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Ferdinand Kürnberger – Der Haustyrann

Roman

Ferdinand Kürnberger, Der Haustyrann, Roman, Verlag von L.Rosner, Wien, 1876



Vorrede

Da jedes Kunstprodukt schon an sich eine Erklärung des Lebens ist, so war mir jenes Verfahren stets antipathisch, welches das Kunstprodukt selbst wieder erklärt, welches eine Erklärung der Erklärung gibt, welches »Tendenzen« – »Processe« – »Intentionen« und »Standpunkte« erörtert: jenes Vorrede-Verfahren, durch das sich der producirende Dichter in demselben Athemzug auch zu seinem eigenen Kritiker, Ausleger, Scholiasten und – Alexandriner macht! Die Vorrede, welche sich über das Innere ihres Kunstproduktes verbreitet, hat mir immer einen unkünstlerischen und greisenhaften Eindruck hervorgebracht, denn ihr Gegenstand kann höchstens das Aeußere desselben sein. Mit Einem Worte, nicht die Standpunkts-Vorrede sondern die Umstands-Vorrede, (wie ich es beiderseits ausdrücken möchte,) halte ich, – dringende Ausnahmen abgerechnet, – für die einzig berechtigte Vorrede.

Kein anderer als ein äußerer Umstand ist es denn auch, den ich mir hier zu besprechen erlaube, aber nicht bloß erlaube, sondern zu besprechen wohl schuldig bin.

Es ist das Verhältniß der vorliegenden Novität zu der Zeit ihrer Entstehung und ihrer Erscheinung.

»Der Haustyrann,« obwohl er kein historischer Roman ist, sondern mit einer idealen Handlung in jeder beliebig idealen Zeit spielen könnte, markirt sich doch zwei- oder dreimal auf eine concrete Zeit, nämlich den Ausgang der fünfziger Jahre. Und da diese Zeit just kein innerstes Erforderniß seines Kunstzweckes ist, so verräth sie sich gar leicht als ein kritisches Merkmal, woran zu erkennen, daß um eben diese Zeit, oder nicht weit davon, der Roman auch entstanden sein möchte, – mit anderen Worten, daß es die gegenwärtige Zeit seiner Abfassung gewesen.

Also direkt gesagt: der Leser kauft einen neuen Roman, von welchem er an einigen Stellen durchfühlt, daß es kein neuer sondern ein in älteren Tagen geschriebener ist. Vielleicht sollte ich im Interesse meines Verlegers diesen Umstand lieber todtgeschwiegen haben; andererseits aber kennen wir Beide doch wieder kein höheres Interesse als die Ehrlichkeit. Ich möchte mir's daher nicht nehmen lassen, selber der Erste zu sein, welcher diesen Umstand aufdeckt, ihn offen und ehrlich eingesteht und loyal um Entschuldigung bittet. Der Leser, mein Souverain, ist ja längst ein allzu verwöhnter Herr geworden und wahrlich viel mehr daran gewöhnt, von unserm raschlebenden Geschlechte mit nassester Tinte als mit vergilbtem Papier bedient zu werden! Mit Recht dürfte er seinen Schriftsteller fragen: Warum dienst du mir so spät, wenn du mir schon dienst? Warum hast du das Neue nicht auch als neu gebracht? Warum hast du das Gegenwärtige erst zum Halbvergangenen werden lassen? Lebst du allein nicht im Zeitalter des Dampfes? Oder willst du mit literarischer Vornehmthuerei das horazische »nonum prematur in annum« noch verdoppeln?

Ich möchte mich hinter dem Rücken eines solchen Rügewortes nicht hinwegstehlen, denn es ist begründet, und zuletzt nimmt sich jede Anklage noch am leidlichsten aus – als Selbstanklage.

Nehme der Leser also mein demüthiges »pater peccavi« hin und mein Gelöbniß, mich zu bessern!

Jeder Karakter hat ja seine Karakterfehler, mit welchen man rechnen muß, und einer meiner Karakterfehler ist – die Buchfaulheit. Ich kann zu meiner Entschuldigung nichts Besseres und nichts Schlechteres sagen, als daß ich bitte, damit zu rechnen.

Einmal hat man ja doch puplicirt; der hochgradig entwickelte Journalismus hat sich aller neuesten und frischesten Manuscripte mit seinem ungeheuren Vorsprung bemächtigt; aber ist nur der erste Durst der Oeffentlichkeit gestillt, so kann es gar leicht geschehen, wenn man kein starker Trinker, d. h. nicht Publicitäts-süchtig ist, daß man den edlen Buchhandel darüber ganz aus dem Auge verliert, im Getändel mit den Ephemeriden der Tagespresse seinen Roman von Feuilleton- zu Feuilletonnummer vergeudet und sich allzuspät erinnert, wie schön der Abglanz der Unsterblichkeit ist, der auf einem wohlgebundenen Buche ruht!

In der Regel sind es dann gute Freunde, in kostbaren Ausnahmsfällen sogar ein liebenswürdiger Verleger, der Einen daran erinnert. Und thäte es sonst Niemand, so thut es zuletzt jener ernste aber treue Mahner, – das Alter.

Je näher der Punkt, wo »der Sterbliche« beim Worte genommen wird, desto reizender die Unsterblichkeit! Ein Leben voll Sünden assekurirt sich dieselbe durch die letzte Oelung und ein Pult voll Manuscripten durch Druckerschwärze und Buchbinderkleister, denn alle Formen von Aberglauben werden dann ehrwürdig!

Ja, so stark ist der fromme Glaube an diese heilvollen Klebstoffe, daß noch dem todten, in seiner Buchfaulheit selig entschlafenen Schriftsteller ein »Herausgeber« seines »Nachlasses« zu erstehen pflegt. Ungemein wichtig zu vermerken! Denn siehe da, wenn mich mein Leser und dreimal verehrter Käufer nunmehr als den Herausgeber meines eigenen Nachlasses auffaßt, so muß ich ja völlig entsühnt und rein gebrannt dastehen, denn wird nicht auch ein »Nachlaß« gekauft und sind »nachgelassene Schriften« weniger als »Novitäten« verkäuflich? Sogar manchmal noch mehr!

Die Pietät gegen unsern künftigen Todten macht es mir also zur Ehrenpflicht, meine Schriften nach und nach herauszugeben. Ich gedenke innerhalb fünf oder sechs Jahren damit fertig zu sein, wenn ich alljährlich Ein Buch erscheinen lasse. Das ist nicht viel, nach germanischer Buchsaamen-Fruchtbarkeit sogar wenig und kann nur bei einem Schriftsteller, der oft in einem Decennium nichts von sich hören ließ, als ein ungemein rasches und beschleunigtes Tempo sich darthun. Da wäre es denn die höchste und pikanteste Ironie, wenn Recensenten und Kritikern das Unglück passirte, von einer »fieberhaften Thätigkeit« oder »bedenklichen Vielschreiberei« zu sprechen! Einen solchen, sich selbst verwundenden Fehlschuß wollte ich den Herren thunlichst erspart haben und gutentheils auch um ihretwillen schrieb ich diese Vorrede.

»Die Absicht ist edel«, würde mir Tamino bezeugen. Aber ob sie erreicht wird??

Es war im vorigen Jahre um diese Zeit, als ich eine ausgewählte Sammlung politischer und kirchlicher Feuilletons unter dem Titel »Siegelringe« herausgab. Das sei Alles recht schön und gut, schrieben einige Kritiker, nur den Titel »Siegelringe« wüßten sie sich nicht zu erklären; – nachdem ich ihn auf anderthalb Seiten der Vorrede erklärt hatte!!

So mannigfaltig ist die Natur in ihren Geschöpfen! Verleger und Autor legen oft Werth auf eine Vorrede, aber Recensenten und Kritiker legen den höchsten Werth darauf, – sie nicht gelesen zu haben.


Wien, im Herbste 1875.

Ferdinand Kürnberger.



Erstes Capitel.

Wir führen unseren Leser in einen wenig bekannten Winkel des deutschen Landes. In das Lechthal führen wir ihn.

In Baiern durchfließt der Lech ein unermeßliches Schotterfeld – den viel verrufenen Lechrain. Es ist eine Wüstenei. Die Landschaft besteht fast nur aus Horizont, ihr bestes Element ist die Luft. Zwischen dem ersten und letzten Punkt, den das Auge berührt, liegt überall – nichts. Kein Dorf, keine Baumgruppe oft auf Stunden! Hie und da siedelt ein einsamer Hof auf dem fahlgrauen Kiesfelde. Niederig aber verschwenderisch breit, liegt er da, zum Zeichen, daß er vor den rauhen Haidestürmen sich duckt, und daß der Baugrund werthlos. Heiserer bellt der verwilderte Hofhund aus dem Steinhaufen hervor und stierer glotzt der Bauer uns an in einer hochveralteten Tracht. Das Feld, das um den Hof her umbrochen ist, zeigt eine trockene, rothbraune Ackerkrume. Unter dem wetterzerfetzten Zaun gluckst selten eine Hühnerbrut.

Es ist einer der ödesten Landstriche Deutschlands, der Lechrain. Und doch verlohnt es, ihn zu durchwandern, denn er führt in eines der schönsten deutschen Gebirgsthäler. Er führt ins Lechthal.

Wer von der baierischen Seite heraufkommt, dem fährt nach stundenlanger, bleierner Langweile etwa in der Gegend von Peiting und Schongau der erste Freudenstrahl in die Glieder. In weiter, sehnsüchtiger Ferne dämmern blaue Umrisse herauf. Seine Seele träumt den Traum der Gebirge.

In der Gegend von Füßen wird der Traum Wahrheit. Zwar Füßen selbst liegt noch im Flachlande; aber die großen Tiroler Berge stehen schon da, greifbar bis ins Einzelne. Halbwegs gesunde Sinne wittern schon Gras- und Waldgeruch in der Luft. Die Bau-Art des Städtchens anlangend, so merkt man bald wie die schmucksinnigen Bürger mit Balconen und Vorlauben, mit schön geschnitzten Giebeln und reichem Getäfel den nahen Holzvorrath der Waldregion freudig benützt haben. Der Lechrain hört auf, das Lechthal fängt an.

Und nun geht's weiter und weiter in der Bergluft. Zwischen Füßen, dem letzten baierischen Städtchen, und Vils, dem ersten tirolischen, heimelt's schon alpenhaft. Der junge Lech ist schon reiner Gebirgsstrom. Rauschend schießt er daher, saphirblau und in voller Eile. Unweit Vils, zwischen zwei Felsschroffen, macht er seinen ersten Wasserfall. Das vogelnestartige, zwischen Tannen versteckte Vils vorbei, kommen wir bald auch nach Reute, und hier können wir sagen, wir haben festen Fuß im Lechthale gefaßt. Fast noch am Anfang, sind wir schon mitten drin. Auf dem Marktplatz von Reute herab, zu allen Gassen, zu allen Fenstern herein schauen rings die beschneiten und bewaldeten Hochgebirgshäupter: der Säuling, der Tauern, der Tarneller, die Aschauer Höhen – wie die Pfeifen einer Orgel stehen sie da! Die ganze Alpensymphonie klingt schon in Reute.

Und nun hat uns jeder Schritt Neues und Schönes zu bieten.

Die Straße führt uns entweder dicht an den Lech, welcher bald leidenschaftlich zwischen Felsen schäumt, bald still, aber um so tiefer seine surrenden Wirbel zieht; oder sie schwenkt an die Berge ab und durchschneidet ein Gehölz, wo uns kühles Walddunkel labt, geht über Anhöhen weg, wo uns herrliche Aussichten winken. Unser beständiger Begleiter aber ist ein urkräftiger Wiesen- und Nadelholzduft und das träumerische Geläute der Heerden, welche, um ihre Sennhütten zerstreut, an allen Abhängen weiden.

Vom Lechursprung bis Reute rechnet man gut seine zwanzig Wegstunden. Die größten Schönheiten dieses Weges fallen ungefähr auf die Mitte desselben. Hier breiten die Dörfer Elmen, Elbigenalb und Holzgau sich aus, Dörfer voll Bauernschlösser – jener Bauernlords, welche ihr Gut nach Hunderttausenden zählen und welche am Abend eines bewegten Lebens, ausruhend von gewinnreicher Handelschaft in aller Herren Länder, die heimatliche Hütte wieder aufsuchten, um sie gelegentlich oder fast regelmäßig in ein allerliebstes Palästchen zu verwandeln. Das Bauen scheint den alten Knaben, denen für so manche Freude Kraft und Feuer ausgegangen, noch die letzte splendide Freude zu sein. So haben sie nach und nach auf eine Zeile von fast vier Stunden Weges eine »Herrengasse« von Prachthäusern hingestellt, daß der Fremde, der in dieser ländlichen Alpeneinsamkeit nichts als »die Hütten der Armuth« erwartete, wie mit verzauberten Augen dreinschaut. Diese Häuserpracht ist eine Eigenthümlichkeit des Lechthals. –

Es war nach einem jener regnerischen Maimonate, welche in unserem Klima nicht selten sind, obwohl gewisse Weltweise regelmäßig behaupten, daß sie »eine Umkehrung in der Natur« bedeuten, da wanderte ein städtischer Tourist über Reute und Elbigenalb lechaufwärts. Die strahlenreiche Junisonne hatte den üppigsten Frühling hervorgezaubert. Gras und Bäume, von der befruchtenden Feuchtigkeit hinlänglich satt, waren wie außer sich, als sie nun auch die Wärme spürten. Das Thal grünte und blühte in all seinen Fugen. Die Sinne fühlten sich arm, so viel Farbe und Duft zu verschwelgen; jeder Fleck Erde schien jetzt ein »tropischer«. Es war ein wonniges Wandern!

Was Wunder, daß unser Pilger sich vielfach verweilt hatte. Um Reute herum war es die prächtige Landschaft und um Elmen und Elbigenalb die prächtigen Lechthaler Landhäuser, welche unzähligemal ihn zum Stehen und Schauen verführten. Und die lange Junisonne, denkt man in seinem Leichtsinn, kann gar nicht untergehen. Endlich aber ging sie doch unter, was zwischen den hohen Bergen wie im Handumdrehen geschehen war. Unser Wanderer gedachte nun den Weg zu seiner Nachtstation, Holzgau, abzuschneiden, schlug einem Fußsteig durch gekoppelte Felder ein, gerieth in's Holz, und wie beim Pfadsuchen eine verfehlte Masche sich in die andere häkelt, so kam er zuletzt in einen Waldtobel, eine tiefe, schauerlich finstere Wildgrube, in welche er ohne Wahl und Entschluß hinab mußte. Das war ein Gang wie in die Hölle! Der Boden fiel steil ab, war naß und schlüpfrig und die Luft roch nach Moder. Die Finsterniß, je tiefer hinab, wurde so dicht, daß der Wanderer öfter als einmal einen weißen breitschirmigen Schwamm für einen Kalkstein ansah, kräftig darauf ansetzte und dann mit dem Fuß unliebsam ausglitt.

Welche Hexe hat unserem harmlosen Naturfreunde das angethan? Die allerliebste Gauklerin, die sinnreiche Hexe – des Effects!

Denn als der arme Verirrte aus dem schmählichen Waldloche herauskam, – ein rieselnder Quellfaden, der nur zum Lech abfließen konnte und ein Gangsteig daneben war in der Tiefe des Abgrunds sein glücklicher Führer, – da freute er sich des unwirschen Abenteuers, belohnt durch den überraschendsten, den effectvollsten aller Contraste.

Vor ihm lag das Lechthal. Es war einer der lieblichsten Winkel des Thales. Die Berge standen nahe zusammen, – nicht zur finsteren Schlucht; das Thal bog sich räumlich aus, – nicht zur platten Mulde. Die Luft wehte ihm wohlig lauwarm entgegen und noch einmal sah er die Sonne. Sie lag als milde Abendröthe im Thale. Sie hauchte den zartesten Rosenschein auf die gegenüber liegenden Berge, deren Fuß schon ein tiefes thauiges Schattenblau einhüllte. Auf einem Punkte des Berges loderte sie still und feierlich wie eine Fackel, aufgefangen von den Fenstern eines einsamen Landhauses. Das war ein seliger Anblick!

Der Fremde setzte sich auf einen Stein und schaute hinüber. Das Sonnenlicht, als reines Naturelement, erfreute ihn wunderbar. Aber wie eine Busennadel, welche dafür da ist, um die Schönheit der menschlichen Brust zu feiern, den Blick auf sich selbst zieht, durch die Pracht ihrer Steine, durch die Kunst ihrer geschmackvollen Fassung: so das beleuchtete Landhaus. So schön es im Abendlichte dalag, – der Fremde bewunderte bald, wie schön es selbst war.

Das Haus hatte nicht mehr als einen Stock. Es war nicht das größte, gewiß aber das gefälligste der Lechthaler Landhäuser. Es stand über dem Niveau seines Bodens auf einem Sockel von ein paar Fuß Höhe; zu der schön geschnitzten Hausthüre führte eine Doppeltreppe mit zierlichem Geländer. Die Mittelpartie des Hauses sprang ein wenig vor, war überhöht und hatte einen Giebel mit gekuppelten Fenstern. Im ersten Stock ruhte ein Balcon auf reich verzierten Tragsteinen; in demselben Style waren die Sparrenköpfe des Daches profilirt und der reizende Fries geschnitzt, welcher um das Dach herumlief. Höhe und Breite, Mittelpartie und Seitenflügel, die Abstände der Fenster, der Neigungswinkel des Daches, – die ganze Construction des Hauses hatte eben so wohlthuende Verhältnisse, als die ganze Ornamentik einen Eindruck von zartester Schicklichkeit, von reiner naiver Grazie machte. Nichts Bäuerliches, nichts Rohes und Buntes war an dem Hause. Die Motive der Lechthaler Bauart klangen durch, aber die Behandlung war frei und geistreich.

Mit diesem Landschaftsbildchen schloß der heutige Wandertag. Nicht schöner hätte er schließen können! Unser Wanderer dachte kaum noch daran, wo er sich befand, und an welchem Punkte des Thales. Seine ganze Empfindung war: hier laßt uns Hütten bauen! Freundliche Illusion, mit der man im Anschauen eines schönen Hauses zum Hausherrn sich dichtet!

Solchen Zauber, wir wollen nicht sagen übt die Baukunst allein, die Baustelle muß mitwirken, der Ort, die Umgebung.

Das Thal bildete an diesem Orte einen jener Kessel, welche scheinbar zur »Klause« sich abschließen. Sie gleichen einer Welt für sich selbst. Woher der Straßenfaden kommt, wohin er geht, man sieht es an solchen Punkten nicht, verlangt es auch nicht zu sehen. Erst im schärferen Beobachten bemerkte der Wanderer, daß an einer Seitenfronte des Hauses ein Bergspalt sich aufthat, und dort gings in ein tiefes, gewundenes Nebenthal hinein, das in der Dämmerung freilich nur noch zu ahnen war. Aber Tags über hatte er viele solche Nebenthäler gesehen. Es sind meist die Wildbette von Gießbächen, welche mit eiskaltem Wasser und reißenden Schwalls aus den finsteren Bergtobeln hervorstürzen und bodenbildend und umbildend ihr Bett zu einer Thalgasse gestalten. Solche Querthäler verleihen der Schönheit des Hauptthales ihren Wechsel. Bald sind es düstere Mahlstätten einer zerstörenden Naturkraft, mit Schutt und Trümmern erfüllt oder von erstickendem Waldwuchs dumpf überwuchert; bald liegen sie da als Schmuckkästchen des süßesten Hochgebirgszaubers. Ihre Wände sind schöne Terassen, ihre Bewaldung, aus Laub und Nadel gemischt, parkähnlich durchlichtet, den Hintergrund verriegelt ein mächtiger Alpstock, sein Haupt mit Schnee versilbert, seine grasigen Triften von Gemsrudeln belebt; aber an seinem Fuße perlt still und heimlich ein Wildsee, der durch einen Wiesengrund vom saftigsten Smaragdgrün in einem munteren Bächlein zum Lech abfließt. Man glaubt, ein magdliches Gaden von Feen zu erblicken, keine Scholle für irdische Menschentritte, wenn man an solchen Thälchen voll geisterhafter Schönheit und Heimlichkeit vorübergeht.

Und das schöne Landhaus dort drüben, – warum sollte es nicht zum Feengarten das Feenschlößchen sein? Die übrigen Lechthaler Granden, wenn sie noch so prächtig bauten, sie bauten selten mit Empfindung für landschaftliche Perspective. Ihr Haus stand eben an der Stelle der alten Vaterhütte, d h. im Dorfe. Die morastige Straße, von Kühen und Schweinen zerwühlt, führte vorbei, und nur der Zufall fügte es, weil die Schönheit des Thales gleichsam allgegenwärtig war, wenn ein Grasgarten oder ein Waldstück oder die reinliche Lechwelle eine Seite des Hauses flankirte.

Solcher Menschen Werk war jenes Thalschlößchen nicht. Feenaugen haben den Punkt erspäht, wo es zwischen dem Haupthale und einem Seitenthale des Lechs mit zwei Fronten im Winkel stand. Feenhände haben es da hinauf gestellt in eine schöne aber nicht menschenfeindliche Einsamkeit, mitten auf den Berg, abwärts eine Grasmatte, aufwärts den Hochwaldssaum, vor sich die letzten warmen Purpurlichter des Abends. Und wenn es schon Menschen sind, sterbliche Menschen, welche diesen Wohnort besitzen, so thun sie es doch nur durch die Güte des »stillen Volks«, so sind es gewiß Menschen mit dem Zeichen auf der Stirn, Sonntagskinder, welche mit Geistern umgehen, deren Pathen die Waldfräulein waren, welche in ihrer Wiege Zauberringe und Zauberspiegel geschenkt bekamen, welche verschwägert sind mit Nixchen und Holderchen und zu ihren Hochzeiten und Kindertaufen eine Schwanenprinzessin einladen wie andere Menschenkinder die Frau Bürgermeisterin.

So phantasirten wir zu dem schönen Hause hinauf. Denn daß wir es nur gestehen, wir selbst sind jener Wanderer gewesen, welcher eines Abends auf einem Steine saß und nach einem Gange durchs Lechthal das schönste der Lechthaler Landhäuser in einem märchenhaften Traumzustand anbetete.

Wir hatten unsere Studien mit dem Perspectiv in der Hand gemacht. Auf einmal erscholl durch eines der offen stehenden Fenster der Ton eines Claviers herüber. Wir trauten unserem Ohre nicht! Wer spielt im Lechthale Clavier? Und welch' ein Instrument! Es hatte einen weiten vollwogigen Ton und mußte ihn haben, wenn er auf solche Entfernung noch fortklingen konnte, selbst die Akustik zwischen den Bergen und die stille, zumal feuchte Abendluft mitgerechnet. Auch das Tonstück klang edel; es war keineswegs ein simpler Walzer oder Ländler, sondern ein breiter, getragener Rhythmus, ein choralartiges Maestoso.

Wir wurden immer neugieriger. Wir veränderten unseren Standpunkt und suchten, fleißig das Perspectiv benützend, dem merkwürdigen Hause beizukommen. Bei dieser Gelegenheit bemerkten wir einen Knaben, welcher vor das Haus heraustrat und über die Ballustrade einer Parapetmauer in der Richtung des Seitenthales eine lange Angelschnur auswarf. Hier unten also floß ein Bach und die Bewohner des Hauses, schiens, konnten sich die Forellen zum Abendtisch unmittelbar auf ihrer Schwelle holen.

Wir waren entzückt! Wahrlich, wir hätten uns in dem Feenschlößchen zu Gaste gebeten, wären wir so glücklich gewesen, keine andere Herberge zu finden. Aber bald darauf entdeckten wir diesseits des Lechs ein Dörfchen und jenseits des Flusses noch eines, nach unserer Karte Lend und Stockach. Im ersten sprachen wir ein.

Nicht so heißhungerig fielen wir über das dringlich gewordene Abendbrot her, als mit unseren Fragen und Erkundigungen über das reizende Landhaus. Ach, die Antworten klangen nicht feenhaft! Sie rissen uns mit einem Zuge in die rauheste Wirklichkeit hinein.

Der Leser wird selbst urtheilen. Denn während wir noch am Bodensee saßen – es war am Ende der Fünfziger-Jahre – fing eine Geschichte in dem Hause zu spielen an, welche von dem Unterschied zwischen einem Tiroler Bauernhaus und einem Feenschloß den realsten Beweis lieferte. Wir erlauben uns auf den folgenden Blättern diese Geschichte zu erzählen.



Zweites Capitel.

Der Erbauer des Hauses hieß Franz Fend. Die Thalleute sagten, der Fender. Er war ein Emporkömmling, armer Leute Kind. Die Lechthaler haben ein angeborenes Talent für den Schnittwaarenhandel und wandern fleißig drauf aus, theils sich selbst überlassen, theils als Nachzügler vorausgegangener Gevattern und Vettern in Köln, in Amsterdam, in London, ja selbst in Philadelphia, Baltimore oder New-York. Franz Fend war vom Viehhüten weg »ins Reich« gelaufen und zurückgekommen im eleganten Landauer, als ein schwerer Capitalist. Der Sprachgebrauch nennt das »sein Glück machen«.

Aber es ist ein eigenes Glück. In der Brust dieser Menschenkinder laufen die socialen Linien von Bürger und Bauer zusammen, und wenn es einem ehrlichen Manne schon zu schaffen macht, in seinem einfachen Stande zurecht zu kommen, so ist es ein schweres, unter Umständen tragisches Los, das Doppelwesen zweier Stände in sich auszugleichen. Wir haben Hirten gesehen, welche Priester, Dorfwirthe, welche Feldherren geworden sind; sie sind nicht glücklich dabei gewesen.

So ist auch mancher dieser Lechthaler Emporkömmlinge, welche »ihr Glück gemacht haben«, nicht glücklich. Im jachen Anprall der Jugendkraft erwarben sie Reichthümer; – die Jugend verschwindet, der Reichthum bleibt. Aber mit der Jugend verschwindet auch ein gut Theil Genußfähigkeit und noch mehr Bildungsfähigkeit. Und doch will der Reichthum Beides. Er strebt nach Geist und Leben in der Hand seines Besitzers. Er strebt nach feinen Gemälden, guten Büchern und classischen Theaterabenden, er möchte den Louvre und das Luxembourg verstehen lernen, die Antike und die Renaissance, möchte Gelehrte und Künstler bewirthen, möchte die Zeitungen studiren und die Zeit dazu und das Jahrhundert obendrein und die Geschichte auch. Das fühlt das arme Bäuerlein nach und nach. Er fühlt es und erschrickt in seinem Herzen. Er wird traurig, schier zornig darob. Vielleicht probirt er's auch einmal mit der Cultur und trägt ihr die Hand zum Tanze an; aber da er ihr gleich bei der ersten Tour auf's Kleid tritt und mit ihr niederfällt, so wird er ausgelacht und probirt es nicht weiter. Kurz der lebendige Reichthum genirt ihn. Er möchte ihn todt haben. Da schleppt er ihn heim, aus den großen Städten in's kühduftende Alpendorf heim. Er legt ihn in eiserne Kisten, sperrt zu und setzt sich darauf. So ist er todt. Der arme Reichthum! Das arme Bäuerlein!

Die Poeten finden dieses Heimweh rührend, das patriarchalische Genügen an Schafkäse und Nachtwächtergespräch fast classisch. Aber versucht es einmal und schlagt den biedern einfältigen Bauernton mit ihm an, und er wird gar bald den anspruchsvollen Bürger herauskehren. Fordert bürgerliche Intelligenz und Bildung von ihm und er wird sich mit schlauer Gemüthlichkeit in den altväterlichsten Bauernpelz hüllen.

Kurz, der Riß ist leicht zu entdecken, der durch den inneren Kern dieses Mannes geht; ihr dürft nur schärfer zusehen. Aber seht lieber nicht zu! überlaßt ihn seiner Einsamkeit, die er wahrlich nicht aus poetischem Hochgeschmack gesucht hat, die er gesucht hat, der arme Bauernbürger, weil er weder mit Bauer noch mit Bürger sich recht versteht, weil er nichts versteht als sich selbst und ein halb Dutzend andere Bauernbürger, welche gleich ihm sich zurückgezogen haben, um in ruhiger Verschollenheit abzuwelken. Ueberlaßt ihn seiner Einsamkeit!

Und glücklich noch, wenn er einsam ist! Wenn nicht Frau und Kind um ihn her als eben so viele Wegweiser stehen, welche immer von Neuem in die Welt zurückzeigen, die er verlassen hat. Im aufblühenden Geschlecht seiner Kinder drängt dann der Reichthum, den er selbst todt gemacht hat, energisch wieder ins Leben zurück. Die Jugend fordert ihr Recht, sie fordert die Bildung, welche das väterliche Geld geben kann und soll. Die Hausrevolution ist unaufhaltsam und nur das Eine fragt sich, wie sie verlaufen soll. Der Papa, ist er passiv genug, kauft mindestens keine Freude an den Seinigen ein, denn Alles, was er einkauft, ist ihm fremd, gleichgiltig und unverständlich; trotzt aber gar noch ein Rest alter Bauernsprödigkeit in ihm und wehrt er sich förmlich gegen das Neue, so kann's dem Familienleben leicht noch trauriger ausschlagen. Eine unversöhnliche Entfremdung, ein scharfes grimmiges Aufreiben der Räder, wie in einem falsch zusammengesetzten Uhrwerke, knattert und knirscht dann durch die innersten Fugen des Hauses.

In diesem letzteren Falle war das Lechthaler Landhaus.

In dem reizenden Hause saß ein grimmiger Haustyrann.

Franz Fend, oder mit den Landleuten zu reden, der Fender, war ein Mann von bitterer Natur. Als Bursche wild und vom Glück begünstigt, hielt er sein Glück für Genie, seine Wildheit für Charakterkraft. Ein unbändiges Selbstgefühl setzte sich fest in ihm, eine Meinung vom eigenen Werth, welche frühzeitig anfing, ihn unverbesserlich zu machen. Der rechte Augenblick, seine Jugendgährung zu vollenden, war ihm verloren gegangen, er blieb stecken im burschikosen Ungebär, und als es seinem Alter nicht mehr zukam, verrannte er sich, aus falscher Scham, im Hans das Hänschen nachlernen zu sollen, erst recht stöckig in die struppige Bubenart. Die naive Jugendflegelei wurde forcirter Trotz und bewußte Anmaßung. Solche Verranntheiten in ihr Geleise zu bringen, bedient sich die Natur oft eines erfolgreichen Mittels – der Frauen.

Aber Fend war schon ein stattlicher Vierziger, als er heirathete. Da war sein Rumorgeist nicht mehr zu bändigen. Er war keines anderen Glückes mehr fähig als ein Weib zu finden – ein hausbacknes Weibchen, welches, beschränkt und demüthig, ihn blindlings vergötterte.

Ein solches Weib war sie nicht, Frau Ottilie.

Ottilie hatte ein stilles, bescheidenes Wesen. Als sie Fend kennen lernte, saß sie im Vorgärtchen des väterlichen Hauses und ließ ihr zappelndes Mädchen im Sande spielen. Sie war noch jung, die arme Ottilie, kaum volljährig und doch schon Mutter, doch schon Witwe. Ihr Gatte, der jüngste der angestellten Professoren, war seit einem Jahre gestorben, sie war heimgekehrt zu dem alten Vater, welcher gleichfalls Professor war und eine zahlreiche Familie spärlich ernährte. Wie rührend lag der Schatten ihres Geschickes auf dem jungen Wesen! So mädchenhaft weich, so mütterlich ernst sah sie ihrem knospenden Kindlein spielen zu! Wie eine Madonna. Das ist ein Weibchen für dich, dachte der jache Fend, wie tollmüthig er vorüberfuhr. Er war gewohnt, die Menschen sich nur »im Geschäft« anzusehen, sonst aber nach dem flüchtigsten Scheine zu urtheilen, dagegen um so ungestümer zu begehren, je oberflächlicher er urtheilte.

Wie stark er sich vergriffen, trat bald im erklärtesten Hauselend zu Tage. Ottilie war ein Charakter. Ihre Sanftmuth entsprang aus Bildung und guter Erziehung, nicht aus weiblicher Schwächlichkeit; ihr bescheidenes Wesen war die Stille einer tieferen Natur, nicht die Schüchternheit einer leeren und kleingeistigen. Kurz, das fromme Heiligenbildchen war ein selbstständiges Wesen.

Aber Fend behandelte sie nach der Schablone des praktischen Eherechtes, d. h. das Weib galt ihm für unmündig und der Mann als ihr Haupt. Er behandelte sie als der von Gott eingesetzte Herr und Gebieter, ohne zu ahnen, daß alle Herrschaft mit der Herrschaft über sich selbst anfangen müsse. Er behandelte sie ein für allemal falsch.

Ottilie verwunderte sich erst, dann strebte sie, zuletzt resignirte sie und litt. Dieser Mann konnte sich nicht verstehen mit ihr, sie nicht mit ihm. Nichts war im Grunde so leicht, als sein Herz zu erobern; es gab ein starkes und unfehlbares, aber leider auch einziges Mittel dazu: nämlich seiner Eitelkeit zu schmeicheln. Wer das that, der hatte goldene Tage beim Fender, denn der Mann konnte lieben und zärtlich sein wie ein Kind: ja, nichts war liebenswürdiger als Fend, wenn er geschmeichelt war. Aber eben deswegen begriff er auch nicht, daß sein Herz, »sein gutes, windelweiches Herz«, wie er meinte, von Ottilien allein nicht erkannt wurde. Er hielt das für äußerste Bosheit und verfolgte es mit äußerster Grausamkeit. Der arme Mann raffinirte im ganzen Laufe seiner Ehe mit allen Mitteln der List und Gewalt fortwährend auf das Eine: sein Weib seiner Eitelkeit dienstbar zu machen. Das leiseste Zeichen davon hätte ihn glücklich gemacht. Begehrlich, aber auch zufrieden wie ein Kind, war es elend zu sehen, wie dieser Großhans durch das winzigste Stückchen Zucker oder Weihrauch zu gängeln war, ja wie er kriechen konnte darnach, wenn nur die Aussicht da war, daß der Andere noch tiefer kroch. Ottilie war mit diesem Manne in der Lage jener republicanischen Märtyrer, welche in Cayenne und Lambessa, wie wir lesen, stundenlang Pfahlfoltern erdulden, deren sie doch in jedem Augenblick ledig gehen könnten, sie durften nur des Cäsars Gnade anrufen. Aber das einzige Wort hübe ihren ganzen Charakter auf. Fend fühlte das nicht, und so erschöpfte er sich jahrelang an der sauren Arbeit, sein Weib zu seiner Sclavin zu zwingen. Es gelang ihm nicht, er rächte sich, und des Mühsals wurde kein Ende.

Dieser Mann war Vater von drei Kindern. Eusebia, die älteste Tochter, war das Stiefkind, welches er mit Ottilien erheirathet hatte. Hermosa und Ivo waren die Kinder seiner eigenen Ehe. Die Stieftochter zählte vierundzwanzig Jahre, Hermosa neunzehn, der Knabe zwölf. Alle drei aber, um von des Fenders Erziehungswerke zu sprechen, waren gleichsam eben so viele Kriegsschauplätze, auf welchen der Kampf seiner verfehlten Häuslichkeit eines Weiteren sich austobte. Nur daß er noch leidenschaftlicher, noch unregelmäßiger, noch kopfloser hin- und her- wogte als sein Ehekampf: es war ein wahres Kampfgetümmel, in welchem man häufig weder Feind noch Freund unterschied und jede Evolution der anderen widersprach. In der That, die väterlichen Launen wechselten häufiger als Wind und Wetter auf seinen Lechthaler Hochkogeln; ja es wäre ganz unmöglich, ihre Ab- und Umsprünge zu verfolgen, wollte man es damit genau nehmen. Im Allgemeinen aber ließ sich immer eine Art von Princip erkennen, nach welcher er seine Erziehungsgewalt ausübte, oder vielmehr zwei Principien, welche einander freilich entgegengesetzt waren. Nämlich sein Bemühen, die Kinder zu seiner Partei herüberzuziehen, und wenn es ihm nicht gelang, sein Rachsinn, sie und in ihnen die Mutter zu Quälen. Sodann sein tiefer, inniger Herzensgrimm gegen Alles was Bildung hieß, dabei aber seine Eitelkeit, den Schein der Bildung gleichwohl nach außen hin zu verbreiten

Das Letztere war ihm von Wichtigkeit. Denn, so seltsam es klingt, der Fender galt in seiner Bauernverwandtschaft als ein socialer Revolutionär. Seine Heirath war es, die ihn dazu stempelte. Als er ein Weib nach Hause gebracht, die keine Lechthalerin war, die arm war, die eine Professors-Wittwe war, da hieß es von ihm: der Fender ist ein Schöngeist. Er hieß ein Kraftgenie, ein Neuerer. Fend war zu stolz, um den Mißgriff seiner Wahl einzugestehen; er verbarg sorgfältig, wie unangenehm sie ihm war. So spielte er die Bildungskomödie durch. Zu Hause aber rächte er sich für den Zwang und ließ an der Bildung seine ganze Bauerntücke aus.

Schon die Getheiltheit des Aufenthaltes mußte ihm dienen, die Cultur seiner Kinder zu stören. Unterrichten ließ er eigentlich nur im Winter, wo Innsbruck bezogen wurde. Dann aber hetzte er den Kindern einen Schwarm von Lehrern an den Hals und erfüllte die Erziehungswünsche seiner »Frau Professorin« mit einer so derben Ironie, daß die Erfüllung zur ärgsten Seccatur wurde. Vor den Leuten aber sagte er: man muß die Zeit nutzen. Im Sommer dagegen verbot er das Lernen geradezu; da that er Alles, daß die Früchte des Winters wieder verloren gingen. Die Kinder müssen sich erholen, sagte er, sie waren im Winter so fleißig!

Diese lernten die Art, wie ihnen mitgespielt wurde, bald beurtheilen. Aber nicht die natürliche Entwickelung des Verstandes, sondern die Mama sei es, meinte Fend, welche sie dazu anleite. Und er begegnete der Mama immer härter, um den Kindern vor Augen zu demonstriren, auf welcher Seite die Macht sei und woran sie sich halten müßten. Daneben suchte er, wie ein eifersüchtiger Tyrann unter Nachbarstaaten, unter den Kindern selbst in dem Maße, als sie mündiger wurden, Zwietracht zu stiften: er bestellte eines zum Angeber des andern, nahm bald dieses, bald jenes apart, unterhandelte und capitulirte förmlich mit ihnen, hätschelte das eine, um das andere zu kränken, kränkte alle und gewann keines.

Am fügsamsten noch zeigte sich das älteste der Kinder, die Stieftochter Eusebia. Dieses Mädchen war aufgewachsen, aber nicht aufgeblüht. Keine der Grazien hatte sich eingestellt, welche das reifende Weib ins Leben einführen. Eusebia war nicht schön. Eine Zeit lang schien es sogar, die Krankheit ihres Vaters erbe ihr nach, welcher im Ueberdrang des Studirens an einer frühzeitigen Schwindsucht zu Grabe gegangen. Aber bestand sie auch ihrerseits die kritische Gelegenheit zur Schwindsucht und war die Bleichheit, welche aus dieser Krisis ihr anhaften blieb, zuletzt nichts Schlimmeres als »das Symptom einer heilbaren Krankheit«, wie Goethe sich ausdrückt, – es war keine interessante Blässe: ihr Teint war nicht zart, ihr ganzer Ausdruck nicht seelenhaft. Ihr starkes Kinn vergröberte sogar ziemlich empfindlich diesen Ausdruck und ihr flaches graues Auge blickte mit schwacher Nervenkraft. Sie schien wie geschaffen zur Abhängigkeit. Sie wußte, daß sie nicht schön war, und dieses Gefühl bestimmte ihren ganzen Charakter. Sie fürchtete, ungeliebt zu bleiben. Sie nahm Alles an, was ihr wie Antheil und Freundlichkeit entgegenkam und neigte instinktmäßig auf die Seite des Stärkeren. Das Bestreben des Fenders, in seiner eigenen Familie sich Partei zu machen, war daher bei ihr am wenigsten unglücklich. Zwar fühlte auch sie, daß ein Gemüth, wie ihr Stiefvater, nicht lieben könne, und Vertrauen hatte sie nicht zu ihm. Aber ihr kleinlautes Selbstgefühl begnügte sich mit Wenigen. Sie wollte nur nicht erfrieren und der Ofen war ihr so lieb wie die Sonne. Sie hatte überhaupt nicht den Muth, an Liebe zu glauben; das kann nur, wer sich schön fühlt. Sie hielt die Liebe für eine Art Schwäche, für eine Laune, eine Eitelkeit, kurz für ein Ding, das man mit kleinen Mitteln erlisten und durch unbedingte Dienstbarkeit behaupten könne. Sie war aus dem Holze, aus welchen man Haushälterinnen schnitzt, jene Haushälterinnen, die zuletzt geheirathet werden, ohne eine Spur von Neigung, aber aus Bequemlichkeitsliebe und aus Bedürfniß der Herrschaft über Etwas, das sich beherrschen läßt. In der That stand sie zum Fender wie eine Magd, duldsam, gehorsam, aufmerksam, und selbst Angebereien, wenn sie auch gut genug war, sie nicht aus Liebhaberei zu treiben, waren ihr abzulisten und abzulocken. So trat der sonderbare Fall im Fender-Haus ein, daß just mit dem Stiefkinde der Stiefvater noch am leidlichsten stand; vor der Welt aber ließ sich Fend preisen als ein Mann, der keine Parteilichkeit kenne!

Ganz das Gegentheil von Eusebien war Hermosa. Dieses Kind schien mit dem Wasser ihrer frischesten Bergquellen getauft, Alpenrosen und Edelweiß, schien's, hatten die Feen der Lechthaler Hochkogeln auf ihr schlafendes Gesichtchen in der Wiege herabgestreut; Alles blühte und strahlte an dem Mädchen von triumphirender Urgesundheit. Das Blut sprang ihr aus den Wangen und die Blicke ihrer blauen Augensterne blitzten wie funkelnde Klingen umher. Mit ihren blonden Haarwellen hätte sie schon als Kind – im keuschen Legendenstyl – von Kopf bis zu Fuß sich einhüllen können, so lang und dicht entsproßten sie ihren kräftigen Wurzeln. Das Mark ihrer Glieder, das Feuer ihres Temperaments verrieth sich in all' ihren Bewegungen: sie warf ihren Körper wie einen Federball, fast nur im Sprung und im Schwung, von Ort zu Ort. All' dieser Kraft fehlte es aber auch nicht an Zartheit: ihr Mund war fein geschnitten und konnte, wie die Mama sagte, durch ein Nadelöhr lächeln; ihre Hautfarbe war klar und durchsichtig, daß jedes Aederchen darauf spielte, und ihr strahlendes Augenblau hätte der Gelehrte gewiß einem besonders zarten und transparenten Gewebe der »Iris-Membrane« zugeschrieben, welche das dunkle Pigment der hinter ihr liegenden »Traubenhaut« krystallrein durchscheinen ließ, denn nur so sei der eigenthümliche Ausdruck von Klarheit und seelischer Innigkeit zu erreichen. In der That gehorchte ihr Auge den wechselnden Spielen ihrer Empfindung mit einer fast wundergleichen Wirkung im Sinnlichen; sie war ganz Kind, wenn sie kindlich blickte, sie war ganz Schwester, wenn sie schwesterlich blickte, und wenn sie ihr Brüderchen Ivo bemutterte, so konnte sie mütterlich blicken, als fühle sie Alles, was ihr zu fühlen erst übrig blieb. Immer stand ihre ganze Person in ihrem Auge. Und wenn sie es vollends niederschlug, dieses bezwingende Siegerauge, so machte das eine Wirkung von Bescheidenheit, von Noblesse, – wie ritterliches Degensenken. Es war ein Auge, werth des alten Spruches, daß sich die Götter an ihren Augen verrathen!

Fend war nicht wenig verliebt in dieses Kind. Wenn Ein Mensch auf Erden – seine »Mosi« hätte ihn bessern müssen. Aber so wahr ist es, daß keine Natur über sich selbst hinaus kann. Dies gallichte Herz milderte auch die Vaterliebe nicht. Er liebte ohne Gegenliebe, dürften wir sagen, wenn es der Gebrauch hier erlaubte. Aber wie hätte sie ihn glücklich gemacht, diese Gegenliebe! Denn der verworrene Mann, welcher so schlecht den Ton der Weiblichkeit traf, welcher nur martern konnte, wo er wohlthun wollte, hatte im Innersten seiner Natur trotzdem einen starken Zug nach der Weiblichkeit, wie schon sein Auge einen starken Sinn für die Schönheit. Sein schönes Kind hätte die Freude seines Alters sein können, wäre es ihm nur halbwegs möglich gewesen, selbst auch Wem zur Freude da zu sein. Wenn er sein süßes Blondinchen auf den Knieen wiegte – der stattliche Mann das rosige Mädchen – wie das schon im Aeußeren ein glückliches Bild gab! Wäre ein Maler, etwa ein Münchner Idealist, das Lechthal dahergepilgert, er hätte die Gruppe, zumal in einiger Aufregung genossenen »Vintschgauers« oder sonst in gelinder Reisetransspiration gar leicht als ein Modell für »Zeus und Hebe« zu Mappe gebracht. Denn das muß wahr sein, der Fender war trotz seiner Fünfundsechzig ein prächtiger Mann. Er war von hoher Statur, starken Knochen, aber auch kernigem Fleisch. Seine gerade Tirolernase stand ihm fast edel zu Gesichte und seine buschigen Augenbrauen und seine strenge Stirnfalte beherbergten, wie ihm Jedermann ansah, Blitz und Donner genug. Dazu trug er sein kahles Haupt mit einer sorgfältig gearbeiteten schwarzen Perrücke bedeckt; ja, der eitle Mann pflegte sogar seinen fuchsrothen Vollbart mit Höllenstein schwarz zu färben. Wer hätte das Zeusmodell verachtet?

Aber gar bald war diesem Zeus seine Hebe entwachsen. Als Hermosa zu denken anfing, als es mit Zucker und Obst, mit schönen Puppen und hätschelnden Worten nicht mehr gethan war, da hatte Fend ihr nichts Besseres zu bieten. Da zeigte es sich, daß dieses Herz nichts lieben könne, als sich selbst, daß es Liebe nicht erwerben, sondern nur ertrotzen oder erzwingen könne, kurz daß seine Liebe nur in der Form der Tyrannei sich ausließ. Und da war Fend mit seinem Lieblingskinde noch unlieblicher dran, als mit seinen übrigen Haussclaven. Hermosa wußte weder so edel zu resigniren wie ihre Mutter, noch so schüchtern zu ducken wie ihre Schwester. Sie war eine rechte Kriegsgöttin. Aufgewachsen wie ein Soldatenkind zwischen Kampf und Sturm, zitterte sie vor keiner Attaque weder in der Vertheidigung noch im Angriffe. Ja, auch im Angriffe! Denn sie stand nicht nur für sich selber ein, sondern wie Fend sagte: »sie verbrannte sich auch das Maul« für Mutter und Geschwister. Was sie nämlich zumeist in den Harnisch jagte, – die Härten des Vaters hätte sie noch ertragen, – aber seine Winkelzüge, seine diplomatischen Falschheiten, womit er nach dem bekannten Despotengrundsatz: »Theile und herrsche« den Familiengeist zu spalten suchte: das litt ihr keine Nachsicht. Das riß sie hin, wie die Trompete ein Kriegspferd. Immer vom Neuen übereilte sie sich in solchen Fällen. Wie eine Pallas Athene stürzte sich dann unsere Blondine in den trojanischen Kampf: ihre feinen Nüstern schnoben vor Eifer, ihr blaues Auge sprühte wie Zunder und ihr Stirnfältchen, das sie vom Papa hatte – zwar bei heiterem Himmel nicht sichtbar, – zuckte dann auf und gab ein Donnerwetter – nicht zu verachten! Auch ihre Stimme, wir müßten es lügen, sagten wir ihr die Flöte der Nachtigall nach; und ihre Bewegungen, rasch und stark wie sie war, geriethen unwillkürlich heftiger, als sie vielleicht selbst wollte: Fenster klirrten, Thüren Teller und Tassen zitterten für ihr Dasein. Da kommt der Würgengel! pflegte dann Fend zu sagen, dem solche Wildheit eigentlich gar nicht mißfiel: erkannte er doch sein eigenes Blut darin! Nur schade, daß es sich gegen ihn selber wendete. Wie oft bot er Hermosen seine Allianz an! Wir Zwei könnten das Lechthal unterjochen! sagte er, wenn er bei guter Laune war. Aber Hermosa wollte kein Joch, sie wollte nichts als das Recht. Und Fend wollte nur seinen Uebermuth. Das gab freilich keine Allianz!

Die beiden Töchter, wir sagten es schon, waren größtentheils nach ihren Vätern geartet. Der Knabe Ivo dagegen ähnelte der Mutter im Aeußern wie im Gemüth. Er war von einem leicht erregbaren Nervenleben, das viele Nahrung und viele Ruhe brauchte. Er kletterte, turnte, tollte und jagte sich ab, er trieb alle Leibesspiele mit einer Leidenschaft, wie nur die kräftigsten Knaben thun können: ebenso vertiefte er sich aber Tage lang in seine Zeichnungen, Baupläne oder andere Kunstspiele, war dann wie todt für die Außenwelt und keine Versuchung zu Lust oder Jubel übte einen Reiz auf ihn. Die Mutter beobachtete dieses Wesen mit einer ahnungsvollen Theilnahme; wußte sie doch aus vielen Künstler-Biographien, daß bedeutende Naturen so angelegt waren; der Vater dagegen sah nichts darin, als nervöse Weibercapricen und störte den Knaben beständig. Der Gelegenheit, Unrecht zu erfahren, ging Ivo gern aus dem Wege, – aber nicht aus Furcht vor den Andern, sondern aus Furcht vor sich selbst und der tiefen Erregbarkeit seiner eigenen Natur. Der Vater verstand diesen Zug nicht und nannte ihn feig. Geschah ihm aber wirklich ein Unrecht, so konnte er es weder so ergeben verschmerzen, wie Eusebia, noch so schlagfertig hinwegwirbeln wie Hermosa, sondern er stand stumm, wurde blaß und eine Thräne trat ihm ins Auge. Nicht jacher Zorn überkam ihn, aber eine Verachtung gegen den Thäter, welche tief ging und nachwirke, und wenn er oft nach Tagen darüber gefragt wurde, so sprach er sein Herz mit einer Furchtlosigkeit aus, welche freilich nicht Feigheit war, sondern unerbittliche, unverjährte Strafe des Unrechts. Diese pünktliche, nie stillstehende Gerechtigkeitsuhr war dem Fender eigentlich das Fatalste in seinem Hause. Es war ganz das Bild der Mutter, nur daß sie gelernt hatte, die Uhr zu verhängen. Mit einer andern Eigenschaft Ivo's fuhr der Fender schon besser. Der Knabe war so unfähig an Betrug zu glauben oder auch nur den Begriff davon zu fassen, daß er mit einer Leichtigkeit, welche wie Geisteseinfalt aussah, in jede Falle ging, welche man ihm und mit seiner Hilfe Anderen stellte. Deshalb nannte ihn Fend, wenn er ihn nicht »feig« nannte, zur Abwechslung »dumm«, aber er profitirte davon. So fühlte sich Ivo frühzeitig vom Vater verkannt und von der Mutter verstanden. Mit dem Instinkte der Sonnenblume, welche gegen Süden sich wendet und nicht gegen Norden, wendete er vom Vater sich ab und der Mutter sich zu. Fend hatte bei der Geburt eines »Buben« auf die Verstärkung des männlichen Princips im Hause sich vergebens gefreut. Auch der Bube ging den Weg, welchen unter seinem Scepter, und hätte er ein Dutzend Kinder commandirt, muthmaßlich Alles gegangen wäre.

Das war das Innere des Lechthaler Feenschlößchens.



Drittes Capitel.

Nun war es eines Tages im März. Die Familie wohnte in Innsbruck und die Jugend derselben plagte sich, wie es ihr Loos im Winter war, Lehrstunde an Lehrstunde. Die Musikstunde kam. Man hörte die Glocke ziehen, Schritte über den Corridor, ein Klopfen an der Thüre. Aber das Alles klang heute anders als sonst. Wirklich stand, als Fend sein Herein! gerufen, eine fremde Person im Zimmer. Es war nicht die kleine eckige Figur des Meisters mit dem blauen Aeuglein, dem verwaisten Haarbüschel auf der Platte, den hängenden Backen und dem kurzen Halse zwischen den Vatermördern. Sondern ein junger Mann trat ein, mit munterm Schritt und leichten Geberden. Von Natur zwar gedrungen, aber doch mittelgroß, den Kopf mit Haaren bewaldet, welche er über die Stirn zugestrichen trug, das Auge blau, und in Auge und Mundwinkel einen Zug, einen klugen lächelnden Zug, einen Ausdruck von Heiterkeit, wie ein Mensch, welchem beständig gute Einfälle im Sinne liegen. Es lag etwas Jugendliches, Studentisch-cordiales in diesem Zug, obwohl die Jugendschmalheit seines Gesichtes einer Contour schon von reiferer Fülle zu weichen angefangen. Es war ein Gesicht mit einer Art humoristischem Naturgefühl. Es drückte die »gute Laune« aus, welche Goethe als Tugend fordert. Wenn sie der Philister hat, so hat er sie mit dem Laster der Selbstgefälligkeit und ohne Anflug von Menschenliebe und Menschenfreude.

Der junge Mann erklärte sich mit wenigen Worten als den Sohn des Claviermeisters. Der Papa habe einen heftigen Märzenschnupfen bekommen und bitte um Entschuldigung. In solchen Fällen pflege er dem Papa als Ersatzmann auszuhelfen, so weit es seine Bureaustunden erlaubten.

