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Marie Madeleine – Pantherkätzchen

Roman

Marie Madeleine, Pantherkätzchen, Ullstein & Co., Berlin, Wien, 1913



1.

Das Königskleid der Wintereinsamkeit strahlte in der Sonne, weit über das Land war es gebreitet, – alle Unebenheiten, allen Schmutz des Alltags deckte es zu. Und die Milliarden Schneekristalle funkelten in der Sonne wie Gold und Brillanten: sie blitzten aus den Wegen und Stegen und auf den Aesten und Nadeln der Bäume, deren Umrisse phantastisch vergrößert erschienen unter der weißen Last. Die drückte anders als im Sommer die flattrig-leichtsinnigen Blüten.

Nur wenige Bäume im Parke des Herrenhauses von Sarkow standen, in trotziger Kraft und prahlten mit ihrem weißen Feierkleide – die meisten sahen schier erdrückt aus, zusammenbrechend unter des Winters harter Liebkosung – unter diesem Himmel von einem erbarmungslosen und kalten Blau.

Inmitten des winterlichen Parks erhebt sich das Herrenhaus in ungefügen Umrissen. Von außen ein anmutloser Kasten, aber drinnen die Zimmer, die waren groß und hoch und in den Kachelöfen prasselte gemütlich das Feuer.

Im Eßzimmer waren Frau von Holtz und ihre Tochter Marie beschäftigt, Staub zu wischen. Nicht etwa, daß auch nur eine Andeutung von Staub auf den blitzblanken Möbeln zu sehen gewesen wäre, aber das Reiben und Polieren an den Gegenständen war eine Manie von Frau von Holtz.

Mit ihren schönen, etwas fett gewordenen Händen führte sie das Staubtuch über eine silberne Jardiniere. Der große Brillant am Ringfinger ihrer linken Hand flammte auf im Strahle der Wintersonne, die durch die Doppelscheiben des Fensters leuchtete.

Während des Putzens redete Frau von Holtz auf ihre Tochter ein:

»Ich bitte Dich, Du machst ein so mißmutiges Gesicht, statt Dich zu freuen, daß Deine Cousine kommt.«

»Warum sollte ich mich wohl darüber freuen?« klang es scharf zurück. Die hageren, roten Hände des neunzehnjährigen Mädchens zerrten nervös an dem Staubtuch, »Du weißt, mir ist Monika immer unsympathisch gewesen.«

»Aber Marie, Ihr saht Euch zuletzt, als Du sechzehn Jahre warst und sie ein Kind von noch nicht dreizehn. Als wir damals auf der Durchreise in Berlin waren –«

»Sie war damals unausstehlich, so eingebildet –«

»Aber –«

»Eingebildet auf alles: auf ihre Schönheit, ihren Geist, ihre Tanzstundenerfolge –«

»Kindereien! Ich weiß nicht, wie Du das ernsthaft nehmen kannst.«

»Sie wird sich inzwischen wohl kaum zum Besseren entwickelt haben. Tante Malis Brief wenigstens ließ nicht darauf schließen! – Ich verstehe überhaupt nicht, warum Du Tantes Wunsch, Monika einzuladen, gleich erfüllt hast. Hier ist doch keine Korrektionsanstalt.«

»Du drückst Dich wieder einmal sehr lieblos aus, Marie. Aus dem Briefe Deiner Tante ergab sich durchaus nicht, daß Monika einer ernsthaften Korrektion bedürfe.«

»So?! Wie verstehst Du denn das, wenn Tante schreibt, daß Monika »einfach nicht mehr zu bändigen« ist, – daß Tante seit Onkels Tode jede Autorität verloren hat! – Nun, sehr viel Autorität bei ihren Kindern hat ja Deine liebe Schwägerin nie besessen!«

Frau von Holtz nickte traurig. »Wie habe ich Johann damals gewarnt,« sagte sie gedankenverloren, »Man heiratet nicht solch einen Springinsfeld, wie Mali es war –«

»Und geblieben ist,« ergänzte Marie spöttisch.

»Dir steht kein Urteil über Deine Tante zu,« sagte die Mutter, aber es klang lau. Man merkte, daß auch ihr die Schwägerin keine große Hochachtung abnötigte.

Statt jeder Antwort zog Marie ein unliebenswürdiges Gesicht. Sie trat ans Fenster und starrte auf die weißblendende Landschaft hinaus.

Plötzlich schrie sie erstaunt auf.

Und eine derartig lebhafte Gefühlsäußerung war an Marie etwas so Ungewohntes, daß Frau von Holtz gleichfalls ans Fenster trat.

Ein Schlitten war's, der herannahte, in schleudernder Fahrt, von zwei Trakehnern gezogen.

Die Innenplätze des Schlittens waren leer. Auf dem Kutschersitze faß ein junges Mädchen, das mit einem starken Ruck an den Zügeln vor der Freitreppe parierte und mehrere Male hintereinander einen gellenden Pfiff ausstieß,

»Natürlich – Monika –,« sagte Marie achselzuckend, während Frau von Holtz entsetzt fragte:

»Aber wo ist denn Papa? Und Friedrich? – Mein Gott, es wird doch nichts passiert   sein – –«

Sie war bis in die Lippen erblaßt und stützte sich schwer auf die Fensterbrüstung.

Marie wollte hinaus, aber schon wurde die Tür von außen aufgerissen, und herein stürmte das junge Mädchen, das auf dem Kutscherbocke gesessen, – stürmte geradenwegs auf Frau von Holtz zu und umarmte sie mit allem Kraftaufwand, dessen ihre Arme fähig waren.

»O, Tantchen, wie ich mich freue!«

»Kind, Kind, wo ist Dein Onkel?« fragte Frau von Holtz noch immer ganz fassungslos.

»In der Bahnhofswirtschaft und hoffentlich mittlerweile beim achten Glase Grog – –«

»Aber was – – warum – –«

Monika begrüßte eilfertig, aber ohne die glühende Herzlichkeit, die sie ihrer Tante bewiesen, ihre Cousine und erzählte dann, indes sie in fröhlichem Lachen ihre prachtvollen Zähne sehen ließ:

»Also, Tantchen, Onkel holte mich vom Zuge ab, und als wir in den Schlitten wollten, kam der Drehrower Bärenstein auf Onkel zu und fragte den Onkel was wegen des neuen Kreisdeputierten. Da gingen wir alle drei noch in die Bahnhofswirtschaft und tranken Grog und der Drehrower erzählte so schrecklich langweilige Sachen, von Politik und so . . . Da schlich ich mich davon und auf den Schlitten. Der dicke Friedrich war nicht da, wohl wegen des Gepäckes. Da bin ich einfach losgefahren. Es war großartig. Bitte, bitte, nicht böse sein! Ich wollte gern schnell zu Dir.«

Von neuem fiel Monika der Tante um den Hals.

Da lächelte die, schon fast versöhnt, und klingelte den Diener herbei, der gleich wieder zur Station fahren sollte.

Marie verließ mit einem halblauten »Unglaublich« das Zimmer.

»Nicht, Tante, Du bist mir nicht böse?« bettelte Monika.

»Na, weil s der erste Tag ist. – Aber Du mußt wirklich vernünftiger werden, Kind. – – Und nun laß Dich doch mal endlich ordentlich ansehen.«

Mit prüfendem Blick musterte Frau von Holtz ihre Nichte.

»Wie Du gewachsen bist! – Und hübscher geworden bist Du auch! – – Ordentlicher leider immer noch nicht!« – – Mit bedenklichem Kopfschütteln faßte Frau von Holtz nach einem halbabgerissenen Knopfe an Monikas Mantel.

»Ach, für die Sachen, die ich anhabe, lohnt sich's gar nicht, ordentlich zu sein! – – So schöne Stoffe bekomme ich ja doch nicht!« Mit liebevoller Vorsicht strich Monika über das schwarzseidene Kleid von Frau von Holtz. »Und so schön werd' ich auch nicht wie Du, Tante. O das wunder-wunderschöne weiße Haar und die stahlblauen Augen! Wie eine Marquise siehst Du aus, natürlich eine vom ancien régime! Zu schade, daß die Marie davon nichts abbekommen hat. Aber die sieht genau aus wie Onkel. Ich ähnele Dir doch viel mehr als Deine Tochter. Nicht?«

»Ja, entschieden. – Aber nun laß Dir Dein Zimmer zeigen, kleine Plaudertasche.«

»Welches bekomme ich?«

»Das blaue.«

»O wie fein! Das blaue, wo ich als ganz kleines Kind geschlafen habe! Hurra!«

Monika schwang ihre Pelzmütze und folgte seelenvergnügt ihrer Tante die wuchtige Treppe hinauf. Das blaue Zimmer war ein großer, ziemlich spärlich möblierter Raum, in dem der stark geheizte Kachelofen eine angenehme Temperatur verbreitete.

Ein altmodisch schmales Sofa, ebenso wie die beiden dazu gehörigen Sessel mit blauem Rips bezogen, nahm die eine Längswand ein. Dann noch ein schmales Bett, ein Waschtisch und ein Tisch, auf dem in einer bunten Porzellanvase ein Strauß von Tannenzweigen steckte.

Monika schwelgte in Begeisterung. »Das blaue! – – Und ganz für mich allein! Himmlisch. Noch nie habe ich ein Zimmer für mich allein gehabt.«

»Du schläfst mit Mama zusammen?«

»Ja, leider. Und Mama liest immer die halbe Nacht. Und wenn Licht brennt, kann ich natürlich nicht einschlafen.«

»Hier schläft Marie,« sagte Frau von Holtz, indes sie die Tür zum Nebenraume öffnete.

»Oh – –«Monika verstummte vor Bewunderung. In der Tat war der Raum – rosa Seide und weißer Lack – sehr elegant ausgestattet.

»Hier geht's in Maries Wohnzimmer.«

Ein neuer Ausruf des Entzückens aus Monikas Munde.

»Grau mit Gold. Wie distinguiert! Nein aber wie distinguiert!«

»Gefällt es Dir?« Voll Genugtuung warf Frau von Holtz einen Blick in die Runde.

»Fabelhaft schön. Und wie teuer das sein muß!«

»Nun, für unsere Einzige – –«

»Hat's die Marie gut!«

Monika strich über die spiegelnden Holzflächen, über die seidenen Bezüge.

Dann entdeckte sie neue Schätze. »Ach, und da ist ein Malkasten! Und da ein Brennapparat! Und da der Bücherschrank, ach, der Bücherschrank – –«

Schon hatte Monika die Glastür geöffnet und tastete gierig in die Bücherreihen hinein.

Aber Frau von Holtz legte ein Veto ein. »Wirst Du wohl! – Jetzt wird nicht gelesen. Es ist die höchste Zeit, daß Du Dich wäschst und sauber machst. Ist Dir denn das nicht schrecklich, nach einer langen Eisenbahnfahrt so herum zu laufen? Und um zwei wird gegessen.«

Als Monika dann zur angegebenen Stunde das Eßzimmer betrat – etwas ängstlich, wie der Onkel wohl ihre Eskapade aufgenommen – wurde sie bald beruhigt durch das gutmütige Lachen in seinem roten Gesicht.

»Nur immer ran, Marjell,« rief er Monika entgegen.

Sie kam zögernd näher.

Die Strafe fiel gnädig aus. Ein heftiges Zupfen an ihrem linken Ohrläppchen und ein freundlich gebrummtes: »Na, Du Racker, sei froh, daß Du die Trakehner heil hergebracht hast, sonst – –«

Beim Mittagessen erregte Monikas Riesenappetit das Wohlwollen und die Heiterkeit von Onkel und Tante.

Um Maries Mundwinkel aber zuckte unnachahmliche Verachtung jedesmal, wenn ihrer Cousine noch ein neues »Stückchen Schmorbraten« auf den Teller geschoben wurde und sie noch einmal um das »wirklich großartige« Pfirsichkompott bat. Nach Tische zogen sich die Eltern zum Nachmittagschlaf zurück, und Monika bat ihre Cousine um die Erlaubnis, sie in ihre »Privatgemächer« begleiten zu dürfen.

Die herbe Cousine war etwas günstiger gestimmt durch Monikas wortreiche Bewunderung all ihrer Schätze.

Und wer konnte wohl so bewundern wie Monika! Sie wurde warm und rosig dabei, – sie glühte und strahlte, – sie hob jede Einzelheit hervor: – – »diese Goldleiste, mit der die Tapete abschließt,« – – und »diese himmlische Vase mit dem Kirschblütenzweig, der auf das blasse Opalglas gemalt ist! Und wie das alles abgetönt ist. Du hast wohl alles selbst angeordnet?«

»Nein, aber der beste Tapezier aus Königsberg hat's arrangiert,« sagte Marie wichtig.

»Wie glücklich Du hier sein mußt!«

»Na, es geht an. Wenn Du glaubst, es ist ein Spaß, hier in der Einsamkeit zu sitzen – –!Ich habe ja meine Freundinnen in Neustadt, aber der Weg dahin ist so unbequem. Und nach Hahndorf ist's noch weiter.«

»Nach Hahndorf – –«

»Wir fahren ja zu den Regimentsbällen hin, aber – –«

 »Zu den Dragonern? Zu Papas Dragonern?«

»Ja.«

»Oh.« Ein zitternder Atemzug hob die junge Brust. »Oh der Papa, der arme Papa!«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen: sie starrte an ihrer Cousine vorbei durchs Fenster, hinaus auf den schimmernden Schnee.

»Jetzt ist er schon vierzehn Monate tot, der arme Papa . . .«

Stillschweigen lastete über dem Zimmer.

»Er hätte Sarkow so gern noch mal wiedergesehen,« sagte Monika dann.

»Mama hat ihn ja oft genug eingeladen.«

»Er wollte nicht kommen, solange er . . . solange er keine . . . sehr gute Position hatte.«

»Ja, wenn Deine Eltern vernünftiger gewesen wären, könnten sie noch hier sitzen, statt wir,« sagte Marie.

Monika nickte. »Rechnen konnte Mama ja wohl nicht sehr gut,« sagte sie kläglich.

»Und wollt's auch nicht lernen,« fügte Marie scharf hinzu. »Und von ihrem Manne hätte sie's auch nicht lernen können. Bei Onkels Art . . .«

»Ja! Nobel ist der Papa gewesen,« sagte Monika, Sie warf den Kopf ins Genick wie ein störrisches Pony und ihre Augen leuchteten auf. »Die Trinkgelder, die er gegeben hat! . . . Wenn er mich mitnahm nach Neustadt oder nach Hahndorf, dann dienerten die Leute dort alle bis zur Erde. Nobel war der Papa! . . . Er hat kein Portemonnaie getragen, sondern das Geld lose in der Westentasche. Und der Mama hat er gekauft, was sie haben wollte! Und uns! . . . So schöne Spielsachen wie wir vier hat kein Kind gehabt in ganz Ostpreußen! . . . Und wie ich vier Jahre alt gewesen bin, habe ich zweiunddreißig Kleider gehabt und ein paar davon sind aus echten Brüsseler Spitzen gewesen.«

»Na, besser klein geflickt und groß gestickt, als umgekehrt!« sagte Marie und sah an Monikas schäbigem Kleide herunter.

