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Marie Madeleine – Erfüllung

Novelle

Aus: Marie Madeleine, Brennende Liebe, Verlag B. Elischer, Leipzig, [o. J.]



Januar in Monte Carlo. – –

Die Rivierasonne schimmerte kühl und goldig wie ein edler Wein, – sie überleuchtete die tiefgrünen Rasenflächen des Kasinogartens, – die Rosenbeete, aus welchen die Blüten wie riesige, blutfarbene Edelsteine schimmerten.

Wild blühende Tropengewächse über weißen Marmorterrassen, Terrassen, von denen aus man das Meer sah.

Das Meer war seidenblau, leuchtete von innen, als sei es ganz voll Sonne gesogen, ganz voll von dieser kühlen und goldigen Sonne.

Und über dem allen lag der unfaßbar leise Duft der Riviera im Winter, – unwirklich zart ist der Duft all dieser zu früh zum Blühen gebrachten pflanzen. Es ist nichts wirkliches darin, – nichts von Frühlingskeimen, – nichts von Sommeratem, – gleichsam künstlich ist dieser Duft, als hätte eine Pariser Parfümfabrik ihn erzeugt, als würde er in geschliffenen Krystallflaschen, die in Sammetetuis gebettet sind, verkauft: – »Parfum de la Côte d'Azur – –.«

Vom Café de Paris her klingen die Walzermelodien. Die Zigeuner in ihren feuerroten Affenjacken geigen, verleihen den Gassenhauermelodien Farbe und Glut. Es ist, als ob Funken unter ihren Bogen aufsprühten, – aufzuckten, – zu Bränden würden – –.

Aber man muß sehr jung sein, man muß lächerlich jung sein, um von solchen Funken entzündet zu werden, – oder man muß allzu lange gehungert haben nach Leidenschaft, – von all den vielen, vielen Besuchern auf der Terrasse sind es nur sehr wenige, denen die Musik ins Blut geht: – ein paar junge Mädchen mit neugierigen Augen, – ein paar halbwelke Frauen, die mit »distinguierter Einfachheit« angezogen sind, in Lodenkostüm und kleinem Hut, – und die, während ihre Ehemänner mit Kokotten Blicke wechseln, vor sich hinträumen, – die Walzerklänge in sich hineintrinken, – ja, solche Frauen glauben an das Feuer der Zigeuner von Monte Carlo.

Auch die Anderen, die vielen Anderen, die lassen sich breit aus dem Gleichgewichte bringen.

In der Grill-Abteilung kauen ein paar Engländer ihr blutiges Rindfleisch, – die schmächtigen Franzosen schlürfen ihren grünen Absinth, ihren schwarzen Kaffee und reden in gewählten Ausdrücken in nimmermüder Geschwätzigkeit, – das affektierte lachen ihrer Begleiterinnen klingt dazwischen, – Deutsche, an der straffen Haltung erkenntlich, der gesunden Gesichtsfarbe, die Frauen alle mit einem Hauch von Solidität, – sogar die deutschen Dirnen hier haben nicht den Hyänenhaften Ausdruck, der ihre französischen Kolleginnen so oft auszeichnet.

Russische Großfürsten und Berliner Börsenjobber, – Pariser Dramendichter und südamerikanische Plantagenbesitzer, – mecklenburgische Edelfrauen und spanische Tänzerinnen, Kinder und Greise, Gesunde und Kranke, das alles schiebt sich hier kaleidoskopartig durcheinander, – – das alles weist hier so beschämend wenig Unterschiede auf. All dieses Menschenvolk ist buntscheckig und zusammengewürfelt wie ein Harlekinkleid, – ein Harlekinkleid in der schweigenden, blühenden Pracht dieses Wunderfelsens. Und emsig wie ein Ameisenzug hasten die Menschen hin und her zwischen dem Café und dem Kasino, dem stolzen weißen Bau, in welchem unaufhörlich und unablässig jene seltsame Melodie klingt, die Milliarden von Menschen so viel lieblicher klingt als alle Musik: das Klirren des Geldes.

