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Emma Laddey – Tausend Wochen

Eine Geschichte für junge Mädchen

Emma Laddey, Tausend Wochen, Eine Geschichte für junge Mädchen, Verlag von Adolf Bonz & Comp., Stuttgart, 1884


Erstes Kapitel.

Ilona.

An den großen Spiegelscheiben eines stattlichen Hauses in Berlin saß ein junges Mädchen und schaute hinaus. Draußen flutete das Leben der Großstadt, aber die Blicke des Mädchens streiften es nicht, sie hafteten zuerst auf den verkümmerten Linden vor dem Fenster, und dann sah man die Schauende hastig aufspringen.

»Wahrhaftig, ich habe einige Lindenblüten entdeckt,« sagte sie zu einer älteren Dame, die mit einem Strickzeuge am andern Fenster saß, »der Sommer ist da und ich habe noch nicht einmal etwas vom Frühling genossen.«

Das vornehme Gesicht der Aelteren schaute gleichgültig aus weißer Spitzenhaube heraus. »Das ist in einer Großstadt nicht anders,« sagte sie kühl, »wir wohnen zu weit von dem Thiergarten, und die andern Promenaden gefallen Dir nicht – auch hast Du ja den Garten.«

»Den Hof,« verbesserte das junge Mädchen, »ein paar Meter Sandfläche, mit etlichen verkümmerten Sträuchern bepflanzt!«

»Es ist traurig für uns, Lona, daß Du Dich noch immer nicht eingewöhnen kannst, Du solltest bedenken, daß wir keine reichen Gutsbesitzer sind, wie Deine Eltern es waren, sondern arme Beamte. Obgleich Dein Onkel Rath ist, müssen wir Gott danken, eine Wohnung, wie die hiesige, bezahlen zu können.«

»Ich habe Dich nicht kränken wollen, Tante, aber kannst Du mirs nicht nachfühlen, daß ich mir hier vorkomme, wie der Vogel im Käfig? Daheim, in Ungarn, benutzte ich unser Haus nicht mehr, als der Wilde sein Zelt; den ganzen Tag war ich draußen, durchstrich die Haide auf meinem wilden, kleinen Pferde! Ihr stecktet mich nach der Eltern Tode in eine Pension, das war schwer genug, aber es ließ sich noch ertragen; hatte ich doch lustige Jugend um mich, und für den Abend ein Fleckchen Erde, das sich allenfalls noch mit gutem Gewissen einen Garten nennen ließ!«

»Ewig konnten wir Dich doch nicht im Institute lassen,« entgegnete die Hofräthin. »Du bist nun eine junge Dame, mußt lernen, die Pflichten einer solchen zu erfüllen.«

»Und thue ich das nicht? sitze ich nicht stundenlang hier am Fensterplatz und nähe mir die Finger blutig? spiele ich nicht Klavier, bis die Saiten springen? Halte ich nicht geduldig im Besuchszimmer aus, wenn noch so langweilige Menschenkinder da sind, ob ich vor Ungeduld auch mit den Füßen stampfen möchte! Aber dafür müßt Ihr mich auch hinaus lassen; wenn die Linden und die Rosen blühen, hält michs nicht daheim.«

»Ich habe schon mit dem Onkel gesprochen, sobald die Gerichtsferien beginnen, werden wir an den Strand ziehen.«

»Das ist etwas, aber es ist nicht genug, es war unsagbar langweilig im vorigen Jahre in dem kleinen Fischerdorfe.«

»Ich bedauere, nicht in der Lage zu sein, Dich in ein fashionables Bad führen zu können,« entgegnete die Hofräthin spitz, »bist Du erst einmal verheirathet, so wird es Dir ja leicht werden, solche Wünsche zu erfüllen.«

Die Dame stand auf und verließ das Zimmer: die Stirne von Unwillen gefärbt, blickte Ilona ihr nach, die Lippe verzog sich unschön spöttisch und achselzuckend sagte sie:

»Wenn Ihr mich dadurch für Euren langweiligen Sohn zu erringen gedenkt, so irrt Ihr, lieber zeitweilige Einkerkerung, als ewige ertragen! Einmal muß ich ja doch die ersehnte Mündigkeit erreichen, wenns auch noch lange währt!«

Ungeduldig stand sie auf, trat zum Klaviere und spielte mit wahrer Leidenschaft wilde, heimatliche Weisen, dann brach sie in Thränen aus, grub den Kopf in die Hände und rief einmal um das andere: »Ich halts nicht aus!«

»Was hältst Du nicht aus?« fragte eine fröhliche Stimme und zwei kleine Hände nahmen Ilonas Hände von dem thränenüberströmten Gesichte und zwei liebe Augen sahen die Weinende an.

»Ach Tante Fränzchen, Du?! Dein Kommen ist der einzige Sonnenschein in diesem kalten, grauen Hause!«

»Närrchen! Was hat es denn wieder gegeben? war der Onkel mürrisch, die Tante verstimmt, der Vetter ungalant?«

»Nichts von alledem. Ich halte dies Leben einfach nicht aus!«

»Kindskopf, Du mit Deinen achtzehn Jahren, was weißt Du vom Leben?! Man hält noch ganz andere Dinge aus.«

Ilona umfaßte zärtlich die jugendliche Tante, über deren lebensfrischem Antlitz jetzt sinnender Ernst lag. »Ja, Du darfst wohl so sprechen,« sagte sie warm, »Du, die man in der Blüte der Jahre einem Greis vermählt! auch daran war gewiß nur Tante Alma Schuld, die mit den Menschen rechnet, wie mit Zahlen.«

»Still, still, Kind, Du weißt nicht, was Du redest. Der Kampf ums Leben ist schwer, mein Bruder mittellos, da wars der Schwägerin nicht zu verdenken, daß sie mich unnützes, kostbares Ding los sein wollte. Damals freilich meinte ich, ich würde es nicht überleben, aber ich habe es doch überlebt und hab' sogar meinen guten, seligen Mann liebgewinnen lernen.«

»Weil Du ein Engel bist, Tante Fränzchen, dem nie wohler ist, als wenn er Gutes thun, pflegen, Liebe spenden kann, überall! Ich bin nicht so, ich denke zuerst an mich, wie mirs wohl ist. Warum starb Mama auch so früh; Du sollst ihr gleichen, Tante Fränzchen, ich wäre vielleicht, von ihr erzogen, anders geworden. Der Vater gab in allem nach, die Erzieherinnen erzog ich; was mir durch den Kopf fuhr, das führte ich aus, und war es noch so dummes Zeug, es wurde gut geheißen, und Papa bewunderte es. Daß das nicht das Rechte war, merkte ich wohl, denn manchmal warf ich mich ins Gras nieder und weinte bitterlich, daß gar niemand da war – der mir was verbot, wie's meiner Freundin Ilka auf dem Nachbargute so oft geschah.«

»Du bist ein seltsames Kind, Lona, und wärst gewiß schwer zu erziehen gewesen.«

»Glaubs nicht, Tante Fränzchen, ich kann folgen wie ein Lamm, und wenn ichs thue, dann ist mir am wohlsten dabei. Dir würde ich folgen, denn Dich liebe ich, aber Tante Alma nicht und auch den Onkel nicht und auch nicht Herrmann.«

»Aber das ist nicht recht, sie alle haben Dich auf ihre Weise lieb.«

Ilona lachte hell auf. »Ja, weil ich armes Ding Geld habe, das sie so über alle meine Fehler fortsehen läßt, daß sie mich in ihr Haus einthun wollen, für immer.«

»Wie meinst Du das?«

»Ist es Dir verborgen, Tante Fränzchen, daß ich, an der doch herum erzogen wird den ganzen Tag, der Ehre gewürdigt werde, als Schwiegertochter ausersehen zu sein?«

Das mußte der jungen anmuthigen Frau wohl unerwartet kommen, sie schreckte zusammen, ein leichtes Erblassen ließ erkennen, daß die Nachricht sie unliebsam getroffen, zwei kleine, weiße Zähne gruben sich in die rosige Unterlippe einen Moment ein.

»Das wußte ich nicht,« sagte die Majorin und der Blick senkte sich auf den kleinen, weißen Sonnenschirm, den sie gedankenvoll Linien auf dem Boden beschreiben ließ. Dann richtete sie sich auf und fragte, wie mit plötzlichem Entschluß, Lona fest mit ihren freundlichen, braunen Augen anschauend: »Sind es die Eltern oder ist es Herrmann selbst, der Dich solche Wünsche ahnen läßt?«

»Herrmann? Ach geh', Tantchen, wie sollte der das wohl anfangen? Seine Schüchternheit ist ja geradezu lächerlich.«

»Ich glaube doch, Lona, daß Herrmann, falls der Wunsch seiner Eltern auch der seinige wäre, sich verständlich zu machen wüßte,« entgegnete Tante Fränzchen ein wenig spitz, »so lange der Vetter Dir also selbst nichts sagt, kannst Du ganz ruhig sein. Du bist ein so liebes Ding, Lona, verfalle nur nicht in die Fehler aller reichen Mädchen, zu glauben, jeder, der Dir auf Deinem Lebenswege begegnet, wolle Dich haben!«

»Aber das fällt mir ja nicht ein, wenn Du wüßtest, Tante Fränzchen, wie ich das Heirathen verabscheue! »Der Männer Auge schon, das mich begehrt, ist mir ein Grauen und Entheiligung,« kann ich mit Johanna deklamiren!«

»Du bist ein Närrchen, das sich selbst und das Leben noch nicht kennt!«

»Lehr' Du's mich kennen, Tante Fränzchen, laß mich hier auf und davon und zu Dir gehen!«

»Das wäre etwas für die Schwägerin; Du weißt ja, wie ängstlich sie beflissen ist, Dich von meiner Nähe fern zu halten. Aber wo ist sie? ich bin gekommen, mich ihr pflichtschuldigst zu empfehlen, ich verreise in acht Tagen.«

»Und wohin?«

»Nach Tirol, Lona, in die Berge, in die Freiheit!«

»Da gehe ich mit, Tante Fränzchen, gewiß und wahrhaftig, da gehe ich mit. Wohlverstanden, wenn Du es erlaubst.«

»Und warum sollte ich nicht? mir wäre es schon recht, eine so fesche Reisegefährtin zu haben, aber man vertraut Dich mir nicht an.«

»Ich muß mit, ich muß mit,« rief Lona ungestüm und rannte, Pläne schmiedend, im Zimmer hin und her. Die dunklen Augen blitzten wie ein paar Kohlen aus dem bleichen Gesichte und die reichen, kurz geschnittenen Lockenhaare flogen von der Lebhaftigkeit der Bewegung, wie vom Sturmwind gelöst, um den kleinen, zierlichen Kopf.

Endlich that Lona einen Freudenschrei. »Ich habs, ich habs,« rief sie jubelnd, »daß ich daran auch nicht früher gedacht habe, das ist ja kinderleicht, ganz kinderleicht, so gehts.«

Fragend schaute die junge Wittwe auf das lebhafte Mädchen.

»Ilka hat mich eingeladen, zum Herbste zu ihr zu kommen,« erklärte Lona, »das können mir die Verwandten füglich nicht untersagen, daß ich zu ihr gehe, denn Ilka ist meine beste Freundin und ihre Eltern sind die angesehensten Leute im ganzen Umkreis unserer aneinander grenzenden Güter. Nun aber hat Tante Furcht vor dieser Reise, weil – nun weil sie denkt, daß Mischka, Ilkas Bruder – aber ich sage nichts weiter, sonst denkst Du wieder, ich sei ein thörichtes Mädchen! – Aber wetten wir, daß Tante mich eher, weit eher nach Tirol, ja, Gott weiß wohin mit Dir gehen läßt, als in jenes Haus! Juchhe, juchhe, ich werde mit Tante Fränzchen gehen! Notabene wenn sie mich haben will!«

»Das versteht sich von selbst.«

»So geh', meine kleine, süße Tante, und empfiehl Dich Deiner Frau Schwägerin, und da ich weiß, Du fürchtest sie ein wenig, so verlange ich gar nicht, daß Du auch nur ein Sterbenswörtchen von meinem Vorhaben sagst. Du würdest nur Bresche schießen, während ich die Festung mit ganzer Besatzung heute bei Tische zu nehmen gedenke!«

»Traue Deiner Macht nicht zu viel.«

»Wetten wir doch, Tantchen, wetten wir doch, um Deinen hübschen, weißen Kakadu, er hat mirs lange angethan! O ich kenne die Art, wie ich Tante Rath zwinge. Ich werde ein ganz intriguantes Mädchen, Tante Fränzchen, aber meine Schuld ist das nicht, ist doch mit einem freien, offenen Wort hier nichts zu erreichen.«

Die Raths-Familie war um den runden Mittagstisch versammelt, dem die Räthin mit vieler Würde präsidirte. Rath Alsen schien in jeder Weise das Gegenstück seiner Frau, war sie groß und stattlich, so er kaum mittelgroß und unendlich hager; aus seinen Zügen, denen die der Majorin entschieden glichen, sprachen Sanftmuth und Güte und der Ton seiner Stimme war ein weicher. Wenn der Rath sich im Laufe des Gesprächs an seine Gattin wandte, so geschah dieses immer in einer so ängstlichen Weise, als wollte er von vornherein um Verzeihung bitten, wenn er etwas sage, das ihr nicht genehm sei.

Sichtlich lastete das strenge Regiment der Frau auf ihm und schien auch auf den einzigen Sohn des Hauses, der bereits Assessor war und als bärtiger Jüngling am Tische saß, nicht ohne Einfluß zu sein, denn er blieb merklich stille und über seine poetisch hübschen Züge war eine gewisse Schwermuth ausgebreitet.

»Franziska war hier,« begann die Räthin, nachdem sie die Suppe aufgegeben hatte, »sie kam wieder einmal, um Abschied zu nehmen, sie geht nach Tirol.«

»Es ist doch ein Wunder, daß die Schwester sich das alles erlauben kann, wie unbegründet war meine Furcht, daß sie ihr angenehmes Leben nach dem Tode des Mannes würde aufgeben müssen,« entgegnete der Rath.

»Tante Fränzchen versteht eben aus etwas viel zu machen,« meinte Herrmann, »sie ist eine treffliche Hausfrau und hat wahrhafte Feenhände.«

Welch ein kalter Blick aus den blauen Augen der Mutter traf den Vermessenen! »Das verstehst Du auch,« sagte sie spöttisch, »Franziska ist eine Verschwenderin und wer weiß, ob das Kapital ihres seligen Mannes nicht längst angegriffen ist.«

»Nun das müßte ich doch wissen, liebe Frau,« wagte der Rath zu sagen, »ich bin doch der Verwalter ihres Vermögens.«

»Als ob es nicht Mittel gäbe, Vorschüsse zu erhalten! Das machst Du mich nicht glauben, daß Franziska ihr in jeder Weise luxuriöses Leben von ihren Zinsen bestreitet – da wird es einst schrecklich tagen.«

Vater und Sohn sahen verstimmt aus, Ilona rief in die unerquickliche Pause höchst vergnügt hinein: »Das trifft sich ja prächtig, Onkelchen, daß Tante verreist, da kann ich ein gutes Stück mit ihr reisen.«

»Du? und wohin denn?«

»Ich muß nothwendig fort, die Luft hier erstickt mich, und da Ihr mich nicht begleiten könnt, so möchte ich jetzt zu Ilka und kann viele Meilen unter Begleitung der kleinen Tante reisen.«

Der Rath sah auf seine Gattin.

»Aber davon kann gar keine Rede sein,« fiel diese ein.

»Tante Alma, bedenke, daß ich ein ganz rabiates Mädchen bin; einsperren lasse ich mich nicht, und wenn Ihr mich haltet, dann rufe ich Ilkas Vater, Herrn Menczur herbei, und ich will sehen, ob Ihr das Herz habt, dem ältesten Freunde meines Vaters abzuschlagen, daß ich ihn besuche.«

»Aber Ilona, so nimm doch Vernunft an! Was willst Du dort? Dort kommst Du ja wieder aus Rand und Band und das bißchen Haltung, das man Dir mühsam genug angelernt hat, geht verloren!«

»Das läugne ich nicht, denn dann reite ich wieder mit Mischka um die Wette, übe mich im Pistolenschießen und lerne ihm die Dressur seiner Doggen ab.«

»Du bist ein entsetzliches Mädchen, Ilona!«

»Eine halbe Zigeunerin! ich weiß es, Tante, so pflegst Du mich zu nennen. Ja, ich bin ein Kind der Steppe und freue mich, mich auf derselben wieder umherzutummeln.«

»Das ist kein großes Vergnügen, Lona,« mischte sich jetzt der Vetter ein, »es heißt, es gäbe einen gewaltig schwülen Sommer und da brennt die Sonne auf den weiten Flächen wie Feuer.«

»Lieber zu viel des Guten, als zu wenig! Hier sehe ich kaum einen Sonnenstrahl!« entgegnete Lona. »Und hat mir der Onkel selbst nicht schon lange diese Reise ins Heimatland versprochen?«

»Das war schwach genug,« fiel die Tante ein. »Nimm Vernunft an, Lona, und gib diesen Wunsch auf. Ilka ist keine gut erzogene junge Dame, Du weißt es, ich sehe diesen Umgang nicht gerne.«

»Wenn Ihr die Reise nicht wollt, so laßt mich eine andere machen,« sagte Lona, wie ein verzogenes Kind. »Wenn Ihr Tante Fränzchen bittet, so nimmt sie mich gewiß mit an den schönen Achensee und wenn das geschieht, so will ich meinetwegen in diesem Jahre gar nicht nach Ungarn.«

»Was das für ein Gedanke ist! Franziska ist noch lange keine gediegene Begleitung für ein junges Mädchen: ich aber fühle seit dem unglücklichen Falle von neulich Abend einen solchen Schmerz in meinem Fuße, daß ich an dergleichen Touren nicht denken darf!«

Kaum merkte Lona, daß die Tante in diesem Punkte mit sich reden ließ, als sie rief: »Dann begleitet uns Onkelchen; dem guten, in seinem Bureau so geplagten Onkel würde es sicher gut thun, einmal von Grund aus frische Luft zu schöpfen!«

Der kleine Mann sah ganz verblüfft ob des kühnen Gedankens seiner Nichte aus – er nach Tirol! Eine solche Möglichkeit konnte auch nur ein Menschenkind annehmen, das von Geld und Geldeswerth absolut keinen Begriff hatte.

»Nun, Tante Alma, was ist es? Du siehst selbst ein, daß man einen freien, unbändigen Waldengel, wie ich bin, nicht immer eingesperrt halten kann, und hast Mitleid mit mir.

Ich dringe jetzt nicht weiter in Dich, aber heute Abend sollst Du mir Deinen Entschluß mittheilen: ob ich mit Tante Fränzchen darf oder nach meinem lieben Ungarlande, was ich noch angenehmer fände!«

Sobald das Mittagsmahl beendet war, schlüpfte Lona zur Thüre hinaus, wohl wissend, daß jetzt die Verhandlungen begannen.

»Das ist doch ein Trotzkopf dieses Mädchen,« sagte seufzend der Rath, »wie eine Rakete ist sie in unser stilles, friedliches Haus gefallen! – Was bleibt da anderes übrig, liebe Frau, wir wollen sie in Gottes Namen zu ihrer Freundin reisen lassen.«

»Das werden wir in Gottes Namen bleiben lassen,« entgegnete die Räthin heftig. »Jetzt müssen wir noch gute Miene zum bösen Spiele machen, später kommts hoffentlich umgekehrt. Verschaffe Dir Urlaub und reise mit dem Unband nach Tirol, wir geben den Strandaufenthalt daran, und so wird es gehen. Natürlich gehst Du auch mit, Herrmann.«

»Ich Mutter?«

»Nun was ist da zu staunen, auch ohne Worte verstehst Du mich! – Herrmann, denke an Deine Zukunft, Dein ganzes Lebensglück hängt von Dir ab. Noch ist das Mädchen frei, es ist so leicht, ein junges Herz zu gewinnen, wolle es nur, und nicht länger dürfen wir unser Dasein in elendem Dunkel fortschleppen!«

»Du weißts Mutter, Deine Wünsche sind nicht die meinen, ich fühl's deutlich, Lona und ich passen nie zu einander und reicher Besitz ist doch nicht das schönste Gut der Welt.«

»Er ists! o glaub mir, die gelitten hat und leidet an diesem Nichtbesitzen ihr Lebelang. Jetzt endlich lächelt uns das Glück, es gibt uns dieses Mädchen in die Hand, dessen Reichthum uns mit einem Schlage glücklich machen könnte, und das wir erretten aus einem flatterhaften Leben, wenn wir es an uns fesseln und in unserm gediegenen Hause behalten.«

Herrmann stand ärgerlich auf. »Man sollte meinen, daß wir schon am Hungertuche nagen,« sagte er.

»Du willst also nicht mit auf die Reise, die Dir Gelegenheit gäbe, um Lona zu sein früh und spät, die Euch zusammenführen könnte, wie nichts anderes?«

»Meinetwegen,« sagte der junge Mann, »es gibt ja doch keinen Frieden, bis ich mir von dem Goldfischchen einen Korb in optima forma geholt habe!« und damit gieng er zur Thüre hinaus.

»Wie unartig,« meinte der Rath, »was für ein aufgeregtes Wesen Herrmann jetzt hat.«

»Das wird sich wieder geben, die Hauptsache ist, daß er Vernunft annimmt und mir folgt! – Auf Dich, Heinrich, rechne ich nun vor allem; Du wirst dafür sorgen, daß die Opfer dieser Reise nicht vergebens gebracht werden!«

»Liebe Alma, glaubst Du wirklich, daß ich da etwas thun könnte? Ich bin zu so etwas nicht geschickt,« entgegnete der Rath mit ängstlicher Betheuerung.

»Ich werde Dir Deine Instruktionen geben, und Du wirst nichts zu thun haben, als danach zu handeln,« tröstete die Gattin.

Der arme Mann nickte mit Ergebung und gieng dann in seine Kanzlei, wo es ihm im Grunde wohler war, als im eigenen Heim, wo seine Juno ein gar zu herbes Regiment führte.

Die Räthin klopfte an Ilonas Zimmer, diese rief »herein«. Sie saß an ihrem Schreibtische und kehrte sich lächelnden Antlitzes um.

»Nun?« fragte sie.

Mit starkem Versuch, liebenswürdig zu sein, begann die Räthin: »Ich komme, um Dir zu beweisen, daß wir nicht streng und kalt sind, wie Du oft meinst, sondern schwach genug gegen Dich und Deine Thorheiten: der gute Onkel wird Dich nach Tirol begleiten.«

»Das freut mich, Tante Alma, dann opfere ich gerne den Besuch bei Ilka. Ich danke Dir.«

»Auch Herrmann wird mit von der Partie sein.«

Ein gedehntes »So?« war die ganze Antwort.

»Der Onkel ist alt und schwächlich, es wird sehr angenehm für Dich und Franziska zu Euren Gebirgstouren sein, einen jungen Beschützer zu haben.«

Lona antwortete nicht. »Darf ich zu Tante Fränzchen,« fragte sie, »ihr die freudige Botschaft künden?«

»Das ist doch nicht so eilig.«

»Doch, denn ich bin ein gar ungeschicktes Mädchen, weiß von Reisevorbereitungen gar nichts und Tante Fränzchen ist darin so praktisch.«

»Bringt sie doch ihr halbes Leben auf Reisen zu.«

»Darf ich?«

»Meinetwegen,« entgegnete die Räthin, die fest entschlossen war, ihr unliebenswürdiges Temperament bis zur Abreise Lonas zu zügeln, um das Goldfischchen desto sicherer für ihren Einzigen zu fangen. Lona holte Tuch und Hut.

»Was hast Du da geschrieben?« fragte die Tante.

»Lies selbst.«

»Unentbehrlichste Requisiten zur Reise«: war der Zettel überschrieben, dann folgte: »Mein Malkasten, mein Feldstühlchen. Pflanzenpapier, eine Pflanzenpresse. Briefbogen und Korrespondenzkarten, die Pflanzen aufzukleben. Lektüre. Garn zum Kranzwinden. Zwei Paar Nägelschuhe, warme Kleider, denn im Gebirge ists kalt«, hier brach der Zettel ab.

Die Räthin lächelte. »Wußtest Du denn so gewiß, daß Du reisen dürftest?«

Lona nickte. »Ich dachte mirs, daß Du nicht so grausam sein würdest, mir dieses längst gewünschte Vergnügen zu versagen! Adieu, Tante. Nein, wie wird sich unsere kleine Tante Franziska freuen.«

Lona stürmte die Treppe hinab. Die Räthin blickte nochmals auf den Zettel. »Es ist Fond in dem Mädchen,« sagte sie, »ganz ohne Zweifel, mehr als man meinen sollte. Keine Spur von Eitelkeit, von Putzsucht. Zuerst denkt sie an Dinge, die zur Beschäftigung dienen, das ist anderer Mädchen Sache nicht! – Aber ihr unruhiger Geist will Abwechslung, sie erstickt hier vor Langerweile und darin haben wirs bei ihr verfehlt. Eines schickt sich nicht für alle, wie ein Kind läßt sich Lona nicht länger schulmeistern. Laß sehen, ob wirs jetzt klüger anfangen.«



Zweites Kapitel.

Auf der Wanderschaft.

Die acht Tage, die noch zwischen der Abreise lagen, wurden Lona zur Ewigkeit; sie hatte Ruhe und Schlaf verloren, ihre lebhafte Natur athmete fortan nur in dem Gedanken, reisen zu dürfen.

Sie fühlte sich erfreut und geehrt, daß Tante Fränzchen sich das gleiche Reisekostüm mit ihr wählte: ein braunes, schlichtes Wollenkleid von eleganter Façon, ein dunkles Strohhütchen mit braunem Schleier, dem die hübsche, dreißigjährige Wittwe als einzige Unterscheidung mit dem jungen Mädchen noch eine Feder zugefügt hatte.

Das zarte Gesichtchen Lonas mit den tiefliegenden, dunklen Augen und der feingeschnittenen Nase, deren Flügel sich bei jeder Erregung (und diese kam nicht selten) heftig bewegten, sah gar lieblich unter dem dunklen Hütchen hervor, und das kurze, knapp anliegende Reisegewand hob die mittelgroße, elastische Figur aufs beste.

Zu der mädchenhaften Erscheinung Lonas bot die reifere Schönheit der rosigen Wittwe ein hübsches Gegenstück, und Vater und Sohn konnten wohl mit solchen Reisegefährtinnen zufrieden sein.

Vorerst aber schien der Frohsinn bei weitem mehr auf Seiten der Damen vorhanden, sie lachten und scherzten, als der Zug sich in Bewegung setzte, und hatten tausenderlei Spaß. Dem Rath wars fast ängstlich zu Muthe. Der arme Mann! seit vielen Jahren sollte er sich nun zum ersten Male ohne die Bevormundung seiner Frau behelfen.

Herrmann war zerstreut, ja auch wohl ein bißchen ärgerlich, er fand sich als guter Sohn in entschiedenem Konflikt mit seiner Mannesehre, es war doch gar zu erbärmlich, des Mammons wegen den Toggenburg machen zu sollen, wozu er ganz und gar kein Talent hatte. – –

Die erste Station, wo Halt gemacht wurde, war Dresden: Tante Fränzchen kannte alles aus dem Grunde, sie machte die Führerin in der herrlichen Gallerie, im grünen Gewölbe, durch die Stadt und auf der berühmten Terrasse, und Lona, die zum ersten Male solche Herrlichkeiten genoß, berauschte sich daran, wie ein Neuling an starkem Weine.

Der Rath hatte gerade einen Vormittag den Kunstschätzen gewidmet, als er bereits fand, daß dieses höchst unbequem sei; die Lehren der Gattin in den Wind schlagend, ließ er die andern heute allein. Herrmann war jung, es war genug, daß er zu fühlen bekam, was es heißt, Damen umherzuführen, die keine Nerven zu haben scheinen! Alles wollte Lona wissen und kennen lernen, und kam sie todmüde nach Hause, so war sie nach zehn Minuten Ruhe wieder frisch wie der Fisch im Wasser, setzte sich hin und bereicherte ihr Tagebuch.

»Welch eine unbequeme Frau wird das,« dachte sich Herrmann, »wie viel angenehmer ist doch eine Natur, wie die der kleinen Tante; sie genießt lebhaft, aber braucht dann doch wenigstens ein paar Stunden Ruhe, die sie auch andern gönnt.«

Nun gönnen that Lona dem Vetter auch wohl das Zurückziehen, aber sie machte sich lustig über die sensiblen Männer der Jetztzeit, welche Nerven wie Zwirnsfädchen hätten.

Auf Dresden folgte München; eine neue Jagd nach Kunstschätzen begann und die erdrückende Anzahl derselben, die das schöne Isar-Athen bietet, war denn selbst auch für Lonas Genußfähigkeit zu viel, und allseitig athmete man auf, als man im Coupee saß und den schönen, ersehnten Bergen zufuhr.

»Na, Gottlob, daß die Strapazen ein Ende haben,« sagte der Rath, »man wird ja seines Lebens nicht froh.«

»Aber Onkelchen, was hast Du denn in München gesehen? Bierproben gehalten, weiter nichts.«

»Auch das war anstrengend genug, aber etwas wollte ich doch kennen lernen. Die Wege sind so gräulich weit und mit den Pferdebahnen kenne ich mich nicht aus. Zu allem habt Ihr mich noch gestern in die lärmende Musik geschleppt und diese »Götterdämmerung« hat mir meinen armen, alten Kopf ganz dämmerig gemacht.«

Die Drei lächelten, hatte der Rath doch fast den ganzen Opernzauber verschlafen, demnach mußte der Kopfschmerz doch wohl von einer andern Ursache herrühren. –

»Die Berge, die Berge,« ertönte es von Lonas Lippen. Ja, da lag sie die stolze Kette ferner Berge, noch magisch, nur in Umrissen sichtbar, wie Gebilde schöner Hoffnung, dann immer mehr und mehr hervortretend, wie ein greifbares Glück.

Ueber den sommerlich blauen Himmel zogen Wolken einher und machten die Landschaft, die schon bei Kufstein mächtigen Eindruck hervor bringt, noch romantischer. Mancher alten, verfallenen Burg, deren Mauern grotesk aus den bewaldeten Bergen hervorschauten, war man schon vorüber geeilt, am stolzesten erhob sich die Veste Kufstein selbst, auf steilem himmelanstrebenden Felsen erbaut.

»Ach wie schön es schon hier ist,« rief Lona entzückt, »laßt uns einen Tag hier rasten.«

Aber Tante Fränzchen, als der eigentliche Reisemarschall, sagte: »Nicht doch, wir kämen ja vor lauter Rast niemals aus Ziel, bis Jenbach müssen wir mindestens heute gelangen!«

Und so fuhr man denn weiter, ins lieblich schöne Innthal hinein. Das breite, fruchtbare, reich besiedelte Thal mit seinem herrlichen Rahmen von Bergen und Felsen, von dem krystallklaren Inn durchflossen, bot ein reizendes Bild, die Natur erscheint hier nicht als staunenswerthe Riesin, nein, als milde Gabenspenderin, im holden Gewande.

In Jenbach, am Eingange des Achenthals, machten unsere Reisenden Halt, der Rath freute sich ganz besonders auf diesen Ort, hatte er doch genug von dem berühmten »Bräu« gehört, wo sichs so gut sein ließ.

Ja, es läßt sich gut sein an diesem schönen Orte, selbst für solche, die für die Qualität des Bieres kein Verständniß haben. Ist die Aussicht von der hochgebauten, weinumrankten Veranda aus doch eine der umfassendsten, die man sich ohne Mühe verschaffen kann. Im Vordergrunde liegt der Ort selbst mit seinen Hochöfen und Hammerwerken und den blumengeschmückten Fenstern und Balkonen. Links zeigt sich das stattliche Dorf Brixlegg, das von den Fremden jetzt so viel zur Sommerfrische gewählt wird, rechts schweift das Auge über blühende Ortschaften und Thäler bis nach Innsbruck hin: stattliche Burgen, Klöster, idyllische Almhütten blicken überall aus dem vollen, waldigen Bergkranze auf, und die fernen schneebedeckten Häupter des Zillerthales machen die Landschaft auch großartig. Durch die üppigen Wiesen, die von der malerischen Staude des türkischen Weizens unterbrochen werden, schlängelt sich der Inn wie ein Silberband und gibt dem Bilde Leben. Ueberall Reichthum, poetische Fülle, friedeathmende Schönheit!

Lona war glückselig, sie vergaß zu essen und zu trinken, mit ihrem guten Feldstecher entdeckte sie immer mehr Schönheiten und konnte sich nicht satt sehen an dem für sie so neuen Bilde.

»Nun liebe ich die Welt wieder,« rief sie glühend, »aber daheim an meinem Fenster, das auf die zwei verkümmerten Linden schaut, da kam mir das Leben so schaal, so langweilig vor, daß ich es nur lieber gleich von mir geworfen hätte!«

Der Rath lachte.

»Ja in Deinem Alter,« sagte er, »da ist man mit dem Wegwerfen gleich bei der Hand, später besinnt man sich und dankt Gott für jeden Tag, den er einem noch schenkt!« und dabei ließ er sich seine Forellen so gut schmecken, daß es eine Freude war, ihm zuzuschauen.

»Auch schon früher, lieber Bruder,« entgegnete Franziska, »sobald der Mensch nur einmal wirkliche Schmerzen durchkostet hat, lernt er Gott für alles Gute danken und das Uebermaß der Wünsche dämpfen.«

»Lona ist aber vom Glücke verwöhnt,« meinte Herrmann, »ein Sonntagskind denkt, es müsse alle Tage Sonntag sein und ihm etwas ganz Herrliches passiren; sonst kommt ihm das Leben langweilig vor.«

»Das ist herzlos, Herrmann, daß Du so sprichst,« rief Lona, und Thränen der Kränkung standen in ihren Augen. »Vom Glücke verwöhnt, ich, ich – die ich frühe beide Eltern verlor und allein auf der Welt stehe!!«

Franziskas Hand legte sich leise auf die Lonas.

»Ich verstehe Dich, Tante Fränzchen, weiß, was Du sagen willst. – Ihr habt mich lieb, jeder auf seine Weise, und ich bin dankbar dafür! Aber gefangen bin ich doch. Ich lebe, ich athme nur in der freien Natur; lebten meine theuern Eltern, so wäre doch alles, alles anders! Aber ich will nicht undankbar sein, sondern froh genießen, was mir jetzt gewährt ist, nur soll mich keiner glücklich preisen, der armseligen Güter halber, die ich besitze.«

»Du hast mich gänzlich mißverstanden Lona,« entgegnete Herrmann mit männlichem Ernste, »auch mir sind äußere Güter nicht das Höchste im Leben. Wenn ich Dich für ein Glückskind halte, so geschieht das deßhalb, weil Du die Fähigkeit hast, die Menschen nach Deinem Willen zu leiten, weil Dein lebhaftes Temperament in jedem Augenblicke fähig ist, Schönes und Angenehmes voll und ganz auf sich wirken zu lassen.«

»Aber auch den Schmerz.«

»Der Dir hoffentlich nicht viel nahen wird, liebes Kind! Wir wachen ja über Dich und sind Deine Schutzengel,« schwang sich der Rath auf zu sagen.

»Mein Bruder als Schutzengel!« bemerkte Franziska drollig und unwillkürlich lachten alle laut.

Der gute Rath seufzte innerlich recht tief; daß er aber auch gar so ungeschickt war, seiner Mündel etwas Schönes zu sagen! – –

»Hör' einmal, Kind, warum warst Du denn so ungeduldig zu dem armen Herrmann? Du fuhrst ihn ja förmlich an,« fragte Franziska, als sie mit Lona wieder einmal über die Ballustrade lehnte, um die Aussicht zu genießen.

»Ich weiß es nicht,« entgegnete die Gefragte, »manches Mal werde ich so ungeduldig, wenn mich irgend eine Aeußerung verdrießt, daß ich mich selbst nicht kenne.«

»Es ist ein Stückchen Himmel, aber auch ein Stückchen Hölle in Dir, Kind, hüte Dich, daß letzteres nicht die Oberhand gewinne.«

»Und zumal über den Vetter ärgere ich mich leicht.«

»Das ist ein gutes Zeichen für ihn, er interessirt Dich vielleicht mehr, als Du Dir zugestehen magst.«

Lona sah die Tante mit großen Augen an. »Kleine Tante, da sei ruhig,« entgegnete sie lachend, »ein so stiller, vernünftiger Mensch, wie Herrmann, kann niemals Eindruck auf mich machen!«

»Du bist ein Närrchen, Lona, und wirst es vielleicht einst bereuen.«

Das Mädchen schlug ein Schnippchen. – –

»Lieber Sohn, ich finde nicht, daß Du sehr liebenswürdig zu Deiner Cousine bist,« sagte unterdessen der Rath zu Herrmann, »auf die Art wirst Du kaum zum Ziele kommen.«

»Feuer und Wasser passen schlecht zusammen, Vater, ich wollte, Du wenigstens sähest das ein. Ein solches perpetuum mobile, wie Lona, an meiner Seite zu haben, würde mich umbringen.«

»Aber warum machen wir denn die theure Reise?« fragte der Rath entsetzt.

»Um den Willen der Mutter zu erfüllen. Laß es gut sein, Vater, laß uns heiter die schöne Zeit genießen, wer weiß, wie noch alles kommt, warten wir auf den mächtigsten aller Götter – den Augenblick!«

»Grüß Dich Gott, Herrmann,« ließ sich in diesem Moment eine helle, jugendfrische Stimme vernehmen, »das nenne ich noch eine Ueberraschung.«

Herrmann blickte auf, ein junger, in elegantes Reisekostüm gekleideter Mann mit blondem, gedrehten Schnurrbärtchen und kecken, blitzenden Augen war auf ihn zugetreten.

Erfreut sprang der Angerufene von seinem Sitze.

»Viktor!« rief er freudig und streckte ihm beide Hände zum Willkomm entgegen.

»Wo kommst Du her?«

»Nun, das ist bei mir doch nicht so wunderbar, der ich ein halber Ahasver die Welt durchwandere! Augenblicklich hat mich die Ortlergruppe genossen, aber ich weiß nicht, ob sie so viel Freude an mir gehabt hat, als ich an ihr, ich war schon ein bißchen übersättigt von vielem Sehen. – Aber Du, liebster Junge, den ich beim Aktentisch vergraben wähnte, was führt Dich hierher?«

»Eine Erholungsreise, die ich in der angenehmsten Gesellschaft mache.«

»Ah, Du bist nicht allein?«

»Mein Vater« wollte Herrmann den Rath präsentiren, aber der alte Herr war zu seinen Damen getreten. Herrmann wies auf ihn. »Siehst Du den alten Herrn dort mit dem grauen Haar und den milden, guten Zügen? Das ist mein Papa und jene Damen –«

»Wie, Du kennst das reizende Backfischchen dort mit dem pikanten Näschen, das ich seit einer halben Stunde vom Garten aus beobachte?«

»Das Backfischchen ist eigentlich keines mehr, sondern eine wirkliche junge Dame, die bereits vor Weihnachten ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert hat – im übrigen meine Cousine Ilona.«

»Also eine kleine Ungarin! Ich finde, daß es eine sehr liebenswürdige Eigenschaft von Dir ist, eine solche Cousine in dem bezaubernden Alter der berühmten tausend Wochen zu besitzen! Und die andere Dame? Etwas rund, entschieden ein Jahrzehnt mehr zählend, aber beweglich und mit heiteren offenen Zügen –«

»Meine Tante Franziska, die Wittwe des Majors Wolfram.«

»Bitte, stelle mich dieser reizenden Tante und dieser noch reizenderen Nichte vor.«

Herrmann that es, und bald saß Viktor von Strom, der absolvirte Jurist aber vorerst ein als Freiherr durch die Welt reisender junger Mann, in dem Familienkreise, als gehöre er zu demselben; seine heitere, ungezwungene Art, sein zutrauliches Wesen gefielen allgemein, und selbst der sich vor Fremden scheu zurückziehende Rath ward gemüthlich und lachte herzlich über Viktors lustige Erzählungen.

Der junge Mann erschien aber auch wie der verkörperte Frohsinn, er plauderte von allem Möglichen, von seinen Reisen, von der Bewirthschaftung seines Gutes, das heißt von den vergeblichen Versuchen, die er bisher in derselben gemacht, wie er sich vor dem eigenen Verwalter blamirt habe, wie er nun aber ernstlich in sich gehen, das Reiseleben aufstecken und ein ehrsamer Bauer werden wolle. Alles das aber war von heitern Scherzen und kleinen Anekdoten durchflochten, die herzlich amüsirten.

So vergieng der Abend, ehe man es dachte, und der Rath mußte ernstlich zum Aufbruch mahnen, die Jugend hätte sonst die halbe Nacht durchgeschwatzt.

»Werde ich das Vergnügen haben, die Herrschaften morgen noch zu sehen?« fragte Viktor.

»Wir reisen mit Muße,« entgegnete die Majorin, »vor zehn Uhr fahren wir nicht ab.«

»Dann werde ich jedenfalls noch die Ehre haben, denn auch ich werde bis gegen neun hier sein, wo ich mich dem kaiserlichen Rumpelkasten, »Post« genannt, anvertrauen werde, die nach dem Achensee fährt.«

»Ah, dahin geht Ihr Weg? wir hatten gemeint, Sie wollten nach der Fusch, Herr von Strom.«

»Bitte, das war ein Mißverständniß, gnädige Frau, dorthin will ich später, vorerst hatte ich die Absicht, einige Wochen am Achensee zu verleben.«

»So werden wir uns dort wiedersehen,« sagte Herrmann, »denn das ist auch unser Reiseziel.«

Der junge Fremde war eben so erstaunt als erfreut über diese Aussicht, und man trennte sich in bestem Humor.

»Viktor ist ein Spitzbube,« sagte Herrmann zu seinem Vater, als er sich mit diesem allein sah, »er hat natürlich, während er sich scheinbar mit uns in juridische Fragen vertiefte, auf das Gespräch der Damen gehört und so unser Reiseziel längst gekannt.«

»Er ist ein hübscher, frischer Junge,« meinte der Rath, »und ich halte es für unsern Plan gar nicht vortheilhaft, daß er bei uns bleibt.«

»Und dennoch ist dabei nichts zu machen. Viktor ist mein bester Freund, er hat mir auf der Universität manchen ächten Freundschaftsdienst erwiesen, ich möchte ihn nicht durch Unfreundlichkeit vor den Kopf stoßen.«

»Das wollen wir auch nicht,« entschied der gute Rath, »aber wir wollen ihn auch nicht durch zu große Freundlichkeit an uns fesseln; und vor allem dürfen wir der Mutter nichts von seinem Hiersein mittheilen! – Meinst Du nicht auch, Herrmann?«

»Gewiß, Papa! Wir riskirten ja, daß die Mama sich augenblicklich aufsetzte und herkäme, um zu sehen, wie die Sachen stehen!« – – –

Während Viktor v. Strom so das Gesprächsobjekt der beiden Männer abgab, war das nicht minder bei den Damen der Fall.

»Wie gefällt Dir Herrmanns Freund?« fragte die junge Wittwe Lona.

»Ich finde ihn reizend,« entgegnete diese mit der Harmlosigkeit eines Kindes, »er ist so amüsant und Lebensfreude und Gesundheit lachen ihm aus den Augen; solche Menschen liebe ich.«

»Sie sind selten von großer Tiefe.«

»Aber was thut das, Tante Fränzchen? genügt es für die Unterhaltung nicht, daß einer liebenswürdig und heiter ist? Was haben wir mit seinem Innern zu schaffen? Das geht uns doch nur bei den Allernächsten etwas an.«

»Sieh da, die kleine Philosophin! Du unterscheidest also sehr genau zwischen Bekannten und Freunden.«

»Natürlich! Aber auch bei den Allernächsten freut es mich, wenn sie von Herzensgrund vergnügt sind. Du, Tante Fränzchen, warst immer wie ein Sonnenstrahl, der alle Welt schmückt und erwärmt, und seit ein paar Tagen, Tantchen, wirst Du so ernst, verlierst Dich mit dem melancholischen Vetter in tiefsinnige Gespräche und gleichst Dir dann selbst gar nicht.«

»Das verstehst Du nicht, kleine Weisheit! Es gibt Seen, die so hell und freundlich daliegen, wie ein schlafendes Kind, und in deren Tiefen böse Grundwellen verderbenbringend ihr Wesen treiben – wenn ich nun ein solcher See wäre?«

»Du, Tante Fränzchen? nimmermehr!«

»Und Du selbst, Kind, kennst Dich doch auch noch nicht: noch plätschern die Wogen Deiner Seele in lieblichem Takte, ein Sturm, der über Deinen jungen Herzenshimmel jagt, macht sie vielleicht hoch aufbäumen!«

Ilona sah nachdenklich vor sich hin. »Es ist möglich,« sagte sie dann fest und warf den kleinen, schlank geformten Kopf zurück, daß die krausen Locken wehten und es fast aus den dunklen, tiefliegenden Augen blitzte.

»Wenn zwischen unserem Sein und unseren Neigungen ein festes Band besteht, so kannst Du Recht haben, Tante Fränzchen, denn in Dicht- und Kunstwerken gefällt mir das nur, was wild, leidenschaftlich und himmelstürmend ist.«

»Siehst Du wohl. Und mit Bestimmtheit sage ich Dir voraus, daß Du, die Du über jedes ernste Gespräch jetzt verstimmt Dein Mäulchen ziehst, in meinem Alter ein weit ernsthafteres Menschenkind sein wirst, als es jetzt die Tante Franziska ist, die nur zu oft ihr Alter und ihre Würde vergißt.«

»Nie oft genug, Tante Fränzchen! Du mußt immer meine allerbeste Freundin bleiben, so daß ich die »Tante«, die von der Frau Räthin her einen üblen Beigeschmack für mich hat, ganz vergesse.«

»Und dennoch fürchte ich, daß ich jetzt öfter an meine Würde werde denken müssen: der junge Strom geht mit, das scheint ein Wildfang erster Größe. Der liebe Gott mag wissen, was ich mit Euch zweien auszustehen haben werde!«

»Nicht zu viel, kleine Tante, gewiß nicht. Ich weiß im voraus, daß Herr v. Strom und ich sehr gut zusammen passen werden, er lacht und scherzt gerade so gut wie ich.«

»Nimm Dich in Acht, Lona, daß Ihr nicht gar zu großes Gefallen an einander findet.«

»Auch Du, Tantchen? Auch Du, die Harmlose, hast solche Gedanken, wenn zwei junge Leute miteinander gern verkehren? Uebrigens weiß ich das von ihm ja noch gar nicht, möglich, daß ich ihm nicht gefalle. Aber wie dem auch sei, vor mir kannst Du ruhig sein; wenn ich mich einmal ernsthaft interessiren soll, so muß es jedenfalls ein tiefer Charakter sein, der das hervorbringt – darin hattest Du mich vorhin recht erkannt.«

»Armes Kind, das noch nicht weiß, daß es das Unglück der Frauen ist, demjenigen, den sie lieben, einen »tiefen« Charakter anzudichten,« dachte Franziska, aber sie war zu klug, um es zu sagen. –

Und was dachte derjenige, dessen plötzliches Erscheinen unsere Reisenden so sehr beschäftigte? Nicht viel. »Das ist wieder einmal einer der famosen Zufälle, wie sie sich so oft zu meinen Gunsten zeigen,« sagte er zu sich, »ich glaube, daß ich ein paar sehr vergnügliche Wochen haben werde!« und mit dieser angenehmen Hoffnung schlief er alsbald den Schlaf des Gerechten. –

Lona war eine Frühaufsteherin, da draußen in der Natur litt es sie nicht lange im Bette, und so war sie auch am Morgen der Abreise die erste unten im Garten, setzte sich auf die Schaukel, wiegte sich leise hin und her, da es noch zu thauig war, um durch den Rasen zu spazieren, und trillerte höchst vergnüglich ein Liedchen vor sich hin.

Sie fühlte, wie die Schaukel mit einem Male einen Ruck erhielt und sie hoch in die Lüfte führte. Das Mädchen blickte um, Viktor stand mit abgezogenem Hute und bot ihr »guten Morgen«.

»Wie ungalant! Sie wollten mich erschrecken.«

»Ist mir das gelungen?«

»Nein, gar nicht, ich bin nicht zaghaft.«

»So soll ich weiter schaukeln?«

»Immerzu.«

»Ganz hoch ?«

»Ganz hoch.«

»Aber Sie werden sich fürchten.«

»Ich fürchte mich nie.«

Und nun flog die Schaukel hin und wieder, hoch und wild, daß sie die Wipfel der Bäume berührte. »Sobald es zu viel ist, rufen Sie »halt,« » sagte Viktor.

Im Grunde war es Ilona längst zu viel, ihre Hand klammerte sich förmlich um das Schaukelseil, sie fühlte sich schwindlich werden, aber eigensinnig im höchsten Maße, hätte sie keinen Laut von sich gegeben.

Mitten in dem tollen Tanze erschien die junge Wittwe. »Um Gottes Willen, halt,« rief sie außer sich.

Ein paarmal noch flog die Schaukel von selbst auf und nieder, dann gelang es dem jungen Manne sie anzuhalten; er reichte Lona die Hand, jene sprang mit roth glühendem Antlitz zu Boden.

»Er hat mich fürchten machen wollen, Tante Fränzchen, aber das ist ihm nicht gelungen,« verklagte sie Viktor.

»Herr v. Strom, ich muß bitten, zu dergleichen Extravaganzen künftig erst von mir die Erlaubniß einzuholen, die junge Dame ist mir speziell anvertraut,« sagte die Majorin im Tone des Scherzes, dem aber als Hintergrund der Ernst nicht fehlte.

Ein flüchtiges Erröthen gieng über das hübsche Gesicht Viktors, das er aber dadurch verbarg, daß er eine zustimmende Verbeugung machte.

Der Zwischenfall war erledigt. Hatte Viktor seinem Uebermuth die Zügel schießen lassen, so ward ihm zur selben Zeit klar, daß das junge Mädchen keines von denen war, die ohne weiteres die Waffen strecken, um sich seiner Laune auf Gnade oder Ungnade zu fügen, wie es die meisten thaten.

Das Frühstück verlief wiederum sehr fröhlich und der Rath wurde so eingenommen von Viktors frischem, sprudelndem Wesen, daß er ganz zu vergessen schien, wie wenig die Anwesenheit des jungen Mannes eigentlich in den Plan seiner gestrengen Gattin paßte. Er flüsterte seinem Sohne zu, ob man Herrn v. Strom nicht einen Platz in dem gemeinschaftlichen Wagen anbieten solle. Dieser verneinte.

So fuhr denn Viktor mit der Post und versprach in der Scholastika, wohin die Reise gieng, Quartier zu machen. Eine Stunde später begab sich unsere Gesellschaft auf den Weg.

Die erste Strecke, die durch eine steil ansteigende Schlucht führt, wurde zu Fuß zurückgelegt, dann bestiegen die Reisenden den Wagen, der sie an dem Weiler Maurach vorüber nach Buchau führte, wo sie den herrlichen See, den alle Reisebücher für tief himmelblau ausgeben, während viele Menschen darauf schwören möchten, daß er glänzendes Grün zeige, zum ersten Male vor sich sahen.

Bekanntlich zeigt sich der See von Seespitz bis hinüber zu dem grünen Vorland, das den Namen der Pertisan führt, in seiner größten Breite: erhebt sich nun ein Wind, wie es jetzt der Fall war, so wirft der See Schaumwellen auf, die auf dem schillernden Untergrunde von bezaubernder Wirkung sind.

Ein »Ah« des Entzückens gieng über alle Lippen. Ja, das war ein Bild, das die Reise schon lohnte: über den Seespiegel hinweg das grüne, angebaute Vorland, dahinter stachlichte Tannenwälder, felsige Wände, über alle fortragend drei Riesen, das Stanzerjoch, der Dristenkopf und das mächtige Sonnenjoch, das in einem gewaltigen Einschnitte Schneemassen trug.

Ein großartiges Bild! und zumal für Lona, deren Seele sich nur in der Natur ganz zu entfalten schien, und die so lange mit ein paar elend verkümmerten Bäumen hatte vorlieb nehmen müssen! Das Entzücken war zu groß, es mußte irgendwo hinaus, und so wurde Tante Fränzchen zärtlich in die Arme genommen und stürmisch aus Herz gedrückt.

»Kind, Kind,« scherzte diese, »wenn Du es bei jedem schönen Anblick so machen willst, so wird mir um mein fesches Hütchen bange, es muß aus aller Façon kommen.«

»Einen solchen Blitzableiter für seine Gefühle wünschte sich wohl jeder,« wagte Herrmann zu scherzen; auch ihn hatte das herrliche Bild ganz muthig gemacht.

Die Straße zieht sich schmal genug an den Abhängen des Gamsjochs dahin, sie ist nichts für ängstliche Leute, denn nur an gewissen Stellen können sich Wagen ausweichen. Sie führt hart am See dahin, und da derselbe manche Krümmung macht, so bietet sie entzückende Bilder.

Alpenrosenkraut schmückte die Abhänge wie ein voller, üppiger Kranz. »Wie schade, daß wir nicht früher hierher kamen,« klagte Lona, »welch ein Vergnügen, mit eigener Hand Alpenrosen vom Seerand zu pflücken.«

»Das soll Dir wohl noch werden,« tröstete Franziska, »hier am Wege sind sie freilich entweder von der Sonne verdorrt oder von Menschenhand gepflückt, höher hinauf aber und an schattigen Stellen finden wir noch blühende Büsche.«

Die wenigen Stunden der Fahrt vergiengen unseren Reisenden viel zu rasch, schon bog man in den Waldweg ein, der den grünen Tannenvorsprung durchschneidet, auf welchem der Tiroler Sänger Rainer seinen Seehof gebaut hat, der so schmuck und bunt ausschaut, als hätte man eine Theaterdekoration vor sich. Dann wieder führte der Weg hart am Bergrand und See vorüber, und nun lag das Reiseziel, die Scholastika, greifbar da.

