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Rudolf Lothar – Der Golem

Novelle

Aus: Die Welt, Zentralorgan der Zionistischen Bewegung, Nr. 39ff.



Stille war es in der Stube. Im Erker sassen zwei Frauen und stickten. Die Aeltere rührte fleißig die Finger. Ueber dem Gesicht mit den rothen Bäckchen und dem Gewirre von Falten und Runzeln lag eine zufriedene Fröhlichkeit. Die kleinen listigen Augen glitten beweglich immer wieder von dem goldenen Muster des Tuches zum Fenster und schauten neugierig auf die Strasse. Dort gab es freilich nicht sonderlich viel zu sehen. Um diese Zeit des Nachmittags war es ruhig in der Judenstadt, und nur selten schritt ein Wanderer die Mauer des Friedhofes entlang, der dem Fenster gerade gegenüberlag. In dichten Flocken wirbelte der Schnee vom Himmel, setzte den Leichensteinen weisse Mützen auf, breitete seinen Hermelin über die Sarkophage und seinen glänzenden Teppich über die Wege. Hatte Mutter Hanna eine Weile dem Wirbeln und Tanzen in der Luft zugeguckt, so senkte sie eifrig wieder den grauen Kopf auf die Arbeit und zog doppelt so schnell die Nadel mit dem blinkenden Goldfaden in die Höhe. Ihr gegenüber hob das junge, blasse Geschöpf nicht einmal die Augen von der Stickerei. Nein, so still, so traurig und vergrämt hatte Mutter Hanna ihren Liebling nie gesehen. Und es gab doch keine Stunde im Leben Esthers, deren Geheimnis sie nicht kannte. Sie war ja ihre Amme gewesen, sie hatte ihr ganzes Leben behütet und bewacht, hatte wie ein treuer Hund vor der Schwelle ihrer Erfahrung gelegen, alles Böse abgehalten, jedem düsteren Gedanken, jedem traurigen Empfinden den Eintritt verwehrt. Als Perl, die Gattin des hohen Rabbi Löwe, starb und sie im Hause des Rabbi Wirtschaft und Regiment übernahm, hatte sie sich zugeschworen mit den furchtbarsten Eiden, die ihre Phantasie nur erfinden konnte und deren Ausführung nach ihrem festen Glauben unwiderruflich in Gottes Händen lag, für des Rabbi Töchterchen zu sorgen wie eine Mutter. Und diese Sorge um den lieben, schönen Leib, um die gute, reine Seele und das brave, aber etwas schweigsame Herz war nun der Inhalt von Mutter Hannas Dasein. Was aber gieng jetzt in dieser Seele vor, was machte das Herzchen erbeben, was hielt den Körper in seiner Blüte und Entfaltung zurück? Denn Esther magerte ab und liess das Köpfchen hängen wie eine verdurstende Blume. Dabei kochte Mutter Hanna das Beste und Ausgesuchteste. Nicht einmal freuen konnte sich das Kind mehr. Als jüngst der Vater zum Kaiser Rudolf auf den Hradschin berufen worden und ganz Prag von der hohen Auszeichnung sprach, die ihm und der ganzen Judenschaft widerfahren, hatte das Kind kaum gelächelt. Und als dann der Vater von der Audienz heimkehrte und der Vorstand der Gemeinde, den reichen Mordechai Meisl an der Spitze, ihn feierlich am Thore des Ghettos einholte, war ihm das Kind nicht einmal bis in den Flur entgegengelaufen. Es war doch sonst ihre Art nicht, still zu sitzen und sich die Lippen zu zerbeissen!

Mutter Hanna hielt mitten im Sticken inne, stach entschlossen die Nadel in das Tuch, kreuzte die Arme, trommelte mit den kurzen rundlichen Fingern einige energische Takte und sah mit ganz kläglichen Augen, aus denen für den Moment alle Fröhlichkeit verschwunden war, ihren Liebling an. Und als fühlte Esther die Frage des Blickes, schob sie plötzlich die Arbeit von ihren Knien, liess sich vom Sessel zur Erde gleiten, schlang die Arme um Mutter Hanna und fieng bitterlich zu weinen an. Das Schluchzen schüttelte ihren ganzen Körper, und eine Zeit lang war es gar nicht zu mildern. Dann hörte es in seiner Heftigkeit langsam auf und gieng in ein stilles Jammern und Klagen über, aus dem nur manchmal stossweise ein neuer Thränenstrom hervorbrach. Mutter Hanna legte zuerst sorgsam die angefangene Stickerei neben sich auf das Tischchen – das unvorsichtige Kind hätte sie beinahe mit ihren Thränen verdorben! – dann mühte sie sich ab, aus dem fassungslosen Mädchen etwas wie ein Bekenntnis oder Geständnis herauszubringen. Aber Esther wollte nichts bekennen, schüttelte nur immer auf alle Fragen den Kopf, sprach nichts, sondern weinte bloss. Als das Fragen nichts half, versuchte Mutter Hanna ein anderes Mittel.