Der Fender schnitt ein Gesicht und brummte: Hoffe, der Herr Vater soll bald wieder gesund werden. Bin ein Gewohnheitsmensch! Dann erhob er die Stimme und rief mit einem Tone, welcher seinen Verdruß über die gestörte Gewohnheit deutlich verrieth, ein grämliches »Mosi!« in die Zimmer hinein. »Mosi!« wiederholte er barsch und ungeduldig, als das Mädchen nicht gleich geflogen kam. Der Fremde probirte einstweilen den Flügel.

Da brauste es auf einmal wie Sturmesnähe und eine Stimme dröhnte: Da bin ich schon, brennt's wo? Herein stürzte mit gezücktem Stirnfältchen und einem trotzigen Kriegerblick – der Würgengel. Der Fremde schaute verwundert. Er schüttelte den Kopf und auf der Stirn stand ihm geschrieben: das ist ja eine wahre Berserker-Familie!

Es hatte aber Hermosa bei der letzten Clavierlection den Meister gebeten, er möge doch eine Viertelstunde später kommen und sich an das Murren des Papas nicht kehren; sie könne ja gar nicht zu Athem kommen. Daher ihre Heftigkeit, als sie heute so pünktlich wie sonst gerufen wurde. Wie vorschnell sie aufgewallt, sah sie freilich, indem sie den Ersatzmann sah, aber wenig gewohnt mit Fremden umzugehen, kam sie nicht sobald wieder zu ihrer Unbefangenheit.

Sie setzte sich ans Clavier. Ich übe diese Sonate von Haydn, sagte sie kurz, und fing zu hantiren an. Sie spielte lahm und zerstreut. Der Tausend, rief der Ersatzmann, ein so rasches Blut und ein so schleppendes Tempo! Resoluter! Es ist ein Allegro! Er spielte ihr's vor. Aber Hermosa hörte kaum. Das »rasche Blut« ärgerte sie. Sie wurde roth und biß die Lippen. Sie schämte sich, wie wild sie hineingestürmt; meinte aber doch, einen Clavierlehrer gehe das nichts an, sie stehe nicht unter seiner Zucht. Kurz und schnippisch antwortete sie: der Papa hat's so gespielt. Der junge Mann sah sie lachend an und brummte: Münchhausen!

Im Scherzo kamen sie an ein Pizzicato, dessen Vortrag gleichfalls getadelt wurde. Das klingt ja wie die Hühner picken, sagte der unbefangene Mentor. Da muß Nuance hinein. Licht und Schatten. Betonen Sie den Auftact und das Uebrige – diminuendo. So! Er spielte ihr's vor. Aber Hermosa, welche den »Münchhausen« wieder übel genommen, trotzte verstockt: der Papa sagt just das Gegentheil. Ganz gleicher Anschlag! Eine Note wie die andere! Mit einer Nonchalance ohnegleichen antwortete der Meister: Meinethalben! Aber sehen Sie, Fräulein, wir sind eben jünger als der Papa. Die Stelle ist schon an sich veraltet; so wie Sie sagen, würde sie gänzlich Zopf. Und mit einem satyrischen Lächeln setzte er hinzu: Ich sehe, im höheren Clavierunterricht ist mein Papa schwer zu ersetzen.

Auf Einmal schoß Fend, welcher bis dahin ruhig seine Vögel gefüttert hatte, ans Clavier. O ich Duselfritz, rief er, ich Gottlieb! Was für ein Licht geht mir auf! Am Ende sind Sie gar nicht der Sohn vom Sallek? Heda, reden Sie, Sie feiner Mosje! Sie Neumodischer! Sie Anderswisser! Wer sind Sie denn eigentlich? Reden Sie! Weisen Sie sich aus!

Das ganze Zimmer war wie versteinert bei diesem Angriff. Der Fremde sprang auf, Hermosa warf das Clavier zu, und Frau Ottilie, welche gleichfalls anwesend war, wurde blaß bis unter die Schläfe. »Aber Franz,« rief sie, »was fällt Dir doch ein! Wie übereilst Du Dich wieder! Das ist ja unerhört!«

»Was? Bist Du einverstanden? Habt ihr's zusammengezwirnt miteinander? Mordelement, ich will wissen, wer in mein Haus kommt! Jeder Landstörger, jeder Lotterstudent könnte da kommen und zu den Maiden sitzen. Wie leicht ist's ausspionirt, ob Einer den Schnupfen hat! Nun, werden Sie reden? Wer sind Sie?«

»Wollen Sie so gut sein und mit mir nach Hause fahren? Bitte nach einem Wagen zu schicken. Ich bin bereit.«

Der Fender stand betroffen; man sah, wie seine Gedanken im Gehirne stotterten, um etwas zu sagen, was sie selber nicht wußten. Zuletzt sagten sie gar nichts, er warf die Hände auf den Rücken, stieß mit dem Fuße die Thüre vor sich auf, welche Hermosa nur angelehnt hatte und verschwand in die Wohnung.

Der junge Sallek staunte ihm sprachlos nach. Er griff wie im Traume nach seinem Hut; Frau Ottilie sagte mit müder Stimme: »Nicht wahr, Sie entschuldigen uns? Ich bitte Sie, sprechen Sie von den Leiden dieses Hauses nicht weiter: die menschliche Gesellschaft stößt uns noch gar aus. Adieu!« Der Andere murmelte ein paar Worte und war verschwunden.

Als Fend wieder zurückkam, sagte er verwundert: »Nun, ist er fort? Das nenne ich empfindliche Leute!«

»Empfindlich? Hättest Du ihm ein Radschuh an den Kopf werfen sollen?« antwortete Ottilie kalt.

»Ein Radschuh? Was heißt das? Ich werde den Maidenjägern doch aufpassen dürfen? Ich werde doch sehen dürfen, wer nach meinem Gelde streicht?«

»Sei ganz ruhig. Wer uns ein paarmal besucht hat, der meidet uns wie Gezeichnete. Die Mädchen werden sitzen bleiben, trotz all' deinem Gelde.«

Eusebia, welche bisher an dem Fenster gesessen und emsig in einen Rahmen hineingestickt hatte, sah plötzlich auf. Das vierundzwanzigjährige Mädchen hörte diese Worte mit offenem Munde. Ganz neue Gedanken, sah man, gingen ihr auf. Als Fend sie aufforderte, ihm Recht zu geben, that sie es nicht, sondern schwieg mit einem Ausdrucke, welcher bei ihr mehr als sonst anti-Fendisch war.

Dieser Zwischenfall, wie peinlich er war, wäre vielleicht nicht merkwürdiger gewesen, als hundert ähnliche dieser Art, wenn er den Gemüthern nicht doch einigen Eindruck hinterlassen hätte. Eusebia, wie gesagt, wurde nachdenklich und selbst Fend schien sich zu besinnen, ob ein Vater, welcher – Schwiegervater werden sollte, nicht doch Rücksichten habe. Es war vielleicht zum ersten Male, daß ihm dergleichen einfiel.

Wenigstens war es zum ersten Male, als bald darauf das Lechthaler Landhaus bezogen wurde, daß ein Mensch in das Haus kam, welcher es darin aushielt. Dieser Mensch nannte sich Gordian Früll.

Es war ein Bursche in der Blüthe der Flegeljahre. Er hatte röthliche Haare und Sommersprossen, welche so stark waren, daß sie wie Flecke aussahen. Sein Auge war starr und ausdruckslos, wie zwei Glaskugeln, sein Hals lang, seine Handwurzeln grob, seine Füße breit. Er ging und stand ungeschickt, und wenn er saß, so bediente er sich immer der Rücklehne. Er sprach wenig, seine Stimme klang nach einer starken Lunge, aber verengten Kehle. Zuweilen brach der Ton gänzlich ab, dem er dann glucksend nachschnappte. Kurz, es war ein Jüngling »für's practische Leben«, wie die Leute sich ausdrückten: Ideeles war nämlich nichts an ihm.

Dieser Adonis machte an einem der regnerischen Maitage, von welchen wir Eingangs gesprochen, dem Fenderhause seinen Besuch. Er kam von Holzgau, wo er zu Hause war, in einem Cab vorgefahren und machte Herrn Fend seine Aufwartung. Er war der Sprößling eines reichen Lechthaler Hauses, hatte in einem Exportgeschäft am Rhein zwei Jahre als Volontair practicirt und verspüre nun Lust, sagte er, es auf eigene Hand zu versuchen. Vielleicht schon im Herbst »mache er hinüber.« Für den Sommer sei er ins Lechthal heimgekehrt, zum Abschiede von seinen Großeltern, welche er beerbe. Daneben wäre es eine schöne Gelegenheit, mit dem »Herrn Nachbarn« über Amerika sich ein Bischen zu instruiren. Ob er ihn also besuchen dürfe?

Fend war sehr geschmeichelt. Es war ihm schon lange nicht begegnet, daß ihn Jemand nach seiner verschimmelten transatlantischen Weisheit fragte, vielmehr mußte er sie mit einiger Zudringlichkeit an den Mann bringen. Daß neueren Datums durch die Literatur eine Masse Wissen ins Volk gedrungen, ärgerte ihn nicht wenig, wie denn seine eigenen Kinder aus Büchern, welche er »dummes Zeug« nannte und mit Vorliebe Lügen strafte, Vieles wußten, was er selbst am Ladentisch und in Hafenkneipen niemals erfahren. Dazu war Früll ein gewichtiger Name. Seine Großeltern waren reich, Gordian ihr einziger Erbe. Kurz, Fend empfing den »scharmanten Menschen« mit Auszeichnung. Er war voll Aufmerksamkeit für ihn.

Die Regentage begünstigten eine fast winterliche Geselligkeit. Früll kam gewöhnlich schon Nachmittags heraufgefahren und half dem Papa rauchen, zechen und Domino spielen. Die Conversation über Amerika versparte sich Fend weislich bis zum Thee, um auch vor der Familie damit zu glänzen. Das glückte ihm zumeist mit Ivo, dem zwölfjährigen Knaben, welcher in der Robinson Crusoe-Periode stand und viel zuhörte und d'reinfragte. Die Frauen verhielten sich schweigend. Sie umsaßen mit irgend einer Arbeit in der Hand den Tisch und bestellten dazwischen Teller und Gläser. Früll aß die Teller leer, trank die Gläser aus und schien gar nicht zu bemerken, woher das Alles komme. Er unterhielt sich fast ausschließlich mit Fend; die Frauen waren so gut wie abwesend für ihn.

Ein einziges Mal in acht Tagen brachte er es dahin, Hermosen anzureden. Es war von der Nationalhymne der Amerikaner, dem unwiderstehlichen Yankee-Doodle, die Rede. Früll wünschte ihn zu hören. Er öffnete den Mund und sprach zwischen den Trümmern eines halb zerkauten Schinkenbrotes heraus: Sie sind ja eine große Künstlerin am Clavier: möchten Sie ihn nicht spielen, Fräulein Hermosa? Es wirkte ungeheuer komisch auf Hermosen, daß sie im Namen einer großen Künstlerin aufgefordert wurde – einen Gassenhauer zu spielen! Denn ein solcher ist bekanntlich der Yankee-Doodle. Mit derbem Muthwillen antwortete das Mädchen: Spielen könne sie ihn nicht, sie habe so eben ein Rheuma im Handgelenk, aber pfeifen wolle sie ihm – den Yankee-Doodle. Und nun stand sie auf und pfiff das Lied frisch vom Schnabel weg und schlug mit dem Händen den Tact dazu, so lang sie es vor Lachen aushielt. Früll aber zeigte sich ganz zufrieden mit dem Tausch und ahnte nichts Arges.

Als er fort war, ließ Fend Hermosen hart an. »Das bitte ich mir aus, daß Du mit dem Menschen manierlich umgehst. Er ist eine viertel Million schwer!« – »Er ist mir für eine ganze Million zuwider!« sagte Hermosa mit ihrem raschen Zünglein. Aber Fend wurde zornroth, ballte die Faust und schrie: »Laß mich das Wort nicht noch einmal hören, Du Pfott!« – Hermosa sagte nichts mehr.

Was hat doch der Papa mit dem Hansen? dachte sie im Stillen bei sich. Er, der ohne Unterschied von Rang und Namen alle Welt bruskirte, – wie kam er auf einmal zu dieser empfindlichen Parteinahme für Früll? Und was ging ihn die Viertelmillion an? Es fiel ihr auf.

Und nun erinnerte sie sich, daß sie den blödäugigen Rothkopf schon einmal gesehen. An der Lechbrücke war's. Sie ging hinab ins Dorf, es hatte geregnet und eine Pfütze lag vor ihr. Früll stand drüben bei seinem Cab, einen schottischen Plaid um die Schultern gewickelt. Der Schwengel könnte mir wohl seinen Plaid vor die Füße breiten, dachte sie mit einer romantischen Erinnerung an Walter Scott, den sie soeben zur Uebung im Englischen las. An die ritterliche Höflichkeit Sir Walter Raleighs dachte sie nämlich, welcher der Königin Elisabeth genau den nämlichen Dienst geleistet und wodurch er sein Glück gemacht. Aber der Lechthaler Bauernsohn hatte nicht im Entferntesten eine Anwandlung von normännischer Galanterie; er ließ das Mädchen sich ruhig mit der Pfütze herumschlagen und glotzte nur zu – wie viel von ihren weißen Strümpfen bei dieser Gelegenheit sich enthüllen möchte. Tags darauf kam er am Fenderhaus angefahren – und bat sich Unterricht über Amerika aus.

Der kommt um dich, combinirte sich nunmehr die schöne Blondine. Und der Vorwand, den er dazu genommen – wer hätte es ihm angesehen? war gar nicht so dumm. Der Papa inzwischen merkt seine Absicht, oder hat sich der Blöde selbst schon erklärt? Kurz, der Papa protegirt ihn. Daher seine zornige Empfindlichkeit. So hängt das Alles zusammen.

Von dem Augenblicke dieser Reflexion an empfand Hermosa jenes ironische Mitleid für Früll, welches ein plumper Liebhaber munteren Schönen einzuflößen pflegt. Sie widmete ihm eine Art satyrisch leidenschaftlicher Aufmerksamkeit. Sie legte ihm, wenn nicht die besten, doch die größten Brocken vor, sie goß ihm die stärkste Quantität Rum in den Thee, sie zündete ihm dienstfertig die Cigarre an und wenn von Funken und Asche des Fidibus etwas auf ihn fiel, was sie regelmäßig einzurichten wußte, so patschte sie ihn mit großem Eifer rein davon, aber so, daß die Patschhändchen ziemlich directe Prügel waren. Der Papa war aufs Angenehmste überrascht von diesem prompten Gehorsam seiner Tochter, Früll stierte mit einer Art wonnevoller Verlegenheit drein und Eusebia hatte Blicke der innigsten Eifersucht für ihre schönere Schwester. Das blasse Mädchen gewann den Muth, mit Hermosa zu wetteifern, Hermosa ihrerseits carrikirte noch ärger und der arme Früll hatte keinen Augenblick Ruhe mehr.

Frau Ottilie allein erkannte die leicht erkennbare Ironie Hermosens. »Hüte Dich«, sagte sie, »aus Scherz wird Ernst, man nimmt uns gar leicht beim Worte!« – »Das möcht ihm rathen!« rief Hermosa drohend. »Und Du selbst«, fuhr die Mutter fort. »Die Geduld solcher Puppen rührt uns zuletzt: wir sind gar schwach und fangen uns selbst in den Schlingen unseres Uebermuths.«

Aber Hermosa war noch zu unerfahren, um solche Winke zu würdigen. Man muß doch auch seinen Spaß haben in diesem traurigen Hause, dachte sie leichtblütig und die Gelegenheit dazu schien ihr so harmlos!

Und traurig war es wirklich dieses Haus, darin hatte sie Recht. Sonnenschein und Regen wechselten schnell im Fenderhause; jeder Tag brachte ein anderes Wetter.



Viertes Capitel.

Da geschah es, daß ein melancholischer Pfarrvicar oder Curat, wie er in diesen Gegenden hieß, während es einen Maitag um den andern trostlos zu regnen fortfuhr, sich ganz erbärmlich und unvernünftig langweilte. Der arme Pater Anselm saß zu oberst auf der Madelergabel in einem wilden Hochalpenthale zwischen einem Schock Köhlern und Holzschlägern, welchen er fünftausend Fuß über dem Meere das Evangelium predigte. Ein entsagungsvoller Dienst! Andere Curaten lieben zwar auch ihren Beruf, aber unbeschadet ihrem christlichen Glaubenseifer trachten sie gar sehr von solchen Posten hinweg und zu den runden Bäuerleins in die fetten Blachfelder hinab: denn, meinen sie, auch in der Apostelgeschichte wird das Christenthum auf den lachenden Ebenen Syriens gepredigt und keineswegs auf Alpenhöhen, wo Schneelawinen gehen und der Hafer im September noch grün steht. So apostolisch nun dachte Pater Anselm nicht. Er war einer jener stillen weltscheuen Gemüthsmenschen, welchen es just recht ist, wenn man sie einsam und vergessen in irgend einem Winkel fortvegetiren läßt, in einem lebendigen Grabe, wohin sonst keine Christenseele mag. Er war schon zufrieden, wenn er für die acht Monate, wo er eingeschneit saß, Bücher und Zeitungen von nah und fern zusammen schleppen konnte und in den Sommermonaten einen »gebildeten Zuspruch« bekam.

Mit dem gebildeten Zuspruch aber meinte es der ehrliche Mann buchstäblich. Er hielt es keineswegs schon für Bildung, wenn man in der Herrenstube statt in der Gaststube Bier trank, wenn man einen Sechser statt einen Pfennig beim Tarok in die Poule setzte, wenn man die Lindauer Fruchtbörse oder den Augsburger Courszettel studirte. Daher ihm die Honoratioren von Obersthof oder von Holzgau keineswegs genügten. Er hatte höhere Bedürfnisse, der gute Curat. Er liebte die Wissenschaften und war besonders in Theologie und Philosophie stark, welche er eifrig mit einander vermittelte. Er selbst hatte große Wahrheiten auf diesen Gebieten entdeckt, empfand das lauterste Vergnügen über sie und fühlte sich nicht gestört davon, weil er es einfach nicht wußte, daß die meisten seiner Lehrsätze schon seit hundert Jahren behauptet und seit neunundneunzig widerlegt waren. Belesen wie er war, glaubte er die Schlachtlinie der Wissenschaft ganz aufgerollt zu überblicken, wie denn auch wirklich der nachzügelnde Marodeur, je weiter er zurückbleibt, umsomehr an Ueberblick der Massen gewinnt. In diesem Sinne beherrschte er wirklich seinen Gegenstand. Ja, und hätte die Wissenschaft ihre Front verändert und die berüchtigte »Umkehr«, welche damals gefordert wurde, im Ernste gehalten, wer sonst wäre an ihrer Spitze gestanden, als der gute Pater Anselm von der Madelergabel? Es lag also ebenso gut an der Stellung der Wissenschaft zu ihm, als an der seinigen zur Wissenschaft, wenn das, wo er stand, zufällig die Kehr- statt der Frontseite war.

Jedenfalls hatte er über sein »System« viele Manuscripte zusammengeschrieben, welche er zwar, um sich weder in Rom noch in Berlin Feinde zu machen, erst nach seinem Tode der Oeffentlichkeit bestimmte; bei Lebzeiten aber wünschte er wenigstens einigen Auserwählten diese Geistesschätzte zu genießen zu geben. Solch' einen Auserwählten womöglich einen Sommer lang bei sich zu beherbergen, war daher seit Jahren sein Wunsch gewesen. In diesem Sinne hatte er unablässig an alte Studienfreunde geschrieben, ganz besonders fleißig aber in den verzweifelten Regentagen des diesjährigen Mai. Mit einem eigenthümlichen Instincte der Bescheidenheit sprach er dabei nicht von den Manuscripten, sondern blos von den Forellen, welche im Birgsbache und in den übrigen Quellen der Iller von Sehnsucht, verzehrt zu werden, verzehrt würden. Letztere Wendung war sein Eigenthum.

Des armen Einsamen erbarmte sich zuletzt wirklich eine gutherzige Seele. Er war ein Beamter in Innsbruck, welcher ihm versprach, ein paar Wochen seines Urlaubs bei ihm zu verdämmern. Es war Felix Sallek, der Sohn des Innsbrucker Claviermeisters, welchen wir kennen.

Mit den nöthigsten Sachen in einer Waidtasche, den Bergstock in der Faust und seinen alten Studentenmuth im Herzen, machte sich in den letzten Tagen des Mai der junge Mann auf den Weg. Er fuhr von Innsbruck nach Imst, wo er übernachtete, um gleich mit den Frühesten des folgenden Tages über die Jöcher ins Lechthal zu gehen. Jenseits im Lechthale am linken Ufer des Flusses, strichen die Abhänge der Madelergabel.

Der Tag fing aufs schönste an. Im Nu stand er mitten im Hochgebirge. Greifbar nahe lagen sie alle um ihn her, die mächtigen Alpstöcke, welche den Raum zwischen Inn- und Lechthal einnehmen: die Silberspitze, der Zwölferkopf, der große und kleine Berg, die Grieselspitze, die Wetterspitze, der große Hanliskopf, der Mutteberg. Auf dem letzteren konnte er mit seinem »Fernspiegel« sogar die trigonometrische Säule erkennen, welche in einer Höhe von 8755 Fuß, ein weitgesehenes Wahrzeichen, stand. Und über den Zwölferkopf winkte die Madelergabel herüber und hinter dieser der Hochvogel, der Walserkerl, und die ganze Reihe der baierischen Grenzalpen, in deren schneereiche Felsenrisse die helle Morgensonne hineinschien. Er selbst stand auf der Höhe der Hengstspitze. Hoffnungsvoll berechnete er, wie viele Stunden seines Voranschlags er noch ersparen würde, und verzehrte in guter Rast einen nahrhaften Imbiß dazu.

Aber mit diesen ersten Stunden war auch das Glück der Wanderung zu Ende. Auf dem Uebergang von der Hengstspitze zum Zwölferkopf verirrte sich Felix. Er fand die Einsattelung eingeschneit, denn das langwierige Regenwetter der Niederungen war im Hochgebirge Schneefall gewesen. Zwar just die höchsten Spitzen hatten Wind und Sonne wieder frei gemacht, aber Mittelstriche wie dieser Bergsattel, waren ihm öfter als einmal als Schneefelder vorgekommen. Ein solches lag ihm auch jetzt über dem Wege.

Er stutzte billig, da hinein zu waten, da aber Felsschroffen und Zwergfichtenwald gar zu unwegsam die Ausbeugen verrammelten, so that er es doch. Er verzehrte einen großen Theil seiner Kraft daran. Von den Knöcheln zu den Knien, von den Knien an die Schenkel überkam ihn der Schnee immer höher. Eben so wenig war ein Ende davon abzusehen. Zuletzt mußte er doch noch den Rückzug antreten und matt und müde sich zu den gräßlichen Kletterversuchen seitwärts über »die Schneide« verstehen. Darüber verlor er die Richtung, die Zeit, die Kraft. Er irrte stundenlang gänzlich erfolglos auf den Höhen und in den »Graben« herum. Keine Menschenseele begegnete ihm, nicht einmal in der Ferne erlauschte er Stimmen, die er hätte anrufen können.

Einmal erfreute ihn schon der Anblick von menschlichen Wohnungen: er sah auf ein Dörfchen herab, welches seiner Karte nach Gramais sein mußte. Aber er sah es nur aus der Ferne. Hinter unzugänglichen Bergen lugte es hervor, schroffe Thalgräben schnitten ihn ab davon und der Wald stand überall, dicht wie zu Schanzkörben geflochten, wohin er die Richtung auch einschlagen wollte. Er gab es auf, dem Verstecke beizukommen.

Zuletzt fand er doch noch einen Wegweiser. Ein Kräutersammler aus Flirsch begleitete ihn an eine »Wildlake«, welche, wie er sagte, einen Abfluß zum Nadauer Bach habe. Neben dem »Gerinn« sei ein Steig ausgetreten, der führe zum Lech hinab.

Damit war dem Verirrten fürs Erste geholfen.

Felix schlug den Pfad ein. Nach einer Strecke über durchweichten ebenen Grasboden neigte sich die Fläche und das trägsickernde Wässerlein sprudelte. Bach und Pfad drängten sich in eine leichte Einsenkung und diese, so weit vorwärts zu sehen war, baute sich bald zu einer mächtigen, stark abfallenden Thalgasse aus.

Die Sonne warf schon ihre längsten Schatten. Einem Berghorn um dem andern sagte der Wanderer Lebewohl, denn mit jeder Minute gings tiefer. Die Luft dunkelte, wurde feucht und kühl. Der Bach an seiner Seite, von zahllosen Zuflüssen geschwellt, erwuchs zum Strom. Das Thal war wie verschüttet vom Wasser, es zitterte unter dem Anprall der Wogen, welche wie aus Kanonen geschossen kamen. Millionen Geröllblöcke verengten dem Schwall seinen Abfluß, und der Tannenwald, welcher überall ins Wildbeet hineinstand, büßte den Ueberdrang seines Wuchses, denn zu Hunderten lagen seine frischesten Schäfte geknickt im Wasser, die Wurzeln in der Luft, die Wipfel im Stromwirbel. Mit begeistertem Grausen ging Felix diesen Scenen entlang. Er verwunderte sich, daß sein Pfad nicht überschwemmt war, und erwartete es von Schritt zu Schritt. Aber an allen kritischen Stellen bog dieser unversehens ab und wandte sich auswärts ins Trockene. Daran merkte der Wanderer, wie von Pfadfindern dieser Wasserstand längst in Betracht gezogen war, und wie das seinem Auge Ungewöhnliche als Regel und Herkommen in dieser Schreckenswelt galt.

Inzwischen war die Nacht völlig hereingebrochen. Die Dämmerung hielt hier nicht lange an; ihre sanft gemischten Halbfarben, so ausdauernd im Flachlande, flohen rasch und gleichsam entsetzt hinweg vor der grellen Kraft dieser brandschwarzen Waldschluchtschatten. Die Riesenscheiben der Berge verdunkelten sich gegenseitig und die Heerhaufen der Tannen schüttelten eine fast greifbare Finsterniß aus ihren dicht gedrängten Wipfeln herab.

Es war ein schlimmes Wandern. Felix wünschte langsam zu gehen, aber der abfallende Boden stieß ihn gewaltsam vorwärts. Es war ein Gang voll Schweiß, voll Aufregung. Der junge Mann sehnte sich nach einem Augenblick Rast, und da das regennasse Gras zum Sitzen unbrauchbar war, spähte er scharf nach einem wohlgelegenen Felsblock umher.

Da kam eine Strecke, auf welcher der Boden ebener auslief. Die knackenden Glieder fühlten sich wie neugeboren und wunderbar wohl thats dem Ohre, daß der Bach endlich stiller floß. In flachen, tief bohrenden Wirbelringen surrte er leise dahin; sein Brüllen und Schnauben hallte oben und unten ferner. Hier laßt uns ausruhen! sagte sich Felix, zugleich stieß er gegen einen Baum, welcher vom Bache entwurzelt, mit seinem oberen Ende schräg in den Weg geschoben war. Auf diesen setzte sich Sallek.

Aber was war das? In diesem Augenblicke sprang eine Gestalt auf, deren dunkle Bekleidung so völlig mit der Nacht harmonirte, daß sie in dichtester Nähe der Wanderer vielleicht übersehen hätte, wenn sie nicht just sich durch ihre Bewegung verrathen. Er glaubte, sie schluchzen zu hören. In hastiger Eile raffte sie ihr Kleid zusammen, und wendete sich zur Flucht. Felix hielt sie. Er stammelte theilnehmende Worte – auf einmal aber unterbrach er sich selbst: »Was sehe ich! Seh' ich recht? Fräulein Fend!« – Das Mädchen stutzte. »Ach, Herr Sallek!« Sie fuhr sich verwirrt über das Gesicht – sie hatte wirklich geweint.

Sallek drang mit freundlichen Fragen in sie. Ach, es bedurfte des Drängens nicht! Hermosa – denn sie war es – brach mit Heftigkeit los: »Was soll ich hinter'm Berg halten? Sie kennen ja den Papa. Sie haben es selbst erlebt. Welch' ein Aergerniß war es! Wir glaubten in die Erde zu sinken. Ach, wären wir d'rinn! Wären wir fort von der Welt! Daß nur die Menschen so sein können!«

Und unaufhaltsam fuhr sie fort: »Gestern trug ihm der Wind den Hut in den Lech, den alten ruppigen Filzdeckel. Was thut er? Er springt ihm nach, ins eiskalte Wasser nach, bis an die Brust hinein, und holt ihn heraus. Nun liegt er zu Bette, hat sich erkältet, hustet. Er nimmt einen Thee. Der Arzt meint zwar, es wäre überflüssig, aber der Papa medicinirt gern, und so verschrieb er ihm was. Fenchelwasser, Holzabsud – was weiß ich! Alle Stunden eine Tasse voll. Ich hatte mir im Hin- und Herrennen eine Falbe vom Kleid gerissen, setzte mich hin und nähte sie auf. Da war die Stund'. Der Papa ruft nach dem Thee. Sebi, sag ich, trage den Thee hinein, ich habe zu thun. Geschieht ein Lärm, daß ich denk', ein Locomotiv ist geplatzt! Sie soll herein, augenblicklich herein! Was, sie hat zu thun, die faule Dirn, die liederliche? Wenn der Vater krank ist, knüffelt sie an Kleidern, die nichtswürdige Dirn'? Ist das eine Zeit zu Putz und Eitelkeit? Das Dich der Donner! Heißt das wirthschaften! Den Vater verschmachten lassen, aber an der Schneidermamsell einen Sechser ersparen! I, du Rabenbrut, du Mörderbande! An des Vaters Leben den Flickerlohn ersparen! Herein soll sie mir! Auf der Stelle!

Ich fahre hinein, – macht mich der Mann herunter wie eine Zuchthäuslerin! Ich wurde wild und sagte: Hast Du nicht selbst Deine Gesundheit an ein altes Stück Filz gesetzt? Heißt denn das wirthschaften, an einem Tarokabend dreißig Gulden verspielen und einem alten Hut nachschwimmen, der keinen Zwanziger werth ist? Fliegt mir die Tasse am Ohre vorbei, daß ich kein Aug' oder keinen Zahn mehr hätt', wenn ich wäre getroffen worden. So soll der Erdboden dieses Haus verschlingen! rief ich und rannte fort. Ich stürmte in die Nacht hinaus, zuletzt wurde ich müde, da saß ich am Wasser und weinte, und wäre die Mama nicht, ich wäre am liebsten hineingesprungen!«

Sallek versuchte Worte der Beschwichtigung, aber sofort unterbrach ihn Hermosa. »Es ist nicht möglich! es ist nicht möglich! Ein Lamm müßte wüthend werden. Das war ja nichts, was ich da erzählte! Nicht der hundertste Theil! Was der Mann Reden ausstößt! Ich müßte mich schämen, es zu wiederholen. Und die arme Mama! die schrie er auch noch herein. Hör' an, was Dein sauberer Nestling da sagt. Ihr Geld verspiel ich. Ihr Mütterliches. Was hast Du denn gehabt, Frau Professorin, im Cattunröckchen? Was war denn Dein Reichthum? Die arme Mama! Wär's nicht ihrethalben ich liefe auf und davon.«

Sallek sagte: »Nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen. Betrachten Sie sein Temperament als eine Art Krankheit, wofür er selbst nicht kann.«

Aber Hermosa antwortete: »Nun, dann ist's auch meine Krankheit, daß ich so zornig werde. Dann ist Alles Krankheit. Dann kann Niemand für seine Unarten.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Sallek schwieg und gewährte dem Mädchen den einzigen Trost, den er ihr geben konnte, – daß er sie austoben ließ. Das war das Richtige. Hermosa wurde nach und nach ruhiger, wie ungestört Sallek sie anhörte. So kamen sie an den Thalmund hinab. Links lag Stockach, rechts am Berge blinken Lichter im Finstern. »Das ist das Fenderhaus, – das liebe Heim!« sagte Hermosa. »Ach, wer so fortwandern könnte! Wenn die Mama und der Ivo mitgingen, – die Sebi hält's eher aus, – ich möchte lieber hausiren gehen, als da hinauf. Gute Nacht!« sagte sie mit einer Art wehmüthiger Beneidung; – ihr Ton war fast weich geworden.

Sallek aber ging nach Sockach hinein, und dachte unterwegs, wie viel es wohl bedürfte, daß das Mädchen in einer solchen Aufregung mit dem Nächstbesten davonliefe? Und wenn dann alle Zungen in Arbeit wären, von dem ungerathenen Kinde zu sprechen, wie Vielen es wohl einfallen möchte, daß es auch – ungerathene Eltern gibt?

So betrat er seine Herberge und trotz seiner großen Müdigkeit dauerte es noch lange, bis er einschlafen konnte.



Fünftes Capitel.

Hermosa hatte zu Hause ihr Begegniß mit Felix erzählt. Frau Ottilie sagte zu ihrem Manne: »Da wäre es denn doch die simpelste Höflichkeit, daß man ihn heraufbäte. Er hat ohnedies noch eine Genugthuung von uns zu fordern.« Der Fender verzog den Mund. »Meinethalben«, murmelte er dann, »derweil ich fort bin, mögt Ihr ihm Eure Anstandscaressen machen. Ich werde ausgehen.«

Und ausging der kranke Mann in der That. Er, der gestern noch »verschmachten« wollte, der zu Bette lag und medicinirte, war heute um keinen Preis zu halten.

Es trug sich nämlich zu, daß ein Fürstbischof durch's Lechthal reiste. Nun machte sich zwar Fend aus geistlichen und weltlichen Autoritäten nicht eben viel, ja, er sprach in der Regel als ein »Erzradicaler« über dieselben. Gleichwohl brannte er jetzt vor Begierde, daß die Eminenz bei ihm einkehren möchte. »Man muß einen Unterschied machen«, sagte er gesinnungsvoll. Freilich that's ihm der Zufall zu Liebe, daß der alte Herr wirklich ein Mann war, welcher seinem geistlichen Kleide Ehre machte.

Fend fuhr also schon am Morgen der Eminenz entgegen. Frau Ottilie schickte ihre Magd zu Sallek nach Stockach hinab und bat ihn mit ein paar anmuthigen Zeilen auf eine Tasse Chocolade. Der junge Mann hatte diese Aufmerksamkeit erwartet und war darauf vorbereitet, ihr zu folgen. Er ging hinauf.

Die Hausfrau empfing den Gast mit Würde und Herzlichkeit. Die erste Unterhaltung war freilich nicht angenehm. Frau Ottilie fühlte sich gedrungen, dem Fremden über die Affaire vom Winter her noch ihre Entschuldigung zu machen und Sallek handelte tactvoller, sie anzunehmen als abzulehnen, weil er wohl fühlte, daß hier von Zuständen die Rede war, welche die Politik des Vogel Strauß nicht vertrugen, sondern, offenkundig wie sie waren, am besten sich selbst eingestanden.

Dies abgemacht, unterhielt man sich bald mit freierem Herzen. Sallek probirte den Flügel und rief sofort mit Entzücken: »Alle Wetter, der ist ja noch schöner als der Innsbrucker! Eine wahre Orgel! Aufs Solide versteht sich Herr Fend, die Gerechtigkeit wenigstens ist man ihm schuldig!«

»Mama!« rief Hermosa mit Blick und Ton einer lachenden Verzweiflung, und Frau Ottilie schlug schmerzlich die Augen empor. »Guter Gott«, seufzte sie, »wenn Sie wüßten, welche Praktiken es gekostet hat, um dieses Instrument ins Haus zu schmuggeln.« Weder solid noch unsolid, gar keinen Flügel wollte mein Mann in der Lechthaler Sommerwohnung. »Die Kinder pauken genug in Innsbruck, hier sollen sie Ruhe haben.« Mir aber lag die Sache am Herzen, und so kundschaftete ich eine ältere Dame aus, eine pensionirte Opernsängerin, welche, in Unterhofen, ihrem Geburtsorte, lebt und welche zuweilen in Geldverlegenheiten ist, da sie von einem leichtsinnigen Enkel ausgebeutet wird. Diese Frau veranlaßte ich, ein Darleihen beim Fender zu nehmen und ihm dafür ihr Clavier zu verpfänden. Natürlich nahm ich nicht ihr altes Spinett, sondern ich kaufte aus Eigenem diesen Flügel in München und unterschob ihn. Der Flügel steht da und gehört uns, aber der Fender darf es nicht anders wissen, als daß es ein Leihpfand der Sängerin ist, welches sie immer wieder zurücknehmen könnte, wenn sie je dazu käme, die Schuld abzuzahlen. Solche Maneuvres braucht es, um in unserem Hause etwas anzuschaffen, was zu den feineren Erziehungsmitteln gehört; – und Hermosa setzte hinzu: »wärs ein Masernkopf ja; für Beethoven aber ist ihm ein Hackbrett noch viel zu gut.«

»Nun«, sagte Sallek begütigend, »fehlts am Hausherrn, so hat doch der Himmel für die Hausfrau gesorgt. Madame, ich mache Ihnen meine Hommagen für dieses Instrument.« – Und er küßte ihr galant die Hand.

Hierauf setzte er sich an den Flügel und phantasirte. Im Laufe des Spiels gerieth man über Beethovens Sonaten. Hermosa zeigte ihm mehrere Stellen, welche ihr schwierig oder unverständlich waren, und welche Sallek erklärte. Dieser merkte bald, daß das Mädchen keine Kunstschule habe und nur aufs Mechanische abgerichtet sei. Der »Stellen«, welche er erklären sollte, wurden immer mehr. Manches spielte er geradezu vom Anfang bis zum Ende vor, denn erst im Vortrag des Ganzen, sagte er, erkläre ein Theil den andern und werde der Styl auch des Einzelnen verständlich. – »Von dem könnte ich in einer Lection mehr lernen, als von dreißig in Innsbruck«, flüsterte Hermosa ihrer Mutter zu, aber ihre Kehle war nicht schwindsüchtig genug, als das es nicht auch noch Sallek gehört hätte. Dieser spielte nur umso animirter. Alles war Ohr und Seele.

Auf einmal hörte man Stimmen: eine dünne, zahnlose Greisenstimme rief aus: »Das ist etwas ganz Außerordentliches! Nur Beethoven selbst hat die F-moll-Sonate so gespielt. Es war bei Rasumofsky in Wien, und ich war noch Caplan. Herr Fend, wer ist der junge Mann?«

»Mein Claviermeister, Eminenz, mein Claviermeister. Ich hab' ihn von Innsbruck mit aufs Land genommen; die Kinder sollen was tüchtiges lernen. Nicht wahr, ein Künstler, Eminenz?«

»Ei, ei, Herr Fend, was für ein Schalk sind Sie! Und von der ganzen Ueberraschung sagten Sie mir kein Sterbenswörtlein. Das heißt bescheiden sein. Im ganzen Tirol find' ich dieses Instrument und diesen Spieler nicht mehr.«

»Allzu gnädig, Eminenz, allzu gnädig. Es freut mich, daß Sie mein schlechtes Haus nicht verachten.«

Dieser Dialog wurde von der so plötzlich überfallenen Gruppe am Clavier mit sprachlosem Erstaunen angehört. Fend warf dem jungen Mann flehentliche Blicke zu, daß er ihn nicht Lügen strafe und während Frau Ottilie sich erhob, um in aller Verwirrung den Fürstbischof zu begrüßen, flüsterte Fend zu Sallek: »Freilich, freilich, Sie bleiben bei uns. Was wollen Sie auf Ihrer rheumatischen Madelergabel? Sagen Sie Ja! Patschchen her! Bitt' Sie um Leib und Liebe. Eingeschlagen! Abgemacht! Sie sind der Unsere. Was?«

»Wir sprechen noch davon«, sagte Felix wie im Traume. Und der Fürstbischof trat zu ihm mit den Worten: »Liebster, Bester, lassen Sie sich nicht stören. Ich bitte recht schön, spielen Sie das Adagio noch einmal. Ah, wie Sie spielen! Meine ganze Jugendzeit steht vor mir!«

Was war zu thun? Enthusiasten sind wie verbrüdert und Musikenthusiasten zumal. Sallek hatte seine Freude an der Clavierfreude des alten Herrn und störte ihn nicht in den angemaßten Täuschungen Fends. Er setzte sich vielmehr hin und spielte das Verlangte da capo.

Als er geendet hatte, blickte der geistliche Herr mit einem Wonneglanz seiner freundlichen Augen umher und seufzte verklärt: »Ah, die Kunst, die Kunst! Es ist doch die edelste Gottesgabe, die dem Menschen geschenkt ist.«

»Das sag' ich auch«, rief Fend und rieb sich die Hände.

Frau Ottilie schlug das Auge zum Himmel und Hermosa blickte wild.

Der Bischof ließ sich hierauf eine Tasse Bouillon gefallen und erzählte von Beethoven und dem Salon Rasumofsky. Er behandelte dabei Herrn Fend wie einen von der »Gemeinde«, wie ein Kunstkenner den andern. Fend würgte und druckte und steckte sich hinter Sallek, den er vorschob. Dieser allein rettete die musikalische Ehre des Hauses. Fend war ganz entzückt, wie Sallek Farbe bekannte, und überfloß von Freundlichkeit gegen ihn.

Nach einer Stunde war Alles vorbei. Man begleitete den geistlichen Herrn wieder nach Lend hinab, wo er sein kleines Gefolge zurückgelassen und Herr Fend hatte seine Eitelkeit befriedigt. Sallek's glänzende Hilfe dabei stimmte ihn himmelhoch und es ging ihm wirklich vom Herzen, als er den jungen Mann auf's cordialste beschwor, seinen Urlaub im Hause zuzubringen. Sallek aber, der seinen Mann bereits kannte, bezeugte wenig Lust, mit Tyrannenlaunen sich einzulassen; ja, es schwebte ihm sichtlich eine ablehnende Antwort auf den Lippen, – als er sich zufällig mit den Blicken der Frauen begegnete. Frau Ottilie sah ihn rührend, fast hilfeflehend an, und Hermosen's Blick sagte zwar nichts Directes, aber die Schönheit sagt immer etwas. Und Felix bemerke, er bemerkte es gleichsam wie plötzlich: das junge Mädchen war wirklich schön! Verwirrt antwortete er dem Fender, er werde zwar im Lechthale nicht wohnen, denn der Curat habe sein Wort und das müsse er halten, aber er wolle mit Vergnügen ein paarmal in der Woche herüberkommen. Das Versprechen war schnell heraus. Und ehe er sich's versah, drückte er sich mit dem Hausherrn, der Hausfrau und den Kindern die Hand, und – war gebunden. Nachdenklich ging er von hinnen.

Zur Wanderung auf die Madelergabel schien der heutige Tag schon zerstückt. Ueberdies konnte er den Rest desselben nützlich verwenden, indem er Reparaturen besorgen ließ, welche der Gewaltmarsch von gestern nöthig gemacht. Er blieb daher für heute in Stockach.

Das Fender Haus benützte diese Gelegenheit und bat ihn auf den Abend zum Thee.

Sallek kam. Das Haus war glänzend besucht. Er fand die Honoratioren der Nachbarschaft mit Frauen und Töchtern versammelt und sah auf den ersten Blick, daß Fend sich ein Fest gegeben, und mit dem Besuche des Bischofes, dem großen Ereigniß des Tages, sich gehörig bewundern ließ. Die Rolle, welche unter den geldstolzen Bauern-Capitallisten Sallek selbst spielte, war sehr verschieden von jener am Morgen, denn mit dem Vortrag einer Beethoven'schen Sonate ließ sich diesen Herrschaften nicht wohl imponiren. Sogar Herr Gordian Früll, welcher bei dieser Gelegenheit vorgestellt wurde, schien hier eine bedeutendere Persönlichkeit als er. Unter diesen Umständen war Sallek nicht blöde, sondern brachte zur Geltung, was in diesem Kreise allein Respect einflößte. Erstens suchte er die Zecher-Bravour des alten »flotten Corpsburschen« hervor und bewies, daß er im Vertilgen kostbarer Weine jedem Millionär seinen Mann stelle; sodann verschmähte er es auch nicht, das Mitglied der Regierungskaste, nämlich den Beamten ins Licht zu setzen. Seine Aufschlüsse über die Viel- und Geheimschreiberei, seine politischen Gesichtspunkte und juridischen Detailkenntnisse verschafften ihm auch wirklich bei Männern, welche sich auf ihre praktischen Interessen ziemlich vernünftig verstanden, jene aufmerksame Beachtung, die er als kunstsinniger Clavierspieler oder als höher gebildeter Mann hier nicht zu erwarten hatte. Natürlich übertrieb er sich nicht, sondern als er den geldstolzen Dorfgranden bewiesen hatte, daß er den ihm gebührenden Rang einzunehmen wisse, begnügte er sich damit und überließ sie der Unterhaltung ihres eigenen Geschmackes.

Wie feinkörnig dieser Geschmack war, bewies z. B. Fend, welcher sich ausnehmend gefiel in Erzählung von Geniestreichen, wie dieser. »Als ich in New-York war,« erzählte er, »fuhr ich eines Tages über den Broadway. Da kommt ein Hund von wunderbarer Zeichnung aus einem Hause gesprungen. Von wunderbarer Zeichnung, sag' ich Ihnen! Die Alten, scheint's, waren weiß und braun gewesen, denn es war remarquable, wie der Hund in diesen zwei Farben gezeichnet war. Er hatte sie beide; aber wie, rathen Sie wohl? Gefleckt, getigert, gesprengelt, gestreift? Keine Idee! Das Biest ging wie in einem zweifarbigen Domino; weiß war der ganze Leib und braun waren die vier Füße; braun in gleicher Höhe, ganz egal braun, wie am Lineal abgemessen. Oben weiß, unten braun. Es sah ganz aus, als wäre ein weißer Hund durch einen braunen Lack gegangen und steckte in Naturstiefeln von gefirnißten Juchten. Es war zum Todtlachen, sag' ich Ihnen. Hollah, dacht' ich, der Köter ist mein! Das Biest muß ich haben und gingen hundert Dollars darauf! 's gibt einen Spaß für tausend. Ich wußte gleich, wie und was, in Amerika liegen die Einfälle in der Luft – kein Tag ohne Puff! Richtig, ich erhandle den Hund. Der Hund gehört dem Fender. Und nun geben Sie Acht! Wenn wir Nachts aus dem Weinhause gingen, ich hatte mir den Hund abgerichtet, ganz still unterm Sopha zu liegen und war der Erste am Platze. Also, wenn wir Nachts fortgingen, ging ich der Letzte hinaus. Ich pfiff dem Hunde, der Hund sprang mir nach. Den Halloh hätten Sie sehen sollen! Was springt denn da in der Luft? Was gallopirt denn da über dem Erdboden? Gespenster machen sonst in America schlechte Geschäfte, aber das Vieh war ein reines Gespenst. Meine Freunde glaubten an den Teufel. Sie müssen sich das vorstellen. Von den vier braunen Füßen sah man in der stichdunklen Nacht keine Spur; der weiße Leib schwebte über der Erde und lief allein durch die Straßen. Es war schauderhaft. Ich habe mich bucklich gelacht. Meine Freunde waren rein wie behext, als ich das Stücklein zum ersten Male producirte; ich sage Ihnen, rein behext! Es war ein unbezahlbarer Schwindel. Und als sie es längst schon wußten – der Effect blieb immer derselbe. Man konnte nichts Tolleres sehen! So zogen wir Nachts durch die Straßen, die Leute blieben stehen und gafften und wir lachten, daß der Boden zitterte. Es war ein capitaler Spaß! Ich denke, die Watchmen in New-York sprechen noch heute vom Fender. Die halbe Stadt habe ich zum Narren gehabt.«

Während Fend diese Geschichte mit einer Selbstzufriedenheit erzählte, als ob sie ihn wirklich unsterblich machte, blickte Hermosa auf Sallek und schien sehr deutlich zu sagen: »Da hören Sie ihn! für einen Straßenköter hat er hundert Dollars, aber einen alten, schäbigen Filzdeckel holt er mit Lebensgefahr aus dem Wasser!«

Dieser geistreichen Unterhaltung entzog Frau Ottilie ihren Gast so oft es anging. Sie räumte ihm das Fauteuil neben sich ein, und widmete sich in jedem freien Augenblicke der Unterhaltung mit ihm. Sallek kannte die deutschen Universitäten, das Terrain, auf welchem Frau Ottilie durch ihren Vater und ersten Mann zu Hause war. Wie gern suchte sie das Gespräch darüber! Wie wohl that es ihr! In tausend bekannten Tönen klang ihre Jugendzeit an. Wenn er von lustigen Studenten-Abenteuern sprach, oder von den ergötzlichen Eigenheiten der Professoren, ihren gelehrten Schrullen, Pedanterien, Zerstreutheiten und genialen Originalstreichen, so klang das immer interessanter als die Commisspässe des Herrn Fend; – der Erzähler wußte zu wählen und erzählte Streiche des wirklichen Genies. Und welch' ein Reiz der Wehmuth wohnte diesen entschwundenen Bildern inne! Sie mochten ernst oder heiter sein, sie waren vergangen! Frau Ottilie schien sich fast zu weiden daran, wie viel in ihrem Leben schon zum Vergangenen zählte. »Also der lebt auch noch? Und Jener ist gestorben? Und Dieser hat seine alte Haushälterin geheirathet? Und was macht Der in Göttingen? Und Jener in Halle? Und der Freiheitsheld hat wirklich den Orden genommen? Und der Geheimrath ist radical geworden? Was doch die Zeit Alles ändert!« Solche Fragen und Ausrufungen bewiesen ihren nahen Antheil an diesen Dingen.

Ein Lechthaler Bürger sagte: »Was mich am meisten wundert, Herr von Sallek, das ist, wie so Sie vor zehn Jahren, also noch in den vormärzlichen Tagen, zum Besuch einer ausländischen Universität überhaupt nur die Erlaubniß erlangen konnten. Ich wollte meinen Stephan nach Heidelberg schicken, aber da kam ich schön an!«

»Ich auch«, lachte Sallek. »Als ich beim Patrimonialgericht meines Geburtsortes um den Herrschaftsconsens »behufs der Erlangung eines Passes ins Ausland« nachsuchte, da erregte ich eine Sensation im Amte, als ob der Antichrist erschienen wäre. Seit man im Orte Kühe aus- und eintrieb, war so etwas noch nicht vorgekommen. Ins Ausland! Und handelt weder mit Teppichen noch mit Handschuhen! Ist der Junge verrückt? Als ich sah, daß bei der Herrschaft nichts auszurichten war, schrieb ich einem Registrator vom Kreisamt, dem Vater eines Schulcameraden, und bat ihn um Rath. Der gute Herr nahm sich meiner an, aber der Brief gelangte, ich weiß nicht wie, in die Hände der Patrimonialbeamten zurück. Es war an einem Innsbrucker Theaterabend und das ganze Amt saß in seiner Loge. Mein Brief ging von Hand zu Hand. Ich stand im Parterre und sah zu. Der Eine wischte sich die Brille, der Andere schnupfte vor Aufregung seine ganze Dose aus, der Dritte zupfte seine Vatermörder fast zu Charpie, der Vierte warf sich als Kniestück über die Brüstung hinaus und besah sich den Frevel dicht unter'm Kronleuchter. Ein Unterthan, der an's Kreisamt schreibt! Das ist ja reiner Hochverrath! Ich versichere Sie, mein Vater wurde wirklich auf die Kanzlei gefordert, und ausgefragt, ob wir mit Demagogen und Lutheranern Verkehr hätten. Das waren dieselben Herren, welche mir, als ich im Jahre achtundvierzig aus Deutschland zurückkehrte, einen artigen Brief schrieben, worin sie die Herrschaft förmlich unter meinen Schutz stellten, denn ich sei »im Reich« gewesen und wußte mit den »sogenannten Ideen« Bescheid. Ich möge die Volksstimmung beeinflussen.«

»Und wenn Sie beim Kreisamt nicht durchgedrungen wären?« fragte der Lechthaler Bürger.

»So wäre ich ans Gubernium gegangen.«

»Und wenn Sie auch da nichts erwirkt hätten?«

»An die oberste Hofstelle.«

»Und wenn Sie die oberste Hofstelle abgewiesen hätte?«

»Dann wäre ich erst recht ins Ausland gegangen.«

Der Bürger blickte fragend. Sallek aber fuhr mit starker Betonung fort: »Ich wäre sicher, bestimmt, unabänderlich und auf alle Fälle in's Ausland gegangen. In Staaten, welche von der Willkür regiert werden, ist Ungehorsam die erste Bürgerpflicht. Vergessen Sie das keinen Augenblick. Schlechte Regierungen werden nur möglich durch noch schlechtere Unterthanen. Wenn Sie die schlechte Regierung nicht dulden, und Ihr Nachbar auch nicht und der Nachbar des Nachbars ebenfalls nicht; und so von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land; woher wollen Sie schlechte Regierungen nehmen? Das sagen Sie mir.«

»Aber man kann sich doch nicht gegen die Gesetze auflehnen,« meinte der Lechthaler.

