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Friedrich Kayssler – Kreise

Gedichte

Friedrich Kayssler, Kreise, Gedichte, Erich Reiss Verlag, Berlin, 1913


I

Schlimmer statt besser.

Statt besser ists schlimmer geworden:
Was ich liebte, muss ich mehr lieben,
was ich hasste, muss ich mehr hassen.

Könnt' es in all den Jahren nicht lassen,
bin halt im alten Wasser geblieben;
hol der Teufel die Büsserorden!

Wo blieb der Reifende,
alles Begreifende? –
Will mich gerne weiter stossen und reiben
und tüchtig jung dabei bleiben.

Das Wort.

(Chopin, Prélude 7.)

Es lebt ein tiefes Wort:
die Winde wehen's fort,
in Meereswogen braust's,
in Waldes Wipfeln saust's.

Noch keine Lippe sprach's,
doch manches Herze brach 's,
das stumm sich ausgebrannt,
Weil es das Wort nicht fand.

Schicksals Eigensinn.

Willst, mein Schicksalsbäumchen mir
dich nicht niederbiegen lassen?
Ei, so klimm ich auf zu dir,
tu dich an der Krone fassen,

häng mit aller Lieb' und Kraft
mich an deine Zweige,
dass sich deiner Früchte Saft
tief zu Boden neige.

Fahle Wochen und Monde ihr –

O wer auch euere
tief schlummernde, läuternde Schönheit
ergründen lernte:
fahle Wochen und Monde ihr –
die ihr gleich luftleeren Wüsten
in der auf und nieder sich wandelnden
atmenden Landschaft des Lebens
lastet!

Weib, Wind und Mond.

Der Nachtwind hat sich müde getrunken
an den kleinen Wellen des Stroms.
Nun steht er versunken
an einer Weide im Mond.

Ein Weib hat sich müde gegangen
auf steinigen Strassen,
tut sich niederlassen
unter der Weide im Mond.

Der Wind, aus seinem Traume los,
wirft eine Blüte in ihren Schoss.
Da lächelt das Weib
unter der Weide im Mond:

»Bleibe, mein Wind, in deinem Traum.
»Was streust du Blüten auf meinen Leib?
»Sieh, sie berühren mich kaum,
»da welken sie schon –
»Wehe, du Weide im Mond!

»Bin ein verzaubertes Weib, ein Weib
»unter den Mächten des Monds.
»Aber nach wenig Tagen
»bin ich des Zaubers los –
»warte, du Weide im Mond –

»Da komm du zu mir,
»da will ich dich tragen
»wie eine Blüte in meinem Schoss!
»Da sollst du nicht welken,
»da sollst du blühen mir –
»ei du mein Wind –
»unter der Weide im Mond.«

Das Buch.

(Dank an C. F. Meyer.)

Heute, wie so oft: vergällt,
schwarz verhängt die ganze Welt;
quälender Gedanken Chor
rüttelt an der Stirne Tor.

Da – ein aufgeschlagen Buch;
Zauberhilfe, mir genug.
Und ich lese, lese, lese –
und ich trinke, ich genese.

Geist vom Geiste, heiliger Quell:
nun ist alles wieder hell.
Und der schwarzen Geister Schaar
fuhr zur Hölle, wo sie war.

Mittelmass.

Ich weiss ein Haus, das heisst Gewinn.
Gehst hinein, so bist du drin.
Doch vor der Tür,
da sieh dich für:
die Tür heisst Mittelmass.
Hast du das, so geh fürbass.
Bist du klein, dann husch hinein.
Bist aber von den Grossen –
wirst dir den Schädel stossen.

Den kundigen Thebanern.

Ihr wisst mir zuviel über Kunst.
Seht euch den dort an:
der weiss über Kunst keinen Dunst –
weil er sie kann.

Nörgler.

Worüber sie besonders flennen:
dass sie's nicht selber machen können.

Das rechte Wort.

