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Paul Leppin – Die Thüren des Lebens

Ein Buch

Paul Leppin, Die Thüren des Lebens, Verlag Symposion, Prag, 1901


Ich gebe dieses Buch den Frauen, die am Abend mit dunklen Augen todte Jahre in der Lampe suchen. Und die in ihre Tage starren wie in ein Licht. Die von den Romanzen der Demuth wissen und von den Balladen der Traurigkeit. Die immer fremd sind unter den Menschen.



– – dann bist du eine schmerzliche Witwe geworden und deine Träume sind stumm wie ein vergittertes Fenster –

Aus einem alten Gebetbuche.



I

In einer engen und dunklen Judengasse stand das alte Haus. Die Regentage, die an seinen Fenstern vorübergiengen, wurden seltsam und ungewohnt in seiner Nähe und wenn der Wind am Abend an den verblichenen Fensterläden rüttelte, brachte er leise und traurige Worte mit, die er draussen auf der Gasse gefunden hatte. Das Thor war tief und finster. Und rechts an der niedrigen Wand war ein Thürgriff aus rothem Glase, der in der Dunkelheit beinah leuchtete. Drinnen sassen sieben Frauen im Salon. Es war keine Senne in dem Raume. Das kam daher, weil die Fenster verhangen waren und eine Legende in ihren Scheiben gemalt war, dass kein Licht durchkonnte. Irgend eine Wundergeschichte, die vor tausend Jahren einmal in dieser Stadt geschehn, stand in den Fenstern. Der rothe Plüsch verdeckte sie zur Hälfte und es war nur ein Weib zu sehen, das ihre Hände hob und unsagbar angstvolle Augen hatte. Wenn die Sonne draussen auf die Scheiben schien, dann wurden sie farbig und dunkel und die Augen der Frau wie ein Brand. Dann wandten sich die sieben Frauen nach der andern Seite, dass sie nicht hinblicken mussten.

Nur die Veronika Selig sah manchmal hin. An langen und schweigenden Nachmittagen, wenn die andern auf dem grossen Sammtsopha sassen und Geschichten erzählten und sich küssten. Und da war ihr dabei beinahe immer, als ob sie diese fremden Augen kennen müsste mit ihrem Geheimnis. Aber sie konnte sich nicht besinnen. Es war ja schon sehr lange, dass das Leben hinter ihr war und nie mehr kommen würde. Damals hatte sie viele Mütter gekannt und auch die Augen im Fenster. Denn dass es eine Mutter war, die bange Frau dort, wusste sie. Es war das so eine Erinnerung aus den Jahren, da sie sich noch um die Menschen gekümmert hatte und um die Herzen. Nur den Namen kannte sie nicht. Es musste ein langer und weicher Name sein, mit einem wunden und kranken a am Schlusse, das sie noch im Gedächtnis hatte vom Leben. Eine grosse Heilige hat einmal so geheissen. Eine schmerzhafte Heilige. Daran dachte die Veronika an vielen Tagen.

Sie war die Königin unter den sieben Frauen. Sie war die grösste und hatte das schönste Haar. Und sie war auch die einzige, die das leise Pochen und Tappen vernahm, wenn es im Hause ganz still war und es dann über die dunklen Treppen gierig, langsam und tastend, und als ob es jemanden suchen würde. Sie hörte das Klopfen und Suchen schon zwei Jahre lang. Seitdem sie in das alte Haus gekommen war und nun an den Nachmittagen sass und wartete. Schon oft hatten die andern die Veronika gebeten, sie solle ihnen ihre Geschichte erzählen, wenn sie allein waren und sich bei den Händen hielten. Aber die Veronika hatte immer geschwiegen. Sie wusste ja nichts mehr, sie hatte alles vergessen, was einmal geschehen war, damals im Leben. Und so kam es, dass die andern sie gar nicht kannten und dass sie ihnen fremd war wie das Bild im Fenster. Die andern kannten sich alle. Sie wussten von einander und sie liebten jede das Schicksal der andern und lebten darin. Ihre Erinnerungen wuchsen in einander und sie sprachen und sprachen und die Wege ihres Lebens verloren sich. Nur die Veronika hatte ihr eigenes Schicksal. Und dieses Schicksal machte ihre Augen dunkel und machte sie zur Königin.

Hundert Schritt von dem Hause stand die Synagoge. Es war dieselbe, in die sie beten gegangen war als Kind. Und wenn die verregneten Nachmittage in die Strasse kamen, konnten die sieben Frauen das ganz leise Singen hören und dann wurden sie stumm und schwiegen. Auch wenn die Leute an dem Fenster vorübergiengen, lauschte die Veronika. Wenn die Schritte weiter und weiter wurden und nie mehr wieder kamen. Und sie dachte daran, dass das Leben gestorben wäre. Und jetzt geht es über die Treppen und pocht und tastet und sucht die Veronika. Aber die Veronika sitzt in dem rothen Zimmer und lässt sich nicht finden. Sie ist eine von den sieben Frauen geworden. Und sie denkt gar nicht mehr an das Leben. Sie schweigt nur immer und schaut zu dem Plüschvorhang hin, zu den zwei Augen im Fenster.