Aber sie machte sich nichts draus.

»All die Gesellschaften!« schwärmte sie weiter, »nur französischen Sekt hat's gegeben und lauter Delikatessen, und wir Kinder haben von allem bekommen . . . von allem . . .«

»Traurig genug, Monchen! Man hätte besser getan, an Eure Gesundheit zu denken. Wenn Du glaubst, daß das Kindern gut tut: Sekt und Delikatesten! . . . Wenn Ihr keine gekriegt hättet, würde das geliebte Heinzemännchen heute wohl einen besseren Magen haben!«

»Seit wie lange hast Du eigentlich Heinrich nicht gesehn?«

»O, seit drei Jahren. Er muß jetzt über vierzehn sein. Nicht wahr?«

»Ja, grad ein Jahr jünger als ich.«

»Und bringt ihm Deine Mama immer noch frühmorgens zwei Tassen Schokolade und zwei Setzeier ans Bett?«

»O, er ißt jetzt mindestens drei Setzeier. Als Chef der Familie . . .«

»Nanu . . . Alfred?«

»Alfred hat ihm sein Erstgeburtsrecht verkauft, schon vor vier Jahren. Heinrich hat ihm dafür seine Briefmarkensammlung gegeben und seinen photographischen Apparat und noch fünfzehn Mark bar. Nachher wollte zwar Alfred die Sache wieder rückgängig machen, aber Mama . . .«

»Tante Mali verteidigte natürlich Heinzemännchen.«

»Richtig! Und seitdem sagt sie, das geliebte Heinzemännchen sei vermöge seiner ethischen und intellektuellen Eigenschaften weit mehr befähigt, der Erstgeborene zu sein, als Alfred. Mama bespricht auch alles mit Heinzemännchen – auch alles, was mich anbetrifft. Und das hat mich eben so wütend gemacht.«

»Was war denn los?«

»Ach, na so alles mögliche.«

Monika besah ihre Fingernägel. Sie schien nicht recht auf das Thema eingehen zu wollen.

Aber Marie ließ nicht locker.

»Na, da wirst Du wahrscheinlich was Nettes angestellt haben?«

»Ach wo. – Ein paarmal hab' ich Zigaretten geraucht und . . . und hab' ein paar Bücher gelesen, die ich nicht lesen sollte. Noch viele Jahre nicht! hat Mama gesagt, und dabei habe ich alles, was drin stand, doch schon jetzt sehr gut verstanden.«

»So, so . . .«

»Ja, aber Heinzemännchen sagte, es wäre himmelschreiend und die Ehre der Familie litte darunter. – Und dann war die Sache mit Doktor Dörnberg . . .«

»Welche Sache?«

»Ach . . .« Monika zögerte verlegen,

»Na, sag's doch. Ist es denn so schlimm, daß Du es gar nicht erzählen kannst?«

»Ach, ich kann's schon erzählen. Also, weißt Du, Doktor Dörnberg ist unser Geschichtslehrer. Und ich liebe ihn wahnsinnig. Erstens ist er bildschön . . . aber ich sage Dir: wirklich bildschön! . . . Und dann spricht er hinreißend! Also: ich hatte drei Gedichte an ihn gemacht, und die lagen in meinem Vokabelheft. Da hat sie Mama gefunden – Mama stöbert immer alles durch – und hat es mit Heinzemännchen besprochen, und beide waren so außer sich und haben so auf mich gescholten, bis ich vor lauter Empörung Weinkrämpfe bekommen habe. Und ich habe Mama meine Meinung gesagt: daß es gefühlsroh ist, meine Gedichte Heinzemännchen zu zeigen. Als ob Jungens davon was verstehen!«

»Was waren's denn für Gedichte?«

»Na, Liebesgedichte.«

»Sag' mal eins.«

Monika warf einen zweifelnden Blick auf ihre Cousine. Sie kämpfte augenscheinlich mit sich. Dann aber gewann ihr offenes, mitteilungsbedürftiges Naturell die Oberhand. Sie begann zu sprechen mit einer andächtigen Innigkeit, die ihre frische Kinderstimme ganz verwandelt erscheinen ließ:


»Du Schönster mit den blauen Siegeraugen,
Laß mich an deinen hochgeschwungenen Lippen
Nur eine flüchtige Sekunde nippen
Und aller Seligkeiten Fülle saugen . . .«


»Pfui Teufel! – Na, höre mal, da kann ich Tante Malis Entrüstung verstehn!«

»Warum denn?« sagte Monika mit unschuldsvoll verwunderten Augen, »das ist doch schön. Und außerdem wahr. Ich liebte ihn doch.«

»Na, der erste Vers war heftig! Geht's so weiter?«

»Nein! Es wird natürlich leidenschaftlicher! Es muß doch eine Steigerung geben, das ist doch ein ganz bekanntes poetisches Gesetz. – Aber wie gesagt: Mama war direkt schlecht und sagte, jetzt wüßte sie auch, warum ich immer am Dienstag und Freitag, wenn wir Geschichtsstunde haben, das neue, blaue Kleid anziehen wollte. Und Heinzemännchen sagte, ich sei sittlich verwahrlost. Na, das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen.«

»Wie kannst Du aber auch Liebesgedichte schreiben?«

»Gott, dafür konnte ich doch nichts. Ich hatte mich doch in ihn verliebt. Kennst Du das nicht, wenn's einem so warm im Herzen wird, als wollte das Herz aufblühen?« . . . Ein träumerisches Lächeln teilte die roten Lippen. »Und man ist so unglücklich und in all dem Schmerz liegt doch so eine Süßigkeit . . . Süßigkeit ... so etwas Unnennbares – eine Erwartung, ach, ich weiß nicht . . .«

Sie brach kurz ab, erstarrend unter dem eisig spöttischen Blick, der sie aus Maries grauen Augen traf.

»Ich finde Dich riesig überspannt, liebe Mone,« sagte sie gemessen, »und Deine Ansichten sind unpassend. So . . . und jetzt habe ich Briefe zu schreiben.«

Ohne die Cousine noch eines Blickes zu würdigen, setzte sie sich an den Schreibtisch und begann einen Briefbogen mit ihrer prätentiös schönen Schrift zu füllen.

Monika ging in ihr Zimmer. Das unangenehme Gefühl, wieder einmal zu vertrauensselig gewesen zu sein, sich bloßgestellt zu haben, bedrückte sie.

Betrübt kauerte sie sich in einen der blauen Sessel und begann an einem Stückchen Johannisbrot zu kauen, das sie zu ihrer Ueberraschung in ihrer Tasche entdeckt hatte.

Gewiß hatte ihr Karl damit eine Ueberraschung bereiten wollen, Karl, ihr zehnjähriger Lieblingsbruder.

Aber der Genuß war bald zu Ende, das Johannisbrot aufgeknabbert, und nun saß sie da und langweilte sich jämmerlich. Die Uhr zeigte auf drei – noch eine ganze Stunde Zeit bis zum Nachmittagskaffee.

In plötzlichem Entschluß stülpte sie die Pelzmütze auf, zog den Mantel an und fort ging's durch den verschneiten Park auf wohlbekannten Wegen ins Dorf.

Ihr Weg führte zur kleinsten Hütte, einer Bauernkate, die gar elend, förmlich zusammengekauert unter der dichten Schneedecke dastand.

Der Zaun war baufällig, die Fensterscheiben wie erblindet. Im Hof an der Pumpe, von der riesige Eiszapfen herabhingen, stand ein etwa dreijähriger, hübscher Junge und bemühte sich, den Pumpenschwengel in Gang zu setzen.

»Ist die Liese zu Haus?« rief Monika ihn an.

Er sperrte verdutzt die blauen Augen und den roten Mund auf, ohne zu antworten. Da öffnete Monika ohne weiteres die Tür.

Eine stickige, dumpf-heiße Luft schlug ihr entgegen. Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, als es drinnen aufschrie: »Monchen!«

Eine Frau stürzte auf sie zu und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Ach Gottchen, Monchen, bist Du's denn wirklich, mein trautstes Monchen?«

Monika gab ihr einen herzhaften Kuß. »Liebe alte Liese, wie freue ich mich!«

Zärtlich betrachtete sie die vor ihr Stehende, die eine entschiedene Vorliebe für Farbenfreudigkeit an den Tag legte. Ein flammend rotes Umschlagetuch kreuzte sich über ihrer Brust, um sich auf dem Rücken zu einem großen Knoten zu vereinen. Unter dem Tuch kamen die Aermel einer unzweifelhaft unsauberen rosa Barchentjacke zum Vorschein, und eine dunkelblaue Küchenschürze deckte einen moosgrünen Rock. Und über dem schief zugehakten Kragen der rosa Jacke grüßte das liebe, verblühte Gesicht. Die dunkeln Augen, die sonst so dummpfiffig in die Welt sahen, standen voll Freudentränen.

»Monchen, daß ich Dir nochmal wiederseh'! – Und wie scheen Du geworden bist, eine bildscheene Marjell – 'n bißchen anders wie Holtzens ihre Marie! . . . Gottchen, das sah man ja schon gleich damals, wie ich als Amme bei Dir kam! – Und nachher – wie warst Du scheen und rund und dick – der reine Marzipan! Wie oft hab' ich zu Deiner Mama gesagt: ›Madamchen, die wird!‹ – Gegen Dir sah die Marie keesig aus, das kannst Du mir glauben. – Na, nu setz' Dich bloß mal hin, mein trautstes Monchen. So 'ne Freude, nein, die Freude!«

»Liese, Du redst immer noch so viel wie früher. Und ausseh'n tust Du auch noch so. Sogar der Zopp ist noch derselbe!«

Lachend wies Monika auf den armdicken, fuchsigen Haarkranz, der über Lieses Scheitel thronte.

»Monchen, lach' nich über meinen Zopp. Wenn er auch falsch is, scheen is er doch. Und mir hat er immer gekleidet, schon als ich noch ein scheenes, junges Mädchen war.«

»Liese – fang' nicht mit Jugenderinnerungen an! Sonst sitze ich heute abend noch hier. Und Tante weiß gar nicht, daß ich weggerannt bin.«

»O weh, da wird's was geben! Die gnädige Tante is ja so mächtig stolz, die spricht nie ein Sterbenswort mit uns arme Leute. Anders wie Deine Mamachen! Nu sage bloß, was macht denn die Mamachen, seit daß der liebe, gute, gnädige Herr Baron tot is?«

Liese wischte sich erschüttert mit dem Schürzenzipfel die Augen.

»So'n feiner, guter Herr kommt nich mehr wieder. Das Schwarzseidene, was er mir zur Hochzeit geschenkt hat! . . . Wären nich die Motten reingekommen, wäre es heut noch wie neu! . . . Ach Gottchen, so'n Herr wie der Herr Baron! Und hat so früh müssen versterben . . .«

»Nicht davon sprechen, Liese.«

»Und was macht denn nu die Mamachen? Gottchen, so ne junge Frau und mit vier Kinder . . . vier Waisenkinder . . .«

Liese begann herzbrechend zu schluchzen. Und schluchzend und mit gurgelnder Stimme fragte sie nach Monikas Brüdern:

»Ist der Karl denn immer noch so scheen mit seine schwarze Augen und seine blonde Locken? Ach, und wie hat der Herr Baron den Karl geliebt!«

»Liese, Du alte Heultute, wenn Du jetzt nicht aufhörst mit der Lamentiererei, dann fange ich auch an zu weinen oder ich laufe weg.«

»Ich bin ja schon stille, Monchen,« sagte Liese und heulte ohrenerschütternd weiter.

»Erzähl' mir doch lieber was von Dir – von Deinem Mann . . .«

Wie auf ein Zauberwort hin versiegte der Tränenquell.

»Ja, wir sind ja nu all vier Jahre verheiratet. Und er is so, wie Männer nu eben so sind. Er tut ja seinen Dienst bei de Bahn ganz ordentlich und hat auch das Allgemeine Ehrenzeichen gekriegt. Es is ja auch ein sehr scheener Mann. Du weißt, Monchen, ich war immer sehr für de Scheenheit.«

»Na also.«

»Ich wer' Dir was sagen, Monchen: er ist zu alt. An die fuffzig is er jetzt . . .«

»Na, und Du, Liese?«

»Fünfundvierzig.«

»Das paßt doch eigentlich ganz gut.«

»Ach, er hat nu schon den ganzen Kopp voll graue Haare. Und so die richtige Forsche is auch nich mehr in ihm. Weißt Du, wenn ich dagegen an den Hanschen denk', den Stubenmaler aus Stallupönen . . .«

»Wer ist denn das?«

»Mein erster Bräutigam, Kind. Ein forscher Kerl war das. Groß wie so 'n Baum und den ganzen Kopp voll Locken und rote Backen. Und zwanzig Jahren war er alt . . . und ich achtzehn.« Eine Sehnsucht glomm aus in den dumm-pfiffigen Augen.

Mit ahnungsbangen Augen sah das knospende Mädchen hinüber zu der verblühten Frau, die von erster Liebe sprach.

»Liese, es ist schrecklich spät. Ich glaube, ich muß weg.«

»Ja, das mußt Du, mein Trautstes, aber erst muß ich Dir mal die Stub' zeigen. Nu all die ganze Seit hier in die Küche . . .«

Liese öffnete die Tür zur Stube. Auch hier herrschte die gleiche bedrückende Luft. Ein großes Bett nahm die eine Längswand ein: es war auf allen vier Seiten von einem roten Kattunvorhang umgeben.

»'n Himmelbett muß der Mensch haben,« behauptete Liese stolz.

»Und nu kiek mal her, Monchen . . .« Triumphierend wies Liese auf die Kommode, wo vier Photographien von Monika in verschiedenen Lebensaltern standen.

»Hier aber is das Feinste for Dich,« sagte die Liese geheimnisvoll und führte sie ans Fenster. Auf dem Fensterbrett stand ein kleiner Blumentopf, in welchem ein junges Myrtenstämmchen ein kümmerliches Dasein führte. »Für Deinen Brautkranz, Monchen . . .«

Monika lachte. »Du, die Mama hat gesagt, arme Mädchen werden heutzutage überhaupt nicht geheiratet.«

»Ach, Monchen, so scheen wie Du bist mit Deinem Gesicht wie Milch und Blut – Dir wird früh genug einer holen.«

»Desto besser, Liese, desto besser! Ich denke mir das Heiraten großartig!«

Lachend wandte sich Monika zum Gehen, zuckte aber mit einem Ausruf des Schreckens, als plötzlich aus einer Ecke des Zimmers hinter dem Ofen hervor ein Stöhnen klang.

»Die Ollsche,« sagte Liese erklärend.

Monika gewahrte dann, daß, in einen Stuhl gekauert, eine uralte Frau hinter dem Ofen saß: sie hielt die Augen geschlossen. In dem von tausend Falten durchfurchten Gesicht zuckte kein Muskel, wie aus Stein gehauen saß sie da.

