ngiyaw-eBooks Home

Paul Leppin – Daniel Jesus

Roman

Paul Leppin, Daniel Jesus, Roman, In: Der Sturm, Wochenschrift für Kultur und die Künste, Herausgegeben von Herwarth Walden, Jahrgang 1910, Nummer 10 bis 20, Berlin, 1910


Es war eine lange und ziellose Straße, in der Daniel Jesus hinter einem häßlichen Abend ging. Der war immer vor ihm, und er konnte ihn nicht erreichen mit seinen dünnen, schmerzhaften Beinen, die einen hastigen und flackernden Schatten auf die nassen Steine des Pflasters streuten, der ihn ärgerte und verdrießlich stimmte. Der Abend lief vor ihm her wie ein tolles und boshaftes Tier, und er konnte ihn mit seinen magern Fingern nicht greifen und konnte ihn nicht bei den wirren Haaren fassen und ihm in die zuchtlosen Augen starren, lange und nahe, so daß sein heißer Atem über seine zuckenden Wimpern fahren müßte. Das war sein lieber Gedanke und seine sehnsüchtigste Sehnsucht seit Jahren. Wer so den Abend erwürgen könnte! Denn der Abend war böse. Natürlich müßte man vorsichtig sein. Sich nicht belauern lassen und mit einfachen und gütigen Worten sich ihm nähern und lächeln und ihn liebkosen wie ein Weib. O, er würde schon klug sein! Der Haß würde wie eine Inspiration in ihm leuchten, daß er die richtige Weise fände, den Abend zu bändigen und zu töten. Er gäbe sich ihm hin wie ein Knabe, der gestern ins Leben kam, und wäre sanft und leidenschaftlich und wollüstig. Er würde mit verlangenden Händen den glatten Leib dieser Metze betasten und sie schläfrig und gierig machen. Bis er unter seinen Fingern die schwarzen Adern an ihrem Halse klopfen fühlte, in denen ihr Herzblut brannte. Da würde er zudrücken, plötzlich und krampfhaft und ohne Erbarmen. Dann bekäme sie jenes furchtbare Antlitz, von dem er jede Nacht träumte. O Gott, daß er immer daran denken mußte! Aber er konnte diesem Bilde nicht entrinnen! In jedem Spiegel war es, in den er hineinsah, und hinter jedem Fenster, an dem er vorbeiging, hing es wie eine Larve. Es war ein bleiches und angstvolles Gesicht, das eine arge Krankheit mit Eiter und Aussatz grausam gezeichnet hatte. Und unter seinen drosselnden Gelenken war ein hilfloser Schrecken in dieses Gesicht gekommen, der seine Augen aus den Höhlen trieb. Und aus dem keuchenden Halse kroch die verfaulte Zunge wie ein Eingeweide heraus und wollte kein Ende nehmen und wurde länger und länger und wuchs und stieß die Glasscheiben der Fenster ein, an denen er vorüber mußte. Die Straße war ziellos und lang, und die giftige Zunge leckte nach ihm und haschte sein Kleid, und sie kam näher und nahe. Du großer Gott! Jetzt war sie da, nur vorwärts, und sich nicht umschaun um Gotteswillen!

Daniel Jesus lief. Er lief in kurzen, zappelnden Sprüngen, und der Schweiß rann ihm in blassen Tropfen in seinen schüttern Bart. Er lief, bis ihm seine kranke Lunge den Dienst versagte und er röchelnd stehn blieb. Da lehnte er sich an einen Laternenstock und ruhte aus. Gott sei Dank! Die Angst war vorüber, und er fürchtete sich nicht mehr. Er mußte wirklich zum Arzt gehn in den nächsten Tagen, denn er hatte Visionen. Der Abend war ja nicht tot, der ging vor ihm her und tanzte einen Polkaschritt um jede elektrische Lampe und hüpfte spöttisch von einer Seite der Straße auf die andere hinüber und schielte in die Parterre-Wohnungen hinein, und er hatte ihn noch nicht erwürgt, und darum brauchte er dieses Gesicht nicht so zu scheun! Trotzdem! Und wenn es ihn zu Tode quälen sollte. Denn er haßte den Abend. Weil er sich lustig über seinen Buckel machte und ihn hundertmal nachäffte an den Häuserwänden, verzerrt und grotesk, komisch und gemein.

Jedesmal, wenn eine Laterne kam, sah er seinen spitzigen, schiefen Buckel an der Wand und auf der Erde, zwei-, dreimal, in vielen Schattierungen und Längen. Die Sonne war ehrlich und zeigte ihm sein Gebrechen, aber der Abend verhöhnte es. Er ließ sich nicht verhöhnen, er, der reiche Daniel Jesus, dem die Leute die Hand küßten, wenn er wollte.

Verbittert und ächzend ging er weiter. Es war doch eine Miserabilität dieses Lebens, das er führte. Es hatte kein Ziel und kein Ende, genau so wie die Straße, die er vor sich sah. Es war nichts darin, als wüste, verlogne Gaukeleien, in denen sich sein starkes, hungriges Herz verlor. Diese Orgie, die er in seiner Villa gestern veranstaltet hatte, weil der junge Baron Sterben zwanzig Jahre alt geworden war. War das groß und grausam, und war darin nur ein Stückchen von der großen Gloria der Missetat? War darin Glut und Sünde? War darin ein Untergang? Nicht einmal schamlos war es: Ein paar nackte Mädchen, die sich mit Champagner betranken und sich dann auf seinen wunderschönen, blutroten Teppich übergaben, der ein Vermögen wert war. Wo war da jener blinde und ruchlose Zug, der seiner würdig wäre? Eine Fürstin hätte er finden müssen! Aber eine Fürstin der Seele, keusch und gut, damit ein wenig Tragik dabei sei, ein wenig Kampf und Schande und Sünde. Eine Heilige hätte auf seinen Knien sitzen müssen und Rosen auf seinen häßlichen Buckel streun und seine verkrüppelten Füße küssen und dem Baron Sterben splitternackt den Champagner reichen. So war es dumm und langweilig gewesen. Diese Bürgerstöchter hatten keine Seelen. Es rührte und packte sie nichts, und sie schauerten niemals unter einem solchen Abend. Es fror und schrie nichts in ihnen, kein Verbrechen und keine große Uebeltat, keine Wollust der Selbsterniedrigung, kein Rausch und keine Sehnsucht.

Er mußte Seelen sehn, wenn sie nackt und betrunken waren. Das liebte er. Brünstig und inbrünstig, ekstatisch und irre. Von einer großen Kraft verwirrt, von einem Gott oder einem Tiere. Darum ging er jetzt auch wieder in das kleine Haus neben dem Eisenbahnviadukt, wo er schon so lange nicht gewesen war. Sie würden ihn frostig empfangen, Schuster Anton und seine Beter. Sie wußten ja immer alles, was er tat. Sie waren wie das böse Gewissen. Und sie wußten sicher schon, daß er gestern abend wieder gesündigt, daß er dem Teufel seine Türe geöffnet habe. Er konnte nicht ersinnen, wo Schuster Anton alle diese Dinge erfuhr. Aber sie waren ihm alle bekannt.

Furchtsam und fiebernd ging Daniel Jesus die finstre Holztreppe hinauf. Ganz leise öffnete er die Tür und stand im Zimmer.

Sie sangen gerade das Marienlied vom schmerzlichen Herzen. Um einen langen, kahlen Holztisch herum standen eine Menge Menschen mit Gesangbüchern in den heißen Händen, und ihre Stimmen stiegen wie ein herber zerbrochner Schrei in die Höhe und stießen sich an der niedrigen Zimmerdecke wund. Und alle dachten nur das eine Lied. Es war kein Raum in ihren Seelen für die Geschehnisse der Stunde. Am Ende des Tisches stand Schuster Anton. Er kannte das Lied schon auswendig und hatte seine harten, ungeheuern roten Hände zum Gebet gefaltet und sang. Es klang wie ein Notruf auf See. In Nacht und Sünde war sein Schiff gescheitert und trieb jetzt umher und suchte Gott. Und er rief ins Dunkle hinaus, stetig und immer lauter, sinnlos und gläubig. Ein wilder und stolzer Kopf saß auf seinem riesenhaften Leib. Bartlos in trotziger Askese, mit einem Mund, der wie ein Säbelhieb in seinem narbigen Gesicht geblieben war.

Neben ihm stand sein Weib. Groß und riesenhaft wie der Schuster, mit einem wundervollen, brandroten, glutenden Haar. Sie dehnte und bog ihren mächtigen Leib im Gesang und rang mit der Sünde. Sie schrie das Lied in die Stube, daß es wie ein verirrtes und erdrosseltes Schluchzen auf die Gasse fiel und die alten Frauen schauernd ein Kreuz schlugen. Aber es half nichts. Sie konnte ihr Blut nicht töten, und das Lied füllte ihr Herz nicht aus wie die Herzen der andern. Sie suchte mitten zwischen den Strophen nach einem Brand und einer Verheerung. Denn die Liebe zu Gott war klein und arm und kein Sturm wie bei Schuster Anton. Der war ein Messias und ein Erlöser und sie ein armes Weib. Aber sie mußte auch eine Glut in ihrer Seele haben, die ihr Blut verdorren ließ wie einen Tümpel in der Sonne. Sie war ein Mensch, in dem es viel zu verbrennen gab. Sie haßte ihr Blut und ihren großen Leib, den sie nicht bändigen konnte. Sie hatte eine stumpfe und gierige Angst vor ihrem Leib. Sie sang. Und es war wie ein Notruf auf See.

Christus! Christus! schrie es in ihr.

Sie schob ihre weiten, verheerenden Augen an den verräucherten Wänden weiter und an den verzerrten Gesichtern der Menschen. Aber das Lied füllte ihre Seele nicht aus.

Da sah sie mit einem Male zwischen den Träumen und den Visionen, zwischen den Gaukelein und den Flammen ihres Gesanges plötzlich, und wie den Schatten hinter einem Licht, Daniel Jesus in der Stube stehn. Er sah sie an. Und ihre Augen verloren sich. Ihre Augen gingen nackt und schamlos in die seinen, wie eine Frau in das Bett ihres Geliebten steigt. Und groß und häßlich, so wie der Abend draußen, den Daniel Jesus nicht erreichen konnte, trat zwischen das Lied die Sünde. Daniel Jesus war es, als ob eine eisige Hand über seinen Buckel führe. Und er trank diesen Blick der Büßerin wie eine schöne und ruchlose Missetat.

Und er wußte, daß eine Fürstin auf dem Wege zu ihm war. Sie war noch weit, und ihre Pferde gingen langsam.

Aber der Abend wird uns schon zusammenführen, Schuster Anton! Denn der Abend ist bös.

Und keiner hatte den schamlosen Blick gesehn als die röchelnde Zigeunerin, die vor dem Schuster am Boden lag und ihre Knie an den Dielen blutig riß. Sie küßte die Füße des Schusters, und der Schaum stand vor ihrem Mund und flog hinauf zu den harten Händen des Mannes und war heiß wie siedender Schnee.

Aber seine Hände zuckten nicht, und er hob sie hoch und einsam über all die Leute, hoch und höher, weit hinauf zu Gott.




Baron von Sterben war ein sehr guter und auch ein schlechter Mensch. Er wußte nichts davon. In ihm tat das Gute alle jene edeln Capricen und Feinheiten, die er selbst zuweilen an sich liebte, und das Schlechte wurde gemein und schmutzig in seiner Seele mit einer gewissen nachdrücklichen Besonderheit, die er oft nicht begreifen konnte. Er selbst rührte keinen Finger zu dem allen. Er wehrte sich nicht gegen das Arge in ihm und tat dem Schönen keinen Gefallen. Er war zwanzig Jahre alt und hatte dem Leben bis auf den steinernen Grund gesehn. Und nun machte er eben alles mit, was eine eigene und einsame Gebärde hatte, jedes Abenteuer, wenn es kostspielig war, jede Sünde, die ihn noch schauern machte. Das heißt, er war es gar nicht, der das alles tat, es waren die Dinge selber, die ihr Leben durch das seine trugen und durch ihn hindurchgingen wie durch eine offne Tür. Seine Seele tat manchmal etwas, seine Hand oder ein Fremder. Aber niemals er selbst, den er verloren zu haben glaubte in den ungesunden Träumen seiner Knabenjahre. Er war ein passiver Mensch, mit dem die Tage machten, was sie gerade wollten.

Er liebte Hagar, die junge Zigeunerin. Auf einem Jahrmarkt vor der Stadt hatte er sie vor einigen Wochen gefunden, wie sie den Leuten für braunes Kupfergeld kindische Kapriolen schenkte. Sie hatte ihm gefallen, weil sie mit bloßen Füßen tanzte und klein und mager war wie eine Wildkatze. Und als er ihr eine Viertelstunde zugesehn hatte, da schüttelte ihn schon der Frost, und er wußte nun, daß alles vergebens war und daß ihn sein armer, von der Liebe gefolterter Leib zwingen werde, sie zu besitzen. Sie hatte große und schmale Goldringe in den Ohren, über die das Haar wie ein dunkler Vorhang fiel. Diese großen, dünnen Ringe bei blassen Frauengesichtern waren sein Fetisch schon seit Jahren. Es kam ein wilder, verregneter Vorfrühlingstag, und seine Zähne schlugen im Taumel aneinander. Er fühlte leise und hoffnungslos, daß Gefahrvolles und Böses in den Augen Hagars lauerte, und daß sein junges Leben darunter büßen werde wie unter einer Rute. Aber eben das war ein schwerer, siegender Zauber für ihn, dem er nicht entrinnen konnte.

So wurde Hagar die Maitresse des Barons.

Stumm und staunend war sie damals mit ihm gegangen. Sie begriff nicht recht, was sie mit ihm beginnen sollte, der sie mit zuckendem Munde ansprach und über dessen verlebtes Gesicht das Fieber wie der Wind über die Felder ging. Er freute sich darüber, daß sie Hagar hieß, er hatte diesen Namen schon in der Schule sehr lieb gehabt, und das Schicksal dieses Weibes hatte ihn immer gerührt wie das seiner Mutter. Jetzt war sie seine Geliebte geworden, und er führte sie in sein Haus. Für hundert silberne Gulden hatte er sie einem schmutzigen Komödianten abgekauft, der sie wohl für zwanzig auch gegeben hätte, denn er war hungrig und hatte schon seit Tagen kein Fleisch gegessen.

Sie ging still und folgsam mit ihm durch die Straßen, wo die Leute sich umsahn und lächelnd den Baron erkannten. Sie trug ein dunkelrotes, verschossnes Kleid und hatte bloße Füße. Daheim nahm er sie in seine Arme und sang eine kleine, ein bischen ironische Melodie, die er einmal von einer Frau in einer seltsamen Stunde gehört hatte. Mit der Spitze seines Lackschuhs stieß er eine wunderschöne breite Tür auf und legte die stumme Hagar in sein seidnes Bett. Ein tiefblaues und trauriges kostbares Kopfkissen schob er ihr unter den braunen Hals, und dann kniete er nieder vor dem Bett und begann sie Stück um Stück langsam atmend zu entkleiden.

