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Elisabeth Krickeberg – Heinrich von Stephan – ein Lebensbild

Roman

Elisabeth Krickeberg, Heinrich von Stephan – ein Lebensbild, Verlag von Carl Rei▀ner, Dresden und Leipzig, 1897



Männer der Zeit. Lebensbilder hervorragender Persönlichkeiten der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit. Herausgegeben von Dr. Gustav Diercks. Erster Band. Heinrich von Stephan.

Heinrich von Stephan. Em Lebensbild von E. Krickeberg. Dresden und Leipzig. Verlag von Carl Reißn er. 1,897.

Inhalt. Seite I. Die Jugendzeit 1 II. Stephans Ausbildung im Postdienst 18 III. Stephans Eintritt in die höhere Postlaufbahn und die Geschichte der preußischen Post 35 IV. Thurn und Taxis S4 V. Der Norddeutsche Bund und das Berkehrsleben des Alter- thums und des Mittelalters von Stephan .... 70 VI. Die ägyptische Reise 88 VII. Postkarte und Feldpost 113 VIII. Der Weltpostverein 134 IX. Landund Seepost 16« X. Dampf, Electricität und comprimirte Luft im Dienste Stephans 186 XI. Stephan und seine Bauten. – Das Postmuscum . . 21b XII. Stephan als Baumeister 251 XIII. Die letzten litterarischen Schöpfungen 272 XIV. Stephan als Mensch. – Sein Tod 301 -^O«–

I. Die Jugendzeit. ^^interpommern! – Ein gewisses Odium umgiebt dies l^^Wort. Wir sind gewöhnt, dicke Schädel und eisen- seste Grenadierknochen – rohe physische Kraft, mit einer Art geistiger Schwerfälligkeit gepaart in unserer Vorstellung damit zu verknüpfen. – Sehr mit Unrecht! Man lese nur Hans Hoffmanns geistund humor- volle Geschichten aus Hinterpommern und man wird nicht ohne Sympathie für das Heimathsland des Verfassers das Buch aus der Hand legen können. "Wer in Pommern schöne Künste einführen will" – sagt er – "der soll es mit Vorsicht thun, weil sonsten die pommerische Natur sehr stürmisch dagegen revoltirt," Damit kennzeichnet er trefflich den zähen conservativen Charakter der Bewohner eines Landes, das neben blühen- den Städten und fruchtbaren Feldern manch' stilles ödes Fleckchen, manche einsame todte Sanddüne aufzuweisen hat. "Es ist da ganz hinten im allerhintersten Hinter- pommern" – erzählt Hoffmann – "noch heute eine so einsame Gegend, wie sie ein Naturschwärmer oder Menschen- feind nur immer wünschen mag; man kann wohl einen Tag lang wandern, ohne auch nur einen Trunk Bier oder ein 1

– 2 – Butterbrot zum Jmbiß zu erhalten. Ein so genügsamer Wanderer aber mag dann freilich erstaunen und sein Auge entzücken an der fremdartigen und schier grausigen Schön- heit der wilden Dünenberge, welche sandstiebend diesen Erd- streifen durchziehen, und an dem großen Blick von ihrer Höhe auf das fern umrahmte und auf das uferlose Ge- wässer." Man kann sich denken, daß ein Land, welches so schroffe Gegensätze in sich vereinigt und welches seiner ganzen Bodenbeschaffenheit nach seine Bewohner zu fleißiger, angestrengter Arbeit zwingt, ein starkes, knorriges und wohl rauhes, aber darum auch einfaches, biederes Geschlecht her- vorbringt: die Hinterpommern sind ein tüchtiger deutscher Volksstamm, der noch immer seine Kraft freudig und er- folgreich in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat. Jn jener Zeit tiefster Schmach und Erniedrigung unseres Volkes, da waren es die Pommern, die das Ver- trauen auf ihre Kraft und den Glauben an die Zukunft nicht verloren hatten: das Andenken an den glorreichen Verthcidiger Colbergs, Nettelbeck, den schlichten vommerschen Bürger, ist mit ehernem Griffel in die Tafeln der preußischen Geschichte eingegraben. Und daß neben dieser kernfesten Kraft und Gesinnung auch die Wissenschaft nicht vernach- lässigt wird, daß neben dem nützlichen Roggen und Hafer, der zähen Kiefer und der mächtigen Eiche auch die zarten freundlichen Pflanzen des Geistes in dem sandigen Boden und der scharfen reinen Luft Hinterpommerns gedeihen können, das beweist uns mancher bedeutende Mann, mancher tüchtige Gelehrte und Dichter, der ihm entsprossen ist – das beweist uns vor Allem der große Mann, mit dem unser Buch sich beschäftigen wird.

– 3 – Am 7. Januar 1831 erblickte Ernst Heinrich Wilhelm Stephan als Sohn des ehrsamen Schneidermeisters Ernst Friedrich Stephan das Licht der Welt. Sein elterliches Haus war zwar klein und unscheinbar, aber es wehte durch seine Räume ein Geist kernhaften Deutschthums und echt christlicher Gesinnung, der den kleinen Heinrich mit feinem empfänglichen Gemüth inmitten seiner fünf Geschwister vor- trefflich gedeihen ließ. Dazu spielte sich seine Jugend in einer Umgebung ab, die auf eine Jahrhunderte alte Geschichte zurückblicken konnte. Stephan selber giebt in einer Rede, die er ge- legentlich der Einweihung des neuen Posthauses in Stolp hielt, folgenden historischen Rückblick: "Von Stolp sagt Chyträus in seiner niedersachsischen Chronik: ""Diese Stadt ist eine Hauptstadt in Hinterpommern."" Und er giebt ihr das Lob, daß ""darinnen schöne Jngenia gezogen, das Regiment wohl gcführet, die Bürger in Nahrung und Kirchen und Schulen in gutem Flohr gefunden werden."" Dreimal hatten die Herzöge die Stadt verpfändet, einmal an Polen und zweimal an den deutschen Orden, der da- mals hier die Banquier Geschäfte betrieben zu haben scheint. Da die Summe am Verfalltage von der herzog- lichen Kammer nicht erlegt werden konnte, so brachte die Bürgerschaft, um bei dem heimathlichen Pommern zu bleiben, durch freiwillige Beiträge unter schweren Opfern das Lösegeld auf. Ja, bei der letzten Verpfändung legten, da die Beiträge nicht reichen wollten, die Frauen, wie der alte Chronist berichtet, ihr "Geschmuck" auf den Altar der Vaterstadt nieder. Das erinnert an Beispiele aus den besten Zeiten der classischen Völker. Und daher auch der alte Spruch:

– 4 – O Stolpa Du bist Ehrenrick, Im Lande findt man nich bin Gl!k; Du hest Di dreymal löst vom Pande, Deß hestu Roem im gantzen Lande, Und wie unsere Vaterstadt in der Hansazeit eine ge- achtete Stellung einnahm, so war sie auch eine der ersten, die nach der Reformation die mit der Annahme der neuen Lehre verbundenen Kämpfe muthig durchfocht. Jhre Söhne stritten zu allen Zeiten ruhmvoll auf den Schlachtfeldern des Vaterlandes von Fehrbellin und Zeuthen bis Leipzig und Waterloo, und bis Königsgrätz und Paris." Wie müssen diese geschichtlichen Erinnerungen einen so lebhaften Geist wie Heinrich Stephans beschäftigt, welchen geheimnißvollen Reiz die alten Gemäuer auf ihn aus- geübt haben: das alte Schloß, die uralte, schon im 13. Jahrhundert erbaute Klosterkirche, die große gothische Marienkirche mit dem compacten viereckigen Thurm, das trußig und steil aus seiner niedrigen Umgebung empor- ragende Mühlenthor, das neue Thor mit seiner runden Mütze auf dem massiven steinernen Haupt, das schlichte Rathhaus mit dem alterthümlichen Walmdach und dem unscheinbaren Thürmchen mitten auf dem First, die alters- grauen Giebelhäuser am Markt – wie mögen sie alle vernehmlich von der Zeit ihres Glanzes und Stolzes zu dem phantasiebegabten, grüblerisch veranlagten Knaben geredet haben! Sie bedeuten das poetische Element in dem Dasein dcs Kindes, das sich sonst vielleicht etwas nüchtern und prosaisch inmitten der von practischem Geschäftsgeist erfüllten kleinen Provinzstadt abgespielt haben würde; denn Stolp war von jeher handelsbeflissen. Stephan sagt in seinem "Verkehrsleben dcs Mittelalters" von seiner Vater

– 5 – stadt, daß sie bereits im 10. und 11. Jahrhundert auf seinem damals schiffbaren Flusse fleißig Handel getrieben habe; und wenn auch die Stolpe heut' nicht mehr im Stande ist, ein stolzes Handelsschiff auf ihrem Rücken zu tragen, so hat die Nähe des Meeres doch dafür gesorgt, daß den Bewohnern der rege Geschäftsgeist erhalten geblieben ist und sie davor bewahrt wurden, in das stagnirende Dasein eines Ackerbürgerstädtchens auf dem platten Lande zu ver- fallen. Stolp blüht mehr und mehr empor, und mit freu- diger Genugthuung constatirt Stephan in jener Ein- weihungsrede, daß sich die Einwohnerzahl seit dem Jahre 1848, da er in Stolp in den königlichen Dienst trat, bis zum Jahre 1879 schon fast verdreifacht habe. Er fährt fort: "Das zeugt von Lebenskraft im Pommer- land. Wer dieses Land blos aus dem alten Liede kennt, Maikäfer, fliege', der kann sich freilich keinen Begriff von ihm machen. Pommerland ist noch lange nicht abgebrannt mit seinen reichen Kornfeldern, seinem gesegneten Wcizacker, seinen grasreichen Gründen, seinen Landseen und herrlichen Wäldern, die das Meer umspült, vor Allem seinem Ge- schlecht kräftiger Männer und schöner stattlicher Frauen. Der durchlauchtigste Statthalter dieser schönen Provinz, unser geliebter Kronprinz, hat, wie Sie wissen, einmal ge- sagt: Die Pommern haben nur einen Fehler, daß ihrer so wenige sind! Nun, meine Herren, die gleichen Ursachen erzeugen die gleichen Wirkungen. Wenn der alte Geist, der jenes Alles geschaffen, in diesen Mauern bewahrt bleibt, wie wir das zu Gott hoffen und alle unsere Anstrengungen darauf richten wollen, der lebenden Generation zum Stolz, dem kommenden Geschlecht zur Nacheiferung: dann wird fort und fort die geliebte Vaterstadt wachsen und gedeihen.

Gleichwie die drei klaren Flüsse, die ihre Mauern umfluthen, für alle Zeiten in ihrem Wappen stehen, so mögen dem Charakter ihrer Bewohner die drei Eigenschaften: treu – tapfer – tüchtig niemals versagen," Man sieht hieraus, wie hoch Stephan von dem Volks- stamm denkt, dem er entsprossen ist, und wie ihn die Liebe zu seiner Vaterstadt bis in sein hohes Alter begleitet hat Das würde in so hohem Maße nicht der Fall sein, wenn seine Jugend nicht so harmonisch schön, so von echtem Kinderglück durchsonnt gewesen wäre, daß die Erinnerung an sie das ganze arbeitsreiche, ernster Thätigkeit gewidmete Leben des Mannes mit einem lichten Schimmer zu ver- klären vermochte. Wir Deutsche nennen vor allen anderen Völkern ein Kleinod unser eigen, das uns wie ein Talisman auf unserem Lebensweg begleitet – das ist unser Familienleben. Aus dem gesegneten Boden des Elternhauses entspringt der Deutschen ganzes Sein, aus ihm saugt er Nahrung für Geist und Gemüth – auch Stephans spätere Größe wurzelt in seinem Vaterhause. Sein Vater, ein Mann von strengster Rechtschaffenheit, hatte sich und seiner Familie durch Fleiß und Jntelligenz ein auskömmliches, ja behagliches Dasein gesichert, dazu war er bestrebt gewesen, ans eigener Kraft heraus seinen Geist zu bilden. Er genoß ein hohes Ansehen bei seinen Mit- bürgern und ihr unbedingtestes Vertrauen, das sie ihm bewiesen, indem sie ihn zu mancherlei Ehrenämtern in der Schulund Kirchenverwaltung beriefen, ja ihn zuletzt durch Verleihung des Amtes eines Rathsherrn auszeichneten. Was aber für seine Kinder mehr werth war, als diese angenehme äußere Stellung ihres Vaters, das war dessen

– 7 – Verständniß für die Anforderungen unserer Zeit, die den Schwerpunkt der Erziehung auf eine gründliche, wissenschaft- liche Schulbildung legt. Als Vater von sechs Kindern war er allerdings nicht im Stande, an ein dereinstiges Studium der Söhne zu denken, aber soweit es im Bereich seiner Möglichkeit lag, sollten seine Kinder die denkbar vollkommenste Ausbildung erhalten. Als fein Sohn Heinrich, den von Jugend auf ein lebhafter, über seine Jahre hinaus streben- der, forschender Geist auszeichnete, vier Jahre alt war, be- gann der Vater selber, ihn in den Realfächern zu unter- richten; daneben wurde fleißig in der Bibel gelesen. Seine Eltern gehörten der presbyterianischen Kirche an und sie folgten ernst und gläubig ihren Grundsätzen. Stephans gründliche Kenntniß der heiligen Schrift und ein Zug auf- richtiger Frömmigkeit, den er sich bis zu feinem Tode zu bewahren wußte, stammen aus seinem Vaterhause. Der Knabe faßte leicht und rasch, besonders besaß er ein aus- geprägtes Sprachtalent. Wenn auch die spätere Behaup- tung, daß der Mann Stephan innerhalb vier Wochen eine fremde Sprache gründlich zu erlernen vermöge, wohl mehr auf das vollkommene Eindringen in den Geist der Sprache, als auf das fließende Sprechen derselben Bezug haben mag, so beweist sie doch seine immense sprachliche Begabung und läßt einen Rückschluß auf das Kind zu. Der Vater er- kannte den Werth dieser Begabung, und es zeugt von dem weiten Blick des Mannes, daß er seinem Sohne Privat- stunden in Sprachen ertheilen ließ, deren Erlernung von unschätzbarem, practischem Werth ist, die aber damals ab- seits der geforderten Schulbildung – gewissermaßen abseits der herrschenden Mode lagen. So erlernte Heinrich Stephan in früher Kindheit Jtalienisch, Spanisch und Englisch. Aber

– 8 – neben der Wissenschaft wurde auch die Kunst nicht vernach- lässigt. Heinrichs Vater befaß Neigung und Verständniß für die Musik, Eigenschaften, die erfreulicher Weise auch dem Sohne in hohem Grade innewohnten. Der Stadtmusicus Lamprecht wurde engagirt, um dem Knaben Stunden zu ertheilen. Sein Unterricht, obwohl er gewiß mehr eine freie Entwickelung begünstigend, als contrapunktlich vorwurfsfrei gewesen ist, fiel auf guten Boden, es dauerte nicht lange, da vermochte der begabte Knabe dem Vater zur Erbauung dessen Lieblingsmelodien vorzuspielen, und Heinrich v. Stephan ist der Liebe zur Musik sein ganzes Leben lang treu ge- blieben. Er hat ihr später unter der Last seiner Berufs- geschäfte manche kostbare Stunde eines reinen idealen Genusses zu verdanken gehabt. Jn der oben erwähnten Einweihungsrede zu Stolp schildert er so anschaulich und mit so erquicklichem Humor diese frühe Kinderzeit, daß wir uns nicht versagen können, die Stelle hier wörtlich wieder- zugeben: "Mit tiefbewegtem Herzen habe ich meine geliebte Vaterstadt nach langen Jahren gestern wieder begrüßt. Da ragt der alte Thurm der Kirche, wo ich die Taufe und Einsegnung empfing. Da steht mein elterliches Haus, klein und bescheiden, aber eigen und spiegelblank. Da sehe ich meine gute Mutter, wie sie vor dem mächtigen, alterthüm- lichen Schranke wirthschaftet in der schimmernden Wolle und dem schneeigen Lein. Wer das Glück hat, wenn er auf die Welt kommt, in pommersche Leinwand gewickelt zu werden, der wird grade. Auf der Werkstatt meines Vaters lag die Bibel; daraus mußten wir Kinder jeden Abend ein Capitel abwechselnd vorlesen. Hinter dem Spiegel steckte die Ruthe, vor der die ehrfürchtige Scheu bald wich, als eine Geige den Platz über meinem Bette einnahm. Mein

– 9 – Vater hatte viel Sinn für Musik, ich mußte ihm Abends die Melodien aus der Zauberflöte, dem Freischütz und der weißen Dame, wie sie unser Stadtmusicus Lamprecht, der damalige Orpheus von Stolp, für eine "erste" Geige solcher Art zusammengestellt hatte, vorspielen. Dafür schenkte er mir, vielleicht um in seiner Eigenschaft als Rathsherr dieser guten Stadt die angehenden Talente zu ermuntern, jedesmal einen Sechser, mit welchem ich mich reich dünkte, wie Rothschild. War dann die Stunde vorbei, dann war Jedermann zufrieden: mein Vater, daß er den musikalischen Genuß, ich, daß ich den Sechser hatte, und meine Mutter und meine Schwester, daß das Gejanke endlich aufhörte." Diese wenigen Zeilen entwerfen uns ein ebenso treffendes als freundliches Bild seines Vaterhauses. Wir sehen den ehrenfesten, biederen Handwerksmeister vor uns, wie er trotz seines vorwärtsstrebenden Geistes gute, alte, deutsche Sitte ehrte und, wenn es noth that, auch stramme Zucht zu üben wußte; wir sehen die brave, deutsche Hausfrau emsig und treu ihrem Wirkungskreis vorstehen, die "gute Mutter", zu der Stephan sein Lebenlang mit innigster Liebe und Ver- ehrung emporgeblickt hat, und an die er nach dem tief- betrauerten Tode des Vaters seine rührendsten Briefe richtet. Ein echt deutsches, gemüthvolles Familienleben taucht vor unfern rückschauenden Blicken empor, ein Heim, das alle Eigenschaften besaß, die vortrefflichen Geistesund Herzens- anlagen eines ungewöhnlich begabten Knaben zur schönsten Ausbildung zu bringen. Als der Sohn dem väterlichen Lehrmeister entwachsen war, kam er auf die beste Unterrichtsanstalt des Ortes, die alte, ehrwürdige Lateinschule, wo er neben den früher an- geführten Sprachen nun noch Französisch, vor allen Dingen

– 1« – aber das classische Latein und Griechisch trieb. Daneben widmete er sich mit regem Eifer dem Studium der Mathe- matik und der Naturwissenschaften. Es war eine besonders glückliche Fügung des Geschickes, daß er gerade für diese seine Lieblingsfächer die trefflichsten Lehrer sand, die es verstanden, der Jndividualität des geweckten Knaben gerecht zu werden und seinem Lerntrieb eine feste, sichere Richtung zu geben. Auch hier wieder hören wir am besten eine Stelle aus jener denkwürdigen Einweihungsrede, die lebendiger und unmittelbarer die Schulzeit Stephans schildert, als wir es ihr nacherzählend thun könnten, und die uns auch zugleich wieder eine Perle seines quellfrischen späteren Humors giebt. Er sagt: "Dann ging es in die lateinische Schule. Noch steht sie da – eigentlich sollte ich in Anbetracht ihres baulichen Zustandes sagen: leider steht sie noch so da – aber ich will im Hinblick auf die anwesenden hohen städtischen Körperschaften dieser Stunde schönes Gut durch den Trübsinn einer Erinnerung an Budget und Communallasten nicht verkümmern. Anfangs behagte sie mir nicht sehr. Wir zogen es vor, auf dem vor ihren Mauern gelegenen, ge- räumigen Kirchplatz, wo das neue Reichspostgebäude sich erhebt, unsere Schlachten zu schlagen, bei denen es oft scharf herging. Wir kamen mit dem Bürgermeister Arnold in Conflict. Der selige Oberlehrer Decker, den gewiß noch die meisten Anwesenden gekannt haben, schleuderte mir ein "Geierjunge" entgegen. Das war der erste Titel, der mir höheren Orts verliehen wurde. Mein verehrter, väterlicher Freund und unvergeßlicher Lehrer, der Herr Professor Berndt, der zu meiner unendlichen Freude mich heute auch durch sein Erscheinen geehrt hat, hielt uns eindringliche Stand

11 – reden. Als ich ihn bei einer solchen einst daran erinnerte, daß er uns ja erst an demselben Morgen aus dem Seneca den Satz citirt hätte: "Vivere est militare«, fand er diese Auslegung der Classiker doch sehr sonderbar und rief mir mit einem eigenthümlichen Blick zu: "Aus Dir wird entweder viel oder gar nichts". Das ließ, gleichwie die alten Orakel, jedenfalls recht entgegengesetzte Chancen offen. Aber ich warf mich nun, möglicher Weise um ihn zu ärgern, ich stehe für nichts, mit einem wahren Jngrimm auf das Lernen. Anderthalb Jahre rang ich mit meinem hier zu meiner großen Freude anwesenden Schulkameraden Gustav Fritze mannhaft um den primus «inuium, und ich konnte, wie in jenem hübschen Geschichtchen, sagen, bald lag er oben, bald ich unten. Mit Rührung sehe ich das Dach des alten Schulhauses, unter dem ich Wohlthaten empfangen habe, die für meine ganze Lebenszeit entscheidend gewesen sind. Schon Mieraelius in seinen ^nti^uitates?ouierauiae sagt von Stolp: "Denn es giebt des Orts nicht allein schöne Zuchtrosse, sondern auch eine feine Schule, daraus viele gelahrte Leute gekommen sein", und an einem anderen Orte: "Die Schule zu Stolp hat zu jederzeit fürnehme Leute im geistlichen und weltlichen Stande herausgegeben; gleichwie die Stadt zu den Landtagen allezeit gelahrte Leute geschicket." Von höchstem Werth ist für mein geistiges Leben die Art gewesen, wie der Professor Berndt uns in die Naturwissen- schaften einführte und die Mathematik lehrte, insbesondere, wie er es verstand, bei seinem Unterricht die Eigenart des Einzelnen von uns zu behandeln, uns heranzunehmen, oder frei gehen zu lassen. Er weiß, daß, als ich am 1, Mai 1870 meine jetzige Stellung antrat, die erste Feder, die ich ansetzte, ihm galt, um ihm in meinem Dankbriefe zu sagen, welche

– 12 – Kraft ich in vielen Lagen meines Lebens aus dem Studium der Natur und der alten Classiker geschöpft habe. Aber, meine Herren, außer der Schule ist es auch insbesondere der ganze Geist der Bürgerschaft gewesen, die Vaterlandsliebe, das gute Regiment, das in diesen Mauern gewaltet, und die von ihren Einwohnern entfaltete einsichtsvolle Rührig- keit, die jedes kommende Geschlecht zur Nacheiferung des Vorangegangenen angespornt haben." Die Würdigung, die er Schule und Lehrern, vor allen Dingen seinem verehrten Professor Berndt zu theil werden läßt, sowie die Achtung vor dem Geist der ehrenfesten Bürgerschaft seiner Vaterstadt, die aus allen seinen Worten spricht, geben das beredteste Zeugniß für das Gerechtigkeits- gefühl Stephans und die dankbar treue Gesinnung, die der berühmte Mann den schlichten Verhältnissen, aus denen heraus er sich entwickeln mußte, bewahrt hat. Heinrich Stephan war als Kind ziemlich klein und nicht eben stark, da war es denn ein wahrer Segen für ihn, daß er Lust und Liebe zu gymnastischen Hebungen besaß und so, indem er seinem Vergnügen nachging, zugleich dem vom fleißigen Lernen angestrengten Körper durch unermüd- liches Turnen und Schwimmen neue Kraft und Elasticität zuführte. Seine Schwester schreibt von ihm: "Er war stets Vorturner, und wenn er aus der Turnstunde kam, schalt ich jedesmal, weil er in Schweiß gebadet war. Er brachte stets einen riesigen Appetit mit, die Stullen konnten nie groß genug werden." Auch im Schwimmen war er Meister; wir wollen hier gleich einfügen, daß er später im Alter von 16 Jahren einem Mitschüler, dem Primaner Kaspary, der dem Er- trinken nahe war, das Leben gerettet hat. Diesen Leibes

– 13 – Ãœbungen und dem ausgiebigen Aufenthalt in reiner, gesunder Luft hatte Stephan seine außerordentliche, wahrhaft stählerne körperliche und geistige Elasticität zu verdanken, die ihn selbst ins hohe Alter und in die Tage schweren physischen Leidens begleitet und ihm, dem wetterfesten, schwärmerischen Naturfreund, auf seinen Reisen und Wanderungen manch' einen auserlesenen Genuß verschafft hat, der weichlicheren Naturen ewig verschlossen bleibt. Unter fleißigem Studiren war er 14 Jahre alt ge- worden, sein Wissen begann unter Lehrern und Mitschülern Aussehen zu erregen, er wußte es nützlich, wenn auch nicht gerade besonders luerativ anzulegen, indem er zurück- gebliebenen Schülern Nachhülfestunden in Mathematik, Latein und Französisch ertheilte, und wenn man bedenkt, daß er daneben seine eigene Weiterbildung nicht vernachlässigte, vielmehr mit gleichem Eifer das Studium der verschiedensten Fächer: die alten Klassiker, Geschichte, sechs verschiedene Sprachen, Mathematik dazu die geliebte Musik, Violin- und Clavierspiel, so eifrig betrieb, daß sein Clavierlehrer dem Vater bald erklären mußte, "sein Sohn könne bei ihm nichts mehr lernen", daß er neben dem Allen noch Zeit fand, sich wie jeder andere lebhafte, gesunde junge Mensch genügend in der frischen Luft umherzutummeln, zu lesen, kleine Theaterstücke für Liebhaberund Kindertheater zu schreiben und zu componiren, so kann man sich einen Begriff von der ungeheuren Begabung Stephans machen, aber auch von seiner eisernen Energie und dem nie rastenden Lern- und Forschungstrieb, die ihn schon als Knabe auszeichneten und über Seinesgleichen emporhoben. Als er 17 Jahre alt war, bestand er die Abgangsprüfung mit "vorzüglich", und nun galt es, einen Lebensberuf zu wählen. Das war für

– 14 – einen nach jeder Richtung hin befähigten, für jedes Schöne empfänglichen, für das Große begeisterungsfähigen Geist, wie Stephan, eine besonders schwierige Frage, und es zeugt von seiner in sich gefestigten, zielbewußten Art, daß er sich ohne langes Schwanken für die Postcarriöre entschied. Mit sicherem Jnstinct hatte er das für ihn Passendste gewählt. Hervorgegangen aus einem Volk mit practischem, energischem Sinn, ausgestattet mit reichem Wissen und einer Phantasie, die stark genug war, auch der trockensten Beschäftigung interessante und poetische Momente abzugewinnen, sah er in der erst im Aufblühen, im Werden begriffenen Post ein Jnstitut, das seinem Streben den weitesten Spielraum ge- währen würde. Ueber die Beschwerden eines mechanischen, ermüdenden Dienstes blickte er hinaus auf die idealen Ziele einer Einrichtung, die sich zum Träger der Cultur, zum Vermittler der Gesammtinteressen der ganzen Welt gemacht hat. Eine Ahnung von der Erkenntniß lebte in ihm. die ihn später die Post die "Lunge im Organismus unseres Verkehrslebens", ein "Kraftelement des staatlichen Orga- nismus" nennen, die ihn eine poetische Verklärung über sie werfen ließ in den unvergleichlich schönen Worten: "Es bewegt sich der Verkehr einem Sturmwind gleich um die ganze Erde." Auch Nachts nicht ruhend, wie jener den Erdball umkreisende Genius des Märchens, ist er der fast überall freudig begrüßte Völkerbote: ein Träger der magne- tischen Kraft in den Beziehungen der Culturgruppen auf unserem Planeten. Und bleibt der mit hundert Banden an die Scholle gefesselte Mensch auch an seinem Heerde zurück, so vermag doch sein Geist sich in jedem Augenblick von hinnen zu erheben und fernhin treffend über Länder und Meere durch den Zauber des geschriebenen Wortes seine

– 15 – Wirkung zu äußern. Mit freudigem Gefühl werden wir auch bei diesem, anscheinend so materiellen Gegenstande die geistige Grundlage, das Wirken der ideellen Mächte gewahr." Bei aller speciell nationalen Färbung trägt die Post einen kosmopolitischen Zug, einen Zug von Großartigkeit und Genialität, in dem der junge Mann etwas Verwandtes, ihn Anziehendes erkennen mußte. Verkehrsbedürfniß und Post, sie steigern einander unaufhörlich in wechselnder Pro- gression. Da giebt es keinen Stillstand, da darf es keinen Rückschlag geben, so lange die Cultur vorwärts eilt, und was wäre Stephans rastlosem Geist, dem es nicht vergönnt war, auf den Hochschulen der Wissenschaft in die tiessten Tiefen menschlicher Erkenntniß zu tauchen, sympathischer gewesen, als dies unaufhaltsame Fluthen und Wogen eines stetig anschwellenden Meeres? Mit welchen Vorsätzen und Erwartungen er die Post- laufbahn betrat, beweist die Antwort, die er seinem Schwager gab, als dieser ihm zu der neuen Würde eines Postcleven gratulirte und ihn ermahnte, ein tüchtiger Beamter zu werden: "Ein schlechter Kerl, der nicht denkt, General- Postmeister zu werden," sagte er. Das erinnert uns un- willkürlich an den Marschallstab, den jeder französische Soldat im Tornister trage. Nun, Stephans Laufbahn hat bewiesen, daß auch wir solche Marschallsstäbe für unsere wahrhaft verdienstvollen Kämpfer bereit halten. Einstweilen freilich besaß er ihn noch nicht, ja er konnte nicht einmal sogleich seinen Fuß auf die unterste Staffel der Ruhmesleiter setzen, denn als der kaum 17jährige junge Mann sich bei der Post gemeldet hatte, erwies es'sich, daß er noch nicht das vorschriftsmäßige Alter zum Eintritt in die Postcarriöre besaß. Es erfolgte nun eine Art

– 16 - Jnterregnum, das Heinrich Stephan jedoch nützlich anzu- wenden wußte, indem er seine Studien fleißig fortsetzte. Um die Hülfsmittel dazu zu erlangen und seiner Sehnsucht nach dem Besitz möglichst vieler Bücher genügen zu können, gab er die Privatstunden weiter. Zwei Groschen für die Stunde, welch' klägliches Sümmchen im Pergleich zu den vielen sehnsuchtsvollen Wünschen, die unerfüllt in der Brust des jungen Mannes schlummerten! Indessen gestatteten ihm diese bescheidenen Mittel und das theilnahmsvolle Ver- ständniß seines speciellen Freundes, des Buchhändlers, bei dem er die meiste freie Zeit in den Bücherschätzen umher- stöbernd und lesend zubrachte, den Erwerb manches ersehnten Buches. Mit diesen, aus eigenen, mühselig zusammen- gesparten Mitteln angeschafften Büchern legte er den Grund- stock zu seiner später so umfangreichen und bedeutenden Bibliothek. Auch von dieser Zeit liegt uns ein authentischer, aus dem Munde Stephans selber stammender, launiger Bericht vor. Dem am 24. April 1875 zur Feier des 50 jährigen Bestehens des Börsenvereins Deutscher Buchhändler ab- gehaltenen Cantate-Festmahle wohnte Heinrich Stephan als Ehrengast bei. Und nachdem er in feinem Trinkspruch das ihm vorher in der Begrüßung der Gäste gespendete Lob mit der Begründung: Unter Verwandten bedürfe es keiner Complimente, abgelehnt, und'Presse, Buchhandel, Post und Eisenbahn das "Viergespann an dem Sonnenwagen der Wissenschaften" genannt hatte, fährt er fort: "Man hat den Laden des Sortimenters eine Bildungsstätte namentlich für die kleineren Orte genannt. Wenn ich meine persönliche Erfahrung hier erwähnen darf, fo ist dies vollkommen richtig. Als ich die Schule zurückgelegt hatte und wegen unzu

– 17 – reichenden Lebensalters noch nicht sogleich in den Staats- dienst eintreten konnte, erklärte ich mich in dem einzigen Buchhändlerladen, den es damals in meiner hinterpommerschen Vaterstadt gab, sozusagen in Permanenz. Die ersten und einzigen Schulden, die ich im Leben gemacht habe, standen im Buche des Sortimenters meiner Vaterstadt, und die allbekannte buchhändlerische Langmuth im Creditgeben kam auch mir zu statten. Damals, meine Herren, gab es noch keine Postmandate. Und das war ein Glück. Denn der Nachhülfe-Unterricht trug zu jener Zeit nur zwei Groschen für die Stunde ein." Aus der warmen Art, mit der der berühmte Mann von diesem kleinen Sortimentsladen spricht, ersieht man, wie erquicklich die Erinnerung ist, die sich für ihn an die bescheidenen Freuden jener Zeit knüpft.

ll. Stephans Ausbildung im Postdienst. m 20. Februar 1848 war endlich der Zeitpunkt ge- kommen, an dem Heinrich Stephan als "Schreiber", wie die damalige Bezeichnung für die Posteleven hieß, die ersehnte Laufbahn betreten konnte. Er erhielt feine erste postalische Ausbildung in seiner Vaterstadt unter dem Amtsvorsteher Pflughaupt, einem tüchtigen, gerechten und liebenswürdigen Beamten, dessen Wohlwollen der junge Schreiber allein durch seinen Fleiß und feine Anstelligkeit sehr bald zu erwerben wußte. Heinrich Stephan war niemals ein Streber, der um jeden Preis, wohl gar auf Kosten seiner Selbstachtung die Gunst seiner Vorgesetzten zu erringen suchte. So hohe Ziele er sich auch gesteckt, niemals hat er einen krummen Weg zu ihrer Erreichung eingeschlagen, nie etwas von feinem ureigentlichen Wesen, seiner Würde dahingegeben. Was er im Leben errungen hat, verdankt er allein sich selber, seinem eisernen Fleiß, seiner Genialität und der Macht seiner Per- sönlichkeit. Diese Macht äußerte sich hauptsächlich in einer ge- winnenden Liebenswürdigkeit, die um so hervorstechender

– 19 – wirkte, als er daneben eine seltene Willenskraft besaß. Jn seinen Grundsätzen war er unbeugsam; von Dem, was er einmal für Recht erkannt hatte, wich er nicht ein Jota ab; seine Energie konnte sich unter Umständen sehr kategorisch, manchmal vielleicht sogar etwas rücksichtslos äußern. Jmmer aber blieb er er selber: wahr, ehrlich, gerecht und frei von engherzigen Vorurtheilen. Was würde Stephan ohne diese ihm zu Gebote stehende Energie geworden sein? ein einfacher Postbeamter – ja nicht einmal ein hervorragend tüchtiger, weil sein großer, freier Geist sich nur widerwillig der Schablone des practischen Dienstes gefügt haben würde. Ein Genie, das sich schöpferisch oder organisatorisch bethätigen will, muß mit Selbstbewußt- sein und Ehrgeiz gepaart sein, und zum Glück für ihn und die Welt war das bei Stephan der Fall. Er wußte, was er sich schuldig war und was er be- anspruchen durfte. Aber diese Eigenschaften haben niemals seine gemüthsvolle Leutseligkeit und seine schlichte, bescheidene Art beeinträchtigt, sie traten selten sichtbar hervor, nur dann, wenn er sich in der freien Bethätigung seines Wesens beschränkt sah, oder wenn er ihrer zur Wahrung seiner Würde bedurfte. Ungerechtigkeiten ließ er sich schon in seiner Jugend unter keinen Umständen gefallen. Einen Beweis dafür liefert ein kleines Vorkommniß, das man sich aus der ersten Zeit feiner postalischen Wirk- samkeit erzählt. Kaum in den Dienst getreten, hatte er ein Rencontre mit einem Reisenden, der eine Extrapost zu nehmen wünschte. Obwohl Stephan die Bestellung sofort an den Posthalter weiter gegeben hatte, verzögerte sich die Abfahrt. Der Reisende schob die Schuld dem Postschreiber zu, und weil ihm der blutjunge Mensch nicht sonderlich zu 2*

– 20 – imponiren vermochte, zögerte er nicht, seinen Aerger an ihm auszulassen. Er vergaß sich sogar so weit, ihn "grüner Junge" zu nennen. Damit kam er aber nn den Unrechten. Den halb wohlwollenden "Geierjungen" des Herrn Schul- directors konnte man sich schon gefallen lassen, aber dem ersten besten herzugereisten Fremden gestatten, seine üble Laune an Einem auszulassen, nur weil dieser sich zufällig in der glücklichen Lage befindet, sich eine Extrapost leisten zu können – – nimmermehr! Ohne Zögern setzte sich Stephan hin und berichtete über den Fall an seine vor- gesetzte Behörde, die Bestrafung des rabiaten Reisenden be- antragend. Dieses Jntermezzo bildet den charakteristischen Eingang zu seinen Personalacten. So fleißig er sich auch in seinen neuen Berufskreis hineinzuleben trachtete, so fand er daneben doch noch Zeit genug, seine geliebten Studien fortzusetzen. Bei der Riesen- Verkehrsmaschine Post muß jeder Zahn pünktlich und rasch eingreifen, und die kleinste Unregelmäßigkeit kann die empfind- lichste Störung hervorbringen, man kann sich also denken, daß den Beamten, die diese Maschine zu versorgen haben, ein gutes Theil Verantwortung und eine genügende Arbeits- last aufgebürdet ist. Der Freistunden für die jungen Be- amten giebt es nicht viele, sie pflegen gerade hinreichend zu sein, um die von der ungewohnten Anstrengung erschöpften, physischen und geistigen Kräfte der noch in der körperlichen Entwickelung begriffenen jungen Leute wieder auf das alte Maß der Elasticität zurückzubringen, und es giebt nicht viele, die daneben noch Privatstudien betreiben können. Außerdem pflegen die kaum dem Schulzwange Entronnenen auch viel zu glückselig zu sein über die ungewohnte Freiheit,

– 21 – ihre dienstlich nicht in Anspruch genommene Zeit nach Gefallen verbringen zu können, als daß sie sich den Genuß derselben sofort wieder durch nicht unbedingt gefordertes Studium verkürzen möchten. Daß Heinrich Stephan trotz- dem Zeit und Lust zur Weiterbildung gefunden hat, ist eine neue Bethätigung feines Bildungsdranges und seiner emi- nenten Befähigung. Welch' ein Glück für den wissens- durstigen, jungen Menschen, daß er eine so gründliche, viel- seitige, in sich abgeschlossene Schulbildung mitbrachte, die es ihm ermöglichte, ohne directe Anleitung, allein auf dem Vor- handenen fußend, sich selber fortzubilden. Das ist ein Ver- dienst seiner vorzüglichen Lehrer, das er nie aufhören konnte, dankbar anzuerkennen. Neben einem tüchtigen practischen Wissen in den Real- sächern, vornehmlich in Mathematik und Naturwissenschaften, das ihm seine Lehrer (namentlich der schon einmal genannte Professor Berndt) als unvergänglichen Schatz auf den Lebensweg mitgegeben hatten, war ihm unter ihrer ver- ständnißvollen Anleitung die Schönheit der antiken Welt voll erschlossen worden. Die griechischen und römischen Classiker liebte er wie vertraute Freunde; aus dem ewig jungen, unversiegbaren Quell ihrer Dichtungen wußte er in allen Lebenslagen Erquickung, Stärkung, neuen Lebensmuth zu schöpfen, sein köstlicher Humor, die wohlthuende Heiterkeit feines Gemüthes, die er in allen Drangsalirungen seines Berufes, in allen Stürmen des Lebens zu behaupten wußte, fanden ihre Nahrung in den herrlichen Dichtwerken der Alten. Mit diesen guten Kenntnissen als solidem Grundstock für sein weiteres Studium ausgerüstet, gelang es Stephan, sich im Laufe des Lebens, ohne daß ihm die Hülfsmittel

– 22 – einer Universität oder Academie zu Gebote gestanden hätten, ein Wissen anzueignen, mit dem er sich, was Gründlichkeit und Vielseitigkeit anbetrifft, getrost einem unserer ersten Ge- lehrten an die Seite stellen durfte. Doch einstweilen haben wir es noch mit dem jungen Postschüler zu thun, der vor allen Dingen pflichtschuldigst darnach streben mußte, in die Mysterien des Postdienstes einzudringen. Wir glauben nicht, daß ihm das allzu leicht, oder wir wollen lieber sagen, allzu angenehm gewesen sein wird; das Schema F., das nothwendig einer solchen Behörde anhaftet, kann einem jungen Manne, der den Kopf voll genialer Gedanken und weitschauender Pläne hat, nicht gerade sympathisch gewesen sein. Trotzdem war er eifrig bemüht, feinen dienstlichen Obliegenheiten gewissenhaft nach- zukommen und die Zufriedenheit feiner Vorgesetzten zu er- langen. Und das glückte ihm denn auch vollkommen. Als es sich im kommenden Jahre um eine Versetzung des jungen Postschreibers handelte, stellte ihm der Amts- vorsteher Pflughaupt ein sehr gutes Zeugniß aus. Am 30. September 1849 erfolgte dann seine Versetzung nach der historisch denkwürdigen ehemaligen Veste der Deutsch- ritter Marienburg, und damit trat er in das Wanderleben ein, das die jungen Postbeamten in der Provinz, heute noch mehr als damals, zwecks ihrer gründlichen Ausbildung bis zu ihrer definitiven Anstellung zu führen gezwungen sind. Jn Marienburg blieb Stephan fast ein Jahr. Erst am 20. August 1850 mußte er seinen Stab wieder ergreifen, um nach der alten Kaufund Handelsstadt Danzig zu pilgern, wo er bei der Ober-Postdirection beschäftigt wurde, nachdem er in Stolp und Marienburg vornehmlich den Schalterdienst versehen hatte. Am 21. September desselben

– 23 – Jahres wurde er zur Post-Assistenten-Prüfung einberufen, eine Prüfung, die man dem heutigen Seeretair-Examen un- gefähr gleichstellen kann. Er bestand sie mit "besonderer Auszeichnung", was um so mehr anzuerkennen ist, als man ihm ein sehr difficiles Thema gestellt hatte, ein Thema, das nicht allein schwierig war, sondern dessen Lösung sich auch auf eine Wahrscheinlichkeits-Berechnung stützte, die einen welt- und geschäftskundigeren Blick zu verlangen schien, als den eines so jungen, kaum Jahre, hauptsächlich im practischen Postdienst, beschäftigt gewesenen Beamten. Wir entnehmen zur Jllustration der Angelegenheit den biographischen Auf- zeichnungen in "Unter dem Zeichen des Verkehrs" einen Bericht, den ein "höherer Postbeamter" in der Nr. 39 der (Nord-)Deutschen Post vom Jahre 1871 giebt: "Diezurückgelegten Acten der Ober-Postdirection zu Danzig enthielten noch vor zwei Jahren die theoretische Prüfungsarbeit Stephans. Es war das Thema gestellt worden, zu erörtern, ob ein auf Zentralisation oder ein auf Decentralisation gegrün- detes Verwaltungssystem den Vorzug verdiene, eine Aufgabe, deren genügende Bearbeitung Erfahrung und staatswissen- schaftliche Kenntnisse erforderte, also wohl außerhalb des Gesichts- kreises eines angehenden Beamten lag. Stephans eminenter Befähigung gelang es aber, die Aufgabe zum größten Erstaunen der Examinatoren zu erledigen. Er erklärte sich entschieden für ein decentralisirte Verwaltung. Jn Preußen war aber erst, seit dem 1. Januar 1850, die bisher centralisirte Post- verwaltung durch Einrichtung von Ober Postdirectionen decentralisirt worden. Erfahrungen für die Zweckmäßigkeit dieser Maßregel lagen daher noch nicht vor. Stephan ver- stand aber, durch Erörterung der Ziele, die durch die Decentralisirung erreicht werden sollten, seine Ausfassung so

– 24 – klar und erschöpfend durchzuführen, daß man von ihrer Richtigkeit überzeugt werden mußte. Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch ziemlich wört- lich des Schlusses der Prüfungsarbeit: Nach den vorangegangenen Erörterungen, und während in Preußen die Postverwaltung soeben decentralisirt worden ist, könnte es auffallen, daß in Oesterreich in diesem Augen- blicke die bisher decentralisirte Verwaltung centralisirt wird. Aber in Oesterreich liegen die staatlichen Verhältnisse doch wesentlich anders, als bei uns. Dort ist es von großer Bedeutung, ob die Entscheidung in Ofen-Pest oder am Fuße des Stephansdomes in Wien getroffen wird." Aber der junge Mann erregte nicht allein durch diese geniale Behandlung eins schwierigen Stoffes die Verwunde- rung seiner Examinatoren. Als man ihn nach dem damaligen Brauch fragte, in welchen Sprachen er geprüft zu werden wünschte, hatte er die spanische und italienische genannt. Man kann sich denken, daß damals unter den prüfenden Herren Keiner war, der sich dieser Zumuthung gewachsen zeigte, gehört doch selbst heute noch ein Postbeamter, der Jtalienisch und Spanisch beherrscht, bei uns zu den Selten- heiten. Nachdem so das Examen glücklich absolvirt war, machte zunächst der Staat seine Rechte an Stephan geltend. Der junge Mann mußte Soldat werden. Jm Herbst des Jahres 1850 trat er in Magdeburg in das dortige Artillerie-Regiment ein. Von dieser Zeit liegen uns leider keine authentischen Berichte vor, was um so mehr zu bedauern ist, als es von hohem Jnteresse sein würde, zu verfolgen, wie dieser junge Mann, körperlich zwar vollkommen den dienstlichen Strapazen gewachsen, aber in einer Jdeenwelt lebend, die

dem Commiß himmelfern lag, sich mit dem militairischen Drill abzufinden gewußt hat. Jm Allgemeinen pflegt diese, lediglich auf die Stählung des Körpers berechnete Zeit auf die im Dienst der Feder stehenden Leute wie ein erfrischendes Bad zu wirken, aus dem der Geist Erholung und Kraft zu neuer Bethätigung schöpft. Bei Stephan war dies der Fall, denn, kaum entlasten, sehen wir ihn von Berlin aus, wo er seit Ende September für kurze Zeit aushülfsweise am Rechnungs-Bureau des General-Postamtes beschäftigt wurde, am 6. October an seinen Vater in Stolp einen Brief mit folgender charakte- ristischen Stelle richten: "Man suhlt sich in Berlin trotz seiner Größe übrigens sehr bald heimisch; dieses muntere, gemüthliche Völkchen, stets bereit, jedes Ungemach mit den Waffen des Witzes zurückzuschlagen, ist sehr liebenswürdig .... Bis zum 1. October hatte ich mir Alles besehen, die Museen, den zoologischen Garten u. s. w. – jetzt bin ich, wenn mein Dienst zu Ende, stets zu Hause mit eifrigen Studien zum zweiten Examen, das ich in zwei Jahren machen kann und will, beschäftigt; – mein Grundsatz ist, wie Du wohl weißt, jetzt erst mit meinem Lebensberuf fertig zu werden und mir eine sichere, sorgenfreie, ehrenvolle Stellung zu erringen, – dann ist noch immer Zeit, das Leben zu genießen, und seine reinen, edlen Vergnügungen sind ja eigentlich nur Wissen- schaft und Kunst, und erstere genieße ich, wenn ich studire; so vereinige ich Arbeit und Vergnügen .... Auch möchte ich meine Bücher recht bald hier haben .... Packt mir die Bücher in meine große Kiste ja sorgfältig in Heu ein; Jhr wißt, daß das mein größter Schatz ist, und wie sehr

– 26 – mein Herz daran hängt .... Lieber Vater, Du bist ja doch solch' reeller Mann, sorge Du mir nur dafür, daß ich meine Bücher bald hier habe; ich habe im Postfach während des Militairjahres so Manches doch vergessen, und das muß ich bald nachholen." Seine Bücher waren sein Alles, sie folgten ihm auch nach Cöln, als er am 6, November 1851 dorthin versetzt wurde. Am poesievollen Strande des Rheins, wo "die Mädchen so frank und die Männer so frei" – wo "die goldenen Saaten im schwellenden Thal, die Rebengebirge im sonnigen Strahl", da ging dem jungen Manne ein neues Leben auf. Die schöne Stadt mit ihrer herrlichen Umgebung, den impo- santen Kunstdenkmälern, den historischen Denkwürdigkeiten, dem großstädtischen Leben und Treiben – die Stadt mit dem goldigen Wein und dem heitern Sinn umstrickte ihn mit ihrem Zauber. Ein Zug von Freimüthigkeit, von sorg- loser Genußfreudigkeit geht durch das bewegliche Völkchen am Rhein, und mit aller Begeisterungsfähigkeit seiner 20 Jahre ließ sich Stephan in den Strudel des geselligen Vergnügens ziehen. "Da ging ihm das Leben so lieblich ein, Da blühte ihm freudig der Muth." Aus dem zarten Knaben hatte sich ein frischer, statt- licher junger Mann mit einer stählernen Elasticität des Körpers entwickelt, seine hellen Augen blickten scharf und lebenslustig in die Welt, und sein Wesen kennzeichnete eine frohe Empfänglichkeit für die Freuden des Daseins. Freilich, seine pecuniäre Lage war nicht glänzend genug, um ihm zu gestatten, sich allzu anspruchsvollem Genuß hin- zugeben: eine Wanderung in die liebliche Umgebung, zum .

– 27 – alten Vater Rhein, eine Fahrt zur goldhaarigen Nixe des Lurleifelsens, dann und wann ein heiteres Beisammensein mit gleichgesinnten Freunden bei einer Flasche klaren, kühlen Rheinweins, alle Jahre einmal, an seinem Geburts- tage, ein Dutzend Austern – vor allen Dingen aber der Besuch des Theaters, besonders der Oper, wohin ihn seine Liebe zur Musik unwiderstehlich zog, bildeten seine bescheidenen Freuden, aber "er war mit glühender Seele dabei". Seine tief eingewurzelte Liebe zur Natur und sein schönheitsdurstiges Auge fanden volle Befriedigung in seiner Umgebung. Jn jene Zeit fallen auch seine ersten, in die Oeffentlich- keit gelangten schriftstellerischen Versuche. Wohl um seine Geldmittel etwas ausgiebiger zu gestalten, schrieb er für eine der gelesensten Zeitungen Theaterund Musikreferate, die Aussehen erregten, so daß man sich den Kopf zerbrach, wer der Verfasser derselben sein möchte. Aber über dem Genießen verlor er nicht einen Moment das Lebensziel aus den Augen, das er sich gesteckt hatte. Treu seinem Vorsatz, das Examen für die höhere Postlaufbahn so zeitig wie irgend möglich zu absolviren, bereitete er sich mit eisernem Fleiß darauf vor. Cöln wurde gewissermaßen eine Hoch- schule für ihn, die Zeit, die er dort verlebte, nach jeder Richtung hin seine eigentliche Studienzeit. Geschichte, Philo- sophie und Staatswissenschaft wurden eifrig getrieben, die Kenntnisse in den modernen Sprachen vervollkommnet, die alten Classiker mit immer neuer Begeisterung erforscht – und daneben ein voll gerüttelt Maß von Dienst am Tage und jede zweite Nacht Nachtdienst mit einem Arbeitspensum, das sich um so reichhaltiger gestaltete, je mehr man die außerordentliche Befähigung des jungen Beamten erkannte. Staunend stehen wir vor dieser ungeheuren körperlichen und

– 28 – geistigen Leistungsfähigkeit. Nur ein Genie kann solch' ein Maß von Arbeit bewältigen und dabei noch Muße zu er- giebigem Genuß behalten. Freilich, was der Tag dem Geist an Arbeitsstunden nicht hergeben wollte, das mußte die Nacht liefern, und da- mit war der Körper nicht immer einverstanden. "Jch habe mir, weil ich beim Nachtarbeiten manchmal die Füße in kaltes Wasser setzte, eine große Erkältung zugezogen, in Folge deren mir die Schleimhaut auf der Brust und im Halse zerrissen ist," mußte er einmal nach Hause berichten. Auf dem Postamt in Cöln, wie auch als Bahnpost- beamter der Ober-Postdirection Cöln lernte er alle Zweige eines umfangreichen Postbetriebes und vornehmlich den Aus- landsverkehr mit seinen verwickelten Taxberechnungen und kleinlichen Vorschriften gründlich kennen. Er gewann einen vollen Einblick in die complicirten, den Verkehr hemmenden, den Dienst mit unnützer Arbeit überlastenden, schwerfälligen Transitverhältnisse. Durch mehr als ein halbes Tausend verschiedener Postverträge mit Tausenden von Tarissätzen, die zu fassen das "Gehirn eines Megatherions" erheischten, suchte man den Verkehr zu regeln, schuf aber nur einen "kosmischen Nebel am PostHorizont", wie Stephan sehr treffend sagt. Nach ihm war eine einzige französische Brief- karte jener Zeit fast ein Buch, und eine überseeische Post zu expediren, erheischte mindestens die Quadratzahl der Stunden von heute. Unter den Mühseligkeiten dieser Beschäftigung, die die Portoberechnung eines einfachen Briefes von Cöln nach Madrid oder Petersburg zu einem schwierigen arithmetischen Rechenexempel gestalteten, entwickelten sich schon damals in dem Kopfe des blutjungen Mannes die Keime zu seiner

– 29 – grandiosen Jdee eines Weltpostvereins, der das Jdeal eines ungehinderten Austausches geistigen Gutes von Volk zu Volk, von Land zu Land verkörpern sollte. Die Gedanken, die er später im Jahre 1868 in feiner Denkschrift über die Grundlagen des Weltpostvereins aus- spricht, sind schon in einer aus jenen jungen Jahren stammenden mündlichen Darlegung Stephans enthalten, die wir in "Unter dem Zeichen des Verkehrs" abgedruckt finden. Jn seiner klaren, knappen, überzeugenden Weise schildert er die naturgemäße Entwickelung des Postverkehrs aus dem Urzustande, wo die Landesgrenze auch die Verkehrsgrenze bildete, bis zu dem Zeitpunkte, da sich aus der Jdee der Gemeinsamkeit die höhere einer Welt- einheitstaxe herauskrystallisirt haben würde. Man kann sich vorstellen, daß ein Mann, in dessen Kopf diese großartigen Gedanken nach Gestaltung rangen, dessen Blick, weit hinausschweifend über Dienstparagraphen und Amtsvorschriften, die hohe Culturmission der Post voll erfaßt hatte, sich nicht als mechanisch arbeitendes Theilchen in die Verkehrsmaschine einzufügen vermochte. Er versuchte, sich die bei einem so großen Betriebe, wie demjenigen der Post, allerdings nothwendige Pedanterie des Dienstes er- träglich zu machen, indem er dessen Vorschriften so individuell wie möglich auffaßte. Als eines Tages bei der Ober-Postdirection ein Schreiben aus Madrid, natürlich in spanischer Sprache, einging, welches Stephan zur Erledigung zuertheilt erhielt, setzte er die vier Folioseiten lange Antwort sofort in der fremden Sprache auf, während es sonst Gebrauch war, die Amtscorrespondenz nach dem Auslande erst in deutscher Fassung dem Vor- gesetzten zur Unterzeichnung vorzulegen und von diesem

– 30 – dann die Uebertragung in die fremde Sprache bewirken zu lassen. Der Herr Postrath drehte das Schriftstück verlegen hin und her, er verstand kein Spanisch und konnte daher keine Gegenzeichnung machen, was blieb ihm übrig, als den fremdsprachlichen Text an den Bezirkschef weiter zu geben der Erfolg war derselbe: auch dem Herrn Ober- Postdirector war das Spanische – eben spanisch, aber in dem Restaurant, wo er den Frühschoppen trank, pflegte sich ein alter Herr einzufinden, der ehemals am Carlistenkriege theilgenommen hatte und also das Werk des merkwürdig sprachgewandten jungen Beamten wohl würde entziffern können. Das war der Fall, und zwar erklärte der alte Herr es für vorzügliches Spanisch, voller Erstaunen darüber, daß ein Mann, der niemals im Lande selber gewesen war, so fließend und gut dessen Sprache beherrschen könne. Das Schriftstück konnte nunmehr vollzogen und an seine Adresse befördert werden. Auch andere spanische und französische Entwürfe aus Stephans Feder finden sich vor, an einigen ist zum Ver- ständniß für den Vorgesetzten gleich die deutsche Uebersetzung von ihm an den Rand geschrieben worden. Die ganze Art des jungen Mannes, den Postdienst aufzufassen, erregte das Befremden, zum Theil auch das Mißfallen seiner Vorgesetzten. Als er noch im vractischen Dienste beschäftigt war, ließ die Pünktlichkeit, mit der er den Dienst versah, manchmal zu wünschen übrig, er zog sich Rügen zu, da er nicht rechtzeitig zum Abgang der Posten mit den vorbereitenden Arbeiten fertig war; nachher, als er auf der Ober-Postdirection den Verwaltungsdienst erlernte, suchte er dem damals üblichen umständlichen Formelkram mit dem ihm innewohnenden practischen Sinn die einfachsten

– 31 – und bequemsten Seiten abzugewinnen, erlaubte sich mit seinen 20 Jahren wahrhaft revolutionäre Gedanken über Culturaufgaben, die die Post zu erfüllen habe, aber leider nicht erfülle', daneben beschäftigte er sich mit hunderterlei anderen Dingen, die einen rechtschaffenen altpreußischen Postbeamten in der Gotteswelt nichts angingen: studirte, parlirte und poculirte – trat zu Zeiten etwas burschikos auf, schrieb gar Theaterkritiken, kurzum, er war ganz und gar nicht nach dem pedantischen Sinn, der der damaligen Postverwaltung innewohnte. Sorgenvoll schüttelte sein Vorgesetzter den Kopf und mit aufrichtiger Theilnahme gab er dem jungen, irregeleiteten Menschen bei dessen Versetzung aus Cöln 1855 den wohl- wollenden Rath, bei Zeiten einen anderen Beruf zu wählen: "Gehen Sie lieber an die Cölnische Zeitung, da können Sie noch einmal reicher werden, als der Oppenheim," schloß er. Vier Jahre hatte er in der schönen Rheinstadt zugebracht und er rechnete sie zu den schönsten Zeiten seines bewegten Lebens. Für seine Entwickelung waren sie nach jeder Rich- tung hin von großer Wichtigkeit. Sie repräsentiren ge- wissermaßen feine Sturmund Drangperiode, die Brause- zeit, in der der schäumende Most sich abklärt zu edlem, klarem Wein; in postalischer Beziehung aber erscheinen sie uns von geradezu unschätzbarem Werth, denn sie erschlossen seinem Geist durch Einführung in den Auslandsverkehr die Bahn, deren Endziel er einst mit dem stolzen Gebäude des Weltpostvereins krönen sollte. Als er 40 Jahre später, in Cöln im Jahre 1893, ge- legentlich der Einweihung des neuen Posthauses, eines der stolzesten Verwaltungspaläste, die ihm ihre Entstehung ver- danken, beim Festmahl die Tafelrede hielt, gab der alte

– 32 – Herr mit jugendlicher Frische und Lebendigkeit selber einen Rückblick auf seine Cölner Zeit, den wir hier im Wesent- lichen wörtlich folgen lassen, da er gewissermaßen das Resums jener Lebensperiode Stephans bildet. Er sagte: "Der ganze Geist des Ortes (Cöln) wirkte mächtig auf meinen jugendlichen Sinn; Geschichte, Kunst, Natur, das frohmüthige Wesen der Bevölkerung schienen mir die Jdeale zu verwirklichen, die ich vom Meeresstrande und von den Wäldern meiner Heimath, sowie vom Studium der Klassiker mitgebracht hatte. Jch habe hier vier der wichtigsten, aber auch schönsten Jahre meines Lebens verlebt. Der Dienst war schwer: 14 Stunden täglich, und einen Tag um den anderen Nachtdienst. Aber ich fand doch Zeit, meine histo- rischen und philosophischen Studien fortzusetzen, literarische Arbeiten zu machen und Verse zu verbrechen. Jch genoß viel Freundschaft in Cöln, einige meiner Aussätze in den Blättern blieben nicht unbemerkt, und wenn man hier und da fragte, was ist dieser junge Mann? dann lautete die Antwort aus gut Cölnisch: "He schrif am Pohst." An Geldüberfluß litt ich nicht; allein ich erübrigte doch so viel, daß ich alle Jahre an meinem Geburtstage, der in die Austernzeit fällt, zu Bettger in der Budengasse gehen konnte, wo ich mir ein Dutzend Ostender und eine Flasche Rhein- wein bewilligte und mir vorkam, wie der feinste Cölner Pfefferlecker, mit welchem Ausdruck man bekanntlich im Mittelalter die weit und breit bekannten hiesigen Fein- schmecker bezeichnete. Jch bin gerührt, meine Herren, daß Sie diese kleinen Einzelheiten mit so liebenswürdiger Aufmerksamkeit anhören. Jch erwähne sie nur – und könnte viele andere hinzusetzen –, um Jhnen zu sagen, wie sehr die Erinnerungen an den

– 33 – Aufenthalt in Jhrer Vaterstadt nach so langer Zeit bei mir haften geblieben sind, und wie große Dankbarkeit ich der altehrwürdigen Colonia bewahrt habe. Wenn ich heut' meine bewundernden Blicke über den vollendeten Dom, über so viele schöne Straßen und Plätze, Hallen und Denkmäler, über die Hafenanlagen und den großartigen Schiffs- und Eisenbahnverkehr schweifen lasse, so ergiebt sich ja, daß große Veränderungen hier stattgefunden haben; aber der Geist des Ortes, der mich in meiner Jugend so tief erfaßt hatte, die yualitates uooulw«, wie Albertus Magnus sie nannte, dessen Standbild, von Meisterhand in Stein gemeißelt, Sie auch am neuen Reichspostgebäude sehen, sind dieselben ge- blieben." Und nachdem er dann in launiger Weise die Kunst- denkmäler Cölns charakterisirt hat, fährt er fort: "Jn den alten Zeiten dauerte die Reise von Cöln nach Bonn einen ganzen Tag; Morgens früh wurde hier auf- gebrochen, Mittags war man glücklich bis Wesseling gelangt, wo man sich für die Anstrengungen der Fahrt mit einem soliden Frühstück belohnte, und gegen Abend sah man die Thürme des Bonner Münsters noch in ziemlich weiter Ferne auftauchen. Die Fahrt nach Aachen dauerte zwei Tage; der Conducteur ließ sich zu verschiedenen Malen vom Bock nieder mit den Worten: "minge Härrer, hier ward umsmeten", worauf die Reisenden nicht zögerten, die Arche zu verlassen und längere Strecken zu Fuß zurückzulegen. Damals hatten die Reisenden doch noch etwas für ihr Geld, sagte ein alter Postillon. Nach Frankfurt ging das Marktschiff im Trauercantaten-Tempo rhcinaufwärts; auf jedem befand sich ein inaitre äs plsisir, oder wie man auf Cöllsch sagt, ein Krätzjes- macher, um den Passagieren die Langeweile zu vertreiben; aber

– 34 – es wurden doch auch manche folgenreiche Bekanntschaften an- geknüpft. Welche Umwälzungen durch die gegenwärtigen Verkehrs- mittel! Verkehr und Cultur durchdringen beide Seiten unseres Daseins. Cöln ist ein dankbarer Boden! Dies hat sich auch, und damit lassen Sie mich schließen, meine Herren, bei dem Bau der neuen Reichspost hier gezeigt, wo in der Erde der Spaten auf den reichen Schatz wohl erhaltener Goldmünzen stieß, meist Rosenobels aus dem 14. Jahrhundert. Die wahre ross, nodilis dieser altehrwürdigen Stadt, in der ich zugleich die Hochschule meiner Lebenslaufbahn verehre, ist immer ihr Unternehmungsgeist und ihre jugendliche Kraft gewesen, sowie der Frohsinn und Freimuth, die Brav- heit und Biederkeit ihrer Bürger und Bürgerinnen. Das ist der geistige Rhein, der bei Cöln fließt, und der mit Gottes Hülfe niemals austrocknen wird. Jn dieser Zuver- sicht erhebe ich mein Glas, gefüllt mit edlem Rheinwein, und leere es bis zum Grund auf das Wohl der Stadt Cöln, ihres Handelsstandes und ihrer Bürger undBürgerinnen. Sie leben hoch!"

III. Stephans Eintritt in die höhere Postlaufbahn und die Geschichte der preußischen Post. tephan hat sich in späteren Jahren noch oft mit Ver- gnügen an die oben erwähnte väterliche Ermahnung des Herrn Postrathes in Cöln erinnert und bei einem ge- legentlichen Revisionsbesuch des dortigen Postamtes dem darob sehr betretenen alten Herrn lachend den Vorgang in die Erinnerung zurückgerufen und die Stelle gezeigt, auf der er sich abgespielt. Jedenfalls hatte sich Professor Berndt einst als besseren Menschenkenner erwiesen, da er seinem schlagfertigen, sich den ehrwürdigen Seneca aus feine übermüthige Weise aus- legenden Schüler ein "Aus Dir wird entweder viel oder gar nichts" zurief. Ein Genie, das ein viel intensiveres Leben führt und viel complicirtere Existenzbedingungen erheischt als ein ge- wöhnliches Menschendasein, ist leicht der Gefahr ausgesetzt, daß es bei seiner raschen Fahrt auf dem Strome des Lebens an einer Klippe zerschellt. Aber Stephan segelte auf einem solid gebauten Fahrzeuge dahin, das war sein kernhaftes Wesen, der feste, ehrliche Charakter und das innige Ge- müth, Errungenschaften aus dem echt deutschen Familien

– 36 – leben im Elternhause, und am Steuer saßen der streng disciplinirte Geist, die in ernster Arbeit erworbenen Kennt- nisse und regelten mit sicherer Hand den Lauf des Schiff- chens, daß es sich nicht in brausenden Stromschnellen und nicht in seichten Untiefen verlieren konnte. Geradeaus, ruhig, sicher segelte es seine Bahn, dem fernen, aber gewissen Ziele entgegen. Am 13. Januar 1855 bestand Stephan, eben erst 24 Jahre alt, die Prüfung für die höhere Postlaufbahn, dem schwarzblickenden Cölner Vorgesetzten zum Trotz, mit Auszeichnung, worauf am 2. Februar 1855 seine Ernennung zum Postseeretair erfolgte. Er kam nun zunächst, am 1. Mai desselben Jahres, nach Frankfurt a. O., mo er in der Ober-Postdirection die Stelle eines Postkassen-Controlleurs verwaltete. Der schablonenmäßige Dienst in dem verhältnißmäßig kleinen Bezirk, der keine Bethätigung eigener Jdeen und keinen Blick über den engbegrenzten Horizont hinaus ge- stattete, sowie das spießbürgerliche Leben der Provinzstadt sagten seinem Jndividualismus wenig zu. Sein Sinn stand nach Berlin, nach der Metropole des geistigen wie postalischen Lebens. Alles an ihm war frische, sprudelnde Lebenskraft, ein stagnirendes Dasein war ihm gleichbedeu- tend mit Tod. Verschiedene, sich auf diese Angelegenheit beziehende Anecdoten wurden nach dem Tode Stephans in den Spalten der Tageszeitungen verbreitet. Obgleich sie in keinen der authentischen Berichte über sein Leben aufgenommen sind, geben wir sie hier doch wieder, weil sie auf eine Seite seines reichen Wissens, die gründliche Sprachkenntniß, ein charakteristisches Licht werfen:

– 37 – Nachdem Stephan wiederholt vergebens um seine Ver- setzung nach Berlin gebeten hatte, entschloß er sich, person» lich an Ort und Stelle Schritte dafür zu thun. Aber der damalige General'Postdirector Schmückert hatte kaum das Anliegen des jungen Beamten vernommen, als er ärgerlich auffuhr, Alle wollten sie nach Berlin versetzt werden, aber es käme ihnen trotz aller ihrer schönen Versicherungen durch- aus nicht auf Bereicherung ihres Wissens dabei an, sondern lediglich auf Befriedigung ihrer Vergnügungsgelüste. Der junge Mann möge nur hübsch da aushalten, wohin ihn die Behörde geschickt habe. Sehr niedergeschlagen über diesen Bescheid ging Stephan von bannen. Wenige Minuten später wurde die Aufmerksamkeit des General-Postdirectors, der inzwischen ans Fenster getreten war, durch eine inter- essante Straßenscene in Anspruch genommen. Eine feine Dame, offenbar eine Ausländerin, und ein Droschkenkutscher streiten lebhaft mit einander, ohne sich verständigen zu können. Ein Menschenhaufen hat sich um sie herum ge- bildet, jetzt tritt auch der junge Postbeamte hinzu, dessen Anliegen er soeben schroff zurückgewiesen hat. Jm nächsten Augenblick ist er schon an der Seite der Dame, um zu ver- mitteln, und gleich darauf hat er eine Einigung der beiden Parteien herbeigeführt. Das interessirte natürlich den Herrn General-Postdirector. Was hatte sein Beamter sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen? Er ließ ihn zurückrufen und erfuhr nun, daß die Dame eine Jtalienerin gewesen sei, die, des Deutschen unkundig, mit dem Kutscher in Differenzen gerathen war, bis Stephan die Angelegen- heit ausgeglichen hatte. So verstand der junge Mann also Jtalienisch? Wie erstaunte aber der General-Postdirector, als er hörte, daß der simple Postseeretair auch Englisch,

– 38 – Französisch, Spanisch und Russisch beherrschte. Einen so sprach- gewandten Beamten durfte man nicht in der Provinz ver- kümmern lassen, und kurze Zeit darauf erfolgte feine Be- rufung nach Berlin. Nach einer anderen Version fand die Scene am Schalter des Hospostamtes statt, wo Stephan, von dem zufällig an- wesenden General-Postdirector Schmückert belauscht, einer Französin in bestem Französisch die erbetene Auskunft ertheilte. Diese Gewandtheit im Verkehr wunderte den General-Post- director um so mehr, als ihm der junge Beamte keineswegs als hervorragend eifrig und tüchtig im practischen Dienst be- kannt war, hatte man demselben doch früher bereits höheren Ortes nahe gelegt, den Postdienst zu quittiren. Nach dieser Probe von Stephans sprachlicher Befähigung hielt es der General-Postdirector indessen für gerathen, ein solches Talent dem Postdienste nicht ohne Weiteres zu entziehen. Er er- theilte ihm eine Probearbeit, die Stephan lange vor dem festgesetzten Termine in so vorzüglicher Abfassung vorlegte, daß man seine immense Begabung erkannte und dem jungen Manne nach seinem Verdienste den Weg zu einem beispiel- los raschen Avancement ebnete. Was an diesen beiden Erzählungen wahr ist, können wir nicht seststellen, da der Mund, der am besten Auskunft darüber hätte geben können, für ewig verstummt ist. Jn- dessen, wie auch der damalige General-Postdirector Schmückert auf Heinrich Stephan aufmerksam geworden ist, ob er ihn erst in Berlin kennen gelernt hat, oder schon vorher auf einer Dienstreise in Cöln, wie der Staatsseeretair im Reichs- postamt und langjährige Freund und Mitarbeiter Stephans, Fischer, in einem, dem Verstorbenen gewidmeten Artikel sagt, wie die Beiden also auch die für den jungen Beamten so

– 39 – bedeutsame Bekanntschaft geschlossen haben mögen, so viel steht fest, daß Schmückert sich vom ersten Augenblicke an mächtig zu dem jungen Manne hingezogen gefühlt hat. Dem scharfen Blick des gewiegten Beamten konnte das schlummernde postalische Genie in Stephan nicht entgehen, und in dem Wesen desselben erkannte er dem seinen ver- wandte Züge. Er zog ihn in seine Nähe und förderte ihn auf jede Weise. Stephan wieder suhlte sich durch das wahrhaft väterliche Wohlwollen seines Vorgesetzten unwider- stehlich gefesselt, er sah mit aufrichtiger Verehrung und Dankbarkeit zu ihm empor und hat alle Zeit treu zu ihm gestanden. So entwickelte sich aus dem ursprünglich amt- lichen Verkehre nach und nach eine innige Freundschaft zwischen Vorgesetztem und Untergebenem. Als General- Postdirector Schmückert starb, schreibt Stephan schmerzlich bewegt an seine Mutter: "Er hat mich wie einen Sohn geliebt; ich war der letzte Postbeamte, der ihn sprach; er hatte mich an fein Sterbebett rufen lassen, wo ich über eine halbe Stunde war; ich habe die letzten Schriftzüge seiner Hand. Noch in der letzten Todesnacht hat er nach mir wiederum verlangt. Frau Generaldirector sagte mir, der Verewigte hätte mich sehr lieb gehabt, weil ich ihm unver- brüchlich treu angehangen habe. Jch wäre, das hat er oft zu ihr gesagt, ein Geist gewesen wie seiner. Gott segne sein Andenken immerdar!" Stephan hat dem Heimgegangenen väterlichen Freunde einen Nachruf gewidmet, der den Verdiensten des Verstor- benen gerecht wird und ein schönes Zeugniß von Stephans Hochachtung und Liebe für Jenen ablegt, Stephans Berufung in das General-Postamt zu Berlin erfolgte am 13. Januar 1856. Zunächst wurde er com

– 40 – missarisch beschäftigt, aber schon am 1. Mai zum Geheimen expedirenden Seeretair ernannt. Jn dieser Stellung wurde er mit der Ausarbeitung eines neuen, verbesserten Fahrpost- tarifs für den Packetverkehr innerhalb des Gebietes des deutsch-österreichischen Postvereins betraut, ein Werk, dem er sich mit ebenso viel Umsicht als Fachkenntnis widmete. Seinem scharf ausgeprägten Sinn für eine möglichst prac- tische Geschäftsführung und seinem großen organisatorischen Talente mußte eine Arbeit, die die Vereinfachung und teil- weise Neugestaltung eines äußerst complicirten, veralteten Betriebes zum Zweck hatte, sehr sympathisch sein. Der von ihm ausgearbeitete Tarif entsprach dann auch den Anfor- derungen der damaligen Zeit vollkommen und er wurde auf der Postconferenz in München 1857 von den betheilig- ten Ländern angenommen. Kaum hatte er diese umfang- reiche Arbeit zu Ende geführt, als er auch schon mitten in einer neuen war, er schrieb eine Jnstruction für das Ab- rechnungswesen, nach der im Großen und Ganzen noch jetzt verfahren wird. Aber diese dienstlichen Obliegenheiten füllten seine Zeit keineswegs aus. Sein Geist verlangte nach unausgesetzter Beschäftigung, und der Gestaltungstrieb in seinem Jnnern drängte allgewaltig zur Bethätigung. Kleine literarische Arbeiten, wie eine Kritik der von Bronne, einem belgischen Fachmanne, verfaßten Schrift: "Ueber die britische Porto- reform von 1840", beschäftigten ihn nur vorübergehend, in seinem Jnnern bereitete sich ein großes Werk vor, das, schon 1858 vollendet, 1859 an das Licht der Oeffentlichkeit trat: die "Geschichte der Preußischen Post von ihrem Ursprünge bis auf die Gegenwart", ein Werk, das zum ersten Male die Welt ahnen ließ, welch' ein Genie sich

– 41 – hinter dem schlichten Namen Heinrich Stephan verbarg. Seine bedeutenden und vielseitigen Kenntnisse, seine seltene Belesenheit, sein wahrhaft staunenerregendes Gedächtniß riefen dieselbe Verwunderung hervor, wie sein klares, stets den Kernpunkt einer Sache treffendes Urtheil, sein muster- gültiger Styl und sein brillantes Erzählertalent, das selbst da zu fesseln verstand, wo es sich um die einfache Wieder- gabe trockener geschichtlicher Daten handelte. Man hat die Geschichte der preußischen Post mit Recht ein classisches Werk genannt, den besten Arbeiten auf ähnlichen Gebieten würdig zur Seite zu stellen. Jn seinem Vorwort sagt er, daß die Zeit vorüber sei, in der die Geschichtsschreiber die Staatengeschichte fast aus- schließlich nur als Geschichte der Politik im engeren Sinne auffaßten und die politischen Verhältnisse und äußeren Be- ziehungen der Staaten als Hauptgegenstand behandelten. Heute dringe die Geschichtsschreibung, so gut wie die Natur- wissenschaft und die Philosophie, in das innere Wesen ein, und dabei konnte es bei dem nothwendigen Zusammenhange von Stoff und Form nicht ausbleiben, daß auch die Art der Geschichtsschreibung dabei gewann, denn "aus den Schachten der Archive begann man die Schätze zu Tage zu fördern, die dort in Urkunden und Regesten der Staats- canzleien verborgen lagen ... fo trat eine gegenständlichere Behandlung an Stelle jener subjectiven Reflexionen und Jdeenverbindungen, die, so glänzend sie oft auch sein moch- ten, doch meist nur ex tulA«re tumum hinterließen, deren Jnbegriff man aber früher als das philosophische Element der Geschichtsschreibung bezeichnete und in einer Zeit, die noch nicht gar zu fern hinter uns liegt, mit tiefem Respect verehrte, obwohl schon Lucian von Samosata bei den Alten

– 42 – seinen gerechten Spott darüber ausgelassen hat." Dadurch, daß die Geschichtsschreiber nicht mehr aus dem "künstlichen Quell der Abstraction, sondern aus dem frischen Born der wirklichen Lebensverhältnisse" schöpfen, bieten sich ihnen eine Fülle reicher und eigenthümlicher Gesichtspunkte dar. So haben Eichhorn, Pertz und Ranke ihre bedeutenden Ge- schichtswerke geschrieben, ihnen aber schaffen die Special- geschichtsschreiber das Material herbei, denn "wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu thun". Heinrich Stephan hat für sein Werk ein gründliches und erschöpfendes Studium aller einschlägigen Wissenschaften betrieben, vor allen Dingen aber das vorhandene Archiv- material benutzt. Der über 800 große Octavseiten starke Band ist mit einem sehr werthvollen Quellenmaterial aus- gestattet, das in zahlreichen Fußnoten und gelegentlichen Bemerkungen auch aus verwandten Gebieten Jnteressantes darbietet. Jn einer Einleitung giebt er einen allgemeinen Ueberblick über die Verkehrsverhältnisse Deutschlands, und dann, mit den Botenanstalten in Brandenburg einsetzend, führt er die Geschichte fort bis zum deutsch-österreichischen Postverein. Nach jedem größeren Abschnitte erleichtern Rück- blicke die Nebersicht über das reichhaltige Material. Die Geschichte der preußischen Post ist ein streng sachlich ge- haltenes Buch ohne Einstreuung geistreicher Reflexionen, mit denen Stephan seine späteren Arbeiten so fesselnd zu gestalten weiß, aber sie ist von einer solchen Gediegenheit und gelegentlich eingefügte Stellen aus alten Acten und Schriftstellern beleben das für den Laien sonst vielleicht etwas trockene Thema einer Specialgeschichte so geschickt, daß auch jeder Nichtfachmann mit Vergnügen aus dem werthvollen Werke sein Wissen bereichern wird. Bedeutende

– 43 – Gelehrte benutzen das Buch als ergiebigen Quellenschatz; auf dem Gebiete der Postgeschichte aber hat es geradezu bahnbrechend gewirkt. Einer unserer hervorragendsten Nationalökonomen, Wil- helm Roscher, sagt von dem Buch: «Herr Stephan, der Reichs-Generalpostmeister, dessen Schriften, namentlich die Geschichte der preußischen Post, eine so vielseitige und gründliche Gelehrsamkeit, ein so klares Verständniß der Volkswirthschaft auch in ihren ethischen und rechtlichen Beziehungen, einen so weiten, für Vergangen- heit und Zukunft gleich scharfen, staatsmännischen Blick verrathen, verdient als Schriftsteller nicht weniger Beachtung, als in seiner großartigen, practischen Wirksamkeit," Und dieser Mann, dem ein so berufener Kritiker einen weiten, staatsmännischen Blick nachrühmt, war erst 27 Jahre alt, als er das Werk vollendete. Dabei hatte sich sein Da- sein keineswegs in der bewegten Atmosphäre des öffentlichen Lebens abgespielt, sondern es war ruhig und gleichmäßig in Provinzstädten, im Kreise von überwiegend fachmännisch gebildeten Collegen dahingeflossen, in einem Berufe, dem man Trockenheit und Zahlengeist nachsagt und von dem neuerdings erst eine gelesene Zeitung behauptete, daß er in "technischen Handgriffen und Arbeitsleistungen" bestehe. Stephan hat bewiesen, was dieser mechanische Dienst einem freien Geiste sein kann, und was ein solcher aus ihm zu machen versteht. Diesem großen Werke von imponirender Vielseitigkeit folgten einige kleinere Schriften, zunächst 1859 der "Leit- faden für die schriftlichen Arbeiten im Postwesen", der in Fachkreisen sehr geschätzt und viel benutzt wird, was schon aus seiner populären Bezeichnung "Der kleine Stephan"

– 44 – hervorgeht. Etwas später, 1864, folgten dann umfangreiche Artikel über Angelegenheiten der Post und Telegraphie für das Staatslexicon, von Rotteck-Welcker verfaßt. Jm Jahre 1858, am 14. August, wurde Heinrich Stephan zum Postrath ernannt, nachdem er einige Tage vorher, am 1t). August, nach der Ober-Postdirection in Potsdam^versetzt worden war. Er dürfte der jüngste Post- rath sein, der jemals existirte, denn er war erst 27 Jahre alt, als er diesen Titel erhielt. Sein Avancement ist ohne- gleichen in der Postgeschichte. Vom 27. Juni 1859 an wieder in Berlin mit der Neubearbeitung der Dienst-Jn- struction beschäftigt, wurde er 1863 schon zum Ober-Post- rath ernannt. Er hatte alle gleichaltrigen Beamten über- flügelt, und der persönlichen Freundschaft des General-Post- meisters verdankte er außerdem eine bevorzugte, gesellschaft- liche Stellung. Daß er trotzdem, weit entfernt, die Mißgunst feiner Collegen zu erregen, nach wie vor in schönster Harmonie mit ihnen lebte, stellt feiner Persönlichkeit das glänzendste Zeugniß aus. Sein offenes, heiteres Wesen erwarb ihm die Freundschaft feiner Collegen, und seine geniale Ver- anlagung, die dominirende Macht seines Geistes nöthigten ihnen Achtung iund Bewunderung ab; sie mußten in ihm den Mann erkennen, der von der Natur dazu geschaffen war, sieghaft ^über sie emporzusteigen. Und ^wie er sich bei den Gleichaltrigen und Gleichgestellten beliebt zu machen wußte, so verstand^er es, mit demselben feinen Tact und derselben Sicherheit in den Kreisen der obersten Beamten zu verkehren. Sein Auftreten hatte etwas vertrauenerweckend Festes, Solides, Zielbewußtes und dabei doch außer- ordentlich Verbindliches: der zähe, willensstarke, ruhig er- wägende Norddeutsche und der geistreiche, geschmeidige, rasch

– 45 – erfassende Weltmann – der Germane und der Kosmopolit in einer Gestalt. Jm Dienste war er streng, er verlangte unnachsichtig daß jeder der ihm unterstellten Beamten genau seine Pflicht erfülle, Schlendrian und Unregelmäßigkeiten durfte sich Niemand in seinem Ressort zu Schulden kommen lassen. Und doch arbeiteten die Beamten gern unter ihm; jede vernünftige Disciplin giebt ein Gefühl der Sicherheit und Kraft. Zudem hatte ihr Chef die feltene Gabe, etwas von seinem Geist, seinem Eifer auch ihnen einzuhauchen, und so straff sein Regiment auch war. es war gerecht. Wie er selber sich gegen ungerechtfertigte Anforderungen und un- verdiente Beschuldigungen energisch zu verwahren wußte, so verlangte er von seinen Beamten nichts, was die stricte Handhabung der Dienstvorschriften nicht erfordert hätte, und wenn er gezwungen war, zu strafen, einen Wunsch zu ver- sagen, so wußte er andererseits durch ein freundliches Wort, einen Act des Wohlwollens, eine angenehme Ueberraschung wieder aufzuhelfen uni> auszugleichen. Seine Leutseligkeit hatte etwas Versöhnendes; es umgab eben ein eigener Zauber sein Wesen. Vorzügliche Charaktereigenschaften verbanden sich bei ihm mit hervorragenden Geistesgaben in seltener Harmonie. Seine natürliche Liebenswürdigkeit, die sprühende Lebendigkeit seines Geistes, sein köstlicher Humor, die Ge- schmeidigkeit seiner Umgangsformen, sein Anpassungsvermögen und die herzliche, auf Alles eingehende Art, mit der er selber sich dem Vergnügen des geselligen Verkehrs hingab, wirkten un- widerstehlich anziehend. Seine blendende geistreiche Unterhal- tungsgabe war berühmt; allerdings kamen ihm dabei ein schlag- fertiger Witz und sein nie versagendes Gedächtniß, aus dem er jeden Augenblick nach Belieben schöpfen konnte, zu statten.