»Die Ollsche, 'ne Tante vom Grün, Monchen. Sie is nu all siebenundachtzig und all ein bißchen lititi im Kopp. Na, da hab' ich sie hergenommen.«

Draußen auf dem Hof stand Fritzchen und hielt mit beiden Händen die Vorderpfoten eines nudeldicken, weißen Spitzes, der, auf den Hinterbeinen sitzend, genau so groß war wie der Knabe: die beiden sahen sich stumm und liebevoll in die Augen.

»So steh'n sie manchmal 'ne halbe Stunde,« sagte Liese.

Und dieses freundliche Bildchen war das letzte, was Monika bei diesem Besuch erblickte.

So schnell sie konnte, eilte sie nun zurück.

Die frühe Winterdämmerung lag auf dem ebenen Lande und tauchte die endlose Schneefläche in ein fahles Blau. Der Wind hatte sich aufgemacht und blies durch Monikas dünnen Mantel, daß ihr ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief. Aber sie rannte freudig vorwärts.

Und Worte kamen ihr – sie wußte selbst nicht woher – die sie laut vor sich hinsang.


»Das ist der Wind meiner Heimat,
Der über das Schneefeld braust –
Das ist der Wind meiner Heimat,
Der heut mir die Locken zerzaust.

O tobe und tobe nur weiter, Herr Wind,
Und erfriert auch der See und die Zweige im Wald – –
Meine heiße, blühende Jugend,
Die machst Du doch nimmermehr kalt!«


Warm und selig war ihr zumute.

Mit aller Kraft ihrer Lungen sog sie die kühle Schneeluft ein.

Wie anders das war als der Großstadt Luft. O, diese Schnee-Einsamkeit, durch die der Wind sang statt der tobenden Straßen Berlins. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Natur rann warm und beseligend durch Monikas Adern. Sie mußte sich mit Gewalt zusammenreißen, um einigermaßen gesittet das Haus zu betreten.

Allerdings war der Empfang, der ihr zuteil wurde, ganz dazu angetan, ihre Stimmung schleunigst zu dämpfen.

Marie empfing sie mit schadenfrohem Gesicht, und die Tante, die in ihrem Boudoir mit einer Stickerei beschäftigt war, trug in ihrem Gesichtsausdruck hoheitsvolle Würde zur Schau – ein böses Zeichen!

Sie sagte einstweilen gar nichts, sondern zog mit gewählt schönen Bewegungen den Faden durch die Arbeit. Man hörte in dem hübschen, eleganten Zimmer keinen anderen Laut, als den schweren Schlag der großen Uhr.

Monika konnte diese gespannte Stimmung nicht lange aushalten. Und so sagte sie, halb trotzig, halb flehend: »Tantchen, ich war bloß bei der Liese.«

Wenn sie geglaubt hatte, daß das ein Milderungsgrund sei, so sah sie sich getäuscht.

Tante wurde noch mehr als früher zürnende Gottheit, und dann ergoß sich über Monika eine Standpauke, die kein Ende zu finden schien. Erstens was die Unsitte betraf, allein auszugehen, zweitens der Mangel an Pünktlichkeit, drittens der unhygienische Leichtsinn, in eine Armeleutewohnung zu gehen, und so fort.

Immerhin schienen allmählich mildere Regungen in der Tante aufzudämmern, denn sie schloß mit den Worten: »Und nun klingle, daß man Dir den Kaffee nachserviert und den Napfkuchen. Du wirst einen schönen Hunger haben.«

Am Abend schrieb Monika ihrer Mutter einen Brief.

»Liebste Mama,

jetzt bin ich also wieder in dem geliebten Sarkow. Die Verwandten sind sehr nett zu mir, ausgenommen Marie, die so hacksig ist wie immer.

Bei der Liese war ich auch schon.

Liebe Mama, ich wollte ja sehr gern von zu Hause weg, aber als der Zug sich in Bewegung setzte und ich Euch gleich darauf nur noch aus der Ferne sah, da wurde ich doch riesig traurig. Ich habe mich auf der langen Fahrt hierher gefragt, warum eigentlich alles so gekommen ist, und warum wir uns die letzte Zeit so schlecht standen, wo es doch früher so herrlich war. – Damals, als ich noch klein war und Dir alles, alles sagte. –

Du hast in der letzten Zeit manchmal gesagt: wenn Dein Vater noch lebte, wärst Du nie so geworden!

Aber das ist ganz falsch. Das hat gar nichts mit Papas Tode zu tun – als ob ich jetzt weniger Angst hätte! Denn Angst habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehabt!

Aber mir sind im letzten Jahre so viele Gefühle und Empfindungen gekommen, ich weiß selbst nicht woher – so vieles, was gar nicht zu definieren ist.

Ich kann Dir nur sagen: wie Ihr mich zu Hause behandelt habt, das ist mir oft vorgekommen, als wenn man eine Pantherkatze wie einen Kanarienvogel erziehen will! Ach Gott, wie schön muß das sein, wenn man frei ist! Frei in der herrlichen Welt, sich sein Glück zu erkämpfen. Ich möchte Glück! Ich möchte alles haben, was schön ist und reich! Ich möchte den Ruhm und die große Liebe und Rausch und Glanz!

Jetzt wirst Du wieder sagen, ich sei zu frühreif. Ja, aber Frühreife ist doch auch eine Reife! Und dabei dann gequält werden mit tausend Verboten und Vorschriften, und mit Klavierüben und Anstand und Staubwischen! Gequält werden mit tausend Nichtigkeiten und Kinkerlitzchen! –

Uebrigens, ich hätte Dir zuliebe sehr viel davon ausgehalten, liebe Mama, aber was nicht auszuhallen war, das war die Behandlung, die Du mir durch Alfred und Heinrich angedeihen ließest. Warum waren die mir zu Aufpassern und Richtern bestellt? Warum? – Sind sie besser als ich oder reifer? –

Ich würde mich schämen, wenn ich nur die Hälfte so dumme Streiche machte wie die.

Sind sie klüger als ich? – Ich möchte wissen wo!

Da sind sie nun im Gymnasium, haben die besten Lehrer – und sind so faul, daß sie die eine Hälfte ihres Pensums nicht wissen und die andere Hälfte abschreiben.

Und ich mit meinem glühenden Wissensdurst und meiner ungewöhnlich guten Auffassungsgabe werde mit dem Bröckchen der Mädchenschulerziehung abgespeist und alle Werte der Menschheit erhalte ich ad usum Delphini zurechtgemacht – wenn Du soviel Latein verstehst, Mamachen.

Und dann in anderer Beziehung: Ich will nicht davon sprechen, welche Sorte »Flammen« Alfred und Heinrich haben, aber daß meine Brüder die Frechheit besitzen, über meine Liebesgefühle zu Gericht zu sitzen, das ist nicht zu ertragen!

Warum soll ich denn weniger empfinden als sie? Habe ich denn nicht auch Fleisch und Blut und Nerven und Empfindungen? – Na, lassen wir das. Ich ärgere mich bloß, wenn ich daran denke.

Und ich will mich nicht ärgern, sondern selig sein, daß ich jung bin, und daß das Leben schön wird. Vorläufig stehe ich ja noch davor wie vor einem verschlossenen Garten. Die Mauer ist hoch, aber drüber her hängt doch manch ein Blütenzweig. Der zeigt mir an seinen kleinen, rosigen Blüten, wie süß die tausend Frühlingswunder sein müssen, die hinter der Mauer sind – im Garten des Lebens.

Ich wollt', ich dürfte schon hinein!

Monika.«



2.

Monika fügte sich besser in die Hausordnung, als man es nach dem ersten wilden Tage erwarten durfte. Sie war von überquellender Herzlichkeit zu ihrer Tante, die sie sehr liebte, weil sie sie so schön fand.

Mit dem Onkel stand sie auf einem lustigen Neckfuß: nur mit Marie konnte sie zu keinem wärmeren Tone gelangen. Marie verhielt sich allem Entgegenkommen Monikas gegenüber durchaus ablehnend. Sie hatte eine instinktive Abneigung gegen das vollsaftige junge Geschöpf mit dem heißen Hirn und dem heißen Herzen.

Die Cousinen sahen sich selten allein. Nur wenn Marie mal irgendein Anliegen an Monika hatte, bat sie sie in ihr Wohnzimmer. Und Monika tat ihr gern jeden Gefallen.

Uebrigens beneidete Marie die Cousine nicht etwa um ihre kleinen Talente. Sie sah auf Monika herab mit der ganzen Sicherheit, die die feste Position ihres Vaters ihr gab, und fühlte sich als einziges Kind des sehr wohlhabenden Herrn von Holtz dazu berechtigt, Ansprüche an ihre Zukunft zu stellen.

Sie betrachtete Monika als tief unter sich stehend, gleichsam ausgeschieden aus den Reihen der guten Gesellschaft in ihrer Eigenschaft als Tochter einer vermögenslosen Witwe.

»Du wirst natürlich Dein Lehrerinnen-Exa­men machen,« sagte sie ihr.

»Ich denk' nicht dran!« trotzte Monika.

»Na, was sollst Du denn sonst tun? Deinen Lebensunterhalt mußt Du Dir doch mal verdienen und für ein Mädchen aus unseren Kreisen gibt es doch keine andere mögliche Erwerbsart.«

»Ich könnte doch Schriftstellerin werden: die sollen ja so 'ne Menge Geld für Romane kriegen,« warf Monika ein.

Marie stimmte ein Hohngelächter an:

»Ach, mach' Dich doch nicht lächerlich. Schriftstellerin! – Als ob das so leicht wäre! Denkst Du, mit Deinen paar Verschen ist sowas zu machen? Du und Schriftstellerin!«

»Will ich auch gar nicht! Hab' ich eben bloß so gesagt. Ich bin viel zu hübsch, um Schriftstellerin zu werden! Ich heirate einen Prinzen und lade Dich zur Hochzeit ein, obwohl Du es nicht um mich verdient hast.«

»Rede doch kein Blech!« Marie wurde nun im Ernst ärgerlich.

Aber Monika ließ sich nicht stören.

»Sollst mal sehen: einen Prinzen! Einen mit blauen Augen und weißblonden Haaren und einem süßen, kleinen Schnurrbärtchen, so wie ein Würstchen geschoren. Riesig groß muß mein Prinz sein und ganz schlank und wahnsinnig elegant. So hohen Stehkragen und als Krawattennadel eine Perle für zehntausend Mark!«

Nach diesem Trumpf trat Monika einen beschleunigten Rückzug an, da Marie in einen bedenklichen Grad von Wut geraten war.

Marie rächte sich dann auch grausam für Monikas »Größenwahn«, als an diesem Tage die Nachmittagspost die Journalmappe brachte.

Monika fand Marie behaglich ausgestreckt auf dem Teppich liegen, die zweiundzwanzig verschiedenen Journale malerisch um sich herumgruppiert.

Monika legte sich sofort auch bäuchlings auf den Teppich und pürschte sich langsam und vorsichtig an ihre Cousine heran.

»Du, Mariechen . . .«

Ein kühler Blick ward ihr zuteil.

»Du wünschest?«

»Würdest Du mir vielleicht erlauben, daß ich auch was davon lese?«

»Nein.«

»Nur, was Du schon gelesen hast.«

»Bedaure.«

»Ach, sei doch nicht so! Ich möchte doch so sehr gern. Gib mir bloß irgendeine ganz kleine Zeitschrift!«

»Nein.«

»Und warum nicht?«

»Weil man einem Mädchen von Deinen Anlagen keine Romane in die Hand geben darf.«

Aufseufzend ging Monika hinaus.

»Alter Zeitungstiger!« rief sie ihrer Cousine noch zu, die sich aber dadurch nicht stören ließ, sondern weiter in ihren Zeitschriften schwelgte.

Monika saß indessen mit bitteren Gefühlen in ihrem Zimmer und rauchte eine dem Onkel »gestriezte« Zigarette.

Die schlechte Behandlung weckte wieder alle ihre oppositionellen Instinkte, die jetzt mehrere Tage lang geschlummert hatten.

Ein kühner Griff nach der geliebten Pelzmütze, und gleich nachher lief Monika eilfertig ins Dorf hinunter.

Zuerst fünf Minuten hinein zur Liese, die sie mit lärmender Freude begrüßte und tiefunglücklich war, daß Monika »nur auf so ein Augenblickchen« gekommen war.

»Ich will zu Doktor Rodenberg, Liese. Tante läßt mich nicht hin, obwohl ich ihr gesagt habe, daß ich ihm Grüße von Mama bringen soll.«

»Na, denn lauf' man hin, Monchen. Dem Doktor is die Freude zu gönnen, daß er Dir mal sieht. Lange leben tut der nich mehr, der sauft sich ja zu Tod!«

»Pfui, Liese, wie kannst Du sowas sagen! Der sauft gewiß nicht. So 'n superiorer Mensch wie der Doktor!«

»So 'n was?«

»Ach, das verstehst Du doch nicht. Nun gib mir schnell noch 'n Kuß und komm bald mal zu uns. Tante hat gesagt, wenn ich Dich sehen wollte, müßtest Du mich besuchen und nicht ich Dich. Also komm bald. Ja?«

Die Liese brummte etwas vor sich hin, was nicht gerade eine Schmeichelei für Frau von Holtz bedeutete, und sah Monika dann nach, die die Dorfstraße weiterstürmte.

Immer geradeaus, bis es rechts und links keine Bauernhäuser mehr gab und endlos sich die verschneite Landstraße dehnte.

Auf freiem Felde lag Doktor Rodenbergs kleines Haus. Ein häßliches Haus war's aus roten Ziegeln. Auf der Haustür ein Schild, das anzeigte, wann der Dr. med. Ernst Rodenberg seine Sprechstunden abhielt.

Monika riß heftig an der Klingel, die mit wahrhaft ohrenbetäubendem Lärm anschlug.

Eine große, hagere Greisin öffnete die Tür.

Die sonderbar geformte weiße Haube auf ihrem Kopf gab ihr etwas Nonnenhaftes. Ihr Gesicht sah aus, als habe es einer der primitiven Meister des Mittelalters aus Holz geschnitzt. In ihren hellgrauen, gleichsam verblaßten Augen war der Ausdruck eines steinernen Schmerzes.

»Den Doktor wollen Sie sprechen? Ja, mein Sohn ist hier.«

Sie öffnete eine Tür. Ein Geruch von Jodoform quoll Monika beißend entgegen.

Der Doktor saß an seinem Schreibtisch und drehte sich nicht um, als Monika eintrat und die Tür hinter sich ins Schloß drückte.

»Herr Doktor . . .«

»Ja, sofort.«

Er schrieb noch ein paar Augenblicke, dann wendete er sich um und musterte erstaunt das junge Mädchen.

»Doktor, wer bin ich?« fragte sie strahlend.

»Gott, die Mone!« rief er, »die Mone . . .«

Mit zwei Schritten war er bei ihr und schüttelte ihr die Hände.