»Schämst Du Dich nicht, mein Goldkind, unglücklich zu sein? Solltest Dich ja froh und glücklich fühlen wie kein zweites Mädel. Dein Vater ist der hohe Rabbi Löwe, der beste, weiseste Mann in ganz Prag, der Stolz, die eiserne Säule des Judenthums. Weit über die Erde geht sein Ruhm. Kaiser und Könige sprechen von ihm, und alle Gelehrten sind seine Freunde. Was er schreibt, ist kostbar wie Gold und Juwelen, und was er spricht, wird ihm von Gott in den Mund gelegt. Hat doch der grosse Tycho de Brahe, weisst Du, der Sterndeuter unseres gnädigsten Kaisers, als er jüngst bei deinem Vater war, zu ihm gesagt – ich hörte es deutlich aus dem anderen Zimmer: ›Ich beuge mich vor Eurer Weisheit.‹ Hörst Du, er beugte sich! Macht Dich denn das gar nicht stolz!«

Aber Esther weinte fort und gab keine Antwort. Mutter Hanna wiegte ihren Oberkörper hin und her und begann dann wieder:

»Was willst Du denn eigentlich, mein Täubchen, mein Lämmchen, meine schönste Blume? Du hast alles, was ein reiches Mädchen sich wünschen kann. Und zu allem Guten stickst Du gerade Deine eigene Aussteuer. Dieses Tuch wird Dein Brautbett schmücken –«

Plötzlich stockte sie. Sie hatte offenbar die Wunde berührt, denn mit einemmale gieng das leise Wimmern des Kindes aufs neue in lautes Schluchzen über. Hanna nickte einigemale bedeutungsvoll und zog die Brauen empor. Dann setzte sie mit ganz anderem Tonfalle ein:

»Darum also die Thränen, mein Närrchen?! 's ist nicht so schlimm, das Heiraten. Ist ja unser ganzes Glück im Leben! Unter dem Brauthimmel hindurch geht der Weg zur Freude. Deine Mutter Perl ist ihn gegangen mit Thränen, wie Du sie jetzt weinst, und der hohe Rabbi Löwe hat ihr dann alle Rosen des Glückes vor die Füsse geschüttet. Und ich bin ihn gegangen, das ist lange, lange her, und habe gedacht, mein letztes Stündlein müsste kommen. Aber ich wäre dann denselben Weg gerne noch einmal gegangen, als ich um meinen Seligen genug getrauert hatte. Wovor wir uns fürchten, wie vor grimmigster Nacht, wandelt Gottes Fügung in lichtesten Tag. Wisch' Dir die Thränen ab und hör' mir zu: ich will Dir erzählen, wie herrlich es bei Deiner Hochzeit zugehen wird. Denke Dir nur –«

Aber sie sprach mitten im Satze ab. Esther hatte das Gesicht erhoben und starrte sie an mit einem solchen Ausdruck des Entsetzens, dass Hanna plötzlich mit all ihrer Weisheit zu Ende war: fast schüchtern setzte sie dennoch ihre Trostversuche fort:

»Ist denn Dein Bräutigam Elasar nicht ein kluger, ein gelehrter Mann? Er weiss das Wort zu deuten wie keiner. Selbst Deinem Vater hält er stand. Und er weiss auch die Worte zu fügen und zu kleiden, dass sie glänzen und duften wie ein Strauss von Blumen, die auf Zion wuchsen. Er hat ein Herz wie Gold und er liebt Dich. O, das weiss ich! Wenn er Dich anschaut, so spricht die Liebe aus seinen Augen wie Gott aus dem brennenden Dornbusch!«



Zum erstenmale öffnete jetzt Esther den Mund:

»Seine Augen schielen!«

»Nein, das habe ich noch gar nicht bemerkt!« betheuerte sofort Hanna mit allem Nachdruck, aber ohne Ueberzeugung, denn sie wusste sehr gut, dass Elasar schielte, krumm und etwas verwachsen war. Er war ein hässlicher Mensch. Da half kein Beschönigen: er war wirklich hässlich! Aber Hanna liess sich gar nicht darauf ein, das Lob seiner körperlichen Schönheit zu singen, sondern begnügte sich, in beweglichen Worten sein edles Herz, seine grosse Seele, seine weise Einsicht zu preisen. Und als Esther trotzdem gar nicht zu besänftigen war, spielte sie endlich ihren grossen Trumpf aus:

»Dein Vater hat ihn Dir gewählt. Dein Vater kennt ihn. Dein Vater ist der klügste Mann; er sieht durch die Brust der Menschen, als wäre sie von Glas. Wenn er Elasar nicht für würdig hielte, sein Schwiegersohn zu werden, nie hätte er ihm die Hand seines Kindes zugestanden!«

Da richtete sich Esther mit einem Rucke empor, wischte sich mit dem Handrücken kurz und entschlossen die nassen Augen, warf mit einer heftigen Bewegung des Kopfes das schwarze Haar, das ihr wirr über die Stirne hieng, zurück. Dann packte sie die gute Mutter Hanna um die Hüfte, drückte ihr flammendes Gesichtchen an ihre Schulter und begann zu sprechen, in jäh sich überstürzenden Worten, in jagenden Sätzen. Nein, sie wollte ihn nicht heiraten, den hässlichen, schiefen Menschen, wenn er auch Psalmen singen konnte wie weiland König David. Er war ihr ein Greuel. Sie hatte Angst vor seiner Berührung; sie konnte ihm nicht einmal die Hand geben. Wenn er sie anstarrte, wenn er ihr mit schüchternem Stammeln von seinen Gefühlen sprechen wollte, wäre sie am liebsten gleich davongelaufen. Und diesen Menschen musste sie heiraten! Der Vater hatte es gesagt, und der Gedanke, dem Vater zu widersprechen, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Aber es war ihr Tod. Es war ärger als der Tod. Und wieder zuckte es um die Lippen, die Nasenflügel bebten, das Kinn schob sich vorwärts, zwei tiefe Fältchen gruben sich in die Stirne und ein neuer Bach von Thränen lief aus den Augen. Hanna nahm das Kind fester in ihre Arme, wiegte es sänftiglich und strich ihr über den Kopf.

