines der einfachen Kastenbetten aufgestellt. Er ging jedoch nicht zur Ruhe, sondern wartete nur, bis er annehmen konnte, daß Marga eingeschlafen sei. Dann verließ er das Kaoha-Ha'e durch das Fenster und wandte sich dem Graben zu, um an dessen Rande die Stelle zu suchen, wo drüben nach Westen in der inneren Steilküste Evys Grotte lag. Es war nun lange nach Mitternacht, und er hoffte, daß die Herrin der Insel und ihr treuer Barb ihn kaum bei seinem Beginnen stören würden. Mit einem Male hörte er gedämpfte Stimmen. Es war nicht Bracks Art, den Horcher zu spielen. Hier, wo die Dinge so ungeklärt lagen, überwand er sich und schlich näher heran.

Zwei Männer saßen auf einer kleinen Lichtung im Gebüsch und sprachen eifrig. Brack erkannte die Stimme des Exsträflings, der gerade erklärte: »Derartige Versuchungen treten an jeden heran, Herr Schneider. Es gefällt mir von Ihnen, daß Sie eingesehen haben, wie schäbig Sie handeln wollten. Die auf meinen Kopf ausgesetzte Belohnung hat viel Verlockendes an sich, – nur hätten Sie diese Absichten nie verwirklichen können, ganz abgesehen davon, daß ich den Zollbeamten in Numea nicht erschossen habe und alles nur ein hundsgemeiner Streich war. Ich habe damals gar keine Waffe bei mir gehabt, als ich den Schmuggel versuchte. Einer der Zollbeamten knallte seinen Kollegen nieder, bevor man mich, der sich ruhig ergab, festnahm. Es lag ein Komplott vor, für dessen Bestehen ich sämtliche Beweise habe.Ein so niederträchtiges Komplott, daß ich es dem Anstifter nie verzeihe. Ich war zum Tode verurteilt worden, wie Ihnen als Reporter bekannt – ein Formfehler im Urteil rettete mich und brachte mich auf die Sträflingsinsel, von wo ich entfloh, todkrank, von Malaria und Ruhr gefoltert. Und damals wurden meine Haarsträhnen weiß und mein Herz hart. Nein, für so etwas kann es kein Vergessen geben!«

Schneider erwiderte etwas bedrückt: »Ich fühle mich Ihnen gegenüber in schwerer Schuld, Herr Helger. Nochmals, – verzeihen Sie mir!! Ich kannte die Wahrheit nicht. Schon allein, daß ich mit dem Gedanken spielte, mir die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, war eine ungeheure Gemeinheit, aber mich entschuldigt meine rechtzeitige Einsicht und mein ehrliches Geständnis. Wir wollen fernerhin treu zusammenhalten.«

Die beiden saßen im Schatten der Sträucher, und Brack konnte nur schwer ihre Gesichtszüge erkennen. Er sah jedoch, daß sie sich nun die Hände drückten und vernahm Helgers hartes Auflachen. »Ich wünschte, jeder wäre ein im Grunde so vernünftiger und einsichtsvoller Mensch wie Sie, Schneider! Leider ist das nicht der Fall. Ihre vorhin geäußerte Vermutung trifft zu. Diese junge Dame hat mir wirklich, als unsere Unterredung nicht nach ihrem Wunsch verlief, irgend was in den Palmwein getan und mich betäubt. Wahrscheinlich Opium oder Morphium. Nun, auch ihr soll das noch übel aufstoßen!!«

Bert Schneider meinte vorsichtig, – er wollte Helger nur auf Evys widerspruchsvolles Verhalten hinweisen: »Anderseits hat das Mädchen Ihnen hier Lebensmittel, Kleider und Wäsche zurückgelassen. Also wollte sie doch offenbar nur . . .«

»Hören Sie mir damit auf«, rief Helger unwirsch. »Das Mädel hat an mir genau so niederträchtig gehandelt wie ihr . . .« – er unterbrach sich – »wie der Jämmerling, der mich dem Henker ausliefern wollte!! Genug davon! Suchen wir jetzt das Kaoha-Ha'e, von dem der Alte Ihnen als von unserem und Bracks und Margas Heim sprach. Die verdammten Mücken sind mir lästig, und ich sehne mich nach einem anständigen Bett. Vorwärts also. Wir werden das Haus schon finden und . . .«

Wieder verstummte er.

Wieder erklang in der Nähe irgendwo der helle dünne Aufschrei, dem ein noch leiseres Greinen folgte.

»Ein Ferkelchen, das einem Hai zum Opfer fiel!« sagte Schneider beklommen.

Harry Helger äußerte sich nicht zu den seltsamen Lauten, – wenigstens nicht sofort. Dann, als die Töne nicht wieder auflebten, meinte er bissig: »Ein Ferkelchen, mag sein! Wenn ich nur über den Kanal hinüberkäme!! Ich glaube, die Töne kamen aus der Richtung der Wohngrotte der Miß Evy! Die Haie sind jedoch nicht gerade ungefährlich, und eine Schwimmpartie über den Festungsgraben könnte das Leben kosten!«

Brack hatte hoch aufgehorcht, als er den Namen Helger gehört hatte.

Harry Helger! So hatte doch der Aufseher der Manihiki-Plantagen geheißen, der mit einem Motorschoner vor einem Jahr etwa von der Insel Maloha unter Mitnahme reicher Warenbestände ausgekniffen sein sollte. Damals hatte Brack gerade als Heizer der Maryland bei seiner ersten Fahrt mit Kapitän Simmers nach Maloha die Tage miterlebt, als der Herr von Maloha alle Regierungsfahrzeuge hinter dem Flüchtling hergehetzt hatte, – allerdings nach Norden zu, nicht nach Westen, nicht nach Numea auf Neu-Kaledonien.

Das waren ja sehr merkwürdige Zusammenhänge! Brack beschloß, sich den beiden Leidensgefährten zu zeigen, denn er konnte es nicht zulassen, daß Helger und der Reporter etwa Marga aus dem Schlafe weckten. Auch anderes bestimmte ihn dazu, mit Helger sich schleunigst ins Einvernehmen zu setzen.

Er trat aus dem Gebüsch hervor und wurde von den beiden freudig begrüßt. Nach kurzer Beratung entschlossen sie sich, Schneider hier vorläufig zurückzulassen und doch den Versuch zu wagen, den Graben zu überqueren, sich über die Wohngrotte näher zu orientieren und auch eins der Kanus nachher mitzunehmen.

Helger und Brack waren Männer der Tat. In kurzem hatten sie ein Floß aus Ästen und zwei halbverfaulten Baumstämmen hergestellt und gelangten ohne Mühe über den Kanal.

Und dann standen sie droben vor einem der versteckten Fenster der großen Wohngrotte Evys und regten sich nicht. Sie vernahmen Evys leises, zärtliches Flüstern. Sie verstanden nicht alles, denn die Herrin der Tabu-Insel weinte und schluchzte zwischenein.

Harry Helger erbleichte, biß die Zähne in die Unterlippe und hätte am liebsten laut aufgestöhnt. Es gab ja Erinnerungen, die gerade jetzt durch Evys zärtliches Flüstern in ihm mit so erschreckender Deutlichkeit wieder auflebten, daß er sich einen Schwächling schalt.

»Mein Liebling, was alles habe ich deinetwegen gelitten!« ertönte nun die tränenerstickte Stimme von neuem. »Ich habe ja nur dich – dich – und den treuen Alten!«

Pause. Das klare Geräusch eines Kusses wurde vernehmbar.

Helger zog Brack beiseite und kehrte um.

»Kommen Sie, Brack! Es widert mich an, diese Frau zu belauschen! Heute bin ich zu weiteren Unternehmungen unfähig. Das Kanu haben wir ja.«

Auch Brack fühlte jetzt gegen Evy eine geringschätzige Abneigung, die nichts mehr mit seinem Ärger über ihr herrisches Auftreten zu tun hatte. Gerade weil sie sich hier Rechte anmaßte, die ihr keineswegs zustanden, und weil nun feststand, daß sie hier auf der Tabu-Insel mit ihrem Liebhaber zusammenhauste, hatte sie allen Anlaß, bescheiden und ohne diese bewußte Hervorkehrung ihrer herrschsüchtigen Natur sich völlig im Hintergrunde zu halten. Sie hatte der einstigen Kinder-Insel durch all ihre Unzulänglichkeiten den zarten Reiz der Reinheit geraubt. So empfand Brack diese ernüchternde Entdeckung: Ein heimliches Liebesnest, – nichts weiter!

Als sie nachher das Kanu sehr sorgsam verbargen, meinte Helger noch wegwerfender: »Ein Gutes hat dieser Ausflug doch gehabt, Brack: Wir wissen jetzt, daß dieses Mädchen von uns nicht geschont zu werden braucht! Mir hatte sie ein Schlafmittel in den Palmwein gemischt, weil sie meinen Widerstand gegen ihre Befehle voraussah, – uns will sie als Gefangene hier festhalten, und all das, weil sie ihre Liebhaber wie die Handschuhe wechselt, um die alte Redensart zu benutzen! Unter uns, Brack: Ich kenne Evy von früher her! Sie ist keine Träne wert! Fragen Sie jedoch nicht nach den näheren Umständen unserer Bekanntschaft!«

Es mag eigenartig berühren, daß zwei Männer von so kraftvoller und doch auch so vorsichtiger Charakterveranlagung in bestimmter Beziehung fast voreilig und zumindest etwas unbedacht urteilten und dabei jene ruhige Würdigung von Begleitumständen und von ihnen noch unklaren Zusammenhängen vermissen ließen, die ein Vorzug nordischer Naturen ist. Man darf dabei nicht vergessen, daß die so oft auch von Ärzten betonten Einflüsse des tropischen Klimas tatsächlich eine Umwandlung und Verzerrung des klaren Urteilsvermögens hervorrufen, die man in ihren schlimmsten Auswüchsen als Tropenkoller zu bezeichnen pflegt. Auch Brack und Helger waren nicht frei davon geblieben, zumal bei beiden noch die seelischen Erschütterungen einer verpfuschten Vergangenheit mitsprachen. Diese Übererregbarkeit, dieses oft zu Ungerechtigkeiten und daraus entstehenden Mißverständnissen etwas hemmungslose Sich-Festlegen auf Beurteilung von Vorfällen und Personen sollte noch die ärgsten Folgen heraufbeschwören. Weder Helger noch Brack waren dafür verantwortlich zu machen. Nur die Umstände, nur ihre Schicksalswege waren daran schuld, – auch diese beiden Männer konnten keine fehlerfreien Helden ohne Makel sein, ihr unanfechtbarer Heroismus litt an all den Mängeln, die unter der Glut der Äquatorsonne noch stärker sich entwickelt hatten. Sie fühlten dies vielleicht, aber sie konnten kein klares Bild über sich gewinnen. Könnten dies die Menschen, so würde es nur völlig fehlerfreie Naturen geben, und die geistern nur in Schriften umher, deren Hauptzweck der einer Einnebelung des Lesers in eine Welt der Unwirklichkeit bleibt . . . –

Sie holten Schneider aus der Gebüschlücke ab, schlichen sich ganz leise in das Kaoha-Ha'e und legten sich in Bracks Gemach zum Schlafe nieder.


12. Kapitel.

Hotel Kap Marga . . .


Solwy Consort erwachte, da ihm eine reife, nein, eine überreife Banane ins Gesicht geflogen, zerplatzt und größtenteils an seiner Nase kleben geblieben war.

Die Sonne schien in die Ufergrotte hinein. Die Brandung lärmte, die Seevögel schrien, und der schlaftrunkene Consort ermunterte sich schnell, da die Stimme von droben so bedrohlich klang, daß auch ein wahrer Held – und Consort hatte sehr wenig Heldenhaftes an sich! – eine Gänsehaut bekommen hätte.

Barabas' Baß gab sich keine Mühe, sanft zu klingen. »Stehen Sie auf! Packen Sie die noch vorhandenen Vorräte zusammen und klettern Sie hier nach oben!!!«

Das war ein klarer Befehl. Der junge Reeder sah droben ein Gesicht im Dämmerschein, ein Gesicht mit einem weiß-gelben Fleck an der Oberlippe.

»Wo ist der Sträfling?!« fragte er überflüssigerweise, wenigstens hielt Barabas die Frage für überflüssig.

»Beeilen Sie sich in drei Deibels Namen«, fauchte er den Mann grob und gereizt an, von dem er wußte, daß er an den gefährlichen Dingen dort auf den Manihiki-Plantagen beteiligt war. Allerdings hatte er Consort noch nie gesehen, denn der Teilhaber des Herrn von Maloha hatte sich dort noch nie blicken lassen.

Solwy Consort war nun bereits durch dieses klägliche Abenteuer derart eingeschüchtert, daß er die Frechheiten dieses alten Burschen wortlos hinnahm und sich über nichts mehr wunderte. Er war bei Trebber in eine segensreiche Vorschule gegangen.

»Ich komme ja schon!« rief er dem alten Wüterich zu, der ihn dauernd den Lauf einer Flinte sehen ließ. Das machte Consort Beine, da er Schußwaffen nicht schätzte, sobald er selbst nichts dergleichen zur Verfügung hatte.

In der Nebengrotte, die zum Innenstrande der Insel führte, brannte eine große Laterne. Als der einst so elegante Consort nun hier dem Alten gegenüberstand, als er die moderne Büchse nur immer auf seine Brust gerichtet sah, nahm er auch die folgenden Befehle des rauhbeinigen Barabas geduldig hin, obwohl diese in einer Form erteilt wurden, die keineswegs den bescheidensten Anforderungen landläufiger Höflichkeit entsprachen.

»Sie sind ein erbärmlicher Wicht«, hatte Barb begonnen. »Sie haben mit Trebber alias Helger einen Handel geschlossen, der nur für Sie beschämend ist. Wer sich mit fremden Federn schmücken und sich als Lebensretter aufspielen will, ist ein Schurke, besonders wenn es dabei um eine Frau wie Marga geht! Helger hat Ihnen ja klar gemacht, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie das Mädel nicht in Ruhe lassen, – Helger ist ein hochanständiger Mensch! – Sie werden nun von mir über den Kanal geschafft werden und können gleichfalls das Kap Marga beziehen. So habe ich es getauft. Ich taufe alles. Auch Sie. Sie heißen fortan nur noch der Mann mit dem Vermögen in der Gummiblase! Raus mit dem Gelde!«

Der schöne Solwy gehorchte, aber er war sehr bleich und wagte nichts zu fragen. So wanderte denn die Gummiblase in Barbs Tasche.

Nachdem der Kanal überquert war, hielt Barb seinem Opfer noch folgenden Vortrag:

»Daß meine Herrin bestimmt hat, daß auch Sie das Hotel beziehen sollen, ist mir nicht angenehm, aber gegen Evys Befehle gibt es keinen Widerspruch. Das Hotel liegt dort –« er zeigte nach Osten. »Wenn Sie es gefunden haben, dann bestellen Sie den Herren Brack, Helger und dem Mormonen Schneider, daß das Kanu schon wieder in meinem Besitz ist und daß ich jeden Versuch, das Atoll zu verlassen, mit Kugeln quittiere. Zur Strafe für den Diebstahl des Kanus und für dessen Verbergen – ich habe zwei Stunden danach suchen müssen – erhalten alle Bewohner des Hotels vorläufig keinerlei Extragaben. So hat es Evy bestimmt. Und nun verduften Sie! Glück auf! Es wird ein lustiges Leben für Sie werden!«

Nach diesen vielverheißenden Andeutungen ruderte der Alte wieder über den Kanal und begab sich in die Wohngrotte, wo Evy mit Nähen von Wäschestücken beschäftigt war. Sie schaute aus leicht geröteten Augen auf, und Barabas meldete bärbeißig: »Alles erledigt. Der Kerl ist ein Feigling. Aber du hättest ihn nie diesen netten anderen Gästen beigesellen sollen, Kindchen! Das gibt Mord und Totschlag!«

Evy, die am Fenster saß, beugte sich wieder über ihre Arbeit, nähte weiter und hob nur müde die Schultern. »Man muß etwas Vorsehung spielen, Barb! Man lernt am eigenen Leid, daß die Vorsehung oft korrigiert werden muß. Sie verpfuscht zu vieles.« – Das klang sehr traurig und hoffnungslos.

Barbs Hauer hatte bisher kampflustig nach außen gestanden, schnellte nun aber zurück, und der Besitzer dieses Giftzahnes meinte seufzend:

»Deine Korrektur der Vorsehung, Kindchen, war, was Harry betraf, recht verkehrt! Man betäubt einen Mann nicht, der von dir nichts weiter verlangte als seine Freiheit und eine klipp und klare Antwort auf die Frage, weshalb du ihm nicht irgendwie zu Hilfe kamst, als es um sein Leben ging! Du hättest ihm alles mit ein paar Sätzen erklären können. Du hast nicht mal mir erklärt, weshalb du eine doch wohl selbstverständliche Pflicht unterließest, denn er hat Anspruch auf die volle Wahrheit!«

Evy rührte sich nicht. Die Handarbeit war ihr in den Schoß gesunken, und ihre ganze Entgegnung lautete: »Er wird es nie erfahren. Das würde so aussehen, als machte ich Rechte geltend und verzichtete auf ehrliche Liebe. Und das wäre Zwang. Ich bin kein unreifes Mädel mehr, Barb, oder nein, heute will ich dich wieder Bärbchen nennen wie einst, da du mich großzogst, ich bin durch eine harte Schule der Liebe gegangen, durch die härteste vielleicht, die ein Weib durchzumachen hat, und ich weiß, daß er mich vergessen hat und mich nur mehr als die Tochter des Vaters betrachtet, der ihn verriet und – mehr noch als verriet! Harry hat sein Herz Marga zugewandt und . . .«

Barabas hatte leise aufgelacht. »Kind, das glaubst du doch selbst nicht! Harry hat sich in nichts geändert, und nur dein verkehrtes Verhalten hat die Lage hier allerdings sehr verschlechtert. Das sage ich dir, und aus meinem Munde kam noch nie ein Wort, das nicht für dich gesprochen wurde!«

Evy blickte zu ihm auf. Es war der tränenschwere und doch feste Blick eines Menschen, der sich im Recht glaubt und doch unter dieser harten Notwendigkeit heraufbeschworener Tatsachen leidet. »Daß du dich nur in meinem Interesse sorgst, Barb, weiß ich«, meinte sie sehr weich und nahm seine verarbeitete Greisenhand und drückte sie gegen ihre Wange – wie hilfesuchend, wie eingeschüchtert und zerquält durch eine nie zu überwindende Enttäuschung. »Barb, kein Mann rettet ein Mädchen mit solcher Umsicht und solcher Darangabe des eigenen Lebens, wie Harry dies bei Marga tat. Kein Mann schleppt sich mit Armen von mühsam getrocknetem Seetang und bereitet einem Mädchen ein Lager und deckt es so sorgfältig zu. Kein Mann wird einem Burschen wie Consort mit dem Tode drohen, falls er sich an Marga verginge! Als ich ihn so sprechen hörte, ahnte ich schon, daß ich sein Herz verloren und daß er mich vergessen hatte. Suche mir nichts vorzumachen, Barb, das verfängt bei mir nicht. Harry hat wohl seine Gründe, mich aus seiner Vergangenheit zu streichen. Ich trage ihm nichts nach. Gerade weil Harry eben Harry ist, soll er glücklich werden und seine zweite Wahl nicht so unglücklich treffen wie die erste, als er mich in die Arme nahm. Gerade deshalb habe ich nun all die Menschen dort im Kaoha-Ha'e der armen Talofa vereinigt, also im Hause der Liebe, damit aus diesem Kampf um Marga der als Sieger hervorgehe, der auch wirklich für Marga ein volles Glück verbürgt. Daß Brack sie liebt, daran zweifelst auch du nicht. Ob nicht auch dieser Bert Schneider Anrechte an sie hat, wissen wir noch nicht genau, einmal hat er Andeutungen getan, die ihm gegen seinen Willen entschlüpften. Daß Consort ihr nachstellt, ist wohl Tatsache. Daß Harry sie liebt, ist meine Überzeugung. Nun wird bei dem Wettstreit um Marga der Sieger bleiben, den sie nach reiflicher Prüfung wählen wird, und sie wird nicht leichtfertig wählen, den Eindruck hat sie auf uns beide nicht gemacht.«

Barabas ließ seine Hand von Evys Scheitel fallen. Es hätte gar nicht mehr der weiteren Worte Evys bedurft, ihn völlig für ihren Plan zu gewinnen, obwohl er schon jetzt voraussah, wer als Sieger das Feld behaupten würde: Niemals Harry Helger! Harry würde sich schon zu Evy zurückfinden!!

»Sieh mal, Bärbchen«, meinte Evy mit weiten Augen, die irgendwohin in die Vergangenheit gerichtet waren, »wahre Liebe kann nur ausreifen, wo ein Mann die Möglichkeit zu Vergleichen hat. Ebenso ein Mädchen. Damals auf Maloha war ich die einzige Weiße, und die unglückseligen Verhältnisse trieben mich zu Harry. Nicht er erklärte mir seine Liebe, sondern ich warf mich ihm an den Hals. Heute überschaue ich all das nach dieser letzten Nacht, wo ich kein Auge zutat und nur gerecht mit mir selbst zu Gericht ging, besser denn je. Heute sage ich: Harry mußte mich ja nehmen und mich . . .« – sie wurde sehr rot und schwieg, fuhr dann aber tapfer fort: »Harry wurde mein Liebhaber für die eine Nacht. Ich war verzweifelt und flüchtete in seine Arme, – ich liebte ihn, aber er – er hatte doch keinen anderen Ausweg als den, – schon um mich aus Zartgefühl zu täuschen, die Liebkosungen zu erwidern. Nun mag er zusehen, daß er den wahren Lebensinhalt findet in der ungezwungenen Neigung zu Marga, nun wird der Kampf um Marga die Herzen klären. Aber das eine verlange ich von dir, Barb: Nie darfst du Harry auch nur im geringsten andeuten, daß, nun, du weißt, was ich meine!«

Der Alte nickte sinnend und lächelte dabei verstohlen. Er war welt- und menschenkundiger als seine liebe eifersüchtige Herrin.

»Ich werde gar nicht zu reden und nichts zu verraten brauchen«, sagte er noch dumpfer als sonst. »Du willst also hier mit einem Wort bewußt Stürme um Kap Marga heraufbeschwören, Kindchen! Nun gut, – es sei!«

Er beugte sich über sie und küßte ihren aschblonden Scheitel. Dabei fiel eine Träne aus seinen alten treuen Augen auf dieses reiche wellige Haar und glitzerte dort wie ein winziges Krönlein einer Siegerin. –

Solwy Consorts Weg zum Hotel Kap Marga war ein Pfad der Schrecken. Zunächst war eine ganze Herde schwarzer Schweine auf ihn zugestürmt und hatte ihn eiligst auf einen Baum flüchten lassen. Hier aber überfielen ihn weiße große Ameisen und zwackten ihn so unerträglich, daß er voller Wut die Borstentiere mit Aststücken bombardierte, bis die Gesellschaft enttäuscht abzog und sich ihr Grunzen und Quieken in der Ferne verlor.

Er setzte seinen Weg fort und gelangte nach langem Umherirren in die Nähe des Hauses, das infolge der Korallenblöcke und der dichten Büsche so schwer zu finden war. Er schlich vorsichtig näher, denn auch hier trieben sich überall die verflixten Schweine umher, er öffnete die Gartenzaunpforte und schlüpfte hinter einen Strauch, wo er sich von seiner ersten Überraschung über die Größe des Hotels und über den Anblick der beiden Menschen dort auf der Terrasse zu erholen suchte. Daß dieser Helger so frech sein konnte und Margas Hände in den seinen hielt und sie verliebt anschaute und so eindringlich auf sie einsprach, wunderte ihn nicht allzu sehr. Immerhin war er empört über die Unverschämtheit dieses Sträflings, der da droben auf der schattigen Terrasse bereits ganz so tat, als sei er hier in allem Herr der Situation. –

Guy Trebber oder besser Harry Helger hatte genau wie Evy in dieser Nacht keinen Schlaf gefunden. Bis zum ersten Strahl der Sonne, der sich in die Festung der Tabu-Insel hineinwagte, hatte er lediglich aus Rücksicht auf seine Gefährten still gelegen und war dann doch ganz leise aufgestanden und hatte sich draußen auf die Terrassenbrüstung gesetzt.

Er war unzufrieden mit sich und aller Welt. Am meisten mit sich selbst. Er schalt sich einen Schwächling, – das half sehr wenig. Er konnte die Gedanken an Evy doch nicht bannen. Es gibt eben Dinge, die über Manneskraft gehen, und so war es hier.

Er fand bald Gesellschaft. Marga hatte sich nach einer fest und traumlos durchschlafenen Nacht frühzeitig erhoben, erst einmal gründlich ihr Haar in Ordnung gebracht und sich auch sonst um ihren Anzug bemüht und die bunten Stoffe durch Nadeln gefälliger gerafft. Später sollte daraus ein Kleid werden . . . Später, – dazu brauchte sie Zeit. Sie beschaute sich in dem kleinen Spiegel und fand, daß dieses etwas phantastische Insulanerinnenkostüm ihr nicht schlecht stand, – es paßte auch in diese Umgebung hinein. Sie legte die Decken ihres Bettes sauber zusammen und wandte sich dann der Terrasse zu.

Im Hause herrschte noch vollkommene Ruhe. Alles schlief noch – nahm sie an. Dann erschrak sie leicht, sie erblickte Trebber. Er saß auf der Brüstung, rauchte eine Zigarette und starrte finster ins Weite. Marga sah nur sein scharfes Profil und seine grauen Schläfen und die weißen Strähnen auf dem Scheitel. Sie stand still und beobachtete ihn. Sie wußte über ihn nicht mehr als in der Minute, als Consort erklärt hatte, er sei ein entsprungener Sträfling. Evy hatte über Trebber nichts geäußert.

Wie kam dieser Trebber mit einem Male hierher?!

Margas erstes Empfinden bei seinem Anblick war das der früheren starken und doch unbegründeten Abneigung, denn Trebber hatte ihr nie Grund gegeben, sich über ihn zu ärgern oder ihn auch nur als lästig zu empfinden, er hatte stets eine Zurückhaltung gezeigt, die nur für ihn sprach – mit Ausnahme des Vorfalls in ihrer Kabine, als er sie emporheben wollte. Aber auch das beurteilte Marga nun anders, auch das konnte seinerseits nur Fürsorge gewesen sein. Wer sie wirklich gerettet hatte, darüber waren ihr ja längst einige Zweifel gekommen. Außerdem hatte sie sich auch vorgenommen – und hieran erinnerte sie sich sehr genau! – nie wieder so vorschnell zu urteilen.

Und noch mehr kam hier hinzu, ihre Seele Einflüssen zu öffnen, die nur Gutes fördern konnten: Das Landschaftsbild und die Umgebung des Hauses der Liebe und die ganze seltsame Lage, in der sie und ihre Gefährten sich befanden!

Alles ringsum strotzte vor Fruchtbarkeit und urwüchsiger Schönheit. Bäume und Büsche und Gräser und Blumen strömten Duftwellen aus, die zusammen mit dem zarten Flüstern der Palmen und dem Gesang unzähliger Vögel und dem friedvollen Meckern der Ziegen drüben in den Hürden wie eine feine Mahnung der Natur waren, daß der Mensch mit seinesgleichen Nachsicht haben sollte!

Eine zarte Wärme der reinen Menschengüte durchflutete Margas Herz. Sie betrachtete Trebber nochmals und erkannte nun die Falten des Grames um seinen harten Mund und die Wülste des noch härteren Erlebens auf seiner Stirn. Ihre Augen hingen unverwandt auf seinen weißen Haarsträhnen, und plötzlich erkannte sie, daß dieser Mann über eine eigentümlich anziehende und imponierende Schönheit verfügte, die freilich nur für Kenner ihren Reiz hatte, für – Lebenskämpfer, nicht für schwächliche Naturen.

Das da war das Gesicht eines Mannes, der durch die Fegefeuer der Hölle gegangen sein mußte und doch nie den Mut verloren hatte, – das war eben der Charakterkopf eines ganzen Kerls!

Marga lächelte träumerisch und etwas beschämt. Eines ganzen Kerls! Wie spät sie das einsah. Wie spät!

Sie schritt auf ihn zu. Er wandte langsam den Kopf. Nichts verriet, daß er auch nur ganz leicht über ihr Erscheinen erschrak. Vielleicht erschrak er nie. So sah er aus: Nie erschrecken! Immer die Nerven behalten!

Er nickte ihr nur zu und machte keine Anstalten, hier etwa die Höflichkeit der Städter einzuführen und dadurch den Zauber des Ungewöhnlichen zu zerstören. Er benahm sich wie ein Kamerad auf einer Robinsoninsel, wo man sich lächerlich machen würde, wollte man des Europäers übertünchten Salonton aufleben lassen und anderes dafür abtöten: Den Reiz des Fremden, Neuen, mit Worten nicht Wiederzugebenden: Die Stimmung dieser Tabu-Insel der Liebe!

Er nickte ihr zu und meinte mit aller Zurückhaltung: »Ich hoffe, Sie haben gut geruht, Fräulein Alting! Guten Morgen! Hier darf man sich mit Recht einen guten Morgen wünschen, denn hier strahlt alles die Fülle des Guten und Unberührten aus.«

Sie streckte ihm freimütig die Hand hin. »Guten Morgen, Herr Trebber . . . Also auch Sie hier im Kaoha-Ha'e der Oro-Königin! Hat Evy Sie also auch für würdig befunden, hier . . .«

Er unterbrach sie – nicht unfreundlich, aber doch etwas scharf und ablehnend.