II

In diesem Sommer zog Roman Maria in die Gasse ein und nahm fast gegenüber dem Hause seine Wohnung. Roman Maria war ein Student. Ein harter und wilder Mensch, blass und verwüstet im Gesichte. Der die Dirnen schlug und mit Füssen trat, wenn er betrunken war vom Weine. Von dem die Leute nicht wussten, woher er sein Geld nahm und wie er lebte. Und der eine sehr alte und sonderbare Geige besass.

Am Abend war er in den Schänken und trank. Aber es kam vor, dass Roman Maria ganze Wochen zu Hause blieb. Dann lag er auf dem grünen, verschossenen Kanapee und starrte. Oder er schnitt seltsame und fremde Silhouetten aus Papier. Schwarze und arge Gesichter, die alle ein sehr böses Lachen um ihren Mund hatten. An solchen Tagen nahm er auch oft seine Geige. Und dann spielte er stundenlang. Wie verloren war er dann aus dem Leben. Er spielte alles was in ihm war und was er liebte und suchen gieng. Die wilden und geheimen Abenteuer der Stadt. Die heisern Lieder der Chansonetten und ihren geschminkten Mund. Ihre Geberden, die alles hinwarfen unter die Leute wie einen heissen Traum, den man von sich schüttelt. Die trotzig waren und resignirt und buhlerisch. Und das Lachen der Frauen in den Schänken spielte er, wenn sie auf seinen Knien sassen und der Rauch der Cigaretten ihre Augen verschleierte. Seine Sehnsucht nach der Schmerzen der andern und den grossen verschwiegenen Tragödien seiner Stadt. Wenn Roman Maria Geige spielte, dann konnte er Thüren und Fenster schliessen, man hörte ihn doch auf der Strasse. Seine Lieder drangen durch die Mauern der alten Häuser und wenn er seine einsame Woche hatte, dann hörte man sein Spiel bis im letzten Hause der dunklen Gasse. Ganz leise klang die Geige und traurig, aber deutlich und wild und trotzig dabei und unsagbar krank.

Auch die sieben Frauen im Hause gegenüber hörten nun Roman Maria oft seine Geige spielen. Und sie kannten ihn schon und warteten jeden Tag, bis er beginnen würde. Dann ward es ganz still in dem rothen Zimmer. Veronika schlug die Hände vor ihr Gesicht und blieb dann unbeweglich und rührte sich nicht. Und da kam dann von der Gasse und wie aus der Feme, tief, tief aus der Stadt, die Geige Roman Marias und drang durch die Scheiben mit der alten Legende und drang durch den Plüschvorhang beim Fenster. Und dann erzählte die Geige alle die Dinge wieder, die draussen im Leben geschahn. Und tolle Märchen wusste sie, heisse und schwermüthige von der Liebe der andern Menschen. Dann wurde sie dunkel und schwer wie der Abend. Sie sprach von den Strassen und den langen Tagen der Städte. Und von den Nächten, wenn die Lampen brannten und die Frauen rothe Seide am Leibe hatten und geschminkte Lippen. Wenn im Schaumwein die alten Geschichten des Lebens waren, toll und grotesk und wie ein Theaterstück. Seltsame Geschichten, wie Silhouetten der Wirklichkeit, aber mit einem Lachen um den Mund. Und wenn man dann mit ihnen sprach, von den Lampen verrauschter Nächte, vom Fasching des Lebens und du und du zu ihnen sagte – – – –     

Das wusste die Geige. Und wenn sie das alles gesagt hatte, dann sahen die sieben Frauen sich an. Und sie dachten dann an den Abend, der kommen würde und jedesmal zu ihnen kam. Wo die Cigaretten die Augen verschleierten und im Schaumwein die alten Geschichten des Lebens waren. Des Lebens, das sie nicht wollten und das nicht herein konnte in das rothe Zimmer. Und das nur die Veronika manchmal tappen und tasten hörte und auf den Stiegen gehn.

Und einmal fragte eine, wem die Geige wohl gehören möge. Da sagte die Veronika zu ihr:

Ja weisst du denn nicht, dass Roman Maria in unsere Gasse gekommen ist und da wohnt?

Da staunten alle: Roman Maria? – Ja, Roman Maria, der Student. Habt ihr denn seine Geige nicht verstanden? Sie hat uns doch seinen Namen gesagt und sein Herz genannt. Es ist noch jung, aber schon sehr herbe geworden. Aber seine Geige spielt schön. –

Seit diesem Abend mussten sie alle manchmal an das Herz des Roman Maria denken.



