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Marie Madeleine – Sexuelle Aufklärung

Novelle

Aus: Marie Madeleine, Brennende Liebe, Verlag B. Elischer, Leipzig, [o. J.]



Ein kleiner Garten in einer kleinen Stadt.

Bunt blühten die Blumen auf den Wegen.

Durch den Nachmittagssonnenschein summten die Bienen, schwirrten um die offenen Blumenkelche und um die Kuchenschüssel, die in einer Laube auf dem Tische stand. Die Laube war von allen Seiten so mit wildem Wein zugedeckt, daß eine grüne Kühle darin herrschte.

»Ja, die Laube! das ist gerade das Schönste an meiner Wohnung,« sagte die verwittwete Frau Steuerrat Walter und goß ihrer Besucherin eine neue Tasse Kaffee ein.

»Sehr hübsch die Laube, Cousinchen,« sagte die Frau Fabrikbesitzer Wegner, »ein bischen eng,« und sie zog ihr elegantes Kleid, das ein wenig an der Erde schleifte, näher an sich heran.

»Ja, so verwöhnt wie du auch bist, Melanie,« erwiderte die Hausfrau mit einer gewissen Schärfe im Ton.

»Ach, bin ich garnicht.«

»Streite nicht, Melanie, du bist verwöhnt. Und wie könnte es denn anders sein? Seit fünfzehn Jahren, wo du so reich verheiratet bist – –«

»Aber Klara, du scheinst ganz übertriebene Vorstellungen von unserer pekuniären Lage zu haben.«

»Rede doch nicht, Melanie, ihr sitzt schön in der Wolle! Übrigens braucht man dich nur anzusehen, um Bescheid zu wissen.«

Mit einer Beimischung von Neid musterte sie die vor ihr Sitzende, – – ihre frische Gesichtsfarbe, die stattliche Gestalt, die moderne Toilette und die große Brillantbrosche.

»Übrigens fängst du an, zu stark zu werden, Melanie,« sagte sie schließlich.

»Ach was, mit meinen fünfunddreißig Jahren werde ich ja sowieso um keinen Schönheitspreis mehr konkurrieren,« lachte die andere, »Irma ist jetzt vierzehn Jahre alt, – gerade wie deine Grete.«

»Ja, ich habe so früh geheiratet,« sagte Frau Klara mit spitzer Miene und reckte ihre hagere Gestalt noch höher auf.

»Na, doch nicht auffallend früh. wir waren beide neunzehn – –«

»O ich war fünf Jahre jünger als du. Ja, dem Alter nach nur fünf Monate, – – aber dem Empfinden nach – –, ich war so sehr viel kindlicher als du! wenn ich so denke, ich hatte von nichts eine Ahnung, als ich heiratete, – von nichts!«

Ihre blaßblauen Augen in dem schmalen, von Fältchen durchknitterten Gesicht, richteten sich schwärmerisch unschuldsvoll auf ihre Cousine.

»Hältst du diese Unwissenheit für solch einen Vorzug?«

»Welche Frage, Melanie! Für den größten Vorzug, den ein Mädchen haben kann.«

»Ich bin da nicht deiner Meinung. Ich selbst bin ja auch noch ganz nach der alten Schule erzogen worden. Meiner Mutter wäre es am liebsten gewesen, ich hätte bis zum Tage meiner Hochzeit noch an den Klapperstorch geglaubt . . . . . . . Nun, und wenn ich auch an den gerade nicht mehr glaubte, so hatte ich doch etwas vage Begriffe von – – –«

»Nicht weiter, Melanie!«

»An Prüderie wird es so leicht keine mit dir aufnehmen, Kläre.«

»Und an freien Redensarten keine mit dir, Melanie.«

»Ach, du ahnungsloser Engel! Da solltest du mal die Damen meines Bekanntenkreises in Berlin hören; die finden mich zurückgeblieben, des Namens einer »modernen Frau« unwürdig . . . . . Aber ich bin modern! Wohl hasse ich die Auswüchse, welche die Frauenbewegung gezeitigt, aber den gesunden Kern in ihr, den liebe ich. Ich möchte unsere Zeit die Renaissance der Frau nennen, – für uns ist das jetzt angebrochen, was für den Mann die Zeit der Renaissance war: die Befreiung aus Fesseln und Banden, – – der Ausblick in ungeahnte Weiten.«

