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John Henry Mackay - Sagitta – Am Rande des Lebens - Gedichte der namenlosen Liebe

Bücher der namenlosen Liebe

John Henry Mackay - Sagitta, Am Rande des Lebens - Gedichte der namenlosen Liebe, Als Manuskript gedruckt fuer Bernhard Zack in Treptow bei Berlin, 1909


Ich singe die Liebe, die Ihr begraben,
Die Ihr in Acht getan und in Bann:
Ich singe die Liebe des Mannes zum Knaben,
Die Liebe des Knaben sing’ ich zum Mann!

SAGITTA


 

SAGITTA’S BUECHER DER
NAMENLOSEN LIEBE

 

V

 

AM RANDE DES LEBENS

 

GEDICHTE DER NAMENLOSEN LIEBE

ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT FUER

BERNHARD ZACK IN TREPTOW BEI BERLIN
1909

 

 

Ich bin der Pfeil, der von der Sehne springt,

Und durch die Nacht der Zeiten schwirrend singt —

Muth hier, dort Trost, und Allen Heilung bringt:

 

Heil, wenn ihm Heilung ohne Tod gelingt!

 

SAGITTA bin ich!

 

Wisse: bin der Pfeil,

Der tötet oder heilt . . .

Steht! — — oder — enteil’!


 

Am Rande des Lebens, dem Abgrund entlang,

geht unser Weg der namenlosen Liebe . . . . .



DIE NAMENLOSE LIEBE.

 

Weil noch auf ihren jugendlichen Schwingen

Der Duft der unberührten Schönheit liegt,

Der leicht zu Staub in fremder Hand zerfliegt —

 

So muss ich zart von dieser Liebe singen.

 

Doch weil, gepaart mit Euren schmutzigen Dingen

In Schlamm und Schmach Ihr sie so tief gezerrt;

Und weil Ihr sie in Nacht und Kerker sperrt —

 

So will ich frei von dieser Liebe singen.

 

Und weil mein Lied zu den Verfolgten dringen

Und den Enterbten soll zu dieser Frist,

Weil sie mein eigenes Glück und Unglück ist —

 

So darf ich hoch von dieser Liebe singen.

 


EINZIGE ANTWORT.

 

Und als sie ihn fragten:

 

Ob er sich schuldig bekenne

seiner sündigen Liebe —

 

Da sagte sein Schweigen,

sein Schweigen nur:

 

JA!

 

Und als sie verdammt ihn

zu Tod und zu Kerker,

zu stündlicher Qual

und zu ewiger Schande —

 

Da sagte sein Lächeln

nur wieder und wieder:

 

Ich liebte ihn — ja!

 

 



DER FREMDE.

 

Die wir ans auf der Strasse gefunden,

Schweigend uns nach den Händen gehascht,

Die für das Glück dann weniger Stunden

Wir uns am Rande des Lebens verbunden,

Schüchtern am Becher der Freude genascht —

 

Fremder und ich — — —: am heutigen Tage

Steigt mir Dein bleiches Antlitz empor,

Wieder empor in heimlicher Klage —

Und es frägt mich mit schweigender Frage:

Warum so schnell ich Dich wieder verlor? . . .

 

Kaum noch weiss ich, wie wir uns trafen:

Wegab von grausamer Welle gespült,

Suchten wir Beide müde den Hafen,

Wo dem Verstossenen vergönnt ist zu schlafen,

Und er den Hass nicht der Feinde mehr fühlt.

 

Als wir uns so aus dem tosenden Lärmen

Heimlich geflüchtet zu traulichem Ort —

Kalte Glieder galt es zu wärmen,

Von Deiner Stirne zu streicheln das Härmen,

Bittere Worte zu küssen fort.

 


Doch es gelang mir, zu bannen die Schmerzen:

Spät, bei schmälender Kerzen Schein,

Fand den Weg ich zu Deinem Herzen —

Unter Küssen, Lachen, und Scherzen

Schliefst in meinen Armen Du ein.

 

Als dann der Morgen — unleidlicher Frager —

Durch die eisigen Fenster sah,

Hob ich die Decke vom glühenden Lager —;

Nackt lag Dein Körper, leuchtend und hager,

Nackt in der Schönheit der Jugend da!

 

Leise Linien, nicht auszumerzen,

Zogen um Mund sich, Augen und Hand —

Hände, geballt wie in Kampf und in Schmerzen:

Lag die eine auf Deinem Herzen,

Hing die andere am Bettesrand . . .

 

Und ich nahm Deine Hand in die meine:

Deine so hart und die meine so weich,

Meine so schmal und so sehnig die Deine —

Lange sah ich beim Morgenscheine

Auf unsere Hände, so ungleich, so — gleich!

 

Wie ich so dasass am Bettesrande,

Sah ich Dein Leben: Kampf mit dem Tod;

Heimathlos Schweifen durch feindliche Lande

Nirgend ein Zelt vor dem Sonnenbrande,

Nirgend ein Obdach vor Wintersnoth . . .

 

Sah ich mein Leben: ruhloses Fragen,

Das vergebens um Antwort schreit;

Zweckloser Kampf mit freudlosen Tagen —

Ewig verdammt ihre Schande zu tragen,

Dennoch verstossen von seiner Zeit . . .

 

Und ich begriff: die so sich begegnen,

Wie wir Beide, am Lebens-Rand,

Dürfen nur mit dem Blicke sich segnen.

Wanderer sind sie, an Küsten, entlegnen,

Wanderer — und ohne Heimathland!

