ngiyaw-eBooks Home

Minna Kautsky – Der Pariser Garten und anderes

Erzählungen

Minna Kautsky, Der Pariser Garten und anderes, Verlag Buchhandlung Vorwärts Paul Singer, Berlin, 1913
Transkription von Christine Weber/Costa Rica.


Das Kloster in den Lagunen.

Die Erzeugnisse der Spitzenschule von Burano wurden zwar vielfach gerühmt, aber wenig gekauft. Die Privatwohltätigkeit, deren Mission es zu sein scheint, zu erhalten, was nicht mehr zu halten ist, hatte es unternommen, diesen alten, einst blühenden Industriezweig wieder ins Leben zu rufen, in der Absicht, der armen Bevölkerung dieser Insel in den Lagunen Venedigs, die nur vom Fischfang lebte, ein wenig aufzuhelfen.

Diese Absicht war gut und es hatte sich auch eine hinlängliche Anzahl von Schülerinnen auf Burano gefunden, aber die Fortschritte in der Maschinentechnik sind auf diesem Gebiete so groß und die Konkurrenz mit den renommierten Firmen war eine so drückende, daß das Unternehmen nur durch die Ausbeutung der Schülerinnen und die erbärmlichste Bezahlung der Arbeiterinnen sein Dasein fristete.

Die Schule war in einem alten Palazzo untergebracht, und in der Sala, jenem Raum, der in der italienischen Architektur eine so große Rolle spielt, waren um diese, dem Mittag sich nähernde Stunde an vierzig Arbeiterinnen und Schülerinnen versammelt. Es waren meist junge Mädchen, die an den hohen, nicht verhängten Fenstern saßen, die ihnen die nötige Helle für ihre augenangreifende Beschäftigung spendeten. Sie zählten die feinen Fäden und stichelten die Ornamente heraus. Dabei waren sie keineswegs ruhig. Sie schnatterten und kicherten unaufhörlich und seufzten und stöhnten dazwischen. Sie litten ebenso unter der steigenden Hitze, wie unter der Mühseligkeit ihrer Arbeit, der sie seit vier Stunden unausgesetzt oblagen. Aber wenn ihnen auch auf der Stirn und am Halse die feuchten Perlen standen, ihre Hände mußten trocken und kühl sein und sie wischten sich mit einem weichen, in Puder getauchten Rehhäutchen wieder und immer wieder die Finger ab, welche die feinen Nadeln führten. Die Vorsteherin, eine stattliche Frau von vierzig Jahren, voll und energisch, befand sich hinter dem Verkaufstisch in der Mitte des Saales.

Sie prüfte mit Aufmerksamkeit eine handbreite Spitze, die sie eben einer Arbeiterin aus der Hand genommen, die zuwartend vor ihr stand.

Es war eine schlanke Mädchengestalt, der Hals schmal und fein und ebenso das Gesicht, das durchaus edle Linien zeigte. Ihr rabenschwarzes Haar war nicht kraus und wirr, wie das der übrigen Mädchen, in weichen Wellen bauschte es sich an der Stirn empor und fiel dann tief gegen die zarten Wangen herab. Ihre großen Augen, von dunklen Fransen umschattet, waren jetzt mit einem ängstlichen Ausdruck auf die Signora gerichtet; sie erwartete ihren Richterspruch.

»Das ist ganz schlecht, Marietta, das kann ich nicht brauchen,« sagte nun diese.

»Schlecht? O Signora –« Marietta faltete wie beschwörend die Hände.

»Siehst Du es denn nicht selbst; was willst Du? – Diese Rosette ist fehlerhaft, sie muß getrennt werden.«

»Getrennt!« es klang wie ein Schreckensruf – dann dämpfte Marietta ihren Ton zu einem Flüstern herab. »Ich werde es trennen – gewiß – morgen – aber heute – o bitte, zahlen Sie mich aus und lassen Sie mich gehen.«

Die Vorsteherin schüttelte den Kopf.

»Unmöglich, vorher muß die Rosette in Ordnung sein, Du mußt am Nachmittag wieder kommen.«

»Aber ich kann nicht!« rief Marietta, in einen leidenschaftlichen Akzent übergehend. »Ich wollte ja, wollte mich zwingen – aber mir zittern die Hände – die Augen schwimmen in Tränen – ich kann nicht, Santa Madonna, ich kann nicht! – Ich will fort, sogleich! Lassen Sie mich hinaus, ich bleibe nicht länger!«

»Ehe nicht die Mittagsglocken läuten, verläßt keine Arbeiterin das Lokal,« sagte Signora Battoni ohne Härte, aber mit großer Bestimmtheit. »Du kennst die Ordnung. Und nun sei ein wenig vernünftig, Marietta, suche Dich zu beruhigen, bedenke, Du mußt doch arbeiten, wovon willst Du denn leben?«

»Leben, leben!« rief das junge Geschöpf in bitterer Auflehnung, »aber ich will gar nicht mehr leben, ich bin zu unglücklich!«

Das leidenschaftlich erregte Geschöpf warf sich mit dem ganzen Oberkörper über den Tisch und brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus. – Eine laute Kundgebung der Teilnahme von seiten ihrer Kameradinnen erfolgte.

Einige drängten sich an sie, suchten sie aufzurichten und zu trösten, die anderen besprachen mit Eifer ein Ereignis, das Marietta berührte und für sie Geheimnisse enthielt, hinter die sie leider noch nicht gekommen waren.

Plötzlich verstummte das Stimmengewirr wie auf Kommando.

Draußen war die Glocke gezogen worden; es kam Besuch, die Vorsteherin wies mit einem Blick die Mädchen an ihre Plätze, dann ging sie selbst zur Tür und öffnete die schweren, eichenen Flügel.

Ein junges Paar stand an der Schwelle, das glückstrahlende Gesicht des Mannes, die keusche Anmut seiner noch sehr jugendlichen Begleiterin, die sich eng an ihn schmiegte, ließen sie unschwer als Neuvermählte erkennen.

Signora Battoni lächelte.

Hochzeitsreisende, die noch ineinander verliebt waren, das war ihre beste Kundschaft.

»Bitte, treten Sie ein, wenn es Ihnen gefällig ist,« sagte sie freundlich.

»Wir möchten mit Ihrer Erlaubnis die Anstalt besichtigen, von der ich und meine Frau« – er betonte es zärtlich – »schon so viel Rühmenswertes gehört haben.«

Signora Battoni verneigte sich mit der Haltung und Würde einer Patrizierin: »Ich stehe zu Ihren Diensten.«

Sie ging voraus an die rechte Seite des Saales, wo einige größere Stücke in Arbeit waren, um sie zu zeigen.

Die Mädchen erhoben sich eine nach der anderen, als die Fremden an ihnen vorüber schritten. Die Vorsteherin winkte allerdings mit der Hand, sie sollten nur weiterarbeiten und sich nicht stören lassen, aber jede Unterbrechung war ihnen viel zu willkommen, als daß sie sie nicht mit Wonne benützt hätten. Und das junge Paar erregte ihr besonderes Wohlgefallen.

Die junge Dame war auch so hübsch; sie war ganz in Weiß gekleidet und trug einen Hut, der wie ein Rosenbeet aussah, und einen weißen, mit Spitzen besetzten Sonnenschirm. Dieser Sonnenschirm imponierte ihnen am meisten. Sie knixten und lächelten, wobei sie die weißen Zähne zeigten, und als das Paar ihnen freundlich dankte, blitzte aus ihren dunklen Augen so viel Schelmerei und gutmütige Lustigkeit, daß der Besucher nicht umhin konnte, der Vorsteherin über die guten Manieren und das gute Aussehen ihrer Arbeiterinnen ein Kompliment zu machen.

»Wir haben auch die besten und geschicktesten Mädchen aus Burano,« entgegnete diese trocken.

»Und wie nett und anständig sie gekleidet sind,« flüsterte die junge Frau, »und alles steht ihnen gut, selbst das krause, zerraufte Haar.« 

Aber Signora Battoni wünschte ihre Spitzen und nicht ihre Näherinnen bewundert zu sehen. Sie nahm einem Mädchen die Arbeit aus der Hand und zeigte sie vor.

»Ein herrliches Ornament, sieh nur, Hermine,« sagte der Gatte.

»Ach ja, und die feine Arbeit; denke Dir nur, Armand, das wird alles, Stich für Stich, mit der Nadel gemacht.«

»Wie lange arbeitet ein Mädchen an diesem handbreiten Stück?«

»Drei Monate,« antwortete das Mädchen vorschnell selbst, indem es einen kleinen Knix machte und dem hübschen Kavalier in die Augen sah.

»Und was verdienen Sie dabei?« fragte er weiter.

»Wenn ich recht fleißig bin –«

»Aber sie ist es nie,« unterbrach sie die Vorsteherin scherzhaft.

»Das Sitzen ist so hart,« antwortete die Kleine mit einem Seufzer, »aber ich verdiene mir doch recht häufig fünf Lire in der Woche.

Hermine blickte ihren Mann ganz erschreckt an. »Fünf Lire für eine solche Arbeit!«

Der Doktor erkundigte sich nach den Lohnverhältnissen im allgemeinen; Hermine begann sich im Saale umzusehen.

An der einen Wand befand sich ein großer Glasschrank, in dem antike Muster und Prunkstücke ausgestellt waren.

Sie wollte sie näher besehen, machte aber plötzlich Halt, noch ehe sie ihn erreicht hatte.

An der Schmalseite des Schrankes, so daß sie nur im Profil zu sehen war, lehnte, die Hände am Rücken verschränkt, ein junges Mädchen von ungewöhnlicher und sympathischer Schönheit.

Ihr Kopf war gegen die Brust geneigt, die Augen gesenkt. Bewegungslos starrte sie vor sich hin, in sich versunken, unberührt von den Vorgängen um sie herum. Einem Steingebilde wäre sie ähnlich gewesen, hätte nicht in jeder Muskel der Ausdruck seelischen Leidens sich ausgeprägt, hätte es nicht um diesen süßen Mund gezuckt, wie von verhaltenen Tränen.

Aber das machte ihre Schönheit so rührend und gab ihr einen aparten Reiz.

»Ist das auch eine Arbeiterin?« fragte Hermine leise das sie begleitende Mädchen.

»Gewiß,« antwortete diese, »Marietta gehört zu unseren geschicktesten.«

»Sie heißt Marietta? Welch schöner Name! Und warum arbeitet sie nicht?«

Das Mädchen zuckte die Achseln und schnitt eine Grimasse. Bei Nennung ihres Namens hatte Marietta aufgesehen und ihre Stellung verändert.

Da vermochte Hermine ihrer Neugier nicht länger zu gebieten; sie ging auf sie zu und bat schmeichelnd: »Wollen Sie mir nicht auch Ihre Arbeit zeigen?«

Marietta schüttelte energisch verneinend den Kopf, ohne zu antworten.

»Verzeihen Sie mir, wenn ich unbescheiden gewesen,« sagte die junge Frau, sichtlich verletzt.

»O, sie will sie Ihnen nur deshalb nicht zeigen, weil sie schlecht ist,« versicherte ihre Begleiterin.

»Schlecht? – das glaube ich nicht, weshalb sollte sie schlecht sein?«

»Weshalb?« Marietta hatte sich gegen die Dame umgedreht und maß sie von oben bis unten mit einem finsteren Blick.

»Was wissen Sie – und wenn ich es Ihnen auch sagen wollte, Sie könnten es doch nicht verstehen, mein schönstes Fräulein.«

»Nicht verstehen?« Hermine sah nun wirklich sehr beleidigt aus. »Sie dürfen mich für kein Kind halten und ich bin auch kein Fräulein mehr – ich bin verheiratet.«

»Sieh da!« erscholl es nun verwundert ringsum, und voll von jenem Interesse, dem Weiber in rein weiblichen Angelegenheiten sich immer zuwenden, drängten sich alle näher, um diese Jungverheiratete sich anzusehen.

»Ja, seit acht Tagen bin ich schon verheiratet,« gestand Hermine mit verschämter Vertraulichkeit, »und das ist mein Mann.«

Sie blinzelte nach ihm hinüber, der noch immer mit der Vorsteherin plauderte.

»Ein sehr schöner Herr,« bekannten die Mädchen in unverhohlener Bewunderung.

Hermine nickte.

»Und er ist so gut und er liebt mich so sehr.« Marietta hatte plötzlich ihre Hand ergriffen; sie blickte ihr in die Augen, tief und schmachtend, und flüsterte in ihrem süßen venetianischen Dialekt ihr zu: »Glückseliges Weib!« Dann ließ sie die Hand los, und wie von Schmerz durchzuckt, warf sie einen ihrer braunen Arme über die Augen. Hermine wandte sich, mit der stummen Frage, was denn das wieder heißen solle, ihren Kameradinnen zu. »Sie ist auch verheiratet,« belehrten sie diese rasch. »Vor vier Tagen hatte sie Hochzeit – wir waren auch dabei – o sie ist sehr schön gewesen – aber ihr Mann, der Abscheuliche –«

Sie kamen in ihren Mitteilungen nicht weiter, Marietta ließ den Arm fallen, stellte sich den Mädchen entgegen und aus ihren tränenüberströmten Augen brach ein Blitz zorniger Empörung.

»Schweigt!« rief sie, »redet nichts von ihm – Ihr wißt nichts von ihm, und wißt nichts von dem, was mir das Herz zerreißt – Ihr könnt nur Lügen hervorstottern, Lügen, Lügen, so groß wie der  Markusplatz!«

Hermine sah gespannt, fast erschreckt, in die wildbelebten Züge dieses schönen Geschöpfes, ihr eigenes junges Herz bebte vor Aufregung. Da rief sie ihr Mann beim Namen und im nächsten Augenblick stand er an ihrer Seite.

»Was habt Ihr denn hier?« fragte er, offenbar belustigt, daß seine kleine Frau sich mit diesen Arbeiterinnen so intim gab, was ihr in der Heimat wahrscheinlich nicht eingefallen wäre. Er mahnte zum Gehen, vorher aber wolle die Signora so freundlich sein, ihnen einige von ihren schönen Mustern vorzulegen.

»Du kannst Dir zum Andenken etwas aussuchen,« sagte er galant.

»Du willst mir Spitzen kaufen?« fragte die junge Frau.

»Wenn Du sie tragen willst?«

»Da fragst Du noch? O, Du lieber, guter Mann!« Sie war alsbald von der Wahl und dem Ankauf der Spitzen so sehr in Anspruch genommen, daß sie alles Uebrige vergaß.

Er mußte die kostbaren Points in seiner Brusttasche verwahren, dann hing sie sich mit einem glückstrahlenden Lächeln in den Arm ihres Armand und die beiden verließen, Hermine mit leichtem Sinn, ihr Gatte mit erleichtertem Portemonnaie, die Spitzenschule.


* * *


Auf der Straße angekommen, wurden sie von einigen herumlungernden Burschen, die auf die Fremden Jagd machten, entdeckt, mit Jubel begrüßt und als Gemeingut in Empfang genommen. Man umdrängte sie mit Anerbietungen und Ratschlägen.

»Wollen Sie eine Erfrischung, Signor?« – »Die Signora wird einer solchen bedürftig sein.« – »Ein Pranzo, gut und billig.« – »Ich führe Sie, Signor.« – »Ich, Signor, ich, ich werde Sie in eine Osteria führen, in unsere beste« – so erscholl es in drolliger Wechselrede.

»Ich brauche Euch nicht dazu,« rief Armand, die Zudringlichen mit der Hand zurückweisend.

»Dann fallen Sie in schlechte Hände, Signor,« rief ein dunkelgebräunter, schon ziemlich erwachsener Bursche mit äußerst verschmitzten Augen, »es würde mir sehr leid tun, der schönen Dame wegen, und auch Sie würden es bereuen, Signor.«

Armand mußte unwillkürlich lachen, und er ließ sich zu dem Geständnis hinreißen: »Das beste Wirtshaus ist immer dasjenige zunächst der Kirche, und das will ich schon herausfinden.«

»O, Sie haben recht, Signor, sehr recht,« rief der braune Jüngling mit geschmeidigster Zustimmung, und schon sprang er voraus und stürzte in die Osteria alla Stella d'oro, die in der Straße, nur einige Häuser abwärts, sich befand.

»Padrone, ich bring Euch eine gute Kundschaft,« rief er ganz atemlos dem Wirte zu, einem kleinen untersetzten Manne mit struppigem Backenbart, fettriefender dunkelblauer Jacke und ebensolchen Beinkleidern, der ihm hastig und pustend entgegenkam; seinen Worten durch die verrenktesten Gestikulationen noch mehr Nachdruck verleihend, fuhr der Junge fort: »Er wollte zu Pietro da drüben, Ihr wißt, alle Fremden sind auf den »Schwarzen Löwen« versessen, aber ich habe ihn vor dieser Bestie gewarnt und Euern Stern so hell geschneuzt« – er machte die bezeichnende Gebärde – »daß er, davon geblendet, hereinfallen wird.«

»Gut,« sagte der Wirt mit einem zufriedenen Blinzeln und rieb sich die fettigen Hände an den Lenden, »Du bist ein Teufelsjunge.«

»Ihr wißt, ich bringe Euch nur was Feines; der da ist gut zum Rupfen, es ist auch eine Dame dabei.«

Der Bube lachte und der Wirt stimmte ein.

»Da ich aber das Meinige getan, so tut jetzt das Eurige.«

Er hielt dem Padrone die offene Hand hin, dieser schlug darauf.

»Laß sie erst kommen, dann sollst Du was haben.«

»So dumm bin ich nicht, Padrone; ich will meinen Lohn oder« – der Bursche sprang gegen die offene Tür und nahm eine sehr resolute Miene an – »noch jetzt mach ich ihn Euch abspenstig und schicke ihn da hinüber,« er wies mit beiden Händen nach der gegenüberliegenden Seite der Straße, von wo ein goldenes Wirtshausschild herüberglänzte, »und er wird mir's danken, da er beim »Löwen« tausendmal besser dran sein wird als bei Euch.«

»Hundsfott!« murmelte der Wirt zwischen den Zähnen, aber er griff rasch in die Tasche und warf dem Schlingel einige Soldi hin. Der hob sie auf und hüpfte den Fremden entgegen, die jetzt unweit der Tür in der Mitte der Straße standen, die beiden Wirtshausschilder studierten und zwischen beiden zu schwanken schienen; er rief nun laut und lockend: »O, Signor, hier herein, wenn ich bitten darf; es gibt nur eine Stella d'oro in Burano und Sie werden darin wie im Himmel sein.« Er zeigte dabei in so graziöser Weise nach der Tür, daß das Paar unverzüglich der Einladung folgte, nachdem ihm der Fremde auf sein fragendes Lächeln noch eine Kleinigkeit in die Hand gedrückt.

Der Junge verabschiedete sich, indem er seine fünf Finger küßte und diesen Kuß der Dame zuwarf, dann machte er einen Salto mortale und war vor der Tür draußen.

Hermine und Armand waren von dem Wirt bewillkommt worden und ebenerdig in den großen hallenden Raum getreten, der mit roten Backsteinen gepflastert und Gaststube und Küche zugleich war. Der Gondelier, mit dem sie hierhergekommen, war gleichfalls hier eingekehrt, er hatte ein Glas Wein vor sich und einen Teller mit kleinen Fischen, die er mit der Hand in den Mund steckte und die ihm vortrefflich zu munden schienen.

In der Küche sah man über einem offenen und sehr niedrigen Herd einen großen, flachen Kessel hängen, in dem die Fische in Oel gebraten und von der Frau Wirtin, einer sehr beleibten Dame, gewendet und durcheinandergerüttelt wurden, während ihr Gatte die Obliegenheit hatte, sobald die Fische gar gebraten, sie aus dem heißen, öligen Kessel herauszustürzen.

Der Wirt ließ seinen Gästen nicht Zeit, sich lange hier umzusehen, vielleicht mochte er seine Gründe dafür haben, und lud sie ein, in das Extrazimmer zu kommen, wo sie einen gedeckten Tisch vorfinden würden. Sie folgten ihm dahin.

Es war ein kleines, nicht allzu schmutziges Stübchen, wo sie sich auf Holzstühlen sogleich niederließen und fragten, was man hier zu essen bekommen könnte. Hermine versicherte, daß sie vor Hunger sterbe und daß sie gewiß mit allem zufrieden sein werde. Diese Genügsamkeit war ganz am Platze, denn obgleich der Wirt rühmend hervorhob, in seiner Osteria könne man das Beste finden, so zeigte sich's doch bald, daß dieses Beste auf eine Polenta und gebratene Fische sich reduzieren ließ. Armand bestellte gebratene Fische. Der Wirt brachte hierauf Brot und Wein und einige Zitronen und Zucker für den Fall, daß die Signora sich eine Limonade zu machen wünsche.

Auf der Straße vor dem Gasthause war es lebendig geworden, die Kunde, daß Fremde in der Locanda seien, hatte sich verbreitet und eine Kinderschar, die stetig anwuchs, belagerte Türen und Fenster; die Fremden durften ihnen nicht entkommen. Alle Augenblicke wurde das leichte, weiße Fenstervorhängelchen von außen ein wenig zurückgeschlagen und ein schmutziges, keckes Bubengesicht guckte herein, grinste lüstern nach dem Tisch und rief; »Eine Semmel!« Darauf wurde er von einem anderen heruntergestoßen, der dasselbe Manöver wiederholte.

Jetzt kam ein kleines Mädchen herangelaufen – Tonina, ein winziges, überzartes Ding, nur mit einem schlotternd umgebundenen Röcklein bekleidet. Ihr mageres Gesicht war gelb und faltenreich, wie das eines alten Weibes, und sie wußte es in der entsetzlichsten Weise zu verzerren in immer wechselnden Grimassen, um das Mitleid herauszufordern.

Obwohl die Kleinste, hatte sie sich doch sofort den vordersten Platz am Fenster erobert. Sie hüpfte daselbst von einem Fuß auf den anderen, und die Art, wie sie ihre Händchen zusammenschlug, in steigender Flehentlichkeit ineinanderfaltete und dabei ein Gekreische ausstieß, so schrill und durchdringend wie das eines Vogels in Todesangst, war wohl geeignet, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Padrone kam wohl einmal heraus, ließ einige Flüche los und hieb mit seinem Küchentuch auf die Bande ein, um sie zu vertreiben; die Kinder sprangen hinweg, setzten sich aber wie die Fliegen gleich wieder auf ihren vorigen Platz. Die Fische waren gebraten und aufgetischt, sie schmeckten vortrefflich. Wie angenehm war es doch, seinen Hunger zu befriedigen! Hermine begriff jetzt die Zudringlichkeit der armen Kinder da draußen, und sie wunderte sich eigentlich, daß sie so demütige Bitter blieben, daß sie nicht ungestümer forderten. Und wieder drang das weinerliche Geschrei Toninas an ihr Ohr und das schalkhafte Betteln der übrigen. Sie nahm eine Semmel und warf sie zum Fenster hinaus. Tonina stürzte sich heulend darauf. Ein Aufruhr brach los. Eine ganze Semmel, das war zuviel für sie, man suchte sie ihr zu entreißen. Tonina, gedrückt, gepreßt, geschlagen, bot dennoch allen die Stirn, aber schon flogen weitere Semmeln unter die Menge und man balgte sich nun um diese. Hermine fand es in ihrer Gutmütigkeit und Gedankenlosigkeit drollig, und sie warf nun ein Stück nach dem anderen zum Fenster hinaus. Keins fiel auf den Boden. Wie gutdressierte Hunde fingen die Kinder sie in der Luft auf und lachten dabei wie toll.

Als die Semmeln und der Rest der Fische verteilt waren, warf sie Stücke Zucker hinaus und schließlich flogen auch die ausgepreßten Zitronen durchs Fenster und wurden mit gleicher Gier und gleichem Behagen verspeist. Jetzt läuteten die Mittagsglocken und die Kinder, die merkten, daß hier nichts mehr zu holen war, liefen nach Hause, um ihren kargen Anteil am Mittagessen nicht zu verlieren. Nur Tonina setzte sich auf das Straßenpflaster vor dem Fenster. Jetzt erst konnte sie sich mit Ruhe dem Genusse der zusammengerafften Beute hingeben, die sie in ihrem hinaufgehobenen Röckchen festhielt.

Die arme kleine Tonina hatte zu Hause nichts zu erwarten!

Ein Gesumme entstand auf der Straße und lockte Hermine abermals ans Fenster. Die Spitzenschule hatte ihre wohlbehüteten Pforten geöffnet und die Arbeiterinnen stürzten wie ein entfesselter Strom ins Freie.

Mehr tanzend als gehend, heftig gestikulierend, plaudernd, lachend, kamen sie alle von der Piazza herunter und eilten nach den Hütten am Kanal und nach dem Strande.

Hermine hatte Marietta sogleich herausgefunden. Sie ging still und in sich gekehrt und hielt den Kopf, als wäre er schwer von Gedanken, nach vorn geneigt. Sie machte ihren Mann auf sie aufmerksam, und er mußte gestehen, daß sie von eigentümlicher Schönheit sei.

Der Padrone war wieder hereingesprungen. Er setzte sich zu seinen Gästen, um sie zu unterhalten. Gleichzeitig wurde im ersten Stock des gegenüberliegenden »Schwarzen Löwen« ein Fenster aufgerissen und ein blonder junger Mann von auffallender Blässe sah heraus.

»Eh, eh, der Engländer,« rief der Wirt, mit einem gewissen jovialen Meckern nach ihm hinaufweisend, »er späht schon wieder nach den Näherinnen; o, wir wissen gut, auf welche er's abgesehen hat. Sehen Sie, Signora, die ist's, die gerade bei dem »Löwen« vorbeikommt; eh, eh, sie wirft ihr schwarzes Tuch über den Kopf, als wollte sie sich vor dem da oben verhüllen, eh, eh, sehr gut!« Er rieb vergnügt seine fetten Hände an den Lenden.

»Marietta!« rief die junge Frau überrascht, denn er hatte diese in nicht mißzuverstehender Weise bezeichnet.

»Sie kennen sie, Signora?«

»Ich habe in der Spitzenschule mit ihr gesprochen; aber was hat der Engländer nach ihr zu sehen?«

»Er brennt für sie.«

»Aber sie ist ja verheiratet!«

Der Wirt blinzelte mit den Aeuglein und schnalzte mit der Zunge.

»Verheiratet? Eigentlich ja oder eigentlich nein, wie man will. Ihr Mann ist nämlich am Hochzeitsabend verschwunden, er ist fort.«

»Ganz fort?«

»Man weiß nicht wohin, noch was mit ihm geschehen ist.«

Hermine fuhr lebhaft auf: »O, jetzt begreife ich alles, jetzt verstehe ich ihre Tränen, sie weint um ihn. Aber weshalb hat der Abscheuliche sein junges Weib verlassen?«

»Hermine,« mahnte ihr Gatte, halb lachend, halb verdrießlich, »welche Neugier!«  Aber obwohl diesem kleinen Roman gegenüber viel gleichgültiger als seine siebzehnjährige Frau, war er doch selbst nicht ganz ohne Neugier, und wenn er mit dem Wirt allein gewesen wäre, hätte er schwerlich den Zurückhaltenden gespielt.

Hermine ließ die eine Frage beiseite und stellte rasch eine andere. »Wohnt sie vielleicht hier?« fragte sie, als sie bemerkte, daß Marietta in das Tor des Nebenhauses getreten war.

Der Wirt bejahte ebenso eifrig, als er an seinen Lenden rieb; man sah es ihm an, er brannte vor Verlangen, alles, was er über Mariettas Verhältnis wußte, auszuschwatzen und damit diese kleine, wißbegierige Signora zu unterhalten.

»Sie wohnt da hinten im Hofe« – er zeigte nach der Nordseite seines Hauses – »am Wasser unten. Ihr Mann hat dort ein eigenes Häuschen, freilich ist's schon recht wacklig, aber über ihnen hätt's doch noch zusammengehalten, und wir dachten, eh, eh, die Zwei müßten darin recht glücklich sein. Marietta zählte zu unseren hübschesten und sittsamsten Mädchen, ist auch eine geübte Näherin und Paolo ein tüchtiger Bursche, der mit seiner Barke auf die See fuhr und seine Ware stets selbst auf den Markt brachte, und sie hatten sich sehr lieb, eh, eh. Es ist jetzt vier Tage, da hatten sie Hochzeit. Hier vorbei waren sie in die Kirche gegangen. Sie sahen so glücklich aus und hielten sich so fest an den Händen, als könnten sie gar nicht mehr auseinanderkommen. Und nach der Trauung kamen sie in meine Osteria – o, ich habe alle Hochzeiten, Signora – und ihre Freunde kamen mit ihnen, und ich habe einen Tonno hergerichtet, gar schmackhaft und fein, in gutem Oel gebraten« – er wischte sich wieder und leckte sich die Lippen ab – »niemand kann das so wie ich; sie lobten ihn alle und machten eine gute Zeche. Hierauf wurden die Gitarren hervorgeholt, es wurde gesungen und gesprungen, und alles war voll Jubel und seelenvergnügt, bis –«

»Bis –?« wiederholte Hermine in lebhafter Spannung.

Auch Armand sah fragend auf.

Der Wirt zeigte auf das Fenster gegenüber, aus dem der blonde Männerkopf sich soeben wieder zurückzog, und rief mit Pathos: »Bis dieses weißhaarige englische Gewächs sich eingemischt hat. Hol' ihn der Teufel!«

»Ah!« machte Hermine.

»Wenn er noch bei mir wohnte,« fuhr der redselige Mann fort, »könnte ich es ihm verzeihen; aber nein, er hat den »Löwen« vorgezogen, obwohl meine Osteria, wie die ganze Welt weiß, die beste in Burano ist; aber es gibt noch einen strafenden Gott im Himmel, und Sie sehen, Signora, wie schlecht es ihm da drüben geht, käseweiß sieht er aus, es ist zum Erbarmen.«

»Wie und wo hat der Engländer Marietta kennen gelernt?« fragte die Ungeduldige, die auf diese Abschweifungen nicht eingehen wollte.

»Ich weiß es nicht, Signora, vielleicht in der Spitzenschule, besucht hat er diese; er hat viel nach der Marietta herumgefragt, auch bei mir; jeden Tag hat er gesagt, er wolle fort, und doch ist er nicht gegangen; er hat ein hübsches Geld dem »Löwen« in den Rachen geschoben, es hat mich wütend gemacht und den Paolo auch, der nicht blind war und der es wohl bemerkt hat, daß er der Marietta nachsteigt!«

»Nun, und an jenem Hochzeitsabend?«

»Nun, wie meine Gäste just am lustigsten waren, fällt's ihm ein, herüberzukommen – ich glaub's, wer sich unterhalten will, der muß zu mir in die Stella d'oro – er verfügt sich in diese Camera und läßt sich ein Abendessen auftragen. Aber glauben Sie, daß er es gegessen hat? Nicht angerührt hat er's, der blonde Affe. Hier an der Tür ist er gestanden wie ein Steinbild, unverwandt hat er nach den Tanzenden gestarrt; da auf einmal fährt's in ihn, er kommt zu uns in die Sala, geht auf die Braut zu und fordert sie zum Tanze auf. Alle haben dazu gelacht und vergnügt in die Hände gepatscht, denn wissen Sie, wenn ein Fremder tanzen will, muß er zahlen, die Gitarren haben auch gleich feuriger geklungen und die Leute fingen zu singen an.

O, Signora, in diesem Augenblick war ich gegen diesen englischen Plattfuß ganz versöhnlich gesinnt – pfui, er hat's nicht verdient. Nur einmal hat er mit ihr herumgetanzt, dann setzt er ab und führt seine Tänzerin in diese Stube. Als sie wieder herauskommt, trägt sie einen Korallenschmuck um den Hals. Ah, ein wahres Kleinod, Signora! Sie sieht auch ganz stolz aus, ganz rot ist sie vor Freude, sie läuft zu ihrem Manne und zeigt ihm, was ihr der Engländer als Hochzeitsgeschenk verehrt hat. Wir alle waren wie geblendet und beglückwünschten sie, aber der Paolo, das ist ein Sonderling, der fährt auf, als ob ihn jemand gestochen hätte, er wird ganz blaß, seine Augen sind wie Feuer, er schüttelt sich und ruft: »Herunter damit, Du nimmst kein Geschenk von einem Fremden, Du gibst ihm das zurück!« Marietta steht da, ganz bestürzt, ganz zitternd, als aber sein Ton noch drohender wird, da bedeckt sie mit der Hand den Schmuck, als wollte sie ihn schützen vor seinem Zorn. Nun, ich denke, das konnte man ihr gerade nicht verargen, das Ding stand ihr so wundersam, und ich denke, wenn so ein Reicher und gar so ein verrückter Engländer einmal was hergibt, so werden wir armen Teufel es ihm doch nicht wieder zurückgeben.« Er lächelte pfiffig. »Keines von den Mädchen im Orte hätt's getan, kein einziges! Paolo aber hat mit einer blitzschnellen Bewegung sein junges Weib an sich gezogen und ihr den Schmuck vom Halse gerissen. Er wirft ihn gegen die Tür, wo der Engländer steht. Der bleibt unbeweglich. Ich aber war ganz erschrocken über die Beleidigung, die einem Fremden in meinem Hause widerfahren war, denn er hatte noch nicht die Zeche bezahlt. Ich springe hinzu, bücke mich, hebe das Korallenhalsband auf und überreiche es ihm höflich. Er nimmt es und steckt es ruhig ein. Ohne mit den Augen zu blinzeln oder ein Wort zu sagen, geht er hinaus. Er verläßt meine Osteria, ohne einen Bissen gegessen zu haben, ohne nach der Rechnung zu fragen; es hat mich empört, aber ich habe sie ihm am nächsten Morgen zugeschickt und ich habe mich gerächt.«

»Aber Marietta und ihr Gatte?«

Der Wirt kraute sich hinter den Ohren. »Ich weiß nicht genau, was sich weiter zwischen ihnen zugetragen; man hat mir nur erzählt, daß Marietta außer sich gewesen sei und tief beleidigt und voll Zorn ihren Mann von sich gewiesen hätte. Als ich Zeit fand, mich wieder nach ihm umzusehen, bemerkte ich ihn in einer Ecke sitzen; er hatte den einen Ellenbogen aufgestützt und sah recht finster drein, während er mit der anderen Hand sein Messer hervorgezogen und damit so heftig gegen den Tisch stieß, daß die Späne flogen. Ich und meine Freunde sprachen ihm zu, verwiesen ihm seine Hitze und lachten ihn endlich aus. Da springt er plötzlich auf und sieht sich um; er sucht die Marietta, aber die war fort und die Mädchen sagten ihm, sie sei nach Hause gegangen. »Sie erwartet Dich, um sich mit Dir zu versöhnen,« riefen wir ihm zu. Da tut er einen tiefen Atemzug und seine Augen leuchten auf, er mochte wünschen, daß wir Recht hätten, und er war wohl sehr geneigt zu der Versöhnung. So geht er denn und weist die zurück, die ihn begleiten wollen. Ich lasse in diesem Augenblick frisch die Krüge füllen, ei, man muß seine Gäste zusammenhalten, so lange es geht; sie kommen auch alle wieder, die Gitarren fangen von neuem zu winseln an, und der Jubel wird lauter und toller als zuvor.«

»Und dann?« forschte Hermine.

»Und dann – dann hat sich jeder, der sein Lager noch finden konnte, zu Bette gelegt.«

Das war's nun nicht, was Hermine erfahren wollte.

»Und seit jenem Abend ist Paolo verschwunden?« fragte Armand.

»Niemand hat ihn mehr gesehen,« versicherte der Wirt, sich mit der flachen Hand den Schenkel reibend, »niemand weiß, was an jenem Abend noch vorgefallen, aber es muß schlimm genug gewesen sein. Am nächsten Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, hatte die Marietta ein Sandalo genommen, wissen Sie, so ein flaches Boot – einige Fischer haben sie gesehen – und rudert damit allein hinaus. Sie ist auf Torcello gewesen, auf Mazorbo und den anderen Inseln hier herum, und am Abend kommt sie zurück, ganz verstört, fast der Verzweiflung nahe; sie kommt zu mir und fragt nach ihrem Manne, sucht und forscht hierauf im ganzen Orte herum. Ja, es hatte ihn niemand gesehen, seine Barke lag im Hafen, und auch keiner der Fischer konnte Auskunft geben. Seitdem schließt sich die Arme in ihr Häuschen ein und weint. Sie erwartet ihn noch zurück, denn sie sagt, er lebe, und so denke ich denn, er kommt wohl wieder – wenn nicht –«

Er machte ein bedenkliches Gesicht, und seine Hände von den Beinen nehmend, begann er nun damit unter der Nase hinwegzustreichen.

»Und der Engländer ist noch immer hier?« forschte Armand weiter, der der Sache nun eine ernstere Aufmerksamkeit zuwendete. »Und wie benimmt er sich?«

Der Wirt beugte sich zu dem jungen Manne nieder und sagte in vertraulicher Wichtigkeit; »Wir beobachten ihn genau, aber er hat seit jenem Abend das Zimmer da drüben nicht verlassen. Es heißt, er sei krank; eh, eh, bei einem Gaste des »Löwen« nimmt mich das nicht wunder, aber er hat den Arzt, den wir haben, zurückgewiesen und auch den Geistlichen, er kuriert sich selbst. Ein zweiter Engländer ist gekommen, der leistet ihm Gesellschaft und vielleicht vermittelt er auch solche. Gewiß ist, daß der Engländer die Marietta nicht vergessen hat; sein Freund hat sich mit ihrer Tante, einer alten Hexe, bekannt gemacht, und diese kümmert sich nun auf einmal ungewöhnlich viel um die Marietta; sie ist wohl die Abgesandte von dem da drüben, dem –« Er sprang plötzlich zum Fenster und zeigte hinaus. »Da tritt sie aus dem »Löwen«, sie kommt gerade von dem Engländer.«

Ein lautes, langgezogenes »Vater« ließ sich jetzt aus der Küche vernehmen und in größerer Dringlichkeit rief es: »Das Oel wird brenzlich, stürz' den Kessel, Vater!«

Der fuhr wie im Schreck zusammen und eilfertig sprang er hinaus in die Küche.

Die beiden jungen Gatten sahen sich eine Weile stumm in die Augen.

»Da hast Du einen Roman,« sagte dann Armand lächelnd.

»Aber nicht die Lösung,« fügte Hermine hinzu.

»Die mußt Du Dir selbst erfinden, mein Lieb, wir müssen an die Rückfahrt denken, ich werde die Rechnung verlangen.«

Er erhob sich.

Sie preßte die kleinen Hände zusammen und schien mit einem Entschlusse zu kämpfen, dann flog sie ihm entgegen und schlang den Arm um den Hals ihres Gatten.

»Liebster,« bat sie, »ich möchte wohl, ehe wir gehen, Marietta besuchen.«

»Kind, was fällt Dir ein, das sind Angelegenheiten so intimer Natur, und Deine Neugier berechtigt Dich nicht, Dich da hineinzumischen.«

»Ach ja, ich bin schrecklich neugierig, aber – sie tut mir auch leid.«

»Wirklich?«

»Sie ist heute in die Spitzenschule gekommen, um etwas zu verdienen, aber man hat ihr die Arbeit nicht bezahlt, weil sie nicht gut war. Aber, mein Gott, wie kann man die feinen Stiche machen mit Tränen in den Augen. Was wird sie nun anfangen? Sie ist aller Mittel entblößt, wäre es ein Wunder, wenn sie in ihrer Not sich zu etwas Schlechtem hinreißen ließe?«

»Du willst Dich also zur Schützerin dieser etwas zweifelhaften Unschuld aufwerfen?« fragte er lächelnd.

»Ja.«

»Meinetwegen, aber da muß ich auch dabei sein.«

»Wer weiß, es gilt vielleicht einem Verbrechen auf die Spur zu kommen,« dachte Armand.

Der Wirt brachte die Rechnung. Sie war so hoch gestellt, als wenn sie in einem Hotel ersten Ranges gespeist hätten, und Armand meinte, er würde die Summe gerade auf die Hälfte reduzieren, wenn der Herr Wirt nicht so interessante Geschichten mit in den Kauf gebe, die er so lebendig vorzutragen verstünde. Der Wirt verbeugte sich geschmeichelt und bemerkte mit einem schlauen Lächeln, daß er stets das Beste seiner Gäste im Auge habe, indem er ihren Geist erfrische und ihren Magen nicht überlade, und daß er hoffe, der Herr werde ihn weiter empfehlen.

Armand machte ihn hierauf mit der Absicht bekannt, Marietta zu besuchen; der Wirt lief sogleich geschäftig voraus, und bat seine Gäste, ihm zu folgen. Er führte sie durch die Küche nach dem Hofe seines Hauses; an mehreren Kehrichthaufen vorüber, kamen sie nach einer Art Quai, wo einzelne Häuschen standen. Er wies nach dem einen und bezeichnete es als Mariettas Wohnung.

Bald standen die beiden Fremden vor derselben. Der Eingang des Häuschens war nur durch einen blauen, verblichenen Vorhang geschlossen. Im Begriff einzutreten, ward Armand aufs neue unschlüssig.

»Es ist eine heikle Geschichte, fühlst Du das nicht?« sagte er.

Sie überlegte, dann sagte sie nicht ohne Feinheit:

»Wenn Du mitgehst, ja; wenn wir zwei Frauen allein sind, ganz und gar nicht. Laß mich also allein hineingehen.«

Er willigte ein, und sie hob leise den Vorhang und schlüpfte hindurch.

Sie befand sich in einem ziemlich großen Raume, der durch die kleinen Fenster, vor denen die zerbrochenen, aus den Bändern gerissenen Läden hingen, nur spärlich erhellt war und der durch Netze, Körbe und ziemlich große Segel, die zum Flicken hereingebracht und hier aufgerollt und aufgehängt waren, ein ganz eigentümlich phantastisches Aussehen erhielt. Im Hintergrunde und der Tür gegenüber befand sich der niedere Herd. Vor ihm kauerte eine weibliche Gestalt, sie hatte die Arme auf den Herd gelegt und den Kopf vornüber gebeugt; eine alte Frau, ein großes dunkles Tuch über Kopf und Schultern geschlagen, stand vor ihr und sprach in sie hinein, sie schien ihr Vorstellungen zu machen. Da sie der Tür den Rücken zuwendete, hatte sie die Eintretende nicht sogleich bemerkt.

»Du wirst aufhören zu weinen, mein Engel,« rief die Alte in einem kreischenden Tone, der sich alle Mühe gab, zärtlich zu sein. »Du wirst nicht mehr hungern müssen, Du wirst eine Dame sein, geh und Du wirst diese Verbindung segnen.«

Als Hermine nun in der Absicht, sich bemerkbar zu machen, eine Bewegung machte, unterbrach sich die Alte rasch.

Auch Marietta war in die Höhe gefahren und aufgesprungen, sie ging der jungen Dame entgegen; in ihren großen Augen, die überrascht sie anblickten, zitterte noch eine Träne.

»Was wünschen Sie, Signora?«

»Ich möchte es Ihnen allein sagen.«

Die Alte schnitt eine verdrießliche Grimasse, dann streckte sie einen entblößten, entsetzlich dürren Arm unter ihrem Tuche hervor und schwenkte ihn in pathetischer Weise gegen Marietta.

»Töchterchen, ich muß eine Antwort haben, ehe ich gehe, eine ganz bestimmte, hörst Du, er erwartet sie.«

Marietta senkte den Kopf, sie zögerte einen Augenblick, diese Antwort zu geben, dann sagte sie leise und doch entschlossen: »Ich werde kommen, Du kannst es ihm sagen.«

Das alte Weib schmunzelte und lächelte auch Herminen zu, es war ein widerwärtiges Lächeln; dann nahm sie ihr Tuch fester zusammen und schlurfte mit ihren Holzschuhen, die ihr beständig von den mageren Füßen fielen, hinaus.

Die zwei jungen Frauen standen beide stumm, verwirrt, verlegen einander gegenüber. Marietta begann zuerst: »Mit was kann ich Ihnen dienen, Signora?«'

Die Angeredete wurde rot, ihr Herz pochte stärker, sie hatte es sich leichter vorgestellt. Und dann hatten die Worte, die sie soeben vernommen, sie peinlich berührt und den Verdacht geweckt, daß diese Person das Interesse, das sie ihr entgegenbrachte, vielleicht gar nicht verdiene.

»Ich bin gekommen – weil ich von Ihrem Unglück gehört habe« – sie sprach beklommen und stockte wieder – »ich habe mir gedacht, ich könnte Ihnen nützlich sein – ich habe mich vielleicht geirrt, und –, Sie bedürfen meiner nicht mehr.«

Marietta blickte sie argwöhnisch an.

»Signora, Sie sind vornehm und reich, was können Sie für ein armes Weib, wie ich bin, empfinden? Sie sind wohl nur gekommen, um über mich zu lachen.«

»Ueber Sie lachen!« rief Hermine empört. »Wie können Sie so etwas glauben; ich habe Ihr Unglück sehr ernst genommen, denn ich habe mir immer gesagt, Herr Gott, wenn Dich so etwas getroffen hätte, das wäre zu schrecklich, das wäre der Tod! O, ich glaubte Ihren Schmerz zu begreifen, allerdings, was ich jetzt weiß –«

»Signora, Sie wissen nicht, daß das, was mich martert, schlimmer ist als der Tod, daß es die Verzweiflung ist.«

Marietta warf in wilder Heftigkeit die Hände vor das Gesicht und brach in Tränen aus.

Hermine blickte sie an, halb mitleidig, halb vorwurfsvoll, dann sagte sie strenge: »Gehen Sie, Sie sprechen von Ihrer Verzweiflung, und doch stehen Sie im Begriff, den zu verraten, um den Sie weinen.«

Marietta ließ die Hände fallen und starrte sie aus ihren tränenüberströmten Augen an.

»Ich?«

»Ja, Sie; dieser Engländer stellt Ihnen nach und Sie verständigen sich mit ihm.«

»Sie wissen das?«

»Ich weiß alles.«

»Es ist nicht wahr, Sie wissen nichts, Sie kennen nicht mein ganzes Unglück.«

»Aber ich weiß, daß dieser Engländer an Ihrem Unglück die Hauptschuld trägt; er hat Sie beleidigt, er hat Ihren Gatten beleidigt, er ist Ihr Feind, und Sie, Marietta, Sie –«

»Ich hasse ihn!« rief das Fischerweib und ihre Gestalt richtete sich dräuend in die Höhe, in wilder, stolzer Empörung, indes ihre Augen sich mit einem trotzigen, herausfordernden Blick nach ihrer Anklägerin wandten.

Hermine wußte diesem Blick zu begegnen, auch sie befand sich in zunehmender Aufregung.

»Und ich glaube nicht, daß Sie ihn hassen, sonst würden Sie diesen Haß ihm zeigen, Sie würden ihm Ihre Verachtung bezeugen, aber ihm nicht sagen lassen, ich werde kommen.«

»Und wenn es in seiner Macht stünde, meinen Mann auszuforschen, ihn festnehmen zu lassen, des Mordversuches ihn anzuklagen –?«

»Wie?« rief Hermine.

Marietta blieb einen Augenblick mit offenem Munde wie erstarrt in jähem Schreck, dann wandte sie sich von der Fremden hinweg und setzte sich auf den Herd; sie war wie gebrochen. Sie hatte sich zu einem Geständnis hinreißen lassen. Das unbedachte Wort war ihren Lippen entronnen, sie wußte kaum, wie das geschehen. Jetzt preßte sie die Hände zusammen, sah vor sich hin und schwieg.

Die kleine siebzehnjährige Frau hatte sich, von einem kindischen Entsetzen erfaßt, der Türe zugewendet, sie wollte fliehen, aber als sie sich dann wieder nach Marietta umsah und diese zusammengekauert am Herde sitzen sah, schämte sie sich dieser Schwäche. Ihr Mut, ihre Sympathie für die unglückliche Neuvermählte und auch all ihre Neugierde waren zurückgekehrt. Die Geschichte wurde ja immer romantischer. Sie näherte sich Marietta und setzte sich schließlich neben sie auf den Herd, von welchem die Asche noch nicht hinweggeräumt war; sie rückte ganz nahe an sie heran und legte ihre feine, weiße Hand auf die braune, kräftige des Fischerweibes.

»Marietta,« begann sie mit sanfter Stimme, »haben Sie einiges Vertrauen zu mir, ich bitte Sie darum; sagen Sie mir alles, vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

Die andere ließ einen schweren Seufzer vernehmen, er schien sie zu erleichtern; und nach einigem Zögern sagte sie leise: »Vor vier Tagen hatte ich meine Hochzeit.«

»Ich weiß das,« entgegnete Hermine ebenso leise, »ich weiß auch, was in der Osteria sich zugetragen; der Wirt hat es mir erzählt, bis zu dem Augenblick, wo Sie dieselbe verlassen haben. Wohin waren Sie gegangen, Marietta, was war hernach geschehen?«

»Ich war hierher gekommen, ich war zornig, aufgeregt und doch voll Sehnsucht nach Paolo; er war rauh gegen mich gewesen, er hatte mir weh getan, und doch schien es mir, als liebte ich ihn noch heißer als je vorher. Ich stand in der Türe und sah in die dunkle Nacht hinaus; ich horchte, ob ich nicht seinen Schritt vernähme; ich dachte, er müsse kommen und erwartete ihn von Minute zu Minute. Unruhe und Ungeduld peinigten mich, ich konnte es auf meinem Platze nicht mehr aushalten; ich wandte mich dem Wasser zu, der kühle Wind, der mir entgegenwehte, tat mir wohl. Ich ging weiter, da vernahm ich Schritte hinter mir her; ich wende mich rasch; ich sehe eine Gestalt auf mich zukommen; ich kann sie im Dunkeln nicht sofort erkennen, aber es muß Paolo sein; ich will ihn rufen, ihm entgegeneilen, und doch tu ich's nicht. Der Trotz war wieder über mich gekommen; er hatte mich gekränkt, an ihm war es, mich zu versöhnen, und so drehe ich mich wieder um und gehe vorwärts, aber langsam nur, ich wollte mich erreichen lassen. Die Schritte kommen auch näher, immer näher, ich bleibe stehen. In dem Augenblicke tritt der Mond, den ich im Rücken hatte, aus dem Gewölk, und ich sehe einen Schatten vor mich hinfallen – es war nicht der Paolos, ich erkenne den Engländer. Ich war erschreckt, ich wollte davonlaufen, aber er ergreift meine Hand und hält sie fest. Er spricht zu mir, ich weiß nicht was, ich konnte es nicht verstehen, aber er spricht so dringend, und sein Ton zwingt mich wider meinen Willen, ihm zuzuhören.«

Marietta preßte plötzlich die Hand gegen die Stirn, als müsse sie dadurch ihrem Erinnerungsvermögen nachhelfen, und sprach beklemmt, in kurzen abgebrochenen Sätzen weiter: »Die nächsten Augenblicke sind mir wie ein böser Traum, unklar, schrecklich – ich höre einen lauten Schrei der Wut – es war Paolos Stimme – und plötzlich steht er vor mir – wie ein Schatten der Nacht – er schleudert mir ein häßliches Wort ins Gesicht, vor meinen Augen sehe ich ein Messer blitzen – ich dachte, er wolle mich töten – ich hätte mich nicht gewehrt in diesem Augenblick – aber er stürzt sich auf den Engländer – der wankt, der fällt und stößt einen Hilferuf aus. Ich kann mir keine Rechenschaft geben von alledem, was in diesem Augenblick mich durchbrauste, wie Feuer brannte es mir im Kopf und in der Brust, nur eines war mir klar: die Hilferufe dieses Mannes mußte ich ersticken und Paolo mußte fliehen. Ich stürze mich auf den Engländer, ich halte ihm den Mund zu, er wehrt sich, aber ich umfasse ihn mit meinen Armen, mit meinen Haaren ersticke ich seine Stimme. Da ruft mir Paolo zu: »Elende, Du siehst mich nie mehr wieder!«

Marietta, aufs neue von wildem Schmerz erfaßt, warf sich auf den Boden und schlug mit dem Kopf gegen die Steine des Herdes. Alle die Qual und Herzenspein, die sie in jenem Augenblicke und seither erduldet, war in ihr aufs neue lebendig geworden. Hermine legte beruhigend, tröstend den Arm um ihren Hals und sprach ihr zu; sie versuchte, sie aufzurichten und bat zugleich inständig, ihr zu verzeihen, daß sie diese Erinnerungen heraufbeschworen; sie solle nicht wieder davon reden. Aber Marietta schüttelte den Kopf, sie suchte sich zu sammeln und sagte, die Signora müsse nun alles wissen, und noch immer vor Hermine auf den Knien liegend, erzählte sie weiter: »Ich hatte Paolo in ein Sandolo springen sehen, da ließ ich den Engländer los, ich wollte meinem Manne nacheilen, ich wollte mit ihm entfliehen, aber sogleich ertönte ein neuer Hilfeschrei des Engländers; ich sehe, wie er sich aufrafft und wankend der Locanda zueilt. Im Nu bin ich wieder an seiner Seite und vertrete ihm den Weg. »Signor, Sie gehen nicht weiter, ich verbiete es Ihnen, und Sie werden keinen Lärm machen, bei allen Heiligen.« Er bleibt stehen und reißt seinen Rock auseinander, ich sehe sein weißes Hemd, mit Blut überströmt. »Er hat mich gestochen,« ruft er, »der Elende, er soll mir's büßen!« Da werfe ich mich vor ihm auf die Knie, erschüttert in Tränen. »Haben Sie Erbarmen,« flehe ich, »die Wunde wird heilen, ich selbst werde Sie pflegen, aber schweigen Sie, klagen Sie ihn nicht an.« Da faßt er mich wieder an der Hand und sieht mir in die Augen mit einem Blick, den ich nie vergessen werde. »Ich will es tun,« sagte er, »ich will schweigen; ich werde Deinen Mann nicht verfolgen lassen, wenn Du mir bei allem, was Dir heilig ist, versprichst, mit mir nach Venedig zu kommen.« – Ich habe es versprochen.«

Sie senkte den Kopf wie ermattet und zerknirscht.