»Melanie, du wirst mir zu hoch!«

»Ach, Unsinn, Klara, strenge dein Köpfchen ruhig etwas an: es ist wirklich nichts Hohes, sondern es sind ganz einfache, vernünftige Sachen, die ich dir sage. Und wir Frauen alle sollen mitarbeiten an dem großen Werke, dem Werke: aus den Karikaturen, zu denen uns des Mannes Wille allmählich gemacht hat, denkende Wesen zu werden!«

»Was das wieder für ein Unsinn ist, – wir haben doch immer gedacht.«

»Ja, aber was? was haben wir gedacht?! was hast du gedacht in deinem Leben, Klara? als junges Mädel an Putz und Tand, als Frau an den Haushalt, an das körperliche Wohlbefinden von Mann und Kindern.«

»Na, ist denn das nicht wichtig genug?«

»Gewiß ist es wichtig. Aber es ist nicht das Einzige, an das wir denken sollen. Wir sollen nicht Schablonenwesen sein und so vieles nur darum tun, »weil es schon immer so war.« . . . . . . . Selbst sollen wir denken, statt immer in ausgefahrenen Gleisen zu bleiben. Und vor allen, allen Dingen: wir sollen nachdenken bei der Erziehung unserer Kinder! Die neue Generation, die ist noch wichtiger als wir, – – die Kommenden! – – – Unseren Söhnen kann es nicht fehlen! Die reiten stolz und zufrieden auf dem hohen Rosse des Mannesbewußtseins, aber unsere Töchter – –«

»Mir wäre es entsetzlich, wenn meine Grete »modern« würde. Ich kann sowas Über­spanntes in den Tod nicht leiden. Und was ich dazu tun kann, daß sie ein Mädchen nach guter, alter Art wird, das will ich tun . . . . . . . . Nein, meine Grete soll nicht studieren, wie alle diese neumodischen, verrückten Mädchen, aber wirtschaftlich soll sie sein, wirtschaftlich und tüchtig, sauber und fleißig, wie meine Mutter es war, wie ich es bin. Sie soll wissen, wie man die Wäsche behandelt, – – wie man Früchte einkocht, – – Küchen backt, – – und der Sonntagsbraten, den soll sie ihrem Manne richten und nicht eine Köchin, die das doch nie so fertig bringt! Und so lange wie sie unverheiratet ist, soll sie vor allen Dingen mädchenhaft sein . . . blumenhaft meine ich – – – –«

»Was verstehst du unter »blumenhaft?«

»Ich meine, – da du mich nun doch einmal davon zu sprechen zwingst, – die Unberührt­heit, nicht die körperliche, von Selbstver­ständlichkeiten braucht man nicht zu sprechen, – aber die seelische! – – – Gretchen soll unbewußt sein, jungfräulich unwissend . . . . . . . klar wie ein Tautropfen, mit einem Worte: blumenhaft!«

»Ah, unter blumenhaft verstehst du, daß sie höchst unklare Vorstellungen über die Beziehungen zwischen Mann und Frau hegt?«

»Unklare? überhaupt keine!«

»Das ist viel verlangt!«

»Durchaus nicht! für ein wohlerzogenes Mädchen existieren solche Sachen einfach nicht, es fühlt sie nicht, es denkt auch nicht daran ! . . . Diese Gefühle werden in einem Mädchen erst durch ihren Gatten erweckt.«

»Nicht durch ihren Bräutigam?«

»Nein! Melanie, du kannst mir glauben: während meiner ganzen Verlobungszeit habe ich nicht einen unpassenden Gedanken gehabt; ich freute mich, daß ich einen Bräutigam hatte, daß er mir hübsche Sachen mitbrachte, mir liebe Worte sagte. Ich freute mich auch sehr, daß ich so jung schon verheiratet sein würde. Aber an etwas anderes habe ich wahr und wahrhaftig nicht gedacht. Ich sage dir: ich war an meinem Hochzeitsabend so entsetzt, – – – ich war ganz außer mir vor Schreck, – –ich sage dir, ich habe einen Nervenchoc erlitten – – –«

»Na findest du denn das so schön?«

»Schön? darauf kommt es garnicht an. Es paßt sich so für ein unberührtes Mädchen.«

»Aber – –«

»Und meine Tochter erziehe ich, wie ich erzogen worden bin. Die taufrische Unberührtheit ist der größte Schatz eines jungen Mädchens und ist auch sein bester Schutz! . . . . . . . . . . . Sieh mal, wenn ich genötigt sein sollte – bei meinem schmalen Einkommen ist das ja durchaus wahrscheinlich – Gretchen in eine Stellung zu geben, wo sie sich ihr Brot verdient, als Gouvernante oder als Stütze der Hausfrau, – dann ist das beste Mittel, um allen Gefahren, die ihr drohen, zu entgehen, daß sie von nichts etwas weiß, von gar nichts! Gefahren, die sie nicht kennt, existieren dann eben auch nicht für sie!«