»Wir wollen sofort etwas richtig stellen, Fräulein Alting. Ich heiße nicht Trebber. Es ist besser, Sie erfahren dies aus meinem Munde als von den andern, – es ist auch ehrlicher. Ich darf Sie nicht länger darüber im Zweifel lassen, daß ich Harry Helger heiße und wegen Mordes, den ich nie begangen, erst zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglicher Deportation begnadigt wurde. Ich bin kein Mörder. Aber man wollte mich morden und aus der Welt schaffen, weil ich zu viel wußte und gewissen Leuten zu klug war. Ich erkläre Ihnen auch gleichzeitig, daß Sie Evy vor mir besser nicht erwähnen, für mich existiert diese Dame nicht, von der Sie sehr viel halten, wie mir Brack erzählte. Das ist Geschmackssache. Weshalb ich von dieser Evy nichts wissen will, bleibt für immer meine Angelegenheit.«

Marga war als Frau sehr hellhörig. Frauen haben für gewisse Gefühlsregungen, die sie bei anderen wahrnehmen, ein feineres Unterscheidungsvermögen als Männer. Sie hörte sehr wohl aus diesen seinen Sätzen eine mit Bitterkeit gemischte Feindseligkeit heraus und doch auch einen schlecht verhehlten Schmerz.

Sie setzte sich neben ihn auf die Steinbrüstung, schwieg eine Weile und dachte angestrengt nach. Sie sagte sich, daß Helger sowohl über sich selbst als auch über sein Verhältnis zu Evy die volle Wahrheit gesprochen habe. Sie hatte das sehr wohl seinem Ton angehört und dem ruhigen Blick seiner Augen entnommen. Nein – der Mann log nicht. Der Mann mußte auch sehr triftige Gründe haben, so schroff jede Erwähnung Evys sich zu verbitten. Für Redensarten war der Mann nicht geschaffen.

Und gerade weil sie diese Überzeugung hatte, fragte sie ihn nun ohne Scheu: »Weshalb warnten Sie mich damals in Sidney vor der Fahrt nach der Manihiki-Gruppe?«

Er senkte nur flüchtig den Kopf und schaute sie sofort wieder voll an, überlegte ein wenig seine Antwort und erwiderte ehrlich – soweit er ehrlich sein konnte: »Fräulein Alting, ich kenne Ihre Beziehungen zu Bert Schneider. Ich habe Sie in Sidney vielfach mit Schneider zusammengesehen, der jetzt übrigens ebenfalls hier weilt und ein leidlich anständiger Bursche ist, bei dem vielleicht diese merkwürdige Robinsonade noch mehr Gutes an die Oberfläche bringen wird. Ich habe den Anfang Ihres damaligen Briefes an Schneider gelesen und ersah daraus, daß der Reporter und Sie gewissen Dingen nachspüren wollten, die recht gefährlicher Art sind – mehr möchte und darf ich aus bestimmten Gründen nicht sagen. Jedenfalls hielt ich mich für verpflichtet, Sie zu warnen. Nun hat das Schicksal eingegriffen und Sie davor bewahrt, sich vielleicht . . .« – er brach ab und fügte nur noch hinzu: »Weitere Erklärungen kann ich nicht abgeben, Fräulein Alting!« Und das sagte er in einem Tone, der jede fernere Frage ausschloß.

Marga folgte auch jetzt der Stimme des Herzens, als sie ihm beide Hände hinstreckte und ihn um Verzeihung bat: »Ich schäme mich, ich habe Ihnen viel abzubitten.«

»Lassen Sie das!« wehrte er in seiner ein wenig schroffen Art ab und wollte ihr seine Hände entziehen, aber sie hielt sie fest. »Herr Helger, – wer rettete mich beim Untergang der Maryland?« fragte sie ganz leise und eindringlich.

Sein Gesicht umwölkte sich – nur für Sekunden.

»Consort!« lautete die kurze Antwort. Und dann lenkte er schleunigst auf ein anderes Thema über, denn dieser Handel mit dem jungen Reeder war für ihn nur eine häßliche Erinnerung. Der Zwang der Umstände hatte ihn veranlaßt, auf Consorts Angebot einzugehen, – er brauchte Geld für die drei Flaschenposten, er mußte den Zetteln Banknoten in einer Höhe beifügen, die einen Anreiz für die Finder darstellten, die Mitteilungen auch wirklich weiterzubefördern. Er selbst verfügte nicht über die nötigen Barmittel. Nur so war es zu dem Handel gekommen, der ihm im innersten Herzen so zuwider war.

Er fuhr fort: »Was aus Consort geworden, weiß ich nicht. Möglich, daß die Herrin der Insel mit Consort eine Ausnahme macht und ihn nicht als Gefangenen behandelt. Möglich ist alles!«

Er hatte die Stimme gesenkt und senkte sie noch mehr, als er nun eine bestimmte Bitte aussprach: »Sollte aber Consort hier erscheinen, so teilen Sie ihm nichts davon mit, daß ich Sie warnen wollte und daß ich in Ihnen eine verschwiegene Verbündete gefunden zu haben hoffe, die Brack und mir helfen wird, baldigst zu entfliehen, falls nicht in kurzem die Leute eintreffen, die ich hierher gerufen habe, allerdings auf eine unsichere Art.«

So kam es denn, daß sie noch immer Hand in Hand dasaßen, als der schöne Solwy hervortrat und ihnen, recht unbefangen tuend, zurief: »Hallo, Trebber! Hallo, Miß Marga! Ich soll Ihnen nun hier in Hotel Kap Marga Gesellschaft leisten, so hat es der alte Speilzahn befohlen! Guten Morgen allerseits!«

Da lösten sich zwei Händepaare, und zwei Augenpaare schauten Consort etwas unsicher entgegen.

»Was faseln Sie da von einem Hotel Kap Marga . . .?!« meinte Helger unwirsch. »Ihre Witzeleien bringen Sie anderswo an, Consort! Wir haben nicht die geringste Lust, uns die Morgenstimmung durch . . .«

Consort lachte. »Entschuldigen Sie, wenn ich eine vertrauliche Aussprache gestört haben sollte. Anderseits ist es vielleicht nur gut, daß ich störte. Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

»Sie haben nicht gestört!« erklärte Marga verlegen. »Nur Ihr Scherz mit »Hotel Kap Marga« war sehr wenig der Stunde angepaßt.«

Consort kam mit einem unverschämten Grinsen die Stufen der Steintreppe empor. »Oho, – nicht der Stunde angepaßt?! Ich bitte Sie, der alte Speilzahn hat das Kap draußen, wo wir Schiffbruch erlitten, so getauft, nicht ich. Er behauptet, das Kap habe die Form eines Frauenkopfes, und deshalb hat er auch dieses Haus hier . . .«

»Schon gut! Genügt«, winkte Helger gereizt ab. »Merken Sie es sich aber für die Zukunft, Consort: Hier kommandiere ich! Und Sie haben nur zu gehorchen! In allem! Hier bin ich der Herr! Und Sie können nun einmal auskosten, was es heißt, für sich selber sorgen zu müssen! Meine Dienerrolle bei Ihnen gehört der Vergangenheit an!«

Hinter ihnen in der Tür stand Tim Brack und hatte mehr gesehen und gehört, als es für den Frieden im Hotel Kap Marga zuträglich war. Leider deutete er vieles nach dem äußerlichen Eindruck – genau wie Consort! Er glaubte, daß zwischen Marga und Helger eine Vertraulichkeit bestände, die nur auf längere Bekanntschaft zurückzuführen sei. Da er Helgers Vergangenheit zu wenig kannte, um sich alles zusammenreimen zu können, was hier Anlaß zu bedenklichen Irrtümern gab. Wer bürgte ihm dafür, daß Harry Helgers dunkle Schicksale wirklich nur eine Folge von Intrigen seien, wie Helger es hingestellt hatte?! Helger war daher nicht der Mann, der sich hier so einfach zum Herrn der Lage aufwerfen durfte. Das war ein Beiseiteschieben seiner Person, – und das würde er nie dulden, schon in Margas Interesse nicht!

Er trat vor und sagte sehr bestimmt: »Helger, ich hörte Ihre letzten Sätze, – wir wollen auch darin sofort Klarheit schaffen: Hier befehle ich!! Ich allein! So hat es auch Evy gewollt, und Fräulein Marga weiß dies.«

Helger war erstaunt über den feindseligen Ton Bracks, – Marga war unwillig über seine Einmischung, und Solwy Consort freute sich heimlich. Er sah Gewitterwolken aufziehen, die ihm nur genehm sein konnten.

Helger meinte mit leichtem Emporziehen der starken Brauen: »Evy hat hier überhaupt nichts zu bestimmen! Ich gehe jetzt baden und nachher wünsche ich mein Frühstück vorzufinden!«

Er schritt davon. Consort lächelte und Marga war verlegen, denn Brack hatte ja die Wahrheit gesprochen, sie fühlte auch Bracks vorwurfsvolle Blicke, sie hätte wohl die Pflicht gehabt, seine Behauptung zu bestätigen. Evy hatte wirklich erklärt, daß die Bewohner des Atolls sich nach Bracks Befehlen zu richten hätten.

Eine sehr peinliche Stille entstand, dann sagte Consort, und er fühlte, daß er seinen Trumpf rechtzeitig ausspielte: »Was zanken Sie sich, wer hier der Herr ist?! Es gibt nur eine Herrin: Evy!! Und die läßt Ihnen bestellen, Brack, daß das Kanu, das Sie versteckt hatten, schon wieder im Besitz des Speilzahnes ist und daß wir hier zur Strafe für Ihren Ungehorsam vorläufig nichts mehr von der Herrin erhalten werden. Und wer zu fliehen sucht, wird erschossen. Also weshalb dieser Streit um eine Autorität, die keiner von uns besitzt! Gegenüber einem modernen Repetiergewehr ist auch mein Koch und Diener nur ein zahmes Lämmchen!«

In diese unglückliche Situation platzte ausgerechnet Bert Schneider hinein.

»Marga, – endlich kann ich dich begrüßen! Ich habe die ganze Nacht von dir geträumt!« Aber rechtzeitig erinnerte er sich, was der alte Barabas ihm mitten auf dem Kanal eingehämmert hatte, und er schwächte seine feurigen Sätze schleunigst ab. »Das heißt, die ganze Nacht ist natürlich sehr übertrieben, es war nur ein kurzer Traum.«

Consort war sprachlos. Daß dieser Reporter mit Marga auf so vertrautem Fuße stand und das Mädchen mit du anredete, gab ihm zu denken. Auch Brack schaute den jungen und noch immer recht abgerissen bekleideten Menschen mit unfreundlichen Augen an und verließ schweigend die Terrasse, begab sich zu den Ställen und besichtigte die Ziegen. Seine Laune war schlecht – weshalb ihn heute alles reizte und ärgerte und alles, aber auch alles so hartnäckig darauf hinarbeitete, die Eintracht zu stören, die doch hier am notwendigsten war, begriff er nicht. Selbst als er nun den eifrigen Pei Feng in einer der Hürden neben einer Ziege sitzen und das Tier melken sah und der Boy ihm vergnügt einen Morgengruß zurief, bekam Pei Feng einen Anschnauzer.

»So melkt man keine Ziegen, du Dummkopf! Du quälst die Tiere ja! Mach Platz! Her mit dem Eimer!«

Der arme Pei Feng gehorchte und wunderte sich sehr über die Gereiztheit seines sonst so friedlichen Oberheizers.


13. Kapitel.

Marga nimmt ein Bad . . .


Harry Helger stand am Strande der Lagune und beobachtete zuerst einmal das Wasser, bevor er sich entkleiden und ein Bad nehmen wollte. Er tat recht daran, vorsichtig zu sein. Er bemerkte mehr Rückenflossen von Haien, als ihm lieb, und er kam auch sehr bald zu der Überzeugung, daß das Baden an dieser Stelle unmöglich sei. So schaute er sich denn nach einem günstigeren Platze um. Dabei machte er so allerhand wertvolle Beobachtungen. Er kannte ja die Südsee, er hatte eine ganze Anzahl von Inseln der verschiedensten Gruppen besucht und zumeist sich dort auch längere Zeit aufgehalten.

So stellte er hier auf der Tabu-Insel eine völlige Vermischung und Verwischung der besonderen Merkmale der sogenannten hohen Eilande – also derjenigen vulkanischen Ursprungs – und der niedrigen, der Atolle, fest. Vielleicht sind die Marquesas-Inseln die typischsten Vertreter der hohen Inseln, sowohl der Gestalt wie der Fauna und Flora nach. All diese gebirgigen und mit vielen Wasserläufen gesegneten Felseneilande, von denen einige über Berge bis dreitausend Meter Höhe verfügen, übertreffen die Atolle, also die Korallenringinseln mit Mittellagune, an Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit der Tier- und Pflanzenwelt derart, daß ein Vergleich zwischen beiden Inselarten unmöglich ist. Auf den unbewohnten einsamen kleinen Atollen zum Beispiel wird man nirgends anderen Boden finden, als lediglich verwitterten Korallensand, das heißt einen glitzernden unfruchtbaren Sand, auf dem nur spärliche Büsche, immer dieselben, und dann die Palmen der mannigfachsten Arten gedeihen. Fette Erde fehlt gänzlich, ebenso sind Quellen oder Bäche eine Seltenheit. Trotzdem haben die Atolle vielfach einen erstaunlich hohen Baumwuchs, insbesondere scheint die Palme mit dem mageren Boden gern fürlieb zu nehmen. Sie erreicht eine Höhe, die zu dem flachen Inselring in völligem Mißverhältnis steht.

Die Tierwelt dieser Korallenbauten, denn das sind die Atolle ohne Unterschied, beschränkt sich auf Seevögel, Krabben, Ratten (meist eingeschleppt durch Schiffe), Würmer und einige Insektenarten. Was ausnahmsweise an anderen Pflanzen und Tieren vorhanden, verdankt sein Vorkommen nur den vielfachen Zufällen, mit denen die Natur diesen einsamen Gestaden ein Geschenk erweist. Angeschwemmte Samenkörner oder im Unrat der Vögel verschleppte Samen schlagen an Stellen, wo der Guano der Vögel den Sand mehr aufnahmefähig gestaltet hat, Wurzeln und gedeihen weiter, – faulende Palmenstämme schaffen Humus, falls die See nicht bei Stürmen diese Reste wegspült, – von gestrandeten Schiffen gelangen Tiere auf die Atolle und suchen dort ihr Leben zu fristen: Auf die Art sind Schafe, Ziegen, Schweine, sogar Affen und Rinder in Gegenden geraten, wo sonst nur die Ratten das Atoll beherrschten und die Würmer . . .!!

Gerade diese Korallenwürmer, sie leben innerhalb der Korallenbauten unsichtbar zumeist – haben den Forschern viel zu raten aufgegeben. Die von der Brandung am Außenstrande bespülten Felsen bergen ungezählte dieser dicken und häßlichen Würmer, viele davon von Handlänge und größer. Bricht man eine Zacke der Korallen ab, so findet man alle Öffnungen dieses porösen Gebildes mit Würmern durchsetzt. Wovon leben sie? Die Frage ist schwer zu beantworten. Einige Gelehrte behaupten, sie ernähren sich von dem Unrat der winzigen Korallentierchen, andere meinen, das Meer spende ihnen die Nahrung. Würde es sich um kleine Würmer handeln, klänge das einleuchtend, aber ein Geschöpf von Handlänge oder gar noch größer braucht kompaktere Stoffe, um sich zu sättigen. So sind die berüchtigten Palolo-Würmer zum Beispiel Tiere mit einem ausgesprochenen Wandertrieb. Zuweilen erscheinen sie zu Millionen urplötzlich an einer Küste, fressen alles kahl und verschwinden wieder.

Eigenartig ist es auch mit den Fischen dieser Atolle bestellt. Die wunderschönsten und farbenprächtigsten Arten schwimmen zwischen den Korallenfelsen umher und sind doch zum Teil giftig, haben nicht nur Giftstacheln, sondern auch giftiges Fleisch, das schwere Erkrankungen hervorruft. Noch seltsamer ist – und dies bleibt auch eine der ungeklärten Fragen –, daß dieselbe Fischart, die am Außenstrande der Atolle sich aufhält, ungiftig ist, während dieselben Fische, in der Lagune gefangen, nicht genießbar sind, weil giftig. Und noch mehr: Die Giftfische innerhalb der Lagune können zu bestimmten Zeiten ohne Schaden genossen werden – nur zu bestimmten Zeiten, und diese Zeiten sind für die Inseln verschieden! Alles Hin- und Herraten über die Ursachen dieser Erscheinung ist müßig. Die Insulaner behaupten, die Stellung der Gestirne spräche dabei mit, – natürlich ein Aberglaube! Einleuchtender ist wohl die Deutung, daß zu gewissen Zeiten der durch die Abfallstoffe der Korallentierchen schleimige und schlammige Grund der Lagunen vergiftet wird und die Giftstoffe sich den Tieren mitteilen, von denen die Fische leben. Eins ist gewiß: Der sogenannte Tabu-Fisch auf den Marquesas, der tiefrot schimmert und nach dem Tode hellrot wird, ist sehr giftig. Möglich, daß er deshalb einst zum Kennzeichen der Tabu-Gegenstände oder Bäume und auch ganzer Inseln benutzt wurde.

Daß die Lagunen sämtlich von Haien besetzt sind, die hier leichte Beute finden, hat schon mancher leichtsinnige Matrose beim Baden erfahren. Alle Arten von Haien sind in der Südsee neben Robben und früher auch Walen und Walrossen zu finden, ebenso Sägefische, Schwertfische und sogar Wasserschlangen. Vieles hat die Zivilisation auf diesen Inseln auch an Tieren hinsterben lassen, – die Habgier der Europäer machte vor nichts halt. Die reichen Wildziegenbestände der hohen Inseln sind verschwunden, die Wale sind ausgetilgt, ebenso Vogelarten, deren Bälge begehrt waren. –

Und all dies, was auch Harry Helger bekannt, verglich er nun hier auf der Suche nach einer Badestelle mit der hiesigen Flora und Fauna und erkannte, daß in wundervollster Weise diese Inselfestung die Eigenarten beider, sowohl der hohen wie der niedrigen Eilande, in sich vereinigte. Hier war alles anzutreffen, was Atolle und vulkanische Inseln an Reichtum und Besonderheiten aufzuweisen haben. Hier hätte ein Gelehrter Jahre weilen können und wäre doch nicht damit fertig geworden, all das zu verzeichnen und zu untersuchen, was sich dem Forscherauge darbot.

Aber Helger war kein Forscher. Er war ein Mann, der in der Heimat sein Vermögen im Wahnsinn der Inflation dahinschwinden sah und dann als armer Kerl, als Matrose zunächst, in die Fremde geflohen war. Alles und nichts war er gewesen, – aber eins blieb er: Naturfreund! Und ein ruheloser Glücksucher!!

Jetzt machte er wieder einmal halt und musterte das blaue Wasser, das so durchsichtig wie Glas. Er hatte sich auf eine Halbinsel hinaufgewagt, saß an der äußersten Spitze und starrte in die Wunderwelt der Tiefe hinab, – er saß auf Korallen und unter ihm schimmerten die Korallenbauten in allen Farben, unter ihm schwammen die bunten Fische umher und zogen die Haie, die nun nicht mehr durch das Wehr ferngehalten wurden, ihre geruhsamen Kreise – unheimlich ruhig und fast schleichend wie die Raubkatzen der Oberwelt.

Allmählich merkte Helger, daß er hier zufällig den Platz entdeckt hatte, wo einst auch die Oro-Königin und ihr Gefolge und ihr Gatte im lauen Wasser sich sorglos getummelt haben mochten: Er sah, daß die Halbinsel sich dicht unter der Oberfläche weiter im Bogen bis zu einer gut hundert Meter entfernten Stelle erstreckte und die Haie fernhielt.

Da erst entkleidete er sich, behielt nur ein Lendentuch um und ließ sich in die Flut gleiten. Eine volle Stunde blieb er im Wasser und fühlte sich nachher wunderbar erquickt, lag nun im Baumschatten und träumte vor sich hin. Keine angenehmen Träumereien waren es, nein, er wurde die Gedanken an Evy nicht los, er schalt sich wieder einen Schwächling, aber es half nichts. Die Erinnerungen waren mächtiger als seine Geringschätzung für die Frau, die hier nun mit irgend einem Liebhaber sich in diese Einsamkeit geflüchtet hatte. Wer aber war der Mann, mit dem sie nicht in aller Öffentlichkeit sich zu zeigen wagte?!

Helger hatte sehr bald Gesellschaft erhalten: Ein großer schwarzer Ziegenbock war erschienen und suchte den einsamen und verbitterten Mann zum Spielen aufzumuntern, – er war wohl daran gewöhnt, daß ein Mensch sich mit ihm beschäftigte. Helger mußte lächeln. Die Versuche des Tieres, ihn zu einigen harmlosen Boxrunden anzufeuern, waren possierlich und doch auch rührend, denn der Ziegenbock tat sich schließlich neben ihm nieder und schaute ihn beinahe vorwurfsvoll an.

Harry Helger kraute ihm den Kopf, und dabei sah er, daß an dem einen Horn ein dunkler Stoffetzen hing. Er löste ihn von dem Horn und betrachtete ihn genauer.

»Daheim hätte ich's eine Kinderschlabbe genannt«, dachte er und warf den Fetzen fort.

Dann beschäftigte er sich doch etwas mehr mit dem Bock und streichelte ihm den dichtbehaarten Hals. Bis seine Finger sich in einem schwarzen Seidenband verfingen.

»Ah, man hat dich sogar geschmückt!« Er öffnete den Druckknopfverschluß des Bandes und besichtigte es, sah, daß es bestickt war und las erneut lächelnd:

»Harry, mein Liebling.«

Das Lächeln erstarb sofort wieder.

Hieß der Ziegenbock Harry?! Hatte etwa Evy sich hier einen Scherz mit ihm, dem lebenden Harry, erlaubt und dieses zahme Tier »Harry« getauft?!

Wie kläglich geschmacklos war das! Er zweifelte nicht mehr daran, daß seine Vermutung zuträfe, und seine üble Laune wuchs nur noch. Genau wie Brack vorhin spürte er in Gedanken nun der unangenehmen Tatsache nach, daß das Hotel Kap Marga – die Bezeichnung war eigentlich recht hübsch von Barabas gewählt! – und dessen Gäste auf dem besten Wege waren, sich völlig auseinanderzuleben und daß hier Feindschaften sich entspannen, die gegenüber der Lage der Bewohner des Kaoha-Ha'e ein vollkommenes Versagen des gesunden Menschenverstandes darstellten. Statt Frieden zu halten, wurde hier jede Kleinigkeit aufgebauscht und zum Anlaß von gegenseitigen Reibereien an den Haaren herbeigezogen – wovon auch er sich nicht freisprach! Sein Streit mit Brack, wer hier zu befehlen hätte, war ja bisher sehr friedlich verlaufen, aber das alles war überflüssig gewesen und mußte schleunigst abgestellt werden!

Helger wollte diesem Entschluß sofort die Tat folgen lassen und dachte an die Rückkehr zum Hause, als am Strande der Reporter erschien und eiligst auf ihn zukam. Man sah es Bert Schneider an, daß er irgendwelche wichtigen Dinge erfahren haben mußte, er warf sich denn auch sofort neben Helger ins Gras und begann seine Neuigkeiten auszupacken, wobei er eine gewisse Schadenfreude kaum verhehlen konnte.

»Helger«, begann er leise und blickte sich mißtrauisch um, »ich muß mit Ihnen unbedingt etwas besprechen, das mir keine Ruhe läßt. Ich habe Sie gesucht und nur Ihnen möchte ich meine merkwürdige Entdeckung anvertrauen. Einleitend wäre zu erwähnen, daß der alte Barb, dieser Grobian, mir unverblümt erklärte, daß ich nicht daran denken solle, hier etwa Marga den Hof zu machen! Evy hätte mit Marga ganz andere Absichten. Offenbar will Evy – so schien es mir! – Marga und Brack zusammenbringen – anständig ausgedrückt! Daß Brack das Mädchen, auf das ich, im Vertrauen gesagt, das erste Anrecht habe, denn wir sind halb und halb verlobt, liebt und für sich erringen möchte, fühlt ein Blinder mit dem Stock.«

Helger wurde ungeduldig. Diese lange Vorrede des Reporters langweilte ihn, ebenso ärgerte ihn dessen Behauptung von einer halben Verlobung.

»Fassen Sie sich gefälligst kürzer!« meinte er sehr unliebenswürdig und hatte dabei die guten Vorsätze von vorhin schon wieder vergessen. »Und schwafeln Sie mir hier nichts von einer halben Verlobung vor, mein Lieber! Ich glaube Sie zu kennen! Sie hatten mit Marga da ein Geschäft vor, bei dem Ihnen Marga die Kastanien aus dem Feuer holen sollte – Manihiki und so – Sie sehen, ich bin im Bilde! Mit Ihrer Liebe wird es nicht weit her sein, – bei Ihnen wird Verdienen groß geschrieben! Das bewies ja auch Ihr feines Plänchen, sich die Belohnung für meinen Kopf zu sichern. – Also, was wissen Sie?«

Etwas Eifersucht und weit mehr gekränkte Eitelkeit hatten bei Schneider jene Stimmung hervorgerufen, in der auch der klügste Mensch sich auf Irrwege verliert. Daß Helger ihn hier so schroff behandelte, empfand er kaum als Beleidigung. In ihm lebte nur der Wunsch, Brack eins auszuwischen – so oder so! Natürlich hätte er dies niezugegeben. Er selbst redete sich ein, es sei seine Pflicht, rechtzeitig vorzubeugen – im Interesse Margas.

»Gut«, sagte er. »Also in aller Kürze. Soeben hatte Brack seine Papiere, die er in einer Schweinsblase auf der Brust trug, in seinem Gemach zum Trocknen ausgebreitet. Zufällig kam ich hinzu, Brack verließ den Raum und ich warf einen Blick auf die Papiere. So sah ich denn eine Heiratsurkunde Bracks – er hat vor vier Jahren auf Rügen die Ehe geschlossen und seine Frau lebt noch, wie mir ein Brief bewies, der erst unlängst in Sidney Brack erreicht hat. Jedenfalls: Er ist verheiratet! Das wollte ich Ihnen mitteilen!«

Helger lachte geringschätzig auf. »Ein Spion sind Sie, pfui Deubel!! Schämen Sie sich! Immerhin –« er wurde nachdenklich, »immerhin hätte Brack diese Ehe nicht so vorsichtig verschweigen dürfen. Kein Mensch weiß etwas davon, und wie mir nun einfällt, hat er sich auch in seinen Schiffspapieren als unverheiratet bezeichnet. Ekelhafte Geschichte das!! Nun zu der andern Frage. Was soll diese Evy mit Brack und Marga beabsichtigen? So eine bessere Kuppelei?! Das verstehe ich nicht ganz. Was geht Evy das Geschick Bracks und Margas an?! Mensch, da müssen Sie sich verhört haben!«

»Leider nein«, entgegnete Schneider achselzuckend. »Der alte Barb wird wohl kaum etwas ins Blaue hineinreden. Ich halte es für ausgeschlossen, daß ich ihn mißverstanden habe.«

Helgers Gesicht wurde immer finsterer. »Scheren Sie sich jetzt zum Teufel, Sie zwecklos verliebter Kater ohne Krallen! Ich muß mir die Geschichte durch den Kopf gehen lassen! Es ist geradezu unbegreiflich, daß wir hier im Hotel Kap Marga wie von bösen Geistern umgeben sind und daß überall nur Unfrieden und Entfremdung aufkeimt!! Zu den bösen Geistern zähle ich auch Sie! Verduften Sie!!«

Bert Schneider entfernte sich nicht etwa zerknirscht, sondern äußerst befriedigt. Er glaubte seine Pflicht getan zu haben.

Marga hatte sich vorhin gleichfalls zu einem Spaziergang durch den Inselring aufgemacht, da die Stimmung im Hause alles andere, nur nicht behaglich war. Sie schlug die Richtung nach Westen ein, denn Helger hatte sich nach Osten gewandt, und sie mochte jetzt niemandem begegnen, sie wollte allein sein und endlich über vieles Klarheit gewinnen, was nun immer drückender auf ihr lastete.

Sie kam nach einiger Zeit an dem einstigen Begräbnisplatz der Häuptlinge von Fatu Hiwa vorüber und blieb eine Weile stehen, staunte die Steindenkmäler an und erreichte dann den Weststrand des Atolls ziemlich genau der Stelle gegenüber, wo Evys Wohngrotte lag. Jetzt am Tage bei vollem Sonnenschein konnte sie nun auch die Umgebung der Grotte jenseits des Festungsgrabens bequem überblicken und stellte fest, daß die Terrasse, in deren Hinterwand der Grotteneingang sich als dunkle Stelle abzeichnete, nach Norden in einen dichten Wald von allerlei Bäumen und Büschen überging und daß dort auch ein kleiner Wasserfall von den Höhen herabschäumte, sich im Walde verlor und später in den Kanal als rauschender, silberner Bach sich ergoß.

Landschaftlich lag die Grotte so wunderschön, wie man es sich nicht besser wünschen konnte. Das große Waldstück erlaubte es den Bewohnern, unbemerkt unter den Bäumen sich zu bewegen, und spendete auch sicherlich alles an Früchten, was die Tabu-Insel hervorbrachte.

Marga stand nun am Außenstrande des Atolls und wollte schon wieder umkehren, als sie in dem klaren Wasser des Kanals dicht unter der Oberfläche zwei Reihen von dicken Pfählen wahrnahm, zwischen denen Stacheldrähte bis zum Grunde eng gespannt waren. Von Haien war innerhalb dieser Umzäunung nichts zu bemerken. Marga vermutete mit Recht, daß dies Evys Badeplatz sei und daß auch sie hier ohne Gefahr ein Bad nehmen könnte. Sie überlegte nicht lange. Sie konnte drüben niemanden sehen und entkleidete sich schnell hinter einigen Büschen, behielt nur die ihr von Evy gespendete dünne Unterkleidung an und stieg langsam in die laue Flut hinein, – der Grund des Kanals bestand aus Korallen und Sand, fiel aber sehr steil nach der Mitte zu ab.