»O, das gilt nicht,« rief Hermine. »Ein solches Versprechen, das man erpreßt in einem Augenblick der Verzweiflung, kann nicht bindend sein.«

»Nein, es ist nicht bindend,« sagte Marietta und lächelte ein wenig, dann hob sie den Kopf und sich das wirre Haar aus dem Gesicht streichend, sagte sie fest und entschlossen: »Aber ich muß nun doch nach Venedig, ich muß, und als er mir soeben sagen ließ, daß er in einer Stunde dahin fahre, da – es bleibt mir nichts anderes übrig, ich werde mit ihm gehen.«

»Nein, Marietta, das darf nicht sein.«

»Was soll ich tun?« rief diese und ihr Ton steigerte sich sogleich in leidenschaftlicher Weise. »Ich habe Paolo gesucht, auf allen Inseln hier herum, er ist fort, er ist nach Venedig gegangen, ich bin dessen sicher; er wird sich anwerben lassen, entweder als Matrose oder als Soldat, aber er soll's nicht tun, ich will's hindern, ich will ihn wieder haben, meinen Paolo.«

»Aber dann dürfen Sie nicht in Begleitung dieses Mannes nach Venedig gehen.«

»Ich wollte allein gehen, aber von was soll ich dort leben? Es können Tage vergehen, ehe ich Paolo finden werde. Ich hatte gestern und heute versucht, zu nähen, ich wollte mir etwas mit meinen Händen verdienen, und wenn es noch so wenig gewesen wäre, ich wollte damit auskommen; es ist mir nicht gelungen, und ich habe keine Zeit zu verlieren.«

»Und Sie wollen Ihren Unterhalt von diesem Mann bestreiten lassen, Geld von ihm nehmen?«

Marietta schlug wie beschämt die Augen nieder, aber hinter den langen Wimpern blitzte es schalkhaft und um den Mund lagerte sich jener schlau berechnende Zug, der den Italienerinnen eigen ist. Sie nickte und sagte im Flüsterton: »Ich hätte es genommen, und er wäre der Betrogene gewesen, denn niemals hätte ihm auch nur ein Wort, ein Lächeln von mir Entschädigung geboten, und wenn ich nur erst meinen Paolo gefunden, dann hätte der Abscheuliche mich nimmer zu Gesicht bekommen.«

Hermine faßte ihre Hände.

»Nein, Marietta, nein, das unwürdige Spiel sollen Sie nicht spielen, und wenn Sie nach Venedig wollen, Marietta, dann gehen Sie mit uns; Armand und ich, wir wollen Ihnen helfen, Ihren Mann zu finden.«

Das junge Weib schrie auf in jähem Entzücken, sie umfaßte die Knie Hermines und bedeckte ihr Kleid mit Küssen. Sie nannte sie ihre Wohltäterin, ihre Retterin.

Armand hatte es indes zu lange gedauert, draußen auf seine Frau zu warten. Er hatte sich der Türe genähert, hatte den Vorhang ein wenig bei Seite geschoben und war somit Zeuge dieser Szene gewesen. Er trat nun ein und damit bekam alles sogleich eine praktischere Wendung. Er wußte die junge Frau über das Schicksal ihres Mannes zu beruhigen. Paolo hatte nichts zu fürchten; die Verwundung des Engländers konnte nur eine leichte gewesen sein, und da er selbst bisher das Geschehnis geheimgehalten, so würde eine spätere Anzeige gewiß nicht zu seinen Gunsten sprechen und er würde selbst verdächtig erscheinen. Armand war damit einverstanden, daß Marietta mit ihnen nach Venedig fahre und er bat sie, sogleich alle Vorbereitungen dafür zu treffen.

Sie kehrten in die Osteria zurück und Marietta kam schon nach wenigen Minuten, sie abzuholen. Sie verließen das Haus, wieder von einer Schar Kinder begleitet, welche Tonina, die die Fremden nicht aus den Augen verloren, eiligst zusammengerufen hatte. Mit lautem Schreien drängten sie ihnen nach. Sie waren bei der Gondel angelangt. Die beiden Frauen hatten es sich nebeneinander auf dem breiten Polster bald bequem gemacht und Armand bedeutete nun dem Kansero, er möge mit seinem Haken die Gondel abstoßen.

Eine große Anzahl Menschen hatte sich indes am Quai versammelt; mit freundlichen, lachenden Gesichtern standen sie da, um die Fremden bei ihrer Abfahrt zu grüßen und ihnen nachzusehen. Als die Gondel abstieß, erhoben die Kinder ein wahres Kriegsgeheul.

Die Gondel fuhr langsam durch den schmalen Kanal, der durch die Menge von Fahrzeugen, die darin vor Anker lagen, noch mehr verengt wird. Die Kinder liefen die Fondamenti entlang, stets mit der Gondel gleichen Schritt haltend und den Abfahrenden ihre Mützen und Hände entgegenstreckend, Tonina in ungeheurer Aufregung, ihr Gesichtchen noch scheußlicher verzerrt, allen anderen voraus.

Jetzt drängte sich durch die Menge der dahineilenden Kinder ein altes, dürres Weib, es war die Tante Mariettas. Im letzten Augenblick hatte sie erfahren, daß ihre Nichte im Begriff stehe, ohne ihre Vermittelung Burano zu verlassen. Sie rief sie beim Namen und befahl ihr, auszusteigen und zurückzukommen, als aber Marietta ihr das Gesicht zuwandte und den Kopf schüttelnd, ein energisches »Nein« aussprach, da begann sie zu jammern und zu bitten, und sie gab ihr die süßesten Schmeichelnamen, als aber auch dies seine Wirkung verfehlte und Marietta unbeweglich blieb, sandte sie ihr in einem Schwall alle Flüche nach, die nur je einem italienischen Mund entströmt waren.

Armand hatte jetzt das zweite Ruder ergriffen und man kam rascher hinaus. Die Fondamenti waren zu Ende, und mit dem nächsten Ruderschlag fuhr die Gondel aus dem Kanal hinaus. Ein vielstimmiger Ruf des Bedauerns folgte ihr, die Verwegensten aber gaben sie noch nicht auf, sie nahmen ihre Hosen hoch über die Knie hinauf und begannen in dem seichten Wasser nachzuwaten, das Schiff von allen Seiten bedrängend.

»Ich bitte Dich, Armand, die laufen uns bis ins Meer nach,« rief Hermine lachend und doch beängstigt.

Armand hob statt jeder Antwort das Ruder, um es den Kecken auf die sich anklammernden Hände fallen zu lassen. Aber mit einem Schrei der Ausgelassenheit ließen sie los und warfen sich zurück, während vom Lande aus ein höhnisches »Oeh! öh!« und ein schallendes Gelächter diesen gezwungenen Rückzug begleitete. Einige der Spötter kamen ihnen drohend ins Wasser entgegen und nun begann eine tüchtige Balgerei in dem nassen, kühlen Elemente selbst.

Die Gondel entfernte sich rasch. Burano sank vor den Augen tiefer und immer tiefer in die blauen Wogen der Lagune. Die Sonne stand noch hoch; goldene Wolken waren am Himmel aufgestiegen und die weite Wasserfläche strahlte sie in funkelnden Reflexen zurück.

Möwen in großer Anzahl, weiß wie Schaumbälle, nur blendender noch, schaukelten sich in anmutiger Leichtigkeit und Lebendigkeit auf den Wogen und freuten sich des kühlenden Elements. Ein Zug Enten streifte hart an dem Wasserspiegel vorüber, man konnte sie weithin verfolgen. Hier begann schon die Einsamkeit des Meeres und dennoch Leben und Bewegung rings umher, ja, in der glanzdurchwebten, etwas bewegten Luft selbst gab es ein seltsames, leises Klingen und Singen, das mit dem Heranrauschen der Wellen zu einer Melodie sich verband und das nur von dem regelmäßigen Schlage der Ruder übertönt wurde.

Armand stand aufrecht, aber er hatte sein Ruder aus dem Wasser gezogen; er sah und horchte, er empfand den mächtigen, tief poetischen Reiz der Lagune. Auch die Frauen schwiegen, sie waren in die Kissen zurückgelehnt. Das dunkle Tuch Mariettas war von ihrem Kopfe geglitten und umhüllte die vollen Schultern, sie hielt die Hände gefaltet im Schoß und ihre  schmachtenden Augen waren halb geschlossen. Nach all der leidenschaftlichen Aufregung der letzten Tage, der letzten Stunden noch, war eine Art Friede über sie gekommen. Die Angst, die Selbstvorwürfe, die Sehnsucht hatten einem Gefühle der Hoffnung Platz gemacht.

»Wann werden wir in Venedig sein? Können wir heute noch die Schiffe besichtigen, die sich zur Abfahrt rüsten?« fragte Hermine den Gatten.

»Wir haben Zeit. Außer dem Personendampfer, der erst um Mitternacht abgeht, verläßt kein anderes Schiff den Hafen,« erwiderte Armand, »ich weiß es sicher.«

Auch der Gondelier bestätigte dies.

Marietta atmete befriedigt auf und sandte in ihrer frommen Gläubigkeit einen dankbaren Blick gen Himmel, dann versank sie wieder in ihr früheres Sinnen.

Langsam, allmählich tauchte aus dem Wasser ein grünes Eiland empor und darauf ein italienischer Glockenturm mit seiner einfachen charakteristischen Kontur und weiter zurück der Giebel einer romanischen Kirche, und sie hoben sich in scharfer Silhouette und dunkler Massigkeit von der lichten Luft ab. Und jetzt konnte man einige hohe Pinien bemerken in ihrem edlen Bau, die mit ihren weit verästelten Kronen über die Klostermauer hervorragten.

»Das Franziskanerkloster in der Einsamkeit,« erklärte der Gondelier, indem er die Insel und die Baulichkeiten mit dem Finger bezeichnete.

Marietta hob den Kopf. »San Francesco nel Deserto,« lispelte sie und es durchzuckte ihr lebhaftes Gesicht, als ob ihr plötzlich ein Gedanke gekommen wäre; die Lippen öffneten sich jäh, als hätten sie etwas zu sagen, aber sie zögerte, es auszusprechen.

»Sind Sie hier gewesen, haben Sie auch hier Ihrem Manne nachgefragt?« fragte Hermine teilnehmend.

Marietta schüttelte verneinend den Kopf und in einem etwas scheuen, ehrfurchtsvollen Ton flüsterte sie: »Was sollte Paolo hier? Hier sind nur gelehrte Patres und sie bleiben eingesperrt hinter diesen Mauern, wo sie ein heiliges Leben führen. Paolo aber ist an Luft und Bewegung, an immerwährende Arbeit und an das Meer gewöhnt, er würde es hier nicht lange aushalten; aber jetzt, in dem Augenblick, als ich den Namen San Francesco aussprach, da fiel mir's ein, daß mir Paolo einmal erzählte, daß der Bruder Pförtner in diesem Kloster sein Oheim sei, und da –« Sie stockte.

»Nun was, Marietta?«

»Ach, sehen Sie, ein armes Weib, wie ich bin, wird hier nicht Einlaß finden, aber alle Fremden kommen hierher, ihnen öffnet sich die Klosterpforte, und wenn ich daher mit Ihnen käme, da könnte ich den Pförtner sehen und sprechen, und ich möchte ihn fragen, ob er nichts wisse von Paolo, nichts von ihm erfahren habe; es wäre ja möglich, daß Paolo bei ihm gewesen, um sich Rat und Trost zu holen. O, je mehr ich nachdenke, desto wahrscheinlicher erscheint es mir, und da möchte ich Sie denn bitten, lassen Sie die Gondel halten, lassen Sie mich mit Ihnen in das Kloster gehen, erweisen Sie mir noch diesen Liebesdienst.«

Die Beiden waren gern dazu bereit. Es war ja in Armands ursprünglichem Plane gelegen, die Insel zu besuchen, und es hatte ihm einige Ueberwindung gekostet, ihn aufzugeben. Hermine war voll Erwartung und prickelnder Ungeduld, sie konnte es nicht erwarten, zu landen, um den Mönchen einen Besuch zu machen. Wie romantisch war doch alles! Sie preßte Mariettas Hand in der ihrigen und flüsterte ihr ermutigend zu: »Es wäre immerhin möglich, daß Paolo selbst im Kloster ist, aber dann müssen wir ihn auch finden und dann wollen wir ihm schon den Kopf zurechtsetzen.«

Die Gondel nahm die Richtung nach der Insel. Verkrüppelte und vom Sturm gebeugte und gespaltene Bäume entwuchsen hier dem humusarmen schmalen Streifen Landes, das sich allmählich aus den Fluten erhob; niederes Gestrüpp wucherte auf dem welligen Sande und hohe zitternde Gräser säumten die Insel und wuchsen in größerer Ueppigkeit weit in das Wasser hinein. Eine starke Mauer, auf Pfählen ruhend, umgab den Klostergarten nach der Seeseite zu; die heranrauschenden Wogen schlugen verlangend gegen dieselbe, sie umfriedete auch die Kirche und das Kloster, das hier heraus nur seine kahlen Mauern und keine Fassade wies. Keine andere menschliche Wohnung und kein menschliches Wesen war zu sehen. Einsamkeit und Oede herrschten hier, eine Abgeschlossenheit von aller Welt. Die einzigen Einflüsse, die hier empfunden wurden, waren die der Atmosphäre, Abwechselung in diese ewige Monotonie brachten bloß die Wolken.

Die Gondel legte nahe der Gartenmauer an; der Gondelier band sie an einen Pfahl und stieg mit seinen Passagieren aus. Alle vier gingen dem Kloster zu. Nur langsam kamen sie über den weichen Sand hinweg, in dem ihr Fuß tief einsank; hohe Disteln und mannigfaltiges Unkraut, von der heißen Sonne ausgedörrt, starrte ihnen entgegen und erschwerte noch ihr Vorwärtskommen. Endlich standen sie vor der Klosterpforte; der Gondelier zog die Glocke. Während dieser langen Minuten des Wartens sprach niemand ein Wort, jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt.

Endlich hörte man, daß ein Schlüssel in das Schloß gesteckt wurde. Langsam nur und widerwillig drehte sich der Schlüssel, die Türe tat sich mit einem lauten, ächzenden Gekreisch auf zu einem schmalen Spalt.

Der Pförtner, eine hohe, knochige Greisengestalt in einer schmutzstarrenden Kutte, mit bronzefarbenem Teint und weißem struppigen Bart schob sich dazwischen. Er sah mit einem mürrischen Gesicht und düsteren Augen auf die Kommenden.

»Was ist Euer Begehr?« fragte er.

Noch ehe Armand diese Frage beantworten konnte, hatte Marietta sich in die Tür gestellt und sie versuchte so weit sich vorzudrängen, als es nur eben ging.

»Guter Bruder,« sagte sie und ihr Ton klang so gewinnend süß, »Ihr seid der Oheim von Paolo Urbano, nicht wahr, ich irre mich nicht?«

»Ich bin Bruder Antonio,« sagte er rauh und wie im Widerwillen einen Schritt zurückweichend. »Was will dieses Weib?«

»Guter Bruder, ich suche meinen Mann, meinen Paolo, Euren Neffen, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, und ich bin in Angst um ihn. Habt Ihr eine Kunde von ihm, ist er vielleicht zu Euch gekommen oder hat er Euch schreiben lassen, so sagt es mir, verbergt mir nichts, bei allen Heiligen im Himmel bitte ich Euch.«

Der Alte schüttelte mit fast ungestümer Heftigkeit das Haupt. »Hinweg Du!« rief er und versuchte, indem er gegen die Tür drängte, die arme Frau einzuzwängen und sie hinauszuschieben. »Ich weiß nichts von Dir, sündiges Geschöpf, ich weiß auch nichts von Deinen Männern und Liebsten; hier in diesen heiligen Mauern ist nichts, auf was Du ein Recht hättest, nicht einmal das Recht, danach zu fragen.«

»Aber mein Paolo –«

»Dein Paolo ist nicht hier, gehe Du!«

Er wollte mit einem energischen Ruck die Tür schließen, da schob sich Armand blitzschnell dazwischen.

»He, guter Bruder, wollen Sie nicht auch gefälligst um mein Begehren fragen? Ich erlaube mir, Ihnen zu sagen, daß ich, ein Fremder, mit Erlaubnis des Priors die Klosterkirche und den Garten zu besichtigen wünsche.«

Die Tür ward wieder etwas weiter aufgemacht.

»Treten Sie ein,« war die kurze Antwort.

»Bitte, gestatten Sie zuerst dieser Dame den Eintritt, es ist meine Frau; vielleicht würden Sie gütigst den Türflügel noch etwas zurückschlagen, ich möchte sie nicht gern zerquetscht haben.«

Der Pförtner brummte etwas in den Bart, das gewiß nichts Einladendes bedeutete.

»Und Marietta?« fragte Armand. »Darf sie uns nicht begleiten?«

»Diese da mag hereinkommen,« entschied der Pförtner, mit dem Daumen eine kurze, geringschätzende Bewegung gegen Hermine machend, »diese da« – er wandte sich mit einem drohenden Blick gegen das Fischerweib – »bleibt draußen.«

Marietta sank vor Schreck in die Knie, aber Hermine flüsterte ihr noch rasch ein Trosteswort ins Ohr, ehe sie an der Hand ihres Gatten über die Schwelle schritt. Auch der Gondelier fand Einlaß, aber im nächsten Augenblick schon hatte sich die schwere Tür hinter den Eintretenden geschlossen und der Schlüssel ward energisch umgedreht und abgezogen.

Durch ein Vestibüle kamen sie in den Kreuzgang, einen schönen offenen Säulenkorridor, der einen ziemlich großen Hof von allen Seiten umgab. Unter dieser hohen Wölbung, auf diesem Marmorestrich war es erfrischend kühl, draußen auf dem gepflasterten Hofe lag der helle Sonnenschein; dünne, schwache Hälmchen waren zwischen den Steinen hervorgesproßt, sie erschienen kräftiger und grüner um die Zisterne herum, die in der Mitte des Hofes stand – ein schönes interessantes Stück mit Figurenreliefs aus dem 15. Jahrhundert. Armand besichtigte es mit einiger Aufmerksamkeit.

Indes hatte der Pförtner die Kirchentür aufgesperrt und bedeutete ihnen, sie könnten eintreten. Es schien ihm darum zu tun, ihre Neugier rasch zu befriedigen, das übliche Geschenk für das Kloster einzustreichen und sie darauf schnell wieder hinauszubringen.

Sie betraten die Kirche und durchschritten sie langsam; sie bot einiges Bemerkenswertes: einen hübschen Chor und ein gut erhaltenes Altarbild von Tintoretto: Die Heimsuchung Mariä. Durch das hohe Fenster fiel schräg ein Sonnenstrahl gerade auf das Bild und erhöhte noch den warmen Goldton der Madonna auf demselben. Es war ein schönes Gesicht, es schien zu leben, zu lächeln.

Die beiden blieben unwillkürlich, von dem Reiz dieses Bildes gefesselt, davor stehen. Armand besonders betrachtete es lange und auch er lächelte still in sich hinein; das Bild schien ihm eine Heimsuchung für die Mönche.

Der Pförtner drängte weiterzugehen; er hatte eine kleine Seitentür geöffnet und durch einen schmalen Verbindungsgang kamen sie in die Sakristei. Sie erschien ihren an die Helle gewöhnten Augen dunkel und düster und die hoch hinaufragende Holzverkleidung der Wände, die im Laufe der Jahrhunderte fast schwärzlich geworden war, machte den Raum noch ernster. Das einzige, stark vergitterte Fenster ging nach Norden und hatte die Aussicht auf die graue, arg verwitterte Klostermauer.

Der Pförtner machte sie auf die prächtigen Holzschnitzereien des Wandgetäfels aufmerksam und zeigte dann mit gravitätischer Miene auf die weit vorstehenden Gesimse desselben, auf welchem eine ziemliche Anzahl aus Wachs geformter, menschlicher Gliedmaßen aufgestellt war. Es waren Opfer, die hierher gestiftet worden, zum Andenken an gewisse Wunderkuren, die durch das anhaltende Gebet der Mönche und den dadurch erhaltenen Beistand der Heiligen erfolgt sein sollten. Arm- und Beinbrüche, Lähmungen und Skrofulose, Schwerhörigkeit und Nasenkrebs waren auf diese schmerzlose Art geheilt worden, wie diese plastischen Dankopfer bezeugen konnten. Der Gondelier stand da, seinen zerknüllten Hut in den gefalteten Händen und starrte auf diese Hände, Füße, Ohren, Nasen und Herzen. Armand nahm den Arm seiner Frau und wandte sich anderen Gegenständen zu, der Pförtner öffnete hierauf eine Tür, die mit der Holzverkleidung zusammenhing, und durch diese tretend, gelangten sie wieder in den Kreuzgang.

Der Alte in der Kutte nickte einen Gruß, damit die Fremden verabschiedend; sie hatten genug gesehen. Er zog den Schlüsselbund von seinem Gürtel. Diese Gebärde war nicht mißzuverstehen.

»Wir wünschen noch die Bibliothek und den Garten zu besichtigen,« sagte Armand; »man versicherte mich, daß dies Fremden gern gestattet werde.«

Der Alte streckte einen langen, dürren Finger aus, damit die junge Frau bezeichnend.

»Die darf nicht weiter; wir haben Klausur.«

»Gilt das auch für den Garten?«

»Nicht einen Fuß darf sie weiter setzen,« rief der Alte gereizt.

»Dann laß uns gehen, Hermine,« erwiderte der Gatte, den Arm der jungen Frau fester in den seinen ziehend.

Sie aber schüttelte den Kopf.

»Nicht so, Armand,« sagte sie deutsch. »Du mußt in das Kloster, mußt den Prior selbst zu sprechen suchen; von diesem groben, abscheulichen Alten ist nichts herauszubringen, aber frage, forsche, ich bitte Dich, ob der Mann Mariettas nicht doch hierher gekommen, ob er nicht am Ende sich jetzt noch hier befindet. Ich vermute es fast, weil der Pförtner das junge Weib so hart angelassen hat; sie möchten Paolo wohl hier behalten, ihn gar nicht mehr herausgeben, aber das dulden wir nicht.«

Die Augen der jungen Frau funkelten in kühner Widersetzlichkeit; ihr Blick traf mit einem sehr feindseligen des Alten zusammen. Die beiden betrachteten sich in unverhohlener Gegnerschaft.

»Aber ich kann Dich unmöglich allein hier zurücklassen,« bemerkte Armand.

Hermine lachte. Bei diesem hellen, fröhlichen Klang, den diese Mauern noch nie vernommen, durchschauerte es den Alten, sein durchfurchtes Gesicht nahm einen Ausdruck des Entsetzens an und er schlug rasch und verstohlen ein Kreuz.

Hermine aber flüsterte ihrem Manne zu: »Liebster, was kannst Du für mich fürchten in diesen Mauern? Geh, ich bitte Dich; ich will hier im Kreuzgang bleiben oder in der Kirche, hier oder dort findest Du mich wieder.«

»Ich werde den Gondelier bei Dir zurücklassen,« sagte der besorgte Gatte.

»Es wäre wohl unnötig, aber wie Du willst.«

Armand wandte sich hierauf an den Pförtner, den Wunsch aussprechend, sich dem Prior des Klosters vorzustellen, und wieder streckte der Alte den Finger gegen Hermine aus.

»Und sie?« fragte er. »Sie kann dem Weibe draußen Gesellschaft leisten, ich werde sie hinauslassen.«

»Ich wünsche, daß sie hier bleibe,« sagte Armand.

Der Pförtner brummte etwas in sich hinein, dann schritt er den Kreuzgang entlang. Noch einmal sah er sich nach der jungen Frau um, finster, argwöhnisch, gleichsam sich vergewissernd, ob sie denn auch nichts Schlimmes hier anrichten könne. Am Ende des Kreuzganges schloß er eine Tür auf und er und Armand verschwanden in derselben. Hermine konnte hören, daß der Schlüssel zweimal herumgedreht wurde. Sie blieb eine Weile unbeweglich auf ihrem Platze.

Der Gondelier hatte sich auf den niederen Sockel und in den Schatten der Zisterne gesetzt. Der Kopf lehnte sich gegen den kühlen Marmor, die Knie hatte er hoch hinaufgezogen und die müden Arme darüber gelegt. Man sah es ihm an, er hatte nach der anstrengenden Ruderarbeit das Bedürfnis, ein wenig Siesta zu halten. Hermine gedachte nicht, ihn darin zu stören. Er selbst wünschte ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken und zeigte mit der Hand auf die recht unbedeutenden Illustrationen einer Heiligenlegende, die den Kreuzgang schmückten. Sie nickte dankend und ging dann langsam von einem Bild zum anderen, mit geringem Interesse und großer Zerstreutheit die vielgestaltigen Lebensschicksale und Wundertaten des heiligen Franz von Assisi verfolgend. Als sie bei seinem Ende angekommen war und den Säulengang nach allen Seiten durchschritten hatte, sah sie sich wieder nach dem Gondelier um. Der Kopf war ihm tief auf die Brust gesunken, er schlief. Sie lehnte sich an eine Säule und sah in den sonnenbeschienenen Hof hinaus.

Es war so lautlos, so traumhaft still um sie herum, man vernahm nur das leise Anschlagen der Wogen an die Steinmauer, die den Garten vor der Lagune schützte; es war ein sanftes, monotones Geräusch, wie eine unablässige Klage tönte es an ihr Ohr.

Ein weißer Schmetterling kam geflogen und flatterte ängstlich um die Zisterne herum; es konnte ihm nicht behagen an diesem kahlen, öden, blumenleeren Ort, und er schwang sich wieder über die Mauer hinweg. Mit ihm schwand das einzige Zeichen von Leben. Diese Ruhe, diese Abgestorbenheit wurde ihr drückend, ihre lebhafte Jugend vermochte sie nicht zu ertragen. Sie konnte nicht länger auf ihrem Platze ausharren. Sie tat einige Schritte, unentschlossen, wohin sie sich wenden solle; da bemerkte sie, daß die kleine Tür, durch die sie herausgetreten, nicht völlig geschlossen war, sie trat ein und zog sie vorsichtig und leise hinter sich zu. Sie befand sich wieder in der Sakristei. Die Augen noch von der sonnigen Helle erfüllt, vermochte sie im ersten Augenblick nichts zu unterscheiden, nur allmählig wurden ihr die Gegenstände deutlicher und sie konnte an dem seltsamen Ort sich etwas zurechtfinden. Er erschien ihr düsterer noch und unheimlicher als vorher.

Das Gefühl des Alleinseins, des Verlassenseins kam über sie und damit eine Art Zagen und zugleich ein gewisses Zusammenfassen ihrer intellektuellen Kräfte, das ihr eine heimliche Befriedigung gewährte. O gewiß, sie fürchtete sich nicht, sie fühlte sich sehr mutig, eigentlich verwegen. Neugierig sah sie sich um. War sie auch wirklich allein, war niemand hierhergekommen? Was war das für  ein Ton? Sie glaubte ein seltsam klatschendes Geräusch zu vernehmen, es kam aus der Kirche – jetzt wieder – sie täuschte sich nicht – aber vorhin war diese leer gewesen. Sollte sie nachsehen? Sonderbar, die Türen in diesem Raum waren alle in dem Getäfel angebracht, und alles erschien hier so symmetrisch, in so durchaus gleicher Anordnung – sie wußte in diesem Augenblick nicht mehr zu sagen, welche von diesen Türen nach der Kirche führte, welche nach dem Kreuzgang, von wo sie gekommen war. Und jener große, dunkle Vorhang, was verbarg er? Bewegte er sich nicht? Es war eine Täuschung; aber weswegen achtete sie darauf? Unwillkürlich ging sie nach der helleren Seite, dem Fenster zu. Hier stand ein Tisch, auf ihm lagen die Breviere, in Schweinsleder gebunden, schwere, unbehilfliche Bücher; in mehreren derselben waren Zeichen eingelegt, ein Beweis, daß sie in Gebrauch waren. Sie öffnete eines derselben. Was für alte, vergilbte, abgegriffene Blätter mit lateinischem Text! Seit mehr als hundert Jahren hatten wohl die Mönche daraus gebetet und sie hatten einer wie der andere, ohne Unterschied, Tag für Tag, dieselben kalten, starren, verknöcherten Dogmen und Glaubenssätze daraus heruntergelesen. Ob sie ihnen wohl Trost und Erleuchtung gebracht, ob sie wohl in diese Herzen einen Strahl der Erquickung und froher Menschlichkeit gesendet?

Unter dem Tisch standen zwölf Paar Holzschuhe, darunter einige riesige Paare, wahre Kähne. Diese erregten ihre Heiterkeit. Sie mußte sich sogleich den ganzen Menschen dazu denken, einen Koloß, und sie sah ihn vor sich, wie er mit mächtigen Schritten dahin schlürfte und wie weit diese Kähne unter der braunen Kutte hervortraten. Nach anderen Objekten sich umsehend, ging sie weiter. Sie hörte jeden ihrer Schritte, selbst das leise Rauschen ihres Kleides in der sie umgebenden Stille. Es erregte ihre Nerven in eigentümlicher Weise.

Wie kann man denn nur leben an einem Ort, der wie ein Grab ist, dachte sie. Wie entsetzlich ist diese Einsamkeit, diese Abgeschlossenheit von allem, was ein Menschenherz bewegt! O diese Armen, die hier freudlos in düsterer Einförmigkeit ihr Leben verbringen, die nichts mehr lieben auf dieser Welt und von niemandem geliebt werden! Hermine schreckte zusammen. Sie hatte abermals das klatschende Geräusch vernommen, es wiederholte sich in rascher Aufeinanderfolge, dann wurde es wieder ruhig. Sie erbebte, sie wußte in diesem Augenblick, was dies zu bedeuten habe, wodurch es hervorgerufen. Ihre Augen hafteten auf den Riemen, die da an einem Nagel aufgehängt, und von denen einige mit Stacheln versehen waren; es waren Geißeln und es waren Geißelschläge, welche ein Mönch unbarmherzig nach seinem eigenen Körper geführt hatte.

Ein Grauen erfaßte sie vor dieser Selbstpeinigung. Sie, mit ihrem jungen Herzen voll Liebe und Fröhlichkeit, sie begriff nichts von der Krankheit der Askese, die dieses Leben verachtet, absichtlich die Sinne ertötet, um sich für ein Leben nach dem Tode vorzubereiten, das kein Leben mehr ist. Sie vermeinte, es müßten Wahnsinnige sein, die so etwas vollführten, und Angst stieg ihr auf, es könnte ihr einer derselben entgegentreten. Sie wollte fort, sie wollte wieder nach dem Hofe, wo die Sonne schien, wo der Gondelier schlief; da knisterte etwas über ihrem Haupte, sie sah empor, sie sah die wächsernen Hände; ein zitterndes Reflexlicht, das von der gegenüberliegenden Mauer durchs Fenster fiel, lag auf ihnen, die Finger schienen sich darunter zu bewegen, sich auszustrecken – langten sie nicht zu ihr herab? Wollten sie sie nicht erfassen mit kaltem Griff, sie festhalten? Sie sprang zurück, von Abscheu und einem wilden Entsetzen erfaßt – sie suchte die Tür – sie befand sich vor dem dunklen Vorhang – auch er bewegte sich – was war dahinter? Ihre Pulse flogen, ihr Körper zitterte, fast außer sich, in nervöser Energie streckte sie die Hand danach aus und schlug den Vorhang zurück.

Eine dunkle Mönchsgestalt stand dahinter. Sie stand in der Maueröffnung, die in die Kirche, und zwar nach der Rückseite des Hauptaltars führte; das blendende Sonnenlicht drang herein und umflutete mit seinem hellen Schein die dürre, asketische Gestalt des noch jungen Franziskaners. Hermine vermochte einen Schrei der Ueberraschung, des Schreckens nicht zu unterdrücken.

Der Mönch, den Vorhang vollends zurückschiebend, trat ihr einen Schritt entgegen. Seine Augen, die tief in dem blassen, abgemagerten Gesichte lagen und in einem sonderbaren Feuer glänzten, suchten den ihrigen zu begegnen; sein Haupt neigte sich, es war, als müsse nun ein heißes Wort aus dem Munde quellen, der in bebendem Verlangen sich öffnete; aber er sah, wie die junge Frau vor ihm zurücktrat, wie ein Ausdruck des Abscheus ihr Gesicht verzerrte, und seine blassen Lippen schlossen sich und preßten wie im heftigsten Schmerz sich zusammen, er streckte eine Hand aus, sie schien zu zittern, aber er winkte mit heftiger, gebieterischer Gebärde die Fremde hinweg.

Hermine stürzte nach der anderen Seite, sie stieß die Tür auf, die ihr zunächst war, es war diejenige, die nach dem schmalen Verbindungsgange und da hindurch in die Kirche führte; sie rannte vorwärts, sie fühlte, wie ein Schwindel sie erfaßte, wie ihre Sinne sich verwirrten; nur eines Willens war sie sich bewußt: hinauszukommen, nur fort von hier. Sie mußte durch die Kirche, wenn sie nicht zurück durch die Sakristei ihren Weg nehmen wollte. Und wieder befand sie sich vor einer Tür und sie öffnete sie rasch.

Sie war nicht in der Kirche. Mit vor Angst fast verstörten Augen sah sie um sich. Sie befand sich in einem Raum, ganz ähnlich dem der Sakristei, nur ringsum hohe Schränke, an den Wänden, auf dem Marmorboden waren Bücher hin und her geworfen und ein Mönch in etwas ungeordneter Kutte und in fast liegender Stellung daneben ausgestreckt. Als er sie erblickte, sprang er in die Höhe.

Hermine drückte sich gegen die Tür, sie versuchte sie zu öffnen, ihren zitternden Händen gelang es nicht.

»Ich will hinaus!« rief sie und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, »ich will zu meinem Mann.«

Der Mönch war im nächsten Augenblick an ihrer Seite.

»Sogleich, Signora, ich will Sie führen. Sie fürchten sich doch nicht vor mir? O, Sie sind so schön, und es tut einem armen Menschen wohl, wieder einmal etwas Liebes, Freundliches zu sehen.«

Ueberrascht sah sie auf. Das klang so frisch, so fröhlich, so gar nicht mönchisch; mit zagender Neugier wendeten sich ihre Augen seinem Antlitz zu.

Es war ein junger Mann, der vor ihr stand, nicht allzu groß, doch kräftig gebaut, das hübsche Gesicht stark gebräunt; die dunkeln Augen begegneten den ihren mit einem Ausdruck von Gutmütigkeit und einer etwas schelmischen Zärtlichkeit.

Sie errötete, aber alle Angst war mit einem Male verflogen.

»Sie werden mich nach dem Kreuzgang führen, ich bitte Sie darum,« sagte sie und lächelte dabei recht anmutig.

Er schüttelte sich, wie jemand, der aus dumpfer Betäubung sich plötzlich aufgerüttelt fühlt und dem das Blut wieder rasch und feurig in neuerstandener Lebenslust durch die Adern braust; er fuhr mit der Hand in das dichte, wirre Haar, das ihm sehr ungeordnet über die Stirne hing, als müsse er seinen Kopf halten, damit er nicht verrückt werde.

»Ich werde alles tun, was Sie wünschen; gestatten Sie mir nur, daß ich vorher noch meine Kugeln zusammensuche, die da am Boden herumrollen.«

In der Tat, am Boden war eine ziemliche Anzahl größerer und kleinerer Kügelchen nach einem gewissen System in Häufchen zusammengetan, während andere regellos um dieselben herumrollten. Er war bei ihrem Eintritt auf dem Marmorboden ausgestreckt, damit beschäftigt gewesen, die größeren Kugeln in diese Häufchen hineinzuschleudern, wodurch sich bestimmte Figuren bildeten.

Hermine trat neugierig näher.

»Hat das solche Eile?« fragte sie. »Lassen Sie die Kugeln liegen.«

Er hatte ein pfiffiges, etwas geheimnisvolles Lächeln. »Das geht nicht,« sagte er flüsternd und sich rasch bückend, um sie aufzuheben, »es ist mein Rosenkranz.«

»Ihr Rosenkranz?« wiederholte Hermine verblüfft.

Er nickte etwas verlegen. »Ich habe ihn ein wenig zu meinem Zeitvertreib benützt; ich liebe das Kugelspiel so sehr und sie haben mich da hereingeschickt, die Bücher vom Staube zu reinigen, das war so langweilig.«

Hermine lachte auf, laut, mit der plötzlich aufspringenden Lustigkeit eines Kindes, und er, als wäre er von einem Banne erlöst, lachte mit, lauter noch und herzlicher, dabei immer noch mit sorgsamer Hast die Kügelchen auflesend.

Hermine war hinter ihn getreten und jetzt schlug sie plötzlich in freudiger Ueberraschung in die Hände.

»Sie haben keine Tonsur, nicht eine Spur davon, Sie sind ja gar kein Mönch.«

Er, auf ein Knie gestützt, sah sich nach ihr um.

»Nein, ich bin kein Mönch, aber ich wollte trotzdem im Kloster bleiben, als dienender Bruder, denn ich –«

Er ließ plötzlich alle Kugeln, die er gesammelt, seinen Händen entgleiten und die Hände über sein Gesicht schlagend, brach er in ein leidenschaftliches Schluchzen aus. »Ach, Signora, ich bin doch einmal unglücklich, ich bin elend und mir ist nicht zu helfen!«

Sie blieb vor ihm stehen, die guten, mitleidigen Augen auf den unglücklichen Bruder geheftet, ein wenig zagend, ein wenig nachdenklich; dann sagte sie leise, ganz leise, mit einem milden, tröstenden Ton: »Paolo!«

Er fuhr auf und sprang in die Höhe.

»Sie kennen mich, Signora, Sie kennen meinen Namen?«

Sie nickte. »Ich kenne auch die Geschichte Ihrer Verheiratung, ich kenne Ihre Frau.«

»Die Falsche, die mich betrogen hat! O, Signora, ich muß hier bleiben, ich muß mein Leben hier verbeten und verweinen, denn sonst müßte ich sie töten!«

»Aber Marietta ist unschuldig, sie ist gut und rein und liebt ihren Paolo so wahr, von ganzer Seele.«

Die sprechenden Züge des jungen Mannes drückten die wechselnden Empfindungen aus, ein Aufflammen unsagbaren Entzückens, das wieder unterging in Zweifel und Zorn.

»O, täuschen Sie mich nicht, Signora, es ist nicht wahr, ich habe es gesehen, habe es mit meinen Augen gesehen, wie sie an seiner Seite niederfiel und seinen Hals umfaßte, als ich ihn niederstach; nur für ihn fühlte sie, nur an ihn dachte sie in diesem fürchterlichen Augenblick, nicht an mich.«

»Sie dachte nur an Sie, sie hat es mir erzählt, sie beugte sich zu dem Engländer herunter, um ihn am Schreien zu hindern, damit Sie fliehen könnten.«

Paolo fiel vor ihr auf die Knie.

»Ist's wahr, ist's möglich? Sagen Sie mir keine Lüge, Signora! Aber was Sie wissen, das wissen Sie von ihr, und sie wird Sie betrogen haben, wie sie mich betrogen hat mit diesem Engländer.«

»Sie glauben, daß sie den Engländer lieb hat? Das ist nicht wahr! Hätte sie dann ihre Tage und Nächte in Kummer und Tränen um ihren Mann verbracht, wäre sie dann ausgefahren, um ihn zu suchen, um ihm seinen Irrtum aufzuklären, um ihn zu sich zurückzuführen? Gehen Sie, Sie haben sie nicht gesehen in ihrer Angst und Sehnsucht, in ihrem heißen Schmerz; aber ich habe sie gesehen, und ich sage Ihnen, sie liebt Sie mehr, weit mehr, als Sie es verdienen!« Und rasch, in fliegender Hast, setzte sie noch einige Erläuterungen bei.

Er horchte, er nickte, er glaubte. Eine wilde, leidenschaftliche Freude brauste in ihm auf.

»O, mein treues Blut, mein Herzensweib, meine Seligkeit!« rief er, und dann wütete er gegen sich selbst, er zerschlug sich die Brust, er raufte sich das Haar. »Sie liebt mich, und ich bin da, im Kloster, unter diesen Mönchen, die kein Herz haben! Was wollte ich denn nur da?! Ach, wenn ich sie wiedersehen könnte!«

»Sie sollen sie wiedersehen,« sagte Hermine, die den Rasenden zu beruhigen suchte.

»Aber heute noch, schnell, ich will zu ihr, ich will meine Marietta wieder haben!«

»Freilich, aber warten Sie nur, bis mein Mann zurückgekommen sein wird.«

»Ich brauche Ihren Mann nicht, ich will meine Marietta, ich will fort.«

Hermine stellte sich ihm entgegen und rief ungeduldig: »Aber wie denn? Der Pförtner hat den Schlüssel abgezogen und trägt ihn bei sich; der läßt Sie gutwillig gar nicht hinaus, denn er will Sie hier behalten.«

»Oho, er soll's versuchen! Kein Gott wird mich zurückhalten, und wenn sie mir die Pforte nicht öffnen, so springe ich über die Gartenmauer in die Lagune und schwimme nach Burano.«

»Das wird nicht nötig sein,« versicherte Hermine, und dann leiser: »Marietta ist hier.«

Er blieb einen Augenblick fassungslos, er starrte sie an, dann stieß er einen Jubelruf aus und stürzte gegen die Tür. Sie lehnte sich mit dem Rücken an dieselbe.

»Seien Sie jetzt vernünftig, hören Sie mich.«

»Ich will zu meiner Marietta, lassen Sie mich hinaus!«

»Ja, ja, aber machen Sie nur kein Geschrei!«

»Wo ist sie denn, wo?«

»Vor dem Kloster.«

»Sie haben sie nicht hereingelassen?«

»Ihr Oheim hat sie grob zurückgewiesen.«

»Und sie weiß, daß ich hier bin?«

»Sie weiß es nicht. Der Pförtner hat Ihre Anwesenheit geleugnet, und die arme Marietta verzehrt sich noch immer in Angst und Sorge.«

»Aber sie soll sich nicht verzehren!« schrie Paolo in äußerster Ungeduld und Erregung. »Sie soll erfahren, daß ich hier bin, sie soll wissen, daß ich sie noch immer liebe, und das sogleich.«

Er streckte in sehr energischer Weise die Hand nach der Tür aus.

»Was wollen Sie tun?«

»Ich gehe auf den Glockenturm und stelle mich an das Fenster, dort wird sie mich sehen – und hören.«

»Und sieht man von dort in den Klostergarten?«

»Ueberall hin, nach allen Richtungen.«

»Dann gehe ich mit Ihnen.«

Schon hatte er die Tür aufgemacht, die Zwei huschten hinaus. Der schmale Gang war leer.

»Wir müssen hier durch und nach dem Hof, von dort führt eine Treppe aufwärts.«

»Pst,« machte sie, »wenn man uns nur nicht bemerkt.«

Hastig und leise eilten sie vorwärts; am Ende des Ganges öffnete sich eine kleine Tür nach dem Hofe. Paolo streckte den Kopf vor und sah hinaus, auch im Hofe befand sich keiner der Patres. Er nahm Herminens Hand und sie flogen mehr als sie gingen, ein kleines Stück des Hofes durchschneidend, dem Turme und der Treppe zu und verschwanden in dem aufwärtsführenden Teil desselben. – –


* * *


Im Garten promenierten die Mönche. Soeben war auch Armand, von dem Prior geleitet, dahin gekommen. Dieser hatte den Fremden, der sich ihm vorgestellt, in liebenswürdiger Weise empfangen; auf die Nachfrage um Paolo hatte er indes nur ausweichend geantwortet. Es kämen wohl zum öfteren arme Fischer herüber, um sich Rat zu holen oder um fromme Fürsprache zu erbitten, er selbst aber verkehre nur in den seltensten Fällen mit diesen Menschen. Der Pförtner werde jedenfalls bessere Auskunft geben können. Als Armand hierauf den Wunsch äußerte, den Garten zu besichtigen, bot er sich selbst als Begleiter an.

Armand war ein wenig Poet und seine Phantasie hatte diesen Klostergarten inmitten der Lagune mit ganz eigentümlichen Reizen ausgestattet. Er stellte sich vor, wie die Mönche in den schattigen, duftenden Laubgängen des italienischen Gartens wandeln und dann wieder hinaustreten, um den Blick auf die weite, nie ruhende Wasserfläche zu genießen, die in ewig wechselnder Farbe und Beleuchtung jede Nuance des Firmaments widerstrahlt. Er kannte ja den mächtigen, unbegreiflichen Zauber, den ein weiter Horizont auf das Gemüt des Menschen zu üben vermag. Die Vorstellungen weiten sich und die Empfindungen und die Gedanken, durch nichts beengt, schweifen in unendliche Fernen. Es gibt nichts, was die Einbildungskraft mehr erhöhte, die Phantasie mehr anfeuerte als die Ebene und das Meer. Sollten die Einsiedler von San Francesco diesen Zauber nicht empfunden haben? Sollten sie die gewaltigen und erhebenden Schönheiten der Natur nicht auf sich wirken lassen? Gewiß, und dies mußte sie entschädigen für alles, was sie in sonstiger Lebensfreude dahingaben.

Er betrat nun den Garten und – welche Enttäuschung! Das Herz zog sich ihm zusammen vor dieser häßlichen, poesielosen Wirklichkeit. Es war ein ziemlich großer, sehr verwahrloster Garten, den man in seiner Nacktheit vollständig übersehen konnte und der auf allen Seiten von Mauern umgeben war.

Dürftige, von der Sonne ausgetrocknete Erbsen- und Bohnenpflanzen rankten sich an kurzen Stäben, dazwischen dunkle Hecken und Taxus; ein Kartoffelfeld okkupierte den rückwärtigen Teil und zog sich bis an die Mauer, die nach dem Wasser ging. Dort standen auch die schönen Pinien, sie allein sahen über dieselbe hinweg, sie allein erspähten die wechselnde Szenerie der Lagune; für die menschlichen Bewohner gab es keinen Ausblick über diesen hohen, kahlen, vom Sonnenlicht grell beschienenen Steinwall. Hier war die Grenze ihres Sehens, ihres Seins, darüber hinaus gab es für sie nichts.

Zwei alte, hagere Patres wandelten zwischen den Taxushecken auf und nieder, das Haupt gesenkt, den Rosenkranz in den gefalteten Händen. Zwei jüngere waren mit Gartenarbeit beschäftigt.

Der Prior geleitete den fremden Besucher die Beete entlang, er ging langsam und schweratmig, er schien des Gehens entwöhnt; er zeigte auf die Rettiche und die Kartoffeln und meinte: »Sie gedeihen gut in dem sandigen Boden, aber was fette, kräftige Erde braucht, das geht hier zugrunde, es trocknet aus.«

Armand nickte zustimmend. Er warf einen Blick über die Rettiche hinweg nach den Mönchen, die so welk, so fahl, so zerfallen aussahen.

Sie schritten weiter, den Mönchen entgegen. Eine Schar Krähen flog mit großem Geschrei vom Turme auf und über ihren Köpfen hinweg. Die Patres blickten in die Höhe und blieben plötzlich stehen wie festgebannt, die Augen starr, in maßlosem Staunen nach dem Turme gerichtet. Ihre blassen Wangen schienen noch tiefer einzufallen, während ein dumpfes Stöhnen sich ihrer Brust entrang.

Der Prior und Armand wendeten sich nun befremdet ebenfalls um und ihre Blicke folgten der Richtung, welche die Augen der Mönche ihnen bezeichneten. In dem weiten Fenster des Glockenturmes stand eine lichte Frauengestalt und die sich neigende Sonne beleuchtete sie mit ihren goldigen Strahlen.

Den Lippen des Priors entfuhr ein ächzendes »Ah!« Jetzt ward auch die Aufmerksamkeit der jungen Mönche auf diesen Punkt gerichtet und gefesselt. Ihr Entzücken schien jedoch größer als ihr Schreck; sie falteten die Hände.

Die Lichterscheinung trat bis auf den äußersten Rand heraus, auch sie sah auf die Männer herab, sie winkte ihnen zu und jetzt führte sie die Finger an den Mund und warf dem Prior eine Kußhand zu.

Die alten Patres bekreuzigten sich, die jüngeren taten es ihnen nach, aber sie sahen doch unverwandt hinauf und die Augen traten ihnen in dem Bestreben, noch Genaueres zu unterscheiden, fast aus den Höhlen.

Armand hatte bereits dem erschreckten Prior zugerufen: »Es ist meine Frau!« Aber dies schien den Hochwürdigen keineswegs zu beruhigen. Sein orangegelbes Gesicht färbte sich purpurn.

»Wie ist sie da hinaufgekommen?« rief er. »Wir haben Klausur, es ist eine Verletzung der Klosterzucht, es ist –«

»Ich will sie sogleich wieder herunterholen,« versicherte der Gatte, und schon schickte er sich an, diesen Vorsatz auszuführen, als ein lauter Ruf der Mönche ihn einhalten ließ.

»Ein Pater,« riefen sie alle, »ein Pater, da oben, neben ihr!«

In der Tat, neben der lichten Frauengestalt zeigte sich eine dunkle Kutte und der darunter steckte, tat nicht eben schüchtern mit der jungen Frau, er sprach mit ihr, er gestikulierte heftig, als ob er sie zu etwas überreden wollte, und jetzt ergriff er sie an der Hand und führte sie hinweg.

Ein allgemeines, empörtes Murren ließ sich vernehmen, und es steigerte sich zu einem Schrei der Wut.

Auch Armand war auf das äußerste betroffen. Was sollte das bedeuten? Was hatte sie mit jenem Pater, wohin war sie ihm gefolgt? Er wollte es erfahren, er wollte Rechenschaft von diesem Vorfall und sogleich. Er wollte fortstürmen, aber der Prior hielt ihn an der Hand zurück und wieder zeigte er nach dem Turm.

Die beiden waren jetzt in dem nächsten Fenster sichtbar geworden. Man konnte bemerken, wie sie einem Untenstehenden, außer dem Kloster Befindlichen zuwinkten und sich ihm verständlich zu machen suchten; man vernahm sogar ihre Stimme in einem gemeinsamen Ruf.

Der in der Kutte gebärdete sich immer auffälliger, er gestikulierte, er sprang und tanzte wie toll herum, jetzt riß er die weiße Schnur vom Leibe, drehte sie in einen Knäuel zusammen und warf sie hinab.

Ein Geheul beantwortete diese freche Entheiligung, und nun sprangen sie alle, nicht mehr des Weges achtend, über die Beete hinweg und eilten nach dem Hofe, sie drängten nach dem Turme zu. Armand war den anderen voraus, der Prior keuchte hinterdrein.

Im Hofe kam ihnen der Pförtner entgegen, er rang die Hände. »O Weiber, Weiber! Die eine schreit oben, die andere schreit unten, San Francesco, sei uns gnädig!«

Man war bei dem Turme angekommen, Armand sprang gegen die Treppe, da hörte man leichte, geflügelte Schritte eines Herunterkommenden. Die Mönche rotteten sich zusammen. Ein weißes Kleid wurde sichtbar. »Hermine!« rief Armand.