III

Dreizehn Tage hatten sie nun seine Geige nicht mehr gehört. Und am dreizehnten da fiedelte sie ein wenig und lachte und schrie. Dann war ein Abend in das Zimmer gekommen, wie sie ihn niemals erlebt hatten zuvor. Draussen fielen die dunklen Schatten der Synagoge in die Gasse. In den rothen Scheiben stand die Legende. Und die sieben Frauen fürchteten sich. Es sprach keine ein Wort zu der andern, nur zuweilen hörten sie wie eine von ihnen in der Dämmerung sass und ein Vaterunser sagte. Ueber die Veronika war's wie ein böser Traum gekommen. In dem sie draussen auf der Treppe wieder die Schritte und das Tappen vernahm und leise dazwischen das Singen der Juden in der Synagoge. Sie konnte doch nichts dafür, wenn ihr die alten Dinge wieder einfielen, die sie beinahe ganz vergessen hatte. Und dass sie an ihr Kind denken musste, als es gestorben war. Es hatte grosse und böse Augen gehabt und hatte auch Veronika geheissen. Und sein Vater, der König Kaspar, hatte es sehr geliebt.

Und er war doch ein König gewesen, mit goldener Krone und bunten Troddeln daran. Ein toller König im Tricot und verlogener Schminke. Und in seinen Augen war auch die Sehnsucht gewesen, die böse Sehnsucht nach den Schmerzen und dem Vergeuden des Lebens. Die an seinem Herzen frass, dass es wund wurde vor Zeiten. Die er seinem Kinde schenkte. Die auch sie einmal besass vor Jahren und die sie heute wieder draussen wandern hörte und suchen und tasten.

Die Abendsonne lag in den Scheiben. Und da sah die Veronika wieder hin zu den Augen im Fenster. Da war ihr auf einmal, dass sie nicht mehr sinnen musste und fragen. Dass sie die Frau plötzlich erkannte und aufstand und sie grüssen wollte. Und sie wusste auf einmal, dass es ihre eigenen Augen waren, in die sie zwei Jahre lang hineingestarrt. Dass es die Mutter Veronika war mit ihrer Angst und ihrer Liebe zum Kaspar. Die Mutter Veronika. Und sie wusste auch, dass hinter dem rothen Plüsche der Sarg stehen würde und die Kerze. Zwei Jahre war sie hier gesessen und hatte den Vorhang niemals aufgehoben. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr totes Kind dahinter lag und sie ansah. Aber jetzt fühlte sie seine Augen durch den schweren Plüsch. Und diese Augen waren gross und fremd und ohne Liebe. Da weinte die Veronika zum zweitenmal in ihrem Leben.

Und draussen gieng es und suchte es und frugs auf den Stiegen. Die sieben Frauen sassen und hielten sich an den Händen. Sie wollten reden zu einander und konnten nicht und es kam über sie, dass ihnen die Angst ihre Stimme benahm. Sie fühlten, dass etwas hinter der Thüre stand und hereinwollte zu ihnen. Ihre Herzen schlugen, als sie die Veronika weinen sahn.

Da kamen Schritte durch den Hausflur. Schwere und suchende und heisse Hände tasteten an der Wand, die blind waren vor der Dunkelheit. Jetzt hatten sie den gläsernen Griff gefunden. Und langsam that sich die Thüre auf und Roman Maria trat in das Zimmer.

Es kannte ihn keine von den sieben Frauen und dennoch wussten alle in diesem Augenblicke, dass er es sei. Er hatte wilde Haare und eine Narbe quer über der Stirn. Es sah sich schweigend um, als ob er jemanden suchen würde. Da sah er die Veronika und ihre gerötheten Lider und fragte:

Du weinst?

Ja, sagte sie, ich weine. Aber komm, wir wollen Champagner trinken zusammen. Ich bin Veronika Selig, und muss über die Augen weinen, die mein Kind hatte, als es starb. Willst du dann mit mir schlafen gehen, Roman Maria? –



IV

Und es kam, dass der Student die Veronika mitnahm aus dem alten Hause in sein Leben. Sie war ihm seltsam und voll Räthsel und er liebte sie. Seine Liebe war wild und sonderbar wie sein Wesen. Es waren Stunden, in denen er ihre Augen küsste, in denen er sein eigenes Schicksal las, und es gab Tage, wo er sie schlug. Die Veronika fürchtete sich vor ihm. Ihr war es wunderbar, dass sie wieder heimgekehrt war in das Leben. Sie liebte Roman Maria mit ihrer grossen und verdorbenen Liebe. Und weil sie wusste, dass es die letzte ihres Lebens war, darum warf sie ihr Herz in ihren dunklen Brunnen, ihr Herz, das heiss und verwüstet war und voll Wunden.

