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Paul Leppin – Hüter der Freude

Roman

Paul Leppin, Hüter der Freude, Deutsch-Österreichicher Verlag, Wien, 1918


VORWORT

Es könnte der Fall eintreten, daß kluge Leute in meinem Buche ein Schlüsselromänchen wittern. Ihnen erkläre ich gleich, daß die Vermutung nicht zutrifft. In meinem Bekanntenkreise gibt es kein Fräulein Muck, keinen Römerstern, Löwenthran, Bondy. Ich habe mich bei ihnen allen nur um den Typ bemüht, der mir mitunter allerdings heftig verpragerte. Nebenfiguren und Kulissen sind oft der Wirklichkeit entlehnt. Aber der einzige Mensch, der mir in vieler Beziehung ausgiebig Modell gestanden, der außerhalb dieses Buches wahrhaftig lebt, ist mein lieber Kumpan Benjamin, Gerade mit ihm ist es mir seltsam ergangen. Ich vermochte es nicht, ihn rund und plastisch zu porträtieren, nahm während des Schreibens gewissermaßen nur eine Seite seines vielgestaltigen Wesens wahr, ohne der anderen zu gedenken. Sein universelles Gemüt, seine einfache, noble Art sich mit den Menschen abzufinden, sein Talent, die Welt zu begreifen, witzfroh zu sprechen, zartsinnig zu schweigen, brachte ich nicht einmal andeutungsweise in sein Bild. Es ist mir ein Bedürfnis, nachdrücklich darauf hinzuweisen, weil ich der Wahrheit die Steuer nicht verweigern möchte, weil ich Vorwürfe verdiene, die gerechtfertigt sind. Vielleicht ist mein freimütiges Bekenntnis geeignet, sie freundschaftlich zu mildern.

PRAG, MAI 1918 - DER VERFASSER



I. KAPITEL

STURMFENSTERS
NACHMITTAGS
GEDANKEN

Der Regen wollte nicht aufhören. Lautlos, in langen, gestrichelten Ketten fiel er zur Erde und sammelte seichte, plätschernde Pfützen in der Mitte der Fahrbahn. Mitunter machte er eine Pause und indessen trocknete der Wind weiße Flecken auf dem Pflaster der Gehsteige aus. Aber dann begann er von neuem. Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster saß hinter einer der großen Glastafeln des Café Portugal und hatte eben sein Fruchteis ausgelöffelt. In seinem schlittern Kinnbart waren ein paar Brocken der Waffeln hängen geblieben, deren letzte Reste er jetzt zwischen den Fingern zerbrach. Seine wasserblauen Augen waren weit aufgerissen und starrten auf die Straße hinaus. Gegenüber war der Nordwestbahnhof. Die Droschkengäule vor dem Portal standen geduldig in der Nässe, und die roten Gesichter der Kutscher blickten vergnügt in das Wetter. Die Frauen, die draußen vorbeihasteten und mit dem Schirm das Gesicht verdeckten, rafften die Röcke und wichen behutsam den Kotlachen aus. Sturmfenster sah wohlgeformte Waden über feinen Knöcheln und sein Gesicht bekam allmählich einen merkwürdig gespannten Ausdruck. Er schüttelte eine Zigarette aus dem Papiersack, der vor ihm zwischen Zeitungen und Kuchenteilern auf dem Tische lag, und zündete sie umständlich an.

Es war seltsam, wie dieser Frühjahrsregen ihn erregte. Schon als Kind war er seinem warmen, einlullenden Zauber unterlegen. Er gedachte noch genau der Spiele, die er an solchen Tagen, wenn die Kinder wegen der Witterung nicht in den kleinen Garten hinter dem Hofe durften, in den Stiegengängen des Elternhauses mit den Nachbarsmädchen spielte. Eine verlegene Scheu hatte ihn überkommen, wenn sich ihnen im Eifer die kurzen Röckchen über die Knie schoben und darunter die kindliche Wäsche zum Vorschein kam. Sturmfenster schloß die Augen und ließ die Erinnerung an sich heran. Während der Schulzeit hatte er viel durch diese Dinge gelitten. Von dem Tage an, wo sein älterer Bruder den sechsjährigen Buben über die Verschiedenheit der Geschlechter belehrte, war es mit der Glückseligkeit vorbei. Die Welt, die ihm früher täglich bunte Bilder bot, nach denen er töricht haschte, war verwandelt. Männlein und Weiblein liefen jetzt darin herum und betrachteten einander mit sonderbaren Augen. Frühzeitig wurde in dem Kinde eine Bangnis lebendig, ein unruhiges Wünschen, das später Form und Richtung erhielt und ihn beinah erstickte. Die Not seiner Knabenzeit, die er in tötlicher Scham vor den anderen versteckte, mit der er ratlos in unendlicher Erschöpfung kämpfte, war grenzenlos. Es blieb ihm Unverstand lieh, wie seine Mitschüler untereinander ihre Gefühle sachlich erörtern konnten und mit welcher Leichtigkeit sie auch sonst damit umsprangen. In den Jahrgängen des Gymnasiums, in denen es in Mode kam, lief er mit den übrigen Kameraden nach Schluß des Unterrichtes den Mädchen nach, die das nahe Lyzeum besuchten. Im Winter war es schon finster, und einmal nahm er allen Mut zusammen und sprach in einer menschenleeren Seitengasse eine an, die ihm besonders gefiel, der das Blondhaar noch in Zöpfen über den Rücken hing und die bei der eiligen Flucht vor ihrem Verfolger ihre schönen, schlanken Beine zeigte. Er begleitete sie dann auch ein Stück Wegs bis in die Nähe ihres Hauses und sie sprachen einige mühsam erklügelte Sätze. Zum Abschied gaben sie einander nicht einmal die Hand. Da waren die anderen fürwahr doch bessere Kerle. Die lachten und schwatzten mit den Mädeln, daß es eine Lust war, und faßten sie auch manchmal recht tüchtig an und küßten sie, wenn gerade niemand dabei war. Die Mädchen hielten still und ließen sich's gefallen. Für Sturmfenster wäre das ein unirdisches Glück gewesen, das ihn schon aus der Ferne betäubte.

Als er Tertianer geworden war, hatte der Schuldiener des Gymnasiums ein siebzehnjähriges Ding als Dienstmädchen bei sich aufgenommen. Es war ein dunkelhäutiges, brünettes Geschöpf, das immer barfuß und zerzaust im Hause umherlief und nach der Schule auch die Klassenzimmer in Ordnung bringen mußte. Sie trug meist nur eine dünne, lose Bluse auf dem Leib und ihre Brüste hüpften unter dem Hemde. Die Schüler sahen sie alle mit heißen Blicken an und sie erwiderte mit einem Lächeln. Eines Nachmittags, während die Junisonne draußen in der Gasse lag und eine wollüstige Luft zu dem geöffneten Fenster hereinkam, erzählte während der Schulpause ein schöner, starker Bursch den nebensitzenden Buben, daß er das Mädchen besessen habe. Er sei nach dem Unterrichtsschluß noch eine Zeitlang im Klassenzimmer zurückgeblieben, um ein paar Anmerkungen niederzuschreiben. Da sei sie eingetreten, habe sich scherzend neben ihn auf die Bank gesetzt und ihren Körper an den seinen gelehnt. Und da habe er sie einfach genommen.

Sturmfenster war bei der Erzählung des Knaben das Blut in den Kopf gestiegen. In seinen Ohren brauste ein Wasserfall und er fühlte, wie sein Gesicht über und über flammte. Das also gab's! Unerhörte, ungeahnte Ereignisse, Küsse bis zum Grunde der Sehnsucht, Katastrophen des Glücks. Das gab es nicht bloß für die Erwachsenen, für Väter und Brüder. – Ein Schuljunge, der zu Hause genau so wie er die griechischen Vokabeln memorieren mußte, hatte das braune Mädchen besessen. Hundert Augen schielten in vergeblicher Begierde nach ihr, und ihm war sie zugefallen. Und jener, statt hingerissen, verzückt, angstvoll zu schweigen, sprach laut davon wie von einer Sache, die täglich und jedermann geschah. Der zitternde Knabe konnte es nicht begreifen.

Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster erhob sich plötzlich. Was so ein Frühlingsregen doch für dumme Gedanken aufweckte! Was hatte er sich heute um diese Eseleien zu scheren, wo er dreißig Jahre alt und wo es höchste Zeit war, daß er mit dem Studieren zu Rande kam. Er legte die fünfzig Heller für die Zeche auf das Marmortischchen, nahm Hut und Mantel vom Haken und ging auf die Gasse.

Draußen sprühten ihm die lauen Tropfen wohlig ins Gesicht. Im Grunde genommen war er ja immer noch derselbe dumme Junge wie damals, der sich vor den Weibern ängstigte und sie nicht zu nehmen wußte. Die Jahre hatten ihn nicht verändert, nur der Bart war ihm gewachsen. Aber er hatte erkennen gelernt, daß seine Scheu aus der Tiefe der Empfindung kam. Die andern waren sorglose Gesellen, ihre Triebe im Seichten verankert. Aber die seinen gruben Wurzeln ins Innerste. Ein süßes Entsetzen erschütterte ihn, wenn er sich seine ersten Erlebnisse mit der Frau ins Gedächtnis rief. Da war er schon Student im ersten Universitätsjahre gewesen. Er erinnerte sich noch deutlich der bohrenden Qual und Verzweiflung, die vorhergegangen war. Grauenvoller Nächte, die er ohne Schlaf verbrachte, stumpfer Gewissenskümmernis, wenn die heimliche Sünde kam und ihn niederzwang. Lange hatte er sich gewehrt, es den übrigen gleichzutun. Von Sehnsucht zermürbt, wurde er hoffnungslos. Bis er dann endlich ein Ende machte wie die andern.

In seiner Seele stand der Tag wieder auf, grausträhnig, düster, erkältend. An den Häusern streift ein Schatten entlang, blickt rückwärts, steht, zögert. Bist du es, Sturmfenster, Sturmfenster? Die Straße ist eng, winkelig, und die Buben, die im Kehricht mit farbigen Fisolen spielen, lachen so häßlich hinter ihm drein. Irgendwo ist ein Fenster offen und ein Phonograph schreit ihm das Lied vom lieben Augustin, der alles verloren hat, in die Ohren. Das Stiegengewölbe ist schlecht beleuchtet und so niedrig, daß er nicht aufrecht darin gehen kann. Dann tut sich die Türe auf und er steht in dem Zimmer.

Dieses Zimmer, wirst du es jemals vergessen können? Es ist kein gewöhnliches Zimmer, wo Menschen wohnen, wo man ißt, trinkt, schläft. Es ist symbolistisch verdunkelt, ein Inventarstück der Ewigkeit, ein Traumzimmer aus des Lebens tieferer Bedeutung. Ein Bett steht an der Wand, neben dem Bilde des Kaisers Josef hängt ein Spiegel in verblichenem Goldrahmen. In einem verstaubten Papierfächer stecken Ansichtskarten und eine verwelkte Blume. Neben dem Fenster ist die Tapete aus der Mauer gerissen und auf dem Sessel darunter steht eine Schüssel mit dem Wasserkrug.

Das Weib ist groß, trägt den Kopf lachend im Nacken, hat gesunde Zähne und harte Brüste. Sie knöpft ihr Kleid auf, gleißt nackt in dem Traumzimmer.

Der Kandidat der Philosophie Gaudentius Sturmfenster blieb stehen, um Atem zu holen. Diese Erinnerungen erhitzten ihn. Da war bei Gott nur der verfluchte Regen schuld, bei dem man den Weibern auf die Strümpfe sehen mußte, ob man wollte oder nicht. Da, gerade vor ihm ging wieder so eine. Hoch, üppig, das Kleid mit einer lässigen Bewegung geschürzt, mit wundervollen Beinen. Sturmfenster holte sie ein und spähte in ihr Gesicht. Nun, ganz so schüchtern war er ja doch nicht mehr, wie damals, als er das Lyzeummädel aus der Schule begleitete. Er hatte sozusagen die Technik der Frechheit den jungen Leuten abgeguckt, mit denen er verkehrte, die darin die Meisterschaft besaßen. Dem Römerstern zum Beispiel, diesem Laffen, der ihm nicht das Wasser reichte. Woran lag es nur, daß dem alle nachliefen? Der war geschniegelt, leer, hundsschnautzig kalt. Und in ihm war Glut, Reichtum, Seligkeit. Nun hatte die Dame endlich bemerkt, daß er ihr nachging. Sie drehte ihm langsam ihre umrandeten Augen zu und maß ihn erstaunt mit den Blicken. Nun ja, schäbig genug sah er ja aus in seinem Wettermantel und dem großen, zerdrückten Hut. Aber sie hatte ihn ja fast zornig angeschaut! Ein breites, grobknochiges Gesicht mit enger Stirne und einem gemeinen Munde. Das war der Typ, den er eigentlich nicht mochte, der ihn aber sinnlich aufs äußerste reizte. Seiner gläubigen Inbrunst, die sich weich und verlangend dem Weiblichen entgegendrängte, stand er im Wege, aber er machte gefährliche Instinkte in ihm los, die er nicht bändigen konnte. Die Frau vor ihm machte jetzt eine Wendung und schritt quer über die Straße einem kleinen, pavillonähnlichen Häuschen zu.

Sturmfenster sperrte den Mund auf und starrte verblüfft auf die schmale, mit Reklamebildern verklebte Tür, die sie hinter sich zuzog. Da hörte doch Verschiedenes auf! Da lief man wie ein Verliebter hinter der Holden durch die Straßen und am Ende stand man da und konnte warten, bis sie ihre Notdurft verrichtet hatte. Deutlicher hätte sie ihm ihre Mißachtung gar nicht zu verstehen geben können. Er strich grimmig mit den Fingern den Kinnbart und wußte nicht recht, ob er verstimmt oder erheitert sein sollte.

Eine feigherzige Traurigkeit pochte bei ihm an und begehrte Einlaß. Sturmfenster war unschlüssig und unzufrieden. Er verstand nicht recht den geheimen Sinn der Zusammenhänge, die Großes mit Erbärmlichem, Starkes mit Dumpfem verknüpften. Ihm war auf einmal unendlich einsam zu Mute wie einem, der mutterseelenallein auf der Welt ist. Seine Kindheit, sein Leben war eine Fahrt zwischen Wünschen und winzigen Erfüllungen gewesen. Aber nein, er war nicht einer, der sich enttäuschen ließ! Das war gut für die andern, für die Halben und Kalten vom Schlage dieses Römerstern, die ja doch nur nach einem billigen Vorwand für ihre Blasiertheit suchten. Er glaubte. Nein, alle seine Not war nicht umsonst gewesen. Es gab mehr, als was die jungen Leute alle vom Baume der Liebe pflückten, mehr als er bisher erleben konnte. Ja, er war an das Irdische gefesselt. Sein Fleisch war ungebärdig und er mußte den Frauen nachgehen, wie der Hund hinter der Hündin. Aber er wußte, daß einmal das goldene Feuer kommen mußte, das heilige Feuer, aus dem die Schöpfung geschweißt war. Irgendwann würde er jählings davon geblendet werden, irgendwo, und begnadet sein. – – –

Gaudentius Sturmfenster stand und hatte die Hände ausgebreitet. Der Wind fuhr in seinen nassen Bart und schüttelte ihn. Von seinem Hute troff der Regen auf den Mantel. In dem kleinen Häuschen tat sich die Türe auf und die große Frau trat wieder auf die Straße. Eine ärgerliche Röte flog über ihr Gesicht, als sie den Kandidaten gegenüber erblickte. Aber dann lächelte sie entwaffnet und nickte ihm unmerklich zu. Sie faßte die Röcke, hob sie hoch, und Sturmfenster folgte ihren schönen Beinen willig im Zickzack bis in die Straße, wo Frau Bomba wohnte.


II. KAPITEL

FRAU BOMBA UND
IHRE TÖCHTER

Das Haus Nr. 17 in der Quergasse sah aus wie alle andern Häuser in dieser Gegend. Es war nichts Besonderes an ihm zu bemerken. Der Ruß und der Staub hatten eine schwärzliche Patina darüber gezogen und die Straßenkinder hatten neben dem Eingang Schimpfnamen und unzüchtige Figuren in den Mörtel gekratzt. Ein hölzerner Schaukasten machte die Passanten darauf aufmerksam, daß in dem Ladengewölbe, zu dem die drei Stufen hinaufführten, ein Zwirnhändler sein Geschäft betrieb. In den Vormittagsstunden brannte die Sonne auf der erblindeten Glasscheibe und gab dem Silbergarn und den Perlmutterknöpfen auf dem schwammigen Pappendeckel für kurze Zeit einen hellen Schimmer.

Die Witwe nach dem k. u. k. Militärkapellmeister Augustin Bomba hatte im zweiten Stockwerk des Hauses eine vierzimmrige Wohnung gemietet, die sie mit ihren beiden Töchtern und dem Kanarienvogel bewohnte. Als ihr Seliger noch lebte, war sie eine stattliche Frau gewesen, die in den Kreisen, in denen sie verkehrte, als Schöngeist verschrien war. Diesen Ruf erwarb sie wohl hauptsächlich dadurch, daß sie in einer Leihbibliothek abonnierte, aus der sie wöchentlich dickleibige Romane nach Hause trug. Frau Bomba war eine sentimentale Natur. Sie besaß noch immer das Poesiealbum aus ihrer Mädchenzeit und holte es auch noch mitunter aus der Lade hervor, um darin zu blättern. Ihre Erinnerung schwärmte dann gerne auf verbotenen Wegen aus und sie gedachte mit schmerzlichem Bedauern des blonden Provisors, von dem die gefühlvollen Aphorismen stammten, oder des langen Kadetten, der nun bestimmt schon Oberleutnant war. Ihre Phantasie malte ihr reizvolle Bilder vor, die ihr das Dasein an der Seite eines Mannes zeigten, der fähig gewesen wäre, ihre Gedanken zu würdigen. Trotzdem waren diese Träume, denen Frau Bomba nachhing, die einzige Form von Untreue, die sie sich gestattete. Ein gewisses Unbehagen, die Furcht vor unangenehmen Weiterungen hielt sie davon ab, den Fonds ihrer unbefriedigten Wünsche in einem sündhaften Abenteuer anzulegen. Sie entschädigte sich durch die Hingabe, mit der sie sich in die Welt rabiater, von Leidenschaft überhitzter Romane versenkte, in welchen der Liebe, dem Gift und dem Gold eine atemversetzende Rolle bestimmt war.

Als Herr Bomba eines Tages an einem Schlagflusse plötzlich verschied, war sie schon eine alte Frau. Die Männer hatten seit langem aufgehört, sich auf der Straße nach ihr umzusehen, und ihre Figur, auf die sie einmal so stolz gewesen, war in die Breite gequollen, ohne daß das französische Mieder es hätte verhindern können. Aber ihre beiden Töchter, Siddy und Mimi, waren inzwischen herangewachsen, und aus den magern, sommersprossigen Dingern, für welche die Mutter bisher nur ein unklares Gefühl mitleidiger Geringschätzung übrig gehabt hatte, waren zwei auffallend fesche Bälger geworden, Siddy, die ältere, sechzehnjährige, war schon jetzt ein molliges Mädel mit Vergißmeinnichtaugen und dem drolligen Stumpfnäschen der Blondinen. Die fünfzehnjährige Mimi ging noch im Backfischkleid, das braune Kraushaar wirr und ungekämmt. Ihre Augen hatten nichts von der hellen Unschuld der Schwester und sie besaß im übrigen eine Manier, den knabenhaften Körper zu verführerischen Posen zu biegen, die vielversprechend und entschieden talentvoll war. Frau Bomba gab die Verwandlung, die mit ihren Kindern vorgegangen war, mancherlei zu denken. Sie nahm jetzt gerne die Gelegenheit wahr, sich mit den Mädchen den Leuten zu zeigen und die Blicke der Männer, die sie verstohlen musterten, lösten in ihr ein ungekanntes Gefühl des Wohlbehagens aus. Sie genoß die Begehrlichkeit, die ihre Töchter entfachten, wie eine ihren alternden Sinnen dargebrachte Huldigung. Die Lust an Dingen, von denen man nur im Flüstertone spricht, die im Halbdunkel und hinter verriegelten Türen geschehen, kroch aus den Verstecken abgestandener Gedanken ans Licht. Was sie in ihrer ereignislosen Ehe in sich verschlossen hatte, gewann jetzt Gewalt über sie. Ein trüber, am Unsauberen sich ergötzender Hang gab ihrem Empfinden die Richtung, Mit einer süßlichen Neugier versuchte sie es, von ihren Kindern die heiklen Geheimnisse zu erfahren, die man selten einer Freundin, niemals der Mutter anvertraut. Sie belauerte ihr Erröten und horchte mit einem erregten Lächeln ins Dunkle, wenn die Schwestern abends zu Bette gegangen waren und miteinander vor dem Einschlafen noch eine Weile von ihren Erlebnissen schwatzten.

Als die sanfte Siddy mit den zärtlichen Augen eines schönen Tages mit einer Frühgeburt niederkam, hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, das fernere Geschick ihrer Sprossen selbst zu bestimmen. Über den kleinen Unfall, von dem ihre Älteste betroffen worden war, ging sie ohne Scheltworte mit einer verbindlichen Diskretion hinweg. Aber sie wußte es in der Folge so einzurichten, daß die Herren, die vordem die Mädchen auf der Straße angesprochen hatten, um nachher auf verschwiegenen Ausflügen näher mit ihnen bekannt zu werden, nunmehr zu ihnen in das Haus kamen. Es machte sich ganz von selbst, daß sie für die gefällige Art, mit der sie die Unterhaltung der Gäste ausschließlich ihren Töchtern überließ, beim Abschied ein Entgelt bekam. Die Besucher, von denen besonders die älteren Herren mit dem gelichteten Scheitel und der korrekten Kleidung gerne gesehen wurden, fanden das selbstverständlich, und wenn einige von ihnen im Anfang gezögert hatten, half ihnen Frau Bomba durch kluge Reden über die teuren Zeiten und ihre karge Witwenpension über die Unschlüssigkeit hinweg. In den breiten Schichten der bürgerlichen Lebewelt, der bemittelten Studenten- und Beamtenschaft, in den Schreibstuben der großen Bankhäuser sprach sich die Adresse der freundlichen Witwe bald herum, und an manchen Tagen entwickelte sich in ihrer Wohnung eine Geselligkeit, die ihr eine gute Bürgschaft für die Zukunft der Töchter zu bedeuten schien.

Diesen selbst gefiel die neue Ordnung der Dinge ganz wohl. Sie blähten sich in kokett geputzten Kostümen auf den Promenaden der Stadt und die Reiherpinsel nickten von ihren Hüten. Neben ihnen, in einem schwarzen, mit Schmelzperlen geschmückten Seidenkleide ging gravitätisch die Mutter. Ihrem praktischen Sinn schwante mit Recht eine Gefahr für die rentable Ordnung ihres Familienlebens, wenn sie die beiden Mädchen ohne Aufsicht ließe. Diese Spaziergänge reizten sie zudem zu einer rührseligen Resignation, der sie sich mit selbstgefälliger Wehmut ergab. Sie verkörperten ihr den Drang und die gewaltsam verbogenen Triebe ihrer eigenen Jugend. Sie beobachtete die Gesichter der Männer, die vorübergingen, und sah mit Stolz und genießerischer Freude die Schönheit der Töchter reifer werden. Aus den Falten ihrer Kleider, dem trockenen Parfüm, das ihnen entströmte, und dem als pikanteste Zutat ein feiner Schweißgeruch beigemengt war, stieg eine Atmosphäre auf, in der sich eine schwüle Geschlechtlichkeit mit dem Nimbus angenehmer Laster vermählte, die aufstachelnd und betäubend wirkte. Frau Bomba sog sie mit Entzücken ein; ein Glücksgefühl bemächtigte sich ihrer und ihre Lippen zitterten.

Wenn sie von solchen Promenaden heimgekehrt waren, ging die Klingel der Wohnungstüre öfter als gewöhnlich. Mimi, deren ewig bewegliches Naturell neuen Abwechslungen nachsann, war es zuerst, die den Gedanken anregte, angesichts des wachsenden Betriebes befreundete Damen zu sich zu laden. Frau Bomba, die sich anfangs sträubte, ging bald auf den Vorschlag ein und bemühte sich auch mit bewundernswertem Eifer um dessen Ausführung. Die natürliche Gewandtheit, die sie in solchen Angelegenheiten besaß, wandelte sich bei ihr nachgerade zur Genialität. Sie hatte eine unwiderstehliche Art, den hübschen Nachbarsfrauen, deren Männer tagsüber in irgend einer Branche tätig waren, ins Gewissen zu reden. Sie fand bei einer jeden bald den Punkt heraus, wo der Angriff sich lohnte, war süß bei der einen, gutmütig bei der andern, impetuos bei der dritten, sie log, scherzte, fabulierte und vergaß als bestes und einleuchtendstes Argument auch niemals den geschäftlichen Vorteil der Sache in das rechte Licht zu rücken. Es gab unter den jungen Frauen, an die sie sich heranmachte, viele, die gerne ein Nadelgeld verdienen wollten und die nachher aus dem Staunen gar nicht herauskamen, daß es auf eine so einfache und amüsante Weise möglich war. Einige kamen allerdings nur des Interesses wegen, weit sie das Abenteuer liebten, und wenn auch die Witwe den übrigen nur den kleineren Teil der empfangenen Beträge überließ, so gab sie dennoch diesen den Vorzug.

Die nächste Folge der gesteigerten Frequenz, die sich nun einstellte, war die, daß Frau Bomba ihre kleine Wohnung aufgab, die sie bisher draußen in Žižkov inne hatte, und in der Quergasse Nr. 17 vier geräumige Zimmer bezog. Sie kaufte schöne, freundliche Möbel, die sie vorläufig auf Raten schuldig blieb, Teppiche und geblümte Vorhänge für die Fenster und gab der Behausung ein wohnliches Gepräge, das etwa die Mitte zwischen kleinbürgerlicher Tradition und jener Talminoblesse innehielt, die ihr von der Lektüre der Leihbibliotheksromane als geistiger Bodensatz im Gedächtnis geblieben war. Auf der Schwelle nagelte sie dem Brauche gemäß einen blanken Kupferkreuzer fest und über der Türe prangte mit Goldbuchstaben auf schwarzem Glasgrunde ein biederes: »Grüß Gott!«

Die neue Wohnung brachte einen ungeahnten Aufschwung. Frau Bomba hatte es nicht mehr nötig, die Frauen der kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden der Nachbarschaft für ihr Geschäft zu gewinnen, sie kamen von selbst, Schöne und Häßliche, Elegante und Schüchterne, und boten ihre Dienste an. Da waren Damen in distinguierter Toilette, die ängstlich verschleiert eintraten und beim Fortgehen der Witwe ein Goldstück in die Hände drückten, Kontoristinnen, die von der Arbeit den Weg hierher fanden, Ehefrauen, die darauf brannten, sich abseits ihres täglichen Lebens für eine kurze Stunde unbekannten Männern hinzugeben. Telephonfräuleins und Modelle, die hier das Geld für einen neuen Hut oder eine Bluse erwerben wollten, Prostituierte, die auf diese Weise einen vorteilhaften Anschluß erhofften. Frau Bomba hatte Verwendung für alle. Mit einer Witterung, die mehr dem Animalischen in ihr als dem Intellekte entsprang, war sie den Gästen eine Beraterin ihrer Wünsche. Die Lebemänner, die in dem Medianismus der sexuellen Betriebsamkeit nach Sensatiönchen verlangten, brachte sie mit den Ärmlichen, von der Tagesarbeit Erschlafften zusammen. Den jugendlich Blasierten führte sie die Frauen zu, die ihre mangelnden Reize durch die Ungeduld ersetzten, mit der sie das Erlebnis erwarteten. Den Unerfahrenen verschönte sie den Genuß in den Armen der Professionellen durch eine hastig erfundene Illusion, eine unwahrscheinliche Geschichte, die sie ihnen beim Eintritt vielsagend in die Ohren zischelte und die gerade lebenskräftig genug war, um für die Dauer des Besuches vorzuhalten. Ihre Phantasie arbeitete unaufhörlich. Sie erfand Schicksale, die die Stirnen der Weiber, die bei ihr verkehrten, ahnungsvoll verdunkelten, die ihren Küssen Würze und Glut verliehen. Aus den Gattinnen braver Postbeamten machte sie Offiziersfrauen im Generalsrang, aus Bäckermeisterstöchtern, die tagsüber mit der Schürze hinter dem Ladentische standen, Ballerinen der russischen Oper, die auf der Durchreise eine Bekanntschaft suchten. Sie hatte Nihilistinnen und Kindesmörderinnen in Bereitschaft. Sie kannte die intimsten Qualitäten einer jeden und pries sie den Männern überzeugend an. Siddy und Mimi machten mit ihr die Honneurs, empfingen mit gespieltem Erschrecken die Gäste in Seidenhöschen und Mieder, liefen beständig im Negligé durch die Zimmer, fütterten den Kanarienvogel und verbreiteten jenen undefinierbaren, aus Schweiß und Parfüm gemischten Duft, der aufreizend und einschläfernd zugleich war. Das Geld, das früher, als Frau Bomba noch die Wohnung in der Vorstadt inne halte, dünn und spärlich geflossen war, ergoß sich jetzt in einem breiten Bach in die Quergasse Nr. 17. Es war gutes, schönes Geld. Es war heiß von den Leibern der Frauen, die es ins Haus brachten, und klingelte und schrie in der Tasche, als ob es lebendig wäre.


III. KAPITEL

KAMILLA, DIE
NUBIERIN

In dem einfenstrigen Raum, der durch das trübe Licht des Nachmittags spärlich erhellt wurde, standen die zwei einander gegenüber. Er warf den nassen Hut auf den mit Wachstuch bespannten Tisch und sah sich zögernd um. Auf dem niedrigen Sparherd in der Ecke hielt ein Speisenträger aus weißem Zinn zwischen Tellern Siesta, auf denen die Überreste einer Mahlzeit in geronnener Tunke schwammen. Frau Bomba, die das Essen aus dem Restaurant bezog, gab manchmal auch die Küche an minderbemittelte Gäste zur jeweiligen Benützung ab.

Frau Nowotny zerrte nervös an ihrer Jacke. Sie war wütend darüber, daß sie den Einfall gehabt hatte, den Menschen, der ihr auf der Straße nachgelaufen war, hierher zu locken, Wie ungemütlich sich der benahm –! Und was er für lächerlich blaue Fischaugen hatte!

Sturmfenster legte die Hände auf dem Rücken zusammen und fing an, langsam um den Tisch herumzugehen.

Es glättet die Gedanken, wenn man sich in der Richtung des Uhrzeigers bewegt! – dachte er und lachte vergnügt, weil er in dieser Situation imstande war, einen Unsinn, der ihm angeflogen kam, so präzis zu formulieren.

Der ist wohl verrückt? – Frau Nowotny räusperte sich vernehmlich.

Sturmfenster blieb vor ihr stehen, Sie war noch ein Stückchen größer wie er und er mußte zu ihr hinaufschauen.

Wohnen Sie hier? – fragte er kurz. Es waren die ersten Worte, die er zu ihr sprach und seine Stimme rasselte wider seinen Willen barsch und befehlshaberisch.

Sie schüttelte nur unwillig den Kopf. Nein.

Ein wenig verschüchtert nahm er seine Wanderung wieder auf. Mit vorgebeugtem Kopfe pendelte er im Kreise um den Tisch, über den das Wasser von seinem Hute in einem zackigen Bächlein rann. Auch er war ärgerlich, daß er der Fremden gefolgt war. Was mochte das für ein Weibsstück sein? In was für ein Lokal hatte sie ihn da geführt? Widerlicher Dunst, Bratengerüche mit Parfüm, beleidigten seine Nase.