Sie stürzte ihm entgegen, sie warf sich an seinen Hals.

»Sie haben sich gefunden, sie lieben sich, sie sind glücklich!« rief sie, noch ganz atemlos, in freudiger Erregung.

Er drückte sie an sich, er war so froh, sie wieder zu haben.

Ein zorniges Gemurmel ließ sich vernehmen, die Mönche nahmen eine drohende Haltung an.

»Der Pater,« riefen sie, »wo ist der Pater?«

Auch die Tür des Verbindungsganges ward geöffnet, ein junger, blasser Franziskaner, derselbe, der in der Kirche gewesen, drängte sich, einen scheuen und doch verzehrend heißen Blick nach Hermine werfend, hinzu.

Jetzt polterte es auf der Stiege, zwei Füße wurden sichtbar, im nächsten Augenblick stand der junge Fischer ohne Kutte, in seinem Hochzeitsstaate, den er in der Turmkammer aufbewahrt und nun rasch über sich geworfen hatte, vor ihnen.

»Paolo!« erscholl es wie aus einem Munde.

»Paolo!« wiederholte auch Armand, dem mit einem Male alles klar geworden und der nun seiner kleinen Frau zärtlich in die Augen sah. »Unser Paolo!«

Sie winkte stolz. »Ich habe ihn gefunden, Armand, ich habe ihn aufgestöbert.«

Auch der Prior war nun vor der Treppe angelangt und sein Zorn, wie der der übrigen, wendete sich gegen den unwürdigen Burschen, der in so herausfordernder Weise die Klosterregeln verletzt hatte. Und doch waren sie sämtlich erleichtert, daß er es war und kein anderer, dem ein so schweres Vergehen zur Last gelegt werden konnte.

»Du schlechter, ungetreuer Knecht,« rief der Prior, indem er nach Luft schnappte, »ich will über Dich zu Gericht sitzen, Du hast die ärgste Züchtigung verdient und die soll Dir werden. Führt ihn hinweg!«

Paolo machte eine energische Wendung. »Laßt mich ganz hinaus, hochwürdige Herren, ich gehorche nicht länger dem Klosterzwang, ich will ins Leben zurück, ich will zu meinem Weibe.«

Der Pförtner fuhr ihm dräuend mit der geballten Faust entgegen. »Unglücklicher, ich wollte Dich retten und nun willst Du Dich dem Weibe wieder überantworten und der Verdammnis!«

»Bei Euch ist der Tod, ich will noch leben, ich will noch glücklich sein, gebt mich frei.«

»Sie werden ihn gewiß nicht wider seinen Willen zurückhalten,« sagte Armand, sich an Paolos Seite stellend, mit großer Bestimmtheit.

»O nein,« rief Hermine und mit einem scheuen, bittenden Blick und ihrem wärmsten Ton sich direkt an die Mönche wendend, fuhr sie erregter fort: »Haben Sie doch Mitleid mit zwei jungen Herzen, die sehnsüchtig einander entgegenschlagen; sie lieben sich, können Sie denn das nicht begreifen? Viele von Ihnen sind ja selbst noch jung und Sie könnten noch glücklich sein; Sie sollten es auch, Sie sollten sich wieder der Freude zuwenden, dem Leben. Das Leben ist so schön, hier wissen Sie nichts davon und werden an diesem Orte zu traurigen, kalten Gespenstern; darum verlassen Sie das Kloster, glauben Sie mir, es wäre auch für Sie das Beste, werden Sie wieder weltlich –«

Sie konnte nicht ausreden, ihr Gatte hielt ihr den Mund zu; er war zuerst über dies Herausplatzen ihrer modernen Weltanschauung, die sich diesen Mönchen gegenüber in so ungeheuer naiver Weise äußerte, ganz verblüfft gewesen; jetzt galt es, die kleine Unbesonnene, die sich unterfangen, unter diesen heiligen Männern für ihr fröhliches Menschentum Proselyten zu werben, vor dem Ausbruche ihrer Empörung zu schützen.

Ein Lärmen, ein wirres Durcheinander von Stimmen und Anrufen der Heiligen ließ sich vernehmen; wie in Verschwörungen fuchtelten viele Arme, die in ihrer Fleischlosigkeit aus den Kutten hervorsahen, in der Luft herum, dann gipfelte die Entrüstung in dem allgemeinen Ruf: »Hinaus, hinaus!«

Der Prior allein war keines Wortes mächtig; das Entsetzen hatte ihn sprachlos gemacht; schwer keuchend wies er nach der Tür.

Armand, seine Frau am Arme, schritt rasch gegen dieselbe. Als Hermine bei dem jungen Franziskaner vorüberkam, traf sie wieder sein dunkler Blick, er war wie der eines Sterbenden; die übrigen drängten dem Paare nach, und als er nun allein zurückblieb, warf er sich auf den Boden und küßte mit heißen, trockenen Lippen, die Stelle, auf der ihr Fuß geweilt.

Man war im Hofe angekommen, wo der Gondolier gewartet hatte, er staunte ein wenig über die zahlreiche Begleitung seiner Passagiere, aber er merkte bald, daß ihre Expedition mit weniger Höflichkeit als Eile vor sich ging. Man hörte jetzt das Pochen Mariettas und ihre lauten, drängenden Rufe: »Paolo, Paolo!« Der Pförtner stieß mit einem Fluche den Schlüssel in das Schloß.

»Die Hölle ist los!«

»Hinaus, hinaus!« schrie es hinterher.

Paolo war der erste, der, alles beiseite schiebend, zur geöffneten Pforte hinaussprang und seiner Marietta mit einem Jubelruf in die Arme fiel. Im nächsten Augenblick war auch das zweite Paar im Freien und die Klosterpforte fiel krachend hinter ihnen ins Schloß. Sie sandten keinen Blick mehr nach rückwärts, sie faßten sich an den Händen und liefen dem Ufer zu. Paolo mühte sich, sein Sandolo, mit dem er hierhergekommen und das umgestürzt am Strande lag, wieder flottzumachen. Mit Hilfe Mariettas war dies bald geschehen und sie bestiegen das Fahrzeug. Sie hatten ihren neuen Freunden das Versprechen gegeben, sie morgen in Venedig zu besuchen, heute drängte es sie, ihr Heim zu erreichen. Die beiden Paare riefen sich noch ein herzliches »Auf Wiedersehen!« zu, dann trennte man sich.

Aneinandergeschmiegt, die lachenden Augen ineinandergesenkt, schwammen sie in dem leichten Fahrzeuge dahin. Sie schwelgten mit allen Sinnen in ihrem Glück, sie empfanden seine gesunde Wirklichkeit und ihre Herzen durchbebte der schöne Glaube, daß der Mensch zur Freude geboren sei und zur Glückseligkeit.

Auf San Francesco aber, in der einsamen Klosterzelle, wand sich stöhnend und betend ein junger Pater unter den Geißelhieben in grausamer Selbstpeinigung. Es galt den Leib mit seinen vom Satan inspirierten Gelüsten zu züchtigen; es galt die Abtötung des Fleisches, um sich dadurch besonderer Gnade und Auszeichnung im Jenseits zu versichern. –


* * *




Poldl, der Zimmermann.

I.

Leopold Straßmayer, genannt der Mayer-Poldl, war ein »lediges Kind«, wie es in dem salzburgischen Flecken, am Ufer des bergumschlossenen Sees, so viele gibt.

Die Mutter hatte den Knaben bald nach seiner Geburt zu ihren Eltern gebracht, die aus Bayern nach Seethal eingewandert waren und neben der Kirche ein Häuschen besaßen. Sie war in die Stadt zurückgekehrt und dort gestorben, ohne ihr Kind wiedergesehen zu haben. Der Poldl war unter der Obhut der Großeltern zu einem hübschen, kernfrischen Buben herangewachsen, der im Winter die Schule besuchte und im Sommer das Vieh auf die Weide trieb.

Bald hauste er allein mit dem »Ahnl« in dem bereits arg verschuldeten Häusel, dessen Decke mit Einsturz drohte. Poldl flickte es aus, so gut es ging, und betreute den Alten mit liebevoller Sorgfalt bis an sein Ende. Dann kamen die Gläubiger und legten auf alles Beschlag, und dem Poldl war nichts geblieben, als eine gemalte Truhe und einige alte Lederhosen. Er verdingte sich als Holzknecht; ein Leben der Arbeit begann. Es sagte ihm zu und er entwickelte sich dabei immer kräftiger.

Er war hochgewachsen, breit von Brust und Schultern, mit gewaltigen Gliedern. Als er nach Salzburg zur Stellung kam, wurde er für untauglich erklärt. »Hypertrophie der Muskeln,« hieß es. Aber die Herren der Kommission hatten sich einmal getäuscht. Seine Muskeln waren keineswegs krankhaft entwickelt, sondern kerngesund, voll und strotzend, wie es eben bei jungen, sehr kräftigen Männern vorkommt. Als er aus der Stadt zurückkam, ging er direkt zu dem alten Moser, dem Zimmermann, der auf der Höhe des Passes wohnte, und überbrachte Grüße von seiner Tochter, der Sepherl.

Diese war vor einem Jahre zu ihrer Tante in die Stadt gekommen, um das Nähen zu lernen, und er hatte sie dort besucht. Er ließ sich nicht weiter über sie aus, aber er begann seine Zukunft ins Auge zu fassen, und da zeigte es sich, daß er mit ehrgeizigen Plänen sich trug: er wollte Zimmermann werden.

Er ließ sich aufdingen, und Woser, der bei dem Bauunternehmer Hofer Vorarbeiter war und seine Sache verstand, brachte ihn auf den Zimmerplatz. Es zeigte sich bald, daß der Poldl rasch auffaßte, und daß ihm die Arbeit, die grobe wie die feine, trefflich von der Hand ging.

Die Jahre vergingen. Seine Lehrzeit näherte sich ihrem Ende. Auch die Sepherl war ausgelernt und in das Vaterhaus zurückgekehrt. War das ein Staunen im Ort, wie die sich verändert hatte. Ein richtiges Fräulein war sie geworden, groß, schlank und hübsch. Nur gar zu weiß war die Haut, und wie sie ging und redete, das war schon extrafein.

Sie trug moderne Kleider und echte Ohrringe, und selbst ihr Vater nannte sie Josephine.

»Die künnt uns g'stohl'n werden,« sagten die Burschen, die mit ihr anbandeln wollten und die sie stolz abgewiesen, »das soll a jung's Dirndl sein? Die tut wie ein' alte Jungfer – meintwegen kann s' pamstig werden.«

Der Poldl aber freute sich, daß sie mit keinem ging, denn zu ihm war sie freundlich, und wenn sie ihm begegnete, blieb sie stehen und redete ihn an: »Haben heut' wieder einen schönen Tag,« sagte sie dann, spitzte das Mündchen und lächelte ihm zu. Ach Gott, sie war noch viel herziger, wie damals in der Stadt, wo sie miteinander die Wasserkünste besuchten. Da hatte sie's ihm angetan, aber was nützte das; jetzt war sie ein Fräulein, und er mußte sich die dummen Gedanken aus dem Kopfe schlagen.

Vielleicht wäre es ihm gelungen.

Aber als er jetzt freigesprochen war und einen fixen Wochenlohn hatte, wurde Vater Moser plötzlich sehr freundlich zu ihm und forderte ihn wiederholt auf, ihn ein Stück zu begleiten. Und der Alte war so gesprächig, und man kam die steile Höhe hinauf und stand vor dem Hause, man wußte nicht wie.

Josepha saß an der Nähmaschine am Fenster. Er kam heran und nickte ihr mit seinem breitesten Lächeln zu.

»Grüß Gott,« lispelte sie.

»Grüß Gott,« sagte er, wurde rot, drehte sich um und stampfte wieder den Berg hinab. Aber nach und nach hatte er es nicht mehr so eilig.

Die Tage waren kürzer geworden.

Es dämmerte bereits, als einmal nach Feierabend Poldl, das Beil geschultert, den Vater Moser nach Hause begleitete. Sie setzten sich auf die Bank ins Freie. Ein kleines, dickes Mädchen, Hannerl, Mosers jüngere Tochter, brachte einen brennenden Spahn aus der Küche, wo sie eben das Nachtmahl kochte, und zündete ihnen die Pfeifen an.

Da saßen sie nun, unendlichen Rauch entwickelnd, der Junge ebenso stumm und würdevoll wie der Alte, und sahen von ihrem hohen Standpunkt aus gegen die Berge, hinter denen die gelbe Mondscheibe emportauchte.

Die Luft war milde und ruhig. Das Geräusch des Ortes drang nicht bis herauf. Man vernahm nur das Zirpen der Grillen, das mit seinen schrillen Tönen die ganze Natur zu erfüllen schien, und das harte, rasselnde Geräusch der Nähmaschine, das aus dem geöffneten Fenster drang.

Dort saß Josepha, wie immer, mit vorgebeugtem Körper, über der Arbeit. Eine kleine Petroleumlampe erleuchtete das hübsche, etwas müde Gesicht des Mädchens. Eine Anzahl Mücken und Schmetterlinge umkreisten das Licht, sie achtete nicht darauf. Die Pedale flogen unter ihren Füßen; jetzt hielt sie das Rad an, gleich darauf war es wieder in Schwung und raste weiter.

Poldl hatte plötzlich die Pfeife aus dem Munde und den alten, entfärbten Lodenhut vom Kopfe genommen. Seine rötlichen Haare, die an den Schläfen in goldenen Büscheln sich lockten, starrten in struppiger Fülle; er fuhr mit den großen Fingern in sie hinein und wirbelte sie noch höher.

»Heiß is's,« sagte er mit einem sonoren Ton und atmete tief, so daß das grobe Leinenhemd, das auf der Brust offen stand, sich noch weiter auseinanderschob, »und spät – daß die Josepha noch immer arbeit'.«

Vater Moser nickte behaglich: »Sie hat die Maschin', dabei tun sich die Frauenzimmer nit weh.«

»Das ewige Sitzen,« brummte Poldl in sich hinein, »das kann dem Mädel nit gut tun.«

»Zu was hätt' s' denn 's Nahen g'lernt, wenn s' nit sitzen sollt,« brauste der Moser auf, »die zwei Jahr in Salzburg, meinst, die war'n billig? Und jetzt die Maschin',« er begann dem Poldl vorzurechnen, welch schwere Opfer er gebracht hatte, »wenn s' jetzt nit fleißig wär, na, wär nit übel.«

»Ich mein' halt nur, weil s' so blaß is,« sagte der Poldl leise.

Moser meckerte in sich hinein: »Dummer Kerl, der waß nit, warum d' Madeln blaß werd'n, wenn s' gegen die Zwanzig sind – weil s' an Mann brauchen –«

»Ja, ja!« seufzte der Vater und sah von der Seite auf seinen Nachbar, der stumm und würdevoll weiter rauchte. »Ja, ja!« begann er dann wieder, »das is a Kreuz, die Leuteln kommen heutzutag schwer zum Heiraten. . . . Wirst halt auch warten müssen,« fügte er mit einem melancholischen Blick auf den Jüngling hinzu. »Ja, wenn Du wenigstens ein Unterschlupf hätt'st.«

»I hab' nix, gar nix,« tönte es dumpf entgegen. Der Alte zwinkerte mit den Augen, zog den Mund schief und sah ungemein pfiffig aus.

»Weißt, was mir neulich der reiche Pfrogner g'sagt hat? Moser, hat er g'sagt, i gäb' was drum, wenn i ein' Nachbar hätt'. – I glaub' Dir's, sag ich ihm drauf, Dein Gehöft steht so ganz einsam auf dieser Seite, und wenn das wahr wird mit der Bahn, dann kommt Dir Gott weiß was für ein G'sindel herein. – Wohl, wohl, sagt er, das fürcht ich auch; wenn ein braver Mensch da herenten sich ansiedeln möcht, 's Bauholz sollt er umsonst haben. – Schenkst ihm den Platz a Dazu? frag i. – Aber davon wollt er nix wissen. Das Seeufer gehört dem Obermüller, mein Schwiegervater, meint er, aber a Bauplatz wär billig zu haben. I lach' ihm ins G'sicht: Was kost't d' Klafter Grund zwischen den Klippen? Er muß selbst drüber lachen; da werd'n wir kein Richter brauchen, sagt er, er soll nur das Häusel bauen, is 's fertig, nimmt er a Hypothek drauf und zahlt den Grund damit aus – d' Hauptsach wär, daß wir den Richtigen finden. – Wär Dir der Poldl recht? frag' i, das wär' ein braver Mensch, soweit ich ihn kenn'. – Der wär mir schon recht, sagt er, aber heiraten müßt er, dann machen wir ihn seßhaft. Ja, sag i, heiraten, das is a andere Sach', des kann i Dir nit garantiern.«

Poldl, der mit wachsendem Interesse zugehört, schlug die Hände zusammen: »Wenn das möglich wär!«

»Jo, i weiß nit,« schmunzelte der Moser und zog die Achseln hoch, »das steht bei Dir.«

»Moser, wenn i mein eigenes Häusel hätt und dazu – Herrgott, wenn mir das ausging!«

 »'s Nachtmahl is fertig!« rief die kleine Hanni von der Küche her.

Die Männer erhoben sich. Poldl stand einen Augenblick verwirrt und unentschlossen, dann stammelte er ein gedehntes »B'hüt Gott!«

»No, was wirst denn so gach fortrennen,« sagte Moser gutmütig, »kannst auch amal mit uns essen, wenn's reicht.«

»Aber ja,« sagte die Hanni fröhlich und stürzte voraus in die Stube.

Dort standen die Teller schon auf dem Tisch, das Brot lag dabei, sie griff danach.

»Weißt es schon, Sepherl? Der Poldl bleibt heut zum Nachtmahl da; muß nur g'schwind noch mehr Brot einschnitteln, damit wir g'nug haben.«

Josepha sah von der Arbeit auf, ein feines Rot trat auf die zarten Wangen. »Wenn wir nur was Besseres hätten!« seufzte sie.

»Ah was, der is's auch nit besser g'wöhnt,« versicherte energisch die Hanni, »und glaubst, daß der wegen dem Essen dableibt?« Sie zwinkerte schelmisch der Schwester zu und lief hinaus.

Die Männer betraten die Stube. Nach ihnen kam Hanni mit der dampfenden Milchsuppe. Josepha aber ordnete und putzte noch ihre Maschine, ehe sie an den Tisch trat. Hanni legte die Suppe vor, und sie schmeckte allen. Der Vater war besonders gut aufgelegt und machte so viele Späße, daß die Hanni vor Lachen fast erstickt wäre.

Auch der Poldl lachte mit. Nicht über den Vater, sondern aus innerer Freudigkeit, weil es so schön war, der Josepha gegenüber zu sitzen. Er fühlte, es gab etwas zwischen ihnen, das deutlicher als Worte zu ihren Herzen sprach.

Als alles aufgezehrt war, wurde der Tisch abgeräumt und das Licht gelöscht. Josepha begab sich ins Freie, der Poldl folgte ihr.

Hell schien der Mond und es war erquickend kühl. Sie gingen langsam und still nebeneinander her. Als sie sich über der Schlucht befanden, blieben sie stehen.

»Hörst Du den Wasserfall?« fragte das Mädchen.

»Den hör' ich schon lang.« Er trat gegen den Rand, um hinabzusehen.

»Geh' nicht dahin,« rief Josepha ängstlich, »die Schlucht ist so tief, nein, das kann ich nicht sehen,« sie verhüllte die Augen. Poldl wandte sich rasch um. Im nächsten Augenblick saßen sie Beide Hand in Hand auf dem Grase und horchten auf das Geräusch des Falles und auf ihren eigenen Herzschlag.

»Sie muß doch schon wissen, was ich ihr sagen will,« dachte er, aber sie schwieg. Da ermannte er sich zu der entscheidenden Frage, ob er ihr denn nit z'wider wär.

Die Antwort mußte befriedigend gelautet haben. Als sie bald darauf wieder zurückkamen, trug er den Kopf so hoch wie ein König, und seine breite Brust dehnte sich im wonnigsten Lebensgefühl.

»Wo seid's denn g'wesen?« fragte die Hanni. Josepha umschlang sie statt aller Antwort. »Adieu!« sagte sie nicht ohne Geziertheit zu Poldl, nickte ihm zu und ging ins Haus. »Was habt's Ihr denn?« fragte die zwölfjährige Neugier und sah dem jungen Mann von unten auf die Augen.

»Gern haben wir uns,« sagte er lachend, und das Feuer eines großen, bisher nicht gekannten Glückes blitzte aus seinen Augen. »Sag', wirst Du mich auch gern haben, Hannerl?« Er faßte sie scherzend beim Arm.

»Aber ja,« sagte sie, schlug ihn aber, als er sie an sich pressen wollte, mit ihren dicken, blonden Zöpfen derb ins Gesicht: »Laß mich.« Er lachte noch herzlicher. »Na wart, ich werd' Dein Schwager und ich werd Dir lehren, grob mit mir sein,« und in jubelndem Uebermut hob er sie in die Höhe, drückte die Ungeberdige gegen seine Brust und küßte sie kräftig auf den roten, blühenden Kindermund; dann stellte er sie auf den Boden und lief abwärts. Den Kuß der Liebe, den er nicht gewagt hatte seiner Josepha zu geben, hatte die Hanni erhalten. Und sie blieb sitzen mit verrauften Löckerln und verschobenem Tüchel und starrte mit offenem Munde ihm nach, der noch einen Jauchzer ausstieß, ehe er hinter den Bäumen verschwand.


II.

Es war beschlossen; Der Obermüllner, der allgewaltige Bürgermeister des Ortes, und seine beiden Schwiegersöhne wollten dem Poldl behilflich sein, sich sein Nest zu bauen. Hofer, der Bauunternehmer, der zwar keine Konzession besaß, aber, mit dem Schwiegervater assoziert, eine Villa nach der anderen aufführte, hatte die Ausdauer und Geschicklichkeit des jungen Zimmerers schätzen gelernt und versprach ihm dauernde Arbeit. Und der Pfrogner, ein hübscher, stattlicher Mann, dessen Waldbesitz ansehnlich war und dessen Hochmut den seines Schwiegervaters noch übertraf, bezeugte dem Poldl ein geradezu überraschendes Wohlwollen. Er schenkte ihm wirklich das Bauholz, damit er an dem unwirtlichen linken Seeufer sich seine Hütte baue, welche der alte Obermüllner für Ueberlassung des Baugrundes dann sofort mit einer Hypothek belasten wollte.

So vereinigten sich alle drei, um den Poldl seßhaft zu machen.

Sie waren schrecklich gut gegen ihn gewesen, wie sie sich selbst rühmten. »Unsere edlen Wohltäter,« nannte sie die Josepha und war ganz gerührt, als die Frau Bürgermeisterin und ihre Töchter der jungen Schneiderin versprachen, sie wollten ebenfalls etwas für sie tun und ihre Kundschaft ihr zuwenden.

Sie setzten voraus, daß Josepha ebenso hübsch, aber weitaus billiger arbeiten werde als die kleinen Schneiderinnen in der Stadt, und diese versicherte, sie sollten sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht haben.

Poldl hatte den Platz für sein Häuschen gut gewählt. Zwischen zwei kahlen, vorspringenden Felsen lag eine grüne Bucht eingebettet, in der an steiler Lehne die Bäume von der Spitze des Kogels bis an den See herabwuchsen; dort sollte es stehen. Aber der Platz dafür mußte erst aus dem Felsen herausgesprengt werden.

Wenn Poldl am Abend mit seinem Tagwerk zu Ende war, fing er an, seine Bohrlöcher in den Felsen hineinzutreiben, und am Morgen, ehe er in die Arbeit ging, füllte er sie mit Pulver und legte die Lunte.

Da knallte es denn schon früh um fünf Uhr, und das auseinandergerissene Gestein flog in weitem Bogen in den See hinein, während das Echo rundum lebendig ward und sich gar nicht beruhigen konnte.

»Hörst dem Poldl seinen Morgengruß?« rief die kleine Hanni und lachte der Schwester zu. Der Platz für das Häusel war herausgesprengt, aber das Bauholz, das ihm der Pfrogner geschenkt, konnte der Poldl erst im Winter mit seinem Schlitten herunterholen. An den steilsten Abhängen des Ankogels war es ihm angewiesen worden, dort, wo sich die Knechte nicht hinwagten. Aber der Poldl bekam das Holz geschenkt, und dieser Umstand überwand jedes Bedenken. Und da der Pfrogner einen Waghals gefunden, der hinauf ging, ließ er auch gleich für sich abholzen, das ging schon in einem, und der Poldl tat's halb umsonst.

So dauerte es ein Jahr und darüber, ehe das Häusel vollendet war, aber dann konnte es sich sehen lassen. Es war gar zierlich gefügt, und die Schnitzereien des Giebels hatte der junge Zimmermann selbst erfunden und ausgeführt. »Der Kerl kann was,« bemerkte schmunzelnd der Hofer, aber er hütete sich, es laut werden zu lassen. Sobald die Leute wissen, daß man sie brauchen kann, werden s' gleich übermütig; so aber konnte er den Poldl auch fürderhin für die besten Arbeiten mit dem geringsten Lohn verwenden. Poldl drängte zur Hochzeit. Aber Josepha wollte ein goldenes Ringlein haben und ein weißes Kleid, wie sie es bei den Bräuten in Salzburg gesehen hatte. So stolz sie auf die neue Kundschaft war, diese zahlte so elend, daß sie den Putz sich noch immer nicht schaffen konnte, so mußte der Poldl warten. Sie tadelte seine Ungeduld, sein zärtliches Werben; er sollte sich nur nichts einfallen lassen, sie war nicht die Person, die Dummheiten machte, sie wollte ihr Kränzlein in Ehren tragen.

Als endlich der Tag der Trauung bestimmt war, heischte ein trauriger Zwischenfall einen neuen Aufschub: Vater Moser starb an einer Verletzung, die er bei der Arbeit sich beigebracht. Er hatte den ersten besten Lappen über die Wunde gewickelt, und als sie klaffend blieb, sie mit Baumharz verklebt; das Beste, was es gibt, wie er sagte. Aber Entzündung und Schmerzen nahmen zu.

»Sollt'st doch den Bader fragen,« meinte Josepha.

»Was sich ein Zimmermann mit seiner Hacken tut, das kuriert er sich selber. I waß besser, was mir taugt, als a Doktor.«

Am nächsten Tage trat Schüttelfrost ein.

»I bring Dich nach Salzburg ins Spital,« drängte Poldl, »dort werd'n s' schon wissen, was da zu machen ist.«

»Na, sie wissen's nit,« sagte er mit apodiktischer Gewißheit. Einige Stunden später war er tot. Die Kinder waren trostlos. Erst drei Monate später wurde die Hochzeit gehalten.

Sie hätte ganz still vor sich gehen sollen, aber die Wohltäter, die so viel für die jungen Leute getan, wollten sich dabei aufspielen, und so wurde eine richtige Hochzeit daraus, die beim Fleischer abgehalten wurde, damit »er sich nicht beleidigt«.

Der Hochzeitsschmaus verschlang die letzten Gulden von Poldls Ersparnissen, aber was lag daran! Die Braut war so herzig und wunderlieb in dem weißen Kleid und dem Kränzlein im Haar. Sie trug lichte Handschuh und sah gar vornehm aus neben dem Poldl, der mit seinem schlecht gemachten Rock und den grob genähten Stiefeln nicht recht zu ihr paßte.

Er merkte das nicht; er war selig und tanzte die ganze Nacht wie ein Verrückter. Da seine junge Frau an Herzklopfen litt und gleich wieder aufhören mußte, tanzte er mit der Hannerl. Sie war zwar ein bissel zu klein für ihn und, wie die Josepha sagte, die Letzte, gegen die er heute aufmerksam zu sein hatte, aber sie war auch die einzige, die sich über diese Aufmerksamkeit freute. Sie tanzte gerade so schlecht und regellos wie er, und wenn er ihr mit seinen Grobg'nahten auf die Füße trat und darauf fragte, ob's weh tue, blinzelte sie ihre Tränen zurück und sagte lustig: »Macht nix.«

Es graute der Morgen, als die Neuvermählten sich auf den Heimweg machten.

Die Dirndl und Burschen gaben ihnen mit der Musik das Geleite.

Die Luft war frisch, Berg und Tal in Nebel gehüllt. Der Weststurm, der die Nacht hindurch wehte, hatte aufgehört, aber der See hatte erst jetzt den Höhepunkt seiner Bewegung erreicht.

Mächtige Wogen rauschten hintereinander her, weiße Kämme auf dem Rücken, und schlugen dröhnend mit hochaufspritzendem Gischt gegen die Klippen. Jubelnd und jauchzend bewegte sich der Zug vorwärts. Sie kamen an den nassen Feldern vorüber und gingen bergan in den Wald hinein. Dort war es noch dunkel. Nur zwischen den Stämmen glitzerte es heller vom See herauf; feuchter Erdgeruch drang ihnen entgegen, gemischt mit dem köstlichen Duft des Nadelholzes. Und jetzt fingen die Musikanten wieder zu spielen an, die Trompeten schmetterten, das Waldhorn gixte, und die Burschen und Mädeln lachten, sangen, brüllten und küßten einander.

Und inmitten dieser erhitzten Fröhlichkeit blieben die Neuvermählten ruhig und nüchtern. Josepha fror in dem dünnen Kleid. Sie hätte sich an die Brust ihres Poldl schmiegen und dort erwärmen mögen, aber steif und sittsam ging sie an seiner Seite, ihre Hand in der seinen. Jetzt traten sie aus dem Walde heraus, um nach dem Ufer herabzusteigen. Das Häuschen, durch den Felsenvorsprung gedeckt, war von hier aus nicht sichtbar, aber der schmale Pfad, der dahin führte, war von den Wogen überflutet. Wütend schlug die Brandung hier gegen das Ufer und bis an die Felsen hinauf.

»Da schaut's bös aus!« riefen die Männer.

»Jessas, gehn wir z'rück, das is g'fährlich,« schrien die Mädchen.

Der Poldl lachte laut auf. »Ihr geht's z'ruck, ist mir recht – wir gehn vorwärts, gelt, Sepherl?«

»Aber mein neues Kleid,« stammelte sie, »vielleicht wär's doch besser –«

Der Poldl erhob sich zu voller Höhe und schüttelte seine Mähne. »Nein, Sepherl, auf die Stund' hab ich' weiß Gott, lang g'nug g'wart't, jetzt g'hörst mir, und nix auf der Welt kann Dich mir mehr entreißen.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren, nahm er sie wie ein Kind in die Arme und schritt so rasch mit ihr vorwärts, daß er den Nachsehenden, ehe sie sich's versahen, hinter dem Felsen verschwunden war.

Sie riefen ihm warnende Worte nach, er schritt unentwegt weiter. Die heraufschlagenden Wogen brachen sich an seinen Füßen, umwirbelten sie. Er trat fest, daß es klatschte, in die Tümpel, die sie zurückließen.

Er lachte, er sang. Eine wilde Lust war über ihn gekommen, und eine Wonne schien es ihm, mit diesem wildesten Element seine junge Kraft zu messen.

»Wein' nicht, wein' doch nicht, Du Tschaperl,« rief er seinem Weibe zu, »wir sind ja gleich z' Haus.«

Da ertönten Angstrufe vom Ufer her; es mußte sich etwas ereignen, das die dort Harrenden in Aufregung brachte.

Poldl sah sich nicht um; ein einziger Fehltritt auf dem schlüpfrigen Pfade mußte ihnen Verderben bringen.

Eine heiße Angst stieg in ihm auf, aber da lag schon das Häusel vor ihnen, noch einige Schritte, und er konnte die teure Last nahe der Tür auf den Boden stellen. Jetzt erst wendete er sich um.

Hanni stand unweit von ihm. Sie hatte die Schuhe ausgezogen und hielt sie in der rechten Hand, in der linken befand sich noch das entwurzelte Ahornlein, an dem sie sich in einem kritischen Moment festgehalten.

Der vor Aufregung keuchende Mann und das kleine Mädel sahen sich an. In den Augen der beiden lag eine stolze Freude.

»Du Aff, wie kannst Du Dich unterstehen, so allein . . .«

»I bin Dir nachgangen, Poldl.«

»Was, ich bin ein Mann.«

»Und ich bin a Madel, und ich hab's auch dermacht.«

»Ein keck's Ding bist Du.«

Er nahm ihre Hand und führte sie das letzte Stück nach dem Hause aufwärts. Vom Walde her erschollen laute Zurufe. Die Burschen und Mädeln waren nach dem Punkte geeilt, von wo sie das Häuschen sehen konnten, und winkten nun mit den Tüchern und riefen: »Bravo, Hanni! Gute Nacht, Poldl!« Der Poldl hörte sie nicht mehr.

Schon trieb er das kleine Mädel die steile Treppe nach der Bodenkammer hinauf, dort sollte sie schlafen und »a Ruah geb'n«.

Dann betrat der junge Ehemann den größten Raum seiner Behausung, die Küche.

Seine Frau lehnte zitternd am Herde. Er nahm sie in seine Arme und führte sie gegen das Fenster. Auf die Berge im Westen fiel eben der erste Strahl der aufgehenden Sonne. Ihre Gipfel glühten in zartem Rot, ein neuer Tag war angebrochen. – Ein Tag des Glückes schien er dem Poldl. . . .


III.

Und der Poldl war glücklich.

In seiner männlich-schlichten Bescheidenheit verlangte er nicht viel von den anderen, und in dem Zusammenleben mit Josepha hatte er in seinem Herzensreichtum so viel gegeben, daß er die Dürftigkeit ihrer Gegenleistung kaum merkte. All sein Sinnen ging dahin, sie glücklich zu machen. Sie fühlte das, sie war ihm ergeben und dankbar und darbte doch auch, denn gerade für Dinge, nach denen ihr Sinn stand, hatte er kein Verständnis.

Nach einem harten Winter hatte er versucht, sein Heim vor den es bedrohenden Elementen zu schützen. Gegen Lawinengefahr hatte er an der Höhe Abbauungen unternommen, und nun baute er mit einer Geschicklichkeit, die einem Ingenieur Ehre gemacht hätte, einen Schutzdamm gegen den See hinaus. Während links und rechts an dem Häusel die Felsen senkrecht in die Tiefe hinabstiegen, breitete sich vor demselben ein Riff aus, das bei niederem Wasserstand über den Seespiegel hervorragte. Dort legte er auf vom Lande hinausgeschobenen Pflöcken den Damm an und füllte ihn mit Steinen aus. Eine kleine Terrasse war gebildet, und nun führte er mit dem Schiebkarren Erde dazu, umgab den schmalen Fleck mit einem Zaun und pflanzte Kohl und Kartoffeln an.

Eine Unsumme von Arbeit war für einen kaum nennenswerten Ertrag vergeudet. Ihm machte das so gewonnene Fleckchen Freude. Hanni hatte ihm getreulich bei der Arbeit geholfen; ebenso interessiert, ebenso unermüdlich wie er selbst.

Die junge Frau quälte sich indes mit dem Gedanken, die Freiheit, die sich Poldl herausgenommen, könnte seinen Wohltätern nicht recht sein. Sie vergaß, daß ehemals diese Stelle bei Hochwasser überhaupt nicht passierbar war und die Pfrognerleute hoch oben über die Felsen hinwegklettern mußten. Der Pfrogner lachte sich auch heimlich ins Fäustchen. Was dringend nötig war und er nur der Kosten wegen gescheut, hatte er nun umsonst bekommen.

Als der Poldl mit allem fertig war, hatte er seine Josepha von ihrer Maschine hinweggeholt und sie zu der neu gezimmerten Bank geführt, die er unter der Linde in den Boden gerammt.

Da saßen sie nun so traut nebeneinander, sie die Hände über den gesegneten Leib gelegt, und blickten mit befriedigtem Stolz auf ihr erweitertes Eigentum.

Es war September geworden, als Josepha ihr erstes Kind geboren hatte.

Blaß und erschöpft lag sie in der Kammer. Der Poldl aber lachte und weinte vor Freude und Unbeholfenheit, als er seinen Sohn in den Armen hielt.

Alle Leute hatten Kinder, das war ganz natürlich; daß er eins hatte, erschien ihm wie ein Wunder. Und sein Kind hatte so liebe Augerln und so weiche Handerln, und es konnte sein Köpferl wenden und 's Göscherl spitzen. Ja, ja, der verlangte schon was zu essen. Seine Mutter konnte ihn nicht ernähren, aber die Ziege der Huberin übernahm das Geschäft. Und die Hanni wußte das Kind zu füttern, zu baden und zu wickeln, und des Nachts stand die Wiege in der Dachkammer neben ihrem Bette.

Den Poldl überkam es wie Rührung, als er das halbwüchsige Mädel so sorglich sich um sein Kind bemühen sah.

»Ja, woher hast denn das g'lernt, Hannerl?« fragte er.

Sie zuckte die Achseln: »Ich weiß nit, ich mein, das hat man im G'fühl. Sonst kann ich die Fratzen nit leiden, aber der derbarmt mir, weil er gar so klein is.«

Es war wirklich ein zartes Büberl, das sich langsam entwickelte. Und es konnte noch nicht gehen, so war schon ein zweites da, und wiederum übers Jahr hatte die Josepha, höchst überflüssigerweise, ihrem Manne zum dritten Male Vaterfreuden bereitet. Diesmal war es ein Mädel, und der Poldl, der die Buben schon gewöhnt war, stand dieser Novität mit neuer Zärtlichkeit und besonderem Respekt gegenüber. Das Dirndl war auch so hübsch und frisch, mit krausem, rötlichblondem Haar wie der Vater. Und es war so ruhig und gescheidt und schlief Tag und Nacht.

Das war ein Glück, sonst hätte die Hanni die Arbeit nicht mehr bestreiten können.

Der Poldl hatte nun eine große Familie allein zu erhalten, denn die Josepha erholte sich diesmal so langsam, daß es schier zum Verzweifeln war.

Und als nun gar der Winter kam, waren die jugendfrischen Augen des Poldl trübe geworden, und die Sorge hatte Falten in seine Stirn gegraben. Einmal, als er nicht aus und ein wußte, war er auf das Drängen seiner Frau zum Obermüllner gegangen, um eine weitere Hypothek auf sein Haus zu nehmen.

Der Obermüllner, bei dem das ganze Dorf im Schuldbuche stand, mahnte väterlich davon ab.

»So viel Schulden tun kein' gut; wie willst denn da die Zinsen bezahlen?«

Der Poldl versicherte, im nächsten Sommer werde er sich sicher herausreißen.

Er hatte sich verrechnet. In der Zeit, wo der Ort infolge des Bahnbaues von fremden Arbeitern überschwemmt war, geriet der Bau der Landhäuser ins Stocken.

Die Wiener Spießer fürchteten sich vor dem »Gesindel« und wollten die Eröffnung der Bahn und die Entlassung der Bahnarbeiter abwarten, ehe sie sich hier niederließen.

So hatte denn Poldl auch während des Sommers durch Arbeitslosigkeit schwer zu leiden.

Endlich war die Gebirgsbahn fertiggestellt und eröffnet. Jeder wollte sie befahren.

Der Andrang war kolossal.

Seethal war in die Mode gekommen.

Der Felsenweg, an dem Zimmermannshäuschen vorüber, war jetzt eine beliebte Promenade der Sommergäste geworden.

Es hieß, der Weg solle verbreitert werden, und die Gemeinde verlangte einen Betrag aus Landesmitteln dafür. Diesen geplanten Verschönerungen stand das Häusel des Poldl in seiner Armseligkeit gar sehr im Wege.

Und die Gemeindeväter, die sich gegen die Verlegung des Friedhofes, der sich noch im Zentrum des Ortes, hinter der Kirche befand, energisch gewehrt hatten, erklärten plötzlich, hier müsse etwas getan werden für die »Hyäne«, wie sie die Hygiene nannten.

Wie kämen die Sommergäste auch dazu, daß sie sich zwischen Häusel und Zaun durchwinden sollten, wo Besen und Zuber standen und anderes Hausgerät und die armselige Kinderwäsche, zum Trocknen aufgehängt, ihnen entgegenflatterte.

Die Entrüstung gegen den Poldl wuchs, als seine Kinder am Scharlach erkrankten. Die Krankheit war im Orte sehr heftig aufgetreten, aber sorgfältig verheimlicht worden, um die Sommergäste nicht zu verscheuchen. Der Poldl hätte ebensogut das Maul halten können, aber nein, war's Dummheit, war's Bosheit von ihm, er sagte es allen, die es hören wollten, daß seine Kinder den Scharlach hatten und sich die Ansteckung aus dem Dorfe geholt hätten.

Und als sein Liebling, sein kleines Mädchen, der Krankheit zum Opfer fiel, hatte sich der Mann fast an dem Bader vergriffen, weil dieser seine Pflicht, die Anzeige zu machen, versäumt hatte.

Mein Gott, so ein Mensch muß doch froh sein, wenn ihm eins wegstirbt, er hat noch immer Kinder genug; der hatte sich aber um den Verlust so gekränkt, daß er miserabel aussah.

Ja, der Poldl war nicht mehr der, der er einst war, sein Stiernacken war gebeugt, der Lebensmut war von ihm gewichen.

Eines Abends kam er später als sonst nach Hause.

Die Kinder schliefen bereits; auch Josepha hatte sich zu Bett gelegt. Er erzählte ihr, daß ihn Herr Hofer nach der Arbeit zu sich berufen, damit er in seiner Wohnung ihm einiges repariere, das habe ihn aufgehalten. Der Hofer tat das öfter, denn der Zimmermann machte ihm die Tischlerarbeit »aus Gefälligkeit« umsonst.

Poldl holte sein Abendessen aus der Röhre, wo es für ihn warmgehalten wurde, langte einen Löffel vom Gestell und setzte sich mit dem Suppentopf an das Bett seiner Frau.

Teilnehmend fragte er sie, ob ihr etwas fehle. Josepha verneinte; sie sei nur so müde.

»Hast gewiß wieder auf der Maschin' genäht,« sagte er vorwurfsvoll. Da fuhr sie gereizt gegen ihn auf: »Als ob meine Arbeit nicht nötig wär'! Wir stecken voll Schulden und anzuziehen hab ich auch nichts mehr . . . Ich schäme mich ja schon, in die Kirche zu gehen . . . und wenn erst wieder der Winter kommt, wo Du wochenlang nichts verdienst . . . Herrgott, mir graut davor, wenn ich nur dran denk'! – Wie haben wir im vorigen Winter hungern müssen – gräßlich – schauderhaft!«

»Ich kann nix dafür,« sagte er. Es lag etwas so Gramvolles in seinem Ton, daß sie plötzlich verstummte. Er aß noch einige Bissen und stellte den Topf beiseite.

Sie langte danach und sah, daß der Mann kaum die Hälfte seines Inhalts verzehrt hatte.

»Hast denn kein' Hunger?« fragte sie bestürzt.

»Ich hab schon g'nug.«

Poldl wollte aufstehen, Josepha hielt ihn zurück.

»Poldl, was bist denn gleich bös? 's is wahr, ich fahr jetzt so leicht auf – ich weiß nit, warum ich so bin – geh', iß doch weiter.«

Sie blickte ihn reuevoll an, mit zuckenden Lippen, und als er sie ansah, tat sie ihm leid. Um sie zu beruhigen, fing er wieder zu essen an, dann fragte er plötzlich:

»Wo ist die Hanni?«

»Ich weiß nicht, sie hat nichts gesagt – gestern hat sie's g'rad' so g'macht . . . ich weiß nicht, wo die jetzt immer hinlauft.«

»Das gehört sich nicht,« sagte er streng, »hat sie vielleicht einen Burschen?«

»Die Hanni?!« rief Frau Josepha förmlich entsetzt, »was Dir nicht einfällt!«

»Das wär doch nicht zu verwundern; Du glaubst immer noch, daß sie ein Kind ist, aber die Hanni –,« er mußte in dem Augenblicke daran denken, was sie in den letzten Jahren an Arbeit und Umsicht geleistet, und langsam, wie zu sich selbst, sagte er: »Die ist schon lang kein Kind mehr.« Josepha schien diese Entdeckung indes sehr aufzuregen. Es fiel ihr ein, wie oft die italienischen Arbeiter mit ihrer Harmonika singend bei ihnen vorüber gekommen waren, und immer hatten sie der Hanni was zugerufen, immer hinaufgelacht, und das hatte wohl dem Mädel gefallen.

Sie war froh, als sie abzogen, aber vor einigen Tagen war abermals ein Trupp angekommen, um Nachbesserungen am Bahnkörper zu machen, und da wäre gleich wieder Einer gewesen, der gern angebandelt hätte, aber sie wollte es dem Mädel nicht raten, sich mit denen da abzugeben, mit den italienischen Vagabunden.

»Wär noch nicht so schlimm, als wenn sie mit dem Pfrogner sich einließ,« bemerkte Poldl mit Schärfe. Da schnellte die Frau empor und sagte heftig: »Ich bitt Dich, was hast denn wieder mit dem?«

Und er, unwillkürlich in ihren Ton verfallend: »Was hat denn er, daß er, so oft er vorüber kommt, da sein Standerl halt't – er schielt nach der Hanni.«

»Red nit; er hat ihr g'sagt, daß seine Frau sie gern zu den Kindern hätt – ihm tauget sie auch, und wenn sie käm, sollt sie einen guten Lohn haben. Mein Gott, es wär ein Glück für das Mädel, er sagt, er möcht sie wie eine »Bohne« (Bonne) halten, aber ich kann sie nit hergeben, und sie geht auch nit. Er aber fragt jetzt, wie zum Spaß, öfter an, ob sie sich's nicht doch überlegen wollt.«

»Also, ich habs ja g'wußt, daß er öfter hierher kommt.«

»Und wär das ein Grund, mit ihm grob zu sein? Und Du bist grob mit ihm g'wesen, er hat sich heut darüber beklagt.«

»Er war heut wieder da?!«

»Mit einem Auftrag von seiner Frau; sie will a paar Schürzen haben. Wahr ist's, die Pfrognerleut sind immer freundlich zu uns, was haben sie nicht schon alles für uns getan, aber Du willst das nicht einsehen.«

»Meine Schuld an die Sipp' hab ich abgetragen, hundertmal wenigstens.«

»Du bist zu stolz.«

 »Stolz – ich!?«

Wie der Aufschrei eines gequälten Herzens kam es von seinen Lippen; ein letztes Sichaufbäumen gegen jahrelangen Druck und die schreckliche Abhängigkeit, in die er geraten war, und heftiger fuhr er fort: »Weißt Du, weshalb ich mit ihm z'samm'kommen bin? Er geht vorüber, sieht mich da stehn, und protzig klopft er mit seinem Stecken auf unseren Zaun. – Der muß weg, sagt er, und Deine Plantasche auch, es ist schon beschlossen . . . Da sag ich: Oho, das gibts nit, mein Lieber, das ist mein Eigentum, und darüber entscheide ich, nit Du, und wenn Du zehnmal der Pfrogner bist.«

Ein feines Rot stieg in die blassen Wangen Josephas. »Ja ja, Du mußt ihm gleich so resch kommen – hab ich Dir's nicht immer g'sagt, mit dem Garterl nimmt das kein gutes End, richtig! . . . Da heißt's jetzt nachgeben, Du darfst Dir's mit den Leuten nicht verderben – die halten zusammen. Wenn Dir der Hofer aufsässig wird, dann kannst Du Dir a Arbeit suchen, und wenn Dir der Obermüllner die Hypothek kündigt, was fangst dann an? Sag, was fangst dann an? – Und Dein arme's Weib und die Kinder – Du wirst uns doch nicht ins Unglück bringen –« Ihre Stimme war heiser und ging in Tränen unter.

»Wein' nit,« sagte er zitternd unter der gewaltigen Anstrengung, mit der er den Grimm hinabwürgte, »es schad't Dir wieder.«

Sie weinte nur noch lauter, ihrer Erregung nachgebend. »Mir schad't alles, ich bin so elend!«

Ihre lauten Stimmen hatten den kleinen Buben geweckt, er fing zu heulen an.

»Na ja, jetzt ist der auch wieder wach,« jammerte sie.

»Schlaf weiter!« schrie der Vater ihm zu und ging auf ihn los. Sie aber rief: »Ich bitt Dich, laß ihn, sonst bringst ihn ganz aus dem Schlaf – wo nur das Mensch bleibt, die Hanni – schau Dich doch um nach ihr!«

Der Poldl ging aus der Tür. Es war eine helle Nacht, warm und ruhig. Kein Blatt rührte sich, nur die Espen zitterten leise.

Der Mond war schon hoch über die Berge hervorgestiegen, sein Licht lag in einem breiten, funkelnden Streifen im Wasser.

Der Poldl war spähend nach rechts und links gegangen, ohne die Gesuchte zu finden. Er kam gegen das Haus zurück, und da es in der Stube still geworden war, blieb er heraußen, setzte sich auf die Bank und blickte gegen den See hinaus.

Es herrschte Stille ringsum. Eine Sternschnuppe durchquerte das Firmament und erlosch, während sie sank. Die Lichterscheinung hatte seinen Blick aufwärts gezogen, nach den großen, in wechselndem Lichte flimmernden Sternen.

Die erhabene Schönheit dieser Sommernacht begann unwillkürlich auf ihn zu wirken.

Es erfaßte ihn ein eigentümliches Gefühl der Weite. Das Große, Gute, Schöne, es existierte, es war für alle da, und alle haben die Sehnsucht danach – die Sehnsucht nach Glück. Das Herz wollte ihm höher schwellen, wie früher oft, wo er das Glück so nahe glaubte – aber da empfand er die Schwere im Kopf und den Druck auf der Brust, mit dem ihn die Sorge umgarnte. Aber war's nicht auch Glück, für andere zu leben? Für sein Weib, für seine Kinder? Ja, er hatte sich's eigentlich nie anders vorgestellt, aber dann mußte er sie auch glücklich machen.

Wenn er sich opferte, mußte doch sie etwas davon haben. Aber die Josepha verging vor seinen Augen, ohne daß er ihr helfen konnte, und der jüngere Bub hatte die englische Krankheit, und sein Liebstes, sein Mädi, war ihm gestorben, weil er einen Arzt nicht bezahlen konnte.

Seine Augen wurden trüber und dunkler als die Nacht. Jetzt trafen Ruderschläge sein Ohr; einige Kähne waren noch draußen, von dorther ertönte ein Lied. Weich und sehnsüchtig klang es über den See, und dreimal wiederholte es das Echo in noch gebrochenen Tönen.

Er runzelte die Brauen. Das waren die Italiener, er kannte ihre Weisen.

Die waren so arm wie er, ärmer noch, und sie konnten singen und sich vergnügen. Sie waren frei. Wer weiß, vielleicht war die Hanni mit ihnen. Ein böser Gedanke, ein häßliches Gefühl des Neides überkam ihn, knirschend preßte er die Zähne übereinander. Da raschelte es vom Wege herauf; er fuhr zusammen. Leicht wie ein Schatten huschte eine Mädchengestalt daher. Es war die Hanni.

Sie war barfuß; der kurze Rock reichte kaum bis zum Knöchel herab, und die kräftigen Füße schimmerten weiß darunter hervor. Ueber die Schulter trug sie ein Tuch, das sie mit einer Hand über der Brust zusammenhielt. Sie hatte ihn bemerkt und kam rasch auf ihn zu.

»Schlafen die Kinder?« fragte sie, »das is g'scheidt. Ich möcht noch ein bissel heraußen bleiben, es is so schön.« Es klang hell und fröhlich, und als er sie ansah, begegnete er glänzenden Augen, die in gesteigerter Lebenslust aus dem frischen Gesicht ihn anlachten. Er zog die Stirn noch krauser und sagte unmutig: »Wo kommst Du denn her? Seit wann laufst Du denn in der Nacht herum? Laßt mir die Sepherl allein und die Kinder – aber das möcht ich mir ausbitten – das – duld ich nicht.«

»Schrei nit so,« sagte sie ruhig, »ich hör's auch so – ich geh schon hinein.«

Er machte eine Bewegung, die sie zurückhielt. »Ich will wissen, wo Du warst,« sagte er gedämpfter, aber ebenso zornig.

»Im Wasser war ich.« – »Du lügst!«

»Ich?«

»Ja, Du lügst, ich seh Dir's an – ich seh Dir's an den Augen an!«

»Was Augen, da schau her!« rief sie in leidenschaftlicher Selbstverteidigung, indem sie das verhüllende Tuch von ihren Schultern riß.