Indessen sie auf irgendein Beruhigungsmittel sann, kam plötzlich die Rettung. An der Thüre wurde leise geklopft, und als niemand »herein« sagte, ärgerlich gescharrt. Und als auch darauf keine Antwort kam, steckte jemand vorsichtig den Kopf durch die Thürspalte. Dieser jemand war ein alter, gemüthlicher kleiner Jude in einem langen Pelzrock, mit hoher, spitzer Pelzmütze. Als er die beiden Frauen erblickte, kam er eilfertig herein, machte allerhand Bücklinge und Kratzfüsse und rief ein übers andere Mal: »Der Reb Simon ist wieder da und wünscht einen guten Tag!«



Reb Simon war ein gern gesehener Gast in der Prager Judenstadt. Er machte grosse Reisen, war bald in Amsterdam, bald in Paris, bald in Jerusalem, ja sogar bis nach Persien und Indien führte sein Weg. Er handelte mit den grössten Kostbarkeiten, mit wundervollen Juwelen, seltenen Schätzen, Alterthümern besonderer Art und trieb nebenbei einen eifrigen Kram mit allerhand kleinem Tand, mit Nadelbüchsen und Pomaden, mit seidenen Fetzen und bunten Tüchern. Er kam zu Bischöfen und Fürsten, wenn er irgendwo ein besonders herrliches Stück aufgespürt hatte, und er liess alte Weiber und junge Mädchen stundenlang um eine Elle Band oder um ein Salbtiegelchen feilschen. Er kannte die Preise und kam nicht zu Schaden. Sein Profitchen war nie übermässig, und Christ, Jude kannten den Rabbi als ehrlichen Mann. Aber man munkelte auch allerlei über ihn. Er sollte erfahren sein in geheimer Wissenschaft und mit der Kunst vertraut, die Geister zu erwecken. Man nannte ihn mit ängstlicher Scheu einen Nekromanten und Schatzgräber, und es gab Leute, die wollten ihn an verrufenen Orten gesehen haben, wie er mit unsichtbaren Genossen sich unterhielt. Sah man aber das harmlose Männchen mit dem Jokus auf den Lippen, mit der drolligen Beweglichkeit in den Beinen und den ewig zappelnden Armen, so konnte man an die Märchen, die in seinen Fussstapfen giengen, nicht recht glauben. Reb Simon hatte seine Lieblinge, denen er nichts verkaufte, sondern denen er nur Geschenke mitbrachte, Wertvolles und Nichtiges, wie es sich gerade traf: einmal einen Smaragdring, einmal einen Zahnstocher aus Olivenholz. Zu seinen Lieblingen gehörte der hohe Rabbi Löwe und sein Töchterchen. Von jeder Fahrt kam er mit grossen und kleine Päckchen in das Haus, wo der steinerne Löwe über dem Thore Wache hielt, liess sich zu Tische laden und erzählte die unglaublichsten Reiseabenteuer. Dann schloss sich der Rabbi mit ihm ein, und ganze Nächte hindurch sassen sie beisammen, und kein Mensch wusste, was sie sprachen und was sie trieben.

Als Hanna den Gast erblickte, kam sie ihm gleich entgegen und begrüsste ihn mit lautester Herzlichkeit. Durch ihre Thränen musste Esther lächeln, wie Reb Simon sich nun vor sie stellte und sich komisch verwunderte über ihre Schönheit. Er hob beide Arme zum Himmel, tanzte von einem Bein aufs andere, verdrehte die Augen und citierte kräftige Verse aus dem Hohen Liede Salomonis. Dabei lachte sein ganzes Gesicht; der dünne graue Bocksbart wippte heftig auf und ab. Doch hinter den närrischen Spässen lag für das junge Mädchen wohl verständlich auch ein Theil wirklicher, echter Bewunderung. Es dauerte ein ganz kurzes Weilchen und der kleine Handelsmann sass mit den beiden Frauen im Erker und erzählte Dinge, dass seine Zuhörerinnen sich gar nicht fassen konnten vor Erstaunen. In Persien war er just gewesen, war dort Wunderthieren und Wundermenschen begegnet, Bestien, die sprechen, und Menschen, die fliegen konnten. Und mitten in seinen Schilderungen unterbrach er sich manchmal schmunzelnd, tauchte mit seine Fingern tief in die Taschen des Pelzes und förderte wundersame Dinge zutage: einen Ring mit einem geschnittenen Steine, worauf alle Planetenzeichen zu sehen waren, gar ein kostbares Amulett, ein Töpfchen mit eingekochten Rosen, eine vertrocknete Blume, die aufblüht, wenn man sie ins Wasser steckt. Und mit Schnurren, Spässen und Geschenken brachte Reb Simon das Wunderwerk zustande, an dem vorher Hanna so kläglich gescheitert war: Esther vergass ihren schweren Kummer und lachte, lachte von ganzem Herzen wie ein frisches fröhliches Kind. Vor lauter Freude, Esther wieder lachen zu sehen, lachte Hanna, und Reb Simon meckerte und überschlug sich mit der Stimme und warf sich hintenüber und streckte die Beine von sich und that, als müsste er auf der Stelle sterben vor lauter Lachen. So gab es denn ein lustiges Terzett im Erker. Plötzlich verstummte es. In der Mitte des Zimmers stand der Rabbi Löwe. Esther eilte auf ihn zu und küsste ihm die Hand. Er umspannte mit beiden Händen ihren Kopf und küsste sie auf die Stirn. Reb Simon kam herangetänzelt und sprudelte eine Menge Begrüssungsworte hervor. Wieder hob er den Arm mit den gespreizten Fingern zum Himmel, rief Gott und seine Heerscharen an zu Zeugen, wie vortrefflich, wie gesund und stark der Rabbi aussehe. Aber beim Anblick des quecksilbernen Männchens hatte sich auf der Stirn des Rabbi eine finstere Falte eingegraben. Er schob Esther, die sich an seine Brust gelehnt hatte und über deren Köpfchen der mächtige weisse Strom seines Bartes fluthete, sanft zur Seite, winkte Hanna zu, die, in einiger Entfernung stehend, in demütiger Haltung seiner Befehle zu warten schien, und gebot mit kurzem schnellem Wort Reb Simon, ihm zu folgen. Die beiden Männer gingen den Weg in des Rabbi Studierzimmer. Die Frauen kehrten in den Erker zurück, nahmen ihre Arbeit und ihre Gedanken wieder auf. Das Lachen war verflogen. Esther schaute durchs Fenster. Ihr war, als hätte das Geschick über ihr Lachen einen Leichenstein gewälzt, wie sie draussen auf dem Friedhof in düsteren Reihen standen, und als falle über ihn der schweigsame Schnee vom Himmel.