Frau Nowotny wartete. Die Sache begann sie zu belustigen. Im Grunde genommen war sie ja auf eine ungewöhnliche Bekanntschaft gefaßt gewesen. Und schließlich war es ein Spaß, Sie hob den Kopf mit einer halb koketten, halb hochmütigen Bewegung und lächelte.

Sturmfenster hatte sie mißtrauisch gemustert. Sie war hochgewachsen und hatte die üppige Schlankheit sinnlicher Weiber. Der herausfordernde Mund gab ihrem sonst dummen Gesichte den Ausdruck starker Lebendigkeit. Sie trug kein Mieder unter dem knappen Kleide und die Schatten unter den Augen waren künstlich gedunkelt. Er trat auf sie zu.

Was kostet die Geschichte? – fragte er brutal. Sie zuckte zusammen und eine zornige Falte zeigte sich, für einen Augenblick nur, auf ihrer Stirne. Dann hob sie die Achseln und meinte leichthin: Weiß Gott, was sich die Bomba für dieses Loch bezahlen läßt. Viel kann's nicht sein. Drei oder vier Kronen. – –

Mit einer niederträchtigen Freundlichkeit, die ihn zurechtwies und beschämte, reichte sie ihm ihr Täschchen hin:

Wenn Sie vielleicht nicht bei Kasse sind? –

Da hatte er's. Aus lauter Verlegenheit machte er eine Lümmelei nach der andern.

Ich habe Geld – knurrte er mit rotem Kopfe und wälzte die Augäpfel in den Höhlen. Sein dünner Bart sträubte sich giftig und er sah wie ein borstiger Kater drein.

Frau Nowotny hatte ihre Laune wiedergefunden. Sie nahm den Hut ab und nestelte an ihren strähnigen, ein bischen wüsten Haaren.

Wie heißen Sie denn? – fragte sie mit jenem gutmütigen Interesse, das im Munde einer Frau immer etwas Mütterliches bekommt.

Gaudentius?

Sie buchstabierte ungeschickt an dem Namen herum und lachte dann albern los. Ihre Brust straffte sich unter der Jacke, während sie mit gekreuzten Beinen auf der Tischkante saß. Der eine Fuß hing in der Luft und wippte.

Ich heiße Kamilla! – sagte sie dann mit einem Beiklang von Selbstgefälligkeit in der Stimme. Man sah ihr förmlich die Freude darüber an, daß sie so einen ordentlichen, gut gebräuchlichen Namen besaß. Sturmfenster starrte auf den Knopfschuh, der ihr graziöses Fußgelenk umschloß. Die Ernüchterung, die ihn vorhin befallen hatte, und der Unmut verließen ihn. Er besann sich, daß er nun allein mit der Frau war, die ihm gefiel, und daß sie vor ihm auf dem Küchentische saß und ihm gehörte. Er erinnerte sich des ordinären Seitenblicks, mit dem sie ihn willenlos über die Stiegen des unbekannten Hauses in die fremde Wohnung geschleppt hatte. Die Nächte während seiner Gymnasialzeit fielen ihm ein, wo seine Phantasie die Stube, die er mit seinen Eltern teilte, mit solchen Frauen bevölkerte. Noch heute, wenn er zurückdachte, konnte er ihre Gesichter unterscheiden. Sie alle hatten diese heißen Augen mit den begehrlichen Schattenringen und alle sahen Kamilla ähnlich. Es war kein Zufall, daß er ihr heute begegnet war. Hundertmal hatte er diese feisten Lippen geküßt, diesen weißen, fleischigen Hals betastet. Er kannte Kamilla. Immer schon, seit vielen Jahren, waren unsichtbare Fäden zwischen ihr und ihm gewesen. Schon damals, als er an langen Nachmittagen über den punischen Kriegen büffelte, hatte ihn ihr Bild bedrängt. Oder waren es die Heere der Amazonen, die so in seine Träume stürmten? Weiber, unübersehbar und zahllos, Schenkel an Schenkel auf ihren wilden Pferden, mit dem Antlitz Kamillas zwischen flatternden Haaren. Gaudentius begriff es, daß sie siegreich waren, daß den Feinden die Waffen entfielen und sie zu kämpfen vergaßen.

Das Bild schob sich in sein Gedächtnis, das er auf dem Wege zur Schule täglich betrachtet hatte. Es war ein grellfarbiges Plakat, das für eine bekennte Zahnseife Propaganda machte. Ein braunes Nubiermädchen mit malerisch zerzaustem Gelock besah im Spiegel ihre derben Zähne. Ein buntkarriertes Tuch bedeckte ihre Schultern und ein kurzes Gewand ließ ihre muskulösen Beine frei, die nur über den Knöcheln mit Sandalenbändern verschnürt waren. Minutenlang war er oft vor diesem Bilde gestanden. Die unbekümmerte Weiblichkeit in dem Gesichte des Mädchens hatte ihn gefangen genommen. Erst heute wußte er, daß dieses Antlitz allen Frauen gemeinsam war, die seine Sinne verführten. Es war ein Kamillagesicht, knochig und rabiat, mit einem asiatischen Einschlag. Damals geschah es oft, daß es ihn in die Nächte verfolgte. Oder daß es wahrend der Unterrichtsstunde plötzlich aus der Landkarte sprang, wollüstig, mit dem unwiderstehlichen Munde. Dann kam manchmal das wunderbare Chaos über ihn, das ihn auch jetzt noch zuweilen heimsuchte. Wo die Welt, der Himmel, die Leute in einem rasenden Wirbel versanken und nur hie und da wie die Trümmer entschwindender Dinge die Erinnerung an ein Erlebnis wiederkam, an eine Straße, die er einmal gegangen war, an ein Spielzeug, an die punischen Kriege. Darüber hinweg kam es gigantisch gebraust. Auf schnaubenden Pferden, nach Männerart im Sattel sitzend, kamen die Weiber geritten, die steifen Brüste von der Mähne gepeitscht, die Schwerter in den erhobenen Händen. Es begann die Schlacht. Die süße Schlacht, in der man unterging, in der man sich verlieren konnte. Rosse stürzten zuhauf, Glieder schimmerten zwischen Blut und Schweiß. Aber Schenkel an Schenkel kamen immer neue. In dem Getümmel, das ihn in die Knie zwang, sah Gaudentius die Gesichter, von wüsten Haaren umrahmt, mit knochigem Kinn und gemeinem Munde. Er sah die Arme, die sich zum Schlage reckten, hörte Schreie, die ihn erzittern ließen. Hundertmal, von stählernen Muskeln gespannt, vom rieselnden Blut wie mit roten Sandalen bebändert, sah er die braunen Beine der Nubierin. Sturmfenster wachte auf. Langsam, noch mit einem Leuchten, hob er den Blick zu Kamilla auf. Die saß noch immer geduldig und wippte mit dem Fuße.

Zieh dich aus! – befahl er rauh, merkte gar nicht, daß er nun unvermittelt du zu ihr sagte.

Kamilla gehorchte. Sie öffnete ihr Kleid über der Brust und begann sich zu entkleiden.

Wo werden wir uns lieben? – fragte sie beinahe demütig und sah sich in dem Raume um, wo der Tisch und drei Stühle die einzigen Möbelstücke waren. Es stand weder Bett noch Sofa in Frau Bombas Küche.

Sturmfenster antwortete nicht. Er verzog nur den Mund wie in einem großen Schmerze. Seine blauen Augen wurden dunkelgrün, und als das Weib zu ihm herankam, nur mit dem Hemd und den Hosen bekleidet, als sie den Kopf zurückwarf und ihm die Lippen bot, erstickte er den Schrei, der ihm aufstieg, in einem Kusse.

Sie legte die nackten Arme um seinen Hals und während sie ihn wieder küßte, hing ihr großer Leib wie ein Gewicht an ihm und zog ihn im Fallen auf die schmutzigen Dielen nieder. In dem Kehricht, der um sie wie eine Wolke aufflog, liebten sie einander. Er nahm das Weib, das sich ihm willig entgegendrängte, mit dem ungestümen Haß des Geschlechts. Er pflückte die schweren, irdischen Küsse von ihrem Mund und sie deckten seine Augen mit einem Schleier zu, hinter dem er nichts mehr erkennen konnte. Nur eine kleine, goldene Sehnsucht flatterte noch vor ihm her und schlug mit den Flügeln.

Ein Heimweh, das ihn immer befiel, wenn er in einem unzulänglichen Glück sich der Erde verschwisterte. Gaudentius Sturmfenster sehnte sich nach der himmlischen Liebe. Das war eine, die nicht aus Qualen und Dünsten geboren wurde, das war eine süße, köstliche Liebe. Eine, die ewigen Glanz besaß und Herzen erlösen konnte.

Unwillkürlich suchte er mit den Augen das Licht, das zum Fenster hereinkam. Draußen hatte der Regen nachgelassen und eine blasse Sonne flammte in den Scheiben.

Ach sieh doch, sieh! – sagte Sturmfenster und löste sanft die Hände Kamillas von seinem Nacken. Sie betrachtete ihn verwundert, wie er verzückt durch das verstaubte Küchenfenster starrte. Ein paar Sonnenstrahlen flirrten über ihre nackte Brust und sie blinzelte suchend in der Richtung seines Blicks.

Wo schaust du hin? – meinte sie dann und schmiegte sich wieder an ihn.

Er schwieg. Nachdenklich strich er mit den Fingern seine struppigen Barthaare zurecht und erhob sich langsam. Er konnte doch dem Weib, das da vor ihm auf dem Fußboden kniete, nicht sagen, daß er eben zwischen dem Fensterrahmen in Frau Bombas Küche ein Stückchen Himmel gesehen hatte.


IV. KAPITEL

HERR RÖMERSTERN LÄSST
SICH DEN KOPF
WASCHEN

In der Rasierstube des Herrn Scheibenhonig war heute eine fidele Stimmung. Meermann mit dem martialisch emporgewichsten Schnurrbarte und dem gutmütig vorgeschobenen Kinn war wieder einmal der Gegenstand unbändiger Heiterkeit. Äußerlich war eigentlich nichts an ihm zu bemerken, was die Ausbrüche des Humors, die er immer wieder bei der anwesenden Kundschaft entfesselte, gerechtfertigt hätte. Mittelgroß und von angemessenem Leibesumfang bot er in dem sauberen Leinenkittel, von dem sich sein gebräunter Teint stattlich abhob, das Bild einer wohlgereiften Männlichkeit, wie es wohl den Dienstmädchen und Ladenmamsellen der Nachbarschaft als vollendetes Heiratsideal vorschwebte. Wenn er mit den Augen rollte, bekam sein Gesicht für Augenblicke eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Bullen.

Die kleine Rasierstube mit dem blanken Messingbecken vor der Türe und den bunten Diplomen an den winkligen Wänden war immer überfüllt. Sie war seit Jahren in der deutschen Gesellschaft Prags in Mode gekommen und ihr Eigentümer verstand es, die Gunst der Verhältnisse zu nützen. Sein volles Diplomatengesicht war stetig von einem verbindlichen Lächeln erlustigt, das den Eintretenden empfing und wieder hinausgeleitete und in der spielerisch betonten Höflichkeit seines Wesens stak ein gutes Stück Ironie und Welterkenntnis. In seinem Geschäftslokale wurde nicht bloß barbiert, Bart und Kopfhaare geschnitten, Kölnisch-Wasser und Puder zerstäubt, es herrschte hier eine traditionelle Geselligkeit, eine geistige Separatkultur, die durch die rein prägen sehe Form des Kalauers am wirkungsvollsten gekennzeichnet erschien. Herr Scheibenhonig leitete mit klugem Takt und bedachtsamem Verständnis den intellektuellen Mist seiner Kunden in die richtigen Bahnen. Er erwies sich immer in jeder Situation als der Mann von Welt, über dessen beiläufige Schlagfertigkeit ein artiger Schwank kursierte.

Ein älterer Hofrat der vornehmsten Behörde begegnete ihm einmal auf dem neutralen Boden einer Wohltätigkeitsgesellschaft. Obwohl er zu seiner tagtäglichen Kundschaft gehörte, vermochten seine durch den beständigen Staatsdienst zerrütteten Sinne den eleganten Herrn im Frack nicht gleich richtig zu registrieren. In der Meinung, einen seiner Beamten vor sich zu haben, erwiderte er mit kollegialer Herablassung seinen Gruß und fühlte sich bewogen, den ohne Zweifel sehr repräsentablen Untergebenen mit einer Ansprache zu beglücken.

In welchem Departement arbeiten Sie jetzt? – fragte er freundlich den sich respektvoll Verneigenden.

In meinem eigenen, Herr Hofrat, – ich bin der Friseur Scheibenhonig.

In dem drehbaren Armstuhl neben der offenen Türe, der wegen der frischen Luft, die von draußen hereinkam, allgemein den Beinamen »Riviera« führte, hatte eben ein junger Mann mit auffallend hohem Stehkragen Platz genommen. Die aufdringliche Beflissenheit, die sich um ihn entfaltete, gab zu erkennen, daß er gewohnt sein mochte, Ansprüche zu stellen und daß er nicht zu den Knickern gehörte.

Meermann legte dem Ankömmling den blütenweißen Umhang um die Schultern und zwang seine Miene zu einem grimmigen Grinsen.

Eine Waschung gefällig – Herr Römerstern?

Meinetwegen. – Schampoon oder Pix?

Pix und ein Tropfen Birkenwasser. Geschäftig trug der Lehrjunge einen Haufen Servietten herbei. Während Meermann sich anschickte, den Kopf des Sitzenden in eine riesige Seifenkugel zu verwandeln, näherte sich der Chef mit listigem Schmunzeln.

Wissen Sie schon, was für ein Handwerk Meermann eigentlich gelernt hat? Nein. –

Er ist ein Schneider. Ein Schneider – wieso?

Nun, das merkt man doch. Weil er die Leute schneidet. Ein Blick unsäglicher Verachtung aus den runden Augen des Verspotteten spießte sich in das Gesicht des Erzählers.

Blöder Kerl! – knurrte er und seifte gewaltig, daß die Flocken stoben. Das Auditorium wieherte vor Vergnügen. Dieses gemütliche Verhältnis zwischen Geschäftsherrn und Angestelltem war unbezahlbar.

Je, aber haben Sie es denn schon bemerkt, wie täuschend er dem Tell ähnlich sieht? – fragte jetzt Römerstern und duckte sich tiefer in den Sessel.

Dem Tell? – Der Meermann dem Tell? – Sie meinen den Wilhelm Tell? –

Nein. Ich meine den Trot-tel.

Eine Lachsalve erschütterte eine Zeitlang das Gewölbe. Ausgezeichnet! – Wirklich ausgezeichnet! – rief begeistert Herr Scheibenhonig. Selbst der Lehrjunge lachte in der Ecke.

An Meermann reichte heute der Spektakel nicht heran. Er hatte sich in einen hartnäckigen Gleichmut zurückgezogen, der ihn gegen allen Unflat schützte. Sein breiter Daumen fuhr über den eingeseiften Schädel des Witzlings und massierte die Kopfhaut. Was tat ihm das, was da die jungen Herren schwatzten? Es war nun einmal so auf dieser Welt. Ein jeder trug die Nase hoch und höhnte den andern. Nur er war der Niemand, der arme Hund, der den Leuten den Bart putzte. – – –

Auch Römerstern verstummte. Der würzige Geruch des Pixavons hüllte sein Gehirn in Schläfrigkeit. Die gleichförmigen Geräusche der Rasierstube, das Klappern der Scheren, das Knittern der Zeitungsblätter, das Gelächter, das zwischen den Gesprächen hin- und herkollerte, lullten ihn in Betäubung. Er war müde. Es war allerdings heute wieder fünf Uhr morgens gewesen, als ihn die Droschke nach Hause brachte. In der Bank mußte er dann um dreiviertel neun schon wieder zum Dienst antreten. Das hielt ja kein Pferd aus. Dazu kamen noch die immerwährenden, schauerlichen Sorgen!

Sein hübsches, arrogantes Gesicht gaffte übernächtig aus dem Spiegel. Die heutige Bummelei hatte er ja ohnehin nur aus dem Grunde veranstaltet, um für ein paar Stunden die quälenden Gedanken los zu werden. Dabei war ihm trotzdem die ganze Nacht der verfluchte Wechsel nicht aus dem Kopfe gegangen, den ihm dieser Herr Bambula morgen präsentieren würde. Achthundert Kronen waren immerhin ein hübsches Geld, besonders wenn man bedachte, daß sie in längstens drei Tagen beschafft sein sollten. Prolongieren würde Bambula diesmal bestimmt nicht mehr.

Eine Gänsehaut lief kalt und zapplig über seinen Rücken. Fröstelnd zog er den Frisiermantel dichter an sich und gähnte ungeniert. Alles in allem saß er also glücklich in der famosesten Klemme. Eine aus Resignation und Mitleid gemischte Stimmung kam über ihn und wandelte sich langsam in eine weinerliche Verbitterung. Die andern, seine Kollegen und die Jünglinge, mit denen er in der Gesellschaft zusammentraf, konnten leicht großtun. Ihnen blieb im schlimmsten Falle, wenn alle Mittel versagten, die Beichte zu Hause und der Geldsack des Vaters. Ihm aber, was blieb ihm? Ein gehässiger Ärger verzog seine Lippen, wenn er an die dreizimmrige Wohnung daheim und an seine Eltern dachte. Das waren ja Proletarier. Ohne Schwung und ohne Verständnis für eine bessere Lebensführung. Die würde er um das Geld nicht angehen, selbst wenn sie es besäßen. Aber sie hatten es nicht einmal. –

Römerstern ließ das Kinn auf die Brust sinken. Ein leiser Kopfschmerz kitzelte ihn hinter den Schläfen und seine Gedankengänge verwirrten sich. Zusammenhanglos sprangen zerstückelte Begebenheiten aus vergangenen Jahren darin auf. Das wohlige Gefühl umfing sein Bewußtsein, für eine Viertelstunde in den bequemen Armstuhl gebannt zu sein, ohne sich rühren zu müssen. Er blies eine Fliege von der Nasenspitze fort, streckte die Beine aus und entschlummerte.

Aus der verkaterten Kläglichkeit seines Daseins hob ihn der Schlaf in eine kreisrunde Helle hinein. Aus einer glühenden Blume ergoß sich ein Lichtkegel in den Raum. Ein alter Steindruck hing an der Wand, der die Flucht der Muttergottes nach Ägypten darstellte. Den Kopf über ein zerlesenes Gebetbuch gebeugt saß eine Frau neben der leuchtenden Blume. Römerstern erkannte das Zimmer. Es war die Stube, in der er seine Knabenzeit verbracht hatte, bevor er aus dem Hause schied, um möbliert zu wohnen. Die rote Blume auf dem Tische war die Lampe, die seine Kinderjahre mit ihrem Lichte wärmte. Die alte Frau dort mit dem Gesangbuch zwischen den Fingern war seine Mutter. Eine schämige Freude erschütterte ihn plötzlich. Er dachte daran, wie die Tränen schmeckten, die er als Kind an ihrem Halse weinen durfte. Aber seine Lider blieben trocken und er konnte den Mund nicht öffnen, um sie zu rufen.

Da löschte der Schlaf das Lampenlicht aus und entführte ihn in ein sekundenlanges Dunkel. Als dann die Dämmerung wiederkehrte, durchflutete sie den Saal mit den Gasthaustischen und dem Kleiderständer neben dem Eingang. Eine Gesellschaft von Damen und Herren saß um die hufeisenförmige Tafel und an der Präsidentenecke stand Römerstern und hielt eine Ansprache an das Komitee. Sein Oberkörper wiegte sich in den Hüften und sein Bleistift klopfte das Protokollbuch. Es mußte der eleganteste Ball der Saison werden. Die Jünglinge mit den sorgfältig gezogenen Scheiteln klatschten Beifall, Mädchenaugen begrüßten ihn funkelnd. – –

Ein Geigenton zerriß die Szene. Das Licht verschwamm, flackerte weiter an Torbogen und gelben Laternen vorbei bis zu dem Hause mit den großen Fenstern. Das Kaffeehaus war erleuchtet, die Zigeunermusik vibrierte darin. Die Kellnerin mit der blonden Frisur und den granatroten Lippen flüsterte mit Römerstern. Er lauschte nervös und zerstreut. Dann neigte sich der kahle Kellner mit der zerknitterten Hemdbrust zu ihm und nickte lächelnd. Seine feuchte Hand fuhr in das Innenfutter des Fracks und holte eine abgegriffene Ledertasche hervor. Drin saßen die Hundertkronennoten wie die Mäuse im Speck. Eine von ihnen, mit dem umgebogenen Ohr und dem Fettfleck in der Mitte, machte sich los und rutschte zu Römerstern hinüber. Der sah dem Kellner in die faltige Visage.

Danke schön derweilen! – sagte er leise und nahm das Papier. Da entschwand ihm das Licht und das Kaffeehaus mit der Blondine versank im Finstern.

Das Licht flog weiter. Aber es war ängstlich geworden und zappelte. Mit einem Male rannte ein Schrecken auf Römerstern zu, kam näher und näher. Er sah die halbdunkle Straße hinunter, die sich ihm öffnete, und eine nichtswürdige Furcht lähmte seine Glieder. In der Tiefe, wohin eine Faust ihn abwärts schob, waren die Schatten. Läppische Gestalten mit mißlungenen Gebärden, die frech und knechtisch nach ihm äugten. Schmutzfinken aus dem Inseratenteil der Tagespresse, die Meute, die nach Prozenten hungerte. Da standen die Geldgeber aus der inneren Altstadt, Kaufleute mit Speiseflecken auf der gewölbten Weste und Raubtierfratzen unter dem Hute. Agenten, die eine abgerissene Eleganz zur Schau trugen, Kneipenwirte mit dem Rotwälsch des Kriminals. Fromme Witwen, die mit ihrem Pfunde wucherten und der verschwitzte Oberkellner aus dem Kaffeehaus »Zur Gemse«.

Römerstern ging mit zusammengebundenen Füßen. In seinem Gehirn regte sich das versteckte Wissen, daß es ein böser Traum war, der ihn narrte. Die Gefühle eines Gefesselten marterten ihn, den man mit Unrat besudelt. Mit Grauen und Widerstreben rückte er vor die Phalanx. In der vordersten Reihe, dicht vor ihm, stand Bambula. Das faule Gebiß wuchs schräg aus seinen Kiefern und er klapperte mit den Augendeckeln. Schmatzend, mit Üblem Atem, spie er dem Ohnmächtigen eine Ziffer entgegen. – – –

Römerstern fuhr auf. Ein taumelndes Entsetzen wirbelte ihn blitzschnell in die Wirklichkeit. Er öffnete die Augen und sah in das behäbige Gesicht Meermanns hinein, der treuherzig mit der Serviette knallte. –


V. KAPITEL

DIE WELTFREUNDE
BIETEN EINANDER
OHRFEIGEN AN

Das Café Portugal hatte seine Spezialitäten. Mit dem Komfort seiner Einrichtung, den Klubsesseln, der Holztäfelung, den Beleuchtungskörpern aus dem letzten Jahrzehnt des Kunstgewerbes schien es ein Kaffeehaus für bemittelte Bürgersleute zu sein, die hier am Sonntag nachmittag oder wochentags nach dem Abendessen mit ihren Frauen und Töchtern die »Neue Freie Presse« oder die »Národni Listy« lasen. Der Spaziergänger, der draußen vorüberschlenderte und einen Blick durch die hohen Spiegelscheiben tat, nahm die gewohnten Eindrücke mit auf den Weg; erhitzte Damen, die ihre Korpulenz hinter schlecht sitzenden Miedern verbargen, Kinder, denen die braune Fülle der Schokoladekuchen aus den Mundwinkeln tropfte, ältere Heeren mit rosafarbigen Glatzen und großen Ametystanhängseln an der goldenen Uhrkette. Der Wirt, der manchmal im schwarzen Gehrock zwischen den Tischen erschien und seinen Gästen händereibend freundliche Verbeugungen machte, war ein dicker Mann mit Pockennarben, der das Haar wie eine Bürste aufgekämmt trug und den wohlanständigen Typ des Lokals in keiner Weise beeinträchtigte. Das Geschäft war gut und die Einnahme reichlich. Er kniff die Augen zufrieden zusammen und zog einen Strich unter unfruchtbare Träume.

Im Grunde seines Herzens war Herr Bumberlik ein Phantast. Sein wohlgenährtes Exterieur umschloß eine unbotmäßige Seele, die heimlich auf unwegsamen Gebieten wildern ging. In der Spießerhaftigkeit seines Daseins hatte er sich eine Vorliebe für alles Zügellose und Ungeordnete bewahrt, für alles, was über die Stränge schlug und Revolutiönchen machte. Vor Jahren trat er einmal mit der Absicht hervor, ein vages, aus der Art geschlagenes Unternehmen zu begründen. Im Keller des Hauses, durch eine steile Wendeltreppe auf romantische Weise zugänglich, hatte er einige wundervolle Räume entdeckt, runde und eckige Katakomben, Stiegengänge, die Unaussprechliches umwitterte. Der Gedanke, hier einen Sammelpunkt für ungebundene Elemente zu schaffen, ein nächtliches Kabarett mit orgiastischem Programme, ließ ihn nicht mehr los, Arbeiter kamen und setzten den Keller in Stand, leiteten Licht und Luft in die Tiefe. Junge Maler bekritzelten die Wände mit Karikaturen, verklexten Farbentöpfe, schmierten Totentänze und Gerippe an die Decke. Stellenlose Artisten fanden sich ein, der Malerklüngel der Stadt, Dichter und Halbweltdamen. Aber vor dem Eröffnungsabend verbot die Polizei die ganze Geschichte und Herr Bumberlik mußte den Keller schließen.

Ein Trost allerdings entschädigte ihn für die Enttäuschung. Das fahrende Volk, mit dem er seiner Pläne wegen in Fühlung getreten war, blieb ihm treu und verbrachte einen guten Teil des Tages und auch der Nacht in seinem Kaffeehause. In einem den bürgerlichen Gästen abgekehrten Hinterzimmer versammelten sich von nun an die jungen Künstler der Stadt, deutsche und tschechische Literaten mit dem gemischten Gefolge, das dazugehörte. Herr Bumberlik brachte allen eine an Liebe grenzende Sympathie entgegen. Er sorgte dafür, daß sein Geschäftsführer alle die Literaturblättchen abonnierte, wo die Essays und Gedichte seiner Gäste gedruckt wurden, er subskribierte alle Zeitschriften, die auf Büttenpapier mit gerissenen Rändern erschienen. Für die Genießlinge und Ästheten hatte er eine umfangreiche erotische Bibliothek in Gewahrsam, niedliche Obszönitäten, die er außer den Stammgästen nur jenen in diskreter Weise präsentierte, die mit Betonung »Kunstsachen« verlangten. Aber auch materielle Bedürfnisse fanden an ihm einen Helfer und Freund. Er gewährte Kredit, war nachsichtig gegen Schuldner. Oft machte er sich einzig und allein mit der Freude darüber bezahlt, daß man in Prag das Café Portugal ein Künstlerkaffeehaus nannte.


* * *


Fräulein Muck aus Bischofteinitz war heute die erste in der Ecke, in der sich von sechs Uhr abends an die jungen Genies zu treffen pflegten. Sie hielt die Stielbrille vor die kurzsichtigen Augen und las im »Brenner«. Die Lektüre strengte sie an und ihr beständig fieberisch gerötetes Gesicht wurde noch um einen Schatten dunkler. Sie las mit einem gewissermaßen devoten Pflichtgefühl. Hatte nicht Karl Kraus den »Brenner« die einzige unabhängige Zeitschrift in Deutschland und Österreich genannt?

Der borstige Bart Sturmfensters tauchte im Türrahmen auf und seine schlotternde Gestalt kam unentschlossen näher. Er saß viel lieber draußen in dem großen Salon und sah sich durch die Glasscheiben die Leute auf der Straße an. Aber es war wieder einmal kein Plätzchen mehr zu haben.

Guten Tag! – grüßte er und zog einen Sessel zum Tisch.

Fräulein Muck nickte zerstreut. Dieser Prolet mit den ungepflegten Nägeln war ihr zuwider. Es war ihr unbegreiflich, wieso die anderen seinen Verkehr suchen konnten. Ein plumpes, kulturloses Tier, ohne geistige Prägung.

Ein hysterischer Frosch, – räsonierte Sturmfenster – der die Literatur für seine Gebärmutterkrisen verantwortlich macht. – –

Klirrend stieß er das winzige Geschirr beiseite, aus dem Fräulein Muck den auf türkische Art bereiteten Mokka getrunken hatte und warf einen haßgrünen Blick auf die vor ihr aufgetürmten schöngeistigen Journale.

Ein Krügel Pilsner und die »Fliegenden Blätter« – bestellte er schallend und schneuzte geräuschvoll.

Fräulein Muck fuhr zusammen. Einen Augenblick schien es, als wollte sie aufstehen und an den Nebentisch flüchten, dann zuckte sie die Achseln. Wie geschmacklos, seinen geistigen Tiefstand durch das ganze Lokal zu schreien! Der Kerl kompromittierte ja die ganze Sippe. Wenn sie dagegen an Römerstern dachte. – –

Ihre rote, von Mitessern und Sommersprossen verunreinigte Stirn fing an zu leuchten. Eine warme Welle flutete durch ihre Gedanken. Der Ärger verflog und sie lächelte.

Römerstern – dachte sie – Römerstern. –

Na nu! – wunderte sich Sturmfenster, der plötzlich ihren schwimmenden Augen begegnete.

Herrlich! Unendlich! Ungeheuer!

Es war Löwenthran, der mit Doktor Bloch und dem bebrillten Bondy hereinstolperte. Sie hatten die Durieux auf dem Wenzelsplatze gesehen und schwärmten. Morgen hatte sie ein Gastspiel im Deutschen Theater. Da mußte man hingehen.

Ist sie schön? – fragte Fräulein Muck. –

Löwenthran tobte.

Schön? Was ist das? Ist das ein Begriff aus Bischofteinitz? Ist sie eine Reklamepuppe für ein Parfümeriegeschäft? Sie ist die Durieux. So eine hat ein Affenmaul und ist doch voller Gnaden. Weibtum ist in ihr, verstehen Sie mich, Weibtum in zehnter Potenz, hundert Weiber in einer Person, tausend, hunderttausend. –

Fräulein Muck schwieg gekränkt. Es war unzart, sie an die Provinz zu erinnern.

Bondy hatte neben Sturmfenster Platz genommen und putzte die Gläser seiner Brille.

Einen Gummimantel hat sie angehabt – ich sage Ihnen – einen Gummimantel. – –

Er stockte, wurde rot, suchte angestrengt nach einer Erklärung. –

So, so – – einen Gummimantel also – meinte gutmütig Sturmfenster und wischte den Bierschaum aus seinem Barte.

Doktor Bloch beugte sich über den Tisch.

Was liest unser emsiges Mädchen? – Über den Beischlaf in der modernen Lyrik?

Über die Dichter des neuen Weltgefühls – entgegnete sie wichtig und reichte ihm den »Brenner«. Ein Blutbrand färbte mit einem Male ihren mageren Hals und ihre Oberlippe zitterte wie bei einem erschreckten Kaninchen. Römerstern war gekommen. Übelgelaunt setzte er sich in einen Winkel. Der Kellner brachte die gewohnte Melange.

Butter und blaue Semmeln! – befahl er kurz und begann eine Zigarette zu rollen.

Blaue Semmeln! – dachte die Muck entzückt – Blaue Semmeln. – –

Römerstern rückte verdrossen weiter abseits in die Ecke. Er war nicht zum Quatschen aufgelegt. Er mußte allein sein und nachdenken. Dieser Bambula war also heute richtig bei ihm gewesen. Binnen drei Tagen. Ein Schweinehund. Da war nichts zu machen.