 

Fallen liess ich die Hand in die Kissen,

— Wer kann das Räthsel des Lebens verstehn! —

Weckte Dich hastig mit lustlosen Küssen,

Hab’ Dich noch einmal an mich gerissen,

Gab Dir mein Letztes und — liess Dich gehn!

 

Heute, Du Fremder, was steigst Du hernieder,

Bleicher Schatten aus Morgengraun? —

O Ihr weissen, Ihr lockenden Glieder

Taucht in die dunkle Vergessenheit wieder —

Weicht! — nie darf ich Euch wieder schaun!

 


TRAEUME.

 

Ich träume von einem jungen Haupte,

das einmal im Leben mir ganz gehört,

Als ich mit bebendem Finger streichelnd

den Scheitel der blonden Haare zerstört . . .

 

Ich halte es wieder! — und wieder die Stunden,

an die ich mit Trauern nur denken mag,

Denn immer ist mir, als sei mit ihnen

entflohn meiner Jugend glückseligster Tag.

 

— Geliebter Vergessener, wo weilst Du heute?

Was rufst, was begehrst, was umfliehst Du mich?

Ich bannte Dich fest in die Schatten der Jahre —

doch heute halte wieder ich Dich!

 

Es stammelt Dein Mund die Worte der Liebe,

wie damals, mit einer Stimme, so weich,

Und aus verschüchtertem Inneren brechen

die Ströme heimlicher Sehnsucht reich.

 

Es spricht der Blick dieser blauen Augen

von stiller und stummer Ergebenheit,

Und wieder sind diese lässigen Glieder

zur Gabe des höchsten Glückes bereit.

 


Es schmiegt sich bebend Dein Knaben-Körper

an meinen Körper, so weich und warm —

Und wie ich mit leiser Stimme Dich frage,

sinkt schweigend Dein Haupt auf meinen Arm . . .

 

Ich will es fassen mit beiden Händen,

es liebreich zu mir herniederziehn —

Schon rührt mein Kuss an die athmenden Lippen:

da fühl’ ich es gleiten — schwinden — und fliehn . . .

 

 


EINMAL GESEHN NUR . . .

 

Einmal gesehn nur

und niemals vergessen!

 

Einmal gesehen —

noch nicht gewonnen —

wieder verloren!

 

Nicht durch Verfehlen,

Irrthum und Schuld:

nicht durch die meine,

nicht durch die Deine —

 

durch eines Zufalls

sinnloses Walten!

 

Wie wir uns trafen

tief im Gewühle

lärmender Menschen

(sprachlos, betroffen,

plötzlich zu finden

was durch ein Leben

wir uns ersehnten) —:

 

Grüssten und kannten,

liebten wir uns!

 


Und im Gewühle

lärmender Menschen

streiften die Hände,

streifte der Athem

Eines den Anderen.

 


Aber im Taumel

seligster Stunde

waren uns Worte

werthlos und ärmlich.

Sicher des Glückes,

sicher einander

wähnten wir Beide

nun ans verbunden

für alle Zukunft.

 

Wie wir ans fanden

liessen wir wieder

uns im Gewühle . . .

 

Nacht voller Träume,

Morgen voll Sonne:

Heute, denn Heute,

naht die Erfüllung!

Heute, denn Heute,

kommst Du, Geliebter!

Heute, denn Heute,

kommst Du, mein Glück!

 


Wenn wir uns wiedersehn . . .

 

Aber wo sehen wir

doch noch uns wieder? —

 

Wo doch noch? —

 

— — wo?!

 

Blödes Erstaunen —

Jähes Erschrecken —

Langsam Begreifen — —

 


Hoch zu den Himmeln

hob ich die Hände,

wie in der stummen

Verzweiflung des Todes:

 

Einmal vorüber,

Einmal im Leben,

schritt mir das Glück —

Statt es zu greifen

fest mit den Fäusten

Liess ich es gehen —

seiner zu sicher! . . .

 

Wo soll ich suchen Dich,

um Dich zu finden?!

 


Nicht Deinen Namen,

Nicht Deine Heimath,

Nicht Deine Wohnstatt

Weiss ich — —

ich weiss nur,

Dass ich Dich suchen muss,

bis ich Dich finde!

 

Sehnsucht und Suchen

Ist seit dem Tage

nur noch mein Leben —

Suchen und Sehnsucht! . . .

 

Strassen und Städte

wandere ich wahllos

aufwärts und nieder:

Unter Millionen

Einen zu finden!

 

Trübe und traurig

treiben die Tage.

Nur die Gewohnheit

weist mir die Wege —

nicht hält die Hoffnung,

nicht mehr der Muth mich . . .

 


Einmal nach Jahren,

Endlosen Jahren,

werden die Wege

wieder sich kreuzen,

werden wie damals

uns gegenüber

wieder wir stehen:

 

Aber nicht lachenden,

leuchtenden Auges

haschen die Hände sich,

lächelt die Lippe

wortlose Liebe:

 

Grusslos und grämlich

gehn wir einander

— Fremde! — vorüber.

 

Und wir begreifen!

 

In einen Winkel

schleichen wir schamhaft,

um unser Glück dort

scheu zu verscharren.

 

 



DIE INSEL.

AN H. R.

I.

 

Ich sah das Meer nicht, das langentbehrte,

Vom letzten Lichte des Tags besonnt —

In grauer Ferne, ein schmaler Schatten,

Schwamm eine Insel am Horizont.

 

Noch nannte Niemand mir ihren Namen,

Da raunte Sehnsucht ihn schon mir zu,

Und, beide Arme weit aasgebreitet,

Sprach ich ihn leise. Denn dort weilst — Du!

 

So stand ich lange, bis Nacht und Nebel

In sich geschlungen das luftige Bild.