Hagar wandte ihren Kopf zu ihm und sah ihn an. Und dann sagte sie etwas, das wie eine Liebkosung über sein heißes Gesicht flog. Fr schrie auf und küßte sie mit der kranken Inbrunst seines Leibes, den die Liebe zerbrach. Er küßte sie, bis ihr das Blut von den Lippen auf das weiße Eisbärenfell niederrann, auf dem er kniete, und da nahm er sie mit beiden Händen und riß ihr das Hemd über der keuchenden Brust vom Leibe, daß sie nackt vor ihm da lag und ganz sein war.

Nun hatte sie ihn schon viele Wochen mit ihrer Liebe gequält und ihn zum Sklaven ihres kleinen, mageren Körpers gemacht, an dem er zu Grunde ging. Hagar war gnadenlos und ohne Erbarmen. Sie grub ihre braunen, zitternden Finger in sein weiches Fleisch und biß ihm die Brust wund wie eine Katze. Ihre heischende und zuchtlose Liebe umgab ihn wie ein schwerer Traum, aus dem er nicht erwachen konnte.

Bis eines Tages Daniel Jesus kam und sie mit der Peitsche aus dem Hause des Barons Sterben jagte. Er wollte nicht, daß sein junger Freund dieser verkommnen Hexe erliege. Es war etwas Großes und Phantastisches in dem Herzen des Barons, das er ihm bewahren wollte und das ihm die Zigeunerin stahl, in jeder Nacht, In der er verzweifelt mit ihrem Leibe kämpfte wie mit einem Tier.

Erst schrie er auf und wollte Daniel Jesus die Peitsche entreißen, dann warf er sich auf den Boden und hüllte den Teppich um seinen Kopf und ließ ihn gewähren.

Hagar kam wieder, aber sie marterte ihn nicht mehr. Sie saß am Tage schweigend und finster in einer Ecke, und in der Nacht sprach sie mit ihren Träumen. Einmal bat sie ihn, er solle ihr aus einem alten, rostfleckigen Buche etwas vorlesen, und da las er mit Verwunderung Gebete und Sprüche und Lieder darin und eine uralte Litanei zu einem lange vergessenen Heiligen. Es war eine starre und blinde Brunst in diesen Liedern, eine wüste Sehnsucht und so etwas wie eine letzte mit dem Kreuze gezeichnete Station.

Er fragte.

Da sagte sie trotzig, daß sie jetzt zum Schuster Anton gehe, zu dem heiligen Mann, der draußen hinter dem Bahnsteig wohne, in der langen Straße mit den hundert Laternen. Sie sei eine Sünderin und müsse beten, stundenlang und alle Tage, damit Gott ihr verzeihe und sie den Frieden finde.

Den Frieden? Das Wort machte ihn betroffen.

Den Frieden? Verspricht den der Schuster?

Ja.

Und jetzt sprach sie eine Stunde lang von dem Messias. Wie er groß und mächtig sei und wie ein König unter allen Leuten. Wie neben seiner Stimme jede Sünde fällt. Wie hoch seine Hände zu Gott emporreichen. Und wie er das tausendjährige Reich verkündet. Die Menschen sollen fliehen vor einander, denn die Gemeinsamkeit ist die Sünde. Und wo zwei neben einander stehn, da sei Gott mitten zwischen ihnen, daß sie ihre nackten Augen nicht sehn und sich nicht schämen müssen. Damit wir nicht arm und gehetzt sind wie heute und mit uns selber kämpfen und mit dem Leben. Damit wir nicht in Krämpfen und Begierde unterliegen. Daß wir keine Sehnsucht mehr haben, außer Gott. Und keinen Wunsch außer ihn. Fluch aller Liebe, die an Gott vorbei will. Ihr nimmt er das Bewußtsein und macht sie irre. Daß sie am Ende nur ihre eigene Marter lallen kann.

Sie hatte sich heiß geredet, und ihre Wangen brannten. Ihr Haar war aufgegangen und fiel ihr ins Gesicht. Sie war schon in dieser Stunde, die Zigeunerin. Er nahm sie um den Leib und wollte sie küssen. Seit jenem Tage, da Daniel Jesus sie mit der Peitsche schlug, hatte er sie nicht berührt. Die Gier erwachte in ihm, und er schauerte wieder wie damals, als er sie zum ersten Male gesehn hatte an jenem wilden, verregneten Frühlingstag, als sie mit nackten Füßen vor ihm tanzte.

Hagar – stockte er und wollte sie küssen.

Aber sie wandte sich ab und stieß ihn zurück. Und als er ihren Leib faßte, schrie sie wie im Schrecken. Da kam eine leuchtende, hellrote Welle von Blut, die ging durch sein Gehirn wie ein Eisenbahnzug und brauste. Er nahm die Zigeunerin bei den Füßen und warf sie zur Erde. Dann setzte er das Knie auf ihren bäumenden Leib und wollte ihr wie damals das Kleid über der Brust zerreißen. Doch sie hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, hart, blind, drei-, viermal. Er gab sie frei und sah entsetzt und bleich zu ihr hin – wie zu einem Tier.

Dann lachte er auf und höhnte:

Du bist in deinen Schuster verliebt und magst mich nicht mehr. Geh hin, er ist stark und groß, und sein Bett ist breit, dort kannst du beten.

Sie lag noch immer auf dem Boden.

Das ist nicht wahr! schrie sie laut. Und da kam eine Pause, in der sie sich ansahn und beide das Blut des andern flüstern hörten. Ein Moment, wo ihre Augen groß und schmerzhaft wurden mit vielen Tränen, in denen noch der traurige Schimmer ihrer verwundeten Seele leuchtete.

Das ist nicht wahr! heulte sie noch einmal wie ein Hund, und dann warf sie den Kopf auf die Erde und weinte.

Es war ihr eben ein Glück genommen worden, an das sie viele Tage geglaubt hatte. Das war in ihr zusammengebrochen und stand nie mehr auf. Sie wußte mit einem Male, daß sie niemals nach Gott gesucht hatte in diesen Stunden. Daß es doch wahr sei und daß sie den Schuster liebte und nach ihm begehrte und daß sie es vordem nur nicht gewußt hatte. Aber jetzt war es ihr plötzlich deutlich, daß sie nach seinem großen und stolzen Leibe lechzte und nach dem häßlichen Mund mit den brennenden Narben. Und er war von Gott und würde sie zertreten, wenn sie zu ihm käme.

Darum weinte die Zigeunerin.




Durch die schweren, seidnen Portieren waren die Stimmen des unruhigen und ahnungsvollen Märztages in den Salon der Gräfin Regina gekommen und machten sie nachdenklich und unsicher. Diese Stimmen blieben in ihrer Seele wie ein langer und gefährlicher Verrat, und es war ihr zuweilen, als ob sie von ihr sprächen, und das wollte sie nicht, Sie wollte alt sein und ihr Leben ohne Kampf zu Ende bringen, und in der Liebe zu Marta Bianka.

Es war heute sehr still, und keiner sprach ein Wort. Alle fünf sahn einander in die Augen und warteten auf etwas. Regina saß in einem tiefen ungeheuer weichen Schaukelfauteuil und warf von Zeit zu Zeit einen kleinen, lächelnden Seitenblick in einen Spiegel, der verdeckt von Dunkel und Vorhangfalten in einer Ecke schlief. Sie sah nach den weißen Strähnen an ihren Schläfen und lachte leise. Marta Bianka saß blaß und gehorsam zu ihren Füßen, und ihr bernsteingelbes Maar wuchs wie ein Licht zu der Mutter empor. Baron Sterben sah darauf hin und wunderte sich, daß der Salon beinahe hell wurde in der Nähe Marta Biankas. Und wenn sie ihre großen, kindischen Sammtaugen zu ihm aufschlug, da mußte er immer an eine Ampel denken, die schön und träumend irgendwo entbrannte und sanft und leise, aber doch voll süßer und verhängter Glut war.

Sie muß einen silberweißen Leib haben, träumte er und erschrak, denn Marta Bianka stand langsam auf und verließ den Salon.

Da sagte die Gräfin Regina plötzlich – und als ob sie sich auf etwas besonnen hätte – und sah dabei den jungen Schauspieler Valentin so starr ins Gesicht, daß er erblaßte:

Erzählen Sie mir doch die Geschichte von der kleinen Valeska, lieber Daniel Jesus, die Sie einmal erwürgen wollte, während Sie schliefen.

Daniel Jesus fuhr auf. Er hatte die ganze Zeit auf dem hohen schimmernden Teppich gesessen, der den Fußboden zudeckte und mit phantastischen und bunten Linien um die breiten Füße des Tisches herum nach den Wänden griff. Daniel Jesus tat das stets, und Regina duldete es mit einem mitleidigen und seltsamen Lächeln, wenn kein Fremder dabei war, der mit den Blicken fragte. Er fühlte sich unwohl auf den hohen Stühlen und Dingen, auf denen die andern Menschen saßen und auf denen er mit den dünnen Beinen schlenkern mußte wie ein Kind. Dann glaubte er, daß alle Leute nach seinem Rücken hinsähen und konnte ihnen doch nicht die neugierigen Augen zerkratzen und mußte es dulden. Darum kauerte er sich am liebsten irgendwo auf der Erde zusammen, wo alles über ihn hinwegschaute, wo er wie ein atmender Schatten im Dunkeln blieb und nur sein gigantischer Schädel zuweilen vor den andern auftauchte, wenn er sprach.

Er hatte wohl eine Viertelstunde schweigend so gesessen und mit einem spöttischen und verkniffnen Munde dem Spiel des Barons mit der zwölfjährigen Marta Bianka zugeschaut und der feindseligen nutzlosen Abwehr zwischen Regina und Valentin, Der junge Schauspieler hatte einen Kopf wie ein Hunne, breit und knochig und verfallen im Gesicht mit beinahe lächerlich tiefen, sengenden Augen. Die große, schlanke Gräfin mit den sichern und mühelosen Gebärden und den weißen, strengen Händen, in denen es noch heute wie eine ungeheure, verhaltne Sinnlichkeit flackerte, war ein Rätsel für ihn, nach dessen Lösung ihn hungerte. Regina fürchtete sich ein wenig vor ihm, und dieses Grauen wieder zu ihm hinzog. Und heute waren von draußen, von der Gasse, die halben Worte und war ein kleiner, wollüstiger Reiz, der sie immer Stimmen des Märztages in ihren Salon gekommen, geheimnisvoll und wie ein ferner, im Winde zerflatterter Schrei. Sie war unruhig und trotzig, und dann hob sie langsam ihre müden Pupillen von seinen nervösen Füßen zu seinem Gesicht und starrte ihn an wie eine Lampe.

Erzählen Sie mir doch von Valeska, Daniel, sagte die Gräfin – bitte, bitte, nicht wahr, Baron, er soll erzählen.

Sterben hatte soeben von einem jungen, blonden Walde geträumt.

Drin standen die Bäume hoch und schlank, und ein weißer, toll gewordner Schimmel lief durch den Wald, ohne Sattel und Bänder mit schäumenden Nüstern, der Frühling. Und droben hing der Himmel auf die jungen Bäume herab, gelb und voll Sonne wie bernsteingoldnes Mädchenhaar. Er ging weiter. Da kam er zu einer Birke, von der die Rinde in Stücken herabhing, und rotes, schauerndes Blut rann aus dem Stamme, und daran war mit Riemen und Ketten ein Kind gebunden, ein silberweißer, gequälter, nackter Leib. Und er erschrak und lief weiter, aus dem Walde hinaus, dort wo die Lichtung war und das Feld, und da sah er der Gräfin Regina ins Gesicht und sagte:

Ja, Gräfin, ja.

Daniel Jesus schlug seine langen Arme um die Knie und begann:

Valeska war noch sehr jung, als ich sie verführte – ich glaube, kaum ein Jahr älter als Marta Bianka. Sie war die Tochter eines Beamten aus meiner Fabrik. Zuerst kam sie heimlich, und als der Vater es erfuhr, schlug er sie eine Stunde lang so mit einem schweren Stock, daß er ihr dabei den linken Arm zerbrach. Seit dieser Zeit blieb sie ganz bei mir. Die Leute wollten mich damals dem Gericht anzeigen, weil ich ein unerwachsnes Kind verführt hätte. Aber sie haben es später doch nicht gewagt und Valeska blieb in meinem Hause. Ich kann nicht sagen, daß sie mich liebte, aber sie fürchtete mich, und ihre Angst war die Sklavin, die mir die Liebe gab statt ihrer. Sie fürchtete in mir den Menschen, der in ihre Seele und in ihr Blut als erster die Flamme gebracht hatte, die sie mit ihren dreizehn Jahren noch kaum verstand und die ihr schon das Glück und ein großes, weites Stück ihres Lebens und das schöne Lächeln des Schlafes und den lauschenden Frieden des Herzens vernichtet hatte. Sie liebte mich nicht, aber sie gab sich mir hin mit einem Taumel und einem Weinen, in dem nichts von Reue lag, aber auch nicht das kleinste Stückchen von Kraft für Zukünftiges, Fernes. Sie hatte vergessen, daß sie in einer Welt war, in der vielleicht noch tausend Tage und tausend Wochen vor ihr standen und ihre Worte erwarteten. Sie wußte dem Leben nichts zu sagen, und in der Einsamkeit und hilflosen Not ihres Herzens wurde sie krank. Ihre Seele verdarb in der Dunkelheit, und vergebens suchte sie nach der Liebe. Was sollte sie an mir auch lieben? Ich war bucklig und roh. Und einen andern kannte sie nicht. So ging ihre Seele zugrunde, und ihr Herz erfror. Zuerst fing sie an, Silberzeug und Geld in meinem Hause zu stehlen, obschon ich ihr alles gab, was sie mochte. Als ich das erfuhr, schlug ich sie unbarmherzig, wie es einmal ihr Vater getan hatte. Ich war roh und ließ sie ohnmächtig liegen. Seit dieser Zeit ward sie noch störrischer und schlimmer und sprach ganze Tage lang zu mir kein Wort.

Einmal erwachte ich in einer hellen singenden Nacht. Der Mond war durch das offne Sommerfenster in mein Zimmer gefallen, als hätte ich ihn ganz allein neben mir und draußen wäre er ganz verschwunden. So blendend licht und deutlich sah ich alles um mich her. Auf dem Fußboden lag die Schublade meines Schreibtisches aus dem Nebenzimmer, ganz ausgeleert und neben meinem Bette – gerade daß ichs noch sehn konnte, wenn ich hinüberschielte – ein großes Paket Banknoten, daß ich darin verborgen hatte. Vor mir stand Valeska im Hemde, es war ihr an der Achsel herabgeglitten, so daß ich die Brustwarzen sehn konnte, die blutig rot schienen in dem weißen Licht wie zwei Wunden. Mit der linken Hand hatte sie meinen Hals umkrallt, und über meine Haut lief schon das warme Blut, das ihre Nägel aus meinen Adern gruben. In der rechten Hand hielt sie meinen Dolch, haarscharf und wunderschön, mit einem großen, dunkeln Rubin am Griffe, der daran klebte wie eine blutige Träne. Sie wollte mich töten, und wäre ich eine Sekunde später erwacht, sie hätte mein Herz zerschnitten. Ich schrie auf und trat sie mit dem Fuße in den Leib, daß sie zu Boden taumelte.