Er sog den Rauch der Zigarette tief in den Magen. Die Augen des Mädchens liebkosten ihn. Römerstern stutzte. Sakra – die Gouvernante!

Er warf ihr ein konfuses Lächeln zu, nach dem sie dankbar schnappte. Bei Gott, es wäre ein Ausweg. – Aber nein. Er schüttelte sich.

Doktor Bloch war unterdessen mit Löwenthran übers Kreuz geraten.

Eine Eselei ist das – schrie dieser – eine Eselei! Die Dichter haben das Weltgefühl nicht gemacht. Das ist eben da, das liegt in der Luft. In uns und um uns, überall. Auf der Straße, im Kaffeehaus, im Klosett. Wir die sind Weltfreunde – Sie Drahtbinder, Sie!

Irgendwer hatte plötzlich von Ohrfeigen gesprochen. Die Gäste im Nebenzimmer wurden aufmerksam. Herr Bumberlik stürzte herein und bemühte sich um den aufgeregten Löwenthran.

Laßt doch den Krach! – Gehn wir lieber zu Gogo. – Bondy hatte den Vorschlag gemacht.

Ja, gehen wir zu Gogo, wir sind g'rad' ein doppelter Kaffee beisammen.

Darf ich denn wirklich nicht mitkommen? –jammerte die Muck.

Doktor Bloch zog die Schultern hoch.

Polizeivorschrift! – Sie sind –

Gänzlich bordellunfähig – ergänzte Sturmfenster grimmig.

Man lachte.

Diese Helenka – ist sie wirklich so entzückend?

Ich weiß nicht – brummte Löwenthran unwirsch. – Ich bin kein Gast der Helenka.

Römersterns Hände zerblätterten die Zigarette. Ein Bild zwängte sich in sein Gehirn, blieb einen Moment, verpuffte im Finstern. Ein gelber Mund unter der spitzigen Nase, ein Vogelnest auf dem dürftigen Schädel, entzündete Schweinsaugen, die ihn pfiffig bezwinkerten. Eine Tür schlug plump in seinen Gedanken ins Schloß und ein verstopfter Sopran begann zu singen:

Schlagt ihn tot, den Juden Itzig – –

Kusch, Moritz! röchelte eine ölige Stimme.

Zieht ihm aus die weiße Weste – weiße Weste –
Denn das ist das allerbeste – allerbeste. –
Gott sollte ihn schießen! – Tante Blau mußte helfen! –

Bondy knöpfte bereits an seinem Überzieher.

Gehen wir? – drängte er und seine Brille glänzte begehrlich unter der runden Dohle.

Römerstern stand auf. Die Zuversicht beschwingte seine Bewegungen. Großmütig, wie ein Feldherr in einem eroberten Lande, rief er den Kellner.


VI. KAPITEL

IN BULEMANS
HAUS

Hinter der alten Universität, ein paar Schritte abseits von dem Getriebe, das zwischen dem Altstädter Ring und der Neustadt wogte, führte das Gemsengäßchen in die Stille. Durch enge Höfe und verschimmelte Einfahrten knatterten die Wagen zu den Magazinen der jüdischen Kaufleute. Ein Tuchhändler hatte hier seine Firmatafel ausgesteckt, ein Höker verkaufte Grünzeug und böhmische Äpfel mit großen Wurmflecken auf der knallroten Schale. Passanten benutzten die Gasse fast nie. Barfüßige Burschen trieben den Holzkreisel in die rußigen Pfützen oder spielten Kopf oder Adler mit Kupferkreuzern.

Das Freudenhaus Paul Siegmar Goldsteins besaß einen Weltruf. Seit mehr als fünfzig Jahren in den Händen derselben Familie hielt es von Anbeginn auf eine gewisse Vornehmheit. Die Fröhlichkeit, die hier hinter den Mauern des grauen Gebäudes plätscherte, bestach durch Manieren und hatte nichts Klobiges an sich. Eine angenehme Ausgelassenheit füllte die Räume. Die Gäste, die hier die Visite machten, kamen alle aus einer behaglichen Welt. Die Erdenschwere, die sie draußen manchmal bedrückte, fand da kein Asyl. Sie brachten den Leichtsinn mit, der nicht des Gestern und nicht des Morgen gedachte. Der Wein war gut und teuer und der Sekt kalt und gepflegt. Die Mädchen rochen nach Blumenwasser, hatten seidene Wäsche am Leib und seidene Betten im Zimmer. Paul Siegmar Goldstein behandelte seine Insassinnen gut. Warme Bäder, schöne Kleider, Mahlzeiten nach Wunsch machten das Lachen von der Kette los, das in dem krummen Gäßchen nicht verstummte. Zu Zeiten gab es einen Theaterabend, einen Kinobesuch, eine ehrbare Promenade. Im Sommer wurde auch oft ein Fiaker gemietet und dann fuhr man mit Tante Blau zum Konzert in den Baumgarten oder weiter ins Grüne.

Das Geschäft fing zeitig an und dauerte bis früh. Die ersten Fiaker, die vorsichtig in einer verschämten Entfernung hielten, hatten noch gar nicht die Wagenlaternen angezündet. Wenn die Stille zwischen den Höfen unerträglich wurde, tat die Bogenlampe über dem Haustor den feurigen Mund auf und verschluckte die Dämmerung.

Löwenthran hafte als erster die Türglocke gezogen. Sind die Damen zu Hause? –

Die Beschließerin, an den Witz gewöhnt, öffnete knixend. Eine laue Luft schlug ihnen entgegen. Während sie im Erdgeschoß die Garderobe ablegten, surrte gedämpft die Signalklingel.

Sturmfenster fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Diese feuchte, mit Gerüchen überladene Wärme betäubte ihn. Träges Klaviergeklimper erstickte kichernd hinter den Vorhängen und im obersten Stockwerk rief eine Frauenstimme ununterbrochen einen Namen. Er folgte den andern über die rotausgelegte Treppe in den Salon.

Dieser Aufgang mit dem goldenen Stiegengeländer erschien ihm jedesmal wie eine Vision. Ein lahmes Gefühl in der Nahe der Herzgrube brachte ihm den Tag zurück, an dem er ihn zum ersten Male beschritten hatte. Das war kurz nach seinem Erlebnis im Traumzimmer gewesen. Ein Schulkamerad, der aus irgend einem Anlaß ein Fest beging, nahm ihn mit sich. Damals waren sie aus der funkelnden Mittagssonne, nach einem schweren Frühstück hierhergekommen. Das farbige Dunkel, das ihn hier empfing, machte ihn vollends betrunken. Aber die Beklemmung, die ihm jetzt den Hals beengte, war auch damals dieselbe.

Die Dichter kommen! – Schauts her – die Dichter! Gelächter und Händeklatschen begrüßten sie. Das elektrische Licht, das in Sträußen von der Decke hing, sprühte in dem großen Spiegel. Eine Puppe mit weißen Kniestrümpfen und kurzen Mädchenkleidern sprang auf Römerstern zu und überschüttete ihn mit Küssen. Das ist keiner! Das ist ein anständiger Mensch!

Abfahren! – schrie dieser energisch und klopfte den Puder von seinem Rockärmel.

Der Klavierspieler intonierte einen Walzer und Löwenthran bestellte den Kaffee.

Ist die Tante Blau zu sprechen? – erkundigte sich Römerstern.

Drüben sitzt sie im Frisiersalon. –

Eine regenfarbene Wolke stürmte an ihnen vorüber. Zwischen Bändern und dünnem Battist drängten sich zwei Leiber aneinander. Eva tanzte mit der Polin.

Doktor Bloch und der kleine Bondy hatten rechts und links neben einer riesigen Ungarin Platz genommen. Ist das echt? – fragte Bondy und prüfte ihre enormen Waden.

Jesus Maria! – Ich bin kitzlich!

Sturmfenster sah der tanzenden Eva zu. Auch sie trug ein Puppenkleid und einen spinnwebenfeinen Schleier. Ihr gelber Schopf leuchtete und ihre Wangen waren geschminkt. Die kindischen Halbstrümpfe ließen die Beine nackt und die Spitzen der Höschen umflatterten ihre Knie.

Die Polin warf sich erschöpf! auf das Wandsofa neben der Türe. Die Wirtschafterin brachte Kaffeegeschirr und eine Schale mit Zigaretten.

Eva tanzte allein. Mit einer zärtlichen Grazie lief sie der diebischen Munterkeit nach, die durch den Walzer huschte. Ihr Gesicht glühte vor Eifer, in ihren Haaren verfing sich das Licht. Sie bog den Kopf zurück und sandte ein Lächeln über die Schulter durch den blauen Schleier. Sturmfenster erlebte etwas Lustiges. Die Diele wackelte mit einem Male und das Zimmer schrumpfte zusammen. Es knisterte, wurde zwerghaft und klein. Eine geschnitzte Truhe stand da im Winkel und durch die bleigefaßten Fenster kamen die Mondscherben. Er sah sich um und war fröhlich.

»In Bulemans Haus« – nickte er und dachte an das Stormsche Gedicht und den Kupferstich, den er dazu kannte.

Da war das Mädchen, das mit den Pantoffeln durch die Straßen lief.

Sie geht in ein alt verfallenes Haus;
Im Flur ist die Tafel gedecket,
Da tanzt vor dem Monde die Maus mit der Maus,
Da setzt sich das Kind mit den Mäusen zum Schmaus

– – – – – – – – – – – – – – –

Die seidenen Röcklein rauschten und Eva warf Kußhände nach der Truhe, Ihre Ringellocken hüpften im Nacken, die Mondschatten tanzten im Spiegel.

Beschäftigen Sie sich auch mit Psychoanalyse? – fragte eine Stimme dicht neben seinem Ohr. Bondys Brille schob sich zutraulich näher. Die kitzliche Ungarin hatte sich für Doktor Bloch entschieden und nun suchte er eine Ansprache.

Der Märchenspuk entwich und flüchtete hurtig die rote Treppe hinunter in den Keller. Sturmfenster erwachte und sah sich nach der Nische um, wo sich vor einer Weile noch die alte Truhe mit den Löwenköpfen gespreizt hatte. An ihrer Stelle lümmelte Moritz mit überschlagenen Beinen auf dem Kanapee und erzählte den Witz von dem polnischen Juden auf der Hochzeitsreise. Die faltigen Hosen schoben sich in die Höhe und ließen ein Stück von seinen pfirsichfarbenen Socken sehen. Die Zigarette hing ihm schief in dem zermantschten Munde. Diamanten glitzerten an seinen Händen, Er war der Sohn des Besitzers und hatte die Inspektion.

Wo ist denn Römerstern? –

Löwenthran legte den Zeigefinger an die Lippen und wies mit den Augen nach dem Frisiersalon. Hinter dem Vorhang, entschlossen den Ausgang nicht frei zu geben, stand der Gesuchte im Gespräch. Das magere Frauenzimmer, auf das er einredete, zuckte immerwährend die Achseln. –

Das ist viel Geld, Barönchen, zuviel Geld. –

Ihr altjüngferlicher Kopf wiegte sich auf dem dünnen Halse und das Vogelnest auf dem Scheitel zitterte. Seien sie fesch, Tantchen! – schmeichelte Römerstern, tätschelte ihre verrunzelten Backen.

Er arbeitet! – hüstelte Bondy und lachte neidisch, Sturmfenster wehrte sich gegen die Geschwätzigkeit seines Nachbars mit einer fast unhöflichen Ruhe. Er war müde. Irgend etwas in ihm sehnte sich nach einem brüderlichen, gutherzigen Menschen. Er haschte nach dem Schleier, der vorübergaukelte und zog Eva auf seinen Schoß.

Ich möchte deine Beine küssen – sagte er leise in ihr geschminktes Ohr.

Na, so komm'! – Sie war erstaunt und bereitwillig. Er aber schüttelte traurig den Kopf.

Hör' zu, ich will dir von Bulemans Haus erzählen. – Unbeholfen, kindisch begann er die Geschichte. Sie saß auf seinen Knien und die gelben Haare fielen ihr in die Stirn. In ihren Augen wimmelten die Lichter. Wie schön müßten sie Feldblumen kleiden! – kam es Sturmfenster in den Sinn und er dachte dabei an einen Kranz mit wildem Mohn zwischen den verwaschenen Blüten der Skabiosen. Behutsam streichelte er ihr unschuldiges Gesicht. Nun sah sie wirklich dem Kind aus dem Märlein ähnlich, der Schläferin, die im Garten von der Sonne überrascht wird und der die Nachtigallen und die Hasen beim Schlummer zusehen. Eva, bist du es? – fragte er und seine Stimme machte sie betroffen.

Dann aber mußte sie über die komische Frage lachen. Sie rutschte von seinem Schoß herunter, irrwischte durch das Zimmer.

Fang' mich! – rief sie lockend und ihr Schleier flog. Erhitzt und fahrig trat Römerstern wieder in den Salon. Er fuhr sich mit dem Taschentuche hinter den Kragen und lächelte zufrieden.

Hat Pollak aus Gaya den Brief geschickt? – fragte Löwenthran bedeutsam über den Tisch hinüber. Es war eine Reminiszenz aus dem Budapester Orpheum und er konnte damit auf volles Verständnis rechnen. Nu, hat er geschickt? – antwortete Bondy an seiner Stelle, als sich Römerstern eine halbe Flasche Pommery für den Durst bestellte.

Auch Sturmfenster brannte die Kehle. Der Zigarettendampf und die Schwüle drangen durch die Poren in sein Blut und beunruhigten es. Er war gereizt und nervös. Unschlüssig erhob er sich und traf in das Vorhaus hinaus, wo die goldene Stiege schimmerte. Zwei Arme legten sich von rückwärts um seine Schultern. Eva war ihm nachgekommen und hielt ihn. Sie wollte ihn küssen, aber er wehrte ihr's.

Komm' mit zu mir! – bettelte sie zärtlich.

In ihrem Zimmer sah er sie an. Sie war schmal und verlebt und der Schopf mit den entfärbten Haaren blaß und häßlich. Er betrachtete sie schweigend, als sie den Schleier fallen ließ und wie ein Schulmädchen vor dem Zubettgehen in ihrem weißen Hemde vor ihm stand. Immerfort mußte er dabei an das wilde Antlitz Kamillas denken.


VII. KAPITEL

BENJAMIN GIBT EIN
INSERAT IN DIE
ZEITUNG

Frau Bomba halte eine Schwester, die in ziemlich dürftigen Verhältnissen lebte. Sie war mit dem pensionierten Steueramtsoffizial Kuhschleim verheiratet und mußte mit ungefähr zweihundert Kronen monatlich ihren Haushalt bestreiten. Die erwachsene Tochter, die sich beständig als Kinderfräulein zu verdingen suchte, war zehn Monate im Jahre postenlos. Aus welchen Gründen sie immer nach kurzer Zeit mit einer Kündigung wieder heimkam, wurde niemals genügend aufgehellt. Erfahrene Frauen, mit denen Frau Kuhschleim über das Mißgeschick ihrer Tochter beratschlagte, waren der Meinung, sie hätte einen zu großen Busen für ihren Beruf. Tatsache blieb, daß niemand ein dauerndes Vertrauen zu ihrer Pädagogik zu fassen vermochte und auf diese Weise war der Verdienst, den Fräulein Rosine nach Hause brachte, überaus schmal. Eine Schwägerin, die dem schwindsüchtigen Bruder des Offizials vor kurzem in das Grab gefolgt war, hinterließ einen Papagei und einen kleinen Buben. Der Papagei starb während der Trauerfeierlichkeiten vor Entkräftung, den Buben nahm der Onkel zu sich und fütterte ihn. Frau Kuhschleim, die über den Zuwachs nicht eben erfreut war, kam der toten Schwägerin nicht auf den Namen. Diese hatte einmal als junge Hausfrau eine Gans samt den Federn und ohne vorher die Gedärme herauszunehmen, in die Schüssel gelegt und braten lassen. Frau Kuhschleim, die damals noch obendrein zum Mittagessen eingeladen war, konnte der Verstorbenen die Schlamperei und den Gestank niemals vergessen.

Die größte Sorge der Familie aber war der Sohn. In überquellendem Stolze hatten ihm die Eltern in der Taufe den Namen Benjamin gegeben, der Liebe des alten Jakob zu seinem Jüngsten eingedenk. Gebote, Ermahnungen und Flüche begleiteten seine Laufbahn. Das Mühlrad der Schule konnte ihn nicht zermahlen, die Schraube des Gymnasiums wurde schartig an ihm. Nach Qualen, Fährnissen und Not landete er auf der Sandbank der Hochschule. Dort blieb er liegen und rührte sich nicht. Die Jahre kamen und gingen und jedes nahm eine Hoffnung der Mutter, einen Seufzer des Vaters mit sich. Die Haare an seinen Schläfen wurden schon grau, sein Spitzbauch entwickelte sich, und noch immer studierte Benjamin die philosophischen Fächer. In dem Bierausschank, wo er abends seinen schwarzen Rettich zu schälen pflegte, sagten die Leute »Herr Professor« zu ihm und er begnügte sich inzwischen mit diesen Erfolgen. Die Beschaulichkeit, die den Grundzug seines Charakters bildete, löschte jeden Ehrgeiz in ihm aus und ließ nur eine Leidenschaft übrig, den Hang zum andern Geschlechte. Er war ein kontemplativer Erotiker, der vormittags auf dem Belvedere den Studenten zusah, die sich im Schatten der Bäume zur Prüfung vorbereiteten, der nachmittags auf langen Spaziergängen Erkenntnisse vertiefte und sein Weltbild vervollkommnete. In der Abenddämmerung stellte er den Dienstmädchen nach, die mit großen Krügen über die Straße eilten und sprach mit ihnen über die Nichtigkeit der weiblichen Tugend.

Eine schmerzliche Erfahrung brachte ihm mit der Zeit das Leben. Das Glück, das er bei Frauen genoß, entsprach nicht seinen Anforderungen. Die Weiber aus jener Gesellschaftsschichte, die ihm am bequemsten erreichbar war, die Dienstboten und Verkäuferinnen mochten ihn nicht. Sie erschraken vor seinen Augen, die unter den zusammengewachsenen Brauen einen stechenden Ausdruck erhielten, seinen zerrauften Zähnen, die er nur ungern putzte und die ein zigarettengeschwärzter Zahnstein verunstaltete. Früher hatte ihn seine Mutter öfter dazu angehalten, bei Frau Bomba einen Besuch zu machen. Sie hielt es für ungeschickt, die Beziehungen zu der reichen Schwester völlig einschlafen zu lassen und wußte Benjamin, der für solche Dinge ein gutes Verständnis besaß, leicht zu überzeugen. So ging er denn jede Woche mindestens einmal zu der Tante hinauf und entlieh von ihr regelmäßig mindestens eine Krone. Frau Bomba, die ihn mit Sliwowitz und Zigaretten bewirtete, gewöhnte sich an diesen Tribut. Es wäre bestimmt auf diese Weise noch eine Weile weitergegangen, wenn Benjamin in den eingeräumten Grenzen geblieben wäre. Verwirrt von den Reizen seiner Basen, begann er damit, ihnen handgreiflich den Hof zu machen. Seine Bemühungen fielen auf einen unfruchtbaren Boden. Siddy und Mimi hatten beide zu wenig Phantasie, um an seinen Vorschlägen Geschmack zu gewinnen. Ärgerlich fragten sie einander, was der Kerl mit seiner faden Erotik denn eigentlich bezwecke und wiesen ihn mit einer Grobheit zurück, die ihn besiegte. Frau Bomba billigte das Verhalten ihrer Töchter durchaus. In ihrem Geschäftsbetriebe duldete sie grundsätzlich keine Schwarzfahrerei. Sie nahm den Vorfall zum Vorwande und verbot dem Neffen ihr Haus.

Damit war Benjamin um seine einzige ständige Einnahme gekommen. Gelegentliche Pumpversuche, die er bei ehemaligen, seit langem wohlbestallten Studienkollegen vom Stapel ließ, deckten zwar immerhin noch seinen täglichen Bedarf an Bier und Rettich. Die Unterrichtsstunden, in denen er einer bejahrten Buchhalterin das Stenographieren und seine Weltanschauung beibrachte, taten ein übriges. Trotzdem sah er sich allen Ernstes vor die Notwendigkeit gestellt, seine Finanzen endgiltig in ein fahrbares Geleise zu bringen. Natürlich mußte dies auf eine angenehme Art geschehen, die seine Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nahm und seinen Neigungen entsprechend begegnete. Er beschloß, die Arbeit mit dem Vergnügen unlöslich zu vereinigen, eine Reise nach dem Süden zu unternehmen und in den Spielsälen von Monte Carlo den Reichtum zu gewinnen, den er zu einem sorglosen, seinen Leidenschaften gewidmeten Leben benötigte. Bisher hatte er sein Glück nur in der Zahlenlotterie versucht, der er mit einem System an den Leib rückte, das in zahlreichen Mußestunden erdacht war. Er wendete eine kunstvolle, weit ausgreifende Methode an, in der die arithmetische Progression eine taktisch einwandfreie Rolle spielte, aber sie verfing nicht. Darum wollte er seine Talente nunmehr auf einem günstigeren Tummelplatze erproben. Freilich gehörte zur Verwirklichung seines Planes ein beträchtliches Anfangskapital. Er wußte, daß ein von der Liebe verblendetes Weib zu allen Opfern bereit ist. Ein solches Weib zu finden, war eine Aufgabe, der man am mühelosesten auf dem Wege einer Zeitungsannonce beikam.

Benjamin Kuhschleim dichtete eine Anzeige, in der ein junger, stürmischer Mann die Freundschaft einer Dame mit etwas Vermögen suchte, und trug sie persönlich in die Administration des Blattes. Ausführliche Antworten erbat er hauptpostlagernd unter der Chiffre »Steife Wäsche«. Ein paar Tage darauf brachte er ein Bündel Briefe in den Bierausschank mit. Als er ein großes Stück Böhmerwaldkäse, eine saure Gurke und fünf Sträußchen Radieseln zu Abend gespeist hatte, begann er mit der Prüfung des Einlaufs. Die meisten Zuschriften liefen in dem verhaspelten Phrasenstil veralteter Briefsteller auf ein mehr oder weniger ehrbares Programm hinaus; er erledigte sie, indem er sie nach flüchtiger Durchsicht zu den Resten seiner Mahlzeit schob. Verheißungsvoller war schon der Antrag zweier Schwestern, Lea und Ria, die ein gemeinsames Verhältnis suchten und mannigfache Einzelheiten über ihre Unterwäsche berichteten. Nach kurzem Zögern entschied er sich aber doch für die krampfhaft obszöne Epistel des Fräulein Muck, die ihn unter Beischluß ihrer Photographie umgehend ins Café Portugal bestellte.

Es war ihm nichts Neues mehr, daß die Anmut der Frau von andern Qualitäten bestimmt wird, als einer gefälligen Oberfläche. Es war ihm bekannt, daß die sogenannten schönen Weiber in der Liebe zumeist auch die langweiligsten sind. Er stieß sich auch nicht an der Reizlosigkeit, die das Lichtbild des ältlichen Mädchens zur Schau trug und tröstete sich mit der Zügellosigkeit ihres Temperaments, die ihm ihr lasterhafter Brief in Aussicht stellte. Als er ihr aber Tags darauf im Kaffeehause gegenüber saß und ihr rotes, von Pusteln zerrissenes Gesicht sich erwartungsvoll näherte, wurde seine Laune bedeutend herabgestimmt. Er nahm alle Energie zusammen und gab sich geheimnisvoll von einer pathologischen Seite, die ihre Neugier in Flammen setzte. Es kam etwas von der Süßigkeit der Arbeitsfreude über ihn, mit der er seinem Ziele zustrebte.

Fräulein Muck, die trotz der Schamlosigkeit, mit der sie flunkerte, ein schüchternes Provinzgänschen war, sah sich im Laufe der Angelegenheit in einen lästigen Zwiespalt verstrickt. Die Philistrosität, die ihr als unausrottbares Erbteil ihrer Familie im Blute steckte, empörte sich gegen ihr Beginnen. Andererseits hatte das vergebliche Schmachten nach Römerstern, dessen Nutzlosigkeit sie am Ende erkannte, ihre Sinne zu fahrlässigen Schwärmereien verleitet. Die Sturzflut abgefeimter Sündhaftigkeit mit der Kuhschleim sie überschüttete, sickerte demgemäß durch ein lockeres Erdreich. Ihr ästhetisches Gemüt fieberte beim Anblick der entfesselten Bestialität, zu der sie auf einem nicht mehr ungewöhnlichen Wege gelangt war. Die theoretische Bravour, mit der sie das erotische Gebiet beherrschte, versagte vor den Trümpfen der Wirklichkeit. Neben dem hilflosen Entsetzen, dem sie verfiel, krochen aber auch geheime Wünsche ans Licht. Kuhschleim zog alle Register. Er lieferte sozusagen seine Doktorarbeit, weil er entschlossen war, den Gang der Ereignisse zu beschleunigen. Seine Eltern, die er schon vierzig Semester mit den Überraschungen hinhielt, die in der Zukunft bevorstünden, fingen an, ihn mit Vorwürfen zu quälen. Er nahm sich vor, mit Fräulein Muck um jeden Preis umgehend ins Reine zu kommen. Sieben Tage lang dauerte die Belagerung; am siebenten ergab sie sich und führte ihn in ihr Zimmer.

Hilflos warf sie sich dort zur Erde nieder. Der Paroxysmus, den er einer raschen Lösung halber bis zur Tobsucht aufgestachelt, schüttelte sie in Krämpfen. Ausgebrannt von den Gesprächen, mit denen er sie erhitzte, verstört von seinen Briefen, verwüstet von Versprechungen und Träumen gewährte sie ihm alles. Kuhschleim, der ihrem gut gespielten Zynismus des öfteren mißtraut hatte, staunte immerhin, als untrügliche Anzeichen ihre Jungfernschaft offenbarten. Das war ein Liebeskampf bis aufs Messer! – erzählte er abends, als er den Gästen im Bier-ausschank von den genossenen Freuden berichtete. Während er durch reichlich aufgestreutes Salz den mitgebrachten Rettich zum Schwitzen vorbereitete, überdachte er behaglich den eitlen Gedanken, daß der Beruf, den er sich auserwählt, zwar anstrengend, aber dafür auch genügend kurzweilig sei. Schon nach dem zweiten Zusammensein mit der Muck wußte er die Unterhaltung zwanglos auf seine Projekte zu lenken. Er vermochte, wenn es darauf ankam, mit Ausdauer und Geschick zu sprechen und seine Ausführungen waren logisch und lichtvoll. In der dritten Woche ihrer persönlichen Bekanntschaft gelangte er in den Besitz von 1200 Kronen, die sie ihm aus ihren Ersparnissen überwies. Einen Teil der Summe verspielte er noch an demselben Abend an einen durchreisenden Agenten und an den Schankwirt, mit denen er eine Partie »Grüne Wiese« machte. Mit dem Reste fuhr er Tags darauf nach Monte Carlo. Das System, das in der Lotterie versagt hatte, führte auch dort nicht zum Siege. Zwar die Ansichtskarten, die er anfangs schrieb, strotzten von großsprecherischen Verheißungen. Die Telegramme, die nachfolgten, baten um Geld, Fräulein Muck sandte ihm von ihrem kleinen Vermögen alles, was sich ohne Schwierigkeiten beheben ließ. Es war nicht mehr viel. Jedenfalls war es zu wenig, um Kuhschleims System mit Erfolg durchhalten zu können.

Als die dringenden Depeschen, die postwendend Hilfe heischten, sich nicht mehr rentieren wollten, setzte er alles auf eine Farbe und verlor. Die Kasinoverwaltung streckte ihm gegen einen Revers die Mittel zur Rückreise vor. Blank aber unverdrossen fuhr er nach Hause. Noch während der Fahrt befaßte er sich mit dem Plane, bei Lea und Ria und ihrer gepriesenen Unterwasche sein Ungemach zu verschmerzen. Heimgekommen erledigte er den Brief, in dem er der Muck Mitteilung machte, daß er die empfangenen Beträge ihrem Konto gutgeschrieben habe. Im übrigen sei in der Sonne des Südens seine Überzeugung gereift, daß er sie nicht mehr liebe, was er gebührend zu ihrer Kenntnis bringe.


VIII. KAPITEL

EIN BERÜHMTER DETEKTIV
MACHT EINE PIKANTE
ENTDECKUNG

Wenn die elektrischen Lampen im Saale aufblitzten, liefen die Stimmen der Leute in planloser Erregung durcheinander. Ungezügelt fingen die Kinder an zu kreischen, die in den ersten Reihen saßen. Die jungen Frauen atmeten schneller und ihre Augen schauten verschämt in die plötzliche Helle. Eine Bewegung flutete vom Orchester in das Parkett, ebbte zurück und stockte vor den Logen. Papierdüten raschelten und beringte Finger tasteten nach den Frisuren, Mit den Lichtern verlosch auch der Lärm und die Geigen begannen zu fiedeln.

Das Programm war ein wundervolles. Kein anderes Kino in der Stadt wirkte mit diesem Zauber. Die tolle Hetzfahrt zappelte mit Gelächter über die Leinwand, gestikulierte und versank. Eine behagliche Lustigkeit rumorte durchs Publikum. Das war der Schwank. Dann zog die Landschaft vorbei, die den alten Herrn die Träume ihrer Jugend wiederbrachte. Der Wasserfall schäumte wie eine Limonade zwischen den Felsen, ein Liebespaar lehnte am Brückensteg und hielt sich umschlungen. Ein Lebensbild zeigte zwei Menschen, die aus Torheit voneinander gingen. Max Linder, der nachfolgte, trocknete die Tränen.

Sturmfenster hatte für sich und Kamille zwei Ecksitze im Mittelgang erworben. Mit dem Eigensinne der Menschen, die mit ihrer Phantasie nicht hauszuhalten vermögen, erwartete er in dem dichtgefüllten Saale beständig eine Panik. Kamille, die in robuster Unbefangenheit solche Schrullen verachtete, überließ ihm gutmütig ihre warmen Hände, die er nervös umklammerte. So saßen sie wie zwei Verliebte zwischen den andern. Wenn der pfiffige Lehmann auftrat, der zum Schluß die verdienten Prügel bekam, wenn die Filmmenschen ungebührliche Dinge verübten, dann lachte sie aus vollem Halse und drückte seine knochigen Finger gegen ihre volle Brust. Sturmfenster studierte im Finstern, während nur die roten Lämpchen bei den Notausgängen eine ungewisse Dämmerung erzeugten, ihr Profil, Es schien ihm grausam und bedeutend zu sein, mehr wie im Licht, wo der Ausdruck die Linien verwischte. Ihre aufgeworfenen Lippen machten einen herrlichen Mund und mit einer ungemischten Bewunderung schielte er nach ihrem Kinne.

Neben ihr, vorgebeugt, in lebloser Aufmerksamkeit, sah er die Reihe dunkler Köpfe. Die Gleichförmigkeit der ungarischen Märsche, die das Orchester spielte, hypnotisierte sie. Ein Räuberdrama aus den Abruzzen rollte vorüber. Kamilla schob ihren Fuß zu seinen Beinen und ihre Hände feuchteten sich. In diesem Augenblicke empfand er ein Wohlgefühl, das ihm die Angst benahm und das fast unmerklich mit Liebe gemengt war. Er stützte sich an ihren mächtigen Leib, in dem das Blut wie in einer großen Maschine pochte. Die aufrührerische Tragik des Räuberstückes entfesselte eine fügsame Zärtlichkeit in ihr, unter der sie schauerte.

Gaudentius – plapperte sie verwirrt, glühend in verheißender Ungeduld.