Dann sah ich um mich. Verzweiflung packte

In dieser Fremde mich plötzlich wild.

 

 



II.

 

Weht nicht Dein Lachen in diesem Winde?

Hallt nicht Dein Jauchzen aus dieser Fluth?

Und kommt mit ihnen kein Ruf der Liebe

Von jener Insel, die still dort ruht?

 

Wohl reden Wind und Welle vernehmlich:

»Was zögerst Du jetzt noch, Thörichter, was!«

— Sie kommen und gehen. Nichts wissen die Freien

Von Menschenthorheit und Menschenhass!

 

Uns trennt dies Meer nicht. Wohl ist es grausam —

So grausam niemals wie Menschengebot.

Roth loht mir am Himmel ein Flammenzeichen:

Nicht weiter! Du bringst Eurer Liebe den Tod!

 


 

III.

 

So weit gewandert und nun so nah Dir

Bin ich nach Jahren der Einsamkeit . . .

Ich strecke die Hand, um die Deine zu greifen —

Und dennoch warst Du mir nie so weit.

 

Her bannt mich die Angst, fort treibt mich die Sehnsucht.

— So ging ich auch heute den Strand entlang,

Dem Luftgebilde der Ferne entgegen,

Weit, weit und weiter . . . bis es versank.

 

Da schrie ich, lauter als Wind und Welle,

Wie nie ich geschrieen, verzweifelt, empört —

Und liebst Du mich noch, und denkst Du noch meiner,

So hast diesen Schrei meiner Qual Du gehört!

 


 

IV.

 

So rief die Stimme, die altvertraute,

Zum letzten Male Dich zu sich her —

Du hast sie gehört und bist nicht gekommen,

Und niemals ruft die verschmähte Dich mehr.

 

Hohl tönt des Meeres eintöniges Rauschen,

Doch Nichts mehr flüstern die Winde mir zu.

Allmählich begreif’ ich das Unerhörte:

Du hast mich vergessen, vergessen mich — Du!

 

Ich wandere noch immer Abends am Strande,

Wo keine Hoffnung mich ruft mehr und winkt —:

Wie dort in der Ferne der schwindende Schatten

Verdämmert Dein Bild, verblasst und versinkt . . .

 

 




DER TERTIANER.

 

Ich habe so grossen Respekt vor Dir:

Du zählst erst dreizehn Jahre,

Und es deckt die Mätze der Tertia schon

Deine braunen Knabenhaare.

 

Du weisst soviel, was ich nicht weiss,

Was zwar ich gelernt, doch — vergessen.

Ich kann in Latein und in Mathematik

Mit Dir mich schon gar nicht messen.

 

Du konjugierst und Du deklinierst,

Und die Zahlen der Weltgeschichte —

Mir ist, wenn Du sie herunterschnurrst,

Da sitzest ob mir zu Gerichte!

 

Ich habe das Alles ja auch einst gewusst —

Und schlag es mir hinter die Ohren.

Im Kampf mit Leben und Leiden ging

Mir der ganze Plunder verloren.

 

Ich lernte: zu denken, zu hören, zu sehn,

Und ich darf, was ich weiss, Dir nicht sagen.

— Doch es sind, auf die ich fein schweige still,

Nicht die dümmsten oft Deiner Fragen . . .


 

Ich weiss: Du hältst mich für furchtbar dumm.

Und ich bin es doch nicht. Das ist schmerzlich.

Denn ich habe so grossen Respekt vor Dir,

Und — liebe Dich doch so herzlich!

 

 


HEIMLICHE FAHRT.

 

An einen Felsblock ist mein Kahn gebunden.

Fest liegt er an der Kette, schwarz und still.

Doch darf ich (- in der schwersten meiner Stunden —)

Entbinden ihn, und ziehn, wohin ich will.

 

Dann fahre ich zu heimlichen Gestaden,

Wo ewige Sonne warm herniederträuft,

Wo schlanke Knaben in den Buchten baden

Und uferlang ihr helles Lachen läuft.

 

Ich werfe fort die täglichen Gewände,

Dass mich — auch mich! — die Sonne nackt bescheint.

Und wie ich an der rothen Küste lande,

Bin ich der seligen Knabenschar geeint.

 

Sie stehn um mich, und bitten . . . Unter ihnen

Sucht Einen, Einen nur, mein Wunsch sich aus:

Den ernsten dort mit den verschlossenen Mienen.

 

Ihn trägt mein Kahn auf’s blaue Meer hinaus.

 


PFINGSTEN.

SEINEM ANDENKEN.

 

Es war der Montag im Fest der Pfingsten.

 

Verlassen und öde lag ganz Berlin.

Kein Wagen-Rollen, kein Menschen-Hasten.

Schwarz ragten und lang die Schalten der Häuser

In endlos sich dehnende, glühende Strassen.

 

Sie waren Alle hinausgegangen

An diesem Tage, ihr Fest zu feiern.

 

Nur ich sass schreibend in meinem Zimmer

Noch um die dritte Stunde des Mittags.

Mir war die Lust zur Freude vergangen

An diesen Tagen, seit er mir starb.

Doch endlich entsank den Fingern die Feder:

Gedanken kamen, Gedanken gingen —

Gedanken der Arbeit waren es nicht.

 

Ich liess sie kommen, ich liess sie gehen,

Unfähig, sie länger zu lenken und leiten.

Und unablässig nun kreiste die Sehnsucht

— Mit ziellosen Flügeln, irr, müde und muthlos —

Um das erloschene Licht meines Glückes

Und suchte sich Antwort vergeblichen Fragen:

O warum hat man Dich mir genommen? —

Sprich, warum bist Du heute nicht bei mir? —

Und warum entbehre ich Dich so maasslos? — —

 

Vergebliche, hundertmal-thörichte Fragen!