»Gesetz?« rief Sallek. »Das eben ist's ja, daß der Absolutismus gesetzlos ist. Gesetz ist nur der sanctionirte Beschluß einer constitutionellen Volksvertretung. Womit der Absolutismus regiert, das können Sie kein Gesetzbuch nennen, sondern höchstens ein Befehlbuch.«

»Bravo!« rief Fend, und das ganze Haus rief es mit ihm. Die Redefreiheit, welche in unserm naiveren Oesterreich niemals darniedergelegen, feierte einen ihrer schönsten Triumphe, daß ein angestellter Beamter so reden durfte. Jedermann stimmte ihm zu, und ganz besonders Herr Fend. Dieser Herr war ein großer Freund der politischen Invective. Jeder Unterthan, der ohne Mitregierung regiert wird, ist das; Franz Fend aber, nach seiner offensiven Natur, war es noch mehr als nöthig. Dieser Mann, welcher sein Haus so despotisch regierte, eiferte erzradical gegen despotische Regierungen. Er stand in schärfster Opposition zur österreichischen der Fünfziger Jahre. Vielleicht wäre es sein Glück gewesen, hätte er geradezu in einer parlamentarischen praktischen Opposition stehen können. Die Männer-Hochschule einer öffentlichen Landesversammlung wäre dem meisterlosen Manne vielleicht noch am ehesten Meister geworden. Ein großer Theil seiner Kräfte, welche jetzt müßig und ätzend sich aufrieben, hätte dann seinen natürlichen Tummelplatz gefunden, wo das Zuviel an der Größe der Verhältnisse sich brach, das Uebrige zu eigener und fremder Genugthuung wohlthätig wirken konnte. In der That möchten wir fragen, ob ein Mann, welcher in der Gemeinde und im Lande seine Geltung findet, noch so erpicht darauf wäre, sich Geltung im erbitterten Hauszank zu ertrotzen; ob ein Mann, welcher für jedes barsche und heftige Wort von einem anderen Manne zur Ordnung gerufen wird, zuletzt nicht auch gegen Frau und Kind gewähltes und maßvolles Reden, gute Sitten, kurz Ordnung sich angewöhnen würde. Es wäre wahrlich interessant, wenn man moralisch-statistische Tabellen haben könnte, ob der Haustyrann in freien oder in despotischen Ländern zahlreicher auftritt.

Die Conversation wendete sich also zum politischen Radicalismus. Die reichen Bauern, welche fühlten, daß die Steuerkraft bei ihnen lag, sprachen sich ohne Menschenfurcht aus; Herr Fend vielmehr schien zu fürchten, daß er nur immer zu wenig sage. Er war in diesem Augenblicke von allen Progressisten Europa's wohl derjenige, welcher am weitesten ging. Der Mann, welcher eine Gesellschaft geladen, um sich mit dem Besuch eines Bischofs zu brüsten, war auf einmal der erklärteste Feind, Verächter und Ueberwinder aller Autoritäten. So satyrisch schäckert der Zufall! Aber als das Gefühl einer unerträglichen politischen Mißlage, in seinen Anfängen gerecht, zuletzt zu der Debatte sich verstieg, ob es nicht besser sei, wenn Vorarlberg an die Schweiz und Tirol an Baiern fiele: da warfen sich Sallek und Frau Ottilie bedeutungsvolle Blicke zu. Letztere ging an's Clavier, und fing an, ein paar gemüthliche Volkslieder zu spielen, worauf sie in lebhaftere Tanzweisen überging. Diese Aufforderung war nicht zu verkennen. Die Jugend verstand den Wink, welcher ihr freilich unter allen Umständen verständlich ist. Die Politik verschwand, der Ball war da. Gordian Früll forderte Hermosen, Felix Sallek verbarg seinen Verdruß darüber, und bat mit einer Artigkeit, welche nicht ohne Mitleid war, Eusebien.

Hermosa tanzte wie ein Kobold. Sie überließ sich den muthwilligsten Buffonerien, ja, sie machte über die Achsel ihres Tänzers hinweg Gesichter voll witziger Ungezogenheit. Ihr ganzer Tanz war Parodie. Sallek athmete auf.

Eusebia dagegen schien niedergeschlagen. Alle Aufmerksamkeiten ihres Tänzers blieben fruchtlos. Sie hing wie Blei in seinen Armen. Felix wußte sich die Erscheinung nicht zu erklären und wäre bald empfindlich darüber geworden. Der Gute! Er hätte vielmehr empfinden sollen, wie sehr sie ihm schmeichelte.

Wenn ein Mädchen vierundzwanzig Jahre alt geworden ist, wie Eusebia, so ist sie gewohnt, jeden Mann, der in ihrem Gesichtskreis erscheint, nach der Möglichkeit abzuschätzen: Ist er denkbar als ein möglicher Epouseur? Bei Salleks Auftreten hatte sie sofort mit Nein! geantwortet. Ihr Instinct sagte ihr sicher und untrüglich, daß sie nur stark sein könne durch die Schwäche der Männer. Sie hatte daher eine unwillkürliche Sympathie für Geisteseinfalt und ein eben so starkes Mißtrauen gegen Genies. Felix Sallek war ihr im Lichte eines Genies erschienen. Seine Artigkeiten täuschten sie nicht, sie fühlte mit einer Sicherheit, die ihr beinahe Haß einflößte: Mit diesem Manne ist jede Minute verloren!

Bei der zweiten Tour wechselten die Paare. Felix nahm Hermosen, Früll Eusebien.

Jetzt tanzte Hermosa mit dem ganzen Anstand einer maßvollen Schönheit und Eusebia mit der ganzen Freude einer Genugthuung. Jedes schien an seinem Platze.

Felix, welcher bald als der beste Tänzer erkannt war, konnte nicht umhin, auch die übrigen Lechthaler Fräulein der Reihe nach aufzufordern. Er that es nicht ungerne. Die Mädchen waren nicht blos die Töchter ihrer reichen Väter, sondern einer noch reicheren Mutter Natur: der ganze Schlag war reich an persönlichen Annehmlichkeiten. Ein paar Mal wollte er bemerken, daß Hermosa ihn beobachte, und – wie er sich einbildete, – mit einer Art von Eifersucht. Das machte ihm seine hübschen Tänzerinnen noch einmal so lieb.

Kurz, als die Gesellschaft tief in der Nacht aufbrach und Frau Ottilie unsern Freund noch einmal bat, von der Madelergabel ja recht oft herüber zu kommen, so sagte er viel eifriger zu, als noch am Morgen. Ja, hätte der Hausherr selbst, welcher in diesem Augenblicke mit seinen Nachbargranden und ihren Familien zu thun hatte, seinen Sturm von heute Morgen zum zweiten Mal gewagt, – »was wollen Sie auf Ihrer rheumatischen Madelergabel? bleiben Sie bei uns! sagen Sie ja« – wir wissen nicht, ob Sallek ebenso gewissenhaft wieder betont hätte, er müsse dem Curaten sein Wort halten.

Wie anders schlief er heute ein, als gestern! Das Mädchen, das er gestern weinend und wüthend am unheimlichen Bachufer gefunden: heute lag sie im kerzenhellen Saal bei prickelnder Walzermusik in seinen Armen, und ihr Auge strahlte triumphirend umher: »bin ich nicht die Königin der Lechthaler Mädchen?« So wechseln die Stunden des Lebens.



Sechstes Capitel.

Am andern Morgen griff Felix frisch aus. Er ging mit Lust auf die Madelergabel, da er durch die freundlichen Einladungen des Fenderhauses sich einen Rückhalt wußte. »So laßt uns sehen, was es auch dort Neues gibt,« dachte er unternehmungsmuthig. Und schlug sich wacker herum mit nassen Wiesen, sumpfigen Waldungen, nadelbesäeten Abhängen und scharfkantigem Felsengeröll, welches mit dem Eisen seiner Bergschuhe knirschte wie ein Gebiß mit dem andern.

Im Steigen hatte er das Lechthal abwechselnd vor Augen und verlor es wieder. Und immer mächtiger lagerten sich ihm die Steinmassen entgegen und immer höher gings in die wilde Bergeinsamkeit des Alpstocks hinauf und hinein.

Er stand an einem Punkte, wo zwei Hochthäler im Winkel zusammenstießen. Das eine war rauh und kahl, eine Steingasse wie durch einen geborstenen Fels; das andere ein wenig breiter und waldig. Jenes stieg an, dieses neigte sich. Felix besah sich den Ort, konnte sich aber, obwohl er ihm beschrieben war, nicht mehr besinnen, welches von beiden der rechte Weg sei. Vielleicht hatte er an seine Tänzerinnen von gestern gedacht. Indessen verschlug es ihm nichts. Müde und erhitzt wie er war, ließ er sich auf einen Stein nieder und geduldete sich, irgend einen Menschen abzuwarten, der ihn zurecht weisen könne. Eine alte Kiefer stand auf dem Kreuzweg, in deren Stamm eine roh gemalte Votivtafel eingefügt war, welche die Inschrift trug: »Gedenket an den ehrngeachten Joseph Prandt, Bauernsohn von Maltern, welcher mit Holzziehen in seinem einundzwanzigsten Jahr allhier seinen Geist aufgab.« An den Fuß dieses Baumes setzte sich Felix.

Aber der Ort war sehr öde. Felix wartete lange und vergebens. Gern erfüllte er den Wunsch der Gedenktafel und phantasirte in der unbeschäftigten Stunde über den Tod des armen Jünglings, der hier sein blühendes Leben verloren. Er suchte sich vorzustellen, wie so man beim Holzziehen den Tod finden könne und zog die bildliche Darstellung zu Hilfe. Aber die Kunst des ehrlichen Dorfmalers stand auf einer Stufe, welche die Phantasie eher hinderte als unterstützte. Man sah einen Menschen zu Boden liegen, welcher unter einem Handwagen voll Holz jämmerlich Kopf und Arm hervorstreckte und mit offenem Munde um Hilfe schrie. Wie so er aber unter den Handwagen gerathen und dieser über ihn hingegangen, war nicht ersichtlich. Der theilnahmsvolle Beschauer mußte sich hinzudenken, das Unglück sei auf einem abschüssigen Boden geschehen; hier habe der Jüngling seinen Wagen nicht vorsichtig genug gelenkt, ja wohl gar im jugendlichen Uebermuth bergab einen »Schuß« genommen und der Handwagen habe sich selbst und ihn überstürzt. Dem Maler war es mißglückt, die perspektivisch verjüngten Linien eines Berges richtig anzulegen: seiner Zeichnung nach ging die Scene auf einer streng horizontalen Fläche, oder noch besser, in einem leeren Raume vor. In diesen Raum hatte er eine Anzahl Tannenbäume übereinander gemalt und zwar so, daß genau die Wurzel des einen auf der Spitze des andern stand, was anzudeuten schien, daß die Idee einer steilen Bodenerhebung dem Maler allerdings vorgeschwebt. In der entgegengesetzten Ecke des Bildes stand auf einer Wolke der Heiland, welcher ein Herz hatte, so groß wie die Brust selbst und es auswendig auf der Brust trug. Er deutete mit beiden Händen auf dieses Herz. Diese Geberde galt wahrscheinlich dem verunglückten Jüngling und hätte von einem entsprechenden liebevollen Blicke begleitet sein sollen. Aber so weit reichten die Kunstmittel des Malers nicht; die Augen des Heilands starrten richtungslos vor sich hin.

Indem Felix, ernst gestimmt durch den Gegenstand und noch mehr durch die hilflose Darstellung desselben, in Träumen verloren dasaß, klopfte es ihm auf die Schulter. Er wandte sich und hörte die Stimme: »Potz Wunder, Sallek, das bist Du ja wirklich!« – Sallek blickte verwundert. Wer war das kleine verwitterte Männchen, das ihn da aus seinen Betrachtungen aufgeweckt? Ist's möglich! Es war sein Schulfreund, Pater Anselm, der Curat.

Sallek hätte ihn kaum noch erkannt. Der kleine Mann schien ihm kleiner geworden, seine dünnen Gliedmaßen schlotterten, seine Haut war welk. Die Augen lagen ihm tief in den Höhlen, und die Stimme kam, er wußte selbst nicht, aus einem schwindsüchtigen Kehlkopf oder aus einem eingesunkenen Brustkasten: sie klang so abgestorben! Er trug einen langen Rock, der ihm bis an die Knöchel reichte und sein mageres Köpfchen guckte aus einem breitkrämpigen Hut. Er sah aus wie ein Waisenknabe, dem ein Erwachsener seine Kleider geschenkt. Es war ein kümmerlicher Anblick. Sallek war recht bestürzt.

In solchem Grade verblüht, hatte er das zierliche Bürschchen, das als sein Mitschüler zumeist in süßem Kaffee kneipte und viel von seinen Nerven sprach, doch nicht zu finden geglaubt. Er meinte vielmehr, die gesunde Gebirgsluft müsse einen kleinen Vierschröter aus seinem Anselm gemacht haben. Am Ende hatte Herr Fend nicht Unrecht mit seiner »rheumatischen Madelergabel«, wenn das ihre Früchte waren!

Die zwei Freunde geriethen sofort ins Gespräch. Der gute Curat fing sogleich an: »Du studierst hier, wie das Volk sich seine Unsterblichkeit vorstellt,« sagte er mit Lächeln; »nun, meine Früchte sind es nicht; ich hoffe, das traust Du mir zu. Oeffentlich muß man ja doch das Dogma lehren.«

Sallek blickte den Menschen erstaunt an.

»Ja, guck nur,« sagte das Männchen, »wir haben unsere eigene Unsterblichkeits-Theorie.«

»Doch keine andere als des apostolischen Symbolums?«

»Ich bin so frei,« verbeugte sich der theologische Schäker.

»Ach ja, ich erinnere mich. Du warst schon in Innsbruck, eh' ich selber nach Deutschland ging, ein halber Brahmane. Schwärmst Du noch immer für die Nirwana?«

»Auch nicht. Mein System ist ganz neu. Zwischen der Nirwana und der Auferstehung des Fleisches mitten durch!« Und dabei blickte er triumphirend auf Sallek.

»Ei der Tausend!« rief Sallek. »Also lass' hören.« – Er sah wohl, er mußte ihm den Gefallen thun, nach seinen Narrheiten zu fragen.

Der kleine Curat schob sich seelenvergnügt in seinen weiten Kleidern zurecht und seine Aeuglein leuchteten. Mit dem »gebildeten Zuspruch« gings los! Er faßte seinen Freund unterm Arm und fing im Schritte zu gehen an. Unterwegs sprach er in geläufiger Rede, wie folgt:

»Ja, siehst Du, so finden wir uns wieder! Mit der indischen Nirwana hab' ich gebrochen. Oder besser gesagt, ich vermittle zwischen ihr und dem christlichen Himmel. Die Nirwana und der Himmel, beide sind Extreme. Extreme wie Pol und Gegenpol. Die Nirwana reiner Nihilismus, bloße Negation, eine Form ohne Inhalt. Nämlich die passive Glückseligkeit, welche ihr angeblicher Inhalt sein soll, jener Zustand von absoluter Unthätigkeit und Unempfindlichkeit ist ein Begriff, welcher sich selbst aushebt, wie ich Dir nicht erst zu demonstriren brauche. Der christliche Himmel dagegen, nimm mir's nicht übel, läuft, unter uns gesagt, doch allzu stark auf Materialismus hinaus. Was heißt »Auferstehung des Fleisches?« Was heißt es anders, als Fortdauer der Individualität, d. h einer irdisch begrenzten Erscheinung? Nun, da bitte ich doch! Kurz, die Nirwana ist allzu gleichgiltig, das Christenthum allzu zärtlich gegen das liebe Ich. Jene hat mich bestochen, wegen ihrer scheinbar folgerichtigen Geistigkeit, bis ich entdeckte, daß sich dieselbe selbst überschlug; da ließ ich sie laufen. Dieses, das Christenthum, schmeichelt der Individualität in einer Weise, wobei die Geistigkeit eigentlich aufhört. Auferstehung des Fleisches! Ich frage, was hat das Fleisch in dem Himmel zu thun? Da hast Du meinen Span mit dem apostolischen Symbolum. Laß' mich nur ausreden; ich bin noch lange nicht fertig. Aber fürchte Dich nicht. Ganz lass' ich den ehrngeachten Joseph Prandt deßungeachtet nicht fallen. Zwar hole ich seine reale Individualität, die sich soeben den Hals gebrochen hat, nicht direct in den Himmel ab: ich schicke den kräftigen Kerl aber auch nicht ins existenzlose Hungerland der Nirwana. Da sind wir bei meinem System. Ich vermittle. Wie? will ich Dir sogleich sagen. Ich unterscheide zwischen Individualität und Eigenthümlichkeit. Das ist mein ganzes Kunststück. Die Individualität hebe ich auf, aber die Eigenthümlichkeit lasse ich fortdauern. Also nicht die Wohlthätigen, die Treuen, die Keuschen; aber die Wohlthätigkeit, die Treue, die Keuschheit kommt in den Himmel. So werde ich das Individuum los, aber den Begriff des Individuums, das Selbstbewußtsein, um was es sich ja vor Allem handelt, das conservire ich. Denn die Wohlthätigkeit wird wissen, sie war Antonin, Rumford; die Keuschheit wird wissen, sie war Lucrezia, Aloysius etc. Bitte, unterbrich mich nicht. Ich weiß, was Du sagen wirst. Du wirst sagen, das ist der umgekehrte platonische Idealismus. Wie Plato Urbilder brauchte, um die Seelen auf Erden als ihre Abbilder zu erklären, so schmelze ich die irdisch erschienenen Seelen in transcendentale Urbilder zusammen. Nicht wahr, das meinst Du doch? Aber ich frage, ist es ein Unglück zu platonisiren? Ist es ein Unglück? Ich thu's. Frischweg! Und haben die christlichen Gnostiker den Platonismus etwa nicht benützt? Aber das ist ein anderes Capitel. Daß ich ein Gnostiker bin, war eigentlich mein Staatsgeheimniß. Damit wollte ich Dich in einer ganz besonders vertraulichen Stunde überraschen. Nun ist's heraus! Meinetwegen! Auch gut. Ja, ja, Freund Sallek. Ich habe eine Gnosis ausgearbeitet: eine ganze vollständige Gnosis, sage ich Dir. Ich werde sie Dir nach und nach vorlesen, und Du sollst richten, ob es eine häretische oder katholische Gnosis ist. Ich bin neugierig, was Du sagen wirst. Das Alles bleibt natürlich unter uns. Denn die Herren Kirchenväter bildeten sich ein, sie hätten der Gnosis überhaupt den Garaus gemacht und nun ist alle Gnosis häretisch und ein treues Schäfchen wie ich, muß seine Manuscripte als Nachlaß zurückhalten.«

An diesem Punkte konnte Sallek endlich zu Worte kommen. Aber er war wirklich in Verlegenheit, wie er antworten sollte. Der arme Einsiedler war ein recht rühriger und sogar nicht talentloser Selbstdenker. Er hatte Gedanken. Aber eine fürchterlich mangelhafte Schule hatte ihm nur einen dürftigen Stoff überliefert und ein zusammengelesenes Chaos wissenschaftlicher Bruchstücke, zu einer Zeit als sein ungeschulter Geist schon verwildert ins Kraut geschossen, konnte ihn nicht mehr bereichern, sondern nur verwirren und gänzlich betäuben. Ein Mann, wie er, hätte die Segel einreffen müssen, statt daß er sie recht absichtlich allen Stürmen einer planlosen Lectüre preisgab, die sie in tausend Fetzen zerrissen und ihn unbarmherzig auf den Grund trieben.

Der Curat wartete mit pfiffiger Lüsternheit auf Sallek's Antwort.

Dieser seufzte und sagte, gleichsam auf's Geradewohl und mit der Ruhe eines Hoffnungslosen, Folgendes: »Die Auferstehung des Fleisches nimmst Du zu wörtlich. Sie habilitirte sich anfangs wegen der Erwartung des irdischen Weltreiches Christi und später blieb sie der Kirche werth wegen der Analogie mit Christi Himmelfahrt, die ja auch im Fleische geschah. Es ist eben eine bildliche Vorstellung. Daß der Ausdruck Fleisch zu deuten erlaubt ist, lehrt die ganze theologische Literatur, von den Alexandrinern bis heute. Du scheinst sie vielfach vergessen zu haben. Was aber die Gnosis betrifft, so halte ich streng an dem Grundsatze: »Das Christenthum ist eine Heilslehre, nicht eine Weisheitslehre.« Man fragt das Christenthum nicht über die letzten Probleme der Philosophie, sondern über die Art, selig zu werden. Mit anderen Worten, das Christenthum ist nicht speculativ, sondern sittlich-praktisch. Auch ist die Gnosis nicht einseitig den Kirchenvätern unterlegen, sondern sie selbst lenkte in ihrem dritten Stadium, wenn ich mich recht erinnere, unter Marcion und mit dem Buche Pistis-Sophia zum orthodoxen Glauben wieder zurück. Natürlich! Das wird sie regelmäßig und zu jeder Zeit. Willst Du aber durchaus eine moderne Gnosis, – nun ich dächte, Hegel's Religionsphilosophie wäre eine solche! Aber freilich, auf der Innsbrucker Universität hat uns unser famoser Philosophie-Professor Hegel'n kaum im Vorbeigehen gezeigt!«

»Ja, ja, Du hast Recht. Und am Ende muß man ihn doch gelesen haben. Kannst Du mir Hegel's Religionsphilosophie verschaffen? Ich will zusehen, ob ich in meinem System einen Platz für sie habe«.

Sallek lächelte. Ob er einen Platz für Hegel hat!

»Daß ich Dirs nur gestehe« fuhr Anselm fort, »die Aeonen der Gnosis haben mir's angethan. Ich sage Dir, es ist ein capitaler Gedanke, das mit den Aeonen. Freilich, ich verwende sie wesentlich anders als Valentinus, der die Aeonen als eine Stufenleiter hat, auf welcher der Geist in die Materie herab emanirt. Ach, diese alten Rackers! Ihre Emanations-Reiterei! Heutzutag fragt mich kein Kuckuck: woher? aber Alle wollen wissen: wohin? Und in diesem rückläufigen Sinne verwend' ich die Aeonen. Sie sind mir eine Stufenleiter, nicht vom Geist zur Materie, sondern von der Materie zum Geiste. Denn siehe, solcher Stufen bedürfen wir. Aus meinen Köhlern und Holzschlägern – von den früh verstorbenen Kindern gar nicht zu reden – entwickelt sie doch nur ein Minimalgehalt von Geist. Der Betrag ist zu klein, um die ewige Seligkeit des Himmels damit zu bestreiten. Er ist allzu klein. Mit so wenig Pneuma reicht man nicht eine Ewigkeit aus. Da griff ich in einer glücklichen Stunde zu den Aeonen. Ich glaube nicht eine Auferstehung, sondern Auferstehungen des Fleisches. Und von einer Aeone zur andern, bis das Fleisch gänzlich verzehrt ist, und die Idee desselben zu ihrer immer höheren Potenz getrieben. Diese vereinigt sich dann mit dem Urbilde, also der Unschuldige mit der Unschuld, der Gerechte mit der Gerechtigkeit u. s. w. in der Weise, die Dir bereits bekannt ist. So schließt sich mein System. Es ist meine neueste und hoffentlich reifste Arbeit. Ich habe es erst im vorigen Winter ausgearbeitet auf Einem Sitz! Der Winter war freilich wunderbar schneefrei«.

Sallek fragte verwundert, was das System mit dem Schnee zu thun habe? Der Kurat antwortete! »Oho, wenn wir ein paar Klafter hoch eingeschneit sind, da wird nicht studirt, sondern fleißig geschaufelt. Da greift Alles zur Schaufel, auch der geistliche Herr. Wenigstens ich thue es, Andere machen sichs freilich bequemer«.

Diese Antwort schlug durch bei Sallek. Braver Mann, dachte, und nahm sich vor, die unschuldigen Träumereien des armen Einsiedlers nun mit doppelter Nachsicht zu behandeln.

Mittlerweile hatte er nicht vergessen, sich die Landschaft anzusehen. Von den zwei Thalgassen, an deren Mündung sich die Freunde begegnet, hatte der Kurat nicht die steinige, sondern die waldige eingeschlagen. Die Freude dauerte aber nicht lange. Nach mancherlei Krümmungen verlief das Sträßlein auf eine Halde, welche baumlos und dürr war; eine magere Grasnarbe lag dünn auf einem röthlich trockenen Boden und das Wappen der ländlichen Armuth, die Ziege, ließ nicht lange auf sich warten. Etwa ein Dutzend dieser Thiere weidete dem Boden, der selbst nichts hatte, sein Bischen Fett ab, das sie, weit über die Halde zerstreut, wie die Augen auf einer Wassersuppe, zusammenklügeln mußten. Ein heftiger Wind schnitt mit einem scharfen gleichmäßigen Strich von der Halde herab, daß unsere Wanderer an Kleidern und Hüten sich anfaßten, den Athem schnappten und bald die Augen voll triefender Thränen hatten.

»Müssen wir denn hier gehen?« fragte Sallek fast schreiend in den Wind hinein.

»Auf diesem Bühel sind wir ja zu Hause«, schrie das dünne Stimmchen des Paters zurück.

»Gratias!« lachte Sallek mit Galgenhumor.

In der That erblickt man im Steigen eine Capelle und eine Handvoll Hütten längs der Anhöhe ausgestreut.

»Welch eine Idee, hier sich anzubauen!« rief Sallek. »Unten am Waldsträßlein, das wir zuvor passirt haben, wäre das nicht ein geschützterer Ort für eine Dorfanlage gewesen?«

»Du mußt wissen, auch dieser Bühel war einst bewaldet und zwar mit den schönsten Zirbelkiefern. Eine große Gemeinde hauste da, welche Holzwaaren schnitzte und diese hat sich den Wald nach und nach weggeschnitzelt. Sie zerstreute sich hierauf, wanderte aus und meine Gemeinde ist nur noch ihr letzter verarmter Rest. Was wir da sehen, sind gleichsam die letzten kahlen Knochen einer Dorfschaft, das klappernde Skelett, wovon Fleisch und Blut längst verdunstet«.

Sallek lachte: »Nun, dann wünsch ich den armen Leuten eine Auferstehung des Fleisches in möglichst kurzen Aeonen«.

Anselm nahm diesen Scherz nicht übel, er schien sogar froh, daß es sein Freund von der leichten Seite nahm und die Vorwürfe eines Enttäuschten erwartet zu haben. Der kahle Berg war ja von allen Reizen entblößt, welche sich ein Thalbewohner von einem Alpenaufenthalt träumt.

Das Paar stieg vollends hinan.

Die Aussicht war freilich schön. Man sah weit und breit auf beschneite und bewaldete Berge, in Thäler hinein, über Gipfel hinweg, hier einen zweiten, dort einen dritten und vierten Gürtel von Bergen, Spitze hinter Spitze, Grün hinter Grün. Leider war eben jetzt die unvortheilhafte Mittagsbeleuchtung; aber Sonnenauf- und Untergänge, dazu Windstille in der Luft, könnten die Oede des Ortes, dachte Sallek, auf Stunden wohl vergessen machen.

Man betrat das Curathäuschen. Es lag, leidlich umgrünt, zwar nicht von Bäumen, aber doch von Busch und Strauch, welche ein Krautgärtchen, schien's, gegen Stürme und Schneewehen zu schützen hatten, mit seinem Kirchlein fast ganz isolirt. Es war ein rohes Blockhaus mit Kalkanwurf, die Fenster klein und die Fensterläden fast bombenfeste Bohlen, benarbt mit tiefgeschlagenen Spuren von Hagel und Schlossen. Das Häuschen enthielt Alles in Allem zwei Zimmer und ein Kämmerchen, mit rohen dürftigen Möbeln ausgestattet und in ziemlicher Unordnung gehalten.

Sallek sah mit zweifelhaften Blicken um sich her.

Pater Anselm dagegen war um so vergnügter. »Nun also, willkommen auf meinem Pathmos!« sagte er mit Hausherrnstolz und schüttelte dem Gaste die Hand, als böt' er ihm tausend Freuden.

In dem Augenblicke wurde in der Capelle nebenan Mittag geläutet.

»Allen Respect«, sagte Sallek; »was für eine pünktliche Uhr habt Ihr hier oben!« Er verglich mit seiner Ankeruhr, welche genau auf zwölf stand.

Der Curat lachte unbändig. »Uns're Uhr?« sagte er; »uns're Uhr ist das Zuchthaus. Ja, ja, staune nur, mein Meßner hat das so im Gedächtniß. Der arme Schelm war einmal Wirthsknecht im Allgäu und bekam wegen fahrlässiger Tödtung sechs Jahre Zuchthaus. Bei dieser geregelten Praxis hat er sich ein so pünktliches Zeitmaß eigen gemacht, daß er auf die Minute zu sagen wußte, wann Morgens, Mittags und Abends die verschiedenen Zeichen der Hausglocke ertönen würden. Sein Talent kommt uns hier trefflich zu Statten. Er ist die Uhr uns'rer armen Rottengemeinde, und zwar eine vortreffliche. Nicht wahr?«

Felix fühlte fast einen Schauer. Mehr als Alles charakterisirte sich in diesem Zug die rauhe Wildheit und Armuth seines jetzigen Aufenthaltes.

Nun galt es den Tisch zu bestellen. Der Curat sagte: »Ich habe meine Bedienung nicht im Hause; es ist die Schwester der Nachbarsfrau drüben und eine alte brave Person. Es wird heute noch schmal hergehen, wir kommen ihr unverhofft. Aber ich will ihr gute Worte geben.«

Damit sprang er fort und lief quer über die Halde einem Häuschen zu, welches hinter Schichten von Reisig und Sammelholz kaum mit dem Schornstein sichtbar war. Sallek sah in dem nächsten Augenblicke seinen kleinen Freund vor dem Häuschen stehen im unterhandelnden Gespräch mit einer Bäuerin, einem wahren Mannweibe.

Das Weib machte Geberden wie über eine unerhörte Zumuthung, während der Kleine eine bittende und fast unterwürfige Haltung beobachtete. Man wurde beiderseits eifrig. Zuletzt verschwanden die Parteien in dem Häuschen, vielleicht um eine dritte Person in die Berathung mit einzubeziehen.

Sallek wendete sich gegen das Zimmer zurück.

Er betrachtete den ärmlichen Hausrath dieser Hütte, die Rohheit der Arbeit, die ländliche Unbeholfenheit der veralteten Formen. Er musterte die Bücher und Schriften-Repositorien, einfache Holzstiegen aus ungehobelten Brettern, welche den Flächenraum der Wände einnahmen. Er las einige Büchertitel, – es stand Alles wüst durcheinander. Neben Jakob Böhme – Max Stirner, neben Görres – Daumer, neben einem Band der historisch-politischen Blätter f. d. katholische Deutschland – ein Band der hallischen Jahrbücher, ein Band des deutschen Museums von Prutz und ein Band Ersch und Gruber mit Gn, einzelne Nummern von Journalen und Wochenschriften, – die neuesten vorjährigen Datums– lagen allenthalben umher. Nirgends Originalquellen, alles zweite und dritte Hand! Sallek wurde dieses planlosen Krams bald müde.

Er trat wieder ans Fenster er stierte melancholisch hinaus. Was soll ich hier? fragte er sich mit schwerem Herzen. Ein rein neutrales Verhältniß gibt es nicht mit Menschen. Jeder verlangt Parteinahme, entweder für oder wider. Welche Rolle spielte er, wenn er mit verlegener Grimasse dem Nonsens seines Wirthes zulächelte? Und welche ebenso unmögliche, wenn er ihm Opposition machte? War der Andere denn überhaupt fähig, ihn zu verstehen? Und wenn nicht, war es menschlich, seine Kinderspiele ihn zu verleiden? Sie sind das einzige Glück seiner traurigen Einsamkeit! Schlimm genug, daß es so ist! In dieser Armuth, in dieser Wildniß wäre eigentlich ein schlichter waldensischer Hirtenglaube, wäre ein apostolisches Urchristenthum an seinem Platze. Wie widerlich, daß ein groteskes Zerrbild verkümmerter Schulweisheit in diese einfachen Naturverhältnisse heraufgeschickt war! In solche Mißverhältnisse gerathen die Geister, wenn sie unbefriedigt vom geistlosen Schlendrian, aber betrogen um das Recht ihrer wissenschaftlichen Erziehung, auf eigene Hand im Finstern tappen. Mit Bitterkeit dachte Sallek an philosophische Facultäten, deren Beruf es ist – gegen die Philosophie Polizei zu spielen, und mannhaft nahm er sich vor, in der aufdämmernden Zukunft Oesterreichs die Schul-Bastille stürmen zu helfen.

»Frisches Fleisch giebts heute nicht, aber Eier bekommen wir und eine geräucherte Wurst und Kartoffeln – genug, ich hoffe, Du sollst satt werden. Es sind doch gutherzige Seelen, sie lassen mit sich reden.« So rief der kleine Curat, indem er zum Häuschen hereinsprang mit dem Heldenschweiß auf der Stirne und keinem geringen Bewußtsein vollbrachter Großthaten. Sallek dankte ihm.

»Und nun, bis die Weiber fertig sind, will ich Dir eine kleine Vorkost aus meiner Gnosis auftischen!« Mit diesen Worten griff der Curat nach dem Marterwerkzeug eines dicken Manuscripts und fing frischweg zu lesen an.

Nach einer halben Stunde kam ein junges zwölfjähriges Mädchen, welches mit klugen Augen und stillem bescheidenen Lächeln den Tisch zu bedienen anfing. Sallek hatte das Mannweib erwartet und konnte kaum glauben, daß man aus besonderer Aufmerksamkeit für ihn eine so holde Bedienung schicke. Am Ende hatte der Curat, dachte er, doch einen ernstlichen Span mit den Weibern und sie schickten das Kind aus Trotz über seine Vermessenheit, daß er ihnen ungemeldete Gäste aufgebürdet. Das fehlte noch, daß der arme entsagende Mann etwa unter dem Pantoffel roher Bauernweiber stünde!

Die Mahlzeit erlöste ihn leider nicht von der Gnosis. Der Curat schluckte nur wenige Bissen und mit Hast, sagte, er könne vor Freude über den Besuch nicht essen, aber Sallek möge sich's schmecken lassen, er werde inzwischen weiter lesen. Das that er denn auch. Sallek hatte ein paar Seiten lang aufmerksam zugehört, es gelang ihm aber nicht auf die Länge. Der Gallimathias wurde immer ärger. Es schwindelte ihm. Nachsätze vergaßen ihren Vordersatz, Prämissen ihre Consequenzen, Citate waren sinnlos angewendet und Quellen von entgegengesetztem Parteistandpunkt ganz unbefangen im Widerspruch unter sich selbst benützt. Längst bekannte Dinge gaben sich für neu und das Neue war kindische Träumerei. So ging es von Blatt zu Blatt und jede Spur einer wissenschaftlichen Methode fehlte dergestalt, daß Sallek oft den Eindruck hatte, als seien Worte, wie: Manichäer, Pelagianer, Deterministen, Emanation, Pleuroma, Logos, Nirwana etc. etc. in einem Lostopf gelegen und man habe sie geschüttelt und mit verbundenen Augen gezogen.

Sein Freund dauerte ihn wirklich. Hier war nur noch practisch zu helfen. Er mußte von der Alpe herab, auf eine ausgedehnte Pfarre, in lebendige Verhältnisse. Der Fürstbischof fiel ihm ein, dem er sich gestern durch sein Clavierspiel empfohlen. Es fiel ihm ein, ob er diese Connexion nicht sofort zu Anselm's Gunsten verwenden könne.

Pater Anselm sah seinen Freund mit Wonne so nachdenklich. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Nicht wahr, das Ding will verknuppert sein? Nun, ich verlange heute noch nicht Dein Urtheil. Verdau' es gehörig und morgen wollen wir davon sprechen.«

Sallek stand auf. »Nun zeige mir auch Deine Forellenbäche!« sagte er aufathmend.



Siebentes Capitel.

Der gesellig lebende Mensch vermag nicht immer die Mitte zu halten zwischen der Forderung, Anderen sich hinzugeben, aber sich selbst nicht aufzuopfern. Er ist entweder zu gutmüthig und legt der Gesellschaft, oder zu spröde und legt der Einsamkeit den überwiegenden Antheil zu. Was Sallek betrifft, so war er im ersteren Falle. Sobald es für ihn eine entschiedene Sache war, wie sehr er seinem Schulfreunde entfremdet und entwachsen, fühlte er sich geneigt, sich dem Fenderhause zuzuwenden. Er that es mit vollem Bewußtsein. »Ein lustiger Sommer!« seufzte er lachend. »Der Eine ein Narr und der Andere ein Grobian!« Aber der Narr war es auf eigene Hand und mit dem Grobian litten Menschen, die ihm leid thaten. So opferte er sich denn nach dieser Seite.

Richtig fand er auch wieder verweinte Augen, als er zum zweiten Male das Freudenhaus betrat. Diesmal war es Eusebia, welche weinte. Sie zog sich vor den Augen des Eintretenden zurück und Sallek wurde von Frau Ottilien und Hermosen empfangen.

»Darf ich fragen: warum weinte das Fräulein?« sagte Sallek.

»Ach, der Papa!« fing Hermosa sogleich an. »Stellen Sie sich vor! Da ist der Ivo – er freilich schon zwölf Jahre, aber er ist halt doch noch ein Bub. Warum soll er nicht eine Freude haben? Diesen Winter sah er einen Pagen im Theater; ich glaube in den »Hugenotten« war's; – Mama, war's nicht in den »Hugenotten?« aber gleichviel. Ach gefiel ihm der Page! Er schwärmte uns immer vor, wir sollen ihm auch so einen Anzug machen. Es wäre sein einziges Glück. Aber wo könnten wir in Innsbruck eine Nadel rühren? Den ganzen Tag steht die Thür nicht still von Lehrern und Lehrstunden! Hier im Lechthal fing der Bub' wieder an. Da erbarmte sich Eusebia – sie ist eine wahre Künstlerin mit der Nadel; ich mach' es nicht halb so gut; genug, sie schneiderte ihm ganz in der Stille einen herrlichen Pagen zurecht. Aus alten Stücken von Atlas, Sammt und Seidenzeug – ein vollständiges Phantasie-Costüm. Sogar Schuhe, Gürtel, Baret mit Plumeaux, Alles. Als wir den Buben anzogen – ich versichere Sie, nicht weil es mein Bruder ist, aber – er sah zum Küssen aus! Er war ganz roth im Gesicht, es durchschauerte ihn vor Freude. Man sah, wie er zitterte. Wir aber ließen ihn aus, wie einen schönen Vogel, da legte er sich eine Armbrust über die Achsel und strich in den Garten hinaus – »auf ritterliche Abenteuer.« Es war allerliebst, wie er so in der Sonne am Waldrain dahinstreifte. Ein Bild, wie ein Albumsblatt! Zufällig begegnete ihm der Papa auf der Terrasse, da macht er ihm seine Reverenz und begeistert wie er ist, spricht er in seinem Französisch, das er diesen Winter zu lernen anfing, im galanten Normanenstyl: Je vous rend mes hommages, mon pére et mon roi! Eine Ohrfeige, daß ihm das Barret über die Wehrmauer fliegt, war die Antwort darauf. Wer hat das gethan? Bin ich ein Casperl? Wollt ihr mir den Narren stechen? Wer hat das gethan? Das Inngesind wird immer frecher! (Er nennt uns nur sein Inngesind.) Der Donner soll drein schlagen! Ist mein Haus eine Comödianten-Boutique? Und schießt hinauf wie ein Fackelbrand und flucht und wettert, – die ganze Hölle war los. Unsere Sebi läßt sich gewiß was sagen, aber zuletzt fing sie auch zu weinen an. Zu einer anderen Zeit aber, das kann ich Sie feierlich versichern, hätt' ihm der Scherz selber gefallen. Es war nur, weil man ihn nicht fragte. Alles soll er. Kein Mensch darf was thun oder denken, außer ihm. Und dabei ist das Beste, daß er den Kleinen immer auszankt: Der Bub ist gar so todtschlächtig! Der Bub hat gar keine Einfälle! Wie ich ein Kerl, wie der, war, da hatt' ich eine andere Schneid! Damit meint er seinen Geniestreich am Thannberg, als er noch Schafbub war. Das war freilich schneidiger. Einem Hausirer hatte er spanischen Pfeffer gemaust und seinem Bauer damit das Pfeifenmundstück eingerieben. Dem armen Manne schwoll das Gesicht auf, wie eine Trommel. Das war im Geschmacke des hoffnungsvollen Fränzchens! Hätt ihn der Bauer erwischt, er hätt' ihm Kreuz und Bein zerschlagen. Aber mein Fränzchen lief davon, lief ins Reich, ging aus einer Hand in die andere und hat zuletzt freilich sein Glück gemacht. Und jetzt berühmt er sich darüber und sagt: Schneid' muß man haben!«

Unter dem Dach eines solchen Mannes konnte sich Sallek nimmermehr wohl fühlen. Dafür lag es aber freilich auf der Hand, daß wenigstens die Familie sich wohler fühlte, von einer mitleidigen Seele besucht zu werden. Wie ihnen der Trost aus den Augen leuchtete, Jemanden zu haben, dem sie klagen konnten! Und Hermosa klagte so schön! Eine Kraft des sinnlichen Ausdruckes war in ihrem Vortrag, welche mit Worten nicht anschaulich zu machen. Wenn sie sagte: ich versichere Sie, er sah zum Küssen aus, so küßte sie wirklich; ihr Mund wölbte sich voller, ihre Lippen kräuselten sich zärtlich; es war eine Venus mit ihrem Amor. Und wenn sie sagte: die ganze Hölle war los, so blitzte ihr Stirnfältchen auf, ihre Braunen zuckten, ihre Nüstern schnoben und das Auge funkelte wild! Sallek sah sie mehr als er sie hörte.

Genug, er empfand es kaum als ein Opfer, wie er so manche Sommerstunde nun im Fenderhause versaß und verlor. Und »versitzen« galt im buchstäblichen Sinne. Nicht leicht war ein Sommeraufenthalt denkbar, welcher soviel im Zimmer spielte, als der in der Fenderfamilie. Die Tagesordnung war ungefähr folgende: Herr Fend pflegte spät am Morgen aufzustehen, gemächlich zu frühstücken, langsam sich anzuziehen, seine Vögel zu füttern u. s. w. Gewöhnlich machte er dann einen Gang in die Dörfer hinab, wo in den Herrenstuben der Gasthäuser gleichgestellte Männer sich einfanden. Da wurde politisirt, ein Handel geschlossen, die Geschichten des Thales besprochen, Nöthiges und Unnöthiges mit gewichtiger Selbstschätzung »ausgekocht.« Herr Fend trieb das so eifrig, daß kaum das schlechteste Wetter ihn abhielt; er pflegte zu sagen, er habe zu thun! Nachmittags aber liebte es Herr Fend zu Hause zu bleiben. Der Familie war damit selbstverständlich, etwa Promenaden im Garten oder auf den nächsten Waldwegen ausgenommen, ein Gleiches auferlegt Allerdings hätten sich, seit die zwei jüngeren Männer das Haus besuchten, nämlich Gordian Früll und Felix Sallek, auch weitere Ausflüge arrangiren lassen, und Herr Fend wäre Frülls wegen, welchen er immer sichtlicher bevorzugte, zur Theilnahme zu bewegen gewesen. Aber es kam nie dazu.

Frau Ottilie, ihre zwei jüngeren Kinder und Sallek waren gleichsam stillschweigend darüber einverstanden, die Herren nicht zu bemühen. Man ließ sie in ihrem Rauchzimmer sitzen und zechen, rauchen und Domino spielen, was gewöhnlich tief in den Abend hinein währte, wobei sie sich offenbar wohl befanden. Nicht selten trat dann ein oder der andere Nachbarbesuch hinzu und dann saßen sie nur um so fester. Die Familie inzwischen freute sich, Ruhe zu haben und verlangte nicht mehr. War Sallek da, so gab er Clavierlectionen oder Conversations-Uebungen in Fremdsprachen, oder ließ sich bald von der Frau, bald von den Kindern ihre häuslichen Leiden erzählen, ein Stoff, welcher niemals ausging.

Er tröstete dabei so gut er konnte. Manchmal glaubte er es recht gut zu machen, indem er nach den geringsten Zügen haschte, um Herrn Fend etwas nachzurühmen. So sagte er eines Tages: »So oft ich heraufkomme, die Lage Ihres Hauses entzückt mich immer von Neuem. Lage und Architektur, beides zusammen. Wenn das Herrn Fend's Werk ist, so sage man was man will, der Mann hat Geschmack; wenigstens im Baufach mehr als in der Claviermusik.« Frau Ottilie seufzte. »Sie antworten nichts?« fuhr Sallek fort. »Wem verdankt das Fenderhaus, so wie es ist, seine Gründung?« – »Uns Beiden,« antwortete die Frau. »Mir war die Wahl des Bauplatzes überlassen, er führte Bau.« – »Nun also! das ist ja ein prächtiges Zusammenspiel von ehelicher Eintracht gewesen.« – »Von ehelicher Zwietracht, wenn Sie gesagt hätten! Denn leider, just an diesem Bau fing es an!« – »Aber ich bitte Sie! Wie ist denn das möglich? Wenn Fend mit Ihrem Platze zufrieden war, und Sie mit seinem Plan, und eines ist doch so schön wie das andere . . .« – »Ach ja, mein Platz! der ist freilich schön für das Auge, aber ein Berg sollte durchsichtig sein wie Glas. Als wir den Grund zu graben anfingen, sank der Grund ein. Ich sagte, nun gut; so rücken wir weiter rechts weg. Geben wir die Stelle auf, der Boden hat ja doch wenig Werth hier. Besser ein kleiner Schaden als ein großer. Gott bewahre! Um keinen Preis! Es war Dein Wunsch, Tilli, und Dein Wunsch muß geschehen. Er ließ eine Grundmauer ziehen. Als sie ein paar Klafter hoch aufgemauert war, sank sie ebenfalls ein. Die Maurer sagten, der ganze Berg ist nichts nutz. Es ist ein Sandstein, der noch nicht steinreif ist. Nun denn, so schütten wir's zu. Fort von hier. Das Lechthal ist überall schön. Aber mein Mann war nicht zu beugen. Was? dieses Grübchen da? das füll' ich mit meinen Füchsen noch aus. Du sollst nicht sagen, ich hab Dir Deinen Gefallen nicht gethan. – Aber ich bitte Dich, Mann . . . – Wie Du mir, so ich Dir. Man muß sich einander zu Gefallen sein. – So höre mich doch nur! Es ist ja längst nicht mehr mein Gefallen. – Man muß sich einander zu Gefallen sein. Lieb ist Lieb werth. Oder fürchtest Du, Du kannst mirs nicht heimzahlen? oder Du willst es nicht? Das Grübchen da füll' ich tausend Mal aus. God dam, der Fender läßt sich nicht spotten. Mein Weib ist mein Weib. Dafür wird sie mich ehren und schätzen. Solche Männer wachsen nicht auf den Zwetschkenbäumen. Das macht den Fender noch nicht arm. Ja, guckt nur, ihr Maulaffen. So baut der Fender für sein Weib. – Kurz, was soll ich Ihnen sagen, Herr Sallek? Damals sah ich zum ersten Male, wie wir mit einander standen. Seinen Eigensinn, seinen Geldstolz, und wie er mir das Alles als Liebe aufdringen wollte! und auf die Liebe die Tyrannei gründen wollte! An dieser Parapetmauer sah ich mein Los. Wie manche Thräne habe ich da hinein geweint! Es waren meine ersten meine heißesten Thränen!«

Ein anderes Mal sagte er zu Hermosen: »Gestehen Sie, Fräulein, für ein Tirolermädel haben Sie doch den schönsten Namen im Lande. Wissen Sie, was Hermosa heißt?« – Das Mädchen lächelte kokett und sagte: »Man muß nicht Alles wissen.« – »Ich sehe, Sie wissen es besser als ich, daß Hermosa die Schöne heißt. Aber nun lassen Sie dem Papa auch Gerechtigkeit widerfahren. Der galante Name kann nur die Wahl des Herrn Fend sein. Er kann ihn nur aus dem spanischen Amerika haben.« – »Gott weiß, nach welcher Mestizze er mich benamset hat!« – »Wie unartig! anstatt daß Sie anerkennen sollten, wie Ihnen Vaterliebe und Vaterstolz den zierendsten Namensschmuck ausstudirt hat« – »Ach ja, es war eine ausstudirte Bosheit!« – »Bosheit? was sagen Sie da? der Name Hermosa eine Bosheit?« – »Ja, ja, eine Ironie, eine beißende Ironie! Denn sehen Sie, daß meine Stiefschwester Eusebia heißt und nicht Grethel oder Ursel, das fing den Papa bald zu wurmen an. Schon wenige Wochen, nachdem er geheirathet, zog er die Mama damit auf. Eusebia! Das ist ja eine wahre Staatsheilige. Die muß man ja mit der Laterne im Kalender suchen. Das muß ein rares Pflänzchen werden. Da kann Unsereiner nicht mit. Kurz, als meine Wenigkeit auf die Welt kam, so zerbrach sich lieb Väterchen den Kopf und stöberte in seinen alten Kalendern herum – er hatte französische, englische, dänische, spanische, – um einen Namen auszugattern, der die Eusebia noch weit überbieten könnte. Die Mama erschrak, als er endlich Hermosa präsentirte. Aber Mann, den Namen kenn' ich ja gar nicht! – Thut nichts, Mylady, ich kannte Deine Eusebia auch nicht. Man wird so alt wie eine Kuh und lernt doch immer noch dazu. Also kennt ihn nicht! So haben wir doch was herausgekitzelt, was die Frau Professorin nicht kennt. Siehe, siehe! – Ich bitte Dich, Mann, die Tiroler lachen uns aus. Der Pfarrer nimmt ihn gar nicht an, diesen Namen. Woher hast Du ihn nur? – Woher ich ihn habe? Hundert Meilen hinter'm Eisebiland. – Und so ärgerte er die arme Frau in ihr Wochenbett hinein. Sie können sich den Taufschmaus vorstellen und wie die Gevatterinnen mit all' ihren Hecheln arbeiteten.«

»Enfin, zuletzt haben Sie doch den Vortheil davon,« sagte Sallek. »Sie heißen Hermosa, die Schöne, und das nimmt Ihnen der Papst nicht mehr.«

»So, wirklich? Wer hat Euch dessen so gewiß gemacht? Du goldene Unschuld! Da kennen Sie meinen Papa noch schlecht. Wann heiße ich denn Hermosa? In meinem Leben nicht! Das ist ja der Witz: der Name soll nicht blos abenteuerlich klingen, er soll sich auch hübsch verhunzen lassen. Nun, was meinen der Herr Capellmeister zu dem musikalischen Namen Moserl? Nicht wahr, das klingt ein bischen besser als Mopserl? Nun, sehen Sie, das ist mein Name! Erst seit zwei Jahren, und es brauchte Mühe, nennt mich der Vater Mosi. Hermosa heiße ich niemals. Wenn mich der Papa einmal Hermosa ruft, so geschieht es in einem so schneidigen Tone, – ungefähr: komm' her, Du Süße, ich will Dir den Hals umdrehen!«

In solch' bitteren Pointen verlief fast jedes Gespräch über den Fender. Auch das heiterste Thema war nicht sicher davor. Ein Bezug auf den Papa – und aus jedem Honig wurde Galle. Sallek war bald darauf eingeübt: was werde ich heute wieder zu hören bekommen? wenn er ins Fenderhaus ging. Und doch ging er hin – und gerne hin. Sein Curat auf der Madelergabel plagte ihn mit einem strohenen Reflexionswesen: hier sah er doch Fleisch und Blut, hier schlugen warme menschliche Pulse, hier gab's Thränen und einen Trost gegen Thränen; ja, hier konnte er Tröster sein, was er dem Grillenfänger auf der Madelergabel, der selbst nicht wußte, woran es ihm fehlte, keinen Augenblick sein konnte.

Wir sollten an diesem Punkte vielleicht sagen, ob Sallek nicht nach und nach anfing, auf Herrn Fend eine Art wohlthätigen Einfluß zu gewinnen. Ja! um den Preis, um welchen jedes Kind auf ihn Einfluß gewonnen hätte: wenn man ihn schmeichelte, wenn man servil gegen ihn war. Da nun Sallek das nicht that und nicht war, so wird der Leser vielmehr umgekehrt fragen, ob Sallek nicht nach und nach anfing, dem Fender lästig zu werden.

Wer einem Menschen einmal so unhöflich begegnet ist, wie der Fender dem jungen Sallek in Innsbruck, der wird sich diesem gegenüber nie mehr á son aise fühlen. Der Zwischenfall mit dem bischöflichen Besuch, der seinem Ehrgeiz so sehr geschmeichelt und seine Dankbarkeit flüchtig angeregt hatte, war bald vergessen und die Vorstellung, daß eine ähnliche Gelegenheit wieder kommen, daß ein Gast, wie Sallek, dem Hause, wo er einkehrt, überhaupt zum Schmucke gereichen könne, wirkt doch allzu schwach auf einen Mann wie Fend. Dagegen wirkte ganz bedeutend die Wahrnehmung auf ihn, daß Sallek anfing, seinem Hause etwas zu sein. Dieser Umstand allein hätte genügt, den eifersüchtigen Tyrannen zu ärgern. Und so kam es denn auch. Sallek's Hausbesuch war ihm ein Aergerniß.