Sturmfenster spähte mit kalten Augen, die unbeweglich in dem Geflimmer standen, nach der Seele des Films. Große Ereignisse, die steil und unwegsam ins Unbekannte führten, jagten über die Fläche. Wagemutige Taten, die das Leben in die Schanze schlugen, um eine Wette zu gewinnen. Aber er vermißte bei diesen Dingen das Echo ihrer Bedeutung, das sie landeinwärts zu den Geschehnissen des Herzens wies. Dennoch sah er neugierig und betroffen, wie die Zuschauer immer weiter ins Uferlose gerieten. Während die Männer neidisch und verdrossen folgten, kam es wie eine lauschende Bereitschaft über die Frauen. Die kunstlose Spannung eroberte sie mit rücksichtsloser Gewalt. Ein bleichsüchtiges Kind; das wie eine Schülerin der höheren Bürgerschulen gekleidet war, verfiel in ein hysterisches Schluchzen. Eine fettleibige Dame schrie vor Entsetzen, als das Seil zerreißen sollte, an dem der Verbrecher über dem Abgrund baumelte. In tausend kleinen Perlen stand die Erregung auf den Gesichtern. Der scharfe Geruch von verschwitzter Seide kam irgendwoher und blieb zwischen den Stühlen hängen.

Seitwärts, hinter einer schiefen Säule, tauchte der Schädel Bondys neben einem Mädchen auf. Seine wulstige Silhouette zeichnete sich klar auf der belichteten Leinwand. Von seinem Platz aus sah Sturmfenster nur den geduckten Rücken seiner Begleiterin. Ihre Schultern zitterten und sie preßte die Ellbogen gegen die Hüften. Sturmfenster rekapitulierte die Erotika, die ihm aus dem Gedichtbuche Bondys gewärtig waren. Er hatte den sublimen Finessen, die darin zur Geltung kamen, nie seinen Respekt versagt. Nun verstimmte ihn etwas an diesen Strophen, wenn er sie mit der zusammengekauerten Gestalt vor ihm in Verbindung brachte. Der feine Duft der Begehrlichkeit, der den gewählten Reimen entströmte, wurde sauer und penetrant, wenn er sich den Autor als handelnde Person daneben vorstellte. Die Abwehr, die den Ariern der jüdischen Rasse gegenüber im Blute liegt, kam ihm nie so deutlich zum Bewußtsein, als wenn er sich einen semitischen Liebhaber im Augenblicke der Begattung dachte.

Persönlich hatte er Bondy nie recht gemocht, aber seine Verse hatte er gerne gelesen. Die unbeherrschte Lebhaftigkeit, mit welcher der Dichter im Umgang mit den Kollegen mauschelte, stach merkwürdig von der harmonischen Glut seiner Lyrik ab. Sturmfenster hatte oft über diesen Gegensatz gelächelt. Heute kam es ihm vor, als ob er so etwas wie einen Einblick in seine Werkstatt täte. Wie alle heimlichen Dilettanten hatte er immer übertriebene Begriffe von der Geburt eines Kunstwerks gehabt. Nun, während der Schatten drüben näher zu Bondy rückte, vermeinte er ein paar Atemzüge lang den Vortakt einer Zeugung zu erleben. Die klebrige Zusammengehörigkeit übler Begierden mit dem Adel der Kunstform entschleierte sich ihm eine Sekunde. Der Film, den man gerade spulte, verdichtete sich vielleicht nach Stunden zur Eingebung. Die schmatzenden Küsse, mit denen Bondy zu Hause sein Mädchen beschwichtigen würde, waren schon von dem Rhythmus eines Gedichtes geschwellt.

Er überschlug im Geiste seine Bekanntschaften in Künstlerkreisen. Die jungen Leute, die er aus dem Café Portugal kannte, die in ihrer freien Zeit auf die oder jene Weise sich an der Literatur beteiligten, nahmen ihre schöpferischen Kräfte alle vom Weib. Es war ihnen mehr oder weniger nichts anderes als eine geistige Beute, an der sie auch nebenbei ihr körperliches Vergnügen hatten. Sie schroteten und laugten es aus und schnüffelten, wenn die gepeinigten Sinne ratlose Blasen an die Oberfläche trieben. Die Backfische, die sie nach der Musikstunde zu heimlichen Umwegen verführten, die Kellnerinnen, denen sie nachmittags in den Weinstuben unter die Röcke griffen, die tschechischen Verkäuferinnen, die ihnen abends nach Geschäftsschluß gehorsam und hungrig in die Wohnung folgten, sie alle gaben willenlos das kostbarste Material für ihre Bücher. Das Sentiment, die unschuldige Lüsternheit, kapriziöse Situatiönchen waren die Ernte. Die Inspiration mästete sich bis zum Brechen an den Launen und Verkehrtheiten des Geschlechts. Selbst die Besuche bei Gogo waren mitunter nur die Exkursionen fleißiger Notizensammler. Die Liebeslyrik, die direkt aus dem Bordell in die Druckerei geschickt wurde, war im modernen Literaturbetrieb wohl durchaus keine vereinzelte Erscheinung. Die Pause, in der das Orchester im Vorhaus konzertierte, riß ihn aus seinen Gedanken. Er drängte Kamilla zum Büffet, wo es Pschorrbier und belegte Brötchen gab.

Kaviar! schrie sie entzückt und die Leute lachten. Unweit stand Bondy neben seinem Mädchen und putzte mit dem zerknitterten Taschentuche die Brille. Sie war ein dünnes, aber hochbusiges Geschöpf mit falschen Zöpfen und großen Augen.

Servus! – grüßte er schließlich und zwinkerte verschmitzt nach Kamilla.

Wer war denn der Aff? – fragte diese, als das Klingelzeichen sie wieder auf ihre Plätze rief.

Das war ein Dichter. –

Na so was! – machte sie erstaunt.

Drinnen summte eine geheimnisvolle Erwartung. Das Glanzstück des Programms sollte in wenigen Minuten beginnen. Die ziegelroten Plakate vor der Türe, die den Mord im Bluthaus der Banditen veranschaulichten, versprachen Sensationen. Das Licht ging aus, aber ein Schnaufen der Enttäuschung begrüßte die Reklameserie. Endlich verkündete die Schrift: »Der unsichtbare Warner«. Drama in drei Akten und einem Vorspiel. Die Regie der Tragödie verriet eine kundige Hand. Die Mechanik des Mysteriösen verdichtete ihren Reiz zu einer beklemmenden Plastik. Da war ein Bild, das den »Unbekannten« in den Straßen von London zeigte. Der Schlapphut hing ihm ins magere Gesicht und sein Mantel flatterte. Das Grauen schlich ihm nach und machte die regennassen Häuser, an denen er vorbeikam, schrecklich und traurig. Ein Hund lief aus einem Torweg heraus, hob den Kopf und folgte in großen Sprüngen. Sturmfenster fühlte ein Mißbehagen, das seine Nerven wie ein häßlicher Wind durchstöberte. Er nahm seinen Bart in den Mund und biß ärgerlich an den Haaren.

Ein Geräusch machte in stutzig. Es klang wie ein Ächzen, das die verstiegene Magie des Lichtspiels begleitete. Sturmfenster hatte ein Ohr für den Ton, der darin fieberte. Er kannte die Hölle, aus der die Qual dieser Seufzer aufstieg. Langsam wandte er sich um und spähte in die Loge hinter seinem Rücken. Ein unterdrücktes Kichern gurgelte ängstlich, ein Stuhl ward gerückt und die Leute zischten. Das Drama hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der berühmte Detektiv Mr. Stuart Webbs war auf der Szene und durchsuchte den Keller. Dunkel wie ein grundloses Loch gähnte die Leinwand. Nur ein runder Fleck wanderte kreuz und quer und sprühte. Die Blendlaterne, mit der Webbs durch das Gewölbe tappte.

Ein hoffnungsloses Gewimmer zerbrach im Finstern und fiel neben Sturmfenster zu Boden. Er drehte den Kopf und gaffte. Der Lichtkegel, den das Diebslicht des Detektivs ins Publikum spuckte, fiel gerade für einen Augenblick in die Loge hinter ihm und umrahmte ein Antlitz. Ein zahnloser Mund unter der spitzigen Nase, ein Vogelnest auf dem lächerlichen Schädel» Brillantgehänge neben dem magern Halse – – Eine rote Stiege schälte sich zögernd aus seiner Verwunderung, ein Vorhang klaffte, eine Frauenstimme röchelte. Verflucht und zugenäht! – Die Weltgeschichte nahm ein Ende. Oder plagten ihn böse Träume? – – Ein Weilchen blakte noch das indiskrete Licht und bestrahlte die Hand, die der Madame Blau die Bluse öffnete. Dann glitt es weiter und blieb stehn: Mr. Webbs hatte die Leiche gefunden. Sturmfenster kämpfte einen besinnungslosen Ekel nieder. Der Akt war zu Ende und der Saaldiener kam mit einer riesigen Spritze und zerstäubte Perolin über den Köpfen der Zuschauer. Die erhitzte Kamilla, der die Essenz auf die Kleider tropfte, entfächelte einen knatternden Sturmwind mit dem Programm. In der Loge hinter ihnen verkroch sich das Vogelnest schamhaft im Hintergründe. Ein Bubenkopf schob sich daneben vor, funkelte frech mit den Augen, leckte an geschminkten Lippen und troff vor Pomade. Sturmfenster kramte in seinem Gedächtnis. Den kannte er doch. Das war doch der Pikkolo aus dem Café Portugal, der im vorigen Winter einem Gaste das Portemonnaie aus dem Pelzrock gefischt hatte. Trug nicht der Rotzbub einen wirklichen Diamanten im Hemdlatz? Krachend schlug er den Klappstuhl zurück und setzte sich wieder. »Der unsichtbare Warner« nahm seinen Fortgang. Aber er war nur mit Widerstreben bei der Sache.

Eine Ratte! Eine Ratte! – murmelte er unablässig und mußte in einem verdeckten Zusammenhange an die Worte Hamlets denken, als er hinter der Tapete den Polonius getötet hatte.


IX. KAPITEL

FUCHS GRÜNDET EINE
ZENTRALE FÜR
LEBEMÄNNER

Überall kamen über Nacht die grünen Zettel zum Vorschein. Die Drogisten, die unter anderem auch Pariser Artikel auf Lager hatten, verklebten damit ihre Fenster und wickelten Seife, Odolflaschen und Zahnbürsten darin ein. Die Friseure steckten sie hinter den Spiegelrahmen neben die Monatskarten ihrer Abonnenten, An den Straßenecken prangten sie zwischen den Kundmachungen des Magistrats, der zu einer allgemeinen Schutzimpfung gegen die Blattern aufforderte. In den Tabaktrafiken und Zeitungsverschleißen hingen sie neben dem Wandkalender, krochen giftig aus Büchern und Zeitschriften ans Licht. Sie überschwemmten die Stadt, kamen mit den Frühstückssemmeln in die Stube, wirbelten durch die Traume der Mittagsschläfer, lagen neben der Abendzeitung auf dem Teiler. Nirgends war man vor ihnen sicher. Sie lauerten unter den Akten im Büro, zierten in den öffentlichen Aborten die Wände. Aufdringlich quälte der Text, der einer bewährten Schnapsreklame entlehnt war. Drei Worte: Fuchs, Inselgasse, Pyrodrom.

Der Name Fuchs war für die Eingeweihten längst zur geläufigen Chiffre des Prager Nachtlebens geworden. Er machte die buntlackierte Herrlichkeit lebendig, die von der Mitternacht bis zum Frühlicht die Lokale bevölkerte. Sein Klang besaß etwas von dem zwiespältigen Anreiz jener Welt, die mit Operettengeklimper und Sinnlosigkeit bis zum Rande gefüllt war. Fuchs, das war einer der Vizekönige aus dem Lande der Eintagskavaliere, das Ideal der Oktavaner, die in der Zehnuhrpause von gefährlichen Abenteuern flüsterten, das Hochziel der Handlungsgehilfen, die in den Stunden zwischen Samstag und Sonntag den Bodensatz der irdischen Genüsse prüften. Fuchs, das war der Gewährsmann einer zuverlässigen Zweideutigkeit, der Berater der Würzen, die der enteilenden Nacht um jeden Preis noch ein letztes Vergnügen erpressen wollten. Ein Herrscher im Reiche der Niederungen hielt er beständig einen Schwärm von Prostituierten in seinem Schleppkreis. Sein kahles Gesicht und sein haarloser Schädel hätten eher für einen Bankdirektor wie für einen Kellner gepaßt. In Wirklichkeit war er ein unumschränkter Gebieter. Er vermittelte intime Gelage, die seinem jeweiligen Chef beträchtliche Summen abwarfen. Er begönnerte die Zaghaften und Neulinge, die in der mondänen Atmosphäre nicht gleich den richtigen Anschluß fanden. Er erteilte Ratschläge, Auskünfte und Adressen. Er war die Seele des Betriebes, von den Unbotmäßigen gefürchtet, von den Klugen umschmeichelt, ein Hahn im Korbe, dem Gäste und Weiber ihren Tribut zollten.

Jahrelang war er Zahlkellner in den verschiedenen Nachtlokalen gewesen. Er hatte die Glanzzeit des Café Mikado miterlebt und hatte den Ruf des russischen Kaffeehauses begründet. Generationen gingen durch seine Hände, junge Leute, die mittlerweile geheiratet hatten, Dirnen, die im Rausche verunglückt oder an der Lues gestorben waren. Sein Lächeln, das den höhnischen Mund zur Grimasse faltete, überdauerte alle. Es war ein argwilliges, von der Verachtung verbranntes Lächeln, das immer gleich blieb und sich nicht wandelte.

Nun war er dabei, ein neues Unternehmen aus der Taufe zu heben. Sein guter Instinkt, maßgebend in Dingen des Hautgout, hatte dafür das Schlagwort »Pyrodrom« gefunden. Im Zentrum der Stadt, eingebettet in der schmalen Zeile des Inselgäßchens, lockte ein buntes Lichtrad zur Einkehr. Ein langbeiniger Portier stand unerschütterlich in der Tiefe des Hausflur und sein ernsthafter Vollbart heischte Vertrauen. Mit einem Eifer, dem viel vom sportlichen Ehrgeiz anhaftete, machte Fuchs sich daran, die Gründung einzuführen. Die grünen Zettel flatterten durch die Stadt und in den Blättern erschienen verschmitzte Notizen. Maskierte Männer in roten Turbans und barbarischen Kostümen rollten eine riesige Trommel über die Fahrbahn, die mit den ominösen drei Worten bespannt war. Unermüdlich war die Propaganda am Werke. Sie belästigte die Passanten, pries die Talente des Künstlerquintetts, fabelte von der Grazie lasziver Balletteinlagen. Sie wisperte von der Gemütlichkeit in den separierten Boxes, die für geschlossene Gesellschaften bereitstanden. Sie war hartnäckig und frech, zäh und erfinderisch. Die Nacht, in der das Pyrodrom den verblüfften Pragern zum ersten Male die Tore öffnete, brachte eine beinahe phantastische Losung ins Haus.

Fuchs sah mit einer sieghaften Gleichgültigkeit in den Trubel. Der Geist mußte wieder einmal die Materie bezwingen. Die Konkurrenz war in die Knie gedrückt und niedergebügelt. Im Umkreis der Stadt konnte sie nirgends das Feld behaupten. Gelangweilt spielten die Geiger in öden Lokalen vor den Gästen. Wo sich sonst hinter den Dampfwolken der Zigaretten das Gelächter versteckte, schliefen die Kellner bei den leeren Tischen. Kein Lackstiefel glänzte, kein Federhut winkte galant. Alle, von den Damen im Hermelinbesatz bis zu den Mädchen im Kopftuch, hatte heute das Pyrodrom gefressen. Da war die Berlinerin mit den berühmten Schenkeln, von der die Sage ging, daß sie vor einem Jahrzehnt eine bekannte Kunstreiterin gewesen sei. Die Rosa Brandstädter aus Brünn, der ihr Samtmantel und der mährische Dialekt, den sie sprach, den Ruf der Melancholie verschafften. Die kleine Anna mit den gelben Haaren und dem Muttermal unter dem linken Auge ging in den Pausen für die Musikanten schnorren. Gleich neben dem Podium versammelte Katusche Wostepp ihren Anhang, ein junges Weib mit derben Kiefern und einer befehlenden Stimme, die den heimischen Schlappak meisterlich tanzte und unter dem Namen »Revoluzze« bekannt war.

Der geräumige Saal ermöglichte trotz dem Zuspruche jene Freizügigkeit, die den nächtlichen Genußplätzen ihre Idylle verleiht. Die weißgestrichenen Wände rochen nach nassem Kalk und auch der Fußboden atmete eine lauwarme Feuchtigkeit. Um eine lange Tafel aus zusammengeschobenen Tischen saß wiehernd ein tschechischer Gesangverein. Zwischen zwei Glatzköpfen, Familienvätern mit Schmerbäuchen und falscher Hemdbrust, die ihre beschmutzten Röllchen vor sich neben das Bierglas stellten, verschönerte Siddy Bomba den Kreis. Sie nippte verärgert ihren »fein Gespritzten« und schnupperte neidisch nach ihrer Schwester hinüber, die rot und zerzaust in ihr Taschentuch lachte. Mimi, mit ihren Backfischmanieren und ihren kurzen Röcken, machte Furore. Ihr Nachbar, ein ältlicher Gemischtwarenhändler, der unter Zuhilfenahme eines kleinen Spiegels sich rastlos in den Zähnen stocherte, spendierte ihr eben einen Melniker Sekt. Siddy rückte verzweifelt mit dem Sessel. Die beiden Philister neben ihr gaben sich sichtlich Mühe, sie zu unterhalten. Es waren zwei alte Kundschaften ihrer Mutter und sie lächelte freundlich.

Im Hintergrunde, in einer aus Messingstangen und Draperien improvisierten Ecke, war ein Raum für die Künstler mit Beschlag belegt. Fuchs schätzte ihren Besuch aus geschäftlichen Rücksichten ungeheuer. Ihre Anwesenheit gab einen undefinierbaren, besonderen Einschlag, den er in seiner Umgebung nur ungern vermißte. Von ihnen ging das nervöse Fluidum aus, das die Stimmung belebte und die Neugier entfachte. Sie brachten eine Art seelischen Parisertums mit sich, das den Leichtsinn vergoldete und die Laune verflüssigen konnte.

Eben bahnte sich Löwenthran einen Weg durch die Leute, die sich vor der Garderobe stauten. Begierig zog er das Aroma der Halbwelt in die großen Nasenlöcher und reckte den Hals aus dem schlottrigen Hemdkragen. Fuchs kam mit andächtiger Miene herbeigestürzt und zelebrierte eine Verbeugung. Guten Abend – Meister!

Löwenthran ließ sich die Anrede huldvoll gefallen. Außer der modernen Komödie, die bislang von allen deutschen Bühnen abgelehnt worden war und augenblicklich in der Schublade seines Schreibtisches von den Mühseligkeiten des Reisens ruhte, hatte er nie etwas geschrieben, geschweige denn veröffentlicht. Sein kritischer Witz und sein beweglicher Verstand verschafften ihm in den literarischen Debatten seiner Freunde eine geistige Ellbogenfreiheit. Aber eigentlich war das Kaffeehaus seine einzige künstlerische Legitimation. Trotzdem kam es ihm nicht in den Sinn, in der Begrüßung eine Ironie zu wittern. Hier, wo die schrillen Violinen einen widerlich süßen Walzer kratzten, wo Oleander und Stachelpalmen die Gäste schon im Hauseingang mit der Suggestion einer unerhörten Pracht überfielen, waren die Perspektiven verschoben. Hier nahm er den Respekt einer ungeborenen Nachwelt vor seinem künstlerischen Ruhme schon heute in Vorschußraten entgegen und fand sich gern und erfreut in die Rolle des verwöhnten Dichters, die Fuchs ihm zuteilte.

Wer ist denn alles hier? – fragte er nach einer Pause wohlüberdachter Gemessenheit.

Fuchs verrenkte die Achseln.

Sie sind bis jetzt der erste, Meister. –

Löwenthran nahm an dem reservierten Tische Platz. Die Mädchen lächelten zu ihm hinüber und grüßten vertraulich. Hierher kam keine, um ihn zu würzen. Der Künstlertisch galt diesen Kreisen immer als Freistatt, die man nur zur Erholung besuchte und wo man den schwarzen Kaffee selbst bezahlen mußte. Maler, Musikanten und Dichter wurden sozusagen mit zur Halbwelt gerechnet und man verkehrte mit ihnen kameradschaftlich ungeniert, wie mit Kollegen einer andern Fakultät. Löwenthran war eigentlich ein bischen geschmeichelt, an dieser Gemeinschaft mit teilzuhaben, und nickte gnädig nach allen Seiten.

Ein Tumult im vorderen Saale verursachte einen Zusammenlauf. Eine Frauenstimme schrie angstvoll und ein rohes Gelächter kollerte zwischen Scheltworten und zerbrochenen Weingläsern über die Dielen. Ein kleiner Mann mit einer roten Krawatte stand aufgeregt zwischen den Umstehenden und wischte sich mit dem Rockärmel das Blut aus dem dicken Schnurrbart.

Sie hat mich gekratzt – das Luder – wiederholte er immer wieder und das beifällige Gemurmel der Herren vom Gesangverein steigerte seine Courage. Was ist denn los? – fragte Löwenthran, der aufgestanden und neben Rosa Brandstädter getreten war. Er hat ihr auf den Hintern gegriffen – gab sie trübselig zur Auskunft und hüllte sich gleichmütig in ihren Mantel.

Die Menge zerteilte sich und Fuchs schob sein unheilverkündendes Profil in den Umkreis. Ein junges Studentlein, kaum dem Gymnasium entlaufen, raffte die Haltung zusammen.

Die Dame ist insultiert worden – ich muß sagen – infam – – –

Das protestierende Getöse des Gesangvereines schwoll zu pathetischer Höhe. Der Student verstummte und verzog die Mundwinkel zum Weinen. An seinem Arm, leblos vor Schreck, hing Fräulein Muck und suchte ihre verrutschte Dekolletage in Ordnung zu bringen. Fuchs stand wie aus Stein gemeißelt als oberste Instanz vor den Beiden.

Ich muß doch bitten – und er vibrierte ein wenig in einer zu Unrecht verletzten Entrüstung – ich muß doch zu bedenken bitten, daß Sie in keinem anständigen Lokale sind. –

Ein demonstrativer Beifall belohnte die Entscheidung, die dem gekränkten Empfinden der Gesamtheit entsprach. Eine schadenfrohe Heiterkeit zerrte an der Theaterbluse der Muck und zupfte gefühllos an ihrer Frisur. Der kleine Student, den sie sich irgendwo zu halsbrecherischen Abenteuern gefischt hatte, knickte zusammen.

Muck-Mädel, wie sehen Sie aus? – näselte eine melodische Stimme. Eine Parfümwolke flog, die Pikkolos dienerten, die Gruppe verlor sich respektvoll auf ihren Plätzen.

Römerstern stand erstaunt und sah fragend nach Löwenthran hinüber, der sich mißmutig näherte.

Ein verfluchtes Kaffeehaus – maulte dieser, ohne sich zu erklären.

Römerstern blies dem Gymnasiasten den Zigarettenrauch in die Augen.

Tempus! – spuckte er freundlich, nahm ihm die willenlose Dame aus den geängstigten Händen. Er wuchs, spürte den Herrn in sich, streute den Glanz der Befugnisse.

Einen Sliwowitz! – bestellte er halblaut bei Fuchs, der zerknirscht und devot seinen Kahlschädel beugte. Einen Sliwowitz – zehn Zigaretten und zwanzig Kronen! – – –


X. KAPITEL

EIN GASTHAUS
MIT KOSMISCHEN
HINTERGRÜNDEN

Alte Weinstuben haben ihren Zauber. Ihre Rundbogen und Dunkelnischen, die das Taglicht mit farbigen Traumnetzen vergittern, schließen Kräfte ein, die sich verfänglich rühren. Menschen mit einem zeitlosen Herzen spüren sie im Vorüberschreiten.

So ein Herz ist ein gesegnetes Spielzeug. Unter Tausenden hat es einer. Der lebt dann in einer geheimnisvollen Glückseligkeit weiter. Die Tränen, die süße Liebe fließen in seinem Blut, die Gedanken der Urväter halten ihn mit Gemurmel, wenn sein Schatten an den Mauern ihrer Häuser vorüber will.

Die Lauben der Kleinseite sind aus einem wunderlichen Gestein gebaut. Verblichene Texte bröckeln immerzu aus dem Mörtel, Kreidenstriche von Bubenhand formen sich zu verwirrenden Pentagrammen. Dunkle Höfe kauern hinter den Hauseinfahrten, auf riesenhaften Pawelaischen sperrt problematisches Gerumpel den Weg.

Hinter dem trägen Nachmittagswind kam Sturmfenster über die Brücke. Das Haar pappte ihm in der Stirne und er grüßte schon von weitem den Baum, der vor den einstöckigen Häusern auf der Insel Kampa wuchs. Der war groß und alt und seine Wurzeln gingen durch Erdreich und Geröll bis hinunter zum Fluß. Wenn er in seine tiefe Krone blickte, mußte er immer an das Antlitz Gottes denken, wie er's von den Bibelbildern seiner Schulkinderjahre her behalten hatte. Da war auch ein Winken und Drohen darin, zornmütiges Rauschen und Ewigkeit. Sturmfenster liebte diesen Baum.

Ihm war gut und friedfertig zu Mute, wie schon lange nicht mehr. Der Sommerstaub flog ihm in die Augen und lockte ein blankes Wässerlein in den Winkel. Ein nichtsnutziger Humbug malte ein Lächeln auf seinen häßlichen Bart. Er schaukelte ein wenig auf seinen langen Beinen und summte.

Das tat er immer, wenn etwas Feierliches im Anzuge war. Bedächtig blieb er stehn, sah eine Weile den Flößern zu, die die Balken flußabwärts trieben. Hier konnte er wenigstens bleiben und ins Wasser gaffen, ohne daß es jemand ihm neidete. Aber da war ihm neulich vor dem Bandagengeschäft in der Heinrichsgasse etwas Dummes passiert, das ihn ärgern mußte. Irgendwie war er mit Assoziationen zusammengeraten, die ihn beschäftigten und nicht freigaben. Da stand er denn wie angenagelt vor dem großen Irrigator hinter der Auslage Scheibe und glotzte mit gestielten Augen auf den geringelten Schlauch. Seine Gedanken turnten daran herum, wälzten Erwägungen, lugten ein bischen nach den Nasenbädern in der Nachbarschaft und verkrallten sich endgültig in dem roten Gummi, ohne sich fortzurühren. Bis ihn das Gelächter der Verkäuferinnen verschreckte, die drinnen im Ladenräume die Hälse reckten und sich baß erlustigten.

Heut war genau so ein Tag, an dem einem Torheiten begegnen konnten. Er hob die Nase in die Höhe und schnupperte. Der faule Geruch der Kastanienblüten war noch immer in der Luft, trotzdem ihre Zeit schon vorüber war und zwischen den Blättern die Stachelfrüchte wuchsen. Von dem Urbaum drüben kam er her, der das Angesicht Gottes hatte. Er schüttelte zuletzt selbst den Kopf über die Symbole, mit denen er sich das Dasein verkleisterte. Diese Exkursion heute nachmittag, wo die gescheiten Menschen zu Hause die Bäuche pflegten, war ja wieder so ein ulkiges Mysterium. Hatte er nicht, als er gestern abends unter den Lauben des Kleinseitner Ringplatzes umherstrolchte, um einen geeigneten Stehbierplatz zu erkunden, hinter den verschimmelten Weinflaschen in einem halboffenen Fenster die heilige Therese gesehn? Ihr Gesicht war ihm wohlvertraut und es war ihm des öfteren auf alten Stichen begegnet, wenn er in der kaiserlichen Bibliothek die Geschichte der psychischen Anomalien durchstöberte. Sie gehörte ja in sein Spezialfach, hatte mit höllischen Gespenstern Zwiesprache gehalten und den Besuch des leibhaftigen Satans im Oratorium empfangen. Er, Gaudentius Sturmfenster, interessierte sich für Teufeleien.

Gestern, mit seinen zwei Zwanzighellerstücken in der Hose, war er nicht in der Lage gewesen, der Sache auf den Grund zu gehn. Inzwischen war ihm ein blauer Zettel angeflattert, nach mühsamem Pirschgang endlich zur Strecke gebracht. War es da nicht seine Pflicht, der Metaphysik ein Opfer zu bringen? – Er fischte ein umfangreiches Sacktuch aus den zerknüllten Schößen und schneuzte sich unwiderruflich.

Mit großen Schritten gondelte er entschlossen weiter. Sein Herz pumperte ein wenig, als er durch die Brückengasse kam und den Radetzkyplatz überquerte, wo das Reiterdenkmal in der Sonne glänzte. Gleich daneben kletterte die Architektur eines hölzernen Aborthäuschens aus dem Pflaster. Die Beschließerin, die mit dem Strickstrumpf auf den Türstufen hockte, nickte erwartungsvoll. Aus den Fenstern des Oberlandesgerichtes, das mit dem ungeheueren Rumpfe den Himmel verbaute, kroch der schläfrige Atem der Staatskanzleien ins Freie. Unter den Lauben war es kühl und der feuchte Dunst auf den Mauern gab ihnen stellenweise eine kellerähnliche Haut, die sich glatt und lebendig anfühlte. Sturmfenster rekapitulierte seinen Zettelkasten: Therese, die heilige, geboren 1515 zu Avila in Altkastilien, gestorben 1582, reformierte den spanischen Karmeliterorden. Ihre mystischen Schriften voll glühender Phantasie – – –

Er stockte, als er dem Hause sich näherte. Eine gemalte Hand mit ausgestrecktem Finger wies ihm den Eintritt. Verluderte Blechbuchstaben blinzelten weiß und gehässig, als er in den Flurraum tappte. »Vogelbachs Weinstube« entzifferte er mühsam und sah die matten Scheiben einer Glastür dämmern. Wie kommt der Bach zu dem Vogel? dachte er bekümmert. Eine verlegene Pause floß breitspurig aus der Dunkelheit und machte ihm bange.

Alte Weinstuben haben ihren Zauber. Sie sind die Behüterinnen dummer Trivialitäten, pietätvoller Nichtigkeiten des schlechten Geschmacks. Auf dem Untergrund großsprecherischer Gewölbe, die das Echo von Generationen umwittert, geben sie die Allotria preis, die der Tag auf den Gassen findet. Papierene Zierblumen ranken sich an den Pfeilern und belämmern die edle Patina des Bewurfs mit ungezogenen Farben. Dreiste Spiegel protzen mit dem Goldstuck ihrer lackierten Rahmen. Gefühlvolle Ansichtskarten verunreinigen fächerförmig die Wände. Aber der Wein blitzt froh in den Gläsern, begehrliche Schnurren aus dem letzten Jahrhundert zupfen schelmisch am Tischtuch und die weiße Schürze spannt sich wie ein Hemd über den Brüsten der Kellnerin. Im Extrazimmer wird noch aufgeräumt. Der Champagnerkübel, aus dem an Stelle der Sektflasche ein zusammengerolltes Mieder herausschaut, macht einen unausgeschlafenen Eindruck, geradeso, als ob die Gesellschaft heute nachts zu lange verweilt hätte. Halbvolle Kelche stehen noch da und Zigarettenklumpen schwimmen in den Weinresten.

Die heilige Therese lachte über das ganze Gesicht, als Sturmfenster in das Zimmer trat und ängstlich in das Zwielicht zwinkerte.

Ihre dünne Kinderstimme kollerte vor Vergnügen und sie patschte in die Hände.

Bubi! – Du? – Das ist fein!

Er schnaubte mißtrauisch, als sie an ihm hinaufkletterte und ihn küssen wollte. Mit der vorsichtigen Neugier des jungen Forschers nahm er sie bei den Schultern und zog sie zum Fenster, wo er sie prüfend betrachtete. Fügsam hielt sie ihm stand. Ihr Gesicht war schmal und zerbrechlich, in ihren Augen wimmelte es wie von tausend lustigen Ameisenlichterchen.