Von dem Balkon des Holzhauses, das in den See hineingebaut ist, winkte eine Hand mit weißem Strohhut »willkommen«, und als der Wagen nun vor dem alten Posthause hielt, dessen Aeußeres so gar nicht seinen Ruf rechtfertigt, da stand Viktor von Strom da, wie der Held aus einem bekannten Moserschen Stücke, in jeder Hand einen Strauß haltend, nur waren es nicht Veilchen, sondern tiefrothe Alpenrosen.

Die Damen nahmen die frischen Spenden gnädig entgegen und die junge Wittwe sagte bedeutungsvoll: »Möge unser Aufenthalt an dem schönen See diesen Blumen gleichen, fröhlich, frisch und ohne welkes Blatt – wie diese!«



Drittes Kapitel.

Sommerfreuden.

Ganz früh schon war Lona wach, der eine Tag hatte genügt, sie mit dem See vertraut zu machen, sie liebte ihn bereits wie einen alten Bekannten, so daß sie die Zeit nicht erwarten konnte, bis sie wieder zu ihm hinunter durfte. Schnell schlüpfte sie in ihr wärmstes Gewand, hieng ein Mäntelchen um, hüllte den Kopf in ein warmes Tuch, warf Tante Fränzchen, die höchst wohlig in ihrem Bettchen dalag und noch fest schlief, eine Kußhand zu und schlüpfte hinaus.

Den Weg am See entlang von der Scholastika bis zum Seehof, den sie gestern Abend mit den andern vereint zurückgelegt, wollte sie nun allein machen, um das schöne Bild so tief als möglich in ihre Seele zu prägen. Gerade das Geschlossene nach dieser Seite hin hatte sie mächtig angezogen, die Berge bildeten einen förmlichen Kranz, es schien, als ob der See bei dem Rainerschen Seehof ein Ende habe, als befände sich die mächtige Wand des Stanzerjoches nicht fern am andern Ufer, sondern dicht hinter den stachlichten Tannenwänden, als Rahmen zu dem köstlichen Bilde, über das gestern Abend ein tiefblauer Himmel sich ausgespannt hatte und des Mondes Silbersichel einen so wilden Glanz verbreitete, daß Lonas ganzes Wesen sich förmlich in dieser Schönheit badete.

Jetzt lag noch dichter Nebel über der Landschaft, es war bitter kalt, obgleich die Sonne schien, so kalt, daß Lona ihre Hände unter das Mäntelchen zog. Der Thau war reichlich gefallen, jeder Schritt abseits vom Wege machte nasse Schuhe, aber Lona lachte vergnügt in den kalten Hochsommermorgen hinein; auch das war ja ganz neu, daß auf einen so schwülen Tag, wie der gestrige, ein so eisiger Morgen folgen konnte.

Zuerst blieb sie fein säuberlich auf der Landstraße, dann aber, als sie die Derbheit ihrer Stiefelchen erprobt, stieg sie hoch und höher, und da die Nebel zuerst gerade so allmählich wie die Schleier in einem Zaubermärchen auf dem Theater fielen, so ward Lonas Steigen belohnt, immer freier, immer entzückender, immer mächtiger wurde die Aussicht. Aber Lonas Blick suchte nicht nur das Weite, auch was da zu ihren Füßen grünte und blühte, wurde beachtet. Aus dem Taschentuche formte sich ein Bündelchen, in das hinein that sie all' die Blumen, Blätter, Gräser und Kräuter, die daheim zu verschiedenen Zwecken gesondert werden sollten, für das Herbarium, zum Trocknen, um damit Briefbogen und Couverts zu bekleben oder einen Strauß für Tante Franziska daraus zu winden. Noch ein paar große, weiße Silberdisteln fand Lona, grub sie mit ihrem Taschenmesser aus, um sie als Hutschmuck zu verwenden. Auch auf dem Rückweg begegnete das junge Mädchen fast keinen Menschen, ausgenommen einige Morgenspaziergänger, die wohlverwahrt in dicken Paletots jetzt erst ausgiengen und die Zeitige mit verwunderten Blicken betrachteten.

Als Lona ins Gasthaus zurückkam, war die junge Wittwe eben erst aufgestanden, behaglich saß sie in einem blauen Flanellschlafrock mit Wattenfutter da und spottete Lona aus, daß diese sich in der Morgenkühle so höchst unvorsichtiger Weise ihren Teint verderbe.

Das junge Mädchen lachte. »Das macht mir gar nichts,« sagte es, »gesund aussehen ist auch eine Schönheit! Und wenn auch, wenn man mich nicht schön findet, was thut es mir? gar nichts.«

»Das wird nicht immer so bleiben.«

»Bist Du dessen sicher, Tante Fränzchen? Streben alle Mädchen danach? Dann bin ich vielleicht anders als die meisten. Das Lieblingsthema meiner Freundinnen »Liebe und Ehe« ist mir verpönt. Wenn ich eine Trauung sehe, so schaudere ich zurück, es ist mir wie ein Begrabenwerden! Ist das nicht unnatürlich?«

»Ja,« sagte Franziska ehrlich. »Ich will Dir sagen, woher das kommt: Du bist reich und gescheid, das ist in diesem Falle ein Unglück, Du sagst Dir klar: »ein Mann sucht in mir die gute Partie und nicht mich selbst.« Das macht Dich kopfscheu und wird Dich vielleicht noch einmal unglücklich machen. Du bist in derselben Lage wie Herr v. Strom, der mir gestern gestand, er würde am liebsten vor jedem jungen Mädchen davonrennen, jede hielte ihn für einen Heirathskandidaten, und er sei noch lange keiner.«

»Hat er Dir das vertraut, damit es bei mir an die richtige Adresse käme?«

»Schon wieder mißtrauisch? Nein, im Gegentheil, er sagte, er habe sich uns angeschlossen, weil Du endlich einmal ein harmloses und natürliches Mädchen seist, das seine Freiheit gerade so zu lieben scheine, als er die seine.«

»Mehr, hundertmal mehr noch! Bitte, sage ihm das, kleine, gute Tante! Ach Gott, das will ich ihm lieber selber klar machen. Eher sterben, als mich von einem Manne für ein heirathslustiges Mädchen ansehen lassen.«

»Nun, dann müßten eine stattliche Anzahl unseres Geschlechtes den Tod dem vorziehen, denn im Grunde glaubt man das von jeder – und meist mit Recht.«

»Mit Recht? Nun Tantchen, auch Du warst ein junges Mädchen, hattest Du da auch den lebhaften Wunsch, zu heirathen?«

Die reizende Frau nickte. »Vielleicht mehr, als manche andere,« sagte sie aufrichtig. »Ich war allein, die Eltern tot, ich fühlte, daß ich bei dem Bruder zu viel war, ich sehnte mich mit allen Kräften meiner Seele nach einem eigenen Heim; aber so viele auch die muntere Franziska umschwärmen mochten, es währte doch lange, bis ihr einer eine Heimat bot, und dieser eine war ein alter Herr! Aber der alte Herr war gut und hat Franziska sehr geliebt, so daß sie ihn heut noch nicht vergessen kann und sich oft in ihrer Freiheit recht beengt fühlt!«

»Das begreife ich nicht, Tante Fränzchen, Freiheit ist etwas Wundervolles! Du kommst mir wahrhaft beneidenswerth vor! Auch ich ermangle eigenen Heims, aber ehe ich Käfig mit Käfig vertausche, eh' bleibe ich, wo ich bin. – Wirst Du wohl wieder heirathen, Tantchen?«

Franziska lächelte. »Wie neugierig und wie naseweis von einer jungen Nichte, ihre mittelaltrige Tante dergleichen zu fragen!« Ein Seufzer hob die Brust. »Es wird wohl kaum etwas daraus werden,« sagte sie, »ich bin anspruchsvoll geworden, könnte nur aus Liebe heirathen, und ich denke des Dichterworts: »Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder!«

»Dir, Tantchen, hat er noch nicht abgeblüht!«

»Wer weiß! Manchmal komme ich mir doch schon recht gesetzt und alt vor. So gestern, als Herr von Strom so ohne weiteres seine Confessionen machte, das war bezeichnend. Nachher sah ich mich denn auch unwillkürlich in den Spiegel und sprach zu mir: »So sieht man aus, wenn man in das Alter der Vertrauten kommt!«

Lona lachte hell auf und Franziska that es mit, so daß das junge Mädchen glaubte, die Tante mache Spaß, ein tieferer Menschenkenner aber hätte an dem kaum merklichen Zucken der sich einen Moment festschließenden Lippen gesehen – daß es dem jungen, reizenden Weibe doch nicht so leicht ward, die Grenze zu überschreiten, die die erste und zweite Jugend der Frau trennt! –

Das Stubenmädchen, ein frisches, dralles Ding mit dichten, blonden Flechten um den Kopf gelegt, das auf den Namen »Moidl« hörte, brachte den Kaffee; sie hatte Lona so früh ausrücken sehen und sagte, daß es selten vorkäme, daß »Stadtfräulein« so früh auf seien.

»Ich bin ja auch kein Stadtfräulein, Moidl,« antwortete das junge Mädchen ergötzt, »ich bin vom Lande wie Du, und darum werde ich mich bei Euch sehr wohl fühlen.«

Das Moidl mußte nun erzählen, woher es gebürtig sei, wie lange es hier im Dienste, ob es Zitherspielen oder Singen könne, (was die hübsche Dirne beides konnte) und ob es das Ruder tüchtig zu handhaben wüßte.

Das verstand sich von selbst, und so wurde Moidl denn zur Lehrmeisterin gedungen: am Nachmittag, wenn die Sonne nicht mehr mit gar so feurigem Kusse den See berührte, sollte der Unterricht seinen Anfang nehmen.

Lona begann die Brödchen zum Frühstück mit der frischen Butter zu bestreichen, aber Franziska fand, daß sie es recht ungeschickt that, nahm ihr Messer und Brödchen aus der Hand und machte mit ihren weißen, appetitlichen Händen das Frühstück zurecht.

Indessen ordnete das junge Mädchen die mitgebrachten Blumen, garnirte die Sommerhüte mit den schönen Disteln, die wie große, weiße Sonnenblumen leuchteten, und zeigte zu dieser Arbeit unverkennbar größeres Geschick, als zu der vorigen.

Unter dem Kaffeetrinken und Plaudern war die Zeit vergangen, die Sonne höher gestiegen, Lona öffnete das Fenster, ein so balsamischer Duft strömte herein, daß es schien, als athmeten die Kräuterlein ihre ganze Seele aus.

»Nicht wahr, hier ist gut sein?« fragte Franziska heiter, »in solcher Luft wird das Herz froh und die Seele weit, als hätte sie Flügel und könnte hinwegstreben über alles Kummervolle und Trübe. Das Einathmen solcher Luft berauscht mich förmlich und dieses Einathmen gründlich zu besorgen, ist mein vornehmstes Bemühen auf dem Lande. Da gibt es Menschen, die haben nirgend Ruhe, rennen von einem Platze zum andern, müssen alle Spaziergänge aufsuchen und kommen abgehetzter heim, als sie fortreisten. Wir wollen es nicht so machen, hörst Du's Lona, wir wollen »eilen mit Weile« und zu Zeiten auch recht ausdauernd spazieren sitzen!«

Lona lachte. »Kleine Tante, kleine Tante, ich fürchte für Deine Taille, werde nur nicht gar zu bequem!«

Jene versprach, sich davor zu hüten, ja, sie wolle sogar den »Unnutz« besteigen und so die anstrengendste Partie des Achensees machen, gelobte sie, nur solle man sie die ersten Tage verschonen. Heute wollte Franziska entschieden ihren Vormittag auf der Veranda verbringen und so bei ihrer buntfarbigen Tapesserie, an der sie mit Vorliebe arbeitete, die Aussicht genießen.

»Dann beurlaube ich mich, Tantchen,« entgegnete Lona, »ich brenne vor Begierde, das schöne Bild, das meine an die Ebene gewöhnten Augen so entzückt, fest zuhalten. Siehst Du dort drüben fast am Ausfluß des Sees jenen Waldvorsprung? dahin soll Moidl mich übersetzen, dort ist Schatten, ich werde da einen schönen Platz für meine Arbeit finden.«

»Aber Lona, so allein, das geht nicht!«

»Kennst Du das alte Sprichwort nicht, Tantchen: »Besser allein, als in böser Gemein'?« Nun siehst Du, so denke ich auch. Ja selbst die allerbeste Gemein' könnte mir nichts nützen. Bin ich doch eine Plapperliese erster Größe und kann nur arbeiten, wenn ich ganz ungestört bin. Zudem scheint es drüben sehr einsam, kein Mensch wird von diesem Etiquetten-Verstoß erfahren. Also bitte, Tantchen, gib mich frei.«

Die junge Wittwe war keine schwierige Natur, sie meinte, was kann denn dem Kinde bei hellem, lichtem Tage, in unmittelbarer Nähe dieser Ansiedlung geschehen? und als sie nun gar ein paar kleine Bauernhäuser auf dem waldigen Vorsprung entdeckte, da sah die Gute keinen Grund mehr, Lonas Wünschen zu widersprechen.

Vergnügt packte das Mädchen Feldstühlchen und Malkasten auf, nahm seinen Hut und ließ sich nicht einmal Zeit, den Herren guten Morgen zu sagen, sondern suchte sich die Moidl und so ruderten die beiden Mädchen über den See, der still und unbewegt dalag, ein schillerndes Parquet für das Tanzen der Sonnenfunken.

Auf dem Balkon saß der Rath mit den jungen Leuten beim Frühstück, bei Lonas Anblick rief er verdutzt: »Wohin?«

»In die weite Welt, Onkelchen, ich gehe durch!« lachte das Mädchen und gab Moidl einen Wink, daß sie die Ruder noch rascher bewegte. »Tante Fränzchen hats erlaubt,« rief sie dann noch dem rathlos dastehenden Manne zu, und fort giengs zum schön daliegenden Ziel.

Lona hatte ein Malerauge, mit schnellem Ueberblick hatte sie eine der schönsten Stellen herausgefunden; der kleine Waldvorsprung, dem sie fortan den Namen »Insel« gab, da er ziemlich kühn in den See hineinragte, bot einen entzückenden Aufenthalt. Das mußten schon andere vor ihr gefühlt haben, denn an ganz besonders schönen Aussichtsstellen waren Bänke angebracht.

Moidl wurde mit dem Kahne zurückgeschickt und ihr geboten, um die Mittagszeit wiederzukehren; dann gieng Lona voller Eifer daran, einen guten Standpunkt zu wählen, um das romantische Bild mit Stift und Farbe auf ihr Papier zu bringen.

Einige Spaziergänger kamen ab und zu über die einsame Landzunge; eine Dame mit einem Buche ließ sich in Lonas Nähe auf einem Ruhesitz nieder, es störte jene nicht. In dem Eifer der Arbeit vergaß sie ganz auf die Zeit, die Sonne stieg höher und höher, schon hatte sie die Lesende vertrieben, bald mußte es der Malenden ebenso gehen; Lona merkte es nicht. Sie sah auch nicht den Nachen, der schon mehrmals in weitem Bogen die »Insel« umkreist hatte, der sich jetzt merklich näherte und aus welchem zwei weiße Strohhüte ihr zuwinkten.

Das schien die Insassen zu verdrießen und der junge Mann, der mit kräftiger Hand den Kahn fortbewegte, rief nun ein so helles, weittönendes »Hohihoho« aus, daß Lona fast erschrocken emporsah.

In diesem Augenblicke stieß Viktor gerade den Nachen auf die Steine des Ufers, befestigte die Kette in Ermanglung eines anderen Landungswerkzeugs an eine hervorspringende Baumwurzel und rief dann schon von weitem: »Ist das recht?«

»Was soll nicht recht sein?«

»So mir nichts dir nichts auf und davon zu gehen! Herrmann und ich hatten einen so hübschen Ausflug für den Vormittag ausgedacht.«

»Ja,« sagte Herrmann, »wir wollten alle nach dem Seehof gehen, da sei es sehr schön, sagt Viktor.«

»Und der Wein ist gut und die ganze Umgebung so lustig; wie gemacht für eine zweite Frühstücks-Partie.«

»Ja, aber ich frühstücke nie zweimal,« entgegnete Lona, »in dieser Weise werden die Herren nie auf mich rechnen können.«

»Nur keine Prinzipien! man frühstückt auf dem Lande stets mehrere Male. Womit soll man denn seine Zeit zubringen?«

»Sie sehen es.«

»Ja, die Damen, es ist wahr, der Lohn des Fleißes gebührt ihnen! Da sitzt die Majorin und stickt und stickt, als sei sie auf Tagelohn engagirt, und Sie stehlen gar die liebe Natur schon am allerersten Tage.«

»Aber Lona, wie talentvoll bist Du! Wahrhaftig man erkennt bereits ganz deutlich, was aus dem Bilde werden soll. Du kannst wohl zaubern?«

»Könnt' ich das, Herrmann, so hätte ich vielleicht weit weniger Vergnügen, als jetzt. Ohne Plage keine Freude! Nur das hat Werth, was man sich mühevoll erringen muß. Das muß ich in der That: ich habe so wenig nach der Natur gemalt und fühle mich ungeduldig, eine Stümperin!«

»Du willst Komplimente.«

Hu, was war das für ein Zornesblitz aus den dunklen Augensternen, der jetzt den Kühnen streifte.

»Sie haben viel Farbensinn, gnädiges Fräulein,« sagte Viktor freimüthig, »man sieht das bereits aus der ersten Anlage. Was Ihnen fehlt, ist die Zeichnung, aber trösten Sie sich, daran laborirt sogar manch berühmter Künstler.

Vergleichen Sie einmal diese Bergwand im Hintergrunde des Bildes: macht sie sich wohl so viel mächtiger, als die Berge hier links, wie es doch augenscheinlich in der Wirklichkeit der Fall ist?«

Ein zorniges Erröthen gieng über Lonas Züge; dann schien sie sich zu besinnen; eigentlich war es thöricht, über Tadel böse zu werden, da sie sich Lob doch gerade verbeten hatte!

Sie schaute auf und verglich, noch mit finsterer Miene, aber diese erhellte sich immer mehr, als sie einsah, wie sehr der junge Mann recht hatte: das Stanzerjoch war ganz und gar in seinen Dimensionen verfehlt.

»Sie malen also, Herr v. Strom?«

»Ab und zu, wenn ich gerade nichts anderes zu thun habe, aber meine Augen sind geschickter, als meine Hände.«

»Vielleicht falsche Bescheidenheit. Gut, daß ich Ihr Talent kenne, Sie haben angefangen, mich zu korrigiren, nun sollen Sie mir beweisen, daß Sie das Recht dazu haben, nehmen Sie die Palette und geben Sie dem Bergrücken sein ordentliches Recht.«

Viktor sperrte sich nicht: obgleich seine mehr denn gewöhnliche Länge messende Gestalt schwer auf dem kleinen Feldstuhle Platz fand, ließ er sich gehorsam darauf nieder, und Lonas etwas malitiöses Lachen sollte sich bald in Staunen wandeln, als sie wahrnahm, wie flott und gewandt Viktor die Farben aufs Papier brachte.

Ein Weilchen schaute Herrmann geduldig zu, dann aber rief er ärgerlich: »Aber wir sind doch nicht hierher gekommen, um Mallektionen zu halten, sondern um unsere Flüchtige hinüber zu holen. Und hört Ihrs, da tönt die Glocke von der Scholastika: wir kommen zu spät zu Tisch.«

»Ein Unglück, theurer Pylades, das manch anderer mit uns theilen wird! – Auf dem Lande, wo alle Welt nichts zu thun hat, verspätet sich alle Welt.«

Lona warf noch einen prüfenden Blick auf die an mancher Stelle ausdrucksvoller gestaltete Zeichnung und sagte dann sehr bestimmt: »Sie haben viel gelernt, Herr v. Strom.«

»Was man so fürs Haus braucht.«

»Vielleicht auch ein bißchen mehr.«

»Gewiß nicht! Ich dilettire so in allen Künsten herum, ohne es in einer zu etwas gebracht zu haben.«

»So sind sie flüchtig!« antwortete Lona, als hätte sie das Recht: ihre Meinung zu äußern.

Viktor verbeugte sich lächelnd, »Möglich!« sagte er lakonisch.

Fast grollend betrachtete Herrmann diese Vertraulichkeit zwischen zwei Menschen, die sich noch keine zweimal vierundzwanzig Stunden kannten.

»Warum wage ich nicht, diesen Ton mit der Cousine anzuschlagen, der ihr offenbar gefällt?« fragte er sich selber. »Weil ich ein hölzerner, von je gedrückter Junge bin,« setzte er dann selbst hinzu, »und kein Rittergut hinter mir habe, wie jener.«

Die drei bestiegen den Kahn, Lona erzählte, daß sie künftig selbst rudern wolle, und Moidl bereits zur Lehrmeisterin gedungen habe.

»Das ist Ueberfluß,« entgegnete Viktor, »wenn ich zu etwas zu brauchen bin, ist es dazu. Ich werde Ihnen Unterricht geben, Fräulein; wenn Du willst, Herrmann, kannst Du Mitschüler sein.«

»Ich danke Dir, ich will meiner Muskelkraft, doch nicht zu viel zutrauen.«

»Und ich ziehe den Unterricht der Moidl vor.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil ich fürchte, ich könnte mich ungeschickt anstellen und dann ausgelacht werden.«

»Halten Sie mich also wirklich für ungalant?«

»Nein, aber für übermüthig«

»Nur aufrichtig bin ich, Fräulein Lona, und da Aufrichtigkeit heut zu Tage in den Augen unserer jungen Damen nahe an Unart streift, so komme ich in schlechten Kredit. Ich sehe, der kühne Griff in Ihr Kunstwerk ist noch nicht vergessen.«

»Jetzt halten Sie mich für lächerlich, Herr v Strom.«

»Aber Kinder, Ihr bekommt ja eine förmliche Virtuosität darin, Euch zu zanken,« mahnte Herrmann verwundert.

»Es ist wahr; also Versöhnung!« Und Viktor streckte dem jungen Mädchen seine Hand hin.

»Ich lehre Sie rudern.«

»Ich habs der Moidl versprochen!«

»Sie sind aber doch –«

»Ich warte nicht mehr ab, was da wieder herauskommt. Auf Wiedersehen bei Tische. Etwas will ich wenigstens mein Haar ordnen, mit der Toilette nimmt man es wohl auf dem Lande nicht so genau.« –

Der Rath war brummig, die lange Entfernung der jungen Leute, ihre Verspätung bei Tisch hatte seinen Langmuth erschüttert, war er doch zum Vergnügen hier, und kann man das wohl ein Vergnügen nennen, erst neben der stickenden Schwester, dann während diese reichliche Zeit zum Ankleiden brauchte, allein auf der Veranda zu sitzen?

»Ich fürchte, Papa hält es nicht lange aus,« flüsterte Herrmann dem Freunde zu, er ist das Nichtsthun zu wenig gewöhnt!«

»Er muß Fischen,« entgegnete dieser ohne Bedenken, »das ist eine Beschäftigung, die rasch zur Leidenschaft wird; ich werde ihn dafür zu interessiren suchen.«

Und alsbald begann Viktor ganz harmlos ein Gespräch über die edle Fischerei, sagte, daß er selbige mit Vorliebe betreibe und noch heute auf die Pertisau wolle, die die Gerechtsame des Sees habe, um sich von dort Erlaubniß zu verschaffen. Er lud den Rath ein, sein Partner zu sein.

»Ich verstehe weder mit der Angel umzugehen, noch habe ich Geräthe.«

»Mit letzteren kann ich dienen, und was das Verstehen betrifft, so ist das kinderleicht.«

Nun begann der Sprachgewandte das Vergnügen auszumalen, welches das Fischen gewährt, und that dies in so lebhaften Farben, daß der gute Rath als erster Fisch an die Angel biß.

»Jetzt noch ein Partiechen für Regentage und den Abend und Dein Papa ist untergebracht und genirt uns nicht weiter,« meinte Viktor nach Tisch zu Herrmann, der wahrhaft staunend der Suada seines Freundes gelauscht hatte.

»Du solltest Rechtsanwalt werden,« sagte er.

»Das bin ich, denn ich verschaffe mir überall mein Recht,« entgegnete jener lachend.

Die Fahrt nach der Pertisau war vom herrlichsten Wetter begleitet; der See lag heute tiefblau da und die Wogen plätscherten so sanft und leise an das Ufer, als sängen sie Wiegenlieder.

Viktor lehnte den Schiffer ab, er allein fuhr die Gesellschaft den fast anderthalbstündigen Weg, und der schlanke, keineswegs robust aussehende Jüngling schien keine Anstrengung zu spüren.

Der Bergkranz lag in köstlicher Beleuchtung da, und als man sich der Pertisau nahte, da tauchten magisch die fernen, schneebedeckten Häupter des Zillerthals über dem hoch hinein in die Landschaft ragenden Kirchlein von Maurach auf.

Bietet der Anblick von der Scholastika ein poetisches, stimmungsvolles Bild friedlicher Einsamkeit, so ist der Ausblick von der Pertisau wie ein Locken in die ferne, magische Weite! Dazu das fröhliche Leben und Treiben der zahlreichen Gesellschaft drunten im Fürstenhause, überall frohe Gesichter, zufriedene Mienen, abgeschüttelt der Staub des Alltagslebens.

Dicht am See führt ein Weg, es ist eine gar steinige, holprige Strandpromenade, theilweise auch schmal genug, denn die Berge fallen stellenweise steil in den See ab, aber der Weg ist doch ungemein anziehend. Immerdar bieten sich neue Bilder, das Wasser fließt hier gleich dem Meere auf ganz seichtem Ufergrunde, daher plätschern die Wellen hier noch melodischer als an den tieferen Uferstellen und berühren mit ihrem nassen Kusse die tausende von Bergglöckchen, die am Uferrande blühen. Das helle, eigenthümliche Blau dieser Glocken auf tief dunklem Moose, das nebst Erika die felsigen Wände bekleidet, bilden eine reizende Dekoration der graubraunen, nur mit stachlichtem Unterholz gezierten Felssteine, zumal da, wo sie mit Augentrost und frühe schon roth gefärbten Waldbeeren vermischt erscheinen.

Lonas Feenhände hatten bald aus diesen schön zusammen passenden Blüten einen Strauß geformt, er wurde Tante Fränzchen verehrt und mit Dank entgegengenommen.

Die junge Wittwe ließ sich gerne Blumen schenken, sich selbst danach zu bücken, fiel ihr nicht ein. Glaubte sie vielleicht ihre schöne, helle Sommertoilette zu verderben?

Jedenfalls aber mußte sie das Unpraktische derselben trotz ihrer Vorliebe für hübsche Kleider empfunden haben, denn sie bewunderte sehr Kostüme, welche von drei jungen Mädchen getragen wurden, die Schwestern zu sein schienen und ihrem Dialekt nach, der bei ihrem lauten Geplauder vernehmlich war, unverkennbar Wienerinnen waren.

Röcke und Jacken dieser bequemen Kleidung bestanden aus Lodenstoff, eine Blouse von farbigem Percal vervollständigte den Anzug, der nur mit einem grünen Tuchstreifen besetzt war, und kecke, grobe Hüte in Tyrolerfaçon mit grüner Schnur und Troddeln und einer kühn gesteckten weißen Hahnenfeder gaben dem Ganzen einen höchst feschen Anstrich.

»Sieh', Lona, das ist hübsch, kleidend und praktisch, die Loden halten Kälte, wie Wärme und Regen ab, solchen Anzug muß ich haben.«

Schnell und resolut gieng Franziska auf die jungen Mädchen zu, und bald sah man sie in ein Gespräch mit ihnen verwickelt.

Triumphirend kam sie zurück. »Ich habe die Adresse der reizenden Kostüme,« sagte sie in ihrer fröhlichen Weise, »sie sind aus Innsbruck, Morgen reise ich dahin, mir eines zu holen,« flüsterte sie Lona ins Ohr, »wie stehts mit Deinem Garderobegelde? Hast Du auch Lust, mit zu thun?«

»Ich weiß es noch nicht,« entgegnete diese, der die Kleidung weniger wichtig war.

»Aber reinen Mund halten, nichts verrathen, wir wollen überraschen!«

Viktor hatte die Erlaubniß zum Fischen (freilich bei Abgabe jedes werthvollen Fanges), erhalten, die Partie war also in jeder Weise zur Zufriedenheit ausgefallen.

Man hatte sich verspätet, oben glänzten noch die Bergspitzen im Sonnenlichte und schauten aus wie Feuer oder glühende Rosen, und nun lagen sie grau, massig und leblos da. Der Mond stand am Himmel, die ferne Bergkette zerfloß gleich Nebelgestalten, nun sah der See grün, tief grün aus. –

Auch Viktor wollte jetzt die Ruhe genießen, er gab sein Amt an einen Schiffer ab.

»Hüllt Euch ein,« mahnte die kundige Franziska, »es ist gar kalt auf den Bergseen, wenn die Sonne schlafen gegangen ist!«

Viele Kähne fuhren in weiten Bogen um das liebliche Eiland die Pertisau, die einem reichen Kloster zugehört und für deren grundlose Wege doch so wenig gethan wird, daß man bei nassem Wetter jedenfalls besser am anderen Ufer aufgehoben ist.

Aus manchem der kleinen Schiffe stieg heller Gesang auf und es fuhr sich gar so gut dahin auf glatter Wasserbahn bei dem schönen Klange.

Mehr nach der Mitte des Sees verstummte jener; dunkler sanken die Schatten, und die Lichter vom Seehof hoben sich wie feurige Funken vom finstern Walde ab.

»Sing Du ein Lied, Lona,« bat Franziska.

Ohne Ziererei begann die Gebetene mit heller Stimme und anmuthigem Ausdruck:


»Noch ist die blühende, goldene Zeit,
Du schöne Welt, wie bist du so weit!
Und soweit ist mein Herz und so blau wie der Tag,
Wie die Lüfte durchjubelt von Lerchenschlag!
Ihr Fröhlichen singt, weil das Leben noch mait:
Noch ist ja die schöne, die blühende Zeit,
Noch sind die Tage der Rosen!«

»Frei ist das Herz, und frei ist das Lied
Und frei ist der Bursch, der die Welt durchzieht«


fiel Viktor kräftig ein, und den dritten Vers sangen Fränzchen und Herrmann gar auch mit. Weit schallte es hinüber zum Ufer: »Noch sind die Tage der Rosen!« –

Nur der gute, alte Rath sang nicht mit. Ach, für ihn lagen die Tage der Rosen weit! Oder hatte er sie nie gehabt? Wohl möglich. Was war sein Leben gewesen? Arbeit und Mühe. Das fühlte er auch so recht daran, daß ihm fast die Genußfähigkeit der Ruhe verloren gegangen war. Aber bei dem frischen Liede klopfte er reuig an die verknöcherte Brust. »Auch ich will genießen,« sprach er zu sich selber, »und mich wieder freuen lernen mit den Fröhlichen!«



Viertes Kapitel.

Ein Gewitter und eine Freundschaft.

Die Post nach Jenbach gieng um fünf Uhr von der Scholastika ab; eine unmögliche Stunde für eine Langschläferin wie Franziska und doch möglich, wenn die Eitelkeit mit im Spiele ist.

Was bringt eine schöne Frau nicht der Eitelkeit für Opfer! So stand denn die Bequeme zeitig genug auf, um pünktlich fertig zu werden und dem Bruder noch ein paar Zeilen zu hinterlassen, in welchen sie ihm mittheilte, daß sie ihm Ilona für einen Tag nothwendig entführen müsse, da sie beide »Staatsgeschäfte« in Jenbach hätten. Innsbruck wurde nicht geschrieben, weil die junge Wittwe die Aengstlichkeit des Raths kannte, die gewiß bei einer so großen Tour erwacht wäre.

Lona hatte sich entschlossen, die Ausgabe für einen so praktischen Gebirgsanzug zu leisten; eigentlich war ihre Garderobe für dieses Jahr im Stande, und das Nadelgeld, das ihr der Onkel gab, nicht so groß, daß sie ohne Bedenken hätte unnütze Anschaffungen machen können, um so mehr, als Lona zu denjenigen zählte, die bei Büchern und Musikalien nicht sparen mochten.

Die kleine Expedition nach Jenbach und dem schönen, freundlichen Innsbruck verlief sehr vergnüglich; nachdem die Besorgungen erledigt waren, zeigte die Majorin ihrer jugendlichen Begleiterin noch die reizende Innstadt und seelenvergnügt kehrten beide am Abend heim, schon mit Unruhe von dem Rath und Herrmann, die ihnen bis zum Seehof entgegenkamen, erwartet.

Viktor war nicht da, er hatte am Vormittag einen Freund, einen jungen Baron, gefunden, der bei einem Grafen in der Nachbarschaft zu Besuch war, um die Jagden auf Hochwild, die in dieser Gegend ergiebig sind, mitzumachen. Der Baron lud nun Viktor zu einem Jagdausflug für den Nachmittag ein, den dieser bereitwilligst annahm. Einmal machte ihm die Jagd Vergnügen, dann aber wollte er den Damen beweisen, daß er sie nicht brauche, sich zu amüsiren wisse ohne sie; ihre Flucht hatte den Verwöhnten verdrossen.

Auch am Abend ließ sich der junge Mann nicht sehen und brachte denselben mit dem neugefundenen Bekannten in dem Gasthause am Ende des Sees zu, wo die Jäger mit Vorliebe absteigen. Lona fand das namenlos unartig; zuerst hatte er sich ganz ohne weiteres der Familie angeschlossen und dadurch bewiesen, daß er das gern that, und nun blieb er bereits fort.

Aber Viktor schien sich aus dem ungnädigen Empfange am andern Morgen gar nichts zu machen, er war nicht der Mann, der sich fesseln ließ, wenn es ihm nicht paßte. War Lona freiheitsliebend und eigenwillig, so war er es doppelt.

Dennoch lebte sich unsere kleine Gesellschaft bald in einander ein. Der gute Rath hatte in der That das von Viktor prophezeite Vergnügen am Fischen gefunden: das war eine Beschäftigung, die seinem sanften Gemüthe zusagte. Stundenlang konnte man ihn am See oder an den Ufern der Ache stehen sehen, begierig hineinschauend in das krystallhelle Wasser, ob ein Fischlein anbeißen möchte. Ja, es läßt sich mit Gewißheit melden, daß es den Rath jetzt weit mehr interessirte, ob er eine reiche Ausbeute haben würde, als daß er darauf achtete, ob sein Sohn die gewünschten Fortschritte in der Gunst der Nichte machte!

Die kluge Frau, wie konnte sie nur so thöricht sein, in so delikater Angelegenheit auf einen Mann rechnen zu wollen; als ob diejenigen Männer, die sich zu Heirathsaffairen eignen, nicht überhaupt dünn gesäet sind – und nun noch dazu der gute, bequeme Rath!

Lona war selig, niemals, seit ihre Eltern gestorben, hatte sie sich einer so absoluten Selbstbestimmung erfreut, hier konnte sie sich einmal nach Herzenslust ausleben. Jeden Morgen ruderte sie sich (denn das selbst zu thun, hatte sie bald gelernt), in der bequemen Tracht, die der Innsbrucker Schneider pünktlich gesandt hatte, und die ihr reizend stand, nach dem kleinen, grünen Eiland hinüber. Das Bild gedieh, es war sehr hübsch; hie und da korrigirte Viktor ein bißchen, aber oft ließ er sich nicht sehen, er streifte viel mit dem Baron umher und kannte gut die Bedeutung des Wortes, daß sich rar machen ein gutes Mittel ist, vermißt zu werden. So war es denn gekommen, daß Tante und Neffe die ständigsten Gäste auf dem Balkon der Scholastika waren. Fränzchen saß spazieren und stickte, Herrmann las ihr vor, oder sie plauderten – und merkwürdig, was keinem gelang, Franziska brachte es zu Wege, sie machte Herrmann sprechen. Vor dem heiteren Wesen der jungen Wittwe, das so durchaus wohlwollend, daher wohlthuend war, schloß sich seine sonst ängstlich verhüllte Seele auf, all' die Tiefe, die dieser spröden Natur dennoch inne wohnte, kam hier zum Durchbruch.

So waren alle Theile zufrieden. Oft schon, wenn man Lona an ihrer Staffelei glaubte, war sie herumgestrichen; Entdeckungsreisen zu machen, blieb ihre höchste Lust. Das aber sagte sie Tante Fränzchen nicht; wußte sie doch, daß diese nur ruhig war, so lange sie sie in nächster Nähe des Bauerngehöftes wußte, mit dessen Inwohnern sie selbst Bekanntschaft gemacht und selbige gebeten hatte, sich, falls sich einmal ein Strolch in der Nähe zeigen sollte, ihrer Nichte anzunehmen.

Aber gerade das Herumstreifen auf eigene Hand war es, das Lona ein unaussprechliches Vergnügen gewährte. Das kleine Eiland war längst ausgesucht, eine Bank aus Steinen und Moos für Tante Franziska zusammengefügt, falls diese auf Besuch kam, auch Bekanntschaft mit einem kleinen Wiesel gemacht, das seine Heimstätte dort hatte und Lona munter umspielte. Heute sollte die Reise weiter gehen. Zwischen steil ansteigenden, mit Nadelholz bekleideten Felsbergen und dem Waldvorsprung lag eine grüne blumige Wiese. Schon oft hatte es Lona gereizt, diese zu überschreiten, heute wollte sie es thun. Zwar war die Wiese eingezäunt und hatte nirgend eine Eingangspforte, aber Lona verstand ihre Augen zu gebrauchen, und so hatte sie gesehen, wie die Bauern an einer Stelle los liegende Baumstämme entfernten, um auf die Wiese zu kommen, und wie sie jene dann nachher wieder ebenso hinlegten, damit das Vieh nicht herauslaufen konnte.

Lona machte es ebenso. Der Gang über die Wiese währte lange die Blumen blühten da in gar zu reichem Maße, es mußte ein Strauß gebunden werden. Dann kam Lona auf der andern Seite der Wiese auf dieselbe Art wieder hinaus, fand hier einen schmalen, holperigen Weg sich bald hoch, bald niedrig am Bergabhang dahinziehend, kletterte auf diesem, ob er gleich moorig und feucht war, eine Strecke fort und – was war das? Aufjubeln hätte sie mögen, sah sie doch vor sich einen dicken, dicken Buschen dunkelroth blühender Alpenrosen! Also doch! pflücken sollte sie diese schönen Kinder steinigen Bodens mit eigener Hand! O, wie sie das freute! Drunten am Achensee waren sie alle theils abgerupft, theils verblüht, hier strahlten sie in köstlicher Frische!

Zum ersten Male im Leben war Lona so grausam, gepflückte Blumen wegzuwerfen, aber heute konnte sie den Wiesenstrauß nicht heimnehmen, belud sie doch beide Arme mit den Rosen der Alpen.

Kaum konnte sie ihre Last schleppen, immer neue und neue Büsche hatte sie entdeckt, immer höher war sie geklettert, und es gehörte keine kleine Geschicklichkeit dazu, mit dieser Last nun auch noch die Stämme der improvisirten Pforte wegzunehmen.

Da, als sich diese Arbeit in der That als kaum möglich erwies, und Lona schon im Begriffe war, ihre Blumenlast nieder zu legen, nahte sich ein junger Ritter.

»Erlauben Sie mir das zu thun, gnädiges Fräulein,« sagte eine Stimme in jenem halb schnarrendem, halb schleppenden Tone einer gewissen Sorte von Lieutenants, wie denn dieser sammetblonde Jüngling auch keinen Augenblick den Militär in Civil verläugnen konnte.

»Sehr freundlich,« entgegnete Lona und harrte geduldig, bis die Tannenstämmchen, die den Durchgang wehrten, entfernt worden waren. Der Retter in der Noth that dieses mit vieler Zierlichkeit, bei der Entfernung des letzten Bäumchens sich höflich verbeugend.

»Ich danke Ihnen,« sagte Lona artig und passirte rasch die Pforte, etwas schneller als gewöhnlich über die Wiese dahinschreitend. Aber so meinte es der Jüngling nicht, ein so hübsches Abenteuer ließ sich denn doch wohl noch etwas ausnützen. Mit fliegender Hast legte er die Hölzer wieder an ihre Stelle und schritt dann mit seinen dünnen Beinen hüpfenden Ganges dem jungen Mädchen nach.

»Flora in persona,« sagte er, als er sie eingeholt, sie mit seinem Glase bewundernd betrachtend, »eminenter Anblick!«

Lona erröthete und bemühte sich noch rascher zu gehen.

Aber der Blonde fühlte sich berufen, den Schutzgeist zu spielen.

»Fürchten gnädiges Fräulein gar nicht die Ungetüme dieser Weide?«

»Die guten Kühe? Nein, gar nicht.«

»Aber wenn sie Ihnen den Weg verstellen?«

»Das thun sie nicht, sie sind bescheiden.«

»Hm! – Eine eminent schöne Gegend hier am See; was sagen gnädiges Fräulein?«

»Sehr schön,« bemerkte Lona lakonisch, sie mochte nicht unfreundlich sein und doch begann sie diese Begleitung zu geniren.

»Gnädiges Fräulein tragen da zu schwer, haben ja eine eminente Menge dieser Blumen. Sind jetzt Mode, ganz mit Unrecht, besitzen weder Grazie der Form noch eine Spur von Duft. Erlauben mir, daß ich ein bißchen von dem Grünzeug trage?«

»Danke, das schickt sich nicht für Herren.«

»O, was das betrifft, so schicken sich Ritterdienste jeder Art. Ich bin von der alten Schule, wollen Gnädige mich nur auf die Probe stellen, wie irgend nur ein Aminto seiner Chloe gedient, so wäre ich mit Freuden bereit, es zu thun. Gebieten Sie über mich.«

»So bitte ich, mich jetzt zu verlassen, mein Herr.«

»Welch grausames Verlangen! Eine so ungalante Handlung können Sie mir nicht auferlegen. Wie kann ich in dieser nur mit groben Bauern und noch gröberen Kühen bevölkerten Einöde eine zarte Fee, die ein gütiges Geschick selbst in meine Hände gab, schutzlos zurücklassen!«

Der Unmuth über das freche Geschwätz färbte Lonas Antlitz bis unter die Stirnhaare roth. Hilflos blickte sie um sich, da entdeckte sie einen kleinen Bauernknaben, der ganz wie begraben im hohen Grase lag, alle Viere von sich streckte und sichs im Sonnenschein gut sein ließ. Sie kannte den Buben, oft hatte er sich ihr genähert, wenn sie gemalt, und sie hatten Freundschaft geschlossen.

»Franzl,« rief sie, »komm her.«

Der kleine Flachskopf sprang auf.

»Was willst Du?« fragte er das schöne, fremde Fräulein, das er liebte, da es ihm schon mehrmals Kreuzer geschenkt hatte.

»Da, trag mir den Buschen bis an den Kahn,« gebot Lona.

Der Kleine, der nicht viel größer war, als der Riesenstrauß, faßte diesen mit seinen beiden Aermchen und trabte in höchstem Ernst mit seinen bloßen Füßen neben Lona her.

Jetzt hatte sie einen Schutz, und nun begann ihr die lästige Begleitung gleichgültiger zu werden.

»Gnädiges Fräulein wohnen nicht im Seehof?« fragte der Blonde unverfroren weiter.

»Nein!«

»Schade! Bin dort einlogirt, eminent lustiges Leben, alle Abend Spiel und Tanz. Sollten sich das ansehen.«

Keine Antwort.

»Seehof ist der einzige Ort, wo ein civilisirter Mensch es aushalten kann. Eminent naturwüchsiges Land dieses Tirol, von Kultur keine Spur!«

Fortgesetztes Schweigen.

Lona hatte die Stelle erreicht, wo sich der Weg zu ihrer Moosbank abzweigte, wo ihr Malkasten geborgen war.

»Geh vor, Franzl, ich komme gleich nach,« gebot sie. Und mit einem kurzen »Empfehl mich« zu dem Fremden war sie verschwunden.

Dieser schaute der elastisch Dahinschreitenden verdutzt nach; dann drehte er seinen etwas katzenartig gewachsenen Schnurrbart und murmelte: »Einmal kurz angebunden! aber reizvoll, höchst reizvoll. Kleines Füßchen, schlanke Taille, blitzende Augen, kirschrothen Mund und entschieden hochmüthiges Näschen. Gefällt mir außerordentlich, müßte ja nicht Siegfried heißen, wenn ich nicht reussiren sollte!«

Als Lona zum Kahne kam, fand sie neben Franzl den Fremden. Galant, als wären sie die besten Freunde, löste er die Kette, half das Boot vom Ufer abstoßen und verbeugte sich mit den Worten: »War mir höchst reizvoll, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen, hoffe auf baldiges Wiedersehen!«

Lona ruderte aus allen Kräften, sie schämte sich, es war etwas in ihr, das da sagte: »Würdest Du nicht so mit Vorliebe allein herumstreifen, würde Dir das nicht passiren!« Aber es war auch wieder etwas anderes in ihr, das da laut rief: »Würden Männer nicht jedes einsame Mädchen als verdächtig betrachten, so wäre ein immerwährender, aus alter Ueberlieferung hergebrachter Schutz ganz unnöthig!« und Thränen des Unmuths füllten ihre Augen.

Weit klüger hätte Lona ja gehandelt, wenn sie die Begegnung mit dem blonden Ritter verschwiegen, aber Weltklugheit lag nicht in ihrer Begabung; sie mußte immer aussprechen, was ihre Seele gerade lebhaft erregte, so auch jetzt.

Mit tiefem Abscheu äußerte sie sich über den Zudringlichen und Viktor rief: »Ich möchte wetten, daß es Siegfried von Sandeln war, ich sah den Gecken, den ich oberflächlich kenne, gestern hier vorbeiflaniren und Rundschau über die Gäste halten. Was ihn in so abgelegene Gegenden geführt, ist mir räthselhaft.«

»Kümmert uns auch nicht,« fiel der Rath ärgerlich ins Wort, »das aber kümmert mich, daß Lona so allein herumstreift und solche Abenteuer erlebt! Warum haben wir überhaupt in die Reise gebilligt? Weil wir glaubten, Du, Franziska, würdest Dich unserer Nichte annehmen.«

»Verzeih, lieber Bruder, ich bin nicht so strafbar, als ich scheine. Ich lasse nur jeden gern nach seiner Façon glücklich werden, und die Lonas ist die Freiheit. Wenn sie dort drüben auf dem kleinen Waldeiland in der Nähe jener Hütten malend saß, hätte ihr gar nichts passiren können. Daß sie solche Streifereien machen würde – »

»Das konnte Tantchen nicht wissen! Ich verspreche feierlich, daß ich es nie wieder thun will.«

»Nichts da, keinen Schritt gehst Du mehr allein,« zankte der Onkel ernstlich, »wenn ich mich nicht auf die andern verlassen kann, stecke ich meine Fischerei in Gottes Namen auf und folge Dir auf Tritt und Schritt.«

»Das ließest Du bleiben, Onkelchen,« entgegnete Lona, die sich bemühte, dem Gespräch den allzu großen Ernst zu nehmen, »meine Wege sind gar holperig und steil, da kämest Du doch nicht weit. Aber ein paar Bilder sind fertig, zum Malen allein bin ich ja nicht hergekommen, und so verspreche ich, mich der hochlöblichen andern Gesellschaft hinfort gehorsamst anzuschließen, ob sie auf dem Nachen fahren, spazieren gehen oder fahren will. Nur soll man meine Geduld nicht aufs äußerste treiben und die schönen, langen Vormittage einen Tag wie alle Tage auf der Altane verbringen!«

»Das ist wahr,« nickte Tante Fränzchen, »wir sind gar so bequem geworden; aber nun soll es anders werden. Deine Bilder, mein Rückenkissen sind beendet, kein Grund mehr fleißig zu sein; an mir soll es nicht liegen, wenn wir nun nicht alle erreichbaren Spaziergänge kennen lernen.«

»Dieses »erreichbar« schließt wieder eine rechte Beschränkung ein, gnädige Frau.«

»Sie trauen mir auch gar nichts zu, Herr v. Strom, aber Sie werden Wunder erleben – alle Partieen will ich machen, auf die Gaisalm, die Achenbacher Höhe, Louisenruhe, den Kraxelfall zum Gamspavillon hinaufklettern – nur den Unnutz nehme ich doch aus. Will meine Nichte den besteigen, so muß sie sich an andere Damen anschließen. Die Erreichung der genannten Punkte geben mir Stoff genug zum Renommiren durch den ganzen Winter.«

»So schön es hier ist, so wird die Zeit uns noch allen tüchtig langwerden,« prophezeite der Rath, »ein Leben ohne Arbeit ist auf die Dauer nicht zu ertragen.«

»Aber Du bist ja so fleißig, Bruder, hast gestern wieder eine stattliche Beute gehabt.«

»Nun ja, ich gestehe, wenn Herr v. Strom mich nicht aufs Fischen gebracht hätte, ich weiß nicht, wie ich die Tage hier zu Ende bekommen.«

Lona begriff das nicht. Sie hatte stets sehr viel zu thun, da klebte sie Blumen und Blättchen auf Briefbogen und Karten und korrespondirte auf diesen mit ihren Freundinnen, da führte sie ihr Tagebuch, schrieb auch ab und zu ein kleines Gedicht hinein oder illustrirte mit leicht hingeworfener Federzeichnung irgend einen ihr besonders interessanten Moment. Lona hatte eben, ohne Künstlerin zu sein, doch so viel künstlerische Anlagen, daß sie damit ihr Leben schmücken konnte.

Und wie war sie glückselig da draußen in der Natur! wie lebte, wie webte da alles in wundervoll geheimnißvollem Sein. Aus der glitzernden Tiefe, über die sie im leichten Nachen dahinschwebte, langte es nicht hervor mit weißen, blitzenden Händen? Sah es nicht hinauf mit fremden, zauberhaften Augen? Strahlte nicht das goldene Nixenhaar so magisch und tönten die Lieder der Wasserfrauen nicht so süß einlullend, so sehnsuchtsschmelzend?

Und wenn der Mond durch die dunklen Tannen schien, die wie blaugrüne Riesen die Berge hinaufschreiten, wurden nicht alle Sagen von Gnomen und Elfen wach, spann die schöne, holde deutsche Märchenwelt nicht das junge Mädchen in ihren ganzen Zauber ein?

Wie oft, wenn Franziska, das gute, liebe Geschöpf, aber das Weltkind par excellence, schon im tiefsten Schlummer lag, schlüpfte Lona noch leise hinaus, öffnete das Gangfenster, lehnte weit hinaus, sog ihn ein den gewürzigen Duft der Alpenluft und badete die Augen förmlich in dem silbernen Schleierglanz des Mondes.

Wie wohl, wie wehe Lona in solchen Momenten ums Herze war! Das junge Kind wußte es noch nicht, daß es zu denen gehörte, die eine zweite Welt in sich tragen, durch deren Sonne oder Schatten erst die Außenwelt ihr Gepräge erhält! wußte es nicht, daß es zu den Wesen zählte, die sehr glücklich oder sehr unglücklich werden können!

Schon jetzt, bei Franziskas fröhlichem Sichgenügenlassen, fragte Lona sich oft, warum sich durch ihr Herz plötzlich ein Wehgefühl schleiche, das dem Heimweh glich? Und dieses Gefühl, das so unvermittelt auftrat, ward es nicht zur süßen, milden Wehmuth inmitten der Natur?

Und darum fühlte Lona es tief, was sie verloren, seit sie nicht mehr ohne Begleitung hinausdurfte, und wo es sich nur thun ließ, entschlüpfte sie wenigstens auf Momente auf einem Seitenpfade, um eine Blume zu pflücken, eine Aussicht zu genießen, hauptsächlich aber, um allein sein zu können, denn dann sprach die Natur unmittelbarer.

Seit Lona bei den Verwandten zu finden war, schien Viktors Interesse für den Freund wie die Jagdfreuden bedeutend geringer geworden, er war nun stets im Bunde der Vierte, und es gab sich fast immer, daß Franziska und Herrmann, Lona aber und Viktor auf Spaziergängen ein Paar bildeten.

So auch eines Nachmittags: unsere Gesellschaft war auf den Gamspavillon gestiegen, jenem herrlichen Aussichtspunkt, zu dem man hinter dem Seehof recht allmählich emporsteigt, und von welchem aus man eine reiche Weitsicht über das schöne, blitzende Band des Achensees erhält, das sich in manchem kühnen Bogen durch Berge und Felsen schlängelt. Der Blick war herrlich, in die sonnenheitere Luft warfen ein paar dick und schwarz aufziehende Gewitterwolken ihren tiefen Schatten und die Färbung der Landschaft ward durch die Kontraste noch wirkungsvoller. Das war ein Anblick, von welchem es sich schwer losriß. Franziska aber, die stets ängstlich sorgte (gab es doch an ihrem Anzug leicht etwas zu verderben), sah die drohenden Anzeichen eines Gewitters und mahnte zum Aufbruch.

Lona in ihrem Lodenkleide lachte. »Tante Fränzchen, siehst Du, Hochmuth muß Zwang leiden, warum trägst Du nicht, wie ich, täglich den Kittel da? der ist gut warm und verdirbt von keinem Regen.«

Die junge Wittwe erröthete merklich, es war ihr nicht recht, sich so auf einer kleinen Eitelkeit ertappt zu sehen; der Lodenanzug stand ihr, die nicht Ilonas schlanke Gestalt besaß, weit weniger, als jener.

»Es ist nicht die Sorge um meinen Anzug, die mich bangen macht,« entgegnete Fränzchen rasch, »aber Du weißts, ich bin keine Heldin, und in ein Gewitter zu kommen, hat nichts Verlockendes für mich.«

»Nimm meinen Arm, Tantchen, und laß uns eilen,« mahnte Herrmann, »Ihr zwei aber folgt rasch unseren Schritten.« »Darf ich Ihnen meinen Arm bieten als Schutz gegen kommenden Blitz und Donner?« fragte Viktor lachend.