Mit bloßen Armen im Hemde stand sie vor ihm; das schimmerte weiß im Mondlicht und klebte in seiner Nässe fest an dem warmen Leib, daß die schönen, runden Mädchenformen erkennbar waren, und sie schlug mit beiden Händen zornig auf ihre Brust, daß es klatschte und ein feiner Sprühregen nach allen Seiten flog.

»Da, ich bin noch ganz naß, wie ich aus dem Wasser kommen bin, nur den Rock hab ich angezog'n, und das Tüchel hab ich g'schwind umg'hängt – sieht Dich kein Mensch, hab i mir denkt – jetzt wirst mir's doch glauben?«

Im raschen Wechsel der Stimmung sagte er sanft: »I seh schon, weil Du jetzt a groß' Mädel bist, willst mir gar nit mehr folgen. I hab Dir so oft verboten, im See zu baden, und gar in der Nacht. Du glaubst, weil da oben a paar seichte Stellen sind, derfst es wagen, aber gleich daneben gehts abgrundtief wieder hinunter; schau, Hanni, wie leicht kannst dersaufen!«

»Ich? – o nein!« Sie sagte es hochdeutsch, im vollsten Selbstgefühl.

»Red nit so dumm, wenn ma nit schwimmen kann –«

»Aber ich kann schwimmen!« rief sie fast jubelnd, und ohne daß er sie dazu aufgefordert hatte, setzte sie sich neben ihn auf die Bank. Ihre Augen glänzten, ihr Mund lachte. Man sah ihr an, welch stolze Befriedigung, welche Wonne es ihr gewährte, ihm zu vertrauen, was sie so lange wie ein Geheimnis gehütet. »Ja, ich kann's, und gut, ich hab mir's selbst g'lernt – im Seichten zuerst, o, ich war vorsichtig, aber jetzt schwimm ich vom Wald bis da herüber – sag nix – es war notwendig; weißt, die Buben kann ich nimmer im Zimmer derhalten – sie wollen immer draußen sein – die Fischerln anschaun – Steinln ins Wasser werfen – wie leicht kann Einer hineinfalln. – Es heißt zwar, die Kinder hab'n ihren Schutzengel, der auf sie achtgibt, aber i trau ihm halt doch nicht recht. I kann Dirs nit sagen, wie oft i erschrocken bin, daß mir's Herz g'rad stillg'standen is, wenn i die Buben nicht gleich g'sehen hab – und zitternd hab i mich g'fragt, was tust denn – mein Gott, was tust, wenn da Einer im Wasser liegt? – Ihm nachspringen? – Das is g'wiß – aber ebenso g'wiß is, daß D' dann mit ihm ersaufst. Aber jetzt, Gott sei Dank, jetzt hat's keine Gefahr mehr – jetzt kann er Dir zehnmal 'neinfall'n, ich hol Dir'n schon wieder heraus!« Innerliches Entzücken und stolzes Kraftbewußtsein leuchtete aus dem jungen Gesichte.

Plötzlich hob sie die Brauen – ihr Mund nahm einen besorgten Ausdruck an: »Jessas, der Poldl schreit – no ja – i komm schon,« und ohne sich weiter um den alten Poldl zu kümmern, sprang sie ins Haus hinein.

Er sah ihr nach, und unwillkürlich faltete er seine groben Hände. »Sie denkt nur an die Kinder – an meine Kinder – und ich hab sie verdächtigt – und ich –«

Wie sie vor ihm stand in dem nassen Hemde, hatte ein niederträchtiger Gedanke sein Hirn durchzuckt. »Ich Vieh!« rief er und schlug mit der Faust gegen die Stirn. Er kam sich so gemein vor diesem guten und reinen Mädchen gegenüber. Tränen kamen in seine Augen. »Wär sie mein Kind!« Sein kleines, blondes Mädchen war ihm eingefallen, das er so sehr geliebt hatte: »So hätt sie werden müssen – g'rad so – wie die Hanni – sie war ihr ja ähnlich.«

Er beugte sich vor, legte den Kopf in die Hände und brach in ein lautes Schluchzen aus. Er weinte um seine Tochter, die er verloren hatte, und weinte, weil die Hanni nicht seine Tochter war.


IV.

Und wieder war es Winter geworden in diesem Alpentale. Nach Weihnachten stellte der Hofer die Bautätigkeit ein und entließ die Arbeiter.

Der Poldl, in voller Manneskraft, fleißig, geschickt, zählte wieder, auf Monate hinaus, zu den Arbeitslosen.

Nicht ohne Grund hatte sich Josepha auf diesen Winter gefürchtet; er erschien ihr härter als all die vorhergehenden. Sie konnte fast nichts mehr verdienen.

Die blasse Frau saß zwar auch jetzt vor der Nähmaschine, denn es war ihr gewohnter Platz, der einzige im Hause, der ihr heimlich und vertraut war, aber die fleißigen Hände vermochten nicht wie früher die Nadel zu führen, und die geschwollenen Füße versagten vollends.

Sie schob die Schuld auf die Nähmaschine. Die ging so schwer, weil sie verdorben war; sie sollte zur Reparatur nach der Stadt geschickt werden, aber es fehlte das Geld dazu.

Für die Aufträge, die sie jetzt bekam, konnte sie sich übrigens auch ohne dieselbe behelfen.

Es waren Umänderungen, Ausbesserungen, das Mühevollste und Wertloseste zugleich, das gar nicht bezahlt wurde.

Sie trennte die Maschinennähte Stich für Stich auf, stopfte die Risse und nähte die lappigen Teile mit der Hand zusammen. Sie arbeitete den ganzen Tag und verdiente zwanzig Kreuzer. »Es ist doch etwas,« tröstete sie sich, »es ist die Milch für die Kinder.«

Erst Mitte Februar war reichlicher Schneefall eingetreten und nun schneite es immerfort. Für die Männer, die Unerschrockenheit und Muskelkraft besaßen und trotzdem mit ihren Familien dem grausamen Hunger ausgesetzt waren, war endlich die Gelegenheit da, sich etwas zu verdienen: Holzarbeiter wurden gesucht.

Von jenen hochgelegenen Holzschlägen, zu denen kein Weg führte, der für einen Ochsen gangbar wäre, konnte man jetzt das Holz mit dem Schlitten herabholen.

Es war eine harte, halsbrecherische Arbeit, bei der in jedem Winter einige Menschen verunglückten; was lag daran!

Der Bewerber waren nur zu viele, die gierig darauf warteten und es für ein Glück ansahen, wenn sie für einige Kreuzer ihr Leben aufs Spiel setzen durften.

Es war eine Vergünstigung, die nur denjenigen zuteil wurde, die außer ihrer Haut auch den Schlitten zu Markte trugen. Der Poldl besaß einen solchen, noch aus seiner ledigen Zeit her. Der Schlitten war solid aus hartem Holze, mit Eisen beschlagen und mit einer eisernen Kette zum Festhalten des aufgeladenen Holzes versehen. Nachbar Huber hatte ihn in Verwahrung. Jetzt holte ihn der Poldl hervor und prüfte die Gabeln aus gegossenem Stahle, mit Krampen versehen, die an beiden Seiten des Schlittens, dem Kutscher zur Hand, in eisernen Klammern ruhten. Er wußte damit, wie mit Rudern, sein Fahrzeug zu steuern und es zu bremsen, indem er die Krampen mit kräftiger Hand in das Eis schlug.

Der Poldl meldete sich zu der Arbeit und ward angenommen. Es war eine Kraftprobe, den schweren Schlitten durch den tiefen Schnee, in dem er selbst bis über die Knie watete, die steile Höhe bergan zu ziehen. Zwei bis drei Stunden schleppte er diese Last aufwärts. An manchen Stellen mußte er den Schlitten auf den Rücken nehmen.

Die dichte, weiche Masse des Schnees, der immer noch nachwuchs, hatte wohl alle Unebenheiten des Weges ausgeglichen, und doch mußte der Weg gesucht werden, denn trügerisch war der Schnee auch über Gruben und Spalten gelagert, und wenn sich Poldls Fuß ein wenig verirrte, sank er sofort bis über die Brust in den Schnee ein. Die Eisschuhe erleichterten ihm den Anstieg, aber man brauchte wahrlich eine gesunde Lunge und ein kräftiges Herz, um da vorwärts zu kommen.

Der Poldl besaß beides, Gott sei Dank! Er hatte die Joppe abgeworfen. Die breite Brust arbeitete gewaltig; der heiße Atem entstieg wolkengleich seinem Munde, an dessen Seiten der blonde Schnurrbart, zu Eiszapfen verwandelt, niederhing, die immer länger wurden. Wenn er sein Ziel erreicht hatte, wischte er sich den Schweiß von der Stirn; aber er durfte nicht rasten.

Da oben stürmte es gewaltig. Ein scharfer Wind wehte ihm entgegen und schnitt in seine Haut wie mit Messern. Eiligst zog er die Joppe an, dann begann er das Holz, das im Herbste gefällt und zu Scheiten geschnitten war, zusammenzutragen und aufzuladen.

Drei Meter nahm er, die schwerste Ladung, dafür zahlte ihm der Bauer vierzig Kreuzer. Jetzt hatte er seine Ladung fest mit der Kette zusammengezogen, dann setzte er sich vorn auf den Schlitten und ergriff mit nerviger Hand die Gabeln.

Noch ein prüfender Blick und – fertig! Er hatte die Steine beiseite gestoßen und der Schlitten, durch nichts mehr gehalten, begann abwärts zu gleiten und sauste alsbald, eine Schneewolke aufwirbelnd, den Berg herunter.

Der Poldl jauchzte bei dieser Talfahrt.

Trotz ihrer wahnsinnigen Schnelligkeit hatte er doch sein Fahrzeug in der Gewalt, er beherrschte es, und die wonnige Empfindung seiner Kraft, seines Mutes entzündete all seine Jugendlust; er lachte, er sang – nur zu schnell war er unten. – Aber er mußte noch einmal hinauf, sofort – denn er wollte achtzig Kreuzer verdienen.

Einmal, es war Ende Februar, als er wieder auf Holzarbeit außen war, brach die Nacht herein und er war noch nicht zurück.

Hanni hatte eben die kleine Petroleumlampe angezündet und stellte sie kopfschüttelnd auf den Tisch.

Sie sagte nichts, aber Josepha las ihre Unruhe aus ihrem Gesichte, und mit dem Egoismus der Kranken, die instinktiv fühlt, daß ihr Leben weit gewisser gefährdet ist, sagte sie mit einem melancholischen Lächeln:

»Du hast schon wieder Angst um ihn, um den g'sunden und starken Mann? Was gäb' ich drum, wenn ich jetzt draußen sein könnt' wie er, und arbeiten wie er!«

»Ich hab' keine Angst,« sagte die Hanni, aber sie ging doch wieder zur Tür und sah hinaus in das wüste Schneetreiben dieser Winternacht.

Sie horchte auf einen Ton, der sein Nahen verkünden sollte, aber sie vernahm nur das Brausen und Aechzen des Sturmes vom Walde her. Als sie einen Schritt vorwärts tat, pfiff es ihr schneidig um die Ohren, und sie empfing eine Ladung feinkörnigen Schnees, der gleich Eisnadeln ihre Wangen berührte und ihr in den Nacken und unter das Hemd rann.

»Welch ein Unwetter!« dachte sie, »und er kommt noch immer nicht. Daß er sich auch so schinden muß, schlimmer als ein Vieh, für das armselige Leben, das er hat!« Ein Seufzer unendlichen Erbarmens löste sich von der jungen Brust. Sie ging wieder hinein, aber kaum war sie drinnen, ging die Tür, und sie hörte Stampfen und Pfauchen im Vorhause.

Sie nahm das Licht und leuchtete hinaus.

Ohne Hut, mit wirrem Haar, blaß und über und über mit Schnee bedeckt, stand er vor ihr.

»Du bist gestürzt!« schrie sie auf und wurde weiß wie die Wand, »ist Dir was g'scheh'n?«

»Nein, mit mir nit, aber der Schlitten ist hin.« Er warf die Eisschuhe und seinen Lodenrock beiseite und trat in die Stube.

»Was gibt's – is's wahr – der Schlitten is hin?« rief ihm Josepha, die Hände ringend, entgegen.

»Ja, aber ich leb',« sagte er rauh, »und ich hab' Hunger.«

Im nächsten Augenblick stand das kärgliche Mahl vor ihm. Er stürzte sich gierig darauf.

Von den Frauen redete keine ein Wort, keine fragte ihn, wie es gekommen war.

Als er gegessen hatte, trat er zu den Kindern; die schliefen so gut. Dann setzte er sich an das Bett seiner Frau und fing selbst von dem Schlitten zu reden an. Dessen Schicksal schien ihm gleichfalls sehr nahe zu gehen.

»Das war ein so guter Schlitten und so verläßlich! Aber bei dem Gestöber weht's mir den Schnee g'rad ins G'sicht, und trocken war er wie Sand, daß ich schier blind war – der Schlitten rennt gegen einen Baumstamm – ich seh's im letzten Moment, und mit der Gabel, in einer verzweifelten Anstrengung, die mir die Krampen verbiegt, vollführ' ich die Wendung; weit von dem Baum komm ich vorüber – aber wie ich weiter fahr', seh' ich den Zwölfer-Kogel vor mir, und da werd' ich's inne, ich fahr in der falschen Richtung, g'rad' gegen die Wand hinunter. Mir vergeht schier Hören und Sehen – ich saus' weiter – ich versuchs gar nit, den Schlitten zu bremsen – 's ging ja auch nit mit den verbogenen Krampen. Ob ich damals dran gedacht hab? Ja, g'wiß, mir is so viel durch den Sinn g'fahren, die Kinder – Du – die Hanni – Spring ab, ruf' ich mir zu – hin bist ja so wie so –! Im nächsten Augenblick lieg' ich im Schnee halb vergraben – ich lieg' weich und ruhig wie in einem Federbett – ich war gerettet!«

Hanni streckte in jubelnder Freude ihm ihre Hände entgegen, dann kehrte sie sich rasch um und ging hinaus. Josepha hatte die Hände ihres Gatten ergriffen und küßte sie zärtlich unter Tränen und Schluchzen: »Mein Poldl, mein lieber Poldl, mein Gott, wenn Dir was g'schehen wär!« Gerührt beugte er sich über sie. Da versiegten ihre Tränen, und der Ausdruck eines tiefen Grames warf seinen dunklen Schatten über dies eingefallene Antlitz. »Wenn Du nur besser Acht 'geben hätt'st, Poldl,« stöhnte sie, »da hast es jetzt – der Schlitten ist hin – meine Maschine ist auch noch nicht repariert – jetzt sind wir fertig.« Sie schloß die Augen und verfiel in einen Schwächezustand. Sie sprach an diesem Abend kein Wort mehr.


V.

Als der Poldl am nächsten Morgen von seiner Dachkammer, wo er jetzt schlief, herabkam, fand er die Josepha in heftigem Fieber.

»Mir g'fällt die Sepherl heut gar nicht,« sagte er kummervoll zu Hanni.

»Mir auch nicht, wenn's doch den Bader bitten tätst.«

»Den Pfuscher? Na, ich will ein' ordentlichen Doktor haben, telegraphisch laß ich ihn rufen.«

Und als sie erstaunt ihn ansah, fügte er fast heftig hinzu: »Was g'scheh'n kann, soll g'scheh'n für sie, und wenn's mir auch noch so schwer fällt.«  Er nahm den Hut und ging hinaus.

Sie sah mit gepreßtem Herzen ihm nach. Was will er nur anfangen? Es war kein Kreuzer im Haus – und überall waren sie schuldig.

Wer wird ihnen noch borgen? Sie mußte rein betteln gehen, es blieb ihr nichts anderes übrig. Die Kinder hatten Hunger – die Josepha mußte ihre Milch haben, und sie – Tränen kamen in ihre Augen – sie hatte sich schon so lange nicht satt gegessen. So mußte sie daran denken, was ihr der Pfrogner gesagt, was er ihr alles versprochen, wenn sie zu ihm käme. Sie sann eine Weile nach und schüttelte dann mit dem Ausdrucke deutlichen Widerwillens den Kopf: »Nein, er is mir zu verhaßt – ich kann nit.«

Der Poldl war direkt zum Obermüllner gegangen. Er traf ihn in dem dunstigen, überheizten Wohnraume allein. Er saß in Hemdärmeln vor dem Tische, die schwarze Zipfelmütze tief in die Stirn gezogen, die gichtischen Füße in Fetzen gewickelt. Er hatte ein Zeitungsblatt vor sich und studierte, die Brille auf der Nase, den Kurszettel. Als der Poldl eintrat, hob er den Kopf und guckte mit den rotumränderten Aeuglein über die Brille weg nach ihm hin. »Du bist's? Bringst mir vielleicht schon die Zinsen?«

Dem Poldl verschlug es die Rede. Er drehte den Hut in der Hand, und nur allmählich und mühsam brachte er die Bitte vor, ihm ein kleines Darlehn zu gewähren.

Der Obermüllner maß die noch immer schöne und kräftige Gestalt des Zimmermannes, die so demütig vor ihm stand, von oben bis unten und sagte nicht ohne Humor: »I wunder' mich nur über ein's: wo Du die Kurasch' hernimmst. Dein Häusel ist arg belastet, und immer machst' neue Schulden – lebst halt immer flott in den Tag hinein, gel', Poldl?«

Demütig erzählte dieser sein Malheur mit dem Schlitten und fügte gepreßt hinzu: »Wenn Du mir nit helfen willst, so müßt ich mich halt anderweitig umschau'n, daß mir einer was borgt.«

Der Obermüllner lächelte boshaft.

»Das kannst ja tun – oder bist vielleicht nur herkommen, um mir den Vorrang zu lassen? 's is zwar sehr schön von Dir, aber wenn Du glaubst, daß Dir ein anderer auf das Häusel was gibt, da wirst Du Dich schneiden. Ich hab' die erste Hand drauf, und wenn ich's heut pfänden laß, bleibt nit viel übrig.«

»So schlimm wird's wohl nit sein,« meinte unterwürfig der Poldl und versuchte zu lächeln. Er fühlte die ganze Macht dieses Gewaltigen, er durfte sich nicht aufbringen lassen, und wieder wendete er die bittenden Augen ihm zu. »Du wirst mich doch nicht ins Unglück stürzen wollen, schau, mich packt's von allen Seiten – mein Weib is krank.«

»Da mach Dir nix draus, d' Weiber sind g'schwind krank, g'schwind  wieder g'sund, die sind wie die Katzen.«

»Sie braucht einen Doktor.«

»Wirst doch nix mit an' Doktor anfangen, da wär schad' ums Geld.«

»Gib mir auf alle Fälle wenigstens a paar Gulden; wenn Du mir nit hilfst, dann, meiner Seel, bleibt mir nix übrig, dann muß i das Häusel verschleudern.«

»Das sollst nit!« herrschte der Obermüllner ihn an. »Wirst doch nit Dummheiten machen, wirst doch nit wegen dem Weib Dein Häusel vertun und am End auswandern müssen?!« Und wohl wissend, welchen Verlust er als Arbeitgeber durch den Abgang dieses fleißigen, geschickten Arbeiters erleiden würde, sagte er mit plötzlicher Freundlichkeit: »Nein, mein lieber Poldl, das darf nit sein, an Dein bissel Eigentum mußt Du Dich klammern, das mußt Dir erhalten um jeden Preis. – Die Seßhaftigkeit, weißt, das is alles! . . . A drei, vier Gulden will i Dir vorstrecken – weil Du mir derbarmst. Du weißt, i bin a guter Kerl und meine Schwiegersöhne desgleichen – wir haben Dir's schon bewiesen. Wir haben Dich ansässig gemacht, wir geben Dir Arbeit, und daran soll's Dir auch künftig nicht fehlen – a bissel Erkenntlichkeit tät zwar nit schaden, aber was unsereins tut, wird immer für nix ang'schaut.«

»I hab dem Hofer vier Jahre fast umsonst g'arbeit',« erinnerte bescheiden der Poldl.

»Das war Dein Lehrzeit, dafür bist jetzt a g'lernter Zimmermann mit einem anständigen Lohn.«

»Der nicht ausreicht für mich und die Meinen.«

Dem Obermüllner stieg die Galle, er warf den Zipfel seiner schwarzen Haube, der ihm auf der kupferigen Nase baumelte, heftig zurück:

»Da hat man's, jetzt pfeift der a schon aus dem Loch! 's reicht Dir nit? Schau, schau, 's reicht keinem von Euch, merkwürdig, je höher die Löhne steigen, desto unzufriedener seid's Ihr.«

»Die Arbeitslosigkeit wirft uns zurück.«

»Weil Ihr im Sommer alles verputzt, dann habt's im Winter nix z'fressen. Sparen kann keiner – Du am wenigsten. Aber i begreif das, wenn einer zwei Weibsbilder im Haus hat, kann er nit auskommen . . . Schau, der Pfrogner hat's gut mit Dir g'meint – mei Tochter a – die hätt die Hanni glei zu die Kinder g'nommen – warum willst s' nit hergeben? – Oder willst Du? – Sei doch kein Esel, sag, daß Du willst.«

»Nein, die Hanni, die kriegt's Oes nit,« sagte der Poldl trotzig bestimmt, und seine Brust arbeitete schwer.

Der scharfe Ton mißfiel dem Alten gar sehr. Er schob die Brauen bis zur Mütze empor und entgegnete mit unsäglichem Hochmut: »Wie red'st Du denn mit mir? Is das a Manier? Meinetwegen behalt Dir das Mensch, ich brauch's nit – Du kannst' nit missen, gel' – natürlich, a Kerl wie Du, der hat mit einer nit g'nug, der muß sich a hübsches Kebsweib noch beilegen.«

Im nächsten Augenblick schob sich ein kreideweißes Gesicht mit funkelnden Augen dicht an das seine, und ein schäumender Mund spie ihm die Worte fast ins Gesicht: »Still bist – Elendiger! Und wenn i Dein Knecht bin, und wenn Du mich herabdrücken kannst bis zur Verzweiflung – alles laß ich mir nit bieten; meine Ehr' laß i mir nit verschandeln, und nit die Ehr' von mein Weib, und nit die Ehr' von der Hanni . . .  Ein Wort noch, ein einziges schlimm's Wort, dann zerdresch ich Dich – Du, Du –« Seine harte Hand näherte sich dem Gesicht, das angstverzerrt ihm entgegenstarrte. Aber der Poldl besann sich noch rechtzeitig, daß er einen alten Mann vor sich habe, und mit einer gewaltsamen Anstrengung über sich selbst zog er die Hand zurück. Er zermalmte das häßliche Wort, das er ihm noch zuschleudern wollte, zwischen den Zähnen und ging hinaus.


VI.

Als er auf der Straße stand, atmete er erleichtert auf. Er lächelte sogar, als er dahinschritt. Seine Blicke wendeten sich gegen die Ferne, als müsse die Hilfe von dort kommen, aber sie begegneten nur einer Kette von Schneebergen, die Tal und See ringsumher einschlossen.

»Was willst denn tun, wohin willst gehen?« fragte er sich, und alsbald kam das Gefühl seiner großen Abhängigkeit und Hilflosigkeit wieder über ihn, und er seufzte. Man ist doch nur ein Hund und soll kuschen. Schon glaubte er die Vorwürfe und Klagen der Josepha zu hören, und er hemmte den Schritt. Was sollte er zu Hause? Er wollte ja seinem kranken Weibe Hilfe bringen – woher? Nicht einmal das Geld für das Telegramm hatte er. Ratlos steht er und unentschlossen. Da dringt Schellengeläute an sein Ohr. Ein reich montierter Schlitten mit dampfenden Pferden kommt daher und saust in der nächsten Minute an ihm vorüber. Er erkennt in dem Herrn, der drinnen sitzt, den Doktor aus der Stadt. Er schreit, er läuft ihm nach, er winkt. Der Doktor hat sich umgesehen und läßt halten. Er war wohl ein guter Mensch, und der Poldl mußte sein Herz gerührt haben. Er willigt ein, die Frau zu besuchen. Er betritt das Häuschen des Zimmermannes und findet eine Sterbende.

»Da heißt's sich ergeben, mein lieber Poldl,« sagte der Doktor zu dem Zimmermann, als ihn dieser zu seinem Schlitten zurückführte. »Da kann man nichts mehr machen.«

Der Poldl wischte sich den Schnurrbart und seine Wangen, über die unaufhaltsam Tränen rannen. »Wenn ich früher zu Ihnen gekommen wär', Herr Doktor –?«

Dieser schüttelte den Kopf. »Machen Sie sich keine Skrupeln, Ihre Frau ist wahrscheinlich schon als Mädchen sehr blutarm gewesen, es sind ja auch die Kinder rhachitisch.«

»Meine Kinder?« rief der Poldl schmerzlich betroffen.

»Nun, nun,« tröstete der Doktor, »der Große wird sich schon herausmachen, nur der Kleine –«

»Und der ist g'rad ein so lieber Kerl –« Die Stimme des Vaters brach.

Der Arzt sah in das wohlgebildete, gescheite Gesicht des Mannes und maß seine kräftige Gestalt, und wie bedauernd sagte er zu sich selbst: »Schade, daß sich die Rasse so rasch verschlechtert,« und laut: »Ja, die armen Mädchen, die sitzende Lebensweise verkrüppelt sie; wie junge Rehe brauchten sie Sonne und Freiheit, statt dessen pfercht man sie in die ungesundesten Stuben zusammen. Nun, adieu, mein lieber Poldl, und tragen Sie's wie ein Mann.«

Noch in derselben Nacht wurde der Kaplan geholt und am frühen Morgen wurde das Zügenglöcklein für die arme Josepha geläutet, die während der Nacht ruhig und ohne Todeskampf verschieden war.


VII.

Es hatte wieder zu schneien angefangen, in großen, schweren Flocken.

Nichtsdestoweniger pilgerten gegen Abend Weiblein und Männlein nach dem einsamen Hause am Felsenweg, mächtige Rosenkränze um die Hände geschlungen.

Sie wollten bei der Josepha die Totenwacht halten.

Die Brigitta, eine magere, zahnlose Alte, mit großen, schwarzumränderten Augen und einer Habichtsnase, die nie bei solchen Gelegenheiten fehlte und dabei gleichsam den Vorsitz führte, schimpfte über das Wetter.

»Wenn ich's nit wegen der armen Seel tät, nit zehn Pferd brächten mich da heraus,« sagte sie zu dem »schwarzen Hans«, einem grauhaarigen Pfründer, der der Vorbeter war.

»Zur Winterszeit hat man immer das G'frett mit seiner Christenpflicht,« brummte der, die Pfeife im Munde.

Sie betraten, einer nach dem anderen, das Trauerhaus. In der Kammer war die Josepha aufgebahrt. Ein Nachtlicht brannte zu ihren Füßen und warf einen kärglichen, flackernden Schein auf das wächserne Antlitz der Toten, das etwas erhoben war, während der Körper, in einen schwarzen Uebertan gehüllt, flach wie ein Schatten dalag.

Brigitta näherte sich ihr zunächst, nachdem sie sich bekreuzt und sich und die Tote mit Weihwasser besprengt hatte, um mit kundigem Blick die Aufbahrung in Augenschein zu nehmen. Sie schien davon nicht befriedigt, sie schüttelte den Kopf.

»Wenn s' mich g'rufen hätten,« flüsterte sie der Wagnerin zu, einem kleinen, verkommenen Frauenzimmer, das sich vordrängte, weil sie auch was sehen wollte, »wer weiß, sie lebte vielleicht heute noch; aber mein Gott, für die Arme ist's ja so besser. Gott schenk ihr die ewige Ruh!«

Brigitta plazierte die Anwesenden mit wichtiger Miene. Vier Rosenkränze sollten gebetet werden und daraus noch die Litanei.

Alle warfen sich auf die Knie und der Vorbeter begann mit schnarrender Stimme.

Monoton, mit automatischen Mundbewegungen tönte es im Chor ihm nach. Erst glotzten alle gleichmütig vor sich hin, dann begann die Stimme und das bewegliche Antlitz der alten Brigitta einen ekstatischen Ausdruck anzunehmen, der die Anwesenden fesselte.

Ja, die Brigitta war eine merkwürdige Frau: sie verstand die Krankheit zu wenden. Ihre Mutter hatte dazu einen Totenfuß gebraucht, sie machte es mit der bloßen Hand, das war der Fortschritt.

Freilich, die Worte, die sie dazu sprach, hatte noch niemand zu enträtseln gewußt, das blieb ihr Geheimnis. Sie hatte schon Wunder bewirkt; es war nicht recht, daß der Poldl sie nicht gerufen hatte.

Als nach einer Stunde eifriger Arbeit die vier Rosenkränze heruntergebetet waren und die Ermüdeten sich von ihren Knien erhoben, um eine Pause eintreten zu lassen, fing man an, das Verhalten des Mannes zu tadeln.

»Natürlich, a Doktor hat kommen müssen.«

»Noch dazu der aus der Stadt.«

»Was ihm das kost't und was hat's g'nutzt?

Der Doktor gibt ihr was ein – a paar Stunden drauf war sie tot.«

Die Weiber bekreuzten sich.

»Die Herren kurieren ja nur mit die Gift,« bemerkte düster der schwarze Hans.

Die alte Brigitta lächelte geheimnisvoll und sagte leise: »Ich hab's g'merkt – wollt's nicht sagen – ich hab ihre Arme ang'schaut – sie hat blaue Flecken darauf.«

»Blaue Flecken – aus is 's!« riefen alle.

»Sie hat ihre Fehler g'habt, aber das hat sie nicht verdient,« sagte hinaufschnupfend die Wagnerin.

»G'wiß nit – und waas man's denn, ob die blauen Flecken auch von die Gift herrühren?«

»Glaubt's Oes – meint's Oes – kunnt schon sein – Jessas, Jessas!«

Alle steckten die Köpfe zusammen und tuschelten leise.

Sie fuhren auseinander, als die Tür aufging und die Hanni hereintrat, mit einem Laib Brot und einem großen Krug, den sie sorglich beiseite stellte. Dem schwarzen Hans leuchteten die Augen. Er schnalzte, vorkostend, mit den Lippen, dann kniete er nieder. Alle Anwesenden folgten seinem Beispiele.

Mit heißerer Inbrunst als vorher fing er die Litanei an, und alle beteten sie ihm nach. Die Hanni sollte inne werden, wie sehr es ihnen Ernst war, die arme Seele ihrer Schwester zu retten. Hanni sagte kein Wort und ging wieder hinaus.

Währenddem hatte der schwarze Hans mit verstohlenem Griff den Krug erfaßt und an die Lippen gesetzt.

»Wasser!« entfuhr es ihm, während sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzerrte.

Der Abscheu des Vorbeters vibrierte in allen Herzen nach; wie anklagend richteten Männlein und Weiblein ihre Blicke gegen den Himmel, aber sie beteten weiter: »Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden.« Als sie mit der Litanei zu Ende waren, begann Brigitta das Brot zu schneiden und zu verteilen.

Sie tat es stumm, mit würdevoller Entsagung, aber die Wagnerin vermochte den Aerger über den kargen Imbiß bei dieser Totenwacht nicht zu verwinden. »Kein Käs, nit amal a Bier,« raunte sie der Huberin zu.

»Das san Menschen, das is a Leben!« rief mit einer großen Gebärde der Verachtung der Vorbeter, »wenn sich die Leut eine Ehr nit mehr zu schätzen wissen, dann hört sich eben alles auf.«

Die gutmütige Huberin winkte ihm zu, zu schweigen, der Poldl hätte ja nichts, er sei ein armer Teufel.

»Ich denk, wenn sich's um ein arme Seel handelt, dann borgt man sich halt was aus, aber dem liegt nix dran, ob sie früher oder später erlöst wird.«

»Er tut sehr gleichgültig,« bemerkte Brigitta mit beleidigtem Stolz, »die Hanni hat doch den ersten Rosenkranz mitbet't, aber er –«

»Er hat's halt bei den Kindern so gnädig.«

»Je, je, das is lieb,« höhnte die Wagnerin. Sie hatte sich an die Tür gestellt, die nur angelehnt war, und guckte durch den Spalt in die Küche. Sofort umdrängten sie alle voll Neugier, um ebenfalls hinauszusehen.

Der Poldl saß auf der Ofenbank und hatte den kleinen Buben im Schoß. Durch die vielen Menschen, das Summen und Beten wurden die Kinder erregt, sie konnten nicht einschlafen. Als der Kleine zu weinen anfing, hatte ihn der Vater aus dem Bette geholt und ihm eine Brotrinde in die Hand gegeben; zärtlich beugte er sich über den Lockenkopf, um ihn wieder und wieder zu küssen.

Das erschien dem Bübchen behaglich, und es strampelte so vergnügt mit dem Füßchen, daß die Bandage, die um sein krankes Bein gewickelt war, herunterfiel.

Hanni kniete zu ihm nieder, um sie wieder anzulegen, aber der kleine Schelm strampelte nun absichtlich immer heftiger, daß sie nicht damit fertig werden konnte, und lachte dazu.

Das reizte den Großen, er wollte auch dabei sein. Er sprang aus dem Bettchen, überfiel die Hanni von rückwärts, umschlang ihren Hals und schwang sich aufjauchzend der Knienden auf den Rücken.

Hanni ward ungeduldig und begann zu schelten. Da wurde der Kleine still, ließ sie gewähren und steckte ihr, um sie vollends zu versöhnen, sein Brotrindlein in den Mund.

Es war ein anziehendes Bild liebevoller Zusammengehörigkeit, aber die es betrachteten, empörte es.

»Dem übermütigen Fratzen möcht ich a paar herunterhauen,« zischte die Wagnerin.

»Die Alten sind auch nit g'scheidter.«

»Wahr is's, uns lassen s' beten, sie unterhalten sich miteinander.«

»Wie sie da vor ihm kniet!«

»Vielleicht kniet er dann wieder vor ihr.«

»Aber nicht umsonst!«

»Schaut nicht so aus.«

»Es ist ein Skandal!«

Die Gebete wurden nicht wieder aufgenommen.

»Die macht kan Rucker mehr,« sagte der Vorbeter, auf die Tote zeigend, und entfernte sich zuerst, die anderen folgten ihm bald.

Der Poldl und die Hanni aber durchwachten den Rest der Nacht schweigend bei der Toten.

Von tiefem Leid erfüllt nahmen sie Abschied von der armen Josepha, die sie geliebt und um die sie gebangt und gelitten hatten.


VIII.

Eine Woche war seit dem Begräbnis verflossen, aber die Verdächtigungen und Beschuldigungen, die Josephas schneller Hingang entfesselt, konnten nicht zur Ruhe kommen.

Die guten Seethaler hatten in dieser Winterszeit ja auch sonst nichts zu tun und zu deuten, und so beobachteten sie in gespannter Aufmerksamkeit jede Lebens- und Seelenäußerung des jungen Witwers und seiner Schwägerin, um sie sofort auf das Schlimmste sich auszulegen. Die ersten Tage »nach der Leich« hatte man weder den Poldl noch die Hanni zu Gesicht bekommen.

»Warum sich die so verstecken? Doch nicht aus Kummer? Der wird wohl nicht so groß sein – das ist nur Heuchelei,« hieß es. Dann erschien der Poldl im Orte, aber ohne jedes Zeichen der Trauer.

»Der tut g'rad, als ob nix passiert wär, eine solche Gefühllosigkeit hätt man ihm doch nicht zugetraut.«

Man machte ihn aufmerksam, daß beim Pfrogner Holzarbeit zu vergeben sei, aber er hatte sich nicht gemeldet. Dagegen hatte er beim ärarischen Förster um Arbeit förmlich gebettelt und war abgewiesen worden.

»Recht is ihm g'schehen.«

Nichtsdestoweniger hatte er am nächsten Tage beim Krämer und sogar beim Fleischer eingekauft und überall bar bezahlt.

Ja, womit denn, womit?

Genaue Nachforschungen lösten das Rätsel.

Er hatte den goldenen Ehering und die goldenen Ohrringe seiner Seligen verkauft.

»Aus is's!« riefen die Weiber empört. Diese Ohrringe waren der Josepha ihr Firmungsgeschenk und ihr Stolz gewesen; freilich, zu ihrer Dürftigkeit hatten sie nie gepaßt, das stand fest, und sie hatten sich alle darüber nicht wenig das Maul zerrissen. Im letzten Halbjahr hatte man sie auch nicht mehr an ihr gesehen; wahrscheinlich hatte der Poldl schon vorher die Hand darauf legen wollen, und sie hatte sie vor ihm versteckt; jetzt, kaum war sie tot, hatte er sie schon verschachert.

»Die arme Frau müßt sich im Grab umdrehen, wenn sie's wüßt . . . Und warum sollt sie's nicht wissen? Im Jenseits weiß man doch alles. Na, die göttliche Straf wird auch dem Poldl nicht ausbleiben.«

Und die Hanni? Nicht einmal am Sonntag nach der Leich ist sie in die Kirche gekommen, um für die Schwester zu beten. »Das ist eine schöne Piät!«

Als aber am zweiten Sonntag die Glocken zur Kirche läuteten, kam nett und sonntäglich angezogen auch die Hanni daher mit den Kindern. Den Kleinen trug sie, Hans, der Große, trippelte in dem tiefen Schnee neben ihr her.

»Jetzt bringt die gar die Kinder daher, bei dem Schnee,« rief man mißbilligend aus, »die hätt s' doch z'Haus lassen können!«

Alle gingen an der Hanni vorbei, niemand schaute sie an.

Sie kam mit den Kindern nur langsam vorwärts. Als sie die Kirche betrat, war diese gedrängt voll. Sie fand keinen Platz; man rückte auch nicht zusammen. Trotzdem ging sie vorwärts, von Bank zu Bank. Ganz vorne waren zwei leere Sitze, und als sie mit den Kindern sich gegen die Bank lehnte, erhob sich ein junges Weib und ließ sie ein.

Aller Augen waren ihr gefolgt, ein Flüstern ging durch die Kirche. »So einer macht man nicht Platz,« hörte sie ziemlich laut hinter sich sagen, »die hat's notwendig, sich da vorn breit zu machen.«

»Wie sie sich aufgeputzt hat, sie tragt die Kleider der Seligen.«

»Warum denn nicht, sie hat doch die ganze Erbschaft schon nach ihr angetreten.«

Die Hanni blieb unbewegt, sie zuckte nicht mit den Wimpern. Höher hob sie den Kopf, er saß stolz auf dem kräftigen Nacken.

Der Priester erschien – die Messe begann. Aber immer noch konnten sich die Blicke dieser frommen Gemeinde nicht von ihr lösen. Auch Anton Pfrogner, der in seinem schwarzen Gehrock, dem Altar zunächst, in seinem bezahlten Kirchstuhle saß, starrte hinter seinem Gebetbuch unverwandt nach ihr hin.

Wie war sie doch lieblich und so ganz eigen, die Hanni! Und als jetzt die Sonne schräg durch das Fenster fiel und ihren Schimmer über sie warf, erschien ihr Gesicht wie verklärt und von innen durchleuchtet, von jenem Strahl, der wärmt und beseligt, weil er aus einem reinen Herzen dringt. Niemals hatte er nach einem Weibe eine solche Sehnsucht empfunden, wie jetzt nach ihr. So jungfräulich war sie noch und so mütterlich zugleich. – Sie hatte den Buben im Schoße; an ihrer Brust war er eingeschlafen, und er ruhte daran so wonneselig und warm.

Dem Pfrogner klopfte das Herz wie im Fieber; sündige Gedanken durchwühlten ihn; er aber wollte sich einreden, daß er es ehrlich meine, daß es wohl anständig und zu ihrem Glücke sei, wenn er sie von dem Zimmermann trennte und sie zu sich nahm.

Die verdiente was besseres, als bei dem Kerl zu hungern und zu verderben. Die war würdig, an seiner Seite zu leben. »Ich hab nur Gutes mit ihr im Sinn,« betete er, »und ich werd's durchsetzen, und müßte ich sie dazu zwingen.«

Der Poldl war spät gekommen und stand mit anderen jungen Männern, denen es so bequem war, außen vor dem Portale. Während Orgeltöne die Kirche durchbrausten und wohlklingender Gesang mit den dramatischen Rezitativen des Priesters zu schöner Wirkung sich einte, raunten die Burschen hier außen hinter den vorgehaltenen Hüten ihre albernen Späße sich zu. Der Poldl war sofort ihr Stichblatt geworden. Sie fanden ihn, seit er Witwer war, wieder flott beieinander und zogen ihn damit auf.

»Jetzt kannst Dich halt wieder um eine Neuche umschau'n,« raunte einer der Kirchgänger.

»Weißt denn, ob er nit schon dabei is? So was g'schieht ganz geräuschlos,« meinte ein anderer.

»Tät mi nit wundern, er hat ja nie nit viel Freud' an der Seinigen g'habt.«

»Wer hat denn a Freud an der Seinigen?« witzelte ein junger Ehemann.

»Höchstens an anderer!« wurde ihm schlagfertig ins Ohr gezischelt.

»Ah, der Poldl war g'scheit, der hat sich schon eine daneben gepflanzt, a Hübsche a no – bist jetzt nit in Verlegenheit, gel?!

»Na,« sagte der Poldl, »i bin nur in Verlegenheit, welchem von Euch im am ersten über sein freches Maul fahren soll; ich wart' nur die Mess' ab, dann woll'n wir uns weiter unterhalten.«

Aber die Spötter schienen auf diese Unterhaltung nicht allzu erpicht zu sein. Sie waren plötzlich andächtig geworden, und während der Wandlung rutschten sie auf ihren Knien richtig bis in die Kirche hinein.

Als die Messe aus war, erwartete sie der Poldl vergeblich. Aber auch die Hanni mit den Kindern war nicht zu sehen.

Am Kirchplatz standen die Leute zu Gruppen gesellt und plauderten miteinander.

Die Männer beeilten sich, ihre Pfeifen in Brand zu stecken, die Frauen gingen nach kurzer Beratung in die Läden, um einzukaufen.

Die Sonne schien warm an diesem Sonntag im März, die unteren Luftschichten waren kaum bewegt. Aus dem tiefblauen Firmament aber zogen langgestreckte, rutenartige Wolkenstreifen dahin, die wild durcheinander gefegt waren. Föhnwetter war eingetreten. Die Bauern zeigten auf die verschneiten Höhen, von denen tosend die Wasser stürzten, und tauschten ihre Besorgnisse.

»Es liegt furchtbar viel Schnee überall, wenn der jetzt gach ins Schmelzen kommt, da gibt's was.«

»Der Schnee hängt wie in der Luft,« versicherte ein anderer, die »kleinste Erschütterung, plumps is er unten.«

»So is's!« bestätigte ein Dritter. »Mir war's schon ganz enterisch beim Herfahren; bei der Franzosenschanz, wie meine Glöckerln läuten, löst sich von oben eine Lahn (Lawine) nach der anderen und kommt knapp hinter mir runter.«

Die Gespräche stockten, als die Frau Obermüllner mit ihren Töchtern in Samtmänteln und Federhüten über den Platz ging, alles zog grüßend die Hüte und glotzte ihnen nach, bis sie hinter der Ecke verschwanden.

Herr Hofer, der mit ihnen gewesen, blieb zurück. Er trug einen neuen Pelz mit einem Astrachankragen und einen Zylinder. Er sah furchtbar vornehm aus und war sich dessen bewußt. Breitspurig stand er da und ließ sich bewundern.

»Jetzt kommt die Hanni nimmer,« dachte der Poldl. Sie mußte schon nach Hause gegangen sein, aber wie kommt sie mit den beiden Buben über den Weg, der jetzt von den Bergwässern überrieselt war? Er wollte ihr nach. Da sah er den Pfrogner an der Seite des Pfarrers aus der Sakristei treten. Eifrig sprachen sie miteinander, in ungewohnter Lebendigkeit. Jetzt blieben sie stehen und schüttelten, Abschied nehmend, einander die Hände.

Der Poldl grüßte den Pfarrer, als dieser an ihm vorüberkam. Der maß ihn streng mit einem strafenden Blick und dankte kaum für den Gruß.

Den Poldl durchzuckte es. Unwillkürlich sah er sich nach dem Pfrogner um; aber der war schon beim Wirtshaus vorüber und bog in die Allee ein.

Da eilt er heim, während seine Frau noch im Orte weilt – er geht der Hanni nach – er will sie treffen.

Aber da wollte er auch dabei sein . . . Rasch stürmte er vorwärts, da verstellte ihm Hofer den Weg.

»Ja, was ist denn das, mein lieber Poldl, stehen Sie bei dem Pfarrer in Ungnad'? Da heißt's halt nachgeben, sonst werden Sie sich schlecht dabei stehen.«

»Ich hab nix getan und frag auch nach nix,« sagte der Poldl trotzig und wollte vorüber.

»Halt, Poldl,« rief der Bauunternehmer, »ich wollt Ihnen sagen, wenn das Wetter gut bleibt, fangen wir schon die nächste Woche zu bauen an.«

Das Gesicht des Zimmermanns erhellte sich. »Nehmen Sie mich wieder?«

Hofer nickte gönnerhaft; sein Schwiegervater hätte sich zwar sehr über ihn beklagt, aber er wolle es ihm nicht nachtragen. Er habe eine feine Arbeit, die wolle er keinem anderen geben. Sein Polier hätte ihm zwar dafür einen Arbeiter aus der Stadt in Vorschlag gebracht, er aber berücksichtige immer die Hiesigen, die Ansässigen in erster Linie. »Was möchtet Ihr auch anfangen, wenn wir Euch nichts zu verdienen geben?«

»Freilich,« sagte der Poldl schwer, dann hob er den Kopf und sah seinen Ausbeuter finster an. »Uns kriegt's dafür billig; ein freizügiger Arbeiter ist nicht um den Lohn zu haben, den Sie mir geben.«

Der Bauunternehmer lächelte und sagte in zynischer Offenheit: »Etwas muß doch auch für mich dabei rausschauen.«

Der Poldl griff nach dem Hut und setzte seinen Weg fort.

Als er den Wald erreicht hatte und die Anhöhe emporschritt, empfing ihn ein Plätschern. Von allen Seiten, in unzähligen Rinnen kamen die Wasser vom Berge herab, den Weg überflutend und in den See hinabfließend, von dessen Ufern sich das Eis bereits abgelöst hatte und weitertrieb.

Er achtete nicht darauf in dem Aufruhr, der sein Inneres bewegte.

Vor dem Abstiege humpelte der Einleger Tobias ihm entgegen und hielt ihn auf. »Hast es g'sehen?« murmelte er mühsam mit dem verschobenen Kiefer. »Hast Recht, daß D' Di' z'Haus tummelst – 's is g'fährli – d'Hanni allan – man kann nit wissa, was da passiert.«

Poldl stieß den Alten zornig bei Seite und rannte weiter. Tobias stand verdutzt da. »So a Grobian – wenn man ihm's a no gut moant – der Schnee da droba – gar so viel abg'holzt hab'n s',« er wies mit dem Stock gegen die Höhe ober dem Zimmermannshäusel – »mir is's recht, wenn dö Lahn runter kimmt – mir g'schiecht nix.« In dieser wohligen Gewißheit humpelte er langsam weiter, dem Orte zu.

Als der Poldl um den Felsen herumkam und sein Häusel vor sich hatte, sah er den Pfrogner just hinter der nächsten Biegung verschwinden.

Es war ihm, als müsse er ihm nacheilen und ihn bei der Gurgel fassen, als er aber sein Haus erreicht hatte, sprang er gegen die Tür und betrat den Vorplatz.

Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Er blieb vor der Küchentür stehen und horchte.

Er hörte von innen heischende, klagende Kinderstimmen – die Stimme der Hanni vernahm er nicht.

Sachte öffnete er und trat ein.

Hanni lehnte am Fenster und sah gegen die Berge. Die Kinder zerrten mahnend an ihren Rockfalten, unaufhörlich das eine Wort in demselben Ton wiederholend: »Han-ni, Han-ni!«

Sie schien es nicht zu hören. Wie verloren stand sie da, in sich versunken.

Sein kräftiger Schritt ließ sie umsehen.

Ihre Augen trafen zusammen, groß, ernst, in Frage und Antwort:

»War der Pfrogner da?« – »Ja.«

Der Poldl warf den Hut beiseite und zog seine Joppe aus; die Kinder liefen ihm zu, um dem Vater ihr Leid zu klagen.

»Die armen Kinder haben Hunger, und Du vergißt auch sie,« sagte er rauh.

Aber schon stand die Hanni am Herde. Noch in ihrem Sonntagsstaat begann sie Feuer zu machen und stellte die Milch auf. Die Kinder hingen schon wieder an ihr und begleiteten jede ihrer Bewegungen mit erwartungsvoller Teilnahme.

Der Poldl schritt auf und nieder, dann stellte er sich, wie vorhin die Hanni, aus Fenster und schaute über den See gegen die Berge.

Die Sonne erreichte eben die Höhe des Zwölferkogels. In neuerwachender Kraft sendete sie ihre Strahlen nach den Südabhängen herüber, um die starre Decke des Winters zu schmelzen; schon beginnt es sich frühlingshaft darunter zu regen. Und auch in dem Herzen des Mannes will es Frühling werden, noch hat er die Kraft und die Jugend dazu, aber er wehrt sich standhaft dagegen, und machtvoll sucht er sich zu dem Entschlusse durchzuringen, den er für gut und vernünftig hält.

Der Jubelruf der Kinder weckt ihn aus seinen Gedanken. Ihr Mittagessen war fertig. Die Hanni brachte es auf das Kindertischchen und setzte es ihnen vor. Poldl hatte sich auf die Bank hinter dem Tisch geworfen und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Seine Augen blieben finster, sein Herz klopfte in immer stärkeren Schlägen.

Mechanisch hatte er nach der vor ihm liegenden Pfeife gegriffen und begann mit ihr auf den Tisch zu klopfen, in rasch sich folgenden Intervallen, die seine innere Unruhe verrieten.

Hanni trat herzu und nahm ihm die Pfeife, wie einem Kinde das Spielzeug, aus der Hand.

»Du wirst sie zerbrechen,« sagte sie sanft. Ihr Gleichmut brachte ihn auf; fast höhnisch sah er sie an.

»Laßt Dich alles so kalt, oder weißt Du nicht, was die Leut von uns reden?«

»Ich weiß es.«

»Das Schlimmste sagen sie uns nach, sie lassen kein gutes Haar an uns.«

»Sie sind gemein und denken gemein.«

»Aber auch der Pfarrer ist gegen uns aufg'hetzt, weißt Du das?«

»Schon möglich. Der Pfrogner war eben da, um mir zu sagen, ich soll heut Nachmittag in den Pfarrhof kommen, der Herr Pfarrer will mit mir reden.«

Poldl erblaßte.

»Aha, ich habs g'wußt – der elende Kerl steckt sich jetzt hinter den Geistlichen, der soll Dir zureden, daß Du zu ihm gehst . . . aber das g'schieht nicht – das darf nicht sein, das verbiet ich Dir!« Immer herrischer wurde sein Ton; unsäglicher Grimm leuchtete aus seinen Augen.

Hanni setzte sich ihm gegenüber und sagte fest: »Sei ruhig, das g'schieht auch nit, nie und nimmermehr.«

Ein hellerer Strahl glitt über sein Antlitz; er strich seinen blonden Bart und sagte nicht ohne Anstrengung: »Ich hab mir alles schon überlegt – Du mußt fort von hier, Hanni.«

Sie zuckte auf und starrte ihn an mit großen, erschreckten Angen, die Lippen bewegten sich, aber der Ton versagte.

Er wiederholte mit Nachdruck: »Ja, Du mußt fort, und zwar gleich. Du gehst zu Deiner Tant' in die Stadt, sie verlangt nach Dir, es ist das Beste!«

»Und was g'schieht mit – den Kindern?« brachte sie mühsam hervor.

»Die Huberin soll sie den Tag über versorgen, am Abend hole ich sie mir heim.«

Die Hanni schlug wie in Verzweiflung die Hände zusammen: »Die Kinder – der Huberin! – Die verwahrlost die eig'nen! – Das kann nit sein, das tust nit, Poldl! – Die armen Kinder – was möchten die dazu sagen! – Sie sind so an mich gewöhnt – und ich an sie! – Von ihrer Geburt an hab ich sie g'habt und betreut, von ihrem ersten Schrei an haben s' mir g'hört – ihre eigene Mutter hat sie mir nicht streitig g'macht, und jetzt willst Du's tun, Du, Poldl?«

»Aber so sei doch g'scheit, Hanni,« sagte der Mann, mühsam nach Fassung ringend, »denk doch nur darüber nach – es kann nit so fortgehen!«

»Was? Daß ich, wie bisher, auf die Kinder achtgeb?«

»Du kannst ihnen nicht Deine ganze Jugend opfern, Deine ganze Zukunft!«

»Geh, das sind Reden,« fuhr sie auf und wollte noch mehr sagen, aber sie preßte die Hand gegen den Mund und biß die Lippen zusammen, um nicht in Schluchzen auszubrechen.