Dann stand ich auf und kleidete mich an. Sie lag noch immer vor meinem Bett, und der Schweiß trat auf ihre Haut.

Warum wolltest du das tun? fragte ich endlich.

Sie hob den Kopf und sah mich aus Nachtaugen glanzlos an:

Ich haßte dich und wollte dich töten. Ich stahl dir dein Geld und wollte fliehn – tu, was du willst.

Daniel Jesus schwieg. Er sah in die seltsamen langen Linien des Teppichs wie in einen Traum, und seine Finger schlossen sich wie über verlorne Stunden, die man mit einer Gebärde in den Tod begleitet.

Und was taten Sie? fragte die Gräfin.

Es war die kostbarste Nacht meines Lebens. In den Augen Valeskas hab ich damals alles gesehn, was jemals ein Mensch mir sagte und sagen wird in allen Jahren. Ich habe mich selber erkannt in diesen Augen und das Weib und das Schicksal und die Liebe. Und den Weg zum Glück und zum Frieden hab ich zwischen Dornen und Trauer in diesen Augen gefunden. Ich nahm sie in die Arme und küßte sie. Ich küßte ihre Stirn und ihre Hände und ihren Mund.

Da war es, als ob ein Wunder mit Valeska geschähe. Alles Spröde und Grobe und Stumpfe ging von ihr weg wie ein Nebel und wurde Glanz und Güte und schmerzliche Andacht in dieser Sommernacht. Ich nahm das Geld von der Erde auf und gab es ihr.

Ich will dir ein Haus bann mit hohen Fenstern und köstlichen Stuben, und es soll dein sein, und du sollst darin wohnen, Valeska.

Langsam und mühsam kam ihr das Weinen. Es kam wie ein Frühling in ihre verdorrte Seele, und ihr Herz wurde rot und blühend in dieser Stunde wie eine Rose.

Nein, nein, sagte sie und ging hinaus. In dieser Stunde hat sie mich geliebt, und es hat uns doch nicht geholfen.

Ich habe sie nicht mehr gesehn. An der Tür ihres Vaters hat sie sich den Kopf zerschmettert.

Eine lange halbe Stunde ging die Uhr durch den Salon wie ein Träumer durch eine schlafende Gasse. Keiner sprach ein Wort. Und Daniel Jesus sah zum Fenster hinaus, hinter dem der März mit halber Stimme sehnsüchtige Dirnenlieder sang. Marta Bianka war leise wieder hereingekommen und setzte sich lautlos zum Klavier. Dann spielte sie irgend etwas, eine lange und gefahrvolle Melodie, zwischen der ihr bernsteingelbes Haar wie eine Flamme flog.

Keiner von den Männern in dem Zimmer hatte ein Herz für Musik. Aber sie alle packte der große Zauber dieser Stunde, in der die Bangnis der Gräfin und die Sehnsucht Valentins, die Träume des Barons und die Geschichte der toten Valeska mit dem wilden, drohenden Takte dieses Liedes zusammentrafen wie in einem dunkeln, vieldeutigen Bilde.




Der Schuster Anton hatte einen Sohn. Als der noch ein Kind war, nannte er ihn Josef, aber er hatte nun schon seit sieben Jahren kein Wort mehr zu ihm gesagt.

Er ließ den Knaben studieren und wollte einen tüchtigen und gescheiten Menschen aus ihm machen. Er wurde ein Strolch. Vor einigen Wochen erst war er wieder aus dem Zuchthause gekommen. Er schlich sich leise und unhörbar in sein Zimmer und zeigte sich niemandem. Sein Vater und seine Mutter Margarete duldeten ihn in ihrem Hause, weil er ihr Sohn war, und sie beteten in den Nächten für seine Seele, während er in wüsten Lokalen sein Geld vertrank.

Josef war den Tag über Schreiber bei einem kleinen Advokaten. Bleich und wortkarg tat eiserne Pflicht und steckte finster den kargen Lohn ein, den ihm der Monat brachte. Daniel Jesus hatte ihm diese Stelle verschafft, weil ihn dieser junge Mensch mit dem schmutzigen Schlapphut, dem grünen Stein in der grellen Kravatte und dem Diebsgesicht interessierte. Daniel Jesus hatte einen weiten und einen stahlharten Blick für die Seele. Er nahm die Leute nicht nach ihrem Nutzen und ihrem Wert fürs Leben, er sah und scheute in ihnen zumeist die latenten Kräfte des Geschicks, das sie erfüllten. In Josef hatte er gleich beim ersten Male jene blindwütige und grandiose, stumpfe Energie erkannt, die seine Jugend in Dunkelheit und Kot hinunterführen mußte. Er wußte, daß Josef einer der seltnen Menschen sei, die man dazu gebrauchen könne, Schicksale zu beschleunigen und bange Entwicklungen gewaltsam zu schmerzlicher Blüte aufzureißen. Josef hätte eine Stadt angezündet und tausend Leute verbrennen lassen, wenn er betrunken war und ihm jemand diesen Gedanken einblies. Ein schwacher, aber gewalttätiger Mensch, unsicher und unselbständig, aber eigensinnig und grausam in seinem Herzen.

Diesen Menschen entdeckte Daniel Jesus mit Freude und Graun. Er unterstützte ihn mit seinem Geld und seinem Einfluß und hielt die Polizei von ihm fern, so lang es ging. Er bewahrte ihn, wie er zuweilen leise schauernd dachte, für einen großen, roten Augenblick seines Lebens, wo zwischen Glut und Staub und Asche die trunkne Hand des Diebes eine Stunde oder ein Wort zu ihm brächte, das vielleicht ohne ihn niemals oder sehr lange nicht gekommen wäre. Allmählich fühlte er, daß diese Stunde nahe war zum Greifen. Er sah die blasse, zerrissne Stirn des Schustersohnes, auf der die ruchlosen Gedanken eines feigen und unbesonnenen Herzens krochen, und sah die Schatten und Flecke in seinem Gesichte, die von den wilden Flüchen seiner betäubten Seele sprachen. Und er wußte nun, daß dieser Mensch reif für ihn war. Fast kams wie eine Angst zu ihm bei dieser Erkenntnis.

Daniel Jesus war reich. Er streute das Geld mit fiebernden Händen aus wie einer, der nur für einige Minuten Kaiser ist. Darum ging es wie ein Zauber und wie ein Bann von ihm aus. Oft mußte er an den Rattenfänger von Hameln denken. Sein Geld zog um ihn einen gespensterhaften unsichtbaren Kreis, dem jeder erliegen mußte. Viele Menschen waren seinetwegen schon verraten worden und manches Glück verkauft. Aber es war trotzdem immer wie ein Rausch und eine willenlose Hingabe um ihn her. Wenn die Musikanten für ihn spielten, dann schien es, als ob die Instrumente lebendig würden und Hände bekämen. In tausend Figuren sprachen und schrieen sie zu ihm hin und folgten ihm nach und haschten ihn mit den Fingern und baten und lachten und kicherten immer um ihn herum, wenn sie rückwärts an seinem Buckel vorüberkamen, hell und impertinent wie die Buben, die über ihn auf der Straße lachten.

Daniel Jesus saß auf den schmutzigen Dielen und schrie. Er wollte ein andres Lied haben, ein ehrliches oder ein schuftiges, aber keins das mit Grimassen hinter ihm herschlich und mit seinem eignen Gelde so höllisch gell klimperte. Die schwarze Carmen saß vor ihm auf einem leeren Fasse und hatte fingerdicke Goldringe in den Ohren und darin links und rechts je einen echten Diamanten. Die Steine schenkte ihr Daniel Jesus im letzten Sommer, weil sie ihn eine Viertelstunde lang amüsiert hatte. Sie war in seiner Equipage eines Mittags splitternackt hoch aufgerichtet im Kutschbock mit seinen zwei tollsten Pferden wie eine Rasende durch die Stadt gefahren, und niemand hatte gewagt, die wahnsinnige Fahrt aufzuhalten. Wie durch einen Zufall geschah kein Unglück, und die Polizei hatte das Nachsehn. Zwar hatte man den Wagen Daniels erkannt, aber niemand vermochte mit Bestimmtheit etwas auszusagen. So fuhr die schwarze Carmen, die nackte Hure, jauchzend und wild im geöffneten Tore der Villa »Jesus« ein, wo weit draußen vor der Stadt die alte Bettlerin auf der Straße und der Leiermann mit seinem Holzbein dem seltsamen Wagen und seinem seltenen Führer wie einem Spuk nachstarrten.

Heute dachte Daniel Jesus gar nicht mehr an dieses Abenteuer. Er sah in das rote, verzerrte Gesicht des Schreibers Josef hinein, der zwischen Dirnen und Kupplern mit der seidnen Rosa tanzte. Sie befanden sich tief unter der Erde in einem verrufenen Wein- und Schnapskeller, gerade in demselben Mause, wo Schuster Anton wohnte. Wenn man ein wenig hinaustrat aus dem niedrigen Raum, in dem der Petroleumdampf zwischen den schreienden Menschen wie eine gelbe Mauer stand, konnte man im Finstern die feuchte Treppe sehn, die hoch hinauf bis zu Schuster Antons Türe führte. Anton war nicht zu Hause. Er war mit einer Schar von Betern in ein Dorf gegangen, wo ein Mädchen jeden Tag die Mutter Gottes sah. Das Mädchen mußte er sprechen, und noch in der Nacht waren die Männer aufgebrochen, es zu suchen.

Frau Margarete lag allein zu Bett im Dunkeln und rang mit ihrem Leib. Ihre Hände hatten das eiserne Kruzifix, das sie umklammerten, beinahe glühend gemacht, und wie damals, als sie neben ihrem Mann in der Stube das Marienlied sang, rief sie in der Marter des Streites nach Gott. Und ihre Brust war heiß und naß vom Schweiße der Angst. Sie fürchtete sich vor der Sünde, die alle die Jahre neben ihr gestanden hatte und in ihre Gebete und in ihr Tun die glühende Asche des Unfriedens blies. Immer hatte sie gesiegt, und Anton, ihr Mann, stützte ihren Arm, wenn sie schwankte und den Weg nicht mehr vor Augen sah. Und nun sollte sie erliegen? Wo sie alt geworden war und ihr Sohn schon fast vierundzwanzig Jahre zählte! Ihr Sohn! – Sie schauderte. – O Gott, warum hatte er sie so gestraft! Das war die Sünde, die in ihr fraß und ihren mächtigen Leib wie im Krämpfe in die Höhe warf.

Frau Margarete horchte nach unten. Tief, tief aus dem Keller kam es manchmal herauf wie der murrende Atem eines Tieres. Oder der Ruf einer Violine, der keinen Ausweg fand aus den Mauern des Hauses, floh schreckhaft und gehetzt die dunkeln Treppen hinauf und fiel vor Frau Margaretens Bett wie ein müder Mensch zu Boden. Dort also hielt er sich jeden Abend auf. Er fand es nicht der Mühe wert, seine Schande aus dem Hause seiner Mutter zu tragen, und sie konnte das Keuchen seiner Seele, für die sie in Qualen betete, aus Dunst und Qualm bis in ihre Stube hören.

Und plötzlich schloß sie die Augen, und in der schwarzen Finsternis des Abends wurde ihr Gesicht weiß wie ein Traum. Er, er war auch unten! Sie hatte seinen Wagen vor dem Hause stehn sehn, und das Scharren der Hufe klang zu ihr. Daniel Jesus! Mutter Maria! schrie es in ihr – hilf, hilf mir vor der Sünde. Er ist ja ein Krüppel und häßlich wie sie, aber ich habe Furcht vor der Liebe zu ihm, und niemand ist bei mir, der mir die Hand gibt in meiner Not.


* * *


Im Keller unten war die Trunkenheit über die Menschen gekommen. Sie lachte und stürzte über die eignen Knie und blickte in die Fensterscheiben mit blöden, bunten und verglasten Augen, als suche sie etwas für ihre heimliche und verhaltne Wut.

Daniel Jesus sah dem berauschten Josef ins Gesicht. Er hatte der seidnen Rosa das Mieder aufgenestelt und biß in ihre roten, verschwitzten Brüste, während sie ihn kreischend von sich stieß. Er sah den giftgrünen Stein an seinem Halse blinken und sah die versteckte, willenlose Gebärde seiner Augenlider und seinen ungebändigten, sinnlichen Mund.

Das ist die letzte Stunde – dachte er und rief den Schreiber.

Du hast eine schöne Mutter, Josef, sagte er.

Ja, Herr, willst du sie haben, ich hole sie dir – – lallte der Trunkne.

Da ging es wie ein großes, zwingendes Erleben über die Züge Daniels. Ein Aufatmen und ein Zusammenfallen von hundert alten und bleichen Gedanken. Im letzten Winkel seiner Seele hatte er sich doch stets vor dem Schreiber geängstigt, den er sich vielleicht für sein eignes Verhängnis bereitete, wie man sich einen tückischen Trank für den eignen Tod mischt. Aber nun war alles frei geworden in ihm. Jetzt wußte er, daß nichts mehr die Erfüllung aufhalten konnte. Ein stolzes Lächeln verzog seinen Mund.

Geh, hole sie! sagte er. Sie schläft allein in ihrem Bett. Ich will ihren Leib ohne Kleider sehn. Sag ihr das. Und wenn sie nicht gehorcht, so bring sie mit Gewalt. Ich will Dir ein Vermögen schenken. Aber sieh Dich vor: sie ist eine starke Frau.

Die Augen des Trunkenen wurden groß und tief und ziellos wie die eines Blinden. Ein Zucken ging durch seinen Körper und ein Schrei. Dann flog er die Treppe hinauf.

Und auf einmal, wie auf eine Gebärde, schwieg die Musik. Die Instrumente krochen zusammen und duckten sich. Die schwarze Carmen riß noch einmal den Mund auf und fiel mit gespreizten Beinen bewußtlos zur Erde.

Und mitten unter ihnen, fest und sicher wie ein König, trotz seines Buckels, stand Daniel Jesus.

Eine Viertelstunde und noch mehr stand er und schaute zur Tür: ein Kampf – dachte er.

Dann plötzlich, mitten in der Stille, in der selbst die Petroleumlampen scheu erblaßten und lauschten, kam es die Treppe herunter. Langsam und schwer und hartnäckig und sinnlos. Wie eine plumpe, klebrige Masse, die nicht von der Stelle will.

Die Tür sprang auf, weit und kreischend, wie im Schreck, und herein kam Josef, die Haare von Blut und Schweiß verklebt, eine zackige Wunde über der ganzen Wange, aus der das Blut wie aus einem zerbrochnen Gefäße floß.

An den Haaren hatte er seine nackte Mutter gefaßt und warf sie Daniel Jesus zu Füßen.

