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W. K. Abel – Die Perle der Königin.

Roman

W. K. Abel, Die Perle der Königin, Vergiß mein nicht, Bibliothek der besten Romane, Band 344, Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin, o. J.
Neu durchgesehen, nach der Ausgabe bei der deutschsprachigen Wikisource.


1. Kapitel.

Der dicke Wirt des Exzelsior-Hotels in Bombay schnaufte kurzatmig den endlosen Korridor im zweiten Stock entlang und klopfte dann an die Tür von Nr. 64. Auf ein kurzes, recht energisch klingendes »Herein« öffnete er und trat näher.

»Bitte schließen Sie die Tür hinter sich«, sagte der Bewohner dieses Zimmers, ein hagerer, junger Mann mit bartlosem, sonngebräuntem und außerordentlich kühn geschnittenem Gesicht, der in einem Sessel saß und vor sich auf der Platte des Mitteltisches sauber in einer Reihe eine goldene Uhr mit Kette, zwei Ringe und eine Busennadel und etwa zehn Mark in englischem Gelde hingelegt hatte.

Wilhelm Segerl, der Besitzer des Exzelsior, drückte die Tür ins Schloß und verbeugte sich leicht.

»Sie haben mich zu sprechen gewünscht, Herr Manhard.«

»Ich habe Sie hier zu mir in mein Zimmer gebeten, weil diese Unterredung möglichst ohne Zeugen stattfinden sollte«, erklärte Felix Manhard gelassen.

Segerl, ein geborener Schweizer, schaute seinen Gast etwas mißtrauisch an. Und dann wanderten seine Augen prüfend zu der merkwürdigen kleinen Ausstellung hin, die der junge Deutsche da auf der Tischplatte ausgebreitet hatte.

Ein flüchtiges Lächeln zuckte um Manhards Lippen.

»Sie wundern sich wohl über diese Zurschaustellung meiner gesamten Habe, Herr Segerl. – Bitte, kommen Sie ganz dicht heran. Sie sollen mal diese Dinge hier abschätzen.«

Der Hotelier, der den übermütigen Spott dieses Gastes schon so manches Mal unangenehm empfunden hatte, setzte ein recht unnahbares Gesicht auf.

»Da wenden Sie sich wohl besser an jemand anders,« meinte er kurz. Im stillen aber grübelte er darüber nach, was diese ganze Szene nur zu bedeuten haben könnte.

»Unmöglich, Herr Segerl!« erwiderte Manhard liebenswürdig. »Nur Sie allein haben jetzt noch ein Interesse an diesen Wertsachen.«

Wilhelm Segerl ging ein Licht auf. Seine Miene veränderte sich plötzlich. Der höfliche, zurückhaltende Besitzer des Exzelsior verwandelte sich in den um sein Geld besorgten Geschäftsmann.

»Soll das vielleicht heißen, daß Sie . . . daß Sie . . .«

». . . sehr richtig«, vollendete Manhard, ». . . daß ich nicht in der Lage bin, meine Wochenrechnung zu begleichen. – Hier ist sie. Ich schulde Ihnen runde zehn Pfund Sterling (200 Mark). Ihre Rechnungen zeichnen sich ja dadurch vorteilhaft aus, daß man zur Bezahlung nie Kleingeld braucht.«

Segerl ballte unwillkürlich die dicken Finger zur Faust. Aber im übrigen nahm er sich vor, durchaus höflich zu bleiben. Hoffte er doch, daß die Wertsachen des jungen Deutschen ihm noch einen kleinen Profit einbringen würden.

»Unter diesen Umständen muß ich mich freilich überzeugen, was diese Dinge wert sind«, meinte er und nahm die goldene Kapseluhr zur Hand, an der eine feingliedrige, lange Kavalierkette hing.

»Lassen Sie sich Zeit mit dem Abschätzen, Herr Segerl«, sagte der Deutsche gemütlich, indem er aus einer silbernen Zigarettendose die letzten drei Zigaretten herausnahm und das Etui dann neben die Busennadel legte. »So – hier, dieses Andenken habe ich noch vergessen. Außerdem steht Ihnen auch noch mein Koffer mit meinen soeben eingepackten zwei Anzügen und der ganzen Wäsche zur Verfügung.«

Segerl schaute etwas überrascht auf, aber nicht unangenehm überrascht. O nein! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Hier war tatsächlich ein Geschäft zu machen. Diese Deutschen sind doch alle dumm und unpraktisch. Ein anderer wäre ihm sicher unter Zurücklassung des Gepäcks mit der Zeche durchgebrannt.

Inzwischen hatte Felix Manhard in leichtem Plauderton weitergesprochen.

»Ja, Herr Segerl, meine Hoffnung, hier als Redakteur oder Privatlehrer ein Unterkommen zu finden, hat mich eben arg betrogen. Zwei Wochenrechnungen konnte ich bezahlen. Jetzt bei der dritten hapert's gewaltig. Ich bin vollständig abgebrannt, vollständig, bin aber auch ehrlich genug, Sie nicht betrügen zu wollen, wie Sie sehen. Die Not zwingt mich, andere, sogar jede beliebige Arbeit zu suchen, nur um mich satt essen zu können. Und in einer Stellung als Kohlenschipper oder Zeitungsausträger brauche ich diese bescheidenen Kostbarkeiten nicht mehr.«

Der Wirt war mit der Prüfung fertig. Er verstand sich auf dergleichen.

Mit einem Gesicht, das Wohlwollen und gütige Nachsicht ausdrücken sollte, erklärte er jetzt:

»Na, – weil Sie so ein halber Landsmann von mir sind, Herr Manhard, – ich bin ja Deutsch-Schweizer – , will ich den ganzen Kram hier für zehn Pfund gelten lassen und die Rechnung als quittiert unterschreiben.«

»Es sind alles liebe Andenken, von denen man sich ungern trennt«, meinte Felix Manhard, sich eine Zigarette anzündend. »Und – was hier im Zimmer noch mein Eigentum ist, packen Sie bitte ebenfalls in den Koffer.«

Felix Manhard griff nach seinem Panamahut, warf den Zigarettenrest in den Aschbecher und ging mit einem beinahe herablassenden: »Auf Wiedersehen, Herr Segerl« zur Tür hinaus.

Es war genau elf Uhr vormittags, und das Leben und Treiben in der wichtigen Hafenstadt befand sich so ziemlich auf dem Höhepunkt. Manhard wollte sich eben vorsichtig durch das Gewühl auf die andere Straßenseite hindurchschlängeln, als er angerufen wurde. Er drehte sich um und lüftete leicht den Hut.

»Guten Morgen, Miß Fartaday. – Gut, daß ich Ihnen noch begegne. Ich möchte Ihnen als Schriftsteller Felix Manhard lebewohl sagen.«

Die schlanke, hübsche Engländerin, ganz in Weiß gekleidet, musterte ihn vom Kopf bis zum Fuß.

»Sie sehen heute so anders aus als sonst«, meinte sie offensichtlich erstaunt. »Und – was heißt das: »als Schriftsteller Felix Manhard lebewohl sagen«? Ich verstehe Sie nicht.«

Ihre grauen Augen suchten forschend in seinem Gesicht.

»Nun – wahrscheinlich bin ich sehr bald Arbeiter am Hafen oder sonst etwas ganz ehrliches, aber für Sie nicht mehr standesgemäßes, Miß Fartaday. Der Schriftsteller verschwindet eben aus Geldmangel, und der neue Felix Manhard dürfte von Ihnen kaum noch beachtet werden.«

»Sie machen wieder einen Scherz wie so oft«, meinte sie gelangweilt. »Kommen Sie, begleiten Sie mich nach dem Sportplatz.«

»Bedaure. Ich scherze wirklich nicht. Erkundigen Sie sich bei Herrn Segerl. Der hat meine sämtlichen Sachen als Zahlung für die letzte Wochenrechnung einbehalten.«

Die junge Engländerin wurde rot. »Aber – aber gestern abend tranken Sie doch noch mit uns Sekt und aßen allein für Ihre Person zwei Dutzend Austern, und uns hatten Sie . . . hatten Sie . . .«

». . . eingeladen, – stimmt! War mein Abschiedssouper. Ich liebe die Gegensätze. Heute werde ich vielleicht hungern. Dieser einfache Anzug und der Inhalt seiner Taschen bildet das Letzte, was ich besitze.«

Miß Fartadays Wangen brannten jetzt in heißer Glut. In diesem Augenblick, wo ihre sonst so blasierte Miene leichte Verlegenheit ausdrückte, sah sie sogar für Manhards Geschmack recht annehmbar aus.

»Sie . . . Sie sind der merkwürdigste Mensch, den ich je kennengelernt habe,« sagte sie, ihren weiß-seidenen Sonnenschirm auf der Schulter in Umdrehung versetzend. »Ist denn das alles wirklich wahr?«

Er nickte nur ernst.

Da wurde sie lebhaft. »Sie wissen, mein Vater ist Regierungsbeamter und besitzt eine sehr einflußreiche Stellung. Er ist Gouverneur des Roxara-Distriktes, zu dem auch die neuen Perlmuschelbänke gehören.«

»Oh«, unterbrach Manhard sie eifrig, »– des Roxara-Distriktes . . .?! Das wußte ich nicht.«

Sie ahnte nicht, warum gerade diese Gegend ihn so sehr interessierte, und nahm seinen Zwischenruf nur als Erstaunen über den wichtigen Posten ihres Vaters hin.

»Ja«, fuhr sie ebenso hastig fort, »und es kostet mich nur ein Wort, um Ihnen eine Anstellung zu verschaffen. Ich werde an meinen Vater telegraphieren – sofort. Und er wird Ihnen Vorschuß schicken.«

Der lange Deutsche mit dem auffallend energisch gemeißelten Kopf hatte, noch während sie sprach, seinen Entschluß gefaßt.

»Ich danke Ihnen, Miß Fartaday,« sagte er kurz. »Wir Deutschen helfen uns auch allein weiter.«

»Habe ich Sie verletzt? Das wollte ich nicht«, meinte sie verwirrt, und wieder errötete sie bis unter die aschblonden Stirnhaare.

Dabei blickte sie ihn mit Augen an, die ihm plötzlich das Geheimnis ihres neunzehnjährigen Herzens verrieten. Sie liebte ihn. Geahnt hatte er das schon seit ein paar Tagen.

Nun tat sie ihm leid. Sie hatte ja nur sein Bestes gewollt.

Und so sagte er denn herzlich:

»Verletzt haben Sie mich keineswegs, Miß Ethel, wirklich nicht. Das mag Ihnen genügen. – Und nun – nochmals: leben Sie wohl!«

Er lüftete den Hut und schlüpfte schnell zwischen zwei hochbepackten Lastwagen hindurch auf den jenseitigen Bürgersteig.

Ethel Fartaday wäre ihm am liebsten nachgeeilt. Dann aber preßte sie die Lippen fest aufeinander und schritt dem Eingang des Hotels zu. Sie würde ihn schon wiederfinden und feststellen, womit er sein Geld jetzt verdiente. Und – ging es ihm erst einmal ganz schlecht, so würde er trotz seines törichten Stolzes wohl zugänglicher werden. – –

Eine halbe Stunde später stand Felix Manhard in dem Laden eines chinesischen Trödlers am Hafen und kaufte sich einen blauen, billigen Seemannsanzug sowie einfache Wäsche und einen geflickten Rucksack ein. Eine weiche Mütze, ein buntes Halstuch und eine Nickeluhr vervollständigten die neue Ausrüstung. Alles, was er aus dem Leibe trug, gab er dem Chinesen in Zahlung. Nur die dicksohligen, braunen Schnürstiefel behielt er, ebenso eine feste Lederbrieftasche. Da der Händler noch eine Kleinigkeit bares Geld dazu verlangte, reichte er ihm eine 100-Pfundnote zum Wechseln, die er der Brieftasche entnahm. Der schlitzäugige Chinamann schaute ihn argwöhnisch an, noch mißtrauischer aber die Banknote. Doch sie stellte sich als völlig echt heraus. In wenigen Minuten hatte Manhard sich dann umgezogen und verließ den Laden, nachdem er das von dem Chinesen erhaltene Papiergeld bis auf einen kleinen Rest unbemerkt in der dicken Sohle seines einen Schuhes untergebracht hatte.

Nachmittags zwei Uhr ging der Küstendampfer, wie er wußte, nach Kalikut ab. Er bezahlte den billigsten Platz, aß wie die anderen Vorschiff-Passagiere seine eigenen, vorher eingekauften Speisen und spuckte genau so beim Rauchen seiner kurzen Pfeife auf Deck wie all die bunt zusammengewürfelten Gestalten um ihn her.

Zwei Tage später war er in Kalikut. Hier wechselte er das Schiff und benutzte einen uralten Raddampfer zur Überfahrt nach Roxara, einem Städtchen, das, hart an der Südwestküste Vorderindiens gelegen, seine Entstehung nur den dort vor einem halben Jahre neu entdeckten Perlmuschelbänken verdankte und trotz seines jugendlichen Alters von noch nicht ganz drei Monaten schon jetzt einige dreitausend Einwohner zählte, die sich aus Vertretern aller Nationen und Menschenrassen der ganzen Welt zusammensetzten, freilich nicht aus den besten Elementen. Perlenbänke bilden ja für Abenteurer genau dieselbe Anziehungskraft wie Goldfelder, vielleicht nur mit dem einen Unterschied, daß jene mehr die gescheiterten Existenzen des Seemannsberufes anlocken, da die Perlenfischerei eben ein nasses Geschäft darstellt.

Felix Manhard suchte sich sofort nach seinem Eintreffen in Roxara ein Unterkommen. Es war bereits dunkel gewesen, als der vorsintflutliche Raddampfer an der primitiven Hafenmole des Städtchens festgemacht hatte. Daher war der junge Deutsche froh, als er in einer einem dicken Chinesen namens Fung-Scho gehörigen Hafenkneipe eine Kammer mit einem Maisstrohsack als Bett erhielt. Vorausbezahlung war hier Bedingung. Manhard feilschte um den Logispreis wie der ärmste Hindu, der nach Roxara kam, um sich als Perlentaucher zu verdingen. Dann aß er in der Kneipe, einem stallähnlichen Raum mit langen, in die Erde gerammten Tischen, irgend ein Fischgericht, das gar nicht übel schmeckte, trank dazu ein Glas sogenannten »echt englischen Porters« und suchte nachher seine Kammer auf, wo er bis in den hellen Morgen hineinschlief. –

Der Zufall wollte es, daß Miß Ethel Fartaday an demselben Abend von dem von ihr beantragten Detektivinstitut Perkins u. Lawson, Bombay, den schriftlichen Bescheid erhielt, der Deutsche Felix Manhard sei in Bombay nicht aufzufinden und habe die Stadt sicher bereits verlassen.

Die junge Engländerin war bitter enttäuscht. Bombay langweilte sie plötzlich. Sie sehnte sich nach der Einsamkeit der alten Rajahburg (Rajah, indischer Fürst) dort unten im Süden zurück, die die englische Regierung neuerdings ihrem Vater als Wohnsitz angewiesen hatte, damit der Distriktsgouverneur den wichtigen Roxara-Perlbänken stets nahe sei, wo Handel und Wandel in kurzer Zeit einen so ungeahnten Aufschwung genommen hatten.

So telegraphierte sie denn noch an demselben Abend ihrem Vater, daß sie morgen Bombay verlassen werde. Ihre Gesellschaftsdame Miß Folson rang zwar verzweifelt die Hände, daß man sich nun wieder in die weiten, stillen Räume der unheimlichen indischen Fürstenburg vergraben solle. Aber alles Gerede half ihr nichts.

»Ethel – wäre der junge Deutsche noch hier, so würde nichts Sie nach Roxara zurücklocken können!« sagte sie schließlich spitz, um ihrem Schützling wenigstens einen kleinen Hieb zu versetzen.

»Vielleicht«, erwiderte Ethel Fartaday gelassen und packte mit Hilfe ihrer Zofe ihren Riesenkoffer weiter.


2. Kapitel.

Felix Manhard fühlte sich am nächsten Morgen wieder völlig frisch. Die Fahrt auf den Küstendampfern, wo er auf dem bloßen Deck hatte nächtigen müssen, war auch für seinen an Strapazen gewöhnten Körper etwas anstrengend gewesen.

Nachdem er reichlich und gut gefrühstückt hatte, – Fung-Scho's Küche war sicher das Beste an der ganzen Kneipe – , begab er sich zur Bucht hinab, an deren tiefstem Winkel das Städtchen lag.

Die Wasserfläche der Bucht war mit einer Unmenge von Fahrzeugen aller Art belebt, die sämtlich vor Anker lagen und von denen aus die Perlenfischerei mit Hilfe von farbigen Tauchern, – Hindus, Kanaken und Negern, betrieben wurde. Die gesuchten Perlmuscheln wuchsen auf den zum Teil aus Korallenbauten bestehenden Riffen am Boden der Bucht in einer durchschnittlichen Tiefe von fünf Meter. Was die Perlenbänke von Roxara so schnell berühmt gemacht hatte, war der ungeheure Reichtum an Muscheln, der den der nahen Küstenstriche der Insel Ceylon noch übertraf.

Manhard verfolgte mit lebhaftem Interesse das geschäftige Treiben auf den ihm zunächst liegenden Schiffen, sah die nackten Taucher mit ihrem Körbchen und dem hakenförmigen Messer in die Tiefe gleiten und nach regelmäßig drei Minuten mit dem muschelgefüllten Bastbehälter wieder auftauchen. Gesänge in allerlei Mundarten tönten über das in brennendem Sonnenglast daliegende Wasser hin, bisweilen auch ein lauter Jubelruf eines besonders glücklichen Perlenfischers. In der Luft aber schwebte eine Unmenge von Seevögeln, deren Geschrei oft zu einem häßlichen Getöse anschwoll, nämlich stets dann, wenn man von einem der Schiffe verbotenerweise die abgestorbenen, aus den Muscheln gelösten und nach Perlen bereits durchsuchten schleimigen Tiere über Bord schüttete, wodurch sofort hunderte von gierigen Möwen, Albatrossen und buntschillernden indischen Krähen herbeigelockt wurden, die sich kreischend um die leichte Beute stritten. –

In einem gemieteten Boot fuhr der junge Deutsche dann in die Bucht hinaus. Er suchte nach einem bestimmten Fahrzeug, einem kleinen Schoner, der zwei Tage vor Manhards Abreise Bombay gleichfalls mit dem Kurse nach den Roxara-Bänken verlassen hatte. Endlich nach einstündigem Umherrudern entdeckte er ihn in der Nähe einer sauber gestrichenen Brigg, die am Bug den weithin leuchtenden Namen »Elisabeth« zeigte.

Diese beiden Schiffe lagen abseits von der übrigen Flottille mehr nach dem offenen Meere zu, und hier war das Tosen der die Strandbarriere von Klippen umschäumenden Brandung bereits wie ein fernes, fortgesetztes Grollen eines Gewitters vernehmbar.

Felix Manhard überlegte kurze Zeit und hielt dann auf die Brigg zu. Aber eine keineswegs liebenswürdige Stimme bot ihm bereits ein kurzes Halt, als er noch gute zehn Meter von dem Schiffe entfernt war. Sie gehörte einem Europäer, einem graubärtigen, verwitterten Seemann, der an die Reling lehnte und den Nachen und seinen Insassen mißtrauisch beobachtete.

Der junge Schriftsteller, der in seiner neuen Kleidung wie ein echter Maat aussah, hatte die Riemen halb eingezogen und rief jetzt zurück, indem er sich ebenso wie der alte Seebär der englischen Sprache bediente:

»Darf ich an Bord kommen? Ich habe ein Anliegen an Sie.«

»Anliegen?! Ich wüßte nicht, was das sein könnte. Sie sind mir ganz unbekannt«, kam die Antwort herüber.

»Das werde ich Ihnen schon alles erklären«, erwiderte Manhard und trieb sein Boot an das breite Floß heran, das unter dem Fallreep befestigt war.

Der Alte oben brummte etwas von »Frechheit!« in den Bart, hinderte den jungen Deutschen aber nicht weiter am Betreten der Brigg. – Dann standen sie sich gegenüber und musterten sich prüfend.

»Manhard heiße ich«, begann dieser, leicht an die Mütze greifend. »Ich suche hier irgend eine Beschäftigung.«

Der Seebär schnitt ein übellauniges Gesicht.

»Ich bin der Kapitän und Besitzer der »Elisabeth«. Man nennt mich hier herum den »alten Kruse«. Und Kruse ist auch mein ehrlicher deutscher Name. Aber Beschäftigung – ne, mein Lieber, die habe ich nicht für Sie. Wir müssen verdammt vorsichtig sein mit unseren Leuten. Gerade hellfarbiges Gesindel treibt sich hier genug herum, um zu ernten, wo es nicht gesäet hat.«

Manhard lächelte nachsichtig. Und in deutscher Sprache sagte er dann:

»Sie sind aufrichtig, Landsmann. Ich denke jedoch, daß ich nicht wie ein Schwindler aussehe. Versuchen Sie's mit mir. Ich muß Arbeit finden, muß!«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Es geht nicht, wirklich nicht. Wir beschäftigen hier ungern Weiße. Unsere Farbigen sperren wir nachts sicher ein, daß sie nicht gestohlene Perlen an Land schmuggeln können. Ich habe zuviel schlechte Erfahrungen gemacht.«

Manhard schaute unschlüssig vor sich hin. Aber schnell gelangte er auch zu der Überzeugung, daß die Umstände ihn zwangen, sich dem alten Kruse anzuvertrauen.

»Kann ich Sie vielleicht auf wenige Minuten in Ihrer Kajüte sprechen, wo wir unbeobachtet sind«, bat er daher, indem er einen Blick auf die hin und her eilenden Taucher warf, von denen der Kapitän anscheinend ein gutes Dutzend an Bord hatte.

Wieder musterte der Alte ihn vom Kopf bis zum Fuß.

»Ein Geheimnis wohl?« meinte er kurz.

Manhard nickte nur.

Der alte Kruse steckte darauf den gebogenen Zeigefinger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Gleich darauf erschien in der Tür des niedrigen Kajütaufbaues des Hinterdecks ein junges Mädchen und kam auf die beiden Männer zu.

Felix Manhard zog unwillkürlich tief die Mütze und verbeugte sich. Soviel holde Schönheit hätte er auf der Brigg in diesem entlegenen Weltwinkel nie vermutet.