Ganz sonderbar tönt diese Melodie in den Ohren eines, der sie zum erstenmale hört. Und zum erstenmale hört sie heute der Rittmeister von Zollenthin. Noch keine zwei Tage war er an der Riviera, aber nach Monte mußte er, – natürlich, das war doch wohl sozusagen der Höhepunkt dieses gesegneten Landstriches. Alle im Regiment hatten, sobald er ihnen die große Neuigkeit verkündet, daß er nun glücklich drei Monate Urlaub bekommen und sie an der Riviera verbringen würde, gleich gefragt: »Sie werden doch auch nach Monte?« und er hatte jedesmal strahlend: »Na, aber selbstverständlich!« geantwortet.

Dabei konnte man nicht behaupten, daß Zollenthin eine Jeuratze war.

Seitdem er mal als ganz junger Leutnant an einem schwerbesoffenen Abend dreitausend Mark verspielt hatte und ihm der Papa ganz gehörig den Standpunkt klar gemacht, hatte er nur selten eine Karte angerührt und nie um nennenswerte Summen gespielt.

Er war überhaupt ein solider Mensch und ein guter Offizier. wenn er auch dreimal durch's Examen zur Kriegakademie gerasselt, in der Front war er der besten einer.

Und das wurde anerkannt: vorpatentiert, mit vierunddreißig Jahren Rittmeister, – er war mit sich und seinem Geschicke ganz zufrieden.

Schade nur, daß er die Schwadron in Milluhnen bekommen hatte, die herbe Luft des dunkelsten Ostpreußens hatte ihm, der alle die Jahre hindurch im Rheinlande gestanden, nicht gut getan; eine Lungenentzündung hatte er dies Jahr gehabt, die war sicher das unangenehmste, was ihm das Leben bisher beschert.

Er hatte sich auch nicht so recht wieder erholen können, und beim zweiten Rückfall hatte ihm der Stabsarzt gesagt, daß ein längerer Urlaub vonnöten sei und ein paar Monate südliches Klima. Es läge nichts Gefährliches vor, der Rittmeister brauche sich keine Sorge zu machen, aber hier in Milluhnen würde es nicht so bald wieder gut.

Zollenthin hatte hin und her überlegt. Er hatte kein Vermögen. Mit der Zulage, die er zur Hälfte von einem Onkel, zur Hälfte aus einer Familienstiftung empfing, kam er bei seinen einfachen Gewohnheiten hier sehr gut aus. Aber an der Riviera, – im Auslande, – das war ihm unheimlich. Einigermaßen beruhigt war er, als er ein halbes Dutzend Reisehandbücher und die Verkehrs-Erleichterungen des Offizier-Vereins durchstudiert: die Preise in den Pensionen schienen ja ganz vernünftig zu sein.

Aber immerhin, – ganz sicher war ihm die Sache nicht; er empfand es als ein Manko der königlich preußischen Regierung, daß es keine mit lauen Lüften gesegneten Winterkurorte innerhalb der schwarz-weißen Grenzpfähle gab.

Endlich entschied er sich für Mentone und meldete sich in der Pension eines Fräulein von Zorn an. Das war die Tochter eines Majors, der vor dreißig Jahren in seinem Regiment gestanden, – da würde er doch wenigstens nicht übervorteilt werden.

Und eines schönen Tages, – Milluhnen lag in Eis und Schnee wie ein Wintermärchen, glitzernden Rauhreif über den kahlen Ästen, Schneelasten auf allen Giebeln und Türmen, – da stieg Herr von Zollenthin in das einzige Coupé zweiter Klasse der Sekundärbahn.

Ein halbes Dutzend Kameraden hatten ihn zur Bahn gebracht; die Hände in den Paletottaschen vergraben, ihre rosa Kragen hochgeklappt, den Mützenschirm tief ins Gesicht gedrückt, standen sie da, traten vor Kälte von einem Fuß auf den anderen, gaben dem Kameraden eine Flasche Cognac und ihre besten Segenswünsche mit auf den Weg, und sagten, diese Lungenentzündung wäre für Hans Zollenthin ein kolossaler Dusel, und sie wollten, sie hätten auch eine, dann brauchten sie jetzt nicht in dem Saunest zu bleiben. Und dann gingen sie gemütlich wieder zurück in den Schwarzen Adler und tranken Grog.

Indes führte die Bimmelbahn Hans Zollenthin über das weite, flache, verschneite Land.

Dann aber ging's mit dem Schnellzug nach Südwesten, durch's Herz Deutschlands und dann durch die Schweiz.