Da sprang sie auf. Mit schönem flammenden Gesicht stand sie und das Haar umflocht ihren Kopf wie eine rote Krone. Den mächtigen, nackten Körper reckte sie und zeigte den Trunknen ringsumher ihre herrliche, leuchtende Haut und die Narben der Geburt, die ihren Leib zerrissen hatten. Ihre Augen erstarben fast in ihrem großen Glänze, als sie fragte: Wer hat das getan?

Eine weite, flüsternde Pause entstand, in der die schwarze Carmen aufstöhnte und ihre rechte Hand erhob.

Ich – sagte Daniel Jesus.

Da ging ein Schauer durch Frau Margaretens Leib und ein unbarmherziger, schüttelnder Frost.

Und Daniel Jesus kniete nieder und küßte ihre Füße und sagte dann:

Ich liebe Dich. Ich bin der Herr über Dein Leben, denn ich weiß, daß auch Du mich liebst. Du kannst nicht gegen mich streiten, ich bin stärker als Du.

Sieben Tage will ich warten. Dann komm in die Villa Jesus vor der Stadt, wenn es Abend geworden ist. Komm, denn ich will es.




Marta Bianka hatte die Geschichte der armen Valeska dennoch gehört. Keiner wußte, daß sie lautlos und starr in der halbgeöffneten Tür des Nebenzimmers gestanden hatte und daß die Worte vom Munde Daniels wie große, blühende Tropfen in ihre wunde Sehnsucht gefallen waren.

Seit dieser Stunde ging seine Erzählung nicht von ihr. Lag sie auf ihrer Seele und spann sie in ein dichtes, schimmerndes Netz ein und ließ sie nicht los. Es war ihr mitunter, daß jenes Geschehnis groß und unbestimmt sie bedrückte und sie mitnahm auf langen Irrfahrten und Träumen der Liebe, von denen ihr niemand gesprochen hatte, die sie aber trotzdem hell und deutlich kannte, wie die Geschichte einer Vision.

Marta Bianka war eine Phantastin. In der scheuen Stille ihrer Kinderjahre, die ihre Mutter um ihr Leben legte wie ein Kleid, war langsam und sonderbar ein roter Rauch in ihrer Seele aufgestiegen, in dem sie wunderliche Gestalten und Dinge sah. Und wenn sie am Spätnachmittag in dem dunkeln Salon saß und die Gräfin in einem Buche las, dann sah sie zu den großen Fensterscheiben hin, die die müde Sonne klar und glühend brannte und hinter denen die kalte Gasse und ihre Abenteuer lagen. Da spann sich allmählich ein fremdes Dasein vor ihr weiter, das ihr neu war und dem sie zusah. Mit hundert Begebenheiten und Wünschen, die ineinander griffen und sich vollendeten wie in einem Roman. Leute, mit denen sie schon einmal irgendwo zusammengekommen war, tauchten wieder auf, aber sie hatten andre Gesichter, wenn sie näher hinschaute. Sie waren alt geworden unterdessen, oder es lag etwas in ihrem Wesen, das überraschte und staunen machte. Eine herrische und wilde Art, in plötzlichen Gebärden Reue und Haß, Liebe und Falschheit zu zeigen. Dann kam es wohl auch zuweilen vor, daß Marta Bianka ihr Leben und ihre Mutter und das einsame Zimmer vergaß, in dem sie wohnte, und in die Welt ging mit einem von den Menschen, die sie vor sich sah und die mit ernsten und drohenden Händen in die rote Luft redeten, als ob noch jemand hinter ihr stände. Oder daß sie selber einer dieser Leute wurde und mit drängendem Herzen irgend ein Schicksal erlebte, das jemand listig oder gewaltsam schuf und in dem sie ging und tat wie in einem Spiel.

So war auch die Geschichte des Daniel Jesus in ihr Herz wie ein funkelndes Messer gedrungen und hatte ihr eignes Erleben und alle seine Reflexe in einem wirren Traume getötet, in dem sie auf einmal von Marta Bianka hinweg und stumm und hilflos auf einem Wege lief, der hinter Steinen und blutigen Schatten in den Tod Valeskas führte.

Die dumpfen trostlosen Stunden der Entsagung und der Angst wuchsen in ihr zu einer Kraft der Sehnsucht und der Erlösung, die sie hineinreifen ließ in die Liebe, wie einen Baum, in dem der Atem Gottes schlief. Diese Liebe verwirrte ihr Gedächtnis und trug sie hinüber bis über das Ende und die Traurigkeit der Geschichte Daniels. Sie wußte noch leise und schmerzlich erschrocken, daß Valeska gestorben war, aber ihre Augen bohrten ungläubig in den sammtnen Vorhang der Nächte, und ihre Seele konnte nicht schweigen. Jene große, kostbare Stunde stand vor ihr, wo Daniel Jesus zwischen Tränen und Glück ihren weinenden Mund geküßt hatte. In der alles offenbar wurde und das Wunder in ihr Leben gekommen war, zum ersten Male seit Jahren.

Vielleicht auch in sein Leben – dachte Valeska. Mit bunten Schlacken hatte er gespielt und mit dem flackernden Zauber seines Herzens. Er war nicht glücklich dabei geworden. Aber er mußte es werden. Sie mußte ihm die Liebe bringen, die ihm gehörte, heute noch. Sie war nicht gestorben, wer log das nur? Sie hatte einen bösen Traum gehabt, und der war jetzt vorüber.

Es stieg eine hohe und leuchtende Nacht, gerade so wie jene, von der Daniel Jesus erzählt hatte. Der Mond hatte über den Boden ihres Schlafgemachs einen wundervollen, sehnsüchtigen Teppich gerollt, und nur noch ihr Bett stand im Dunkeln. Sie erhob sich und sprang im Hemde in die Stube. Ihre schönen, weißen Füße standen im Licht, und ihr bernsteingelbes Haar verdeckte zur Hälfte ihr Gesicht, das bleich und regungslos auf jemanden wartete. Da ging sie zögernd mit kleinen kindischen Schritten zu der alten Rokokotruhe und nahm einen schimmernden, weichen Mantel heraus, eine ruhige, träumende Seide, und ihre Füße flohn vor dem Mond in zwei tiefblaue, winzige Pantoffel. Dann schlug sie den Mantel um ihr Hemd und drückte die Tür auf. Unhörbar schlich sie durchs Haus und tappte die Stiegen hinunter und öffnete mit dem schweren, eisernen Schlüssel das Haustor.

Durch die weiße, glänzende Gasse flog der Wind. Es war warm und wollüstig, und der Frühling goß einen rieselnden Schauer auf die Kirchen und Dächer der Stadt, und der Spätmärz rief mitunter laut und vernehmbar irgend ein Wort aus der Ferne. Und oben auf dem Rücken des schauernden Windes schwamm der Mond wie eine Braut, die auf die Hochzeit harrt.

Marta Bianka lief. Sie wußte nicht, wohin, und sie dachte nur dunkel und unbestimmt an ein helles, schlankes Haus, das sie einmal gesehn hatte, als sie mit ihrer Mutter im Wagen vorüberfuhr und die Gräfin etwas sagte, das sie vergessen hatte. Und dann – das war sie ja gar nicht, jenes Mädchen im Wagen. – Wer war das nur? – War das nicht Marta Bianka? – Marta Bianka – natürlich. Sie hatte sie einmal sehr lieb gehabt, es war eine stille Träumerin, aber sie war noch jung, viel zu jung für die Liebe.

Wohin ging sie denn eigentlich? Sie war doch Valeska und mußte die Liebe zu jemandem bringen, heute nacht. Er wußte noch gar nicht, was sie ihm brachte.

Sie lächelte.

Er wird staunen, dachte sie und merkte es gar nicht, daß die Straße ihre beiden kostbaren Pantoffel mit den traurigen Perlen gestohlen hatte und daß sie jetzt mit bloßen Füßen über die Steine lief.

Er wird glücklich sein und wird sie küssen. Und sie wird niemals mehr fortgehen und sich den Kopf zerschmettern wie in jener Nacht. Sie wird bei ihm bleiben und nicht von ihm gehn. Er war gut und hatte Augen wie ein Kind, er würde den Weg zum Frieden finden.

Er – ja, wer war es nur? – Ein Windstoß blies sie an, und eisiger Frost durchrann sie. Großer Gott, das hatte sie ganz vergessen! Sie war so verwirrt und irr durch die Liebe. Und die Tränen stiegen in ihre Kehle. Sie suchte hastig und angstvoll in ihren Träumen und weinte. letzt stand sie draußen auf der Straße barfuß und in Hemd und Mantel und wußte nicht, zu wem sie ging.

War sie denn nicht Valeska? Und da mußte sie doch zu Daniel Jesus gehn –. Sie erinnerte sich jetzt ganz genau. Der hatte es ja ihrer Mutter erzählt, und sie stand in der Tür und hörte zu.

Ihre Füße wurden müde und schleppend wie die einer Kranken.

Zu Daniel Jesus also – dachte sie. Aber wie war das nur? Das konnte gar nicht sein. Den liebte sie gar nicht. Der, den sie liebte, war anders. Er war jung und schön und hatte einen sehnsüchtigen Mund. Manchmal, da ging ein Fieber über sein Gesicht, und seine Augen blieben stehn wie im Traum.

Marta Bianka sah auf. Vor ihr stand hell und schlank mit silbernen Fenstern ein Haus. Sie drückte das Schloß, und die Tür sprang auf, Sie wunderte sich, daß sie nicht verriegelt war, und mußte dann wieder daran denken, daß es nicht anders hätte sein können, und daß ihr Leben ein Zauber war.

Diese Nacht und ihre Liebe mußten so sein. Und leise stieg sie die Treppe hinauf und trat ein.

Zu wem geh ich eigentlich? – dachte sie vergrämt und schloß die Türe hinter sich zu.

Dann stand sie schön und schweigend in dem weißen Zimmer und sah dem Baron von Sterben in die großen Augen, in denen vor kurzem noch ein wilder und banger Traum geglüht hatte.

Sie stand auf dem Eisbärenfell vor seinem Bett, und ihr nackter Fuß zertrat das Blut von Hagars Munde, das unter den Küssen des Barons aus den zerrissnen Lippen getaumelt war. Ihr weicher, zärtlicher Mantel tat sich auf, und Baron Sterben sah, daß sie mit bloßen Füßen im Hemde zu ihm gekommen war. Ihr gelbes Haar verdeckte ihre Augen, und sie sagte:

Das Tor von der Straße stand offen, und ich ging hinauf. Aber wie kommt es, daß Du Deine Tür nicht verschließest, wenn Du schläfst?

Da ging ein Lachen durch die Seele des Barons.

Marta Bianka – rief er.

Marta Bianka – ich hab sie seit Jahren offen gelassen – für das Glück.




Schuster Anton hatte ein seltsames, wunderbar verwirrtes Mädchen aus dem Dorfe mitgebracht, in jener Nacht, als Daniel Jesus sein großes und verwegnes Gauklerspiel mit der Liebe Margaretens spielte. Blond und dünn wie eine Heilige sprach sie mit keinem und tat auch nichts. Die Leute im Dorfe, die an ihre Träume nicht glaubten, waren froh, als der Schuster sie mitnahm, denn sie war eine Waise, und sie wußten nicht, was sie mit ihr beginnen sollten. Jetzt wohnte sie in seinem Hause, und seine kleine Gemeinde liebte sie und lauschte andächtig und scheu ihren inneren Geschehnissen, wenn sie an langen Gebetabenden zwischen Liedern und den tollen ekstatischen Schreien der Schustersfrau lächelnd und heiter in einen schönen und heißen Schlaf kam und dann mit hartem, zersprungnem Munde von dem Bilde redete, das Tag um Tag in ihre Seele fiel wie das Licht von einem leuchtenden Spiegel. Oft ging es auch wie eine Wolke über ihren Traum, wenn dann der Schuster zu ihr kam und ihre fliegenden Hände hielt. Dann sprach sie heiser und stockend von einem bösen und gewaltigen Messias der Sünde, der sein Reich neben dem seinen gebaut habe und das Reich Gottes zerstören werde. Von bunten und zerbrochnen Tagen, die vor der Türe ständen und in der nächsten Stunde kämen, wo sie alle unter der Peitsche des Satans keuchen würden, als ob ein Wind ihnen alle Gebete genommen hätte. Dann wird der böse Feind das Reich seines Herzens über euch werfen wie einen Fluch. Und keiner wird fehlen in seinem Gefolge. Keiner.

Auch Du nicht –

Auch Du nicht –

Sie rief es dem Schuster in das totenbleiche Gesicht und sank bewußtlos in seine Hände.

An diesen Abenden ging ein Graun durch die Seele der Beter. Sie fürchteten sich unsagbar vor diesen Dingen, von denen das verzückte Mädchen redete und vor dem Tag, der ihnen den Weg zum Frieden aufs neue nahm. Wo sie wieder arm und gehetzt im Dunkeln taumelten, trunken vor Angst und vor der Verzweiflung. Wo ist der Feind? schrie es in ihnen – daß wir ihn töten!

Und langsam, wie ein schwarzer, gurgelnder Blutstrom, der über ihre Augen und ihre Hände floß, rang sich ein Name von den Lippen wie ein letztes Stöhnen:

Christus! Christus!

Frau Margarete wußte, wer der Feind war. Sie sah auch das Reich, gerade so wie es das ohnmächtige Mädchen schaute, sein Reich, wie es groß und herrlich und finster in ihre Herzen fiel, daß sie nimmer dagegen kämpfen konnten. Es kam und kam, und sie alle waren müde und mutlos. Sie vermochten nichts mehr. In ihm aber war eine Kraft, stahlhart und ungebändigt, die hoch und siegreich aus seiner Seele kam, ruchlos und ohne Scham, die sich berauschte an der eignen Missetat und die Glut und Sünde hatte und Schönheit. Sie wußte nicht, ob diese Seele einmal im Leben aus dem irren, flackernden Tanz seiner Begierde in eine Stunde hineingeflüchtet war, die mit ruhigen, guten Händen sein jagendes Herz ergriff und ihm die Straße zeigte, nach der sie alle suchten, über die Liebe vielleicht oder über Gott zum Frieden, Das aber mußte eine heilige und schmerzhafte Liebe sein, aus Wunden und Schlacken geboren und jählings offenbar. Frau Margarete glaubte nicht an eine solche Stunde in seinem Leben, denn die Geschichte Valeskas kannte sie nicht. Sie kannte nicht den tiefen, moortiefen Grund seines Herzens, in dem zwischen grünen, felsigen Kerkern und wilden Korallenschlössern, zwischen den schwarzen, gespenstischen Schatten der Steine und den schaurigen Fahrten der Meerfrau seit vielen vergeudeten Jahren in einem kleinen Haus ein blasses, wunderbar verhärmtes Gesicht mit den verlöschenden Augen der Sehnsucht sich an die Fensterscheiben drückte und nach dem Schiffe der Meerfrau sah. An dieses Haus und an dieses Fenster hatte Daniel Jesus fast schon vergessen. Jene andere große und törichte Sehnsucht führte ihn durch die Wunder und die blinden Lichter der Täuschung steuerlos irgendwohin. Es hatte einen sonderbaren und großen Reiz für seine Seele, daß sie nicht wußte, wohin sie fuhr, und wo das Riff war, das das Schiff der Meerfrau verschlänge. Damals, in Jener hellen, kostbaren Mondnacht, in der Nacht Valeskas, war es ihm unter den suchenden Augen wie die Barke des fliegenden Holländers in der Weite verschwunden. Es wäre niemals wiedergekommen, und er hätte in dem Hause mit dem weißen Fenster lange und lange gelebt und seine abenteuernde Sehnsucht – die wäre wie ein Traum von ihm gegangen. Aber das Blut Valeskas wollte es nicht. So fuhr er denn weiter ins Dunkle hinein. Und er erhellte seinen Weg mit den roten Bränden seiner Wünsche und Taten. Sein Herz war stark, und er vermochte viele Menschen damit zu bezwingen. Er konnte das Reich Schuster Antons wegblasen wie der Sturm ein Boot. Was ging ihn ihr Notruf und ihr Schrei nach Hilfe an. Die alternde Frau des Schusters wollte er mitnehmen ein kurzes Stückchen seiner Fahrt. Er wollte ihr brandrotes Haar wie eine Leuchte durch den Abend führen, der voll von den stumpfen, glotzenden Fischen und wunderlichen Wolken war.