Das Rabbi Studierzimmer sah eher dem Laboratorium eines Alchymisten gleich als der Arbeitsstube eines Schriftgelehrten. Ein Herd mit allerhand sonderbarem Geräth stand inmitten des grossen Raumes. Blätter mit krausen Zeichen hiengen an den Wänden. Ein Kreidekreis war auf dem Boden gezogen, und ein Netz von Linien lief zwischen Sternbildern und hebräischen Buchstaben. Auf dem Tische lagen schwere Bücher zu Hauf, Bücher türmten sich auf dem Pulte, Bücher klommen in langen Reihen die Mauern empor, Bücher wälzten sich in starren Reihen aus allen Winkeln des Gemaches. Selbst auf dem Ruhebette, wo der Rabbi nach der Arbeit zu rasten pflegte, lagen Bücher, Bücher und Schriften.

Der Rabbi verschloss die Thür hinter sich und gieng mit grossen Schritten auf und ab, ohne sich um seinen Besuch zu kümmern. Er hatte die Hände über dem Rücken gekreuzt, den Kopf tief gesenkt. Die Falte zwischen den Brauen war noch tiefer und drohender geworden. Das weisse, lose Haar flammte wie vom Hauche des Zornes getrieben, über seinen Schläfen empor, und über der hohen Stirn mit ihren zarten Buckeln, Maulwurfshügeln der Gedanken, lagerte in finsterer Ruhe ein nahendes Gewitter. Vor dem kleinen Handelsmanne blieb der Rabbi stehen, packte ihn bei den Schultern und schrie ihn an: »Du hast mir den Unfrieden ins Haus gebracht!« Reb Simon zog die Schultern hoch, schloss das eine Auge und blinzelte mit dem anderen den Rabbi an. Mit einem geschickten Drehen des Körpers entwand er sich seinen Händen. Dann spitzte er den Mund und blies die Luft mit pustendem Pfeifen vor sich hin, zupfte mit den Fingern an den Spitzen seines Bartos, setzte sich rittlings auf eine Sessellehne und sagte ganz leise, aber mit einer seltsamen Gewichtigkeit: »Den Unfrieden? Ei, ei! Habt nicht immer so gesprochen, Rabbi! Habt mich ja gebeten, Euch immer mehr zu sagen, Euch immer mehr zu zeigen. Seid wohl nicht zu Rande gekommen mit dem grossen Werke? Und Ihr vermasst Euch doch, dies Wunder zu vollbringen. Ich brachte Euch die Wissenschaft aus Indien. Was habt Ihr mit der Wissenschaft gemacht?« Der Rabbi gieng zu einem Verschlage und hob den Vorhang: »Schau her!« sagte er ruhig und feierlich. Reb Simon riss die Augen auf, streckte die Hände vor und warf sie dann aus den Gelenken zurück zum Zeichen grössten Erstaunens. Dort in der Nische stand eine lebensgrosse Lehmfigur. Eine griechische Marmorstatuette des Apollo hatte offenbar dem Bildner als Anregung gedient, nicht als Modell. In der Bewegung wie im Ausdruck war die Figur von ihr völlig verschieden. Sie stellte einen Jüngling dar in vollkommenster Körperschönheit. Aber in den Zügen wie im Bau des Leibes sprach nicht der Geist der Antike, nicht griechische göttliche Heiterkeit und olympische Ruhe, sondern idyllisches Kraftgefühl, ein heisses, spannendes Verlangen nach Leben. Die Muskeln waren wie sprungbereit, und der Mund schien eben zu einem Schrei sich öffnen zu wollen. »Schau her!« sagte der Rabbi. »Rastlos habe ich an diesem Bilde geformt und gearbeitet. Meine ungelenken Hände, meine blöden Finger habe ich geschult und gemeistert. Und an diesem Thon, diesem Kloss, diesem Golem hängt jetzt mein Herz. Die erste Stufe zum Tempel habe ich erstiegen. Das Gefäss ist bereit, den Inhalt zu empfangen. Du begreifst die Vermessenheit meines Thuns. Du weisst, dass der Weg zum Werke, das Du mich gelehrt, an Finsternissen vorüberführt, die kein Strahl der Himmelssonne durchleuchtet, in die kein menschliches Auge tauchen darf. Leben will ich spenden mit der Macht des Todes. Wie der Tod die Menschenseele aus ihrem Gefängnisse löst, dass sie frei und rein ihren Flug nimmt zur ewigen Höhe, so will ich sie lösen aus ihrer Hülle. Aber eine Wohnung will ich ihr weisen, die ich geschaffen, belauschen will ich sie und sie erkennen! Was nur Gott bis jetzt gethan, will ich vollbringen. Gott hält Zwiesprach mit den Seelen, ehe er sie zur Erde schickt, ehe er mit dem irdischen Gewand sie bekleidet. Und er redet mit ihnen, wenn sie heimkehren von ihrer Wanderung und das Gewand zerrissen ist!« Der Rabbi sprach diese Worte nicht trotzig. Sie fielen ihm von den Lippen wie eiserne Stücke seines Willens.