Marga schwamm leichten Herzens umher und wies all die ungeklärten Gedanken, von denen sie bisher gepeinigt worden, energisch zurück, – sie wollte sich diesen Genuß nicht schmälern lassen.

Daß gerade in dem so abgezäunten Becken sich sehr viel Fische in voller Sicherheit vor den Haien umhertummelten, – daß diese farbenprächtigen Fische nicht alle harmlos waren, – Marga dachte nicht daran oder wußte es nicht. Sie war froh, daß sie hier die Sorgen vergaß, die sie sich zum Teil selbst aufgebürdet hatte, weil sie nun einmal das Leben so überaus ernst nahm und nicht blind dahinwandelte, sogar der Umwelt zu viel Beachtung schenkte und so sehr zum Grübeln neigte.

Eine gewisse Schwerblütigkeit haftete ihr an, auch ein allzu stark ausgeprägtes Verantwortlichkeitsgefühl. Was eine Frau an Macht besaß, hatte sie an Bert gemerkt, – früher war es ihr nie bewußt geworden, daß die Liebe oder die Begierde dem Weibe im Kampfe der Geschlechter stets ein Übergewicht verleiht. Und hier nun auf der Tabu-Insel – und das waren ihre Sorgen und Seelennöte! – hier hatte sie heute herausgefühlt mit jenem nunmehr geweckten Instinkt der Frau, die sich ihrer Reize klar geworden, daß nur sie die Ursache der Verstimmungen war, die drüben in dem Hause der Liebe allmählich immer stärker zutage traten.

Sie als Weib war der Zankapfel zwischen Männern, die einer dem andern das einzige Weib in dieser Schicksalsgemeinschaft nicht gönnten. Es war so! Darüber durfte sie sich nicht länger täuschen, danach mußte sie sich richten, um noch ärgeres Unheil zu verhüten. Sich richten! Aber wie? Welche Richtlinie war ihr gegeben?! Keine! Und das fühlte sie . . .

Da war Solwy Consort. Eine vielumstrittene Persönlichkeit, für sie aber der Mann, dem sie ihr Leben und vieles andere verdankte, der nie aufdringlich geworden, der ihr mit Zartgefühl begegnete, und doch . . .

Und doch??

Und da war Bert, ihr treuer Freund, und mehr als das nur. Er war der Mann, dem sie ihren bis dahin nie geküßten Mund freiwillig dargeboten hatte. Bert war auch nicht auszuschalten. Und doch . . .

Und doch??

Da war als dritte und ihr vielleicht am meisten sympathische Erscheinung Harry Helger. Die heutige Morgenstunde auf der Terrasse des Kaoha-Ha'e hatte um sie und diesen Helger mit den leiddurchfurchten Zügen ein unsichtbares Band geschlungen. Sie bemitleidete ihn und hatte ihm einst bitter Unrecht getan . . . Und doch . . .

Und doch??

Schließlich war da noch Tim Brack. Mit ihm beschäftigte sie sich in Gedanken nur mit dem größten Widerstreben. Er war ihr zu – zu – ehrlich, zu wenig rücksichtsvoll, zu draufgängerisch, zu selbstbewußt! Er hatte eine Art, die verletzen mußte, er konnte so leicht gehässig werden. Oder war es doch nicht Gehässigkeit bei ihm, sondern alles nur Äußerungen einer Vollnatur?!

Gestern, als er so abfällig über Consort gesprochen und dessen Opferfreudigkeit so brüsk in Zweifel gestellt hatte, glaubte Marga gespürt zu haben, daß Brack wohl tiefer für sie empfände, als er es sich anmerken lassen wollte. Aber vieles an ihm erkältete sie. Vieles jedoch zog sie zu ihm hin. Sie hatte an sich selbst die Erfahrung gemacht, daß ihr das erste Zusammentreffen mit Brack haften geblieben wie selten eine Episode in ihrem Leben. Es war mehr als nur eine Episode gewesen, es war eine ernste Aussprache zwischen Menschen, die wie zufällige und doch schicksalsgewollte Weggefährten ohne Scheu einander Einblick in geheimste Regungen gewähren und dann auseinander gehen in der Hoffnung, derselbe Zufall könnte sie nochmals zusammenführen. Und der Zufall hatte sie auch wieder zusammengeführt.

Marga war nun wider ihren Willen in diese Grübeleien zurückgefallen und hatte doch all das hier im lauen Wasser des Kanals vergessen wollen.

Sie war unwillig über sich selbst . . .

Sie sah da auch ein Geschöpf, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen konnte. Ein tiefroter Fisch trieb dicht unter der Oberfläche und schien sehr matt oder krank zu sein.

Er war Marga genau so im Wege wie ihre eigenen lästigen Gedanken. Sie schlug nach ihm mit der flachen Hand. Es war bei ihr eine jener Reflexbewegungen, die halb unbewußt geschehen.

Sie schlug zu und schrie leise auf, riß die Hand zurück und sah, daß der Fisch an ihrem Handballen festhing: Der große Rückenstachel war ihr in das Fleisch gedrungen, und nur mit Mühe konnte sie den Fisch abschütteln.

Der Zwischenfall hatte ihr alle Lust am weiteren Aufenthalt im Wasser genommen. Sie stieg an Land, setzte sich hinter die Büsche neben ihre Kleider in die Sonne und betrachtete den Stich im Handballen, der leicht blutete. Sie wußte nichts von den Giftstacheln der roten Tabu-Fische, sie wunderte sich nur, daß die Wunde, die doch so geringfügig war, so stark brannte.

Sie begann sich anzukleiden, aber die Schmerzen in der Hand nahmen immer mehr zu. Die Hand schwoll in kurzem bedenklich an, auch der Unterarm. Außerdem wurde Marga plötzlich von einem Schwindelgefühl gepackt, das sie zu Boden drückte, – schwer atmend und mit Übelkeit ringend lag sie da und machte dann umsonst den Versuch, sich zu erheben und nach dem Kaoha-Ha'e zurückzueilen. Sie brach zusammen, – sie erhob sich nochmals, aber das Schwindelgefühl und die wahnsinnigen Schmerzen rissen sie wiederum nieder.

Da erst erkannte sie, daß die Verletzung durch den Fisch doch ernsterer Art war, – da erst erinnerte sie sich an die Warnungen Bracks von gestern abend, als sie das Haus besichtigt hatten und Brack so nebenher auf eine der Figuren der Türpfosten gezeigt hatte, auf einen Fisch: »Ein Tabu-Fisch. Giftig. Leicht zu unterscheiden, weil tiefrot gefärbt.«

Giftig!! Ja, sie merkte es. Die Angst packte sie. Sie rief um Hilfe. Die Stimme gehorchte ihr kaum mehr, – sie schrie mit aller Lungenkraft, und doch wurde es nur wieder ein heiserer Ton, der kaum sehr weit dringen konnte.

Der heisere Laut erreichte das Ohr Tim Bracks trotzdem. Es war kein Zufall. Er war Marga heimlich gefolgt, weil er es nicht für ratsam hielt, das Mädchen hier ohne Schutz zu lassen. Man kannte die Insel noch zu wenig. Er war in der Nähe geblieben, hatte die Badende aber nicht beobachtet, dazu dachte er zu sauber und zu feinfühlig, – nur in der Nähe war er geblieben und kam nun dahergestürmt.

Marga lag zusammengekrümmt im Grase, – sie hatte sich bei den Versuchen, aufzustehen, an dem nächsten rissigen grauen Palmenstamm die dünne Unterwäsche zerfetzt, – sie war fast nackt, und das wußte sie, und die Scham siegte über die Furcht.

»Gehen Sie – gehen Sie –!!« Es war nur mehr ein Röcheln.

Er ging nicht. Er beugte sich tiefer und sah ihre unförmig verquollene Hand und fragte bestürzt: »Etwa der Stich eines roten Fisches?!«

»Ja, es war ein Fisch mit einem Stachel. Gehen Sie!!«

Sie horchte, ob er sich entfernen würde. Sie fühlte, wie er sie in seine Jacke hüllte und sie in die Arme nahm und mit ihr davonlief. Wasser rauschte und gurgelte und schäumte . . . Brack durchs querte den Kanal und drang in die Wohngrotte Evys ein. Rief, rief nochmals . . . bis der verschlafene und wütende Barb vor ihm stand. Barb wollte loswettern.

»Haben Sie Kampfer da und eine Injektionsspritze?! Marga ist von einem Tabu-Fisch gestochen worden. Schnell . . . schnell . . . Sie ist ohnmächtig.«

Barb schaute Brack ratlos an. »Bleiben Sie draußen, ich hole alles. Aber draußen bleiben!!«

Brack legte die Kranke nieder und wartete, – der Alte war im Augenblick zurück, half ihm und gab ihm nachher noch ein paar Tabletten mit.

»Hier dürfen Sie nicht bleiben, Brack. Nehmen Sie das Mädel wieder mit. – Wenn Evy aus dem Walde zurückkehrt, gibt es Unannehmlichkeiten, – sie versteht keinen Spaß . . .! – Verschwinden Sie . . .!!«

Tim Brack packte Wut. »Und das nennen Sie vielleicht Nächstenliebe?! Das nennen Sie als Deutscher etwa Rücksichtnahme auf eine Schwerkranke?! Und all das nur, damit der Liebhaber Evys unentdeckt bleibt! Oh, ich weiß Bescheid . . .!«

Dann hob er Marga empor und kehrte zum Atollufer zurück.


14. Kapitel.

An Margas Krankenbett.


Ein sehr trügerischer Frieden herrschte im Hotel Kap Marga, – so trügerisch, daß das Unwetter nun jede Stunde losbrechen konnte, obwohl die Natur selbst die Menschen tagelang aufs eindringlichste gewarnt hatte.

Eine schwarze und nicht zu verscheuchende Wolke schien über die Tabu-Insel sich festgesetzt zu haben wie die finsteren Nebel in den Schluchten der Berge jener hohen Marquesas-Eilande, die ihre Gipfel niemals zeigen und der freundlichen Sonne sich erwehren, als hätten das Licht und die Helle dort nichts zu suchen und wären für immer verbannt.

Als Brack mit der für seine Kräfte so leichten Last in vollem Lauf daheim erschienen war – daheim, im Heim der Gefangenen der Herrin Evy! – war nur Pei Feng zu Hause gewesen. Brack sagte später: Zum Glück!

Pei Feng wurde aus der Küche von der ihm lieb gewordenen Arbeit weggeholt und befolgte jammernd und wehklagend die Befehle Bracks, die einander jagten, denn Eile tat not, mit Marga stand es schlecht, und der erste Kampf um das Herz, das unter der Belastung der Giftstoffe streiken wollte, war schlimmste Nervenprobe für den Mann, der sein eigenes Leben gern für die Kranke hingegeben hätte, da seine Zukunft ohnedies nur Nieten in der großen Daseinslotterie bergen konnte. So erging es Brack, – mit diesem Gedanken kämpfte Brack für Marga und gegen den Tod.

Seine medizinischen Kenntnisse waren gering und beschränkten sich auf die einfache Praxis, die jeder Seemann sich in entlegenen Meeren leicht aneignet.

Die Kampferspritzen allein hätten nichts geholfen. Marga blieb so schwach, daß sie mit herabgesunkenem Unterkiefer im Bett lag und nur stoßweise atmete, – andere Mittel mußten angewendet werden, und Pei Feng tat ehrlich das Seine dazu, das entfliehende Leben zu bannen, unermüdlich rieb er die Fußsohlen mit Bürsten und erschauerte doch, als Brack mit großen Kreuzschnitten die Stichwunde zum Bluten brachte.

Als erster der ahnungslosen Spaziergänger fand sich Consort ein, der irgendwo am Nordstrand sich aufgehalten und finsteren Rachegedanken nachgehangen hatte. Daß er, der verwöhnte und überall beachtete reiche Reeder, hier von diesen Leuten zweiter und dritter Klasse – so reihte er Bert Schneider, Brack und Helger ein – derart als notwendiges Übel sich behandeln lassen mußte, hatte seine bösesten Instinkte geweckt und ihn zu Plänen angefeuert, die er sonst schon aus persönlicher Feigheit oder Vorsicht nie erwogen hätte. Daß Marga trotz seiner schlauen Schachzüge, ihr Vertrauen zu erschleichen, weit mehr für die andern sich einsetzte, hatte seine Gier nach dem Mädchen halb in Haß verwandelt, und diese Art brünstigen Verlangens, in der die Rachsucht vorherrscht und nur der Gedanke an eine zielbewußte Erniedrigung der erhofften Beute ständig obenan schwimmt als häßlichster Fleck, kann sich am gefährlichsten auswirken.

Solwy Consort begegnete Brack im Vorraum. Dieser schleppte Wasser herbei für nasse Fußpackungen. Consort wollte lange Erklärungen haben, Brack aber schickte ihn grob zu der einzigen Quelle des Atolls. »Hier nehmen Sie die Eimer – etwas flink! Und dann sorgen Sie für das Mittagessen!«

Das war der erste neue Riß in dem dünnen Band, das die Bewohner des Kaoha-Ha'e umschloß.

Consort schaute Brack lange nach, schlenderte davon und – tat nichts, setzte sich auf die Terrasse und beruhigte sein ohnedies recht schweigsames Gewissen mit der Ausrede, daß er sich von Brack in dem Tone nicht zu kommandieren lassen brauche.

Ein günstiger Zufall war's, daß sehr bald, bevor noch Consorts schamlose Gleichgültigkeit offenbar wurde, Bert Schneider auftauchte. Consort hatte sich vorgenommen, diese Leute selbst auf die Gefahr hin, noch übler behandelt zu werden, seine gesellschaftliche Überlegenheit fühlen zu lassen, zumindest würde er damit erreichen, daß sie sich gründlich ärgerten, – so hoffte er.

Schneider war zunächst sprachlos, wurde blaß, trat dicht an den unleidlichen Menschen heran und holte mit der Faust zum Schlage aus. Hätte er wirklich zugeschlagen, wäre die Katastrophe, die jetzt nur aufgeschoben wurde, sofort eingetreten, – doch er beherrschte sich und bewies dadurch mehr Verständnis, als er bei anderen Gelegenheiten gezeigt hatte.

»Wir rechnen später ab, Sie Schuft!« sagte er nur, nahm die Eimer und eilte zur Quelle.

Unterwegs lief er Helger in die Arme. Er berichtete, was geschehen, und hastete weiter. Er rief nur noch mit zurückgewandtem Kopf: »Nehmen Sie Consort ins Gebet, er sollte eigentlich Wasser holen, doch ihm paßte das nicht. Lassen Sie aber Brack nichts merken, sonst ist der offene Zwist da.«

Harry Helger setzte sich in Trab, kam auf der Terrasse etwas atemlos an und fand Consort mit der Zigarette im Munde vor. Ohne ein Wort zu sagen riß er ihm die Zigarette aus den Zähnen und warf sie ins Gestrüpp, packte den anmaßend und so recht geringschätzig Feixenden beim Kragen, stauchte ihn einige Male wie ein Bündel zusammen und warf ihn dann mit allem Schwung in die Stachelakazien.

»Wenn Sie auch nur das Maul auftun, schlage ich Sie nieder!« zischte er ihm zu. »Skandal können wir jetzt hier nicht brauchen!«

Das alles war so verblüffend schnell über den schönen Solwy hereingebrochen, daß er gar nicht die Zeit fand, Helger die Drohungen zuzurufen, die ihm freilich erst hinterher als vielleicht wirksamste vorläufige Rache einfielen. Er war auch nicht genügend schlagfertig, um gegenüber derartigen Gewalttaten sich so rasch innerlich von seinen abgeklärten Gentleman-Allüren auf ein so . . .rüdes Rowdytum umzustellen. Als er sich nun wieder aufrichtete und die Stacheln aus den verschiedenen Körperstellen herauszog, war er bei näherer Überlegung recht zufrieden damit, daß er sich – wie er seine Ablehnung derartiger Wildwest-Methoden vor sich rechtfertigte – so vornehm beherrscht und geschwiegen hatte. Es war unbedingt besser, daß dieser Helger nicht vorzeitig gewarnt würde! Immerhin wollte er nun für die Zukunft sich scheinbar mit den Verhältnissen hier abfinden, – noch einmal die Eisenfaust Helgers im Genick zu spüren, danach trug er nicht das geringste Verlangen.

Getreu diesen Vorsätzen ließ er sich von Pei Feng, der gerade in der Küche herumwirtschaftete, einen Eimer geben und trollte sich in Richtung Quelle davon, allerdings auf Umwegen, denn auch den Reporter hatte er nun auf die Liste derer gesetzt, die sehr bald merken sollten, daß mit Solwy Consort anzubinden doch ein großes Risiko darstellte.

Harry Helger war ins Haus gestürmt, noch immer lodernd vor Wut über den Jämmerling da draußen. Vor dem Türvorhang zu Margas Gemach aber stoppte er seine Eile jäh ab. An dem geschnitzten Pfosten lehnte Tim Brack mit farblosem Gesicht und seltsam verkniffenen Lippen. Sein Kopf hing auf die Brust herab, er bemerkte Helger gar nicht und rührte sich auch nicht, als der einstige Aufseher der Manihiki-Plantagen ihn leise anrief.

Helger würgte die Angst in der Kehle.

»Brack – ist sie etwa gestorben?!«

Er rüttelte den so völlig veränderten Mann, bis dieser müde den Kopf hob und ihn aus erloschenen Augen ganz fremd anstarrte.

»Nein. Sie lebt, und das Schlimmste ist überstanden. Aber – aber –« – dann verstummte er.

Helgers Faust krallte sich erneut in seine Achsel. »Was ist denn in aller Welt geschehen, Brack?! Zum Deubel, reden Sie!!«

Bracks Blicke wichen zur Seite.

»Sie ist wach, aber sie will mich nicht mehr sehen. Das ist's! Hinausgeschickt hat sie mich. Nur Pei Feng darf zu ihr.« Er lächelte plötzlich verzerrt. »Und all das, weil ich – weil ich – es ist so unglaublich töricht hier zwischen den Inseln, wo die Weiber noch immer zum Teil nackt umherlaufen! – weil ich sie unbekleidet fand! Ja, das ist's, nur das, – und nun weggejagt wie ein – wie ein – ich finde keinen Ausdruck dafür!!«

Helger erschien diese Vermutung Bracks unsinnig, – es konnte nur eine Vermutung sein – nichts weiter.

»Hören Sie mal, Brack – stimmt das auch?! Sie wird Ihnen doch nicht so glatt ins Gesicht gesagt haben: Scheren Sie sich raus, ich schäme mich! Das ist doch einfach unmöglich!«

Tim Brack nickte schwerfällig. »Nein – so direkt sprach sie es nicht aus, aber sie verkroch sich unter die Decke und stöhnte nur, sie wolle niemand außer Pei Feng sehen, und als ich ihr herzlich zuredete, wurde es noch ärger!«

»Ach was, – ich werde mit ihr sprechen, – auf mich wird sie hören! Lächerlich, die ganze Geschichte!«

Er machte Miene, den schweren Mattenvorhang zu lüften und einzutreten. Brack war urplötzlich wie umgewandelt. Jetzt faßte er Helgers Arm mit eisernem Druck. »Sie werden das nicht tun! Sie verträgt keine Aufregungen, das Herz ist zu schwach, – bleiben Sie, Helger, setzen Sie nicht den Erfolg unserer Bemühungen wieder aufs Spiel, – Sie bleiben, – Pei Feng als Pfleger genügt!«

Aus Helgers tiefliegenden Augen traf den Oberheizer ein langer merkwürdiger Blick. Tastendes Mißtrauen lag darin, – sehr bald offenes Mißtrauen, denn Brack wich diesem Blick aus, schaute zu Boden und kaute nervös und sichtlich verlegen an seinen Lippen.

»Ach so – ach so –!« meinte Helger gepreßt und zog Brack von der Türöffnung fort. »Kommen Sie mal mit, mein Lieber. Mit Ihnen möchte ich mich unter diesen Umständen sofort auseinandersetzen. Hier hinein, – so, hier sind wir unter uns!«

Er lehnte sich gegen den Tisch des Wohngemaches und musterte Brack eine Weile so durchdringend, daß sich schon allein hierdurch die Szene immer mehr zuspitzte, denn auch Bracks Nerven versagten nun, und er fuhr den anderen grob an. »Was gibt es an mir so Sonderbares zu sehen?! Glauben Sie mir nicht?! Oder was sonst?!«

Die beiden Männer waren plötzlich wie Kampfhähne. Ihre Blicke fraßen sich ineinander fest, – in diesen Blicken war nur gegenseitige unverhohlene Abneigung zu lesen.

»Oho!« meinte Helger zwischen den kaum geöffneten Lippen hindurch. »Oho, – ob ich Ihnen glaube?! Nein!! Ich bin nun zu einer ganz anderen Überzeugung gelangt! Vorher nur eine Frage, Brack, sind Sie verheiratet?! Ja oder nein? Kurz und bündig!«

Tim Brack schoß zuerst das Blut bis zur Stirn und ebbte dann wieder zurück. Bleich stand er da, aber er senkte den Kopf nicht mehr. Noch soeben hatte er es getan, und Helger mochte daraus falsche Schlüsse gezogen haben, doch diese Schlüsse waren falsch! Tim Brack wußte das am besten. Seine scheinbare Befangenheit, Verwirrung und sein Ausweichen vor den harten, forschenden und ungläubigen Blicken des anderen waren verborgenen Quellen entsprungen, die Helger nirgends in ihm, in Tim Brack, vermuten konnte.

Diese Quellen mußte er nun aufdecken. Die klare Antwort auf das soeben geforderte eindeutige Ja oder Nein wollte er vorausschicken.

Er war in dieser Minute, wo er diese Entscheidung über sich selbst und in sich selbst getroffen, nicht mehr der Gegner dieses Harry Helger, den er, mochte der Mann diese oder jene Vergangenheit haben, zumindest als ehrlichen Streiter achten mußte.

Er war über die Kleinigkeiten, die auch ihm anhafteten, Herr geworden, – er wollte das Gute für diese Gemeinschaft von Schicksalsgefährten, die aus rein selbstsüchtigen Trieben auseinander zu fallen drohte.

Er wollte nichts für sich, er wollte das Gute für alle.

Daß es ihm mißlang, sich mit seinen Absichten durchzusetzen, – und es mißlang ihm vollständig! – war vielleicht weisere Voraussicht höherer Mächte, als es im Augenblick schien.

Seine Augen irrten flüchtig, aber in bewußtem Schauen über diesen Raum hin, in dem die Geister der Vergangenheit reiner Menschen mit edlen Motiven unsichtbar durch die verschiedenartigsten Gegenstände ihre einstige Gegenwart kündeten. Hier hatten ein Mann und Frauen und Kinder und vielleicht heranwachsende Jungfrauen gelebt, und ihr Odem haftete noch allem an, was sinnfällig dem Blick sich aufdrängte.

Seine Augen glitten zu Helger zurück.

»Ich bin verheiratet, Helger. Meine Ehe zerbrach schon nach Wochen, durch wessen Schuld, bleibe dahingestellt. Ich verließ die Heimat, auch ein Zerbrochener. Zu einer Scheidung konnte ich mich nicht entschließen. Insofern lag ja bestimmt die Schuld auf meiner Seite, als ich falsch gewählt hatte, wir paßten nicht zueinander. Ich ging in die Fremde und schickte, was ich verdiente, der Frau, die meinen Namen trägt – noch heute. Meinen Pflichten kam ich nach – diesen materiellen Pflichten, – andere gab es für mich nicht mehr.«

Die etwas ungeduldige Bewegung Helgers ließ ihn schon jetzt ahnen, daß er unterliegen würde. Er nahm auch das hin. Er hätte hier mit Beweisen aufwarten können, wie sehr er, nur er in diesem Ehedrama der einzig Leidtragende gewesen, – das lag ihm nicht.

»In mir herrschte nun die große Leere, die jeder spürt, der sein Dasein mit mehr als nur äußerlichen Werten erfüllen möchte. Mein Leben war zwecklos und nur noch Frondienst für die eine Frau, die mir Heimat und Freunde und Achtung derer genommen, die mich einst schätzten als aufrechten Mann.« Er wurde nun doch etwas bitter, und die Erinnerungen tauchten lebendiger denn je in ihm auf und warfen nur dunkle, finstere Schatten.

»Mit dieser inneren Leere suchte ich mich abzufinden, mußte ich mich abfinden. Aber die einzige Möglichkeit dazu war die, zu vergessen und zu tilgen, was mich unfrei machte. So verschwieg ich das, was im Grunde nur mein Leid und meine Lebenslast: Diese Ehe, die nie eine Ehe gewesen! Was ging es die Welt an, daß ich unrichtig gewählt hatte?! Nichts. Noch heute nichts! Und so war ich Tim Brack, Oberheizer und unverheiratet meinen Papieren nach.«

Helger betrachtete ihn von unten her mit leisen Zweifeln und mit einem Gefühl, als ob der Mann da plötzlich zum Schwätzer geworden. Helgers Geschicke waren, so glaubte er es von sich selbst, weit tragischer und weit mehr geeignet, ein Dasein auch seelisch zu zerstören: Verrat, Mordanklage, drohende Hinrichtung, Verbannung, Flucht und schließlich die Entdeckung der völligen Unzulänglichkeit der Frau, um die er doch all das gelitten hatte!

Brack spürte die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen, dem anderen hier ein Verstehen dessen zu erleichtern, was nun Marga und die hiesige Lage der Dinge anging. Er wurde dadurch nicht unsicher, er wurde nur knapper und härter im Wort.

»Ich mag Ihnen unverständlich bleiben, Helger. Ich lernte Marga kennen.« Er schilderte ganz kurz die Begegnung auf der Brücke in Sidney und hob Margas verfängliche Fragen nach den Zuständen auf den Manihiki-Plantagen hervor. »Ich weiß mit den Verhältnissen dort Bescheid – in allem!«

Helger hob überrascht den Kopf. »So?! Sie auch?!«

Brack war mehr geneigt, jetzt überall zweifelnden Hohn als ernsthaftes Interesse herauszuhören. Er ging auf Helgers Zwischenbemerkung nicht ein.

»Ich habe Marga damals sehr nachdrücklich gewarnt. Dann schieden wir nach einem Gespräch, das kein seichtes Geplauder gewesen, – dann traf ich Marga hier wieder.« Seine Versuche, Marga zu retten, als die Maryland sich schon anschickte, für immer zu versinken, verschwieg er, – es hätte nach Selbstlob aussehen können, und Helger war doch offenbar willens, hier sehr scharf zu kritisieren. »Ich gebe zu, ich liebe das Mädchen, aber nie habe ich an diese Neigungen Hoffnungen geknüpft oder Wünsche damit verbunden! Heute, als Marga sich vom Hause entfernte, folgte ich ihr, um sie notfalls zu schützen. Die Folge bewies, daß dieser Schutz nötig war. Sie rief um Hilfe, und da sie fast unbekleidet war und ein übertriebenes Schamgefühl besitzt, wies sie meine Hilfe nur deshalb zurück. Aber sie wurde ohnmächtig und kam erst hier wieder zur Besinnung. Ihr Blick traf mich und sie schickte mich fort – aus Scham, sehr leicht verständlich bei einem Wesen, das so rein empfindet.«

Er schwieg Sekunden.

»Sie wollte mich nicht länger an ihrem Krankenbett dulden, und da beging ich einen Fehler, Helger. An meiner Person war nichts gelegen, aber ich glaubte, sie nicht Pei Feng allein überlassen zu können. Und da machte ich einen Fehler und gab mein trauriges Geheimnis preis, um ihr verständlich zu machen, daß ich, der verheiratete Mann, für sie doch nur ein neutrales Wesen sei und daß mir gegenüber Scham und ähnliche mädchenhafte Regungen unangebracht seien. Sie rief unter der bis zur Stirn emporgezogenen Decke hervor, sie wolle überhaupt niemanden mehr sehen, nur Pei Feng, da verließ ich das Gemach und sagte ihr zu, daß sie von niemandem von uns belästigt werden würde.

Es war ein Fehler, Helger, ich hätte ihr nie sagen sollen, daß ich als Verheirateter in ihr doch nur das hilfsbedürftige Wesen sähe. Sie mußte mich für einen Schwindler halten. Und daß dieser unaufrichtige Brack ihr Lebensretter und ihr einziger Helfer war, als sie sich in Schmerzen auf dem Boden wand, – das mag ihr Schamgefühl noch gesteigert haben. Ich weiß es nicht, – wer kennt sich in Frauen aus?!«

Schon vorhin war es hier im Wohngemach immer dunkler geworden. Die Vormittagssonne hatte sich versteckt. Wolken waren aufgezogen, schwer und schwarz, und Wetterleuchten lief über das verfinsterte Firmament hin.

Der erste Donner eines der gewaltigen tropischen Gewitter meldete sich nun.

Brack beendete seinen Versuch, Frieden zu stiften und alle Unklarheiten zu beseitigen, unter dem dumpfen Murren der Naturkräfte.

»Ich wiederhole, Helger: Margas Person steht außerhalb meiner Wünsche! Ich scheide hier, wo doch offenbar alle durch dieses Mädchen in einen Wettstreit hineingezogen werden, gänzlich aus. Bestimmen Sie fernerhin, was hier zu geschehen oder zu unterbleiben hat, nur erfüllen sie Margas Verlangen: Mag Pei Feng ihre weitere Pflege übernehmen, er versteht sich darauf und er hängt an der Kranken.«

Die Natur draußen höhnte all dieser Versuche und ließ als Nachhall der letzten Sätze Bracks einen Donnerschlag herniederprasseln, der alle Geräusche übertönte und dem ein Regenguß folgte, der nur die Einleitung zu Tagen und Nächten war, in denen dieses Rauschen und Klingen und Plätschern niemals aufhörte – genau so wenig wie die gelegentlichen neuen Gewitter und die orkanartigen Böen, die in die Felsenfeste der Tabu-Insel hineinfauchten.