Sie musste ihm oft von ihrer Kindheit erzählen und vom Kaspar und seinem Kinde. In der Nacht schrieb er dann ihre Geschichte auf grosse Bogen Papier und sprach von einem Romane zu ihr, von dem Romane ihres Lebens. Seine Geige spielte er niemals mehr. Auch in die Schänken gieng er nicht mehr trinken. Und wenn er nicht schrieb und die Veronika von ihrer früheren Liebe gesprochen hatte, dann erzählte er selbst von seinem Leben. Wirre und wilde Abenteuer, in denen die ungebändigte Schönheit seiner verkommenen Sehnsucht war. Tolle Geschichten, bei denen die Veronika eine Angst ankam und die von der stolzen und kühnen Grandezza seines Herzens sprachen, seines herben, vergeudeten Herzens. Wie er getrunken und geliebt hatte, und die Musik dazu spielte und alte Wunder erzählte. Die leere Musik in den Weinstuben und Singsälen und Schänken am Abend. Die nichts anderes wusste als Gassenhauer und Lieder. Die falsch und misstönig war mitunter und traurig. Die einen aber wieder und immer wieder bethören konnte. Weil die Angst Roman Marias darin war vor seinem Herzen. Die ihn durch die Strassen trieb und die Dunkelheit seiner Stadt, zu ihren Abgründen und Lastern. Die dennoch immer mitkam auf allen Wegen und ihn niemals verlassen wollte. Ueberall war sie. Im Weine und den Gesängen des Brettls, bei den Dirnen und in den Liedern der Spielautomaten. In allen seinen Abenteuern war die Angst. Und Roman Maria fürchtete sich so unsäglich vor seinem Herzen. Er wusste, dass darin viel Geheimes war und Scheues und Seltsames. Viel Schmerzliches und sehr viel Sehnsucht. Und wenn die Veronika in den Augen Roman Marias die Gedanken an sein Herz las, dann setzte sie sich zu ihm und küsste ihn auf den Mund. In ihren Küssen war ihr Leben, so wie es zu ihr gekommen war bis heute. Ihre grosse und verdorbene Liebe war darin und ihr Mitleid und ihre Erinnerung. In solchen Stunden war es, wo sie sich ihm hingab und schenkte, wild und hungrig und trotzig beinahe. Wo ein Fieber in ihrem jungen Leibe war, das ihn verzehrte.

Aber niemals sprachen sie von seinem Herzen miteinander. In ihren Küssen und in ihrer Liebe suchten sie daran zu vergessen. Und auch die Veronika sagte niemals zu Roman Maria, dass sie seine Geige gehört und verstanden habe und dass sie sein Herz kenne.



V

Aus dem Romane
Veronika Selig
des Roman Maria:



Wenn die Veronika in der Nacht aufwachte und hinter den Fensterscheiben die Wellen unter der alten Brücke rauschen hörte, da lag sie immer noch lange mit offenen Augen im Dunklen da und musste an den König Kaspar denken. Und da konnte sie oft mit brennenden Händen stundenlang so liegen und seinen wilden Schicksalen nachsinnen, bis sich die Nacht draussen in den Strassen verlor und der Tag in ihre Stube kam. Da sah sie ihn immer vor sich, wie sie ihn tausendmal mit ihrem heissen Herzen gegrüsst hatte, den Kaspar, wie er in seinem rothen Wams vor den erschauernden Leuten stand, und wie die Wolken hinter der Stadt immer so brandroth wurden am Abend, wenn er zu seiner Königin die bangen Worte vom Sterben sprach. Wie er sein Schwert von der Seite nahm und in den Abend hinaus sah zu den Wolken mit seinen Augen, die so unglücklich waren und heiss und hässlich, dass es der Veronika jedesmal wie eine Erlösung war, wenn er die Königin getödtet hatte. –

So hatte sie ihn oft gesehn, den König Kaspar, wenn die wandernden Komödianten vor der Stadt seine Geschichte auf ihrem Theater spielten, wo die Puppen wie lebende Menschen waren und zu einander sprachen und weinten und einander tödteten. Und wenn der Kaspar in seiner Sammtjacke auf die Bühne kam, da hörten die Kinder auf zu stammeln und die Mütter schwätzten nicht mehr. Der Wind war plötzlich still in der Linde, unter der die Bühne stand und wartete. Und die Veronika hielt ihren Athem an.

Der rothe Kaspar sprach. Seine Stimme war heiser und laut und vielleicht hörte man sie deshalb so klar, weil es rings so still geworden. Von seinem Herzen sprach er und sah dabei in den Abend hinaus. Er hob die Hand und wies damit auf die Leute hin und seine Stimme war anklagend und dunkel und seine Zunge schwer. Von seinem Herzen sprach er, das ihm die Leute gestohlen und auf dem Markte verkauft und vertrunken hatten. Da gieng jedesmal ein Schauer durch das Publikum. Die Kinder, erblassten und griffen mit den Händchen auf die Brust, um zu fühlen, ob ihr Herz noch klopfe. Die Mütter sahen einander an und fragten sich mit den Augen: Hast du das Herz des Kaspar genommen, Nachbarin? – Und alle hatten blasse Lippen und ihr Gewissen war bös.

