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Jakob Loewenberg – In Gängen und Höfen.

Eine Hamburger Erzählung

Jakob Loewenberg, In Gängen und Höfen, Zweite Auflage, Verlag von M. Glogau jr., Hamburg, 1907



Meinem Bruder Sally
und
seiner Frau.



Ein neues Haus! – Vor meinen Blicken
Seh ich das alte sich erheben,
Vom hohen Nußbaum überschattet,
Umkränzt von dunkelgrünen Reben.

Froh am Gesims die Schwalben zwitschern,
Die ihre junge Brut bewachen,
Und aus des Gärtchens dunkler Laube
Tönt eurer Knaben jauchzend Lachen.

Wie traut die kleinen Räume grüßen,
Drin sorglich still die Hausfrau waltet,
Wo Liebe, Gastlichkeit und Frohsinn
Ein friedumhegtes Heim gestaltet.

Manch reines Glück hielt es umschlossen
Und manchen Kummer, manchen Jammer:
Die Wiege Eures Erstgebornen
Und unsrer Mutter Sterbekammer. –

Nun steht das neue Haus vollendet,
Und stattlich seht Ihr's vor Euch prangen;
Doch sorgend geht durch Eure Seele
Ein Zweifeln und ein leises Bangen:

Was wird uns diese Stätte bringen?
Wird nicht verscheucht das Glück entfliehen?
Seid unbesorgt! die guten Geister
Sie werden alle mit Euch ziehen!

Wird manches Hoffen auch verwelken,
Erfüllen wird sich manches Träumen,
Und Eure Knaben werden wachsen,
Gedeihen mit den jungen Bäumen.

Wenn dann im Anschaun Eures Glückes
Sich jubelnd will die Seele weiten,
Mög über Eure helle Freude
Auch tiefer Wehmut Schatten gleiten:

Wie viele sind's, die ausgeschlossen
Von dieser Erde reichen Gaben,
Die heiß mit blut'gen Händen ringen,
Am Bissen Brotes sich zu laben,

Die sehnend aus den düstern Gassen
Nach einem Sonnenstrahle schauen –
Noch vieles gilt es einzureißen
Und viel, o viel noch aufzubauen!

Hamburg, im Sommer 1892.



I.

Stichtag!

Ein tiefgrauer Novemberhimmel liegt dumpfbrütend auf Stadt und Hafen. Träge und massig windet sich der Rauch aus Schloten und Schornsteinen hervor; die Giebel der Häuser, die Dächer und Erkerspitzen verschwimmen im Nebelgrau, und über sie hinaus ragt wolkenhoch eine düstre, finstre Gestalt: der Michaelskirchturm.

Es regnet nicht, aber überall ist es naß; die Fahrwege schmierig und schlammig, die Fußsteige glatt und schlüpfrig; es ist, als ob die Feuchtigkeit aus der Erde hervorquelle. Schwere Tropfen zittern an den kahlen Lindenzweigen und an den falben Blättern der Ahorn- und Ulmenbäume.

In den Straßen, Gassen und Gängen herrscht ein bewegtes und bewegendes Leben und Treiben. Was nur ein Rad hat und sich Fuhrwerk schimpft, ist heute aus seinem beschaulichen Dasein aufgerüttelt worden; vom großen Möbelwagen an bis zur schottischen Karre hinab dient alles dem einen Zwecke des Umzuges.

Hochbeladen schwanken die Wagen einher. In Kisten und Kasten, in Koffern und Körben, in Säcken und Bettüchern ist eingepackt, was niet- und nagellos war. Besorglich schreitet der Besitzer neben dem Wagen, hinter demselben geht die Mutter, die Lampe in der einen, den Spiegel in der andern Hand, die Tochter folgt mit einigen Blumentöpfen; der waghalsige Junge aber hat hoch oben neben dem Kutscher Platz gefunden und schaut vergnügt hinunter auf alle, die zu seinen Füßen krabbeln.

Mannigfach wie die Wagen sind die Zugtiere: Starkknochige Dänen, verabschiedete Droschkengäule, magere Klepper, Esel und Hunde. Die ganz »kleinen« Leute aber, die von Jugend auf gewohnt sind, im Joch zu gehn, spannen sich selber vor. Es ist nicht der schlimmste Strang, an dem sie ziehen; es geht einer Veränderung entgegen, und da flattert immer die Hoffnung voraus.

Das ist ein Lärmen und Poltern beim Auf- und Abladen, ein Stoßen und Drängen der Fußgänger, ein Schreien und Fluchen der Kutscher! Krach, da prallen zwei Wagen zusammen, und hoch im Bogen fliegen Betten und Stühle aufs Pflaster. Die Kutscher fluchen und wettern, die Kinder jubeln, und im Nu umstehen Hunderte von Zuschauern die feindlichen Brüder. So eilig hat's keiner, daß er nicht für ein solch ergötzliches und billiges Schauspiel noch Zeit fände. Gerade sind die streitenden Parteien friedlich auseinandergekommen, als hinten um die Ecke gemächlichen Schrittes ein Konstabler naht, um auch hier wie überall nach dem Rechten zu sehen.

Er hat einen schweren Dienst heute, der geplagte Mann. Hauswirt und Mieter nehmen ihn gleich stark in Anspruch. Stundenlang muß er in einer Terrasse, in einem Gang aufpassen, daß der zahlsäumige Mieter nicht ausrücke, um endlich zu seinem lauten Schrecken und vielleicht zu seiner geheimen Freude zu erfahren, daß die Sachen durch ein Hinterfenster hinausgeschafft sind, oder daß der Aftermieter sie vor seinen eigenen Augen in Sicherheit gebracht hat. Erleichtert will er von dannen schreiten, da stürzt ein Kellerladeninhaber zu ihm heran: »Kunstabler, wenn Sie die verdammten Jungens nich das Feueranmachen verpurren, denn gibt's en Brand wie Anno 42!«

Vor jedem Hause, das er heimgesucht, hat sich der Umzug, wenn nur auch auf wenige Stunden, ein Denkmal gesetzt. Fußhoch liegen Schutt und Gerümpel umher, von halbverfaultem Stroh oder Seegras bedeckt. Zerbrochene und beschädigte Kannen, Töpfe und Tassen, invalide Geräte jeder Art, lange geschont und geehrt, hier endigen sie unrühmlich ihr Dasein; altes Fußzeug, Hüte, Blechdosen, Bürsten gesellen sich ihnen in friedlichem Vereine zu, ja sogar ein Weihnachtsbaum, an dessen dürren Zweigen noch ein Goldflitter flimmert, träumt inmitten der trostlosen Umgebung von vergangener Herrlichkeit.

Mit langen Säcken und Stangen nahen die »Naturforscher«, um in dem Schutt nach allem zu suchen, was noch irgendwie nützlich zu verwenden ist. Die Kinder sind ihnen behilflich; was sich aber als Spielzeug gebrauchen läßt oder sonst einen Wert für sie hat, behalten sie für sich selber. Da springt plötzlich ein kleiner, zerlumpter Bursch in die Höhe, schneidet Grimassen wie ein Affe und jubelt: »Hurra! hurra!« Die andern umscharen ihn: »Wat hest du funn'n?« »Hurra!« schreit er wieder und zeigt ihnen die offenen Falten eines alten Portemonnaies. »En Penn, en Penn! hurra!« Und nun stürzen alle auf den Schutthaufen los, um nach alten Portemonnaies und verborgenen »Penns« zu suchen.

Kaum ist der Sammler fortgegangen, da zieht einer der Burschen ein Feuerzeug hervor, und im Nu ist der Haufen angezündet. Das schmort und schwält ein Weilchen, dann steigt ein dicker Qualm auf, und ein stinkender, den Atem raubender Rauch wälzt sich durch die Gasse. Hurtig pustet der Wind in den Brand, die Flamme schlägt auf; die Kinder umhüpfen jubelnd das Feuer, und die mutigsten springen gar darüber. Das ist ein Fest! Schade, daß nur zweimal im Jahre Stichtag ist!

»Guschi, de Ul kummt, de Ul!« ertönt plötzlich ein Schrei, und verschwunden ist der kleine Brandstifter und mit ihm die verwegensten der Genossen. Als der Konstabler herankommt, ist es wieder zu spät; er kann nichts mehr tun, als löschen helfen.

Der Knabe aber läuft von dem großen Bäckergang durch einen dunkeln Torweg in einen schmalen Hof hinein, reißt eine der Haustüren auf und stürzt in die Wohnstube, wo eine muntere Gesellschaft beim dampfenden Grog sitzt.

»Guschi, wie siehst du aus! Wo kommst du her, Jung?«

Sie sünd all verbrannt!« ruft der Knabe frohlockend und springt in die Höhe.

»Wer denn, Jung?«

»Die Wanzen un Flöhe, Vater. Junge, was 'n Feuer, so hoch! Das knisterte orndlich! Und wie der Ul kam, rums war ich weg!«

»Das gut gemacht, Jung, komm her und trink'en Schluck.«

Die Mutter, eine kleine, rundliche Frau mit hellen, klaren Augen machte erst ein böses Gesicht; aber dann schenkte sie doch dem großen »Sleef«, ihrem Liebling, eins ein.

Guschi wollte trinken.

»Stopp,« sagte der Vater und stand von seinem Sitz auf. Eine hohe breitbrustige Gestalt, fast stieß er unter die Decke. Über sein breites, bartumrahmtes Gesicht lief ein verschmitztes Lächeln, und seine blauen Augen glänzten hell, als er sein Glas erhob und also begann: »Un nu, verehrte Anwesende, wollen wir das machen wie in die vornehmen Gesellschaften. Die Wanzen un Flöhe sind tot, Guschi soll Kammerjäger werden, un nu laßt uns anstoßen: Es lebe die neue Wohnung!«

Alle hörten erstaunt zu. Solch eine Rede hätten sie dem Adje Lorenzen nimmer zugetraut.

»Das hast du aber fein gemacht!« sagte die kleine Frau begeistert.

»Nu aber auch anstoßen, Kinners, die neue Wohnung soll leben!«

Die Gläser klangen, daß die Tropfen auf den Tisch flogen.

»Un viel Glück darin!« fügte die Mutter hinzu.

»Un viel Gesundheit,« sagte halblaut Marie, die bleiche Nachbarsfrau, und drückte ihr kleines Töchterchen fester an sich.

»Un hunnerttausend Mark!« schrie ihr Mann, Jan Ström, so laut, daß die Kleine, welche in der Mutter Arm eingeschlafen war, erschreckt erwachte.

»Hunnerttausend Mark, das is das beste,« wiederholte er.

»Sie sollen auch leben,« rief Adje, »hoch! hoch!« Und wieder klangen die Gläser, so laut und froh, daß die hunderttausend Mark ihre helle Freude daran gehabt, wenn sie's nur gehört hätten. Sie waren aber noch weit weg.

»So Kinners,« sagte Adje, nachdem sie die Gläser leer getrunken, »der Grog is alle, un nu müssen wir an die Arbeit un ihr auch. Aus'm Gröbsten seid ihr raus. Aber Frauensleute, nich lange geklönt un allens fein gemacht, bis die Herren Männer nach Haus kommen. Un Guschi, hilf tüchtig, un laß mir die Wanzen und Flöh in Ruh. Gu'n Morgen!«

«Gu'n Morgen!«

Die beiden Männer nahmen die Kruke mit Kaffee nebst dem ins Taschentuch gebundenen Frühstück in die Hand und schritten zur Tür hinaus, dem Hafen zu.

»Er is doch 'n smucken Kerl, mein alter Brummbär,« sagte Frau Katharine, »aber nu auch an die Arbeit! Bleib sitzen, Marie, ich mein bloß Guschi un mich; dein Mann hat uns geholfen, nu helfen wir dir.«

Auf dem Boden herum lagen mehrere Bündel, in denen Betten, Wäsche und Zeug gepackt war; daneben standen ein paar Stühle, ein kleiner Tisch und ein Schemel. Die Bettlade und die Kommode hatten die Männer schon fortgeschafft.

Die kleine Frau nahm ein Bündel auf den Kopf, ein anderes unter den Arm; der Junge folgte mit zwei Stühlen. Sie gingen zum Torweg hinaus in den Bäckergang und bogen dann nach wenigen Schritten wieder in einen schmalen Gang ein, von dem sich mehrere Gäßchen und Höfe abzweigten. Vor einem Torweg stand in halbverwischten schmutzigen Buchstaben: Blums Wohnungen. An einem Pfosten hing ein hölzernes Schild mit der Inschrift: Willi Witt, Gelegenheitsdichter.

Frau Katharine blieb unschlüssig stehen, aber Guschi sprang vor und rief: »Das is der Blumenhof, Mama, der dritte Sahl, komm man, ich weiß Bescheid.«

Er ging voran durch den dunkeln Gang, der einige holperige Stufen hinaufführte. Der Weg war so eng, daß nicht zwei Menschen nebeneinander hergehen konnten. Die alten verfallenen Häuser lehnten sich müde aneinander. Jedes Stockwerk stand etwas vor, so daß die Giebel sich fast berührten. Dicke Balken zogen sich von Haus zu Haus quer über die Gasse, sie dienten den morschen Gebäuden zur wechselseitigen Stütze. Die Vorderwände bestanden fast nur aus Türen und Fenstern. Wie hohläugige Bettler standen die Häuser da, ausspähend nach jedem Lichtstrahl, nach jedem frischen Luftzug; aber nur selten verirrten sich dergleichen köstliche Dinge in diese Gassen.

Guschi hatte die Tür geöffnet.

»Mama, paß auf, nimm den Packen vom Kopf!«

Sie schritten vorsichtig die schmale Sahltreppe hinauf, sich mit der einen Hand an dem schwarzen, schmierigen Strick haltend, der statt des Geländers diente.

Im dritten Stock blieben sie stehen.

»Hier is Ströms Wohnung,« sagte Guschi, und öffnete eine Tür.

Durch die beiden niedrigen Fenster drang ein matter Lichtschimmer und zeigte die Bettlade und die Kommode in dem kleinen Vorderzimmer. Nachdem sich das Auge an das Dunkel gewöhnt, gewahrte man noch eine Türöffnung, die zu einem engen, finstern Raum führte, der noch nie das Tageslicht gesehen hatte. Eine Art Herd füllte ihn fast ganz aus. Er sollte die Küche vorstellen.

»Das is Line ihre Arrestkammer,« scherzte der Junge.

»Das is 'n Unglück!« seufzte die kleine Frau und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Noch zweimal ging sie mit ihrem Knaben denselben Weg; dann sagte sie zur Nachbarin: »So, Marie, nu sind die Sachen alle oben, nu mußt du sehen, wie du fertig wirs. Lise und Heini warten auf uns, wir müssen gehen.«

»Kathrin, mir ist so bang zumut.«

»Dumme Deern, immer den Kopf oben behalten!«

»Du hast gut reden, ihr zieht aus'm Elend raus und wir ziehn mittenmang.«

»Is doch man bloß für 'ne kurze Zeit, halt dich diesen Winter man gesund. Jan muß fix was verdienen, un nächstes Frühjahr zieht ihr auch nach'm Müllergang, da is noch grad so 'ne kleine Wohnung leer, wie wir haben.«

Marie nahm ihr Kind an die Hand und wandte sich zum Gehen. An der Tür kehrte sie noch einmal um.

»Das Kind wollte dir noch die Hand geben.«

»Adjüs, mein Deern.«

»Adjüs, Tante.«

»Kathrin« sagte Marie mit bebender Stimme, »wir haben nu drei Jahr bei'nander gewohnt, un haben uns ümmer gut vertragen.«

»Das haben wir auch un so soll es auch bleiben. Nächsten Sonntag komms du mit Jan un das Kind zu uns, un denn trinken wir 'n gemütlichen Kaffee zusammen.«

»Aber denn bin ich nich mehr da, Line,« rief Guschi, »soll ich denn keine Hand haben? Ich geh' nu auch weg, ganz weit weg, nach Amerika!«

Die Kleine machte ein Mäulchen und wollte weinen.

»Na, sei man still, Line,« beschwichtigte der Knabe und strich ihr über das blonde Haar, »ich komm bald wieder un denn bring ich dir 'n Puppe mit – so groß!«

Marie war hinausgegangen. Katharine hatte all ihr Hab und Gut schon frühmorgens im Verein mit Adje und Jan zur neuen Wohnung im Müllergang geschafft, wo Elise, ihre Älteste, mit dem kleinen Heinrich auf sie wartete. Ein Korb mit Glas und Porzellanwaren war noch zurückgeblieben; sie hing ihn an den Arm und sagte zu dem Knaben: »Guschi, nimm Vater sein Sonntagsrock, schmeiß ihn aber nich in'n Dreck, un nu laß uns gehen.«

Bevor sie aber hinausging, durchmusterte sie noch einmal Küche, Wohn- und Schlafzimmer; es konnte doch vielleicht etwas Wertvolles vergessen sein. Gerade die besten Sachen verstecken sich manchmal in einer Ecke, wo man sie am wenigsten sucht.

Sie fand nichts; aber kaum war sie draußen einige Schritte weit gegangen, als sie wieder in die leeren Räume zurückkehrte. Was wollte sie nur? Zehn Jahre hatten sie in dieser dumpfen, armseligen Gasse gewohnt, zehn Jahre voll Arbeit und Not und Entbehrung. Immer hatte sie darauf gehofft, einmal hinauszukommen, einmal dahin, wo sie die Arme frei ausstrecken könnte, wo es so recht helles Licht gebe und frische Luft, so viel man atmen wollte. Sie hatten einen guten Sommer gehabt; ihr Adje hatte außer dem Tage auch noch manche Nacht draußen auf der Werft gearbeitet. Freilich, die Knochen waren ihm manchmal wie zerschlagen; aber es war doch ein schön Stück Geld, was er verdiente. Sie selber hatte auch noch Glück gehabt. Ihre Freundin Marie paßte auf den Kleinen, und da konnte sie jeden Morgen ein paar Stunden in einem fremden Hause arbeiten. Es war nicht viel, was sie bekam, aber es half doch mit. So war es ihnen mit einem Male geglückt, was sie bisher noch nie fertig gebracht: sie verdienten mehr, als sie gebrauchten. Trotzdem wären sie noch nicht ausgezogen, hätte der Hauswirt nicht die Miete gesteigert – und wären die Kinder nicht so groß geworden. Ja, ja, die Kinder! Sie hatten niemals Schlafburschen genommen, wie sauer ihnen auch oft die Miete geworden war. Sie wollten allein bleiben, allein und rein; wer weiß, was so ein Fremder ins Haus bringt. Aber diese Frauensmenschen, die sich da in der Gasse aufhielten, das war noch viel schlimmer. Der Guschi war zehn und die Elise schon zwölf Jahre alt; die durften das nicht länger mehr vor Augen haben. Die Kinder wußten schon so wie so zu viel und spielten gar zu gern unter den rotbehangenen Fenstern. Wie der Senat so etwas nur dulden konnte! In derselben Straße, wo ehrsame, ordentliche Leute mit ihren Kindern wohnen, dürfen solch verkommene Geschöpfe hausen! Da war sie auf Wohnungssuche gegangen; erst in der Nachbarschaft, dann immer weiter, und endlich hatte sie durch Zufall in dem Müllergang am Heiligengeistfeld nicht weit von der Windmühle gefunden, was sie so lange gesucht hatte. Ihr selber war erst bange vor einer Wohnung mit drei Stuben und einer Küche, und ihr Mann meinte, ein Hafenarbeiter müsse auch am Hafen wohnen; aber endlich gab er doch nach. Und nun, da sie hinein sollte in das neue Glück, ward ihr doch traurig zumute. Sie fühlte unbewußt, daß sie sich von einem Stück ihres Lebens trennen sollte. Wir wachsen zusammen mit den Räumen, in denen wir wohnen, und noch mehr im Leid als in der Freude. Dies Fenster, durch das wir so oft geschaut, die Türe, durch welche wir gegangen, der Pfosten, an dem wir unser Kind gemessen, jene Ecke, in der wir krank gelegen, sie sind keine toten Dinge mehr, sie leben in uns und mit uns, sie sind ein Teil unsres Seins geworden.