Ein rechtes Wort am rechten Ort,
wieviel das doch vermag.
Jüngst Herbst und Nebel fort und fort
und jetzo lichter Tag.

Just in der Blume krankes Herz
ein Tröpflein Tau ist rönnen:
da liegt und heilt es allen Schmerz –
ein Spiegel tausend Sonnen.

Die Brücke.

(Alte Weise.)

Warum bist du so traurig?
Was weinst du, mein Kind?
–      »Ich weine so, weil ich
»eine Brücke nicht find'.«

Was ist das für eine Brücke,
die du suchest im Leid?
– »Das ist die Brücke, die Brücke
»vom Traume zur Wirklichkeit.«

Von Wirklichkeit zum Traume
da gibt es keine Brücken;
da müssen dich eines Engeleins
Flüglein entrücken.

– »Von dem Engel, ach, Flüglein
»die haben mich entrückt;
»nun bin ich im Traume
»und kann nicht zurück.«

Was willst du zurück
eine Brücke finden?
Im Traum ist es schöner,
mein törichtes Kind.

– »Ich törichtes Kind,
»ich flog in den Traum;
»nun ruft mich die Wirklichkeit,
»nun ruft mich der Raum.

»Eine Stimme schreckt mich
»und ruft mich zurücke.
»Nun hab' ich keine Flügel
»und keine Brücke.«



II

Dem Andenken Josef Kainz.


Goldene Fackeln schwang er in Händen,
Worte der Dichter; ein königlich Spiel.
– Edelen Pferden gleich tanzten die Rythmen
kühn gespannter Lippe entfloh'n.
Das war ein Bäumen, ein Mähnengeschüttel,
Stampfen und Tanzen, Wagen und Weichen
schwebender Hufe auf wiegender Fessel.

Er, lässig, ein König der Sprache,
regte der Zunge fliegenden Stahl:
und sie standen hochbebend, gebändigt.
Doch da schoss aus dem tiefen Vulkan
feuerlufthauchend ein Atemstoss:
riss sie, stachelte, peitscht sie davon
zum Sprunge, zur Jagd, zum Rausch, zum Orkan. – –

Webende Wolken von Schaum um edelste Nüstern –
triefende Flankengefegt von sausenden Schweifen
jähaufzüngelnd ein Blitz, des Lichtes Fanfare –
fern in der Haide verdonnernd nachhaltendes Schweigen
Frühlingssturm in der Ebene. So fühlt' ich sein Spiel. –

An einen Machthaber

Ich weiss ein unsichtbares Brot,
ist nicht zu essen und tut doch so not:
Kunst.

Ich weiss ein Volk, das lebt von dem Brot,
und wenn es das Brot nicht hat, hat es den Tod:
Künstler.

Kennst du den Hunger der Hungrigen, du!
Du, der Macht hat und Brot dazu? –
Ja!

Oh, ich weiss eine Seele in Not,
weiss, du kennst ihren Hunger nach Brot:
wie du ihn kennst!

Oh, du weisst ihre Reinheit und Güte,
wie sie bescheiden hungerte, glühte –
nach Brot.

Alles weisst du, du hast die Macht –
kennst die heimliche blühende Pracht
ihrer Kunst.

Doch du verschwendest das heilige Brot
manchem zum Frasse und manchem zum Tod!
Weh, du!

Rausch und Posaunen und Ruhm sind dein Wille
doch die gesegneten Güter der Stille
ehrest du nicht.

Trotzdem war auch für dich eine Zeit,
wo du des Brotes Heiligkeit
kanntest, auch du.

Wisse, dir trotzt eine kleine Schaar:
trotz aller Not, unsterblich und klar
blüht ihre Kunst.

Grossstadttheater.

Das Ganze eine Erfolgs-Wirtschaft.
Nicht Ziel, nicht Herz, nicht Leidenschaft.
Nur ein rasend Getriebe.
Und – – keine Liebe.

Dem jungen Schauspieler.