Dem Rittmeister war's wie ein Traum, dies Panorama, das an ihm vorüberzog: titanenhaft trotzige Berge, aufragend in Schnee und Eis. – In den Tälern und Schluchten wie ein Kinderspielzeug die Dörfer mit ihren Holzhäusern, die alle Schindeldächer hatten und geschnitzte Galerien. Und rauchige Bahnhofshallen, – dann wieder Räderrollen des Zuges, – breite Bergströme, deren eisige Wasser wie geschmolzenes Silber dahinrollten, – die wilde Ar, – Luzern und dann Oberitaliens Seen, funkelnd blau wie Riesensaphire, einsam und schweigend unter dem schweren Winterhimmel, in welchen sich die wilden Berge reckten. – – Und wieder Bahnhofshallen, – und weiter, immer weiter raste der Zug dahin. – –

Von Genua ab lachte ein leuchtend blauer Himmel statt des schweren Wolkengrau.

Der Zug hielt jetzt sehr oft, – die Rivieraorte folgten sich wie Perlen auf einer Schnur . . . . . . Und bis in die schwarzen Bahnhofshallen hinein sandte der Frühling seine Boten: Veilchensträuße und Rosenknospen und junge Mandarinen, die aus ihrem krausen Blättergrün wie goldne Kugeln glänzten, – sie alle wurden hier feilgeboten im singenden, mit italienischer Klangfarbe gesprochenen Französisch der Riviera.

Zollenthin wurde sich all dessen nicht recht bewußt; er fand die Reise schließlich lang und unbequem und war froh, als er in Mentone ausgestiegen und sich zuguterletzt in dem kleinen Südzimmer befand, das Fräulein von Zorn ihm angewiesen.

Fräulein von Zorn war ein grauhaariges, altes Jüngferchen, dessen Äußeres etwas Karrikaturenhaftes hatte: ihr langer Hals, ihre blanken, scharfen Augen, ihre hastig-zierlichen Bewegungen, das alles gab ihr etwas Vogelhaftes. Ihre Hauptsorge bestand darin, darüber zu wachen, daß das Publikum ihrer Pension ein distinguiertes sei, – das schien ihr noch wichtiger zu sein als das Geldverdienen.

Gleich zur Begrüßung erzählte sie Zollenthin, daß der Reichsgraf von Zallwil, Graf und Gräfin Harmswerck und die Freifrau von Rotenhahn zu ihren Gästen zähle, zu »ihren lieben Gästen« – mit diesen Worten bezeichnete sie ihre Pensionäre immer. Und heute zum Mittagessen würde Herr von Zollenthin alle kennen lernen.

Der Reichsgraf stellte sich als ein recht schwachsinniger Greis heraus, der schweigend ungeheure Mengen Wein vertilgte.

Graf Harmswerck, der früher bei der Garde du Corps gestanden, hatte Zollenthin (von den 117. Ulanen) gegenüber eine gewisse Herablassung im Ton, die dem letzteren nicht behagte. Die Gräfin markierte englische Allüren, weil sie mal in ihrer Jugend ein halbes Jahr lang eine englische Gouvernante gehabt.

Auch unter den anderen Gästen fand Zollenthin niemand, der ihm zusagte.

Aber was tat das? – Er freute sich auf Monte! Ja, da mußte er hin und zwar so bald wie möglich. Gerade seit drei Tagen war er in seiner Pension, da erzählte er beim Gabelfrühstück so beiläufig, daß er heute nach Monte hinüberfahre und daß er zum Mittagessen wohl noch nicht wieder zurück sein würde, – er diniere dann eben dort. –

Als er in Monte ausstieg, sah er nichts von der blühenden Pracht um ihn herum. Er hastete auf die Spielsäle zu. Eine geradezu naive Neugierde beherrschte ihn, als er in den ersten Saal trat. Er hielt sich nicht einen Augenblick damit auf, sich das Publikum anzusehen, sondern steuerte direkt auf einen der Roulettetische zu, betrachtete gespannt das grüne Tuch mit den sechsunddreißig Feldern, auf welche Silber und Gold und Kassenscheine hingestreut waren.

Er hörte gespannt auf das Surren der Elfenbeinkugel, auf ihr helles Aufklappen, als sie in eins der Fächer fiel.

»Le quatre, rouge, pair et manque,« schnarrte die Stimme des Croupiers.