»Wie lieb, daß Du gekommen bist! – Daß Du hier bist, habe ich im Preußischen Adler schon gehört, aber ob Du herkommen würdest . . .«

»Na ob,« sagte Monika und blickte ihm lachend ins Gesicht.

Sie sah jetzt erst, wie verändert dieses Gesicht war. Die früher so schönen Züge begannen zu verfetten und ein trüber Glanz glomm in den dunkeln Augen.

Seine Musterung dagegen fiel äußerst befriedigend aus.

»Hübsch bist Du geworden, Mone, und wirst noch hübscher sein in drei Jahren.«

Er betrachtete sie genau in dem hellen Nachmittagslicht.

»Von der Mama hast Du gar nichts. Das ist der Vater, das ist Birkenscher Wuchs: die breiten Schultern und die schmalen Gelenke. Und auch das Birkensche Gesicht. Nur nicht so kalt siehst Du aus wie die alle . . . Die Wärme, Mone, die Wärme hast Du doch von der Mama.«

Das war ein Fragen und Antworten, ein Plaudern und Lachen hin und her.

Die steinerne Mutter, die hereinkam, um Tee zu bringen, bekam einen förmlichen Schreck vor Erstaunen.

Wie lange war es doch her, daß ihr Sohn nicht mehr gelacht!

Monika schwelgte in »Jugenderinnerungen«.

»Lieber Doktor, da ist gar nichts zu lachen. Ich erhalte das aufrecht: Jugenderinnerungen! Es sind ja ganze sechs Jahre, daß ich Sie nicht mehr gesehen habe. Ich war ein Gör von zehn Jahren, als wir von hier wegzogen.

Lieber, lieber Doktor, wissen Sie noch, wenn Sie mich jeden Morgen zum Spazierengehen abholten. Ach, war das schön, wenn Sie mich jede Pflanze kennen lehrten und jeden Stein, jeden Käfer und jeden Schmetterling. – Aber das schönste war doch, wenn Sie mir erzählten: Trojas Untergang oder von Siddharda, dem indischen Königssohn. Oder vielleicht war die germanische Mythologie doch noch schöner. Ach, Baldurs Tod oder wie Schwanhild von den gotischen Rossen zerstampft wurde. Und die Götterdämmerung. – Ich kann Ihnen ja nie genug für das alles danken. Das sind die stärksten Eindrücke meines Lebens gewesen. Ich glaube, so ein nagelneues, taufrisches Kindergehirn nimmt die Eindrücke wohl am allerschärfsten aus. Ja?«

»Ach, Du kleine Weisheit. – Na, und wer ist inzwischen Dein Lehrmeister gewesen?«

»Niemand,« seufzte Monika. »Der Papa hat sich ja nie für solche Sachen interessiert, und die letzten Jahre war er ja auch so krank, der arme Papa. Und Mama, ach, der bin ich ja schon lange über den Kopf gewachsen.«

»Du Gelbschnabel.«

»Doktor, es ist doch wahr! Die Mama ist eine liebe, süße Frau! Aber sie ist so kindisch!«

»Wirst Du wohl nicht so despektierlich reden, Du Racker! Das glaube ich schon, daß sie Dich nicht klein kriegt!«

»Nein, und in der Schule haben sie mich auch nicht klein gekriegt. Seit Oktober mit der Ja durch, Doktor, ein Jahr jünger als alle andern und prima omnium natürlich. Das wundert Sie doch nicht, alter Mentor? Mama hat mir oft genug erzählt, daß Sie mich schon im zarten Kindesalter für »geistig abnorm begabt« erklärt haben. Inzwischen hat sich das ja etwas ausgeglichen und es gleicht sich wohl noch weiter aus. Wenn ich heirate, werde ich wohl einen normalen Geist aufzuweisen haben, und wenn ich silberne Hochzeit feiere . . .«

Der Doktor lachte Tränen.

»Mone, Du warst immer eine Perle und das bist Du geblieben.«

Als das junge Mädchen gegangen war, verfiel Rodenberg wieder in das stumme Brüten, das er sich in den letzten Jahren angewöhnt hatte.

Seine Gedanken flogen zurück in die Zeiten, von denen Monika gesprochen.

In der geistigen Vereinsamung, in der er hier immer gelebt, war es ihm geradezu ein Genuß gewesen, die empfängliche Kindesseele zu bilden, Monikas auffallend früh entwickeltem Geiste stets neue Nahrung zu geben. Mit dem Interesse des Arztes und Forschers hatte er beobachtet, wie gierig das Kinderhirn jeden Eindruck verarbeitete, wie jedes Wort auf fruchtbaren Boden fiel.

Für den Doktor war es ein Schlag, daß Birkens fortzogen. Es wäre ihm eine wahrhafte Freude gewesen, Monika auch fernerhin geistig zu formen. Auch war das Birkensche Haus das einzige, in dem er verkehrte. In seinem öden Leben war die strahlende Freundlichkeit der Baronin Birken ein Lichtpunkt gewesen.

Die lebhafte, hübsche Frau mit der unnatürlich schlanken Taille und der kunstvollen Frisur hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den Doktor.

Sie war liebenswürdig, kokett, sehr kapriziös, dabei ohne jede Energie – ein schlankes, schwankes Schilfrohr.

Es hatte mal eine Zeit gegeben, wo sie dem Herzen des Doktors gefährlich gewesen war. Ein paar unvergessene Sommerabende auf des Herrenhauses Terrasse, während vom Park herauf der Flieder duftete.

Ja, so hatten die Fliederbüsche wohl nie wieder geblüht wie in dem Jahre – in so lastender Fülle – und so betäubend hatten sie wohl nie mehr geduftet wie damals.

Baron Birken war, wie so oft, bei »seinem« Regiment in Hahndorf gewesen. Und der Doktor las auf der Terrasse Frau von Birken vor: Mirza Schaffys Gedichte.

Er hatte die heißen Worte gesprochen, wie man nur sprechen kann, wenn man liebt!

Und ihre Augen schienen Antwort zu geben auf all seine stummen Fragen . . .

Eine trunkene Hoffnung schwellte in diesen Tagen des Doktors ganzes Sein.

Nicht lange nachher wurde er zu einem Gartenfest nach Sarkow geladen. Da sah er, daß die hübsche Schloßherrin, wenn sie mit Kerkow von den Hahndorfer Dragonern sprach, genau ebenso liebevoll und verständnisinnig aussah wie an jenen Abenden, als der Flieder blühte.

Und als der schöne Schmettwitz erschien, hatte sie nur für dessen Hünenfigur noch Augen und strahlte förmlich vor Glück, als sie mit ihm die Polonäse schritt.

Der Doktor überwand die Enttäuschung schnell und freute sich nun nach Ueberwindung der sentimentalen Krise, ohne Nebengedanken des freundlichen Empfanges, dessen er auf Sarkow immer gewiß war. Der Hausherr war ein brillanter Gesellschafter, und Frau von Birken legte beim Erscheinen des Doktors regelmäßig eine Freude an den Tag, als ob sie einen geliebten Freund nach langjähriger Trennung wiederfände.

Sie war dann in reizender Weise um den Doktor besorgt, besonders in kulinarischer Beziehung leistete sie Ueberraschendes. Jedesmal gab es eine ganze Reihe ausgezeichneter Gerichte, deren Zubereitung sie womöglich selbst überwachte.

So oft es ihr ihr Gatte, der diese Art sehr unvornehm fand, auch verboten, sie fand doch immer wieder »ein Momentchen«, um in die Küche hinunterzulaufen und dort der Bertha, der in Birkens ganzem Bekanntenkreise berühmten alten Bertha, nochmals einzuschärfen:

»Aber recht viel Schmand an die Sauce, Bertha,« oder »daß mir die Kaulbarsche bloß nicht zu lange kochen.«

Bertha pflegte diese Ermahnungen nur mit einem verachtungsvollen: »Weeß ich alleene!« zu beantworten.

Ja, als der Doktor einmal krank war und sich recht verlassen und elend fühlte, allein in seinem Hause mit einer bäuerlichen Aufwärterin, hatte Frau von Birken ihm täglich alle Mahlzeiten hinausgeschickt und sich, was die Menüs anbetraf, geradezu selbst überboten.

Daß ihre Gefühle nicht nur im Materiellen wurzelten, bewies sie sowohl durch die Blumensträuße, die sie den nahrhaften Gaben beifügte, als auch durch die ausgewählten Büchersendungen.

Ja, sie war schon eine liebe Frau.

Und sie blieb sich gleich.

Man konnte kein Aelter-, kein Reiferwerden an ihr konstatieren.

Sie hatte ihre backfischhafte Koketterie noch, als die Kinder heranwuchsen, als Alfred schon ein großer Quintaner war und Monika schon den Trojanischen Krieg in unleugbar talentvollen Versen besang.

Ja, Monika! – Die war wohl des Doktors reinste Freude gewesen. Die anbetende Bewunderung und das grenzenlose Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, ihr glühendes Miterleben, wenn er ihr von den uralten Märchen der Menschheit sprach, wenn sie bittere Tränen vergoß um das Schicksal des männermordenden Peliden oder selig strahlte über eine gelungene List des edlen Dulders Odysseus.

Mit der Freude, die ein Gärtner hat, wenn an einer von ihm gezogenen Pflanze eine neue Knospe sprießt, war er ihrer Entwicklung gefolgt.

Aber schon als sie zehn Jahre alt war, hatte der Birkensche finanzielle Zusammenbruch, der die Familie veranlaßte, nach Berlin zu gehen, Monika seinem Einflusse entzogen.

So wie er sie heute wiedergesehen, versprach sie viel für die Zukunft, versprach, körperlich und geistig ein Edelexemplar zu werden.

Wieviel sie davon halten würde?

Ein müdes Zucken hob die Schultern des Doktors.

Er hatte schon zu viele schöne Knospen gesehen, die gar vulgäre Blumen wurden.

Und dann – es war ja schließlich gleichgültig – es war ja alles so gleichgültig.

Mit müder Gebärde schenkte er sich aus der Rumflasche ein und blies in dichten Wolken den Qualm seiner billigen Zigarre vor sich hin. –

Als Monika zu Hause ankam, ziemlich beunruhigt, wie diese neue Durchgängerei wohl aufgenommen werden würde, kam sie zu ihrer großen Freude völlig unangefochten in ihr Zimmer.

Sie war eben daran, mit einigen energischen Bürstenstrichen ihr zerzaustes Haar zu ordnen, als Auguste, das sechzehnjährige Abwaschmädchen, das eine besondere Zuneigung zu Monika entwickelte, hereinpolterte.

Sie erzählte in dem besten Deutsch, das sie aufzubringen vermochte, daß bei der Gnädigen Besuch aus Hahndorf sei und sie und Fräulein Marie und die Gäste eben im Salon Kaffee tränken.

»Hat Tante schon nach mir gefragt?« sagte Monika hastig.

Auguste bejahte, fügte aber mit verschmitztem Grinsen hinzu, sie habe dem Diener gesagt, Fräulein Monika sei in den Ställen und werde wohl sofort wieder hereinkommen.

»Schönen Dank, Auguste. Und jetzt hilf mir mal die Bluse zuhaken.«

Mit Blitzgeschwindigkeit hatte Monika eine andere Bluse übergeworfen.

Besuch aus Hahndorf! Also jedenfalls Dragoner! – –

Um so enttäuschter war sie, als sie im Salon nur Damen fand.

»Ach, Monika, ich ließ Dich schon herbitten,« sagte die Tante – und dann zu der neben ihr sitzenden Dame gewendet: »Meine Nichte Monika Birken.«

»Ah, Baroneß Birken,« sagte die hagere, ältliche Dame mit einer offiziersmäßig scharfen Stimme, »ich habe Ihren Papa gut gekannt.«

Und ohne eine Entgegnung Monikas abzuwarten, wandte sie sich wieder zu Frau von Holtz, die ihrer Nichte einen Wink gab.

Gehorsam ging Monika zum Erker, in dem ihre Cousine mit einer jungen Frau saß.

Marie machte sie bekannt. Es war die Frau des Regimentsadjutanten von Roßberg. Sie war lang, schlank und häßlich. Im übrigen seit acht Wochen verheiratet, wie sie Monika in den ersten fünf Minuten erzählte.

»Wonnegrinsend« erzählte, konstatierte Monika in ihrem Innern und sah wie gebannt auf die langen Vorderzähne, welche die junge Frau beim Lachen enthüllte.

Marie behandelte ihre Freundin mit ostentativer Verehrung, Hochachtung und Zuneigung.

Monika war ganz erstaunt über die Gefühlstöne, welche die sonst so bittere Cousine anschlug.

»Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir gebangt habe, Trudchen. Es war trostlos einsam.«

»Nun, Du hattest ja Gesellschaft an Deinem Cousinchen,« sagte die junge Frau höflich.

Marie zog ein Gesicht, beredter als tausend Worte.

Und Monika sagte mit der ihr eigenen fröhlichen Unbefangenheit:

»Meine Cousine kann mich nämlich nicht ausstehn, Frau von Roßberg.«

»Ach, rede doch nicht so,« sagte Marie ohne jede Ueberzeugung, und dann zu ihrer Freundin gewendet:

»Mone ist doch gar nicht in einem Alter mit mir, Trudchen. Noch keine sechzehn und noch gar nicht in die Gesellschaft eingeführt – –«

»Aber zu unserem Balle kommen Sie doch wohl mit, Fräulein von Birken?«

»Welcher Ball?«

Marie fuhr dazwischen. »Ich glaube nicht, daß Mone hier schon ausgehn soll.«

»Ein Ball in Hahndorf?« fragte Monika aufleuchtend.

»Ja, unser erster Regimentsball diesen Winter. Frau von Teufel zur Holl wollte mit Ihrer Tante etwas besprechen wegen lebender Bilder, und da bin ich mitgefahren, um Mariechen zu sehn.«

»Frau von Teufel zur Höll?« wiederholte Monika begeistert und mit so wenig gedämpfter Stimme, daß Marie sie ärgerlich in den Arm kniff.

»Ja, die Dame, die dort mit Ihrer Tante spricht, die Gattin unseres Etatsmäßigen.«

»Ach, welch schöner Name, welch fabelhaft schneidiger Name,« wiederholte Monika ganz begeistert.

»Von Teufel zur Höll, so möchte ich mal heißen. Hat Ihr Etatsmäßiger nicht irgend einen unverheirateten Bruder?«

Frau von Roßberg brach in Lachen aus, in das albern klingende, grinsende Lachen, das ihr eigentümlich war.

Frau von Teufel zur Höll rief herüber: »Nun, die Jugend amüsiert sich wieder mal ausgezeichnet. Da werden wohl Pläne für unsere lebenden Bilder entworfen. Entwickeln Sie nur recht viel Erfindungsgabe, meine Damen. Wir möchten diesmal etwas ganz Apartes bringen.«

Monika näherte sich, förmlich wie von einer magischen Gewalt gezogen, der Sprecherin. In ihren Augen stand eine so intensive Anteilnahme, daß Frau von Teufels eisiger Gesichtsausdruck einem halben Lächeln Platz machte:

»Na, das Tanzfieber fängt wohl jetzt schon an?« sagte sie.