Mit feuchtem Auge sah Katharine noch einmal im Zimmer umher, strich mit der flachen Hand über die kahlen Wände, wischte den Staub von der Fensterbank, und plötzlich durchlief sie ein Schauer. Das war ja nicht mehr ihr Zimmer, das war alles so öde und leer, das war alles still und gestorben!

Sie eilte hinaus. In einer Ecke des Hofes war ein kleiner, freier Gartenraum, nur wenige Fuß im Geviert. Da stand ein Apfelbaum; jedes Frühjahr schmückte er sich wie andre Bäume mit neuen Blättern, zuweilen trieb er auch einige Blüten; aber nie trug er Früchte. Guschi hatte sich sinnend an seinen Stamm gelehnt. Schade, daß er den Rock verwahren mußte, er hätte sonst so gut noch einmal hinaufklettern können.

»Komm Kind,« rief die Mutter, und in dem Blick, mit dem sie zum Baum hinaufschaute, lag etwas wie Wehmut und Dank.

»Adjüs, Fro Lorenzen, adjüs!« scholl es ihr aus den benachbarten Häusern nach.

»Adjüs!«

Im Torweg begegnete ihnen ein Karren mit den Sachen des neuen Mieters. –



II.

Bald darauf klomm Marie die Treppen zu ihrer neuen Wohnung empor. An der einen Hand hielt sie ihr Kind, in der andern trug sie eine blühende Monatsrose; ihre übrigen Blumen hatte sie der Freundin geschenkt. Auf der zweiten Stiege begegnete ihr ein junger, gutgekleideter Mann. »Wer is dat?« fragte ein dreijähriges Bürschchen, das mit andern Kindern, die alle gleich schmutzig und zerlumpt aussahen, auf dem schmalen Flur spielte. »Dat is en Herr!« war die Antwort.

In diesem Augenblick sah die Frau auf. Ein matter Lichtschimmer fiel auf das bleiche Antlitz des Mannes, das von einem spärlichen braunen Vollbart umrahmt war. Sie schrak zusammen und drückte sich und ihr Kind dicht an die Wand, um ihn vorbeizulassen. Mit schnellerem Schritte eilte sie weiter. Aus einem Zimmer des zweiten Stocks drang lautes Fluchen und Schreien, dazwischen ein leises, verhaltenes Wimmern. »Mutter Arndt kriegt Wichse!« riefen die Kleinen von unten her und kletterten vergnügt und doch scheu einige Stufen höher, in der fröhlichen Hoffnung, mehr zu sehen und zu hören. In der gleichen Absicht streckte sich durch eine halboffene Tür des dritten Flurs ein Frauenkopf mit aufgedunsenem, rotem Gesicht, zerwirrtem Haar und frechen Augen. »Guten Tag, Frau Nachbarn,« rief sie der Angekommenen entgegen. »Das is hier ne fidele Bude.«

»Guten Tag,« gab Marie zurück und ging weiter.

»Hochmeudigis Beddelpack!« scholl es hinter ihr her, und die Tür wurde heftig zugeschlagen.

Frau Marie trat in ihr Zimmer. Da lag und stand alles in größter Unordnung, aber sie konnte noch nichts anrühren. Sie mußte erst zu Atem kommen und sich ein wenig ausruhen. Sie setzte sich auf die Kante der aufgeschlagenen Bettlade, stützte die Arme auf die Knie und vergrub den Kopf in die Hände.

Die kleine Line blickte erregt auf die Stühle und Bündel, auf die Bilder, Töpfe und Krüge, die umherstanden. Merkwürdig, das stand und hing sonst immer so fest, so heilig, so unnahbar, nichts durfte sie antasten, und heute hatten sie alle ihren Platz verlassen müssen; es gibt doch nichts Beständiges mehr in der Welt! Wie die Töpfe sie anguckten mit ihren großen Augen: komm nur her, wir sind gar nicht so stolz und vornehm, komm nur her und spiel mit uns! Sie wagte leise ein Schrittchen vorwärts, und noch eins, und bald saß sie seelenvergnügt mitten zwischen ihnen, und ihr helles Stimmchen klang durch den düstern Raum. Die Mutter war in Erinnerung verloren. Sie sah sich als kleines Mädchen in einem holsteinischen Dorfe spielen, auf dem freien Platze bei des Lehrers Garten; aber sie war viel wilder, konnte ganz anders lärmen und tollen als ihr Linchen. Wie sie mit des Schulmeisters Theodor umging; er war fast einen Kopf größer als sie, und doch, wie bange war er vor ihr! Freilich, als sie in die dumme Schule mußte und gewahrte, wie klug er war, und wie viel er wußte, da bekam sie Respekt vor ihm. Dann kam der Theodor nach der Stadt, wo er allerhand wunderbare Dinge lernte. Man brauchte ihn nur zu fragen, und er konnte alles wie am Schnürchen hersagen; aber noch immer konnte er nicht eine Nachtigall von einem Sperling unterscheiden. In den Ferien kam er regelmäßig heim, und sie spielten wieder wie früher zusammen; sie waren ja Nachbarskinder. Allmählich aber hörte das Spielen auf; sie waren zu groß geworden. Sie wurde konfirmiert, und er machte sein Examen, um zur Universität zu gehen. Beim Abschied küßte er sie; das sei Studentenbrauch, sagte er, das müsse sich jedes Mädchen gefallen lassen. Da fügte sie sich der eisernen Notwendigkeit. Als er zurückkam, küßte er sie wieder und wußte noch viel triftigere Gründe dafür anzugeben, und als er sie zuletzt fragte, ob sie Frau Doktor werden wollte, sagte sie ja, gerne! Dann blieb er ein ganzes Jahr weg, und sie verdingte sich inzwischen nach Hamburg; ihre Eltern waren arm, und sie wollte etwas verdienen. Er suchte sie auf und traf sie im Tanzsalon mit einem flotten Sechsund­siebziger. Was für Augen er machte, und was für böse Worte er gebrauchte! Hätte sie den Soldaten nicht beschwichtigt, es wäre ihm schlimm ergangen. Und sie hatte doch gar nichts Schlechtes getan; warum sollte sie nicht auch ihr Vergnügen haben? Braut? Bah, sie dachte nicht daran; das seien Kinderpossen, für einen Doktor sei sie viel zu dumm, und dann habe sie auch gar keine Lust, so lange zu warten, bis er sie mal ernähren könne. Gleich und gleich, das passe am besten. Er bat, er drohte, er flehte; sie lachte und tanzte mit ihrem Soldaten weiter. Seit der Zeit hatte sie ihn nicht wiedergesehen. Den Soldaten hatte sie bald laufen lassen, und der Postbeamte, der sie dann zum Tanz führte, meinte es nicht ehrlich; aber sie war doch ein rechtschaffenes Mädchen geblieben, und als solches hatte sie ihren Jan gefreit. Er war ein ganz guter Kerl, zwar etwas leichtsinnig und aufbrausend, aber fleißig und ordnungsliebend, und noch nie hatte er sie geschlagen. In letzter Zeit zwar, seitdem sie ihm ein totes Knäblein geboren und immer kränkelte, war er verdrießlich und mürrisch geworden. Aber sie hatte doch ihre Line. Was für ein Schatz von Kind war das, so lieb und so gut; solcher Kinder gibt's nicht viele.

Ein klirrendes Geräusch schreckte sie aus ihren Träumen auf, und gleich darauf fing das Kind an, laut zu schreien.

Ein Topf lag zerbrochen zu seinen Füßen.

»Verdrehte Deern!« rief die Mutter, »mit dem Butt ist es nicht mehr zum Aushalten.«

»Ich hab es garnich getan,« schluchzte das Kind, »der Topf stand auf dem andern Topf, un da, un da – ganz von alleine – un da –«

Die Erinnerung an die merkwürdige, eigene Willensbetätigung des Topfes wirkte noch so mächtig auf Linchen ein, daß sie vor Weinen nicht weitersprechen konnte.

»Halt dein Maul, dumme Deern, is schon gut«, beschwichtigte die Mutter, nahm das zitternde Kind mitten aus den Töpfen und Scherben hinweg und setzte es auf den kleinen Herd in der dunkeln Ecke.

Es war hohe Zeit, daß sie an ihre Arbeit ging. Aber womit beginnen? Der kleine Raum stand so voll, daß sie sich kaum darin regen konnte. Sie hatten bisher zwei Stuben und eine Küche besessen, und nun sollten alle die Sachen in einem Zimmer untergebracht werden. Eine heillose Angst überkam sie vor ihrem Reichtum. Ein Bett, ein Tisch, eine Art Sofa, eine Kommode und sechs Stühle – es war unerhört! Sie legte das Geschirr und die Bilder auf das Bett, und versuchte es zuerst mit dem Tische, hierher, dorthin, neben die Tür, vor das eine Fenster, vor das andre – nirgends war es ihr hell genug; endlich mußte er doch zwischen den beiden Fenstern stehen bleiben. Nun erhielt das Sofa seinen Platz von selber. Aber die Kommode? Sie stand hier im Wege, und dort war es zu dunkel. Und gar die Stühle erst! Es war eine ewige Wanderschaft! Ein Glück, daß das Bett an der Hinterwand aufgeschlagen war, so gab es doch einen festen Punkt, auf dem das Auge mit Sicherheit ruhen konnte.

Endlich waren alle Möbel aufgestellt. Nun ging es an das Auspacken und Ordnen der Wäsche, an das Aufstellen der Teller und Küchengeräte, an das Aufhängen der Kleider, der Bilder und der vielen Photographien. Nur Raum und Licht. Ob die Rose hier vor dem Fenster wohl weiter blüht? Schade um die schönen Bilder! Der »Seesturm« und der »Brand von Hamburg« konnten schon etwas Halbdunkel vertragen; aber das »Mutterglück« und »Junge Liebe« mit dem schönen Schloß im Hintergrund verlangten entschieden eine hellere Beleuchtung. Wieder wurde hin und her probiert, es war zu schwer, den richtigen Platz zu finden.

Inzwischen hatte sich die Kleine von ihrem Schreck erholt, war vom Herd heruntergeklettert und sah eine Weile der Mutter zu. Das wurde ihr aber bald zu langweilig. Sie schlich zur Tür und öffnete sie.

»Wohin?«

»Ich will draußen spielen mit Guschi.«

»Ach Deern, wir wohnen jetz drei Treppen hoch. Du kannst nicht mehr alle Augenblick vor die Tür laufen.«

»Ich mag aber nich hier bleiben!«

»Tür zu, und setz dich hin!«

Das Kind war noch im Zweifel, ob es die Tür von drinnen oder draußen schließen sollte und schob sich in der Türöffnung hin und her.

»Kannst du nicht hören!« rief die Mutter ärgerlich, riß es in die Stube und schlug die Tür zu. »Hier bleibst du sitzen, hier auf'm Stuhl, un nu kein Wort mehr, sonst –!«

Linchen sprach auch kein Wort mehr; aber ihr Schluchzen und Seufzen dauerte noch lange fort.

Nun ging die Mutter in die Küche, in das enge dunkle Loch ohne Fenster und Tür.

Marie bebte zurück vor dem dumpfen, fauligen Geruch, der ihr aus dem Winkel entgegendrang, vor dem Unrat, den sie beim Schein der Lampe in der Ecke aufgehäuft fand, vor dem Staub und Schmutz, der fingerdick auf dem Tellerbort lag. Sie konnte arbeiten, auch jetzt, wo sie schwächlich war; sie war von jung auf an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnt; aber in diesem Loch, in dem sie sich nicht bewegen noch regen konnte, tagaus, tagein zu hantieren – ein Schauer überlief sie. Sie stürzte sich kopfüber in die Arbeit, sie räumte den Schutt fort, sie fegte, feulte und putzte, aber es wollte ihr nicht gelingen. Wenn sie ihr Werk überschaute, kam ihr alles verkehrt vor, alles durcheinander, voll Unordnung, jedes sich selbst und dem andern im Wege. Eine tiefe Mißstimmung, ein geheimes Bangen und Grauen überschlich sie, sie wußte selbst kaum wovor; aber es drohte, sie niederzudrücken.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Schall. Ein Bild war von der Wand zu Boden gefallen.

Sie erbebte. Das bedeutet einen Toten im Haus.

Sie preßte die Hand vor die Stirn. »Kopf oben halten!« sagte sie halblaut. Dann stand sie auf und sah nach ihrem Kinde. Es war auf dem Stuhle eingeschlafen, das Schürzchen noch vor dem Gesicht haltend.

Sie beugte sich über das Kind und zog die Schürze leise herunter. »Mein Line!« flüsterte sie.

In der engen Gasse wogten die Nebel auf und ab.



III.

»Fertig! Nu kann Vater kommen.«

Frau Katharine stand in der Mitte der kleinen Wohnstube auf den Leuwagen gelehnt und sah mit vergnügtem Gesichte umher. Alles an Ort und Stelle, alles blitzeblank, es war eine Lust sich umzuschauen. Wie freundlich die blauen Glocken der Fuchsien und der rotblühende Geranium, die sie von Marie bekommen hatte, vor dem Fenster aussahen, wie zierlich die neue Decke auf dem kleinen runden Tisch, wie fein das bunte, ausgeschnitzte Papier um den Spiegelrahmen! Freilich, ein bißchen leer war es noch im Zimmer, arg leer. Aber das macht nichts. Ist erst einmal der schlimme Winter vorüber, dann läßt sich schon etwas zurücklegen, um neue Sachen anzuschaffen. Und in stillem, freudigem Sinnen malt sie sich aus, wie sie die Mittel dazu erarbeiten und ersparen kann, was für schöne Dinge sie kaufen will, – es ist ja heutzutage alles so billig, wenn man nur gleich bar bezahlen kann. Hier kommt noch ein Stuhl hin, da ein Schränkchen und dort – »dummes Zeug«, unterbricht sie sich dann selber, »nicht so hoch hinaus wollen! Es ist so gut genug; immer hübsch zufrieden sein, – aber ein Stuhl muß da doch noch stehen!«

Sie blickt durchs Fenster. An der andern Seite der Gasse ist ein Bretterzaun aufgeschlagen; dahinter soll ein Neubau errichtet werden. Wenn er nur nicht zu hoch wird und ihnen das Licht fortnimmt!

Da springt Guschi herein, die Backen hochgerötet, die Augen leuchtend helle, das blonde Haar hängt ihm wirr auf der Stirn. Er hatte heute fleißig mitgeholfen; aber seit einer Stunde war er spurlos verschwunden. Er konnte es nicht mehr aushalten, die Mühle lag zu nahe. Sobald er nur zum Fenster hinausguckte, winkten ihn ihre Flügel heran: Nun komm doch, dummer Junge! Und dann verschwanden sie ärgerlich. Gleich darauf aber erschienen sie wieder: So komm doch, komm doch!

Wer hätte da widerstehen können!

Er war hinausgeeilt und hatte sich das Wunderwerk in allernächster Nähe gründlich betrachtet; gründlich, denn das stand bei ihm fest, daß er sich alsbald eine solche Windmühle selber bauen müsse. Dann hatte er sich verlocken lassen, weiter auf das Feld hinauszugehen. Das war noch ein Spielplatz! Was war der Scharmarkt dagegen! Heidi, wenn er jetzt seine Kameraden hier hätte, es könnte ein prachtvolles Leben geben! Und eh er sich's versah, hatte er neue Kameraden gefunden, und im fröhlichen Spiel war schnell eine Stunde verronnen.

Die Mutter wollte schelten. Er hielt ihr geschwind den Mund zu, er war ja fast so groß wie sie.

»Sei man still, das nächste Mal nehm ich auch das Lüttje mit, ich muß doch ers allein Bescheid wissen.«

Das Wort versöhnte sie: »Is schon gut!«

Der Knabe hielt die friedfertige Stimmung für Erlaubnis, weiter spielen zu dürfen und wollte wieder forteilen.

»Hierbleiben,« rief die Mutter, »nimm das Kind an die Hand; wir wollen nach 'm Jonas gehen un Vater abholen. Lise, paß mir fix aufs Essen,« rief sie der Tochter zu, die in der Küche beschäftigt war, »wenn wir wiederkommen, muß alles p'rat sein.«

Auf dem Felde lag noch bleicher Dämmerschein. Rings am Horizonte hatte sich der Nebel zu grauen Bergwolken verdichtet, über welche die Spitzen der Häuser wie ferne Burgen emporragten. Darüber hinaus blaute der Himmel in ruhiger Klarheit.

Vom Hafen her tönten die Schiffspfeifen und Sirenen heulend und brüllend, zischend und kreischend, bald dumpf und tief, bald schrill und grell, als ob eine Menagerie wilder Tiere in Aufruhr geraten sei. Längs des Bollwerkes brannten die Laternen, und in zitternden Flammenwellen schimmerte das Wasser. Drüben von Steinwärder her, wo die große Werft von Blohm & Voß sich erstreckt, warf das elektrische Licht seine hellen, kalten Strahlen; nicht weit davon leuchteten rotglühende Gasflammen empor, und auf dem breiten Strom tauchten allerhand buntfarbige Lichter auf, um bald wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Große Ozeandampfer hielten majestätisch ihren Einzug; keuchende Schlepper zogen langsam die schweren Schuten, dazwischen hindurch wanden sich Ewer und Kutter, kreuzten die Zollbarkassen und bahnten sich die grünen Fährdampfer ihren Weg. Mancherlei Volk das, hoch und niedrig, klein und groß, ansehnlich und gering, – aber Arbeiter sie alle.

Am Eingang der Landungsbrücke stand Frau Katharine, jedesmal scharf ausspähend, wenn die dichtbesetzten, kleinen Fährbote ihre Ladung ans Land gesetzt hatten. Ohne sich aufzuhalten, kaum ein Wort miteinander wechselnd, hasteten die Männer an ihr vorüber. Es war, als ob sie nicht schnell und nicht weit genug von der Arbeitsstätte fortkommen könnten. Den Kindern gleich, die der dumpfen Schulstube entrinnen und deren freudiges Gefühl die Wehmut überschleicht: Morgen mußt du doch wieder hin!

»Papa! Papa!« schrie plötzlich der Kleine und streckte die Ärmchen aus. Das Kind hatte den Vater schon gefunden, während die Mutter ihn noch suchte.

»Sieh da, Kathrin! Wo kommst du her?«

»Erst sag mal guten Abend, Mann.«

»'n Abend! Aber was willst du denn hier?«

»Ja, wenn du das nicht raten kannst! Guten Abend, Ström!« «

»'n Abend. Is meine Frau auch hier?«

»I, wo sollt sie denn!«

Die Männer bogen rechts ab, den Vorsetzen zu.

Frau Katharine fing laut an zu lachen.

»Das hab' ich mir doch gedacht. Wo willst du denn hin, Adje? Natürlich, der große Jung weiß nich, wo er jetzt wohnt. Linksum geht's nach 'm Feld.«

»Dunnerschlag, was die Gewohnheit nich tut. Na, is man gut, daß du gekommen bis, sons hätt ich am Ende den Konstabler noch nach'n Weg fragen müssen. Gu'n Nacht, Ström!«

Jan brummte etwas vor sich hin und ging weiter.

Die andern wandten sich dem Elbpark zu, als plötzlich der Knabe, der sich hinter einem Baum versteckt hatte, dem Vater auf den Rücken sprang.

»Ich brauch mich gar nich umzusehen,« sagte dieser, »den Knecht kenn ich, das is mein Schlingel Guschi.«

»Has geraten, Vater,« rief der Knabe und hängte sich ihm an die Seite.