 

Du bist mir genommen und kommst nie wieder,

Und ewig muss ich Dich — ewig! — entbehren!

 

Wie still es war auf der einsamen Strasse!

Wie still in dem Zimmer — ich hörte das Ticken

Der Uhr nur, das Schlagen des eigenen Herzens . . .

Und schwerer und schwerer wurde die Stille,

Wie Grauen des Todes, wenn heimlich er naht.

 

Da schrie ich: Wo bist Du? — Nur heute noch einmal,

Mein Kleiner, sei bei mir — ich trag’ es nicht mehr!

Und übermächtig ergriff mich die Unrast.

Nur hier nicht länger! — Hinaus! — Nur hinaus!

 

So kann ich länger, so länger nicht leben —:

Ich bin wieder jung, es ist wieder Sonntag —

Du wartest auf mich — wir lieben uns wieder —

Und ist es nicht so, so kann ich nicht leben:

So lebe ich denn, damit es so ist!

 

Wird Wille mein Wunsch? Und Wirklichkeit Wille?

Was sind das für Bilder? Geheimnissvoll leuchtend

Und doch wie in Schleiern verborgen, so schwanken

Sie um mich, und suchen, und — finden Gestalt!

 

Es sind die Tage, die lange vergangenen . . .

Und plötzlich —

lebte ich wieder in ihnen!

 

— — Ich bin wieder jung, es ist wieder Sonntag.

Wie ist doch heute noch die Beredung?

»Halb vier — Alexanderplatz — Trambahnkreuzung —«

So lautet auch heut’ die Parole des Tages.

Herrgott — schon viertel! — Nanu aber hurtig.

Sonst wartet mein Kleiner, und Warten-Lassen,

Das mag er lieber, als Selber-Warten!

 

Schon bin ich drunten, jetzt noch um die Ecke:

Da seh’ ich ihn schon in der Ferne dort stehen,

Den weissen Strohhut mit blauem Bande,

Den bunten Shlips, und die lustigen Augen,

Die junge, schlanke — geliebte Gestalt!

 

Er hat mich gesehen und eilt mir entgegen.

»Da bist Du ja endlich!« — »»Du hast gewartet?«« —-

»Schon drei Minuten!« — »»O Gott, wie schrecklich!«« . . .

Wir schlendern lässig die Strasse hinunter.

Und nun beginnt ein hastiges Fragen:

»Wie geht es? — Wie steht es? —«

»»Wie geht es Dir?

Was hast Du getrieben, mein kleiner Lump,

Die ganze, lange Woche entlang? —««

 

»Ich habe, mein Hans, an Dich nur gedacht!«

 

O lieblicher Lügner!

»»Das soll ich Dir glauben!? —««

 

»Nun, wenn Du nicht willst!«

»Ich will es! — Ich will!««

 

Jetzt aber kommt sie, die grosse Frage:

 

Wohin nun heute? — Wohin?.. Ja, wohin? —

Nach Treptow? — Potsdam? — Nach Plötzensee? —

Dem Grunewald?--- Ueberall waren wir schon.

 

Da mache ich schnell den Zweifeln ein Ende:

 

Heut’ gehen wir wieder die alten Wege

Durch Kiefernwälder, auf sandigen Pfaden

An Havelufern über die Hügel

Und leben wieder den Sonntag Berlins!

 

Und jauchzend ruft er und springt vor Freude:

»Und baden! — und schiessen! — und fahren Kahn! —«

»»Ja, Alles, mein Liebling, was Du nur willst!««

 

Nun aber vorwärts, zum Stadtbahn-Zuge!

 

Am Bahnhof natürlich grosses Gedränge.

Doch hatten wir Glück: in hitzigem Kampfe

Ward endlich ein Eckplatz erobert für Beide.

Geschrei, Geschimpfe und schnoddrige Witze,

Viel lustiges Lachen und mehr noch Geduld,

Sie brachten uns endlich Alle zum Ziele.

 


Die heissen Kästen entleerten sich langsam.

Am Ausgang dann noch ein drangvolles Drängeln:

Hurrah! — Hurrah! — Wir waren im Walde!

In einem wirklichen Walde mit Bäumen,

Mit Farrenkräutern auf moosigem Grunde,

Harzduft, Tannzapfen und — Stullenpapier . . .

 

Wir folgten gemächlich dem grossen Zuge,

Ein wenig abseits, doch nicht zu sehr.

Die Kiefernadeln zu unseren Füssen

Erknisterten leise. Durch schlanke Stämme

Aufschimmerten weiss die sandigen Hügel

Der Mark, und über ihnen ein Himmel

 

So blau, wie dies Jahr noch keinen gesehn.

Und überall klangen die herrlichen Lieder

Von der Holzauktion und der Donna Theresa

Aus Hunderten Kehlen, alten und jungen,

Und sorgten, dass wir den Weg nicht verloren.

 

Es war ein Schlendern mehr als ein Wandern.

Und nur mein Kleiner schoss wie ein Jagdhund

Bald hierhin, bald dorthin, um Alles zu sehen;

Und kehrte zurück mit strahlenden Augen,

Ganz athemlos, aber glücklich, so glücklich!

 


Wir hatten den Garten am Wasser erreicht,

Den grossen Garten, gefüllt mit Menschen

An Bänken und Tischen, den jagenden Kellnern,

Dem Kommen und Gehen, dem Schreien und Rufen,

Dem Lachen, dem Singen, dem — Sonntag Berlins!