Gib deiner Seele Ehre preis,
so hast du Ehre vom Geschmeiss.
Willst du fein ehrlich bleiben,
musst du zusehen, wie sie's treiben.

Deutsche Bardenkunst.

Sieh , eine Jüdin predigt novum testamentum –
ein Gondoliere lehrt uns Goethe lieben.
Kontrast an sich ist Kunst: es jauchzt der Pöbel.
– Der eingeborene Künstler schweigt. Er kennt
sein treues Volk. Er weiss – und wartet.

Das Haus, in dem so mancher wohnt.

(Eine sehr alte Sage.)

War mal'n Haus,
viele Leute drin,
aber wenig Sinn.
(Meines Grossvaters Vater
sagte, es war ein Theater)
Man trieb Kunst, man trieb Handwerk – jaja,
so so – lala.

Jeder kam, wann er wollte,
keiner, tat, was er sollte.
Herein, heraus,
drüber und drunter,
je länger, je bunter,
heute rechts, morgen links:
so gings.

Einer war dabei,
dem war die Wirtschaft nicht einerlei;
er trug sein Tage ein finster Gesicht –
und tat seine Pflicht.

Nur einmal, einen Tag lang,
ward er – vor Ärger – krank.
Ein stürzte das Haus mit Rumpeldipump.
Aber da waren alle empört!: »So 'n Lump!«

Die vierte Wand.

Abend um Abend standen wir
auf der Bühne zwischen drei Wänden,
Worte der Schönheit sprechend,
durch eine offene Wand
belauscht
vom Leben.

Endlich einmal einen Abend sitzen
wir im Hause zwischen vier Wänden;
eigenen, steinernen, festen vier Wänden,
seligen Schweigens voll –
und lauschen
dem Leben.



III

Die Glocken zu Nantes.

(Altes Lied, aus dem Französischen.)

Zu Nantes im tiefen Turm
weh, ein Gefang'ner lag, :|:
aber Wärters Töchterlein,
ei, die sah er jeden Tag.
Ah!ah!ah!
Ah!ah!ah!

Aber Wärters Töchterlein,
ei, die sah er jeden Tag, :|:
bracht ihm täglich Speis' und Wein,
Wein und Speise jeden Tag.
Ah!ah!ah!
Ah!ah!ah!

Bracht' ihm eines Tages Wein,
Wein und Speis' wie jeden Tag: :|:
»Morgen, sagt die ganze Stadt,
»morgen ist dein letzter Tag.«
Ah!ah!ah!
Ah!ah!ah!

»Mägdlein, ach, so rette mich,
»weil ich noch nicht sterben mag, :|:
horch, da läuten in der Stadt
alle Glocken auf einen Schlag.
Ah! ah! ah!
Ah! ah! ah!

Horch, da läuten in der Stadt
alle Glocken auf einen Schlag – :|:
»ach wie helf ich junges Blut
»deiner Not, Liebster sag!
Ah!ah!ah!
Ah!ah!ah!

»Ach, wie helf ich junges Blut
»deiner Not, Liebster, sag,« :|:
– hei, wie der Gefang'ne schwamm
durch den Fluss, Schlag um Schlag!
Ah! ah! ah!
Ah! ah! ah!

Hei, wie der Gefang'ne schwamm
durch den Fluss, Schlag um Schlag – :|:
Hoch die Mägdelein von Nantes,
hoch, wer sich befreien mag!
Ah!ah!ah!
Ah!ah!ah!

Ode des Königs Regnar Lodbrug,

der im Gefängnis zu London an den Bissen der
Schlangen Anno 817 gestorben ist.
(Frei nach einem Prosatext der isländischen Edda.)