– 46 – Die Jugendfreunde, wie die Mitarbeiter aus feiner Glanzzeit, die Delegirten vom Weltpostcongreß, wie die ge- lehrten Theilnehmer an der Eröffnung des Suezcanals, die von ihm ihrer Würde entsetzten Thurnund Taxischen Be- amten, wie daheim die Stammtischgenossen, der einfache Förster und Jagdfreund, wie der Fürst, dem er diente, sie alle haben nur eine Stimme, daß eine sieghafte Liebens- würdigkeit der Grundzug feines Wesens war. Der schon einmal citirte Staatsseeretair Fischer, der natürlich häufig Gelegenheit hatte, in Stephans Gesellschaft zu sein, schreibt von ihm: "Auf den Conferenzen des deutsch-österreichischen Postvereins, an denen er als jüngstes Mitglied theilnahm, verschafften ihm feine Gewandtheit, die vollkommene Beherrschung des Behandlungsstoffes, feine Geschicklichkeit, widerstrebende Jnteressen zu versöhnen, als- bald eine leitende Stellung, die keineswegs dadurch beein- trächtigt wurde, daß der preußische Delegirte sich auch bei den geselligen Zusammenkünften als brauchbares Mitglied erwies und das Vorurtheil von der norddeutschen Zuge- knöpftheit durch Ausdauer beim Männertrunk, durch seine unwiderstehliche Fröhlichkeit und seine rege Betheiligung an jedem lustigen Streich gründlichst widerlegte." Eine solche Conferenz, an der Stephan theilnahm, fand auch im Jahre 1860 zu Frankfurt a. M. statt. Das Jahr 1862 war ein sehr trauriges für Heinrich Stephan, es brachte ihm zwei herbe Schicksalsschläge, die er nur langsam und schwer verwinden konnte: den schon er- wähnten Tod seines väterlichen Freundes, des General-Post- directors Schmückert, und den Verlust seiner ersten Frau, mit der er in glücklichster Ehe lebte. Heinrich Stephan hatte Anna Tomala, die am 18. October 1834 in Bonichad

– 47 – in Ungarn geboren war, in Frankfurt a. M. als Sängerin kennen gelernt, und unwiderstehlich zu ihr hingezogen, im Jahre 1855 zum Altar geführt. Auf der Rückseite des Kreuzes, das ihren Grabhügel auf dem Elisabethkirchhof in der Ackerstraße in Berlin schmückt, stehen die Worte aus dem herrlichen Lobgesang der Liebe 1. Cor. 13: "Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkennt- niß aufhören wird." Stephan konnte seiner Frau, mit der er über das Grab hinaus in inniger Liebe verbunden war, keinen schöneren Nachruf widmen, ihr Andenken war ihm unvergeßlich. Aus seiner Ehe mit ihr ging ein Sohn her- vor, der in späteren Jahren die juristische Laufbahn ein- schlug. Nachdem er, wie wir schon bemerkten, 1863 zum Ober- Postrath ernannt worden war, erhielt er auf dem General- Postamt zu Berlin dasjenige Ressort zuertheilt, das auf ihn, seiner Begabung nach, von jeher die größte Anziehungskraft ^ ausgeübt hatte: die Bearbeitung der Postverbindungen mit dem Auslande. Es würde über den Rahmen des Buches hinausgehen, wenn wir die damaligen verwickelten postalischen Verhält- nisse einer eingehenden Besprechung unterziehen wollten, indessen müssen wir doch, um die Wirksamkeit Stephans in vollem Umfange würdigen zu können, einen kurzen Ueber- blick über dieselben geben. Trotzdem dem Fürsten von Thurn und Taxis das Postregal als erbliches Reichslehen zuerkannt worden war, hatten nach dem Vorgange des Großen Kurfürsten, der die Ordnung des Postwesens in seinem Lande kurzer Hand allein übernahm und die brandenburgisch-vreußische Post

– 48 – gründete, auch andere Staaten und freie Reichsstädte Deutsch- lands eigene Postanstalten errichtet, so daß schließlich in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts nicht weniger als 30 selbstständige Postinftitute neben der Reichspost in Deutschland bestanden. So zersplittert wie das Land war, waren es auch die Verkehrsmittel. Jede Postanstalt hatte ihre eigenen Bestimmungen für ihren Jnlandsverkehr und ihre besonderen Transitgesetze, der Stufentaris mit einer un- glaublichen Anzahl einzelner Längenund Gewichtsstufen wurde von jedem Lande willkürlich gehandhabt; dazu kam, um das Chaos schier unentwirrbar zu machen, die Ver- schiedenheit der Längen-, Münz und Gewichtssysteme. Jedes Land erhob Transitgebühren für die dasselbe berührenden Postsendungen, und natürlich wollte jeder Staat möglichst viel profitiren. Die Folge davon war, daß man durch Um- leitung alle zu theuren Strecken zu vermeiden suchte; da- durch verzögerte man aber die Ankunft der Sendung und vertheuerte durch Verlängerung des Weges das Porto. 1839 kostete ein Brief von Kopenhagen nach Berlin 58 Schillinge (1 Schl. ^ 2i/g Pfg.), von Frankfurt a. M. nach Danzig 1,50 Mark nach unserem Gelde. Von der Umständlichkeit, mit der der Versandt geschah, kann man sich einen Begriff machen, wenn man hört, daß jeder Brief von jeder fremden Postanstalt, die er berührte, sorgsam gebucht wurde, was nicht gerade zur Beschleunigung der Sendung beitrug. Während man heute einen Brief, der sicher und schnell expedirt werden soll, gerade der Post übergiebt, zog man es damals vor, feine Correspondenz mit Gelegenheit durch Privatpersonen befördern zu lassen. Um das theure Porto zu sparen, waren die Kaufleute auf das Auskunftsmittel verfallen, geschäftliche Mittheilungen an mehrere Personen

– 49 – in derselben Gegend auf ein Blatt zu schreiben, das dann der erste Empfänger zerschnitt und vertheilte. Das Porto bei einem Transit durch mehrere Länder war weder sicher vorauszuberechnen, noch vorauszubezahlen. Wie der Ab- sender, mußte auch der Empfänger seinen Theil tragen. Manche Jrrthümer und Unregelmäßigkeiten kamen vor, denn Briefmarken gab es noch nicht. Charakteristisch für diese Zustände, die in anderen Ländern nicht besser waren, ist die Anecdote von Rowland Hill, der in Schottland einem Bauernmädchen begegnet, das einen Brief von ihrem fernen Bruder dem Briefträger zurückgeben muß, weil es nicht im Stande ist, den Schilling Porto dafür zu bezahlen. Hill begleicht voller Mitleid die Summe, um sich schon im nächsten Augenblick von dem Mädchen mit Vorwürfen für feine Verschwendungssucht überhäufen zu lassen. Jn dem Umschlage war nichts als ein leeres Blatt Papier enthalten, die erwünschte Notiz, daß der Bruder gesund war, stand in vorher verabredeten Zeichen auf der Rückseite des Briefes – so unterschlug man Porto. Wenn die specielle Wahr- heit dieser Anecdote auch von Hill selber geleugnet wird, so enthält sie doch die allgemeine, daß ein Jnstitut, dessen Bestimmungen man auf jede Art und Weise zu umgehen sucht, nicht feiner Aufgabe gerecht wird. Je mehr das aufblühende geistige und gewerbliche Leben das Verkehrsbedürsniß steigerte und besonders, seitdem die Eisenbahn dem Verkehrsleben einen rascheren Pulsschlag verlieh, desto fühlbarer traten natürlich alle diese Hemmnisse des Verkehrs hervor, und desto dringender wurde der Wunsch nach Abhülfe laut. Gerade in Deutschland mit seiner Zersplitterung in so viele kleine Ländergebiete war der Wirrwarr auf postalischem 4

– 50 – Gebiete am allergrößten. O. Veredarius sagt in feinem Buch von der Weltpost: "Die damaligen Posttaxen in Deutsch- land bieten eigentlich das Bunteste dar, was man sich vor- stellen kann, so daß man fast glauben möchte, es sei aller Scharssinn aufgewandt worden, die Verschiedenheit so groß als möglich zu machen", und Stephan sagt in Bezug auf die Menge der Tarissätze: "es faßte sie Niemand – ein Trost für den menschlichen Geist: die Erhebung der Taxen war vielfach eine Wahrscheinlichkeits-Berechnung." Zwar hatte Preußen auf dem Wiener Congresse die einheitliche Regelung des Verkehrswesens in Deutschland beantragt, es geschah indessen nichts dafür. Ebenso resultat- los verlief der Antrag der Freien Städte in der Bundes- versammlung von 1819: "mittelst einer Vereinigung der Bundesstaaten den Zustand .des Postwesens in Deutschland zu verbessern, insbesondere den Klagen über übermäßige Theuerung des Portos und Verlängerung der Postrouten abzuhelfen und zu dem Ende am Bundestage eine Commission anzuordnen." Allerdings unternahmen, dadurch angeregt, einzelne Länder Versuche zur Besserung des Postwesens, diese hatten aber fast stets noch eine Vertheuerung der Taxen und eine Verschärfung der Postzwangsbestimmungen zur Folge. Da unternahm England im Jahre 1840 durch Ein- führung des Pennyporto-Systems von Rowland Hill einen bedeutenden, aber etwas zu gewaltsamen Vorstoß gegen die verrotteten Zustände im Postwesen. Das blieb auf andere Länder nicht ohne Einfluß. Preußen, das schon für mancherlei Verbesserungen im Postverkehr bahnbrechend ge- wesen war, trat mit Oesterreich und allen übrigen deutschen Ztaaten 1848 zu einer Conferenz in Dresden zusammen.

um eine Besserung der postalischen Verhältnisse in ihren Ländern zn berathen, aber, obwohl man Monate tagte, hatte die Conferenz zum Endergebniß – nichts! Man hatte – sehr bezeichnend – sich überzeugen müssen, "daß man die Kenntniß aller in den deutschen Staaten zur Zeit bestehenden Postnormen und Einrichtungen – es gab da- mals 16 verschiedene Postgebiete in Deutschland – nicht besitze, und daß ohne diese Kenntniß eine Reform nicht möglich sei". Erst im Jahre 1850 kam durch energische Förderung der Angelegenheit durch den preußischen Handels- minister v. d. Heydt, der zugleich General-Poftdirector war, der deutsch-österreichische Postvereins-Vertrag zu Stande. Er bezeichnet einen bedeutsamen Schritt zur Besserung der Verkehrsverhältnisse, indem er alle dem deutsch-österreichischen Vereine angehörenden Staaten zu einem einheitlichen, un- getheilten Postgebiet zusammenschloß. Fortan bildete die Landesgrenze nicht mehr zugleich auch die Verkehrsschranke, und das Porto, bis zu 10 Meilen 1 Silbergroschen, von 10–20 Meilen 2 Silbergroschen. über 20 Meilen 3 Silber- groschen für den einfachen Brief, wurde nur noch nach der directen Entfernung des Absendungsund Bestimmungs- ortes berechnet. Natürlich hatte man sich vorher über eine Längenund Gewichtseinheit verständigen müssen. Dieser Vertrag schuf zwar nur eine Verkehrsnorm für die ihm zugehörenden Länder unter einander, die Feststellung der Jnnentarife blieb dem Gutdünken der einzelnen Länder vorbehalten, und der Transitverkehr mit fremden Gebieten erfuhr keine irgendwie einheitliche Regelung, trotzdem hat der deutsch-österreichische Vertrag zur Evidenz erwiesen, daß eine postalische Vereinigung vieler Länder unter einander sehr wohl möglich ist, und in dieser Beziehung ist der kleine

– 52 – Verein gewissermaßen als ein Vorläufer des gigantischen Weltpostvereins anzusehen. Es fehlte nicht an Bestrebungen der einzelnen Länder des Vereins, das ganze Postwesen des deutschen Reiches aus seiner Zerrissenheit zu lösen und die nur lose verbündeten Gebiete zu einem einzigen, wirklich zusammengehörigen Postgebiete zu gestalten, aber obwohl Thurn und Taxis nach längerem Zögern dem Vereine gezwungen beigetreten war, wußte es sich doch jeder durchgreifenden Reform inner- halb desselben aus rein materiellen Rücksichten zu widersetzen. Mit diesen verworrenen und unerquicklichen Verhält- nissen trat nun Stephan in unmittelbare Berührung, und man kann sich vorstellen, wie sehr solch ungeordnetes Wesen seinen auf Klarheit, Einfachheit und Zweckmäßigkeit ge- richteten Geist gepeinigt, und welch' ein Verlangen, ordnend und bessernd eingreifen zu dürfen, es in ihm entzündet haben muß. Der Krieg von 1864 gab ihm zunächst Gelegenheit, sein organisatorisches Talent bei der Ueberführung des schleswig-holsteinischen Postwesens in die Landespostanstalt, mit welcher Aufgabe er betraut worden war, zu bethätigen. Das war ein schwieriges, mit Weitläufigkeiten verknüpftes Werk! Zwischen den Bu«descommissarien bestanden Meinungs- differenzen, es war schwer, eine Form zu finden, die beide, in Schleswig-Holstein die Macht ausübenden Reiche, Preußen und Oesterreich, zufriedenstellte. Holstein wünschte eine eigene, von Schleswig getrennte Verwaltung, und dazu konnte erst 1868 resp. 1869 nach vielen langwierigen Ver- handlungen und gegen Zahlung einer Entschädigungssumme Dänemark und Schweden dazu bestimmt werden, ihre in Hamburg und Lübeck bestehenden Postämter einzuziehen.

– 53 – Aber Stephan zeigte sich dieser Aufgabe vollkommen gewachsen. Fischer sagt von ihm: "Wie dem Riesen in der griechischen Göttersage wuchsen ihm, wenn es darauf ankam, Schwierig- keiten zu überwinden, hundert Hönde, alle entschlossen zu- greifend und alle zielbewußt." Während schon am 21. Juni 1865 ein Postvertrag mit Dänemark zu Stande kam, bei dem Stephan als preußischer Abgeordneter fungirte, dauerte es länger als zwei Jahre, bis zur definitiven Occupation der Länder durch Preußen, ehe die postalischen Verhältnisse in Schleswig-Holstein ihre ordnungsgemäße Gestaltung erhalten konnten; inzwischen war an Stephan noch die Aufgabe herangetreten, die Post des zu Preußen gelangten Herzogthnms Lauenburg der Landespost einzufügen. Jn diese Zeit seiner Thätigkeit fällt dann der Krieg von 1866, der von einem durchgreifenden, bahnbrechenden Einfluß für das gesammte Postwesen Deutschlands werden sollte.

IV. Tlzurn mW Tsxis. ährend Stephan im Jnnern mit der Organisation des schleswig-holstein'schen Postwesens und im Aeußern durch Abschließung verschiedener internationaler Postverträge, auf die wir später noch zurückkommen werden, beschäftigt war, wurde er 1865 zum Geheimen Postrath und vor- tragenden Rath für die postalischen Auslandsverhältnisse ernannt. Er meldet diese neue Würde, wie er es mit jedem wichtigen Ereigniß that, seiner geliebten Mutter mit den Worten: "Wenn Vater doch noch hier unten wäre! Er lebt immer in meinem Herzen." Diese Trauer über den frühen Heimgang seines Vaters – er war am 8. März 1860 im Alter von 67 Jahren an Lungenlähmung gestorben – klingt aus vielen seiner Briefe wieder, und er ist glücklich, daß ein gütiges Geschick ihm die Mutter so lange erhielt. Das Jahr 1866 stellte Stephan vor den Beginn einer Riesenarbeit: der Ueberführung der Thurnund Taxis'schen Post in die preußische Verwaltung. Als die Glocken im Frieden von Prag den Sieg Preußens einläuteten, da erklangen sie zugleich als Sterbe- geläut einer 350 Jahre alten Verkehrsanstalt, die einst bei

– 55 – ihrer Einrichtung einem dringenden Bedürfniß in so segens- reicher Weise Abhülfe verschaffte, daß ein gleichzeitiger Schriftsteller von ihr sagte: "Die Erfindung der Posten ist unter die Glückseligkeiten jetziger Zeit billig zu setzen", die aber nach und nach durch ihre starren, neuerungsfeindlichen Verwaltungsgrundsätze und das rücksichtslose Ausbeutungs- system, das sie betrieb, zu einem Hemmschuh jeden Auf- schwungs des Verkehrs, zu einer rechten Verkehrsplage ge- worden war. Als Francesco de Tassis im Anfange des 16. Jahr- hunderts daran ging, nach dem Muster früherer Einrichtungen, besonders derjenigen des «ursuL pudlicus des alten Rom, zu allgemeinem Gebrauch eine geregelte und ununterbrochene Verkehrsverbindung zwischen verschiedenen Ländern herzu- stellen, da erwies er sich als ebenso großer Kenner der Bedürfnisse seiner Zeit, wie als schlauer Finanzpolitiker. Amerika und der Seeweg nach Ostindien waren ent- deckt – sie brachten eine Menge neuer Handelsverbindungen in die alte Welt, die Buchdruckerkunst war erfunden – ihr folgte ein Ausschwung auf geistigem Gebiete, der darnach drängte, Allgemeingut zu werden; die humanistischen Jdeen gährten in den Völkern und suchten sich zu verbreiten; ein tief empfundenes Bedürfniß nach einem Austausch materieller und geistiger Güter machte sich immer dringender fühlbar – und doch existirte kein einziges ausreichendes oder zuver- lässiges Verbindungsmittel, vor allen Dingen aber kein allgemeines. Nachdem lange Zeit der Austausch von Briefen und sonstigen Botschaften allein per Gelegenheit durch Pilger, Klosterbrüder, wandernde Gesellen, Hausirer:c. oder aber durch expresse Boten erfolgt war, ging man bei dem durch

– 56 – das Aufblühen der Städte sich mächtig steigernden Verkehr daran, besondere regelrechte Einrichtungen zur Vermittelung desselben zu treffen, aber ganz im zunftmäßigen Sinne der mittelalterlichen Abschließungstheorie richtete jede Stadt, jeder Stand, jeder Fürst seine eigenen Botenanstalten ein, deren Benutzung keinem Anderen freistand; ja man hinderte sogar mit Gewalt den Nachrichtenlauf anderer Botenanstalten durch sein Gebiet. Es gab Universitärund Klosterboten, "geschworene Stadtboten" oder "Magistratsausreuter," Boten der Kaufmannschaft, "Edle-Post-Jungen" der Fürsten, Kanzlei- boten und vor allen Dingen die "Metzgerposten", die populärste unter den Botenanstalten, deren Thätigkeit sich auf einen weiten Umkreis erstreckte. Die Metzger, die auf ihren Reisen zum Viehankauf und Fleischvertrieb oft angegangen worden waren, unterwegs Botschaften und Briefe abzugeben, hatten aus diesen gelegentlichen Verkehrsvermittelungen allmählich ein Gewerbe gemacht, indem sie Bezahlung forderten und ihrer ganzen Verkehrsbesorgung eine gewisse Regelmäßigkeit gaben. Von ihren Einrichtungen ist sogar bis zum heutigen Tage noch ein Ueberbleibsel im Postdienste erhalten: das Posthorn. Sie pflegten nämlich ihren Kunden ihre Ankunft durch Blasen eines Hornes anzumelden, eine Gewohnheit, die auch die Thurnund Taxis'sche Post annahm und den anderen, später gegründeten Postanstalten übermittelte. Es gehörte nicht allein ein genialer Kopf, ein scharfer Blick, eine bedeutende Energie dazu, den Gedanken an eine Vereinigung so vieler einander widerstrebender Jnteressen zu fassen und in die That umzusetzen, sondern auch ein be- deutender persönlicher Muth. Und in diesem Sinne möchten wir Francesco de Tassis mit unserem Stephan vergleichen.

– 57 – Sie besaßen Beide die Fähigkeit auserlesener Naturen, die Forderungen der Zukunft über den engen Kreis der Gegenwart hinaus zu erkennen, sie waren Beide bedeutende Organisationstalente und dabei kluge, schaffenskräftige Männer, muthige Pioniere auf der Bahn des Fortschrittes, aber mit dem Unterschiede, daß Tassis vor allen Dingen seinen eigenen pecuniären Vortheil dabei im Auge hatte, während Stephan allein das Jdeal der Cultur, ein freier, weltumfassender Gedankenaustausch, vorschwebte. Um für sich und feine Nachkommen den ausschließ- lichen Besitz und die gesammten Einkünfte des einzurichtenden Postcursus zu sichern, erbot sich Francesco de Tassis, die kaiserlichen Briefe kostenfrei von dem Hoflager in Wien nach der österreichischen Statthalterschaft in den Niederlanden zu befördern. Der Kaiser willigte in die Bedingungen ein, und so entstand im Jahre 1516 der erste regelmäßige Nachrichtenlauf zwischen Wien und Brüssel mit stations- weisem Wechsel der Beförderungsmittel und das erste Post- haus auf deutschem Boden in Rheinhaufen. Tassis wurde zum niederländischen Postmeister ernannt. Wir wollen kurz erwähnen, daß die Tassis dem mai- ländischen Geschlecht der Torreani entsprossen sind, und ihr Stammschloß auf dem Berge Tasso (Dachsberg) stand. Nachdem der deutsche Kaiser Johann Baptisto del Torro et Tassis naturalisirt hatte, verdeutschte das Geschlecht den Namen in Thurn und Taxis. Jm Jahre 1595 wurde Leonhard von Taxis General- postmeister des Reiches, eine Würde, die sein Nachfolger Lamoral 1615 als erbliches Lehen bestätigt erhielt, indem er zugleich in den Grafenstand erhoben wurde. Später wurden die Taxis sogar gefürstet.

– 58 – Beim Entstehen dieser ersten Verkehrsanstalt, die bald von den Courierritten, den postes Ludwig XI., den Namen poste ro^ale annahm, gab es ein allgemeines Schütteln des Kopfes, man verstand nicht die Bedeutung einer solchen Einrichtung und bezweifelte ihre Lebensfähigkeit. Es dauerte aber nicht lange, da bewies die Post, daß der Unternehmungsgeist eines Einzelnen nur einer zwingenden Notwendigkeit der Zeit greifbare Form verliehen hatte. Der Kaufmann erkannte die Vortheile, die ihm aus ihrer Benutzung erwuchsen, die Wissenschaft nahm sie zur Ver- mittlerin an, mit ihrer Hülfe trat das Zeitungswesen ins Leben, der Buchhandel entwickelte sich, kurzum aus der Abneigung, die man anfänglich gegen diese Neuerung hegte, erwuchs sehr bald eine so rege Sympathie, daß Moser in seinem Deutschen Staatsrecht von ihr schreiben konnte: "Es bleibet also das förmliche Postwesen eine Taxis'sche Erfindung, welche gantz erstaunliche Folgen nach sich gezogen, und die Welt in manchen Sachen fast in einen andern Model gegossen hat, und welche, wann sie in Schranken bleibet, dem ?ublic« und ?rivs.tis zu unsäglichem Nutzen, und denen, so die Einkünfte davon ziehen, zu großem Profit gereichet, dahero, wenn es in der Welt überall nach Billig- keit gienge, dieser Familie von allen Landen Europens, wo Posten vorhanden sind, eine beständige Erkenntlichkeit ge- bührte. Und ist es zwar jetzt so leichte nachzuahmen, als die amerikanische Schifffahrt dem Columbo; wer weiß aber: Ob die Welt nicht noch ebenso lang als zuvor würde ge- standen seyn, ohne von Posten oder Amerika etwas zu erfahren, wenn kein Taxis und kein Columbus gekommen wäre." (Moser, Teutsches Staatsrecht.) Die Postcurse mehrten sich: von Wien reichten sie bis

– 59 – Tyrol, von Brüssel bis Hamburg, Frankfurt und Rom. .Mit ihnen zugleich stiegen natürlich auch die Einnahmen, die sie abwarfen, denn die Taxis waren von jeher gute Rechenmeister gewesen, sie wußten ihren Vortheil zu wahren. Schon 1588 bekannte Leonhard von Taxis, daß die Reichs- post jährlich 100 000 Ducaten reinen Ueberschuß abwerfe, es sei "ein solcher Brunnen, darinnen alle Quellen zu- sammenflössen". Zum Schaden für Taxis aber erkannten auch Andere die Ergiebigkeit dieser Quellen, und der Besitzer des erblichen Postregals mußte in der Folgezeit, sehr bezeichnend für die damaligen Verhältnisse, unausgesetzt um die Erhaltung seines staatlich verbrieften Rechtes kämpfen. Zunächst hatte sich der Kaiser als Preis für die Lehenswürde die Errichtung einer eigenen Postanstalt in Oesterreich ausbedungen. Um so mehr suchte Taxis in anderen Ländern alleinherrschend aufzutreten. Dort aber galt es, die Concurrenz der ver- schiedenen Botenanstalten zu brechen, und das war nicht so leicht. Die alten Einrichtungen hatten trotz ihrer Un- regelmäßigkeit den Vorzug der Popularität, und sie waren billiger, als die Reichspost. Aus diesen sich kreuzenden Jnteressen entsprang ein 200 Jahre währender Gurrilla- krieg zwischen Taxis und den mit leidenschaftlicher Erbitterung um ihr Fortbestehen kämpfenden, veralteten Ueberresten einer vergangenen Zeitepoche, der voll von köstlichen Zügen un- freiwilliger Komik ist, der aber auch seine sehr tragischen Züge aufzuweisen hat. Nicht allein, daß man mit allen Mitteln der Gewalt und List sich gegenseitig die Ausübung der Amtspflichten unmöglich zu machen suchte, den Posttransporten auflauerte, die Postfelleisen der gegnerischen Partei an sich riß, deren

– 60 – Träger gefangensetzte – es kam neben diesen Beraubungen und Verprügelungen auch zu blutigen Zusammenstößen. Jn Belgien erregten die Botenanstalten, welche dort zu besonderer Macht gelangt waren und sich auch neben der Taxis'schen Post bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts zu behaupten wußten, eine reguläre Postrevolution, die mit Truppenmacht unterdrückt werden mußte und die schwersten Folgen, selbst Verbannung und Tod, für die Rädelsführer nach sich zog. Jn Cöln hatte der ehemalige Taxis'sche Postmeister Henot nach feiner Amtsentsetzung vom Kaiser auf Lebenszeit die Genehmigung erhalten, eine Privatpostanstalt zur Be- förderung der Stadtsendungen anzulegen. Diese gestaltete sich so einträglich, daß nach seinem Tode seine thatkräftige Tochter Catharine sie fortzusetzen suchte. Das war aber wenig nach dem Wunsche der Taxis. Catharine Henot wurde plötzlich von Profoß-Schwestern des St. Claraklosters der Zauberei angeklagt und nach grausamer Folterung ver- brannt. Auch in anderen Theilen des Reiches kam es zu Tätlichkeiten derbster Art. Die Anstalt, die ihrem ganzen Wesen nach dazu geschaffen erscheint, die friedlichen Be- ziehungen der Menschen und Völker unter einander zu pflegen, war bis in die neueste Zeit hinein selber ein Erisapfel in den Händen verschiedener Parteien. Rücksichtslos sich den Weg bahnend, gewann die Taxis'sche Post mehr und mehr an Boden, aber ebenso sehr häuften sich auch die Klagen wegen der Gehässigkeit und Eigenmächtigkeit ihrer Beamten, der Willkür in der Fest- setzung der Taxen und anderer Unzuträglichkeiten in der Verwaltung, so daß bald eine allgemeine Unzufriedenheit mit ihr herrschte und, wie schon bemerkt, der Große Kurfürst

– 61 – 1651 kurz und bündig dem Taxis'schen Generalpostmeister erklärte, der Kaiser habe die Zustimmung der Landesfürsten nicht eingeholt, als er das Postlehen vergab, folglich habe er in seinem Lande selber eine Post angelegt und könne "dahero zur Vermeidung von allerhand Ungelegenheiten keine andere gedulten". Diese entschlossene That Friedrich Wilhelms und das Aufblühen der streng geregelten, gewissen- haft geleiteten brandenburgischen, später preußischen Post, die höhere Ziele verfolgte, als allein die Mehrung des Staatsreichthums, eiferte gewaltig zur Nachahmung an. Nach und nach entsproßten dem Boden des immer reger sich gestaltenden Verkehrslebens immer neue staatliche Verkehrsanstalten, die ihre Existenzbedingungen der Allein- herrscherin Taxis abzuringen wußten. Man bezahlte Taxis allenfalls eine Abstandssumme und sicherte sich nebenbei durch Geschenke an Taxis'sche Post- meister deren Willfährigkeit im amtlichen Geschäftsverkehr – so kam es, daß Taxis allmählich mehr und mehr von seinem Gebiete einbüßte, in anderen Theilen wieder neben seiner Post noch eine landesherrliche dulden mußte. Anfang unseres Jahrhunderts bestanden, wie schon erwähnt, dreißig selbstständige Postanstalten neben der Lehens- post, und als sich von diesen eine Anzahl im deutsch- österreichischen Postvertrage zusammenthat, erwuchs ihr aus deren gemeinsamem Vorgehen eine noch gewaltigere Con- currenz, indessen, obwohl die Wirksamkeit der Thurnund Taxis'schen Post sich nur noch auf einige Landstriche bezog, und sie auch dort fortwährenden Bedrängnissen ausgesetzt war, so bestand sie doch weiter und mit ihr zugleich ihr veraltetes System, das in der Post lediglich eine möglichst gründlich auszuschöpfende Geldquelle sah und deshalb keinerlei

– 62 – Erleichterung im Verkehr aufkommen ließ, sobald für sie das geringste pecuniäre Opfer damit verbunden war. So hemmte sie grundsätzlich den Fortschritt; sie war der Pfahl im Fleisch des modernen Verkehrslebens, und so lange der nicht ent- fernt war, konnte an eine, alle Gebiete Deutschlands um- fassende, durchgreifende Reform der postalischen Verhältnisse nicht gedacht werden. Natürlich machte sich ihr hemmender Einfluß um so fühlbarer, je rascher und voller sich der Pulsschlag des öffentlichen Lebens gestaltete. Nachdem nun nach dem dänischen Kriege das schleswig- holsteinische Postwesen und das lauenburgische durch Stephan in preußische Verwaltung überführt worden war, trat nach dem Friedensschluß von Prag am 23. August 1866 die Aufgabe an die preußische Verwaltung heran, die Verkehrs- anstalten der neu erworbenen Gebiete der Laridesverkehrs- anstalt einzuverleiben. Das bot in den Elbherzogthümern und Hannover mit ihren zeitgemäßen, postalischen Ein- richtungen keine besonderen Schwierigkeiten dar; Kurhessen, Hessen Homburg, Frankfurt a. M., Nassau und einige kleinere Theile Bayerns indessen bildeten das Hauptgebict der fürstlich Thurn und Taxis'schen Post, und die Ein- verleibung dieser Länder in Preußen unterband der alten Reichspost die Lebensader. Die Schwierigkeit der Ueber- nahme derselben bestand hauptsächlich darin, daß nicht eine Neuorganisation zu schaffen war, sondern daß vorhandene verrottete Einrichtungen dem modernen Verkehrswesen an- gepaßt und eine große Anzahl von Beamten des alten Systems in die neue Verwaltung übernommen werden mußten. Und zwar mußte diese Assimilirung derartig voll- kommen geschehen, daß man die Existenzbedingungen der Taxis-Post durchaus in den Händen hielt und auf Grund

– 63 – dieser gefestigten Stellung einen dominirenden Einfluß auf jene Länder ausüben konnte, die das Restgebiet der alten Reichspost bildeten. Das waren: die Großherzogthümer Sachsen-Weimar und Hessen, die Herzogthümer Coburg- Gotha und Meiningen, die Fürstenthümer beide Lippe, beide Schwarzburg, beide Reuß und die freien Städte Lübeck und Hamburg. Stephan hatte bereits eine Denkschrift für die Ueber- führung der Taxis'schen Post in preußische Verwaltung ausgearbeitet, die der preußischen Regierung die Ausführ- barkeit derselben bewies und sie bestimmte, sofort an dieselbe heranzutreten. Der Verfasser der Denkschrift, Geheimer Postrath Stephan, erschien ihr als der am meisten Befähigte, das alte Taxis'sche Jnstitut dem Geiste der neuen Zeit anzupassen, und er erhielt den Auftrag, augenblicklich ans Werk zu gehen. Am 17. Juli 1366 rückte er mit den preußischen Truppen, die königliche Vollmacht in der Tasche, in Frankfurt a. M. ein und beschlagnahmte unverhofft im Namen der preußischen Regierung die fürstliche Post- verwaltung zum großen Entsetzen der Taxis'schen Beamten, welche meinten, das letzte Stündlein ihrer postalischen Wirksamkeit habe geschlagen. Der Generaldirector der fürstlichen Post, Freiherr v. Scheele, ehemaliger Staatsminister Hannovers, legte sein Amt nieder, und nach einem sofort erfolgten Erlaß Stephans mußten alle übrigen Beamten die schriftliche Erklärung abgeben, daß sie ihr Amt im Dienste der siegreichen Macht gewissenhaft weiterführen wollten. Man kann sich denken, daß der neue Chef nicht eben enthusiastisch aufgenommen wurde, und daß die Verhand- lungen über die dem Fürsten von Thurn und Taxis zu

– 64 – zahlende Entschädigung manche peinliche Situation schufen, trotzdem ging, dank Stephans ebenso tactvollem, als ener- gischem Auftreten, Alles so vorzüglich von statten, daß sich sehr bald Sympathie für die preußische Verwaltung be- merkbar machte. Stephan war eben ein Meister in der Vereinigung getrennter Jnteressen, und seine Liebenswürdig- keit eroberte auch den Widerstrebendsten unter dem Taxis'schen Beamtenpersonal. Seine erste Sorge war, die durch den Krieg gehemmten oder zerstörten Verkehrsverbindungen wiederherzustellen, und es dauerte nicht lange, da errang der stramme Geist der preußischen Verwaltung und das geordnete, sichere und schnelle Functioniren der Verkehrsmaschine, die unter ihrer Leitung arbeitete, das Vertrauen der Bevölkerung. Darnach ging Stephan an die Prüfung der Gerechtsame des Fürsten von Thurn und Taxis, um auf Grund derselben die Höhe der Abfindungssumme feststellen zu können. Das war ein höchst verwickeltes und langwieriges Geschäft, zu dessen beide Theile befriedigender Bewältigung der Scharfblick und das staatsmännische Genie eines Stephan gehörten. Der Privilegien der Taxis-Post existirten eine Unzahl, und ebenso mannigfaltig waren die Veranlassungen, aus denen sie hervorgegangen waren. Die genaue Wiedergabe derselben würde in ein fachmännisches Buch gehören, wir erwähnen nur, daß die Gerechtsame der Taxis bei der Er- richtung des Deutschen Bundes in Artikel 17 der Bundesacte vom 8. Juni 1815 mit Hinweisung auf die ursprünglichen Abmachungen festgesetzt worden waren. Ganz abgesehen davon, daß es also galt,, diese ursprünglichen Rechtstitel zu prüfen, hatten dieselben auch im Laufe der Zeit mannig- fache Umgestaltungen erfahren, die wieder zum Theil nicht

– 65 – einmal rechtskräftig waren. Stephan hatte sich durch nicht weniger als zweiundzwanzig Verträge, die die Taxis-Post mit den einzelnen deutschen Staaten eingegangen war, und durch die Abänderung derselben hindurchzuarbeiten, und jeder der Verträge zeigte feine eigene Physiognomie – denn die Thurn- und Taxis'sche Verwaltung war in den einzelnen Ländern Deutschlands natürlich durch alle politischen Constellationen und Aenderungen in der Gesetzgebung in Mitleidenschaft gezogen worden, und außerdem hatte der Grad der Energie der verschiedenen Landesherren der Reichspost in deren Gebieten ein besonderes Gepräge zu geben gewußt. Dazu kam das eigenartige, bis ins 16. Jahrhundert hinaufreichende Verwaltungssystem der Lehnspost, das in particularistischen Motiven wurzelte, und die bei Feststellung einer Ablösungs- summe für zukünftige Leistungen nothwendige Prüfung der Gestaltung, die die alte Anstalt unter den veränderten politischen Verhältnissen Deutschlands voraussichtlich an- nehmen würde, um die Aufgabe noch umfangreicher und verwickelter zu machen. Es war ein Glück, daß die fiscalischen Verwaltungs- grundsätze der Thurnund Taxis'schen Post eine genaue Kassenund Buchführung bedingt hatten, und daß Stephans rasches und energisches Eingreisen die Geschäftsbücher in seine Hand gebracht hatte, so konnte man mit Sicherheit den jährlichen Reinertrag, der bis dahin ängstlich verheim- licht worden war, feststellen. Mit Benutzung dieser Kenntniß und der Abmachungen bei früheren Ablösungen Thurn- und Taxis'scher Postrechte wurde im Hinblick auf die oben erwähnten Gesichtspunkte und mit thatkräftiger Unterstützung des diplomatisch hervorragend befähigten Taxis'schen Bevoll- mächtigten, Freiherrn v. d. Gröben, in den vom Sep- 5

– 66 – tember 1866 bis zum Januar 1867 währenden Verhand- lungen ein Ablösungsvertrag entworfen, der die Billigung des Chefs der preußischen Post, des Handelsministers Grafen Jtzenplitz und des Ministerpräsidenten Grasen Bismarck fand. Jn der Sitzung vom 7. Januar 1867 hielt Stephan dem Staatsministerium Vortrag über die ganze Angelegen- heit, und auch von ihm wurde der Vertragsentwurf ge- nehmigt mit der einzigen Abänderung, daß die Abfindungs- summe eine Herabsetzung erfuhr, in die der Fürst von Thurn und Taxis nothgedrungen willigte. Nun galt es, noch mit den übrigen betheiligten deutschen Staaten die nöthigen Verträge abzuschließen, und nachdem Stephan auch dies Geschäft zu glücklichem und rechtzeitigem Ende geführt hatte, wurde am 28. Januar 1867 der Ab- lösungsvertrag von den Betheiligten unterzeichnet. Vom 1. Juli 1867 ab sollten gegen eine Entschädigung von drei Millionen Thalern die Taxis'schen Postgerechtsamen und Einrichtungen an Preußen übergehen. Der bezügliche Gesetzentwurf wurde von beiden Häusern einstimmig genehmigt und am 30. Juni dem Taxis'schen Bevollmächtigten die Abfindungssumme in Berlin ausgezahlt. Nachts 12 Uhr war alsdann der Zeitpunkt gekommen, da dem gesammten Taxis'schen Postwcsen der Kehraus geblasen wurde. Man stürzte die Kassen, zum letzten Mal wurden ihre Bestände an die fürstliche Verwaltung abgeführt, und die altersschwache Reichspost, die, so arg beleumundet sie war und so wenig Veranlassung ihr nachzutrauern vorlag, doch mit ihren ehrwürdigen, umfangreichen Postchaisen und den gelben Sperlingsfräcken ihrer Beamten als ein charakteristisches Unicum der Vergangenheit in die Jetztzeit hineingeragt hatte, löste sich sangund klanglos in der preußischen Post auf.

– 67 – "Mein großes Werk ist mit Gottes Hülfe fertig" – so schreibt Stephan darüber an seine Mutter. "Als ich den Vertrag unterzeichnete, der diesen 350 Jahre alten Krebs- schaden Deutschlands beseitigte, und meinen Namen Heinrich Stephan' schrieb, dachte ich an unseren theuren, unvergeß- lichen Todten." Selbst in diesem großen Moment, der einen gemüthsärmeren Menschen wohl nur mit Genugthuung und einem allerdings gerechtfertigten Selbstgefühl erfüllt haben würde, gedenkt er mit pietätsvoller Liebe der einfachen Eltern in dem kleinen hinterpommerschen Heimathsstädtchen. Mit wunderbarer Präcision setzte die neue Maschine da ein, wo die alte, verbrauchte die Arbeit einzustellen ge- zwungen worden war. Die ganze Ablösung war Stephans ureigenstes Werk. Vom ersten Entwurf an bis zur Unter- zeichnung des letzten Vertrages hat er alle Verhandlungen persönlich geleitet, seine Thatkraft und sein Geschick haben der fortschreitenden Cultur in dem Jahrhunderte währenden Kampfe gegen den Schlendrian und die neuerungsfeindlichen Grundsätze der alten Zeit zum glorreichen Siege verholfen. Und nachdem das Taxis'sche Wappen durch den preußischen Adler ersetzt worden war, da begann erst das schwierige Werk der Organisation des neu erworbenen Verkehrsgebietes nach bewährtem preußischen Muster. Wenn man bedenkt, daß sich diese Umgestaltung auf 658 Quadratmcilen mit 3 400 000 Einwohnern erstreckte, daß 502 Postanstalten in preußische Verwaltung, 3100 Taxis'sche Beamte in ihre Dienstalter-, Rangund Besoldungsstufen eingefügt werden mußten, so kann man sich vorstellen, daß es wiederum nur Stephans Umsicht und organisatorischem Talent zu danken ist, wenn sich diese Riesenarbeit glatt und schnell vollzog. Stephan ließ sich vor Allem die Sicherung der Zukunft 5*

– 68 – der übernommenen Beamten angelegen sein. Jn der humansten Weise kam er ihren speciellen Wünschen entgegen, seinem Einfluß hatten sie es zu danken, wenn sie fast alle aus der Neuordnung Vortheil zogen und sich ihre Zukunfts- aussichten günstiger gestalteten, als sie es unter der alten Verwaltung je hätten erwarten können. Wenn es trotzdem unter ihnen Manchen gab und wohl noch giebt, der unent- wegt auf die preußischen Neuerungen raisonnirt, so dürfen wir nicht vergessen, daß das Märchen von der "guten, alten Zeit" selbst in der besten neuen seine fanatischen Verfechter finden wird. Die weitaus größte Zahl der ehe- mals Taxis'schen Beamten indessen ist einig im Lobe der neuen Verwaltung. Diejenigen aber, denen es vergönnt war, mit Stephan in persönliche Berührung zu kommen, waren geradezu entzückt von seinem Tact und seiner Liebens- würdigkeit, mit denen er so fein verstand, der heiklen Situation das Peinliche zu nehmen und einst widerstrebende Elemente zu freundlichem Zusammengehen zu bringen. Freiherr v. Gröben schreibt nach Beendigung ihrer schwierigen Aufgabe an Stephan: "Eins darf uns Beiden persönlich wenigstens jetzt schon zur Befriedigung gereichen, der Gedanke nämlich, daß wir eine Reihe von Verhand- lungen, die so sehr geeignet waren, das Odiosum der Sache auf die Person übergehen zu lassen, mit Gesinnungen geführt haben, die – getragen von dem Gefühl gegenseitiger Achtung – nicht nur stets den Charakter der Versöhnlichkeit, sondern sogar der Freundschaft trugen." Und die Taxis'schen Beamten, die während der schwebenden Unterhandlungen unter seiner Leitung gearbeitet hatten, vereinten sich bei seinem Scheiden, um ihm den Ausdruck ihrer Hochachtung und freundschaftlichen Zuneigung zu überbringen. Stephan

– 69 – erwiderte ihnen, gerührt von ihrer Anhänglichkeit, daß er sich glücklich schätze, ihnen ein wahrer Freund geworden zu fein: "Wenn ich mit einiger Befriedigung auf diese Zeit zurückblicken darf, so ist es, weil ich wenigstens bemüht gewesen bin, im Sinne jenes Staatsmannes der alten Republik zu streben, der in der letzten Stunde sagen konnte: was mir den schönsten Trost gewährt, ist, daß keiner unserer Bürger durch mich veranlaßt worden ist, sein Haupt in den Mantel zu hüllen." Noch in späteren Jahren erhielt Stephan von ehemaligen Beamten der alten Reichspost viele Briefe, die, hervorgegangen aus dem Drange, dem gerechten und leutseligen Chef schuldigen Dank für sein Wohlwollen aus- zusprechen, seiner Wirksamkeit und dem Andenken, das er bei ihnen hinterlassen hatte, das ehrendste Zeugniß aus- stellen.

V. Der Norddeutsche Bund und das Verkehrs- leben des Allerthums und des Mittelalters von Stephan. eit dem dänischen Kriege datirt ein bedeutender Um- schwung im gesammten öffentlichen Leben Deutschlands, aus dem, wie wir schon gesehen haben, auch das Verkehrs- leben seine großen Vortheile zog. Und was das Jahr 1864 begonnen hatte, das hatte der Krieg von 1866 vollendet: das lose Gewebe des deutsch-österreichischen Postvereins lockerte sich vollends, das morsche Gebäude der alten Reichs- post fiel zusammen, eine Anzahl kleiner Landespostanstalten wurden zu einheitlichem Betriebe mit der preußischen Post vereinigt und auf Grund der so geschaffenen günstigen Ver- kehrssituation konnte man innerhalb des am 1. Juli 1867 ins Leben getretenen Norddeutschen Bundes eine durchgreifende, auf Vereinfachung und Verbilligung abzielende Reform der Verkehrsbedingungen anbahnen. Der erste Schritt dazu geschah, als man, von den Landesgrenzen absehend, das Postund Telegraphenwesen des gesammten Bundesgebietes unter einheitliche Verwaltung setzte. Das preußische General- Postamt wurde General-Postamt des Norddeutschen Bundes

– 71 – und das ganze Postwesen dem Reichskanzler unterstellt. Dementsprechend war der oberste Chef der Post und Tele- graphie der Bundeskanzler Graf Bismarck und der directe Vorgesetzte des Postwesens der Chef des Reichskanzler- Amtes, Staatsminifter Dr. Delbrück. Diesem bedeutenden Manne verdankt Stephan viel Förderung und ein verständnißvollcs Eingehen auf seine weitschauenden Pläne. Bei der Abfassung des Gesetzes über das Postwesen des Norddeutschen Bundes vom 2. Novem- ber 1867, an der Stephan hervorragenden Antheil hatte, treten diese beiden, einander geistig nahestehenden Männer in besonders innige Verbindung, und aus ihr entwickelte sich eine Freundschaft, die, in gegenseitiger Hochschätzung wurzelnd, das ganze Leben andauerte. Die Ziele des Norddeutschen Bundes gingen besonders darauf aus, zunächst für das gesammte Bundesgebiet ein einstufiges Briesporto von 1 Silbergroschen oder 3 Kreuzern süddeutscher Währung festzusetzen und ebenso einheitliche Taxen für den Packet-, Geldund Zeitungsverkehr zu schaffen. Die Einführung des Silbergroschen-Portos erwies sich, nachdem allerdings zunächst das Jahr 1868 bei einer Ein- nahme von 15 921249 Thalern einen Ausfall von 138 617 Thalern gebracht und auch 1869 noch hinter der Einnahme von 1867 zurückgeblieben war, als außerordentlich segens- reich für den Briefverkehr. Jede Verkehrserleichterung und vernunftgemäße Ver- billigung hat eine Hebung des Verkehrs selber zur Folge, und so steigerten sich auch die Einnahmen aus dem Ein- heitsporto in Deutschland von Jahr zu Jahr im Gegensatz zu England, das, ohne die weise Mäßigung der deutschen Postbehörde walten zu lassen, das Porto aus einer kaum

– 72 – zu erschwingenden Höhe urplötzlich auf 1 Penny herab- gesetzt hatte. Jhm brachte erst das Jahr 1874 wieder einen höheren Ueberschuß als das Jahr 1839. Das Einheitsporto war der Grundpfeiler zu der Brücke, welche zwischen den nordund süddeutschen Stämmen über den Main hinweg geschlagen wurde. Jener einzige Feder- strich hat Größeres zur Verschmelzung der deutschen Stämme und zur Beseitigung des immer noch blühenden Particu- larismus beigetragen, als alle dahinzielenden Bestrebungen und langwierige Verhandlungen früherer Zeit. Man giebt sich keiner Ãœberschätzung hin, wenn man meint, daß die Ein- müthigkeit Deutschlands bei der drohenden Gefahr 1870 zum nicht geringen Theil den durch das Einheitsporto ge- schaffenen solidarischen Verkehrsbestrebungen und insonder- heit dem energischen Vorkämpfer für dieselben, Heinrich Stephan, zu verdanken ist. Wir wissen, welche hohe Mei- nung er von den Aufgaben der Verkehrsanstalten hatte, ihm galten sie nicht allein als Vermittler des materiellen Güterverkehrs, sondern vielmehr als Träger der Volks- bildung, er wies ihnen ihre Aufgaben hauptsächlich auf idealem Gebiete: Hebung der Civilisation durch Vermittelung des Gedankenaustausches, friedliche Vereinigung und An- näherung getrennter Gebiete und Völker, Beeinflussung und Förderung der Gesittung und Volksbildung. Jn diesem Sinne hat er sich stets ausgesprochen; schon in der aus der Cölnischen Zeit stammenden Denkschrift, in seinem Werke über die preußische Post, in der Denkschrift zur Beseitigung der Thurnund Taxis-Post und vielen anderen Ausfüh- rungen feiner Feder vertritt er diese Jdeen und von Jugend auf ist all' sein Wirken dahin gerichtet gewesen, sie in die That umzusetzen.

– 73 – Eine volle Befriedigung gewährte ihm daher seine Be- schäftigung im Auslands-Ressort, die ihm gestattete, an der Erreichung seines Verkehrsideals rüstig mitzuarbeiten, indem er Schritt für Schritt einem einstigen Weltpostverein das Feld ebnen half. Eine höhere Einheit kann nur erzielt werden, wenn man vorher die niedrigen unter einander gleichnamig ge- macht hat. Dies Princip schwebte Stephan schon vor, als er im Jahre 1863 eine Denkschrift zur Regelung der Post- verhältnisse zwischen Preußen und der pyrenäischen Halb- insel verfaßte, die gewissermaßen eine Aera internationaler Postverträge in Deutschland einleitete. Denn auf Grund derselben wurde Stephan zur Führung der Angelegenheit nach Madrid und Lissabon entsandt, und nachdem es ihm, durch seme sprachliche und diplomatische Gewandtheit unter- stützt, gelungen war, die schon lange schwebenden Verhand- lungen zu gutem Ende zu führen, wurde er mit der Aus- führung aller Postverträge mit dem Auslande betraut. Jn den Jahren 1863 und 1864 wurden durch seine Vermittelung noch Verträge mit Belgien, den Niederlanden und Dänemark abgeschlossen. Als dann der Norddeutsche Bund ins Leben trat, folgte die Abschließung neuer Verträge; 1868 mit Norwegen, der Schweiz, Belgien, Rumänien, den Niederlanden, Däne- mark und Jtalien, 1869 mit Schweden. 1870 mit Groß- britannien, und bei allen war wiederum Stephan thätig betheiligt, er war gewissermaßen die Seele aller dieser Be- strebungen, die auf Vereinfachung, Ermäßigung des Portos und möglichste Erleichterung des internationalen Verkehrs ausgingen. Aber nicht nur auf die Regelung des Verkehrs mit

– 74 – außerdeutschen Staaten durfte die Thätigkeit der Postver- waltung in jener Zeit gerichtet sein; vor allen Dingen galt es, in der inneren Verwaltung Ordnung zu schaffen. Noch war die Verschmelzung der hinzugekommenen Postgebictc mit der preußischen Post nicht vollkommen beendet, eine ganze Anzahl von durchgreifenden Neuerungen mußte ge- schaffen, die postalischen Verhältnisse mit Oesterreich und Süddeutschland wieder geregelt, ein neues Postgesetz ein- geführt werden, so daß die Zeit von 1866–1870 für die innere Verwaltung des Postwesens eine außerordentlich be- wegte und ereinnißreiche war. Für ihre vielgestaltigen und anstrengenden Forderungen war ein Mann von den Fähig- keiten, der Energie und der nie versagenden Arbeitskraft eines Stephan wie geschaffen, und andererseits war wieder diese stürmische Zeit der geeignete Boden, auf dem sich ein Genie wie Stephan, bis zur höchsten Vollkommenheit ent- falten konnte. Große Männer kann nur eine große Zeit hervorbringen; in der stagnirenden Atmosphäre des ruhigen Alltagslebens verkümmert das Genie. Gerade in dieser arbeitsreichen Periode gestaltete sich die ihm vorschwebende Jdee eines Weltpostvereins zu bestimmter Form, 1868 in einer Denkschrift von ihm niedergelegt, welche die Grund- züge zur Bildung einer allgemeinen internationalen Ver- kehrsgemeinschaft enthält. Wir kommen auf dieselbe ge- legentlich der Gründung des Weltpostvereins zurück. Aber selbst diese Anhäufung von Pflicht und Arbeit vermochte seine Kraft nicht zu absorbiren, die großen Pläne, die ihn bewegten, seinen Geist nicht auszufüllen! Es klingt uns fast wie ein Märchen, wenn wir hören, daß er sich daneben noch schriftstellerisch vethätigte und mit verschiedenen bedeutenden literarischen Arbeiten an die Oeffentlichkeit trat

– 75 – Jm Jahre 1868 erschien im 9. Jahrgange von Rau- mers historischem Taschenbuch: "Das Verkehrsleben im Alter- thum" von Heinrich Stephan, königlich preußischer Geheimer Oberpostrath, und im folgenden Jahre die Fortsetzung: "Das Verkehrsleben im Mittelalter". Beide Arbeiten ent- halten eine Fülle des Materials, einen Quellenreichthum, wie er eben nur Stephan zur Verfügung steht. Alte und neue Schriftsteller, Gelehrte und Dichter zieht er zum Beleg seiner Ausführungen heran: die Ramayana der Jnder, wie die Suren Mohammeds und Platos Politik müssen die Sprüche ihrer Weisheit hergeben, Nnophon wird neben Vambery und Mommsen, Saadi neben Horaz und Schiller citirt, und das Alles in seiner anziehenden, bei aller histo- rischen Treue stets frisch und unmittelbar wirkenden Art, wodurch das Werk zu gleicher Zeit sowohl wissenschaftlich werthvoll, als unterhaltend und interessant gestaltet wird. Das Verkehrsleben des Altersthums setzt ein mit den ältesten Zeiten, da sich mit der Seßhaftmachung der ein- zelnen Völker zugleich das Verlangen nach Mittheilung in die Ferne bemerkbar macht. "Der Schöpfer hat vorsorg- licher Weise das Bedürfniß nach Mittheilung und Verkehr so tief in die menschliche Natur gelegt und uns zur Be- friedigung desselben so herrliche Gaben, von der Sprache angefangen, verliehen, daß eine Jrreleitung der Entwicke- lung, wo es auf Dauer und Entscheidung ankommt, nicht möglich ist." Er verfolgt dann diese Entwickelung, wie sie sich in nothwendig engster Verbindung mit der Politik vollzieht: "Wie die Nothwendigkeit des Austausches den Ver- kehr hervorrief, so macht das politische Bedürfniß ihn voll- ends unentbehrlich und bringt ihn, wie historisch nachweis- bar, überall in bestimmte Formen, Der Verkehr wird ein

– 76 – politisches Element." Zunächst beruhte er auf denkbar ein- fachen Voraussetzungen, und da ein bemerkenswerther Cha- rakterzug im Verkehrsleben des Alterthums der Hang zu großen Wanderungen ist, so spielt der Verkehr sich haupt- sächlich persönlich ab. Stephan sagt: "Fast immer befanden sich verhältnißmäßig sehr viele Leute unterwegs, die näher bekannt wurden, und ihre Anzahl bildete eine Kette, durch welche sich die Nachrichten wie ein electrischer Strom fort- pflanzten." Da diese großen Wanderzüge sich hauptsächlich auf Formen gemeinschaftlicher Gottesverehrung: Opfer, Pilger- fahrten :c. bezogen, zugleich aber auch für Abschließung von Geschäften benutzt wurden, so standen wiederum Religion und Verkehr in einem natürlichen Zusammenhange. Die Messen für den Cultus waren zugleich Messen für den Austausch materieller Güter und persönlicher Mittheilungen. Nachdem Stephan diese innige Verquickung von Ver- kehr, Handel, Politik und Religion im Alterthum geschildert hat, kommt er auf die Karawanenzüge zu sprechen, die den persönlichen sowie den Güterverkehr schon in den frühesten Zeiten im Morgenlande vermittelten. Auf einem weit ver- zweigten, ineinandergreifenden Netze von Straßen bewegten sich diese Karawanen nach einem genau festgesetzten System in regelmäßigen Zeitabständen durch die ganze alte Welt. Stephan kennt diese alten Karawanenwege genau, wir reisen in seiner Gesellschaft so sicher nach Jndien, Thrus und Sidon, der libyschen Wüste und dem Tschadsee, wie nach dem kaspischen See und weiterhin bis zum Ural und bis China. "So umfaßte eine Verbindung regelmäßiger Handels- züge die ungeheuren Entfernungen von dem heutigen Tim- buktn bis Peking und vom Ganges bis zum schwarzen Meere."