Aber er beherrschte sich diesmal ein wenig besser, als er gewohnt war, denn eine Blosstellung wie in Innsbruck durfte er nicht zum zweiten Mal riskiren. Er verbarg seinen Aerger. In dem Maße als Fend merkte, daß der junge Mann gern gesehen war von den Seinigen, begriff er sofort, er habe damit ein Werkzeug mehr in der Hand, sein Haus zu tyrannisiren. Es kostete ihm nur einen Wink, als überlege er sichs noch, ob er Salleks Lehrstunden fortsetzen lasse, und er konnte die Familie schrecken und necken, oder ließ, ihr zum mindesten seine Gewalt fühlen, was ihm schon an sich Genuß war. Das war Eins. Dann aber, wollte er sich seines Gastes wirklich entledigen, so fühlte er wohl, es müsse auf eine exemplarische Weise geschehen. Blos die nächstbeste Laune an ihm auszulassen, wie es sonst seine Art war, fürchtete er sich in diesem Falle. Er fürchtete sich vor Sallek, er fürchtete sich vor der Familie selbst. Er wollte ihn besser fassen. Er hoffte und lauerte darauf, der fremde Eindringling werde sich eine Blöße geben, gegen welche er dann in der ganzen Pracht seiner Hausherrnjustiz vorgehen könne. Wie er sich nämlich nicht vorstellen konnte, daß ein Mensch uneigennützig seine freien Stunden aufopferte, so unterlegte er Sallek's Besuchen Zwecke, welche, wie er meinte, nur eines unbewachten Augenblick's bedurften, um sich strafbar zu verrathen. Er spionirte und ließ spioniren, wie Sallek mit den drei Frauen seines Hauses umgehe. Er saß nicht so harmlos in seinem Rauchzimmer, als es den Anschein hatte. Er hatte ganz in der Stille allerlei kleine Wandspiegel placirt, welche theils die Flucht der Zimmer, deren Thüren im Sommer offen standen, theils Partien des Gartens reflectirten, und die er, wie eine Spinne ihre Netzfäden, beherrschte. Ebenso liebte er es plötzlich aufzustehen und einen Gang durch die Zimmer zu machen, unter irgend einem Vorwande, welcher die wahre Absicht solcher Ueberfälle verbarg. Mit Ivo suchte er sich zu versöhnen; er erlaubte ihm seine Pagen-Maskerade, ja er erhitzte die Phantasie des Knaben, indem er ihm dazu noch einen Ponny sammt prächtigem Reitzeug versprach. Dagegen fragte er den Knaben fleißig aus, wie es heute gewesen, und was man getrieben, und – wie habt Ihr Euch unterhalten; und – erzähle mir, mein Kind; und instruirte ihn, so viel er die getäuschte Fassungskraft des Knaben zu beschwatzen hoffen durfte. Zuletzt war ihm auch die alte Hausmagd nicht zu gering, um sich gelegentlich von ihr rapportiren zu lassen.

So umstellte er seinen arglosen Gast mit Fuchsfallen. Ins Antlitz aber behandelte er ihn aufs Freundlichste, kritisirte mit ihm die Zeitungen, ließ sich Beamten-Anekdoten erzählen, fragte ihn häufig um seine Meinungen oder juridischen Urtheile, die er dann im Gasthausgespräche verwerthete, war mit seinen Flaschen splendid und hatte ewig die Laune, zu tractiren. Du sollst mir zahm werden, Bursche, dich pack' ich einmal! dachte der liebenswürdige Mann.



Achtes Capitel.

Und Felix? Er ahnte nichts und kam und ging.

Aber eines Tags kam er wirklich verändert. Er kam in einer Stimmung, von der unsere Leser vielleicht schon längst zu hören gehofft haben. Wir wollen erzählen, wie das zuging.

Es ging sonderbar zu, so natürlich es auch scheint. Der Natur half eben ein Zufall zum Durchbruch.

Auf seiner Madelergabel hatte der arme Felix manch' langweilige Stunde. Jene Langeweile, die auch ein fähiger Mensch haben kann, nämlich wenn er falsch gestellt ist und seine Fähigkeiten nach Luft schnappen. Ungeduld sollten wir vielleicht sagen.

Das geistige Verhältniß zu Pater Anselm war ein rein passives und seine häuslichen Verhältnisse waren noch weniger als das. Felix hatte richtig geahnt: der arme Curat stand unter dem Pantoffel zweier Xantippen, deren rohe Despotie er zu seinem Glücke nicht fühlte. Felix dagegen wich ihnen aus und hätte sich höchstens das kleine artige Mädchen gefallen lassen, wenn sie nicht einen sogar ihm unverständlichen rauhen Gebirgsdialekt gesprochen hätte, der ihm die wenige Unterhaltung, die ihm das Kind gewähren konnte, vollends verdarb.

So blieb er größtentheils einsam.

Die Einsamkeit wies ihn an die Natur und die stumme Natur an die Abwechslung mit der Lectüre. Zwischen die Forellenbäche und das Bücher-Repositorium vertheilte er seine müßigen Stunden.

Eines Tages saß er melancholisch allein. Pater Anselm war auf einen »Speisgang« ausgegangen, und die Unlust des Wetters fesselte ihn zurückbleibend an die Stube. Vom Himmel herab strich ein grauer geistloser Regen; es regnete, wie man sagt, Bindfäden. Ein eintöniges Schauspiel, welches weder Auge noch Seele unterhalten konnte!

Felix trat vor die Bücher. Sein Auge irrte von Titel zu Titel. Vergebens! Weder die Institutionen von Döderlin, noch die dogmatischen Vorlesungen von Reinhard, weder ein Eckermann noch ein Henke konnte ihn anziehen. Die meisten kannte er schon, viele wollte er nicht kennen und alle haßte er, denn die Verwirrung, die sie in dem Gehirne des armen Pfarrerleins nährten, nahm er ihnen persönlich übel.

Ueberhaupt war er nicht in gelehrter Stimmung, sondern in poetischer, oder besser, Poesie-bedürftiger. Am liebsten wäre ihm ein Dichter gewesen. Aber Dichter hatte sein Freund nicht. Zuletzt ergriff er den Jahrgang des deutschen Museums von Prutz, welcher sich zufällig hierher verirrt hatte. Er fing zerstreut zu blättern an. Da fand er freilich Verse genug. Aber ach – nur Verse! Und wie weit sind Verse und – Dichter von einander entfernt! Anstatt die Quintessenz eines bedeutenden Lebens zu geben, geben sie die Zufälligkeiten eines unbedeutenden Lebens. Im Hin- und Herblättern fiel ihm ein Gedicht von Theodor Storm in die Augen »An meine Söhne« überschrieben. Das Bestimmte dieser Adresse reizte ihn, – vielleicht hat er etwas Individuelles, Lebendiges zu sagen. Er fing zu lesen an:


Hehle nimmer mit der Wahrheit,
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
Doch weil Wahrheit eine Perle,
Wirf sie auch nicht vor die Säue.


»Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue.« Kernig gesagt! Er fuhr fort:

Blüthe edelsten Gemüthes
Ist die Rücksicht; doch zu Zeiten
Sind erfrischend wie Gewitter
Gold'ne Rücksichtslosigkeiten.


Sallek blickte aufmerksam. Wahrlich, das hört man nicht alle Tage. Göttliche Grobheit, kann Jeder sagen; das ist der Gemeinplatz. Aber gold'ne Rücksichtslosigkeiten, die erfrischend wie Gewitter sind, das ist schon ein vornehmeres Empfinden. Und wie zart nennt dann derselbe Mann wieder die Rücksicht Blüthe des edelsten Gemüthes! Hört man endlich ein anderes Wort als das ewige Schimpfen auf Convenienz! Gibt's noch einen Gebildeten, der die Rücksicht nicht für conventionellen Zwang erklärt, sondern für eine Blüthe des Gemüthes! Ich drücke Dir die Hand, wackerer Mann! Was andere lyrische Gecken als Gemüth verkaufen möchten, das ist der parfümirte Egoismus ihrer Sentimentalität. Er las weiter:


Wack'rer heimatlicher Grobheit
Setze Deine Stirn entgegen:
Artigen Leutseligkeiten
Gehe schweigend aus den Wegen.


Der Mann gefiel ihm immer besser. Den Nationalgenius der Deutschen, die Grobheit, nennt er wacker, und sie ist es, als Kraftausdruck des Charakters; aber derselbe Charakter bietet ihr auch die Stirne, er verhimmelt sie nicht, wie die Kriecher nach unten, die Höflinge des Pöbels, welche dem Volke seine Grobheit und Ungezogenheit förmlich als Tugend anrechnen! Und wie hübsch das gesagt ist – artige Leutseligkeiten! Wie fein bezeichnet dieser Plural schon allein jene perfide Herablassung, welche beleidigt! Aber er geht ihr »schweigend« aus den Wegen, nicht schimpfend, gleichsam mit einer ebenso herablassenden – Verachtung! Er las die vierte Strophe:


Wo zum Weib Du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte Dich zu gut, um gastlich
Mit dem Hause zu verkehren.


Sallek stand wie vom Blitz gerührt. Das Fenderhaus fiel ihm ein. Hermosa fiel ihm ein.

Gäbe ihm Fend eine Tochter zum Weibe? Nicht im entferntesten! Aber möchte er eine Tochter Fend's zum Weibe? Alles Blut schoß ihm in die Wangen. Hermosa!

Es war ihm wie in Schwindeln. Wie packt ihn auf einmal das Bild! Wie geschieht ihm? Was geht in ihm vor? Hat er neue Pulse? neue Augen? ein neues Herz? Der Gedanke ergreift ihn wie vom Himmel herabgefallen. War sie denn bisher nicht in der Welt? oder war er es nicht? Wo waren seine Sinne? Er begreift sich nicht. Er starrt in sich hinein wie ein Geblendeter.

Hermosa!

Wie alle Menschen von starkem Gefühl, hatte er wenig daran gedacht, sein Gefühlsleben zu beobachten. Jetzt taumelte er, wie von einer Faust gestoßen, in die Reflexion hinein.

Wie fühlte er sich zu dem Mädchen?

In Innsbruck war der Eindruck kein günstiger. Er hatte sie für ein rohes Geschöpf gehalten. Auch jener erste Abend im Lechthal, wo sie sich am Bache begegnet, wo sie weinte und schalt, – er hatte sie bemitleidet, aber die Heftigkeit ihres Wesens war ihm doch wieder – Verwahrlosung, Rohheit.

Er lernte das Haus nun näher kennen. Das scharfe Wetter darin, die Kriegslust. Man muß sich tüchtig wehren in dem Hause, um sich zu behaupten. Das junge Mädchen schien ihm nicht mehr so roh, sie war nur kräftig, gesund. Und sie konnte auch zärtlich sein – mit der Mutter, mit Ivo, sie konnte auch munter sein, scherzen, lachen, sie lachte sogar sehr schön, sehr weiblich, was eine große Seltenheit ist! Wahrlich, das Bild wurde immer menschlicher. Er freute sich darüber, und nichts weiter. In dieser Freude, diesem Wohlgefallen hatte er so hingelebt.

Und plötzlich!

Hat dieser Augenblick seine Leidenschaft erst erweckt, oder hat er sie blos – zum Bewußtsein erweckt?

Ach, das ist jetzt gleichgiltig. Das fragt sich jetzt müßig. Genug, er hat sie, die Leidenschaft. Er empfindet nichts anders als sie.

Die Reize des Mädchens verbreiten sich wie Feuer über sein Inneres. Sein Blut glüht, seine Phantasie hängt mit staunenden, sinnverwirrten Gedanken ihrer Schönheit nach. Es ist ein unermeßliches Gefühl. Es trägt ihn, es hebt ihn wie eine Woge: er schnellt empor darauf, er erstickt in ihr.

So saß er und sann vor sich hin.


Wo zum Weib Du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte Dich zu gut, um gastlich
Mit dem Hause zu verkehren.


Sein Auge lag auf dem Vers wie auf einer Zauberformel. Sein ganzes Leben spricht hier zu ihm. Ein lebendiges Wort hat er gesucht – wahrlich, da hat er eines!

In derselben Nacht schloß Sallek kein Auge. Der Regen hatte aufgehört, der Mond schien durch die Ritzen des Daches.

Sallek sprang auf und rannte in's Freie hinaus.

Derselbe Mond mit seinem falschen, geheimnißvollen Winkellichte stand geneigt gegen das Allgäu. Die Luft roch von Erd- und Wasserdunsten des Regens. Ein schriller Thierschrei ertönte aus der Ferne – erschreckend, schauderhaft. Das war ein Mord! Ach, der Schooß der Nacht ist so friedlich nicht, wie salbungsvolle Optimisten sich einbilden. Unbarmherziges geht vor in ihrem Schooße. Das unbeschützte Thier zittert in schlechter Sicherheit vor seinem Feinde; die Angst des Lebens, der Sieg des Stärkeren, das Alles spielt sich fort in der Nacht. Die Nacht trieft von Angstschweiß, sie dampft von Blut. Aber im Dörfchen umher brüllte das Vieh aus seinen Ställen in schlaftrunkener, wiederkäuender Sicherheit. Die Philister der Thierwelt, die Hausthiere! Wahrlich, fast niederträchtig ist ihr Wohlstand, während ihre wilden Brüder draußen kämpfen und bluten!

Sallek ging herum wie ein Trunkener.

Fast gegen Morgen war's, als er sich wieder zu Bette warf und bei seinem Erwachen stand die Sonne hoch auf den Bergjöchern.

Er war neugierig, das Gedicht, das gestern einen solchen Aufruhr in ihm hervorgebracht, im Lichte eines neuen Tages zu überlesen. Er nahm es noch einmal vor und las die Strophen im ununterbrochenen Fluß ihres Zusammenhanges.


Hehle nimmer mit der Wahrheit,
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
Doch weil Wahrheit eine Perle,
Wirf sie auch nicht vor die Säue.

Blüthe edelsten Gemüthes
Ist die Rücksicht; doch zu Zeiten
Sind erfrischend wie Gewitter
Gold'ne Rücksichtslosigkeiten.

Wack'rer heimatlicher Grobheit
Setze Deine Stirn entgegen:
Artigen Leutseligkeiten
Gehe schweigend aus den Wegen.

Wo zum Weib Du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren,
Halte Dich zu gut, um gastlich
Mit dem Hause zu verkehren.

Was Du immer kannst, zu werden,
Arbeit scheue nicht und Wachen
Aber hüte Deine Seele
Vor dem Carriére-Machen!

Wenn der Pöbel aller Sorten
Tanzet um die gold'nen Kälber,
Halte fest! Du hast am Ende
Doch vom Leben nur Dich selber.


Aber es waren nicht mehr die Augen, womit er dieses Gedicht zum ersten Male gelesen. Der melancholische Regentag, die schaurige Nacht und ihre seltsame Aufregung waren vorbei. Die lustigste Sonne schien über's Land und Hermosa war das sonnigste Mädchen im Lande. Mit einer jauchzenden Sinnlichkeit dachte Sallek ans Lechthal, und da just heute ein Tag seiner regelmäßigen Besuche war, so hielten ihn die vom Regen verdorbenen Wege nicht ab, und er flog fast dem Fenderhause zu.

»Halte dich zu gut, um gastlich mit dem Hause zu verkehren«, meditirte er unterwegs. Das ist zwar eine poetische Wahrheit, aber keine reale. Was für ein Grünspecht war ich doch gestern, daß ich diesen Unterschied nicht gleich capirte! Das hübe ja alle Geselligkeit auf, wenn man nur Häuser betreten dürfte, in denen man Schwager werden kann. Und dann – was heißt das: wo zum Weib Du nicht die Tochter wagen würdest zu begehren? Der Ton liegt auf wagen! Es käme also darauf an, wie viel eben ein rechtschaffener Kerl wagen will! Wer verbietet das Wagen?

So dachte Sallek und seine jungen Beine sprangen wie Stahlfedern über die Berge dahin. Früher als sonst war er heute im Fenderhaus.

Hermosa hätte ihn fast erschreckt: sie trat ihm in einem schwarzen Anzuge entgegen. Sie trug ein schwarzes Kleid von Poul de Soie mit einem weiten Halsausschnitt, welchen ein Fichu von schwarzem Moll bedeckte. Sie sagte, es sei der Sterbetag von dem Manne der Mama aus erster Ehe. Felix antwortete, das sei eine sehr zarte Aufmerksamkeit für die Mama, aber sie hätte sie vielleicht ihrer Stiefschwester Eusebia, der Tochter des Verstorbenen, überlassen sollen. Ihre Artigkeit gegen die Mutter sei das directe Gegentheil davon gegen Herrn Fend, ihren Vater. Und wie sie den Muth, oder besser den Muthwillen haben könne, in einem so stürmischen Hause den Gott der Stürme förmlich herauszufordern. Hermosa lachte. Ach der Papa! dem wird gesagt, ich trage den Traueranzug, den ich vor einem Jahre für eine Tante trug, um ihn wieder einmal auszulüften, und er glaubt es mir wohl. Was weiß denn er, daß das eine feine Dame nicht thun würde!

Felix drohte mit dem Finger, während er sie mit bewundernden Blicken ansah. Er fand, daß ihr der Anzug einen ungewöhnlichen Reiz verlieh. Die schwarze Farbe hob den lichten Teint der Blondine ausnehmend vortheilhaft.

Und just heute sah er sich fast allein mit ihr. Eusebia wartete den Herren Fend und Früll im Rauchzimmer auf und Ivo trieb am Bache sein Wesen, wo er sich eine Goldwäscherei angelegt hatte, weil er gestern in einem Buche gelesen, daß die Wässer Tirols einst Gold geführt. Die Mama aber stand auf dem Altan und beaufsichtigte ihn.

Man ging in's Clavierzimmer. Hermosa setzte sich an den Flügel, Felix neben sie. Hermosa fing zu spielen an. Ihre Haltung beim Spielen war noch nicht schulgerecht: nämlich bei gerader Haltung des Oberleibes blos mit den Armen zu spielen. Sie hatte die Angewöhnung, sich stark auszulegen, namentlich auf die linke Seite, auf welcher der Baß gespielt wird, was beim weiblichen Clavierspiel oft eine Kraftanstrengung ist. Felix hatte sie sonst corrigirt. Heute that er es nicht. Indem sie nämlich in die tiefen Contratöne hinabgriff und ihrer Gewohnheit nach dem Oberleib die stärkste Beugung nach links gab, verschob sich durch die gewaltsame Spannung des Nackens das Halstuch und heraustrat blendend weiß die entblößte rechte Achsel. Wären die Achseln nicht schön, warum wären Damentoiletten decolletirt? Die Achsel hat vor jenen reizvollsten Formen der Rundung und Schwellung, welche wir am weiblichen Körper bewundern, den in seiner Art einzigen Vorzug, daß ihre bedeutsame Grundform ein Knochen ist, eine Vorstellung von Kraft und Tüchtigkeit, mit welcher die sanft gewölbte Bekleidung des Fleisches noch ein plastisch-schöneres Gebilde giebt, als wenn das letztere allein vorherrscht. Sallek war heute ganz in der Stimmung, diese ästhetische Reflexion, dem reizendsten Augenschein gegenüber, mit ungewöhnlichem Feuer anzustellen. Er fand diese prächtig modellirte, blendende Achsel interessanter, als die ganze medeciische Venus.

Just die geringe Ausdehnung, in welcher das Nackte hier erschien, erhöhte den Werth der Erscheinung, die Kostbarkeit des Anblicks. Dazu kam der Contrast der tiefschwarzen Farbe von Kleid und Halstuch, aus welchen der weiße Perlenglanz der Schulter in einer raffinirt-effectvollen Fassung lockend und ladend herausleuchtete. Es war wie ein Elfenbein-Medaillon in einem Ebenholzrahmen. Felix entbrannte vor Begierde das Medaillon zu küssen. Aber was hinderte ihn? Er ersah die nächste Gelegenheit und drückte seine Lippen auf die verführerische Achsel.

Hermosa erschrak. Mit gezückten Augenbraunen warf sie einen Blick ins Zimmer und zu der Mama hinaus auf den Balcon, – einen Blick des Entsetzens.

»Nicht so weit, Ivo!« rief die Mama, »nicht so weit! Mein Gott, das Kind vergißt sich wieder;« – und sie eilte vom Balcon durchs Zimmer an den Bach hinab.

Hermosa und Sallek war allein. Das Mädchen sagte mit nachdrücklichstem Ernste: »Ich bitte Sie, thun Sie das nicht wieder. Das ganze Haus hat Augen und Ohren.«

»Ei, so heirathen Sie endlich fort aus dem Hause«, antwortete Felix leichtblütig. »Das ist ja ein wahres Bagno!«

»Eine Desperationsheirat?« rief Hermosa. »Ich danke für den Rath! Ich will mir's wohl überlegen, wenn ich einst heirate.«

»Nur nicht allzu wohl,« sagte Felix. »Das wäre erst recht der Fluch dieses Hauses, wenn Sie aus lauter Furcht vor Männern wie der Papa . . .«

Aber Hermosa hielt ihm den Mund zu. »Nein, nein, ich heirate lieber gar nicht! Gott, wie man unglücklich sein kann!« rief sie mit einer fast tragischen Ueberzeugung.

Felix fuhr fort, sie zu warnen, daß sie sich von der Haustyrannei ihres Vaters nicht allzu abschreckende Beispiele für das eheliche Los – aber Hermosa unterbrach ihn zum zweiten Male: »Nicht vom Papa ist die Rede. Sie wissen ja gar nicht, wovon die Rede ist.«

Felix sah sie an, befremdet, fast bang. Hermosa ergriff seine Hand und neigte sich flüsternd gegen ihn: »Ich will Ihnen einmal eine Geschichte erzählen, wenn wir ungestört sind. Sehen Sie, den Papa – den fürcht' ich gar nicht. Wäre ich an der Stelle der Mama, ich wäre gleich anfangs mit ihm fertig geworden. Aber es gibt noch andere Modelle. Was sagen Sie zu einem Manne . . .«

In diesem Augenblicke hörte man Fend's Schritte, welcher einen seiner gewöhnlichen Gänge durch die Zimmer antrat. Hermosa griff rasch in die Saiten.

Felix studirte ihren Gesichtsausdruck, welcher ihm ganz verwandelt vorkam. Sie sah so sorgenvoll, so frauenhaft aus – wie um zehn Jahre gereifter. Als sie sich zu ihm hingeneigt – ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, war es ein Ton – fast wie von mütterlicher Belehrung.

Was mag sie für Geheimnisse haben? Geheimnisse der weiblichen Erfahrung, welche dem leichtlebigen Mädchen etwas Gewichtiges, fast Ueberlegenes mittheilen?

Felix war neugierig, unruhig, verwirrt.

Hermosa inzwischen rauschte ihre chromatische Scala, gemischt mit Doppeltrillern, herab, daß Bilder und Spiegel zitterten. »Ich thäte Hanf brechen, statt Clavier zu spielen,« sagte Herr Fend, als ob er ahnte, daß sie ihn mit diesem Lärm zu den Zimmern hinaussäuseln wollte. Wirklich zog er sich auch in sein Estaminet wieder zurück.

Dafür hörte man Frau Ottilien mit Ivo auf der Treppe. Hermosa sprang auf wie ein Kind. »Da ist er ja, unser Digger! Ich bin neugierig, ob der Bub etwas gefunden hat. Kommen Sie!« Und fort stürmte sie mit dem ganzen Eifer der älteren Geschwister für die Spiele der jüngeren. Felix gelangte im ganzen Tage nicht mehr zu einem Gespräche mit ihr und zu einer Erzählung ihrer Geschichte.

Im grübelnden Nachdenken verließ er das Haus, so feurig und kühn er gekommen.



Neuntes Capitel.

Es war nach diesem, am zweitfolgenden Tage. Die Fender-Familie saß morgens beim Frühstück: da fing Ivo zu plaudern an: »Mosi, hast Du den Mann gehört, welcher heut' Nacht unter Deinem Fenster geschlafen?«

»Ein Mann? Unter meinem Fenster?«

»Nun freilich. Hast Du ihn nicht auch gesehen?«

Hermosa ließ den Bruder scharf an: »Bube, mir scheint, Du träumst. Ich verbiete mir solch' dummes Geschwätz.«

Herr Fend erhob seine Stimme: »Du hast ihm gar nichts zu verbieten. Ich verbiete mir's selbst, daß Du dem Buben so über's Maul fährst.« Und zu dem Knaben sagte er sanft, aber entschieden: »Komm, Iverl, erzähle mir Deinen Traum. Ein Mann hat geschlafen unter dem Fenster der Mosi?«

»Ja, Papa.«

»Was für ein Mann war es denn, mein Kind?«

»Ich weiß es nicht, Papa. Er hatte einen englischen Plaid umgewickelt und trug eine Schirmkappe tief ins Gesicht hinein. Sein Kopfkissen war eine Reisetasche und dann hatte er einen Stock mit einem Gamshörnlgriff. Den hielt er fest in der Hand.«

Hermosa sagte: »Das kann ein Handwerksbursche gewesen sein, der sich Nachts in der Veranda einquartiert hat.«

Der Fender spottete: »Ein Handwerksbursche in einem englischen Plaid?« Und Ivo schüttelte den Kopf. »Nein, es war kein Handwerksbursche. Er hat Dich ja angerufen.«

»Ei der Tausend!« sagte Fend. »Was hat er denn gesagt, Iverl?«

»Er hat sich aufgerichtet und mit dem Gamshörnl an das Fenster getippt. Hermosa, schläfst Du? Hörst Du mich, Hermosa?«

Alles blickte das Mädchen an.

Hermosa schoß Blicke des Zornes und wurde über und über roth.

»Das Ding gefällt mir gut!« sagte Fend.

»Mir auch,« rief das Mädchen. »Wie oft hab' ich es schon gesagt: Legt den Buben auf die Nordseite. Er kann den Mondschein nicht vertragen.«

Der Fender grinste: »Hoho, mein Fräulein, da müßt' ich ja auch fort! Willst Du uns ausquartieren aus Deinen Nebenkammern? Willst Du ohne Schlafnachbarn schlafen?« Und Eusebia setzte hinzu: »Das Bischen Spätmond!«

Hermosa warf ein angebrochenes Bretzl mitten in den Tisch hinein, sprang auf und fing zu weinen an. »So soll der Abgrund dies Haus verschlingen mit all' seinen Grundmauern! Jetzt fängt die Pein gar schon beim Frühstück an!«

Der Fender fuhr los: »Himmelsblitzschwerenoth, wer verflucht mir mein Haus in den Abgrund? Du Teufelswurze, Du Höllenbrand . . .«

Frau Ottilie trat dazwischen. »Mein Kind, Du brauchst nicht so heftig zu sein. Wenn Du Dich unschuldig weißt, so brauchst Du Dich nicht so zu zürnen.«

»Soll sich ein Mensch nicht zürnen! Wenn Einen Alles ansieht, als ob man auf der Armensünderbank säß'! Unsereins ist ja wie ein Dieb. Immer steht man im Verdacht. Immer denkt man das Schlimmste von einem Mädchen!« Und leidenschaftlich faßte sie den Knaben an beiden Schultern und rief in ihn hinein: »Warum hast Du nicht den Papa aufgeweckt? Wenn Deine Träumereien wahr sind, warum hast Du nicht den Papa aufgeweckt?«

Jetzt fing auch Ivo zu weinen an. »Ich habe mir's nicht getraut!«

»So hättest Du mich gerufen! Bin ich ein Murmelthier? Warum hast Du mir nicht geklopft? Kurz und gut, wenn man den Buben nicht verlegt, so will ich verlegt sein. Meinethalben in die Dachkammer! in den Schornstein hinauf! Mögen die Fledermäuse vor meinem Fenster schlafen!«

Und wild stürmte sie fort.

»Der ist Unrecht geschehen,« sagte Frau Ottilie. »So sehen keine Schuldigen aus.«

»Bist schnell bei der Hand mit Deinem gütigen Urtheil,« murrte Fend. »Und so sehen auch keine leeren Einbildungen aus, wie der Bub' sich erklärt hat: Plaid, Reisetasche, Gamshörnl und das Klopfen und Anrufen! Was?«

Frau Ottilie schwieg, was für den Fender von jeher eine Aufforderung war, fortzupoltern. »Wo ist sie denn schon wieder?« wandte er sich gegen die unschuldige Thür, durch welche Hermosa verschwunden. »Die kneift gleich aus! Die brennt gleich durch! Eine rare Erziehung! Das muß ich sagen. Verdienst Dir einen Ehrenpfenig, wie Du Deine Töchter erziehst! Die Störgerin! Nur gleich zum Tempel hinaus! Seht mir nach, wie ich von rückwärts gewachsen bin! Das thätest Du wohl auch, wenn Du wüßtest wohin? Was? Die Tochter hat's von der Mutter, sagt das Sprichwort. Na, warte, Du Mutterkind! Mit Dir red' ich ein Wort! Die will ich mir vorbinden heut' zu Mittag!«

Damit warf er den Hut über's Ohr und machte seinen gewöhnlichen Morgengang in die Dörfer hinab.

Aber die unangenehme Scene war damit nichts weniger als zu Ende.

Als nämlich Mittags Herr Fend zurückkam, war Hermosa noch immer nicht da. Sie hatte sich den ganzen Morgen über nicht sehen lassen. Der Fender starrte die Frau an, als sie mit diesem Bekenntnisse herausrückte – wir können denken, wie schwer! »Hast Du sie gewarnt vor mir?« war sein erstes Wort. Frau Ottilie wiederholte, daß sie sie nicht gesehen habe.

Ueber Tische ging Alles in gewohnter Ordnung. Auch Hermosen's Couvert war aufgelegt, wie sonst. Aber ein Gericht um das andere ging herum und wer nicht erschien, das war Hermosa. Kein Mensch wagte eine Bemerkung darüber. Die Familie wußte aus alter Erfahrung, der Hausvater wartete oft nur das erste Wort ab, um loszubrechen. Darum hütete sich Jedes vor einem Worte. Man freute sich jeder Minute, welche ruhig vorüberging, man hoffte schon mit dem Mahle so durchzuschlüpfen. Der Fender war still und speiste mit rüstiger Eßlust. Aber in seinem Innern gährte es und das allgemeine Schweigen reizte ihn, wie eine abgekartete Verschwörung.

Auf einmal schlug die Flamme zu Tage. »Frau, ich frage Dich zum letzten Male, wo hast Du das Mädel versteckt?« schrie Fend glühzornesroth und schmetterte in den Tisch hinein, daß Gläser und Teller tanzten.

Frau Ottilie antwortete unverzagt: »Wo sollte ich sie verstecken? War es denn sonst meine Gewohnheit? Ich wollte selbst, sie wäre da. Jede Minute macht das Uebel ärger.«

»Dann weiß ich Alles«, rief Fend, indem er aufstand und die gewohnten drei Knöpfe aufknöpfte. »Die Dirne ist mit Sallek davongelaufen.«

Alles blickte erschrocken.

»Ja, guckt nur,« rief Fend. »Hättet Ihr früher geguckt! hättet Ihr aufgepaßt! Eine schöne Haustreue hat man an Euch, das muß ich sagen! Ein rares Inngesind! da starren sie mich jetzt an mit Augen wie sechs Mühlräder. Werft Euch die Augen aus dem Kopfe, es ist nicht anders. Durchgebrannt sind sie. Fort sind die Zwei, wie Funken und Rauch!«

Frau Ottilie war erblaßt. Mit mühsamer Ruhe seufzte sie: »Aber ich bitte Dich, Franz, das kann Dir doch unmöglich Ernst sein!«

Der Fender war jetzt im Zuge. »Bin ich ein Hanswurst?« schrie er wie toll; »was gibt's da zu schäkern! Nicht Ernst sein! Himmelblitzschwerenoth, ich möchte wissen, was ein Ernst ist, wenn das keiner ist! Aber bei Dir war es nie ein Ernst. Mit all' Deiner Affenbildung hattest Du nie mehr Verstand als Dein Strumpfband. Ich wußte es schon in Innsbruck. Habe ich es dem Lottervogel nicht gleich an der Nase gelesen? Aber ich mußte Unrecht haben. Mir hebt man immer das Dach vom Haus. Und doch hat's in Innsbruck schon angefangen. Und das mit der Madelergabel, das war eine prächtige Lug. Und wie er sich nöthigen ließ und sich sperrte und zierte, – Bomben und Hagel! das ist ein pfiffiger Fink! Den Faden hat er sich schlau angedreht. Aber eine so gute Haut muß man sein, wie ich, und eine Hauswacht muß man haben, wie Du. Du siehst nie weiter als von elfe bis Mittag. Schweig. Behalt' Dein' Pfeif' im Sack. Heut' ist's an mir, zu reden. Was für ein erzeingemachter Eselskopf müßt' ich sein, wenn ich jetzt noch nicht wüßte, wie die Glocken in Marburg hängen! Durchgebrannt sind sie, da fehlt kein Stich davon. Ich weiß recht gut, wo wir sie zu suchen haben. Auf den freien Schweizerboden sind sie hinüber. Darum hat er sie immer so gelobt, seine freie Schweiz. Der radicale Neuntödter! Ich müßte mich schämen, wenn ich ein kaiserlicher Beamter wär' und den Ausländischen die Stange hielt'! Ich habe meine Nase weit genug in die Welt gesteckt, aber Heimatland über Alles! sagt ein rechtschaffener Kerl. Warte, Du smart-man! Da rennt er nach Chur oder Mayenfeld hinüber und denkt, wenn er das Kalb am Strick hat, so hat er die Kuh. Zu des Vaters Geldkisten geht's durch der Tochter Bett. Aber Dich will ich! Meine Revolver sind noch nicht verrostet; Du sollst mich kosten, Hallunke!«

So perorirte Fender drauf los. Aber die Sache war diesmal zu ernsthaft, als daß man das Unwetter hingenommen hätte, wie die gewöhnlichen Elementarausbrüche seines Temperaments. Die Gemüther waren wie erdrückt von Beklommenheit. Jedes stand weinend an einem anderen Fenster und sah nach Hermosen aus. Umsonst! Viertelstunde um Viertelstunde verrann und Hermosa kam nicht. Immer heftiger schritt Fend auf und ab, immer wüthender wurde seine Geberde und Sprache. Frau Ottilie kam nicht zu Wort und die Thränen flossen immer reichlicher.

Inzwischen sah man Herrn Gordian Früll den Hügel heraufkommen. Bei diesem Anblicke wallte des Fender's Zorn vollends über Rand.

»Dem ist auch der Löffel vor die Thür geworfen,« schrie er mit ebenso viel Schmerz als Grimm. »Himmelblitzschwerenoth, die Viertelmillion ist genasführt! Da steh' ich nun vor ihm wie der dumme Junge von Mutschen. Der ist veracht't worden, weil er ein stiller, bescheidener Mensch ist, der keine Caressen schneid't und dem Vatern die Ehr' gibt. Aber ich will ihm ein Lied singen wie man Weiber bändigt. Ein Würgteufel soll er dem Würgengel sein. Gott's Marter! Nicht gut genug war er ihr: Er ist mir für eine ganze Million zuwider, sagte der Kreuzschnabel. Was sich die Bettelbrut einbild't! Aber ich will ihr eine Schul' halten, daß ihr die Ohren sausen! Ich kann auch vierhändig spielen, und wer's nicht hört diese Musik, der wird's fühlen.«

Damit schwang er sein Rohr, denn er hatte bereits nach Hut und Stock gegriffen, um dem Ankömmling entgegenzugehen. Aber Gordian Früll trat schon ein. »Kommen Sie,« rief der Fender sogleich, »wir haben eine Anzeige beim Ortsvorstande zu machen.« Und mit einer Hand ergriff er den jungen Mann, mit der anderen stieß er die Frau zurück, welche den letzten Versuch machte, ihn zurückzuhalten. Man hörte ihn noch auf dem Gange, durch den Garten und den ganzen Berg hinab declamiren.

In welcher Verfassung die arme Familie zurückblieb, bedarf keiner Beschreibung.

Frau Ottilie sagte zu Eusebien: »Was ist jetzt zu thun? Ich denke, Du und die Toni (die Magd), Ihr geht auf eine Streife aus, ob sie irgendwo in der Einsamkeit sitzt und weint. Ihr wißt ja ihre Favoritplätzchen.«

»So denkst Du wirklich, sie ist da?« sagte Eusebia.

»Und Du meinst, sie ist fort?« sagte Frau Ottilie.

Mutter und Tochter blickten sich sonderbar an.

Zögernd und mit sichtlichem Unglauben fuhr Eusebia fort: »Nun, ich will gehen und die Toni mitnehmen. Aber wenn der Papa zurückkommt, reißt er das Haus ein, daß wir hinter seinem Rücken unsere eigene Meinung haben.«

»Aber man kann die Hände doch nicht in den Schooß legen?«

»Das wird sie selbst auch nicht, wenn sie in der Nähe ist.«

Und das Gespräch verrann in einem unschlüssigen Hin- und Herzweifeln.

Ein Stündchen verging so.

Auf einmal sagte Ivo, welcher zufällig an's Fenster getreten: »Mama mir däucht, das war Herr Sallek, welcher jetzt zum Hause hereinging.«

»Es wäre Zeit, daß Dir endlich was Vernünftiges däucht,« antwortete sie dem Knaben im Tone des Vorwurfes.

Alle Drei flogen der Thüre zu.

Der Knabe hatte recht gesehen. Sallek trat ein.

Felix Sallek blickte verwundert um sich. Er sah sechs verweinte Augen, er sah die ungewöhnliche Bewegung, welche sein Erscheinen verursachte.

»Sie finden uns in einer grenzenlosen Widerwärtigkeit,« sagte Frau Ottilie; »größer als Alles, was Sie je in diesem Hause Peinliches gesehen.«

Sie erzählte ihm – den Traum Ivo's, das Verschwinden Hermosens.

Sallek stand wie zerschmettert. »Und Niemand ging aus, sie zu suchen?« stammelte er.

Frau Ottilie war verlegen. Sie konnte nicht – was Fend gethan – sie konnte nicht sagen, daß das Mädchen für entführt galt, entführt von ihm selbst; daß Fend sie in der Schweiz glaubte, und daß es seinen größten Zorn erregt hätte, wenn man ausgegangen wäre, sie zu suchen, d. h. seinem gebieterischen Verdachte zu widersprechen. Sie stotterte daher Ausflüchte. Sie sagte, Fend würde glauben, sich etwas zu vergeben, er setze Trotz gegen Trotz, kurz er verbiete, dem Mädchen nachzugehen.

»Nun, mir hat er nichts zu verbieten«, sagte Sallek. »Beschreiben Sie mir Wege und Stege, und ich will selbst ausgehen, sie zu suchen. Mein Gott, wie viele Stunden sind schon versäumt!«

Frau Ottilie nahm dieses Anerbieten mit Dank an. Sie beschrieb ihm Alles, was ihr einfiel, wohin das Mädchen sich gewendet haben könnte. Aber Sallek hörte zerstreut zu. Auf seinem Antlitze stands wie ein Todesurtheil. Man sah, es fehlte ihm Trost, und er wage es nicht, die Anderen zu trösten. Muthlos wankte er fort, um seinen Gang anzutreten.

In diesem Augenblick that sich die Thüre auf – Freude überflog jedes Antlitz – aber sie verschwand ebenso schnell wieder. Es war nicht Hermosa, die ersehnte Verlorene, welche eintrat, es waren blos die zwei zurückkehrenden Männer. Es war Franz Fend und Gordian Früll.



Zehntes Capitel.

Der Fender prallte beim Anblicke Sallek's zurück.

Dieser fing an: »Ich habe mit Bedauern gehört, Herr Fend, in welcher Unruhe Ihr Haus ist.«

Der Fender zuckte, wie von einer Viper gestochen. Noch war er keines Wortes mächtig; sein Auge starrte, sein Mund stand ihm offen.

Sallek fuhr fort: »Das Fräulein wird seiner Gemüthsbewegung wohl Herr werden. Aber sie kann sich verirren und von der Nacht überrascht werden. Um Ihrer selbst willen wäre es gut, wenn wir ausgingen und sie suchten.«

Jetzt brach Fend los: »Mordelement, diese Frechheit ist noch gar nicht da gewesen! Der Kerl ist ja falsch wie Galgenholz. Mir unter die Augen zu treten! Mich anzureden, wie der Finger den Daumen! Da steht er leibhaftig aufgepflanzt! Und wo ist sie? Such, Blaßl, such. Was weiß ich? Hast Du mich zum Hüter meines Bruders Abel bestellt? Meiner Seel, das ist eine ganz neue Mode, Mädchen zu entführen. Sie wird verpascht und er geht herum, als ob er kein Wasser getrübt hatte. Er hilft noch suchen. Er tritt auf, unschuldig wie der heilige Feierabend und bietet noch seine guten Dienste an. Das ist ein Listenschmied! Der Kerl ist ja mit allen Hunden gehetzt, mit allen Salben geschmiert und mit allen Stricken gehangen. Aber warte Bursche, ich will Dir zeigen, wie die Roß' im Stalle steh'n. Mich sollst Du kennen lernen. Hast Du ein Schwert, so hab' ich ein' Degen. Der schlaueste Fuchs findet seinen Kürschner. – Herr Früll, gehen Sie zum Bürgermeister hinab, er soll den nächsten Gendarmerie-Posten requiriren. Zwei Mann schickt er mir herauf, daß sie den Hund da ins Loch stecken und die übrigen durchsuchen die Madelergabel. Das war sein Unterschluff. Dort hat er sich das Brätlein versteckt, der Wolf im Schafspelze. Jetzt aber helfen Sie mir, den Hallunken in Sicherheit bringen. Du bist mein Arrestant, Coujon«, – drohte er mit geballter Faust gegen Sallek – »und wenn Du Dich muckst, so jag' ich Dir eine Kugel durchs Hirn. Ich heiße Fend!«

»Seien Sie ruhig«, sagte Sallek, »weiß ich doch, daß man Verrückte nicht reizen darf. Dem jungen Mann dort aber rathe ich nicht, Hand an mich zu legen. Frau Fend, ich bin Ihr Gast!«

Damit ging Sallek nach dem Innern der Zimmer; Früll aber entfernte sich, um im Bürgermeisteramt den Auftrag Fends auszurichten.

Fend, mit seiner Familie jetzt allein, marschirte in großen Schritten auf und ab. Er hatte endlich den Prachtact von Hausherrnjustiz, den er wollte. Er genoß ihn in vollen Zügen. Er fluchte und tobte wie ein brodelnder Kessel und fächelte sich dazwischen reichlich die Kühlung des Eigenlobes zu. Seine Frau bedrängte er mit gebieterischem Zwange, ihm beizustimmen. Frau Ottilie antwortete bloß: »ich wollte, das Mädchen wäre da.« Dieser Seufzer verdroß den Fender gewaltig, denn er erlauschte darin ein Zeichen, daß man noch immer nicht glaube, sie sei auf der Madelergabel versteckt, oder nach der Schweiz vorausgeschickt. Er seinerseits glaubte unumstößlich daran, demonstrirte es in allen Wendungen, und forderte mit Wuth, daß Frau Ottilie ihm zustimme. Die Frau sagte: »Ich fürchte nur, das Alles thust Du Deinem eigenen Leibe an. Du greifst Dich an über alle menschliche Kräfte, bist noch von Deinem Hutfang im Lechwasser nicht ganz hergestellt, standest zu früh auf, um den Bischof zu empfangen und hast den Abend celebrirt, mehr als Dir gut war. Seitdem warst Du alterirt, das Essen, der Wein schmeckte Dir nicht wie sonst und gestern – ich bemerkte es wohl – hast Du gefröstelt im Sonnenschein. Was Du heute thust, das ist der Punkt auf das i. Man kann buchstäblich sagen, Du wüthest gegen Dein eigen Fleisch.« – Als Herr Fend diese Mahnung hörte, beschuldigte er die Frau, sie hoffe Witwe zu werden, sie rechne ihm seinen Tod vor, und zankte nun aus dieser Tonart.

Mittlerweile kam Früll zurück, begleitet von dem Bürgermeister, einem Feldwebel und einem Mann von der Gendarmerie.

Frau Ottilie war einer Ohnmacht nahe. »Zum letzten Male Fend, überlege Dir's, was Du thust. Es ist ein kaiserlicher Beamter; diesmal kommst Du mit den Behörden in Conflict.«

Auch der Bürgermeister war stutzig. Er blickte die Frau an, verlegen und aufmerksam. Zum Hausherrn sagte er mit einem zweifelhaften, fast langen Gesichte: »Was wahr ist, ist wahr. Eine Nase werde ich bekommen, Herr Fend, wie der Zwölfer-Kogel so groß. Nach dem, was Sie mir erzählt haben, – Ihr Wort in Ehren, Herr Fend, ich bin nur Bauer und kein Jurist; aber was wahr ist, ist wahr. Wir haben halt nichts als die Aussage eines Kindes und nicht einmal die lautet auf eine bestimmte Person. Es ist halt sozusagen blos ein Verdacht aus den Umständen. Und dieser Verdacht, wie ich sehe, hat nicht einmal Theil­nehmer. Andere Leute sind anderer Meinung. Ihre eigene Hausfrau, Herr Fend. . .«

Der Fender fuhr fort: »Bürgermeister, was machen Sie für Sachen? Sind Sie gekommen, mich unter den Pantoffel meiner Frau zu bringen? Lange Haar, kurzer Verstand. Weiber-Reden, armes Reden. Der Mann hat den Kopf! Und was geschieht denn am Ende? Er macht eine Spazierfahrt nach Reute; meinetwegen, ich gebe meinen eigenen Wagen dazu, – und wenn das Kreisgericht anderer Meinung ist, so nimmt es die Untersuchung gar nicht auf, sondern läßt ihn laufen. Das ist der ganze Schwindel. Ein Vater wird doch aus Angst um sein Kind einschreiten dürfen?«

»Das ist auch wieder wahr«, sagte der Bauer. »Was wahr ist, ist wahr. Also Herr Feldwebel, nehmen Sie den Arrestanten in Empfang.«

Frau Ottilie ging nach Sallek und kam mit ihm zurück.

»Sie ist noch immer nicht da?« sagte Sallek indem er verstört um sich blickte.

»Heuchler«, knirschte Fend und ballte die Faust.

Zum Bürgermeister und zum Feldwebel gewendet, sagte Sallek: »Meine Herren! ich gebe Ihnen einen Rath. Führen Sie mich nicht nach Reute, sondern deteniren Sie mich einstweilen im Ortsgefängniß. Ihre Verantwortung wird dadurch geringer. Der Untersuchungsrichter aus Reute wird nach Besichtigung des Thatbestandes in loco und nach Abhörung der Zeugen ohnedies meine Freilassung verfügen; was aber die Hauptsache ist, das Aufsehen bleibt geringer, der Ruf des Mädchens wird weniger ausgesetzt und wir wollen ja hoffen, sie findet sich noch, ehe wir überhaupt den Weg nach Reute zurückgelegt haben.«

»Das ist auch wieder wahr«, sagte der Bauer. »Was wahr ist, ist wahr.« Fend aber flüsterte der Sicherheitsbehörde zu: »Er hofft aus dem Ortsgefängniß leichter durchzubrennen. Trauen Sie ihm nicht. Das ist ein Feindräthiger! Aber meinetwegen. Nur scharfe Wacht! Nur scharfe Wacht!«

Sallek grüßte Frau Ottilien stumm und übergab sich der Sicherheitsbehörde. Er trat dem Bürgermeister und dem Gendarmen vor, welche ihm kopfschüttelnd folgten, – wie Bediente.

Inzwischen fing es an, Abend zu werden. Die Sonne dieses verhängnißvollen Tages neigte sich dem Untergange zu.

Der Leser wird nicht zu hören verlangen, wie Herr Fend sich ferner noch aufführte. Er ließ Wein kommen, zechte mit Früll tapfer darauf los und schalt noch tapferer seine arme Familie. Jeder Ruck des Uhrzeigers, jede Minute, mit welcher es dunkler wurde, ohne daß Hermosa kam, schien ihm Recht zu geben. Er überließ sich zügellos seiner tobmüthigen Leidenschaft. Dazwischen wendete er sich mit Lehren väterlicher Weisheit an Früll, und unterrichtete ihn, wie er mit Weibern und Kindern umgehen müsse, wie er selbst es leider versehen und immer zu gut gewesen, um »mit scharfen Kämmen zu striegeln etc. etc.«

Die Familie verhielt sich mehr als leidend dabei. Das Leiden dieses Tages war so groß, daß es zuletzt sich selbst abstumpfte. Frau Ottilie zuckte mit keinem Nerv mehr und selbst die Aussicht, mit einem Kinde weniger heute zu Bette zu gehen, eine Aussicht, welche mit vorrückender Nacht immer größer wurde, konnte ihren Jammer nicht mehr vergrößern.

Eusebia, – es ist der Augenblick da, auch von ihr zu sprechen. Aus dem gemeinsamen Antheil des heutigen Familienereignisses müssen wir ihren persönlichen besonders hervorheben.

Eines solchen wurde sie mehr und mehr sich bewußt. Als der erste Schrecken über das Verschwinden ihrer Schwester und die daraus folgenden Aufregungen vorbei waren, konnte sie nicht umhin, – auch an sich selbst zu denken. Eine Schwester war verschwunden, aber auch – eine Nebenbuhlerin! Dieser Gedanke breitete mit einer dumpfen, zaghaften Langsamkeit, aber voll wachsender Kraft, seine Herrschaft über sie aus.

Das Mädchen war in einer betäubenden Lage. Mitten im allgemeinen Aufruhr wagte sie nichts zu empfinden als diesen, und doch empfand sie – ihr eigenes weibliches Interesse.

Nichts wünschte sie sehnlicher, als daß Hermosa auf die Art, wie der Papa es sich einbildete, wirklich verschwunden sei, und nichts wünschte sie sehnlicher, als daß ihre Wiedererlangung dem Papa – nicht gelingen möge.

Ihre besondere Aufmerksamkeit bei dieser Begebenheit fesselte Früll.

Der Gemüthszustand dieses Jünglings war ein wesenloses Erstaunt- und Verblüfftsein, ein Abwarten der Dinge, die da kommen sollen – nichts weiter. Sie vermißte einen gewissen Inhalt seiner Stimmung und empfand instinctmäßig den Beruf und die Gelegenheit, einen Inhalt ihm mitzutheilen.

So lange der Papa das große Wort des Abends führte, gelang es ihr schlecht damit. Früll verrieth wenig oder nicht, daß er ein Auge habe für die eigenthümliche Theilnahme, für die zarte Aufmerksamkeit, für die beziehungsvolle Rücksicht, womit Eusebia seiner Bedienung sich widmete. Er empfand wenig oder nicht den ahnungsvollen Hauch ihres ganzen Betragens, den weiblichen Muth möchten wir sagen, den das verkümmerte Mädchen heute ausstrahlte, um den geräumten Platz ihrer schöneren Schwester in Besitz zu nehmen.

Als aber Früll fortging und Eusebia ihn vor das Haus begleitete – Herr Fend hatte sich in einem Zustand von Zorn- und Weineshitze versetzt, der ihn halb ohnmächtig machte und Frau Ottiliens ganze Aufmerksamkeit beschäftigte – als Eusebia im Dunkel der Nacht unter dem Laubwerk des Gartens allein mit ihm stand und ihm die Hand reichte und mit einem wehmüthig zaudernden Ausdruck ihm gute Nacht sagte, als sie hinzusetzte: »Ich bedauere Sie von ganzem Herzen, Herr Früll, aber fassen Sie Muth, Sie verdienen glücklich zu sein und Sie werden es gewiß noch«; – da konnte Früll sie nicht mehr so blindlings ignoriren. Er antwortete gutmüthig: »Ich glaube es selbst, daß Hermosa sich finden wird.«

Eusebia seufzte niedergeschlagen: »Setzen Sie Ihr Glück so einzig auf meine Schwester?« Und als Früll nichts darauf antwortete, fuhr sie fort: »Glauben Sie, Hermosa hätte Sie nicht glücklich gemacht. Glauben Sie mirs. Wir Frauenzimmer haben darüber ein Urtheil. Wir werden nicht von der Schönheit verblendet, die bei den Männern den Ausschlag gibt; wir sehen aufs Herz. Wie wir in der Regel das Herz eines Mannes besser kennen, als dieser selbst, so fühlen wir auch richtiger als er, was für ein Herz mit dem seinen sympathisirt. Hermosa hätte Sie nicht glücklich gemacht.«

Dieser gemüthlich überlegene Ton muß Herrn Früll neu gewesen sein in seinem bisherigen Frauenumgang, denn er imponirte ihm sichtlich. Mit einer aufrichtigen Nachdenklichkeit fragte er schülerhaft: »Aber warum denn nicht?«

»Sehen Sie«, antwortete Eusebia treuherzig, »ich will ihr keine Nachrede machen, aber Hermosa hat ihre Fehler. Sie ist herrisch, leidenschaftlich, wild, trotzig. Und da sie zugleich hübsch ist, so wird ihr Mann schwach sein, so schwach wie sie stark. Da haben Sie alle Erfordernisse zu einem Pantoffelregiment. Ihr Mann wird ein Pantoffelheld sein. Er wird das Stichblatt seiner Freunde, seiner Collegen sein. Ist das ein glücklicher Mann? Nimmermehr! ein Mann braucht Ansehen. Das Bischen Schönheit ist bald genossen, aber seine Autorität, seine Würde, die braucht ein Mann immer. Ich sage noch mehr. Meine Schwester hat ein lebhaftes Temperament. Wenn sie einem Manne nicht mit Leib und Seele ergeben ist, so wird sie kein Gott abhalten – Zerstreuung und Abwechslung zu suchen. Ach, sie wird nicht zu suchen brauchen. Die Versuchungen werden sie suchen. Denn was schön ist, wissen Alle, aber die Kosten davon hat nur Einer. O bester Herr Früll! was für eine Ehe stünde Ihnen mit dieser wilden Distel bevor! Ich bin ein Mädchen, ich darf es gar nicht sagen, gar nicht denken, was Sie von der Treue einer solchen Frau zu erwarten hätten.«

»Also Sie denken, Hermosa wäre keine Partie für mich gewesen?« sagte Früll, der in Begriffsdingen gerne recht sicher ging und mehr das Wiederkäuen als das Käuen liebte.

»Ganz gewiß denke ich das. Sie hätten sich einen Fluch für Ihr ganzes Leben aufgeladen. Danken Sie Gott für das, was heute geschehen ist. Es öffnet Ihnen die Augen, da es noch Zeit ist. Sie lernen mit diesem Einen Tag das Mädchen besser kennen, als Sie es in Jahren gethan hätten. Du lieber Gott! Sie sind so arglos, so offen, so ehrlich: Wo Sie selbst Ernst meinen, dort ahnen Sie gar nicht, daß man ein Spiel mit Ihnen treibt; Sie wären vielleicht nie zur Erkenntniß gekommen. Mir blutete das Herz, Ihren Irrthum zu sehen; aber ich durfte nichts sagen, ich hätte meine Schwester verleumdet. Heute reden die Thatsachen selbst und ich rede nur mit. Das darf ich. Das ist meine Pflicht. Es würde mich jammern, wenn Sie noch jetzt ungewitzigt blieben. Sie verdienen ein besseres Los.«

Gordian Früll fühlte sich hier an seine schwächste Seite erinnert, denn Philosophie und Menschenstudium war seine Sache nicht. Es wurde ihm bange vor seiner Blindheit; er fühlte, daß die Kritik ihn unsicher gemacht und noch mehr, daß er auf eigene Hand sich nicht zur Sicherheit durchhelfen könne. Er verlangte, wie alle Beschränkten, »Ersatz« von der Kritik.