Und wenn dann der Schmerz den Kaspar weinen liess und seine Schicksale über ihn kamen, dann sass die Veronika regungslos da und wartete auf die Scene mit der Königin, die ihn verrathen hatte. Wo jedesmal die Wolken so brennend wurden und roth im Abend und der König die seltsamen Worte sprach und sie tödtete. Da musste sie immer lange in die Augen des Kaspar schauen und wenn sie so voller Angst hineinsah, war es ihr immer, als ob tausend Jahre vergangen wären. Bis er sein Schwert zog und der Königin eine Wunde schlug über dem Herzen, dass sie zusammensank und dem Kaspar fluchte und gestorben war. –

Dann war das Stück zu Ende. Der Vorhang gieng von beiden Seiten langsam zu und die Geschichte vom König war aus. Der Wind in der Linde seufzte leise und in der Stadt ward es laut und die Kinder schrien. Aber die Leute blieben lange noch schweigend sitzen. Denn sie wussten ja, dass drinnen hinter dem Vorhang der Kaspar immer noch stehe und auf die Königin schaue. Dass das Stück eigentlich noch gar nicht aus sei und überhaupt kein Ende habe. Und die Veronika war immer die Letzte, die gieng.


* * *


So lange der Sommer dauerte, gieng sie hinaus vor die Stadt in ihr seltsames Theater. Es wurden da viele herrliche Dinge gespielt, Märchen und Zaubereien und Rittertragödien. Aber die Geschichte vom rothen Kaspar war von allen die schönste. Und das wusste die Veronika auch schon immer am Tage, wenn abends der Kaspar auf die Bühne kam, denn der Wind und die Wellen im Fluss und die Stadt waren viel trauriger an diesen Tagen und die Sonne war roth. Der Kaspar war der Fürst ihrer Mädchen- träume geworden. Er hatte ein rothes Wams und wenn er sprach, musste der Wind in der Linde schweigen. Sie dachte an ihn den ganzen Winter lang und in den Nächten, wenn sie wach lag und sann. Seine Geschichte kannte sie auswendig, aber wenn der Sommer kam, gieng sie doch wieder hin und lauschte. Und so kam es, dass sie allmählich mit den Worten der Leute in diesem Stücke zu sprechen begann und ihre Bewegungen hatte. Den Blick, mit dem sie zuweilen vor sich hinsah, den hatte sie auch in der Geschichte des Kaspar gelernt. An diesem Blicke erkannten die Leute, dass die Veronika ein anderes Herz hatte als die übrigen Menschen und liessen sie ihre Wege gehn.

Als sie zwölf Jahre alt geworden war und der Sommer kam, blieben die Wanderkomödianten mit ihrem Theater aus. Sie kamen niemals wieder in die Stadt Veronikas. Sie gieng noch oft hinaus zur Linde. Aber der Platz blieb leer. Da blieb sie denn manchmal stehen und wartete. Und wenn der Abend hinter den Häusern mit tiefrothen Wolken brannte, da wusste die Veronika, dass jetzt der Kaspar im sammtenen Wams auf der Bühne stand und der bleichen Königin die Wunderworte vom Sterben sprach. –


Hier schloss das erste Kapitel –



Noch lange erzählten sich die Leute von dem wahnsinnigen Clown an diesem Tage.

Wie er auf der Schnur stand und das rechte Bein hob und eine Grimasse machte und nach der Troddel auf seiner Mütze schielte. Wie er dann mit der Peitsche knallte und »Hopsasa« rief und tolle Sprünge machte auf dem dünnen Seile, dass es schwankte und das Publikum schrie. Es war eine wilde Freude in ihm an diesem Abend. Mit seltsamen Farben schminkte er sein zerrissenes Gesicht, mit blutendem Roth und einem kranken Weiss, dass es aussah wie Eiter. Mit dem schwarzen Taktstocke sprang er dann in die Manege und lachte und schlug wie ein Irrer die blechernen Glocken, die in dem hölzernen Rahmen auf seidenen Schnüren hingen. Das war eine tolle und unbändige Musik, in der es lachte und höhnte und schrie und dann am Ende beinahe schluchzte und betete. Der Kaspar war ihr Herr und Gebieter und sie musste seinem Taktstock gehorchen. Er wusste, dass es die Herzen der Leute sind, auf denen er spielte. Er fühlte, wie sie zitterten und flehten und schrien zu ihm und er spielte sein Lied weiter ohne Erbarmen. Und er dachte daran, dass er der König Kaspar sei; ein wilder König mit rother Krone und bunten Troddeln daran. Ein grosser König im Tricot und tollen Grimassen unter der Schminke. Den schon vor vielen Jahren die Veronika als Puppe gesehen hatte in einem grossen Theaterstück. Sie hatte ihn gleich erkannt die Veronika und König Kaspar zu ihm gesagt. Die hölzerne Puppe war vielleicht schon lange todt, aber sein Königthum war nicht gestorben. Sein rothes Narrenkönigthum und seine geheime Macht über die Menschen.