Der kleine Hansel hatte indes schon gemerkt, daß da was vorgehe; er war zur Hanni geeilt und blickte ängstlich zu ihr empor.

Sie riß ihn an sich, umschlang ihn mit beiden Armen und drückte ihn stürmisch an ihre Brust.

»Verstehst Du das, Hanserl?« – krampfhaft stieß sie die Worte hervor – »kannst das verstehen, was da Dein Vater sagt? Gelt, Du kannst's nit verstehn – und ich versteh's auch nit – gar nix versteh' ich davon.

Auch dem Poldl kamen ungewünschte Tränen ins Auge, die er rasch mit dem Aermel abwischte. »Weil Du ein Kind bist wie er,« sagte er hart, »weil Du Dir vielleicht nit vorstellen kannst, wie alles kommen wird. – Du verstehst mich nit – kannst mich nit versteh'n – ich bin schlecht!«

»Du!?« rief sie aus, und aus den weinenden Augen brach ein Strahl, groß und schön – der Strahl der Liebe. »Du bist der bravste, treueste, und beste Mensch von der Welt, ich kenn keinen bessern! Und ich hab Dich immer gleich g'funden, in guten und schlimmen Tagen – und drum hab ich Dich gern g'habt, damals schon – wie ich ein klein's Mädel war – und ich werd Dich gern haben, wenn ich ein alt's Weiberl bin – da ändert sich nix mehr, Poldl – das is für's Leben!«

Er sah sie nur immer an in ihrer aufblühenden Herrlichkeit, betäubt und vernichtet von seinem Glücke.

Da drängte sie den Knaben von sich: »Geh, iß weiter.« Sie erhob sich mit hochklopfender Brust, verwirrt und beschämt, und führte ihn an sein Bänkchen zurück.

»Ich glaub, wir brauchen nix weiter darüber zu reden,« begann sie dann wieder, ohne Poldl anzusehen, in einem völlig veränderten Tone, »es is nit nötig – tu, was Du glaubst, aber denk an die Kinder.«

»Nein, Hanni, ich denk an Dich!« rief er mit der Kraft männlicher Selbstüberwindung. »Du bist jung, Du hast keinen Vater und keinen Berater – mir warst übergeben – es ist meine heilige Pflicht, daß ich Dich vor Unglück und Leid bewahre, so weit ichs vermag. – Ich müßt ja der schlechteste, niederträchtigste Kerl sein, wenn ich Dich so ins Unglück rennen ließ . . . Was willst denn mit mir, Du dumm's Mädel? – Ich bin so viel älter wie Du – ein Witwer mit Kindern – ich kann Dir nix bieten . . . Du hast schon Not und Elend genug mit uns durchg'macht, das soll nicht in alle Zukunft Dein Los sein. Und bei mir hätt'st nix Besseres zu erwarten – wer weiß, ob – bisher hab ich doch noch etwas gehabt, aber mein bissel Eigentum – mein Häusel – morgen is's vielleicht unter dem Hammer.«

»Wirf's hin, Poldl!« rief sie aus, und sie wandte sich voll ihm zu, mit hocherhobenem Haupte.

Eine bewußte Energie sprühte aus ihren Augen.

»Wirf ihnen den ganzen Krempel vor die Füß, was hängst Dich an etwas, das Du nicht halten kannst.«

»Es ist doch das einzige, was ich besitz –«

»Und was Dich zum Knecht macht. Poldl, glaub mir, mit der ersten Hypothek haben sie Dich in die Hand kriegt; damit war der Strick gedreht, an dem sie Dich ang'hängt haben – Du kannst Dich nicht rühren, Du bist ansässig, und an dieser Seßhaftigkeit halten s' Dich fest. Und sie wollen Dich halten, denn sie können Dich brauchen. Du bist so fleißig, so g'schickt, mehr als Du glaubst – sie kriegen nit leicht einen solchen, und drum lassen s' Dir grad so viel Luft, daß D' nit erstickst, aber nit mehr, und so bist Du ihr Schklav geworden, mit Haut und Haar. – Ja, Poldl, so is 's. – Nit allein Deine Arbeit hast ihnen verkauft, sondern den ganzen Menschen – und sie wollen Dir vorschreiben, was Du tun, was Du lassen sollst – sie verleumden uns, sie wollen uns trennen – weil es ihnen so paßt, weil's der Pfrogner so will – aber das soll ihnen nicht gelingen! Zerreiß Deine Fessel, geh fort – tu's! Poldl, Du laßt ja nicht viel zurück, aber Du gewinnst damit Deine Freiheit!«

»Und mein Glück!« jubelte er auf – »Du gehst mit mir!« Er fürchtete nichts mehr. Sie hatte ihm den Weg gezeigt, sein Wille, seine Kraft, ihn zu betreten, war durch die ihrige erhöht, verdoppelt. Er sollte den treuesten, tapfersten Gefährten nun für immer an seiner Seite haben, und dieses Gefühl goß einen frischen Strom von Lebensfreudigkeit in seine Adern.

Seine Arme breiteten sich ihr entgegen. Da verwandelten sich jäh die Züge der beiden von dem Ausdruck der höchsten Wonne zu dem des haarsträubendsten Entsetzens.

Ein dumpfes Dröhnen läßt die Wände erzittern, ein lautes Rollen folgt, das alles um sie erschüttert. In dem Augenblick reißt ein Sturmwind Fenster und Türen auf, die Hütte durchsausend. Die Kinder schreien auf – der Poldl brüllt: »Die Lahn – fort!«

Schon hat er den einen Knaben erfaßt, sie den anderen – sie stürzen zur Tür. Herabwirbelnde Massen von Schnee, mit Sand und Erde gemischt, schlagen ihnen entgegen, rauben ihnen den Atem, machen ihre Augen erblinden.

Hanni will unter das schützende Dach zurück, er aber umschlingt sie mit seinem Arm und mit fast übermenschlicher Kraft reißt er sie vorwärts. Von oben wälzt sich, zu einer kompakten Masse geballt, ein den Grund aufwühlender, alles mit sich fortreißender Schneestrom. In der Mulde, zwischen den beiden Felsvorsprüngen, kommt er herunter. Der Poldl sieht nichts; er und die Seinen sind in die dem Strome voranstürzende Schneewolke gehüllt, aber er hört und fühlt. Mit blitzartiger Schnelligkeit hat er die Situation erfaßt, mit aller Klarheit steht sie vor seinen Augen. Nur einige Schritte gilt es zurückzulegen – sobald sie den Felsenvorsprung erreicht, sind sie geborgen. Der Wind selbst, durch den Luftdruck erzeugt, treibt sie vorwärts – stärker braust er – es knattert und poltert – es brüllt und donnert – Steine fliegen über sie hinweg – die Erde bebt unter ihren Füßen. – Im nächsten Augenblick fühlen sie sich erfaßt, emporgehoben und niedergeworfen. Die Lawine war heruntergekommen und in den See gestürzt. Sie war nicht ausgedehnt gewesen, aber was auf ihrem Wege gelegen, hatte sie mitgerissen, Sträucher und Bäume entwurzelt, Steinblöcke tief aus dem Grunde gewühlt – der nackte Felsen, weißer Marmor, war zu Tage getreten und glänzte im Sonnenschein. Auch das Zimmermannshäuschen stand nicht mehr an seinem Platze, es war rein wegrasiert, seine Trümmer schwammen im See, aber seine Bewohner lebten.

Nachbar Huber war der erste zur Stelle. Bald hatte er die unter der Schneewehe Verschütteten, die außerhalb des Stromes lagen, dem sie mit knapper Not entgangen waren, herausgegraben. Sie waren betäubt, nicht verletzt.

Ganz Seethal war in Bewegung gekommen. Alles eilte dem Orte der Katastrophe entgegen, alles freute sich, daß der Poldl mit den Seinen dem Verderben entronnen war. Allenthalben streckten sich ihnen hülfreiche Hände entgegen.

Diesen ganz Verarmten gegenüber schien jeder Groll geschwunden, und wenn auch einige sich zuraunten, das sei die Strafe für ihre Sündhaftigkeit gewesen, laut wagte es niemand zu sagen. Aber der Despotismus der Gutherzigkeit machte sich ungehindert geltend.

Der Pfarrer selbst traf die Verfügungen, was mit den Leutchen geschehen sollte, damit jedes weitere Aergernis vermieden werde: Die Kinder behielt die Huberin, die Hanni kam in das vornehme Pfrognerhaus und den Poldl wollte sich der Hofer attachieren; er gab ihm eine Schlafstelle im Stalle. Alles war auf das Beste eingeteilt und geordnet. Die Hanni sollte nur einige Tage noch bei der Huberin bleiben, bis sich die Kinder an diese gewöhnt hatten.

Indes war die Geschichte in die Zeitung gekommen. Von den Bauern aus der Umgebung trafen Geldspenden ein, und schon begannen sich die Seethaler die Köpfe zu zerbrechen, wie der Poldl das Geld am besten verwenden könnte, als, welche Ueberraschung! eines schönen Tages dieser samt der Hanni und den Kindern verschwunden war.

Vergeblich warteten die Seethaler Tag um Tag auf die Rückkehr der Flüchtlinge, sie kamen nicht wieder.

Da brach dann der ganze Zorn wieder gegen sie aus; es waren doch undankbare, schlechte, in Grund und Boden verdorbene Menschen, dieser Poldl samt seiner Hanni. –


* * *


Drei Jahre später zeigte man dem Hofer, als er einmal in die Stadt kam, als etwas Sehenswertes einige neuerstandene Villen in reicher Holzarchitektur.

»Sapperment, das ist hübsch,« sagte der, »und wie rein das gemacht ist! Ich hab auch einmal einen Arbeiter g'habt, der etwas so sauber herausschneiden konnte; das war der Straßmayer-Poldl.«

»Das ist ja von ihm,« hieß es, »aber das ist jetzt ein gesuchter Mann; es heißt, er will nach Wien gehen und Bildhauer werden.«

Der Hofer brachte diese Nachricht nach Hause. Die Seethaler schlugen die Hände über dem Kopfe zusammen: »Aus is's! Und was is's mit der Hanni?«

Aber darüber wußte der Hofer nicht Bescheid, und so haben die Seethaler nicht einmal erfahren, und das hätten sie doch für ihr Leben gern gewußt, ob der Poldl die Hanni auch wirklich geheiratet hat.–


* * *




Der Pariser Garten.

Erstes Kapitel.

Er hieß im Volksmunde der Pariser Garten und war ein Vergnügungsetablissement weit draußen in der Vorstadt, zu einer Zeit, wo Groß-Wien noch nicht geschaffen war.

Es war ein primitiver und dabei höchst phantastischer Holzbau. Stockhoch, von zwei schlanken, minaretartig aufstrebenden Türmchen flankiert, enthielt es nur einen einzigen Saal, dessen Fenster als Oberlicht, hoch oben im Giebel, und seitwärts, fast unter dem Dache, angebracht waren. Es war ein Ausstellungsobjekt der Wiener Weltausstellung gewesen und nach derselben hier aufgestellt worden, um das Vauxhall der Wiener zu werden. Es war nicht allzulange her, daß in dieser Gegend schattige Auen das Auge erfreuten, und die schönen alten Kastanien, rund um den Pariser Garten, die seinen Namen einigermaßen rechtfertigten und seinen Gästen erquickenden Schatten spendeten, waren ein Ueberbleibsel davon. Aber schon wurde auch hier parzelliert, und eine rege Bautätigkeit begann sich zu entfalten.

Den kleinen Leuten vom »Grund« imponierte die verwegene Architektonik des Gebäudes ganz gewaltig, und an Sonn- und Feiertagen, wenn bunte Fähnchen von den Türmen wehten, wenn das große Portal, zu dem drei Stufen emporführten, mit Reisig und Blumen geschmückt war, und rechts und links davon auf dem verandaartigen Vorbau farbige Lampions, bogenartig aufgestellt, weithin ihren verführerischen Schimmer entsendeten, da kamen sie scharenweise, um das Wunder zu sehen und sich zu vergnügen bei Bier und Tanz. Bei den Klängen eines Straußschen Walzers konnte man die sich eng umschließenden Paare unermüdlich sich drehen sehen. Die Zecher saßen im Sommer im Garten, im Winter hatten sie ihren Platz am äußersten Ende des Saales, unter der Galerie, zu der eine eiserne Wendeltreppe führte, auf der die Musikanten hinanstiegen. Rauch und Dunst, die sich entwickelten, trübten die Gasflammen, aber keineswegs die Stimmung der Männlein und Weiblein, die sich hier zusammengefunden, und die mit jeder fortschreitenden Stunde lustiger wurden.

Aber die Tage des Glanzes waren auch für dieses Vauxhall von kurzer Dauer. Das Lokal war bald verrufen. Die anständigen Kleinbürger mieden es, für die Liederlichkeit der Demimonde war es zu entlegen und so ging es, wie sein berühmtes Vorbild und aus den gleichen Ursachen seinem Verfall entgegen. Kein Pächter wollte sich mehr finden, der Pariser Garten mußte geschlossen werden.

Jahre waren vergangen, die schlanken Türme waren windschief geworden, die Galerie war zusammengebrochen, und die hölzernen Wandungen selbst hatten Risse und Sprünge bekommen, die weit auseinanderklafften. Die Lokalität war als Magazin benutzt worden, aber ihr zunehmende Feuergefährlichkeit ließ sie selbst für diesen Zweck nicht mehr geeignet erscheinen und sie hatte während des letzten Winters vollständig leer gestanden. In den ersten Tagen des Märzen aber, wo in die alten Bäume frische Säfte emporstiegen, erwachte auch der Pariser Garten zu neuem Leben.

Ein Dekorationsmaler, der für Theater des In- und Auslandes außergewöhnlich zahlreiche Bestellungen erhalten hatte, hatte ihn für die Sommermonate gemietet. Er sollte für diese Zeit als eine Art Dependance zu dem großen Maleratelier dienen, welches Herr Schwarz mit modernem Komfort eingerichtet hatte.

Um den dort arbeitenden Künstlern für ihre Tätigkeit mehr Raum zu schaffen, sollte ein Teil des untergeordneten Personals in den Pariser Garten verwiesen werden, um hier die nötigen Vorarbeiten zu bewerkstelligen. Namentlich sollten die Näherinnen hier ihre Werkstatt aufschlagen, welche die Bahnen der »Leinwanden« zusammennadeln, bis sie jene ansehnliche Größe erreichen, welche der Prospekt eines modernen Theaters erheischt; sie hatten auch die Bogen mit dem oft reichen Blattwerk auszuschneiden, um dieses auf der unterlegten Gaze anzunähen. Die Farbenreiber aber konnten auf dem ehemaligen Tanzboden genügend Raum finden, um ihre großen Leinwanden aufzuspannen und zu grundieren.

Man konnte einen großen, blutjungen und wohlgebildeten Menschen in diesen Tagen vielgeschäftig hier aus- und eingehen sehen, es war Josef, der Farbenreiber, der das Lokal ausfindig gemacht hatte und tauglich befunden und nun dessen Instandsetzung überwachte.

Große Ballen Leinwand waren hierher transportiert worden; Josef trug sie auf seinen herkulischen Armen in den Saal und warf sie auf den Boden, daß es dröhnte und der Staub wirbelnd emporflog. Als jetzt der Chef, Maler Schwarz, durch die große offenstehende Tür in den Saal trat, sprang ihm der junge Arbeiter leicht wie ein Windspiel und mit einer gewissen vertraulichen Fröhlichkeit entgegen.

»Nun, Josef, wie steht's?« fragte der Chef, sich umsehend.

»Kommt alles in Ordnung, Herr von Schwarz, aber zwei tüchtige Oefen müssen herein, sonst trocknet uns der Grund nicht.«

»Sie sind bereits angeschafft, mächtige Füllöfen.«

»Dann werden wir ja sehen, was das Heizen hier ausgibt, nicht viel, mein' ich, das ist hier das reine Sibirien,« versicherte Josef.

»Es ist schlimmer als auf der Straße,« bemerkte Schwarz, sich schüttelnd, und dann mit einem Blick auf den jungen Arbeiter, der in einer blauen Barchentjacke und dünnen Beinkleidern vor ihm stand: »Sie sind sehr leicht gekleidet, Josef.«

»Ah, mir ist nicht kalt, na, wär' nicht übel, und ich – ich –« der junge Mann stockte, fuhr sich unter der Nase hinweg, lüftete seine Mütze und sagte dann mit seinem gewöhnlichen kecklichen Ausdruck: »Ich hätt' übrigens schon ein Platzerl gefunden, wo man sich hinhocken und wärmen könnt'.«

»Die Küche wohl?«

Josef nickte. »Die ist wie ein Salon, und der große schöne Herd! – mit Kacheln, Herr von Schwarz! Das ist das schönste im ganzen Haus, das müssen Sie sich nur anschauen.«

Er ging voran, den Führer machend, und Schwarz folgte ihm in die ehemalige Restaurationsküche, die linksseitig an den Holzbau angebaut worden und ein ziemlich großer Raum war, mit einem breiten vergitterten Fenster.

»Das wär' halt eine Wohnung für einen Hausmeister,« meinte Josef, mit der Zunge schnalzend, während seine schelmischen blauen Augen seitwärts nach Herrn Schwarz schielten.

»Es muß auch einer zur Aufsicht herein,« entschied der Maler, »und auch ein Hund wird angeschafft werden müssen. Wissen Sie vielleicht von einem Hunde?«

»Da hab' ich leider keine Bekanntschaft, aber –« fügte Josef leiser hinzu, »einen Mann kenne ich, der –«

»Wer wäre denn das? – Es muß ein ordentlicher Mensch sein.«

»Und Kraft muß er haben,« fiel Josef ein, »und Kurasch, wenn er's mit dem G'sindel aufnehmen will, das sich da um den Pariser Garten immer herumtreibt. Mich kennten sie halt jetzt schon,« fügte er mit seinem gewinnendsten Lächeln hinzu, »und vor mir hätt' die Bagage auch den nötigen Respekt.«

»Mir scheint, Sie denken stark daran, selbst hier Hausmeister zu werden.«

Josef faltete die Hände und sah so demütig und lammfromm aus, wie ein Kind: »Wenn ich bitten dürft', Herr von Schwarz.«

»Lieber Josef, das geht nicht; so ein Posten braucht schon einen gesetzten Mann.«

»O ich bitt', mich halten's überall für einen Dreißiger, und jetzt gar, wo schon der Backenbart anfangt.« Er strich sich liebkosend über sein glattes Kinn, auf dem einige lichtbraune Stoppeln sich zeigten.

»Was hab' ich von Ihrem Bart. Der Mann muß beweibt sein.«

»Wenn mir sonst nichts fehlte, Herr von Schwarz, das – das . . . könnte man schon machen.«

»Sie sind noch Soldat, nur beurlaubt, Sie können unmöglich d'ran denken.«

»Ja, denken tut man an so was auch nicht . . . Das kommt von selbst.«

»Sie sind am Ende gar schon verheiratet?«

 »Ich hab' eine Frau,« bemerkte Josef leise.

»Das heißt, eine Geliebte?«

Der junge Mensch hob seinen Kopf und sah seinem Arbeitgeber gerade ins Gesicht.

»Für mich ist's meine Frau. Und sie ist brav, meine Anna, mein Lebtag könnte ich keine Bessere finden, und sie ist so lieb und – hübsch ist sie auch, aber wenn wir einmal zusammen wohnen, dann soll sie sich nur mehr um ihr Hauswesen bekümmern.«

»Also Sie glauben es wirklich übernehmen zu können?«

»Es wär' so ein Glück für mich, und gewiß – Sie würden es nicht zu bereuen haben.«

»Aber wie wollen Sie denn mit einer Frau sich hier einrichten?«

»O ich bitt', sehr gut.« Josef maß den Raum mit den Augen aus und mit den Schritten. »Sehen's, da gehen prächtig zwei Betten her und da zwei Kästen, da steht der Tisch, zwei Sesseln dabei, und wenn ich das kleine Türl verstell', was von der Küche da direkt in den Saal führt, so hätte ein Küchenkasten auch noch Platz – mein Gott, und der Herd!« Josef faltete die Hände, die Aussicht, einen eigenen  Herd zu gründen, und noch dazu einen so großen mit Kacheln, erfüllte ihn mit namenlosem Entzücken.

Der Künstler nickte lächelnd ihm zu und meinte, daß er sich's überlegen wolle.

Er war indes sehr zufrieden, den tüchtigen Burschen, der sich nie betrank, der unverdrossen für Zwei arbeitete und dabei von einer unerschütterlich guten Laune war, sich als Hüter gesichert zu haben.

»Jedenfalls können Sie morgen provisorisch hier einziehen,« sagte er.


Zweites Kapitel.

Das große Atelier für Dekorationsmalerei, dessen Dependence jetzt der Pariser Garten werden sollte, beschäftigte etwa zwanzig Maler und eine ebenso große Anzahl anderes Personal, wie Tischler, Farbenreiber und Näherinnen. Es war ein großer, dreistöckiger, nach allen Seiten freistehender und mit mächtigen Fenstern versehener Backsteinbau. In dem großen Saal des Erdgeschosses, der fast die ganze Länge des Hauses einnahm, lag ein Prospekt von Armidas Zaubergarten in seiner Totalität ausgebreitet am Boden, an den Rändern sorgfältig am Fußboden angezweckt. Ein Stück tropischer Vegetation in berückender Farbenwirkung war auf der einen Leinwandhälfte zu schauen, während die andere auf der bereits angelegten »Luft« erst den Aufriß in Kohle zeigte.

Josef hatte die schweren Stiefel ab- und alte, leichte Schuhe angelegt und hüpfte nun wie ein Tanzmeister hin und her, wohl darauf achtend, nicht in die »Luft« zu treten, die in den zartesten Tinten gemalt war. Er begann die Palette herzurichten, die hier eine Art kleiner Karren auf vier Rädern ist, auf welcher die Farben in Töpfen aufgesetzt werden.

Zwei Arbeiter, Franz und Anton, hockten auf der Leinwand am Boden. Auch sie richteten die Palette her, und Franz, eine gedrungene Gestalt, von oben bis unten bunt bespritzt, war eben dabei, die Farben nachzuleimen.

Josef trat näher mit einem prüfenden Blick.

»Ich fürchte, Du wirst wieder die Farben verleimen; Du weißt, die Maler haben es nicht gern,« bemerkte er in gutmütiger Mahnung.

Franz erhob das zottige Haupt und, sich mit der Hand über den ebenfalls stark verschmierten Bart fahrend, sandte er dem kühnen Tadler einen mitleidig überlegenen Blick zu.

»Willst Du mir was lernen, Du? Dummheit! Glaubst Du, das Atelier wär' so berühmt, wenn ich die Farben nicht immer so gut geleimt hätt'?«

Josef lachte, er kannte den eigensinnigen Dickkopf und wußte auch, wie sehr der Alte ihm zugetan war, und daß er nur fürchtete, ihn gar zu übermütig zu machen, wenn er ihm diese Liebe gezeigt hätte. »Der Bua hat ohnedies so ein Eselsglück und das verdankt er mir,« pflegte Franz zu sagen. »Ich hab' ihn zu dem g'macht, was er jetzt ist, ich hab' ihn proteschiert und wenn er das jemals vergessen könnt', dann müßt' man ihn doch gleich mit dem Hackel erschlagen.«

Aber Josef glühte vor Dankbarkeit für seinen Wohltäter und gedachte daher nicht, in dieser traurigen Weise zu enden.

Josef war einer jener urwüchsigen und ganz ordinären Jungen gewesen, denen die Freiheit höher steht als die Bildung.

Er war nicht ohne Wißbegierde, er brannte vor Tatendrang, aber er liebte es, das Feld seiner Tätigkeit außer die Schule zu verlegen und seine Kenntnisse sich auf eigene Faust zu erringen. Als er das Atelier entdeckt hatte und aus dem großen Tor die bemalten und ausgesteiften Versetzungen heraustragen sah, war seine Neugier und seine Phantasie mächtig erregt. Es waren die wundersamsten Dinge, Säulenhallen und Tempel, Grotten und Wasserfälle, Palmen und wunderbar leuchtende Blumen; seine Augen vermochten sich kaum daran zu sättigen. Hundertmal war er von dem Tor weggeschafft worden und war immer wieder gekommen, bemüht, durch allerlei Dienstleistungen mit seiner Anwesenheit zu versöhnen. Franz war's, der seine Anstelligkeit bemerkte und seine Bemühungen duldete; Franz war es auch, der in einer großmütigen Stunde ihm die Pforten des Heiligtums öffnete und den Neophyten in die Leimküche führte.

Der Knabe war selig. Da waren in Töpfen all' die Farben, mit denen die schönen Sachen gemalt wurden; die einen allzu leuchtend und grell, die anderen unscheinbar ohne Wirkung. Er merkte sofort: die Mischung war's, die Behandlung, die Kontraste, welche den Zauber bewirkten. Aber der Franz schien all' diese Geheimnisse zu kennen und ihre Wirkung vorzubereiten; er wurde sein Ideal, und selbst einmal ein solches Amt zu versehen sein höchstes Ziel. Er vollführte alle Arbeiten, die ihm jener zuwies, mit wonnigem Eifer, ohne Entlohnung, und wurde so Franzens getreuester Helfer. Seine sich entwickelnde Kraft und Geschicklichkeit war bald dem ganzen Atelier bekannt und willkommen, und bald begünstigten alle den »Buben«, und selbst die Maler wollten ihn nicht mehr missen. Er hätte vielleicht noch länger umsonst gearbeitet und gehungert, wenn nicht Franz, der bisher seine Bissen mit ihm geteilt, den »Buben« gleichsam freigesprochen und ihn als fertigen und findigen Farbenreiber bei dem Chef in Vorschlag gebracht hätte. Mit siebzehn Jahren hatte Josef den Gipfel seiner Wünsche und seines Ehrgeizes erreicht, er war Farbenreiber geworden.

Farbenreiber! Das Wort sowie das Amt gehören einer entschwundenen Zeit an, heute werden die Farben gerieben geliefert. In den Ateliers der alten Meister war der Farbenreiber ein unentbehrlicher Helfer und gelegentlicher Mitarbeiter gewesen, der sehend lernte und die Geheimnisse der Technik im kleinen Finger hatte. Der Farbenreiber war zumeist die Vorstufe zum Maler gewesen, wie der Geselle zum Meister. Heutzutage ist das anders geworden, und die materiellen Vorbedingungen, die, wie es scheint, heute zur Künstlerschaft allein die Befähigung geben, können von dem Arbeiter niemals erfüllt werden. Der Farbenreiber von heutzutage braucht nichts gelernt zu haben, und niemand gibt sich Mühe, ihn etwas zu lehren; und doch soll er vieles verstehen, alles begreifen und nie eine Dummheit begehen. Josef konnte täglich als ein solches Kreuzköpfel gelten.

Er verstand die Mischungen und wußte den »Grund« zu behandeln wie kein anderer. Er hatte sich die Fachausdrücke gemerkt und suchte sie richtig zu verwenden. Selbst die Entwickelung des Stils war ihm geläufig. Die Gotik mit den Spitzbogen und dem schöngegliederten Maßwerk stach ihm vor allem in die Augen, aber er wußte auch den byzantinischen von dem romanischen Stil und ein jonisches Kapitäl von einem korinthischen zu unterscheiden.

Er hatte eine Ahnung von der Subtilität des Rokoko und der überladenen Pracht der Moderne. Er vermochte die Vegetation des Nils von der des Mississippi zu unterscheiden; er kannte die Früchte des Manzanillo-Baumes und die Aepfel der Hesperiden.

Glücklicherweise wußte es der Josef gar nicht, wie gescheit er war, und ehe noch seine Eitelkeit geweckt worden, war er assentiert und ein Jahr später nach der Crivoscie geschickt, um die aufständischen Bergbewohner zu Paaren zu treiben. Dort kletterte er mit den Ziegen herum und nahm spaßeshalber die armen Crivoscianer Jungen, die sich auf eine Entfernung von dreitausend Schritten heranwagten, um ihre Erdäpfel aus dem Boden zu graben, aufs Korn. Er schoß auf sie wie andere auf Scheiben, in aller Herzensgüte und Gemütlichkeit; der Krieg verroht eben die besten Naturen.

Nachdem er zwei Jahre gedient hatte, bekam er Urlaub und nahm sofort seinen früheren Posten im Atelier wieder ein.

Er war jetzt dem Chef speziell zugeteilt, der in dem Saale des ersten Stockes zu arbeiten pflegte. Aber die Beliebtheit des Josef stieg, je höher er kam. Er war im Parterre gern gesehen, im ersten Stock unentbehrlich, im zweiten aber erregte seine Erscheinung Herzklopfen und freudige Bewegung.

Im zweiten Stock saßen die Frauenzimmer; die Näherinnen, welche die Leinwand für die Prospekte zusammennähten, und die Knüpferinnen, welche die »Gaze« knüpften, die bei Landschaftsbogen hinter die Konturen der Bäume genäht wird, um dem zarten Blätterwerk Halt zu verleihen. Es waren zumeist junge Mädchen, und sie lächelten dem Josef zu und suchten durch allerlei Koketterien sich ihm interessant zu machen.

Franz schüttelte dazu mißbilligend das zottige Haupt.

»Wenn der Josef da oben nicht Feuer fangt, dann muß er gut imprägniert sein,« brummte er. Besonders machte ihm Fräulein Lisi, die Zuschneiderin, bange. Sie hieß eigentlich Elisabeth, aber das war ein viel zu langer Name für ihre kurze Person.

Sie war schön von Gesicht, mit fein geschnittenen Zügen und großen, schwarzen, mandelförmigen Augen, die das Feuer einer Andalusierin und gleichzeitig jenen klugen, gedankenvollen Ausdruck besaßen, der nur den Frauen des Nordens zu eigen ist. Aber ihr Teint war allzu blaß, ihre Schultern zu schmal und hochgezogen, und selbst die geschickteste Wattierung vermochte ihr Gebrechen nicht ganz zu verbergen: die kleine Lisi war buckelig. Aber sie war eine zu energische und aufstrebende Natur, um sich dadurch niederdrücken zu lassen. Im Gegenteil, ihr Ehrgeiz, etwas zu sein und zu bedeuten, trotz alledem, war nur um so brennender und stachelte ihre Fähigkeiten zu immerwährender Tätigkeit.

Unter den »Atelierdamen«, wie man sie spöttisch nannte, hatte sie sich bald zu einer dominierenden Stellung emporgeschwungen. Sie besaß das Vertrauen des Chefs, ohne es erschmeichelt zu haben. Es fehlte ihr nicht an Stolz, und sie verstand es sehr wohl, sich in Respekt zu setzen; ja, sie wußte selbst den jüngeren Malern, die die Lauge ihres Witzes so gerne über die »Nähterinnen« ergossen, durch ihre Schlagfertigkeit zu imponieren. Ihr kleiner Spiegel zeigte ihr stets nur ihr hübsches Gesicht, sie lächelte ihm zu, und es machte ihr Freude, es zu schmücken. Keine trug eine so kühne Frisur und so auffallende rote Haarmaschen wie sie, aber auch keine so hübsche passende Stiefeletten auf einem in der Tat reizend geformten Fuß.

Das Weib regte sich auch in ihr, und es lebte ein heißes und doch nicht eingestandenes Verlangen in ihr, zu sein wie andere, begehrenswert und – gefährlich.

Sie zählte immer zu den ersten, die morgens die Arbeit aufnahmen, und als Josef nun ganz zufällig nach der Tür sah, begegnete er dem lauernden Blick seines Mentors.

»Kannst Du's schon nicht erwarten?« fragte Franz fast grimmig.

»Was?«

»Na sie – die Lisi.«

Josef lachte. »Was geht denn die mich an?« und drehte sich auf der Ferse herum, aber da kam sie gerade zur Türe herein.

Die kleine Gestalt, die durch den Saal trippelte, war in ein rotkariertes Mäntelchen gehüllt, ihr Kopf ein wenig phantastisch mit einem schwarzen Spitzenschleier umwickelt, ihre Hände staken in einem Muff. Fräulein Lisi sah weder nach rechts, noch nach links, sondern schritt gerade auf die eiserne Treppe zu, welche aus diesem Saale nach dem zweiten Stockwerk hinaufführte. Josef, der nahe dabei stand, grüßte sie und sie dankte lächelnd mit einem Nicken des Kopfes. Aber nachdem sie rasch einige Stufen emporgehüpft war, blieb sie stehen und sah sich nach ihm um. Sie hatte den Rücken gedeckt und war so hoch gestiegen, daß sie auf den langen Josef herabsah, und das dünkte ihr die günstigste Position, um mit ihm eine kleine Plauderei zu halten.

Wie sie die Hände auflehnend sich über die Brüstung beugte, streifte ein Strahl der Morgensonne ihr blasses Gesicht, aus dem die Augen, von dunklen, seidenartigen Wimpern umsäumt, ihm feurig entgegenblitzten.

»Schon wieder mitten drin in der Arbeit? Wenn man da noch so früh kommt, der Josef ist immer noch früher da.« Sie sagte es lächelnd, mit dünner, aber wohllautender Stimme.

Er schob seine Schultern in die Höhe und sah zu ihr empor.

»Ja, wir Farbenreiber sind immer die ersten, wir geben's an.«

»Aber auch immer die letzten,« setzte sie in scherzhafter Anklage hinzu.

»Das geht nicht anders, und wenn einer fest beieinand ist« – er schüttelte prahlend seine Arme, »so macht ihm das nichts. Da müßte man sich vielmehr verwundern, daß Sie die Arbeit so aushalten, und die Fräulein Lisi ist grad die Flinkste von allen.«

Sie errötete unter seinem prüfenden Blick. und ihr Köpfchen zurückwerfend, entgegnete sie rasch mit einer gewissen Verve:

»O, ich kann schon was leisten, und wenn Sie starke Arme haben, so hab' ich ein starkes Herz.«

»Und warum soll ich denn das nicht auch haben?« fragte Josef herausfordernd.

Sie warf ihm einen koketten Blick zu.

»Das wäre noch zu beweisen,« und den Ton ändernd, fragte sie ernster und dringender: »Aber was ist denn das mit Ihnen? Sie wissen ja, Dienstag abends kommen wir immer zusammen, warum lassen Sie sich denn gar nicht mehr anschauen?«

»Ich – ich hab' halt jetzt gar keine Zeit dazu,« stammelte Josef plötzlich verlegen.

»Keine Zeit? Na, wär' nicht übel! Sie wissen, ich gehör' nicht zu denjenigen, die sich schonen, weil ich's noch zu was bringen will in der Welt – passen's nur auf, Josef, Sie werden nächstens was von mir hören – aber ungebührlich laß ich mir meine Arbeitszeit nicht verlängern, und sobald ich Feierabend mach', will ich auch wieder ein Mensch sein, dann will ich mir angehören und etwas für meine Bildung tun können, und so – sixt, so mußt' Du's auch halten.« Sie duzte ihn, wie sie gewohnt war, sobald sie lebhafter und vertraulicher wurden. Und jetzt hob sie ihre brennenden Augen wie in Verzückung empor: »Josef, gestern hab' ich eine Novelle vorgelesen, die war schon zum Sterben schön.«'

»Schad' drum, ich hör' Dich so gern lesen.« versicherte Josef.

»Geschieht Dir schon recht, warum versäumst Du so was, warum denn, he?«

»Ich war im Pariser Garten und da – da hab' ich ganz drauf vergessen.«

»So; aber nächsten Dienstag wird Dich Dein Gedächtnis, hoff' ich, nicht wieder im Stich lassen; Du wirst's nicht bereuen – ich garantiere.« Sie winkte mit ihren langen, dünnen Händen ihm zu und hüpfte aufwärts.

Nun kamen auch die übrigen Arbeiterinnen angerückt,  junge Frauen und Mädchen, die sich nach ihrem Arbeitssaale begaben.

Fräulein Viki, eine hübsche Blondine, war, wie gewöhnlich, die letzte. Sie war die Tochter eines k. k. Kontrolleurs, eines jener kleinen Beamten, die weder Protektion haben, noch üben. Die Beförderung ließ auf sich warten, die Kinder nicht, und sie kamen in solcher Anzahl, daß der Vater mit seinem Hungerlohn sie nicht ernähren konnte. An Viki, als die Aelteste, war die Notwendigkeit, sich selbst etwas zu verdienen, wenn sie täglich essen und sich anständig kleiden wollte, sehr früh herangetreten. Sie hatte es auch schon in den verschiedensten Branchen versucht, vermochte sich aber nirgends zu halten: Sie besaß ein flatterndes, quecksilbernes Naturell und sonderbarerweise eine gewisse Nüchternheit, die die Illusionen ihres Alters und Geschlechtes nicht aufkommen ließ. Im Atelier gefiel es ihr noch am besten. Das war etwas ganz Apartes und die Disziplin nicht allzu streng; das war für sie die Hauptsache. Der Herr Kontrolleur aber konnte nun sagen, meine Tochter ist in einem Kunstinstitut beschäftigt, damit war sie standesgemäß untergebracht, und er brauchte sich nicht weiter um sie zu kümmern.

Als Viki den Saal des ersten Stockwerkes durchschritt, war er leer.

Die Farbenreiber waren in der Leimküche, von den Malern noch keiner anwesend. Aber da standen deren Schuhe, schön gereiht, welche sie sofort bei ihrem Eintritt anzulegen hatten. Viki blieb davor stehen und musterte sie mit einiger Neugier. Da waren hochelegante und schadhafte, mit Farben beklexte und reine, große, mittlere und kleine Schuhe, deren Eigentümer sie alle zu kennen glaubte. Bei dem größten Paare, zugleich einem der abgetragensten, lachte sie laut auf und sah sich dann rasch um, wie erschreckt über ihre eigene Heiterkeit. Aber sie war noch immer allein, und als ihre Augen nun zu den Schuhen zurückkehrten, bemerkte sie einige vergessene Nägel am Boden, unweit davon den Hammer. Im nächsten Augenblick hatte sie Hammer und Nagel in der Hand und nagelte kichernd den einen dieser langen Pantoffeln mit einem Hieb in den Boden fest.

In dem Augenblick hörte man das Rasseln des Aufzuges; Viki sprang nach der Stiege und entschwand.

Bald darauf waren Meister Schwarz und sämtliche Maler bei der Arbeit, und die Säle boten ein bunt bewegtes Bild. Bei den Architekturen standen oft mehrere Maler dicht nebeneinander, alle in derselben Stellung, mit der Rechten den Pinsel führend, die Linke nachlässig in die Hosentasche gesteckt.

Die Palette war dicht neben sie geschoben, und sie tauchten die Pinsel tief ein und mischten die Farben auf die Palette, um sie dann in kecker Führung naß in naß aufzutragen. Erst die dunklen Partien, hierauf, mit dem Pinsel zeichnend, die helleren, und dann flott die Lichter aufgesetzt.

Eine Staffelei mit der fertigen Farbenskizze war vor ihnen aufgestellt, dort war die Farbenwirkung, die Stimmung, der künstlerische Effekt wohl berechnet, und all' dies mußte hier auf der großen Leinwand noch klarer und bewußter zum Ausdruck kommen.

Hier und dort saß einer auf einem niederen Taburett, um feine Linien zu ziehen oder Figuralisches mit dem kleinen Pinsel mit emsigem Fleiße herauszuarbeiten.

»Josef!« rief es jetzt durch das Sprachrohr aus dem Zaubergarten der Armida herauf. Der Rufende war ein junger Mann, hoch aufgeschossen und dünn, blond, mit etwas vorgebeugter, schüchterner Haltung, der auf den Namen Drill hörte.

Im Atelier wurde er gewöhnlich Mandrill genannt.

Er war, ehe er sich der Dekorationsmalerei zuwendete, Schüler der Kunstakademie gewesen und besaß Farbensinn und große manuelle Geschicklichkeit, aber ihm fehlte der schaffende Funke.

Bei allen Kompositionen war er durchgefallen, und er stand Aufgaben, wie »Ein Fest in Eleusis«, oder »Ein Zentaur lehrt Achilles schießen«, völlig rat- und verständnislos gegenüber.

»Ja, lesen Sie denn gar nichts?« rief ihm dann wohl der Professor zu.

»Nein, Herr Professor.«

»Warum denn nicht, Sie können doch hoffentlich lesen?«

»O ja, Herr Professor, aber es ist gar so langweilig.«

In diesem Moment sah Herr Drill nun ebenso kläglich und ratlos aus wie vor einem Examen, als er, vor einer Versetzung stehend, mit dem Pinsel über die Leinwand hinaus Konturen zeichnete.

Josef war schon bei ihm.

»Was wünschen Sie, Herr Drill?«

»Da schauen Sie, Josef, ich soll in dieses Boskett eine mythologische Figur zeichnen, aber wenn sie im Verhältnis sein soll, bring' ich den Kopf nicht mehr darauf.«

»Freilich nicht, weil die Leinwand zu kurz ist.«

»Da müssen Sie mir also eine andere Leinwand daher legen.«

»Das wäre eine sündhafte Verschwendung, Herr Drill, da werden wir lieber den Kopf anstückeln lassen;« und er sprang nach dem Sprachrohr. »Nähterinnen!« rief er hinauf, »anstückeln!«

Einige Minuten später war Fräulein Viki mit Fingerhut, Nadel und Zwirn zur Stelle, um ein Stück Leinwand daran zu nähen und in dieser Weise das Fehlende zu ergänzen.

Der junge Maler blieb neben der am Boden Sitzenden stehen, mit innigem Wohlgefallen ihr schönes Blondhaar und ihr weißes Hälschen betrachtend. Sie hingegen schielte nach seinen Füßen und kicherte.

»Weshalb lachen Sie denn nur wieder, Fräulein Viki?« Sie lachte stärker und wies nach seinen Schuhen.

»Es sieht gar so nett aus, Ihr Postament.«

Der junge Mann zog seinen kleinen roten Mund weinerlich zusammen: »Ach, wenn Sie wüßten, Fräulein Viki,  was hier im Atelier für böse, boshafte Menschen sind.«

»Gehen's!«

»Gewiß, Sie kennen die Menschen nicht, Sie sind zu gut dazu.«

»Oh, glauben's das nicht.«

»O, viel zu gut,« flüsterte er zärtlich, indem er sich zu ihr niederkniete. »Sie können sich gar nicht vorstellen, was diese Tiger in Menschengestalt alles ersinnen, – denken Sie, ich war schon in den Pantoffeln drin und will rasch zur Palette, da fall' ich nieder – warum? Weil ich mit dem einen Fuß nicht weiter kann – und warum kann ich nicht weiter?«

»Weil Sie angenagelt waren!« rief Viki, in ein lautes, übermütiges Lachen ausbrechend.

»Lachen Sie nicht, Fräulein Viki,« rief Drill außer sich, indem er emporsprang, »alles laß ich mir auch nicht gefallen, und wenn ich erfahre, wer mir das angetan hat, der kann sich freuen, dem – dem –«

»Na, was geschieht dem?« rief Viki, die den Faden abgeschnitten und nun mit einer gewissen schelmischen Keckheit ihm in die Augen sah.

»Den . . . verklag' ich!«

»Pfui, schämen Sie sich!« rief das Mädchen, und mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn weisend, flüsterte sie: »Sie sind nicht nur ang'nagelt, sondern auch vernagelt, Herr von Drill,« und sie sprang über die Leinwand hinweg und war bei der Türe draußen, noch ehe er sein in Verwunderung sich öffnendes Mündchen wieder geschlossen hatte.

Man machte Feierabend, und die im Atelier Beschäftigten entfernten sich. Nur das Tagewerk der Farbenreiber war noch nicht zu Ende, sie hatten alles zu säubern und aufzuräumen.

Fräulein Lisi war, als sie das Atelier verlassen wollte, zu dem Chef gerufen worden und hatte eine lange Unterredung mit ihm. Als sie jetzt aus der Tür seines Empfangszimmers trat, trug sie den Kopf höher noch als gewöhnlich. Ihr Gesicht war blaß und ihre dünnen Lippen fest aufeinander gepreßt, wie in Momenten großer seelischer Erregung.

Sie hatte die Hände in ihren kleinen Muff gesteckt und trippelte durch den Saal. Als sie an Josef vorüber kam, blieb sie stehen und flüsterte seinen Namen.

»Was wünschen Sie?« fragte dieser, mit dem Waschen der Paletten beschäftigt, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

»Kommen Sie nach der Arbeit zu mir, ich hätte mit Ihnen zu reden.«

Er sah sie erstaunt und fast etwas ängstlich an.

»Es wird nicht gehen, ich muß nach dem Pariser Garten.«

»Josef,« sagte sie leise, mit sanften, vorwurfsvollen Augen ihn anblickend, »muß ich von anderen erfahren, was mit Ihnen vorgeht? Der Herr Schwarz hat mir's soeben erzählt, daß Sie Hausmeister sind im Pariser Garten.«

Josef warf den Schwamm in das Wasser der Bütte, daß es hoch aufspritzte und, von ihr wegsehend, stellte er die gereinigte Palette seitwärts.

»Mein Gott, die G'schicht ist so neu, und mein Glück ist so groß, daß ich noch selbst nicht daran glauben kann.«

»Ihr Glück, Josef, meinen Sie wirklich, daß das Ihr Glück ist?«

»Ich mein' schon, Fräulein Lisi,« sagte er, sich hoch aufrichtend, und sie mit fröhlichen Augen anblickend, »und ich mein', ich müßte das wohl am besten wissen.«

»Du weißt gar nichts,« fuhr sie heraus, »Du kennst Dich selbst nicht, und kennst nichts vom Leben, mein Gott, woher denn auch?«

Sie hatte sich auf einen niederen Schemel gesetzt und sah von unten zu ihm herauf, scheinbar zürnend und doch mit jenem glücklichen Stolz, wie etwa eine Mutter auf ihr törichtes Kind.

»Schau, ich weiß viel besser, was in Dir steckt und was Dir taugen möcht'. Du wirst nicht immer Farbenreiber bleiben, i wo denn, aus Dir muß was werden – und zwar was Ordentliches. Na, was heißt denn das? Was stehst denn da wie verdonnert und malst mit dem Pinsel auf dem Boden herum – mal' lieber was auf die Leinwand.«

»Da wär's doch schad um die Leinwand.«

»So red'st Du immer, aber verstell Dich nur, Du Duckmäuser – wer war denn das, der die Landschaft dort auf die Wand gemalt hat, vor der am nächsten Morgen alle Maler die Köpf zusammeng'steckt haben und spekuliert, wer denn das gemacht haben könnt', und es doch nicht erraten haben?«

»Ja, ich weiß das auch nicht, es hat sich eben keiner zu dem Kunstwerk bekennen mögen,« lachte Josef.

»Freilich nicht, weil der, der's g'macht hat, sich feig verkriecht. Aber ich hab' ihn erraten und auch gleich verraten. Aha, wie rot er wird – ja, daß Du's nur weißt, ich hab' mit dem Herrn vorhin darüber g'sprochen – laß mich ausreden – und wenn's der Josef g'macht hat – halt's Maul, sag' ich – dann hat er Talent, sagt er, es ist nur schad', daß der Kerl nicht zeichnen kann.«

»Siehst Du, da hast Du's,« fiel Josef ungestüm in heftiger Beschämung ein, »ich hab's ja g'wußt, das Notwendigste, was man braucht, kann ich nicht, davon hab' ich gar keinen Dunst!«

»Aber Du kannst es lernen, wie alt bist denn schon, Josef? – sag' mir nichts, ich weiß es ohnedem, Du hast überhaupt noch gar kein Alter und bei Dir handelt sich's jetzt nur darum, daß Du Dir nicht selbst das Türl versperrst zu Deinem künftigen Glück, Du sollst Dich ausbilden, Josef, aber dann darfst Du Dich nicht mehr so abrackern und arbeiten bis zur Erschöpfung. Darum laß Dir was sagen und begeh' keine Dummheit. Du mußt Zeit gewinnen und die Freiheit, sie für Dich zu benützen; Du sollst was lernen, aber nicht den Pariser Garten auskehren, drum denk' nicht weiter an diese Hausmeisterstelle, überlaß sie getrost einem andern, der Weib und Kind hat und die schwere Pflicht, für sie zu sorgen.«

»Aber das ist ganz mein Fall, Liserl.«

Sie starrte ihn an mit weit aufgerissenen Augen.

»Was – was heißt denn das? – Dein Fall –?«

»Das heißt, daß ich eine Frau hab' und –« er öffnete seinen großen Mund zu einem verlegenen, tonlosen Lachen – »wenn's gut geht, hab' ich auch bald das Kind.«

Er sah zu Boden und rieb sich emsig die Schenkel, um seinen Händen eine Beschäftigung zu geben.

»Du!« schrie sie auf in schrillem Diskant, dann sich gewaltsam fassend und ihre Stimme herabdämpfend: »Du Frau und Kind! Daß ich nicht lach' –« und sie versuchte zu lachen, heiser und krampfhaft, »Du – Du bist viel, viel zu jung dazu – und Du wirst Dir doch nicht die erste Beste auf den Hals g'hängt haben und für immer – nein – das wäre doch ein Wahnsinn!«

»Für mich ist's nicht die erste Beste, für mich ist's die einzige, die ich lieb hab'!« rief Josef hitzig, in rauher Entgegnung.

Das junge bucklige Mädchen lehnte den Kopf gegen die Mauer. Die langen gesenkten Wimpern hauchten dunkle Schatten über die schmalen Wangen, aus denen jegliche Farbe geschwunden war. Kein Ton drang über ihre fest aufeinander gelegten Lippen, aber ihre im Muff steckenden Hände krallten sich unbarmherzig ineinander.

Josef hatte wieder nach den Pinseln gegriffen, und einen Augenblick hörte man nichts als die glucksenden Töne des Wassers, das er, die Pinsel reinigend, hin und her peitschte.

»Lisi!« lispelte nach einer Pause der junge Arbeiter, und als sie stumm blieb, wendete er sich nach ihr um und sagte herzlich und mit ungewohnter Weichheit: »Ich bitt' Dich, sei mir nicht bös; ich weiß wohl, wie gut Du es mit mir meinst – Du hast mir's bewiesen. Wie ich in der Crivoscie war und an Heimweh gelitten hab', da warst Du die einzige, die sich an den armen Soldaten erinnert und an ihn geschrieben hat. Und so schön waren die Brieferln, daß ich mir gar nicht zu helfen g'wußt, und zu flennen ang'fangt hab'. Und wenn dann ein Paket dabei war – Herrgott, die Freud' erst! Einmal hast mir drei Paar Socken auf einmal g'schickt und Dein Porträt – und einmal einen Kranz Würst von denen, die ich am liebsten eß' – Lisi – ich werd' Dir das niemals vergessen! Und zwischen uns, mein' ich, braucht sich auch gar nichts zu ändern –.« Er nickte ihr zu in täppischer Vertraulichkeit und Naivetät: »Ich bleib' Dir gut, Liserl.«

Sie biß sich die Lippen wund unter den leisen krampfhaften Zuckungen, die ihre Brust um so mehr erschütterten, weil sie sie zu unterdrücken bemüht war. Nur ihr Kopf bewegte sich, wie in Zustimmung zu seinen Worten.

Ja, ja, damals, wo er in der Crivoscie war, wo sie ihn in Gefahr wußte einem grausamen Feind gegenüber, da hatte sie an ihn denken müssen in Angst und stets wachsender Sorge, die selbst in ihre Träume hineinspielte, und grad damals war die große Liebe in ihr Herz gezogen, von der sie – jetzt wußte sie's – nur den Schmerz sollte kennen lernen – das Glück war einer anderen bestimmt. – Er bleibt ihr gut! Was hatte sie davon!? Und nun kam doch ein kurzes, nervöses Lachen, einem Schluchzen gleich, über ihre Lippen.

Der hübsche baumstarke Junge sah ängstlich zu dem kleinen verwachsenen Geschöpfchen nieder, und demütig, vielleicht auch etwas schuldbewußt, faltete er die Hände: »Du wirst es mir nicht nachtragen, hoff' ich, und – ihr auch nicht, gelt, ihr auch nicht, ich bitt' Dich drum!«

Da fuhr sie auf, ihre Augen blickten groß, fast dräuend, sie hatte sich wiedergefunden in ihrem Stolz.