Da streckte auch der Kleine verlangend die Händchen aus. Der Vater nahm ihn auf den Arm, die Mutter ging hinterher und scherzte und koste mit dem Kinde, während Guschi erzählte, wie fleißig er heut gewesen, was alles er getan und wie schön es bei der Mühle sei, wie prächtig es sich auf dem Felde spielen lasse und die Jungens kenne er schon alle, und nächsten Sonntag müsse der Vater auch mitgehen und da wollten sie einen Drachen auffeiern.

Als sie beim Panorama nach dem Feld einlenkten, strahlten ihnen die Häuser der Feldstraße in hellem Lichterglanz entgegen. Es sah fast aus, als ob man dort zu einem festlichen Ereignisse illuminiert hätte.

»Un da unten, siehst du, Adje,« sagte die Frau, »da unten neben der Mühle, das allerletzte Licht –«

»Das is unser Haus!« ergänzte der Mann.

Und frohbewegt schritten sie quer über den grünen Plan dem neuen Heim entgegen.



IV.

In mißmutigem Sinnen war Jan beim Blumenhof angelangt. Im Hintergrunde desselben brannte eine Laterne, von der ein matter Lichtschimmer in den dunkeln Torweg hineinstrahlte. Jan war eine gedrungene, nur mittelgroße Gestalt; aber er mußte sich doch bücken, um den niedrigen Durchgang zu durchschreiten. Als er die dunkle Sahltreppe hinaufstieg, stieß er mit dem Kopf so wuchtig gegen den tiefliegenden Querbalken, daß er vor Schmerz aufschrie und die Kaffeekruke ihm aus der Hand fiel. »Verdammte Bude!« fluchte er und taumelte tastend die Treppe hinauf.

Eine feuchtdumpfe Luft umgab ihn, ein muffiger, stinkender Geruch drang ihm entgegen. Der Schmerz schärfte seine Sinne und machte seine Nerven empfindlicher, so daß ihn ein tiefer Ekel überkam. Mit polterndem Schritt trat er in seine Stube und ließ den Gruß der Frau unerwidert.

»Ne schöne Wirtschaft hier,« schrie er barsch. »Kathrine hat ihren Mann vom Hafen abgeholt; um mich Hund kümmert sich keiner, un wenn ich mir den Schädel einstoße.«

»Ich dachte, du weißt den Weg allein.« ·

»Dja, wenn du ihn mir zeigen sollts, könnt ich lange warten.«

»Ich hatte noch so viel zu tun,« meinte sie kleinlaut, »ich hab auch keine Hilfe wie Kathrin.«

»Hilfe oder nich! Wie das hier aussieht! Das soll Ordnung sein? Alles wüst durch'nander!«

»Wir haben zuviel Sachen für die eine Stube.«

»Hätts den Kram verkaufen sollen oder 'ne größere Wohnung mieten.«

»Du weißt ganz gut, daß keine billigere zu haben war.«

»Ja furchtbar billig! Drei Mark die Woche! – Na, nu sei man still un mach's Essen fertig.«

Er warf sich auf das Sofa und stützte den schmerzenden Kopf auf die Hand.

»Papa!« flüsterte es ganz leise aus der Ecke, »Papa!«

»Komm her, Line!«

Wie so ganz anders seine Stimme klang, wie mild und weich!

Er setzte das Kind auf seine Kniee und beugte den Kopf zu ihm herab. Die Kleine fuhr ihm mit dem Händchen über das wirre Haar, und dann glitt sie mit dem Zeigefinger durch die Furchen, welche die Schweißtropfen auf dem berußten Gesicht gezogen hatten. Ein heller Schimmer glitt über seine Züge; die Berührung des Kindes schien ihm jeden Schmerz zu nehmen. Noch eine geraume Weile duldete er ihr Spiel, dann umfaßte er ihr Hündchen und kreuzte seine Finger mit den ihrigen. Mit innigem Behagen sah er, wie sich von seiner plumpen, schwarzen Hand die zarten weißen Fingerchen abhoben. Er drückte sie fest und ließ sie wieder los, drückte und löste sie wieder, bis ihm zuletzt mit der Freude über den Anblick seines Kindes ein tiefes Bedauern mit sich selber überkam und er leise murmelte: »Schad, daß dein Vater so arm is un in so'n Loch wohnen muß!«



V.

»In Hamburg gibt es nur neun Sommertage, davon fallen sechs in den Winter.« Nicht in den Winter, aber in den Herbst. Da kommen manchmal Tage, so klar und warm, so licht und lockend, daß das Herz frohmutig erschauert: Wo bin ich denn? Welche Jahreszeit haben wir?

So war der Sonntag Nachmittag, an dem Jan mit Frau und Kind hinausschritt, um seine Freunde in der neuen Wohnung zu besuchen. Der Himmel blaute in heitrer Klarheit, die Luft war rein und sichtig. In tiefgoldenem Glanze lag das weite Heiligegeistfeld da. Kein Windhauch bewegte die hohen Ulmen, von denen die falben Blätter müde zur Erde flatterten; kein Lüftchen zog über das niedre Gras, und doch ging ein leises Zittern und Beben über den weiten grünen Plan. Es war ein Atmen wie im Traum, ein Sinnen und Hinlauschen wie in Erinnerungen. Ein Hauch von all dem Sommerglück, das hier gespielt und gesprungen, gescherzt und geherzt, schwebte kosend herüber und hinüber, wie der Duft der verblühten Blumen an solchen Tagen noch einmal den Garten zu durchziehen scheint.

In den Spielen der Kinder aber, die sich überall fröhlich umhertummelten, lebte alles, was der Sommer gebracht, noch einmal in frischer Wirklichkeit auf. Da wurden Zelte gebaut, wilde Pferde mit dem Lasso gefangen, Beduinen zogen durch die Wüste, und Indianer überfielen die Ansiedler. Speer und Ball flogen durch die Luft, und bei der Windmühle sprangen kleine, furchtsame Mädchen über den dahingleitenden Schatten der sich langsam bewegenden Flügel und freuten sich baß ob ihrer erstaunlichen Kühnheit.

Mitten auf dem Felde traf Jan seinen Freund Adje, der auf dem Rücken ausgestreckt im Grase lag und den kleinen Heini auf den Knien reiten ließ. Guschi war bei den Indianern. Er hatte erst versucht, einen Drachen, den er sich mit unendlicher Mühe zurecht gezimmert und gekleistert, steigen zu lassen; aber da es zu windstill war, so hatte er bald von seiner friedlichen Beschäftigung abgelassen und war unter die Wilden gegangen. Vermittels dreier langer Hahnenfedern, die er irgendwo erbeutet hatte, brachte er es sogar bald zur Würde eines Häuptlings.

»Gu'n Tag, Adje,« sagte Jan, »du bis ja wohl bannig müde, was?«

»Das sag man,« erwiderte Adje, ruhig liegen bleibend, »so 'ne Stunde in die Sonne kucken, das 's keine Kleinigkeit. Wo wollt ihr denn hin?«

»Wir? Wir wollten mal sehen, wie Adje Lorenzen das geht. Seine Frau hat uns zum Kaffee eingeladen. Kanns du uns nich sagen, wo er wohnt?«

»Djo, wenn du 'n gutes Trinkgeld gibst –? – Nu kuck einer die Altsche, nich 'n Wort hat sie mir erzählt, bloß aufs Feld hat sie mich geschickt: ›Kanns mal sehn, ob Ström's nich kommen.‹ Na täuw!«

Er richtete sich auf, gab den Angekommenen die Hand und führte sie geradeswegs zu seiner Wohnung.

Frau Katharine stand in der Haustür und hieß die alten Freunde herzlich willkommen. Noch eh' sie sich gesetzt hatten, mußten sie das ganze Häuschen, die Küche im Flur, die beiden Schlafzimmer und die Wohnstube besehen. Wie das blitzte und blinkte, wie fein und vornehm das aussah!

Jan nahm unwillkürlich die Mütze vom Kopf, als sie das Wohnzimmer betraten.

»Deubel noch mal, hier sieht das ja aus, wie bei Senaters,« meinte er. »Ja, ihr habt gut vornehm tun, unsereins muß sein Geld nach Dokter und Aptheker bringen.«

»Man Geduld, mein Junge, das wird bei euch auch noch besser; allens hat 'n Ende un die Wurst sogar zwei,« tröstete Adje.

Marie drückte inzwischen ihrer Freundin auch ihre Bewunderung aus, konnte aber nicht umhin, zu bemerken, daß die Decke nicht recht zu dem Tisch passe, daß die Gardinen etwas zu gelb seien und daß im ganzen Alwers, die nicht mehr hätten als sie, noch feiner eingerichtet wären.

Die kluge Frau Katharine ärgerte sich durchaus nicht über diese Bemerkungen; sie fühlte, daß der Neid sie eingegeben, und Frauen erfreut es immer, beneidet zu werden.

Der Kaffee wurde aufgetragen und in fröhlichster Stimmung eingenommen. Elise besorgte alles, die Mutter brauchte bloß mit den Augen zu lenken. Auch Guschi fand sich bald ein. Er kam zu den Mahlzeiten gewöhnlich reichlich spät; aber ein instinktives Gefühl trieb ihn an, daß er nie zu spät kam, und das genügte ihm.

Da es noch früh genug war und der Sonnenschein gar zu golden lockte, schlug Frau Katharine einen Spaziergang vor, und die ganze Gesellschaft begab sich ins Freie.

Sie schritten über das Feld die Straße entlang und wandten sich beim »Landhaus an der Heerstraße« seitwärts an dem Gefängnis vorüber durch die Alleen bei den Kirchhöfen dem Botanischen Garten zu.

»Die fallen auch nicht aus'm Fenster raus, Adje«, bemerkte Jan, auf die vergitterten Stäbe am Gefängnisse hinweisend, »aber weiß der Deubel, die Kerls da wohnen besser un gesunder als unsereins.«

»Un billiger. Möcht'st du woll mit ihnen tauschen, Jan?«

»Heut noch nich; aber wenn das ers schneit und friert, denn will ich mir das doch überlegen. Unsere Treppenwand ist nix als dünnes Holz, un der infamigte Zug pustet da jetz all ganz eklig durch!«

»Dann pust du man auch fix in die Hände, daß du dich da bald rausarbeits aus der Windluke.«

Sie traten in den Botanischen Garten ein, der ihnen in schimmerndem Spätherbstglanz entgegenleuchtete. Keiner, außer Katharine, kannte ihn, und es war auch schon lange her, seitdem sie ihn mit den Kindern ihrer früheren Herrschaft besucht hatte. Gegenüber im Zoologischen waren sie trotz des teuren Eintrittsgeldes schon alle gewesen, da gibt's so vielerlei zu sehen und zu hören; aber für die stillen Reize dieses Gartens, der jedem gastlich seine Pforten öffnet, für das sinnige Blumen- und Pflanzenleben haben nur wenige Augen.

Auch jetzt schritten die Männer achtlos die Pfade entlang; die Kinder aber spähten verlangend hinüber nach den halbwelken Blumen und freuten sich ob der vielen, neuen Dinge, die sie sahen.

»Kuck mal, was 'n Baum!« erscholl es.

»Der is aber fix hoch!«

»Und was hat er for'n gediegene Blätter!«

»Was is denn das?«

»Un was is das?«

Die bleichen Wangen der Frau Marie erglühten in lebhaftem Rot. Sie konnte den Kindern auf viele Fragen Antwort geben. So manche von den Blumen, Sträuchern und Bäumen waren ihr bekannt; der kleine Dorfgarten stand vor ihren Augen, und es war ihr, als ob sie liebe alte Freunde aus der Jugendzeit wiedersähe.

Als sie dann an den Gewächshäusern vorüber den Abhang hinunter zu den Teichen schritten, über deren dunkle Flut sich die zitternden Zweige neigten und auf welchen die schneeweißen Schwäne feierlich langsam ihre Kreise zogen, da meinte sie seufzend: »Das hätt' ich doch nich geglaubt; daß es in Hamburg so schön sein könnte!«

Sie setzten sich auf eine Bank unter einer Traueresche nieder. Die Männer unterhielten sich von dem neuen Verein, den die Hafenarbeiter gründen wollten; die Frauen erzählten einander von ihren früheren Herrschaften, und die Kinder spielten zu ihren Füßen, warfen Steinchen in das Wasser und lockten die Fische und Schwäne herbei.

Plötzlich ertönte ein lautes Klingeln.

»Was soll das?« fragte Adje.

»Nu wird der Garten geschlossen,« erklärte Katharine, »un wir müssen raus.«

»Immer raus,« brummte Jan, »immer raus, grade, wenn man sich 'n Minute verpusten will. Die reichen Leute können in ihrem Garten bleiben, so lang sie wollen«

»Ström, Sie sind unverständig,« entgegnete Katharine, »Sie meinen, das Geld macht glücklich. Ich hab zwei Jahre in 'n großes Haus an'n Harvestehuder Weg gedient. War das ein Elend! Ich sag euch, unsere Madam hat in der Zeit mehr geweint, als ich mein ganzes Leben lang. Nich 'n einziges Mal hab ich sie in ihrem Garten gesehen. Wenn unsereins bei den schönen Blumen und Bäumen vorbeigeht und das ankuckt, denn haben wir mehr Freude davon, als oft die Leute, denen das alles zugehört.«

»Ja, geh' man mal einer jeden Tag vorbei!«

»Is auch nich nötig. Ich wollt man, unser kleines Haus gehörte uns zu, oder uns könnte keiner rausjagen, denn tauscht ich mit keinem Menschen auf der Welt.«

»Besonders, wo sie so'n guten Mann hat!« warf Adje erläuternd dazwischen.

»Ihr habt gut reden,« brummte Jan, »Ihr gehört ja jetzt auch zu den Bourgeois, zu den Feinen, Ihr wißt all nich mehr, wie das in den Gängen aussieht.«

»Das vergeß ich mein Lebtag nich! Ich bin bloß 'n dumme Frau, un ich weiß nich, ob die Sozialdemokraten recht oder unrecht haben; aber das weiß ich, daß es vor Gott nich zu verantworten is, daß Menschen in so 'ne Winkel un Löcher wohnen müssen. Das sollte die Polizei einfach nich leiden. Ich kann mir das nich anders denken, als daß die reichen und vornehmen Leute, die die Gesetze machen und die die Macht haben, das gar nich wissen, wie das in diese Spelunken aussieht, wo nich mal ein ordentlich Stück Vieh gedeihen kann.«

»Na nu, man nich so dicknäsig!« fuhr Jan auf, »wir können das noch ganz gut aushalten.«

»Ich hab's ja nich bös gemeint,« beschwichtigte Frau Katharine.

Am Holstentor verabschiedeten sich die Familien.

Vergebens baten Adje und Katharine ihre Freunde, mit ihnen zu gehen und den Abend bei ihnen zu verbringen.

»Wir haben selber noch was zu essen,« sagte Jan trotzig, »un das Kind is müde un muß zu Bett.«

Er ging eilends voraus, während die Frau das Kind auf den Arm nahm und sich mühsam hinter ihm herschleppte. Erst auf dem Zeughausmarkt nahm er es ihr ab.

Als sie ihre Wohnung erreicht hatten, und Jan schon einige Stufen hinaufgeklommen war, kehrte er plötzlich mitten auf der Treppe um und stieg wieder hinab.

»Ich halt das nich aus, da den ganzen Abend zu sitzen,« sagte er. »Das riecht hier so modrig, als wenn lauter Tote in der Bude wären. Komm, Frau, wir wollen mit eins in 'ner Wirtschaft essen.«

»Das kost zu viel, Jan.«

»Mußt du's verdienen? Ich mag da nicht raufklettern; ich bin bang, ich erstick in dem Loch, so verpestet ist die Luft. Wenn du nich mit willst, bleib hier!«

»Ich will das Kind zu Bett bringen, ich bin auch selber zu müde.«

»Da!«

Sie nahm ihm das Kind vom Arm und wankte allein die steilen Treppen hinauf.

Jan sah ihr einen Augenblick nach. Dann schritt er rüstigen Schrittes der Wirtschaft zu.



VI.

Schon seit langer Zeit war Jan nicht mehr im »Dreimaster« am Hafen gewesen. Wenn er mit Adje fortging, um ein Glas Bier zu trinken, kam er selten über den Bäckergang hinaus. Heute aber trieb es ihn, seine alte Stammkneipe wieder aufzusuchen. Richtig, da steht es noch vor dem schmutzigen Schaufenster, das zierlich geschnitzte Schiff mit seinen Masten, Rahen und Segeln, ganz berußt und bestaubt. Mit einem freudigen Gefühl des Wiedersehens tritt er in den engen, niedrigen Raum. Noch alles wie früher. Hinter dem Schenktisch die Fässer mit den verlockenden Inschriften: Rum, Anis, Ingwer, Curaçao und noch viele andre herzerfreuende Flüssigkeiten. Über dem Schenktische, an der niedrigen Decke, neben dem Wasserkessel auf der brennenden Gasflamme, hängen die Raritäten, welche die Seeleute aus fernen Ländern mitgebracht: Eine Walfischflosse, ein Sägefisch, Straußeneier, chinesische Sandalen, Spieße, Pfeile und Götzenbilder – ein Museum im kleinen. Es besteht eine geheime Wechselwirkung zwischen den Dingen über der Tonbank und denjenigen hinter derselben, ein innerer geistiger Zusammenhang, zu dem der Durst der Matrosen die beste Erläuterung gibt.

Auch die Wände zeigen noch den frühern Schmuck: Unter der Uhr den plattdeutschen Bürgereid aus dem Anfang dieses Jahrhunderts, daneben Reklamebilder, Schiffsnachrichten, ein Plakat mit der Inschrift: Minsch, arger di nich! Ein andres mit der Ergänzung dazu: Glaube, Hoffnung und Liebe, humoristische Bilder aus der »Reform«, Ankündigungen von Arbeiterversammlungen und – doch etwas Neues – in der Nähe der Tür hängt eine Sammelliste für streikende Heizer und Trimmer.

Jan überfliegt das alles mit einem Blick, aber es fehlt ihm noch etwas. Er sucht in dem rauchigen, qualmigen Raume nach einem bekannten Gesicht, nach einem alten Genossen. Die Stube ist dichtgedrängt voll Menschen. Ewerführer, Matrosen, Stauer und Schauerleute und sonstige Hafenarbeiter stehen in der Nähe des Einganges, andre sitzen im Hintergrunde an den Tischen und spielen Karten.

Man merkt's ihnen allen leicht an, daß sie von der Hand in den Mund leben, und dennoch machen die meist kräftigen Gestalten mit den wettergebräunten Gesichtern, den weitschauenden hellen Augen einen erfreulichen Eindruck. Im Gegensatz zu den Fabrikarbeitern haftet ihnen etwas Frisches, Fröhliches, Urgesundes an. Es ist, als ob das Wasser leicht allen Schweiß und Staub der Tagesqual fortspüle, als ob die würzige Seeluft sie festige und stärke.

Die meisten von ihnen bleiben nur kurze Zeit; aber andre füllen bald den freigewordenen Platz wieder aus. Das ist ein fortwährendes Kommen und Gehen, und doch bleibt immer Zeit genug, um ein Gespräch anzuknüpfen, in das sich der Neuangekommene leicht hineinfindet.

Man spricht von den Schiffen, die aufgekommen, von den Unglücksfällen, die im Hafen geschehen, von den schlechten Zeiten, der schweren Arbeit und dem knappen Verdienst.