»Siehst, Du, Reh Simon, die Handgriffe und Formeln konntest Du mich lehren. Den Sinn des Geheimnisses habe ich durchforscht. Erst seitdem ich begreife, fühle ich die Grösse meines Werkes. Ich stehe vor dem Quell des Seins und schöpfe aus ihm. Und ich weiss, was das Rinnen und Rieseln, das Rauschen und Strömen dieser Quelle bedeutet. Gott ist der Mund der Quelle, Gott ist der grosse Ocean, in den alle Tropfen fliessen. Aus seiner Rechten fallen die Tropfen zur Erde nieder, in seine Linke nimmt er sie wieder auf. Wer vermag es, den Weg eines Tropfens zu hemmen?«



Reb Simon drehte ungeduldig die Daumen ineinander und liess seine Blicke die verräucherte Decke entlang gleiten.

»Wenn Ihr das erkannt habt,« sagte er dann ärgerlich, »was plagt Ihr Euch mit magischer Kunst, warum wollt Ihr von mir die Mittel lernen, das Unmögliche zu erzwingen!«

Der Rabbi fuhr ihm heftig in die Rede: »Die Magie ist für mich nicht die Wissenschaft des Unmöglichen, sie bedeutet mir das Vordringen bis zur äussersten Grenze des Möglichen, die Ausnützung solcher Ursachen, die dem Unkundigen verlangen bleiben, das Erfassen von Wirkungen, die andere nicht sehen. Ich kann die Kräfte, die Elemente nicht anders gestalten. Aber ich kann mich ihrer bedienen. Ich kann keinen meiner Geister aus dem Nichts stampfen, aber ich vermag die Stimmen der Geister zu hören, ich zwinge sie mir zu Dienst und Hilfe. Und sie sollen uns helfen, das Werk zu vollbringen. Denn es ist nahe an der Vollendung. Siehst Du, jeder Mensch ist mit einem Theilchen der Allseele begabt. Aus dem Urquell empfieng er es, zum Ocean kehrt es wieder. Von Gott geht es wieder zu Gott. Dieses Theilchen ist das Pfund Leben, mit dem er wuchern soll. Aber tausend Fesseln, Klammern, Gewichte drücken und pressen dieses Theilchen von allen Seiten: Was unsere Vorfahren gedacht und gethan, wandelt sich zum Bleigewichte der Ueberlieferung, was alle unsere Mitmenschen denken und thun, wird zur Fessel der Sitte, des Vorurtheils, der Erziehung. Und so wird die Seele verkrümmt und verzerrt. Das Gefängnis des engen Körpers mit seiner Kleinlichkeit und Beschränktheit hemmt ihre Entwicklung. Die Thüren des Kerkers sind geschlossen, die Fenster, die ins Freie gehen, sind blind. Erst der Tod macht Thür und Fenster auf. Göttlich ist die Seele, bevor der Mensch geboren wird und wenn er stirbt. Und solch einer göttlichen Seele weise ich dies Gefäss an.«

»Gebt Acht, Rabbi,« lispelte leise Reb Simon, dass Euch das Experimentum nicht missräth, dass Euch die Seele nicht entschlüpft, ehe sie ihre Wanderung aus dem Leibe in die Gestalt vollendet. Habt Ihr Euch die Beschwörungsformeln gut gemerkt, wisst Ihr alle die Zeichen, denen die Elemente gehorchen? Lasset uns den Gang des Mysteriums noch einmal im Geiste verfolgen. Vieles kann ich Euch noch vertrauen, das Ihr nicht wisst. Wieder komme ich aus Indien. Dort sind weise Männer dem grossen Geheimnis der wandelnden Menschenseele näher, als wir ahnen können. Dort habe ich mit diesen meinen Augen das Werk vollenden gesehen, vor dessen Beginne Ihr jetzt steht. Lasst mich Euch davon berichten!«

Wie Irrlichter im nächtlichen Dunkel sich suchen und haschen und sich umkreisen, so zuckten die Blicke der beiden Männer umeinander. Dann wurde es still im Zimmer, im Flüsterton schlang sich Wort um Wort. Manchmal nur flammte eines in der Erregung heftiger auf. Der Rabbi war tief in seinen Sessel zurückgesunken, und über ihn gebeugt hockte das kleine Männchen, wie ein Käuzchen zu Häupten des Adlers.

 

 

Reb Simon war längst gegangen. Noch immer sass der Rabbi unbeweglich; die Hände hatte er über die Knie verschränkt, den Oberleib gekrümmt, den Kopf zurückgeworfen. So starrte er mit aufgerissenen Augen vor sich hin. Das grosse Mysterium! Es war möglich, ihm erreichbar. Er hielt den Schlüssel in den Händen. Wie herrlich würde sich Gottes Natur kund thun in der reinen, freien Menschenseele! Was wäre ihr erstes Wort, ihre erste That? Ein Hosianna der Kraft, eine Offenbarung der Kraft, die die Mutter der Allseele ist! Wie spricht die Kraft, wenn ihr eine Zunge gegeben wird zu reden? Gottes Wort wird ihr entströmen, das gewaltige Wort: »So spreche ich!« Krüppel, verbildete, missgestaltete Krüppel sind ja die Seelen der Menschen: Haft und Zwang des Lebens lastet auf ihnen. Mit einem Rucke sie vom Zwange befreien, mit einem Riss die Pforten der Göttlichkeit öffnen – wer das vermöchte? Er konnte es, er, der hohe Rabbi Löwe! Vor ihm stand das reine Gefäss, herrlich anzuschauen. Und es verlangte nach seinem Inhalt.