15. Kapitel.

Stürme um Kap Marga.


Die grelle Lichtflut des Blitzes, dem augenblicklich der Donner folgte, beleuchtete für Sekunden die Gesichter der beiden Männer und bot ihnen Gelegenheit, ihre Mienen gegenseitig zu prüfen. Helger, zerfallen mit sich und aller Welt und mißtrauisch bis zur Ungerechtigkeit infolge seiner traurigen Erfahrungen, sah wohl das tiefernste und von einem Hauch der Schwermut überwölkte Antlitz Tim Bracks, doch es machte keinerlei Eindruck auf ihn.

»Schwätzer!« hatte er vorhin gedacht. Er hielt das ganze Gerede Bracks für ein sein ausgeklügeltes Rückzugsgefecht. Er verbiß sich in den Gedanken, daß Brack unter dem Zwang der ihm ungünstigen Umstände sein Geheimnis offenbart habe: Seine so sorgfältig verschwiegene Ehe. Über diesen Punkt kam Helger nicht hinweg. Der war ihm der wichtigste und belastendste. Er konnte sich nicht gut denken, daß Brack eine Heirat geschlossen haben sollte, die so verfehlt gewesen, wie Brack dies hinstellte, das paßte nicht zu Brack! Da waren seiner Ansicht nach zu viele Widersprüche in sich selbst.

Und dann Margas Benehmen nach Bracks angeblich aus Zartgefühl herausbeschworenem Geständnis, daß er als verheirateter Mann über dem Verdacht der Lüsternheit stände? War das eine Begründung für ein solches Geständnis und eine Erklärung für Margas noch verzweifeltere Abwehr der Gegenwart Bracks?!

Nein! Auch darin verbargen sich Widersprüche, die nur eine einzige Deutung finden konnten, und das war dieselbe, die von vornherein bei Helger als klarer Verdacht noch vor Beginn dieser Aussprache alle übrigen Gedankengänge beherrscht hatte.

Ein zweiter Blitz fuhr herab und übertönte fast Helgers harte Anklage.

»Brack, Sie haben mir hier ein Spiel mit Worten und mit angeblichen Gefühlen vorgetäuscht. Für einen Oberheizer waren die ganze Regie und das Drama selbst zu gekünstelt. Ich werde Ihnen nun ohne Künstelei erklären, wie ich die Dinge überschaue und bewerte! Sie lieben Marga, und Sie sind ihr nachgeschlichen, – man kennt ja hier zwischen den Inseln mit der farbigen Bevölkerung den Hunger der Weißen nach weißem Fleisch. Sie haben einfach ihre Beschützerrolle dazu ausgenutzt, zudringlich zu werden, als Sie mit der Schwerkranken allein waren und Marga sich nicht wehren konnte. Betrachtet man die Geschehnisse so, wie ich sie soeben andeutete, dann kommt man auf zwanglosere Art zu einer Deutung des jetzigen Benehmens Margas und auch zu einer ebenso vernünftigeren Begründung Ihrer sogenannten Beichte. Aus Furcht haben Sie hinterher sich als Ehemann aufgespielt, der nie arge Absichten gehabt hätte, aus Furcht, daß Marga mir mitteilen könnte, Sie seien zudringlich geworden unter dem Vorgehen, ihr zu helfen. Das wäre nicht der erste derartige Fall von Ritterlichkeit mit – unritterlicher Gier! Sagen Sie doch selbst, Mann, Sie finden Ihrerseits, wie Sie zugaben, keine passende Bezeichnung für Margas Seelenzustand in dem Augenblick, als sie Sie hinauswies! Natürlich kann ich Marga nicht fragen, was zwischen Ihnen und ihr vorgegangen ist. Natürlich bleibt also mein Verdacht nur Verdacht, denn so rüde bin ich nicht, das Mädchen auszuforschen und es dadurch nochmals an Minuten der Hilflosigkeit zu erinnern. Wie weit Sie sich vergessen haben, ist also nicht nachweisbar. Die Vorgänge tun wir am besten ab, indem wir darüber schweigen und uns aus dem Wege gehen! – Sagten Sie etwas?«

Abermals war ein Blitz niedergefahren, und ein Donnergrollen war gefolgt, das sich gar nicht beruhigen wollte. In dem Felsenkessel der Insel verfing sich der Lärm wie im Gebirge, und ein Echo löste das andere ab.

Tim Bracks Antwort hatte nur gelautet: »Nie ward ein Mann ärger verkannt als ich! Woher wußten Sie von meiner Ehe?«

Und diese letztere Frage wiederholte er nun, nachdem auch der Nachhall der Salven des Himmels verstummt war. Seine kurze Abwehr gegen Helgers unrichtige Schlußfolgerungen wiederholte er nicht. Ihm lag nichts daran, sich vor einem Manne zu verteidigen, der wenigstens zur Zeit besserer Einsicht kaum zugänglich sein dürfte.

Um sie her war es nun ganz dunkel. Die Unwetterwolke schwamm so tief, daß sie den Felsenkessel der Insel wie eine schwarze Glocke überdeckte. Und in diese drückende Finsternis hinein sprach er seine scharfe Frage mit aller Energie und Klarheit:

»Woher wußten Sie von meiner Ehe?!«

Helger wurde stutzig. Er wunderte sich, daß Brack nicht einmal den Versuch machte, sich zu verantworten. Jeder hätte das getan angesichts so schwerer Vorwürfe, die Bracks Ehre in Frage stellten und als Ganzes eine noch schwerere Beleidigung waren. Harry Helger hatte die Möglichkeit erwartet, die Dinge doch noch auf Grund der Einwände Bracks nachprüfen zu können.

Helger war keine Natur, die bewußt ungerecht sein wollte oder die durch allerlei Winkelzüge solche Ungerechtigkeiten vor sich selbst entschuldigt hätte. Nun sah er sich in eine mißliche Lage gedrängt. Was sollte er antworten?! Etwa verraten, daß Schneider spioniert hatte? Was blieb ihm aber anderes übrig als die Wahrheit zu gestehen?! Machte er Ausflüchte, so war seine Stellung gegenüber Brack noch peinlicher als durch dessen Verzicht aus Verteidigung. Helger beschlich ein Gefühl der Unsicherheit und der aufdämmernden Erkenntnis, hier zu weit gegangen zu sein.

»Schneider weiß von Ihrer Ehe«, erwiderte er schroffer, als es in seiner Absicht lag. Er erwartete eine Frage, sie erfolgte aber nicht. Brack drehte sich langsam um und schritt zur Tür, hob den Vorhang und sah eine Gestalt eilends davonhuschen. Hier im Flur war es noch dunkler. Der Mann war nicht zu erkennen, er flüchtete um die Biegung des Ganges, und Brack, der schnell hinterdreinstürmte, vermochte nicht festzustellen, wohin jener verschwunden. Das Haus mit seinen Mattenvorhängen statt der Türen war geräuschlos wie ein Grab, und der Lärm draußen, das Rauschen und Strömen des Regens, ward dem Horcher bester Schutz.

Helger hatte nichts gemerkt. Er hatte sich in einen der Sessel mit Lederpolsterung geworfen und den Kopf in die Hand gestützt. In ihm war nur ein großes unklares Unbehagen. –

Im Hotel Kap Marga herrschte drei Tage genau wie draußen Gewitterschwüle und die Stille des drohenden Unheils. Die Bewohner mieden einander. Stumm nahm man die Mahlzeiten ein, stumm suchte jeder sich zu beschäftigen und das Seine mit dazu beizutragen, daß die Arbeit gerecht verteilt würde. Niemand kommandierte, doch in schweigender Übereinkunft wandte man sich nur an Helger, damit nichts Unnötiges geschähe. Brack hatte damit angefangen. Selbst Consort fügte sich den allgemeinen Regeln.

Helgers und Schneiders Versuche, sich durch die Vermittlung Pei Fengs Zutritt zu Margas Gemach zu verschaffen, das nun eine feste Holztür nach ihrem Wunsche erhalten hatte, blieben ergebnislos. Marga lehnte jeden Besuch ab, auch am Morgen des dritten Tages, als der Orkan den Höhepunkt überschritten hatte und die Insassen des Kaoha-Ha'e es wagen durften, sich wieder im Freien zu ergehen.

Marga war auf dem Wege zur Genesung, saß im bequemen Stuhl am Fenster und grübelte andauernd vor sich hin. Pei Feng hatte es schwer mit ihr. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber allen Dingen war für ihn Quelle steter Sorge. Nur mit Brack sprach er darüber, aber Marga wußte dies nicht, der kleine Chinese erwähnte Brack nie, er war klüger als die Erwachsenen.

Noch größeren Kummer bereitete es ihm, daß sie selbst seine delikatesten Gerichte fast unberührt stehen ließ und nur gerade so viel aß wie ein Hühnchen, so drückte er sich gegenüber Brack aus. Daß Pei Feng dies auch den anderen verschwieg, war selbstverständlich, für ihn gab es nur zwei Menschen, die ein Recht hatten, über Marga genau informiert zu sein: Er selbst schied aus, – es blieben nur Brack und der Mann, der von Brack als Horcher beinahe erwischt worden wäre und der all die guten Dinge heimlich heranschleppte, die nur Margas Speisekarte zugute kamen und dann Brack und zu allerletzt dem eigenen Magen, falls etwas übrigblieb.

An diesem ersten sonnigen Vormittag nach drei bösen Sturmtagen schritt Brack am Außenstrande des Atolls entlang dem Wassertunnel zu, der das Innere der Tabu-Insel mit dem offenen Meere verband. Er war erstaunt, daß das Wasser in dem Festungsgraben und somit auch in der Lagune so stark gestiegen war, – es stand so hoch, daß alle Uferstellen, die noch nie von der Flut bespült worden, nun völlig verschwunden waren und daß lange Buchten, die früher nie vorhanden gewesen, sich weit in die Ringinsel hineinzogen. Er mußte deshalb große Umwege machen und fand das Inselbild vollkommen verändert, blieb häufiger stehen und suchte die Höhe der durch den Sturm hier aufgestauten Wassermenge ungefähr zu schätzen und kam dabei zu dem Ergebnis, daß sich abends im Kanal nach Eintritt der Ebbe eine ungeheuer starke Strömung nach der See hin bilden müßte.

Die Orkane, die in so kurzen Zwischenräumen über die Insel hinweggerast waren, hatten auch sonst viel Unheil angerichtet, hatten zahlreiche Palmen geknickt und einige davon quer über den Festungsgraben geworfen und bequeme Stege geschaffen, die man unschwer im Reitsitz passieren konnte.

Allerdings hatte auch der alte Barb diese Gefahr, daß die Gefangenen nun mit Hilfe dieser Naturplanken den Graben überklettern und auf die Steilküste gelangen könnten, bereits erkannt und war eifrig an der Arbeit, die Stämme zu entfernen.

So sah Brack ihn denn heute nach Tagen hier am Ufer wieder und rief ihm, ohne zu ahnen, daß der Speilzahn der Spender der feinen Konserven für Marga sei und daß derselbe Speilzahn ihn und Helger belauscht hatte, einen wenig höflichen Gruß zu.

Barabas saß in einem Kanu und hatte die Repetierbüchse neben sich liegen. Er zersägte gerade einen Palmenstamm und schaute nun mit schlauem Grinsen zu Brack hinüber.

»Brack«, rief er zurück, »machen Sie mir keine Vorwürfe wegen meiner und Evys Hartherzigkeit. Wir hätten uns noch mehr um Marga gekümmert, aber wir hatten selbst einen Patienten und der war sehr krank. Er hatte sich den Magen verdorben und . . .«

Der Oberheizer war nicht in der Stimmung, auf derartige Scherze – er hielt es für Scherze – einzugehen. Er fuhr dem Alten ziemlich unwirsch die Parade.

»Der zahme Ziegenbock Harry war wohl unpäßlich? Helger erzählte Pei Feng von diesem Wundertier mit dem Seidenband um den Hals. Oder sollte der Mister, der euch hier Gesellschaft leistet, zum Entsetzen Evys zu viel von jenem Zeug getrunken haben, das ihr Helger in den Palmwein tatet, damit er sich wegschaffen ließe?«

Barabas Barbs Speil- und Giftzahn war bis jetzt friedfertig nach innen geklappt gewesen, nun schnellte der gelb-weiße Hauer kampflustig nach vorn.

»Wer bei uns krank war, werden Sie später hören. Sie haben doch wahrlich die allergeringste Veranlassung, sich hier als Sittenrichter aufzupusten! Wer seine Ehe verschweigt und Hoffnungen erweckt, die nicht in Erfüllung . . .« Mitten im Satz aber brach er ab und griff wieder zur Säge.

Brack hatte die Lippen zusammengepreßt und überlegte, woher der Alte hiervon Kenntnis haben mochte. Verärgert und noch verstimmter wandte er sich ab und betrat den Buschstreifen, zu Bert Schneiders ausgesprochenem Pech, denn der Reporter, der von ungefähr hier an dieselbe Uferstelle geraten war, hatte so ein wenig gehorcht und sah sich jetzt ausgerechnet dem Manne gegenüber, dem er stets in größtem Bogen ausgewichen war.

Brack packte ihn sofort am Kragen. Endlich fand er einmal Gelegenheit, diesem Freunde Margas unter vier Augen seine Meinung zu sagen.

»Nur eine Frage, Sie junger Schleicher! Haben Sie damals, als ich meine Papiere trocknete, die Wische gelesen?!«

Er hatte sich inzwischen längst zusammengereimt, wer allein hinter sein Geheimnis gekommen sein könnte.

»Ich bereue es bitter, daß ich so indiskret war und . . .« – weiter kam Schneider nicht.

Brack schleifte ihn wie ein Bündel zum nahen Ufer des Grabens und warf ihn hinein. Zwar tummelten sich einige Haie in der Nähe des Kanus, aber Brack wollte dem lästigen Spion, der so viel Unheil angerichtet hatte, eine gründliche Lehre erteilen. Gefahr für Schneider war kaum dabei, denn der alte Barb konnte jeden Hai noch rechtzeitig abschießen, und das tat er auch. Daß Schneider vor Angst wie am Spieße kreischte und auch hinterher gegen Brack die wüstesten Drohungen ausstieß, war verständlich.

Diese Szene sollte die Einleitung der weiteren Ereignisse werden.

Bert Schneider rannte zum Kaoha-Ha'e und traf hier Consort auf der Terrasse, – pudelnaß stand er vor dem jungen Reeder und erzählte ihm von dem »Mordversuch«, den Brack soeben an ihm unternommen hatte.

Solwy Consort hörte still zu. Sein Verhältnis zu den sonstigen Bewohnern des Hotels hatte sich insofern wesentlich gebessert, als er aus Schlauheit bisher den anpassungsfähigen Schicksalsgefährten gemimt hatte.

Auch er war bereits am Strande gewesen, wie immer am Nordstrande. Besonderes zog ihn dorthin, besondere Pläne reiften in seinem Hirn immer mehr aus.

Schneiders Wut gegen Brack kam ihm sehr erwünscht, denn er brauchte für sein Vorhaben unbedingt einen zuverlässigen Helfer, allein wollte er nichts wagen. So winkte er den Reporter neben sich, begann zu flüstern und lachte nur überlegen, als Bert zweifelnd einwarf, daß der Speilzahn bereits dabei sei, die entwurzelten Palmen, zu zersägen und zu beseitigen.

Er erkannte bald, daß Consorts Pläne trotzdem durchführbar seien. Er reichte Consort die Hand, das Bündnis war geschlossen.

»Also abends nach Dunkelwerden!« flüsterte er. Er flüsterte sehr leise, denn Helger nahte, der mehrere Fische im Netz und die Angelruten in der Hand trug.

Helger nickte den beiden nur zu und begab sich zu Pei Feng in die Küche, lieferte seine Beute ab und fragte so nebenher nach Margas Ergehen.

»Oh, sein etwas besser«, log der Boy wie immer. Daß Marga heute mittag, wenn die Männer des Hotels sich wie stets während der größten Tageshitze niederlegten, ihren ersten Spaziergang unternehmen würde, behielt er wie so vieles andere für sich.

Derweil war auch Brack zurückgekehrt und hatte sich in das gemeinsame Wohngemach begeben. Er hatte eine Weile draußen vor Margas Fenstern im Garten hinter den Büschen gestanden und, durch die Begegnung mit Schneider an die völlige Entfremdung zwischen Marga und ihm nur zu sehr erinnert, insgeheim gehofft, daß er es irgendwie erreichen könnte, das Mädchen einmal ohne Zeugen zu sprechen. Pei Feng hatte ihm ja erzählt, daß Marga das Bett schon gestern verlassen hatte.

Leider war sein längerer Aufenthalt im Garten nicht unbemerkt geblieben. Marga hatte er nicht zu Gesicht bekommen, aber Helger hatte ihn vorhin bei der Rückkehr vom Angeln erspäht.

Er trat ein und näherte sich Brack, der in alten, hier vorgefundenen Zeitungen blätterte. Helgers Miene kündigte bereits den bevorstehenden Zusammenstoß an. Er hatte inzwischen längst vergessen, daß er damals bei der unangenehmen Aussprache mit Brack schließlich nur von dem peinlichen Gefühl beherrscht worden war, er könnte ihm doch irgendwie Unrecht getan haben. Mittlerweile hatte sich verschiedenes zugetragen, was Helger seine verspätete Einsicht wieder ausschalten ließ. Er wollte hier nun mit all diesen Dingen reinen Tisch machen.

»Brack, ein paar Fragen! Zunächst: Woher erhält Pei Feng all die Konserven für Marga?«

Tim Brack erwiderte ablehnend: »Das geht nur Pei Feng etwas an. Fragen Sie den, wenn Sie neugierig sind!«

Dieser windstille und überheiße Vormittag trug nur dazu bei, die leicht erregbaren Gemüter schnell zu erhitzen.

»So?!« meinte Helger sehr gedehnt, »das geht Sie nichts an? Stehen Sie etwa mit unseren Gefangenenwächtern in Verbindung, mit dieser Evy und dem Alten?! Das wäre kein Wunder!«

Brack ahnte das heraufziehende Unwetter und wollte nochmals einlenken.

»Brechen Sie doch keinen Zank vom Zaun, Helger! Daß ausgerechnet auch wir beide, die wir doch hier die einzigen sind, die diese verfahrene Karre wieder . . .«

»Durch Sie verfahren – festgefahren!!« schnitt Helger ihm das Wort ab. »Was schleichen Sie da dauernd unter Margas Fenstern umher? Vorhin spielten Sie ja abermals Troubadour und himmelten die Kranke an! Brack, Sie sind ein übler Wicht, das sehe ich immer mehr ein. Sie sollten . . .«

Brack war emporgeflogen und stand mit geballten Fäusten vor Helger, der ein wenig zurückgewichen war. Auch mit Tim Brack ging nun das Temperament durch.

»Unterstehen Sie sich dergleichen noch ein einziges Mal, und ich beweise Ihnen, daß meine Muskeln denn doch weit stählerner sind als Ihre!«

Er hatte sich keine Mühe gegeben, seine Stimme zu dämpfen. Die Fenster standen offen, und man blickte von hier auf den Weg, der von der Gartenpforte zum Hause führte. Helger stand mit dem Gesicht nach den Fenstern hin. Seine braunen und vor Grimm geröteten Wangen entfärbten sich plötzlich und liefen unheimlich grau an, seine Blicke waren stier nach draußen gerichtet – so stier, daß auch Brack hinausschaute.

Zwei Schritt vor den Fenstern war Evy aufgetaucht, wie immer im Sportanzug mit Basthut und Schnallgamaschen und ohne jede Waffe.

Aber doch auch Evy, die Herrin der Tabu-Insel, das bewiesen ihr strenges Antlitz und ihr scharfer Zuruf an die beiden Männer:

Mein Besuch sollte eigentlich Marga gelten, ich scheine hier aber gerade zur rechten Zeit gekommen zu sein. Warten Sie, – ich werde Sie beide etwas abkühlen!«

Sie schwang sich durch das eine Fenster hinein und tat dies mit solcher Gewandtheit, daß die Geschmeidigkeit ihres schlanken und wundervoll ebenmäßigen Körpers hierbei zu bester Geltung kamen.

Helger hatte sich auf die Lippen gebissen. Er spürte die rasenden Schläge seines Herzens. Wie jung Evy doch geblieben – wie herrlich jung!! Und schöner denn je und auch reifer dem Gesichtsausdruck nach!!! In ihren grauen Augen lag ein nachdenklicher Ernst und um den Mund prägte sich ein schwer zu deutender Zug von Würde und Zielbewußtsein aus.

Doch diese Gedanken, die ihn nur wieder zum Sklaven der Vergangenheit zu machen drohten, wies er ebenso schnell von sich. Er tat es mit einer innerlichen Schroffheit, die sich auf seinem Gesicht widerspiegeln mußte. Seine Falten und Hautwülste vertieften sich. Ein Gedanke lohte in ihm auf wie ein Fanal in der Finsternis der Stürme um Kap Marga, dieser seelischen Stürme, von denen ein ganzer Kreis von Menschen in Mitleidenschaft gezogen wurde, – Menschen, die wirklich nur Menschen mit allen Fehlern und Schwächen waren und mit all den guten Eigenschaften, die den Kraft- und Vollnaturen gleichfalls beschert werden.

Menschen, wie sie überall vorkommen, – Spielbälle der Umstände und der Triebe und dieser Sonnenglut der Tropen am Äquator, – widerspruchsvoll in vielem, trotzdem in all ihren Versehen immer nur wieder sie selbst . . . Keine Heroen gleich Romanhelden, – – Menschen, nur Menschen, umwittert von der großen Tragik des Schicksalgewollten!

Fanal in Helgers Hirn, – Fanal der Freiheit!! So grell brennend, daß es alles blendete und die kühle Überlegung in den Schatten drängte.

Seine starken Brauen zogen sich tiefer, und die Augen wurden klein und kalt und hart. Nur die Stimme blieb vollkommen ruhig.

»Wo haben Sie denn Ihren unvermeidlichen Barb, Evy?!«

Evy schaute nur Brack an. Sie konnte den Blick des anderen heute nicht ertragen, – heute nicht nach den Tagen und Nächten der Angst an einem Krankenlager. In diesen Nächten hatte sie wiederholt mit dem Entschluß gerungen – und welch bitteres Ringen war's gewesen! – den Mann herbeizurufen, der vor Gott verpflichtet war, dieses Leid mit ihr zusammen durchzukämpfen.

Sie sagte nur geistesabwesend, – in Gedanken an diese Stunden der verzehrenden Furcht: »Barb hat andere Pflichten, ich brauche keinen Schutz.«

Helgers Blick schweifte wieder durch das Fenster in den Garten. Er suchte jemand. Aber das war ja Torheit, Evy würde doch nicht den Dritten aus ihrer Grottenwohnung mitbringen, den niemand sehen sollte!

Er zögerte nicht länger. Er rief Brack zu: »Nutzen wir diese Gelegenheit! Wenn Sie nicht einverstanden sind, beweisen Sie nur, daß ich vorhin recht hatte, als ich zwischen Ihnen und Evys Anhang eine stillschweigende Übereinkunft annahm!« –

»Evy«, wandte er sich dem Mädchen zu, das ohne Bangen dem Kommenden entgegenschaute, »Evy, Sie sind meine Gefangene. Mit Ihrem Regiment hier ist es aus. Ich möchte einmal feststellen, weshalb Sie den Dritten dort in Ihrem Heim an der Steilküste so sorgsam verbergen, und wer der Mann eigentlich ist, mit dem Sie hier hausen.«

Ihm schwebten anfänglich schärfere Ausdrücke für das soeben Gesagte auf der Zunge, aber da war irgend etwas in ihm, was sich dagegen sträubte, in einen Ton zu verfallen, der ihm nie eigen gewesen, mochte sein Herz sich auch noch so zusammenkrampfen vor Enttäuschungen und Verachtung!

Tim Brack wollte sich einmischen, aber er unterließ es. Er wußte längst als guter Beobachter auf Grund seiner eigenen traurigen Erfahrungen in Dingen, die ein Männerdasein zerbrechen können, daß Helger und Evy einst ein Band umschlungen haben mußte, das fester war als nur das einer vielleicht flüchtigen Neigung. Er blieb stumm und verhielt sich abwartend, denn er hoffte, daß vielleicht auf diese Art eine Klärung der unseligen Zustände hier auf der Insel der Oro-Königin herbeigeführt werden könnte.

Helger war dicht an Evy herangetreten und hatte ihren Arm umspannt, obwohl sie keinerlei Miene machte, sich zur Wehr zu setzen.

Sie zuckte leicht zusammen und wurde sehr rot. Sie empfand diese Berührung, die erste seit einem Jahr, wie eine Zärtlichkeit. Es war ja ein körperlicher Kontakt zwischen ihnen, mochte der Anlaß auch anders geartet sein: Es blieb ein Kontakt!

Sie blickte Helger ruhig und ohne Spur von Erbitterung an, und da ihre Gedanken nun notwendig nach Osten schweiften, wo ihr heimliches Glück wieder genesen und außer Gefahr war, umspielte ein versonnenes Lächeln ihren Mund, und war ein milder Glanz wie von ferner Morgenröte.

Helger ließ seine Hand schnell wieder sinken. Sein Kopf drehte sich noch hastiger zur Seite. Er vertrug dieses sanfte Lächeln nicht und erst recht nicht diesen Augenausdruck. Er hatte ein wildes Aufbegehren von Evy erwartet, – genau wie er einst auf eine Rechtfertigung Bracks gerechnet hatte. Das fiel ihm ein und machte ihn unsicher. Er lauschte in sein Herz hinein und vernahm nur eine Stimme, die seiner höhnte, und diese Stimme war die seines wahren Selbst.

Die Stimme raunte und triumphierte: »Du hast ja nichts vergessen, was einmal gewesen!! Belüge dich doch nicht selbst!!«

Und dann kam wieder der jähe Umschwung, und das Bild der Gegenwart schob sich allmächtig in den Vordergrund.

Er biß sich fast die Lippen blutig über dem Groll gegen seine Schlaffheit.

»Kommen Sie mit«, stieß er heiser hervor und winkte Evy. Sie folgte gehorsam und – hoffte dasselbe wie der zurückbleibende Brack . . . –

Das Kaoha-Ha'e lag wie alle Bauten der Marquesaner auf einem anderthalb Meter hohen Pfahlwerk – der Ameisen wegen. Die Luft kann also auch unter den Häusern ungehindert hindurchstreichen. Hier an dem Gebäude gab es freilich unter der Küche einen Keller, der durch Korallenblöcke hergestellt war und sich auch in den Korallenboden hinabzog. Er hatte zwei Räume und Holztüren, die durch dicke Matten von innen noch verstärkt waren, um die Hitze fernzuhalten.

Helger schloß Evy schweigend in den einen leeren Raum ein und holte dann die notwendigsten Möbelstücke herbei, wobei ihm die übereifrigen Herren Consort und Schneider halfen. Er tat das alles mit einem klaren Gefühl inneren Widerstrebens und war froh, als er das Vorlegeschloß vor die Tür befestigt hatte und die Gefangene in Sicherheit wußte. –

Brack hatte sich wieder vom Hause entfernen wollen und gedachte erneut in die Einsamkeit zu flüchten. Daß Consort und Schneider als Gehilfen Helgers sich bei alledem betätigt hatten, war ihm widerwärtig, er hatte um Consorts süßlichen Mund ein überraschtes und ungläubiges, dann ein sehr vieldeutiges Lächeln spielen sehen, und seine Hoffnung, es könnte nun das Schicksal eingreifen und die Dinge zum besseren wandeln, schrumpfte wieder in nichts zusammen. Er sehnte sich plötzlich nach der Ruhe früherer Tage, wo noch keine Marga seinen Weg gekreuzt und er so wundervoll gleichgültig dahingelebt hatte . . . – wundervoll, weil sein Seelenfrieden durch kein trügerisches und zweckloses Hadern mit den unerbittlichen Tatsachen gestört worden war.

Pei Feng hastete hinter ihm her und erreichte ihn an der Gartenpforte. Der Boy war klüger als all die Männer hier, hatte ein vertrauliches und doch ergebenes Grinsen um die dünnen Lippen.

»Nach Mittagessen Oststrand der Lagune«, zischelte er. »Alles gut werden. Pei Feng haben klugen Kopf. Ich zweiten Schlüssel von Vorhängeschloß haben. Helger sein großer . . .« aber er verstummte und eilte pfiffig kichernd von dannen.

Brack blieb stehen. Eine Unterredung mit Marga?! Er hatte ein sehr bitteres Faltennetz um die Augen. Er sah alt aus. Aber eins sollte Marga nicht: ihn verachten! Mehr konnte ihm auch diese Aussprache nicht bringen als den einen Gewinn. Nein, – verachten würde sie ihn nicht mehr. Ihr würde er die Geschichte seiner Ehe anvertrauen . . . nur ihr!


16. Kapitel.

Der Fliegende Holländer von Maloha.


Nach Evys und Barabas' Verschwinden von Maloha hatte der »Herr« wochenlang die Dinge treiben lassen und war stumpf und bedrückt und sonderbar weich gegen alle und alles.

Und wieder Wochen später, als sein Haar in kurzem weiß geworden und er selbst nur ein Schatten von einst, war die Unrast über ihn gekommen. Die Händler und Kolonialbeamten belächelten ihn insgeheim: Tropenkoller besonderer Art! – so flüsterten sie. Niemand wußte, wen und was Benno Harrard suchte. Seine Tochter und den alten Barb vermutete man drüben auf dem Festland in Harrards alter Heimat. Der Herr hatte diese Lesart selbst in die Welt gesetzt und hielt daran fest, obwohl kein Brief von Evy eintraf!