 

Wir stürzten uns muthig hinein in die Menge.

Wir tranken Kaffee und fuhren Kahn,

Zwei Stunden, hinaus auf die glitzernde Havel,

Besät mit Segeln und Kähnen und Dampfern,

Und kehrten, nachdem wir uns müde gerudert,

Zurück in den Garten zu neuen Thaten.

(Das Bad war leider schon — leider! — geschlossen.)

 

So blickten wir schaudernd hinein in den Tanzsaal,

Wo in Wogen von Staub und Schweiss sie sich drehten,

Und schlenderten Reihen von Buden entlang,

Und würfelten kühn um grässliche Dinge,

Und freuten uns diebisch, wenn wir — verloren.

Und endlich schössen im Zelt wir: mein Kleiner

Schoss einmal ins Schwarze und elfmal vorbei

- (›Doch nur aus Versehen‹) — und war sehr empört,

Weil ich es wagte, ihn auszulachen.

 

Kurzum, wir thaten, was Alle thaten,

Und waren so harmlos vergnügt, wie sie.

 

— — Und immer warst Du mir dicht zur Seite

Und lachtest, und scherztest, und sprachest mit mir . . .

 

Der Abend kam und die Dämmerung des Abends.

 

Versteckt in die letzte Ecke der Reihen,

Ein wenig müde von Lachen und Scherzen,

Von Niemand gesehen, dicht aneinander,

So sassen wir, während der Garten sich leerte,

Und sprachen leise, wie treue Freundschaft,

Wie zartes Verstehen und innige Liebe

Zusammen redet in glücklicher Stunde.

 

Ich dankte dem schönen Geschenk des Tages.

Denn was ist schöner, als so beisammen

In Liebe zu sein und Vertrauen, solange

Das Licht des Lebens noch über uns leuchtet? —

Der Athem des Abends kam kühl vom See her.

Verhallt war der Lärm, verrauscht das Gedränge.

Wie Wehmuth wehte es über die Wasser

Und kam wie Trost von ewigen Sternen.

 

Ja, süss war und tief der Frieden des Abends!

 

Da wurde das Herz mir plötzlich so schwer:

Ich dachte der Sehnsucht der einsamen Tage,

Und wie in dem rinnenden Leben die Stunden

So karg bemessen, wo ich Dich habe.

Ich zog Dich näher an meine Seite.

»So lange waren wir nicht beisammen!«

»»Ja, lange nicht . . . «« klang Deine Antwort leise.

 


Wir schwiegen. Am Ufer klagte die Welle:

So lange — so lange  lange . . . nicht mehr . . .

 

Doch süsser noch klang Deine flüsternde Stimme:

»Ach, sei doch nicht traurig, mein lieber Hans!

Du machst Dir immer so trübe Gedanken.

Bin ich denn nicht bei Dir? — Und bin ich bei Dir,

Ist Alles doch gut, wie immer Du sagst . . .«

 

Es lag soviel Güte in Deiner Stimme

Und soviel Liebe —

mein Herz erbebte,

Und fester noch zog Dich mein Arm heran.

 

Du lehntest den Kopf hernieder zur Brust mir.

Ich legte die Linke Dir fest um die Schläfe,

Wie der Reif sich legt um die Stirne der Schönheit.

Tief sah ich dann nieder in Augen voll Liebe,

Auf athmende Lippen voll Süsse und Freude,

Die lächelten, wie nur die Jugend lächelt . . .

 

Und jählings riss ich empor an die Brust Dich,

Und zog Deine Hände um meinen Nacken,

Und küsste Dich — wieder — und wieder — — und wieder! . . .

 

Der Garten am Wasser lag ganz verlassen.

Das Klingelzeichen des Dampfers erscholl,

Des letzten Dampfers zur Bahn nach Berlin.

 


Da löste die Arme ich leise vom Hals Dir:

»Ja, Du bist mein noch, mein süsser Liebling!

Noch bist Du bei mir, und Alles ist gut! —

Was ist mir die Welt, was sind mir die Menschen,

Wenn Du mir nur bleibst, Deine Liebe und Treue!         — —

Und jetzt — jetzt komm’, jetzt gehn wir nach Hause

Und haben uns lieb! . . . . .«

— — — — — — — — —

 

— Berlin zu strebten die müden Massen.

Es lallten die Männer mit schwerer Zunge,

Die Mütter schleppten die müden Füsse,

Schlaftrunken greinten die Kinder und weinten —

Sie Alle erschöpft von der Freude des Tages,

Verstaubt, unlustig und übermüdet . . .

Wir liessen ans treiben vom lässigen Schwarme

Hinauf auf das Schiff, zum Bahnhof, zum Zuge . . .

 

Auch Da warst müde und stiller geworden,

Und ich — erfüllt von der süssen Bangniss

Des nahenden Glückes — bebte und schwieg.

Doch schien mir, als ruhe jetzt stärker und fester

Dein Arm in dem meinen, als dufte Dein Haar

Berauschender noch, als seiest auch Du jetzt

Nur ganz Erwartung, nur ganz Begehren . . .

 

Und Schlummer senkte auf uns sich leise.

 


Wo waren wir denn? —

In Berlin schon? —

— Da plötzlich

War mir, als löse in diesem Dunkel

Sich Deine Gestalt von meiner Seite,

 

Als hielte ich Deine Hand nicht länger,

Als gingest Du nicht mehr neben mir her . . .