»Und weiß der Deubel,« bemerkte ein kleiner untersetzter Kerl mit bleichem, schmalem Gesicht, schwarzem Knebelbart und stechenden Augen, »so miserabel einem die Schinderei bezahlt wird, so sauer wird's, Arbeit zu kriegen. Da kommen diese Polacken und alle diese Hungerleider von draußen und schnappen einem das bißchen Brot vor der Nase weg. Es ist 'ne Schande wert, daß der Senat das leidet, der sollte doch den ordentlichen Hamburger Arbeiter in Schutz nehmen.«

»Nu hör' mal einer den Rakowsky an, hat immer 'n großes Maul un spricht von Freiheit un Gleichheit, un nu sollen woll die fremden Arbeiter aus Hamburg rausgepeitscht werden. Sag mal, bist du selber mit Elbwasser großgebuddelt?«

»Wenn ich auch grad nicht, aber meine Jungens sind in Hamburg geboren.«

»Ich fleit was auf deine Jungens!« und verächtlich wendet sich der Sprecher, eine wahre Hünengestalt, von ihm ab den Kameraden zu, die ihm lächelnd beistimmen.

Jan hat sich inzwischen bis zur Tonbank vorgeschoben.

»Köm un Ber!«

Der vielbeschäftigte Wirt stellte ihm das Gewünschte hin, ohne ihn anzuschauen.

»Na, Reimers, kennst du mich nich mehr?«

Der Wirt schaut auf und winkt ihm zu: »Verdient hast du's nich, daß ich dich noch kenne, Ström.«

»Warum nich?«

»In 'ner Ewigkeit hab' ich dich nicht gesehen. Na, ich werd mein Bier auch so los.«

»Und ich mein Geld.«

»Na brumm man nich gleich! Bis ja doch sons 'n netten Kerl.«

»Und das is er,« sagte der Schwarze, »er hat so'n feines Gesicht. Ich weiß, er spendiert einen vor's Wiedersehen.«

Jan mißt den Sprecher mit einem drohenden Blicke. Aber der läßt sich nicht irre machen, blinzelt ihn verschmitzt an und sagt in zutraulichem Tone:

»Wenn er Geld hat, gibt er sicher einen aus!«

Die Gesellschaft lacht und schaut Jan fragend an.

»Un wenn ich nu keins hab?« platzt Jan heraus. »Ich hab Kredit. Reimers, soß Köm un Beer.«

Der Wirt gehorcht bereitwilligst.

»So,« sagt Jan und legt die Hände auf den Rücken, »wer Dost hett, kann drinken.«

Allen voran drängt sich Rakowsky herbei, ihm schließt sich Flentje, ein alter verkommener Trunkenbold an; einige halbwüchsige Burschen folgen, während die älteren Leute einen Schritt zurücktreten, mit einer Miene, die deutlich sagt: Wir können selbst bezahlen, wenn wir was trinken wollen.

Das reizt Jan, und kaum ist ausgetrunken, so ruft er: »Noch soß!«

»Es lebe der edle Geber!« ruft Rakowsky, »ich hab's gleich gesagt, was ein feiner Mann ist, läßt sich nicht lumpen.«

Jan freut sich über das Kompliment, und doch ärgert es ihn zugleich, daß er so dumm war, so viel Geld fortzuwerfen. Na, einmal ist keinmal, denkt er, und noch ehe er sich über dieses verflixte Rechenkunststück ganz klar geworden, hat er schon die dritte Runde bestellt, und bald sitzt er mit den lustigen Kumpanen an einem leergewordenen Tische.

Es wird getrunken, geschwatzt und gewürfelt. Kinder treten ein und bieten, in ihrer dürftigen Kleidung fröstelnd, Streichhölzer zum Verkauf an; alte Hökerfrauen preisen den Allerweltskram ihrer Körbe an; die Gäste kommen und gehen, Stunde auf Stunde eilt hin – Jan bleibt sitzen.

»Kiie–ler Bückl!« erschallt es plötzlich am Eingang, und über alle Gesichter fliegt ein heitres, erwartungsvolles Lächeln; alle Augen richten sich nach der Tür.

Herein tritt ein kleines, schmächtiges, bartloses Männchen, einen Fischkorb am Arme tragend. Um den Hals hat er ein dickes Tuch geknotet; eine alte Pelzmütze deckt das struppige Haar.

»Kiie–ler Bückl!« wiederholt er, in eigenartigem Tonfall das erste Wort recht langgezogen, das zweite kurz abgestoßen. Er stellt seinen Korb ruhig auf den Tisch und wendet sich der Gesellschaft zu.

»Na, was glotzt ihr mich so an? Ihr meint wohl, das sind keine echten Kieler? Vor 'ner halben Stunde sind sie noch in der Nordsee rumgeschwommen, feine, frische Ware! Du, Hein, nimm dir mal drei Stück; vielleich bleiben dir die Gräten in der Gorgel stecken, denn meldst du dich arbeitsunfähig und kriegst Invalidenrente.«

Hein lacht unbändig über den Witz, den er nicht verstanden, und sagt stolz: »Einen kannst du mich mal einwickeln!«

»Un wieviel du, Amandus?« wendet sich der Verkäufer an einen Zeitungsleser, der ganz in seine Lektüre vertieft ist. »Willst uns wohl weiß machen, du könnst lesen! Du zählst ja doch man bloß die Reihen. Zwanzig Linien auf 'n Bückl, ich weiß all; nu also, wieviel willst du haben?«

»Gar keinen!«

»Macht wieder einen!« sagt Pott und wickelt ihm in aller Ruhe einen Bückel ein. »O, was die Bezahlung angeht,« fährt er fort, als der Überfallene noch die Annahme verweigert, »da mach dir man keine Sorge um. Gib mir 'ne Mark auf Abschlag, und den Rest kannst du denn in monatlichen Raten abtragen, ohne Zinsen, ohne Zinsen!«

Amandus lacht und reicht ihm sein Fünfpfennigstück hin.

»Wer ist nu an der Reihe? Fix, eh die Ware alt wird.«

Niemand rührt sich.

Pott scheint es nicht zu beachten und geht zu einem andern Gegenstand über. »Aber Kinners, das Bier schmeckt euch wohl nich,« ruft er aus und blinzelt dem Wirte zu, »kein Mensch trinkt ja! Sind da vielleich Kochsche Bakzillen in? Na, wenn's denn sein muß, ich will's mal riskieren, wer gibt einen aus?«

Alle schweigen; jeder will dem andern den Vortritt lassen.

»Wer hat sich da eben gemeldet?« fragt Pott.

»Ich!« schreit Jan plötzlich aus dem Hintergrunde, »auf meine Kosten kannst du einen trinken, meinswegen auch zwei.«

»Junge, das 's aber 'n nobler Charakter!« ruft Pott begeistert und blickt zu Jan hinüber, indem er mit der Hand die klug blitzenden Äuglein beschattet.

»Hol mich der Kuckuck! Das is ja mein neuer Nachbar, Herr Ström, aus 'm Blumenhof. Wißt ihr, das is ne feine Gegend, da wachsen lauter Blumen. Ich wohn unten im Keller Nr. 3 rechts. Ja, Herr Ström ist ein feiner Mann, un 'ne nette Frau hat er, und 'ne kleine zuckersüße Deern. Prost Nachbar!«

»Prost!« erwiderte Jan, »steck dir 'ne Zigarre ins Gesicht.«

»Wie teuer?«

»Von die allerbesten, zehn Pfennig das Stück.«

»Is grad die Sorte, die ich rauche.«

Pott zündet sich die Zigarre an, und indem er großspurig seinem Nachbar den Rauch ins Gesicht bläst, ruft er nach jedem Zug: »Ne feine Zigarre! 'n feiner Kerl! Was?«

Jan hörte das mit Vergnügen und winkte ihn zu sich heran.

»Sag mal, Männeken, vor wieviel has du denn da noch in?« fragt er, auf den Korb weisend.

»Och, 'n Kleinigkeit! So in Ramsch nehm' ich Fabrikpreise, na –'n Mark der ganze Kitt!«

»Der damit! Mußt sie aber meiner Frau selber hinbringen; sag, das wär 'n Präsent von mir.«

»Soll ich sie gleich hintragen?«

»Nee, hat noch Zeit. Setz dich man erst bei uns hin un trink noch einen,« lallte Jan.

»Is auch besser so,« sagt Pott lächelnd, »denn nehm ich dich nachher gleich mit, denn is es ein Hang und ein Gang.«

Und so kam es auch. Es wurde noch so lange getrunken, bis Pott in mitternächtiger Stunde an dem einen Arm die Bückel, an dem andern den schwer schwankenden Jan heimschleppte. Er selber war fest geblieben. Vor Nr. 3 im Blumenhof setzte er seinen Korb nieder, und dann brachte er es mit saurer Müh und Not zuwege, seinen Freund und Gönner die schmale Sahltreppe hinaufzuschieben, zu zerren und zu stoßen.

»So,« sagte er auf der obersten Stiege, »nu sind wir auf 'm Trocknen, nu wird's ja wohl allein gehen. Die Bückel schick ich morgen rauf. Junge, das war 'n Stück Arbeit!« Jan wankte unsichern Schrittes seiner Tür zu, während Pott zum Keller hinabeilte.

Es war stockdunkel in dem einzigen niedrigen Raum, den er bewohnte, seitdem er verheiratet war, und aus dem er sich gar nicht hinaussehnte. War's doch so hübsch kühl darin im Sommer und so behaglich warm im Winter. Er zündete Licht an. Seine Frau schlief mit den beiden jüngsten Kindern in einem Bette, die beiden ältesten Knaben lagen auf einer Bank, das Mädchen auf einem Strohsack in der Ecke; es hatte sich mit einem großen Pappdeckel zugedeckt. Sie schliefen alle fest und ruhig. Aber Pott konnte sich doch nicht enthalten, die Frau zu wecken. Er war des Glückes zu voll. Sie starrte ihn schlaftrunken an: »Was is los, Hannes? was willst du?«

»Heut hab ich sie all verkauft, Karline, all zusammen!«



VII.

Dumpfer und trüber als der tiefgraue Nebel, der über Nacht vom Hafen her in die Stadt geschlichen war, sah es am andern Morgen bei Jan aus. Er erwachte zur gewohnten Zeit; aber es wollte nicht hell um ihn, nicht hell in ihm werden. Mißmutig stand er auf, in Groll und Ärger über sich selber, in verhaltenem Zorn auf seine Frau, die kein böses Wort sagte und ihn mit mehr mitleidigen als vorwurfsvollen Blicken anschaute. Wenn sie nur geschimpft hätte, nur Spektakel gemacht! Aber so sind die Weiber. Wenn sie schweigen sollen, geht's wie ein Mühlwerk, und wenn man sie hören will, halten sie's Maul. Sogar die Dirn, die jeden Morgen Glock sechs Alarm schlägt, heute schläft sie wie ein Dachs. – Daß er das Kind inmitten der Nacht geweckt und ihm einen beträchtlichen Teil seines gewohnten Schlafes geraubt hatte, davon wußte er freilich nichts mehr.

Als er endlich nach vielfachem Zögern und Zaudern zur Arbeit schritt, begegnete ihm Pott auf der untersten Treppe. Er wollte die Bückel hinauftragen. Jan starrte den Korb mit den goldglänzenden, friedlichen Fischen an, als wär's ein Nest giftiger Schlangen. – Es ist eins der unangenehmsten Gefühle, an eine Dummheit erinnert zu werden.

»Laß man, die Altsche ißt die Dinger nich,« sagte er in halblautem Tone, als ob er fürchte, die Frau könne ihn hören, »kanns mir einen abgeben un die andern behalt man selber.«

»Sie sind aber bezahlt, Herr Ström.«

»Döskopp, wenn ich sag, behalt sie, denn behältst du sie.«

Pott trat einige Stufen zurück und blinzelte mit zusammengekniffenem Auge von unten nach oben:

»Entschuldigen Sie, Herr Ström, aber sind Sie denn nu ganz nüchtern? Ich glaub, 'n Hering tät Sie besser als 'n Bückel.«

Jan zog ein Gesicht, daß der Fischhändler es für ratsam fand, im Hinunterlaufen immer eine Stufe zu überschlagen, und als jener die Sahltür öffnete, war das behende Männchen schon im Keller verschwunden.

Zum Mittagessen kam Jan wieder nach Hause, müde und zerschlagen an allen Gliedern und ärgerlicher, als er gegangen. Linchen sprang ihm auf der zweiten Treppe entgegen; er gab ihm kaum die Hand, während er sie sonst immer auf seinem Arm hinauftrug. Verwundert blickte das Kind dem Vater nach. Mit mürrischem Gruß trat er in die Stube, setzte sich gleich auf den Stuhl neben dem Fenster, stützte die Arme auf den Tisch und ließ den Kopf in die Hände sinken. Die Frau trat leise zu ihm hin, legte ihm die eine Hand auf die Schulter und strich ihm mit der anderen sanft über das wirre Haar.

»Mann, das ist ja nicht so schlimm, das kann jedem passieren. Einmal ist keinmal!«

Wie er auffuhr und losbrauste! »Dummer Schnack! Einmal is keinmal! Einmal is vielmal, einmal is immer! Das's nich schlimm? Das is verflucht schlimm, wenn einer 'n ganzen Taglohn versäuft. Versticken und verruinieren tut uns diese verdammte Bude noch. Ich halt's nich aus un ihr auch nich. Zugrunde gehn wir alle, ich un du, un das Kind auch.«

»Mann, versündig dich nich an Gott!«

»Hä! Versündigen an Gott! Der kümmert sich grad so viel um uns, wie wir um ihn. Hat's auch nich nötig, is auch einer von die vornehmen Herr'n. Aber 'n bischen Luft un Licht könnt er uns doch geben, er hat ja genug davon!«

»Es wird schon besser werden, wenn ich man ers wieder ganz gesund bin.«

Er lachte laut auf. »Du un ganz gesund! Bis es nich in'n Bäckergang gewesen und wills es in'n Blumenhof werden? Paß auf, wie lange dauerts noch, denn liegs du wieder da und schicks nach Dokter und Aptheke, oder strecks alle viere!«

»Ich will mich ja orndlich zusammennehmen, Jan!«

»Halts Maul! Dir is immer allens gut genug, du bis immer zufrieden. Aber ich bins besser gewohnt, ich kanns hier nich aushalten, ich muß Luft haben« – er riß sich das Wams vom Halse – »Luft! Luft!«

Erschöpft sank er nieder. Sie setzte ihm das karge Mittagsmahl hin und flüsterte: »Nu sei man ruhig un iß!«

Mit mißmutigem Blick betrachtete er die magere Suppe, in der einige Stückchen Fleisch schwammen.

»Wie dunkel das hier is,« sagte er. »Man kann ja kaum sehen, was man runterschluckt. Steck Licht an!«

Er wandte sich nach dem Fenster um, und als er sah, daß dasselbe mit einer Art Gardine verhängt war, schlug er eine helle Lache auf. »Das is schön, das is sehr schön! Ja, un sind wir auch welche von die vornehmen Leute. Wir haben zuviel Licht hier, wir müssen das Lorenzens nachmachen.«

»Nee, darum is es nich,« sagte sie schüchtern, »ich wollt bloß nich, daß das Weibsmensch von der andern Seite uns immer in die Stube reinkuckt.«

»In unsre Stube kann reinkucken, wer will; wir haben nichts geheim zu halten.«

»Aber ich will das freche Gesich nich sehen und all die Schlechtigkeit, die sie da drüben treiben, un das Kind soll es auch nich,« sagte sie heftig.

»Was du wills, da leckt sich die Katze 'n Schwanz nich nach. Ich muß das Verdienen tun, un ich will nich, daß einem das bischen Licht noch wegen deine Dummheit ausgesperrt wird, hörs du?«

»Nu sall mi wunnern, wer von de beiden de Büx anhett?« erscholl vom Fenster drüben eine heisere, freche Frauenstimme.

Jan sprang auf und griff mit fester Hand in das dünne, kattune Zeug und schob den Vorhang zurück. Ein jugendliches, fast hübsches Frauengesicht, das nur durch ein kleines Mal auf der Backe entstellt wurde, grinste ihm lächelnd entgegen.

Marie legte zitternd ihre Hand auf die ihres Mannes. »Jan, um Gotteswillen, mach zu!«

Von da drüben winkte es herüber und machte die Gebärde des Duckens: »Se hett de Büx an!«

Marie wollte die Gardine zuziehen.

Er stieß sie mit einem Fluch zurück.

»Jan!«

Ein Ruck, ein klirrendes Geräusch. Der Blumentopf mit dem verwelkten, verdorrten Rosenstrauch war zur Erde gefallen; ein Fetzen des Vorhanges baumelte am Fenster, während er den größeren Teil in der Hand hielt.

Marie sank mit einem Aufschrei auf den Stuhl, aber von drüben erscholl lautes Beifallklatschen.

Unbeweglich starrte Jan auf den Lappen in seiner Hand; ihm war einen Augenblick zumute, als ob er etwas Lebendes vernichtet hätte.

Da ging die Türe auf, und Linchen sprang hinein und auf ihn zu. Sie langte nach dem bunten Fetzen hin: »Gib mir, Papa, gib mir, ich mach mich da 'n Puppenkleid von!«



VIII.

Jan ging nach wie vor an die Arbeit, Marie besorgte nach wie vor das Hauswesen. Es schien alles wie früher zu sein; am Fenster aber baumelte der zerrissene Vorhang.

Unwillkürlich blickte Jan jeden Mittag, wenn er in die Stube trat, zuerst zum Fenster hin. Jedesmal glaubte er, es würde eine neue Gardine dort hangen, und ein bittrer Ärger stieg in ihm auf, daß es nicht so war. Doch er schwieg, stellte sich an das Fenster, trommelte mit den Fingern an die Scheiben, und wenn sich drüben das frechlächelnde Frauengesicht zeigte, winkte er grüßend hinüber.

Es schnitt Marie ins Herz, aber sie sagte kein Wort. Das Mensch da sollte nicht auch noch Schadenfreude an ihr haben. Lautlos stellte sie ihrem Manne das Essen hin. In Mißmut und Widerwillen würgte er es hinunter. Nichts sagte ihm zu, alles schien einen muffigen, modrigen Beigeschmack zu haben, es war nicht zum Aushalten. »Morgen ess' ich in der Volkskaffeehalle!« und richtig, am anderen Tage blieb er ganz fort. Marie ängstigte sich um ihn; sie war froh, als er wieder heil ins Zimmer trat; doch sie wagte nicht, ihm Vorwürfe zu machen. Er aber glaubte, es sei ihr schon recht, wenn er's so treibe. Nach einigen Tagen setzte er wieder aus, und von da ab kam er ganz unregelmäßig. Nun hörte sie auf, mittags für ihn zu kochen. Als er das erstemal kein warmes Essen fand, geriet er in hellen Zorn, schimpfte und fluchte über die liederliche Wirtschaft und kam von nun an mittags gar nicht mehr nach Hause. Um so besser; nun konnte sie sich doch morgens ordentlich ausruhen, sie war doch immer so müde, so müde und matt. Warum auch so früh das Bett machen, wenn man sich doch jeden Augenblick wieder darauf legt? Warum in dem dunklen Raum kehren und putzen? Man sieht's ja doch nicht, ob's rein oder schmutzig ist. Warum sich ordentlich ankleiden, wenn man doch mit keinem Menschen zusammenkommt? Erst in der Dämmerstunde fing sie an, sich zu rühren, weniger aus Freude an der Arbeit als aus Furcht vor Jan. In ihm steckte noch ein gut Stück vom früheren Seemann: es mußte blank und sauber um ihn sein. Sie freute sich, daß er sie abends wenigstens nicht solange quälte und bald wieder fortging. Wie hatte er sich sonst nach der Feierstunde gesehnt! Da schritt er mit Adje gemeinsam heim; die Kinder sprangen ihnen entgegen, die Frauen empfingen sie am Torweg. Nach dem Essen kam man zusammen; man plauderte, erzählte Tagesneuigkeiten, las aus der »Reform« vor und spielte mit den Kindern; wie war das jetzt so öde, so dumpf und ungemütlich! Selbst das Kind machte ihm wenig Freude mehr. Es sah so bleich, so verkommen aus, so'n rechtes »Proletarierkind«, wie er selber in bitterm Grimm sagte. Also runter mit dem Essen, ein bißchen gewaschen, und wenn die alten Knochen nicht zu müde sind, raus aus dem Haus! Es findet sich schon ein Ort, wo's besser ist, und Rakowsky und Flentje sind gute Kameraden.