– 77 – Jm Morgenlande hat sich diese Art des Karawanen- verkehrs bis zum heutigen Tage noch erhalten, er benutzt zum Theil sogar noch die alten Straßen. Neben den Karawanen bestand die Flußund die See- schifffahrt, für deren Ausbildung besonders das bei den Alten übliche System der Anlegung von Colonien und Pflanzstädten förderlich war. Stephan giebt überall genaue Auskunft über die bezüglichen Verkehrsstraßen, Schnellig- keit und Art der Beförderungsmittel und geht dann über den Reiseverkehr, der sich, wie bei uns, in einen Fuß-, Reitund Wagenverkehr gliedert, auf die Art und Weise der Fernmittheilungen über und die Bahnen, in denen sie sich bewegten. Von den ältesten, primitivsten Einrichtungen, in Fanalen, Flammen-, Rauchund Fackelsignalen und Rusposten be- stehend, von dem "goldenen Zeitalter ohne Briefgeheimnis)", kommt er auf die Erfindung der Schrift und die ganz all- mählich sich entwickelnde Mittheilungsform des Briefes: "des Schiffes des Geistes auf dem Ocean der Entfernungen", zu sprechen. Die Vermittelung des Briefverkehrs geschah gelegentlich durch Reisende, erst später durch eigene Boten, eine Be- förderung, die naturgemäß sehr unsicher war; nur die Re- gierungen hatten frühzeitig Anstalten zu geregelter Beför- derung mit stationsweisem Wechsel der Beförderungsmittel. Besonders in Persien war dies Relaissyftem in der Angaria trefflich ausgebildet. Von dort aus kam es nach Rom, wo es in dem (Kursus pudlious zu höchster Vollkommenheit ge- langte. Der Ourszus pulzlious erhielt sogar im Laufe der Zeit zwei Beförderungsarten: eine schnellere, unseren Courier- posten analoge Personenbeförderung, und eine langsamere,

– 78 – hauptsächlich für die Fortschaffung des Gepäckes berechnete. Kaiser Augustus legte 25 deutsche Meilen als Tagereise zurück, Nero auf seiner eiligen Reise zu Drusus sogar 40 deutsche Meilen in 24 Stunden. Dringende Depeschen machten 40 Meilen pro Tag. Ueberhaupt giebt Stephan im ganzen Buche mit Bezugnahme auf unsere heutigen Ver- haltnisse eine Fülle solcher statistischen Zahlen, die hoch- interessant sind. Der Kursus publions, so glänzend seine Leistungen, besonders in seiner Blüthezeit vom 1. bis 3. Jahrhundert, relativ zu nennen sind, kommt an Nutzen unserer Post keineswegs auch nur annähernd gleich. Er war kein Jnstitut, das für den allgemeinen Gebrauch geschaffen war und sich selber erhielt; er diente nur zur Befriedigung der Verkehrs- bedürfnisse der Regierung und einiger Auserwählter, die durch besonders ausgestellte Postpässe zu seiner unentgelt- lichen Benutzung ermächtigt waren, und die Unterhaltungs- kosten mußte allein das Volk tragen. Man kann sich also denken, daß er nicht die Sympathie der Bevölkerung genoß und besonders in späteren Jahren, als mannigfacher Miß- brauch mit den Postpässen getrieben wurde, als eine drückende Last empfunden wurde. Jndessen hat er indirect durch Hebung des Verkehrs auch dem Volke Nutzen gebracht, um so mehr, da für ihn vorzügliche Straßen vom Pictenwall bis zum Wendekreis des Krebses, von den Säulen des Hercules bis zum Kaukasus geschaffen wurden, deren Be- nutzung, ohne die im Mittelalter beliebte Beschränkung, Jedermann freistand. Stephan reconstruirt das Hauptverkehrsnetz der Römer- straßen mit einer staunenerregenden Genauigkeit, so daß bedeutende Gelehrte, wie Friedender und Hudemann, sich

– 79 – seiner Ausführungen als der erschöpfendsten und bündigsten in einschlägigen Werken zum Theil wörtlich bedienen. Sehr fesselnd und lebenathmend ist das Bild, das er von dem Verkehre giebt, der sich auf diesen alten Kunststraßen Roms entwickelt. Wir sehen die Kaiser mit glänzendem Gefolge in den Krieg, auf Jnspectionsreisen durch ihr weites Gebiet oder zum Hoflager nach dem goldenen Horn von Byzanz, an die anmuthigen Ufer der Mosel oder nach dem üppigen Antiochien ziehen, die Großen des Reiches mit einem zahl- reichen Troß auf ihre Plätze in die Provinz gehen. "Das Volk begiebt sich zu den Conventus. es ziehen die Schaaren der Wähler zu den Comitien. Der Landmann schafft seine Ackergeräthe und Producte bequem zur Stelle, die langen Wagenreihen und unabsehbare Züge von Saumthieren in Gallien und Armenien, in Hispanien und Britannien, in Jtalien und Pannonien führen in Sicherheit die Waaren des Kaufmannes, welche die Jndienfahrer oder die afrika- nischen Karawanen gebracht haben, oder welche in den sicilischen Plantagen erzeugt oder in den Jndustriestädten Klcinasiens fabricirt sind, unbehindert aus einem Gebiet in das andere durch die 116 Provinzen des Reiches, von denen einige größer als ansehnliche Königreiche waren .... Die auf den trefflichen Straßen schnell anrückenden Legionen bringen Schutz gegen innere und äußere Feinde Neben den Trans- portzügen des Privatverkehres sind die Landstraßen durch die Wagenreihen der Staatsverkehrsanstalt belebt; diese führen Lebensmittel, Armaturen, Beutestücke, die Tribute der Pro- vinzen und selbst die Thiere für die circensischen und arena- rischen Spiele herbei. Sie besorgen die zahlreichen und bedeutenden Geldtransporte an die Kriegskassen oder nach den kaiserlichen Schatzorten, von denen es allein im Occident

– 80 – zwölf gab, sie führen die Goldund Silberbarren in die Münzstätten nach Rom, Lyon und Trier, sie besorgen den Transport der Kunstwerke, der Büchersammlungen für die öffentlichen Bibliotheken, der Gewänder, Waffen u. s. w. Der Briefverkehr wird durch die guten Straßen und die rege Bewegung auf denselben erleichtert und mehr ver- allgemeinert. Die größeren Annehmlichkeiten befördern das Reisen; die Vornehmen begeben sich mit üppigem Gefolge auf ihre Landsitze und in die Badeorte. Die Geschäfts- und Studienreisen der Staatsmänner, Künstler und Ge- lehrten sind erleichtert. Der regere Verkehr führt die jungen Talente eher in die Centren der Bildung und des wissen- schaftlichen Lebens. Die Hochschulen von Rom, Carthago, Berytos, Tarsos, Alexandria, Rhodos und Athen werden von der ftudirenden Jugend aus weiter Ferne besucht." Diese Stelle giebt, ohne die Reichhaltigkeit des Buches auch nur annähernd erschöpfend darzustellen, doch einen Begriff von dem Schilderungstalent Stephans, das jeden Stoff plastisch zu beleben weiß und selbst die ältesten Zeiten mit einer Frische und Lebendigkeit vor unserem Geiste erstehen läßt, daß wir meinen, leibhaftig im Getriebe eines längst vergangenen Jahrhunderts zu stehen. Er schließt seinen Aussatz mit einer Bemerkung, die wieder für seine Ansicht von der idealen Aufgabe des Verkehrs charakteristisch ist: "Eine geordnete Emulation herrscht in den Pulsadern des großen Körpers; durch die vielseitige Berührung helle- nischer, römischer und asiatischer, sowie durch das Bekannt- werden germanischer, gallischer und hispanischer Elemente beginnt auf dem Gebiete des Verkehrs und der Cultur eine Ausgleichung der Völkerverschiedenheiten und der Jnteressen- gegensätze sich anzubahnen, welche, durch den Verfall des

– 81 – Reiches, die Stürme der Völkerwanderung und die einseitigen Anschauungen des Mittelalters unterbrochen, erst nach mehr als einem Jahrtausend wieder im Kreise der Culturaufgaben einer Geschichtsepoche erscheint." Der zweite Aussatz: "Das Verkehrsleben im Mittel- alter" schließt sich eng an diesen an. Noch lange nach dem Verfall blieb Rom das Verkehrscentrum, die "Herzkammer der Verkehrsadern", denn mit dem Hoflager zugleich ließ sich doch nicht auch das Niesenstraßennetz nach Byzanz ver- legen: "der Verkehr folgt biegsam den großen Entwickelungen der Völker, aber nicht dem Winke einer Despotenlaune". Den Niedergang des Wohlstandes in dem einst so blühenden Weltreiche beförderte das Christenthum in seiner damaligen Organisation. Es schloß sich gegen das öffentliche Leben ab, entzog dem Lande durch das Klosterwesen Arbeits- und Streitkräfte, bürdete durch die Steuerfreiheit der geist- lichen Güter dem Volke ungeheure Abgaben und Lasten auf, beförderte durch Wallfahrten und Einsiedlerleben den Hang zum Müßiggang, und dazu ließ es das Kunstgewerbe ver- fallen, wodurch der Mittelstand sank. Während man sich gegen Völker zu vertheidigen hatte, die in ihrem in die Erde gesteckten, bloßen Schwert ihren Gott verehrten, stritt man am byzantinischen Hofe über die Natur des Logos, und zu einer Zeit, "wo zwei Stunden auf Vorposten dien- licher gewesen wären, als 40 Jahre auf einer Säule, gingen Tausende in die thebaische Wüste beten und casteien". Das solchergestalt geschwächte Land konnte dem Ansturm der Barbaren nicht trotzen, sie zerstörten die einst so blühenden Städte und zertrümmerten "das weltumfassende Netz der Römerstraßen, wodurch die Verbindung unter den einzelnen Theilen des Reiches bis zur Vernichtung erschwert wurde*. ö

– 82 – Die Völkerwanderung würde, wenn Rom im Stande gewesen wäre, sie zu beherrschen, der Cultur eher nützlich als schädlich gewesen sein. Einige Jahrhunderte später wurde ein großer Theil des in den Grundvesten erschütterten Reiches eine willkommene Beute der Moslemin. Stephan erkennt willig die Bedeutung des Jslam für Cultur und Handel an; aber man dürfe die Verdienste des Jslam auch nicht überschätzen. Mohammeds Schöpfung sei für den Antritt weise berechnet, aber für die Entwickelung verfehlt, denn sie wäre "erzeugend, aber nicht erziehend, schaffend, aber nicht gestaltend". Mohammed habe allerdings verstanden, bei Ausstellung seines Religionssystems die Bedürfnisse und Neigungen seiner Nation zu berücksichtigen; die Triebe, die er nicht zu beherrschen vermag, organisirt er, so z. B. den Wandertrieb zu den für den Verkehr so außer- ordentlich wichtigen Wallfahrten nach Mecca, wodurch neben der Wahrnehmung der Handelsinteressen persönliche Be- ziehungen gepflegt werden, man kenne sich in der weiten Wüste näher, als bei uns in der großen Stadt. Die Baukunst der Araber kennzeichnet Stephan treffend: "Die Römerbauten regen den Geist zur Energie an, die der Mauren versenken ihn in Träumerei." Neben den Arabern nehmen vom 6. bis 12. Jahrhundert die Byzantiner lebhaften Antheil an der Vermittelung des Weltverkehrs von Byzanz, Ravenna und Venedig aus. Stephan schildert uns dann die Hauptverkehrsadern, die von diesen Knotenpunkten aus bis nach Jndien und Peking, Nowgorod und Kiew, an das baltische Meer und den Rhein gehen. Es ist erstaunlich, mit welcher Gründlichkeit er den Verkehr der ganzen Welt studirt hat. Er weiß ebenso gut Bescheid auf den Karawanenstraßen durch die Wüste, die

– 83 – von den langen Reihen "zu strammem Betrieb" aneinander- gefesselter Meheris der Tuaregs belebt sind, wie auf den schwierigen Gebirgspfaden zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer, wo die Nachkommen der alten Colchier, um sich den Waarentransit zu erhalten, nicht weniger als 120 Schluchten überbrückt hatten, und die Wasserfälle des Dnjepr halten seinen Weg so wenig auf, wie die schwierigen Terrainverhältnisse Germaniens. Er berichtet uns dann über den Verfall des griechischen Kaiserreiches, mit dem natürlich derjenige der Coinmu- nicationswege Hand in Hand ging. Aber wie Byzanz, das "wie gewisse Körper das Licht und die Wärme einsaugen, ohne sie wieder von sich zu geben", an feiner handels- politischen Einseitigkeit zu Grunde ging, so blühen einzelne Städte Jtaliens wieder auf. Jn großen Zügen, klar und umfassend berichtet er, wie nach einander Amalfi, Pisa, Genua und zuletzt, nach 130 jährigem Kampfe mit diesem, Venedig die Beherrscherinnen des Weltverkehrs zur See sind. Venedig, das zugleich der Mittelpunkt eines ausgedehnten Verkehrs zu Lande ist, blüht mächtig empor. Stephan sagt von seinen herrlichen Kunstschätzen: "sie vermitteln in ihrer leuchtenden Frische unseren Gemüthern einen willkommenen Reflex der Lebensfreudigkeit, welche die Marmorpaläste der phantastischen Lagunenkönigin durchrauschte." Doch auch Venedig, wo Jeder, selbst der Doge, Handel treibt, sinkt durch das einseitige Hervorkehren der Verkehrsinteressen von seiner Höhe. Mailand, Florenz rivalisiren mit ihm. Jn- zwischen sind in Deutschland die Gegenden am Baltischen Meere und am Rhein mehr und mehr im Weltverkehr hervorgetreten, während das Jnnere des Landes zunächst noch zurückblieb, denn alle Siege Carls des Großen hatten 6*

– 84 – nicht ein haltbares Reich zu begründen vermocht. Geistige und hierarchische Sclaverei, Steuerlast, Frohndienste und Fehlen eines machtvollen Staatsschutzes würden schließlich zum wirthschaftlichen Ruin geführt haben, wenn den geist- lichen Gewalthabern nicht in den mehr und mehr aufblühenden Städten und dem Erstarken der Territorialhoheit eine wirk- same Gegnerschaft erwachsen wäre, die in ihrem Zusammen- gehen die folgenreichste That des Mittelalters, die Befreiung von dem geistigen Druck der Hierarchie vollbrachten. Jn den Städten blühten Handel und Gewerbe, es entstanden mächtige Städtebülidnisse, die Großes wirkten, aber Größeres gewirkt haben würden ohne das Zunftwesen, ohne den unsocialen Sinn, der den Gedanken, daß man mit dem eigenen Vortheil auch den der Anderen verbinden könne, nicht aufkommen ließ. Straßenzwnng, Zölle, Stapelund Niederlagsrecht und tausenderlei andere Verclausulierungen hemmten den Verkehr. Dasselbe gilt auch von der so mächtigen und reichen Hansa, deren monopolistischer Geist eher die Abschließungstheorie noch verstärkte, so daß man sich vor der üblichen Ãœberschätzung derselben hüten muß. Aber trotz dieser Erschwerungen des Verkehres, trotzdem eine Sicherheit unterwegs weder durch Königsbann und Gottes- frieden, noch durch theuer bezahltes Geleitsrecht oder den ebenso theuer erkauften Schutz verschiedener Heiligen zu erlangen ist, trotzdem ein auf den denkbar schlechtesten Wegen oft ganz unvermeidliches, unfreiwilliges Berühren mit dem Erdboden das Thier und dessen Last durch das Grundruhrecht dem Territorialherrn überantwortet, sind die Straßen keineswegs verödet. Und wie er im Verkehrsleben des Allerthums das antike Leben auf den herrlichen Kunst- straßen der alten Römer vor uns entrollt hat, so läßt er

– 85 – jetzt an unserem Geist unsere Vorfahren auf ihren Pferden und Mauleseln oder zu Fuß und später in den alten Haudererwagen an uns vorbeiziehen. Welch' ein buntes, bewegtes, abenteuerliches Bild, und mit welcher Lebendigkeit, Farbenfrische, Naturtreuc, Greifbarkeit hingeworfen! Die Beschreibung eines alten Haudererwagens, auf die später noch zurückzukommen wir uns vorbehalten, ist geradezu classisch und oft citirt. Selbst die trockensten Themata ver- klärt die Poesie unter feiner Feder, man wird warm und frisch bei seinen Worten. Was er in jahrelangem, gewissenhaftem Studium sich zu eigen gemacht, was er aus einer Unzahl von Werken aller Zweige der Wissenschaften mit bewunderungs- werthem Fleiß zusammengetragen hat, das reicht er uns auf einmal mit einer großartigen Verschwendung, die nur ein Geist kennt, der weiß, daß er sich nie auszugeben vermag. Das ganze mittelalterliche Verkehrsund Erwerbsleben mit seinen Einrichtungen, Ansichten, Zielen entrollt er vor unseren Augen; um das Bild vollkommen zu machen, scheut er selbst die kleinsten Pinselstriche nicht, und der Mann, der den Verkehr der Menschheit, von dem idealsten Gesichts- punkt aus betrachtet, hält es nicht für zu gering, uns, sofern sie zur Charakterisirung des Ganzen beitragen können, selbst die einfachsten Vorgänge des alltäglichen Lebens zu berichten. Ethik, Socialpolitik, Philosophie, Handelswissen- schaft, Gastronomie, Nationalöconomie, Geschichte und Sage, sie stehen ihm alle wie ein unversiegbarer Born zur Seite, aus dem er nach Gefallen schöpfen kann. Nachdem er so einen allgemeinen Ueberblick über das mittelalterliche Leben gegeben hat, geht er specieller auf die Vermittelung des Briefverkehrs über, der trotz der egoistischen Abschließungstheorie der damaligen Zeit ein verhältnismäßig

– 86 - reger gewesen ist. Wir haben schon gelegentlich darauf hingewiesen, wie, den mittelalterlichen Anschauungen ent- sprechend, jeder Stand nur für seine eigenen Bedürfnisse Botenanstalten anlegte, die später Thurn und Taxis so viel zu schaffen machten. Nach Stephan schließt das Mittelalter mit dem Cost- nitzer Concil, da sich bereits seit Beginn des 15. Jahr- hunderts mit dem Aufblühen der Universitäten, der Ver- breitung der humanistischen Anschauungen, mit der Erfin- dung des Lumpenpapieres und vor allen Dingen mit derjenigen der Buchdruckerkunst ein viel regeres geistiges Leben entfaltete. Einen Beweis dafür liefert die Entstehung der Zeitungen, die im Anfang des 16. Jahrhunderts zuerst als periodische Relationen, von 1590 ab als "Postreuter" und "Postzeitungen" erschienen. "Vor allen andern kommt der Zeitungen Ursprung aus den Posthäusern her," sagt der selige Beust. Weist doch der Name schon auf ihre innige Verbindung mit der Post hin, mit deren Hülfe allein sie bestehen konnten, und an deren Herausgabe die Postmeister sich häufig selber betheiligten. Wie denn überhaupt die Post sich bald als einen Hauptträger der Cultur erwies: durch ihre Vermittelung entstand der Commissionsund Wechselhandel, ihre Interessen verlangten gebieterisch eine Anlegung und Verbesserung von Wegen, sie wirkte gegen Stapelund Straßenzwang, und durch die Möglichkeit, sich mit den Seinen auch aus der Ferne zu unterhalten, war sie von segensreichster Förderung für die Erlernung des Lesens und Schreibens. Stephan schließt seinen Aussatz mit einer Vergleichung der verschiedenen Zeitalter unter einander. Er sagt: "Das Alterthum hatte seinen zwar beschränkten, aber doch wenigstens

– 87 – klaren Staatsbegriff, das Mittelalter die Positivität der Thatsachen, die Neuzeit, die noch so wenig abgeklärten und oft so falsch verstandenen Jdeen der Freiheit und Gleichheit, welche die Augustnacht von 1789 formirte: alle drei Epochen litten und leiden somit an Einseitigkeit der herrschenden Momente." Die beiden Aussätze über das Verkehrsleben haben ihm von allen Seiten viel Anerkennung eingetragen. Wir geben hier den Jnhalt eines Schreibens eines sachverständigen Beurtheilers an ihn wieder, das wir in "Unter dem Zeichen des Verkehrs" abgedruckt finden und das eine treffende Charakteristik der Arbeit über das Verkehrsleben des Mittel- alters enthält: "Die Verquickung einer fachmännischen An- schauung von den Dingen mit gelehrter Erkenntniß ist eine so große Seltenheit in den Kopsen unserer Philologen, daß die Ergebnisse ihrer Wissenschaft erst durch eine Ver- wendung der letzteren zu lebendiger Geltung gelangen, wie Sie im römischen Artikel dargeboten haben. Das mittel- alterliche Material liegt zu zerstreut und theilweise noch zu verborgen umher, als daß irgend Jemand über Jhr Ver- dienst im Unklaren bleiben könnte, der jemals eine beliebige Epoche zu studiren unternommen hat." "Zu jener Zeit," so fährt das Buch fort, "schwirrten durch die Blätter Gerüchte, wonach Stephan aus der Post- verwaltung auszuscheiden und zu einem anderen Dienstzweige überzutreten beabsichtige – man kann dabei wohl nur an eine Verwendung denken, zu der ihn seine eminenten Sprach- kenntnifse und diplomatische Befähigung besonders geeignet erscheinen ließen. Zum Glück für den Weltverkehr zer- schlugen sich die Verhandlungen, wenn eS zu solchen über- haupt gekommen ist."

VI. Die ägyptische Reise. as Jahr 1869 brachte Stephan die Einladung des Vicekönigs von Aegypten zur Einweihungsfeier des Suezkanals. "Es giebt wenig außereuropäische Länder, welche eine solche Anziehung auf den Geist, einen solchen Zauber auf die Seele ausüben, wie Aegypten," sagt Stephan in seiner Vorrede zu seinem Werk: "Das heutige Aegypten". "Wenn die Geschichte den Boden adelt, so gehört das Thal des Nils zu dem urältesten Adel der Länder dieser Welt." Das Land, welches schon "für die bedeutendsten Geister der Griechen älterer Zeit ein Land der Sehnsucht" war, von dem aus "durch die hellenische Welt ein Memnons- klang" geht, das Abraham, Joseph und in dem "einsamen Garten von Heliopolis" die heilige Familie gastfreundlich aufgenommen hat, das schöne Land, dessen Sycomorenfeigen man beim Scheiden aß, um sich die Wiederkehr zu sichern, es hat auch den mitten im Getriebe des modernen Lebens stehenden Germanen mit seinen geheimnißvollen, eigenartigen Reizen umstrickt. Das Interesse, ja die Neigung für Aegypten, welche "zuerst durch die ewig frischen Schilderungen des alten

«>> – Halicarnassiers" in ihm angeregt worden waren, hatten ihn schon Jahrzehnte hindurch begleitet und ihn, soweit ihm in seinem "bewegten Leben" Zeit dafür blieb, zu Studien über dasselbe begeistert. Eine freudige Vorahnung, daß er einst das sagenumwobene Land des Nils, des "Vaters des Segens", wie ihn die Bewohner seiner Ufer nennen, schauen würde, erfüllte ihn. Er schreibt: "Wenn ich in Rom am Lateran, vor Sta. Maria Maggiore oder St. Peter stand, über die Piazza del Popolo schritt, um auf dem Pincio Gegend, Luft, Blumen und Freunde zu genießen, oder zum Monte Citorio ging, um den Passaporto "nach Benevent" visiren zu lassen: so erzählte mir die granitne Sprache der Obelisken aus Heliopolis und Karnak die Geschichten ihrer fernen Heimath; und wenn ich von der Avenue der elyseischen Felder über das Tagesgewühl hinweg auf der Mitte des Concordienplatzes den "versteinerten Sonnenstrahl" aus Theben, um mit Plinius zu reden, glänzen sah, so gedachte ich mit freudiger Vorahnung des Momentes, wo ich vor dem Pylon des Tempels von Luksor seinen dort zurück- gebliebenen Bruder begrüßen würde. Oft hatte ich mich, wenn ich Land, Licht und Leben des heutigen Aegyptens aus den bewundernswerthen Gemälden eines Gentz u. s. w. genoß, im Geiste in jene sonnigen, farbigen Gegenden versetzt." Sein Sehnen sollte sich ihm in einer ungeahnt günstigen Weise erfüllen. Er schreibt selber darüber: "Jch hatte mich darauf eingerichtet, die Reise nach Aegypten im Jahre 1870 zu unternehmen, als sich mir aus Anlaß der Eröffnung des Suezkanals 1869 Gelegenheit bot, dieselbe unter Ver- hältnissen auszuführen, welche für Denjenigen, der sich ernst- lich unterrichten will, sehr vortheilhaft genannt werden

– 90 – dürfen, und die in so günstiger Vereinigung kaum so bald wieder angetroffen werden möchten. Aus fast allen Staaten des Abend- landes waren die hauptsächlichsten Zweige der Wissenschaft und Kunst, des Staatswesens und Verkehrslebens durch hervor- ragende Männer vertreten; unsere Gesellschaft bereiste Aegypten bis zur nubischcn Grenze, und das bei den Ausflügen in das Land am Tage Gesehene gab des Abends bei unseren Ver- sammlungen an Bord Anlaß zu den für uns Jüngere be- lehrendsten Erörterungen. Das Schiffsverdeck war unsere Academie, unser Tusculum, und der Symposiarch Lepsius sorgte im Verein mit unserem Senior, Meister Drake, für die richtige Mischung des Geistes und Gemüths. So verlebten wir wochenlang unsere Abende, oft bis spät in die Nacht, namentlich wenn bei der Pracht des Himmels die astronor mischmBeobachtungen und Mittheilungen uns länger fesselten." Man kann sich denken, welche Anregung und welchen Genuß ein Mann von der geistigen Elasticität. dem Bildungs- drang, der Vielseitigkeit und der lebensfrohen Gemüthsart eines Stephan aus diesem engen Verkehr mit so vielen aus- gezeichneten und berühmten Männern aller gebildeten Nationen schöpfte. Seine Sprachgewandtheit, die ihm das intimste Verständniß der Ausführungen der fremden Gelehrten er- möglichte, kam ihm dabei trefflich zu statten. Aus dem geselligen Zusammenleben jener erinnerungs- schönen Tage gingen für Stephan freundschaftliche Beziehungen zu vielen Theilnehmern der Einweihungsfeier hervor. Ja zwischen ihm, Lepsius und Drake gestalteten sie sich sogar zu einem lebenslangen, wahren und innigen Freundschafts- bunde, der einen regen Briefwechsel zeitigte. Um die Würdigung, die so berühmte Leute ihrem jungen Freunde zu theil werden ließen, zu kennzeichnen, geben wir hier

– 91 – zwei Briefstellen wieder, die wir in "Unter dem Zeichen des Verkehrs" abgedruckt finden. Lepsius schreibt gelegent- lich seiner Beglückwünschung Stephans zur Doctorwürde: "Wer hatte in jenen memorablen Tagen besser Gelegenheit, den noch latenten, gelehrten Doctor in Jhnen zu erkennen und – lassen Sie es mich hinzufügen – den Mann von Geist und Gemüth, von ernsten Gedanken und reinem Wesen wahrhaft hoch schätzen zu lernen, als Ihr heutiger Gratulant? "(jui üoouisti tot öootos, dootissiins Oavtor, Nsote tuo msrito, mi KtöpK^iie, k7reqc>a^!" Die "Belehrung des Gelehrten", auf die er darin an- spielt, bezieht sich auf ein Vorkommniß der Nilreise. Stephan hatte nämlich einem Astronomen von Fach gegenüber eine Behauptung über den Stand eines bestimmten Sternes auf- gestellt und darin Recht behalten. Jn einem anderen Briefe schreibt Lepsius, auf dasselbe Vorkommniß hinweisend: "Sie finden bei mir einige astro- nomische Fachgenossen – ich denke an die Belehrungen, die Sie gelegentlich dem biederen X. unter dem füdlichen Himmel zu theil werden ließen." Und das wahrhaft väterliche Wohlwollen, das Franz Drake für Stephan hegte, spiegelt eine Stelle in einem seiner liebenswürdigen Briefe wieder. Er schreibt: "Bei freudigen Ereignissen denke ich immer: das mußt Du Deinem lieben Nil-Sohn mittheilen (er pflegte sich den Nil-Vater zu nennen) – nicht wahr, Sie finden dies doch natürlich?" Ein anderes Vorkommniß, dessen in demselben Buche Ermähnung geschieht, zeigt uns den practischen, sachkundigen Blick Stephans. Bei einem Ausflug in die Granitstein- brüche der alten Aegypter bei Assuan warfen Lepsius und Baurath Erbkam, bekannt durch seine vorzüglichen Auf

– 92 – nahmen alt-ägyptischer Baudenkmaler, die Frage auf, womit wohl die damaligen Steinmetzen die Löcher in den Granit getrieben haben möchten, in die sie trockene Holzkeile ein- fügten, die, angefeuchtet, durch ihr Aufquellen den Stein zersprengen mußten. Jrgend welche Ueberbleibsel von Bronceoder Eisenwerkzeugen waren nirgends zu entdecken. "Da hatte," so berichtet die National-Zeitung, "Geheimrath Stephan einen glücklichen Gedanken. Ringsum lagen eine große Anzahl Granitsplitter und diese, meinte er, könnten vielleicht als Meißel gedient haben .... Mit Stephans geologischem Hammer als Schlägel und mit einem Granit- splitter als Meißel begann nun Professor Drake auf einer Granitplatte zu hämmern, und wirklich, nach wenigen Se- cunden hatte er durch Zerschmettern der Steintheilchen ein Loch gemacht, das sich zusehends vergrößerte .... Endlich machte Stephan auch noch auf eine große Anzahl faust- großer, linsenoder halbkugelförmiger, schwarzgrauer Steine aufmerksam, die in den Steinbrüchen herumlagen und wahr- scheinlich als Schlägel gedient hatten." Stephan rechnete die Tage, die er am Nil zubringen durfte, mit zu den schönsten seines ganzen Lebens. Die Ein- drücke, die er dort empfing, die Gedanken und Studien, zu denen er angeregt wurde, hat er in seiner fesselnden Art, die immer interessirt, ob er belehrt oder zu poetischer Be- geisterung hingerissen schreibt, in mehreren hochbedeutsamen, literarischen Arbeiten niedergelegt. Zuerst im Jahrgang 1870 der Zeitschrift "Unsere Zeit" erschien aus seiner Feder eine Abhandlung: "Der Suezkanal und seine Zukunft", die einen. Beweis davon liefert, mit welchem klaren, vorurtheilsfreien Blick Stephan die ungeheure, internationale Bedeutung dieses großartigen , !!! !> > »>

– 93 – Unternehmens schon damals durchschaute, als die Ansichten der Zeitgenossen darüber noch sehr zersplittert und zum Theil sogar recht sceptisch waren. Während ihn der Eine für einen Actienschwindel erklärte, sah ihn ein Anderer für eine Utopie an, der Dritte hegte egoistische, commercielle Bedenken, ein Vierter meinte, das Anlagecapital würde sich niemals verzinsen, und wieder Andere, die Pedanten und Philister, sahen schon deshalb scheel auf das Unternehmen, weil es neu und groß war. Und als trotz ihrer Mißgunst und trotzdem noch "kein Zeitalter unmittelbar die Vereinigung zweier Meere herbeigeführt hatte und selbst Bauheroen, wie die Römer, sich vergebens am Isthmus von Corinth versucht hatten", als trotzdem der Kanal sertig gestellt war, da meinten sie: "Eigentlich ist es nur Arbeit und Bewältigung von Massen gewesen, Kunst und Genie haben gar nicht dazu gehört." "Jawohl, Ihr Neunmalklugen!" antwortet ihnen Stephan, "zur Entdeckung Amerikas gehörte nur der Ostwind." Stephan bedauert, daß die Eröffnungsfeier des Kanals nicht einige Monate später stattgefunden habe, weil alsdann der Eindruck des fertigen Kanals auf jene Nörgler noch überzeugender und machtvoller gewesen wäre. 30 000 Theil- nehmer hatte das welthistorische Ereigniß in Aegypten zu- sammengeführt: "Die Anwohner des Nils und des Rheins, der Donau und des Ganges begrüßten sich im Timsahsee, wo noch vor wenigen Jahren die Todtenstille der Wüste herrschte, auf den schwimmenden Salons des Weltverkehrs." Jm Verlauf der Abhandlung giebt Stephan dann, seiner Eigenart gemäß, einen kurzen Abriß der Geschichte des afrikanisch-asiatischen Jsthmus und die Vorgeschichte des Kanals, die bis in das graue Alterthum, bis zu Ramses II.

– 94 – hinauf, reicht. Eingehend schildert er Lesseps' Plan, seine Begeisterung für feine Jdee, seinen Eifer, sie in das Prak- tische umzusetzen, und die zu überwindenden Schwierigkeiten, die hauptsächlich in dem Fehlen genügender Geldmittel be- standen, bis die Staatsklugheit und Hochherzigkeit Said Paschas dem Unternehmen durch Anweisung einer Geld- summe eine sichere finanzielle Basis gab, auf der mit Erfolg weiter zu bauen war. "Was würde die Geschichte von uns sagen," ruft Stephan, "wenn ein solches Werk, die Erfüllung eines Traumes von Jahrtausenden, wegen des Geldpunktes wieder hinfällig werden sollte!" Er ist der Meinung, daß zur Ueberwindung solcher Schwierigkeiten alle Staaten ge- meinsam eintreten, alle Nationen die große Sache als eine gemeinschaftliche behandeln müßten. Er gehört weder zu den Zweiflern, noch zu den Enthusiasten, glaubt aber, daß "der Verkehr durch den Kanal bedeutend genug sein wird, um die Kosten zu decken u. s. w ganz abgesehen von den bei Weitem wichtigeren Folgen für die gesammte Cultur- entwickelung und Jdeenbewegung des Orients und für die Handelsströmungen, Auswanderungen und civilisatorischen Ziele des Occidents." Als es nach Ueberwindung der größten Schwierigkeiten Lesseps' unermüdlicher Energie, der Stephan wiederholt das ehrendste Zeugniß ausstellt, gelungen war, die Ausführung des Kanals zu sichern, und am 25. April 1859 der erste Spatenstich bei Port Said gethan wurde, da brach "die Morgenröthe einer neuen Zeit für die Wüste des Jsthmus an: eine Verjüngung seiner, in graue Jahrtausende reichen- den Geschichte, die in einen Starrkrampf versenkt zu fein schien, nachdem sie einst so lebensvoll gewesen". Stephan giebt dann ein anschauliches Bild der Arbeiten

– 95 – am Kanal, bei denen zu Zeiten 15000 Menschen, selbst in Mondnächten, beschäftigt waren, ihrer Campements, aus denen sich nach und nach richtige Städte entwickelten, die Schwierigkeiten, sie Alle mit dem Röthigen, besonders mit Wasser, zu versehen u. s. w. Am 15. August 1863 wurde zunächst der Süßwasserkanal eröffnet, der durch einen Nil- arm das rothe Meer mit dem mittelländischen verbindet. In den Bitterseen trafen die beiden das erste Mal zusammen: "Die erste Begegnung beider Meere war ein nicht eben freundschaftlicher Anprall, die Wasser schäumten und wichen zurück, dann aber, wie ein neptunisches (Zuos «A«! vereinigten sie friedlich ihre Wellen, und der Ocean nahm wieder Besitz von dem Terrain, das ihm schon einst gehört, nicht aber, um in träger Ruhe hier zu verweilen, sondern um die Flotten des Bölkerverkehrs zu tragen." Jm zweiten Artikel schildert er dann die Eröffnungs- feier am 16. November 1869, zu der Vertreter aller Länder, Fürsten, Staatsmänner und Gelehrte, nach Port Said ge- kommen waren, der regsamen, blühenden Stadt von 10000 Einwohnern, die sich aus dem Zelt entwickelte, das vor noch nicht einem Dutzend Jahren zehn entschlossene Männer, die ersten Pioniere des großen Werkes, auf der schmalen, absolut wüsten Nehrung zwischen Menzalehfee und Mittel- meer aufgerichtet hatten. Da Stephans Theilnahme an der Feier sie zu einem biographischen Ereigniß für das vor- liegende Werk gestaltet, wollen wir sie nach seinen Angaben in kurzen Umrissen schildern. Eingeleitet wurde sie durch Festgottesdienste nach ver- schiedenem Ritus, denen sich die feierliche Einweihung des Kanals unter dem Donner der Geschütze von Land und Meer anschloß. Am Abend brillante Beleuchtung der Stadt.

– 96 – Bei der Festfahrt, die am anderen Morgen 8 Uhr begann und an der alle Schiffe, eine imposante, schier endlose Reihe festlich geschmückter Fahrzeuge, thcilnahmen, hatte Stephan durch Lepsius' Vermittelung einen kleinen, flinken Post- dampfer zur Verfügung erhalten, der es ihm erlaubte, nach Belieben sich einzureihen, Rast zu halten und an wichtigen Punkten auszusteigen. Unter Kanonendonner passirte man das Thor des ägyptischen Bosporus, die beiden, einstweilen provisorisch aufgerichteten Obelisken am Hafen von Port Said, fuhr über den Menzalehsee, wo "unglaublich dichte, regungslose Schwärme von Pelikanen förmliche Jnseln von Hellem Silber" bildeten, vorbei an den festlich geschmückten Böschungen und Campements der Kanalarbeiter, nach Kantara, wo man rastete. "Wir bestiegen den obersten Punkt der Böschung und sahen von dort Asien und Afrika vor uns liegen, rings einen weiten Horizont und die im Schein der Abendsonne roth erglühende Wüste mit ihren großen Linien und einzelnen, malerisch geformten, in präch- tigem Violett schimmernden Hügeln." Beim Schein der Leuchtfeuer fuhr die bis in die Mastspitzen mit Lichtern geschmückte Flotte in den Timsahsee ein, an dessen Ufer Jsmailia in feenhafter Jllumination erglühte, während "über die weite, in zahllosen Lichtreflexen erglänzende Wasser- fläche" die Batterie vom obersten Hügel ihren Geschütz- donner sandte und das herrlichste Feuerwerk, das Stephan je gesehen, in imposanter Majestät sich vom Nachthimmel abhob. Eine märchenhaste Scenerie, die wie eine Verkörpe- rung aus "Tausend und eine Nacht" erschien und die trotzdem das tiefe Empfinden des Germanen nicht zu befriedigen vermochte. "Wir hatten den Eindruck," schreibt Stephan, "daß einem solchen orientalischen Volksfeste die eigentliche

– 97 – Stimmung, das Gemüth, fehlt. Man vermißte das Element der Frauen, die Volkslieder und den Wein." So sehr Stephan die Fähigkeit innewohnte, sich einem geselligen Vergnügen rückhaltslos hinzugeben, so wußte er doch stets, wo Andere nur genossen, zugleich auch Nahrung für Geist und Seele zu finden. Sehr bezeichnend für seine Art, eine Reise als Das, was sie wirklich sein soll, als Bildungsmittel aufzufassen, ist seine Bemerkung in der Be- schreibung der Festfahrt, daß er ausgestiegen war, um am Ufer Muscheln zu suchen. Bei den in Jsmailia abgehaltenen Volksfesten inter- essirten ihn besonders die "wilden Attacken" der Wüsten- araber auf ihren edlen, feurigen Rossen und das Wettrennen der Kameele. Am 19. November ging die Fahrt von Jsmailia durch die Bitterfeen mit ihrer "schönen, leuchtend blauen, erquicken- den Wasserfläche" nach Suez. Sein Schiff, obwohl größer und schwerer, als das frühere, drang als eines der ersten "in das in wundervoller Farbenpracht" vor ihnen liegende arabische Meer ein. Mit Entzücken hing sein Blick an dem imposanten Gipfel des Sinai, "dessen Schöße Mosis Stab die noch heute rieselnden Quellen entlockte". "Seit den Tagen unserer Kindheit hatten wir diesen Berg, die Geburtsstätte der monotheistischen Gottesverehrung, mit Ehrfurcht nennen hören. Jetzt stieg er aus den Fluthen desselben' Meeres, das auch die Gestade von Mecca bespült, mächtig vor uns auf, wie der Thron eines großen Denkers und Helden." Jm weiteren Verlaufe der Abhandlung schildert Stephan den augenblicklichen Zustand des Kanals, seine Verkehrs- verhältnisse, die Finanzlage des Unternehmens und die 7

– 98 – politischen Gesichtspunkte, die er bietet. Wir, die wir be- urtheilen können, in wie hohem Maße die Voraussagen Stephans schon jetzt in Erfüllung gegangen sind, müssen erstaunen über den scharfen und weiten Blick, mit dem er, unbeirrt durch die widerstreitenden Ansichten der Zeitgenossen, die Verkehrs-Situation, die der Kanal von Suez in der Zu- kunft schaffen würde, richtig erkannt und über die commer- ciellen Jnteressen hinweg feine Culturmission erfaßt hat. Er sagt: "Der Jsthmus von Suez bildet so lange Jahr- hunderte ein Hinderniß der Cultur, indem derselbe durch den Zusammenhang, welchen er zwischen Asien und Afrika herstellt, und der namentlich der Ausbreitung des Jslam so förderlich war, den Orient in einer sehr compacten, so- zusagen geschlossenen Masse dem Abendlande gegenüberstellt. Jetzt ist diese Schranke durchbrochen; es ist eine Lücke in die Schlachtordnung des Jslam gerissen, und die Phalanx der abendländischen Cultur dringt mit erhobenem Kreuze durch dieselbe vor." Um dem Kanal die Erfüllung dieser Aufgabe zu ermöglichen, sei es aber nöthig, ihm den inter- nationalen Charakter zu erhalten. Stephan schließt mit einer Darstellung der Physiognomie, die der Kanal unter der Herrschaft eines einzelnen Volkes vergangener Zeit an- genommen haben würde, und der Hoffnung, daß ihn das 19. Jahrhundert in eine Verfassung setzen wird, "die feine freie und friedliche Benutzung den Völkern aller Zonen und Zeiten gewährt". Jn das Jahr der Eröffnung des Suezkanals fällt noch ein anderes, für den Weltverkehr hochwichtiges Ereigniß: die Eröffnung der Pacificbahn, und zu gleicher Zeit war eine Expedition zur Erforschung und Aufnahme des Jsthmus von Danen, behufs einer Durchstechung desselben, unterwegs.

– 99 – Natürlich mußten diese Ereignisse und Bestrebungen das Interesse des "Meisters des Verkehrs" in hohem Grade fesseln. Die Gedanken, die sie in ihm wachriefen, legte er in einer Arbeit nieder, die auch im Jahrgange 1870 von "Unsere Zeit" erschien: "Die Weltverkehrsstraßen zur Ver- bindung des atlantischen und des stillen Oceans". Die Gründlichkeit seiner Ausführungen giebt Zeugniß davon, wie eingehend er die Bestrebungen zur Auffindung einer westlichen Durchfahrt nach Ostindien von Columbus' erster Reise an bis in die neueste Zeit verfolgt hat, und wie genau er mit Situation, Zweck und Aussichten jener Unter- nehmungen vertraut ist. Wir müssen uns jedoch versagen, näher auf die interessante Arbeit einzugehen, da sie für unsere speciell biographischen Zwecke zu objectiv gehalten ist. Ein anderes Werk indessen, das der vielbeschäftigte, rastlos fleißige Mann gerade in den Jahren, die die höchsten An- forderungen an seine Arbeitskraft und geistige Elasticität stellten, schuf, verdient nicht nur seiner literarischen und culturgeschichtlichen Bedeutung, sondern auch der persön- lichen Aeußerungen Stephans wegen, die es vielfach enthält, daß wir näher darauf eingehen. Es ist das rühmlichst be- bekannte und allgemein geschätzte Buch: "Das heutige Aegyten". Stephan hatte, seit Jahren von regem Jnteresse für das Land erfüllt, alle ihm zugänglichen ägyptischen Werke älterer und neuerer Zeit studirt und es als eine schmerz- liche Lücke empfunden, daß gerade von der allerneuesten Zeit gar kein literarisches Material vorhanden war. Diese Lücke auszufüllen, unternahm er selber nun. Theils aus eigenen persönlichen Beobachtungen und Eindrücken schöpfend, theils das Material benutzend, das er feinen 7*

– 100 – "langjährigen, freundschaftlichen Beziehungen in Alexandrien" verdankte, schrieb er schon im Herbst und Winter 1869/70 den größten Theil des Buches "Das heutige Aegypten", indessen verzögerte der Ausbruch des Krieges 1870, der Stephan vor die Aufgabe der Organisation der Feldpost stellte und andere dringende und umfangreiche Arbeiten die Herausgabe des Buches, so daß er erst im Spätsommer 1871 während eines Erholungsurlaubes auf dem Lande die nöthige Zeit fand, es fertig zu stellen. 1872 erschien es alsdann bei F. A. Brockhaus in Leipzig; wir fügen indessen, des Zusammenhanges wegen, gleich hier die Besprechung desselben an. Den Zweck des Buches giebt er selber sehr bescheiden .in der Vorrede an, es sollte nur ein "Abriß" der damaligen Zustände Aegyptens sein, es ist jedoch bei Weitem mehr und den besten Arbeiten auf diesem Gebiete würdig an die Seite zu stellen. Mit vollem Rechte darf er von sich sagen: "Jn Anspruch nehmen darf ich für diese Blätter die Nicht- verkennung ihrer vollkommensten Unabhängigkeit, des Ernstes in der Absicht zu nützen, und der Gewissenhaftigkeit in der Forschung." Jm ersten Abschnitt schildert er Land und Volk: die Sprache des Volkes, die Größenverhältnisse des Landes, Vertheilung von Kulturland, Wüste und Seen, die Bedeu- tung und Eigenart der Nilüberschwemmungen, die Oasen und ihren Einfluß auf den Handelsverkehr, Bodenbeschaffen- heit, Klima, Herkunft der Bevölkerung u. f. w. Jn dem Capitel., das er dem geologischen Charakter des Landes widmet, muß man feine bedeutenden Kenntnisse auf diesem Gebiete bewundern. Er hatte sich von Jugend auf eifrig mit dem Studium der Geologie beschäftigt und es zu einem

– 101 – Wissen darin gebracht, das ihm gestattete, eigene Forschungen anzustellen, und das ihm auch die Beachtung berühmter Fachgelehrten eintrug. Gerade über geologische Fragen, die Aegypten und Afrika angingen, hat er mit ihnen correspondirt, z. B.: "Ueber die Ursachen der Thermalquellen in den Oasen der libyschen Wüste" und "Ueber das Vorhandengewesensein eines Diluvialmeeres im Becken der Sahara". Aber mit dem Wissen ging die Poesie bei ihm Hand in Hand, und oft überrascht uns eine Stelle, die uns beweist, wie innig beide bei ihm verknüpft sind. Da lesen wir z. B. bei der Schilderung der kahlen Granitund Syenitkuppen des Grenzgebirges gegen Nubien: "Sie erheben sich im All- gemeinen zwar nur etwa 200–300 m über den Spiegel des Nils, machen aber durch die Plötzlichkeit ihrer Erschei- nung und das, gegenüber den phlegmatischen Bildungen des Sandsteins mit seinen ruhigen, langen Linien und großen Flächen, sich deutlich markirende Leidenschaftliche ihrer Ent- stehung einen höchst imposanten Eindruck, den die Härte und Schönheit des Gesteins noch vermehrt. Von inneren Gewalten getrieben, durchbrach dieses kräftige Gestein hier die breiten Lager der sedimentären Gebilde, quer durchsetzte es das Thal des Nils und trat selbst noch eine ansehnliche Strecke weit auf die libysche Seite über, bis es sich unter deren Sandmeer verlor. Jm Thale aber begann nun der Kampf mit dem Wasser. Dem fortgesetzten, lebendigen An- dringen des Elementes der Bewegung vermochte das nach dem Erlöschen seiner treibenden Kraft erstarrte Gestein nicht zu widerstehen: in diesem Kampfe unterlag es. Der Strom brach sich, rauschend seinen Sieg verkündend, Bahn durch die starre Mauer: so entstanden die Nilcataracte. Eine er- greifende Scenerie haben die Mächte, die hier einst gekämpft,

– 102 – zurückgelassen; es ist eine historische Landschaft im groß- artigsten Styl: ein Schlachtfeld der Naturgewalten." Wir könnten noch viele solcher Stellen voll poesiereicher Naturschilderungen anführen, allgemeiner bekannt dürfte die wahrhaft classische, oft citirte Beschreibung eines Sonnen- unterganges sein: "Welche Palette, und wäre es die eines Tizian u. f. w." Die Abendbeleuchtung und die Mondnächte üben einen immer neuen Reiz auf ihn aus. Cairo fesselt ihn unwiderstehlich: "wer jemals von der Höhe der Citadellc in Cairo, oder noch besser, von dem, dieselbe überragenden Gipfel des Mokattamgebirges beim Purpurlicht der aufgehenden Sonne diese Stadt und Landschaft gesehen und also auch empfunden hat, wird den Eindruck nie im Leben wieder vergessen." Er schildert nun mit seiner Feder, die so plastisch und sarbensatt zu malen versteht, wie der Pinsel eines Böcklin, die Scenerie von Cairo und schließt: "man scheidet schwer von der zauberhaften Stadt und ihrer Gegend, welche von der Natur zu einem Gedicht, von der Geschichte zu einem Kunstwerk gemacht worden ist", Stephan versteht, wie kein Anderer, den eigenartigen Reiz der ägyptischen Landschaft zum Ausdruck zu bringen, und das beruht eben auf jener, schon einmal erwähnten, glücklichen Mischung von Gelehrsamkeit und Poesie, die sich in ihm verkörpert. Er ist der Gelehrte, der mit den Augen des Dichters schaut. Wie könnte man Aegypten schildern, ohne in den Geist seiner großen Vergangenheit eingedrungen zu sein, und wie würden die majestätischen Ueberreste dieser großen Zeit wirken, wenn sie von dem Zauber der wunder- baren Landschaft, die sie umgiebt, losgelöst würden. St?vhan weiß beide Gesichtspunkte in einen zu verschmelzen. .Wenn die Gegenden des Rheins oder der mittleren Donau theils

– 103 – romantisch, theils idyllisch genannt werden können," schreibt er, "so bildet bei einer Fahrt auf dem Nil das Feierliche ein wesentliches Element der Stimmung: der weite Horizont, der majestätische Strom, die langen Wüstenzüge in ihrer unerschütterlichen Ruhe, die plastischen Formen der Palmen, des Baumes, mit dessen Zweigen der Heiland gegrüßt wurde, die zahlreichen und großartigen, an eine vieltausendjährige Geschichte erinnernden Ruinen mit ihren feierlichen Tempeln, das Alles ruft die Andacht in der Seele hervor; diesem Gefühl mischt sich Begeisterung bei, wenn der Himmel die Pracht seines Lichtes entfaltet, Melancholie, wenn man das Dasein des Volkes in diesen Gegenden sieht." Stephans Schilderungen wirken um so lebensvoller und fesselnder, als er bei seiner großen Belesenheit jederzeit über die Fähig- keit verfügt, Stellen aus Schriftstellern aller Zeiten zum Beleg feiner Bemerkungen zu citiren. Das zweite Capitel handelt von der Landwirthschaft und Agrarverfassung. "Dem Ackerbau war und ist in Aegypten die erste Stelle in der Reihe der schaffenden Tätigkeiten des Volkes einzuräumen." Wenn die Zeit des sprüchwörtlichen Getreidereichthums Aegyptens vorüber ist, so liegt das lediglich an den Mängeln der Verwaltung. Die Landwirthschaft müßte vervollkommnet, die Ackerbau- verfassung umgestaltet und die Ausfuhr geregelt werden. Die eingehende Kenntniß der Bodenproducte, ihres Anbaues und ihrer Verwerthung, der Viehzucht, wie der Agrar- verhältnisse überhaupt und in einem späteren Capitel die genaue, so schwer zu erlangende Jnformation über Ver- waltungsangelegenheiten und Finanzen verdankt er zum großen Theil den Mittheilungen seiner ägyptischen Freunde. Bei der Beschreibung der Bodenerzeugnisse widmet er

– 104 – der Dattel, dem für Nahrung und Erwerb der Aegypter wichtigsten Baume, ein ausführliches Capitel. Dabei vergißt er nicht, über dem Nutzen, den sie gewährt, das Moment der Schönheit, das sie in die Landschaft trägt, zu schildern. Sehr treffend charakterisirt er den Unterschied zwischen Palmen, Sycomoren und Tamarisken: "Während die Palme uns in eine ganz neue Welt versetzt, ist der meist den menschlichen Wohnungen nachbarlichen Sycomore vielmehr das Gesellige, Heimische unserer Linde eigen. Die Palme ist plastisch, die Sycomore malerisch .... So edel die Sycomore, so plebejisch erscheint die besenartige, graugrüne, unruhige Tamariske; nur mitunter, wenn sie, vom Winde leicht bewegt, in blaugrünen Farbentönen schillert und gegen die stille gelbe Wüste absticht, gewinnt sie Bedeutung in der Landschaft." Als er von der Ackerbauverfassung und den Mängeln, die ihr anhasten, spricht, bekämpft er energisch die Ansicht, daß nur durch Masseneinwanderungen von Europa und einer ebensolchen Verdrängung der Fellahs, wie der Jndianer Nordamerikas, das Land wieder einer großen Zukunft ent- gegengeführt werden kann. Mit warmen Worten tritt er für die Rechte des verachteten Fellahs ein, es gäbe würdigere Mittel, als Jndianerhetzen. Wenn auch in den letzten Jahren mancherlei Verbesserungen vorgenommen worden sind, so kann eine gründliche Umgestaltung der Verhältnisse doch erst mit der Wiederherstellung des freien Eigenthums und der Hebung der Bildung des Volkes eintreten. Die Nothwendig- keit einer Volksbildung hebt er wiederholt hervor: "Ver- besserung der Verhältnisse der Eingeborenen in materieller und geistiger Beziehung wird immer die Grundlage aller wahren Reformen bleiben."

– 105 – Der dritte Abschnitt handelt von Regierung und Ver- waltung. Der Persönlichkeit Jsmail Paschas und seiner reformatorischen Bestrebungen gedenkt Stephan mit rück- haltsloser Anerkennung. Durch ihn wurde auch die Thron- folge, allerdings unter bedeutenden Opfern seinerseits, aus einem Seniorat in ein Majorat umgewandelt. Stephans Mittheilungen über die ägyptische Verwaltung und den ihr vorstehenden Beamtenstand sind sehr interessant und für uns zum Theil ganz neu. Was die Unabhängigkeit Aegyptens anlangt, so kommt er zu dem Schluß, daß sie sich ganz von selber mit der "Unaufhaltsamkeit einer organischen Bildung" entwickeln wird. Ebenso unterrichtend ist das Capitel, das von dem Conservatorium der Alterthümer und Generaldirectoriat der Museen handelt. Sehr sympathisch gedenkt Stephan der Bestrebungen des berühmten Aegyptologen Mariette-Bey, des "Restaurateurs des monumentalen, antiken Aegyptens", das von ihm angelegte und geleitete Museum zu einem Volksbildungsmittel zu machen, das nicht allein für die Fremden bestimmt, sondern hauptsächlich auch den Ein- geborenen zugänglich sein soll, damit sie die Geschichte des Landes kennen lernen. Stephan erscheint das ganze ägyptische Nilthal wie ein Museum. Den Gelehrten anderer Länder, die sich um dessen Erforschung verdient gemacht haben, zollt er volle Anerkennung. Besonders aber hebt er die Thätigkeit unseres Lepsius, des Nestors der deutschen Aegyptologen, hervor. Seinem gestaltenden, practischen Geschick, das sich so glück- lich mit seiner umfassenden Gelehrsamkeit verbindet, ist es zu verdanken, daß das Berliner ägyptische Museum vor allen anderen den altägyptischen Geist am reinsten athmet.

– 106 – Der vierte Abschnitt bespricht die ägyptischen Finanzen, der fünfte Cultus und Justiz. Die Zusammenstellung dieser beiden erklärt er als im mohammedanischen Staatsprincip beruhend, denn "die straffe Zusammenfassung von weltlicher und geistlicher Herrschaft, von Macht und Jdee bildet die Stärke und die Schwäche des Jslam: die Stärke im Erobern, Erzeugen und Ausbreiten, die Schwäche im Behaupten, Er- ziehen und Bilden". Sehr bemerkenswerth ist seine Schilde- rung des Unterschiedes zwischen Christenthum und Moham- medanismus, Bibel und Koran: "Jn der Bibel steht: Mein Reich ist nicht von dieser Welt, und: Liebet Eure Feinde! Der Koran dagegen kann ein Reich dieser Welt nicht ent- behren; er predigt Haß und Vernichtung der Andersgläubigen, und als ob die Begeisterung für den Glauben dazu nicht ausreiche, stachelt er noch die Kampfbegierde an durch ge- setzliche Zuweisung von Beuteantheilen in dieser und durch paradiesische Verheißungen in jener Welt. Die Bibel sagt: Jhr seid zur Freiheit berufen! und spricht damit eine der tiessten Wahrheiten, die edelste Auffassung des Verhältnisses der Menschen zu Gott aus. Der Koran sagt: Allah hat im Voraus unbedingt über Euch verfügt; er verlangt von Euch den Jslam, d, i. die unbedingte Ergebung in feinen von vornherein feststehenden Willen." Da Mohammed geistliches und weltliches Oberhaupt zu- gleich war, enthält der Koran auch eine Menge Vorschriften für Recht und Politik, die den "Stempel der Berechnung, der Anpassung an conerete Volkszustände und Zeitverhält- nisse tragen". Da diese, wandelbare Verhältnisse betreffen- den Vorschriften als unwandelbare, göttliche Offenbarung, der heiligen Nacht ausgegeben werden, hat sich die moham- medanische Staatsschöpfung um die Möglichkeit einer Ent

– 107 – wickelungsfähigkeit gebracht, und dies, mit dem Princip des Fatalismus vereint, bedingt ihren Verfall. Die abendländische Cultur ist, besonders, da das ägyp- tische Herrschergeschlecht reformatorischen Bestrebungen ge- neigt ist, nicht ohne Einfluß auf das öffentliche Leben in Aegypten geblieben. Der gebildete, aufgeklärte Moslem erkennt wohl das Einseitige und Stagnirende des Jslam, indessen ebenso gut auch die Schattenseiten der europäischen Uebercivilisation; der Orient, so meint er, habe wenigstens den Vorzug, daß er noch Autorität und Naivetät kennt. "Wo liegt die Lösung?" schließt Stephan. "Kann ein Compromiß sie gewähren? Welche Formen müßten Glaube und Sitte dafür annehmen? Und wo ist der Reformator, der Prophet? Herrlich könnten die Früchte sein. Und die Hoffnung ist doch wohl nicht aufzugeben. Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!" Sehr belehrend ist die Schilderung des Handels, Ver- kehrs und der Jndustrie im sechsten Abschnitt. Stephan geht zurück auf die regen Handelsbeziehungen Aegyptens in den ältesten Zeiten. Allmählich verfielen dieselben, um mit der Verbreitung des Jslam einen erneuten Ausschwung zu nehmen, an dem die Pilgerkarawanen nach Mecca den be- deutendsten Antheil hatten. Jm Anschluß daran schildert er den Karawanenverkehr, dann die Entwickelung der Schiff- fahrt, der Eisenbahn, Post und Telegrapyie. Nachdem er über Ausfuhr, Zollsystem, Handelspolitik berichtet hat, kommt er auf die Jndustrie zu sprechen. Nach seiner Ansicht sehlen dem Lande für einen Betrieb im Großen alle Vor- bedingungen, hauptsächlich Kohlen, Wassergefälle und ein zur Fabrikbeschäftigung geneigter und geeigneter Arbeiterstand,

– 108 – Der Verkehr im Kleingewerbe dagegen ist regsam, doch die Verfahrungsarten, die man, da alle Arbeit im Freien oder in offenen Fluren vor sich geht, gut zu beobachten Gelegen- heit hat, sind zum Theil noch sehr alterthümlich. "Doch wenn auch Aegypten," so schließt er den Artikel, "niemals ein Jndustrieland, nach unserem Begriffe, werden kann, so besitzt es dafür in seinem Ackerbau, im Handel und in der Schifffahrt unerschöpfliche Quellen des Reichthums, wenn sie mit Umsicht erschlossen und mit Sorgfalt gepflegt werden .... Aber dazu bedarf es des Geistes, der Arbeit und der Moral, ohne welche Trias nichts Dauerndes im Menschenbereich geschaffen wird." Eine Beschreibung des Suezkanals, die sich im Wesent- lichen mit der früher von ihm veröffentlichten deckt, beschließt das interessante Buch, das Stephan bei seinem Erscheinen den reichen, uneingeschränkten Beifall seiner Zeitgenossen eintrug, das aber auch einen bleibenden Werth besitzt. Noch heute wird sowohl Der, welcher sich belehren, als auch Der, der sich unterrichten will, beim Durchlesen des Buches seine volle Befriedigung finden. Die Zeit ist fortgeschritten und hat naturgemäß mancherlei Aenderungen auch für Aegypten mit sich gebracht; was aber vor dem Jahre 1872 liegt, hat in Stephan seinen berufensten Darsteller gefunden. Ein Kritiker sagt darüber: "Welche Seite wir auch ausschlagen, überall documentirt sich der Verfasser als ein Mann von vielseitigstem Wissen und großer Belesenheit, der zugleich mit umfassenden Sprachkenntnissen – auch der Kenntniß des Arabischen – sowie mit scharfer Beobach- tungsgabe ausgerüstet, ganz dazu geeignet erscheint, in den Geist und Charakter eines fremden Volkes und Landes ein- zudringen. Dazu warme Empfänglichkeit für Naturschön

– 109 – heiten, ein anziehendes Erzählertalent; alle diese Eigenschaften tragen dazu bei, das Werk zu dem bedeutenden zu machen, das sich an die, dem Verfasser zu verdankenden, bekannten trefflichen Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft, wie des Verkehrs und der Verwaltung würdig anreiht." Stephans Studien und Leistungen auf dem Gebiete der Aegyptologie brachten ihn mit den berühmtesten Gelehrten dieser Richtung in Verbindung, und aus der gegenseitigen Hochschätzung dieser hervorragenden Männer gingen nach und nach wahrhaft freundschaftliche Beziehungen hervor. Dümichen, der Schüler Lepsius', und Stephan traten in einen regen persönlichen und brieflichen Verkehr. "Unter dem Zeichen des Verkehrs" schreibt darüber: "Die Glück- wünsche, die er (Dümichen) Stephan regelmäßig "in seiner zweiten Muttersprache", wie er selbst sagt, in Hieroglyphen, darbringt, sind wahre Perlen altägyptischer Redeweise, die wir lebhaft bedauern, nicht in der Urschrift wiedergeben zu können." – «An der Feier, dieser schönen des Jahresanfanges": lautet der eine, "Jahre des Lebens noch viele in Gesund- heit und Kraft, Dein Geist immerdar in jugendlicher Frische, gleichwie sproßt das Feld zur Zeit, die kommt nach den überfluthenden Wassern des Nils, Deine Knochen von Erz, Dein Arm wie ein Ast, der in den Himmel reicht, und Alles, was des Menschen Herz erfreut, auf Dein Haupt heute und immerdar!" Auch Georg Ebers und Gerhard Rohlfs schlössen sich eng an Stephan an. Der Erstere widmet ihm den auf Stephans besondere Anregung herausgegebenen Text zu seinem Prachtwerk: "Aegypten in Wort und Bild", den "Cicerone durch das alte und neue Aegypten" und erbittet wiederholt das Urtheil des von ihm so hochgeschätzten Mannes

– 110 – über verschiedene seiner Werke; und Gerhard Rohlfs bezeigt Stephan seine Verehrung, indem er ihm nach seiner Rück- kehr von einer Reise nach Libyen eine Anzahl photographischer Aufnahmen, die er selber an Ort und Stelle gemacht hat, übersendet. Stephans Dankschreiben an ihn enthält nach "Unter dem Zeichen des Verkehrs" folgende bemerkenswerthe Stelle: "Der wirksamste Missionär ist der Verkehr: und wenn wir dort den ersten Postcours, die erste Telegraphen- linie haben werden – dann werden wir den Weckruf der Cultur vernehmen, aber nicht eher." Stephans Reise nach Aegypten hat, wie unsere Aus- führungen gezeigt haben, nach vielen Richtungen hin einen bedeutsamen Einfluß auf sein Leben ausgeübt: sie hat sein Wissen bereichert, seine Feder zu tüchtigen, literarischen Leistungen inspirirt, wichtige, folgenreiche Freundschaftsbande für ihn geknüpft und sie ist ihm allezeit eine Quelle un- getrübt schöner Erinnerungen geblieben. Außer dieser, mehr dem Vergnügen und der Erholung gewidmeten Reise nach Aegypten hat Stephan in den sechs- ziger Jahren noch eine ganze Anzahl von Dienstreisen ins Ausland unternommen, die durch seine persönliche Antheil- nahme an den Abschließungen der internationalen Postverträge bedingt wurden. Diese Reisen erweiterten nicht nur stetig den Horizont seiner dienstlichen Erfahrungen und allgemeinen Kenntnisse, sie brachten ihm auch eine Menge neuer Bekanntschaften und Verbindungen, und wenn man in Betracht zieht, daß Stephan ein phänomenales Personengedächtniß besaß und einen Menschen, mit dem er einmal in Berührung gekommen war, nicht wieder vergaß, so kann man sich vorstellen, wie ungeheuer groß schließlich sein Bekanntenkreis in der ganzen

– III – Welt war. Naturgemäß bringt solch' ein Bekanntenkreis auch einen regen Briefwechsel hervor, und dieser absorbirte wieder einen Theil der ohnehin so beschränkten Zeit des vielbeschäftigten Mannes. Aber auch in dieser Periode, wo so zahlreiche andere Verpflichtungen auf ihm lasteten und so viele neue Eindrücke auf ihn einstürmten, hat er niemals vergessen, sobald ein wichtiges Ereigniß an ihn herantrat oder fein Gemüth tief bewegt war, seiner alten Mutter darüber zu berichten. "Unter dem Zeichen des Verkehrs" ist in der Lage, aus solchen Familienbriefen zwei Stellen voll rührendster kindlicher Liebe und Trauer um den Ver- lust des Vaters wiederzugeben. Von Rom aus schreibt er am 8. März 1869. dem Todestage seines Vaters: "Jch denke Deiner in inniger Dankbarkeit für alle Mutterliebe, die Du mir im langen Leben stets erwiesen hast, und ich sende aus tiesstem Herzen ein Gebet aus weiter Ferne an das Grab unseres unvergeßlichen Vaters." Und von Theben aus in demselben Jahre: "Hier gedenke ich der glücklichen Tage unserer freundlichen Kindheit, im lieben Elternhause, des gemüthlichen Familienlebens; unseres seligen Vaters unvergeßliches Bild mit den treuen blauen Augen, den freien, edlen Zügen steigt freundlich winkend vor meiner Seele auf: ich sehe ihn, wie er die Brüder umarmt im schönen Jenseits, und wie sie alle auf die große Herrlichkeit, die mich umgiebt und die uns sterbliche Menschen noch mit Erstaunen umfängt, als etwas Kleines herniederblicken aus jenen Sphären des ewigen Lichtes." Nicht lange mehr sollte er sich des Glückes, eine Mutter zu besitzen, erfreuen: sie starb am 27. November 1869 in dem schönen Alter von 75 Jahren. Aus diesen Briesstellen ersehen wir wieder, wie sehr

– 112 – die echt christliche Erziehung, die er im Elternhause genossen hatte, nachwirkend für sein ganzes Leben gewesen ist. Er selbst nennt seine Gläubigkeit das beste Erbtheil, das ihm sein Vater, ein streng religiöser Mann, hinterlassen habe. Stephans Bibelfestigkeit hat sich oft glänzend bewährt. Nicht allein, daß er es selber liebte, in seine Reden passende Stellen aus der heiligen Schrift einzuflechten, auch von Anderen wurde er öfter veranlaßt, Proben seines biblischen Wissens zum Besten zu geben. So telcgraphirte ihm in späteren Jahren einmal ein humorbegabter Ortsvorstand gelegentlich der Eröffnung einer Telegraphenstalt: "Excellenz haben zur Verwirklichung der von König David Ps. 19, 4 und 5 mit Bezug auf die Telegraphie gemachten Prophezeiung wesentlich beigetragen." – Umgehend antwortete Stephan: "Meinen Dank für Jhren telegraphischen Gruß; ich verweise Sie auf Ps. 92, 3–6. Dr. Stephan." Die erste Stelle lautet: "Kein Sprechen und kein Reden, da man keine Stimme hört! Ueber alle Lande erstreckt sich ihr Seil, und ihre Worte dringen bis an das Ende der Welt." Und die Antwort: "Möge er verkünden am Morgen Deine Gnade und Deine Wahrhaftigkeit in den Nächten. Wie groß sind Deine Werke, Ewiger! wie sehr tief Deine Gedanken!" – Solcher Proben seiner Bibelfestigkeit ließen sich noch viele anführen.

VII. PostKsrke und Feldpost. as Jahr 1870 bedeutete den entschiedensten Wende- (?A punkt im Leben Stephans – es fügte der dienstlichen Stufenleiter, die er bis dahin erklommen hatte, die letzte Staffel bei. Ein tüchtiger Schritt war es, den der erst 39 Jahre zählende Mann über die Köpfe von vier, ihm an Dienst- alter voranstehenden Ober-Posträthen hinweg in das General- Postmeisteramt hinein thun mußte, aber Heinrich Stephan war stets im Leben fest aufgetreten und er hatte das Steigen von der untersten Staffel aus üben mussen – dadurch war er schwindelfrei geworden. Mit ruhiger Sicherheit unternahm er an der Hand Dr. Delbrücks den für ihn wie für die ganze Welt so folgenreichen Schritt. Der Staats- minister hatte im Zusammenarbeiten mit dem jungen genialen Postrath dessen große Fähigkeiten erkannt, und die hohen Ziele, denen dieser entgegenstrebte, schienen ihm die glän- zendsten Verheißungen für ein Wirken im großen Stil zu sein. Stephan hatte, wie man so sagt, von der Pike auf gedient, er kannte den Postdienst in allen seinen Theilen von Grund aus, ja schon seit Jahren stand er im Centrum 8

– 114 – seines Getriebes, er würde also für die Ausführung zweck- mäßiger Reformen im Jnnern der Verwaltung der ge- eignetste Mann sein. Außerdem besaß er große staats- männische Anlagen, die sich mehr als einmal glänzend be- thätigt hatten, und die damalige Lage des Verkehrs, dessen internationale Beziehungen mit Recht zu einer Klärung drängten, forderte nicht nur einen praktisch und technisch gebildeten, sondern auch einen diplomatisch gewandten Mann an die Spitze einer so großen Verwaltung. – Nun, Stephan war zum Organisator wie geschaffen – Stephan war der Mann der Zukunft. Als der verdienstvolle General-Postdirector v. Philips- born 1870 freiwillig aus feinem Wirkungskreise schied, schlug Dr. Delbrück dem Reichskanzler Fürsten Bismarck Heinrich Stephan zum Nachfolger desselben vor. Bismarck stimmte mit ihm in der Werthschätzung Stephans überein und befürwortete dessen Ernennung zum General-Postmeister des Norddeutschen Bundes bei König Wilhelm mit folgen- der Begründung: "Mit einer nicht gewöhnlichen Bildung, die er sich während feiner Laufbahn im Postdienste selbst angeeignet hat und mit einer vollständigen Kenntniß der einzelnen Zweige der Postverwaltung verbindet er die geistige Frische, die für den Leiter einer mitten in der Entwicke- lung des Verkehrslebens stehenden Verwaltung unentbehrlich ist, und die persönliche Gewandtheit, deren der General- Postdirector des Bundes für die Beziehungen zu den Be- hörden der einzelnen Bundesstaaten bedarf." Am 26. April erfolgte die königliche Bestätigung – Heinrich Stephan, der Sohn des Stolper Schneidermeisters, war, seiner eigenen Bescheidenheit gänzlich unerwartet, zum General-Postmeister ernannt. Wie wir uns erinnern werden,

war der Erste, dem er feine Ernennung mittheilte, sein alter Lehrer, der Conrector Berndt in Stolp. Stephan durfte diese hervorragende Stellung mit gutem Gewissen antreten, hatte er sie doch weder einem Glücks- zufall, noch einer Protection zu verdanken, sondern lediglich seinem Fleiße und seinen Fähigkeiten, er hatte sie sich im wahren Sinne des Wortes erarbeitet. Am 1. Mai 1870 hielt der neue General-Postmeister des Norddeutschen Bundes eine kurze, markige Ansprache an die versammelten Beamten, die in folgenden bedeutsamen Worten ausklang: "Jndem ich beim heutigen Antritt dieser Stellung die Herren Beamten der Bundes-Postverwaltung hiermit ver- trauensvoll begrüße, darf ich die zuversichtliche Hoffnung hegen, daß bei Bewahrung des Geistes und der Gesinnungen, die das unschätzbare Erbe und den geschichtlich beurkundeten Ruhm des Beamtenstandes deutscher Nation bilden, es unseren vereinten, vom Niemen bis zum Neckar und vom Belt bis zur Donau um das Banner des Ehrbegriffs und der Pflichttreue geschaarten Anstrengungen gelingen wird, die Schwierigkeiten der herantretenden Aufgaben in gegen- seitigem Vertrauen zu lösen." Wenn wir die Worte bedeutsam nannten, so meinen wir, daß Stephan sie sicher im Hinblick auf jene ungeheuren Aufgaben zur Hebung des Verkehrs gesprochen hat, deren Lösung er sich als Lebensarbeit gestellt hatte. Kaum ins Amt gelangt, richtete sich sein Augenmerk darauf, den alten Zopf, der der Verwaltung hinten hing, so viel wie möglich zu stutzen. Das amtliche Schreibwesen war durch eine Ueberfülle "allersubmissesten" Formenkrams eingeengt, der ganze Verkehr schwerfällig und instanzenreich. 8'

– 116 – Stephan wies ihm einfachere, natürlichere Bahnen. Gerade und schlicht wie er selber war, sollte man auch in seinem Ressort untereinander und mit den höchsten Vorgesetzten verkehren. Sein Vorgehen in dieser Richtung ist vorbild- lich für viele andere Behörden geworden, die nach und nach den belästigenden Formenzwang abschafften und sich mög- lichster Einfachheit bei Abfassung ihrer Schriftstücke be- fleißigten. Jn das erste Jahr seiner Wirksamkeit fällt noch eine andere Neuerung Stephans, die demselben Streben nach Vereinfachung der Form entsprang, die Einführung der Correspondenzkarte. Nachdem am 6. Juni 1870 eine dies- bezügliche Verfügung des Bundeskanzlers erschienen war, wurde am 25. Juni der Geburtstag der Correspondenz- karte in Deutschland gefeiert. Eine große Anzahl von Pathen drängte sich herzu, um das unscheinbare Blättchen aus der Taufe zu heben, denn in Berlin allein wurden am ersten Tage ihres Er- scheinens, trotzdem damals das Porto für die Correspon- denzkarte noch 1 Groschen betrug, nicht weniger als 45 468 Stück nach allen Himmelsrichtungen versandt. Man er- kannte bald die Wichtigkeit, die diese einfache Verkehrsform für die Geschäftswelt annehmen würde, falls das Porto eine entsprechende Ermäßigung erführe, und so wurden vom 17. October 1871 ab Postkarten gleich Drucksachensendungen für das geringe Porto von ^/g Silbergroschen befördert. Nachdem dann am 1. Januar 1872 zur Bequemlich- keit des Publikums die Correspondenzkarte mit Rückantwort eingeführt worden und am 1. März desselben Jahres aus der Korrespondenzdie Postkarte erstanden war, brachte der 1. Juli darauf die Herabsetzung der Beförderungsgebühr

– 117 – für Postkarten auf ihre jetzige Norm, und damit war sie zum populärsten aller Verkehrsmittel geworden, das sich in ganz kurzer Zeit auch den internationalen Verkehr eroberte. Wir, die wir uns an dies bequeme Correspondenz- mittel gewöhnt haben, können uns gar nicht vorstellen, wie es eine Zeit gegeben haben kann, die ohne dasselbe aus- kommen mußte. Jst doch die Postkarte unser vertrauter Freund in allen Lebenslagen, unser steter Begleiter ge- worden. Der Kaufmann bedient sich ihrer in größtem Um- fange zu geschäftlichen Mittheilungen, der Consument zur Ertheilung von Aufträgen, die Hausfrau setzt sich mit ihrer Wäscherin und Schneiderin auf einer Postkarte in Ver- bindung, der Hausherr mit seinen Freunden, die er zum Scat oder zu einer Kegelpartie einladet. Wir melden unsere Ankunft an einem Orte, unsere Abfahrt von dort per Post- karte, sie muß die Anzeige, von Familienfesten, wie unseren Glückwunsch zu denselben vermitteln, sie mahnt an Ver- pflichtungen und überbringt unsere Bitte um Entschuldigung. Irgend ein Gedanke durchkreuzt unseren Kopf, wir möchten ihn einem entfernten Freunde mittheilen – ziehen die Post- karte aus unserer Tasche und werfen mit Tintenstift, Blei- stift, Rothstift oder was wir sonst für ein Schreibmaterial zur Hand haben, ein paar Zeilen darauf; unser Auge labt sich auf irgend einem Punkte der Erde an Gottes herrlicher Natur, unser Herz ist bewegt, wir möchten den Lieben, die daheim haben bleiben müssen, ein Zeichen unserer Teil- nahme, unseres Gedenkens an sie senden – wir treten an die nächste Auslage, wählen eine Postkarte, setzen einfach unseren Namen darauf, und das simple Blättchen vermittelt dem Empfänger nicht nur unsern Gruß, sondern sogar die Ansicht des Ortes, da wir seiner gedacht haben. Aus der

– 118 – fröhlichen Tafelrunde, wie vom Bette des Schwerkranken, vom Studirtisch wie aus dem Examensaal fliegen jetzt diese leichtbeschwingten Boten, bald nur mit einem nichtigen Worte, bald mit bitterem Weh oder jubelnder Lust beschwert, von den Eisfeldern Sibiriens so gut wie von den Oasen der Wüste Sahara oder den Pampas Argentiniens um den ganzen bewohnten Erdball. Und das erscheint uns so ein- fach, so aus den Verhältnissen heraus mit nothwendiger Konsequenz erwachsen, daß wir meinen, seitdem Papier und Tinte und eine regelmäßige Postverbindung in der Welt existirt, müßten auch die Postkarten in Gebrauch fein, und wir sind geneigt, es in das Reich der Fabel zu verweisen, wenn wir hören, daß die Jdee einer Postkarte, einem "Post- blatt", wie sein Erfinder sie ursprünglich nannte, 1865 zum ersten Male an das Licht der Oeffentlichkeit trat, und zwar als specielles Eigenthum des Geheimen Postrathes Stephan. Er unterbreitete seinen Vorschlag zur Einführung eines Postblattes dem General-Postamt, und es erscheint uns unglaublich, daß man nicht augenblicklich den ungeheuren Werth dieser Jdee erfaßte, sie vielmehr auch auf der fünften deutschen Postconferenz zu Karlsruhe im October 1865 mit kleinlichen Bedenken, die z. B. auch die unanständige Form der Mittheilung auf einem offenen Postblatte anführten, ablehnte. Stephan hatte in seiner Denkschrift ^unter Anderem ausgeführt, daß der Brief, der, von den Wachstafeln im Alterthum, die sich gewissermaßen als Buch präsentirt hatten, nach verschiedenen Uebergangsstufen im Mittelalter die Form einer Rolle und in der Neuzeit die noch bequemere des Faltens und Couvertirens angenommen habe, in seinen Wandlungen beweise, wie die fortschreitende Cultur mit dem

– 119 – immer einfacher sich gestaltenden Briefstil auch die Form des Briefes selber so einfach wie möglich verlange. Die jetzige Briefform habe für eine Menge von Mittheilungen nicht die gewünschte Einfachheit und Kürze, wie denn Tele- gramme oder Visitenkarten oft den umständlichen Brief er- setzen müßten. Wenn einmal ein förmlicher Brief geschrie- ben werde, so verlange es Sitte und Herkommen, daß man sich nicht auf die nackte Mittheilung allein beschränke. Nach- dem er dann die Einrichtung, Beschaffenheit, Portoverhält- nisse :c. des ihm vorschwebenden "Postblattes" beschrieben hat, sagt er zur Begründung feiner Ansicht: "Dem Publikum dürfte die Einrichtung, zumal wenn die anfängliche Scheu vor offenen Mittheilungen bei näherer Einsicht von der Sache überwunden sein wird, für viele Gelegenheiten und Verhältnisse willkommen sein. Wie umständlich ist es z. B. oft auf Reifen, unterwegs eine kurze briefliche Nachricht von der glücklichen Ankunft, von der Nachsendung eines vergessenen Gegenstandes u. s. w. an die Angehörigen ge- langen zu lassen. Künftig wird ein Postblatt aus dem Portefeuille gezogen, mit Bleistift im Coup«, auf dem Per- ron :c. ausgefüllt und in den nächsten Briefkasten oder Eisenbahn-Postwagen gesteckt. Hinsichtlich einer großen Zahl von Bestellungen, Benachrichtigungen :c. würde die Ueber- mittelung "per Postblatt" wahrscheinlich bald in die geschäft- liche Usance wie in den geselligen Gebrauch übergehen." Man sieht, wie richtig Stephan den Entwickelungsgang der Postkarte im Voraus beurtheilt hat. Leider vermochte er eben nicht, die auf dem Congreß anwesenden Herren zu seiner Meinung zu bekehren. Bei einem der Delegirten indessen war die Jdee Stephans doch auf fruchtbaren Boden gefallen, das war der österreichische Abgeordnete Sections