»Ich Dir was nachtragen – Du Narr! Wegen was denn? Du kannst mir nur leid tun, Josef, daß Du Dir Dein Leben selbst so verpatzt hast. Freilich, das Vertrauen, das ich zu Dir g'habt hab', das lohnst Du mir schlecht, hättest mir wohl früher schon ein Wort davon sagen können von dem, was Du vorhast, na, mir kann's ja egal sein – und es ist mir auch ganz egal!«

Und wieder lachte sie, wie nur die Buckligen lachen, so krampfhaft verzerrt, sich gewaltsam hinwegsetzend über ein unverdientes und ungeklagtes Leid.

Franz kam, die Grundierbürste wie ein Gewehr geschultert, vom Aufzug daher geschritten, sein Bart hatte noch einige karminrote Spritzer dazu bekommen, was ihm ein diabolisches Aussehen verlieh.

»He, was ist denn das,« rief er höchst ungnädig, »da vertändelt er wieder seine Zeit mit ihr, ich hab' mirs gedacht! Was gibt's denn zwischen Euch, daß Ihr gar nicht mehr auseinander könnt?«

»Lauter lustige Neuigkeiten,« rief Lisi, »der Josef hat sich ein Weib genommen und ich –«

»Am End' gar ihn zum Mann?« fragte Franz, indem er ihr einen durchbohrenden Blick zuwarf.

»Fehlgeschossen.« Sie streckte den Hals möglichst weit aus den Schultern hervor und warf den Kopf zurück, ohne daß ihre Haltung dadurch imposanter wurde, aber ihre Augen blitzten und ihre Stimme, die vorhin matt und eintönig geklungen, gewann wieder Farbe und Leben, »viel was Lustigeres noch! Ich bin avanciert in Stellung und Gehalt. Es gibt Leut', die wissen, was an mir ist: der Chef hat mir von heute an die ganze Aufsicht über die Arbeiterinnen übertragen, die Kontrolle über die Leinwand und Gaze, ich bin jetzt die erste da oben und bezieh' von heut' an ein Monatsgehalt von achtundvierzig Gulden.«

»Achtundvierzig Gulden!« riefen Franz und Josef in unbändigem Erstaunen.

»Das wundert Euch, gelt, und das ist auch etwas für so ein armes, kleines Frauenzimmer, wie ich bin, das fast nichts verbraucht, weil es g'lernt hat, sich sein Leben auf das Sparsamste einzurichten.«

»Aber das ist ja ein Vermögen!« rief Franz exaltiert, »damit kannst Du Dir sogar einen Mann kaufen.«

»Ich dank' Dir dafür, so ein Mann, das wär' ein G'schäft.« Sie sah Josef gerade ins Gesicht, mit einem klugen überlegenen Ausdruck, und mit einer kecklich wegwerfenden Geberde: »Nein, ich brauch' keinen Mann; ich brauch' keinen und will keinen, und jetzt, wo ich unabhängig und frei bin, werd' ich nicht so dumm sein, das Beste, was ein Mensch haben kann, an einen andern zu verlieren.«

Sie nickte den beiden zu mit dem Stolz einer Königin und ging aus dem Saale und über die Treppe hinab, ohne sich umzusehen.

Die Straßen waren leer, es begann zu dämmern – niemand sah die Tränen, die, während sie einsam dahin schritt, ihr langsam über die Wange liefen. Sie schämte sich ihrer – schämte sich dieser lächerlichen Schwachheit – und doch flossen sie, unaufhörlich und immer reichlicher.


Drittes Kapitel.

Der Frühling hielt seinen Einzug, und mit ihm zugleich zogen die Näherinnen und Grundierer in den Pariser Garten.

Die Sonne schien warm, das große Tor stand geöffnet, und die knospenden Zweiglein der davor gepflanzten Gebüsche begannen sich grün zu färben und jenen feinen Duft auszuströmen, der wie süße Ahnung des Werdenden das Herz ergreift.

Die Näherinnen brachten indes dieser Frühlingspoesie kein Verständnis entgegen. Sie zeigten sich unwirsch und ungehalten über die Lokalveränderung, aus der ihnen, wie sie fürchteten, mannigfaltige Nachteile erwachsen würden. Sie hatten bisher im Atelier gemeinsam zu Mittag gegessen, denn Lisi hatte den Gedanken gehabt, eine gemeinsame Mahlzeit auf gemeinschaftliche Kosten einzurichten und die Zustimmung des Chefs erhalten. Es war festgesetzt, daß die Näherinnen abwechselnd das Amt der Köchin versehen sollten, jeden Tag eine andere, aber man hatte bald die verblüffende Entdeckung gemacht, daß sämtliche Damen von der edlen Kochkunst so gut wie gar nichts verstanden. Sie alle waren angewiesen, frühzeitig ihr Brot sich selbst zu verdienen, und zwar außer dem Hause. Von dem, was man für das Haus braucht, verstanden sie wenig oder gar nichts, und was sie da schmorten oder buken, war so schlecht, daß die Kost durchaus nicht munden wollte.

Eine schimpfte auf die andere und alle auf diese eine, die gerade im Dienste war. Schon dachte man daran, die Sache fallen zu lassen, als schließlich in Fräulein Viki die Berufene entdeckt wurde. Sie kochte vorzüglich, und dieses Talent war wahrlich mehr angeerbt als geübt. Sie selbst war entzückt, die Nadel mit dem Kochlöffel vertauschen zu dürfen. Sie hatte nun auch den Einkauf zu besorgen, und diese kleine quecksilberne Person konnte jetzt hin- und herspringen nach Herzenslust.

Mitunter traf sie auf der Treppe mit Maler Drill zusammen, den dies unverhoffte Glück indes so verblüffte, daß er in seiner schüchternen Liebe es zu nichts weiter brachte, als der kichernd an ihm Vorbeihüpfenden mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen nachzustarren. Einmal fand er die Zeit, ihren Namen zu stottern, und als sie kokett sich nach ihm umwandte, erhob er drohend den Zeigefinger.

»Das war nicht schön, Fräulein Viki,« sagte er so sanft und zart, daß Ton und Geberde in den drolligsten Gegensatz traten.

»Was denn, Herr Drill?« fragte sie unschuldig.

»Daß Sie mir – daß Sie mich'' – er wies auf seine Füße, »ich weiß alles, Fräulein Viki.«

Sie lachte ihm ins Gesicht. Das brachte ihn auf.

»Ich hätte das niemals von Ihnen gedacht,« fuhr er heraus, »aber ich werde mich rächen, Sie werden schon sehen.«

Das war aber gerade Oel ins Feuer. Sie lachte noch übermütiger und hänselte ihn, indem sie Entsetzen heuchelte, und ihn aufforderte, doch lieber gleich sein Aergstes zu tun, da die Angst vor etwas Schrecklichem oft schlimmer sei als dieses Schreckliche selbst.

Als aber so viel Keckheit ihn fassungslos fand, entflatterte sie wie eine Libelle, leicht und lustig nach oben.

Am nächsten Morgen, als sie vom Einkauf zurückkehrte, traf sich's – ein merkwürdiger Zufall – daß Herr Drill abermals hinter ihr drein kam. Sie ging nicht allzu schnell, sie wollte ihm Zeit lassen, sich zu sammeln für seinen »Racheakt«. Jetzt machte sie Halt, gerade in der Treppenwindung, und als er gleich darauf ihr gegenüber stand, Aug' in Auge, drückte sie sich an die Mauer mit hochgezogenen Schultern und einem so scheuen und verschüchterten Blick, wie ein reuiger Verbrecher, der die Stunde des Gerichts gekommen sieht. Da hatte er sie geküßt, und als sie stumm es erduldete, als wäre sie selbst ein Stück Mauer, küßte er sie ein zweites Mal und dann immer nur so fort, wie ein aufgezogener Automat, der unaufhörlich dieselbe Bewegung vollzieht, bis das Uhrwerk abgelaufen.

Wie ein Besiegter die Waffe, hatte sie das Körbchen mit den Kartoffeln gesenkt, mehr und mehr, bis sie herausfielen und die Stufen herabrollten. Sie merkte es nicht, er merkte es nicht.

Da ging unten die Tür und nun fanden sich im Nu vier rasche Hände, die sie auflasen.

»Ich danke Ihnen, Herr Drill,« sagte Viki, indem sie die letzte Kartoffel aus seiner Hand nahm.

»Ich, ich danke Ihnen auch,« stammelte dieser mit bebenden Lippen, während er sich in seliger Trunkenheit an die Mauer lehnte, um nicht zu fallen.

»Aber jetzt sind wir quitt, daß Sie's wissen,« flüsterte sie ihm mit einem Blick zu, der die Entschiedenheit eines Schlußpunktes hatte. Sie sprang die Treppe hinauf, während er in seiner Stellung und in seiner Geistesabwesenheit verharrte, bis der heraufkommende Kollege mit einer höhnischen Bemerkung ihn wieder zu sich brachte.

Im Pariser Garten sollten die Näherinnen nun all dieser kleinen erheiternden Zwischenfälle verlustig gehen, die die Monotonie ihres Daseins so angenehm unterbrochen hatten. Sie sollten getrennt von dem übrigen Personal arbeiten, nur in Gesellschaft der Farbenreiber, das erschien ihnen recht öde und langweilig.

In dem großen, ungeheizten Lokal sollten sie fröstelnd nebeneinander sitzen, und nichts würde ihnen geboten, an dem sie sich auch nur einigermaßen erwärmen könnten, nicht einmal ein warmes Mittagessen.

»In einem Tanzsaal will ich tanzen und fidel sein, aber nicht darin sitzen und nähen, um mir für mein Lebtag einen Rheumatismus zu holen,« rief Fräulein Viki, die ihre Unzufriedenheit nicht zu verbergen suchte. Es fehlte nicht viel, so hätte die k. k. Beamtentochter einen ernstlichen Streik organisiert, aber die Oberin, so wurde Lisi jetzt allgemein genannt, legte sich rechtzeitig ins Mittel. Sie hatte sich einen kleinen eisernen Herd zu verschaffen gewußt, auf dem auch hier gekocht werden konnte, zugleich überbrachte sie die Botschaft, daß der Chef, um die rebellischen Damen mit dem Pariser Garten zu versöhnen, ihnen darin einen Ball geben wolle. Damit war ein völliger Umschwung in den Gemütern herbeigeführt, Friede und Ordnung wieder hergestellt. Und daß es ihnen nicht gar zu langweilig hier wurde, dafür wußten die Damen schon selbst zu sorgen.

Die Vorbereitungen, welche Josef traf, um alles für den Empfang der Seinigen herzurichten, beschäftigten sie ungemein.

»Er muß eine Prinzessin haben,« meinte die eine, »weil er alles gar so schön für sie macht.«

»O, die hat's bequem,« bemerkte die andere, »er hat alles gemalt und ang'strichen, sogar die Möbel frisch aufpoliert, die braucht sich in die fertige Pracht nur hineinzusetzen.«

Sie konnten ihr Eintreffen nun kaum erwarten und die Neugier plagte sie ganz entsetzlich, wer die Erwählte wohl sei, und wie sie aussähe, und wie sie sich geben werde.

Dem Josef war mit Fragen nicht beizukommen, er beantwortete sie mit einem Scherz, während die Oberin jede Anspielung von vorn herein mürrisch zurückwies und für diese Angelegenheit die vollständigste Gleichgültigkeit zeigte.

Eines Morgens aber bemerkte jede bei ihrem Eintritt, daß das Fensterchen, das vom Gange aus in die Küche führte, ein weißes Vorhängelchen bekommen hatte. Das wirkte wie eine Enthüllung.

»Sie ist da, sie ist da!« flüsterte eine der anderen zu, und wer da noch zweifelte, brauchte nur den Josef anzusehen, dem das stolzeste Glück aus den Augen strahlte; der in erhöhter Geschmeidigkeit hin und her sprang, jede der Hereinkommenden anlächelte und ihren  neugierigen Frageblick mit dem verständlichsten Nicken beantwortete. Nur Fräulein Lisi schien davon nichts zu bemerken. Sie ging an ihm vorüber, seinen Gruß kühl zurückgebend.

Er aber in seiner ehrlichen Freude rief ihr zu: »Sie ist schon da, die Meinige.«

»So, das freut mich um Ihretwillen.«

»Wirklich? – Wenn ich bitten dürft', vielleicht kommens ein bisserl herein.«

»Ich zu Ihnen?«

»Zu uns; ich möcht' Ihnen meine Annerl so gern zeigen.«

Aber sie erklärte in dürren Worten, daß die Anna zu ihr kommen müsse; wenn er wolle, könne er sie ihr während der Mittagspause bringen.

Es schlug Zwölf, die hochstehende Sonne fiel durch die Oberlichter in den Saal und zeichnete die Kreuze der mächtigen Giebelfenster auf der weißen Leinwand in scharfen Konturen ab. Die Näherinnen saßen, zu einem Halbkreis geordnet, auf niederen Schemeln. Die Leinwanden waren bei Seite geworfen und jede hatte den Teller vor sich auf den Knien, den sie, nachdem sie das einzige Gericht mit Appetit verzehrt, mit Brot säuberlich ausputzten.

»Da ist sie – er bringt sie – er wird sie uns aufführen!« so ging es flüsternd von Mund zu Mund, und alle reckten die Hälse, während Viki rasch die Teller sammelte und sie bei Seite stellte.

»Blond ist sie,« merkte die eine.

»Sehr blond, schon fad,« versetzte Frau Dreher, eine derbe Brünette, die Nase rümpfend.

»Und wie sie sich aufgedonnert hat,« sagte eine dritte, »will sie uns damit imponieren?«

»Sie hat doch nur ein Perkalkleid an,« entgegnete Viki, die das Bedürfnis empfand, sich ihrer anzunehmen.

»Aber lichtblau ist es, ich bitte, so eine heikle Farbe, aber sie steht ihr gut und das weiß sie.«

»Sie weiß auch, weshalb sie eine so weite Jacke trägt,« kicherte Frau Dreher.

»Ja, und wir wissen es auch,'' rief Viki, worauf ein allgemeines Kichern erfolgte.

Die Oberin saß stumm unter ihnen; wie ein Schreck hatte sie's überfallen, als sie die Erwählte so schön fand, so groß und wohlgebaut, von ungewöhnlicher Anmut. Ihre Augen blieben festgebannt, als könnten sie sich von dem Anblick nicht losreißen, der ihr das Herz zerriß. Wie fest er sie an den Händen hielt, und wie sie sich an ihn lehnte, und nun nahm er sie gar in seine Arme und hob sie über den zusammengerollten Prospekt hinweg, wohl nur aus Uebermut, denn beide lachten darüber, und das klang so hell, so jubelnd, so in die Welt hinausrufend: ich bin geliebt. Da durchzuckte sie ein Gefühl, das sie selbst als etwas Böses empfand, und das sie dennoch befriedigte, es war der Haß.

»Ich bitt', das ist meine Anna – und das sind unsere Damen,« stellte Josef vor, rot und verlegen über die ungewohnte Zeremonie. Die Näherinnen hatten sich erhoben und traten dem Paar entgegen.

Alle sprachen gleichzeitig und streckten gleichzeitig ihre Hände entgegen: »aber das ist schön – das freut uns – wir haben uns schon gedacht, Sie lassen den Josef sitzen – weil Sie sich so lang besonnen haben, – aber jetzt hat er sein Weiberl fest und daheim.«

»Und das ist was wert,« versicherte Josef, »gelt Annerl?«

Sie nickte errötend, während sie alle diese Hände drückte und wieder drückte.

»Anna, hier ist die Oberin,« rief Josef, der bemerkte, daß Lisi sich nicht gerührt hatte, und die Seinige um die Mitte nehmend, schob er sie gerade vor sie hin.

Als aber Lisi dem jungen Weibe gegenüber stand, das sie so hoch überragte, kam ihr ihr Gebrechen zum Bewußtsein und sie empfand es gleich einer Schmach.

Sie setzte sich rasch und lud Anna ein, neben ihr Platz zu nehmen.

»Ich kenne Sie eigentlich schon, Fräulein Elise,« sagte Anna freundlichst mit ihrer angenehm klingenden Stimme, »der Josef hat mir so viel von Ihnen erzählt.«

Lisi zwang sich zu einem Lächeln.

»Ja, ich und er, wir sind alte Freunde; ich war immer zu ihm wie eine ältere Schwester, obwohl ich vielleicht die jüngere bin.« Sie wußte kaum, was sie sagte, und als ihr Anna die Hand entgegenstreckte, berührte sie diese nur leicht.

»Ei, das sind zarte und feine Handerln,« scherzte sie.

»Gelt, sie hat Handerln, wie eine Gräfin,« rief Josef und täschelte sie verliebt.

»Wie eine Blumenmacherin.« korrigierte Anna, sie ihm verschämt entziehend.

»Da schaut's, Kinder,  die taugten so für unsere Leinwand und den drahtartigen Zwirn, da wären die hübschen Fingerln bald blutig gearbeitet. Uebrigens, wenn's sein müßt, setzt man die Wehleidigkeit schon bei Seite. Nicht wahr, meine Damen?«

»Ich will schon arbeiten und mich nicht schonen,« entgegnete Anna so sanft, daß es wie eine Bitte klang.

Die Oberin zuckte die Achseln. »Ich möchte Ihnen gerne behilflich sein, aber zum Nähen kann ich Sie nicht verwenden, und zum Ausschneiden von Blattwerk gehört viel Uebung.«

»Aber was glauben Sie denn?« fiel Josef mit jünglingshaftem Ungestüm ein, »es fällt mir nicht im Schlaf ein, sie bei Euch mitarbeiten zu lassen, ich will mein Weiberl für mich haben, für mich ganz allein, sie braucht nichts zu verdienen, das will ich schon besorgen.«

Das war herzhaft gesprochen und nicht böse gemeint, aber sämtliche Damen fühlten sich dadurch verletzt und das wohlwollende Interesse, das Anna durch die Bescheidenheit ihres Auftretens hervorgerufen, war durch Josefs übermütige Aeußerung beinahe verscherzt worden.

Dieser achtete nicht darauf. Er hatte auswärts zu tun und mußte fort.

»Adieu, Annerl,« sagte er. Er hätte ihr für sein Leben gern einen Kuß gegeben, aber vor all' den neugierigen Frauenzimmern, die drauf warteten, justament nicht, und so winkte er ihr nur mit den Augen zu und sprang davon.

»Sie werden also gar nicht mehr in die Arbeit gehen?« fragte Viki die junge Frau mit einem herausfordernden Lächeln.

»Sie hören ja, der Josef will es nicht. Er ist so gut und brav,« entgegnete Anna.

»Na, wir haben grad auch keine Lumpen zu Männern,« meinte Frau Dreher in ihrer lauten und derben Weise, »an der Bravheit fehlt's nicht, und das zu Haus bleiben möcht' einer jeden g'fallen, aber ich denk' mir, warum soll ich meinen Mann allein sich schinden lassen, und sobald eine Frau nichts in die Wirtschaft mitbringt – Sie haben vielleicht Vermögen?«' fragte sie, sich selbst unterbrechend, in einem völlig veränderten, fast respektvollen Ton.

»Ich bin arm, der Josef hat mich nur aus Liebe genommen, und wir sind nun so glücklich, daß wir beisammen sein können. Ist denn das ein Leben, wenn er hier und ich in Währing in der Fabrik arbeite, und jeder wo anders ißt und wo anders wohnt, weil unsere Arbeitsorte so weit auseinander sind? Nein, das heißt nichts, wir wollen immer beisammen sein, und er wird mehr vom Leben haben, wenn er ein Weib hat, das im Haus für ihn sorgt, für ihn kocht und strickt und näht, und alles in Ordnung hält. So g'hört sich's auch, mein' ich, und wenn erst das Kind da ist, könnte es anders auch gar nicht sein.«

»Ja, mein Gott, wenn in der Welt alles so wär', wie sich's gehörte,« lachte Frau Dreher erregt. »Da sieht man, daß Sie noch nicht viel wissen vom Leben. Uebrigens, Sie haben's gut; wenn man freies Quartier, Licht und Holz hat, wie der Josef, da geht's schon, wir sind nicht so glücklich, und ich wüßt' nicht, was mein Mann tät', wenn ich nicht mitverdienen möchte.«

Die Oberin klopfte der Sprecherin auf die Achsel.

»Alle Achtung, Frau Dreher, Sie haben Ihren Teil gewissenhaft und redlich auf sich genommen.«

Frau Dreher errötete, sie war nicht der Liebling der Oberin, und daß diese ihr Recht gab, erfreute sie dergestalt, daß sie darüber in eine gewisse Exaltation geriet.

»Freilich muß ich's mir sauer werden lassen, so wie wir alle, die Oberin soll's nur sagen. Wir arbeiten zehn Stunden täglich, und wenn es einmal pressant ist, auch zwölf. Und wenn ich nach Haus komm', dann fang' ich erst zu kochen an und zu reiben und zu scheuern, es darf nichts schmutzig sein bei mir, ich leid' kein Fleckerl, o, da flieg' ich drauf wie ein Geier, und die Leut', die zu mir kommen, die sagen, Frau Dreher, nein, wie's bei Ihnen schön ist. Sie haben's wie in einer Kapellen.«

»Und Ihr Kind?« fragte Anna.

»Das hab' ich am Land in der guten Luft, bei einem Schuster, der hat so viel Kinder, die's umtragen können, und denen das a Freud macht, ich könnt' ihm das nicht geben, was es dort hat.«

»Nicht das, was es dort hat?« rief Anna in einer Herzensaufwallung, »die Mutter ersetzt ihm doch niemand.«

»Ach, gehen's mit so einer armen Mutter,« seufzte Frau Binder, ein junges, blasses Geschöpfchen, »die ist so hilflos, Sie glauben's gar nicht,« und sie wischte mit der umgekehrten Hand eine Träne, die sich unter ihren Wimpern hervordrängte. »Ich hab' gedacht, wie Sie, Frau Josef, und es war mein erstes Kind, ich hab' a närrische Freud' damit g'habt und wollt's nicht fortgeben, und da war meine Nachbarin, ein braves Weib, die hat mir versprochen, daß sie den Tag über drauf sehen will. Es wird schon gehen, dacht ich. Eh' ich in die Arbeit gangen bin, hab' ich's trinken lassen, und mittags bin ich auch nach Haus g'laufen, um's an die Brust zu nehmen. Aber ich war zu echauffiert, das hat dem armen Hascherl nicht gut getan und mir auch nicht. Wenn wir dann abends daheim waren, mein Mann und ich, dann hat's immer so jämmerlich g'schrieen. Ich hab's am Arm g'halten, hab's g'schaukelt und hab' ihm g'sungen und bin dabei am Herd g'standen, um unser Essen zu kochen, denn der Mann und ich haben noch kein' warmen Bissen im Magen g'habt. Und wie's Essen fertig war, hab' ich dann doch nicht essen können, vor Leid und Kummer und Müdigkeit, und ihm hat's auch nicht g'schmeckt. Aber Sie dürfen nit glauben, daß der Meinige eppa nix taugt; er ist so a guter Mensch und hätt' mir's gern leichter g'macht; aber wie denn? Er ist Drechsler, er hat zwölfstündige Arbeitszeit, und am Samstag hat er mir nach allen Abzügen doch nur sechs Gulden ins Haus gebracht; dasselbe was ich verdien'. Aber glauben's, daß das ohne mein Verdienst auch gangen wär'? Man hat den Zins zu zahlen und a G'wand will man sich auch noch schaffen, und wir sind beide gern nett gangen, und was Zerrissen's hat der Meine nöt anzogen. Da hab ich oft g'lacht, und dabei hat er mir leid getan, wenn er selber zum Flicken ang'fangen hat und so gar ung'schickt das g'macht hat. Na, wie so a Mann so was anpackt, da kann man nöt zuschau'n! Gib her, hab' ich dann g'sagt, und er gibt mir die Nadel und steht vor mir, ganz demütig, weil er sich gar nicht getraut hat, von mir zu verlangen, was dem Weib doch eigentlich zukommt. Natürlich hat er derweil das Kind g'halten, das jetzt nimmer so schlimm g'west ist. Im Gegenteil, es war so geduldig und ergeben, als wenn es verstanden hätt', daß es ihm ja doch nix nutzt, wenn es aufbegehrt. Ich bin z'letzt bei ihm geblieben, um es zu pflegen, aber es hat nichts mehr g'nützt – ich hab' es vergehen sehen in meinen Armen – vor meinen Augen.«

Das arme Weib zog ihr Tuch und bedeckte damit sein Gesicht.

»Du arme Mutter!« rief Anna in tiefem Mitgefühl.

»Aber wenn ich wieder eins hab'», sagte die Binder, ihre Tränen trocknend, mit jener Entschlossenheit, die sich selbst zu trösten sucht, »dann geb' ich's gleich aus dem Haus, vielleicht bring' ich's dann eher auf.«

»Wenn Du wieder eines hast?« wiederholte die Dreher scharf. »Dein Mann wird Dir doch nicht jetzt, wo er ohne Arbeit ist, mit so was kommen? Na, da möcht ich den Meinigen anschauen.«

»Er kann doch nichts dafür, daß er arbeitslos ist,« entgegnete Resi Binder errötend. »Das ist ein Unglück, das ihm nicht allein passiert ist; an neunhundert Drechsler sind brotlos, und das sind lauter brave und geschickte Leut'.«

»G'wiß auch noch, darauf kommt's nicht an,« entschied Frau Dreher, »und das ist nur ein Beweis, daß, wenn wir Frauen zehnmal verheiratet sind und brave Männer haben, uns deshalb noch nicht auf die faule Haut legen dürfen. Sehen's, mein Schatzerl,« wendete sie sich in ironischer Weise an Anna, »der Herr Binder hat jetzt auch sein Weiberl für sich, die arbeitet jetzt nur für ihn, aber nicht im Haus, sondern außerm Haus.«

Viki lachte: »Heutzutag sich verheiraten, das ist schon die beste Versorgung, ich küß' die Hand.«

»Versorgung!« fiel jetzt die Oberin, das Wort auffangend, dazwischen, die, scheinbar unbeteiligt, doch das Gespräch so zu lenken wußte, daß es zu einer derben Lektion wurde für die, die sich ihrem Glücke genaht, »redest Du auch so, Viki, pfui, schäme Dich!«

»Mich schämen? Warum denn? Die Versorgung bleibt doch immer für uns die Hauptsach', und das ist ganz natürlich.«

»Jedenfalls ist es recht bequem,« höhnte die Oberin, »aber heutzutage muß man suchen, bis man einen findet, der gutmütig diese Last auf sich nimmt. Und wenn er's tut, wie lange hält er's denn aus? Die Geduld geht ihm früher noch aus als der Atem.«

»Aber ich täte mich schönstens bedanken für einen Mann, für den ich verdienen müßt',« rief Viki in ihrer leichtfertigen Weise dazwischen.

»So, aber das Umgekehrte wäre Dir recht?«

»Ach was, das ist ganz was anderes; so ein Weib, das gehört dem Mann, das ist quasi sein Eigentum, aber der Mann, der gehört nie seinem Weib. Und daß ich meinen Tyrannen noch füttern sollt', das wär' mir zu dumm.«

»Du redest, wie Du's verstehst,« sagte die Oberin, deren blasse Wangen sich höher färbten und deren Augen funkelten. »Sobald ich arbeit' wie er, und verdiene wie er, und das muß ja ein Weib heutzutage, dann gibt's keine Tyrannei mehr, dann hat das Weib auch das Recht, sich an seine Seite zu stellen, und wie ein treuer Kamerad wird es mit ihm gemeinsam den Lebenskampf auskämpfen – so denke ich, und das ist das Richtige.«

»Und ich denke anders,« rief Anna, der über den versteckten Angriffen das Herz klopfte und die Lippen bebten. »Wenn eine den kriegt, den sich ihr Herz erwählt hat – aber kriegen muß sie ihn –, dann macht sie ihn selbst zum Herrn, und an ihm ist es dann, sie auf den Platz zu stellen, wo sie hinpaßt und wo er sie haben will; darauf will ich's ankommen lassen – und das ist das Richtigste.«

Die beiden tauschten einen Blick offener Feindschaft.

»Das wäre ja recht gut, Frau Anna,« sagte die kleine Oberin mit einem nervösen Händespiel, »wenn die Männer nur selbst immer wüßten, was für sie und für uns das Richtigste ist. G'wiß, ihnen wär's am liebsten, wenn wir nicht mittäten, und die meisten Frauenzimmer hätten ja auch nichts dagegen, ihre Hände in den Schoß zu legen, warum tun wir denn dann mit? Warum denn? Weil wir müssen. Weil das ein Zwang ist, der stärker ist als der Wille der Mannsbilder, und als ihre Eitelkeit, und stärker als ihre Gewohnheit. Und glauben Sie mir, denn ich seh's alle Tage, die Männer, die sich dagegen sträuben, das sind die Unglücklichen, das sind die Opfer.«

»Nun, mein Mann wird nicht zu den Opfern zählen, darüber können Sie sich schon beruhigen, und auch nicht zu den Unglücklichen,« die junge Frau erhob ihre volle, üppige Gestalt zu ihrer vollen Höhe, und sorglos und sicher und bewußt ihres Reizes, lächelte sie, »denn sehen's, was dieser dumme Mensch für sein Glück anschaut, das – Sie können das vielleicht nicht begreifen – das steht bei mir und das ist ihm gesichert für alle Zeit.«

»Gesichert für alle Zeit!« wiederholte die Oberin, es klang schrill und hohnvoll. »Sehen's, das freut mich, denn man hat es schon erlebt, daß so ein großes Glück schon oft nach Wochen sein End hat.« Sie patschte in die Hände und rief laut und energisch: »Aber, meine Damen, jetzt muß ich bitten, es ist ein Uhr; geplauscht hätten wir genug; jetzt fangt wieder die Arbeit an.«

Die Näherinnen setzten sich ziemlich geräuschvoll zurecht, aber nachdem sie die schweren Leinwandstücke vor sich genommen, hörte man nichts mehr als das rasche, pfeifende Hindurchziehen des Zwirns durch die grobe Leinwand.

Anna war nach ihrer Stube geeilt.

Strahlend von Glück hatte sie sie verlassen, jetzt stand sie da, nachdenklich und verwirrt, mit laut klopfendem Herzen.

»Dies große Glück hat oft schon nach Wochen sein Ende,« murmelten ihre Lippen, dann schüttelte sie sich, als könne sie damit etwas Häßliches, Feindliches von sich abwerfen.

»Was weiß sie, dieser buckelige Kobold . . . sie gönnt ihm das Glück nicht – das sie – sie ihm nicht zu geben vermochte.«

Das junge Paar genoß all' die Süßigkeiten seines neugeschaffenen traulichen Heims.

Anna war so sanft und liebevoll hingebend, so ganz geschaffen, den Mann nach des Tages Mühen durch ihre Tändeleien zu erheitern und zu erfreuen. Von der Haushaltung verstand sie so gut wie nichts, wie alle, die noch als Kinder in die Fabrik müssen, aber sie gab sich redliche Mühe, sich in dem fremden Gebiete, so gut es eben ging, zurecht zu finden. Und Josef war nachsichtig und von einer zärtlichen Dankbarkeit, die etwas Rührendes hatte. Jedes Gericht, das sie ihm vorsetzte, schmeckte ihm, und wenn dessen Güte noch so fraglich war, er schlang es hinunter, ebenso sehr aus Hunger wie aus Liebe. War ihr aber einmal etwas gelungen, dann zeigte er sich geradezu exaltiert davon.

»Du bist ein famoses Weiberl, da gibt's nichts darüber,« rief er, indem er sie an sich preßte, als wolle er sie ersticken.

Seine Sorglosigkeit war noch gewachsen und seine Arbeitslust. Er war ungeduldig, wenn er keine Ueberstunden machen konnte, um einen Mehrverdienst zu erzielen. Er fühlte einen Ueberschuß an Kraft in sich und ging damit wie mit einem unerschöpflichen Kapital um.

Jeden persönlichen Ehrgeiz hatte er aufgegeben, er dachte nicht mehr daran, sich in irgend etwas auszuzeichnen und übertrug alle Hoffnungen und eitlen Wünsche bereits auf seinen noch ungeborenen Sohn.

»Paß auf, der wird ein Maler,« sagte er zu seiner Frau, die ihm glückstrahlend zunickte. »Aber der soll mir aber auch was Ordentliches lernen, der soll sich nicht unterstehen, so herumzustrolchen, wie sein Vater es getan.«

Aber er sollte seiner Bestimmung gemäß in der Wiege schon wie ein Herrlein aussehen, und wie ihre Wünsche, gingen auch die Anschaffungen, die sie für das Kindchen machten, über ihre Verhältnisse hinaus. Es sollte nicht eines jener Proletarierkinder werden, die nur geboren werden, um zu sterben, es hatte tüchtige Eltern, die es zu schützen als eine heilige Pflicht ansahen.

Es war ein schöner, heißer Sonntagnachmittag, und der Pariser Garten lag still und friedlich im Sonnenschein. Im Saale lagen die weißen Leinwanden grundiert am Boden, aber jeder Lärm war verstummt.

Josef hatte am Vormittag noch gearbeitet und war nun fortgegangen, um ein Glas Bier direkt vom Faß zu trinken.

Auf der offenen Veranda, auf welche die davor stehenden alten Kastanienbäume ihre Schatten warfen, saßen hinter den sich hochaufrankenden blühenden Winden Anna und Viki.

Sie waren bald Freundinnen geworden, und Vikis Besuch, die immer so freundlich und heiter sich gab, war der jungen Frau eine willkommene Zerstreuung. Sie hatten sich hierher geflüchtet, da es in der Küche zu heiß war, und Anna begann eben in glücklicher Geschäftigkeit, das fertiggestellte Kinderzeug auszukramen. Die hübschen blonden Köpfchen neigten sich darüber, eifrig musternd und plaudernd und immer noch näher zusammenrückend. Die junge Frau trug ihre blaue Jacke am Halse aufgeknöpft, so daß ein Stück des weißen Hemdes und der volle rosige Hals darunter hervorleuchteten. Sie hatte sich's so leicht und bequem als möglich gemacht, und doch saßen feine Schweißperlen auf der weißen Haut. Viki dagegen war in ein enges Korsett gepreßt und trug einen Sonntagsstaat von ausfallender Modernität. Es war einer jener billigen Konfektionsartikel, in welcher der Konfektionär die schlechteste Ausschußware durch die Fasson wieder gangbar zu machen versteht. Daß ihr Wochenlohn selbst für einen so billigen Putz nicht hinreichte, mußte jeder wissen, was indes ihre eitle Freude daran nicht im mindesten trübte.

Viki hatte sämtliche Hemdchen und Leibchen, Deckchen und Wickelbänder bunt durcheinander geworfen und probierte nun lachend ein Häubchen über ihrer geballten Faust, auf die sie mit Kohle Augen und Brauen und zwei Nasenlöcher gezeichnet hatte, während sie mit dem beweglichen Daumen den schreienden Mund zu bilden suchte.

»Siehst Du, Anna, so wird es aussehen,« sagte sie neckend.

»Pfui, wie häßlich,« rief diese danach schlagend, worauf Viki ein quiekendes Geschrei ertönen ließ.

»Aber Viki, kannst Du denn gar nicht ernsthaft sein, sag' mir doch, ist sie nicht hübsch, diese kleine Ausstattung? Ich finde sie reizend.«

»Aber ich auch.«

»Das freut mich, denn Du verstehst Dich auf diese Dinge, o, Du weißt darin Bescheid.«

»Freilich, wenn man so viel kleine Geschwister hatte, wie ich; aber ich habe nie mit Kindern zu tun gehabt und – wahrhaftig, ich schäme mich, es zu sagen – ich weiß nicht, wie man mit ihnen umgeht.«

»Ach, Viki, mir wird ganz schwindlich, wenn ich dran denke, daß ich nun bald ein wirkliches Kindchen an mich drücken werde.«

»Das glaub' ich Dir, mein Herz, ich würde vor Angst vergehen.«

»Vor Angst? O nein, ich fürchte mich nicht, ich erwarte es mit Freude und Ungeduld.«

»So? na – na!« meinte Viki mit der wegwerfendsten Miene von der Welt.

»Gewiß, wir freuen uns beide darauf, er und ich;« ihre blauen Augen strahlten in einem so schönen Ernst, »und es ist doch auch etwas, so einem kleinen Menschen das Leben zu geben.«

Viki schnitt eine Grimasse.

»Ja, es ist schon etwas, o ja – bei den Ledigen ist's eine Schand und bei den Verheirateten ist's eine Sünd'. – Ich weiß nicht recht, gehörst Du zu den einen oder zu den anderen.«

Anna wurde brennend rot: »Ich freue mich nun einmal darauf, wie sich's für jede ordentliche Mutter gehört.«

»Na, freue Dich nur, meinetwegen, es ist ja das erste, wir werden ja sehen, was Du beim zweiten sagst – und wenn dann ein drittes kommt, oder gar ein viertes – wünsch' gute Nacht, da möcht' ich nicht dabei sein! Ich weiß, wie da der Herr Vater auf die Frau Mutter wütend wird, und die Frau Mutter auf den Herrn Vater, und jedes noch separat sich ärgert und dann beide zusammen auf die schon vorhandenen Kinder losdreschen, an denen sie ihren Grimm ungestraft auslassen. Wir haben's immer g'spürt und g'wußt – wir Großen wenigstens –, wenn bei uns wieder was unterwegs war.«

»Einerlei, wenn sie einmal da sind, hat man sie doch gern, und wenn man die Kinder aufbringt, dann hat man im Alter eine Stütze an ihnen.«

»Aber sie pflegt etwas morsch zu sein, diese Stütze,« rief die unverbesserliche Blondine mit ihrem zynischen Lachen, »und sie wird immer wackliger. Unsere Alten jagen uns zu früh aus dem Hause. Da heißt's: schau, daß Du Dir selbst was verdienst, ich kann Dich nicht länger ernähren. Pumps ist man draußen, und muß lernen, auf eigenen Füßen stehen.« Sie richtete an den versilberten Drahtreifen ihres Armbandes – »na, man steht nicht immer fest, aber das wollen sie nicht sehen, die Herren Eltern – sie sind froh, daß wir draußen sind, und fürchten nichts mehr als das Wiederkommen – kurz, sie scheren sich den Teufel um uns, aber wir auch um sie.«

»Aber Viki, Du sprichst oft so sonderbar von Deiner Familie, ich würde –«

»Geh', was willst denn Du reden,« unterbrach sie Viki mit Heftigkeit. »Dich haben's gar aus Schlesien daher g'schickt. Und kümmert sich wer um Dich? – keine Seele –  und ob Du mit dem Josef lebst oder mit einem andern oder mit zehn anderen – das ist ihnen ganz gleich. Laß Du mich aus mit Deiner Familie, das einzig vernünftige heutzutage ist, – keine zu kriegen.« Sie lehnte sich mit einem entschiedenen Ruck in den Sessel zurück und strich die seidene Schleife ihres Gürtelbandes zurecht, während Anna ihre kleine Wäsche wieder zurecht legte.

Einen Augenblick schwiegen beide.

»Ist es hübsch, mein Kleid?« fragte Viki, mit dem Finger graziös ihre Schleife hinwegschnellend, und eine strammere Haltung, Kreuz hohl, annehmend: »und es sitzt, was? Wie angegossen.«

»Wunderbar,« versicherte Anna, in aufrichtiger Bewunderung, »Du siehst so nobel aus, so fein wie eine – ach, Viki, wenn nur –«

»Was, wenn nur?«

»Wenn er es nur ehrlich mit Dir meinte.«

»Was nennst Du ehrlich?«

»Ob er wohl aus Heiraten denkt?«

»Mein Mandrill heiraten? Nein; er ist zwar dumm, aber so dumm ist er doch nicht – und ich noch weniger, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Aber er verwendet so viel auf Dich –«

»Laß ihm die Freud'; da hat er doch was davon. Wenn ich bedenk', wie sich der Mensch früher gelangweilt hat an den Sonntagen, wo er so einspännig herumgegangen ist und nicht gewußt hat, was er anfangen soll, das war schauderhaft! Schau Dir ihn jetzt an, wie der glücklich und stolz ist, wenn wir miteinand eingehängt gehen, und sich alles nach uns umschaut. Ich versichere Dich, die Leut' halten uns für was. Jedenfalls gehören wir mit zu »die schönen Leut'», und da hat man doch gleich mehr Freud' an sich selbst, und mehr Courasche. Sollt'st ihn nur hören, wie der Drill, der Trau-mich-nicht, jetzt mit den Kellnern das Rumschaffen g'lernt hat, und wie die nur fliegen. Kurz, wir haben uns halt für die Sonntag verlobt, – am Wochentag kann jedes tun, was es will, und das kommt immer noch billiger, als wenn man sich ganz verheirat' und es hat jedes mehr Freud' davon. Aber Herrgott, jetzt ist's Zeit, daß ich geh', mein Mandrill ist zwar sehr geduldig, aber wenn ich ihn zu lange warten laß, könnt' er doch einmal den Humor verlieren.«

Sie trillerte einen Gassenhauer, während sie nach der Stube hüpfte, um ihren Hut zu holen, der überreich mit weißen Blumen geputzt war; sie setzte ihn vor dem Spiegel auf, mit geübter Hand ihre blonden Löckchen darunter ordnend.

»Wohin geht Ihr denn miteinander?«

»Zuerst ins Kaffeehaus, da schau'n wir uns die »Fliegenden Blätter« an, dann in den Prater und vielleicht – wenn's noch reicht – abends ins Orpheum.«

»Herrgott, Du treibst es.« 

»Zu was wär' man denn jung und fidel?« sagte sie, nach dem Schirm greifend, mit einer unnachahmlichen Bewegung ihrer Schultern. Und wie sie dastand, so schlank und schmiegsam, mit starken Hüften und hochgeschnürtem Busen, mit lachenden Augen und lachendem Mund, so fixig und unternehmend, war sie das Prototyp einer hübschen Wienerin. Sie küßte Anna erst auf die rechte, dann auf die linke Wange und hüpfte leicht und kokett über die Veranda hinaus.

Bald hörte man sie lachen. Unter den Bäumen stand ihr ungeduldiger Liebhaber, seine Schöne erwartend. Auch er war nobel und fein herausgeputzt, und sie blieb mit ihm stehen, hörte mit lächelnder Gelassenheit seine Vorwürfe an, wobei sie ihn bald nach rechts, bald nach links dreht, um ihn wohlgefällig zu mustern und einiges an ihm zu richten. Dann nahm sie des Liebsten Arm, und in stolzer Haltung, wie sich's für feine Leute geziemt, wandelten die beiden die heißen Straßen entlang, bis das Klingeln der Tramway ihre Beine in raschere Bewegung setzte. Sie liefen dem Wagen nach und sprangen mit unnachahmlicher Geschicklichkeit während des Fahrens auf.


Fünftes Kapitel.

»Der Josef hat einen Buben«, war das geflügelte Wort, das einige Tage später im Atelier von Mund zu Mund ging. Alles gratulierte dem jungen Vater, der sich in seine neue Würde nicht recht zu schicken wußte. Josef hatte seinerzeit triumphiert, daß er weder eine Schwiegermutter noch eine Schwägerin mitgeheiratet, und nur die Anna allein, aber in diesen Tagen wäre ihm eine oder die andere ganz recht gewesen. Selbst die Gevatterinnen und Muhmen, die in den Zeiten, wo die Familien noch seßhaft und weitverzweigt waren, stets in so großer Anzahl und Hilfsbereitschaft eine Kindbetterin umgaben, sind ausgestorben. Die Arbeiterfrau in der Großstadt ist losgelöst von der Familie und allein. Höchstens daß eine gutherzige Kameradin ihr eine der wenigen Stunden schenkt, die nach ihrem Tagewerke noch übrig bleiben. Die Viki war eine solche, sie kam jeden Abend, um nachzusehen; kochte der Wöchnerin ein Süppchen, badete das Kind, was für sie zu einem wahren Gaudium wurde, und unterrichtete Josef in der ihm nun zufallenden, ganz neuen Tätigkeit einer Wartefrau.

Erst getraute er sich gar nicht, mit seinen großen anilinroten Händen das Kindchen anzurühren, aber er zeigte sich willig und anstellig, und Viki versicherte, er mache seine Sache vortrefflich. Schlimm war's für den Mann, daß Anna sehr lange leidend blieb und der Arzt absolute Ruhe für nötig hielt. So warteten seiner, nach der schweren Arbeit des Tages, häusliche Arbeiten der mannigfachsten Art. Er zeigte weder Aerger noch Unwillen, er tat alles in seiner raschen, munteren Art, ein wenig oberflächlich, oft ganz verkehrt, aber doch zum Ziele kommend.

Er erriet ihre Sorgen und Bekümmernisse und suchte sie zärtlich zu beschwichtigen, oder mit einem Witzworte zu verscheuchen. Nur dann, wenn er sich totmüde und nach Ruhe lechzend endlich zu Bett legte und der Kleine, als hätte er nur auf den Moment gewartet, wieder mit seinem Gequieke anfing, packte ihn helle Verzweiflung.

Selbst als Anna sich besser fühlte, als sie ihr Kindchen betreuen und ihren häuslichen Verrichtungen nachgehen konnte, wurde es nicht anders, denn sie war dann abends stets matt und übermüdet, so daß sie sehnsüchtig die Heimkehr des Gatten erwartete, der sie ablösen sollte.

Und er arbeitete für drei und wachte die Nächte hindurch, um den nächsten Morgen um fünf Uhr wieder auf den Beinen zu sein. Er tat es ohne Murren, wie man eben seine Pflicht tut, aber eine gewisse Nachlässigkeit in bezug auf seine eigene Person war unverkennbar, eine Schlaffheit, die auch in seinen Zügen zum Ausdruck kam.

Eines Abends war er nicht zur gewohnten Zeit nach Hause gekommen.

»Du kommst ja heute abend besonders spät,« sagte Anna mit einem sanften Vorwurf im Ton.

»Ich konnte nicht früher,« bemerkte er leichthin, und neigte sich ihr entgegen, um sie zu küssen.

Sie aber fuhr zurück, noch ehe sie seine Lippen berührten.

»Josef, Du hast getrunken!«

»Nun, was ist's weiter?«

»Du hast Branntwein getrunken, man riecht es an Deinem Atem.«

Und als er darauf kurz mit einer zynischen Bemerkung antwortete, setzte sie sich angewidert weit von ihm weg und nahm eine Arbeit vor, um nur ja nicht auf ihn sehen zu müssen.

Aber damit wirkte sie keineswegs besänftigend auf sein erregtes Gemüt.

»Du glaubst wohl, wenn man so arbeitet wie ich, bei Tag und Nacht keine Ruhe hat, man könne sich mit Zuckerwasser restaurieren? Nein, ich brauch' was Stärkeres, um mich wieder »auf gleich« zu bringen, das spür' ich, sonst werd' ich hin,« und in immer höher aufflammendem Unmut schleuderte er den Kinderkram, der sich auf einem Sessel befand, beiseite, und setzte sich dröhnend darauf.

Anna drückte die Hand gegen das pochende Herz, wie ein jäher Schreck war es über sie gekommen: er trank, weil er unzufrieden war, weil er sich unglücklich fühlte, und sich zu betäuben suchte, und wie ein Aufschrei löste sich's von ihren Lippen:

»Ach, wär ich doch lieber ins Findelhaus gegangen!«

Da sprang er auf.

»Das sagst Du mir, Anna, mir?« Seine Stimme klang schrill und rauh, wie sie sie nie gehört. »Also habe ich noch nicht genug getan, noch nicht genug mich abgerackert? Aber, was willst Du denn noch? Red' – ich will ja alles tun, aber ich habe nichts als meine Kraft, und wenn sie hin ist – haha – der Branntwein, der – der – der erfrischt – und deshalb brauche ich keine Vorwürfe, nein, ich will keine Bissigkeiten – hörst Du, ich will –«

Er kam nicht weiter. Weiche Arme umschlangen ihn und große, schöne Augen, die in Tränen schwammen, blickten gleichsam beschwörend und mit dem Ausdruck der innigsten Liebe in die seinigen. »Josef, kein Vorwurf ist's – ich habe Dich ja so lieb – ich danke Dir so viel – nimm nur die Angst von mir, daß ich es bin, die dieses Leben über Dich gebracht hat, das Dir zum Unglück ausschlägt!«

Und er hielt das zitternde, demütig hingebende Weib in seinen Armen, und es war ihm alles so klar geworden, sein Irrtum und seine Schuld, und er dachte nur mehr daran, sie zu beruhigen und ihr alles zu versprechen, was sie nur wollte.


Sechstes Kapitel.

Es kam in diesen Tagen vor, daß Josef sich bei seiner Arbeit eine Nachlässigkeit zuschulden kommen ließ, die von der Leitung des Ateliers auf das schärfste gerügt wurde. Man sprach von seiner sofortigen Entlassung im Wiederholungsfalle. Das kränkte ihn tief, ja er konnte es schier nicht verwinden. Von dem Augenblick schien auch das günstige Vorurteil, das man für ihn gefaßt hatte, einen Stoß erhalten zu haben, und die Maler hatten bald dies, bald jenes gegen ihn vorzubringen. Daß der junge Mensch sich ein Weib genommen, hatte ohnedies ihre Mißbilligung erregt; sie nannten das einen dummen Streich, zu dem jeder von ihnen mehr Recht zu haben glaubte und den doch keiner gewagt hatte. Die zwei alten Junggesellen des Ateliers aber bezeichneten dies geradezu als Verbrechen und sie hielten es für heilsam und nützlich, dem Allzuüppigen das Leben ein wenig sauer zu machen. Fräulein Elise hingegen, man getraute sich nicht mehr, sie nur die Lisi zu nennen, wußte sich in ihrer Stellung zu befestigen und ihren Wirkungskreis zu erweitern.

Sie hatte dabei hart mit sich zu kämpfen. Sie war in ihren lautersten Gefühlen getäuscht worden und empfand eine so schreckliche Leere in ihrem Herzen. Aber sie war nicht die Person, die das ertragen konnte. Und sie konnte nichts dafür, daß Gedanken und Wünsche aufs neue emporwuchsen, sie zu erhöhter Tätigkeit spornten, als sei noch nicht alles verloren.

Was sie mit dem Instinkt der Eifersucht erraten, hatte sich bestätigt. Sie hatte nachgeforscht und erfahren, daß Josef weder zivil noch kirchlich getraut sei, er lebte mit der Seinigen im Konkubinat. An dem Tage, wo ihr das klar geworden, war sie in der prächtigsten Laune, wie neu belebt und erfrischt. Jene hatte also kein Recht auf den Platz, den sie einnahm, sie war nicht seine Ehefrau, nur seine Geliebte. Jeder konnte sie über die Achsel ansehen; predigt doch die christliche Kirche selbst gründliche Verachtung gegen eine Solche.

O, wenn sie sie doch einmal zu treffen vermöchte in ihrem Dünkel, diese freche, eingebildete Gans! Die ihm alles sein möchte, die sich selbst preisend sein Glück nannte. Aber wo, wo war es denn, das Glück, das sie ihm gegeben? Wo? Der Mann verkam an ihrer Seite. Sie war sein Unglück, sie war die Mauer, die ihm den Weg zur Freiheit und Selbständigkeit für immer verrammelte – und wenn man sie niederrisse? Müßte es nicht zum Segen für ihn ausschlagen? Und dann erschrak sie doch selbst wieder vor all diesen Gedanken. Sie war nicht schlecht, sie wollte es nicht sein. Sie bedurfte der Selbstachtung, um in dem Kampfe, der ja auch für dieses zarte Ding ein schwerer war, sich aufrecht zu erhalten, und sie verstand es, sich mit Illusionen zu schmeicheln, um bis zur Selbstbewunderung zu gelangen. So sagte sie sich, daß sie nicht nach dem Manne verlange, daß sie für immer entsagen wolle, weil ihr Stolz dies bedingte. Ja, sie hatte Augenblicke, wo sie glaubte, selbst über den Haß triumphieren zu können, um Josefs ehrliche Freundin zu sein und zu bleiben, aber dabei kitzelte sie der Gedanke nicht wenig, um wieviel höher sie sich dann über die andere erheben würde, auch in seinen Augen.

Während der Arbeit im Pariser Garten wechselten Josef und Lisi nur selten ein Wort, aber einmal, als er an ihr vorbeiging und sich unversehens rasch nach ihr umwandte, bemerkte er, daß ihr Blick nachdenklich auf ihm geruht hatte. Er lächelte und trat keck auf sie zu.