»Ich danke. Sie wissen, Sonntagskindern kann auch ein Unwetter nichts anhaben.«

»Nun also, wenn Sie sich zu fürchten anfangen, dann flüchten Sie zu mir!«

»Ja dann!« Die Antwort wurde mit trotzigem Lachen gegeben, und wie zum Beweis gieng Lona ganz gemächlich, vervollständigte ihren Strauß, als gäbe es da droben kein aufziehendes Gewitter.

So kam man an die Stelle, wo der Weg sich theilt; von den Vorangehenden war keine Spur mehr zu entdecken.

»Wo mögen sie gegangen sein?« fragte Lona.

Viktor zuckte die Achseln. »Sie haben keine Steinchen geworfen,« sagte er, »abgesprochen war, den Weg über den Kraxelfall zu nehmen.«

»Ist das der kürzere?«

»Ja, aber auch der beschwerlichere.«

»Was thut das?«

Und jener Fußsteig, der sich an Bergwänden dahinschlängelt, bis er an einer Treppe mündet, die an dem Wasserfall hinunter führt und so unzählige Stufen hat, daß sie die Seufzertreppe heißt, wurde eingeschlagen.

Jetzt beschleunigten auch diese zwei ihre Schritte, es hatte mit einemmale stark zu regnen begonnen, der Himmel war so schwarz wie Rabenflügel und Donner und Blitz wechselten mit furchtbarer Schnelligkeit ab.

»Sie fürchten sich?«

»Nein! Warum auch? Das ist eine starke, schöne Stimme, die höre ich gern.«

»Ich auch,« entgegnete der junge Mann ernst und sie schritten schweigend und beflügelten Fußes weiter.

Ein furchtbarer Krach – in sichtbarer Weite war die Krone einer hohen Fichte durch und durch gespalten!

Unwillkürlich breitete Viktor seine Arme wie schützend um Lona aus. »Sie zittern,« sagte er, »aber Sie sinken vor solchem Schrecken nicht einmal um; in Ihnen wohnt eine Heldenseele.«

»Ich bin draußen auf dem Lande aufgewachsen und mußte furchtlos werden, Papa konnte die schwachen Nerven nicht leiden.

Ein greller Blitz erhellte Lonas Antlitz, es war kreideweiß. Zudem strömte der Regen mit gewaltiger Wucht nieder.

Besorgt faßte Viktor Lonas Hand. »Kommen Sie,« sagte er, »eilen wir, ein paar Schritte von hier, ehe man die Treppe erreicht, steht eine kleine Eremitage; vielleicht haben sich schon die andern dort geborgen.«

Aber die »anderen« hatten ihre Zeit nicht mit Blumenpflücken vertrödelt, sie saßen bereits wohlbehalten im Seehof und ängstigten sich um die Ausbleibenden.

Die Eremitage war eigentlich eine kleine, mit Borken bekleidete Kapelle; vor den bunten Heiligengestalten des Altars brannte eine rothe Lampe. Es war ein gar heimlicher Ort, den die beiden jetzt betraten, ein schirmendes Asyl, doppelt willkommen nach solchem Graus.

Viktor stellte die triefenden Schirme unter das Vordach, er hatte Scheu den kleinen Raum damit zu beflecken. Lona, vom raschen Lauf erhitzt, nahm den durchnäßten Hut von dem Kopfe, strich die Locken aus der erhitzten Stirne und sagte: »Ah, das thut gut.«

Der Sturm heulte um das kleine Haus, die beiden saßen schweigend auf der schmalen Bank, das Antlitz zu dem bunten Altar mit seinen grellen Papierrosen und all den kleinen, armseligen Liebesgaben gewendet, womit eine kindliche Frömmigkeit heilige Stätten zu schmücken glaubt.

»Ein seltsames Abenteuer,« sagte Viktor endlich, »wissen Sie wohl, Fräulein Lona, daß das eine Situation ist, die sich ein Dichter nicht entgehen lassen würde, eine Liebeserklärung anzubringen?«

Lona schaute auf ihn, als wüßte sie nicht, was er meinte.

»Angenommen, Sie wären die junge Heldin in der Novelle, ich der Held, so gäbe es doch keine passendere und ungestörtere Gelegenheit für mich, als nun eine glühende Erklärung zu beginnen –«

Lonas finsterer Blick unterbrach ihn. »Versteht sich, wenn wir in der Novelle wären,« setzte er schnell hinzu.

»Ich finde es höchst abgeschmackt, daß Dichter zu dem, was sich zwei Menschen aus tiefster Seele zu sagen haben, immer eine äußere Dekoration brauchen, die den Effekt vermehrt. Ich bin eine Realistin trotz aller Poesie und gestehe offen, solch ein in Scene gesetztes Sichfinden hat mir noch in keinem Roman, in keiner Novelle behagt.«

»Sie sind manches Mal wie dreißig Jahre, so vernünftig, ruhig und dann doch wieder wie ein Kind, es ist schwer aus Ihnen klug zu werden. In diesem Punkte haben Sie Unrecht. Sprächen Sie nicht, wie der Blinde von der Farbe, so wüßten Sie, daß die Umgebung zum Aussprechen zarter Gefühle nicht gleichgiltig ist, daß sie oft in ein paar Momenten die Knospen zu Blüten schwellt. Es ist sehr leicht, sich inmitten einer ganzen Gesellschaft in seinen Schranken zu halten, aber man ist ein sehr achtungswerther junger Mann, wenn man eine Situation wie diese, nicht benutzt, um in der Gunst einer Dame weiter zu kommen.«

»Jeder Dame?«

»Jeder Dame, die man liebt.«

»Nun Gott sei Dank, wir lieben uns ja nicht.« Viktor ärgerte sich, aber er mußte lachen über diese mit vollster, freudigster Ueberzeugung ausgesprochenen Worte, sie frappirten ihn.

»Nein wir lieben uns nicht,« bestätigte er, »das ist eigentlich schade, wir passen gut zu einander.«

»Weil wir beide die Freiheit über alles halten?«

Beide lachten.

»Sie haben Recht, Fräulein Lona, wir lieben die Freiheit und darum lieben wir nichts anderes. Und dennoch stimmen wir gut zusammen und wollen daher Freunde sein. Schlagen Sie ein.«

»Gern«, entgegnete das junge Mädchen freudig und lebhaft und reichte harmlos ihre Hand, »ich wünsche mir so lange einen Freund, aber einen wirklichen, dem ich alles sagen kann, und der mir alles vertraut. Ich habe nie einen Bruder gehabt.«

»Und ich nie eine Schwester.«

»Da wollen wir uns ersetzen, was uns fehlt,« sagte Lona enthusiastisch.

»Das wollen wir!«

»Wir sind beide elternlos,« fuhr Lona weich gestimmt fort, »und solche Menschen müssen Mitleid miteinander haben. Sie wissen, wie weh es thut, allein zu stehen inmitten einer Welt, wo jeder seine nahen Lieben hat.«

»Sie haben Ihre Eltern früh verloren?«

»Ich war ein Kind noch, aber ich fühlte es tief genug. Nehmen Sie den glücklichen Waldvogel, fangen Sie ihn ein, setzen Sie ihn in ein Bauer und lassen ihm alles, was sein Glück war, die goldene Sonne, die schrankenlose Freiheit und das eigene Nestchen als quälende Erinnerung – dann haben Sie mein Leben.«

»Das meine bietet ungefähr das Gegentheil: so lange die Eltern lebten – wohlthätige Schranken, ein fester Halt! Jetzt – schrankenlose Freiheit! Ich liebe die Freiheit und – lechze doch oft danach, irgend welche Fesseln zu tragen!«

»Welch ein glückliches Uebermaß der Freiheit muß Ihnen gewährt worden sein!«

»Ich bin unabhängig und ein Mann, darin liegt es.«

»Ein Mann! Ja wohl durch die herrschende Sitte sind Männer die Götter der Erde, die armen Mädchen ewig in Banden gehalten.«

»Nun, auch im Mädchenleben gibt es Schönes – so Schönes, wie wir es nie erleben. Alle Welt schmeichelt und huldigt einer jungen Dame und –«

»Behandelt sie wie eine Puppe ohne Seele, ohne eigenen Willen; lassen wir das! – Erzählen Sie mir lieber von Ihrer Jugend, ich kenne einen Menschen erst dann, wenn ich weiß, wie's bei ihm ›zu Hause‹ ist.«

Felix hatte gut erzählen von seinem zu Hause, das war gar lieblich mitten im Thüringer Lande gelegen, und Lona konnte nicht begreifen, daß er nicht lieber daheim blieb und sein schönes Gut bewirthschaftete, statt allerwegen in der Welt herum zu irren. Das gab nun wieder Gelegenheit von Lonas Heimat zu erzählen, und sie that es mit glühenden Wangen und strahlenden Augen. Es plauderte sich so gut in der kleinen einsamen Kapelle, daß die Zeit verstrich und die beiden es nicht merkten.

Endlich sprang Viktor erschrocken auf. »Ich höre den Regen nicht mehr,« sagte er und öffnete die Thüre – da stand der Mond groß und klar am Himmel und schaute auf die beiden, die sich vor einem Unwetter versteckt hatten, das längst aufgehört.

Verwirrt sagte Lona: »Wir haben die Zeit verschwätzt, was wird Tante sagen?«

»Wir besänftigen sie schon, im Gewitter konnten wir diese halsbrechende Promenade, diese Treppe da hinab, nicht antreten! Jetzt geben Sie mir den Arm, liebe Freundin, beim Glanz des Mondes kann ich Sie ungefährdet den Ihren wiederbringen.«

»Gern, lieber Freund!«

»Wie das schön klingt! – Glauben Sie wohl, daß wir so schnell unsern Freundschaftsbund geschlossen hätten, wenn die Situation nicht so günstig gewesen wäre? Wollen Sie künftig milder gegen Romanschriftsteller sein?«

»Das weiß ich nicht, ich denke, was kommen sollte, kommt! Und meinen eigenen Kopf behalte ich auch in der Freundschaft!«



Fünftes Kapitel.

Gewagtes Spiel.

Kurz vor der Scholastika liegt auf einer kleinen Anhöhe eine schön emporsteigende Kapelle, deren Formen sich vom Tannenwalde sehr malerisch abheben. Aus der Nische derselben traten nun Herrmann und Franziska.

Die junge Wittwe kam ziemlich erregt die Stufen herunter. »Gottlob, daß Ihr da seid,« rief sie, »und hätte ich die halbe Nacht hier stehen müssen, ich wäre nicht vom Platze gewichen! Wie hätte ich mich ohne Lona dem Bruder zeigen können! Wo in aller Welt seid Ihr denn gewesen?«

»Eingesperrt, schöne Frau, in enger Klause, es war ein höchst gemüthlicher Aufenthalt unter Donner und Blitz.«

»So seid Ihr über die Eremitage und den Fall gegangen?«

»Wie wir es verabredet hatten.«

»Aber bei dem Wetter! Da wählt man doch den besten Weg. Wir saßen geborgen im Seehof, verließen diesen sobald der Regen aufgehört hatte, und saßen nun hier schon eine ziemliche Weile. Nein, was man mit den Kindern für Aerger hat! Komm, Herrmann, Du bist noch der einzige Vernünftige«

»Danke, danke für das Kompliment,« rief Viktor der Scheltenden, die bereits mit Herrmann voranschritt, lachend nach. Dann kehrte er sich zu seiner Begleiterin. »Den beiden ist die Zeit ebenso wenig lang geworden, als uns,« sagte er lachend.

»Ja, es ist wahr, es ist ein schönes, inniges Verhältniß zwischen Tante und Neffen!«

»Nun, eine so jugendliche, reizende Tante ließe man sich schon gefallen! Wer weiß, was sich für ein anderes Verwandtschaftsverhältniß da noch entwickelt!«

»Was meinen Sie?« fragte Lona in einem so verständnißlosen Tone, daß Viktor schnell hinzusetzte:

»Nichts, nichts, es war ein Scherz, nichts mehr!« und bei sich selber dachte: »Sie ist ein Kind und es fällt mir nicht ein, die Unbefangenheit ihrer Seele, die ihr höchster Reiz ist, zu stören!« –

Von diesem Tage an gestaltete sich das Leben noch schöner, der Umgang der jungen Leute war ein wirklich vertrauter geworden, es fand sich, daß sie in vielem merkwürdig übereinstimmten, und so freuten sie sich ihrer Freundschaft denn aufrichtig.

Mit Schrecken zählte Lona die Tage, die sie noch von ihrer Abreise trennten, noch eine einzige Woche, dann hieß es, mit dem Onkel heimzukehren in die große Weltstadt, in das ihr fremdbleibende Haus, dann war es wieder vorbei mit Naturgenuß und dem Einathmen der köstlichen, frischen Luft! Die Majorin wollte vorerst nach Wien, um den Herbst in der Villa einer Freundin zuzubringen. Viktor v. Strom aber war der allerglücklichste: nach einer Tour ins Hochgebirge strebte er über die Alpen, um den Winter in Italien zu verleben, der Glückliche, Freie!

Der blonde Siegfried war schon mehr als einmal um die Scholastika herumgestrichen, um die Heldin seines kleinen Abenteuers im Walde wieder zu finden; er hatte sie auch mehrmals bemerkt, da ihm auf seinen Gruß aber in sehr kalter, abweisender Art geantwortet ward, hatte er keine zweite Annäherung gewagt.

Eines Tages saß unsere Gesellschaft wieder einmal in vollster Eintracht auf der Veranda über dem See, den wundervollen Sommertag, der die Landschaft in magischen Duft tauchte, genießend. Wieder flanirte der Blonde vorüber, dieses Mal war Viktor zugegen, und kaum daß er diesen erblickte, zog ein Triumphlächeln über seine fanirten Züge: er winkte mit der Hand vertraulich herauf und rief, nachdem er die Damen ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, kameradschaftlich: »Guten Tag, Strom.«

»Nun gibts kein Entrinnen, jetzt ist die Gelegenheit gefunden, der Fee des Waldes in optima forma vorgestellt zu werden!«

»Wenn Sie das thun, ists mit unserer Freundschaft aus und vorbei, Herr v. Strom.«

»Was kann ich thun?«

»Sie sind ja sonst um eine Ausrede nicht verlegen – halten Sie mir ihn fern.«

»So diktatorisch? Also fern um jeden Preis?«

»Um jeden Preis?«

»Ja!«

»Das ist deutlich. Hier war Siegfried nicht Sieger! Ich gehe und sehe, was ich thun kann.«

Viktor stieg eilig die Treppe hinunter, um den nahenden Feind im Anmarsche aufzuhalten. Eine Frau mit einem Korbe Alpenrosen kam gerade herauf. Willkommene Begegnung. Viktor ließ sich auf einen Handel ein, eine lebende Barrikade sperrte die Treppe.

Sandeln rückte an.

»Ah sieh da, Kamerad, beim Blumenhandel! Für wen dieses holde Lächeln starrer Felswand?«

»Wenn Sie mit dieser praktischen Umschreibung diese Alpenrosen meinen, so ist die selbstverständliche Antwort: für eine junge Dame.«

»Natürlich immer galant, toujours cavaliere servente. Kamerad haben eminentes Talent bei Damen zu reussiren.«

Viktor zog sehr gemächlich seinen Geldbeutel, zahlte sehr gemächlich seine Blumen, schob dann seinen Arm unter den Sandelns und zwang diesen so gewissermaßen, mit ihm hinabzusteigen.

»Kommen Sie,« sagte er sehr freundlich, »und sagen Sie mir, wie es Ihnen gegangen, seit das Schicksal uns bei den Reserveübungen das letztemal zusammenwürfelte?«

Aber es schien den Blonden keineswegs zu interessiren, die Chronik seines Lebens in einem Augenblicke aufzuzählen, in welchem er eine höchst interessante Gesellschaft zu sehen hoffte.

»Für welche Göttin den Strauß?« fragte er nochmals und warf seine Blicke höchst konsequent auf die Veranda.

»Rathen Sie.«

»Für die kleine Hexe dort im kühnen Alpenhut, mit den dunklen Kohlenaugen.«

»Hm, Sie mögen Recht haben. Wenigstens kein schlechter Geschmack, wie Sie zugestehen müssen.«

»Gut, eminent gut. Ich bitte, mich stehenden Fußes vorzustellen. Habe bereits ein poetisches Rencontre mit der Heldin im Walde gehabt. Bin gut empfohlen! Wahrhaftig ich wäre im Stande –«

»Was?'» fragte Viktor erregt, der frivole Ton des anderen ärgerte ihn.

»Mich ernstlich in sie zu verlieben.«

»Ist zu spät!«

»Oho, ist sie etwa schon verlobt?«

»Allerdings!«

»Und mit wem?«

»Mit mir!«

Das alles gieng so rasch, daß Viktor erst, als es geschehen, daran denken konnte, welch ein gewagtes Spiel er eingieng, indem er Lona, um sie eines Theils vor einem Widerwärtigen zu schützen, in ein so ernsthaftes Verhältniß hinein fabelte.

Der Blonde stand starr. »Ah,« sagte er dann, bedächtig den Schnurrbart drehend, »darum die Kälte, die Abweisung – wäre ja sonst unnatürlich gewesen. Viel Glück, Strom, zu den frühen Fesseln! – Da kommen Bekannte aus dem Seehof; Gott befohlen!«

»Drastisch genug war mein Mittel, aber!!! Nun hoffentlich nimmt das gescheide Mädchen die Sache auf die spaßhafte Seite und lacht über mein Quidproquo.«

Er schlug sich alles Bedenkliche aus dem Sinne und trat mit heiterer Miene zum Tische zurück; Vater und Sohn standen abseits, sie waren in einen Brief der Räthin vertieft.

Viktor reichte den Damen je einen Strauß.

»Doppelten Dank,« sagte Lona freundlich, »die Blumen statt des Lästigen!«

»Aber um welchen Preis.«

»Nun!«

»Um den einer Lüge so hoch wie der Kirchthurm, so tief wie der See!«

»Nun?«

»Er verlor die Lust, vorgestellt zu werden, weil ich gesagt habe, daß es doch nicht mehr lohne – weil Sie Braut seien.«

Lona lachte. »Das ist recht, ganz recht,« sagte sie. »Da Männer doch nur vor einer Frau oder Verlobten Respekt zu haben scheinen, so will ich für alle Ueberlästigen verlobt sein.«

»Es freut mich, daß ich es also getroffen habe. Es fragt sich nur, ob Sie mit dem angedichteten Bräutigam auch zufrieden sind.«

»Einen Bräutigam habe ich auch!«

»Natürlich! – – mich!«

Lona erröthete vor Aerger. »Das ist ein dummer Scherz,« sagte sie wenig artig, und auch Tante Fränzchen zeigte eine ganz erregte Miene.

»Es blieb mir nichts anderes übrig,« entgegnete Viktor im Tone eines bittenden Kindes, »da nun einmal kein anderer da war, mußte ich mir die Heldenrolle zuertheilen.«

Lona schwieg, aber die kleinen Zähne zerrten an der Unterlippe und zwei dunkelrothe Flecken auf beiden Backen bewiesen, wie es in ihrem Innern aussah.

»Das hätten Sie nicht thun sollen, Herr v. Strom, mit so ernsten Dingen spielt man nicht,« sagte Franziska.

»Pardon, gnädige Frau, ich weiß selbst nicht, wie ich zu dieser Thorheit gekommen bin. Der fade Geck reizte mich, und ein übermüthiger Scherz ist geschehen. Uebrigens zieht derselbe keinerlei Konsequenzen nach sich. Sandeln steht am Rhein, Sie leben in Berlin, er kennt nicht einmal den Namen der Damen.«

»Wenn auch,« begann Franziska, setzte dann aber gleich rasch hinzu: »Still davon, daß mein Bruder nichts merkt.«

Auch der Rath war verstimmt, er hatte einen Brief seiner Frau mit reichlichen Vorwürfen darüber erhalten, daß man ihr kein Sterbenswörtchen mittheile, ob Herrmann Fortschritte in der Gunst seiner Cousine mache, und daß sie nicht hoffen wolle, daß das viele Geld für die weite Reise unnütz aufgewendet sei.

»Du bist mir ein schöner Held,« hatte der Vater gesagt, »da thust Du Dir einen Freund her, der Dich zehnmal bei einem lebhaften Mädchen ausstechen muß.«

»In Gottes Namen, Vater, das zeigt eben, wie schlecht Lona und ich zusammengepaßt hätten! Besser vorher diese Einsicht, als nachher!«

»Aber die Mutter?«

»Die Mutter wird sich geben, wenn sie einsieht, daß mir vielleicht anderswo ein besseres und ruhigeres Glück blüht.«

Aber der Rath kannte sein Ehegemahl besser, er wußte ganz genau, daß sie nur das für Glück hielt, was ihr als solches erschien, und das Bangen vor der Unzufriedenheit der Gestrengen gab dem Zaghaften jetzt plötzlich Muth, sich zu einem gewaltsamen Entschluß aufzuraffen.

»Ich kenne den Achensee nun nachgerade genug,« sagte er, »wenn Lona und Herrmann nichts dawider haben, brechen wir unsern Aufenthalt ab und benützen die paar Ferientage, um uns Neues anzusehen.«

Worin das Neue bestehen sollte, hütete sich der Rath auszusprechen, jetzt wollte er endlich allein mit den Kindern sein, wenn der Nichte Eigensinn nicht wieder alles verdarb. Um so verwunderter war er daher, als diese sehr eifrig sagte: »Auch ich habe das Vergnügen hier satt, meinetwegen reise ich morgen mit Dir ab.«

»Morgen, wo eine zweite Besteigung des Unnutz verabredet ist?« fragte Viktor verwundert.

»Bei welcher wir vielleicht, wie das erste Mal, nichts als Wolken und Nebel haben! Ich sehe ab von der Partie und werde das den Fräulein aus Salzburg, die uns zu derselben aufgefordert haben, selbst sagen.«

Viktor blickte geärgert vor sich hin; Tante Fränzchen rief: »Also so treulos wollt Ihr uns verlassen?«

Der Rath aber dachte: »Hier hat es was gegeben, die jungen Leute haben sich zweifelsohne gezankt. Endlich will ich weise sein und den günstigen Moment benutzen.«

»Also es bleibt dabei,« rief er eifrig, »ich bestelle Pferde, morgen geht es fort.«

»Aber wozu dieser unerhört rasche Aufbruch?« fragte Herrmann verstimmt. »Bleiben wir wenigstens noch bis übermorgen.«

»Nein, nein, wir haben genug,« sagte ganz energisch der Rath, »und damit die Sache nicht mehr zu ändern ist, gehe ich augenblicks den Wagen bestellen!« und damit stand er auf und weg war er.

»Das haben Sie nun für Ihren Uebermuth,« sprach die Wittwe leise zu Viktor, »nun können Sie mir allein fünf Tage Gesellschaft leisten.«

Der junge Mann verbeugte sich.

»Es gibt doch nichts Launenhafteres als Dich, Lona,« sagte Herrmann vetterlich ungalant. »Heute morgen sprachst Du enthusiastisch davon, bis in den Oktober hier bleiben zu wollen, und nun stimmst Du einer Laune des Vaters bei und wir müssen fort!«

»Wenn Du willst, bleibe hier, ich reise mit dem Onkel allein.«

»Ich habe das Fräulein, ohne zu wollen, verletzt,« entgegnete Viktor freimüthig, »gestehe aber, daß ich nun nachgerade anfange, mich verletzt zu fühlen, da selbst ein unpassender Scherz solch Beleidigtsein nicht verdient.«

»Was hat es denn gegeben?« forschte Herrmann.

Tante Fränzchen erzählte es und that dieses in ihrer guten, alles schlichtenden Weise, so daß die Sache so harmlos erschien, daß selbst der alles schwer nehmende Herrmann ausrief: »Aber Lona, Du kennst doch unsern Freund, Schlimmes hatte er mit seinen Worten nicht im Sinne. Und am Ende kann es Dir doch ganz gleichgültig sein, Lona, was so ein fader Mensch von Dir denkt.«

»Da ist er,« sagte Viktor.

In der That, der schlanke Siegfried hatte sich mit einigen andern jungen Herrn eingefunden und sich nicht weit von unserer Gesellschaft niedergelassen.

»Die Sonne bringt es an den Tag!« summte Herrmann vor sich hin.

»Ach, Lona, nun mache gute Miene zum bösen Spiele und sieh Deinen Pseudo-Bräutigam nicht gar so grimmig an, sonst merkt jener die ganze Geschichte und dann wird es erst recht schlimm.«

»Ja, einen schönen Begriff müßte er allerdings von einem Mädchen bekommen, mit welchem man sich einen solchen Scherz erlaubt,« entgegnete Lona erregt.

»Machen wir Ernst aus dem Scherz,« sagte Viktor nun seinerseits auch aufgeregt.

»Nein, so grausam bin ich nicht, Sie den Uebermuth mit Ihrem ganzen Leben bezahlen zu lassen,« versetzte Lona ironisch. Als sie aber wahrnahm, wie Zornesröthe ihm bis unter die Schläfe stieg, da ward ihr ihr widerwärtiges Betragen doch leid und sie setzte hinzu: »Uebrigens hat Herrmann Recht, was liegt daran, was jener Mensch von mir denkt!«

Eine Weile herrschte noch die Verstimmung vor, dann schwand sie allmählich vor Franziskas liebenswürdiger Vermittlung und endlich fand es Viktor lächerlich, daß er sich wie ein Schuljunge hatte auslachen lassen. Der Uebermuth, der einen guten Bestandtheil seines Wesens bildete, gewann wieder die Oberhand und es war wohl grausam zu nennen, daß er nun seiner Laune aufs neue die Zügel schießen ließ und sich bei den gleichgültigsten Sachen, die er sagte, mit einer so strahlenden Miene zu Lona wandte, daß Sandeln, der ihn beobachtete, jedenfalls denken mußte, er mache eine Liebeserklärung.

Was half es Lona, daß sie innerlich noch so wüthend war, sie durfte es nicht zeigen, ja mußte es ruhig mit ansehen, daß Viktor ein paar Blumen aus ihrem Strauße zog und sie sich ins Knopfloch steckte.

»Sie sind unverschämt, Herr v. Strom, und mit unserer Freundschaft ist es aus und vorbei,« flüsterte ihm Lona mit ersticktem Zorne zu.

Aber das nützte nichts. »Bis morgen!« sagte er lachend, »Sie haben ein vergebendes Herz!« und das entgegnete er mit einer Miene, als hätte er von ihr das Angenehmste der Welt gehört.

Sie wollte nun gar nichts mehr reden, das aber paßte nicht in seine kleine Komödie, an der er mit einem Male Lust bekam. Er eilte an das Büffet und brachte den Damen eigenhändig gezuckerte Erdbeeren, die die gutmüthige Franziska aß, Lona jedoch nicht berührte, so sehr Viktor sie auch bat. Unbekümmert um ihr Schmollen nahm er dann den verschmähten Teller und leerte ihn mit großem Behagen.

Je mehr er sah, daß Lona sich wirklich erzürnte, je lächerlicher fand er das, stützte sich ganz ungenirt auf die Lehne ihres Stuhles, beugte sich zu ihr und sprach vom Wetter und von der Abreise mit einer scheinbaren Wichtigkeit, als verhandele man die tiefsten Geheimnisse.

Eine Art von Schadenfreude ließ Herrmann ruhig zusehen: Lona war mehr als einmal unfreundlich gegen ihn gewesen, hatte ihn gegen Viktor zurückgesetzt, nun konnte sie den Lohn solcher Vertraulichkeit ernten.

Das Mädchen saß wie auf der Folter, endlich giengen die Herren mit dem beobachtenden Sandeln fort; erleichtert sprang Lona auf.

»Komm, Tante Fränzchen, auf unser Zimmer, ich will einpacken.«

»Gnädiges Fräulein haben Ihre Blumen vergessen,« mahnte Viktor, ihr den schönen Strauß Alpenrosen darreichend.

»Ich nehme den Strauß nicht!«

Kaum waren diese Worte den Lippen entflohen, als die herrlichen Blumen mit jähem Wurf in dem See lagen und von den Wellen desselben verschlungen wurden.

Erschreckt blickte Lona auf Viktor.

»Verschmähtes muß begraben werden,« sagte er kühl.

»Du bist zu weit gegangen,« meinte Herrmann mit Vorwurf, als er sich mit dem Freunde allein sah.

»Ich weiß es, und es thut mir leid! Aber Deine Cousine benahm sich auch kindisch: statt auf meinen Scherz einzugehen, bauschte sie ihn zu einem Verbrechen auf! Wenn dieses kleine, verwöhnte Mädchen meint, daß ich mich von ihm wie ein Knabe behandeln lasse, so irrt es sehr! Meine Meisterin wird es nicht!«

»Ich meinte, Du seist sehr für Lona eingenommen.«

»Das bin ich auch; ihre Natürlichkeit, Freimüthigkeit und Anmuth gefielen mir, Hand in Hand mit dieser aber geht ein gut Theil Einbildung, die ich an einem Weibe nicht liebe. Sie hält sich für ein gar kostbares Gut, dieses Fräulein Lona, und kann sehr unliebenswürdig sein! Da ist die Majorin ein anderes Wesen; immer gut, lieb und weiblich, nie voller Härten!«

»Ja, Fränzchen ist ein Engel, Du hast Recht. Und wenn Du wüßtest, wie gut sie zu ihrem Brummbär von altem Gemahl gewesen ist, Du schätztest sie vollends.«

»Das thue ich ohnedies – und Du, lieber Freund, scheinst es auch zu thun. – Darf man bald gratuliren?«

»Aber Viktor, Franziska ist meine Tante!«

»Nun, was weiter?«

»Zwei Jahre älter als ich.«

»Und diese paar Jahre können Dich zurückhalten, Dir Dein Glück da zu suchen, wo es extra für Dich geschaffen scheint?«

»Das nicht. Aber sie – glaubst Du wirklich, daß sie über Verwandtschafts- und Altersgrade fortsähe? Nein, nie! Und meine Eltern? Die Mutter liebt Tante Fränzchen gar nicht und auch der Vater würde eine solche Partie unpassend finden.«

»Ja, wenn das den Ausschlag bei Deinen Gefühlen geben kann, so haben Deine Eltern freilich Recht, Dich zurückzuhalten. Uebrigens stellte ich mir die Sache ganz anders vor; nach Deinem Benehmen glaubte ich annehmen zu dürfen, Du und die schöne Wittwe seien einig.«

»Das ist nicht Dein Ernst, Viktor! Wenn ich Tante Fränzchens Gesellschaft mit Vorliebe suche, so treibt mich dazu das Gefühl innigen Wohlbehagens, das ich stets in ihrer lieben Nähe empfinde. Aber sei gewiß, daß ich niemals vergesse, was ich ihr als Neffe schuldig bin!«

»Ganz ernsthaft gesprochen, Herrmann, ich glaube, Du thätest wirklich besser daran, den Neffen zu vergessen. Ich kenne Dich nun lange, weiß, welche spröde, fest verschlossene Natur Du bist, und kann Dir versichern, daß ich Dich noch nie so aufthauen sah, als zu diesem Tante Fränzchen. Eine so sonnige Natur, die alle Blumen aus Deinem Innern lockt, findest Du sobald nicht wieder. Du wirst mirs danken, daß ich Dir über Deinen eigenen Zustand die Augen geöffnet habe.«

»Ja, wenn ich Deinen Muth hätte!«

»Und warum hast Du ihn nicht? Bist Du nicht jung, hübsch, gescheid und gut, was gebricht Dir, um muthig um ein Weib zu freien?«

»Die Stellung. Du vergissest, daß ich nicht reich und unabhängig wie Du bin. Auch mein Muth würde bedeutend wachsen, wenn ich solchen Hintergrund hätte.«

»Mein lieber Junge, ich versichere Dir, daß ich mich gerade so benehmen würde, wenn ich keinen Heller im Vermögen hätte. Die Liebe zumal singt immer: Ha, das Gold ist nur Chimäre.«

»Es steht Euch Reichen gut, es zu verachten. Glaubst Du, Lonas Selbstbewußtsein wäre ein so hohes, wenn sie nicht dächte, als reiches Mädchen stünde es ihr an, sich so zu fühlen?«

»Dieses Mädchen wäre sich der Eigenartigkeit ihrer Natur stets bewußt,« gab Viktor freimüthig zurück, »sie gehört zu denen, deren Wesen unabhängig von Verhältnissen ist; auch als arme Gouvernante würde sie ihr Ich zur Geltung bringen. Das gefiel mir, und das brachte uns zusammen, denn glaube gewiß, wäre ich mein eigener Inspektor, ich benähme mich auch kein bißchen anders!«

Herrmann lächelte ungläubig. – – – – – – –  –   –  –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Lona machte sich viel bei den Koffern zu schaffen, es war, als könnten ihr die Vorbereitungen zur Reise nicht rasch genug gehen.

»Heute gefällst Du mir nicht, Kind,« sagte Tante Fränzchen mit sanftem Vorwurf, »wer wird so leidenschaftlich erregt sein! Ist es hübsch, unsern hiesigen Aufenthalt mit einer Dissonanz zu schließen?«

»Schilt mich nicht, Tante Fränzchen, um Gottes Willen in diesem Augenblick nicht, mir ist so weh ums Herz,« und ein lang zurückgehaltener Thränenstrom brach aus ihren Augen.

»Um Gottes Willen, Kind, Du bist krank,« rief die besorgte Franziska, »daher Deine unnatürliche Aufregung! Du kannst morgen nicht reisen.«

»Gewiß Tante, ich kann und will. Sage das nicht. Es ist nichts, nichts als der Aerger über meine eigene Thorheit. Weiß Gott, was der eitle Mensch nun von mir denken wird! – Ich hätte ihm niemals die Ehre anthun dürfen, ihm zu zeigen, daß er mich beleidigen konnte«

»Und was ist es, das Herrn v. Strom plötzlich so unter Dich stellt!« fragte Franziska ernst. »Doch nicht der augenblickliche Uebermuth?«

»Laß mich, Tante Fränzchen, ich bitte Dich, ich kann Dir jetzt nicht antworten.«

»Soll ich annehmen, daß Strom Dir theurer ist, als Du Dir merken lassen willst?«

»Tante Fränzchen!«

»Wenn dieser vorwurfsvolle Ton Wahrheit ist, so zeige das, indem Du Dich beim Nachtessen so harmlos wie bisher zu Herrmanns Freund benimmst.«

Lona schwieg.

»Siehst Du nicht ein, daß Dein Mädchenstolz das verlangt?«

»Aber die Wahrheit ist, daß ich Herrn v. Strom nicht mehr leiden kann.«

»Mein Kind, wir leben in einer civilisirten Welt, wo man seine Leidenschaften, seinen augenblicklichen Haß und seine Liebe nicht so ohne weiteres zur Schau tragen darf! Ich hoffe, Du bist ein vernünftiges Mädchen.«

Lona wollte es versuchen, und als nun die Glocke zum gemeinschaftlichen Abendbrod rief, da betrat sie gewiß mit den besten Absichten den Speisesaal.

Aber war es denn möglich, von diesem Manne friedlich zu scheiden? Sah er etwa aus, als reuten ihn seine Sünden? Ganz und gar nicht! Furchtlos und lachend schaute er ihr ins Auge, und als sie es deßhalb unter ihrer Würde fand, auf seine Scherze einzugehen, wandte er sich harmlos an die jungen Salzburgerinnen, mit denen die Unnutz-Partie verabredet worden war. Es waren zwei Schwestern, beide jung, blond und niedlich, guter Mittelschlag, auch in der Konversation nur geringen Ansprüchen genügend. Heute schien Viktor aber unendlich gefesselt, Scherz und Lachen hörten nicht auf, und die fröhlichen Mädchen glühten vor Vergnügen, daß der stattliche junge Mann, um den sie die dunkeläugige Fremde lange beneidet hatten, sich heute so viel mit ihnen beschäftigte.

Lona hörte, wie der Herzlose ganz vergnügt die Partie auf den »Unnutz« mit dem Bruder der Mädchen für den übernächsten Tag verabredete, »da morgen leider ein Theil seiner Gesellschaft abreise, und er da zur Stelle sein müsse.«

Lona hätte ihm gerne gesagt, daß sie ihm dieses »zur Stelle sein« gerne erspare: doch wollte sie nicht neuen Zwist beginnen. Stilles Dasitzen aber mochte sie auch nicht, und so begann sie etwas gewaltsam ein lebhaftes Gespräch mit dem Vetter, der sich seit lange nicht erinnerte, die Cousine so gut aufgelegt gesehen zu haben. Ganz glücklich beobachtete der Rath diese Wandlung. »Wer weiß, was noch geschieht, wenn wir erst allein sind,« sagte er zu sich selber, »vielleicht hat das flatterhafte Kind doch endlich Herrmanns gediegene Eigenschaften im Vergleich zu der Schmetterlingsnatur des andern erkannt! – Jedenfalls war es von mir sehr klug, ein Ende zu machen.« –

Viktor aber hatte nicht nur so gethan, als wenn er sich amüsirte, es war das wirklich der Fall: das Plaudern mit den harmlosen Naturkindern hatte ihn in eine so gutmüthige, behagliche Stimmung versetzt, daß er beim Gutenachtsagen mit warmer Herzensregung Lona die Hand entgegenstreckte und sagte: »Also sans rancune

Welch ein Dämon aber war es, der Lona wiederum sich trotzig abwenden und ein kühles »Gewiß!« sprechen ließ. Sie that, als hätte sie die dargereichte Hand nicht gesehen.

Viktor stampfte mit dem Fuße. »Wie dumm von mir, an die Vernunft eines Weibes zu glauben!« –

Niemand hatte die kleine Scene beobachtet, niemand konnte daher Lona Vorwürfe machen. Sie that es selbst. »Ich hätte nicht so trotzig sein sollen, ich hätte versöhnt scheiden sollen, nach all den schönen Stunden, die wir miteinander gehabt! – Aber warum kränkte er mich so? Mußte es mich nicht erzürnen, daß er sich gar nichts daraus zu machen schien, daß er mich beleidigt hat? Und er konnte so froh, so heiter sein – er verstand es nicht einmal, wie tief ich mich verletzt fühlte! Er nahm vielleicht meine scheinbare Heiterkeit für ächt! – Er hat mich tief, tief gekränkt, wie noch kein anderer Mensch; aber da ich lieber mit ihm verkehrte, als mit allen anderen, will ich nicht erzürnt scheiden; und wenn es mir noch so schwer fällt, den Abschiedsstrauß, den er mir geben wird, geduldig von ihm annehmen.«

Aber zur Ausführung dieses heroischen Entschlusses kam es nicht, aus dem einfachen Grunde, weil Viktor nicht daran dachte, sich möglichenfalls noch einmal abweisen zu lassen und seine Blumen abermals in den See werfen zu müssen.

Ein Strauß von den Salzburger Damen, ein solcher von der guten Tante Franziska waren die einzigen Blumen, die Lona beim Abschiede überreicht wurden.

Viktor empfahl sich freundlich aber reservirt. Vorbei der schöne Freundschaftsbund, vorbei!

Dort oben lugte aus Waldesgrün das Dach der kleinen Eremitage, wo zwei junge Herzen geglaubt hatten, sich in inniger Freundschaft fürs Leben nah gekommen zu sein, und nun war das nichts, als ein eitler Traum gewesen?!

Lona, die mit lachendem Antlitze Abschied genommen hatte, blickte trüb den Weg entlang; sie war ihrer schweigenden Begleiter froh; sie hätte jetzt nicht zu reden vermocht.

Der schöne Strandweg! eigentlich war es doch traurig, daß sie ihn nun zum letzten Male sah, den sie immer so gern zu allen Tageszeiten gegangen war! Und der herrliche See! was mußte er blinken, glitzern und gleißen im Sonnenschein? Spottete er ihres Bedrücktseins? Ach, wie wohl hätte grauer Himmel, ein leise niedertropfender Regen gethan!

Jetzt bog der Wagen bei Buchan um die Ecke – verschwunden das lachende Bild!

Wie seltsam zuckte es in dem Herzen des jungen Mädchens. Ist es nicht besser, Tage ungestörter Lust nicht genossen zu haben, wenn das Abschiednehmen so schwer ist, so traurig macht?



Sechstes Kapitel.

Neue Fäden.

Die weiteren Reisetage, die unsere Freunde verbrachten, glichen Zeiten nach einem Feste: Kopf und Herz sind abgespannt und leer, und beim besten Willen kann man sich nicht zu vollster Lebhaftigkeit aufschwingen. Reichenhall, die herrliche Ramsau, das romantische Berchtesgaden, der tief dunkle Königssee blieben nicht ohne Eindruck; Lonas empfängliches Gemüth nahm die Schönheit dieser reich gesegneten Gegend wohl in sich auf, aber der funkelnde Sonnenschein, der alles so magisch am Achensee verklärt hatte, fehlte doch.

Verschwunden war die laute Fröhlichkeit, fehlten doch die allzeit heiteren Genossen, Viktor und Franziska, deren gute Laune auf Ilona wie Champagner gewirkt hatte.

Herrmanns Grundton war gehaltvoller Ernst, und nie war dieser dem jungen Mädchen so angenehm gewesen, als in diesem Augenblicke, wo das Verletztsein über des neu gewonnenen Freundes Uebermuth noch in ihrem Herzen nachzitterte.

Der Schatten, den diese Empfindung warf, dämpfte sehr zum Vortheil die allzugroße Lebhaftigkeit Lonas und der gute Rath hörte mit Vergnügen, wie die Kinder sich in ernsteren Gesprächen gar so gut zu verstehen schienen. Er dehnte daher die Reise so lange als möglich aus und kam sehr zufriedenen Gemüthes nach Hause, seiner Gattin versichernd, »daß alles nach Wunsch gehen würde, sie solle nur Geduld haben.«

Auch die Räthin mußte Lona zum Vortheil verändert finden; man hatte ihr den Willen gethan, sie reisen lassen, das machte sie williger, sich den gebotenen Verhältnissen einzufügen. Auch Frau Alma merkte, daß ihr Sohn mit der Cousine besser harmonirte, als früher, aber der herrschende Ton kam der klugen Frau doch zu geschwisterlich vor, als daß sie gar so sehr hätte hoffen sollen.

Was Lona betraf, so war sie ruhiger geworden; Viktors unpassender Scherz erschien ihr nicht mehr gar so ungeheuerlich, die Verdrießlichkeiten des letzten Tages traten in den Hintergrund vor der frohen, schönen Zeit, die nun ihre Erinnerung im hellsten Lichte strahlen ließ. Und dennoch war etwas in ihr, das sich plötzlich emporhob und oft in ihre heitersten Momente wie ein dämpfender Akkord fiel; etwas wie Verdrießlichkeit, daß es jemand in der Welt gab, mit dem sie nicht gewohnter Weise verfahren gekonnt, der ihr Schmollen nicht einmal zu beachten schien!

Schrieb doch Tante Fränzchen, daß sie bei ihrer Abreise nach Wien Herrn v. Strom noch am See gelassen habe, da derselbe sich den Salzburger Damen so angeschlossen, daß er bis zu deren Abreise noch zu verbleiben gedenke.

Warum das die Tante wohl erwähnte? Glaubte sie vielleicht, daß die stolze Lona, ihren Grundsätzen untreu, jetzt schon für einen Mann schwärmen sollte? und noch dazu für einen Mann, der an solchen Gänschen Gefallen finden konnte? Gewiß nicht!

O, die Tante sollte schon sehen, wie sehr sie sich in solch einer Annahme täuschte! Lona wollte es aller Welt zeigen, wie fröhlich ihr um das Herz war! Wie lange sie sich auch gesträubt, Gesellschaften und Bälle zu besuchen, jetzt wollte sie sich nicht den Vergnügungen ihres Alters entziehen.

Und dennoch hatte es etwas Gewaltsames, wie sie sich jetzt ihr Leben einrichtete; war es doch, als wollte sie jeder einzelnen Stunde ihren bestimmten Inhalt geben! Die Klavier- und Mallektionen wurden wieder aufgenommen. Besonders für die Malerei war ihre ganze Liebe wieder erwacht, seit die Aquarelle vom Achensee nun schön ausgeführt und eingerahmt in ihrem Zimmer hiengen, und Lona verwandte mehr Zeit auf diese Kunst, als die Tante für gut fand. Diese hatte gemeint, die Nichte solle nun unter ihrer Anleitung die Haushaltungsgeschäfte erlernen, aber Lona lehnte dieses entschieden ab, ihre geistige Ausbildung sei noch lange nicht beendet, behauptete sie, und dieser wolle sie leben.

Was diese förderte, wurde mit Bereitwilligkeit ergriffen, so auch die Aufforderung der französischen Lehrerin, sich an einem französischen Kränzchen zu betheiligen. An jedem Mittwoch versammelten sich acht junge Mädchen bei Mademoiselle Guichard, um dort bei einer Tasse Thee französische Klassiker zu lesen und darüber zu konversiren. Lona besuchte diesen Zirkel sehr gerne und fand besonders in den Töchtern des erst kürzlich aus Heidelberg nach Berlin berufenen Professors Rechberg höchst angenehmen Umgang. Besonders war es die ältere, die den Namen Adelheid trug und ein schönes, schlankes Mädchen von vornehmen Manieren war, die Lona mächtig anzog.

Wie sie, schwärmte auch Adelheid für Kunst und Poesie, besaß ein so feines Urtheil und dabei eine so mädchenhafte Bescheidenheit, daß Lona in Bewunderung zu ihr aufschaute und sich innig freute, daß jene auch an ihr Gefallen zu finden schien.

Lona besaß wenig Freundinnen, die lange Pensionszeit hatte sie nie ganz einbürgern lassen in der großen Residenz, die sie nur in den Ferien besuchte. Aehnlich giengs Rechbergs: auch sie kannten wenig Leute, und so war es naturgemäß, daß Ilona Munhazy und Adelheid und Gertrud Rechberg Freundschaft schloßen. Man lud sich gegenseitig zu einem Besuche ein, und da Rechbergs die zuletzt Hingezogenen waren, so machten sie den Anfang mit den Visiten.

Lona war hoch erfreut, die geliebte Adelheid bei sich zu sehen, und nahm mit vieler Genugthuung wahr, wie Tante Alma, die im Besuchszimmer anwesend war, mit wohlwollender Miene das Benehmen der jungen Damen, ganz besonders das der ächt weiblichen Adelheid beobachtete. Die Mädchen waren sehr elegant in moderne, hellfarbige Herbstmäntel, die den schönen Figuren eng anlagen, gekleidet; mittelblaue Sammethüte vollendeten die Toilette.

Lona lobte die sehr eigenartig geformten Hütchen. Bescheiden erzählte darauf die älteste, daß ihr Garderobengeld zu solchem Staate nur ausreiche, weil sie sich alle Kleidungsstücke selbst anfertigten und zu diesem Zwecke einen Schneider- und Putzmacherkurs genommen hätten.

Das lobte die Räthin; endlich war also ein wünschenswerther Umgang für Lona gefunden, hier konnte sie lernen, daß Bildung sich sehr wohl mit häuslichen Tugenden vereinen lasse. Fräulein Rechbergs wurden daher mit außerordentlicher Freundlichkeit zu öfteren Besuchen aufgefordert.

Glücklich ob der Aussicht solch regen Verkehrs, begleitete Lona die neuen Freundinnen bis zur Ausgangsthüre, durch die gerade Herrmann, sein Aktenbündel unter dem Arme, eintrat.

Er blieb ein wenig erstaunt stehen, dann grüßte er und war schleunigst in seinem Zimmer verschwunden. Kaum aber hörte er an dem Oeffnen der Korridorthüre, daß der Besuch sich entfernt hatte, als er hastiger, als es sonst seine Art war, auf Lona zukam und sagte: »Wo in aller Welt her kennst Du die Loreley?«

»Die Loreley?«

»Nun ja. Das war doch des Professors Rechberg älteste Tochter? In Heidelberg kannte man sie nur unter jenem Namen, denn mit ihrem Goldhaar und ihren wasserblauen Augen hat sie wohl so viel Unheil als jene angerichtet.«

»Das glaube ich, sie ist auch gar zu schön.«

»Und koquett dazu.«

»Adelheid?«

»Gerade sie, sie galt für das gefährlichste und gefallsüchtigste Mädchen des ganzen Kreises.«

»Was kannst Du davon wissen! Als Du in Heidelberg studirtest, steckte das Mädchen natürlich noch in der Schule.«

»Da irrst Du, Ilona, die Loreley ist mindestens so alt, als ich, das heißt wohlgezählte achtundzwanzig Jahre, wenn nicht drüber.«

»Das ist Verläumdung, Adelheid ist nicht älter als ich.«

»Lona, Du weißt, ich pflege zu bedenken, was ich rede. – Ich warne Dich, es ist ein gefährliches Mädchen diese Loreley, deren Ruf nicht der beste war.«

»Was wirft man ihr vor? Da müßte ich Thatsachen hören, ehe ich gläubig wäre. Ich verachte das Gerede der Leute!«

»Das darf ein junges Mädchen nicht, es muß seinen Ruf hüten.«

»Kennst Du die Worte Hamlets an Ophelia?«

»Gewiß! und leider ist es so. Hier aber hatte die Fama Recht: sogar Duelle hat Deine Liebe veranlaßt.«

»Das verstehe ich, und wäre ich ein Mann, im Augenblicke würde ich jeden fordern, der schlecht von ihr redete.«

»Du glaubst mir nicht! Wäre Viktor nur hier, der kannte sie persönlich, könnte Dir vielleicht mehr sagen – wenn er wollte.«

»Liebte er Adelheid?«

»Man sagte ihn mit ihr verlobt.«

»Und war dem so?« fragte nun Lona mit athemloser Spannung.

»Ich glaube nicht. Sonst würden wir Viktor nicht so harmlos und froh gesehen haben; der wahrt sich seine Freiheit!«

»Herrmann, ich bitte Dich, thu mir den Gefallen und verrathe der Mutter nichts von dem müßigen Gerede der Leute. Sie wittert so schnell Böses. Ich, ich allein will prüfen, was daran ist.«

»Du glaubst der Loreley gewachsen zu sein?«

»Das ist meine Sache! Ich verzeih Dirs nie, Herrmann, wenn Du mir diesen Umgang störst.«

Achselzuckend blickte er dem erregten Mädchen nach. Flammendes Roth übergoß Lonas Antlitz. »Sie kennen sich, die beiden interessantesten Menschen, die mir bisher begegnet sind,« sagte sie zu sich selber. »Sie mußten sich lieben, sie sind beide so schön, so ganz anders, als alle die andern. Ob sie sich ernsthaft liebten? Aber wie kann er, der mit den heiligsten Dingen spielt, wirklich lieben! Hat er es betrogen, das schöne, reizende Geschöpf? Oh nie, nie würde ich ihm das vergeben! Und doch, dazu scheint er mir nicht fähig. Er war sehr dreist, sehr übermüthig, aber er erschien mir wahr bis ins innerste Herz. Wie hätte ich auch wohl sonst ihm so alles, alles sagen mögen! – Es ist traurig, daß es so kommen mußte, daß dieser schöne Freundschaftsbund so gestört ist. Ich, warum habe ich kein Glück mit der Freundschaft? Erst macht sich mir der beste Freund unmöglich, jetzt will man mir die beste Freundin verdächtigen. Aber das soll nicht geschehen, ich selbst werde prüfen.« –

Die gute Lona! ein unschuldiges Ding hätte gut prüfen, wenn es einer schillernden Sirene gegenüber stünde, deren Stimme süß genug ist, jedes klare Prüfen zu ersticken.

Ja, Adelheid Rechberg war ein schönes Mädchen, das blaue Auge hatte Feuer und Schmelz zu gleicher Zeit, das feine Oval des Gesichts war vom zartesten Teint belebt, der kleine Mund wurde von allen Grazien umspielt – und diese Haarflut!

Oft sah Lona das von den hellen Wogen so schön umrahmte Antlitz der Freundin prüfend an, kleine Fältchen am Auge, ein hie und da kaum sichtbar werdender Zug am Munde ließen sie manchmal älter, gereifter erscheinen, als die andern jungen Mädchen des Kreises, dann aber sah Adelheid auch wieder so jugendfrisch aus und ihr Benehmen war ein so wahrhaft kindliches, daß Lona überzeugt sein mußte, die Geschichte von dem Alter sei eine Legende.

Aber die Erzählung Herrmanns quälte sie dennoch, so faßte sie sich ein Herz, als sie einst in der Mädchen freundlichem Stübchen, das mit Adelheids Staffelei und Gertruds Blumen geziert war, mit den Freundinnen allein am sauber gedeckten Kaffeetisch saß, und begann:

»Ich habe jetzt jemand, mit dem ich von Dir sprechen kann, Liebste: mein Cousin Herrmann kennt die schöne Loreley wenigstens von Ansehen, er hat in Heidelberg studirt.«

Die Schwestern wechselten einen raschen Blick, Gertrud sah etwas verlegen aus, Adelheid aber wußte ihr Erröthen sogleich unter einem Lächeln zu verbergen.

»Wann?« fragte sie.

»Vor etwa fünf Jahren, er war mit Herrn v. Strom dort.«

»Ah eine meiner Backfischbekanntschaften. Das kommt davon, wenn man so frühe in die Welt tritt, als halbes Kind darin Aufsehen macht, dann lebt man noch in der Studentenerinnerung eines Assessors. Das ist ja wohl Dein Cousin.«

Lona nickte.