– 120 – rath Freiherr v. Kolbensteiner, der spätere General-Post- und Telegraphendirector. Er erkannte sofort die Bedeutung des Stephan'schen Vorschlages, und auf feine Veranlassung wurden bereits vom 1. October 1869 ab in Oesterreich- Ungarn Correspondenzkarten eingeführt. Diese Thatsache hat die Veranlassung zu dem Jrrthum gegeben, als ob die ganze Jdee zur Postkarte von Oesterreich ausgegangen wäre, während es in der That nur die Jnitiative zur Verwirk- lichung der Stephan'schen Jdee ergriffen hat. Jn Deutschland gelang es Stephan erst, wie schon er- wähnt, nachdem er selber zur maßgebenden Stelle eines General-Postmeisters aufgerückt war, seine Erfindung ins Praktische umzusetzen und dadurch der Post eine neue Ein- nahmequelle von ungeahntem Reichthume zu erschließen. Wir wollen hier vorgreifend erwähnen, daß nach Errichtung des Weltpostvereins die Statistik vom Jahre 1882 schon rund 1 Milliarde Stück im Postkartenverkehr der Erde er- giebt, was einem Geldumsatze von etwa 50 Millionen Mark gleichkommt. Heute werden allein im deutschen Reiche mehr als 250 Millionen Stück jährlich versandt, die Reichs- druckerei hat in Folge dessen täglich ca. 800 000 Stück anzu- fertigen. Wie viele aber von diesen Postkarten würden nicht geschrieben worden fein, wenn man die oft ganz unbedeu- tende Mittheilung auf ihnen erst einem Briefe hätte ein- verleiben und 10 Pfennige Porto dafür bezahlen müssen. Der Postkartenverkehr hat am glänzendsten bewiesen, wie gerade eine Verbilligung des Portos durch Verkehrssteige- rung eine Erhöhung der Einnahme erzielt. Das niedrige Porto, das erst die Bedenken der Behörde erregte, bringt heute tausendfältige Zinsen. Seit der Einführung der Postkarte haben viele Geschäfts

– 121 – leute die Gewohnheit angenommen, ihre gedruckten Geschäfts- anzeigen in bedeutendem Umfange auf ihnen zu versenden. Früher unterblieb das, oder es konnten sich doch nur große Geschäfte in beschränktem Maße diesen Luxus gestatten, weil das Schreiben, Falten, Couvertiren und Zukleben eines Briefes zu viel Zeit und das Versenden zu viel Porto in Anspruch nahm. Heute erfährt die Hausfrau auf dem ent- legensten Vorwerk, wo sie die besten Waschmittel, der Schuster in der hintersten Dachkammer, wo er das schwärzeste Pech herbeziehen kann. Kaum ist die Erfindung eines neuen Hühneraugenmittels oder einer Gartenscheere patentirt, so laden auch schon Anzeigen in Postkartenformat zum Kaufen ein. Ja, ihnen ist wohl gleich eine gedruckte Antwort- Bcstellkarte beigefügt, so daß der Kauflustige sie nur eben in den Briefkasten zu thun braucht. Ein neues, frisches Leben ist mit der Postkarte in die kaufmännischen Be- ziehungen gekommen, mit der Einführung derselben zugleich ein ganz neuer Jndustriezweig erschaffen worden. Was würden unsere Kaufleute sagen, wenn sie plötzlich wieder des so bequemen Verkehrsmittels der Postkarte beraubt würden, und wir Consumenten, wenn wir fortan um jedes Pfund Schinken und jeden Hemdenknopf umständlich einen Brief schreiben müßten! Und was würden alle die sagen, die aus dem Postkartenverkehr geradezu ihre Existenz saugen, die Verfertiger jener bunten Ansichtskarten, die heute an jedem schönen und nicht schönen Punkte der Erde, in jeder Stadt, man möchte fast sagen, in jedem Dorfe feilgehalten werden, die, wie vom Himmel gefallen, bei jedem wichtigen Ereigniß urplötzlich auftauchen, um die bedeutsamsten Momente desselben in mehr oder weniger wohlgetroffenen Bildern und Versen wiederzugeben, und die auch ihren ureigentlichen

– 122 – Erfinder, Heinrich Stephan, bei dessen Scheiden von der Erde ein wehmütiges Lebewohl zuriefen. Wenn man uns die Postkarte wieder nähme das gäbe eine Revolution, einen noch nie dagewesenen Riesenstrike. Schon die allernächste Zeit nach ihrer Einführung sollte beweisen, wie richtig Stephans Voraussetzungen für die Wichtigkeit der Einführung der Postkarte gewesen waren, denn im ersten Jahre des deutsch-französischen Krieges wurden allein 10 Millionen Correspondenzkarten zwischen den Truppen und der Heimath gewechselt, und damit wären wir bei der großen Aufgabe angelangt, die, nur wenige Monate nach seiner Ernennung zum General-Postmeister an Stephan herantretend, seine großartigen organisatorischen Fähigkeiten auf das Glänzendste darthun sollten, der Organi- sation der Feldpost, wie sie in einem solchen Umfange noch niemals geschehen war. Die französische Kriegserklärung vom 15. Juli 1870 war zugleich das Signal zur Mobilmachung der Feldpost – wir können eigentlich sagen, zur Erschaffung einer solchen, denn wenn auch innerhalb der deutschen Postverwaltung alle Vorkehrungen und Bestimmungen für den Fall einer unverhofften Mobilisirung getroffen sind und das noth- wendige Betriebsmaterial in Bereitschaft gehalten wird, so existirt doch eine planmäßig ausgebildete Feldpost nicht. z. B. muß das Beamtenpersonal derselben aus dem vor- handenen, nur eben für die Friedensbedürfnisse ausreichenden Bestande entnommen werden. Die Mobilmachung, die plan- mäßig erst in 14 Tagen vollendet fein sollte, war, Dank der fieberhaften Thätigkeit, die die Behörde, von ihrem Chef angefeuert, entwickelte, schon in 9 Tagen fertig, so daß die Feldpost am 24. Juli zum Abmarsch bereit stand. Jndessen

– 123 – war es nicht möglich, sie nach dem Kriegsschauplatze ab- zulassen, da die Militairverwaltung alle Transportmittel mit Beschlag belegt hatte. Die Etappen-Postdirectionen, also die leitenden Anstalten, welchen es obliegt, die ganze Orga- nisation der Feldpost zu beherrschen, hatten in Folge dessen nicht an den Ort ihrer Bestimmung gelangen können und waren zu unfreiwilliger Unthätigkeit verdammt, und als sie endlich eingetroffen waren, da brauchten wieder die Militair- behörden alle Transportmittel, die Post konnte weder Wagen noch Pferde erlangen. Stephan hatte kaum von diesen Stockungen vernommen, als er auch schon unterwegs war, um persönlich einzugreifen. Mit sicherem Blicke erkannte er, wo der Hebel einzusetzen war, der den Mechanismus in Gang bringen würde, und schon Mitte August war die Feld- post zu ordnungsmäßigem Betriebe gebracht. Wider Erwarten dehnte sich aber durch das siegreiche Vordringen der Deutschen der Kriegsschauplatz in kurzer Zeit so weit aus, daß der Mobilisirungsplan der Feldpost nicht ausreichte und durch einen neuen, erweiterten ersetzt werden mußte. Ungeheure Nachschübe an Menschen und Betriebsmaterial waren erforderlich und das aus einem Beamtenkörper, dem durch die ihm entzogenen Mitkämpfer Tausende von Köpfen genommen waren, so daß sich die Arbeit der Zurückgebliebenen sast verdoppelt hatte. Und wenn auch damals Jedermann, beseelt von Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit, herzueilte, um freudig seine Kräfte zum Gelingen des großen Werkes zur Verfügung zu stellen, so ist es doch dem genialen Organisator, der es verstand, diese Kräfte am rechten Orte und in der rechten Art zu verwenden, vor Allem zu danken, wenn die deutsche Feldpost so Ruhmvolles leistete, ja sich geradezu zu einer

– 124 – moralischen Macht in den Reihen des deutschen Heeres auswuchs. "Behandeln Sie jeden Feldpostbrief wie ein Kind, das Jhrer Sorgfalt anvertraut wird!" hatte Stephan den Feld- postbeamten des Gardecorps beim Abmarsch zugerufen; das kennzeichnet seine edle Auffassung von der Aufgabe derselben. Sie sollte das Band sein, das den Krieger in steter inniger Verbindung mit dem Vaterlande erhielt, sie sollte ihm mit den warmen Grüßen, Aufmunterungen und Segenswünschen von den Lieben daheim zugleich neue Kraft zum Ertragen, frischen Muth zum wackeren Dreinschlagen zuführen. "Die Nachrichten aus der Heimath stärkten und belebten den Krieger," sagt Stephan, "und in den folgenden Strapazen zeigte sich dann, daß auch diese Wärme ihr mechanisches Aequivalent besatz." Stephan selber hat überall mit Hand angelegt, wo es noth that, er war von einer Vielseitigkeit, einer Allgegenwart in jenen Tagen, daß man an Cagliostro denken möchte, der zu gleicher Zeit aus allen vier Thoren Berlins hinausfuhr. Jn einem im Jahre 1871 erschienenen, dem General- Postmeister gewidmeten Artikel lesen wir: "Stephan selbst hat keine Strapaze des Feldzuges gescheut, um überall an Ort und Stelle wichtige Feldpostämter zu organisiren, er hat überall seine Beamten, durch die wirklich herzliche Theil- nahme an ihrer Arbeit, wie für ihr geistiges, gemüthliches und leibliches Wohlergehen, wie der gute Heerführer es stets thun soll, für ihren Beruf anzuregen, ja zu begeistern vermocht." Und weiter: "Nur ein deutscher Mann ist aber auch der Entfaltung einer solchen Arbeitskraft und Ausdauer, der Entsagung von Erholung und jeden Genusses fähig, welche dazu gehören, um einen solchen Organismus in

– 125 – solcher Zeit zu leiten, und nur Derjenige, der, wie der Schreiber dieser Zeilen einmal eine Stunde im Feldpost- Departement des Generalpostamtes zu Berlin zugebracht und das Jagen von Telegrammen, Rapporten, persönlichen Meldungen, Entscheidungen aus Anfragen aus den ver- schiedenen Orten, von Königsberg bis Dijon, wahrgenommen hat, vermag sich eine Vorstellung davon zu bilden, was bei den deutschen Reichsbehörden Wirken und Arbeit heißt." Uud dieser echt deutsche, aufopferungsfähige, pflichttreue Geist, der den Chef in so hohem Grade auszeichnete, ging bei der unmittelbar wirkenden Macht feiner Persönlichkeit auch auf feine Beamten über, eine Opferfreudigkeit, wie man sie sich erhabener nicht vorstellen kann, kennzeichnet ihr Wirken im Felde. "Vom Felde nach Haus, Durch Schlösser und Nester, Vom Heerde – hinaus, Mit rastloser Hand, Durch Feuer und Fluth, Webet Ihr fester Das Heimathsband." Der Dienst der Feldpostbeamten war oft aufreibender, als der der activen Truppen. Tag und Nacht, entweder den voranmarschirenden Truppen nacheilend, oder in den engen, ambulanten Bureaux, oftmals auch in Wind und Wetter unter freiem Himmel mit der Versendung beschäftigt, waren sie häufig gezwungen, den den Geschäften abgerungenen Augenblick der Ruhe stehend zwischen Briessäcken und Feld- packeten zuzubringen. Nach der Schlacht von Gravelotte am 18. August richtete die Feldpost im ersten Morgengrauen mitten unter Todten und Verwundeten ihre Feldtische auf, um den Ueberlebenden Gelegenheit zu geben, gleich vom blutigen Schlachtfelde aus den Angehörigen daheim mit der Kunde vom Siege die Beruhigung zu senden, daß sie

– 126 – noch unter den Lebenden weilten, und während der Schlacht von Sedan haben Feldpostbeamte und Unterbeamte ganze SScke voll Postkarten mitten im Kugelregen eingesammelt, und Mancher, der vielleicht im nächsten Augenblicke schon zu Tode getroffen niedersank, hat noch einen letzten Gruß, ein letztes theures Andenken nach Hause gesandt. Schreiber dieses besitzt selber ein solches Dokument aus jener großen Zeit – eine Feldpostkarte, die irgend ein braver Musketier während einer Pause in der Schlacht von Gravelotte an seine frühere Dienstherrschaft in Berlin ge- richtet hat: "Eben kommt ein Feldpostillon," schreibt er, "der Briefe von uns einsammelt, und da will ich die Gelegenheit be- nutzen, um Jhnen zu schreiben, daß ich noch wohl und munter bin, obgleich wir viel Verlust an Mann und Pferden haben. Grüßen Sie sämmtliche Mädchens im Hause." Auf dem Rücken eines Kameraden, auf einem Stein am Wege, auf der flachen Hand, sitzend, stehend, liegend, so warfen sie mit Bleistift einige Zeilen auf die ihnen von der Feldpost zugetragenen Postkarten, der tröstenden Hoff- nung gewiß, daß diese Lebenszeichen, so flüchtig sie warenj als willkommener Gruß sicher in die Heimath befördert werden würden. "Ach von früh bis spül, Bis der Abend sinkt, Eh' der Hahn noch kräht, Bis der Bollmond winkt, Eh' das Morgenroth Ob es eisig reift, Auf den Höhen loht, Ob die Kugel pfeift, Eil' ich, weil' ich, schreit' ich, reit' ich, Frag' ich, trag' ich und geleit' ich," sang damals Robert Weise begeistert von der Feldpost, und weiter:

– 127 – " hin dann Durch das Wachtstackett Reitet Roß und Mann In das Lazarett) – Durch die Posten strack, Schnell!! – Ein einz'ger Brief Durch das Bivouac, Ost zum Leben rief Manchen, dem auf rothem Pfühle Schon umsing die Todeskühle. Halb im Tode schon Las der treue Sohn Jenen letzten Brief, Bis er leis entschlief . . . ." Und wenn dann die Schlacht ruhte und es einsam wurde auf den blutgetränkten Feldern, dann eilte wieder die Feldpost herbei und spähte und suchte gewissenhaft und barmherzig, ob nicht vielleicht einer der so still und bleich auf dem Boden ausgestreckten Kämpfer eine Botschaft, die der Versendung harrte, bei sich trug, oder vielleicht noch in den letzten Augenblicken seines Erdendaseins eine Lebewohl niedergekritzelt hatte, das sie den in banger Sorge sich ver- zehrenden Angehörigen als einzigen Trost mit der schmerz- lichen Gewißheit seines Todes zusenden konnte. "Ruht die heiße Schlacht, Heb' ich von der Brust, Sank herab die Nacht, Was in Ahnungslust Spielt der Winde Schaar Heimweh-süß und lieb Mit der Leichen Haar Noch der Bleiche schrieb, Und ich send's mit all' den Grüßen Schnell zur Heimath hin, der süßen." Wie mancher heiße Dank mag damals gen Himmel gestiegen sein, an dem die Feldpost ihren großen Antheil hatte. Solches Wirken läßt sich nicht durch die Disciplin erringen, es war der Geist der Brüderlichkeit, der die Feld- postbeamten durchglühte, das solidarische Empfinden mit den Soldaten im Felde, welche für dieselben Güter ihr Blut dahingaben, die auch ihnen heilig waren, und obwohl es

– 128 – keine bestimnlten Dienststunden im Felde, keine feststehenden Regeln für den Betrieb geben konnte, der Dienst sehr häufig ganz individuell gehandhabt werden mußte, störte dies ge- sonderte Wirken doch nicht einen Augenblick den Mechanismus des Ganzen, dessen Hebel eine höhere Macht in sicheren Händen hielt. Nicht durch Wind und Wetter, nicht durch Kugel und Schwert, nicht durch Strapazen und Hunger ließ sich die deutsche Feldpost abhalten, ihren schweren und vielseitigen Pflichten mit aufopferungsvoller Selbstlosigkeit nachzukommen. Wie sticht dagegen die französische Feldpost ab, wenn von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann. Allerdings war ihre Organisation vorgesehen, und auch ganze 74 Beamte – wir Deutsche hatten deren 1826 – waren ins Feld gesandt worden, indessen sind selbst diese wenigen nicht einmal in Thätigkeit getreten. Stephan giebt in seinem 1874 gehaltenen Vortrage über Weltpost und Luftschifffahrt einen interessanten Ueber- blick über die postalischen Verhältnisse im Felde. Er sagt: "Wer bezweifeln möchte, daß durch diesen täglichen Verkehr von Seele zu Seele das Band zwischen der Armee und dem Vaterlande während jener blutigen Tage und das Bewußtsein, welchen heiligen Gütern der große Kampf gelte, in der den feindlichen Geschossen ent- gegenstürmenden Brust noch reger gehalten wurde, Den möchte ich bitten, mir einen Augenblick auf die Straße von Etain nach Sedan zu folgen. Dort erkundigte ich mich, bald nach der Schlacht, im Gespräch mit gefangenen Franzosen, welche das Bivouac vor den Steinbrüchen von Etain angewiesen erhalten hatten, nach ihrer Feldpost und erhielt zur Antwort, sie hätten seit ihrem Abrücken aus der Heimath keinen Brief aus der Heimath erhalten, und dieser Mangel an Nachrichten

– 129 – von den Jhrigen habe zu der Niedergeschlagenheit und Apathie nicht wenig beigetragen. Wie klang dagegen der Freudenruf unserer Bataillone, wenn die Feldpostwagen an- gerückt kamen. Pulver, Brot und Briefe waren die Haupt- bedürfnisse. Das Verlangen nach letzteren war so groß, daß die Schätzung der Schwierigkeiten dagegen ganz in den Hintergrund trat. Jener Füsilier, der nach ununterbrochenen Märschen seines Bataillons von Metz bis Orleans und nach verschiedenen Gefechten desselben sich in einem Walde an der Loire auf Vorposten befindet, ruft, als er Morgens früh die Uhr des benachbarten Dorfes Sechs schlagen hört, verwundert aus: "Schon Sechs? und ich habe meine Berliner Briefe und Zeitungen heute noch nicht!" Diese an sich unbedeutende Aeußerung ist das glänzendste Zeugniß, das der Präcision und moralischen Kraft der Schöpfung Stephans ausgestellt werden kann. Nachdem der Briefverkehr in ordnungsmäßigen Betrieb gebracht war, war Stephans Augenmerk darauf gerichtet, auch einen regelrechten Packetverkehr für die Truppen her- zustellen. Schon Anfang December war die Organisation desselben beendet, er wurde sofort in Betrieb gesetzt und darin erhalten, bis die letzten Truppen aus Frankreich ab- marschirt waren. Welche Massen an Packeten er zu be- wältigen hatte, erhellt aus der Zahl der täglich nach Frankreich zu expedirenden Sendungen (1870 22000 Stück, 1871 sogar 43800 Stück), die obenein fast alle durch Fuhrwerk befördert werden mußten, weil die Eisenbahnen von den Truppen besetzt waren. Und was Alles befand sich in diesen Packeten! War doch Jeder bestrebt, dem An- gehörigen im Felde nach besten Kräften sein Loos so erträg- lich wie möglich zu machen. Da wanderte denn manches g

– 130 – gar seltsame Präsent schlecht verpackt in die Hände der Feldpost, es ihr überlassend, wie sie es dem geliebten Sohne, Bruder oder Vater, der irgendwo da drüben in Frankreich bei den fortwährend ihren Standort wechselnden Truppen zu finden war, in brauchbarem Znstande übergeben würde. Hier kam ein altes Mütterchen, das mit zitternden Fingern ein Paar warme Socken für den einzigen Enkel gestrickt hatte, und bat um ganz besondere Sorgfalt gerade für ihr Packetchen, dort wollte ein biederer Landmann durchaus nicht einsehen, daß er die prächtigen, aber fettstrotzenden Würste eigenen Fabrikates nicht allein in Zeitungspapier eingewickelt versenden könnte. Dieser hatte hartes Geld, eine Tafel Chocolade oder wohl gar Cigarren lose in einen Brief ge- steckt, jener eine Flasche Rum in eine zerbrechliche Cigarren- kiste gethan die Anforderungen an die Feldpost gingen ins Unglaubliche, und Allen suchte sie, soweit es überhaupt möglich war, mit einer wahren Engelsgeduld und ihrer unter Stephan sprichwörtlich gewordenen Findigkeit gerecht zu werden. Und mit welchem Jubel wurden diese Liebes- gaben aus der Heimath begrüßt, wie schnellte der Muth wieder empor, der soeben noch, von Entbehrungen nieder- gedrückt, tief am Boden gelegen hatte, wenn eine solche Sendung in Sicht kam: "Ter ganze Tobak ist zu End', Keine einzige Cigarre brennt – Hurrah! Da kommt der Postillon – – Hat ihm schon! –" Wo aber das Herz schon still geworden war, das den Gaben aus der Heimath so sehnsuchtsvoll entgcgengeschlagen hatte, da hat das ankommende Packet wohl manchmal noch über den Tod hinaus seine Wohlthat ausgeübt.

– 131 – Oft hat's Mütterlein Im Packete fem. Sorgsam zugenäht, Froh und mit Gebet, Ihrem Söhnlein in der Fremde Noch geschickt das – Sterbehemde." Jn der Reichstagssitzung am 22. April 1871 stellte der Abgeordnete Bamberger der deutschen Feldpost ein glänzendes Zeugniß aus. Er endet seine, von lebhaftem Beifall des ganzen Hauses begleitete Rede mit den Worten: "Wenn irgendeiner der Geschäftszweige, die sich in diesem Kriege mit Ruhm bedeckt haben – und das will viel heißen – unsere Anerkennung verdient, so ist es die Post- bchörde, so ist es der Mann, der an der Spitze dieser Be- hörde steht, der Unerreichtes und vielleicht Unerreichbares geleistet hat in diesem Punkte. Man muß, wie ja viele meiner anwesenden Collegen, in Frankreich gewesen sein, man muß, wie ich, eine Nacht in einem Feldpost-Bureau zugebracht haben, wo kein Stuhl vorhanden war, kein Platz, wo ein Mann sich ausdehnen konnte, wo die Beamten stehend zwischen ihren Packeten die Nacht verbrachten, man muß es erlebt haben, wie jedes einzelne Packet, jeder Brief seinen Mann an drei, vier, zehn verschiedenen Orten auf- suchte, man muß die Liebesgaben gesehen haben, wie z. B. eine Mutter zehnmal hinter einander ihrem Sohne, damit er keinen Hunger litte, Zwieback schickte mit Schinkenstückchen dazwischen, und alles Das in Form von Feldpostbriefen, und daß die Post in ihrer unerschöpflichen Gutmütigkeit dergleichen Dinge, obwohl sie sie genau kannte, immer un- beanstandet durchließ: ich sage, man muß diese und hundert andere Dinge kennen, um erfüllt zu sein von Bewunderung und Dank gegen die Postbehörde und mit dem vollsten 9*

– 132 – Vertrauen, ihr die Weiterleitung dieser Dinge in die Hand legen." Darauf antwortete der General.Postdirector: "Wenn ich mir erlaube, auf die für die Verwaltung so hochehrenden Worte, die ich soeben vernommen habe, etwas zu erwidern, so geschieht es nur deshalb, weil ich unmöglich auf mir selber die Fülle dieses Dankes sitzen lassen kann. Es haben daran vor allen Dingen theil das Königliche Kriegsministerium und die Militairbehörden, sodann das Königliche Handels- ministerium und besonders die Eisenbahnverwaltungen, ferner die Telegraphenverwaltung, insbesondere aber auch die süd- deutschen Postverwaltungen, die uns ihre Kräfte mit zur Verfügung gestellt haben. Und endlich nehme ich den Dank an für die große Zahl von Postbeamten, die, obwohl man uns so viele Köpfe für den Militairdienst genommen, daß man fast eine Jnfanterie-Brigade daraus hätte machen können, so daß sich ihre Arbeiten verdoppelt haben – doch herbei- eilten, um der Ehre theilhaftig zu werden, in dieser großen Sache dem Vaterlande dienen zu können." Diese schlichten Worte ehren den Chef, wie seine Beamten in gleicher Weise. Die deutsche Feldpost von 1870/71 hatte in der Zeit ihrer umfangreichsten Thätigkeit 77 Feldpostanstalten und 136 Feldpostrelais in Betrieb, ihr Verkehrsnetz dehnte sich bei einer Länge von 5100 Kin über 280000 c^Km aus. Zur Versendung gelangten vom 16. Juli 1870 bis 31. März 1871 rund 89659000 Briefe und Postkarten, 2^ Millionen Zeitungen, 60 Millionen Thaler bcmres Geld und 2 Millionen Packete. Bei der humanen Art, mit der man den französischen Gefangenen bei uns begegnete, ist es natürlich, daß ihnen ebenfalls die Segnungen der deutschen Feldpost zu theil

– 133 – wurden. Erst von Feindesland aus konnten sie wieder, was ihnen in der Heimath, so lange sie im Felde standen, nicht möglich gewesen war, in einen directen Verkehr mit ihren Angehörigen treten. Obwohl der deutschen Postbehörde gerade aus der Correspondenz der zum Theil recht un- gebildeten, des Deutschen nicht mächtigen Fremdlinge die allergrößte Mühe erwuchs, machte sie doch keinerlei Unter- schied in der Behandlung der Sendungen, eine Ritterlichkeit, die uns zu danken die Franzosen bis heute vergessen haben.

VIII. Der Weltpostverein. er Frieden vom 18. Januar 1871 brachte uns mit der Errichtung des Deutschen Reiches auch eine deutsche Reichspost, und der General-Postmeister des Norddeutschen Bundes, Heinrich Stephan, wurde der erste deutsche General- Postmeister. Zunächst mußte es nun die Sorge desselben sein, die Einverleibung des elfaß lothringischen Postwesens in die deutsche Reichspost zu bewirken. Das war ein schweres Stück Arbeit, denn die postalischen Verhältnisse in Frank- reich waren schon auf Grund der dort eingeführten Cen- tralisationsform der Verwaltung ganz andere, wie bei uns, auch kannte man dort manche uns geläufigen Verkehrsmittel, wie z. B. die Postkarte, den Päckereiverkehr u. s. w. über- haupt nicht. Das Betriebsmaterial befand sich in schlechtem Zustande; eine ganze Anzahl von männlichen Beamten war nach Frankreich geflüchtet, für die weiblichen hatte die deutsche Behörde keine Verwendung; staatliche Postdienst- gebäude gab es nicht, die gemietheten Räume waren für die neue Verwaltungsart gänzlich unzulänglich – kurzum, das Postwesen von Elsaß-Lothringen befand sich keineswegs auch

135 – nur annähernd in demselben guten Zustande, wie das deutsche, und seine Organisation verursachte der Reichspost- verwaltung viel Arbeit und Kopfzerbrechen, um so mehr, als das Beamtenmaterial durch den activen Dienst im Felde und die Feldpost schon über Gebühr in Anspruch genommen war. Jndessen hatte man bereits 1870 während des Feldzuges rüstig mit der Umgestaltung des elsaß-loth- ringischen Postwes?ns begonnen, und als es im folgenden Jahre galt, auch die badische Landespost in die Reichspost überzuführen, nahm man auch diese Arbeit sofort in Angriff. Sie bot keine nennenswerthen Schwierigkeiten, und schon am I. Januar 1872 war die Verschmelzung beider Postanstalten mit der deutschen Reichspost vollendet, deren Gebiet nunmehr 445 221 hkin mit einer Einwohnerzahl von 34 341035 Seelen umfaßte. Noch während dieser organisatorischen Arbeiten war man daran gegangen, die Postgesetze den veränderten Verhält- nissen gemäß umzugestalten. Das neue Postrecht trat, zu- sammen mit dem neuen Posttaxgesetz, am 28. October 1871 in Kraft, und damit war endlich die Verworrenheit in den Verkehrsbestimmungen für Deutschland zu einer glücklichen Lösung gebracht. Stephans Streben, dem Verkehr freie Bahn zu schaffen, hat diesen Gesetzen ihr Gepräge verliehen. Angebahnt durch das ebenfalls unter seinem Einfluß zu Stande gekommene Gesetz vom 2. November 1867 waren sie durchweg auf Vereinfachung und Erleichterung des Ver- kehrs gerichtet – man merkte, daß mit dem neuen Chef ein frischer, freier Zug in die Verwaltung gekommen war. Das Postgesetz beseitigte u. A. die veraltete Form der Personenbeförderung und erleichterte den Zeitungsverkehr, das Posttaxgesetz bestimmte nach der am 1. Januar 1872

– 13« – erzielten nothwendigen Einheit in den Gewichtssätzen inner- halb Deutschlands sür das Meistgewicht des einfachen Briefes, übereinstimmend mit verschiedenen internationalen Ab- machungen, 15 A. Das Landbrief-Bestellgeld wurde gänz- lich aufgehoben. Und was die Gesetze von 1871 an erwünschten Reformen noch unberücksichtigt ließen, das zog das Gesetz über den Geldund Packetverkehr vom 17. Mai 1873 in den Kreis seiner Bestimmungen, von denen diejenige, die das Einheits- porto eines Packetes bis zu 10 Pfund und 10 Meilen Beförderungsweges auf 25 Pfennige, darüber hinaus auf 50 Pfennige festsetzte, von der einschneidendsten Bedeutung für den Verkehr wurde. Der Tarif für die Packetbeförderung war von derselben Vielseitigkeit und Umständlichkeit gewesen, wie derjenige für Briessendungen. Klüber constatirt, daß für ein mit dem Postwagen von Berlin nach Frankfurt a. M. gesandtes Packet neunfach verschiedenes Porto gezahlt werden mußte. Bis zum Jahre 1821 war die Länge der von dem Packet zu durchlaufenden Landstraße darnach die Entfernung nach der Luftlinie für die Portoberechnung maßgebend gewesen; gleichzeitig hatte sich aus der Bestimmung, daß die Höhe der Taxen sich nach der Verschiedenheit des Inhaltes der Packete richte, die einfachere Taxe nur nach dem Gewicht herausgebildet. Nach der Errichtung der Eisenbahnen war der Tarif von 3 Pfennigen für die Meile auf die Hälfte herabgefetzt worden, was aber bei einer Beförderung durch Eisenbahn und Landpost für dieselbe Sendung manche Schwierigkeiten in der Berechnung mit sich brachte, bis endlich ein neuer Fahrposttarif, mit dessen Ausarbeitung, wie wir gesehen haben, Stephan betraut war, einen allgemeinen

– 137 – Einheitssatz für jede Beförderungsart von 1 ^ Pfennig für das Pfund und die Meile feststellte. Weithase sagt über den ursprünglichen Packettarif: "Dieser Tarif war ein äußerst complicirter Stufentarif; er ergab für die Packete bis zum zulässigen Meistgewicht von 100 Pfund die stattliche Zahl von 1705 verschiedenen Porto- sätzen und war für das Publicum ebenso lästig, wie für die Postbeamten, denn das Erstere war nicht in der Lage, die Versendungskosten im Voraus zu berechnen, und die Letzteren mußten sich bei der Berechnung großer Tabellen be- dienen," Und nun war dieser vielstufige Tarif durch Stephans energisches Eintreten dafür auf zwei billige Einheitssätze reducirt worden – das brachte im Päckereiverkehr Deutsch- lands eine ungeheure Steigerung hervor, an der besonders der Nahrungsmittelverkehr betheiligt war. Ganz neue Zweige im Versendungsgeschäft sproßten hervor: der Butter-, Fisch-, Fischlaichund Fleischversandt existirt in seinem jetzigen Umfange erst seit jener Zeit; die Verschickung lebender Thiere durch die Post, für die besondere dienstliche Vor- schriften erlassen wurden, kam in Aufnahme, und welchen, sich noch stetig steigernden Riesenumfang hat seitdem der Weihnachtspacketverkehr in Deutschland angenommen! Nach der Zusammenstellung des internationalen Post-Bureaus zu Bern hat schon im Jahre 1883 der deutsche Päckereiverkehr einen größeren Umfang gehabt, als der sämmtlicher übrigen Länder der Erde zusammengenommen, denn während diese nur 52 Millionen Stück Packete versandten, wurden in Deutschland 79 Millionen Stück befördert. Welche un- geheuren Ansprüche stellt aber auch ein solcher umfang- reicher Packetverkehr zu seiner Bewältigung an die Leistungs

– 138 – fähigkeit der Behörde, Ansprüche, die in keinem Verhältniß zu der erzielten Portoeinnahme stehen. Es ist der deutschen Postbehörde nicht hoch genug an- zuschlagen, daß sie als eine der ersten den Packetverkehr, der durch den Aufwand an Beamtenund Betriebsmaterial, den er erfordert, der Verwaltung schwere Opfer auserlegt, in ihren Betrieb mit aufgenommen und auch direct und in- direct andere Länder dazu beeinflußt hat, und die Herab- minderung des Portos ist lediglich ein hochherziges Ent- gegenkommen der Postverwaltung dem Publicum gegenüber, denn bei aller Steigerung des Verkehrs arbeitet der Packet- dienst doch stets mit Unterbilanz. Von dem Erlaß der beiden großen Postgesetze von 1871 und 1873 an, die Deutschland zum ersten Male unter ein einheitliches Postrecht brachten und bis zum heutigen Tage, einige zeitgemäße Aenderungen ausgenommen, in ihren Grundzügen dieselben geblieben sind, datirt die Blüthezeit im postalischen Veckhrsleben Deutschlands. Wie im Frühling der Saft in den Aesten der Bäume mit Macht zusammenströmt, so pulsirte und gährte auch das Lebenselement in den Zweigen des Verkehrs, nachdem die beengenden particularistischen Eisesfesseln nach und nach ge- sprengt worden waren. Die sechsziger Jahre bedeuten bei uns dieses Frühlingsweben auf postalischem Gebiete. Ueberall sproßten frische, grüne Triebe, sorgsam gehegt von dem Gärtner Stephan, am Verkehrsbaume hervor, und als dann die Sonne des Weltpostvereins sieghaft am Himmel empor- stieg, da entfalteten sich die schönsten Blüthen – und auch recht nahrhafte, kräftige Früchte, ihr Duft aber, der Alles überströmte, waren die Segnungen, die die Cultur aus ihnen sog.

– 139 – Wir haben der Postgesetze, die eigentlich in das Capitel der inneren Organisation gehören, schon hier Erwähnung gethan, weil sie dadurch, daß sie eine Anzahl früher ge- trennter Postgebiete mit getrennter Gesetzgebung unter ein einheitliches Recht brachten, dem Weltpostverein die Wege ebnen halfen, dessen Gründung Stephan nunmehr mit aller ihm innewohnenden Energie betrieb. Stephan hatte bei aller Arbeitslast der letzten Jahre seinen Plan zur Errichtung eines solchen, die ganze Erde umfassenden, Postvereins nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verloren und ihm systematisch Schritt für Schritt durch Hinwegräumen immer neuer hemmender Verkehrs- vorschriften entgegengearbeitet. Allerdings war er weder der Erste, noch der Einzige, der diesen Plan hegte. Schon im Jahre 1811 sagt Klüber in seiner Schrift: "Das Postwesen in Deutschland, wie es war, ist und sein konnte": "Bei der Post sollte, wie bei Künsten und Wissenschaft, ein kosmopolitischer Sinn in seinem ganzen Umfange gelten, allgemeiner Weltgeist walten. Mit schuldigem Wohlwollen gegen die Menschheit sollte man sie behandeln und betrachten, als gehöre sie der ganzen cultivirten Welt an, denn in chaotischer Nacht liegt die Natur, wo keine Post ist. Die Wechselwirkung zwischen ihr und jedem Culturverhaltniß aller civilisirten Nationen ist so vielfach und unzertrennlich, daß man sie als Weltpostanstalt betrachten muß, wenn man ihren ganzen hohen Werth richtig fassen will." Als Klüber diesen Gedanken aussprach, war Deutschland in eine Unzahl einzelner Postgebiete zersplittert – nun besaßen wir eine deutsche Reichspost und eine ganze Anzahl inter- nationaler Postverträge, aber von einer "Weltpostanstalt"

– 140 – war man noch weit entfernt. Es hat zwar zu verschiedenen Zeiten Bestrebungen nach einheitlicher Gestaltung des ge- stimmten Postverkehrs der Welt gegeben, indessen standen diesen einerseits zu verwickelte postalische Verhältnisse ent- gegen, als daß sie über den Stand von allerdings werth- vollen und nothwendigen Vorarbeiten hätten hinauskommen können, andererseits waren sie nicht mit der nöthigen Energie betrieben worden. Es hatte den Völkern bisher noch an dem anspornenden Jmpuls gefehlt, der sie zur Erreichung einer idealen Weltverkehrsgemeinschaft selbst ein Opfer nicht scheuen ließ, – ja, zum Theil fehlte es ihnen überhaupt an der Fähigkeit, die Verkehrsanstalt von einem anderen als einseitig materiellen Standpunkte aus zu betrachten. Sie bedeutete ihnen nichts weiter, als die milchende Kuh des Staates, aus der dieser den größtmöglichsten Vortheil zu ziehen berechtigt war; und da dieser Vortheil sich naturgemäß steigerte, wenn man das Ausland die Futterkosten bezahlen ließ, so beuteten einige Länder, wie z. B. Frankreich, ihre für den Durchgangsverkehr günstige Lage zur Erhebung einer hohen Transittaxe aus. Man kann sich denken, daß diese Länder nicht geneigt waren, in eine Erleichterung des internationalen Verkehrs zu willigen, sobald diese eine Verminderung ihrer Transit- einnahmen nach sich zog. Aus diesem Grunde waren bei allen Verbesserungen der internationalen Verkehrsbeziehungen die Transitverhältnisse verwickelt und vielgestaltig geblieben. Zur Zeit des deutsch-österreichischen Postvereins war es z. B. noch immer nicht möglich, von Deutschland aus nach allen Ländern Geldbriefe, Waarenproben, Drucksachen, Correctur- bogen u. s. w. zu versenden; noch immer nicht konnte der Absender alle Sendungen bis zum Bestimmungsorte frankiren;

– 141 – noch immer nicht bestand eine allgemein anerkannte Einheit in Maaßen und Gewichten: in Deutschland war das Zoll- loth, in England und Amerika die Unze, in Frankreich, Belgien, Jtalien :c. das Gramm maßgebend. Jeder Brief mußte nach den Stufensätzen aller Länder, die er bis zum Bestimmungsorte zu durchlaufen hatte, taxirt werden, und jeder Leitweg hatte seine eigene Berechnung. Weithase giebt in seiner "Geschichte des Weltpostvereins" ein interessantes Beispiel von einem solchen arithmetischen Portoexempel: Ein eingeschriebener Brief im Gewichte von 20 F von Berlin nach Rom kostete: a) preußisches Porto 2 x 30 Pfg Mk. 0,60 b) fremdes Porto: 3 Portosätze von 7^ A oder 3x55 Pfg 1,65 «) preußische Einschreibegebühr " 0,20 6) fremde Einschreibegebühr: nochmalige Er- hebung des gewöhnlichen Briesportos . . " 1,65 Summa: Mk. 4,10 Das macht also das Siebenfache des heutigen Portos aus. Ein gewöhnlicher Brief aus Deutschland nach Rom kostete nach Wahl der verschiedenen Leitwege: durch die Schweiz zu Lande 68 Pfg., von Genua aus zu Wasser mit fran- zösischem Packetboot 90 Pfg., durch Oesterreich auf dem Landwege oder über Trieft 48 Pfg. und über Frankreich 85 Pfg., und zwar war nur auf dem letzten Wege eine Frankirung bis zum Bestimmungsorte möglich. Natürlich waren die Taxen nach überseeischen Ländern wegen der hohen Subventionen, die die Staaten den inter- nationalen Dampfergesellschaften zahlen mußten, besonders für die Postgebiete im Jnnern der Erdtheile entsprechend

– 142 – kostspieliger, und durch ihre Vielgestaltigkeit erschwerten sie außerordentlich den Verkehr. Ein Brief aus Preußen nach Mexico und Westindien kostete mindestens Mk. 1,45, nach der Westküste Südamerikas Mk. 2,48 u. s. w. Es war eben an jeder Landesgrenze ein Schlagbaum errichtet, und daneben stand diensteifrig der Wegeausseher mit seinem Klingelbeutel, und sobald ein Briefchen in Sicht kam, streckte er auch schon die Hand aus: "erst die Wegemauth zahlen, ehe Du Yassiren darfst". Hatte doch der Minister eines kleinen deutschen Staates noch in den vierziger Jahren ausgerufen: "Unsere Landesgrenzen sind nicht dazu da, um von dem Auslandsverkehr niedergetreten zu werden." Unter diesen Verhältnissen konnte die Postanstalt nicht das sein, was sie ihrem Wesen nach sein muß: ein Gemein- gut aller Stände; ihrer Segnungen wurden nur die Be- güterten theilhaftig, die sie bezahlen konnten. Bei den mannigfachen Separatverträgen, die sich natürlich mit den Verkehrsmitteln zugleich immer com- plicirter gestalteten, war es keinem Laien möglich, selber das Porto für einen Brief nach einem fremden Lande zu berechnen, ja den gewiegtesten Postbeamten wurde das schwer. – Und das zu einer Zeit, da die Eisenbahn bereits ihre Schienenarme um die ganze Erde spannte, und die Dampsschiffe einen directen Verkehr auf allen Meeren auf- recht erhielten. Je mehr sich die Verkehrsmittel vervollkommneten und mehrten, desto häufiger wurden natürlich die Beziehungen der Völker unter einander, und desto unerträglicher jede Schranke, die sie hemmte. Man empfand allgemein das Drückende, Unwürdige der postalischen Verkehrsverhältnisse, Jeder sehnte sich nach freiem Gedankenund Güteraustausch –

– 143 – und doch gab es Keinen, der das erlösende: "Sesam, thue Dich auf!" zu sprechen vermocht hätte – ja, ehe man nicht die vielen trennenden Wände im Jnnern der Verkehrsgebiete niedergerissen hatte, konnte man überhaupt nicht an die große chinesische Umfassungsmauer gelangen. Einzelne Vereinigungen, wie der deutsch-österreichische Postverein von 1850, hatten allerdings schon mit dem Abtragen dieser Jnnenmauern begonnen, und Stephan er- kannte vor allen Andern die Wichtigkeit solcher Vorbereitungs- , arbeiten. Jn seiner Geschichte der preußischen Post sagt er vom deutsch-österreichischen Postverein, daß er "der Kern und Ausgangspunkt weiterer, umfassenderer genossenschaft- licher Bildungen der europäischen Staaten sein und ein wichtiges Hülfsmittel zur Erfüllung der geschichtlichen Mission unseres Zeitalters bilden wird". Jndessen dauerte es noch bis zum Jahre 1862, bis von einer anderen Seite ein weiterer Schritt in dieser Angelegenheit geschah: die Bundes- regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu Washington regte den Gedanken an, eine große allgemeine Postconferenz zusammenzuberufen, um über ein einmüthiges internationales Vorgehen zur Beseitigung der vielen Schwierig- keiten im Correspondenzverkehr der Länder unter einander zu berathen. Der nordamerikanische Postmeister Blair hatte eine Denkschrift verfaßt, die Vorschläge zur einheitlichen Regelung eines directen Verkehrs mit dem Auslande, und z. B. auch schon die wichtige Bestimmung enthielt, daß, um die lästigen Abrechnungen zu vermeiden, jedes Land das Porto, das es erhebt, auch behalten sollte. Am 11. Mai 1863 trat die Conferenz in Paris zu- sammen. Auf der Tagesordnung stand: Annahme einer einheitlichen Gcwichtsstufe und Gewichtsprogression und

– 144 – Regelung des gesammten Transits nach einheitlichen Gesichts- punkten. Das waren Fragen von einschneidender Bedeutung, die nicht allein die Verkehrsverhältnisse, sondern auch das nationale Selbstbewußtsein der Postverwaltungen trafen. Besonders für Frankreich galt es, dem allgemeinen Besten zu Liebe auf eine bevorzugte Stellung im internationalen Verkehr zu verzichten – und einstweilen wenigstens war es noch nicht Willens dazu. Jtalien wieder zeichnete sich durch sehr radicale Forderungen aus, es verlangte Abschaffung aller Transitgebühren und für das Briesporto die Fest- fetzung von nur zwei Taxen für den Jnund Auslands- verkehr. Wenn auch die Erreichung eines solchen transit- und stufentariffreien Zustandes das erstrebte Jdeal ver- körperte, so waren die postalischen Verhältnisse doch noch nicht reif für eine derartige Reform – man mußte sich erst an den Gedanken gewöhnen, daß man auch ohne Schlag- bäume und Wegemauth bestehen kann. Es war schwer, in dem verworrenen Gewebe von Specialverträgen ein Ende zu finden, an dem man beginnen konnte, das Ganze zu entwirren. Außerdem suchten die meisten Länder ohne Empfindung für die Culturmission eines solchen Weltpostvereins für sich den größten finanziellen Vortheil bei den Verhandlungen zu erzielen. So konnte die Pariser Conferenz zu keinem einheitlichen Resultate kommen. Jndessen brachte sie doch gewisse Vereinbarungen zur Er- leichterung des Transitverkehrs hervor; vor allen Dingen aber gab sie einen allgemeinen Anstoß zu einer eingehenden Prüfung der postalischen Verhältnisse in den verschiedenen Ländern – man ging endlich einmal ernstlich mit sich ins Gericht, und da erkannte man erst so recht aus dem Grunde, wie dringend nothwendig es war, dem Verkehr der Völker

– 145 – unter einander freie Bahn zu schaffen. – Der Verkehr ist das Blut des Staates, und wo das stockt, stocken die Functionen aller Organe. – Man begann nunmehr ernstlich auf Abhülfe zu sinnen. Preußen, das in Heinrich Stephan den glühendsten, thatkräftigsten Vorkämpfer für die Jdee des freien Weltverkehrs besaß, wies den anderen Ländern die Wege. Wir haben gesehen, wie viele internationale Verträge durch Stephans Vermittelung zu Stande gekommen sind, und Jeder fügte einen neuen Stein zum Fundamente des Weltpostvereins. Wie Stephan bei allen diesen internationalen Einzel- Abmachungen unverrückbar das Ziel eines allgemeinen Post- vereins im Auge hatte, spricht er später einmal in einer Reichstagsrede klar aus. Am 24. Mai 1871 sagt er gelegentlich der Berathung des Additional-Artikels zu dem am 21. October 1867 zwischen der Postverwaltung des Norddeutschen Bundes und derjenigen der Vereinigten Staaten von Nordamerika abgeschlossenen Postvertrage: "Wir werden dann also für sämmtliche Orte Deutschlands nach fämmt- lichen Orten Amerikas, von Memel bis San Francisco ein Porto von 2i/z Silbergroschen für einfache frankirte Briefe haben, ohne Unterschied, ob die die deutsche Reichspostflagge führenden Dampfer aus der Oder, Elbe oder Weser auslaufen, und ohne Unterschied, ob sie den Kanal oder die Hebriden passiren. Darin aber, meine Herren, liegt nicht allein die Bedeutung dieses Vertrages. Denn, so unscheinbar er auch sein möge, so glaube ich doch, daß wir in ihm einen ganz kräftigen Gährungserreger vor uns haben in Beziehung auf den gesammten Organismus der internationalen Postverhält- nisse. Von dem Herrn Abgeordneten für Stettin ist neulich 10

– 146 – dieser Punkt schon getroffen worden, und zwar mit der Bemerkung, daß das Porto nach Schweden und Norwegen noch 3 Sgr. betrage und nach Rußland sogar 4 Sgr., während es nun nach Amerika auf 2^ Sgr. festgesetzt wird. Es ist ohne Weiteres klar, wie eine solche Anomalie, daß man für einen Brief von Stettin nach New-Iork 2^ Sgr. bezahlt und dagegen für einen Brief von Stettin nach Stockholm 3 Sgr., in dem völkerverbindenden Bereiche des Postwesens nicht lange bestehen kann. Diese Bewegung ("centripetale") gravitirt gegen das Centrum der Jdee hin, ein Weltporto mit Beseitigung der Transitsätze, Abrechnungen und Einzelverträge einzuführen, sei es auch zunächst nur für die nördliche Hemisphäre und die Culturländer derselben mit geregeltem Postwesen." Stephans unermüdlichem Werben und Wirken für fein Jdeal, seinem staatsmännischen Geschick, feiner weltmännischen Gewandtheit ist es zu danken, wenn sich allmählich auch die anderen Staaten für die Jdee eines schrankenlosen Meinungs- austausches zu erwärmen anfingen. Als glückliches, förderndes Moment kamen die drei großen Kriege von 1864, 1866 und 1870 hinzu, die eine Vereinigung einer ganzen Anzahl kleiner Postgebiete zu einem einzigen großen zur nothwendigen Folge hatten und dadurch die Entwickelung der Verkehrsverhältnisse zur Einheitlichkeit um ein beträchtliches Stück vorwärtsschoben. Nach der Constituirung des Norddeutschen Bundes hielt Stephan den Augenblick für gekommen, da er mit seinem großartigen Plane zu einem allgemeinen Postverein an die Oeffentlichkeit treten könnte. Jm Jahre 1868 erschien im Postamtsblatt eine darauf bezügliche von ihm verfaßte Denkschrift, in welcher er die Grundzüge zu einem allgemeinen

– 147 – Postverein niederlegte. Mäßige Einheitstaxe, Transitfreiheit und Portovertheilung nach dem Princip, daß jeder Staat das eingezogene Porto für sich behielt, waren die Grund- sätze, die er ausstellte. Er sagte u. A., auf dem Pariser Congreß wären eine Anzahl von Vereinbarungen ge- troffen worden, die eine Uebereinstimmung gewisser Grund- anschauungen bekundeten, auf der man weiter bauen könnte, um noch umfassendere Resultate in der einheitlichen Ge- staltung des Postverkehrs zu erzielen. Die Zeit sei ge- kommen, einen neuen Congreß zusammenzuberufen, man sollte sich aber nicht auf die Discussion technischer und theoretischer Fragen beschränken, sondern dahin streben, in der That einen Vertrag zu Stande zu bringen, der dem internationalen Verkehr durch Hinwegräumen aller hemmenden Schranken und Gegensätze freie Bahn schaffe. Sein Plan zündete in Deutschland, und die Regierung trat sofort dem Vorschlage zur Einberufung eines Post- congresses nahe, indem sie zunächst 1869 diplomatische Verhandlungen mit Frankreich, als dem am Transitverkehr am meisten betheiligten Lande, einleitete – was Stephan selber als einen Beweis dafür, wie ahnungslos man in Deutschland der drohenden Kriegsgefahr gegenüberstand, bezeichnete. Man erhielt zur Antwort, daß Kaiser Napoleon sowohl, wie der General-Postdirector Vandal "für die Sache sehr eingenommen wären", indessen der Finanzminister be- haupte, daß die Einbuße, welche die Finanzen in Folge einer internationalen Postunion erleiden würden, derart wäre, daß Frankreich auf die Vorschläge nicht eingehen könne. Der schon im folgenden Jahre ausbrechende französische Krieg hinderte zunächst die weitere Verfolgung des Planes. Nach Abschluß des Frankfurter Friedens gelang es Stephan, 1«*

– 148 – der inzwischen an die Spitze der deutschen Postverwaltung getreten war, am 14. Februar 1872, allerdings unter An- wendung einiger Zwangsmaßregeln, mit Frankreich einen Postvertrag abzuschließen, der das Porto für den einfachen Brief auf 40 Centimes festsetzte und die Transitfreiheit ge- währleistete – eine Separatabmachung, die von großer Tragweite für das Gelingen einer allgemeinen war. Und nun, da seine Stellung als General. Postmeister ihm eine maßgebende Stimme in der Vertretung der Mächte sicherte und das Ansehen der deutschen Reichspost seinen Be- strebungen als festes Rückgrat diente, fetzte Stephan alle seine Energie ein, das große Werk zum Abschluß zu bringen. Jnzwischen hatte der gute Erfolg der Einführung des einstufigen Silbergroschenportos und der Postkarte in Deutsch- land auch die anderen Länder geneigter gemacht, auf Unter- handlungen zur Verbilligung der Taxen einzugehen. Nach- dem 1873 in Brüssel und im Haag zwischen Stephan und den General-Postdirectoren von Belgien und den Nieder- landen eine vorbereitende Conferenz stattgefunden hatte, stellte der Elftere bei Bismarck den Antrag auf Einberufung einer allgemeinen Postconferenz. Die Einladung zu einer solchen erging von Deutschland am 9. Juli 1873, und zwar hatte man unter lebhafter Zustimmung der Schweizer Bundes- regierung vorgeschlagen, die Conferenz in Bern stattfinden zu lassen. Da Frankreich sich aus finanziellen Gründen (vielleicht auch ein wenig eifersüchtig auf die Jnitiative Deutschlands) zuerst ablehnend verhielt und Rußland aus äußerlichen Grün- den um Vertagung bat, mußte ein Ausschub der Verhand- lungen bis 1874 erfolgen, der indessen, wie Stephan gelegentlich selber äußert, "dem Werk nur förderlich gewesen

– 149 isl, da die darin vorgeschlagenen Jdeen mehr Eingang fanden und die Geister mit manchen Vorschlägen, die an- fangs für unausführbar gehalten wurden, sich doch sehr befreundeten, daß diese Vorschläge Farbe und Gestalt ge- wannen". Am 15. September 1874 trat endlich die Conferenz unter der Betheiligung aller dazu aufgeforderten Länder im alten Ständehaus zu Bern zusammen. Der ehrwürdige, einfach vornehme Bau hatte schon manches geschichtlich denk- würdige Ereigniß in seinen Wänden sich abspielen sehen, jetzt sollte es zur Wiege des wichtigsten Vertrages werden, den die Weltgeschichte gesehen hat. Jn demselben Saale, in dem 1849 die postalische Union der 22 Schweizer Can- tone beschlossen wurde, traten jetzt 22 Staaten der ganzen Erde zusammen, um eine Weltpostunion zu gründen. Auf Stephans Anregung hatten alle anwesenden Dele- gaten für ein umfassendes statistisches Material gesorgt, und so konnte man sofort in die Verhandlungen eintreten. Stephan führte den Vorsitz, er war gewissermaßen die Axe, um die sich Alles drehte. Ein Feuereifer für das Werk beseelte ihn, und wie ein Fluidum theilte sich seine Begeiste- rung auch den anderen Delegirten mit. Seine Liebens- würdigkeit gewann ihre Sympathie, sein Genie ihre Be- wunderung, es arbeitete sich vorzüglich mit dem deutschen General-Postmeister, aber ebenso genußreich waren die Er- holungsstunden in seiner Gegenwart – er wurde ihnen gleich theuer als Mitarbeiter wie als Freund, und bereit- willig gingen sie auf die Prüfung seiner Vorschläge ein. Sein Geschick in der Vereinigung getrennter Jnteressen be- währte sich wieder auf das Glänzendste. Schon am 9. Octo- ber 1874 wurde der Vertrag zu einem "Allgemeinen

– 150 – Po st verein" von allen anwesenden Vertretern unterzeichnet mit Ausnahme desjenigen von Frankreich, das erst im Mai 1875 dem Vereine beitrat. Man hatte zwar noch nicht das höchste Jdeal eines unbeschränkten Weltverkehrs erlangt, aber die Berner Convention war die erste Etappenstation auf dem Wege zu einem solchen. Sie schloß 22 Länder mit 37 Millionen Quadratkilometern zu einem einzigen weiten, freien Verkehrsgebiete zusammen, und 350 Millionen Men- schen vereinte die Post zu einer großen Verkehrsfamilie. Die Unentgeltlichkeit des Transits war noch nicht er- reicht, aber seine schrankenlose Freiheit innerhalb der Ver- einsländer gewährleistet, und das war das am meisten Er- sehnte und Erstrebte. Die Transitgebühren waren auf eine mäßige Höhe festgesetzt und ihre Vertheilung geschah nach dem einfachen Gesetz der Compensation: jeder Staat behielt das Porto, das er erhob, und da fast jeder Staat so viel Porto einnimmt, wie er verausgabt, so gleicht sich der Aus- fall der Abrechnungen in den meisten Gebieten von selber aus, mit Ausnahme einiger weniger am Transit vornehm- lich betheiligten Länder, wie Frankreich, Belgien :c., die allerdings dem allgemeinen Besten ein großes, anerkennens- werthes Opfer bringen mußten. Um den Ausbau der durch den Berner Vertrag an- gebahnten Reformen systematisch fortsetzen zu können, sollten nach bestimmten Zeiträumen neue allgemeine Conferenzen einberufen werden, und in Bern nahm ein internationales Postbureau für Vereinsangelegenheiten feinen Sitz. Am 1. Juli 1875 trat der "Allgemeine Postverein" praktisch ins Leben. Die junge Generation unter uns kann sich keinen Begriff von der Bedeutung dieser Thatsache für die damalige Zeit machen. Es war, als ob man einem

– 151 – künstlich eingedämmten Strome die Schleusenthore öffnete, daß er sich rauschend in sein Bett ergießen konnte – und je mehr Wasser er dem großen Verkehrsmeere zuführte, desto reichlicher flössen ihm die Quellen zu. Früher, welche Umständlichkeit, welcher Portoaufwand, wenn man eine einfache Nachricht einem Angehörigen ins Ausland senden wollte – jetzt auf einmal weder Rechen- exempel noch Extrakosten, für ein geringes Porto sandte man Briefe, Postkarten, Drucksachen, Zeitungen, Waren- proben, Mustersendungen nach jedem beliebigen Lande Europas, wie nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas und Aegypten. – Diese Erleichterungen des Verkehrs kamen natürlich den Völkern zunächst zum Bewußtsein und sie sind dem einfachen Manne ja auch sicher die einleuchtendsten Errungenschaften des Weltpostvereins. Der Hauptwerth einer solchen Verkehrsfreiheit aber liegt, wie Stephan stets auf das Nachdrücklichste betont, auf geistigem und idealem Gebiete. Die Berner Convention schuf eine Jnteressengemein- schaft, wie sie in einem solchen Umfange und solcher Jnten- sität bis dahin noch niemals vorgekommen, ja auch nur denkbar gewesen war. Jhr Einfluß erstreckte sich nicht nur auf das öffentliche Leben, er drang bis tief hinein in die Familienverhältnisse. Wenn früher, zu Großvaters Zeiten, ein Sohn dem Elternhause Lebewohl sagte, um draußen in einem anderen Welttheile sein Glück zu versuchen, so war das wie ein Abschied fürs Leben, Es war so zweifelhaft, ob ihn sein Weg noch einmal zur Heimath zurückführen würde, und an eine vermittelnde Correspondenz war nur in Ausnahmefällen zu denken. Wenn man heute bei einem solchen Abschiede selbst die Gewißheit hat, daß man sich nie

– 152 – mehr von Angesicht zu Angesicht sehen wird, so hat man doch einen tröstlichen Ersatz in dem regen Briefwechsel, den man führen wird. "Schreibe bald!" oder "schreibe oft!" heißt das Schlußwort unseres Lebewohls; hätte man unserem Urgroßvater dergleichen zugerufen, so würde er uns sicher für nicht recht gescheidt gehalten oder doch wenigstens recht mißbilligend den Kopf geschüttelt haben ob solcher kost- spieligen Zumuthung, Ein Brief war ein Ereigniß, ob er nun eintraf oder abging – heute schreibt der Gelehrte, der Staatsmann und der Handwerker, die elegante Weltdame wie das alte Mütterchen mit den steifen Fingern, das ehr- same Bäuerlein wie das Dienstmädchen in der Dachkammer, das Backfischchen wie der Student nach allen Theilen der Welt, ohne daß darum ein Aufhebens geschieht. Die Berner Convention hat die Bahn frei gemacht für Handel und Wandel, frei für die in Schrift und Druck niedergelegten geistigen Erzeugnisse, frei für das Wort, das von Herz zu Herzen fliegt, und der daraus hervorgehende rege Austausch gemeinsamer Jnteressen stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit und knüpft die Bande des Friedens fester, als es irgend eine actenmäßig festgelegte Zusicherung thun könnte. Als Stephan dem deutschen Reichstage am 28. Novem- ber 1874 den Berner Vertrag unterbreitete, kennzeichnete er in seiner diesbezüglichen Rede diesen idealen Werth der Union mit treffenden Worten. Nachdem er constatirt hat, daß bereits 24 Postverträge dem hohen Hause vorgelegen haben, der Berner Vertrag mithin der 25., also eine Art Jubilar sei, sagt er unter Anderem: "Der vorliegende Ver- trag bezweckt nicht eine Vereinigung zu einem bestimmten Unternehmen, die sich auflöst, wenn der Zweck dieses Unter

– 153 – nehmens erfüllt ist; er ist auch nicht darauf berechnet, nur für gewisse Zeiten und für gewisse, hoffentlich immer seltener werdende Lagen in Anwendung zu kommen, in denen die Völker blutige Krisen durchschreiten. Er will auf seinem Gebiete eine dauernde Einrichtung, einen fortlebenden Or- ganismus schaffen; seine Anwendung wird täglich und stünd- lich, von Land zu Land, von Welttheil zu Welttheil statt- finden, sei es in dem großartig zunehmenden Austausch der Erzeugnisse der Presse oder in den Beziehungen der Männer der Kunst und Wissenschaft. Niemand in dieser hohen Ver- sammlung wird von den Wirkungen des Vertrages un- betheiligt und von ihnen unberührt bleiben. Deutschland wechselt schon gegenwärtig mit den hier in Betracht kom- menden Ländern, ungeachtet der jetzigen hohen Taxen, 150 000 Briefe und Drucksachen täglich, das ist in jeder Stunde 6000 Stück. Für die Beamten der Postverwaltung wird der Vertrag seine Wirkung dahin äußern, daß durch eine weitgehende Vereinfachung des Dienstmechanismus ihnen die Bewältigung der Arbeit erleichtert und mithin eine correctere Handhabung dieser, mit der erhebliche Jnteressen des Publicums verknüpft sind, ermöglicht wird." Und an einer anderen Stelle fährt er fort: "Und das, meine Herren, ist vielleicht der höhere Gehalt des vorliegenden Vertrages, wenn Sie geneigt sind, ihm einen solchen einzuräumen, daß er die Möglichkeit gemeinsamer Jnstitutionen auf dem inter- nationalen Gebiete nachweist. Jm Vergleich mit großen politischen Fragen nur von bescheidener Bedeutung, kann er vielleicht doch als die kleine organische Zelle bezeichnet werden, aus der sich im Leben der Völker unter der Wärme- entwickelung stärkerer Berührung und durch den Lichteinfluß der Gesittung vielleicht weitere homogene Gebilde lebens

– 154 – fähig gestalten werden. Jn jedem Falle verwerthet er die Solidarität der Jnteressen als ein kräftiges Einigungs- element; er verbrieft auf seinem Gebiete insbesondere die Eintracht der Regierungen und eröffnet dadurch vielleicht eine Perspective auf den Satz: si vis r>aeem, pars, o«n«or> äiani. Und somit, meine Herren, übergeben die verbündeten Regierungen Jhrer prüfenden Berathung diesen Vertrag, welcher neben den Vortheilen, die er den Nationen in mate- rieller und geistiger Beziehung gewähren wird, ein, wenn immerhin kleines, so doch hoffentlich recht gesundes Reis am Oelbaum des Völkerfriedens fein wird." Der Berner Vertrag ist den größten weltgeschichtlichen Ereignissen an die Seite zu stellen, er ist ein stolzer Dom im Culturstaat der Menschheit. Eine ganze Anzahl von Bauleuten hat, an diesem Dome mitgearbeitet, und gerade Die, die anfangs zögerten, ihre Kraft dem Werke zu leihen, wie Frankreich, halfen nachher am eifrigsten, Stein auf Stein zu fügen, Der aber, der den Grundstein zu dem Dome gelegt, ihn ausgebaut und überwölbt hat, ist Heinrich Stephan gewesen. Hätte der große Postmann auch nur diese eine That in seinem Dasein vollbracht, er würde leben für die Ewigkeit. Wenn alle Werke seiner Zeitgenossen längst der Vergänglichkeit anheimgesallen sind, das seine wird bestehen bleiben, denn es ist frei von jedem kleinlichen Particularis- mus, eine kosmopolitische Großthat im edelsten Sinne des Wortes. Und wie gering schlägt der Schöpser dieses großen Werkes selber sein Verdienst um das Gelingen desselben an! Als man ihm im Reichstage einen allgemeinen lebhaften Dank für fein Wirken bei der Errichtung des Weltpost- vereins aussprach, antwortete er: "Die Anerkennung, welcher

– 155 – in so beredten Worten Ausdruck gegeben worden ist, und der das hohe Haus sich in so ehrender Weise angeschlossen hat, verpflichtet mich, im Namen der verbündeten Regie- rungen, für welche ich dieselbe nur entgegennehmen kann, zum lebhaftesten Danke. Als in der letzten Sitzung des Berner Congresses eine ehrende Kundgebung ähnlicher Art erfolgte, säumte ich nicht, die Gelegenheit zu ergreifen, um daran zu erinnern, daß solche Ergebnisse nicht das Ver- dienst Einzelner sind, sondern daß ihre wahre Urheberschaft in den bewegenden Jdeen des Zeitalters liegt, das seine Jnspirationen von oben empfängt und an deren Ausführung alle denkenden Geister der Zeit mitarbeiten. ..." Und nach- dem er der fördernden Theilnahme Kaiser Wilhelms gedacht und der Mitarbeiterschaft aller am Gelingen des Werkes Betheiligten mit ehrenden Worten Erwähnung gethan hat, fährt er fort: "Aus Vorstehendem wird der geehrte Herr Redner, der so freundlich war, der Person des General» Postmeisters Erwähnung zu thun, wohl entnehmen, in wel- chem Maße der Antheil, den er die Güte hatte, ihm ein- zuräumen, reducirt werden muß. So bescheiden der ver- bleibende Rest aber auch ist, die Anerkennung der Vertreter der Nation ist unter allen Umständen ein Titel, um alle Zeit mit freudiger Genugthuung darauf zurückzublicken; und ich bekenne gern, daß in dem müheund opfervollen Leben eines höheren Staatsbeamten der heutigen Zeit es zu den wahren Lichtblicken gehört, wenn man durch die Gunst der Umstände das Glück gehabt hat, seinem Vaterlande viel- leicht einen Dienst zu erweisen, und wenn demselben noch die seltene Ehre einer solchen Anerkennung zu Theil wird," Eine stolze Bescheidenheit klingt aus diesen Worten, dieselbe schlichte Größe, die das ganze Wesen des Post

156 – reformators kennzeichnet und die ihn auch 1891 auf dem Wiener Postcongresse den Weltpostverein als ein Product der Zeitverhältnisse bezeichnen ließ. "Die Ideen sind nicht das Eigenthum eines sterblichen Menschen,sagt er, "sie schweben in der Atmosphäre der ganzen Zeitepoche, zuerst unbestimmt, dann in bestimmterer Weise, bis sie sich verdichten und niederschlagen, indem sie Gestalt gewinnen und ins Leben treten. Der Gedanke der Vereinigung entspricht den Bestrebungen unseres Jahrhunderts, er beherrscht viele Gebiete der Thätigkeit des heutigen Menschengeschlechts und bildet eine wahrhafte Triebkraft der modernen Civilifation. Er wurde überdies für unser großes Triebwerk des inter- nationalen Verkehrs befördert durch die unwiderlegliche Thatsache, daß die ungeheuren in Bewegung zu fetzenden Masfen, die von Tag zu Tag mehr anwuchsen und sich von Grenze zu Grenze bis zu den fernsten Meeren und Gestaden ausbreiteten, gebieterisch eine Vereinfachung des ganzen Mechanismus erheischten als das einzige Mittel, um den fast über alles Maß hinausgewachsenen Bedürfnissen zu genügen und die unerläßliche Schnelligkeit und Regelmäßig- keit aufrecht zu erhalten. Das sind die Naturelemente, die die wahren Schöpfer des Weltpostvereins gewesen sind. Darin liegt auch der Grund seiner Stärke." Gewiß sind Werke, wie der Weltpostverein, die Ver- körperung der Zeitideen, die nothwendige Consequenz der Zeitverhältnisse, aber das ist ja eben das Wesen großer Reformatoren, daß sie diese Anforderungen ihrer Zeitepoche verstehen und die intellectuelle und moralische Kraft besitzen, die frei umherschwebenden Jdeen zur Verdichtung und zum Niederschlag zu bringen. Moses, Solon, Karl der Große, Luther, Columbus, Jahn, Watt, Bismarck, sie alle waren

– 157 – nur die Träger der Jdeen ihrer Zeit, aber diese Zeit hat nur einen Mann ihrer Art hervorgebracht. Stephan würde ohne die glückliche Gestaltung der politischen Verhältnisse seines Vaterlandes seine Bestrebungen zur Gründung des Weltpostvereins nicht mit dem Nachdruck und sicher nicht mit dem Erfolge haben betreiben können, aber es ist als ein seltenes Glück zu betrachten, daß die große Zeit auch den großen Mann gefunden hat. Stephan erkennt vor allen Anderen die Macht der Zeitverhältnisse an. Als bei den Tischreden zur Einweihung des Cölner Posthauses auch seines Wirkens für das Zustande- kommen des Weltpostvereins dankend Erwähnung geschieht, antwortet er: "Der Hauptdank war, wie wir postalisch sagen, unrichtig adressirt. Er gebührt vor Allem den glorreichen Wiederherstellern der Einheit der Nation und der Macht des deutschen Reiches. Nur auf der breiten Basis des Reiches und auf dem festen Grunde seines Ansehens konnten Bauwerke, wie der Weltpostverein, errichtet werden. Ein Bevollmächtigter des Königreichs Preußen hätte bei den verschiedenen Verhandlungen und Congressen in Bern, Paris. London, Wien u. s. w. Das nicht zu erreichen vermocht, was einem Abgesandten des deutschen Reiches zu erlangen möglich war. Der Zug dieser großen Zeit mußte mit Noth- wendigkeit auch auf den Geist des Einzelnen wirken und ihn sozusagen beflügeln." Die Segnungen des Weltpostvereins waren so augen- fällig, daß er außer den Vereinigten Staaten und Aegypten, die ihm von Anfang an zugehörten, bald mehr und mehr Länder aus anderen Erdtheilen in seinen Bereich zog: Britisch-Jndien, die französischen, niederländischen und spanischen Colonien, Argentinien, Persien, Grönland und

– 158 – die dänischen Antillen traten, zum Theil auf directe An- regung Stephans, der Berner Convention bei. Als am 2. Mai 1878 gelegentlich der Eröffnung der Weltausstellung die zweite Vereinsconferenz in Paris stattfand, waren 28 Staaten aus allen Welttheilen vertreten, und 32 Staaten unterzeichneten den Vereinsvertrag, so daß der allgemeine Postverein nunmehr mit gutem Recht den Namen "Welt- postverein" annehmen konnte. Jm Berner Vertrage war man zwar zu einem freien aber noch nicht zu einem durchaus einheitlichen Verkehr gelangt. Z. B. hatte man es jedem Lande überlasten müssen, selbstständig ein Einheitsporto für den Verkehr mit anderen Ländern bis zum Höchstsatze von 3 Groschen oder 40 Cen- times festzustellen. Auf dem Pariser Congresse wurde nun- mehr ein einziger Satz von 25 Centimes für den einfachen Brief nach allen Theilen der Vereinsländer geschaffen – der Weltportosatz von 20 Pfg. für Deutschland, der mit einem Strich 65 verschiedene Portosätze für frankirte und 28 für unfrankirte beseitigte. Das Meistgewicht für Drucksachen wurde auf 2 KZ erhöht, der Landtransit unabhängig von der Entfernung auf einen einzigen Vergütungssatz reducirt, der Seetransit bedeutend ermäßigt. Eine andere hochbedeutsame Abmachung brachte der Pariser Vertrag, indem er den internationalen Post- anweisungsverkehr einführte. Sämmtliche getroffenen Neue- rungen gingen auf eine Verminderung des Portos aus. Eine Einigung über einen Weltpacketverkehr, zu der Stephan die Jnitiative ergriff, kam noch nicht zum Abschluß, ihr standen zu große Schwierigkeiten im Wege, da, wie schon erwähnt, viele Länder überhaupt keine staatliche Fahrpost unterhielten. Man beschloß, eine besondere Conferenz zur

– 159 – Regelung dieser Angelegenheit 1880 in Paris stattfinden zu lassen. Jn der Zwischenzeit waren die Regierungen genöthigt, sich mit der Prüfung dieses Dienstzweiges ein- gehend zu befassen, und auf Grund derselben entschlossen sich die meisten, die Packetbeförderung auch in ihrer Post- verwaltung einzuführen, was sowohl im Interesse der Billig- keit, wie der Sicherheit der Packetsendungen mit Genug- thuung zu begrüßen ist. Die Conferenz, die vom 9. Oct, bis 3. Nov. 1880 in Paris tagte, führte zum Abschluß eines Vertrages, der, von 22 Staaten unterzeichnet, die Versendung der Packete nach einheitlichen Portosätzen und übereinstimmenden Beförderungsgrundsätzen regelte. Nur einige Staaten weigerten sich standhaft, die Last des Päckerei- verkehrs der Postverwaltung aufzubürden, wie die Vereinigten Staaten, in denen Privatgesellschaften, nicht zum Vortheil der Billigkeit des Portos, noch heute die Packetbeförderung besorgen. Als Stephan wegen der Höhe der Packettaxe nach den Vereinigten Staaten 1893 im deutschen Reichstage inter- pellirt wird, antwortet er: "Jch bedaure das und habe wiederholt bei den amerikanischen Commissarien auf den verschiedenen Weltpostcongressen, die alle 5 Jahre stattfinden, die Sache besonders urgirt. . . Die Packetpost ist einmal der Train in dem Postheere, die Briespost ist die leichte Jnfanterie, die Packetpost die Artillerie und der Train; diese nehmen den größten Raum ein und kosten das meiste Geld. Aus diesen Gründen ist in der Sache nichts zu machen." Man kann sich denken, daß so bedeutsame Neuerungen, wie die Einführung des billigen Weltportos, des inter- nationalen Postanweisungsverkehrs, die Neueinführung des Packetdienstes in manchen Ländern :c., anch auf die internen

– 160 – postalischen Verhältnisse der betreffenden Verwaltungen einen zwingenden reformatorischen Einfluß ausgeübt haben müssen, und so erstreckt sich Stephans Verdienst nicht nur auf die Regelung des Weltverkehrs, Spuren von seinem Wirken führen selbst in die kleinsten Zweige der Jnnenverwaltungen fremder Lander. Seine Autorität in allen postalischen Fragen wurde von Jedermann anerkannt, er war der Ver- trauensmann aller Postverwaltungen der ganzen Welt – und vielleicht der populärste Mann feines Jahrhunderts. Bis zu seinem Lebensende hat er nicht aufgehört, rüstig an der Vollendung des Weltpostgebäudes zu arbeiten, mit echt deutscher Zähigkeit hat er unermüdlich geworben, um auch die letzten, ihm noch verschlossenen Ländergebiete dem freien Verkehr zu öffnen. Ans der Postconferenz zu Lissabon vom 4. Februar bis 21. März 1885 waren bereits 46 Vereins- länder vertreten, und eine Reihe neuer Staaten ließ sich in den Verband aufnehmen. Auf dem Wiener Congreß vom Jahre 1891 wurde Stephan die Genugthuung zu theil, daß dank seinen Bemühungen auch der letzte der fünf Erd- theile, Australien, dem Vereine beitrat; und als 1893 die südafrikanische Republik und 1895 das Capland gefolgt waren, wurde, wie Stephan an den General-Postmeister Englands schrieb: "dem Bunde, der vor nun 20 Jahren gegründet wurde zur Erleichterung des geistigen Verkehrs der Völker unter einander, zu ihrer Annäherung und gegen- seitigem Verständniß, also in seinem Endziel für den Frieden auf Erden, das Schlußglied eingefügt". Der Verein erstreckt sich nunmehr mit seinem Gebiet von über 100 Millionen Quadratkilometern über den ganzen Erd- ball, und 1000 Millionen Menschen aller Zonen und Racen schließt er zu einer einzigen großen Verkehrsgemeinde zu

– 161 – sammen. – Welch' ein gewaltiges Werk, allen Menschen der Erde ein gemeinsames Jnteressengebiet zu eröffnen, sie alle in einem bestimmten solidarischen Empfinden zu einen! Der Lissaboner Congreß hatte außer der Ausdehnung des Postauftragdienstes auf eine ganze Anzahl von Vereins- landern nur an der Verbesserung der vorhandenen Vor- schriften gearbeitet, der Wiener Congreß regelte den inter- nationalen Post-Zeitungsversandt nach bewährtem deutschem Vorbilde und fügte außerdem noch eine ganze Anzahl anderer wichtiger Bestimmungen dem alten Codex bei. Die Ein- richtung einer Central-Abrechnungsstelle bei dem internatio- nalen Post-Bureau zu Bern ist ebenfalls auf eine deutsche Anregung erfolgt, wie denn überhaupt der Einfluß des deutschen General-Postmeisters bei allen Verhandlungen und Einrichtungen des Weltpostvereins der leitende gewesen ist. Die preußische und später die deutsche Post hat sich von jeher durch geregelten und gewissenhaften Betrieb ausgezeichnet, Stephan aber ist es zu danken, wenn sie nunmehr auf der ganzen Erde eine vorbildliche und maßgebende Stellung einnimmt – den Weltpostverein dürfen wir ohne Ueber- hebung als ein eigentlich deutsches Werk bezeichnen. "Der Berner Congreß hat unser Werk gegründet und das Gebäude errichtet, der Pariser hat es erweitert, der Lissaboner hat es gefestigt, der Wiener Congreß hat es vollendet und gekrönt. Er hat auf ihm die Flagge auf- gepflanzt, die hinfort als ein Zeichen neuzeitiger Gesittung und brüderlicher Gesinnung der Völker über den füns Welt- theilen wehen wird!" Mit diesen Worten kennzeichnet Stephan auf dem Congresse zu Wien, dem letzten, dem er beiwohnen konnte, die Bedeutung der einzelnen Weltpost- mnferenzen. Jnzwischen hat eine fünfte zu Washington 11

– 162 – getagt, um das fertige Gebäude in seinen Details noch der Vollendung näher zu bringen. Die Unentgeltlichkeit des Transits ist allerdings immer noch nicht erreicht worden, indessen läßt die Bestimmung, daß der Transit in den nächsten Jahren stetig herabgesetzt werden soll, die Hoffnung offen, daß der für 1903 in Rom angesetzte nächste Welt- postcongreß auch dies höchste Jdeal der Verkehrsfreiheit erreichen wird. Jnzwischen wird auch der Oranje-Freistaat als letztes Glied die Kette des Weltpostvereins geschlossen haben. Um sich einen Begriff von der Größe des Berkehrs- oceans machen zu können, muß man sich die Zahlen der Sendungen vergegenwärtigen, die er heute Tag für Tag auf seinen Wegen um den Erdball wälzt: 50 Mill, Brief- sendungen. 0.2 Mill. Werthsendungen, 1 Mill. Packete, 0,8 Mill. Postanweisungen (die eine Summe von 36 Milli- arden Mark repräsentiren), 0,14 Mill. Postauftragsund Nachnahmesendungen werden durchschnittlich täglich inner- halb des Weltpostvereins-Gebietes befördert – 200 Milliarden Mark täglich ins Rollen gebracht. Das sind Zahlen von schwindelnder Höhe, denen wir fassungslos gegenüberstehen. "Man muß." sagt Stephan in feinem bekannten Vortrage über ..Weltpost und Luftschifffahrt", "diese Umlaufs- operationen im täglichen, ruhelosen Geschäftsleben aus einer gewissen Entfernung betrachten, um von der Größe der Massen und der Schnelligkeit der Bewegung nicht verwirrt zu werden. Würden sie ein Geräusch von sich geben, wie unsere großen Maschinen, oder wie man es feiner Zeit von den das Weltall durchsausenden Sphären gewisser Himmels- körper angenommen hat: es würde ein rasendes Charivari entstehen."