 

Jäh griff mir die Angst nach dem jagenden Herzen,

Ein jähes Erschrecken:

— Wo bist Du geblieben? —

Wo bin ich selbst? — Was bedeutet dies Alles? — —

Was geschah? — Was geschieht? — — Mit Dir und mit mir?! — — —

 

Wohl suchte, erwacht halb, ich selbst mich zu trösten:

Er hat mich verloren im wüsten Gedränge —

Da ist er allein nach Hause gegangen,

Und hat sich gesetzt in die Sofa-Ecke.

Dann hat ihn die Müdigkeit überwältigt,

Und lächelnd ist er in Schlaf gesunken

Und schlummert jetzt schon in süssem Frieden —

Dort oben bei mir — dort finde ich ihn! — —

 

In rasender Angst durchfloh ich die Strassen,

Mit keuchendem Athem erklomm ich die Treppe —

— Gleich komme ich, gleich! — da ist schon die Thür:

Wie fremd ist Alles, wie kalt und wie dunkel! . . .

 


Mit zitternden Händen strich ich das Streichholz —

Hellauf erflammte das Licht der Kerze —

Und ich erblickte —:

 

Mich selbst und mein Zimmer,

Die kahlen Wände, das leere Bett,

Den Tisch, bedeckt mit Büchern, mit schweren,

An dem ich seit Stunden in Träumen gesessen:

 

In Träumen von toten und täuschenden Tagen,

Allein wie zuvor und einsam wie immer.

 

 


DA GING AUCH ER AUF DIE STRASSEN . . .

 

— Da ging auch er auf die Strassen,

in denen das Leben braust.

Das hat ihm — über die Maassen

süss! — in den Ohren gesaust.

 

Und als das Licht um ihn blinkte

und die Angst seines Herzens brach,

Und als ein Lächeln ihm winkte —

da ging seinem Glücke er nach . . .

 

An einer Strassen-Ecke

sah er es — wie wartend — stehn.

Und in einem sicheren Verstecke

genoss er es. Ungesehn.

 

 



VERTHEIDIGUNG.

 

Also vor den Richter-Schranken

Steht er aufrecht und bereit,

Und spricht still, wie in Gedanken,

Und zu einer anderen Zeit:

 

»Was ich that, das wollt Ihr wissen? —

Acht — ich weiss es selber kaum:

Hungernd stahl ich einen Bissen,

Und ich that es wie im Traum.

 

Denn als das verschwenderische

Mahl des Glücks ich vor mir sah —

Eine Krume von dem Tische

Nahm der Armen Aermster da . . .«

 

Und er flüstert (kaum sich wehrend) —:

»Allzu traurig war mein Los,

Und mein Durst war so verzehrend,

Und mein Hunger war so gross . . .

 

Ja: das ist’s, was ich verschuldet:

Dass ich ihn nicht von mir stiess,

Dass ich seinen Kuss geduldet

Und in Noth ihn nicht verliess . . .

 


Dass auf meinem Herd das Feuer

Einmal ich des Glücks genährt,

Dass ich ihm, der mir so theuer,

Und — mir selber nicht gewehrt . . .

 

Ach, was wisst, Ihr Immer-Satten,

Wohl von unserer Liebe Ihr,

Ihrem Kämpfen und Ermatten . . .

Thut denn, was Ihr wollt, mit mir!

 

— Ich erliege dem Geschicke,

Das mich gab in Eure Hand!«

Schwieg. Und sah mit dunklem Blicke

In der Zukunft helles Land.

 


EINLADUNG.

AN WALTER H. . . . . .

 

Sieh, Alles ist bereit: die Zigaretten . . .

Das Glas, aus dem Du Freude trinken sollst . . .

Die Kissen, um Dein blondes Haupt zu betten . . .

 

Und meine Ampel brennt mit zartem Licht . . .

 

Sieh, Alles ist bereit: was kommst Du nicht?!

 

Wenn Du durch diese Zimmer lachst und tollst —

Wie klingt Dein Lachen süss und rein und hell!

 

Sieh, Alles ist bereit:

ach komme schnell!

 

 


DIE THUERE

 

I.

 

Durch diese Thür bist Du hinausgegangen

An jenem Abend —

hier durch diese Thür.

 

Und anders nicht, als viele Male schon,

Hast Du die Lippen mir zum Kuss geboten,

Hat mich Dein Arm noch einmal schnell umfangen,

Und lächelte Dein Mund und sprach: »Auf Morgen!«

 

Und anders nicht, als viele Male schon,

Ein wenig traurig, aber doch beseligt

In Deiner Liebe, dieser warmen Liebe,

Ging ich zurück an meine stille Arbeit

Und sagte lächelnd zu mir selbst: »Auf Morgen?

Wie bald schon — ach, und wie so lange noch!« . . .

 

Durch diese Thür bist Du hinausgegangen.

 

 

II.

 

Durch diese Thür bist Du hinausgegangen,

Und seit sie hinter Dir sich lautlos schloss,

Sah ich und hörte ich Nichts mehr von Dir.

 


Ich suchte nicht — wo sollte ich Dich suchen?

Ich weinte nicht — ich kann um Dich nicht weinen.

Ich lebte, weil ich weiterleben musste,

Und — wartete, von einem Tag zum andern.

 

Ich wartete. Wie ich bis heute warte.

 

Denn als der nächste Tag Dich mir nicht brachte,

Ein anderer kam und ohne Dich verging,

Da wusste ich:

 

Jetzt kam, was kommen musste!

Nicht hat Dich Krankheit an Dein Bett gefesselt,

Kein Tod geraubt Dich in ein fernes Land —

Du gingst dorthin, von wo Du zu mir kamst:

Dein Abgrund hat Dich wieder eingeschlungen,

Der Schlamm der Tage, der Dich zu mir hob,

Die Heimathsehnsucht nach dem Schmutz der Gosse . . .