Mit verwirrender Geschwindigkeit fuhr die langstielige Harke über das grüne Feld, raffte die verfallenen Einsätze zusammen.

Mit taschenspielerhafter Gewandtheit schichtete dann der Croupier die Fünf-francs-stücke, die Goldstücke zu Stapeln, glättete die knisternden Banknoten, warf mit vollendeter Sicherheit den Gewinnern das Geld zu.

Und schon schwirrte von neuem die weiße Kugel.

Zollenthin zog die Brieftasche hervor.

Er begann zu spielen mit einer fieberhaften Gespanntheit, die sein blasses Gesicht rötete.

Er verlor, gewann, verlor wieder, – in einer halben Stunde war seine Brieftasche leer.

Er hielt ein letztes der für die Scheine eingewechselten Goldstücke in zitternden Fingern, warf es auf die vierunddreißig, sein Alter, – ein paar Augenblicke qualvoller Spannung, und dann des Croupiers Stimme: »le douce, noir, pair et manque –«

Sein Goldstück wurde mit einer Unzahl von Leidensgefährten dahingerafft.

Er sah gedankenlos zu, wie ein ganzer Haufen Gold zu der Einzigen hinüberwanderte, die auf die zwölf gesetzt, – eine hübsche englische Kokotte war's, die lächelnd ihre großen weißen Zähnen zeigte, indeß sie das Geld in ihren Pompadour warf.

Allmählich kam Zollenthin zur Besinnung, wurde sich darüber klar, was diese unbesonnene halbe Stunde ihm gekostet. Die vierhundert Francs, die er für Extra-Ausgaben mitgenommen, waren weg. Im Schreibtische seines Zimmers in der Pension lag nur noch das Geld, was er diesen Monat selbst brauchen würde.

Auf irgend welchen Zuschuß war nicht zu rechnen, die vierhundert hatte er sich schon so mit Mühe und Not zusammengekratzt, – kurz, er würde sich verflucht nach der Decke strecken müssen.

Kein Theater, keine Wagenfahrten, keine von all den Vergnügungen, auf die er sich schon so gefreut.

Ach, es war ja zu dumm.

Da stand er nun mit leeren Taschen.

Und um ihn herum strotzte alles von Geld, – es lag auf den Tischen, wurde durch die Luft geschleudert, es quoll aus Brieftaschen und Portemonnaies, – die Damen trugen es in Handtaschen, in riesigen Pompadours, – alles war voll Gold, strotzte von Gold, wie Bäume zur Erntezeit von Früchten strotzten! – Die Melodie des Goldes erfüllte alle Räume, es klirrte und klapperte unaufhörlich: Geld – Geld –, der Zauberschlüssel zu allen Türen, zu allen Genüssen, – das Wundermittel, Allheilmittel – Geld! –

Und Zollenthin stand da, ballte die Fäuste in den Taschen und kam sich grenzenlos dumm vor! Eine ganze Weile stand er so, regungslos, – während Menschenströme um ihn herum fluteten, – dann kam er endlich zu einem Entschluß. Er zuckte einmal mit den Achseln, ging schnurstracks die Treppe des Kasino hinunter, setzte sich auf die Eisenbahn und dinierte statt in Montes luxuriösestem Hotel, wie er sich es heute morgen ausgemalt, – in Fräulein von Zorns Pension, an welche er die nächsten Wochen nun Tag und Nacht gefesselt sein würde.

Das war nicht allzu heiter!

Ein Tag verging wie der andere, – außer den Mahlzeiten am großen Tisch der Pension ein paar Spaziergänge in die Umgegend, ein Gespräch mit diesem oder jenem Landsmann, – mal war's ein Oberlehrer, mal ein Offizier, mal ein Student der Medizin. –

Die Damen in der Pension Zorn waren, abgesehen von einer gut gewachsenen jungen Krankenschwester, welche als Pflegerin einer alten Dame hier war, sämtlich über das kanonische Alter hinaus.

Also nicht mal einen kleinen Flirt zum Zeitvertreib. Und dieses Leben würde so weiter gehen, Wochen um Wochen, Monate lang! – –

Ja, da saß er nun so armselig, und um ihn herum rollte ein Meer von Luxus, warf seine Wogen bis dicht vor Zollenthins Füße.