– 163 – Der Mann, der diesen riesenhaften Verkehrsmechanismus in allen seinen Theilen kannte, der ihn in jener lautlosen Großartigkeit zu bewegen wußte, weilt heute nicht mehr auf der Erde, aber ein gütiges Geschick hat es ihm beschieden sein lassen, daß er das Werk, an das er seine Lebenskraft gesetzt hatte, in herrlicher Vollendung schauen konnte. Sein Streben belohnt zu sehen, ist ein seltenes kostbares Glück, das wenigen Sterblichen zu theil wird. Stephan durfte es auskosten, ihm wurde die Anerkennung, die Bewunderung des ganzen Erdballs zu theil. Am Jahrestage des zehnjährigen Bestehens des Welt- postvereins trafen Ehrungen für ihn aus allen Theilen der Welt ein. Unter Anderem überreichten die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft namens des gesammten Handels- und Gewerbestandes der deutschen Reichshauptstadt Stephan eine Dankadresse, in der es heißt: "Staunend und be- wundernd sehen wir das mächtige Getriebe des Weltposi- verkehrs. Die mit jedem Jahre wachsenden Milliarden der beförderten Briefe, Postkarten, Zeitungsnummern:c. führen den evidenten Beweis, wie fruchtbar und folgenreich sowohl in wirtschaftlicher als in moralischer Beziehung sich der großartige Plan gestaltet und erwiesen hat, dessen Aus- führung wir vor Allem Ew. Excellenz Voraussicht, Beharr- lichkeit und organisatorischem Talent verdanken. Ew. Excellenz unablässiges Bemühen, die Einrichtungen im Postwesen möglichst vollkommen, die Dienste der Post so wohlfeil wie möglich zu machen, gereicht zu einem nicht zu ermessenden Segen für alle wechselseitigen Beziehungen der civilisirten Völker, für die Annäherung und Verstän- digung der Gedanken und Gesinnungen, für den gegenseitigen Austausch der Bedürfnisse, für die Hebung der intellectuellen Ii«

– 164 – und moralischen Bildung, für die Umwandlung feindlicher in freundliche Stimmungen der Nationen. Den Menschen der Jetztzeit ist nicht gegeben, alle segensreichen Folgen in der fernen Zukunft zu ermessen, aber die Erfahrungen weniger Jahre gestatten uns die Folgerung, daß die von Jhnen kühn betretene und allen Völkern eröffnete Bahn an Früchten für den Geist und materiellen Verkehr der Menschheit eine reich gesegnete sein wird. Entsprossen der in Kämpfen und heißen Schlachten errungenen Einheit des deutschen Vaterlandes, hat die von Jhnen gepflegte und dann mit so vielen schönen Erfolgen verwirklichte Idee des Weltpostvereins auch das deutsche Volk aus engeren Kreisen der Betrachtung, Beurtheilung und Wirksamkeit hinausführen helfen auf einen umfassenderen Standpunkt, und wenn wir jetzt von Jahr zu Jahr unsern Gewerbeund Handelsstand bemüht sehen, seinen Blick zu schärfen für die Gelegenheiten und Bedürfnisse des näheren und ferneren Auslandes, so ist nicht zu zweifeln, daß der vom Weltpostverein angebahnte und so vielfach erleichterte Verkehr mächtig auf die Erweiterung der Anschauungen und der Unternehmungen eingewirkt hat." Dann folgt der Dank der Kaufmannschaft, der mit dem Wunsche ausgesprochen wird, daß sich der Weltpost- verein noch lange "der fördernden Hand feines ersten Be- gründers und unermüdlichen Pflegers" erfreuen möge. Das ist ein erhebendes Zeichen der Würdigung der Verdienste Stephans. Ein anderes, das auch nach außen hin seine Wirkung ausübte, war seine Erhebung in den erblichen Adelsstand. Das Handschreiben Kaiser Wilhelms, das ihm dieselbe verkündete, hat folgenden Wortlaut:

– 165 – "Die Vollendung des ersten Jahrzehnts, seitdem durch Jhre wesentliche Mitwirkung der erfolgreiche, später zum Weltpostverein erweiterte allgemeine Postverein ins Leben gerufen worden, und die hingebende Thätigkeit, die von Jhnen neuerlich der Bearbeitung und der parlamentarischen Berathung des bedeutsamen Gesetz-Entwurfs über die Post- dampsschiffsverbindungen mit überseeischen Ländern gewidmet ist, haben Mir einen erwünschten Anlaß gegeben, um Jhnen von neuem Meine Anerkennung Jhrer hervorragenden Ver- dienste um das Postund Telegraphenwesen zu bezeigen, indem Jch Jhnen den erblichen Adel in Gnaden hiemit verleihe. Das bezügliche Diplom wird Jhnen demnächst zugehen. Berlin, den 19. März 18S5. Wilhelm." Nur wenige Menschen haben so viel gearbeitet, wie Heinrich v. Stephan, aber auch nur Wenige haben solche Ehrungen aufzuweisen, wie er.

IX. Landund Seepost. ls Stephan im Jahre 1870 an die Spitze der Post- verwaltung berufen wurde, trat er sein Amt an mit der Erkenntniß, daß die Post eine völlige Umgestaltung er- fahren müßte, wenn sie in ganzem Umfange ihren Cultur- aufgaben genügen sollte, und daß er eine Welt von Arbeit auf seine Schultern nähme, wenn er alle ihm vorschwebenden Reformen zur Durchführung bringen wollte. Aber: "Ziel erkannt, Kraft gespannt, Pflicht gethan, Herz obenan!" so lautet der Spruch, den Stephan zur Bismarckausstellung 1885 beisteuerte, und in ihm spiegelt sich sein ganzes Sein: zielbewußt, kraftvoll, pflichttreu ist er jederzeit unbekümmert geradeaus seinen Weg geschritten, ohne dabei aber die zarten Blüthen der Humanität, Gerechtigkeit, Freundschaft am Boden rücksichtslos in den Staub zu treten. Vor seinem Auge lag das gesammte Getriebe der Post- verwaltung ausgeschlagen wie ein Buch, aus dem er mit kritischem Blicke die Constructionsfehler, die mangelhafte Jnterpunction, die seichten Stellen herauslas, und unverzüg- lich ging er daran, sie zu beseitigen.

– 167 – Wie seine Jntentionen die Fassung der Postgesetze be- einflußten, haben wir gesehen, und mit welchem Weitblick er die erst in der Zukunft zu schaffende Betriebsgestaltung schon bei Ausstellung dieser Gesetze zu berücksichtigen wußte, beweist ihre Lebensfähigkeit, die nun schon ein Vierteljahr- hundert überdauert hat. Schon während dieser Arbeiten auf gesetzgeberischem Gebiet, ja zum Theil schon vor Ausbruch des Krieges 1870 war Stephan an die Regelung der Betriebsund Personen- verhältnisse der Postverwaltung herangetreten. Die Ãœber- nahme der vielen kleinen Postanstalten mit ihrem zum größten Theil ungenügenden Betriebsund Beamtenmaterial, sowie der ungeheure Ausschwung des gesammten Erwerbs- lebens nach dem Kriege, der mit einer beispiellos raschen Ausbreitung des Eisenbahnnetzes über ganz Deutschland Hand in Hand ging, hatten dem Postverkehr eine solche Ausdehnung und Vielseitigkeit gegeben, daß die vorhandenen Einrichtungen keineswegs mehr den gestellten Anforderungen entsprachen. Wenn man dazu die später erfolgende Ver- schmelzung von Post und Telegraphie und gleich darauf die Einführung neuer bedeutender Dienstzweige in die Post- verwaltung durch den Fernsprecher und die Rohrpost rechnet, so kann man sich ein Bild davon machen, welche weit- gehenden Ansprüche die Neuordnung aller dieser Verhält- nisse an die organisatorischen Fähigkeiten des obersten Leiters stellten. Es war Stephans Sorge, der Post, die noch immer dem Reichskanzleramt zugetheilt war, während sie ihrem Umfange und ihrer Bedeutung nach ein eigenes großes Ressort bildete, eine selbstständige Stellung zu verschaffen, damit er sich die nöthige Bewegungsfreiheit bei Durchführung

– 168 – feiner großartigen Reformen sicherte. Sein Plan gelang ihm. Als im Jahre 1875 die Vereinigung der Telegraphie mit der Post deren Arbeitsfeld noch um ein Beträchtliches vermehrte, wurde die Postverwaltung vom Reichskanzleramt gelöst und erhielt den Charakter eines selbstständigen Reichs- amtes zunächst unter dem Namen: "Oberste Postund Telegraphenbehörde" mit dem General-Postmeister an der Spitze. Jm Jahre 1880 erhielt sie dann, um sie auch äußerlich als den anderen Reichsämtern gleichstehend zu bezeichnen, den Namen Michspostamt und ihr Chef den Titel Staatsseeretair des Reichspostamts. Die früheren preußischen General-Postmeister hatten den Rang und das Gehalt eines Staatsministers gehabt, Stephan besaß als deutscher General-Postmeister noch nicht einmal den Titel Excellenz, und fein Gehalt war um 12000 Mark niedriger, als das der Minister. Nun hatte ihm des Kaisers Gnade die Excellenz verliehen, indessen sollen weder Stephan noch seine Beamten anfänglich sehr entzückt über den "Staats- seeretair" gewesen sein; die Seeretaire bilden in der Post- verwaltung eine ganze große Beamtenkategorie, General- Postmeister aber war ein durch die Gewohnheit geheiligter Titel, und ein zutreffender obenein, bildet nicht die Post- verwaltung mit ihrem Heer svon vorschriftsmäßig aus- gebildeten Beamten, mit ihrer strammen Zucht, ihrem ganzen pünktlich und genau functionirendem Mechanismus eine Art militairischer Gemeinschaft, an deren Spitze der common- dirende General steht? Nun, heute haben wir uns an die Neuordnung gewöhnt, und der General-Postmeister erscheint den Jungen unter uns wohl eher wie eine Reminiscenz aus der Thurnund Taxis-Periode, und die gute, alte Zeit mit ihren Postgewaltigen, die gelegentlich auch den Knüttel

– 169 – zu regieren wußten, und der Haudererwagen und die Post- chaise, die sich aus der Entfernung gar so poetisch ausnahmen, wird lebendig in ihnen. Wir haben gelegentlich darauf hingewiesen, daß in Deutschland das System der Decentralisation in der Post- verwaltung besteht, so zwar, daß eine Anzahl von Ober- Postdirectionen über das ganze Reich vertheilt sind, die wieder eine bestimmte Anzahl von Postanstalten zu einem in sich abgeschlossenen Verwaltungscirkel vereinen. Dies System, welches die oberste Behörde, das Reichspostamt, von der Handhabung eines kleinlichen Ueberwachungsdienstes befreit und ihr mit einem freien Ueberblick über das Ganze ein rasches und unmittelbares Eingreifen, wo sie es für nöthig hält, gestattet, war ein Hauptfactor zur Erreichung der heutigen Bedeutung der deutschen Postverwaltung. Zur Zeit des norddeutschen Bundes bestanden 26 Ober- Postdirectionen, heute haben wir 41 in Deutschland, deren Betrieb sich durch Stephans Verdienst gleichmäßig über das gesammte Deutschland bis in die entlegensten Theile erstreckt. Als Stephan die Verwaltung übernahm, fand er in verschiedenen der neu eingeführten Verwaltungsbezirke Post- anstalten nicht in genügender Zahl vor, ja, einige hatten überhaupt keine Landpostbestellung, wie die Großherzog- thümer Mecklenburg, oder doch nur eine sehr mangelhafte, wie die ehemals Thurnund Taxis'schen Gebiete und Hannover. Er sah sich also der Nothwendigkeit gegenüber, die Zahl der Postämter um ein Beträchtliches zu vermehren; das würde aber, nach altem Schema ins Werk gesetzt, Unsummen ver- schlungen haben, die nicht zur Verfügung standen, denn die alte Verwaltungsform war nicht allein umständlich, sie war

– 170 – auch kostspielig. Stephan wußte sich zu helfen, er schritt ohne Weiteres zu einer Vereinfachung des gesammten Be- triebes. Damit schlug er, wie man so sagt, zwei Fliegen mit einer Klappe, denn, indem er wünschenswerthe Verbesse- rungen durchführte, gewann er die Mittel zu anderen noth- wendigen Reformen. Wir werden im Verlaufe des Buches sehen, mit welchem praktischen Geschick der deutsche General-Postmeister diese Reformen des ganzen Verwaltungssystems durchführte, und wie es ihm gelang, ohne eine weitgehende Jnanspruchnahme der Staatsmittel, ja unter Erzielung eines stetig wachsenden Ãœberschusses aus dem Postbetriebe die Zahl der Poftanstalten von 4619 im Jahre 1870 auf 28683 im Jahre 1895 zu vermehren, so daß heute auf je 15,5 ykm Bodenfläche und 1547 Einwohner eine Postanstalt kommt, während sich früher 96,4 c^Kin und 7435 Einwohner mit einer solchen begnügen mußten. Es ist ein unverwelkliches Blatt im Ruhmeskranze Stephans, daß er auch die Landbevölkerung ohne Unterschied in den Kreis seiner postalischen Fürsorge gezogen und den Landpostdienst in Deutschland zu einer Ausbildung gebracht hat, wie kein anderes Land der Erde sie in einer solchen Vollkommenheit besitzt. Zu den fernsten Vorwerken, den höchsten Gebirgsbauden, über Dünensand und Meeresarme bahnt sich unser Land- postbote seinen Weg und bringt den vom großen Verkehr Abgeschnittenen willkommene Kunde von der Welt draußen, und erst nachdem die Post eine solche gleichmäßige Ver- breitung über das ganze Land gefunden hatte, konnte sie im wahren Sinne des Wortes zur Trägerin der Cultur werden. Wie seltsam muthet es uns an, wenn wir hören, daß

– 171 – am 1. September 1824 das erste Mal zwei «Land-Fuß- bothen" auf Anordnung des General-Postmeisters v. Nagler aus den Thoren der Stadt Frankfurt a. O. wanderten, um den Leuten der Umgegend die für sie eingegangenen Post- sachen zu bringen. Das war der erste, schüchterne Versuch einer Landpostbestellung, aber er wurde als bedeutender Fortschritt begrüßt, denn bis dahin hatte Jeder auf dem Lande allein zusehen müssen, wie er zu seinen Postsachen gelange. Die Botengänge, die Anfangs wöchentlich zwei> mal erfolgten, wurden allmählich auf alle Wochentage aus- gedehnt, trotzdem aber – das ist der Lauf der Welt – wurde mit der Steigerung des Verkehrs die anfänglich als eine wohlthätige Neuerung gepriesene Landpostbestellung bald als eine unzulängliche, mangelhafte Institution empfunden. Die Boten hatten einen viele Meilen langen, beschwerlichen Weg jeden Tag zurückzulegen, sie mußten früh aufbrechen, um bei sinkender Nacht wieder daheim zu sein; natürlich konnten sie die während ihrer Abwesenheit auf dem Postamt ein- gegangenen Sendungen erst am folgenden, über Sonntag sogar erst am zweiten Tage bestellen, eine Beantwortung eines Briefes an demselben Tage war gänzlich ausgeschlossen; dazu kam, daß ein Fußbote bei den schlechten Wegen nur eine ganz kleine Anzahl der am leichtesten zu transportiren- den Gepäckstücke mit sich nehmen konnte und das Abholen der übrigen dem Empfänger selber überlassen mußte. Trotz dieser Mißstände, die so lange währten, bis Stephan energisch deren Beseitigung in die Hand nahm, wurden be- sondere und obenein ziemlich hohe Landpost-Bestellgebühren erhoben, so daß ein Zeitungsartikel im Jahre 1871 darüber schreiben konnte: "Wenn das von Privatleuten geschähe, so würde man es eine elende Prellerei nennen. Ein Landbote

– 172 – bekommt für den Rundgang 1 Gulden, nimmt aber sicher 3 Gulden ein, das sind 2 Gulden Profit für die Post, macht im Jahre bei 300 Tagen für jeden Boten 600 Gulden Profit, denn Auslagen sind nicht für die ,auf Schusters Rappen mit altem Felleisen auf dem Buckel einherreitenden Landboten'. Und nun alle Landboten zusammen x 600 – ein schönes Sümmchen." Als dieser Artikel in der sich mit der Landpost be- schäftigenden Reichstagssitzung vom 13. Mai 1871 verlesen wurde, trat Stephan zwar der Behauptung, daß die Post einen solchen Ueberschuß von 5400000 Gulden aus der Landpostbestellung erziele, entgegen, immerhin aber galt es für ihn, auf eine Einnahme von 500000 Thalern zu ver- zichten, wenn er dem Lande die Wohlthat einer geregelten, kostenlosen Briefbeftellung, wie sie die Stadt genoß, zu theil werden lassen wollte. Aber Stephan hatte nicht so hohe Begriffe von den Aufgaben der Post haben müssen, wenn er vor einem solchen Opfer zurückgeschreckt wäre. Die Aufhebung des Landpost-Bestellgeldes wurde vom Reichstage am 28. October 1871 zum Gesetz erhoben, vom 1. Januar 1872 an in Ausführung gebracht, und damit war ein Haupthindernis gefallen, das einer freien Entwickelung der Beziehungen zwischen Stadt und Land hemmend entgegengestanden hatte. Auf der so geschaffenen Grundlage eines ungehinderten Ver- kehrs konnte Stephan rüstig an dem Ausbau eines geregelten Landpostdienstes weiterarbeiten. Die gleichmäßige Ausbreitung der Post über das ganze Land würde durch Erleichterung des Austausches von Pro- ducten Handel und Wandel heben; was aber vor allen Dingen für Stephan werthvoll war, das war die Stärkung

– 173 – der Freundschaftsund Familienbande zwischen Stadt und Land, die die Post bewirken, und die Hebung des Bildungs- standes der ländlichen Bevölkerung, die sie indirect durch Anregung zum schriftlichen Meinungsaustausch im Gefolge haben würde. "Das tiefe Eindringen in das Wohl und Wehe des Einzelnen, die Erstreckung in die weitesten Kreise und auf die letzten Schichten bildet eine hervorragende Eigenthümlich- keit der Post," sagt Stephan in dem schon wiederholt citirten classisch-schönen Vortrag über "Weltpost und Luft- schifffahrt". "Jn den Millionen deutscher Familienbriefe," fährt er fort, "welche die Post jährlich befördert, spiegelt sich das Leben des ganzen Volkes ab: seine Freuden und Hoffnungen, seine Pläne und Erfolge, sein Kummer und seine Sorgen. Jn ihren verschwiegenen und doch so be- redten Falten sind Freundestreue und Liebeslust, Vaterwort und Muttertlnänen, Wiege und Grab geborgen. Durch sie wird der sittliche Werth des Seelenumganges zur Potenz erhoben, die pädagogische Wirkung, der ethische Gehalt des Familienlebens in Zeitund Raumfernen übertragen. Sie bringen den Frühling gleich den Schaaren der Zugvögel; und sie streuen wie beschwingte Boten des Aeolus den Blüthenstaub der Heimath auch auf den entlegensten Pfad des fernen Wanderers." Und dieser tiefen, poesievollen Auffassung gemäß sollten die geflügelten Boten des Frühlings über das ganze Land schwirren und Rast halten, wo es ihnen beliebte. Wenn sich heute solch' leicht beschwingtes Vögelchen in einem ent- legenen Winkel des großen Reiches niederläßt, so denkt wohl Niemand bewußt des Mannes, der seinen Flug dahin gelenkt hat; es ist uns längst selbstverständlich geworden,

– 174 – daß man uns die Nachrichten aus allen Theilen der Welt ins Haus trägt, aber gerade in dem Empfinden, daß die Vermittelung der Culturerzeugnisse etwas der Post Selbst- verständliches sei, liegt der höchste Lohn, die schönste An- erkennung für den Postmann, wie für den Nationalökonomen Stephan. Hat doch dieses gleichmäßige "tiefe Eingreifen der Post in das Wohl und Wehe jedes Einzelnen" des ganzen Volkes als Endziel die Kräftigung des Gemeinsinns und damit zu- gleich eine Hebung des Nationalbewußtseins zur Folge. Die 18 Millionen Mark, die die Landpost zu ihrem Be- triebe jährlich erfordert und die nur zum Theil aus Porto- einnahmen gedeckt werden, bilden ein Anlegecapital, aus dem das Staatswohl hohe Zinsen zieht. Eine solche gemein- nützige Last durfte der gute und gewissenhafte Rechenmeister Stephan ohne Skrupel der Verwaltung aufbürden. Zu der schon erwähnten Vereinfachung des Betriebes zur Erzielung finanziellen Vortheils gehörte die Ein- fchränkung und schließliche Beseitigung der nicht rentirenden Personenpostbeförderung – eine Maßnahme, die dem Privat- fuhrwerksbetrieb einen großen Nutzen brachte – und die Einrichtung einer großen Anzahl von Postagenturen, deren Betrieb man so einfach und billig wie möglich gestaltete, Aus dem Grunde wurden sie nicht Berufspostbeamten unterstellt, sondern irgend einem dazu befähigten Orts- insassen, der eine mäßige Vergütigung empfängt. Außer der erzielten Ersparniß hat diese Neueinrichtung den Vortheil, daß durch Verkleinern des Postbezirkes die Schnelligkeit der Beförderung der ankommenden, wie der abgehenden Sen- dungen beträchtlich gesteigert und manchem Orte die Wohlthat einer Postanstalt zu theil wird, dessen Verkehr die Anlage

– 175 – einer solchen in vollem Umfange nicht lohnen würde. Solcher Postagenturen wurden in den ersten zwei Jahren gegen 1500 angelegt, aber trotzdem 1880 bereits 250 Millionen Sendungen im Landpostverkehr befördert wurden, gab es doch noch 17000 Ortschaften im deutschen Reiche, die keine Postanstalt besaßen. Da brachte Stephan im Jahre 1881 eine neue Vor- lage zur Erweiterung des Landpostbetriebes in den Reichs- tag und er hatte die Genugthuung, daß sie mit seltener Einmüthigkeit angenommen wurde. Zunächst schritt die Postbehörde zur Errichtung einer neuen Art von Post- anstalten als Ergänzung der vorhandenen, zur Schaffung der Posthülfsstellen, die, beschränkter in ihren Befugnissen als die Agenturen, ebenfalls von Ortsbewohnern, aber ohne eine Vergütigung dafür, geleitet werden. Allmählich wurden diese Postagenturen und Posthülfsstellen immer weiter und weiter ins platte Land vorgeschoben, Briefkasten an allen Orten angebracht, wo sich nur irgendwie das Be- dürfniß nach postalischer Verkehrsvermittelung regen sollte, amtliche Verkaufsstellen für Postwerthzeichen an beinahe 6000 Orten ohne Postanstalt zur Bequemlichkeit des Publi- cums eingerichtet, so daß wir Deutsche an keinem Punkte unseres Vaterlandes, und sei es am einsamsten Gehöft in der Lüneburger Haide, ein Forsthaus mitten im Walde, ein Aussichtspunkt hoch oben im Gebirge, das Deck eines Schiffes, der Perron eines Bahnhofes, ja, sei es eine welt- abgelegene Farm in Kamerun, eine Plantage in Ostafrika, eine Missionsstation in Neu-Guinea – denn soweit die deutsche Zunge klingt, erstreckt sich auch die deutsche Post – so daß wir also weder daheim, noch auf der Reise in Ver- legenheit zu fein brauchen, wie wir einen Gruß, eine noth

– 176 – wendige Mittheilung der Post bequem übermitteln sollen. Natürlich ist das außerordentlich verführerisch. Wie viele Nachrichten würden nicht versandt werden, wenn die Postkarte, die Freimarke nicht gar so leicht zu er- langen, der Briefkasten nicht gar so bequem zur Hand gewesen wäre! So begegnen wir hier wieder der Wechsel- wirkung zwischen Erleichterung und Steigerung des Verkehrs, dem Grundprincip, von dem alle Reformen Stephans ausgehen. Es ist selbstverständlich, daß eine solche Erweiterung des Betriebes eine entsprechende Vermehrung des ihn ver- sehenden Personals nach sich ziehen mußte. Jm Jahre 1870 waren 8334 Personen im Landpost-Bestelldienst beschäftigt; 1880 war ihre Zahl bereits auf 11480 gestiegen, heute sind aus den "2 Landund Fußbothen" von 1824 mehr als 20000 im Landpostdienst beschäftigte Personen geworden» Nach 1881 wurde ein Theil von ihnen zur Beschleunigung ihrer Bestellungen und zur Ermöglichung eines ausgedehnten Packetverkehrs mit leichten zweioder vierräderigen Wagen ausgestattet, die zugleich gegen ein geringes Entgelt Per- sonen befördern dürfen, soweit Platz dazu vorhanden ist. Heute haben wir gegen 2800 solcher fahrenden Landposten, die mehr als 12000 Ortschaften berühren. Jm Ganzen hatten schon 1885 40000 Ortschaften auf dem Lande wochentägig eine zweimalige, 17000 eine einmalige Be- stellung, und 45000 Ortschaften standen auch Sonntags in regelmäßiger Verbindung mit der zugehörigen Postanstalt. Heute ist ihre Zahl natürlich bedeutend gestiegen, und mit der Zunahme einer allgemeinen Schulbildung wird sie auch ferner anwachsen, denn, wie Stephan heiter parodirt: "Wo man denkt, wird's Schreiben auch nicht rosten, Wilde Menschen haben keine Posten."

– 177 – Welche gewaltigen Mengen von Postsendungen auf diesen Landbestellgängen des Jahres 1885 befördert wurden, das läßt sich mit Zahlen recht schnell ausdrücken: – 257 Millionen, aber die trockene Zahl giebt uns keinen Begriff von der Unsumme von Arbeitskraft, die eine solche Massenbewältigung verschlingt, sie kann uns nicht vergegen- wärtigen, mit welcher Gewissenhaftigkeit, Willigkeit und Unermüdlichkeit unsere Landbriefträger, wie überhaupt alle unsere Briefträger, ihrem mühseligen, in manchen Landes- theilen sogar gefährlichen Beruf nachkommen. Sie können mit vollem Rechte von sich sagen: "Was tausend Anderen süß und labend, Das flieht mich ewig – Rast und Ruh', Vom Morgen bis zum spülen Abend Heißt's unaufhörlich: Wandere Du!" Den alten bequemen Schlendrian: "Dat kömmt endlich doch an den Rechten" hat Stephan gründlich aus unserem Postbetriebe verbannt. Aber ob die Boten nun zu Fuß, zu Wagen oder Schlitten durch Feld und Wald, in Sonnen- gluth und strömendem Regen, in Kälte und Unwetter ihre Bestellungen ausführen, ob sie in den großen Städten trepp- auf, treppab eilen, oder auf dem Lande die Leute draußen auf den Feldern aussuchen müssen, ob sie auf Schneeschuhen in die verschneiten Gebirgsdörser vordringen oder mit dem Eisbrecher sich ihren Weg zu der frostumstarrten, einsamen Insel bahnen, ob sie mit den Jollen, die der Volksmund: "Een Manns Leben, twee Manns Dood" getauft hat, die ostfriesischen Wattenmeere durchkreuzen oder auf bequemem Stahlroß die ebene Chaussee entlang sauseu, immer versehen sie ihren verantwortungsvollen Dienst eifrig, pünktlich und vorschriftsmäßig. Dasselbe ideale Bewußtsein, dem Gemein- 1Z

– 17L – wohl ihre Kräfte zu leihen, spornt sie an wie ihre directen Vorgesetzten und ihren obersten Leiter; in keinem anderen Berijfe ist die Empfindung der Zusammengehörigkeit so aus- geprägt wie bei der Post; auch der jüngste Beamte fühlt sich als Glied einer großen Verkehrsgemeinschaft, die das Princip der Gemeinnützigkeit auf ihr Panier geschrieben hat und von ihren Beamten Ordnungssinn und strengste Pflicht- erfüllung verlangt, ihnen dafür aber auch eine gesicherte, sorgenfreie und geachtete Lebensstellung bietet. Stephan hat in letzter Beziehung viel für feine Beamten gethcm. Jn der ersten Zeit, als die Bestellbezirke viel größer, die Wege schlechter, das Bestellgeschäft im Ganzen viel müh- seliger war, erhielt solch' ein armer Landpostbote 6 Thaler Lohn, 6 Thaler Stiefelgeld und einen Rock. Unter Stephan ist ihr Gehalt bis auf die Höhe von 650–900 Mark ge- stiegen, wozu bei den Angestellten noch der gesetzliche Wohnungs- zuschuß tritt; außerdem nehmen sie an den Vortheilen der Kleiderkasse theil, auf die wir später noch zurückkommen werden. So wandern diese "Stephansboten" regelmäßig, un- ermüdlich wie die Ketten im Uhrwerk, ihre Bahn – einen Weg, der täglich im deutschen Reich eine Gcsammtlänge ergiebt, die zwölfmal den Umfang des Aequators beträgt, wie Stephan selber festgestellt, und tragen Freude und Glück, Geld und Gut, aber auch manche schmerzliche Ent- täuschung, manch' bitteres Weh, manche Todesbotschaft in die Häuser der Menschen. "Dann eil' ich nicht, als hcitt' ich Flügcl, Oft steh' ich still, wie fest gebannt, Starr blick' ich auf das schwarze Siegel, Und zitternd hält es meine Hand" singt H. Döring in seinem schönen Gedicht: Der Briefträger.

– 179 – Aber ob diese Botschaften nun gute oder schlimme oder gleichgültige sind, wir gelangen doch schnell und sicher in ihren Besitz; und wenn wir eine Nachricht versenden wollen, so ist für uns die Mühewaltung gleichmäßig gering, ob sie an unseren nächsten Nachbar oder einen Antipoden adressirt ist. Wir thun sie einfach in den Briefkasten und kümmern uns nicht weiter um ihr Schicksal, höchstens schelten wir auf die Post, wenn die erwartete Antwort nicht bald genug eintrifft. "Diese kosmischen Massen der Volkswirthschaft." sagt Stephan mit Bezug auf die durch die Post zu bewältigenden Briessendungen, "bewegen sich mit geheimnißvoller Stille in dem Zodiacus der 6000 (damals) Reichspost-Bureaux; und nur, wenn einmal ein Theilchen verschwindet, weil es in die Nähe einer größeren Anziehungskrast kam, entsteht ein Ge- räusch, das eine falsche Akustik freilich oft genug verstärkt." Und nachdem er erwähnt hat, daß ein Großindustrieller am Rhein durch das um eine Stunde verspätete Eintreffen eines Briefes 50000 Thaler verloren hat, fährt er fort: "Jm Organismus unseres Volkslebens kann man die Post als die Lunge ansehen, an deren Verrichtungen wir eben durch ihre, sich Tag und Nacht fortsetzende Regelmäßigkeit von Jugend auf dermaßen gewöhnt sind, daß wir gar nicht mehr darauf achten; tritt aber eine Störung ein, eine Ver- stopfung in einem der Luftröhrenzweige oder ein Nachlassen der Elasticität des Gewebes: dann werden wir sofort der Bedeutung des wichtigen Organs für den ganzen Lebens- proceß inne. Aus der eintretenden Erregtheit ergiebt sich dann je nach Temperament und Bildung der derbe oder spöttische Ton der Beschwerden, der um so erklärlicher ist, als nicht Viele sich Rechenschaft darüber geben, um welche 12*

– 180 – Massenbewältigung es sich handelt. Wo ein Meer wogt, verspritzen Tropfen!" Ja, sobald ein solcher verspritzter Tropfen uns trifft, pflegen wir recht ungehalten zu sein. Ein verspätet an- kommender Brief – welch' ein Verbrechen der Post! Jn den seltensten Fällen aber werden wir uns wundern, wenn sie uns schneller, als erhofft, eine Nachricht übermittelt. Wie sie das bewirkt, ist uns gleichgültig. Wir machen uns keine Gedanken darüber, durch wie viele Hände solch' ein Brief, der vielleicht von Berlin nach den Marschallsinseln bestimmt ist, geht, wie viele Anschlüsse von Post-, Eisen- bahn-, Schiffslinien u. s. w. da genau ineinandergreifen müssen, und welche Hindernisse dem rechtzeitigen Eintreffen eines solchen Anschlusses unter Umständen entgegenstehen, besonders bei dem Schiffsverkehr, wo die Elemente gar oft alle noch so fein ausgeklügelten Bestimmungen der Menschen unvorhergesehen durch ihr Machtwort zu Schanden machen. Damit wären wir bei einem neuen Zweige des Postbetriebes angekommen, dessen Cultivirung Stephan sich ganz besonders angelegen sein ließ: dem Postdampfschiffsverkehr. Lange Zeit, bis nach der Errichtung des deutschen Reiches, war Deutschland bei der Beförderung seiner Ucber- see-Post auf die Schiffsverbindungen anderer Nationen an- gewiesen. Als sich dann der deutsche Verkehr immer mehr zu einem Weltverkehr emporschwang, erwiesen sich die be- stehenden Verbindungen mit dem Auslande als vollkommen ungenügend. Das gab Stephan die willkommene Gelegen- heit, die ihm schon längst am Herzen liegenden Verbesse- rungen des Uebersee-Verkehrs energisch in die Hand zu nehmen. Neben der planmäßigen Ausbildung eines directen

– 181 – Schiffsverkehrs auf der Ostsee zwischen Deutschland einer- seits und Schweden, Norwegen und Dänemark andererseits sorgte er dafür, daß die von Bremerhaven, resp. Hamburg und Cuxhaven auslaufenden Schiffe des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesell- schaft in größtem Umfange in den Dienst der deutschen Postverwaltung gestellt wurden. Der finanzielle Vortheil, den sie daraus zogen, fetzte sie in den Stand, die Ver- besserung ihres Schiffsmaterials auf eine Höhe zu bringen, die es jetzt durch Schnelligkeit und Zuverlässigkeit vor allen anderen der Welt sich auszeichnen läßt. Die deutschen Dampferlinien genießen im Auslande bei Weitem das meiste Vertrauen, so daß sie mehr als die Hälfte des gesammten, von Amerika ausgehenden Brief- verkehrs zur Beförderung erhalten. Jhr Weg geht von den schon genannten Orten Deutsch- lands nach New-Aork und Baltimore über Southampton und Havre, die sie unterwegs anlaufen, sowie nach Mittel- und Südamerika. Dadurch, daß die Postverwaltungen Deutschlands und Amerikas seit 1891 eine Seepost auf diesen Dampfern eingerichtet haben, der die Bearbeitung der mitgeführten Postsendungen obliegt, ist beim Anlegen des Dampfers eine directe Uebermittelung derselben ohne jede weitere Zeitverschwendung auf . die betreffenden Land- postrouten ermöglicht und damit beschleunigt sich die Ankunft der Postsachen am Bestimmungsort unter Umständen um einen ganzen Tag. Den entscheidendsten und folgereichsten Schritt auf diesem Gebiete aber unternahm Stephan im Jahre 1884, indem er dem Reichstage einen Antrag unterbreitete, der die Nothwendigkeit einer directen deutschen Schiffsverbindung

– 182 – zwischen Ostasien und Australien klarlegte und anstatt der jährlich gewährten Subvention von 320000 Mark eine solche von je 4 Millionen Mark auf 15 Jahre festzusetzen bat, damit Deutschland, wie andere Staaten, in den Stand gesetzt sei, durch Zahlung einer feststehenden Beihülfe einheimische Dampfergesellschaften zur Einrichtung von Postdampferlinien zu veranlassen. Der Antrag wurde sowohl vom Reichs- kanzler, wie vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm auf das Eindringlichste und Wärmste befürwortet und nach heftigen Debatten Für und Wider am 6. April 1885 zum Gesetz er- hoben. Sofort schritt der Norddeutsche Lloyd zur Einrichtung einer Postdampferlinie von Bremerhaven nach China, Japan und Australien und einer Zwischenlinie von Trieft über Brindisi nach Alexandrien, und bereits am 30. Juni 1886 konnte der erste Reichs-Postdampfer "Oder" von Bremer- haven nach Ostasien abgelassen werden. Diesem für die deutsche Geschichte so hochwichtigen Ereigniß wohnten viele hohe Würdenträger und bedeutende Männer des Jnund Auslandes bei, und Stephan feierte einen stolzen Triumph; war es doch seiner Jnitiative zu danken, daß dem deutschen Verkehr neue Weltstraßen, dem deutschen Handel mit der directen Verbindung zugleich neue große Absatzgebiete erschlossen waren, daß mit der deutschen Postflagge das deutsche Ansehen, der deutsche Einfluß bis in die fernsten Welttheile getragen, das Nationalempfinden unserer deutschen Brüder im Auslande gestärkt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dein Vaterlande in ihnen ge- sestigt wurde. Diese idealen Perspectiven der deutschen Dampferpost betont Stephan in seiner Einweihungsfestrede: "Wir Alle, meine Herren," sagte er, "haben das Bewußt

– 183 – sein, daß der heutige Tag ein für das Vaterland bedeutungs- voller ist; ein historisches Ereigniß ist es, daß das erste Schiff, das dazu berufen ist, an seinem Top die Reichspost- flagge zu hissen und in die fernsten Weltgegenden deutsche Producte, aber auch deutsche Sympathien und Grüße hinaus- zutragen, heute in See geht. Auch bei diesem neuen Unter- nehmen, das mit Hülfe des Reiches ins Leben tritt, zeigt sich die gewaltige Macht des heutigen Verkehrs. Der Verkehr ist in unserem Zeitalter das herrschende Princip, wie es zu den Zeiten der Hellenen die schönen Künste und Wissen- schaften, der Römer das Staatsund Rechtsleben, zur Zeit der arabischen Herrschaft der religiöse Fanatismus, im Mittelalter die religiöse Vertiefung war, die sich mit roman- tischen Jdeen verknüpfte, endlich in der zunächst hinter uns liegenden Zeit die humanistischen und philantropischen Ideen. Heute ist der Verkehr die beherrschende Macht. Keineswegs etwa ist ein solches Wort gleichbedeutend mit Herrschaft des Materialismus. Fördert der Verkehr doch nicht blos den Austausch der Güter, sondern auch den der Jdeen, Gefühle und Empfindungen, wie die Ergebnisse der geistigen Forschung und vereinigt so die ideelle und reale Seite des Lebens." Wir können mit Recht behaupten, daß von diesem denkwürdigen Julitage des Jahres 1886 an eine neue Aera in unserem Seeverkehr nach der östlichen Hemisphäre datirt, die zur Hebung dcs nationalen Wohlstandes in der segens- reichsten Weise beitrug. Als der Antrag zur Gründung der Dampferlinien im deutschen Reichstage berathen wurde, nannte Fürst Bismarck Stephan den ,Pflegevater' desselben; Professor Dr. Fricke aus Leipzig sagt wieder, "Stephan sei der Helfer Bismarcks', bei feinen Verdiensten um den deutschen Handel gleichsam

– 184 – sein Doppelstern"; die Zeitungen feierten den General- Postmeister als den Bahnbrecher für den deutschen Einfluß im Auslande, als den Entdecker, den Columbus, auf dem Gebiete des Verkehrs, als eine der kräftigsten Stützen der Colonisationsbestrebungen. Und in der That hat Stephan durch die enge Verbindung Deutschlands mit dem Auslande, die in den Schutzgebieten erst die Ausbildung, ja die Schöpfung einer deutschen Post ermöglichte, der Colonisirung der neu erworbenen Länder thatkräftig die Wege ebnen helfen. Als Anschluß an die Postdampferlinien, die sich von Jahr zu Jahr mehrten – schon 1888 waren neben den 38 Linien über den atlantischen Ocean 14 Linien über den indischen Ocean im Betriebe und 2 neue nach Ostasien und Australien in Aussicht genommen – ergab sich von selber die Not- h- wendigkeit der Einrichtung einer deutschen Postanstalt an dem Endpunkte der Linien. Während früher die deutschen Brieffendungen auf die Beförderung durch ausländische Post- anstalten und sehr häufig sogar auf diejenigen von Privat- gesellschaften angewiesen waren, giebt es jetzt deutsche Post- ämter mit deutschen Beamten in China wie in Kamerun, in Ostafrika wie in Neu-Guinea, auf den Marschallswie auf den Samoainseln, und in allen diesen deutschen Gebieten gelten, so schwierig und kostspielig auch die Beförderung der Post- sendungen ins Jnnere oft ist, dieselben Tarifvorschriften, wie im Hcimathlande, während sie im internationalen Verkehr den Weltposttaxen unterliegen. So genießen also alle unsere deutschen Brüder, ob sie nun weißer, schwarzer, gelber oder brauner Hautfarbe sind. Dank Stephans thatkräftigem Vor- gehen die gleiche Fürsorge in postalischer Beziehung. Welche Vortheile der gesammte Schiffsverkehr Deutsch- lands direct aus der staatlichen Unterstützung ziehen muß,

– 185 – liegt zu klar vor jedermanns Augen, als daß wir darauf einzugehen brauchen. Wie der Wind, der in seinen Fittigen die Samenkörner von Land zu Land trägt, um sie hier und da zu frucht- bringender Entwickelung niedergleiten zu lassen, so verstreute Stephans Genius die lebenskräftigen Keime deutscher Art über den ganzen Erdball, daß sie in fremden Landen Wurzel schlagen und fröhlich gedeihen konnten. Daß ein Mann, der zu den größten Kosmopoliten aller Zeiten gehören wird, der in steter, unmittelbarer Berührung mit allen Nationen der Welt stand, im Grunde feines Wesens so durchaus deutsch und so schlicht, so ehrlich deutsch bleiben konnte, ist das psychologische Räthsel feines Lebens. Es ist eines der interessantesten Capitel im Leben Stephans, zu beobachten, wie dieser, aus kleinen Verhält- nissen und einem Städtchen Hinterpommerns hervorgegangene Mann zuerst den Hügel des deutschen Verkehrslebens ersteigt, wie er dann weiter und weiter klimmt bis zu dem Gipfel, der ihm den unbeschränkten, freien Ueberblick über die ganze Erde gestattet, und wie er von dieser freien Höhe aus, gleich- sam spielend, aber mit nie fehlender Treffsicherheit dem deutschen Verkehr über Länder und Meere, durch die Luft und unter der Erde die Bahnen weist, auf dem er sich die Welt erobern soll.

X. Dampf, Glertriritäk und romprimirte Lufl im Dienste Stephans. ie Ausbildung der Landpost, die wir im vorigen Capitel geschildert haben, hätte nicht so schnell und in so weit- gehendem Maße durchgeführt werden können, wenn ihrem Organisator nicht in der Eisenbahn, der Telegraph« und dem Fernsprecher wichtige Hülfsmittel zur Verfügung ge- standen hätten; indessen mußte die Jnanspruchnahme der- selben nothgedrungen den postalischen Verhältnissen eine völlig neue Physiognomie geben. Aeußerlich machte sich dieser um- gestaltende Einfluß am meisten bemerkbar bei der Eisenbahn, denn sie zwang die Post, ihre Anlagen überall den ihrigen anzupassen. An vielen Orten verschob sie geradezu den Schwerpunkt des Postbetriebes, indem eine neue Eisenbahn- anlage plötzlich ein Verkehrscentrum in Gegenden schuf, die früher weitab vom Verkehr gelegen hatten. Die nothwen- dige Folge davon war, daß die Post, wenn sie einen vollen Nutzen aus der Eisenbahnverbindung ziehen wollte, ihren Betrieb auch dorthin verlegen mußte, und da in den letzten 25 Jahren fortwährend neue Eisenbahnlinien entstanden.

– 187 – so brachte das ein unausgesetztes Ebben und Fluthen im Postverkehr und in Folge dessen ein stetes Verlegen und Neugestalten der Postcurse hervor. Es gehört ein geübter, sicherer, fachmännischer Blick, ein Feldherrnauge dazu, um diesen Verschiebungen im Auf- marsch des Ganzen vorbeugend zu begegnen, damit keine Stockungen und Uebereilungen vorkommen. Dieses unauf- hörliche Werden und Wachsen im Postbetriebe – unter Stephan sind elf neue große Bahnpostämter geschaffen wor- den – hat ihm einerseits die Durchführung feiner Reformen nicht unwesentlich erschwert, andererseits aber hat gerade die Verdichtung des Eisenbahnnetzes, das Jahr für Jahr neue Maschen ansetzte, sein Streben nach Vereinfachung und Verbilligung des Betriebes und Vermehrung der Ge- legenheiten zur Benutzung der Post bedeutend unterstützt. Eine andere Veranlassung zu einer Steigerung der Leistungs- fähigkeit derselben durch Verbindung mit einem anderen Verkehrszweige erkannte der Scharfblick Stephans in der Telegraphie. Preußen hatte, ebenso wie die Post, auch die Telegraphie, mit der sie anfänglich vereinigt war, zuerst von allen Ländern im Jahre 1849 dem Volke zu allge- meinem Gebrauche zugänglich gemacht. Bis zum Jahre 1666 blieben beide Ressorts vereinigt, alsdann wurden sie, sehr zum Schaden der Telegraphie, von einander getrennt, denn diese war trotz ihrer hohen Taxen bei den bedeuten- den Kosten ihrer Anlagen und ihres Betriebes nicht ein- mal im Stande, sich selber zu erhalten, was naturgemäß einen lähmenden Einfluß auf die Entwickelung des Ganzen ausübte. Von Jahr zu Jahr steigerte sich das Deficit; 1874 hatte es bereits die Höhe von 3 Millionen Mark er- reicht. Unter diesen Umständen war man nicht im Stande,

– 188 – die Telegraphie im deutschen Reiche in dem Maße aus- zubilden, wie es die Zeitverhältnisse erfordert hatten. Stephan erkannte, daß das finanzielle Ergebniß und damit die Leistungsfähigkeit der Telegraphie sich nur dann heben konnte, wenn sie wieder mit der Post, zu der sie ihrer ganzen Einrichtung und Beziehung nach gehörte, vereinigt würde, so daß einerseits die Betriebskosten der Telegraphie bei einem gemeinsamen Betrieb sich bedeutend verringern, ihr Wirkungskreis sich erweitern würde, andererseits die Telegraphie an den Ueberschüssen der Post ihren Antheil zur Förderung ihrer Entwickelung erhalten konnte. Jn einem 1876 im Postarchiv erschienenen Aussatze, die Wieder- vereinigung der Post und Telegraphie betreffend, heißt es: «Jhrem Zweck und Wesen nach eng verwandt, in ihrem Wirken unabweisbar auf einander angewiesen, haben beide Verkehrsanstalten des Reiches auch während der Zeit, in der sie in den oberen Verwaltungsstellen getrennt waren, den Charakter der Zusammengehörigkeit nicht verleugnet. Die Mehrzahl der örtlichen Betriebseinrichtungen blieb beiden Verwaltungen gemeinsam, beide blieben bestrebt, durch ge- meinsame Leistungen für die Zwecke des nationalen und des internationalen Verkehrslebens die ihnen gestellten Aufgaben zu fördern." Mit Berücksichtigung dieser Zusammengehörigkeit beider hatte der General-Postmeister Stephan seinen Organisations- plan für die Verschmelzung von Post und Telegraphie auf- gestellt und ihn dem Reichskanzler überreicht, der ihn dem Kaiser unterbreitete. Es ist ein seltenes Glück, wenn ein Mensch mit großen Zielen und Fähigkeiten in eine Umgebung gestellt ist, die seinen Jdeen Wohlwollen und Verständniß entgegenbringt.

– 189 – zugleich aber auch die Macht zu ihrer Förderung besitzt. Stephan befand sich in einer solchen beneidenswerthen Lage. Fürst Bismarck war die thatkräftige Stütze aller seiner Reformpläne, Kaiser Wilhelm der verständnißvolle Herr, der bereitwilligst auf alle Vorschläge seines General-Post- meisters einging. Er hat Stephan, dessen Genie sein weiser Blick er- kannte, und dessen rastlosem Streben im Dienste des Staats- wohles er seine Anerkennung zollte, bis zu seinem Ende ein gütiges Wohlwollen, eine mit Bewunderung gepaarte Achtung, ein volles Jnteresse an seiner Thätigkeit entgegen- gebracht. Am 22. December 1875 erfolgte die kaiserliche Ge- nehmigung zur Verschmelzung der beiden Verkehrsanstalten, die Telegraphie wurde der Post unterstellt, und Stephan damit auch General-Telegraphendirector. Das war eine ganz bedeutsame Neuerung, denn bisher hatte noch immer ein höherer Officier an der Spitze der Telegraphie ge- standen. Am 1. Januar 1876 wurde die Vereinigung praktisch ins Werk gesetzt. Und als ob dieser Augenblick seine Spann- kraft verdoppelt, noch ein neues, kräftiges Lebenselement seinem Blute zugeführt hätte, begann Stephan seine Reform der Telegraphie des gesammten Reiches in einem Tempo, dem wir nachschauend kaum zu folgen vermögen, und dem nur ein Geist von seiner Elasticität auf die Dauer Stand halten konnte. Größeres auf einem einzigen Gebiet in fo kurzer Zeit zu leisten, dürfte keinem Sterblichen beschie- den sein. Schon 1875 während der vorbereitenden Verhandlungen zur Vereinigung war man zur gleichmäßigen Ausbildung

– 190 – der beiderseitigen Beamten in beiden Ressorts und zu den nothwendigsten Verbindungen von Postanstalten mit Tele- graphenlinien geschritten, so daß sich im Lause des einen Jahres die Reichs-Telegraphenämter von 1686 auf 1945 vermehrten und diese Zahl bis zum September 1876 noch um 550 stieg. Jndessen genügten diese Anlagen bei Weitem noch nicht, um allen Verkehrsansprüchen genügen zu können und Deutschland auf den Stand anderer Länder im Tele- graphenwesen zu bringen. Jn einer Denkschrift vom 14. September 1876 trat Stephan energisch sür die Vermehrung der Telegraphen- anstalten um mindestens 2000 und der Bewilligung der dazu nöthigen Capitalsanlage von 8 Millionen Mark ein, Seinem Verlangen wurde entsprochen, schon Ende 1878 bestanden 4143 Telegraphenanstalten im deutschen Reiche, was also ein Mehr von 2198 innerhalb dreier Jahre er- giebt. Heute hat das deutsche Reich alle Culturstaaten der Erde in der Ausbildung der Telegraphie überflügelt, denn nach der Statistik vom Jahre 1894 zählte es bereits auf je 33,7 c>Km und 3160 Einwohner eine Telegraphen- anstalt, was für das ganze Reich die hübsche Summe von 13 225 Telegraphenämtern ergiebt, wovon bis auf 157 alle mit Postanstalten vereinigt waren. Im folgenden Jahre war die Zahl der Reichs-Telegraphenanstalten auf 13 738 gestiegen. Aber nicht allein an Ausdehnung, sondern auch an Solidität und technischer Vollkommenheit des Ausbaues steht die Telegraphie Deutschlands derjenigen der ganzen Welt voran. Daß Stephan jede Bestrebung zur technischen Ver- besserung der Apparate, Stromquellen :c. mit lebhaftestem Jnteresse verfolgte und unterstützte, daß er jede Neuerung.

– 191 – die einen Fortschritt bedeutete, im praktischen Dienst erprobte und sie unverzüglich einführte, sofern sie sich bewährt hatte, ist seiner ganzen Veranlagung nach so natürlich, daß es einer besonderen Erwähnung kaum bedarf, da wir hier leider nicht näher auf electrotechnische Einzelheiten eingehen dürfen. Den Verbesserungen im Kleinen stellt sich eine groß- artige Thätigkeit auf dem Gebiete des Tclegraphenbauwesens an die Seite, die diesem vollkommen neue Bahnen erschloß. Stephan war es, der zuerst, und zwar sofort nach Antritt seines Amtes als General-Telegraphendirector, mit der An- legung der unterirdischen Telcgraphenlinien begann. Jm Jahre 1848 war von Werner Siemens Halske der erste Versuch einer unterirdischen Telegraphenleitung aus der 2'/^ Meilen langen Strecke von Berlin nach Groß- beeren vermittelst durch Guttapercha isolirter Drähte aus- geführt worden, ein Versuch, der zunächst gelang, aber der der Zeit nicht Stand hielt. Auch in anderen Ländern waren mit verschiedenen Jsolirungsfystemen keine Erfolge erzielt worden, so daß man von den unterirdischen Leitungen wieder gänzlich abkam; die oberirdischen aber können ihrer ganzen Structur nach nicht allen Anforderungen an Solidität und Leistungsfähigkeit für einen Betrieb im Großen genügen. Ganz abgesehen davon, daß sie allen Witterungseinflüssen frei ausgesetzt sind, daß durch mangelhafte Jsolirung und durch Einfluß der atmosphärischen Electricität manche Ab- leitung electrischen Stromes stattfindet, so ist auch die Be- grenzung der an einer Stange höchstens anzubringenden Zahl der Leitungsdrähte der freien Entfaltung eines ausgedehn- ten Betriebes hinderlich. Ueberhaupt erheischt die Gebrech- lichkeit des ganzen Systems dringend die Ergänzung des

– 192 – selben durch eine solidere Anlage, die nicht durch jedes Gewitter, jeden Sturm, jeden Nachtfrost oft auf weite Strecken außer Betrieb gesetzt werden kann. Die inzwischen fortgesetzten Versuche zur Herstellung eines allen Anforderungen genügenden Kabels waren so weit gediehen, daß Stephan in der Reichstelegraphen-Verwaltung eine technische Commission zur Berathung der Frage einer unterirdischen Telegraphenanlage einsetzen konnte. Ende des Jahres war man mit der Ausstellung eines umfassenden Planes für diese Zwecke fertig, und nachdem der Reichstag, dem Stephan in der Sitzung vom 22. November 1875 seine diesbezüglichen Pläne entwickelt hatte, seine Einwilligung ertheilt, begann man am 13. März 1876 mit der von der Firma Felten Guilleaume ausgeführten Anlage der 170 Km langen Versuchsstrecke Berlin–Halle. Am 28. Juni war sie beendet und das Resultat, das sie erzielte, so günstig, daß man sofort, nachdem eine Anleihe von 34 Millionen Mark zur Herstellung eines umfangreichen Systems unter- irdischer Telegraphenlinien vom Reichstag genehmigt worden war, zur Ausführung des Projectes schritt. Berlin sollte die Sonne sein, die ihre Strahlen, die Kabel nach allen Himmelsrichtungen bis an die Grenzen des Reiches versandte und alle wichtigen Orte in directe Verbindung mit der Hauptstadt setzte. 1877 begann man das große, für die Jnteressen des Staates, wie für Handel und Gewerbe, für die Bedürfnisse der Familien, wie der einzelnen Menschen gleich wichtige Werk, für dessen Her- stellung man sieben Jahre in Aussicht genommen hatte, das aber schon 1881 im Wesentlichen beendet war. Damit kam Deutschland als erstes Land der ganzen Welt in den Besitz eines großartigen Systems unterirdischer Kabel und eines

– 193 – Telegraphenwesens, das vorbildlich für alle anderen Staaten geworden ist. Ein anderer bedeutsamer Erfolg des Unternehmens, den Deutschland Heinrich Stephan zu danken hat, war die Ein- führung eines völlig neuen Erwerbszweiges in das Geschäfts- leben. Bei Beginn der Arbeiten für die Kabelanlage existirte keine Fabrik in Deutschland, die die Kabel vor- schriftsmäßig herzustellen vermocht hätte, man mußte sie aus England beziehen, aber schon 1879 nahmen die beiden großen Firmen Siemens <K Halske und Felten Guilleaume die Fabrikation der Kabel in großem Umfange in ihren Ge- schäftsbetrieb auf, so daß seitdem kein Kabel mehr vom Auslande bezogen zu werden brauchte, ja, die deutschen Fabrikate dieser beiden und anderer seitdem noch neu ent- standenen Kabelwerke haben ein weites Absatzgebiet im Aus- lande gefunden. – Unsere großen unterirdischen Kabelstrecken haben eine Länge von 5960 Kra Kabel mit 40322 Km Leitung, und sie verbinden ungefähr 250 Städte des Reiches unter einander; ihnen schlossen sich später noch neue Strecken an, die, von der Küste ausgehend, unsere Jnseln dem Tele- graphennetz einverleiben, oder als Anschluß an die großen überseeischen Kabel dienen. Man kann sich denken, daß der Weltpolitiker Stephan feine Fürsorge auch auf diese großen internationalen Ver- kehrswege erstrecken und vor allen Dingen bestrebt fein würde, sein Vaterland in seinen telegraphischen Verbindungen mit dem Auslande vollkommen unabhängig von anderen Ländern hinzustellen. Auf sein energisches Betreiben hat Deutschland die Privatunternehmern gehörenden Seekabel nach Helgoland, England und Norwegen angekauft, im Verein mit den dabei interessirten Ländern neue Kabel 13

– 194 – zwischen Warnemünde und Gjedser und zwischen Emden und Barton und aus eigene Kosten ein Reichskabel von Borkum nach Valencia gelegt, dem Orte an der irischen Westküste, wo die großen, atlantischen Kabel landen, so daß Deutschland dadurch in directe Verbindung mit Amerika gelangte. Noch kurz vor seinem Ende hatte Stephan die Freude, daß ein Unternehmen, welches ihm so sehr am Herzen gelegen und dem er> Jahre hindurch feine Sorgfalt gewidmet hatte, zum Abschluß kam: die Legung des Kabels Emden–Vigo, das Deutschland eine eigene unterseeische Verbindung mit Spanien und einen Anschluß an die dort landenden Kabel eröffnete. So steht Deutschland augen- blicklich in ununterbrochener telegraphischer Verbindung mit allen Ländern der Welt. Der elektrische Funke zuckt von Nord nach Süd. von Ost nach West, er trägt unsere Ge- danken und Empfindungen, unsere Wünsche und Befehle rund um den ganzen Erdball. Wir sind im Stande, mit unseren Angehörigen im fernsten Westen von Amerika schnell und unmittelbar in Verkehr zu treten, und wir können unseren Brüdern im schwarzen Erdtheil einen frischen Gruß senden. Wie wichtig ist eine solche directe Verbindung z. B. gerade für die noch den Werdeproceß der Cultur durch- ringenden Tochtergebiete Deutschlands in Afrika; sie ge- stattet dem Vaterlande, jederzeit ein wachsames Auge auf die Gährungserscheinungen da draußen zu haben und rechtzeitig Vorkehrungen zu ihrer Abhülfe zu treffen, ganz abgesehen von den großen Vortheilen, die Handel und Wandel aus ihr ziehen. Es ist Stephans Sorge gewesen, den deutschen Schutz- gebieten so schnell wie möglich, und soweit es die Verhält

– 195 – nisse einstweilen gestatteten, die Segnungen der Telegraphie zu theil werden zu lassen. Das Togogebiet erhielt 1894, Kamerun 1893 telegraphische Verbindung; Ostafrika besitzt seit 1892, resp. 1894 sogar zwei Linien. Sie setzen sich sämmtlich aus Fernsprechern und oberirdischen Telegraphen- linien zusammen. Neben der umfangreichen Anlage von unterirdischen Telegraphenlinien vernachlässigte Stephan auch den Ausbau der oberirdischen Leitung nicht. Unter ihm haben sich die bei Uebernahme der Telegraphie vorhandenen Anlagen von 33245 Km Linien mit 120779 Km Leitungen auf 13202« Km Linien mit 515178 Km Leitungen vermehrt, darunter sind Linien mit doppeltem, ja dreifachem Gestänge. Jndessen sind die unterirdischen Kabel immerhin die wich- tigeren für uns. Als bei den Orkanen, die Ende Januar 1884 über ganz Europa dahinrasten, die Telegraphenleitungen von England, Frankreich und Belgien hart mitgenommen, und besonders in England wichtige Orte von allem telegraphischen Verkehr abgeschnitten wurden, erlitten in Deutschland, wie Veredarius berichtet, die oberirdischen Linien zwar auch hier und da Beschädigungen, aber es wurde auf allen großen Verbindungslinien des Reichs- Telegraphen-Betriebes der Verkehr ungestört aufrecht erhalten, weil die unterirdischen Kabel an Stelle der gestörten ober- irdischen Leitungen im umfassendsten Maße Verwendung finden konnten. Wenn man sich überlegt, wie einschneidend die Be- deutung solcher Störungen des Telegraphen-Betriebes für jeden Einzelnen werden, das Reißen eines Drahtes, der Bruch eines Jsolators allein schon ein Menschenleben ge- fährden, einen mit dem Tode Ringenden sich vergebens nach 13*

– 196 – «wem letzten Beisammensein mit einem entfernten Lieben verzehren lassen kann, wie in 5Kiegszeiten das gesammte Vertheidigungswesen auf das pünktliche Functioniren des Telegraphen angewiesen ist, wie eine Stunde Verzögerung der Ankunft eines Telegrammes im Handelsleben oft den Verlust oder Gewinn eines großen Vermögens mit sich bringt, wenn man das Alles in Erwägung zieht, wird man voll Dank und Hochachtung zu dem Manne emporblicken müssen, der unser Telegraphenwesen auf eine solche Stufe der Vollkommenheit gebracht und durch sein eifriges Wirken für die Verbilligung der Gebühren dafür gesorgt hat. daß sich das ganze Volk die Vortheile der Telegraphie zu Nutze machen kann. Ursprünglich war der Tclcgraphentarif sehr hoch ge- wesen. 1849 kostete ein 20 Worte langes Telegramm von Berlin nach Cöln 4 Thlr. 20 Sgr., zur Nachtzeit gar das Doppelte. Auf die Dauer konnte dieser Zustand, der die Telegraphie zu einem Luxusgegenstand für reiche Leute machte, nicht bestehen, und nachdem der Tarif als Zonen- tarif verschiedene Wandlungen durch zwei und drei Zonen hindurch gemacht hatte, wurden endlich vom Norddeutschen Bunde 5, 10 und 15 Sgr. als Einheit für die drei Zonen angenommen und bis 1876 beibehalten. Trotz dieser Ermäßigung war der Tarif noch zu hoch, um eine allgemeine Verwendung der Telegraphie zu ge- statten; im internationalen Verkehr traten außerdem noch dieselben Verhältnisse hindernd hinzu, die auch die freie Bewegung des postalischen Verkehrs einengten. Jeder Staat hatte ein anderes Leitungssystem, andere Apparate, ein anderes Alphabet, eine andere Taxe. Und wenn 1850 auch dem deutsch-österreichischen Postverein ein deutsch - öfter

– 197 – reichischer Telegraphieverein an die Seite trat, der einen directen Telegraphenverkehr der vereinigten Länder unter einander und die Berechnung der Telegrammgebühren nach der Luftlinie einführte, und wenn sich in der Folge auch verschiedene internationale Telegraphenconferenzen um die einheitliche Regelung des gesammten Telegraphenwesens be- mühten, so konnte man doch nicht zur Einführung einer billigen Einheitstaxe gelangen, weil eine solche den Interessen der großen internationalen Kabelgesellschaften, die natürlich möglichst hohe Erträge zu erzielen suchten, zuwiderlief. Das Einzige, was man erreichte, war eine einheitliche Normirung der Wörterzahl des einfachen Telegrammes. Nachdem der Weltpostverein ins Leben getreten war, ging Stephan energisch daran, auch einen Welttelegraphenverein zu schaffen. Schon auf der Petersburger Conferenz 1875 war er ent- schieden für eine einheitliche Ordnung des Telegraphenwesens aller Länder eingetreten, überzeugender noch als seine Worte wirkten die Reformen, die er dem Tarissystem seines eigenen Landes angedeihen ließ. Am 1. März 1876 wurde in Deutschland eine Tele- graphentaxe eingeführt, die sich aus zwei Theilen zusammen- setzte: einer festen Grundtaxe von 20 Pfg. uud einer Gebühr von 5 Pfg. für jedes Wort. Anfänglich erfuhr diese Neuerung die heftigste Verurtheilung, sehr bald aber sprachen ihre Erfolge für ihren Werth. Die Absender befleißigten sich, da jedes Wort einzeln bezahlt werden mußte, einer möglichsten Kürze bei der Abfassung von Telegrammen, die Arbeitsleistung des Telegraphenbetriebes erniedrigte sich demgemäß schon 1876 um 26,7 Procent, und jede Ent- lastung von überflüssiger Arbeit ermöglicht eine gesteigerte Verrichtung der nothwendigen. Wenn nun fortan der Tele

– 198 – graph, der nur ein Nacheinander der Arbeit gestattet, in derselben Zeit die Bedürfnisse einer größeren Anzahl von Personen zu befriedigen vermochte, so war das ein Fort- schritt, der der Allgemeinheit zu Gute kam. Also auch die Einführung des Worttarifs in der Telegraphie ist ein Aus- fluß von Stephans Streben, den Betrieb zu vereinfachen, ihn wohlfeiler und vräcifer zu gestalten, und, wie alle feine anderen, auf eine Verbilligung der Gebühren abzielenden Reformen, hat auch diese letztere der Verwaltung eine be- trächtliche Steigerung der Einnahmen aus der Telegraphie gebracht, denn sie stiegen von 10,6 Millionen Mark im Jahre 1875 auf 12,85 Millionen Mark im Jahre 1878. Dieser günstige Ausfall veranlaßte Stephan bald, die Grund- taxe gänzlich zu beseitigen, doch als vorsichtiger Geschäfts- mann erhöhte er anfänglich die Worttaxe um 1 Pfg>, aber schon am 1. Februar 1891 wurde auch die Worttaxe wieder auf 5 Pfg. herabgesetzt, womit sie allerdings noch immer nicht auf dem von Stephan angestrebten niedrigsten Ge- bührensatz angelangt ist. Nach dem Vorbilde Deutschlands führten Frankreich, die Schweiz und Oesterreich-Ungarn auch den Worttarif in ihrer Verwaltung ein, die meisten übrigen Länder verhielten sich jedoch noch ablehnend. Auf der fünften Telegraphen- conferenz in London 1879 brachte Stephan den Antrag auf eine einheitliche Taxe für den internationalen Verkehr mit einer Grundgebühr von 50 Centimes und einer Wort- taxe von 20 Centimes ein, bei einer Kabelbeförderung sollte ein Zuschlag nicht über 10 Centimes für das Wort zulässig sein und jedes Land die aus ihrem Gebiete vereinnahmten Gebühren ungetheilt behalten, dafür aber Landund See- tmnsit bezahlen. Bisher, so stand in der diesbezüglichen

– 199 – Ausführung, sei bei den Tarifen meistens M Rücksicht maßgebend gewesen, möglichst viel Gebühren, rcsp. Ueber- fchüsse aus dem internationalen Verkehr zu ziehen, um den internen wohlfeiler gestalten zu können, das handle aber gerade den Zwecken der Telegraphie, die berufen fei, die Nationen einander zu nähern, entgegen. Der Vorschlag fand damals noch nicht in feinem ganzen Umfange Eingang bei den Mächten, aber er besaß eine große werbende Kraft, so daß schon die Telegraphen- conferenz zu Berlin 1885 die Verwirklichung des Jdeals: "Annahme des reinen Worttarifs (ohne Grundtaxe) und einheitliche Regelung des gesammten Transitsystems", brachte, mithin also einen Welttelegraphenverein schuf. Die Kaiserin Augusta, die alle Bestrebungen Stephans nicht minder wie ihr Gemahl mit theilnahmsvoller Auf- merksamkeit verfolgte, telegraphirte ihm auf das Ergebniß der Conferenz: "Jch kann nicht den Schluß Jhrer wichtigen Arbeit vorübergehen lasten, ohne Sie wegen des Erfolges zu be- glückwünschen und Jhnen den Ausdruck Meiner vollen Anerkennung Jhrer Verdienste zu erneuern. Kaiserin-Königin." Auf dieser Telegraphenconferenz hatte sich Stephan wieder nicht allein als Verkehrsbeamter, sondern auch als Mann der feinen Form, als gewandter Weltmann vor allen Anderen ausgezeichnet. Seine Sprachgewandtheit machte ihn unersetzlich, sein Witz sprühte Funken, feine Rednergabe riß Alle zur Bewunderung hin. Die Erwiderung auf einen ihm gewidmeten Trinkspruch gab er aus dem Stegreif in fast allen Sprachen der auf der Conferenz vertretenen Länder, was einen wahren Beifallssturm unter den An

– 200 – wesenden hervorrief. "NottünA is impossible witk tks (Fermall ?«gtmasker-(?elleral" schrieb die "Times". "Der Staatsseeretair Stephan bringt Alles zu Stande," hatte Kaiser Wilhelm gerufen, als man ihm die Gründung des Welttelegraphenvereins mittheilte – in der That, es gab nicht Vieles innerhalb des ganzen menschlichen Könnens, was Stephan in der Vollkraft seines Schaffens unmöglich gewesen wäre. Wenn man auf der Berliner Telegraphenconferenz auch noch nicht alles Anstrebenswerthe erreicht hatte, so waren mit ihrem Ergebniß, wie der Vorsitzende der inter- nationalen Telegraphenconferenz dem deutschen General- Telegraphendirector Stephan anerkennend aussprach, "die Grundlagen, auf denen weiter gebaut werden könne, ge- wonnen, die Etappen für weiteres Fortschreiten errichtet". Mit der Telegraphie hängt seinem Wesen, sowie der Art seiner Verwendung nach der Fernsprecher eng zusammen, ja, man kann ihn als eine Ergänzung derselben bezeichnen. Jm Jahre 1861 hatte der Lehrer Philipp Reis zu Friedrichsdorf bei Homburg v. d. Höhe einen Apparat erfunden, der zum ersten Male das Problem, die an einem Orte hervorgebrachten Töne mit Hülfe des elektrischen Stromes an einem anderen, entfernten, wahrnehmbar werden zu lassen, in die That umfetzte. Da der Apparat noch unvollkommen, für den praktischen Gebrauch ungeeignet war, und der Erfinder leider weder bei Praktikern noch Gelehrten ein ihn zu neuen Versuchen aneiferndes Entgegenkommen fand, so verfolgte er selber seine Erfindung nicht weiter. Sie hatte aber die Aufmerksamkeit verschiedener Gelehrten und Fachleute Amerikas erregt, die nun fleißig an ihrer Vervollkommnung arbeiteten.