So wurde manche Stunde in der Schenke verbracht, und bald zählte der Dreimaster wieder Jan zu seinen besten Kunden. Sogar am Sonntag fehlte er nicht mehr. Sonst hatte er die Morgenstunde zu allerhand kleinen Flecht- und Papparbeiten verwandt, jetzt schlief er zuerst von der Anstrengung aus, mit der er abends vorher den pünktlichen Eingang des Wochenlohnes gefeiert hatte. Und versuchte er einmal wieder, wie früher tätig zu sein, so warf er bald das Werkzeug mißmutig hin: »Es ist hier zu düster, der Teufel soll's in dem verfluchten Loch aushalten!« und fort ging er.

Der Winter trat früh und streng ein. Die Elbe deckte sich mit Eis, die Schiffahrt war gehemmt, und die Arbeit am Hafen ward knapp. Zu den manchen unfreiwilligen Feiertagen kam der Buß- und Bettag, der »Sup- und Freetdag«, wie er im Volksmunde genannt wird. Jan ging beizeiten aus dem Hause. »Ich will mal sehen, ob es in Altona nichts zu verdienen gibt.« Und es gab dort was zu verdienen, aber nicht für ihn, sondern für die Wirte. Abends kam er betrunken nach Hause; der letzte Groschen war ausgegeben. Von der geringen Summe, die er am folgenden Sonnabend erhielt, hatte er noch kleine Anleihen, die er im Wirtshause gemacht, zurückzuerstatten, und zum erstenmal seit seiner Heirat konnte er die Miete nicht bezahlen. Ein Schreck durchfuhr die arme Frau, als er ihr das mit dürren Worten sagte.

»Laß sie uns man auf die Straße schmeißen,« meinte er, »verfrieren darf uns die Polizei nich lassen, un so gut wie hier kriegen wir's überall wieder.«

»So weit sind wir nu schon, Jan,« sagte sie bitter, »nächstens schicken wir das Kind mit'm Bettelsack rum.«

»Bettelpack sind wir doch. Meintwegen kann's gleich anfangen.«

»Aber meintwegen nich, solang ich leb, nich! Da sei Gott vor!«

Vor ihren Augen stand das Elend und der Jammer, den sie in den kleinen fröstelnden und hungernden Gestalten so oft verkörpert gesehen. Die alte Tatkraft wachte in ihr auf. Noch am selben Tage ging sie aus und suchte nach Arbeit. Umsonst. Noch einmal versuchte sie es, wieder umsonst. Der Hauswirt aber drängte.

Da öffnete sie ihre Kommode, nahm ein Bettlaken und zwei ihrer besten Hemden daraus, versteckte sie unter ihre Schürze und ging zum Pfandhaus, weit weg, nach den Kohlhöfen hin. Es war nicht zu vermuten, daß jemand in der Gegend sie kenne; aber sie meinte, jeder Vorübergehende müsse ihr ansehen, was sie vorhabe. Wieder und wieder ging sie an der Haustür des Pfandleihers vorbei, bald scheu nach dem Fenster und dem Eingange lugend, bald auf der Straße umherspähend, als ob sie jemand suche. Da rasselte ein Bierwagen dicht an dem Trottoir vorüber; die Fußgänger wichen erschrocken zur Seite, und in demselben Augenblick schlüpfte sie zur Tür hinein. Als sie wieder heraustrat, eilte sie, den Kopf gesenkt, schnellen Schrittes davon. Sie wagte nicht emporzusehen; es war ihr, als ob sie einen Diebstahl begangen hätte. Mit dem Rücken der Hand, die krampfhaft einen Taler umschlossen hielt, wischte sie sich rasch eine Träne aus dem Auge.

Noch oftmals und in schneller Aufeinanderfolge ging sie den Weg. Ein Wäschegegenstand nach dem andern, Hemden, Spreiten, Hand- und Taschentücher, jegliches Kleidungsstück, das sie und ihr Kind entbehren konnten, und zuletzt ein Teil des Bettes wanderten mit ihr.

Jan erkannte bald, wo die geheimen Quellen lagen, die sich seine Frau erschlossen, aber er sagte nichts darüber. Er war nur froh, daß sie ihn in Ruhe ließ, und er nun über seine Einnahmen freier schalten konnte. Aber nach kurzer Zeit wußte die arme Frau nicht mehr, was sie forttragen sollte, und bat ihn schüchtern um das Geld zur Miete.

Er zuckte die Schultern. »Ich hab' nix mehr, kram in deiner Kommode rum.«

»Sie is leer

»Denn sieh zu, wo du sons was herkriegst,« und damit ging er zur Tür hinaus.

Wo sonst? Wo sonst? Bei ihren Flurnachbarn? Nein. Bei ihrer früheren Herrschaft? Sie würde es nie wagen. Aber wo denk ich hin, sie werden dir helfen, wenn sie eben können, gewiß, auf nach Lorenzens!

Katharine hatte schon von ihrem Manne gehört, wie's um Jan stand. Sie hatte ihm wiederholt zum Guten geredet, und sie selber war noch vor wenigen Tagen an den Hafen gegangen, um mal ein ernstes Wörtchen mit ihm zu sprechen. Erst hatte er sie ausgelacht, dann schob er alle Schuld auf die Frau: sie sei so faul und unordentlich, und als Katharine die Schwache, Kränkliche entschuldigte, wurde er wütend und sagte, sie solle ihn in Ruhe lassen und sich um ihren eigenen Dreck kümmern.

»Kann sein, daß ich mit Schuld hab,« sagte Marie, als ihr die Freundin den Vorgang erzählte; »aber Kathrine, ich weiß nich, wie's kommt, meistens bin ich so müde und so ab, un manchmal, wenn ich so recht Lust hab un schaffen will wie früher, denn is es grade, als wenn ich mit 'n Tau festgebun'n wär', un ich kann mich nich rührn. Ich weiß nich, was ich tun soll, ihr müßt uns helfen!«

Und Frau Katharine half. Sie gab ihr zuerst das Mietegeld. Eine Frau in einer geregelten Hauswirtschaft hat immer Gelder, von denen der Mann nichts weiß, geheime Schätze für unvorhergesehene Ausgaben, und es kennzeichnet sie, wie sie zu denselben unter den verschiedensten Verhältnissen auf den mannigfachsten Wegen gelangt.

»Die Miete muß zuerst bezahlt werden,« sagte Katharine, »das ist das Wichtigste. In seinen vier Wänden muß man Herr sein, sons is man wie 'n Planke, die auf'm Wasser rumtreibt un nich weiß, wo sie hingehört. Aber denn, was weiter?«

»Ich möcht' gern 'ne Stelle annehmen un was mitverdienen.«

»Du, Marie? Traust du dir das denn zu?«

»Ich muß; es wird woll gehen. Wenn ich man bloß eine finden könnte!«

»Da weiß ich Rat. Die Leute, wo ich in'n Sommer Morgenfrau gewesen bin, die haben mich noch vor 'n paar Tagen gefragt, ob ich nich wieder zu ihnen kommen könnte. Sie können zwars nich viel ausgeben, aber die Arbeit ist auch nich schwer. Wenn du Lust has, denn gehen wir gleich hin.«

Marie nahm die Stelle an.

Am andern Morgen, nachdem Jan fortgegangen, machte auch sie sich fertig, um das Haus zu verlassen. Das Kind trank mit ihr Kaffee, dann legte sie es wieder ins Bett, rückte den Tisch davor und legte ihm ein Butterbrot und die Puppe darauf.

»So, Line, nu muß du ruhig liegen bleiben, bis Mama wiederkommt. Wenn du hungrig wirs, darfs du das Butterbrot aufessen, un mit der Puppe spielen darfs du immer. Aber nich aus'm Bett gehen, wo's so schön warm is, wills auch nich?«

»Nee, Mama!«

»Adjüs, mein Herzblatt!«

Sie küßte das Kind, nickte ihm noch im Hinausgehen lächelnd zu und verschloß die Tür hinter sich. Noch einen Augenblick horchte sie draußen mit bangendem Herzen, dann ging sie an die Arbeit.

Zwei Tage blieb Linchen ruhig im Bette liegen und wartete geduldig, bis die Mutter mittags zurückkehrte. Am dritten aber wurde ihr die Sache doch zu langweilig; sie schrie nach der Mama, und als niemand kam, kletterte sie aus dem Bett und lief, nur mit dem Hemdchen bekleidet, im Zimmer umher, stieg auf die Stühle, blickte durchs Fenster und weinte und rief unaufhörlich. Als Marie heimkam und die Türe aufschloß, stand die Kleine ganz in Tränen aufgelöst davor und konnte vor Schluchzen kaum Atem schöpfen.

»Du nichtsnutziges Ding du! Du solls ja liegen bleiben, du eische Deern!«

Das Kind schluchzte noch lauter, und als Marie ihr einen leichten Schlag auf den Rücken gab, wollte das Jammern kein Ende nehmen.

»Nu sei man still, sei man still, bis ja gut, ich bleib nu ja auch hier.«

Das Kind beruhigte sich endlich, aber die Mutter beschlich neue Sorge.

Sie konnte Line nicht allein zu Hause lassen; es mit zur Arbeit nehmen, ging auch nicht. Was nun?

Sie erinnerte sich, daß ihre Flurnachbarin, die schwarze Rike, ihr schon wiederholt ihre Dienste angeboten, trotz der ersten unfreundlichen Begegnung. Sie mochte das Weib nicht leiden; ihre rohen, frechen Züge, ihre gemeinen Worte und Gesten widerten sie an. Erst noch vor wenigen Tagen war sie empört davongegangen, als Rike ihr mit bedeutungsvollem Lächeln den Vorschlag machte, sie solle doch einen Schlafburschen nehmen, da läge sie warm in den Federn. Platz hätten sie ja genug, und ein Bett auf Abzahlung könnten sie überall bekommen. Wenn dann der Mann das Saufen nicht lasse, könnte sie ihn mit einem Wort um die Finger wickeln. Sie müsse nur nicht so zimperlich tun und sich nicht genieren, sie sei doch auch noch jung und wolle was vom Leben haben. Empört war Marie davongegangen. Nun aber schien es ihr doch der einzige Ausweg, sich wieder an die Nachbarin zu wenden. Sie hatte ja auch Kinder, und es konnte ihr nichts verschlagen, wenn Line die paar Morgenstunden mit ihnen herumspielte.

Sie klopfte an die Türe. Lärmen und Toben und laute Kinderstimmen erschollen von drinnen, aber niemand öffnete. Da klinkte sie die Türe auf. Ein Bild der entsetzlichsten Unordnung zeigte sich ihren Blicken. Alles lag und stand wüst durcheinander; Kleidungsstücke und Wäsche waren auf dem Boden zerstreut, Pantoffeln und Stiefeln standen neben Brot und Butter auf dem Tische: es sah aus, als ob jemand inmitten der Plünderung die Flucht ergriffen. Die Kinder tollten sich dazwischen herum; sie merkten gar nicht, daß Marie eingetreten war. Das kleine vierjährige Mädchen rollte eine zerrissene Jacke zusammen, schob sie unter den linken Arm und umfaßte mit dem rechten den nur um ein Jahr älteren Bruder. Dann schritten sie zur Wiege, verbeugten sich gegen das jüngste Brüderchen, das in derselben lag, und sagten in weinerlichem Tone: »Adjüs, Hannes, adjüs!« Darauf drehten sie sich schnell um, liefen zur Tür und – standen erschrocken vor Marie.

»Was macht ihr denn da, Kinder?« fragte sie erstaunt.

»Wir spielen Auskratzen,« erwiderte die Kleine.

Noch ehe Marie die Bedeutung dieser Antwort recht erfassen konnte, kam es polternd die Treppe herauf, schob sie mit jähem Ruck an die Seite, und keuchend, atemlos stand der lange Peter, der Mann der Rike, im Zimmer.

Er hatte schon auf der Arbeitsstätte gehört, daß sein Weib mit dem Küpergesellen ausgerückt sei. Mitleid und Hohn hatten's ihm zugetragen.

Seine hagere, sonst stets gebückte Gestalt – der niedrige Durchgang sorgte schon dafür, daß keiner der »Höflinge« den Nacken zu steif trug – richtete sich jetzt hoch auf; die kleinen, hellen Augen quollen ihm aus den Höhlen hervor und starrten wie verglast im Zimmer umher, während die ungelenken Arme zitternd auf und ab fuchtelten.

»Dat is also doch wohr!« stöhnte er auf, »se hett dat also doch fertig brocht! De verfluchte, de gemeine Hund – o! wenn ick denn to foten krieg!«

Er ballte grimmig die Faust in die Luft, ein Zittern durchlief seine Glieder, und ermattet sank er auf einen Stuhl an der Wiege nieder. Er barg seinen Kopf in das Kissen, und ein leises Schluchzen tönte durch das Zimmer.

Die beiden Kinder standen regungslos dicht aneinandergepreßt in einer Ecke. Sie fürchteten sich vor dem Vater; doch als sie ihn weinen hörten, fingen auch sie an, laut zu jammern.

Marie starrte mit Entsetzen auf die Szene; sie vermochte kein Wort des Trostes zu spenden. Geräuschlos verließ sie das Zimmer und murmelte vor sich hin: »Arme Kinder!«



IX.

Von dem Flur aus lief noch ein schmaler, dunkler Gang auf eine Tür zu, an deren Pfosten in einem Drahtring ein Lämpchen höchst einfacher Art hing: ein Glas halb mit Wasser, halb mit Öl gefüllt und mitten drin ein Brenner mit einem Docht. Das Lämpchen brannte Tag und Nacht und warf seinen matten Schein auf ein hölzernes Schild an der Tür, auf dem mit großen Buchstaben stand: Willi Witt, Gelegenheitsdichter.

Witt war der Vertrauensmann der ganzen Nachbarschaft. Wenn der rechte Dichter ein Priester sein soll, so war er einer der besten; denn wie ein Priester begleitete er mit seiner Poesie seine Mitbürger von der Wiege bis zum Grabe. Bei keiner Tauffeierlichkeit – sie kam zwar selten genug vor – bei keiner Konfirmation oder Hochzeit fehlte er oder sie. Er vertrat bei diesen Festen mit seinen Liedern und Toasten den rohen sinnlichen Genüssen gegenüber das höhere geistige Element und war sich dessen wohl bewußt. Auch in allen Liebesverhältnissen, die eines tiefern schriftlichen Ausdruckes bedürften, war er der gesuchte Ratgeber und Helfer.

Marie stand zweifelnd vor der Tür und betrachtete klopfenden Herzens das Schild. Sie hatte Witt nur einigemal flüchtig gesehen, nur wenige Worte mit ihm und seiner Frau getauscht, aber sie fühlte mehr als Hochachtung, sie fühlte Respekt vor ihm. Ein Mann, der immer nur hochdeutsch sprach, der die schönsten Briefe schrieb, die feinsten Reden halten konnte und dazu nicht bloß ein Dichter, nein, sogar noch ein Gelegenheitsdichter! Sie hatte nicht so recht eine Vorstellung davon, was ein Dichter war; aber das fühlte sie, ein Gelegenheitsdichter mußte viel, viel mehr sein. Durfte sie es wagen, solche Leute zu bitten, ihr Kind einige Stunden in ihrer Nähe zu dulden? Aber Witts selber hatten keine Kinder und waren, wie fast alle kinderlosen Eheleute, geizig. Konnte sie auch nicht viel geben, ein paar Groschen jede Woche wollte sie ihnen gern zahlen.

Also – doch nein, sie lief erst noch einmal zurück, putzte ihr Linchen fein sauber heraus, nahm es an die Hand, und nun fand sie den Mut, anzuklopfen.

Herr Witt öffnete die Türe selber, hielt aber mitten in seiner sehr graziösen Verbeugung inne, als er die Nachbarin erblickte. Er war ein kleines, sehr bewegliches Männchen mit einem auffallend großen Kopf. Mit der linken Hand strich er sich fortwährend über die Stirn und den kahlen Schädel; mit der rechten liebkoste er den dünnen Knebelbart. Wäre er kein Dichter gewesen, man hätte ihn für einen Schneider oder Tanzmeister halten können.

Marie konnte noch nicht recht mit ihrem Anliegen herausrücken und zeigte verlegen auf das Kind.

»Oh, Madamchen, ich verstehe,« rief der Dichter, »ein Geburtstagsgedicht für den Herrn Gemahl. Ja, das muß ihm viel Freude machen, sehr viel, wenn das kleine niedliche Mädchen so'n paar wunderhübsche Verse hersagt. Ist auch gar nicht zu gut für den armen Mann, der's sich die ganze Woche so sauer werden läßt. Er hat ja auch nur einmal Geburtstag, und da darf man sich's schon was kosten lassen. Also, mein liebes Madamchen, was wünschen Sie, hochdütsch, oder plattdütsch? Hochdütsch natürlich, is feiner. Und wieviel Verse? So'n Stücker zehn oder zwölwe, das is mich ganz einerlei un kost auch dasselbe. Was die ganz powern sind, die nehmen gewöhnlich nur drei oder vier, das ist natürlicherweise etwas billiger, aber Sie ist vor Ihren Mann doch nichts zu gut. Und nun haben Sie vielleicht so'ne Idee, ich meine, so'n Zeug, das Sie da gern hineinhaben möchten? Wie heißt doch der Herr Gemahl? Jan? Jan – Mann geht sehr gut. Und die Kleine? Line? Line? – Verdiene – geht auch gut; – ist doch eine kleine, zuckersüße Deern. Wir haben leider keine Kinder.« –

Seine Frau, die am Kochherde stand, warf ihm einen finstern Blick zu, und schnell fuhr er fort: »Sie haben wohl auch nur das eine, aber sind Ihnen nicht ein paar gestorben? Die könnte ich sehr gut mit hineinbugsieren. Und was wollen Sie schenken? Am besten macht sich ein Tabaksbeutel, oder ein Paar Hosenträger. Also Hosenträger, nun hören Sie!«

Er hatte sich während des Redeschwalls, ohne die arme Marie zu Wort kommen zu lassen, niedergesetzt, Papier und Bleistift genommen und sich Notizen gemacht. Nun las er: »Geburtstagsgedicht für Jan Ström, Line, 12 Verse, hochdeutsch, tote Kinder, Hosenträgen – Morgen früh um 12 ist's fix und fertig. Kost Sie nur eine Mark, das heißt, eigentlich kost's zwei Mark, aber weil wir doch so Tür an Tür wohnen, und weil ich's einmal gesagt hab', sollen Sie es für eine Mark haben.«

»Aber Herr Witt, nichts für ungut,« stammelte Marie endlich heraus, »nichts für ungut, darum bin ich eigentlich gar nicht gekommen. Ich wollt Sie man fragen – ob Sie nicht – wenn ich auf Arbeit geh – des Morgens – wohl 'n bischen auf das Kind passen wollten?«

»Frau Ström, Sie sind ja wohl narrsch,« rief Witt ganz entsetzt aus und prallte einige Schritte zurück.