Tag und Nacht rasten große, elegante Autos die corniche entlang, – auf dem blauen Meere kreuzten Yachten und Motorboote, – verführerische Frauen, in Spitzen gewickelt und mit Brillanten bedeckt, kamen an ihm vorüber, – königlich schöne Gärten reckten hinter weißen Marmorbalustraden ihre riesigen Palmwedel, – ja, in dieser Umgebung war es bitterer als irgendwo anders, so mit dem Pfennig rechnen zu müssen.

Da beschloß der kleine Rittmeister, sich Geld zu besorgen und koste es was es wolle.

So peinlich es ihm auch war, er schrieb eine ganze Anzahl Briefe in die Heimat und bat um Hilfe. Er schrieb an Onkel Udo, der dick und fett auf Mellin saß und so viel Geld hatte, daß er es garnicht aufbrauchen konnte, – er schrieb an Tante Brigitte, die vielleicht in Anbetracht, daß sie seine Patin war, mal was für ihn tun konnte, – er schrieb an seinen Bruder Harro, der auf Zollenthin saß, eine wohlhabende Frau hatte und sich recht gut stand.

Aber sie schickten ihm alle nur gute Ratschläge und kein Geld! Sie fanden alle, er brauche keinen Pfennig für Extra-Vergnügungen, – die Reise sei sowieso schon teuer genug, und er sei ja nicht zu seinem Vergnügen an der Riviera, sondern wegen seiner Gesundheit.

Also er saß fest in Pension Zorn.

Mitunter war er fast versucht, sich nach Milluhnen zurück zu wünschen, – da kannte man ihn doch wenigstens, zollte ihm Achtung und Ehrerbietung, wogegen er hier völlig in der Menge verschwand, mit seiner wenig imposanten Erscheinung und seinen spärlichen Geldmitteln eine Null war.

Und dann – in Milluhnen hatte er doch wenigstens etwas zu tun, das wohl und wehe vieler Menschen war ihm anvertraut, – und dann die Gäule! – die hatte er schon so schön hochgebracht in der kurzen Zeit, seit er die Schwadron hatte. So ohne Dienst war das Leben doch eigentlich eine verflucht langweilige Sache.

Und so würde es nun doch mindestens drei Monate weitergehen, vielleicht länger. Der Arzt, zu dem er öfter hinging, hatte so etwas von »eventuell Nachurlaub nehmen« gesagt. Er war ja nicht sehr krank, – bewahre! – aber ganz überwunden war die verdammte Lungenentzündung immer noch nicht. Sobald ihn mal ein kalter Luftzug traf, bekam er Stiche.

»Vorsicht! und in Acht nehmen!« mahnte der Arzt immer wieder. Und so schleppte Zollenthin immer ganz brav seinen Mantel mit sich herum, einen Ulster, der ebenso billig wie geschmacklos war und in dem seine schlanke, kleine Figur versank wie in einem Sack.

Des Abends vereinigten sich die Pensionsmitglieder oft im Gesellschaftszimmer. Die besten Plätze am Kaminfeuer sicherten sich immer die Engländerinnen, von denen vier bejahrte Exemplare vorhanden waren, – sie schoben ihre Schaukelstühle ganz nahe an das Feuer und hielten ihre großen Füße gegen das Kamingitter, als ob sie sie rösten wollten.

Zollenthin mußte jämmerlich seitwärts sitzen; so gern er gewollt hätte, er kam nie an das Feuer heran.

Am nettesten fand er es noch, wenn die goldblonde Krankenschwester auch in den Salon kam. Das geschah nur in Ausnahmefällen, für gewöhnlich durfte sie es nicht, denn die alte Dame, zu deren Pflege sie mitgenommen worden war, wollte sie immer bei sich haben als Zielscheibe für ihre neurasthenischen Launen.

Nur wenn die alte Dame Morphium bekommen hatte, kam die Schwester in den Salon hinunter und plauderte dort in ihrer bescheidenen freundlichen Weise, mit welcher die provozierende Üppigkeit ihrer Figur garnicht in Einklang stand.

Der Rittmeister unterhielt sich sehr gerne mit ihr, teils weil ihre anspruchslos freundliche Art ihm wesensverwandt war, teils aus einem sinnlichen Wohlgefallen heraus. Er hatte ja hier so garnichts für's Herz, und außerdem hatte sie wirklich eine sehr schöne Figur.