»Meine Tochter Senta«, stellte der Kapitän vor. »Hier ein Landsmann, Herr Manhard. – Kind, Du mußt hier ein Weilchen die Wache übernehmen«, fuhr er fast zärtlich fort. »Herr Manhard wünscht mich in der Kajüte allein zu sprechen.«

Dann lächelte er sie herzlich an und schritt dem jungen Schriftsteller voraus auf das Hinterdeck zu.

Die Kajüte war ein großer, behaglich eingerichteter Raum. Überall zeigten sich die deutlichen Spuren sorgender, schmückender Frauenhände.

»Wie hübsch Sie es hier haben«, meinte Felix Manhard bewundernd. »Ein Stück Heimat zeigt sich mir ganz unvermutet, echt deutsche, trauliche Gemütlichkeit.«

Der alte Kruse blickte den sonnverbrannten, hageren Mann überrascht an. Aus dessen Worten strömte ihm ja ein so tiefes, feines Empfinden entgegen. Aber er sagte nichts, sondern wies nur mit einer einladenden Handbewegung auf einen breiten, gepolsterten Stuhl.

Manhard setzte sich und begann sofort den rechten seiner dicksohligen Schuhe aufzuschnüren. Dann nahm er die genau passende, lederne Einlegesohle heraus, griff abermals in den Schuh hinein und brachte ein mehrfach zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein, das er dem Kapitän wortlos hinreichte.

Kruse hatte zunächst ein recht merkwürdiges Gesicht gemacht, als sein Landsmann sich in dieser Weise zu entkleiden begann. Dann pfiff er leise durch die Zähne. Er wußte Bescheid. Das hing sicher mit dem Geheimnis zusammen, von dem Manhard gesprochen hatte.

Das Papier war ein gedruckter und gestempelter Ausweis des Berliner Polizeipräsidiums für den Schriftsteller und Privatdetektiv Doctor philosophiae Felix Manhard, Berlin W., Am Bayrischen Platz Nr. 16 2, in dem alle deutschen Konsulate gebeten wurden, dem besagten Manhard die weitgehendste Unterstützung zu Teil werden zu lassen.

In der Mitte des Bogens war eine ebenfalls gestempelte Photographie aufgeklebt, deren Ähnlichkeit mit dem als Matrosen verkleideten jungen Deutschen kaum abgeleugnet werden konnte.

Der alte Kruse faltete das Papier wieder zusammen und betrachtete den Besucher mit einer gewissen achtungsvollen Neugier.

»Also Privatdetektiv«, meinte er leicht verlegen. »Das ändert natürlich vieles, – hm ja.«

Felix Manhard lächelte liebenswürdig. Es war ein Lächeln, das unwillkürlich für ihn einnahm. »Sie werden mich also beschäftigen, Kapitän, nicht wahr? – Ich habe hier bei den Roxara-Bänken nämlich so eine kleine Sache in Ordnung zu bringen. Viel Gehalt verlange ich nicht. Ich werde arbeiten, was von mir gefordert wird. Rücksichten dürfen Sie nicht nehmen – in keiner Weise. Das würde auffallen. Und das muß vermieden werden. – Mein hiesiges Geschäft mag vorläufig mein Geheimnis bleiben. Vielleicht erzähle ich Ihnen später einmal davon, wenn wir bekannter geworden sind.«

Kruse hatte schon einen Entschluß gefaßt.

»Einen Aufseher könnte ich schon gebrauchen, wenn er nicht zu teuer ist,« meinte er.

Der Wochenlohn, den er Manhard bot, genügte diesem vollauf. Ein Handschlag besiegelte den Vertrag. Und dann gingen die beiden Männer hinaus auf das Verdeck, wo das junge Mädchen inzwischen die Perlentaucher und die aus dem Vorschiff hockenden Muschelöffner scharf beaufsichtigt hatte. Dieses war durch einen von Reling zu Reling laufenden Bretterverschlag von dem übrigen Deck abgeteilt. Eine verschließbare, breite Lattentür bildete die Verbindung. Jetzt stand sie offen, und an einen der Pfosten lehnte Senta Kruse.

Der Kapitän teilte ihr mit kurzen Worten das Ergebnis der Unterredung mit dem deutschen Landsmanne mit. Hatte das junge Mädchen diesen vorher nur durch ein flüchtiges Neigen des von reichen, dunkelblonden Flechten geschmückten Kopfes begrüßt, so gab sie dem neuen Schiffsgenossen nunmehr ohne Ziererei die Hand und sagte dazu freundlich:

»Auf gute Kameradschaft, Herr Manhard!«

Der Detektiv sprach einige verbindliche Worte, wurde aber in seiner Absicht, mit diesem holden Kinde eine längere Unterhaltung zu beginnen, von dem alten Kruse gestört, der mit seinem stark ausgeprägten Sinn für das Praktische den soeben eingestellten Aufseher auch schleunigst mit dessen Pflichtenkreis vertraut machen wollte.

»Du wirst es jetzt leichter haben, Kleines«, wandte er sich zunächst an seine Tochter. »Manhard löst mich jetzt immer bei der Wache ab, und Du kannst Dich nun ausschließlich der Küche widmen. – Dieses ewige Aufpassen, Landsmann, ist hier nämlich unbedingt nötig. Trotz der schweren Strafen, die die englische Regierung für diebische Taucher festgesetzt hat, ist das Unterschlagen von Perlen selbst bei allen Vorsichtsmaßregeln nicht zu verhüten. Ihre Arbeit wird also in der Hauptsache in einer Art von Polizeidienst bestehen. Sie müssen meine Taucher unausgesetzt im Auge behalten. Freilich – die Burschen sind so gerissen, daß schwer einer zu fassen ist.«

Die beiden Männer traten nun durch die Lattentür auf das Vorderdeck. Der Kapitän machte den neuen Gefährten nun sowohl in kurzen Andeutungen mit seiner Vergangenheit als auch mit den Einrichtungen der Brigg und der Art und Weise der Perlmuschelfischerei bekannt.

Kruse hatte mit seiner Brigg seit fünfzehn Jahren ständig den indischen Ozean durchkreuzt, hatte an Fracht stets angenommen, was man ihm in den Häfen anbot, war unermüdlich tätig gewesen und brachte es doch nicht vorwärts. Frau und Tochter wohnten bis vor einem Jahr in Bombay. Nach dem Tode der ersteren bat sein einziges Kind so lange, bis er sie zu sich an Bord seines Schiffes nahm. Dann wurden die Roxara-Muschelbänke entdeckt. Nein – nicht eigentlich entdeckt. Ihr Vorhandensein war seit langem bekannt, nur hatte der Rajah von Roxara, Samataviri, zu dessen Gebiet die Bucht gehörte, die Perlenfischerei streng verboten, da er sehr wohl wußte, daß es mit der Ruhe und dem Frieden seines kleinen Fürstentums schlecht bestellt sein würde, wenn erst der lockende Glanz der kostbaren Perlen ungezählte Scharen von Farbigen und auch weiße fragwürdige Existenzen hier zusammenführen würde. Der englischen, nur auf ihren Vorteil bedachten Regierung war dieses Verbot seit langem ein Dorn im Auge. Sie hatte ja dem Rajah Samataviri eine gewisse scheinbare Selbständigkeit gelassen, scheute sich aber nicht, den Fürsten schließlich wegen angeblich anti-englischer Umtriebe vor Gericht zu stellen und nach einem lächerlichen Prozeß, bei dem der jetzige Bezirksgouverneur Eduard Fartaday den Hauptbelastungszeugen gespielt hatte, sein Gebiet für Krongut zu erklären und den jugendlichen Rajah selbst für Lebenszeit in eine Bergfestung an der afghanischen Grenze einzusperren. Dann wurde sofort die Roxara-Bucht für die Perlenfischerei freigegeben. Und der alte Kruse war einer der ersten, die den Versuch wagten, hier schnell zu Reichtum zu gelangen. Er hatte einen großen Teil der Bucht als kluger Spekulant gepachtet in der Voraussicht, daß er später kleinere Teile davon an andere Perlenkapitäne würde abgeben können. Hierbei hatte er sich nicht verrechnet, nur mit dem Überschuß, der ihm verblieb, haperte es gewaltig, wie er bald einsah. Er mußte an den Gouverneur von Roxara monatlich eine Pachtsumme abführen, die durch die einkommenden Unterpachten noch lange nicht aufgebracht wurde, so daß er von dem Verdienst aus der auf der »Elisabeth« betriebenen Perlenfischerei noch ein stattliches Geld beisteuern mußte. Wie er Manhard sicherlich der Wahrheit gemäß erzählte, hatte er bisher monatlich nur einen reinen Überschuß von etwa fünfzehn Pfund (300 Mk.) gehabt, trotzdem er auf seiner Brigg achtzehn Farbige beschäftigte. Von diesen mußten abwechselnd immer zwölf die Muscheln vom Meeresboden durch Tauchen heraufholen, während die übrigen sechs auf dem Vorderdeck die wertvollen Schalentiere in flache, mit Petroleum gefüllte Behälter warfen, wodurch die Tiere in den Muscheln schnell abstarben und diese sich leichter öffnen ließen. Die fleischigen Teile der Muscheln wurden dann genau nach den vielleicht in ihnen enthaltenen Perlen durchsucht, indem man das eigentliche Tier losriß und halb zerquetschte. Die Schalen wurden gesammelt, während die Fleischteile täglich gegen Abend in die offene See entleert werden sollten, was jedoch die wenigsten Kapitäne aus Bequemlichkeit taten. Hätte jede Muschel auch Perlen enthalten, so wäre das ganze Geschäft des Perlenfischens ein glänzendes gewesen. Aber nur jede fünfte barg erfahrungsgemäß eines dieser hochbezahlten Schmuckstücke, und dabei waren die meisten nur von jener Mittelgröße, die zwar wertvoll, doch nicht gerade kostbar sind. Einen kleinen Verdienst ergeben noch die Muschelschalen, die nach Bombay gebracht werden und dort, zu feinem Pulver gemahlen, für allerlei Industriezwecke auf den Markt kommen.

»Sie sehen also, Manhard, – Seide läßt sich auch hier in der vielgerühmten Roxara-Bucht nicht spinnen,« schloß der alte Kapitän seine Erklärungen. »Das beste Geschäft macht die Regierung. Sie verdient Millionen an Pacht, die ihr mühelos in den Schoß fallen. Deshalb mußte eben auch der arme Rajah Samataviri verschwinden.«

Kruse spuckte ärgerlich über Bord. – »Ja – man könnte hier wohl auf einen grünen Zweig kommen – könnte, wenn eben nicht das verd. . . Stehlen wäre. Aber diese Farbigen unterschlagen Perlen, wo sie irgend nur Gelegenheit dazu finden. Ich bin überzeugt, daß auch mir zum Beispiel beinahe ein gutes Drittel aller Perlen, sicher aber die wertvollsten, durch meine Taucher entwendet und irgendwie an Land geschmuggelt werden. Wie die Schufte das aber bei der scharfen Überwachung tun, das begreife ich nicht. Hinter einige Schliche sind wir Kapitäne, die wir gut zusammenhalten, schon gekommen. Ich will Ihnen mal so ein kleines Stückchen dieser Art erzählen. – Wir lassen unsere Taucher nur einmal in der Woche, am Sonntag, an Land. Nachts werden die Kerle unter Deck in einen Schlafraum eingesperrt, der allerlei Sicherheitsvorrichtungen aufweist. Am Tage darf kein Boot in die Nähe der Schiffe, und von Dunkelheitsbeginn kreuzen bis zum Morgen unaufhörlich vier Motorpinassen in der Bucht, bei deren Bedienung wir Kapitäne uns willkürlich ablösen. Am Sonntag früh untersucht jeder von uns seine Farbigen, bevor sie an Land gehen, so genau außen und – innen, letzteres durch Brech- und Abführmittel – , daß ein Mitnehmen von Perlen selbst durch Verschlucken ganz ausgeschlossen ist. Trotzdem erfuhren wir nun, daß ein Chinese in Bombay Perlen in großer Menge weiterverhandelte, die ohne Frage hier von den Roxara-Bänken stammten und die wir nicht verkauft hatten. Als Hehler kam der dicke Fung-Scho, der Besitzer der Hafenkneipe, stark in Verdacht. Aber die Untersuchung gegen ihn verlief fruchtlos. Dann brachte ein Zufall den Trick der braunen Spitzbuben an den Tag. Sie hatten sich auf den Schiffen angeblich aus Freude an Tieren Tauben gehalten. Diese waren jedoch sämtlich an einen Stall gewöhnt, der einem Hindu in dem Städtchen gehörte, und die Perlen wurden den Vögeln in kleinen Säckchen an dem Körper befestigt und von den Tauben, die die Schufte fliegen ließen, sicher über die Bucht getragen. Wie gesagt – ein Zufall entdeckte uns den Schwindel nur. Einer der Kapitäne schoß eine Taube mit der Schrotflinte aus der Luft herab und . . . fand das Perlensäckchen. – So, das ist einer von den Tricks. Ich könnte Ihnen noch mehrere nennen. Jedenfalls würden Sie auf eine hübsche Belohnung rechnen können, wenn Sie wieder mal ein paar von den Spitzbuben entlarven würden. Gestohlen wird auf jedem Logger (Logger, Fahrzeug, das sich mit Perlenfischerei abgibt), das ist so sicher wie Amen in der Kirche.«

Der Detektiv, der neben dem alten Kruse an der Reling lehnte, hatte schon des öfteren einen scharfen Blick nach dem kleinen Schoner hinübergeworfen, der etwa hundert Meter von der »Elisabeth« entfernt vor Anker lag und auf dem nur zwei Taucher beschäftigt zu sein schienen. – Jetzt fragte er den Kapitän, indem er mit der Hand auf das Nachbarfahrzeug wies:

»Wohl auch einer Ihrer Unterpächter, wie?«

»Allerdings. – Der Schoner gehört einem merkwürdigen Kauz, auch einem halben Deutschen, – einem Österreicher namens Gneifenger. Dieser Mann betreibt unser Geschäft erst drei Tage. Den Schoner hat er in Bombay als Brennholz auf einer Auktion erstanden, zurechtflicken und hierher bringen lassen. Gneifenger ist alles andere nur kein Seemann. Vorläufig arbeitet er mit drei Hindus. Auch er selbst taucht zuweilen. Vierhundert Quadratmeter hat er mir abgenommen. Reich wird er nicht werden, fürcht' ich.«

»So so«, sagte Manhard nur gleichgültig, um dann zu fragen: »Also der dicke Fung-Scho, meinen Sie, spielte hier den Hehler? Ist er denn nicht durch die Taubengeschichte überführt worden?«

Kruse lachte ärgerlich auf. »Da kennen Sie diese Himmelssöhne und Himmelhunde schlecht! Der Gouverneur hat ihn damals beinahe foltern lassen. Aber schließlich mußte er ihn doch freigeben. Beweise waren nicht herbeizuschaffen.« –

Gleich darauf bestieg Manhard wieder sein Boot und ruderte nach dem Städtchen zurück.


3. Kapitel.

Bis zum Abend vertrieb der Detektiv sich dadurch die Zeit, daß er sowohl das Städtchen als auch dessen nähere Umgebung in Augenschein nahm.

Manhard hätte sich zu gern auch das in den Bergen liegende Rajahschloß Roxara noch angesehen, von dessen Wunderbau ihm der geschwätzige Fung-Scho wahre Märchendinge erzählt hatte. Aber der Weg dorthin war zu weit, um ihn zu Fuß zurückzulegen, und ein Wagen oder dergleichen ließ sich in dem Städtchen nicht auftreiben.

Nach Einbruch der Dunkelheit saß Manhard dann mit zwei Logger-Kapitänen, die offenbar stark den Alkohol liebten, in dem sog. Salon der Hafenkneipe zusammen. Dieser, ein etwas wohnlicher hergerichteter Bretterverschlag, war ausschließlich für die weißen Bewohner Roxaras bestimmt. – Manhard hatte mit den beiden Fremden schnell und zwanglos Bekanntschaft geschlossen. Es waren Holländer und wohl mehr Abenteurer als richtige Seeleute, trotzdem keine üblen Burschen.

Der dicke Fung-Scho ging ab und zu und bediente persönlich die weißen Gäste. Trotz der Windfächer an der Decke und der offenen Fenster herrschte in dem Holzkasten eine wahre Backofenglut. Fung-Scho mußte immer wieder seine von herabrinnenden Schweißtropfen trübe gewordene große Hornbrille abnehmen und putzen. Lautlos glitt er auf seinen Filzschuhen hin und her, stets dasselbe kriecherische Lächeln auf den Lippen.

Kapitän van Deimer, der eine der beiden Holländer, schien an Manhard Gefallen zu finden.

»Weshalb kamen Sie nicht zu mir? Auch ich hätte einen zuverlässigen Menschen als Aufseher brauchen können«, sagte er nach dem achten kalten Grog. »Auch bei mir wird gestohlen, sogar täglich frecher.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch und fluchte. »Heute habe ich meine Schalen mal wieder genau durchgesehen. 35 gute (der Perlenfischer nennt »gute« (engl. good) Schalen solche, bei denen bestimmte Anzeichen auf das Vorhandensein mehrerer Perlen in einer Muschel hindeuten) befanden sich darunter. Und doch lieferten die Schufte nur 20 Mittelperlen ab.«

Den Detektiv interessierten diese Diebereien, und daher tat er noch viele Fragen, die die Zuverlässigkeit der Überwachungsmaßregeln betrafen. Aber schließlich mußte er sich selbst sagen, daß die Logger-Kapitäne es an nichts in dieser Beziehung fehlen ließen. Es blieb ein vollkommenes Rätsel, wie die Spitzbuben die Perlen von den Schiffen an Land schmuggelten.

Fung-Scho hatte hin und wieder ein paar Worte von diesem Gespräch aufgeschnappt. Und Manhard war es vorgekommen, als ob dann das listige Gesicht des Chinesen einen anderen Ausdruck, den schadenfroher Genugtuung, annahm. Nun – er hatte sich ja ohnedies vorgenommen, den dicken Wirt scharf zu beobachten. Vielleicht entdeckte er etwas. Der Schlauheit der indischen Beamten traute er nicht viel zu.

Inzwischen waren in dem »Salon« noch mehr Gäste erschienen. Die vier vorhandenen Tische genügten kaum. Alle diese Männer saßen in Hemdsärmeln mit schweißglänzenden Gesichtern da. Ihre Jacken, manche hatten sogar ganz leichte aus Seidenstoff, und Hüte und Mützen hingen neben der Tür an einem langen Kleiderriegel. Das war hier so Sitte. Stets, wenn ein neuer Besucher erschien, sprang Fung-Scho zu, half ihm beim Ausziehen und hing die Jacke fein säuberlich an einen der Haken.

Manhard ließ kein Auge von dem Chinesen. Sein an scharfes Beobachten gewöhnter Blick hatte eine Kleinigkeit, etwas eigentlich ganz Unauffälliges bemerkt. Nun grübelte er darüber nach, während er sich trotzdem weiterhin ebenso lebhaft an der Unterhaltung beteiligte.

Van Deimer erzählte einiges aus der Geschichte des Fürstentums Roxara. Er wußte gut Bescheid. Seine Ausdrucksweise verriet eine gewisse Bildung. Vielleicht hatte er einmal bessere Tage gesehen. – Hier, wo jetzt das Städtchen liege, habe einst eine kleine Küstenfestung gestanden. Überreste der Mauern und eines Eckturmes seien noch vorhanden, wie wohl jeder wisse. Die Fürsten von Roxara hätten noch vor hundert Jahren Seeraub betrieben. Ihre unermeßlichen Reichtümer wären nun verschwunden. Die Getreuen des Rajahs sollten sie kurz nach der Verhaftung des jungen Fürsten Samataviri beiseite geschafft haben. –

In der Tür erschien ein kleiner weißer Junge mit einer Art Livreemütze auf dem Kopf.

»Die neuesten Zeitungen!« brüllte er. – Sie waren soeben mit dem regelmäßigen Tourdampfer von Kalikut eingetroffen, und der Kapitän dieses Fahrzeugs trieb mit den Zeitungen durch seinen Kajütjungen einen schwunghaften Handel.

Obwohl sie drei Tage alt waren, gingen sie reißend weg. Stille trat ein. Alles las. Bildeten die Blätter doch beinahe die einzige Verbindung der Roxara-Bucht mit der Außenwelt.

»Verfl. . .«, schrie van Deimer dann, der stets zuerst den Teil »Allerneuestes« überflog. »Rajah Samataviri ist aus der Bergfeste Schuri-Dar an der afghanischen Grenze mit sechs seiner dort ebenfalls eingesperrt gewesenen einstigen Hofbeamten entflohen.«

Die Engländer unter den Gästen – und gut die Hälfte machten sie aus – schimpften. Van Deimer lächelte. Beinahe wäre es zum Streit gekommen. Jedenfalls war die bisher friedliche Stimmung arg gestört. Die beiden Holländer brachen auf, und Manhard begleitete sie bis zum Hafen.

»Der alte Kruse hat den Rajah, glaube ich, gekannt, – auch den Vater Samataviris«, sagte Kapitän van Deimer zu dem Detektiv. »Erzählen Sie ihm von der Flucht des jungen Fürsten gleich morgen früh. Er wird sich freuen darüber, geradeso wie wir. Die verd. . . Engländer haben Samataviri zu Unrecht verurteilt. Das weiß hier jeder. Das Geldverdienen geht ihnen eben über alles.« Und zum Zeichen seiner Verachtung spuckte er im Bogen auf die von hellem Mondlicht beschienene, staubige Straße.

Nachdem das Boot mit den beiden Abenteurern davongerudert war, schritt Manhard auf dem Wege, der vom Hafen in das Binnenland führte, an dem Städtchen vorbei den ersten Hügelketten zu. Er sehnte sich nach frischer Luft. Der Kopf war ihm heiß von den genossenen Getränken und dem erstickenden Tabakrauch.

Das bläuliche Mondlicht übergoß das tropische Landschaftsbild mit seinem geheimnisvollen Schimmer und zauberte neue Reize hervor. Eine frische Nachtbrise begann soeben die Luft angenehm abzukühlen. Die Fächerpalmen und Büsche am Wege wisperten leise. Riesige Fledermäuse schwebten lautlos durch die Luft. In den Zweigen sang die Bul-Bul, die indische Nachtigall.