Regnar Lodbrug lag die letzte Nacht
im Kerker zu Engelland.
König Ella, der ihn gefangen gemacht,
ihm seinen Tod erfand:
Fünf Ottern hingen an seiner Brust,
da ward ihm Leben und Tod bewusst.
Und als ihn die sechste Otter stach,
Regnar Lodbrug sprach:

»Wir! Wir! haben das Schwert geschwungen,
wir Jungen, o ja!
Wir durften kosten das Leben,
wider den Osten fuhren wir da,
blutige Beute den fressenden Wölfen zu geben.
Das ganze Meer schien eine Wunde zu sein,
und unter dem Jubel der Siegesgesänge
hieben die Raben die Fänge
in klaffende Wunden ein.

Wir! Wir! haben uns da geschlagen
im Sturme gebückt,
wir haben das Schicksal verrückt in jenen Tagen;
Sturmvogel schrie uns ins Ohr.
Da fuhren die Völker von Helsingie
zu Odins Hallen empor.
Wir aber rannten zu Schiffe gen Ifa dann:
Lieder klangen, die guten, vom Blute die Lanzen rauchten,
während die Ruderer wie ein Mann
in errötende Fluten die zischenden Ruder tauchten.

Wir! Wir! waren vom Siege getragen.
Zehntausend Feinde vor uns im Staube lagen
dort auf weitem Gefild.
Eisen auf Eisen klirrte und hallte und krischte und klang,
in blitzenden Kreisen schwirrte mein Schwert die Reihen entlang,
tanzte von Helm zu Helm , biss sich in Brünne und Schild.
Eine Rose von Blut sah ich blühen auf meinem Schwert,
so rot, so warm – die war mir so wert
wie ein schönes Mädchen in meinem Arm.

Wir! Wir! haben gelebt! gelebt!
O wer nie unter dem Krachen der Schwerter stand,
o wer nie unter dem Hagel der Schicksale stritt,
nie, nie hat der eines Herzens Kraft erkannt;
fest ist ein Herz, ob auch die Erde bebt
von kämpfender Männer Tritt,
fest und kalt.
Ich! Ich! kenne des Lebens Gewalt,
Da war es, dass ich von Odins Geist einen Hauch verspürte,
dass mein Arm an die letzte Abenddämmerung rührte.

Wir! Wir! haben uns tapfer gewehrt
ohne Grauen wohl tausendmal
mit hallendem Schwert.
Aber nun ist es vorbei.
Ich sehe die weisen Frauen:
Und singt mir vergangene Tat.
Aber Werdandi scheuchet sie fort.
Skulda schweiget und geht.
Keiner besteht
vor den Schlüssen der drei.
Dennoch weiss ich noch guten Rat
und einen herrlichen Ort:
Odins Saal.

Bald! Bald! sitz ich in Odins Saal.
– Wehe der Qual:
dicht am Herzen naget mir schon die Schlange.
Aber ich lache! Wie lange,
und aus den Scheiteln unserer Feinde
trinken wir da, ich und die Freunde. –
Ihr, meine Söhne: ich grüsse das Leben,
nun da ich sterbe.
Ich habe euch eine Mutter gegeben,
dass sie an euch mein tapferes Herz vererbe.

Auf! Auf! badet in Ellas Blut,
Ellas, der mich zu Tode gebracht,
schwarz euer Schwert! Hoch! hoch haltet die Rache.
Sehet, ich grüsse die Nacht!
Sehet, der Tag wird gut!
Odin – ich sterbe – und lache.«

Theodelinde.

(Ballade.)

Machtvoll herrschte zu Verona
Agilulf der Longobarde
und sein Weib Theodelinde,
die zum König ihn erkoren.
Schön ist seine Königin.

Und er liebt Theodelinden,
und es liebt Theodelinde
Agilulf den Longobarden,
den sie sich aus allen edlen
Longobarden frei gewählt.
Schön ist seine Königin.

Nachts, wenn nur die Wachen schreiten,
Schlaf und Schweigen rings im Schlosse,
öffnet sich die Tür des Königs;
Agilulf, der Longobarde
geht zu seiner Königin.

Geht im langen schwarzen Mantel,
in der Linken eine Kerze,
in der Rechten nur ein Stäbchen,
durch die langen öden Gänge
still zu seiner Königin.