»Tropenkoller!« tuschelte man. Sehr bald hieß Benno Harrard nur noch der Fliegende Holländer. Mit einiger Berechtigung. Mit seiner eleganten und schnellen Motorjacht war er dauernd unterwegs, tauchte an den unmöglichsten entlegensten Inselchen auf und forschte mit vorsichtigen Worten nach irgend etwas. Wonach?! – Man kam nicht dahinter. Harrard verstand seine Ziele in Dunkel zu hüllen.

Seine Jacht wurde das Gespenst der Südsee. Begegnete die weiße Jacht anderen Schiffen, so machte sie einen weiten Bogen und verschwand blitzschnell. Auf der Brücke aber schritt ruhelos der Herr von Maloha auf und ab, hielt das Fernglas unter dem Arm geklemmt und lief jedes Riff an und suchte – suchte –

Selten genug waren die Tage, da er wieder einmal auf Maloha sich zeigte. Weilte er dort, so war er noch stiller und noch nachsichtiger gegen jeden. Er, der einst seine Plantagen unter eiserner Zucht gehalten, kümmerte sich um nichts mehr. Er hatte drei deutschen Familien, die durch den Friedensschluß und den Verlust der Kolonien aus ihrer erarbeiteten neuen Heimat vertrieben und lange unstet geblieben, bei sich Unterkunft gewährt. Es waren ja Deutsche, und er liebte seine Frau und sein Kind noch immer mit jener unbegreiflichen Zärtlichkeit, die zu seiner sonst so brutalen Natur wenig gepaßt hatte, – er liebte diese beiden Toten mehr denn je, denn auch Evy zählte er zu den Verblichenen. Und gab sein Umhergeistern auf See doch nicht auf.

Heute war er wieder einmal daheim in seinem Hause auf Maloha, und der neue Oberaufseher, einer der Deutschen, stand abends vor ihm, – ein Mann mit verwittertem Gesicht und von unbestechlicher Ehrlichkeit und Offenheit.

»Tut mir leid, Mister Harrard, wir kündigen und fahren am Ersten ab«, sagte der Deutsche festen Tones. »Wir machen das hier nicht mehr mit.«

Das . . . Das . . .!!

Harrard stierte über die nahe See hinweg.

Das . . . das . . .!! – Das hatte auch seine Frau unter die Erde gebracht und sein Kind ebenfalls – vielleicht . . .

»Es ist gut, Sommer«, nickte er nur. Der Mann hieß Sommer und sah wie ein entblätterter herbstlicher Baum aus, – hatte eigene Plantagen gehabt, alles verloren, und wurde nun abermals heimatlos.

Sommer blieb noch und quälte mahnend hervor: »Mister Harrard, – die Geschichte nimmt ein böses Ende. Ich warne Sie!«

Der Herr streichelte geistesabwesend seinen weißen Spitzbart und blickte zu Sommer auf. »Morgen wird alles entlassen, was nicht freiwillig bleibt. Die Löhne werden verdreifacht, bestellen Sie das allen. Jeder erhält nachgezahlt, was ihm hiernach zusteht.«

Die müde Stimme des Herrn schmerzte den Deutschen.

»Ich verstehe Sie nicht, Mister Harrard! Immerhin, – vielleicht ist es noch nicht zu spät.« Er ging.

Aus den Hütten der Kanaken, die heimlich die Palmen anzapften und sich Schnaps brauten, erschollen die wilden Lieder jener Vergangenheit, als diese Inseln noch keinen Weißen gesehen hatten. Im Scheine der Feuer tanzten die braunen Burschen den früheren Tanz des Kampfes, und die Trommeln, die sie sich hergestellt hatten, wirbelten den Blutrausch in ihre trunkenen Köpfe.

Der Deutsche seufzte, schritt den Baracken zu und rief die Landsleute zusammen. Sie saßen beieinander, Männer, Jünglinge, Frauen, Mädchen und Kinder, denn die drei Familien zählten insgesamt fünfzehn Köpfe und waren untereinander durch Heiraten verwandt. Sommer sprach sehr ernst, er kannte noch jene Zeiten, wo die Kanaken urplötzlich ihre lästigen weißen Herren durch furchtbare Schlächtereien beseitigt hatten. Er kannte alles, was an Sitten und Gebräuchen in Polynesien nunmehr zwar durch die Beamten der Kolonialregierungen verboten worden und im Übertretungsfalle streng geahndet wurde, – er wußte jedoch auch von den gewissen anderen Dingen, die schweigend geduldet wurden und Europa nicht zum Ruhme gereichten. Er hatte ganze Plantagen in Flammen aufgehen sehen und hatte hier Verhältnisse vorgefunden, die eines Tages zur Katastrophe führen mußten.

Die Deutschen hörten die immer lauteren Trommelwirbel und beschlossen, den Herrn zu warnen und auf der Jacht Zuflucht zu suchen.

Es war zu spät zu alledem. Der brüllende Haufe wälzte sich dem weißen Hause zu, die ersten Schüsse knallten, Flammen loderten, die Vorratshäuser brannten, und die Deutschen flüchteten mit ihrer wertvollsten Habe zur Bucht und gelangten auch glücklich auf die Jacht. Was sie hier an Deck vorfanden, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen.

Der Aufstand der Kanaken war bis ins kleinste vorbereitet gewesen, die Tänze und Gesänge hatten nur die Aufmerksamkeit von den Vorgängen am Hafen ablenken sollen. Hier auf der Jacht waren die Weißen in aller Stille abgeschlachtet worden – der Kapitän, der Steuermann, der Maschinist, dazu einige Farbige, die nicht sofort mit den Aufrührern gemeinsame Sache gemacht hatten. Hier hatten die Weiber und Mädchen der Arbeiter längst ihre Kleider vom Leibe gerissen und nur die heimlich angefertigten Lendenschurze aus Palmschnüren angelegt. Was die Zivilisation ihnen in vierzig Jahren aufgezwungen, war in einer Nacht vergessen, die Wilden waren wieder zu Wilden geworden, und ihre ererbten Urinstinkte brachen mit jener orkanischen Macht hervor, die aus bescheidenen Wesen wieder Teufel werden läßt – für die Anschauungen der Europäer, die nicht begreifen lernen, daß das blutmäßige Erbteil sich nicht durch Missionstätigkeit und nicht durch papierne Gesetze austilgen läßt.

Was von all dem Eingedrillten und nie mit dem Gefühl Erfaßten bei diesen ewigen Naturmenschen übriggeblieben, war nur der Haß gegen das Fremde und die Verachtung der Gebräuche der »zweibeinigen Fische« – so werden die »Langschweine« in einigen Gegenden der Archipele genannt – war nur der Trieb, diesen Sklavenhaltern zu beweisen, wie wenig man sich an ihre Befehle hielt aus Haß heraus: Weiber und Mädchen der Kanaken stolzierten auf dem erleuchteten Deck umher und sangen im Falsett, wie es üblich einst, die brünstigen Lieder, die sogar den ältesten Jan Maat erröten lassen und die diesen Wilden nie obszön erscheinen, weil eben der Begriff des Unreinen ihnen fehlte, damals, der Begriff tauchte erst mit der Zivilisation auf und machte aus arglosen Naturkindern elende Heuchler.

Was sagt doch Stevenson, der jahrelang die Inseln besuchte, über diese Weiber und deren »Ridi«, deren dünnen, durchsichtigen Schurz?! Er war Engländer, und er schrieb mit bemerkenswerter Ehrlichkeit: »Wenn eine zierliche Kanakin am vorteilhaftesten aussehen soll, muß sie das Ridi tragen. Mit ihm allein und sonst nur nackt, bewegt sie sich in der unvergleichlichen Ungezwungenheit, Grazie und Lebendigkeit, die die Dichtung rühmt. Steckt man sie in ein langes Gewand, so flieht der Charme, und sie rudert einher wie eine Engländerin.«

Und was erklärt derselbe unverdächtige Gewährsmann über den einen der wenigen eingeborenen Könige, die damals noch ihre Freiheit sich bewahrt hatten? Dieser König, ein wahrhaft königlicher Großkaufmann und ein schlauer Politiker, betonte bei jeder Gelegenheit, er sei ein Wilder geblieben, und darin liege seine Stärke . . .! –

Hätten die drei deutschen Familien nun je den Kanaken Anlaß zu Klagen geboten, wären auch sie hier niedergemetzelt worden. Aber sie hatten die Leute nie als zweibeiniges Vieh behandelt.

Den Deutschen tat man nichts. Auch bei anderen Aufständen sind sie geschont worden. Die Kanaken wiesen ihnen sogar die Prachtkajüten an und warteten nur auf das Eintreffen dessen, der hier auf Maloha den Tyrann gespielt und allen Widerspruch schon in der Kehle erstickt hatte.

Bespien, zerschunden und von den Weibern noch ärger gedemütigt, erschien der gefesselte Benno Harrard an Bord – nur deshalb vorläufig am Leben gelassen, damit er dort als Langschwein seiner Strafe verfiele, wo die trunkene Menge nun Zuflucht suchen wollte vor der Vergeltung durch die Kriegsschiffe der Weißen, deren Kanonen ganze Inseln zusammengeschossen hatten, und das wußten sie!

Das wußten sie von Vätern und Urvätern, die noch die Zeiten kannten, wo die Kapitäne der Handelsschoner ihre Böller mit Eisenstücken und Kettengliedern gefüllt hatten und dann dicht an den Gestaden der Menschenfresserinseln vorüberfuhren und auf die Dörfer der Atolle das Feuer eröffneten.

So hatte es in der Südsee ausgesehen, in diesem Paradies der Lügner der Feder, die mit Redensarten nur immer das Schöne dieser Eilande preisen und die Wahrheit bis ins Groteske verzerren.

Wilde hausten dort, aber ihr Barbarentum war ererbt und ihnen war es nichts Unheiliges. Es waren schließlich nur Freiheitskämpfer gegen eine Übermacht, die mit allen Mitteln Europas auch hier zusammenraffen wollte, was diesen Wilden gehörte. Als Minderheit drang diese Übermacht mit Pulver und Blei und Granaten und Raffgier in die Archipele ein und vergewaltigte eine unendliche Mehrheit und nahm der Natur und ihren Kindern alles, und das »Alles« war eben die Unbefangenheit ihres Barbarentums! –

So stach denn die Jacht in See und ließ hinter sich Brände und Tote und Zerstörung und – die kommende Vergeltung!


* * *


Im Kaoha-Ha'e herrschte die Ruhe der brütenden Mittagshitze. In dem Felskessel dieser Insel mit dem Doppelgesicht der niederen und der hohen Eilande kräuselte kein Luftzug die Lagune oder den Festungsgraben, die Palmen standen nach den Tagen der Orkane wie zerzauste Strauchbesen, und die Tiere waren nun hervorgekommen aus ihren Schlupfwinkeln und erfüllten den Korallenring der Tabu-Insel mit ihren gewohnten Lauten.

Marga schritt, von Pei Feng gestützt, langsam dem Strande zu. Ihre Knie zitterten noch, ihre Züge waren schmal und ihr Arm nach dem Stich des Giftfisches noch wie gelähmt.

Dann blieb sie allein und saß im Schatten der Büsche und im Duft der Akazien mit offenen Augen träumend da und verfolgte gedankenlos die gemächlichen Dreieckflossen der Haie und die Enten und schwarzen Kraniche im Röhricht.

Es gab hier Röhricht. Auch das nur durch die Vermischung der Besonderheiten zweier ganz unähnlicher Inselcharaktere . . . Das blaue, glitzernde Wasser der Lagune hatte die Nester der Wasservögel verschluckt, und noch immer stieg der Wasserspiegel und würde sich erst nach Eintritt der Ebbe senken. Die Vögel bauten neue Nester und waren klüger geworden: Noch nie hatten Sturm und Flut diese Höhe erreicht, – jetzt würde das Völkchen der geflügelten Bewohner sich danach richten.

Marga, durch den Gang erschöpft, fühlte sich allmählich frischer und ihr Denken ging bewußte Wege. Sie war bedrückt und innerlich schwankend wie eine Sucherin der Wahrheit. Ihr Herz hatte in diesen Tagen und Nächten, wo der Orkan heulend um das Haus gefahren war, längst entschieden, – nicht ihr Verstand. Den mußte sie ausschalten. Und daher ihr Schwanken und ihre Trauer über das, was das Geschick ihr aufgebürdet hatte: Verzichten!!

Genau wie ihm! Tim Brack hatte sich schwer getäuscht über die Ursachen und Gründe des merkwürdigen Benehmens des Mädchens, das ihm die Last seiner Ehe verzehnfacht hatte. Er ahnte es nicht. Wie sollte er?

Wie damals vor vier Tagen stand er nun im Schutz der Sträucher und beobachtete die eine, die für ihn alles war: Schicksal! Herbes Schicksal!! Nur daß er jetzt sein Herz ihr öffnen wollte und sich dann zurückfinden zu jenem überlegenen Schmunzeln von einst, als er Marga auf der Brücke der Selbstmörder gegenübergestanden hatte. Damals hatte er noch schmunzeln können und weise Ratschläge erteilen und hatte seine Falten und Fältchen im matt-braunen Tropengesicht teilnehmen lassen an dieser innerlichen Ausgeglichenheit. Heute war diese Möglichkeit ausgeschaltet. Sein Schmunzeln derer, die sich durchgekämpft haben zu der Abgeklärtheit der ganz Weisen, hatte vor der Liebe kapituliert.

Liebe ging auf der Insel der Liebe um – genau wie Haß und Gier und Mißverstehen und Entfremdung und das ungeklärte Durcheinander der aufgepeitschten Empfindungen, die nicht mehr zu analysieren waren, weil die Grundelemente auch nur Trug und Irrtum waren.

Vielleicht hätte er sich auch jetzt aus seinem Versteck nicht hervorgewagt, wenn er nicht ihre Tränen gesehen hätte. Er glaubt zwar nicht, daß er selbst die Ursache dieser tiefen Niedergeschlagenheit sein könnte, er sah sie unglücklich und verzagt, und das genügte ihm.

Marga schaute auf und erschrak nicht einmal bei seinem unerwarteten Anblick. Sie hatte mit jenem allerfeinsten Vorgefühl, das bei Frauen, die der Liebe Leid erfahren haben, beinahe einer Gabe des Hellsehens gleicht, wohl vermutet, daß Pei Feng mit diesem Spaziergang Besonderes plane, und was sollte es für sie Besonderes geben, das nicht mit Brack zusammenhinge?!

Er stand vor ihr, und plötzlich – er wußte selbst nicht, woher es ihn anflog – plötzlich hatte er das Verlorene wiedergefunden.

Er lächelte, – sein Lächeln, und das war wie Medizin für ihn und andere, das bestach, das nahm sofort für den Mann ein. Es lag so unendlich viel Liebes und Gutes darin, unendlich viel Nachsicht und eine große weiche Wehmut, die ohne alle Bitterkeit war.

Marga war es, als ob Wochen versänken und als ob sie wieder auf der Brücke in Sidney stände und ihn sprechen hörte: »Elfmal greift man nur Staub oder eine Spielmarke statt des erhofften Goldes, beim zwölften Male greift man vielleicht doch das erhoffte Glück oder den ersehnten Erfolg!«

So etwa hatte er gesprochen. Und was war geworden?! Das Glück kam nach vielen Irrungen und nach vielen eigenen Wirrungen, und war doch nur ein Verzichten auf den mühsamen Fund.

Marga spürte nun auch den tiefen Sinn seines Lächelns, dieses überlegenen weltweisen Schmunzelns. Es galt ihm selbst und sollte ihm die innere Sicherheit geben, – es galt seinem Siege über sich selbst und über die Irrwege des Schicksals. Nur so konnte es auch geschehen, daß sie seine Frage, ob er neben ihr Platz nehmen dürfe, ohne jede Scheu bejahte und eine Ausgeglichenheit fühlte, die sie reif machte für das, was nun folgen würde. Auf ihrem Krankenlager war ihr die Einsicht gekommen. Auf die Minuten der Empörung, auf ihre schroffen Worte, mit denen sie ihn hinausgewiesen hatte, war die ruhigere und immer gerechtere Würdigung gefolgt, und aus alledem endlich die klare Überzeugung, daß das, was ihr nie nur eine flüchtige Episode gewesen, nunmehr sich erfüllt hatte. Sie hatte zugegriffen! Daß sie weder Staub noch eine Spielmarke noch auch das echte Gold aufhob, war weder ihre noch seine Schuld! Es war Schicksal!

Ohne Einleitung begann er mit seiner Beichte. Seine Worte klangen leise und doch nicht scheu oder zögernd, das, was er zu sagen hatte, war ihm längst tiefinnerste Gewißheit geworden . . .

»Ich war immer ein Mensch, der Wärme brauchte. Vielleicht sind solche Naturen, wenn diese Sehnsucht wahrhaft aus der Seele und nicht nur aus dem Born der Liebe und Triebe aufsteigt, am vorsichtigsten im Wählen. Ich wählte lange und vorsichtig, aber – die falsche!«

Satz auf Satz folgte. Schlicht und erfüllt von dem Wunsche, von ihr verstanden zu werden.

Er blickte dabei ins Weite, empor zum heute so lichtblauen Himmel. Er spann sich ein in die Fülle des Einst mit seinen herben Enttäuschungen und mit seinen zuerst so wagemutigen Hoffnungen.

Er hörte nicht das lautlose Schluchzen des Mädchens und sah nicht ihre Tränen, er verteidigte sogar noch die, der er seinen seelischen Niedergang zuschreiben durfte.

In Margas Herz ging eine große Offenbarung über den echten Wesenskern jener Liebe auf, die sie selbst immer und immer sich genau so ausgemalt hatte – freilich als ein unerreichbares Ideal, vielleicht als weltfremdes Ideal. Nun sah sie, daß auch andere so traumhaft viel von einem Zusammenleben verlangten wie sie. Sie weinte stärker. Es war hart vom Schicksal, zwei Menschen zusammenzuführen und sie doch auch zu trennen für ewig.

Über ihnen schossen die Schwalben hin, die kleinen zärtlichen und jubilierenden Inselschwalben.

Aber um sie her war nur eine große Leere trotz der berückenden Schönheit der durch die Regengüsse erfrischten bunten Vegetation der Insel. Dreifach kräftig duftete die Überfülle der Blüten.

Und das Mädchen weinte in sich hinein und sah nur die traurige Leere des Alleinseins – wie alle die Bedauernswerten, die mit zu viel Sehnsucht nach restlosem Glück ewig die Suchenden bleiben.


17. Kapitel.

Barabas Barb wartet . . .


»Es ist ein Risiko, Kind!« hatte der alte Mann gewarnt, als Evy ihre Absicht ihm mitteilte, Marga zu besuchen. Er hatte gewarnt und heimlich gelächelt. Er kannte die Gedanken seiner jungen Herrin und deren geheimste Hoffnungen. Aber so, wie die Dinge hier noch lagen, war es ein Wagnis, denn er kannte auch den anderen Teil: Harry Helger, und er hielt sehr viel von ihm und hielt gar nichts von dem, der dort auf Maloha regierte und nur immer seinen Willen durchgesetzt hatte – in allem, nur nicht in dem, was Frau und Kind betraf.

Dann war Evy doch gegangen, und Barb hatte seine ihm so lieben Pflichten erfüllt und nach der Uhr gesehen und sich gemerkt: Wenn sie um ein Uhr nicht zurück ist, dann . . . dann . . . –

Ihm blieb nun noch eine Stunde Zeit, er nutzte sie aus und wollte einmal feststellen, wie es draußen ausschaute. Draußen, – das war für ihn die andere Welt, das war das freie Meer jenseits Kap Marga und außerhalb der Mauern der Tabu-Insel.

Der Zugang zu der Grotte, die den Schiffbrüchigen zuerst Zuflucht geboten, war genau so bequem wie der Abstieg zum Strande. Barb mochte Siebzig zählen – seinen Kräften und seiner Frische nach war er kaum Fünfzig. Sein ganzes Leben hatte er nur die Südsee gekannt und sehr selten einen der Kontinente betreten. Er war Kind dieser Inselgruppen, in Wahrheit ein Gestrandeter. Mit sechs Jahren hatte er alles verloren: Vater, Mutter, zwei Geschwister. Das war um das Jahr 1860 herum gewesen, als die ersten Handelsschiffe in Polynesien regelmäßig kreuzten und der größere Teil der Inselgruppen bereits ihre fremden weißen Herren gefunden hatte. Ein Taifun verschlang den väterlichen Schoner mit Mann und Maus, und eine Woge warf Barabas Barb als einzigen noch lebend an den Strand von Apemama im Gilbert-Archipel, wo der König Tembinok den Knaben zu sich nahm, – derselbe Tembinok, der in der Südsee etwa so berühmt ist wie der erste Napoleon in Europa.

Über König Tembinok ist viel geschrieben worden, sein Widerstand gegen die weißen Eindringlinge machte ihn volkstümlich, seine Kriegszüge machten ihn zum Schrecken der Nachbarreiche. Man hat seinen letzten Eroberungszug gegen einen der großen Häuptlinge, die ihm nicht freiwillig Tribut zahlten, mit dem Feldzug Napoleons nach Rußland verglichen: Er siegte, aber dann kamen die Kriegsschiffe der Weißen und entrissen ihm die Beute. Der ganze Vergleich hinkt, denn Tembinok blieb Herr seiner Inseln und wehrte sich gegen jeden Vertrag, der seine Rechte gegen eine verlockende Staatspension beschränkt hätte.

Aber auch der Tag kam, wo der König Tembinok das Zeitliche segnete und seine Nachfolger die großen Traditionen vergaßen. Da war auch Barabas in die Ferne gezogen, schließlich bei Harrard untergekommen und hatte seine Kenntnisse und seine Ehrlichkeit dem zunächst einsichtsvollen Harrard zur Verfügung gestellt. Harrard aber geriet auf Abwege, als die Geldgier seine Herrscherin wurde, und Barb blieb nur deshalb bei ihm, weil er nun sein Herz an das Kind des Herrn gehängt hatte.

Das war Barb, ein Kind der Südsee und doch ein Europäer und Deutscher.

Es gibt und gab viele ähnliche Schicksale wie das seine, nur daß die anderen, die sich da allein unter den Kanaken niederließen, als reife Männer den Verlockungen einer farbigen Schönen und dem Hang zum Nichtstun verfielen. Diese Nichtstuer sind's, die das Märchen von den seligen Inseln aufgebracht haben, – für sie wahrlich kein Ruhm, denn ihre Lobgesänge auf Polynesien waren Hymnen der Trägheit auf ein Schlaraffenland, wie sie es schauten mit den Augen ihrer Charaktere. –

Barabas kletterte an der Steilküste aufwärts und stand nun droben neben dem Frauenkopf – auf der höchsten Spitze von Kap Marga. Mit bloßem Auge gewahrte er die Verwüstungen, die die Taifune in den drei Tagen angerichtet hatten: Ungeheure Mengen Seetang lagen auf den Felsenufern und ihren Vorsprüngen, Wracktrümmer desgleichen. Der Bimssteinblock, der den Zugang zum Kanal verschlossen hatte, lag seitwärts, die eine der Ketten war gerissen, und im Wassertunnel stand die Flut so hoch wie noch nie.

Dann nahm Barb das Fernglas und musterte den Horizont und die Riffe und Klippen, die um die Tabu-Insel wie ein Zaun sich in Doppelreihen und in ungleichmäßigen Bogen erstreckten. An den Klippen wütete noch die Brandung und hüllte alles in Gischt. Aber des alten Mannes junge Augen erspähten sehr bald die beiden kurzen, dicken Schlote mit den grünen Streifen, und er erschrak und richtete das Glas auf die Stelle und konnte doch nichts von Einzelheiten feststellen. Jedenfalls war es die Jacht mit dem herausfordernden Namen »Maloha«, – die Jacht des Vaters Evys. Sie lag mitten im Brandungsgischt, war mitten durchgebrochen – das Heck noch sichtbar, das Vorderteil aber versunken.

Barb wußte, daß er Evy nichts hiervon berichten dürfe, denn seine junge Herrin hatte längst bereut, was sie einst als Strafe ersonnen und als Schutz gegen die Gehässigkeit der Welt, – sie hatte begriffen, daß es einem Kinde nicht zustehe, mit einem Vater zu rechten, mochte dieser auch noch so schwer sich vergangen haben, – ihre Kindespflicht wäre es gewesen auf Grund der Liebe, die ihr der Vater entgegenbrachte, nachsichtig zu sein mit einem in die Irre Gegangenen.

Bedrückt und voller Sorgen kehrte er zurück in die Wohngrotte und befragte abermals seine Uhr. Die zwei Stunden waren um und keine Evy ließ sich blicken. Barabas hatte gewarnt, er kannte Helger. Nun lastete auch das noch auf ihm.

Er war nicht immer nur der bissig-lustige Barb mit der übergroßen Liebe zu Evy und zu dem dritten Bewohner dieser schönen, trockenen und gut ausgestatteten Grotten. Er war letzten Endes hier der Hauptverantwortliche, und als er nun abermals die Grotten verließ und vorher noch seinen zarten Pflichten nachgekommen war, da tat er es mit einer Vorsicht, die er hier noch nie beobachtet hatte. Er prüfte drüben jenseits des Kanals den Saum der Büsche des Korallenringes und schlich in den Wald, der die Abhänge in der Nähe der Grotten bedeckte. Er kannte eine Stelle, wo er mit einem der Kanus unbemerkt den Festungsgraben überqueren konnte.


* * *


Im Kaoha-Ha'e lag alles im Mittagsschlafe. Selbst die Tiere, die Ziegen und die zahmen und zutraulichen Schweine meldeten sich nicht. Eine brütende Hitze lag über dem Felsenkessel. Nicht ein Lufthauch regte sich.

Solwy Consort und Bert Schneider bewohnten ein Gemach und waren sehr froh darüber, sie hatten nun gleiche Interessen, und der Reporter hatte längst vergessen, daß er sich noch vor kurzem gegen Consort mit geheimen Absichten getragen hatte, die den Reeder verderben mußten.

Consort lag auf dem Bett und hielt nur die Augen geschlossen. Er hatte diese Evy, von der hier so viel die Rede war, bisher nie zu Gesicht bekommen. Heute, als Helger das Mädchen einsperrte, sah er sie zum ersten Male. Seine Bekanntschaft mit Harrard hatte es immerhin mit sich gebracht, daß er, wenn er auch die Manihiki-Inseln nie besucht haben mochte, vieles über Harrard wußte, was andern fremd geblieben. Seine Spione hatten ihm unter anderem heimlich hergestellte Aufnahmen der Plantagen und des Wohnhauses des »Herrn« beschafft, und zweimal war der Herr bei ihm in Sidney zu Gast gewesen. Ein Mann wie Consort scheute keinerlei Methoden . . . Er hatte die Fotografie nicht vergessen, die der »Herr« eifersüchtig hütete, – er kannte auch Harrards Schwäche für die tote Gattin und für sein einziges Kind, – Schwäche, so sagte Consort, denn Vater- und Gattenliebe in dem übertriebenen Maße belächelte er. So hatte er Evy nach der Fotografie sofort wiedererkannt. Er hatte seine Überraschung sehr gut zu verhehlen gewußt und seine Gedanken arbeiteten nun unablässig und ließen ihm keine Ruhe und keinen Schlaf.

Wie kam Evy hierher und –, wenn er an Barabas Barb dachte, machte sein Denken einen vorsichtigen Bogen, da dieser Barabas ihm hinderlich und bedrohlich erschien. Das Rätsel um die Tochter seines Kompagnons mußte trotzdem gelöst werden. Von dem Dritten in der Wohngrotte am Oststrande des Felsengürtels ahnte er nichts, denn Brack und Helger hatten die damalige Entdeckung streng für sich behalten auch ohne besondere Vereinbarung.

Solwy Consort öffnete etwas die Lider und beobachtete Schneider. Der schlief scheinbar ganz fest. Der Reeder war ein sehr mißtrauischer und, wie er dachte, sehr umsichtiger Mann. Das traf mit Einschränkungen zu. Er besaß zweifellos jenen allzeit bereiten, allzeit wachen Sinn für Zusammenhänge, die ihm vielleicht nachteilig werden konnten. Schneiders Freundschaft mit Marga – und Marga hatte nie darüber gesprochen! –, dann das Auftauchen Schneiders hier auf der Insel und auch die Gewißheit, daß Helger sich nie die Mühe gemacht hatte, dem Befehl nachzukommen und Marga zu überwachen, oder aber die Möglichkeit, daß Helger ihm falsche Berichte geliefert hatte, zwangen ihn zur Vorsicht auch gegenüber Schneider.

Er erhob sich leise.

Schneider hatte seine Jacke abgelegt und über einen Schemel geworfen, – in der inneren Brusttasche steckte die Brieftasche. Consort zog sie heraus und blätterte leise in den verlaufenen Schriftstücken, die durch die Nässe sehr gelitten hatten. Dann geriet ihm eine Zeichnung, die in chinesischer Tusche ausgeführt war, in die Finger, – seine Züge wurden starr: Es war ein genauer Lageplan der Hauptinsel Maloha mit allen Baulichkeiten! –

Gleich darauf verließ er in aller Stille das Gemach und wandte sich dem Nordstrande zu. Seine Bewegungen waren vorsichtiger denn je. Er kannte hier jeden Fußbreit Bodens und hatte nicht ohne Grund seine erste zufällige Entdeckung genau nachgeprüft. Weite Strecken von Dornenfeldern, wie man sie sonst nie auf Atollen antrifft, bedeckten hier den mit Lavablöcken und mit verwittertem Tuff bedeckten hügeligen Uferstreifen, und mitten durch diese Wildnis zog sich ein von den Schweinen hergestellter Wildpfad, der zu einem brackigen Teiche lief, wo die Borstentiere sich gern während des Tages in den Schlamm einwühlten. –

Es war Barabas Barbs besonderes Pech, daß er gerade diesen Platz, dem aus dem Felsenufer ein ähnlicher gegenüberlag, für seine Landung auf dem Atoll vorgesehen hatte. Gewiß hatte der Alte, wenn auch nur, um sich ein kriegerisches Aussehen zu geben, seine Büchse mitgenommen und der Haie wegen.