Aus seinen Träumen weckte den Rabbi ein Lärmen empor. Die Treppe herauf keuchte es schwer und hart. Die Thür ward aufgerissen, und herein wankte, herein fiel ein unseliger Mann. Klein und hässlich, verwachsen, mit einem lahmen Bein und einer schiefen Schulter, ein Zwerg beinahe mit einem übergrossen Kopfe, aus dem zwei grosse, dunkle Augen brannten, so lehnte er erschöpft am Thürpfosten. Die Kleider waren zerrissen und schmutzbedeckt, Blut lief ihm die Wangen entlang in den dichten schwarzen Bart, blutig waren seine Hände. Entsetzt sprang der Rabbi auf. Das war Elasar, sein zukünftiger Eidam. »Elasar, wo kommst Du her, was ist Dir geschehen?« schrie er ihm entgegen. Elasar athmete stockend und hatte Mühe, ein Wort herauszubringen. Er lallte, verzerrte den Mund, als ob er lachen oder weinen wollte, griff mit den Fingern krallend in die Luft, taumelte vorwärts. Der Rabbi fieng ihn in seinen Armen auf und trug ihn, wie man ein Kind trägt, auf das Ruhebett. Dann wusch er ihm das Gesicht und untersuchte die Wunden. Sie rührten von Steinwürfen her. Aus den kurzen Worten, die jetzt stossweise zwischen den knirschenden Zähnen hervorkamen, konnte der Rabbi sich bald ein ungefähres Bild dessen machen, was geschehen war. Elasar war drüben auf dem Hradschin mit ein paar übermüthigen Junkern, die des Weges kamen und ihn hänseln wollten, wie man eben einen hässlichen, verwachsenen Juden zu necken pflegt, in Streit gerathen. Und der Jude hatte sich zur Wehr gesetzt, wirklich und wahrhaftig, als wäre er gar kein Jude, sondern ein Mensch wie andere, die Ehre im Leibe haben und sie zu vertheidigen wissen. Als der Jude so that und frech vorgab, auch eine Ehre zu haben und sich in unverschämtem Hochmuth dazu nicht hergeben wollte, den Junkern als Spielzeug zu dienen, wandelte sich die lustige Laune der adeligen Herren, die ja bloss einen Spass mit dem buckligen Menschen machen wollten, in Zorn und Wuth. Im Nu war eine rechte Hetze im Gange, denn das Volk auf der Strasse nahm selbstverständlich für die beleidigten und gekränkten Junker Partei. In toller Jagd gieng es den Berg hinunter, über die Brücke, in die Altstadt, ins Judenviertel hinein. Die Jagd war furchtbar lustig, und einige Junker konnten sie gar nicht bis zu Ende mitmachen. Sie mussten am Wege stehen bleiben. Das Lachen schüttelte sie so, dass sie nicht weiter laufen konnten. In den engen Gassen des Ghettos gelang es endlich Elasar, seinen Verfolgern zu entkommen. Mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft flüchtete er in das Haus des Rabbi. Und jetzt war seine Kraft völlig zu Ende. Er brach in sich zusammen, Erschöpfung und Schmerz legten ihm schweren bleiernen Schlaf auf die Lider. Der Rabbi beugte sich über ihn. Welch tiefer Schatz von edlem Gefühl, von männlicher Gesinnung, von Herzensweisheit lag in der Brust dieses hässlichen Menschen! Würde aber je Esther seinen wahren Wert erkennen, würde sie je das geringe Gefäss, das kostbaren Inhalt barg, vergessen können? Der Rabbi hoffte es von seiner Tochter. Er, ein Seelenkundiger und Herzenprüfer, hatte Elasars Liebe und Herz gewogen. Das Glück seiner Tochter hatte er in die andere Wagschale gelegt und das Zünglein blieb gerade. Und während er sich sorgenvoll über den Schlafenden beugte und mit leiser Hand ihm die vom Schweiss zusammengeklebten Haare zurückstrich, kam ihm plötzlich ein Gedanke. Dieser Gedanke befiel ihn wie ein Thier, das im Sprung sich auf des Menschen Brust stürzt. So stark war der Stoss, mit dem er ihn anfiel, dass der Rabbi zurücktaumelte. War es nicht Schickung, dass gerade jetzt, wo der Rabbi an sein Mysterium dachte, ein Schlafender in seinem Zimmer lag, ein Schlafender, dessen Seele würdig war, in reinem Gefässe zu wohnen? Nur für eine Stunde sollte sie ihr Haus gegen ein anderes vertauschen. Wenn Elasar erwachte, war sie längst wieder in ihr enges Gefängnis zurückgekehrt, und wie ein blasser Traum haftete in ihr die Erinnerung an die Freiheit. Doch zauderte der Rabbi. Denn sein Werk erschien ihm mit einemmale wie ein sündhafter Eingriff in die Rechte Gottes, wie eine Ueberhebung menschlicher Kraft, wie eine Einflüsterung jener Dämonen, die im Zwischenreich des Todes hausen. In kurzen heftigen Schlägen des Ja und Nein rang in seiner Brust Wille und Zaudern, und mit einem gewaltigen Ruck, wie ein Schiffer den Kahn mit einem Fusse vom Ufer stösst, siegte der Wille.

Schweigend gieng der Rabbi ans Werk. Er schob die Lehmgestalt heran und stellte sie zu Häupten des Schlafenden. Er entzündete im Tiegel die Mischung von Kräutern und Metallen, er zog neue Kreise auf dem Boden. Dann rief er die vier Elemente zur Arbeit und Hilfe. Er streute Sand vor sich hin und beschwor die Erde, ihr Gebilde zu tragen. Er schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und bespritzte die Gestalt und den Schlafenden und beschwor das Wasser, der Seele seinen Fluss zu lehren, er hob ein brennend Scheit Holz vom Ofen, fuhr mit der Flamme im Bogen von Mittag zu Mitternacht und beschwor die Flamme, die Seele nicht erkalten zu lassen auf ihrer Wanderung. Und er streckte seinen Arm empor und beschwor die Luft, den Athem anzuhalten, wenn die Seele ihre Wohnung verliesse, um in die neue Hülle zu schlüpfen. Dann begann er die Formeln zu sprechen und die Zeichen zu machen. Manchmal hielt er inne. Dann sah er den Schlafenden vor sich und horchte auf seine Athemzüge. Und die Lehmgestalt stand unbeweglich, starr und steif. Der Rabbi nahm sein Werk wieder auf. Er strich mit den Fingern vom Leben zum Lehm und seine Worte klangen bald weich und kosend wie Geflüster der Liebe, bald hart und gewaltig wie der Ruf des Sturmes.