Frau Margarete sah umher. Sie sah die Menschen feige und geknickt auf der Erde liegen und atmen. Ihre Gebete kamen wie ein Schluchzen zu ihr hinauf und rannen über ihren Leib beinahe wie eine sinnliche Berührung. Sie stand und schaute zu ihnen hinunter. In viermal zwölf Stunden waren es sieben Tage, seit Daniel Jesus ihr befohlen hatte, zu kommen. Sie mußte sich schmücken und schön sein. Ihr blühendes, glutrotes Haar mußte sie kämmen und wieder um ihren Kopf wie eine Krone binden. Und ihren wilden Leib wollte sie kastein für ihn, damit seine Lüste ihr Blut nicht leer und ohne Flammen fänden, damit sie eine rote Stunde um einen Körper legen könnte wie ein brennendes Tuch. – Auch der Schuster stand aufrecht und gerade wie ein Baum. Er wußte nichts von dem Kampfe Margaretens und ahnte nur alles, was sie litt, wenn er ihre Stimme in den frommen Liedern taumeln hörte, die sie abends sangen. Es kam eine Traurigkeit und eine barmherzige Strenge über ihn. Von den Erlebnissen jenes Abends, da sie in Scham und Liebe zitternd vor Daniel Jesus stand, nackt und voll Demut, hatte ihm niemand ein Wort gesagt, und er fragte auch nicht danach. Er hatte damals einen großen Schrecken in den Augen seiner Frau gefunden und gewartet, bis sie zu ihm käme, um ihm alles zu erzählen. Sie kam nicht und schwieg, und er überließ sie ihren Zweifeln. So ein bischen Verachtung erhob sich in ihm für diese Menschen, die mit Gott und dem Teufel zankten, die nicht beten und nicht sündigen konnten und mit tastenden Händen im Finstern standen ohne Licht. Auch Margarete war so eine. Nur besser als die andern und sie lag nicht auf der Erde wie jene. Sie stand aufrecht wie er und ließ sich schütteln. Wie hatte er sich früher groß gefühlt neben diesen allen! Er war stark, und seine Seele hatte kein Fieber. Er hob seine Hände weit empor, hoch über alle andern und rief zu Gott. Und Gott war immer gekommen bisher und hatte ihm geholfen, seinen Glauben zu tragen. Er hatte gemeint, daß er wirklich der Messias dieser Armen und Kranken sei, die zu seinen Füßen weinten wie die Kinder. Nicht Christus und kein Prophet, aber ein starker und ruhiger Mensch, der sie durchs Leben hätte führen können bis zum Ende. –

Und nun kam dieses Mädchen da, diese blonde Heilige, deren Verstand von Visionen zerrüttet war, und sagte ihm, es sei alles umsonst gewesen. Es sei ein andrer und schlimmer Prophet gekommen, um sie zu züchtigen. Und sie alle würden unter seiner Peitsche den Rücken krümmen, hilflos und bereit, ihm zu dienen.

Auch er! Auch er!

Schuster Anton sah umher. Ueberall sah er Lippen, die Gebete sprachen, und Hände, die sich falten wollten vor der Gnade. Wo war nur der Feind? fragte er sich wie jene, wo war er nur? Und sein totenbleiches Gesicht zuckte vor Qual.

Ihm zu Füßen lag Hagar, die Zigeunerin. Seit dem Abend, da sie dem Baron mit der Hand ins Gesicht geschlagen hatte, war das Gift in ihrem Blute wie ein böses Kraut toll und verderblich geworden. Es wuchs und blühte unter ihrer Haut und nahm ihr das Lachen aus der Kehle und quoll unter ihren heißen Nägeln hervor, wenn sie in Gier und Entsetzen ihre Zähne in die Finger grub. Sie war damals noch am selben Abend aus dem Hause des Barons gegangen, und keiner wußte, wo sie seit jener Zeit aß und schlief, und was sie tat. Jeden Abend kam sie zu dem Schuster Anton, wenn alle die Menschen da waren, um zu beten, und legte sich neben ihn zu Boden. Sie sah ihm zu, wenn er sprach und sang, und ihre Augen tranken seine Geberden. Ihr Mund sprach wie im Irrsinn alle Worte mit, die er zu seinem Gotte sagte, und keuchte nach seiner Liebe. –

Schuster Anton sah die Zigeunerin. Er sah, wie sie den Kopf zurückwarf und aus ihrem klopfenden, gespannten Halse ein Röcheln kam. Er sah ihren magern Leib, der sich zu ihm hinaufbog wie der einer Katze. Da war es ihm, als ob er heute zum erstenmal in ihre Augen schaute. Tief und schimmernd brannten sie auf seiner Wange, auf seiner Stirn und seinem breiten, häßlichen Mund. Sie kletterten an seinem Körper empor und machten ihn zittern. Sie brachten ihm Glut und Kälte und machten seine Gebete lahm wie die seines Weibes. –

Da kam ein Entsetzen über ihn, sinnlos und ungeheuer, daß er schrie. Die röchelnde Zigeunerin wand sich am Boden und küßte, seine Füße. Der Schaum stand vor ihrem Munde und flog hinauf zu den harten Händen des Schusters und war heiß wie siedender Schnee. –

Er schleuderte sie mit einem einzigen Tritte weit in die Stube, daß sie mitten unter die Beter fiel.

Das war der Feind – ging es durch seine Seele, die voll Angst und Schrecken hing. Jetzt war er verloren, das fühlte er, und er hob noch einmal hoch und mächtig seinen Leib und trug seine großen, roten Fäuste in die Höhe und rief:

Komm niemals wieder, Zigeunerin, komm niemals wieder.

Scheu und geduckt schlich Hagar aus der Tür. Und alle wußten, daß sie trotzdem kommen werde, denn alle hatten ihre Augen gesehen und fürchteten sich.




In der dicken zitternden Luft schwamm der Schweiß wie eine Wolke. Die Gesichter waren rot, und in allen Augen saß eine finstere und lauernde Entschlossenheit. An den grünen Wänden liefen die Schatten der Tanzenden flackernd und zackig einander nach und ertranken mit einemmal in dem dunklen Winkel der Tür. Aber wieder und immer wieder kamen sie ins Licht. Immer dieselben, lang und hastig, mit übereilten, verbotenen Gebärden, stürmisch und ungeduldig, mit lächelnden Köpfen in einem irrsinnigen verzerrten Takte.

Das wilde Brett spielte einen Walzer. Atemlos und eigensinnig schnell und ohne Melodie. Die Töne kletterten in die stickige Luft hinauf, hoch, ungeheuer hoch, bis zu der trüben zerfließenden Decke und fielen dann mitten hinein in den Saal, steil und senkrecht vor die Füße der tanzenden Paare, die sie mit harten und unbarmherzigen Füßen zertraten, daß sie aufschrieen vor Zorn und vor Schrecken. Es fehlten ein paar Saiten im Leibe des wilden Brettes. Mißmutig und ärgerlich stand es auf drei Füßen in der Ecke und zeigte in den Pausen, wenn der Atem der Leute nach dem Tanzen schwer und regelmäßig durch das Zimmer ging, wie der Ton der Dreschflegel in der Scheune, ein unsauberes, bösartiges Gebiß. Gelb und schadhaft waren die Zähne des Klaviers. Aber es schlief eine mißtönige und bodenlose Begierde in ihnen, eine arge und unentrinnbare Folter der Freude, und wenn der Musiker mit den schielenden Augen die Tasten berührte, dann rief und lockte seine häßliche heisere Stimme, dann wuchs ein Zauber aus ihm hinauf, hoch und höher, der alle erfaßte, dem niemand entfliehen konnte, der das Verlangen rüttelte und gellend das Leben wachrief und seine heimlichsten und gefährlichsten Wünsche. Das wilde Brett nannten es die Leute, die hier zusammenkamen. Eine bunte und seltsame Gesellschaft war in dem Raume: Blutjunge, blasse und frivole Gesellen mit scheuen, zuchtlosen Händen, und lüsterne, gemeine Weiber mit roten, gierigen Lippen und straffen, drängenden Brüsten, die alle wie in einem schweren Traume die Wände anstarrten und sich von den Männern beinah tragen ließen im Tanze.

Wieder und wieder spielte das wilde Brett seinen einzigen, kreischenden Walzer. Rasend und mit einem großen, dumpfen Laut fing die Menge an, langsam sich in der Runde zu bewegen. Dieses Volk liebte die Nacht. Da wurden hundert verwegene Gedanken frei und zahllose Vorsätze und Pläne. Nicht reif und klar geordnet, wie der Tag sie bringt, ziellos und verschlungen, undeutlich, und keiner konnte sie entwirren. Zwischen den breiten, bunten Säulen, die der Staub vor die rauchenden Lampen baute, sahn die Jungen Männer trunken und stumpf in ihr Leben. Die Frauen schlossen die Augen und warfen den Kopf in den Nacken und sahen nichts. Sie fühlten, wie eine schreiende, tosende Welle ihren Leib fortspülte und rot und heiß über ihnen zusammenschlug. Versprechungen wurden gegeben und die Treue wurde gebrochen wie im Rausch. Sie wußten nichts mehr und kannten nichts mehr und ließen sich führen und tragen, zitternd vor Sehnsucht, die jede Erinnerung aus ihrer Seele nahm. Eingelullte, böse Worte standen auf und erdrückten sie. Und dazu spielte das wilde Brett seine jagenden, inbrünstigen Tänze.

An der Wand zerflatterten und zerfielen die blinden grotesken Bilder der Menschen. Immer sprangen sie wieder auf und haschten einander im Wirbel. Und mitten darunter flogen zwei Schatten durchs Licht, ungezähmt wie die andern und in das Fieber versunken wie alle, aber schön und hoch unter ihnen. Schlank und biegsam das Weib, mit edlen und mühelosen Händen und einer großen verhaltenen Sinnlichkeit in ihnen, – Jung, stark düster der Mann, mit knochigen nervösen Füßen und einem Kopf wie ein Büffel. Herb und gespenstisch lief an den grünen Wänden das Bild, und vor ihm flohen all die schwarzen Gestalten, eilig und atemlos wie in einer tödlichen und dunklen Angst, und verkrochen sich bei der Tür. Gell und lachend schrie das wilde Brett, und immer wenn die zwei Schatten an dem Klavier vorüberkamen, warf der eine dem schielenden Musikanten ein Silberstück auf den Teller, daß er jauchzend und tief in die Tasten fuhr und weiter spielte, weiter und ohne Erbarmen, obgleich das Lied schon längst zu Ende war und die Menschen schon keuchten unter der Last.

Valentin und die Gräfin Regina tanzten. Sie war nachts mit dem jungen Schauspieler plötzlich und ganz allein in diesen Saal gegangen, wo die gemeinste Sünde berauscht und widerlich ihre Zoten stammelte. Wo die Wünsche, von den Ketten befreit, im Kreise irrten und unzüchtig einander in die Gesichter starrten.

Kommen Sie hin! sagte sie zu ihm, als er ihr davon erzählte.

Und während er sie noch lächelnd und ungläubig ansah, war sie schon aufgestanden und winkte ihm:

Jetzt, jetzt gleich! Nehmen sie schnell Ihren Rock, es ist schon spät. – –

Sie wurde ihm immer mehr ein Rätsel. Er wußte nicht, wie hoch oder wie tief er sie zu nehmen habe, daß sie ihn nicht überrasche und überwältige durch ihr Wesen. Es war eine dumpfe und unterdrückte Wut in ihm gegen dieses Weib, das er liebte und mit dem er kämpfen mußte, damit sie ihn nicht belüge. Wer war sie, und was wollte sie mit ihm? Was begann sie? Warum wich sie seinen heftigen, glühenden Worten aus und sah ihn dann wieder an, das ihm die Pulsadern im Halse stehen blieben und über seinen Rücken ein Frostschauer lief? War sie eine Büßerin oder eine Dirne, und warum ging sie heute auf einmal mitten in der Nacht mit ihm in dieses Lokal? War sie lüstern nach Sensationen und wollte sie ihr gealtertes Blut erhitzen, um sich eine Täuschung vorzugaukeln? Oder war sie zu feige zum Laster und wollte sich an seinem Anblick betrinken wie an einem Wein?

Er dachte an ihre weißen, durchsichtigen Hände, die soviel Güte und Weisheit hatten und zwischen deren bleichen Fingern eine schmerzliche Sinnlichkeit wie eine rote Blume wuchs. Ein grausamer Trotz überkam ihn, dieses Weib zu zwingen und sich zu eigen zu machen, früher oder später! Regina tanzte noch immer mit Valentin. Sie lag in seinen Armen, aufgelöst und machtlos, mit verzerrtem Munde. Zu ungezählten Malen waren sie schon beim Klavier vorübergekommen, und immer wieder warf Valentin Geld auf den Teller. Sein ganzes Vermögen hätte er so vertanzt. Seine tiefen brennenden Augen waren heiß und sieghaft und groß. Sein wilder, düsterer Kopf beugte sich vor, und er fühlte auf seinem Gesicht den Atem Reginas. Seine breite Brust hob sich hoch, und ein sonderbar gurgelnder Ton zerbrach in seiner Lunge. Er hatte die Gräfin brutal mit beiden Händen gefaßt und drückte ihren zuckenden, hilflosen Leib an den seinen. Er zog sie im Tanz in das dichteste Gewühl und preßte seine Knie zwischen ihre Schenkel, während das wilde Brett in der Ecke lärmte und wieder von neuem anhub.

Allmählich sanken die andern keuchend auf die Bänke. Aber der Musikant, verwirrt von Valentins Gelde, spielte weiter. Immer lichter wurden die Reihen, und viele Paare blieben wie besinnungslos liegen. Hinweg über sie gellte die Musik.

Immer weiter – vorwärts – von neuem – der Walzer – immer der Walzer.