 

Und darum lebe ich und warte Deiner-:

Denn Heimathsehnsucht wird zurück Dich treiben

Nach jenem Licht, das in Dein Leben fiel,

Nach eines besseren Lebens stillen Tagen

Und nach dem Frieden einer echten Liebe.

 

Ich warte Deiner.

 


Weil in Deinem Leben

Ich Licht und Wärme, Glück und Schönheit war,

Kommst eines Tages Du zurück zu mir!

 

Durch diese Thür bist du hinausgegangen —

Durch diese Thüre wirst du wiederkehren!

 

 

III.

 

Durch diese Thüre wirst Du wiederkehren.

 

An einem Tag im Herbste wird es sein.

Früh senken sich des Abends Schatten nieder,

Roth hängt der wilde Wein herein zum Fenster,

Doch weich und warm ist noch die helle Luft.

Ich blicke still hinaus.

Ich bin allein.

Denn immer, seit Du gingst, bin ich allein.

 

Da schreckt mich auf der schrille Klang der Glocke.

Ich höre Worte, Schritte, — Deine Schritte!

Die Thür geht auf — und Du trittst scheu herein . . .

 

Noch blasser ist Dein Antlitz, als es war,

An Deinen Füssen klebt der Schmutz der Gasse,

Aus Deinen Kleidern dampfen Noth und Laster —

Und dennoch bist es unverändert — Du!

 


Gehörst Du nicht zu Jenen, die nie altern?

Sie ziehen durch das Leben unberührt —

Von ihrer Stirne leuchtet ewiger Liebreiz,

Und niemals schwindet, was ihr Erbtheil ist:

Ist frech und schamlos auch ihr Blick geworden,

So wird sein Lächeln Jeden noch bethören;

Und sind gemein die Worte ihres Mundes —

Ihr Klang wird immer rein und kindlich sein . . .

 

Weil Einer Du von diesen Seligen bist,

Liebt ewig Dich, wer einmal Dich geliebt. . .

Und wer Dich nicht geliebt, vergisst Dich nie! —

So — trittst Du dort zu jener Thür herein

Und stehst und zauderst — strecke nur die Hand

Mit der Gebärde, die Dir eigen ist,

Nach mir —

ich nehme Dich in meine Arme,

Und Du wirst bei mir, wieder bei mir sein! —

 

Du kommst — ich weiss es — eines Tages kommst Du!

 

Durch diese Thür bist Du hinausgegangen —

Durch diese Thüre wirst Du wiederkehren!

 

An einem Tag im Herbste wird es sein . . .

 


 

HEUTE!

 

An des Tages Rande

steht, von Licht umwallt,

Und doch wie in Schleiern,

meines Glücks Gestalt.

 

Winkt sie mir? —

»Nein, heute,

heute kann ich nicht.

Du wirst auch noch morgen

leuchten, schönes Licht!«

 

Leises Wehn, wie Antwort:

»Komm! — Bist Du bereit? —

Sieh, ich steh’ und warte

auf dein Weg-Geleit.

 

Morgen? — Mir ist Morgen

in der Ewigkeit

Gleich dem Heute . . . Morgen?

Morgen bin ich weit! . . .«

 


Wie ich stand und zaudernd

zwischen Kann und Muss

Leere Wünsche wägte,

und als letzten Schluss

                                                


Wieder mich ihr wandte:

Meines Glücks Gestalt

War in Nacht und Nebel

längst entwallt . . .

 



RATH.

 

Du kannst die schwindende Liebe nur halten,

sie nur erretten vor dem Erkalten,

Wenn Du zur Freundschaft sie werden lässt.

 

Doch Freundschaft, aus Liebe geboren, hält fest!

 

 

 


EINSAMER ABSCHIED.

 

Du gingst! — Und gingst für immer!

 

Ich aber glaub’ es nicht:

Ich sehe noch den Schimmer,

Der sonnenwarm und rein

Mit einem Duft von Licht

Dein blondes Haupt umflicht.

 

Ich sehe noch den Schimmer,

Ich sehe ihn noch immer . . .

Solange ich ihn sehe,

Weilst Du noch in der Nähe,

Solang — bist Da noch mein!

 

Doch blässer wird er — blässer . . .

Hier noch! —

Nein, im Gewässer

Des Stroms spielt noch der Mond

Mit seinen Silber-Strahlen . . .

Erloschen! — Fort! —

 

Die fahlen

Lichter der Strasse malen

Nur trügerischen Glanz

Auf dunkle Menschen-Massen,

 


Die auf und ab die Gassen

In wirrem Hasten ziehn,

Gehn, kommen, nah’n und fliehn . . .

 

Was steh’ ich noch und harre

Auf ihn, der nie mehr kehrt?

 Was steh’ ich noch und starre

In das Gewühl, und narre

Mein Herz noch, leidbeschwert? . . .

 

Genug! — Schnell eine Ecke,

In die ich mich verstecke.

 

Hier?

Ja!

 

Gebt Wein mir, Wein!

Und nun: lasst mich allein!

 

Vorbei das wüste Tosen.

Hier ist es warm und still.

Ach ja, Ihr armen Rosen,

Die erst ich tränken will:

Ihr, mir von seinen Händen

Als Abschieds-Grass gebracht,

Sollt heute noch nicht enden —

Blüht! —

Blüht — noch diese Nacht!

 


Und nun bei diesem Weine

Lass mich noch einmal Deine

Geliebten Züge sehn:

Dies Bild, das Du mir eben

Beim Auseinandergehn

Als letzten Trost gegeben —

Es soll hier vor mir stehn!