Die Waffe nützte ihm gar nichts. Consort, der seinen Körperkräften nicht traute, der auch ohne viel Lärm seine Pläne durchführen mußte, deren Dringlichkeit nun durch die bei Schneider gefundene Zeichnung erhärtet war, setzte alles auf eine Karte: Er lauerte hinter einem dicken, von Ranken umsponnenen Brotbaum und schlug Barabas mit einem Ast nieder, band ihm Arme und Beine und schleppte ihn schleunigst in das Kanu, überquerte den Festungsgraben und schleifte den alten Mann in eine der zahllosen Spalten der inneren Steilküste. Dann kletterte er an den zerrissenen Felswänden empor und tat dies mit einer Sicherheit, die auf lange Übung und genaue Kenntnis gerade dieser Stelle der Ringmauer der Insel hindeutete.

Er war nicht zum ersten Male hier. Er hatte diesen Bergweg sorgsam ausgewählt, der überallhin Deckung bot und droben, wo man freien Ausblick über die See hatte, in einem Riß endete, der sich nach dem Meere zur schmalen Terrasse verbreiterte, die mindestens noch fünfzehn Meter über dem Meeresspiegel lag.

Er lächelte jetzt zufrieden. Ja, man hatte ihn doch gewaltig unterschätzt. Die Herren Brack und Helger würden sich sehr wundern, wenn plötzlich Mister Consort, den man wie einen Kuli zu behandeln gewagt hatte, zusammen mit Mister Schneider, der ein Spion war, verschwunden sein und wenn dann ein Schiff erscheinen würde, das dieses Nest hier aushob und Helger nach der Strafkolonie zurückbrachte.

Er hatte ja einen Kutter zur Verfügung, der in dem sichersten Hafen lag, den es überhaupt geben konnte!

Consort übereilte nichts. Er hatte ein Fernglas mitgenommen und musterte einmal den Horizont und die Risse und Klippen unten. Fast als erstes erspähte er das mitten durchgebrochene Wrack der Jacht, deren beide Schlote mit den grünen Ringen ihm nicht fremd waren. Harrards Jacht!! Bestimmt, es war das Luxusschiff des Herrn der Manihiki-Plantagen!

Consort richtete das Glas auf das Wrack und gewahrte dort trotz der Wogen, die noch immer das Heck überfluteten, einen Mann, der sich an den Resten der Brücke festgebunden zu haben schien.

Was der alte Barb von dem im Südosten gelegenen Kap Marga nicht hatte bemerken können, weil die Entfernung zu groß war, das sah Consort hier in nächster Nähe. Als der Mann auf dem Heck der Jacht einmal den Kopf drehte, riß der Reeder das Glas schnell wieder an die Augen, ließ es dann sinken und sagte mit tiefem Aufatmen: »Bei Gott, – er ist's . . .!!«

Er hatte seine gewichtigen Gründe, nunmehr alles zu tun, den Unglücklichen dort zu retten.

Bert Schneider hatte nicht geschlafen, als Consort sich erhob und die Brieftasche durchsuchte. Der Reporter war denn doch zu klug, als daß er seine Sicherheit und sein Leben so ohne weiteres einem Manne anvertraute, der sich aus Gewinnsucht derartige Verstöße gegen die Gesetze erlaubte. Seine Vereinbarungen mit Consort, besonders aber dessen Angaben über den Weg zur Steilküste empor waren so ungenau gehalten gewesen, daß Schneider sich entschlossen hatte, sie erst einmal nachzuprüfen. Die Mittagsstunde erschien ihm hierfür am geeignetsten. Er blieb wach, und als Consort das Gemach verließ, folgte er ihm mit aller Vorsicht, verlor ihn zeitweise aus den Augen und erspähte ihn erst wieder, als jener den Anstieg drüben begonnen hatte.

Der Reporter stand nun vor der Schwierigkeit, den Graben zu überqueren, – von dem Überfall auf Barb hatte er nichts gesehen. Er fand jedoch schnell das Geheimnis dieses Uferplatzes heraus, packte das eine Ende des im Wasser liegenden Taues und zog das Kanu zu sich herüber, – das Tau lief an beiden Ufern über Holzrollen, und das Kanu konnte je nach Bedarf hier und dort benutzt und hinterher im Gebüsch wieder verborgen werden.

Schneider gab sich hinsichtlich der Gefühle, die Consort gegen ihn hegte, keinerlei Täuschung mehr hin. Er selbst war kein Held, zudem hatte er hier so allerlei getan, dessen er sich bei ruhiger Überlegung schämen mußte.

Er war kein schlechter Mensch, nur etwas haltlos und durch seine Neigung für Marga stark aus der Bahn geworfen. Sein Lebensprinzip hatte stets gelautet: »Die Leiter aufwärts!!« – Ehrgeiz und ein ererbter Sinn für leichtes Geldverdienen machten ihn zu einer jener Durchschnittspersönlichkeiten, die nur mit mildem Maßstab zu messen sind. Seine gewandte Feder und eine nicht alltägliche Beobachtungsgabe hatten ihm als Berichterstatter rasch einen Ruf verschafft.

So war Heribert Schneider-Snider, der mit allergrößter Ruhe, denn vor Consort hatte er keinerlei Respekt, dem jungen Reeder abermals folgte und sogar auf allen Vieren kroch – hinein in das verborgenste Geheimnis der Tabu-Insel!

Consort machte sich gerade mit einigen langen Tauen zu schaffen, als es ihm nicht anders erging als vorhin dem braven Barabas. Gleich darauf befand der Reporter sich droben auf der Abflachung der äußeren Steilküste und warf drei aneinandergebundene Taue und drei Korkwesten in die Brandung und wartete ab, ob die rückflutende Strömung die einfache Vorrichtung zum Bergen der Schiffbrüchigen von ungefähr zum Wrack tragen würde. Das eine Ende der Taue hatte er in der Hand behalten und suchte nun durch gelegentliches Anziehen und durch Rucke den Zufall zu korrigieren.

Es gelang wirklich.

Der Mann mit dem weißen Spitzbart drüben hatte die Korkwesten zu packen bekommen. Aus den Heckkajüten tauchten jetzt immer mehr Leute auf, und als erstes mußte Schneider zwei Kinder bergen, denen einige Mädchen und Frauen und zuletzt sechs erwachsene Männer folgten.

Es war Heroismus und reinste Menschengüte von Schneider, daß er bei alledem so selbstlos vorging, denn schon die Kinder hatten ihm, obwohl sehr erschöpft und recht entkräftet durch die letzten entsetzlichen Tage, sofort erklärt, wem die Jacht gehöre: dem Manne, auf den er es genau so abgesehen gehabt hatte wie auf Solwy Consort!

Es war Heroismus! Daß er zunächst nach diesem Bericht der Kinder schleunigst nochmals davoneilte und Consort anderswo verbarg, war nur verständlich. Dann vollendete er jedoch sein gutes Werk und tat es unter Hergabe der letzten Kräfte – auch der geistigen, denn nun war er sich auch darüber klar, wer diese Evy sein mußte! Hätte er sich schon in Sidney besser über die Familie des berüchtigten Harrard informiert, wäre er hier nicht in die unangenehme Lage gekommen, dem Vater Evys zunächst ein Märchen auftischen zu müssen, das die Schiffbrüchigen veranlaßte, sich fürs erste verborgen zu halten.

Was er empfand, als er dem Mann gegenüberstand, der ihm dankbar die Hände drückte und hoffnungsvoll fragte, ob hier etwa auf der unzugänglichen Insel ein Mädchen und ein alter Mann hausten, und als er verneinte und sein Märchen vorbrachte, das nur er so fix und so eindrucksvoll hatte erfinden können, – das hat Schneider nie vergessen und das faßte er bei guter Gelegenheit in die Worte zusammen: »Helger, wenn ich mir je als Lump und doch als großer Diplomat vorkam, dann war es damals, als ich Mister Benno, der mit hoffenden Augen mich fragend anstierte, belügen mußte!!« –


* * *


. . . Der alte Barb erwachte. Der Schädel brummte ihm, aber am scheußlichsten war ihm jedoch zweierlei: Erstens der Knebel im Munde und zweitens die Nähe Consorts, der genau so sicher gefesselt neben ihm im Halbdunkel irgendeiner Felskluft lag. Immerhin war es hier so hell, daß Barb den feinen Mister Consort erkannte, den er etwa so schätzte wie ein bejahrter Tiger einen nichtsnutzigen und heimtückischen Wolf! Die Blicke, mit denen er Consort musterte, sprachen Bände. Zum Glück war der Knebel wegen eine Aussprache unmöglich, und zu Consorts Beruhigung machte der Alte auch keine Versuche, sich zu befreien.

Barabas wartete ab. Obwohl ihn bei dem Gedanken an den dritten Gast in den Wohngrotten zuweilen die Ungeduld zu vorschnellem Handeln verleiten wollte.


18. Kapitel.

Geschichte einer Ehe.


Auf schmalen Pfaden an steilen sandigen Abhängen huschten graue Wildkaninchen hin und her, junge und alte und ganz kleine Tiere, – so klein wie Wollbälle mit dicken Köpfen und mit dicken Pfoten.

Droben der Uferwald reicht bis an die Abhänge. Buchen und Tannen und Krüppelkiefern rauschen und raunen die ewigen Lieder der Gestade der deutschen Insel. Ginster duftet. Unten dehnt sich die Ostsee. Weiße Dampfer kommen von Süden vom Festland und tragen ihre Gäste zu den Kreidefelsen von Stubbenkammer durch grüne friedliche Wogen.

Droben am Rande des Uferwaldes sitzen unter den tiefen Zweigen der von Herbststürmen zerzausten Kiefern, deren kräftiger Harzduft ein weiteres Merkmal des deutschen Waldes ist, zwei Menschen.

Mann und Frau. Der Mann braun gebrannt von der Sonne der Meere, mit einem freundlichen offenen Gesicht und einem verborgenen Schmunzeln um den energischen Mund und die sehnsüchtigen Augen. Die Frau noch blutjung und ganz in Schwarz – Trauerkleidung, die keine ist, weil sie etwas zu raffiniert erscheint inmitten dieser herben, ehrlichen deutschen Natur und angesichts der reinen See mit ihren sonndurchfluteten Weiten.

Der Mann hat lange geschwiegen und nachgedacht und zögert noch immer.

Er ist einer der wenigen, die nicht den Rausch wünschen und nicht die Ernüchterung nach dem Rausch. Er verlangt mehr von der Liebe und Ehe, und er zaudert noch immer. Er sucht Wärme, jene beseligende Wärme, die ein ganzes gemeinsames Leben über vorhalten soll, und er denkt an ein deutsches Gedicht, das er nie vergißt, weil so viel Weisheit darin: »Die Leidenschaft flieht, die Liebe muß bleiben!!«

Muß bleiben! Und wenn dem nicht so wäre, dann wäre er arm – ohne die beglückende Wärme, – so, wie er sich die Wärme einer Daseinsgemeinschaft vorstellt.

Die Frau in Schwarz an seiner Seite hat die zarten Hände um die hochgezogenen Knie geschlungen und wartet.

Der da neben ihr ist ihr Kindheitsgespiele, und sie nennen einander du seit den Schuljahren – immer noch, wie das so üblich im Fischerdorf, selbst wenn es Seebad geworden. Sie ist so jung und so zierlich und so mädchenhaft, als könnten die Witwenringe an der Hand nur Unrichtiges besagen. Witwe?! Es erscheint so wenig wahrscheinlich und ist doch so. Rose Garts Mann war Kapitän des Viertausend-Tonners »Stralsund«, der nun auf den Klippen der Bahama hängt und von dem nichts Lebendes gerettet wurde. Seit einem Jahr ist Rose nun allein und wartet.

Der Mann neben ihr hier droben auf der Steilküste ist unschlüssig. Er bedenkt vieles, vielleicht zuviel. Gestern abend war er mit Rose im Kino des Dorfes, der nur in den Sommermonaten alte billige Filme abrollen läßt, und . . . ja . . . und . . . da war ein Stück mit einer Frau, die mit grauem Haar und gütiger Weltweisheit ihrem Enkel einen guten Rat gab und der lautete etwa: »Du suchst ein ganzes Glück. Du wirst bei der nur immer ein halbes finden, denn das Gespenst wird zwischen euch stehen, – ich kenne dich, ich warne dich!« – Auch hieran denkt der Heizer Tim Brack, der für einen Heizer viel zu viel gelesen und viel zu weit die ehrlichen Augen aufgemacht und sich danach seine Lebenssprüche gezimmert hat, – er, der Mann, der nun mit sich wieder einmal zu Rate geht, ob er die Rose freien soll.

Vielleicht ist es sehr schwer, die Geschichte dieser Ehe zu schreiben, damit allen Teilen Gerechtigkeit widerfahre und auch niemand sich verletzt fühle von denen, die wie Rose Gart sind. Vielleicht wird es zahllose geben, die zu Tims Bedenken den Kopf schütteln und die Achseln zucken.

Aber Tim war Seemann und hatte lange Nächte droben an Deck gestanden und die Sterne gezählt, wie die Jan Maate das nennen, wenn einer ernsten Gedanken nachhängt und nicht den Trott der Gedankenwelt der Durchschnittsnaturen mitmacht. Tim war ein Spintisierer. Einer, der mehr Wärme braucht als andere. War kein weiberscheuer Weltfremdling, – nein. Hatte seine Erlebnisse hinter sich, war verliebt gewesen bis zur Tollheit in die Frau eines andern, der lieber am Stammtisch saß als daheim. Was für Tim, den kaum flüggen Tim, ein grausamer Traum gewesen, denn nach den heimlichen, gluterfüllten Liebesstunden kam sehr bald immer wieder und immer stärker das Erwachen: Du bist nicht der einzige, dem sie gehört! Und dann rannte er toll vor Eifersucht in die Nacht hinaus und schwor es den rauschenden Wellen, daß er die Frau meiden würde, damit diese Qual ein Ende habe: Nicht der einzige!! Aber sie fing ihn immer wieder und wieder . . . So zermürbte sie ihn. Er raffte sich auf und brach mit der Frau, – behielt nur die heißen Erinnerungen und eine Lehre für ewig: Nie wieder etwas Halbes – nie wieder!!

Und deshalb zögerte er. Aber er fühlte neben sich die Jugend und in sich das große Sehnen. Es war auch so verführerisch, zu wissen, daß er nur die Hand auszustrecken brauchte und daß Rose willenlos in seinen Armen liegen würde und daß er den Rest seines Urlaubs nach der schweren Kesselexplosion dazu benutzen könnte, Rose ganz eng zu fesseln – als sein Weib, bevor er wieder hinausfuhr über die Ozeane.

Seemannsehen bleiben ewig jung oder zerbrechen schnell, – sagt man im allgemeinen. Seine Ehe sollte ewig jung bleiben, so war es sein Wunsch und sein Wesen, und das letztere war das schlimmere, denn sein Wesen verlangte immerfort Wärme und diese Forderung trug den Keim der Unerfüllbarkeit in sich.

So war Tim.

Und die Frau neben ihm, die wartete. Sie war Siebzehn gewesen, als sie den Kapitän Gart heiratete. So jung – so jung! Und Jugendeindrücke haften und bleiben nicht nur, wie in gereiften Jahren, an der Oberfläche. Rose sehnte sich auch, sie kannte Tim, er hieß im Dorfe nur der vornehme Tim, und das sollte kein Vorwurf sein, nein, das war eine Anerkennung für seine saubere Gesinnung.

Ein Kaninchen stob dicht an ihnen vorüber, Rose erschrak und glitt zur Seite – nicht mit Absicht, raffiniert war sie nicht. Sie fiel halb auf den stillen Tim, und so begann diese Liebe mit etwas Halbem, mit einem halben Ausgleiten und einem starken Rieseln von Sand und gierigen Küssen und einem schnellen Hochzeitsfest.

Das Paar hatte Roses Häuschen bezogen, und alles schien gut.

Kurze Zeit nur. Dann begann Tim die Rose heimlich zu belauern. Sie hatte eines Nachts in seinen Armen einen Namen geflüstert, den eines Toten, den Vornamen nur. Geflüstert und geraunt und hinausgeseufzt in die laue Sommernacht. Von da an belauerte er sie. Es war verständlich, – er merkte, daß er teilen mußte mit einem Toten.

Er belauerte sie, sah sie nachdenklich und ernst und erhielt auf seine Fragen, woran sie denke, nur ausweichende Antworten. Er tat ihr vielleicht unrecht, wenn er annahm, sie hinge noch immer an dem anderen – vielleicht war es so – er fragte sie nie, er wagte es nicht, er wollte sich selbst in Sicherheit wiegen und wurde immer unsicherer und mißtrauischer. Rose hatte auch nicht die Art, die erwärmen konnte, – sie war nun einmal so, und sie war doch Weib genug, die leichte Entfremdung zu spüren. Sie besaß nicht jene frauliche Gabe, durch ein Lächeln und ein liebes Wort oder durch Kleinigkeiten, die mit dem Verstande nie begriffen werden können, die vielmehr aus der Seele kommen müssen, eine warme, zarte, weiche Innigkeit zu spenden, – sie war Weib, aber nur in den Stunden der Leidenschaft.

Und die wurden immer seltener. Tim sah ein, daß er etwas Halbes besaß, und etwas Halbes ist gar nichts für einen Mann wie Tim. Er suchte die Wahrheit zu ergründen, er machte alle möglichen Versuche, er wurde absichtlich still und verschlossen: Rose beachtete es kaum. Sie ging nur etwas scheu an ihm vorüber und fragte vielleicht einmal ebenso scheu: »Was hast du nur? Du bist so verändert!« Doch das geschah nur sehr selten, und in den Fragen lag mehr Befangenheit als zärtliche Sorge um den Bestand eines Glückes!

Tim begann sein Heim zu meiden. Niemand im Dorfe begriff ihn und konnte ihn begreifen, denn niemandem hätte er sich anvertraut. Die hätten ihn ausgelacht, ihre Liebe war anderer Art, gröber, war nur Sinnlichkeit und nur Gemeinsamkeit der Interessen. Man bedauerte Rose. Tim betrank sich nicht und spielte nicht und suchte nicht anderswo Trost, – nein, er saß Tag für Tag in seinem Boot und fuhr auf dem Bodden umher und angelte und grübelte: Er hatte ein Gespenst im Hause, und er vermochte es nicht zu bannen, er dachte nur immer an die kluge, grauhaarige Frau im Film, die dem Enkel abrät, die Frau zu freien.

Seine Freunde schalten auf ihn, und das ganze Dorf nahm gegen ihn Partei, obwohl Rose sich nicht beklagte. Vielleicht litt auch sie: Sie zeigte es nicht, sie war zu herb, zu verschlossen!

So zerbrach die Ehe. Tim war innerlich einsamer denn je, Tim haderte mit dem Geschick und mit sich selbst, weil er etwas Halbes gegriffen hatte – also nichts – für ihn nichts!!

Dann ging er bei Nacht und Nebel davon, als er Rose wiederum zu überlisten trachtete, damit sie endlich preisgäbe, wer ihr mehr galt, der Tote oder der Lebendige. Sie war noch scheuer geworden. Tim wurde heftig, verlor die Nerven und schrie ihr sein Leid ins Gesicht. Schweigend entfernte sie sich aus dem Schlafzimmer. Morgens war Tim auf hoher See.

Und all das mußte er hier Marga erzählen und bei aller Ehrlichkeit die Worte behutsam abwägen, denn sie war ein Mädchen ohne Erfahrung, was Liebe und Ehe bedeutet.

Die kleinen Inselschwalben zwitscherten, und Marga weinte. Sie war doch nicht weltfremd oder so unkundig über den Kampf der Geschlechter, daß sie ihn nicht begriffen hätte. Sie begriff alles. Was er hier beichtete, war ja nur wie der Widerhall dessen, was sie selbst sich erträumt hatte: Ganzes Glück von dieser Art! Ein Wünschen, unverständlich für viele, – ihr verständlich und ihr nur Beweis, daß sie sich in ihm nicht getäuscht hatte! So hatte sie ihn sich gedacht in den Stunden auf ihrem Krankenbett: Enttäuschter Glücksucher mit dem Schmunzeln des weisen Verzichtens auf etwas Unerreichbares!!

Und das sagte sie ihm nun, als er schwieg und weiter vor sich hinstarrte auf die stille Wasserfläche der Lagune, – das sagte sie ihm und nahm seine Hand und sprach ihm Mut zu – und hatte doch selbst keinen Mut. Nicht einmal den, ihn anzuschauen. Aber seine und ihre Hand lagen eng vereint in ihrem Schoße, und in ihren Augen war ein dunkler Schimmer wie von Tränen, die sich nicht mehr hervorwagten. Sie sprach und sprach, und es waren doch nur Worte ohne Kraft der Überzeugung. Bis sie jäh verstummte und ihr Kopf zur Seite sank und ihr Mund dicht an seinem Ohr lag.

»Habe ich mich deshalb nach dir gesehnt, um nun verzichten zu müssen?! Ich könnte dir alles, alles geben – alles, wonach du verlangst – gerade das Zarte, Innige: Die Wärme, die aus der Seele kommt, wenn die Leidenschaft verklungen ist!«

Er schaute starr geradeaus. Er fühlte ihre streichelnden Fingerspitzen und vernahm ihr hastiges Atmen. Er dachte an die Ufersteilwand auf Rügen und an die Minute, wo er auch nur hatte zuzugreifen brauchen, – er hatte die Zähne zusammengebissen und tat sich Gewalt an und quälte nur hervor mit unnatürlich heiserer Stimme.

»Und nachher?! Ich trage ja Fesseln für immer und du – du – bei dir käme der Augenblick, wo du bereuen würdest, wo du mir vorwerfen könntest, ich hätte stark bleiben müssen!! Ich – als Mann, der selbst schon einmal bereut hat!«

Stille. Beide hielten den Atem an.

Marga schmiegte sich eng an ihn – ganz eng. Ihr war die Erkenntnis gekommen, daß Tim sich niemals eigne für das, was vielleicht beider Wünschen in diesen Sekunden war.

Reue – Vorwürfe hinterher – vielleicht!

Denn auch sie war für eine Liebelei nicht geschaffen, – was sie gab, gab sie nur für immer – für ein gemeinsames Leben.

So saßen sie und – verzichteten und hatten die Wangen aneinander gelehnt und hielten sich nur an den Händen und – hofften – –


19. Kapitel.

Der Dritte und der Ziegenbock.


Helger reckte und streckte sich und gähnte herzhaft. Nicht einmal dieses Gähnen weckte den Boy, der draußen vor dem offenen Fenster auf der Bank lag und wie ein Murmeltier schlief.

Helger beugte sich zum Fenster hinaus und betrachtete Pei Feng. Er mochte den Jungen gern, der Boy hatte so viele gute Eigenschaften und unter diesen war die Anhänglichkeit an Brack wohl die beste. Aber Harry Helger war zur Zeit mehr auf andere Dinge eingestellt als auf die Würdigung derartiger Charaktermerkmale, – er war ernster denn je, und sein zerkerbtes Gesicht erschien umwölkter und steinerner als in den peinlichen Minuten, wo er die notwendigen Dinge für Evys Kerker zusammengesucht hatte.

Der ehemalige Aufseher der Manihiki-Plantagen gehörte zu jenen Männern, die durch Training ihren Körper soweit in der Gewalt haben, daß sie zu jeder beliebigen Zeit erwachen nach ihrem Willen. Helger hatte kaum eine Stunde geschlafen. Ihm genügte dies trotz der vorausgegangenen Tage und Nächte, wo die Musik des Orkans und das Splittern der entwurzelten Palmen und das Herabprasseln der abgebrochenen Äste auf das Dach des Kaoha-Ha'e niemanden Schlaf finden ließ. Helger war müde gewesen und hatte daher erst seinen Körper wieder leistungsfähiger machen wollen, bevor er den Gang nach Evys Wohngrotten antrat.

Daß der Boy nur als Wächter die Bank vor dem Fenster als Schlafplatz ausgewählt hatte, sagte sich Helger mit einem nachsichtigen Lächeln, und daß Pei Feng einen zweiten Schlüssel zu dem Vorlegeschloß des Kellerraumes besaß, wußte er gleichfalls. Der Zeitersparnis wegen stieg er nun zum Fenster hinaus und weckte den kleinen Chinesen, der ihn mißtrauisch und verschlafen anblinzelte.

»Gib mir den Schlüssel!« befahl er nur.

Pei Feng zögerte. Doch ein Blick Helgers genügte. In diesem Blick lag eine stille Warnung und etwas so Zwingendes, daß der Boy wortlos den Schlüssel unter dem Hemd hervorzog. – »Falls du mir etwa nachschleichst, ziehe ich dir die Hosen stramm!« hiermit verabschiedete sich Helger und drohte Pei Feng mit dem Finger. Der Chinese seufzte nur und legte sich achselzuckend wieder auf die harte Holzbank, – er war ein Stoiker wie alle seines Volkes: Gegen Unabänderliches lehnte er sich nicht auf! – Aber er lächelte innerlich . . . –

Der Mann mit den weißen Haarsträhnen und dem zerfurchten Gesicht schritt nach Osten zu davon und erreichte das Ufer des Grabens gegenüber den Wohngrotten, die jetzt sein Ziel bildeten. Er war sich bewußt, daß er so leicht dort nicht würde eindringen können, da er mit zwei Gegnern zu rechnen hatte, erstens mit dem alten Barb, der bestimmt ungefährlich war, und dann mit dem zweiten Manne, dem Unbekannten. Und der war sicherlich nicht gewillt, sein und Evys Geheimnis preiszugeben. Barabas würde nie zur Waffe greifen, doch dieser andere?! Und danach richtete sich Helger.

Er überquerte den Graben mit äußerster Vorsicht auf demselben Floß wie in jener Nacht, als er und Brack Zeugen der Liebesszene zwischen Evy und dem Unbekannten geworden waren, legte drüben im Gebüsch an und schlich auf den Eingang zu. Er ahnte nicht, daß zu derselben Zeit im Norden der Insel bereits nicht nur Barb, sondern auch Consort gefesselt in einer Felsspalte lagen und daß der Reporter sein Rettungswerk an den Schiffbrüchigen der Jacht »Maloha« fast vollendet hatte.

Der Eingang zu den Grotten war durch eine Tür versperrt, die aus festem und sehr harzreichem Kiefernholz gefertigt war und einen Eisenriegel und ein Vorlegeschloß hatte. Das Schloß war nicht gerade neu oder allzu fest, und Helger hätte es mit einem Steine unschwer gewaltsam entfernen können, – hiervon hielt ihn jedoch zweierlei ab: Einmal mochte er keinen Lärm verüben, und dann lag hier auch jemand als Wächter vor der Tür und zwar der Ziegenbock – sein Bekannter vom Vormittag her, der mit dem Seidenband, »Harry«!

Helger war erstaunt, daß der Geißbock den Graben, der doch voller Haie war, offenbar schwimmend überquert hatte. Das Tier war noch jetzt naß. Den schwarzen Prachtkerl mußte also schon eine sehr starke Sehnsucht hierher gelockt haben. Helger streichelte ihn und überlegte, wie er die Tür öffnen könnte, ohne durch zu starken Lärm jemanden herbeizulocken. Leider schien jedoch der boxfreudige schwarze Bursche zur Zeit nicht bei Laune zu sein, denn unerwartet unternahm er einen durchaus ernst gemeinten Angriff gegen den Mann, mit dem er vormittags hatte spielen wollen. Helger wich zurück und konnte sich des kräftigen Burschen kaum erwehren. Was in aller Welt war in den Geißbock gefahren?!

Helger hätte die Sache von der lustigen Seite betrachtet, wenn die Umstände andere gewesen wären. So aber hatte er Eile und konnte sich nicht mit dem Tiere herumbalgen. Er packte den Bock beim Gehörn und schleuderte ihn beiseite oder wollte es doch jedenfalls tun, machte aber mitten in dieser Kraftanstrengung überrascht aufhorchend eine Pause und starrte verdutzt auf die Tür, hinter der er leises Greinen und Plärren vernahm – nur ganz leise wie aus einiger Entfernung.

Dann glitt ein seltsamer Ausdruck über sein braunes Gesicht, er verfärbte sich und rührte sich nicht, ließ nur den Bock fahren und lauschte mit angehaltenem Atem. Seine Züge röteten sich plötzlich, und als der Geißbock einen neuen Angriff wagte, stieß Helger diesen merkwürdigen Wächter von sich, ergriff ein Felsstück und zertrümmerte das Schloß, riß die Tür auf und stürmte ohne Bedenken vorwärts.

Im zweiten der behaglich eingerichteten Räume fand er, was er suchte. Und stand nun wie gebannt da, und seine Wangen wurden immer bleicher und seine Augen – das war ihm noch nie begegnet! – verschleierten sich unter aufsteigenden Tränen.

Dann – und auch das hätte er sich nie zugetraut! – beugten sich seine Knie wie von selbst und er sank halb über die zierlich geschnitzte Wiege, aus deren Kissen und Decken ein rosiges Gesichtchen ihm entgegenlachte und rosige Ärmchen sich ihm hinstreckten.

Bevor er jedoch das Kind – sein Kind, wie er nun erkannte! – emporheben konnte, schob sich ein schwarzer Kopf mit mächtigen Hörnern und langem Bart dazwischen, und der Ziegenbock Harry ließ ein freudiges Meckern hören – so recht froh und triumphierend.

Helger lächelte weich, und die Tränen rannen ihm unaufhaltsam aus den Augen. Er schämte sich ihrer nicht und drückte den Säugling an sich und verharrte lange Zeit in andächtigem Anschauen dieses winzigen Menschleins, das hier das Licht der Welt erblickt haben mußte.