Der junge Deutsche ging wie im Traum. Zum erstenmal befand er sich in Indien, der Sehnsucht unzähliger. – Das Wunderland Indien . . .! In Bombay hatte er davon noch nichts gespürt. Hier erst fühlte er den märchenhaften Reiz dieses seltsamen Millionenreiches. – Die Straße, auf der er entlangwanderte, war sicher Jahrhunderte alt. Die Pflasterung bestand aus sauber behauenen Steinplatten. Sicher war's ein Verbindungsweg von der einstigen Küstenfestung nach dem Rajahschloß dort in den Bergen. Auch van Deimer hatte ja eine ähnliche Äußerung getan.

Plötzlich stutzte der Detektiv. Vor ihm ringelte sich ein langes Etwas. Gleichzeitig vernahm er aus derselben Richtung ein ängstliches Quieken. Vorsichtig trat er näher heran.

Eine große Brillenschlange war's, die eine Ratte erhascht hatte und jetzt zu erdrücken suchte. – Manhard hob einen Stein. Die Giftschlange, deren Kopf argwöhnisch hin und her pendelte, schaute den menschlichen Feind mit ihren glitzernden Augen unverwandt an. Ihre um die Ratte geschlungenen Leibeswindungen öffneten sich, und die Beute, schon halb tot, kroch ins Dickicht.

Der Kopf hob sich höher und höher. Gerade wollte der Detektiv den Stein schleudern, als das Reptil wie ein Blitz auf ihn losschnellte. Nur seine Geistesgegenwart rettete den Deutschen. Er tat einen Sprung nach rückwärts, stolperte und rollte den flachen Straßendamm hinab in ein Maisfeld. Vor Entsetzen halb gelähmt blieb er einen Augenblick liegen. Seine Augen musterten den Wegrand. Aber die Brillenschlange schien die Verfolgung aufgegeben zu haben.

Da – von der Straße her ein Geräusch, das Manhard so vertraut war: das Rattern eines Autos. – Schnell kam es näher. Dann hielt der Kraftwagen genau an der Stelle, wo der Detektiv am Fuße der Böschung zwischen den Maispflanzen lag. Ein wie ein indischer Diener gekleideter Mann, der neben dem Chauffeur gesessen hatte, sprang heraus. Aber Manhard erkannte trotz des um die Stirn geschlungenen Tuches einen Weißen mit spitzgeschnittenem blonden Vollbart.

»Wilkens, Sie wissen, wo Sie auf mich zu warten haben«, sagte der angebliche Hindu in tadellosem Englisch und mit einer an das Befehlen gewöhnten Stimme.

Der offene, große Kraftwagen wendete und fuhr langsam zurück den Bergen zu.

Felix Manhard richtete sich vorsichtig auf. Diese Begegnung mit dem verkleideten Engländer erregte seinen Argwohn, und die in ihm stets wache Abenteuerlust ließ ihn nun dem Fremden nachschleichen, der in einen nach dem verfallenen Eckturm der alten Befestigung hinlaufenden Fußpfad eingebogen war.

Der angebliche Hindu fühlte sich hier ohne Frage zu dieser späten Stunde vollkommen sicher. Ohne sich umzublicken eilte er vorwärts. Er mußte die Hindernisse dieses teilweise durch Bambusgebüsch hindurchführenden Steges sehr gut kennen. Jeder Baumwurzel wich er aus, jedem Stein. Und Felix Manhard blieb ihm, obwohl das Mondlicht die dunklen Schatten hier nicht zerteilte, dicht auf den Fersen.

Die Turmruine erhob sich auf einem Hügel. Ihre eine Seite war völlig eingestürzt. Die Trümmer lagen in wirren Haufen im Innern. Unkraut, Kakteen und die gefährlichen Stauden der indischen Nessel, deren Stacheln böse Geschwüre erzeugen, wucherten zwischen den Steinblöcken. Der verkleidete Europäer umging das zerstörte Bauwerk, verschwand hinter der Ruine. Als der Detektiv um die Ecke schlüpfte, war der Fremde nicht mehr zu sehen. Dafür schien es Manhard, als ob aus dem verfallenen Turme ein Geräusch wie das Knirschen eiserner Türangeln hervordringe. –

Eine Stunde war vergangen. Der Detektiv hatte sich in der Nähe ein Versteck gesucht, von dem aus er die Mauer des Turmes an dieser Seite, wo sie noch am besten erhalten war und wo der angebliche Hindu sich so plötzlich seinen Blicken entzogen hatte, gut beobachten konnte. Er war überzeugt, daß der zum Teil aus großen Felsquadern errichtete Turm hier einen verborgenen Eingang haben müsse, den zu entdecken ihn jetzt freilich die ungewisse Beleuchtung hinderte.

Die Nacht lagerte mit drückendem Schweigen über der Erde. Nur von dem vielleicht fünfhundert Meter entfernten Städtchen drang zuweilen das Johlen von Stimmen und das Bellen eines Hundes herüber. Dann vernahm der Detektiv in der Ruine wieder das knirschende, häßliche Geräusch. Und gleich darauf trat eine menschliche Gestalt scheinbar aus der Mauer hervor, stand noch gebückt einen Augenblick still und eilten davon.

Manhard wartete einige Minuten. Er frohlockte. Die Roxara-Bucht gefiel ihm immer besser. Irgendein Geheimnis war mit diesem Fremden und der Ruine verknüpft. Und es würde nicht das erste sein, das sein Spürsinn entschleierte. –

Zehn Minuten später kletterte er die Treppe seiner Kammer in Fung-Scho's Kneipe empor. Das Maisstroh raschelte, als er sich auf sein Lager warf.

Fung-Scho weckte ihn am Morgen wie befohlen, als kaum die Sonne aufgegangen war, da Manhard seinen Dienst auf der »Elisabeth« rechtzeitig antreten wollte.

Nachdem er sich gewaschen hatte, ließ er sich von dem dicken Chinesen seinen Rucksack, den dieser in Verwahrung genommen hatte, aushändigen.

»Gestern abend war noch ein Polizeibeamter hier, Mister Manhard«, sagte Fung-Scho in seinem verdorbenen Küsten-Englisch. »Er wollte den Paß oder die Ausweispapiere von Mister Manhard sehen. Die Kontrolle ist hier sehr scharf, sehr . . .! Aber Mister Manhard waren nicht da, auch nicht oben in dem Zimmer.«

Der Detektiv sah in den Augen des Chinesen ein gewisses Mißtrauen flimmern trotz aller Unterwürfigkeit, die der dicke Wirt auch jetzt zur Schau trug.

»Ich war mit Kapitän van Deimer bis zum Hafen gegangen«, sagte er gleichgültig. »Merkwürdig, daß der Beamte so spät abends nach mir fragen kam,« setzte er hinzu, indem er seinen Rucksack über die Schulter warf.

Fung-Scho suchte in leichter Verlegenheit nach einer Erklärung.

»Der Beamte wird nicht früher Zeit gehabt haben«, meinte er dann schnell, und offenbar war er froh, daß ihm diese Ausrede einfiel. Ziemlich eilig verabschiedete er sich darauf von Manhard. Er wollte fraglos nur weiteren Auseinandersetzungen entgehen.

»Mister Manhard sollen heute noch die Papiere auf die Polizei bringen«, rief er noch im Fortgehen. »Ich muß einkaufen – Fische zum Mittagessen. Auf Wiedersehen, Mister Manhard!«

Dieses Gespräch hatte sich vor der Tür der Kneipe abgespielt. Nachdenklich blieb der Detektiv mit seinem Bündel auf dem Rücken stehen. Dann, als der davonwatschelnde Chinese verschwunden war, trat er in den großen Schankraum ein, wo ein junger Negerbursche, der gleichzeitig Hausdiener und Kellner spielte, gerade die Tische und Bänke säuberte.

Manhard winkte den Schwarzen, der von dem Chinesen häufig ein paar – vielleicht wohlverdiente – Ohrfeigen einstecken mußte, zu sich heran und reichte ihm eine Silbermünze hin.

»Tom, wische mir die Schuhe gut ab.« – Als der Schwarze dann vor ihm niederkniete und eifrig sein buntes Taschentuch als Putzlappen benutzte, fragte Manhard: »Wieviel Polizisten gibt es hier eigentlich, Tom? Und wer von diesen kommt die Ausweispapiere Eurer Gäste nachsehen?«

Der Neger grinste schlau. »Drei Polizisten, Mister. Und die Ausweispapiere werden von dem geprüft, der gerade Zeit hat.«

»Und wer von den dreien hatte gestern abend so gegen ½11 Uhr Zeit?«

Wieder verzogen sich Toms dicke Lippen zu einem verständnisvollen Lächeln.

»Fung-Scho ist ein schlechter Herr, ein sehr vorsichtiger Herr. Tom sollte sagen zu Mister Manhard, daß einer der Polizisten hier war. Ist auch richtig. Alle drei sogar saßen dort in jener Ecke und würfelten bis ein Uhr früh. Um zwölf Uhr kam Fung-Scho zurück und sagte zu ihnen, die Papiere von Mister Manhard müßten noch nachgesehen werden. Mister Manhard sehe nicht aus wie ein einfacher Seemann, wie er Fung-Scho angegeben hat. Tom hörte alles. Die Polizisten waren betrunken, und Fung-Scho mußte schreien und mit dem Gouverneur drohen, bis sie überhaupt auf ihn hörten. – Ist Mister Manhard zufrieden?«

Tom erhielt sogar noch zwei Silberstücke, vollführte einen Freudensprung und wollte an seine Arbeit zurückeilen. Aber der Detektiv gebot ihm noch zu bleiben.

»Du sagtest, Dein Herr sei um zwölf Uhr wiedergekommen. Hatte er denn das Haus verlassen?« fragte Manhard, indem er eine vierte Silbermünze zwischen den Fingerspitzen hochhielt.

»Nein«, erwiderte der Schwarze willig. »Fung-Scho geht manchmal in der Nacht auf den Hof und kommt erst nach langer Zeit zurück. Was er dort macht, weiß Tom nicht.«

Der Detektiv nickte dem Neger freundlich zu.

»Hier, Tom, – dies noch als Extrabelohnung. Halte die Augen offen. Und merkst Du etwas Besonderes, was hier im Hause geschieht, so erzähle es mir bei Gelegenheit. Für wichtige Nachrichten gibt es stets drei Silberstücke.«

Der Schwarze wußte gar nicht, wie er seinen Dank ausdrücken sollte, versprach noch tiefstes Schweigen gegen jedermann und eilte davon. –

Zwanzig Minuten später befand Felix Manhard sich in der Nähe seiner neuen, schwimmenden Arbeitsstätte. Auf der Brigg war schon alles in voller Tätigkeit. Der alte Kruse, der auf dem unterhalb des Fallreeps befestigten Flosse stand, begrüßte den Landsmann mit einem freudigen »ahoi!« – ein Ruf, der auch das junge Mädchen auf Deck lockte.

Senta Kruse winkte dem sich nähernden Boot ein Willkommen zu, eilte dann aber wieder in die Kajüte zurück. Der Detektiv, aufs angenehmste berührt durch diese herzliche Aufnahme, schüttelte dem Alten kräftig die Hand.

»Ein Stück unseres lieben deutschen Vaterlandes wird mir Ihr Schiff werden, Kapitän!« sagte er mit jener gewinnenden Natürlichkeit, die den Grundzug seines Wesens trotz seines Berufes als Privatdetektiv bildete.

»Hoffen wir's« erwiderte Kruse einfach und geleitete seinen neuen Aufseher in die im Mittelschiff liegende Kabine, die durch zwei in die Schiffswand geschnittene, runde Fenster von außen her ihr Licht erhielt.

»Hier ist Ihr Wohnraum, Manhard«, meinte er mit gewissem Stolz. »Als ich noch meine Frachten von Hafen zu Hafen brachte, hat in dieser für Passagiere eingerichteten Kammer manch reicher Weltenbummler für einige Zeit gehaust, der auch mal auf einem richtigen Segler das Meer kennenlernen wollte. Daher auch die Einrichtung, die für eine Brigg beinahe zu fein ist.«

Manhard packte schnell seine wenigen Habseligkeiten in den Schrank und folgte dann dem alten Kruse an Deck, wo ihm dieser noch einige Anweisungen gab, wie er sich außer seiner Aufpassertätigkeit noch nützlich machen könne.

Die beiden Männer hatten sich an die Reling des Vorschiffes gestellt und schauten den Tauchern zu, die immer wieder nach kurzer Atempause in dem feuchten Element verschwanden, emportauchten, ihre Körbchen in einen größeren Behälter, der auf dem Flosse stand, leerten und abermals verschwanden. Wie ein Uhrwerk, so regelmäßig, ging die Arbeit vor sich. Einer der auf dem Vorderdeck tätigen Muschelöffner holte dann den gefüllten Behälter mit einer Winde an Bord und schüttete die Muscheln in die flachen, großen Petroleumkästen, während seine Gefährten aus den geöffneten Schalen die Fleischteile herauskratzten und die Perlen, falls solche darin vorhanden, in mit Seewasser gefüllte Glasteller legten.

Manhard war dies ganze Getriebe noch so neu, daß er mit regem Interesse die Leute beobachtete, die sämtlich an Brust und Armen allerlei Narben von früheren Rißwunden, auch viele frische Verletzungen hatten. Daran waren, wie der alte Kruse dem Detektiv erklärte, die scharfen Korallenriffe schuld, mit denen die Taucher nur zu leicht auf dem Meeresgrunde in unangenehme Berührung kamen.

Im Laufe des weiteren Gesprächs fragte der Detektiv den Kapitän dann so nebenbei, ob es hier in der Nähe ein Auto gebe. Er habe gestern bei seinem Spaziergang in der Ferne auf dem Wege nach dem Rajahschloß zu einen Kraftwagen zu erkennen geglaubt.

»Stimmt!« meinte der Alte. »Diesen großstädtischen Luxus kann sich hier in dieser weltabgeschiedenen Gegend, wo die nächste größere Stadt und eine Eisenbahn fünfzig Meilen entfernt ist, nur unser Herr Gouverneur leisten.«

»Wie sieht er denn aus?« warf Manhard so hin.

»Echt englisch. Blond, groß, – Spitzbart und mitten im Gesicht einen Nasen-Erker, der reichlich umfangreich geraten ist.«

Der Detektiv dachte sofort an sein Abenteuer von der verflossenen Nacht, an den verkleideten Europäer, an das Auto. Jedenfalls war hier kaum mehr ein Irrtum möglich. Auch der Fremde von gestern besaß eine starke Nase. Die war Felix Manhards scharfen Augen nicht entgangen.

Noch an etwas dachte er jetzt: an des jungen Rajahs Flucht, über die, wie Kapitän van Deimer angedeutet hatte, der alte Kruse sich ebenfalls freuen würde. –

Und so war es auch. Kruse lachte über sein ganzes, verwittertes Gesicht.

»Das ist doch mal gute Kunde! Na, nun mag sich der Herr Gouverneur nur in acht nehmen. Die Inder sind rachsüchtig wie die Sizilianer, diesen aber an Grausamkeit und Schlauheit weit überlegen, womit ich jedoch dem Fürsten Samataviri durchaus kein schlechtes Charakterzeugnis ausstellen will. Im Gegenteil. Der arme Rajah, den die Engländer so hinterlistig von seinem Thron verdrängt haben, ist ein feingebildeter, hochherziger Mann allen gegenüber, die es gut mit ihm meinen. Allerdings – sein Feind möchte ich nicht sein.«

Und dann sprachen sie von etwas anderem.


4. Kapitel.

Eine halbe Stunde später zog sich der alte Kruse in die Kajüte zurück, um seine Bücher in Ordnung zu bringen. Er war ein sehr gewissenhafter Geschäftsmann, und all sein Trachten ging dahin, seinem einzigen Kinde einst ein Vermögen hinterlassen zu können, von dessen Zinsen das junge Mädchen sorgenfrei leben konnte. Diese Fürsorge hatte etwas Rührendes an sich, und Manhard nahm sich daher vor, nach Möglichkeit die Perlenfischerei ertragreicher zu gestalten, was jedenfalls dadurch zu erreichen war, daß man zunächst den Diebereien ein Ende machte.

Der Detektiv, nunmehr sich allein überlassen, rief sich nochmals alle die Ereignisse des gestrigen Abends ins Gedächtnis, die ihm beachtenswert erschienen. Schon jetzt hatte er die feste Überzeugung, daß Fung-Scho den Perlendiebstählen nicht fernstehe, sondern hier tatsächlich die Rolle eines allerdings überaus vorsichtigen Hehlers spiele. Des Chinesen schadenfrohes Lächeln bei Kapitän van Deimers ingrimmigen Äußerungen über das Gaunergesindel war vielsagend genug gewesen. – Und dann die Diebstähle selbst, bei denen ja das Hinüberschmuggeln der Perlen von den Schiffen an Land die Hauptsache bildete . . .! Auch in dieser Beziehung glaubte Manhard einen geringen Anhaltspunkt gefunden zu haben. War ihm doch sofort der Eifer aufgefallen, mit dem Fung-Scho den Gästen des »Salons« die Jacken stets eigenhändig abgenommen und sehr umständlich an die Kleiderriegel aufgehängt hatte. Besonders bei dem säuberlichen Weghängen der Jacken hatte der Chinese stets hierzu eine geraume Zeit gebraucht, während der er mit seinem breiten Rücken die Tätigkeit seiner Hände zu verdecken suchte. So war es wenigstens dem Detektiv vorgekommen. Ob sich Fung-Scho wirklich in verdächtiger Weise an den Kleidungsstücken zu schaffen machte, mußte erst durch häufigere Beobachtung festgestellt werden.

Dagegen glaubte Manhard auf Grund seiner eigenen Beobachtungen an der Ruine und der Mitteilungen des Negerburschen über Fung-Scho's längeres Verweilen zu nächtlicher Stunde auf dem Hofe der Schenke, das gestern zeitlich genau mit der Dauer des Verschwindens des verkleideten Gouverneurs in dem halb zerstörten Turme zusammenfiel, bereits als ziemlich sicher annehmen zu können, daß es sich hier um geheime Zusammenkünfte zwischen dem obersten Beamten des Bezirks Roxara und dem Chinesen handelte. Auch hierüber hoffte er sich baldigst völlige Gewißheit verschaffen zu können. Schwieriger zu lösen war schon die Frage, weshalb Fung-Scho gerade nach der Rückkehr von dem Stelldichein mit Eduard Fartaday die Polizisten in so energischer Weise aufgefordert hatte, die Ausweispapiere des neuen Ankömmlings genau zu prüfen. Fast sah dies so aus, als ob der Chinese ihn fürchtete und ihn deshalb als ihm unbequem von hier »weggraulen« wollte, wie man im Volksmunde zu sagen pflegt. Auch diesen Punkt würde erst die Zukunft aufklären.

Während der junge Deutsche noch so mit allerlei wichtigen Gedanken beschäftigt dastand, kam Senta Kruse durch die Lattentür auf das Vorderdeck, bot dem Landsmanne einen freundlichen guten Morgen und tauschte einige Worte mit ihm aus.

»Zu längerem Plaudern habe ich jetzt keine Zeit, Herr Manhard«, sagte sie in ihrer frischen Art. »Ich fahre mit der Jolle (kleines Ruderboot) nach der Stadt, um Einkäufe für die Küche zu besorgen. Heute ist Markttag in Roxara. Mein Küchengehilfe Scheng-Si darf dies ja aus bekannten Gründen nicht übernehmen, – Sie wissen, – wegen der Gefahr des Perlenschmuggelns.«

Manhard, der jetzt zum erstenmal von diesem Scheng-Si hörte, fragte mißtrauisch:

»Ein Chinese, nicht wahr?«

Das junge Mädchen, das in seinem weißen, gutsitzenden Leinenkleide ganz wie eine Dame der besten Gesellschaft aussah, nickte lächelnd. »Scheng-Si ist so ziemlich der einzige, dem man hier an Bord Vertrauen schenken kann. Ihn brauchen Sie wirklich nicht zu beargwöhnen. Er ist etwas geistesschwach, in der Küche aber schon wegen seiner peinlichen Sauberkeit sehr gut zu verwenden. Vater hat ihn schon ein Jahr als Koch auf der »Elisabeth«.«

Dann ließ Senta sich durch einen der Taucher die am Heck mit einer eisernen Kette befestigte Jolle an das Floß rudern und ihre leeren Körbe hineinpacken. Mit einem »Auf Wiedersehen« stieß sie von der Brigg ab, legte die Riemen (Ruder) in die Dollen und trieb das kleine Boot gewandt und kraftvoll über die Bucht dem Lande zu. –

Inzwischen war es acht Uhr geworden. Gemäß den erhaltenen Anweisungen ließ Manhard jetzt als Zeichen einer halbstündigen Frühstückspause die Schiffsglocke erklingen. Und nun bekam er auch den chinesischen Koch zu Gesicht, der mit einer mächtigen Schüssel mit gedämpftem Reis aus der mittschiffs gelegenen Kombüse (Küche) auftauchte und das Essen nach dem Vorderdeck brachte.

Scheng-Si machte dem Detektiv blöde grinsend eine Art Verbeugung, blieb stehen und sagte:

»Für Mister Manhard ist auch Frühstück fertig. Es gleich kommen.«

Der junge Deutsche, jetzt schon nach seinen bisherigen Erfahrungen hier in Roxara gegen alle Chinesen zu schnellem Mißtrauen geneigt, beobachte Scheng-Si, einen kleinen, mageren Kerl unbestimmbaren Alters daher schärfer, als er es sonst wohl getan hatte. So konnte es ihm nicht entgehen, daß der Koch mit zweien der Taucher, die sich lang auf ihre Bastmatten im Schutze des Sonnensegels ausgestreckt hatten, Blicke wechselte und daß die braunen Burschen dazu wie zufällig die gespreizte rechte Hand zweimal, und zwar das zweitemal unter Einkneifen von einem bzw. drei Fingern, hochhoben, worauf Scheng-Si zufrieden nickte. Manhard hatte diese stumme Verständigung durch ein Astloch in der Bretterwand beobachtet, so daß die Beteiligten gar nicht ahnen konnten, daß ihre unauffälligen Zeichen bemerkt worden waren.

Dann schleppte Scheng-Si ein kleines Klapptischchen und einen Schiffsstuhl herbei, stellte beides im Schatten der Bretterwand auf und erschien sofort wieder mit einem Teebrett, auf dem ein Glas eisgekühlter Limonade stand sowie drei höchst appetitlich belegte Brotschnitten nebst Messer und Gabel lagen.