»Ich bin genau entgegengesetzter Meinung: der beste Schutz für ein Mädchen ist: zu wissen, theoretisch vollkommen Bescheid zu wissen! Die sexuelle Aufklärung – – –«

»Pfui!«

»– – ist in meinen Augen die weittragendste Neuerung auf dem Gebiete des Frauenlebens und die segensreichste. Nicht mehr das unwürdige Versteckspiel, das man mit uns als Kinder getrieben hat, – nicht mehr dumme Märchen und Lügen über die wichtigsten Fragen des Frauendaseins. Unsere Töchter sollen wissen, damit sie nicht so oft wie bisher Opfer der männlichen Genußsucht und Gewissenlosigkeit werden . . . . Und darum habe ich meine Tochter aufgeklärt.«

»Was?! Mit vierzehn Jahren?! Das ist unfaßbar.«

»Warum? Gerade in der Entwicklungsperiode tut die Aufklärung am meisten not, gerade in der Pubertätszeit mit ihrem Drang und Sturm, in welcher so viele Töchter sich ihren Müttern entfremden, weil die Mütter in unbegreiflicher Torheit, in idiotischer Prüderie in diese wichtigsten Fragen überhaupt nicht eingreifen, – – das unwissende junge Mädel allein lassen in den unklaren Trieben dieser Zeit.«

»Wohlerzogene Mädchen haben keine unklaren Triebe.«

»Ach doch! Natürlich haben sie welche! . . . bloß die sogenannten »wohlerzogenen« verstecken ihre Gefühle und heucheln. Die sogenannten »wohlerzogenen« vertrauen sich eher ihren Freundinnen an, als der Mutter, von deren Fleisch und Blut sie doch sind.«

»Gott, was du immer für gräßliche Ausdrücke hast!«

»Ich habe meine Tochter so erzogen, daß sie mit jeder Frage, jedem Zweifel zu mir kommt! Ich bin ihre Vertraute und ihre Freundin, – das muß eine rechte Mutter sein und besonders, ganz besonders in des Mädchens Entwicklungszeit!«

»Ach, es ist eine schwierige Zeit, Melanie. wenn ich an meine Verlegenheit denke, vor einigen Monaten, in diesem Frühjahr, als Gretchen zu mir kam und mir weinend und schluchzend mitteilte, – – – nun, du kannst dir denken, was – – – ich wußte ja garnicht, was ich ihr sagen sollte – – –«

»Warum hast du ihr denn keine Erklärung gegeben?«

»Aber ich bitte dich, wie kannst du denken –«

»Nun, als Irma mir mit demselben Geständnis kam, habe ich ihr ohne die mindeste Verlegenheit gesagt, daß kein Grund zum Ängstigen vorhanden, daß die Natur ihr ein Zeichen gebe, daß sie beginne, Weib zu werden, und daß sie sich dieses Reifwerdens freuen solle.«

»Ich finde keine Worte für dich, Melanie.« Die verwittwete Steuerrätin rang die Hände. »Du nimmst dem Mädchen ja jeden Reiz, indem du ihm so die Unwissenheit raubst, als ob man einem Schmetterling den Blütenstaub von den Flügeln wischt!«

»Dieser Vergleich ist ebenso poetisch wie abgebraucht.«

»Treffend ist er, – treffend, Melanie! ich muß dir sagen: nach dem, was ich eben von dir gehört, würde mir Irma durchaus nicht als passender Verkehr für meine Grete erscheinen! – – Ich habe mich so sehr gefreut, daß ihr uns heute hier in unserer bescheidenen Zurückgezogenheit aufgesucht habt, aber aber ich muß gestehen, die Erziehungsprinzipien, die du eben geäußert hast, – – übrigens, wo sind denn die Kinder?!«

»Gott, Klärchen, in welchem beängstigten Tone du das eben gesagt hast  . . . . . . du hast also tatsächlich Angst, daß mein aufgeklärtes Mädel dein Unschuldslamm schädlich beeinflußt?«

»Scherze doch nicht mit solchen Sachen! aber wo sind denn die Kinder bloß?«

In dem Gärtchen waren sie nicht, das lehrte ein Blick.

»Mine,« schrie die Frau des Hauses, »Mine«.