Angelangt vor ihrer Kammer
klopft er zweimal mit dem Stäbchen;
eine Hand nimmt Stab und Kerze –
löscht und schliesset. Dunkel. Stille.
Schön ist seine Königin.

Doch in ihrer Herzen Einklang
mischt sich ungehört und klagend
eines dritten Herzens Stimme.
Noch ein Dritter wacht im Schlosse,
denkt an seine Königin:

Einer vom Gesind, ein Knabe
glühet für Theodelinde,
sein Gedanke starrt und schluchzet
Monde, Wochen, Tage, Nächte
nur das Eine, nur das Eine;
Schön ist meine Königin!

Doch Theodelindens Blicke
wandeln ferne höhere Bahnen,
still zu seiner Königin.
Angelangt vor ihrer Kammer
wissen nichts von stummer Flamme,
wissen nur von freier Treue.
Reine, ferne Königin!

– Eingebohrt die Fieberstirne
in den Marmor einer Säule
harrt der Knabe Nacht und Nächte
Agilulfs des Longobarden
auf dem Gang zur Königin –

Bis der König mit der Kerze,
mit dem teueren Zauberstäbchen,
mit des Mantels Saum ihn streifend
ihm vorüber ist geschritten –
und hinein zur Königin.

Und den kalten Marmor wärmen
seiner Tränen heisse Fluten –
und ein Schwur bäumt sich zum Himmel:
»Einmal nur, und wenn ich sterbe –
»bin ich bei dir, Königin!«

– Wieder Nacht. Es harrt der Knabe.
Doch der König säumt und säumet.
Längst vorüber ist die Stunde. –
Und ein Blitz durchsaust ihn strahlend:
»Wenn ich meines Schwurs gedächte?!
»Meine – meine Königin!«

Und der Knab' im schwarzen Mantel,
in der Linken eine Kerze,
rechts ein bebend Zauberstäbchen,
taumelt durch die weiten Gänge
hin zur Tür der Königin.

Angelangt vor ihrer Kammer
klopfet bebend leis das Stäbchen
einmal, zweimal. Und es öffnet
eine Hand – nimmt Stab und Kerze,
– löscht und schliesset. Dunkel. Stille,
Schöne, schöne Königin.

– Glückdurchschüttert, glühend, keuchend –
Stab und Kerze unterm Mantel –
taumelt er zurück die Gänge.
Halt – der König! – Dunkel. Stille.
König – König – Königin.

Schritte. Wandelnd eine Kerze,
weit voraus den Raum erfüllend
wallend schwarzen Mantels Schatten –.
Agilulf der Longobarde
kommt zu seiner Königin.

Kalter Schweiss perlt auf der Säule.
Schritte schweigen. Stäbchen klopfet.
»Wer da?« – Kerze, Stab und König
sind verschwunden. Dunkel. Stille.
»Guten Abend, Königin!«

»Guten Abend, lieber König?!« –
Staunend sprichts Theodelinde,
birgt ihr Antlitz leis errötend
in des Mantels schwarzen Falten –.
»So erstaunt, Frau Königin?«

»Ei« – sie sagt es stockend, leise:
»Gingt Ihr nicht noch eben von mir? –
»Und so bald zurück, Herr König? –«
Agilulf erstarrt zur Säule; –
»Ei –ja – freilich – Königin.«

Und er drückt das viel vertraute
blonde Haupt Theodelindens.
fest mit seinen mächtigen Händen
fest an seine breite Brust:
»Meine – meine – Königin!«

Und er blickt ihr in die Augen,
die so klar, so klar ihn anseh'n
und er küsst die beiden Augen,
gültige Zeugen ihrer Unschuld:
»Gute Nacht, Frau Königin.«

Vor der Türe steht er stille.
Eine Woge schwarzen Blutes
schäumt in seines Hauptes Schale,
trübend seine klare Welt: –
Wer betrog die Königin?«
           
Brütend irrt er durch die Gänge,
tritt dann in den dunklen Schlafsaal,
wo Gesind und Mannen schlafen.
– Hörbar klopft ein Herz im Saale:
»Schön ist meine Königin.«

Ohne Denken, dumpf und tastend
tritt er an das erste Lager,
legt die Hand aufs Herz des Schläfers,
ob es etwa stärker klopfe,
träumend von der Königin.