– 201 – Graham Bell, ein Taubstummen lehrer in Boston, hatte sich einen solchen Reis'schen Apparat verschafft, um seinen Schülern daran die Lufterscheinungen sichtbar und die Laut- bildung begreiflich zu machen. Das gelang ihm allerdings nicht, indessen hatte der Apparat doch so gewaltig sein Jnteresse erregt, daß er mit ihm zu experimentiren begann und auch wirklich die Erfindung so weit förderte, daß ihm 1876 die Herstellung des ersten Fernsprech-Apparates ge- lang. Aus diesem ursprünglichen, noch eine Batterie und zweierlei Jnstrumente als Geber und Empfänger benöthigenden Apparate construirte Bell schon 1877 einen viel einfacheren, der nur eines Magnetes als Stromquelle bedurfte. Die Nachricht von der Erfindung des Bell'schen Fern- sprechers gelangte am 6. October 1877 durch die "5Ievv ^«rk Soientiti« ^merioauzur Kenntniß Stephans, und mit welchem Scharfblick er sofort ihre Wichtigkeit erfaßte, beweist der Feuereifer, mit dem er augenblicklich zu einer Erprobung derselben schritt. Sobald sich Stephan ein brachliegendes Feld darbot, das fein Geist bebauen konnte, sobald fein Kraftbewußtsein die Möglichkeit sah, sich zu bethätigen, sobald es etwas zu beleben, zu schaffen, zu ordnen gab, schnellte seine Elasticität empor wie eine Gerte. Das haben wir im Jahre vorher bei der Uebernahme der Telegraphie gesehen, das sehen wir jetzt wieder bei der Einführung des Fernsprechers in den öffentlichen Verkehr. Aber seine Be- geisterung flackerte nicht empor wie ein Strohfeuer, um bald in Asche zu sinken; rasch entflammt, brannte sie weiter hell, ruhig, stetig, als eine Leuchte, die ihre Nahrung aus dem reichen Quell seines Geistes empfing. Jn allen seinen Unternehmungen, feinen Studien, seinen Neigungen begegnen wir dieser zielbewußten Festigkeit; was einmal Stephans

– 202 – volles Jnteresse erregt hatte, konnte ihm niemals mehr gleichgültig werden. Stephan verschrieb sich sofort einen Bell'schen Apparat aus Amerika, aber ehe dieser noch eintraf, erhielt er von dem Vorsteher des Londoner Telegraphenamtes, Fischer, zwei solche Apparate geschenkt. Und nun begann er sofort, ihre Verwendbarkeit für den öffentlichen Verkehr zu prüfen. Am 25. October wurden in den Geschäftsräumen des General-Telegraphenamtes die ersten Versuche mit dem Bell'schen Telephon angestellt, die am nächsten Tage auf eine längere Strecke, vom Haupt-Telegraphenamte in der Französischen Straße nach dem Central-Bureau des Chefs in der Leipziger Straße, ausgedehnt wurden. Da sie günstige Resultate ergaben, versuchte man am 30. October mit Be- nutzung der vorhandenen Telegraphenleitungen eine Ver- ständigung auf 6 Km zwischen Berlin und Schöneberg, was gute, auf 26 Km nach Potsdam, was ziemlich gute, auf 60 Km nach Brandenburg, was leidliche Resultate ergab; sich auf 150 Km mit Magdeburg zu verständigen, war unmöglich. Wenn das Telephon darnach vorläufig auch nur beschränkte Verwendbarkeit im Betriebe finden konnte, so war seine Brauchbarkeit doch erwiesen, und nun begann Stephan mit der gleichen Energie, wie die Erprobung, auch die praktische Ausnutzung zu betreiben. Am 5. November 1877 wurde von dem Amtszimmer des General-Postmeisters nach demjenigen des General- Telegraphenamtes die erste ständige Fernsprechleitung in den Dienst gestellt. Der von ihm selbst am 9. April verfaßte Bericht an den Reichskanzler Fürsten Bismarck, in dem er seine bisherigen Erfahrungen mit dem Fernsprecher und die Verwendbarkeit desselben im Verkehrsleben niederlegte, ist

– 203 – eine Meisterleistung geworden. Schon am 10. November ordnete der Reichskanzler telegraphisch eine Hrobe mit dem Fernsprecher in Varzin an, sie erfolgte am 12. November, demselben Tage, an dem das erste öffentliche Fernsprechamt in Friedrichsberg bei Berlin der Benutzung übergeben wurde. Damit waren die Hülfsmittel der Verkehrsvermittelung um ein neues bedeutsames bereichert. Bei der Einführung des Fernsprechers begegnen wir wieder dem Jnteresse Kaiser Wilhelms an allen Unter- nehmungen seines General-Postmeisters. Der Kaiser hatte kaum von Stephans Versuchen mit dem Bell'schen Telephon gehört, als er auch sofort einem solchen in seinem Palais beizuwohnen wünschte. Stephan ließ an einem November- tage den Apparat aufstellen, und als der Kaiser in seinem Wohnzimmer am Fernsprecher die Töne einer Geige ver- nahm, die Stephan in einem entfernten Zimmer des Palais in den Apparat hineinspielen ließ, äußerte er, aufs Höchste überrascht, in leutselig humoristischer Weise: "Es ist Jhr Glück, Stephan, daß Sie das nicht vor vier Jahrhunderten gemacht haben, sonst wären Sie als Hexenmeister verbrannt worden." Der Kaiser ist jederzeit den Fortschritten des Fernsprechwesens aufmerksam gefolgt, und Stephans Maß- nahmen zur Ausbreitung desselben, welcher bald durch tech- nische Vervollkommnung des Apparates ein weites Feld geöffnet war, fanden seine volle Billigung. Sobald Stephan die Bedeutung erfaßt hatte, die das Fernsprechwesen bei genügender Ausbildung als ein Hülfs- mittel der Telegraphie gewinnen würde, sorgte er dafür, daß es dieser auch in Vollem Umfange erhalten blieb, indem er das Fernsprechwefen als in das Regal der Telegraphie fallend bezeichnete, wodurch es zum Staatseigenthum wurde.

– 204 – Außer Deutschland hat nur die Schweiz noch einen staat- lichen Fernsprecherbetrieb, die meisten übrigen Staaten haben zu ihrem Schaden die Ausbeutung des neuen Verkehrsmittels Privatgesellschaften überlassen. Als sie zu spät erkannten, daß Fernsprecher und Telegraph nicht von einander zu trennen sind, waren sie gezwungen, die vorhandenen Privat- Fernsprecheranlagen auf Staatskosten anzukaufen. Eine hohe Anerkennung wurde Stephans Fürsorge auf diesem Gebiete durch einen Londoner Fachmann, Dr. Maier, auf dem Elektrotechniker-Congreß zu Frankfurt a. M. 1891 zu theil. Er sagte: "Mein Vorschlag ist, daß der Congreß folgende Er- klärung abgebe: ""Es liegt im Jnteresse des Gemeinwohls, daß die Telephonnetze in derselben Weise, wie die Telegraphen- netze, von den betreffenden Regierungen als Monopol be- trieben werden."" Für Sie in Deutschland ist dieser Vor- schlag ein zweckloser; mit Stolz können Sie darauf hinweifen, daß an der Spitze Jhres Verkehrswesens ein Mann steht, der die Bedeutung des Telephons als eines neuen und wichtigen Verkehrsmittels sofort erkannt hat und lange, ehe ein solcher Gedanke von den Autoritäten irgend eines anderen Staates nur gefaßt wurde, das wunderbare neue Jnstrument als eine dem Telegraphen ebenbürtige Erfindung sofort für den Staat in Beschlag nahm und dessen allgemeine Ein- führung aufs Energischste betrieb. Seither hat sich das Telephon unter der erleuchteten Fürsorge des deutschen Reichs-Postamtes in einer Weise entfaltet, die Sie Alle mit berechtigtem Stolze erfüllen kann." Es liegt vor allen Dingen im Jnteresse des Publikums, ein so wichtiges Verkehrsmittel dem Staate zu unterstellen, der ihm nicht allein eine planmäßige, allgemeine Entwickelung,

– 205 – einen geregelten Betrieb und einen wirksamen Schutz gegen eine willkürliche, finanzielle Ausbeutung durch einzelne Privat- personen sichert, sondern auch im Stande ist, durch Ver- bindung der Verkehrsmittel unter einander die Vollkommen- heit der Nachrichtenübermittelung zu erhöhen. So war erst durch die Ergänzung und Verdichtung des Telegraphennetzcs durch den Fernsprecher die Möglich- keit geschaffen, auch die entlegensten Orte im Deutschen Reich in directe Verbindung mit der nächsten Telcgraphenanstalt zu setzen und damit das deutsche Telegraphenwesen auf eine so ideale Höhe der Ausbildung zu bringen. Stephans Ziel, das er gelegentlich mit Bezug auf das Telephon in den Worten aussprach: "Gleich dem Telegraphen im Anfang ein Luxus, ist der Fernsprecher bereits ein Gebrauch geworden; er muß eine Gewohnheit werden." Dies Ziel, daß Tele- graph und Telephon zu Vertrauten auch der kleinen Leute werden mögen, es ist erreicht. Die beiden Verkehrsmittel haben sich bei uns zu unentbehrlichen Freunden und Helfern des Volkes gemacht. Wir wollen hier vorgreifend erwähnen, daß mit Hülfe des Fernsprechers seit 1887 hauptsächlich im Hinblick auf die Bedürfnisse der Landbevölkerung ein Unfallmeldedienst eingeführt worden ist, der den Zweck hat, die Post bei Unglücksfällen zur Herbeirufung einer Hülfe aus der Nachbar- schaft zu benutzen. Die meisten Agenturen und Posthülss- stellen sind heute mit den leicht zu bedienenden Fernsprechern ausgerüstet, und die Wirksamkeit der Unfallmeldestellen erstreckt sich in jedem Jahre in der segensreichsten Weise auf viele Tausende von Fällen. Wer die Schwierigkeit kennt, mit der auf dem platten Lande die Erlangung einer rechtzeitigen Hülfe häufig der

– 206 – bunden ist, z. B. die Beschaffung eines Arztes, der Feuer- wehr, der Polizei, irgend einer nothwendigen Unterstützung bei unverhofft eintretenden elementaren Naturereignissen, der weiß auch den hohen Werth einer staatlichen Einrichtung, die sich in der humansten Weise dem allgemeinen Wohle zur Verfügung stellt, zu würdigen. Liegt doch schon in dem Bewußtsein, einen solchen Helfer im Augenblick der Gefahr nahe zu haben, eine große Beruhigung. Am 28. November 1877 wurde durch den Erlaß einer "Dienstanweisung für den Betrieb von Telegraphenlinien mit Fernsprechern" der Fernsprecher formell in den prak- tischen Betrieb aufgenommen, und schon 1879 gab es 389 Fernsprechstellen, im Jahre 1894 hatten wir deren 7225; und daß sie nicht allein dem öffentlichen Verkehr, sondern auch den Bedürfnissen einzelner Personen dienen, indem sie gegen eine festgesetzte Taxe zur Führung von Privat- gesprächen benutzt werden dürfen, hat die Beliebtheit des Fernsprechers in alle Stände und Berufszweige getragen. Abgesehen davon, daß eine directe Verständigung von Person zu Person, und sei sie noch so kurz, in den meisten Fällen ein besseres Resultat erzielen wird, als irgend eine schriftliche, so liegt doch^auch ein ganz besonderer Reiz, ja oft geradezu die Erfüllung einer heißen Sehnsucht darin, die Stimme einer entfernten Person zu hören und sich in die angenehme Täuschung eines persönlichen Beisammenseins versetzen lassen zu können. Was uns anfänglich ver- wunderlich, übernatürlich, ja unheimlich vorkam, ist uns längst lieb und vertraut geworden, ja wir schauen bereits wieder darüber hinaus nach neuen Entdeckungen auf dem unerschöpflichen Gebiete der Natnr, die noch vollkommener Raum und Zeit überwinden und uns mit der Stimme

– 207 – vielleicht auch zugleich das Bild der Person, mit der wir sprechen, vorzaubern können. Um dem Fernsprecher, der anfänglich nur vom Staate zu Zwecken des öffentlichen Verkehrs benutzt wurde, auch die so erwünschte Einführung in das private Geschäftsleben zu verschaffen, erließ Stephan am 14. Juni 1880 einen Aufruf zur Betheiligung Berlins an einer städtischen Fernsprech- leitung, und damit ergriff er für ganz Europa die Jnitiative zu dieser Verwendung des Fernsprechers. 193 Anmeldungen von Privatpersonen erfolgten, und die Anlage konnte aus- geführt werden. Nachdem so der erste Schritt gethan war, bildete sich im gesammten Deutschland das Stadtfernsprech- wesen mit einer staunenerregenden Schnelligkeit aus: 1881 gab es 7 Orte mit 1428 Stellen und 2830 Km Drahtleitung, 1885 bereits 64 " " 11000 1894 387 " " 89000 Stellen, die 407 Ver- mittelungsanstalten nöthig machten. Von diesen 89 000 Stellen entfielen auf Berlin allein 23000 Anschlüsse; es hat bei Weitem die meisten von allen Städten der Welt, ja mehr als ganz Frankreich. Nach der Statistik des Jahres 1895 betrugen die von den Stadtfernsprech-Vermittelungsanstalten ausgeführten Verbindungen 498 360 991 Stück. Sie be- ziehen sich nicht allein auf einen Verkehr innerhalb der Stadtbezirke, sondern auch aus einen solchen von Ort zu Ort bis an die Grenzen des Reiches, ja darüber hinaus bis nach Bayern, Oesterreich, der Schweiz :c. :c. Eine so ausgedehnte Verwendung des Fernsprechapparates stellte natürlich die höchsten Anforderungen an seine Leistungs- fähigkeit, denen der Bell'sche Apparat nicht hätte genügen können. Stephans Eifer spornte unermüdlich zu Ver

– 208 – besserungsversuchen an, und bald war es dem Erfinder des berühmten Typendruck-Apparates für die Telegraphie, Professor Hughes, gelungen, in dem Mikrophon, dem Mikro- skop der Töne, einen Apparat zu construiren, der auch das leiseste Geräusch auf weite Entfernungen hin deutlich wahr- nehmbar werden läßt. Jndessen sind wir, obwohl auch andere Erfindungen dem Apparate Verbesserungen zufügten, noch lange nicht an der Grenze der Leistungsfähigkeit des Telephons angelangt. Es ist das tragische Geschick vieler Erfinder, daß sie selber weder Anerkennung noch Nutzen aus den Werken ihres Genies ziehen können; wer denkt heute noch an Philipp Reis, den hessischen Bolksschullehrer, dessen Er- findung sich in so kurzer Zeit die ganze Welt erobert hat? Glücklichere, Weltklügere haben ihn überflügelt, mit der Nutzbarmachung seiner Jdee auch den Ruhm für ihn ein- geheimst, und die Wittwe des Mannes, der es veranlaßt hat, daß so viele Tausende von Menschen Brot und Lohn finden, würde vielleicht in dürftigen Verhältnissen ihr Leben haben beschließen müssen, wenn Stephan nicht die Pflicht der Welt gegen sie erfüllt hätte. Seine Fürsprache ver- schaffte ihr bis zu ihrem am 11. Januar 1895 erfolgten Tode ein Gnadengehalt von 1000 Mark von Kaiser Wilhelm, der stets einen hohen Werth darauf gelegt hat, daß das Genie eines Deutschen dem Verkehr der Welt eine neue Bahn eröffnet hat. Das von Reis construirte Urbild des Telephons wird in pietätvoller Weise im Reichs-Postmuseum aufbewahrt. Während das Fernsprechwesen auch auf die Physio- gnomie der großen Städte umgestaltend einwirkt, indem es ein dichtes Netz von Broncedrähten über sie hinwegspannt

– 209 – und den Dächern der Häuser in den hohen Gestängen plötzlich Thürmchen von größerem oder kleinerem Umfange erstehen läßt, vollzieht sich eine andere Art des Stadtschnell- verkehrs ganz heimlich unter der Erde, in einer der Außen- welt verborgenen Weise. Das ist die pneumatische Post, die in einigen Städten des Reiches: Berlin–Charlottenburg, Hamburg und Frankfurt a. M. eingerichtet worden ist, um die Telegraphie zu entlasten und Stadteilbriefe und -karten zu befördern. Mit der Anordnung zur Anlage einer "Rohrpost" in Berlin that Stephan 1875 nach der Vereinigung der Post und Telegraphie den ersten Schritt zur Weiterentwickelung des Verkehrswesens. Jn Berlin bestanden schon feit 1865 einige, lediglich postalischen Zwecken gewidmete, kürzere pneumatische Ver- bindungen von Orten mit starkem telegraphischen Verkehr. Nunmehr wurde auf Stephans Veranlassung von Felbinger eine Anlage in großem Umfange für allgemeine Beförderungs- zwecke erbaut, die dem Publikum ermöglichte, ohne die Ge- bühren für Depeschen und Eilboten entrichten und sich der Kürze eines Telegrammes befleißigen zu müssen, eilige Mit- theilungen im Umkreise der ganzen Stadt zu versenden. Am 1. December 1876 wurde die erste Rohrpostanlage von 26 KiQ Länge dem Verkehre übergeben. Sie war, 15 Aemter und 4 Maschinenstationen einschließend und mit «inander verbindend, in einen Nordund Südkreis geschieden, deren gemeinsamer Berührungspunkt das Rohrpostamt I im Haupttelegraphenamt in der Jägerstraße war. Seit 1884 gehen vier sich theilweise wieder verästelnde Zweige in einer Länge von 62 Km nach allen vier Himmelsrichtungen über 49 Aemter und 6 Maschinenstationen. 14

– 210 – Neben der schon erwähnten Beförderung von Eilbriefen dienen sie hauptsächlich den Zwecken der Telegraph«, indem ihnen die von außerhalb auf dem Haupttclegraphenamt anlangenden Depeschen zur Beförderung nach den Bestell- postanstalten übergeben werden, einDecentralisationsverfahren, das die Ankunft der Sendungen am Bestimmungsorte nicht unwesentlich beschleunigt. Jm Jahre 1894 entfielen von den vier Millionen Rohrpostsendungen drei Millionen auf die Telegraphie. Die Beförderung der in Lederhülsen ein- geschlossenen Sendungen geschieht mit einer Geschwindigkeit von ca. 1000 m in der Minute durch Verdünnung und Comprimirung der Luft. Tie Beförderungsdauer beträgt auf der längsten, 8628 m langen Strecke vom Rohrpost- amt I nach Charlottenburg, einschließlich des Aufenthaltes auf der Station, 16 Minuten, so daß in höchstens einer Stunde eine Mittheilung von einem Ende Berlins den Empfängern am andern Ende ins Haus geliefert wird, und zwar ohne Bezahlung eines besonderen Botenlohnes, für den geringen Preis von 30 Pfg. für den Brief und 25 Pfg. für die Karte. Es erübrigt nun noch, diesen der Bewältigung des Verkehrs geltenden Maßnahmen Stephans diejenigen an die Seite zu stellen, die den Formen des Verkehrs selber gelten. Seinem Princip, die Benutzung der Post dem Publikum erwünscht und bequem, mit einem Wort, die Post populär zu machen, entsprechen die Erleichterungen und Verbilligungen des Packetund Telegraphenverkehrs, die wir an anderer Stelle bereits erwähnt, haben die Ausdehnung der Post- zeitungsbestellung auch auf das Land, die Erhöhung des Meistgewichtes für Drucksachen von 15 Loth bis zu 1 und der zulässigen Einzahlungen auf Postanweisungen bis

– 211 – zu 400 Mk., und einer damit Hand in Hand gehenden Verminderung des Portos beider, die Einführung der Bücherpost, der telegraphischen Postanweisungen, des Giro- contos im Postanweisungsverkehr, der Postmandate, der Umwandlung des Postvorschußin das Postnachnahme- verfahren u. v. A. Wir können nicht näher auf alle diese, zur Hebung des Verkehrs beitragenden Reformen Stephans eingehen, haben wir doch auch die Vortheile, die sie uns gewähren, Tag für Tag vor Augen, nur der Postnachnahme und den Postaufträgen wollen wir als Neuschöpfungen Stephans eine kurze Besprechung widmen. Vor etwa einem Jahrhundert war in Deutschland das Verfahren eingeführt worden, daß die Post gewisse Beträge an Behörden vorschußweise bezahlte, die sie alsdann vom Adressaten einkassiren ließ. Später wurde dieser Postdienst- zweig unter dem Namen Postvorschußverfahren verallgemeinert und dem großen Publikum zugänglich gemacht. Ohne be- sonders tiessinnige Reflexionen kann man sich vorstellen, daß das Postvorschußverfahren ganz darnach angethan war, Betrügereien Vorschub zu leisten, ja daß es auf moralisch niedrig stehende Menschen geradezu wie der Apfel im Para- diese gewirkt haben muß; jedenfalls war es ein vorzügliches Mittel, Erpressungen zu betreiben, und es ist zu verwundern, daß ein solches, vom moralischen Standpunkte durchaus zu verurtheilendes Verfahren so lange bestehen konnte. Als Stephan den Antrag auf Beseitigung der Post- vorschüsse in den Reichstag eingebracht hatte, begründete er ihn in der Sitzung vom 13. Mai 1871 nach scharfer Ver- urtheilung der vorgefallenen Schwindeleien mit folgenden treffenden Worten: 14»

212 "Jch könnte Jhnen – und ich fürchte, das Amts- geheimnis damit nicht zu verletzen – Fälle anführen, wo entrüstete Väter an mich geschrieben haben: Werden Sie nicht endlich das verwünschte Postvorschußverfahren abschaffen, oder wenigstens Vorkehrungen treffen, daß diese Einrichtung auf dem Gebiete der verwandtschaftlichen Beziehungen aus- geschlossen werden, z. B. bei Söhnen, die auf der Universität oder auf sonstigen Jnstituten sich befinden, oder bei einem Regimente ihr Jahr dienen? Ja, meine Herren, und es geht noch weiter, auch die Onkel werden in Contribution gesetzt, und es hat mir einst ein sehr würdiger Mann gesagt, er habe nur dann einen ruhigen Sommer, wenn sein Neffe, der dem Seewesen angehört, eine Expedition nach dem Nordpol oder eine Fahrt in die indischen Gewässer an- getreten habe. Dieses Verfahren, meine Herren, diesen in Papier umgesetzten Executor, diese Einrichtung, von der ich beinahe sagen möchte – wenn der Staat sie nicht betriebe –, daß sie ans Unsittliche streift, nennt nun der B.'sche Antrag »die bequemste und beste Art für den Geldausgleich". Diese Rede mag in der Brust manch' eine der ver- sammelten Volksvertreter ein schmerzliches Echo geweckt haben, das ihn willig machte, der Umwandlung der prä- numerando zu leistenden Zahlung der Post in eine post- numerando zu erfolgende zuzustimmen. Das Nachnahme- verfahren wurde nach Stephans Plan eingeführt und erfreut sich, besonders seitdem 1890 die Erhöhung des Meistbetrages einer Nachnahme auf 400 Mark und die Herabsetzung der Gebühren erfolgt ist, einer großen Beliebtheit bei dem Publikum, was schon aus dem colossalen Anwachsen des Nachnahmeverkehrs hervorgeht. Den 27 Millionen Mark

– 213 – nachgenommener Gelder von jenem Jahre stehen heute ca. 140 Millionen Mark entgegen. Man darf den hohen wirtschaftlichen Werth, der einer solchen Baarzahlung innewohnt, nicht verkennen. Die 1871 eingeführten Postmandate, die jetzigen Post- aufträge, ermöglichen dem Publikum die Einziehung von Geldbeträgen auf Wechsel, Schuldscheine, Rechnungen :c., sie sind also gewissermaßen umgekehrte Postanweisungen. Der Höchstbetrag ist von 400 und dann 600 Mk. auf 800 Mk. erhöht worden, während das Porto von 50 auf 30 Pfg. erniedrigt worden ist. , Die Einführung dieses Dienstzweiges ist besonders für den Mittelstand und die kleinen Leute und für Ortschaften ohne Bankstelle von großer Wichtigkeit, weil sie eine Ent- lastung von einer oft bedeutenden persönlichen Mühewaltung darstellt. Die mit Hülfe der Post im Wege des Post- auftrags eingezogene Summe belief sich im Jahre 1894 für 6,7 Millionen Aufträge auf rund 575 Millionen Mark. Um ein Bild von der ungeheuren, kaum noch über- sehbaren Ausdehnung zu geben, die die Post und Tele- graphie unter Stephan angenommen hat, geben wir zum Schluß dieses Capitels noch einige statistische Zahlen: Jm Jahre 1895 betrug die Gesammtzahl der durch die Post beförderten Sendungen 3 428 866 041 Stück, der beförderten Telegramme 34 602 830 Stück, der Gesammt- werth der durch die Post vermittelten Geldsendungen 22 013 131239 Mk.; das Gesammtgewicht der beförderten Päckereien 548 687 960 K^. Die Gesammteinnahmen der Post beliefen sich auf 287 049 616 Mk., die Gesammtaus- gaben auf 261 781 081 Mk. Mithin betrug der Ueberschuß 25 268 535 Mk.

– 214 – Jn den ersten zehn Jahren nach der Gründung des Weltpostvereins hat Stephan 180 Millionen Mark an die Staatskasse abgeliefert. Wenn man nun auch wirklich von dieser Summe die so oft und mit Vorliebe Stephan vor- gehaltene unentgeltliche Beförderung der Postsachen durch die Eisenbahn als Ersparniß in Abrechnung bringt, so bleibt immerhin noch eine erkleckliche Anzahl von Millionen als Ueberschuß der Post bestehen, den sie trotz allseitiger Verbilligung der Taxen dem Staatssäckel zugeführt hat. Das ist der beste Beweis für die gesunde Entwickelung, die die deutsche Post unter Stephans Leitung genommen hat.

XI. Stephan und seine Beamten. – Das Postmuseum. enn wir jetzt einen Rückblick auf die durch Stephan bewirkten Reformen werfen, so stehen wir staunend und bewundernd vor dieser Arbeitsleistung eines einzigen Menschen, die ein ganzes Jahrhundert ausfüllen zu können scheint und sich in Wahrheit doch nur auf kaum zwei Decennien erstreckt hat. Jn dieser kurzen Zeit hat sich die deutsche Post unter Stephans Führung zu einer Cultur- macht emporgearbeitet. Jn gleicher Weise für die Wohl- fahrt, wie für die Bildung des Volkes sorgend, ist sie ein Eckpfeiler im Bau des deutschen Reiches, ein integrirender Theil seiner Größe geworden. Aber selbst ein Stephan hätte nicht so Großes ohne die verständnißvolle und thatkräftige Mitarbeiterschaft seiner Beamten bewirken können – was vermag der genialste Heerführer an der Spitze einer undisciplinirten, unfähigen Truppe? Während früher die auf einer Volksschule erworbene Durchschnittsbildung zum Versehen eines eng begrenzten, mechanischen Dienstes genügt hatte, brauchte Stephan zur

– 216 – Verwirklichung feiner von kosmopolitischem Geist durch- drungenen Pläne einen tüchtig geschulten Beamtenstand, dessen Gesichtskreis über perfectes Lesen und Schreiben und die sichere Handhabung des großen Einmaleins hinausging, mit einem Worte, einen Beamtenstand, der von den philiströsen Bureaukraten der früheren Periode so vortheilhaft abstach, wie der freie, bewegliche Geist der neuen Zeit von der schwer- fälligen, umständlichen, formellen alten Methode. Eine solche Hebung der Gesammtbildung bringt naturgemäß auch eine Steigerung der socialen Stellung mit sich, und diese erheischt wieder eine Besserung der wirtschaftlichen Lage. Hebung der Bildung und der Finanzlage seiner Be- amten, das sind die beiden Grundprincipien, die Stephans Reform der Personalverhältnisse der deutschen Reichspost beherrschen. In diesem Sinne hat er sein Werk sogleich nach seinem Amtsantritt begonnen und Zeit seines Lebens planmäßig daran weitergearbeitet. Es gab gar mannigfache Hindernisse zu überwinden, ehe eine einheitliche Regelung der gesammten Personalver- hältnisse erzielt war, aber Stephans Energie schreckte nicht davor zurück. Da war zunächst aus den vielen, zur deutschen Post zusammengeschmolzenen einzelnen Verwaltungen ein Personal übernommen worden, das ebenso verschiedenartig an Titeln, Altersstufen, Bildungsstand und Gehalt war, wie die Formen der Verwaltungen, denen sie angehört hatten. Die Ansprüche, die sie aus ihren früheren Stellungen be- rechtigter Weise mitbrachten, wollten sich oft nicht mit den Verhältnissen der neuen Verwaltung vereinigen lassen; indessen hat die deutsche Postbehörde in so weitgehender Weise Rück- sicht auf sie genommen, daß diese Beamten im Allgemeinen aus dem Wechsel nur Vortheil gezogen haben.

– 217 – Um eine eingehende Berathung der Personalangelegen- heiten herbeizuführen, berief Stephan im Juli 1870 eine Anzahl Ober-Postdirectoren zu einer Conferenz nach dem General-Postamt. Nach einer kurzen, durch den Krieg ver- anlaßten Unterbrechung wurden die Verhandlungen im Januar 1871 wieder aufgenommen und sie führten zur Beschlußfassung der wichtigen Neuerungen, die den Personen- verhältnissen der Postverwaltung das noch heute bestehende Gepräge ausgedrückt haben. Die Bestimmung, welche die einschneidendste Bedeutung für die gesammte Verwaltung gewann, war die Scheidung der Postlaufbahn in eine höhere und eine niedere. Früher hatten die jungen Postbeamten etweder als Eleven, Postexpedienten-Anwärter oder Postexpeditions-Ge- hülsen in den Postdienst treten können, nach dem Reglement vom 23. Mai 1871 giebt es nur noch Postgehülfen und Eleven – wie wir sehen, erstreckte sich das Bestreben nach Vereinfachung selbst auf die Titel. Die Eleven, die An- wärter für die höhere Laufbahn, benöthigen zu ihrem Ein- tritt in die Postlaufbahn der Maturitäsprüfung auf einem Gymnasium oder einer Realschule erster Ordnung, – ihnen stehen nach Ablegung zweier Postexamina fämmtliche Stellen im Postdienst offen. Die Postgehülfen müssen eine gute Elementarschulbildung in das Amt mitbringen, und, nachdem sie ein Postexamen bestanden haben, gelangen sie in den Stand von Postassistenten, der mit dem Ober-Assistenten resp. dem Vorsteher eines Postamtes dritter Klasse abschließt. Als dann das Postund Telegraphenwesen vereinigt wurde, galt es wieder, einen neuen, meistens aus Militair- Anwärtern bestehenden, ganz einseitig für die Zwecke der Telegraphie ausgebildeten Beamtenstand der Postverwaltung

– 218 – zuzuführen, und das war noch bei Weitem schwieriger, als die Einfügung der verschiedenartigen fremden Postbeamten gewesen war, denn diese besaßen wenigstens alle eine postalische Ausbildung. Erschwerend war noch der Um- stand, daß die Telegraphenbeamten fast durchweg in vor- geschrittenem Alter standen, in dem der Mensch ohnehin nicht mehr die geistige Elasticität besitzt, um sich rasch und leicht fremden Verhältnissen anpassen zu können. Während die Postbeamten sich sehr bald die nöthige Fertigkeit aus dem Gebiete der Telegraphie angeeignet hatten, hat sich die den unwiderruflich festen Principien der Post folgende Ein- fügung der Telegraphenbeamten in die Postverhältnisse nur langsam vollziehen lassen. Außerdem trat ein neues Element in die Dienste der Postbehörde – die Frau. Eine große Anzahl von Tele- graphistinnen und Fernsprechergehülfinnen sind neben ihren männlichen Collegen im Telegraphen-Ressort beschäftigt, und ohne damit die kritische Frauenfrage anschneiden zu wollen, müssen wir diese Neuerung der Post, die einer ganzen An- zahl unversorgter deutscher junger Mädchen die Möglichkeit giebt, sich in anständiger und auskömmlicher Weise ihren Unterhalt zu verdienen, mit Freuden begrüßen. Wir wollen Stephan damit nicht in die vorderste Reihe der Vorkämpfer für das Recht der Frau stellen, wie es einige Tageszeitungen in ihren Nachrufen auf den großen Postreformator gethan haben, wir glauben vielmehr, daß größtentheils die Er- wägungen einer Verbilligung des Betriebes für die An- stellung der Frauen, die nicht die Bezahlung eines Mannes erhalten, maßgebend gewesen sind; jedenfalls hat sich Stephan stets gegen die Verwendung der Frau im Postdienst, die in Schweden, Frankreich und anderen Ländern in großem

– 219 – Umfange stattfindet, ablehnend verhalten. Jm Poststamm- buche giebt Stephan eine Bemerkung des seligen Beust wieder, welche lautet: "Was das Geschlecht anlangt, so lehret die Erfahrung, daß die Weiber von Verwaltung der Posten eigentlich nicht ausgeschlossen werden, weil selbige, dem gemeinen Wesen hierinne zu dienen, von Natur nicht unfähig sind." Dahinter steht in Parenthese ein (?) – sollte das nicht aus Stephans Feder herrühren? Aber, ob nun in der entschiedenen Absicht, die Frau im Kampfe um's Dasein zu fördern, oder nicht, jedenfalls hat sich Stephan den Dank des weiblichen Geschlechtes durch Erschließung eines neuen Gebietes für ihre Erwerbsthätigkeit verdient. Wenn solche Erweiterung des Betriebes, wie die Ber- einigung von Post und Telegraphie, für den ganzen Be- amtenstand Vortheile mit sich bringt, so haben die Tele- graphenbeamten doch noch besondere Vergünstigungen ge- nossen, die sich auf Erhöhung des Gehaltes und in vielen Fällen auch auf eine solche des Ranges bezogen. Stephan war ein kluger Hausvater; damit sich die neuen Elemente um so schneller in der Postverwaltung heimisch fuhlen lernten, lag ihm vor allen Dingen daran, sie zufrieden zu stellen. Das geschah aber keineswegs auf Kosten seiner alten Beamten, deren Lage zu verbessern er unablässig be- strebt war. Schon im Jahre 1872 hatte er dem Reichstage Vor- schläge zur Erhöhung der Gehälter für mehrere Beamten- kategorien unterbreitet; sie wurden genehmigt, und zwar dergestalt, daß für 1871 die Erhöhung nachgezahlt wurde und von 1872 an noch eine weitere folgte. Nach und nach wurde die Gehaltserhöhung auf alle Beamtenklassen aus

– 220 – gedehnt, auch die Tagegelder der unangestellten Beamten erfuhren eine Besserung; seit 1873 trat dann noch die Ge- währung eines Wohnungsgeldzuschusses hinzu. Dieser allgemeinen Besserung der wirthschaftlichen Ver- hältnisse der Beamten entsprach die Erhöhung des Ruhe- gehaltes, resp. die Einführung eines solchen bei Beamten- und Unterbeamtenklassen, die bis dahin nicht im Genuß einer Pension gestanden hatten. Die Regelung dieser letzt erwähnten Verhältnisse fällt unter das Gesetz vom 31. März 1873, das, feine Fassung nicht zum geringen Theil Stephans thatkräftiger Beihülfe verdankend, den Rechtsverhältnissen der Reichsbeamten endlich die erwünschte Einheitlichkeit brachte. Die Bestimmungen des Reichsbeamten-Gesetzes wurden, wie wir wissen, noch zu verschiedenen Malen er» weitert, wobei Stephan stets in der entschiedensten Weise die Jnteressen seiner Beamten zu wahren gewußt hat. So ist seiner Jnitiative hauptsächlich das Zustandekommen des Gesetzes über die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Reichsbeamten zuzuschreiben. Die Frage der Wittwen- und Waisenversorgung hat ihn viele Jahre auf das Ein- gehendste beschäftigt. Schon 1872 war die gesetzliche Regelung der Angelegenheit von ihm angebahnt worden, aber nicht zum Abschluß gekommen. Erst nachdem die ursprüngliche Fassung verschiedene Aenderungen erfahren, und Stephan miederholt in Denkschriften eindringlich die Nothwendigkcit einer staatlichen Fürsorge für die Hinterbliebenen der Reichs- beamten klargelegt hatte, kam am 20. April 1881 endlich ein diesbezüglicher Gesetzentwurf zu Stande, der eine Wittwen- und Waifenversorgung anordnete, allerdings unter Zuhülfe- nahme eines Beitrages der Beamten von drei Procent ihres Diensteinkommens. Stephans unablässiges Bemühen hat

– 221 – es jedoch dahin gebracht, daß dieser Zuschuß der Beamten durch das Gesetz vom 5. März 1888 wieder aufhörte. Ein anderes Gesetz, an dessen Gestaltung Stephan un- mittelbar betheiligt war, ist das vom 15. März 1886, welches für den Fall einer durch Unfall im Betriebe zurück- gebliebenen Dienstunfähigkeit der Beamten ihnen zwei Drittel des zuletzt bezogenen Gehaltes als Ruhegehalt zuspricht. Ebenso sehr, wie die pecuniäre Sicherstellung seiner Beamten, hat Stephan die Sorge für ihren Gesundheits- zustand am Herzen gelegen und ihn nach dieser Richtung hin verschiedene wichtige, theils vorbeugende, theils ab- wehrende Bestimmungen treffen lassen. Dazu gehört vor allen Dingen die Bewilligung eines jährlichen Erholungs- urlaubes für die Beamten, eine Einrichtung, die sich er- freulicher Weife in den letzten Jahren auch auf die Unter- beamten ausgedehnt hat. Abgesehen von der hygienischen Bedeutung dieser Erholungszeit für Leute, die das ganze Jahr hindurch Tag für Tag, selbst an den Sonntagen, ihr voll gerüttelt Maß von Arbeit zu leisten haben, hat sie auch ihren hohen ethischen Werth. Wird ein Beamter, der, wenn auch nur für kurze Zeit, ledig aller Fesseln, seiner Neigung leben, sich ruhen und pflegen oder reisen, liebe Verwandte aussuchen und Gottes schöne Natur nach Herzenslust ge- nießen konnte, nicht mit neuer Elasticität und vor allen Dingen mit größerer Freudigkeit seinen Dienst wieder auf- nehmen, und wird er nicht mit besonderer Ergebenheit einer Verwaltung dienen, die in so humaner Weise für seine Be- dürfnisse sowohl in gesunden, wie in kranken Tagen sorgt? Der Fürsorge in letzter Beziehung gelten außer den Bestimmungen der Staatsgesetze, an denen die Postangestellten als Reichsbeamte natürlich theilnehmen, noch ganz besondere

– 222 – Maßregeln Stephans: die Anstellung von Vertrauensärzten, welche sämmtliche Unterbeamten unentgeltlich behandeln müssen, die Einrichtung von Krankenund Sterbekassen, zu denen die Verwaltung beträchtliche Beiträge steuert u. s. w. Wenn es nun allerdings vom Standpunkte der Huma- nität nur selbstverständlich erscheint, daß eine Verwaltung für die ihnen ihre Kraft widmenden Beamten auch aus- reichend sorgt, so müssen wir in Betracht ziehen, daß die Verhältnisse in Deutschland in dieser Beziehung noch sehr im Argen lagen, als Stephan die Postverwaltung über- nahm, daß es vollkommen neue Formen einer staatlichen Fürsorge zu schaffen galt, daß Stephan einer der ersten Ressortchefs des neuen Reiches war, der für die Wohlfahrt seiner Beamten eintrat und durch fein Vorgehen auch andere Behörden zu einem gleichen Thun aneiferte und – last not least –, daß sich feine Fürsorge aus ein Heer von Beamten zu erstrecken hatte, das schon im Jahre 1876 60000 Köpfe zählte und bis 1895 auf 154293 angewachsen war. Um seine Pläne durchzusetzen, hat er manchen er- bitterten Kampf, manche heiße Redeschlacht im Reichstage durchfechten müssen, und wenn es ihm trotzdem nicht ge- lungen sein sollte, Jedermann in seinem weiten Ressort zufriedenzustellen, so liegt das nicht an seinem guten Willen, sondern an der Macht der Verhältnisse, die ihm entgegenstanden. Die vielen gemeinnützigen Einrichtungen, die er traf, lassen uns nicht daran zweifeln, daß er selbst für die kleinsten Bedürfnisse seiner Untergebenen ein offenes Herz und Auge besaß, und daß er die ehrliche Absicht hegte,' ihre Ansprüche, soweit es die Verhältnisse gestatteten, zu befriedigen. Im Jahre 1871 traf er die Einrichtung einer Kleider

– 223 – kasse, die, zunächst nur für die Landbriefträger berechnet, bald allen Unterbeamten ohne Unterschied gegen einen mäßigen Beitrag von ihrem Gehalte jährlich zu bestimmter Zeit die nöthige Dienstkleidung liefert. Die etatsmäßige Beihülfe, die die Post alljährlich der Kasse beisteuert, be- läuft sich auf mehr als 1950000 Mark. Es ist von nicht zu unterschätzendem Werths, gerade die unteren Beamten- klassen einer Behörde in den Stand zu setzen und sie dahin zu beeinflussen, jederzeit gute und anständige Kleider zu tragen. Außer der hygienischen und ästhetischen Bedeutung, die ein solches Einwirken von oben herab hat, hebt das übereinstimmend propere Aussehen der Beamtenschaft das Ansehen der ganzen Verwaltung, was rückwirkend natürlich wieder den Beamten zu Gute kommt. Neben diesen vorauszuberechnenden Bedürfnissen einer ganzen Beamtenklasse giebt es Lagen im Leben des einzelnen Menschen, die nicht vorauszusehen sind, Nothlagen, denen man Hülflos und verzweifelnd gegenüberstehen müßte, wenn ein theilnehmender Freund nicht rettend die Hand nach uns ausstreckte. Um die Rolle eines solchen theilnehmenden Freundes ihrer Beamten im geeigneten Momente thatkräftig spielen zu können, hat die Postverwaltung eine bedeutende Summe in ihren jährlichen Etat aufgenommen, die lediglich zu Unterstützungszwecken benutzt wird. Jm Jahre 1894 sind solchergestalt 1905000 Mark vertheilt worden. Ein anderer Fonds, der für dieselben Zwecke zur Verfügung steht, ist die Postunterstützungskasse, die, schon 1711 ge- gründet, den Zweck hatte, beim Fehlen gesetzlicher Ansprüche nothleidenden Beamten der unteren Klassen Unterstützung zu gewähren. Unter Stephan ist der Zuschuß, der aus der Postkasse der Unterstützungskasse zufließt, derartig erhöht

– 224 – worden, daß diese in der Lage ist, jährlich gegen 5 000 000 Mark an ca. 11000 Personen vom Postseeretair abwärts zu ver- theilen, während früher nur 400 Thaler für 13 Personen vorhanden waren. Wenn nun auch, wie wir sehen, ausreichende Mittel von der Postverwaltung ausgeworfen sind, um in Fällen unvorhergesehener dringender Noth ihren Beamten hülfreich beispringen zu können, so ist es selbstverständlich einer Be- hörde, die ihre Sorgfalt so vielen Tausenden von Menschen gleichmäßig widmen muß, nicht möglich, nun auch jedwede Noth von ihren Beamten abzuwenden, ja, in den bei Weitem meisten Fällen wird der Einzelne immer auf eine Selbfthülfe angewiesen sein. Es ist nun wieder ein Zeugniß von der verständniß- vollen und teilnehmenden Art, mit der Stephan selbst die Privatverhältnisse seiner Beamten in den Kreis feiner Fürsorge gezogen hat, daß er ihnen die Mittel und Wege zur Ergreifung geeigneter Maßnahmen für eine ausreichende Selbsthülfe wies und diese um so wirksamer machte, als die Postverwaltung selber die Organisation und Wahrnehmung einer solchen von ihm übertragen erhielt. Diese Anlehnung an die Grundlage der Verwaltung bot die sichere Garantie für ein ersprießliches Gedeihen. Da war in erster Linie die Gründung der Post-Spar- und Vorschußvereine nach bewährten Vorbildern, die Stephans Jnitiative zu verdanken ist. Diese Vereine haben den Zweck, durch Aussammlung von monatlichen, mindestens eine Mark betragenden Spareinlagen der Vereinsmitglieder einen Ver- mögensstock zu schaffen, der ereditbedürftigen Mitgliedern Vorschüsse gewähren konnte. Der Segen einer solchen Institution ist ersichtlich. Wenn früher die Beamten wegen

– 225 – Begleichung einer oft nur geringen Schuld zu gewerbs- mäßigen Wucherern ihre Zuflucht nehmen mußten, ein Schritt, der für das ganze Leben der Betreffenden folgen- schwer, ja vernichtend werden kann, so ist ihnen jetzt die Möglichkeit gegeben, auf schnelle und keineswegs beschämende Weise ein Darlehn zu erhalten, das sie allmählich in monatlichen Raten von ihrem Gehalt tilgen können. Außer- dem bieten den Postbeamten die mit den Sparund Vor- schußvereinen verbundenen Consumvereine willkommene Ge- legenheit zu billigem und gutem Einkaufe ihrer Lebens- bedürfnisse. Diese letztere Thatsache hat Stephan die heftigsten Vor- würfe und Anfeindungen von Seiten der sich in ihren Vor- theilen beeinträchtigt glaubenden Kaufmannschaft eingetragen. Es ist nicht unsere Befugniß, hier zu untersuchen, wie weit es einer Behörde zusteht, die Wohlfahrt gerade ihrer Be- amten zu fördern, wir möchten nur darauf hinweisen, daß es viel schlimmere Feinde des Gewerbestandes giebt, als diese Beamtenvereine, die, nach streng reellen Grundsätzen geleitet, keineswegs darauf ausgehen, den Werth der Waaren herabzudrücken, sondern sich lediglich darauf beschränken, die aus einem vereinfachten Betriebe erzielten Ãœberschüsse ihren Mitgliedern gleichmäßig zukommen zu lassen. Mag man nun aber von den Consumvereinen denken, was man will, jedenfalls bieten die Post-Sparund Vorschußvereine ihren Mitgliedern die Möglichkeit, zu sparen, ja, sie zwingen sie direct und indirect dazu. Das ist volkswirthschaftlich von der höchsten Bedeutung und ein Hauptgrund für die Be- liebtheit der Post-Sparund Vorschufzvereine in den Kreisen der Postbeamten, eine Beliebtheit, die sich am besten in dem gewaltigen Anwachsen derselben kundgiebt. Jm Jahre 1872 15

– 226 – mit rund 12000 Mitgliedern derartig gegründet, daß jeder Bezirk einen Sparund Vorschußverein besitzt, gehörten ihnen im Jahre 1894 bereits 116000 Mitglieder an. also 78,4 Procent des gesammten Beamtenstandes der Post. Jn das Gebiet der Selbsthülfe fallen ferner die Lebens- und Rentenversicherungen der Postbeamten, welche die Ver- waltung nach jeder Richtung hin zu fördern und zu erleichtern bestrebt ist, indem sie für die minderbesoldeten Beamten Zu- schüsse für diesen Zweck giebt, und der "Töchterhort", eine unter dem Protectorat der Kaiserin stehende wohlthätige Stiftung. Jm Jahre 1890 erst entstanden, war durch frei- willige Beiträge von Beamten und Unterbeamtcn in wenigen Jahren der Grundstock der Stiftung auf 340000 Mark angewachsen. Laufende Beiträge vermehrten ihn stetig und damit auch die Mittel zur Unterstützung bedürftiger weib- licher Hinterbliebenen der Postbeamten. Stephan hat diesen Verein mit ganz besonderem Eifer gefördert. Wie viel Segen kann ein solch' humanes Werk stiften, das es sich zur Auf- gabe gemacht hat, alleinstehenden Frauen das für sie oft mit so vielen Bitternissen verknüpfte Fortkommen im Leben zu erleichtern. Dem Töchterhort würdig an die Seite stellt sich eine andere Wohlthätigkeitsanstalt der Post: die "Kaifer-Wilhelm- Stiftung". Auf Anregung Stephans wurde der aus den Ueberschüssen des Feldpostbetriebes der Reichspost zufallende Theil von 100000 Thalern zur Grundlage einer Stiftung bestimmt, welche "den Zweck hat, die Wohlfahrt der An- gehörigen der Reichspostverwaltung zu fördern, insbesondere deren Beamten, ihren Familien und ihren Hinterbliebenen zur Hebung ihrer sittlichen und geistigen Bildung Unter- stützung zu gewähren". Nach einer besonderen Bestimmung

– 227 – sind jährlich 2400 Mark für Studienreisen ins Ausland und ein ebenso hoher Betrag für Stipendien zur Unter- stützung von studirenden Angehörigen der Postverwaltung ausgeworfen. Wenn man das Facit aus der Thätigkeit der Post auf diesem Gebiete zieht, so muß man anerkennen, daß die deutsche Postverwaltung unter Stephan redlich bestrebt ge- wesen ist, die wirthschaftlichen Verhältnisse ihrer Beamten derartig zu heben, daß sie allen Lagen des Lebens gefestigt gegenüberstehen können. Auch in diesen Bestrebungen Stephans dürfen wir die ideale Seite nicht verkennen. Ein Beamtenstand, wie der- jenige der Post, der täglich und stündlich mit so großen Geldsummen zu thun hat, täglich und stündlich der Ver- suchung ausgesetzt ist, einer augenblicklichen Nothlage aus den verschwenderischen Mitteln eines Anderen zu steuern, und der bei einem so ungeheuren Betriebe auch stets Ge- legenheit zur Ausführung einer solchen widerrechtlichen An- eignung fremden Eigenthums zu finden vermag, kann in seiner Allgemeinheit solchen Anfechtungen nur dann gefeit gegenüberstehen, wenn seine pecuniäre Lage ihm die Be- friedigung seiner Lebensbedürfnisse in ausreichender Weise gestattet, und das Bewußtsein, in der Fürsorge seiner Be- hörde eine werkthätige Hülfe für den Fall der Noth zu haben, ihn der Sorge für die Zukunft enthebt. Jndem also Stephan seinen Beamten eine gesicherte äußere Stellung verschaffte, hat er zugleich in sittlicher Beziehung fördernd auf sie eingewirkt, und es gereicht ihm nicht zu geringem Ruhme, daß der deutsche Postbeamtenstand relativ so wenig Defraudanten unter sich zählt/ Es steckt ein tüchtiger Kern in den "Stephansjüngern"

– 223 – und den "Stephansboten"; dem ehrlichen, biederen Deutsch- thum, das den verstorbenen Chef auszeichnete – wir begegnen ihm auf Schritt und Tritt unter seinen Beamten. Pflicht- treue, Gewissenhaftigkeit, strenge Rcchtschaffenheit zeichnen den Postbeamtenstand vor allen anderen aus, und der all- gemeine Bildungsgrad, den er besitzt, dürfte kaum in einer anderen Verwaltung erreicht werden. Wie wir wissen, war eine der ersten Amtshandlungen Stephans die Bestimmung, daß die Anwärter für die höhere Laufbahn das Abiturium mitbringen mußten, eine Vorschrift, die sich zeitweise sogar zu der Forderung eines mit "gut" bestandenen Examens verschärfte. Aber diesen Ansprüchen gemäß sorgte er auch für eine entsprechende Weiterbildung der jungen Beamten: Unterrichtscurse für die Posteleven, eine Postund Telegraphenschule zu Berlin für die Post- praktikanten und das Jngenieur-Bureau zur Vervollkomm- nung für die sich der höheren Telegraphenlaufbahn widmen- den Beamten kennzeichnen Stephans Thätigkeit auf diesem Gebiete. Damit den jungen Beamten aber auch außerhalb des Dienstes Gelegenheit zu einer allgemeinen Weiterbildung gegeben ist, hat die Postverwaltung sür eine bedeutende Büchersammlung gesorgt. Bereits 1871 ordnete Stephan an, datz die Ober- Postdirectionen die vorhandenen, einseitig fachmännisch ge- haltenen Büchersammlungen reichhaltiger gestalten und allen Beamten zur Benutzung freistehen sollten: 1879 wurden sie auch den Unterbcamten zugänglich gemacht und bei Ver- mehrung der Bestände auf deren Bedürfnisse Rücksicht ge- nommen. 1870 betrug der Gesammtbestand der Bücher 6000 Stück, heute besitzt die Postverwaltung ca. 60000 Bände aus allen Zweigen der Wissenschaft und eine umfangreiche

– 229 – Kartensammlung. Dieses Wachsthum ist ein erfreuliches Zeichen ebensowohl für den lebhaften Trieb, sich zu unter- richten, innerhalb der Beamtenschaft der Post, als auch für das Verständniß und die Förderung, die diesem von oben aus zu theil wurde und die sich z. B. auch in der Erweite- rung des Postamtsblattes durch eine nichtamtliche, das ganze Gebiet der Staatswissenschaft zum Gegenstand ihrer Betrach- tung machende Beilage zu erkennen giebt. Jm Laufe der Jahre hat sich diese Beilage zu einem selbstständigen Organ, zum "Archiv für Post und Telegraphie" ausgebildet, das sich großer Beliebtheit und eines ausgedehnten Lesepublikums erfreut, auf welches es in doppelter Beziehung fördernd ein- wirkt: belehrend und zugleich zu eigener schöpferischer Bc- thätigung auf dem Gebiete der Literatur anregend. Diesen, nur den Bedürfnissen der Postkreise Rechnung/ tragenden Jnstitutionen stellt sich eine andere an die Seite, die Jedermann zugänglich, einzig in ihrer Art und eine Originalschöpfung Stephans ist: das Postmuseum. Es , umfaßt eine Sammlung von jeder Art von Gegenständen, die in irgend einer Weise Bezug auf einen Zweig der Post und Telegraphie haben. Bald nach seinem Amtsantritt be- gann Stephan das Werk, indem er die Anordnung traf, daß alle zu bestimmten postalischen Zwecken angeschafften Modelle, Gerüche u. s. w. behufs systematischer Ausstellung gesammelt werden sollten. Schnell vermehrte sich der so geschaffene Grundstock des Museums durch gelegentliche An- käufe, vor allen Dingen aber durch Zuwendungen aus allen Kreisen des Jnund Auslandes. Seit dem Jahre 1882 ist eine bestimmte Summe im Postetat für die Pflege und Vervollkommnung der postalischen Sammlungen aus- geworfen.

– 230 – Stephans Jdee zu einem Postmufeum fand in der ganzen Welt Anklang und Würdigung. Jndien, Aegypten, China, Japan u. s. w. wandten dem Jnstitute ganz um- fangreiche Sammlungen einschlägiger Gegenstände zu, plan- mäßige Neuanschaffungen sorgten für Ausfüllung der Lücken, so daß heute bereits das Museum einen bedeutenden Umfang und außerordentliche Reichhaltigkeit erlangt hat. Die Ent- wickelung des Briefes von den Diptychen der alten Römer, den Knotenbriefen der Ureinwohner Südamerikas und den Palmblattbriefen Jndiens an bis zu unserer heutigen ele- ganten und bequemen Form kann man an gut erhaltenen Originalexemplaren ebenso genau studiren, wie die mannig- fache Art der Briefbestellung in den verschiedenen Ländern an Bildern und plastischen Darstellungen und die Beamten- tracht der alten und neuen Post an zahlreich vorhandenen Uniformstücken. Die Modelle aller bedeutenden Posthäufer Deutschlands, naturgetreu, sauber und zierlich ausgeführt, reihen sich denjenigen der Eisenbahnpostwagen und Post- dampfer an; zahlreiche Apparate aller Systeme der Tele- graphie, Telephonie, Rohrpost u. f. w. vergegenwärtigen uns die allmähliche Entwickelung dieser bedeutenden Ver- kehrsmittel, wie die der Elektrotechnik überhaupt, die uns in ihren Erscheinungen durch Erklärungen und Experimente von eigens dazu angestellten Unterbeamten noch anschau- licher gemacht wird. Eine besondere Avtheilung des Museums ist einer umfangreichen, systematisch geordneten Sammlung von Postwerthzeichen gewidmet, der eine Autorität auf dem Gebiete der Philatelie vorsteht. Ein solches Jnstitut, ganz besonders dazu geeignet, die Studien der jungen Postbeamten zu fördern, wird in allen Kreisen des Volkes Jnteresse zu erwecken wissen, es

– 231 – ist eine Volksbildungsstätte von hohem allgemeinen Werth. Stephan hat durch die Gründung des Postmuseums seinen Namen auf ein neues Blatt im Buche der Culturgeschichte seines Vaterlandes mit unvergänglichen Zügen eingeschrieben. Seine Schöpfung hat Schule gemacht; eine ganze An- zahl ähnlicher Sammlungen sind im Inund Auslande im Laufe der Zeit entstanden, ohne jedoch auch nur an- nähernd die Vielseitigkeit und Gründlichkeit des Berliner Museums zu erreichen. Das erkennt man selbst in Frank- reich mit sauer-süßer Miene an: ein Postmuseum, wie das Stephan'sche, existirt nicht noch einmal in der Welt! Jm Jahre 1894 brachte das Archiv für Post und Telegraphie eine Besprechung des von Eugene Gallois verfaßten Buches: ,1^?oste et les mo^ens <1s ooiuiuunioation lies peuples s, travers les sieoles«, in der es eine wörtliche Uebersetzung feiner Beschreibung des Postmuseums bringt. Sie lautet: "Nicht besser können wir die Post in ihrem ganzen Räder- werk kennen lernen, als, indem wir ein Postmuseum be- suchen, wie es einzig in der Welt dasteht; bedauerlicher Weise für uns befindet es sich nicht in Paris, sondern in Berlin; dort finden wir eine hervorragende Sammlung von kostbaren Gegenständen und Schriftwerken, aus denen die geschichtliche Entwickelung der Post und der Telegraphie, dieser beiden mächtigen Hebel der menschlichen Thätigkeit und des Handels zwischen civilisirten Nationen, ebenso wie die Leistungen einer jeden von ihnen zu ersehen sind; nicht blos dem Publikum wird damit Belehrung geboten, sondern auch den jungen Postund Telegraphenbeamten während des Unterrichtscursus, den sie in Berlin durchmachen müssen .... Jn weiten Sälen sind unzählige Erzeugnisse der Arbeit vergangener Zeiten untergebracht, die uns von

– 232 – den untersten Stufen an die Entwickelung aller Hülfsmittel des Beförderungswesens im Allgemeinen, wie des Post- verkehrs im Besonderen vorführen, und diese sind nicht nur wissenschaftlich geordnet, sondern auch noch länderweise auf- gestellt. Aber ein solches Museum muß auch einen seiner Bedeutung würdigen Katalog haben, und so hat Herr von Stephan, beseelt von dem Streben nach Vollkommen- heit in jeder Hinsicht, seinen Katalog in Bezug auf den Druck, wie auf den Bilderschmuck geradezu glänzend aus- gestattet." Das Postmuseum war das «»taut AZ,t« Stephans, dessen Gedeihen er mit regstem persönlichen Jnteresse über- wachte. Seine Jntentionen, die sich, wie wir gesehen haben, bis auf die Abfassung des Kataloges erstreckten, sind denn auch bei der Ausstellung von Sammlungen maßgebend ge- wesen. Das Sichten, Ordnen, planmäßige Ausbilden lag Stephan im Blute, und bei dem Arrangiren des Ganzen konnte sich sein Kunstsinn vollaus bethätigen. Es war eine seiner letzten Freuden, dem Postmuseum, das bis dahin in den Hintergebäuden der Reichspost in der Leipziger Straße eine feiner Bedeutung nicht voll entsprechende Zufluchtsstätte gefunden hatte, ein würdiges eigenes Heim in dem neu er- bauten Reichspostpalast bereiten zu können. Augenblicklich befindet sich das Museum in der Uebersiedelung nach den ihm bestimmten prachtvollen, mit dem feinsten Kunstsinn ausgestatteten Räumen, und erst in dieser vollendet schönen Umgebung werden die Schätze, die es birgt, zur gebührenden Geltung kommen. Ein tragisches Geschick hat seinen Schöpfer mitten in den Vorbereitungsarbeiten für die Verlegung des Museums abberufen. Es ist ihm nicht vergönnt gewesen, sein Lieb

– 233 – lingskind in dem neuen, strahlenden Gewande zu erblicken, um so pietätvoller für ihn wird sich die Eröffnungsfeier gestalten, welcher nach einem höheren Willen der im Leben so lebhaste, so gesprächige, so überaus bewegliche Mann allein als kaltes, todtes Bild von Stein beiwohnen darf. Die Büste des Staatsseeretairs v. Stephan, die die alten Räume des Postmuseums bereits schmückte, wird auch im neuen dem Besucher die Züge des großen Todten vergegen- wärtigen. Aber wenn er auch nicht mehr selber das Ge- deihen seiner Schöpfung verfolgen kann, sein Geist hat ihr das Gepräge verliehen und den Grund zu einer kräftigen Fortentwickelung gelegt. Der Name Stephan wird allezeit mit dem Gedeihen des Jnstitutes eng verknüpft sein. Wir haben gesehen, daß Stephan nach jeder Richtung hin bestrebt gewesen ist, die Beamten der Postverwaltung auf den gleichen socialen Stand mit den bis dahin bevor- zugten Beamtenklassen anderer Staatbehörden, des Gerichtes, der Regierung u. s. w. zu heben und sie auf ein geistiges Niveau zu bringen, welches ihnen die großen, weltumspannen- den Jdeen ihres Chefs zu verstehen und wirksam zu unter- stützen ermöglicht. Dafür verlangte er aber auch eine entsprechende Gegen- leistung von ihnen. Er, der rastlos thätige Mann, der Heros der Arbeit, stellte die höchsten Ansprüche an die Leistungsfähigkeit seiner Beamten. So liebenswürdig und entgegenkommend er im gesellschaftlichen Leben war, so ernst und entschieden trat er im amtlichen Verkehr auf. Dienst- vergehen strafte er unnachsichtig streng, manchmal hart, aber er verfuhr dabei mit unbestechlicher Gerechtigkeit. Der Postrath unterlag bei ihm denselben Vorschriften, wie der Posthülfsbote; es kam ihm nicht darauf an, über den Kopf

– 234 – des Postdirectors hinweg mit dessen Beamten zu verkehren, als ob ihr Chef nicht vorhanden gewesen wäre, wenn dieser ihm Grund zur Unzufriedenheit gegeben hatte. Mit An- liegen um Dispensirung vom Dienste oder Versetzung nach einem anderen Postamt, nichtiger Gründe wegen, durfte man ihm nicht kommen; jeder Beamte hatte feine Pflicht zu thun, in welcher Stellung, an welchem Orte er sich auch befand; ein Jeder hatte seine ganze Kraft im Dienste der Postbehörde zu entfalten, das war die erste Voraussetzung für eine Anstellung im Postdienst. Aber ein so großer, weitläufiger Betrieb, dessen ganzes Verwaltungssystem auf die gewissenhafte und pünktliche Be- folgung aller Dienstvorschriften aufgebaut ist, ein Betrieb, der mit der Minute rechnen muß, erheischt auch eine stramme Handhabung der Disciplin, wenn er ordnungsmäßig functio- niren soll. 160000 Menschen mit ihren verschiedenen Neigungen, Befähigungen, Ansichten dahin zu bringen, daß sie friedlich neben einander denselben Strang ziehen, er- fordert die striktesten Verhaltungsmaßregeln. Trotzdem würde die Strenge Stephans von den Postbeamten vielleicht als Härte empfunden worden sein, wenn diese in ihrem Chef nicht zugleich das ideale Vorbild für einen Beamten in seinem Sinne gehabt hätten. Für ihn galt das Wort Friedrich des Großen: der Fürst sei der erste Diener des Staates, in vollem Umfange; er, der General-Postmeister, war der am meisten beschäftigte Postbeamte. Was aber seine Thätigkeit um so ansprechender, um so vorbildlicher machte, war die Schaffensfreudigkeit, die ihn dabei beseelte. Er arbeitete nicht, weil es feine Stellung nun einmal erforderte – wie Viele an seiner Statt hätten sich ihr Amt leicht zu machen gewußt – er arbeitete aus

– 235 – innerem Antriebe heraus, er konnte nicht ohne Beschäf- tigung sein, selbst in seinen Mußestunden war er niemals mützig. Seine Beweglichkeit war erstaunlich und sie konnte seinen Beamten zu Zeiten auch recht unbequem werden. Reiste er zur Jagd, die er sehr liebte, oder befand er sich sonstwie unterwegs, so ließ er selten eine Gelegenheit vorüber- gehen, um unvorhergesehen ein Provinzpostamt zu inspiciren. "Nehmen Sie sich in Acht," warnt da ein junger Post- gehülfe durch den Fernsprecher freundschaftlich seinen Collegen im Nachbarorte, "Stephan ist unterwegs und steckt seine Nase in Alles!" – "Hat sie schon drin, Stephan!" ant- wortet prompt die Stimme des General-Postmeisters. Solcher Anecdoten zur Jllustrirung der Geschäftigkeit Stephans cursiren eine große Zahl. Es kam vor, daß er den zur Abfahrt bereiten Wagen vor der Thür seines Ab- steigehötels vergebens warten ließ, während er sich zu Fuß nach dem Bahnhof begab, um unterwegs auf dem eben erst inspicirten Postamt schnell noch einmal nach dem Rechten zu sehen – ein Fall, den der Verfasser selber verbürgen kann. Auf diesen Jnspectionsversuchen entging ihm nichts; er, der selber in jedem Zweige des praktischen Dienstes aus- gebildete Beamte, übersah mit raschem, sicherem Blicke das ganze Getriebe eines Postamtes – bis auf die Schreib- materialien herab erstreckte sich feine Aufmerksamkeit. Jn Memel fand er eines Tages, daß nur ein Beamter zur Abfertigung eines zahlreich herandrängenden Publikums am Schalter beschäftigt war, während sich der diensthabende Unterbeamte heimlich entfernt hatte. Eine solche Pflicht- vergessenheit empörte den General-Postmeister auf das Höchste,

– 236 – und ein Donnerwetter ging über das Haupt des Schuldigen nieder, als er endlich erschien. Da brach der schon in vorgerücktem Alter stehende Mann in bitterliches Weinen aus; seine Frau hatte ihn soeben mit Zwillingen beschenkt – ein zweifelhaftes Glück für einen Unterbeamten, der schon sechs Kinder zu ernähren hat –, und welches Schicksal würde ihm nun der Zorn feines Vorgesetzten bereiten? Aber Stephan war zu human, um hart zu sein, wo keine Böswilligkeit vorlag. Er wandte sich schweigend ab, doch statt der gefürchteten Bestrafung erhielt der mit Kindern überreich gesegnete Mann 50 Mark aus dem Portemonnaie Sr. Excellenz, Wir könnten noch viele solcher Züge anführen, die den Beweis dafür liefern, daß die Strenge Stephans mit wahrer Menschenfreundlichkeit gepaart war, und daß er unnachsichtig nur mit den wirklich Ungehorsamen verfuhr. Ein besonders markanter Fall ist der folgende, den "Ueber Land und Meer" der Oeffentlichkeit übergab. Ein mittelloser, gering besoldeter, aber befähigter junger Postbeamte schrieb, um seiner finanziellen Lage etwas auf- zuhelfen, Zeitungsartikel über postalische Verhältnisse. Dabei ließ er sich hinreißen, intime Angelegenheiten zur Sprache zu bringen, was ihm als ein Bruch des Amtsgeheimnisses ausgelegt werden konnte, und da die Sache zum Ueberfluß in der Oeffentlichkeit ein unliebsames Aussehen erregte, leitete die Postbehörde eine strenge Untersuchung ein. Die be- treffende Zeitung befand sich in arger Verlegenheit. In dieser kritischen Lage that der Verfasser des Artikels das Einzige, was er als anständiger Mann thun konnte: er ging zum General-Postmeister und gab sich freimüthig als den Autor zu erkennen – aber er habe aus innerer Ueber

– 237 – zeugung so geschrieben, das gestand er. Natürlich konnte er der gerechten Strafe nicht entgehen, er wurde nach einem abgelegenen Theile Posens versetzt. Jndessen dauerte die Verbannung nicht lange, die Ehrlichkeit des jungen Mannes und die Sachkenntnis die aus seinen Artikeln sprach, hatten Stephan zu seinen Gunsten eingenommen, und er erfuhr in der Folge eine schnelle Beförderung. Ein schöner Zug von Großmuth spricht aus dieser Handlungsweise Stephans: kleinliche Nörgelsucht, engherziges Bureaukratenthum lagen ihm himmelfern. Er wich nicht von seiner Ueberzeugung, aber er achtete auch die seiner Gegner. Jm Privatverkehr mit seinen Beamten blieb er auch als General-Postmeister und bis in fein Alter hinein der- selbe liebenswürdige, theilnehmende, zwanglos heitere Mann, wie einst als junger Postrath und Abtheilungschef. Alle Beamten des Reichspostamtes, die ihm persönlich unterstellt waren, bis zum untersten Bureaudiener herab, rühmen rück- haltlos die Leutseligkeit ihres verstorbenen obersten Vor- gesetzten und die herzliche Art, mit der er selbst ihren Privatverhältnissen ein wohlwollendes Jnteresse entgegen- brachte. Soviel an ihm lag, ist er stets bestrebt gewesen, ihr Leben sorgenfrei zu gestalten, und wo die Machtbefug- nisse der Postverwaltung dafür nicht ausreichten, da trat er häufig selber helfend ein. "Wieviel Gehalt beziehen Sie?" fragte er eines Tages einen noch gering besoldeten Unter- beamten, und als ihm dieser eine sehr niedrige Summe nannte und die folgende Frage seines Vorgesetzten, ob er mit diesem Gehalt seine Lebensbedürfnisse bestreiten könne, mit Nein beantworten mußte, da meinte dieser beinahe barsch: "Sie müssen eben warten, bis Sie in eine höhere

– 238 – Gehaltsstufe einrücken, bei anderen Behörden erhalten Sie für den Anfang noch weniger" – um Weihnachten herum aber fand der Unterbeamte auf seinem Arbeitsplatze einen über 50 Mark lautenden Quittungsbogen für eine außer- gewöhnliche Unterstützung aus der Postkasse. So sind gar viele feiner Beamten ihm direct zu Dank verpflichtet, und wohin sein Arm in seinem großen Ressort nicht reichte, da waren seine stellvertretenden Beamten angewiesen, in seinem Sinne zu handeln. Jn der Mark passirte es einem Postgehülsen, daß er bei einem Brande seine fümmtlichen Habseligkeiten verlor. Das war ein schwerer Schlag für den mittellosen Mann, und er wandte sich mit der Bitte um eine außergewöhnliche Unterstützung an die Postverwaltung. Für derartige Fälle aber ist kein Fonds in der Postkasse vorgesehen – er wurde abschlägig beschieden, doch man wußte einen anderen Weg, um ihm wieder aufzuhelfen: der junge Mann wurde in der Folgezeit im Betriebe hin und her, von einem Orte zum anderen versetzt, so daß ihm der Ueberschuß aus den Versetzungsgebühren, deren Aufbesserung auch ein Werk Stephans ist, Gelegenheit gab, sich wieder zu rangiren. Dieser eine Fall, dem tausende ähnlicher an die Seite zu stellen sind, beweist zur Genüge den Geist der Humanität, der durch Stephan in der Verwaltung verbreitet worden ist. Die Menschen sind nun allerdings nicht gleich, und in einer so ungeheuer großen Verwaltung wird es immer vorkommen, daß ein und der andere Stellvertreter des obersten Leiters dessen Absichten sich nach seiner individuellen Art zurecht- legt und mit den ihm nachgeordneten Beamten mehr nach seinen, als nach deren Gusto verkehrt, dafür aber kann man den Chef des Ganzen doch nicht verantwortlich machen, am

– 239 – allerwenigsten Stephan, der jede derartige, ihm zu Ohren gekommene Eigenmächtigkeit auf das Härteste bestraft hat. Gerade neben dieser strengen Rechtlichkeit, neben dieser durch nichts zu beeinflussenden eisernen Energie fesseln uns die Züge wohlwollender Güte an Stephan um so mehr, sie rücken uns den großen Staatsmann menschlich nahe und werfen ihren verklärenden Schein auf sein Andenken weit über sein Grab hinaus. Ein Mann in feiner Stellung kann und darf der Kritik nicht entgehen, aber die Kritik ist nicht immer gerecht. Wenn wir uns vergegenwärtigen, was Stephan in so kurzer Zeit für seine Beamten gethan hat, so will es uns unglaub- lich erscheinen, daß man ihm in den letzten Jahren allen Ernstes den Vorwurf machen konnte, er habe kein Herz für dieselben, weigere sich grundsätzlich, Verbesserungen ihrer Lage einzuführen, und protegire das Publikum zu Ungunsten seiner Beamten. Um diese Vorwürfe auf ihren Gehalt prüfen zu können, müssen wir uns Stephans Auffassung von der Post und ihren Aufgaben ins Gedächtniß zurückrufen. Für ihn war sie die Anstalt, die in umfassendster Weise dem Wohle des Volkes zu dienen bestimmt war, und diesem Allgemeinwohl mußte sich das Wohl Einzelner, hier der Postbeamten, unter- ordnen, wenn ein Fall eintrat, der ein Nebeneinander nicht gestattete. Als es sich um die Bewilligung einer Sonntagsruhe für die Postbeamten in der Reichstagssitzung vom 4. März 1893 handelte, machte Stephan dagegen geltend, daß nach Beobachtungen an den Schaltern gerade am Sonntag Nach- mittag die Arbeiterbevölkerung, die Dienstboten, überhaupt die niederen Schichten des Volkes gewohnt sind, ihre Briefe

– 240 – zu schreiben und ihre Packete aufzuliefern, daß es sich also um die Jnteressen von Millionen von Menschen handelte, die sonst keine andere Stunde haben, um für ihren Bedarf zu sorgen. Er hat sich dann auch nur fehr ungern und in beschränkten: Maße eine Sonntagsruhe für die Postbeamten abringen lassen aber doch nicht aus Mangel an Theilnahme für ihr Wohl und Wehe, sondern lediglich, weil er meinte, es vertrage sich nicht mit den Aus- gaben der Post, die Wohlfahrt von 160000 Menschen gegen das Jnteresse von Millionen Anderer zu fördern – das darf man nicht verkennen! Jn demselben Sinne haben wir die Entstehung des Assistentenverbandes aufzufassen. Die Postassistenten glaubten sich von ihrem Chef einerseits zu militarisch stramm be- handelt, andererseits wieder vernachlässigt, im Avancement und in der Besoldung zurückgehalten, und so traten sie zu einem Vereine zusammen, der sich die Wahrung ihrer Jnteressen zur Aufgabe gemacht hat. Das kränkte Stephan, es mußte ihm wie Jnsubordination erscheinen, und Alles, was gegen die Disciplin verstieß, war feinen Principien in der Seele zuwider. Jm Grunde aber handelte es sich lediglich um ein gegenseitiges Mißverstandniß: eine rein amtliche Angelegen- heit wurde von beiden Seiten persönlich genommen. Als Stephan die Beamten nicht ihrem Wunsche gemäß befördert hatte, war das seinerseits, das müssen wir immer wieder betonen, nicht eine absichtliche Vernachlässigung dieser Be- amtenklasse, sondern allein das Resultat der Erwägungen gewesen, daß die Jnteressen der Post unter einer Ver- teuerung des Betriebes leiden würden – und als die Assistenten sich zu dem Vereine zusammenschlössen, hatten sie