»Also auch meinen Spitznamen hat er Dir mitgetheilt? Das ist gar nicht schön von ihm. Aber da muß ich Dir doch erzählen, wie ich zu demselben gekommen bin, denn der stammt so aus nebelgrauer Ferne, daß selbst Dein Vetter den Ursprung nicht mehr wissen wird. Man feierte ein patriotisches Fest mit allen möglichen Gesängen, Aufführungen und lebenden Bildern. Es sollte auch die »Loreley« wieder herhalten, zumal man eine prächtige Rheinlandschaft zur Verfügung hatte – leider fehlte es an einer Darstellerin der bösen Fey selbst. Alle Schönheiten des Tages waren schwarz, da verfiel eine ingeniöse Dame auf mich zwölfjähriges Schulmädchen, das ziemlich hoch aufgeschossen gerade aus dem Institute kam. Die Dame, die am Fenster stand, rief mich herauf, flocht meine Zöpfe zu meiner Verwunderung auf, das Haar wallte wie ein goldener Mantel um meine jugendliche Gestalt und die Dame rief: »Da haben wir die schönste Jungfrau! Für das »blitzende Geschmeide« und den »goldenen Kamm« soll unser Herr Arrangeur sorgen!« – So wurde ich Loreley.«

Und dabei hatte Adelheid ihre Flechte gelöst, ein weißes Tuch um sich drapirt und schon saß sie auf der Sophalehne in Position der Rheinzauberin und sagte lachend: »Ich glaube heute paßte ich besser zu der Rolle als damals, nicht wahr?«

Lona verschlang das schöne Bild förmlich mit ihren Augen, sie liebkoste das herrliche Haar der Freundin und rief enthusiastisch: »Ach, wäre ich ein Mann, Adelheid, ich würde wie jener »Schiffer im kleinen Kahne« in »wildem Weh« zu Dir aufschauen, bis die Wellen mich verschlungen hätten!«

»Dazu käme es nicht,« lachte das schöne Mädchen mit dem Ausdruck eines Kindes, »ich winkte Dich zu mir hinauf, ich zöge Dich an mein Herz, und wir lebten in Glück und Freude wie die beneidenswerthen Menschen, die sich immer so schön am Schlusse unserer Märchen kriegen!«

»Hartherzig wärst Du also nicht?«

»Ich?« Das Wort kam halb verwundert, halb betheuernd heraus und der erstaunte Ausdruck des Auges wies diese Beschuldigung so weit von sich, daß Lona die schöne Loreley innig umschlang und sie herzlich küßte. Nein, nur böse, ganz böse Menschen konnten diesem Engel schlimme Sirenenkünste zuschreiben!

»Du kanntest also Viktor v. Strom?« wagte Lona endlich mit einem ihr selbst unbegreiflichen Herzklopfen zu fragen.

Adelheid steckte ihre wieder geflochtenen Zöpfe auf. »Gewiß,« sagte sie leichthin, »er war ein hübscher, kecker Bursche, der für einen ausgezeichneten Tänzer galt. Ich denke doch, ich irre mich nicht in seiner Persönlichkeit.«

»Schau doch in einem Deiner Schildknappenalbums nach,« entgegnete Gertrud spottend.

Ein verweisender Blick aus den Augen der Schwester hieß sie schweigen, aber Lonas Neugierde war rege geworden. »Was ist es damit?« fragte sie in einem Tone, der keine Ausrede duldete.

»Gertrud ist albern,« antwortete Adelheid ärgerlich. »Papa hat natürlich von vielen seiner Schüler Photographien bekommen, sie trieben sich in einer Schublade herum, ich steckte sie in alte Albums. Nun dünkt sich Gertrud höchst geistreich zu sein, wenn sie den Witz macht«

»Ach bitte, zeig mir dieselben,« bat Lona, »ich möchte gar zu gern Herrn v. Strom als Student sehen.«

»Woher kennst Du ihn denn, Ilona, ist er hier?«

»Nein, wir trafen ihn flüchtig am Achensee.«

Das Mädchen erschrak selbst, daß es seiner sonstigen Wahrhaftigkeit zuwider eine Unwahrheit ausgesprochen, denn das war dieses »flüchtig« doch. – Da aber das Ende ihrer Freundschaft mit Viktor so traurig gewesen war, so wollte sie lieber gar nichts von intimer Bekanntschaft verlauten lassen.

»Ist Herr v. Strom verheirathet?« fragte Adelheid harmlos.

»Nein, er scheint die Freiheit sogar sehr zu lieben.«

»Schade, wenn er Junggeselle bliebe,« entgegnete Adelheid so recht vernünftig, »er ist einer der reichsten Gutsbesitzer Deutschlands.«

»Das wird er nicht lange bleiben, wenn er so in der Welt herumstreift und sein Gut von Fremden bewirthschaften läßt,« sagte Lona, die als Tochter ihres Vaters Verständniß von solchen Dingen hatte.

»Aber was soll ein flotter Kavalier auf dem Lande versauern?« warf Gertrud geringschätzig darein.

»Ach Gertrud, was hast Du für Begriffe; heute, zur Zeit der Eisenbahnen, Telegraphen und Journale versauern wir nicht mehr, wenn wir auch auf dem Lande wohnen,« antwortete Lona lebhaft.

»Das glaube ich gern! für mich gäbe es nichts Schöneres als so ein poetisches, grünes Heim in stiller Zurückgezogenheit.«

»Das ist schön von Dir, Adelheid, daß Du so denkst. Bin ich mündig, so bewirthschafte ich mein väterliches Gut und dann kommst Du mit mir, und dann wollen wir glücklich sein.«

»Sind recht viele flotte, reiche Magyaren in der Umgegend?« fragte Gertrud, »sonst läßt unsere schöne Sonne ihren Glanz nicht leuchten.«

»Deine Schwester ist unartig, Adelheid, habt Ihr Verdruß mit einander gehabt?«

»Sie ist eifersüchtig auf Dich, mein Goldkind?«

»Ist dem so?«

»Nein, auf meine Schwester,« entgegnete Gertrud trotzig aber mit dem Tone der Wahrheit. »Du hast sie lieber als mich, ich bin Dir Zugabe. Und ich verdiene vielleicht Deine Liebe mehr, als sie. Aber ich will Euch nicht stören, fünftes Rad am Wagen mag ich nicht sein!«

Gertrud stürmte hinaus und ließ sich von Lona nicht zurückhalten. »Warum ist sie so böse?« fragte diese betrübt.

»Schätzchen, das mußt Du Dir nicht zu Herzen nehmen; Gertrud hat nun einmal eine heftigere Gemüthsart, als ich. Uebel nehmen kann ich es ihr auch nicht, wenn sie zu Zeiten verdrießlich wird, daß man mich bevorzugt; sie ist leidenschaftlich bemüht, um Liebe zu werben, und mir, die ich gar nichts dazu thue, solche zu verdienen, fällt diese immer von selbst zu.«

»Dafür bist Du die Loreley,« entgegnete Lona lachend und umarmte die Freundin. Sie war nun ganz überzeugt, daß jene den Namen nur Aeußerlichkeiten verdankte.

»Jetzt aber das »Schildknappenalbum,« bitte!«

»Das sollst Du nicht sagen, das ist ein häßlicher Scherz meiner Schwester. Die Albums enthalten die Bilder der Hörer unseres Papas, die zu gleicher Zeit Hausfreunde waren, nach Jahrgängen geordnet. Wann also war Dein Vetter in Heidelberg?«

Lona nannte die Jahreszahl, und nun meinte Adelheid, daß man Herrn v. Strom wohl finden würde: ohne dieses Hilfsmittel wäre es kaum möglich. Es mußten viele junge Leute im Rechbergschen Hause aus- und eingegangen sein, denn manches Buch war gefüllt. Da schauten aus den eintönigen Umrahmungen jugendfrische Gesichter heraus, mit und ohne Bart, Gestalten in Wichs oder in schlichtem Rocke, mit und ohne großen Hund, die meisten muthig in die Welt ausblickend und sichtlich bemüht, sich so vortheilhaft als möglich darzustellen.

Unter den vielen Musenjüngern aber fand Lona auch gereiftere Gestalten, ganz besonders Männer von vornehmem Aussehen, deren einige sogar sehr fremdartige Erscheinungen waren.

»Aber das sind doch keine Studenten,« sagte Lona.

»Ach nein, das sind andere flüchtige Bekannte Papas,« antwortete Adelheid gleichgültig und blätterte schnell weiter. Da schaute das jugendliche Angesicht Viktors, mit dem Cerviskäppchen geschmückt, den Mädchen entgegen.

»Da ist er,« rief Lona erfreut, »und noch ganz so sieht er aus, nur das Bärtchen ist voller geworden.«

Adelheid nahm das Album zur Hand und sah das Bild lange und prüfend an, es mußte wohl dafür gelten, ganz vergessene Züge ins Gedächtniß zurückzurufen. »Ja, Du hast Recht, es war ein hübscher, lustiger Junge, ich hatte seiner ganz vergessen.«

Lona, die verhältnißmäßig wenig Bekanntschaften unterhielt, hätte es interessirt, von einem oder dem andern Conterfei, das so recht nach was ausschaute, Näheres zu erfahren, aber Adelheid schien dieses wirklich zu langweilen. »Laß die dummen Bilder,« sagte sie, »wir können Gescheideres thun.«

Damit nahm sie eine neu herausgekommene Sammlung von Gedichten zur Hand, in welcher sie ganz besonders schöne angemerkt hatte und jetzt Lona mit ihrer süß klingenden Stimme vorlas. Diese war wieder einmal berauscht; sie liebte die Poesie ja so warm, und sie auf diese Weise übermittelt zu erhalten, war gar so schön.

Nur wirklich ernste, gediegene Lieder hatte Adelheid gewählt, ihr Geschmack war in jeder Hinsicht geläutert, und dieses Mädchen nannte die Welt gefallsüchtig und gefährlich!? –

Es ist auch gar nicht zu läugnen, daß Lona sich sehr befriedigt von Adelheids Aeußerung über ihren jungen Freund fühlte, »ein hübscher, lustiger Junge«, das klang zu ungefährlich, zu harmlos, als daß irgendwie engere Beziehungen die schöne Adelheid mit jenem verknüpft haben konnten!

Eigentlich freute das Lona, es freute sie recht sehr. Ihr hatte er Freundschaft gelobt in jener herrlichen, stillen Stunde und wenn durch seine und ihre Schuld auch das schöne Verhältniß jetzt getrübt war, so hoffte Lona doch im tiefsten Herzen, daß in der Zukunft eine Stunde schlagen würde, die diese Kluft überbrückte. –

Ob sie doch wohl viel älter war die schöne Adelheid, als sie selber? So überlegte Lona auf dem langen Rückwege. Das könnte wohl sein, aber nicht so unnatürlich alt, wie Herrmann sagte. Aber vielleicht doch schon recht alt – vierundzwanzig Jahre! daß es da noch frei war, dieses herrliche Geschöpf! aber freilich wer war seiner würdig? Viktor? Zum Glücke war er damals zu jung gewesen, und jetzt sah er sie nicht!

»Zum Glücke« und warum zum Glücke? Gönnte Lona die zwei schönen Menschenkinder sich nicht? Sie erröthete vor sich selber. Welche abscheuliche Entdeckung! sie, die stolze Lona, die nach keinem, keinem Manne der Erde fragen wollte, hatte bereits für den allerersten, den das Schicksal ihr entgegengeführt, so lebhaftes Interesse fassen können?

Das war schmählich; Neid hatte nie in ihrem Charakter gelegen und jetzt war sie neidisch auf die Vergangenheit eines Menschen, der sie gar nichts angieng! Das wollte sie nicht sein, nein, selbst wollte sie sich bestrafen und der schönen Tage am Achensee und der noch schöneren Freundschaft gar nicht mehr gedenken.



Siebentes Kapitel.

Ein Wiedersehen.

Lona hatte dem Vetter auf ihre energische Manier bedeutet, wie sehr er sich betreffs Adelheids getäuscht, und ihm das Versprechen abgerungen, in keiner Weise durch Vermittlung der Mutter in die neue Freundschaft eingreifen zu wollen.

Die Liebe zu Adelheid ward immer glühender und in dem romantischen Köpfchen tauchten allerlei fabelhafte Entschlüsse auf.

»Ich wäre zu jedem Opfer für das herrliche Geschöpf fähig,« sagte sich Lona, »liebte es Viktor, ich wäre im Stande, Freundesrecht in Anspruch zu nehmen, es ihm zu schreiben und der Freundin zu ihrem Glücke zu verhelfen! aber sie liebt ihn nicht und so kann ich vorläufig nichts für sie thun.« –

Eine kleine Enttäuschung bot es immerhin, daß Tante Fränzchen, die mittlerweile, heiter und frisch wie immer, zurückgekehrt war, kein übermäßiges Gefallen an Fräulein Adelheid Rechberg zu finden schien.

Viel zu wohlwollend, um scharf zu urtheilen, nahm die Majorin dem Enthusiasmus der Nichte gegenüber doch vorerst eine abwartende Stellung ein – die schöne Adelheid war ihr zu liebenswürdig, zu demüthig bescheiden. »Uebertriebene Bescheidenheit bei hervorragenden Gaben ist unnatürlich,« sagte sich Franziska.

»Wer so herrlich Klavier spielt, wie die Rechberg, hat nicht nöthig, sich eine Stümperin zu nennen, und kann nicht aufrichtig das gewöhnliche Geklimper anderer junger Mädchen in den Himmel heben, wie sie es thut.«

Tante Fränzchen also wartete ab, ehe sie ihre Liebe schenkte; in die kleinen Abendgesellschaften der jungen Wittwe aber wurden Lonas neue Freundinnen mit hineingezogen.

Der häufigste Gast in dem angenehmen Hause war Herrmann; konnte er ein Stündchen erübrigen, so widmete er es der reizenden, jungen Tante und fühlte sich bei ihr in seinem Elemente.

Mit mißbilligenden Augen sah die Räthin diesen Verkehr und ließ es nicht an spitzen Redensarten fehlen.

»Hör', mein lieber Sohn,« sagte sie, »ich muß Dich bitten, Deine Besuche bei der Schwägerin zu beschränken. Obgleich sie für eine Frau ja nicht mehr jung ist und zudem Deine Tante, so könnten Lästerzungen in Eurem häufigen Beisammensein doch etwas finden, denn Franziska begeht ja die große Unvorsichtigkeit, Dich sogar am Abend stundenlang allein zu empfangen. Ein so intimer Umgang mit einer Frau verdirbt Dir den Geschmack an jungen Mädchen – und ihr den guten Ruf in den Augen aller ehrbaren Leute.«

Aber die Mutter hatte gut reden; ein so folgsamer Sohn Herrmann auch bisher immer gewesen war, so gehörte er doch nicht zu denen, die nachzugeben vermögen, wo es sich um eine Herzensneigung handelt. Bei Tante Fränzchen fühlte er sich wohl, wohl und glücklich, wie nirgend sonst auf der Welt!

Schon die gemüthlichen Räume der jungen Wittwe strömten Behaglichkeit aus, überall sah man die ordnende Hand, das sorgsame Auge, das jede Unordnung verbannt und den Kultus der Schönheit pflegt.

Franziska wohnte durchaus nicht elegant, ja die Einrichtung zeigte vielfach den Geschmack früherer Tage, denn sie stammte zum guten Theile aus der Junggesellenzeit des Majors. Aber weiche Decken und Teppiche, allerlei stylvolle Arbeiten eigener Hand und eine ganze Menge von gut gepflegten Blattpflanzen verliehen den Räumen doch einen eigenen Reiz.

Zudem war der Major Sammler, wenn auch in bescheidenen Grenzen, gewesen; davon zeugte manches gute Oelbild, manch schön geformtes, altes Geräth. Der lieblichste Schmuck des Zimmers war das in Lebensgröße gemalte Portrait Franziskas, das die junge Frau in der ganzen Liebenswürdigkeit der Erscheinung wiedergab und das aus dem Kranze frischen Epheus, der sich um dasselbe schlang, unendlich lebensvoll blickte.

Es wurde Herrmann bald zur zweiten Natur, sobald die Bureaustunde ihr Ende erreicht hatte, in die Thalstraße hin zur jugendlichen Tante zu wandern; dort, das wußte er, gab es stets ein freundliches Gesicht, eine gute Tasse Thee. Dann aber setzte sich Franziska meistens ans Klavier und spielte, sie spielte schön und mit ganzer Liebe zur holden Musika; die Töne schwebten durch den warmen, nur mäßig beleuchteten Raum, und Herrmann lauschte ihnen und blickte dabei halb träumend auf das Bild der jungen Frau in dem weißen Kleide, den blumengeschmückten Strohhut in der Hand tragend! Herrmann fühlte sich in diesen Stunden wunschlos, wie einer der Seligen! So hätte er fortleben mögen. –

Als die Räthin sah, daß ihre so gut gemeinten mütterlichen Ermahnungen nichts fruchteten, ihr thörichter Junge fortfuhr, für seine junge Tante, die freilich älter war, als er, zu schwärmen und sich um das reiche, schöne Mädchen, das sie sich zur Schwiegertochter ausgesucht hatte, gar nicht zu kümmern, da hielt sie es an der Zeit, einen energischen Schritt zu thun.

Frau Rath Alsen nahm Hut und Mantille und begab sich höchst selbst in die Thalstraße zur Schwägerin. Sie fand dieselbe wie eine Nymphe, inmitten ihrer Blumen, denn es war Freitag und an diesem Tage pflegte Franziska ihre zarten Lieblinge mit Schwamm und Wasser selbst zu reinigen.

»So vertändelt sie ihre Zeit,« dachte die Räthin.

»Der Besuch bringt mir nichts Gutes,« sagte sich Franziska.

Aber sie trocknete eilig ihre weißen Hände ab und lud die Gefürchtete zum Eintreten in ihr Arbeitsstübchen, an dessen Fenster die neu erfrischten Blumen in vollem Flore prangten und ein goldgelber Kanarienvogel die Eintretenden willkommen hieß, ein.

»Decken Sie den Vogel zu, Franziska, wie mögen Sie nur sein Geschrei den ganzen Tag über hören? Bei dem Spektakel kann ich nicht mit Ihnen sprechen.«

Die Majorin zuckte lächelnd die Schultern. »Ein so treuer, fröhlicher Kamerad, wie mein Hänschen, genirt mich nicht,« sagte sie: that jedoch, wie ihr geheißen worden war.

»Was verschafft mir also die Ehre eines so frühen Besuchs?«

»Sie werden sich selbst sagen können, daß eine so fleißige Hausfrau wie ich ihr Haus nicht ohne dringende Veranlassung am Morgen verläßt.«

»Und was ist diese dringende Veranlassung?«

»Eine Bitte an Sie: Ihr Bruder, wie ich, wünschen, daß Sie unserem Sohne nicht gestatten, Sie so oft zu besuchen«

Ein jähes Erröthen gieng über Franziskas Antlitz.

»Und warum nicht?« fragte sie sichtbar verletzt.

»Weil es unpassend ist, wenn eine junge Wittwe so oft den Besuch desselben Herrn empfängt.«

»Er ist mein Neffe.«

»Aber ein junger Mann, wie ein anderer. Ich liebe es überhaupt nicht, daß mein Sohn so viel mit Frauen verkehrt. Es könnte ihn daran hindern, sich zu verheirathen, was doch mein großer Wunsch ist.«

»Und Sie glauben, daß mein Einfluß ihn daran verhindere?«

»Ja, Sie machen es ihm hier zu angenehm und bequem – er vermißt die eigene Häuslichkeit nicht! – Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie ihn auf zarte Weise dazu veranlassen, dieses Haus nur dann zu besuchen, wenn Sie Gesellschaft haben.«

»Da Sie meinen Einfluß auf Herrmann demnach für schädlich zu halten scheinen, Schwägerin Alma, so soll geschehen, was Sie wünschen,« entgegnete Franziska äußerlich kalt, innerlich flammend.

Die Räthin begann jetzt anstandshalber ein gleichgültiges Gespräch, da aber Franziska zu ehrlich war, Unbefangenheit zu heucheln, und nur einsilbige Antworten gab, empfahl der Störenfried sich bald.

Als Franziska sich allein sah, entstürzten Thränen ihren Augen, sie warf sich auf den Divan, vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte bitterlich.

»Welch ein unglückliches Geschöpf ist doch ein armes, wehrloses, alleinstehendes Weib! » rief sie klagend. »Jede kleine Freude mißgönnt man ihm, einmauern soll es sich in vollster Jugendkraft in Gefängnißmauern! Was habe ich denn verbrochen? Habe ich irgend etwas gethan, Herrmann an mich zu fesseln, hat er mir seine Zuneigung, seine Anhänglichkeit, die mich so glücklich machen, nicht aus eigenstem Antrieb entgegengetragen? Bin ich gefallsüchtig? Und gar zu ihm, dem Jüngeren, dem Neffen? O warum muß er dieses beides sein? Zehn Jahre älter und mir fremd, und ich hatte wohl in ihm den Mann gefunden, mit dem sichs gut, o so gut durchs Leben gienge! So aber – nie hat meine Seele an solche Thorheit gedacht. Ich freute mich seiner Gegenwart, der Gegenwart des besten, treuesten Menschen – und das war alles! O diese Schwägerin, wie ich sie hasse, wie mein ganzes Wesen sich gegen ihre gespreizte Unnatur empört! – Wie geringschätzig sie mich stets behandelt, wie ein thörichtes, leichtsinniges Kind! – Ach mein Gott, nein, ich bin weder leichtsinnig, noch ein Kind, ich bin Frau genug, um zu wissen, was ich meiner Frauenehre schuldig bin! – Sie hat ja im Grunde recht, die böse Frau! Die Welt ist niemals harmlos, sie könnte in der That die öfteren Besuche Herrmanns mißdeuten. – Was aber anfangen, diese zu verhindern, ohne daß er es merkt, warum ich es thue? Soll ich vor ihm erröthen, daß ich so wenig harmlos bin, eine Gefahr für mich zu sehen? Nein, nein das geht nicht!«

Eine Weile des Nachdenkens, dann trocknete Franziska ihre Thränen, hob energisch ihr Köpfchen und sprach: »Es muß sein, ich muß mich entschließen, eine Weile unhäuslich zu sein! – Ich werde im Theater abonniren und meine Quatremains-Abende mit Frau v. Selden wieder aufnehmen, obgleich sie herzlich schlecht spielt! Sieht Herrmann erst, daß ich außer an meinem Empfangsabend selten zu Hause bin, so gewöhnt er es sich wohl ab, gar so oft zu der armen, kleinen, einsamen Tante zu kommen! – Es wird ihm schwer fallen – mir schwerer! aber wer, wie ich, Schwereres überwunden, findet sich schließlich in alles!« –

Wer es an sich empfunden, was es heißt, eine liebgewordene Gewöhnung missen, der kann nachfühlen, wie Herrmann zu Muthe ward, als er sich genöthigt sah, seine Wanderungen nach der Thalstraße einzustellen, denn so oft er dort auch anklopfen mochte, stets hieß es: »Die gnädige Frau sind nicht daheim.« Zuerst kränkte das Herrmann, dann ärgerte es ihn, war er doch viel zu harmlos, sich die Schuld an der veränderten Lebensweise der Tante zuzumessen. Er nahm an, diese hatte das téte á téte mit ihm zu langweilen begonnen und lebte daher wieder in der Weise, die nach Ansicht seiner Mutter die einzige war, die für die genußsüchtige Natur der Wittwe taugte. – So kam es, daß Herrmann nicht einmal der regelmäßige Gast der Dienstag-Abende wurde, die stets einen anregenden Kreis bei der Majorin versammelten.

Desto pünktlicher stellte sich Ilona zu diesen ein; auch ihr behagte die Gemüthlichkeit, die Tante Fränzchen um sich zu breiten wußte, sehr, und sie, die bei Tante Alma an Wirthschaftlichkeit zu wünschen übrig ließ, half an diesen Abenden so tüchtig, wie man es nur vom wohlgezogensten Haustöchterchen verlangen kann. Schon ein paar Stunden vor Eintreffen der Gäste stellte sie sich bei der Majorin ein, deckte den Tisch mit, legte Kuchen und Obst auf die dafür bestimmten Schalen, rieb Gläser und Tassen aus und benahm sich so anstellig, daß Tante Fränzchen prophezeite, es würde aus dem kleinen Brausekopf noch einmal das vernünftigste Hausmütterchen.

Diese Verkündigung empfieng Lona nun allerdings etwas ungläubig. »Ich bin sehr ungeduldig, Tantchen,« sagte sie, »und alle Tage nach dem Rechten sehen, von Morgens bis Abends, und wie Tante Alma hinter der Magd her sein, das hielte ich nicht aus.«

»Es käme nur darauf an, für wen Du eine behagliche Häuslichkeit leiten solltest,« entgegnete Franziska bedeutungsvoll.

»Ja, darauf käme es allerdings an! Ich bin so abhängig von Sympathien, Du glaubst es nicht, Tante Fränzchen. Du könntest alles aus mir machen, Dir zu helfen, ist ein Vergnügen. Du bist bei allem, was Du thust, vergnügt und machst andere ebenso. Bei Tante Alma aber ist das Tagewerk wie ein schwerer Alp und sie zieht am Haushaltshimmel wie eine drohende Wolke einher, von der man nie weiß, ob sie sich glücklich zertheilen oder als Gewitter entladen wird.«

»Lona, Lona!«

»Ich bin böse, ich weiß es, aber ich kann mir nun einmal nicht helfen, so und nicht anders ist mir zu Muthe!«

Die arme Tante Alma! sie meinte es nach ihrer Art gewiß gut, aber alle Welt fürchtete ihre Vortrefflichkeit und suchte ihr aus dem Wege zu gehen. Sie kam niemals zu dem kleinen Zirkel der Schwägerin, es gieng ihr in demselben viel zu laut und fröhlich her – und man vermißte sie nicht.

Eines Dienstag hatte sich Lona wieder recht frühe eingestellt, unter Scherzen und Lachen hatte sie dem Tantchen geholfen und jetzt, da sich Franziska bei der Toilette befand, hatte Lona sich einen Lehnstuhl dicht an den Kamin gerückt, sich einen ihrer Lieblingsbände – Geibels Jugendgedichte genommen und sich darin mit dem ganzen Eifer vertieft, dessen ihre begeisterungsvolle Seele fähig war. Wie lasen sich die süßen, herrlichen Lieder auch so schön vor dem hell flackernden Feuer, während draußen im Novembersturm der erste Schnee in großen Flocken zu Boden fiel.

Lona empfand die Wirkung formschöner Verse wie eine Musik, es war ihr nicht möglich, ein Lied nach dem andern wegzulesen, jedes mußte seinen Nachklang haben und der empfand sich wonnig im Hineinstarren in die goldene Glut.

So entlockte denn das erste Klingelzeichen an diesem Abend der Lesenden eher Ungeduld als Freude. Sie schaute auf die große Pendule, die den Kaminsims schmückte, diese zeigte die siebente Stunde. »Erst sieben und schon ein Gast? wie ungemüthlich!«

In diesem Augenblicke ward die Thüre aufgerissen, denn aufgemacht konnte man nicht sagen, so stürmisch geschah es, eine große, schlanke Gestalt trat ins Zimmer, deren Erscheinung Lona aufspringen ließ und die sie wie einen Geist anstarrte. Aber zwei Hände streckten sich ihr entgegen und eine wohlbekannte Stimme rief warm: »Guten Abend, liebe, kleine Freundin!«

Vergessen waren alle guten Vorsätze von Kälte und Fremdheit, sie schlug in die beiden Hände herzlich ein, die Freude röthete ihr Antlitz und ein über das anderemal rief sie aus: »Nein, wie ist das nur möglich?«

»Was denn, kleine Lona, die hier so lieblich die Flammen hütet?«

»Daß Sie mit einem Male hier leibhaft vor mir stehen, Herr v. Strom? Ich glaubte sie in Rom oder Neapel.«

Felix bat um die Erlaubniß niedersitzen zu dürfen, dann wolle er berichten. Auch er zog einen Stuhl zum Kamine.

Dann nahm er nochmals Lonas Hand und sagte vergnügt: »Guten Abend, Fräulein Lona, hier habe ich es ganz, wie ich es wünsche. Sehen Sie mich an – ein Bild der Behaglichkeit. Wäre es nicht thöricht gewesen, in eiskalten Zimmern, auf Marmorböden den Winter über zu verweilen, während man es in der norddeutschen Metropole gar so gut hat?«

»Natürlich, aber wer hat Sie auf den vernünftigen Gedanken gebracht?«

»Ich allein, ganz allein. Ein Freund, auf den ich bestimmt für die Wintertour rechnete, blieb aus, da ward ich es müde, mich mit fremden, gleichgültigen Menschen umherzutreiben, machte Kehrt, kam gestern Abend hier an und mein erster Besuch galt heute Morgen der liebenswürdigen Majorin.«

»Die Sie gleich für heute Abend einlud?«

»Aber natürlich. Sehr reizend aber war es in der That, daß sie Wort gehalten und nichts von meinem Hiersein gesagt hat, so gelang die Ueberraschung vollkommen!«

»Die böse Tante, auch nicht mit einer Miene hat sie verrathen, welch schlimmen Gast sie sich eingeladen!«

»Der schlimme Gast ist gar sanftmüthig geworden und verspricht alle nur denkbare Bravheit, wenn man ihm Bürgerrecht in diesem Hause verstatten will!«

»Darüber habe ich nichts zu sagen, auch ich bin hier fremd.«

»Aber sehr heimisch, wie ich hörte. Ich freue mich schon im voraus auf die Butterbrode, die diese zarten Hände bereitet haben.«

»Wenn Sie sich nur nicht vergebens freuen,« spottete Lona. »Berlin ist sehr vornehm geworden, auch an einfachen Empfangstagen wird warm gespeist.«

»Desto besser; mein Appetit, der so oft Gegenstand des Entsetzens für Sie am schönen Achensee ward, befindet sich gottlob in alter Weise. Die Herbsttour durch Südtirol und Oberitalien hat mich sehr erfrischt, drohte aber der Eleganz meiner Taille gefährlich zu werden. Lustige Gesellschaft, herrliche Berg- und Seetouren, ausgezeichnete Verpflegung, diese Bezeichnungen schildern Ihnen mein Leben, das ich seit unserer Trennung geführt. – Aber Sie, kleine Freundin, wie ist es Ihnen gegangen? Eigentlich sollte ich nun wohl sagen »große Freundin«, denn wahrhaftig, Fräulein Lona, Sie schienen mir gewachsen, als Sie mir entgegentraten.«

»Gewachsen? Herr v. Strom, das ist eine Beleidigung. Eine junge Dame, die demnächst ihren neunzehnten Geburtstag feiert, wächst nicht mehr.«

»Also neunzehn Jahre! Das berühmte Alter der tausend Wochen.«

»Was ist es mit diesen?«

»Eine sehr gefährliche Sache: in diesem Alter pflegen sich die jungen Damen zu verlieben.«

»Oder die Männer in sie.«

»Nun das versteht sich ganz von selbst. Wer möchte der Sünder sein, der verstockte, einer Schönheit von tausend Wochen zu widerstehen?«

»Ich kenne Sie gar nicht mehr, Herr v. Strom; früher waren Sie so vernünftig, jetzt reden Sie dummes Zeug, wie alle die anderen.«

»Dummes Zeug? Sehen Sie wohl, wie Sie die Macht Ihrer Jahre benutzen, Fräulein Lona, und die bestgemeinten Worte eines jungen Mannes nicht gerade mit Sammetpfötchen abwehren? Aber Scherz bei Seite, ich bin gar so glücklich, hierher gekommen zu sein, daß man mir ein bißchen Unsinnschwatzen schon vergeben muß; ich werde schon wieder vernünftig. Doch nun erzählen Sie von sich, was thun, was treiben Sie?«

»Ich bin sehr fleißig; fleißiger als gewisse Leute, die dem lieben Gott den ganzen, lieben, langen Tag wegzustehlen scheinen,« entgegnete Lona scherzend, es aber doch ernstlich meinend. »Ich male, musicire, treibe Sprachen und mache bei Tante Alma Haushaltungsstudien.«

»Das ist äußerst nützlich für ein junges Mädchen. Wie weit sind denn diese Studien gediehen, etwa bis zum Herausfinden der kleidsamsten Küchenschürze?«

»Sie sind in der That ein unverbesserlicher Spötter,« entgegnete Lona und stand ungeduldig auf, das Feuer im Kamine neu zu schüren.

Lachend erhob sich Viktor. »Sie sind gewachsen, es ist doch wahr,« rief er energisch, »Sie haben jetzt gar nicht mehr nöthig, gar so sehr zu mir aufzuschauen.«

Lona zuckte die Achseln. »Dazu habe ich leider niemals Ursache gehabt,« sagte Sie bezüglich. »Ich bin viel vernünftiger als Sie, Sie könnten von mir lernen.«

»Gerne, gerne, alles was Sie wollen, kleine Freundin, eine solche Lehrmeisterin lasse ich mir schon gefallen. Womit werden Sie Ihren Unterricht beginnen?«

»An solchem Schüler wäre wenig Freude zu erleben!«

»Glauben Sie das nicht, Fräulein Lona, gewiß nicht,« entgegnete Viktor jetzt um ein gut Theil ernster. »Setzen Sie sich dahin mir gegenüber und hören Sie mit Ihren klugen, braunen Augen meine Beichte an.«

»Wie macht man das, mit den Augen hören?«

»Indem man mit Ihnen den Antheil ausdrückt, den man an dem Erzähler nimmt.«

»Ich werde mich bemühen.«

»Sie haben mir einst in schönen Sommertagen eine Rede gehalten, gestrenges Fräulein, die man mit dem richtigen Ausdruck auf gut studentisch nur eine tüchtige Pauke nennen kann.«

»Ich?«

»Ja Sie! Sie haben mir frank und frei gesagt, daß der Mensch nicht nur auf der Welt sei, sich seines Lebens zu freuen, (obgleich ich mir erlaube, diesen Zweck doch stets als den angenehmsten zu betrachten) sondern daß er auch arbeiten müsse, eine Umschreibung des Wortes: »im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod essen!«

Ganz besonders schlimm aber würde die Sünde, meinten Sie, wenn man daheim ein schönes Gut habe, wie ich, und sich doch in der Welt herumtreibe. Ich habe über diese Philippika viel nachgedacht und gefunden, daß Wahres darin liegt. Außerdem fange ich an, des Reisens müde zu werden, ich will in Gottes Namen beginnen, meinen Weizen selbst zu bauen. Zum Frühjahr will ich mich in Eichberge festsetzen.«

»Ist das wirklich wahr?« fragte Lona erfreut.

»Hand aufs Herz! Sie sollten nur die Stöße landwirthschaftlicher Bücher sehen, die bei mir im Zimmer liegen.«

»Aus Büchern lernen Sie nichts, oder doch nicht viel,« entgegnete Lona altklug, »was war Papa für ein Landwirth! und die Praxis war das einzige große Buch, aus dem er lernte.«

»Schade, daß Sie kein Junge sind, Fräulein Ilona, Sie würden ein tüchtiger Landmann geworden sein.«

»Gewiß, aber auch als Mädchen werde ich meinen Neigungen folgen. Sobald ich meine Volljährigkeit erreicht habe, gehe ich heim und helfe unserem Verwalter mein väterliches Erbe bewirthschaften, und dann wollen wir einmal sehen, wer sein Gut besser im Stande hält, Sie oder ich.«

»Den Wettkampf gehe ich gar nicht ein: obgleich, wer kann es wissen, sich vielleicht bei mir ungeahnte Talente entwickeln!«

»Den Winter über bleiben Sie also in Berlin?«

»Ja, und da diese Zeit auf lange die letzten großen Ferien für mich sein sollen, will ich sie gehörig benützen. – Tanzt man hier viel?«

»Mehr als genug.«

»Genug kann man nie bekommen, wenn es hübsche Tänzerinnen gibt. Wir wollen viel tanzen, Fräulein Lona, wir sind unserer Jugend auch etwas schuldig.«

»Dagegen habe ich gar nichts einzuwenden.«

»Laufen Sie auf Schlittschuhen?«

»Ich that es einst brennend gerne, aber ich fürchte, die langen Pensionsjahre haben mir die Uebung genommen.«

»Das ist gut: da kann ich doch in etwas Ihr Lehrmeister sein, das ist mir lieb. Wollen wir zusammen Schlittschuhlaufen?«

»Gerne. Aber wenn der Winter uns kein Eis bringt?«

»Er wird es bringen, sind wir doch in der nordischen Hauptstadt. Alle Tage wollen wir auf den See im Thiergarten.«

»Ja, wenn die gestrenge Tante Alma es erlaubt.«

»Sie muß. Es wäre sanitätswidrig, Ihnen diese gesunde Uebung zu verbieten. – Wie geht es denn Herrmann?«

»Ich denke gut; wir sind ungemüthliche Hausgenossen, kümmern uns wenig um einander.«

»Morgen werde ich dem Freunde meinen Besuch machen und mich dabei der Frau Rath vorstellen, denn natürlich hoffe ich auf Ihr Haus. Wann hat man die meiste Aussicht, vorgelassen zu werden?«

Lona erröthete leicht. »Die Tante ist keine Freundin von den Besuchen junger Herren,« sagte sie. »Hoffentlich erschrecken Sie nicht vor einer steifen, vorsichtigen Miene. Am sichersten sind wir um 12 Uhr daheim, da wir noch immer die altmodische Gewohnheit haben, unser Essen um die Mittagsstunde zu nehmen, anstatt, wie es in einer großen, ausgedehnten Stadt viel praktischer ist, um vier oder fünf Uhr zu speisen.«

»Bitten Sie für mich, huldreichste Freundin, daß hie und da eine Einladung für mich herauskommt.«

»Ich will mein Möglichstes thun – Was werden Sie aber danach fragen, Sie mögen viele Bekannte in Berlin haben.«

»Im Gegentheil, ich komme mir wie ein armer Waisenknabe vor, außer zwei bis drei Freunden kenne ich hier niemand; zog es mich doch von je nach dem Süden!«

Das wurde so harmlos gesprochen, daß Lona einsah, noch hatte Viktor keine Ahnung von der Anwesenheit der Rechbergschen Familie. Das junge Mädchen beschloß, nichts davon zu erwähnen und sich an seiner Ueberraschung zu weiden, wenn er sich plötzlich der schönen Adelheid gegenüber sah.

Das téte á téte war beendet, die junge Wirthin trat ins Zimmer, fröhlich und herzlich wie immer. Gäste kamen, Vorstellungen fanden statt; man trank Thee und musicirte, man machte Konversation und amüsirte sich je nach Talent. Die Professorstöchter erschienen heute nicht, das machte Lona ungeduldig, sie brannte darauf, aus Viktors Miene zu lesen, welcher Art seine Beziehung zu der Loreley gewesen sein mochte.

Auch Franziska schaute jedesmal erwartungsvoll nach der Thüre, sobald diese sich öffnete – Herrmann, der Erwartete, kam jedoch nicht. Das kränkte die Majorin, aber ihr feiner Takt und ihre Liebenswürdigkeit ließen sie die Verstimmung tief in ihr Herz verschließen und ihre Gäste nicht darunter leiden.

Bei Tisch saß Viktor zwischen der Hausfrau und Ilona und war so munter und aufgeräumt, daß weder Herr Assessor v. Herz, Lonas getreuster Verehrer, der ihr zweiter Tischnachbar war, noch auch der Nachbar Franziskas, Kapellmeister Schmidt, zu Worte kommen konnten.

Beide waren von dem neuen Ankömmling nicht sehr entzückt: desto mehr hatten sich die Damen seiner erfreut.

Als Lona an seinem Arme den Heimweg gemacht, kam sie so seelenvergnügt in ihr kleines Zimmer, daß sie vor lauter Vergnügtsein keinen Schlaf finden konnte.

Dennoch war sie am nächsten Morgen frühe auf, um den Vetter abzupassen, ehe er auf sein Bureau gieng. Noch im Schlafrock und Häubchen gieng sie ihm entgegen.

»Viktor ist hier,« flüsterte sie leise, »er wird Dich vielleicht heute schon besuchen. Thu mir den Gefallen und sage nichts davon, daß Adelheid Rechberg hier wohnt, ich will ihn überraschen!« und damit schlüpfte sie fort, da sie den Tritt der Tante hörte.

»Viktor?« sagte sich Herrmann erstaunt, »ja wie kommt Lona dazu, Strom ohne weiteres so zu nennen? – Das läßt tief blicken!«



Achtes Kapitel.

Loreley.

Pünktlich zur angegebenen Stunde stellte sich Viktor ein und wurde von der Räthin mit der frostigen Höflichkeit empfangen, die sie für alle jungen Herren hatte; fürchtete sie doch in jedem einen Bewerber um das Goldfischchen zu sehen, das sie für das eigene Haus konserviren wollte.

Aber Viktor v. Strom war keiner von denen, die einer unliebenswürdigen alten Dame weichen, wenn es ihnen sonst angenehm erscheint, eine Bekanntschaft zu kultiviren. Er plauderte harmlos mit Lona und diese sekundirte trotz der verweisenden Tantenblicke lebhaft; so wurde der Zweck erreicht, bis zur Nachhausekunft Herrmanns dableiben zu können. Dieser empfieng den Freund mit großer Freude.

»Sieh, liebe Mutter,« sprach er, »dieser da ist schuld, daß Euch Euer Sohn Studiosus nie den üblichen Aerger gemacht hat, denn er glich alle Kalamitäten für mich aus.«

»Glauben Sie ihm nicht, Frau Rath. Herrmann war immer ein Muster der Solidität, und wenn er etwa einmal depensirte, so trug ich die Schuld daran durch mein Beispiel und es war nur die simpelste Gerechtigkeit, wenn ich die Folgen übernahm.«

»Einer besorgten Mutter ist der Sohn selten solide genug und sie muß Gott danken, wenn sie so wenig wie möglich von den Thorheiten seiner Jugend vernimmt.«

»Der Ausspruch paßt kaum auf uns beide, viel weniger auf Ihren Sohn. Seine Geniestreiche könnten auch vor recht strengen Augen noch wohl bestehen; er war ein Muster für uns alle!«

Das Lob des Sohnes schmeichelte der Räthin sichtbar, besonders, da es vor den Ohren Ilonas gehalten ward; nach und nach ward sie etwas weniger feierlich.

»Du bleibst doch zu Tische hier, lieber Viktor?« fragte Herrmann, den die Ankunft des Freundes ganz muthig gemacht hatte.

»Ich will nicht stören.«

»Davon kann gar keine Rede sein, wir betrachten Dich zur Familie gehörig; Du darfst keine Umstände mit ihm machen, Mama.«

Viktor drehte ein wenig erröthend an seinem Schnurrbärtchen, man sah ihm wohl an, daß er gerne dort geblieben wäre, aber es mußte doch erst ein Wort aus dem Munde der Frau des Hauses fallen.

Wohl oder übel mußte diese sich entschließen, es zu sprechen: »Ich würde Herrn v. Strom gerne einladen, mit uns vorlieb zu nehmen, aber wir sind es gar einfach gewöhnt, und junge Herren meistens sehr verwöhnt.«

»Was für uns gut genug ist, ist es auch für ihn,« entschied Lona sehr bestimmt.

»Das meine ich auch und bin so frei, dazubleiben.«

»Das könnte mir noch gerade fehlen, daß sich der hübsche, kecke Mensch hier einnistet,« dachte die Räthin, als sie widerwillig genug in die Küche gieng, das Essen ein wenig zu verfeinern. »Herrmann ist und bleibt der unpraktischste, blödeste Junge von der Welt!«

Aber es half der besorgten Mutter gar nichts; Viktor war seit diesem Tage ein ofter Hausgenosse, der in seiner harmlosen Fröhlichkeit gar nicht die kalten Blicke und das wortkarge Benehmen der Räthin zu merken schien. Amüsirte er sich doch mit den jungen Leuten trefflich, und wurden mit ihnen doch schöne, weitgehende Pläne für allerlei Vergnügungen und Zerstreuungen des Winters gemacht.

In einigen Tagen sollte Lona ihren neunzehnten Geburtstag begehen und die arme Tante entsetzte sich fast, als das junge Mädchen den Wunsch aussprach, diese Feier mit einem kleinen Hausball begehen zu wollen.

»Aber Ilona, bedenke doch, wie würde das in unserem stillen Hause passen?«

»Warum ist unser Haus so still, Tante Alma? Das ist ein Fehler, ja, es ist mehr, es ist unnatürlich, denn Jugend will Vergnügen haben und Herrmann und ich sind jung. Ich mag mich nicht immer außer dem Hause amüsiren, ich nehme auch keine Einladungen mehr an, wenn Du mir nicht gestattest, sie zu erwidern. Bisher habe ich mir herzlich wenig aus Tanz und Festen gemacht, aber in diesem Jahre habe ich wirkliche Lust zu tanzen. Erlaube es, Tante Alma, laß mich ein wenig in der Welt mitmachen, und sei es auch nur, damit ich einsehe, daß nicht viel hinter diesen Vergnügungen steckt.«

»Ja, wenn ich wüßte, daß Du zu dieser Einsicht kämst!«

»Versuche es, Tantchen, versuche es, vielleicht hilft die Medizin eher, als Du glaubst.«

»Es ist ja Lonas Geburtstag,« meinte Herrmann, »da muß man ihr doch eigentlich gewähren, was sie sich wünscht.«

»Das meine ich auch. Es ist hübsch von Dir, Herrmann, daß Du Dich für mich verwendest, Du bist doch ein lieber, guter Mensch.«

»Sähst Du das nur immer ein!« entgegnete die Räthin unklugerweise und fühlte nicht, wie sie durch solche Aeußerungen jedes wärmere Gefühl, das Lona für den Vetter empfand, tödten mußte.

»Wenn Ihr mir versprecht, die Einladungen nicht allzusehr auszudehnen, und man nicht von mir verlangt, ein Zimmer auszuräumen oder weitgehende Veränderungen und Möbelumstellungen zu machen, so will ich in Gottes Namen »ja« sagen.«

»Danke, Tante Alma, danke tausendmal! Nun, Herrmann, mußt Du sogleich Herrn v. Strom aufsuchen und ihn herbestellen, damit wir alles Nöthige mit ihm besprechen.«

Da aber brauste die Räthin auf. »Das geschieht nicht,« sagte sie, »in keinem Falle. Wollt Ihr den Ball haben, so richtet ihn Euch auch selber ein; der Leichtfuß thut sich in unserem Hause schon so wie so breit genug. Dispositionen, die er macht, werden für mich absolut keine Geltung haben.«

»Dann geht es auch ohne ihn,« entgegnete Lona leichthin, »insofern Du nur nicht verlangst, daß er unter unsern Gästen fehle.«

»Das setzte ich doch nicht bei Euch durch.«

»Nein, liebe Mutter, Strom ist nicht allein mein, er ist auch Lonas Freund, und ich wüßte niemand, der uns zum Einladen näher stünde, als er.«

»Und Tante Fränzchen und Adelheid Rechberg,« setzte Ilona noch hinzu.

»Macht also Eure Liste, unterbreitet mir heute Abend Eure sonstigen Vorschläge, und ich will sehen, ob ich mit Euren Ansichten einverstanden bin;« hiermit brach die Räthin das Gespräch ab und die beiden blieben allein.

»Wie ich mich auf den Moment freue, wenn Dein Freund die schöne Adelheid plötzlich im Ballstaate sich gegenübersieht! Wie ich aufpassen will, welchen Eindruck das Beschwören dieses Bildes aus alten Tagen auf ihn macht!«

»Ich fürchte keinen angenehmen. Wenn Dir Viktor werth ist, so erspare ihm diese Ueberraschung, Lona.«

»Gewiß nicht. Warum auch?«

»Wenn sich die beiden nun näher gestanden hätten, als Du glaubst?«

»Dann geschieht es ihm recht, sie wiederzusehen, warum hat er sie verlassen!«

»Oder sie ihn.«

»Nein, wenn ich alles glaube, das nicht. Aber ich will prüfen, will endlich wissen, ob Adelheid der Engel ist, für den ich sie halte, oder ob es möglich ist, daß ich mich so täusche! Ich will auch wissen, ob Dein Freund so gut, so ehrlich, so fröhlich ist, wie er sich zeigt, oder zu den Leichtsinnigen gehört, die Mädchenherzen spielend brechen.«

»Das glaubst Du selbst nicht.«

Lonas Augen blickten düster und eine tiefe Falte erschien zwischen ihnen. »Manchmal doch,« sagte sie ernst. »Hat er mich selbst doch schon durch seinen Leichtsinn tief verletzt. Das habe ich vergeben. Weiteres würde ich nicht vergeben, denn wo ich Freundschaft empfinden soll, muß ich achten können.«

»Das kannst Du,« betheuerte Herrmann nachdrücklich.

»Wir werden es sehen!« –

Der Ballabend war gekommen; in einem Punkte stimmten Tante und Nichte überein, sie haßten unnützen Prunk, die Einrichtungen waren in einfachster Weise getroffen. Nur Blumenschmuck hatte Lona in reicher Weise besorgt, und wenn dieses in der jetzigen Jahreszeit immer eine beträchtliche Ausgabe gewesen war, so durfte man dem reichen, sonst so anspruchslosen Mädchen das nicht verübeln. Selbst Lonas Toilette war mehr denn einfach, sie trug ein weißes Tüllkleid, das sie ohne jeden Seidenausputz wie eine duftige Wolke umfloß, ihren Hals schmückte eine Korallenkette, ihre dunklen Locken eine einzige Granatblüte.

Der Anzug paßte zu der frischen lebhaften Persönlichkeit des jungen Mädchens vollkommen, und selbst Herrmann konnte nicht umhin, sie reizend zu finden.

Aber er hütete sich wohl, sie das merken zu lassen, hatte er doch heute erst einen Blick in das Herz der reichen Cousine gethan, der ihm zeigte, wie mißtrauisch dieses junge Geschöpf war.

Als er ihr am Morgen seine Gratulation mit ein paar Blumen dargebracht, da hatte er sie bereits von den kostbarsten Blumenspenden umgeben, aber mit verweinten Augen angetroffen.

»Ist Dir heute an Deinem Wiegenfeste schon etwas Betrübendes passirt?« hatte er theilnehmend gefragt.

»Eine Unverschämtheit war das erste, das mir der Morgen brachte,« entgegnete sie noch so erregt, daß sie dem Vetter einen Brief darreichte, den sie in ruhigen Momenten sicher niemanden mitgetheilt hätte.

Das Schreiben enthielt einen Heirathsantrag des Assessors von Herz.

»Und dadurch fühlst Du Dich beleidigt?«

»Habe ich dazu etwa kein Recht?« Was weiß der Mann von mir, was kennt er? Wenns hoch kommt, sind wir achtmal in Gesellschaft mit einander gewesen, und da mir seine affektirte Art zuwider war, habe ich ihn stets mit großer Ungezogenheit behandelt. Aber was thut das? Die heutige Männerwelt nähme auch einen Kobold zum Weibe, wenn dieser Kobold nur sein gehöriges Goldsäcklein mit sich hätte.«

»Und was wirst Du antworten, Lona?«

»Ich habe schon geantwortet: daß ich das Werben eines Mannes um ein ihm fast fremdes Mädchen zu sehr als eine Beleidigung dieses Mädchens ansehe, um nicht zu wünschen, daß Herr v. Herz die für heute Abend gegebene Einladung als nicht erhalten achten möge.«

»Das ist stolz und übermüthig, Lona, vielleicht auch ungerecht. Warum soll ein Mann nicht wirkliche Liebe zu einem Mädchen empfinden können, auch wenn er es nur wenigemale sah?«

»Leben wir zur Zeit Romeos und Julias? Und wer weiß, ob der stolze Montague Julien eines Blickes gewürdigt hätte, wenn sie anstatt aus edlem, wenn auch feindlichem Geschlechte zufällig eine Veroneser Blumenverkäuferin gewesen wäre! – Man wird nüchtern, lieber Vetter, wenn man sich als Waare behandelt sieht; dieses ist der fünfte Heirathsantrag, der mir geworden, seit ich aus der Pension bin, und die anderen Bewerber waren mir noch fremder. Es scheint, mir Nahstehende verlieren die Lust, mich mit all' meinen Fehlern zu wollen.«

Welche herrliche Gelegenheit wäre diese halb ärgerliche, halb scherzende Wendung Ilonas für Herrmann gewesen, sie des Gegentheils zu versichern und um der Mutter willen selbst um die Hand der Cousine zu werben, aber seiner ehrlichen Natur kam dieser Gedanke nicht einmal.

»Liebtest Du Herrn v. Herz, so dächtest Du anders,« sagte Herrmann ruhig. »Aber da ist nichts zu machen: ›die Lieb‹ ist Gab' und Güte, die Lieb' ist keine Pflicht' singt schon der gute alte Flemming.«

»Das wäre traurig,« entgegnete Lona heftig. »Da könnte man ja auch lieben, wo man nicht achten dürfte.«

»Und passirt das etwa nicht?«

»Davor werde ich mich hüten,« meinte Ilona nun sehr bestimmt, »nur wo ich verehren und emporschauen könnte, würde ich mein Herz verschenken – wenn ich es denn je thun sollte!«

Herrmann hatte zu diesen Worten überlegen gelächelt, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, daß er ja auch nur theoretisch urtheilte. Im Laufe des Tages hatte sich Lona über die ihr angethane »Schmach«, wie sie fortfuhr, das Attentat auf ihre Freiheit zu nennen, doch etwas beruhigt. Am Abend sah den hellen Augen kein Mensch mehr an, daß sie heute Morgen Thränen der Wuth vergossen hatten. Mit liebenswürdiger Lebhaftigkeit empfieng sie ihre Gäste, wobei ihr die Majorin, die in ihrem weißen mit rother Chenille reich gestickten Kleide und unter dem bunten Feldblumenkranze jugendlicher denn je aussah, mehr denn die Frau des Hauses beistand.

Ungeduldig schaute Lona auf die Thüre, in jedem Ankömmling Strom oder Adelheid erwartend. Aber während dessen sie diesen zwei Personen mit Spannung entgegensah, hatten diese sich zu Adelheids gutem Glück bereits getroffen und erkannt. Gerade in demselben Augenblicke, als Viktor an der Portierglocke um Einlaß schellte, war eine Dame einem Wagen entstiegen, die ebenfalls ins Haus wollte. Selbstverständlich ließ der junge Mann ihr den Vortritt. Sie dankte und trat ins Haus, blieb dann aber am Fuße der teppichbelegten Marmortreppe, die alle neuen Häuser Berlins haben, stehen, um nach dem Herrn die Stufen hinanzusteigen. Bei dieser Gelegenheit sah sie das Gesicht desselben. Sie stutzte, schrak zusammen, faßte sich aber schnell und rief: »Sehe ich recht, Herr v. Strom!?«

Viktor wandte sich um und verbeugte sich mit schweigender Bejahung vor der Fragerin, deren Haupt mit einem so dichten Spitzenschleier umhüllt war, daß man nicht viel mehr als ein paar glänzende Augen und ein feines, weißes Näschen sehen konnte.