Und er tritt von Pfühl zu Pfühle,
tastend über alle Herzen –
alle ruhig, alle schlafen
traumlos. Halt – da ist ein Träumer:
Klar und deutlich fühlt er's pochen:
»Schöne, schöne Königin.«

Wild und wilder fliegt das Herze
unter seines Königs Fingern.
Zahn auf Zähnen mahlend, knirschend
Agilulf. Der Schläfer hört es:
Knabe. König. Königin.

»Morgen!« Agilulf beschliesst es,
schneidet leise eine Locke
überm linken Ohr des Schläfers,
eine Locke leise ab.
»Träume du zum letzten Male,
du – von deiner Königin!«

Früh, mit erstem Tagesgrauen,
eh' die Wachen abgelöset.
fordert Agilulf die Mannen,
fordert zu sich das Gesinde.
»Schön ist eure Königin.«

Durch die Reihen geht der König.
Halt – der ist's! Dir fehlt die Locke!
Nein – auch dem –und dem – und diesem!
Durch die Reihen allen fehlet
überm linken Ohr die Locke.
Knabe! Knabe! Königin!

Agilulf kaut seine Lippe.
Agilulf kaut schwer und lange.
Auf und nieder, Reih um Reihe
prüft sein Auge, wagt das Schwanken
einer Augenwimper ab.
Knabe! Knabe! Königin!

Langsam höher rückt die Sonne.
Von dem nahen Apfelbaume
raschelnd streicht ein Blatt zur Erde.
Auf des Königs Stirn die Wolke
rückt ein wenig vor der Sonne.
Und ein über alle Menschen weiser
guter Gott gab ihm die Worte:
»Wer's getan, der geh und schweige –
geh und tu es niemals wieder.« –
– Rein ist seine Königin.

Alle stehen stumm, verwundert.
Jeder fasst sich nach der Locke.
Nur ein Einziger weiss der Stunde
heiligen Sinn und heilige Rettung,
und er fühlt es tief im Herzen:
Reine, reine Königin.

Machtvoll herrschet zu Verona
Agilulf der Longobarde
und er küsst Theodelinden
ganz wie früher frei und herrlich.
Schön ist seine Königin.

Und sein Weib Theodelinde?
Wandelt weiter ihre Bahnen;
ohne Wissen frei und herrlich
lebt und liebt Theodelinde
Agilulf den Longobarden,
den sie sich aus allen edlen
Longobarden frei gewählt.
Rein ist sie, die Königin.



IV

Traumlied eines Menschenkindes.

Eine Weise weiss ich aus Irgendland,
wo vielleicht einmal meine Wiege stand.
Vielleicht.

Eine Wiege aus Sand, eine Wiege aus Gras,
oder war es sonst ein Wunderwas –
ein Was?

Eine Wiege aus Eis, eine Wiege aus Schnee,
die taten beide dem Kinde nicht weh –
o nein.

Eine Wiege aus Nebel und weitem Raum –.
Und vielleicht ist alles nur ein Traum.
Wer weiss?

Ich weiss nicht wie, ich weiss nicht mehr;
es ist ja so endlos lange her.
So lang.

Meine Seele ist schwer von all der Zeit,
und Irgendland, das liegt so weit.
So weit.

Und wüsst ich, wann und wo und was –
ich wüsste wohl nicht mehr als das,
als das:

Du, du und ich, und ich und du –
und all die unzähligen Sterne dazu.
O ja.

Karma.

Warum befällt mich Traurigkeit?
Was fasst mich an? –
Ich schau meinem Leben ins Gesicht,
ich prüfe mein Leid –
das ist es nicht.