Kennst du mich wirklich nimmer? –

Eva! –

Er war ganz verblüfft über seine Entdeckung.

Wo ist denn der gelbe Schopf geblieben und der Schleier und die Schminke? –

Futsch! – freute sie sich. Und mit einem Knix gab sie ihrer glatten Frisur und den gedunkelten Haaren die Erklärung:

Ich bin jetzt solid geworden – weißt!

Na ja! – meinte er gutmütig und schielte nach dem Extrazimmer hinüber, wo gerade ein Sonnenstreifen über das himmelblaue Mieder ging und seine nassen Bänder trocknete. Ein bischen wurmte es ihn doch, daß seine Fahrt ins sechzehnte Jahrhundert bei dem kleinen Mädchen geendet hatte. Sie trug geschäftig Rotwein und Pfefferkuchen auf und machte ein närrisch glückliches Gesicht dazu. Als er da hineinsah, schämte er sich, daß er einen Augenblick lang unwillig gewesen war. Er legte die Hand so sanft und zärtlich auf ihren Scheitel, daß es sie beinahe kitzelte. Seine wüsten Bartstoppeln näherten sich ihrem Nacken und während er ihren Hals küßte, kicherte sie geduldig in ihr Taschentuch.

Da sind ja Blutflecke darin? – fragte er besorgt, als sie es wieder vom Munde nahm.

Ein kleiner Seufzer huschte eine Sekunde lang durch die Stube.

Ja, denk dir nur, Bubi – ich habe die Schwindsucht! –

Er streichelte betroffen ihre Hände. Erst jetzt wurde er gewahr, daß ihr Körper unirdisch zart, daß ihre Haut gläsern und durchsichtig geworden war.

Jede Nacht träume ich von Schwänen – erzählte sie unvermittelt – Mein Bett steht am Ufer des blauen Teiches, auf dem sie schwimmen. Die Liebespaare bleiben daneben stehn und werfen Blumen ins Wasser. Das ist sehr schön, aber es macht mich traurig. –

Sie bettete sich wie ein Kind in seine Achselhöhle.

Meine Kostschachtel hat den Arzt gefragt. Zwei Monate – sagt er – kann ich noch leben – –

Sie schluckte verdächtig, als käme ihr das Flennen.

Kusch dich! raunzte er grob und hutschelte sie gewaltig. Da mußte sie wieder lachen.

Mit der zweiten Flasche Wein kam dann die Dämmerung. Draußen lag noch der Sonnenschein auf dem freien Platze, aber unter den Lauben quoll schon die Dunkelheit wie ein Schwamm aus dem Boden und verstopfte die Fugen. Soll ich die Lampe anzünden? – Er sah ihre Augen schimmern und in dem bunten Schatten der Stube saß wieder die heilige Theresia. Rühr dich nicht – bat er.

Eine Viertelstunde schwiegen sie beide im Dunkeln. Sturmfenster bohrte mit dem Ellbogenknochen ein Loch in den Oberschenkel und kraute nachdenklich seinen Kinnbart. Seine Seele machte sich los, flog, stieg auf und umspannte die Welt mit den Flügeln.

Bist du müde? – fragte er dann, als sie ein bischen seufzte.

Sehr –

Ihre ausgeblaßte, vom Nachtwachen durchlöcherte Stimme rührte ihn. Einen Augenblick glaubte er, ihr Leben zu erkennen, das sich gehorsam über störrische Wege trollte.

Gehört das dir? fragte er und deutete nach dem Nebenzimmer.

Sie wußte gleich, daß er das Mieder meinte.

Ja, Bubi – Sie wollten mich nackt sehn –

Und du? –

Ich mußte. Sie haben ja Sekt getrunken.

Sturmfenster hob sie auf seinen Schoß und küßte ihre unverdorbene Stirne.

Eva! –

Der Name gefiel ihm. Urmütter hatten so geheißen. Er wunderte sich mit einem Male gar nicht mehr, daß die Kellnerin in Vogelbachs Weinstube das Gesicht einer Heiligen hatte.


XI. KAPITEL

EIN JUNGER HASE
VERLÄUFT SICH
IM KRAUTFELD

Durch die Stadt, Straßen aufwärts und nieder, über Steintreppen und zerbröckelte Kellerstufen, läuft hurtig ein weinrotes Flämmlein. In der Nacht, wenn die Fenster verschlossen sind und die schwere Luft hinter den Gardinen gärt, schlüpft es in die Schlafstuben hinein, wo die Knaben in ihren Betten seufzen. Es springt den jungen Frauen im Bade auf den Rücken und sengt ihre Haut mit schmerzhaftem Feuer. Es flackert unruhig zwischen dem erstickten Gelächter, wenn die Schule aus ist, wenn die Klassenzimmer sich leeren, und fährt den Mädeln unter die heißen Röcke. Die alte Wurm, die schon seit Jahren ihren Laden in der Olivengasse hütete, kannte dieses Flämmlein. Es war seit Anbeginn bei ihr zu Gaste gewesen. Es lauerte vor der Türe hinter dem Aushängekasten, der draußen an einem verrosteten Haken hing und lockte geschmeidig mit Flirren und Zickzackgeflunker. Es züngelte aus den großen Pappschachteln auf, wenn die Alte den Deckel öffnete, um ihre Waren zu zeigen. Das Geschäft ging wie am Schnürchen. Ansichtskarten braucht jeder, nur muß man es verstehen, die Kundschaft nach ihren Wünschen zu bedienen. Frau Wurm hatte ein großes Lager. Vor Neujahr und um die Osterzeit hielt sie die buntgedruckten Serien in Bereitschaft, die dem Geschmacke der Dienstmädchen und Postbeamten fabriksmäßig angepaßt werden. Für die Spaßvögel und Schwerenöter legte sie humorvolle Scherze zurecht, die einen reißenden Absatz fanden. Da war zum Beispiel ein kleiner Junge abgebildet, der eben ins Töpfchen kackte, während ein gereimter Spruch den Vorgang ironisch glossierte. Oder ein echter Deutscher trank immer noch eins. Den Herrschaften, die eine akademische Bildung vorschützen konnten, gab sie die Künstlerkarten preis, aus dem Papier gepreßte Frauenköpfe mit Sternenornamentik und sezessionistischen Lilien.

Ihre eigentliche Domäne aber war ein Genre, das man in keiner Weise zu spezialisieren brauchte. Das Interesse dafür war allgemein und kapitalisierte sich kräftig. Es war ein Vertrieb besonderer Art, der das weinrote Flämmlein in ihre Gasse gebracht hatte, der alle Register von der frivolen Postkarte bis zur gemeinsten Photographie unischloß. Man mußte mit Vorsicht und Delikatesse gepanzert sein, tiefschürfende Kunde von der Welt und den Menschen besitzen, um bei diesem Handel nicht ins Uferlose zu treiben. Frau Wurm war damit zulänglich versehn. Sie kannte die Biedermänner, deren zaghafte Geilheit harmlose Grenzgebiete bevorzugte, und legte ihnen halbsüße Motive zur Auswahl vor. Das Bauernweib, dem ein Windstoß beim Kirschenpflücken die Röcke zwischen die Beine klemmt, war darunter das indiskreteste. – Sie erriet an der Ohrenröte der Gymnasiasten den Grad ihrer Verderbtheit. Sie wußte, daß Mädchen in der Regel mit einer legitimen Form der Unzucht sympathisieren und feilschte mit ihnen um die schlechten Kopien jener Pariser Hochzeitsnacht, auf denen die junge Frau noch in Brautkranz und Schleier phantasiearme Liebesdienste verrichtet. Ihr einfacher, aber geschulter Instinkt gab ihr Kenntnis davon, daß die Männer, die mit Rundbäuchen und wehenden Vollbärten den Ladenraum betraten und die Spazierstöcke mit dem Hirschhorngriff auf den Verkaufstisch legten, im glimpflichsten Falle durch die »Balkangreuel« befriedigt werden konnten, die als erotischer Niederschlag aus den Türkenkriegen empfindsame Gemüter ehrlich entflammten.

Die Vorsehung und die Gleichartigkeit ihrer Talente hatten sie einmal von ungefähr mit Frau Bomba zusammengeführt. Seitdem lief das weinrote Flämmlein zwischen Quergasse Und Olivengasse hin und her, funkelte und hüpfte. Es freute sich, daß es soviel zu tun bekam. Frau Bomba schickte es nach Attraktionen aus. Die vertraulichen Arrangements, mit denen sie noch immer ihre Gäste empfing, die seidenen Höschen ihrer Töchter, die ewig beim Umkleiden waren, verblaßten in ihrer Wirkung. Die Haltbarkeit der Illusionen, mit denen sie den Besuchern aufwartete, versagte bedenklich. Sie mußte darauf Bedacht nehmen, den Ruf ihres Salons durch eine Überraschung zu beleben. Eile, mein Flämmlein, eile! Das goldene Geld, das aus den Taschen der Männer fließt, es zaudert und will den Weg nicht finden. Eile doch, eile! Bring' etwas Feines herbei, daß die Quellen wieder rieseln! Der Mittag ist über der Stadt und die Glocken brummen. Die Sonne klebt wie ein gelber Leim auf dem verglasten Schaukasten in der Olivengasse. Die bunten Malereien strecken behaglich die Glieder, stemmen die geblähten Leiber gegen die Wand, bekommen dicke Köpfe in der Wärme. In dem alten Kasten ist es lebendig geworden. Die pikanten Damen sind aufgewacht und fallen den steifen Herren in die pathetisch geöffneten Arme. Eine Nackttänzerin lüftet schalkhaft den Schleier und das Liebespaar links in der Ecke steht knapp vor dem Sündenfalle. Frau Wurm lehnt in der offenen Tür, rasselt gelangweilt mit den Schlüsseln an dem verbogenen Drahtring und ist schläfrig.

Auf dem Gehsteig klappern Schritte. Kleine, liebliche Füße traben geschwind. Zwischen den Maschen der Strümpfe schimmern die rosigen Waden. Sabine ist groß und unter der Bluse drängen sich schon die Brüste. Aber ihr Kleid ist noch kurz und sie schlenkert die Schulbücher an dem verknoteten Riemen. Aus den honigsüßen Augen tauchen die Traumlichter ihrer fünfzehn Jahre.

Straßenbreit sperrt ihr der Kasten den Weg. Sie kann nicht vorbei, hält an und schaut in das Gewimmel. Sie atmet erschrocken und wird bleich. Ganz fernher, wie der Sturm vor blauschwarzen Wolken, kommt ihr das Ohrensausen. –

Das Liebespaar auf der moosigen Waldbank beklemmt ihr die Kehle. Der Mann trägt einen Jägerhut, Kniehosen und einen gewichsten Bart. Er zieht sein Mädchen an sich, das sich beinah nicht mehr wehrt. Ihr Kleid hat sich verschoben, ihr Gesicht ist starr und abwesend vor Entzücken.

Sabine spürt, wie der warme Wind der Gasse in ihrem Kleidchen wühlt. Ihr Mund mit den breit geschürzten Lippen ist trocken. Die blauschwarze Wolke kommt näher und das Mädchen auf der Ansichtskarte hinter dem Schaufenster fängt an zu zittern. Sabinchen! – ruft eine zuckrige Stimme.

Frau Wurm steht vor der Ladentüre; sie ist keine Spur mehr schläfrig und spannt ihr Gesicht in gutherzige Falten. Sie kennt Sabine noch als winzigen Trippelfratzen von den ersten Schulgängen her. Wie die Jahre vergehen! Und wie groß das Binchen geworden ist!

Sabine hat einen Widerwillen gegen die Freundschaft der Alten. Ihr Gesicht erinnert an das Ledertäschchen mit der Messingschnalle, das der Großmutter gehört. Aber sie kommt gehorsam näher. Sie muß an die Bilder denken, von denen man ihr erzählt hat, die Frau Wurm nur herzeigt, wenn man sie sehr schön bittet. Ihre Lippen brennen und die Augen glänzen wie Kirchenglocken.

Sabinchen – – mein Binchen! – –

Die zuckrige Stimme wickelt Schleimfäden um ihren Leib. Die Füße sind schwer und sie kann kaum weiter. Wie stark du geworden bist! – meint Frau Wurm und legt den Arm um ihre schwankenden Hüften. Sie fährt zusammen, will sich losmachen, aber sie besinnt sich. Die zuckrige Stimme redet zu ihr und sie antwortet.

Dann ist es auf einmal geschehen. Irgendwo im Grunde des Ladens brennt eine rußige Lampe. Frau Wurm hebt den Deckel von der abgegriffenen Schachtel und legt ihr die Photographien in die feuchten Hände.

– – – – – – – – – – – – – – –

Große, in Abgründen verankerte Minuten! Wo wir am Rande der Kindheit stehn, nachtblind vor den Finsternissen kommender Stunden. – Große, glühende Minuten! Schmuggler der Ewigkeit, Goldbarren der Himmelsträume nehmt ihr mit in die Tiefe! Ihr seid wie die Räuber, die uns nackt und frierend in der Dunkelheit lassen – – – – – – – – – –

– – – – – – – – – – – – – – –

Ganz unten am Boden der Papierschachtel liegt ein Buch. Es ist fettig und gelb, die Buchstaben in den gedrängten Zeilen sind mißraten und kümmerlich. Ein saurer Geruch hängt zwischen den Blättern mit den verrollten Ecken.

Die Wurm ist ganz aufgeregt. Ihr Unterkiefer schlottert vor Überschwang und sie beginnt zu schwitzen. Sabine hält das Büchlein zum Licht und liest eine Seite. Die honigsüßen Augen sind aufgerissen und traurig.

Die Alte hustet und kramt zerstreut zwischen verschmutzten Papieren. Sie schmeichelt dem Binchen, schraubt den Lampendocht höher.

Nimms mit und lies es daheim! – Ihre Hände fingern behutsam über Arme und Rücken und kneifen ihr zärtlich die derben Schenkel.

Adieu – komm bald wieder – mein Spätzchen –

– – – – – – – – – – – – – – –

Die Sonne ist tiefer hinter die Dächer gegangen, in die Gasse zwängt sich der Schatten. Der Wind bläst stärker, treibt den Kehricht in steilen Wirbeln über die Fahrbahn.

Die Häuser entlang, mit schlürfenden Füßen kommt wieder das Binchen. Der Mozartzopf zuckt wie ein Fähnlein und sie drückt das Taschentuch ins Gesicht, als ob ihre Nase blute. Die Luft geht so schar und sie schämt sich des kurzen Röckchens.

Schon? – fragt Frau Wurm und schiebt das verschnürte Päckchen sorgfältig in die Lade.

Sabine ist rot wie ein Eidamer Käse. Der Zopf ist ihr aufgegangen und die Haare fallen ihr auf die Schultern.

Willst wohl noch mehr von der süßen Schweinerei? –

Die Alte setzt die Brille vor die kurzsichtigen Augen und beguckt sich das Häslein. Das Fell ist wie Samt, weißflaumig und schneefarben. Sie nickt zufrieden, beklopft das Tierchen und flüstert.

Der Speichel plätschert begehrlich in ihrem Munde. Das Häslein lauscht und spitzt die Ohren:

Quergasse 17.


* * *


Das Wetter, das der Tag nicht gereift hat, will auch in der Nacht nicht kommen. Der Wind ist noch heftiger geworden und lärmt in den Giebeln, aber er ist unruhig und heiß und hat eine metallische Stimme. Blutkummer singt er an den Fenstern.

Das Haus, wo das Binchen schläft, steht engbrüstig zwischen den andern. Ein herzrotes Irrlicht schlüpft aus dem verriegelten Tor auf die Gasse. Es fiebert und hetzt um die Ecken. Das ist das Flämmlein, das die Träume Sabinens zum Bett der Frau Bomba trägt.

Die Witwe hat einen übellaunigen Schlaf. Das Zimmer ist dunstig und sie atmet geräuschvoll Die kleinen Träume stehn ängstlich vor ihr und wimmern im Dunkeln.


XII. KAPITEL

DER HEDONISTENKLUB
VERANSTALTET EINEN
RÖMERABEND

Benjamin Kuhschleim war ein Genießer. Die schönen Vormittage, die der Sommer brachte, vertat er mit Besonnenheit. Lange, von stiller Einkehr durchflutete Stunden saß er auf den Holzbanken der Belvedereanlagen, die der Sonnenschein so köstlich wärmte. Mit einer kühlherzigen Gemessenheit verzehrte er dort die hart gekochten Eier, die seine Mutter täglich zum zweiten Frühstück bereitete. Von Langeweile geplagt, hatte er den Roman »Quo vadis« des polnischen Dichters Sienkiewicz gelesen. Seinen Neigungen gemäß befaßte er sich nur selten, und dann mit gebotener Vorsicht, mit den Erzeugnissen der Literatur. Aber in diesem besonderen Falle hatte er nicht das Gefühl gehabt, dem Müßiggange in irgendeiner Weise den liebgewordenen Besitzstand zu schmälern. Die antike Moral, die das christliche Konzept des Buches an zahlreichen Stellen durchlöcherte, fuhr ihm wie ein erquickender Windstoß in die Nase. Er schmeckte ihren Reiz mit dem erzürnten Bedauern, daß aus dieser Welt, wo Reichtum und Liederlichkeit sich unbefangen verbrüderten, keine Brücke in sein eigenes Leben mündete. Eine Folge von Zusammenhängen wurde in ihm aufgescheucht, die sich am Ende immer eindeutiger zu einer knappen Erkenntnis verdichteten. Der Schleier in den Vorräumen seines Bewußtseins zerteilte sich, ein lässiger Hochmut steifte seine Glieder und die Seele des Petronius brodelte in seinem Schädel. Klein und erbärmlich verkroch sich die Wirklichkeit hinter ihren Schranken. Kuhschleim erkannte, daß er ein Römer war.

Seinerzeit, als sich seine Altersklasse auf der Schützeninsel zur Assentierung versammelte, war er dem Schicksal entgangen, zur Militärdienstleistung herangezogen zu werden. Mit dankbarer Rührung gedachte er noch heute seiner X-Beine, die ihm das Privileg verschafften, seinen Neigungen nachzuhängen, ohne die lümmelhaften Ansprüche von Übelgesinnten auf Befehl zu befriedigen. Aber seine Phantasie lugte dennoch zuweilen in das Schlachtengetümmel, darin die Lateiner den Erdball eroberten. Diese Kriege, die mit Triumphen endeten, malte er sich immer verwegener als herrliche Raubzüge aus, wo man nach kurzen Gefechten mit einem zermürbten Gegner bei endlosen Festen die Weiber der Besiegten schändete. Während er mit den Gummistiefletten die letzten Eierschalenreste seiner Mahlzeit in den Sand beförderte, trommelte die Musik unerhörter Gastmähler in seinen Ohren und das Flennen der geprügelten Sklavinnen würzte seine Verdauung.

Diese Frühstücksstunden zeitigten Pläne, die zu guter Letzt in ein Programm ausarteten. Betörend, mit den Fetzen einer entschwundenen Gymnasialbildung wahllos geschmückt, lockte das Weltbild der Antike. Benjamin Kuhschleim fühlte sich berufen, es zu erneuern. Eine erlesene, nur den Intimen zugängliche Renaissance schwebte ihm vor, die er verwirklichen wollte. Das plebejische Ethos der modernen Welt mochte ungestört in seinen Gleisen laufen. Hinter verschlossenen Türen mußte die neue Schönheit erstehen, im Kreise von Leuten, die es verstanden, das verführerische Erbe zu hüten.

In der Umgebung, wo sich bisher sein Dasein abrollte, war kein Raum für das geplante Ereignis. Eine Gesell Schaft von Gehirnaristokraten wurde benötigt, die, im Fundamente ihres Wesens Römer wie er, das Arkanum vollendeten. Kuhschleim hielt Umschau unter seinen Bekannten. – Das Wort von der Hedone der alten Hellenen funkte durch sein Gedächtnis und beleuchtete magisch die Pracht seines Unterfangens. Am Wegrain seines Lebens stiegen Träume auf. Schwüle Gelage, wo man bei Lautengeklimper in Hemdärmeln Rotspohn trank und sich mit nackten Weibern auf dem Teppich balgte. Inbrünstig rieb er die Handflächen aneinander.

Der griechische Name schien ihm am kleidsamsten zu sein. Der richtige Anschluß war nunmehr sein ruheloser Kummer. Kuhschleim ging kritisch mit sich zu Rate. Die Erfahrungen, die er im Umgang mit Menschen erworben hatte, wiesen ihm unweigerlich den Weg. Die braven Jünglinge, mit denen er während seiner Studienzeit die Kollegenschaft teilte, die nur mitunter, von der Unrast des Fleisches beim Büffeln behindert, im Bett einer Türsteherin ihr Gleichgewicht korrigierten, kamen nicht in Betracht. Die verbummelten Staatspraktikanten, mit denen er abends im Bierausschank zusammentraf, hatten nur Sinn für Likör und Karten. Der Kreis, mit dem ihn die Muck in Berührung gebracht hatte, war für das Vorhaben der einzig mögliche. Künstler waren ja von Haus aus sinnlich. Es störte ihn nur, daß die Gesellschaft, die im Café Portugal verkehrte, meistens aus Juden bestand. Aber schließlich war Nero, soviel er wußte, keineswegs ein antisemitischer Cäsar.

Immerhin trat er zunächst mit den arischen Elementen der Tischgenossenschaft in eine vorbereitende Fühlung. In der Rasierstube des Herrn Scheibenhonig, die er eigens zu diesem Zwecke besuchte, verzapfte er seine ersten Andeutungen. Römerstern, den Meermann eben kräftig seifte, hatte gerade die Frage bei sich erwogen, ob es aussichtsvoller sei, den Portier der Alhambra oder den Speisenträger im Deutschen Hause um ein Darlehen anzuschießen. Nun sah er dem Sprecher mit unverhohlener Neugier unter die buschigen Augenbrauen.

Nanu – meinte er verblüfft – Sie reden ja wie ein Franzos!

Kuhschleim notierte lächelnd seinen Erfolg. Bedachtsam gab er dem Gespräche weiter die Richtung, schilderte mit dem Temperamente eines gedruckten Prospekts seine Ziele. Römerstern folgte den Auseinandersetzungen mit einem Gemisch von Gereiztheit und Interesse.

Sorgen, was der Kerl hat! – dachte er verwundert und suchte seufzend seinen zerrissenen Gedankengang von vorhin wieder zu flicken. Allenfalls pumpte ihm die Trafikantin, bei der er seit Jahren die Zigaretten kaufte, einen kleinen Betrag. Aber er taxierte sie auf höchstens fünfzig Kronen.

Wollen Sie Meermann nicht zu dem Abend einladen? – fragte er im Aufstehn, während die Bürste des Lehrburschen über seinen Gehrock klapperte –

Sehn Sie nur zu, wie graziös er mit dem Hedonistenbauch wackelt –

Herr Scheibenhonig, der in seinem Privatkontor hinter der Verschalung Silbergulden in kleine Säulen schlichtete, fuhr mit dem Kopfe durch das Fenster: Besonders hinten, meine Herren, besonders hinten ist er gottvoll gebaut –

Geschmeichelt betrachtete der Gefoppte seine geschwollene Weste. Der unterste Knopf war geöffnet und die gelbe Schnalle des Hosenriemens glitzerte auf der Wölbung.

Kuhschleim nickte verbindlich und sah zerstreut nach dem Messer, das Meermann gegen ihn wetzte.

Römerstern blies den Rauch seiner Zigarette, die der Lehrjunge respektvoll in Brand gesetzt hatte, gegen den Spiegel.

Servus! Ich habe die Ehre!

Sie kommen also bestimmt! – rief Kuhschleim ihm nach, wehrend Meermann phlegmatisch an seiner Gurgel herumschabte.

Ich komme! Arrangieren Sie nur den Klimbim!

Und Kuhschleim arrangierte. –

Die beharrliche Beredsamkeit, die er dabei entfaltete, verschaffte seiner Idee einen unerwarteten Zuspruch. Bei den Jünglingen, die er seinerzeit im Schleppkreis der Muck beim Billardbrett im Zählen bemogelt hatte, fand sein Schlagwort mühelosen Eingang. Die Literaten und Literaturbeflissenen begegneten ihm mit freundschaftlicher Haltung. Ihnen, die am Geruch der Druckerschwärze in den maßgebenden Verlagsjournalen zukünftige Strömungen erwitterten, schien es einen subtilen Umschlag zum Ausdruck zu bringen. Das intellektuelle Kostüm, in dem sie während des letzten Halbjahres paradierten, ging langsam in die Fransen. Seine Patentknöpfe bekamen den Rostfraß und funktionierten nur widerwillig. Der Hedonistenrummel, den Kuhschleim predigte, imponierte durch seine ungesuchte Blödigkeit. Zwar gab es einige, die sich über das aufgewärmte Gemüse mokierten. Aber die Einsicht, daß geistige Neuheiten ebenso ungemütlich wie beschwerlich sind, gab schließlich den Ausschlag.

Kuhschleim war zufrieden. Im Grunde ließ es ihn kalt, ob die Weltanschauung, von der er faselte, eine genügende Stoßkraft behielt. Ihm handelte es sich in erster Linie um ihren praktischen Auftakt. Das richtige Augenmaß, das er bisher in allen Lebenslagen betätigt hatte, fand auch dafür ohne weiteres die passende Formel. Er beschloß, die Jünger der Hedone bei einem Picknick zu vereinigen, eine Maßregel, die ihm geeignet schien, seine persönlichen Kosten auf ein Minimum zu drücken. Wenn es ihm gelang, als Gastgeber aufzutreten, erübrigte gewiß noch ein ansehnlicher Profit an Tabak und Schnäpsen. Gewohntermaßen brachte auch hier der Zufall die Entscheidung. Das lahme Fräulein, das seiner Mutter die möblierte Stube gegenüber dem Flurgang abgemietet hatte, bekam die Kündigung und verließ ihre Wirtin in heller Empörung. Die alte Dame hatte in so schonungsloser Weise an Schweißfüßen gelitten, daß es der Familie Kuhschleim, des separierten Eingangs ungeachtet, den Atem verkürzte. Rosine, die Tochter des Hauses, die ihren Kreislauf als Gouvernante wieder einmal beim mütterlichen Kochherd beendete, fiel eines Tages in Ohnmacht, als sie sich dem atmosphärischen Bereiche vorwitzig näherte. Frau Kuhschleim kam eben dazu, als der Herr Schwänzlein aus dem dritten Stock der Bewußtlosen die Bluse über dem Halse aufknöpfte, um einen ungehinderten Blutfluß zu ermöglichen. Herr Schwänzlein, der in einer Gebetbuchhandlung eine angeblich sehr geachtete Stellung einnahm, redete der Erschrockenen zu, mit ihrer Afterpartei ein Gewaltwort zu sprechen. Frau Kuhschleim besorgte das gründlich. Das Fräulein verschwand, ohne den Monatszins zu bezahlen und hinterließ einen Bund schmutziger Wäsche als Faustpfand.

Nun stand das Zimmer leer, und Benjamin erblickte darin eine Fügung. Ohne Zögern schickte er sich an, die Aktion in die Wege zu leiten. Für den kommenden Sonntag hatten die Eltern einer asthmatischen Base in Beneschau einen lange versprochenen Besuch angekündigt. Die wiederholten Verhandlungen, die der Reise vorangingen, zielten darauf ab, erst am nächstfolgenden Tage mit dem Frühzug zurückzukehren, um alle Genüsse durchzukosten. Die Luft war also rein, und Benjamin konnte, wenn es weiter klappte, die Gäste Sonntags im eigenen Heim empfangen. Von seiner Schwester Rosine befürchtete er keine Störung. Ihr geruhsames Temperament, das ihren Busen und ihr Gesäß von Tag zu Tag immer beträchtlicher rundete, trieb sie frühabends in die Federn, Zudem hatte sie diesmal den kleinen Willy zu besorgen, dem noch die nötige Routine mangelte, um sich mit Onkel und Tante ins Ungewisse zu wagen. Schwieriger schien das Problem, Frau Kuhschleim in unverdächtiger Weise den Zimmerschlüssel zu entsteißen.

Benjamin besiegte mit gutem Glück auch diese Fährlichkeiten. Die beiläufig geäußerte Absicht, in dem leerstehenden Räume ungestört mit einigen Kollegen ein Kapitel National-Ökonomie zu verarbeiten, lockte längst begrabene Mutterwünsche aufs Glatteis. Der bestrebsame Sohn bekam den Schlüssel und machte sich daran, wirksame Einladungen auszufertigen. Auch der Muck sandte er nach kurzem Zaudern eine wohlstilisierte Aufforderung ins Haus. Die Erinnerung an ihre rhachitischen Knochen machte ihn zwar bedenklich, aber die Erwartung, daß sich die Bacchantin aus Bischofteinitz mit einigen besonders stimmungsvollen Viktualien an dem Abend beteiligen werde, zerstreute seine Zweifel.

Benjamin Kuhschleim rieb sich die Hände. Die Hedonisten mochten kommen, Rom war bereit.


XIII. KAPITEL

LYRIK, PRÜGEL
FRAUENGUNST

Auf den Dichter Bondy hatte die Schönheit Kamillas, mit der er im Büfettraume des Biographen neben Sturmfenster zusammengetroffen war, einen großen Eindruck gemacht. Gewohnt, die Vorzüge des weiblichen Körpers nach der Heftigkeit zu werten, mit der sie seinen lyrischen Ausdruck förderten, ergab er sich ungehemmt dem Enthusiasmus. Die Geschmäcklerkunst, der er in seinen Versen nachging, verfettete bereits ein bischen unter allzu naiven Akzenten. Sein Gedichtbuch, das im Vorjahre erschienen war, repräsentierte in jeder Beziehung die fünfte Essenz einer Literaturpentade, die sich bestrebte, in einer höflichen und geräuschlosen Form das Leben zu bejahen. »Zeitlose Brunst« verkündigte der Titel und Bondy war damit auf ehrliche Anerkennung gestoßen, die sich mit der üblichen Nachhilfe zu einem kleinen Erfolge steigerte. Die plebejische Anmut Kamillas gab den zierlich erhitzten Gefühlen, die in dem Büchlein nach Gestaltung schwitzten, einen ungeduldigen Hieb.

Ihr Profil, das er immer wieder in den Abflußkanälen seines Seelenlebens ertappte, stieß ihn grob aus künstlerischem Behagen. Neue erotische Themen quollen trivial in die Breite, atmeten scharfe Gerüche, lümmelten ungezogen. Seine Vergangenheit war frei von Erschütterungen. Er hatte es verstanden, mit seinen Interessen hauszuhalten und teilte sie pedantisch zwischen Büchern und Gummispezialitäten. Im Umkreis dieser beiden Zentren erschöpfte sich sein Tagwerk. Seiner Genußsucht genügte das billige Haaröl, das seine Geliebte auf die Frisur verwendete, die Bibliothek mit den Insel-Ausgaben für 50 Pfennig, der kahle Luxus in seiner Bude. Die Leidenschaft, an der seine Kunst sich entzündete, war methodisch geordnet und hygienisch gesiebt.

Die Erscheinung Kamillas sperrte verschraubte Schubfächer in seinem Innern auf und lockerte verschlafenen Wünschen die Flügel. Approbierte Eitelkeiten, liebgewordene Zulänglichkeit kugelten in den Dreck. Etwas von der Stimmung der Tertianerzeiten kam über ihn, als er während der hebräischen Lehrstunden die Geschichten Karl Mays unter der Schulbank gelesen hatte. Bei den Mißhelligkeiten, die während der Unterrichtspausen zwischen den Buben zum Ausbruche kamen, war ihm, wahrscheinlich mit Rücksicht auf seine Brille, die Rolle des weißen Trappers zugefallen. Er mußte auf allen Vieren den Fußboden nach Spuren absuchen, und die Indianer in den letzten Bänken bedachten ihn wegen seiner hohlen Backenzähne mit dem Kriegsnamen »Old Maulgestank«. Damals hatte er den Schimpf mit Gleichmut ertragen, heute war ihm die Erinnerung peinlich. Aber die Siegeszuversicht war wieder da, die immer von dem Antrieb begleitet wurde, das Unbekannte zu wagen. Das Gesicht Kamillas und die Romane Karl Mays, beide wirkten wie süßer Fusel.