Plötzlich liess der Rabbi die Hände sinken und das Wort hielt inne auf seinen Lippen. Tiefes Dämmern füllte das Gemach. Durch das Fenster herein leuchtete das Pentagramma auf der Thurmspitze des Rathhauses im letzten Abendfeuer. Die Zeit des Abendgebetes war gekommen. In der Synagoge wartete die Gemeinde auf den Rabbi. Der Sabbath hatte begonnen. War Reb Simons Unterricht falsch oder unvollständig gewesen, war das Werk unmöglich oder nur unvollendet – gleichviel, jetzt musste es der Rabbi im Stiche lassen. Der Sabbath hatte begonnen, feierlich legte er sein Gebot der Ruhe auf Hand und Mund. Der Rabbi musste in die Synagoge, die Botschaft, des Gottesfriedens zu verkünden. Er gieng. Der Schlafende lag ruhig. Das Werk war misslungen.



Der Schlafende lug ruhig. Und starr und steif stand die Lehmgestalt zu seinen Häupten. Im Dunkel verschwanden die Umrisse der Dinge. Mauern und Decke verschwammen in eins, versanken in der Unendlichkeit der Finsternis. Und aus der Finsternis stieg es jetzt empor in wirren Tönen, erst leise in einzelnen tiefen, in einzelnen hellen Lauten, dann zusammenklingend und anschwellend in Chören. Die Elemente sangen ihre Lieder. Die Erde dröhnte mit den schweren Schritten der Grundaccorde, das Feuer loderte zischend und schmetternd in Garben von aufschiessenden, jauchzenden Rufen, das Wasser sang seine urewig geheimnisvolle Melodie, die Luft kam mit Sturm und Sausen und riss an allem Festen. Und alle Chöre stürzten ihre Macht auf die Lehmgestalt und rüttelten sie auf. Und zwischen Leben und Lehm schwangen gewaltige Töne die Brücke. Wach auf! schrie das Feuer. Bewege dich! befahl das Wasser. Athme! brauste die Luft. Wandle! gebot die Erde. Und die Gestalt reckte sich, hob die Arme, öffnete die Augen. Das Werk war gelungen! Stumm, regungslos, in todähnlicher Starre lag Elasar. Seine Seele war entflohen. Der Leib des Golem hatte sie aufgenommen. Immer höher, immer stärker wuchsen die Chöre der Elemente, wie Giessbach und Katarakt donnerten sie aus der Höhe, wie aufgepeitschte Wellen schlugen sie empor. Der Raum war ihrer voll. Der Golem regte die Arme. Er schritt aus. Ungeschickt und ungefüge zuerst. Er wandte den Kopf. Er bückte sich und erhob sich wieder. Und in ihm sprudelte es auf wie eine Quelle aus tiefstem Grunde, die endlich den Weg ins Freie findet. Ins Freie! Der Golem warf die Faust empor und schmetterte sie auf den Tisch, dass er krachend zusammenbrach. Dann fasste er ein Scheit und hieb um sich und tobte durchs Gemach. Durchs ganze Haus scholl sein Lärmen.

Esther lief entsetzt die Treppe empor, um zu sehen, was es gäbe. Sie riss die Thüre auf und sah sich dem Golem gegenüber. Der aber hatte sie kaum erblickt, als er mit einem wilden Schrei auf sie losstürzte. Esther blieb wie gebannt mitten im Zimmer stehen. Und vor ihr stand der Golem, aus seinem Munde kam ein Strom von heissen Wollen, von Worten des Begehrens, und seine Hände zuckten nach ihrem Leibe und das Verlangen riss mit glühendem Griffe seine Augen schier aus ihren Höhlen. Die Worte fügten sich erst sinnlos aneinander, aber ihr Ton, ihre Farbe, ihr Schrei sprachen von Liebe, von jener Liebe, die einherstürmt auf ihrem Siegeswagen wie die Sonne durch den Weltenraum. Die reine Seele offenbarte sich in ihren zwei gewaltigsten Trieben: Kraftbethätigung hiess der eine, Liebesverlangen der zweite. Und nun verschmolzen beide in eins. Die Kraft rang um Liebe, die Liebe kämpfte um Triumph mit der Kraft des freien Elementes. Was aus dem Golem sprach, war Elasars Seele. Aber sie sprach, wie die Seelen reden, wenn Gottes Wort sie um seinen Thron versammelt und die irdische Hülle auf Erden zurückgeblieben ist. Sie sprach, wie die Engel reden, deren Schwingen von der Erde zum Himmel reichen und deren Schwert ist wie der Blitz und deren Athem ist wie der Sturmwind. Was göttliches Vermächtnis ist in der menschlichen Seele, die göttliche Kraft, die göttliche Freude, in den Engeln wird es zur Erscheinung. Und im Posaunenton, der durch die Himmel tönt, wandelt sich beides vereinigt zum Rufe der Liebe. Flügelschlag, der von der Erde zu Gottes Throne reicht, der Blitz, der leuchtend die Nacht zerreisst und flammend niederfährt, dass die Gründe erbeben, der Sturm, der mit seinem Kusse die Forste niederwirft und die Felsen erschüttert, das sind Künder der Liebe. Und solche Kunde kam jetzt aus des Golems Munde. Elasar sprach zu Esther. Hüllenlos sprach seine Seele. Ein Engel stand vor dem zitternden Mädchen – sie fühlte den Blitz, wie er in ihre Brust drang, sie fühlte den Sturmwind, wie er an ihre Lippen schlug, sie fühlte die Fittiche, die sie umschlangen.