Unter den Tauchern befand sich ein riesiger Patham (nordindischer Volksstamm, der sehr englandfeindlich gesinnt ist) mit langem, schwarzem Vollbart, eine prächtige Erscheinung mit selten intelligenten Gesichtszügen, der dem Detektiv schon bei seinem ersten Besuch auf der »Elisabeth« aufgefallen war. Der Patham hieß Bazirah Khan und war heute mit dem Heraufschaffen des gefüllten Muschelbehälters von dem Floß auf das Deck beschäftigt.

Manhard hatte sich das Tischchen jetzt so in die Nähe der Lattentür gerückt, daß er die auf dem Vorderdeck arbeitenden Muschelöffner, unter denen sich auch die beiden Leute befanden, die mit dem Koch irgendwie im Einvernehmen zu stehen schienen, bequem beobachten konnte. Er wollte jetzt die heute erbeuteten Perlen mit den verschiedenen leichten Säuren nachbehandeln, wie der alte Kruse ihm dies vorhin genau erklärt hatte.

So verging eine weitere Stunde. Dank der frischen Westbrise, die die Luft angenehm erfrischte und die Brigg träge und gleichmäßig hin und her schaukeln ließ, war die Hitze heute weniger drückend als gestern. Manhard machte es Freude, mit den matt schillernden Perlen, die in allen Größen auf Glasschalen vor ihm lagen, mit aller Sorgfalt die notwendigen Waschungen vorzunehmen. Kapitän Kruse gesellte sich auch einen Augenblick zu ihm und gab ihm noch einige Fingerzeige.

Dann wurde die Aufmerksamkeit des Detektivs jedoch plötzlich durch einen gellenden, mehrmaligen Pfiff abgelenkt, der durchdringend von Norden her über das Wasser herüberklang und selbst das Geschrei der unzähligen Seevögel übertönte.

Der Pfiff hatte große Ähnlichkeit mit einem vereinbarten Signal, und Manhard fühlte sich daher veranlaßt, sich von seinem Schiffsstuhl zu erheben und einen Blick über die Wasserfläche zu werfen, wohin die Reling ihm die Aussicht beim Sitzen versperrte. So bemerkte er denn etwa dreihundert Meter entfernt ein flaches, indisches Fischerboot mit einem Mattensegel, in dem am Steuer ein einzelner Eingeborener saß. Nach dem Nordufer der Bucht zu ankerte keines der Loggerfahrzeuge, so daß der Nachen ungehindert vor dem Winde trieb.

Mit einem Male duckte Manhard sich, schob den Stuhl beiseite und schlich im Schutze der Reling auf die offene Relingpforte zu, in die das Fallreep mündete. Hier schob er ein aufgerolltes, starkes Tau so weit vor, daß er dahinter seinen Kopf verbergen und ungesehen sowohl das unter ihm liegende Floß als auch den Fischerkahn im Auge behalten konnte.

Tatsächlich: sein Argwohn fand hier neue Nahrung. Bazirah-Khan und der Eingeborene in dem Nachen tauschten mit den Armen Zeichen aus, wozu der Patham stets die Momente abpaßte, wenn gerade die meisten Taucher unter Wasser waren.

Dreimal wendete der Kahn und glitt an der Brigg vorüber. Dann schienen die beiden Inder mit ihrer gegenseitigen Verständigung fertig zu sein, und der Nachen lenkte dem Nordufer der Bucht zu, wo er in einen versumpften kleinen Fluß einbog und verschwand.

Als Manhard dann wieder über seine Glasschalen gebeugt dasaß, mußte er abermals lächeln. Wie merkwürdig doch das Schicksal spielt, dachte er. Auf der Jagd nach einem überaus schlauen Verbrecher war er von Europa herübergekommen, und diese Jagd hatte ihn bisher um die halbe Erde geführt. Immer bei der Einfahrt in einen neuen Hafen war in ihm die Hoffnung aufgestiegen, daß nun endlich das eintreten würde, worauf er seit Jahren wartete. Aber der vorsichtige Spitzbube schien andere Pläne zu verfolgen. So gelangten der Verfolger und der Verfolgte schließlich nach Bombay. Und hier erwarb Franz Gneifenger, wie er sich jetzt nannte, den kleinen Schoner, den er hochtönend »Esperanza« (Hoffnung) taufte und mit dem er nun in der Roxara-Bucht Perlenfischerei betrieb, ein Unternehmen, das fraglos nur von ihm angefangen worden war, um einen neuen Schwindel in Szene setzen zu können. Davon, daß der gefürchtete Berliner Privatdetektiv Dr. Manhard ihm auf den Fersen war, ahnte er nichts. Vielleicht kannte er dessen Namen als gebürtiger Wiener nicht einmal.

So war der junge Deutsche nach der Westküste Vorderindiens in diese weltferne Gegend gelangt. Und kaum hier angekommen, streckte das Märchenland bereits seine geheimnisvollen Fänge nach ihm aus und verstrickte ihn in Abenteuer, deren unklare, erste Spuren recht vielverheißend waren. Ein so reiches Feld für seine eigentliche Begabung hatte Manhard hier nie und nimmer zu finden gehofft. Jetzt fühlte er sich so recht in seinem Element! Dazu noch dieses schwimmende Heim mit seiner deutschen Gemütlichkeit, der Verkehr mit zwei Menschen, denen er sofort echt deutsche Denkungsart angemerkt hatte, und schließlich diese Umgebung mit dem ganzen Zauber einer tropischen Landschaft, – was konnte ihm wohl das Geschick besseres bescheren!

Dann lenkten die Gedanken des Detektivs wieder in Bahnen ein, wie sie die merkwürdige Sachlage verlangte. Bisher hatte er dem alten Kruse nichts von seinen Beobachtungen in der Kneipe des Chinesen mitgeteilt. Er liebte es überhaupt nicht, über seine Pläne zu sprechen, trat stets erst mit dem vollen Erfolge seiner Arbeit an die Öffentlichkeit, da er fürchtete, daß ungeschickte Hände ihm die feingesponnenen Fäden seiner Netze, in denen er die Gesetzesverächter fing, verwirren könnten. Hier lag die Sache anders. Dieses Arbeitsfeld, die Menschen, die ganzen Zustände waren ihm zu wenig vertraut, um ohne fremde Hilfe auszukommen. Zudem mußte er ja auch schon deshalb den alten Kapitän wenigstens teilweise einweihen, weil er gezwungen war, recht häufig abends an Land zu gehen und einige Stunden in Fung-Scho's Kneipe zuzubringen.

Daher nahm er Kruse, als dieser sich wieder auf Deck zeigte, beiseite und erzählte ihm zunächst nur von Fung-Scho's schadenfrohem Lächeln, das seinen Verdacht erregt hätte. – Der Alte nickte eifrig.

»Wenn Sie den Halunken entlarven könnten, diesen scheinheiligen Kriecher, – das wäre ein Fest!« meinte er. »Ja, fahren Sie, so oft Sie wollen, nach Roxara rüber,« fügte er hinzu. »Nur hüten Sie sich vor des Chinesen selbstgebrauten Getränken. Die bestehen zumeist aus einer Teufelsmischung, die höchstens van Deimers Magen auf die Dauer verträgt.«

Sodann sprach Manhard von der offenbaren Absicht Fung-Scho's, ihn vielleicht durch die Kontrolle seiner Papiere in Ungelegenheiten zu bringen. Aber sein Abenteuer an der Turmruine mit allen Nebenumständen verschwieg er dabei. Zu tief wollte er sich auch jetzt nicht in die Karten sehen lassen.

Kruse wurde nachdenklich. »Zum Donner – sollte das dicke Brillen-Schlitzgesicht etwa ahnen, was Sie in Wirklichkeit sind? – Das wäre unangenehm! Und – sind Ihre Papiere in Ordnung?«

»Tadellos. Besser kann's kaum sein. Sie lauten sämtlich auf den Schriftsteller Dr. Felix Manhard. Und Schriftsteller sind harmlose Menschen, die mal aus Not auch Aufseher auf einem Perlen-Logger spielen können. Das wird die hiesig Behörde schon einsehen.«

Der Alte lachte. »Natürlich! Wenn Sie den Polizisten noch so'n kleines Märchen von ausgegangenem Reisegeld erzählen, werden die Kerle den Fung-Scho für einen Trottel erklären, der Gespenster sieht.«

Den eigentlichen Zweck dieser Unterredung – die Erlaubnis zu gelegentlichen Fahrten nach dem Städtchen – hatte Manhard bereits erreicht. Und deshalb wollte er es in seiner übergroßen Vorsicht zunächst bei diesen Mitteilungen bewenden lassen. Trotzdem tat er noch eine Frage, die den riesigen Patham betraf.

»Sagen Sie, Kapitän«, meinte er ohne besondere Betonung, »wer ist eigentlich jener prächtige Bursche da, den die andern Farbigen mit Bazirah-Khan anreden?«

Kruse schaute den Landsmann seltsam forschend an. In seinem Gesicht sah man deutlich eine gewisse Verlegenheit, die er, des Sichverstellens ungewohnt, nicht verbergen konnte.

»Nun – ein Taucher wie die übrigen«, erwiderte er dann hastig. »Ich kenne ihn nicht genauer. – Gefällt Ihnen der Mann nicht?«

Der Detektiv merkte, daß der Alte soeben nicht ganz ehrlich gewesen war. Mit diesem Patham mußte es also eine besondere Bewandtnis haben. Und nur aus diesem Grunde setzte er das Gespräch, das er durch eine gleichgültige Antwort leicht hätte beenden können, noch fort.

»Hm – gefallen?! Äußerlich ja. Bazirah-Khan ist fraglos der intelligenteste unserer Leute. Er hält sich auch scheinbar mehr für sich allein. – Ob er Verwandte oder Freunde hier in der Nähe hat? Die Pathams hausen doch weit im Norden an der Grenze nach Tibet zu, soweit ich weiß.«

Wieder überflog eine auffallende Unruhe des Kapitäns verwitterte Züge.

»Weshalb fragen Sie danach? Woher soll ich wohl die Familienverhältnisse meiner Taucher kennen!« platzte er polternd heraus.

Manhard blies den Rauch aus seiner Pfeife mit vollen Backen in die Luft.

»Spielen wir nicht Versteck miteinander«, meinte er, dem schnell verwehenden Rauch nachblickend. »Sie wissen mehr von diesem Bazirah-Khan, als Sie zugeben wollen. Und ich auch.«

Kruse trat einen Schritt zurück. Sein Gesicht drückte jetzt unverhohlen schärfstes Mißtrauen aus.

»Herr«, sagte er leise und drohend, »haben Sie sich hier etwa nur unter der Maske eines Deutschen als Spion eingeschlichen, der . . .«

Er brach plötzlich ab. »Na – jedenfalls gebe ich Ihnen die Versicherung«, fuhr er dann noch leiser fort, »daß Sie ein sehr gewagtes Spiel treiben, wenn Sie sich in diese Dinge mischen. Wir besitzen die Macht, Sie spurlos verschwinden zu lassen, falls dies nötig sein sollte. – Also heraus mit der Sprache! Was ist's mit Bazirah-Khan?«

Manhard schüttelte lächelnd den Kopf.

»Sie sind ein schlechter Diplomat. Ich wollte Sie ja nur in Ihrem eigenen Interesse aushorchen. Und das ist mir glänzend gelungen, Kapitän, – glänzend. Mit mir nehmen Sie es nicht auf in solchem Frage- und Antwortspiel. – Doch nun zu Ihrer Beruhigung folgendes: Erstens – mein Wort darauf, daß ich der bin, der sich Ihnen gegenüber durch den Ausweis des Berliner Polizeipräsidiums legitimiert hat und daß ich nach Roxara kam um einer ganz anderen Sache willen. Ich bin jetzt zum erstenmal in Indien. Und Bazirah-Khan erregte nur deshalb meine Aufmerksamkeit, weil er mit dem Insassen eines Fischernachens vorhin Zeichen durch Armbewegungen wechselte. – So verhält sich die Sache.«

Kruse atmete sichtlich erleichtert auf und streckte dem Detektiv entschuldigend die Hand hin.

»Ich habe mich hinreißen lassen«, sagte er einfach. »Verzeihen Sie mir.«

Und dann fragte er: »Sie haben sich nicht getäuscht? Es war der Patham, der dem Manne im Nachen zuwinkte? Und – hörten Sie vorher einen Pfiff?«

»Es war Bazirah-Khan. Und mit dem Pfiff stimmt es auch.«

Der alte Kruse schaute unschlüssig vor sich hin, indem er halblaut murmelte: »Es geht nicht – ich darf es nicht! Mein Schwur bindet mich!«

»Manhard«, sagte er darauf, dicht an den Detektiv herantretend, »versprechen Sie mir in die Hand, mit niemandem über diese Sache, überhaupt über den Patham, zu reden. Es ist dies ein Geheimnis, das nur mich angeht.«

Der junge Deutsche schlug kräftig in die dargereichte Hand ein.

»Ich verstehe zu schweigen. Einem Privatdetektiv werden bisweilen noch ganz andere Dinge anvertraut.«

Gedankenvoll stieg Kruse das Fallreep dann hinab und flüsterte auf dem Flosse eifrig mit Bazirah-Khan.

Und Manhard tat, als bemerke er es nicht. Gewiß – schweigen wollte er! Aber dieses Geheimnis schien wert zu sein, sich ebenfalls näher damit zu beschäftigen. Merkwürdig genug waren ja die Äußerungen des Alten gewesen, die dieser halb im Zorn, halb aus versteckter Angst hervorgestoßen hatte . . . »Wir besitzen die Macht, Sie spurlos verschwinden zu lassen . . .!« Schon allein dieser Satz schloß allerlei Möglichkeiten in sich ein, die vorläufig freilich in keiner Weise zu überschauen waren.


5. Kapitel.

Gleich nach dem Mittagessen, das Manhard mit dem Kapitän und der inzwischen von ihren Einkäufen zurückgekehrten Senta gemeinsam in der Kajüte einnahm, erschien das Polizeiboot, und ein vierschrötiger Engländer forderte von dem neuen Aufseher des Perlen-Loggers die Papiere zur Prüfung ein. Diese verlief vollkommen glatt, zumal Manhard sogar einen Empfehlungsbrief des englischen Generalkonsuls von Kapstadt vorzeigen konnte, den er sich durch Vermittlung eines dortigen Bekannten bei der Durchreise besorgt hatte.

Der Polizist erhielt noch einen Stärkungstrunk vorgesetzt und ein paar Zigarren mit auf den Weg und zog dann befriedigt ab. Im übrigen brachte dieser Tag auf der »Elisabeth« keine weiteren Ereignisse. Nach Eintritt der Dunkelheit begab Manhard sich jedoch an Land, wozu er die Jolle benutzte. Und damit begann für ihn erst der aufregendere Teil des Tages.

Zunächst schlenderte er durch die schlecht gepflegten Straßen des Städtchens und suchte nach einem Geschäft, wo er eine gute elektrische Taschenlampe erstehen konnte. Sehr bald fand er das Gewünschte bei einem indischen Uhrmacher, der nebenbei auch einen Kramladen mit allerlei Artikeln besaß, – von Zündhölzern und Konserven bis zu derben Seemannsstiefeln herab. Zwar war die Lampe unverschämt teuer, aber die Batterie funktionierte tadellos dafür. Und vorsichtigerweise kaufte der Detektiv auch noch die vorhandenen sechs Ersatzbatterien gleich auf.

Nun war er genügend mit allem versehen, da er eine erprobte Mehrladepistole ohnehin stets in der Schlüsseltasche seines Beinkleides bei sich führte. –

In Fung-Scho's »Salon« traf er bereits einige Gäste an, darunter auch Kapitän van Deimer und . . . Herrn Gneifenger, der mit dem Holländer an einem Tische saß.

Van Deimer rief Manhard sofort zu, doch bei ihnen Platz zu nehmen, und stellte den Besitzer des Loggers »Esperanza« dann dem jungen Deutschen vor, was diesem nur lieb sein konnte.

Gneifenger, ein vertrocknetes Männchen mit unstätem, listigem Blick, sah weit eher nach einem verknöcherten Aktenmenschen als nach einem Loggerkapitän aus. Er begrüßte den deutschen Landsmann mit einem Schwall von Fragen, auf die Manhard bereitwilligst Auskunft gab. Dann schien er sich von der Harmlosigkeit dieses armen Federfuchsers überzeugt zu haben und begann von dem Reichtum gerade seiner Perlenstelle zu prahlen, wobei er hervorhob, daß er auch selbst zuweilen nach Muscheln tauche – freilich mehr zu seinem Vergnügen.

Van Deimer grinste. »Wissen Sie auch, daß es hier Haifische zuweilen gibt, mein Lieber?« meinte er gönnerhaft. »Die Bestien haben zwar an Ihnen nur Knochen zu knacken, aber auch das tun sie gern.«

»Haifische . . .?!« stotterte Gneifenger erblassend. »Sie scherzen, nicht wahr?!«

»Denk' gar nicht dran! Häufig sind sie ja nicht. Aber passieren kann's schon, daß sich mal einer in die Bucht verirrt. Freilich – unsere eingeborenen Taucher scheren sich den Deubel um die Viecher. Hab's selbst gesehen, wie mein Mata-Sing einem Hai von gut 2¼ Meter mit dem Kris (dolchartiges Messer) den Bauch im Wasser aufschlitzte. Ihnen, mein Bester, dürfte dieses Kunststück kaum gelingen.«

Gneifenger nahm einen Beruhigungsschluck aus seinem Glase. »Na, da werde ich den Sport doch lieber bleiben lassen«, meinte er. »Man hat halt nur ein Leben zu verlieren!« –

Der dicke Fung-Scho drückte sich auch heute dauernd im »Salon« umher. Mit der Zeit fanden sich noch sechs weitere Loggerkapitäne ein. Und Manhard paßte wie ein Luchs auf, wenn der Chinese die Jacken an die Riegel hing. Aber etwas neues entdeckte er nicht.

Die Zeit verging. Als die »neuesten« Zeitungen eintrafen, kaufte sich der Detektiv ein Blatt, bezahlte seine Zeche, gähnte herzhaft und verabschiedete sich.

»Auf unserer »Elisabeth« fängt das Tagewerk früh an,« meinte er zu van Deimer, der ihn noch zum Bleiben aufforderte. »Der alte Kruse hat mir erklärt, Bummeln litte er nicht an Bord. Ich muß also schon solide sein!«

Der Holländer nickte verständnisvoll. »Ja, Kruse ist der reine Temperenzler! – Grüßen Sie ihn von mir. Man bekommt ihn so selten zu sehen.« – –

Als Manhard auf die Straße hinaustrat, fegte ihm der inzwischen stärker gewordene Wind eine Staubwolke ins Gesicht. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, und die Dunkelheit fast zu tief für das Vorhaben des Deutschen. Trotzdem machte er sich ohne Zögern auf den Weg nach dem verfallenen Turme.

Die Wedel der zahlreichen Fächerpalmen an der Straße nach den Bergen zu erzeugten, von dem kräftigen Luftzuge hin und her geschüttelt, ein merkwürdiges, knisterndes Geräusch. Die Büsche rauschten, in den Maisfeldern wisperte es, und von der offenen See her klang das Donnern der wütenden Brandung ohne Unterbrechung herüber.

Jedenfalls war die Szenerie gegen die vergangene Nacht vollständig verändert. Gestern hatte das weiche Licht des Mondes alles mit reizvollem Schimmer umkleidet. Heute lastete unheimliche Finsternis mit all ihren Schrecken über der Erde.

Es wurde Manhard daher auch nicht leicht, den Fußpfad zu finden.

Endlich hatte er die Ruine erreicht, und bald entdeckte er auch, jetzt beim Scheine der Taschenlaterne, einen besonders großen Felsblock, der fraglos hier den Zugang zu unterirdischen Räumen der einstigen Befestigung bildete. Nach einigem Suchen bemerkte er dann seitwärts in einer Mauerfuge einen runden, eisernen Knopf, der auf starken Druck nachgab. Gleichzeitig lehnte Manhard sich mit seinem vollen Körpergewicht gegen den rechteckigen, hohen Stein, der wirklich wie eine Tür sich nach innen öffnen ließ.

Der Detektiv stand jetzt in einem viereckigen, kleinen Gemach im Innern dieses noch erhalten gebliebenen, gut zwei Meter starken Mauerteiles. Eine schmale Steintreppe lief von hier in die Tiefe hinab.

Nachdem Manhard die bewegliche Steinplatte wieder geschlossen hatte, setzte er mit aller Vorsicht seinen Weg fort. Die Treppe mündete nach etwa fünf Metern in einen breiten Gang, der aus einer natürlichen Höhle durch Einebnen und Auffüllen des Bodens hergestellt war und sich sowohl nach Osten, also dem terrassenförmigen Hinterlande der Roxara-Bucht zu, als auch nach Westen in der Richtung auf das Städtchen weitererstreckte.

Der Detektiv verfolgte zunächst die Richtung nach West, da er annahm, daß die künstlich umgestaltete Höhle, deren Wände und Decke aus einer gelblichen, dem Tuffstein ähnlichen Gesteinsart bestanden, mit den Hintergebäuden von Fung-Scho's Kneipe irgendwie in Verbindung stehen müßte. Nach wenigen Minuten schon sah Manhard, daß der Gang sich immer mehr verengerte, bis er nur noch eine Breite von einem guten Meter hatte. Dieser Teil war aus gebrannten, großen Ziegeln hergestellt, bildete also die Fortsetzung der eigentlichen Höhle. Sehr bald fand er nun auch in einer zweiten Steintreppe sein Ende, die über einen wüsten Haufen von Ziegel- und Steintrümmern, von denen der Gang bis oben angefüllt war, hinwegführte.

Als der Detektiv diese Treppe emporstieg, bemerkte er auch hier an den Spuren in der überall hier lagernden Staubschicht, daß dieser unterirdische Weg sehr häufig benutzt worden sein mußte und zwar noch vor ganz kurzer Zeit. Diese Beobachtung gab ihm die Gewißheit, daß seine Vermutungen zutreffend seien, wofür er dann auch den letzten Beweis erhielt. Eine hölzerne Falltür schloß nämlich oben die Treppe ab. Sie ließ sich leicht hochheben und zurücklehnen, da sie an einer Seite mit starken Scharnieren befestigt war.