– 241 – es nicht aus Renitenz gegen den Chef gethan, sondern ihrer Auffassung nach lediglich aus Nothwehr. Dieser Standpunkt aber wurde von vornherein beiderseitig ver- kannt, eine gegenseitige Erbitterung trat ein und verschärfte die Gegensätze zu offener Feindseligkeit; und daß die An- gelegenheit wiederholt eine scharfe Besprechung für und gegen im Reichstage erhielt, trug nicht dazu bei, die Stim- mung friedlicher zu gestalten. Es kommt uns natürlich nicht zu, hier zu untersuchen, wie weit Stephan im Unrecht war, als er sich den Forde- rungen der Beamten widersetzte, und wie weit die Assistenten über das Ziel Hinausschossen, als sie diese lediglich postalische Angelegenheit in das politische Parteigetriebe hineinzogen. Als gewissenhafte Chronisten müssen wir indessen versuchen, uns in Stephans Geist hineinzudenken. Es ist sicher, daß die ganze Sache ihn tief gekränkt hat, und die Verbitterung, welche sie in seinem Gemüth zurückließ und die durch die häufigen öffentlichen Angriffe ihretwegen stets neue Rechnung erhielt, mag nicht zum ge- ringen Theile dazu beigetragen haben, daß Stephan in seinen letzten Lebensjahren starrer auf seinem Standpunkte verharrte, als er es vielleicht unter friedlicheren Verhältnissen gethan hätte. Um seine Ansicht von der Angelegenheit zu erfahren, hören wir am besten ihn selber. Jn der Reichstags- sitzung vom 3. März 1893 sagt er nach der energischen Er- klärung: ,Jch erwarte weitere Angriffe und werde meinen Mann schon stehen': "Wir werden deshalb wegen dieser Erfahrungen, die man mit dem Verbande gemacht hat, unser Wohlwollen gegen diese ehrenwerthe Beamtenklasse keines- wegs einschränken, es wird ihnen nach wie vor in vollem Maße zu theil werden. Die Erfahrungen sind für mich 16

242 nichts Neues, das haben wir schon öfter durchgemacht. Ich kenne die Verhältnisse: eine solche Bewegung verläuft sich auch wieder, sie dient eine Zeitlang als Heerbann für gewisse Bestrebungen, aber sie vergeht ebenso rasch wieder, und ich sehe sie als eine ebenso flüchtige Erscheinung an. Jeden- falls soll sie mich von der Festhaltung der moralischen und und ethischen Principien, von denen ich in meiner Verwal- tung stets ausgegangen bin, namentlich in der Behandlung des Personals, nicht abschrecken. "Auf der anderen Seite aber – das mögen sich die Betreffenden auch gesagt sein lassen – werde ich unter allen Umständen die Disciplin, die nothwendig ist in einer so großen Verkehrsverwaltung, wo Tausende und Millionen und Milliarden von Jnteressen der Nation sich bewegen, mit Energie, Kraft und Nachdruck aufrecht erhalten zum Wohle des Vaterlandes." Und am folgenden Tage fährt er in derselben An- gelegenheit fort: "Es sind verschiedene sehr unangenehme Vorkommnisse zu Tage getreten, die darauf schließen lassen, daß der Geist der Unzufriedenheit seit Entstehung des Assistentenverbandes unter diesen Beamten erregt ist, daß sie die Autorität zu untergraben versuchen . . . ." und nachdem er den Brief eines Assistenten an einen anderen verlesen hat, in dem der Verband scharf verurtheilt wird, fährt er fort: "Halten Sie das für erfreuliche Zustände? Halten Sie das für ideale Auffassung, für eine Stärkung des Berufes und des Genossenschaftsgefühls? Und glauben Sie, daß das Culturelemente sind, auf denen ein gesundes Staatsund Beamtenleben sich entwickeln kann? Dann muß ich sagen, zweifle ich entweder daran, daß Sie von den Thatsachen ordentlich unterrichtet sind, oder – nehmen

– 243 – Sie es mir nicht übel – an Ihrer Logik! .... Friedrich der Große bekam einmal ein Buch von dem bekannten Encyklopädisten Baron Holbach: ,1,« Systems äs 1» naturs', was ebenso von Wohlwollen und menschenfreundlichen, idealen Auffassungen ausging, von ethischen Ergüssen strotzte und humanen Plänen überlief. Der große König von Sanssouci sah es durch und schrieb an den Baron Holbach, er hätte mit Jnteresse Kenntniß davon genommen, es wäre aber sehr wenig wirkliche Menschenkenntniß darin, und wenn er, Holbach, nur eine sechs Wochen Bürgermeister der kleinen Stadt Pau in Frankreich gewesen wäre, so würde sein ganzes System der Natur, das ganze Buch nicht existiren. Und so ist es auch mit Ihren Jdcen, Herr St.: Wenn Sie nur eine acht Tage General-Postmeister wären und diese große Verwaltung verantwortlich zu leiten hätten, so würden Sie wahrscheinlich zu ganz anderen Schlüssen kommen und sicherlich nicht für diesen Verband, der den guten Geist untergräbt, hier öffentlich eintreten." Wir sehen aus diesen Ausführungen, daß Stephan vor allen Dingen über die Jnsubordination, die seines Erachtens in dem Vorgehen der Assistenten lag, erbittert war, und ein Charakter, wie der seine, konnte nie ein solches, feiner Ansicht nach, ordnungswidriges Thun, in dem er eine offene Rebellion erblickte, verzeihen. Und wenn auch nicht, wie Stephan zu schwarzsehend meinte, der "gute Geist der Verwaltung" durch den Assistentenverband untergraben worden ist – unsere Postbeamten stehen heute wie ehedem treu ihren Pflichten vor und ebenso zu Kaiser und Reich – zur Hebung des Gemcinsinns trägt ein solcher Sonderinteressen verfolgender Verband im Verbande ja in keinem Falle bei. Der Chronist steht über deu Parteien, wir wollen es keinem Menschen 16*

– 244 – verdenken, wenn er nach besten Kräften seine Jnteressen wahrt, aber sollte es nicht einen friedlicheren Weg zur Er- reichung gerechter Ansprüche gegeben haben, als diese traurige, nicht einmal innerhalb des Assistentenstandes von Jedermann gebilligte Spannung zwischen einer tüchtigen, geachteten Be- amtenklasse und einem humanen und gerechten Vorgesetzten? Es will uns wie ein unverdient tragisches Verhängniß er- scheinen, daß gerade der Vorwurf, er sorge nicht genug für seine Beamten – man vergleiche doch den Postbeamten- stand von 1870 und den von heute – einen trüben Schatten auf Stephans letzte Lebensjahre werfen mußte. Wenn er seinem menschenfreundlichen Herzen allein hätte folgen können, so würde sicher nicht einer von den vielen seiner Sorge Anvertrauten unbefriedigt von feiner Schwelle ge- gangen fein. Man hat gegen Stephan in der letzten Zeit seiner Wirksamkeit leise und laut, direct und indirect den Vorwurf erhoben, daß fein Verwaltungsgrundsatz sich geändert habe, er ginge nur noch darauf aus, möglichst hohe Ueberschüsse aus dem Postbetriebe zu ziehen, um die Post zu einer er- giebigen Finanzquelle des Staates zu machen – das hält man allen Ernstes dem Manne vor, der mit beherzter Hand gerade die fiskalische Jnteressenwirthschaft, wo immer er sie auf seinem Wege antraf, von der Post abgestreift hat. Also gerade den großartigen Erfolg seines Verwaltungssystems, das trotz fortwährender Verbilligung der Taxen und Er- höhung der Beamtengehälter einen bedeutenden Ueberschuß abwarf, macht man ihm zum Vorwurf – ja, man hätte am liebsten den ganzen Weltpostverein von der Liste seiner Verdienste gestrichen, als er, der Schöpfer des Weltporto- satzes von 20 Pfennigen, nicht dazu zu bewegen war, das

– 245 – Berliner Stadtporto herabzusetzen. Ein engherziger Bureau- trat, ein Fürstendiener, mit einem Worte, "die Excellenz" sollte aus dem einst so schneidigen deutschen General-Post- meister geworden sein. – Und warum? Weil er es nicht Jedem recht machen konnte, weil er in feiner ehrlichen, un- bestechlichen Weise verschmähte, falsche Vorspiegelungen zu machen, oder auf Kosten seiner Selbstachtung die Anerkennung der Menge zu erkaufen – mit einem Worte, weil er seinem Grundsatze, die Post als Volkswohlsahrtsanstalt auf eine möglichst ideale Höhe der Vollkommenheit zu erheben, allezeit treu geblieben ist. Man spricht immer von Stephans Ueberschüssen, die er der Staatskasse abgeliefert habe, und vergißt doch ganz, daß ein großer Theil dieser Ueberschüsse zur Vervollkomm- nung des Postbetriebes wieder verwandt worden ist. Die Post unserer Zeit stellt eben bei Weitem höhere Ansprüche zur Jnstandhaltung eines den Volksinteressen entsprechenden Betriebes, als diejenige einer früheren Zeit. Man berechne nur, was die Telegraphenanlagen, die Postbauten, die ganze riesenhafte Vergrößerung des Betriebes für Mittel erfordert hat und noch stetig erfordert. "Glauben Sie denn, daß Sie damit weise handeln, wenn Sie der Postverwaltung diese Ueberschüsse entziehen," ruft Stephan in der Reichstagssitzung vom 10. December 1889 aus, "da sie doch ihre Einnahmen in dem Sinne verwendet, den ich Jhnen vorher mitgetheilt habe, nämlich zur außerordentlichen Vermehrung der Postanlagen, der Telegraphenanlagen im ganzen Reiche, zur Verbesserung des Landpostdienstes, des überseeischen Postdienstes durch die ganze Welt hindurch, kurz, zu der umfassendsten Ver- besserung? Sie nehmen ja der Postverwaltung die Mittel,

– 246 – um diese dem Verkehr im höchsten Maße zu Gute kommen- den Einrichtungen treffen zu können, und Sie schwäch?n ja dadurch die eigentliche Productionskraft des Postwesens ab! Denn das ist sicher, so bald die Postverwaltung von der Höhe ihrer guten Finanzlage heruntersteigt, hat sie um jede 1000 Thaler einen heftigen Kampf mit der Finanzverwal- tung durchzumachen, sie verliert ihre Selbstständigkeit und Beweglichkeit auf diesem Gebiete!" Das charakterisirt Stephans Auffassung. Die Postverwaltung mußte Bewegungsfreiheit, sozusagen Ellbogenraum haben, damit sie sich nach Bedarf ausdehnen konnte, und alsdann brauchte sie Schutz und Ruhe zu ihrem Gedeihen und deshalb mußte sie sich so eng wie möglich den Staatsformen anschließen, "Wir können doch unmöglich die Postund Telegraphen- verwaltung als ein Einzelwesen ansehen," sagt Stephan in derselben Reichstagssitzung, "das nach seinen eigenen Gesetzen lebt und sich eines individuellen Lebens befleißigt, ohne Rücksicht auf das Ganze .... Jede einzelne Verwaltung muß sich als Glied des gesammten Staats-, bezw. Rcichs- organismus fühlen, und die Postverwaltung hat u. A. auch die Aufgabe, dies in keiner Weise zu verkennen, da sie ja selber ohne den Schutz des Staates, ohne die Action des Ganzen gar nicht existiren könnte. Sie darf sich also der Rücksicht auf das Ganze und namentlich auf den Staatshaushalt in keiner Weise entziehen. Sie darf sich nicht als einen statuin in statu betrachten, sondern nur als dienendes Glied dem Ganzen einfügen. Der Aus- spruch: ,sie hat viel Ueberschüsse, also kann sie viel Er- leichterungen gewähren', ist der Ausfluß einer solchen ein- seitigen Anschauung." Von diesem Standpunkte aus war Stephan Neue

– 247 – rungen nicht zugänglich, die eine Herabminderung der Ein- nahmen und damit eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit der Post herbeizuführen geeignet gewesen wären. Als es sich im Reichstage um die Verbilligung des Stadtportos für Berlin handelte, antwortete er: "Die Angabe, daß es möglich sein möchte, hier eine Beschränkung im Bestellungs- dienste eintreten zu lassen und überhaupt im Betriebe und damit die Kosten zu verringern, scheint mir nicht geeignet zur Aufgabe unseres Standpunktes; denn die Verwaltung ist bisher immer beflissen gewesen, in Erkenntniß der außer- ordentlichen Wichtigkeit der Beschleunigung des Briefverkehrs und der Regelmäßigkeit der Bestellung hier alle möglichen Mittel, die sich darbieten, anzuwenden, um einen voll- kommenen Betrieb herzustellen und dauernd zu erhalten. Jn dieser Beziehung können wir auch nicht darauf eingehen, die Ermäßigung zu befürworten, und namentlich auch nicht anerkennen, daß der Hinweis auf Concurrenzcmstalten, die von privater Seite betrieben werden, irgend einen Einfluß auf das Betriebswesen der Postverwaltung üben könnte. Die Concurrenz von Privatanstalten bleibt doch bestehen – sie können ja jeden Augenblick, wenn die Postverwaltung auf 5 Pfennige heruntergeht, das Porto auf 4 Pfennige und noch weniger ermäßigen. Also damit werden Sie uns nicht verlocken – das kenne ich genau, diese Art von Con- currenz ist unnöthig." Diesen materiellen Bedenken Stephans aber gesellt sich ein tieferes Empfinden bei: dasselbe ideale Streben nach Einheitlichkeit im Verkehr, das ihn das Welteinheitsporto schaffen ließ. Er spricht es aus in derselben Reichstags- sitzung, als der Antrag zur Ermäßigung der Fernsprech- gebühren verhandelt wird. Der Abgeordnete Dr. Baumbach

– 248 – hatte beantragt, die Gebühr nach den Entfernungen steigend zu bemessen. Darauf antwortet Stephan: "Wie wollen Sie es denn bei einem Zonentarif – sagen wir für Orte bis 30000 Einwohner – machen, so» bald der Ort nun auf eine höhere Stufe rückt? Von dem Moment an, wo der 30000. Einwohner das Licht der Welt erblickt, soll da gleich der erhöhte Tarif eintreten? Meine Herren! Das sind alles Schwierigkeiten, in die Sie kommen, wenn Sie von dem großen, wichtigen, einfachen Princip des Einheitssatzes abgehen. An diesem Princip müssen wir festhalten; wir können eine colossale Verwaltung, wie Post und Telegraphie es heute ist, und welche diese Masse von Verkehr zu bewältigen und zahllose Schwierigkeiten zu überwinden hat, nur mit den einfachsten Mitteln halten und regeln, wie ja auch die Natur mit einfachen Gesetzen arbeitet." Schon am Tage zuvor hatte er diesen idealen Stand- punkt demselben Abgeordneten gegenüber noch klarer ver- fochten: "Nun sagt der Abgeordnete Dr. Baumbach, es wäre wahrhaft widersinnig, wenn man 10 Pfennige bezahlte für einen Kreuzband von hier nach Leipzig und ebenfalls im Weltpostverein, z. B. von hier nach China. Das ist keineswegs widersinnig; im Gegentheil, das ist das Jdeal, nach dem wir streben; wir hoffen, noch dahin zu kommen, daß wir den Weltpostsatz von 20 Pfennigen auf den internen von 10 Pfennigen zurückführen, so daß Alles ein Hirt und eine Heerde ist, so daß wir den gleichen Portosatz auf der ganzen Erde haben. Das ist nicht widersinnig – sondern im Gegentheil sehr tiessinnig." Wir sehen, daß Stephan mit voller Ueberzeugung und begeistert für sein Jdeal ein- tritt, und wenn er uns in diesem Falle zu sehr Kosmopolit

– 249 – erscheinen sollte, wenn wir meinen, er habe dies eine Mal sein Exempel falsch aufgestellt – nun, dann hat er eben menschlich geirrt. Jn keinem Falle aber beweist uns Stephans Stellungnahme zu dieser Angelegenheit, daß er, der mit so viel Energie seine Ansicht zu verfechten weiß, alt geworden, und daß ihm die Fähigkeit abhanden gekommen sei, sich in die Forderungen der Gegenwart hineinzudenken, wie man ihm so gern hätte beweisen wollen. Auf keinen Menschen paßt das Beiwort ,aw nach jeder Richtung hin so wenig, wie auf Stephan. Er hat sich seine geistige Beweglichkeit und Frische bis auf sein Sterbelager bewahrt, und daß er seinem Wesen durch alle Wandlungen der Zeit treu geblieben ist, daß er sich gegen beirrende Ein- flüsse von außen verschlossen hat, das ist nicht ein Zeichen von Schwäche und mangelnder Geisteselasticität, das ist Charakterkraft. Die Welt war daran gewöhnt, von Stephan in jedem Jahre irgend eine neue organisatorische Großthat auf dem Gebiete des Verkehrs zu erleben, und als er dann die Post und Telegraphic auf einen solchen Stand der Vollkommen- heit gebracht hatte, daß er mit dem besten Willen und der allerfrischesten Jugendkraft nicht Bedeutsames mehr hätte hinzu- fügen können, als er nicht wieder zerstören wollte, wo er erst aufgerichtet hatte, da vermißte man seine Thätigkeit im großen Stile und man meinte, wenn ein Mann, wie er, still zu sitzen vermöge, so muß er nothgedrungen alt geworden sein. Er saß aber keineswegs still, er baute im Kleinen aus, was er im Großen angelegt hatte – das ist eine Thätigkeit, die sich der Oeffentlichkeit entzieht. Daß Stephans geistige Elasticität in der That bis an sein Ende vorgehalten hat, das haben seine Gegner im Reichstage an den frischen,

– 250 – kräftigen Zungenstöszcii, die er auszutheilen wußte, recht oft zu erfahren Gelegenheit gehabt. Ein Mann, der so Vieles, so Großes, Unvergängliches der Welt geleistet hat, wie Stephan, hat vor allen Anderen Anspruch darauf, daß man an ihn glaubt, daß man mit Wohlwollen seinen Jdeen nachspürt, wo sie nicht sofort offen vor Jedermanns Augen liegen, und daß man seine Grundsätze achtet, selbst wenn man sie einmal nicht zu theilen vermag.

XII. Stephan als Baumeister. enn wir den vorigen Abschnitt mit dem Hinweis darauf abgeschlossen haben, daß Stephans Wirken sich eine scharfe Kritik der öffentlichen Meinung hat gefallen lassen müssen, so können wir dies im Hinblick auf den Gegenstand, den dies Capitel behandeln soll, noch viel mehr behaupten. Auf keinem Felde seiner umfangreichen Thätig- keit ist er so vielen und ungerechten Angriffen ausgesetzt gewesen, wie auf dem seiner Bauthätigkeit. Die ungeheure Ausdehnung, die der Postund Tele- graphenbetrieb in den letzten fünfundzwanzig Jahren annahm, stellte natürlich auch außergewöhnliche Ansprüche für seine Unterbringung an die Postverwaltung – Ansprüche, die um so fühlbarer waren, als sich die beim Amtsantritt Stephans vorhandenen Räumlichkeiten für Post und Tele- graphen-Dienstzwecke in jeder Hinsicht mehr als ungenügend erwiesen. Man hatte lange Zeit bei den schlechten wirtschaft- lichen Verhältnissen der Post ein energisches Sparsystem betreiben müssen, so daß weder die fiskalischen Grundstücke der Post eine Vermehrung erfahren hatten, noch die vor- handenen den Bedürfnissen des wachsenden Verkehrs an

– 252 – gepaßt worden waren, in den meisten Fällen behalf man sich mit gänzlich unzulänglichen gemietheten Räumen. In Berlin saßen, wie Stephan 1871 im Reichstage bemerkte, die Postbeamten "zwar noch nicht wie der Vogel auf dem Dache, aber doch nicht unter dem Dache". Noch trostloser waren die Zustände in den nach 1864, 1866 und 1870/71 neu hinzugetretenen Postverwaltungen; und als dann auf einmal nach den von Stephan eingeführten Berkehrserleichterungen, vornehmlich nach der Gründung des Weltpostvereins, der Verkehr riesenhaft anschwoll, das Eisen- bahnnetz sich rasch über das ganze Land ausdehnte und die Post zwang, ihren Betrieb in die Nähe der Bahnhöfe zu verlegen, und schließlich, als die Post mit der Telegraphie vereinigt wurde, da gestaltete sich das Bedürfniß nach Raum- erweiterung so dringend, daß es einfach ein Gebot der Noth- wendigkeit war, im ganzen Reiche eine umfassende Bauthätig- keit für die Zwecke der Post aufzunehmen. So erhielt, wie sich unter Stephan das innere Wesen des Postbetriebes voll- kommen umgestaltete, nach und nach auch die äußere Er- scheinung desselben ein durchaus neues, individuelles Ge- präge. Da es für eine ungestörte Handhabung des Post- dienstes und noch mehr für den Telegraphenund Fern- sprechbetrieb ungeheuer werthvoll ist, daß er nicht öfter ver- legt zu werden braucht, und daß die Räume eine bleibende zweckentsprechende Einrichtung erhalten, so ging Stephan von dem Grundsatze aus, da, wo es irgend angängig war, reichseigene Postgebäude aufführen zu lassen. Er fand bei seinem Amtsantritte nur 233 reichseigene Postgebäude vor, die übrigen 4408 Postanstalten waren in Privatgebäuden eingemiethet. Wenn man bedenkt, daß unter ihm die Zahl

– 253 – der Reichs-Postanstalten auf 28726. die der Reichs-Tele- graphenämter auf 13739 stieg, so kann man sich denken, welch' einen gewaltigen Umfang seine Thätigkeit auf bau- lichem Gebiete annehmen mußte, wenn er die Wohnungs- bedürfnisse so vieler Aemter den Anforderungen der Neuzeit entsprechend befriedigen wollte. Die Bewältigung dieser Riesenarbeit erheischte die Ein- setzung einer eigenen Baubehörde bei der Post. Sie wurde im Jahre 1875 ins Leben gerufen, nachdem bis dahin die Bauverwaltungen der verschiedenen Regierungen in den Bundesstaaten das Postbauwesen hatten mit versehen müssen. Anfänglich wurden neben dem Super-Revisor, der zugleich vortragender Rath beim General-Postamt war, und dem nöthigen Verwaltungsund Rechnungspersonal bei der Centralstelle, 13 Postbauräthe angestellt. Jnzwischen ist die Zahl derselben und der Postbauinspectoren zusammen auf 28 gestiegen, die sich auf die 41 Ober-Postdirections- bezirke des ganzen Reiches vertheilen. Bis zur Errichtung dieser Postbaubehörde war es Stephan nicht möglich gewesen, seine eigenen Jdeen bei der Aufführung von Postgebäuden voll zur Geltung zu bringen; jetzt war es ihm gestattet, persönlich einzuwirken, und wie Alles, was unter seiner Führung entstand, so trug auch die Postbaukunst – wir glauben von einer solchen sprechen zu dürfen – fortan das Gepräge feiner Persönlichkeit: das ernste, gereifte Wesen des Norddeutschen und die leichte, gefällige Form des gewandten Weltmannes – der praktische Sinn des Stolper Bürgersohnes und der ideale Flug des Genies, sie haben seinen Postgebäuden ihren charakteristischen Stempel aufgedrückt. Es war für seine Bauräthe nicht immer leicht, den

– 254 – Jntentionen ihres Chefs zu folgen, und es dauerte Jahre, che sie sich vollkommen in seine Jdeen hineingelebt hatten. Es war nichts Seltenes, daß ein Bauplan wieder und wieder geändert werden mußte, ehe er Gnade vor Stephans Augen fand. Nach einer sehr anschaulichen Schilderung, die ein Mitglied der Bauverwaltung gelegentlich der Ein- weihung des neuen Postgebäudes zu Mülhausen i. E. aus dem Allerheiligsten der Postbauwerkstatt giebt, ist Stephan an der Ausführung eines jeden Postbaues persönlich be- theiligt gewesen. "Er bereitet den Bau von langer Hand vor, er entscheidet über den Bauplatz und bestimmt den Stil des Gebäudes-, und wenn dann die Grundrißzeichnung die Genehmigung Sr. Excellenz erhalten hatte, dann begann für die Architekten erst recht eine schwierige Arbeit, denn "wie Michel Angelo in dem rohen Marmorblock bereits die Figur sah, die er bilden wollte, so daß er nur nöthig hatte, den sie umhüllenden Marmor abzuschlagen, so sieht Sr. Excellenz das vollendete Gebäude im Geiste vor sich, und wir haben nur nöthig, seine Gedanken zu bannen und auf das Papier zu bringen". Natürlich war das nicht "auf den ersten Hieb" möglich, und so ist z. B. die Straßen- fa^ade des neuen Ober-Postdirectionsgebäudes zu Straßburg dreimal umgearbeitet worden, ehe sie Stephans Zustimmung erlangte. Aber es war keineswegs pedantische Kleinigkeitskrämerei, eigensinniges Beharren auf einmal gefaßten Jdeen, was Stephan zu der scharfen Prüfung aller Baupläne veranlaßt hat, sondern vielmehr das Bestreben, die unter seiner Leitung aufgeführten Postgebäude nach jeder Richtung hin so voll- kommen wie möglich zu machen – und dazu gehörte nach seiner Auffassung, daß sie dem Princip der Nützlichkeit in

– 255 – umfassender Weise gerecht wurden, ohne darum das der Schönheit verleugnen zu dürfen. Stephan besaß ein fein ausgeprägtes Schönheitsgefühl, und diesem ist es zu verdanken, daß seine Postgebäude durch ihre stilgerechte, vornehme, eigenartige Erscheinung so über- aus vortheilhaft von dem kasernenartigen Aussehen anderer Staatsbauten: den Schulen, Gerichtsund Regierungs- gebäuden u. s. w., abstechen, und wenn diese Behörden in der letzten Zeit begonnen haben, das Aeußere ihrer Gebäude ebenfalls mehr dem Auge wohlgefällig zu gestalten, so ist das nicht zum geringen Theile dem vorbildlichen Vorgehen Stephans zu danken. Jn Fachkreisen ist dieses Vorgehen Stephans von An- fang an mit gerechtem Beifall verfolgt worden. Jm Jahre 1888 schrieb die deutsche Bauzeitung: "Wenn das Verständniß für die einem öffentlichen Gebäude ge- ziemende monumentale Würde, für seine Herstellung in echten Baustoffen und seine Ausstattung mit künstlerischem Schmucke heute bis nach Gegenden und in Kreise vor- gedrungen ist, wo man bis vor Kurzem noch keine Ahnung von derartigen Forderungen hatte – wenn ein namhafter Theil der Gebildeten unseres Volkes heute nicht mehr mit der alten Schablonen-Architektur zufrieden ist, sondern von einem Bauwerke, wie von jedem anderen Kunstwerke, in erster Linie ein lebensvolles, individuelles Gepräge verlangt, so hat zur Erzielung dieses Umschwunges das durch unsere neuen Postbauten gegebene Beispiel nicht wenig beigetragen. Schwerlich würde es ohne diese mächtige Unterstützung den Anstrengungen der Privat-Architekten geglückt sein, ihren künstlerischen Bestrebungen in so breiten Schichten Eingang zu verschaffen, und niemals – dies glauben wir sagen zu

– 256 – dürfen – hätte sich in der auf andere Gebiete gerichteten Bauthätigkeit des Staates ein so vollständiger Bruch mit den Ueberlieferungen einer ärmlichen und nüchternen Ver- gangenheit vollzogen, wenn das Vorbild der Postbauver- waltung nicht den Wetteifer der übrigen Baubehörden an- gestachelt hätte." Aber gerade diese Bestrebungen, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden, haben Stephan viele Angriffe aus nichtsachlichen Kreisen eingetragen, und er hat sich Jahr für Jahr gegen die erneuten Vorwürfe, er baue zu kostspielig, zu luxuriös, mit einem Worte: zu "schön", mit allen schneidigen Waffen seiner Beredtsamkeit im Reichstage ver- theidigen müssen. – Da Stephan bei der Ausstellung aller Baupläne persönlich betheiligt war, so hatte er auch im März 1881 die Vertretung derselben und der beantragten Baugelder im Reichstage allein übernommen. Allerdings wählte Stephan nur die besten Materialien zu seinen Bauten, aber sehen wir nicht alle Tage, daß Der, welcher gute Waaren für einen entsprechend hohen Preis ersteht, im Grunde viel billiger einkauft, als Der, der für wenig Geld minderwerthige Waaren anschafft? – und kann nicht die Post mit vollem Rechte verlangen, daß ein Theil der reichen Ãœberschüsse, die sie abwirft, für ihre Zwecke wieder verwendet wird? An alle Staatsbauten werden hohe Anforderungen in Bezug auf Dauerhaftigkeit gestellt, sie werden nicht für einen begrenzten Zeitraum errichtet, sondern man fetzt bei ihnen voraus, daß sie Jahrhunderte überstehen sollen, das aber kann der Baumeister nur dann erreichen, wenn er die besten, gediegensten Materialien, die allen Einflüssen der Witte- rung Stand zu halten vermögen, zu ihrer Herstellung wählt.

– 257 – Wie bei allen seinen Bestrebungen, hat Stephan auch bei seinen Postbauten diese Forderungen der Zukunft in weitgehender Weise berücksichtigt, und gerade in diesem Falle ist es sehr schwer, das rechte Maß dafür zu treffen, denn die Postgebäude stellen nicht allein wegen des ruhelosen Geschäftsgetriebes, das sie beherbergen, erhöhte Ansprüche an die Dauerhaftigkeit der Baumaterialien, sie verlangen auch, daß bei der Raumabmessung ein stetig wachsender Verkehr in Betracht gezogen und in hygienischer Beziehung sowohl Beamter wie Publikum in gleicher Weise berück- sichtigt wird. Das macht die Bauthätigkeit für die Post zu einer sehr complicirten. Es ist kein Zweifel darüber, daß Stephan diesen prak- tischen Anforderungen in vollendeter Weise gerecht geworden ist. Alle unsere neuen Posthäuser zeichnen sich durch helle, luftige, weite, mit einem Worte, gesunde Räume aus, die Schalterhallen sind gegen Zug geschützt, im Winter heizbar, kurzum, den Bedürfnissen der Beamten, wie des Publikums ist durchaus Rechnung getragen, und in dieser Hinsicht hat sich kein Tadel an Stephan herangewagt – man hielt ihm aber vor, er hätte das Alles mit geringeren Mitteln erreichen können. Aber haben diese öffentlichen Bauwerke neben der praktischen Brauchbarkeit nicht auch hohe ideale Aufgaben zu erfüllen? Eine Culturanstalt, wie die Post, muß die ethischen und moralischen Principien, die sie vertritt, auch äußerlich zum Ausdruck bringen, aber vor allen Dingen verlangt es die Machtstellung des neuen deutschen Reiches, daß seine öffentlichen Gebäude in würdiger Weise sein Ansehen dem Auslande gegenüber vertreten. Stephan ist einer der ersten Reichsbeamten gewesen, der sich dieser Aufgabe einer Reichs- 17

– 258 – behörde in baulicher Beziehung bewußt geworden ist. Für ihn waren die Reichspostbauten machtvolle Zeugen einer großen Zeit, die Denkmäler der Reichseinheit – und diese Bedeutung mußte sich auch in ihrem Aeußeren kund thun; nimmermehr aber kann das durch ein protzenhaftes Aus- sehen erreicht werden, das hat Stephan nicht einen Augen- blick vergessen. Jn der Postbauordnung heißt es: "Wirtschaftlichkeit kommt für die architektonische Gestaltung und Ausstattung wesentlich in Betracht. Eine wohlerdachte, stilgerechte und geschickt behandelte Gesammtgliederung der Bauwerke, ver- bunden mit einer gediegenen Ausbildung der Einzelform, ist für die Wirkung der Fahnden entscheidend. Hierauf ist höherer Werth zu legen, als auf eine über das ästhetische Bedürfniß hinausgehende und stilistisch willkürliche Anhäufung von Architekturmotiven. Die architektonische Würde eines öffentlichen Bauwerkes wird ferner nicht bedingt durch die Fülle ornamentalen und bildnerischen Beiwerks; bei An- ordnung dieses Beiwerks ist daher ein sparsames Maßhalten am Platze." Diese Bestimmung ist leitend gewesen bei der Ausstellung der Baupläne für die Post. Wir finden selbst in den vornehmsten Postpalästen keine einzige überladene Fa^ade; was allein den Eindruck der Kostbarkeit hervor- bringt, das sind eben die zur Verwendung gekommenen echten Materialien, und das ist ein Aufwand, den die Zeit reichlich bezahlt macht. Es ist allerdings selbstverständlich, daß eine harmonische Durchführung manches Architekturstiles nicht jedes künstle- rischen Schmuckes entbehren kann, aber gehört nicht eben ein solcher zu einer würdigen Repräsentation, und darf die deutsche Kunst und das deutsche Kunstgewerbe nicht An

– 259 – spruch darauf erheben, daß vor allen Dingen der Staat sie fördert? Ein durchaus fachlich gehaltenes Urtheil, das sich be- sonders gegen die Behauptung, die Post baue zu luxuriös, richtet, fällt ein bedeutender Fachmann, der durch seine Publicationen auf dem Gebiete der Architektur rühmlichst bekannte Postbaurath Robert Neumann in Erfurt. Er sagt in Bezug auf die Bauthätigkeit der Post: "Jmmer hat vor- zugsweise nur das Bestreben obgewaltet, den Postbeamten gesunde, zweckmäßig eingerichtete Diensträume herzustellen, in denen sie ihre anstrengende, oft aufreibende, auch die Nächte in Anspruch nehmende Amtsthätigkeit ohne Nachtheile für ihre Gesundheit ausüben können. Die Wahrung der Würde des Reiches in seinen ihm zugedachten Bauwerken hat stets erst in zweiter Linie gestanden, und man hat ge- sucht, dieser Anforderung mit sehr mäßigen Mitteln gerecht zu werden. Es ist leicht ausgesprochen, daß monumentale Würde nicht durch reichen Schmuck, fondern durch edle Ver- hältnisse und durch die Anwendung guter Baustoffe in ein- fachen wirkungsvollen Formen genügend gewahrt werde. So viel Wahres an dieser Behauptung ist, so weiß doch auch jeder Architekt, daß mit diesen Mitteln allein zwar elegante und stolze, aber auch recht steif und langweilig aussehende Bauwerke hergestellt werden können, daß aber zu einer vollen befriedigenden Wirkung ein gewisses Maß von Schmuck, plastisch und malerisch, nicht entbehrt werden kann. Nach einigen Jahrzehnten bereits werden sehr viele der jetzt als luxuriös gescholtenen Postpaläste in ihrer reicheren Umgebung einfach und auch wohl dürftig genug aussehen." Es wird sich Niemand dem Eindrucke entziehen können, daß dies Urthcil durchaus objectiv gegeben ist, und daß cs 17*

– 260 – eine vollkommene Rechtfertigung der Stephan'schen Auffassung von den Aufgaben der Postbauthätigkeit bildet. Die Angriffe gegen dieselbe wurden denn von ihm auch immer glänzend zurückgeschlagen. "Zwar hat es nie," so schreibt die «Deutsche Bauzeitung" in dem Nachrufe, den sie Stephan widmet, "an blöden und kleinlichen Geistern gefehlt, welche gegen den angeblichen ,LuxM der sogenannten ,Postpaläste" sich ereifert haben, und auch heute noch werden Stimmen laut, welche meinen, daß den dafür aufgewandten Mitteln eine nützlichere Verwendung hätte gegeben werden können. Zum Glück kommen sie zu spät. Was durch den Kunstsinn Dr. v. Stephans auf baulichem Gebiete angeregt und ge- schaffen worden ist, steht als vollendetes Werk vor Aller Augen und wird seine Wirkung weiterhin äußern, auch wenn die Person dessen, von dem die Bewegung ausgegangen ist und der sie durch alle Fährlichkeiten und Hindernisse zu einem glücklichen Ziele geführt hat, nicht mehr unter den Lebenden weilt." Wenn nun auch, wie die "Deutsche Bauzeitung" ganz richtig bemerkt, noch heute einzelne tadelnde Stimmen nicht zur Ruhe kommen können, so ist man im Allgemeinen doch längst dahin gelangt, Stephans Verdienste um die heimische Architektur in vollem Maße anzuerkennen. Zu diesen Ver- diensten gehört nicht zum Mindesten seine im Jahre 1878 erlassene Verordnung, daß bei allen Postbauten dem in- ländischen Material gegenüber dem ausländischen von gleicher Güte der Vorzug gegeben werden sollte. Was diese Ver- ordnung besonders bemerkenswerth macht, ist die Thatsache, daß sie gerade in die Zeit des regsten Freihandels fiel. Es erscheint uns fast unglaublich, daß Stephan gerade wegen dieser Förderung des nationalen Wohlstandes den heftigsten

– 261 – Angriffen ausgesetzt gewesen ist; aber die Postbehörde war eben die erste, welche in diesem nationalen Sinne vorging, und gewisse Kreise mußten sich erst an die Bethätigung einer solchen wahren Vaterlandsliebe gewöhnen. Diese auf- reizenden Nörgeleien Einzelner konnten es indessen nicht hindern, daß Stephans Verfügung zum Schutze nationaler Arbeit von berufener Seite volle Würdigung fand. Die "Deutsche volkswirthschaftliche Correspondenz" bemerkt zu der Angelegenheit: "Der Mann des Weltverkehrs, dessen Namen bekannt ist, wo Menschen wohnen, dessen Verdienst in Millionen Kundgebungen über Land und Meere fährt, jagt und eilt und durch die Lüfte zuckt, er hat trotz seiner die ganze Welt umspannenden Thätigkcit sein liebes Vater- land nicht aus den Augen verloren. Die Noth der vater- ländischen Jndustrie ist auch an sein Ohr gedrungen und hat zu einer Maßnahme Veranlassung gegeben, die wenigstens in Deutschland nichts als Dank und Anerkennung finden sollte." Solche Zeichen einer gerechten Würdigung haben Stephan aufgemuntert, auf dem betretenen Wege ruhig weiter zu schreiten, der Kunst zur Ehre, dem Volkswohlstande znr Förderung, dem Handwerk zum Vorbilde. Treu diesem Princip hat er nicht nur einige besonders hervorragende Postbauten monumental ausgestattet, sein Streben nach künstlerischer Durchbildung der Bauanlage macht sich selbst in den kleinsten, bescheidensten Posthäusern, die er aufführen ließ, bemerkbar. Als Schreiber dieses nach längerer Abwesenheit in sein Heimathsstädtchen Schwiebus zurückkehrte, fiel ihm schon von Weitem ein Thürmchen auf, das neben dem compacten, würdigen Rathhausthurme und dem ernsten, schlanken

– 262 – Doppelthurm der Kirche gefällig und anmuthig über die Dächer der Häufer emporstieg. Dus war das Fernsprecher- thürmchen des soeben neu erbauten Posthauses, eine der letzten Heimstätten – vielleicht die letzte –, welche die Post ihrem großen Bauherrn Stephan verdankt. Nach verschiedenen Kämpfen erst war es ihm gelungen, die Bau- gclder vom Reichstage bewilligt zu erhalten, und seiner Ge- pflogenheit gemäß hatte er dann selber an Ort und Stelle die nöthigen Erhebungen für den Bau angestellt. Und wie dies Thürmchen die oberen Regionen ver- schönt, so bildet das in den einfach vornehmen Formen der deutschen Spätrenaissance gehaltene Haus, zu dem es gehört, eine Zierde der ganzen Stadt, wohlgefällig selbst dem Auge des einfachen Mannes. Als ein Vorbild künstlerischen Schaffens hebt es sich aus seiner schlichten alltäglichen Umgebung heraus, mahnend und ancifernd, auch in den Privatbauten ein gleiches Streben nach harmonischer Formen- schönheit walten zu lassen. Dieser erziehliche, veredelnde Einfluß, den unsere Post- Häuser der Provinzstädte auf die Geschmacksrichtung der Bewohner und vor allen Dingen auf den Kunstsinn der Bauleute und Professionisten unter ihnen ausüben, und die Förderung, die Handwerk und Kunsthandwerk dadurch er- halten, ist keineswegs zn unterschätzen. Der berufene Kunst- kritiker Lessing sagt darüber: "Jn Berlin macht sich ein derartiger Eindruck der Postbauten unter der Fülle der öffentlichen Gebäude nicht bemerkbar, aber wer in die Provinzen kommt, wer einmal Gelegenheit hat, durch Pommern oder Preußen hinter einander weg eine Reihe von größeren und kleineren Städten zu be- uchen, der wird sich dieses wahrhaft beherrschenden Eindruckes

– 263 – nicht erwehren. Wenn man in einer Provinzialstadt das Regierungsgebäude sucht, so fragt man sich durch drei, vier Straßen und findet irgendwo einen nüchternen, zweistöckigen Kasten mit schmaler Hausthür, engen Treppen, niedrigen und unfreundlichen Zimmern. Aber am Hauptplatze der Stadt, in hervorragender Lage, weithin strahlend in lustiger, der Umgebung liebevoll angepaßter Architektur, steht das Gebäude der Reichspost. Jenes Regierungsgebäude wirkt wie eine drückende Polizeiverordnung, der man sich mürrischen Sinnes zu entziehen sucht, dieses Postgebaude als Re- präsentation eines großen Staates, der freudig eintritt für die Bedürfnisse seiner Bewohner. – Was man hier Luxus nennt oder verschwendetes Geld, das ist Capitalsanlage in dem Besten und Unbezahlbarsten, was die Menschheit besitzt: eine Capitalsanlage für den Sinn der Gesetzlichkeit, der Ordnung, der Achtung vor der Behörde und den selbst- geschaffenen Einrichtungen. Wenn aus unseren Kreisen heraus der Ruf erschallt, daß man würdig und monumental bauen solle, so kommt uns nicht selten die Antwort zurück, die Staatsgelder seien nicht da, um beschäftigungslosen Architekten und Kunstgewerbetreibenden aufzuhelfen. Nein! so steht es nicht, meine Herren Nützlichkeitsapostel! Weit mehr, als die Kunst des Staates bedarf, bedarf der Staat der Kunst. Er bedarf ihrer, um zum Sinne der Bevölke- rung in weiten Kreisen zu sprechen, um nach außen hin würdig und hoheitsvoll dazustehen." Aber, wie wir oben schon bemerkten, so monumental und achtunggebietend die Posthäuser auch die Repräsentation des Reiches übernehmen, so wird das doch niemals mit ab- stoßender Absichtlichkeit geschehen, kein Postgebäude, und sei es noch so eigenartig in der Form, wird uns wie ein stolzer

– 264 – Pfau inmitten einer Heerde gewöhnlicher Hühner gegenüber- treten – nichts Prätentiöses haftet ihnen an, sondern gerade durch die vollendete Harmonie, mit der sich diese Reichsgebäude in ihre Umgebung hineinpassen, wirken sie so überzeugend, so machtvoll und so wohlthuend. Es zeigt uns das feine Kunstverständnis^ Stephans, daß er bei dem Errichten eines neuen Posthauses sorgsam den ganzen Charakter der Stadt, in der es stehen sollte: ihre historische Vergangenheit, ihre Lage, die Verkehrsverhältnisse und das Gepräge der übrigen hervorragenden Staatsund Privat- bauten in Erwägung gezogen und darnach die Bestimmungen für Stil und Ausführung getroffen hat. Daher kommt es auch, daß die noch so jungen Postgebäude sich selbst alten Städten so eng und natürlich wie organische Glieder ein- fügen und gewissermaßen eine Verkörperung des Localgeistes bilden. In der Verfolgung dieses Grundsatzes war es gar nicht möglich, daß die Postbauten ein schablonenmäßiges Aussehen annehmen konnten, wie z. B. unsere geschmacklosen rothen Gemeindeschulkafernen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen; im Gegentheil, sie erhielten einen Reich- thum der Form, eine Mannigfaltigkeit in den verwendeten Materialien, die wahrhaft unerschöpflich erscheinen und immer neue, reizvolle Wirkungen erzielen. Der oben erwähnte Baurath Robert Neumann stellt für die Postbauten im Allgemeinen folgende Regel auf: Post und Telegraphie seien die Dienerinnen vornehmlich des geistigen Verkehrs und des nie ruhenden fluthenden Lebens der Gegenwart, daher wähle man für die ihren Zwecken dienenden Gebäude flüssige, bewegliche, lebensvolle Formen, mit Ernst und Würde gepaart; Düsteres, Starres,

– 265 – Schweres, Ungefüges sei ebenso verbannt, wie Kleinliches, Zierliches, Spielendes. Mit Beherzigung dieser Grundvorschrift haben alle Stilrichtungen alter und neuer Zeit, die jemals in Deutsch- land zur Anwendung gekommen sind, unter Stephan ihre Auferstehung gefeiert: die klassische Form, der romanische Stil, Gothik und Renaissance mit ihren Spielarten sind unter den Posthäusern ebenso vertreten, wie Barockbauten, norddeutsche Backsteinhäuser und die Holzarchitektur nach thüringischer, fränkischer, schweizerischer Art. Während im Norden des Reiches, in den einstigen Pflegestätten der Gothik: Cöln, Münster, Braunschweig, Hildesheim, Stralsund, die Post mit bewundernswerthem Geschick die exclusive gothische Form den Zwecken ihrer Profanbauten anzupassen gewußt hat, zeigen die Posthäuser von Aachen, Halle, Soest, Goslar, Gelnhausen, Quedlin- burg u. s. w. den romanischen Stil in reizvoller Weise ins Moderne übertragen. Berlin, Breslau, Hamburg, Weimar, Glauchau, Bremen, Schwerin, Danzig, Cassel, Heidelberg (mit Anklängen an den herrlichen Schloßbau) haben reiche Renaissancebauten in verschiedenster Auffassung. Jn Sachsen haben die Dresdener Barockbauten vorbildlich für die Post- häuser gewirkt, norddeutsche Backsteinbauten sind in Lüne- burg, Allenstein. Brandenburg a. H., Memel, Rostock, Lübeck u. s. w. vertreten, und endlich in Gebirgsstädten, Badeorten u. s. w. hat man der ländlichen Umgebung ent- sprechend Holzbauten in graziösem Villenstil aufgeführt. So verschiedenartig alle diese Gebäude in Stil und Ausführung nun auch sind, die individuellen Ansprüche des Postbetriebes haben ihnen allen doch in einem gewissen Punkte eine Uebereinstimmung gegeben, den thurmartigen

– 266 – Aufbau, den die Einund Ausführung der Fernsprechleitungen erfordert – das charakteristische Merkmal der Postbauten. Jn dieser nothwendigen Zuthat lag bei der Massenproduction an Postbauten eine große Gefahr, in Schematismus zu verfallen. Die Postbaubehörde aber hat aus diesem vor- geschriebenen Baugliede gerade ein neues, wirksames archi- tectonisches Motiv herauszugestalten gewußt, indem sie ihm die verschiedensten Standorte und die verschiedenartigsten Formen: runde, quadratische, vielseitige, Kuppelund Pyra- midenform u. f. w., gab und zuweilen selbst die Jsolatoren (wie z. B. am Posthause in Goslar) als eigenartiges Orna- ment verwandte. Wenn man also von einem Postbaustil spricht, so be- zieht sich das eben auf das charakteristische Merkmal, das ein solcher, Fernsprechzwecken dienender Aufbau den Post- häusern gemeinsam gegeben hat; daß von einem Postbau- schema, welches unter Stephan entstanden wäre, bei der Vielseitigkeit seiner Bauthätigkeit nicht die Rede sein kann, haben wir gesehen. So gewichtig und entscheidend sein Wort bei der Ausstellung der Baupläne für die Postgebäude auch war, niemals hat er der Jndividualität seiner Architekten eine Zwangsjacke angelegt; innerhalb der vorgeschriebenen Bedingungen für Stil, Größenverhältnisse und Kostenauf- wand ließ er sie frei schalten, wie ihr Talent es ihnen eingab. Die unter ihm beschäftigten Architekten, wie die Künstler und Kunsthandwerker heben diese Toleranz ihres Chefs, die uns am besten beweist, wie hoch Stephan von der Kunst dachte, und seine Bereitwilligkeit und Fähigkeit, auf ihre Jdeen einzugehen, ganz besonders rühmend hervor. Stephan hatte einen scharfen Blick für die Befähigung

– 267 – eines Künstlers, und wenn er das Genie in einem solchen entdeckt hatte, so zögerte, er nicht, ihm Beschäftigung und Förderung zu theil werden zu lassen, selbst wenn er die älteren Hoffnungen und Ansprüche anderer, weniger Be- fähigter damit durchkreuzen mußte. Autorität und Ansehen waren bei Stephan nicht maßgebend. Er liebte es, die Werkstätten der Bildhauer aufzusuchen, um sich die Modelle zu neuen Entwürfen oder die Fort' schritte an den Ausführungen bereits genehmigter anzusehen. Meistens gab er die Jdee zu einem Kunstwerke selber an, es dem Künstler überlassend, in welcher Form er sie zum Ausdruck bringen wollte, wenn sie nur den Gesetzen der Schönheit vollkommen entsprach und die Jdee klar erkennen ließ. Wir weisen hier nur auf die herrlichen, Post und und Telegraphie verkörpernden, idealen Frauengestalten von Kaffsack hin, die das Hauptpostgebäude zu Leipzig zieren, auf den bildnerischen Schmuck des Riesenposthauses zu Cöln, des schönen Renaissancebaues zu Schwerin, auf die ornamen- tale Ausschmückung des Ober-Postdirectionsgebäudes und vieler anderer Posthäuser Berlins, vor allen Dingen auf den neu erbauten Reichspostpalast in der Leipziger Straße. Aus dem von E. Wenck, einem jungen, ungewöhnlich begabten Bildhauer entworfenen und größtentheils auch ausgeführten Schmuck der Fayade heben wir besonders die Atlanten- gruppe, die das Ganze krönt, hervor. An der Ausführung des übrigen künstlerischen Beiwerks des Gebäudes sind außerdem noch Klimsch, Dammann, Begas, Riesch, Pohl- mann und Janensch betheiligt. Auch sonst hat Stephan der Bildhauerkunst sein regstes Jnteresse zugewandt. So war er bei seinen Studien der Alten auf eine Stelle im Pausanias aufmerksam geworden, welche einer Basis der

– 268 – Bildsäule des unter dem Namen "Ausschreiters von Asien" bekannten Botcnläufers Alexanders des Großen, Philonides, erwähnt und er wußte seinen Freund Professor Curtius zu bestimmen, daß er seine Nachforschungen darauf lenkte, die denn auch wirklich von Erfolg gekrönt waren. Ein Abguß von der gefundenen Basis befindet sich im Post- museum. Stephan selber ist wiederholt modellirt worden: in früheren Jahren von Professor Begas; die in Marmor ausgeführte Büste befindet sich im Posthause zu Cöln; ein Medaillonbildniß Stephans ziert das neue Postgebäude zu Basel; von einer anderen Büste, erst im vorigen Jahre bei einem Aufenthalte Stephans auf Sylt von Hugo Berwald- Schwerin modellirt, ist ein Abguß im Postgebäude zu Schwerin aufgestellt und endlich ziert eine Büste Stephans von Cerigioli das Reichspostgebäude in der Oranienburgerstraße. Bei den von uns oben erwähnten Atelierbesuchen ver- kehrte Stephan durchaus zwanglos in heiter - gemüthlicher Weise mit den Künstlern; dann und wann brachte er auch seine Familie mit, damit sie an dem Schaffen der Künstler theilnehme. Stephan hatte sich einige Jahre nach dem Tode feiner ersten Gemahlin mit der Tochter des Ober-Postdirectors, Geheimen Postrathes Balde, einer feinsinnigen liebens- würdigen Dame, zum zweiten Male verheirathet. Aus dieser Ehe leben drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter, von denen die ältere mit dem Hauptmann v. Napolski, Batterie-Chef im 2. Garde-Feld-Artillerie-Regiment, ver- heirathet ist. Seine Kinder ließ Stephan fleißig Kunst- studicn treiben, und er bedauerte oft und lebhaft, daß er nicht selber in der Ausübung der Künste erfahren sei, ja.

– 269 – noch in seinem Alter ist er mit dem Gedanken umgegangen, das Modelliren zu erlernen. Vielleicht hätte der vielseitig begabte Mann auch in der Kunst Bedeutendes zu leisten vermocht, aber – so ungern er selber auf eine künstlerische Bethätigung verzichtete, wir können nicht bedauern, daß seine Zeit dafür nicht ausreichte; ein Stephan würde sich nicht mit einer dilettantenmäßigen Ausübung der Kunst begnügt haben, und tüchtige Künstler haben wir, Gott sei Dank – aber nur einen Stephan. So ist Stephan allezeit ein verständnißvoller, regsamer Förderer der Kunst gewesen. Er hatte eine aufrichtige Herzensfreude an ihren Schöpfungen, und seine Wohnung im Reichspostamt in der Leipziger Straße ziert manch' kost- bares Kunstwerk. Sein guter Genius hat es gefügt, daß auch diese feine Bestrebung zur Hebung der heimischen Künste den un- getheilten Beifall und die thatkräftigste Unterstützung seiner kaiserlichen Herren fand. Kaiser Wilhelm der Große, sowie ganz besonders sein kunstliebender Enkel Wilhelm II. brachten der Bauthätigkeit Stephans ihr volles Jnteresse entgegen, und auf den Bauplänen der Posthäuser, die Kaiser Wilhelm alle einer eingehenden Prüfung unterwirft, befinden sich sehr häufig Bemerkungen von seiner Hand, die seinen Beifall, irgend eine treffende kritische Bemerkung, öfter auch einen Vorschlag für die künstlerische Ausführung eines Details enthalten. Ganz besonderen Werth maß der Kaiser den Be- strebungen Stephans bei, die Postbauten dem Rahmen der Städte harmonisch einzufügen. Wir müssen uns leider versagen, näher auf einzelne hervorragende Postgebäude einzugehen, verweisen aber Die- jenigen, welche sich für diese Seite der Wirksamkeit Stephans

– 270 – besonders interessiren sollten, auf die Modelle der Posthäuser, die im Postmuseum ihre Ausstellung gefunden haben. Erst wenn man diese wohlgelungenen, naturgetreuen Abbilder der Postbauten gesehen hat, wird man sich eine rechte Vorstellung von dem Umfange der Postbauthätigkeit unter Stephan und dem Streben nach Kunstvollendung, das in ihr gewaltet hat, machen können. Der Mann, den man den "Fürst der Praxis" nennt, war in der Kunst der Beschützer des Jdealen. Wir müssen noch einmal betonen: es ist Stephan nicht genug zu danken, daß er seine hohe, einflußreiche Stellung nicht dazu benutzt hat, die Kunst in die Uniform des Bureaukratismus zu zwingen. Die großen und weiten Gesichtspunkte, die für ihn im Verkehrsleben maßgebend gewesen sind, kennzeichnen auch feine Bauthätigkeit. Er hat es verstanden, dem an sich engen Gebiete des Postbauwesens, das durch ein bestimmtes, stets wiederkehrendes Schema von Forderungen noch mehr an einer freien Entfaltung gehemmt war, die weitesten Ziele zu stecken, indem er jede Aufgabe desselben individualisirend lösen ließ. Etwas von seinem Wesen, seinem Genie spricht aus seinen Schöpfungen vernehmlich zu uns. Als echte Denk- mäler der Zeit in die Zukunft hineinragend, sind sie zugleich ein Bild des Mannes, der sie erschaffen hat – und das ist ein genialer, charaktervoller Mensch. Nach einer Statistik aus dem Jahre 1894 waren bis zu dieser Zeit rund 280 reichseigene Postgebäude unter Stephan errichtet worden. Von den für diese Zwecke ver- brauchten ca. 115 Millionen Mark waren 105 Millionen aus den eigenen Mitteln der Postverwaltung gedeckt worden. Außerdem hatte die Postbehörde ca. 38 Millionen Mark als

– 271 – Beisteuer zu Bauten, welche Privatpersonen eigens für die Zwecke der Post aufführen ließen, verwendet. Zum Schlüsse dieses Abschnittes wollen wir noch eines anderen Wirkungskreises Stephans gedenken, weil er, wie auch sein Schaffen auf dein Gebiete der Architektur, gewisser- maßen außerhalb seiner eigentlichen Berufssphäre liegt, der Reichsdruckerei. Jm Jahre 1877 wurde die v. Decker'sche Geheime Ober-Hofbuchdruckerei vom Reich übernommen und dem General-Postmeisteramt unterstellt, da sie für die Post- und Telegraphenverwaltung ganz besonders viele Druckarbeiten angefertigt hatte. Neben dieser Reichsdruckerei bestand An- fangs noch die preußische Staatsdruckerei weiter, ohne mehr als ein kärgliches Leben fristen zu können, und so vereinigte man im Jahre 1879 die beiden Druckereien zu einer gemein- samen Anstalt, deren Oberleitung Stephan behielt. – Die Reichsdruckerei beschäftigt sich nicht allein mit der Herstellung der Postwerthzeichen, Werthpapiere, Banknoten:c. überhaupt nicht nur mit Druckarbeiten, sondern gerade ihre vorzüg- lichen Reproductionen von Kunstwerken in jeder Art des modernen Kunstdruckes haben sie im Jnund Auslande berühmt gemacht. Wenn Stephan an diesen Bestrebungen der Reichs- druckerei auch nicht persönlich betheiligt war, so kann man sich doch denken, daß ein Mann von seinem Schaffensdrange, seinem Schönheitsgefühl und seiner scharf ausgeprägten Jndividualität nicht ohne Einfluß auf die Entwickelung der Reichsdruckerei geblieben ist, daß vielmehr sein Streben nach künstlerischer Vollendung auch hier die Richtung angegeben hat. Die Reichsdruckerei hat sich unter ihm zu einem Kunst- iustitut ersten Ranges herausgebildet.

XIII, Die letzten litterarischen Schöpfungen. achdem wir uns mit dem officiellen Stephan – so können wir wohl sagen – beschäftigt haben, bereitet es uns einen ganz besonderen Genuß, ihm nun auch in die Stille seines Hauses folgen zu können, wo er die Uniform des Beamten und Staatsmannes abgeworfen hat und uns als Privatmann im bequemen Hausrock entgegentritt. Ein verhältnißmäßig schmaler Aufgang führt uns zu der Beletage des Reichspostamtes in der Leipziger Straße empor. Von dort aus gelangt man auf einer breiten Frei- treppe in das erste Stockwerk, in dem die Dienstwohnung des General-Postmeisters liegt. Eine weite lichte Halle, der würdige Vorraum für die Wohnung eines so hohen Staats- mannes, nimmt uns auf; wir durchschreiten ihn und das helle, geräumige Entr6e und treten beherzt in das Tusculum Stephans ein. Eine vornehme Gediegenheit, wohin das Auge blickt, ebenso weit entfernt von prätentiösem Luxus, wie von ge- schmacklos nüchterner Einfachheit. Eine Unzahl von seltenen und interessanten Gegenständen, die theils Stephan selber

273 – auf seinen Reisen erworben, theils von seinen zahlreichen Freunden und Verehrern geschenkt erhalten hat, giebt den Räumen die Eigenartigkeit und Kostbarkeit eines Museums. Der Mensch und seine Umgebung stehen in Wechsel- wirkung zu einander, und wenn dieser Mensch obenein eine so ausgeprägte Eigenart und eine so universelle Bedeutung hat, wie Stephan, so wird das seiner Umgebung natur- gemäß ein besonders charakteristisches Gepräge verleihen. Dem, der Stephans Wohnung durchwanderte, offen- barte sich sofort: hier wohnt ein außergewöhnlicher Mensch, ein Mann von Geist und Gemüth, der ein intensives Jnnen- leben führt, ohne sich darum den Forderungen der Außen- welt zu entziehen; ein Mensch, der ernste Arbeit und heiteren Lebensgenuß harmonisch zu vereinen weiß. Die vielen herrlichen Gemälde und Stiche erster Meister an den Wänden, die antiken Vasen und Schalen aus Aegypten, Griechenland und Etrurien, die zahlreichen großen und kleinen ethnographischen Merkwürdigkeiten, in Spanien, Jtalien, Ungarn, Rußland, Schweden gesammelt, sie zeugten von der Kunstliebe und dem Kunstverständniß ihres Be- sitzers, eine reichhaltige Bibliothek mit den besten Werken der hervorragenden Schriftsteller des Jnund Auslandes, der geräumige Schreibtisch, sie sprachen von eifrigen Studien und angestrengter Gedankenarbeit, eine kostbare Sammlung von Marmorschliffen und Krystallen, auf Reisen in aller Herren Länder erworben, ließen Stephans Jnteresse an geologischen Forschungen erkennen; ein Flügel bewies, daß der General-Postmeister seiner alten Liebe, Frau Musica, unentwegt treu geblieben war, und endlich zeigte ein ganzes Zimmer mit prachtvollen Jagdtrophäen, zahlreichen Hörnern und Geweihen, ausgestopften Vögeln, köstlichen Pelzen und 13

– 274 – eine bedeutende Gewehrsammlung seine Hingabe an das edle Waidwerk. Die Staatsräume mit ihrer correcten Vornehmheit vergegenwärtigten uns den hohen Würdenträger – die Excellenz; das Arbeitszimmer Stephans, in dem die Bücher, Schriftstücke :c. ohne eine Spur von pedantischer Regel- mäßigkeit umherlagen, wie der augenblickliche Gebrauch es mit sich gebracht hatte, zeichneten uns den Mann von Genie und Geist. Manch' kostbares Andenken befand sich in Stephans Besitz, das ihm in Anerkennung seiner Verdienste um den Verkehr der ganzen Welt von den Souverainen aller Länder verehrt worden war, außer den zahlreichen Orden, mit denen sie ihn ausgezeichnet hatten. Von den drei kaiserlichen Herren, denen zu dienen ihm vergönnt gewesen ist, stammten kostbare Büsten, von Künstlerhand modellirt, Kaiser Wilhelm II. hatte ihm außerdem zu seinem 6V. Geburts- tage sein Portrait in einem künstlerisch ausgeführten Rahmen von durchbrochner, mit Flachornamenten verzierter Bronze überreicht. Die Ecken des Rahmens schmücken die Reichsadler, die Mitte der oberen Seite krönt ein W in blauer Emaille. Was aber das Bild besonders werthvoll macht, ist die eigenhändige Unterschrift des Kaisers, das zum geflügelten Wort gewordene: "Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Ver- kehrs; er durchbricht die Schranken, welche die Völker trennen, und knüpft zwischen den Nationen neue Beziehungen an." Ein Schatz, den Stephan besonders liebte, war seine kostbare Büchersammlung, zu der er im Lause der Jahre den bescheidenen, aus dem Stolper Sortimenterladen stammen- den Grundstock erweitert hatte. Die alten Klassiker, seine ver

– 275 – trauten Freunde, nahmen einen hervorragenden Platz ein, so daß sie jederzeit rasch zur Hand waren. Unter ihnen besonders Horaz, der Lieblingsdichter Stephans, den er zum größten Theil auswendig wußte. Stephan war ein gründ- licher Horaz-Kenner; Citate aus seinen Schriften standen ihm jederzeit zur Verfügung, und er liebte es, mit ihnen seine Rede zu würzen. Der Horaz war ihm gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen; man konnte sich nicht besser bei ihm einführen, als durch ein Wort aus seinem Lieb- lingsdichter. Er hatte denn auch mit gleichgestimmten Seelen einen Horaz-Club gegründet, den er allwöchentlich einmal zu, gemüthlichem Zusammensein bei sich versammelte. Aber Stephan erfreute sich nicht nur an der Lyrik Anderer, er hat sich auch selber nicht ohne Glück in ihr versucht. Daß Stephan entschiedene lyrische Begabung besaß, das zeigen die schönen, wahrhaft poetischen Natur- schilderungen in seinen Rcisebeschreibungen; überhaupt war es vornehmlich die fein ganzes Wesen durchdringende Liebe zur Natur, die ihn zu poetischem Schaffen anregte. – Aber diese Zeugen weihevoller Stimmungen hielt Stephan vor der großen Welt verborgen, nur die ihm am nächsten stehenden Freunde durften sich an ihnen erfreuen. So hat er auch seine "lyrischen Reiseberichte", die sich durch den Wohllaut der Sprache und die Schönheit poetischer Bilder ganz besonders auszeichnen sollen, nur als Hand- schrift für einen kleinen Kreis von Freunden drucken lassen; wir bedauern, daß es uns nicht vergönnt ist, unsern Lesern einige Proben davon zu bringen. – Oft hat ihn auch seine Freude an der Jagd zu einem frischen, fröhlichen Waid- mannslicd begeistert. Am häufigsten jedoch fand er Veranlassung, den 18*

Pegasus im Dienste bestimmter Gelegenheiten zu tummeln. Wie er stets schlagfertig in seiner Rede war, so impro- visirtc er auch rasch und leicht Gedichte. Freilich darf man diese Gclcgenheitserzeugnisse nicht mit hohem Maßstab messen – gar oft mögen sie ihm ganz unfreiwillig als Antwort auf erhaltene Andichtungen von Verehrern: aus fröhlicher Stammtischrunde, von schönen Aussichtspunkten, von postalischen Festlichkeiten, aus der Mitte von Ver- sammlungen und Vereinen u. s. w. u. s. w., erpreßt worden sein. Es waren eben schlecht und recht Gelegenheitsgedichte, die keinen Anspruch auf Formvollendung erhoben, aber sie zeichneten sich durch ihren treffenden Jnhalt aus und durch die witzige Art, mit der Stephan passende Anspielungen geschickt in sie hineinzuflechten wußte. Außer der umfangreichen Sammlung schönwissen- schaftlicher Erzeugnisse alter und neuer Zeit waren, wie man das von einem so schwärmerischen Naturfreunde er- warten kann, besonders reich die Naturwissenschaften in seiner Bücherei vertreten, denn Stephan interessirte sich sowohl für Geologie mit ihren Zweigen, für Astronomie, Mathematik, als auch für Botanik, Ornithologie, Jchthyo- logie u. s. w., kurz, für alles, was die Natur hervorbringt. "Unter dem Zeichen des Verkehrs" liefert ein treffendes Beispiel für die Vielseitigkeit seiner naturwissenschaftlichen Jnteressen, indem es von einer botanischen Skizze Stephans, die Flora Misdroys behandelnd, berichtet. Stephan hat sie während seines Aufenthaltes in diesem Seebade im Jahre 1875 verfaßt. Das Buch bemerkt dazu: "Diese Skizze ist – wir müssen sagen – leider – nicht ver- öffentlicht worden, denn sie ist ein kleines Meisterstück in ihrer Art und würde sehr vielen Freunden der Natur und

– 277 – einer ebenso anmuthigen, wie gedankenreichen Darstellung Freude und Genuß bereitet haben," So lag Stephan mit Eifer naturwissenschaftlichen Studien in seinen Mußestunden ob. Allerdings gab es dieser Mußestunden nicht allzu viele für den mit einer Last von Geschäften überhäuften Mann. Um seine Zeit er- giebiger zu machen, begann er seinen Tag sehr zeitig. Ob Winter oder Sommer, Stephan saß bereits in früher Morgen- stunde hinter seinem Schreibtisch, der schon durch seine Dimensionen verrieth, daß er das Feld einer ausgedehnten Thätigkeit war, und handhabte emsig den Gänsekiel, dem Stephan sein Leben lang treu geblieben ist, oder den großen Bismarckbleistift. Hier verbrachte er, mit einer kurzen Unter- brechung von 9–11 Uhr am Vormittag, eine Zeit, die Audienzen und den Vorträgen seiner Räthe gewidmet war, einen großen Theil des Tages, wenn ihn nicht Reisen oder Repräsentationspflichten fern hielten. Der Niesenumfang seiner Obliegenheiten gestattete ihm nach der Uebernahme des General-Postmeisteramtes nicht mehr, seine Freude an schriftstellerischem Schaffen durch Abfassung großer Werke zu bethätigen; indessen hat er bis zu seinem Tode nicht aufgehört, auch auf diesem Gebiete productiv zu sein. Wir können es nur mit Genugthuung begrüßen, daß diese Bestrebungen Stephans auf geistigem Gebiete eine all- gemeine Anerkennung und eine außergewöhnliche Ehrung fanden, indem die Universität Halle ihm am 30. October 1873 die Doctorwürde Konori« eauLg. verlieh. Jn dem bezüglichen Schreiben heißt es: "Euer Hochwohlgeboren ge- stattet sich die philosophische Facultät hiesiger Universität in freudiger Anerkennung der hohen Verdienste, die Sic

– 278 – sich im weiten Gebiet Jhrer den öffentlichen, wie den geistigen Berkehr über die Grenzen des Vaterlandes hinaus fördern- den Verwaltung erworben haben und fortdauernd erwerben, sowie der freien, von Jhnen in geistvollen Schriften dar- gelegten Bildung ein Ehrendiplom ihrer Doctorwürde als Zeichen großer Verehrung darzubringen." Diese Ehrung Stephans steht nicht vereinzelt da. Weit über die Grenzen des Reiches hinaus brachte man nicht allein Stephan, dem "Bismarck des Verkehrs", sondern auch Stephan, dem Schriftsteller nnd Menschen, aufrichtige Sym- pathien entgegen, und im Laufe der Jahre häufte sich eine solche Anzahl von Ehrungen auf sein Haupt, wie selbst ein Mann in seiner hervorragenden Stellung sie nur selten aufzuweisen hat. Eine Anzahl von kleinen und großen Städten des deutschen Reiches, wie: Stolp, Cöln, Bremer- haven, Schwerin, machten ihn zum Ehrenbürger; viele Vereine: die rumänische geographische Gesellschaft,^ die mexikanische Gesellschaft für Geographie und Statistik von 1839, die öocieäacl du 6e«Aratiil v L«wäi8tica zu Madrid, der Vogesenclub und verschiedene andere ernannten Dr. Heinrich v. Stephan zum Ehrenmitglied. Die beiden Kaiser Wilhelm haben ihm viele Zeichen ihrer Huld gegeben, deren wir schon gelegentlich Erwähnung gethan haben. Jm Jahre 1890 fügte Wilhelm II. ihnen noch eine ganz besondere An- erkennung bei, indem er Stephan eine Domherrnstelle des Domstiftcs zu Merseburg verlieh. Das bezügliche Hand- schreiben des Kaisers lautet: "Jn Anerkennung Jhrer lang- jährigen, dem Vaterlands wie Meinem Hause geleisteten ausgezeichneten Dienste und in Würdigung der ersprießlichen Thätigkeit, die Sie in Ihrer hervorragenden Stellung mit unermüdlichem Pflichteifer entwickeln, will ich Jhnen unter

– 279 – Entbindung von der auf Grund der Ordre vom 16. No- vember 1864 vorgeschriebenen Bedingung der adeligen Ge- burt eine Domherrnstelle bei dem Domstifte in Merseburg hiermit verleihen. Sie werden vom 1. November dieses Jahres ab in den Genuß der betreffenden Stiftskompetenzen treten und haben im Ucbrigen die weiteren Anordnungen des Ministers des Innern zu erwarten. Gravenstein, den 7. September 1890. Wilhelm K." Kurz vor seinem Tode ging Stephan noch ein erneuter Gnadenbeweis Kaiser Wilhelms zu, indem derselbe ihn an seinem Geburtstage am 27. Januar 1895 mit dem Range eines Staatsministers bekleidete – ein Rang, den Stephan allerdings schon im Jahre 1878 hätte einnehmen können, wenn er nach dem Wunsche Bismarcks an die Spitze des Finanzministeriums, das ihm dieser angetragen hatte, ge- treten wäre. Bei der Verleihung der Doctorwürde der Halleschen Universität hatte die Veröffentlichung von Stephans Werk: "Das heutige Aegypten" ein ausschlaggebendes Wort mit- gesprochen. Mit diesem Werke schließt die Reihe der großen litterarischen Publikationen Stephans ab; von da an hat er nur noch kürzere, allerdings sehr beachtenswerthe, zum Theil vorzügliche Erzeugnisse seines Geistes der Oeffentlich- keit übergeben. Wissenschaftliche Vorträge, zu denen man ihn drängte, die vielen Reden, die er im Reichstage, bei den Einweihungen großer Posthäuser, auf Postcongressen, auf Vereins- und Privatfestlichkeiten zu halten genöthigt war, Abhandlungen der verschiedensten Themata u. s, w. gaben ihm häufig will- kommene Veranlassung, seine Gedanken in mustergültiger

– 280 – Form zum Ausdruck zu bringen, und glücklicher Weise sind uns viele dieser, oft nur dem Augenblick ihre Entstehung verdankenden Früchte seines Geistes erhalten geblieben. Stephan beherrschte die Sprache meisterhaft; selbst seine rein postalischen Erlasse tragen den Charakter der voll- endeten Form. Knappe und treffende Kürze kennzeichnen seinen amtlichen Stil. Wir werden uns erinnern, daß er den Zopf der alten Schreibmanier recht herzhaft beschnitt. Die unter seiner Leitung umgearbeiteten Dienstanweisungen sind Muster klarer, fachlicher Verordnungen. Jm Jahre 1878 erschien "das Reichspostgebiet", ein topographisch-statistisches Wörterbuch, dessen Herausgabe er veranlaßt und geleitet hat. Das Stephan'sche Werk besitzt eine Reichhaltigkeit und Gründlichkeit wie kein anderes, selbst das bekannte Ritter'sche steht ihm keineswegs gleich. Wenn nun auch Stephan die Ausdehnung der Post bis auf die kleinsten Orte die Möglichkeit gab, ein umfassendes und genaues Material zu erlangen, indem er bezügliche Fragebogen an alle Postämter des Reiches zur Beant- wortung sandte, so ist die praktische, übersichtliche Anordnung und die Genauigkeit des Werkes doch Stephans Beein- flussung zuzuschreiben. Mit der Gelehrtenund Künftlerwelt ist Stephan sein ganzes Leben hindurch eng vereinigt gewesen; war ein per- sönlicher Verkehr unmöglich, so mußte der Briefwechsel dafür eintreten. Wie dieser Briefwechsel auch die entlegensten Gebiete des Wissens und Schaffens in seinen Bereich zog, davon weiß "Unter dem Zeichen des Verkehrs" ein inter- essantes Beispiel zu geben, indem es berichtet, wie Stephan mit Mathematikern von Beruf sich brieflich über die "kleine Speyrer Basis" für Triangulation unterhält, wobei Stephan

– 281 u, A. schreibt: "Zwar habe ich den Einzelheiten der analy- tischen Entwickelung nicht mehr zu folgen vermocht, weil mir in diesem "Wustund Moderleben" zu viel Mathematik abhanden gekommen ist, und für die politische Arena meine angewandte Mathematik hauptsächlich in dem Satze bestand "(jus res ounc^us oadunt, sempör stat, liriss, rects,," aber meine Kenntnisse in der Physik sind noch frisch genug, so daß ich wenigstens den Ergebnissen habe folgen können." Wenn es Stephans Stellung ohnehin mit sich brachte, daß er einen ausgedehnten Briefwechsel mit der ganzen Welt zu führen gezwungen war, so haben diese seine vielseitigen wissenschaftlichen Jnteressen, überhaupt die Beweglichkeit feines Geistes, dazu feine Freude an geselligem Verkehr und die Treue, mit der er einmal geschlossenen freundschaftlichen Ver- bindungen anhing, feinem Briefwechsel eine ungeheure Reich- haltigkeit und einen staunenerregenden Umfang gegeben. Da sich die Post auf alle Schichten der Bevölkerung und bis auf die internsten Familienangelegenheiten erstreckt und Stephan außerdem stets bereit war, rathend und helfend einzuspringen, wo man seine Theilnahme erbat, so sind be- sonders reich und in bunter Mannigfaltigkeit die Briefe intimer Natur: Dankund Bittschreiben, Glückwünsche und Sympathie-Kundgebungen aller Art :c. in dem Briefwechsel Stephans vertreten, und dieses ist der beste Beweis für seine Popularität. Besonderes Jnteresse erregen natürlich die Briefe, die Stephan mit den leitenden Staatsmännern und sonstigen Be- rühmtheiten seiner Zeit gewechselt hat, ob sie nun officieller oder freundschaftlicher Natur sind. Stephans liebenswürdiges Wesen hat seinem anfänglich nur amtlichen Verkehr mit

2«o vielen dieser bedeutenden Leute sehr bald einen intimeren Charakter gegeben, und gerade die Briefe Stephans, die einen Ton gemüthvoller Herzlichkeit tragen, sind so über- aus anziehend. Er liebte es, sich zwanglos zu geben: so klingen seine vertraulichen Schreiben wie gemüthliche Plau- dereien von Mund zu Mund, Stephans Schrift trägt markige, große, entschlossene Züge, nur in den letzten Jahren seines Lebens erscheint sie weniger kräftig, hie und da etwas unsicher, ohne doch den Charakter der Energie einzubüßen. Es liegen Schätze in dem hinterlassenen Briefwechsel Stephans verborgen, die nicht zum mindesten für den Bio- graphen von höchstem Werth sind und hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit an das Licht der Oeffentlichkeit werden ge- hohen werden. Wie Stephan häufig zum Briefwechsel griff, um seine Ansichten in wissenschaftlichen Dingen zu vertreten, so liebte er es auch, seine reformatorischen und organisatorischen Be- strebungen, welcher Art sie auch waren, mit der Feder zu verfechten. Wir haben im Laufe unseres Buches wiederholt Proben aus dem Vortrage: "Weltpost und Luftschifffahrt" ge- bracht, mit dem sich Stephan, dazu aufgefordert, im Jahre 1874 an den Wintervorlesungen des Berliner wissenschaft- lichen Vereins betheiligte. Dieser Vortrag ist von so klassi- scher Vollendung der Form, so edler Sprache, solchem Reich- thum schöner, treffender Bilder, daß wir es lebhaft bedauern, ihn nicht in seinem ganzen Wortlaut dem Leser wiedergeben zu dürfen. Erfreulicher Weise ist er auf vielseitigen Wunsch im Druck erschienen. Wir müssen uns hier auf eine kurze Inhaltsangabe beschränken.