»Darf ich denn mit?« fragte Monika.

Ungläubig klang's und doch lag schon ein Jubel darin.

Frau von Holtz neigte lächelnd den schönfrisierten, weißhaarigen Kopf.

Da flog Monika auf ihre Tante zu und umarmte sie in so kindlich echtem Jubel, daß sogar Frau von Teufel zur Holl – im Regiment selbstverständlich »die Teufelin« genannt – ihr darob nicht böse sein konnte.

Monika hatte sich noch nicht beruhigt, als die Damen gegangen waren. Im Gegenteil: ihre Freude äußerte sich in Ausbrüchen, die ihre Cousine als »geradezu indianerhaft« bezeichnete. Aber urplötzlich schlug der Jubel ins Gegenteil um. Mit tragischem Gesichtchen erinnerte sich Monika, daß sie »nichts, aber absolut nichts« anzuziehen habe. Frau von Holtz beruhigte sie: selbstverständlich würde für sie ein Kleid geschneidert werden und Marie müsse auch ein neues haben. »Morgen früh kommt Mine Petermann,« fügte sie verheißungsvoll hinzu.

Und am nächsten Morgen um zehn Uhr war Mine Petermann da, – die unförmlich dicke Gestalt in ein prallsitzendes, schwarzes Kleid gezwängt, – auf dem mächtigen Busen eine ganze Armee von Stecknadeln, – um die Taille eine grüne Schnur, an der die Schere hing, und unterm Arm eine ganze Ladung Mode-Journale.

Auch Stoffmuster hatte Mine schon da, war in aller Herrgottsfrühe schon nach Neustadt hin- und zurückgestiefelt und hatte sich bei Kaufmann Kleinmichel Proben vom »Neuesten, Schönsten und Modernsten« geben lassen.

Ja, die Mine war eine rührige Person, – nicht umsonst beehrte die ganze Nachbarschaft sie seit zwanzig Jahren mit ihrer Kundschaft.

Das war ein gar wichtiges Fragen und Beraten, was nun begann.

Mine war vor dem Beginn erst im Vorzimmer mit einem Glase Portwein und zwei Buttersemmeln mit Leberwurst gestärkt worden, was erfahrungsgemäß ihre Inspiration sehr anzuregen pflegte.

Sie ging auch gleich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit, erklärte, für das gnädige Fräulein Marie sei »Empire« wie geschaffen.

Begeistert tippte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger auf ein Modell: ein verführerisches Dämchen zeigte dort ihre Reize in einem überaus anschmiegenden Empirekleide aus nilgrüner Seide mit Perlenstickerei.

Frau von Holtz wiegte bedenklich den Kopf, enthielt sich aber einstweilen jeder Meinungsäußerung, wogegen Marie, kaum daß sie einen Blick auf das Modebild geworfen, ihre lebhafteste Abwehr zu erkennen gab. Sie erklärte diese Mode »für direkt schamlos« und »hätte Fräulein Petermann mehr Geschmack zugetraut«!

Das dicke, alte Fräulein zog ein beleidigtes Gesicht, zeigte aber doch pflichtgemäß alle Abbildungen, die vorhanden waren. Vor Maries Augen fand nichts Gnade. Und ihre Miene entwölkte sich auch nicht, als nun Frau von Holtz selbständige Anregungen gab, und mit der ganzen Liebe einer Mutter sich mühte, etwas recht Vorteilhaftes für ihr Kind zu finden.

»Ich denke, Mariechen, als Farbe rosa. In rosa siehst Du nicht so blaß aus. Und ums Décolleté einen Chiffon-Volant, oder lieber zwei, das macht Dich schön breit in den Schultern.«

»Ich will aber nichts vortäuschen.«

»Aber, Kind, was für Ausdrücke.«

»Ich glaube, Marie möchte am liebsten mit 'nem Trotteurrock und 'ner Bluse mit 'nem Stehkragen zum Ball gehn,« rief Monika, die die Cousine oft mit ihrer Vorliebe für die etwas nüchterne Kleidung neckte.

»Du kannst Dir Deine Naseweisheiten sparen,« rief Marie, und auch Frau von Holtz warf ihr einen ernst verweisenden Blick zu: ihr war die momentane Situation zu ernst, um sie durch Witze unterbrechen zu lassen. »Also, glaube mir, Mariechen, oben die Volants und den Rock unten weit ausfallend, eine recht steife Balayeuse unten hinein – –«

»Ach, mach's nur, wie Du willst,« sagte die Tochter übellaunig. Ihre Miene heiterte sich auch nicht auf, als Fräulein Petermann ihr Maß nahm. Die dicke Dame erklärte, das gnädige Fräulein habe seit letztem Winter um zwei Zentimeter Brustumfang zugenommen. Frau von Holtz zeigte sich über diese Neuigkeit sehr erfreut, aber Marie sah die Mine nur verachtungsvoll an und sagte dann: »Denken Sie sich doch mal was Neues aus, Mine – denn das mit dem Brustumfang behaupten Sie ja doch jedesmal!«

Mine überhörte mit parlamentarischer Gewandtheit die Bemerkung und diskutierte eifrig mit Frau von Holtz über die Blumen, die zu der rosa Toilette getragen werden sollten. »Heckenröschen« fand beiderseits Billigung, aber Marie schrie förmlich vor Empörung.

»Heckenröschen, – warum nicht lieber Gänseblümchen?! Schrecklich! Ich will überhaupt keine Blumen.«

Allgemeines Entsetzen folgte diesem Ausspruche. Besonders Frau von Holtz war völlig zerschmettert.

»Marie, ein junges Mädchen ohne Blumen auf dem Ball?! Wenn Du mir das antust – –«

»Ich kann doch nu mal all das Grünzeug nicht leiden! Und es paßt auch gar nicht zu mir.«

Frau von Holtz erhob sich, jeder Zoll gekränkte Königin.

»Dann gehen wir nicht auf diesen Ball. Fräulein Petermann, Sie sind entlassen.«

Monika wurde blaß bis in die Lippen.

Und auch die herbe Marie bekam einen hörbaren Schreck. Das wurde Ernst!

Wenn Mama »Fräulein Petermann« sagte statt »Mine« – –

Sie lenkte also ein, in mürrischer Weise, – aber ihr Stolz war gebrochen. Sie gab klein bei. Nur »Heckenröschen« sollte die Mama ihr nicht antun.

Man einigte sich also auf Akazienblüten.

Und dann – endlich! – wurde an Monika gedacht.

Das war leichtere Arbeit. Sie zeigte sich von allem entzückt: was man ihr vorschlug, fand sie alles »großartig« und »feenhaft« und strahlte vor Seligkeit, als Frau von Holtz sich dann für hellblau entschieden, rund ausgeschnitten, als Garnierung Kirschblütenzweige.

»Und auch ins Haar? Auch ins Haar Kirschblüten?!« fragte Monika flehend.

»Ja.«

Sie verstummte vor Begeisterung.

Und in Frau von Holtz stieg es wie ein bitteres Gefühl auf: wenn doch Marie etwas von Monikas warmherzigem Wesen gehabt hätte, von ihrer glücklichen Gemütsart, ihrer Dankbarkeit.

Und am Tage des Balles war es wieder ein Vergleich, der sich der Mutter aufdrängte, als sie die beiden in ihrem Staat sah.

Marie, deren Hagerkeit das duftige Kleid nicht milderte, mit dem straff frisierten Haar, von dem die Akazienblüten steif abstanden, und daneben Monika, die in ihrem Ballstaat eine ganz andere schien. Die wenig hübschen Kleider, die sie sonst trug, hatten ihrer blühenden Jugend Eintrag getan. Das Hellblau ihres neuen Kleides hob ihren prächtigen Teint hervor, – der runde Ausschnitt enthüllte vollendet schöne Schultern und Arme und darüber lachte das selige Kindergesicht, gutmütig strahlend, lebensdurstig, durstig nach Glück!!

Der Ball wurde für Monika ein Erfolg.

An und für sich war es für die Hahndorfer Dragoner ein Ereignis, wenn ein »neues« junges Mädchen auftauchte. Waren doch nur zwei unverheiratete Damen im Regiment: die Kommandeurstöchter, und mit denen tanzte man nun glücklich den dritten Winter, und außerdem waren sie nichts weniger als hübsch.

Möglich, daß jede von ihnen an sich ganz nett gewirkt haben würde, aber man sah sie immer zusammen – und zusammen sahen sie geradezu komisch aus. Violette – sie hieß tatsächlich Violette – ihre verstorbene Mutter hatte ein faible für poetische Namen gehabt – gab an Größe dem längsten Leutnant des Regiments nichts nach, und an Breite übertraf sie ihn bedeutend. Sie hatte große, runde blaue Augen, einen Helm von goldblondem Haar und wäre als Urbild einer germanischen Heldenjungfrau gar nicht übel gewesen, wenn man nicht beständig Erika neben ihr gesehen hätte.

Erika war so ziemlich das Kleinste und Zierlichste, was man sich vorstellen konnte, ein wahres Porzellanpüppchen! Dazu eine Fülle dunkelsten Haares und zwei ausdrucksvoll dunkle Augen in einem Spitzmausgesichtchen.

Sie ließ ihre Schwester ungeschlacht erscheinen und dabei sah sie neben dieser Schwester »nach gar nichts« aus, – kurz, sie beeinträchtigten sich gegenseitig auf das schärfste.

Die Leutnants pendelten ratlos zwischen ihnen hin und her, und das Resultat war, daß immer noch keine von ihnen verlobt war, obwohl ihr Vater keinen innigeren Wunsch hegte.

Außer den beiden waren an jungen Mädchen nur noch einige Gutsbesitzerstöchter aus der Umgegend erschienen, die keine besonderen Attraktionen boten. Und nun eine »Neue«! – Und noch dazu die Tochter eines alten Herrn vom Regiment, des »fidelen Birken«, von dessen Taten man genug gehört. Und noch dazu Monika, die in den ersten fünf Minuten mehr gute Witze gemacht als sonst ein halbes Dutzend junger Mädchen zusammen.

Nachdem sie in möglichster Eile den Damen ihren Knix gemacht, widmete sie sich völlig den Leutnants und entfesselte durch ihre Konversation derartige Lachstürme, daß man im Reiche der Mütter bedenklich die Köpfe zusammensteckte.

Die jungen Frauen fanden den »Kiekindiewelt« empörend, die jungen Mädchen erklärten sie für »schamlos kokett«.

Monika aber ließ sich die unverhohlene Mißbilligung, die ihr von weiblicher Seite zuteil wurde, nicht anfechten. Sie benahm sich übermütig froh. Ihr war zumute wie in einem Rausch: mit all ihrer unverbrauchten Begeisterung genoß sie diese Stunden, genoß den hohen Saal mit dem strahlenden Licht, die flirtenden Leutnants, die Bewunderung, die aus so viel Männeraugen sprach, und den Tanz, den Tanz, in dem sie selig dahinglitt.

Schade, daß diesem Rausch so bald eine Ernüchterung folgte!

Schon im Schlitten, der die Familie Holtz nach Hause fuhr, begann Marie die Schale ihres Zornes über Monika auszuschütten. Sie sparte nicht mit den schärfsten Ausdrücken, und Frau von Holtz tat ihr nicht wie sonst Einhalt, sondern schwieg verstimmt.

Nur der Onkel, der, bevor er sich zum Whist niedergesetzt, eine Weile dem Tanze zugesehn, wiegte gutmütig den Kopf und murmelte schlaftrunken vor sich hin:

»Die Marjell, – genau wie die Mali! Kokett – kokett.«

Die anderthalb Stunden Fahrt wurden für Monika ein Martyrium.

Sie seufzte hörbar und erleichtert auf, als endlich, endlich der Schlitten zu Hause hielt. Der Schnee knirschte scharf unter den Schlittenkufen. Und ehe noch die Pferde ganz zum Stehen gebracht waren, setzte Monika mit mächtigem Schwunge hinaus und rannte, ohne jemand gute Nacht zu sagen, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.

Eine eisige Kälte empfing sie: die taperige Auguste hatte wohl wieder mal vergessen, nachzulegen.

Aber Monika störte die Kälte nicht. Rann doch ihr Blut so brennend heiß durch die Adern! Sie stellte sich vor den Spiegel und hielt die Lampe hoch.

Also so so hübsch war sie! Die brennenden Wangen – die flammenden Lippen – die dunkeln Augen, über die sich die Lider mit den langen, schwarzen Wimpern langsam bewegten, wie wenn müde Schmetterlinge mit den Flügeln schlagen. Und darunter die blendend weiße Haut des Halses und der Schultern – – –.

Monika hätte vor Glück schreien mögen, wie neulich, als sie durch den Schnee rannte.

So hübsch war sie  – – Welch ein Glück! –

Maries Strafpredigten hatten ihr weiter keinen Eindruck gemacht. Nur daß sie bedauerte, jetzt niemanden zu haben, mit dem sie von all den Eindrücken sprechen konnte.

Nur jetzt noch nicht schlafen!

Das war doch nicht möglich, jetzt schlafen, still liegen – –

Sie summte ein paar Walzertakte vor sich hin: – – ein heißes Glücksgefühl überrieselte sie.

Noch einmal die süße, süße Melodie. – –

Monika schlief nicht viel in dieser Nacht. Aber trotzdem war sie am Morgen die einzige, die frisch in die Welt schaute.

Frau von Holtz hatte Migräne.

Ihr Gatte sah verkatert aus, ihm bekam das lange Aufbleiben gar nicht.

Marie machte einen überaus angegriffenen Eindruck, schlich, wie immer nach Bällen, mit hochgezogenen Schultern in vornübergebeugter Haltung herum und hüstelte, was ihre Eltern mit lebhafter Besorgnis erfüllte.

Frau von Holtz vergaß die eigenen Schmerzen, um Marie beständig zu Hustenbonbons zu nötigen, und Herr von Holtz rührte unter beständigem Schimpfen auf die »verfluchte Tanzerei« ein Eigelb mit Zucker, das Marie unweigerlich sofort zu essen hatte.

Am Nachmittag, als man um den Kaffeetisch versammelt war, kam Besuch: die Leutnants von Seeburg, von Hellrich und Graf Herckenstedt kamen im Krümperschlitten an und erlaubten sich »gehorsamst zu fragen, wie den Damen der gestrige Ball bekommen«.

Da die Herren sonst nie solche Lendemainvisiten gemacht, war Marie in bitterböser Laune, und mit der bei ihr üblichen Unverfrorenheit brachte sie ihre Gefühle zum Ausdruck.

Frau von Holtz mußte mehrmals vermittelnd eingreifen, wenn ihr unliebliches Töchterlein wieder eine gar zu scharfe Bemerkung gemacht.

Von seiten Monikas war keine Schroffheit zu fürchten. Im Gegenteil! Da hatte man nur in der entgegengesetzten Richtung einen Dämpfer aufzusetzen.