Manhard stieg noch einige Stufen höher und leuchtete zunächst den über der Falltür liegenden Raum ab. Dieser war schmal und lang, hatte gemauerte Wände und war bis auf einige in einer Ecke übereinander getürmte große Holzkisten völlig leer. Nur an der einen Wand hing an einem Nagel eine einfache Petroleumlaterne.

Eine Tür, die aus diesem engen Gelaß hinausführte, konnte der Detektiv zunächst nicht entdecken. Als er sich dann aber genauer umschaute, fand er zwei in die Mauer eingelassene, sehr kräftige eiserne Angeln, in denen ein mit Ziegelsteinen gefüllter, gleichfalls eiserner Rahmen hing. Diese ganze Einrichtung war so geschickt und so sorgfältig angelegt, daß die kleine Pforte sich von dem sie umgebenden Teil der Mauer gar nicht abhob, ebenso wie der in einen Stein eingelassene, als Türgriff dienende Ring kaum zu bemerken war.

Manhard zog langsam an dem Ringe, jedoch ohne Erfolg. Es mußte also noch eine Art Riegel geben, der die Pforte verschloß. Schließlich fand er auch diesen und trat nun, nachdem er schon vorher die Taschenlampe ausgeschaltet hatte, tief gebückt einen Schritt vor, um zunächst angestrengt zu lauschen. Dann erst schob er an dem Knopf der elektrischen Laterne und ließ den weißen Lichtkegel schnell in die Runde gleiten. Was er vor sich sah, war Fung-Scho's Vorratskammer ohne Frage. Fäßchen, Kisten, Gestelle mit Flaschen, Konservenbüchsen und anderes mehr standen in dem ziemlich geräumigen Gelaß in ganzen Stapeln umher. Über einer mit Eisenblech beschlagenen Tür lag ein vergittertes, niedriges Fenster. Die Luft hier war kühl und dumpfig, so daß der Detektiv sofort auf die Vermutung kam, er müsse sich in einem wahrscheinlich unter dem Hofgebäude der Kneipe liegenden Keller befinden. –

Vollauf befriedigt von den Erfolgen dieses nächtlichen Ausflugs trat Manhard nun den Rückweg an. Bald hatte er den gemauerten Teil des Ganges hinter sich und durchschritt jetzt die langgestreckte Höhle, indem er des öfteren stehen blieb und bei ausgeschalteter Lampe angestrengt horchte, da er ja mit der Möglichkeit rechnen mußte, daß der Gouverneur auch heute eine Zusammenkunft mit dem Chinesen verabredet habe.

Daß diese Vorsicht nur zu berechtigt war, sollte er sehr bald erfahren. In der Nähe der in die Turmruine hinaufführenden Treppe angelangt, hatte eine weite Ausbuchtung der Höhle seine Aufmerksamkeit erregt und ihn veranlaßt, sie genauer in Augenschein zu nehmen. Zu seiner Überraschung stellte er fest, daß es hier eine Abzweigung der Höhle gab, die eine schlauchförmige Gestalt hatte und ebenfalls dann in einen gemauerten Gang auslief. Wie er noch unschlüssig dastand, ob er diesen Gang weiterverfolgen solle, drang, in der ihn umgebenden Totenstille ganz deutlich zu hören, aus der Hauptgrotte das Geräusch eiliger Schritte an sein Ohr.

Ein Druck mit dem Daumen auf den Knopf, und der Lichtstrahl seiner Laterne erlosch. Der, der jetzt keine fünfzig Schritt von ihm entfernt vorüberging, konnte nur Eduard Fartaday sein. Freilich, der Detektiv sah nur die hagere Gestalt und das Hindukostüm, da der Engländer seine hellbrennende Laterne, offenbar eine durch Acetylen-Gas gespeiste, weit vor sich in der ausgestreckten linken Hand hielt. Trotzdem war Manhard davon überzeugt, daß er sich hinsichtlich der Persönlichkeit nicht irre.

Die Schritte verhallten. Tiefe Dunkelheit umgab abermals den jungen Deutschen, der es unter diesen Umständen für das Ratsamste hielt, schleunigst durch den Turmeingang ins Freie zurückzukehren. Noch einen Blick warf er auf die zackigen unregelmäßigen Felswände und den von Spalten durchzogenen, hügeligen Boden dieser Seitenhöhle. Gerade wollte er den Fuß zum ersten Schritt erheben, als er förmlich zusammenzuckte. Blitzschnell, gleichzeitig wieder die Lampe ausschaltend, glitt er zur Seite bis an die Wand hin und warf sich platt auf das harte Gestein, das hier eine schmale Vertiefung bildete.

Was ihn aufgeschreckt hatte, waren laute Stimmen gewesen, die aus der gemauerten Fortsetzung dieser Nebengrotte wie aus einem Schalltrichter hervorgedrungen waren. Unwillkürlich tastete Manhard vorsichtig nach der Schußwaffe. Als er sie dann in der Hand hielt, war das lähmende Gefühl des ersten Schreckens völlig von ihm gewichen. Nur neugierige Spannung ließ jetzt noch sein Herz etwas schneller schlagen.

Die Stimmen kamen näher. Gleichzeitig tanzte ein unsicherer Lichtschein über die zackigen Felswände hin. Manhard lag auf der Seite mit dem Rücken nach her Wand zu. Jetzt waren die Männer, die sich in der Hindusprache laut und unbesorgt unterhielten, in einer Höhe mit dem Detektiv, den sie in seinem Versteck kaum bemerken konnten. Vorsichtig hob er den Kopf. Drei Eingeborene waren es, von denen einer mit einer brennenden Fackel vorausschritt. Offenbar gehörten sie den ärmeren Schichten der Bevölkerung an, da sie nur hemdartige, helle Leinenkittel trugen.

Der Detektiv wagte es, ihnen in gehöriger Entfernung nachzuschleichen. So stellte er fest, daß sie die unterirdischen Räume über die Treppe nach der Turmruine zu verließen.

Nachdenklich stand Manhard in tiefster Dunkelheit da und überlegte. – Waren diese drei Eingeborenen etwa Verbündete des Gouverneurs und des Chinesen? Trieben sie gemeinsam unsaubere Geschäfte? Wenn Weiße und Farbige sich zusammentun, handelt es sich ja meist um eine Schufterei. – Oder aber – verfolgten die beiden Parteien mit diesem nächtlichen Gange verschiedene Zwecke? Ahnten sie gegenseitig nicht, daß sie nicht allein das Geheimnis dieser Grotten und versteckten Verbindungswege kannten?! – All das waren Fragen, die der Aufklärung bedurften. Und nach kurzem Abwägen kam Manhard dann zu dem Entschluß, später festzustellen, woher die Hindus, deren Sprache er leider nicht verstand, gekommen waren. Bei der nötigen Vorsicht hoffte er vor Überraschungen irgendwelcher Art sicher zu sein.

So machte er sich auf den Rückweg, denn die Höhle in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchforschen, dazu war es bereits zu spät geworden. Ohne Zwischenfall erreichte er wieder die Turmruine, trat durch den Eingang ins Freie und eilte dem Hafen zu. Der stundenlange Aufenthalt in der unterirdischen Welt von Roxara hatte ihm vier Batterien für seine Taschenlampe gekostet.

Die Jolle lag noch auf demselben Platz. Und zehn Minuten später streckte Felix Manhard seine müden Glieder behaglich in dem bequemen Bett in seiner Kabine auf der Brigg aus.


6. Kapitel.

Drei Tage waren vergangen. Da Manhard es nicht liebte, eine Sache über das Knie zu brechen, war er nicht wieder an Land gegangen. Gab es doch jetzt auch auf der Brigg für ihn genug zu beobachten. Der Koch Scheng-Si und Bazirah-Khan, der riesige, schwarzbärtige Patham erfreuten sich von seiten des Detektivs einer ständigen Überwachung. Ebenso zeigte dieser für den Schoner »Esperanza« reges Interesse. Herr Franz Gneifenger war inzwischen zweimal an Bord der »Elisabeth« gekommen, hatte viel mit Senta Kruse geschwatzt und mit seiner Fertigkeit im Tauchen geprahlt. An Manhard schien er großes Gefallen zu finden und lud diesen wiederholt ein, ihn doch gelegentlich auf seinem Schoner zu besuchen, was der junge Deutsche auch versprach. Gneifenger ahnte ja nicht, daß hier die Maus die Katze aufforderte, miteinander in näheren Verkehr zu treten.

Die engen, räumlichen Abmessungen dieser schwimmenden Behausung brachten es mit sich, daß das junge Mädchen mit dem neuen Aufseher ihres Vaters schneller bekannt und kameradschaftlich-vertraut wurde, als es sonst wohl geschehen wäre. Zwischen den beiden jungen Menschenkindern herrschte bald ein freundschaftlicher, zwangloser Ton, der zuweilen sogar schon zu kleinen Neckereien überging.

Der alte Kruse ließ sich jetzt wenig auf Deck sehen, begab sich auch häufig an Land oder in der Jolle auf die Entenjagd. Seine Stimmung war meist ernst und nachdenklich, was so auffiel, daß Manhard ihn bei guter Gelegenheit teilnehmend fragte, ob ihn irgend etwas bedrücke, worauf der Kapitän die offenbare Ausrede gebrauchte, er sei mit dem Ertrag der Perlenfischerei sehr wenig zufrieden.

Besonders die Jagdausflüge des Alten kamen dem Detektiv bald verdächtig vor, da Kruse dazu stets den Patham als Ruderer mitnahm und ebenso regelmäßig denselben kleinen, sumpfigen Fluß als Ziel wählte, in dem damals jener Fischernachen verschwunden war. Die Beute, die er heimbrachte, war so gering, daß seine Tochter ihn oft lachend einen echten Sonntagsjäger nannte. Daher war Manhard auch überzeugt, diese plötzliche Jagdleidenschaft könne nur einen besonderen Grund haben. Vielleicht traf der Alte dort irgendwo auf dem unzugänglichen Flusse mit Leuten zusammen, mit denen er geheimnisvolle Geschäfte abzuwickeln hatte. Leider bot sich dem Detektiv aber keine Gelegenheit, dieser Sache näher nachzuspüren. –

Beim Mittagessen in der Kajüte äußerte der Kapitän dann, er würde sofort nach Tisch an Land gehen, da er in dem Städtchen zu tun habe. Außerdem wolle er auch zusehen, ob er abends van Deimer in der Kneipe treffe, mit dem es mancherlei geschäftliches zu besprechen gebe.

Scheng-Si, der Koch, der bei den gemeinsamen Mahlzeiten bediente, hatte gerade die Suppenteller abgeräumt und stellte sie auf ein Seitentischchen, als Kruse diese seine Pläne für den Nachmittag erwähnte. Manhard merkte, daß der angeblich etwas geistesschwache Chinese scharf hinhorchte, und zwar mit einem so interessierten Gesichtsausdruck, wie man ihn bei einem Geistesgestörten kaum vermuten konnte.

Dann wandte Scheng-Si sich an den Alten und fragte mit seinem blödesten Grinsen: »Welchen Anzug und Hut nehmen Kapitän heute? – Scheng-Si wird die Sachen noch ausbürsten.«

»Den blauen, und dazu den Panama«, erklärte Kruse, indem er noch hinzufügte: »Ich fürchte, Du wirst meine Kleider durch Deine übertriebene Sauberkeit mehr abnutzen, als ich dies durch das Tragen tue.« Aber der Ton seiner Stimme war dabei freundlich und mehr scherzend. –

Gegen vier Uhr nachmittags erschien der Alte in seinem Ausgehstaat an Deck und verabschiedete sich von seiner Tochter und dem jungen Deutschen, die gerade das hellgestrichene Polizeiboot beobachteten, das zwischen den Perlenschiffen hin und her fuhr und auf dessen Steuerbank heute auffallenderweise auch eine weißgekleidete Europäerin saß, deren Gesichtszüge jedoch auf die weite Entfernung nicht zu erkennen waren.

Manhard hielt den Kapitän noch zurück.

»Könnte ich Sie einen Augenblick in der Kajüte sprechen?« fragte er. »Mir ist soeben etwas eingefallen, das ich Ihnen noch mitteilen möchte.« –

Dann waren sie allein in dem behaglichen Raum. Der Detektiv wußte, daß der Koch in der Kombüse weilte und man einen Lauscher daher nicht zu fürchten habe.

»Sie gestatten, daß ich die Tür nach dem Deck abschließe«, sagte Manhard ernst und drehte den Schlüssel um. »So – nun sind wir vor fremden Augen hier wohl sicher. – Bitte, Kapitän, ziehen Sie Ihre blaue Jacke aus und überlassen Sie sie mir für ein paar Minuten«, fügte er schnell hinzu.

Der Alte machte ein mehr als verwundertes Gesicht.

»Jacke – ausziehen . . .?! – Wozu denn in aller Welt?« fragte er mißtrauisch, da ihm schon das Abschließen der Tür nicht ganz geheuer vorgekommen war.

Manhard lächelte unmerklich. »Den Grund dieses eigenartigen Ansinnens hoffe ich Ihnen nicht nur nennen, sondern auch zeigen zu können, Kapitän. – Ich treibe wirklich keinen Scherz. Es handelt sich um den Perlenschmuggel.«

Der Kapitän begriff noch immer nicht, tat aber doch Manhard den Willen. Dieser nahm die aus leichtem blauen Tuch gefertigte und mit schwarzem, seidenähnlichem Stoff abgefütterte Jacke in die Hand und durchsuchte zunächst ganz eingehend die Taschen. Dann begann er sie sorgfältig Zentimeter für Zentimeter mit den Fingern abzutasten.

Plötzlich hielt er inne und beschaute sich den Rückenteil oben am Kragen, er drehte die Jacke darauf um und sah sie sich an derselben Stelle von innen an.

Kruse verfolgte gespannt jede Bewegung des Detektivs. Inzwischen war ihm doch eine Ahnung aufgestiegen, was Manhard mit dieser Unterhaltung bezweckte.

Und jetzt zog der Deutsche aus einer ein wenig aufgetrennten Naht dort, wo das Rückenfutter an den Kragen stieß und zwar genau in der Mitte des Rückens einen etwa fünfzehn Zentimeter langen und drei Zentimeter breiten schwarzen Zeugstreifen hervor, der sich bei näherer Besichtigung als ein schmales Säckchen herausstellte, das oben im Futter mit einer hakenförmig gebogenen Stecknadel unsichtbar befestigt gewesen war und viele kleine Aufbauschungen zeigte.

Kruse riß dem Detektiv förmlich das Säckchen aus der Hand.

»Die Brut, die verd. . . Brut!« schimpfte er wütend, indem er aus dem oben an der einen Schmalseite offenen Säckchen elf Perlen von über Mittelgröße auf den Tisch schüttete.

Manhard hatte schon nach dem Panamahut des Kapitäns gegriffen. Ein schönes, dunkelrotes Seidenband mit großer Schleife umgab den Hutkopf, während sich innen unter dem Schweißleder eine starke Korkschicht befand, um das Durchfetten besser zu verhüten.

Tatsächlich: auch in den mit leichten Stichen unauffällig zusammengenähten Ösen der Schleife waren weitere acht Perlen untergebracht.

Der alte Kruse schaute jetzt den Detektiv mit geradezu bewundernden Blicken an.

»Wie in aller Welt sind Sie nur hinter diesen Trick gekommen?« fragte er kopfschüttelnd.

Manhard erklärte in kurzen Worten den Sachverhalt.

»Der dicke Fung-Scho selbst hat also meinen Verdacht durch sein Interesse für die Jacken der Loggerkapitäne erregt«, schloß er seinen Bericht. »Die Leute hier konnte er hintergehen. Meinen schärferen und wachsameren Augen war selbst seine Verschlagenheit nicht gewachsen. Als Sie nun heute bei der Mahlzeit die Absicht äußerten an Land zu gehen und als Scheng-Si so genau wissen wollte, was Sie anziehen würden, da dachte ich mir gleich, daß wir vor wichtigen Entdeckungen ständen. Fung-Scho nimmt natürlich diese Säckchen an sich und entleert auch die Hutverstecke. Sollte er dazu einmal keine Gelegenheit finden, so schadet das nichts. Dann können die, die den Kapitänen die Perlen in die Kleidungsstücke tun, die Schmuggelware bequem wieder entfernen und eine bessere Gelegenheit abwarten. (Die hier erwähnten Perlenschmuggel-Tricks sind tatsächlich vorgekommen. Vergl. »Thomas Melling, – Das Perlenland Ceylon«.) Ohne Frage sind es also auf den Loggerschiffen überall die Kajütwärter der Kapitäne, die diese Diebereien allein möglich machen, – geradeso wie hier bei uns der angeblich blöde chinesische Koch.«

Der Detektiv machte eine Pause und fuhr dann fort: »Jedenfalls ist es nun nötig, daß sich sämtliche Kapitäne zusammentun und gemeinsam an einem Tage die Entlarvung und Festnahme der Schuldigen herbeiführen. Alles dies muß mit größter Heimlichkeit vorbereitet werden. Sie werden also am besten jeden einzelnen Ihrer Kollegen einweihen und für übermorgen Abend zu Fung-Scho alle die hinbestellen, die dort häufiger verkehren. Dann soll der große Schlag erfolgen. Wie – das sage ich Ihnen noch. Aber meine Person müssen Sie dabei ganz aus dem Spiel lassen. Ich habe hier ja noch andere Dinge zu erledigen, und niemand darf ahnen, daß Ihr jetziger Aufseher denn doch noch etwas mehr ist als nur ein angeblich heruntergekommener Schriftsteller.«

»Aber diese Perlen hier? Soll ich die hierlassen? – Und, wenn ich's tue, wird das nicht Verdacht bei den Spitzbuben erregen, die vielleicht auch Mittel und Wege gefunden haben, sich irgendwie von weitem zu verständigen?«

»Sehr richtig. Wir müssen alles vermeiden, um die Bande mißtrauisch zu machen. Deshalb bleibt auch nichts anderes übrig: Diese Perlen müssen geopfert werden.«

Kruse zauderte, diesen Vorschlag anzunehmen. Manhard hatte ihn jedoch bald überzeugt, daß es keinen besseren Weg gab, die Schmuggler ordentlich hineinzulegen und für immer unschädlich zu machen, erteilte ihm dann noch ganz eingehende Verhaltungsmaßregeln und riet ihm nochmals einfach zu sagen, daß ein Zufall ihn die neue Arbeitsmethode der Schmuggler habe entdecken lassen. – Nun erst verließ der Alte in der Jolle sein Schiff und ruderte an Land, völlig im Unklaren darüber, daß der Detektiv ihn nur in den kleinsten Teil seiner Geheimnisse eingeweiht hatte. –

Manhard war zugleich mit dem Kapitän auf das Deck hinausgetreten und gesellte sich nun wieder zu dem jungen Mädchen, das noch immer mit den Augen dem Polizeiboote folgte, in dem die weißgekleidete Frauengestalt saß.

Das von vier Indern geruderte Fahrzeug hatte jetzt die Richtung auf die Brigg eingeschlagen. Schnell kam es näher, und der junge Deutsche glaubte seinen Blicken nicht trauen zu dürfen, als er nun in der eleganten Dame mit dem feschen Strohhütchen Ethel Fartaday erkannte. Neben ihr saß ein Europäer im Tropenhelm und weißem Uniformrock, – ohne Zweifel ein Offizier der indischen Armee, mit dem sie bisweilen ein paar Worte wechselte.

Jetzt bemerkte auch sie die beiden Gestalten hinter der Reling der sauberen Brigg. Sie schien leicht zusammenzuzucken, winkte dann aber sofort freundlich mit der Hand herüber und rief den Ruderern einen kurzen Befehl zu, worauf das von dem Offizier gesteuerte Boot in einem Bogen herumschwenkte und an dem Floß unter dem Fallreep anlegte.

Ethel Fartaday hatte den Kopf gehoben und begrüßte Manhard mit einem scherzenden: »Also hier stecken Sie, Sie Ausreißer . . .! Das nennt man ein unverhofftes Wiedersehen! Dürfen wir an Bord kommen? Ich kann Ihnen dann gleich meinen Vetter Percy Fartaday, Hauptmann im 12. Schützen-Regiment, vorstellen.« –

Wenige Minuten später hatte die junge Engländerin aus ihrem Bekannten von Bombay her alles herausgeholt, was ihr wissenswert erschien: ob er denn wirklich jetzt seinen Unterhalt auf diese Weise verdienen müsse, wie er gerade hierher gekommen sei und ob er Kapitän Kruse und dessen Tochter schon früher gekannt habe. Besonders für Senta zeigte sie ein Interesse, das sicherlich einer gewissen eifersüchtigen Regung entsprang.

Hauptmann Fartaday, braungebrannt, elegant und höflich, wenn auch etwas zurückhaltend, ließ sich indessen von der Tochter des Kapitäns die Brigg zeigen, so daß Manhard und Ethel ganz ungestört waren.

Nachdem diese ihre erste Neugierde befriedigt hatte, sagte sie langsam, indem sie den Detektiv lächelnd, aber ziemlich forschend musterte:

»Von einem Schriftsteller, wenigstens einem deutschen, habe ich mir immer eine ganz andere Vorstellung gemacht: lange Locken, schwärmerische Augen, wenig durchtrainierter Körper, eine gewisse unpraktische Weltfremdheit und unsicheres Auftreten – das sind so die Kennzeichen, die ich bisher an jedem Poeten zu entdecken hoffte. Von alledem finde ich bei Ihnen nichts – nichts, nur die ausgesprochenen Gegensätze der aufgezählten Charaktereigentümlichkeiten. Jedenfalls machen Sie weit eher den Eindruck eines Offiziers in Zivil.« Die letzten Worte begleitete sie abermals mit einem scharf prüfenden Blick, als wolle sie beobachten, wie Manhard diese Bemerkung hinnehmen würde.