Durch den weiten, gaffenden Saal fliegt ein einziges Paar. Die Leute stehen an den Wänden und sehen trunken zu, wie sich die Gräfin Regina mit Valentin in einem tollen, unzüchtigen Wirbel dreht, schweißbedeckt und bewußtlos, wie im Wahnsinn.

Da schreit plötzlich das wilde Brett wie verzweifelt auf und schweigt. Ein langer ächzender Ton klingt noch zur Decke. Dann ist es ruhig. Valentin und die Gräfin Regina sind in der Mitte des Saales zusammengebrochen und auf die rauchenden, staubigen Dielen gestürzt. Die Gräfin liegt wie eine Leiche lang und bleich auf dem Rücken, und ihre Hände sind links und rechts an ihrem Leib herabgesunken und regen sich nicht. Ueber ihr, das Gesicht nach unten gekehrt, liegt Valentin und aus seinem Munde fließt das schwarze, schäumende Blut wie ein Bach durch ihr Kleid bis auf ihre weiche, gelbe Haut und läßt sie erwachen.

Eilige, rohe Hände trugen sie hinaus ins Dunkle und wollten helfen.

Regina aber schickte sie fort. Sie öffnete ihr Kleid und ließ sein Blut in ihr heißes, seidenes Hemd rinnen und küßte ihn.

Er schlug die Augen auf und lächelt:

Liebst Du mich, Gräfin?

Und sie küßte ihn und sagte: Es muß wohl so sein, Valentin – und wischte ihm das Blut aus den Augen mit ihrem Hemde.

Und wann wirst Du – flüsterte er.

Noch nicht – – noch nicht, Valentin.

Die Augen des Kranken wurden finster.

Marta Bianka liegt jetzt in dem Bett des Barons. Die ganze Stadt weiß es, und Du weißt es auch. Worauf wartest Du noch?

Die Gräfin war bleich geworden und zitterte.

Dann sagte sie leise:

Ich warte bis alle am Ende sind. Nach Marta-Bianka kommen nicht mehr viele. Ich will die Letzte sein, Valentin.

Sie küßte ihn noch einmal auf den Mund und stand auf. Und raffte ihr Kleid zusammen und lief auf die Gasse. Schnell und geradeaus wie im Traum. Und sein Blut klebte an ihrer Haut wie brennende Seide.




Seit jenem Abend, als er seine Mutter dem buckligen Jesus preisgegeben hatte, war über Josef eine tiefe und seltsame Traurigkeit gekommen. Seine wilde, unbändige Seele floh vor dem Erlebnis dieser Nacht erschreckt und verwundet, und ließ ihn in seinem leeren, haltlosen Leben zitternd und angstvoll zurück. Nun stand er wie ein furchtsames Kind im Dunkeln. Ihn Quälte keine Reue, und machte ihn unsicher, aber die große, böse Stunde stieg aus Trunkenheit und Träumen wie eine Säule auf, um ihm ein Zeichen von Gott zu geben. Sein hartes, blindes Herz war schwer geworden vom Blute der Scham.

Er blieb der einzige im Hause, dem Marietta nicht aus dem Wege ging. So hieß das blonde Mädchen aus dem Dorfe. Sie sprach mit keinem, der sich ihr näherte, auch mit dem Schuster nicht. Nur wenn im Gebet der Schlaf über sie kam, konnte sie mit allen reden. Am Tage wich sie beharrlich aus, und wenn sie jemand etwas fragte, dann sah sie lange in sein Gesicht und verstand ihn nicht. Aber wenn sie auf die bleichen, glühenden Hände des Schreibers blickte, der sich leise über die Stiegen durch die Küche in sein verfallenes Zimmer tastete, wurde ihr Mund freundlich und heiter, und sie ging zutraulich zu ihm und sprach ihn an. Das erste Mal wollte er sich verwundert und mürrisch vorüberdrücken, ohne Antwort und ohne Gruß. Da sah er in ihre weiten schimmernden Augen, die groß und ohne Grenze über alle Dinge gingen, und blieb stehen.

Du bist krank, und deine Lippen sind weiß wie die eines Mörders – sagte sie zu ihm.

Dein Mund ist wie der Honig – gab er zurück und konnte nicht weiter reden, weil ihre Augen ihn hielten und seine Stimme erstarrte. So blieb er stehen und sah ihr nach, wie sie in ihr Zimmer ging. Seit dieser Stunde sprach er oft mit ihr. Harte, abgebrochene Worte, hastig vor Heimlichkeit, damit die andern nicht hörten, was er sagte. Und er war fromm, wie früher die Zigeunerin neben dem Schuster, kniete jetzt er neben Marietta und sah sie an, während sie betete. Leise und demütig kam ei abends zur Tür herein, wenn die Andacht begann, blickte keinem ins Gesicht, wußte kaum, daß jemand da war außer ihr. Nur wenn ihn das böse Auge seines Vaters streifte, zuckte er zusammen und senkte den Kopf noch tiefer über seine gefalteten Hände, und er wandte sich ab, wenn Marietta zu ihm hinüberschaute. Und langsam und unentrinnbar fiel in sein Herz der Glanz der lauretanischen Litanei und machte es blind, und betäubte es. Das war das Gebet, das lange, tiefe, inwendige Gebet, das Marietta sagen mußte, weil es der Muttergottes gehörte und weil sie ihre Dienerin und Sklavin war, und weil sie mit lebendigen Augen sie selbst gesehen hatte, groß und selig, die Königin.

Wie ein wundervolles, glühendes Lied drangen die Worte der heiligen Litanei in die Seele der Beter, in die Seele Mariettas und des Schreibers und verwirrten sie. Wie im Taumel sprach er nach, was alle rings um ihn eintönig und heftig voll brennender Angst in die Fensterscheiben riefen. Hinter dem weißen Vorhang sah er die Sterne am Abendhimmel stehen, zittrig und bleich, und dennoch wie die Zacken eines großen und tröstenden Diadems. Er hob die Hände und stammelte:

Bitt für uns!

Bitt für uns!

Es war eine hohe, singende Welle in ihm heute Abend. Er hörte neben sich Marietta sprechen und an ihrer verweinten, gläsernen Stimme erkannte er, daß er noch diese Nacht die Küsse ihres Mundes trinken werde wie jungen Wein. Deine Lippen sind rot wie der Honig, hatte er ihr einmal gesagt. Wie wilder Honig, dachte er, wenn ihn die Bienen im Walde sammeln, und der Wind und die Sonne und der Regen geben ihren Duft dazu. – Er lauschte dem seltsamen Klang ihres Gebetes und hörte, wie sie sich in dem goldenen Zauber ihrer Liebe verlor, wie in einem Wunder, wie sie darin versank, wie in einem Teich. Der heiße Schlaf der Vision fiel über Marietta, und ihr Kopf sank an die Schulter des Schreibers. Ihre Hand zerbrach beinah die seine in einem wilden, verzehrenden Entzücken^ als sie zwischen den hölzernen Rahmen des Fensters das Antlitz Marias erblickte. Und Josef sah in die Augen Mariettas, die in die Ferne irre gingen wie durch einen goldenen Wald. Ihre armen, zersprungenen Lippen redeten weiter. Durch einen Schleier kamen die Worte stoßweise, wie im Glück.

Du geistliche Rose –

Du gütige Jungfrau. –

Und heiser im Chor, angstvoll und taumelnd klang die Antwort der andern, von Mühseligkeit gequält, von Bangnis zertreten.

Bitt für uns!

Bitt für uns!

Die Hand Mariettas kroch in den Rockärmel des Schreibers und bohrte sich im Fieber mit weißen Nägeln in seinen nackten Arm. Auch über ihn kam fast von Zeit zu Zeit, wenn er die Augen schloß und lauschte, wenn er im Dunkeln mit den andern betete, der Lichtglanz der Vision. Dann trug ihn die springende Welle der lauretanischen Litanei in eine schöne, silberne Landschaft, und sein früheres Leben war versunken wie ein Traum. Eine Hängematte schaukelte draußen vor dem Fenster, wo vor einer Weile noch die Muttergottes mit der Krone stand. Und drinnen lag weit ausgestreckt die blonde Marietta in dünnem blauen Kleide. Um die nackten Beine schlangen sich schmale Metallstreifen, in denen rote Rubinen brannten. Und sie sah ihn an, ihn ganz allein, und ihre Augen gingen in den seinen irre wie in einem goldenen Wald.

Er hörte ihre verzückte gläserne Stimme wieder.

Du Arche des Bundes –

Du Turm Davids –

Du elfenbeinerner Turm. –

Und er hörte auch, wie ihre Stimme sich neigte und kippte und deutlich, ganz deutlich langsam zerbrach:

Du Morgenstern –

Du goldnes Haus. –

Erbarme dich unser! schrie der Schreiber auf, daß plötzlich die Gebete der andern verstummten und es still und reglos wurde in der Stube des Schusters. Und alle sahn mit Staunen und Entsetzen, wie der Schreiber die blonde Marietta in den Armen hielt und wieder und wieder ihren Mund küßte. Und Marietta, die blonde Heilige, lag bleich und lächelnd in seinem Schoß und griff mit ihrer mageren Hand in sein struppiges Haar und streichelte es.

Erbarme dich unser! rief noch einmal der Schreiber und küßte sie.

Dann stand er auf, nahm mit beiden Armen den kleinen Körper Mariettas und trug sie zur Tür hinaus. Ihr blasses Haar hing wie ein Band an seinem Leib herunter, und ihre Hände suchten seine nackte Brust.

Der Schrecken lähmte alle, und keiner hatte ein Wort gewagt. Jetzt schloß sich die Tür hinter den beiden, und Josef und Marietta waren im Dunkeln.

Am Ende der großen Straße standen die Sterne in einem goldnen Haufen beisammen. Und da Josef und Marietta nicht wußten, wohin sie gehen sollten, wandten sie sich den Sternen zu und kamen ihnen langsam näher. Sie schritten nebeneinander und hielten sich wie die Kinder bei den Händen. Und als Marietta aus ihrem Schlaf ein wenig zu sich selbst zurückkehrte, fragte sie den Schreiber, was das alles bedeute und daß sie ihr Herz nicht mehr erkenne und ob dort rückwärts bei den goldenen Sternen die Muttergottes sei.

Und Josef erklärte ihr, was er selbst kaum wußte, daß die Liebe das Herz und auch das Leben verändere, wie sie es mit seinem Leben getan habe.

Sie faßte ihn um den Hals und schaute auf seinen Mund, während der Schein der Milchstraße sein Gesicht umfloß.

Wie kommt es, daß deine Lippen nicht mehr so häßlich sind und so weiß wie die eines Mörders?

Da küßte sie der Schreiber und mußte an den wilden Honig denken, den im Walde die Bienen bereiten.

Und sie gingen beide die Straße weiter, dorthin, wo die Sterne in einem gelben Haufen beisammenstanden und fragten nicht mehr.

Sie sind nie wiedergekommen – nie.




Es zogen jetzt Abende über die Stadt, die mit leisen, verschüchterten Fingern an den Giebeln der Häuser tasteten und mit der Sonne sparten, die in roten Wolken verhüllt war. Und wenn der Wind an den Fenstern der Gräfin Regina vorbeiflog, stockte er eine Weile und suchte in dem Dämmer des Salons nach den gelben Haaren Marta-Biankas und nach ihren Augen. Die standen groß und schimmernd im Hintergrunde, dort, wo es am dunkelsten und stillsten war, und sahen zu den Wolken, die mit Seide und Damast den Himmel verbargen. Die Augen Marta-Biankas waren wie eine Tür in einem hellen Saal. Nicht tief, wie die der Gräfin. Aber sie blieben lange Stunden treu an einem Bilde oder einem Munde und konnten wundervoll leuchten. Sie hatten einen Grund wie ein Bach mit kleinen Kronen und winzigen Zacken, als hätte dort jemand goldnen Lack verstreut. Jetzt blickten sie starr und schimmerten, und wollten nicht von den Wolken fort, und blieben dort beinah den ganzen Tag. Sie zuckten nicht und ließen es ruhig geschehen, wenn aus der Weite ihres Herzens, fern, ganz fern, eine Träne aufstieg, die auf den Teppich niederfiel und glühte. Marta-Bianka weinte. Sie weinte in einer verwunderten, heftigen Traurigkeit, die sich in ihre Seele verirrt hatte, wie ein Kind, in einem unsagbaren Staunen, daß sie daran nicht zerbrach wie ein Spiegel. Sie wußte nicht, wie lange sie schon weinen mußte. Sie dachte nicht, sie fühlte nur, wie ihre Tränen fielen, mühselig und nach einem langen Weg, brennend wie heiße Steine, die ihr den Hals versengten.

Die Gräfin Regina ging an den bitteren Tränen Marta-Biankas vorüber, ohne ein Wort. Aber ihre Seele war weiß geworden wie der Schnee und wie die Haare an ihrer Schläfe, die ihr der kleine Spiegel hinter dem Vorhang zeigte, wenn sie beim Fenster saß und fror. Ihre Liebe zu Valentin peinigte sie, und sie litt unter ihr. Darum kam es wie große Bangnis, ein zärtlicher, unsagbarer Schmerz in ihr Leben, als sie das Glück ihres Kindes in den bebenden Tränen zerrinnen sah, die in das dunkle Gewebe des Teppichs silberne Schnüre stickten. Sie durfte nicht fragen, weil sie die Seele Marta-Biankas kannte und wußte, wie scheu und schreckhaft sie sich fürchtete. Sie mußte dabei sein, wenn unter dem gelbgoldenen Haar das blasse Gesicht mit den weiten hilflosen Augen wie ein Bildnis wurde, ernst und reglos und ohne Freude. Sie mußte dabei sein und schweigen. Sie sah die Dunkelheit im Herzen ihres Kindes und klagte jenen an, der die Lichter zerblies, die fromm und sehnsüchtig darin brannten. Ihn, den jungen Baron, den sie unter Zweifel und Zagen eine Zeitlang fast geliebt hatte, weil er soviel Trunkenheit und Glück, und ein heißes, vergeßnes Lachen in den Augen Marta-Biankas entzünden konnte, daß sie am Beginne fast gestorben wäre. Und am Glücke zu sterben, wenn es zu groß, zu wild und schmerzhaft für den Leib geworden ist, wenn es die Seele tötet und das Herz verzehrt wie einen Lappen, das müßte der schönste Tod sein im Leben. Daran hatte die Gräfin oft und lange gedacht, wenn die Wangen Biankas weiß und durchsichtig schienen wie die Flamme einer Kerze, und ihre Haare verlöschten und hell und trocken wurden in einem seligen Fieber. Die Gräfin wußte, wie es entstanden war mit dem Baron und ihrem Kind. Valentin hatte es ihr wohl hundertmal erzählt, wenn sie in Angst um diese fremde Liebe in seinen Armen lag, und er sprach immer wieder davon, zwischen Küssen und den lüsternen Wunden, die er mit grausamen Zähnen in ihren Leib graben konnte, weil es sie quälte. Nun wuchs ein Gram und ein Groll in ihr gegen den jungen Räuber, der das Leben Marta-Biankas in die Hände nahm wie eine Schachfigur, der ihr die Liebe aus der kindlichen Seele gezerrt hatte mit dem verwegnen und gefährlichen Spiel seines Mundes, der diese Liebe jetzt folterte und ihr wehe tat – Gott wußte, was er damit begann. Sie hatte schon seit langem nichts mehr von den Beiden erfahren, sie blieb einsam und abgeschieden, und niemand besuchte mehr den roten Salon, weder Daniel Jesus, noch der Baron Sterben, noch sonst wer. Nur Valentin betrat täglich ihr Zimmer, und ihre Kniee zitterten, wenn sie seinen Schritt vor der Türe hörte. Er war böse und gewalttätig. Er schlug sie mit seinen großen, knochigen Händen, daß tiefe Striemen ihre feine, gelbe Haut durchschnitten und sie die Zähne zusammenbeißen mußte, um nicht laut zu schreien. Aber sie konnte ihm nicht mehr entrinnen, er war ihr Herr, und sie kniete vor seinen Füßen und bat um Barmherzigkeit. Dann hob er sie zu sich in die Höhe und riß ihr den Kopf ins Genick und küßte sie, daß sie alles vergaß, daß ihre Zunge schwer und zischend in ihrem Halse hing wie glühendes Eisen, daß ihre Besinnung zerfiel wie ein Kartenhaus, und sie wie ein Gewicht mit stöhnendem Schrei zu Boden sank.