Er fragte daher seine Meisterin mit völliger Unterwürfigkeit: »Was für eine Art Mädchen, glauben Sie nun, müßte das sein, die für mich paßte?«

Eusebien war dieser Gedanke ganz ungemein angenehm. Sie antwortete mit großer Bereitwilligkeit: »Heirathen Sie nach der Wahrheit nicht nach dem Schein. Glauben Sie, das Einzige, was einem Weibe Werth gibt, ist Achtung vor dem Manne. Alles übrige ist Spreu und Stroh. Du lieber Gott, was haben wir denn, worauf wir stolz sein könnten? Unsern Rang und Namen in der Gesellschaft verdanken wir unserm Manne und selbst das bischen Bildung und Erziehung, worin wir ihm manchmal vorangehen, verdanken wir unsern Lehrern und Vätern, das heißt wieder einem Manne. Wie oft hatt' ich darüber Zank mit meiner Schwester! Sie fordert und fordert, sie ist voll Ansprüche. Ich gar nicht. Ich bescheide mich ruhig und warte in Demuth. Ich werfe mich nicht weg, – sonst wäre ich nicht zweiundzwanzig Jahre alt geworden – aber ich überhebe mich auch nicht, wie Hermosa, die sich vor Uebermuth nicht zu halten weiß.«

»Es ist wahr, Ihre Bescheidenheit hat mir immer gefallen,« sagte Früll mit einer Eingebung von Höflichkeit, er wußte selbst nicht, wie?

Eusebia drückte ihm dankbar die Hand und fuhr mit Innigkeit fort: »Ich habe es wohl bemerkt und war Ihnen immer dafür gut. Man braucht mir nicht den Hof zu machen, wie die Dandies in Innsbruck, welche mir Schönheiten sagen und meines Vaters Geld dabei meinen. Sie dagegen haben selbst Geld, was Sie sagen, ist uneigennützig und ich bin Ihnen dankbar und achte Sie dafür. Ach, ich weiß wohl, was einen Mann glücklich macht! Das bischen Gesicht ist es nicht. Daran vergafft man sich eine Weile, verschwendet Herz und Geduld daran, aber sieht man, wie schlecht es Einem gelohnt wird, so kann es Einem verhaßt werden – und wie! Dagegen gewinnt man ein anderes Tag für Tag lieber, je mehr man die Ueberzeugung gewinnt: es liebt und schätzt dich, es setzt sein Glück, seine Zufriedenheit in dich, du bist sein Gott!«

»Sie haben sehr schöne Grundsätze,« sagte Früll und überschluckte sich dabei, was ein Naturfehler seiner verengten Kehle war und ihn öfter passirte. Eusebia aber dachte, er habe geschluchzt, die Rührung habe seine Stimme gebrochen. Ihre eigene Rührung erhöhte sich dadurch, ihr Muth belebte sich immer mehr.

Früll wollte nichts davon wissen, als sie von ihrem Umkehren ins Haus sprach. »Nur noch ein paar Minuten,« sagte er. »Es ist mir, als ob ich Sie heute zum ersten Male kennen lernte. Es geht doch nichts über ein Gespräch unter vier Augen.«

Er faßte sie um den Leib und drängte sie vom Ausgange weg in die dunklere Gartentiefe zurück. Eusebia zitterte, stammelte furchtsame Worte, aber – sie folgte. Sie war nicht mehr Meisterin der Situation, die sie selbst heraufbeschworen. Rasch nahm die entfesselte Zärtlichkeit Früll's überhand. Wie alle sinnlich niederen Naturen kannte er keine Pause zwischen seinem neuen Gefühl und dessen unmittelbarer Befriedigung. Eusebia behielt keinen Willen mehr. Ihr eigenes Blut war erwärmt, die Stimme ihrer Klugheit sagte ihr, daß ein Wesen wie Früll am besten durch die Macht des Augenblicks zu binden – Alles wirkte zusammen, die Siegerin zu besiegen.

Mit Schaudern kehrte sie aus der Finsterniß des Gartens in das beleuchtete Haus zurück. Wer soll das bleiche Mädchen erkennen in der Glut ihrer Wangen? Aber es glückt ihr. Der Papa ist schon zu Bette und die Mama wacht noch bei ihm. Sie entwischt ungesehen in ihre Schlafkammer. Da sitzt sie und wacht. Sie sucht verwirrt und entzückt den Gedanken zu fassen: ihr weibliches Los hat sich erfüllt! Sie hat seinen Schwur! Meine Ehre ist jetzt nur noch die deinige, hatte sie weinend gesagt; weh' mir, wenn Du sie selbst nicht hast! Darauf schwur er, daß er Ehre für Hunderte habe, und war ganz Ritter. Er war groß in seinen Augen – und Eusebia glücklich.

So endete dieser Tag. Wie anders hatte er angefangen! Welche Schicksale drängen sich in den Rahmen eines Tages!



Eilftes Capitel.

Der Morgen ist angebrochen. Hermosa hat sich die Nacht hindurch wirklich nicht eingestellt. Frau Ottilie steht vor dem unberührten Bette ihrer Tochter. Um nicht gänzlich zu verzweifeln, griff sie im Laufe der fürchterlich schlaflosen Nacht, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, zu dem letzten traurigen Mittel – zu dem Glauben ihres Mannes! Sie klammert sich an die äußeren Wahrscheinlichkeitsgründe, die für ein Verhältniß zwischen Hermosa und Sallek sprechen, um den schmerzlichen Preis, alle innere moralische Wahrscheinlichkeit, allen Glauben an die Menschen, allen Glauben an ihr Kind in Gottesnamen fahren zu lassen. Es schmerzt sie innig, daß ihr gutes, geliebtes Kind, daß ein Mann wie Sallek so handeln konnte und ihr ganzes Herz sträubt sich gegen den Glauben daran. Hielten sie einen Gewaltstreich für nöthig, warum nicht wenigstens der Mutter die Angst erspart? Warum nicht wenigstens sie ins Vertrauen gezogen? Oder geschah es aus Ehrfurcht? Geschah es mit einer löblichen Scham, daß man der Matrone die Mitwissenschaft des gesetzlosen Jugendstreiches ersparte? Aber dann sollten sie doch nach geschehener That und genommener Sicherheit sich durch Briefe verantworten. Wie kann ein Kind, wie Hermosa, diese Last der Ungewißheit auf ein Mutterherz wälzen? Wie kann ein Mann, wie Sallek, sich dazu hergeben, nach geschehenem Raube sogar noch persönlich zu erscheinen und eine Heuchlerrolle zu spielen? Nein, und aber nein! Aber wenn sie nun denken soll, wo sonst ihr Kind nun herumirrte, so flüchtet sie, wie beim Hochwetter unter das schlechteste Nothdach, doch lieber noch zu dem Verdachte ihres Mannes zurück, und rechnet es für nichts, wie entsetzlich sie das Glänzende schwärzen muß, damit der Verdacht ein Trost wird.

Man sollte nun denken, Herr Fend war zufrieden, daß seine Frau zu seiner Meinung sich endlich bekehrt zeigte. Aber just das Gegentheil war der Fall. Denn sei es nun, daß er gestern an sich selbst nicht recht geglaubt und den ganzen Lärm blos im Muthwillen seiner jachen Brutalität angefangen; oder daß ihn jetzt erst sein Verdacht zu erschrecken anfing, da ihn eine so vernünftige und leidenschaftslose Frau zu theilen geneigt schien: genug, er wüthete jetzt in einem fast komischen Widerspruch gegen die schüchterne Meinung seiner Frau, die doch nur das blasseste Schattenbild seiner eigenen war. Hätte es noch eines Beweises bedurft, daß im Fenderhause knabenhaft blinder Willenstrotz die Autorität des Hausherrn ausübte, so hätte es Fend an diesem Morgen bewiesen.

Im Laufe des Tages erschien ein Actuar des Bezirksgerichtes in Reute, begleitet von zwei Zeugen, Gemeindebürgern von Reute, um den Thatbestand aufzunehmen. Es waren Personen, welche sich alle unter einander kannten, denn Reute ist ein Vorort des Lechthales und Fend war ja einer der vornehmsten Thalsassen.

Nach den ersten Begrüßungs- und Höflichkeitsformeln sagte der Actuar: »Das ist ja ein wunderliches Protocoll, das gestern Euer Bürgermeisteramt herausgeschickt hat!«

»Wie so wunderlich?« fragte Fend trotzig.

»Nun, werden Sie nur nicht gleich böse,« antwortete der Actuar. »Ich will ja gerne glauben, daß die Leute hier das rechte Concept nicht haben. Aber wie der Bericht durcheinanderliegt, so sehe ich nichts als Kindergeschwätz, Mondscheinträume, und – mit Permission zu sagen, ein jaches Temperament.«

»Kommen Sie mit einer Parteilichkeit?« fragte Fend scharf und seine Stirnfalte zuckte.

»In aller Welt nicht!« antwortete der Actuar phlegmatisch. »Fangen wir an.«

Die drei Personen ließen sich am Schauplatz herumführen. Sie besahen sich die Lage der Schlafgemächer, die Veranda vor Hermosen's Fenster, sie durchstrichen den Garten und guckten herum, ob Beete niedergetreten oder Stacketten durchbrochen seien. Das Alles war eine Sache von unverholenster Förmlichkeit.

»Nun müßten wir auch das Zimmer des Fräuleins und namentlich vorfindliche Papiere durchsuchen,« sagte der Actuar. »Aber das ist Unsinn! Was sollen wir Schriftliches finden, wo so viel Gelegenheit zum Sprechen war? Man kann discret sein. Und dann – Sie haben wahrscheinlich schon selbst nachgesehen. Fanden Sie etwas, Herr Fend?«

»Ich nicht,« antwortete Fend ungern, und setzte sogleich hinzu: »ob die Mama was verpascht hat, weiß ich nicht.«

»Ach warum nicht gar,« sagte der Actuar; »denken Sie doch besser von Ihrer kreuzbraven Frau.«

»Brav hin, brav her, die Weiber sind gar zu dumm,« brummte Fend. »Sie werden es selbst sehen, wenn Sie auch einmal verzwirnt sind.«

»Gehorsamer Diener!« lachte der Actuar.

Die Deputation ging in's Haus zurück.

»Nun wären wir so weit,« sagte der Actuar. »Ich muß Sie jetzt bitten Herr Fend, daß Sie mir Ihre Verdachtsgründe ruhig auseinandersetzen. Dabei wird es wünschenswerth sein, daß wir auch die Hausgenossen anhören, wenigstens die Hausfrau. Ihr Söhnchen Ivo versteht sich von selbst.«

»Ivo!« ließ Fend seinen gebieterischen Ruf ertönen.

»Wo denken Sie hin!« sagte der Actuar. »So förmlich dürfen wir den Knaben nicht vorfordern. Wir verdutzen ihn sonst und kommen um alle Erfolge. Nein, Herr Fend, sondern ich denke, wir discurriren erst unter uns, lassen das Bübchen dabei im Zimmer sein und seine Spiele treiben, und so fragen wir ihn ganz gelegentlich aus, ohne daß er merkt, daß er ausgefragt wird. Kommen Sie, wir setzen uns irgendwo gemüthlich zusammen.«

»Trinken Sie weißen oder rothen?« fragte Fend, dem sich der Begriff »gemüthlich« ganz mechanisch mit »kneipen« verband.

»Zu einem Frühstück thät's eigentlich der Braune am besten,« sagte der Actuar. »Sie sind ja auf Ihren Dry Madeira so stolz!«

»Recht haben Sie,« antwortete Fend. »Mir liegt's ohnedem im Magen. Mein Madeira ist eine wahre Medicin.«

Damit verfügten sich die vier Männer in's Estaminet und fingen zunächst kunstgemäß zu kneipen an. Nur daß die Kneipunterhaltung die Entführung einer Tochter war und daß die Hausfrau »mithalten« mußte.

Was aber den Fender betrifft, so war es sonderbar. Der Mann kam nicht mehr so recht ins Feuer. Wie ganz anders war es doch, vor drei vernünftigen Männern zu sprechen, als Frau und Kind zu tyrannisiren! Der Mann wurde ordentlich böse darüber, daß er nicht böser sein konnte; er juckte und ruckte hin und her, und wenn ihm gar nichts mehr einfiel, so trank er ein Glas aus und sagte zu seiner Frau: »Und die sagt gar nichts!«

In der That, Frau Ottilie war in einer grausamen Lage. Sie saß zwischen ihrem Manne und dem Gerichte. Ihrem Manne sollte sie möglichst zu Gefallen reden; aber mit jedem ihrer Worte wurde sie verantwortlich vor der Behörde und ihrem Gewissen. Da galt es denn die Worte zu wägen. Das war nicht leicht. Sprach sie zurückhaltend und ausweichend, so warf ihr ihr Mann einen Dolchesblick oder wohl gar ein rohes Scheltwort zu. Wagte sie ein bedeutsameres Wort, so wurde der Actuar sofort aufmerksam: Was sagen Sie, Madame? Sie meinen also . . . und bestürzt hielt sie inne. Glücklicherweise begriff der Actuar ihre Situation und hatte bald den Ton gefunden, das Gespräch mit ihr leicht und schonend zu führen.

Ueberhaupt sah man ihn mehr und mehr den Kopf schütteln. Die vorhandenen Verdachtsgründe schienen ihm wenig einzuleuchten. Der Fender bemerkte es und seine Unruhe wurde groß. In der Angst, sein Spiel zu verlieren, fielen ihm immer neue Wendungen ein. So sagte er unter Anderm dieses: »Und Sie hätten Ihn nur sehen sollen, wie geduldig er in sein Loch kroch! In meinem eigenen Hause habe ich ihn arretirt. Er stand da wie verdattert und muckste nicht. Wups, war er in seiner Mausfalle. Tilli, hab' ich recht? Nicht gemuckst hat er, sag' ich Ihnen. Er trollte sich in sein Loch als müßt' es so sein. Wie mein Sultan verkroch er sich, der Speckdieb, der Maidenschmecker!«

»Sie bringen mich da auf einen Gedanken,« sagte der Actuar. »Vernehmen müßt' ich ihn so wie so; erlauben Sie, daß ich es in Ihrer Gegenwart thue. Der Handel ist ohnedies so dunkel, es muß mir jeder Behelf in dieser Untersuchung willkommen sein.«

Herr Fend machte ein saures Gesicht.

»Ich muthe Ihnen natürlich nicht zu, mir in Ihr hiesiges Bürgermeisteramt zu folgen, – die obscure Spelunke; nein das Beste ist, wir lassen ihn heraufrufen.«

»Diese Pharisäerlarve soll ich noch einmal sehen!« brummte Fend, welchem nicht wohl war, so plötzlich beim Worte genommen zu sein.

»Ja, ja, so machen wir's,« entschied sich der Actuar in seiner kurzgebundenen Weise. »In einer Familien-Plenarsitzung wollen wir ihn empfangen. Rufen Sie gefälligst Ihre zweite Tochter, Fräulein Eusebia, herbei. Auch Ivo könnte anwesend sein, wenigstens eine Zeit lang, so weit die Verhandlung der Unschuld seines Alters nicht anstößig wird. Wir wollen ihn mit der ganzen Familie confrontiren. Und während er allen Blicken ausgesetzt ist, verwend' ich den meinigen keine Secunde vor ihm.«

So sprach er und schrieb schon die Vollmacht, um den Arrestanten abholen zu lassen. Toni, die Hausmagd, wurde damit in's Dorf hinabgeschickt.

Da die Sache einmal diese Wendung genommen, so fügte sich Fend und that Alles, um den Untersuchungsrichter sammt den zwei Beisitzern möglichst einzunehmen. Er »stieg ihnen vor,« wie er es nannte, das heißt er trank ihnen tapfer zu, ließ ein leckeres Frühstück serviren und verschwärzte dazwischen Herrn Sallek aus allen Tonarten. Wer den Mann so sah, der hätte nicht geglaubt, daß er seit vierundzwanzig Stunden sein liebstes Kind vermißte. Aber so stark waren die hassenden vor den liebenden Kräften in dieser Natur; – der Schmerz seines Verlustes äußerte sich nur in der Wuth, zu verfolgen.

Die zwei Geschwister Ivo und Eusebia erschienen – zum Frühstück. Eusebia war blaß und schlug die Augen nieder; sie machte den drei Fremden einen schüchternen Knix und setzte sich zu unterst an den Tisch, indem sie ihr Gesicht in eine Stickerei vertiefte. Ivo fragte die drei fremden Männer ob sie seiner Schwester nicht begegnet wären; er möchte gern selber ausgehen und sie suchen.

»Vielleicht weiß Herr Sallek etwas von ihr,« antwortete ihm der Actuar. »Siehe, da kommt er eben, wir wollen ihn gleich fragen.«

Alles fuhr in die Höhe.

In der That waren die zwei Männer, welche man jetzt dem Hause zuschreiten sah, der Bürgermeister und Felix Sallek. Man hörte den Hofhund anschlagen und freudig an seiner Kette springen, wie sonst; – Frau Ottilie seufzte.

Im nächsten Augenblicke stand Sallek im Zimmer.

Der junge Mann mußte eine schlaflose und aufgeregte Nacht gehabt haben. Sein Aussehen war überwacht und verstört. Er blickte trüb und befangen um sich, seine Haltung beugte sich wie unter Lasten. Wer in Sallek einen Schuldigen sehen wollte, der konnte es nach dieser äußeren Erscheinung mit Recht.

Sein erster Gruß galt Frau Ottilien. Er verneigte sich stumm gegen sie und mit einem Blicke – voll unaussprechlichen Inhalts. »Ist's gefällig?« murmelte Frau Ottilie kaum hörbar und wies ihm und dem Bürgermeister Stühle. Herr Fend sah zum Fenster hinaus. »Guten Morgen, meine Herren,« grüßten die zwei Gemeindebürger: »guten Morgen, Herr College,« der Actuar aus Reute. Die zwei Juristen reichten sich die Hand. Von Herrn Fend nahm auch er keine Notiz. Dagegen streichelte er den Knaben Ivo über den Scheitel und sagte schmerzlich lächelnd: »Nun mein Kind hast Du wieder geträumt?« Der Fender blickte vom Fenster zurück.

Der Actuar benützte diese Gelegenheit und begann das Verhör. Er brachte den Knaben auf seinen Traum zu sprechen. Die zwei Beisitzer nahmen wie auf Verabredung eine Prise.

»Und auch seine Stimme hast Du gehört?« forschte der Actuar im weiteren Verlaufe. »Sage mir, mein Kind, war es eine Stimme, die Dir bekannt schien?«

»Ach nein: er wisperte nur so.«

»Kannst Du mir nicht beschreiben, wie das klang? Ich meine nur ungefähr? Hoch, tief, rauh, fein? es ist ja ein Unterschied, nicht wahr? Klang sie etwa wie meine Stimme? Oder wie Herrn Sallek's Stimme?«

»Aber wenn er nur flüsterte! Wie kann ich das wissen?«

Der Actuar sprang auf andere Fragen über.

»Es war vielleicht ein Dieb!« rief er auf einmal. »Hat Niemand etwas vermißt? Sie auch nicht, Herr Sallek? Haben Sie Ihren Plaid noch? Ich dächte sonst, der Dieb hat Ihnen Ihren Plaid gestohlen. Ivo, war es Herrn Sallek's Plaid, welchen der Dieb umgewickelt hatte?«

»Ich weiß es nicht,« sagte das Kind und Frau Ottilie lächelte schmerzlich. »Warum so fein?« schien sie zu sagen. »Er hat es gestern ganz anders gehört!«

Der Actuar that noch einige Fragen, stand aber bald ab. Er sah wohl, wenn er nicht hinein inquiriren wollte, heraus zu inquiriren war nicht viel.

»Komm, mein Kind,« sagte jetzt Frau Ottilie. Sie sah voraus, zwischen Sallek und dem Actuar würde nun offen gesprochen werden. Und wenigstens vor den Fremden sollte es scheinen, daß die Unschuld des Kindes geschont würde, was von der ersten Person dieses Hauses freilich zu keiner Zeit geschehen war.

Nach einer Minute kam sie allein wieder zurück.

Der Actuar war mit Sallek noch nicht im Gespräche. Am ganzen Tische saß Alles still und stumm. Es war die peinlichste Situation, die sich denken ließ.

Frau Ottilie fing an. »Wenn ich mir erlauben darf drein zu reden! Ich dächte, Fend, es wäre eigentlich an Dir, den Untersuchungsrichter zu spielen! Denn sieh' einmal! Hat sich ein Liebhaber unserer Tochter wirklich ein so außerordentliches Thun zu Schulden kommen lassen, so geschah es vielleicht, weil er kein Herz zu Dir faßte. Er fürchtete Deine Schärfe. Nun, mein' ich, man könnte sich verständigen. Wenn nur einmal die ersten Worte gewechselt sind, daß man einander vertrauen lernt . . .«

»Kupplerin!« schrie Fend auffahrend und schleuderte sein volles Kelchglas über die Länge des Tisches nach seiner Frau. »Sieh' einer das unverschämte Weib an! Die reit't mir noch mit dem Besenstiel zum Dach hinaus! Bessere sind schon verbrunnen. Die wüste, gottverwetterte Hexe!«

Aber wir haben nicht den Muth, die neue Herzenserleichterung des Fender's nachzuschreiben. Denn leider ging es in diesem Tone noch weiter so fort.

Alles war außer sich. Der Actuar, der doch rüstige Nerven hatte, stand endlich auf und sagte: »Herr Sallek, ich muß Sie heute nach Reute bemühen. Folgen Sie mir. Hier ist kein Ort für Verrichtungen des Gesetzes.«

»Was?! nach Reute?« schrie Fend toll wie ein gehetzter Stier. »Jetzt seh' ich, daß ich von lauter Spitzbuben umgeben bin. Das Schreibervolk, das gottverdammte, spielt Alles unter Einer Decke. Kein Schritt über diese Schwelle! Holt mir den Mäusepfeffer von Reute, ihr Hallunken! Da möchten sie der Justiz das Gesicht zerkratzen, die Banditen. Da ließ' er den Galgenvogel los in Reute. Kein Schuhnagel kommt mir vor die Thür! Wer sich rührt, dem leer' ich die Eingeweide aus. Ich heiße Fend!«

»Es ist nur gut, daß ich Zeugen habe,« sagte der Actuar. »Sie reden ja mit dem Amte, als ob ein Jahr Zuchthaus reiner Caviar wäre!«

»Du Hund!« schrie Fend und fiel mit geballter Faust aus. »Ich zuchthäusle Dir die Zähne in den Hals hinein, Du Federfuchser, Du Lohnschmierer, Du Charfreitagsbeamter, Du Surrogat-Creatur!«

Wirklich drang er thätlich auf den Actuar ein. Die zwei Frauen schrien auf, die Männer aus Reute deckten ihren Justizbeamten, der Bürgermeister vom Orte zerrte rückwärts an Fend.

Sallek rief mit erhobener Stimme: »Ich habe Hermosa entführt! Haltet ein! Ich bekenne mich schuldig!«

Als wäre eine Bombe ins Haus geflogen, wirkte das Wort.

Die ganze Gruppe stand wie verglast.

»Ich habe sie entführt,« wiederholte Sallek.

Es war, als ob Niemand seinem Ohre traute.

»Ich habe sie entführt,« tönte es dumpf und tonlos.

Das Erste, was man nach diesem Worte vernahm, war ein schallendes Hohngelächter Fends. Er schlug in die Hände, daß es klatschte, und rief:

»Nun ist's heraus! Sage noch Einer, keine Schneid soll man haben! Eine Faust ist besser als zehn Köpf', hab' ich all mein Lebtag behauptet.«

Herr Fend war fast lustig. Er sah aus wie ein Mensch, der unter Umständen hübsche Mädchen wohl selbst entführt haben wollte, welchem die sittliche Seite dieser That fast gar keinen Eindruck machte. Ebensowenig konnte man den Vater in ihm sehen, dem es an sein leibliches Kind gegangen war. Wer noch gezweifelt hätte, daß bei der ganzen Sache vielmehr die Verfolgung als die Rettung seine Herzensangelegenheit war, der hätte es in diesem Augenblicke empfunden. Man sah den lachenden Haß des Brutalen, der über den Gebildeten triumphirt, der es in seiner Gewalt hat, ihn zu vernichten und müßte er das Glück seines Kindes daransetzen.

Frau Ottilie wandte sich weg. Sie legte eine Hand über die Augen.

Die drei Landleute sahen auf Sallek mit einer verdutzten Neugierde, aber der muntere Actuar fast mit Neid und Bewunderung. Mit welch teuflisch schnöden Blicken Fend ihn betrachtete, brauchen wir nicht erst zu sagen.

»Also der hochstudierte Herr Sallek haben auf Menschendiebstahl studiert!« begann Fend mit einem Henkerbehagen. »Auch ein Studium! Warum nicht? Die Taschendiebe und Hochstappler in New-York haben eine famose Universität: Schüler, Professoren, Lehrcourse, Prüfungen und Zeugnisse. Als ich meine Firma in Wallstreet eröffnete, wurde just der Rector magnificus gehenkt; er wurde gehenkt, obwohl er zeitlebens nur todte Sachen gestohlen und nicht lebendige. Aber ein capitaler Bursche war's, man hätte zehn Salleks aus ihm machen können. Ein feindrähtiges Kerlchen! Ein hochstudirter Spitzbube! Die Diebsuniversität wußte sein Amt gar nicht wieder zu besetzen; ich hörte, ein Spitzbube aus Baltimore bekam den ehrenvollen Ruf.«

Das hieß nicht zwei, sondern drei Fliegen mit Einer Klappe schlagen. Diese bittere Parodie des Universitätswesens galt nicht nur dem studirten Sallek, sondern auch dem studirten Actuar und Ottilien, der Professorswitwe.

Fend hatte nach diesen Worten sich niedergesetzt und seine Frau geheißen, ein neues Kelchglas bringen. Alles am Tische sah sich verwundert an. Konnte er wirklich denken, er dürfe nur so fortfahren, als ob nichts geschehen wäre?

In der That fuhr er in seiner breitspurigen Hausherrnpolizei fort: »Nun wollen wir einmal hören, was für ein Hotel Fräulein Fend anjetzo bewohnt. Wo hat denn der saubere Mosje Diebsbräutigam seine Miß Kriegstmichnit einlogirt?«

Sallek sagte: »Wir sind nicht gemeint, Herr Fend, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Es kann Ihnen genügen, daß ich bekannt habe. Es muß Ihnen genügen. Hier ist kein Bezirksgericht. Meine Herren, ich folge Ihnen nach Reute,« wandte er sich an den Actuar und die zwei Beisitzer.

Sofort wurden die Stühle gerückt.

»Brutal ist er auch noch!« rief Fend, und schon drang ihm das Blut wieder zu Kopf. »Ich frage nach meinem Kinde! Antwort will ich! Verkleckst ganze Papiermühlen in Reute, aber Rechenschaft forder' ich. Wo ist mein Kind?«

»Sie werden es hören. Zweifeln Sie nicht. Uebrigens schreibt das Gesetz vor, wo und wie Verhöre gehalten werden. Wollen Sie eine neue Strafproceßordnung einführen, so gehen Sie nach Innsbruck oder nach Wien.«

Der Fender knirschte.

Die Männer aus Reute standen in Bereitschaft.

Jetzt erhob Frau Ottilie ihre Stimme. Leise, kaum hörbar flüsterte sie: »Sagen Sie mir's, Herr Sallek.«

Sallek schauerte zusammen. Er warf einen Blick auf die Frau voll tiefsten Seelenleidens. »Geduld!« seufzte er.

Er schritt der Thüre zu.

Die Männer schüttelten den Kopf. Es war ersichtlich, diesen Theil von Salleks Verfahren begriffen sie nicht.

Der Eine von den zwei Zeugen fing an: »Curios ist's, Herr Sallek. Nichts für ungut, aber ich dächte selbst . . .«

»Fort, fort!« rief Sallek und griff an's Herz. »Fort aus diesem Hause, fort!« Er rief es mit Heftigkeit, ja mit Verzweiflung. Er rief es wie im letzten Moment einer versagenden Kraft.

In diesem Augenblicke flog die Thüre auf. Ivo stürzte herein, roth im Gesichte, athemlos. »Hermosa kommt!«

Alles prallte zurück.

Sallek zuckte auf, – einige Töne wie ein convulsivisch jubelndes Lachen entrangen sich seiner Brust.

»Was geht hier vor?« rief der Actuar. »Hermosa kommt! Ist's wahr? Und Sie, Herr Sallek . . . was soll das bedeuten.«

Sallek that einen tiefen Athemzug. Dann sagte er ruhig: »Ich habe mich falsch angeklagt. Als sich zuvor der jachmüthige Mensch dort so weit vergaß, seine Fäuste gegen Sie, Herr College, aufzuheben, an einem Justizbeamten sich thätlich zu vergreifen, – was für ein anderes Mittel gab es da, ihn von den Thüren des Zuchthauses zurückzureißen, als ein Wort in den Alarm zu werfen, welches blitzgleich seine Richtung veränderte?«

Die ganze Gesellschaft sah sich fragend an. Die Einen blickten mit Hochachtung auf Sallek, die Andern mit Vorwurf, mit befriedigter Rache auf Fend. Fend stand da, Verwirrung und Scham im Gesichte, keines Wortes mächtig.

Endlich stammelte er: »Warum haben Sie das nicht schon gestern gesagt? Warum haben Sie sich arretiren lassen?« Er fragte es kleinlaut, als fühlte er selbst, was darauf zu antworten.

Auch blieb Sallek die Antwort nicht schuldig. »Mein Herr,« sagte er mit einer vernichtenden Kraft in Blick und Stimme, »das that ich deshalb, weil Sie gestern so roh waren, wie Sie es heute sind. Sie hatten eine fixe Idee, in die Sie rasend vernarrt waren. Ich sah all' Ihr Blut in Ihrem Kopfe. Sie riskiren beständig das Bersten von Adern und Blutgefäßen. Meine Nachgiebigkeit rettete Sie gestern von einem Schlaganfalle, wie Sie meine Geistesgegenwart heute vom Zuchthause rettete. Ich kenne Sie noch nicht lange, Herr Fend, aber mich dünkt, ich weiß Menschen zu behandeln, welche das Unglück haben, nicht erzogen zu sein.«

»Das macht einem durch Studien gebildeten Mann alle Ehre«, sagte der Actuar aus Reute. Er betonte das Wort »Studien« und warf einen vollen, satten Blick der Schadenfreude auf Fend. Er hatte noch Revanche zu nehmen für dessen Verhöhnung der Universitäten.

In allen vierundsechzig Jahren seines Lebens hatte Fend noch nicht gedemüthigter vor Menschen gestanden, als in diesem Augenblicke. Menschen, welche ihn längst kannten, hätten buchstäblich sagen dürfen, sie sahen den Mann jetzt zum erstenmale. So neu war der Ausdruck von Scham, der tiefen, durchbohrenden Scham, bei einem Manne von der Natur und den Charaktergewohnheiten Fend's. Nicht als ob er sich schämen zu müssen nicht hundertmal Veranlassung gehabt hätte; aber die wirkliche Beschämung hatte ihn nie vollständiger, nie schonungsloser erreicht. Er stand da, wie abgedankt.

Es klingt unglaublich, aber der erste Augenblick gehörte so allgemein, so ausschließlich dem Gefühl, wie wunderbar die Partie zwischen Fend und Sallek gewechselt, daß selbst das Wichtigste darüber vergessen wurde, Ivo's Ruf: »Hermosa kommt.«

»Ach, aber wo ist denn das Kind?« rief Frau Ottilie mit plötzlich ausgebreiteten Armen.

»Sie kommen schon durch den Garten,« sagte Ivo.

»Wo? wer? Wer kommt? Mit wem kommt sie?«

»Da sind sie!« scholl es aus Aller Mund.

Die Thüre ging auf.



Zwölftes Capitel.

Indem wir aber zu erzählen haben, was im Rauchzimmer des Fenderhauses jetzt vorging, verschmähen wir nicht die gangbare Redensart: »Das Alles war das Werk eines Augenblicks.« Vielmehr wollen wir dieselbe lieber gleich vorausschicken, ungefähr wie bei einem Musikstück die Bemerkung, wie rasch es zu spielen ist, auch nicht am Ende, sondern am Anfange des Stückes steht.

Die Thüre ging auf.

Hermosa stand da.

Sie war es wirklich.

Der Fender blickte verbissen vor sich, der Bürgermeister, der Actuar und die zwei Zeugen blickten, wie man zu sagen pflegt, mit offenen Mäulern, Frau Ottilie und Sallek mit stockendem Athem, mit einem fliegenden Roth auf den Wangen.

Da stand sie also, die Verlorene.

Hermosa trat vor, sie stürzte vor. Sie war aufgeregt, erschrocken. »Es ist nicht möglich, Mama!« rief sie. »Habt Ihr den Brief wirklich nicht bekommen? Die Toni sagt, das ganze Haus steht auf dem Kopf. Alles ist außer Rand und Band.«

Gleichzeitig blickte sie im Zimmer um sich. Auf Sallek, auf den Papa, auf die Fremden; und wie schnell auch ein Blick ist, auf Jeden mit einem wechselnden Ausdruck. Wir wünschten, der Blick wäre zu fixiren, den sie auf Sallek warf. Sie sah erschrocken die Verwüstung der letzten vierundzwanzig Stunden in seinen Zügen, sie durchschaute ihn, und – vergalt ihm mit ihrem Blicke. Es war ein Blick von jener Magie, welche das weibliche Auge nur ausstrahlt, – wenn es das Verschwiegenste zu sagen hat.

Das war der erste Moment.

Aber eh' ihn der Leser noch ergriffen und ausgemalt, müssen wir ihn auffordern, schleunigst davon abzuspringen.

Denn sofort drängte ein neuer Moment nach.

Man sah in die offene Thüre.

In der offenen Thüre standen zwei Mannspersonen.

Der ältere der beiden Männer, – um vorzugreifen, – war ein Schulmeister aus der Gegend von Thannberg und ein Verwandter Fend's. Der zweite war ein Jüngling. Er trug eine Sommerblouse, eine Reisetasche, an welcher gerollt und geschnallt ein englischer Plaid befestigt war, einen Knotenstock mit einem Gemshörnchen als Griff und eine Schirmkappe tief ins Gesicht hinein. Man sieht aus diesen Einzelnheiten, der Jüngling war Ivo's Schläfer aus der Veranda. Sallek erblaßte bei seinem Anblicke.

Also dieser Verführer war gemeint, als Hermosa nach jenem Kuß auf den Nacken in dem kurzen geheimnißvollen Gespräch, das daraus entsprungen, mit so seltsamer Heftigkeit gegen eine Desperations-Heirat sich erklärt! Sie sah ihr Unglück, sie sah den Abgrund, der schon zwei Tage darauf sie verschlang, aber der junge Mann, scheint's, war einer von jenen fascinirenden Dämonen, welchen Frauenherzen zum Opfer fallen, mit dem vollen Bewußtsein, daß sie ihr Unglück umarmen. Sallek brauchte übernatürliche Kräfte, um in seinem Schmerze nicht laut aufzuschreien.

Frau Ottilie war keines Wortes mächtig. Auch sie verfärbte sich, als sie den Jüngling sah. Ihre Arme sanken zurück, die sie so eben ausgestreckt hatte, um Hermosen zu umarmen. »Also dennoch!« sagte sie sich. »Der Knabe hat recht gesehen, recht gehört. Er hat nicht geträumt. Hermosa entführt und von einem Andern als Sallek! Er war kein Heuchler, aber, – das Mutterherz brach, – Hermosa selbst hat geheuchelt durch die Art, wie sie bei Ivo's Anzeige sich betragen!«

Im Fenderhaus gab es nur Einen Menschen, den es freudig durchzuckte, das war Eusebia.

Der Fender inzwischen fing an, seine Sprache zu finden. Er warf den Kopf gegen die Thüre und fragte in einem Tone, welcher schon wieder ziemlich barsch klang: »Wer ist der junge Mensch dort hinten?«

Das war der zweite Moment.

Der Jüngling nahm seine Kappe ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er trocknete sich den Schweiß, er strich sich die Haare aus der Stirn, welche schief gescheitelt und rund um den Kopf, eine Handbreit unter dem Ohr, beschnitten waren. Dann holte er mit aller Kraft einer tiefen Erschöpfung Athem. Er sah um sich her und sagte: »Ich muß mich sammeln. Ich war nicht gefaßt, unter so viele Menschen zu treten. Ich war auf die Eltern meiner Freundin allein vorbereitet.« – Und noch einmal athmete er tief.

Hermosa bemühte sich zärtlich um ihn. Sie nahm ihm die Reisetasche ab, den Plaid, den Wanderstab. Sie legte eine Hand auf seine Achsel und mit der andern streichelte und fächelte sie sein Gesicht. Dann ergriff sie den nächsten Stuhl, ohne viel umzusehen, wem er gehören mochte, und setzte den Jüngling darauf. Das Alles geschah so unbefangen, so freimüthig-edel, als ob sie den anerkanntesten Gatten vor sich hätte.

»Du armes Weibchen!« sagte Hermosa. »Du warst doch unterwegs schon so hübsch couragirt! Muth, liebe Franche! Es sind Alles nur Menschen.«

Schon als der Fremdling den ersten Ton seiner Stimme angeschlagen hatte, durchbebte es alle Anwesenden. Aber Hermosen's Worte waren das Signal zu einer allgemeinen Ueberraschung.

»Eine Frau!« scholl es aus Aller Mund!

»Was denn sonst?« sagte Hermosa und sah erstaunt um sich.

Sallek's Gesicht glühte. Frau Ottilie bekämpfte ein Schluchzen. Eusebia blickte erschrocken.

Und das war der dritte Moment.

Aber es mag eben so leicht sein, die Wellen im rollenden Meer, als diese Momente, begrenzt sich zu denken. So rasch verschwanden sie, so unaufhaltsam verschlangen sie sich – und Alles war nur ein Augenblick!

Eine tiefe Pause folgte hierauf. Kein Mensch sprach ein Wort. Alles erholte sich, wartete und – staunte.

Ivo, welcher hinter dem Stuhle der Mama stand, flüsterte über die Rückenlehne hervor: »Siehst Du, Mama, ich habe doch nicht geträumt.«

Die verkleidete Dame – warum sollten wir sie nicht Franche nennen, wie wir sie nennen gehört haben? – Franche hörte das feine Geflüster des Kindes mit noch feineren Ohren. »Ah, das Brüderchen Ivo!« sagte sie zu Hermosen. »Ein edles Kind! Komm' her, Bübchen.« Sie zog den Knaben hervor und stellte ihn zwischen ihre Arme vor sich hin. Sie betrachtete ihn mit liebevollem Tiefsinn. »Der wird wohl immer träumen,« sagte sie nachdenklich. »Madame, das wird ein Künstler. Was für einer? weiß ich selber nicht. Es geht mir mit ihm wie mit einem Telegraphen. Ich höre die Glöckchen, aber ich weiß nicht, was sie bedeuten. Ein psychisches Köpfchen! Die Seele scheint überall durch, es ist förmlich diaphan. Wenn es Lorenne sehen könnte! Der hätte gleich das Nennwort dafür.«

Hermosa sagte: »Nun, ich denke, Du hast es auch. Psychisch – diaphan – Telegraphenglöckchen – Du sprichst ja wie inspirirt! Ich möchte wissen, wie Lorenne die Ahnung des Geistigen besser ausdrücken könnte.«

»Meinst Du?« rief Franche lebhaft. »O, ich danke es ihm, wenn ich einen Atom seines Geistes habe!« Und sie reichte Hermosen die Hand und lachte sie an mit Entzücken.

Die Anwesenden wußten nicht, ob sie wachten oder träumten. Von allen Möglichkeiten, wie dieses merkwürdige Wiedersehen hätte anfangen können, war das so ziemlich das Entgegengesetzteste.

Aber dürfen wir's behaupten? Jedermann hatte das Gefühl, als müßte es so sein. Es war, als säße man im Theater, wo just das Außerordentlichste das ist, was Jedermann erwartet.

Wir wollen es nur selbst sagen: wir haben damit das Größte gesagt, was sich überall sagen läßt. Das heißt, die junge Frau verbreitete den Geist der Poesie um sich her. Ihre Erscheinung umgab ein Gefolge, welches sogar die Höchsten dieser Welt nur selten begleitet: der Zauber der Persönlichkeit. Sie trat auf wie ein Märchen.

Ihr Auge war unwiderstehlich. Es war ein Auge wie ein Waldsee im Mondglanz. Ein thauiger Duft umdämmerte es; ruhig, fast müde blickte sie damit, aber es war ein Blick, gefüllt mit Empfindung. Nichts contrastirte stärker, als ihr und Hermosen's Auge. Hermosa entzündete Herzen, Franche erweichte sie. Ihre Stimme hatte eine Klangfarbe wie vom Clarinet, eine leichte markige Schneide von der Art, welche man bei den Nachtigallen die Rolltöne nennt. Sie accentuirte mit einer Fülle von geistigen Pointen, wie im dichtesten Schneefall jeder Krystall ein anderer ist. Ihr Körper war leicht, zierlich, mittelklein und vom edelsten Ebenmaße. Es war ein solcher, wie ihn jeder Opernvorstand seinem Fidelio wünschen würde.

Wenn das Schiffstauwerk einer Hafenstadt in der Ferne wie Spinngewebe aussieht, so müssen wir diesen groben und wenigen Strichen vertrauen, daß die Phantasie eine Brüss'lerspitze daraus mache.

Und diese Brüss'lerspitze, dieses Fein- und Ziergeweb eines Menschen, ist Franche.

»Seht ihr, Eltern, das war meine heimliche Liebe in Innsbruck«, sagte Hermosa. »Die hat mich gestern entführt. Aber mein Gott, daß der Bursch meinen Brief nicht gebracht hat! Ich habe rechtschaffen zu beichten! Nun, ich bitte um Geduld. Ich will es ja thun, wenn wir – sonst Niemanden langweilen damit.« Und sie blickte mit Beziehung um sich.

Frau Ottilie verstand den Wink. Aber sie sagte: »Mein Kind, diese Männer sind alle um Deinetwillen da. Wenn Du den Schein vermeiden willst, als hättest Du á huis clos zu beichten, so kannst Du getrost . . .«

Hermosa fiel ihr ins Wort. »Mama, von mir ist ja gar nicht die Rede hier. Die Heldin dieses Abenteuers ist meine goldene Franche.«

»Nun, dann will ich selbst sprechen«, sagte Franche. »Und Madame hat Recht. Wenn dieser Mann hier – sie wies auf den Schulmeister – darauf besteht, mich nach Innsbruck auszuliefern, so wird mein Proceß bald genug von sich reden machen. Die Verleumder von Rechtswegen werden mich dann garstig schwarzfärben, die Guten! Ich will also denken, ich wasche ihnen gleich die Wolle rein, ehe sie an ihre Färberei gehen. – Aber ich dürste, Hermosa, gib mir ein Glas Wasser.«

That es Herr Fend seinem Madeira zu Liebe, oder – was ging sonst in ihm vor? genug, er präsentirte mit einer Galanterie, die gar nicht zu verachten war, der schönen Fremden seinen Wein. »Sebi, bring von den Mousselin-Gläsern«, befahl er sogar.

»Danke, Herr Fend, bitte zu bleiben, liebes Fräulein,« sagte Franche mit einer bezaubernden Grazie. »Mein Getränk ist der Nixenwein. Um Ihnen keinen Korb zu geben, darf ich vielleicht um ein Glas bitten für unsern gütigen Begleiter«, sagte sie mit milder Ironie auf den Schulmeister, welcher an ihr – die Polizei gespielt hatte.

Aber Fend ließ sich's nicht nehmen – er hätte nicht Fend sein müssen – wenn er nicht wenigstens seinen Damen-Champagner aufgenöthigt hätte. »Ein Weinchen wie Mandelmilch,« schmeichelte er. »Es ist wahr,« sagte Hermosa, »eine Consolation von Champagner mit Rheinlachs auf Butterbrot könnten wir uns gefallen lassen; meinst Du nicht, Herzchen?«

Und als Tochter vom Hause eilte sie fort, und fing gleich selbst an, sich und ihrem lieben Gaste den Tisch zu bestellen.

Die beiden ausgehungerten Zugvögel entfalteten hierauf einen Appetit, – welcher die Kraft mit der Zierlichkeit verband. Die Gesellschaft sah ihnen zu, – als ob Essen ein Feenschauspiel wäre. Alles saß da in Spannung und feierlicher Aufregung.

Als die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war, wie Vater Homer sagen würde, begann die schöne Fremde ihre Beichte, wie folgt:



Dreizehntes Capitel.

»Ich habe zuvor den Namen Lorenne ausgesprochen. Dieser Name gehört dem preiswürdigsten aller Männer und dieser Mann gehört mir. Ich sage es mit Stolz und doch wieder mit Demuth; denn wenn ich mich ansehe und dann zu ihm aufblicke, so weiß ich nicht, wie ich die Auszeichnung verdiene, diesen Gott mein zu nennen. Er ist viel zu erhaben für mich; einen Hund, der Lorenne heißt, würd' ich noch lieben!«

»In dieser Verkleidung war ich auf dem Wege zu ihm. Aber der Landmann hier hat mich angehalten, und hält es für seine Pflicht, mich nach Innsbruck zurückzuführen. Denn Sie müssen wissen – wie nämlich kein Glück vollkommen ist – so hatt' ich das Unglück, schon acht Monate verheirathet zu sein, ehe ich meinen Mann kennen lernte. Und nun hält man einen Anderen für meinen Mann. Denn sehen Sie, so sind die Menschen: daß man in der Jugend nur durch den Irrthum zur Wahrheit gelangt, weiß die ganze Welt; wenn man aber den Irrthum geheirathet hat, so muß man beim Irrthum verharren! Warum? Ich weiß es nicht. Ich frug Lorenne, der Alles weiß, und er antwortete mir dieses: Die erste Besitzergreifung, mein Kind, ist freilich nur Zufallssache, aber sie verleiht überall unter Menschen einen Titel der wichtigsten Rechte. Wenn Einer z. B. drei Nächte lang in den Urwäldern America's ein Feuer angemacht hatte, so gehörte das Grundstück ihm. Meinethalben! aber bin ich ein Urwald? Bei todten Grundstücken laß ich das gelten: wo es sich aber um Wohl und Weh eines lebendigen Menschen handelt, da hört der Spaß auf. Da sollen mir Juristen nicht drein reden. Da weiß ich selber was Rechtens ist.«

Eusebia ließ ihre Stickerei in den Schooß sinken.