In einem Fenster des Erdgeschosses zeigte sich ein weißhaariger Frauenkopf. Mine, das Faktotum brüllte: »Jawoll, gnädige Frau, wo brennt's denn?«

»Mine, sind die Kinder drin?«

»I wo doch, bei dem schönen Wetter! Ins Wäldchen sind sie gegangen mit dem Pastor seine Jungens.«

»Mit den großen Jungen? Ich will doch nicht, daß Gretchen in Begleitung von Jungen spazieren geht. Warum haben Sie das nicht verhindert, Mine?«

»So was läßt sich nie verhindern,« brüllte Mine und zog sich mit philosophischer Gemütsruhe in den Hintergrund des Zimmers zurück.


* * *


Ganz tief im Walde waren sie, die Kinder.

Eine Lichtung war's. Smaragdgrün glänzte die Waldwiese gegen die tiefdunklen Tannengruppen, die sie umgaben, die Nadelbäume dufteten stark und herbe in der Sonne, unzählige Blumen reckten ihre bunten Kelche dem Licht entgegen. Ab und zu ein verlorener Vogellaut. Sie strengten sich nicht an mit Singen, die Vögel, – verklungen waren die schmelzenden Liebesweisen, das schluchzend selige Locken. Es galt ja nun nicht mehr, brünstig um Liebe zu werben, wie im Frühjahr. In allen Nestern reckte die junge Brut hungrige Gelbschnäbel.

Sommerszeit war's, – – Reifezeit.

Aber für die vier Menschenkinder im Grase war der Sommer noch so fern.

Die waren noch ganz Frühling, ungeschlachter Frühling, dessen Süßigkeit darin liegt, daß er voll Zukunftshoffnungen ist. – – –

Sie lachten und schwatzten, sagten sich Grobheiten und neckten sich herum.

Die ernstesten Töne schlug Erma an. Sie hatte den andern eben auseinandergesetzt, daß sie studieren würde und zwar Philosophie, worüber Hans, der Obersekundaner, sich ausschütten wollte vor Lachen.

»Sie sehen wirklich gerade wie eine Studentin aus,« rief er und betrachtete das hübsche, stramme Mädel mit den zwei dicken braunen Zöpfen, in welche hellblaue Seidenschleifen gebunden waren.

Er griff nach den beiden Zöpfen, hielt sie wie ein Kutscher seine Zügel und rief: »Die werden dann aber abgeschnitten.«

»Ach, Unsinn, warum denn?«

»Und einen Stehkragen müssen Sie tragen und einen Shlips wie ein Herr und Bier saufen müssen Sie lernen und – – – und – – –«

Er konnte nicht weiter vor Lachen.

Da ergriff sein Bruder das Wort.

Karl war sehr würdevoll, seit er in Unterprima saß.

»Ich finde Ihren Entschluß recht tadelnswert, gnädiges Fräulein. Sie werden den geistigen Anstrengungen des Studierens nicht gewachsen sein. Es ist nun einmal unbestreitbar festgestellt, daß das Gewicht des weiblichen Gehirns geringer ist als das unsere, daß es weniger Windungen aufweist als das männliche Gehirn – – –«

»Na, es wird wohl nicht bloß auf die Windungen ankommen, sondern auch auf die Qualität,« sagte Irma und kreuzte herausfordernd die Arme. »Warum soll denn ein Mädchen nicht gerade so gut alles lernen, alles wissen wie die Männer?! warum sollen wir nicht dieselben Berufe ergreifen?«

»Pfui!« mischte sich Gretchen hinein, ihr zartes bleichsüchtiges Gesicht trug den Ausdruck der Entrüstung, »pfui, wie viele Berufe gibt es, die für Mädchen ganz und gar unpassend sind!«

»Welche denn?«

»Zum Beispiel Arzt! Denke doch, wenn sich die Patienten da ausziehen müssen, – pfui!«

»Daran habe ich noch garnicht gedacht,« sagte Irma verblüfft, »sondern daran, daß ein Arzt doch soviel Gutes wirken kann!«

»Du denkst eben an garnichts,« sagte Gretchen triumphierend und band ihr Zopfband, das sich halbgelöst, in eine geschmackvolle Schleife. sie sah jetzt so überlegen aus, wie ihre Mutter mitunter.

»Na, das ist kräftig,« sagte Irma empört, »ich? Ich denke an tausendmal mehr Sachen als du! Schon weil ich eine moderne Erziehung genieße. In einem solchen Geisteszentrum wie Berlin –«

»Der Streit der Königinnen, siehe Nibelungenlied,« sagte der würdevolle Primaner, indeß er die feindlichen Cousinen betrachtete.