Ein weniger guter Menschenkenner als gerade der Detektiv hätte vielleicht hinter dieser Frage kaum etwas besonderes geargwöhnt. Nicht so Manhard, dem bei dieser Begegnung mit der jungen Engländerin sofort eine gewisse Fahrigkeit und erzwungene Harmlosigkeit in deren Benehmen aufgefallen war. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß nicht ein Zufall sie an Bord der Brigg geführt hatte, sondern eine Absicht, die sie vor ihm zu verbergen trachtete. Und deshalb erwiderte er jetzt fröhlich auflachend:

»Ich Offizier . . .?! Wie kommen Sie nur auf diesen Gedanken? In Bombay sprachen Sie eine solche Vermutung nie aus, obwohl wir dort täglich zusammen waren, nachdem wir uns an der Hoteltafel kennengelernt hatten.«

Ethel Fartaday schaute verwirrt zu Boden. »Sie haben recht, – wozu zweifle ich auch an dem, was Sie mir über Ihren Beruf sagten! Lassen wir jetzt dieses Thema.«

Zweifeln . . .?! – Sie hatte wirklich diesen Ausdruck gebraucht. Der Detektiv stutzte. Ohne Frage waren Ethel Fartaday diese Zweifel erst infolge fremden Einflusses aufgestiegen. Und – Offizier, – gerade darauf war sie verfallen?!

Mit einem Male lichtete sich das Dunkel für Manhards geistiges Auge. Niemand anders hatte die junge Engländerin hierher geschickt als ihr Vater. Und zwar aus dem Grunde, weil der Gouverneur dem neuen Aufseher der »Elisabeth« trotz dessen tadelloser Ausweispapiere noch immer nicht traute, weil man in ihm eine Persönlichkeit vermutete, die man aus irgendwelcher Veranlassung fürchtete.

Wenn hierüber für den Detektiv noch irgendein Zweifel bestand, so wurde dieser dann durch das Verhalten des Hauptmanns Fartaday vollständig behoben. Der Offizier hatte kaum seinen Rundgang durch das Schiff beendet, als er Manhard für einige Zeit völlig mit Beschlag belegte und mit ihm ein Gespräch über das deutsche Heer begann, – offenbar nur in der Absicht festzustellen, wieweit der Schriftsteller auf diesem Gebiet bewandert war. – Der Detektiv mußte innerlich über die Ungewandtheit lächeln, mit der Percy Fartaday hier den beauftragten Aushorcher spielte. Jedenfalls durfte der Hauptmann mit dem Erfolge dieser Unterhaltung kaum zufrieden sein. Manhards Antworten und Ansichten wurden so vorsichtig vorgebracht, daß der Offizier daraus nicht die geringsten Schlüsse ziehen konnte.

Als sich die beiden Gäste dann verabschiedet hatten und in dem Polizeiboot davonruderten, rief Ethel Fartaday dem an der Reling stehenden Deutschen noch ein lautes: »Auf Wiedersehen!« zu. Ihr Vetter Percy verzog darauf spöttisch die Lippen und sagte leise, um von den vier Eingeborenen nicht verstanden zu werden:

»Dein Vater hat, glaube ich, ganz richtig vermutet: Dieser Manhard, den Du Dir in Bombay zum ständigen Begleiter erkoren hattest, ist nie im Leben ein Schriftsteller, vielmehr ein mit allen Salben gesalbter Mensch von großer Selbstbeherrschung und raffinierter Schlauheit, – wahrscheinlich ein Offizier, der in geheimer Mission hier in Indien weilt.«

»Unsinn!« meinte die junge Dame ärgerlich. »Du bist ebenso voreingenommen wie mein Vater! Und ich bedauere sehr, daß ich mich zu dieser nutzlosen Spioniererei überhaupt hergegeben habe.«


7. Kapitel.

Das Rajahschloß Roxara, ein phantastisches, burgähnliches Bauwerk mit unzähligen schlanken Kuppeltürmchen und vergoldeten Erkern, lag inmitten eines großen Parkes an dem Rande einer tiefen Felsschlucht. Hinter dem riesigen Bau, zu dem eine Anzahl von Nebenhäusern gehörte, erhob sich das Felsgewirr eines ziemlich jäh aufsteigenden Bergrückens, während das Plateau, das vor Jahrhunderten zur Errichtung dieses Stammschlosses eines der ältesten indischen Fürstengeschlechter erwählt worden war, sich nach Westen zu allmählich senkte und dann in die hügeligen Terrassen überging, deren letzte Ausläufer fast bis zu dem Städtchen Roxara sich erstreckten.

Noch vor einem halben Jahre hatten sich in den weiten Sälen und Gängen des Schlosses eine Unzahl von indischen Dienern getummelt, hatte hier das echte, unverfälschte Leben und Treiben geherrscht, wie dies an allen Höfen derjenigen eingeborenen Fürsten üblich ist, denen die Engländer ihre Schein-Selbständigkeit belassen haben und denen ihr märchenhafter Reichtum die Entfaltung eines wahrhaft sinnverwirrenden Prunkes gestattet. Jetzt herrschte in der Rajahburg eine fast beängstigende Stille. Der Beamtenstab und die Diener des Gouverneurs des Roxara-Bezirks, der als Nachfolger des vertriebenen jungen Fürsten hier eingezogen war, bewohnten nur den einen Flügel des Schlosses, dessen modern ausgestattete Räume sich hierzu am besten geeignet hatten. Niemand von den vielleicht insgesamt fünfzig Menschen fühlte sich jedoch in der alten Burg so recht wohl. Stallknechte, Küchenpersonal und Lakaien schworen darauf, daß es in dem Schlosse umgehe. Allnächtlich wollte man in den unbewohnten Teilen des Riesenbaus fahlen, wandernden Lichtschein und geisterhaft huschende Gestalten beobachtet haben. Der stets argwöhnische Gouverneur hatte, als ihm dies Gerede zu Ohren drang, eine Woche lang Wachen aufgestellt, – ohne jeden Erfolg. Dann ließ er die Türen der nichtbenutzten Räume verschließen und die Haupteingänge sogar mit neuen Schlössern versehen. Doch das Getuschel unter seinen Leuten verstummte nicht. Miß Folson, die Gesellschaftsdame seiner Tochter, war vielleicht die ängstlichste von allen. Auch Ethel war das tote Schloß unheimlich, wenn sie es auch nicht zugeben mochte. Eines Tages siedelte sie aber doch mit Miß Folson nach Bombay über, um sich etwas zu zerstreuen. Ganz unerwartet war sie dann zurückgekehrt, zur großen Freude ihres Vaters, der sie über alles liebte. –

Am Morgen desselben Tages, der Ethel Fartaday mit ihrem deutschen Bekannten aus Bombay an Bord der »Elisabeth« zusammenführen sollte, hatte sich Fung-Scho bei dem Gouverneur melden lassen. Er war in einem einspännigen Wägelchen gekommen, den er selbst gelenkt hatte. – Fartaday ließ ihn eine reichliche Stunde warten. Zu seinem Sekretär, einem geborenen Franzosen, äußerte er wegwerfend: »Dieser Spitzbube von Chinese wird wieder irgendeine Beschwerde vorzubringen haben. Das Gesindel ist wirklich mehr wie aufdringlich!«

Als er dann aber mit Fung-Scho allein war, verwandelte der hochmütige Beamte sich schnell in den geldgierigen, nur auf seinen Vorteil bedachten Verbündeten des dicken Schenkwirtes. Ja – Fartaday reichte Fung-Scho sogar die Hand und fragte freundlich:

»Dich führt wichtiges her, nicht wahr? – Hast Du besonders ertragreiche Tage hinter Dir?«

Des Chinesen schwammiges Gesicht legte sich in sorgenvolle Falten. Und ganz leise, obwohl Lauscher gar nicht zu fürchten waren, erwiderte er:

»Herr, uns droht Verrat. Ich habe eine Entdeckung gemacht, die meine Glieder steif vor Schreck werden ließ.«

Fartaday erblaßte. Er wußte, daß der Chinese nicht so leicht in Angst zu versetzen war.

»Was gibt's? – So sprich doch«, befahl er ungeduldig.

Fung-Scho holte aus der Tasche seines weißen Beinkleides einen kleinen Metallgegenstand hervor – den offenbar gewaltsam ausgerissenen Haken eines Schnürschuhes, von dem der braune Lacküberzug bereits abgescheuert war.

»Dies fand ich in dem unterirdischen Gange am Fuße der Turmtreppe«, sagte er bedeutungsvoll. »Vorgestern Nacht brachte ich Perlen nach unserem Versteck. Da sah ich beim Scheine meiner Laterne dieses Ding auf dem Boden aufblinken. Braune Schnürschuhe mit solchen Hakten trägt der Deutsche, dem ich gleich nicht traute. Ich mußte also feststellen, ob der Haken an seinen Schuhen fehlte. Ich wollte nicht warten, bis er zu mir kam, um mit den Loggerkapitänen zu plaudern. So schrieb ich einen Zettel an Scheng-Si mit unseren Zeichen und verbarg ihn in dem verabredeten Spalt unter dem Sitzbrett der Jolle, mit der die Tochter des alten Kruse gestern an Land kam um Einkäufe zu machen. Dort wußte Scheng-Si das Papier wie schon öfter zu finden. Die Jolle wird ja nur durchsucht, bevor sie die Brigg verläßt, – des Perlenschmuggels wegen, nicht, wenn sie zurückkehrt. Fünf Minuten später sah ich Scheng-Si auf der Brigg ein weißes Tuch schwenken. Das war das Zeichen für »ja«. Es fehlt also an des Deutschen Schuhen ein Schnürhaken. Weiter fragte ich meinen Negerburschen Tom, der dem Deutschen, als dieser bei mir wohnte, die Schuhe einmal abreiben mußte und zwar vor dem Hause, was ich von weitem beobachtete, ob Manhard damals wohl alle Haken an den Schuhen gehabt habe. Tom schwor, er besinne sich genau, daß die Haken vollzählig gewesen seien. Er habe die Schuhe genau betrachtet, weil sie so dicke Sohlen hatten und statt der Senkel dünne, braune Lederriemen. – Manhard ist also in unserem unterirdischen Gange gewesen.«

Fartaday hatte sich an seinen Schreibtisch gelehnt und strich sich nachdenklich den blonden Bart, in den sich schon einige graue Fäden mischten.

»Wie soll er wohl in den Gang gelangt sein? – Ich halte das für ausgeschlossen. – Freilich – der Haken . . .!«

»Herr«, entgegnete der dicke Fun-Scho eifrig, »er ist dort gewesen, daran zweifle ich nicht. Ich halte ihn für einen Mann, den die Loggerkapitäne sich bestellt haben, damit er den Perlen-Schmugglern nachspürt. Er weiß schon jetzt zu viel. Er muß verschwinden.«

Der Gouverneur machte eine abwehrende Handbewegung. »Keine Übereilung, Fung-Scho! Ich werde Wilkens beauftragen, daß er die nächsten Nächte in dem Gange wacht. Er ist zuverlässig besitzt Riesenkräfte und fürchtet sich vor Tod und Teufel nicht. Überlasse mir das Weitere. Ich habe schon einen Plan gefaßt, wie ich diesen Manhard nötigenfalls unschädlich machen kann, ebenso den alten Kruse, falls der uns auch unbequem werden sollte. Man wird bei dem Deutschen eben Papiere finden, die ihn als Spion entlarven, – als Spion der deutschen Regierung, mit der unsere Beziehungen demnächst ohnehin stark getrübt werden dürften.«

Fung-Scho schaute den Engländer geradezu mit Hochachtung ob dieses schurkischen Vorhabens an, nickte eifrig und verließ dann nach wenigen Minuten das Rajahschloß.

Fartaday aber begab sich in den Park hinab, wo sein Neffe Percy und Ethel auf einem neu angelegten Tennisplatze eifrig die Bälle hin und her trieben. Mit großem diplomatischen Geschick gelang es ihm nach einiger Zeit, das Gespräch auf die Roxara-Bänke und ganz unauffällig auch auf den neuen Aufseher zu lenken, den Kapitän Kruse sich beschafft hatte.

Ethel hatte bei der Schilderung ihres Aufenthaltes in Bombay freimütig zugegeben, daß sie viel mit einem jungen Deutschen zusammen gewesen sei, ohne jedoch dessen Namen zu nennen oder zu erwähnen, auf welch' merkwürdige Weise diese Bekanntschaft ein Ende gefunden hatte. Als ihr Vater nun diesen Aufseher erwähnte und, mehr zu Percy Fartaday gewandt, erklärte, er hatte diesen angeblichen Schriftsteller Manhard für einen deutschen Offizier, der hier in Indien zu Spionagezwecken weile, da unterbrach ihn seine Tochter durch eine Bewegung höchster Überraschung. Ein Wort gab das andere, und bald wußte der Gouverneur zu seiner nicht geringen Freude, daß Ethels Bombayer treuer Begleiter und Kruses neuer Aufseher ein und dieselbe Person seien. Unter diesen Umständen erweiterte er nun seinen ursprünglichen Plan und bat nicht nur seinen Neffen, sondern auch seine Tochter, daß beide scheinbar zufällig an Bord der Brigg gehen und dem Deutschen etwas auf den Zahn fühlen sollten, wobei es ihm hauptsächlich auf das Urteil des Hauptmannes ankam, der schon herausmerken würde, ob hinter diesem Menschen mehr als nur ein gewöhnlicher Schriftsteller stecke. Selbstverständlich ließ er kein Wort davon fallen, daß er in Manhard einen verkappten Detektiv vermute, spielte sein ganzes Interesse für ihn vielmehr geschickt auf das politische Gebiet über, da in seiner Stellung ja zur Wachsamkeit verpflichtet war.

Ethel hatte eifrig widersprochen, als ihr Vater seine angebliche Mutmaßung über den Offizier und Spion vorbrachte. Jedenfalls erklärte sie sich dann aber ebenso wie Percy Fartaday bereit, den Deutschen aufzusuchen und durch unverfängliche Fragen womöglich aus ihm herauszulocken, weshalb er eigentlich nach Indien gekommen sei. Freilich waren es ganz andere Beweggründe, die sie in Wahrheit nach der Brigg hinlockten. Die Hauptsache blieb für sie, daß sie Felix Manhard wiedersehen würde. – –

So kam dieser Besuch auf der »Elisabeth« zustande, von dem die junge Engländerin mit sehr gemischten Gefühlen heimkehrte. Etwas wie Eifersucht auf Senta Kruse war in ihr erwacht, die das Glück hatte, jetzt täglich mit dem Deutschen zusammensein zu dürfen. Dazu kam noch, daß Manhard sie mit kühler Höflichkeit behandelt hatte, obwohl er doch längst gemerkt haben mußte, wie es in ihrem Herzen aussah. –

Schweigend saß sie neben Percy im Auto, das beide von dem Städtchen nach dem Rajahschloß zurückbrachte.

Der Gouverneur ließ sich dann sofort über den Erfolg dieses Ausfluges Bericht erstatten. Ethel tat dies mit wenigen Worten, die nicht viel anders lauteten wie diejenigen, die sie über diese Angelegenheit zu ihrem Vetter im Polizeiboot geäußert hatte. Hierauf eilte sie davon, da sie mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben wollte.

Weit eingehender sprach sich der Hauptmann über den Deutschen aus. Sein Urteil schloß er mit den Worten:

»Der Mann ist meiner Ansicht nach ein Marineoffizier. Es dürfte angebracht sein, ihn scharf überwachen zu lassen. Schon die politische Lage verlangt dies. Die Kriegswolken ballen sich – Gott sei Dank! – über Europa immer dichter zusammen. Die Stunde naht, wo wir Deutschland mit Hilfe unserer Verbündeten vernichten werden!« –

Das eine Wort »Marineoffizier« hatte Eduard Fartaday auf einen guten Gedanken gebracht. Nun wußte er, wie er den Deutschen nötigenfalls ganz sicher unschädlich machen könne. –

Der alte Kruse hatte seine Zeit in dem Städtchen sehr gut ausgenutzt. Hätte Manhard ihn begleitet, so wäre es diesem ohne Frage aufgefallen, daß der Alte eine große Menge Konserven aller Art und auch sonst die verschiedensten Dinge einkaufte, wie man sie nur für eine längere Seereise auf einsamen Meeren mitnimmt. Jedenfalls wurde der Kapitän heute in Roxara ein ganz gehöriges Stück Geld los. – Diese Einkäufe nahmen allein einige Stunden in Anspruch. Dann begab Kruse sich zu einem Landsmanne Fung-Scho's, der bald nach der Gründung des Städtchens dort ein Pfandleih- und Darlehnsvermittlungsgeschäft eröffnet hatte. Diesem Chinesen, der trotz aller äußerlich zur Schau getragenen Ärmlichkeit über erhebliche Barsummen verfügte, bot er in einer geheimen Unterredung eine ganze Anzahl geschliffener Diamanten zum Kaufe an. Der Pfandleiher riß die Augen gewaltig auf, als er die blitzenden Steine sah, von deren Echtheit er sich bald überzeugt hatte. Der alte Kruse fragte kühl, was der Chinese für die Diamanten bezahlen wolle. Von dem Handel dürfe aber niemand erfahren.

Nach einstündigem Feilschen einigten sie sich auf 6000 Pfund (120 000 Mark), die der Pfandleiher, wie der Kapitän vorausgesehen hatte, in guten Banknoten hinzählte. Der Chinese machte dabei ein vorzügliches Geschäft. Die Edelsteine waren fast doppelt so viel wert. Aber auch der Kapitän ging befriedigt von dannen und wandte sich nun nach Fun-Scho's Kneipe, wo er die beiden Holländer schon wieder in dem »Salon« auf ihren Stammplätzen vorfand.

Leise und vorsichtig erzählte er ihnen von dem heute angeblich von ihm selbst entdeckten Schmugglertrick und gab ihnen dann auch alle die Anweisungen, wie Manhard dies vorgeschlagen hatte, um die Gauner mit einem Schlage zu überführen.

Van Deimer, der vor Wut förmlich kochte, war ganz einverstanden und ließ sich Fung-Scho gegenüber nicht das geringste merken, der wie immer katzbuckelnd hin und her eilte.

Gegen zehn Uhr abends kehrte der Alte an Bord seines Schiffes zurück. Manhard saß noch auf Deck, den Rücken gegen die Reling gelehnt, und rechte seine Pfeife. Die Taucher waren bereits um neun Uhr wie immer in ihrem Schlafraum eingeschlossen worden.

Der Alte begrüßte seinen Aufseher gutgelaunt, fragte dann aber erstaunt, ob seine Tochter bereits schlafen gegangen sei.

»Weiß ich nicht«, meinte Manhard. »Fräulein Senta ist heute wenig guter Stimmung. Wir hatten, kaum daß sie davongerudert waren, Besuch an Bord. Und der mag Ihrer Tochter an die Nerven gegangen sein. Sie liebt die Engländer wohl ebensowenig wie ich.«

Er erzählte kurz das Nötige, worauf Kruse merkwürdigerweise plötzlich sehr ernst wurde, sich einen Schiffsstuhl herbeiholte und neben Manhard Platz nahm. Nach einer Weile sagte er:

»Ich gehe jede Wette ein: die beiden wollten hier nur spionieren. Mich beunruhigt dieser Besuch etwas. Da bin ich ganz ehrlich. Weswegen – darüber muß ich mich leider heute noch Ihnen gegenüber ausschweigen, obwohl ich Sie sehr gern als Verbündeten haben würde. Ich hoffe aber, daß ich vielleicht schon morgen oder übermorgen ganz offen sein kann. – Fragen Sie mich nicht weiter, lieber Manhard, was dies alles bedeutet. Ich darf nicht sprechen!«

Der junge Deutsche tat ein paar Züge aus seiner kurzen Pfeife und meinte dann freundlich:

»Seien Sie ohne Sorge, Kapitän. Die beiden Herrschaften kamen nicht Ihret-, sondern meinetwegen her. Das weiß ich ganz genau. Die Behörden von Roxara, an ihrer Spitze der Gouverneur, haben nun einmal Mißtrauen gegen mich gefaßt und wollen durchaus herausbekommen, was ich in Wirklichkeit bin. Jetzt hält man mich für einen deutschen Offizier. Dieser Hauptmann Percy Fartaday sollte eben meine militärischen Eigenschaften prüfen.« Manhard lachte leise auf. »Die Hauptsache bleibt, daß man hier die Wahrheit nicht ahnt. Sonst dürfte Herr Franz Gneifenger mir entschlüpfen.«

Der alte Kruse wollte etwas sagen, aber Manhard fuhr schnell fort: »Kennen Sie eigentlich die Geschichte der berühmten Shorawata-Perle, die vor fünf Jahren auf den holländischen Perlengründen bei Shorawata gefunden und von den Kolonien Hollands dann der Königin Wilhelminje zum Geschenk gemacht wurde?«

»Natürlich kenne ich die Sache«, meinte Kruse eifrig. »Alle Zeitungen waren ja damals voll davon. Die Perle hatte tropfenförmige Gestalt und gehörte zu den größten und schönsten, die je von einer Perlenbank heraufgeholt sind. Ihr Wert wurde auf eine Million Mark geschätzt. Dann verschwand sie aus dem Tresor eines Pariser Juweliers, der sie als Spitze in ein Diadem der Königin einfügen sollte. Der Dieb wurde nicht entdeckt, leider ebensowenig die Perle, die ja ihrer Seltenheit wegen unverkäuflich ist. Man hatte einen Angestellten des Juweliers damals vor fünf Jahren im Verdacht, konnte ihm aber nichts nachweisen.«

»Sehr richtig. Dieser Mann hieß damals Xaver Beyerle, stammte aus Wien und ist zur Zeit . . . Kapitän des Schoners »Esperanza«, der da drüben vor Anker liegt. – Halt – bleiben Sie sitzen, Kruse! Sie sollen alles erfahren. Als die Perle gestohlen wurde, hatte ich gerade meine ersten Erfolge als Privatdetektiv errungen. Diese Geschichte interessierte mich. Bald gewann ich die Überzeugung, daß nur Xaver Beyerle der Dieb sein könne. Ich behielt ihn daher ständig im Auge. Er lebte ganz bescheiden als Bücher-Kolporteur in Berlin, da kein Juwelier einen solchen Gehilfen mehr einstellen wollte, der nur aus Mangel an Beweisen außer Verfolgung gesetzt worden war. Ein Jahr nach dem Diebstahl reiste er im Sommer in ein kleines Nordseebad an der holsteinischen Küste, blieb dort drei Tage und kehrte wieder nach Berlin zurück. Dieser Ausflug nach dem Badeort wiederholte sich in jedem Jahre. Ich wollte durchaus herausbekommen, was er dort trieb. Es gelang mir aber nicht. Er war zu vorsichtig. Dann siedelte er vor etwa vier Monaten nach Wien über. Hier setzte er sehr bald eine äußerst geschickte Selbstmordkomödie in Szene, die ich aber rechtzeitig durchschaute. Er wurde für tot erklärt, und die Zeitungen beklagten ihn als das in den Tod getriebene, zu Unrecht jenes Perlendiebstahls verdächtigte Opfer menschlicher Hartherzigkeit. Mittlerweile schwamm der Tote vergnügt auf dem Ozean unter dem Namen Franz Gneifenger, nachdem er vorher noch demselben Nordseebade den üblichen Besuch abgestattet hatte. Ich blieb ihm auf den Fersen. Über Kapstadt kamen wir hierher. – Nun wissen Sie, weshalb ich bei Ihnen Aufseher geworden bin.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Aber die Perle, Manhard, – was hat das mit der Perle zu tun?« meinte er unsicher.