Franche fuhr fort: »Leider, daß man solche Reflexionen erst an seinem eigenen Leibe machen muß! Denn die verständigsten Mädchen sind zunächst doch nur junge und unerfahrene Mädchen. Und ob ich verständig war, weiß ich nicht, aber daß ich jung und unerfahren gewesen, ist freilich gewiß.«

»Dazu meine häusliche Lage! Ich bin in Mailand geboren, – mein Vater ist ein österreichischer Officier und hatte eine Mailänderin von guter Familie geheirathet. Das ist ein Scandal! sagten die Italiener zur Mutter; das ist eine Betise! sagten die Oesterreicher zum Vater. Hahaha! ich wäre also ein Kind von Scandal und Betise! Comme c'est drôle!«

»Aber lachen wir nicht. Wenn ganze Nationen lächerlich werden, so ist das furchtbar. Ich habe es erlebt. Meine arme Mutter war wie ausgestoßen von ihren Landsleuten. Ihre eigene Familie sekirte sie am ärgsten. Mein Vater in seinem Officiercorps hatte auch keine gute Cameradschaft mehr. Hören Sie, das ist grausig! Wenn der Officier seine Mannschaft zum Kampfe führt und die Mannschaft folgt ihm nicht nach! Sie bleibt zurück und gibt ihn allein dem Feinde preis! Zwei solche Officiere waren meine Eltern. Sie waren beide über die Front ihrer Nation avancirt, aber die Linie ließ sie im Stiche. Sie rissen das Gros der nationalen Vorurtheile nicht mit sich fort.«

»Und doch geht es noch, wenn die Zwei sich Alles allein sind. Ach, meine Eltern hatten den besten Willen dazu! sie liebten sich innig, zärtlich – aber just deshalb! Wer viel liebt, fordert viel. Wenn du mich liebst, so bringst du mir dieses Opfer, sagt das Eine; nein, wenn du mich liebst, so bringst du mir jenes Opfer, sagt das Andere.«

»Eine Gelegenheit zu einem solchen Conflict trat ein, als mein Vater mit dem Regiment nach Galizien sollte. Die Mama schauderte vor Polen, – ach, es ist ein feines seidenes Frauchen! Wer sie sieht, begreift ihren Schauder. Ihre Familie war gänzlich dagegen. Die Männer befahlen, die Frauen baten und weinten. Daß ich kurz bin, mein Vater gab nach und quittirte.«

»Aber wovon leben? Eigenes Vermögen hatte er wenig und von der Mailänder Verschwägerung zu zehren, die allerdings wohlhabend ist, war er zu stolz. Er suchte eine Civilanstellung. Sie wissen, unser Staat hat zwei Monopole, den Tabak und das Salz. Mein Vater erhielt einen Tabaks-Großverlag.«

»Großverlag! Es ist tragikomisch, das Wort »Groß« zu brauchen, in einem Lande, wo Niemand Tabak rauchte. Er war ein Tabaksverleger in partibus infidelium. Natürlich waren unsere Einkünfte schmal. Der Vater profitirte von seinen Kenntnissen und gab in seinen freien Stunden Lectionen. Aber der Tedescho und der Autrichien standen ihm überall im Wege. Er schwang sich zu keinem gesuchten, zu keinem gut bezahlten Lehrer auf.«

»Der arme Mann erlag. Sein verfehltes Leben fraß wie ein Geier an ihm. Wenn er im Amtsblatte der »Wiener Zeitung« die Avancements seiner Cameraden las, die Carriere der jüngsten Officiere, und dann seine eigene Minimalexistenz ansah, so war es unmöglich, er konnte seinen Gram nicht verhehlen. Eine eben so offene Wunde war die Erziehung seiner Kinder. Der Vater vermißte die deutschen Schulen und die Mutter erstaunte, daß man in Mailand überhaupt noch an Deutsch denke.«

»Kurz, es gab keine frohe Stunde in unserem Hause. Ach, liebste Frau Fend, ich muß immer lachen, wenn ich in Romanen oder im Theater sehe, wie alles Unglück vom Bösewicht kommt! Alle diese Menschen – der Vater, die Mutter, sogar die Verwandten der Mutter – sie waren gut, sie hätten kaum besser sein können! Und wie waren wir unglücklich!«

»Da geschah es, daß ein hoher Regierungsbeamter in Innsbruck »ein gebildetes Fräulein« suchte, als Bonne für Französisch und Italienisch. Durch befreundete Hand wurde mir ein Antrag gemacht. Was hätte mir lieber sein können! Mit tausend Freuden nahm ich an. Sehnte ich mich doch längst schon hinweg aus dem traurigen Vaterhause, wo die Eltern sich aufrieben und die Kinder, wie Vögel im verhängten Käfig, sang- und klanglos auf ihren Stangen saßen.«

»Wie war ich glücklich in meinem Postwagen! Luft! Licht! Hinaus, und das Leben versucht! Es war mir, als ob ich vom Scheintode aus einem Grabe hervorginge.«

»Aber so schmerzlich ist nicht leicht Jemand enttäuscht worden. Das Haus meiner Excellenz war ein gottloses Haus. Die Leute gehörten zu jenen Feinden der Religion und der Kirche, welche durch Uebertreibung ihre Sache zu Grunde richten. Sie machten aus der Frömmigkeit das gemeinste aller Handwerke.«

»Sie sehen, ich habe mein Bischen Leben nicht glücklich angefangen. Ich war wie gemacht, um über Glück und Glücklichsein mich zu täuschen. Glück schien mir Alles, was nur ein Aufhören des laufenden Tages war. Wenn ich heirathete, es konnte nur eine Desperations-Heirath sein, ohne daß ich es selber wußte.«

»Sallek machte eine Bewegung wie Einer, der plötzlich Licht sieht.«

»Und das war denn auch meine Heirath,« seufzte die junge anmuthige Frau. »Mein Bräutigam war Künstler. Er pflegte zuweilen in unser Haus zu kommen, wo man sich mit Förmlichkeit kennen lernte, d. h. nur von der besten Seite. Er sprach wenig und nur über seine Kunst. Er sprach mit einem gewissen Pathos. Ich hörte ihn nicht ungern; ich hielt ihn, wie er sich später selbst nannte, für eine »begeisterte Künstlerseele«.«

»Sein Bild erregte mir freilich eine Empfindung, die mir anfangs nicht angenehm war. Dieses längliche blasse Profil, dieses schwarze Auge mit seinem etwas koketten Blick, diese schmalen, blendendweißen Hände – ich glaubte sie schon gesehen zu haben. Und zwar unter Umständen, die mich nicht anmutheten. Ich zerbrach mir den Kopf und errieth doch die Quelle dieses Eindruckes nicht. Es mußte eine zufällige Aehnlichkeit mit irgend einer verdunkelten Traumeserinnerung sein.«

»Bald hatte ich Gelegenheit, ihm näher zu treten. Meine Mutter wünschte, als ich ein Jahr in Innsbruck war, mein Portrait. Wer anders hätte es malen sollen, als Ladislaus Sonin? Das war nämlich sein Name. Der Name wird Sie wundern an einem Tiroler, aber er war keiner. Er war der Sohn eines Emigranten von baltisch-polnischer Abstammung. Wie sein Vater nach Innsbruck verschlagen wurde, weiß ich nicht.«

»Ich kam in sein Atelier. Er zeigte mir seine Arbeiten, es waren größtentheils heilige Gegenstände. Aber das wußte ich schon. Auch wäre er sonst nicht in unser Haus gekommen. Nun, die Heiligkeit sah hier doch freundlicher aus als bei der Excellenz. Es waren wenigstens Farben. Es war eine bunte, blühende Abwechslung.«

»Unter Anderem hatte er Cartons angefangen, Illustrationen zu den »Perlen der Vorzeit« von Ladislaus Pyrker. Während der Sitzung erzählte er mir von dem Inhalte. Ich hörte Legenden der Heiligen, es war die Kirchenkost, mit der ich nun schon ein Jahr lang überfüttert worden: aber immerhin war sie genießbarer. Es wurde mir doch anschaulich, wie das Christenthum einst eine lebendige Sache gewesen. Ich sah Menschen, welche bluteten und starben für ihrer Seelen Seligkeit; ich sah einen Glauben, welcher Herz, Liebe, Leidenschaft war, und nicht blos Schlendrian, Heuchelei, Politik. Meine Excellenz ließ sich mit Orden decoriren, sie hätte sich schwerlich in Oel sieden und auf dem Roste braten lassen für ihre Katholicität.«

»In der zweiten Sitzung war nicht mehr von den Heiligen die Rede, sondern von mir. Sonin lobte meine »Airs«, meine »Allüren« u. s. w.«

»In der dritten Sitzung machte er mir einen Heirathsantrag. Er war sehr lebhaft, sehr animirt, ja, er drang darauf, ich sollte mich gleich entscheiden. Zufällig trat er an's Waschbecken, sich die Hände zu waschen, – er that dies, wie mir schon aufgefallen, bei der geringsten Befleckung durch seine Farbenstoffe, – und da fuhr mir, ich weiß nicht, warum, jene dunkle, unerklärliche Rückerinnerung, von der ich zuvor sagte, durch die Seele. Ich war bestürzt und gab eine ausweichende Antwort.«

»Die Sitzungen wurden nun ausgesetzt. Die Untermalung sollte trocknen. Dafür kam Sonin öfters als sonst zu den Thee's Sr. Excellenz und beim Fortgehen drückte er mir Billets in die Hand. Er schrieb, was man nicht eben in der lauten Conversation sagen kann, und er schrieb gut, wie mir dünkte. Ich kannte freilich die deutsche Literatur nicht genug, um über seine romanesken Galanterien die Ahnenprobe zu halten. Heute aber bin ich überzeugt, es war gutes, ehrliches – Plagiat.«

»Und bald bewarb er sich offen um mich. Ich verstand mein Herz nicht, denn wenn auch die Aussicht, frei zu werden, meine Gedanken in eine gewisse Bewegung versetzte, so staunte ich doch, daß diese Bewegung nicht süßer, nicht feuriger war. Was war das? War es blos die Ungeübtheit meiner Empfindungen in Lust und Freude? Oder machte ich mir vom Brautstande überhaupt romanhafte Vorstellungen? Inzwischen redeten mir die Excellenzen aufmunternd zu, junge Damen meiner Bekanntschaft beneideten mich, und was meine lakonische Herzenssprache betrifft, so belehrte mich die Oberin der barmherzigen Schwestern: Eine christliche Ehe dürfe gar nicht mit Lust geschlossen werden, sondern blos mit Ergebung. Sie sei eine göttliche Ordnung, ein Sacrament.«

»Was sollte ich thun? Ich sagte eines jener Ja, welche blos kein Nein sind. Ich heirathete.«

»Die ersten Wochen, die ersten Monate vergingen. Mein Herz blieb sonderbar nüchtern. Was war die Ursache davon? Ich beobachtete mich, ich beobachtete meinen Mann«

»Sonin war galant, zärtlich und auf Schritt und Tritt – idealisch. Er fühlte die feinsten Gefühle. Er war wie eine auf Belin gedruckte »Künstlerliebe«. Sein Pathos blieb immer dasselbe. Das Pathos der nazarenischen Theeabende, das Pathos der werbenden Billetdoux hatte ich mir gefallen lassen; aber das Gardinenpathos machte mich stutzen. Warum spricht der Mann nicht wie andere Menschen? Statt Rafael, sagte er hartnäckig, der göttliche Sanzio, und Titian hieß der Farbenkönig von Cadore. Dem bekannten Namen Correggio ging er aus dem Wege; er sagte mein süßer Allegri. Schiller und Goethe blieben ein- für allemal das Weimarer Dioskurenpaar. Goethe allein hieß der Zeus der modernen Poesie, oder auch der Weimarer Olympier. Ich will schwarz werden, wenn er je den Namen Beethoven aussprach; er sagte der Symphonien-Titan. Wie oft wäre ich gerne eingeschlafen, während er salbungsvolle Sermone hielt über »die humane Idee« oder »die sittliche Weihe« der Ehe!«

»Was in irgend einer Weise gut war, das war ihm unsterblich. Unsterblich selbst aber genügte ihm nicht, dafür sagte er »ewig«. Z. B. die Jo in Berlin – ewig! Jacob und Rahel in Dresden – ewig! Der Zinsgroschen in Wien – ewig! Oder ich fragte ihn, kann man heutzutag noch die Messiade lesen? Ewig! Oder Tiedge's Urania? Ewig!«

»Mein eigener Name – aber das brauche ich nicht erst zu sagen – gefiel ihm nur in der italienischen Aussprache; Franka, sagte er. Aber wie gothisch klingt das, wie steinern! Franka, das ist eine steife Rococodame in Bauschen und Schlepp. Dagegen Franche, wie hüpft und lacht das! Wie leicht und naiv ist es! Was sag ich, wie menschlich! Umsonst, ich blieb die gravitätische Franka.«

»Ein grimmiges Gesicht schnitt er, wenn man ihn fragte: Wie gefällt Dir das? Man mußte sagen: Wie berührt Dich das; wie wirkt das auf Dich? Ein Freund, der ihn besuchte, kam einst bös an, weil er ihn fragte: Was arbeitest Du? Er zankte ihn lange und sehr unartig aus. Was schaffst Du? hätte er sagen sollen.«

»Wie mir zu Muthe war, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich dachte immer, es soll noch kommen. Er wird doch auch einfach sein können. Vergebens! Kein Zug von Natur war an ihm. Nicht was ein Sperling in seinem Schnäblein forttragen könnte! Phrase, Phrase ohne Aufhören! La phrase sans mort!«

»Glauben Sie mirs auf mein Wort, ein solcher Mann ist unausstehlich. Wenn ein Soldat von der Parade kommt, so fühlt er sich erst als Mensch, daß er jetzt abschnallen und ausknöpfen kann. Aber man verzweifelt über eine Puppe, die Tag und Nacht auf der Parade steht.«

»Da geschah es eines Tags, er wusch sich wieder ein Farbentüpfchen von der Hand. Das ist der Fluch bei unserer göttlichen Kunst, sagte er, diese ewige Verunreinigung mit der rohen Materie. Er trocknete sich die Hand ab, besah sie um und um, und setzte hinzu: Wenn es auf mich ankäme, ich möchte die Hand immer blanchirt haben, wie ein Hofpianist.«

»Bei diesen Worten stieß ich einen Schrei aus. Was hast Du, Weib meines Herzens? Nichts! Ein Stich – es ist vorbei. Ich machte mich los, setzte mich auf mein Zimmer und weinte.«

»Ich will Ihnen sagen, was es war.«

»Als ich von Mailand nach Innsbruck fuhr, hatten wir ein paar Stunden lang einen sonderbaren Mitpassagier. Es war ein eleganter Tourist, blaß, schwarz, melancholisch, oder wenigstens schläfrig, welcher sich viel mit seinen Händen unterhielt. Er hatte eine schmale längliche Hand, bleich wie Alabaster und soignirt wie ein Modell. Jede Minute sah er sie an. Bald die rechte, bald die linke. Bald schabte und polirte er mit einer Nagelfeile an den Nägeln herum, bald kneipte er mit einer Zwickscheere an den Nagelwurzeln. Wenn ihm nichts mehr einfiel, so frottirte er sie, und preßte und knetete sie in die Länge. Dann brachte er sie wieder vor's Auge und sah sie mit einem langen schwärmerischen Blicke an.«

Er fiel der Gesellschaft auf. Man lächelte und winkte sich zu.

»Mein Nachbar, – ein Münchner Advocat, wie ich hörte und ein witziger Schriftsteller, – flüsterte mir zu: Der Kerl ist entweder ein Claviervirtuos oder ein Aff.«

»Der Elegant stieg bald darauf aus. Personen wechselten – die Zeit verging – und ich habe ein schlechtes Physiognomien-Gedächtniß.«

»Ich Unglückliche!«

»In jenem Augenblicke, als Sonin seine Hand wusch und das Wort Hofpianist aussprach, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ein Stich ging mir durchs Herz. Ich erkannte den Passagier, der entweder ein Claviervirtuos oder ein Aff war.«

»Und das war jetzt mein Mann!«

»Doch nein, er war es nicht,« fuhr Franche in einem veränderten Tone fort. »Denn der Mann, für den ich lebe und sterbe, der Mann, aus dessen Rippe ich geschaffen bin, kurz mein Mann, er war schon unterwegs. Bald sollte ich ihn kennen lernen.«

»Eines Abends sagte mir Sonin: Theuerste Seele, besorge morgen ein opulentes Mahl. Ich erwarte einen akademischen Freund von mir, den Architecten Lorenne. Er kommt aus dem Etschlande zurück, wo er eine Villa gebaut hat. Ich hoffe, er wird an den Penaten unseres Hauses niedersitzen.«

»Mit diesen Worten war mir das Oberhaupt meines Lebens angekündigt.«

»Indeß consumirten wir unser opulentes Mahl noch allein. Erst zum Kaffee setzte sich der erwartete Gast an den Penaten unseres Hauses nieder.«

»Lorenne trat ein.«

»Es war ein stattlicher Mann.«

»Nichts konnte bedeutender sein, als sein Kopf. Sein Kopf war jenes schöne plastische Quadrat, welches dem Sensorium nach allen Seiten hin Raum bietet. Es war der Napoleons-Kopf. Ein Ernst bis in die Region der Größe und eine zarte, fast spielende Milde lag darin. Es war das ausgebildetste Organ der edelsten Kräfte.«

»Sein Auge schaute um sich, – mit einer Herrschaft, wie soll ich Ihnen das beschreiben? Es war ein voller ruhiger Strom von Geist. Man sah, Alles was die Welt in dieses Auge hineinwirft, das gibt er ihr durchdacht und verschönert wieder zurück. Seine Stirne war wie ein Spiegel von Majestät und Heiterkeit. Was für ein prächtiges Gewölbe war diese Stirn! Man konnte sie nur mit Ehrfurcht anschauen. Sie hatte den Wald des Haares, wie es das reifere Mannesalter pflegt, ein wenig zurückgedrängt, aber es stand ihm nur umso wohler. Es sind ja immer die edleren Köpfe, die von der Stirne hinauf sich enthaaren, als vom Scheitel herab.«

»Er mochte nahe an Vierzig sein.«

»Seine Taille war nicht mehr jugendlich schlank, man durfte ihr eher eine bescheidene Prälatencontur zuschreiben. Doch störte es entfernt nicht das Ebenmaß seines Körpers; er hatte eine stattliche Mittelgröße.«

»Seine Hände und Handwurzeln schienen mir etwas zu kurz. Er hätte schwerlich Hofpianist sein können, wie Sonin; er hätte sich schon begnügen müssen, blos der König des Hofes zu sein.«

»Sie würden aber irren, wenn Sie dächten, so eminent wie er eintrat, war ich auch gleich verliebt in ihn. Das kann ich nicht sagen, und ich sage Ihnen Alles; ich halte es ja für meinem höchsten Ruhm, diesen Mann zu lieben.«

»Wir brauchen kaum zu bemerken, daß die junge Frau ihre Rede an die Hausfrau richtete.«

»Aber das ist wahr«, fuhr sie fort, »als ich hörte, daß die zwei Männer sich Du und Du anredeten, kam mir Sonin um einen Kopf größer vor.«

»Lorenne sah mich an – ich darf mir nicht schmeicheln – schon mit dem Herzen. Es war ein prüfender Blick. Wie man eben die Frau eines Jugendfreundes ansieht, den man verheirathet findet.«

»Madame sind Italienerin? sagte er. Ich liebe die Italiener; es sind die geschicktesten Hände beim Steinbau.«

»Das war sein erstes Wort. Nicht eben ein Compliment, – denn was geht mich der Steinbau an? – aber ich fühlte doch, daß er mir etwas Schönes sagte; mir, in meinen Landsleuten. Ich sah ihn gleich in seiner ganzen Natur. Er lobte das Nützliche, das Brauchbare, das Zweckmäßige; wenn Sie wollen, das scheinbar Nüchterne und Trockene, und das ganze Geheimniß war, daß er es verschönerte durch das Gefühl, das er dafür hatte. Er gab den Dingen ihr Recht, hielt ihnen Treue, setzte jedes an seinen Platz. Das war Alles. Denk ich seiner Art nach, so war der Grund von dem, was bei ihm Schönheit war, immer die Ordnung. Bei Sonin war es immer die Phrase, das heißt die Unordnung, das Durcheinanderwerfen und Fälschen. Weil er keine Fähigkeit hatte für das Einfache und für einen kleinen ehrlichen Werth, so übertrieb und vergrößerte er Alles und idealisirte immer durch Zerrbilder.«

»Lorenne erzählte hierauf vom Etschlande. Er beschrieb den Boden, daß ich ihn mit Augen sah. Man sah, wie der Fluß sich sein Thal bildete, und das Thal auf den Fluß zurückwirkte. Er zergliederte die Structur des Gebirges, als ob er es selbst gebaut hätte. Man sah die Natur arbeiten, wie in einer Werkstätte. Zuletzt ließ er auch Städte und Dörfer entstehen und schilderte die Bewohner des Landes. Von dem Zusammenleben der Deutschen und Wälschen und von der Unfähigkeit der Regierung, die Racen in ihrem eigenen Geiste zu behandeln, erzählte er die merkwürdigsten Beispiele. Ich war in Mailand unter ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen und kannte den Gegenstand au fond. Aber da sah ich erst, was für ein Unterschied zwischen kennen und kennen ist. Hier war ich so recht im Stande zu beurtheilen, was Schärfe der Beobachtung, Zusammenhang der Gedanken und Kunst des Ausdrucks heißt. Er sprach nichts, was mir nicht wahr schien und nichts, – was ich selbst so hätte sagen können.«

»Drei Viertelstunden sprach er so wie eine Minute. Dabei bediente er sich keinen Augenblick der Stuhllehne, ja, er veränderte nicht einmal die Haltung des Körpers. Bedenken Sie, was für eine Muskelkraft dazu gehört! Versuchen Sie das nur zehn Minuten lang! Glauben Sie, ein Mensch, der leicht und ungezwungen, aber ohne zu wechseln, fast eine Stunde auf seinem Platze sitzen kann, das ist ein Athlet! Sie lächeln, als ob ich nun doch verliebt gewesen wäre, um auf solche Details zu achten. Aber wir Frauen haben nun einmal Das. Wir können Vieles zugleich beobachten, das Größte wie das Kleinste.«

»Es war mir aufgefallen, daß er keinen Trauring trug. Als er fort war, fragte ich Sonin: Ist Lorenne verheirathet?«

»Nein, war die Antwort; er hat nie zu Hymens Fahne geschworen.«

»Wie kommt das? fragte ich.«

»Das ist eine mysteriöse Geschichte, sagte Sonin. Lorenne selbst spricht nicht davon. Eine unglückliche Jugendliebe ist daran Schuld, nämlich eine vornehme, hocharistokratische. Man spricht von einer Herzogin; es war ein leidenschaftliches, sturm- und drangvolles Verhältniß, das aber doch zuletzt, wie begreiflich, mit einem Verzichte beider Parteien endigte. Das ist Alles was man weiß. Lorenne warf sich auf seine Kunst, er machte Reisen und eine Stahlnatur, wie er ist, überwand er sein Fatum. Aber mit der Weiblichkeit ging er nie mehr einen Bund ein. Es scheint ihm keine mehr genügt zu haben. Lorenne ist ein vielfordernder anspruchsvoller Charakter!«

»Das traute ich ihm zu! Aber ich begriff immer weniger, wie dieser Mann mit dem meinigen auf Du und Du sein konnte.«

Franche führte ihr Kelchglas an die Lippen und sagte dabei: »Ist das nicht schon das dritte Glas, das ich trinke? Um Gotteswillen, denken Sie ja nicht, ich trinke immer so viel. Ich trinke wirklich nur Wasser; auf Ehre! Aber ich bin ein wenig erschöpft; es ist wahr!«

»Das Erzählen strengt dich vielleicht an,« sagte Hermosa, aber Franche rief sofort: »Au contraire, das animirt mich. Mir wäre längst schon übel, wenn ich nicht von Lorenne zu erzählen hätte. Er soll leben!« toastete sie mit dem glücklichen Wurf einer Naivität, welche unfehlbar in der Grazie ist.

»Er soll leben!« rief Fend und die ganze Tischgesellschaft rief es mit. Der Fender stieß mit Franche und den Bürgern aus Reute an; Sallek mit Franche, dem Actuar und Hermosen; – kurz, es war ein Zusammenklingen, in welchem das subtile Einanderausweichen gar nicht bemerkt wurde. Wer noch vor Kurzem dieses Haus vom allgemeinen Aufstand gegeneinander widerhallen gehört und jetzt dieses einträchtige Gläserklingen hörte, der hätte wirklich sagen können: da muß eine Fee eingekehrt sein, die diesen Zauber bewirkt hat.



Vierzehntes Capitel.

Franche mußte selbst die Wirkung empfinden, womit ihre Anmuth diesen Kreis belebte, denn mit angefrischter, lusterhöhter Stimmung fuhr sie in ihrer Erzählung fort: »Bei meinem Champagnertrinken fällt mir eine Bemerkung meiner Mutter ein. Sie schrieb mir einst wirklich, ob ich das Künstlerkneipen jetzt mitmache; sie finde eine »Verve« in meinen Briefen, die ihr ein ganz neuer Ton darin scheine. Ach, sie wußte nicht, was mich begeisterte; wie gern hätte ich es ihr gesagt!«

»Lorenne kam nun öfter in unser Haus. Er half meinem Manne bei seinen Arbeiten: er legte ihm z. B. die Architecturen auf den Perlen der Vorzeit an. Ich war gewöhnlich die Dritte ihrer Gesellschaft; mein kleines Hauswesen zog mich ja nicht viel ab.«

»Lorenne sprach wenig bei der Arbeit, aber er sprach immer sachgemäß. Drei Worte von ihm trafen den Gegenstand besser, als hunderte von Sonin. Wie oft, wenn ich Sonin über die Schönheit und den Werth von Kunstsachen befragt hatte, gesticulirte er mit den Händen durch die Haare und sagte nur immer: Ach, wenn es dir nicht Herz zum Herzen spricht . . . und überschüttete mich mit Exclamationen, welche Alle betheuerten, das Ding sei großartig, himmelanstrebend, ewig; ohne daß ich je wußte, warum? Aber just dieses Warum wußte Lorenne zu erklären. Erst wo auch seine Worte aufhörten, wußte man sich an der Grenze des Möglichen.«

»So weit ein Ding zu nennen war, nannte es Lorenne und kein Mensch nannte es besser. Dagegen hatte er die heiligste Scheu vor dem Unaussprechlichen. An solchen Punkten brach er ab und sagte: Das müssen wir schweigend verehren. Er hatte dabei einen Ausdruck von Simplicität, der ihm fast mädchenhaft ließ.«

»Aber recht im Unaussprechlichen oder vielmehr Allgemeinen gefiel sich Sonin. Er klirrte dann mit einem Schwall von hochtrabenden Redensarten wie mit einem Sack voll Kieselsteinen umher. Ein junger Mensch fragte ihn einst über die Kunstrichtung, die er ihm einzuschlagen rathe. Mir kam die Frage wunderlich vor, aber Sonin explicirte sich mit bereitwilligster Breite darüber. Er sprach zu seinem eigenen größten Vergnügen von Antik und Modern, Romantisch und Classich, Hellenisten und Nazarenern, Realismus und Idealismus, von München, Berlin Düsseldorf und Brüssel – was weiß ich! Es wollte kein Ende nehmen. Lorenne, der eine Weile zugehört hatte, griff endlich nach Hut und Stock. Da hatte Sonin doch so viel Tact, daß er dem Knaben sagte: Aber wollen Sie die Quintessenz eines guten Rathes, so empfehle ich Ihnen hier den Herrn Baudirector Lorenne. Ich? sagte Lorenne mit seiner unschuldigsten Miene. Nicht doch, ich rathe nie Jemanden, ob er eine Adlernase oder eine Stumpfnase tragen soll. Sonin blickte verlegen – er war noch ganz erhitzt von seinen geistreichen Redensarten.«

»Das Geistreiche haßte Lorenne. Ich hatte die Unvorsichtigkeit – es war freilich noch am Anfange – und fragte ihn einst: Wie gefällt Ihnen der Satz: Architektur ist gefrorene Musik? Ist das ein Satz? fragte er staunend. – Mein Buch hat ihn mir als geistreich aufgebunden. – O, die geistreichen Sätze! lächelte er. Und später definirte er so: Geistreiche Sätze sind die Verbindung des Erhabenen mit dem Dummen. Sie gehen gern ins Allgemeine und womöglich mit einer schwunghaften, bildlichen Wendung. Das sieht freilich erhaben aus; weil aber die Dinge nur Geist und Leben haben im Besonderen, so kommt es mir zugleich dumm vor.«

»In einem anderen Sinne sprach er einst zu einem Ordenspriester über das Geistreiche ab. Es sollte irgend eine ruinöse Kirche, ich weiß nicht mehr welche, mit wenig Zweck und großen Kosten ausgebaut werden. Lorenne fand ihn eines Tages im Atelier, wo der Mönch mit vielem Seufzen über die Kargheit der Beiträge lamentirte. Er klagte über den schnöden Materialismus der Zeiten, über die sinnliche Genußsucht der Massen und wie sie ihren Mammon dem Teufel des Fleisches opferten, den Geist aber darben ließen. Er pries das gottbegeisterte Mittelalter, welches die Dome gebaut, die heute verfallen, und vermaß sich hoch und theuer, es müsse wieder so werden, man müsse die üppige Weltlust des Volkes brechen und diese Hochzeiten, diese Kiltgänge, dieses Jodeln und Zietherspielen mit Stiel und Stumpf unnachsichtlich ausrotten. – Aber Hochwürdigster, wie wollen Sie dann Ihre Dome ausbauen?« fragte Lorenne unbefangen. »Sie wissen doch, daß Sinnlichkeit und Geistigkeit das Nämliche ist und daß mit dem Einen genau so empfindlich das Andere verletzt wird? Sie wissen doch, daß im »gottbegeisterten« Mittelalter ein Kaiser Max sich öffentlich als Protector der »lichten Fräulein« betragen durfte und daß ein Bischof an offener Tafel sich glückwünschen konnte, daß ihm seine zwei Aebtissinnen soeben den süßen Vaternamen verschafft? Sie wissen doch, daß im gottbegeisterten Mittelalter eine sinnliche Kraft und Freiheit herrschte, welche in gleicher Proportion stand – mit dem Straßburger Münster! Was wollen Sie auch? Ist denn ein Dom nicht selbst eine kolossal sinnliche Erscheinung? Solche Häuser bauen und bezahlen nicht Menschen, welche abgehaust sind an ihrer irdischen Weltfreude. Bei Gott nicht! Eine starke und thätige Sinnlichkeit ist die Mutter alles Guten. Verlassen Sie sich auf das, was Sie Geist nennen, nicht allzu einseitig. Geistreich nannte das Mittelalter den Zustand der Schwärmer und der Besessenen; unser heutiges geistreich hieß damals sinnreich. Führen Sie sich das wohl zu Gemüthe, Herr Prior.«

»Wenn Sonin je so gesprochen hätte! Lorenne durfte nur den Mund öffnen und man hörte ein Wort, an das man sich halten konnte. So gingen wir eines Abends aus dem Theater nach Hause. Sonin tadelte – nicht das Verhältniß von Egmont und Clärchen, das that er nur bei den Excellenzen; bei uns mußte er doch liberaler sein – er tadelte was Anderes. An diesem Egmont hat es mich immer verletzt, daß er die Heldin so gar nicht über die Region der gemeinen Sorgen erhebt. Der vornehme Liebhaber läßt sie am schwindelnden Abgrund der Armuth, er thut nichts, ihr Los sicher zu stellen. Die Mutter bangt für die Zukunft, Brakenburg wäre ihr größtentheils der Versorgung wegen willkommen, ja wir hören sie sogar sagen, »es wird schmal genug hergehen,« als sie das Abendessen bereitet. So grinst uns durchgängig hohläugige Gespenst des Mangels entgegen. Das ist kein nobler Zug im Egmont. Wie eine Wolke von Goldregen, wie eine segenspendende Gottheit müßte er das Weib seiner Liebe überschatten. Als er das gesagt hatte, hielt er effectvoll inne. Er schien Lorenne's Beifall zu erwarten. Lorenne sah mir unter die Augen und sagte mit seiner goldenen Ruhe: Wünschten Sie auch, daß Clärchen's Liebe mit Geld und Geldeswerth zu thun hätte? Ich kann nicht sagen, wie mich das traf, denn diese zwei Männer an der Seite, fühlt' ich jetzt deutlich, daß mich der Eine nur zur Gemeinheit verführen konnte und daß meine Bildung in den Händen des Anderen lag. Fast hätte Sonin mich selbst bethört mit seinen »hohläugigen Gespenst« und seiner »segenspendenden Gottheit«, hätte nicht Lorenne das Katzengold dieser Phrasen verworfen und sein echtes dafür gegeben. Jener dachte hochtönend, aber niedrig, dieser schlicht aber edel; das blieb für immer der Unterschied dieser Männer.«

Solcher Züge erzählte Franche noch viele. Aber Erzählungen, die durch den Reiz der Persönlichkeit belebt werden, verlieren ihr bestes Blut im Vortrag durch die Buchstabenschrift. Eine Stahlfeder ist kein weicher blühender Mund und ihre Sprache nicht der seelenvolle Hauch einer jugendlichen Frauenstimme, aufperlend aus dem unmittelbaren Quell der menschlichen Rede, aus einer zarten wogenden Brust, und in tausend süßen Modulationen dem Ohre schmeichelnd und die Herzen bewegend.

Franche gewann den Muth, oder vielmehr die glückliche Selbstvergessenheit von dem Manne, den sie anbetete, Alles zu erzählen, was ihr einfiel, weil sie den Genuß ihrer Zuhörer mit Augen sah, weil sie sah, wie Alles gefesselt saß, und die Musik ihrer Stimme, den Duft ihrer Blicke, die naive Grazie ihrer Geberden wonnevoll einsog. In dieser angenehmen Situation sehen wir unsere Leser nicht vor uns. Wir bedauern es innig, aber wir würden eine mehr als schriftstellerische Schwäche verrathen, entginge uns dieser Unterschied.

Sogar die anmuthige Erzählerin genügte sich nicht, sondern unterbrach sich plötzlich mit einem Einwand von Selbstkritik. »Ach, aber das ist ja nichts! Was plaudere ich da? Das sind kaum seine Rockknöpfe, nicht einmal der Rock, viel weniger der Mensch. Was machen Sie aus so abgerissenen Gedanken? Gibt es Ihnen wirklich eine Vorstellung? Mir kommt es vor, als ob man Palmblätter abrisse, um die Herrlichkeit der Palme daran zu beweisen. Wo bleibt der Wuchs? Wo bleiben die Datteln? Ach, es gibt keinen Mann, wie ihn auf der Welt«!

»Es freute mich, daß er mich einst fragte, wie ich mit Sonin bekannt geworden. Dieselbe Frage hatte ich schon längst gegen ihn auf dem Herzen. Nun bekam ich Gelegenheit dazu. Ich erzählte ihm meine Bekanntschaft mit Sonin, – was war daran viel zu erzählen? Ich machte es kurz, ich hätte bald weinen mögen. Er sah mich an – mit einem zärtlichen Mitleid. Sein Auge konnte er nicht beherrschen; seine Zunge beherrschte er gut. Nicht die leiseste Kritik hatte er bisher über Sonin ausgesprochen. Als fühlte er, der bloße Contrast sei schon Kritik«.

»Ich gab ihm hierauf seine Frage zurück. Er sagte: Wir duzten uns – ich glaube, es war vor fünfzehn Jahren bei einem Smollis in der Künstlerkneipe, Er war damals ein grasgrünes Füchslein und ich ein Brausewind nur um weniges älter. Gott habe sie selig, diese Zeiten«!

»Er sagte das mit einem Tone, – es schnitt mir durchs Herz! Es war ein Ton der glücklichsten Unabhängigkeit. Wir sind d'rüber hinaus, nun siehe du zu! Mir war recht weh. Ich war beleidigt und zwar aufs bitterste, denn ich war es so absichtslos! so selbstverständlich! Hätte er für Sonin nur eine Sylbe von Anerkennung haben können«!

»Aber freilich, daran war nicht zu denken. Das Gegentheil! Ich bin ein Weib und verstehe nichts von der Kunst. Ich sah wohl, Lorenne war ihm als Künstler überlegen, wie als Mensch. Aber wie weit dieser Unterschied ging, wie tief Sonin unter ihm stand, davon hatte ich keine Ahnung. Eines Tags sollt' ich es zu meinem Schrecken erfahren«.

»Ich flickte im Atelier den Gliedermann aus. Der Gliedermann stand hinter – manchmal manquirt mir noch immer ein deutsches Wort. Ich bitte, wie heißt paravent?«

»Eine spanische Wand«, antwortete Hermosa und Frau Ottilie.

»Sehr wohl; danke. Also der Gliedermann stand hinter der spanischen Wand und ich kam dadurch auch hinter dieser zu sitzen. Auf einmal geht die Thüre auf, und Sonin und Lorenne brausen herein. Sie wechselten heftige Worte«.

»Das ist Exaltation«, sagte Sonin, »du übertreibst furchtbar«.

»Mensch! rief Lorenne mit einer Donnerstimme, habe erst einen Namen, und dann fühle, was es heißt, einen, Namen mißbrauchen! Das ist das Schlechte an deinem Streich, er ist ein Bündel von Schlechtigkeiten. Du usurpirst meine Empfehlung, und das ist diebisch. Einen Namen stehlen, heißt Credit stehlen, und Credit ist nicht ein Gut, sondern ein Inbegriff von Gütern. Du usurpirst meine Empfehlung und das ist undankbar. Ich habe dich so oft und freiwillig empfohlen, daß dieser Betrug hinter meinem Rücken doppelt und zehnfach schändlich wird. Du usurpirst meine Empfehlung und das ist feige. Es verräth dein eigenes schlechtes Bewußtsein, das dir diesmal den Muth nahm, meine Empfehlung wie ein ehrlicher Mann nachzusuchen. Du wußtest wohl, was du thatest, du hast nicht einmal den Entschuldigungsgrund der Einfalt für dich. Und doch beweist es eine Einfalt, die nicht zu fassen ist, wenn du dir einbilden konntest, der Herzog, einer der feinsten Kunstkenner Italiens, würde sich deine Entwürfe aufschwatzen lassen, auf die handgreifliche Lüge meiner Empfehlung hin. Da, da, lies! Lies selbst, was mir der Herzog schreibt. Ein Mensch, welcher nicht zeichnen gelernt hat, dafür aber den Reiz der Farbe verschmäht, will so gütig sein, meine Loggien auszumalen. Er schickt mir eine Mappe voll Farbenskizzen, und gleich die erste ist – ein Ueberraschung. Ein Himmelfahrt Mariä: links der weibliche Himmel, rechts der männliche. Fleischlose Glieder, verdrehte Augen, kurz die Schablone der Neo-Katholiken. In der Mitte die Madonna, die freilich schön ist, so schön, daß ich das Original zu den Perlen – meiner eigenen Galerie zähle. Der unbekannte Freund hat den bekannten Kupferstich abgeschrieben, aber es ist doch stark, daß der Mann, welcher, wie man sieht, mit classischen Kunststudien seine Zeit nicht verdirbt, nicht einmal Bücher in die Hand nimmt, wie Försters Italien, welche in Jedermanns Hand sind. Er hätte sonst gewußt, wo sich das Original seines Plagiats befindet, nämlich bei mir selbst. Und so gehts fort in dem Briefe!«

»Ja, so gings fort«, sagte Franche. »Ich war halb todt. Ich hätte sollen ein Geräusch machen, zum Zeichen, daß Zeugen da sind, – ich weiß es wohl. Aber das Unwetter war so schnell gekommen, ich verlor alle Besinnung darüber. Und dann war's zu spät. So mußt' ich sitzen und hören. Was habe ich hören müssen! Lorenne bebte vor Zorn. Wär' ein Clavier im Zimmer gestanden, die Saiten hätten geklungen. Es ist schauerlich, wenn eine so starke Natur in ihrem Innersten stürmt. Wie wenn ein Zeus die Welt erschüttert. Er hatte gar kein Organ für's Gemeine, es setzte ihn ganz außer Fassung. Um diese Machwerke zu protegiren, rief er, müßte ich ein Dummkopf oder ein Elender sein, der seine Protection verkauft. Der Herzog kennt mich besser und durchschaut Deinen Betrug. Das ist ein Glück für mich aber kein mildernder Umstand für Dich. Dein Bubenstreich konnte mir eines der schönsten Lebensverhältnisse stören«.

»Sonin machte noch allerlei Ausflüchte, aber wie vernichtend waren Lorenne's Repartien! Das Schlimmste ist,« sagte Sonin, »daß mir die Kunstbildung des Herzogs unbekannt war. Wer sollte in diesen Kreisen Kunstbildung erwarten! Er konnte ein Idiot sein, wie so viele seiner Standesgenossen, und diese Menschen werden wohl noch anders mistificirt. Aber Lorenne antwortete: Das klingt ja schön! Die Idioten seiner Standesgenossen! Dürften das Deine Excellenzen hören? So seid Ihr Nazarener: unehrlich an Einem Punkte, unehrlich überall! – Du glaubst nicht, was eine Haushaltung kostet, stotterte Sonin; früher wäre ich vielleicht auch wählerischer gewesen in meinen Hilfsmitteln. – Nun, dann Gnade Gott dieser Unglücklichen, rief Lorenne. Wenn Du das kleine anspruchslose Frauchen schon nicht erhalten kannst, wie willst Du eine Stube voll Schreihälse ernähren? Da mußt Du ja wenigstens den Galgen riskiren. O ihr Familienväter! Wenn ich die Summe von Schlechtigkeit addire, welche sich entschuldigen will, »weil der Mann Familie hat«, so schaudert mir vor dieser Criminastatistik und mit Ekel höre ich dann die Phrase, welche die Familie noch für »die sittliche Grundlage des Staates« ausschreit«.

»Hei, wie das blitzte! Schlag auf Schlag!«

»Endlich gingen sie wieder. Ich war erlöst.«

»Wie soll ich Ihnen meinen Zustand beschreiben! Ich weinte nicht. Ich weinte nicht wie damals, als ich die Entdeckung machte, das mein Mann entweder ein Claviervirtuos oder ein Affe war. Heute war er ein Pfuscher und ein Betrüger! Ich weinte nicht. Mein Blut war gefroren, meine Augen starr, und meine Lage fremdete mich dergestalt an, daß sie nicht mehr die meinige war. Ich hatte in diesem Augenblicke kein anderes Gefühl als: fort von diesem Manne! Du bist nicht die Rippe seines Leibes; Du hast keine Pflicht, die Schande dieser Ehe zu ertragen!«



Fünfzehntes Capitel.

Ein zustimmendes Nicken der Zuhörer begleitete diese Worte der jungen Frau.

Franche fuhr fort: »An demselben Abend ließ Sonin Punsch machen, und bat Freunde zu Gaste. Er forcirte sich, sein durchbohrendes Gefühl zu vergessen. Aber es gelang nicht. Er verfiel immer wieder in sein Brüten und Hinstarren. Einer fragte ihn darüber, da antwortete Sonin: Ach, der Weg zur Unsterblichkeit ist mit Dornen bepflanzt. Glaubt mir, ich werde sehr verkannt.«

»Ei was, radotirte ein Zweiter, trink ihn aus den Trank der Labe und vergiß den großen Schmerz! – Ja, rief Sonin, schenke uns ein, theures Weib; schenke dem Künstler, Hebe, nur ein!«

»Es war grausig, sage ich Ihnen. Und in diesem Hause sollte ich eine liebenswürdige Hausfrau sein!«

»Heiliger Lorenne! dachte ich, als sich die angetrunkenen Nullen endlich hinweg begeben hatten. Ich weiß nicht, wie es kam, ich mußte die ganze Nacht daran denken, was für ein Weib wohl jene Herzogin gewesen sei, die seine Jugendgeliebte war.«

»Wie viel mir der Mann galt, merkte ich jetzt erst, wo ich fürchten mußte ihn zu verlieren. Ich weinte, daß er nach dem heutigen Auftritte wohl selten, vielleicht gar nicht mehr kommen würde.«

»Tags darauf kam er wirklich – aber Sonin war nicht zu Hause.«

»Mir schlug das Herz. Ob er weiß, daß Sonin nicht zu Hause ist, ob er vielleicht gar darauf reflectirt hat?«

»Er ging im Atelier auf und ab. Wir sprachen von allerlei, – dazwischen blieb er hie und da stehen und betrachtete was. So rollte er auch ein Blatt auf, aber ich nahm es ihm schnell aus der Hand und sagte übereilt: Nein, das dürfen Sie nicht sehen, das ist zu schlecht! – Wirklich? rief er schalkhaft. O, dann bitte ich recht sehr darum. Kunstkritik aus Frauenmund hat mich immer interessirt. Ich bin jetzt nur um so neugieriger. – Ich entrollte das Blatt und sagte: Nun, was sagen Sie zu dieser Marie, die gen Himmel fährt? Sie hat in ihrer aufwärts fliegenden Stellung die Beine stark an sich gezogen, dabei aber doch die Proportionen einer stehenden Figur. Streckte sie nun die Beine aus, ich glaube, sie könnte vom Parterre in den ersten Stock ohne Treppe gehen. – Er sah mich an. Madame, von wem haben Sie so sehen gelernt? – Vielleicht von Ihnen selbst, antwortete ich unbefangen. – Er schwieg dazu, dann fuhr er fort: Aber der Kopf ist doch schön, nicht wahr?«

»Als ob das eine Kunst wäre! fuhr ich heraus. Ein schöner Kopf kann ein Plagiat sein und zuletzt laufen Mädchen und Frauen auf allen Straßen mit hübschen Köpfen herum. Sein Krümchen aufzupicken ist jeder Sperling im Stande! – Lorenne drohte mit dem Finger. Madame, Sie sprechen von Ihrem Manne! – Sapperment, rief ich ungeduldig, und ich glaube, ich stampfte mit dem Fuße: ihr Herren der Schöpfung seid alle verschworen gegen uns. Ihr wißt recht gut, was Glasperlen sind, aber uns seht ihr an wie dumme Wilde, welche die Glasperlen für große Schätze halten sollen. – Lorenne sah mich mit Staunen an, ich dürfte vielleicht sagen, mit Hochachtung. Kurz, es war ein ganz neuer Blick, womit er mich ansah. Erwidert hat er nichts mehr und das dankte ich ihm: ich fühlte, wie weit ich gegangen und war verwirrt und verlegen. Bald darauf empfahl er sich. Er küßte mir die Hand und in seinem Blicke war etwas Schmeichelhaftes dabei, als wollte er sagen: Die kleine Frau muß man beachten; die habe ich erst heute kennen gelernt.«

»Wenn etwas reif werden soll, so ist's, als ob Alles dazu beitragen müßte und gar nichts mehr Zufall wäre, sondern nur noch Plan und Absicht des Schicksals. Ich kann meine rasche Zunge nicht zähmen. Entweder schweige ich leidend in mich hinein, oder ich sage Alles heraus, was mir durch den Kopf fährt. Das ist meine Natur so. Aber seit der Scene zwischen Lorenne und Sonin war ich noch ganz besonders agitirt. Es war mir immer, wie zum Zerspringen.«

»Lorenne und der Ordensprior waren wieder da, Sonin abwesend. Die Herren kamen über eine Zeitungsneuigkeit ins Gespräch: ein italienisches Nonnenkloster hatte soeben wieder ein Mädchen entführt. Das zündete natürlich den alten Streit über Klöster an, den Lorenne zuerst leicht und obenhin führte. Aber da ihm der Prior nicht einmal die mäßigsten Sätze zugab, so ging Lorenne ins Zeug und rückte sich vor allem Anderen dem Prior gegenüber ein Fauteuil zurecht, ungefähr wie ein Mensch, der sich mit vollem Appetit über ein schmackhaftes Gerücht hermacht. Dann fing er an.«

»Er sprach wie ein Gott. Ich habe nie so viel schalkhaften Humor, so viel leichten spielenden Witz, so viel graziöse aber solide und unbarmherzige Bosheit gesehen, als Lorenne jetzt zum Besten gab. Es war die niedliche Grausamkeit, wie die Katz mit der Maus spielt. Das Spiel freute ihn rein um des Spiels wegen, und vielleicht auch ein wenig um meinetwegen. Es kam mir vor, als führte er, wie ein Ritterspiel vor der Damentribüne, sein Witztournier zu meiner Unterhaltung auf und für den Preis meines Beifalls.«

»Leider war ich in einer ganz conträren Stimmung. Ich konnte die Schande Sonin's keinen Augenblick aus den Kopf bringen und mein Unglück, sein Weib zu sein. Ich wünschte, meinem Unglück zu entfliehen, und es ward mir schwarz vor den Augen, wenn ich nachdachte, wohin? In dieser Gemüthsverfassung hatte das Kloster eher einen Reiz als einen Schrecken für mich. Ich stand diesmal nicht auf Lorenne's Seite. Er blickte ein paarmal nach mir, schien sich über mich zu verwundern, mich zum Mitgespräch einzuladen. Da ich sah, daß ich nicht schweigen konnte, so sagte ich frank und frei: Ich kann die Klöster nicht hassen, Herr Lorenne. Mag es vor Gott und seinem Gewissen verantworten, wer sie mißbraucht, aber ein Kloster hat sein Gutes. Es ist die einzige Zuflucht für Seelen, denen die Welt zum Gram geworden und die das Sterben doch auch bitter finden. Das Kloster steht zwischen Welt und Tod in der Mitte und fängt barmherzig den Streich auf, den vielleicht manche Hand gegen sich selbst führte. Im Kloster können Sie der Welt den Rücken wenden und sehen doch noch die Sonne scheinen und einen Baum grünen. Was wollen Sie! Am Ende sprechen wir nur von Worten. Sagen Sie statt Kloster »maison de santé« und Sie werden sich aussöhnen, Sie werden sogar dankbar sein können für diese Anstalten. Gott, ja, das werden Sie! Sie sind ja nicht grausam! Jeder fühlende Mensch muß froh sein, daß es noch dieseits des Grabes ein letztes sicheres Asyl gibt für eine kranke Seele.«

»Damit bin ich nur halb zufrieden, sagte der Prior, der einer von denen war, die gar keine Raison annehmen. Die Kirche will fromme Seelen, nicht kranke Seelen, Madame.«

»Was! schrie ich auf, das müßte ja eine Kirche von Henkern sein! Kommt her zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid, hat er gesagt, nach dem Ihr Euch zu nennen wagt, – Gott verzeih' Euch die Sünde! Das paßt doch sicher mehr auf's Kranksein als auf's Frommsein. Krank! fromm! Welch' müßige Wortspiele! Wer fromm ist, der ist auch irgendwo krank, und wer krank ist, das glauben Sie mir, der wird bald mürb und fromm. Die Kirche will keine Kranken! Das soll ich hören müssen! Aber jene Kranken wird sie doch wollen, die sie selbst gemacht hat, ich meine, die unglücklich Verehelichten? Der Protestant heilt die Krankheit, er scheidet die Ehe. Bei uns ist die Krankheit unheilbar, wir haben keine Ehescheidung. Selbst die von Tisch und Bett hängt Ihr an so raffinirte Tracasserien, daß man sich lieber hundertmal von der Innbrücke stürzte als bis man Euch Euer unauflösliches Sacrament, – Gott verzeih' mir's, bald hätt' ich anders gesagt, – aus den verbissenen Zähnen reißt.«

»Als ich das so herausgewirbelt hatte, – in der Anstrengung, das Weinen zu unterdrücken, überstürzt' ich mich selbst, – da merkt ich zu spät, wie weit mich das blinde Gefühl mit fortgerissen. Ich hätte in die Erde sinken mögen! Nicht um den Prior war mir's, – was kümmerte mich der Prior? – aber Lorenne saß da! Er hatte während dieser ganzen Rede sein Auge auf mich geheftet, – ich kam mir vor wie nackt und bloß! Ich schämte mich zu Tod. Ich nahm einen Vorwand, lief in mein Zimmer und ließ mich nicht wieder sehen. Wann die Herren fortgegangen sind, weiß nicht. Es war zart von Lorenne, daß er mich für diesmal allein ließ.«

»Ich lag schon zu Bette, als Sonin nach Hause kam. Er hatte auswärts gekneipt und schien überhaupt jetzt en train, seine Seelenscham in Gesellschaft von Zechern zu vergessen.«

»Mir kam er sentimental, log mir Geschichten vor, wie ihm die Neider nach Ruhm und Brot strebten, und meinte, über solche Krisen helfe nur die verdoppelte Zärtlichkeit eines liebenden Weibes hinweg. Ich schauderte. Es war mir zum Aufschreien. Wenn ich nicht ihm oder mir Gift mischen sollte, so gab es nur eine Rettung. Ich freute mich jetzt über die Zeitungsnachricht von dem proselytensüchtigen Nonnenkloster in Italien, ich hielt sie für einen Wink des Himmels. Ich verstand italienisch, ich berechnete mir den Weg dahin, berechnete mir, wie viel ich mir in Geld zusammenmachen könne und war im Geiste schon fort. Sonin unterdessen parlirte von der »Mission des Weibes« und von der »sittlichen Idee der Ehe«, bis mich sein Einschlafen erlöste.«

»Des anderen Morgens war ich sehr gespannt, ob Lorenne wiederkommen würde, und überlegte mir, wie ich ihn empfangen sollte. Aber ich bin kein Held im Nachdenken. Was ich thue, muß mir der Augenblick eingeben.«

»Und so kam es auch. Zu seiner gewöhnlichen Stunde erschien Lorenne wirklich. Als er seine unbefangene Frage gethan hatte: Ist Sonin zu Hause? war ich auf einmal pikirt und antwortete recht schneidig: Nein, Herr Baudirector. Er sah mich verwundert an. Warum fragen Sie? fuhr ich fort. Sie wissen recht gut, daß er nie mehr zu Hause sein wird, wenn Sie kommen; daß er Ihnen aus dem Wege geht, daß er sich schämt vor Ihnen! Lorenne machte einen Augenblick ein nachdenkliches Gesicht, dann sagte er: Hat er selbst mit Ihnen gesprochen? Er wird sich hüten, antwortete ich und erzählte ihm die Geschichte von der spanischen Wand.«

»Ah, Madame, rief Lorenne, jetzt verstehe ich Ihre Verwandlung seit drei Tagen. Die Glasperlen, die Wilden, das Kloster, die maison de santé – Alles. Er legte Hut und Stock weg und hatte auf einmal rasche entschiedene Geberden. Hören Sie mich an, theuerste Frau, sagte er. Ich habe in meiner Jugend geliebt und die Leute sagen, unglücklich geliebt. Ich sage es nicht, denn die Liebe ist immer ein Glück. Aber ich habe unglücklich gemacht. Meine Geliebte war eine Herzogin und konnte nie mein sein. Ich hätte meine Liebe nicht zeigen, ihre Liebe nicht annehmen sollen. Als die bittere Stunde der Entsagung geschlagen, fand ich die Kraft in mir, zu bestehen, mich wieder herzustellen. Meine Geliebte hat sie nicht gefunden. Sie siechte einige Jahre und als sie abwelkend starb, ging ein trauriges – trauriges Gerücht! Seitdem hatte ich nie wieder ein Verhältniß zu Ihrem Geschlechte. Die Leute sagten, weil mich meine vornehme Liebe zu stolz, zu anspruchsvoll gemacht hatte; – als ob man weibliche Herzogskronen just auf dem Kopfe tragen müßte! Nein, ich liebte nicht mehr, weil ich gelernt hatte zu schonen. Das naive Herz-zu-Herzen-stürzen war dahin, denn ich wußte jetzt und schämte mich fast darüber: der Mann hält's aus, aber die Frau kann zu Grunde gehen. Auch aus Ihrem Hause hätte ich mich zurückgezogen, sobald ich die ersten Symptome wahrgenommen, daß mein Behagen darin – eine Ruhe kostet. Das ist jetzt anders gekommen. Das erste Symptom ist auch das letzte! Seit Sie den häßlichen Streich dieses Menschen kennen – sind sie Wittwe geworden! Eine tugendhafte Frau kann den geliebten Mann á distance lieben, aber sie kann den verachteten Mann – nicht dulden ohne distance! Und selbst wenn sie es könnte, und leider können Frauen mehr als unsere Philosophie sich träumen läßt, die Sterne am Himmel und die Korallen im Meere müßten Blut weinen über ihr Können! Und ein Mann wie ich müßte erst Leiche sein und pulverisirte Asche, die man aus Federspulen verblasen kann, wenn er es auf dieses Können ankommen ließe.«

»Als er das gesagt hatte,« fuhr Franche fort, »nahm er mich bei der Hand und redete mir auf's Liebreichste zu: Ja, mein Kind, auf diesem Parquetwürfel hier erkläre ich Dich zur Witwe und erlaube mir, um Dich zu werben. Nicht die Innbrücke soll Deine katholische Ehescheidung sein, wie Du gestern gesagt hast; laß uns über die Brücke hinüber gehen, auf die protestantische Seite hinüber. Ich bin schon protestantisch und Du kannst es werden. Wir gehen in die Schweiz. St. Gallen, meine Heimat, wünscht mich schon längst wieder an sich zu ziehen und der Bundesrath selbst hat mir den bleibenden Dienst des Vaterlandes glänzend und wiederholt anbieten lassen. Die Schweiz hat in Eisenbahn- und anderen Staatsbauten eine Reihe der wichtigsten Unternehmungen im Zuge. Wenn ich in meinem Berufe abwesend bin, so wird Dir meine alte gute Mutter eine liebe Gesellschafterin sein. Ich bin überzeugt, sie wird Dir gefallen und Du ihr. Sie weiß es Dir schon im Voraus Dank, daß Du ihrem ruhelosen Sohne das stätige Glück eines häuslichen Herdes gründen hilfst. Also bitte, theuerstes Weibchen, halte Dich reisefertig. Was mich betrifft, so will ich meine laufenden Geschäfte schleunigst zum Abschlusse bringen und den Rest nöthigenfalls von den Mitarbeitern meiner Kanzlei aufarbeiten lassen. Ich bin rasch und greife durch, wo ich mich einmal entschlossen habe. Es wird Alles auf Dich ankommen. Versprichst Du mir, liebe Braut, daß Du bereit sein willst, wenn ich eines Morgens hereintrete und rufe: Komm, folge mir?«

»Aber ich hing schon an seinem Halse und weinte und zitterte an ihm, wie ein Regentropfen auf einem Espenblatt!«



Sechszehntes Capitel.

Vierzehn Tage vergingen jetzt. Lorenne kam nicht mehr in unser Haus, sondern ich in das seinige.