Und sein Bruder Hans rief: »Ach Mädchen sind immer gleich so ungemütlich! Seid doch nicht so eklig, Kinder! Wir wollen ein bischen in dem Bach planschen, – ja?!«

Schon hatte er Schuhe und Strümpfe abgestreift und plätscherte in dem Bächlein herum, das glitzernd mitten durch die Wiesen floß.

Schon folgte Karl, seine Primanerwürde vergessend dem Beispiel, und Irma zog, ohne sich zu besinnen, Schuhe und Strümpfe aus und probierte mit der Fußspitze, ob das Wasser warm sei.

Aber Gretchen stieß schrille kleine Schreie aus, wie man sie öfter in Geflügelhöfen hört. »pfui, das tue ich nicht.«

»Na, dann laß es bleiben, Zimpergrete,« schrie Hans.

Dann amüsierten sich die drei mit Versuchen, die Fischchen zu fangen, die wie winzige Silberfunken in dem Wasser aufschimmerten.

Als Grete sah, daß sie weiter nicht genötigt wurde an dem Vergnügen teilzunehmen, entledigte auch sie sich ihrer Fußbekleidung.

Sie tat das so umständlich, mit solchen Vorsichtsmaßregeln, daß die beiden Jungen plötzlich nachdenklich wurden und mit anderen Blicken als bisher die kleinen Füße betrachteten, die Grete nun endlich entblößt hatte.

Für Gretes Mutter aber war es geradezu eine Gunst des Schicksals, daß sie ihrer Tochter nicht so ansichtig wurde, sondern erst, als sie, Arm in Arm mit Irma, in der Laube erschien.

Irma blickte unbefangen und fröhlich geradeaus, wie immer, Gretchen hatte die Augen züchtig zu Boden gesenkt. Und beim Anblick ihrer respektiven Töchter fühlte jede der Mütter in tiefster Seele, daß ihre Erziehungsmethode das einzig Richtige sei, um das Mädchen für den Kampf des Lebens zu stählen, um es zu schützen vor der Liebe Gefahr. –

Und wer Recht bekam von den beiden?! –

Als das prüde Gretchen so um die zwanzig Jahre herum war, mußte sie sich für einige Monate in die Einsamkeit zurückziehen, zu einer weisen Frau in einem Landstädtchen.

Der Gutsbesitzer, bei dessen Frau sie »Stütze« gewesen, hatte sie tatkräftiger aufgeklärt, als es je eine Mutter hätte tun können.

Als das Ereignis, welches man bei legitimen Beziehungen als ein »freudiges« zu bezeichnen pflegt, vorüber, als der stramme Junge schon zehn Tage alt war und Grete zum ersten Male im Garten ein wenig spazieren ging, erblickte sie vor sich eine Gestalt, welche ihr Entsetzen hervorrief.

Ihre Cousine Irma war's.

Also war es doch bekannt geworden, ihr so sorgsam gehütetes Geheimnis, und Irma, die seit einem Jahre Studentin war, kam her, um sie zu beschämen, um – – –

Entschlossen trat sie auf Irma zu. Ehe diese ein Wort hatte äußern können, rief sie: »Das hättest du dir und mir ersparen können . . .! . . . . . Ja, da du es nun doch weißt, ich bin gefallen! Brauchst du da noch herzukommen, um Steine auf mich zu werfen?! War es meine Schuld?! oder die Schuld der wahnwitzigen Erziehung durch Mama, all diese Prüderien, diese Verlogenheiten – –! Über die wichtigsten Sachen hat man mich im Unklaren gelassen, mir Sachen vorgelogen eine lüsterne Neugierde in mir gezüchtet durch das Heimlichtun, das Verschweigen – – –«

»Aber ereifre dich bloß nicht,« sagte Irma.

Sie sprach nicht so sicher wie sonst. »Ich . . . ich . . . . werfe ja gar keine Steine auf dich, es ist überhaupt Zufall, daß ich auch hierhergekommen, – – – – – nur, weil Frau Müller doch solch gutes Renommee hat . . . . für solche Fälle . . . . . für junge Mädchen . . . . . . . .«

»Was . . . . . du . . . . auch?«!

Eine Antwort war überflüssig.

»Was, du Irma, du, die deine Mutter so früh aufgeklärt, – – du, die so modern erzogen worden ist, so vernünftig, – – – und so starkgeistig wie du immer warst . . . . . . . . so aufgeklärt – – – –«

Eine schwache Röte überflog Irmas schmal gewordene Wangen. »Du, sag mal, Gretchen, glaubst du, daß ein Kuß weniger süß schmeckt, wenn man theoretisch weiß, wozu er öfters führt?!« – –