Und nun begriff er alles!! Selbst das eine begriff er, weshalb sich Evy anscheinend nie um ihn gekümmert hatte, als er in Numea verhaftet worden und vor Gericht unter Mordanklage stand. Wie hatte sie für ihn irgendwie eintreten sollen, da sie doch selbst ihre Schande vor den Menschen und dem Vater verbergen mußte, – und der, der diese Schande über sie gebracht, war er, Harry Helger! Und der andere Harry, der Gehörnte, war eben seines Kindes Spielgefährte!!

Der Säugling beruhigte sich sehr bald unter seinen Liebkosungen und zauste dann den Bart des Geißbockes, der geduldig stillhielt.

Helger hatte das Kind im Arm und hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und beobachtete dieses lustige Treiben und lachte und weinte zwischenein und kam sich unendlich reich, aber auch unendlich gedemütigt vor.

Wenn er sich vergegenwärtigte, wie er Evy behandelt hatte und wie hart und mitleidslos er ihr gegenüber gewesen, dann konnte er nur von sich selbst sagen: Du hast vorschnell geurteilt und verurteilt, und es gibt für dein Verhalten keine Entschuldigung!

Mit fast schmerzlicher Eindringlichkeit überdachte er all das, was Evy seinetwegen gelitten hatte. Er vermochte sich bis ins einzelne in ihren Seelenzustand hineinzuversetzen, er machte all die Qualen und all die Nöte in Gedanken mit Evy nochmals durch, die sie, nur von Barb betreut, in diesen Räumen hier und auch auf Maloha durchlitten haben mußte.

Dann fuhr er empor. Der harte Knall eines einzelnen Schusses war von weither an sein Ohr gedrungen und brachte ihn schnell wieder in die Gegenwart zurück. Er vernahm einen zweiten Knall und eilte aus den Grotten auf die Terrasse hinaus. Er zögerte, das Kind mitzunehmen, er entschloß sich doch dazu, – es war ja sein Kind, und es hier allein zu lassen, erschien ihm leichtfertig.

Er bestieg das Floß, legte das Bündelchen auf die Äste und Stämme des unsicheren Fahrzeugs und stieß mit der Stange vom Ufer ab. Zu seinem Erstaunen gewahrte er, wie der Geißbock hinter ihm her in den Festungsgraben sprang und eilig hinüberschwamm. Er hatte dann noch nicht die Mitte des Grabens erreicht, als er drüben zwischen den Büschen Tim Brack auftauchen sah. Brack hatte Marga im Arm, er flüchtete mit langen Sätzen und rief ihm zu:

»Helger, im Kaoha-Ha'e ist der Teufel los! Mehrere Kerle haben sich herbeigeschlichen, und nur ein Zufall schützte Marga und mich vor dem Zusammentreffen mit diesen Leuten, die auf Pei Feng und Schneider geschossen haben müssen. Es sind Europäer – ihr Anführer ist –« – er zauderte – »– ihr Anführer ist Harrard, der Herr von Maloha!«

Helger traute seinen Ohren nicht . . .

»Harrard?! Unmöglich!! Kennen Sie ihn denn?!«

»Und ob! Wer kennt ihn hier im Ostteil von Polynesien nicht?!«

Harry Helger hatte die Lippen fest zusammengepreßt, aber er wies die Bilder, die nun in ihm aufstiegen, schnell wieder von sich. Es war ja Evys Vater! Und Helger hatte in der letzten halben Stunde gelernt, nie wieder voreilig zu urteilen und zu verurteilen. Er selbst war schuldig, wie sollte gerade er nicht anderen verzeihen können?!

»Ich komme!« erklärte er dem staunenden Paare, das da am Ufer nur immer auf den Säugling starrte. Der Geißbock aber, drüben längst gelandet, lief hin und her und machte Miene, wiederum ins Wasser zu springen.

Helger beeilte sich. Auch er war nun drüben und reichte Marga lächelnd, aber mit feuchten Augen das Kind und meinte mit eigentümlich unsicherer Stimme:

»Da – nehmen Sie, Fräulein Marga. In Frauenarmen dürfte mein Kind, mein Junge, am besten aufgehoben sein.«

Marga blickte ihn nur ein paar Sekunden verständnislos an, dann ergriff sie vorsichtig den Säugling und fragte unter jähem Erröten:

»Also – also Evys Kind?!«

»Evys und mein Kind – ja! – Und jetzt wollen wir dafür sorgen, daß das Kind auch seinen Großvater kennenlernt!«

Brack sagte nichts. Er schaute nur Marga von der Seite an und schmunzelte. Es war sein altes, weltweises und gütiges Schmunzeln, und all die Falten und all die Fältchen um seinen Mund und um seine Augen nahmen daran teil.

Marga neigte wie unbewußt den Kopf, küßte den Säugling auf die Stirn und glaubte einen Traum verwirklicht, der ihr, dem blonden deutschen Gretchen, aber auch ihr, der tapferen Lebenskämpferin, immer schon vorgeschwebt hatte als frauliches Zukunftsbild.

Sie hob den Kopf wieder, und um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das ihren Träumen entsprach, – ein süßes, liebes und so echt frauliches Lächeln.


Da war eine große Wassergrotte im Norden des Felsengürtels der Tabu-Insel. Da waren in den Wänden nach der See hin schmale Spalten, durch die das Licht hereinfiel in diesen versteckten Hafen. Er hatte nur einen Zugang nach der See hin, eine ganz enge Einfahrt, die in kurzen Windungen ins Freie und vor eine nahe Reihe hoher Klippen führte. Wer diese Einfahrt nicht zufällig fand, der fand sie nie.

Hier lag ein Motorkutter vertäut, ein großes seetüchtiges Fahrzeug. Der Name zu beiden Seiten des Bugs war sorgsam weggekratzt. Es war ein Kutter wie viele andere hier zwischen den Archipelen, er maß fünfzehn Meter und war als Zweimastkutter getakelt. Seine Trossen waren jetzt, wo die Flut und das Stauwasser die Grotte übermäßig gefüllt hatten, straff gespannt, und er scheuerte mit seinen dicken Fendern an dem hohen Gestade der Höhle, deren Ausgang nach der Insel hin Solwy Consort entdeckt und bis heute geheim gehalten hatte – sogar vor Schneider, der ihm nur Helfer und kein Verbündeter sein sollte. Aber der Reporter hatte die Grotte doch gefunden und nachher mit dem Reeder kurzen Prozeß gemacht.

Bert Schneider war in übler Lage. Nachdem er die Schiffbrüchigen unter größten Anstrengungen geborgen und ihnen dann sein schnell erfundenes Märchen aufgetischt hatte, um sie von der Insel wenigstens vorläufig fernzuhalten, eilte er mit heißem Kopf und völlig ungewiß darüber, wie er sich weiter verhalten solle, zum Ufer des Festungsgrabens und wollte sich zum Kaoha-Ha'e begeben. Er überlegte sich's wieder und wandte sich der Felskluft zu, wo er die beiden Gefangenen untergebracht hatte. Er wollte sich dem alten Barb anvertrauen und dessen Meinung hören, wie man die verfahrene Geschichte am besten zu einem glücklichen Ende führen könnte.

Barabas hatte kaum den Knebel aus dem Munde – schon als Schneider den Fetzen Segeltuch dem Alten aus dem Munde zog, hatte Barb bedrohlich mit den Augen gerollt –, – Barabas hatte kaum die Möglichkeit, wieder zu sprechen oder zu brüllen, als er auch schon den Reporter sacksiedegrob anfauchte:

»Sie erbärmlicher Mormonenwüstling, Sie!! Schämen Sie sich nicht, einen alten Mann wie mich als Gefangenen zu behandeln, während dort in der Grotte jemand nach der Milchflasche verlangt! Nehmen Sie mir augenblicklich die Stricke ab, sonst passiert ein Unglück und Sie werden morgen in einem Haifischmagen sich's überlegen können, ob es nicht richtiger ist, mich schleunigst zu meinem Baby zu lassen, das doch wahrscheinlich schon nach mir schreit und sich nicht denken kann, daß hier –«

»Wie – was – ein Baby?!« hauchte Schneider und fügte hastiger hinzu: »Himmel, – dann war es ein Kind, das ich weinen hörte und kein Ferkel!«

»Binden Sie mich los . . .!!« schnauzte Barb von neuem.

»Immer gemach«, sagte Schneider zerstreut und rieb sich die Stirn. »So einfach läßt sich der Knoten nicht lösen! Herr Barb, weiß Evys Vater etwas von der Existenz des Kindes?« –

Consort lag dicht daneben auf dem kahlen Felsboden und machte alle Anstrengungen, seinen Knebel mit der Zunge herauszustoßen, um sich an der entscheidenden Unterredung beteiligen zu können, denn er sah leider zu spät ein, daß er bei alledem zum Schluß am schlechtesten abschneiden würde. Als Barb nun grimmig hervorstieß: »Evys Vater?! Noch schöner!! Der alte Harrard hat keine Ahnung! Wie sollte er auch?! Wir sind sehr bald nach der gegen Helger verübten Schufterei geflohen!« – als Consort so den Namen seines Kompagnons hörte, überbot er sich in verzweifelten Anstrengungen, den Fetzen Segeltuch zwischen den Zähnen hinauszuwürgen.

»Liegen Sie still!« grobste ihn Schneider an und versetzte ihm einen gelinden Fußtritt. »Ich habe nachzudenken! Und Sie sollten froh sein, daß Ihr Mitwisser und Kumpan Harrard hier geschont werden muß, denn – aber das geht Sie vorläufig gar nichts an, Consort! Ich muß mit Barb ins reine kommen und zwar schleunigst!«

Barabas dachte nur immer an den kleinen Harry, der bestimmt schon Hunger hatte und er wurde noch ungemütlicher.

»Was reden Sie da alles?! Nehmen Sie mir die Stricke ab oder ich lasse Sie von den Haien zollweise auffressen, – doch halt, wie steht es mit Evy, wo steckt sie?!«

Der arme Schneider schwitzte schon vor Unruhe und Sorge und Beklemmungen aller Art.

»Im Keller sitzt sie«, erwiderte er mehr ehrlich als klug.

Die Antwort gab den Ausschlag.

Barabas kreischte los wie ein Stier, der ein rotes Laken sieht, – denn rotes Tuch wäre hier zu wenig gesagt.

»Im Keller?! Die Evy im Keller?! Wer ist denn der Unmensch gewesen, der das getan hat?!«

»Helger!« meinte Bert Schneider sehr kleinlaut und wurde sich immer klarer darüber, daß die Dinge hier einfach nicht nur einen einzelnen, sondern ein ganzes Dutzend Gordischer Knoten darstellten, die sich nicht so mir nichts dir nichts mit einem Schwerthieb wie zu alten Zeiten zertrennen ließen.

Des treuen Barb langer und gelb-weißer Speilzahn schnellte vor Schreck nach innen.

»Gott steh mir bei, – Helger hat die Mutter seines Kindes eingesperrt! Das ist – das ist –« aber mit einem Male lächelte er pfiffig. »Na gut, also der Helger!! Ihr Schafsköpfe glaubtet ja, wir hätten dort bei uns einen Kerl wohnen!« grinste er schadenfroh. »Nun wird der Helger dem Kerl an die Kehle wollen aus Eifersucht, und was wird er finden?! Na, das Gesicht möchte ich sehen, wenn er vor der Wiege landet und sein Abbild erblickt!!«

Bert Schneider hörte gar nicht hin. Die ewigen Unterbrechungen seiner emsigen Gedankenreihen, die heute noch logischer und feiner gesponnen werden mußten als sonst, brachten ihn stets aufs neue aus dem Konzept. Er wischte sich die perlende Stirn und flehte zu Gott um Erleuchtung. Das war ihm noch nie passiert, daß er Gott zum Nachdenken nötig hatte. Man stelle sich vor: Er, der berühmte Reporter von Sidney!!

Aber die Erleuchtung kam: Evy!! Mit Evy mußte er beraten! Hier mit diesem Wüterich von Barb war im Augenblick ja doch nichts anzufangen!!

Er zischelte, sich schnell bückend, dem Alten nur noch ins Ohr: »Verhalten Sie sich still, mucksstill, denn Harrard befindet sich auf der Insel!« und dann rannte er davon . . .

Barabas Barb stierte ihm nach wie dem leibhaftigen Gottseibeiuns!!


Der weißbärtige Benno Harrard hatte die Geschichte, die der Reporter ihm und den übrigen Geretteten so recht zum Gruseln eindrucksvoll aufgetischt hatte, zunächst wohl für wahr gehalten, nicht lange freilich, denn als er nun zusammen mit dem Oberaufseher Sommer den Motorkutter betrat, um für die Kinder trockene Sachen herbeizuschaffen, machte er sofort in der einen der Achterkabinen halt und sog prüfend die Luft ein. Auch sonst kam ihm hier vieles bekannt vor, obwohl die meisten Möbel fehlten und das Ganze wie ausgeraubt aussah. Doch Evys zartes Parfüm kannte er nur zu gut, und ein einziger Blick in einen der Schränke zeigte ihm einen alten grünen Ölmantel, den er nun mit einem Griff herausriß und wie vor den Kopf geschlagen anstarrte.

»Sommer«, fand er endlich die Sprache wieder, »Sommer, der Bursche hat uns belogen! Dieser Mantel gehört so gewiß meiner verschwundenen Tochter, wie dies hier ein Rest des scheußlichen Grobschnittabaks des alten Barb ist!«

Der bejahrte Sommer, Großvater von drei Enkeln und demnächst sogar von fünfen, hatte inzwischen von seinem Herrn alles vernommen, was mit zu der anderen Geschichte von Evys und Barbs Flucht gehörte. Das Verhältnis zwischen dem Deutschen und dem berüchtigten Herrn von Maloha war durch die letzten Ereignisse auf der Jacht in mehr freundschaftlichere Bahnen gelenkt worden, wobei auf seiten Harrards noch die ehrliche Dankbarkeit gegenüber seinen Rettern mitsprach. Sommer war nun in alles eingeweiht und empfand nur Mitleid mit diesem Manne, der erst durch die Angst um den Verbleib der Tochter eingesehen hatte, wie schwer er sich bisher gegen die Gesetze der Menschlichkeit vergangen.

»Der Reporter hat gelogen«, bekräftigte Harrard nochmals. »Hier hausen keine schwer bewaffneten und zu allem fähige Sträflinge, sondern mein Kind und der alte Barabas, dieser –« aber die Ehrentitel für Barb, die ihm auf der Zunge geschwebt haben mochten, wollten ihm doch nicht über die Lippen, denn er hatte ja inzwischen vieles und besonders sich selbst mit anderen Augen betrachten gelernt. »Barb ist eine treue Seele«, verbesserte er sich gedankenvoll und öffnete einen zweiten der eingebauten Wandschränke. »Aha –, hier sind auch die Waffen, die Barb mitgehen hieß!! Für alle Fälle wollen wir immerhin einige der Schießeisen mitnehmen und uns dann mal diese Sträflinge ansehen!«

Sein rauher und derb scherzhafter Ton konnte Sommer nicht täuschen. In dieser Stimme lag so viel versteckte und mühsam unterdrückte Rührung und Hoffnungsfreudigkeit, daß der Deutsche nur erwiderte: »Ich wünsche es Ihnen von Herzen, daß Sie Ihr Kind finden, – lange genug haben Sie nach ihm gesucht!«

Dann brachen die sechs Männer auf, nachdem für die Frauen und Kinder alles Nötige an Land gebracht worden. Einer der Erwachsenen blieb zurück, da die Familien nicht ohne Schutz sein sollten.

Der Ausgang der großen Wassergrotte nach der Insel hin lag so, daß er durch eine Schlucht mit vorgelagerten Steinblöcken völlig verdeckt war. Als Harrard und seine Begleiter diese vulkanischen Steinmassen nun umschritten hatten, als sie jetzt zum ersten Male aus beträchtlicher Höhe einen Einblick in dieses merkwürdige Eiland gewannen und alles genau betrachteten, erging es ihnen nicht anders als seinerzeit Brack, die ungeheure Fruchtbarkeit und die Eigenart der Insel mit der Lagune und dem Wassergraben machte sie für Minuten stumm. Dann sagte Harrard leise und sichtlich ergriffen: »Wenn das nicht die halb märchenhafte Begräbnisinsel der Marquesaner von Fatu Hiwa und die spätere Kinder-Insel der Oro-Königin Talofa ist, will ich –« Er brach jäh ab und winkte den anderen zu, sich zu verbergen.

Unter ihnen am Ufer des Festungsgrabens war Schneider aufgetaucht, zog nun das Kanu aus den Dornen hervor und ruderte über den Kanal, verschwand wieder und schritt dem Kaoha-Ha'e zu, ohne Hast, denn das, was er Evy mitzuteilen hatte, wollte überlegt und sorgsam erwogen werden.

Bert Snider hatte nun den »Snider« gänzlich abgestreift und war nur noch Heribert Schneider von einst ohne australischen Einschlag. Dieser Schneider, der vorhin mit Aufbietung aller Kräfte und mit größter Selbstlosigkeit die Schiffbrüchigen geborgen hatte, war in diesen letzten zwei Stunden ein anderer geworden. Er hatte sich darauf besonnen, daß es außer der eigenen Person auch noch Mitmenschen gab, die einen Anspruch hatten, sich für sie einzusetzen und sie fühlen zu lassen, daß die Welt nur bestehen könnte, wenn der einzelne sich seiner Pflichten gegenüber der Allgemeinheit bewußt sei, mit einem Wort, Bert war aus der vielleicht bequemen und gewinnbringenden, aber immer nur farblosen und schmutzigen Haut der schrankenlosen Selbstsucht herausgeschlüpft und hatte in knappen zwei Stunden einen Umformungsprozeß an sich und in sich durchgemacht, zu dem sonst Jahre gehören oder der nie eintritt und nie vollendet wird.

Inwieweit ihm dabei die ganzen Umstände und seine schlechten Erfahrungen mit dem heimtückischen Consort und seine Neigung zu Marga zugute gekommen waren, untersuchte er nicht weiter. Er hatte auch an anderes zu denken. Jedenfalls bewies diese Wandlung, daß sein ureigenster Wesenskern unverdorben geblieben und er immer noch fähig war, jenen Idealismus aufzubringen, der ihm in der Fremde im Daseinskampf verloren gegangen war.

Er hatte jetzt nur eine Sorge: Sein Werk glücklich zu Ende zu führen!

Die Schiffbrüchigen waren geborgen, er hatte sie vorläufig von der Insel ferngehalten – so hoffte er –, und er mußte nun auch dafür eintreten, daß die Dinge hier keine mißliche Wendung nahmen.

Das Gefühl der Verantwortlichkeit ließ ihn über die eigene bisherige Unzulänglichkeit und schiefe Betrachtungsweise der Beziehungen der Menschen zueinander hinauswachsen. Er konnte sich nicht entsinnen, daß er je so stark um die Geschicke anderer gebangt hatte wie jetzt, – sein Ich hatte bisher stets im Vordergrund gestanden, – mit einem Schlage hatte sich das geändert: Er hatte Pflichten gegenüber seinen Gefährten! Er empfand dies nur als angenehmen Reiz trotz aller Ungewißheit, wie er mit seiner Aufgabe fertig werden würde. In diesem Reiz lag ein Stück des neuen Menschen Bert Schneider.

Wenn er geahnt hätte, daß nun dicht hinter und zum Teil neben ihm jene Leute, die er durch sein Märchen von den Sträflingen an die Wassergrotte gefesselt zu haben glaubte, durch die Büsche schlüpften, würde er sich mehr beeilt haben. Aber er war so tief in seine Gedanken eingesponnen, daß er achtlos nun auch den Vorgarten durchschritt und erst entsetzt zurückprallte, als vor ihm ein Schuß wie aus einem Böller erdröhnte und er hinter den Korallenblöcken des Kellers ein gelbes, verzerrtes und doch wild entschlossenes Gesicht bemerkte, das mit den kleinen Schlitzaugen an einer Pistole entlangvisierte, die so ungefähr Gestalt und Größe jener vorsintflutlichen Waffen hatte, deren Kaliber umfangreich genug ist, sogar kleine Steine zu laden oder Eisenstücke, – und Pei Feng hatte das getan.

Die Pistole besaß zwei Läufe. Den einen hatte der Boy nun auf die heranschleichenden Fremden abgefeuert, die Ladung des zweiten folgte unter noch donnerartigerem Knall. Dann kreischte Pei mit seiner Fistelstimme dem Reporter zu:

»Snell – Snell – Missu Snider kommen in Keller zu Evy. Wir ihr verteidigen. Snell!!«

Bert war im Nu dem Anruf gefolgt, und die Tür des Kerkers der jungen Mutter des kleinen Harry fiel zu, Pei stützte von innen Kisten und Latten vor und wandte sich dann keuchend an den Reporter.

»Wo herkommen fremde weiße Männer?! Haben Gewehre, sein Räuber, Piraten, schlechte Menschen. Ich sah ihnen schleichen durch Büsche. Ich haben belogen Helger. Ich tragen am Halse anderen Schlüssel, und Schlüssel zu dies Keller liegen in umgekrempelte Hosen. Chinese immer schlau sein und denken: Besser kleiner Swindel als kein Schlüssel!!«

Schneider sagte gar nichts, sondern blickte nur im mattem Dämmer der einzigen Lampe, die diesen Raum erleuchtete, zu Evy hinüber. Sie hatte die Vorgänge mit aller Ruhe verfolgt und fragte nun:

»Wer sind die Leute, Herr Schneider?«

Der arme Reporter hielt sich in diesem Augenblick für einen miserablen Diplomaten. Ihm fiel ausnahmsweise gar nichts ein. Er hüstelte nur und quälte schließlich hervor:

»Es – sind Bekannte von mir und ganz harmlose Leute – vollkommen harmlos, – beunruhigen Sie sich in keiner Weise, Fräulein Harrard!«

Der Name Harrard war ihm nur so aus Unachtsamkeit entschlüpft.

Evy fuhr hoch. »Woher kennen Sie mit einem Male meinen Namen? Hat Helger ihn verraten?!«

Schneider krümmte sich wie ein getretener Wurm.

Heiliger Himmel – wie sollte das enden?! Wie und was sollte er nun hier zusammenlügen?

»Helger?! Nein! Das wußte ich schon längst, wer Sie sind, Fräulein Harrard. Ich wollte doch nach Maloha, das heißt, nicht direkt, ich wollte dort nur einiges feststellen lassen, und –«

»Was?!« Ihre Stimme war plötzlich schneidend scharf und ihr Herz krampfte sich zusammen. War etwa Schneider auch bereits hinter das Geheimnis der so überaus gewinnbringenden Manihiki-Plantagen gekommen?! War etwa ihr Vater in Gefahr?! Drohte ihm Entdeckung und damit hohe Strafe und Entehrung und Verlust all dessen, was er sich zuerst mit so viel Energie und mit unermüdlichem Fleiß erarbeitet hatte?!

Schneider schaute sie hilflos an. Nun saß er ganz fest.

»Was wollten Sie dort feststellen?! Was?« Sie war jetzt nur noch Tochter und Kind des Mannes, der immer an ihr mit wärmster und gütigster Liebe gehangen hatte.

»Schneider, kennen Sie das Geheimnis von Maloha?« Sie war neben ihn getreten und hatte seine Hand ergriffen. »Reden Sie, sagen Sie die Wahrheit. Was wissen Sie?«

Und da wagte er es, da schaute er sie an und antwortete.


20. Kapitel.

Das neue Tabu der Königin-Insel.


Kehren wir auf einen kurzen Sprung in die jüngste Vergangenheit zurück, sehen wir zu, was sich an Bord der Jacht »Maloha« begab, nachdem die aufrührerischen Kanaken den verhaßten Herrn dorthin geschafft hatten.

Die braunen Burschen hatten übereilt gehandelt, als sie in ihrer begründeten Wut gegen ihre Sklavenhalter den Kapitän und die anderen Leute der Besatzung niedergemacht hatten. Sie merkten dies erst, als es nun galt, schleunigst in See zu gehen und sich irgendwo in Sicherheit zu bringen vor der unausbleiblichen Vergeltung. Die Luxusmotorjacht mit ihren modernen Turbinen war für die Kanaken, die von allen möglichen Inselgruppen stammten, ein technisches Preisrätsel. Es stellte sich sehr bald heraus, daß nicht einer der Leute imstande war, das weiße große Schiff in Fahrt zu bringen.

Man hatte Harrard vorn in eine der Kammern gesperrt, man mußte ihn wieder herausholen und ihn durch Drohungen zwingen, zusammen mit den Deutschen die Führung der Jacht zu übernehmen.

Der alte Oberaufseher Sommer hatte dies vorausgesehen. Er verständigte sich insgeheim mit Harrard, und die Jacht wandte sich in voller Fahrt nach Westen, so wollte es der Rädelsführer der Kanaken, der längst geplant hatte, die Tabu-Insel als neue Heimat für sich und seine Gefährten mit Beschlag zu belegen. Er kannte sie, so weit sie überhaupt bekannt war und hoffte zuversichtlich, sich Zutritt zu dem versperrten Inneren des Felseneilandes zu verschaffen, und er wußte auch von den Gerüchten, daß die Insel der Oro-Königin als Zufluchtsstätte gedient hatte. Wie diese Gerüchte entstanden, war ungewiß, – man erzählte sich, daß eine der Frauen, die die Königin mit nach der Tabu-Insel genommen hatte, aus Sehnsucht nach ihrem Manne heimlich entwichen, nach Fatu Hiwa zurückgekehrt und dort von den Oro-Männern gemartert worden sei und doch nur sehr ungenaue Angaben gemacht habe. Alles, was Talofa und den Schotten Mac Gory betraf, war mittlerweile zur Sage geworden.

Als die Jacht einen Tag unterwegs war, bemerkte einer der Kanaken einen roten Fleck auf den Wogen. Es war eine der Flaschenposten, die Helger sofort nach der Rettung aus dem Wrack der Maryland den Strömungen anvertraut hatte. Das Aluminiumfläschchen mit dem roten großen Verschluß aus Zelluloid wurde herausgefischt, Harrard öffnete es, fand darin den Zettel und die Banknote von hohem Wert unversehrt vor und reichte kopfschüttelnd den Zettel an Sommer.

»Was halten Sie davon, Sommer?« Der Zettel war für einen Pflanzer auf der einsamen Nassau-Insel bestimmt, die Adresse war in drei Sprachen geschrieben, aber der Haupttext und die Unterschrift des Absenders bestanden nur aus unverständlichen Reihen von Buchstaben, und zwar deutschen Buchstaben.

Da die Nassau-Insel von der Stelle aus, wo sich die Jacht gerade befand, in wenigen Stunden zu erreichen war, riet Sommer, die Insel anzulaufen, besonders da er den dort ansässigen Landsmann gut kannte. Die Kanaken hatten nichts dagegen, – sie waren wieder ganz friedlich geworden, zumal ihre Abhängigkeit, was die Führung der Jacht betraf, sie auch dazu zwang, Harrard milde zu behandeln.

Die auf der Nassau-Insel ansässige deutsche Familie hieß Bargen. Harrard und Sommer ruderten an Land und übergaben den Zettel an Bargen, der besonders Harrard sehr kühl empfing, nachdem er erfahren, mit wem er es zu tun hatte. Er entzifferte die Geheimschrift und kehrte zu den beiden in einem anderen Zimmer seines Hauses Wartenden zurück.

Bargen schaute den Herrn von Maloha merkwürdig forschend an und fragte dann geradeheraus: »Wohin wollen Sie mit Ihrer Jacht?!«

Harrard erklärte, was auf Maloha vorgefallen und fügte hinzu: »Sommer und ich versprachen den Kanaken, an Bord zurückzukehren, und wir wollen diese Vereinbarung auch einhalten. Die Kanaken wollen sich auf der sogenannten Tabu-Insel niederlassen und uns dann freigeben gegen die Zusage, ihren Aufenthaltsort nicht zu verraten. Ich bitte daher auch Sie um Verschwiegenheit, Herr Bargen.«

Der Pflanzer, der hier so weltabgeschieden hauste, hatte erstaunt aufgehorcht, als der Name der Tabu-Insel genannt wurde. Er erwiderte nur: »Unter diesen Umständen liegt kein Grund vor, dieses Versprechen nicht abzugeben. Ich stelle nur die eine Bedingung, daß Sie, wen Sie auch auf der Tabu-Insel vorfinden, sich des Betreffenden in aller Freundschaft annehmen und ihn und seine Gefährten hier zu mir bringen. Möglich, daß sich niemand dort befindet. Jedenfalls geht Sie der Inhalt der Flaschenpost nichts weiter an.«

Mehr war von Bargen nicht zu erfahren.

Die Jacht dampfte davon, und es gab nun zwischen Harrard und Sommer ein großes Rätselraten, was der Zettel enthalten haben könnte.

Bargen sagte zu seiner Frau, als die Jacht kaum die Anker gelichtet hatte: »Freund Helger befindet sich mit einigen Schiffbrüchigen auf der Tabu-Insel. Harrard wird unseren steckbrieflich gesuchten alten Kameraden nicht verraten, der Herr von Maloha scheint zur Vernunft gekommen zu sein.«

An demselben Nachmittag, als man von der Jacht die Tabu-Insel sichtete, setzten die Orkane ein, die dann drei Tage anhielten. Am zweiten Tage wurde das Schiff auf die Klippen geworfen und zwar mitten in der Nacht während vollkommener Finsternis und andauernder Regengüsse. Nicht einmal Harrard wußte, wo man sich befand, und als dann eine Pause in dem Wüten der Elemente eintrat, bestiegen die Kanaken die großen Rettungskutter und verließen das zum Wrack geschlagene Schiff, kamen glücklich aus der Brandung heraus und erreichten nach Tagen ein unbewohntes Atoll, das abseits aller Seerouten lag. Hier ließen sie sich nieder und lebten fernerhin als friedliche Insulaner nach ihren alten Sitten und Gebräuchen. Ihre Schicksale wurden erst später zufällig bekannt, als Helger aus bestimmten Gründen jene Insel anlief. Sicher ist, daß die Aufrührer auf diese Weise jeder Strafe entgingen und daß die Vorsehung hier einmal Gnade vor Recht ergehen ließ. – Dies mag über den Verbleib der Kanaken genügen. Daß sie weit weniger schuldig waren als ihre weißen Gebieter, sei später auseinandergesetzt: Das traurige Geheimnis von Maloha rechtfertigte ihren Blutrausch! –

Wie Harrard und die drei Familien, die durch Heiraten nur noch eine einzige große Familie bildeten, durch Schneider geborgen wurden, ist bekannt.