»Ja, so was hab ich mir auch gedacht,« erwiderte Marie ganz kleinlaut. »Aber weil ich nicht ein noch aus weiß, und weil Sie unsere Nachbarn sind – sehen Sie, Herr Witt und Frau Witt,« und nun erzählte sie von ihrer Not und ihrem Leid, immer dabei ihren Mann schonend, und sich selber, die sie so lange krank gewesen und so viel gekostet habe, anklagend. »Un nu müssen Sie mir helfen,« schloß sie, »ich will auch gern dafür bezahlen.« Herr Witt blickte auf seine Frau, eine große, breitschultrige, knochige Person. Sie war noch immer am Herde beschäftigt und tat, als ob alles Vorgefallne sie nichts anginge. Wenn Fremde anwesend waren, sprach sie überhaupt wenig oder gar nicht. Sie hatte das richtige Gefühl, daß sie sonst dem Ansehen ihres Mannes schaden würde, – und darunter konnte das Geschäft leiden.

»Ne, Frau, da können wir Ihnen doch wohl nich helfen,« sagte er mit sicherer Stimme. »Sie tun mir leid, aber das kommt davon, wenn man so viel Kinder hat. Wir haben gottlob keine, auch keine toten.« –

Das sollte eine Beruhigung sein.

Die Frau am Herde sagte noch immer kein Wort, aber es kochte in ihr. Wieder die Kinder! Wie oft hatte er schon darüber gestichelt! Nun sollte er mal erfahren, was es heißt, Kinder zu haben.

»Ich will gern dafür bezahlen,« versicherte Marie noch einmal, »wenn es sein muß, fünf Groschen die Woche!«

»Kaum genug für's Salz an den Kartoffeln,« spottete Witt, da er sich der Beistimmung seiner Frau sicher glaubte. »Wenn so'n Butt in der Stube umherspringt und mir meine schönsten poetischen Illusionen verdirbt –«

»Larifari, hat sich was mit deinen Luisejonen,« schallte es ärgerlich vom Herde her. »Frau Ström, schicken Sie uns man das Kind. Wir wollen schon darauf passen. Abgemacht!«

Marie bedankte sich und eilte so schnell hinaus, als ob sie befürchte, man könne das Versprechen wieder zurücknehmen.

Abends kam Jan früher heim als gewöhnlich.

Mit ungewohnter Zärtlichkeit schlich sich das Kind an ihn heran, und als Marie eine Weile am Herde beschäftigt war, erzählte es ihm, immer mit scheuem Blick nach der Mutter spähend, daß es den ganzen Tag allein bleiben müsse, und wenn die Mama nach Haus käme, schlüge sie es noch.

Jan setzte das Kind nieder, das schnell zu seiner Puppe lief und im Winkel hinter dem Bett mit ihr spielte.

Er trat auf Marie zu und klopfte ihr auf die Schulter, daß sie sich erschrocken umblickte.

»Is das wahr?« begann er, »gehs du morgens aus 'm Hause?«

»Ja.«

»Und wo treibs du dich rum? Bis woll auf Liederlichkeiten aus?«

»Ich habe 'ne Morgenstelle angenommen.«

»Bis du verrückt? So lange meine Knochen noch heil sind, braucht meine Frau nich auf Arbeit zu gehen.«

»Hast du die Miete vorigen Sonnabend bezahlt?«

»Das kümmert dich nich!«

»Aber wenn wir verhungern und verfrieren, das kümmert mich doch!«

»So'n Weibervolk hat 'n zähes Leben. Das geht nich so leicht kaput.«

»Wer lebt dir schon zu lange, ich oder das Kind?« Sie richtete sich hoch auf und sah ihn mit zornglühendem Blick an.

Er sah zum Fenster hinaus und pfiff eine lustige Melodie.

Da ergriff sie, die Tränen zurückdämmend, das Kind, hob es auf und preßte es so krampfhaft fest an sich, daß es leise aufwimmerte. Festen Schrittes wandte sie sich zur Tür.

»Wo wills du hin?« fragte er in scheinbar sorglosem Tone.

»Uns 'n anderes Unterkommen suchen.«

Die Klinke knarrte; sie stand schon in der halbgeöffneten Tür.

Da sprang er auf; mit einem wuchtigen Ruck riß er sie ins Zimmer zurück und schlug dröhnend die Tür zu.

»Nimm dich in acht, oder da passiert 'n Unglück!« schrie er wütend und ballte die Faust vor ihrer Stirn.

Mutlos und zitternd stand sie da. Ohne ein Wort zu entgegnen, kauerte sie mit dem Kinde auf dem Schemel in der Ecke nieder und weinte tief und bitterlich. Und doch, mitten in dem Gefühl ihres Elends überkam es sie wie ein Trost: Er ist doch nicht so schlimm, er hat dich doch noch lieb! Wenn wir nur raus wären aus diesem Unglückshaus, wenn nur Lorenzens noch bei uns wohnten!

Sie hatte aufgehört zu schluchzen, hielt aber noch immer die Hand vor die Augen. Da bekam das Kind, das sich bisher scheu an ihre Brust gedrückt hatte, frischen Mut, zerrte an den Fingern umher, und als es sie endlich auseinanderschob, blickten ihm zwischen denselben hindurch die Augen der Mutter in freundlichem Glanze entgegen. Froh erstaunt wandte sich das Kind um und rief: »Papa! Papa!«

Er hörte es nicht mehr. Unbemerkt war er hinausgegangen mit dem festen Vorsatz, es solle anders bei ihm werden. Die Frau hatte recht, so konnte es nicht mehr weitergehen. Er wollte sich noch heute abend nach einträglicherer Arbeit umsehen; es mußte noch so manches wieder eingebracht werden, und das ging bei dem Hungerlohn absolut nicht. Also frisch, gleich ans Werk!

Als aber Marie nach einer Weile das Fenster öffnete und in die Gasse hinunterspähte, da sah sie ihn beim zitternden Schein der Gaslaterne im Torweg stehen, plaudernd mit der da von drüben!

Sie wollte aufschreien vor Weh und Verzweiflung und schwieg still; sie wollte ihr Kind an sich reißen und davoneilen; da gellte ihr der Schmerzensschrei des langen Peter in die Ohren: »Sie hat es doch fertig gebracht!« – Sie blieb.



X.

Weihnachten wollte kommen, Weihnachten!

Auf den freien Plätzen wie an den breiten Straßenecken hatten sich kleine Tannenpflanzungen angesiedelt, und es war, als ob von ihnen aus ein duftiger Waldeshauch, ein heimliches Märchenleben durch die ganze Stadt dringe. Das arbeitet und sorgt, das hastet und rechnet wie sonst; aber trotz des grauen Dezembernebels liegt auf allen Gesichtern eine fröhliche Sehnsucht, ein beglückendes Geheimnis. Da eilt keiner durch die Straßen, der nicht ein Paketchen in Händen trüge, eine knospende Freude, in sorglicher Hülle geborgen. Die Augen sind wie nach innen gekehrt, und in ihrem milden, feuchten Glanze schimmert die liebliche Wunderwelt wieder, in die sie vorahnend schauen.

Und nun beginnt es zu dämmern, und der heilige Abend kommt auf dem Schneeteppich gegangen, leise, ganz leise. Adje Lorenzen hat ihn von weitem kommen sehen; früher und schneller als sonst ist er darum von der Arbeit fortgeeilt. Beim Millerntor ersteht er noch ein Tannenbäumchen, ein stattliches, breitgeästetes. »Weil Se dat sünd« bekommt er es für ein Billiges, für ein Garnichts, für eine Mark. Nun schnell querfeldein. Die Alte steht wartend in der Haustür und droht mit den Fingern. Es ist schon so spät! Die beiden großen Kinder sind fortgegangen; das Lütje hat sie richtig in den Schlaf gebracht.

Den Baum aufgestellt, hier auf den Tisch! Die Gardine runter und Licht angesteckt! Flitter und Backwerk hat sie genug. Hierher mit der goldnen Nuß, da den Kringel hin und dort den schimmernden Engel.

»Adje, sei doch nich so tapsig.«

»Ich bin nich gewohnt, mit Engels umzugehn.« Sie gibt ihm eins auf die Hand, und er kneift sie in die Backen.

Hurtig weiter! So, jetzt noch die goldne Kugel auf die Spitze, die Lichter befestigt, die Watte an die Zweige – man kann wirklich dabei an Schnee denken – fertig, wunderschön!

»Na die Geschenke! Was has du gekauft, Frau?« »Für Elise 'n Nähkorb, für den Jungen 'n Buch, eins von denen, die uns die Herren Lehrer auf dem gedruckten Zettel angeraten haben, un fürs Lütje 'ne Trompete un 'n Hampelmann. Kuck hier!«

»Schön, sehr schön! Weiß du, die Geschichte von Pole Poppenspäler die muß uns Guschi vorlesen; aber has du denn nix für den Großen gekauft?«

»Du siehst doch, das Geschichtenbuch!«

»Nee, ich mein für den ganz großen.«

»Für wen?«

»Für deinen großen, lieben, besten, seuten Jungen. Kenns ihn nich? Kuck mal her!«

Er stellte sich breitspurig vor sie hin.

»Döskopp! Dazu sind wir beide doch zu alt.«

»Ja, das sind wir, leider!«

Das sagen sie sich jedes Jahr; aber heimlich hat doch jeder etwas für den andern gekauft, sie ein halbes Pfund vom feinsten Tabak und er eine neue Schürze. Und nun sinnen sie beide, wie sie das am besten unbemerkt unter den Baum bugsieren können.

Inzwischen sind Elise und Guschi eifrigst durch die nächsten Geschäftsstraßen hin und her geeilt. Sie haben sich Geld verdient, viel Geld. Elise hat heimlich Taschentücher gesäumt, und Guschi jeden Nachmittag Reklamen ausgetragen. Merkwürdig, die Mutter, die sonst für alles und jegliches Augen hat, diesmal hat sie gar nichts bemerkt.

Der Schatz ist nun da, aber wie ihn verwenden? Das ist noch schwieriger, als ihn zu erwerben. Wie manche Stunde haben sie schon auf die Lösung dieser Frage verbracht; läßt sich doch so viel und so vielerlei für die blinkenden Markstücke kaufen.

Als die ersten Groschen eingegangen waren, hatten sie mit üppiger Kinderphantasie sich ausgemalt, was sie tun wollten, wenn sie noch hundert-, noch tausendmal so viel zusammengebracht hätten. Ein Haus für die Eltern kaufen, ein Haus mit einem Garten dabei, das stand fest; aber da kam auch schon der Zwiespalt. Elise wollte es an der Alster, Guschi an der Elbe stehen haben, und da sie sich über diesen so wichtigen Punkt nicht einigen konnten, auch sonst sich noch allerlei kleine Schwierigkeiten in den Weg stellten, so standen sie von dem hübschen Plane ab. Schade darum! Nachdem sie einmal diese große Idee aufgegeben, gerieten sie immer mehr abwärts, bis sie sich schließlich nach vielem Wählen und Streiten jeder auf des andern Vorschlag einigten. Elise hatte für den Vater eine Pfeife, Guschi für die Mutter einen Haarbesen als das möglich beste Geschenk erklärt. An zwei Nachmittagen waren sie schon die Straßen durchwandert, hatten die Schaufenster gemustert und sich doch nicht zum Kauf entscheiden können. Man konnte ja noch immer etwas Besseres und Billigeres finden. Nun war es die höchste Zeit, und mit zagendem Herzen entschlossen sie sich zu dem schweren Schritt. Zuerst die Pfeife! Das Segelschiff auf dem Kopfe gab den Ausschlag. Die wurde gekauft. Dann gings in den Keller zum Bürstenhändler. Ein Besen mit rotem Stiel gefiel besonders gut; aber der Preis überstieg, nachdem sie hartnäckig gefeilscht, ihr Vermögen noch immer um dreißig Pfennige. Mit Tränen in den Augen gingen sie fort und überlegten draußen vor dem Schaufenster, was zu tun. Ein Haarbesen mußte es sein, das stand fest und auch gerade der. Aber wie die dreißig Pfennige auftreiben? Nur dreißig, und doch darum –

»Hier Kinder!«

Sie wandten sich erschrocken um; sie hatten im Eifer des Gesprächs gar nicht bemerkt, daß jemand hinter ihnen stehen geblieben war und ihnen zugehört hatte. Der Fremde drückte dem Knaben ein Silberstück in die Hand, und noch ehe dieser danken konnte, war er schnell um die Straßenecke verschwunden. »Wer das wohl gewesen is?« fragte Elise.

»Wer sollte das gewesen sein, heut' is Weihnachten!« meinte Guschi.

Schnell sprangen sie wieder in den Keller hinein und das köstliche Gut wurde erstanden.

Triumphierend schwang Guschi den Besen.

»Fühl mal, Lise, wie weich die Haare sind,« sagte er und strich liebkosend über sie weg.

»Dummer Jung, die müssen ja ganz hart sein, sonst taugt er nix.«

»Du, ich glaub, die sind auch ganz hart. Junge, was Mutter woll sagt!«

»Und Vater!«



XI.

Auch durch den dunklen, niedrigen Torweg in den Blumenhof hinein hatte sich die Weihnachtsfreude geschlichen. Heller als sonst schien die einsame Gaslaterne zu brennen, und vor manchem Fenster leuchteten wie hellblinkende Kinderaugen kleine, unruhige Lichter auf. Selbst die steile, geländerlose Treppe hinunter in die düstere Kellerwohnung des Fischhändlers Pott war die Weihnachtsfreude gelangt. Auf seltsame Weise zwar. Sie hatte sich in eine große, braune Düte versteckt. Drin lag sie verborgen zwischen fünf wundervollen Geschenken: einem Federkasten, einem Notizbuch, einer Puppe, einem Ball und einem Rappelding, – Stück um Stück in der Zehnpfennigsbude auf dem Dom gekauft. Daneben prunkten Honig- und Zuckerkuchen, Bonbons und ein veritables spruch- und bildgeschmücktes Herz. Es war ein sehr schöner Spruch:


Alle Liebe geht zu End,
Meine Liebe ewig brennt.


Das war für die Frau bestimmt.

Und alles zusammen kostete eine Mark. Wie er es fertig gebracht, der Peter Pott, diese Mark zu ersparen, bleibt ein ewiges Rätsel, ist aber den großen Heldentaten der Geschichte gleichzustellen.

Da lag nun die Weihnachtsfreude inmitten all der Herrlichkeiten wohl geborgen, und als man die Düte öffnete, und zehn neugierige Äuglein in erwartungsvoller Unruhe auf die braune Hülle starrten, da sprang sie behend hinaus, mitten in eben diese Augen hinein und von da gerade ins Herz. Da legte sich ein verklärender Schimmer auf alle Gesichter. Da glänzten auch die vier großen Augen fröhlich helle, und ein lauter Jubel flog durch das kleine Zimmer.



XII.

Bis in den dritten Stock desselben Hauses war die Weihnachtsfreude noch nicht gekommen; aber ihr Vorbote war schon da: die bangende, hoffende Erwartung.

Trübe und drückend wie der Dezembernebel waren die Wochen vor dem Feste für Frau Marie gewesen. Tag um Tag verließ sie in quälender Sorge das Haus, Tag um Tag kehrte sie in fröhlichem Hoffen zurück: heute wird's besser; wenn er heute heimkommt, ist er wieder der alte. Es gab auch wirklich Abende, wo er rechtzeitig nach Hause kam, wo er wie in früheren Zeiten mit dem Kinde spielte und freundliche Worte mit ihr sprach; aber es geschah doch nur selten, ganz selten. Zumeist hatten Rakowsky und Flentje größere Macht über ihn, als Frau und Kind, und der Dreimaster mit seinen behaglichen Räumen und erquickenden Getränken lockte mehr als die finstre, kalte Wohnstube. Nachdem er sich bei der Arbeit mit Adje wegen der ewigen Nörgeleien erzürnt, schloß er sich seinen Wirtshausfreunden um so inniger an. Dennoch wollte es ihm in ihrer Gesellschaft nie ganz froh zumute werden. Es war immer noch ein Mahner da, eine Erinnerung an frühere Tage, die ihm sagte, es ist nicht recht, was du tust. Dann hoffte er, es würde irgend ein unvorhergesehenes Ereignis kommen, eine Erbschaft, ein Fund, ein Brand oder sonst irgend etwas, was ihn losreiße von den neuen Banden und wieder auf den alten Weg zurückleite. Aber nichts dergleichen geschah, und immer tiefer sank er, während die Frau sich abplagte und das Kind langsam dahinsiechte.

Das arme Linchen! Stundenlang mußte es des Morgens ruhig in der Ecke sitzen, durfte nicht laufen und lachen, nicht sprechen und springen. Wenn Herr Witt dichtete, mußte es totenstill um ihn sein; jedes Geräusch störte ihn in seinen tiefen Gedanken, jeder Laut konnte einen schönen Reim fortnehmen. Der einzige Klang, der ihm wohltat und sein Werk heilsam förderte, war das Klappern des Kochtopfdeckels. Das war nun einmal so; alle großen Dichter haben ihre Eigenheiten. Linchen konnte das nicht begreifen, und seine Puppe, die es so oft befragte, konnte ihm auch nicht erklären, warum kleine Mädchen still sein müssen, wenn große Männer am Federhalter kauen. Aber es schwieg doch, und kein Füßchen regte sich. Nur die Augen dürfen umherwandern vom Fußboden zum Stuhl, vom Stuhl zum Tisch, vom Tisch zum Fenster und dann hinaus, hinaus zum goldnen Zifferblatt am großen Michaelisturm! Wie freundlich der lange Michel über die alten runzligen Dächer blickt. Die Zeiger haben es besser als sie, die dürfen immer umherlaufen. Der kleine ist wohl müde oder krank, der geht so ganz langsam; der große läuft ihm immer weg, der böse Junge; aber er kehrt doch wieder zurück, und wenn er nach Haus kommt, sie wußte bald ganz genau, wo das war, dann brummt der Papa bum! bum! Wenn doch der kleine auch so geschwind laufen könnte; wie lange das dauert, bis er den Berg hinaufklettert, und erst, wenn er oben ist, ganz oben, wo es nicht mehr höher geht, dann kommt die Mama bald wieder. – Und dann wurde Linchen unruhig, trippelte mit den Füßchen, und mehr als einmal mußte Herr Witt rufen: »Pst! O dieses Weibervolk!«

Herr Willi Witt arbeitete gerade an einem großen Liede, dem schon das Titelblatt durch sein: »Gedruckt in diesem Jahre« die ewige Jugend verbürgte; denn Herr Witt war nicht nur ein Gelegenheits-, er war auch ein Volksdichter. In allen Papierhandlungen und Zigarrenläden in den Gängen lagen seine Erzeugnisse in den Schaufenstern, und wenn auf den Karten ein Dutzend neuester Lieder für zehn Pfennige verkauft wurden, so hatte er gewiß für siebenundeinhalb Pfennige davon geliefert. Er hielt sehr viel von dieser Art Volksdichtung. »So was,« meinte er, »bringt die Bildung mang dem Volk und hilft die Tugend auf den Beinen.« Wenn das Dichten manchmal nur nicht so schwer wäre! Da gab es zuweilen so kniffige, infamige Wörter, wenn die nicht wollten, dann wollten sie nicht, ob er auch alle möglichen Reimbildungen von A bis Z an den Fingern herzählte; denn so wird's gemacht. Was für ein borstiges Wort das nun wieder war: Fehlnis! Schon zehnmal hatte er wiederholt:


Wahre Tugend sonder Fehlnis
Immer doch am Ende siegt.
Fehlnis – Behlnis – Dehlnis – Gehlnis


er hätte ja auch ein andres Wort nehmen können; aber »sonder Fehlnis« klang so gut; er hatte es erst noch vor kurzem gelesen. Fehlnis – Fehlnis – hurra! das ist es, so ist es, das ist schön, das ist sehr schön! Und nun deklamierte er sich zu feiner eignen wohlverdienten Belohnung die Strophe laut vor:


Wahre Tugend sonder Fehlnis
Immer doch am Ende siegt,
Wie der Turm von Sankt Michaelis
Stolz sich in den Lüften wiegt!


Nein, das ist zu schön, das muß ich nochmals hören, und wieder und wieder sagte sich der verzückte Dichter die Strophe vor.