Wie sie jetzt den Herckenstedt wieder anstrahlte!

»Ja, getanzt haben Sie am allerbesten, Graf. Sie sind natürlich Kadiser gewesen? Die tanzen alle gut.«

»Monika, man sagt »Kadett«. Deine Art, die Worte zu verstümmeln – – – –«

»Ach, Tantchen, das kommt doch nicht so genau darauf an unter uns Leutnants – –«

Frau von Holtz fand keine Entgegnung. Es widerstrebte ihr, in Gegenwart eines Besuches unaufhörlich zu tadeln. Andererseits war ihr die burschikos-kokette Art ihrer Nichte entsetzlich.

Sie selbst war immer sehr zurückhaltend gewesen, sehr prüde, und ihre Tochter hatte diese Eigenschaft in verdreifachtem Maße geerbt.

Und zwischen ihnen beiden saß nun Monika und kokettierte mit einer Unbefangenheit, die geradezu verblüffend wirkte.

Mit einer für ihr Alter durchaus unangemessenen Sicherheit dirigierte sie die Unterhaltung, die den Leutnants zwar sehr ungewohnt, aber dafür desto interessanter war.

Marie äußerte dazu in sehr sicherem Tone Ansichten, die sich gerade nicht durch Geistesschärfe auszeichneten.

Frau von Holtz aber, die mit ihrem ganzen Sein und Wesen in den realen Forderungen des Alltags wurzelte, war ehrlich ärgerlich.

Mit einem scharfen Ruck lenkte sie das leichte Gespräch in andere Bahnen. Sie fragte, was man in Hahndorf diesen Winter noch für Vergnügungen vorhabe.

»Ja, hoffentlich werden nun bald die lebenden Bilder kommen, deren wir diesmal verlustig gegangen sind,« sagte Seeburg.

Und Hellrich erklärte Monika, es sei ewig schade darum, denn in seinem Kostüm als Griechenjüngling hätte er berauschend ausgesehen, und dann hätte sie ihn sicher nicht so grausam behandelt wie in seiner preußischen Dragoner-Uniform.

»Und warum ist mir nun eigentlich dieser Genuß entrissen worden?« fragte Monika.

»Ja, Baroneß, das liegt nur an Frau von Teufel zur Höll' – –«

»Die Teufelin,« schob Monika verständnisinnig ein.

 »Die ist nämlich höllisch –«

»Natürlich!«

»– anspruchsvoll, und so hat sie behauptet, unseren lebenden Bildern fehle der Clou.«

»Und dabei war es so reizend,« klagte Herckenstedt.

»Ich als Griechenjüngling,« betonte Hellrich.

»Ja, mit Erika von Holl als Partnerin in einem »griechischen Frühlingsidyll«. – Und Fräulein Violette von Holl als Werthers Lotte und Roßberg als Werther –«

»Das ist der hübsche Adjutant?« fragte Monika eifrig.

»Der hübsche? Dieser Ehekrüppel?« erwiderte Herckenstedt entrüstet.

Und Seeburg sekundierte: »So 'n alter, verheirateter Herr!«

»Acht Wochen verheiratet!« zitierte Monika und kopierte das Gesicht, das Frau von Roßberg immer machte, wenn sie jemandem diese welterschütternde Tatsache mitteilte.

Die Leutnants unterdrückten nur mit Mühe einen Heiterkeitsausbruch.

Marie aber wollte eben zu einer kräftigen Entgegnung ansetzen, – denn wenn jemand eine ihrer Freundinnen angriff, so faßte sie das noch schlimmer auf, als wenn es gegen sie selbst ging, – doch der gewandte Herckenstedt verhinderte den Ausbruch, indem er in möglichster Eile weitererzählte, daß noch ein Bild »Tanzstunde« geplant gewesen sei und das seit Methusalem rühmlichst bekannte: »Der Blumen Erwachen!« – – Aber alles das habe dem stolzen Sinn von Frau von Teufel nicht genügt. Nun ja, wenn man ein ganzes Jahr bei der Garde gestanden, wie die Etatsmäßige! Und so sei die Aufführung der lebenden Bilder auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

»Bis einem von uns mal was Geniales einfällt,« sagte Seeburg betrübt.

»Und dabei hätten wir bald die schönste Gelegenheit: nächsten Monat hat der Kommandeur Geburtstag,« jammerte Hellrich, der es anscheinend nicht verwinden konnte, sich nicht in seiner griechischen Schönheit zeigen zu dürfen.

»Aber das ist doch nicht so schwer, einen guten Einfall zu haben,« rief Monika. »Ich werde schon was finden.«

»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,« begutachtete Seeburg zweifelnd. Aber Hellrich zeigte sich vertrauensvoller. »Ich bin überzeugt, daß Sie was Großartiges zustande bringen, Baronesse. Sie haben so was in den Augen, – ich finde da nicht gleich das richtige Wort dafür, – wissen Sie, eben so was Besonderes.«

»Ich fürchte, Monika überschätzt ihre Fähigkeiten,« sagte Frau von Holtz, die es für geraten hielt, die Bäume nicht in den Himmel wachsen zu lassen.

Aber nun protestierten alle drei Leutnants.

Und als die Herren abfuhren, war es beschlossene Sache: sie würden der »Teufelin« Mitteilung machen, daß Fräulein von Birken sich anheischig mache, etwas ganz Apartes für die Aufführung zum Geburtstage des Kommandeurs zu erfinden.

»Da hast Du Dich ja schön in die Nesseln gesetzt,« sagte Marie schadenfroh, als das lustige Glockengeklingel des Krümpers in der Ferne verstummt.

»Warum?« fragte Monika kampfbereit.

»Weil Du einen netten Kohl zusammenschreiben wirst.«

»Abwarten!« sagte Monika lakonisch.

Nachdem sie beim Onkel Aktenbogen und Bleistift erbeutet, legte sie sich aus den Teppich und begann eifrig zu kritzeln.

Am nächsten Morgen legte sie Frau von Holtz ihr Machwerk vor, die es mit lebhaftem Mißtrauen in die literarischen Fähigkeiten ihrer Nichte las.

Wider ihren Willen fand sie es sehr nett. Aber sie traute ihrem Urteil nicht. Sie las sonst nie etwas anderes als Zeitungen, fand Poesien überspannt und war sich ehrlich bewußt, »von all diesen Sachen nichts zu verstehen«.

Marie lehnte ab, Monikas Erzeugnis zu lesen, obwohl sie vor Neugierde daraus brannte. Aber Monika sollte sich ja nicht einbilden, daß sie für ihre Dummheiten etwas übrig habe.

Mit stiller Verzweiflung sah die Dichterin, daß Tante auch nicht die mindesten Anstalten machte, das Opus nach Hahndorf abzuschicken. Und nachdem sie drei Tage in gräßlicher Nervenspannung verbracht, griff sie zu einem heroischen Mittel: sie packte ihr Werk ein und adressierte es selbst nach Hahndorf. Nicht etwa an die Teufelin. Vor der hatte sie zu großen Respekt. »Leutnant Graf Herckenstedt« stand auf dem Kuvert und auf das Manuskript hatte sie gekritzelt: »Wie Sie sehen, habe ich mein Versprechen gehalten. Hoffentlich gefällt's!«

Sie paßte den Briefträger ab und händigte ihm selbst das umfangreiche Kuvert ein. Als er umständlich die Adresse gelesen, grinste er freundlich und grinste noch freundlicher, als Monika ihm ein kleines Trinkgeld in die Hand gedrückt.

Als einige Tage später Frau von Teufel zur Höll und Frau von Roßberg zum Besuch vorsprachen, war der jungen Autorin doch recht unbehaglich zumute.

Aber ihre Besorgnisse hielten nicht lange vor, da die Teufelin ihr gleich beim Eintreten förmlich freundlich zugelächelt und dann Frau von Holtz versicherte, daß »ihre liebe Nichte wirklich eine ganz reizende Idee gehabt«.

Frau von Holtz schwebte im Unklaren, wußte nicht recht, wie sie sich zu der ganzen Sache stellen sollte, aber sie wurde auch gar nicht gefragt.

Frau von Teufel vertiefte sich sofort in ein detailliertes Gespräch mit Monika, Marie zog mit ihrer Freundin in ihre Privatgemächer, und Frau von Holtz blieb nichts weiter zu tun, als Tee zu bestellen.

Als dann dieser Tee und ein riesenhafter Napfkuchen die Parteien um den runden Tisch versammelt hatte, bat Frau von Teufel Monika, ihr Werk nun vorzulesen, damit man gemeinsam den Eindruck beurteilen könne.

Monika begann. Aber die Teufelin, der niemals etwas schnell genug ging, kam von ihrer Idee zurück. »Nein, jetzt nicht vorlesen. Ich werde einen Extrakt des Stückes geben, und dann wollen wir uns erst über die Rollenbesetzung einig werden. Also – –«

Eine kleine Kunstpause.

Marie bemühte sich krampfhaft, ihr Interesse zu verbergen, indem sie mit unbeweglicher Miene aus den Fransen der Tischdecke Zöpfchen flocht.

»Also die Szene zeigt zwei Leutnants. Der eine von ihnen, seit kurzer Zeit glücklich verheiratet, redet dem andern zu, sich endlich auch Hymens Rosenfesseln anlegen zu lassen. Der Freund versichert, daß er durchaus nicht abgeneigt wäre, daß ihm aber die Wahl arges Kopfzerbrechen mache. Hierauf verabschiedet sich der Freund. Der Junggeselle bleibt allein und schläft ein.«

Marie stieß einen höhnischen Laut aus, worauf Monika sich in Positur setzte wie ein junger Kampfhahn. Sie fragte: »Sag' mal, warum soll der Leutnant nicht einschlafen?«

»Hierauf erscheint die Phantasie und sagt dem Schlafenden, sie wolle ihm die jungen Damen zeigen, unter denen er wählen könne. Die Phantasie hebt ihren Zauberstab, und es erscheinen, begrenzt von einem Bilderrahmen, nacheinander die Typen der weiblichen Wesen, die den Leutnant mit ihrer Hand beglücken möchten: Sportdame, Salondame, Studentin. Sie alle lassen unseren Helden kalt. Aber als zum Schlusse das ganz unmodern erzogene, altmodisch-holdselige Mädchen erscheint, das bei Mama kochen lernt und in ihrem kleinen Herzen eine große Liebe für diesen Leutnant trägt, da wählt er sie zu seiner Lebensgefährtin.«

Einen Augenblick Stillschweigen.

»Der Sieg der Tugend,« sagte Monika mit bescheiden niedergeschlagenen Augen.

Frau von Holtz, der die Tendenz des Werkes erst jetzt so recht aufging, zog Monika liebevoll zu sich heran und bat ihr im stillen vieles ab.

Wie nett und moralisch das liebe Kind das doch gedichtet hatte.

Marie versuchte ihre verächtliche Miene beizubehalten.

Frau von Roßberg grinste und sagte: »Den Helden muß natürlich mein Mann spielen.«

Die Etatsmäßige, die diese Aeußerung vorlaut fand, warf ihr einen verweisenden Blick zu.

Aber im Verlaufe der Beratung ergab sich, daß tatsächlich Roßberg den Helden spielen mußte, da er der einzige Herr war, der etwas theatralisches Talent besaß.

»Und ich bin das junge Mädchen, mit dem er sich verlobt,« sagte Frau von Roßberg.

»Wir haben ja darüber noch gar nichts bestimmt,« warf Frau von Teufel ein.

»Aber er küßt sie doch.«

»Theaterkuß!« entschied die Teufelin. »Also bisher hätten wir: Ehemann: Herr von Hellrich, – der Junggeselle: Leutnant von Roßberg. Die Phantasie, – ja um alles in der Welt, wen könnten wir als Phantasie wählen?«

Monika mußte sich in die Lippen beißen, um nicht zu flehen: »Mich!!«

Sie hatte sich alles schon bis ins Detail ausgemalt: ein dekolletiertes, pfauenblaues Chiffongewand, – Orchideen in den Haaren, schillernde Schmetterlingsflügel an den Schultern.

Es traf sie wie ein Schlag, als jetzt Frau von Teufel sagte: »Ich denke, Violette Holl paßt dafür am besten. Mit ihrer stattlichen Erscheinung und den goldblonden Haaren. Also die Phantasie: Violette von Holl. – Die Sportsdame: ich!«

Ein nicht ganz zu unterdrückendes Erstaunen bemächtigte sich der Anwesenden. Niemand hatte geahnt, daß die Teufelin mitspielen wollte.

Sie selbst ging sehr schnell über diese Tatsache hinweg.

»Die Salondame: nun, vielleicht Frau von Roßberg, da das keine Rolle für ein junges Mädchen ist. Die Studentin: Fräulein von Holtz. Ich bin überzeugt, das liegt Ihnen, Fräulein Marie. Die Tänzerin: ich hatte Fräulein von Birken gedacht, aber Erika Holl bat so, ob sie nicht die Rolle haben könnte. Sie wird das ja auch sicherlich sehr graziös machen. Und das brave, junge Mädchen, ich denke, das ist für Fräulein von Birken.«

Monika machte ganz erstaunte Augen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß man sie als »ein braves junges Mädchen« bezeichnete. Sie war mit der Rolle nicht sehr einverstanden. Sie hatte sich nun mal auf die Phantasie verspitzt.

»Ich dachte: Fräulein von Birken, weil sie doch die Jüngste ist: ihr muß das Backfischhafte doch am besten liegen.«

Monika fand – ein seltener Fall bei ihr – keine Entgegnung. Sie war noch ganz in Nachdenken versunken, als die Damen schon lange weg waren, nachdem man noch verabredet, wann die erste Probe stattfinden solle.

Zwischen den Cousinen herrschte langes Stillschweigen. Endlich rang sich Marie zu einer Art Ehrenerklärung durch. »Im übrigen muß ich Dir noch sagen, Mone, die Tendenz von Deinem Dingsda ist gar nicht so überspannt, wie Du sonst bist. Daß der Leutnant das einzig häuslich erzogene, junge Mädchen nimmt, ist riesig vernünftig.«

»Was, vernünftig?! Nur ein Beweis für seine haarsträubende Dummheit ist es. In der Ehe langweilt er sich doch tot mit dieser kleinen Gans!«

»Was?!«

»Na, natürlich, ich wollte in dem Dings doch gerade zeigen, wie solch dummer Mann allen anderen das Gänschen vorzieht, bloß weil ihm das so vertraut und bequem ist: so eine Erziehung vieux jeu! – Eine Persiflage ist's!«

»Na so eine Falschheit von Dir! Das merkt doch kein Mensch, daß es eine Persiflage sein soll!«

»Wenn man's gleich merkt, dann ist ja kein Witz dabei.«

»Unerhört! Das sag' ich Frau von Teufel.«

»Dann sag' ich, Du hast mich mißverstanden: Du hast eben meine künstlerischen Intentionen nicht gefaßt.«

»Mone, Du bist gemein!«

Mit diesem vernichtenden Urteil beschloß Marie die Unterredung, verließ das Zimmer und schmetterte die Tür hinter sich ins Schloß.