 

 

Der Rabbi hatte in der Synagoge den Segen gesprochen. Die Beter in ihren weissen Talaren neigten sich tief, der murmelnde Chor des Psalmes hob sich im letzten klagenden Ringen um Gottes Barmherzigkeit und irdischen Frieden. An dem siebenarmigen Leuchter hieng der Blick der Beter, als sei ihm beschieden, wieder dereinst auf Zion zu stehen, im Tempel des freien Volkes, dem die Zukunft verheissen ward. Aber die Lichter verlöschten und die in Sehnsucht brennenden Augen der Frommen senkten sich wieder zu Boden, und mit der Feier der Andacht war der Traum der Stunde, die Hoffnung auf Zion verflogen. Aus dem Gotteshause giengen die Männer nachhause. Ernst, langsam, mit gebücktem Kopfe zogen sie heimwärts durch den tiefen Schnee. Nur der Rabbi eilte mit raschen, grossen Schritten nachhause. Unheimliche Ahnung nistete in seiner Brust. Er stürmte die Treppe hinauf, er öffnete mit starkem Rucke die Thür. Was er sah, erfüllte ihn mit Entsetzen. Der Golem hatte sein Kind gepackt, wie ein Raubvogel mit seinen Fängen ein Wieselchen umklammert. Und Esther wehrte sich nicht. Ihre weit geöffneten Augen schimmerten im Abglanz strahlender Freude, ihr Mund war geöffnet zum Kusse: ihre Brust schob sich dem Sieger entgegen. Der Rabbi warf sich auf den Golem, entriss ihm seine Beute und hob einen Hammer vom Boden, um die Lehmgestalt zu zertrümmern. Da fiel ihm Esther in den Arm, ja, sein eigenes Kind schrie auf und deckte mit ihrem Leibe den Golem. Dem Rabbi erstarrte das Blut in den Adern. Das Gespenst, der Lehmkloss, das Werk seiner Hände, raubte ihm sein Kind, hatte das Herz seines Kindes in seiner Gewalt. Noch hielt der Rabbi den Hammer hoch. Mit einer Kraft, die der Rabbi nie in dem Kinde vermuthet hätte, hielt ihn Esther zurück. Aber mittlerweile war der Golem zum Fenster geeilt. Draussen gieng ein gewaltiges Stürmen durch die Luft. Die freien Seelen, die Engel, die Heerscharen der Heerscharen erfüllten die Weiten und riefen ihren Bruder, riefen ihn zu Tanz und Flug durch die Ewigkeit. Die Menschen staunten über das Wunder. Ein Gewitter in winterlicher Zeit! Sie sahen nur die Hetzjagd der schwarzen Wolken, das glühende Branden der Blitze, hörten nur das Rollen des Donners. Der Golem aber sah die geflügelten Legionen, sah ihr Gewaffen, horchte auf ihre Stimmen. Und seine Stimme verschmolz mit dem Donner zu einem Ruf. Er schwang sich auf die Brüstung, er breitete die Arme aus, als wären ihm Flügel gewachsen, und er schwang sich in den Reigen. Aber schwer stürzte er nieder aus der Luft, die Erde liess ihr Gebilde nicht los. Auf den Grabsteinen des Friedhofes barst der Golem in Stücke. Wehklagend stürmten die Brüder von dannen. Ueber dem Weissen Berge verschwand das Gewitter . . .

Im selben Augenblicke, als der Golem zerschmettert niederfiel, that der Schlafende auf dein Ruhebette einen tiefen Athemzug. Die Seele, die Gott noch nicht heimgerufen hatte, die nur menschlichem Gebote gefolgt war, kehrte heim in ihre Hülle. Langsam stand Elasar auf. Ihm schwindelte. Aber sein Blick fiel auf Esther, die durchschauert von dem, was sie gesehen, an ihres Vaters Brust gesunken war. Und schüchtern und linkisch, wie es sonst seine Art war, trat Elasar näher. Er stotterte einige Worte, verlegen nach Ausdruck tappend. Aber in Esther gieng Seltsames vor. Sie erkannte mit einem Schlage in dem missgestalteten Leib Elasars die Seele wieder, die sie vorhin mit dem göttlichen Kusse der Liebe zu sich in den Himmel gehoben hatte. Und der weise Rabbi ahnte, was in dem Gemüthe seines Kindes vorgieng. Stumm legte er die Hände Esthers und Elasars zusammen. »Geht,« sagte er, »Erkenntnis heisst der Eingang zur Liebe. Und Erkenntnis heisse der Rückblick auf Euer Leben, wenn Eure Stunde gekommen ist. Und Segen bedeute Euch beides.« Und als die Thüre sich hinter Esther und Elasar geschlossen halte, warf sich der Rabbi auf den Boden und betete zu Gott:

»Deine Gnade, Herr, ist übergross. Die Vermessenheit deines Knechtes strafst du mit der Offenbarung deiner Güte. Mein Werk, liegt zertrümmert unter den Todten. Aber es hat gedient, meinem Kinde das Glück zu geben. Zu meinem Kinde hat die Seele Elasars gesprochen mit der Gewalt der Stimme, die nur du allein zu hören berufen bist! Wie ein Engel spricht, so redete diese Stimme. Dein Hauch, o Herr, ist die Kraft und dein Hauch, o Herr, ist die Freude. Dein Wort ist die Liebe. Vom Anfang zum Ende geht deine Liebe! Dein Name sei gepriesen in Ewigkeit, Amen!«