»Sie kennen mich nicht mehr – Adelheid Rechberg.«

Eine Blutwelle färbte das Antlitz des jungen Mannes wie Purpur. »In der That, mein Fräulein –« stammelte er.

»Ich hätte Sie vielleicht auch nicht so auf den ersten Blick wieder erkannt,« gab Adelheid elegisch zurück, »aber ich wußte, daß Sie mit Ilona Munhazy bekannt sind, und da ward das Erkennen leichter. Aus dem schmächtigen Studiosus von ehemals ist ein Mann geworden – und aus dem thörichten Kinde ein altes Mädchen,« setzte sie dann leiser hinzu.

Viktor schlug die Augen zu Boden, er konnte in diesem Momente nichts entgegnen.

Adelheid sah diese Verwirrung und war klug genug, sie auszubeuten. Eine schmale, in knappen, hellen Glacehandschuhen steckende Hand legte sich auf seinen Arm, zwei Augensterne schauten ihn flehend an. »Sie werden Gentlemann sein,« sagte sie dringend, »Sie werden sich hier meines Taufscheins nicht erinnern, denn das hieße, mich in den Ballsälen unmöglich machen und etwas, etwas will ich doch noch vom Leben haben! Oberflächliche Bekannte kennen gegenseitig nicht das Jahr ihrer Geburt. Nicht wahr?«

»Zu Befehl!« flüsterte Viktor.

Andere Gäste kamen die Treppe hinauf, die beiden trennten sich, um nach den verschiedenen Garderoben zu gehen.

»Welch ein Glück, daß Gertrud sich zu unwohl fühlte, um mich zu begleiten,« dachte Adelheid und ihr Herz klopfte bei dem Gedanken, welche Beschämung ihr der Schwester unvorsichtiges schadenfrohes Benehmen hätte bereiten können! Ein prüfender, fast angstvoller Blick in den Spiegel durchmusterte ernst die eigene Erscheinung. Die Spannung löste sich in zufriedenes Lächeln auf, ja, das blaue, silberdurchwirkte Kleid stand ihr gut. Umgab es nicht die elastischen Glieder wie leichtes Wellenspiel? Die reichen Guirlanden von Schilf und Wasserrosen ließen die Gestalt noch eigenartiger erscheinen, welchen Eindruck die Perlenschnüre in der goldrothen Haarflut noch vermehrten.

»Noch ganz die schöne Loreley von ehedem,« sagte Adelheid sich stolz, »nur klüger und vorsichtiger ist sie geworden. Laß sehen, ob solche Weisheit nicht ein paar dahingeschwundene Jahre wett machen kann!«

Und das schöne Mädchen betrat den Saal mit der bescheidensten Miene der Welt, als sei es sich seiner Herrlichkeit gar nicht bewußt.

Lona trat der Freundin lebhaft entgegen; jetzt, jetzt sollte der große Moment ja eintreten, in dem sie über die Vergangenheit der beiden Aufschluß erhalten sollte. –

»Sieh hier, Adelheid, einen Bekannten aus Heidelberg,« und damit präsentirte Lona Viktor v. Strom, der neben ihr stand.

»Wir haben uns bereits auf der Treppe gesehen,« gab Adelheid mit größter Harmlosigkeit zurück. »Herr v. Strom freilich kannte mich nicht, du lieber Gott, wie kann man alle Tänzerinnen in seinem Gedächtniß behalten, mit denen man auf ein paar Bällen getanzt! Meinem Gedächtniß kam unser neuliches Gespräch zu statten, wonach ich ja wußte, daß Herr v. Strom ein Freund Deines Vetters ist. Auf diese Beziehung hin wagte ichs, ihm guten Abend zu sagen.«

Das alles klang so harmlos, die Entgegnung Viktors überstieg die konventionelle Versicherung, daß er erfreut über dieses Wiedersehen sei, um keinen Grad, so daß Lona keinen Moment mehr zweifelte, Herrmann habe sich geirrt.

Viktor hatte sie um einen Walzer und den Cotillon gebeten, nachdem diese Touren auf ihrer Tanzkarte vermerkt worden waren, bat der junge Mann Fräulein Rechberg um eine Quadrille. Sie gewährte, fühlte sich aber im Tiefsten verletzt, daß er einen Tanz gewählt, der zu sehr die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, als daß er Zeit zu einer eingehenden Konversation gestattete.

Dieses war auch der Fall, Viktor, sonst so lebhaft und unterhaltend, blieb höflich, aber kalt und einsilbig. Mit Noth konnte Adelheid nur erfragen, wie lange er in Berlin zu bleiben gedenke und daß er im Hotel Metropole abgestiegen sei.

»Warum verschwiegst Du mir, daß Herr v. Strom hier ist? er war dieses bereits seit acht Tagen,« fragte Adelheid die Freundin und sah sie durchdringend an.

»Ich wollte Dich überraschen,« gab Lona lachend zurück, »und ihn auch.«

»Ein andermal, Schätzchen, sorge für eine belangreichere Ueberraschung, diese war nicht der Mühe werth.«

Fühlte Adelheid sich dadurch gekränkt, daß die Vergangenheit gänzlich für Viktor versunken zu sein schien, verdroß es sie, daß er ihr gegenüber wortkarg war und doch bei Lona ersichtlich eine lebensprühende Unterhaltung führte?

Solche Zurücksetzung war das verwöhnte Mädchen nicht gewohnt, und der brennende Wunsch stieg in seiner Seele auf, Viktor zu sich zurückzuführen.

Die arglose Lona merkte nichts, ihr entgieng sowohl der Freundin Verstimmung, wie Viktors Bestreben jener möglichst auszuweichen. Sie konnte es auch nicht hindern, daß ein Gefühl glücklicher Erleichterung in ihr aufstieg, daß sie sich der frohen Lust dieser Feststunden voll und ganz hingab und selbst im Gespräche mit dem jungen Freunde nicht einmal auf Adelheid zurückkommen mochte.

War die schöne Loreley gekränkt, daß aus dem Männerkreise derjenige, der sie in diesem Augenblicke am meisten anzog, sie ignorirte, so gab es Einen, dem dieser Abend auch nicht die erhoffte Freude brachte, dieser Eine war Herrmann.

Er ärgerte sich über Franziska, er ärgerte sich über den widerwärtigen Musikdirektor Schmidt, der die Unterhaltung der jungen Wittwe geradezu gepachtet zu haben schien. Den Cotillon freilich hatte sich Herrmann vorbehalten, was aber half das? Tantchen war eine so beliebte Tänzerin, daß der Stuhl neben ihm meistens leer blieb.

»Nun, das muß ich sagen, Tante Fränzchen, für andere habe ich Dich nicht engagirt,« brummte er. »Willst Du vielleicht die Güte haben, mir zu erklären, warum Du mich in letzter Zeit so gräßlich behandelst?«

»Sei nicht unvernünftig, mein Junge, das geschieht zu Deinem Besten. Sieh, wenn ein junger Mann gar zu viel mit verwandten älteren Damen verkehrt und sich bei ihnen wohl fühlt, so wird er gar bequem gegen andere Gesellschaft und das ist nicht gut. Du kümmerst Dich bei weitem nicht genug um die jungen Damen, Du mußt zumal heute, als Sohn des Hauses, galanter sein. Geschwinde, die Sträußchentour beginnt, laß Dir die besten Blumen nicht wegnehmen, bringe sie den schönsten und liebenswürdigsten jungen Damen.«

»Wem? Mir sind alle gleich, sie können mir alle gestohlen werden.«

»Wie abscheulich, wie unritterlich! ganz eines blasirten Herrn der Jetztzeit würdig!« Damit schwebte Franziska wieder dahin, dieser ewig lästige Schmidt hatte ihr den ersten Strauß gebracht.

Melancholisch schaute Herrmann ihr nach. »Es ist gewiß ein Mißgeschick,« sagte er sich, »daß die Einzige, die mir je gefallen hat, meine Tante sein und mich ›Junge‹ nennen muß!«

Viktor tanzte mit Lona vorbei. »Welche Werthermiene Herrmann?« rief er diesem spottend zu.

Herrmann ermannte sich, er holte Blumen, er vertheilte sie, aber alles mechanisch und pflichtgemäß. »Ich bin nun einmal kein Gesellschaftsmensch,« tröstete er sich. –

Das Geburtstagskind hatte den kleinen Hausball so gelungen gefunden, daß es vor Dankbarkeit Onkel und Tante Rath um den Hals fiel, als das Fest zu Ende war, und ausrief: »So etwas sollten wir jede Woche arrangiren, es ist himmlisch, sich im eigenen Hause zu amüsiren.«

»Dann könntet Ihr mich nur gleich begraben,« entgegnete der Rath mit Emphase, »jetzt ist es vier Uhr Morgens, seit sechs Stunden sehne ich mich nach meinem Bett.«

»Mir hat die lärmende Tanzmusik eine solche Migräne zugetragen, daß der morgende Tag verloren sein wird,« setzte die Räthin hinzu. »Aber ich hoffe, Lona wird nun endlich einsehen, welche liebenswürdige Verwandte sie hat, die keine Unbequemlichkeit scheuen, sobald es nur gilt, ihr Freude zu bereiten.«

Das Mädchen sah nicht sehr gerührt durch solche Aufopferung aus, es zuckte leicht mit den Achseln. »Jung und Alt paßt eben schlecht zusammen,« meinte es leichthin, »das weiß ich, wenn ich einmal meine eigene Herrin bin, dann sollen sich die Leute in meinem Hause amüsiren. Es gibt ja gar nichts Hübscheres, als anderen Freude zu bereiten!«

Viktor legte den Weg bis zu seinem Hotel zu Fuße zurück, es gieng ihm allerlei durch den Kopf, das ihn die Frische der kalten Winternacht angenehm empfinden ließ. Seine leichtlebige Natur hatte zwar die überraschende Begegnung mit Adelheid Rechberg schnell in dem muntern Beisammensein mit seiner kleinen Freundin überwunden, aber die schöne Loreley hatte ihm beim Abschied einen so bedeutungsvollen, bitteren Blick zugeworfen, daß die Vergangenheit mit einem Male vor seinem geistigen Auge erstand.

Er sah sich in eine Zeit gerückt, wo er als junger Musensohn erst wenig Semester hinter sich hatte. Aus dem gemüthlichen, von klassischen Erinnerungen getränkten Jena war er nach dem schönen Heidelberg gekommen, wo Natur und Leben in reicheren Erscheinungen vor ihm aufgiengen. Er war ein glückliches Menschenkind gewesen; studirte er doch wahrhaft ›zum Vergnügen‹, denn das Studium war für ihn keine Last, sondern eine Freude.

Freundschaften knüpften sich, schöne Ausflüge ins ›alte romantische Land‹ wurden gemacht, ein stets voller Beutel, die Gabe der damals noch lebenden Eltern, that das Seinige dazu keine Sorge aufkommen zu lassen. Ein kräftiger, gesunder Körper ließ Viktor auf der Höhe des Lebensgenusses stehen und machte ihn bald zum hervorragendsten Mitglied seines Kreises. Bald wußte man in der kleinen, eleganten Stadt von manchem Geniestreiche zu erzählen, bei dem der junge Strom eine hervorragende Rolle gespielt: aber des Studentenübermuthes gewohnt, verübelte man den jungen Leuten ihre Sturm- und Drangperiode nicht weiter, zudem nichts Unedles daraus zu berichten war.

Da änderte sich mit einem Male das Leben, die weiten Streifereien in Wald und Feld verloren für den Jüngling ihren Reiz, die wilden Gelage ekelten ihn an – und die diese Aenderung vollbracht hatte, war ein Mädchen. Ein Mädchen mit schönem goldenem Haar und wunderbar glänzenden Blauaugen! Es war nicht die erste, vage Schwärmerei eines Jünglings, wie sie Romeo für Rosalinde empfand, es war die starke, mächtige Empfindung, die zur Leidenschaft reifen und fürs Leben dauern kann, wenn die Flamme Nahrung findet!

Und fand sie diese nicht? Nur zu sehr. Das schöne, vielbegehrte Mädchen ermuthigte den ob seiner Jugend sich nur schüchtern hervorwagenden Bewerber, es nahm sein Geständniß mit Huld entgegen, es ließ ihm die Hoffnung im rosigsten Lichte strahlen! Und endlich, als der arme junge Schiffer nichts mehr wünschte und wußte, als sein Lebensschifflein nach jener herrlichen, wundersamen Maid hinzusteuern, da wandte sich die stolze Loreley lachend ab – denn ein anderer war in Sicht, ein anderer, der Herr seines Willens war, bei dem es keine Eltern mehr zu fragen, keine Jahre des Wartens mehr zu überwinden gab.

Und was der Jüngling nie geglaubt, geschah ihm doch nun selbst, ein Spielzeug war er und sein heiligstes Gefühl gewesen in der Hand eines herzlosen, klugen Mädchens! –

Nun war eine trübe Zeit angebrochen, die Leere, die Oede im eigenen Herzen hatte Viktor nicht anders bannen zu können geglaubt, als daß er sich in den raschen Strudel des Lebens geworfen hatte – der so manchen schon verschlungen. Da aber war die Kunde zu ihm gelangt, daß sein Vater gestorben, sein Vater, dem er mit der innigsten Kindesliebe angehangen hatte. Das weckte ihn. Er eilte heim; er tröstete die seit langem leidende Mutter und fand sich in solchem Troste wieder. Auch die Mutter starb, der reiche, junge Mann war arm geworden, eine Waise! Er übergab sein Gut dem alten, bewährten Verwalter, es litt ihn nicht in der grünen Einsamkeit.

Viktor wandte sich zur letzten Vollendung seiner Studien nach dem stillen Tübingen, und hier, im anmuthigen Schwabenländle gesundete bei tüchtigem Studium und bei naturgemäßem Leben sein viel geprüftes Herz und die angeborene Heiterkeit seiner Seele kehrte allmählich wieder. Noch gehörte ihm ja die Welt, das Leben lag, wenn auch verschleiert, so doch reich und hoffnungsvoll vor ihm, es zog ihn hinaus. Umfangreiche Reisen erweiterten seinen Blick und hatten das Herz längst von der tiefen Narbe erster, trüber Erfahrung geheilt! Er glaubte sich durch diese gefeit vor Frauenliebe, er spottete des Bemühens sorgsamer Mütter, ihn in Hymnens Banden zu schlagen. Er war zu klug, um nicht zu wissen, daß es der Gutsherr war, dem diese Aufmunterung galt, und hatte nicht vergessen, wie es demjenigen, der noch kein Erbe gewesen, ergangen war.

An die, die zuerst von seinen Augen den schönen Schleier idealer Anschauung hinweggezogen, hatte er lange nicht gedacht, und nun hatte sie, die er lange vermählt geglaubt, ihm wieder gegenüber gestanden in alter Schöne – aber nicht in alter Macht!

Nein gewiß nicht; das fühlte er. Was ist die schöne Form, wenn die schöne Seele verflüchtigt ist? Merkwürdig, Viktor hatte jetzt nur ein Gefühl, das des Unbehagens, daß diese gefährliche Sirene in der Nähe der jungen, kleinen Freundin weilte, deren Athem Natur und Unschuld war!

Und sie schienen vertraut diese so wenig gleichartigen Mädchen, sie nannten sich mit dem vertraulichen ›du‹, sie hatten sich umarmt. Das durfte nicht sein; mit dem festen Entschlusse dieser Intimität zu steuern, entschlief Viktor an diesem Abend.

Wenn der junge Mann der kleinen Freundin gesagt hatte, daß er diesen Winter sichs noch gut sein lassen wolle, da es die letzten Ferien für ihn sein sollten, so schien er das buchstäblich zu nehmen, da er Befehl gegeben, ihn niemals zu wecken.

Nach durchtanzter Nacht schläft sichs gut, es war zehn Uhr Morgens und die Wintersonne stand hell am Himmel und schien durch bereifte Scheiben, als Viktor endlich erwachte. Er stand auf und klingelte nach seinem Frühstück. Der Kellner brachte dasselbe und mit ihm zugleich ein kleines, duftendes Briefchen von Damenhand.

Erstaunt öffnete er dasselbe, es war von Adelheid und lautete:


Herr von Strom!

Als ich Sie gestern wiedersah, war ich zu bewegt, ja erschüttert, um Ihnen das sagen zu können, was ich Ihnen sagen muß, was mich vor Tagesanbruch dazu treibt, Ihnen zu schreiben. Ich appellire an Sie als Edelmann, ich flehe Sie an, sagen Sie nichts gegen mich aus, was meine Stellung hier erschüttern, meiner Freundschaft mit Ilona, die mich beglückt, ein Ende machen müßte.

Sie hassen mich, ich weiß es. Aber Sie thun unrecht daran, Sie sollten mich vielmehr beklagen; was ich gegen Sie gefehlt, ist nur die Folge einer thörichten Vergötterung, welche die Welt mit einem Mädchen trieb, das das Unglück hatte, schön und – arm zu sein! Wenn ich jung und unvernünftig Huldigungen für ächt nahm, die es nicht waren, wenn ich im Uebermuth ein vielleicht treues Herz mißachtete, um mich von einem falschen verrathen zu sehen? Wer ist da der beklagenswerthere Theil? Ich war stolz und übermüthig, ich gebe es zu, ich hielt eine Krone gerade gut genug für mich, was Wunder, wenn ich glaubte, jener russische Fürst würde Ernst machen! Wer trägt die Schuld, daß ich so ward? Die Männer! die von Liebe und Treue singen, die die Schönheit für die Siegerin der Welt erklären und dann hingehen und eine ›Reiche‹ oder ›Geborene‹ heirathen. Ich beschönige nicht, was ich gethan, ich war kokett, ich wollte gefallen und es verschlug mir wenig, ein Herz zu betrüben. Brechen Männerherzen doch nicht wie die unseren, leiden sie doch nicht durch Jahre an der fürchterlichen Dauerhaftigkeit des Gefühls! Aber jene Adelheid ist längst nicht mehr, sie ist gestorben in der schönen, lustigen Bergstadt mit ihrer Jugend. Diese Adelheid, die Sie nun vor sich sehen, Herr v. Strom, ist ein häusliches, bescheidenes Mädchen, das sich schon glücklich preist, den letzten Rest seiner Jugend in schlichten, aber geachteten Verhältnissen zu verbringen; sie greift nicht mehr nach den Sternen, sie ist zufrieden, wenn ihr das wird, was man jeder anderen mittellosen Professorentochter gewährt!

Aber eine Angst foltert sie Tag und Nacht: Die Thorheiten ihrer Jugend könnten ihr die durch jahrelanges vorsichtiges Dahinleben errungenen Vortheile rauben, sie könnten, wenn sie hier bekannt würden, einen Schatten auf die reine Jugend der schuldlosen, jüngeren Schwester werfen. Das ertrüge ich nicht.

Darum was zwischen uns gewesen, lassen Sie es vergessen und vergeben sein!

Ich sage nicht: »werden Sie mein Freund!« ich wage es nicht, obgleich die Erinnerung an Sie eine der werthvollsten meines Lebens ist. Aber ich sage: »Werden Sie nicht mein Feind!« und ich darf hinzufügen: lernen Sie mich jetzt kennen und Sie werden mir die Anerkennung nicht versagen können, daß ich redlich gestrebt, die unschönen Eigenschaften meines Charakters zu verbannen! Daß ich so ungeschminkt die Wahrheit aussprach, mag Ihnen zeigen, wie Sie stets für einen Ehrenmann hält

Adelheid Rechberg.


Lange saß Viktor mit diesem Briefe in der Hand gedankenvoll da. Er überflog ihn wieder und wieder. »Armes Mädchen,« sagte er dann, »was mußt Du gelitten haben, daß Deine stolze Seele sich also beugt. Wer wirft den ersten Stein? Nicht ich! Ich nicht! Du sollst nicht vergebens an meine Großmuth appellirt haben. Die Vergangenheit ist vergeben: vergeben und vergessen. Von jetzt ab will ich Dir ohne Vorurtheil entgegentreten, armes, schönes, geprüftes Mädchen!



Neuntes Kapitel.

Ein neuer Stern.

Der Winter war mit Macht ins Land gezogen: wer nur irgend Pelze besaß, der holte sie hervor, denn der Wind fegte schneidend durch die Straßen, und die Erde knisterte unter den Tritten der Wanderer.

Die Seen und Kanäle waren gefroren und boten der Jugend das lang ersehnte Vergnügen des Schlittschuhlaufens. Die Pferde- und Stadtbahnen, die zu den schön geschmückten und bunt bewimpelten Eisplätzen führten, waren überfüllt, denn an Vergnügungslust stehen die Berliner keinem andern Völkchen der Erde nach, ob sie gleich tüchtigere Arbeiter denn manche anderen Stadtbewohner sind.

Auch unsere kleine Gesellschaft, bestehend aus Tante Fränzchen, Lona, den beiden Rechbergs, Herrmann, Viktor, und ein paar Freunden des Ersteren, brachte manchen schönen Nachmittag damit zu, auf der spiegelglatten Fläche dahinzugleiten.

Sie hatten dazu einen Platz in der Nähe des zoologischen Gartens erwählt und legten den Heimweg meistens zu Fuß durch den Thiergarten zurück, der in seinem winterlichen Schmucke gar stattlich erschien. Während das schöne Gezweige der nackten Aeste sich entweder schwarz vom winterlich blauen Himmel abhob, oder der Reif wie Glasur auf ihm lag, stand das viele Unterholz aus dem Geschlecht der Tanne und das Wintergrün in vollster Frische da und gab einen schönen Kontrast.

Alle Alleen waren mit bunter Menge angefüllt, die obligaten Invaliden ließen ihre Leierkasten spielen, die Bretzelfrauen boten ihre wenig verlockenden Waaren aus, bewegtes Leben allüberall. –

Lona hatte sich bald die verlernte Fertigkeit im Schlittschuhlaufen wieder gewonnen und war bald die Kühnste des kleinen Kreises. Tante Fränzchen zog vor, sich auf einem Stuhlschlitten auf dem Eise umherfahren zu lassen; selbst noch den geflügelten Schuh anzulegen, dazu schien ihr die Zeit doch vorüber.

Viktor, der nun schon öfter mit Adelheid zusammen gekommen war, hatte ihr gegenüber stets etwas sehr Respektvolles; bestätigte doch ihr ganzes Wesen, daß jene anders geworden war, und selbst das Auge des schärfsten Tadlers hätte an dieser Mädchenhaftigkeit des Auftretens nichts aussetzen können. Ja, oft war die wohlthuende Gelassenheit Adelheids geradezu erquickend neben der allzugroßen Lebhaftigkeit Lonas. Diese sollte nämlich wieder in alter Weise erwachen, als vierzehn Tage vor dem Weihnachtsfeste plötzlich ein Gast aus der ungarischen Heimat anlangte – Ilka v. Milhany.

Ilka und Lona hatten als Nachbarskinder ihre erste Jugend mit einander verbracht und waren sehr anhänglich aneinander. Lange schon war es Ilkas Wunsch gewesen, die Freundin in der nordischen Hauptstadt zu besuchen, eine bestimmte Einladung ließ sich jedoch stets vergebens erwarten. Da hatte das unternehmende Mädchen den Papa vermocht, mit ihr nach Berlin zu reisen und Lonas Tante geradezu zu bitten, Ilka, die sehr musikalisch war und in der Hauptstadt Musikstudien machen wollte, für einige Monate in Pension zu nehmen. Gerne that Frau Rath Alsen das nicht; zwei Wildfänge, und dazu verwöhnte, um sich zu haben, war keine Kleinigkeit, aber Lona ergriff diesen Gedanken mit einer solchen Lebhaftigkeit, daß es kein Ausweichen mehr gab.

Bald aber fand die Räthin, daß sie die Aufnahme der zweiten kleinen Ungarin nicht zu bereuen habe. Ilka war ein gutes, weiches Kind, selbst nicht besonders schön mit ihrer breiten Nase und ihren Sommersprossen, bewunderte sie Lona bis zur Anbetung. Sie that blind, was diese wollte, und da Lona sehr vergnügt war, die Vertraute ihrer Kinderjahre da zu haben, so war sie auch weit zufriedener und die Frau Rath ward eigentlich wenig aus ihrer Ruhe gestört.

Ganz besonders aber liebte der Rath die neue Hausgenossin, noch nie hatte ihn ein Mensch mit der Aufmerksamkeit behandelt, wie sie es that. Sie brachte ihm sein Pfeifchen, zündete es an, ja rauchte es sogar an, wie sie das von ihrem Papa gewöhnt war. Sie rückte seinen Lehnstuhl in die Nähe des Ofens, denn der arme Mann war gar empfindlich gegen Zug, schälte ihm jede Kartoffel bei Tische, erbot sich zum Vorlesen der Zeitung, kurz war so rücksichtsvoll, wie es nur eine liebende Tochter sein kann.

Aehnlich gieng Ilka der Räthin an die Hand, sie war eben, was man so ein kleines Wirthschaftsgenie sein nennt, konnte niemals feiern und hatte Geschick zu allen Dingen. Dazu war sie eine sehr heitere zufriedene Natur. Daß Berlin sie entzückte, war ja nur natürlich, aber es war gar so naiv und herzig, wie sie dieses ihr Entzücken heimkehrend kund that. Man mußte dem lieben Kinde gut sein und man war es auch, ja die Räthin sagte oft: »Lona, Du kannst Dir Deine kleine Freundin als Beispiel nehmen«.

Unsere kleine Heldin dachte über dieses Wort nach. »Was heißt das nur, sich jemand zum Beispiel nehmen?« philosophirte sie. »Bald soll ich sein wie Adelheid, das heißt sanft, bescheiden, lieblich, geschickt, kurz ein Muster weiblicher Vollkommenheit: bald ein Kindskopf wie Ilka, der alles noch für Gold nimmt, was man ihm gibt, und den ganzen Tag wie eine Lerche fröhlich ist. Das kann ich nicht.«

»Höre Ilka, wie fängst Du es an, daß Du nie ungeduldig bist, daß Dir ein Tag ist, wie der andere, und Du mit allen Menschen gleich liebenswürdig sein kannst?« fragte sie.

Das Mädchen schüttelte sein Köpfchen, dessen einzige Zierde aus zwei tüchtigen, blonden Zöpfen bestand. »Ich weiß es nicht,« entgegnete es, »ich bin halt immer vergnügt. Jeder Tag bringt doch mindestens eine Freude, hier noch mehr. Ach, ist Euer Berlin schön, ein Paradies! Wie kannst Du nur Sehnsucht nach unsern Steppen haben?«

»Und wie habe ich die! Kommst Du Dir hier nicht manchmal wie ein gefangener Vogel vor?«

»Ach geh', Ilona, Du scherzest. Wie sollte ich wohl! Das Herumspringen und Laufen muß doch einmal aufhören, man ist doch eine junge Dame. Höchstens vermisse ich das Reiten, dafür aber geben mir Eure wundervollen Konzerte, die herrlichen Theater und die weit reichere Geselligkeit, die man hier haben kann, mehr denn Ersatz.«

»Du hast also keine Sehnsucht nach der Heimat, Ilka?«

»Keine«.

»Mir ists recht, dann bleibst Du recht lange hier, und seit Du da bist, ist auch für mich dieses langweilige Haus verwandelt.«

»Wie Du dieses Haus langweilig heißen magst, begreife ich einfach nicht.«

»Wer ist denn etwa hier interessant? Der gute Onkel, der vor lauter Angst vor der Frau oft bei Tische keine drei Worte spricht? Die Tante, die immer mit einer Inquisitormiene dasitzt? Oder der Vetter Herrmann, dem man kühnlich den Beinamen »der Schweiger« beilegen könnte?«

»Ilona, weißt Du, daß Du ein recht schlimmes, moquantes Mädchen geworden bist? ich hätte das nie von Dir geglaubt. Ich finde zum Beispiel, daß Dein Onkel ein so lieber, guter Mann ist, daß noch besser mit ihm fertig zu werden ist, als mit Papa, der doch zuweilen wettert und brummt. Deine Tante aber erscheint mir als das Muster einer feinen Dame und tüchtigen Hausfrau; ich lerne viel von ihr, habe mir auch schon eine ganze Reihe ihrer Rezepte abgeschrieben. Und was Deinen Vetter betrifft –«

»Nun, da bin ich aber neugierig.«

»So solltest Du bedenken, daß geistreiche Männer nie viel sprechen!«

Lona lachte laut. »Also geistreich ist Herrmann? Wirklich geistreich? Welch ein thörichtes Mädchen war ich, das nicht längst zu entdecken! Aber wie wird er erfreut sein, das zu vernehmen.«

»Lona! Du willst es ihm sagen? Ja, bist Du denn meine Freundin nicht mehr? Darf ich nicht mehr zu Dir reden, wie mirs ums Herz ist?«

»Doch, das sollst Du, meine Ilka,« entgegnete Ilona, nun schnell weich geworden durch den innigen Ton des guten Kindes. »Ich scherzte nur. Schätze ihn immerhin, meinen ernsthaften Vetter Herrmann, er verdient es vielleicht mehr als andere, die brillante Gaben haben.«

Lona ließ unerörtert, wer diese anderen seien, aber die Aeußerung mochte sich wohl auf Viktor beziehen, der neuerdings gar zu gleichmäßig seine Zeit und sein Interesse zwischen der jungen Wittwe, den Rechbergs und ihr zu theilen pflegte.

Hier war Lona nicht gerecht; behielt sie sich die Freiheit des Verkehrs, so konnte sie dieselbe Viktor nicht verargen; um so weniger, als ihr junger Freund aus seinem sehr ausgebildeten Unabhängigkeitsgefühl niemals ein Geheimniß machte.

Lona war im Grunde doch ein verwöhntes, stolzes Mädchen, glaubte sie sich auch nur um ein Weniges vernachlässigt, so konnte sie förmlich unhöflich sich zurückziehen. So eines Nachmittags auf dem Eise.

Viktor von Strom war auf dem Hinwege mit der Majorin gegangen und so war es ganz natürlich, daß er sich ihr zuerst zum Kavalier anbot, sie auf dem Eise umherzufahren. Das währte Lona zu lange. Denn, obgleich sie junge Herren genug hatte, die sich ein Vergnügen daraus machten, mit ihr zu laufen, amüsirte sie sich nun einmal ohne ihren jungen Freund nicht. So schlug sie denn das ganz entgegengesetzte Gleis ein, und Ilka und die Herren ihrer Begleitung folgten ihr. Mit einem Male sahen sie alle Schlittschuhläufer einer Stelle des Ufers zulaufen, die sonst gemieden ward, da ausgesteckte Reiser die Unsicherheit verriethen, die diese dünne Eisdecke gewährte. Voller Aufregung eilte ihr die Majorin entgegen. »Denke, welches Unglück! Fräulein Rechberg, die sonst so Vorsichtige, ist eingebrochen und Herr von Strom eben dabei, ihre Rettung zu versuchen.«

Lona fühlte, wie es ihr schwarz vor den Augen ward, was während der nächsten Minuten vorgieng, daran hat sie sich auch später nur dunkel erinnert. Wie im Traum sah sie eine Gestalt mit langem triefenden Haar an sich vorbeitragen, hörte Schreien und Rufen und fand sich erst wieder, als Herrmann, der sie zu einem Sitze geführt und ihr die Schlittschuhe abgebunden hatte, zu ihr sagte: »Fasse Dich, Lona, nimm Dich zusammen, laß uns sehen, was aus den Zweien geworden ist; denn Viktor habe ich noch mit keinem Auge erblickt.«

Der Name schnellte sie empor, sie sah um sich, alle Bekannten waren verschwunden; vor der kleinen Kaffeehütte stand ein dichter Menschenknäuel. Hierhin strebten auch die beiden. Es war kaum möglich durchzukommen, und dazu das wüste Durcheinander von Stimmen.

»Ob sie lebt?« fragte eines.

»Das wäre ein Wunder,« entgegnete ein anderes, »es ist bitter kalt: an solchen Tagen büßt man ein unfreiwilliges Bad mit einem Schlagflusse.« »Aber der brave junge Mann war ja wie der Wind hinter ihr her, sie hat kaum eine Minute im Wasser gelegen, als er sie auch schon hoch empor hielt!«

»Zum Dank hat er vielleicht selbst etwas davon getragen, es währte ja eine Ewigkeit, bis es gelang, ihn mit den Picken herauszuholen.«

»Die Eisdecke brach wie eine Eierschale.«

»Ich hätte mein Leben nicht wagen mögen. Wer hieß sie auch über die gefährliche Stelle laufen wollen. Die ausgesteckten Reiser sind doch, weiß Gott, sichtbar genug.«

So tönte es durcheinander.

Endlich hatte Herrmann einen Weg für Lona ins Allerheiligste gebahnt; neben dem kleinen Herde, hinter dem Vorhang, der denselben von dem Kaffeeraume trennte, lag Adelheid bleich – regungslos! Ein zufällig anwesender Arzt stand über sie gebeugt, ihr Odem einblasend; Tante Fränzchen kniete und rieb das Herz der Ohnmächtigen, deren Kleider man geöffnet hatte. Gertrud stand hilflos dabei und jammerte: »Was werden die Eltern sagen!« Sonst hatte man niemanden den Zutritt zu dem kleinen Raume gewährt. Endlich hatten die Bemühungen Erfolg, die Todtenbleiche schlug matt die Augen auf, um sie zwar gleich darauf wieder zu schließen.

»Sie lebt,« rief der Arzt aufathmend. »Jetzt schnell einen Boten nach den nächsten Häusern gesandt, um trockene Kleider und einen Wagen zu beschaffen.«

Lona riß ihren Pelz herunter, warf ihn der Freundin über und stürzte in das Vorgemach, die Befehle des Doktors ausführen zu lassen. Da erblickte sie Viktor; triefend vor Nässe stand er da und man war soeben bemüht, ihn mit warmen Schlittendecken zu trocknen und zu umwickeln. Seine Mienen waren leichenblaß, dennoch lachte er. »Es ist nichts,« sagte er, die Besorgnisse Herrmanns zurückweisend, »ein tüchtiges Glas Grog, frühes Zubettegehen, und die Sache ist in Ordnung.«

Ein heftiger Thränenstrom stürzte bei seinem Anblick aus Lonas Augen.

»Um Gotteswillen, was ist?« fragte nun auch Viktor sehr ernsthaft. »Geht es da drinnen schlecht?«

»Nein. Es soll ein Wagen und frische Kleider geholt werden – die Gerettete lebt.«

»Viktoria, so ist ja kein Grund zum Weinen mehr.«

»Aber Sie, Sie können sich den Tod geholt haben.«

»Mit meinen neunundzwanzig Jahren, das wäre eine Schande für meine Konstitution. Gewiß nicht! – Herrmann, links den Weg hinauf, an den Birken vorbei, steht ein Landhaus, die Leute sollen uns warme Kleidungsstücke geben, sie mögen wollen oder nicht!«

Herrmann und zwei weitere junge Leute stürzten fort.

Man drang in Viktor, sich der furchtbar nassen Oberkleider zu entledigen, er war nicht dazu zu bringen, nahm jedoch den großen Pelz eines gutmüthigen Kutschers dankbar an und schlüpfte in die ihm dreimal zu weite Hülle. Unterdessen brachte man den dampfenden Grog und Strom erklärte, daß er sich nun so wohl fühle, daß er Lust hätte, seine Kleider allmählich auf seinem Leibe trocknen zu lassen. Sein blasses Aussehen, seine bebenden Lippen widersprachen jedoch.

Während die andern aufgeregt über den erschreckenden Vorgang redeten, saß Lona schweigend da! Nie im Leben war eine so furchtbare Möglichkeit, wie der Tod dieser zwei Freunde, vor sie getreten, und ihr Innerstes schauderte vor diesem entsetzlichen Ereigniß zurück.

Sie konnte ihr Auge von dem lieben, bleichen Gesicht nicht abwenden, über dessen Lippen selbst jetzt in der Stunde der Gefahr nur heitere Worte giengen, die bescheiden der edlen That jedes Gefährliche und Großartige nehmen wollten.

Sie dachte sich, wie es sein würde, wenn dieser beredte Mund stumm auf ewig gewesen wäre, diese Augen, die solche Güte strahlten, geschlossen! Sie bebte zurück, klar und deutlich ward es ihr, daß mit diesen Augen ihre eigene Lebenssonne versunken sein würde. Der eine Moment der tödtlichen Angst hatte das harmlose Mädchen zum bewußten Weibe gemacht! – –

Erschreckt blickte sie in ihr eigenes Herz: nein, das war nicht Freundschaft, die sie für Viktor fühlte, nicht jenes ruhig glimmende Licht, es war die flackernde, emporstrebende Flamme, die mit einem Male die Welt in anderer, ach so neuer Beleuchtung zeigt!

Nicht freudig, sondern wie ein schwerer Schlag traf Lona diese Erkenntniß; hatte sie sich doch vermessen gerühmt, anders zu sein, als die andern jungen Mädchen, eine Donna Diana in ihrem Sinne – und nun sollte der fünfte Akt eintreten, ehe dieser Cäsar es auch nur der Mühe werth gehalten, mit ihr zu kämpfen?

Und war das nicht ein ganz neues, unheimliches Gefühl, das jetzt in dem sonst so wohlwollenden Herzen aufwallte, wenn sie der Urheberin dieses Schreckens gedachte?

Welch unverantwortlicher Leichtsinn von Adelheid, die die Aelteste des ganzen Kreises war, denn das stand jetzt bei Lona fest, eine geradezu verbotene Stelle im Laufe zu berühren! Wenn das nicht Zufall, sondern Absicht gewesen war? Wenn sie gerettet von dem kühnen Jüngling hatte sein wollen, auf dessen Ritterlichkeit sie zählen durfte? Welche fürchterliche Idee! Lona, Lona, bist du schon so weit gekommen, daß Eifersucht dir unwürdige Gedanken eingibt?

So wogten die Empfindungen in dem armen Kinde auf und nieder, und so saß es schweigend da, betäubt von den eigenen Gefühlen, und schien theilnahmlos, wo alles für Viktor von Strom reiche Lobesworte hatte.

Die Kleider und Wagen waren herbeigeschafft, Adelheid mittelst Hilfe der Frauen in warme Gewänder gehüllt; auf den Arm des Arztes gestützt, schwankte sie mehr als daß sie gieng durch das Zimmer. Als sie ihres Retters ansichtig ward, streckte sie ihm ihre zitternde Hand entgegen, und als er ihr die seine bewegt reichte, drückte sie dieselbe an ihre Lippen.

Wenn eine solche Huldigung des Dankes nach entronnener Todesgefahr auch nichts Unnatürliches hatte, so verdroß sie Lona doch; sie schalt sie »unweiblich« und konnte sich nicht vorstellen, daß sie in gleichem Falle ebenso gehandelt hätte.

Die Majorin fuhr mit den Schwestern heim. Herrmann wollte Viktor begleiten, dieser aber lehnte entschieden ab. »Es ist Deine Pflicht, bei den Damen zu bleiben,« sagte er, »Pressen (dieses war ein gemeinschaftlicher Bekannter) eskortirt mich schon, obgleich auch das ganz unnöthig ist und ich es mir nur zu Eurer Beruhigung gefallen lasse. Mir ist ja so wohl, daß ich tanzen könnte!«

Unterwegs war Lona sehr still, schweigend lehnte sie in der Ecke des Pferdebahnwagens und begriff nicht, wie Herrmann und Ilka nach dem Erlebten über alle möglichen Dinge sprechen konnten.

Kaum hatte Strom sich am anderen Morgen erhoben, als ihm Professor Rechberg gemeldet wurde.

Der Professor, ein kleines Männchen von ewig zerstreuter Art, kam auf den ehemaligen Schüler zu und umarmte und drückte ihn, daß dieser nicht wußte, wie ihm geschah: dazu liefen dem dankbaren Vater die hellen Thränen über die Wangen.

Der Professor schwärmte für seine Aelteste, wie etwa die Griechen für Helena geschwärmt haben mochten; sie war sein Ideal, die Verkörperung alles Schönen. Viel zu sehr mit seinen Studien beschäftigt, (war er doch einer der tüchtigsten Interpreten der Pandekten) wußte er eigentlich wenig von dem, was in seinem Hause geschah. Er hatte keine Ahnung, daß seine Adelheid in Heidelberg den Ruf eines äußerst koketten Mädchens gehabt, dessen Zeit nun vorüber war, für ihn blieb sie, wie die Frauen bei Homer, nie alternd, in holder Schöne. War die Mutter doch klug genug, dem unpraktischen Gatten mit keinem der vielerlei Pläne zu kommen, die sie schon so oft zum Besten der Töchter angesponnen hatte, und die noch niemals geglückt waren. Die Professorin hatte schwer unter den Erfahrungen ihrer Aeltesten gelitten. Zuerst hatte sie das schöne Kind bewundert, seine stolzen Zukunftsträume mehr denn getheilt, als aber Jahr auf Jahr verfloß, die Schar der Bewunderer zerstob, da war die Mutter sehend geworden und sagte sich, daß Adelheid sich ihr Schicksal selbst zu verdanken habe. Nun drang sie auf Einfachheit und häusliches Leben, aber diese Veränderung entgieng dem gelehrten Vater ebenso, wie ihm früher die vielen Vergnügungen, denen sich die älteste Tochter hingab, nicht aufgefallen waren.

Es mußte schon ein so gewaltiges Ereigniß eintreten, um den Herrn Professor aus der Lethargie, in der er seiner Familie gegenüber dahinlebte, aufzurütteln. Die ganze Nacht hatte der geängstigte Vater an dem Bette der Fiebernden zugebracht und es ganz selbstverständlich gefunden, ihren Wunsch, den Retter ihres Lebens selbst aufzusuchen, zu erfüllen.

»Herr, was ich bin und habe gehört Ihnen,« rief Professor Rechberg mit dem ehrlichsten Pathos. »Sprechen Sie, edler Mann, womit kann ich Ihre Großherzigkeit lohnen.«

»Indem Sie über einen selbstverständlichen Dienst, den jeder gute Schwimmer Ihrem Fräulein Tochter erwiesen haben würde, kein Wort mehr verlieren.«

»Sagen Sie das nicht, sagen Sie das nicht. Der Mensch hängt am Leben, er wagt es nicht gerne, es ist ihm ein kostbares Gut. Oft stehen Nahbetheiligte bei solchem Unglücksfalle und rühren keine Hand. Und Sie, ein Fremder, besinnen sich keinen Augenblick, denken nicht Ihrer durch den Schlittschuhlauf hervorgebrachten Erhitzung, sondern stürzen muthig in die eisige Flut! Das ist glorreiche Selbstverläugnung, der nüchternen Auffassung unserer Tage fremd, eine That des Alterthums würdig!«

»Sie spotten, Herr Professor!«

»Nein,« fuhr dieser eifrig in der Begeisterung, in die er sich hineingeredet hatte, fort, »nein, gewiß nicht! Denken Sie sich in meine Seele: was wäre aus mir armen, alten Manne geworden, wenn ich das schöne, herrliche Kind verloren? O dieses Mädchen! es ist die Sonne unseres Hauses, so schön, so verständig, so gelehrt. Es gibt nichts im ganzen Reiche des Wissens, was ich mit meiner Adelheid nicht besprechen kann. Sie hat den Kopf und das Urtheil eines Mannes und die Grazie und Seele der Frau. Sie ist ein Unikum! Ich habe noch ein ander Kind, auch ein Mädchen, es ist gut, lieb und fleißig, aber was bedeutet Martha neben Maria?! Sie verstehen mich, mein Herr, nicht wahr? Sie verzeihen die Lebhaftigkeit meines Dankes. Sie wissen nun, wen Sie mir gerettet haben!«

Viktor lächelte, aber nicht mehr spöttisch, eine Art von Rührung bemächtigte sich seiner. Wie weltfremd mußte dieser Mann sein, daß er es wagte, seinen zärtlichen Vatergefühlen so offen Worte, dazu vor einem jungen Manne, zu leihen, ohne zu fürchten, mißverstanden zu werden!«

»Ich muß nun ins Kollege,« brach Professor Rechberg ab, seine Uhr ziehend, »weiß Gott, es wird mir schwer werden, heute mein gewohntes Tagewerk zu absolviren. Aber es muß ja sein! Zudem hat das Fieber wesentlich nachgelassen, nur schwach ist das arme Kind, schwach, daß es den Kopf nicht heben kann. Machen Sie ihm bald die Freude, es zu besuchen, hören Sie, junger Herr? Ein dankbares Gemüth fühlt sich erleichtert, wenn es selbst seinen Dank darbringen kann.«

»Vorderhand wage ich nicht, das Fräulein zu stören.«

»Nichts da, keine Ausflüchte; das ist ein häßlicher Stolz, der dem Danke aus dem Wege geht, machen Sie sich seiner nicht schuldig.« –

Als der alte Herr gegangen, dachte Viktor recht ernstlich an die Fügungen, die das menschliche Leben so oft dahin leiten, wo es absolut nicht hin möchte. Nie mehr hatte er das Rechbergsche Haus betreten wollen, und wer ihm einen Eid abgefordert hätte, daß er es nicht thun würde, der hätte diesen gar leicht von ihm erreicht. Und nun? ja blieb ihm denn etwas anderes übrig, konnte er den würdigen Mann, der ihn so herzlich darum gebeten, beleidigen?

Zwei Tage nach dem Morgenbesuch des Professors stellte sich Viktor gewünschtermaßen ein. Adelheid lag auf der Chaiselongue, noch bleich und etwas matt, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie trug ein schlichtes Hauskleid, aber eine blaue Decke, die sie warm umhüllte, machte ihre Erscheinung, wie immer, zum anmuthigen Bilde.

Sie gebrauchte nicht viel Worte, ihrem Retter ihren Dank darzubringen, aber derselbe leuchtete aus ihrem Auge. Als sie sich einen Augenblick mit Viktor allein sah, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Ich nehme es für ein gutes Zeichen, daß Sie es waren, der mich einem Dasein zurückgab, das mir längst nichts mehr war.«

Viktor stutzte. »Soll das alte Spiel wieder beginnen?« fragte er sich. Aber der Blick des schönen Mädchens ruhte fest und ernst auf ihm, der Ton hatte etwas Ueberzeugendes gehabt. Nein, nein, das war die alte, kokette Loreley nicht mehr, das war ein gereiftes Wesen, das hinfort ernstere Ziele in seinem Leben sucht! –

Es war natürlich, daß dieser Besuch Viktors im Rechbergschen Hause nicht der erste blieb, um so mehr, da ein Zufall ihn mit dem Professor ins Gespräch um einen Rechtsstreit gebracht hatte, welchen Strom wider seinen Willen mit einem Gutsnachbar hatte anfangen müssen und wobei ihm die Rechtsgelehrsamkeit des alten Herrn nützliche Winke geben konnte. Daß der Professor alles that, dem jungen Freunde zu dienen, versteht sich von selbst, er machte die äußersten Anstrengungen, um seine theoretischen Kenntnisse praktisch für jenen zu verwerthen.

Mit einem Gefühl, das eher Schmerz denn Aerger genannt werden konnte, sah Lona jene neu aufkeimende Freundschaft, es war ihr dabei zu Muthe, als müsse sie viel, viel einbüßen.

Und so war es auch. Es sollte der Weihnachtsabend im Alsenschen Hause im kleinen, aber fröhlichen Kreise gefeiert werden, Herrmann sprach Viktor davon, daß man auf ihn rechne. Ganz betreten berichtete dieser, daß er leider schon über den Abend verfügt habe, da Professor Rechbergs ihn bereits vor mehreren Tagen eingeladen hätten.

Das fand Lona empörend, hinterlistig von Adelheid, die ihr den Freund nahm, treulos von Strom, der die alte Freundschaft bereitwillig der neuen opferte! Wo waren jetzt doch die romantischen Träume von Beschützung einer etwaigen Liebe zwischen Adelheid und Viktor? Dahin! dahin! Wenn Lona wirkliche Ansprüche besessen, sie hätte sich durch die Handlungsweise Viktors, die im Grunde doch nur eine ganz natürliche war, nicht tiefer verletzt fühlen können.

Mit einem Male hatte sie das Vergnügen am Schlittschuhlauf verloren, sie ließ die anderen allein gehen, sie behauptete, das knappe Tageslicht jetzt zu ihren Weihnachtsmalereien ausnützen zu müssen. Sich selber aber sagte sie: Warum soll ich hingehen, wo Herr v. Strom ist? den ich nicht nöthigen will, sich mit mir zu beschäftigen, wenn er die Unterhaltung anderer Damen vorzieht. So entstand ein bedenklicher Riß zwischen Adelheid und Ilona.

Die harmlose Ilka konnte sich gar keinen Vers aus der ungleichen Stimmung der Freundin machen und sah sie oft kopfschüttelnd an. Eines Abends hatte sie sich bereits zu Bett gelegt, als Lona, die im selben Zimmer schlief, immer noch keine Anstalten machte, sich zu entkleiden. Ruhig saß sie am Fenster, an dem die Vorhänge herabgelassen waren, den Kopf tief in die Hand gestützt.

»Bist Du krank, Ilona?«

»Ich? was fällt Dir ein! Gewiß nicht.«

»Aber Du bist so stille, gehst umher, als machte es Dir Mühe, und lässest den Kopf hängen, wie eine Blume, die verdurstet. Komm' her, sieh mir ins Auge und dann habe noch den Muth zu sagen, daß Dir nichts fehlt!«

Die Kleine richtete sich empor, die langen Zöpfe hiengen über das weiße Nachtgewand, aus den jungen Zügen sprachen Antheil und Unschuld, es war eine schöne Gruppe, als sich jetzt Ilkas Arme um Ilonas Hals schlangen und der dunkle Lockenkopf sich mit seiner krausen Flut von der hellen Schulter abhob.

»Du weinst, Ilona, sage mir, Deiner ältesten, treuesten Freundin, was Dir fehlt.«

»Vieles, alles! Eltern und Heimat! Ich bin verwaist, stehe allein, und es vergehen Tage und Wochen, daß ich nicht daran denke und zufrieden bin, dahinlebe, wie andere Menschen, die keine Herzensfreude haben, manchmal aber und gerade so um die Weihnachtszeit da steigt es mir auf wie bittres Weh, da fühle ich mich so einsam, Ilka, so allein, ich habe dann Heimweh und ich könnte meinen Schmerz hinausschreien, denn er will mir das Herz zersprengen!«

»Aber, Ilona, Du hast so viele Menschen, die Dich lieben –«

»Ja, was man so lieben heißt! Keinen einzigen, der mich zu seinem Glücke braucht. Alle, alle können ohne mich fertig werden.«

»Aber das wird kommen, Ilona. Wenn ein junges Mädchen sich verheirathet, dann hat es sein eigenes Heim und entbehrt das Vaterhaus nicht mehr.«

»Meinst Du? Das glaube ich nicht. Wie kann ein Mann, der meistens launisch, herrisch und wankelmüthig ist, das Elternherz ersetzen!«

»Ich denke doch, wenn man einen guten Mann findet, es steht ja auch so in der Bibel, daß das Weib um ihn Vater und Mutter verlassen soll, also muß es wohl das Höchste sein!«

»Ja, in den Büchern, in Romanen. Was ich von Ehen sehe, macht mir wenig Lust, ich bleibe ledig, dann quält mich wenigstens kein Tyrann.«

»Oder Du quälst Deinen Gatten nicht!«

»Das thäte ich nicht, gewiß nicht. Da habe ich ein abschreckendes Beispiel an Tante Alsen: wie ich den armen, guten Onkel beklage, das glaubst Du gar nicht.«

»Du siehst alles viel zu schlimm an, Ilona; auch die Räthin ist gut, wenn man sie zu nehmen weiß!«

»Ja, wenn! Das ist es ja eben, daß man im fremden Hause Concessionen machen muß, die daheim, wo das Blut freudig für einander spricht, nicht nöthig sind! – Willst Du lange hier bleiben, Ilka?«

Erschrocken entgegnete diese: »Aber Ilona diese Frage! willst Du mich gerne forthaben?«

»Nein, mein liebes Herz, gewiß nicht. Sei doch nicht beleidigt, mache kein so böses Gesicht. Ich fragte nur, weil, wenn Du fortgehst, Ilka, so reise ich unter allen Umständen mit Dir; daheim wird mir wieder wohl werden!«

»Wenn Du es wünschest, Ilona, so will ich bald daran denken, von hier fort zu gehen,« entgegnete Ilka kleinlaut genug, »aber eigentlich bin ich sehr gerne hier und schrieb noch heute an Mama, daß ich hoffe, den ganzen Winter bleiben zu dürfen. Es ist nur für mein Deutsch, das so hart und abscheulich klingt und das ich hier gerne abschleifen möchte! – Denke doch auch, wie öde es jetzt auf unsern Steppen ist, wie der Wind über die weiten Flächen saust und fegt!«

»Ja, und wie es wohlthut, in der großen, freien Luft auf seinem Pferde dahin zu galoppiren!« fuhr Lona mit leuchtenden Augen fort.

»Das paßt für Bruder Mischka, der sich nichts Besseres weiß, aber nicht für uns Mädchen.«

»Dann reite ich mit ihm aus, wenn Du mich nicht begleiten willst.«

Ilkas Antlitz färbte sich ein wenig roth und sie begann verlegen: »Es ist gut, daß wir davon sprechen, ich muß Dir etwas sagen: ich habe immer so sehr gewünscht, Dich zu meiner Schwägerin zu bekommen, es war mein liebster Gedanke! Aber seit ich hier bin, seit ich sehe, wie Eure Herren so ganz anders, gebildeter sind, als mein wilder Bruder, seitdem weiß ich wohl, daß daraus nichts werden kann.«

»Warum nicht?«

»Weil er Dir nicht mehr gefallen wird. Papa hat ihn ein ganzes Jahr nach Wien geschickt, aber er ist nur noch wilder zurückgekommen, er will kein geleckter, geschniegelter Modeherr sein, das sagt er jedem, ders hören mag. Sein Kern ist sehr gut, aber die Schale ertrügest Du nicht mehr.«

»Wer weiß,« sagte Lona sinnend.