3.

Heut' ist der große Tag erschienen,
Auf den so lang' wir uns gefreut – –«


Schallend klang es durchs Haus.

»Mone, Du tobst – –«

»Schlimmer als das, Tantchen, viel schlimmer! Ich werde schon kindisch, ich fühle mich in meine zarteste Kindheit zurückversetzt: ich singe das Lied, das ich im Alter von vier Jahren zu Weihnachten sang.«

Und wieder erklang es schallend:


»Heut' ist der große Tag erschienen,
Auf den so lang' wir uns gefreut – –«


»Mone!«

»Tantchen, darüber kann man den Verstand verlieren, auch wenn man davon mehr besitzt als ich! Heute bin ich fünfzehn Jahre elf Monate und zwei Tage, und heute wird schon ein Stück von mir aufgeführt, – ein Stück! Ich bin einer der frühzeitigsten Dramatiker, die es je gegeben hat.«

»Mone, Du schnappst doch noch mal über,« sagte Marie, die eben eintrat.

Aber sie sagte das nicht mit dem grimmigen Ernst, den sie sonst ihrer Cousine gegenüber anwendete. Auch sie war freudiger Stimmung, in gespannter Erwartung auf die Ereignisse des Abends.

Und dieser Abend versammelte eine fröhliche Menschenmenge im Hahndorfer Kasino.

Wie bei allen Liebhaber-Aufführungen herrschte hinter den Kulissen ein lebhaftes Durcheinander.

Violette behauptete, die Flügel der Phantasie würden nun und nimmer festsitzen, Erika jammerte, das Tänzerinnenkostüm sei viel kürzer, als sie es bestellt.

Der Griechenjüngling fluchte, weil die Bänder seiner Sandalen immer wieder »von selbst aufgingen«, kurz, es herrschte Unruhe auf der ganzen Linie.

Aber endlich erklangen die letzten Töne der Ouvertüre, die eine Rittmeistersgattin mit viel gutem Willen und wenig Talent auf dem Flügel herunterhackte.

Der Vorhang hob sich, das obligate entzückte »Ah« der Zuschauer:

Violette von Holl als Werthers Lotte, den Brotleib an den üppigen Busen gepreßt, umlagert von einer hungrigen Kinderschar – es waren sämtliche Kinder der Offiziersfamilien aufgeboten worden – in der Tür erscheinend Leutnant von Roßberg als Werther. Er machte ein entschieden unglückliches Gesicht. Ihm waren zu viel Kinder auf der Bühne. Er hatte nun mal eine unüberwindliche Abneigung gegen »Krabben«.

Zu seinem Entsetzen wurde das Bild dreimal gezeigt.

Der Oberst war ganz begeistert: er antizipierte bei dem lieblichen Anblick Großvaterfreuden.

Dann ging es programmgemäß weiter. Die »griechische Frühlingsidylle«, besonders freudig von den Leutnants begrüßt, welche Hellrich schon seit Wochen mit seinem Griechenjüngling neckten.

Dann Tasso und die Leonoren, – eine Tanzstunde im Biedermeierstil –, in mehr oder weniger gelungener Darstellung wurden Szenen aus allen möglichen Kultur-Epochen vorgeführt.

Endlich kam die große Pause, nach welcher Monikas Werk: »Die Brautwahl« steigen sollte.

Die Autorin stand in der Kulisse, schon im Kostüm ihrer Rolle: ein weißes Batistkleid, die Haare in zwei dicke Hängezöpfe geflochten, mit großen, blauen Schleifen darin. Ihr Gesichtchen wollte trotz seiner Jugendlichkeit nicht ganz zu dem harmlosen Backfischstaat passen. Für einen Kenner lag schon zu viel Ausdruck in den langbewimperten, dunkeln Augen, zu viel Bewußtsein um den vollen, roten Mund.

Monika markierte Sicherheit, sah unbeweglich zu, wie nun alles für die Szene arrangiert wurde.

Herr von Roßberg, der neben ihr stand, ließ sich aber durch ihre äußere Ruhe nicht täuschen.

»Die Angst, gnädiges Fräulein?! Was?!«

Monika sah dem hübschen Adjutanten voll ins Gesicht.

»Aber keine Spur! Ich bitte Sie, bei so einem Hauptakteur – – –«

Er verbeugte sich geschmeichelt.

Und sie lachte ihn an mit blitzenden Zähnen.

Es hatte sich aus den Proben ein kleiner Flirt zwischen den beiden entwickelt.

Entschieden war Roßberg der amüsanteste und hübscheste der Leutnants. Daß er verheiratet war, störte Monika nicht. Im Gegenteil! Sie fand das »riesig pikant«. Und außerdem fand sie ihn »viel zu hübsch für seine Frau«.

Ihr gefiel Frau von Roßberg nun mal in keiner Weise, und sie äußerte zu ihrer Cousine, Roßberg habe dieses grinsende Trudchen gewiß ihres Geldes wegen geheiratet.

Marie war außer sich gewesen, hatte ihrer Freundin alle nur denkbaren Reize zugesprochen und behauptet, daß Roßberg seine Frau schon seit Jahren glühend liebe. Sie seien Nachbarskinder gewesen, und Trudchen sei Roßbergs erste, einzige und letzte Liebe.

Monika hatte sehr interessiert zugehört, hatte dann, ungehindert durch irgendwelche Rücksichtnahmen, die sie als »Gefühlsduseleien« zu bezeichnen pflegte, weiter mit Roßberg kokettiert, der ihr in seiner leichtsinnigen Art die Cour machte.

Dieser Flirt wurde allseitig sehr harmlos aufgefaßt, selbst Frau Trudchen hatte nur ein amüsiertes Lächeln dafür. Die einzige, die die Neckereien zwischen Roßberg und Monika mit ernsthaftem Interesse verfolgte, war Marie. Mit lebhaftem Mißtrauen beobachtete sie jeden Blick ihrer Cousine, jedes Lächeln.

So auch heute wieder, als Monika und Roßberg in den Kulissen plauderten.

Von dem Platze aus, wo sie saß, konnte sie genau hören, was die beiden sich wieder zu erzählen hatten.

»Bloß noch zehn Minuten bis zum Anfang, gnädiges Fräulein.«

»Ja,« ein Angstseufzer entrang sich, aller Selbstbeherrschung zum Trotze, Monikas Brust.

»Und wir müssen doch noch üben, gnädiges Fräulein.«

»Was denn üben?«

»Na, den Kuß, den ich Ihnen zum Schlusse zu geben habe.«

Monika lachte.

»Theaterküsse brauchen nicht geübt zu werden.«

»Wenn Sie ganz lieb bitten, gebe ich Ihnen einen echten statt so einen dummen Theaterkuß, Fräulein Monika.«

»Oho, das sag' ich Ihrer Frau.«

»Können Sie dreist. Ich würde es doch nur tun, um Ihr Stück naturalistischer herauszubringen. Denken Sie, vielleicht hängt der Erfolg Ihres Werkes davon ab.«

Monika lachte, lachte so ungezwungen und laut, wie sie es trotz aller Strafreden immer tat.

»Wie wenn ein Füllen wiehert,« hatten ihre Brüder immer gesagt.

»Außerdem müssen Sie bedenken: solch verheirateter, alter Herr wie ich! Sie könnten ja meine Tochter sein, Fräulein Monika.«

»Oho, ich werde nächsten Monat sechzehn.«

»Und ich werde nächstes Jahr Oberleutnant!«

»Ach, Sie Respektperson!«

»Bin ich auch. Aus dreierlei Gründen. Erstens – –«

»Lieber Herr von Roßberg, wenn Sie jetzt nicht bald aufhören zu erzählen, werden Sie heiser und gefährden den Erfolg meines Stückes. Bitte, bitte, seien Sie still und essen Sie etwas Zuckerkand. Ich glaube, ich habe welchen mit – –«

Sie begann eifrig in ihrer Tasche zu suchen.

Indes trat Roßberg auf Marie zu und behauptete, der rote Stürmer stehe ihr famos.

Marie antwortete dem Manne ihrer Freundin nicht mit der burschikosen Herzlichkeit, die sie sonst ihm gegenüber anschlug.

Im Gegenteil! Sie wurde ironisch.

»Die Rolle heute paßt Ihnen wohl, Herr von Roßberg, ein Held, der von so vielen Damen begehrt wird« – –

Er schien gar keine Spitze zu fühlen.

»Ja, entzückend,« sagte er. »Sie haben ganz recht, die Rolle macht mir einen riesigen Spaß. Wenn nur das Auswendiglernen nicht wäre, – noch dazu Verse, gereimte Verse. Trude hat genug zu tun gehabt, mich zu überhören. So ganz tadellos geht's immer noch nicht.« – –

»Wie war das doch, Poetessa,« – er wandte sich zu Monika – »wie sage ich doch zu meinem Freunde:


Wenn ich Dich reden höre, alter Knabe,
So dünkt es mich wahrhaftig so, als ob
Auch ich Talent zum Ehemanne habe,
;Denn ich bin phlegematisch, faul und grob –«


Monika schrie beinahe vor Vergnügen. »O, Herr von Roßberg, so ist es famos, viel hübscher, als ich es gedichtet habe. Sagen Sie's so! Ja?«

»Ich werde mich schön hüten!« erwiderte er ausdrucksvoll und ging seiner Gattin einen Schritt entgegen, die eben auf die Gruppe zukam.

Sie war im Ballkleid, in ihrer Rolle als Salondame, und drehte sich beifallheischend einmal um ihre eigene Achse, – »wie ein Fixstern«, erläuterte ihr Gatte.

Sie hatte ein creme Seidenkleid gewählt und trug rote Rosen am Ausschnitt.

Sie fand ein freundliches Wort für Maries Anzug, ihre Hauptbewunderung aber spendete sie in ihrer offenen Art Monika. »Zu lieb sehen Sie aus, Fräulein von Birken. Ein süßes Backfischchen! Daß Sie die ganze Sache gedichtet haben, das kann man gar nicht glauben.«

Graf Herckenstedt, der Regisseur, kam ganz aufgeregt angerannt und jammerte, daß wieder alles durcheinander laufe. Jetzt sei wieder Fräulein von Holl nicht zu finden. Dabei sah er aufmerksam in alle Ecken, als ob die große Violette sich in einer solchen verborgen haben könne.

Er atmete förmlich erlöst auf, als Fräulein von Holls Walkürengestalt endlich auftauchte, im Schmucke der nun endlich sitzenden Flügel, »anzuschauen wie Zeppelin 3«, erklärte Roßberg.

Ein Klingelzeichen – – noch einige Minuten heftiges Durcheinander, Reden, Fragen – – dann wieder ein Klingelzeichen, und der Vorhang hebt sich.

Hellrich und Roßberg, beide in Litewka, beginnen ihren Dialog, und das Publikum lauscht gebannt den hübschen Versen. Nicht endenwollender Applaus am Schluß.

Monika strahlt. Ein unendliches Wonnegefühl weitet ihr die Brust, füllt ihr die Adern zum Bersten.

Das ehrgeizige Köpfchen glüht im Rausche des Erfolges. O, daß das Leben so schön sein kann . . . so schön . . .

Dann kommt der Tanz.

Monika fliegt von einem Arm in den andern, Schmeichelworte klingen ihr in die Ohren, Männerarme umfassen sie fest.

Die welkenden Blumen an ihrem Ausschnitt duften schwül und süß, und die Walzermelodien hüllen alles in einen schillernden Schleier von Schönheit, von lachendem Leichtsinn.

Der Leutnant von Roßberg tanzte an diesem Abend sehr oft mit Monika: als Hauptakteur prätendierte er besondere Rechte.

Monika behauptete, daß er sie tyrannisiere.

»Ich kann wirklich nicht mehr. Lassen Sie mir doch ein bißchen Ruhe. Ich bin so müde,« jammerte Monika.

»Dann werden wir diesen Tanz meinetwegen verplaudern.«

Er zog ihre Hand durch seinen Arm und führte sie in eines der kleinen Rauchzimmer.

Hier saßen zwei Fähnriche bei einer Flasche Sekt? sie hatten sich grollend hierher zurückgezogen, weil sie von den Damen »zurückgesetzt« und »niederträchtig behandelt« worden waren.

Beim Eintritt des Regimentsadjutanten sprangen sie beide empor.

Aber es kam noch schlimmer, als sie gedacht hatten.

Roßberg machte ein geradezu entsetztes Gesicht: »Hier finde ich Sie also, meine Herren. Ist es möglich? Ist es denkbar? Das ist Deutschlands Jugend! Anstatt im rauschenden Ballsaal, gehorsam den Winken unserer Schönen, ergeben Sie sich hier dem stillen Suff! Schlemmen in egoistischer Weise! – An die Arbeit, meine Herren, an die Arbeit!«

Er machte eine befehlende Geste, deren Autorität eines Napoleon würdig gewesen wäre.

Die Fähnriche stoben davon.

Roßbergs ernsthafte Miene wandelte sich in strahlende Heiterkeit.

»Das haben wir fein gemacht. Was? So ist man wenigstens ungestört.«

»Inwiefern störten Sie die Fähnriche?« fragte Monika mit unschuldsvollen Augen.

»Ach, das wissen Sie ja allein. Ihr Hauptdarsteller hat doch noch was nachzuholen.«

»Was?«

»Fräulein von Birken, ich bitte mir Offenheit aus. Sie wissen ganz genau, daß ich Ihnen bloß einen elenden Theaterkuß gegeben habe. Vorbeigeküßt habe ich. Ostentativ vorbeigeküßt! Das brauchen Sie sich nicht gefallen zu lassen!«

Monika versuchte zu lachen.

Aber sie lachte nicht so wie sonst.

»Fräulein Monika, eine Belohnung haben Sie doch verdient,« sagte er übermütig. Sein roter Mund mit dem kleinen, blonden Schnurrbart näherte sich bedenklich ihren Lippen.

»Reden Sie doch nicht solchen Unsinn,« stotterte Monika.

»Nun, dann will ich ernsthaft sein. Die Belohnung habe ich verdient.«

Seine Lippen senkten sich auf die ihren.

Und ohne Ueberlegung erwiderte sie seinen Kuß.

Eine Minute später tanzten sie wieder im großen Saal.

Und für den Rest des Abends wich ihr Roßberg nicht von der Seite. – – –

Als die Familie Holtz in Sarkow ankam, dämmerte schon fahlgrau der Tag herauf.

Herr von Holtz beteuerte wie immer, daß es diesmal aber unbedingt das letztemal sei, daß er zu so einer verfluchten Tanzerei mitkomme.

Monika war im Begriffe, sich auszuziehen, als zu ihrem Erstaunen laut an ihre Tür gepocht wurde und Marie erschien.