Zunächst war ihm darum zu tun, seiner sensationellen Begegnung auf den Hacken zu bleiben. Den Umweg über Sturmfenster verwarf er nach kurzer Erwägung. Sein in den Prärien der Mittelschullektüre gewitzigter Spürsinn ward wieder in Gebrauch gesetzt und bestand in Ehren. Am dritten Tage schon war ihm bekannt, daß Frau Nowotny, die geschiedene Frau eines Weinberger Magistratsbeamten, in der Nähe der Trainkaserne in einer Wohnküche hauste. Bondy machte sich daran, die Kollaudierung seines äußeren Menschen vorzunehmen. Die Selbstkritik, die zu seinem Handwerkzeug gehörte, gestattete ihm keine Täuschung. Der struppige Kopf mit den dicken Augengläsern, der kurze Rumpf, die gelockten Beine – wie man in seinen Kreisen ähnliche Architekturen bezeichnete – ergaben zusammen keineswegs das Bild eines Eroberers. Die plombierten Backenzähne und die ans Hemd genähten Manschetten vermochten daran nichts zu ändern.

Trotzdem war Bondy guten Mutes. Im Wettbewerbe um das Weib behielt er einen Vorteil in der Hand, um den ihn ein griechischer Ringkämpfer beneiden konnte. Er hatte ein Buch herausgegeben. Er wußte, daß die Literatur auf Frauen dieselbe Wirkung übte, wie jede andere Sünde. Der moderne Dichter war ein Wesen mit der Gloriole der Abgefeimtheit. Die feminine Weltbetrachtung gab ihm zügellose Hundsfötterei zum unmittelbaren Nachbarn. Ein Buch, selbst Gedichte nicht ausgenommen, verhalf dem Autor in die Front jener Ideal gestalten, die von altersher den Urbestand der weiblichen Sehnsucht bilden. Berühmte Juwelendiebe und Hochstapler waren darunter, der Marschall Gilles de Rayz, Jack der Aufschlitzer, Hugo Schenk.

Die kommenden Tage fanden Bondy auf seinem Platze. Der Stundenplan, den Kamilla ihrer Unpünktlichkeit zugrunde legte, beherrschte seine Maßnahmen. Wie seine Kunst ging auch er jedes Erlebnis nach einem gewissen Rezepte an. Er liebte es, schön angelegte Szenen, gleichsam chemisch gereinigt, ohne die tölpelhaften Nebengeräusche ihrer Umgebung, in Fluß zu bringen. Es hätte ihn geniert, bei der Durchführung seiner Liebesprojekte über die Formalitäten zu straucheln, denen der geistige Mittelstand mit Betulichkeit nacheiferte. Abgesehen von dem Erfahrungssatze, daß mangelnde Schönheit in der wirksamsten Weise durch Frechheit aufgewogen wird, schien ihm Kamilla ein Weib zu sein, zu der man am besten mit den Urstimmen des Kosmos redete. Er malte sich Situationen aus, die ihre Sinne durch Wahrhaftigkeit überraschen sollten. Er dachte daran, in einer entlegenen Straße mit einer Flut unflätiger Vorschläge auf sie einzudringen. Er nahm sich vor, auf der Stiege des Hauses, das sie bewohnte, wie Caruso im Affenhause zu handeln. Er verfaßte ein Telegramm, das sie in Stallknechtausdrücken in seine Wohnung bestellte.

Von allen diesen Vorsätzen kam keiner zur Ausführung. Auch die Idee, den Begattungsakt zweier Straßenhunde zum Ausgangspunkte einer Ansprache zu wählen, versagte gänzlich, weil es bei passender Gelegenheit an den Objekten fehlte. Eine Woche verrann und Bondy bestrich noch immer die Fährte. Eines Abends, als er vor dem Tor der Trainkaserne hungrig und unzufrieden Posten lungerte, beschloß er ein Ende. Es ging auf die zehnte Stunde, und die Vorstadtplätze, über die das gelbe Licht der Laternen flammte, verstummten allmählich. Kamilla hatte einen schlechten Tag gehabt und näherte sich rot und müde gelaufen dem Hause. Im Geiste sah sie schon die verrußte Küche vor sich, wo der Fuß über die Kohlenreste auf den Dielen knirschte und die Spinnweben ins Abendessen fielen. Die Alimente, die sie heute mittag bei der Behörde behoben hatte, waren nicht dazu angetan, ihre Laune zu verbessern. Und statt die Gelegenheit beim Schopf zu nehmen, verluderte sie ihre Zeit mit Dallesbrüdern. Sie reckte ihren Körper in den Kleidern, daß die Nähte platzten.

Die Haustüre war zu und sie suchte in dem verschnürten Beutel nach dem Schlüssel.

Darf ich Sie begleiten? – meckerte Bondy neben ihr und rückte an seinem Hute.

Verächtlich kramte sie weiter. Sie war es gewohnt, daß sich allerlei Getier an ihr rieb und sie ärgerte. Der Kerl mit seinen krummen Beinen kam ihr bekannt vor. Seine Visage war einmal über ihren Weg gelaufen, es war nur zu langweilig, sich zu besinnen –

Wohin denn begleiten? Ich bin hier zu Hause.

Das schadet nichts – erklärte er freundlich – ich gehe mit.

Kamilla hatte einen schlimmen Tag gehabt. Die Nerven klapperten in ihrem Kopfe und rumorten gehässig. Sie trat einen Schritt zurück und faßte den Regenschirm mit den Fingern.

Verflixter Dackel! – dachte sie böse. Die Dohle wackelte brünstig, schaukelte keck und begütigend.

Hoppla! –

Ihre Muskeln spannten sich und sie schlug zu. Der Hut fiel ihm knallend vom Kopfe, seine Augengläser klirrten über das Pflaster. Vom Schrecken betäubt rutschte er ratlos auf den Knien und klaubte unter den Scherben.

Auf Kamilla wirkte der Hieb wie eine sexuelle Entladung. Ihre Gereiztheit verflog, eine lauwarme Behaglichkeit spülte den Zorn aus ihren Adern.

Habe ich Ihnen wehe getan? – fragte sie mitleidig und lachte ängstlich.

Bondy hob das geblendete Gesicht zu ihr empor und schluckte verlegen.

Die Brille ist kaput und die Nase blutet.

Ihr üppiger Arm schob sich reumütig unter den seinen. Stehn Sie auf! Ich werde Sie führen –

Bondy stützte sich wie ein Bezechter auf seine Begleiterin. Er stolperte und sie mußte ihn halten. Ihr voller Busen, den er unter der Bluse auf seinem Handrücken spürte, brachte ihm langsam sein Gleichgewicht. Instinktiv begann er zu begreifen, daß die Aktion sich günstig entwickelte.

Ich bin so verliebt – stotterte er, als wollte er den ganzen Vorgang entschuldigen.

Im Scheine der nächsten Laterne besah sie den Schaden. Der Hut war zerbeult und auf der rasierten Oberlippe saß eine verklebte Schramme.

Kamilla betupfte die Wunde mit ihrem Taschentuche.

Wohnen Sie weil? – fragte sie währenddessen.

Sehr weit – versuchte er zu scherzen – Aber wir können ja auch in ein Hotel gehn –

Seine unentwegte Frechheit gefiel ihr. Die widerspänstigen Borsten, die über den viereckigen Ohren wuchsen, gaben seinem Gesichte etwas Ungewöhnliches. Sie sind wohl auch ein Gelehrter? – forschte sie munter –

– – Ich meine, weil Sie einen so großen Kopf haben – ergänzte sie mit einem Seitenblick auf seine voluminöse Dohle.

Bondy ignorierte die Beziehung, die mit dem Wörtchen »auch« auf ungenannte Bekanntschaften deutete. Der Gedanke an Sturmfenster entfaltete sich unliebsam und stimmte ihn unwirsch.

Ich bin Schriftsteller –

Sapperlot!

Einen Augenblick lang kam ihr die Erinnerung an die Szene, als sie im Büfettraum des Lichtspieltheaters seinen lächerlichen Schädel hinter den Kaviarbrötchen entdeckte.

Schreiben Sie Romane? – fragte sie und dachte gespannt an die waschblauen Hefte, mit denen sie die Zeit vor dem Schlafengehen verbrachte.

Nein – Gedichte –

Sie schwieg betreten, weil seine Antwort auf geheimnisvolles Terrain verführte.

Kommen Sie mit! Ich lese ihnen etwas vor!

Kamilla überlegte unschlüssig.

Haben Sie eine sturmfreie Bude? –

Die Rauhbeinigkeit der Vokabel verletzte ihn. Er nickte.

Vollständig sturmfrei. – Geradezu windstill! – versicherte er.

Also in Gottes Namen!

Der Straßenbahnwagen, der mit Funkengeknister bei der Haltestelle vorfuhr, brachte sie zu seiner Wohnung. Die Streichhölzchen verbrannten ihm die Hand, während er sie über die Treppe geleitete. Sie wartete geduldig im Finstern, bis er die Lampe in Ordnung gebracht hatte.

Lesen Sie! – befahl sie dann und machte es sich auf dem fleckigen Diwan bequem.

Er holte die Reservebrille aus dem Schreibtisch und begann einen Vers aus der »Zeitlosen Brunst«. Das Buch zitterte unsicher und fiel zu Boden. Kamilla hatte die Röcke über die Knie gestreift und legte ihre wunderschönen Beine zärtlich auf seine Hosen.


XIV. KAPITEL

EIN LIEBESZWIST
UND EINE SODA-
WASSERFLASCHE

Das Pyrodrom hatte auf die Dauer nicht zu fesseln verstanden. Der neugierige Schwarm, der nach der Eröffnung eine Zeitlang zu Besuche kam, verebbte allmählich. In den Pausen, während die Musikanten stumpfsinnig in den Noten blätterten, zwängten sich Flurgeräusche und das Kläffen der Gasse in den Saal. Die Damen mit den Federhüten und den hellen Mänteln blieben aus und suchten ihr Glück in renommierteren Lokalen. Nur die Revoluzze hing wie ein Faultier mit den Händen an der Sessellehne. Ihre Stimme, die laut und kategorisch mit den Kellnerjungen schimpfte, duftete drohend nach Branntwein. Sie wartete auf einen Tänzer, aber den spärlichen Gästen fehlte das Animo.

Löwenthran, der nach wie vor einsam die Künstlerecke bevölkerte, hob schnalzend die Finger in die Höhe. Die regungslose Gestalt beim Büfett löste sich aus der Erstarrung.

Nun? – fragte der Meister, als sich die bleiche Glatze vor ihm neigte.

Fuchs verstand ihn. Sein kalter Blick ging durch die Runde und wischte leblos, wie eine Serviette, über die leeren Tische. Er zuckte die Achseln wie einer, der sich ärgert, aber eigentlich nicht beteiligt ist. Die dünnen Muskeln spielten an seinen Kiefern.

Ich bitte Sie! – Da ist so ein vertrotteltes Konsortium. Leuteschinder und Gauner – aber keinen Tau vom Geschäft! Diesen Bambula hab ich gefressen! Ist schon als Kind statt auf Windeln auf Wechselakzepten gelegen, aber ein kristallisierter Idiot! Der glaubt, die Leute lassen sich utzen! Immer hab ich gesagt: Es müssen Chonten herein! Chonten, das ist die Hauptsache! Die Bomba, die Martschini, die Brandstätter! Was liegt daran, wenn wir ihnen einen Gulden für den Abend geben? Aber das Vieh wollte davon nichts wissen. Da hat es immer geheißen: Sie werden's schon machen, Fuchs, lassen Sie's gut sein! Ich bin doch kein Zauberer. Soll ich die Menscher aus meiner Tasche zahlen, damit der Bambula den Profit hat? Jetzt sitzen wir auf dem Trockenen. Hie und da kommt die Wostepp und trinkt ihren Kognak. Um zwölf Uhr macht sie schon den Krakehl, besoffen wie eine Hacke. Sagen Sie selbst, Meister, mit der allein kann ich doch keine Schlacht gewinnen? –

Der Gefragte nickte. Die Gründe leuchteten ihm ein und er bestätigte sie mit einem gedehnten Brummen. Für ihn war das Lokal schon seit längerem erledigt. Fuchs argumentierte logisch. Was hatte dieses Nachtasyl dann überhaupt für einen Zweck, wenn darin das Wichtigste fehlte – die Weiber?

Vorläufig tröstete er sich mit dem Knickebein, den der Knabe servierte. Die Musik machte einen gelangweilten Anlauf, zerfaserte aber gleich wieder in quatschiger Nüchternheit Nur die Geiger strichen den Bogen mit dem überquellenden Gefühl, das sie niemals im Stiche lieft. Für Löwenthran war die verstiegene Hudelei, mit der sie das Programm hinter sich brachten, eine Erfrischung. Das Weltgefühl, mit dem sie in der Kaffeehausecke einander das Stichwort gaben, klang ihm aus dem Geschwätz der Instrumente in die Ohren. Pathetische Schmerzen, eindringliche Bitterkeiten zerflossen in einer süßen Lache. Das armselige Gaudium hüpfte in die Arena, raffte schamlos das Barchentröcklein und versank schmachtend im Mist.

Er schickte den Zigarrenträger mit einer Krone zum Kapellmeister und bestellte »Das verlorene Glück«. Tiefschaufelnd, wühlerisch trug er die Melodie im Kopfe. Wer die spielen konnte, hündisch vor Banalität, mit Rührung besudelt, legte Wunden der Menschheit bloß. Oder gab es vielleicht wirklich so etwas wie eine reine Tragik? Bücher waren gut für die, die sie lesen mußten. Der Dichter lauschte an der Quelle, erhorchte an der Wand, an der das Echo des Weltalls zerbröckelte. Der Glockengießer Heinrich, Faust, Baumeister Sollneß – wo waren sie? –

Der Kapellmeister grüßte zustimmend wie einer, der mit Spässen vertraut ist. Es schmeichelte ihn, daß sich der Herr vom Künstlertisch mit einem Auftrag an ihn wandte. Sein Knebelbart feixte und die fleischigen Augenlider zuckten verständnisinnig. – Das verlorene Glück! – Dienstmädchenmusik für Polyphonkonzerte und ihre Verehrer! Er wußte gut, was einem Künstler gebührte –

Löwenthran sah auf, als man lärmend aus der »Walküre« intonierte. Das blonde Gesicht des Kapellmeisters leuchtete schmalzig und er begriff. Geduldig ergab er sich in den Schrecken und sandte dem vergeudeten Geldstück ein kraftloses Bedauern nach. Ratenweise kamen die Gäste. Manche blieben bei der Türe stehn und maßen den Raum mit feindseligem Erstaunen. Die Revoluzze schnappte zornig und fletschte. Zwei Burschen, die ein paar Tische weiter eine Flasche Bier miteinander teilten, warfen einen zusammengerollten Zettel hinüber. Aber sie spie nur aus und trat das Papier mit dem Fuße in die Pfütze.

In den Jahren, seit Löwenthran aus Literaturgründen die unsoliden Lokale besuchte, hatte er zwei Sorten von Nachtschwärmern kennen gelernt. Die einen, das waren die Vielen, die Mattherzigen, die Gemeinen, die das Bedürfnis fühlten, ihre Gedankenlosigkeit noch nachhaltiger zu zerstreuen. Dann aber gab es einige, die aus einer großen Sehnsucht bummelten. Sie gingen aus der Bar in die Kneipe, um das Wunderbare zu suchen. Er forschte in den Gesichtern der Umsitzenden, aber er fand nur Visagen, flach wie ein Teller,

Neben dem Konzertpodium hatte ein Paar Platz genommen, das langwierige Bestellungen machte. Die Leute im Saale husteten heiter, die Kellner tuschelten untereinander und dienerten lumpig. Ein weißer Spitzenkragen kroch kostbar aus einem aalblauen Kleide. Ein Hals drehte sich spindelig, eine dürre Frisur prunkte mit einer echten Agraffe. Ein Smoking neben ihr gehörte dem Lauskerl, der wütend auf seinem Sessel flegelte. Die zwei hatten sich gezankt und man wartete auf den Aktschluß.

Auch Löwenthran setzte sich zurecht. Die Welt war klein, ein Lachkabinett, wo man beständig den gleichen Symbolen begegnete. Die Tante Blau und der Galan, den sie aushielt, liefen als groteske Akteure herum, schmierige Figuranten eines höheren Willens. Er betrachtete sie von der Seife, während ihr halblautes Geplänkel wehrlose Leidenschaften hämisch bespeichelte. Das Weib war morsch, ihre graue Haut verdickte sich stellenweise zu Blasen. Das Gift des Alters kochte darin und straffte sie unlustig. Der Bengel war rotbäckig, blankgescheuert wie ein Tiroler Apfel. Aber die Schminke und die gebrannten Locken gaben seiner Grimasse etwas Unanständiges.

Die Schadenfreude, die im Saale kicherte, wollte an Löwenthran nicht heran. Eine blasierte Traurigkeit machte ihn nachdenklich. Er empfand keine Gemeinsamkeit mehr mit den Aktionen dieser Umwelt. Fröstelnd vergnügte er sich in seiner Ecke mit einem schnodderigen Zuschauertum. Zum ersten Male seit Jahren vermißte er den idealen Imperativ in den Objekten. Beim Kaffeehaustische hatte er einmal den Dichter einen Quartiermacher Gottes genannt. Aufmerksam überdachte er heute die Phrase. Schlaff, wie das umgestülpte Futter einer leeren Tasche hoben sich die Gesichter zum Licht.

Tante Blau zerstückelte ihren Ärger in einem vorwurfsvollen Gezwitscher. Ihre Gerstenkörner röteten sich weinerlich und ihre Arme klappten in die Falten ihres Kleides. Der geputzte Junge zeigte ihr mit überschlagenen Beinen den Rücken. Sein Lackstiefel glänzte und er lächelte impertinent. Löwenthran folgte der Richtung seines Blickes. Langhaarig, aufgedunsen vom Suff stand dort ein blasser Mensch unter den Geigern. Seine fleckigen Rockschöße spannten sich wie eine Krinoline über dem feisten Podex. Er drückte verschämt seine Geige ans Kinn und liebäugelte mit dem Gaste.

Milatschku, genier dich! – – –

Achtlos griff der Angeredete nach dem Pompadoursack der Plärrenden. Ein Taschenkalender, ein Notizblock, eine Puderquaste flogen zur Seite. Er nahm eine Banknote, faltete sie mit den Fingernägeln und schnipste dem Kerl das Präsent an die Weste – Die Schwarmlinie der Neugierigen rückte näher. Witzworte prasselten in aufgescheuchtes Gelächter. Die Hälse redeten sich und man kam in Stimmung. Ein Herr in Kniehosen und Wickelgamaschen bestellte Champagner.

Das Zwitschern wurde heftiger, bettelte liebevoll. Es zerrte zaghaft an unappetitlichen Erinnerungen, zeterte keifend in einem empörten Falsett. Die Kellnerbuben schwenkten amüsiert mit den Frackschößen. Der Langhaarige verkroch sich mit hängenden Backentaschen hinter seiner Geige. Nur die Revoluzze gähnte schläfrig und beim Büfett stand unbeweglich der lange Schatten mit der dürren Glatze.

Der Bengel, um den der Spektakel sich drehte, trat endlich aus seiner Reserve. Sein ordinäres Profil wandte sich langsam zu seiner Begleiterin und sein Sopran fuhr wie ein Peitschenhieb in ihr Geknautsche. Kusch dich, Cäcilie!

Einen Augenblick schielte die Erschrockene über die Gerstenkörner nach dem Buben. Der schlappe Duft seiner Haarpomade verklebte ihr die Nase und ein roter Nebel verlöschte Ihre entzündeten Augen. Fassungslos, wie das entkettete Belfern eines Tieres, gluckste ihr Jammer.

Bin ich ein Hund, Milatschku? – Bin ich ein Hund – – –?

Das dröhnende Lachen der Galerie plantschte schmutzig, wie ein Kübel mit Unrat, in das Geheule. Von hysterischem Schlucken erstickt, wälzte es sich ekelhaft durch die Spelunke. Es flatterte blökend im Kreise, erbrach sich wimmernd, schleifte lahm und unsinnig durch den Kehricht. Aller Rücksicht entladen, schrie es den unzüchtigen Kummer der Kreatur gegen die Wände.

Löwenthran hatte sich erhoben. Ein kaltes Entsetzen riß ihn empor, trieb ihn ungestüm in den Schacht bodenloser Gefühle. Das Flennen des Weibes torkelte hinterdrein, wühlte und klopfte, spülte Grundwasser aus dem Schlamm. Schauerlich drückte die Luft unbekannter Gewölbe. Er lockerte mit feuchten Fingern den Kragenknopf und lauschte. Ahnungsvoll tobte das Herz. Moderdünste dampften in Schwaden. Das Gelächter schwieg. Die Runde saß steif mit platten Gesichtern, über die der spinnige Schatten der Furcht lief. Die Stimme der Weinenden zauste gräßlich an den Seelen, koppelte Reue und böse Gedanken los, krallte vergebens in den leeren Gehirnen nach Tränen. Der Mann mit dem Sportrock und den Wickelgamaschen zerknüllte sein Taschentuch zu einem Knödel und preßte es an die Zähne. Widerwärtig, wie nach faulem Blut, war ihm der Geschmack des Mitleids auf die Zunge gekommen. Milatschku – Milatschku –!

Der rührte sich nicht. Seine Fratze war grau und versteinte unheilverkündend. Mörderisch kroch seine Hand aus dem Ärmel der Manschette und umspannte den Hals der Flasche, aus der er den Whisky mischte. Unbarmherzig spritzte der Strahl. Gnadenlos fuhr er in die Verzweiflung der Vettel, schloß ihr pustend den Mund, stäubte Wasserperlen auf ihre brennenden Sinne. Der nasse Spitzenkragen klatschte um ihre Knochen, als sie besiegt zur Garderobe flüchtete. Der Smokingbengel sah ihr zufrieden nach und suchte dann unbeirrt nach dem Haarigen. Mit schaukelnden Hüften nahte der Schweinkerl. Zierlich nahm er neben seinem Gönner Platz und bestellte die Spezialität des Hauses, einen moussierenden Likör, der im Eistopf gekühlt wurde.

Jäh, nach einer kurzen, aber tiefen Stille, kam den Gästen wieder die Laune. Ein Summen flog irgendwo auf, brummelte heftig zwischen den Köpfen, weckte die Musik, die mit einem Wirbel einsetzte. Nur der Platz, wo der Blaßhäutige gespielt hatte, blieb leer – Löwenthran setzte den Hut auf und zahlte. Breit, wie ein Riß in einer Papierlarve, klaffte der Mund des Kahlköpfigen.

Gute Nächte, Meister!

Undeutlich, im Vorbeigehn, sah er den Geiger mit dem Smoking schmausen. Fuchs begleitete ihn zur Türe.

Jetzt sind sie beisammen, die warmen Brüder! – –

Löwenthran blieb die Antwort schuldig. Eine Übelkeit schob ihn ins Freie. Bei der Toreinfahrt stand der Portier mit gespreizten Beinen und verrichtete seine Notdurft. Ein Windstoß raschelte mit den Zeitungsblättern, die er im Rinnstein gefunden hatte. Eigelb, wie Ochsenaugen in einer Pfanne, schwammen die Sterne in dem entgötterten Himmel.


XV. KAPITEL

EIN GESPRÄCH, BEI DEM
DIE LAMPE NICHT AN-
GEZÜNDET WURDE

Ein goldbunter Vogel flog durch die trübselige Gasse. Es war nur ein Augenblick, aber die rußigen Häuser rumorten mit Fenstern und Türen, stellten sich in den Fußspitzen auf und knacksten. Die Zugluft fuhr durch die zerbrochenen Scheiben aus dem Lichthof und trug den Geruch feuchter Asche und verdorbener Abfälle in den Flur.

Auf der steinernen Treppenspirale blinkerte die Finsternis. Sie war sehr faul und ging auch tagsüber nicht aus dem Hause. Irgendwie war eine dicke Fliege in ihren Bereich geraten. Die war ganz damisch vor Mitteilsamkeit. Aufgeregt stieß sie den Kopf gegen die Wände des Stiegenhauses, wirbelte, brumste unaufhörlich.

Auch Frau Wewerka im dritten Stockwerke hatte den goldenen Vogel gesehn. Schräg über der Flucht der Klosettfenster schwebte er eine Zeitlang, schüttelte Sonnenbrösel aus den Flügeln und glänzte, Frau Wewerka stellte das Bügeleisen auf die Ofenplatte, lief aus der Küche und pochte erhitzt an die Tür ihres Mieters.

Als der Riegel schnappte und sie ins Zimmer einließ, stockte sie kleinmütig. Betreten rollte sie die Schürze zu einem knotigen Bündel.

Ein Vogel? – fragte Römerstern und trat zum Fenster. Bei meiner Seele – beteuerte sie –

Draußen fielen die Schatten der Kamine in die trübselige Casse. Die erste Dämmerung tropfte von den Giebeln und rankte um das Gesimse. Am Rande der Dächer stieg etwas Helles, wundervoll Goldiges in den Himmel auf und brannte eine kleine Minute traumselig unter den Wolken.

Es ist gut, Frau Wewerka, – ich danke Ihnen.

Ihre Pantoffel schlurften beschämt, während sie aus dem Zimmer flüchtete. Sie schabten noch ein Weilchen, trippelten, schmollten, bis auch sie wieder verstummten. Der Abend stieg durch die Fenster und meldete die blaue Stunde.

Bittersüß nahte das Zwielicht Es zupfte die Häkeldecken zurecht, schaukelte über der Sofalehne, malte ein Feuerchen in das Kaffeetuch. Der Sorgenstuhl knisterte und der gläserne Dackel auf der Kommode bekam silberne Ohren. Römerstern feierte Hausandacht. Ein Uhrwerk tickte irgendwo, kratzte mit stahlharten Rädern, grub winzige Erinnerungen aus dem Schweigen. Steinkugeln und bunte Fisolen rollten durch die Welt seiner Kindheit. Herzland tat sich auf, wo Tränen und Bangesein wuchsen. Er dachte an den Tag, wo er die tote Maus begraben hatte. Niemals hatte er später überlauter einen Schmerz verweint. In Nebeltüchern, blutleer, versank ihm das Leben.

Die Knabentreue zu dem schüchternen Tier war sein bestes Gefühl gewesen. Einsam stand es noch immer wie ein Stern über den Jahren. Es lockte, rief ihn zurück und bat ihn. Herzland war schön. Stoppelfelder mit roten Papierdrachen waren darin, die an endlosen Schnüren schwankten, Sommerausflüge flußaufwärts, von denen man heiß und glücklich wiederkehrte, während das Dampfschiff Funken in das Wasser stöberte. Blondkäfer schwärmten über den Rosengärten, Ferien blauten und in den Nächten stand das Grauen wieder auf, von dem die Märchen erzählten.

Zwischen den Schlafanzügen und Tennishosen in seinem Lederkoffer stak ein Päckchen Frauenbriefe. Er suchte die Schriftzüge in seinem Gedächtnis, die sich auf dem Papiere krümmten. Hilflose Buchstaben waren darunter, die sich fiebernd stießen. Alle verlöschten im Uferlosen. Ein verlegenes Bedauern schlich ihnen nach und winkte flüchtig den Abschied. Draußen spulte die Grauluft ihr Garn über die fahlen Scheiben. Ein leuchtendes Pünktchen sprang plötzlich durchs Fenster, tanzte verwirrt vor dem Spiegel und hopste in den geschliffenen Stöpsel des Parfümfläschchens hinein. Dort krabbelte es wie ein verliebtes Würmchen und funkelte.

Sausewind du! – Das gleißt wie ein Hundsbeutel und ich sitze im Dunkel – –

Seine Augen wollten nicht los von dem flirrenden Lichtlein, bis es blässer und hinfälliger glühte und verglomm. Römerstern hatte Sehnsucht nach seinem Herzland.

Die Ampel im eisernen Tragring war noch nicht in Tätigkeit, als Sturmfenster den guten Abend wünschte. Das räubernde Pathos seiner Wojwodenlaune brach in das Gehege, bollerte wie ein Explosionsmotor, knatterte stürmisch. Sein kahler Bart hing wie ein Herbstbusch unter der Nase und triefte von bierehrlichem Geschmunzel.

Sie dichten wohl eine Ballade? –

Er schnaubte heiter, zog knallend die Finger aus den Gelenken, lachte versöhnlich.

Aus stillen Bezirken fand sich der andere in die Wirklichkeit. Er wollte Licht machen, nach Frau Wewerka rufen, gastliche Schnapsbecher bringen lassen. Aber der Ungebärdige hielt ihn beim Rockärmel. Bleiben Sie doch! – Lehrsame Sentenzen leuchten im Finstern. Sie wollten mir eine Mitteilung machen? Römerstern streckte sich in seiner gepolsterten Ecke. Das Unbehagen überrumpelte ihn, das er erlebte, wenn er am Morgen nach dem Nachtschlaf die nackten Sohlen auf die Dielen setzte. Die Unterredung, der er sich ausgeliefert wußte, machte ihn unsicher. Er schob die Zigarettenschachtel in Reichnähe.

Ich habe Ihnen geschrieben, obgleich der Vorfall, um den es sich handelt, kaum der Verschwiegenheit enträt; aber ich glaubte, Sie als Ausnahme mißbrauchen zu müssen –

Die Phrase saß. Sie war straff gewickelt und er hob beim Sprechen die Zäsur heraus, die er im Geiste mit dem Strichpunkt bedachte. Es war mehr als halsbrecherisch, aus einem Abend wie diesem mit beiden Füßen in ein Dilemma zu springen.

In welcher Hinrichtung? – frozzelte Sturmfenster, dem der Humor jede Situation erleichterte.

Sind Sie mal bei der Bomba oben gewesen? – fragte Römerstern, ohne das Späßchen nach Gebühr zu beachten.

Ich bin dort zu Hause – bestätigte jener, zwirbelte Zöpfe aus seinen Bartstoppeln, spreizte die Klauen in den großen Schuhen, die klobig aus den Hosenröhren ragten. Die Unterhaltung nahm eine Wendung, die ihm behagte.

Ich habe gestern um vier Uhr nachmittags Ihre Schwester dort angetroffen.

Hinter den bleifarbenen Fenstertafeln huschte das letzte Licht in die Regentraufe. Ein Schornstein qualmte und goß den dicken Rauch in die Gasse. Der Besuch knöpfte tiefsinnig an seinen Manschetten. Ihre Schwester – sagen Sie? – Hat sie denn eine? – Römerstern erhob sich gepeinigt.

Sie verstehen nicht richtig, Kollega. – Ihre Schwester Sabine vom Neustädter Mädchengymnasium – – –

Die Dunkelheit ist wie das Blut. Millionen von Körperchen wandeln darin, sprudeln geheimnisvoll, singen in der Stille. Nur das beharrliche Uhrwerk klopfte dazwischen, tickelte, scharrte. Sturmfenster haschte in seinem Gehirn nach einem zerknickten Gedanken.

Warum sagt er Kollege zu mir? – besann er sich angestrengt. –

Dann stand er plötzlich kerzengrad dicht vor dem andern. Seine Augen waren weiß und seine Stimme klapperte.