»Nach vierzehn Tagen sagte er: Ich bin noch früher fertig geworden, als ich gerechnet hatte. Ich kann heute meine Kanzlei schließen und morgen können wir reisen.«

»Ich sah zu Boden.«

»Er sah mich fragend an.«

»Ich stotterte: Just heute Nacht ist Sonin unwohl geworden. Er hat stark gehustet, ein wenig gefiebert und der Kopf ist ihm heiß.«

»Eine Erkältung, sagte er; in diesem nassen Mai ist halb Innsbruck malade.«

»Ich hoffe auch, es bedeutet nichts. Aber bis es vorübergeht, willst Du mir nicht erlauben –«

»Was?«

»Frag' nicht so streng. Wir Frauen sind nun einmal geborene Krankenwärterinnen. Und ich warf mich in seine Arme.«

»Nun, so pfleg' Deinen lieben Kranken, sagte Lorenne.«

»Er ist nicht mein lieber Kranker, antwortete ich, aber er ist ein Kranker. Es wäre unedel von Dir, wenn Du auf Sonin eifersüchtig wärest.«

»Laß uns nicht streiten. Ich erlaube Dir dein barmherziges Schwesteramt. – Und wir gingen in Eintracht auseinander.«

»Aber ein paar Tage thaten es nicht. Das Wetter wurde immer nasser und stürmischer. Und unsere Wohnung liegt zwar schön, aber des Nordlichts wegen auf der schlechtesten Seite.«

»Sonin hörte auf zu husten, aber jetzt athmete er schwer. Bei jedem Athemzug gab es ihm einen Stich durch die linke Brust. Der Arzt blieb ruhig. Er auscultirte ein wenig, sagte aber sogleich: Seien Sie außer Sorge. Der linke Lungenflügel ist leicht entzündet, nichts weiter. Ich könnte Morphin geben, es muß aber von selbst aufhören. Zu seiner Erleichterung mag er etwa eine Flasche Mandelmilch mediciniren. Im Uebrigen eine gleichmäßige lauwarme Zimmertemperatur und so Gott will baldige Sonne, das ist der beste Arzt.«

»Und so war es auch.«

»Es bedeutete nichts, es sah nur sehr kläglich aus. Sonin stöhnte bei jedem Athemzug und um sich die Stiche zu ersparen, sparte er mit dem Athem. Es war ein Zustand, so recht zum Mitleid gemacht. Sein schmales, blasses Profil ist wie geschaffen zum Kranksein, es war unendlich languissant. Das Weiße im Auge war trüber, der Kopf heiß und fieberhaft, der Appetit fehlte gänzlich, und seine Hände – welch ein Anblick! sie waren gelb und runzelig und die Nägel schwarz! Diese feinen, verhätschelten Hände, der Stolz seines ganzen Menschen! Ich machte ihn aufmerksam auf dieses Negligée, er aber kauerte zusammen und seufzte verdrossen: Ach was! Er hatte keine einzige Phrase mehr. Er war ganz Naturmensch in seiner Krankheit. Ich war bestürzt darüber – und sehen Sie, an solchen Fäden zappeln nun unsere Herzen!«

»Lorenne saß in seiner Kanzlei wie ein Löwe in seinem Käfig. Acht Tage hatte er's stille ertragen, da sagte er am neunten: Nimm mir's nicht übel, mein Kind, ich habe eine neue Bestellung angenommen. Ich kann nun einmal nicht müßig gehen. Im Oberinnthal ist ein großer Baucomplex, der restaurirt werden soll. Ich untersuche ihn und arbeite mein technisches Gutachten aus. Ich habe es um so lieber übernommen, da uns die Station eigentlich unterwegs liegt. Ich gehe morgen dahin ab und werde nun nicht mehr nach Innsbruck zurückkehren. Sondern wenn Sonin sich erholt hat, so erwarte ich, daß Du nachkommst. Du bist mit der Eilpost in einem Tage bei mir und in einem zweiten sind wir in Graubündten. Also lebewohl – auf baldiges Wiedersehen, hoffe ich.«

»Lorenne ging. Aber während ihm die Baureparatur bestellt wurde, hatte Sonin von einem seiner Kirchenpatrone gleichzeitig die Bestellung einer lebensgroßen Cäcilie zu einem Altarblatt erhalten. Sei es nun, daß ihn diese Bestellung animirte, oder daß das prächtige Maienwetter, welches drei Tage nach Lorenne's Abreise tout á coup zum Durchbruch kam, die Innsbrucker Kranken gesund machte; genug, Sonin erholte sich so plötzlich, daß er an die Arbeit gehen konnte. Er bat mich, ihm zur Cäcilie Modell zu sitzen. Ich war erschrocken, hätte gern Nein gesagt, aber – ja, wenn wir Frauen standhaft sein könnten! Doch das ist weder Franche noch Franka.«

»Als ich ärgerlich und mit mir selbst unzufrieden auf meinem Thronhimmel saß, und die heiligen Gesichter der Cäcilia schnitt, dachte ich freilich: Es verschlägt nichts, Lorenne könnte ohnedies noch nicht fertig sein, ich würde warten müssen und meine Anwesenheit wäre zu nichts nütz, als höchstens nur Aufsehen zu machen und Unheil zu stiften. So beschönigte ich meine Schwäche vor mir.«

»Aber ein Tag um den andern verging, und die heilige Cäcilie rückte so langsam vor, wie ein Stundenzeiger. Ich hatte nicht den Muth, an Lorenne um Aufschub zu schreiben, denn so oft ich Abends zu Bette ging, bildete ich mir ein, ich würde morgen mich auf die Extrapost einschreiben lassen und fortfahren. Auf einmal – stand Lorenne selbst im Atelier. Unvermuthet, unangemeldet stand er da. Ich war so erschrocken, ich wäre bald von meinem Himmelsthron gefallen. Lorenne aber benahm sich mit vollkommenster Selbstbeherrschung. Er stellte sich an, von Sonins Krankheit gehört zu haben, und sich nach seinem Leben und Sterben umzusehen. Er unterhielt sich mit einer Unbefangenheit, als ob nichts passirt wäre. Ueber seine Cäcilie und das Modell derselben streifte er im Vorbeigehen mit einem Blicke hin, daß mir das Herzblut gefror.«

»Ich hielt die Sitzung kaum aus. Als ich fertig war, war es mein Erstes, daß ich in seine Wohnung flog, mich ihm zu Füßen warf und ihn beschwor, an meine Treue zu glauben.«

»Sein Antlitz erheiterte sich. Er schien wirklich an eine Sinnesänderung von mir geglaubt zu haben. Wenn es an dem ist, sagte er, so laß uns also abreisen.«

»Ehe die Cäcilia fertig ist? stotterte ich.«

»Die Cäcilia? Was hat mein Weib mit Sonin's Modellen zu schaffen?«

»Ich bitte Dich, theuerster Mann! Nur dies Eine Mal noch! Es ist die beste Bestellung, die er je erschnappt hatt. Er soll nicht sagen: ich – Du – wir haben ihm an seinem Ruhme geschadet. Er soll sich selbst überzeugen, daß er nichts kann, daß er großen Aufgaben gar nicht gewachsen ist. Er soll die Cäcilia bis zu Ende pfuschen und keine Ausrede haben. Lass' ihn diesen Becher bis auf die Hefe leeren!«

»Lorenne lächelte unbeschreiblich. Kleine, Du weißt mich zu fassen. Du bist eigentlich weiblich-mitleidig mit ihm, aber Du drückst es männlich-grausam aus; Du machst es mir mundgerecht.«

»Da lächelte ich auch, denn er traf es so ziemlich.«

»Nun wohl, so will ich Geduld haben, sagte Lorenne mit einer fast väterlichen Güte. Aber gib Acht, mein Kind. Du weißt nicht, was Du thust. Du wirst diesen – Künstler jetzt erst kennen lernen.«

»Ach, das war buchstäblich wahr! Sonin malte wirklich zum Aus-der-Haut-fahren. Nichts ist ennuyanter als den Menschen malen zu sehen. Hat er ein Tüpfchen aufgesetzt so groß wie ein Hirsekorn, so streicht er sich die Haare aus dem Gesichte, zieht die Augenbrauen in die Höhe, spannt die Nasenflügel und kokettirt mit dem Tüpfchen. Er thut drei Schritte rückwärts und beäugelt es aus der Ferne. Er schüttelt den Kopf und thut sechs Schritte rückwärts. Er schüttelt noch einmal den Kopf und thut zwei Schritte vorwärts. Er macht eine hohle Faust und guckt durch. Auf einmal nimmt er den Spatel, tritt hin und kratzt es herab. Nun setzt er ein neues Tüpfchen auf. Mit diesem treibt er dasselbe Spiel, wie mit dem vorigen. So tüpfelt er sich fort. Hat man das zwei Stunden mit angesehen, so brennt man vor Neugierde was für Wunderdinge nun entstanden seien. Man meint, es ist etwa der Strahl des Auges gemalt worden, ein Blitz, ein Funke, wo es sich um Leben und Seligkeit handelt. So steigt das geräderte, stocksteife Modell von seinem Marterstuhl herab, und was sieht es? Nichts! Da strahlt, da blitzt, da funkelt so wenig etwas, wie in einem Sack voll Asche. Es ist eine trübe, aschgraue Farbe, dünn und matt wie eine Wassersuppe. Der Herr Nazarener aber sagt: es ist eine keusche Farbe.«

»Das ist Verrätherei! rief Lorenne eines Tages. Entweder ist der Mensch noch ein ärgerer Pfuscher, als sogar ich wußte, oder er hat ein thierisches Vorgefühl unserer Absichten und hält Dich geflissentlich fest. Ich sage Dir's ernstlich, Franche, solche Zügel trag ich nicht lange. Im Nu werd' ich in St. Gallen sein, und Du findest meine Innsbrucker Wohnung leer.«

»Er war diesmal wirklich böse. Ich hatte Mühe, ihn zu beschwichtigen. Ich konnte gar keinen Grund angeben, warum ich mich auf's Fertigmachen so capricirte. Es muß ein eigener Dämon im Menschen stecken, der ihn zwingt, das langweiligste Buch zu Ende zu lesen, oder das schlechteste Theaterstück auszuhalten, oder mitten im Regenwetter eine Landpartie fortzusetzen, kurz, sich zu entêtiren, bei einer angefangenen Narrheit auszuharren.«

»Und Lorenne hatte Recht. Die Cäcilie war Sonin's Penelope-Gewebe. Was er heute gemalt hatte, kratzte er morgen sicherlich wieder ab. Ja, er war ein ärgerer Pfuscher, als wir beide geahnt, denn er war es nicht naiv; in seine Finsterniß hatte sich grauenvoller Weise ein Trieb nach dem Lichte verirrt! Er machte an diesem Stoffe – freilich unbewußt – die Entdeckung all' seiner Mängel. Er glaubte nach dem Höchsten zu ringen und ahnte gar nicht, daß er nur nach dem Einfachsten rang, nach der Schule, nach dem ABC, und daß ihm das Kartenhaus seiner »Kunst«, weil er es hier um ein paar Etagen höher baute, nothwendig und bis auf den Grund zusammen fallen mußte

»In seinem Charakter oder wenigstens in seinem Betragen schien er mir während der Zeit, von welcher ich spreche, auf eine grauenvolle Weise verändert. Den gespreizten und selbstgefälligen beau-parleur hatte er abgelegt; er spann sich jetzt mehr und mehr in ein, ich möchte fast sagen, tückisches Schweigen ein. Von Lorenne hatte er früher mit einer Ruhmredigkeit gesprochen, welche deutlich verrieth, daß er in seinem Freunde sich selbst nobilitiren wollte; jetzt affectirte er Kühle oder sprach die kargen Brosamen seiner Anerkennung selbst mit einer Art Gönnermine aus. Ganz unerträglich war das. Auch in seiner schöngeistigen Frömmelei hörte ich neue und verwegene Töne. So sagte er eines Tages: Zum ganzen Heiligen gehört die Sünde. Der Himmel muß eine Schuld zu vergeben, der Mensch eine abzubüßen haben. Buße ist ein Sacrament. Und dazu konnte er so heimlich und falsch vor sich hinlächeln, wie ein Verräther. Es war häßlich anzusehen. Es war, als ob ihm Schlangen um den Mund kröchen.«

»Da sagte er vor drei Tagen: Was mag nur Lorenne machen? Wir dürfen den Armen doch nicht so ganz allein stehen lassen. Ein Junggeselle in seinen Jahren schließt sich gern an Familien an. Weißt Du was, Franka? Bitte ihn auf Nachmittag wieder einmal zum Kaffee.«

»Ich hatte Mühe, diese gnädige Unverschämtheit nicht abzufertigen: aber mein Befremden war noch größer als mein Unwille. Wie kommt Sonin dazu, diese Kaffee-Einladung zu machen? Er wußte doch besser, wie er mit Lorenne stand. Oder konnte er sich einbilden, weil ihm Lorenne einen Krankenbesuch gegönnt, er werde nun Kameradschaft mit ihm halten, als ob nichts passirt wäre? Wenn ich die Einladung in meinem Namen machte, so nahm Lorenne endlich an, aber ich konnte mir denken, wie unangenehm es ihm sein müsse. Ich machte allerlei Einwände gegen Sonin. Aber Sonin bestand auf seiner Phantasie, so daß ich wohl sah, er habe seine Absichten dabei. Welche? Ich konnte es nicht errathen. Hatte er ein Anliegen an Lorenne? Dann mußte er zu ihm gehen, nicht ihn rufen lassen. Oder meinte er überhaupt, ihn wieder zu einer Aussöhnung zu bewegen? Vielleicht meinte er's, aber – wahrscheinlich kam es mir nicht vor. Es sah ganz anders aus!«

»Gern wäre ich zu Lorenne gegangen, um ihn auf diese seltsame Invite mündlich vorzubereiten. Aber in den einzigen Stunden, wo es geschehen konnte, wußte mich Sonin mit seiner Cäcilia hinzuhalten. So schickten wir unsere Karte ab: Sonin sammt Frau bitten Sie etc. und es blieb mir nichts übrig, als die verwunderte Miene Lorenne's in passiver Geduld zu abzuwarten.«

»Mittlerweile machte ich mir allerlei Gedanken. In der Langweile des Modellsitzens hatte ich so recht Gelegenheit, an dieser Einladung herumzuphantasiren. Ebenso konnte ich Sonin's Wesen und Ausdruck studiren. Während er nach mir sah – um die heilige Cäcilia, sah ich nach ihm zurück – um die Spuren eines bösen Gewissens. So betrachteten wir uns Aug' in Auge.«

»Draußen inzwischen war durch ganz Innsbruck ein Todtengeläute – ein mächtiges Schaf unsrer frommen Heerde war gestorben und ließ sich in allen Kirchen aus dem irdischen Jammerthal heimläuten. Das nervenverstimmende Bimbim machte den ganzen Tag melancholisch. Es war etwas Schweres, Düsteres in der Luft, man athmete Trauer und böse Ahnungen.«

»So war die Stunde der Marende gekommen. Mein Tisch stand bedient und harrte nur seines Gastes. Sonin saß noch in seinem Atelier und malte Gewand, ich ging mit ungeduldigen Schritten auf und ab. Manchmal begab ich mich in das Hinterstübchen der Magd, welches nach der Gasse lag, woher Lorenne kommen mußte.«

»Als ich von so einem Gang einmal wieder zurückkehrte, fand ich Sonin am Kaffeeservice. Er trat schnell vom Tische zurück, stellte sich unbefangen, war aber doch verlegen und schob etwas in den Aermel seines weiten Paltrockes. Im Fluge ersah ich noch, – daß es ein braunes Fläschchen war.«

»Ich stürzte wie ein Blitz auf ihn zu.« »Was verbirgst Du da? – Was für ein Fläschchen ist das?« Er sah mich an und sagte – nichts. »Was hast Du im Aermel? Was ist in dem Fläschchen?« sagte ich heftiger. Er lächelte und sagte nach einigem Zögern: »Es ist ein chemisches Präparat!« »Es ist kein chemisches Präparat,« schrie ich, »her mit dem Fläschchen!« Er wehrte mich ab und lächelte immer. »Was lachst Du so falsch? Das Fläschchen her, Ladislaus! Ich muß wissen, was in dem Fläschchen ist!« – »Es sind Gesundheitstropfen, wenn Du es wissen willst.« – Ich sah ihn an; er mich. So standen wir eine Secunde lang und sein Auge brillirte wie ein Schlangenauge. »Es sind keine Gesundheitstropfen!« schrie ich außer mir. – »Ja doch, ja,« grinste Sonin; »wenn sie der Eine nimmt, so – wird der Andere gesund.«

»Als ich dies hörte, warf ich mich auf ihn und wollte ihm das Fläschchen mit Gewalt entreißen. Durch meinen heftigen Anprall verlor er das Gleichgewicht. Er ließ sich im Straucheln aufs Canapee nieder, und ich, in derselben Gefahr zu fallen, hielt mich nur dadurch, daß ich im Stürzen seine Kniee umklammerte.«

In diesem Augenblicke erscholl eine Stimme unter der Thüre: »Ah, eine zärtliche Scene; ich will nicht stören!« Ich fuhr auf. Es war Lorenne. Aber ihn sehen, und ihn verschwinden sehen, war Eins. »Lorenne!« rief ich und flog ihm nach. Umsonst. Er war fort.

»Lorenne!« grinste Sonin höhnisch; »mich dünkt, man sagt, Herr Baudirector.«

»Zu jeder anderen Zeit hätte mich diese Bemerkung verwirrt, jetzt aber war ich wie Sprengpulver. Aus den Augen, Giftmischer! rief ich; Du willst Titel, da hast Du den Deinen! Und so feig war dieser aus Nichts und Lüge gemachte Mensch, daß er lautlos in sein Atelier kroch und bald darauf hört' ich ihn fortgehn.«

»Ich überließ mich meiner Verzweiflung. Eine zärtliche Scene! hatte Lorenne ausgerufen. Er schien zu glauben, wir hatten uns lustig gebalgt, oder ich hatte ihm gar einen Fußfall gemacht; – haarsträubend! Konnte er wirklich das denken? Und doch! der Augenschein, – mir vergingen die Sinne.«

»Ich kleidete mich um, weinte dazwischen, wusch mich wieder rein, war fertig damit und hatte just die Thüre in der Hand, um zu Lorenne zu eilen, da thut sich die Thüre auf und in die Arme fliegt mir – eine Mailänder Busenfreundin! Sie hat Grüße und Briefe vom Hause, Neuigkeiten, Wichtigkeiten und ach, ein Herz voll Thränen! Ihr Anbeter, ein junger, hübscher Mensch, aber fürchterlich unmündig, war ihr einst untreu geworden, weil er mich anbetete: ich hatte ihm aber imposant imponirt durch die Art, wie ich ihn aufnahm und nicht aufnahm, seinem Herzchen das Köpfchen zurecht setzte und ihn wies, wohin er gehörte. Soeben erleidet er einen kleinen Rückfall, redet sich aber, um die Untreue zu beschönigen, auf einen Innsbrucker Onkel aus, den er beerben wird, und der den schließlichen Ernst des Verhältnisses mißbillige.«

»Das arme Ding, resolut durch Verzweiflung, wirft sich in den Wagen, fliegt von Mailand nach Innsbruck, wirft sich in meine Arme, zu meinen Füßen: ich werde den Onkel herumkriegen, wie einst den Neffen, ich könne ja Alles, ich beherrsche die Männer; kurz, führe mich zu ihm, rede für mich und in einer Stunde habe ich den Heirathsconsens!«

»Ich hätte bald aufgelacht vor Verzweiflung. In diesem Augenblicke, wo mir selbst der Mann meines Herzens auf dem Spiele stand, sollte ich Heirathsstifterin werden! Was half's! Das gute Kind that mir selbst leid und je länger ich protestirte, desto mehr Zeit verging, ohne daß ihr oder mir geholfen war, und zuletzt kannte ich diesen Onkel vom Hause der Excellenzen her; da mußte ich allmächtig sein! Aufschub aber galt nicht, denn das arme Mädchen zappelte in Todesangst und ich selbst, wenn ich zu Lorenne ging, – wußte ich, ob ich wieder zurückkam, ob mir in Innsbruck noch Eine Stunde schlug?«

»Der Onkel war liebenswürdig genug, versprach alles Mögliche und meine Freundin war glücklich. Ich aber hatte kostbare Stunden verloren!«

»Mehr todt als lebendig kam ich zu Lorenne. Seine Wohnung war mit einem Vorhängschloß abgesperrt! Ein Blatt Papier war an die Thiere geklebt und enthielt das Avis, daß wegen plötzlich veranlaßter Abreise des Baudirectors die Wohnung geschlossen und Geschäftssachen in der Kanzlei mit Herrn Wertau zu besprechen seien.«

»Ich sank in die Kniee. Ich lag oder lehnte ein paar Minuten an der Thüre besinnungslos.«

»Betäubt schlich ich fort. Als ich auf der Gasse war, fragte ich mich: wohin? Nach Hause? Nach St. Gallen? Aber wie käme ich allein nach St. Gallen? Wer begleitet, wer beschützt mich?«

»Da fiel mir Hans Wertau in seiner Kanzlei ein. Ich überlegte. Geht es? Geht es nicht? Ach, ich bin keine Geschäftssache!«

»Aber es blieb mir nichts übrig. Nach Hause gehen, – an Lorenne schreiben, – riskiren, daß mir Briefe unterschlagen werden, – daß gestört wird, was so leicht zu stören ist, – ich schauderte! Nein, nein, Wertau mußte mir nach St. Gallen helfen, oder ich that mir vor seinen Augen ein Leid!«

»Ich kehrte wieder um nach der Kanzlei. Wertau, der gute unpraktische Wertau, mußte einmal praktisch sein.«

»Hans Wertau, genannt das Gothenhänschen, war Lorenne's erster Zeichner und ein Original. Als Knabe von zehn Jahren zeichnete und schnitzte er in Holz, daß er für ein Wunderkind galt, aber als Jüngling von zwanzig Jahren konnte er Groschen und Sechser noch nicht unterscheiden. Er hatte nie gelebt und eben darum imponirte ihm Alles, was lebte und handelte und sich selbst bestimmte. Er wußte von unserem Verhältniß, aber da es weder Chor noch Giebel war, so hatte er kein Urtheil darüber. Er verließ sich ganz auf Lorenne, denn Lorenne war ihm das Heiligste auf Erden. Das Gothenhänschen nämlich, obwohl er mit dem Wunderkind angefangen hatte, war beim Kind auch stehen geblieben. Das Kind war da, aber die Wunder nicht mehr. Erst Lorenne half ihm zu seinen Wundern. Lorenne machte ihn zum Mann, zum Künstler. Lorenne schaffte seinen Naturanlagen große und würdige Gegenstände. Lorenne schaffte ihm einen glänzenden Erwerb, er schaffte ihm überall dort den zweiten Namen, wo er selbst den ersten hatte. Zwischen dem Gothenhänschen und Lorenne war ein Verhältniß wie zwischen der Hand und dem Kopf, wie zwischen dem genialen Instinkt und dem genialen Gedanken. Das wußte und fühlte das Gothenhänschen, daher seine unbegrenzte Hingebung für Lorenne.«

»Auch ging Alles vortrefflich. Ich fand das kleine kindhafte Männchen ganz zu meinen Diensten, submissest und allergehorsamst. Er wurde ordentlich böse, wenn man ihn fragte, oder bat, denn nichts that ihm wohler, als daß man ihm befahl und dictirte. Je entschiedener, desto besser! Er ließ sich auf die Post schicken, wollte die Billete lösen, wollte mit mir fahren, aber wohlverstanden, nur bis Zierl! Als ich St. Gallen nannte, war der Allergehorsamste hart wie Stein. Die Kanzlei sei ihm anvertraut und Lorenne's Aufträge sind der Inbegriff der Weltordnung. Vergebens suchte ich ihm klar zu machen, daß ihm sein Chef diesen Dienst besser danken würde, als den getreuesten Kanzleidienst. Alle Vernunftgründe waren umsonst. Ich begnügte mich endlich mit Zierl und war nur froh, daß ich wenigstens aus Innsbruck unter der Begleitung eines Mannes hinauskäme.«

»Auf einmal aber fand ich ein neues Bedenken. Die Post ging zwar acht Uhr Abends ab, aber dieser Abend stand nur auf dem Papier. In Wahrheit war es zu Ende Juni noch heller lichter Tag um diese Zeit. Wenn ich auf der Post erkannt würde! Wir haben keine direkten Bekanntschaften dort, aber in einer so kleinen und medisanten Stadt kennt sich Alles. Und wie mir zuvor meine Mailänder Jugendfreundin über den Weg gekommen, so könnte es das Unglück jetzt fügen, daß mir Jemand aufstieße, der mir neue Verlegenheiten bereitete. Es wäre entsetzlich! Indem ich mit brennendem Kopf hin und her renne, fällt mir ein schmuckes Käppchen ins Auge, das ich gedankenlos aufsetzte. Es sitzt charmant. Wem gehört es? Ein Bruderssohn vom Gothenhänschen ist da, ein junger Bergakademiker; da kommt mir der Einfall, ob mir noch sonst Etwas passen würde von ihm. Ich trete ins Nebenzimmer und probire ein anderes Kleidungsstück Es paßt, so weit es passen kann. Ein Strahl erleuchtet mich. Ich verkleide mich als Mann!«

»Die Garderobe des jungen Menschen wird durchmustert, leider ohne Erfolg. Sie war stark vernützt und für Unsereinen nicht wohl präsentabel. Nun, aber mein liebstes, bestes, süßestes Gothenhänschen, ein Modell mitgenommen und in einem Kleidermagazin nach diesem Maße einen Anzug zusammengekauft! Ich befahl so vortrefflich, daß mein Gothenhänschen ganz in seinem Element des Gehorsams war. Aber schon war die Sonne hinter den hohen Giebeldächern verschwunden, und ich stand auf Nadeln, ob er noch rechtzeitig zurückkommen, und wie er seine Sache machen würde. Aber er machte sie gut. Es waren Männerkleider und es war »Costum«; darauf verstand er sich. Er brachte mir allerliebste Sachen zurück. Nicht wahr, ich bin gar nicht schlecht angezogen? Wir Frauen sind eitel auch noch in Männerkleidern.«

»Inzwischen klopft' ich einen Italiener von der Straße herein, einen Scheerenschleifer, der mir die Haare kurz schneiden mußte. Das Volk ist anstellig und hat geschickte Hände, er frisirte mich trotz einem Zünftigen. Den Zopf nahm ich für Lorenne zum Andenken mit. Hier ist er.«

»Das Gothenhänschen kam in der letzten Viertelstunde, aber er kam. Ich kleidete mich um und band mir schließlich noch eine schwarze Binde schief über's Aug', die mich ganz unkenntlich machte. Und nun, liebster, bester Herr Wertau, bin ich Ihr Neffe, und habe eine Paukerei gehabt, von der ich den Circumflex über'm Auge davon getragen, hören Sie wohl? Aber es wird Sie ja Niemand fragen. Vorwärts!«

»Als wir auf die Post kamen, wartete der Conducteur schon mit Ungeduld, denn wir hatten uns verspätet. Es war mir lieb. Um so weniger gab es Gegaff und Gerede. Man warf uns in den Wagen und fort gings. Gott sei Dank! rief ich, und hätte gerne gejubelt, wie meine Mailänderin.«

»Bis nach Zirl bot ich alle meine Verführungskünste auf, um das Gothenhänschen zum Mitfahren nach St. Gallen zu bewegen aber ach, ich war nicht verführerisch. Ich hatte nicht den mindesten Erfolg und bekam einen Riesenkorb. In Zirl verließ er mich ohne Gnad und Barmherzigkeit.«

»Ich fuhr allein weiter. Ich fand mich endlich drein, mein Muth wuchs, und ich glaube, um Mitternacht schlief ich sogar ein paar Stunden. Wenn es nicht eine fast sträfliche Gemüthsruhe war, so wird es wohl die große Unruhe gewesen sein, in der ich mich diesen ganzen Tag hindurch abgehetzt hatte. Vielleicht auch die Vorahnung, welche Mühseligkeit meiner noch wartete. Genug, ich schlief. Und schlafend kam ich nach Imst.«

»Aber in Imst . . .«



Siebzehntes Capitel.

Im Leben und Befinden der Frauen treten die plötzlichsten Veränderungen oft ganz unvermittelt ein. Bisher hatte die schöne Fremde frisch und lebendig, fast muthwillig erzählt: auf einmal war der Faden dieser Laune abgelaufen. Ihre Haltung versank in sich selbst, ihre Gesichtszüge durchzuckte es nervenhaft; sie ließ ihre Worte vor sich hinfallen und seufzte wie aushauchend: »Aber ach, da sitzt man und schwätzt und die Zeit vergeht! Mein armer Lorenne!« Sie warf die Hände vor's Gesicht und brach in ein convulsivisches Weinen aus.

Hermosa sprang auf. »Liebe Franche, Du bist übermüdet. Komm schlaf' ein wenig. Mama, hilf mir das Frauchen zur Ruhe bringen.«

»Ein practisches Mädel!« brummte der Bürgermeister und die Männer nickten sich Beifall zu. Mutter und Tochter aber nahmen die junge Frau in die Mitte und führten sie aus dem Gesellschaftszimmer.

»Ich sag' Euch, Männer, das ist das charmanteste Weibchen,« rief Fend, »die ich mit Augen je gesehen habe. Die New-Yorkerinnen, wenn sie noch jung und aus gutem Hause sind, haben das Renommée, die feinsten Püppchen der Welt zu sein; reiner Marzipan, sage ich Ihnen. Aber stolz und hochnäsig sind sie. Die dagegen, die ist so natürlich, so umgänglich! Ein prächtiges Weibchen, meiner Seel', ein appetitliches Ding!«

Und als die Frauen zurückkamen, rief er Hermosen sogleich an:

»Ei, Du Kreuzköpfl, wo hast Du dieses Perlhuhn aufgestöbert? Wie seid Ihr bekannt geworden, Ihr zwei Sappermenter?«

»In der Hofkirche war's«, sagte Hermosa. »Ich hatte einmal gelesen, daß Thorwaldsen die vierundzwanzig Statuen in der Hofkirche für vortrefflich erklärt hatte und da dachte ich mir: der tausend, so gute Sachen haben wir in Innsbruck? Ich muß sie doch einmal näher in Augenschein nehmen! Und wie ich in die Kirche kam, stand Franche vor mir, zog ihr Taschentuch und ließ ein Notizbüchel herausfallen. Es war in Sammt gebunden und so hörte sie's nicht fallen. Ich aber sah es, hob es auf und gab es ihr mit den Worten: Fräulein, Sie haben Ihre Notices verloren. – Ich danke Ihnen, Madame, sagte sie. – Ich bin keine Madame, lächelte ich. – Und ich bin kein Fräulein, lächelte sie zurück. – Ach, ich bitte um Entschuldigung, sagte ich. – Nicht Ursache, antwortete sie, die Entschuldigung ist ganz auf meiner Seite. – Wieso? fragte ich verwundert. – Sie sah mich an mit einem Blick so mütterlich, so lehrreich, als ob sie um zehn Jahre älter wäre und sagte: »Liebes Kind, man sollte sich oft entschuldigen, verheiratet zu sein, und oft ist es gar nicht zu entschuldigen.« – O, wie wahr! rief ich. Sie sah mich an, ich sie.«

»Und so war die Bekanntschaft gemacht,« setzte Frau Fend hinzu, um schnell etwas Anderes zu sagen. Sie war blutroth geworden bei Hermosen's Ausruf: o wie wahr! ein Wort, was sich direct auf die Fender-Ehe bezog. Glücklicherweise war Herr Fend ein Mann, welcher mehrerer Deutlichkeit bedurfte und die Beziehung entging ihm. Auch die übrigen Lechthaler schienen sie nicht verstanden zu haben.

In diesem Augenblicke kam Toni, die Hausmagd, herein und gab ein versiegeltes Blatt Papier ab. Ein Bub' hat's gebracht.

Hermosa fuhr auf. »Ist er da, der Strolch? Beim Schopf will ich ihn nehmen!«

»Schämst Du Dich nicht,« sagte Frau Fend; »wann wirst Du Dich endlich sanfter gewöhnen?«

»Ach, Mama, Du bist aber auch ein Engel! Ich möcht' ihn mit Lust über die Bank legen. Wem anders denn, als Dir hat er den Kummer gemacht? Das Billet konnte gestern um diese Zeit in Deiner Hand sein. Es konnte und sollte. Herr meines Lebens, diese ganzen vierundzwanzig Stunden verzettelt der Galgenstrick! Aber Franche warnte mich gleich. Als wir mitten im Irren trieben und nicht wußten, ob vor- oder rückwärts, bummelt der Trottel daher. Halt, rief ich, der wird arretirt. Durch den schick' ich ein Avis nach Hause, und nun verlaß ich Dich nicht mehr. – He, Camerad, wo hinaus? geht's nach Lend und Stockach? – Jauh! – Kennst Du das Fenderhaus? – Jauh! – Willst Du Dir ein paar Sechserln verdienen? – Jauh, grinst er von einem Ohr zum andern. – Franche stieß mich an. Du, das ist ja der reine Erdkloß; mir scheint, der ist noch gar nicht erschaffen! – Ach was, rief ich, können wir warten, bis uns Solon und Aristoteles begegnen? So dumm sind sie alle im Lechthal. Ach, bitte tausendmal um Verzeihung, meine Herren!«

Frau Ottilie warf einen strafenden Blick auf Hermosen und seufzte: »Es ist zum Desperatwerden mit Deiner Naivetät.«

Hermosa aber war über und über roth geworden, sprang auf und rief: »Ich muß doch wieder nach unserer Gastin sehen.«

Fend entfaltete das Billet. Es war englisch geschrieben, eine Sprache, die er zur Noth verstand. Zu deutsch lautete es: »Liebe Eltern! Der Wanderer, der heute Nacht vor unseren Fenstern geschlafen hat, ist eine verkleidete Frau. Wir sind innige Freundinnen und ich habe ihr in diesem Augenblicke einen wichtigen und verschwiegenen Dienst zu leisten. Ich muß ihr eine gestörte Reiseroute wieder einrichten helfen, und darf sie nicht eher verlassen, als bis ich sie außer Sorgen weiß. Wann ich wieder zurückkommen werde, ist demnach ungewiß. Verbannen Sie alle Unruhe, ich werde Sie aufklären zu Ihrer gänzlichen Genugthuung.«

»Nun, das hat doch Hand und Fuß!« rief Herr Fend und schlug auf den Tisch. »Aber hat sie nicht Recht, die Mosi? Recht hat sie! den Zoch soll man beim Schopf nehmen und beuteln – was sag' ich? scalpiren soll man ihn! rein scalpiren soll man den Indianer! Steht er noch draußen?«

»Er ist fort,« sagte die Magd.

»Sein Glück!« antwortete Fend.

»Schade, daß sie uns ihre Geschichte nicht zu Ende erzählt hat, bemerkte der Bürgermeister. Ich war just recht neugierig. Aber in Imst, sagte sie, – und da war das Rädlein abgelaufen. Nun, was war's in Imst?«

»Ich kann mir's denken, sagte der Fender. In Imst war's Tag, und da wird sich der Postmeister den jungen Reisenden halt zweiäugig angeschaut haben. Was ist denn das für ein Hecht? Er hat sie ausgefragt, er hat sie vielleicht sitzen und warten lassen, um unterdessen eine Anzeige zu machen. Aber das merkte sie, – denn einen Merk hat sie, einen curiosen, die kleine Hexe! sie schlich sich weg, sagte, sie wolle spazieren gängeln, bis angeschirrt sei, und flugs war sie versteckt. Im verwachsenen Holz wird sie ihre Landkarte studirt haben, – denn so ein Blattl hatte sie sicherlich mit, – und wie sie die Poststraße fürchtete, so tüpfelte sie durch das Lechthal und den Bregenzer Wald einen Seitenweg an den Bodensee zusammen.«

»Sakra, Ihr könntet schier Recht haben.«

»Nun, mit der Stricknadel auf der Landkarte reist sich's gar commod. Aber wenn man von Imst herüber zwischen den Lechthaler Kogeln durchkommen will, da muß sogar Unsereins den Weg unter die Füß nehmen. Und Wege hat es ja gar nicht, kaum Gangsteige.«

»Wundert mich schier, wie sie sich durchfand.«

»Ich sag' es Euch ja, ein findiges Köpfchen ist sie. Und allerdings hat sie den ganzen Tag damit verzeidelt, das arme Hühnchen, denn Nachts lag sie schachmatt in der Veranda vor meiner Mosi ihrem Fenster.« – Er hielt inne.

»Freilich, jetzt happert's,« fuhr er fort. »Daß sie in ihrer Noth und Verwirrung an Hilfe dachte, begreife ich, aber wie sie just das Fenster ihrer Freundin errieth, das verstehe ich nicht.«

»Nun, etwa haben sie einmal in Innsbruck davon discurirt,« sagte der Bürgermeister. »Die Eurige beschrieb ihr das Fenderhaus und wie schön sie wohnt und schläft nach der – wie nennt Ihr das Dingsda? nach der Vorlaube hinaus; das war leicht zu merken. Und eine halbe Baumeisterin ist sie ja ohnedem!«

»Sacra,« rief Fend, »jetzt geht mir ein Gasometer auf. Der Lorenne hat sogar mitgebaut an meinem Haus. Ja, ja, er selbst. Auf einmal fällt mir der Name wieder ein. Und das Bürschchen, dünn wie ein Beichtzettel, seh ich noch heute vor mir. Der Baumeister Pfleger hatt' ihn als Schüler oder Gehilfen bei sich. Kann der Milchbart auch schon was? fragte ich damals. Der alte Pfleger – nun ihr kanntet ihn ja! – starrt mich an, als ob er mich fressen wollt' und schnaubt: Kümmert Euch um was anders; den babylonischen Thurm hätt' er Euch fertig gebaut, wenn er dabei gewesen wär'.«

»Nun seht Ihr, so kriegen wir's los.«

»Richtig ist's!« applaudirte sich Fend. »So hängt Alles zusammen, wie die Glocke an der Kuh und der Schwengel in der Glocke. Am Morgen hernach schlüpfte sie an den Waldrain und lugte etwa mit einem Perspectiv, – denn das wird sie ja bei sich haben, – auf's Haus herab, wann ihre Freundin zum Vorschein käm! Nun, sie brauchte nicht lang zu warten, das arme Häschen. Das frutige Ding, – meine Mosi, mein' ich – hat die üble Angewöhnung, wie 's nur Verdruß im Hause gibt, ist sie gleich die erste die auskneift. Darüber muß ich noch ein Ei mit ihr schälen. Aber der Andern ging es nach Wunsch. Die zwei Kameradinnen fanden sich also, – die meinige begleitete die Andere, – noch ein Stückchen, und noch eins, und nun das letzte und dann das allerletzte, – und hatten sich scheffelweis zu erzählen und entfernten sich immer weiter vom Haus. Zuletzt kommt ihnen der Bub da in die Quer, der Schafmichel, da schreibt uns die Mosi ihre Depesche und sagt: Weiß'st Du was? zu Hause sind sie jetzt ruhig; ich geh gleich ganz mit Dir. Ich begleite Dich bis auf den Thannberg. Da haust ein Vetter von uns, der führt Dich dann morgen über die Mohnfluhe in den Bregenzerwald.«

»Bigott,« rief jetzt der Fender'sche Vetter, der Schulmeister vom Thannberg, der bis dahin eine stumme Person gewesen; »bigott, Franz, Du mußt mir drei Nummern sagen1, Du rathest ja sakrisch!«

»Es thät mir leid, wenn ich nicht so viel Grütz im Kopf hätt,« sagte der Fender mit Selbstgenügen. »Und hernach hast Du sie beherbergt?«

»Ganz erschwacht kamen sie daher und fielen nur so in's Heu. Mein Weib bot ihnen vergebens die Betten an. Das frische heurige Heu und ein paar blühweiße Leinen darüber, das war ihnen gerade recht.«

»Aber sage mir, Stoffel, warum hast Du sie wieder zurückgeführt?«

Der Landmann blickte verdutzt. »Ist das a Frag! War ja schier eine Polizeisach! Wenn so zwei Frauenzimmer durch's Land zeideln und die eine ist verkleidet und die andere ist mein' Bas, was sollt' ich thun? Bringst sie hin, wo sie herkommen, dacht' ich, sell ischt das Best.«

»Wundert mich schier, daß sie parirt (gehorcht) haben.«

»Denkst, ich bin ein Narr? Ich sagt' ihnen kein Wort. Ich führt' sie herum, wie's Kälbchen am Strick. Und während die Eine nur immer spitzt auf »den Spiegel des Bodensees«, schreit die Andere auf einmal: Herr Gott, dort steht ja das Fenderhaus! Gute Nacht, Stöffel, dacht' ich, jetzt kriegst Deine Schläg' und machte einen Buckel. In Gottes Namen, die schlechtesten Hände sind es nicht!«

Die Gesellschaft lachte.

»Die Fremde fing gleich an und weinte wie eine Dachtraufe, aber die Deinige hätt' mich am liebsten durchgewichst. Es that mir ordentlich leid um den schönen Zorn. Ich weiß was es heißt, seinen Zorn auslassen. Aber schlecht gemacht hat sie mich – es war eine Passion! Mir lachte das Herz im Leib bei ihrem Mundwerk .«

»Rechte Judasse seid Ihr doch, da hinten in Eurer Rotten!« sagte der Fender – Der Schulmeister lachte sich bäuerlich tückisch seinen Beifall zu.

Der Fender fuhr fort: »Aber schnöde ist's, daß Du das zarte Gethier zu Fuß laufen ließest. Einen Wagen hätten wir auch noch bezahlt!«

»Da hört man den großen Herrn!« sagte der Schulmeister. »Einen Wagen! Was wägelt sich denn am Thannberg? Holzkarren und Mistfuhren!«

»Arme Hinterwäldler!« rief Fend mit Bauernstolz; aber der Bürgermeister sagte: »Wie's hinten am Thannberg ausschaut, weiß ich nicht; dagegen in Holzgau, da hättet Ihr Wagen nach der Noten gefunden.«

»Vergeßt Eins nicht, Ihr Männer,« sagte der Schulmeister. »Ich durft' sie ja gar nicht auf der Fahrstraßen führen. Sell wär' gefehlt gewest. Nicht zehn Schritt hätt' ich sie da weiter gebracht; sie kannten sie ja, die Fahrstraßen.«

»Das ist auch wieder wahr,« meinte der Bürgermeister.

In diesem Augenblicke kam Hermosa zurück. »Sie schläft,« sagte sie. »Wir haben die Gardinen herabgelassen und in meinen Armen schlief sie ein. Das arme Opferlamm! Sie bittet mich nur, ich soll an Lorenne in St. Gallen schreiben, dann will sie in Innsbruck Alles über sich ergehen lassen. Nur Lorenne soll wissen, daß sie ihre Schuldigkeit gethan hat.«

Als sie das gesagt hatte, näherte sie sich dem Papa, legte ihm sanft ihren Arm um den Hals und setzte sich auf seinen Schooß. »Aber nicht wahr, Papa,« sagte sie, »Du spannst Deine Schecken ein und fährst sie hinaus nach St. Gallen? Sie nach Innsbruck und ihrem angetrauten Giftmischer zurückzubringen, das ist ja doch Unsinn. Was soll sie in Innsbruck? Man kann sie plagen und foltern bis auf's Blut, aber sie wird Lorenne's treues Weib bleiben, so lange die Sterne am Himmel stehen. Es ist ein gräßlicher Wahnsinn, einem Weibe die Treue zu ihrem Manne abzujudificiren. Müßte nicht jeder Mann wünschen, so geliebt zu werden, wie Lorenne von seiner Franche? Dankt Gott, so lang es solche Weiber gibt! Sie ist ein Muster unseres Geschlechtes. Man soll sie in Gold fassen. Siehe, und Herr Lorenne hat Dir Dein Fenderhaus gebaut. Die Schönheit daran ist von ihm. Der Pfleger war ja doch schon ein alt kißgraues Männchen, der hätte Dir einen Guglhupf mit einer Schindelperrücke gebaut, statt dieser frischen, schweizerisch-italienischen Cottage. Das hat Lorenne construirt; »er hauchte seine blühende Jünglingsseele hinein,« wie Sonin sagen würde. Und Deine Schecken, weißt Du, die werden Dir ja doch überständig; die sind heuer noch gar nicht in's Geschirr gekommen. Heidi, die werden laufen! und wie! Der Handige wird sagen: ich zog am besten, und der Sattliche wird sagen: nein, ich zog am besten. Und wenn sie schon alt und blind sind und die Franche besucht uns einmal, da werden sie gleich ihre Köpfchen herumwerfen und scharren und wiehern, und das wird in ihrer Sprach' heißen: es war der schönste Tag unser's Lebens! So ein Pferd ist gar klug! Und ein gutes Herz haben sie auch. Mir sagte einmal ein Innsbrucker Fiaker, ob die Leut' gut oder schlecht sind, das spürt er an seinen Rossen. Leute, die lachen und ein gutes Gewissen haben, ziehen die Pferde noch einmal so leicht als andere. Siehst Du, das ist schön von den Pferden. Mit Dir und der Franche werden sie auch fliegen – sie werden glauben, Du bist ein liebes gutes Papachen, und Du bist doch oftmals so garstig. Aber wenn Du mir meine Franche nach St. Gallen führst, dann bist Du nicht mehr garstig. Dann hab' ich Dich lieb – so groß!«

»Und wenn ich es thu', wer will mir's verbieten?« rief Fend. »Wer will mir's verbieten? Den möcht' ich kennen! Geht's wen was an? Ich fahre über Land, wann und mit wem ich will. Bin ich ein Gendarm? Ist sie steckbrieflich verfolgt? Wenn mir die Innsbrucker Excellenzen anwollen, so will ich sie fragen, ob sie meine Einkommensteuer bezahlen? Mordelement, nicht zehn Gulden zu wenig hab' ich declarirt. Da werden wir gleich fertig sein. Ich pack' auf und geh' nach Baiern oder in die Schweiz. Wir wollen sehen, wer den Staat erhält, wenn man die Reichen vertreibt! Klexen können sie jahraus, jahrein; aber wenn's heißt: eine Anleihe zeichnen, da klexen sie nicht mehr; da kriegen sie den Schreibekrampf.«

Mit diesem scheinbar so kecken und übermüthigen Ausfall holte der Fender, was uns keinen Augenblick entgehen wird, die beiden anwesenden Juristen eigentlich doch nur sehr vorsichtig und wohlüberlegt aus, ob er die Fahrt ohne gesetzliche Unannehmlichkeiten auch wagen dürfe. Es wird noch lange dauern, bis der österreichische Bürgerstand seine Beamtenfurcht ablegt und sich die Rechte seiner persönlichen Freiheit im Ernste, nicht blos in trotzigen Kinderreden erlaubt.

Der Actuar aus Reute war denn auch wirklich nicht schwerhörig. Er gab sofort sein Votum ab. »Herr Fend«, sagte er, »thun Sie, was Sie wollen, aber bringen Sie uns nicht in Ungelegenheit. Herr Sallek und ich, wir dürfen um nichts wissen. Wir sind zwei beeidete kaiserliche Justizbeamte und würden Verantwortung auf uns ziehen, wenn wir uns als Zeugen und Mitwisser dabei verhielten. Ich mache Sie aufmerksam . . . .«

Sallek stand auf. »Ich finde überhaupt, daß wir hier nichts mehr zu thun haben. Wenn wir uns verabschieden wollten, so wäre der Augenblick äußerst günstig gewählt.«

»Es ist wahr,« sagte der Actuar. »Wir wollen gehen. Wir überlassen Sie ihrer eigenen Einsicht, Herr Fend. Sie werden nichts thun, wovon Ihnen ihre Vernunft sagt, daß – obwohl es nicht straffällig ist – die bürgerliche Ordnung, die öffentliche Sicherheit, das Interesse des Einzelnen und des Ganzen dabei nicht bestehen könnte. Sie sind selbst Gatte, Sie werden die geheiligten Rechte der Ehe zu respectiren wissen. Ihr Menschengefühl in Ehren, aber es gibt Situationen, wo das Gefühl schweigen und nur die Pflicht reden muß. Ich will damit nicht gesagt haben, daß es straffällig wäre, dem Gefühle zu folgen, aber – obwohl es nicht straffällig ist, und obwohl wir nicht hindern können zu thun was Ihnen beliebt, so sind wir um so mehr schuldig, Ihnen zu erklären, daß sie es ganz auf Ihre eigene Gefahr thun. Sie werden sich nicht auf unsere Zeugen- und Mitwissenschaft berufen können. Sie werden nicht sagen dürfen, daß zwei Männer, welche es besser verstehen mußten, Ihnen, wenn auch nur stillschweigend zugestimmt haben. Wir schweigen nicht und wir stimmen nicht zu. Vielmehr fordern wir Sie, diese beiden Herren, und die beiden Fräuleins auf, uns das Zeugniß zu geben, daß wir uns von Ihren Intentionen entschieden und ausdrücklich losgesagt haben.«

»Entschieden und ausdrücklich losgesagt haben«, wiederholte Sallek. »So ist es. Und obwohl die vorbemeldeten Intentionen just nicht straffällig zu erscheinen die Qualification haben dürften, so schließe ich mich doch in allen Punkten der Rede meines sehr geehrten Herrn Vorredners an.«

Hermosa stand da und starrte die beiden Beamten an – mit Blicken voll Angst und Zorn. Man sah ordentlich, wie sich ihre Federn gegen die zwei Habichte sträubten, in Sorge um ihr geliebtes Küchlein.

Aber Sallek hatte kaum das Lachen verbeißen können und raunte ihr zu: »Er soll fahren, was heiliges Zeug hält! Wir müssen nur vor den Bauern so thun.«

Hermosa machte ein froh überraschtes Gesicht. Das unschuldige Mädchen war auf einmal belehrt, wie in dieser klugen politischen Welt »ein feierlicher Protest« verstanden sein will.

Die beiden Beamten thaten übrigens, wie sie gesagt hatten. Sie gingen. Die zwei Bürger aus Reute schlossen sich dem Actuar, der Ortsbürgermeister an Sallek an. Fend, im Gefühle seiner schweren Verschuldigungen, hatte nicht den Muth sie zum Bleiben zu nöthigen. Alles, was er sich erlaubte, war, daß er murmelte: Ich hoffe, ich habe die Herren nicht zum letzten Male gesehen.

So endete die Unruhe von sechsunddreißig Stunden. So endete eine Begebenheit, welche im Fenderhause den heftigsten seiner Stürme veranlaßt, welche den Fender auf die äußerste Schneide seines Charakters hinausgetrieben hatte. Eine Entführung hatte er glücklich errathen; nur nicht eine mit Hermosen und Sallek. Es waren zwei ganz fremde, ihm unbekannte Namen: Franche und Lorenne!

Der Schulmeister vom Thannberg und Franche übernachteten im Fenderhause. Durch eine eigenthümliche Fügung des Schicksals schlief also Franche, – wie ehegestern vor dem Fenster Hermosens, heute im Innern desselben und an der Seite ihrer treuen Freundin.

Am Morgen darauf aber spannte der Fender, wie es sein Töchterchen ihm so liebreizend abgeschmeichelt hatte, wirklich seine Schecken vor den viersitzigen Wagen und schwang sich mit stolzem Behagen auf den Bock, während Frau Ottilie, Hermosa und Franche das Innere des Wagens einnahmen, und der Schulmeister vom Thannberg seinen Rückweg nach Hause wieder zu Fuß nahm.

Frau Fend, obwohl das Abenteuer nicht sehr matronenhaft war, hatte sich nach dem Schrecken der letzten Tage nicht entschließen können, ohne ihre Tochter zu Hause zu bleiben, ebenso wollte sie auch Fends Gesundheit im Auge behalten. Wie es aber für alle drei Fends eine Erholung und eine Lustfahrt war und das wirksamste Mittel, nach den ungeheuersten Excessen das Andenken derselben resolut zu verwischen und alle Lebensgeister in ein frisches Bad von neuem Sehen und Fühlen zu tauchen, bedarf keiner weiteren Ausführung.

So fuhren sie hin. Am Thannberg stieg die Gesellschaft aus und Fend schickte seinen Wagen zurück. Denn obschon der Poet das Recht hat, die Welt in einem verschönernden Lichte zu erblicken, so wagen wir doch nicht, unseren Lesern aufzuheften, daß das wilde Gebirge, welches die Wasserscheide zwischen dem Lech und der Bergenzer Ach bildet, mit dem Kunstwerk eine Fahrstraße prangte. Das Gebirge mußte zu Fuß überschritten werden. Auf diesem Gange erblickte Franche endlich wirklich »den Spiegel des Bodensees«. Sie brach in ein Jubelgeschrei aus. »Auf dieses Wasser sieht auch Lorenne von St. Gallen herab!« rief sie im Triumph ihres Glückes. Herr Fend bat sich einen Kuß von ihr aus.

Im Thale der Ach gab es wieder Wagen. Der Fender aber verschmähte die Post und miethete »das Zeug« eines Wirthes, mit dem er bekannt war. Lustig kutschirte sich's mit der commoden Privatgelegenheit weiter.

Sie kamen nach St. Gallen. Lorenne war wirklich da. Die Fenderfamilie sah einen Mann, welchen Franche nicht verschönert hatte. Es war eine Gestalt, – in Person und Charakterausdruck wie das Vorbild eines Mannes. Als Franche und Lorenne sich einander in den Armen lagen, – das Wort »ein Schauspiel für Götter« ist leider schon erfunden, – da fühlte Fend, daß er seine Fahrt nicht umsonst gemacht. Vor diesem Anblicke fühlte er ganz, wie viel sein Dienst werth war. Er, der ein liebenswürdiges Weib gefreit und zwei liebenswürdige Kinder besaß, mußte jetzt erst inne werden, was Liebesglück sei. Wäre er jünger gewesen, vielleicht hätte die Regung, welche jetzt in ihm vorging, sein Herz nachhaltig bilden können. So aber konnte er nichts davon haben, – als einen schönen Moment. Den hatte er. Daß ein Mann wie Lorenne in den stärksten Ausdrücken von Achtung und Anerkennung ihm danken konnte, das setzte seiner Länge nicht eine, sondern mehrere Ellen zu. Bis über die Grenzen der Monarchie war sein Ruf verbreitet – sein Ruf eines ausgezeichneten Mannes. Was wollte er mehr?

Kurz, Herr Fend war glücklich und Frau und Tochter mit ihm. Sie sahen den Mann wirklich auch einmal liebenswürdig. In der Freude seines Herzens mochte Herr Fend diese schönen Tage so bald nicht abkürzen. Er führte seine Frauen noch an den Zürichersee »und weil wir halt schon im Lumpen sind,« sagte er mit echt österreichisch-gemüthlicher Genußsucht, so muß jetzt gleich auch der Rigikulm dran.

Frau Ottilie hieß es gut und Hermosa jubelte. So wurde denn lustig weiter »gelumpt.«



Achtzehntes Capitel.

Wie sah es inzwischen im Lechthale aus? Was macht Sallek?

Im Musterlande der Volkssouverainetät, in America, kommt es nicht selten vor, daß ein Brautpaar sich verlobt und den Eltern – eine Einladungskarte zum Verlobungsfeste schickt. Die Herren Eltern erfahren bei dieser Gelegenheit oft zum erstenmale, wie die freien Bürger Amerikas, ihre Kinder, über sich verfügt haben.

Im schärfsten Contraste dazu hatte Sallek jetzt zu empfinden, daß er ein Europäer sei. Es verursachte ihm einen grausamen Widerstreit von Gefühlen, daß er das Mädchen seiner Minne nicht von ihr selbst, sondern auch von Eltern, – von einem Vater zu begehren habe!