Dann warf er den Taktstock den Leuten ins Gesicht und hob die Mütze in die Höh mit seiner magern Hand und rief wohl zehnmal ein Vivat, ein heiseres Vivat in den Circus, wo die Menge murmelte und gaffte und flüsternd nach seinen Spässen sah. Die bunte Peitsche nahm er in die Hand und knallte und lief dann über die Strassen in die Nacht und in sein Haus. –

Dort sass noch immer die Veronika in dem engen Zimmer und weinte zum erstenmal in ihrem Leben. Sie schaute auf den Sarg zu ihrem todten Kinde. Es hatte die Augen noch immer offen und die Veronika fürchtete sich davor. Diese Augen waren fremd und ohne Liebe. Und die Veronika las darin die Klage, die stumme Klage, dass sie den Kaspar verrathen hatte, ihren Kaspar, wie einst vor Jahren die Königin unter der Linde. Den tollen Kaspar, der sein Kind so sehr geliebt hatte, und der nun kommen würde und sie tödten. Heut hatte sie es ihm gesagt am Abend, weil sie den Blick nicht mehr vertragen konnte von ihrem todten Kinde. Gerade, als er in den Circus gehen wollte und die goldene Krone aufsetzte mit den bunten Troddeln. Wie ein Irrer hatte er sie angeschaut und gelacht und dann geschwiegen und war fortgegangen.

Und jetzt, jetzt kam er schon die Treppe hinauf. Sie hörte ihn keuchen und seinen wilden Athem gehn. Jetzt stand er in der Thüre. Das rothe Wams hatte er am Leibe und die Narrenmütze am Kopf und die Peitsche in der Faust mit den farbigen Bändern. In seinen Augen stand geschrieben, dass er sie tödten werde. Da schrie die Veronika auf wie ein Thier und hob ihre Hände und fürchtete sich. Und der Kaspar fasste sie bei den Haaren und riss sie zu Boden und trat auf sie. Dann nahm er die Peitsche und hieb ihr ins Gesicht, bis es blutig war.

Hure – sagte er.

Wie eine Wahnsinnige rief die Veronika nach ihrem Kinde. Eine tolle Bitte war in diesem Schrei und es war fast, als wüsste sie nicht, dass die kleine Vroni schon gestorben war. Dann riss sie sich los und floh in die Strassen hinaus. Und der König Kaspar machte das Fenster auf und schrie ihr nach und verfluchte ihr Leben.


So endete Roman Marias Geschichte.



VI

Als der Winter mit seiner Armut in die enge Strasse kam, da nahm Roman Maria seine Geige und gieng mit der Veronika in die Vorstadt, in ein kleines Chantant, um sich Geld zu verdienen. Dort spielte er am Abend, wenn das Clavier eine Pause machte und auf dem Plakat stand sein Name gross neben dem Veronikas. Veronika sang alte und seltsame Lieder, wie sie sie als Kind und im Leben gelernt hatte. Sie sang mit einer schönen und etwas traurigen Stimme, und lachte und hob die Röcke dazu. Und manchmal begleitete sie Roman Marias Geige. Es war eigen, wie die Leute aufhorchten, wenn er zu spielen begann. Die schwarzen Haare fielen ihm in die Stirn und verdeckten die rothe Narbe. Sein weiches und beinahe verträumtes Kinn lag auf der Violine. Und seine Augen blieben starr und einsam wie immer. Er begann. Eine wilde Geschichte sagte die Geige, die wohl niemand unter den Leuten verstand, als er und die Veronika. Denn es war ja die Geschichte der beiden, ihre und seine und ihrer Liebe. Da tanzte dann immer die Veronika einen wundersamen und langen Tanz. Wenn ihr Schicksal neben ihr war und durch das niedrige Zimmer klang, wo die Lampen zuckten und draussen der Schnee an die flimmernden Fenster schlug. Ein tolles und klagendes Lied sang sie dazu, das eine wilde Melodie und einen unsinnigen Refrain hatte:


So brach ich die Treue, schau, schau, schau
Ich bin eine lustige Frau, Frau, Frau
die Treue – die Treue –