Linchen horchte: Das Reimgeklingel gefiel ihr; beim viertenmal sagte sie leise mit, beim siebentenmal hatte sie die Strophe ganz inne, und als Witt zum neuntenmal »am Ende siegte« und, um auf seinen Lorbeeren auszuruhen, in seinem Feldzuge innehielt, kletterte die kleine verwegene Hexe ganz allein den Turm hinauf und fuhr fort:

»Wie der Turm von Sankt Michaelis« – erschrocken brach sie ab, da ihr Stimmchen so ohne Begleitung durch den Raum klang.

»Man weiter, man weiter,« ermunterte Herr Witt, »Die Poesie kann man nicht früh genug binnen kriegen,« und da sagte sie es ganz fehlerfrei zu Ende:

»Stolz sich in den Lüften wiegt.«

Sie mußte noch einmal von vorn beginnen, und richtig, es ging ohne Anstoß wie am Schnürchen.

»Das ist vortrefflich, wunderbar! Wenn das deine Mutter hörte und dein Vater –« und da kam ihm ein Gedanke, so großartig, so gediegen, so edel, daß er aufstand und sich selber in dem Spiegel beschaute. Ja, er war es, er, Willi Johann Heinrich Witt, dessen Poesie der Rettungsengel der armen Familie werden sollte.

Noch am selben Tage teilte er Frau Ström seine Absicht mit. Er wollte ein wunderschönes Weihnachtsgedicht machen, so recht tief und rührend, das sollte Linchen lernen, und am heiligen Abend, wenn Jan heimkäme, sollte ihn das Kind damit begrüßen. Das mußte helfen, mußte!

Marie willigte gern in den Plan ein. Auch sie war überzeugt von der Macht der Wittschen Poesie. Seine Gedichte klangen immer so traurig. Jan hatte kein rohes Herz, wer weiß, eine »prophezeiliche Mahnung aus unschuldsvollem Kindermund«, wie Witt so schön sagte, konnte Wunder tun. Sie wünschte, sie hoffte es freudig.

Und Witt kniff die Lippen zusammen, runzelte tiefsinnig die Stirn und drückte mit aller Macht auf seine stärkste poetische Ader. Da strömte es heraus – und Linchen mußte lernen.

Jan saß auch am heiligen Abend im Dreimaster; neben ihm die unzertrennlichen Freunde Rakowsky und Flentje. Es wurde dem Glase erst wacker zugesprochen; aber mit einem Male erklärte Jan, es sei nun genug, er wolle nach Hause gehen. Er erinnerte sich, daß Witt ihm auch am Morgen geheimnisvoll zugetuschelt, er solle ja nicht so spät heimkommen, es gäbe eine große Überraschung für ihn. Es wollte ihm auch gerade heute abend nicht recht in der Schenke behagen; es waren zu wenig Leute da. Er dachte an frühere Weihnachten, an seine Schiffsjungenzeit, an Weib und Kind, an seinen Freund Adje – das pochte und hämmerte, das flüsterte und mahnte in ihm; er hielt's nicht mehr länger aus und ging fort.

Flentje begleitete ihn. »Hab auch mal Weihnach'n gehabt un Lichter angesteckt,« murmelte der Alte vor sich hin, »damals wie meine Altsche noch lebte und die Kinder noch klein waren. Sie sind zu schnell groß geworden! Sobald sie selber was verdienen, fliegen sie aus und kümmern sich nicht mehr um die Alten. Der eine is überseeisch, un der annere, der is nich weit gekommen, der is unterseeisch, weißt du, da unten irgendwo in dem großen Wasser. Un die Deern? Der war's nich mehr gut genug bei uns da hinten in 'n Gang, die wollt vornehmer wohnen, hat's auch fertig gebrach; aber jetz soll sie abgewirtschaft haben un sich in 'n Blumenhof rumtreiben. Hast du sie verleich mal gesehen, Jan; sie hat 'n kleinen Pick auf die Backe.«

Jan hörte kaum, was sein Gefährte sprach, er hing seinen eigenen Erinnerungen nach. Auf dem Scharmarkte kaufte er eine kleine Puppe, trennte sich von Flentje und schwankte in trübseligem Sinnen seiner Wohnung zu. Er war nicht betrunken; aber er war auf jenem Punkte angelangt, wo durch den geringsten Anlaß die Stimmung in helle Lustigkeit oder in rasende Wut umschlägt.

Als er langsam die Treppe hinaufstieg, ward's oben auf dem Flur lebendig, und eine Stimme rief frohlockend: »Er kommt!«

Er kam und trat ins Zimmer. In die Ritzen des Tisches waren grüne Tannenzweige eingezwängt, Abfall, auf dem Scharmarkt aufgelesen. Drei große Kerzen, rings um die Lampe gestellt, verbreiteten helles Licht. Vor dem Tische stand Linchen in ihrem besten Kattunkleidchen und hielt einen Strauß künstlicher Blumen in der Hand.

»Frau, was soll das bedeuten?« fragte Jan halb ärgerlich, halb erstaunt. Marie strich an ihrer Schürze nieder und schielte, das Auge senkend, zum dunkeln Hintergelaß hinüber. Ein leises Klopfen erscholl von dort, und Linchen begann:


»Sei gegrüßt, mein liebster Vater,
Unsres Hauses Schutz und Wonne,
Wie das Schiff nach dem Kalfater,
Wie die Blume nach der Sonne,
Blicken wir in Sehnsuchtsschmerzen
Hin nach deinem treuen Herzen,
Wünschen abends immer mehr:
Wenn er doch zu Hause wär!«


Jan ward ungeduldig und scharrte mit den Füßen. »Halts Maul, Deern, was soll der Krimskram? Ich bin ja kein Senater nich. Hier has 'n Puppe un nu schweig still!«

Er hielt ihr die Puppe hin; aber das Kind rührte sich nicht.

Im Hintergrunde flüsterte es: »Es wirkt, es gärt, jetzt kämpfen die beiden miteinander, der gute und der böse Dämon!«

Wieder ein leises Klopfen, und Linchen fuhr fort:


»Wie die dunkeln, schwarzen Wolken
Über Sonnenstrahlen gleiten,
Wollen böse, schlechte Buben
Dich zu allerhand verleiten,
Wollen dir die Giftgetränke
In der Unschuld Suppe brocken,
Aber du in deiner Milde
Läßt dich nimmermehr verlocken.«


»Na is aber genug,« schrie Jan, »was zu viel is, is zu viel!«

»Das sticht, das beißt, das juckt!« flüsterte es im Hintergrunde. Auch draußen auf dem Flur regte es sich. Frau Witt und der lange Peter hatten sich dort aufgestellt; sie wollten das Wunderwerk der Bekehrung miterleben. Die Tür stand nur angelehnt, und sie konnten alles hören.

Linchen setzte wieder ein:

 

»Liebster Vater, hör mein Flehen.«

 

»Deern, ich schlag dir die Pupp auf'm Kopf kaput, wenn du's Maul nich hälts«, rief Jan wütend und wollte das Kind mit rauher Hand anfassen.

Da trat Marie vor.

»Laß doch das Kind in Ruh, Jan!«

»Wer hat mir hier was zu befehlen?« schrie Jan, »wer will mir was verbieten? Wer? wer?«

Es klopfte wieder, aber stärker und unruhiger als zuvor, und mit zitternder Stimme lallte das Kind:


»Aber du in deiner Milde«


»Das is falsch, das is falsch!« rief's plötzlich laut aus dem Dunkel hervor.

»Was is denn das?« schrie Jan, ließ das Kind los und holte mit festem Griff den Poeten aus seinem Versteck. Mit wuchtiger Hand rüttelte und schüttelte er ihn, daß dem Armen der Kopf wackelte und die Beine schlotterten.

Linchen aber deklamierte jetzt richtig, wenn auch ganz leise:


»Liebster Vater, hör mein Bitten,
Lasse deines Kindes Flehen
Dir wie milde Balsamtropfen
In die Seele leuchtend wehen.«


»Ich will euch Baldriantropfen,« unterbrach Jan sie tobend, »ich will euch hier Mauslöcher spielen! Zum Affen wollt ihr mich machen, ihr verdammte Bande!«

Witt seufzte laut unter dem schmerzlichen Drucke von Jans Faust.

»Weiter, weiter! Kind«, stöhnte er, als könne nur seine Poesie ihn retten.


»Wie die hellen, goldnen Lichter
Funkeln an dem Baum der Tannen,
Wollen wir in treuer Liebe
Andachtsvoll dein Herz umspannen.«


»Zum letztenmal: halt's Maul, oder ich tu, was mich reut. Sticheln wollt ihr, zum Besten wollt ihr mich haben, der imfamigte Schreiberkerl, der Hungerleider!«

Es knackte etwas und Witt stöhnte laut auf: »Hilfe! Hilfe!«

Es war offenbar, auch die beste Poesie wollte bei dem rohen Herzen nicht mehr verfangen.

»Laß ihn los, Jan, er hat es ja gut gemeint,« bat Marie.

»Ich weiß wohl, wie er's meint und wie du auch. Du steckst mit dem Buttje unter einer Decke, du niederträchtiges, liederliches –«

»Jan!« Sie ergriff seinen Arm. »Ich laß mich nicht beschimpfen, am wenigsten von so'n – so'n –«

Noch ehe sie das Wort finden konnte, hatte er ausgeholt, und mit einem mächtigen Schlage traf er sie in das Gesicht, daß ihr das Blut aus Mund und Nase drang und sie rücklings hinstürzte.

»Hilfe! Hilfe! Mord! Mord!« schrie Witt und rang sich mit letzter Kraftanstrengung los.

Der lange Peter stürzte herein. Frau Witt wiederholte mit gellender Stimme: »Hilfe! Mord!«

Die Bewohner der untern Stockwerke eilten hinzu; selbst Pott kam aus dem Keller, und wie Jan sich auch wehrte, trat und um sich schlug, er wurde überwältigt, die Treppe hinuntergestoßen und aus dem Hause hinausgeworfen.

Frau Marie lag bewußtlos, totenbleich am Boden. Das Kind stand noch auf dem alten Platze bei den grünen Tannenzweigen und den umgefallenen, erloschenen Kerzen, den Blumenstrauß mit beiden Händen umklammernd. Es zitterte am ganzen Körper; aber es meinte, es müsse sein Gedicht zu Ende sagen. Witt hatte ihm zu oft eingeschärft, gerade das Letzte sei die Hauptsache und das Wunderschönste von allem; ja nichts vergessen, nichts auslassen, sonst verdürbe es alles. Hatte es schon etwas verdorben? War es seine Schuld, daß es so gekommen? Bebend vor Schrecken stand es da, immer und immer wieder die Lippen bewegend, aber es wollte kein Wort heraus. Doch im selben Augenblick, als der Vater zur Haustür hinausgestoßen wurde, fand das Kind den Vers wieder und tief aufschluchzend in abgerissenen Worten stammelte es fast unhörbar vor sich hin:


»Will dir – Freude – stets – bereiten –
Mögest – sanft – durchs Leben – gleiten –
Aber laß – von Bier und Köm –
Lebe hoch – Johannes – Ström!«


Noch eine Weile klopfte und hämmerte und polterte es unten an der Haustür, dann ward es allmählich still und stiller. Die Frauen hatten sich inzwischen um Marie bemüht, ihr das Blut abgewaschen und ihr zu trinken eingeflößt. Sie schlug die Augen auf und sah mit fremden, großen Blicken umher. Beim Anblick des Kindes kehrte ihr das Bewußtsein wieder; sie richtete sich auf und, unterstützt von Frau Witt, setzte sie sich auf einen Stuhl am Bett. Sie preßte die matte Hand gegen die Stirn; jeder Blutstropfen war aus dem todbleichen Gesicht gewichen.

»Es ist wohl das beste, ich rufe den Doktor,« meinte Frau Witt.

»Nein, nein,« wehrte Marie, »es ist nichts, gar nichts. Er hat mich ja kaum berührt. Das kommt alles nur davon, weil ich so – so – vollblütig bin; es is all wieder gut, geht nur, geht un laßt mich in Ruh.«

Die Frauen gingen. Sie riegelte mit zitternder Hand die Türe hinter ihnen zu; sie fürchtete, er werde doch noch wiederkommen und dann könne es Mord und Totschlag geben.

Zum Umsinken müde schleppte sie sich ans Bett und ließ sich erschöpft darauf niederfallen. Selbst zum Weinen fehlte ihr die Kraft. Eine geraume Weile lag sie da, nicht wachend, nicht schlummernd, da tastete es leise an ihrem Kleide, da faßte es ihre Hand und bebend flüsterte es: »Mama, ich konnt da nichts vor!«

Sie zog das Kind an sich. »Du nicht, mein Kind, du nicht!« und lindernd rannen die Tränen nieder.

Das war eine lange, böse Nacht. Sie war so müde, so matt und konnte doch keinen Schlaf finden. Sie hatten schon manchen Zwist in ihrer Ehe gehabt, besonders in der letzten Zeit, aber geschlagen! – ein Schauer durchbebte sie noch in der Erinnerung – geschlagen hatte er sie noch nie. Tausend Gedanken und Pläne kamen ihr und einer unterbrach, störte und verjagte den anderen; und in wilder Flucht drängten sich die Erinnerungen. Gegen Morgen schlummerte sie ein; doch quälende Träume gönnten ihr keine Ruhe. – Sie lief hinter Schulmeisters Theodor im Garten umher; plötzlich wandte sich der Knabe um, rannte mit gezücktem Messer auf sie zu und rief mit zorngerötetem Gesicht: Du, du, erstechen tu ich dich! Sie wollte aufschreien, aber sie konnte keinen Laut hervorbringen. Schon wollte er zustoßen, da trat Kathrine dazwischen: Laß das man, du dummer Junge, das ist nichts für kleine Jungen, und sie nahm ihrem Guschi das Messer fort. Dabei machte sie ein so komisches Gesicht, daß der Knabe laut auflachte und immer rief: Mama, Mama, kuck doch mal! –

Sie schlug die Augen auf; die Worte klangen ihr noch deutlich im Ohr. In der Stube herrschte Dämmerlicht, es mußte also schon heller Morgen sein. Weihnachtsmorgen!

»Mama, Mama, kuck doch mal!« klang es wieder. Sie wandte sich um. Da stand Line im Hemdchen und bloßen Füßen auf dem Stuhle vorm Fenster und winkte und nickte hinüber, und lachte und nickte und winkte. Was hat das Kind nur? Sie richtete sich im Bette auf. Drüben neben dem Gesicht der frechen Dirne blickte Jan durchs Fenster und lachte und nickte seinem Töchterchen zu.

Ein geller Schrei ertönte aus dem Munde der Mutter; ein dumpfer Fall, sie schlug mit dem Kopf auf die Bettlehne auf.

Weihnachtsmorgen!



XIII.

Während der beiden Festtage verließ Marie das Bett nicht mehr; als aber Frau Witt zum Arzt schicken wollte, wehrte sie heftig ab:

»Keinen Doktor, ich will nich krank werden, ich darf nich krank werden. Geht, laßt mich in Ruh, morgen steh ich wieder auf.«

Und sie raffte sich auf und ging am andern Morgen wieder an die Arbeit. Freilich, viel leisten konnte sie nicht; aber die junge Frau, der sie zur Stütze dienen sollte, hatte Mitleid mit dem bleichen, abgehärmten Weib und brachte es nicht übers Herz, sie fortzuschicken.

Kam Marie mittags nach Hause, dann war sie todmüde und legte sich gewöhnlich mit dem Kind ins Bett. Es war eiskalt draußen, und so viel Kohlen waren gar nicht anzuschaffen, um die Stube ordentlich zu erwärmen. Jeden Tag hätte sie für zwanzig Pfennig holen können, und es hätte doch nichts geholfen. Wie gut es doch die Bergmannsfrauen haben müssen, dachte sie manchmal, die können gewiß so viel Kohlen brennen, wie sie wollen. Nun, wenn erst der Sommer kommt! Der Sommer! Ob sie ihn wohl erleben würde? Gewiß, sie wollte nicht sterben, ihm zum Trotz nicht, das käme ihm gerade gelegen. Zwar es konnte ihm einerlei sein, er machte sich ja doch nichts mehr aus ihr. Seit dem Weihnachtsabend hatte sie ihn nicht wieder gesehen; aber die gute Frau Witt hatte ihr zum Trost erzählt, das Mensch drüben sei fort und mit der hause er jetzt zusammen. Doch um ihres Kindes willen wollte sie noch leben; das Kind sollte nicht umhergestoßen werden von einem zum andern. Und sie drückte das kleine Köpfchen fester an die Brust.

In der Qual ihres Herzens, in der Sorge ums tägliche Brot merkte sie gar nicht, wie das Kind von Tag zu Tag hinwelkte. Es hatte es jetzt viel besser bei Witt. Seitdem es sein Gedicht deklamiert und für seine Poesie gelitten, hatte der Poet es in sein Herz geschlossen und gestattete ihm alle Freiheit der Bewegung. Doch nun, da es in seiner Gegenwart hätte spielen und laufen dürfen, fehlte ihm die Lust und die Kraft dazu. Ruhig kauerte es Morgen um Morgen in dem Eckchen am Ofen nieder, legte das Köpfchen gegen die Wand und saß stundenlang regungslos da. Selbst die Puppe in seinem Schoß hatte jeden Reiz verloren, und nur selten und langsam wanderten die Blicke zu dem großen goldnen Zifferblatt am Michaeliskirchturm. Seit drei Tagen waren die Zeiger kein Schrittchen mehr gelaufen; sie waren gewiß auch müde und krank.

Eines Tages kam Frau Witt, die allmählich unbewußt eine zärtliche Zuneigung zu dem Kinde gefaßt hatte, der Mutter schon auf der Treppe entgegen.

»Ich weiß nicht, was das mit dem Kind ist, den ganzen Morgen hat's die Augen geschlossen; nich mal 'n Glas Milch will's trinken.«

Marie erschrak bis ins innerste Herz. Ihr Kind war krank, mußte krank sein, vielleicht – nein, weiter wollte sie nicht denken.

Sie stürzte ins Zimmer. Linchen saß in seiner Ecke, das Köpfchen gesenkt wie ein flügellahmes Vögelchen. Sie hob es auf und trug es in den Armen in ihr Bett hinüber. Es war grimmig kalt in der Stube; die Eisblumen saßen am Fenster; aber des Kindes Gesicht glühte in heißem Fieber.

Sie fuhr ihm mit der Hand über Stirn und Backe.

»Nich krank werden, mein süße, süße Line, nich krank werden.«

»Nein, Mama,« hauchte das Kind zurück.

Am folgenden Morgen blieb Marie zu Hause. Sie hatte Frau Witt zum Kassenarzt geschickt; sie hätte lieber einen anderen genommen; aber die sind ja so teuer. Gegen Mittag wollte der Doktor kommen.

In bangem Warten saß sie neben dem Bett, in welchem das kranke Kind sich in beängstigender Fieberunruhe hin und her wälzte. Es phantasierte und murmelte halblaute Melodien und Wörter vor sich hin, zuweilen von einem gellen Hüsteln unterbrochen. »Papa, Papa!« klang es jetzt ganz deutlich, und mit einem Male richtete es sich auf und begann laut und klar zu deklamieren:


»Wie die hellen goldnen Lichter
Funkeln an dem Baum der Tannen –«


Die Mutter drückte das Kind sacht nieder und hielt ihm die Hand auf den Mund. Sie konnte das nicht mit anhören, es schnitt ihr ins Herz.

Da schollen Tritte. Sie sprang auf und öffnete die Tür.