In meinem tiefsten Grunde,
ferne, tief und wehe –
ruht eine Wunde,
die ich nicht sehe.

Wenn in der Tiefe Tiefen
einst ich sinken mag – :
die Leiden, die schliefen,
findet jedes seinen Tag.

Der Kelch.

Leib, der Unwissende, und Seele, die Wissende,
tranken zusammen aus einem Kelch einen Trank,
bitteren Saft.

Leib schrie: »Weh', ich trank Schmerz!« – Und er sank.
Seele sprach: »Ruhig, Herz.
»Wir tranken Kraft.«

Abendsignal von Osten.

Nacht ist da. Tu auf die Seele dein –
wandre, wandre tief in dich hinein!

Das Schweigen.

Im grünen Zimmer ist es still,
der Mann sitzt in der Ecke,
kein Stäubchen an die Sonne will
aus seinem Verstecke.

Die Sonne scheint und scheint herein
trotz der dunklen Ranken,
an den Wänden die Bücher schlummerten ein
schwer von Gedanken.

Der Mann in seiner Ecke wacht
hinter verhängten Lidern.
In welchen Fernen wohnt die Macht,
sein Schweigen zu erwidern?

Drunten in einem andern Raum
sitzt eine Frau in hellem Traum.
Sie lächelt bloss.
Da flieht die Sonne zu ihr in den Schoss –

und lässt den Mann in seiner Nacht.
– Hat nicht ein Knabe im Garten gelacht? –
Das Schweigen floh. Die Frau steht auf und neigt das Ohr: –
dann steigt sie lächelnd die Treppe empor.

Die Stunde.

Eine Stunde lasst uns setzen
mitten in des Tages Sturm,
rings umjagt von Wolkenfetzen
bauen wir uns einen Turm.

Eine einzige am Tage,
eine Stunde heilig fest
all die Wüstheit überrage:
einen Sumpf ein Adlernest.

Hart erkämpft, doch frei beschieden:
teure Rast von tollem Flug,
eine Spanne Glück und Frieden –
Ach! ein freier Atemzug!

Wartet draussen bittre Runde
längst schon hinterm nächsten Baum –
doch wir leben unsre Stunde:
Handbreit schon bedeutet Raum!

Und wir stellen unsere Beine
trotzig unter unsern Tisch
und bei unseres Lämpchens Scheine
ist die Welt uns hell und frisch.

Auf die Stunde wir uns eidigen
gegen alles, was da graut,
diesen Turm lasst uns verteidigen!
Selbst gebaut ist stolz gebaut.

Regenwetterlaune.

Hunde: Ärger und Verdruss
zerr'n an unserer Laune,
aber unsere Laune muss
lachen hinterm Zaune;

lässt ihr bisschen Hemd im Stich,
drein die Zwei verbissen –
schnell ins Haus und hinter sich
Türe zugeschmissen.

Nun in dunkler Ecke sitzt
sie mit uns beisammen
und aus ihren Augen blitzt
es von warmen Flammen.

Geburtstag.

Nach Dunkel und Grauen,
nach Bangen und 'Frauen,
nach Ahnen und Zittern,
nach Beben und Wittern,
nach Blitz und Schlag
kam endlich ein Tag:
ein Inselchen aus Kinderland –
von irgendwo ein holdes Band –
ein Hauch, ein Blick, ein Duft, ein Traum –
im Nichts ein seliger Raum.

O wie da alles gütig war:
so fein und klar.
Am frühen Morgen
keine Sorgen,
mittags ein Gang
den Wald entlang:
um uns Stille,
freundlicher Wille,
So ist's den Tag über geblieben
mit denen, die mich lieben.

Sorgen?