Da kam es wohl vor, dass Roman Maria die Geige weglegte und ihr zusah beim Tanze. Ihr ganzes Leben tanzte sie da mit seinen Schmerzen und seiner Sehnsucht und zeigte es nackt vor den Leuten. Ihre Kinderjahre mit den Träumen und den Schauern in den Nächten. – Da tanzte die Veronika langsam und hatte ein starres und sehr vergessenes Lächeln um ihren Mund. Ihre Schritte waren zögernd und ungewiss und auf einmal blieb sie stehen und schaute weg über die Leute, weit weg irgend wohin. Da wird wohl der König Kaspar auf der Bühne stehn, dachte Roman Maria. Und dann tanzte sie eine lange Zeit einen sonderbaren und gequälten, suchenden Schritt. Ihre Hände wollten etwas greifen in der Luft und fanden es nicht. Ihre Augen waren heiss und sehr sehnsüchtig und dunkel. Wirre Wünsche und brennende Scham und eine Bitte waren darin. – Arme Veronika, dachte Roman Maria. Aber dann kams wie ein Wunder über sie. Ein grosses und seliges Wunder, das ihre Hände müde und heilig und ihren Mund sehr schön machte. Da jauchzte sie ihr wildes Lied und tanzte den Tanz ihrer Liebe, ihrer grossen Liebe zu Kaspar und seinem Königthume. In die Hände klatscht? sie und wie eine Siegerin hob sie den Fuss und tanzte. Bis dann plötzlich das Schicksal kam und ihr junges Leben in unsagbarer Angst und wilden Schauern erstarb. Den tollen Refrain schrie sie noch einmal in das Zimmer hinein, wo die Leute sassen und stumm waren.


So brach ich die Treue, schau, schau, schau
Ich bin eine lustige Frau, Frau, Frau
die Treue – die Treue –


Und dann schlug sie die Hände vor ihr Gesicht und tanzte nicht mehr.



VII

Mit braunen Wanderfüssen
Und sommerwildem Haar,
So kamst du mit dem süssen,
Dem Dulderinnengrüssen
In einem Büsserjahr.

Dein Weg gieng zu den Deinen
Und müde ward und wund
Dein Fuss von seinen Steinen,
Und wie ein heisses Weinen
War es um deinen Mund.

Und deines Schicksals Saaten,
Die waren schwarz und schwer,
Dein Herz, das war verrathen
Und seine Wünsche baten
Um keine Schmerzen mehr.

So hab ich dich gefunden
Vor meines Lebens Thür,
Wie wurden deine Wunden
Und deine Dulderstunden
Zu heil'gen Malen mir.

Und deine Thränen brannten,
Und deine Hand war stolz
Und blutig von den Kanten
An einem niegenannten
Und fremden Opferholz.

In deinen wilden Haaren,
Da lag ein alter Gram,
Und deine Augen waren
Die Trauer aus den Jahren,
Da deine Sehnsucht kam.

Du hast sie lang getragen,
Ich nahm dir deine Last:
Die Trauer aus den Tagen,
Die Sehnsucht jener Fragen,
Die du vertrauert hast –

Roman Maria.



VIII

In der zweiten Hälfte des Winters kam Peter Jordan zu dem Ensemble der Singstube. Little Rosa hiess seine blonde Frau, die so lange Haare hatte, dass sie darin gehen konnte wie in einem Mantel. Es war ein Abend im Feber, da sie zum erstenmale spielen sollten. Roman Maria sass neben dem Klavier und starrte auf seine Geige. Und Veronika Selig sass neben ihm. Der kleine Saal war voll und man flüsterte. Denn jetzt sollte der neue Komiker kommen und in der grotesken Posse auftreten, die er selbst geschrieben hatte.

Als Peter Jordan auf die Bühne trat, da wurde die Veronika wie eine Sterbende bleich. Vor den Leuten stand ein grosser und sehr hagerer Mann mit finsteren Augen und einem lächerlich langen Bart. Eine rothe Sammtjacke trug er am Leibe, die seltsam geformte Knöpfe hatte. Und goldene Strumpfbänder über den spitzigen Knien. Der rothe Kaspar, sagte die Veronika zu Roman Maria.

Der rothe Kaspar sprach. Er schaute zu Veronika hin und erkannte sie. Aber sie war todt für sein Leben. Seine Stimme war heiser und laut und vielleicht hörte man sie deshalb so klar, weil es rings so still geworden. Von seinem Herzen sprach er und sah dabei über die Leute hinaus. Er hob seine Hand und seine Stimme war anklagend und dunkel und seine Zunge schwer. Von seinem Herzen sprach er, das ihm die Leute gestohlen und auf dem Markte verkauft und vertrunken hatten. Da gieng ein Schauer durch das Publikum. Man hörte den Athem der Männer gehen und sah wie ringsum langsam nach und nach die Cigarren erloschen. Am Ende des Zimmers waren ein paar Leute aufgestanden und sahen zu Peter Jordan hin. Der sprach und schrie. Seine grossen, mageren Hände hielt er vor sich hin und redete. Toll und tief eine wahnsinnige Burleske. Die »Mutter« hatte er sein Stück genannt. Dann kam die Little Rosa herein in ihrer bethörenden und geschminkten Schönheit. Ihr Haar war lang und glänzte auf, wenn das Licht in den Lampen zuckte. Ihre Augen waren falsch und lockten so sehr. Es kam die wilde und unsägliche Scene. Der rothe Kaspar riss sein Weib zur Erde und trat auf sie. Wie ein toller Affe griff er mit seinen langen Armen in ihr Haar und wollte sie eben erwürgen, als die Thüre aufgieng und der Geist ihres todten Kindes in die Stube trat und eine Butterschnitte ass. So gieng es weiter wie ein groteskes Schattenspiel.