»Darüber bin ich mir auch erst diesen Abend auf Grund nochmaliger reiflicher Erwägungen klar geworden,« erwiderte der junge Deutsche. »Bekanntlich ist der Versuch schon geglückt, unechte Perlen, die man vorsichtig in lebende Perlmuscheln hineinpraktizierte, durch langes Liegenlassen im Meerwasser mit einer Schicht echter Perlensubstanz zu überziehen, gerade so wie die Chinesen und Hindus kleine, aus weichem Stein geschnitzte Götzenfigürchen auf diese Weise mit Perlschmelz überziehen. (Tatsachen.) Ich nehme nun an, daß Beyerle alias Gneifenger die berühmte Perle in jenem Badeorte in eine Austernmuschel – auch diese erzeugen ja zuweilen Perlen – eingeführt und die Muschel an sicherer Stelle im Seewasser verborgen hat in der Hoffnung, daß sie sich etwas vergrößern würde, wodurch ein Wiedererkennen erheblich erschwert worden wäre. Dann hat er sie nach vier Jahren hier mit nach Indien genommen und wird sie wohl sehr bald, wenn er selbst wieder einmal taucht, in einer Muschel mit heraufbringen. Xaver Beyerle ist tot, und Franz Gneifenger kann dann unbesorgt die berühmte Perle als sein wohlerworbenes, hier aus der Meerestiefe herausgeholtes Eigentum weiterveräußern.«


8. Kapitel.

Zwei Tage später gegen Mittag war's.

Senta Kruse stand auf dem Floß und schaute der Jolle entgegen, die der Alte mit kräftigen Ruderschlägen auf die Brigg zutrieb.

Kaum hatte das Boot angelegt, als sie schon leise, mit mühsam unterdrückter Erregung fragte:

»Hast Du etwas erfahren, Vater?«

Kruse nickte. »Nicht hier – in der Kajüte erzähle ich's Dir«, meinte er mit ernstem Gesicht, befestigte die Jolle mit der Kette am Fallreep und stieg seiner Tochter voran an Deck.

Als sie sich in der gemütlichen Kajüte befanden, warf er den Panama auf das kleine Sofa und ließ sich schwer in einen Stuhl fallen.

»Die Dinge drängen hier mit Macht zu einer Entscheidung, Kind,« begann er, tief atmend und trübe vor sich hinstarrend. »Aber ich will eins nach dem andern berichten. Ich habe mich also bei van Deimer erkundigt. Manhard ist gestern abend, nachdem er mit der Jolle an Land gegangen war, sofort in Fung-Scho's »Salon« gekommen und hat dort mit den beiden trunkfesten Holländern bis gegen ½10 geplaudert. Dann kam einer der Polizisten für einen Augenblick in die »Honoratiorenstube« und erzählte schadenfroh grinsend, daß zwischen Deutschland und Rußland Krieg ausgebrochen sei und daß England sicher nicht zögern werde, mit seinem moskowitischen Verbündeten gemeinsame Sache zu machen. Bald darauf verabschiedete sich Manhard. Er sagte, er wolle an Bord der »Elisabeth« zurückkehren, um mir diese aufregende Kunde sofort mitzuteilen. Wo er geblieben ist, weiß niemand. Kein Mensch will ihn mehr gesehen haben. Jedenfalls ist er nicht bei uns erschienen – das wissen wir leider nur zu gut.«

»Was ihm nur passiert sein kann?!« meinte Senta mit banger Besorgnis, als der Alte einen Augenblick schwieg.

»Noch habe ich Dir nicht alles berichtet, Kind«, fuhr der Kapitän fort. »Wenn ich eben sagte, daß niemand über den Verbleib Manhards Auskunft geben konnte, so ist das nicht ganz zutreffend. Einer hat mir doch einen wertvollen Fingerzeig gegeben: Tom, der schwarze Hausknecht, Kellner usw. des elenden Fung-Scho. Der Neger muß unseren abhanden gekommenen Freund sehr in sein Herz geschlossen haben. Als ich vorhin, nachdem ich van Deimer gesprochen hatte, in die Hafenkneipe des Chinesen einkehrte und diesen gleichfalls nach Manhards Verbleib auszuforschen suchte, drängte sich Tom in einem unbewachten Augenblick an mich heran und flüsterte mir zu: »Fung-Scho gestern abend hinter gut Mister Manhard hergeschlichen ist. Tom hat selbst gesehen. Fung-Scho war mehr als eine Stunde weg von Kneipe. Kam erst gegen elf wieder. Tom hat indessen spioniert. Von Vorratsgebäude auf Hof führt Treppe in finsteren Gang. Tom sah Mister Wilkens, Chauffeur von Mister Fartaday, mit Laterne im Gang und hörte bösen Fung-Scho's Stimme.« – Das war's, was der Schwarze mir heimlich zuraunte. Die Bedeutung dieses kurzen Hinweises auf den unterirdischen Verbindungsweg, von dem ich Dir schon allerlei erzählt habe, wird Dir klar sein. Ohne Frage kennt also auch Eduard Fartaday einen Teil dieses Geheimnisses, und Samataviri droht die ernsteste Gefahr, – wenn auch nicht für seine Person, so doch für seine Schätze. Ich will daher auch sofort zu ihm. Wir müssen von hier baldigst fort. Ist der Krieg auch mit England erst ausgebrochen, so sitzen wir hier fest. Du wirst also heute allein dafür sorgen, daß der eingekaufte Proviant, den der Händler heute herschaffen will, gut verstaut wird, Kind.« – Kruse seufzte. »Ich wünschte, wir hätten diese Riffe erst passiert und schwämmen in der offenen See!«

Dann verabschiedete er sich von Senta, rief den riesigen Patham herbei, nahm seine Schrotflinte und tat überhaupt so, als ob er mit Bazirah-Khan auf die Entenjagd fahren wollte.

Die Jolle brachte die beiden schnell in die Mündung des sumpfigen Flusses, der sich nach Norden zu sehr bald zu einem von unzähligen Wasserarmen durchkreuzten und mit vielen kleinen und größeren, dichtbewaldeten Inseln bedeckten, seeartigen Becken erweiterte, in dem sich jeder Unkundige leicht verirren konnte. Das Wasser zeigte nur eine sehr geringe Bewegung, war trübe, stellenweise auch ölig, und verbreitete einen unangenehmen, fauligen Geruch. Moskitoschwärme, dicht wie Wolken, stiegen zur Nachtzeit aus diesem Sumpfgebiet auf und machten den Aufenthalt auf den Inseln und Inselchen so gut wie unmöglich.

Kruse steuerte, während der Patham mit seinen stählernen Muskeln gleichmäßig wie eine Maschine ruderte. Sie unterhielten sich dabei laut und ohne Scheu, da weit und breit keine Menschenseele zu bemerken war. Ohne Aufenthalt durchfuhr das kleine Boot die zahllosen Kanäle, wand sich zuweilen auch durch schmale Durchfahrten hindurch, die ein Fremder nie entdeckt hätte. Nach einer Viertelstunde passierte die Jolle abermals eine kaum zwei Meter breite Rinne, die schließlich auf eine größere Insel zuführte, deren Bodenbeschaffenheit auffallenderweise felsigen Charakter zeigte. Ohne Frage handelte es sich hier um die flache Bergkuppe eines Höhenzuges, dessen übriger Teil infolge eines Erdbebens tiefer gesunken war. Auch die Vegetation auf dieser Insel war eine von der Umgebung ganz abweichende. Steineichen, Nadelbäume und Mastixgebüsch herrschten vor.

Dicht vor der Insel bog die schmale, mitten durch hohes Sumpfgras laufende Durchfahrt anscheinend wieder in anderer Richtung ab. Kruse jedoch wußte hier nur zu gut Bescheid, drängte die Jolle in die Sumpfpflanzen hinein und kam ohne große Mühe an das Ufer des Felseneilandes, wo er und Bazirah-Khan das kleine Fahrzeug an Land zogen und im Gesträuch verbargen.

Noch während sie die Jolle über den Boden ruckweise hinschleiften, erschien ein schlanker, einfach gekleideter Hindu mit ziemlich heller Hautfarbe und selten edlem Gesichtsschnitt am Ufer und wurde von dem Kapitän und dem Patham mit größter Ehrerbietung begrüßt.

Wenige Minuten später saßen dieselben drei Personen dann in einer kleinen, aus Baumästen gefertigten Hütte beieinander, die auf einer Lichtung inmitten der Insel offenbar erst vor kurzem errichtet war. Unweit davon standen noch vier weitere, ähnliche Laubzelte, vor denen etwa ein Dutzend Inder hockte.

»Rajah – Sahib,« (Rajah – Sahib, eigentlich »Herr Fürst«, als Anrede gleich »mein Fürst«) begann der alte Kruse ohne Zögern, »seitdem ich zuletzt hier war, haben sich Dinge ereignet, die mich stark beunruhigen.«

Der junge Fürst, dessen wirklich edles Antlitz einen deutlichen Zug tiefen Schmerzes und stillen Entsagens um den schöngeformten Mund zeigte, blickte seinen Vertrauten forschend an.

»Vielleicht bist Du zu ängstlich, Freund meines Vaters«, meinte er mit müder Stimme.

Der Kapitän begann zu erzählen – von dem Besuche Percy und Ethel Fartadays an Bord der Brigg, von Manhards Vermutung, daß man ihn für einen deutschen Offizier und Spion halte. Dann sprach er von dessen Verschwinden, von des Negers kurzen Mitteilungen, von der Anwesenheit des Chauffeurs in dem unterirdischen Gange und Fang-Scho's Stimme, die der Neger dort ebenfalls gehört haben wollte.

Als er mit seinem Bericht zu Ende war, schaute Rajah Samataviri eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er mit völlig veränderter, energischer Stimme:

»Wir haben es bei unserer Ankunft hier unterlassen, die geheimen Gänge zu untersuchen. Das war ein schwerer Fehler. Ein Zufall muß den Chinesen die unterirdischen Wege haben entdecken lassen, die er dann mit seinem Hause durch sicherlich verborgen angelegte Türen verband. Daß er auch die Tropfstein-Grotte kennt, bezweifle ich.«

Er schwieg einen Augenblick. »Jedenfalls soll Manhard, mit dem der Gouverneur Böse vor hat, wie das Auftauchen des schurkischen Wilkens, seines langjährigen Mitwissers all seiner Verbrechen, beweist, gerettet wenden. Der Deutsche wird zur Zeit, darüber sind wir uns wohl einig, auf dem Schlosse meiner Väter gefangen gehalten. Die Geister, vor denen die jetzigen Bewohner der Burg sich so sehr fürchten, – Bazirah-Khan, mein treuer Diener, könnte leicht erklären, wer nächtlich die verlassenen Räume durchstreift hat, werden zahlreicher denn je sich schon in der nächsten Nacht in dem Schlosse einfinden und Manhard entführen. Du aber, Freund meines Vaters, wirst die letzten Vorbereitungen treffen, daß wir unsere Pläne schnell zu einem glücklichen Ende bringen können. Meine Getreuen hier, die meine Verbannung mit mir teilen, werden uns auch dabei nützlich sein, ebenso wie einige von ihnen mir die Flucht aus der Feste an der afghanischen Grenze ermöglicht haben.«

Eine Stunde lang saßen die drei noch beieinander und besprachen ihr Vorhaben bis in die kleinste Einzelheit.

Der junge Fürst hatte die melancholische Traurigkeit, die sich seit dem Verluste seiner Regierungsgewalt auf seine Seele gelegt hatte, völlig abgeschüttelt. Die sichere Aussicht, endlich Rache an denen nehmen zu können, die er mit der ganzen Wildheit seines heißblütigen Charakters haßte, hatte ihn vollkommen verwandelt.


* * *


Am Abend desselben Tages saßen gegen zehn Uhr in dem großen Arbeitszimmer des Gouverneurs Fartaday im Schlosse zu Roxara drei Personen um den langen Mitteltisch: der Gouverneur selbst, seine Tochter und Hauptmann Percy Fartaday, während der Chauffeur Wilkens abwartend an der nach dem Korridor führenden Tür stand.

»Führen Sie jetzt den Gefangenen vor«, befahl Eduard Fartaday kurz. »Wir werden ja sehen, ob er auch jetzt noch bei seinem Leugnen bleibt«, setzte er hinzu, indem er seine Hand leicht auf einige Papiere legte, die vor ihm auf der Tischplatte ausgebreitet waren.

Wilkens, ein herkulisch gebauter Mensch mit finsterem, undurchdringlichem Gesicht, verschwand mit einer tiefen Verneinung und eilte den Korridor entlang auf ein kleines Gemach zu, wo Felix Manhard hinter vergitterten Fenstern seit seiner Überrumpelung durch den Chauffeur eingesperrt gehalten wurde.

Man hatte den Deutschen zwar ungefesselt gelassen, ihm aber angedroht, daß er sofort auf ihn geschossen werden würde, falls er einen Fluchtversuch oder Widerstand wage. Auch jetzt schritt Wilkens mit dem Revolver in der Hand hinter ihm her.

Manhard hatte nur ein verächtliches Lächeln für diese Vergewaltigung, hatte auch dem Gouverneur gegenüber gegen seine Verhaftung, wie dieser es nannte, sehr energisch protestiert, obwohl er wußte, daß Eduard Fartaday ihn als gefährlichen Feind auch weiter ohne jede Rücksicht behandeln würde.

Als er das Zimmer mit den modernen, geschnitzten Möbeln, den dunkel getäfelten Wänden und der prachtvollen, künstlerisch gemalten Decke betrat, verbeugte er sich lediglich vor der jungen Engländerin, die sich umsonst bemühte, ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Auf ein derartiges Wiedersehen hätte ich nach Ihrem Besuch auf der Brigg wirklich nicht gerechnet, Miß Ethel«, sagte er ironisch. »Auch Sie haben Ihren Nationalcharakter jetzt offenbart, gaben sich zur Spionin her und machen nun auch diese Komödie hier mit, – ein Verhör, wie der Mann mir ankündigte, der meinen Gefangenaufseher spielt.«

Hauptmann Percy war emporgeschnellt. »Ihre bodenlose Unverschämtheit wird sich bald in das Gegenteil verwandeln, Sie elender Spion! Wie können Sie es wagen, eine Dame in dieser Weise anzugreifen. Sie sind kein Gentleman, und daher . . .«

»Sie etwa?!« fragte Manhard kalt. »Sie sind nichts als der Genosse eines Betrügers, – Ihres Onkels, der mit dem Chinesen . . .«

Der Gouverneur lachte hell auf. »Du siehst, Ethel«, wandte er sich an seine Tochter, »daß dieser Mensch tatsächlich die unsinnigsten Beschuldigungen gegen mich ausstößt. Du wolltest es nicht glauben. Nun hörst Du es selbst.«

Die Engländerin schürzte verächtlich die Lippen. »Mache dieser Szene schnell ein Ende«, sagte sie erregt. »Jetzt weiß ich tatsächlich, was ich von ihm zu halten habe.«

Der Gouverneur nickte befriedigt.

»Gut – beginnen wir also«, meinte Eduard Fartaday mit strenger Amtsmiene. »Daß Sie ein deutscher Spion sind, ist jetzt erwiesen«, richtete er an Manhard das Wort. »Es ist uns gelungen, die bei Ihnen gefundenen Aufzeichnungen zu entziffern und die Bleistiftskizzen zu enträtseln, die . . .«

»Ja – die Sie nicht bei mir gefunden haben«, unterbrach Manhard ihn verächtlich, »sondern mir durch den Schuft da« – er zeigte auf den neben der Tür stehenden Wilkens – »in die Tasche stecken ließen, nachdem er mich in dem unterirdischen Gange hinterrücks niedergeschlagen hatte.«

»Diese lächerliche Lüge bringen Sie schon zum zweitenmal vor«, sagte Fartaday mit eisiger Ruhe. »Niemand wird Ihnen dieses Märchen glauben, ebensowenig, daß ein englischer Gouverneur mit Perlenschmugglern gemeinsame Sache macht. – Also die Aufzeichnungen beweisen klar, daß Sie hier in der Bucht von Roxara Tieflotungen und Messungen angestellt haben, um zu prüfen, ob die Bucht sich zu einem Stützpunkt für Unterseeboote eignet. Kapitän Kruse ist mit Ihnen im Bunde. Er sollte hier ein heimliches Proviant- und Benzindepot anlegen. Ich habe aus ganz sicherer Quelle erfahren, daß er gerade in den letzten Tagen große Mengen Konserven angeschafft und auch Benzin in Kalikut bestellt hat.«

»Sehr richtig«, unterbrach ihn Manhard, der bisher mit geringschätzigem Lächeln diese Anklagen hingenommen hatte, »den Proviant braucht der Kapitän für seine Taucher und sich selbst, und das Benzin hat er im Auftrage aller Logger-Kapitäne bestellt, die es für die vier Motorpinassen nötig haben, die allnächtlich in der Bucht kreuzen, um den Schmuggel zu verhindern, der hier freilich auf andere Art . . .« – der junge Deutsche sprach immer lauter und heftiger – »betrieben wird, nämlich in Rocknähten und Hutbändern, mein Herr Gouverneur!«

Ein Blick tödlichen Hasses traf aus Fartadays halbgeschlossenen Augen den Mann, der, wie eben offenbar geworden war, das ganze gefährliche Geheimnis der Perlenschmuggler aufdeckt hatte. Trotzdem sagte der Engländer nur mit scheinbar leidenschaftsloser Stimme:

»Wollen Sie zugeben, daß Sie ein Spion sind? – Ich lasse Ihnen ein paar Minuten Zeit, sich Ihre Antwort zu überlegen.«

»Sehr gütig!« Manhard verbeugte sich ironisch. »Aber an einen Mann von Ihrer . . . Schuftigkeit vergeude ich auch nicht eine Silbe mehr.«

Da war es Ethel Fartaday, die ganz blaß vor Erregung ihrem Bombayer Bekannten empört die Worte ins Gesicht schleuderte: »Ich verachte Sie aus tiefster Seele, Mister Manhard! Percy hat Recht: Sie sind kein Gentleman!«

Wieder hob der Gouverneur mit etwas theatralischer Geste die Hand. »Verschwende nicht an einen Unwürdigen . . .«

Manhard lachte beinahe herzlich und laut auf. Das, was er soeben nämlich gesehen hatte, gab ihm die Gewißheit, daß hier in diesem Zimmer sich die Szene sehr bald ändern würde. Seine vier Feinde hatten ihre Plätze derart inne, daß sie die eine Seitenwand des Raumes nicht sehen konnten. An dieser Wand hatte sich nun ein Teil der Holztäfelung plötzlich nach innen gedreht, und in der entstandenen Öffnung war für einen Moment der Oberkörper Bazirah-Khans, des Pathams, erschienen, dessen Hand dem Deutschen beruhigend zuwinkte. Dann schloß sich die Täfelung wieder.

Eduard Fartaday, durch dieses unbesorgte Gelächter seines Feindes, das ihn mitten in dem begonnenen Satz unterbrochen hatte, nun ebenfalls aufs äußerste gereizt, brüllte Manhard jetzt förmlich an:

»Morgen wird auch Kapitän Kruse verhaftet, und dann lasse ich Euch beide sofort nach Kalikut und von da weiter nach Bombay schaffen.«

Er wollte noch mehr hinzufügen, als in seinem Rücken eine Stimme ertönte, die scharf und kalt wie Stahl klang.

»Das wirst Du nicht tun, elender Scherge englischer Willkür!«

Die vier Engländer fuhren entsetzt herum.

»Samataviri!« schrie Eduard Fartaday erbleichend auf. –

Lautlos war der junge Fürst mit fünf seiner Getreuen durch die geheime Tür in das Zimmer getreten, und die Mündungen von einem halben Dutzend Revolver richteten sich drohend auf den Gouverneur und seine Sippe.


9. Kapitel.

Der kräftige Wilkens war der einzige, der schnell seine ganze Geistesgegenwart wiederfand. Mit einem Satz versuchte er die Tür nach dem Korridor zu erreichen. Aber Bazirah-Khan war schneller. Die Hand des Chauffeurs legte sich gerade auf den Türdrücker, als ein furchtbarer Faustschlag des Pathams den Engländer auf den Kopf traf. Leblos, wie ein Klotz, schlug Wilkens lang auf den Boden hin.

»Kein Wort, keine Bewegung!« sagte der Rajah jetzt drohend. Und dann gab er den Seinen einen Wink. Im Augenblick waren dem Gouverneur und dem Hauptmann die Arme auf dem Rücken gefesselt und Knebel in den Mund geschoben.

Ethel Fartaday lehnte halb bewußtlos in ihrem Sessel. Jetzt wandte der Fürst sich ihr zu.

»Die Umstände zwingen mich, auch einer jungen Dame gegenüber zu wenig höflichen Maßregeln zu greifen. Wenn Sie mir jedoch versprechen, ohne Widerstand und ohne jeden Hilferuf uns zu folgen, so sollen Sie ungefesselt und ungeknebelt bleiben.«

Ethel warf unwillkürlich einen flehenden Blick zu Manhard hinüber. Der aber schaute gleichgültig an ihr vorbei.

»Gut, ich verspreche es«, preßte sie zwischen den Zähnen hervor und erhob sich.

Samataviri winkte, und lautlos nahmen die Seinen die Gefangenen in die Mitte und verschwanden in der geheimen Tür. Der Patham schleppte den noch immer besinnungslosen Wilkens, während Manhard und der Fürst hinterdrein schritten. Achtsam schloß dieser die Täfelung wieder, so daß nichts in dem Zimmer verriet, wo die vier Engländer geblieben waren.

Über schmale Treppen und endlose Gänge, die in dem dicken Mauerwerk des Schlosses verborgen waren, ging es immer tiefer hinab, bis der stille Zug nach Passieren einiger außerordentlich geschickt angelegter, schwer auffindbarer Falltüren in eine weite, mächtige Tropfsteinhöhle einbog. Schon vorher hatte der Rajah den Gefangenen, auch Ethel, die Augen verbinden lassen. Wilkens war noch immer nicht zu sich gekommen.