»Nein,« entgegnete Ilka. »Was würdest Du mit einem Manne anfangen, mit dem Du von keinem Buche reden kannst? Der alles für unmännlich hält, was nicht Reiten, Fahren, Schießen, Wirthschaften, Essen und Trinken ist! Du aber, Lona, bist einestheils zu sehr die Alte geblieben, um dem armen Jungen, der Dich schon, als er noch klein war, seine Braut nannte, nicht den Kopf zu verrücken. Und andererseits bist Du so verändert, daß mein armer Mischka mit einem Korbe abzöge, den ich ihm so gern ersparte.«

Lona lachte. »Ich heirathe ja überhaupt nicht,« sagte sie, »und als Nachbar kann ich so einen praktischen, tüchtigen Burschen, wie Deinen Bruder, gewiß gut brauchen! – Schlaf nur ruhig, liebe Ilka, zerbrich Dein Köpfchen nicht gar zu sehr um Gründe auszufinden, die es besser scheinen lassen, hier zu bleiben. Du hast ganz recht, der Wind heult jetzt über unsere Steppen und das schöne, glänzende Berlin ist ein Paradies!« –

»Du zürnst mir doch, Ilona.«

»Nein, mein Herz, gewiß nicht! Aber nun gute Nacht, auch ich will zur Ruhe gehen.«

Ilka legte sich beruhigt auf die Seite, während Lona sich begann auszukleiden. Bald verriethen die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge der Freundin, daß sie schlief.

»Wie beredt die Kleine wurde,« dachte Lona, »als die Angst sie überkam, daß sie von hier fort sollte! Seht mir das Kind an!«

Ehe Lona zu Bette gieng, blickte sie noch einmal zu Ilka hinüber, beim Schein der Ampel sah sie einen kleinen dunklen Gegenstand auf der weißen Decke liegen. Näher tretend erkannte Lona einen halb welken Veilchenstrauß, der der Hand der Schlafenden entfallen war.

Ein fast wehmüthiges Lächeln zuckte um Lonas Lippen. »Die Veilchen, die Herrmann ihr gab! Armes Kind, steht es so!! – Was wird sie von mir gedacht haben, als ich die meinen achtlos auf dem Tische vergaß? – Ja, Ilka, nun sehe ich wohl, daß es zu viel von Dir verlangt wäre, von hier fortzugehen; eine Natur wie die Deine klammert sich an. Ich, o mein Gott, ich möchte bis ans Ende der Welt fliehen, einem Gefühle zu entgehen, daß ich niederkämpfen will!«



Zehntes Kapitel.

Tante Fränzchen.

Der Weihnachtsabend war gekommen; schön geschmückt stand die grüne Tanne, mit hohem Wipfel bis an die Zimmerdecke reichend. In Anbetracht, daß es doch keine Kinder mehr im Hause gab, hatte man den gewohnheitsmäßigen Schmuck von Zuckerzeug und Bonbons weggelassen und die dichten Zweige nur mit Früchten behangen. Da lachten Orangen und rothbackige Aepfel aus den grünen Stacheln heraus, Birnen, Feigen, Trauben und Nüsse gaben ein so buntes Ansehen, daß der schöne Fruchtbaum ein stattlicher Weihnachtsbaum war. Herrmann und die beiden Mädchen hatten ihn ausgeschmückt, und es war ihnen gegangen wie allen, die sich solchem Geschäfte hingeben: während desselben war richtige Weihnachtsfreude in ihr Herz gezogen.

Sie hatten es alle sehr heimlich, jedes wollte das andere mit kleinen Geschenken überraschen; Ilka gar verschloß ihr kleines Ankleidezimmer und ließ niemanden ein.

Als Lona am Morgen erwachte, da hatte sich wohl ein trübes Gefühl in ihr Herz schleichen wollen, daß der liebste Freund, den sie gewonnen, es über sein Herz hatte bringen können, diesen Abend bei anderen zu verleben. Aber rasch fand sie sich wieder. »Kann er ohne mich sein, so kann ichs gewiß ohne ihn aushalten,« sprach ihr Mädchenstolz, und hastig verschloß sie das kleine Geschenk, das sie ihm zugedacht, tief in die Kommode – es sollte gar niemand zu wissen bekommen, wie sehr sie auf seine Anwesenheit gerechnet hatte.

Anfangs war ihre Fröhlichkeit etwas forcirt, nach und nach riß sie Ilkas Freude, die den Abend nicht erwarten konnte, mit fort. Hatte sie doch auch für jeden Ueberraschungen, meist eigene Malereien, und wirkt Freude bereiten doch auch Freude im eigenen Herzen!

So konnte sie, als Tante Fränzchen am Abend kam und prüfend fragte: »Nun, nicht verstimmt über den treulosen Ausreißer?« mit höchst ruhiger Miene antworten: »Das lohnte der Mühe!«

Die Bescherung verlief, wie es bei allen Bescherungen im Familienkreise der Fall ist, man freute, wunderte und bedankte sich. Große Freude machte der Majorin eine Ansicht des Achenthales, die Lona mit vielem Geschicke nach einer im Sommer gefertigten Skizze gemalt hatte.

Wie fleißig Franziska war, ersah man wieder aus den Geschenken, die sämmtlich aus Stickereien ihrer Hand bestanden. Der Bruder hatte einen warmen Fußsack, die Schwägerin eine Fensterdecke erhalten; für Herrmann fand sich ein Schreibtischteppich, für Lona und Ilka reizende Visitenkartentäschchen mit kunstvoller Stickerei.

Ilka war als die Fremde von allen mit Aufmerksamkeiten überschüttet, sogar Herrmann hatte ihr eigenhändig ein Lesepult geschnitzt, worauf in sogenannten Schwabacher Lettern ein schöner Spruch zu lesen war. Diese Gabe freute das gute Kind ganz besonders. Mit einem Male aber war es verschwunden.

»Wo ist Ilka?« fragte man sich. Aber es vergieng wohl eine Viertelstunde, bis diese zum Vorschein kam.

Sie schleppte mit Hilfe der Magd eine große Kiste herbei, dann noch eine und wieder eine, wobei Herrmann dann half.

»Ah, die Kisten, die von daheim für Sie angekommen sind,« sagte die Räthin. »Noch uneröffnet? Das nenne ich nicht neugierig sein.«

»Die Dinge, die darinnen sind, sollen unter dem Lichterbaume zum Vorschein kommen,« gab das Mädchen lustig zurück, »Pauline (dies war das Dienstmädchen) hat sie schon aufgemacht; nun kann es an das Auspacken gehen.«

Was nun aus Licht kam, sah appetitlich genug aus, da gab es schneeweiße, fette ungarische Gänse, prachtvolle Schinken, schwer von Gewicht, daß das Auge der Hausfrau lachte, eine ganze Kiste mit Eiern, Säckchen mit feinem ungarischen Mehl und weiß der Himmel was noch alles für Gottesgaben, die in Küche und Speisekammer nicht zu verwerfen sind. Alle diese Herrlichkeiten wurden aus grünen Tannenzweigen herausgepackt, waren mit rothen Bändern umbunden und gewährten einen höchst festlichen Anblick.

»Einen schönen Weihnachtsgruß von der Mutter,« sagte Ilka, vor Freude strahlend, »und dieses hier sei eine kleine Festgabe für die Frau Räthin, die ihr kleines Mädel so freundlich in Obhut und Schulung genommen.«

Wie liebenswürdig Frau Rath Alsen sein konnte, wenn ihr etwas passirte, das ihr genehm war! Sie küßte Ilka auf beide Backen (bis zum Mund verstieg sie sich nie) und befühlte mit prüfenden Fingern sichtlich erfreut die reichen Gaben.

Lona aber jubelte. »Dieser Gruß aus der Heimat ist in erster Linie für mich bestimmt,« sagte sie, »ich werde einen Riesenappetit entwickeln; wie lange habe ich nichts gegessen, das aus der Heimat kommt!« und dabei nahm sie, ohne zu fragen, einen großen Kuchen und biß mit ihren weißen Zähnen herzhaft hinein.

»Das ist ein anderer Genuß!« sagte sie, »als das süße Zeug da, das nur für Kinder und Naschkatzen ist!« und dabei wies sie geringschätzig auf eine prachtvolle rosenrothe Bonbonniere, die mit unzähligen kleinen Röschen ausgeziert war.

»Bitte, bitte, ich lasse auf Herrn von Stroms Gabe gar nichts kommen,« entgegnete die Majorin, »schon um des feinen Geschmackes willen, den er bewiesen. Dieses Bouquet von gelben Theerosen und lila Flieder ist als wäre es eben frisch aus einem frühlingsduftenden Garten gepflückt und auf den weißen Atlas dieses Kastens niedergelegt.«

»Auch meine Schachtel ist allerliebst,« setzte Ilka hinzu, »ich habe nie etwas so Reizendes gesehen, als diese Zusammenstellung von blauen Schleifen und kleinen, süßen Margarethenblumen.«

»Nur Lona ist also unzufrieden,« meinte Herrmann, »und gerade ihre Bonbonniere ist doch am allerschönsten, die Rosenfee selbst dürfte sie sich zu Füßen legen lassen.«

»Ich denke, die Feen sind wie ich und machen sich nichts aus Süßigkeiten aller Art. Die Blumen lasse ich ja gelten.«

»Wie gut wir Frauen es doch haben,« philosophirte Tante Fränzchen, »man streut uns, wenn auch nicht immer auf den Lebenspfad, doch auf jeglichen Gegenstand Floras holde Kinder. Die armen Herren der Schöpfung gehen da immer leer aus.«

Aber jetzt färbte sich Ilka glühend roth, und wie nach einem Kampfe um Muth sagte sie: »Warum soll das immer so sein? Ich finde das ganz ungerecht! Blumen schmücken das Leben, warum sollen die Männer, die Ernstes genug schon durch ihren Beruf haben, nicht auch Freundliches um sich sehen?«

Man blickte erstaunt auf die kleine Sprecherin, die nun noch schüchterner fortfuhr: »Als mir Frau Räthin das ganze Logis zeigten, da fiel es mir gleich auf, daß in allen Räumen Blumentöpfe und Blattpflanzen es lieb und wohnlich machten und daß nur die Zimmer der Herren so finster ausschauten. Da habe ich mir denn erlaubt, sie zum Feste auch zu schmücken.«

»Das müssen wir sehen,« rief Herrmann sehr lebhaft und nahm einen der silbernen Armleuchter auf, die zu Ehren des Festes mit Lichtern besteckt waren.

»Zuerst in mein Zimmer!« gebot der Rath, der ganz konsternirt war, daß ihm mit solcher Aufmerksamkeit begegnet wurde.

Siehe da, zwischen beiden Fenstern blühte es in farbiger Pracht, Tulpen und Hyazinthen, Tazetten und Schneeglöckchen, ja sogar Maienblümchen erhoben ihre zarten Häupter aus leuchtendem Moose und zauberten den Frühling inmitten des Winters.

»Mein liebes Kind,« sagte der Rath gerührt zu Ilka, »in solcher Weise an mich zu denken! das vergesse ich Ihnen nicht.« Er breitete seinen Arm nach ihr aus und Ilka umhalste den guten, alten Herren so ohne alle Umstände, daß er sie herzhaft auf die Stirne küßte.

In gleicher Weise konnte sich Herrmann nun freilich nicht bedanken, als er sein Zimmer eben so schön geschmückt fand, aber er küßte die kleinen, rosigen Hände, die die blühende Pracht gar so reich und zierlich zwischen die Scheiben gestellt hatten. –

Trotz des guten Festbratens, den die Räthin besorgt hatte, wurde einer der ungarischen Schinken gleich angeschnitten und auch dem Gebäcke herzhaft zugesprochen.

Als der kleine Kreis froh um eine dampfende Bowle saß und die beiden Mädchen in Gedanken an ihre Heimat ungarische Lieder sangen und übermüthig wie die Kinder waren, erschallte draußen laut die Glocke.

»Wer kann so spät noch kommen?«

»Es wird irgend eine Botschaft sein.«

Aber es schien schon jemand gekommen, der in eigener Person ins Zimmer wollte; ein rascher Schritt, ein lebhaftes Anklopfen und auf ein erstauntes »Herein!« trat Viktor v. Strom ins Zimmer.

»An einem solchen Tage darf ein alter Freund sich schon etwas heraus nehmen,« sagte er in seiner offenen, herzlichen Manier bittend.

»Schickt mich nicht weg, ich bin bei Gott froh genug, daß ich da bin.«

»Trotzdessen man den Lebensretter wie einen Gott verehrt haben wird!« spöttelte Herrmann.

»Trotzdessen oder vielleicht gerade deßwegen! Puh, hätte ich gewußt, welche Last von Unbequemlichkeiten der zärtliche Vater auf mich laden würde, ich hätte seine schöne Tochter vielleicht ruhig im Kanal liegen lassen!«

»Aber wie hast Du Dich losgemacht?«

»Ich habe geflunkert: Ich behauptete, Sie hätten mich nur für die erste Hälfte des Abends frei gegeben, ich hätte aber versprechen müssen, später zu kommen. Ich bitte inständigst, blamiren Sie mich nicht, meine allergnädigsten Herrschaften, indem Sie Rechbergs des Gegentheils versichern. Ich kann doch um Gottes Willen nicht sagen, daß ich mir in meinem blumenumkränzten Lehnstuhl wie ein armer Narr vorkam!«

Alle lachten. »Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen,« sagte Franziska, »wenn man ein Held geworden, muß man die Folgen seiner Heldenthaten tragen! –

Aber hier bei uns ziert kein Nimbus Ihr junges Haupt, hier werden Sie sich wiederfinden. Ja, hier können Sie den Gegensatz wohlthuend begrüßen: es gibt hier eine Undankbare, die mit Ihrer Gabe gar nicht zufrieden ist.«

»Aber Tante Fränzchen!«

»Still doch, mein Lonachen, wer wird sich so verrathen!«

»Fräulein Lona also hat –«

»Erklärt, daß Foudants und Chocoladen Geschenke für Kinder und Naschkatzen seien, und sich feierlich davor bewahrt, in diese Kategorien eingereiht zu werden!«

»Fräulein Lona hat ganz recht: wenn sie dergleichen nicht liebt, so war es ein ungeschicktes Geschenk.«

»Nicht doch, Herr v. Strom. Sie werden sehen, die Feiertage sind noch nicht zu Ende und der süße Inhalt wird verzehrt sein. Es war Spaß von mir, nichts weiter.«

»Und wenn man schlechter Laune auf jemand ist, dann mäkelt man auch an seinen Gaben,« vertheidigte die kleine Ilka zum Schrecken Ilonas.

»Schlechter Laune? Und warum? In was hatte ich Unglücklicher mich verfehlt?«

»Nun eben darin, daß Sie fehlten,« entgegnete das enfant terrible in vollster Naivität.

Herrmann und Franziska lachten, der Rath sah aus, als wüßte er nicht, wovon die Rede war, die Gattin schwieg verstimmt und Lona rief ärgerlich: »Ilkas Einbildung ist riesengroß, und manchmal benimmt sie sich geradezu wie ein Baby von vier Jahren.«

Das Mädchen sah erschrocken auf, dann fragte es leise seinen Nachbar Herrmann: »Ist Lona mir wirklich böse? Habe ich etwas sehr Ungeschicktes gesagt?«

Der Gefragte verneinte. »Sprechen Sie immer aus, was Sie denken,« flüsterte er zurück, »Sie glauben gar nicht, wie entzückend solche Naturlaute berühren.«

Viktor nippte lächelnd an seinem Glase, es schmeichelte ihm ungemein, daß Lona sein Ausbleiben vermißt hatte: mehr noch als Ilkas Aeußerung, sagte ihm das Ilonas Entrüstung, hörte er doch, wie die kleinen Füßchen förmlich vor Ungeduld den Boden stampften.

Viktor ward nun sehr heiter und je heiterer er wurde, um so mehr fühlte Lona sich gereizt, sie meinte, er triumphire über sie, und das gönnte sie ihm nicht.

Tante Fränzchen lud die kleine Gesellschaft ein, den nächsten Abend bei ihr zu verbringen. »Eine zweite Bescherung gibt es nicht,« sagte sie, »aber einen Baum wollen wir haben und eine gute Bowle dazu. Ich hoffe, daß ich keine Absage bekomme.«

»Ist es nicht schade, daß ich für morgen wieder schon versagt bin?« fragte Viktor Lona mit herausforderndem Uebermuth.

»Nein,« entgegnete sie rasch, »das ist angenehm; in einem so kleinen Kreis paßt sich ein fremdes Element nicht ein!«

Viktor lachte laut. »Das ›fremde Element‹ wird sich aber sehr pünktlich einstellen. Böse, kleine Freundin, warum Komödie mit mir spielen? Ich weiß doch, daß Sie es gerne haben, wenn ich dabei bin, wenn auch vielleicht nicht ganz so gerne, als ich es liebe, mit Ihnen zu sein!«

Das war kühn, aber auch zu gleicher Zeit artig. Was ließ sich dagegen sagen? –

Als die Mädchen später in ihrem Zimmer miteinander waren, sagte Lona: »Strom ist doch ein unausstehlich eingebildeter Mensch.«

»Ja, ich begreife gar nicht, wie Du Dich nur um ihn kümmern magst,« gab Ilka schalkhaft zurück.

»Mein Gott, man hat keine große Auswahl; er ist lustig, zuweilen gar witzig, und das kann man nicht von allen sagen.«

»Nein. Also muß man ihn wohl ertragen,« entgegnete die andere trocken, lachte dann aber hell auf.

»Was hast Du?«

»Ich amüsire mich darüber, wie die Menschen so seltsam sein und sich so quälen mögen! Herr v. Strom und Du, Ihr beide habt Euch so gern, so gern, wie man sich gar nicht lieber haben kann, aber da kommt bei beiden die herrlich ausgebildete Selbstliebe und sagt: »Ich vergebe mir nichts.« So redet Ihr denn ganz anders mit einander, als Euch zu Sinne ist!«

»Sieh mir einer die kleine Weisheit! wo hast Du denn das her?«

»Ich habe zwei helle Augen und zwei gute Oehrchen im Kopfe, dazu bin ich achtzehn Jahre, da lernt man manches verstehen.«

»Nun, angenommen, Du hättest einen Mann gerne, würdest Du nicht alles vermeiden, es ihm zu zeigen?«

»Nein, gewiß nicht. Nur das Unrecht muß sich verbergen und ich setze voraus, daß ich nur einen würdigen Gegenstand lieben könnte.«

»Und dann – würdest Du es nicht unmädchenhaft finden, Deine Gefühle zu äußern?«

»Wenn er mir zeigt, daß er mich mag, gewiß nicht! Die Liebe soll doch das Allerherrlichste auf Erden sein, das sagen alle Dichter und die müssen es wissen. Wozu also sich durch eigene Schuld um ihren Genuß bringen?«

»Kleine! Kleine! Du machst große Fortschritte in der Erkenntniß. Sollte vielleicht schon ein ganz gewisser Gegenstand Dich so klug gemacht haben?«

Ilka schlang ihren Arm um Lonas Hals und legte ihr Köpfchen an und sagte: »Danach mußt Du mich nicht fragen, so unmädchenhaft, die Initiative zu ergreifen, will ich doch nicht sein, und noch hat mir niemand gesagt, daß er mich gern habe.«

Der Ton, in dem das junge Mädchen dieses sagte, klang äußerst rührend, Lona verstand auch unausgesprochen, von wem die Rede war, küßte die Freundin liebevoll auf die Stirne und kam sich in diesem Augenblicke mit ihren neunzehn Jahren sehr nüchtern und vernünftig vor.

An diesem Abend ward zwischen den Freundinnen kein Wort mehr über Herzensangelegenheiten gesprochen. –

Franziska hatte ihren Weihnachtsbaum geschmückt, silberne Sterne, die ihre geschickten Hände selbst aus Pappendeckel, Silberfolie und Cantille gefertigt hatten, zierten ihn, blitzender Schnee von krystallisirtem Alaun lag auf den grünen Zweigen und große, weiße Wachslichter waren bestimmt, den ganzen Abend über die poetisch verzierte Tanne zu erhellen. Oben auf thronte ein gar süßes wächsernes Christengelchen, im gelbseidenen Röcklein, das grüne Kränzchen auf die blonden Locken gedrückt, in den Händchen eine goldene Posaune tragend. So viele Weihnachten Franziska in ihrer Ehe gefeiert, so oft hatte sie dasselbe Engelein beschirmt. Sie lächelte ihm auch jetzt freundlich zu, als der Baum nun auf dem sauber gedeckten Tische stand, der mit Gläsern und Schalen voll Confekt besetzt war.

Franziska gehörte zu den Frauen, die immer fertig sind und doch alles selbst zu thun pflegen. Auch jetzt saß sie lange, ehe ihre Gäste kommen konnten, nachdem alle Vorbereitungen für den Abend gemacht worden waren, in ihrem weichen Hausrock und blätterte im schönen illustrirten Buch »Aus deutschen Bergen«, das ihr der Weihnachtsmann gebracht hatte.

Da schellte es.

»Wer kann jetzt kommen? Es wäre fatal, wenn unser kleines Comité durch das Hereinschneien einer fremden Person gestört würde,« sagte sie sich.

Aber es war kein Fremder, sondern Herrmann, der mit einer gewissen Hast bei ihr eintrat.

»Störe ich, liebe Tante?«

Nein gar nicht, ich bin mit allem fertig. Aber ist etwas vorgefallen, kommst Du mir wohl gar für den Abend für Dich oder die Deinen absagen?«

»Nein, Tante, das ist es nicht. Aber es drängte mich, vorher mit Dir allein zu sprechen, bist Du doch die Einzige auf der Welt, zu der ich unbegrenztes Vertrauen habe.«

Die junge Wittwe sah den Neffen erwartungsvoll an, sie hatte keinen Begriff, was jetzt wohl kommen würde.

»Es mag unrecht erscheinen, daß ich mich nicht meinen Eltern anvertraue,« fuhr Herrmann fort, »aber der Vater hat ja keine selbständige Meinung und vor der Mutter habe ich gerade in diesem Punkte eine große Scheu, weil ich ja ihre Wünsche betreffs meiner Zukunft kenne. Da sollst Du mir rathen, liebste, beste Tante!«

»Ist es denn etwas so Ernstes, in dem Du meinen Rath verlangst?«

»Ja, Tantchen, und nur Dir gegenüber bringe ich es fertig, davon zu sprechen: ich bin der Abhängigkeit daheim so müde, mag sie noch so gut gemeint sein, ich sehne mich nach einem eigenen Heim, Tante Franziska.«

»Verstehe ich recht – Du willst Dich verheirathen?«

Herrmann wurde roth, wie ein junges Mädchen. »Ich möchte es wohl,« sagte er. »Du erstaunst, Tante Fränzchen. Ist denn dieser Wunsch so unnatürlich? Denke doch, unter welchem Drucke ich daheim gelebt habe von Jugend an, mich keiner freien Bewegung hingeben könnend. Wenn ich froh und glücklich war, so war das in diesen Räumen,« er sah liebevoll das behagliche Zimmer an, »hier fühlte meine Seele sich leicht, hier warf sie den Druck ab, bei Dir, Tante Fränzchen! Du hast mich erst zum selbständigen, denkenden Menschen gemacht, unter der Knechtschaft der Mutter wäre ich ohne Dich verkümmert.«

»Herrmann!«

»Es ist so, Du weißt es selbst am besten. Du warst mein Ideal, in Dir verkörperten sich für mich alle Eigenschaften einer vollkommenen Frau. Jetzt will ich es Dir auch sagen, Tante Fränzchen, ob ich auch gleich weiß, daß Du mich auslachen wirst, ich habe oft geknirscht, daß gerade Du meine Tante sein mußt, daß ich gerade zu Dir nicht mit anderen Gefühlen, als denen eines Neffen aufsehen sollte!«

Franziska war denn doch noch zu jung, noch nicht zu sehr ganz nur »Tante«, daß dieses Geständniß des jungen Mannes, der ihr vor allen lieb und theuer war, nicht hätte ihr Herz schneller klopfen machen, wenn sie auch Fassung genug hatte, mit ruhiger Freundlichkeit zu erwidern: »Es war gut, daß Deine Vernunft über diese Unvernunft doch den Sieg behalten hat.«

»Sie mußte wohl. Wie hätte ich mich auch je getraut, zu hoffen, daß eine solche Weltdame, wie Du, daß eine gereifte Frau den Wünschen eines jungen, unbedeutenden Menschen, der wenig ist und wenig bieten kann, gerecht werden würde?! Aber es ward mir schwer, und als Du mir um irgend einer äußeren Rücksicht willen die Stunden entzogst, die ich so gerne hier zugebracht und die das Werthvollste in meinem Dasein geworden waren, da hub eine schlimme Zeit für mich an. Das Leben war grau und schaal und ich wagte nicht, auf ein neues Interesse zu hoffen.«

Franziska, die mit dem Instinkte der Frau schnell begriff, daß sich jetzt erst sein Geständniß zur Hauptsache hinneige, sagte: »Du hattest eben noch wenig Erfahrung, wußtest nicht, daß das Herz des Mannes die beneidenswerthe Fähigkeit besitzt, öfters zu erglühen. Also weiter, ich glaube, ich errathe den Gegenstand Deiner Neigung.«

»Ich hoffe es. Wer könnte es anders sein, als das liebe, gute, natürliche Mädchen, das seit ein paar Wochen unter unserem Dache weilt? Sie hat etwas Dir Verwandtes, Tante Fränzchen, fehlt ihr auch viel um so geistreich zu sein, wie Du, so besitzt sie Deine Herzensgüte. Dazu glaube ich hier nicht vergebens zu hoffen: ihre liebe, gute Seele kann sich nicht verstellen, abgeneigt ist sie mir nicht.«

»Das glaube ich auch nicht,« antwortete Franziska aufrichtig.

»Glaubst Du, daß ihre Eltern sie mir geben werden, Tante? Sie ist glücklicherweise nicht so reich wie Lona, immerhin aber wohlhabend genug, daß ein unbemittelter Assessor eine sehr schlechte Partie für sie ist.«

»Ich kenne die Gesinnungsart der Eltern nicht, aber sie scheinen ihr Kind zärtlich zu lieben, sie werden es vor allem glücklich machen wollen.«

Herrmann sah bekümmert vor sich hin. »Aber was wird die Mutter sagen? Sie hat ganz andere Wünsche, jetzt können wir ja mit einander darüber sprechen – Lona –«

»Ach Tante, das war eine Unmöglichkeit. Lona hätte mich nie genommen, und wenn auch, ich hätte nicht ihr Mann sein mögen! Sie wäre wie eine Königin gewesen, die sich zu einem Hirten herabgelassen hätte! Lona ist gut und wahr und offen, aber von einem so maßlosen Selbstgefühl, daß für sie nur einer taugt, der sich selbst noch höher anschlägt. In meinem eigenen Hause möchte ich denn doch Herr sein, und mit der sanften Ilka müßte sichs wie im Himmel leben.«

»So erobere Dir diesen Himmel, zögere nicht!«

»Ich habe keinen Muth. Schon gestern, als das süße Kind so lieb an den Vater und mich gedacht und unsere Stuben mit Blumen ausgeschmückt hatte, wollte ich sprechen, aber es war mir nicht möglich. Wenn ich doch zurückgewiesen würde, es wäre zu schrecklich. Wenn Du versuchen wolltest, Tantchen –«

»Was? zu sondiren, ob der Herr Neffe angenommen werden? Nichts da, wenn ein Mann den Muth hat zu lieben, muß er auch den Muth haben, seine Liebe zu gestehen. Frisch gewagt, ist halb gewonnen; was willst Du lange warten. Heute beim Glanze der Weihnachtskerzen hole Dir die Entscheidung. Ich will es schon zu machen suchen, daß Du ein wenig allein mit der Auserwählten bist.«

»Und dann soll ich, meinst Du –«

»Dich erklären, ei natürlich; nichts ist ja schlimmer zu ertragen, als die Ungewißheit – Jetzt, lieber Herrmann, entschuldige mich für zehn Minuten, ich muß noch Toilette machen, Du erweise Dich inzwischen nützlich und entzünde die Lichter am Weihnachtsbaume. – Mögen Sie Dein Glück bestrahlen.« Sie reichte ihm warm die Hand und gieng in ihr Schlafgemach.

Da lag das Kleid für den Abend, auf der schön ausgestatteten Toilette befanden sich die dazu gehörenden Schleifen und der anzulegende Schmuck.

Franziska aber trat nicht vor den hohen Spiegel, den Putz anzulegen, sie sank auf die kleine Causeuse nieder, stützte den Kopf in die Hand und Thräne um Thräne rann aus ihren Augen nieder.

»So nahe also dem Glücke,« flüsterte sie, »so nahe daran, ein Menschenherz zu eigen zu bekommen, und verloren für ewig! verdammt, mit dem lebhaft pulsirenden Herzen allein durch das Leben zu gehen! – Aber es ist gut so, ich segne diese Verwandtschaft, die seine Gefühle im Keime erstickten! – Er ist der Jüngere, wie schrecklich, wenn wir uns verbunden, und er mit eins sehend geworden wäre, die alternde Frau an seiner Seite als eine Last empfunden hätte! Er ist gut und treu, aber doch ein Mann und Männerliebe hat selten Bestand, wenn Jugend und Schönheit dahin! – Sei ruhig, Franziska, freue dich mit ihm, wenn er sein Glück gefunden, und danke Gott, daß er es bei keiner Unwürdigen sucht. Ueberwinde dich selbst, denke nicht an dich, für die die holde Blume der Liebe nicht gewachsen ist! Schirme vielmehr diese beiden guten Menschen, die Gott vielleicht für einander geschaffen hat!« Und entschlossen stand sie auf, trocknete die bitteren Zähren und tilgte ihre Spuren mit frischem Wasser; dann kleidete sie sich an, zierlich und geschmackvoll wie immer, bettete all ihr Weh in ihr wohlwollendes, großes Herz und trat beim Scheine der Weihnachtskerzen dem Verlorenen mit ruhiger Freundlichkeit gegenüber. –

Der Abend nahm seinen Lauf, wie er ihn fröhlich und rasch genug zu nehmen pflegt, wenn nur vertraute Personen bei einander sind; jeder war froh auf seine Weise, nur Herrmann schien noch stiller, als sonst. Das, was Tante Franziska heute von ihm verlangt hatte, erschien ihm unmöglich auszuführen. Ilka saß in ihrem gelbweißen Kleidchen mit dem blauen Bande ums reiche Haar geschlungen, gar so arglos und vertrauungsvoll da; war es recht, den Frieden dieser jungen Seele zu stören? Nach dem Abendessen gaben sich der Rath und seine Gattin wie gewöhnlich dem Lieblingsspiele der letzteren, dem Schach hin, die jüngere Welt plauderte mit Franziska im Salon. Jetzt hielt diese den richtigen Augenblick für gekommen. In ihrem Boudoir hieng nun die Landschaft, die Lona ihr geschenkt, im selben Raume spielten die beiden Alten.

»Komm' einmal mit, Lona,« sagte Franziska, »und sieh', wie schön sich Dein Achenthal in meinem Boudoir ausnimmt.«

Lona folgte und das, worauf Franziska gerechnet, traf prompt ein, Strom schloß sich an. Die drei standen vor dem Bilde und sprachen, aber Franziskas Seele war da nebenan bei den beiden jungen Menschen. Redete Herrmann, oder verpaßte seine Schüchternheit auch diesen guten Moment wieder?

Franziska war in höchster Erregung, die verschiedensten Empfindungen bewegten ihre Seele, und endlich konnte sie es nicht mehr aushalten; indessen ihre Freunde in ein Gespräch verwickelt waren, glitt sie lautlos in den Salon. Da saßen Herrmann und Ilka ganz wie vorher unter dem strahlenden Baume und sprachen – ja, Franziska glaubte nicht recht zu hören, davon, wie schade es doch sei, daß – das eingetretene Thauwetter die Schlittschuhbahn zerstört habe!!

Herrmann sah die junge Tante mit einem flehenden Blicke an, ihr gutes Herz fühlte Mitleid.

Sie trat sanft zu Ilka hin, legte den Arm um sie und sagte: »Ich glaube unser guter Herrmann möchte gern von anderen Dingen mit Ihnen reden, die ihm recht am Herzen liegen. Hören Sie ihn gütig an!« Damit verschwand die hilfreiche Fee wieder, um das andere junge Paar vom Eintritt abzuhalten.

Und nun mußte Herrmann wohl oder übel sprechen und er that es auch. Er brachte keine Liebeserklärung zu Stande, wie sie oft in Büchern oder auf dem Theater so wohlgesetzt erklingt, aber die unzusammenhängende Rede verfehlte doch ihre Wirkung auf Ilka nicht, sie saß da mit gefalteten Händen und vorgebeugtem Haupte und hörte andachtsvoll genug zu.

Aber wenn sie zu Lona gesagt hatte, daß sie ganz gewiß keinem, den sie lieb habe, solchen Moment erschweren würde, so hatte sie sich über sich selbst getäuscht, es war ihr nicht möglich, auch nur ein Wort hervorzubringen.

Endlich wußte auch Herrmann nichts mehr zu sagen, bittend schaute er sie an: »Haben Sie keine Antwort für mich?« fragte er.

»Auf was soll ich denn antworten?« entgegnete Ilka schüchtern wie ein Kind.

»Ob Sie mich lieb haben können, ob Sie nicht vor dem Gedanken zurückschrecken, mit mir ernstem, stillen Gesellen durch das Leben zu gehen?«

Das Mädchen wagte es, den Sprechenden anzuschauen, und die beiden Augenpaare trafen sich in inniger Liebe. Sie reichte ihm die Hand.

»Für immer?« fragte Herrmann.

Glühend roth flüsterte sie »ja« und er legte den heißen, kleinen Kopf an seine Schulter und wußte selbst nicht, wie er zu der Kühnheit kam, warme Küsse darauf zu drücken.

»Ich werde sehr glücklich sein,« sagte er dann warm, »ich war mein Leben lang vereinsamt! ich bin nicht für die Welt gemacht, ich werde nur für meine kleine, liebe, sanfte Frau leben.«

»Und ich will mir alle Mühe geben, um mein kindisches Wesen abzulegen und recht vernünftig zu werden, damit ich solch einen guten, klugen Mann auch verdiene!« entgegnete Ilka mit rührender Demuth.

»Nein, Du mußt ganz bleiben wie Du bist, Du erscheinst mir vollkommen! Bei Dir ist alles Harmonie, wie bei Tante Fränzchen, aber gepaart mit entzückender Kindlichkeit, die ich nicht entbehren möchte. Ach meine gute, kleine Ilka, mir ist zu Muthe, als hätte ich Dich gekannt von klein auf!«

»Auch mir ist es undenkbar, daß wir bis vor wenigen Wochen nichts von einander gewußt haben!«

»Ach Ilka, ich bin so unbeschreiblich glücklich, daß Du mich lieb haben willst!«

»Aber das ist ja so natürlich, einen solchen Mann muß ja ein Mädchen lieben!«

»Du bist so gut, Du siehst mich mit Augen der Liebe an. Ich habe keine so glänzenden Eigenschaften, wie andere junge Männer, eines aber weiß ich, Treue werde ich halten, bis in den Tod!«

»Das ist das Höchste!« entgegnete Ilka mit tiefem Gefühl. »Ach, mein Gott, wie schön ist diese Stunde!«

»Wollen wir es gleich den andern sagen, wie glücklich wir sind?«

»Bis morgen,« bat das Mädchen, »laß uns unser Glück allein behalten!«

Herrmann wars zufrieden, es hätte ihn auch zu schmerzlich berührt, auf sein junges Glück weltliche Worte wie kalten Thau fallen zu fühlen! – Allem nach aber war es ein Wunder, daß die Anwesenden mit Ausnahme Franziskas nichts von dem großen Vorgang merkten, denn Herrmann sah so verwandelt, so glückstrahlend aus und das Plappermäulchen Ilka war so mäuschenstill und lächelte nur heimlich vor sich hin, daß die Veränderung offenbar war. Aber Viktor und Lona hatten heute ihren streitigen Tag, sie neckten sich unaufhörlich, und es ist gar nicht zu läugnen, daß dieses Necken oft bis an die Grenzen des Zankens gieng; Lona wollte durchaus und durch all das lebhafte Interesse, das ihr Strom abgerungen, im Keime zerstören. Der Rath war viel zu zerstreut, um die Veränderung der jungen Leute zu bemerken, die Räthin aber denn doch von ihrer Macht über den Sohn zu sehr überzeugt, als daß sie hätte annehmen sollen, er sei so vermessen, ohne ihre Zustimmung über sein Leben zu entscheiden. –

»Gute Nacht, Tante Fränzchen, Du Engel meines Glückes«, flüsterte Herrmann beim Abschied und küßte die junge Tante, wie er es nie vorher so gewagt.

»Gott schütze Dich und sie!« gab Franziska innig zurück.

Lange stand sie sinnend am Fenster und schaute den Dahinschreitenden nach.

»Da gehen sie hin, die Glücklichen, dem Aufgang eines neuen Lebens, das erst Leben ist, entgegen!« sagte sie. Dann zuckte es seltsam um ihre Lippen. »Und ich habe es nie gekannt, jenes süße sich Hingeben und Selbstvergessen! und jetzt mit dreißig Jahren ist der ganze schöne Lebenstraum vorüber! Ich fühle es, er kommt nicht wieder. – Aber ich danke Dir, Gott, daß Du mich stark sein ließest; die Achtung vor mir selber habe ich in diesem Kampfe gewahrt und meine Frauenehre! Ich will weiter kämpfen, muthig, redlich, daß kein Neid diese Brust durchzieht, sondern Freundschaft, treue Freundschaft für sie, die Jüngere – Glücklichere.«

Franziska verlöschte die Lichter am Baume, die fast herabgebrannt waren: »So versank, was meinem Leben Leuchte und Glanz gab!« dachte sie.

Und doch fühlte sich die kleine, einsame Frau nicht unglücklich am heutigen Abend, hatte sie doch richtig und – größer gehandelt, als manche ihres Geschlechtes!



Elftes Kapitel.

Unverhofft.

Am andern Morgen trat Viktor zu früher Stunde bei dem Freunde ein. »Ich komme Abschied zu nehmen«, sagte er, »mein Verwalter hat am Weihnachtsabend einen bösen Unfall gehabt, er ist mit dem Wagen gestürzt und hat den Fuß gebrochen, da muß ich selbst nach ihm schauen, denn er ist mir mehr als Beamter, er nimmt sich als väterlicher Freund«.

»Es ist mir leid, daß Du gehst, Viktor, gerade jetzt.«

»Gerade jetzt?«

»Ja. Wirst Du lange bleiben?«

»Das kommt darauf an. Am Ende bin ich des Bummellebens müde und daheim jetzt vielleicht nöthig.«

»So mitten im Winter dürfte sich nicht viel Arbeit finden.«

»Ich will sehen. Jedenfalls werden ein paar Wochen vergehen, bis ich wiederkomme.«

»Ein paar Wochen! Nein, dann muß ich Dir doch jetzt schon eine Mittheilung machen, die freilich noch nicht einmal meine Eltern wissen.«

»Du machst mich neugierig.«

»Ich habe mich verlobt!«

»Mit wem? Mit Deiner hübschen, jungen Tante?«

»Nein, mit Ilka.«

»Verzeihe. Aber ich hatte geglaubt, Du glühtest ernstlich für die Majorin.«

»Ich läugne auch gar nicht, daß ich große Sympathie für sie habe, ja, daß ich zu Zeiten viel darum gegeben hätte, wenn Franziska nicht meine Tante gewesen wäre. Aber das war doch nicht das Rechte und bei ihr hätte ich die Kinderschuhe nie ausgezogen, sie ist mir überlegen; das geht für die Freundschaft, aber nicht für die Liebe. Ilka gegenüber fühle ich mich männlicher, sie ist so sanft, so schüchtern, sie kann ich beschützen und sie ist eben so gut als Franziska und sieht zu mir auf, das ist auch ein angenehmes Gefühl für einen Mann.«

»Daran zweifle ich nicht!«

»Ich werde das gewiß nie mißbrauchen. Aber sie soll sich auch nicht in mir täuschen, ich will mit allen Kräften darnach streben, um das zu werden, was sie in mir sieht.«

»Wenn man mit einer solchen Wärme spricht, so muß man ein Mädchen wirklich lieben.«

»Das thue ich auch in der That. Nimmt Dich das Wunder?«

»Hm, nein! Diese kleine Ilka wird eine recht bequeme Frau werden.«

»Wie meinst Du das?«

»Nun ich denke, stürmisch wird Eure Ehe nicht werden; ich habe das Mädchen noch niemals eine Meinung mit Energie verfechten hören.«

»Wenn Du darin einen Mangel siehst, so erlaube, daß ich den höchsten Vortheil darin erblicke. Eines schickt sich nicht für alle; was mich betrifft, fühle ich mich nur in gleichmäßiger Temperatur wohl und fliehe beide Pole.«

»Du hast Recht, Freund, das Glück hat für jeden ein anderes Gesicht – leider für die meisten nur eine trügerische Larve. Ich bin überzeugt, daß Du sehr gut und vernünftig gewählt hast, und wünsche Dir von ganzem Herzen das allerbeste Loos. Für mich wäre solch gleichmäßiges, ruhiges Geschöpfchen nichts, ich kann ein bißchen Donnergrollen und Gewitterleuchten schon in den Kauf nehmen.«

»Ich müßte mich sehr täuschen, oder es gibt hier eine Person, bei der Du das findest.«

»Ja. Ich läugne nicht, daß sie mich anzieht. Aber ich habe eine eigene Scheu, mich zu binden, und bin auch keineswegs überzeugt, dort Entgegenkommen bis zu solchem Grade zu finden. – Seit wann bist Du verlobt?«

»Seit gestern Abend, beim Strahl der Weihnachtskerzen hat Ilka mir ihr Jawort gegeben.«

»Und fühltest Du Dich heute früh, als Du erwachtest, nicht etwas bedrückt, so Deiner Freiheit entäußert zu sein?«

»Nein, Viktor, froh und zuversichtlich, wie in meinem Leben nicht!«

»Dann hast Du gewiß das Rechte erwählt, solch ein Gefühl ist der Prüfstein.«

»Gestern noch zagte ich bei dem Gedanken, meiner Mutter meinen Entschluß mitzutheilen, jetzt kann ich die Zeit nicht erwarten, die Einstimmung der Eltern zu erhalten. Sobald Du mich verlassen hast, will ich mit der Mutter reden, je eher der Sturm vorüber ist, desto besser.«

»Du fürchtest?«

»Sie hatte andere Pläne mit mir.«

»Deine Cousine – nicht wahr? Läugne es nicht.«

»Nun ja. Aber Du weißt ja, mit welcher Dosis von Gleichgültigkeit Lona mich stets begabt hat!«

»Nun Ihr konntet Euch darin nicht viel vorwerfen, beruhige Dich! Du und Ilona, es wäre das denkbar unmöglichste Paar gewesen.«

»Es freut mich, daß Du das findest. – Aber noch ein Wort im Vertrauen: hat Adelheid Rechberg gar keinen Zauber mehr auf Dich ausgeübt?«

»Nein«. Viktor sah bei diesem Worte dem Freunde offen und ehrlich ins Antlitz. »Die Bande sind zerrissen, auf ewig! Wie sehr, das fühlte ich erst, als ich sie wieder sah. Mein Herz hat lange um sie gelitten, sie war die erste, heiße Jugendschwärmerei, nun ist ihre Gewalt gebrochen. Glaubst Du, ich merke nicht, daß sie darauf ausgeht, mich aufs neue zu fesseln. Aber was mich einst bei ihr entzückte, verstimmt mich jetzt, zwischen sie und ihre gemachte Natur drängt sich ein Mädchen, dessen Augen nur die lauterste Wahrheit blicken, dessen Mund die Lüge nie gekannt. – Ich sage Dir offen, ich hege jetzt Zweifel an mir selbst, ob ich ein so reines Geschöpf so lieben kann, wie es sein müßte, denn wer zum zweiten Male liebt, bangt vor seinem eignen Gefühl. Es ist gut, daß ich von hier fortgehe, ich werde Zeit haben, mich zu prüfen. Fällt die Prüfung zu meinen Gunsten aus, so – folge ich vielleicht über kurz oder lang Deinem Beispiele.«

Die Freunde trennten sich mit einem warmen Händedrucke.

»Mutter, willst Du denn heute gar nicht aus der Küche kommen?« fragte Herrmann, »ich habe so nothwendig mit Dir zu sprechen.«

»Wenn ich will, daß das Feiertagsessen ordentlich wird, so muß ich selbst nachsehen, das weißt Du wohl. Aber geh nur in mein Zimmer, ich komme gleich nach.«

Herrmann that es, aber vorher klopfte er leise an die Thüre des Mädchenzimmers. »Darf ich guten Morgen sagen?« flüsterte er.

Ein Köpfchen streckte sich hinaus, es gehörte Ilka und war glühend roth. »Lona ist noch bei der Toilette«, sagte sie, »Sie können noch nicht eintreten, Herr Assessor.«

Dieser zog das junge Mädchen leise aus dem Stübchen heraus. »Soll ich keine andere Anrede haben?« fragte er leise, »ich thue einen schweren Gang, will mit der Mutter reden.«

Ilka sah ihn angstvoll an. »Fürchte Dich nicht, mein Lieb, es wird alles gut werden und ich zage nicht. Aber segnen sollst Du mich zu dem Gange.«

»Das thue ich.«

»Nicht so. Freiwillig sollst Du mir einen Kuß geben, den ersten, damit ich ein Recht habe, für Dich zu streiten, und »lieber Herrmann« sollst Du mich nennen«.

Das Mädchen schloß einen Moment die Augen, es dünkte ihm gar so schwer, was man da von ihm verlangte, dann sagte es aber doch: »Lieber, lieber Herrmann!«

»So ists recht! Nun?«

»Nein, das geht nicht, es könnte jemand kommen.«

Aber ehe jemand kam, hatte sich Herrmann sein Recht bereits genommen, die Liebe hatte ihn mit einem Schlage kühn gemacht.

Glühend schlüpfte Ilka ins Zimmer zurück; Lona schaute auf: »Was hattet Ihr Zwei denn miteinander zu verhandeln? – Aber wie schaust Du aus? Ilka, Mädchen, was hast Du?«

Statt aller Antwort sank Ilka vor der Freundin, die vor ihrem Toilettentisch saß, nieder und barg ihr Antlitz in ihren Schoß.

»Steht es so? Er hat gesprochen?«

Ilka nickte.

»Mein stiller, schüchterner Vetter hat den Muth gehabt? Da gratulire ich, Ilkachen, da kannst Du Dir viel darauf einbilden, da muß er Dich sehr lieben.«

Wieder ein seliges, stummes Bejahen.

»Du wirst nun also mein Cousinchen, komm, laß Dich umarmen! Das ist herzig, wir wollen treu zusammenhalten.«

»Gottlob, daß Du es weißt; es hat mir fast das Herz abgedrückt – seit gestern Abend.«

»Du kleine Heuchlerin! wie konntest Du mir das verschweigen?«

»Ach Lona, ich habe immer gehört, daß so viele ein solch seliges Geheimniß jahrelang in sich verborgen umhertragen, da wollte ichs doch eine Nacht lang für mich behalten. Und es war auch so schön, so ganz still daran zu denken! Zum ersten Male in meinem Leben konnte ich nicht einschlafen und wollte auch nicht, um immerfort an den seligen Moment zurückdenken zu müssen. Endlich sind mir doch die Augen zugefallen – zum ersten Mal im Leben ohne Nachtgebet – und nicht einmal geträumt hab ich von ihm, ist das nicht unbegreiflich? Heute früh freilich, als ich erwachte, galt das erste Gefühl ihm und es kam mir so unglaublich und doch so wundervoll vor, daß ich nun eine Braut sein sollte! Dann aber dankte ich dem lieben Gott so recht von ganzem Herzen und wäre auch gewiß jetzt schon in der Kirche, wenn ich es nicht für Sünde hielte, mit so unruhig klopfendem Herzen hinzugehen! Denn wisse, jetzt gerade wird Herrmann mit seinen Eltern sprechen.«

»Sei nur ruhig, was sollten sie an Dir auszusetzen haben? Viel glaublicher ist es, daß Deine Eltern mit Deiner Wahl unzufrieden sind.«

»Und warum?«

»Nun, weil sie ihre Tochter nicht für immer so weit fortgeben werden wollen.«

»O meine Mutter, wie mein Vater sind gut, sie werden nichts als das Glück ihres Kindes wollen! Und dann – gibt es einen vollkommeneren Menschen, als Herrmann?«

Lona lachte. »Hm, das kommt denn doch auf die Auffassung an«, meinte sie, »Du bist zu sehr Partei. – Aber gut, brav, solide ist Herrmann, und ich gönne es ihm von Herzen, aus dem strengen Kommando, unter dem er jetzt steht, unter ein so zierliches Pantöffelchen zu kommen.«

»O Lona, Du denkst doch nicht, daß ich je nach der Herrschaft streben könnte? Nie, nie! Es ist ja so wunderbar, daß er mich armes, unwissendes Mädchen gewählt hat, da soll mein ganzes Leben nur dem Streben gewidmet sein, zu thun, was ihm gefällt!«

»Um Gotteswillen, wer wird die Männer so verwöhnen, das wäre der rechte Weg sie widerwärtig und ungalant zu machen! – – Ob ich wohl auch so á la Käthchen von Heilbronn empfinden könnte! Ich glaube nie und liebte ich bis zum Sterben. Aber auch da ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen!«

Während die zwei Mädchen so ihre Empfindungen austauschten, sprach Herrmann mit der Mutter.

»Das muß ja etwas sehr Wichtiges sein, was Du mir zu sagen hast!« begann sie die Unterredung.

»Ja, liebe Mutter, ich komme Dir mitzutheilen, daß ich entschlossen bin, mich zu verheirathen.«

»Du weißt, daß dieses längst unser Wunsch ist.«

»Ja. Nur in der Wahl des Gegenstandes waren wir nicht einer Meinung. Du wirst selbst gemerkt haben, daß mein Wunsch wo anders hingieng, als der Deine.«

»Nein«, entgegnete die Räthin eisig, »ich sah nur, daß Du nicht besser warst, als die meisten jungen Herren, und Deine Verehrung allen möglichen jungen Damen darbrachtest.«

»Unter diesen »allen möglichen Damen« kann nur Tante Fränzchen, die ich aufrichtig verehre, und unser Gast gemeint sein, dem ich allerdings ein noch wärmeres Gefühl schenke!«

»Ilka?«

»Ist es, die ich liebe, und deren Hand ich zu erringen trachten werde«, entgegnete Herrmann mit männlichem Ernste.

»Sieh einmal, wie bestimmt! Da dürfte denn doch erst manches vorher zu erörtern sein.«

»Ich liebe das Mädchen.«

»Liebe ist gut für die Poesie, im Leben glaube ich nicht an sie. Ich habe Deinen Vater ohne jede Liebe geheirathet, und ist unsere Ehe nicht eine sehr glückliche?«

Der Sohn schwieg, sein kindliches Gefühl verbot ihm, zu äußern, daß sein Ideal einer Ehe ein anderes war.

»Was hast Du an Ilka auszusetzen, Mutter?«

»An ihr nichts, sie ist ein gutes, unverdorbenes Mädchen, dem man nicht böse sein kann. Aber wir wünschten, daß unsere Mündel unsere Tochter werden soll, sie steht ganz allein in der Welt, Du heirathetest da keinerlei Familie mit –«

»Und Ilona ist reich!« fiel Herrmann bitter ein, »sehr reich!«

»Ja«, entgegnete die Räthin sehr ruhig. »Das würde gut für Dich sein, Du schlägst die Verwaltungscarriere ein und wirst somit nie viel erwerben. Der alte Ghylani hat vier Kinder, viel wird er Ilka nicht mitgeben können.«

»Sprich nicht davon, Mutter, entweihe mir nicht die schönste Zeit meines Lebens, die Schamröthe steigt mir ins Gesicht, daß man daran denkt«. Er stand auf. »Es thut mir leid, liebe Mutter, nicht nach Deinem Beifall gehandelt zu haben – an der Thatsache selbst ist nichts mehr zu ändern. Gestern Abend habe ich bereits mit Ilka gesprochen.«

»Ohne uns auch nur zu fragen?«

»Liebe Mutter, hier handelt es sich um mein ganzes Leben, und wenn Du wüßtest, wie glücklich ich bin, Du verkümmertest mir dieses Glück nicht!«

Die Räthin stand in diesem Augenblick sehr rathlos da; es war ihr sehr ärgerlich, ihre Lieblingsidee aufzugeben, ja es bereitete ihr das eine Enttäuschung; andererseits war sie aber gerecht genug, im tiefsten Innern zuzugestehen, daß ihr Sohn eine passende Wahl getroffen.

Der Rath kam von seinem Morgenspaziergange heim, ein paar Worte genügten, den Vater zu verständigen. Der gute Mann war überglücklich. »Das nenne ich eine Weihnachtsüberraschung!« rief er aus. »Wo ist das neue, liebe Töchterchen, daß ich es in meine Arme drücke?«

»Davon kann wohl gar keine Rede sein!« fiel die Frau ein, »selbst wenn wir diese Wahl zugeben, – mit Erstaunen muß ich wieder sehen, wie wenig Dir langgehegte Pläne gelten – so bedarf es doch vor allem der Zustimmung der Eltern des Mädchens, ehe es sich entscheidet.«

»Sie hat sich entschieden«, rief Herrmann, der das Eisen schmieden wollte, so lange es warm war, stürmte hinaus, riß so ungestüm die Thüre von Lonas Zimmer auf, daß diese mit einem Schrei in ihrem Peignoir hinter einen Schirm flüchtete, und zog Ilka mit sich fort.