»Du hast die schönsten Augen,« sang er, und dann sich zu ihr herabbeugend »Was haben denn Ihre Augerln nun grad an mir auszustellen g'habt, he?«

»Sie haben nur geforscht, wie es Ihnen geht, Josef.«

»Mir?« rief er verwundert, »wie es mir geht? Aber mir geht es ganz elendiglich gut,« scherzte er, »und jetzt gar, seit Anna wieder beisammen ist.«

»Sie sind so genügsam, Sie denken immer nur an andere,« sagte sie vorwurfsvoll.

»An andere? Aber gehen's, ich bin so ein guter Kerl, und denke immer nur an die Meinige,« lachte er und sah ihr dabei spitzbübisch in die Augen.

Sie biß die Lippen zusammen.

»Ich meine, Sie sollten auch ein wenig an sich denken, Sie sehen schlecht aus, Josef, Sie sind abgemagert.«

»So, das bemerke ich nicht,« und sich mit der Hand auf den Bizeps schlagend, bramarbasierte er: »Da schaun's, das sind noch Muskeln, Gott sei Dank, da fehlt nichts, und was die im Atelier gegen mich aufbringen, ist pure Verleumdung, was ich kann, macht mir keiner von ihnen nach.«

Und als gelte es, momentan eine Probe dafür abzulegen, ergriff er einen zusammengelegten grundierten Prospekt und ohne jede Hilfe schwang er ihn über die Schultern und trug ihn lachend nach dem großen Ausgangstore, wo der Wagen stand, um ihn aufzuladen.

Das bucklige Mädchen sah ihm nach, mit Bewunderung und Pein; es tut weh, dem grollen zu müssen, den man liebt.

Einige Tage später war im Atelier das Gerücht verbreitet, Fräulein Elise hätte einen Heiratsantrag erhalten. Man sprach von einem Magistratsbeamten, der sein Auge auf sie geworfen. Niemand wunderte sich darüber; Lisi war eine gute Partie geworden. Und unter dem männlichen Personal des Ateliers gab es manchen, der die plötzliche Bemerkung gemacht hatte, daß sie doch nur einen ganz kleinen Buckel habe und eine zarte, sonst aber hübsche und vor allem sehr sparsame Person sei, die nicht versäumte, jede Woche etwas in der Postsparkasse zu hinterlegen. Es erregte daher Staunen und Befriedigung, als es bekannt wurde, daß der Herr Beamte sich einen Korb geholt. Seitdem war sie noch im Werte gestiegen. Und da sie Augen im Kopf hatte, und was für Augen, durfte sie annehmen, daß dieser Heiratsantrag wohl nicht der letzte sein werde. Aber sie schien absolut kein Gewicht darauf zu legen.

Die kleine Wanduhr des Pariser Gartens schlug die sechste Stunde, die Näherinnen hatten Feierabend gemacht und gemeinsam das Lokal verlassen. Auch Lisi hatte ihren Hut aufgesetzt und die gewirkten Halbhandschuhe über die Hände gezogen. Sie tat einige Schritte und blieb wieder stehen, ihre Augen blickten zu Boden und ihre Lippen bewegten sich leise, als spräche sie zu sich selbst. Der Chef hatte ihr heute eine Mitteilung gemacht und sie zugleich beauftragt, sie dem Josef zu übermitteln, der an diesem Tage auswärts beschäftigt war. Nun schien der Augenblick dafür gekommen. Als sie jetzt den Gang durchschritt und sich der Tür näherte, die in Josefs Küche führte, vernahm sie die Töne eines einfachen Liedes, mit dem Anna ihr Kindchen in Schlaf sang. Es klang heiter und jugendfrisch.

Ein fast grausames Lächeln umzuckte die Lippen der Oberin.

»Wenn die weiß, was ich weiß, dann wird ihr das Singen vergehen.«

Sie streckte die Hand nach der Klinke aus und zog sie wieder zurück. Sie seufzte. Leider traf es die nicht allein, alles Ungemach fiel doch schließlich auf seine Schultern zurück – ihn wird's bedrücken – und sie sollte es ihm nun mitteilen – aber vielleicht war er noch nicht zu Hause, und ihr es zu sagen, würde ihr wohl nicht schwer fallen; ha, die wird Augen machen!

Und wieder streckte sie die Hand nach der Tür und öffnete doch nicht.

In dem kleinen klopfenden Herzen wogten Gedanken und Wünsche, Gutes und Böses wild durcheinander. Es reizte sie, boshaft zu sein, aber sie vermochte das innerliche Widerstreben nicht völlig zu überwinden. Da ward die Eingangstür aufgerissen, Josef trat ein und schien überrascht, sie hier zu finden.

»Sie sind noch da, wollen Sie vielleicht zu mir?«

»Ja – nein –«

»Aber ich bitt schön, die Anna wird sich sehr freuen.«

»Nein, nein – lassen Sie nur – was ich zu sagen habe – der Chef hat mir's aufgetragen, – das kann ich Ihnen gleich sagen, mit einem Wort. Vielleicht wissen Sie es auch schon – der – der Pariser Garten –«

»Ist er vielleicht gar verkauft?«

»Das Gebäude soll weggerissen werden, der Platz parzelliert, das Atelier hat die Kündigung erhalten, und schon in den nächsten Wochen müssen wir von hier fort.«

»Ich auch?«

»Sie auch.«

»So plötzlich, mit Weib und Kind – das ist hart für mich,« stammelte Josef erbleichend.

Sie bemerkte es und sein Kummer ergriff sie.

»Sie müssen sich das nicht gleich so zu Herzen nehmen,« mahnte sie, und als er wie verzweifelt sich an den Haaren faßte, legte sie ihre Hand tröstend auf seinen Arm. »Aber Josef, vielleicht ist die Sache gar nicht so schlimm und Sie können noch bleiben. Gehen Sie zu dem Eigentümer – versuchen Sie's, heute noch. Wenn auch wir hinaus müssen, mit dem Abtragen und Parzellieren wird's nicht so schnell gehen, und einstweilen –« Sie kam nicht weiter, Josef hatte ihre Hände ergriffen und drückte sie fest in den seinigen.

»Lisi, Du bist doch ein guter Kerl, ich hab's immer gesagt! Bitte, komm herein, die Anna soll's wissen, wie gut Du es mit uns meinst.«

Aber Lisi entriß ihm die Hand und sagte fast heftig: »Nein, nein, ich hab keine Zeit, und ich und sie –« sie hob den Kopf und sah den Josef mit einem fast wilden Ausdruck an: »Kannst Dir's nicht vorstellen, daß wir Zwei nun einmal nicht recht zusammenpassen? Adieu!«

Sie war rasch an ihm vorbeigekommen und durch das Türchen hinausgegangen.

Josef senkte den Kopf, und seinen Schnurrbart herabstreichend, blieb er einen Augenblick recht nachdenklich; dann zuckte er leichtfertig mit den Schultern:

»Was kann ich dafür, daß ich jetzt dasteh, wie ein Zündhölzel zwischen zwei Feuern?« Es lag etwas Selbstgefälligkeit in seinem Lächeln, das sich indes sofort verdüsterte.

Vor dem Schicksalsschlage, der ihn so unerwartet getroffen, trat alles andere zurück.

»Was wird sie dazu sagen,« murmelte er, »was wird sie sagen?« Und mit umwölkter Stirn, das Herz von Sorgen erfüllt, trat er bei seinem Weibe ein.

Zwei Stunden später, es begann zu dämmern, stand Anna mit ihrem Kinde an dem offenen vergitterten Fenster und sah in den lauen Abend hinaus. Sie harrte der Rückkehr des Mannes in steigender Bangigkeit.

Dieser war fortgelaufen, ohne sein Essen zu berühren, um mit dem Eigentümer des Pariser Gartens zu sprechen, vielleicht daß er doch, für sich wenigstens, einen Aufschub erlangte.

»Ach, wenn es ihm doch gelänge!« dachte das junge Weib, aber sie sah recht bekümmert aus und hoffnungsarm, sobald sie aber den Kopf nach ihrem Kinde herabsenkte, lächelte sie wieder. Da lag es so schön und friedlich in ihren Armen, so wohlgenährt. Sie war stolz in ihrem Mutterglück und in heißer Zärtlichkeit drückte sie ihre Lippen auf die Wangen des Kindes. Dieses schrak unter der Berührung zusammen, und so legte sie es, als wollte sie es vor sich selber in Sicherheit bringen, in sein Bettchen zurück. Aber sie blieb davor stehen, um es immer und immer wieder zu betrachten; eine Mutter kann sich nicht satt sehen an ihrem Kinde.

»Wer weiß, wie lange ich Dich noch haben werde,« dachte sie, während sich ihre Finger krampfhaft ineinanderschlangen. »Ich sehe es kommen – o ja – ich werde es machen müssen wie alle anderen, – und warum sollte ich es besser haben? Ach!« Es war ein tiefer Seufzer, laut und schmerzlich, der fast einem Schrei ähnelte. Da ging die Tür. »Josef!« rief sie und stürzte ihm entgegen, mit dem warmen, hingebenden Gefühl, den das hilflose und abhängige Weib für den Mann empfindet, der ihre und ihres Kindes Existenz zu sichern vermag, »was ist's, hast Du den Herrn getroffen?« Er hatte sich ermüdet in einen Stuhl geworfen.

»Nichts ist's,« sagte er kurz und rauh. Sie starrte ihn an.

»Wir müssen fort?«

»Da gibt's keinen Pardon.«

»Und wann denn schon?«

»Zugleich mit dem Atelier.«

»Mein Gott, das geht doch nicht, daß man einen Menschen so mitten im Monat – wenn Du ihm nur vorgestellt hättest, daß Du – Familie hast – vielleicht –«

»Das gibt's nicht,« brauste er zornig auf. »Du glaubst immer, sie braten mir eine Extrawurst, weil ich Dein Mann bin.«

»Aber Josef –«

»Es ist übrigens die polizeiliche Verordnung gekommen, das Gebäude sofort zu räumen und zu demolieren. Es sei im höchsten Grade feuergefährlich, hieß es, und eine Gefahr für die ganze Umgebung, und da glaubst Du, sie werden noch viel Geschichten mit uns machen?«

Sie wagte nichts mehr zu entgegnen.

»Willst Du nicht essen?« fragte sie schüchtern nach einer Pause.

Er stand auf und ging nach dem Herde.

»Hunger habe ich genug.« Als er aber den Deckel von der Kasserolle genommen, furchte sich seine Stirn: »Schon wieder so einen Fraß, Du weißt doch, daß ich die Rüben nicht mag.«'

»Ich konnte nicht anders, – ich – ich habe kein Geld mehr,« stotterte sie und wurde ganz blaß bei dem Bekenntnis.

»Kein Geld mehr?«

»Ich mußte den Greisler bezahlen.«

»Nun, ich habe auch keins,« sagte er kurz.

»Du wolltest – einen Vorschuß,« wagte sie noch zu sagen. Er wandte sich zornig gegen sie um.

»Vorschuß – da bist Du gleich fertig – ich habe so lange Vorschuß genommen, bis sie mir keinen mehr geben wollen – ich soll mein Leben solider einrichten, sagte der Buchhalter, und nicht so toll in den Tag hinein leben, ha, ha, die Tollheit, die war schon arg, mit dem Doktor, mit der Hebamme und mit dem Apotheker habe ich mein Geld verjuxt, es war eine recht lustige Gesellschaft.«

Er lachte laut und bitter auf, daß das Kindchen darüber erwachte und zu weinen begann.

Anna rührte sich nicht; sie blieb am Herd stehen und richtete ihrem Manne das Essen an, der in der Stube auf und ab ging, wie ein gereizter Löwe, und immer lauter perorierte:

»Es ist unglaublich, was ich mir jetzt muß alles gefallen lassen; wie einen Lumpen, wie einen Taugenichts muß ich mich von ihm behandeln lassen, und warum? Weil ich jetzt mehr verbrauch als wie ich ledig war und nicht mehr verdiene, oder wenigstens nicht genug; und wie das dann werden soll, wenn ich noch die Wohnung bezahlen muß, das weiß ich nicht – oder weißt Du's? – Da –« Er warf drei Papiergulden und einige Silbermünzen auf den Tisch. »Da hast Du alles, was ich für meine Uhr bekommen hab, der verfluchte Jude hat mir nicht mehr dafür geben wollen.«

»Du hast die Uhr verkauft?« rief Anna.

»Ist Dir's nicht recht, wie? Du sagst nur immer, ich brauch Geld, woher soll ich's denn nehmen? Soll ich es stehlen?«

Und als er nun sah, wie sie in stummer Verzweiflung die Hände rang, fuhr er gegen sie los; unwillkürlich wurde seine Stimme lauter, da er das schreiende Kind zu übertönen hatte, und es fielen rasche, überstürzte Worte, ohne Sinn, ohne Zusammenhang, es war, als ob seine eigene Heftigkeit ihn exaltierte und mit sich fortriß; als aber das Kindchen ebenfalls seine volle Lungenkraft zu entfalten begann, schwang er die Faust gegen dasselbe: »Kusch, Luder!« brüllte er und war mit einem Satze an der Wiege. Aber schon hatte Anna sich ihm entgegengeworfen. Ihr Kind mit dem Leibe schirmend, wendete sie ihre Augen, die das Entsetzen vergrößerte, ihm zu, und ihre eben noch so schüchterne Haltung wandelte sich in wilde Entschlossenheit, die jede Muskel ihres Körpers spannte. Er taumelte vor ihr zurück, wie im tiefsten Herzen verwundet. »Du glaubst doch nicht – daß ich – dem Kind – was zu leid –« seine Stimme drohte unterzugehen unter den hervorstürzenden Tränen, aber er schluckte sie hinunter und trotzig, in dem sich aufbäumenden Mannesstolz, schmetterte er ihr einen kräftigen Fluch entgegen, in dem das Herzeleid über die unverdiente Kränkung sich Luft machte und wandte ihr den Rücken.

Als er an dem Tisch vorüberkam, schlug er, in einer gleichsam nachzitternden Bewegung, mit der Faust auf ihn, daß das Silbergeld hoch emporsprang.

Das war wie ein Fingerzeig und brachte ihn rasch zur Besinnung. Er raffte die kleinen Münzen zusammen, steckte sie in seine Tasche und ging fort, ohne sich nach seiner Frau und dem für ihn angerichteten Essen auch nur umzusehen.

Erst gegen zehn Uhr kehrte er heim – er war total betrunken. Ein armer Teufel kann das mit fünfzig Kreuzern zuwege bringen.


Siebentes Kapitel.

Die Näherinnen hatten das Versprechen, das ihnen der Meister gegeben, sie sollten im Pariser Garten auch einmal tanzen, nicht vergessen, und da jetzt der Auszug nahe bevorstand, entsendeten sie eine Deputation an ihn, ihn daran zu mahnen. Der Bescheid war ein günstiger. Herr Schwarz wollte im Pariser Garten ein Fest geben, das sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen ein letztes Mal darin vereinigte.

Das Arrangement wurde den Arbeitern selbst überlassen, und diese gingen fröhlich, mit einem wahren Feuereifer aus Werk.

Das Fest war für den Sonntag bestimmt, und am Vormittag desselben waren Malergehilfen, Farbenreiber und Näherinnen beschäftigt, den Saal zu schmücken.

In der Mitte desselben war ein chinesischer Kiosk aufgestellt; die Damen hatten frische grüne Girlanden geflochten, welche um seine Säulchen gewunden und festonartig bis zu den Gaskandelabern emporgezogen wurden.

Franz, der die Zither, und Anton, der die Mundharmonika spielte, sollten in dem Kiosk ihren Platz haben. Auch Geigen- und Flötenspiel war in Aussicht gestellt, aber nur als Vortragsnummern, da die betreffenden Künstler zu vornehm und zu wenig taktfest sich fühlten, um zum Tanz aufzuspielen.

Etwas seitwärts war eine Buschenschänke hergerichtet, mit Reisig und Fähnchen gar hübsch dekoriert, und darin Tische und Bänke aus Brettern roh gezimmert. Frau Dreher, als die drallste, sollte die Wirtin sein und hier den Ausschank haben.

Fräulein Elise war erschienen, und es zeigte sich, daß sie noch einige glückliche Einfälle hatte. Sie sah sich nach Josef um, um sie mit ihm in Szene zu setzen, der war aber nicht anwesend, und Franz vertraute ihr flüsternd, daß er ins Atelier gegangen sei, um dort an einer Ueberraschung zu arbeiten.

Es war ein lauer Juliabend, als im Pariser Garten nach langer Pause wieder mal die Gasflammen angezündet wurden, die durch die hochangebrachten Fenster ihren Lichtschimmer entsendeten.

Das große Tor war bereits fest verriegelt und geschlossen, der Eingang erfolgte durch die kleine Seitentür, die nach dem Gang führte, welcher die Verbindung zwischen dem Hauptobjekt und dem Anbau (der Küche) vermittelte.

Franz war der Erste am Platze, er war der Aelteste und hatte sich vorgenommen, die Honneurs zu machen.

Es hatte geheißen, Sommertoilette oder Kostüm, und da er die erstere nicht besaß, wählte er das letztere, das sich namentlich durch breite grüne Hosenträger auszeichnete, echte, stark riechende Juchtenstiefel und einen alten Tirolerhut, den er mit Gemsbart und einigen Blümlein geziert hatte. Franz war sehr aufgeräumt, er hatte das Bier gekostet, und musternd ging er nun hin und her und fand, daß alles gut war. Er betrat den Kiosk; dort lag die Zither auf einem Tischchen neben der Harmonika, er setzte sich dazu und begann zu stimmen. In einer wahren Troubadourlaune erwartete er die Gäste, die ihm zu lange zögerten.

Da trippelten schüchtern die Knüpferinnen herein, ein halbes Dutzend ganz junger Mädchen, die es nicht erwarten konnten, sich im Tanz zu drehen, alle in einfachen, verwaschenen Kleidern, aber in feinen Stiefletten und mit den kokettsten Schürzchen, an den Achseln, an den Taschen mit Bändchen geschmückt. Franz ging ihnen entgegen, und wenn er sonst im Verkehr mit diesen »Dingern« seiner Barschheit keine Zügel anlegte, denn »Schnäbeln« war nicht seine Sache, bewillkommnete er sie heute mit so ausgesuchter Höflichkeit, daß sie von solcher Feierlichkeit ergriffen, sich verlegen aneinanderdrängten und selbst der keckste Schnabel unter ihnen auf seine Weisung, einstweilen im »Salong« auf und ab zu promenieren, wenn es gefällig wäre, nur mit einem Knix zu antworten vermochte. Aber da kamen schon die Näherinnen mit ihren Männern, einige Maler und die jungen Schüler des Ateliers, und Franz machte Kratzfuß um Kratzfuß und ließ wohlausstudierte Redensarten vom Stapel, bis einige schrille Töne der Zither ihm seinen zierlichsten Satz entzweischnitten.

Er wandte sich um mit zornigem Schnauben und war mit einigen Sätzen im Kiosk.

»Wenn Ihr mit Euren Pratzen Euch untersteht, noch einmal die Klampfen anzurühren, dann fliegt Ihr beim Küox hinaus, meine Damen!« schrie er sie an, worauf die Mädchen flink auseinanderstoben.

Und immer noch kamen neue Gäste, und darunter ganz unverhoffte, wie der Franz kopfschüttelnd bemerkte. Seine Höflichkeit erkaltete mit jedem neuen Paar immer mehr, und er blickte nach dem Bierfäßchen, das unter Reisig geborgen lag, mit immer besorgterer Miene: »So viel Leut,« brummte er, »und so wenig Bier, wie soll das ausgehen?«

Mit Frau Dreher, der Wirtin, war auch Viki gekommen, als Marketenderin, die, fein von Hüften und furchtbar geschnürt, eine selbsterfundene Uniform trug. Aber sie sah hübsch darin aus und das blaue Mützchen saß so schief und fesch auf ihrem Blondhaar, daß sie bald von Bewunderern umringt war. Der arme Drill als »Wasserer«, der, um in seiner Eigenschaft nicht verkannt zu werden, immer mit zwei Kübeln herumging, mußte an diesem Abend einen schweren Stand haben.

Scherz und Laune entwickelten sich bald, und es war eine helle, naive Freude, die dieses Völkchen beseelte, das an allem und jedem Gefallen fand, sich gegenseitig in lustiger Neugier begaffte und über eine falsche Nase, einen grünen Augenschirm, einen papiernen Vatermörder und einen eingedrückten Zylinder in Lachkrämpfen sich wand.

Auf allgemeines Verlangen hatte Franz in seinem »Küox« Platz genommen und spielte einen Ländler, zu dem man lustige Schnadahüpfeln sang und dabei mit den Händen patschte.

Die kleinen Mädchen hatten angefangen, miteinander zu tanzen; aber schon sprang das eine oder das andere Paar dazwischen und die übrigen folgten.

Josef, den man verwundert vermißte, war noch nicht zum Vorschein gekommen.

Im Hemd und in weißen Pantalons saß er in seinem Wohnraum am Fenster, die Beine übereinandergeschlagen, und sah mit der Uebellaunigkeit eines gefangenen Löwen durch das Gitter hinaus. Das Kindchen schlief und Anna arbeitete in der Stube umher. Es sah wirr und unordentlich in derselben aus. Nichts stand auf seinem gewöhnlichen Platze, die Schränke waren geöffnet, die Laden herausgezogen und ihr Inhalt lag zum Teil auf dem Tisch, zum Teil war er bereits in ein Kofferchen gepackt. Morgen sollten sie ausziehen. Sie hatten nur mühsam eine Unterkunft gefunden. Eine jener feuchten, dunklen Proletarierwohnungen, schmutzig und unrein, in der das Elend gehaust. Die Miete war verhältnismäßig nicht billig, und um sie pünktlich bezahlen zu können und die Kosten des Umzuges zu bestreiten, mußten sie etwas ins Leihhaus schicken. Dort lag es in ein weißes Tuch eingeschlagen; der Winterrock Josefs und Annas Mantel, darauf würden sie wohl genug bekommen, so hoffte sie.

Aus dem Saale herein ertönte Gesang und Lachen und dazwischen, kaum vernehmbar, das Gewinsel der Zither. Anna hatte schon wiederholt auf Josef herübergeblickt, jetzt trat sie auf ihn zu und legte die Hand leicht auf seine Schulter.

»Na, willst Du Dich denn nicht fertig machen? Wenn auch ich nicht gehe, Du mußt gehen.«

Er antwortete mit einem verdrießlichen »Eh« und wandte den Kopf beiseite.

»Es müssen schon alle beisammen sein, hörst Du, sie tanzen schon.«

»Was kümmert's mich, ich gehe auch nicht.«

»Josef, ich bitte Dich.«

Er aber fuhr ungeberdig in einem mehr gemachten als wirklichen Zorn gegen sie auf: »Du bist das fadeste und langweiligste Frauenzimmer von der Welt, das steht fest. Da bügelt sie sich ihr Kleid aus, ich laß mir die allerschönsten Rosen für sie schenken und jetzt – jetzt will sie nicht, nein, jetzt geht sie just nicht.«

»Just nicht, Josef, wie kannst Du so etwas sagen, wie kannst Du mir nur so unrecht tun.« Sie nahm ihn um den Hals und sah ihn von rückwärts mit den lieben braunen Augen so zärtlich bittend an, daß er völlig entwaffnet war.

»Warum willst also nicht?« fragte er, indem er sie heranzog und auf seine Knie setzte, »Du Garstige,« schmeichelte er, »Du weißt, daß es mich nicht freut ohne Dich, also komm, schnell, mach Dich fertig.«

»Josef, ich kann nicht, wir müssen morgen von hier fort und da geht mir so viel durch den Kopf, Gedanken und Sorgen.«

»Und glaubst Du, mir nicht? Aber eben drum; was nützt uns das ewige Grübeln, und wenn wir uns den Kopf abreißen, das wird jetzt nicht anders, drum wollen wir uns lieber zerstreuen und lustig sein.«

»Du hast einen glücklichen Sinn, Josef –«

»Den hab ich auch, Gott sei Dank, und warum denn nicht? Sind wir nicht jung und gesund und haben uns gern, warum sollen wir denn nicht lustig sein?«

Anna seufzte.

»Ich mein, im Augenblick hätten wir gar nicht das Recht dazu.«

Er sah sie betroffen an, während eine Blutwelle ihm in die Wangen schoß.

»Kein Recht dazu? Also weil es uns miserabel geht, sollen wir deshalb in Trübsal vergehen und die Augen nicht mehr vom Boden aufschlagen? – Ah, das wär mir zu dumm, und wenn ich kein Recht mehr haben sollt, mich zu freuen – dann soll der Teufel die Wirtschaft holen.«

Er war aufgesprungen und ging in Erregung die Stube auf und nieder. Der leichtlebige Geselle war an seiner verwundbarsten Stelle getroffen; er hatte in diesem Augenblick die dunkle Empfindung einer großen Ungerechtigkeit, die nicht allein die Kräfte des Arbeiters verzehrt, sondern auch jegliche Freude. Aber das lag einstweilen nur ganz dunkel in seinem Gefühl, das sich empörte, die wirklichen Ursachen, die allgemeinen und allbewegenden waren ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen. In seiner Unklarheit noch ein Kind, in seiner Kraft ein Mann, reckte er seinen Arm drohend in die Höhe:

»Aber daß Du's nur weißt, wenn ich einmal zu »die Unzufriedenen« gehör, dann wirst noch was an mir erleben.«

Sie sah den Aufgeregten mit einem ernsten, ruhigen Blick an: »Geh, red nicht so, Du bist der beste Mensch von der Welt.«

»Einerlei, auch der kann einmal wild werden.«

»Bist so aufopferungsfreudig, so fleißig –«

»Ich schind mich genug, weiß Gott, aber das ist's ja grad, was mich ärgert, ich arbeit, was ich kann, und wenn wir trotzdem solche Lauser sind, soll mir doch niemand die Schuld dran beilegen.«

»Aber tu ich denn das?«

»Und jedes Vergnügen laß ich mir auch nicht verkümmern –«

»Aber ich bitte Dich ja seit einer Stunde, Du sollst gehen.«

»Das werd ich auch, aber den guten Humor, den hast Du mir gründlich verdorben, o, das verstehst Du, und jetzt –« er warf eine weiße Pierrotjacke zornig zu Boden – »jetzt freut es mich nimmer, denen da draußen einen Hanswurst vorzumachen, das soll ein anderer besorgen.«

Seine Stimme war noch lauter und erregter geworden; da klopfte es an die Tür. Er verstummte sofort.

»He, was ist's denn mit Euch Leuteln,« ließ sich die Stimme von draußen vernehmen. »Es sind schon alle beisammen – soeben ist die Fräulein Elise gekommen, als ungarische Zigeunerin – die Maler sind ganz außer sich über sie – und meiner Seel, die kleine Lisel könnt einen heut schon verrückt machen; Du, die muß man nur sehen – also tummel Dich, Josef, oder kommst nicht?«

»Schieb ab,« rief Josef barsch, »wenn ich komm, bin ich da.«

Das war ein unbestreitbares Argument, und der ungeduldige Dränger entfernte sich.

Josef ging noch einige Male in der Stube auf und nieder, sein Schritt sänftigte sich mit seinen Gedanken. Jetzt sprang er mit einem Male gegen die Kommode. Er entnahm ihr ein großes rotes Tuch, das er sich um die Hüften schlang, er durchwühlte sein Haar und stülpte eine falsche Astrachanmütze darauf, hierauf drehte er seinen blonden Schnurrbart in eine feine, aufwärtsstehende Spitze. Nachdem er noch seine Jacke malerisch über die Schulter geworfen, stellte er sich vor den Spiegel, um sich zu mustern.

Er sah so männlich und jugendfrisch aus, die Gestalt so schlank und elastisch, daß das junge Weib die Augen nicht von ihm lassen konnte. Er hatte ihren bewundernden Blick im Spiegel erhascht und drehte sich rasch nach ihr um:

»Na also, was sagst Du, Weiberl, gefall ich Dir so?« Sein schelmisch lächelnder Blick schien seiner Sache gewiß zu sein.

»Du bist ein ungarischer Zigeuner, gelt?« fragte sie ausweichend.

»Ja, und jetzt such ich mir meine Zigeunerin.«

»Ah – so –.«

Er nahm sie um die Taille: »Oder bist Du vielleicht eifersüchtig?«

»Ich, auf die – auf so ein Krischperl? Da müßt ich mir wirklich leid tun,« entgegnete sie.

»Na, die Lisi hat auch ihre Vorzüge,« bemerkte er in absichtlicher Neckerei, »und Du willst also wirklich nicht gehen?«

»O ja, ich geh,« sagte sie entschlossen, »eine bucklige Zigeunerin hab ich noch mein Lebtag nicht gesehen, so was ist schon der Mühe wert.«

Sie lachte krampfhaft. Er aber brach in ein helles, herzliches Lachen aus, vor dem jede Trübsal entwich. »Na, ich hab's ja gewußt, daß ich Dich noch dazu bring, es wär auch recht ungeschickt, wenn Du fern bliebst, heute gibt's ein feines Nachtessen umsonst, da wollen wir uns einmal hineinlegen. Also –«

»Ich komme nach.«

»Meinetwegen, aber sei flink und mach Dich recht hübsch – wer's hat, kann's tun!« Und er küßte sie derb und herzhaft auf den Mund, als nähme er von ihr Abschied für lange Zeit, und draußen war er.

Sie aber langte nach Nadel und Zwirn. Wenn sie ihr schönstes Kleid anziehen wollte, hatte sie noch einiges daran zu flicken. Sie kam an der Wiege vorüber und warf einen kurzen Blick auf das schlafende Kind. – Morgen wird es nicht mehr hier schlafen. Dann streifte ihr Auge die Ballen und Möbelstücke, die Unordnung um sie herum – und die ganze Unsicherheit dieser Proletarierexistenz; ihre Abhängigkeit von Zufall und Laune kam ihr in erschreckender Deutlichkeit wie nie zuvor zum Bewußtsein. Und sie stichelte und stichelte an dem Rosakleide, in dem sie tanzen wollte, und wischte und wischte immer wieder die Tränen ab, die ihre Augen verdunkelten.


Achtes  Kapitel

Nichts ist so ansteckend als Fröhlichkeit und nichts ist gesünder.

Aber nur in den unteren Klassen sind noch die unverwüstlichen Optimisten zu finden, die jene Summe gesunder unverbrauchter Kräfte in sich verspüren, die ihnen das Recht geben, an sich selbst und eine bessere Zukunft zu glauben. Nur sie besitzen die göttliche Sorglosigkeit, die ihnen das Leben in jeder Minute warm und innig erblühen läßt und sie befähigt, den Augenblick zu genießen.

Alles war in Bewegung, als Josef eintrat. Man polkte soeben, und die nicht tanzten, die sprangen dazwischen und sangen und jubilierten, bestrebt, ihre innere Freudigkeit am lautesten zu bekunden. Josef begab sich zuerst in die Buschenschenke, er wollte sich stärken, ehe er sich in den Wirbel stürzte. Er langte nach Brot und Wurst, was ihm in diesem Augenblick das Liebste war, und ließ sich das Bier von einer der kleinen Knüpferinnen kredenzen, welche Frau Dreher ersetzte, da diese ein Tänzer weggeholt hatte. Einige andere Knüpferinnen kamen herein, sie gedachten sich in Abwesenheit der Frau Dreher, die ihnen gar zu sehr auf die Finger sah, rasch an der Wurst ein wenig gütlich zu tun, und als nun Josef sie darin ermutigte und mit gutem Beispiel voranging, wobei er so scherzhafte Dinge sagte, da gerieten die kleinen Dinger über diese unerwartete Aufmerksamkeit außer sich vor Entzücken. Die kleine Gesellschaft war sehr lustig beisammen, bis sie zu ihrem Entsetzen bemerkte, daß sie wie hungrige Mäuschen alles rein aufgezehrt hatten, was vor ihnen stand.

Josef beruhigte sie zwar, daß die Dreher noch andere Schüsseln in Vorrat habe, aber als nun der Tanz zu Ende war und alles daherstürmte, zogen sie es vor, sich eiligst aus dem Staube zu machen. Auch Josef fand nicht den Mut, den inquisitorischen Blicken der Dreher die Stirn zu bieten, und wußte so geschickt zu manöverieren, daß es den Anschein hatte, als käme er eben erst aus seiner Stube.

»Da ist er endlich!« erscholl es.

»Endlich!« rief ein höchst phantastisch aussehendes Geschöpfchen, das, beide Hände ihm entgegenstreckend, auf ihn zusprang.

»Lisi!« es löste sich fast wie ein Aufschrei von Josefs Lippen, »aber Sie sind ja herrlich, wunderbar!« Er hielt sie an den Händen und betrachtete sie mit lachenden Augen.

»Sie ist wie aus einem Märchen,« erklärte der eine Maler.

»Pikant und phantastisch, wie eine Schöpfung Dorés!« bemerkte ein anderer.

»Wie am Theater, meiner Seel',« rief Josef, der eine viel weniger poetische Auffassung hatte.

Sie schien ihr die schmeichelhafteste von allen zu sein und sie neigte den hübschen Kopf ihm zu, der heute tief zwischen den noch absichtlich erhöhten Schultern darin saß und aus den Puffen und bunten Maschen, die sich da türmten, in reizender Schalkhaftigkeit herausguckte. Sie hatte die glückselige Ahnung, daß die sanfte Bernsteinfarbe ihres Teints, das tiefschwarze, an den Schläfen gekräuselte Haar, um das sie ein grell rotes Tuch turbanartig gewunden, daß die großen fast zusammengehenden Brauen über den Augen, die die Freude noch glänzender machte, daß die Lebhaftigkeit und Energie ihrer Bewegungen ihr etwas Apartes verliehen, von dem sich das Auge schier nicht zu trennen vermochte.

»Und jetzt werden wir miteinander tanzen. gelt,« sagte Josef bittend, und faßte sie um den Leib. Sie entwand sich ihm lachend.

»Wer zu spät kommt, der hat das Nachsehen; ich bin schon engagiert.«

»Also zum nächsten Tanz – auch nicht?«

Sie antwortete nicht sofort, als sie aber den unmutigen Blick und eine halbe Wendung seinerseits bemerkte, hielt sie ihm rasch die Hand entgegen:

»Es gilt, ich werde mir das schon arrangieren.«

Man stellte sich zur Francaise.

Lisi tanzte sie mit einem Gaste. Es war der Leinwandagent, Herr Preißelbeer, der die Lieferung für das Atelier hatte. Ein kleines, dünnbeiniges Männchen, das, wie zur Entschädigung dafür, mit einer so riesigen Nase bedacht worden war, daß selbst seine etwas vorstehenden Fischaugen nicht darüber hinwegzusehen vermochten. Er besaß viel gewerbsmäßige Schlauheit und verstand sein Profitchen zu machen. Bei Fräulein Elise wollte es ihm leider nicht glücken. Er hatte ihr, um sie über einige fehlerhafte Stücke hinwegzutäuschen, eine gelbe Brosche verehrt; aber sie hatte sie ihm samt der Leinwand wieder zurückgeschickt, und von da an mußte Herr Preißelbeer sich sehr zusammennehmen, wollte er nicht die ganze Kundschaft verlieren.

Er war wütend auf die bucklige Kröte und blieb mit ihr auf einem gespannten Fuße; heute schien er nicht übel Lust zu haben, mit seiner eigenen Person den Bestechungsversuch zu wiederholen.

Er bemühte sich um sie in der auffallendsten Weise, mit jener liebenswürdigen Zudringlichkeit, mit der man unverdiente Ehren erweist.

Die letzte Tour hatte einen kankanartigen Charakter angenommen, wobei er die wunderlichsten Sprünge gemacht hatte, jetzt kam er, seine Tänzerin am Arm, keuchend daher, ihr mit seinem Taschentuch Kühlung zufächelnd.

Josef, sein Bärtchen zu einem verwegenen Schwung aufwärts drehend, trat ihnen entgegen.

»Da sieht man den Leinwandprotz,« scherzte er, auf dessen Taschentuch deutend, »nun, der Herr von Preißelbeer kann sich den Luxus erlauben. Unsereiner könnt' leicht ein Tischtuch draus haben, aber Ehre, dem Ehre gebührt,« und er verbeugte sich vor der großen Nase des Herrn Preißelbeer in so drolliger Weise, daß die Lisi die Zähne aufeinander beißen mußte, um nicht herauszuplatzen.

Der Agent musterte den jungen Arbeiter von oben herab.

»Sie sind sehr guter Laune, mein lieber Josef.«

»Ja, dazu sind wir ja da.«

»Und Essen und Trinken umsonst, was, das ist was für Euch Leuteln, nur keinen Rausch sich antrinken, mein lieber Josef.«

»Na, ich werd' es Ihnen gleich zeigen, wie sicher ich noch auf meinen Füßen steh',« und Lisi ergreifend: »jetzt tanzen wir miteinander.«

»Bitte, das ist meine Tänzerin,« protestierte Preißelbeer.

»Gewesen, jetzt ist sie die meinige.«

»Ich hätte Ihnen noch so vieles so sagen,« flüsterte der Agent der Oberin mit einem verheißenden Blick zu.

»Das werden wir uns lieber für ein andermal aufheben,« erklärte diese, ihn abtrumpfend.

»Aber ich möchte –«

»Eine andere Tänzerin? Gut, die will ich Ihnen verschaffen und noch dazu die hübscheste, die wir haben – Viki –« sie faßte die Vorüberhüpfende am Arm, »hier stelle ich Dir Herrn Preißelbeer vor – Fräulein Viki Baumgarten, eine höchst liebenswürdige Kollegin.«

Der Agent verneigte sich stumm und wendete sich mit einigen sarkastischen Worten an Fräulein Elise, um ihr für ihre Fürsorge seinen Dank auszudrücken. Es war eben ein höchst gebildeter Mensch, und der verbeißt seinen Aerger. Josef aber flüsterte Viki ins Ohr:

»Sie, passen's auf, Punkt zwölf muß er sich demaskieren.«

»Ja, ist er denn?« fragte Viki ebenso leise.

»Aber Fräulein Viki, das sieht man doch, daß das eine falsche Nase ist.«

»Ich bin so kurzsichtig,« entgegnete Viki, sich gleichsam entschuldigend, und einen neugierig forschenden Blick auf das in Frage kommende Objekt werfend, bestätigte auch sie: »Ja, freilich, das sieht man.«

»Also, geben Sie ihm keine Ruh, er muß sie herunternehmen.«

»Punkt Zwölf, ich will ihn schon dazu bringen,« versicherte sie, ihm verstohlen zublinzelnd, dann nahm sie den Arm des Herrn Preißelbeer, den dieser in tiefer Verbeugung ihr bot.

Die Lisi aber hing sich an Josef. Jetzt walzte sie mit ihm, bis ihr der Atem verging, und ließ sich dann von ihm halten, in süßer Betäubung, bis sie wieder zu sich kam. Dann sprangen sie miteinander bald hierhin, bald dorthin, hier ein Pärchen anrufend, dort sich zu einer Gruppe gesellend. Und wo sie hinkamen, steigerten sich Scherz und Laune; es war wie eine Losgebundenheit der Lust und Lisi die Priesterin, die in ihrer Ekstase alle mit sich fortriß.

Ihre Augen funkelten, ihr Atem war heiß, ihre Rede prickelnd. Und Josef blieb wie gebannt an ihrer Seite, mit ergriffen von dieser heißen, heftigen Lebenssucht, die dieses kleine, bucklige Mädchen erfüllte und über ihn ausströmte.

Da, plötzlich hatte Josef seine Anna bemerkt, die mit einem jungen Maler im flinken Tanze sich drehte.

Sie war also doch gekommen, und inmitten dieser tollen Lustigkeit überkam ihn eine reine und hohe Freude. Als sie an ihm vorüberkam, suchte er sie lachend zu haschen und aufzuhalten. Sie nickte ihm zu und tanzte weiter.

Jetzt erst sah er, wie hübsch sie war in dem rosa Kleide, mit den Rosen geschmückt, die er ihr selbst gebracht. Ei, sie war wieder so jugendlich und mädchenhaft schlank wie sie gewesen, als er sie zum ersten Male sah, ja, hübscher erschien sie ihm noch, holdselig geradezu. Und sie war sein, nicht durch den Zwang, nur durch Liebe; er fühlte, wie fest er ihr anhing, wie treu, und fühlte dies selbst als das süßeste Glück. Aber – war auch sie glücklich? Nie zuvor hatte er sich diese Frage gestellt, heute, inmitten der tollsten, gedankenlosesten Lustigkeit fuhr sie plötzlich ihm durch den Sinn.

Er hatte sie so oft weinen sehen, aber ihre Tränen hatten als etwas Unvernünftiges stets nur seinen Zorn erregt –: wenn sie nun wirklich der Kummer erpreßte, oder ihr Mißvergnügen? Und als in dem Augenblick das helle Lachen der Lisi an sein Ohr schlug, die schon wieder, wie eine wahrhafte Oberin umringt und umschmeichelt war, da mußte er sich unwillkürlich fragen, ob sie, die Selbstverdienende, in ihrer Losgebundenheit von häuslicher Sorge, in ihrer Unabhängigkeit nicht vielleicht die Glücklichere  sei? Aber sein volles, reiches Herz gab ihm die Antwort: Nein! Aber freilich, von der Liebe und Zärtlichkeit, die einer für die Seinigen aufspeichert, ernährt er sie nicht, und – und wieder stand er betroffen vor Befürchtungen und Gedanken, die ungerufen ihm kamen und selbst an diesen Leichtlebigen sich unabweislich herandrängten. Seine und der Seinigen Existenz lag wie ein großes Lebensrätsel vor ihm, dessen Lösung, das schien immer klarer in ihm aufzudämmern, nicht von seinem Willen abhing.

Da stieß ihn Elise an.

»Na, was ist's? Sie denken wohl über die Ueberraschung nach? Ich mein, es wär Zeit, sie jetzt loszulassen. Der Chef kommt nicht mehr, es ist nicht schön, daß er sein Wort nicht gehalten hat; aber das macht nichts, wir sind doch da und wir sind das dankbare Publikum.«

Aber Josef behauptete, es gäbe keine Ueberraschung; was er vorhatte, sei ihm mißlungen, und er habe dem Franz schon gesagt, daß es nichts damit sei. Und als Lisi nun erst recht in ihn drängte, schüttelte er in energischer Ablehnung den Kopf und sprang davon.

Lisi aber schnitt eine lustige Grimasse hinter ihm drein, und sich an die Umstehenden wendend:

»Jetzt werden wir halt unsern Pepperl selber mit seiner Kunst überraschen, der Franz ist schon dabei, das Transparent anzuzünden.«

»Wo ist es denn, wo denn?« fragten die Umstehenden neugierig.

»Man sieht's nicht, ich hab ein paar Versetzungen davorstellen lassen, damit uns der Josef den Spaß nicht vereitelt.«

Josef war indes seiner Anna nachgegangen. Er wollte jetzt selbst mit ihr tanzen, im Augenblick aber, wo er, an ihrer Seite angelangt, seinen Arm um sie legen wollte, schwieg die Musik.

Von der Portalseite her ertönte eine schnarrende Stimme, wie die eines Marktschreiers, der sein Publikum zusammenruft.

In Josef wallte der Unmut auf: »Der dumme Kerl wird doch nicht am Ende – ich hab es ihm doch verboten, i – da möcht man doch gleich –.« Zornig sprang er dahin, aber er vermochte es nicht mehr zu hindern.

Es gab einen ohrenzerreißenden Tusch, bei dem die unglaublichsten Instrumente mitwirkten, die Versetzungen wurden auseinandergeschoben und ein Transparent erschien, der Chef in ganzer Figur und charakteristischer Stellung, von Amoretten umflattert. Es sollte sein Porträt sein, konnte aber nur als eine höchst gelungene Karikatur gelten, die in unnachsichtiger Schärfe jede Unregelmäßigkeit zur Lächerlichkeit verzerrte.

Im ersten Augenblick schien alles verblüfft, dann meckerte ein einzelner, und gleich darauf erscholl eine wahre Lachsalve, die immer von neuem losbrach, mit kurzen Ausrufungen untermischt.

»Jesus, aber so was! – Der Herr von Schwarz! – Wie er leibt und lebt! – Das ist famos! – Der wird aber beleidigt sein. – Er ist ja nicht da. – Das ist ein Glück! – Famos! Wer hat denn das gemacht? – Der Josef – köstlich! – Daß sich der so was traut – genial ist das. – Unglaublich! – Wo ist er denn?«

So erscholl es im Kreise herum, von den Kunstmalern und Gehilfen, den Gästen, den Farbenreibern und Näherinnen.

Als Josef gesehen, daß er zu spät gekommen, um die Enthüllung zu hindern, suchte er schleunigst Reißaus zu nehmen, wie gejagt von dem ausbrechenden Gelächter, aber er ward entdeckt, erwischt und zurückgebracht, und stand da wie ein armer Sünder vor seinen Richtern.

Als Herr Zeno ihn fragte, ob er das wirklich allein gemacht, bejahte er.

»Ich muß den Quark schon auf mich nehmen, aber ich wollt ihn nicht zeigen und – es tut mir ja selber leid, daß er mir nicht schöner gelungen ist, der Herr von Schwarz.«

»Schön ist er allerdings nicht,« rief Zeno lustig, »aber gelungen außerordentlich! Sehen Sie nur, Drill, die Entschiedenheit in jeder Linie und die Empfindung – mein lieber Josef, Sie sind ein Künstler, ich gratuliere,«

»Ein Künstler, mein Josef!« rief Anna, die Hände in ungemessener Verwunderung zusammenschlagend und mit feuchten Augen zu ihm emporblickend.

Er aber wußte nicht, wie ihm geschah, er verstand es gar nicht, und als nun alle sich herandrängten, in fröhlicher Zustimmung das Wort wiederholend: »Der Josef ein Künstler, wir gratulieren, wir gratulieren!« da drückte er in seiner Verlegenheit die Hände, die sich ihm entgegenstreckten, mit so intensiver Kraft, daß ihre Besitzer sie ihm schleunigst entzogen.

Alle Blicke wendeten sich wieder dem Bilde zu, das hell erstrahlte, und »bravo, bravo!« ging es nun wieder los, »bravo, dem Josef sein Meisterstück!«

»Hört einmal auf, oder wollt Ihr ihn alle miteinander verrückt machen?« rief Lisi in scherzhafter Weise dazwischen, aber ihre Stimme hatte einen so schrillen Klang, daß sich alle nach ihr umsahen und die Bravos verstummten.

»Hörst Du den Neid?« flüsterte Anna, indem sie ihren Arm um den Hals des Geliebten schlang.

Lisi wiederholte lauter noch und bestimmter: »Ja, ja, verrückt! So viel Lob muß einem armen Teufel, der daran nicht gewöhnt ist, zu Kopf steigen, und was hat das für einen Sinn, was hat er davon?«

»Meinen Sie, weil er es nicht verdient?« fragte Anna, und ihre sonst so sanften Augen verwandelten sich in Dolche.

Lisi zuckte darunter zusammen; es war das erste Mal, daß Anna in offener Feindseligkeit sich ihr entgegenstellte und die heißen Wogen ihres Herzens wallten um so höher auf, weil sie innerlich fühlte, daß jene ein Recht dazu habe.

»Das sag ich nicht,« entgegnete sie heftig und dann sich wieder dem Maler zuwendend und ihren Ton gewaltsam herabdämpfend, bis zur schmeichelnden Bitte: »Schaun's, Herr Zeno, Sie sollten dem Josef nicht so was vormachen. Sie sind ein wirklicher Künstler und aus Ihrem Munde hat das Gewicht, aber wenn er erst daran glauben muß, daß er das Zeug in sich hat, was Tüchtiges zu werden und kann es doch nimmer erreichen, so kann ihm das doch keine Freud machen.«

»Und warum soll er es nicht erreichen?« fragte Anna in aufgestacheltem Trotz, hinter dem sich eine geheime Angst nur mühsam verbarg.

»Ja, warum nicht,« wiederholte Herr Zeno, »er ist ja noch jung.«

»Ach, gehen's, Sie wissen recht gut, daß ein Mensch, der im Taglohn arbeitet, der die ganze Woche sich bis zum Uebermaß schindet, um alles zu schaffen, was in seinem Hause verbraucht wird, nicht so nebenbei sich zum Künstler herauswächst – das gibts nicht, oder wollen Sie den Josef vielleicht gleich als Maler verwenden und auch bezahlen?«

Herr Zeno lachte.

»Nein, das wäre allerdings nicht möglich. Das größte Talent hat so viel zu lernen, und ein Maler, der verdienen soll, und nur einen solchen können wir bezahlen, der muß rasch vorwärts kommen und die Technik im kleinen Finger haben.«

»Na, sehen Sie; der Josef kann aber nicht ein Jahr lang – was, ein Jahr – nicht eine Woche lang kann er lernen und zuwarten, bis er für seine Arbeit bezahlt wird. Der Mann hat sich selbst an die Kette gelegt, und –« ein flüchtiger Blick streifte wie zufällig Anna, »er wird wohl auch daran bleiben. Und so wird er sein Lebtag die Leinwand grundieren und als ein elender Handlanger für andere die Farben zurichten müssen, und da wär es wohl besser, mein ich, wenn er es gar nie erfahren hätte, daß er selber zu denen gehört, die was schaffen können.«

Es war der schwüle Hauch einer starken inneren Erregung, die von ihr ausging. Und wie sie so sprach, die kleine Bucklige, lag etwas Wahres, Ueberzeugendes und zugleich Anklagendes in dem heiseren Ton ihrer Stimme, der für alle etwas Beklemmendes hatte.

Eine momentane Stille trat ein.

Da erscholl von der anderen Seite des Saales ein leiser, zorniger Aufschrei, dem ein klatschender Ton folgte.

»Hallo, was ist da los?« riefen alle.

Drill sah sich nach seiner Viki um, und als er sie nicht erblickte, schien er die Situation sofort erfaßt zu haben. »Der Kerl muß mir hinaus!« schrie er, und er stürzte nach jener Ecke, als wolle er seine Drohung augenblicklich ins Werk setzen.

»Der Preißelbeer – die Viki –« rief man sich gegenseitig zu.

»Die hat sich wahrscheinlich an seiner Nase vergriffen,« bemerkte Josef lachend; er war wie von einer Pein erlöst, als seine Persönlichkeit nicht mehr im Vordergrund stand, und fügte nun erklärend hinzu: »ich hab ihr nämlich weißgemacht, daß er eine falsche aufgesetzt hätte.«

»Ah, sehr gut, köstlich!« lachten alle. Indessen waren in jener Ecke die Geister bereits hart aneinandergeraten.

»Er hat mich geküßt!« – »Elender Wüstling!« – »Ei was, sie ist die Zudringliche gewesen, sie hat an mir immer herumgezupft!« – »Weil Sie sich nicht demaskieren wollten.« – »Dumme Gans!« – »Herr, eine solche Beleidigung! Ich fordere Sie.«

Die ganze Gesellschaft drängte unter lautem Lachen dahin; Lisi und Anna standen im nächsten Augenblick sich allein gegenüber, als aber Lisi Miene machte, den anderen zu folgen, sprang das junge Weib auf sie los und faßte sie mit nerviger Hand an der Schulter.

Ihr ganzer Leib zitterte, ihre Zähne schlugen aneinander.

»Ich – verbitte mir's – ich – will Ruhe haben!« preßte sie mühsam heraus.

Lisi war unter dem unvermuteten Angriff zusammengefahren und ebenfalls blaß und zitternd starrte sie ihre Widersacherin an: »Was wollen Sie? Lassen Sie mich, ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen.«

»Mit mir nichts, das glaub ich Dir, aber mit ihm! Was bist Du ihm denn, daß Du Dich in alles hineinmischst, was ihn betrifft – aber ich duld es nicht länger!« schrie sie lauter, einer Wahnsinnigen gleich, indem sie sie noch rauher anfaßte.

Lisi entriß sich ihr und flüchtete unter das Zelt der Schenke.

Anna mit einem Satze ihr nach.