Auch Valentin hörte nichts mehr von Marta-Bianka und dem Baron. Ihre Liebe war von Tag zu Tag immer heimlicher und versteckter geworden. Und die Gräfin stand wortlos und voll Schrecken vor einem Rätsel, dessen Lösung sie bange erwartete. Schon sieben Tage flössen die Tränen Marta-Biankas in den Teppich mit den phantastischen Linien und den dunklen Farben, der den Boden des Salons wie ein Wunder bedeckte. Und sie wurden immer glühender und schmerzlicher. Es war in ihnen ein Glanz von Blut und Traurigkeit, daß sie zuweilen niederfielen wie seltene, schöne, purpurne Steine. Ihre Augen, die groß und schimmernd im Dunkel des Hintergrundes standen, sahen nun schon eine Woche starr und unbeweglich zu den Wolken hinaus und ihre Hände zitterten wie die Blätter des Gartens im Wind. Herb und angstvoll wuchs die Sorge der Gräfin um ihr Kind. Sie wurde krank und häßlich im Kummer, und ihre Geberden alterten. Und jede Träne, die Marta-Bianka weinte, grub eine Linie um ihren Mund.

Marta-Bianka erwachte in einer Mainacht wieder vor dem Mond, der in ihr Zimmer wie ein blühender Baum schien, hell und silbern. Sie hatte von dem Abend geträumt, als sie in bloßem Hemd, mit Mantel und ohne Schuhe durch die Straßen gelaufen war, um das Haus des Geliebten zu finden. Sie schlug die Augen auf und sah die Mutter vor ihrem Bett knien und beten. Der Mondschein flackerte auf den weißen Haaren und dem bleichen Gesicht. Und Marta-Bianka erkannte, daß tausend Schmerzen und Bitterkeit und Angst darüber hinweggegangen waren, seit sie zum letztenmal hineingeblickt hatte, vor wenigen Tagen erst, bevor sie in die roten Wolken zu schauen begann. Da zog eine große, ausschweifende und weite Sehnsucht in ihr Herz. Sie schlang die Arme um den schönen Hals der Gräfin, über den eine arge blutige Schramme lief. Sie küßte die Hände, die für sie beten wollten, den Mund, der so häßlich geworden war in wenigen Tagen, sie weinte wieder und wieder ihre großen, schimmernden Tränen, in denen ihre Traurigkeit und ihr Blut, ihre arme getäuschte Liebe, ihr hohes, klingendes Herz sich fanden und die sich im Lichte des Mondes zusammenflochten wie zu einem Strauß. Und sie erzählte der Mutter alles. –

Baron Sterben war tot. Gestorben in den Armen Hagars, der Zigeunerin. Seit die der Schuster aus seinem Haus gestoßen hatte, war sie zu dem Baron zurückgekehrt. Er versteckte sie vor Marta-Bianka, und während er mit törichten Lügen ihren kindischen Mund verschloß, während seine Hände ihr bernsteingelbes Haar streichelten, stand nebenan im Zimmer die Zigeunerin und wartete auf die Stunde, die ihn wieder ihrem Leibe schenkte und seinen hungrigen Lüsten. Er hatte Hagar verboten, sich zu zeigen, wenn die andere bei ihm weilte, und ihre trotzige Widerrede mit einem Blick zersägt, vor dem sie verstummte. So belog er Marta-Bianka wochenlang, und ihr einfaches, großes Herz glaubte ihm und blickte rot und selig wie die Sträucher in seinem Garten. Bis sie dann eines Tages vor ihm stand und in seine toten Augen sah. Da wußte sie alles. Er lag im Bett, die Zigeunerin neben ihm, und ihre Augen waren in namenlosem Entsetzen stehen geblieben wie eine Uhr. Marta-Bianka war eine Stunde früher gekommen als sonst und ohne zu fragen eingetreten, wie sie es immer tat. Auf seinem Gesicht stand noch das Entzücken der Liebe, an der er gestorben war. Im wirren Taumel zerbrach sein feines und nervöses Herz zwischen der Lust und der Glut der jungen Zigeunerin, die ihn mit ihrem magern Körper getötet hatte wie mit einem Messerschnitt. Die Liebe hatte sein Herz zersprengt und seine Seele zerrissen wie ein Tuch. Die Zigeunerin kniete neben ihm im Bett, ihr Hemd war herabgeglitten und zeigte ihre kleinen, gefahrvollen Brüste. Sie kniete stumm neben seiner Leiche. In wirrem Schrecken starrte sie auf Marta-Bianka, die weiß wie eine Blüte zum Bett des Geliebten trat und ihm in die gebrochenen Augen schaute. Das Entzücken, das ihr daraus entgegenstarrte, verglast und trüb geworden im Sterben, verbrannte in heißem Leid ihr Herz wie eine Flamme. Sie war plötzlich kein Kind mehr. Sie wußte und verstand alles. Ihre Liebe war ein Traum gewesen, eine Lüge von Anbeginn. An einer fremden Liebe war der da gestorben. Das Märchen war vorüber. Er hatte mit ihr gespielt wie mit einem Lächeln. Weil sie Augen wie eine Ampel hatte und bernsteingoldenes Haar. Er hatte ihre Seele und ihren dreizehnjährigen Leib genommen, der beinahe zerbrochen wäre im Glück, wie nun sein Herz an der Liebe der Zigeunerin. Doch er hatte Raum gehabt neben ihr für fremde Augen und fremde Küsse, während ihr Leben voll war bis zum Rand von dem seinigen. Er hatte Platz gehabt neben ihrem Herzen für eine fremde und heftige, zehrende und blinde Leidenschaft, für die er gestorben war, ohne sich an Bianka zu erinnern, fern von ihrem Namen und ganz erfüllt von dem schäumenden Glück einer anderen Stunde, in der er ertrank. Marta-Bianka schämte sich. Sie schämte sich, daß sie ihm angehört hatte und seine Geliebte gewesen war. Sie schämte sich, daß sie sich selbst und ihr ganzes Leben ihm geschenkt hatte, für den sie nicht mehr bedeutete, wie ein Spiel oder eine kleine, lächelnde, verliebte Laune.

Ihre Liebe verflog wie die Staubkrone des Löwenzahns im Spätsommer, wenn der Sturm sie zerstört. Nur das Gift der Traurigkeit blieb in ihr, der großen, unendlichen Traurigkeit, die nur einmal im Leben kommt, wenn unsere besten Stunden vorüber sind und niemals wiederkehren.

Sie sah mit einem langen Blick auf die Zigeunerin, die noch immer von Entsetzen gefesselt neben der Leiche des Barons Sterben kniete. Sie wandte den Kopf und ging nach Hause. Ihr Herz war verdorrt und ihre Seele in Nöten. Und ihre Tränen fielen endlos wie ihr Kummer. Sie schämte sich und bereute. –

So erzählte Marta-Bianka der Mutter die Geschichte ihrer Liebe. Mit großen Augen hörte die Gräfin zu und mit zuckendem Munde. Die Geschichte seines Todes erschütterte sie. Sie mußte an sich und Valentin denken und fühlte das duftende Licht der Nacht auf der Narbe an ihrem Halse spielen. So war die Liebe von Anbeginn, immer und immer wieder, seitdem sie sie kannte, Tränen und Wunden, und Trauer und Grausamkeit. Und sie nahm den Kopf ihres Kindes mit ihren weißen und schönen Händen, zwischen deren Fingern eine bunte Sinnlichkeit flackerte, und bedeckte die Wunde an ihrem Hals mit den Haaren und den Tränen Marta-Biankas. Und sie weinten beide zusammen in dieser Frühlingsnacht und hielten sich mit den Händen und weinten, bis der Mond blaß wurde und am Ende verschwand, und bis drunten im Garten ein Vogel im Schlaf von den Rosen des Sommers zu sprechen begann.




Schuster Anton lag auf seiner Lagerstatt und starrte ins Finstere. Sein Gesicht war bleich im Dunkeln wie eine Maske, und in seiner Seele ging etwas Sonderbares und Großes, etwas Plumpes und Schreckliches wie ein gefesseltes Tier im Kreis herum, und er konnte es nicht erkennen. Seine Augen sahen weiter und weit durch die Decke hindurch, durch die Wände und Dielen, sie sahen in sich hinein, bis sie müde wurden und bis seine Lider zu brennen begannen. Sie fanden nichts. Alles umsonst. Alles zu Ende. Er war allein und mußte immer wieder daran denken, daß er, ein Gottsucher, jetzt nicht einmal mehr beten konnte, weil seine Hände vertrocknet waren in der Angst vor dem Bösen, das rings um ihn geschah, und daß sie sich nicht mehr zu falten vermochten vor der Gnade. Wo war Gott? Wo sein Reich, das er erträumt hatte in den langen und wirren Gebeten, wenn die Menschen zu ihm ihren zerbrochenen Glauben trugen?

Seit einer Woche bereits war Margarete aus dem Hause gegangen. Heimlich und plötzlich, wie ein Gespräch auf einmal verstummt, und Anton wußte, daß sie nie wiederkehren würde. Er schaute mit roten Augen in die Nacht hinein, und die Dinge und die Menschen wurden seltsam und furchtbar in seinem Herzen. Sie waren zuweilen wie Glas, hinter dem er ihre Sehnsucht mit den heftigen, verzerrten Fingern erkannte, die an den gläsernen Wänden rüttelten und pochten, bis sie wund und eitrig wurden.

Eine irrsinnige, haltlose Angst überfiel den Schuster. Der Schweiß fror weiße Flecke in die Haut seines Gesichtes und stand wie ein schlimmer Aussatz auf seiner Stirn. Er wußte nichts mehr. Er hatte alles vergessen und fürchtete sich unsäglich allein im Finstern, vor seinem Gott und vor der Sünde seines Weibes, die wuchs, wie ein ungeheurer kahler Baum, vor dem er sich entsetzte. Die Streichhölzer schlotterten in seiner großen Hand, als er die Kerze anbrannte und im Spiegel sein herbes, verfallenes Gesicht beschaute, weil er sich erinnern wollte an seine Augen, die im Gebet oft wie zwei Lichter standen, an seinen Glauben und an sich selber. Ein fremdes, blasses Gesicht fand er im Rahmen des Spiegels, mit tiefen Schatten und Furchen, die er nicht deuten konnte und nicht verstand. Er suchte in seinem Gedächtnis nach einem Lied oder einem heiligen Vers, der ihm helfen sollte, seine Einsamkeit zu ertragen, und er konnte sich nicht besinnen. Es war alles ausgelöscht in ihm durch einen geheimen, meuchlerischen Frevel, der wie eine finstere Säule alles verdeckte, was er früher geliebt hatte. Seitdem sein Sohn Josef mit Marietta zu den Sternen am Ende der Straße gegangen war, blieb sein Haus einsam, und keiner kam mehr wie früher, um zu beten. Eine fremde rätselhafte Macht hatte sein Reich zerblasen und seinen Glauben zerlöchert wie ein Sieb. Sie hatte die Seele seines Weibes mit vergifteten Zangen gebrannt, daß sie vor ihren eigenen Wunden, vor dem Schauer und den Krämpfen ihrer Gierde irgend wohin geflohen war, wo die Sünde ihren roten Mantel über sie warf, daß sie sich nicht mehr schämen mußte vor sich und vor der Demut, um die sie Gott bestahl, wie eine Metze. Und die sie vielleicht verschenkte und verwarf an einen, der darauf spie und mit dem Fuß auf ihre letzte Würde trat.

Und wie im Taumel preßte Schuster Anton seine Fäuste in sein Gesicht und schrie und dachte, wie er bereits einmal in Angst und Trauer gezittert hatte: Wo war der Feind? Wo war jener Prophet, von dem das verzückte Mädchen gesprochen hatte, als sie der heilige Schlaf überfiel, daß sie dann sprach wie die Muttergottes selber, die sie im Traume in ihrem Zimmer fand, und die sie liebte, wie er seinen Gott geliebt hatte, als er noch beten konnte und sein Weib noch bei ihm lebte.

Und keiner wird sein, der sich nicht vor ihm beugen wird. Auch du nicht! Auch du nicht!

So hatte der Schlaf Mariettas zu ihm geredet, und nun wußte er, daß sich die Worte erfüllten.

Auf der Erde lag er weithingestreckt und grub seine Finger in den morschen Leib der Dielen. Sein Gesicht schlug den Boden wie im Irrsinn und immer wieder schrie es in ihm:

Wo war der Feind? Wo war der Feind? Um Gotteswillen, wo war er nur?

Und plötzlich stand in der halbgeöffneten Tür die Zigeunerin vor dem Schuster. Lautlos, im Dunkeln, war sie hereingeschlichen und sah ihn mit glimmenden Augen glanzlos an. Sie stand, ein schlanker, unbeweglicher Stein und rührte sich nicht.

Der Schuster hob den Kopf, und zwischen Tränen und Staunen erkannte er sie. Ein feiges, schmerzhaftes Entsetzen kroch an seinem Riesenleib empor und ein flackernder Schrecken zeigte ihm wie eine Vision den Tag, an dem er damals mit dem Fuß nach ihr stieß, weil er in ihre hellen, hungrigen Augen geschaut hatte. Die ihm auf einmal alles sagten wie ein Buch. Der Feind! Der Feind! hatte es damals in ihm gerufen, aber er wußte nun, daß sie es nicht sein konnte. Die Zigeunerin war nur ein Bote, ein Rätsel des fremden Gauklers, der ihm das Reich genommen hatte und mit dem er die Menschen täuschte und belog. Wer war es nur? Die Zigeunerin wußte es, und er wollte sie fragen.