Was reden Sie da? – Um Gotteswillen – – – was reden Sie da? –

Der Fußboden schlingerte wie ein seekrankes Schiff in der Brandung. Ein rhythmisches Gebrüll stieg von unten herauf und rauschte in seinem Kopfe. Fernher, unendlich lang, kam eine schwarze Fahne geflattert. Durch eine helle, sternförmige Lücke sah er geblendet in ein Licht hinein, das sich blitzschnell zu einem Bilde faltete.

Da war die Stube mit der geblümten Tapete, wo es so schummrig wurde im Winter. Die Mutter war fortgegangen und der Schnee machte ein weißes Gitter vor das Fenster. Er saß auf dem Schemel vor dem Ofenloch, wiegte das Binchen auf den Knien und plauschte. Das Feuer surrte hinter der eisernen Klappe und manchmal plumpste ein roter Klumpen durch den Rost in die Asche.

Brüderlein! – sagte das Binchen und in dem Widerschein, der es bestrahlte, sah es fein und kostbar aus wie ein Engel.

Die schwarze Fahne taumelte näher und füllte das Zimmer. Die Lücke verschwand und es wurde ganz finster.

Erzählen Sie! –

Rauh, wie mit Stacheln besetzt, lag seine Zunge. Der Sessel knirschte, als er die schweren Hände auf die Lehne stützte. Er hielt die Angst mit den Fäusten, grub seine Nägel in ihr Fleisch, blutete selbst an den Fingern.

Pausenlos, wie ein Pensum, das man erledigen will, kam der Bericht. Die novellistische Anmut des Sprechers beschränkte mit Vorbedacht ihre Mittel, verteilte nur dürftig die Pointen, servierte bedenkliche Relativsätze vorsichtig in der Klammer. Römerstern kannte das Binchen von einem Ausfluge her, den er im vorjährigen Sommer nach dem Sterntiergarten gemacht hatte. Auf der Waldwiese, zwischen den Röcken ihrer Freundinnen turnte damals der Plumpsack. Er stand beim Zaun und sah zufällig zu, wie sie den hemdärmligen Bruder in die Büsche hetzte. Ihr wuschliger Zopf und ihr bimmelndes Lachen verschönten ihm damals den Sonntag. Er war ihr nachher noch einige Male auf der Straße begegnet, dann lange nicht mehr, erst gestern bei der Bomba.

Verdrossen, auf der Flucht vor Kläglichkeiten, war er da hinaufgeraten.

Hüte dich davor – erklärte er kategorisch – mir eins von den Weibern anzubinden, die du letzthin gebracht hast. Die Professorin ist mir zu mager und die Schneidersfrau aus dem dritten Stock hat schmutzige Wäsche. Hast du nicht endlich mal ein Rautendelein? –

Der Schlafrock wogte erregt über dem Busen der Witwe.

Es sitzt schon drin und wartet auf das Barönchen – Mit dem saueren Speichel des Nachmittagsschläfchens auf der Zunge lispelte sie etwas von zwanzig Gulden. Ihm war es ohnehin egal und er gab ihr den Bettel. Dann ging er hinein, stutzte, rieb sich die Nase. Die Schultasche im Schoß, saß dort die Sabine. Sie rutschte am äußersten Ende des Plüschsofas herum, fitschelte nervös mit den Füßen und äugte. Das Zöpfchen war ihr aufgegangen und baumelte über dem Halse. Er trat zu ihr und band ihr die Masche fester.

Und dann – was haben Sie mit ihr getan? –

Unhörbar fast schnellte die Frage. Sie bohrte sich fest, blieb federnd stecken, zitterte –

Dann hab' ich sie mitgenommen und bis nach Hause geführt – ergänzte er einfach, mit einem leichten Erstaunen in der Stimme.

Und sie? –

Sie riß sich los und lief über die Treppe. Eine Weile blieb alles reglos im Zimmer. Die Uhr, die während des Gespräches geschwiegen hatte, schlotterte plötzlich. Ein Kopf kam durch die Dunkelheit, ein heißer Bart suchte die verschränkten Hände des andern –

Römerstern schrie wie im Schrecken. Eine ungekannte Erschütterung durchbebte ihn, machte ihn unfähig zu sprechen. Er streckte die Arme aus, packte den Knieenden an der Schulter. Und während sie nebeneinanderlehnten, während die Küsse Sturmfensters seine Tränen verzehrten, hatten die zwei Männer eine Vision. Sie sahen sich beide, festgeschmiedet am Erdball, mitten im Unergründlichen. Ringsum bäumten sich Glieder auf, wühlten Seufzer, heulten Verzweifelte. Schiffbrüchig trieben sie mit dem Wrack, stürzten die Nacht empor, hörten das Kielwasser der Ewigkeit rauschen – – –

Römerstern war der erste, der sich erhob. Eine leichte Schwäche übermannte ihn, saugte an seinem Herzen, weckte ihn nachsichtig aus der Verwandlung. Du mußt jetzt gehn – mahnte er ungeschickt, half dem Tastenden den Hut von der Erde lesen.

Ein paar Minuten zauderten sie, drückten einander die Hände, suchten nach einem Zuspruch. – Sturmfenster hüstelte, zog seinen Bart, strich seine verrutschte Hose glatt. Noch als er die Türe zum Flurgang aufhielt, blickte er rückwärts.

Sei gut zu ihr! –

Eindringlich empfing er die Mahnung. Seine Füße stapften, entfernten sich schwerfällig über die Treppe. Der oben horchte ein bischen, lächelte in Gedanken. Frau Wewerka! –

Sie kam, stolperte in die Finsternis, machte kichernd das Licht an.

Denken Sie nur – sagte Römerstern und sein Gesicht war ganz dunkel vor Fröhlichkeit – Nun hab' ich den goldenen Vogel doch noch zu sehn bekommen.


XVI. KAPITEL

EINE WELTANSCHAUUNG
DIE IM HEMD ÜBER-
RASCHT WIRD

Das Fest der Dionysier war gerüstet. Nach vierundzwanzigstündigem Reisefieber, Debatten, Temperamentausbrüchen, fuhr das Ehepaar Kuhschleim mit dem Sonntagsfrühzuge nach Beneschau, sie in beständiger Sorge um den im Gepäcknetz verstauten Gugelhupf, er im Unmut über den unerledigten Stuhlgang. Benjamin, der um die Stunde des Aufbruchs noch festgekeilt im Bette ankerte, fühlte beglückt unter das Kopfkissen. Eine ruhelose Nacht war schwer auf der zerwühlten Decke gelegen. Verheißungsvolle Bilder marterten den Schläfer, badeten ihn in Schweiß, trieben ihn buhlerischen Wünschen entgegen. Hastige Ängste hetzten ihn in ein überschwengliches Entzücken. Er röchelte wie weiland der Hauswirt des Mynheer Schnabelowopski, der für die Untreue mit den biblischen Weibern von seiner Gattin im Schlaf mit dem ledernen Bruchband gezüchtigt wurde. Der Widerhall, mit dem die Türe hinter seinen Eltern ins Schloß fiel, klang ihm wie das Signal einer Zeitwende in den Ohren.

Die Vormittagsstunden verbrachte er in dem zerwälzten Bette. Er beherrschte eine Manier, in blumigen Phantasien zu schwelgen, die er mit Recht als sein geistiges Eigentum ansprach. Die Umwelt, in der er lebte, umfriedete er unbedenklich mit wollüstigen Gedankenketten. Da war kein Weiblein vor ihm sicher, das er kannte, die einmal im Vorüberschreiten seinen Appetit gereizt hatte. Mit sadistischem Vergnügen büßte er an spröder Wirklichkeit seine Rache. Wie Fliegen im Netz verzappelten sie in seinen Träumen. Die Scham der Jungfer, Anmut und Lieblichkeit fanden keine Gnade. Gerade die Tugendsamen befahl er zur unanständigsten Arbeit, demütigte die Damen für ihren Stolz, nötigte die Keuschen zur Gemeinheit. In endlosen Scharen pilgerten sie herbei, streuten Dunstwolken der Begehrlichkeit über den Weg, bangten entsetzt um die Ehre ihres Geschlechts. Mütter, deren unbewachte Reize er heimlich erlauerte Schwangere, die seine Neugier verletzten, Schnippische, die ihn hatten abfahren lassen, als er sich auf der Straße an sie drängte. Die Frauen seiner Lehrer, die Freundinnen seiner Schwester meldeten sich zu Frone. Er behandelte alle nach ihren Fähigkeiten, gab jeder zweiten neue Vorschläge preis, wußte für jede dritte eine besondere Sünde.

Ein Brandgeruch kroch zudringlich durchs Zimmer und jagte ihn aus den Federn. Die Zigarette, die er ekstatisch ins Gekröse der Steppdecke gestoßen, hatte einen schwarzgeränderten Trichter in die Watte gebrannt. Zerstreut, mit einem Fuß noch in schwüleren Provinzen, besah er den Krater.

Rosine! – Ro–si–ne!

Der verbuckelte Messingleuchter mit den Stearinklumpen flog gegen die Türe und reklamierte das Frühstück.

Ungekämmt, in einem schlampigen Kimono verwickelt, brachte die Gerufene den Kaffeetopf. Auch sie hatte nach dem Abgang der Eltern noch einen Nachtrag geschlummert, bis sie der kleine Willy in den Trubel der Wirtschaftspflichten beförderte.

Benjamin stippte begierig das Kipfel in die rotbraune Tunke.

Da ist wohl ein Fußball drunter? – fragte er anerkennend und beklopfte die feisten Formen der Schwester, die der Schlafrock nicht zu zügeln vermochte.

Rosine, an solche Zwischenfälle seit Kindesbeinen gewöhnt, befreite sich aus seinen Griffen.

Wenn du lieber lernen würdest! – grollte sie schlechtgelaunt, echote folgsam an Stelle der Mutter das geläufige Zitat.

Die Frühstunden gehörten den Vorbereitungen. Benjamin, ein knallgelbes Trikot unter der Weste, markierte in den zerlatschten Filzschuhen des Vaters die resolute Geschäftigkeit eines modernen Religionsstifters. Unermüdlich durchmaß er den Flur, der das Mietzimmer von den übrigen Wohnräumen trennte, legte Hand an, rollte Teppiche über die Fliesen, bohrte Löcher in die Wand, prüfte, verschönerte. Die geöffnete Hosenspange schlenkerte hinter ihm drein, schepperte zwischen Tür und Angel, gab seiner Eilfertigkeit etwas affenartig Geschwänztes. Das goldene Gebrumm der Mittagsglocken kam zum Fenster herein, als er eben sein Werk vollendete. Die Möbel waren gerückt, die Mauern mit den Farbendrucken benagelt, die er im Kaffeehause heimlich aus den illustrierten Zeitschriften gerissen hatte, und seitwärts wartete ein Sofa auf die Gelüste des Fleisches. Benjamin band eine alte Nummer der »Neuen Freien Presse« an einer Besenstange fest, entzündete sie an einer Kerze und kokelte mit der Flamme. Verbranntes Papier verscheuchte die Dünste und seit dem Abgang des alten Fräuleins war ein saurer Geruch nicht aus dem Zimmer zu bringen.

Beim Mittagessen löffelte er sinnig die Suppe. Sein Kiefer schob sich bedeutungsvoll vor, zermalmte die Brotrinde, kaute gebieterisch:

Ich erwarte Gäste – Mach dich dünn mit dem Fratzen!

Rosine, die mit Herrn Schwänzlein einen Spaziergang nach Krtsch verabredet hatte, nickte gefügig. Der kleine Willy strampelte mit den Beinen und machte eine Pfütze unter den Mittagstisch. Benjamin hob gravitätisch die Tafel auf, gähnte mit Würde, zog sich in seine Gemächer zurück, während die Schwester versonnen mit dem Daumen in der Nase schaufelte, ungewiß, ob es praktischer sei, den Ausflug mit oder ohne Korsett zu unternehmen.

Gegen fünf Uhr kamen die ersten Heiden. Im Gesellschaftsrock, von der Treppe erhitzt, schleppte Herr Bumberlik sein Körbchen. Die giftroten Glacés krachten in den Gelenken und sein blatternarbiges Gesicht glühte vor Eifer. Der Hausherr empfing den Dicken mit einer zustimmenden Verbeugung. Er hatte Vorhemd und Kragen vor das Trikot geknöpft und paradierte gleichfalls in einem verängstigten Schwenker. Ursprünglich für die Doktorprüfung bestimmt, ward dieser bei Hochzeiten und besonderen Anlässen aus dem Schranke gefischt. Ein zerlaufener Fleck über den wulstigen Schößen entstammte dem letzten Freisuff.

Den mitgebrachten Schnäpsen Bumberliks folgten nahrhafte Dinge. Bloch schaffte eine Flasche mit eingelegten Zwiebeln zur Stelle und die Muck, die Benjamins Gefräßigkeit noch von früher her kannte, kam mit einer Batterie von Sardinenbüchsen und Gurken. Der Dichter Bondy spendierte Käse und eine Forelle in Öl und das Schwesternpaar Lea und Ria, dem Kuhschleim nach seiner Heimfahrt aus Monte Carlo näher getreten und das sich heute zum ersten Male im Kreise der Künstler präsentierte, hatte eine selbstgebackene Torte mit Schokoladenüberguß gestiftet. Das Picknick war im Gange und die geübten Augen Benjamins machten den Überschlag.

Römerstern, der mit starker Verspätung eintraf und einen Dienstmann mit Vöslauer Rotwein vor sich hertrieb, schnüffelte nachdenklich an der Schwelle.

Hier stinkt's! – entschied er dann freudig, im Gefühl der Erleichterung, sein Mißbehagen entlarvt zu haben.

Knapp hinter ihm beschloß Mimi Bomba den Reigen. Ihr Röckchen schwirrte, ihre Brüste drängelten verführerisch, während sie verzuckerte Mandeln und Kaffeenüsse in die Freßecke streute. Ihre verwandtschaftlichen Gefühle hatten durch die Gerüchte über einen geplanten Geheimbund eine Auffrischung erfahren. Sie schob dem Vetter ein Plätzchen aus türkischem Honig in den Mund und duldete seine eingehende Begrüßung.

Langsam, nur ganz allmählich kam zwischen dem Essen eine Unterhaltung in Fluß. Kuhschleim schmatzte den Saft von den haarigen Schwimmhäuten seiner Hände. Ein gesättigtes Glänzen feuchtete seine Wangen, die ihm schlaff und faltig über den Hemdkragen flossen, wie die Hautbeutel eines Hamsters. Die Kaffeehausliköre kratzten in seiner Gurgel und er genoß sie wohlig in großen Schlucken. Die Sardinen der Muck und Doktor Blochs Zwiebeln schossen den Vogel ab.

Wo bleibt die versprochene Voluptas? – fragte Bondy. Seine Augengläser funkelten kritisch und die Haare umstanden wie Binsen seine gewaltigen Ohren. Schießen Sie los, Kuhschleim! – mahnte auch Römerstern, der sich beharrlich an seinen eigenen Rotwein hielt.

Benjamin erhob sich beflissen. Der Schnaps, den er getrunken hatte, nahm allen Ballast von seinen Plänen und beflügelte seine Entschlüsse.

Ich stelle den Antrag, von den anwesenden Damen zwei zu bestimmen, die wir gewaltsam entkleiden werden.

Ein tumultuöses Gemurmel brandete um den Vorschlag. Lea und Ria, die ihre Wäsche zu zeigen wünschten, waren begeistert. Herr Bumberlik, dessen Phantasie in einer zwanzigjährigen Ehe restlos verkümmerte, verlor allen Halt und applaudierte bei offener Szene.

Nicht übel! bestätigte Römerstern und rollte dem Sprecher eine Belobungszigarette.

Schön, aber polizeigefährlich! – ängstigte sich Doktor Bloch, bei dem das juristische Gewissen bockte.

Benjamin zerstreute gönnerhaft alle Bedenken.

Hierher kommt kein Polyp! – Laßt uns beginnen! –

Der findige Bumberlik hatte bereits aus zerbrochenen Streichhölzern ein Orakel gezimmert.

Ungrad gewinnt! – schrie er mit verkniffenen Fäusten, wirbelte die Röllchen um die Handgelenke, wischte den Schweiß mit dem Rockärmel von der beuligen Stirne.

Aufgewühlt, im Innern erschüttert, wehrte die Muck sich gegen das Zittern. Kuhschleims Ideen brachten seit jeher dumpfe Keime in ihr zum Treiben, zerrten ungesunde Wurzeln ans Licht, trübten ihr qualvoll die Sinne. Sie hatte sich eben an ein Buch erinnert, das den Aufstand der Schwarzen in den Kolonien behandelte, das ihr vor Jahren einmal in die Hände geriet. Da war ein herkulischer Neger, mit dem Blut und Gehirn der Erschlagenen bespritzt, in einer geplünderten Farm einem weißen Mädchen auf die Spur gekommen und fing sie mit ungeheuren Tatzen. Unklar, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, hatte sie die Überfallene damals beneidet. Jetzt, wo Ihr ein ähnliches Erlebnis winkte, wußte sie die Gründe. Konnte man etwas Beseligenderes ersinnen, als von angetrunkenen Männern entkleidet zu werden? Das Schicksal, das Bumberlik in den Fäusten zerdrückte, entschied sich zu ihren Gunsten. Sie und die schweigsame Ria gerieten dem Lose anheim. Ungesäumt, vom Schnaps und vom Rotwein zur Kühnheit verpflichtet, vollzog man die Opferung. Ria, von der enttäuschten Schwester maßlos beneidet, kam zuerst an die Reihe. Die Bomba und Bondy hielten sie an den Händen fest, während Kuhschleim sich ihrer Füße bemächtigte. Von Gelächter gerüttelt wurde sie auf den Tisch gehoben, widerstrebte geziert noch ein Weilchen und ließ sich dann willig ausziehn. Herr Bumberlik, dessen eheliche Freuden zwischen Barchent und Flanell recht kläglich versauerten, berauschte sich an der berühmten Wäsche. Ria, aus ihren Umhüllungen geschält, hatte den hellen Hautton reifer Blondinen. Gepufft und gequetscht entwand sie sich endlich dem zwängelnden Halbkreis und sprang auf die Füße. Mit gesenkten Wimpern stolzierte sie unbefangen, bastelte mit erhobenen Armen ihren Haarzopf zurecht, was, wie sie wußte, ihrer Figur zustatten kam. Fast hätte man über der Splitternackten die jählings verstummte Muck vergessen, wenn Römerstern, ihre Unrast begreifend, die Saumseligen nicht befeuert hätte.

Aber sei es, daß die Protektion des ergebnislos Angeschwärmten ihrem Zartgefühl wehe tat, oder daß das Geschehnis durch das verkostete Vorspiel seine Urkraft eingebüßt hatte, oder fürchtete sie, durch die rundlichen Formen ihrer Vorgängerin endgültig in den Schatten gestellt zu werden, die entfesselte Meute stieß auf ihren ehrlichen Widerstand, Ihre Stimmung, die eben noch in den Ausschweifungen afrikanischer Greueltaten schwelgte, schlug plötzlich um und entlud sich in schrillenden Hilferufen. Gerade als Bondy mit verbissenem Eifer einen Schuh mit dem Strumpfe ihrem Beine entstreifte, während sie kratzend und speichelnd mit ihm um die Beute sich balgte, während die Bomba mit gerafftem Röckchen auf einem Stuhle stand, um das Ereignis perspektivisch zu genießen, während im Hintergründe Herr Bumberlik sich der kreischenden Ria bemächtigte und Doktor Bloch vor Vergnügen wie ein echter Tiroler jodelte, während die Ausgelassenheit wie eine Windhose durch das Zimmer fegte und das Gebrüll der Muck mit dem Klirren der Likörflaschen zu einem tosenden Taumel kuppelte, tat sich die Türe auf und das Ehepaar Kuhschleim stand auf der Schwelle.

Der pensionierte Steueramtsoffizial, der sich so unvermutet einer neuen Situation gegenüber sah, hatte zeitlebens ein Herz für sexuelle Ausschreitungen besessen. Noch heute, wenn er beim Abendbier im Familienkreise seine Fünfheller-Zigarre schmauchte, gab er zuweilen seinen verschämten Zuhörern die Erinnerung zum Besten, daß er seine Frau im Grunde genommen nur wegen ihrer schönen Waden geheiratet habe, die sie ihm als junges Mädchen auf den steilen Stufen der väterlichen Treppe entschleierte. Aber die haltlose Orgie, mit der er hier in den Grenzen seiner Behausung als entsetzter Augenzeuge zusammenstieß, raubte ihm die Besinnung. Arglos, erfreut über die Aussicht, infolge des geänderten Programms den Strapazen des Übernachtens in einer verwandtschaftlichen Kanapeeschublade entronnen zu sein, hatte er mit seiner Gattin den Abendschnellzug zur Heimreise benützt. Durch die Erregungen der letzten Stunden zum Schwatzen verleitet, wollte er eben vor der Türe des Schlafzimmers die Segnungen einer geordneten Hauswirtschaft auseinandersetzen, als die irrsinnigen Angstschreie der Muck sein Blut erstarren machten. Jetzt stand er ungläubig, mit kraftlosen Kinnbacken vor der verstörten Gesellschaft und hielt den Regenschirm wie eine zum Angriff gefällte Lanze stoßbereit unter dem Arme.

Frau Kuhschleim, die mit weiblichem Scharfsinn Zusammenhänge leichter erfaßte, fand endlich die Sprache wieder. Ihr unheilverkündender Zorn ging fürchterlich über die Walstatt. Ihre Augen, in denen das kalte Blendlicht züchtiger Grundsätze flackerte, spießten die Verworfenheit jedes Einzelnen mit stahlharten Blicken fest, spannten die Nacktheit Rias auf die unbefleckte Fläche ihrer Vergangenheit, brandmarkten die Zuckungen der Muck mit verächtlichem Hohne, spreizten eine Distanz zwischen sich und die zerzauste Nichte, nagelten sich zum Schluß drohend und unversöhnlich in das Gesicht ihres Sohnes hinein.

Bagage! – Bagage! –

Vor der anklägerischen Wucht dieses Wortes bestand nur die Flucht. Eine regellose, strudelnde Flucht, die in den eigenen Untiefen untertauchte, sich selbst den Weg verstellte, sich selber zu Boden riß. Eine Springflut, die Kleider und Hüte, Gläser und Sardellenbrötchen durcheinanderkehrte, die glühende Ria in ihre Röcke wickelte und atemlos, von panischer Wirrsal erfaßt, an dem gezückten Regenschirm des Herrn Kuhschleim vorbei nach der Türe hetzte.


XVII. KAPITEL

EINE HIMMELFAHRT
UND EIN HI-
STÖRLEIN

Das Krankenhaus ist ohne Geheimnis. Wie eine graue Schnur läuft die Fassade durch die halbe Gasse und der Portier ist der alte Jawurek, von dem die Kinder in der Stadt einen Kehrreim wissen. Vor der Aufnahmekanzlei steht eine ratlose Gruppe. Ein Mann mit einem rosafarbenen Pflaster unter dem Strohhut, ein Kind und ein paar Weibsen mit Kopftüchern und blaugewürfelten Hucken. Ein Glöcklein scheppert und auf der Steinbank im Hofe sitzen die Kranken in der gestreiften Anstaltswäsche. Eine Wärterin kommt durch die Einfahrt, weht blond und vollbusig mit ihrer weiften Schürze und zeigt unterm Kleide die Florstrümpfe auf den drallen Waden.

In dem getünchten Saale sind die Fenster offen. Die warme Luft kommt herein und bringt die träge Unruhe des Sommers zu den Betten, Ein Taubenschwarm wandert langsam über die Kamine und der Wind läßt den Himmel draußen wie einen blauen Vorhang flattern.

Die Besuchsstunde ist bald vorüber. Es ist niemand mehr da, nur der Raunzebart bleibt bis zum Torschluß und dreht mit den großen Pfoten schwermütige Würste aus seinem Taschentuch.

Erzähl' mir was – bettelt das kleine Stimmchen, das unter der borstigen Zudecke liegt.

Der Raunzebart brummt. Er zerbricht sich den Kopf, etwas recht Schnurriges zu erfinden, aber er wischt vergeblich seine betrübte Nase.

Das Stimmlein ist fiebrig und müde. Seine Hände jagen über den Bettrand hin, seine Augen sind unstät. Sie schauen in den Rauch hinein, der hinter den Moldauhügeln brodelt.

Ein Leben ist kurz, ein Kinderherz süß und begehrlich. Es sinnt den Stunden nach, die am schönsten waren – – – Schaumzucker und Schulhefte strudeln darin, ein Kuß hinterm Haustor, ein Abend Psylander. Das Stimmlein lächelt gerührt, seufzt wie ein Kätzchen.

Der Raunzebart schickt inzwischen den Astralleib auf Suchschau. Ausgemergelt läuft er die Straßen lang, rempelt Passanten an, hält Eilige an den Schößen.

– Ach, bitte recht schön – Ein Histörchen – fürs Stimmlein – –

Aber niemand will dem Dürrebein Rede stehn. Er galoppiert, macht Windräder aus den Armen. Ein gelber Fleck glimmt zwischen den Plakaten, wächst näher, schreit. Er stößt wie ein Habicht, blättert den Fetzen von der Tafel und rennt. Mit dampfenden Lungenflügeln kriecht er in sein Gehäuse.

Die großen Augen blicken noch immer nach der Sonne über den Hügeln. Sie schwärmen, stehn tief wie ein Licht, das hinter gedunkelten Gläsern brennt. Die Haare leuchten und machen einen Kranz über der Stirne.

Der Knurrbart schnaubt, dreht wacker sein Schneuztuch und beginnt das Histörlein.

Wunderlich, in Samtflaus und Pluderhosen geistert der Löwenmensch aus der Plakatwand. Seine Beine sind schlank, lavendelfärben, aber sein Antlitz ist schrecklich. Das Raubtierfell deckt seine Züge zu, zottelt um seinen Mund, hängt ihm zur Mähne gebürstet bis zu den Hüften. Unter der Nasenwurzel, zwischen fahlweißen Brauen grinst schon der Scheitel. Halb Mensch, halb Tier, ein Budenmonstrum, das unerhört ist.

Er redet sich warm, tischt Anekdoten auf, putzt sie mit grellen Wimpeln.

Auf der Straße wittern die Hunde das Ungetüm. Die Pferde scheuen, die Engländer aus den Hotels belagern die Kassa. –

Das Stimmlein staunt, lauscht dem Histörchen.

Hast du ihn selbst gesehn, den Mann? –

Er zaudert, lügt rot wie ein Knabe. Aber das Stimmlein sieht's nicht. Ihm graust und es zieht die Decke über das Hälslein. Es ist so dankbar, daß es kein Löwenmensch geworden ist. Es rückt sich das Polster zurecht, guckt nach dem Taubenschwarm über den Dächern, Ein kleines Herzeleid drückt ihm das Brüstchen, aber tut ihm nicht weh. Stilläugig, freundlich entgleitet das Leben. Heimliche Tränen Rackern darin, ein Kuß im Hausflur, ein bischen Psylander. Da lächelt das Stimmlein, daß es so glücklich sein durfte,

Aber wie es dem Knurrbart zublinzeln will, beschämt und vergnügt, weil die Geschichte so schön war, kriegt es den Schrecken. Zwei dicke Tränen kollern ihm los, rutschen ihm kinnwärts, zwei erbsrunde Tropfen.

Bubi, du heulst? –

Es braucht seine Antwort nicht, es hat schon begriffen.

Ach ja – zirpt es leise, ganz fein wie ein Grillchen. – Ach ja –

Dem Stimmlein ist bange. Ein häßliches Ding sitzt am Fußrand des Bettes, hebt den Schnabel hoch, meckert, plauscht. Der hölzerne Papagei aus der Kindheit ist wiedergekommen. Er wohnte einmal auf dem Schrank neben der eierlegenden Henne, war stolz bemalt, rot, grün und blau. Jetzt hockt er da und plappert vom Sterben.

Das Stimmlein schluckt, als ob ihm die Kehle drucke. Ein furchtsames Händchen kriecht unter der Decke hervor, wie ein ganz armseliges, mageres Mäuslein. Es fackelt erschrocken, stuppst dann den Knurrbart. Willst du was, Weiblein?

Die Augen sind groß, klarblau und trocken. Aber fernher, aus der Tiefe, schwimmen die Wolken herauf. Bleifarben kommen sie näher, schieben Silberkähne ans Licht, tragen Sturzbäche, Scherben, Bitterkeiten.

Gott ist doch gut – – Bubi? – – Gott ist doch gut? – –

Ein Minutchen gibt sich das Stimmlein zufrieden, während der Raunzebart nickt und die Fliegen verjagt, die von draußen hereinbrummen. Aber die Pulse trommeln und der Haarkranz liegt feucht auf der blassen Stirne.

Glaubst du, daß er mich in die Hölle schickt? –

Der Bartmensch wettert und sein Grollen weckt den Husten in den Nachbarbetten auf. Sein Kinn baumelt böse, onkelhaft vorwurfsvoll.

Geh, kusch dich, Weiblein. –

Er reibt seine Nase mit allen fünf Fingern.

Du kommst in den Himmel! – Verstanden? – Punktum! –

Das Stimmlein schweigt, äugt ungläubig hin, kann nicht zur Ruhe kommen.

Ach ja –

Ganz flügellahm schleicht schon der Seufzer.

Aber ich war doch schlecht – war eine Hure? –

Irgendwo auf der Strafte fährt ein Wagen vorüber. Der Fußboden schaukelt und der Tisch an der Saalwand gerät ins Zittern. Die Glasröhren in den bauchigen Flaschen machen Musik und klimpern. Ein kleines Bekenntnis huscht zum Fenster hinaus, duckt sich jämmerlich in der Sonne. Da nimmt es der Wind, wirbelt es wolkenhoch bis hinauf in die Bläue.

Der Bärtige beugt sich über das Bett. Er späht in die Lichter hinein, die unter dem Blondzopf schummern. Sein Gesicht ist fromm, wie das der Weihnachtshirten in den Bilderbüchern.

Gott ist gut, Weiblein, gut und – weise.

Er sagt es feierlich, schnaubt ernsthaft die Nase.

Dem Stimmlein wird's komisch, wie in der Katechismusstunde.

Weise –

Es geht um das Wort herum, schnuppert ängstlich und schüchtern. Schulstuben Wahrheiten, jahrlang vergessen, scheuern sich blank. Der Knurrbart ist ungewöhnlich, unirdisch anzuschauen und wühlt beschwörend in dem biblischen Haupthaar.

Weise –

Es ist ein köstliches, nie gekanntes Gefühl. Die Zimmerdecke geht aus den Fugen, rollt in den Weltraum, öffnet sich glanzbereit. Der liebe Gott kommt herein und breitet den großen Mantel.

Das Stimmlein friert. Demütig neigt es den Kopf und wird kleiner und kleiner. Zuletzt ist es wieder der erbärmliche Frosch im verwaschenen Rock, mit den Wassersäcken in den gestopften Strümpfen.

Du bist es? – wundert sich Vater Gott und betrachtet das Knirpslein.

Da kommt es aus der Tiefe herauf, aus den bleigrauen Wolken. Alles Schwere wird fortgespült, löst sich in sanften Quellen. Balladen, die das Leben im Schutt begrub, Sturzbäche, Scherben, Bitterkeiten.

Stoßweise schüttert das Schluchzen. Das Bächlein purzelt, macht das Kopfkissen schlapp, netzt die zersprungenen Lippen. Vergrabener Kummer schwärt wie ein Gift auf der blaßroten Zunge.