»Lassen Sie mich,« rief Lisi, »ich habe nichts Unrechtes getan und darum schweigen Sie.«

»Ich schweige nicht mehr, ich habe es satt, da zuschauen, Du lockst ihn seit langem – und heute – wie eine Klette ist sie an ihm gehangen den ganzen Abend – haha, man sollt es nicht glauben, daß man mit so einem Buckel einen Mann reizen könnte! – Aber Du verstehst Dich auf Künste, Du hast ein Maul, – Du bist schlecht durch und durch, – ich kenne Dich und ich kenne Deine Absicht, Du ruhst nicht eher, bis Du ihn gegen mich aufgehetzt, bis er Dir glaubt, daß ich sein Unglück bin.«

»Das bist Du auch!« schrie die andere ihr zu, ebenso laut und energisch, mit aller Kraft ihrer Ueberzeugung.

Anna griff nach dem Herzen, als wäre sie mitten hineingetroffen.

»Das sagst Du mir, seinem Weibe!« stammelte sie, nach Luft ringend und noch tiefer erbleichend.

»Sein Weib – Lügnerin!«' rief gellend die Bucklige, indeß ihre Augen Verachtung blitzten, »sein Kebsweib bist Du, nichts anderes!«

Anna, die, einen Halt suchend, sich an den Tisch gelehnt, schnellte mit einem Aufschrei der Wut empor und ihrer Sinne nicht mächtig, ergriff sie in einem nervösen Krampf das vor ihr stehende Glas und schleuderte es ihrer Beleidigerin an den Kopf.

Diese brach lautlos zusammen.

Einen Augenblick stand das junge Weib hochaufatmend da, im Gefühl befriedigter Rache, als sie aber das rieselnde Blut ihrer dahingestreckten Feindin bemerkte, löste sich ihr Grimm in hervorstürzenden Tränen.

»Helft ihr!« rief sie, und flehend streckte sie ihre Hände den Herbeieilenden entgegen. »Josef, Josef! Mein Gott, ich hab ihr das getan – verzeih mir –!« Und sie stürzte sich laut aufschluchzend in seine Arme.

Das so heiter begonnene Fest hatte einen raschen und unliebsamen Abschluß gefunden.

Die Kopfwunde Lisis ward untersucht, sie schien eine leichte zu sein, aber die Blutung war schwer zu stillen. Die Gäste hatten sich entfernt, und nur Franz, Josef und einige Näherinnen waren zurückgeblieben, die sich um die Verwundete bemühten.

Sie war wieder zu sich gebracht, und da kein Wagen aufzutreiben war, erklärte sie, die kurze Strecke nach ihrer Behausung sehr wohl zu Fuß zurücklegen zu können. Als sie aber einige Schritte getan, begann die Wunde, die nur durch einen Pfropf geronnenen Blutes sich auf natürliche Weise verstopft hatte, auf's neue zu bluten.

»Bringt sie herein, legt sie in mein Bett,« bat Anna, die der Anblick des hervorquellenden Blutes schier außer sich brachte.

Aber Viki meinte, es wäre das beste, sie in ihre Wohnung zu tragen, da käme sie endgültig zur Ruhe. Sie selbst wollte zum Doktor laufen und ihn dahin führen, sie könnten gleichzeitig dort eintreffen.

Josef hatte die Kleine wie ein Kind auf seine Arme genommen. Er fand sie leicht wie eine Feder. Er ermahnte Anna, zu Bett zu gehen, da er gleich wieder zurück sein wolle; als er aber einige Schritte getan, blieb er stehen.

»Sackerlott, das Gas!« sagte er. Die Mehrzahl der Flammen hatte er bereits abgedreht, nur einige brannten noch, die wollte er nun ebenfalls löschen, ehe er sich entfernte. Er wollte Lisi wieder zu Boden setzen, aber Franz hinderte ihn daran.

»Laß das, schau lieber, daß Du mit ihr fortkommst, ich werd schon allein auslöschen,« brummte er.

»Meinetwegen, aber vergiß ja nicht, den Gasometer abzudrehen,« mahnte noch Josef, »und Du, Anna, sperr gleich hinter ihm zu, ich hab meinen Schlüssel.«

Man bewegte sich durch den Gang. Josef mit seiner Bürde und die Näherinnen verließen gemeinsam das Lokal.

Anna sah ihnen nach. Ihre Tränen waren versiegt, aber ihr Mund bebte noch. Ein kräftiger Entschluß schien sich in ihr durchzukämpfen und Gestalt zu bekommen. »Ich werde es tun,« murmelte sie, »ich muß es tun, um seinetwillen – um seines Glückes willen!«

Den Franz, der sich ein Räuschchen angetrunken, hatte die Katastrophe wieder so ziemlich ernüchtert, aber das Abdrehen der Gashähne wollte ihm nicht gelingen. Der lange Josef freilich brauchte nur seine Arme auszustrecken, aber er, der Untersetzte, konnte sie nicht erreichen.

»Ach was,« dachte er, »was werd ich mich da viel plagen; ich dreh den Haupthahn ab und die Geschichte ist aus.«

Dieser befand sich in dem Verbindungsgang zwischen Küche und Saal. Er ging hinaus und drehte ihn ab.

Der Pariser Garten versank in Dunkelheit.

»So, jetzt ist alles in Ordnung,« sagte er zu dem jungen Weibe, die mit einem Licht ihm hinausleuchtete und hinter ihm die Tür verschloß.

Langsam ging Anna zurück in ihre Stube. Sie war nur von einem Gedanken erfüllt, der sie vollständig beherrschte und all ihr Fühlen und Denken in Anspruch nahm.

Nichts störte sie darin. Auf den wüsten brausenden Lärm wirkte die Ruhe nur um so tiefer – kein Laut – kein Ton rings umher – das Kindchen schlief fest. – Sie küßte es und warf sich dann übermüdet aufs Bett, so wie sie war. Es war zwei Uhr nach Mitternacht. In einer Stunde wird's Tag, dachte sie, und löschte das Licht. . . .

War es der einzige Schimmer in diesem Hause, der damit verglomm?

Nein. In dem Saale des Pariser Gartens, halb gedeckt von einigen Versetzungen, schimmerte das Transparent mit dem Bilde des Meisters. Es war von rückwärts, und zwar auf die primitivste Weise beleuchtet. Die Kerzen staken auf spitzen Nägeln, die Franz durch einige alte Kistendeckel hindurchgetrieben. Hätte dieser nur noch einen Blick zurück in den Saal geworfen, ehe er sich entfernte, er hätte in dem herrschenden Dunkel die schwache Helle bemerken müssen. Aber in der Verwirrung und Aufregung, die der Katastrophe gefolgt, hatte man das Transparent vollständig vergessen. Niemand dachte daran. Und die Kerzen brannten langsam tiefer und tiefer, und die joviale Gestalt des Meisters wurde trüber und trüber, verging zur Undeutlichkeit. Als die Kerzen bis auf das dürre Holz herabgebrannt waren, erloschen sie bis auf eine, die in dasselbe hineinbrannte.

Bald knisterte es unheimlich in dem großen verödeten Raume, Flämmchen zuckten empor, sie erfaßten den Rahmen und das Bild selbst. Der in Oel getränkte Meister brannte lustig und lichterloh. Die kleine Schwarzwälderuhr in Josefs Küche schlug die vierte Morgenstunde.


Neuntes Kapitel.

Josef wollte, nachdem er die Verwundete auf ihr Zimmer gebracht, sich wieder entfernen, er hatte Eile, aber der Doktor, den Viki herausgestürmt hatte, bat ihn, zu bleiben. Durch den wuchtigen Schlag, den Lisi am Kopf erhalten, war ein Blutgefäßchen geborsten. Die gerissenen Enden der Arterie mußten mit der Pinzette gefaßt und unterbunden und hierauf ein antiseptischer Verband angelegt werden. Josef hatte dabei zu assistieren. Indes war bald alles in Ordnung und der Chirurg empfahl sich. Viki war nach Hause geeilt, sich umzukleiden, und hierauf in der Apotheke ein Rezept fertigen zu lassen. Sie war noch nicht zurück, aber Lisi bedurfte momentan keiner weiteren Hilfe und Josef sah sich in der kleinen, von einer Lampe schwach erhellten Stube nach seinem Hute um.

Lisi, die während der Operation kein Wort der Klage und keinen Seufzer ausgestoßen, saß bleich und erschöpft in einem Sessel am Fenster. Sie hatte über ihren phantastischen Anzug eine alte Joppe geworfen und ihre kleine zusammengeschobene Gestalt und ihr Kopf mit dem weißen turbanartigen Verband, der ihr Haar völlig verhüllte, sahen in dem grauen Schimmer eines erst herandämmernden Morgens so blutlos und schemenhaft aus und sonderbar grotesk.

Josef hatte sich erinnert, daß er ohne Hut hierher gekommen war, er hatte nichts weiter zu suchen, und in dem Bestreben, rasch fortzukommen, grüßte er mit der Hand und sagte kurz angebunden »Adieu«.

Sie nickte kaum merkbar mit dem Kopfe.

»Ich dank Ihnen, Josef.« Als er sich aber bei der Tür nochmals umwandte, sah er, daß ihre Augen mit einem heißen, angstvollen Ausdruck ihm folgten, als wolle sie ihn zurückrufen.

»Wollten Sie noch etwas?« fragte er nervös und ungeduldig, »ich kann mich wirklich nicht länger mehr aufhalten; ich sollt' längst schon zu Hause sein.«

»Dann geh!« stieß sie hervor.

Er ging nicht. Er kam zurück, und ihr eben falls das alte vertrauliche Du gebend, sagte er gutmütig: »Na, wenn Du noch was willst, Lisi, dann red'.«

Da schwand die Spannung aus ihren Zügen, es war ein demütig dankbarer Blick, mit dem sie aus großen Augen zu ihm aufsah, und mit einem Seufzer lispelte sie: »Ich wollte Dir nur sagen, Josef, daß mir das alles sehr leid tut.«

Er fuhr gegen sie auf wie einer, der seinen berechtigten Groll großmütig zurückgedrängt, aus Schonung für eine Schwache und Leidende, der aber, sobald diese den heiklen Gegenstand selbst berührt, sich dieser Rücksicht entbunden fühlt.

»Und glaubst Du ihr nicht, der Anna? Sie war darüber ganz außer sich, was sie in ihrer Rage getan hat und – na, ich hab's immer gefürchtet, daß Ihr zwei einmal übereinander kommt.«

»Sie hat angefangen,« sagte Lisi in leisem Ton.

»Aber Du hast das letzte Wort g'habt und es war ein abscheuliches Wort.«

Sie preßte ihre dünnen ineinander gelegten Finger zusammen.

»Verzeih' mir,« hauchte sie, sich windend unter seinem aufflackernden Zorn.

Er aber blickte nur finsterer noch und sich gerade vor sie hinstellend, rief er: »Ich begreife Dich nicht, daß Du sie so beleidigen konntest und mich in ihr.«

»Dich?«

»Jawohl, mich auch, wir zwei sind eins und wir gehören zueinander für alle Zeit; oder glaubst Du, daß so ein Bund nur Dauer hat, wenn der Pfaff sein Kreuz darüber g'macht hat? Und daß man nur dann Respekt davor zu haben braucht? Das macht's nicht aus, meine Liebe; wir werden's schon auch noch zu die zwei Ringeln bringen, hoff' ich, wenn wir einmal ein überflüssiges Geld dafür haben und die Sporteln für Pater und Kirchendiener bezahlen können, aber derweil haben wir uns so gern, so recht wie sich's g'hört, und drum auch in Ehren, und niemand soll uns deshalb einen Vorwurf machen; übrigens –« sein Gesicht wurde heller und seinen Mund umkräuselte ein gutmütiges Lächeln, »ich brauch' mich nicht für sie zu ereifern, sie hat Dir den Standpunkt klar gemacht, vielleicht gar zu nachdrücklich, aber ich hoff', es bleibt Dir nichts zurück.«

Die kleine Bucklige senkte den Kopf tiefer und tiefer, jedes seiner Worte voll grausamer Härte traf sie wie eine Züchtigung, unter der sie sich beugte. All die Illusionen, die sie übermütig gehätschelt, die in der vergangenen Nacht so üppig emporgewuchert, zerstoben wie Spreu im Winde. Sie hatte, wenn sie sich's auch nicht eingestand, doch immer an die Macht ihrer Persönlichkeit geglaubt und fand sich in diesem Glauben betrogen. Sie brauchte in diesem Augenblick keinen Spiegel, sie fühlte sich häßlich, schmalbrüstig und dürftig, sie fühlte, wie ihr zwischen den hochgezogenen Schultern der große Kopf saß, der durch den Verband schier zur Unform gediehen war, o sie war ein armseliges Ding, ein Krüppel, und sie fühlte sich als Weib so gedemütigt in dem Bewußtsein, daß sie die Augen vor ihm gesenkt hielt. Und doch konnte und wollte sie nicht glauben, ja, unfaßbar dünkte es ihr, daß sie dem Manne, den sie liebte, für den sie jedes Opfer zu bringen bereit war, nichts mehr sein, nichts mehr für ihn bedeuten sollte.

War es denn möglich? Die andere nahm sein Blut, seine Kraft, skrupellos nahm sie den ganzen Menschen, und er liebte sie deshalb, und ihr Triumph war der seinige! Sie schlug beide Hände vor ihre Augen und ließ sich in den Sessel zurücksinken.

»Ich will doch lieber warten, bis die Viki zurückkommt,« sagte Josef, indem er besorgt zu ihr trat: »Hast Du vielleicht Schmerzen?«

»Nein.«

Er strich sein Bärtchen und sah zum Fenster hinaus.

Es war so still in der Stube, daß man das Summen einer eben erwachten Fliege hörte und den Pendelschlag der Uhr, deren Zeiger gegen vier Uhr wies.

Das Herz des kleinen Mädchens durchbrauste ein Sturm. Ihre Eitelkeit war geweckt, nicht ihre Neigung, und wenn sie es fortan verwarf, persönlichen Eindruck auf ihn zu machen, so lebte es noch in ihr, wie ein letztes, heißes Verlangen, ihm ihre Uneigennützigkeit zu beweisen und – ihre Macht. Ja, sie brauchte nur zu wollen und der Hörige wurde zum Freien, der Sklave zum Herrn. Sie konnte ihm den Weg bahnen zu seinem Glücke, und wenn er das Höchste erreicht hatte, durch ihre Hilfe, dann würde er einsehen, wie wenig er sie erkannt hatte, und reumütig sich eingestehen, daß sie es doch am besten mit ihm gemeint hatte.

Sie hob den Kopf und sah ihn an mit einem ernsten und festen Blick. Eine große Ruhe war über sie gekommen.

»Ich sehe, es geht Dir schon wieder besser,« sagte Josef.

»Das war nur ein Uebergangel, ich bin schon wieder beisammen.«

Sie versuchte zu scherzen, als er aber ihre Hände ergreifen wollte, entzog sie sie ihm, indem sie sich rasch erhob. Sie ging hierhin und dorthin, suchte einen Schlüssel und sperrte einen Schrank auf, dem sie einen in ein altes Seidentuch eingehüllten Gegenstand entnahm, den sie, indem sie ihren früheren Platz am Fenster wieder einnahm, vor sich auf das Tischchen hinlegte. »Weißt Du noch, wie die ganze dumme Geschichte entstanden ist?« fragte sie, ihre klugen Augen auf ihn richtend.

»Meiner Seel nein, und wir wollen auch gar nicht mehr darüber nachdenken.«

»Der  Zeno  hat  Dich  als  Künstler  gepriesen –«

»Und Du hast den Spaß nicht verstanden.«

»Weil es sein Ernst war. Aber er sollte das nicht tun, so lang Du noch keiner bist und nicht die Gelegenheit hast, einer zu werden.«

»Mein Gott, das war halt so g'redt, das hat doch keine Bedeutung.«

»Aber Du willst doch ein Künstler werden, meine ich.«

»Ich? Ich denke nicht daran, Lisi.«

»Weil Du noch keinen Ehrgeiz hast.«

»Und keinen Anlaß dazu,« lachte Josef.

»Das ist's, aber warte nur, wenn erst die Gelegenheit für Dich da ist, wenn sich Dir die Möglichkeit bietet.«

»Die Möglichkeit, ein Künstler zu werden?« fragte er mit einem ungläubigen Lächeln.

»Setzen wir den Fall, es fände sich jemand, der Dir – sagen wir einstweilen nur für ein Jahr, Deinen Unterhalt garantierte – für Dich und die Deinigen, meine ich, so daß Du der Sorge ledig wärest und in eine Kunstschule gehen könntest, um zu lernen, da möchtest Du doch zugreifen? Oder nicht? Red'!«

»Darüber reden wir erst gar nicht, das gibt's nicht,« sagte er einfach und abweisend.

»Warum nicht?«

»Weil keiner wissen kann, ob's gelingt, und keiner bei einem armen Teufel, wie ich bin, so was riskieren wird.«

»Ich will's riskieren!«

»Du?!« Einer Flamme gleich schoß das Blut in seine Wangen.

Sie bemerkte es nicht; schon hatte sie ein Büchlein aus dem Tuche herausgewickelt und hielt es ihm hin: »Nimm das, ich bitte Dich. Es ist eine Kleinigkeit nur; für Dich ist's was Großes, es ist Deine Zukunft, Dein Glück. Ich biet' es Dir, faß es beim Schopf, und laß es nimmer aus.«

Sie hatte es ihm aufgenötigt, und er, einen raschen Blick darauf werfend, sah, daß es ein Sparkassenbuch mit einer Einlage von 650 Gulden war: Ein kleines Erbteil, das ihr zugefallen, zusammen mit ihren Ersparnissen.

»Lisi, aber Lisi!« rief er, er hielt es in zitternden Händen, und jede Muskel in seinem Gesicht zuckte in starker, innerer Bewegung. Was ihm bisher ihr Stolz noch verschwiegen, den Grad ihrer Neigung, durch diese Tat hatte sie ihr ganzes Herz ihm verraten.

»Was starrst mich an?« fragte sie, verwirrt durch den tiefen Blick, der auf ihr ruhte, »steck's ein und mach' keine G'schichten.«

Er tat einen tiefen Atemzug, als wolle er sich damit ins Gleichgewicht bringen und legte das Büchlein auf den Tisch vor sie hin.

»Ich dank' Dir, Lisi,« sagte er in einem tief gehaltenen Ton, »ich dank Dir tausendmal, aber ich kann das nicht annehmen.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Aus Stolz nicht, oder warum?«

»Weil ich – weil –,« er stockte, und während eine noch dunklere Glut auf seinen männlichen Wangen aufbrannte, stammelte er kaum vernehmbar: »Weil ich mich ja schämen müßt' vor mir selber.«

»Schämen?!« Sie heftete einen durchdringenden Blick auf ihn, als wolle sie auf dem Grund seiner Seele lesen. »Weshalb? – Weil es vor mir kommt – oder – wie meinst denn das?«

»Lisi, das ist Dein ganzes Vermögen, es ist Dein sauer Erspartes und wenn ich Deine Gutheit benützte, Deine – Deine Ver –.« Er schwankte zwischen Verblendung und Verrücktheit, um beides zu unterdrücken. »Wenn ich das von Dir nehmen könnt',« fuhr er nun heftig heraus, »dann müßt ich ein ganz elender Kerl sein, und was möchte denn die Anna dazu sagen.«

»Sie? Was soll sie sagen? Nichts Schlechtes, hoff' ich, sie hätt' keinen Grund dazu.«

Als er aber mit den Achseln zuckend sich abwendete, fuhr sie gegen ihn auf in Empörung:

»Josef! Du wirst doch nicht glauben –? Wenn sie schlecht von mir denkt, ihr kann ich's verzeihen, Dir nicht! Sie hat mir vorgeworfen, daß ich Dich locke, daß ich Dich will – sie kann sich's einbilden, Du nicht, Du nicht! Du hast kein Recht dazu!« Sie sah ihn an mit großen und freien Augen und was sie auch bisher an heimlichen Wünschen im Herzen getragen, in diesem Augenblicke fühlte sie sich rein, wie entsühnt, und es lag eine gewisse Hoheit in ihrem Ausdruck, in ihrer Stimme, mit der sie fortfuhr: »Ich habe mich niemals Dir aufgedrängt. Seit ich weiß, daß Du eine andere gern hast, bin ich Dir aus dem Weg gegangen, soviel ich konnte, und wenn ich das jetzt für Dich tu', so hab ich nur einen Gedanken, Dein Glück! Und wenn's mich nun einmal so über alles freut, Dir's zu schaffen, was geht's Dich an –?«

Die Stimme drohte ihr zu versagen und sie wandte schnell den Kopf, damit er nicht sähe, wie ihre Mundwinkel zitterten.

Aber die Anwandlung und Schwäche ging bald vorüber, und als er jetzt auf sie losstürzte und seinen Arm um sie legte, um sie in warmen, herzlichen Worten um Verzeihung zu bitten, stieß sie ihn heftig zurück.

»Laß mich gehen, das brauch ich nicht, ich will Deine Achtung, sonst nichts, und die verdien' ich, denn ich hab' auch Achtung vor Dir. Ja, Josef, ich hab' von jeher viel von Dir g'halten, und ich hab' g'wußt, aus Dir ist was zu machen, und ich wollt' was aus Dir machen, und wenn ich Dir jetzt die paar Groschen da anbiete, damit Du Dein Ziel erreichst, so ist das nicht das Beste, was ich Dir schon gegeben hab', und was Du von mir ang'nommen hast, ohne Skrupel. Darum besinn Dich nicht länger, niemand soll Dich deshalb verdächtigen und mich auch nicht, Du gehst gleich nach München, dort lebst Du billiger und dort weiß keiner, daß Du bisher nichts anderes als ein armseliger Farbenreiber gewesen bist.«

»Und was g'schieht mit der Anna?«

»Die bleibt hier,« entschied Lisi rasch in unerbittlicher Schärfe. »Sie ist jetzt gesund und ein Jahr hindurch kann sie schon selbst für sich sorgen, no, wär' nicht übel, für Euer Kind aber könnt Ihr gemeinsam die Kost zahlen. Und so wird's auch kommen, wenn Du bleibst, was Du bist, so muß es kommen. Darum denk' an nichts weiter, als wie Du so rasch als möglich Dich zum Künstler herausbildest, und vergönn' mir die stolze Freud', mir, dem armen Krüppel, daß ich in dieser Weise das Beste für Dich geleistet hab'.«

Sie hielt ihm ihr Sparkassenbuch entgegen, er aber ergriff nur ihre kleinen, zitternden Hände.

»Du Gute, Liebe, red' doch nichts weiter! Nein, kein Wort mehr, Du armes, kleines Hascherl Du, Du hast niemanden, der für Dich sorgt, Du stehst allein in der Welt und willst einem Kerl wie ich, jung, gesund und kräftig. Dein Letztes geben, Deinen Notpfennig? Und ich sollt' es nehmen? Ich sollt' Dich berauben? Nein, Lisi, nie und nimmer! So lange ich meine gesunden Arme hab', will ich mich schon selber fortbringen, so oder so, die ganze Welt steht mir offen.«

Ihr Mund verzog sich zu einem herben Lächeln.

»Du irrst, wenn Du gar so stolz auf Deine Manneskraft pochst, auf diese allein, was ist sie denn wert heutzutage?! Ein ungelernter Arbeiter wie Du bist, ein Taglöhner, kann kaum so viel verdienen, um seinen eigenen Hunger zu stillen; für die Seinigen aber hat er nichts zu erwarten, als Elend und Not in jeder Gestalt.«

Da sprang der junge Arbeiter zurück, und seine Stirn furchte sich unter den in wilder Flut in ihm aufstürmenden Gedanken. . . . Der Josef war so recht eine Frohnatur, voll Genügsamkeit und innerer Heiterkeit. Er hatte über die ihn umgebenden Verhältnisse, ihre Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit niemals nachgedacht. Sie erschienen ihm als etwas Feststehendes, von vornherein Gegebenes, mit denen man sich zurecht finden mußte, so gut es ging. Und er in seinem Jugendmut, seinem Idealismus hatte sich fröhlich bescheiden gelernt, und die Armseligkeit seiner eigenen Existenz hatte ihn nicht schartig gemacht, sondern nur seinen Witz geschärft. Als aber die Sorge für andere hinzutrat, für diejenigen, die er liebte, und für die zu sorgen ihm Pflicht war, und als diese Sorge immer schwerer wurde, als die Ueberarbeit anfing, an seinem kräftigen Körper zu rütteln und ihn langsam zu unterminieren, als zu dem physischen Mißbehagen auch das seelische trat, wie die Vorahnung seiner unausbleiblichen Demoralisation, da fing auch er an sich aufzulehnen, da begann der Kampf gegen das Bestehende, ohne daß er es wußte. Seine Jugendlust, seine Fröhlichkeit, die er mit soviel Verve ins Treffen geführt, flackerten nur mehr sporadisch auf. Das Leben wurde ernster und dunkler, und nun tauchten hier und da Gedanken auf, unzusammenhängend noch und vereinzelt, die blitzartig ihm seine Tiefen enthüllten. Und jedes Ereignis, jedes Wort fügte von nun an ergänzend, erläuternd sich an, seine blöden Sinne verschärften sich, er sah, er fühlte, er hörte mit einem Male. Entsetzen wollte ihn überkommen, aber dies Entsetzen war voll von Energie.

»Wenn das so ist, wie Du sagst,« rief er, »wenn ein Mann in voller Kraft und ehrlicher Arbeit nicht mehr soviel verdient, als er für sich und für die braucht, die zu ihm gehören, sein Weib, seine Kinder, dann ist das ganze Werkel nichts nutz, an dem wir da mitdrehen, und weißt Du, dann ist's überhaupt aus mit der friedlichen Kunst, dann fehlt die Freud dazu und die Ruhe, dann haben wir andere Gedanken, die uns durch den Kopf sausen und einem das Blut erhitzen. Und, Herrgott, wie könnt ein armer Teufel sich überhaupt nur einbilden, er könnte das Höchste erreichen, nach dem so viel mächtigere Hände sich ausstrecken, wenn das Niederste und Notwendigste, auf das er ein Recht hat, für ihn noch in Frage steht. Und wenn ich auch bisher nicht daran gedacht hab', daß man das ändern kann, sobald man das ändern muß, so gehör ich von heut an zu denen, die sich steifen werden auf dieses Muß, und ich denk' nicht mehr an ein Privilegium, das ich mir doch nur erbetteln könn', aber rechnen will ich lernen, genau rechnen, und dann werden wir ja sehen, was eine Manneskraft wert ist, auch heutzutage.«

Seine eben noch so weichen Züge hatten sich während des Sprechens gefestigt, höher noch reckte sich seine lange Gestalt, und die Arme über der Brust gekreuzt, sah er mit gedankentiefen Augen an der Lisi vorüber zum Fenster hinaus, wie in eine weite, unabsehbare Ferne.

Lisi hatte die Augen nicht von ihm abgewendet, so hatte sie ihn nicht gekannt, den Josef, und sie beugte sich zum erstenmal vor dieser hervorbrechenden Männlichkeit. Aber da veränderten sich plötzlich seine Züge in erschreckender Weise. Seine Augen wurden starr, sie blieben auf einen Punkt geheftet, der Mund öffnete sich in eigentümlicher Weise, die Arme streckten sich vor, als gelte es jemand zu halten, zu schützen, und eine Totenblässe überzog seine Wangen.

»Was ist Dir?« fragte Lisi, über diese Wandlung aufs äußerste erschreckt. Seine Lippen bewegten sich wie im Krampfe, aber noch kam kein Ton aus seiner Kehle; jede Muskel in diesem Körper schien sich noch heftiger zu spannen, und seine Geberde, sein Blick wiesen nach jener Richtung, wo über einigen niederen ebenerdigen Häuschen die hoch angebrachten Fenster des Pariser Gartens in ihrem oberen Teil ersichtlich waren.

Im grauen Dämmerlichte dieses bewölkten, erst anbrechenden Morgens schimmerten sie in rötlicher Helle. Und jetzt schlug er beide Hände über dem Kopf zusammen, er hatte seine Kräfte wiedergefunden in erhöhter Energie, und er schrie, als gälte es eine Welt zu wecken aus ihrem Schlummer: – »Feuer –! Der Pariser Garten brennt!«

Und er stürzte davon wie ein Rasender.


Zehntes Kapitel.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es herrschte völlige Windstille, und ein grauer, schwerer Dunst breitete sich über die Stadt, in der das vielgestaltige Leben noch nicht erwacht war. Still und einsam lagen die Straßen, und nur hier und da erscholl der Schritt eines frühzeitigen oder späten Passanten. Zwei Männer kamen eiligst daher, sie kannten sich nicht, aber sie riefen sich zu, wie man es tut im Augenblick einer gemeinsam drohenden Gefahr; hastige, erregte Worte waren es, worauf sie ihre Schritte beschleunigten, und jetzt kam ein Dritter gelaufen, er läutete an den Hausglocken und pochte auch hier und da mit ehernen Fäusten.

»Feuer!« schrie er, »im Pariser Garten ist Feuer ausgebrochen!«

Es öffneten sich die Fenster, erschreckte Gesichter sahen heraus, und unter den Haustoren rottete sich's zusammen.

Da ertönten die Trompetensignale der auf zwei Wagen im Galopp daherrasselnden Feuerwehr, und was da an Männlein und Weiblein schon auf den Beinen war, lief im gestreckten Laufe ihr nach.

Der große freie, mit Bäumen besetzte Platz vor dem Pariser Garten war bald von einer lärmenden, schreienden Menge gefüllt, die nun erstaunt war, den großen hölzernen Bau von außen noch intakt zu finden. Es mußte niemand darin sein, denn er war vollständig von allen Seiten verschlossen und nur die intensive Glut, die aus seinen hochangebrachten Fenstern herausleuchtete, sowie der qualmende Rauch, der aus allen Ritzen und Fugen drang, verriet, daß das gefräßige Element im Innern wütete und Nahrung gefunden hatte, und nur durch den Mangel an Luft gleichsam gebannt blieb. Aber jetzt ertönte ein donnerähnlicher Knall, dem ein Knattern und Klirren folgte. Sämtliche Fenster wurden durch die Gase, welche die Hitze in dem geschlossenen Raum entwickelt hatte, mit furchtbarer Gewalt herausgeschleudert, einen Schauer von Glassplittern nach allen Seiten entsendend.

Und ebenso plötzlich schlugen auch die Flammen aus den Fensterhöhlen der Vorderfront und züngelten an dem Holzwerk empor. Die Zunächststehenden stoben unter Schreien und Stoßen auseinander, um aufs neue wogenartig aufeinander zu prallen, als der Ruf: »Platz. Platz, die Spritzen, die Spritzen!« sie zwang, ihre Stellung abermals zu verändern. Die Feuerwehr hatte indes das ihr nötige Terrain bald erobert und begann ihr Manöver. Man konnte kaum mehr daran denken, den Pariser Garten zu retten, die Hauptaufgabe mußte darin bestehen, den Brand zu lokalisieren, was bei der herrschenden Windstille wohl verbürgt war. So erschien denn jede Gefahr für die Umgebung beseitigt. Daß diese abscheuliche hölzerne Baracke, die längst hätte abgetragen werden sollen, nun doch vorher noch abbrannte, wie es jeder vorausgesagt hatte, daß es geschehen werde, schien allen Spaß zu machen, und der Volkswitz war rasch bei der Hand, die Situation zu erklären und zu beleuchten:

»Bravo Stuwer, da hat sich wieder einer sein Feuerwerk selbst angezünd't. . . . Natürlich, so kost' ihm das Abreißen nichts. . . . Im Gegenteil, er kriegt noch seine Assekuranz. . . . Ah, so ein Schlaucherl. . . . Und die Farbenklexer sind vorher auch noch auszog'n. . . . Zwei Tag lang haben's die ganzen Deklarationen hinausgeschleppt. . . . Wenn nur nicht am End noch der Wächter drin ist. . . Warum nicht gar, keine Spur. Sie haben ja die Türen gleich eing'schlagen, niemand ist d'rinn. . . . Wenn da noch einer drinn wär', da müßt' man ihn nur deswegen herausholen, damit man ihn nachher noch ausstopfen könnt'.«

Alles lachte. Es war ein lustiger Brand, bei dem niemand zu Schaden kommen konnte, und wie bei einem amüsanten Schauspiele, sah man mit Interesse und Spannung, ohne jede Pein, seiner Ausbreitung und Entwickelung zu.

Josef in seinem rasenden Lauf langte einige Minuten nach dem Eintreffen der Feuerwehr auf dem Platze an. Er durchbrach den Kordon und stürzte dem Seiteneingang zu. Hierher, nach der linken Seite des Gebäudes, breiteten sich die Flammen zuerst aus. Die Tür war eingeschlagen, der Verbindungsgang mit Rauch erfüllt und geradezu überschwemmt von den energischen Wasserstrahlen, die man hierher dirigierte. Josef stürmte vorwärts mit der Kraft eines Wahnsinnigen, er wollte hinein, aber die Mannschaft stellte sich ihm entgegen.

»Mein Weib – mein Kind –« seine Zähne schlugen zusammen und er hob flehend die Hände.

»Zurück!« hieß es abermals. »Es ist niemand darin.«

»Da – in der Küche – nach rückwärts – das Gitter – um Gotteswillen – sie können nicht heraus – sie ersticken.«

»Auch die Küche ist durchsucht – sie waren jedenfalls schon fort, ehe wir kamen,« entgegnete der Löschmeister, der Mitleid hatte mit dem totbleichen zitternden Mann.

Josefs Augen irrten umher, er fand sie nicht, die er suchte, aber wenn sie sich noch rechtzeitig gerettet hätten, dann müßte sie ja hier sein, die Türe wäre nicht verschlossen gewesen, und er hatte ja gehört, daß man sie eingeschlagen. Diese Gedanken fuhren blitzartig durch sein Gehirn, sie stachelten ihn zu einer letzten äußersten Anstrengung.

Im nächsten Augenblick waren die sich ihm Entgegenstellenden zurückgeschleudert und er in dem von Rauch erfüllten Gang verschwunden.

Zwei Männer mit Schläuchen, den Schwamm vor dem Munde, wurden ihm nachgeschickt, nach einigen Sekunden aber schon durch Signal wieder zurückgerufen. Der ganze linksseitige Teil samt dem Hauptportale stand in Flammen. In langen spitzigen Flämmchen lief es die Wände hinan – jetzt hatten sie den Turm ergriffen, und wenn sie auch durch die Gewalt der auf sie niederzischenden Wasserstrahlen erloschen, schon züngelten sie wieder aufs neue und nur um so rascher empor. Und Stück um Stück fallen die Sparren und Balken herab, noch brennend sich vor dem Eingang häufend. Jetzt gab es nach beiden Seiten hin kein Entrinnen mehr. Aber schon arbeitete man daran, das schwere, vor dem Küchenfenster befindliche Eisengitter aus dem Mauerwerk zu reißen, um dem wie in einer Mausefalle gefangenen Mann einen Ausweg zu schaffen. Dieser ganze, die Küche enthaltende Anbau war aus Ziegeln gefügt, er konnte am längsten Widerstand leisten und sobald man durch das Fenster einzudringen vermochte, war eine Rettung ermöglicht. Man rief hinein, aber keine Antwort erfolgte.

Der durch die Hitze erzeugte Wind blies schürend in die Flammen. Schon mußte das Astwerk der auf dem Platze stehenden alten Kastanien gefällt und diese selbst immerwährenden Wasserstrahlen ausgesetzt werden, um ein Weitergreifen des Brandes zu hindern.

Die Stimmung der hier versammelten Gaffer, für die das Ganze nur »a Hetz« gewesen war, zu der der Wiener so gern jeden öffentlichen Vorgang stempelt, war eine ernste, ja tief erregte geworden.

Es hatte sich das Gerücht verbreitet – und ging von Mund zu Mund –, daß die Frau des Wächters samt ihrem Kinde sich noch in dem brennenden Hause befinde, und daß der Mann, von außen kommend, betrunken, oder in einem Anfall von Wahnsinn sich in die Flammen gestürzt habe.

Lisi und Viki, die ebenfalls herbeigeeilt waren, standen eingekeilt in der Menge, wo sie am dichtesten war.

Viki schluchzte und klagte laut, in Lisis glühenden Augen stand keine Träne, aber ihr Leid und ihre Reue waren so groß und schwer, daß sie meinte, es müßte sie schier erdrücken. Sie war die Schuldige, sie war die Ursache dieses Unglücks, und wenn es ein Opfer forderte – noch wollte sie an dieses Gräßliche nicht glauben – es konnte nicht sein – es durfte nicht sein – aber wenn – sie fühlte, sie würde es nicht überleben.

Da entstand eine Bewegung, es gab ein Stoßen und Drängen und Vorwärtsschieben, begleitet von dem Murren und den ungehaltenen Worten der Zunächstbeteiligten.

»Was will denn die? – sich so durchzudrängen – noch dazu mit einem Kind im Arm. – Sie druckt mir alle Rippen ein und entschuldigt sich nicht einmal. – So ein Aff! – Aber das ist sie. – Wer sie? – Sein Weib.«

»Anna!« schrie Viki in gellendem Jubel auf und arbeitete mit beiden Ellenbogen sich zu ihr durch. Auch Lisi drehte sich um. Sie konnte nichts reden, sie hielt ihr die gefalteten Hände entgegen, in einer heißen, flehentlichen Geberde.

Anna überließ Viki das Kind und sich Lisi entgegenwerfend, fragte sie bebend: »Wo ist er?« Und als keine Antwort erfolgte, wiederholte sie die Frage lauter, in einem Ton, der Rechenschaft fordert, »wo ist mein Josef?«

Alle hatten sie verstanden; alle wußten, nach wem sie fragte und keiner hatte den Mut, diesem bleichen verstörten Weibe die Wahrheit zu sagen.

Die Stille schien sich fortzupflanzen über den ganzen Raum.

Man hörte das Arbeiten der Pumpen und die Kommandorufe und Signale der Feuerwehr, die die rechtsseitige Wand des Gebäudes mit hochgehenden Wassergarben überflutete und sich gleichzeitig mit der Axt den Eingang erzwang.

Aller Augen wendeten sich dorthin. Schon brannte das ganze Dach. Nur der am weitesten rechts gelegene Teil, durch die Windrichtung geschützt, und weil an dieser Stelle das Innere des Saales leer war, erschien noch unversehrt. Aber in den nächsten Sekunden mußte auch dieser von den Flammen ergriffen sein, wie ja das Ganze in unglaublicher Raschheit sich abspielte, und seit dem ersten Alarmzeichen kaum einige Minuten vergangen waren.

Da durchlief ein Gemurmel die Reihen, das lauter werdend zu einem Jubel sich steigerte. An einem der hochgelegenen Fenster erschien, von Innen emporsteigend, der Kopf eines Mannes, der sich mühte, sich mit dem Oberkörper herauszuarbeiten. Aber das Holzwerk, an dem er sich klammert, ist brennend heiß, er wird es auslassen müssen.

Schon ist eine Leiter angelegt und ein Feuerwehrmann klettert hinauf, um ihm zu Hilfe zu kommen. Da wälzt sich qualmender Rauch vom Dache herab und über ihn her, man sieht ihn nicht mehr.

»Josef!« hatte die Anna gerufen, die ihn erkannt, und die Todesgefahr, in der er schwebte. Sie wird ohnmächtig. Aber die Menge, weniger sensitiv, verwendet kein Auge von dem aufregenden Schauspiel, das sich da bietet: der wilde Kampf eines Mannes ist's, um sein Leben. Unerklärlich schien es, wie er da hinaufgekommen war, er konnte doch nicht an den glatten Wänden bis zur Höhe des ersten Stockes emporgeklettert sein.

»Wir haben im Saal eine Galerie gehabt, die ganz vermorscht war,« belehrte Viki schluchzend ihren Nebenmann, der sich gegen das hübsche Mädchen höchst zuvorkommend zeigte und gern bereit war, die Schwankende zu stützen, »die muß er erreicht haben, ja g'wiß, von seiner Küche hat auch eine kleine Tür nach dieser Seite hinausgeführt, er hatte immer einen Kasten davorgestellt.« Und wieder brach sie in ein hysterisches Weinen aus.

»Warum ist er denn wieder zurückgegangen?« schrie Lisi, die Hände ringend.

»Vielleicht hat's unter seinen Füßen zu brennen ang'fangen,« erklärte ein anderer. Und wieder durchzuckte ein Schrei die Menge: »Da – da! – Da ist er wieder an einem zweiten Fenster!«

Und nun hat er sich mit einem Ruck herausgeschwungen und steht von außen auf dem schmalen Gesimse. Jeder hält den Atem zurück für den Schrei, den er in der nächsten Sekunde ausstoßen, und der den Kühnen da oben in seinem unvermeidlichen Sturze begleiten wird.

Aber schon war das Sprungtuch für ihn gebreitet worden, es ist von zehn Männern gehalten. Und da hebt sich der Riese zu voller Höhe – wie ein Dämon der Hölle steht er da oben, von Flammen und Rauch umgeben – im nächsten Augenblick hat er den Sprung getan.

Vom Tuche aufgefangen, schnellt er empor und berührt, von vielen Armen gestützt, den Boden. Jubelnd wird er begrüßt, und er pflanzt sich fort dieser Jubel, er wird lauter und brausender, und alle, die sich da eingefunden, Männer, Weiber und Kinder, stimmen ein in den Wonneschrei, der sich ihren erzitternden Herzen entringt.

Auch für sie ist's eine Erlösung von banger Qual und marternder Pein, denn der Mensch ist nun einmal so gemacht, daß die Leiden anderer ihn miterschüttern, seine Nervenzellen affizieren, so daß die Wohlfahrt aller, die Gleichheit, die Brüderlichkeit ganz und gar seinem wahren, seinem innersten Wesen entsprechen.

Dieser Verlorengeglaubte und nun Gerettete ist allen ein Freund geworden, ein Bruder, und die Leute drängen sich an ihn, und drücken ihm die Hände und zerren ihn mit fort von der Unglücksstatt.

Seine Sinne sind noch betäubt, er hört nicht, er sieht nicht – sein Haar und seine Brauen sind versengt, sein Gesicht ist rauchgeschwärzt, die rechte Hand mit Brandwunden bedeckt – er fühlt es nicht. Er fühlt nur, daß er lebt, daß er wieder atmet, und durstig und tief saugt er die frische, würzige Morgenluft ein.

Aber der Herzensschrei, der an sein Ohr dringt, der ihn erzittern macht vom Wirbel bis zur Zehe, scheint ihm all seine Fähigkeiten wiederzugeben. Schon öffnet sich eine Gasse, und eine lichte Gestalt wankt ihm entgegen.

Er empfängt sie mit offenen Armen, reißt sie an seine Brust und küßt sie, als wolle er sie ersticken. Sie haben sich wieder! Alles andere ist ihnen entrückt, jedes fühlt nur voll Seligkeit die Nähe des anderen und sie lachen und weinen beide, sie wissen es, daß sie für einander sterben können, aber im Leben nimmer voneinander lassen.


Elftes Kapitel.

In der Küche von Lisis Wohnungsgeberin, der kleinen zappligen Frau Braun, wurde unter ihrer Assistenz und in großer Aufregung ein ungewöhnlich üppiges Frühstück bereitet: Schokolade mit Kipfeln, Butterbrötchen und Knackwurst, Josefs Lieblingsgericht, nach all' den überstandenen Fährlichkeiten ihm zum Troste veranstaltet und zur Ehre.

Lisi hatte die Obdachlosen gastlich bei sich aufgenommen. Noch am Brandplatz, unter dem überwältigenden Eindruck von Josefs glücklicher Errettung hatten die beiden Nebenbuhlerinnen sich unter Tränen umarmt und eine der anderen ewige Freundschaft zugelobt. Lisi suchte sich rasch zu betätigen. Sie wollte tun, was in ihren Kräften stand, um die beiden über die ersten schlimmen Tage hinwegzubringen. Im Augenblick nahmen sie ihre Pflichten als Wirtin in Anspruch. Unter ihrem weißen Turban noch blaß vor Aufregung, ging sie hierhin und dorthin. Sie holte geschliffene Gläser und goldumränderte Tassen aus Frau Brauns gläsernem Zierschrank, dem Augentrost der Besitzerin, und putzte Messer und Gabel blank, damit Annas an Sauberkeit gewöhnte Augen daran kein trübes Fleckchen ergatterten. Dann lief sie wieder einmal zu Frau Brauns Zimmerherrn hinüber, um ihn zu mahnen, die Socken und Schuhe nicht zu vergessen, die er dem Josef versprochen und immer noch nicht herausgesucht hatte. Viki rührte indes mit vor Eifer und Hitze gleichmäßig geröteten Wangen die Schokolade am Feuer, während Frau Braun die Brötchen kärglich mit Butter bestrich und gleichzeitig ihre Tochter schalt, weil sie die Wurst viel zu dick geschnitten und ganz unsymmetrisch auf dem Tellerchen ausgelegt hatte. Zornig riß sie ihr alles aus der Hand, um es nach ihrem Sinne zu ordnen.

Er, für den all diese köstliche Atzung bestimmt war, ruhte in Lisis Bett in halb liegender Stellung sich aus. Anna hatte liebevoll in zärtlicher Sorge sich um den Erschöpften gemüht, und als er vom Ruß gereinigt und verbunden, wie neu geboren sich fühlte, hatte sie auf sein Verlangen ihm das Kindchen gebracht und in seine Arme gelegt.

Die Morgensonne schien durch das offene Fenster herein, den kleinen Raum in warme, freundliche Helle tauchend, und hell und warm erglänzten auch seine Augen, mit denen er bald sein Weib ansah, das, am Bettrand sitzend, sich an ihn schmiegte, bald seinem Kindchen zulächelte.

Er glich einem jungen Geizhalse, der sich an seinen Schätzen nicht satt sehen kann, sie immer wieder betrachtet, berührt und betastet, um, von ihrer Wirklichkeit überzeugt, in ihrem Besitz zu schwelgen. Anna hatte den linken Arm um seinen Hals gelegt, und da war es für ihn so bequem und so süß, sie auf ihr weißes Hälschen zu küssen und weitergehend, die Wangen, den Mund zu berühren, um sich diese Küsse mit Zinsen wieder zurückgeben zu lassen, dann täschelte er seinen Knaben, der, seiner Hüllen entledigt, mit den kleinen Beinchen lustig strampelte und dabei die drolligsten Laute von sich gab.

»Er wird schon so lieb,« sagte die Mutter.

»Schau, schau, was er nur jetzt wieder macht,« rief Josef entzückt, »er spuckt schon, der kleine Kerl, und wie er spuckt!«

»Er ist so gescheit,« versicherte Anna. Als sie aber daran ging, ihm den Mund abzuwischen, wurde das von ihm sehr übel genommen, und nun lachten beide über die Widerhaarigkeit ihres Söhnchens.

»Der wird sich einmal nicht alles gefallen lassen, der,« meinte Josef, ihn mit Vaterstolz an sich drückend, »und den wolltest Du mir nehmen? Wirklich? Du hattest den Mut dazu?«

Sie hatte ihm soeben erzählt, wie es gekommen, daß sie nicht im Pariser Garten anwesend war, als der Brand daselbst ausgebrochen. Sie hatte sich in tiefer Erschöpfung aufs Bett geworfen, aber kaum eine Stunde geschlafen, als sie wieder erwachte. Sie sah nach dem Bette des Mannes, er war noch nicht zurückgekommen. Da fuhr sie empor. Jetzt, sofort, noch ehe er wiederkehrte, wollte sie ausführen, was, durch die grausame Notwendigkeit bedingt, in ihr zum Entschlusse gereift war.

Sie wollte das Kind nach Währing tragen, es ihrer früheren Quartierfrau zur Pflege übergeben und selbst in Arbeit gehen. Es mußte sein. Nur in dieser Weise konnte sie den Fluch von dem Geliebten nehmen, ihn davor bewahren, daß er in Ueberarbeit seine Kräfte vorzeitig verbrauchte, und so tief herabsank, daß es ihm unmöglich wäre, sich jemals wieder zu heben.

Sie wollte nicht den Vorwurf verdienen, daß sie das Unglück seines ganzen Lebens sei. Sie hatte das Kind aus dem Bettchen gerissen, ein großes Tuch über sich geworfen und so das Haus verlassen, dessen Tür sie fest hinter sich abschloß. Sie war erst einige Straßen weit gekommen, als die ausrückende Feuerwehr ihre Schritte hemmte. Sie erfuhr, daß es im fünften Bezirk brenne, und ihre Unruhe trieb sie zurück.

»Es war ja ein großes Glück, daß Du fortgingst,« sagte er, »aber jetzt – jetzt –« und er drückte das Kind an sich, als wolle er es halten und schützen.

»Jetzt?« fragte sie, und sie sah ihn an mit einem tiefernsten, traurigen Blick, unter dem er erbleichte.

Er hatte sie wohl verstanden. Und so hätte er denn sein Leben gewagt, um die Seinigen sich zu erhalten, und nun sollte er ihn doch von sich lassen müssen, den kleinen Wurm, in seiner ganzen Hilflosigkeit ihn ausliefern an fremde Menschen?

»Wir sind bettelarm, Josef,« sagte die junge Mutter mit bebenden Lippen, »ärmer, als wir es jemals gewesen; wir werden jetzt beide arbeiten müssen, um ihn zu erhalten und uns für ihn – es geht nicht anders.«

Sie hatte recht. Sie waren bettelarm.

Der Eigentümer des Pariser Gartens war assekuriert, der Maler war assekuriert, sie beide waren durch das Ereignis nicht im geringsten geschädigt worden und konnten sich wahrlich ins Fäustchen lachen, nur er, der Arme, hatte alles verloren, was er sein eigen nannte, für arme Leute gibt es keine Sicherung ihres Eigentums; wie lächerlich auch, sie haben ja nichts, was der Sicherung wert wäre! Und doch repräsentiert diese kleine, armselige Habe ein Ungeheures für sie, ein Unwiderbringliches. Sie ist mühsam zusammengetragen durch Stunden der Ueberarbeit, es ist die Summe jugendlicher Kraft und harter Entbehrungen, und sie bleibt ungeschützt, jedem Zufalle preisgegeben, wie ihre Besitzer selbst.

Ein schwerer tiefer Seufzer hob die Brust dieses Mannes. Ein Seufzer des Schmerzes und innerlicher Empörung. Er küßte sein Kind und legte es weg. »Es geht nicht anders!«

Er sprang aus dem Bett und reckte die muskulösen Arme empor, sie schüttelnd: »Wir sind dumm, dumm ganz erbärmlich dumm!« schrie er, und barfuß, wie er war, ging er mit großen festen Schritten in der Stube auf und nieder. Noch fühlte er Riesenkräfte in seinem jungen Körper, und doch sollte er damit nichts zu sichern wissen? Nicht einmal das Liebste, was er besaß?

Da öffnete sich die Tür, Lisi und Viki traten herein, hinter ihnen Frau Braun mit Tellern und Kannen und all dem Gerät, um einen Tisch festlich zu decken.

»Aber liebe Lisi, aber Frau Braun, was fällt Ihnen denn ein, solche Umstände mit uns zu machen!« rief Anna in dankbarer Freude fast zu Tränen gerührt.

»Famos!« sagte Josef, »ich hab' einen Hunger, daß mir der Magen kracht,« und der Ungezogene langte gleich mit den Fingern zu, eine tüchtige Portion Wurst an sich nehmend, ohne auf die Symmetrie des zierlich Servierten nur im geringsten zu achten.

Man setzte sich zu Tisch und aß und trank mit gutem Appetit und frohem Behagen. Lisi saß neben Anna und überhäufte sie mit Aufmerksamkeiten. Als nun der Zimmerherr mit den versprochenen Socken und Schuhen auch eine Flasche Wein hereinschickte, wurde die Stimmung noch animierter. Man ließ den Josef hochleben und seine Heldentat. Und jetzt stießen Anna und Lisi ihre Gläser aufs neue zusammen. »Auf Du und Du« hieß es jetzt und sie küßten sich erst auf die rechte, dann auf die linke Wange mit großer Innigkeit.

Josef und Viki klatschten Beifall. »Das freut mich!« sagte Josef.

»So ist's recht!« rief Viki, aber es war ein eigentümlich zynisches Lächeln, mit dem sie dabei dem Josef zunickte, als wollte sie sagen:

»Geh, geh, ich kenne euch Mannsbilder, es wär' wohl nicht so gut ausgegangen, wenn sie nicht einen Buckel hätt'.«

Nun wußte sich auch das Kindchen bemerkbar zu machen, und es ging von Arm zu Arm, geküßt, geherzt und bewundert.

Anna säugte es an diesem Tage zum letztenmal.

Am nächsten Morgen hatte sie es unter heißen Tränen fortgetragen und von nun an arbeiteten Josef und Anna getrennt in entfernten Werkstätten von früh bis abends.

Es ging nicht anders.