Das Licht der Laternen, die drei der Leute des Fürsten trugen, warf seinen zitternden Schein über die seltsam geformten Tropfsteingebilde und schuf scharfe, unheimliche Kontraste von hell und dunkel. Felix Manhard ging wie im Traum. Alles, was er hier in Indien in der kurzen Zeit erlebt hatte, erschien ihm so unwirklich, so phantastisch, als könne es gar nicht wahr und tatsächlich geschehen sein. Vor ihm ging Ethel Fartaday, an der Hand von einem der Hindus geführt, – dieselbe Ethel, mit der er noch vor kaum vierzehn Tagen in Bombay im Exzelsiorhotel Austern und Sekt geschlemmt hatte bei einem Abschiedsessen, das er dann durch seine Wertsachen in der Wochenrechnung mitbezahlte. Und hinter ihm ging Samataviri, der entthronte Rajah, dessen Anwesenheit hier in Roxara er ja längst vermutet hatte. Wie ein Zug Gespenster eilten sie alle lautlos dahin durch die Tiefen der Erde, in der nur die herniederfallenden Wassertropfen das seltsame, andauernde Geräusch erzeugten, welches Manhard hier schon einmal gehört hatte. –

Dann bog der vorderste Hindu in eine schmälere Seitengrotte ab, nachdem man ungefähr eine halbe Stunde diese Welt des Schweigens durchwandert hatte.

Wieder vergingen zehn Minuten. Mit einem Male bemerkte Manhard einen rötlichen Lichtschein, der weit vor ihnen diese Höhle mit unruhigem Glanze erfüllte. Bald hatte er die Erklärung für diese Lichtquelle vor sich: In einer fast kreisrunden, saalartigen Erweiterung waren überall zwischen den Zacken der Tropfsteinsäulen brennende Fackeln festgeklemmt, deren rötliche Glut den Raum bis in die entferntesten Winkel durchstrahlte.

Der Führer hatte halt gemacht, und nun erst bemerkte der Deutsche, als er etwas zur Seite trat, zwei Gestalten, die in diesem Tropfsteinsaale an einer erhöhten Stelle auf dem Boden saßen: einen Hindu, und neben ihm gefesselt und geknebelt den dicken Wirt der Kneipe von Roxara, den Chinesen Fung-Scho. –

Auf ein Zeichen Samataviris wurden jetzt auch den Engländern die Tücher von den Gesichtern fortgenommen; gleichzeitig fesselte man ihnen aber auch die Füße und schleppte sie zu dem Chinesen hin, neben dem sie sich niederlassen mußten. Dasselbe geschah mit Wilkens, dem langsam die Besinnung zurückkehrte. Ethel Fartaday schritt schwankend hinter ihrem Vater drein und ließ sich in seiner Nähe auf einen abgestumpften Tropfsteinkegel nieder.

Wieder ein Wink des Fürsten, und die Hindus entfernten nun auch die Knebel der Gefangenen, worauf sie sich in einer Reihe, in der Mitte der Rajah selbst, diesen gegenüber auf den Boden setzten. Manhard lehnte sich ein Stück weiter an eine Säule, von wo aus er die Gesichter beider Parteien genau beobachten konnte.

Dann begann Samataviri mit monotoner Stimme:

»Eduard Fartaday, das Schicksal hat Dich heute endlich in meine Hand gegeben. Mit Hilfe Deines Dieners Wilkens und des Chinesen Fung-Scho, den Du schon von früher her kanntest, hast Du vor nunmehr sieben Monaten durch Hinterlist und Heimtücke künstlich Beweise dafür geschaffen, daß ich ein Empörer gegen Englands Macht sei, daß ich die Absicht hätte, einen Aufstand der Eingeborenen anzuzetteln. – Gibst Du diese Verbrechen zu?«

Der Gouverneur zuckte nur die Achseln und sagte zu seinem Neffen verächtlich:

»Dieser Farbige wird bald zur Vernunft kommen. Der Arm der englischen Regierung hier in Indien greift bis in die verborgensten Schlupfwinkel hinein.« – Das sollte sehr ruhig und sicher klingen. Und doch lag in Fartadays Gesicht dabei ein Ausdruck versteckter Angst.

»Eduard Fartaday«, begann der Rajah abermals, »Du hast in Roxara in Gemeinschaft mit diesem Fung-Scho weiter die Logger-Kapitäne, wie ich erst heute aus dem Munde des Deutschen da erfuhr, als ich Euch in Deinem Arbeitszimmer durch die ein wenig geöffnete Täfelung belauschte, um die Frucht ihrer Arbeit betrogen, indem Du Dich an dem Perlenschmuggel beteiligtest. Schließlich hast Du, was ich ebenfalls vorhin hörte, diesen braven Mann hier auf dieselbe schurkische Weise wie seiner Zeit mich – durch gefälschte Schriftstücke – verderben wollen. – Gibst Du das zu?«

Der Engländer gab keine Antwort.

»Gut, dann muß ich Dich zum Sprechen zwingen«, fuhr Samataviri fort. »Deine Tochter soll noch in dieser Stunde aus Deinem eigenen Munde hören, daß Du nichts als ein feiger, hinterlistiger Verbrecher bist.«

Der Hindu, der hier als Wache neben dem Chinesen auf das Eintreffen seines Herrn gewartet hatte, erhob sich ohne weiteren Befehl. Es war ein alter Mann von einer erschreckenden Magerkeit. Zottig hing ihm das ungepflegte Haar ins Gesicht. Seinen dürren, von Narben übersäten Leib umhüllte ein zerrissener, schmutziger Mantel. Aber in seinem Gesicht glühten ein paar fanatische, große, dunkle Augen, die seiner Erscheinung etwas Angsteinflößendes gaben. Gelassen schritt er hinter ein paar dicht stehende Tropfsteinsäulen und kehrte sofort mit einem geflochtenen Korbe zurück, den er in einer Entfernung von sechs Schritten vor Eduard Fartaday auf den Boden stellte. Dann hockte er sich hinter dem Gouverneur nieder, nachdem er den Deckel des Korbes zurückgeschlagen hatte.

Der Rajah beobachtete den alten Hindu mit Augen, in denen eine seltsame Erregung flimmerte. Die Blicke aller Anwesenden waren jetzt wie gebannt auf den Weidenkorb gerichtet. Die ganze Szene, – das rötliche Licht der flackernden Fackeln, die schweigend dasitzenden Eingeborenen mit ihren undurchdringlichen Gesichtern, und ihnen gegenüber die Gefangenen, all das wirkte wie ein beängstigender Spuk. Manhard fühlte, daß irgend etwas Furchtbares in der Luft lag, und ein Schauer lief ihm über den Rücken.

Eine Bewegung Samataviris nach dem Fakir hin, und dieser zog aus seiner Tasche eine Flöte hervor, auf der er dann, bald laut, bald leise, stets dieselben fünf lockenden Takte blies.

Wieder ruhten aller Augen auf dem Weidenkorbe, der sich plötzlich zu rühren begann. Und nun erschien über dessen Rande der Kopf einer mächtigen Kobra. Die funkelnden Perlenäuglein der Giftschlange, geblendet durch die Helle, bedeckten sich immer wieder mit den gelblichen Häutchen, bis sie dann starr auf dem Flöte spielenden Fakir haften blieben. Langsam hob der Kopf des Reptils sich höher, bis der halbe, kerzengerade emporgerichtete Leib mit einem Male nach der Richtung auf den Gouverneur hin einen Bogen beschrieb und nun ruckweise auf der Erde sich weiterwand.

Die Flöte wiederholte unaufhörlich ihre eintönige Melodie, und näher und näher schob sich das Reptil auf Eduard Fartaday zu. Schreckensbleich waren Fung-Scho und der englische Offizier trotz ihrer Fesseln zur Seite gerückt. Auch der Gouverneur, dem bereits dicke Schweißperlen auf der Stirn standen, versuchte ein gleiches. Aber des Fakirs eine Hand hielt ihn mit unwiderstehlicher Kraft fest.

Jetzt war die Kobra beinahe bis an Fartadays Füße gelangt, die dieser dicht an den Leib gezogen hatte. Regungslos, aus Furcht, daß das Reptil bei der geringsten Bewegung auf ihn losschnellen könne, saß er nunmehr da. Seine weitaufgerissenen Augen verfolgten in wahnsinniger Angst die Windungen des Schlangenkörpers, der sich zuweilen zu halber Höhe aufrichtete und dann den Kopf nach dem Takte der Musik hin und her pendeln ließ.

Noch ein halber Schritt, und das giftige Reptil mußte, um den lockenden Tönen weiter folgen zu können, über das lebende Hindernis, die Gestalt Eduard Fartadays, hinwegkriechen. Dessen Gesichtszüge hatten etwas leichenähnliches angenommen. Unwillkürlich schaute Manhard jetzt zu Ethel hinüber. Das Entsetzen schien sie jedoch völlig gelähmt zu haben. Wie eine Statue saß sie da; die Hände ruhten in ihrem Schoß, und die Augen stierten unverwandt auf die gräßliche Gruppe der beiden Menschen und der vorwärtsstrebenden Kobra.

Diese hatte sich wieder halb aufgerichtet. Dicht vor Fartadays Gesicht bewegte sich ihr Kopf wie unschlüssig hin und her.

In die atemlose, nur durch das Knistern der Fackeln, das Fallen der Wassertropfen und den pfeifenden Atem des vor Angst halb irren Engländers unterbrochene Stille erklang plötzlich Samataviris helle, junge Stimme befehlend, drohend hinein:

»Eduard Fartaday, wirst Du gestehen?«

In demselben Augenblick brach das Flötenspiel ab. Und so vernahm man, mehr gehaucht als gesprochen, die Antwort, ein kurzes »Ja«.

Der Fakir schob sich sofort an dem Engländer vorbei, blies einige Takte und griff gleichzeitig mit der Rechten nach der Kobra, sie dicht unter dem Kopfe packend. Behutsam trug er sie dann in den Korb zurück. – –

Der Rajah richtete Frage um Frage an seinen Feind, der nicht mehr die Kraft fand, Ausflüchte zu machen. Hin und wieder ließ Samataviri bei diesem Verhör auch durch Wilkens und den Chinesen diese Aussagen ergänzen. So ergab sich denn ein vollkommenes Bild des raffinierten Komplotts, dem der Fürst zum Opfer gefallen.

Dann mußte Manhard vortreten. »Fragen Sie nun weiter über den Perlenschmuggel und die Dinge, die Ihre Person angehen«, befahl Samataviri.

Auch jetzt leugnete weder der Engländer noch seine beiden Vertrauten. Die Summe, die er sich durch seinen Anteil der unterschlagenen Perlen verdient haben wollte, gab ersterer auf etwa 2000 Pfund an.

Als Manhard dann nichts mehr zu fragen wußte, trat er zurück.

Ein Zwischenfall . . . Ethel Fartaday hatte sich erhoben, reckte wie beschwörend den Arm nach ihrem Vater aus und rief:

»Wenn all dies, was Du soeben zugegeben hast, nur die Furcht aus Dir herausgepreßt hat, worauf ich jedoch kaum zu hoffen wage, so sprich – sprich sofort, wenn Dein Kind sich nicht für immer von Dir wenden soll!«

Eduard Fartaday senkte den Kopf und . . . schwieg.

Da ließ Ethel sich wieder auf den Tropfsteinkegel zurückfallen und vergrub das Gesicht in beide Hände. –

Der junge Fürst war schon vorher aufgestanden und trat jetzt dicht vor die drei Schuldigen hin.

»Euer Urteil war schon gesprochen, bevor Ihr dieses Geständnis ablegtet«, sagte er wieder mit derselben eisigen Ruhe wie vorher. »Dir aber, Eduard Fartaday, will ich, bevor das Tal der Vergeltung Euch in seine unersteiglichen Wände aufnimmt, das mitteilen, was in dieser Nacht an einer anderen Stelle der Tropfsteingrotte und draußen in der Bucht geschieht. – Als Ihr mich damals gefangennahmt, um mit Eurer nie ruhenden Geldgier die Perlenschätze von Roxara heben zu können, fanden meine Diener noch die Zeit, meine Reichtümer, soweit diese nicht schon früher sorgsam versteckt worden waren, beiseite zu schaffen. Einige meiner Getreuen, die Euch in die Hände fielen, habt Ihr in Euren Gefängnissen gemartert, um aus ihnen Verräter zu machen, Ihr selbst habt das ganze Schloß und seine Umgebung monatelang abgesucht, – alles umsonst. Ihr entdecktet das Versteck nicht, und der Mund der Gemarterten blieb stumm. Nie werdet Ihr Euch an meinem Golde, meinen Juwelen bereichern. In dieser Stunde werden meine Schätze an Bord eines Schiffes gebracht, das dann sofort mit mir in See stechen wird. Niemand wird uns aufhalten – niemand! Deine Diener werden Dich suchen, Dich und die Deinen, Eduard Fartaday! Tage werden vergehen, bevor die Wahrheit, falls dies überhaupt geschieht, bekannt wird. Dann bin ich längst in Sicherheit. Birjah-Sing, der Fakir, hat den Befehl, Deine Tochter und jenen da« – er wies auf Percy Fartaday – »hier drei Tage zu bewachen und Euch dann mit verbundenen Augen ins Freie zu führen. Es wird Euch beiden während dieser Zeit an nichts fehlen. Aber die Kobra wird mit dafür sorgen, daß Ihr keinen Widerstand wagt.«

Dann wandte er sich an den Patham und flüsterte ihm einige Worte zu, worauf Ethel und dem englischen Hauptmann wieder die Augen verbunden wurden.

Der Gouverneur schnellte empor, als man seine Tochter und seinen Neffen nun in der Richtung nach der Hauptgrotte zu davonführte.

»Ethel, Percy – verlaßt mich nicht. Man wird mich . . .«

Da hatten die Leute des Fürsten ihn schon niedergerissen und zwängten ihm einen Knebel in den Mund. Dasselbe geschah mit Wilkens und Fung-Scho, die in ihrer Todesangst gellende Schreie ausstießen. –

Vier Tage später wurde auf Befehl des englischen Hauptmanns das Tal der Vergeltung von mehreren mit Schrotflinten bewaffneten Leuten durchsucht. Man fand die völlig schwarz gewordenen, entstellten Leichen der drei Männer dicht an einer Felswand, wo sie wohl Schutz gesucht haben mochten. Auf jeder der Leichen aber lag zusammengeringelt und sich sonnend eine große Kobra.


10. Kapitel.

Als der alte Kruse an dem Nachmittag, der dem in der folgenden Nacht vollzogenen Strafgericht an den drei Verbrechern vorausging, nach der Brigg zurückgekehrt war, schickte er den Patham gleich darauf in der Jolle zu den beiden holländischer Logger-Kapitänen, mit denen er am vertrautesten stand.

In einer halben Stunde befanden diese sich an Bord der »Elisabeth«, und Kruse führte sie nach kurzer Begrüßung sofort in seine Kajüte, wo er, nachdem er ihnen einen Trunk und eine gute Zigarre vorgesetzt hatte, langsam und bedächtig mit seinem Anerbieten herausrückte.

»Ich habe Euch holen lassen«, begann er leise, »um mit Euch eine Sache zu besprechen, die jedem von Euch bare 300 Pfund einbringen kann.«

Die beiden Logger-Kapitäne horchten hoch auf, als der Alte ihnen dann alles erzählte, was sich in der letzten Zeit hier an Absonderlichem zugetragen hatte: wer der Aufseher Manhard in Wirklichkeit sei, was diesen nach Indien geführt und wie er den Perlenschmuggel aufgedeckt habe, ferner daß der junge Rajah in einem Versteck auf dem Flusse eine Zuflucht gefunden und die Absicht habe, den von dem Gouverneur gefangen gehaltenen Deutschen in dieser Nacht befreien.

»Nunmehr komme ich zu dem Teil der Pläne Samataviris, zu dessen Ausführung wir Eure Hilfe notwendig brauchen,« fuhr er dann fort. »Der Fürst will in der Frühe des morgenden Tages Indien für immer mit seinen Schätzen auf der »Elisabeth« verlassen, falls die Befreiung Manhards gelingt und er ferner auch Gelegenheit findet, sich an seinen Feinden zu rächen. Wir haben gerade diese Nacht für die Flucht angesetzt, weil Ihr beide heute die Wache habt. Die Wachtboote sollen meine Brigg in die offene See schleppen, wo die Morgenbrise uns schon weiterhelfen wird.«

Die im Denken etwas schwerfälligen Holländer schauten unschlüssig vor sich hin, bis van Deimer meinte:

»Hm, ob Ihr zu den 300 nicht noch 100 Pfund zulegen könntet, Kruse? Der Fürst hat's doch dazu.«

Der Alte feilschte nicht lange. Ein Handschlag besiegelte das Geschäft.

Gerade als die beiden Holländer sich verabschieden wollten, fand sich auch Franz Gneifenger alias Xaver Beyerle auf der »Elisabeth« überraschenderweise ein. Und was er mitbrachte und nach längerer Schilderung, wie er selbst die betreffende Muschel soeben beim Tauchen herausgeholt und dann in derselben die prachtvolle Perle entdeckt habe, freudestrahlend und triumphierend vorzeigte, war . . . die Perle der holländischen Königin. Mithin hatte er tatsächlich den Schwindel in der Weise zu Ende führen wollen, wie Manhard dies vorausgesagt hatte. – Gneifenger bat dann, nachdem er die Perle genugsam hatte bewundern lassen, Kruse möge das Kleinod doch in seinen eisernen, kleinen Geldschrank vorläufig einschließen, worauf der Alte auch heimlich schmunzelnd einging und dem Herrn Franz Gneifenger sogar noch eine sauber geschriebene Quittung ausstellte, die die beiden Holländer als Zeugen der Übergabe mitunterzeichneten.

Gneifenger strahlte. »Zu Ihnen, Kapitän, habe ich mehr Vertrauen als zu der Bank in Roxara mit ihren diebessicheren Tresors«, sagte er, bedankte sich für die Gefälligkeit und verabschiedete sich.

»Da tun Sie Recht daran, meinte Krause ernst. »Sie können überzeugt sein, daß ich die Perle nur dem rechtmäßigen Besitzer aushändigen und sie treu bewahren werde.«

Gneifenger merkte nichts von dem Doppelsinn dieser Worte und kehrte ahnungslos nach der »Esperanza« zurück, – in dem guten Glauben, daß sein raffinierter Betrug, den er so geduldig vorbereitet hatte, geglückt sei.


* * *


Das von Kruse gesteuerte kleine Wachtboot, in dem dieser als Gehilfen einen der Getreuen des Rajahs mitgenommen hatte, vernachlässigte in der folgenden Nacht seine Pflicht vollständig, da es vollauf damit zu tun hatte, die an eine entlegene Stelle der Bucht geschafften Kisten, in denen die Schätze der Rajahs von Roxara verpackt waren, an Bord der Brigg zu bringen.

Bald nach Mitternacht fanden sich an demselben Orte dann auch der junge Fürst, Manhard, der Patham und die übrigen Inder ein, die dem Strafgericht über Eduard Fartaday und dessen beide Genossen beigewohnt hatten.

Nachher an Bord der »Elisabeth« nahm Samataviri den alten Kruse und Felix Manhard etwas abseits und wies mit der Hand nach Westen zu, wo in den Bergen des Hinterlandes von Roxara der nächtliche Himmel wie mit roter Glut übergossen war. Dort mußte eine gewaltige Feuersbrunst wüten, deren heller Schein sich noch zusehends verstärkte.

»Das Schloß meiner Väter habe ich anzünden lassen«, sagte der Rajah dumpf. »Kein Engländer wird mehr darin hausen! Das ist die Abschiedsfackel, die dem aus der Heimat vertriebenen Sohne Indiens leuchtet.« –

Eine Stunde später bereits schleppten die Motorboote die Brigg aus der Bucht hinaus auf die offene See.

Manhard stand neben Senta Kruse auf dem Hinterdeck.

»Wunderbares habe ich hier erlebt«, meinte er leise. »Wer weiß, ob ich dieses Märchenland je wieder betrete.«

Die Blicke der jungen Leute schweiften über die dunkle Bucht hin, in der überall helle Pünktchen, die Laternen der Perlen-Fahrzeuge, aufleuchteten. Und in der Ferne glomm am westlichen Horizont noch immer der rötliche Widerschein des brennenden Schlosses auf.

»Ja, wunderbar ist dieses Land«, sagte Senta träumerisch. »Und was ließe sich aus diesen intelligenten, unzähligen Menschen, die es bevölkern, und aus den unerschöpflichen Bodenschätzen machen, wenn ein gerechtes Kulturvolk wie wir Deutschen hier die Herren wären.«

Da rief der Alte, der am Steuerrade stand, die beiden zu sich.

»Soeben fiel mir ein«, lachte er schadenfroh, »was für ein Gesicht wohl der Gneifenger morgen früh machen wird, wenn er merkt, daß die »Elisabeth« auf und davon ist. Diese Enttäuschung ist Strafe genug für ihn.«

Manhard nickte »Sie mögen Recht haben, Kapitän. Trotzdem hätte ich zweierlei aus Indien noch sehr gern mitgenommen: Einmal meine im Exzelsior-Hotel verpfändeten Wertsachen, die ich dort zurückließ, und zweitens diesen Gneifenger, den die Enttäuschung über den Verlust der Perle gewiß hart ankommen mag, den ich aber doch, wenn's möglich gewesen wäre, den Behörden in Europa überliefert hätte.« –

Van Deimer und der andere Holländer kehrten, nachdem die Riffreihe passiert war und sie ihre Belohnung erhalten hatten, in die Bucht zurück.

Ein frischer Westwind schwellte die Segel der »Elisabeth«, die den Kurs nach der arabischen Südküste zu nahm.

Man beschloß, da eine Kriegserklärung an Deutschland von1 England jede Stunde zu erwarten war, alles daranzusetzen, schleunigst einen neutralen Hafen anzulaufen. Freilich erst nach einem Jahre und nach mannigfachen Abenteuern, gelangten alle wohlbehalten nach Deutschland, wo Felix Manhard in Senta Kruse die schönste Perle und die Königin seines Herzens für immer vor dem Traualtar an sich fesselte.




1 fehlender Text sinngemäß ergänzt