Vor ihr stand derselbe Mann, der ihr am ersten Tage ihres Einzugs auf der Treppe begegnet war. Es durchschauerte sie bei seinem Anblick; alles, was sie an dem Tage erlebt und gedacht, durchzog mit einem Schlage ihre Seele: Wie sie sich damals ihrer Jugendzeit erinnert, wie Linchen damals den Topf zerbrochen, wie das Bild von der Wand gefallen, wie sie gleich gefühlt, das bedeute einen Toten – und nun war der Doktor da.

»Man hat mich gerufen,« sagte er, »ich bin der Arzt. Sie sind krank?«

»Ich nicht, ich bin kerngesund, aber mein armes Kind. Och, helfen Sie mir, machen Sie es mir wieder gut!«

»Was gemacht werden kann, wird gemacht. Wo ist es?«

Sie führte ihn ans Bett. Das Kind lag ganz in Kissen vergraben.

»Natürlich,« brummte er, »immer schwitzen, immer feste druf!«

Während er das Kind untersuchte, hing sie ängstlich an seinen Augen. Wie hart er war; er zuckte mit keiner Wimper; sie konnte nichts in seinen Blicken lesen·

»Nun?« stammelte sie endlich seufzend heraus.

»Sie haben diesen Winter große Not gelitten; wodurch ernähren Sie sich denn eigentlich?«

»Ich hab 'ne Morgenstelle, un nachmittags näh ich.«

»Ein schönes Geschäft. Das ist ja beinah so schlimm, wie Kassenarzt sein. Ist denn keiner da, der Sie unterstützt?«

»Mein Mann is nicht hier, der – der ist weg – auf See,« stotterte sie bebend hervor.

Er sah sie mit forschenden Augen an. »Kennen wir, die Männer sind immer auf See.«

Die frechen Worte ärgerten sie.

»Nein, Herr Doktor,« stieß sie heraus, »das müssen Sie nich glauben, daß ich so Eine bin; ich bin 'ne ordentliche Frau.«

»Aber auf See ist er doch nicht!«

»Nein, das is er auch nicht; er hat mich in'n Stich gelassen un lebt mit 'ner andern. Wir sind ers ganz glücklich mit'nander gewesen, jahrelang, bis ich anfing zu kränkeln, und er nicht mehr genug verdienen konnte. Da sind wir hierher gezogen, un da ging alles verkehrt, vom ersten Tag an, alles, alles, ich weiß selber nicht, wie es gekommen is. Er war sonst immer ganz gut gegen mich, und das Kind hat er auch lieb gehabt; aber hier war es grade, als ob 'n böser Geist in ihn gefahren wäre, immer fühnsch un verdrießlich, nichts war ihm mehr recht zu machen. Da is er ins Wirtshaus gegangen un in schlechte Gesellschaft geraten, un da war's vorbei. Dies Haus muß verflucht un verwünscht sein.«

»Ist es auch, und verseucht und verstunken dabei. Sie sollten einen Ekel vor einer solchen Wohnung haben. Machen Sie doch, daß Sie herauskommen.«

»Ich kann keine bessere bezahlen. Ich bin hier noch Miete schuldig.«

»Dann wenden Sie sich an die Armenpflege.«

Sie fuhr entsetzt zurück, entrüstet über solche Zumutung.

»Armenunterstützung? Das soll sich mein Kind nachsagen lassen? Und wenn ich sterbe – lange mach ich's ja doch nicht mehr, denn sollen sie mich in 'ne Eierkiste, in'n Nasenquetscher stecken? Daß mich die Nachbarsleute auslachen un ihren Jux mit mir haben? Lieber geh ich in die Elbe und nehm mein Kind gleich mit!«

»Dummer Schnack, immer der alte Aberglaube. Wenn Sie tot sind, liegen Sie in der Eierkiste genau so bequem und gemütlich, wie die Eier selber drin liegen.«

»Die reichen Leute haben gut schnacken, aber unsereins muß es tragen. – Aber das is nu alles einerlei; machen Sie mir mein Kind bloß wieder gesund.«

»Ich will versuchen, ob ich's im Kinderhospital unterbringen kann.«

»Darf ich auch dahin kommen und es pflegen?«

»Was fällt Ihnen ein!«

»Ich kann nich ohne mein Kind leben.«

»Und wenn es Ihnen stirbt?« «

Sie fuhr zusammen und sah ihn mit vorwurfsvollen, fast haßerfüllten Blicken an. Warum mußte er mit seinen Worten das Unglück herbestellen!

»Also bei mir muß es sterben,« fragte sie zitternd, »und im Hospital wird es ganz gewiß gesund? Ja oder nein?«

»Ja oder nein können Sie den lieben Herrgott fragen, aber keinen Doktor.«

»Denn lassen Sie mir mein Kind, denn is es hier doch noch besser d'ran, als bei fremden Leuten.«

Sie hat recht, dachte er, helfen tut's doch nicht mehr; warum ihr die kurze Zeit noch verkümmern, die sie bei ihm sein kann.

»Na, wenn Sie nicht anders wollen; es kann auch hier wieder gesund werden.«

»Wollen Sie ihr denn nichts verschreiben?«

»O gewiß, das ist ja die Hauptsache.«

Er riß ein Blatt Papier aus dem Notizbuch und schrieb das Rezept.

»Hier! – Doch nein, ich geh an der Apotheke vorbei, ich will's schon bringen lassen.«

Nachdem er ihr einige Verhaltungsmaßregeln gegeben, trat er noch einmal ans Bett.

Die Kleine hatte die Augen geschlossen; aber sie schlief nicht.

Er nahm ihr Händchen. »Adjö, mein Kind,« sagte er milde.

»Adjüs Papa,« lallte das Kind zurück.

Der Doktor lächelte wehmütig; aber der Mutter standen die Tränen in den Augen. –

Woche auf Woche ging dahin. Der Doktor kam noch einigemal wieder; aber seine Besuche wurden immer seltener. Wie sollte er helfen, da die Kleine an der Schwindsucht dahinsiechte.

Nach kurzer Unterbrechung hatte Marie ihre Morgenstelle wieder angetreten. Fühlte das Kind sich nicht wohl, so blieb es im Bette liegen, und Frau Witt versprach, dann und wann nach ihm zu sehen; war es munter, so saß es wie in früheren Tagen in Witts Stube hinterm Ofen.

Voller Freude berichtete die Mutter eines Tages dem Arzt, wie prächtig sich das Kind erhole, das ewige Hüsteln habe nachgelassen, und es habe ordentlich wieder rote Bäckchen bekommen. Er hatte kein Wort dazu gesagt, natürlich, weil er Sterben prophezeit hatte.

Aber die Freude war doch nur von kurzer Dauer. Sie konnte es sich nicht verhehlen, das Kind wurde schwach und schwächer. Die Tage, an dem es aus dem Bett wollte, wurden immer weniger. Wenn's doch nur Frühling, nur wärmer werden wollte.

Sie mußte die Morgenstelle aufgeben; sie hatte keine Ruhe mehr, so lange vom Hause zu bleiben. Ein Glück, daß sie ausreichend Näharbeit gefunden. Die Augen schmerzten sie zwar oft genug; sie mußte von morgens früh bis spät in die Nacht hinein bei dem matten Lampenlicht arbeiten; aber sie hatte doch zu leben. Manchmal, wenn sie von der Arbeit aufschaute, um sich die Hände unter der Bettdecke wieder zu wärmen, schreckte sie zusammen, wenn sie des Kindes bleiches, hageres Gesichtchen sah. Wenn der Vater es einmal so liegen sähe, dachte sie, ob er's wohl so weiter triebe! Oft fragte sie sich selbst, was sie wohl tun würde, wenn er zurückkäme und um Verzeihung bäte. Ihn gleich wieder annehmen? Sie konnte keine Antwort finden. Aber er kam nicht, er lebte froh in den Tag hinein; was kümmerten ihn Weib und Kind!

Es war, als ob Linchen ihr Sinnen errate.

»Wo ist Papa?« fragte sie leise. »Warum kommt er nich wieder? Die Puppe hat er auch mitgenommen.«

Eine Lüge schwebte ihr auf den Lippen; aber sie brachte sie nicht heraus. »Still, mein Engel, artig sein, nich so viel sprechen, sons wirs du nicht wieder gut.«

Aber das Kind ließ sich nicht beruhigen und fragte weiter:

»Mama, wenn ich nu tot gehe, was sagt Guschi denn?«

»Still, Kind, still, mein süßes Herzblatt, das war 'n böses Wort, das darfst du nich wieder sagen, sonst kommt Guschi gar nicht mehr.«

»Guschi soll aber kommen, – wollen wieder spielen!«

Am andern Tage ließ die Mutter den kleinen Freund rufen. Ein Schimmer heller Freude flog über das Gesicht des kranken Kindes, als der Knabe in das Zimmer trat. Es streckte ihm beide Händchen entgegen und rief ein übers andre Mal: »Guschi! Guschi!«

»Bis doch 'n dumme Deern,« meinte der Knabe, »legs dich ins Bett, wo jetzt die schönsten Glitschen sind. Weißt noch, Line, holter die polter den Kuhberg runter; aber die beim Holstentor is noch viel gediegener, da geht's noch viel doller.«

»Mama, ich will glitschen mit Guschi!« schrie das Kind.

Guschi lachte laut auf.

»Sei doch nich so narrsch, Line, wenn du wieder gut bis, denn glitschen wir.«

»Mama, wann bin ich wieder gut?«

»Morgen, Kind, morgen.«

»Morgen, Gu –,« ein starkes Hüsteln unterbrach das Wort. Als das vorüber war, sank das Köpfchen wieder zurück, die Augen schlossen sich zum leichten Schlummer; aber die Lippen lallten noch: »Morgen!«

Marie machte dem Knaben Vorwürfe, daß er sie so lange nicht besucht habe und die Mutter auch nicht; sie seien ihnen wohl jetzt zu gering. Aber Guschi entschuldigte die Mutter, sie habe gar nicht kommen können, Heini sei auch krank gewesen und erst seit einigen Tagen wieder in der Besserung, und er selber habe immer so viel lernen müssen. Doch morgen solle die Mutter kommen, sie hatten ja von allem nichts gewußt.

Auf dem Weg von der Sahltür bis zum dritten Stockwerk hatte der Knabe die ganze traurige Geschichte erfahren.

Am anderen Tage kam Frau Katharine.

Nein, so Schlimmes hatte sie nicht geahnt, wenn sie das gewußt – Der schlechte Kerl! Ob sie denn gar nicht wisse, wo er sich jetzt umhertreibe. Schade, sie hatte ihm sonst mal den Kopf zurecht gesetzt. Ja, es ist eine böse Welt. Sie selber habe auch wenig Trostreiches zu berichten. Der Kleine war so lange krank, da waren die Ersparnisse des Sommers daraufgegangen. Und zum ersten Mai hatte man ihnen gekündigt! Die kleinen Hauser im Mühlengang sollten abgebrochen werden, da sollte ein Prachtbau hin mit großen Läden und herrschaftlichen Wohnungen. Für die geringen Leute sei die Gegend zu gut. Und was für ein Winter das wäre, so schlimm und so lang, so einer sei gewiß noch nie dagewesen. Die Kohlen fraßen einem das Brot vom Munde fort. Alle Leute klagten wohl; aber über die Arbeiter gehe es doch immer am ersten und am meisten her. Ja, eine böse Welt!

Marie stimmte mit ein; aber dann meinte sie hoffnungsfroh: »Wir haben ja bald Ostern, un denn muß es wärmer werden, und wenn es ers wärmer wird, denn kann ich das Kind raustragen an'n Hafen, in'n Elbpark; nich wahr, Kathrine, meins du nich auch, denn muß es doch bald wieder gesund werden, nich?«

Katharine zuckte die Achseln.

»Du glaubs doch nicht?« – stöhnte Marie hervor.

»Von Kindern läßt sich nichts sagen, die sterben einem unter der Hand weg und werden unter der Hand wieder gesund. Am Ende wär es für dich un für das arme Wurm besser, wenn es der liebe Gott zu sich nähme.«

»Nein, nein, 'n Mann hab ich ja nich mehr, aber das Kind muß er mir lassen! Das muß er, das tut er auch; tut er das nich? Sag doch ja! Kathrin.«

Frau Katharine sagte ja.



XIV.

Er wollte nicht weichen und wanken, der harte Winter; aber der Frühling zwang ihn doch. Mit lautem Hallo und Gebraus kam der wilde Bube aus seinem Versteck hervor und erschreckte den Alten so, daß er in einer stockdunklen Nacht heimlich davonschlich. Lachend warf der übermütige Schelm all den Krimskam ihm nach: den weichen Schnee, die tauenden Eisblöcke, die verwelkten Blätter, und mit den dürren Ästen prügelte er ihn vollends zum Lande hinaus. Er schonte nichts, wohin er kam und die Spuren des Alten fand; reine Bahn wollte er haben für sein sonniges, blühendes Reich. Und da brach er auch auf seinem Wege die kleine, welke Menschenblüte, und eines Morgens saß die Mutter am Bette ihres toten Kindes.

Wie's gestorben war, wußte sie nicht recht; aber sie wußte, daß es tot war. Die Äuglein waren weit geöffnet, der Mund blauweiß und das Händchen, das sie zwischen ihren Fingern hielt, blieb kalt, wie sie's auch drückte und streichelte und küßte. Es war also tot, das wußte sie; aber was tot sein eigentlich ist, das war ihr nicht mehr recht klar. Sie hatte nur noch zwei Empfindungen: kalt und schwer. In ihr, wo sonst das Herz so warm schlug, saß es wie ein Eisklumpen, hart und frostig; aber über den Augen und hinter dem Scheitel, da lag es bleischwer und drückte und drückte. So saß sie stundenlang vor dem Bette und rührte sich nicht. Keine Träne entquoll dem Auge; aber ein seltsames heimliches Lächeln irrte zuweilen verstohlen um den Mund. Sie wußte etwas – was ganz Schönes, Geheimnisvolles; sie freute sich auf etwas – was ganz Gutes und Liebes; aber husch, da war's wieder fort, und die Augen starrten verglast wie vorher.

So fanden sie die Nachbarn. Sie rüttelten sie auf; aber sie sah sich nicht um, sondern winkte nur mit der linken Hand über die rechte Schulter: »Still, still, es schläft, es schläft.« Dann sprang sie plötzlich auf, und drehte sich wild um: »Lacht mich nicht aus, weiß wohl, ist tot, ist tot, und morgen wird's begraben!«

Sie setzte sich wieder nieder und blieb unbeweglich sitzen, nahm keine Speise und keinen Trank und sagte nur auf jede Frage und jedes Zureden: »Gut, gut!«

Katharine und Guschi kamen auch, man hatte ihnen Nachricht geschickt. Guschi brachte einen großen Kranz: Lorbeerblätter mit weißen, künstlichen Rosen darin. Er legte ihn von unten her sacht auf das Bett und sah mit großen, neugierigen Augen nach seiner Spielgenossin hin, als ob sie doch etwas zu dem schönen Kranz sagen müsse. Mit einem heimlichen, innern Lächeln schob Marie den Kranz verstohlen hinauf, immer höher, bis er zuletzt den Kopf des Kindes umrahmte. Und wie nun das bleiche, hagere Gesichtchen so fremdartig zwischen den grünen Blättern hervorlugte und sich gar nicht rühren wollte, da packte es den Knaben mit bangen Schauern, und leise murmelte er vor sich hin: »Nu is sie doch tot.«

Frau Kathrine sprach viel und eindringlich auf ihre Freundin ein, lauter verständige Worte; doch sie hörte sie kaum und schwieg auf alles, was sie ihr sagte. Als aber Kathrine fortgehen wollte, und der Knabe ihr die Hand gab, da zog sie ihn plötzlich an sich, umschlang ihn mit beiden Armen und stöhnte: »Guschi! Guschi!«

Und morgen wird es begraben. –

Der Wagen kam schon am Nachmittag vorher, um die Leiche für den andern Morgen abzuholen. Es herrschte so starker Frost, daß man das gut riskieren konnte. Zwei Männer traten herein, steckten den kleinen Leichnam in eine Art Sarg, trugen ihn hinunter und setzten ihn zu den andern in dem großen Wagen, der da von Straße zu Straße fuhr, um die Garben einzusammeln, die der gute Schnitter auf dem Felde der Armut geschnitten hatte.

Marie saß noch immer vor dem Bett, von dem sie nur den Blick gelenkt, als der kleine Sarg durch die Tür verschwand. »Steht er draußen?« fragte sie fast unhörbar. Sie meinte Jan. Dann drehte sie sich wieder dem Bette zu und blickte unverwandt auf die Stelle, wo das Kind gelegen.

Auf dem Tische brannten zwei große Kerzen. Der Poet hatte sie dorthin gestellt. Das Kind hätt's ihm angetan, hatte er zu ihr gesagt, und morgen früh wollte er mit hinausgehen und ihm eine wunderschöne Rede halten, so schön, als ob er zehn Mark dafür bekäme, und noch schöner!

Und der Tag dämmerte tiefer und tiefer, und der Lichtschein an der Wand wurde immer heller, und der Schatten ihrer Gestalt dunkler und dunkler. Und aus dem hellen Lichtschimmer tauchte ein sonniges Häuschen hervor und daneben ein blühender Garten, und daraus erscholl Lachen und Singen und jubelnde Kinderstimmen schmetterten dazwischen. Aber der Schatten wuchs groß und größer und verdunkelte Haus und Garten und Sonnenschein, und es war nichts als eine tiefschwarze Höhle, ein gähnender Schlund, eng und finster wie ein Torweg, und drinnen im Hintergrunde flimmerte ein großes, glühendes Auge. Und da kam's heran, finster, grausig: ein Bein, ein Arm, ein Auge. Und unter dem Tritt des Beines stöhnte und winselte es und krümmte sich und jammerte, und vor dem Schlag des Armes krachte und stürzte es nieder, und der Strahl des Auges bohrte sich stechend in ihr Gehirn. Sie sprang empor, preßte die Hand vor die Stirn und rief: »Da, da, ich fühl's; – da will's rein, da will's raus, fort! fort!«

Und plötzlich ergriff sie die beiden Kerzen, schleuderte die eine nach dem dunkeln Schatten an der Wand, schwang die andre ums Haupt und rief drohend! »Nu komm! nu komm!«

Die Kerze war aufs Bett gefallen; neugierige Strohhalme guckten aus dem Pfühl heraus, und kleine Flämmchen züngelten bald an der Wand empor.

Sie sah sie und lachte laut auf: »Das is recht, ihr helft mir, weg mit dem Schwarzen da, er will mein Line haben, weg! sag ich, weg! Du kriegst meine Line doch nicht!«

Wütend schwang sie die Kerze, schneller und immer schneller, bis sie erschöpft auf das Bett niederstürzte, und dichter Rauch sie umhüllte. – – –

Auf dem Zeughausmarkt ertönt ein Klingeln, gell, schrill und schnell. Von kräftig ausgreifenden Pferden gezogen, rasseln die Wagen der Feuerwehr daher. Die glühenden, weitstrahlenden Fackeln beleuchten die bärtigen Gesichter und die schwarzen Helme der Mannschaft. Hoch aus dem Schlot der Dampfmaschine spritzen sprühende Funken. Jedes Fuhrwerk eilt zur Seite, die Fußgänger bleiben stehen, die Kinder laufen einige Schritte hinter den Wagen her – vorüber!

Mit lächelnder Miene und blöden Augen starrt ein betrunkener Mann der feurigen Erscheinung nach. Vor kaum einer halben Stunde sah er einen Wagen an sich vorüberfahren, der die Leiche seines einzigen Kindes barg. Er ist an ihm vorbeigetaumelt, wie er jetzt hinter der Feuerwehr hertaumelt. Aber er kommt nicht weit, die Jungen haben ihn bemerkt. Im Nu haben sie einen Kreis um ihn geschlossen, und während fernher noch das schrille Klingeln tönt, singen und johlen sie: »Bringt dat Swien no'n Swienmarkt hen, ho! ho! ho!«