Als hätte plötzlich mir ein guter Geist
die alte nie verscheuchte Sorgenwolke
aus meinem Auge fortgewischt – ich sehe.
Da ist ein Herz, in dessen heiliger, treuer Tiefe
ich ganz geborgen bin vor jedem Tod.
Da ist ein Kind, in dem so zart und frei
sich eben schon verkündet, was wir still gehofft:
ein Mensch mit einem kleinen Gott im Heizen,
Wo diese Beiden sind, was sind da Sorgen?

An Dich.

Ich danke dir, mein zweites Leben du,
mein Bruder, Freund und Frau in einem Wesen.
Fall ich in Ängsten, neigst du dich voll Ruh –
ich atme dich und bin in dir genesen.

Trost.

Ein winziger Strahl vom fernen Himmelslicht
durchschwimmt in einem Augenblick Millionen Meilen –
und dich mein Herz, dich sollte nicht
des noch so fernsten Glückes Strahl ereilen?

Ruhe.

Oh dass ich, die ich liebe, stumm
anfassen könnte bei der Hand, ins Haus
mit ihnen treten, zuzieh'n hinter uns die Tür,
ins Schloss sie drücken leise, stark – zuschliessen fest,
mit ihnen niedersitzen Hand in Hand,
und so verharren Jahr um Jahr – ganz still.

schweigend in Liebe,
atemschöpfend,
Güte trinkend,
Friede fühlend –
Ruhe.
Ruhe.

Tage am Meer.

Gelöst die Glieder, halboffenen Auges
auf einer Welle von blauer Luft zu ruh'n –
hoch in der Höhe schiessen, schweben
Möwen silberne Runen auf blauen Grund,
unter mir donnert das Meer.
Mählich sinken die Lieder;
mattrote Nacht meines Innern
durchziehen, weben, durch wallen
zarte Wellen fernleuchtenden Lichts,
Verschwimmend, entsterbend in rötlichen Dämmerungen
weiter tiefer Gewölbe meiner inneren Welt.
– Sand, Himmel, Sonne und Meer.
Selige Tage seliger Ruhe,
ausatmend, ausschwebend,
sanft sich hebend,
sanfter sich senkend,
stille dann ruhend,
gesammelt,
versinkend –
im All.

Herbstgefühl.

Kalte, klare, reine Lüfte
saugen wir mit weiten Nüstern,
gelben Blättermeeres Düfte –
Blätterseelen sterbend flüstern:
»Was wisst ihr vom Herbst?«

Weite leere Herbstalleen
ringen machtlos nackte Hände:
»Frühlingsahnen! Herbsteswehen!
»Wo der Anfang! Wo das Ende!
»Was wisst ihr vom Herbst?«

Bruder Tod, du schickst vergebens
uns dein Raunen und Gekicher.
Unsere Sinne saugen sicher
aus dem Herbst das Grün des Lebens.
Wir wissen vom Herbst.

Heimkehr.

Der Hirtenjunge stösst ins Horn:
»Von meinen Schafen ging keines verlor'n.«
Und über die grüne Erde
hertrappelt die müde Herde.

Über die Düne fragt der Mond:
»Blieb unsere Herde all' verschont?«
»Von meinen Schafen ging keines verlor'n!«
gibt ihm Bescheid des Knaben Horn.

Sie sind im Dorf. Es dampft und drängt;
ein jedes Haus sein Schaf empfängt.
Der Alte dort in ernster Ruh
treibt seine sieben dem Stalle zu.

Die stille Hand bewegt den Stab,
Die Schafe geh'n im gleichen Trab.
Gesenkt die Häupter tauchen die acht
in ihres Hauses kleine Nacht.

Fernab schlägt eine Türe zu.
Nun, kleine Herde; Kurze Ruh! –
– Unhörbar donnert durch das All
der Sternenherde Widerhall.

Dünengrases Weisheit.

Dünengras am weiten Meer
weht im Winde hin und her,
zeichnet um sich her im Sand
einen Kreis: sein eigen Land.

Kleiner Halm im grossen Wind,
karger Erde starkes Kind,
schreibst in Sturmes Her und Hin
deinen Kreis, deinen Sinn.