Und als das Stück zu Ende war, da wachte es auf rings in der Stube, erst langsam und vereinzelt, dann laut und gross, das kranke und hässliche Gelächter. Auch der rothe Kaspar lachte und die Veronika lachte und Little Rosa, die Dirne. Nur Roman Maria schwieg. Er sah zu Little Rosa hin und seine Augen waren heiss geworden und brannten. Ihr langes Haar fiel wie ein Kleid auf sein zuckendes und wildes Herz und deckte die Liebe zu, die darin war, die Liebe zu Veronika Selig. Er suchte ihren Blick, den sie ihm lächelnd schenkte. Und ein Hunger war auf einmal in ihm nach ihrer verbuhlten und frechen Schönheit und ihrem wollüstigen Mund. Ein Hunger nach ihrem Leibe, der dem rothen Kaspar gehörte und den er ihm stehlen wollte wie ein Dieb.

Und als dann seine Geige zu spielen begann, bunt und zigeunerhaft und falsch und voll Sehnsucht, da wusste die Veronika, dass Roman Maria keinen Raum mehr hatte für die Liebe zu ihr. Sie sah, wie seine Hände um eine andere und fremde, um eine feile und verschminkte Liebe baten. Und sie wusste, dass Roman Maria und die blonde Dirne das Herz des König Kaspar schon in der nächsten Nacht wieder verrathen würden.



IX

Und als am nächsten Abend die Veronika in Roman Marias Zimmer wollte, da war an der Thür der schwere Riegel geschlossen. Sie pochte und rief. Da hörte sie das Weib des rothen Kaspar drinnen lachen und Roman Marias Stimme sagte zu ihr: Geh fort, Veronika, ich will dich nicht mehr. Geh wieder hin zu den sieben Frauen in die alte Gasse. Das Leben ist zu gross für dich, du wirst es niemals tragen können. Geh heim, Veronika Selig.

Und die Veronika gieng. Ihr Herz war dunkel und es waren keine Träume mehr darin. Sie fühlte, dass Roman Maria wahrgesagt hatte mit seinen Worten. Das Leben war zu gross für sie und grausam und ohne Erbarmen. Sie hatte eine Furcht vor diesem Leben. In dem die Schicksale wieder und wieder kamen, dass man sie fast erkennen konnte nach Jahren. In dem alte Schmerzen spukten und nicht sterben konnten in ihm. In dem man die Liebe verliess um einer Hure willen. Der Regen schlug ihr ins Gesicht und sie gieng weiter. Und sie empfand mit heissen Schauern, dass der Verrath ein Fluch ist für einsame Herzen. Dass König Kaspar so ein einsames Herz halte. Dass man durch viele Irrwege gehen musste zu ihm. Und keiner hatte je sein zuckendes Herz gefunden. Auch die Veronika nicht, die Mutter Veronika. Und jetzt nach Jahren da sah sie mit einemmale so etwas wie einen Weg zu diesem Herzen. Und den hatte sie erst erkannt, wie er sein Leben vor ihr gespielt hatte und ihres. Aber jetzt war es spät und sie hatte keine Sehnsucht mehr nach der Liebe. Die Thore des Leben waren zu. Und Veronika Selig gieng durch die Strassen, um das Haus der sieben Frauen zu suchen. Es war schon tief in der Nacht und die Laternen brannten nicht mehr alle. Die Veronika musste oft sehr lange Zeit im Dunkeln gehen. Und etwas kroch ihr nach in den Strassen und duckte sich an den Häuserwänden und lachte. Das waren die schmerzlichen Tage ihrer neuen Liebe, die sie nun auch verloren und vergessen hatte. Ihrer Liebe zu Roman Maria, der jetzt den König Kaspar betrog mit seinem blonden Weibe. Und die Veronika dachte daran, dass nach Jahren vielleicht der rothe Kaspar die Geschichte dieser Nacht auf irgend einer Bühne spielen werde vor irgendwelchen Leuten. Die alte Geschichte von seinem Herzen und seinem Weibe.

Und da stand die Veronika schon in der alten Gasse. Ich will nach Hause gehen dachte sie und sah die trübe Laterne über dem Thore stehen. Da machte sie die Thüre auf und gieng hinein. Es sassen sieben Frauen in dem rothen Zimmer und in dem Fenster lag der Laternenschein auf der alten Legende. Die siebente war eine Fremde und die Veronika kannte sie noch nicht. Stumm trat sie in das Zimmer und setzte sich. Ohne Gruss und ohne ein Wort zu reden.

Wer ist das, fragte die siebente Frau.

Und da sagte eine:

Das ist die Veronika Selig, die vor einem Jahre mit Roman Maria ins Leben gieng. Sie ist lange geblieben und ihre Augen sind noch dunkler geworden inzwischen. Aber jetzt ist sie wieder da. –