Er erhob sich, und sein verwüstetes Gesicht sah zu Hagar hin, die reglos in einem langen Kleid vor ihm stand, das von ihrem Halse bis zur Erde fiel. Und bevor er noch fragen konnte, sagte sie ihm alles in ein paar Worten, von denen jedes wie ein zersprungenes Glas klirrte.

»Schuster Anton, dein Weib ist in der Villa Jesus, im Bett des reichen Daniel, und sie küßt seinen Buckel wie ein Kruzifix. Sie hat die Haare wie eine Krone um den Kopf gebunden, und Daniel lacht und gibt ihr heute abend ein Fest in der Villa.«

Der Schuster wurde bleich wie ein Gestorbener. Nur der Mund brannte in seinem breiten Gesichte. Sein großes Herz blieb stecken wie eine Schraube. Er hob die Hände und warf den Kopf in den Nacken, und schrie, schrie wieder und wieder wohl zwanzig Mal den einen Namen zur Decke, vor dem er sich so gefürchtet hatte und der nun schwarz und drohend in seiner Seele klebte. Der Prophet – der Prophet – Daniel Jesus!

Erschöpft und blind von Blut und Entsetzen fiel er zu Füßen der Zigeunerin und weinte in einem seltsamen, wunderlichen Schmerz, der ihn verzehrte, der alle Sehnsucht in ihm nahm und seine Kehle bitter machte wie Fäulnis. Er fühlte die Hände der Zigeunerin, die seinen Hals betasteten, und hörte ihren Atem, der sein Haar verbrannte. Er war wie eine Mauer, in die ein Sturm eine Lücke gerissen hat, wie eine Tür, die jemand aufgestoßen hat für die Sünde. Noch einmal raffte er sich auf und stieß sie ins Dunkle. Sie hatte ihr Kleid an den Achseln gelöst und stand nackt im Zimmer mit Schuhen und Strümpfen. Wie eine Katze kroch sie zu ihm. Er wendete sein Gesicht und wehrte sich mit den Armen gegen sie. Sie hatte sein Hemd über der Brust geöffnet, und als der Schuster ihre heiße, lüsterne Zunge an seinem Leibe spürte, als ihm ihr Speichel in glühenden Streifen die Haut versengte, sank seine Hand wie Metall zu Boden und ließ es geschehen, daß die Zigeunerin seinen großen Körper, nach dem sie so lange gelechzt hatte, mit ihrer ekstatischen Liebe verheerte wie der Hagel ein Feld.




Die schmalen Fenster der Villa Jesus draußen vor der Stadt glänzten beinahe weiß in der warmen Nacht. Sie blies einen duftenden, rieselnden Wind durch die blühenden Bäume, neben denen sich die schlanken Renaissancepfeiler wie nackte Frauenarme streckten. Der Springbrunnen, den man von außen durch das Gittertor spielen sehen könnte, schwatzte immerfort und lachte manchmal heimlich und redete dummes und ironisches Zeug. Zuweilen plätscherte er übermütig und warf dem Fliederstrauch sein helles, schönet Wasser ins Gesicht und kicherte leise. Eine fast wunderlich hohe Mauer umgab den Garten. Der Wind verfing sich in ihren Ecken wie in einer Muschel und irrte hastig zwischen den glatten Sandwegen umher, auf denen das Licht aus! den Fenstern der Villa wie ein glänzendes Goldnetz lag.

Vor dem angelehnten Gittertor stand Marta-Bianka und zögerte. Eine arme, launenhafte Angst trieb sie her. Sie wußte, daß ihre Mutter mit Valentin am Abend in die Villa Jesus gegangen war, und daß, sie Daniel vor der Stadt mit seinem Wagen erwartet hatte. Nun war fast die ganze Nacht vorbei, und die Gräfin noch immer nicht heimgekehrt. Zitternde Liebe hatte Bianka gequält, daß sie nicht schlafen konnte, und böse, schillernde Halbträume sie ängstigten. Da hätte sie ihren Leib in ein weites, schmiegsames Morgenkleid gehüllt und war herausgeeilt vor die Stadt, die staubige Straße entlang, bis vor die Tür der Villa. Nun sah sie zu den Fenstern hinüber, aus denen der Wind zerflatterte Geigentöne, Gelächter und Schreie über die Rasenplätze streute und in den erstaunten Springbrunnen warf. Das! Fest war noch immer nicht zu Ende, und die heiße Luft des Gartens erfüllt von dem süßen, betäubenden Geruch schwerer und dunkler Weine, auf denen der Duft des Champagners wie eine schäumende Wolke schwamm. Marta-Bianka ging mit langsamen Schritten dem Eingang zu. Sie wollte zu ihrer Mutter und sie bitten, ihr nicht zu zürnen. Sie konnte nichts dafür, sie fürchtete sich zu sehr allein im Haus, wenn sie niemanden hatte, der ihr die Blässe von den Lippen küßte und ihr langes Haar in die Hände nahm, wie es ihre Mutter immer tat. Sie würde ihr nicht böse sein, daß sie ihr nachkam, und würde sie nicht strafen. Es war Nacht und sie ganz allein.

An der Tür eines Vorsaals banden ihr zwei Diener eine Maske vor die Augen. Ein Faschingsfest im Frühling, dachte Marta-Bianka und öffnete die Tür zum Saal. Eine jauchzende Tanzmusik lockte, sehnsüchtig und wundervoll, heiter und träumerisch, als ob bunte Perlen von den Fiedelbogen zur Erde rollten, schmerzlich und schwärmend. Liebeslieder, in denen Glut und Andacht und Verlangen brannte, und die süß waren wie die Küsse einer Frau. Helles Licht umfing sie. Sie mußte die Augen schließen und tastete hilflos mit den Händen nach der Wand. Als sie aufsah, strahlte der silberne Saal von Blumen und Lichtern, mit schimmernden Glastränen an den Lustern und farbigen Kristallen vor den Flammen. Die Musik spielte unsichtbar hinter einem Vorhang. In der Mitte des Saales saß Daniel Jesus auf einem scharlachfarbenen Thron neben einer nackten, ungeheuren Frau, die das Haar wie eine Krone gebunden hatte und mit leuchtendem Gesicht den buckligen Jesus ansah. Und in der Runde tanzten die Menschen toll und erhitzt im Rausch, den die Musik über die Herzen brachte, und der schwer und rot wie die Liebe ihr Blut überkam beim Tanze. Alle Weiber trugen eine Maske und waren nackt wie die große Frau in der Mitte auf dem Thron. Das grelle Licht der tausend Kerzen funkelte auf der weißen Haut, die feucht und matt geworden war in den lüsternen Stunden des Abends wie der Opal, der in den Ohrgehängen der Gräfin glomm. Marta-Biankas Augen hatten sie jetzt im Gewühl der Gäste gefunden. Ein langer, wasserblauer Schleier umflog ihren Leib, dessen gelbe Glut sich seltsam Von dem Milchglanz; der andern abhob. Ein goldener Ring hielt das Gewebe am Halse zusammen, dort, wo die rote Narbe wie ein Riß durch die dunkle, klopfende Ader ging. Die knochigen Hände Valentins, der mit der Gräfin tanzte, hatten breite Lücken in ihren Schleier gerissen, daß sie mit nackten Brüsten und mit nackten Schenkeln in seinen Armen hing, gerade wie die andern Tänzerinnen, die Marta-Bianka nicht erkannte.


* * *


Ein brauner, biegsamer Körper glitt durch den Saal, mit stählernen Muskeln an den hagern Gliedern, schlank und zäh wie eine Katze. Die Zigeunerin. Durch die zitternden Frauen und die stammelnde Lust der Tänzer entkam sie zum Fenster, das zur Hälfte offen stand. Sie stieß es auf und pfiff mit den Lippen. Draußen kratzte der Mörtel an den groben Schuhen des Schusters, der am Gesimse emporkletterte und mit beiden Händen am Rande des Fensters hing. Jetzt hob sich sein wildes, totenbleiches Gesicht in die Höhe, und seine Augen stierten in den Saal.

Siehst Du Dein Weib neben Daniel Jesus?

Siehst Du, wie er die Finger in ihr glühendes Fleisch legt, und wie sie den Mund öffnet im Glück?

Die Augen des Schusters wurden groß und leer wie ein finsterer Schacht. Die Lichter der Decke und in den Leuchtern starben auf einmal In ihrer Dunkelheit. Und die Zigeunerin kniete vor ihm und flüsterte mit zuckender Zunge:

Siehst Du Dein Weib, Schuster Anton? Siehst Du Dein Weib?


* * *


Marta-Bianka lehnte noch immer an der Tür. Sie verstand diese Nacht nicht mehr. In ihrer Seele war ein Grausen und ein seltsamer, steiler Schrecken vor Daniel Jesus und der Frau mit dem ungeheuren Leibe, die neben ihm auf dem Scharlach saß und ihr rotes Haar wie eine Krone gebunden trug. Sie fürchtete sich vor dem Schimmer in den Blicken der Weiber, die an ihr vorüberflogen, vor der Musik, die nicht einhielt zu spielen, und vor ihrer Mutter, die nackt unter hundert Leuten tanzte. Sie wollte zu ihr, sie bitten, mit ihr nach Hause zu gehen. Vier Hände hielten sie zurück; sie wandte sich um. Zwei Lakaien zeigten auf ihre Kleider und bewegten den Kopf. Sie waren stumm und konnten nicht reden. Marta-Bianka verstand sie. Ihr Gesicht war bleich geworden, wie die Liebe, die sie einmal im Herzen getragen hatte vor vielen Tagen. Sie knöpfte langsam ihr weitet Gewand am Halse und an den Schaltern auf und stand nackt unter den übrigen.

Ein Kind – hörte sie erstaunt eine Stimme rufen.

Die Leute wichen betroffen zurück und bildeten eine Gasse, durch die Marta-Bianka zu ihrer Mutter schritt. Die Frauen unterbrachen den Tanz und sahen sie an und wunderten sich. Ihr bernsteingelbes Haar floß wie ein Bach über ihren silbernen Rücken, und ihr Leib war weiß wie eine Birke. Im grellen Licht der Kristalle funkelten die Warzen ihrer kleinen Brüste wie zwei Wunden, und ihre Augen blickten weit und voller Demut, als sie vor den Füßen ihrer Mutter kniete. Die Gräfin erschrak. Verwirrt und erschüttert suchte sie in dieser Stunde den Weg zu ihrem Kinde, wie sie ihn einmal in jener Nacht gegangen war, als Marta-Bianka ihre Beichte sagte. Sie stand und zitterte. Da hob Valentin mit beiden Händen das knieende Kind vom Boden auf und lachte:

Komm tanzen, Bianka!

Bianka schaute zu ihm auf. Sie kannte jenen Glanz in seinen Augen. In den Augen des Barons Sterben hatte sie ihn oft gesehen. Baron Sterben war tot. Hatte er seine Augen an fremde Männer vererben können? Baron Sterben war tot. Sie hatte ihn sehr geliebt, sie hatte ihm alles zuliebe getan, seiner Augen wegen, dieser Augen wegen, die sie jetzt wiedersah.

Die Gräfin stand noch immer schweigend und zitterte. Der Schleier an ihrem Hals war zerrissen und die Narbe glühte auf ihrem Nacken. Bianka trat einen Schritt näher und schaute Valentin an und seine grausamen Hände, und sagte leise, stockend und heimlich wie im Schlaf:

»Mutter – wer – hat – dir –?«

Ueber das Gesicht der Gräfin ging ein Schauer. Mit großen, schreckhaften Augen sah sie zu Valentin hinüber. Der hatte seine Hände um den Leib Biankas gelegt und sprach im Fieber immer dieselben Worte:

»Komm mit mir tanzen – Marta-Bianka!«

Eine gelle heischende Trompete blies einen klingenden Tusch irgendwo im Saale. Daniel Jesus und das ungeheure Weib standen von ihrem Sitz auf, und die zwei stummen Lakaien trugen eine schwarze Krone herein, in der die Edelsteine totenblaß; wie Tränen waren. Und Daniel Jesus nahm den schwarzen Reifen und setzte ihn auf seinen großen phantastischen Kopf. Die Musik begann einen wilden hetzenden Takt zu spielen. In den Augen Valentins zerriß ein Licht.

Marta-Bianka stand weiß wie eine Flamme. Sie sah das Gesicht Valentins und die Narbe der Gräfin, sie sah die Krone, die Daniel Jesus trug, und die beiden Lakaien, denen er die Zunge aus dem Munde geschnitten hatte, damit sie stumm sein mußten, ihr Leben lang. Ein irrsinniges, großes Entsetzen fiel in ihr Herz. Sie dachte an den Baron Sterben und an die tote Valeska, ohne irgend einen Zweck. Einen langen hellen Schrei tat sie irrt Schrecken, daß alles aufschaute und es still ward und man das Klirren der Glaskristalle an den Metalllustern der Decke hörte. Sie sah ihrer Mütter mit einer bangen, verzweifelten Liebe in die starren Augen, schrie noch einmal, und floh wie eine Tolle aus dem Saal, an den nackten Brüsten der Frauen vorbei und an dem riesigen Leibe Margaretens, neben der die Krone auf dem Schädel Daniels schmerzlich wie eine Natter lag. Sie lief. Sie lief die Treppe hinab in den Garten, nackt und mit der schwarzen Maske vor den Augen. Weiter fort im Entsetzen. Vor den Fenstern des Saales lag die Zigeunerin wie eine Puppe im Gras und schaute lächelnd, die Augen von einem blinden Irrsinn verlöscht, zu dem großen Akazienbaum auf. Der streckte einen starken, blühenden Ast in das Fenster hinein, an dem sie vor einer Stunde gekniet und mit dem Schuster geflüstert hatte.

Die Zigeunerin lächelte mit einem heißen, sonderbaren Mund. Farbige vergessene Tränen stießen an ihre Seele wie die Goldfische an die Kugelwände des Glases. Ihre Flossen blitzten im Wasser und läuteten.

Die Zigeunerin lächelte. Sie lächelte erstaunt und harmlos wie ein Kind, und war froh, weil sie sich an nichts erinnern konnte. Sie lächelte nur, weil der Schuster Anton, der sich oben auf dem Akazienbaum an ihrem Gürtel erhängt hatte, die Augen und den Mund aufriß wie die goldnen Fische im Glase . . . Du bist weiß wie ein Toter, Schuster Anton, und ich hab dich lieb.


* * *


Die Straße, von der man den Springbrunnen im Garten der Villa Jesus belauschen konnte, wenn er sich mit dem Fliederstrauche neckte, war ganz erfüllt von Mondschein und Sternen. Der Wind blies aus einer fernen, kleinen Wolke einen warmen Regen in das Licht. Silberweiß wie eine Birke, das gelbe Haar über den erschreckten Augen, nackt und mit der schwarzen Maske vor dem Gesicht, lief Marta-Bianka mit ihrem Herzen voll Grauen und Liebe. Sie lief in einer unbekannten Richtung, die seitab von der Stadt führte, weiter und weiter, und das Blut ihrer zerrissenen Füße blieb an den Steinen der Straße kleben wie rote Korallen.