Eines Morgens wurde die Einförmigkeit des Daseins unterbrochen, – Zollenthin bekam Besuch.

Als er noch im Bett lag, wurde ihm eine Visitenkarte hereingebracht. Er wollte es zuerst garnicht glauben, daß Hellborn hier sei, was sollte er denn hier wollen? aber gleich darauf überzeugte er sich durch den Augenschein: Hellborn war da, Oberleutnant von Hellborn von seinem Regiment.

Hellborn wartete das »ach, wie kommen Sie denn hierher?« des Rittmeisters garnicht ab, sondern erzählte gleich freudestrahlend, seine brave Tante Anna habe doch nun endlich daran glauben müssen, – na, vierundneunzig sei ja auch ein schönes Alter, – und da die elenden paar Mille, die er geerbt, zum Bezahlen seiner Schulden doch nicht annähernd ausreichten, so habe er damit erst garnicht angefangen, sondern nach glücklich erhaltenem Urlaub – seine Bronchien seien auch gar zu schlecht, angegriffen von dem steifen Grog im Schwarzen Adler – – sei er hierhergedampft. Der Rittmeister würde ihm sicher ganz ausführlich mitteilen können, wo man sich denn hier am besten amüsiere an dieser berühmten Riviera, – in Nizza sei von Nachtlokalen doch wohl die Kasino-Bar am meisten auf der Höhe, – und ob man in Monte wohl am besten bei Cyro oder in der Hermitage soupiere? –

Dem Rittmeister schwirrte der Kopf von all den Namen und Fragen, mit welchen Hellborn ihn überschüttete.

»Lassen Sie mich bloß erst mal aufstehn,« sagte er dann. Und während er Toilette machte, überlegte er, er könne Hellborn unmöglich sagen, daß alle seine Erlebnisse an der Riviera sich auf die halbe Stunde in Montes Spielsaal beschränkten, wo er sein bischen Extra-Geld so im Handumdrehen verloren hatte.

Nein, es paßte ihm nicht, sich von Hellborn bemitleiden zu lassen. Hellborn war der Elegant im Regiment und so schon immer so großschnauzig.

So war Zollenthin denn sehr diplomatisch, als er mit seinem Kameraden im Speisesaal der Pension frühstückte. Er log Hellborn nicht gerade was vor, aber er sagte auch nicht die Wahrheit, erzählte nichts von der geisttötenden Langeweile, die ihn hier so oft plagte.

Den Kaffee tranken sie draußen unter der größten der drei Palmen, welche die Pension Zorn aufzuweisen hatte. Zollenthin war ganz aufgeräumt. Er hatte sich halb bewußt selbst in eine gehobene Stimmung gesteigert. Nun rauchte er behaglich eine der vorzüglichen Importen, welche Hellborn über die Grenze geschmuggelt, und auf Hellborns Frage, wie es denn hier mit Weibern sei, schmunzelte er so vergnügt, als wenn er in Mentone und Umgegend einen ganzen Harem sein eigen nenne.

»Wer ist denn das?« fragte da Hellborn plötzlich und blickte den Gartenpfad entlang, auf welchem die Krankenschwester einherkam.

Sie hatte zum Frühstück nicht in den Speisesaal gehen dürfen, da die alte Dame gerade mal wieder einen besonders weltschmerzlichen Anfall hatte. Nun schlief sie aber und Schwester Gertrud war in den Garten geeilt, um ein paar Züge frische Luft zu schöpfen.

Sie dankte liebenswürdig auf den Gruß des Rittmeisters und lief dann im Sturmschritt immer um das kleine Rasenrondel herum.

»Sehr nett,« sagte Hellborn, indem er mit kennerhaft taxierendem Blick der hohen Gestalt folgte. Das enge schwarze Kleid ließ die üppige Büste verlockend hervortreten.

»Ja,« sagte der Rittmeister und mit einer ihm ungewohnten Leichtfertigkeit, halb in der Sucht, dem eleganten Hellborn zu imponieren, – halb fortgerissen von der animierten Stimmung, in der er sich befand, fügte er hinzu, »sie ist reizend, ich möchte sie mal oben in meinem Zimmer haben.«

»Oho!«

»Ja, und ich kriege sie auch noch dahin,« trumpfte Zollenthin auf.