Das Stimmlein weint. Durch alte Schmerzen, wunderliche Finsternis sickern die Tränen. Das heiße Leben schnellt sprudelnd auf, wie der Spiritus in der luftleeren Kugel. Ein verliebtes Küßlein torkelt zu oberst, ein Kinoabend, ein furchtsames Wispern. –

Aber unten siedet das Dunkle. Gefängnisse tun sich auf, Korridore hallen. Stimmlein, wo bist du? – Ist das alles dein, was in dem Bächlein schwimmt? – Selbstmördernächte, Wust, Gelächter? – Hoffnungslose Straßen, in die der Regen fällt? – Musik, die dich foltert? – Der Schlaf der Betrunkenen? – – – Was sind das für Türen, die so fürchterlich schlagen? –

Das Stimmlein ist schrecklich kaput, matsch wie ein seidenes Tüchlein. Das Flennen tut gut, macht ihm heller und leichter. Der Knurrbart ist wieder da und hält die Mäusepfoten in seinen Flossen. Der hölzerne Papagei ist verdattert, wagt nicht zu mucksen.

Die Wärterin kommt auf den weichen Filzsohlen, schielt nach der Uhr, zuckt dann die Achseln. Die Besuchsstunde ist durch, aber das macht nichts. Der Assistent tritt die Runde an, bleibt vor den Betten stehn, sammelt die Wünsche. Sein Gesicht ist energisch, flammt munter von jungen Schmissen.

Das Zimmer ist wieder wie sonst, die Decke hängt niedrig, Gott ist verschwunden. Nur sein ewiger Mantel weht noch zum Fenster herein, schleift schwer und kostbar über die Hügeldünste. Ist dir sehr kalt, kleines Tier? – Dein Schnäuzchen ist weiß, deine Füße schlottern – –

Da bringt die Frau schon die Wärmeflasche. Das Stimmlein streckt sich, biegt die erstarrten Gelenke. Ihm ist so wohl und es hat keine Furcht mehr. Im Himmel wird's schön sein, bei den Engeln und kleinen Kindern.

Der Doktor geht weiter. Er sieht fröhlich aus, streicht zufrieden sein Bärtchen. Er denkt an die Schwalbe, die heute am Morgen hereinflog und im Saal sich verirrte. Sie zappelte unentschlossen, flitschte im Zickzack, suchte verdutzt wieder das Weite.

Zu wem sie wohl mochte? – rieten die Kranken –

Eine Schwalbe bringt Glück –

Wundervoll, wie Kerzen um einen Kindergeburtstag, scheint draußen die Sonne. Die Tauben gleiten, baden im Licht. Der Geruch des Sommers schleicht sich noch einmal zärtlich zum Stimmlein. Das liegt mit geschlossenen Augen, atmet heftig und selig.

Zerrupfte Gedanken zaubern Märchen ins Herz. Der Holländermichel und der Kohlenmunkpeter gehn darin um und die Buleman-Mäuse tanzen im Mondschein. Wer war's doch, der ihm die Geschichte erzählte? – War's nicht damals einmal, als es selber noch tanzen konnte? – Strohgelb, wie ein verwunschener Prinz, steht dann der Löwenmensch in seinem Traumbild – –

Der Knurrbart ist niedergekniet. Er hält das zerknüllte Sacktuch noch immer in seinen Händen und kramt geduldig in dem ungebärdigen Kopf nach einem Vaterunser.


XVIII. KAPITEL

EIN HOCHZEITSESSEN, DAS
EINEN VORBILDLICHEN
VERLAUF NIMMT

Herr Schwänzlein, der in der Devotionalienhandlung »Porges, Schulhof und Comp.« seit zwanzig Jahren die kümmerliche Nachfrage befriedigte, konnte den Augenblick nicht vergessen, wo er der bewußtlosen Rosine hilfreich die Schnürjacke geöffnet hatte. Niemals war ihm vorher, in der weltfremden Zeit des Hagestolzen, der Gedanke gekommen, daß die Natur das Weib mit Reizen begabte, welche die Ruhe des Mannes gefährden können. Was er da unversehens in dem diskreten Halblicht des Stiegenhauses unter den Händen fühlte, verblüffte ihn über die Maßen. Sein Leben war ihm bis jetzt in ungetrübter Geruhsamkeit verflossen. Die Politik, die in den Spalten seines Leibblattes rumorte, eine Sammlung schweinischer Anekdoten, die ihm am Stammtisch einen Nimbus verschaffte, und seine Hämorrhoiden erfüllten es gänzlich. Manchmal, wenn er vom Biere erhitzt um verbotene Triebe scharwenzelte, wenn im Theater die Ballerinen ihre Beine schmissen, wenn Musik ihn drangsalierte oder wenn er auf dem Klosett seinen sentimentalen Zeitungsroman in Fortsetzungen las, dann kündigte der Seismograph seiner Seele ein Fernbeben an. Aber es waren immer nur kurze, unfruchtbare Minuten, wo ihn die Ahnung arger, noch ungenossener Gefühle angenehm übergruselte.

Nun stak er unvermutet in einem Fangeisen drin, das ihn boshaft umklammerte. Schlafhungrig und zerschunden fuhr er am Morgen von der Lagerstatt auf und stürzte kopfüber in die Waschschüssel. Das kalte Wasser vermochte ihn nicht mehr zu retten. Er tat sein Tagewerk, nistete hinter dem Ladentische, aber ein dumpfer Druck in der Gegend des Kleingehirns machte ihn denkfaul und schwerblütig. Greise Frauen in zerschlissenen Mantillen schlurften herein, wühlten mit knöchernen Fingern zwischen den Rosenkränzen. Junge Weiber feilschten um das Glasbild des heiligen Antonius, der irgendwie in den Verruf geraten war, verlorene Versatzzettel und verlegte Monatsbinden wieder zur Stelle zu bringen. Herr Schwänzlein zog Schubfächer auf, stöberte in den Regalen, bediente die Kundschaft. Er trocknete die feuchten Hände an seinem Hosenboden und das angefrorene Lächeln auf seinen Lippen zuckte unheilig und lüstern.

Frau Kuhschleim buchte den Eindruck, den ihre Tochter auf den Junggesellen machte, mit beifälligem Frohsinn. Ihr mütterlicher Instinkt erblickte in dem Unfall, der die Bekanntschaft vermittelte, den Auftakt naher Ereignisse. Ihr Tatendrang, der oft zum Leidwesen des Gatten eine unerfreuliche Energie auslöste, trat in Erscheinung. Unnachsichtlich war sie dem Zufall auf den Fersen, half unwilligen Gelegenheiten auf die Stelzen, schob und verkuppelte. Der Ausflug nach Krtsch, welcher mit Schwänzlein auf ihren Befehl hinter dem Rücken der Mutter unternommen wurde, gab endlich den Ausschlag. Rosine hatte, einer Eingebung folgend, zu guter Letzt sich richtig besonnen und ihr Mieder daheimgelassen. Die Früchte dieser Voraussicht folgten dicht auf dem Fuße. Am nächsten Sonntag machte Schwänzlein ihren Eltern die Aufwartung. Die Vormittagssonne blinkte auf den ausgekämmten Schuppen auf seinem Rockkragen, während er seine Werbung vortrug. Die Stellung bei Porges und Kompagnie war eine leidlich bezahlte und er besaß auch ein stattlich Erspartes. Nur die eine Bedingung stellte er in den Vordergrund, daß die Hochzeit tunlichst beschleunigt werde.

So hatte der Dunstkreis der beleidigten Aftermieterin, die übrigens immer noch mit dem Zinsgroschen säumte, neben vielfachem Ungemach auch einen Bräutigam ins Haus gezogen. Rosine war überglücklich. Das ältliche Mädchen hatte bislang nicht den Mut besessen, ihr Temperament, das zu Hause in versalzenen Tunken überschäumte, durch illegitime Maßnahmen zu beschwichtigen. Zwar hatten die Väter der zahlreichen Zöglinge, die sie jeweilig betreute, eine Musterkarte galanter Versuchungen zu ihrer Verfügung gestellt. Ein cholerischer Sanitätsrat, dem die nutzlosen Mastkuren seiner Gemahlin die Besinnung verschlugen, verstieg sich sogar zu einem Gewaltakt. Diese Vorfälle hatten zunächst die Folge, daß wutbleiche Ehefrauen der Erzieherin kündigten. In den ererbten Besitzstand vorsichtiger Grenzschutzwälle schlugen sie keine Bresche. Nur die Referenzen Rosinens verflauten bedenklich.

Die Verlobung, die über sie hereingebrochen war, überwältigte sie völlig. Alle Weibssehnsucht, alles Wirrsal in ihr wurden rebellisch. Sie flatterte wie ein Kanarienvogel, der zu spät zur Paarung gebracht wird, winkte mit nassen Taschentüchern Willkomm und Abschied, schmachtete mit schwimmenden Blicken nach ihrem Erkorenen, wenn dieser der Mittagstafel der Schwiegereltern die Ehre antat und die saftigen Hühnerknochen zwischen den Zähnen zermalmte. Auch Frau Kuhschleim, die der Kaukunst des Gastes mit geheucheltem Wohlwollen zusah, drängte zur Hochzeit. Von den Wünschen der Brautleute beflügelt, von der Gattin kategorisch beeinflußt, bestimmte der Vater das Datum.

Der Morgen der Trauung versammelte die Nachbarsleute in der Wohnung. Mit verweinter Nasenspitze, perplex und gemütvoll, ließ sich Rosine bewundern, und duftete aufgeregt nach Pappelpomade. Ihr weißes Kleid knirschte verfänglich und schloß sich in straffen Falten um die gepanzerte Taille. Eine Platte mit Knoblauchbrötchen und saueren Fischen verlockte zum Imbiß. Die Kranzeljungfern, die Schwe­stern Bomba, hatten daneben Posten gefaßt, schmatzten mit vollem Munde und spuckten die Petersilie auf den geliehenen Läufer. Frau Bomba war ungern mit der Erlaubnis herausgerückt, den verstopften Verkehr mit dem Schwager so unverblümt zu erneuern. Die schöne Gelegenheit, sich mit dem Heiratsgeschenk zu drücken, plumpste damit ins Wasser. Doch mußte sie schließlich ihren ehrgeizigen Menschern den Sieg überlassen und sagte sich selbst zum Brautschmause an.

Allgegenwärtig, mit knallroten Backen schuftete Frau Kuhschleim in der Küche. Sie keifte mit der Bedienerin, schnitt eigenhändig die Zwiebeln und schwitzte in ihrem Staatskleid. Benjamin, für den die kirchliche Zeremonie keine Interessen aufwies, hatte Bauchschmerzen vorgeschützt, lag noch im Bette und besah sich den Rummel aus der Froschperspektive. Vater Kuhschleim begrüßte die Ankömmlinge. Er war frisch rasiert, hatte Blutflecken auf dem neuen Hemdkragen und genehmigte sich manchmal einen Bittern.

Der Bräutigam, kahlgeschoren und ledern, war ohne Anhang. Er brachte von seiner Stammtischgesellschaft zwei Freunde als Trauzeugen mit, von denen der eine dem dritten Napoleon, der andere dem General Kanimuhra ähnelte. Sie lächelten beide verbindlich, rückten an ihren Krawatten und sagten beständig: O bitte sehr – – danke – – das macht nichts. Die Auffahrt zur Kirche machte gebührendes Aufsehn. Herr Schwänzlein, der bedeutsamen Handlung bewußt, knöpfelte weltmännisch an den Handschuhen. Die Hausmeisterin und die Milchfrau, die das Spalier der zugelaufenen Rangen krönten, schossen zum Schluß noch ihre Glückwünsche ab. Rosine, die es vermied, das neue Taschentuch mit den Lochstickereien zu benützen, kämpfte mit ihrer Rührung. Frau Kuhschleim strahlte und der Brautvater schäkerte mit den Kranzeldamen. Die Trauung verlief ohne besondere Ereignisse. Die Schwestern Bomba bewahrten auch während derselben eine ungeminderte Lachlust und die zwei Trauzeugen, unentwegt höflich, änderten nicht ihre Taktik. Als alles schmerzlos vorüber war und die Gäste sich wieder im Hause sammelten, trank man auf die Gesundheit des Paares eine kräftige Runde.

Den Gipfel der Lustbarkeiten bildete dann der Festfraß. Frau Kuhschleim war von der Stunde an, wo die Torheit der verstorbenen Schwägerin ihre Sippschaft verunglimpfte, ihres Lebens nicht froh geworden. Die Gans, die im Herdrohr der Toten im Gestanke verbrannter Federn und geborstenen Geschlinkers gequalmt hatte, warf dunkelrünstige Schatten auf die Ehre ihrer Familie. Sie geisterte spukhaft durch die Gedächtnistage, lastete auf der Kindheit des kleinen Willy, war das verschwiegene Skelett im Hause. Heute, vom Hochmut gestachelt, wollte Frau Kuhschleim das Gespenst beschwören. Sie hatte auf dem Markte einen Vogel erstanden, der eigens zu ihrer Rechtfertigung erschaffen schien. Jungfräulich und gewichtig, vollbrüstig und fett, schmorte er in der Pfanne zu einem Gansbraten zusammen, wie er zarter, saftbrauner, herzstärkender nicht gedacht werden konnte. Noch ehe die Hausfrau das Kunstwerk hereintrug, als schwelgerischer Geruch durch die Türritzen schwärmte, war der Makel von ihrem Namen genommen.

Gleich hinter dem Braten kam Frau Bomba herein und gleißte vor Edelsteinen. Sie brachte Kamilla geschleppt, die sie als alte Freundin bezeichnete. In Wahrheit war diese zu einer Mariage bestellt, die der Hochzeit halber entfallen mußte. Um ihre Kundschaft nicht vor den Kopf zu stoßen, beschloß sie sie kurzweg mitzunehmen. Frau Bomba befand sich in imposantester Aufmachung. Der falsche Zopf war majestätisch gerollt und auf dem Vorbau strotzten die Schmelzperlen. Sie grüßte gnädig, ließ sich die Kranzelherren vorstellen und belegte den Ehrensitz. Für Benjamin, der fast gleichzeitig anschwirrte, mimte sie kaltes Befremden. Der gemaßregelte Neffe nahm es nicht schwer, ließ sich ein Flügelstück schmecken und lotste Kamilla, die er richtig taxierte, an eine zweisame Tischkante.

Nach dem Gänserich, der gebührend beansprucht wurde, folgte ein Heringssalat als Erholungsspeise. Der Bierkrug wanderte und zwischendurch, vom Hausherrn fleißig in Fluß gebracht, kreisten die Schnäpse. Die Stimmung, die anfangs bedächtig zurückhielt, begann zusehends zu steigen, Herr Schwänzlein, der in Gesellschaft gern ein verfluchter Kerl war, zückte das Anekdotenbüchlein.

Neben den Bombatöchtern hatten die beiden Heiratshelfer die Zelte aufgeschlagen. Sie prosteten steifleinen mit den Damen, klappten höflich zusammen, stotterten automatenhaft. Siddy und Mimi, an ein flottes Gesprächstempo gewöhnt, versuchten es mit den Füßen. Die beiden Ritter, zuerst verdutzt, begriffen den Vorfall. Sie verneigten sich vor den Brautjungfern, lächelten süßlich und lispelten aufmerksam: – Danke –

Allmählich war man so weit, daß Herr Kuhschleim die väterliche Rede steigen lassen konnte. Er trug die Serviette noch hinter dem Hemdkragen und ließ beim Sprechen die Finger knacken, wie er es einmal bei einem Dienstjubiläum bei seinem Bürochef gesehn hatte. Seine Stimme bröckelte, als er die eigene Ehe erwähnte. Er luchste vergnügt mit geröteten Augen, als er erzählte, wie er seine Hälfte auch nur ihrer Waden wegen geheiratet habe. Die losen Röllchen schoben sich zudringlich vor und klemmten sich vor die Rockärmel. Das unvermeidliche Hoch, das man stehend ausbrachte, beendigte den Schwefel. Die Gattin, die während des Toastes vernehmlich gehustet hatte, war gutgelaunt und versöhnlich. Der Duft des genossenen Gansels, der noch immer mit Bierdunst vermischt über dem Zimmer lagerte, lullte ihre Seele in Milde. Frau Bomba saß neben der Schwester, hatte von Schwänzlein die Anekdotensammlung geliehn und blätterte gravitätisch. Kamilla auf der zweisamen Kante ließ sich vom Söhnlein bedienen, das ihr gerade den Schmierkäse putzte. Nur Rosine war schweigsam in sich gekehrt, atmete schwer in ihrer Umschnürung und erwog schon seit Stunden bei sich das Problem, wie man im Brautkleid ohne sichtbaren Schaden die Notdurft verrichtet. Ein geratenes Gebräu von Hausmutters Gnaden war zum Abschluß gespart worden. Die eingelegten Schnäpse, die Frau Kuhschleim erzeugte, entstöpselten biederen Stumpfsinn. Der Hausvater, der das entfesselte Vorhemd mit wachsendem Unmut unter die Weste bugsierte, schwankte auf seinem Stuhle. Frau Bomba, mit den Anekdoten zu Rande, senkte das Kinn auf die Schmelzperlen und riskierte einen Schlummer. Nur ihre Töchter, die sich begossene Nasen nicht anfechten ließen, übten mit ihren Tischherren noch immer die Konversation.

Der dritte Napoleon, der am Stammtisch als Saufbruder galt, spießte der fügsamen Siddy seine Knie in die Weichen.

O bitte! – kratzfußte er schwungvoll und haschte nach ihren Hüften.

Das macht nichts! – meinte Herr Kanimuhra, griff der beschwipsten Mimi hinter den Brustausschnitt und holte sich, was er brauchte.

Rosine, die von dem nutzlosen Grübeln ganz fahl im Gesichte war, fand endlich den Mut zum Geständnis und verschwand mit dem rülpsenden Schwänzlein. Die Mutter, gewillt, ihre sämtlichen Ratschläge loszuwerden, gab ihnen ein Stück das Geleite.

Wollen Sie sich nicht mein Studierzimmer ansehn? – fragte Benjamin seine Nachbarin und fletschte die grünen Zähne. Die Luft war rein, Vater Kuhschleim erledigt, der kleine Willy bei der Milchfrau in Obhut. Kamilla, die nach der ausgiebigen Fütterung einem Finale nicht abgeneigt war, sah sich listig im Kreise um. Die Situation war befriedigend.

Sie flammte ihn halbschläfrig an, streckte zustimmend die gewaltigen Beine.

Das Studierzimmer Benjamins war noch in dem Zustand, in dem er es mittags verlassen hatte. Die Luft war sauer und unter dem zerwühlten Bette trauerte noch der Nachttopf.

Erklären Sie mir ein bissel den Hedonismus! –

Sie kreuzte die Arme im Rücken und lehnte mit aufgerichteten Brüsten an der Türe.

Sogleich! – entgegnete Benjamin und ließ die Holzgardinen herunter.


XIX. KAPITEL

DER LÖWENMENSCH
BLUTWOLKEN
AUSKLANG

Als Sturmfenster aus dem Krankenhause auf die windstille Gasse trat, überkam ihn ein Taumeln. Ein garstiger, unruhiger Hunger plärrte in seinem Leibe, bog ihm die Knie heraus, hängte sich schwer an den Schoßrock. Jenseits des Fahrdammes, in dem einspringenden Winkel des Garnisonsspitals, saß eine Öbstlerin. Er kaufte ein paar von den wurmstichigen Äpfeln, die der Staub schon grau und glanzlos gefärbt hatte. Von den Kokosnußklexen auf dem beschmutzten Papiere flogen die Wespen auf und umkreisten ihn drohend. Er schlug mit dem Taschentuche nach ihnen, aber sie folgten ihm aufgescheucht bis zur Straßenecke.

Ein verwundertes, vielstimmiges Brausen, das mit ihm mitging, machte ihn aufhorchen. Der Nachmittag war spät und geräuschlos, nur in ihm war der Wirrwar. Er biß in den Apfel, den er mit dem Ärmel wieder rotbäckig gerieben und betrachtete lange und aufmerksam einen holzfußigen Bettler, der den durchlöcherten Hut demütig schwenkte. Sturmfenster suchte in seiner Tasche nach den zehn Kronen, die er am Morgen zu sich gesteckt und gab sie dem Lahmen.

Die Firmenschilder buchstabierend, schlug er die Richtung zur innern Stadt ein. Ein heißes Gefühl kratzte auf seiner Zunge, machte sie blättrig und trocken. Der Spiegel in einem Auslagekasten fing die zerknitterte Linie seiner Gestalt ein, mit dem unzeitgemäßen Schlapphut. Seine schäbigen Hosenbeine bauschten sich weitläufig und die ausgetretenen Stiefel sträubten die Strupfen. Er blickte an sich hinunter, prüfte das Bild im Glase. Eine ziellose Begierde erfüllte ihn, die er schmerzhaft durchwühlte.

Ein stampfendes Humpeln kam hinter ihm drein, überholte ihn keuchend.

Gnädiger Herr!

Es war der Bettler, der ihn atemlos anrief. Jetzt, ohne die Gebärde des Bittenden, sah er aus wie ein Stromer. Die Haut unterm Barte war rot, aufgetrieben von Pusteln. Die Haare klebten, und Sturmfenster sah, was er vorhin nicht hatte entdecken können, daß das Gesicht des Menschen seinem eigenen glich, das ihm der Spiegel gezeigt hatte. Eine dankbare Großmut schlürfte in der verschnapsten Stimme:

Gnädiger Herr!

Er kam zutraulich näher, faßte nach einem Knopf, den er eindringlich drehte.

Sie müssen nicht ungehalten sein, ich meine es ehrlich. Wollen Sie meine Frau besuchen? Sie ist noch jung und hat Brüste wie Steine. Kommen Sie mit, Sie dürfen sich überzeugen –

Er speichelte und das Blut stieg in seine verquollenen Pusteln. Sein Stelzfuß klopfte und die Brust hinter dem offenen Hemde war feucht und haarig. Sturmfenster stand eine Weile, ohne zu begreifen. Ein Blutbach kam weither, sauste wie ein Bahnzug im Tunnel. Er nahm die Hand, die seinen Rock befingerte und drückte sie heftig.

Du! – sagte er und sein Herz schlug laut wie ein Hammer.

Der Tag stieg ihm auf, wo er mit Römerstern in dem dunklen Zimmer geweint hatte. Eine Traurigkeit vor der unzulänglichen, schmierigen Aufwallung des Bettlers machte ihn ehrfürchtig.

Bruder – dachte er und es war ihm wie damals, als er dem andern die Hände geküßt und das Kielwasser der Ewigkeit rauschte. Ein ungeheurer Schmerz über die Wandlungen der Liebe fiel ihn rücklings an und drückte ihn nieder.

Geh! – Geh! – schrie er plötzlich von Sinnen und eine gräßliche Furcht vor dem Antlitz des Krüppels verjagte ihn.

Ein kleiner Tumult, der aus der nächsten Querstraße rollte, geriet ihm wüst in die Flanke. Ein Menschenknäuel, um eine wandernde Achse im Schwünge, stieß ungeschlacht vor, von pfeifenden Kindern umwickelt. Von schimpfenden Weibern umkreist, ragte der Hahnenschwanz eines Schutzmanns. Sturmfenster trat in die Stufennische einer Haustür und ließ den Krakeel vorbeiziehn. Ein junger Herr, den rotbandigen Panama am Schnürchen, den modischen Schlips unterm Umlegkragen, schritt neben dem Polizisten. Die viereckige Faust des Bewaffneten nahm ihn stramm überm Ellbogen, während er höhnisch von sich blies, trotzig die Schnauze faltete. Nur einen Augenblick lang tauchte die nackte Visage vor Sturmfenster auf, blähte sich bubenhaft, verschwand dann im Trubel.

Dieb! – Dieb! – lärmten die Gassenkinder.

Ein Straßenräumer, der hinter dem Trupp seinen Mistkübel führte, gab ungebetene Auskunft. In der Elektrischen war der Kerl erwischt worden, als er grad einer Frau das Handtäschchen mauste.

Er holte den Stummel, an dem er kaute, mit dem Daumen hinter die Zähne und spritzte entrüstet den Tabaksaft in den Kehricht.

Sturmfenster wandte sich wortlos und ging seines Weges. Eine Welt, die er beinahe versunken glaubte, kam ihm zurück, spektakelte durch die Stadt, war unbeseligt durch die letzten Stunden. Er grübelte, suchte Zusammenhänge. Ein Lichtbündel tastete zitterig vor, Stuart Webbs durchsuchte den Keller. Er entsann sich des Films, den man damals in dem großen Spielhause geleiert hatte, als Kamilla noch ihm gehörte, als der Pomadenkopf in der Loge seine Liebesgeräusche lieferte, als er den Ärger über den Jungen in einer Hamletszene verkapselte. Wie seltsam, daß er ihm jetzt zwischen keifendem Volk und popelnasigen Kindern wieder begegnete! – Er wähnte sich vor der Umwelt gefeit, ging keusch aus einem Erlebnis. Nun mußte der Schatz der reichen Frau Blau, der gewesene Kellner und Lüderjahn, als Taschendieb ins Gefängnis!

Ein robustes Bedauern rührte ihn an, trieb unbekümmerte Blasen. Er hob die Beine, schnallte den Riemen fester, lief mit gespreizten Schößen ins profane Leben. Wo die bunten Papiere auf den Schaufenstern klebten, war wieder ein Auflauf. Er stutzte, sah gradaus in die Luft, lachte bitter und lustig. Das gelbe Plakat, vor dem die Leute sich quetschten, begrüßte ihn höflich. Nur hereinspaziert – – die Vorstellung wird beginnen – –

Ach du, da war ja das Ding, da war sein Histörchen –

Halb unbewußt ließ er sich zu dem Schiebefenster drängen. Ein häßlicher Tanzsaalgeruch entströmte dem Vorraum, hing ungelüftet und faul in den wollenen Portieren. Sturmfenster zahlte den Nickel, den er aus der Weste geklaut hatte, hob das Vorhangluch auf, trat in die schummrige Klause.

Eine Weile lang fand er sich erst zurecht, probierte den Gartensessel, wartete auf das Klingelzeichen. Eine sanftmütige Neugier verlangsamte die Gedanken, rieselte lauwarm durch sein Blut. Rührsam, mit kreisrunden Augen besichtigte er seine Nachbarschaft. Da waren Drohnen mit Reiherhüten, die wulstige Schultern unter Spitzen verbargen, Realschüler, die auf den billigen Plätzen wie Hirsche röhrten, Zopfliesen mit Stickrahmen und Geographieatlas. Ganz vorn in der ersten Reihe thronte die Muck, den entblößten Hals mit Warzen benagelt. Ihr schwächliches Fleisch zuckte vor Ungeduld, ihre Absätze hackten das Stuhlbein. Der Impresario, der sich tänzelnd verneigte, haspelte Quatsch mit eingelernt welscher Betonung. Unvermutet, noch ehe er zu Ende war, schnarrte die Türe im Hintergrunde. Der Löwenmensch hopste aufs Podium, Adolar, der Liebling der Damen.

Sturmfenster putzte sich, während er staunte, mit dem mächtigen Tuchlatz die Nase. Er hatte ein Tier erwartet, vor dem einem bange wurde, einen gräßlichen Klotz und Homunkulus. Statt seiner erschien da ein Knäblein.

Kaum achtzehnjährig, der sich schämig verknixte, magere Waden vorwies, kniebohrige Beinchen. Ein mißgestalteter Bart, langstielig und grüngelb, gab ihm daß Aussehn einer gebadeten Katze.

Der Impresario nahm ihn beim Ohr, tat lümmelhaft freundlich.

Hupf Adolarchen!

Er fuchtelte mit der Peitsche herum, patschte die Lacklederröhren.

Der Löwenpintsch funktionierte. Er preßte die Hand auf sein Herz, schickte den Zuschauern Küsse. Die Mähne staubte, als er den Kratzfuß machte, und sein fettsteifer Bart wankte erbärmlich. Dann stand er gelehrig und lächelte blöde.

Die Peitsche knallte, die Vorführung war beendet. Adolar stieg zu den Leuten hinunter, um Ansichtskarten loszuwerden.

Er grinste kokett, hausierte betörend. Im Nu war die Brandung um ihn, schleppte ihn mit, schüttelte seinen Körper. Weiberarme streckten sich aus, wühlten in seinen Haaren. Geränderte Augen feuchteten sich, vorwitzige Kühnheit zerlupfte sein Samtkleid. Dünn, armselig, glücklich hielt er dem Ansturme stand. Es war die Revolte besinnungsloser Röcke, ausgeschämter Werberinnen, wo eine der andern den Vorrang ablief, zerlaufene Schminke die Gesichter vermalte, Schirmstöcke brachen und die Reiherfedern der Drohnen in verzweifelten Kämpfen knickten.

Allen voran siegte die Muck auf der Walstatt. Ihre Haarnadeln ragten wie Stacheln aus der zerstörten Frisur, ihre Warzen am Nacken schwitzten, als sie den Liebling zu greifen bekam. Sturmfenster sah, wie ihre Hand seinen Hosenboden umschmeichelte, wie der Löwenknabe den Brief, den sie hinterm Hemde verwahrt hielt, empfing und im Gürtel versteckte. Er spie in den Dielenschmutz, es war ihm leid ums Histörlein.

Aufatmend trat er ins Freie.

Die Straßen, durch die er jetzt kam, gruppierten sich schon um das Zentrum. Eine flutende Unrast fiel darin auf, eine ungewohnte Bewegung, Ein barfußer Schlingel brüllte ein Extrablatt aus, quirlte schreiend im Wirbel, heimste die Kupfermünzen. Sturmfenster nahm den Bericht, ohne die Aufschrift zu lesen.

Vor den Redaktionen der Stadt strandete das Gedränge. Die Hitze nahm zu, gor über geballten Haufen, gurgelte Rufe aus, die sie wieder verschluckte. Sturmfenster bog in die Seitengasse, wo er auf Löwenthran prallte.

Krieg! – rief der Meister, mauschelte hingebungsvoll, eilte aufgeschreckt weiter.

Krieg? – zweifelte Sturmfenster und griff nach dem Zeitungsblatte. – Aber er war zu traurig, es zu entfalten.

Auf dem Graben schäumte der Strom. Studenten hatten sich untergefaßt, stampften im Rhythmus, sperrten den Fahrweg. Aus jungen Kehlen sprang manchmal das Lied vom Prinzen Eugenius.

In der Türe, mit frischgewaschenen Kitteln, standen Meermann und Scheibenhonig und rafften die Servietten.

Krieg! – riefen beide zugleich, wetzten tobend das Messer.

Krieg! – Nieder mit Serbien!

Zwischen wechselnden Gruppen erspähte Sturmfenster ein Gäßchen. Er schlüpfte durch, ließ sich die Füße zertrampeln, gewann eine Lichtung. Der Dichter Bondy kam auf ihn zu, grüßte korrekt mit der Dohle.

Sind Sie Soldat? – fragte er, maß seinen Wanst mit knöchernem Ernste.

Nein. Aber Sie?

Wachtmeister bei den Mosesdragonern.

Allmählich wurde es freier um ihn und die Straßen alltäglich. Der Abend brach an und lud ihn zum Flusse. Sturmfenster trat aus dem Häusergewirr, stand geblendet am Ufer. Ein feuriger Brand, kirschfarben gesäumt, überflammte den Himmel. Große Wolken barsten im Licht, kohlten langsam wie Scheite. Zwei Menschen, vom Geleuchte umfunkt, hielten einander die Hand, schauten ergriffen der Glut nach. Ihre Gesichter waren ihm abgekehrt, aber er kannte die Beiden. Sein Herz, überirdisch verzaubert, strebte mit Heimweh nach seiner Erde.

Römerstern.

Schwesterlein Bine.

Es war ihm, daß er hingehn müßte und sagen: Die Eva ist gestorben.

Aber im Augenblick fühlte er, wie klein seine Nachricht war neben der andern, die man in den Gassen ausrief. Er lächelte fein, nickte versonnen Abschied, nahm sein Erlebnis mit, ohne es herzuzeigen. Die himmlische Liebe, die ihn so lange genarrt hatte, verklärte sein Angesicht. Er ging, wandelte weiter am Ufer, bis es zu dämmern begann, bis das Abendrot über dem Flusse verlöschte –