Nicht leicht ist ein Mensch in einer tolleren Herzensconfusion nach Hause gegangen, als Sallek, da er das Fenderhaus mit den Worten verlassen: Wenn wir uns jetzt verabschieden wollten, so wäre der Augenblick äußerst günstig gewählt.

Ach, am liebsten wäre er geblieben! Was er seit vierundzwanzig Stunden im Fenderhaus erlebt, das war nichts, nichts als lauter Posten zu der großen Summe: wie liebe ich dieses Mädchen!

Wäre er seit jenem Kuß am Clavier noch irgend im Zweifel gewesen, ob er mit einer flüchtigen Sinnlichkeit oder mit einem Ernste, dem es auf Nichts und Alles ankommt, seine Absichten auf Hermosen gerichtet; was er in dem Augenblicke gefühlt, als er hörte: Hermosa ist verschwunden, und als er im Stillen sich hinzusetzte: sie ist mit einen Entführer verschwunden, – an dem Schmerz dieses Unglücks, an dem Gefühl dieses Verlustes hätte er ganz sich erkannt. Es war ein Schrecken, es war eine Wehmuth, welche Alles ergriff, was an einem Menschen leiden kann. Er brachte die Nacht im Bürgermeisteramt wie in einer Todeskrankheit zu.

Was er in dem Augenblicke gefühlt, als Hermosa nun eingetreten, den Fremdling in Männerkleidern an ihrer Seite; der Zorn gegen das Mädchen, der Haß gegen den Nebenbuhler, die schmerzliche Reue, daß er dieses köstlichen und ihm so nahe gelegten Schatzes nicht längst schon sich selbst bemeistert, das plötzliche, ungeheure Bedauern, daß nun ein unwiederbringlich Edles und Schönes aus seinem Leben dahin, daß nun ein Glück versäumt, welches einzig gewesen, welches so herzbezaubernd, so vollselig kein zweites Mal aufgehen könne und welches er in völliger Blindheit am Wege liegen gelassen; dieses Gefühl des Verzweifelten, des Verdammten, durch eigene Schuld Gerichteten, es war wie ein Abschied vom Leben. Eine Musik, ein Läuten und Klingen war jetzt zu Ende und an der schaudernden Leere konnte er erkennen, wie voll und süß der schnell verklungene Ton gewesen.

Und endlich war sie ihm wieder geschenkt! Der fremde Verführer entpuppte sich zu einer Freundin, und Hermosa stand da in der ganzen Pracht ihrer Mädchenunschuld. Wie er ihr dankte! Wie er im Geiste ihr zu Füßen fiel, sie anbetete, – wenn das verbrauchte Wort wieder frisch werden könnte, – sie auf sein höchstes Roß setzte und abholte in seine Burg mit Glockengeläute und fliegenden Fahnen, mit gestreuten Rosen und unter Triumpfpforten! Ach, ein Mensch braucht Einem nur Angst gemacht zu haben, von der man nachträglich frei wird, und hat man ihn geliebt, so liebt man ihn hundertfach! Sein Jubel über das Mädchen kannte keine Grenzen. Und mit jeder Minute wurde sie noch schöner vor seinen Angen.

Wie großherzig war ihr Verhältniß zu Franche! Mit welch' zarter und muthiger Liebe setzte sie ihr ganzes Herz dabei ein! Wie muß dieses Mädchen einen Mann lieben können, welche so eine Freundin liebt! Mit welch' wahrem, sicherem und doch so naivem Gefühle löste sie die große Parteifrage der Ehe, ohne eine Ahnung zu haben von den Emancipationsideen moderner Socialpolitiker! Sie, welche die theoretische Frage vielleicht gar nicht verstanden, vielleicht mit landläufigem Vorurtheile darüber gedacht hätte, fand die kühnste Weisheit ihres Jahrhunderts, indem sie mit unbefangenem Naturgefühl vor dem besonderen Falle stand. Wahrlich, dieses Mädchen hatte das schönste Herz und auf dem richtigsten Flecke! Und wie allerliebst war es zuletzt, als sie dem Papa die Fahrt nach St. Gallen abschmeichelte! Wie anmuthig war da der Würgengel! Er hatte sie fast zu allen Stunden, da er das Fenderhaus betrat, nur wild und zornig gegen den Papa gefunden und nun hatte sie doch kein verhärtetes Herz! Wie liebenswürdig konnte sie selbst mit diesem Manne sein! Es war ein ganz neues Schauspiel für Sallek: Hermosa mit holder Töchterlichkeit den Fender liebkosend!

So ging er im Abendduft jenes Tages nach Hause, die Brust voll Liebesbegeisterung. Seine Leidenschaft für Hermosen war jetzt auf einer Höhe, welche mit Hindernissen aller Art nur siegreich sich messen kann. Völlig unbedenklich wäre ihm jetzt das Wort gewesen:


Wo zum Weib' Du nicht die Tochter
Wagen würdest zu begehren.


Sein Muth hatte den Schwung des kühnsten Wagens und das »Wagniß« selbst war wie ein abgerutschter Berg in Trümmer gesunken. Der jachmüthige Fender hatte sich in seiner eigenen Schlinge gefangen. Wenn er es ausgemacht und unumstößlich für wahr hielt, ja den Glauben daran mit Heftigkeit ertrotzte, daß Sallek und Hermosa sich zu einem Paare zusammengefunden – was Wunder, daß man ihn beim Worte nahm? Ist Sallek nicht im Rechte, wenn er die Genugthuung, die er zu fordern hat, durch die Hand der Tochter fordert? Kann Fend sie dem Schwerbeleidigten verweigern? Und wenn er es thäte, hat er ihnen nicht selbst den Weg gezeigt, sich auf eigene Hand zu verbinden?

Das Alles übersah Sallek mit Einem Blicke. Das Fenderhaus war jetzt ein Haus, wo er die Tochter zu begehren mit gutem Fug wagen durfte.

Aber die Frage war jetzt, ob er sie begehren wollte? Von einem Manne wie Fend begehren wollte, den er als Student auf die Mensur gefordert hätte nur für den tausendsten Theil seiner Beleidigungen!

Nur kurz überlegte er sich, ob er die persönliche Werbung vielleicht umgehen könne? Ob er sie schriftlich, ob er sie durch Frau Ottilien anbringen könne? Augenblicklich sagte er sich: Nein. Ein Mann wie Fend verlangt »ein gutes Wort.« Sallek mußte es persönlich und in aller Form bei dem Bauer anbringen. Aber sein ganzes Blut empörte sich bei dem Gedanken, dem Manne ein gutes Wort zu geben. Er war zu schmählich behandelt worden. Er erlag unter dem Andenken dieser Beleidigungen. Seine Wangen brannten und seine Faust ballte sich, wenn er sich jedes Wort, jeden Blick des Beleidigers zurückrief. Der Bauer hatte so recht die Schale seiner innersten Herzensmeinung über den Gebildeten ausgegossen. Kein Mann von Ehre darf das verzeihen.

Sallek litt Tantalusqualen, indem er dieser Empfindung nachhing. Das Hochgefühl, zu lieben, die Hoffnung, fast die Gewißheit, das Geliebte erlangen zu können, und doch ein strenges, unerbittliches Etwas, das ihm's verleidet, die Hand darnach auszustrecken. In diesem Wiederstreit von Liebe und Ehre strich er am Abend jenes ereignißvollen Tages nach seiner rauhen Blockhütte die Berghänge der Madeler Gabel hinan.

Der Abend stimmte ihn weich. Die Wildheit des einsamen Gebirges erwärmte seine Phantasie für die Bilder einer wohnlichen Häuslichkeit. Und dachte er an Hermosen und jauchzte er auf: für dieses Mädchen würdest du in's Feuer gehen; dann war er ehrlich genug, das Feuer ein wenig wahr machen zu wollen. Wie wäre es, Freund Felix, sagte er sich dann, wenn Du in das Feuer jenes Augenblickes gingst, wo Du ihrem brutalen Vater die Hand reichst und ihn gütlich um seine Tochter bittest? Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude! Wie wäre das, mein alter Freund? Ueberleg Dir's einmal!

Die Ehre verbittet's. Was ist Ehre? Ist das ein so reines, nothwendiges Naturgefühl, wie z. B. die Liebe? Die Liebe zu einer Hermosa? Ist an dem Ehrgefühl nicht doch etwas Forcirtes, Gemachtes?

Er erinnerte sich in aller Eile der verschiedenen Philosophen, welche den Ehrbegriff analysiren. Der scharfe gepfefferte Schopenhauer fällt ihm vor Allem ein. In seinem Aufsatz gegen das Duell haut er ein stattliches Theil vom germanischen Ehrbegriff in die Pfanne. Die Griechen wären doch auch Kerle gewesen, und noch dazu mit den Germanen verwandt, wie wir nicht ungern uns rühmten, aber unsern Tic auf Ehre hätten sie nicht gehabt. Die homerischen Helden schimpften sich links und rechts »Hunde,« daß es nur klatschte, ja sie prügelten sich gelegentlich mit ihren Sceptern rechtschaffen durch. Aber niemals hätten hellenische Junker sich zum Duell gefordert.

Kann man das brauchen oder nicht? War die Ehre von Ewigkeit so, oder läßt sie mit sich handeln? Was ist Ehre? Ist sie der kostbarste Juwel einer Männerbrust, oder ist sie eine nicht unansehnliche – Narrheit?

Die gesunde Antwort darauf konnte unseren Helden nicht lange entgehen. Sie ist beides zugleich, sagte er sich. Jenes ist sie als wahre, dieses ist sie als falsche Ehre.

Aber freilich war damit nichts entschieden. Denn nunmehr galt die Frage: Was ist wahre, was ist falsche Ehre? Und der Streit und Widerstreit war von Neuem da.

»Ei, da bist Du ja wieder, Du gottloser Ausreißer!« rief die Stimme des Pater Anselm von einem Felsschroffen herab, auf welchem er mit baumelnden Beinen saß und den Weg observirte; »ich fürchtete schon, Du würdest mir auch die zweite Nacht ausbleiben, Du Bruder Liederlich. Große Neuigkeiten, Sallek, große Neuigkeiten; Du wirst Dich verwundern! Wir haben viel mit einander zu reden.« Und damit haspelte er sich von seinem Luginsland herab und stand an der Seite seines Opfers.

Sallek that ihm den Gefallen, nach seinen großen Neuigkeiten zu fragen.

»Ich habe mich entschlossen, das Koheleth einer indischen Quelle zu vindiciren,« sagte der Curat. Er sprang drei Schritte zurück und sah seinen Freund erwartungsvoll an.

»Ich bin auf Deine Beweisführung neugierig,« antwortete Sallek zerstreut.

Der Curat machte funkelnde Augen, daß Jemand neugierig war. Er fing an seinen Nonsens mit einer kindischen Freude auszukramen.

Während er sprach, befand sich Sallek in ungestörtester Einsamkeit mit seinem eigenen Gedanken. Er ließ den Curaten neben sich hergehen, wie Baumrauschen oder Bachsprudeln und kam etwa blos zu folgender Reflexion durch ihn: Vergiebst Du Dir in diesem Augenblicke nicht auch etwas? Heißt das nicht auch Schmeichler oder Höfling sein, diesen Kindereien schweigend ein Ohr leihen? Welche Rolle spielst Du jetzt? Und wofür? Kannst Du Dich unter die Dummheit schmiegen, warum nicht auch unter die Grobheit, zumal wenn die Grobheit ein schönheitsprangendes Töchterlein hat? Und während der Curat seine Beweisführung über das Koheleth abhaspelte, hatte Sallek den Entschluß durchgearbeitet, – um Hermosen beim Fender anzuhalten.

Diesen Entschluß gefaßt, gewann er die ganze Freudigkeit eines Bräutigams. Die Tage, welche er jetzt zubrachte, um Fend's Rückkehr von St. Gallen abzuwarten, schwammen im Dufte eines ahnungsvollen Glückes. Eine ungeduldige, aber süße Unruhe trieb ihn von jedem Buch, von jeder Thätigkeit weg, aber sie entschädigte ihn überreich an seinen eigenen fantasirenden Traumschöpfungen. Höchstens füllte er diese Muße noch mit der Angelruthe aus, dem schönsten Organ des beschäftigten Müßiggangs. Und wenn er dann stundenlang an den Forellenwässern des Birgsbaches ging, und der Curat mit seinem struppigen Manuscript unter'm Arm ihm zudringlich nachlief, so konnte er sanft wie ein Kind seinem Quälgeiste zuhören, und höchstens rief er manchmal dazwischen: Bst, bst, nicht so laut; die Forellen haben ein gar scheues Gehör! Er fing auch in vielen Stunden oft keine einzige, aber – die Stunden waren wenigstens hin.

So kam der Tag, an welchem, seiner Rechnung nach, die Reisenden des Fenderhauses zurück sein konnten. Der germanische Ehrbegriff war inzwischen des Todes verblichen, und Hermosen's Bild zischte wie glühendes Eisen in seinem Blute. Er sprang in's Lechthal hinab wie auf Stahlfedern.

»Als er den Giebel des Fenderhauses durch die Waldlucken erblickte, regte sich doch wieder seine Galle. Aber er schlug sich ein Schnippchen. Ei was! Er hoffte, er habe die Herren nicht zum letzten Male gesehen.« Das war für's Erste doch eine Art Abbitte. Die weitere reparation d'honneur findet sich. Vorwärts!

»Der Papa ist noch nicht da,« sprang ihm Ivo entgegen, als Sallek den Bühel des Hauses hinanging. Der Knabe sagte es fast jubelnd – trug er doch auch seinen schönen romantischen Pagenanzug wieder!

Ganz unerwartet hörte Sallek das nicht. Er hatte sich die Zurückkunft freilich gut genug ausgerechnet. Aber – wie rechnen Verliebte!

Im Vestibul kam ihm Eusebia entgegen und sagte dasselbe, was Ivo gesagt. Sie benahm sich steif und gemessen gegen Sallek, recht auffallend wie eine Fremde. Sallek verwunderte sich und in seinem Verdruß darüber sagte er sogleich wieder Adieu. Eusebia nöthigte ihn nicht zu bleiben, sie schien sein Adieu vielmehr erwartet zu haben. Sallek verwunderte sich noch mehr.

Als er vor's Haus trat, hängte sich Ivo an ihn. »Nicht wahr, Sie mögen ihn auch nicht, den rothköpfigen Herrn Früll?« sagte der Knabe.

»Ist denn Früll da?« fragte Sallek.

»Freilich,« antwortete der Knabe. »Er ist immer da.«

Sallek verwunderte sich nicht mehr.

Langsam kehrte er nach Hause zurück.

Von Neuem wartete er drei Tage.

Aber jetzt hörte er nicht mehr dem Pater Anselm zu, oder saß still und geduldig an einem Forellenbache. Leidenschaftlicher, aufgeregter trieb ihn die Gährung seines Innern umher. Er blieb in diesen drei Tagen keine Stunde auf der Madeler Gabel, sondern machte vom Plansee bis in die Allgäuer Alpen eine Streife durch's Hochgebirge. Das beschwichtigte seine fiebernden Lebensgeister.

Am vierten Tage ging er wieder ins Fenderhaus. Eusebia machte ihm ebenso kühl und kurz die Mittheilung; es sei just heute ein Brief gekommen, datirt aus Zürich, welcher melde, daß die Reisenden an den Vierwaldstädtersee und vielleicht weiter gehen und vor acht Tagen schwerlich zurückkommen würden.

Bestürzt entfernte sich Sallek.

Seine Gedanken arbeiteten viel zu lebendig, als daß sie bei dieser Nachricht sich einfach begütigt hätten. Er sah in der Reiseverlängerung Fend's eine Absicht. Fend, meinte er, wolle ihm aus dem Wege gehen. Er weiß, daß er ihm Genugthuung zu geben habe, ja, er ahnt vielleicht, wie er sie ihm geben soll. Beides ist ihm fatal. So durchhaut er den Knoten und wird unsichtbar. Er reist von St. Gallen nach Zürich, von Zürich an den Vierwaldstädtersee; ja, wer garantirt, daß er nicht nach Genf, nach Chamounix, kurz, so lange herumreisen wird, bis er weiß, Sallek's Amtsurlaub ist abgelaufen und er muß wieder nach Innsbruck zurück. Dann ist die Genugthuung verschleppt und Sallek hat all' seine Vortheile verloren. Wirklich, recht schlau, recht kniffig! Das hat sich der caculirende Bauer mit echtem Bauernkniff ausgedacht!

Und immer tiefer wühlte sich Sallek in seinen Verdacht ein. Darum hat er auch die Frau und Hermosen mitgenommen. Denn nicht nur will er ihm selbst keine Satisfaction geben, er will auch verhindern, daß ihm Frau und Tochter Hoffnungen machen. Sehr fein raffinirt! Ein diplomatischer Schachzug, welcher Matt setzt! Aber daß Frau und Tochter ihn nicht durchschauten, daß Frau und Tochter sich dazu hergaben, das that ihm bitterlich weh. Aus seinem Schmerz wurde Zorn, aus dem Zorn Stolz und der Stolz nannte sich Ehre. Es kam eine Stimmung, wo der germanische Ehrbegriff, der scheintodte, wieder mit vollen Lungenflügeln schnaubte.

In dieser Stimmung richtete er seinen Gedanken – denn wir müssen Alles sagen – von Hermosen an Franche. Die interessante Fremde hatte auch ihm, wie allen Uebrigen, gefallen. Und doch, welchen Contrast bildete sie zu dem Fendermädchen! Wie war der Styl ihrer Schönheit ein so durchaus anderer, ja, entgegengesetzter! Ihr schmales Köpfchen mit den sensitiven Zügen und dem bleichen Teint bei dunklen Haaren und Augen gab ein picantes, echt wälsches Charakterbild neben Hermosen, dem Modell aus »Milch und Blut«, der »lichten Maid« des altdeutschen Minneliedes. Das Schönheitsideal ist vielseitig, nicht einseitig, sagte sich Sallek. Es ist mehr als Ein Typus, welcher geliebt werden kann. Und er gefiel sich, er zwang sich fast dazu, diesem Gedanken nachzuhängen.

Dabei aber fühlte er recht gut, daß er einen Verrath in sein Gemüthsleben trage und daß er falsch gegen sich selbst sei, wenn er diese Spaltung sich hingehen lasse. Das machte ihn nun ganz unglücklich. Alle Hindernisse einer Liebe sind nichts gegen jenes perfide innere Hinderniß, jene charakerlose Liederlichkeit des Halbwollens, welche freilich für den interessanten Hautgout der modernen Sittlichkeit gilt, wovon unser braver Tiroler aber kein Aederchen hatte.

Kurz, der arme Mann hatte das Reisevergnügen der Fends mit den unglücklichsten Tagen seines Lebens zu bezahlen. Wie der minnende Erzvater um seine geliebte Rahel sieben Jahre und noch einmal sieben Jahre dienen mußte, so verdiente sich Sallek seine schöne Braut in zweimal sieben Tagen, welche die Ungeduld, das Leiden, das Verzagen und die Ermüdung von Jahren zusammendrängten.

Endlich war auch diese bitterste aller Wochen dahin, die Frist, von welcher Eusebia gesagt hatte, »daß sie vor acht Tagen schwerlich zurückkommen würden.« Noch einmal ging Sallek in's Lechthal. Nicht daß er entschlossen war zu werben; er war nur unentschlossen zu entsagen. Seine Leidenschaft kannte er kaum noch aus der Erinnerung. Er sah noch den Widerschein seines Feuers, es brannte ihn aber nicht mehr. Die glühendsten Bilder von damals, wo er zuerst seine Werbung sich vorgenommen, sahen ihn heute wie kalte Photographien an. Er mußte sich Alles, was er sagen wollte, was man ihm antworten möchte und was er der Antwort wieder antworten könnte, vorsagen wie eine Schullection. Er sagte sich zuletzt gar nichts mehr vor, sondern begriff, es komme bei der veränderten und verschleppten Situation Alles auf Zufall und Augenblick an. So ging er hin.



Neunzehntes Capitel.

Es war vielleicht an der nämlichen Stelle, wo wir selbst das Fenderhaus zum ersten Male erblickt; da hielt Sallek, als er vom Walde herabkam, an, mit dem Gefühle, er könne es leicht zum letzten Male sehen. Das Haus lag im vollen Sonnenglanz ihm gegenüber. Die wohlbekannten Fenster des Clavierzimmers standen offen und auf dem Clavier wurde äußerst lebhaft gespielt. Es war der stürmische Anschlag Hermosens. Sallek fühlte sein Herz klopfen. Also sie sind zurück! Sie ist wieder da. In den kecken, raschblütigen Scalaläufen wirbelt ihr Gruß herüber.

Seine Lebensgeister erwachten. Er fühlte wieder Muth und Vertrauen. Wie ein edles Roß, welches die Kriegstrompete gehört, durchzuckte ihn Feuer und Ungeduld. Er eilte hinab und flog den jenseitigen Hügel hinan. Als er dem Hause sich näherte, hörte die Musik wieder auf, aber Sallek freute sich darüber. Vielleicht hat man ihn gesehen und kommt ihm entgegen, dachte er sich. Und nur um so lebhafter beschleunigte er seine letzten Schritte.

Wirklich wandelten, als er durch die Gartenthür trat, Hermosa und Frau Ottilie Arm in Arm auf ihn zu. Der erste Blick auf das Mädchen war ihm wie Manna in der Wüste. Sie schien ihm schöner als je.

»Mama, was habe ich gesagt?« rief Hermosa in ihrer raschen Weise.

Wir sind gestern angekommen und die Mama wollte heute auf die Madeler Gabel schicken, es Ihnen sagen lassen. Aber ich sagte: »das kannst Du thun, weil es höflich ist, aber nicht weil es nothwendig ist; ich wette, er kommt von selbst!«

»Und das sagt man so heraus?« sagte Frau Ottilie.

Hermosa wurde roth und meinte treuherzig; »Nehmen Sie mir's denn übel, Herr Sallek?«

Ganz heil und gesund war Sallek durch diese kleine Scene. Er ergriff mit Entzücken die Hand des Mädchens, küßte sie und sagte: »Ich kann es Ihnen nicht aussprechen, Fräulein, wie glücklich es mich macht, daß Sie so gut rathen. Doch ja, ich kann es aussprechen, ich kann es und will es. Ihr Papa ließ mich vor vierzehn Tagen eine Rolle spielen, die eben so ungesetzlich als beneidenswerth war. Sein Gedanke entzückte mich, und selbst wenn ich die Art, wie er ihn aussprach, davon abziehe, so bleibt des Entzückenden noch immer genug übrig. Während Sie vierzehn Tage in Floribus lebten und mich in meinem Elend mutterseelenallein sitzen ließen, war es einzig dieser Gedanke, der mein schwaches Lebensflämmchen ernährte. Und, die Wahrheit zu sagen, die Nahrung gedieh mir recht üppig. Ich kam heute in Ihr Haus mit den allervermessensten Vorsätzen. Ich wollte Ihrem Papa sagen, daß ich kein Räuber bin, sondern – ein Mensch, welcher bittet, aber freilich recht dringend, recht unabweislich bittet, so daß man es ihm ansieht, er kann und will nicht leben ohne das Gut, um welches er bittet.«

Sallek hielt inne. Hermosa hatte sich verfärbt und Frau Ottilie sprach kein Wort. Eine bange Pause verging so. Sallek fuhr fort: »Entschuldigen Sie mich, theuerstes Fräulein. Nicht ich bin es, welcher mit der Thür ins Haus fiel. Die Thür war schon eingefallen, ich gehe hinein und kann nichts dafür, daß ich sie nicht anstandsmäßig aufmachen muß. Das hat unser alter Herr zu verantworten. Käme es auf mich an, Sie trauen mir zu, Hermosa, daß ich es für schicklicher, ja für poetischer gehalten hätte, die Zeit reifen zu lassen und erst alle meine guten Worte bei der Tochter anzubringen, ehe ich das große Wort mit dem Vater sprach. Ich weiß: was ich begehre, ist zu edel, als daß man es nur so im Fluge vom Wege pflückt. Aber die Umstände verschulden diese Ueberstürzung, nicht ich. Ich muß mich mit Herrn Fend wieder begegnen, er wird mir eine Ehrenerklärung machen, und nichts ist natürlicher, als daß ich daran anknüpfe. Es ist der passendste Augenblick. Wenigstens ihm gegenüber! Vor zarteren Seelen ist er verfrüht, das empfinde ich lebhaft, und noch einmal bitte ich Sie, mir zu verzeihen.«

Hermosa schwieg noch immer. Frau Ottilie seufzte: »Es ist furchtbar, wie in unserm Hause Alles conträr geht! Vor einer Stunde vielleicht hätten Sie beim Fender noch reussirt. Aber seit einer Stunde ist Herr Gordian Früll bei ihm und hat einen Onkel mitgebracht. Die beiden Herren erschienen im Sonntagsstaat und mit Sonntagsmienen. Wir fürchten, jede Minute gerufen zu werden. Sie errathen, wozu gerufen.«

Sallek stand bestürzt.

»Es ist ein böses Zusammentreffen«, fuhr Frau Ottilie fort. »Weichen wir aus. Treten wir vorsichtig bei Seite. Ein Tag verloren, ist noch kein Leben verloren. Nur heute unternehmen Sie nichts; ich bitte Sie.«

Hermosa machte eine Bewegung. Sie wollte sprechen, einen Gedanken aussprechen, schien's, der ihr mit gewohnter Raschheit durch den Kopf fuhr. Aber sie besann sich und sagte mit kleiner Stimme: »Ich darf nichts sagen.«

»Was wolltest Du?« fragte Frau Ottilie. Hermosa sah sie mit zagenden Blicken an und ließ ihr Gesicht an die Brust sinken.

»Ich weiß, was Hermosa sagen wollte«, nahm Sallek das Wort. »Sie wollte sagen: wenn Sie sprechen, so thun Sie es gleich. Gehen Sie augenblicklich hinauf. Keine Minute Verzug! Und Sie hat Recht. Ich gebe zu, es ist vielleicht unklug, aber es ist das, was mir allein ziemt. Wenn Früll wirklich in diesem Augenblicke wirbt, – wie wollen Sie das mütterliche Jawort vermeiden, liebste Mama? Mit Zeitgewinnen, mit Hinhalten und Ausflüchten. Aber wie wir den Papa kennen, so werden Sie unendlichen Verdruß davon haben. Sie und Hermosa. Dagegen wenn ich dem Früll mich jetzt und gleich gegenüber stelle, so gibts vielleicht ein Donnerwetter, daß uns Hören und Sehen vergeht. Möglich! Aber wenigstens kennt dann Herr Fend den Grund Ihres Widerstandes. Und das Odium Ihres Widerstandes fällt nicht auf Sie, sondern auf mich. Ich decke Sie, nicht Sie decken mich. Sie haben dann im Hauskrieg einen erklärten Parteigenossen, der mit offenem Visir an Ihrer Seite kämpft, und der die Sache, welche die seinige ist, auch zur seinigen macht. Nicht wahr, das wollten Sie sagen, Hermosa?«

Das Mädchen reichte dem Bräutigam ihre Hand hin. Sallek schloß sie in seine Arme und gab und empfing den ersten Kuß.

Beseelt von dem Hauche des heißgeliebten Mädchens ging Sallek mit verdoppeltem Muthe an seine Aufgabe. Er nahm seinen Hut, eilte die Treppe hinan und ließ durch die Hausmagd Herrn Fend seine Anwesenheit melden. Gefaßt stand er da und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Es dauerte nicht lange. Alsbald kam Herr Fend vom Estaminet herüber – und in der heitersten Laune.

»Ah, da sind Sie ja, Herr Sallek! Nichts für ungut für das, was geschehen ist! Sie werden auch einmal mannbare Töchter haben und dann selbst wissen, wie Einem der Kopf brennt bei dieser heiklichen Waare.«

Mit rascher Geistesgegenwart ergriff Sallek das Wort. »Topp, Herr Fend, es ist mir um diese Erfahrung wirklich zu thun! Aber ehe die Töchter da sind, muß die Mutter da sein und ehe sie Mutter geworden ist, muß man sie gefreit haben. So will es die Buchstabirmethode der bürgerlichen Ordnung. Und wenn ich nun wirklich auf Freiersfüßen ginge, so waren Sie selbst der Erste, der es natürlich gefunden hat, daß ich das prächtige Fendermädel freite. Topp, Herr Fend, ich finde es auch natürlich! Das Was haben Sie pünktlich errathen, nur beim Wie hat der brennende Kopf über die Schnur gehauen. Ich bin nicht der Mann, der die Töchter hinter dem Rücken des Vaters stiehlt, so lang ich noch glaube, daß sich mit dem Vater ein Wort in Güte reden läßt.«

»Glauben Sie das?« sagte Fend, dem die sparsamste Schmeichelei Wohlgeruch vor dem Herrn war. Er sah sich den Werber mit einer Protectormiene an, in welcher Bauernstolz mit Wohlwollen gemischt war. »Nun«, sagte er, »Rath sind Sie freilich noch nicht, aber was nicht ist, kann werden, muß werden! Die Wiener Beichtzettel- und Rosenkranz-Politik pfeift auf dem letzten Loch, das greift sich mit Händen. Aber gehen diese Zöpfe zum Teufel, so ist ein Haarboden wie der Ihrige reines Gold. Ich handle Ihren Kopf mit hundert Procent Agio und mache noch ein Geschäft. Ich verkaufe ihn für einen Ministerkopf«.

Die brutalste Antwort hätte unseren Helden nicht so perplex gemacht, wie diese. Sallek wußte nicht mehr, ob Deutsch noch Deutsch sei, als diese Worte sein Ohr trafen.

Ohne eine weitere Bemerkung trat Fend an den Glockenzug und schellte tüchtig. Aber Menschen wie er operiren lieber mit der Bruststimme, als mit Mechanismen und so schrie er gleichzeitig zum Garten hinab: »Die Frau soll heraufkommen!«

Frau Ottilie inzwischen, und Hermosa mit ihr, waren gleich nach Sallek die Treppe hinaufgeschlichen und harrten im Clavierzimmer mit bangem Herzklopfen der Entscheidung. Der Ruf des Fenders klang nicht aufgebracht – Mutter und Tochter wechselten einen hoffnungsvollen Blick – und die Frau eilte ins Zimmer hinüber. Beim ersten Schritt warf sie einen Dankesblick gegen Himmel, denn sie sah zwei heitere Mienen.

»Komm' her, Du weise Frau«, spottete Fend, der noch in der Güte borstig blieb, »Du bist es ja immer, die so weise Orakel spricht. Wie sagtest Du nur diesen Winter, weißt Du noch? Die Mädchen werden sitzen bleiben trotz all' Deinem Gelde. War's nicht so? Wie viele Mädchen hast Du denn, Tilli? Nur her damit, ich bring' sie Dir alle an den Mann. Ich schlage Dir gleich das ganze Lager los; ich bin ein alter Grossist. Schau sie Dir an, Deine Mädchen, Du wirst sie bald zum letzten Male sehen. Da drinnen sitzt Herr Früll junior, Erbe einer Viertelmillion, und begehrt unsere Eusebia; hier steht Herr Sallek, Justizminister in spe, Excellenz, und begehrt unsere Hermosa. Es gibt doch noch Leute, die mich zum Schwiegervater wollen; sie kommen gleich paarweise«.

Früll begehrt Eusebien! Sallek und Frau Ottilie sahen sich sprachlos an. Also daher das schnelle Jawort des Fenders. Früll begehrt Eusebien!

»Nicht wahr, das wundert Euch«, sagte Fend offenherzig. »Mich auch. Ich bildete mir immer ein, er streicht um die Andere. Ich machte ein dummes Gesicht, scheint mir, als sie mit ihrer Sebi daher gestappelt kamen. Nun, meinetwegen; umso besser! So haben wir gleich eine Doppelhochzeit«.

Mit mütterlichem Kummer fragte Frau Ottilie: »Aber will Früll im Ernste nach Amerika?«

»Keine Idee! Denkt nicht dran. Sei ganz ruhig, Alte. Im Gegentheil, die Frülls haben jetzt das Project, eine große Baumwollenspinnerei auf einem ihrer Grundstücke am Lech anzulegen. Das Project ist famos, sag ich Dir. Sie haben eine Wasserkraft von neunhundert fünfundzwanzig Kubikfuß per Sekunde mit einem Gefäll von dreißig Fuß auf eine Länge von siebentausend Fuß. Macht circa dreizehnhundert effective Pferde. Dazu Holz im Ueberfluß, wohlfeile Hände und, was die Hauptsache ist, eine Eisenbahn von Innsbruck an den Bodensee kann gar nicht ausbleiben. Wir sitzen just bis über die Ohren in den Berechnungen. Ich muß Euch sagen, ich freue mich wie ein geprügelter Aff«.

»In diesem Falle darf ich Sie nicht länger stören«, sagte Felix.

Der Fender lachte. »Nun ja, gehen Sie nur gleich zu Ihrem Würgengel. Gehen Sie nur. Hat sie mir doch die zwei Frülls gemessen von oben bis unten! Und während wir zusammensitzen und die Herren in aller Feierlichkeit ihre Werbung anfangen, macht sie mir ein Getrommel auf dem Clavier, daß im dritten Zimmer davon die Gläser zittern. Ich gehe hinüber und sage: Mosi, verlies wenigstens die Aufruhracte, eh' Du Clavier spielst! Das ist Eine!«

Aber der Fender sagte das mit eitel Freude und Wohlgefallen und lachte dazu und Sallek lachte vom Herzen mit. Er wußte jetzt, woher die rauschenden Scalaläufe, die ihn aus der Ferne begrüßt hatten.

»Soll ich Dir das Mädchen zur Bedankung für Dein Jawort herüberschicken?« sagte Ottilie mit gattlicher Ergebenheit; aber der Fender, welcher zwar Schmeicheleien liebte, dagegen mit eigentlichen Rührungen nichts anzufangen wußte, sagte sofort: »Keine Eile keine Eile; ich bin jetzt ganz Spinnerei«.

»So nehmen Sie meinen Dank, Herr Fend«, sagte Sallek, »einen Dank, welchen ich um so kürzer aussprechen kann, denn alle Sprachen der Welt haben nicht Worte genug, das Glück zu schildern, das ich von Ihrer Vaterhand empfange«.

»Gut gesagt«, antwortete Fend und strahlte. »So schön wissen die Früll's ihre Worte nicht zu setzen, aber – eine Viertelmillion ist auch nicht zu verachten«.

Damit war die feierliche Brautwerbung zu Ende. Sallek und die Mutter eilten ins Clavierzimmer hinüber, wo die schöne Braut ihrer harrte.

»Fräulein Hermosa, Du bist mein Weib!« jubelte Felix mit ausgebreiteten Händen. »Ja, ja, staune nur, Mädchen. Du bist eine kleine Eitle. Die Herren von der Viertelmillion haben nicht um Dich gefreit, sondern um Eusebien. Die schöne Hermosa muß sich mit einem armen Federfuchser begnügen«.

»Sprecht Ihr im Ernste«? fragte Hermosa blaß und roth und mit wechselnden Blicken zwischen der Mutter und dem Bräutigam.

Felix sagte: »Wäre ich nicht bis über die Ohren mit mir selbst beschäftigt gewesen, ich hätte es gleich denken können als ihr mir sagtet: die Früll's sind droben. Hinterher verwundert es mich gar nicht. Die schöne Hermosa war vierzehn Tage abwesend und die – kluge Eusebia war vierzehn Tage anwesend! Die Gegenwart ist eine mächtige Göttin, sagt der Dichter des Tasso«.

Hermosa sann einen Augenblick vor sich hin. »Mich verwundert es auch nicht mehr«, sagt sie dann. Und moquant lächelte sie: »Seht doch das Blitzmädel! fischt mir meine Liebhaber weg! Na, darum keene Feindschaft nich, Madame Früll!« »Au contrôleur, ich danke Ihnen, Frau Schwester«.

»Boshaft sind sie doch Alle in diesem Punkte«, lächelte Sallek zu Ottilien. »Und wie hübsch ihr das steht«! – Er umarmte sein Mädchen mit Entzücken.

»Jetzt will ich aber zum Papa und mich bedanken«, sagte Hermosa mit bräutlichem Ernstgefühl.

Man bedeutete ihr, daß es verbeten werde, weil der Papa just ein Fend-Früll'sches Spinnerei-Project ausrechne.

»Gott sei Lob und Dank!« rief Hermosa mit gefalteten Händen. »Das war schon längst ein stiller Wunsch von mir. Wie oft dachte ich mir: Der ganze Mann wäre so übel nicht, wenn er zu thun hätte. Für das Stillleben, das er jetzt führt, hat ihn sein bischen Alter noch lange nicht mürbe genug gemacht. Er müßte in Magazin und Comptoir mit Packern und Schreibern sich ordentlich auswettern können, dann hätten Frau und Kind reinen Himmel. Und auch sonst gäb' es mehr Autorität in der Familie, wenn man den Ernährer schaffen und arbeiten sähe, statt blos Coupons abschneiden«.

»Das heißt den Nagel auf den Kopf treffen!« rief Sallek. »Die ganze Krankheit des Haustyrannen ist damit ausgesprochen. Aber von etwas Anderem, theuerste Braut. Ich habe mich zuvor, als mir mein Glück so unverhofft an den Kopf flog, des süßen Gedankens nicht erwehren können; die Damen haben auf ihrer Schweizerreise doch auch ein wenig vorgearbeitet für mich.«

Hermosa wurde roth und sagte zu ihrer Mutter: »Was für einen gescheidten Mann ich bekomme!« Und als Sallek mit seinen verfänglichen Frageblicken sie in Verlegenheit setzte, wendete sie sich an diesen: »Hören Sie, Herr Gemahl, wir Frauen haben es gerne, wenn die Männer nicht gar Alles wissen und errathen wollen. Merken Sie sich das!«

»Unterthänigst aufzuwarten! Werde ich mich bemühen, möglichst einfältig zu sein.«

»Nun, Alles hat seine Grenzen. Sie wollen doch nicht mit dem Herrn Schwager concurriren?«

»Böses Mädel! Das verzeiht sie ihm nimmermehr.«

In der That ließ Hermosa so bald nicht ab von diesem Thema. Sie gefiel sich, über die vierzehn Tage der Schweizerreise auf Kosten Früll's und Eusebien's Conjuncturen anzustellen, die so malitiös waren, als es sich nur immer von einem Mädchen aussprechen ließ. Sie errieth so ziemlich Alles, was wir im zehnten Kapitel dieser Erzählung – mit dem Lichte einer dunklen Laube beleuchtet. Wir glauben nicht, daß das Licht zu spärlich war, und verantworten es daher, die losen Witze des Mädchens unserem Leser vorzuenthalten. Genug, daß wir wissen, auch dem Schwachen sind seine Kräfte verliehen, denn die Natur, selbst wo sie stiefmütterlich erscheint, gleicht doch Alles wieder aus. Und so war Eusebia im Stande gewesen, in jenen vierzehn Tagen ihrer Alleinherrschaft sich zu befestigen und den guten Früll mit Leib und Seele zu unterjochen.

In Früll's eigenem Munde klang es freilich ein wenig anders. Denn spät noch, als er schon längst ein corpulenter Familienvater war und im Besitze seines häuslichen Glückes nicht wenig sich spreizte, pflegte er den Leuten, welche sein »Muster von einer Hausfrau« an den Himmel erhoben, mit Selbstzufriedenheit zu antworten: »Und sehen Sie, als Mädchen war sie zu Hause verkannt. Kein Mensch wußte, was in ihr steckt. Aber ich sag' es immer: aus jedem Weib ist was zu machen, sie muß nur dem rechten Mann in die Hände fallen.«



Zwanzigstes Capitel.

Unsere Erzählung ist bei ihrem Ende angelangt. Die Ahnherren des Romanes hätten allerdings noch eine größere Wegesstrecke vor sich, denn sie würden in unabsehbarer Parade die geistlichen und weltlichen Ceremonien der Hochzeit, sodann die erste Kindstaufe mit ihren staatlichen Schmäusen und saftigen Lascivitäten dem unvergeßlichen Andenken der Nachwelt in ausführlichen Berichten überliefert haben. Diese Mode aber ist mit Recht zu den Vätern versammelt im Zustande einer aufgeklärten Gesellschaft, wo das Heirathen entweder zum Mythus geworden, oder zur Geldspeculation, oder zur Rettungsanstalt für abgelebte Viveurs, welchen der Arzt ein geregeltes Leben empfiehlt. Was aber die Kindstaufe betrifft, so wird sie kein wahrhaft modernes Elternpaar mit der Freude eines altmodischen Gottvertrauens umjubeln, sondern nur noch dem Geld vertrauen und dem Einkauf in die caisse paternelle,demnach in der Taufe vor allem Andern ein Ding, womit gar nicht zu spaßen, nämlich eine schwerwiegende Vorsorgungsfrage erblicken.

Also kurz und modern: man heirathete. Gordian Früll und Eusebia mit allem Pomp einer üppigen Bäuerlichkeit, Felix Sallek und Hermosa mit aller Modestie der heutigen Städter. Die zwei Schwäger erklärten bei dieser Gelegenheit ihr künftiges Verhältniß, indem sie ihren beiderseitigen Hochzeiten – mit bester Form aus dem Wege gingen. Sallek trat sein Amtsjahr an und entschuldigte sich von Innsbruck aus, daß er zu einem Besuche im Lechthale nicht wohl einen neuen Urlaub nehmen könne. Die Frülls gaben aus den Lechthale einige Wochen später die Entschuldigung zurück »wegen überhäufter Geschäfte.« In der That hatte Dieses wie Jenes seinen guten Grund und konnte sich äußerlich Niemand verletzt fühlen.

Der Grund war so gut, daß selbst die Eltern davon nicht unberührt blieben. Zwar der Früll'schen Lechthaler Hochzeit wohnten sie noch Beide gemeinsam bei. Als aber bald darauf Felix und Hermosa in Innsbruck getraut wurden, kratzte sich Fend ein um das andere Mal die Perrücke, was er mit Vorliebe that, um an die Echtheit des Haares glauben zu machen, und rief aus: »Unmöglich; rein unmöglich! Ich kann nicht loslassen. Alle Hände voll Arbeit. In Gottes Namen! Ist doch die Frau drüben.« Und er ließ wirklich nicht los.

Frau Ottilie war allerdings, nachdem sie Eusebien eingerichtet hatte, um das Gleiche auch in Hermosen's Haushalte zu thun, nach Innsbruck gegangen.

Aber Hermosa war nicht so leicht einzurichten, als Eusebia oder stellte sich wenigstens so. Sie bettelte einen Tag um den andern: »Mütterchen, lieb' Mütterchen, ich kann Dich noch nicht entbehren. Siehst Du, ich bin ein Wildfang, aber Madame Früll ist ein Muster. Mit mir muß man Geduld haben. Bitte, bitte!«

So schritt der Herbst vor, wo es sich der Frau ohnedies nicht mehr verlohnte, ins Lechthal zurückzukehren, vielmehr Fend's und Ivo's Zurückkunft nach Innsbruck erwartet wurde. Aber Fend konnte noch immer nicht loslassen. Er schickte endlich den Knaben allein und sagte, er werde im Lechthal überwintern. Das große Project halte ihn fest.

»Ganz mein Gedanke,« lächelte Sallek befriedigt, als dieser Brief ankam.

»Und meiner auch,« sagte Hermosa zurücklächelnd.

»Was ist Dein Gedanke?« fragte Sallek.

»Und Deiner?« fragte Hermosa.

»Das will ich Dir bündig sagen,« antwortete Sallek. »Ich denke, die Eltern könnten bei dieser Gelegenheit überhaupt in Frieden und Eintracht – sich trennen. Der Papa bliebe bei den Frülls, die Mama bei uns. Für einen eigenen Haushalt ist die Familie ja doch zu klein geworden, und was für ein Leben gäbe das jetzt für die arme Frau, mit ihrem Tyrannen allein zu leben! Denn täuschen wir uns nicht; die gute Stimmung von der Schweizerreise her kann bei einem Manne, wie Fend, nicht lange vorhalten. Ich müßte mich sehr irren, wenn er solche Stimmungen nicht schon öfter gehabt hatte und immer mit Rückfällen. Was ich nur selber denke! Es ist noch kein Jahr, daß ich den Mann kenne und welche Wechsel erlebt' ich? Sein Angriff gegen mich gleich am ersten Tage, – hierauf seine Liebenswürdigkeit am Bischofstage – und dann wieder seine Raserei in der Entführungsgeschichte. Nein, das ist kein Wetter, dem sich trauen läßt. In Ewigkeit nicht! Und die Mama soll endlich Ruhe haben. Aber geschieht es, so möge es jetzt geschehen, wo das Wetter schön ist. Mögen sie in Freundschaft sich trennen! Es ist der günstigste Augenblick.«

Und so geschahs. Die Gatten blieben den Winter über, das Eine im Lechthal, das Andere in Innsbruck. Als dann der Sommer kam, machten die Sallek's wohl einen kurzen Besuch im Lechthal, aber bei ihrer Rückkehr nach Innsbruck verstand es sich bereits von selbst, daß Frau Ottilie wieder mit ihnen ging.

Zufällig ging im nächsten Jahre auch das Lechthaler Landhaus, welches für die beiden Abzweigungen der Fenderfamilie wenigstens noch ein äußeres Symbol von Gemeinsamkeit bildete, in fremde Hände über. Ein deutscher regierender Fürst pachtete ein ausgedehntes Jagdgebiet im oberen Lechthal und fand das Fenderhaus ungemein passend und wohlgelegen für sein Jagdschlößchen und Absteigequartier. Er meldete sich als Käufer des Hauses und bot einen trefflichen Preis an. Der Familie war damit höchlich gedient, denn bei ihrer Getheiltheit konnte sie nicht wohl das Haus zu besitzen fortfahren und für den alten Herrn allein wäre der Besitz immerhin eine etwas verschwenderische Liebhaberei geblieben, ja eine unbequeme noch obendrein, da die Fend-Früll'sche Spinnerei vier bis fünf Stunden weiter abwärts im Thale zu liegen kam.

Sallek, der das Verkaufsgeschäft besorgte und mit dem Fürsten persönlich in Berührung kam, wäre uns bei dieser Gelegenheit bald entführt worden, denn der Fürst, welcher Gefallen an ihm fand, bemühte sich lebhaft, ihn in seine Dienste zu ziehen. Aber Sallek blieb gegen alle Verlockungen standhaft und sagte zuletzt: Je gnädiger Eure Hoheit mich zu überzeugen wünschen, daß ich Ihnen nützlich und brauchbar sein kann, desto mehr fühle ich die Pflicht, das Alles – für mein Vaterland zu sein, welches den nächsten Anspruch an meine Dienste hat.

Der Fürst zuckte die Achseln. »Diese alte spanische Monarchie hat schon viel junges Blut consumirt und ist darum nicht jünger und frischer geworden. Gedenken auch Sie Ihren jungen Wein auf diesen alten Schlauch zu füllen?«

Sallek lächelte und sagte im Zeitungsstyl: »Aber der Flügelschlag der neuen Aera!2 –«

»Machen Sie keine schlechten Witze,« lächelte der Fürst zurück. »Nur mit der Kraft des Hercules oder dem Alter des Methusalem könnten Sie hoffen diesem erbgesessenen Jesuitenstaat Stück für Stück seine Beute aus den Zähnen zu reißen.«

»Stück für Stück?« antwortete Sallek. »Man hört, Hoheit, daß Sie als Fremder urtheilen, nämlich die Jesuiten noch immer – zu gut beurtheilen. Stück für Stück! Das ginge zu ehrlich her! O nein: man wird uns Alles auf einmal geben: Parlament mit Steuer- und Recrutenbewilligung, Ministerverantwortlichkeit, Preßfreiheit, Vereinsrecht, Geschwornengerichte – Alles. Ein Platzregen von liberalen Gesetzen wird niedergehen. Wir werden über Nacht der freieste Staat auf dem Continent sein – nämlich auf dem continentalen Papier. Denn Sanctus Ignatius wird denken: Neunundneunzig Hundertstel werden der neuen Grundrechte sich doch nicht bedienen, weil sie ja die Zöglinge des alten Polizeistaates sind, aber das letzte Hundertstel erkaufen und bestechen wir. Wir führen eure neuen Gesetze mit unseren alten Organen aus, d. h. wir führen sie nicht aus. Wer sie mit Füßen tritt, dem lächeln wir, wer sie ernst nimmt, dem zürnen wir; so wird unsere Beamtenhierarchie im Kürzesten merken, mit welchem Wind sie zu segeln hat.«

Der Fürst trat drei Schritte zurück. »Das sagen Sie und doch bleiben Sie!«

»Nur um so mehr,« antwortete Sallek. »Hätte ich das Gesetz zu machen, ich gebe zu, ich könnte erlahmen, mich aufreiben und würde Ihrem gnädigen Rufe folgen. Aber man wird uns das Gesetz mühelos schenken, verschwenderisch an den Kopf werfen, weil man sich vornehmen wird, es zu stehlen. Das gibt eine ganz andere Position. Ich zerringe mich nicht mehr wund und blutig um das Gesetz, ich hab' es ja schon und laß es mir blos nicht stehlen. Ich könnte unterliegen gegen einen Mann, mit welchem ich kämpfen muß, aber ich bin von vornherein Sieger gegen einen Mann – welcher die Augen niederschlagen muß! Gegen die Diebe ist ein ehrlicher Mann eine Armee. Ja, die Tinte, womit das Wort »Gesetz« geschrieben wird, ist ein ganz besonderer Saft! Gebt mir nur dieses Wort! Ich reiße dem Jesuitenstaat nichts aus den Zähnen; an ihm ists jetzt, mir das Gesetz aus den Zähnen zu reißen! Aber meine Zähne sind jung. Was sie haben, halten sie fest. – Sehen Sie, Hoheit, deshalb bleib ich im Lande. Ich spüre den Flügelschlag der neuen Aera, nämlich die Diebe, da gehört der Gendarm auf seinen Posten!«

Der Fürst war betroffen, die Dinge unter dieser Gestalt zu erblicken, aber weltmännisch faßte er sich und sagte lächelnd: »Nun gut, Herr Sallek, so jagen wir; ich mein Rothwild, Sie Ihr Schwarzwild.« – Damit war sein Werben zu Ende und Sallek hatte sich auf seinem Sinne behauptet. Wir wünschten unserm Helden den Credit erworben zu haben, daß er der Mann sei, welcher sich immer und überall zu behaupten weiß.

Indem wir uns von den Helden dieser Erzählung verabschieden, wünschen Leserinnen, – mütterliche zumal, – vielleicht auch von Ivo zu hören. Der Knabe wurde weder ein Kaufmann, wie es sein Vater gewünscht, noch ein Künstler, wie es zum Beispiel Franche oder wohl auch seine Mutter für wahrscheinlich gehalten, sondern ein Drittes. Als im zweitnächsten Sommer Franche und Lorenne, vom Norden herkommend, einen Besuch bei den Sallek's in Innsbruck machten und vom Süden zurück über Mailand, dem Ziele eines zweiten Besuches, nach Hause kehrten, begleiteten Felix und Hermosa das befreundete Paar bis an den Gardasee, und Ivo, als Preis vorzüglichen Schulfleißes, wurde mitgenommen. Bei dieser Gelegenheit begeisterte sich der Knabe an der österreichischen Kriegsflotille auf dem Gardasee, und die Begeisterung verflog nicht, gleich anderen Knabenphantasien, sondern gab ihm eine dauernde Gedanken- und Willensrichtung. So schickten ihn denn die Seinigen erst auf die nautische Schule in Fiume und jetzt ist er Seecadet in der österreichischen Kriegsmarine.

Seinem Einsiedler auf der Madeler Gabel hätte Felix mittels einer Empfehlung an den bewußten Bischof gerne zu einer besseren Pfarrstelle verholfen. Leider starb der gute Bischof, ehe es geschehen konnte. Er hatte zu jenen kostbaren Resten des Clerus gezählt, welche man in Oesterreich die Josephinische, in Deutschland die Wessenbergische Schule zu nennen pflegt. Sein Nachfolger war ein ganz anderer Mann.

Dessenungeachtet besuchte Felix, als ihn der Verkauf des Fenderhauses ins Lechthal rief, den wunderlichen Curaten noch einmal. Er fand ihn zu Bette. Er hatte sich erkältet, litt an Heiserkeit, Kopfschmerz und Fieber. Der ängstliche Mann phantasirte vom Tode. Sallek's Besuch erfreute ihn wunderbar, denn sofort hatte er ihm eine wichtige Angelegenheit zu vertrauen.

»Sallek«, rief er, »Dich schicken die Engel! Bei Gott, wir stehen in einem magnetischen Rapport. Wisse, mein theurer Freund und Studiengenosse, ich habe gestern mein Testament aufgesetzt. Ich habe Dich zum Herausgeber meines literarischen Nachlasses ernannt. Mein Hauptwerk, die Gnosis, ist freilich noch unvollendet; aber nur wenig fehlt noch und das wenige kannst Du ergänzen. Ja, ja; ich darf es Dir anvertrauen. Du kennst meine Ideen. Gott sei Dank, daß Du erschienen bist. So kann ich im Frieden scheiden.«

Und so können wir mit Ehren scheiden, sagen wir zu unserem Leser. Wenigstens wüßten wir nicht, was ihm zu seiner vollen Befriedigung noch fehlen könnte, wenn er die Aussicht mit sich nimmt, daß für ihn, seine Kinder und Enkel ein Manuscriptenschatz erhalten bleibt, der noch weit mehr Seiten des Genusses bietet, als sein Autor selber ahnt, – die Theologumena des Pater Anselm.




1 Um sie als Terne im kleinen Lotto zu besetzen, worauf sich der Ideenkreis der unteren Volksstände in Oesterreich bei den mannigfaltigsten Anlässen bezieht.

2 Es dämmerte just das Ministerium Schmerling herauf.