 

* * *

Hellborn war nur zwei Tage in der Pension Zorn geblieben, ihm war das hier zu langweilig in dieser philisterhaft anständigen Pension, und sein Rittmeister, der schon in Milluhnen nicht gerade amüsant zu nennen gewesen war, war ihm hier noch langweiliger mit seiner Erkältungsfurcht und seinem ewigen Ulster.

So ging Hellborn denn nach Nizza, und Zollenthin blieb betrübt zurück, trank weiter seinen billigen Landwein und rauchte schlechte Regie-Cigarren, spielte mit dem Oberlehrer Müller und mit dem taprigen Reichsgrafen Skat und unterhielt sich mit Schwester Gertrud, sobald er ihrer habhaft werden konnte.

Aber er war ihr gegenüber nicht mehr so harmlos wohlwollend wie zuerst.

Das leichtfertige Wort, das er halb im Scherze zu Hellborn gesprochen, brannte ihm im Blut; – unruhige Wünsche wurden in ihm wach, quälten ihn in den langen, dunklen Nächten. –

Wenn er mit Gertrud sprach, kam es vor, daß er mitten im Satze abbrach, – daß ihm die Worte versagten, weil er einen Streifen ihres weißen Halses sah, doppelt weiß unter dem goldblonden Haargekräusel, doppelt weiß unter der nonnenhaft strengen schwarzen Tracht.

Mitunter fragte er sich, ob sie denn wirklich nichts von dem allen merke, aber man sah ihr nie eine Veränderung an; sie war immer gleich liebenswürdig, gleichmäßig freundlich, in einer beinahe unpersönlichen Art. – – –

In diesen Wochen kam es manchmal vor, daß der Rittmeister, wenn er allein war, wieder das Wort sprach, das frivole Wort, das er lächelnd zu seinem Freunde gesprochen, in einer Mittagsstunde, als die goldene Sonne den Garten in hellen Glanz getaucht, – jenes Wort, das er damals so leicht hingeworfen, so leicht, daß kaum seine weißen Zähne aufgeblitzt unter dem kurzen, blonden Schnurrbart, – und dieses Wort sagte er jetzt manchmal zur Nachtzeit, wenn das Dunkel so schwer über der Erde lag und Millionen weit geöffneter Rosenkelche stärker dufteten, – dieses Wort stammelte er jetzt mit zusammengebissenen Zähnen, mit verdurstenden, vertrockneten Lippen: »ich möchte sie mal in meinem Zimmer haben – – –«.

Und Tage reihten sich an Tage, grau und einförmig wie die Wellchen eines Binnensees, kein Ereignis trat in dieses Einerlei.

Auch der Ausspruch des Arztes änderte sich nicht. »Vorsicht, Herr Rittmeister, in Acht nehmen – –!«

Und der kleine Rittmeister nahm sich in Acht. Das hielt er sozusagen für seine Pflicht, und seine Pflicht hatte er immer getan, im Kadettenkorps, im Regiment, – immer. – –

So ging er denn brav in seinem häßlichen Ulster spazieren, und nach Sonnenuntergang blieb er überhaupt ganz zu Hause.

Er lebte streng kurgemäß. Und darum verstand er nicht, daß es noch immer nicht besser werden wollte mit den Lungenstichen.

Und verstand nicht, warum ihm so sonderbar schlecht zu Mute war an jenem trüben Märzmorgen, als er, pünktlich wie immer, zum Frühstück hinunterging und sich im Speisesaal an den Tisch setzte.

Der Sirocco fuhr über das blaugraue Meer, daß es aufheulte wie eine hungrige Bestie.

War es dieses Meerrauschen, das ihm so laut in den Ohren klang . . . . . . . . . so unerträglich laut, . . . . . . . . .  schmerzhaft bis zum Wahnsinn . . . . . . .

Aber nein! – das war nicht das Meer, – – das war – – was E – – Er warf die Arme hoch in die Luft, stürzte zu Boden.

Die Kanne, aus der er sich gerade den dünnen Kaffee eingeschenkt, zerbrach.

Entsetzt stürzten die drei oder vier Gäste, die auch gerade beim Frühstück gewesen, auf Zollenthin zu.

Aber schon schlug der Rittmeister die Augen auf.

»Das ist Schlag,« lallte er.

Mit einer übermenschlichen Willensanstrengung richtete er sich auf.

Zwei Herren griffen zu, wollten ihn die Treppe hinauftragen.