Pei Fengs Schüsse aus der alten Vorderladerpistole, die der Boy nebst einem Päckchen Pulver in einem der Schränke der Küche unter Gerümpel gefunden und für sich beiseite geschafft hatte, diese beiden Schüsse hatten trotz der übermäßigen Ladung von Eisenstücken und Nägeln und Steinchen lediglich die Bäume geringfügig beschädigt und wurden auch von Harrard und seinen Begleitern mehr als Spaß aufgefaßt, sie hatten ja gesehen, daß der Schütze ein kleiner Chinesenboy gewesen und hatten auch beobachtet, wohin dieser flüchtete: In die Keller unter dem Hause!

Harrard beriet gerade mit Sommer, wie man mit den Leuten hier zu einer Verständigung auf friedlichem Wege gelangen könnte, als unversehens hinter ihnen in den Büschen, die ihnen Deckung boten, ein Mann erschien, der zunächst in vollem Lauf herbeigestürmt war, dann aber halt gemacht und die Gruppe eine Weile schweigend beobachtet hatte.

Harrard, nur erfüllt von Sehnsucht nach seinem Kinde und daher zu allem bereit, nur um Gewißheit über Evy zu erlangen, sah sich nun plötzlich Barabas Barb gegenüber, der seinen Herrn schweigend musterte und nicht gerade mit sehr freundlichen Augen. Daß Barabas hier zur rechten Zeit erscheinen konnte, hatte er nur seiner Pfiffigkeit zu danken und der Hilfe Consorts. Als er die Schüsse, die schon fast wie Kanonenschläge klangen, vernommen hatte, mußte Consort, neben den er sich Rücken an Rücken gewälzt hatte, ihm die Knoten der Stricke lösen, – daß Barb hinterher sein Versprechen, bei Consort ein gleiches zu tun, nicht hielt, war begreiflich und entschuldbar. Der Alte hatte Eile und wollte keine Sekunde verlieren.

Nun stand er Harrard gegenüber und wartete auf dessen Anrede. Seine Gefühle für den Herrn von Maloha waren auch dadurch nicht nachsichtiger geworden, daß Evy in letzter Zeit so etwas wie Reue über ihr Entweichen empfand.

Harrard fragte schließlich den in finsterem Schweigen verharrenden Barb: »Barabas, wo ist Evy?! Lebt sie wirklich?«

Die Angst und Sorge waren deutlich aus seiner Stimme herauszuhören und rührten auch an des alten Barb verbittertes Herz, obwohl er noch immer nicht vergessen konnte, daß Harrard mit so kaltblütiger Berechnung den ahnungslosen Helger in den Tod geschickt hatte, um den unbequemen Mitwisser zu beseitigen.

Der Herr von Maloha hatte noch demütiger hinzugefügt: »Barb, du weißt nicht, wie unermüdlich ich euch überall gesucht habe. Man hat mich hier schon den Fliegenden Holländer meiner Unrast wegen genannt und verspottete mich und . . .«

Barabas Barb kam es auf etwas ganz anderes an. Er unterbrach den Vater seiner jungen Herrin mit der klaren Frage: »Das ist alles gut und schön, Mister Harrard, aber wie steht es mit den Kanaken?! Sie wissen, was ich meine?«

Jetzt mischte sich Sommer ein, erklärte Barb die Ereignisse auf Maloha und betonte auch Harrards Entschluß, die farbigen Arbeiter in ihre Heimat zu entlassen und die Löhne für diejenigen, die bleiben wollten, zu verdreifachen.

Barabas, nunmehr endlich überzeugt, daß sein Herr auch in dieser Beziehung sein Unrecht gutzumachen versucht hatte, streckte Harrard freudig die Hand hin. Sein Baß sank vor Rührung wieder bis ins tiefste Kellergeschoß, und nur eine gelinde Sorge quälte ihn noch: Wie würde Harrard es hinnehmen, daß ihm derweil ein Enkelkind beschert worden?! Aber er verließ sich auch hierin auf Harrards große Liebe zu Evy und erwiderte nun mit wahrhaft strahlenden Augen:

»Evy geht es sehr gut. Wir haben es hier zu dreien recht behaglich gehabt, nachdem das schlimmste vorüber war, und jetzt dürfte sogar das Leben hier noch viel schöner werden. Harry Helger ist nämlich hier, und da er hoffentlich mit Evy sich wieder völlig aussöhnen wird, die er vorläufig dort in den Keller –« – aber hier stoppte er doch ab, denn er hätte sich beinahe auf Einzelheiten eingelassen, die nicht gerade dazu angetan gewesen wären, als höhere Diplomatie zu gelten – im Gegenteil!

Daß Harrard durch dieses plötzliche Verstummen Barbs etwas stutzig wurde und hastig und wieder ein wenig beunruhigt ausrief: »Daß Helger hier weilt, ahnte ich. Ich weiß ja aus seinem eigenen Munde, daß er mit Bargen von der Nassau-Insel eng befreundet ist. Aber was sollte der Keller? Wo befindet sich Evy nun eigentlich?«

Dieser Zwischenruf war begreiflich, für den alten Barabas jedoch recht unbequem. Was sollte er antworten?! Er wollte nicht zugeben, daß Evy und Helger vorläufig noch entzweit waren und daß Helger sogar in völliger Verkennung der Sachlage sich zu einer kleinen Gewalttat hatte hinreißen lassen.

Das Ganze war für ihn ein böses Dilemma, und mit der feineren Diplomatie war es bei ihm nicht weit her.

Unruhig und verlegen wichen seine Augen den forschenden Blicken seines Herrn aus und schweiften ratlos rundum, bis dann mit einem Schlage aus seinem braunen, faltigen Gesicht ein Leuchten der Freude erschien, das fast überirdisch genannt werden konnte.

Drüben in der Lichtung waren mehrere Personen aufgetaucht, dazu ein Ziegenbock und noch etwas, das in Margas Armen ruhte und lustig krähte.

Weshalb Barb jetzt zu weinen begann, blieb Harrard nur für Sekunden unverständlich, als er aber der Richtung der Blicke Barbs dann folgte und sich umwandte, wurden auch seine Augen ganz groß und hafteten nach kurzem Mustern der sich Nähernden nur noch auf dem Säugling, den Marga nun, von Helger jäh zurückgehalten, ängstlich an sich drückte.

Bevor jedoch noch irgend jemand etwas äußern konnte, erklang des alten Barb recht zitterige Stimme, die vor leisem Schluchzen kaum zu verstehen war:

»Mister Harrard, das – das ist der kleine Harry, Ihr Enkelchen, und der große Harry daneben ist der Vater, und wenn Sie – wenn Sie Evy nun des Kindes wegen etwa Vorwürfe machen wollen, dann – dann – werde ich saugrob, – entschuldigen Sie schon: sogar furchtbar saugrob!!«

Aber Benno Harrard dachte an alles andere, nur nicht an Grobwerden.

Die Tränen stürzten ihm aus den Augen, unsicheren Schrittes ging er auf Helger zu und reichte ihm bittend beide Hände.

»Verzeihen Sie mir, Helger, ich habe eingesehen, wie schlecht ich –« Er brauchte nichts weiter zu sagen, denn ein aschblondes Mädel kam herbeigeeilt wie ein Wirbelwind, riß Marga das Kind aus den Armen und rief dem Vater lachend und weinend zu:

»Da, Vater, – ganz deine Nase! Aber das Haar ist von mir, und die Augen hat er von Harry!«

Wer dann eigentlich als erster Evy in die Arme nahm und küßte, ob dies Harrard oder Helger war, ließ sich nie so recht feststellen.

Die Zuschauer hatten nämlich alle sehr feuchte Augen und drehten sich auch alle um, denn diese Wiedersehensszene mußte selbst den Hartherzigsten butterweich machen, und von der hartherzigen Sorte gab es hier nicht einen.


Der schöne Solwy Consort, der doch zumeist mit sich selbst so sehr zufrieden war, verwünschte sich ob seiner Leichtgläubigkeit.

Nebenher versuchte er unablässig, seine Fesseln loszuwerden, – es blieb vergebliche Liebesmüh. Genau so umsonst war es, die argen Befürchtungen zu zerstreuen, die nun durch diese Wendung der Dinge in ihm aufgestiegen waren. Daß sich sein Kompagnon Harrard hier so unvermutet eingefunden hatte, mochte noch hingehen, aber daß Helger sozusagen der Schwiegersohn dieses Mannes war, mit dem er sich auf die dunklen Geschäfte eingelassen hatte, dies bereitete ihm die schlimmsten Sorgen. Wenn irgendwie die ganze Wahrheit an den Tag kam, dann – ja, was dann geschehen würde, war einfach unvorstellbar!!

Unter dem nicht mehr wegzuweisenden Zwang dieser düsteren Zukunftsaussichten verdreifachte er seine Anstrengungen, die Stricke abzustreifen. Er mußte fliehen, denn eine Aussprache mit Harrard etwa in Gegenwart Helgers und Bracks war undenkbar, und im Grunde hatte er Brack weit mehr zu fürchten als seinen einstigen Diener Guy Trebber. Diese Erkenntnis war ihm nun erst hier in den letzten Minuten aufgedämmert. Brack war ein Jahr auf der Maryland Oberheizer gewesen, ein Jahr!! Und die Maryland war leider an all den üblen Geschichten auch nicht ganz unbeteiligt, nein, – und ob dieser Brack nicht zuviel wußte, konnte niemand voraussagen.

Solwy Consort hatte Glück. Die Baststricke, die seine Handgelenke umschlangen, mußten eine dünne Stelle gehabt haben. Mit einem Male lockerten sie sich, und gleich darauf konnte er sich auch der Fußfesseln entledigen. Er sprang empor und überlegte nur kurze Zeit, er hatte nur einen Weg zur Flucht offen, und das war der Wassertunnel an der Südostseite der Insel unweit Kap Marga.

Er eilte an der Wohngrotte Evys vorüber und suchte das große Rindenboot, welches er in der Felsspalte hinter den aufgehäuften Steinen entdeckte. Er fand die Wohnung Evys unverschlossen, suchte nach Proviant, Trinkwasser und einen Segel. Er betrat die so behaglich ausgestatteten Räume und entdeckte alles, was ihm fehlte, schleppte die Sachen hinab zum Festungsgraben und verstaute sie im Kanu, dessen mittelste Sitzbank ein Loch zum Einfügen des Mastes hatte.

Consorts Gedanken bewegten sich nun bereits auf einer weit gefährlicheren Linie. Wenn ihm die Flucht glückte, wenn er ein Schiff traf und Gelegenheit fand, etwa nach Numea an seinen Vertrauten zu drahten, daß Helger sich hier auf der Tabu-Insel aufhielte, dann – dann konnte er auch für all das sich rächen, was man ihm hier angetan hatte. Erst wieder in Sidney, würde es ihm auch ein leichtes sein, sich gegen alle Anklagen dank seinen guten Beziehungen zu wehren, und schließlich würde so die ganze Schuld doch auf Harrard sitzen bleiben.

Diese Zukunftspläne, die doch noch in so nebelhafter Ferne der Vollendung harrten, trieben ihn zu den kraftvollsten Anstrengungen an, um jeden Preis schleunigst von der Tabu-Insel wegzukommen. Er stieß mit dem einen Ruder das Kanu ab und trieb es dem Kanaleingang zu. In seinem Eifer merkte er nicht, daß die Strömung hier im Graben immer stärker dem Kanal zudrängte und daß das leichte Rindenboot fast ohne Nachhilfe dahinschoß. Infolge des hohen Wasserstandes war der Kanal gleichfalls übermäßig gefüllt und die Passage breiter und bequemer als sonst. Consort jubelte, als sein Nachen jetzt in das Dunkel des Kanals hineinflog und die bereits eingetretene Ebbe mit dafür zu sorgen schien, daß er schnellstens außer Sicht und Greifweite seiner Feinde gelangte. Als Feinde betrachtete er nun alle, die sich hier auf der Insel befanden.

Wenn er nicht so blind darauf versessen gewesen wäre, seine Rachegedanken zu verwirklichen, hätten ihn die schäumenden Wassermassen, die mit unheimlicher Kraft nach der offenen See zu dahinjagten und überall weißen Gischt erzeugten, bedenklich stimmen müssen. Gewiß, der wiederholte Anprall des Bootes bei dieser Fahrt im Dunkeln durch den gewundenen Kanal veranlaßte ihn, die Ruder zum Bremsen zu benutzen, aber das half wenig. Die Stöße wiederholten sich, und jedes andere Fahrzeug wäre dabei zu Bruch gegangen. Nicht so ein Kanakenboot, bei dem nicht ein Nagel verwendet worden, sondern alles nur durch Stricke miteinander verbunden war, die vorher in siedendes Harz getaucht waren. Was solch ein elastisches Boot mit Planken aus weicher, immerhin fingerdicker Rinde auszuhalten vermag, wird nur noch durch die Zähigkeit der Fellboote der Eskimos übertroffen.

Aber jede gute Eigenschaft derartiger Kanus hat ihre Grenzen. Als das Kanu nun an dem Bimssteinblock vorüber in die Region der Klippen und Riffe hinausschoß, mußte Consort feststellen, daß sein Fahrzeug an verschiedenen Stellen doch leck gesprungen war und Wasser sog. Außerdem stand innerhalb der Riffe eine so wütende Brandung, daß es Wahnwitz gewesen wäre, auch nur den Versuch zu wagen, während der stärksten Ebbe die Riffe zu passieren. Consort sah nur eine Möglichkeit, aus dieser gefahrvollen Lage herauszukommen: er mußte das Wrack der Jacht erreichen! Er war ein Spielball der Ebbe geworden und hoffte, unbemerkt hinter das Wrack zu gelangen und dort die Stunden zubringen zu können, bis das Wasser innerhalb der Riffreihen ruhiger geworden.

Daß er trotzdem wie ein Verzweifelter sich anstrengen mußte, damit er nicht doch in die Brandung geriete, daß seine Hände sehr bald von Blasen und wunden Stellen und mit Blut bedeckt waren, – daß seine Kräfte gerade hinreichten, ihn an das Wrack noch mit allerletzter Anstrengung gelangen zu lassen, daß seine wunden Finger kaum mehr imstande waren, das Kanu hinter dem Heck der Maloha zu vertäuen, – all dies hatte nun doch sein rachebedürftiges Gemüt wesentlich abgekühlt und ihm gezeigt, wie schwer es sein würde, sich mit dem Rindenboot auf offenem Meere zu behaupten. Ihm fehlte die Erfahrung, ihm fehlte die Ausdauer. Er war jetzt so erschöpft, daß er nicht einmal mehr die Kraft hatte, das eingedrungene Wasser zu entfernen, er begnügte sich damit, zwei Trossen zu befestigen, und rechnete darauf, daß mit der sinkenden Flut das Kanu schließlich frei in der Luft an der Bordwand des Wracks schweben und das Wasser dann von selbst ablaufen würde. Jetzt aber warf er sich auf seine Proviantkisten und suchte seine fliegenden Lungen zu beruhigen. Er fühlte sich wie zerschlagen und hätte in diesem Augenblick sich wieder freiwillig gefangen gegeben, so völlig ausgepumpt war er.

Ein Blick auf seine Hände erzeugte bei ihm Übelkeit. Seine Handflächen waren nur rohes Fleisch und Blut und Hautfetzen. Er ließ sie ins Wasser sinken, aber das Salzwasser brannte wie Feuer, und wimmernd und stöhnend verwünschte er seine Fluchtgedanken und hatte nur noch ein Sehnen: Ein trockenes Lager und Wundsalbe für seine Hände!! Dies wieder brachte ihn darauf, doch einmal zuzusehen, ob es ihm nicht gelänge, in die Heckräume der Jacht einzudringen.

Das abgebrochene Heck hatte sich schräg zwischen zwei hohen Klippen festgekeilt. Das Oberdeck der Mitte des Schiffes hing frei in der Luft wie ein Dach mit den beiden kurzen dicken Schloten, das Vorderschiff und der Maschinenraum waren versunken.

Consort rappelte sich auf, schleuderte eine Leine an Deck des Wracks und suchte, als sie sich droben verfangen hatte, emporzuklettern. Er biß die Zähne zusammen und schaffte es auch, kroch zur Achtertreppe und verschwand in der ersten Kabine, wo er alles nach Verbandszeug durchstöberte. Er fand die Schiffsapotheke, dann lag er auf einem der Wandsofas und erholte sich allmählich. Ein kräftiger Schluck Whisky und eine Zigarre ließen ihn rascher wieder zu Kräften kommen, als er es je erwartet hatte.

Auf dem Klapptisch neben ihm lagen neueste Zeitungen, – was man so in der Südsee neu nennt. Um sich abzulenken, blätterte er darin und überflog die Spalten ohne viel Interesse, – immerhin stellten diese Zeitungen für ihn eine Verbindung mit jener Welt dar, die er wieder zu erreichen hoffte und die ihm dann helfen würde, den Leuten auf der Insel all die Demütigungen heimzuzahlen. Jedenfalls: Solwy Consort war schon wieder dort angelangt, wo er besser mit seinen Gedanken nie mehr hätte stranden sollen, aber ein Charakter wie der seine vergaß nur zu schnell überstandene Unbill, – vorherrschend blieb sein Wunsch nach Vergeltung! Daß er selbst alle Ursache hatte, denselben Menschen, die er verderben wollte, zu danken, so insbesondere Helger, übersah er vollkommen.


Wenn jemand unter den Freudenausbrüchen der Wiedersehensszene zwischen Harrard und seinen Kindern gelitten und daraus nur die eine Erkenntnis geschöpft hatte, die unendlich bittere Erkenntnis, daß ihm selbst ein solcher Herzensjubel nie beschert werden würde, dann war es Tim Brack.

Gerade diese Wiedersehensfreude verscheuchte ihn aus der Nähe des Hauses und trieb ihn abermals in die Einsamkeit der buschreichen Ufer der Koralleninsel. Die Überzeugung, daß es für ihn nie ein solches Glück geben könnte, daß sein ganzes Dasein eben verpfuscht war und er stets nur an der Unvollkommenheit der Vergangenheit zu tragen haben würde, daß letzten Endes sein Los nur aus Verzichten bestand, machte ihn unfähig, mit seinen Gefährten zusammen diese ersten Stunden gemeinsam zu verleben.

Er ahnte nicht, daß das Schicksal ihm nun Gelegenheit bieten würde, abermals nach dem Glück zu greifen, – er ahnte nicht, was alles sich daraus ergeben würde, daß er nun wie von ungefähr hinzukam und gerade noch das Kanu Consorts im Kanal verschwinden sah. Im Augenblick war die trübe Stimmung von ihm abgefallen, er wurde wieder Tim Brack, der Tatmensch, der sofort überschaute, was es bedeutete, wenn Consort die Flucht gelang.

Er zögerte keine Sekunde. Die andern wollte er nicht stören. Er würde mit Consort schon allein fertig werden. Er lief zu der Stelle, wo er das kleinere Kanu verborgen wußte. Ihm war es keine Mühe, gegen die Strömung anzukämpfen, er erreichte die offene See, als Consort gerade hinter dem Wrack verschwand und zehn Minuten später legte er neben dem schwer beladenen Fahrzeug des Flüchtlings an. Consort war nicht mehr zu sehen, aber die von Deck herabhängende Leine zeigte ihm, wo er zu finden war.

Die Vorsehung wählt zuweilen merkwürdige Wege, die zu erfreuen, die es verdienen. Die Wege der Vorsehung sind unergründlich. So hier!

Solwy Consort lag auf dem Wandsofa und lächelte und pfiff ganz leise einen Gassenhauer. Es amüsierte ihn köstlich, daß gerade er mit einem Schlage Bracks Herzensnöte hätte beseitigen können, denn daß Brack und Marga sich gefunden und doch nie sich wirklich ihres Glückes würden erfreuen können, wußte er durch den alten Barb, der ihm, als sie beide gefesselt in der Felskluft lagen, aus Ärger vorgehalten hatte, daß er, Consort, nur einen jämmerlichen Handel mit Helger abgeschlossen habe. »Und wenn Sie sich auch noch so gern als Margas Retter aufspielen möchten, Consort, – wir, Evy und ich, haben ja beobachtet, daß Helger allein Anspruch auf Margas Dankbarkeit hat und daß Brack sich alle Mühe gab, auch seinerseits Marga zu bergen. Helger wird kaum Wert auf diese Dankbarkeit legen, aber Brack um so mehr, und Marga dürfte genau so denken. In solchen Dingen hat Evy einen sehr sicheren Blick, und Pei Feng auch. Die beiden lieben sich!«

So hatte Barb gesprochen, und hieran dachte Consort jetzt und pfiff vor Schadenfreude noch lauter. Brack war ja verheiratet, und Marga wieder nie und nimmer die Natur, die etwa über solche Tatsachen sich hinwegsetzte.

Die Kajütentür öffnete sich leise.

Consort lachte laut und griff nochmals nach der Zeitung. Er merkte nicht, daß Tim Brack erstaunt in der Tür stand und ihn verwundert betrachtete.

Consort überflog nochmals den kurzen Bericht.

»Du solltest ahnen!!« meinte er halblaut voller Schadenfreude. »Dja, mein Lieber, ich habe dein Schicksal in der Hand. Wortwörtlich! Wie würde sich Marga mit dir freuen! Euer Pech!«

Er fuhr jäh empor. Eine Hand hatte über seine Schulter gegriffen und ihm die Zeitung aus der Hand genommen.

»Brack, – Sie – Sie –?!«

Aber Tim Brack hörte nicht, er las und dabei fühlte er, wie er erst bleich und dann flammend rot wurde. Das Blut brauste ihm in den Ohren und seine Augen versagten ihm fast den Dienst. Mit aller Gewalt zwang er sich schließlich zur Ruhe. Dann aber glitt ein seliges Schmunzeln über sein Gesicht. Es war ein Schmunzeln, wie Brack es noch nie hatte sehen lassen.

Dann wandte er sich an Consort.

»Sie sind ein Lump, gewiß, aber daß Sie mir heute schon zu einer Nachricht verhalfen, die mich sonst wohl erst nach Monaten erreicht hätte, soll Ihnen nicht vergessen werden! Ich will für Sie ein gutes Wort einlegen – kommen Sie mit!«


Auf der Terrasse des Kaoha-Ha'e war abends eine große Gesellschaft versammelt.

Daß Consort einen Fluchtversuch unternommen hatte, wußte bisher niemand. Nun rief Brack, der mit eigentümlich leuchtenden Augen und doch sehr schweigsam und versonnen neben Marga saß, die einzelnen Personen auf, die an der jetzt folgenden Aussprache im großen Wohngemach teilnehmen sollten. Man hatte das Abendessen bereits hinter sich, und Brack, Helger und Harrard waren übereingekommen, die dringlichste Angelegenheit nunmehr zu aller Zufriedenheit zu erledigen.

Tim Brack begann mit einer kurzen Aufklärung.

»Meine lieben Gefährten, wir alle wissen, daß die sogenannte Anwerbung von Plantagenarbeitern auf anderen Inselgruppen zumeist nur ein abscheulicher Handel mit betrunken gemachten Kanaken war, die ihre Verträge unter dem Einfluß von Alkohol unterzeichneten und so für Jahre zu Sklaven wurden. Die Kolonialmächte schauten diesem Treiben untätig zu, denn . . . – nun, die Gründe brauche ich hier nicht zu erörtern. Erst die verschiedenen Anfragen in den Parlamenten führten zu harten Strafbestimmungen und zu einer wesentlichen Besserung, – die sogenannte Whisky-Werbung wurde verboten. Aber der Mangel an billigen Arbeitskräften ließ nunmehr eine andere Art von Menschenraub oder Sklavenhandel aufblühen, dessen Erfinder Sie waren, Consort! Ja, Sie!! Wie ich als Oberheizer der Maryland dahinterkam, bleibe unerörtert. Es ist so: Consort fand mit seinen Plänen ein williges Ohr bei Ihnen, Mister Harrard, wir wollen hier ganz ungeschminkt reden! Im Grunde sind ja auch Sie nur der Verführte. Jedenfalls wurde die Südsee plötzlich der Schauplatz echter Sklavenjagd. Consorts Dampfer lauerten den Kanaken auf, die zum Besuch der Nachbarinseln mit Weib und Kind in den Auslegerbooten unterwegs waren, ließ sie einfangen und nach Maloha bringen, wo diese Sklaven, sofern ein Regierungsschiff sich zeigte, versteckt wurden.

Es war echter Sklavenraub, und sehr bald wurde man auf das Verschwinden so zahlreicher Menschen aufmerksam, – Gerüchte tauchten auf, und diesen Gerüchten wollte auch Schneider nachgehen und an Ort und Stelle untersuchen, ob etwas Wahres daran sei. Consort, wir kennen Sie! Wir haben beschlossen, sämtlich hier auf der Tabu-Insel zu bleiben und eine deutsche Kolonie zu gründen, dieses Eiland ist herrenlos gewesen, jetzt gehört es uns! Aber wir müssen uns gegen Sie und Ihre Machenschaften schützen, Consort. Hier haben wir ein Schriftstück aufgesetzt, in dem Sie Ihre Schuld eingestehen. Sie werden es unterschreiben oder . . . Sidney nie wiedersehen!! . . . Entscheiden Sie sich!! Ich betone: Jeder Verrat, daß wir hier weilen, würde zur Folge haben, daß wir Ihr Schuldbekenntnis der australischen Regierung zustellen, dann blüht Ihnen als dem Erfinder des modernen Sklavenraubes in der Südsee der – Strang!! Also, – entscheiden Sie sich.«

Solwy Consort war froh, so billigen Kaufes davonzukommen. Er unterschrieb nicht nur, sondern verpfändete sogar sein Ehrenwort und bat alle die um Verzeihung, denen er Rache geschworen, und daß er dies zugab und so ehrlich seine Absichten eingestand, nahm nur für ihn ein.

Benno Harrard war nicht minder zufrieden, daß diese peinliche Aussprache in dieser Art ausklang. Er selbst hatte ja seine Schuld längst durch die Sorge um Evy abgebüßt. – –

Der Vollmond stand über der Insel und streute auf die stille Lagune silberne Streifen.

Alle, die sich nun hier auf dem Eiland der Oro-Königin zusammengefunden hatten, gaben Evy und Harry das Geleit bis zum Ufer, wo das große Kanu, von Barb prächtig bekränzt, des Paares und des kleinen Harry wartete.

Evy war's gewesen, die schon beim Abendessen erklärt hatte – und sie war dabei etwas sehr rot geworden –, daß das Haus Talofas für all die Gäste doch viel zu eng sei und daß sie und der große und der kleine Harry daher weiter in den Grotten wohnen würden.

»Ohne mich!!« hatte Barb da hinzugefügt, und sein Baß war wieder einmal bis in den tiefsten Keller geglitten.

Nun trug das Kanu drei Menschen, ein Kind und seine Eltern, über den gleichfalls im Mondschein schillernden Festungsgraben. Noch ein letzter Zuruf der Glücklichen erklang, und die andern erwiderten ihn und kehrten um.

Tim Brack schritt still neben Marga her. Er bog unmerklich zu der Stelle ab, wo sie nachmittags gesessen hatten und wo er ihr erklärt hatte, weshalb er verzichten müsse. Marga folgte ihm willig. – Irgend etwas an Brack erschien ihr verändert, sie fühlte, daß er nur mit Mühe die ihm aus den Augen leuchtende Freude verheimlichen konnte, aber die Wahrheit ahnte sie nicht.

Nun hatten sie den Platz erreicht, wo sie nachmittags gesessen hatten. Tim machte halt und schaute Marga lange an.

»Marga«, sagte er dann leise, »ich habe heute einen Glücksgriff getan. Ich verfolgte Consort und fand dich – dich – für immer!!«

Sie verstand ihn nicht. »Mich fandest du?!« Und doch bebte ihre Stimme.

Er nahm sie in die Arme, zog sie ganz eng an sich und blickte ihr tief in die Augen.

»Marga, Consort las eine Zeitung. In der Zeitung stand, daß der deutsche Kapitän Gart über zwei Jahre auf einer kleinen Insel der Bahama-Gruppe gehaust hatte und nun lebend in die Heimat zurückgekehrt ist – nach Rügen – zu seiner jungen Frau, die derweil einen anderen geheiratet hatte. Aber, – den hatte sie vergessen. Sie hatte nur Gart geliebt und will sich sofort scheiden lassen – von mir – von mir, Marga –!«

Er flüsterte nur noch.

»Marga, der Weg zu unserm Glück ist also frei. Ich – warte –«

Er brauchte nicht zu warten.

Ein Lippenpaar verschloß ihm den Mund. Der Mond leuchtete über der Insel der Oro-Königin. Der Mond hatte viel zu schauen und zu lächeln in dieser Nacht. Auf der deutschen Insel der Glücklichen ging die Liebe um. In den Grotten raunte und flüsterte es und in den duftenden Büschen wisperte und tuschelte es noch heimlicher und noch trauter. Tim Brack hatte die Wärme gefunden, nach der er sich gesehnt . . .

Aber über alledem lag das heilige Tabu der Liebe, das Tabu einer sagenhaften Vergangenheit.

Tabu der Liebe, der wahren Gestade der Seligen!