»Hier, Vater, Mutter, bringe ich Euch meine süße, kleine Braut.«

»Willkommen, von Herzen willkommen«, sagte der Rath und küßte und streichelte die Verlegene und wischte sich dazu die Thränen aus den Augen.

»Werden auch Sie mich lieb haben?« fragte Ilka schüchtern die Räthin, die etwas abseits stand.

»Mein Kind, dieses alles scheint mir verfrüht – Ihre Eltern.«

»O wir telegraphiren es ihnen«, sagte das Mädchen ganz naiv. »Sie sind meinem Glücke nicht im Wege.«

»Ich will es auch nicht sein«, entgegnete die Mama gezwungen genug und küßte Ilka auf die Stirne.

»Sag einmal, kleines Mädchen – denn nun sage ich natürlich du – hast Du meinen Jungen wirklich so lieb?« fragte der Rath verklärt.

Als ganze Antwort nahm sie des Geliebten Hand. Herrmann schlang den Arm um das in diesem Momente so liebliche Kind und küßte es frank und frei vor den Augen seiner Eltern. Es schien, als sei mit seiner Liebe ein ganz neuer Geist in ihn gezogen.

»Du wirst es gut haben, Junge, sehr gut«, sagte der Vater fast wehmüthig, »Du bekommst ein gutes, sanftes Frauchen, das gewiß nicht eigensinnig auf seinen Kopf bestehen wird.«

Ilka schüttelte den ihren sehr verneinend.

»Das Leben wird Ilka schon noch lehren, daß ein Mann weder der Fels, noch die Eiche ist, als welchen ihn sich Mädchenherzen träumen«, ließ sich die Räthin sehr spitz vernehmen und gieng geräuschvoll in die Küche, um nach dem Essen zu schauen. Sie kehrte noch einmal zurück und sagte: »Daß mir niemand das Ereigniß weiter erzählt, bis die Einwilligung von Ilkas Eltern da ist!«

Jetzt kam Ilona ins Zimmer, sie hatte rasch das erste beste Kleid übergeworfen, um bei solcher Freude nicht zu fehlen.

Ihre Theilnahme war ächt. Sie gratulirte Herrmann so herzlich, wie es nur eine Schwester thun kann. »Das ist der vernünftigste Streich Deines Lebens, Du bist so ganz zum Ehemann geschaffen, Du wirst ein außerordentlich guter Mann werden!« rief sie.

Als sie hörte, daß die Verlobung noch Geheimniß bleiben sollte, bis die Erlaubniß aus Ungarn eingetroffen, setzte sie selbst das Telegramm an Ilkas Eltern auf, da sie ja jetzt doch die »einzige Vernünftige« sei. Dann lief sie damit aufs Telegraphenamt und fühlte sich so ein wenig »Brautmutter« Ilkas.

Für den Abend hatte man Opernbillets besorgt, und die Liebenden waren nun in großer Spannung, ob sie bis zu diesem Zeitpunkte das Recht haben würden, öffentlich mit einander als verlobtes Paar zu erscheinen.

Die Antwort des Papa Ghylani ließ nicht auf sich warten; »Gott gebe, wie wir, seinen Segen dem Brautpaar,« hieß sie.

Nun war der Jubel groß. Stolz ließ Ilka sich an Herrmanns Arm ins Opernhaus führen. Eigentlich war es schade um das viele Geld, das da unnütz ausgegeben worden war, denn es konnte wohl darauf gewettet werden, daß weder Bräutigam noch Braut viel von den »Meistersingern« wußten, die da oben über die Bretter giengen: was kümmerte sie das Schicksal von Eva und Sachs, war ihr eigenes doch viel interessanter.

Auch der Rath, der an Stelle seiner Gattin, deren Fuß ihr wieder zu schaffen machte, mitgegangen war, hörte nur wie im Traume zu, wie denn sein Kunstgefühl überhaupt kein stark entwickeltes war: nur Franziska und Lona bemühten sich wenigstens bei der Sache zu sein.

Ganz gelang es auch ihnen nicht, Lona dachte daran, daß es zwar sehr schön von ihrem jungen Freunde sei, des Unglücks seines Verwalters halber nach Hause gefahren zu sein, daß es aber recht »dumm« sei, daß dieses gerade jetzt passiren mußte, wo Herrmann und Ilka ein Brautpaar und dadurch gewiß für die Geselligkeit ungenießbar geworden waren.

Franziska wollte gewiß von Herzen an dem Glücke der beiden theilnehmen, und in gewissem Sinne brachte das ihr liebes, gutes Herz auch zuwege, aber eigenthümlich war ihr doch zu Muthe. Aber Franziska war nicht nur eine gute, sie war auch eine kluge und starke Frau; als sie sah, welch ein anderer Mensch Herrmann durch seine Liebe geworden war, da sagte sie sich klar: »Es ist ein Glück, daß er bei Zeiten die Täuschung eingesehen; was er für Dich gefühlt, ist Liebe nicht gewesen!« –

Nun wurden die Verlobungskarten gedruckt und es war eitel Glück und Freude im Rathshause.

Ganz anders äußerte sich die Wirkung bei Professors: Gertrud setzte sich geradezu hin, um bitterlich zu weinen.

»Liebtest Du denn den ungelenken, blassen Assessor Alsen?« fragte Adelheid verwundert.

»Es ist mir nicht eingefallen, aber ich hätte ihn geheirathet, wenn er mich gewollt hätte. Er war immerhin eine Partie und solide und brav dazu. Aber ein so armes Mädchen, wie ich, kommt ja gar nicht einmal in Betracht, wenn vom Heirathen die Rede ist. Wie oft hat mich seine Mutter ob meiner Häuslichkeit und Wirthschaftlichkeit gelobt; aber nun es ans Verloben geht, wird eine ganz andere, weiß Gott woher geholt, wenn sie nur Geld besitzt.«

»Es gieng ein Gerede, der Assessor und Lona würden ein Paar werden, und das wäre auch das Richtigste gewesen,« entgegnete Adelheid böse.

»Natürlich, damit Du freies Spiel bei Herrn v. Strom bekämst, den Du gar zu gerne zu Dir zurückführen möchtest! Das war die größte Dummheit Deines Lebens, daß Du den Goldfisch aus Deinen Netzen schlüpfen ließest.«

»Vielleicht! aber was lag mir damals an ihm. Ein Mädchen kann auch zu viele Bewerber haben, mir gieng es so!«

»Und weil Du kokett warst und es mit keinem verderben wolltest, hast Du keinen bekommen. Und ich muß darunter büßen; von Deiner Vergangenheit, von Deinem Alter munkeln doch die Leute und ich werde mit Dir in einen Topf geworfen.«

»Du hast wieder Deinen artigen Tag.«

»Nun ja, ist es nicht wahr, daß mein Leben unausstehlich ist? Ich bin fleißig, häuslich, anspruchslos, passe sehr gut zu einer Frau, kein Mensch wählt mich, weil man mich mit Dir vergleicht!«

»Sehr schmeichelhaft. Nur Geduld, kleines Aschenbrödel, auch ich habe das Mädchenleben satt, noch in diesem Winter verheirathe ich mich.«

»Etwa mit dem faden Baron, über den Du Dich selber lustig machst, der sein Vermögen verschwendet hat, daß er kaum noch die Heirathskaution aufbringen könnte? Wenn das das Ende von der schönen Loreley Erdenwallen ist!«

Diese zuckte die Achseln. »Armes Kind, Du hast keinen Begriff von meiner Gewalt – wenn ich wollte –«

Gertrud schaute die Schwester fest an. »Du willst,« sagte sie sehr überzeugt. »Lange Zeit hast Du mit den Männern gespielt, jetzt möchtest Du Ernst machen. Der Zweck heiligt auch bei Dir die Mittel: wenn man im Dezember sogar ein kaltes Bad nicht scheut!«

»Verläumderin!«

»Ich verläumde nicht,« antwortete Gertrud ruhig, fast traurig. »Ich vermag nur nicht zu begreifen, daß andere das nicht gemerkt haben; die Komödie war ja zu deutlich. – Ich bitte Dich, laß diese Extravaganzen, sie helfen zu nichts. Du hast gesehen, Strom hat am Weihnachtsabend, wo er gleich einem Halbgott hier verehrt ist, nicht ausgehalten, er ist jetzt sogar ganz davon gereist – gib die Hoffnung auf ihn auf. Gelegenheitlich sieh Dir einmal an, wie er zu Ilona ist, das ist denn doch mehr als gewöhnliche Freundschaft.«

Gertrud gieng davon, ohne die Antwort der Schwester abzuwarten. Zorn und Leidenschaft entstellten Adelheids schöne Züge.

»Sollte sie recht haben?« fragte sie sich. »Nein, nein und tausendmal nein. Wer mich geliebt hat, wie er, kann nicht dauernd in den Fesseln eines kindischen Mädchens schmachten! Jetzt soll er der meine sein. Laß sehen, wer den Sieg davon trägt.« –

So wenig die Schwestern Rechberg nun auch von der Verlobung Herrmanns entzückt waren, so zeigten sie dieses auf keine Weise; ja, sie waren die ersten, die dem Brautpaar eine größere Gesellschaft veranstalteten. Dieses gab eben so wenig darum, unter Leute zu gehen, als es alle glücklich Liebenden thun, da man aber mit der Professorsfamilie zu innig befreundet geworden war, und das Fest zugleich als Genesungsfeier Adelheids gelten konnte, so mochte man nicht absagen.

Das Souper war vorüber, Toaste hatten die Genesung der Tochter des Hauses und das Verlöbniß des neuen Brautpaars gefeiert. Letzteres war sogar von Adelheid in selbstverfaßten Versen verherrlicht worden. Dergleichen ließ Herrmann wie auf Kohlen sitzen und die kleine Ilka fühlen, wie wenig sie noch den gesellschaftlichen Gebräuchen gerecht werden konnte; sie wurde roth und verlegen und wußte kein Sterbenswörtchen zu sagen.

Nach dem Essen vertheilte man sich, Adelheid gab einige Klaviervorträge zum Besten, welche lebhaften Beifall fanden. Nach Beendigung eines brillanten Konzertstückes zog ein neuer Ankömmling, ein sehr blonder Lieutenant die Blicke der im Salon Anwesenden auf sich.

Lona glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie in dem Gaste jenen faden Menschen erkannte, dessen Zudringlichkeit sie am Achensee so verletzt hatte, und der dann, freilich unschuldiger Weise, die Ursache zu ihrem Verdrusse mit Strom gegeben hatte.

»Sie haben mir erlaubt, gnädiges Fräulein, auch so spät noch erscheinen zu dürfen,« sagte Sandeln mit seiner lauten, schnarrenden Stimme, »kam leider nicht früher vom Thee seiner Excellenz los, war eminent ungeduldig darüber.«

»Sie sind auch jetzt noch willkommen, Herr Lieutenant,« gab Adelheid mit vornehmer Grazie zurück und stellte der Gesellschaft den Angekommenen als Lieutenant von Sandeln vor, den ein Kommando für einige Zeit nach der Reichshauptstadt gebracht habe.

Sandeln ließ seine Blicke prüfend durch die Runde streifen, sie blieben an Ilona haften!

»Ah, bin entzückt, Gnädigste hier zu sehen.«

»Sie kennen meine Freundin?« fragte Adelheid sehr verwundert.

»Aber gewiß. Haben Bekanntschaft in der romantischsten Weise gemacht! Bin ganz intim mit dem Bräutigam oder jetzt wohl schon Gatten der Gnädigen.«

Alles dieses ward so laut gesprochen, als befände sich Sandeln ganz allein im Zimmer. Bei den letzten Worten erhob sich die Räthin lebhaft. »Es muß ein Irrthum in der Person obwalten, mein Herr, meine Nichte ist unverlobt!«

»Aber Herr v. Strom hat es mir ja selbst gesagt,« entgegnete Sandeln, wie consternirt von dem Gehörten, setzte dann aber gleich gefaßt und halblaut hinzu: »Verzeihung, gnädige Frau, ich hab' nicht gewußt, daß es sich um ein Geheimniß handle.«

Aber auch diese Worte waren von den Umstehenden gehört, man kicherte, man betrachtete Lona mit neugierigen Blicken. Sandeln begab sich ins Nebenzimmer, wo auch Herrmann und Ilka sich befanden, die von der peinlichen Scene nichts vernommen hatten. Adelheid schlang den Arm um Lona und zog sie in die Ecke. »Schelmin,« flüsterte sie, »auch mich zu täuschen, auch mir nichts gesagt zu haben.«

Ein bleiches Antlitz schaute sie aus thränenden Augen an. »Siehst Du nicht, daß Zorn und Scham mich kaum aufrecht halten?« fragte sie. »Wie kommt der fade, freche Mensch in Euren Salon?«

»Er ist gerade so gut einer unserer Freunde aus der Heidelberger Zeit, wie alle anderen,« entgegnete Adelheid fast verletzt, »er ist seit acht Tagen in Berlin, machte uns einen Besuch und ich lud ihn natürlich ein. Wie konnte ich wissen, daß ihm Geheimnisse als öffentliche Wahrheiten bekannt sind, von denen Deine hiesigen Freunde nichts wissen.«

»Aber das alles ist ja nicht wahr.«

»So thut es mir leid, daß ein unglückliches Mißverständniß Dich gerade bei meiner Gesellschaft verstimmen mußte. Nimm die Sache von der scherzhaften Seite!« entgegnete Adelheid ziemlich kühl und widmete sich ferner ihren anderen Gästen.

Trotz aller Aufregung hatte die Räthin den Bekannten im besten Vertrauen auf ihr gutes Recht über dieses sonderbare Mißverständniß gesprochen, war aber doch überzeugt, daß irgend eine Beziehung zwischen Lona und dem jungen Strom bestanden haben müsse, die ihr unbekannt geblieben war. Ihr strenges, sittliches Gefühl lehnte sich gegen diesen Gedanken auf und sie war wüthend auf Lona, daß sie ihretwegen eine so peinliche Scene hatte erleben müssen. Bei der ersten thunlichen Gelegenheit brach die Räthin auf. Kaum auf der Straße angelangt, sagte sie zu der Nichte: »Gott weiß, was Dein unbedachtes, unmädchenhaftes Gebahren mir schon für Aerger gemacht hat; daß ich aber solch einen Eclat erleben sollte, hätte ich nicht gedacht!«

»Wenn Du wüßtest, Tante Alma, wie unschuldig ich zu demselben kam!«

»Weder der späte Abend, noch die Straße sind zu solchen Erklärungen geeignet; ich erwarte Dich morgen früh in meinem Zimmer, und bilde Dir nicht ein, daß ich die Sache leicht nehmen werde!«

»Das soll wohl ein vollständiges Gericht geben?« entgegnete Lona flammend. »Ich habe dasselbe nicht zu fürchten und besitze selbst Takt genug, um zu wissen, was passend ist, was nicht! Ich habe Herrmann von dem vorlauten Benehmen des Baron von Sandeln in Kenntniß gesetzt, er mag Dir erklären, wie jener zu seinen Aeußerungen gekommen ist.«

Das war alles, was Lona über diese, ihr hoch peinliche Angelegenheit sprach, schweigend legte sie hinfort den Weg bis zum Hause zurück.



Zwölftes Kapitel.

Ilonas Verzweiflung.

»Herrmann hat mir alles gesagt,« empfieng die Räthin mit herbem Tone ihre Nichte, als sie am Morgen blaß und übernächtig in ihr Zimmer trat, »ich erkenne mit grenzenloser Betrübniß, welch einer laxen Moral Ihr alle huldigt, Du sowohl, wie mein Sohn: von der Frau Schwägerin erwartete ich freilich nichts Besseres.«

»Wie meinst Du das, Tante?«

»Das ist doch wohl einfach und verständlich genug: Ihr pflegt Umgang mit einem jungen Manne, ja betrachtet ihn als Freund, der sich den unzartesten Scherz mit Dir erlaubte und Deinem Rufe auf immer einen Treff gegeben hat.«

»Wer könnte es wagen, mich einen Augenblick des Uebermuthes büßen zu lassen?«

»Die Welt. Es liegt doch auf der Hand, daß ein Mädchen wenig verstanden haben muß, sich in Respekt zu setzen, wenn ein Mann ein solches Spiel mit ihm wagt!«

»Jedermann, der Herrn v. Strom kennt, weiß, daß er unüberlegt und übermüthig sein kann. Außerdem hat er sich dieser Ausrede nur bedient, um mir den faden, überlästigen Menschen vom Halse zu halten.«

»Ah, das ist stark – vertheidigst Du ihn noch gar?«

»Es fällt mir das nicht ein. Herrmann wird Dir gesagt haben, Tante, daß ich sehr böse von Strom geschieden bin; auch ich fühlte mich verletzt. Aber die Ritterlichkeit, mit welcher er sich nach dem immer betragen hat, die aufrichtige Freundschaft, die er mir gewidmet, und endlich die Erkenntniß, daß einem solchen übermüthigen Kind des Glückes ein unüberlegter Augenblick nicht so schwer anzurechnen ist, wie einem ernsten Charakter, haben mich ihm längst verzeihen lassen.«

»Das ist traurig genug, daß meine Nichte nicht einmal das Gefühl für das Schmachvolle eines solchen Spieles hat!«

»Tante!«

»Laß mich ausreden: was soll nun werden? Ich bin von der alten Schule, Du kannst unmöglich verlangen, daß ich Deine neuen, emanzipirten Ideen gut heiße. Du bist durch den gestrigen Auftritt in der Gesellschaft unmöglich gemacht. Ich wenigstens müßte darauf verzichten, Dich ferner zu begleiten!«

»Obgleich ich durchaus nicht einsehen kann, wie ein Mensch, wie Sandeln, ein rechtschaffenes Mädchen compromittiren kann, so verlange ich selbst nicht nach den neugierigen, prüfenden Blicken, die mich durchbohren würden; ich verzichte auf das große Glück, unter solche Menschen zu gehen, die kein größeres Vergnügen kennen, als ihren Nächsten zu verketzern.«

»Lona, Lona, was soll aus Dir noch werden?« sagte die Geheimräthin und bemühte sich, einen sanfteren Ton anzunehmen. »Wie gut hatten wirs mit Dir im Sinne, als Tochter wollten wir Dich aufnehmen; aber in übermüthiger Verblendung hast Du ein treues Herz mißachtet und Dich stets nur falschen Göttern zugeneigt – Jetzt nach dem, was geschehen ist, muß der einzige Weg versucht werden, Dich in der Gesellschaft zu rehabilitiren! Strom muß Dich heirathen. Heute noch soll ihm der Onkel diese Pflicht, die seine Ehre von ihm verlangt, in einem Briefe klar machen.«

Als traute sie ihren Ohren nicht, so starrte Lona die Sprechende an, dann ergriff sie energisch die Hand der Tante und rief: »Und ich schwöre es, ich thue mir ein Leid an, wenn das geschieht! Hörst Du es wohl, Tante? Ich sehe jetzt ein, daß ich gefehlt habe, daß ein junges Mädchen besser daran thut, nicht so vertraut mit einem jungen Manne zu werden, denn er hält nie die Grenze der Freundschaft. Für diesen Fehler aber bin ich, meine ich, bestraft genug, es ist nicht nöthig, daß ich ihn mit meinem ganzen Leben bezahle! Du hast mich unweiblich genannt, Tante Alma, aber ich bin keineswegs so unweiblich, daß ich mich einem Manne zum Weibe antragen lasse! Noch einmal sage ich es Dir, diesen Moment überlebte ich nicht! – Wenn ich übrigens diesen Höhegrad von Egoismus hätte erreichen können, daß ich verlangte, ein junger Mann soll einen unüberlegten Moment mit seiner ganzen Zukunft bezahlen, so hätte ich Stroms Frau ohne Intervention des Onkels werden können, jener begehrte nichts Besseres, als seinen Fehler auf diese Art zu sühnen.«

»Und weßhalb schlugst Du aus?«

»Nun, ich dächte, das läge nach dem Gesagten doch auf der Hand. Dann aber schätze ich die Freiheit auch zu sehr, um mich so früh zu binden.«

»Ich fürchte, unsere Ansichten werden niemals übereinstimmen, mein Kind, unser Zusammensein wird von keiner langen Dauer mehr sein!«

»Das ist alles, was ich wünsche,« entgegnete Ilona auf diese mit eisiger Kälte gesprochenen Worte der Tante äußerlich ganz ruhig. »Ich bitte nur mit weiteren Scenen verschont zu werden, ich habe dieselben nicht verdient.«

Sie gieng aus dem Zimmer, ein haßerfüllter Blick sah ihr nach. »Wie mir dieses Mädchen zuwider ist!« flüsterte die Räthin. »Vielleicht ist es gut, daß alles so gekommen ist, freilich jetzt heißts kriechen am Boden sein Leben lang. – Wäre Herrmann jetzt noch nicht verlobt, jetzt hätte er das Goldfischchen erreichen können, denn trotz aller hochtrabenden Redensarten bin ich überzeugt, sie wäre froh, jetzt durch einen rechtschaffenen Mann aus ihrer fatalen Situation erlöst zu werden!«

Frau Räthin Alsen war doppelt gereizt durch diese unliebsame Erfahrung mit Lona, als sie mit der Verlobung des Sohnes nicht so zufrieden war, wie Ilkas wirklich gute Eigenschaften es verdient hätten. Der alte Ghylani war ein gar aufrichtiger Mann, er hatte dem künftigen Tochtermann keine großen Versprechungen gemacht, sondern geschrieben, daß sein Gutsbetrieb all sein Kapital benöthige, daß er also seiner Tochter kein Vermögen mitgeben könne. Wohl aber setzte er ihr ein Jahrgehalt aus, das immerhin einen namhaften Zuschuß zu dem Einkommen eines Assessors gewährte, und das den bescheidenen Ansprüchen Herrmanns vollkommen genügte. Anders dachte die Mutter, sie hatte zu lange den Traum von Reichthum und Größe genährt, um sich so ohne weiteres in das bescheidene Zukunftsbild zu finden. Von dem Augenblicke, wo Lona für sie aufgehört hatte, Spekulationsobjekt zu sein, war auch alles Interesse bei der kalten, engherzigen Frau geschwunden, und so sehr sie früher darauf bedacht gewesen war, das reiche Mädchen in ihrem Hause zu fesseln, so gerne hätte sie es jetzt gesehen, wenn sich ein Ausweg gezeigt hätte, sich seiner zu entledigen. –

Lona schritt in höchster Verstimmung in ihrem Zimmer auf und nieder; sie hatte Zeit genug, derselben nachzuhängen, denn Ilka war nicht daheim, sie gieng mit ihrem Bräutigam spazieren.

»Welch armes, einsames Geschöpf bin ich,« dachte Lona, »trifft sonst ein junges Mädchen etwas Trübes, Schweres, da hilft es ihm die ganze Familie tragen, man bemüht sich, die Wunde mit dem Balsam des Zuspruchs, des Trostes zu heilen. Wie anders bei mir: ein unglücklicher Zufall läßt mich schuldig erscheinen, gleich ist man daran, mich dafür zu erklären; die mir die Nächsten sein sollten, wenden sich empört von mir ab – und allein fühle ich mich mit meinem Schmerze, meiner Verzweiflung! Er aber, der die Schuld an allem trägt, und der doch der einzige Mensch ist, der mich schützen und vertheidigen würde, weilt fern! Wenn ich nur wüßte, wohin ich mich wenden sollte? In diesem Hause ist die Hölle, hier gilt der Mensch nicht nach dem, was er ist, sondern nach dem, was er scheint. Mein Gott, mein Gott! gibt es auf Erden ein elenderes Geschöpf als eine Waise?« –

Es klopfte. Schnell trocknete Lona die strömenden Thränen, die selten genug ihren Augen zu entlocken waren. »Herein,« rief sie. Adelheid trat ein. Sie sah wieder unbeschreiblich reizend in ihrem knapp anliegenden Kostüm aus braunem Tuch und Plüsch aus.

»Ich komme,« sagte sie, »um Dir einestheils zu versichern, Lona, wie schrecklich es mir ist, daß gerade Dir, meiner theuersten Freundin, auf meiner Gesellschaft etwas Peinliches, unangenehm Berührendes hat passiren müssen. Dann aber kann ich Dir nicht verbergen, daß ich mich höchlichst verletzt fühle, daß Du vor mir, die ihr Herz Dir offen dahingegeben, Geheimnisse von solchem Belang hast.«

»Setze Dich und dann sage mir, was Du eigentlich meinst.«

Adelheid folgte dieser Aufforderung und begann stockend, indem sie mit dem Müffchen, das eine kokette Schleife zierte, spielte: »Es versteht sich von selbst, daß ich die Angelegenheit dem Baron gegenüber nicht mehr berührt habe, nachdem ein paar hingeworfene Worte von mir ihn glauben ließen, ich behandle jene als ein Mißverständniß. Ich aber bin mit mir einig, daß hinter dieser Sache mehr steckt, daß Strom und Du heimlich verlobt sind, daß Ihr uns alle zum besten gehabt habt, und daß es abscheulich von Dir ist, treue Freundschaft so zu täuschen.«

Lona, der die Ungeduld und der Aerger kaum mehr gestatteten, über diese fatale Geschichte zu reden, zuckte mit den Achseln und sagte: »Glaube meinetwegen, was Du willst, ich bin es müde, mich zu vertheidigen.«

Aber das paßte Adelheid, die der Sache auf den Grund blicken wollte, keineswegs. »Sprich mit mir, Ilona, sage, wie die unglückselige Geschichte zusammenhängt, und ich glaube Dir; auf mein Wort, ich glaube Dir mehr, als allen Menschen auf der Welt.«

Lona schwieg noch immer, trotzig waren die Lippen aufgeworfen und die Augen blickten finster. Aber die Freundin schlang den Arm um sie, küßte und herzte sie und bat: »Sage mirs, Lona, laß mich an Dir nicht irre werden; halte ich doch auf niemand so viel, als auf Dich, Geliebte!«

Das war der alte Sirenenklang, dem Lona nicht widerstehen konnte. Sie begann, sie erzählte von den schönen, sonnigen Tagen am tiefblauen Achensee, von dem Glück solcher für sie lang entbehrten Freiheit und wie es da so natürlich gewesen sei, daß sie und Viktor v. Strom sich in wirklicher Freundschaft gefunden. Und sie gedachte des Abends in der kleinen Kapelle, wo unter Sturm und Regen es ausgesprochen ward, das Freundschaftswort, das alle anderen Gedanken von vornherein verbannte, und sprach von dem überlästigen Menschen, der mit seinem faden Wesen so gar nicht hineingepaßt in die bergesfrische Atmosphäre, und wie es fast natürlich gewesen, daß Strom ihn durch eine unrichtige Auskunft, deren Tragweite er damals nicht hätte ermessen können, abgeschüttelt hatte.«

Adelheid horchte auf jedes Wort mit gespannter Aufmerksamkeit, sie schaute Lona prüfend an, als wollte sie sie durchbohren; aber schließlich athmete sie auf, nein, hier war alles lauterste Wahrheit, hier konnte man vertrauen.

»Armes Kind,« sagte sie dann mitleidig, aber doch ein bißchen lauernd, »so mußt Du also unschuldig unter falschem Verdachte leiden, wie ich das für Dich beklage! Welch fataler Zufall, der Sandeln gerade jetzt hat hierher bringen müssen! Geschehen ist geschehen, und die Welt wird nicht müde werden, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Am besten ist es, Ihr macht Ernst aus dem Scherz und Du und Herr v. Strom werden in Wirklichkeit ein Paar.«

»Auch Du, Adelheid?«

»Ich zweifle nämlich nicht an seiner Ritterlichkeit, die im selben Augenblicke, wo man ihm dieses qui pro quo mittheilen wird, Dir seine Hand in der That antragen wird.«

»Und Du willst meine Freundin sein und kannst denken, daß ich ihn annehmen würde? Ach, geh, Du hast mich nie gekannt!« brauste Lona auf.

»Nun, mein Gott, die Mehrzahl unserer jungen Mädchen würde sich keinen Moment besinnen, den Schatten, der durch dieses Ereigniß auf ihren Ruf gefallen ist, auszulöschen.«

»Ich gehöre nicht zur Herde,« entgegnete Lona kühl.

»Du hast Recht und ich würde handeln wie Du,« erwiderte Adelheid enthusiastisch und umarmte Lona glühend. »Ein großer Geist ist erhaben über niederen Klatsch, mag die Welt reden, was sie will; ungestraft geht kein hübsches Mädchen davon, das kann ich aus Erfahrung sprechen. Ich ließe mich auch nicht um Gottes willen heirathen, und der Wildfang Strom, obgleich er mein Lebensretter ist und ich ihm viel Dank schulde, scheint mir auch nicht der Mann, der einer Frau das Opfer seiner Freiheit nicht anrechnen sollte!«

»Willst Du mir jetzt vielleicht den Gefallen thun, Adelheid, dieses Thema fallen zu lassen?« fragte Lona gereizt.

»Gewiß, mein Engel, nie wieder soll davon zwischen uns die Rede sein, wenn es Dich erregt. Ich hatte im Gegentheile gedacht, daß es Dir wohl thun würde, Dich zu einer Freundin auszusprechen!«

Wie sehr sich nun auch Adelheid bemühen mochte, Lona zu zerstreuen, es gelang ihr nicht, die Unmuthswolken lagerten dick und schwer auf ihrer Stirne und die kluge Loreley fand es daher bald gerathener, sich zurückzuziehen; sie schied, indem sie nochmals ihre aufrichtige Freundschaft und ihr ächtes Mitgefühl betonte.

Auf der Treppe schon änderte sich der sanfte Ausdruck des Gesichtes, er ward förmlich diabolisch. »Dich habe ich,« flüsterte sie, »das Mißtrauen ist tief in Dein Herz gesenkt, jetzt nimmst Du ihn nicht mehr. Wie leicht es ist, solch ein aufgeregtes, kleines Mädchen, das sich in seiner Würde so sehr fühlt, im eigenen Netze zu fangen! Jetzt, treuloser Falter, umflattere das süße Naturröschen, es hilft Dir zu nichts! Ich müßte ja nicht vierzehn Jahre in der Schule der Gesellschaft mitgemacht haben, wenn ich hier nicht Siegerin bleiben sollte!« –

Wie die Scenen dieses Morgens Lona aufgeregt hatten, wie sie sich danach sehnte, ihr übervolles, schwer beklommenes Herz in ein theilnehmendes auszuschütten! Zwar Ilka kam nach Hause, aber als gutes Kind hatten die Lehren der künftigen Schwiegermama bereits fruchtbaren Boden gefunden, sie sagte ziemlich lau: »Es ist sehr unangenehm für Dich, liebe Lona, ja, ja, ein Mädchen kann nicht vorsichtig genug sein.«

Ilona erwiderte kein Wort, das altkluge Geschwätz der Freundin widerte sie an; sie nahm Hut und Mantel und stürmte mit den Worten: »Sag' der Tante, daß ich nicht zu Tische wiederkomme,« fort.

Sie mußte andere, freiere Luft athmen, mußte ein Wesen haben, das der verlassenen Waise jetzt liebevoll begegnete; wo konnte sie das besser finden, als wenn sie zu Tante Fränzchen eilte?

Die Majorin war auch glücklicherweise daheim, sie saß an ihrem Schreibtisch, der ganz mit Briefen und Brochüren bedeckt war, und schien sehr beschäftigt. Dennoch stand sie sofort auf und bewillkommnete Lona herzlich.

»Mein liebes Kind, was bringt Dich zu so ungewöhnlicher Stunde (Franziska hatte Nachmittags Empfang) zu mir?«

»Eine Bitte, Tantchen: Laß mich hier bleiben, laß mich endlich die schreckliche Tante Alma verlassen.«

»Um Gottes willen, was ist geschehen?«

Lona erzählte fliegenden Athems.

»Hm,« sagte die junge Wittwe, der man die Kämpfe der letzten Tage doch ein wenig ansah, »das ist eine fatale Geschichte, aber ich sehe nicht ein, warum Ihr sie zu einem solchen Ereigniß aufbauscht! Ueber wen wird nicht einmal ein Klatsch in Umlauf gesetzt? Ueber jeden. Angenehm ist die Sache nicht, das gebe ich zu, aber in ein paar Wochen reden die Leute von etwas anderem. Ueberdies hat man Dich mit Strom so freundschaftlich noch jetzt verkehren sehen, daß einer schlimmen Auffassung von vornherein die Spitze abgebrochen ist.«

»So sagst Du, weil Du gut bist und mich kennst. Tante Alma hat sich ziemlich deutlich ausgedrückt, daß sie ein solches Mädchen nicht länger in ihrem Hause dulden will, daß es ihr angenehmer wäre, ich suchte mir ein ander Asyl. Da ich armes Geschöpf nun aber im Augenblicke durch Ilkas Verlobung, die zur Fahne der Schwiegermutter schwören wird, den einzigen Ort verloren habe, wo ich mich hätte hin retten können, so flehe ich Dich an, Tante Fränzchen, behalte Du mich hier.«

Die Majorin setzte sich zu Lona, die schluchzend in der Sophaecke lehnte, nahm die Weinende in ihre Arme und sagte mit ihrer lieben, weichen Stimme: »Glaubst Du, daß ich Dich lieb habe von ganzem Herzen, daß ich es gewiß gut mit Dir meine?«

»Ja, das glaube ich.«

»Dann höre, mein Kind, nimm meinen Rath an und übereile nichts, Du darfst jetzt nicht aus dem Hause meines Bruders und sollte ich das jenem selbst begreiflich machen müssen.«

»Und warum nicht?«

»Weil Du durch eine so plötzliche Entfernung der Welt das Recht gäbest, zu denken, daß irgend eine Schuld auf Dir ruhen müsse, die Deine Verwandten bestimmt, in solch einen Schritt zu willigen.«

»Was fange ich nun an, Tante Fränzchen? Die Ehre ist mein Lebensgott, ich kann nicht existiren, wenn ich denke, daß die Menschen ungleich von mir denken.«

»Immer in Sturm und Drang! Mein Kind, sorge, daß es stets gut mit Deiner inneren Ehre bestellt sei, dann darf es Dich nicht kümmern, was die Menschen Dir äußerlich anhängen! – Die Schwägerin ist jetzt ohnedies erbittert, sieht sie doch einen ihrer Lieblingspläne zerstört. – Folge mir nur dieses Mal, Lona, laß den Sturm ruhig vorübergehen, bleibe wo Du bist, aber komme täglich zu mir, so lange Du willst, Du sollst mir stets willkommen sein.«

»Dann störe ich Dich auch; ich bin eben ein unnützes Menschenkind, das aller Welt im Wege ist! Ich sah Dich an Deinem Schreibtische als ich kam; laß Dich nicht stören, Tante Fränzchen, wenn Du wichtige Briefe zu schreiben hast.«

»Das ist es nicht, ich habe anderes vor, und es ist gerade recht, Du kannst mir helfen. Da kommst Du ein bißchen auf andere Gedanken. Ich habe nämlich vor, unter die »wohlthätigen Frauen« zu gehen, das heißt, meine viele überflüssige Zeit dem Gemeinwohl zu widmen, indem ich in einem Vereine arbeite. Nun aber muß ich gestehen, daß ich bisher ein gar so leichtlebiges Frauenzimmerchen war, daß ich verschiedenen Vereinen Beitrag gegeben habe, ohne nur ihre Tendenz mehr als flüchtig zu kennen. Da habe ich mir nun verschiedene Statuten schicken lassen und war gerade daran, zu prüfen, für welche Thätigkeit ich das meiste Interesse und ein bißchen Talent haben dürfte.«

Franziska war in dieser Weise geschickt aus dem heiklen Thema in ein anderes übergegangen, von welchem sie hoffen durfte, daß es Lona interessiren würde. Und in der That fand sich das junge Mädchen durch den Einblick, den es in ihm ganz neue Verhältnisse that, gefesselt. Sie hatte bisher dahingelebt, wie die Blume auf dem Felde, das eigene Dasein als Mittelpunkt betrachtend und sich wenig um das Ergehen anderer kümmernd. Jetzt las sie, daß es Frauen gab, die den größten Theil ihrer Zeit opferten, um ihren Mitschwestern im schweren Kampfe ums Dasein zu helfen: sei es, daß sie sich bestrebten, ihnen neue Erwerbsquellen zu eröffnen, Schulen zu gründen, in denen die Mädchen systematischer und tüchtiger lernen konnten als bisher, oder aber sich bemühten, der zufälligen Wohlthätigkeit eine wohl organisirte gegenüber zu stellen.

Zu diesem Zweige der Thätigkeit der Armenpflege zog es Franziska zumeist, ihr gutes Herz bebte nicht davor zurück, die Stätten der Armuth recht kennen zu lernen, und ihr praktischer Sinn freute sich darauf, in Strick- und Flickschulen zu dirigiren.

Lona begriff es vollkommen, daß Tante Franziska mehr vom Leben verlangte, als es sich gut sein zu lassen und ihre Tage zu genießen, daß sie in dem großen Menschheitsgetriebe sich ihre Stelle suchen wollte, wo ihre Kraft sich prüfen, ihr Charakter sich bewähren konnte. Lona war noch so jung, aber der Drang nach etwas Neuem, Unbekannten, der in ihr rang, was war er anders, als unklar empfundener Thätigkeitstrieb? Von Natur aus viel impulsiver als die leichtlebige Franziska, kam sie gar nicht auf den Gedanken, daß solche Thätigkeit dieser nur Surrogat sein könnte für andere, unerreichbare Freuden.

Das Gespräch über die Bethätigung der Frauen über das enge Gebiet des Hauses hinaus, hatte Ilonas Seele wieder gleichmäßiger gemacht, sie drohte sich nicht mehr in rasender Unruhe zu verzehren.

Wie erstaunten die beiden, als gegen Abend der seltenste Gast in ihrem kleinen Heim erschien, Rath Alsen selbst. »Wo ist Lona?« fragte er sichtlich besorgt.

»Wohl aufgehoben bei mir, lieber Bruder, überzeuge Dich selbst.« Die Majorin öffnete die Thüre; da saß Lona und blätterte ganz ruhig in einer Mappe mit Aquarellen.

Der Rath wischte sich den Schweiß von der Stirne, er war sichtbar in raschem Tempo hierhergeeilt, hatte er doch von der peinlichen Scene am Morgen und dem unangenehmen Vorgang am letzten Abend vernommen und befürchtete bei Lonas Unüberlegtheit eine neue Thorheit. Da Herrmann es gewesen war, der ihm in seiner ruhigen Weise den Sachverhalt mitgetheilt hatte, und da der Rath sich schämte, daß das alles in seiner Gegenwart am Achensee hatte vorkommen können, so war er sehr geneigt, gleich Herrmann die Sache für eine »Kinderei« zu nehmen, und hatte es sogar gewagt, seiner Frau ernsthafte Vorwürfe über ihr hartes Benehmen zu seiner Nichte zu machen.

»Liebes Kind,« sagte er jetzt, »ist das eine Art, so mir nichts dir nichts wegzulaufen und einen ehrlichen Christenmenschen in ordentliche Aufregung zu versetzen? Ich gebe es ja zu, meine liebe Frau mag im Grunde ein bißchen unsanft mit Dir umgegangen sein, aber Du mußt ihren strengen Grundsätzen Rechnung tragen und ihrer sehr ernsthaften Natur. Sie ist doch immer Deine Tante, Lonachen, und meint es gut mit Dir, und es kränkt sie, wenn Dein lebhaftes Naturell Dich in Dinge bringt, die ein falsches Licht auf Dich werfen. Es kann ja nicht alle Welt wissen, welch' ein braves, liebes, herziges Mädchen Du bist!«

Es war Ilona nicht lächerlich zu Muthe, aber jetzt mußte sie lachen, es erschien gar so drollig, wie der gute, alte Rath sich alle Mühe gab, den Fehler seiner Frau gut zu machen. »Und jetzt bist Du mein artiges Kind und gehst mit mir heim; nicht wahr, Lonachen?«

»Tante Franziska hat mich zum Nachtessen eingeladen.«

»Und auch wohl zum Nachtlager?«

»Nein, Bruder, Lona wird mit Dir heimgehen. Aber zuerst mache uns die Freude und speise mit uns.«

Das that der Rath nun sehr gerne, heute hatte er sich wirklich über seine Frau geärgert, denn ich will nicht verschweigen, daß auch er sein gut Theil Vorwürfe abbekommen hatte: mochte sie sich jetzt immerhin um die Ausbleibenden aufregen. Auch war vorauszusehen, daß nach dem Gewitter von heute früh der Abend sich nicht allzu ruhig anlassen würde, und so sagte Alsen denn sehr gerne zu, dazubleiben.

Lona war dem gutmüthigen Manne dankbar, der sich in schwierigen Lebensmomenten ihrer so liebreich annahm, und es kam ordentlich ein Gefühl von Geborgenheit über sie, als sie an seinem Arme durch das nächtliche Dunkel dahinschritt.

Daß die Stimmung gegen sie sich im Hause zu ihren Gunsten geändert, das konnte sie auch an Ilkas Entgegenkommen merken, die nun auch kein Wort des Vorwurfs mehr wagte, sondern für die Freundin nur Zärtlichkeit und Liebe hatte.

Dennoch fühlte sich Ilona in tiefster Seele unruhig, es war doch etwas in ihr Leben getreten, was ihr bisher fremd gewesen war: die Neugierde, die Klatschsucht der Menschen hatten hinfort ein scheinbares Recht, sich mit ihr zu beschäftigen. O wie sich ihre grade Natur dagegen auflehnte! – Sie beschäftigte sich krampfhaft, aber was sie auch vornehmen wollte, nichts hielt vor, nichts war im Stande, ihr das Gleichgewicht der Seele wiederzugeben.

In die höchste Verwirrung aber sollte sie ein Brief setzen, den sie einige Tage darauf von Strom erhielt, er lautete:


Liebe junge Freundin!

Es macht mir Freude, mir einzubilden, daß Sie erwarten, Nachricht von mir zu erhalten. Vielleicht ist es auch nicht so, aber das menschliche Herz pflegt nun einmal die angenehme Thorheit, das zu glauben, was es sich gerne wünscht. Also ich bin daheim auf der Scholle, die meine Väter bebauten. Der alte Verwalter war ganz gerührt, daß sein Unfall, der übrigens nicht schlimm auslaufen wird, mich hergelockt hat. Ich lasse den guten Alten bei seinem kindlichen Zutrauen in meine Gutmüthigkeit. Aber ich bin aus ganz anderem Grunde aus Berlin entflohen, denn ich wills nur gestehen, meine plötzliche Abreise war nicht viel was Besseres, als eine Flucht. Ein Egoist, wie ich, empfindet es unliebsam, wenn ihn etwas, und sei es das angenehmste Gefühl der Welt, in seinem ruhigen Dahinleben stört.

Denken Sie sich den Zustand eines Mannes, der nach den ersten schwer bezahlten Jugenderinnerungen gelernt hatte, auf sich ganz allein gestellt, sein Glück zu suchen und zu finden, und mit einem Male die traurige Entdeckung machen muß, daß dieser solide Unterbau seines Lebens überall unterminirt ist!

Das ist mein Fall, mein eigenes, liebenswürdiges Ich genügt mir keineswegs mehr, ich strebte in Berlin immerdar zu einem anderen Ich hin, das mir viel liebenswerther und interessanter als ich selbst vorkam. Das paßte nicht in meine Lebenstheorie, und da ich überdies wußte, daß dieses andere, liebenswürdige Ich denselben Grundsätzen wie ich huldigte und die Freiheit als höchstes Gut betrachtete, so ward ich uneins mit mir selbst und dachte als Weiser durch meine Entfernung ein Ende in diesem Zwiespalt zu machen.

Aber welch' ein naiver Mensch war ich, als ich als wohlstudirter Realist glaubte, es sei so leicht, sich selbst in der Gewalt zu haben. Es gibt etwas in uns, das mächtiger ist, als wir selbst und unser Verstand, es ist der Zug zu einem andern Menschenkinde. Die Dichter nennen ihn Liebe, aber dieses schöne Wort wird so oft mißbraucht, daß ich es für das Gefühl, das ich für Sie, meine kleine Freundin, hege, nicht anwenden möchte. Es ist mir ganz eigen zu Muthe: wenn ich an Sie denke, mit Ihnen rede, so ist es nicht, als verkehre ich mit einem andern Wesen, nein, als spräche ich mit einem Theile meines eigenen Selbst. Und dafür hat das Fliehen auch gar nichts geholfen. Sie sind mit mir gegangen, Sie sind immer neben mir, und wie verhext kann ich die Dinge nur unter dem Gesichtspunkte betrachten, wie sie Ihnen wohl entgegentreten würden! Ist das nicht seltsam? bin ich nicht ein armer, gefesselter Mann?

Im Anfang dachte ich: ich will mich dieser Macht nicht feige unterwerfen. Und das liebliche Bild des kleinen glutäugigen Kobolds wurde mit aller Macht fortgedrängt, aber es half gar nichts, es war immer wieder da, und es wurde lebend und flüsterte: ich wäre deine Heimat und das Glück!

Nun wissen Sie wohl, theuerste Freundin, halsstarrige Menschen, wie wir, hören nicht gleich auf etwas, was man ihnen auch noch so gut zuruft. Und so hörte auch ich nicht gleich: allmählich aber horchte ich immer lieber und lieber und jetzt ruft die Worte mein Herz und plappert sie mir den ganzen Tag vor und so mußte ichs hinschreiben.

Gott, ich bin froh, daß ich nicht dabeizustehen habe, wenn Sie diesen Brief lesen, denn Sie sind unberechenbar, liebe Ilona, und – ausgelacht bin ich in meinem Leben noch nicht worden.

Als älterer Freund erlaube ich mir nur noch Ihre Entschließung mit einigen Vernunftgründen zu beeinflussen: Wir sind beide allein und einsam auf der Welt, dieses macht mich mit einem Schlage zu einem Vorsehungsgläubigen und läßt mich denken, daß wir für einander bestimmt sind. Sie lieben das Landleben, ich werde es lieben, Sie verstehen etwas von der Landwirthschaft, ich werde etwas davon verstehen, denn wahrhaftig nach dieser Richtung hin verspreche ich Ihnen in den ersten Jahren die Oberherrschaft. Machen Sie mich zum »fleißigen, nützlichen Menschen«, wie Sie mir ja immer so schön predigten, Ilona, und Sie erfüllen eine Christenpflicht.

Ein Wort von Ihnen, am liebsten (weil am schnellsten) per Telegraph – und wir machen den Scherz vom Achensee wahr und proklamiren uns als verlobtes Paar. Wollen Sie? Ich bin zu ehrlich, um zu sagen: Sie sollen es nie bereuen! Aber ich sage mit vollster Ueberzeugung: Mein redlichstes Bestreben wird sein, daß Sie es nie bereuen sollen! Es grüßt Sie aus ganzer Seele derjenige, der sich gerne Ihren treuesten Lebensfreund nennen würde.

Viktor v. Strom.


Es ist schwer klar zu machen, mit welchen Gefühlen Ilona diesen Brief las: wie widerwillig sie ihn auch begonnen, so verfehlte die schlichte, ehrliche Art des Schreibens, die Viktor gerade so wiedergab, wie er war, ihre Wirkung nicht, Lona fühlte sich bewegt. Weich und wohlig ward ihr bei dem Lesen dieser ungeschminkten Sprache, die so fernab von allen herkömmlichen Verhimmlungen blieb, die solche Momente erheischen – da aber kam der unglückliche Schluß mit seiner Erinnerung an den Achensee und alles war vorbei: »Man hat ihm geschrieben, was geschehen ist,« rief Lona leidenschaftlich, »und er will gut machen. Er ist edel und großherzig und will den einen Moment des Uebermuthes mit seinem ganzen langen Leben bezahlen! Aber er kennt mich nicht, ich weiß es besser, als er selber, welch' köstliches Gut ihm die Freiheit ist!«

Und ohne auch nur einen Moment zu überlegen, ergriff sie die Feder mit fliegender Hast und schrieb:

»Mein Freund! Das sind Sie mir, und das sollen Sie mir bleiben! Mag das leidige Intermezzo vom Achensee Folgen haben, welche es will, ich denke, wir stehen beide zu hoch, um es mit unserm Leben zu bezahlen! Genießen Sie das Glück Ihrer Ungebundenheit, das Sie mir in jener kleinen Kapelle mit so lebhaften Farben schilderten, noch weiter, Ihre Jugend verträgt noch keine Fessel. Dieses die innigste Ueberzeugung Ihrer Freundin Ilona.«



Dreizehntes Kapitel.

Gertruds Enthüllungen.

Nun hatte Lona ihrer eigensten Natur nach gehandelt, schnell und ohne einen Menschen zu fragen; dagegen ließ sich nichts sagen. Ob sie sich aber auch zufrieden fühlte – das war eine andere Frage.

Sie hatte als Heldin gethan, hatte entsagt, ohne einen Augenblick der Schwankung, wo sie ihrer Meinung nach hatte entsagen müssen; das war ein erhabenes Gefühl und das hielt just gerade so lange vor, bis ihr Brief an Strom dem Briefkasten übergeben war. Dann aber, wir wollen es nur gestehen, machte die Heldin sehr bald dem ächten jungen Mädchen Platz, das ein banges Gefühl über seine Handlungsweise nicht überwinden konnte.

Nun stand Viktor mit einem Male in einem anderen Lichte da, er war doch ganz gewiß ein ehrlicher, braver Mensch, und wenn er nicht halb gezwungen um sie geworben, so wäre es vielleicht das Beste gewesen, ja zu sagen. Ach, mit einer Mädchenfreiheit ist es gar schlimm bestellt! Und auch, wenn Lonas Volljährigkeit eintrat, so mußte sie sich sagen, daß sich in ihrem Leben nicht viel ändern würde. Konnte sie wirklich, wie sie geträumt, ganz allein in Ungarn auf dem Gute leben? Wie hatte der Gedanke daran sie entzückt, warum that er das nicht mehr? Warum erschien mit einem Male dort alles grau und farblos? Warum? Vielleicht, weil die Gedanken jetzt, mehr als ihnen gut war, bei dem waldumkränzten, lieblich deutschen Heim verweilten, das Viktor ihr als das seine ausgemalt.

O, wie beneidete Ilona nun wieder die Männer, die ihr Studium, ihren Beruf haben, nicht Tag für Tag Zeit zu sinnen und zu denken, was das arme, unruhige Herz verlangt.

Was sollte sie in dieser Unruhe der Seele begehen? Tante Fränzchen war bereits in ihre neue Thätigkeit eingetreten, fühlte sich darin außerordentlich wohl, denn ihr Leben hatte wieder einmal einen Zweck; aber sie war nun außer der Mittagszeit und den Abendstunden selten zu Hause zu treffen und das vermißte Lona schwer. Daheim hörte sie von nichts, als von der Ausstattung Ilkas reden, die ihren Berliner Aufenthalt dazu benützen sollte, Gegenstände, die es daheim nicht gab, unter Rath der Schwiegermama auszuwählen. Ach, wie das Lona langweilte, wie sie das altkluge Gebahren Ilkas, die kleine Hausfrauenmiene, die jene aufzusetzen begann, unendlich lächerlich fand.

Ganz zuwider aber waren Lona die Zärtlichkeiten des jungen Brautpaares, sie war fest überzeugt, daß sie sich im gleichem Falle nie so »abgeschmackt« benehmen würde.

Sie kehrte mit aller Macht zur Malerei zurück, aber die Muse machte ein böses Gesicht und zeigte Ilona, daß sie nur denen gnädig ist, die ihr von ganzem Herzen dienen. Das machte das arme Kind vollends ungeduldig.

»Was er wohl zu meiner Antwort gesagt hat?« »Ob er mir wohl nochmals schreibt?« so fragte sie sich wohl hundertmal des Tages. Aber er schrieb nicht.

So vergieng der erste Monat des neuen Jahres öde genug. Es gab zwar Gesellschaften und Bälle, das Brautpaar aber hatte wenig Lust, dergleichen Vergnügungen mitzumachen, Lona noch weniger, so blieb man daheim.

Mit Adelheid schien der Umgang auch einzuschlafen, sie ließ sich seltener sehen und Lona besuchte die Freundin gar nicht, wollte sie doch dem malitiösen Baron dort nicht noch einmal begegnen.

Gertrud besuchte seit Anfang des Jahres einen Kursus für kunstgewerbliches Zeichnen, sie war sich, wie sie sagte, ganz klar darüber, daß alle häuslichen und gemüthvollen Eigenschaften einem jungen Mädchen nicht die Garantie verschaffen, einen Mann zu bekommen, und wollte daher durch systematische Ausbildung sich die Kraft erringen, den Kampf mit dem Leben selbst aufzunehmen. Adelheid lächelte über diese nüchternen Ansichten, sie freilich mit dem großen, ihr angeborenen Zauber, dem die Männerwelt nicht zu widerstehen vermochte, brauchte nicht bange zu sein: sobald sie nur ernstlich wollte, konnte sie wohl in den Hafen der Ehe einlaufen.

Ilona beneidete Gertrud fast, daß diese sich einen bestimmten Lebenszweck vorgestreckt hatte. Sie prüfte sich selbst, um zu ergründen, welches ihrer Talente einer Ausbildung werth sei. Ach, da wollte sich keines finden; sie dilettirte in manchem, aber ihr klarer Sinn sagte ihr, daß ihre Leistungen weit ab davon seien, in die Wagschale bei ernsten Zielen fallen zu können. So färbte sich denn für unsere Lona der Lebenshimmel jetzt gerade so grau, wie er sich vor dem Feste rosig angeschaut hatte. Und doch hätte Lonas Eigensinn sicherlich demjenigen bitter Unrecht gegeben, der ihr gesagt hätte, daß das Fehlen einer einzigen Person in dem ganzen Kreise diese Veränderung bewerkstelligt.

Es war an einem Sonntag Morgen, den Franziska jetzt um so mehr genoß, als ihre Thätigkeit sie die ganze Woche in Anspruch nahm, als sie ziemlich früh eine Männerstimme draußen vom Gange her vernahm. Man meldete ihr Viktor.