– 2L3 – Nachdem Stephan die allgemeine Bedeutung der Post dahin charakterisirt hat, daß wohl jeder Bürger des neunzehnten Jahrhunderts unter dem Eindruck stehe: hier wird Deine Sache behandelt, wenn eine Verkehrsanstalt besprochen werde, giebt er Details über den Postverkehr der deutschen Haupt- stadt und des deutschen Reiches überhaupt. Bei uns habe man schon seit dem großen Kurfürsten den Werth der Post richtig erkannt und ihre Ausbildung gefördert, und das sei durchaus gerechtfertigt, denn die Post sei nicht allein das "Kraftelement des Staates", sie diene auch, und zwar vor- wiegend, den Interessen der Gesellschaft und Familie. Man wird sich erinnern, wie wunderbar poetisch Stephan das "tiefe Eingreifen der Post in das Wohl und Wehe des Einzelnen" schildert. Er fährt fort, daß sich vor allen Dingen die deutsche Frau an dieser Familien-Korrespondenz betheilige und nicht zum mindesten die Bräute – "wie sich's gebührt". – "Ein Correspondenz-Strike der Frauen würde jedenfalls den Ruin der Postkasse herbeiführen!" Dann geht er zu den Leistungen der Feldpost über: "Wenn die Armee zum Vaterlande durch das weltgeschicht- liche Echo ihrer Siege sprach, so sprach der einzelne Krieger mit den Seinen in der Heimath und diese mit ihm durch die Stimme der Feldpost." Bei dem Ricsenverkehr, den die Post zu bewältigen habe, und von dem er ein übersichtliches Bild giebt, fei es von ungeheurer Wichtigkeit, daß der Mecha- nismus derselben exact functionire; sowie etwas nicht klappe, regne es Beschwerden, von denen indessen mehr als die Hälfte auf das Publikum zurückfallen: "Wie manchen Brief hat die Post schon verloren, der nie geschrieben worden ist!" Ein Ueberblick über die Verkehrsverhältnisse des ganzen Erd- balls und ein Hinweis auf den in der Gründung begriffenen

– 284 – Weltpostverein schließt diesen Abschnitt mit den schon einmal citirten herrlichen Worten: "So bewegt sich der Verkehr einem Sturmwinde gleich um die ganze Erde" :c. Jm Verfolg des Vortrags giebt Stephan eine Schilde- rung der Entwickelung der Verkehrsmittel von dem "Proto- plasma der Fuhrwerke", dem gegabelten Baumstamm, der zum Fortschaffen von Holz und Gras benutzt wurde, und von der ersten Heranziehung des Pferdes als Zugthier an bis zur Verwendung des Wagens im Dienste der Post, womit die eigentliche Romantik des Reifens begann. Wie schön reiste es sich mit den alten Postwagen, wenn das auch für ein so ernstes linternehmen galt, daß man sich mit unterschiedlichen Arzneimitteln versah, besondere Gebete mit der Versicherung, daß man nicht aus "Leichtfertigkeit, Für- witz oder Geiz" auf die Reise gehe, verrichtete und sich ganz besonders dem Schutze der Heiligen empfahl vor "Räubern, ungeschlachtenen Wettern, schalckhafftigen Wirthen, anfallenden Seuchen, Verzauberung und unhöflichcn Post- meistern" – ja, wenn selbst die zwei Postpferde zusammen nur drei Augen hatten, romantisch war das Reisen doch, bis mit der Erscheinung der Eisenbahn und der Einrichtung der Massenreisen die "Jndividualität des Reifens und mit ihr ein schätzbares Stück Freiheit" aufgehört habe. "Jetzt reist man eigentlich nicht, sondern man wird gereist, fast gleich einem Waarenballen." Stephan wirft nun die Frage auf, ob sich die Vor- züge der heutigen Fortbewegungssorm nicht auch ohne die Schattenseiten derselben erreichen lassen. Das Dampsschiff sei schon ein Beweis dafür, aber es gäbe nicht überall schiffbares Wasser, indessen sei der ganze Erdball mit schiff- barer Luft umgeben. Ist es möglich, so fragt er, daß der

– 285 – Schöpfer nicht weitreichende Zwecke mit diesem großen Luft- ocean verbunden haben sollte? Es zieht unsere Seele mit unwiderstehlicher Sehnsucht zu dem unendlichen Luftraum; so "finden sich seit den ältesten Zeiten Spuren davon, daß der menschliche Geist sich mit der Fortbewegung der Körper in der Luft beschäftigte". Von der Taubenpost geht Stephan zur Darstellung der geschichtlichen Entwickelung der Luftschiffahrt über. Wenn auch augenblicklich das Problem des lenkbaren Luft- schiffes noch nicht gelöst fei, so liege doch Berechtigung zu der Hoffnung vor, daß es einst feine Lösung finde, da es so viele hervorragende Geister beschäftige. "Die Würdigung der Zukunft hängt von der Erkenntniß der Vergangenheit ab. Prophezeien ist Wissen!" Mit den hoffnungsvollen Worten, daß unsere Kinder die schöne Erfüllung des Sehnens, sich frei ausschwingen zu können in den blauen Raum, erleben werden, schließt er den Vortrag. Der Orientalist Weber hat Stephan den "Postillon des Weltgeistes" genannt, wir möchten das verstärken und ihn als seinen "Apostel" bezeichnen. Wenn wir diesen Vortrag lesen – und man muß ihn lesen, um sich einen Begriff von seinem Reichthum und feiner Schönheit machen zu können –, so weht uns ein Hauch von der siegesgewissen Ueberzeugung eines zukunftssicheren Verkündigers entgegen. Als Stephan den Vortrag hielt, war noch nicht einmal die Erdenbahn frei für den Verkehr, und Stephans kühner Geist machte ihn darüber hinaus schon zum Beherrscher des lichten Aethers. Der Erfolg des Vortrags war ein großartiger. Nicht nur, daß er einen begeisterten Beifall errang, der Hinweis in ihm, das Luftschiff würde auch zu Postzwecken ver

– 286 – wendbar zu machen sein, was der Luftschifffahrt neue Bahnen verhieß, steigerte auf einmal das Jnteresse für dieselbe ge- waltig. Eine wahre Erfindungssucht, wie Stephan bemerkt, war plötzlich auf dem Gebiete der Aöronautik entfesselt. Ganze Stöße voll von Vorschlägen für die Verwendbarkeit des Luftballons gingen ihm zu, sie hatten aber natürlich alle keinen Werth, so lange die Lenkbarkeit des Luftschiffes nicht garantirt war. Später, im Jahre 1885, hat Stephan noch einmal zu demselben Gegenstande das Wort ergriffen in dem unter feiner Anleitung von O. Veredarius herausgegebenen Pracht- werk: "Das Buch von der Weltpost". Der Artikel: "Die Post im Reiche der Lüfte" stammt aus seiner Feder. Dieselbe sichere Zukunftshoffnung, in die sein Vortrag ausklingt, leitet den Artikel ein. "Die altersgraue Ver- gangenheit und die Zukunft des menschlichen Gedanken- verkehrs berühren sich im Aether, der unfern Erdball um- giebt. Wie nach der heiligen Sage die Kunde von der Wiederversöhnung des Weltenschöpfers durch die geflügelten Boten dem Menschen zukam, so wird das Luftmeer dereinst seine unermeßlichen Bahnen öffnen und unseren Nachkommen den ungehemmten Austausch ihrer Nachrichten gestatten. Schon ist der Taube mit dem Oelzweig die Taubenpost gefolgt, und im Gebiete der Luftschifffahrt beginnen Keime sich zu regen, die uns die Errichtung einer regelrechten Ballonpost nicht mehr als etwas durchaus Unmögliches er- scheinen lassen." Unwillkürlich drängt sich uns hier der Gedanke auf, welch' eine Hochfluth des Lebens, welch' ein Aussprühen von Thatkraft und Schaffensfreudigkeit würde es in dem "alten" Stephan hervorgebracht haben, wenn zu seinen Lebzeiten

– 287 – noch das Problem der Lenkbarkeit des Luftschiffes in einer Weise gelöst worden wäre, die seine Verwendbarkeit zu Verkehrszwecken ermöglicht hätte. Wie glänzend würde er dann durch die verblüffende Jugendlichkeit, mit welcher er als der Erste die neue Verkehrskraft in Dienst genommen hätte, den Vorwurf, er stehe still, zurückgewiesen' haben. Stephan als Organisator der Ballonpost, welch' eine Perspective! Er sah die Post im Reiche der Lüfte bereits im Geiste vor sich: "Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht mehr allzu fern, da auch das überall schiffbare, unbegrenzte Luftmeer von Post- fahrzeugen bevölkert fein wird", und: "Was uns allein noch von dem Glücke trennt, unsern weit vorgeschrittenen Verkehrsmitteln auch den ungehemmten Flug über Land und Meer hoch im reinen Aether zugesellt zu sehen, das ist die Lenkbarkeit des Luftschiffes". – Diesen Gedanken finden wir immer wieder in der Abhandlung ausgedrückt, in der er mit seiner klaren, eingehenden, interessanten Art sowohl die Taubenpost, als auch die Entwicklung der Luft- schifffahrt, die Ballonpost während der Belagerung von Paris 1870/71 und was sonst in dies Gebiet gehört, schildert. "Vergleicht man," so schließt er, "mit den jetzigen Versuchen der Luftschiffer die Vorgänge auf einem anderen Verkehrsgebiete, demjenigen der Telegraphie, die sich gleich- falls durch fast unüberwindliche Hindernisse hindurchzu- arbeiten hatte, bevor man die geheimnißvollen Naturkräfte zu willigen Dienern des menschlichen Verkehrs machen konnte, so ist der Schluß gewiß nicht ungerechtfertigt, daß die Menschheit in nicht zu ferner Zeit über ein neues hochwichtiges Werkzeug des Verkehrs zu gebieten, und daß die Hoffnung des hervorragendsten ALronauten Amerikas,

– 288 – John Wise, in Erfüllung gehen wird, wenn er sagt: ""Unsere Kinder werden nach jedem Theil der Erde reisen können, ohne die Belästigung von Dampf, Funken oder Seekrankheit und mit einer Schnelligkeit von zwanzig geographischen Meilen in der Stunde."" Wie die Weltpost schon jetzt ihren geistigen Flug über den Erdball genommen hat, so wird sie sicherlich als die Erste auf dem Platze sein, wenn es der Menschheit einmal vergönnt sein wird, dem Zugvogel gleich durch den unermeßlichen Acther frei dahinzuschweben von Zone zu Zone." Das klingt wie ein Prophetenwort! Für Stephan war die Ballonpost nur eine Frage der Zeit; vielleicht hatte er ihr schon im Geiste die Wege gewiesen, wie er den Flug der Weltpost über den Erdball geleitet hat und jetzt? 3i« transit Aloria luunäi! Einem Manne, dem das Studium des Verkehrs Lebens- zweck war, und der selber ein stark und individuell aus- geprägtes poetisches Empfinden besaß und selber seine Feder so oft in den Dienst des Verkehrs stellte, mußten natürlich die Auslassungen Anderer, die in irgend einer Weise Bezug auf das Wesen des Verkehrs hatten, auf das Lebhafteste interessiren. Stephan hat dies Jnteresse bewiesen, indem er im Jahre 1875 das "Poststammbuch, eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aussätzen und Schilderungen, gewidmet den Angehörigen und Freunden der Post", heraus- gegeben hat. Der Reinertrag des Buches, das bereits in mehreren Auflagen erschienen ist, ist der "Kaiser-Wilhelm- Stiftung" bestimmt. Mit viel Liebe und feinem poetischen Empfinden hat Stephan hier eine sorgsame Auswahl aus Allem getroffen, was in Poesie und Prosa in der ge- sammten Litteratur von der ältesten Zeit bis heute über

– 289 – die Post gesagt worden ist, was also gewissermaßen als "eine Widmung" an sie angesehen werden kann. Die "Posthornklänge" eröffnen das Buch. Frisch und fröhlich, aber auch zum Theil recht ernst und düster tönen sie in die Welt hinaus. Neben Goethes würdigem "Schwager Kronos" und Lenaus schwermüthigen Postillonen stößt der muntere "Postillon von Lonjumeau" und der kecke "kleine Postillon" mit noch vielen anderen Repräsentanten dieser großen Schwagerschaft einträchtig in das Horn. – Jn der Fortsetzung des ersten Theiles werden "Sprache, Schrift, Botschaften, Postwesen" zum Gegenstand poetischer Verherrlichung gemacht. Die zweite Abtheilung bringt Aussätze und Schilde- ungen in Prosa aus Alterthum, K) Mittelalter und «) Neuere Zeit – eine bunte Blumenlese von klassischen Citaten, eigenartigen gesetzgeberischen Vorschriften, kritischen Beurtheilungen und poesievollen Beschreibungen der Post. Mit einer seltenen Findigkeit weiß Stephan aus Herodot und Plinius, Moser und v. Beust, Saphir und G. Freytag, Börne und Lichtenberg, ja selbst aus der Bibel :c. :c. Stellen, welche mit der Post in Verbindung stehen, zu schöpfen. Sehr drollig, mit Sarkasmus gespickt, sind Börnes und Lichten- bergs Schilderungen von der Poesie des Reifens in den alten Postkutschen. Wahre Cabinetsstücke, ernst und gemüth- voll, sind Karl Stielers "Reisebilder". Von Stephan ist die überaus gelungene Beschreibung der Landkutschen und Haudererwagen im 15. und 16. Jahrhundert, "einer Gattung von Wesen, die dem Fortschritt, dem Alter und dem Unter- gang mit unverwüstlicher Ruhe, ja mit einem Anflug von Humor zu trotzen scheint". Wir haben ihrer bereits im "Verkehrsleben des Mittelalters" Erwähnung gethan. Eine 19

– 290 – arabische Briefausschrift aus Stephans: "Das heutige Aegypten" schließt die eigenartige Sammlung ab, von der Kaiser Wilhelm als Antwort auf ein ihm von Stephan zu seinem Geburtstage 1877 überreichtes Exemplar schreibt: "Jch kann nicht umhin, der dem Unternehmen zu Grunde liegenden Jdee meinen Beifall zu zollen, und erkenne in der Ausführung mit Vergnügen den poetischen Glanz wieder, den die Post sich bei allen Wandlungen im Fortschritt der Jahrhunderte zu wahren gewußt hat." An allen litterarischen Arbeiten Stephans, mögen sie nun fachwissenschaftlicher Natur oder freie Geistesschöpfungen sein, fesselt uns der Wohllaut der Sprache, welche es sorg- sam meidet, die uns so gewohnten, so unentbehrlich scheinen- den Fremdwörter zu gebrauchen, und die doch stets un- gezwungen und melodisch dahinfließt. Dadurch beweist sie am besten den Reichthum der deutschen Sprache, die es keineswegs nöthig hat, sich mit geborgten Flicken heraus- zuputzen. Diese Vermeidung der Fremdwörter ist bei einem Manne, dem so viele fremde Sprachen geläufig waren, be- sonders anzuerkennen und ein neuer Beweis dafür, daß Stephan urdeutsch von Empfinden geblieben war trotz seiner Fühlung mit allen Ländern der Erde. Gerade bei seinen Studien der fremden Sprachen hatte sich ihm die Erkenntniß aufgedrängt, daß andere Völker diesen tadelnswerthen Hang, fremde Brocken in ihre Rede zu mischen, nicht, oder doch lange nicht in dem Maße be- sitzen, wie wir Deutsche, wenn selbst ihre Sprache bei Weitem nicht so reich wäre, wie die unsere – warum also sollten seine Landsleute nicht mit ihrer Sprache allein vor- züglich auskommen können? Die Nothwendigkeit einer Reform erkennen und Schritte zu ihrer Ausführung thun, deckte

– 291 – sich bei Stephan. Und so unternahm der große Reformator des Postwesens auch eine Reform der deutschen Sprache, soweit seine Machtsphäre reichte. Er traf die Maßregel, daß alle im Postdienst gebrauchten Fremdwörter, wo es irgend anging, durch deutsche ersetzt werden sollten – und deren gab es eine beträchtliche Zahl. Früher ließ man nicht einen Brief gegen Rückschein einschreiben, sondern man schickte ihn recommandirt gegen Retourrecipisse, man ver- sandte keine Postkarte, sondern eine Korrespondenzkarte, man schrieb überhaupt nicht, man correspondirte; die Zeitungen wurden abonnirt, jetzt bestellt man sie einfach, die Briefe steckten im Couvert anstatt im Umschlag, und aus den Dienst- instructionen sind schlichte Dienstanweisungen geworden, ohne daß ihr Werth darum gesunken wäre. Natürlich waren dieselben Gesichtspunkte fortan auch bei Abfassung der amt- lichen Schriftstücke maßgebend. Es ist ein betrübendes Zeichen von dem Mangel an wahrer deutscher Gesinnung mancher Kreise, daß diese Ver- ordnungen Stephans eine Zeitlang heftige Angriffe erfuhren; Witzblätter brachten Carricaturen von Stephan, dem Sprachen- reiniger, man dichtete Spottverse auf ihn, schrieb ihm mo- quante Briefe, meinte, er möge nur bei seinem Namen mit der Verdeutschung beginnen, denn der sei griechisch und heiße zu deutsch "Kranz" :c. Besonders warf man ihm vor, daß kein System in seinem Vorgehen läge, da er ge- wisse Fremdwörter, wie Seeretair, Eleve u. s. w., ruhig weiter bestehen ließe. Nun ging aber Stephan von dem Grundsatz aus, daß es ein Zeichen blinden Uebereifers wäre, wenn man Lehnwörter, die völlig in unsere Sprache auf- gegangen seien und daher Daseinsberechtigung hätten, mit aller Gewalt ausmerzen wolle, denn solche Wörter besäßen 19*

– 292 – meist eine Geschichte oder einen dichterischen Werth, und man müßte ihnen auch ihre ursprüngliche Schreibweise lassen, bis sie im Laufe der Zeit durch den Gebrauch von selber die deutsche dafür angenommen hätten. Solche Angriffe konnten Stephan in seinem Bestreben, die deutsche Sprache von fremden Bestandtheilen reinigen zu helfen, nicht aufhalten. Wie oft hatte er schon erlebt, daß man feine besten Absichten verkannte. Als er seiner Zeit die umständliche und zwecklose fünfmalige Siegelung der Geldbriefe aufhob, murrten die Siegellackfabrikanten, weil seine Verordnung ihren geschäftlichen Ruin herbeiführe, und als er das Porto für Briefe herabsetzte, da bemerkten ihm Einige sehr unzufrieden, bei diesen fortgesetzten Er- mäßigungen fiele die schöne Entschuldigung fort, daß man wegen des theuren Portos nicht habe schreiben können. Stephan wußte, diese Aufregung Einzelner über nütz- liche und nothwendige Neuerungen glichen den Sandwolken, die ein Wirbelwind aufgescheucht hat, – er ließ sich um so. weniger durch sie beirren, als seine Bestrebungen zur Ver- besserung seiner Muttersprache von berufener Seite, wie von dem deutschen Volk im Allgemeinen gerechte Würdigung fanden. Zahlreiche Dankschreiben aus allen Kreisen der Be- völkerung, ja aus fremden Welttheilen liefen bei ihm ein. Daniel Sanders, der große Germanist, Verfasser des "Wörter- buches der deutschen Sprache", des "Katechismus der deutschen Orthographie" und vieler anderer deutsch-sprachlicher Werke, gab Stephan sein volles Einverständniß zu erkennen, ganz besondere Sympathie aber fand Stephan bei dem Allge- meinen deutschen Sprachverein, der ihn telegraphisch zum Ehrenmitgliede ernannte. Stephan antwortete auf diese Ehrung: "An dem schönen Ziele, an der Wiederherstellung

– 293 – der Reinheit unserer herrlichen Muttersprache mitzuwirken, wird mir stets eine Freude sein." Stephan hat wiederholt seine Ansichten zu dieser An- gelegenheit und die Fortschritte, die seine Bestrebungen zu verzeichnen hatten, in längeren Vorlägen auseinandergesetzt. So sprach er am 17. Februar 1877 im Berliner wissen- schaftlichen Verein über: "Die Fremdwörter". Viel später, im Jahre 1889 erschien noch eine Abhandlung von ihm über dasselbe Thema, die den sonderbaren Titel: "Sauce" führt. Stephan begründete nämlich seine Forderung, bei den Verdeutschungen der Fremdwörter müsse man mit wissen- schaftlicher Genauigkeit und Sorgsamkeit verfahren und vor allen Dingen auf den Ursprung der Wörter zurückgehen, der häufig gar nicht so weit vom Germanischen entfernt läge, mit dem Beweise, daß das Wort Sauce von «als«, her- stamme, wofür man im Mittelalter schon Salse angewendet habe, ein Wort, dessen Wurzel im Jndogermanischen läge. Wir seien also vollständig berechtigt, anstatt des verwelschten Sauce das Wort Salse zu brauchen. Es ist mit Freuden zu begrüßen, wenn ein Mann mit einem so ausgedehnten Wirkungskreise sich zum unerschrockenen Vorkämpfer für die Reinheit seiner Muttersprache macht, denn wenn auch, wie Stephan sagt, Sprachen entstehen, sich aber nicht erfinden, am allerwenigsten sich durch gegenseitige Vereinbarungen von Regierungen oder Vereinen herstellen lassen, so wird doch die nachdrückliche Forderung einer Be- hörde zur Verbannung der Fremdwörter in ihrem Bereiche viel zur Pflege einer Sprache beitragen können. Nach Stephans Vorgehen haben auch andere Behörden begonnen, die Zahl der in ihren dienstlichen Bezeichnungen gebrauchten Fremdwörter einzuschränken und deutsche Wörter dafür zu

– 294 – brauchen, wo es, ohne der Sprache einen Zwang anzuthun, möglich war. Also auch hier hat Stephan bahnbrechend gewirkt. So spiegelt sich in ihm die ganze Zeit wieder mit ihren Forderungen, ihren Zielen und Errungenschaften. Wie die Berührung des Hebels eines Telegraphenapparates an einem entfernten Ort sichtbare Zeichen hervorbringt, so hinterließ jede bedeutsame Regung des öffentlichen Lebens einen Ein- druck in der Seele Stephans, und impulsiv, wie er war, mußte er sich dieser empfangenen Eindrücke wieder entäußern, sei es nun, daß er eine schöpferische That vollbrachte, oder daß er ihnen in Wort und Schrift Ausdruck lieh. Mannig- fache, gelungene Abhandlungen aller Art in berufenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, die mit Genuß und Beifall gelesen wurden, stammten aus seiner Feder, ohne daß das Publikum eine Ahnung hatte, wer der Autor sei. Auch in seinen Reden liebte er es, diese Fragen der Zeit zu behandeln. Wir haben in diesem Buch schon wieder- holt Proben von seinem Rednertalent gegeben, ohne aller- dings mehr als einen blassen Widerschein von seiner brillanten, wahrhaft sprühenden Beredtsamkeit liefern zu können. – Stephan als Redner! Das ist das Thema für ein ganzes Buch, und die Wiedergabe auch nur seiner besten Reden würde Bände erfordern. Was seine Reden so besonders wirksam machte, das war der feine Takt, mit dem er sie, ohne ihren fachlichen Zweck aus den Augen zu verlieren, so außerordentlich geschickt den jeweiligen Verhältnissen anzupassen wußte. Wie seine Post- häuser in ihre Umgebung, so fügten sich seine Reden har- monisch den Umständen, die sie hervorgerufen hatten, ein.

– 295 – Es ist das Lokalkolorit, das von Hörern, Zeitungen und Kritikern immer wieder und wieder an Stephans Reden rühmend hervorgehoben wurde. Man erinnere sich nur an die Einweihungsreden zu Stolp, zu Cöln an die Rede auf dem Cantate-Festmahl der deutschen Buchhhändler, an die vielsprachige Erwiderung des Toastes auf der Berliner Telegraphen-Conferenz, ganz zu schweigen von seinen Reichs- tagsreden. Er wußte jedem seiner Zuhörer etwas zu bieten, das sicherte seinen Reden von vornherein ihren Erfolg. Mit seiner Fähigkeit, jederzeit eine witzige oder geistreiche Be- merkung, eine originelle und überraschende Wendung, ein treffendes Beispiel, ein poetisches Bild, eine gelungene Ab- schwenkung auf andere Gebiete anbringen zu können, fesselte er sein Auditorium von Ansang bis zu Ende und lenkte es nach seinem Gefallen. Besonders liebte er es, Citate aus der klassischen Litteratur der Alten, vornehmlich aus dem Horaz, wie wir wissen, aber auch sehr häufig aus der Bibel, die er gründlich studirt hatte, einzustreuen. Seine eingehende Kenntniß der Litteratur aller Völker und Zeiten war eine wahre Schatzkammer für seinen erfinderischen Geist, das ganze weite Gebiet seines Wissens stand ihm jederzeit zur Ver- fügung: überhaupt fehlte ihm nie das rechte Wort zur rechten Zeit; das ließ seine Rede schillern, wie ein seltenes venetia- nisches Glas, sprühen wie ein Raketenfeuer oder auch in breiten Wogen ruhig und klar dahinströmen, je nachdem es die Gelegenheit erheischte. Ein anderes Moment, das die sieghafte Macht seiner Worte verstärkte und ihn sofort in einen Connex mit seinen Zuhörern brachte, waren die Gemüthstöne, die ihm zur Ver- fügung standen, nicht zum mindesten der goldene Humor der stets zur rechten Zeit einsetzte; und da das Gemüth

– 296 – naturgemäß am stärksten betheiligt wird, wenn man unvor- bereitet eine Rede zu halten gezwungen ist, so sind Stephans Reden aus dem Stegreif auch die gelungensten. Eine Tischrede von ihm gab dem leckersten Mahl erst die rechte Würze. Es giebt ja sicher viele Männer, die Stephan an posi- tivem Wissen überragen, aber sie besitzen nicht seine universelle Bildung, feine Menschenkenntnis^, Schlagfertigkeit und Ge- wandtheit. Sie sind gelehrt, wo Stephan gebildet ist. Zu seinen bedeutungsvollsten Reden gehören die, welche er jedes Jahr beim Beginn der Wintersitzungen im elektrotechnischen Verein hielt. Man kann sich denken, daß die Elektrotechnik, deren Hülfsmittel Stephan in so hervorragender Weise dem Ver- kehr nutzbar zu machen gewußt hat, ihn besonders interessiren mußte. Nach einem Ausspruch von Arnold v. Siemens nahm Stephan an eigentlichen Forschungen auf dem Gebiete der Elektrotechnik nicht thätigen Antheil; aber er veranlaßte die Telegraphenverwaltung dazu, und er selber folgte allen Fortschritten der Wissenschaft mit Begeisterung. Wie Alles, was sein Jnteresse erregt hatte, auch seiner Förderung gewiß war, so gründete Stephan im Jahre 1879 mit dem berühmten und ihm freundschaftlich nahestehenden Elektrotechniker Werner Siemens den elektrotechnischen Verein, der alle im Dienst der Elektrotechnik stehenden Männer zusammenschließen und ein Centralpunkt zur Pflege dieser für das öffentliche Leben so überaus wichtigen Wissen- schaft werden sollte. Eine große Freude bereitete es Stephan jedesmal, wenn er in den oben erwähnten Vorträgen einen ausführlichen Bericht über die stetig sich steigernde Verwendung der Elektro

– 297 – technik im Postbetriebe geben und feststellen konnte, daß in keinem Lande der Erde das Fernsprechwesen so ausgebildet sei, wie bei uns. Eine der glänzendsten dieser Reden, die auch wiederholt gedruckt worden ist, ein oratorisches Kunst- werk, hielt er zum Gedächtniß Kaiser Wilhelms im Jahre 1888. Auch im Auslande fänden die Verdienste Stephans um die Elektrotechnik ihre Würdigung. Noch aus seinem Krankenbette, im März 1897 erhielt er die Ernennung zum Ehrenmitgliede der Institution ok Lleotrieal LnAinesrs, des englischen elektrotechnischen Vereins. "Es ist einstimmig beschlossen worden," so lautete das Schreiben, "Se. Excellenz den Staatsseeretair des Kaiserlich deutschen Reichspostamts, Dr. v. Stephan, in Anerkennung der großen und wichtigen Dienste, die er der telegraphischen Wissenschaft geleistet hat, zum Ehrenmitglied der Institution «k Lleotrioal LuAinesrs zu wählen." Der Ausdruck herzlicher Theilnahme an feiner Erkrankung und der Hoffnung auf baldige Wiedergenesung ist dem Schreiben beigefügt. Die Schlagfertigkeit und Treffsicherheit von Stephans unvorbereiteten Reden konnte man am besten im Reichstage kennen lernen. Stephan war seit 1870 Mitglied des Bundesrates, 1872 erfolgte seine Berufung ins Herrenhaus, 1884 in den Staatsrath. Jm Herrenhaus war er eine Zeit lang Vor- sitzender der Eisenbahn-Commission. er gab jedoch dies Amt auf, als er sah, daß es ihn in scharfen Gegensatz zu der damaligen Eisenbahn-Verwaltung brachte. Wir wollen hier gleich einschalten, daß nach Stephans Ansicht eine Ver- einigung von Post und Eisenbahn die Wirksamkeit beider Behörden noch bei Weitem ersprießlicher gestalten würde, indessen müßte eine solche Zusammenlegung zweier Ressorts,

– 298 – von denen jedes an sich schon bedeutend genug ist, den Ge- schäftsumfang einer gemeinsamen Verwaltung so ins Riesen- hafte steigern, daß eben ein Stephan dazu gehören würde, um ihn zu überblicken – wir haben aber nicht alle Tage einen Stephan. Jn der Folge ist Stephan im Herrenhaus überhaupt nicht mehr besonders in den Vordergrund getreten, um so mehr aber im Reichstag, wo er bei allen Verhandlungen des Postetats persönlich anwesend war. Stephan war ein gefürchteter Gegner. Seine rasche Auffassungsgabe ermöglichte es ihm, den Gedankengang eines Anderen genau zu verfolgen und im Gedächtniß zu behalten, und darauf ertheilte er Schlag für Schlag mit einer über- zeugenden Logik seine Entgegnung. Keine Blöße seines Gegners entging feiner Kritik, die ein Anflug von Humor nur noch vernichtender machte. Dieser anfangs so köstlich und erquicklich wirkende Humor hatte im Laufe der Zeit eine leise Färbung von satirischer Schärfe angenommen. Die mannigfachen Angriffe, denen er, wie wir gesehen haben, oft mit Unrecht ausgesetzt war, hatten nicht ohne Einfluß auf das Gleichgewicht seines Gemüthes bleiben können, eine gewisse Gereiztheit trat dann und wann an Stephan hervor. Wenn er auch selber sagt: "Ueber Angriffe wird sich in unserem heutigen öffentlichen Leben kein vernünftiger Mann wundern", so gehörte es doch zu seinen kleinen Schwächen, daß er die Anerkennung liebte und Tadel und Widerspruch schwer ertrug – Eigenheiten, die man um so mehr ent- schuldigen wird, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sein Streben stets auf das ausging, was er als gut und richtig erkannt hatte, und wie groß feine Bescheidenheit trotz seiner Weltberühmtheit war.

– 299 – Zu diesen aufreizenden Einflüssen von außen gesellten sich mancherlei trübe Erfahrungen und Erlebnisse, wie sie nur selten einem Menschen auf seinem Lebenswege erspart bleiben, vor allen Dingen aber die Keime seines schweren Leidens, der Zuckerkrankheit, die sich schon vor einer ganzen Reihe von Jahren in ihm entwickelten. Das Alles konnte auf ein so empfängliches Gemüth, wie das Stephans war, nicht ohne Einfluß bleiben, es mußte eine gewisse Nervosität selbst in der stählernen Constitution eines Stephan hervorbringen. Der Stephan der letzten Jahre ist noch ebenso energisch, zielsicher und thatkräftig, wie der Begründer des Weltpost- vereins, aber seiner Festigkeit hatte sich ein Atom Eigensinn zugesellt. Am besten kann man die Wandlung, die sich im Laufe der Jahre in seinem Gemüth vollzogen hat, aus der Be- schreibung einer von ihm im Jahre 1891 unternommenen Rund- reise von Wien über Belgrad, Sofia. Constantinopel, Athen, Trieft ersehen, die er im Februar 1896 unter dem Titel "Orient 1891" veröffentlicht hat. Sie ist, was Eleganz der Darstellung, Beweglichkeit der Phantasie, Schärfe der Auffassung anbetrifft, vielleicht die vollendetste Arbeit Stephans auf diesem Gebiete, aber die schöne epische Ruhe seiner früheren Werke fehlt ihr; sie hat etwas Hastendes, Nervöses. Kaleidoskopartiges, und die Anhäufung von Re- flexionen läßt uns zu keinem ungestörten Naturgenuß kommen. Der Stephan von heute hatte nicht mehr Zeit und Andacht, mit breitem Pinsel und satten Farben zu malen, wie der ehemalige; ganz in der modernen, pointirten Weise setzt er hier ein Licht, dort einen Schatten auf – es ist Freilicht- malerei, die er uns bietet. Aber in diesem glänzenden Feuerwerk seiner Feder finden wir zwischen den Raketen

– 300 – des Geistes und Witzes doch manche Stelle, die in dem ruhigen, tiefen Licht einer bengalischen Flamme brennt – der alte Stephan. Wahrhaft staunenerregend ist die stählerne Rüstigkeit des Geistes und Körpers, mit welcher Stephan im Alter von 60 Jahren und nach einem so aufreibenden, rastloser Thätigkeit gewidmeten Leben den Strapazen der Reise trotzt. Sie ist der schlagendste Beweis von feiner unverwüstlichen Kraft, mit deren Hülfe er allein im Stande war, das Ge- waltige zu leisten, was er geleistet hat.

XIV. Stephan als Mensch. – Sein Tod. enn wir hier am Schlüsse des Buches einen Blick zurückwerfen auf den ganzen Umfang der Thätigkeit und des Wirkungskreises Stephans, so will sich uns der Ge- danke aufdrängen, daß eine solche Arbeitsleistung eines einzigen Menschen nun auch dessen Zeit vollkommen ab- sorbiren und ihm die Lust und Fähigkeit rauben müsse, die das Leben erst schön und beglückend gestaltenden Früchte eines behaglichen Genusfes vom Baume des Lebens zu pflücken. Diese Voraussetzung wäre Stephan gegenüber durchaus falsch; es hat Niemand mehr Empfänglichkeit für die gemüthliche und gemüthvolle Seite des Lebens gehabt, als er. Für uns ist es allerdings ein Räthfel, wie er bei feinen Pflichten und seiner Arbeitslast die Zeit für heitere Gesellig- keit zu erübrigen vermochte – doch das ist das Geheimniß aller genialen Naturen: sie leisten im Fluge und spielend, was Anderen eine schwere Bürde ist. Wir dürfen uns Stephan überhaupt nicht als eine Art Halbgott vorstellen; ihm mit seinem tiefen, beweglichen Ge- müth würde es am allerwenigsten auf der kühlen, einsamen Höhe des Uebermenschen behagt haben, er war ein Mensch

– 302 – im wahren, schönen Sinne des Wortes, ein Mensch mit den glänzendsten Gaben und Eigenschaften, aber auch mit den kleinen Schwächen und Unvollkommenheiten eines solchen – würde er sonst wohl auch so populär geworden sein? Horan sum, Kumaui nil «, ine alienuiu puto! Er kannte die Erde und ihre Bewohner von Grund auf; das hat schon Manchen zum Misanthropen gemacht; Stephan aber besaß einen gesunden Humor, der fand sich mit den Unschönheiten und Schwächen dieser Welt theilnahmsvoll ab und vermittelte ihm ein wohlwollendes Verständniß für Jeden, der sich ihm nahte – darin liegt die unwiderstehliche Macht seiner Persönlichkeit, der sich weder der Fürst noch der einfache Mann entziehen konnte. Jm Dienste war er streng, wie wir wissen; sobald er aber den Beamtenrock ausgezogen hatte, war er der liebens- würdigste, zugänglichste Mensch, stets aufgelegt zu heiteren Dingen. – Seine Erscheinung war schlicht, eine augenfällige Eleganz war ihm zuwider, und diesem einfachen Aeußeren entsprach auch sein Jnneres. Es war nicht schwer, mit dem berühmten General-Postmeister des deutschen Reiches be- kannt zu werden, feine Würde hatte nichts Erkältendes, Abschreckendes; ja, er freundete sich leicht an, wenn er in dem Anderen verwandte und sympathische Züge entdeckt hatte. Jn seinem Hause herrschte ein ungezwungen herzlicher und heiterer Ton. Wie Herr v. Stephan der aufmerksamste Wirth war, so war seine Gemahlin die liebenswürdigste Wirthin. Kunst und Wissenschaft, Musik und Gesang wurden mit Liebe und Verständniß in ihrem Heim gepflegt, in besonders behaglicher Laune setzte Stephan sich wohl auch selber ans Clavier und spielte aus dem Kopfe, was man von ihm verlangte, ja, er sang wohl gar, sich selbst dazu begleitend.

– 303 – Wagner und seine Schüler fanden nicht seinen Beifall, die Zukunftsmusik war ihm zu geräuschvoll. – Die Feste im Stephan'schen Hause waren außerordentlich beliebt bei der Gesellschaft der Residenz, besonders das große Winterfest, das Stephan in jedem Jahre veranstaltete und auf dem er seinen Gästen in der originellsten Weise immer wieder neue Ãœberraschungen zu bieten wußte. Er liebte einen heiteren Freundeskreis, einen guten Schoppen, ein gemüthliches Plauderstündchen, einen kern- haften Witz, vor allen Dingen aber einen herzerquickenden Gang ins Freie. Aus diesem Grunde hatte er sich Ende der siebenziger Jahre mit Leidenschaft auf die Jägerei ge- worfen. Die "Deutsche Jägerzeitung" in Neudamm hat soeben ein illustrirtes Werk: "Heinrich v. Stephan, ein waidmännisches Erinnerungsblatt", herausgegeben, aus dem wir ersehen können, welch' großer Waidmann Stephan war. Kein größerer Genuß für ihn, als wenn er in Wald und Feld ein edles Wild waidgerecht erlegen konnte! Dann spannte sich sein ganzes Sein, alles Leben lag in dem spähenden Auge; keine Mühe konnte ihn abschrecken, keine Zeit wurde ihm zu lang; er empfand kein Nahrungs-, kein Ruhebedürfniß; wie bei Allem, was er unternahm, kenn- zeichnete ihn auch als Jäger eine unermüdliche Ausdauer. Auf solchen Ausflügen nahm er mit Allem vorlieb, und obwohl er sonst keineswegs ein Verächter guter Küche war, so genügte ihm auf diesen Waidmannsausflügen das ein- fachste Mahl in einem kleinen Dorskruge und die bescheidenste Lagerstatt. Seinen Nachtschlaf gab er ohne Bedauern dahin, wenn es galt, im grauenden Morgen den balzenden Auerhahn zu beschleichen oder bis in die sinkende Nacht auf dem Anstande auszudauern. Noch im vorigen Jahre,

– 304 – als sein Leiden sich zeitweise schon recht fühlbar machte, hat er im Spreewalde auf der Birkhahnjagd noch eine ganze Nacht im Freien zugebracht. Es giebt wohl kaum ein größeres Jagdrevier in Deutschland, in das man den beliebten Jägersmann nicht zu Gaste geladen Hütte. Jn der Schorfhaide, in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Coburg-Gotha, auf Rügen, besonders aber im Dessauer Revier hat er auf jede Art von Wild gejagt, im Spessart auf den Auerhahn, in Tyrol auf Gemsen. Seine erste Gemse erlegte er am 31. Juli 1882. Aber so sehr er auch mit ganzer Seele bei der Jagd war, nie hat er darüber vergessen, sich an der Schönheit der Natur zu erquicken, und dann drängte es ihn unauf- haltsam, dem Schöpfer dafür zu danken, daß er ihm die Empfänglichkeit dafür in die Brust gelegt hatte. Wie sympathisch berührt es uns, wenn wir in den oben er- wähnten Erinnerungsblättern lesen, daß Stephan überall von seinen Jagdausflügen Blumen mit nach Haufe nahm, um sie zwischen den Blättern seiner Jagdtagebücher als freundliche Erinnerungszeichen aufzubewahren, oder wenn wir mitten in einem ganz sachlich gehaltenen Jagdbericht Stellen antreffen, wie: "Jn wundervoller Pracht stieg der junge Tag zur Erde nieder. Welches Jägerherz hätte nicht schon gejauchzt bei den Eindrücken eines solchen Morgens! Es ist, als ob die Seele Hochzeit feiere mit der Natur!" Oder wie er beim Anblick einer grandiosen Felspartie in die Worte ausbricht: "Großartige Wirkung der Natur mit einfachen, wenigen Mitteln. Felsen, Arven, Latschen, Alpenrosen und Gras – voil«, tout. Felsen nach der Edda aus den Knochen des Riesen Imir's. Die bei allen Völkern vorhandene Jdee der Riesen beruht auf dem Be

– 305 – dürfniß des Menschen, überall ein Belebtes, eine Seele hineinzulegen und das Kolossale sich dadurch näher zu bringen", und weiter: "Ein Dankopfer Gott für das herr- liche Geschenk der Gebirgswelt, für das noch herrlichere der Seele, die ihre Schönheit zu empfinden vermag." Ein anderes Mal wieder erzählt er, daß er eine Ricke gefehlt, indem er auf ihren allein sichtbaren Kopf nicht gezielt habe, weil es ihm stets widerstehe, "ein nicht zum Raubzeug ge- höriges Stück Wild auf den Kopf zu schießen". Desto energischer bekämpfte er dies Raubzeug, wo immer es ihm begegnete. Das waidmännische Erinnerungsblatt weiß zu berichten, wie Stephan nach einer Pause von vielen Jahren am 22. April 1879 zum ersten Male ganz zufällig wieder zur Theilnahme an einer Jagd kam. Herr v. Hansemann jagte an diesem Tage mit mehreren Freunden im Dwasidener Revier (bei Saßnitz), "da schmetterte gegen Mittag ein Posthorn seine Töne durch den Wald, und, neuen Besuch ahnend, brach man die Jagd ab. Man hatte sich nicht ge- täuscht, es war der General-Postmeister, welcher, auf einer Dienstreise begriffen, eine kurze Rast auf dem so herrlich gelegenen Dwasiden machen wollte. Auf Zureden der an- wesenden Herren entschloß sich endlich Herr v. Stephan, am Nachmittag mitzusuchen, und hatte das Waidmannsheil, eine Schnepfe zu erlegen". Seitdem ist er dem edlen Waid- werk treu geblieben bis zu seinem Ende. So oft es anging, flüchtete er sich in "den heiligen Wald". Wie wir schon früher erwähnt haben, ist in weihevollen Stunden manch' schönes Jagdlied in ihm entstanden. Ein Mensch, der so mit Leib und Seele bei der Jagd war und der daneben so viele liebenswürdige Eigenschaften 20

– 306 – und so viel Humor besaß, mußte jederzeit ein gern gesehener Jagdgenosse sein. Und das war denn auch in weitgehendstem Maße der Fall. Hatte er kein Jagdglück, so konnte ihn das nur für den Augenblick verstimmen; sobald er mit den Jagdgenossen auf dem Rendezvous-Platz zusammentraf oder mit ihnen im Schlosse des Gutsherrn, der sie geladen, ge- müthlich tafelte, oder aber auch allein im Dorfwirths- hause hinter feinem bescheidenen Jmbiß saß. sprühte seine gute Laune wieder auf, und er war unerschöpflich im Er- zählen. Wenn er so im einfachen Jagdanzuge in der Wirths- stube verweilte und sich ungezwungen gemüthlich mit den schlichten Dorfleuten unterhielt – wer hätte dann in ihm den gestrengen Herrn General-Postmeister vermuthet? Es machte ihm nichts, ob er auf dem harten Stuhl einer solchen Dorsschänke saß oder auf dem weichen Sessel des Fürsten- schlosses, wo er zu Gast geladen war, er gab sich hier wie dort vollkommen zwanglos. Kaiser Wilhelm, der selber eine so herzgewinnende, schlichte Art hatte, sagt von ihm: "Stephan ist ein geradezu bewunderungswürdiges Organi- sationstalent, und was ihn mir so werth macht, ist, daß er trotzdem und ungeachtet seiner überwiegenden Geistesgaben und sprudelnden Geistesfrische auf Jedermann den beschei- densten und höchst gewinnenden Eindruck macht." Ueberall, wohin Stephan auf feinen Jagdausflügen oder auf seinen weiten Reisen kam, hat er, "der liebenswürdige Gesellschafter", ein gutes Andenken hinterlassen. Heiter und humorbegabt, war er auch am Stammtisch ein gern gesehener Genosse. Da er einen guten Mosel liebte, pflegte er dann und wann in einem oder dem anderen Weinlocale der Residenz in Gesellschaft seiner Räthe und guten Freunde seinen Schoppen

– 307 – zu trinken, und zwar bevorzugte er hauptsächlich die Restau- rants alten Stils mit ganz einfacher Einrichtung. So verkehrte er früher bei Habel, später in einem Weinlocal am Zietenplatz, wo er nach längerer Abwesenheit nie ver- fehlte, den mit Kindern reich gesegneten Wirth theilnahms- voll zu fragen, ob inzwischen die übliche Vermehrung der Familie eingetreten sei. Bei Haußmann in der Jägerstraße gehörte Stephan zu den Stammgästen des fünfeckigen Tisches, den er sogar einmal besungen hat. An der Wand über dem Tische befindet sich unter Glas und Rahmen ein mit Stephans Unterschrift versehenes Gedicht, das er erst am 26. April 1895 den Stammtischgenossen gewidmet hat. Es lautet: Der Tisch der hat fünf Ecken, – So daß trotz der fünf Ecken Fünf Ecken hat der Tisch, – Ihm oft ward rund zu Muth, Wo Sonnentropfen schmecken, Der Größenlehre Recken, Vom Moselstrand so frisch. Sie seh'n hier kurz und gut Wo sonnige Sonette Im umgekehrten Sinne Des Meisters Hans Trojan Des Zirkels Quadratur, Dem löblichen Quintette Der Weisheit zu Gewinne Oft weidlich wohlgethan. Wirkt Geist's und Wein's Natur, Der böse Heinrich denket: Dat is mich zu gelehrt; Man immer eingeschenket, Drin liegt den wahren Werth! Diese Fähigkeit Stephans, eine gemüthliche Stammtisch- rnnde nach Gebühr zu schützen, hat ihm die Hochachtung aller Stammtischgesellschaften eingetragen, und oft flogen ihm aus ihren Kreisen Grüße in Poesie und Prosa zu, die er stets in seiner launigen Weise beantwortete. Aber auch ernstere Zeichen der Zuneigung wurden ihm gewidmet. Noch kurz vor seinem Tode sandte ihm die Stammtischgesellschaft 20*

– 308 – aus den "Drei Schwanen" zu Chemnitz 300 Mark für die Kaiser-Wilhelm-Stiftung. Stephans Antwort war ein Exemplar des die Schenkung bekanntgebenden Amtsblattes der Reichspostund Telegraphenverwaltung – und zwar « ein für die Stammtischgesellschaft in der Reichsdruckerei auf Stephans Veranlassung besonders hergestelltes, goldgerändertes – beigefügt. Jn dem vom Anfang April des Jahres 1897, also nur wenige Tage vor seinem Tode datirten Antwortbriefe bemerkt Stephan in Betreff seines Gesund- heitszustandes: "Leider geht es mit dem Heilungsprocessc nicht so vorwärts, wie ich es wohl wünschte, und das nun schon Wochen währende Festgebanntsein an das Lager fällt mir um so schwerer, als ich in meinem Leben bisher an 'stete Beweglichkeit gewöhnt gewesen bin. Nichtsdestoweniger hoffe ich, daß die Genesung, wenn Gott sie will, nach dieser Prüfung nicht ausbleiben wird, und daß ich dadurch in den Stand gesetzt werde, der verehrlichen Stammtischgesell- schast meinen warmen Dank für alle der Reichspostund Telegraphenverwaltung, wie meiner Person erwiesenen Freund- lichkeit seiner Zeit noch mündlich zu wiederholen." Solche Zuwendungen für die unter seiner Leitung stehenden Wohlthätigkeitsanstalten machten ihn sehr glücklich. Die Freude am Wohlthun lag ihin im Blute, und am schönsten hat er diesen Drang, Anderen Gutes zu erweisen, bethätigt, als er dahin wirkte, daß die zu Ehren Kaiser Wilhelms I. an dessen 90. Geburtstage 1887 veranstaltete Sammlung der Postbeamten, die 17000 Mark ergab, zur Anschaffung dreier Rettungsboote für die Deutsche Gesell- schaft zur Rettung Schiffbrüchiger verwendet wurde. Kaiser Wilhelm hat diese Bcthätigung echt christlicher Nächstenliebe und Fürsorge mit vieler Freude und aufrichtiger Genug

– 309 – thuung aufgenommen und seine volle Anerkennung dafür ausgesprochen. Mit Stephans humanen Grundsätzen stimmte es über- ein, daß er, wie nicht allgemein bekannt sein dürfte, ein eifriger Freimaurer war. Sein Eintritt in den Bund datirt um fast vierzig Jahre zurück. General-Postdirector Schmückert, der in der großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln eine sehr hohe Stellung einnahm, hatte den jungen Stephan in seinem Wunsche, dem Bunde an- gehören zu dürfen, bestärkt und ihn in der Verfolgung dieser Angelegenheit auf das Kräftigste unterstützt. Stephan ist dann als Postrath, im October 1858, in Potsdam bei der dortigen Loge Teutonia in den Bund aufgenommen worden, und bis zu seinem Tode hat er ihm unwandelbare Treue bewahrt. So hat Stephan in allem Drange der Geschäfte stets doch Zeit gefunden, sich an gemeinnützigen Werken, an fröh- lichem Lebensgenuß, an allem menschlichen Thun und Treiben von ganzer Seele zu betheiligen. Er steht nicht über uns in stolzer, unnahbarer Höhe, sondern als schlichter, bescheidener Ehrenbürger wandelt er, der zu der Welt Großen gehört, mitten unter uns; fein herzgewinnendes Wesen hat ihn uns menschlich nahe gebracht. Als er 1891 seinen 60. Geburtstag und 1895 sein fünfundzwanzigjähriges General-Postmeister-Jubiläum feierte, wurde er noch einmal mit allen Ehren überhäuft, die die Welt zu geben vermag – da blickte man schon hinaus auf sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum, das er 1898 feiern würde – es schien ja ganz unmöglich, daß ein so lebens- voller, geistesfrischer Mann, bevor er noch alt geworden, der Zeit würde ihren Tribut bezahlen müssen. Wie könnte so viele Thatkraft auf einmal erlöschen?

– 310 – Jn diesem Sinne hatte man ihm auch noch bei der drei- tägigen Erinnerungsfeier der deutschen Feldpost von 1870/71 im Jahre 1896 ein langes Leben prophezeit. Stephan hatte bei dem großen Festmahl im Kaiferhofe die in seiner frischen, anziehenden Weise entworfene Schilderung seiner Kriegserlebnisse mit dem Hinweis darauf abgeschlossen, daß er und sein Begleiter, der spätere Ministerialdirector Dr. Sachße, an der belgischen Grenze fast in französische Gefangenschaft gerathen wären. "Aber, meine Herren/ so fügte er hinzu, "Sie sehen mich hier nach 25 Jahren noch wohl und munter unter Jhnen, und ich hoffe, daß wir noch recht lange zusammenleben und gemeinsam arbeiten werden," Diese Bemerkung wurde mit brausendem Jubel aufgenommen, und als dann einer der Posträthe Stephan feierte und am Schlüsse seiner Rede sagte: "Und so wollen wir hoffen, daß wir unseren hochverehrten Chef noch recht lange an der Spitze unserer Verwaltung sehen werden. Ja, bei der Rüstigkeit und körperlichen Frische, die ihm eigen ist, können wir wohl Alle den Wunsch hegen, daß er nach abermals 25 Jahren, wenn wir die fünfzigjährige Kriegs-Erinnerungs- feier begehen, noch als jugendlicher Greis in unserer Mitte weilt," da stimmten Alle begeistert ein. Stephan wiegte zwar bedenklich das Haupt, aber lächelnd versicherte er dann: "So lange es geht, meine Herren, bleibe ich gern bei Jhnen." Ja, er wäre gern länger bei uns geblieben, er liebte das Leben und er hat ein schönes und reiches Dasein ge- führt. Viel zu früh für ihn selber, viel zu früh für seine Familie, wie für die Welt ist er abberufen worden in enes unbekannte Land, von dem kein Wanderer wiederkehrt. Wir haben schon bemerkt, daß die Keime zu der schreck

– 311 – lichen Zuckerkrankheit sich vor einer ganzen Reihe von Jahren in ihm entwickelt hatten. Die ersten bemerkbaren Spuren zeigten sich wohl etwa um 1883. Durch eine entsprechende Diät und wiederholte Euren in Carlsbad hatte man zwar die Fortschritte des Leidens gehemmt, aber wenn sich auch die Krankheit nicht rasch auszubreiten vermochte, sie war doch da, eine ewige Mahnerin, ein Wächter mit erhobenem Finger: hüte Dich! Wie muß ein so unausgesetzter Zwang, auf sich zu achten, sich zu schonen, den lebhasten, impulsiven Mann gequält haben, wie mag er ihm auf seinen Reisen, wo es ihm bei seinen Repräsentationspflichten sicher oft nicht möglich gewesen ist, die ärztlichen Vorschriften zu befolgen, hinderlich und lästig gewesen sein! Es zeugt von wahrhafter Seelengröße, daß er trotz dieser furchtbaren, unheimlichen Krankheit sein Gemüth der Verbitterung ver- schlossen und bis zu seinem Ende eine heitere Zuversichtlich- keit, ein felsenfestes Gottvertrauen bewahrt hat. Ein schweres Leiden würdig zu tragen, dazu gehört nicht allein Willens- kraft, sondern vor allen Dingen ein sittlicher Halt. Auf Stephan paßt ganz besonders Kaiser Friedrichs Wort: "Lerne leiden, ohne zu klagen!" Er hat des Lebens Bürde mit lächelndem Antlitz getragen. Jm Winter 1896 zeigten sich Furunkeln bei Stephan, die, wie jede Wunde bei einem Zuckerkranken, sehr schwer verheilten. Außerdem hatte er sich vor einigen Jahren beim Ausschneiden eines Hühnerauges an der vierten Zehe des rechten Fußes eine kleine, ganz unbedeutende Wunde zu- gezogen, die überhaupt nicht wieder heilte, so daß sie un- ausgesetzte ärztliche Behandlung erforderte. Jm Frühjahr vorigen Jahres ging Stephan dann zu seiner Erholung mit seiner Gemahlin und seiner unverheiratheten Tochter nach

– 312 – Jtalien, wo sich seine Gesundheit einigermaßen kräftigte, so daß man die besten Hoffnungen – leider verfrüht – für die Zukunft hegte. Im Januar des Jahres 1897 stellte sich kurz vor des Kaisers Geburtstag eine heftige Entzündung an der kranken Zehe ein, die ihn zwang, sich Schonung aufzuerlegen. Aus diesem Grunde hielt er sich von der Gratulationscour im Schlosse sern, indessen konnte ihn nichts davon abhalten, am 28., 29. und 30. Januar persönlich im Reichstage zu erscheinen, um, wie immer, selber den Postetat zu vertreten. Obwohl er sich einen weiten Schuh für den kranken Fuß hatte anfertigen lassen, wurde es ihm doch blutsauer, auf seinen Stock gestützt, die Treppen zum Sitzungssaale zu ersteigen. Dennoch hielt er viele Stunden im Redekampfe aus, mit feinem gewohnten Gleichmuthe die Vorwürfe und Anfeindungen über sich ergehen lassend, ja, trotz der Schmerzen im Fuß gab er stehend mit alter Präcision seine Erwide- rungen ab. Wem es, wie dem Verfasser Dieses, vergönnt gewesen ist, ihn in jenen Tagen im Reichstage zu sehen, wie er in seiner schlichten Würde, etwas müde von Aussehen zwar, aber mit ungebrochenem Lebensmuth dem tückischen Leiden trotzte, das an seinem Mark zehrte – pflichttreu bis zum letzten Augenblicke – Dem wird sich dies Bild eines seltenen Heroismus, eines imponirenden Seelenadels unauslöschlich in das Gedächtniß eingegraben haben. Der rastlose, schaffens- freudige Mann ließ den Gedanken, daß er sich auch einmal, wie jeder andere Mensch, absolute Ruhe gönnen müsse, über- haupt nicht aufkommen. Natürlich verschlimmerten seine Beweglichkeit und die Ueberanstrengungen, denen er sich aussetzte, das Leiden, so

– 313 – daß sein Hausarzt, Geheimer Sanitätsrath Dr. Aschoff, die Verantwortung nicht mehr allein tragen wollte und Anfang Februar den Geheimrath von Bergmann zu Rathe zog. Die Erkrankung der Zehe wurde als ein durch die Zuckerkrankheit verursachter Brand erkannt und darnach blieb keine Wahl – man mußte am 22. Februar zur Amputation der Zehe schreiten. Mit einer bewunderungswürdigen Sündhaftigkeit er- trug Stephan die großen Schmerzen, die als bedenkliches Zeichen auch nach der Operation noch zurückgeblieben waren. Die Wunde heilte wieder überaus langsam. Aber trotz dieses schweren physischen Leidens, und trotzdem Stephan selber sich nicht verhehlen konnte, daß ein schlimmer Aus- gang nicht unmöglich sei, verlor er nicht einen Augenblick seine Elasticität, ja, selbst sein goldener Humor war ihm nicht abhanden gekommen: "Tausend Dank Jhnen und meinen hochverehrten Mitbürgern," so antwortete er den Cölnern, die sich nach dem Befinden ihres Ehrenbürgers erkundigt hatten, "auch ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die, wenn auch schmerzhafte, doch wohlgelungene Deci- mirung kein Hinderniß für die Festigkeit des Auftretens bilden wird. Eine gehoffte Freude muß ich für dieses Jahr allerdings aufgeben: auf dem Faschingsballe im Gürzenich den letzten Galopp mittanzen zu können." Da müssen wir unwillkürlich an das Wort denken, das Stephan in den Mund gelegt wird, als er eines Tages an der königlichen Tafel von einem Lakaien mit einer silbernen Schüssel ziemlich hestig an den Kopf gestoßen wurde. "Das thut nichts, ich bin ein Pommer," soll er damals gesagt haben – in der That, mit echt pommerscher Zähigkeit widerstand Stephan dem Leiden.

– 314 – Die Dienstgeschäfte wurden nach wie vor erledigt, die Schonung, die er sich auferlegte, bestand lediglich darin, daß er das Herumgehen vermied und fortan sitzend, den mit einem Tuche verhüllten kranken Fuß auf einen Stuhl gelegt, arbeitete. Trotzdem ließ seine phänomenale Kraft und der Erfolg der aufopfernden Pflege seiner edlen Ge- mahlin, die, obwohl selber nur von zarter Gesundheit, in den schweren Leidenstagen nicht von der Seite ihres Ge- mahls wich, in der Mitte des März noch einmal die Hoff- nung aufkommen, daß die unverwüstliche Constitution des Patienten auch diesem schweren Anfalle glücklich Stand halten würde. Voller Zuversicht schreibt Frau v. Stephan einer be- freundeten Dame: "Die Heilung der Wunde geht, wenn auch sehr langsam und unter großen Schmerzen, doch stetig vorwärts. Die Aerzte sind zufrieden, und die Kräfte halten bis jetzt gut aus. Leider stören die Schmerzen oft die Nachtruhe, und der Schlaf ist bei Tage schwer nachzuholen, da ja mein Mann seinen Dienst in fast vollem Maße weiter besorgt. Wir wissen, gnädige Frau, wie herzlich Sie und Jhr Herr Gemahl theilnehmen, da werden Sie sich mit uns freuen, daß mein Mann jetzt entschieden in der Besserung ist, und daß die Aerzte uns seine vollständige Genesung in Aussicht gestellt haben. Wir danken Gott von ganzem Herzen dafür, müssen allerdings noch viel Ge- duld haben bis dahin." Dieselbe Hoffnung spricht aus den Briefen Stephans aus jener Zeit; eines derselben, des an die "Institution Msotrioal LnAinssrs", haben wir schon Erwähnung gethan. ein anderer ist an den Bürgermeister von Bremen, Pauli, als Dankschreiben für eine Anzahl Flaschen Weines aus

– 315 – dem Bremer Rathskeller, die die Stadt ihrem Ehrenbürger zur Stärkung übersandt hatte, gerichtet. Da heißt es u. A.: "Manches glückliche patriotische Ereigniß habe ich in be- geisterter Erhebung in den ehrwürdigen Räumen Ihres Rathskellers mitseiern dürfen, dieses Schatzgewölbes eines guten Stückes deutscher Geschichte und deutschen Gemüths- lebens, von Kaisern und Königen mit ihrem Besuche geehrt, von Dichtern besungen, von Fröhlichen gepriesen und von Leidenden gesegnet. Jn die Reihe der Letzteren muß ich mich jetzt leider selbst stellen, hege aber die Hoffnung, daß seine stärkende Kraft sich mit Gottes Hülfe auch an mir bewähren wird. Gerade auch in dieser Beziehung hat mich der sinnige und teilnehmende Gedanke des hohen Senats besonders erfreut: ,Und wüßten wir, wo Jemand traurig läge, wir gäben ihm den Wein!"' Sehr bald aber sollte diese beglückende Hoffnung einem schweren Kummer weichen. Professor v. Bergmann erklärte, daß er zu einer Amputation des rechten Unterschenkels schreiten müsse. Am 3. April, demselben Tage, an dem gelegentlich der Einweihung des Posthauses in Schwerin i. M., eines der schönsten Posthäuser Deutschlands, die Ernennung Stephans zum Ehrenbürger jener Stadt eintraf, wurde die Operation vorgenommen – fortan sollte Stephan, wie ehe- mals sein väterlicher Freund, der General-Postmeister Schmückert, auf einem Beine durch das Leben wandern. Aber, wie er versichert hatte, er würde darum nicht weniger fest aufgetreten sein, wenn es ihm beschieden gewesen wäre, die schwere Krisis zu überwinden. Morgens halb acht Uhr fand die Operation statt; sie glückte vollkommen. Damals flössen die Zeitungen über vor Bewunderung der Fassung und der nicht zu ertödten

– 316 – den Energie Stephans, die er auch während dieser schwersten Stunden bewiesen hatte. Sie wußten zu berichten, daß er sofort nach dem Erwachen aus der Narkose sich um dienst- liche Angelegenheiten gekümmert, nach den Postsachen und Zeitungen verlangt habe, daß er auch in den folgenden Tagen sein Jnteresse an amtlichen Dingen an den Tag gelegt und nur voll Humor das arme Bein bedauert habe, das doch keinem seiner vielen tausend Untergebenen je einen Fußtritt gegeben hätte. Am Sonnabend fand die Operation statt, am Sonntag war der Kranke sehr schwach, aber als er am Montag kräftige Nahrung zu sich nahm und über- haupt verhältnißmäßig wohl war, da flackerte noch einmal leise die Hoffnung empor; war es doch schon ein Gewinn, daß der Zustand des Kranken sich nicht verschlimmert hatte. Man muß diese Tage erlebt haben mit ihrem Hangen und Bangen zwischen Furcht und Hoffnung, man muß ge- sehen haben, wie stets eine Menge Theilnehmender das Reichspostgebäude umstand, um irgend eine positive Nach- richt zu erhaschen, wie man die Zeitungen verschlang, um sich zu vergewissern, daß das Schlimmste noch nicht ein- getreten war, wie die Kaiserliche Familie, Fürsten und Würdenträger, Gelehrte und Künstler, Beamte und Unter- beamte der Post und Telegraphie, der einfache Mann, wie sie alle sich begegneten in der Sorge um fein Leben, wie die Listen für die Teilnehmenden im Reichspostamt sich mit Namen bedeckten, wie telegraphische Anfragen und Aeußerungen des Mitgefühls aus allen Theilen des Reiches nicht nur, sondern aus allen Theilen der Welt unablässig herzugeflogen kamen, man muß das Alles erlebt und gesehen haben, um sich einen Begriff von der welthistorischen Be

– 317 – deutung Stephans, von seiner Popularität und der Ver- ehrung, die er genoß, machen zu können. Der Kaiser ließ sich jeden Tag nach dem Zustande des Kranken erkundigen; eines Tages sandte er ihm durch seinen Flügeladjutanten eine Flasche hundertjährigen Rhein- weins aus dem Schloßkeller. "Nun, ich hoffe, daß ich noch lange genug leben werde, um diese edle Sorte mit gebühren- dem Genuß zu kosten/' war Stephans gerührte Erwiderung. Sein Lebensmuth war noch immer nicht gebrochen, die Bulletins der Aerzte aber lauteten hoffnungslos: "Zustand unverändert", "eine Hebung der Kräfte konnte leider nicht constatirt werden", "das Befinden des Staatsseeretairs Dr. v. Stephan giebt leider zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß" .... und dann am Nachmittag des 8. April: "Die Kräfte des Kranken nehmen in bedrohlicher Weise ab", und endlich Abends: "Der Zustand des Kranken ist hoffnungslos". Jn der ersten Morgenstunde war er dann sanft und ohne Todeskampf entschlafen, – in der Vollkraft seines Lebens dahingerafft. Mit ihm sank einer der Letzten aus der großen Zeit Kaiser Wilhelms ins Grab und einer der wenigen Staatsmänner, denen es bis zu ihrem Tode vergönnt ist, den errungenen Platz in ungeschwächter Kraft zu behaupten. "So ist denn die bange Besorgniß, daß Gott der Herr dem theüren Leben Jhres Herrn Gemahls inmitten seiner vollen Schaffenskraft ein Ende setzen werde, zur traurigen Gewißheit geworden", so telegraphirte Kaiser Wilhelm an Jhre Excellenz Frau v, Stephan. "Was Sie und die Ihrigen in dem Verewigten verloren, das empfinden Sie selbst am tiefsten, aber zu Jhrem Tröste muß es gereichen, daß mit Jhnen um den Entschlafenen Jhr Kaiser und König, das Vaterland und die Welt trauern. Wie die Geschichte

– 318 – die Erinnerungen feiner genialen Schöpfungen bewahren wird, so werden Mir die hohen Verdienste, die er sich um das Vaterland erworben, und die unentwegte Treue, die er unter vier Königen und drei Kaisern bis zum letzten Athem- zuge bethätigt hat, allezeit unvergessen sein. Möge Gott der Herr Jhnen und den Jhrigen die ganze Fülle seines Trostes spenden! Wilhelm. I. Ii." Und Fürst Bismarck telegraphirte: "Jch bitte Sie, gnädige Frau, den Ausdruck meiner herzlichen Theilnahme an dem Dahinscheiden Jhres Herrn Gemahls entgegen- zunehmen, dem ich in Erinnerung an unsere langjährige, gemeinsame Thätigkeit stets ein dankbares Andenken be- wahren werde." Jm Reichstage wurde Stephan ein erhebender Nachruf gewidmet; von allen gekrönten Häuptern der civilisirten Erde, von allen Größen, auf welchem Gebiete es auch fei, liefen Beleidsbezeugungen und Kränze in zahlloser Menge ein; alle Zeitungen des Jnund Auslandes widmeten dem Verstorbenen sympathische Nekrologe; Deputationen von Bereinen, Städten, Behörden eilten aus allen Theilen des Reiches zum Begräbniß herzu, und geradezu unübersehbar war die Zahl der übrigen Leidtragenden. Wer könnte überhaupt in kurzen Zügen ein Bild von der großen, all- gemeinen Theilnahme geben, die man dem Andenken Stephans widmete! Aus dem Lichthofe des neu erbauten Postmuseums, das Stephan in heiterer Festversammlung seiner Bestimmung zu übergeben gehofft hatte, sollte er seinen letzten Gang antreten, denn das Leichenbegängniß sollte nach der Be- stimmung des Kaisers der Bedeutung des Mannes ent- sprechen, dem es galt.

– 319 – Jndem herrlichen, zu einer Trauerkapelle umgewandelten Raume war am Palmsonntag in einem Walde von Palmen, Lorbeer und blühenden Blumen der Katafalk mit dem Sarge Stephans aufgerichtet. Hinter ihm erhob sich die von Uphues modellirte Jdealfigur der Trauer in leuchtendem Weiß aus dem Grün der Gewächse, auf ihn herab blickte die das Eingangsvortal schmückende Büste des Kaisers, und ringsum von Säulenpostamenten eine Anzahl markiger Männergestalten, symbolische Figuren für die Zweige des Verkehrs: der Schmied mit dem Eisenbahnrad, der Schiffer, der Telegraphist, der Briefträger, der Postillon, der Post- seeretair, dieser Letztere unverkennbar die Züge des Verewigten tragend. Die Standarten der Länder des Weltpostvereins an den Pfeilern der Wandelgänge, die Kissen mit den Orden des Verblichenen, die zu Seiten des Sarges Wache halten- den Postillone, die auserlesene Zahl hoher und berühmter Leute, die herzugeeilt waren, um dem Verstorbenen das letzte Geleit zu geben, vor allen Dingen aber die Gegenwart des Kaisers und seiner erlauchten Gemahlin verliehen der Feier eine officielle und historische Bedeutung. General- Superintendent O. Dryander hielt die Trauerrede über das Bibelwort: "Welch' ein großes Ding ist es um einen treuen und klugen Haushalter!" Der Verstorbene habe mit vollem Rechte von sich sagen können: "Wenn unser Leben köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen –" eine tief ergreifende, warm empfundene Rede; und dann bewegte sich der Trauerzug aus der Halle und die Wilhelmstraße hinunter nach dem Dreifaltigkeitskirchhofe, auf dem schon so viele berühmte Leute zur letzten Ruhe gebettet sind. Ein imposantes, glänzendes, schier unübersehbares Gefolge, wie

– 320 – es selbst den Größten dieser Erde nur selten in einer solchen Majestät zu theil wird. Der Mann, der so einfach in seinem Leben gewesen war, wurde mit dem Pomp eines Fürsten zu Grabe geleitet. "Die Welt hat ihn verloren," hat Kaiser Wilhelm an seinem Sarge gesagt, und das zeigte sich am besten in dem gewaltigen Trauerzuge, zu dem fast alle Länder der Erde ihre Vertreter entsandt hatten – was aber diesem äußeren Glanze erst die rechte Weihe gab, das waren nicht die vielen hochgestellten Personen, die dem Sarge folgten, nicht die Gala der Postillone und der Hofequipagen, die Menge von Wagen, die große Zahl der Deputationen, überhaupt nicht die endlose Reihe der officiell erschienenen Leidtragenden – das war die Theilnahme des Volkes, das freiwillig herzu- geströmt war, um, als lebende Mauer zu beiden Seiten der Trauerstraße aufgepflanzt, in stummer Ergriffenheit dem Todten die letzte Ehre zu geben. Er hatte in ihrer Mitte gelebt, so lange ihre Erinnerung frisch ist; jeden Tag waren sie mindestens einmal auf ihn hingewiesen worden, sie hatten ihn geliebt, verehrt, bewundert, gescholten, mit ihm gehadert, wie man es eben mit einem guten Freunde thut, sie waren an ihn gewöhnt – und nun hatten sie ihn verloren. Das aber, was ihm ihr Vertrauen, ihre Hochachtung und Ver- ehrung in so hohem Maße erworben hat, ist: "Er war ein Mann!" "Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem, Ich werde nimmer seines Gleichen seh'n!"