Aber er wehrte ab. Er lallte . . . . und man verstand ihn: er wollte keine Hilfe, er wollte allein gehen.

Und so schleppte er sich denn hinauf, sank auf sein Bett.

Hinter ihm drängten andere hinein. Ein Arzt wurde gerufen. Zollenthin hatte die Sprache inzwischen wiedergefunden. Er sagte schwerfällig: »es – – war Schlag, Herr – – Doktor – –« Er hörte gar nicht daraufhin, was der Arzt ihm Beruhigendes vorlog.

Er sprach vor sich hin. »Schade,« sagte er, »schade . . . . . . . aber, Gott, wenn es sein muß, na, da stirbt man eben wie ein anständiger Mensch und wie ein deutscher Soldat . . . . .«

Dann lag er ganz still da, die Zähne fest aufeinandergebissen und lauschte auf das sonderbare und dunkle Rauschen, das in seinen Ohren war.

In seine Augen trat ein glasiger Ausdruck.

Es war, als höre er nichts mehr von den Dingen dieser Welt. – – – – –

Der Doktor sprach mit Schwester Gertrud, die inzwischen ins Zimmer gekommen und gefragt, ob man ihrer Dienste als Pflegerin bedürfe.

»Ja, bleiben Sie, Schwester,« sagte der Arzt, »ich habe übrigens nicht viel Hoffnung, es wird wohl Lungenschlag sein.«

Die Schwester ließ sich auf einen Stuhl am Bett nieder. Regungslos blieb sie sitzen, als alle anderen das Zimmer verlassen.

Draußen stöhnte das Meer unter den Stößen des schwülen Windes, der es aufpflügte.

Manchmal brach es wie ein Röcheln von den Lippen des Kranken.

Die Stutzuhr auf dem Kamine tickte unablässig.

Die Zeit verstrich. – – – – – –

Da glitt es plötzlich wie ein Schimmer von Bewußtsein über des Rittmeisters fahles Gesicht.

Da war sie ja die Ersehnte, Begehrte! – Da war sie ja in seinem Zimmer! – – – –

Und sie, die er hatte umfangen wollen als werbender Mann und als Sieger, saß jetzt als Pflegerin neben dem hilflosen, sterbenden Etwas, das er nun ward! – –

Da schwoll in der Seele des Rittmeisters von Zollenthin, der bereit gewesen war, wie ein braver Christ zu sterben und wie ein braver Soldat, – ein entsetzlicher und grenzenloser Haß auf gegen das Unbekannte – – Gott oder Schicksal oder Leben – – – das ihm seinen brennenden Wunsch, dieses Mädchen in seinem Zimmer zu haben, erfüllte! – –

Und dieser böse Ausdruck von Haß blieb auf des Sterbenden Gesichte, – – lag auf seinen Zügen, als seine Augen erloschen. – – –

–   –  –  –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Aber nicht nur diesen heißen Liebeswunsch hat das Schicksal dem Rittmeister von Zollenthin erfüllt, sondern er bekam noch alle möglichen schönen Sachen, als er tot war.

Sein Bruder Harro kam auf ein Telegramm des deutschen Konsuls den ganzen langen Weg zu ihm und kaufte ihm einen teuren Metallsarg für eine Summe, von welcher Hans Zollenthin sich für die letzten Monate seines Lebens unendlich viel Genüsse hätte verschaffen können.

Und für seine Heimfahrt bekam der tote Rittmeister einen ganzen Eisenbahnwagen, einen schwarz ausgeschlagenen Wagen, in dem der prächtige Metallsarg schön Platz hatte. Das kostete zwar wieder sehr viel Geld, aber Onkel Udo und Tante Brigitte steuerten zu, denn natürlich mußte ein Zollenthin standesgemäß begraben werden.

So fuhr denn der kleine, bescheidene Rittmeister, der die Hinfahrt in einem Coupé zweiter Klasse, mit vielen anderen Leuten zusammengepfercht, gemacht hatte, ganz fürstlich heim, Italiens sonnige Küste entlang – – und vorbei an den Bergströmen der Schweiz – – und nach Deutschland hinein, wo der rauhe Märzwind über das frisch gepflügte Land strich.

Und mit dem Zuge zogen die Wolken mit, graue Wolken, die sahen aus wie grinsende Gesichter. – –