Mit einem guten Freunde macht man keine Umstände, so entschloß sie sich denn auch, ihn in Häubchen und Schlafrock zu empfangen.

»Verzeihung, gnädige Frau, daß ich so frühe komme, aber es liegt mir daran Sie zu sprechen, ehe mir andere Besucher in die Quere kommen«, sagte er in seiner freimüthigen Weise.

Sie reichte ihm freundlichst die Hand. »Sie sind willkommen, wann Sie auch sich einstellen. Sie sind lange ausgeblieben, das hätte ich nicht gedacht, und nun kommen Sie so feierlich, gleich mit einem Geheimniß! Setzen Sie sich daher und dann sprechen Sie, ich bin es jetzt gewohnt, die Beichtigerin zu machen!«

Viktor wurde verwirrt, der scherzhafte, harmlose Ton der Majorin frappirte ihn. Er war hierher gekommen in der festen Ueberzeugung, sie, als die beste Freundin Ilonas, wisse alles, und nun empfieng sie ihn gerade so, als wäre gar nichts geschehen. Das war ihm peinlich, er hätte es vorgezogen, sie eingeweiht zu sehen.

»Ich wäre längst gerne hierher gekommen«, sagte er, »wenn ich nicht hätte abwarten wollen, was aus dem Beine meines Verwalters wird; jetzt ist der Gypsverband abgenommen und der gute, alte Mann wird mit dem Schrecken und den Schmerzen davonkommen.«

»Das ist ja sehr erfreulich«, entgegnete Franziska antheilsvoll.

»Gewiß, um so mehr, als es mir sehr fatal gewesen wäre, mein Gut in diesem Augenblicke, wo ich im Begriffe bin eine größere Reise, die vielleicht Jahre in Anspruch nimmt, anzutreten, in andere Hände übergehen zu sehen.«

»Ich hatte gedacht, das Wandern solle nun ein Ende haben.«

»Ich auch, aber es ist anders gekommen. Ehe ich nun, und dieses Mal wirklich recht gerne, wieder in die weite Welt ziehe, möchte ich Sie, liebe Freundin, um eine Gefälligkeit bitten. Sie sind selbst eine Frau, ich nehme an, daß Sie die weiblichen Capricen, obgleich selbst frei davon, doch besser verstehen als ein Mann.

Sie sollen mir sagen, wie es möglich ist, daß ein Mädchen, das man durch und durch als ein vernünftiges Geschöpfchen zu kennen meinte, einem ehrlichen Manne in dieser Weise, die ebenso kindisch ist, als sie von engherzigem Nachtragen zeigt, antworten mag.«

Viktor zog bei diesen Worten einen Brief aus der Tasche.

»Ja so«, sagte er, »ich muß Ihnen noch sagen, Frau Franziska, daß ich von meinem Gute Eichberge aus um die Hand Ihrer Nichte Ilona angehalten habe – dieses da ist ihre Antwort.«

Franziska konnte sich kaum vor Erstaunen fassen; das war geschehen und Lona, die sonst die Offenheit selbst gewesen war, hatte das verschweigen können? Sie las die paar aufgeregten Worte, die das Mädchen als Antwort gesandt hatte.

»Herzlos, nicht wahr? über die Massen!« lachte Viktor bitter.

»Lona ist nicht so strafbar, als sie scheint«, entgegnete Franziska begütigend. »Sie ist maßlos stolz, und der Gedanke, Sie könnten den Entschluß gefaßt haben, um jene Unüberlegtheit in der Scholastika gut zu machen, empörte sie.«

»Wie kann ein harmloses, vernünftiges Mädchen noch immer an solche Tollheit zurückdenken.«

»So, wissen Sie nicht, daß man das arme Kind in der unliebsamsten Weise daran erinnert hat?«

»Kein Wort weiß ich.«

Franziska erzählte nun von dem Affront, den Lona durch Herrn v. Sandeln erlitten, von dem Zürnen der Tante, dem Zischeln und Spötteln der Gesellschaft und wie in der That Ilonas Stellung seit diesem Augenblicke eine so unangenehme sei, daß sie vorziehe, aus der Gesellschaft, wo sie ein Gegenstand der Neugier geworden war, wegzubleiben.

»Nun prüfen Sie selbst, ob das leicht erregbare Mädchen nicht hatte annehmen müssen, daß ein Gerücht von diesem Vorkommniß zu Ihren Ohren gekommen und daß Sie nothgedrungen Ihren Antrag machten?« schloß Franziska ihre Erzählung.

Viktor schäumte. »Welch' fataler Zufall!« rief er. »Ah dieser Bube, der das alles verschuldet, er soll es mir büßen!«

»Welche Heftigkeit! Gemach, lieber Freund, damit richten wir nichts aus. Denken Sie einmal ruhig über die Sache nach: Da Sie selbst Sandeln die Mittheilung gemacht haben, daß Lona Ihre Braut ist, werden Sie ihn jetzt darum, daß er das geglaubt und ausgesprochen hat, wohl nicht fordern können!«

»Das ist wahr,« entgegnete Viktor beschämt; fuhr aber gleich darauf erregt fort: »Und dennoch bin ich überzeugt, daß irgend eine Infamie da zu Grunde liegt, der Zufall scheint mir gar so groß!«

»Versprechen Sie mir, in dieser Sache nichts zu thun, lieber Freund, bis Sie ruhiger geworden. Es muß Sie ja schon besänftigen, daß Sie nun wissen, aus welchem Grunde Lona eine so schroffe Antwort gab.«

»Liebte sie mich, hätte sie es nicht gethan«

»Vielleicht dennoch! Mädchenherzen zeigen sich oft anders, als sie sind.«

»Aber das sind nicht meine Ideale. Ich habe in der Jugend solches Spielen, Kokettiren, Anziehen und Abstoßen zur Genüge kennen gelernt, auf Jahre hinaus hat es mich gegen alles, was Frau hieß, gleichgültig gemacht. Jetzt glaubte ich ein gutes, liebes, offenes Wesen vor mir zu haben, dessen Seele kein Buch mit sieben Siegeln für mich bleiben sollte, und nur solches Mädchen hätte für mich Werth. Würde Ilona mich lieben, so kehrte sie sich keinen Deut daran, aus welchem Grunde ich ihr meine Hand bot, sie hätte sich mit der Thatsache begnügt und freudig eingeschlagen.«

»Ich kenne Lonas Gefühle nicht, das aber glaube ich Ihnen mit Bestimmtheit sagen zu können, daß in ihr Leben bisher kein Mann trat, der ihr nahe gestanden, wie Sie.«

»Weil ihre Stunde überhaupt noch nicht geschlagen hat! – Das Mädchen ist schön, klug und in gewissem Sinne auch gut, es ist frisch und natürlich, es könnte einen Mann sehr glücklich machen, wenn die große Portion von Eigenliebe nicht da wäre, die sich zu kostbar hält für jedermann!«

Franziska sah den Sprechenden lächelnd an. »Was reden Sie sich doch in den Zorn hinein,« sagte sie, »es ist Ihnen ja doch nicht ernst damit. Die Fehler, die Sie an Lona aufzählen, gefallen ihnen ja gerade, und aufrichtig gesprochen, besitzen Sie sie selbst. Ihr seid beide Kinder des Glücks, jung und übermüthig, aufgewachsen ohne Sorgen! – Wenn zwei Menschen, die sich lieb haben, nicht zusammen kommen können, weil sie arm sind, weil die Verhältnisse sie auseinander reißen, so ist das sehr traurig, wenn aber zwei aus Trotz, aus Stolz, aus Eigensinn sich das Leben schwer machen, oder gar verderben, so habe ich gar kein Mitleid damit. Das ist meine Meinung, Herr von Strom! – Sie wissen jetzt, was Lona so heftig gemacht hat, sollte es Ihnen nicht ein Kleines sein, Sie von der Aufrichtigkeit Ihres Wunsches zu überzeugen?«

Viktor schwieg, er sah vor sich hin, dann strich er mit der Hand über die Stirne. »Es ist nicht Trotz,« sagte er, »aber ich habe kein fröhliches Zutrauen mehr.«

»Werden Sie Ilona besuchen?«

»Nein, ich hoffe Herrmann auswärts zu treffen und der Räthin möchte ich jetzt nicht begegnen.«

»Darf ich dem armen Kinde wenigstens sagen, daß Sie hier waren und daß ich weiß, daß Sie aus freiem Antrieb so gehandelt?«

»Das kann ich nicht verwehren.«

»Und was soll ich von Ihnen hinzusetzen?«

»Nichts, Frau Franziska – denn ich hatte alles gesagt.«

»Also gar nichts?«

»Doch – sagen Sie Ilona, daß ich einige Zeit hier bleiben werde, wenn sie ihren schlimmen Zeilen zuzufügen hat – sie kennt meine hiesige Adresse.«

Er küßte der Majorin die Hand und empfahl sich.

»O dieser harte Kopf!« sagte sie ihm nachblickend. »Das wären zwei harte Steinchen, und doch, beide sind sie gut und brav und würden gewiß glücklich mit einander. O, diese thörichte Jugend, wie sie sich ihre besten Freuden verdirbt!«

»Ich bin nun also in das Alter der Vertrauten gekommen,« philosophirte Franziska weiter, »und zwar vollständig, wie es scheint. Ich hatte mir eigentlich gedacht, daß das recht wohl zehn Jahre später hätte stattfinden können; aber was hilfts, es heißt halt sich fügen.«

Sie setzte sich hin und schrieb an Lona, daß sie eine unwiderstehliche Lust spüre, spazieren zu fahren und daß sie Nachmittags ihre junge Freundin zu einer Fahrt nach Charlottenburg abholen würde. Auf dieser Fahrt nun, die Ilona natürlich sehr gerne mitmachte, erzählte ihr die gute Franziska alles, was sie von Viktor wußte, und meinte wunder, wie glücklich das Mädchen sein würde, zu vernehmen, daß sein Antrag ohne jede äußere Veranlassung, nur aus Impuls seines liebenden Herzens geschehen sei.

Aber Lonas Antlitz blieb ernst und verschlossen. »Es ist sehr schön von ihm, daß er das sagt,« entgegnete sie, »aber ich glaube es nicht. Derartige Zufälle existiren nicht und kein Mensch kann mir die Harmlosigkeit seines Handelns glaubhaft machen.«

»Und Du hast dem lieben, guten Menschen, der es so treu und ehrlich mit Dir meint, nichts zu schreiben?« fragte Franziska erstaunt.

»Nichts! Quäle mich nicht, liebe Tante, ich fühle mich ohnedies unglücklich genug.«

»Und verdienst Du das nicht, Du, die Du aus kindischer Voreingenommenheit Dich und einen andern quälst? Aber ich sage gewiß nichts mehr, kein Sterbenswort. Ist es nicht überhaupt lächerliche Gutmüthigkeit von mir, seine Dolmetscherin zu machen, wo Du verstocktes, falsches Kind mir kein Wort von seinem Briefe gesagt hattest!«

»Tante Fränzchen, es gibt Dinge, die jedermann mit sich allein abmachen muß. Ziehst Du die Mädchen vor, die einen Heirathsantrag auf offener Straße erzählen?«

Jetzt aber war es um die Geduld der kleinen Tante geschehen. »Wenn auf offener Straße und mir dasselbe ist, so hab' ich allerdings nichts mehr zu sagen,« antwortete sie erregt. »Das habe ich nicht um Dich verdient!«

Ilona hatte gut ihre Arme um die Erzürnte schlingen, für heute wars mit Liebe und Güte vorbei. Franziska sprach von allem Möglichen, aber es war eine Unterhaltung, die sie eben so gut mit jedem Fremden hätte führen können.

Tief traurig kam Lona nach Hause. Mußte sie denn immer kränken und verletzen, ohne es zu wollen? Warum war ihr diese Leidenschaftlichkeit des Temperamentes geworden, warum konnte sie nie den harmonischen Gleichmuth Ilkas erreichen? Wie es in dem jungen Herzen tobte. Es sehnte sich, das verhehlte sie sich nun nicht mehr, hin zu dem jungen Freunde, der doch ihre Welt umschloß! Ein Wort durfte sie sprechen und er kam, und sie zählte zu den Glücklichsten unter der Sonne.

Aber konnte sie dieses Wort sprechen? Nein und abermals nein, ihr Mädchenstolz empörte sich dagegen, nie, nie würde sie fest daran glauben können, daß seine Ritterlichkeit nicht mit an seinem Entschlusse gewirkt hatte.

So schlich die Zeit dahin, schwer und trübe, Lona hatte ein paar Mal gehört, daß Viktor in den Gesellschaften bei Professor Rechbergs gewesen war, die sie nicht mehr besuchte; das verdroß sie. Was wollte er dort, was veranlaßte ihn überhaupt noch immer in Berlin zu bleiben? Fesselte Adelheid ihn aufs neue? O, welche Eifersucht flammte in dem Herzen des thörichten Kindes auf!

Die heftigen Seelenkämpfe, die Lona durchgemacht hatte, blieben nicht ohne Einfluß auf ihr Aeußeres, sie war bleich und schmal geworden, auch das Feuer der dunklen Augen hatte eingebüßt. Der Arzt verordnete Spaziergänge; Ilka, deren Aufenthalt nun bald sein Ende erreichen sollte, und die in letzterer Zeit wieder zärtlicher zu der Freundin geworden war, bot sich an, die Begleiterin zu sein, oft aber hielt bräutlicher Egoismus sie davon zurück. So auch eines schönen Tages im Vorfrühling, wo die Luft warm und mild war, als herrsche draußen der Wonnemond und nicht der grämliche März, der soeben begonnen. Lona wollte die schöne Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen und dachte, es würde ihr just kein Unglück passiren, wenn sie sich allein in den vorderen Gängen des Thiergartens bewege.

Dieser herrliche Park ist im Frühling, wo der graue Staub noch nicht die Luft erfüllt, wie später im Hochsommer, unbeschreiblich schön; die vielen immergrünen Gewächse des Unterholzes lassen es fast vergessen, daß der Frühling nur auf Stunden eingezogen ist, und die sauber gepflegten Gänge laden förmlich zur Promenade ein. Lona athmete erfrischt auf, ach, sie liebte die Natur so unbeschreiblich und war nun auch entschlossen, mit Ilka heimzureisen, einmal wollte sie wieder frische Luft aus allererster Hand genießen.

Sie freute sich an den Primeln und Perlblümchen, die auf den Beeten der Vorgärtchen in der Thiergartenstraße prangten, und an den vielen, vielen Veilchen, die allenthalben mit ihren blauen Augen aus dem Wasen schauten. Selbst das bekümmerte Herz fühlt sich leichter und freier in Gottes erwachender Natur.

So schritt Lona denn weit heiterer dem Brandenburger Thore zu, als sie vor einer Stunde aus demselben gegangen war. Ehe sie heimgieng aber blieb sie, wie immer, wenn sie diesen Weg machte, vor der herrlichen Gestalt Göthes stehen, die Schapers Meisterhand Berlin als schönstes Denkmal geschenkt hat. Erst jetzt war das Brettergerüst wieder gefallen, das den Dichterfürsten mit den Idealgestalten seiner Muse als winterliche Hülle umgibt; herrlich hob sich der weiße Marmor von den epheuumwachsenen Stämmen seines Hintergrundes. Bewundernd schaute Lona zu dem edlen, geistsprühenden Antlitz auf, als eine leichte Hand sie auf die Schulter klopfte.

Lona blickte sich um und erblickte Gertrud, die mit ihrer großen Zeichenmappe eben aus der Stunde kam.

»Wir haben einen Geschmack«, sagte jene, »auch mich zog es mächtig her, als ich gestern in der Zeitung las, daß unser Heros unseren Blicken wiedergegeben ist.«

»Bei mir ist es Zufall«, entgegnete Ilona, »ich gieng etwas spazieren«.

»Nun, das ist auch ein Wetter dazu, es ist ja, als hätte der Winter Abschied genommen auf ewig. Komm, laß uns hier ein wenig niedersitzen, bis zur Mittagsstunde ist es noch lange.«

Lona folgte der Aufforderung, aber man sah es ihr an, dieselbe machte ihr keine große Freude. Das Gespräch blieb einsilbig.

»Es ist Unrecht, Lona, daß Du so kalt zu mir bist«, begann Gertrud vorwurfsvoll, »denn es gibt wohl nicht viele Menschen auf der Welt, die Dich lieben, wie ich es thue.«

Lona sah sehr ungläubig aus.

»Da machst Du wieder Dein altkluges Gesicht und bist doch nichts, als der Spielball gewitzigterer Menschen!«

»Wie das?« fragte Ilona ausforschend.

»Schwöre mir, daß, wie es auch kommen möge, Du niemals sagen wirst, was ich Dir jetzt vertraut, so will ich Dir beweisen, daß ich Deine Freundin bin.«

»Ich schwöre es Dir!«

»Zuerst: Du mußt nicht schlecht von mir denken, wenn ich Uebles von meiner Schwester rede, aber Du weißt nicht, was ich durch sie gelitten! Ich bin ein grades, einfaches Geschöpf, das geordnete Verhältnisse liebt, und Adelheid lebt nur in der Intrigue; kann sie solche nicht spinnen, fühlt sie sich unglücklich. Bei ihrer Schönheit, ihrem Reize wäre sie längst glänzend vermählt, wenn sie nicht immer gedacht hätte, noch höher hinaus zu können. Allzuklug ist dumm und es geschah ihr nur recht, wenn sie auch einmal betrogen wurde, nachdem sie manchen braven Mann jahrelang mit Versprechungen hingehalten hat.«

»Gertrud, wie willst Du solche Anklagen verantworten?«

»O, sie sind die Wahrheit. Frage irgend einen, der uns aus der Heidelberger Zeit kennt, er wird es Dir bestätigen – vor allem Herr v. Strom.«

»Er?«

»Er liebte Adelheid, er war bereit, ihr alles, was er besaß, zu Füßen zu legen, sie versprach sich ihm, aber ein reicher Russe kam in Sicht und der damals noch abhängige Jüngling wurde geopfert. Jetzt ist aus diesem ein Erbe geworden und aus der stolzen Schönheit eine halbe alte Jungfer, die manches Toilettenmittel bereits anwenden muß – jetzt wäre er hoch willkommen – und sie schäumt, daß ihre Künste an seinem Gleichmuth wie an einem Felsen scheitern.«

»Sie soll die Ausdauer nur nicht verlieren, die schöne Loreley,« sagte jetzt Lona in großer Erregung. »Beginnt er sich doch dem Netze schon zu nähern, man sagt, er sei viel bei Euch.«

»Aber nicht um Adelheids willen. Ich werde Dir sagen, was er will, er hofft Baron Sandeln bei uns zu treffen, und will sicher einen Streit mit ihm provoziren, weil jener so taktlos war, Dich in großer Gesellschaft in Verlegenheit zu bringen. Aber Herr von Strom wird den Baron nie treffen, denn er und Adelheid haben ein Zeichen, das diese am Fenster durch das Fortnehmen eines Blumenstocks gibt, sobald Strom da ist.«

»Was kann sie daran haben, den Baron zu schützen?«

»Weil sie ja schuld an der ganzen Sache ist. Sandeln kam nicht etwa erst am Gesellschaftstage nach Berlin, er befand sich schon eine ganze Woche hier und war viel bei uns. Da hat er Adelheid von seinem Zusammentreffen mit Dir und Strom am Achensee erzählt und ganz harmlos gefragt, ob Ihr zwei schon verheirathet seid. – Du kannst es Dir nicht denken, wie wüthend Adelheid war, so ihre schönsten Pläne zerstört zu sehen! Aber da sie klug ist, klug wie eine Schlange, so merkte sie gleich, daß das nur ein Scherz von Strom gewesen war, zur Ausrede ersonnen, weil er Dir Sandeln nicht hatte vorstellen wollen. Aber sie hatte auch gemerkt, daß Strom sich mehr, als ihr gut dünkte, für Dich interessirte, und da wollte sie etwas zwischen Euch bringen, Dich wüthend auf ihn machen und – da veranlaßte sie den Baron, Dich in großer Gesellschaft vor Deiner Tante als Stroms Braut anzusprechen!«

»Das hätte Adelheid gethan! O mein Gott, und ich nannte sie meine beste Freundin!« Lona barg das Gesicht in beide Hände. Auch Gertrud war hoch erregt, Thränen standen in ihren Augen und ihre Stimme bebte, als sie sprach: »Ich weiß, es klingt häßlich, wenn eine Schwester der andern Böses nachsagt, aber Du weißt nicht, was ich gelitten habe: Adelheid hat durch ihr Gebahren in unserer alten Heimat die Achtung aller ernsten Menschen verscherzt, und wie es so geht, wirft man die Schwester in denselben Topf. »Die Rechbergs« waren nicht gut angeschrieben und mein Lebensglück ist an diesem gegen mich ungerechten Vorurtheil gescheitert! Dennoch hätte ich vielleicht geschwiegen, hätte die Schwester Dir gegenüber nicht verrathen, obgleich ich Dich innig liebe, Ilona – aber ein anderes bestimmte mich dazu.«

Gertrud schlang ihren Arm um die Freundin, die von diesen Enthüllungen sich ganz niedergeschmettert fühlte.

»Sieh Lona«, fuhr jene mit weicher Stimme fort, »mir ist es so erschienen, als liebtest Du Viktor von Strom, als sei er Dir zum mindesten nicht gleichgiltig, und da wollte ich Dir die Wahrheit sagen, damit Du nicht aus Trotz, aus Aerger Dein Glück von Dir weisest – denn es ist hart ohne Glück zu leben!«

Das thränenüberströmte Antlitz Gertruds zeigte Lona, wie schwer es dieser geworden war, die eigene Schwester so anzuklagen, aber auch, daß ihre Gefühle für sie echt waren.

»Du bist meine wirkliche Freundin, Gertrud, ich danke Dir. Ich kann jetzt nicht zu Dir sprechen, es ist so wirr in mir, von allem, was ich gehört. Laß mich jetzt allein nach Hause gehen, ich muß mit mir selber klar werden; so viel aber sage ich Dir schon jetzt, ich werde Dir diese Stunde nie vergessen!«



Vierzehntes Kapitel.

Schluß.

Ilona eilte beflügelten Schrittes nach Hause. Was war nur geschehen, das sie mit einem Male so hatte verändern können? Was sie erfahren, war doch eigentlich etwas tief Trauriges: daß die beste Freundin eine Intrigue hatte gegen sie anspinnen können, sollte sie doch eigentlich betrüben. Aber Adelheid war ihr ja längst nicht mehr, was sie einst in ihr erblickt, und so regte deren Handlungsweise auch mehr Trotz als Schmerz in ihr an, Trotz, dieser Intrigue sich nicht zu beugen. Sie hatte das Zusammentreffen mit Sandeln als einen bösen Zufall angesehen, durch welchen sie für ihr vielleicht zu vertrauungsvolles Wesen zu Viktor bestraft worden war, und es wollte ihr nicht möglich werden, an den zweiten Zufall zu glauben, nach welchem Viktor gerade in einem Moment an sie hatte schreiben sollen, wo dieser Schritt allein sie aus der peinlichen Situation befreien konnte.

Jetzt dachte Lona nur daran, wie abscheulich man sie zwischen sie und ihn gestellt hatte, und nun fand sie sich keineswegs gewillt, der schönen Loreley den Gefallen zu thun, auf den Mann, den sie liebte, und den jene sich zum Opfer erkoren, zu verzichten. Ja, sie liebte Viktor! Warum sollte sie es sich länger läugnen und warum länger an seiner freien, vollen Liebe zweifeln? Noch war er ja hier, noch hatte sie es ja in der Gewalt, ihm ein gutes Wort zuzurufen. Wer weiß, wie sehr er auf ein solches wartete! Oder war es etwas anderes, das ihn zurückhielt? Sollte Gertrud recht haben, suchte er nach einem Streit mit Sandeln selbst ohne dessen ganze Schuld zu kennen? O, dann durfte er nie, nie erfahren, welches Komplott diese beiden äußerlich so glatten, innerlich so abscheulichen Menschen gestiftet hatten – sonst konnte es bei seiner Heftigkeit zum Aeußersten kommen.

O, wenn Lona ihn nur sprechen könnte, bald, jetzt gleich, am liebsten wäre sie stehenden Fußes zu ihm gelaufen und hätte gesagt: »Böse Menschen wollten uns auseinanderbringen, aber eine gute Seele hat es mir verrathen und nun wollen wir ihren bösen Anschlag zu Schanden machen und ihnen zum Trotz doppelt glücklich sein!« Aber das paßte sich ja nicht. Ach, daß sich auch ewig das nicht schicken wollte, was dem Herzen Bedürfniß ist. – –

Bei Tische saß Lona schweigend da, aber es war so sonnig in ihr, daß ein Abglanz davon auf ihren Mienen leuchtete. Wie merkwürdig! heute kamen ihr die zärtlichen Blicke des Brautpaars, seine Innigkeit gar nicht abgeschmackt vor – es war ja natürlich, daß zwei Menschen, die sich liebten, sich das auch zeigten!! – – –

Nach Tische befand sich Ilona allein in ihrem Zimmer, sie nahm Briefpapier und Feder zur Hand, sie wollte ihm schreiben. Aber sie fand die Worte nicht. Sie konnte doch nicht sagen: »Ich war ein thörichtes Mädchen, ich habe mich eines Besseren besonnen u. s. w.«

Nein, das gieng nicht! Nun da gab es wieder nur Eine, welche helfen konnte – Tante Franziska. War diese in der letzten Zeit etwas kühl gewesen, so würde das ja wohl vor der Einsicht verschwinden, daß die Nichte Vernunft angenommen.

Schnell das Pelzjäckchen angezogen, das Federhütchen aufgesetzt und dann fort.

»Ilona, wo stürmst Du schon wieder hin?« fragte die Räthin erstaunt und mißbilligend.

»Ich muß dringend Tante Fränzchen sprechen.«

»Du weißt, ich hasse das Umhergehen junger Mädchen, so ganz allein, aus tiefster Seele.«

»Es soll heute das letzte Mal sein, liebe Tante, ich verspreche es,« gab Lona hastig zurück. »Heute bitte, halte mich nicht auf.« Und damit war sie auch schon zur Gangthüre hinaus und auf der Treppe.

»Niemand wird ihrer Herr,« sagte die Räthin, ihr kopfschüttelnd nachschauend, »niemand wird aus ihr klug, seither so still und leblos, und nun mit einem Male wieder voll Feuer und Lebendigkeit! Was mag sie nur vorhaben?«

Was sie vorhatte, das wußte Lona selbst noch nicht, vorerst war ihr nur Eines klar: Tante Franziska sollte von ihrer Sinnesänderung wissen und ihr den Weg zeigen, auf welchem sie, ohne sich etwas zu vergeben, ihr Unrecht gut machen konnte.

»Ist Tantchen zu Hause?« fragte Lona die alte Dienerin, die ihr öffnete und die schon zu Lebzeiten des Majors in dem Hause gedient hatte.

»Nein, die Gnädige haben ja jetzt immer so erschrecklich viel herumzulaufen; es ist keine Gemüthlichkeit mehr im Hause. Vor Dunkelwerden kommt sie wohl nicht heim.«

»So werde ich warten,« entgegnete das junge Mädchen bestimmt, es schien ihm unmöglich, jetzt heimzukehren.

Dagegen ließ sich gar nichts sagen, denn das Fräulein war ja wie Kind im Hause.

»Soll ich Kaffee machen?« fragte die alte Hanne.

»Nein, nein, auf eigene Hand bewirthe ich mich nicht. Ich werde bis zu Tantens Rückkehr Klavier spielen, habe so lange genug nicht geübt.«

Das that Lona denn auch, es wurde ihr ganz wohl dabei, die eigenthümlich erregte Stimmung, in der sie sich seit der Unterhaltung mit Gertrud befand, in Tönen wiederzugeben.

Bei jedem Klingelzug fuhr sie empor, immer erwartend, Tante Fränzchen kehre heim. Da hörte sie mit lebhaftem Schreck eine ihr nur zu wohlbekannte Stimme fragen: »Frau Majorin zu sprechen?«

»Nicht zu Hause.«

»So bitte ich diese Karte abzugeben und der gnädigen Frau zu sagen, ich sei dagewesen, um Abschied zu nehmen.«

Lonas Herz klopfte lebhaft, sie stand dicht an der Thüre, es entgieng ihr keine Silbe. Schon hörte sie, wie Viktor die Klinke faßte, da ward sie muthig, öffnete die Thüre und stand zur größten Ueberraschung des jungen Mannes in dem Rahmen derselben. »Ich bin hier, Herr v. Strom, wollen Sie nicht einen Augenblick eintreten?«

Es schien, als wisse Viktor nicht recht, was er sagen solle, einen Augenblick schwankte er, dann aber verbeugte er sich leicht und sagte: »Wie Sie befehlen.«

Er folgte Lona in den Salon, sie bot ihm Platz. »Ich erwarte die Tante hier und vertreibe mir die Zeit mit Klavierspiel,« erklärte sie, auf das offene Piano deutend.

»Es thut mir leid, wenn ich gestört habe,« entgegnete er einsilbig.

»O nicht doch!« gab sie befangen zurück.

Dann sprachen beide nichts; die Pause drohte sehr lang zu werden. Lona sah, daß er gewiß nicht entschlossen war, die Initiative zu ergreifen. Sie faßte sich ein Herz und begann: »Sie kommen Abschied zu nehmen, Herr von Strom, Sie wollen schon wieder fort?«

»Zu dienen, mein Fräulein!«

»Woher dieser plötzliche Entschluß?«

»Ich habe hier im Augenblicke nichts mehr zu thun, derjenige, mit dem ich hier zusammentreffen wollte, ist, wie ich heute erfuhr, wieder abgereist, und somit habe ich den Zweck meiner Reise verfehlt!«

Lona athmete auf. Sandeln hatte es für besser gefunden, dem Streite aus dem Wege zu gehen – Gott sei Dank!

»Und Sie kehren wieder nach Eichberge zurück?«

»Nein, ich habe dazu jetzt mitten im Winter keine Lust.«

»Zieht Sie schon wieder der Süden, Herr von Strom, gehen Sie wieder nach Italien?«

»Nein. Dieses Mal ein bißchen weiter – nach Egypten.«

»Aber mein Himmel, warum denn gerade dorthin?«

»Aber mein Himmel, warum sollte ich denn nicht dorthin gehen?«

»Sie haben recht, es war indiskret von mir zu fragen.«

»O gewiß nicht«, entgegnete Viktor noch immer in gereiztem Tone, »ich meine nur, bei einem Menschen, nach dem niemand fragt, ist es ganz gleichgültig, wo er sich aufhält.«

»Wissen Sie denn ganz gewiß, daß niemand nach Ihnen fragt?« wagte Lona schüchtern und leise zu sagen.

»Ich glaube fast«, klang es bitter zurück.

»Und Ihre Freunde?«

»Ja, meine Freunde! denken Sie, daß es darunter solche gibt, die mich wochenlang hier wußten und mir nicht die paar Wörtchen: »Komm auch einmal« gönnten.«

»Das war sehr unrecht«, erwiderte Lona und wurde glühend roth bis unter das Stirnhaar.

Viktor sprang auf; die Erregung ließ seine Stirnader anschwellen. Er stellte sich dicht vor Lona, sah ihr tief ins Auge und fragte: »War es das wirklich?«

Lona fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen traten, warum quälte er sie so? Sie barg ihr Antlitz in ihren Händen, sie konnte seinen durchdringenden Blick nicht ertragen.

»Antworten Sie, Lona!«

Das Mädchen schüttelte nur abwehrend sein Haupt: aber er hörte, daß es schluchzte.

Seiner nicht mehr mächtig, stürzte Viktor vor dem niedrigen Fauteuil, auf dem die Geliebte saß, nieder, zog ihr die Hände vom Gesicht und rief: »Sieh mich an, Lona, jetzt keinen Trotz, keine falsche Scham, sieh mich an, sieh mir recht ins Auge und dann habe den Muth, mir noch einmal zu sagen, daß Du mich nur als Freund liebst?«

»Du kannst es nicht, Du schweigst. Du böses, böses Mädchen, warum Dich und mich quälen! – Soll ich gehen oder bleiben?«

»Bleiben!« hauchte Lona, aber die Gewalt des Augenblicks drohte ihre Sinne zu umfangen, und sie wünschte sich tausend Meilen fort.

Er aber nahm die halb Ohnmächtige in seine Arme, lehnte ihren Kopf an seine Schulter, flüsterte ihr Worte, süße Liebesworte ins Ohr und bedeckte das reizende, schamerglühte Antlitz mit so stürmischen Küssen, daß Lona ihre ganze Kraft zusammenfassen mußte, sich loszulösen.

»Warum entziehst Du Dich mir? von nun an gehörst Du mir, mir allein.«

»Ich will ja auch gar nichts anderes,« entgegnete Lona lächelnd, streckte aber abwehrend ihre Hand aus, als Viktor sie von neuem umarmen wollte.

»Liebst Du mich denn nicht?«

»Doch,« antwortete Ilona mit feierlichem Ernste und legte wie zur Bekräftigung die Hände auf ihre Brust. »Ich liebe Dich, Viktor! Aber höre mich an, es ist kein Vater da, der zu Dir sagen kann: Hier übergebe ich Ihnen mein Kind, machen Sie es glücklich! Keine Mutter, die mit warmem Segensspruch mich in Deine Arme legt – ich bin eine Waise! Ganz allein, aus eigner Machtvollkommenheit kann ich mich Dir nur verloben. Da muß ich zwiefach sorgen, daß ich den tief ernsten Schritt nicht wie ein unbedachtes Kind, sondern mit vollster Ueberlegung thue. – Ich bin Dein, Viktor, mein Wort hast Du und ich gab es aus ganzem Herzen. – Aber Du mußt nicht so ungestüm sein, Du mußt daran denken, daß wir zwei allein sind, und daß Du mich erst dann als Deine Braut betrachten darfst, wenn meine Verwandten, insbesondere mein Vormund, ihre Einwilligung dazu gegeben haben – da setze Dich ruhig und vernünftig neben mich und dann laß uns ernsthaft von dem ernsten Schritte sprechen.«

»Aber Mädchen, was fällt Dir ein? Ich bin so voller Glück, daß ich die ganze Welt an mein Herz drücken möchte, und da soll ich nicht einmal mit Dir den Anfang machen?«

»Nein, Du sollst mich anhören: sieh Viktor, ich bin glücklich, daß ich nun zu Dir gehöre, und mir ist zu Muthe, als wäre es so gewesen das ganze, lange Leben – und dennoch bin ich beklommen.«

»Weßhalb Lona?« fragte Viktor, nun auch seinerseits ernst geworden.

»Ich thu einen Schritt, der für das Leben gilt, und ich kenne doch von diesem Leben noch so blutwenig. Ich war aller meiner Tage ein verwöhntes, eigensinniges Kind. Werde ich die Eigenschaften haben, die eine Frau besitzen muß, um einen Mann glücklich zu machen? Ich bange davor.«

»O nicht doch, süßes, süßes Lieb. Du bist wie die Sonne, die alles erwärmt, wohin ihr goldener Schein fällt: so lange Du bei mir bist, hat die Welt keine Schatten. Deine einzige Pflicht soll sein, immer und immer an meiner Seite zu sein!«

»Was denkst Du, ich werde es ernst nehmen mit meinen Hausfrauenpflichten!«

»Nicht zu ernst, Du sollst in erster Linie für mich leben. Ach, Lona, Du weißt nicht, was ich für ein elendes Dasein geführt habe, seit die Eltern todt sind. Allein – ganz frei! Keinen Menschen kümmert das Kommen, keinen das Gehen. Es war recht leer in mir und ich in Gefahr, mich in Oberflächlichkeit zu verlieren. Ich segne das Schicksal, das mich gerade Dich finden ließ, ein Mädchen, elternlos, wie ich! – Wir zwei werden uns die ganze Welt sein, Lona, nicht wahr? Wir werden uns nun nie mehr verlassen?«

»Ich denke, der junge Herr wollte nach Egypten?«

»Spötterin! Ich bleibe jetzt natürlich die paar Wochen hier, bis die nöthigen Formalitäten erledigt sind und wir Hochzeit machen können. Nun gehen wir mit einander fort.«

»Die »paar Wochen«, ja Viktor, was bildest Du Dir eigentlich ein? Ein Jahr brauchen wir mindestens, bis es so weit kommen kann.«

»Und warum?«

»Weil wir als ganz vernünftige Leute unsern Haushalt beginnen wollen. Ich werde tüchtig bei der Tante die Wirthschaft erlernen, daß sie ihre Freude haben soll und Du –«

»Nun, was soll ich thun?«

»Du, mein lieber, unwissender Herr Gutsbesitzer, thätest wohl gut daran, dieses Jahr auf einer landwirthschaftlichen Schule zuzubringen.«

»Davon kann keine Rede sein. Ich habe Dich, ich lasse Dich nun nicht mehr. Mag sein, wir sind beide jung und unwissend für unsern Beruf; aber wir wollen zusammen lernen, zusammen Lehrgeld bezahlen. Ach, Lona, das ist ja gerade das Wunderschöne, daß wir so jung zueinander kommen, da lernen wir alles mit einander, da freuen wir uns an allem miteinander. Gibt es etwas Herrlicheres, als so mit einander alt zu werden?«

»Aber, lieber Viktor, Du scheinst mir ein recht wenig einsichtsvoller Mensch, wir können doch nicht stehenden Fußes heirathen?«

»Aber gewiß, warum denn nicht? Die einzige Frage ist nur, wohin wir unsere Hochzeitsreise machen. Hast Du nicht Lust, Italien zu sehen?«

»Nein,« entgegnete Lona und ein Schatten glitt über ihr Antlitz. »Wenn es einmal so weit sein wird, dann bitte ich Dich zuerst, mich zum Grabe meiner Eltern, in die Heimat zu führen.«

»Das will ich gerne«, gab Viktor ernst zurück. »Aber ich fürchte, es wird Dich dort festhalten und Du wirst dann gar nicht mehr nach meinem schönen, lieben Eichberge kommen wollen – und so werden meine Studien bei meinem alten, guten Verwalter wohl ein Utopien bleiben.«

»Das Weib soll dem Manne folgen«, steht geschrieben, und ich folge Dir. Die Eltern sind todt, die Heimat wird mir allmählich zur Fremde. Wir werden genug zu thun haben, Dein Eichberge in Stand zu halten, wir können kein ungarisches Gut von Deutschland aus bewirthschaften, wir werden es verkaufen müssen; ist doch dem Vormund erst kürzlich ein Anerbieten darauf gemacht worden!«

Viktor hörte erstaunt diese Reden und Entschlüsse seiner jungen Braut. »Und das alles hast Du Dir in dieser Viertelstunde überlegt?« fragte er.

Ilona ward glühend roth. »Nein«, sagte sie, »aber früher, zuweilen wenn ich daran dachte –«

»Mich zu heirathen? Du hast daran gedacht in diesem Ernst, mit dieser Ueberlegung und konntest mich so furchtbar quälen?«

»Lona, welche Strafe ist groß genug für diese Sünde?«

»Welche Du über mich verhängst!«

»Nun denn, so gebiete ich Dir, mir endlich, endlich aus freien Stücken einen Kuß zu geben, den ersten, den Brautkuß!«

»Aber Viktor!«

»Das ist erlaubt und wohlgefällig vor Gott und den Menschen, und das haben unsere Voreltern nicht anders gemacht. – Nun Lona, bin ich denn ein solches Ungethüm?« Und er öffnete seine Arme und die erglühende Braut sank an sein Herz, das ihr hinfort Schutz und Schirm sein sollte! – – –

»Aber Kinder, was ist das?« fragte eine höchst verwunderte Stimme. »Herr v. Strom – Lona! benutzt man dazu meine Gemächer?«

Lona flog Tante Fränzchen an den Hals und barg ihr Haupt an ihrer Schulter, aber Viktor zog sie glücklich lachend fort, ergriff ihre Hand und sagte mit feierlichem Pathos: »Frau Majorin, als Verlobte empfehlen sich ein paar glückliche, höchst liebenswürdige Menschenkinder.«

»Also endlich!« das war die einzige Antwort, welche die freudestrahlende Franziska für diese Neuigkeit hatte.

»Siehst Du, Lona, endlich, sagt die liebe, gnädige Frau, die es immer gut mit mir gemeint hat und mich sicher nicht so gequält hätte, wie Du, grausames Mädchen es gethan!«

»Nein«, entgegnete Franziska ehrlich, »aber das muß nun vergeben und vergessen sein.«

Dann fuhr sie zwischen Lachen und Rührung fort: »Ihr werdet also nun ein Paar, Ihr glücklichen, begnadigten Menschen! So jung habt Ihr Euch gefunden, noch nicht müde und mürbe vom Leben geworden, wie so viele andere. O, Ihr dürft dem lieben Gott recht dankbar sein, bewahrt Euer Glück mit ängstlicher Sorgfalt, haltet es hoch als Euren höchsten Schatz. Es gibt ja nichts Köstlicheres auf der weiten Erde, als wenn zwei Herzen sich lieben in wirklicher, hingebender Liebe und alles mit einander ertragen wollen, Glück und Leid, wie es der Himmel bestimmt hat!«

Der Guten standen die Thränen in den Augen und den beiden Verwaisten war es wohl, daß sie in dem heiligsten Momente ihres Lebens ein Herz besaßen, das so warm mit ihnen fühlte. Es eilte ihnen auch gar nicht, so bald aus dem traulichen Gemache, in dem sie sich gefunden, aufzubrechen und andere an ihrem Glücke Theil nehmen zu lassen, zu dreien besprachen sie ihre Zukunft, ihre glückverheißende Zukunft! Als aber Tante Fränzchen immer wieder darauf zu sprechen kam, wie selten es sei, daß man sein Glück schon so jung in Händen halte, da entgegnete Viktor: »Da irren Sie, Tantchen (Franziska hatte ihm diesen Namen gleich zugestanden), Ilona hat die vollste Berechtigung, sich so bald als nur irgend möglich zu verheirathen, sie steht in dem goldenen Alter der berühmten »tausend Wochen« und die soll ein Mägdlein nicht ungenützt verstreichen lassen.«

»Nun denn, so möge Euer Glück dauern, bis Ihr tausend Monde zählt.«

»Je länger, je lieber, sei unser Wahlspruch!« antwortete der glückliche Bräutigam.

Und dieses Glück, das sich die jungen Leute am Verlobungstage versprachen, ist nicht, wie bei so vielen, eine bloße Seifenblase geblieben, die in den ersten Wochen oder Monaten der Ehe zerplatzte, es ist vielmehr erstarkt und gewachsen mit den Jahren auf dem reinen Hintergrunde wahrer Liebe und Treue. Beide suchten und fanden ihr Glück nur in einander, die Welt da draußen kümmerte sie nichts. Wohl verursachte Viktors unruhige, übermüthige Natur, Lonas aufflammende Leidenschaftlichkeit manchen kleinen Konflikt, aber Liebe schlichtete ihn; hatten doch beide diejenigen Erfordernisse, ohne die es ein Glück in der Ehe nie gibt – einen unbedingt offenen, bis auf den Grund klaren Charakter, ein gutes, treues Herz!

Wohl haben sie Lehrgeld zahlen müssen, diese beiden vom Glücke begünstigten Menschen, die so ungeschult zu einander kamen, aber ihr guter Wille hat alle Schwierigkeiten überwunden und heute stehen sie als tüchtige Leute auf ihrem Platze. Hat Viktors Energie einmal gedroht, nachzulassen, so hat ihm seine Lona bewiesen, daß kein Mensch ein Recht hat, sich seines Lebens zu erfreuen, der es sich nicht durch thatkräftige Arbeit verdient. Der Sinn ihrer tüchtigen Eltern ist auf das junge Weib übergegangen, das nicht auf seinem Gute nur die große Dame spielt, wie manche Erbin, sondern als kenntnißreiche, umsichtige Hausfrau von den Leuten respektirt wird.

Lona hat ihre Heimat aufgegeben, aber sie hat noch mehr gethan, sie hat dem Gatten seine eigene Heimat lieb gemacht. Jetzt gehört ihm erst Eichberge, jetzt erst weiß er, welch ein reicher Segen es ist, ein so wundervolles Besitzthum mitten in Deutschlands Herzen zu haben. Nicht mehr treibt es ihn nach allen vier Himmelsrichtungen; ab und zu reist er mit seiner Frau und zeigt ihr die reichen Schönheiten der Welt, gerne aber kehren beide alle Male heim und fühlen sich dort am glücklichsten. Sie wissen sich von ihren Untergebenen geliebt, sie haben gesorgt, daß jeder brave, fleißige Mensch auf ihrem Grund und Boden sein Auskommen findet, und so dürfen sie des Glückes genießen, das treue Pflichterfüllung gibt.

So oft sie einen größeren Ausflug machen, ist Gertrud die treue Hüterin des Hauses und der Kleinen, an denen Lona mit jeder Faser ihrer Seele hängt. Die kleine Viky, nach dem Papa Viktoria getauft, ist ganz das Abbild der Mutter: ihre großen, dunkeln Augen dienen auch nicht zum bloßen Schmuck dieses Krausköpfchens, sie schauen lebhaft umher, und erfassen alles von der richtigen Seite. Auch bei ihr ist die aufbrausende Wildheit des ungarischen Großvaters mit den sinnigen Elementen, einem Erbtheil der Großmutter, innig gepaart. Auch Viky wird, wie die Mama es gewesen, mit tausend Wochen ein gefährlicher, kleiner Kobold werden.

Von dem mit jubelnder Freude begrüßten Söhnchen, das der guten Tante zu Ehren Franz getauft worden ist, ist noch wenig zu sagen, es ist noch zu klein. Nur das will ich noch erzählen, daß es die guten, treuen, blauen, lustigen Augen seines Vaters geerbt hat, und daß es schauderhaft verwöhnt wird.

»Ist es nicht ein wunderbar kluges und schönes Kind?« fragte Frau Lona Tante Fränzchen, als diese auf Besuch nach Eichberge kam und ihr der halbjährige Stammhalter vorgestellt worden war.

»Was die klügsten Mädchen doch für schwache Mütter werden!« lachte diese.

»Natürlich ist Dein Junge wunderbar, höchst wunderbar – wie jedes geliebte Muttersöhnchen! – Aber Scherz bei Seite, mein Lieb, ich fühle mich froh und glücklich, daß ich wieder bei Euch bin. Ihr seid mir ans Herz gewachsen, als wäret Ihr meine leiblichen Kinder.«

»Wir lassen uns die jugendliche Mama gern gefallen.«

»Es geht mit der Jugendlichkeit sehr bergab, Lona, sehr bergab,« entgegnete Franziska in ihrer Weise, die sie für ernste Themen hatte und die halb elegisch, halb humorvoll war. »Man ist alt, sobald man auf kein persönliches Glück mehr hoffen kann.«

»Und Du willst wirklich allein bleiben, Tante Fränzchen, Dich nicht mehr verheirathen?«

»Nicht mehr,« klang es ernst und fest zurück. »Eine Liebe, wie sie zwischen Dir und Deinem Manne herrscht, findet sich in meinem Alter nicht mehr und man empfindet sie auch nicht mehr. Eine Konvenienzehe aber mag ich nicht schließen, ich könnte sie nicht mehr, wie einst, mit allen möglichen Träumen und Gedanken, an denen ein junges Herz so reich ist, ausschmücken! Darum ist es besser so.« – –

Lona glitt liebkosend mit ihrer Hand über den Scheitel der geliebten Tante.

»Du brauchst mich nicht beklagen, auch ich bin auf meine Weise glücklich, ich nütze ja meinen Mitmenschen, ich lebe nicht das traurige Leben einer Egoistin. Und ich danke Gott für meinen frohen Sinn, der mich nicht abgrämen und absorgen läßt, wie die arme Schwägerin, die immer bitterer wird.«

»Ich habe Tante Alma zum letzten Male gebeten, uns zu besuchen, sie hat es uns wieder abgeschlagen.«

»Das glaube ich gern; sie wird Dich nie besuchen, denn sie wird es Dir nie vergeben, daß ihr Deine Erbschaft entgieng. Ilka hat einen schlimmen Stand.«

»Und doch ist Ilka so gut, so nachgiebig.«

»Das ist eben der Fehler, sie müßte der Schwägerin ganz anders gegenüber treten und sich nicht wie ein unmündiges Kind behandeln lassen. Es steht bei Ilkas Eltern nicht gut, einige schlechte Ernten haben die Aussichten auf die Zukunft sehr verdüstert – das muß die arme, junge Frau büßen.«

»Auch bei Herrmann?«

»O Lona, das konntest Du nicht im Ernste fragen! Herrmanns Charakter ist Gold durch und durch. Er liebt seine Frau, er ist glücklich in seiner Häuslichkeit, er betet seine zwei Jungen an, aber der Mutter gegenüber ist er machtlos. Ich habe das Gefühl, als athme er wie vom Drucke befreit auf, sobald sie die Schwelle seiner Wohnung verläßt. Seit er Stadtrichter geworden ist und seine Besoldung sich erhöht hat, ist er, der leicht Zufriedene, fast wunschlos.«

»Ich hoffe, Ilka soll mit ihren Jungen herkommen, sie können sich hier von der Residenzluft erholen und mit meiner Viky spielen.«

»Wobei das Mädchen dann der Bube sein dürfte. Du hast keinen Begriff, wie artig die kleinen Kerle sein müssen, die hat die Großmutter im Bann. – Schau nur Dein wildes Mädel, da kommt sie mit Gertrud her, ein Wunder, daß sie dieser nicht den Arm ausreißt.«

»Gertrud hat unglaubliche Geduld mit dem Wildfang.«

»Sie ist nun wieder Monate lang bei Euch, ihr Lebensmai ist auch so ziemlich dahin. Was wird ihr Schicksal sein?«

Die junge Frau lächelte schelmisch. »Ich denke, Du wirst es am Sonntag sehen, Tantchen.«

»Wo denn?«

»In der Kirche!«

»Also wirklich, der Pfarrer?«

»Nein, nur der Adjunkt. Aber der Pfarrer ist alt und hinfällig, er muß mit nächstem abdanken und dann ist Herrn Braun die Stelle sicher. Sind wir aber so weit, so wird er mit seinen Wünschen hervortreten; das hat er meinem Manne gesagt«

»Also auch Ehestifter seid Ihr?«

»Und warum nicht? Wenn man selbst so glücklich ist.«

»Nun das ist ja ein Glück für das Mädchen. Zu Hause hat es nicht viel Freude, die Eltern sind nun einmal wie verblendet in die Aelteste und so viel ich weiß, haben die Schwestern wenig Umgang.«

»Gertrud spricht nie zu mir von Adelheid, wir würden es doch nur gezwungen thun. Wie geht es ihr?«

»Aeußerlich vortrefflich, die Frau Baronin v. Sandeln ist schöner denn je, reitet wie eine Amazone durch die Straßen Berlins und hat stets einen Schwarm von Verehrern um sich.«

»Und das duldet ihr Mann?« fragte die ehrliche Lona ganz entsetzt.

Franziska zuckte die Achseln. »Er ist stolz darauf,« entgegnete sie. »Aber –«

»Aber?«

»Wie lange die Herrlichkeit dauern wird, ist sehr fraglich, Soll und Haben soll wenig stimmen.«

»Wie schrecklich!«

»Aber bei dem Leichtsinn der beiden nur natürlich. So; da ist Gertrud.«

»Nun, Fräulein Gertrud, wie steht es mit der Kunst?«

»Ach, Frau Majorin, ich habe längst eingesehen, daß ich nur eine Stümperin darin bleiben werde.«

»Seit wie lange?« fragte Franziska lachend und indiskret. Das Mädchen wurde feuerroth.

»Kinder, was ist das schön bei Euch, rings lachendes Grün, blühende Blumen und lauter glückliche Menschen!« rief Franziska. »Da werde ich mich wohl erholen müssen!«

»Hier aber ist der glücklichste,« rief Viktor und trat zu der Gruppe, seine Gestalt war männlicher, sein Gesicht gebräunter geworden, aber seine Augen lachten noch gerade wie ehedem. Er lüftete den Strohhut und sagte: »Willkommen auf meiner Hufe, liebe, liebe Tante!« und umarmte Franziska ohne Umstände.

»Sie sehen herrlich aus!«

»Nicht wahr? und das trotz der schrecklichen Behandlung dieses Weibes. Sie wissen doch, daß ich fürchterlich unter dem Pantoffel stehe!«

»Es schaut danach aus.«

»Aber das bekommt mir, es war das wohl so zu meinem Heile in den Sternen geschrieben! – Aber jetzt zu Tische; die Mamsell sagt, es sei angerichtet.«

»Davon unterrichtest Du Dich stets sehr genau, Du prosaischer Mann.«

»Alles, um mich Dir zu erhalten! – Ihren Arm, liebe Tante, Weibchen, werde nicht eifersüchtig, daß ich eine andere Dame führe.«

Aber Lona und Gertrud waren schon davon, von dem weißgekleideten, lebhaften Kinde fortgezogen.

Lona trug ein helles Sommerkleid und aus dem dunklen Haare leuchtete eine volle Rose, mit welcher das Kind die geliebte Mutter geschmückt hatte.

»Ist sie nicht noch reizender geworden?« flüsterte Viktor Franziska ins Ohr.

»Noch reizender, als damals, wo Sie sich unter meinem Epheu mit dem jungen Mädchen verlobten?«

»Ja!« entgegnete er, und man sah es ihm an, daß er es ganz ehrlich meinte »Die Knospe ist schön, aber die erschlossene Rose ist es noch mehr. Es ist ein Märchen, was die Dichter von den berühmten tausend Wochen sagen: mein Weib gefällt mir mit ihren fünfundzwanzig Jahren noch weit besser als damals.«

Franziska schaute in die ehrlichen Züge des lebensvollen Gesichtes und sagte dann gerührt: »Es steht zu hoffen, Viktor, daß Sie Lona in jedem Stadium ihres Lebens immer grade am schönsten finden werden!«

»Das denke ich!«

»Und dazu sage ich Amen aus vollster Seele! Es gibt mancherlei Glück auf Erden, aber Liebe und Treue sind über alles!«