 

Wie bist Du schön, mein Knabe!

 

Und wie ich ganz Dich habe

In diesem kleinen Bild,

Das mir von Dir noch blieb.

 

Weich noch und zart die Züge,

Anmuthig, rein und mild,

Auf das noch keine Lüge

Das freche Leben schrieb:

 

Stirn — noch die Stirn des Kindes,

Das sie entgegenhält

Dem Wehn des Lebens-Windes;

Und Augen: voll von Fragen,

Die doch schon trotzig sagen:

Gebt mir! — Mir gebt die Welt!

 


Und Lippen: reine Pforte

Zu einem Herzen, das

Noch frei von Lieb’ und Hass.

(Doch was für süsse Worte

Spricht schon der junge Mund! . . .)

Lippen: wie ist der Zug

Um Euch so eigener Art,

Aus Scheu und Lust gepaart —

O Lippen, tausendmal

Geküsst in Lust und Qual

Und nie geküsst genug! . . .

 

Wie bist Du schön, mein Knabe! . . .

 

Wie schön! — Und — wie so gut!

 

Aus tief bewegtem Innern

Quillt tausendfach Erinnern

In bunten Flitter-Farben,

Und streut der Freude Garben

Wieder verschwenderisch

Vor mich . . .

auf diesen Tisch . . .

 

Wie wägen sie und zählen?

Und welche — welche? — wählen? —

 


Keine! —

Was immer, immer

Von Dir zu mir nur kam,

War wie des Glückes Schimmer:

Angst flieht vor ihm und Gram!

 

Sie fliehn auch jetzt! —

 

Und Stunde

Verrinnt auf Stunde sacht.

Ich fühle keine Wunde

Nach dieses Tages Schlacht.

 

Sind wir denn nicht zusammen?

 

Aufschlagen rothe Flammen;

Wie wilder Wetterschein!

Erinnern auf Erinnern

Bricht aus geborstenem Innern —

 

Gebt Wein mir, neuen Wein!

 

Noch, Knabe, bist Da mein!

 

Und Stunde flieht auf Stunde:

Blut aus verborgener Wunde . . .

 

Es legen graue Schleier

Ueber das Bild sich dicht —

 

Geht die einsame Feier

Zu Ende doch noch nicht?! . . .

 

Ja! . . . . .

durch die blinden Scheiben

Stiehlt Morgen-Dunst sich sacht.

Ich darf nicht länger bleiben,

Der Tag löst ab die Nacht.

 

Dies Glas noch —

und ich lehne

Zurück mich —

eine Thräne

Fällt auf die Hand mir warm:

 

Mein Gott, wie bin ich arm,

Seit mich das Glück verstiess!

 

— Und plötzlich stürzen alle

Nieder in jähem Falle,

Alle, die ungeweint

 

Auf meinem Herzen lagen:

Last von betrogenen Tagen,

Zu einer Fluth vereint! . . .

 

Und weinen muss ich, weinen

Um einen Menschen, — einen!

Und weine . . . bitterlich . . .

 

Um Dich! — um Dich und — mich,

Der ich Dich von mir liess . . .

 

Glas, Bild und Rosen schiebe

Ich fort.

 

In müde Hände

Sinkt schwer die Stirn —:

 

das Ende,

Das Ende unserer Liebe

 

Unserer Liebe! — dies . . . . .

 

 

 

 


AUF DEM EISE.

 

Lautloses Schweben . . . und Wogen . . . und Wiegen . . .

Wiegen und Wogen . . . Nahen und Fliehn . . .

Massen, die gleiten . . . sich neigen . . . und fliegen . . .

Dehnen . . . und wieder zusammen sich ziehn . . .

 

Wie die Schollen knistern und beben

Unter den blitzenden Füssen von Stahl!

Soviel junges und lachendes Leben —

Finde ich ihn denn endlich einmal?!

 

Ihn, meinen Liebsten, ihn unter ihnen,

Den mein Auge schon lange erfragt;

Ihn, der auf den silbernen Schienen

Schneller als jeder Andere jagt,

 

Dass aus dem Eise die Funken sprühen;

Dem das Auge am hellsten blitzt;

Dem die Wangen wie Feuer glühen;

Dem das Mützchen am kecksten sitzt! . . .

— — — — — — — — —

 

Lautloses Schweben . . . und Wogen . . . und Wiegen . . .

Wiegen und Wogen . . . Nahen und Fliehn . . .

Massen, die gleiten . . . sich neigen . . . und fliegen . . .

Dehnen . . . und wieder zusammen sich ziehn . . .

— — — — — — — — —

 

 

Plötzlich umschlingen mich schmeichelnde Arme,

Gegen mich neigt sich ein junges Gesicht,

Und ich spüre sein Athmen, das warme — — —

Hab’ ich Dich endlich, Du Bösewicht!

 


MIT WELCHEM WORT NOCH ...

AN HANS T.

 

Mit welchem Wort der Liebe soll ich noch

Dich rufen, der Du keine Antwort gibst?

Mit welchem Wort noch? . . .

Ist vor Dir ja doch

Eines wie Alle, weil — Du mich nicht liebst.

 

Vergeblich alle! . . .

Sinnlos — ungehört

sind sie verschwenderisch dahingestreut:

Keins hat gerührt Dich, keins Dich aufgestört,

getroffen keins Dich, keines Dich erfreut!

 

Der Liebe ungezählte: alle, um

Dich zu erwärmen, nahm ich, schrie sie leer —

Jetzt stehe vor Dir ich, verarmt und stumm,

und rufe Dich nicht mehr — mit keinem mehr! . . .