Sie trug noch ihren Ballunterrock, hatte eine Nachtjacke angezogen und sah jämmerlich elend und bleichsüchtig aus in dem dämmerigen Tagesschein,

Monika machte erstaunte Augen: »Was gibt's denn?«

»Das wirst Du gleich hören,« sagte die Cousine in unheilverkündendem Tone.

Dann schwieg sie wieder, stand da, lang und hager, und sah mit vernichtendem Blicke auf das rosige Mädel herab, das vor Schreck unfähig war, sich weiter auszuziehen.

Beklemmendes Stillschweigen. Nur im Ofen knisterte es leise.

»Na?« fragte schließlich Monika halb schüchtern, halb trotzig.

»Sagt Dir Dein Gewissen nicht, warum ich komme?«

Monika sah sie erstaunt an, blickte dann im Zimmer umher und wartete.

Aber anscheinend regte sich ihr Gewissen nicht.

Und so beantwortete sie die Frage ihrer Cousine mit einem »Nein«, dem man die Ehrlichkeit anhörte.

»So? . . . Na, dann werde ich Dir mal zu Hilfe kommen. Also: ich habe alles gesehen.«

»Was denn gesehen?« fragte Monika.

Eine heiße Röte überflammte ihr Gesicht.

»Ich bin Dir nachgegangen, als Du Herrn von Roßberg aus dem Tanzlokal locktest.«

Das Falsche der Anschuldigung gab Monika ihren Mut zurück.

»Is ja gar nicht wahr.«

Die hagere Cousine reckte sich noch gerader auf, wuchs förmlich in ihrer sittlichen Entrüstung.

»Und dann habe ich gesehen, daß er Dich geküßt hat.«

»Na, dann mache doch ihm Vorwürfe und nicht mir.«

»Nur Dich trifft die Schuld. Ich weiß, wie Roßberg Trudchen liebt. Deine unpassende Koketterie ist an allem schuld, und Du solltest Dich schämen.«

Und Monika schämte sich, ehrlich und glühend. Das süße Triumphgefühl, das sie gehabt: »Mein erster Kuß . . .«, die naive Zärtlichkeit, die sie in jenem Augenblick für den hübschen Leutnant empfunden – das alles wurde jetzt durch Maries grobe Worte vernichtet: es war, als ob eine zarte Blüte mit harten, roten Fingern zerpflückt wurde.

Ein Frösteln überflog Monika. Sie verteidigte sich nicht.

Sie stand regungslos da, einen starren Ausdruck in dem erblaßten Gesicht.

Maries Sicherheit aber stieg durch Monikas Haltung ins Ungemessene.

»Ja, ja, schäme Dich nur. Endlich machst Du das Armesündergesicht, das für Dich paßt . . . Ich habe Dir jedenfalls nur eins zu sagen: Du wirst übermorgen von hier wegfahren. Finde irgendeinen Vorwand – was, ist mir ganz gleichgültig. Aber weg mußt Du! Ich habe keine Lust, mich meiner eigenen Cousine zu schämen!«

»Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres . . .«

»Arrangiere das! Wenn Du übermorgen nicht fährst, benachrichtige ich Trudchen Roßberg von Deinem Benehmen und sage Mama, was ich gesehen habe.«

Monika unterbrach kurz. »Ich werde fahren,« sagte sie tonlos. »Sag's Deiner Mama nicht. Die hab' ich so lieb.«

»Ah, Du bist Dir also ganz genau bewußt, wie Deine Handlungsweise war!«

Da richtete sich Monika auf aus ihrer zusammengebrochenen Haltung.

»Meine Handlungsweise? – Als ob ich überhaupt dabei eine Handlungsweise gehabt hätte! Ich habe – ich – ach, das war eben so ein Augenblick – aber Deine Handlungsweise, mir so nachzuspüren . . .«

»Bitte, keine Kritik,« unterbrach Marie sie schneidend, »das wäre doch ein bißchen gar zu einfach für die leichtsinnigen Leute, wenn die nicht leichtsinnigen . . . ihnen nicht nachspüren dürften!«


* * *


Durch die dumpfe Stube der Liese klingt ein Weinen.

»Ach, daß Du schon weggehst, Monchen . . .«

»Na, Liese, besuchst uns mal in Berlin.«

»Wird nich gehen, mein Trautstes. Wer soll denn für den Grün sorgen, für den Fritzchen, fürs Vieh und für die Ollsche?«

»Laß Dich doch vertreten!«

»Wird nich geh'n, Monchen. Fürs Vieh haben die andern nu schon gar kein Herz.«

Dicke Tränen rollen ihr über das durchfurchte Gesicht.

»Und grüß mir die Mamachen recht scheen. Und wenn sie wieder ein Paket schickt: der Kaffee war's letztemal großartig – der Zucker auch – die vier Pfundchen waren ja bald weg – aber scheen war er – und denn ja nich wieder Nachtjacken, ich hab' all genug – aber einen scheenen Unterrock mit een Volang.«

»Wird bestellt, Liese.«

»Und wenn Du wiederkommst, Monchen, komm mit 'nen recht forschen Bräutigam, das ist doch das scheenste auf der Welt . . .«

Der Abschied von Doktor Rodenberg gestaltete sich weniger tränenschwer. Er empfing Monika sogar ein wenig sarkastisch.

»Na, lange nicht geseh'n. Die Hahndorfer Blauröcke lassen Dir wohl keine Zeit? . . . Was? Abschied nehmen? Du wolltest doch bis zum März bleiben.«

Monika lachte verlegen. »Ich stehe mich mit Marie nicht sehr besonders.«

»Kann ich mir lebhaft vorstellen, Kindchen. Also schon fort?«

»Ach, und ich habe Sie so wenig gesehen, Doktor. Wie schade! So vieles wollte ich Sie fragen. Das ist so komisch mit mir! Ich möchte lernen, daß mir der Kopf raucht, alle schönen und alle großen Dinge möchte ich lernen – graben in den herrlichen und fruchtbaren Schächten der Weltgeschichte – die Pflanzen belauschen in ihrem Werden und Vergehen – den Tieren nachspüren, allen Tieren, bis hinab zu denen, die fast noch Pflanzen sind. Ach, lernen, immer mehr lernen! – Und dann wieder – dann lass' ich alles im Stich, wenn ich bloß ein blaues Tüllkleid anprobieren soll und . . . und lass' es gern im Stich! Und auf dem Ball lache ich mit den Herren und finde alles gelehrte Zeug geradezu blödsinnig. Und . . . und bin auch dann so rasend glücklich! Ich weiß nicht, ich verstehe mich selbst nicht . . .«

Sie brach ab.

Der Doktor nahm ihr rosiges Gesicht in seine beiden Hände. Er betrachtete lächelnd die schönen Augen, den naiv-genußsüchtigen, hochgewölbten Mund.

»Kind, wenn Du nicht so hübsch wärst, hätte aus Dir wahrhaftig was werden können,« sagte er schließlich.

»Aber das Hübschsein ist doch kein Hinderungsgrund für geistige Bedeutung?« fragte Monika kampfbereit.

»Doch Kind. Verträgt sich nicht miteinander. Das wirst Du schon noch sehen. Aphrodite und Pallas Athene haben sich nie leiden mögen.«

»Und welcher soll ich folgen?« fragte Monika ihn mit dem ganzen inbrünstigen Vertrauen ihrer Kinderjahre.

Er lachte kurz auf.

»Du hast Dir einen schlechten Ratgeber ausgesucht. Ich hab' mir selbst nicht raten können.«

Es war ein so bitterer Ton in seiner Stimme, daß Monika einen Augenblick sich selbst vergaß, einen Augenblick den jugendlichen Egoismus, der sich selbst das Interessanteste ist, beiseite ließ.

Ein heißes Mitgefühl blitzte in ihren Augen auf.

»Ja, Doktor, es ist doch eigentlich sonderbar, daß Sie Ihr Leben hier so vertrauern. So rasend klug wie Sie sind und gebildet! Sie könnten doch eine Rolle spielen, könnten in großem Maßstabe wirken für die Allgemeinheit!«

Er lächelte höhnisch.

»Wenn mir die Allgemeinheit bloß nicht so verdammt gleichgültig wäre!«

»Oh!«

»Sieh mal, Kind, ich hab' in meinen Brausejahren ja auch die Welt aus den Angeln heben wollen. Und zum Arzt war ich gewiß nicht gemacht. Ohnmächtig hingeschlagen bin ich, als ich das erstemal in den Seziersaal kam. Alles in mir hat sich aufgebäumt gegen den Anblick von Gebresten und Tod. Zu meiner Mutter bin ich hingestürzt: ›Umsatteln! Ich will nicht Medizin studieren. Literaturhistoriker.‹ –

Na, die Antwort hättest Du hören sollen! Arzt werden sei ein Brotstudium, und das habe sie als Witfrau doch wohl um mich verdient, daß ich sie in absehbarer Zeit ernähre. Na, schön, ich habe nachgegeben. Man gewöhnt sich ja auch. Aber man sieht bei diesem Beruf zu sehr, was für ein armseliges Ding der Mensch ist! Und um nicht verrückt zu werden über all den gräßlichen Bildern, hab' ich mich in die Philosophie geflüchtet, habe mich in die seltsamen, narkotischen Philosophien des Ostens vertieft: China und Indien.«

Er starrte träumerisch geradeaus.

Da traf Monikas Antwort sein Ohr. »Feig' ist das!«

Wie ein Schlachtruf klang's. »Feig! Sein Leben zu verträumen und verdösen in solch künstlicher Gemütsruhe. Wie ein Sumpf ist das. Ich aber will raus, raus in die See! Und wenn ich tausend blutige Schmerzen haben werd', so werd' ich auch tausend brennende Freuden haben! Und werd' leben, es in allen Adern fühlen, das herrliche, blutrote Leben!«

Ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Eine so heiße Welle von Kraft ging von ihr aus, daß sie zu dem müden Manne hinüberstrahlte, seine Nerven aufzucken ließ in sekundenlangem Leben.

»Hättest früher kommen sollen, Mone. Bist zwanzig Jahre zu spät geboren für mich. Viel früher hättest Du kommen sollen.«

Es war ein dumpfer Klang in seiner Stimme.

Und dann breitete er beide Arme aus und drückte sie fest an sich: »Leb' wohl, Mone. Adieu, Kätzchen. Wenn Du wiederkommst, bin ich wohl nicht mehr da.«

»Oh!« schrie sie erschreckt auf.

»Stille. Sehr lange spielt mein Herz wohl nicht mehr mit. Der edle Alkohol wird ihm zu viel. Stille, Kind! Eines lehren meine weisen Freunde aus dem Osten: anständig zu sterben . . .«

Monika war so erschüttert über diesen letzten Besuch bei Doktor Rodenberg, daß ihr der Abschied von Sarkow nicht so fühlbar wurde, wie sie geglaubt. Sie wollte von hier aus zu einer Schwester ihrer Mutter, um dort noch einige Zeit zu bleiben, ehe sie nach Hause zurückkehrte.

Herr und Frau von Holtz nahmen sehr herzlich von ihr Abschied.

Marie begleitete ihre Cousine zur Bahn. Sie hatte sich das selbst ausbedungen. Es war, als ob sie immer noch Angst hätte, daß Monika dableiben könne.

»Na, denn komm nur, Du Gefangenwärter,« rief ihr Monika, die schon im Schlitten saß, zu.

Die Pferde zogen an. Leicht glitt der Schlitten über den blendenden Schnee, und die Glocken klingelten hell.

Die einförmige Fahrt wurde durch kein Gespräch unterbrochen. Schweigend saßen die Cousinen nebeneinander.

Ein paar Kilometer vor Neustadt wurde die tote, weiße Landschaft lebendig.

Eine Schwadron Dragoner kam daher.

Monikas Züge hellten sich auf. Sie lachte vergnügt den Soldaten zu, die ihr bewundernde Blicke zuwarfen, indes sie langsam an dem Schlitten vorbeizogen.

Die Offiziere grüßten.

Als letzter kam Roßberg, der sofort seinen Trakehner anhielt.

»Sie reisen?« fragte er erstaunt.

»Ja,« sagte Monika mit einer Schmollmiene, deren Koketterie Marie innerlich rasen ließ.

»Wie schade!«

»Ja, schade. Aber ich muß fort.« Er sah ihr mit herzlichem Bedauern in die Augen:

»Kommen Sie bald wieder. Wir werden uns alle sehr freuen.«

Ein Händedruck – und er sprengte hinter den anderen her.

Monika streifte mit einem Seitenblick das zornrote Gesicht ihrer Cousine. Eine plötzliche Empörung wallte in ihr auf gegen ihren unerbittlichen »Gefangenwärter«.

Trotzig warf sie den Kopf ins Genick und pfiff laut vor sich hin:


»Muß i denn – muß i denn
Zum Städtle 'naus
Und du, mein Schatz, bleibst hier . . .«


Der Erfolg trat prompter ein, als sie erwartet.

Marie stieß mit geballten Händen einen unartikulierten Zorneslaut durch die Zähne. Und durch die klare Luft kam deutlich das Echo aus dem Munde des davongaloppierenden Reiters – so lockend klang's:


Muß i denn, muß i denn
Zum Städtle 'naus –
U – und – du – mein Schatz . . .«



4.

»Heinzemännchen . . .«

Der Angeredete, der, in ein Buch vertieft, in einem roten Plüschsessel saß, gab ein unwilliges Grunzen von sich.

Aber Frau von Birken ließ nicht locker. »Heinzemännchen, willst Du den Kalbsbregen mit oder ohne Sardellen gekocht?«

»Mit!« sagte Heinzemännchen energisch und versank von neuem in sein Gedichtbuch. Lyrik war seine Passion.

Frau von Birken, deren zierlich schlanker Erscheinung und deren hübschem Gesicht mit den blühenden Farben man ihre siebenunddreißig Jahre nicht anmerkte, setzte sich auf die Armlehne des Sessels und küßte das storre, braune Haar ihres Lieblingssohnes.

»Wieder in Poesie aufgegangen, mein Heinzichen? Was hast Du denn da? Den Eichendorff.  Ach, himmlisch. Und wie Du gleich wieder so was Schönes herausgefunden hast . . .«

    Sich über das Buch beugend, las sie:

»Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen –
Als wir das letztemal im Park beisammen?« . . .


Sie las diese Zeilen mit pathetischer Betonung, indes sie begeistert den Kopf hin und her bewegte.

Heinzemännchen grunzte. Er war heute in trübsinniger Gemütsstimmung und gar nicht dazu aufgelegt, seine poetischen Empfindungen mit der Mutter zu teilen.

»Was hast Du heute eigentlich, mein Einzigstes? Wieder Aerger in der Schule? Nein? – Das Mittagessen hat Dir doch geschmeckt? – Der Schmorbraten war doch wirklich gut, und die grünen Erbsen so weich. Was hast Du denn? – Heinzi, sag's doch.«

Der Knabe stöhnte tief auf: er klappte schmerzlich die Lider halb über die braunen Augen und sagte:

»Eine schwere Jugend habe ich – sehr, sehr schwer.«

»Aber, Liebling, warum? Ich tue Dir doch alles zuliebe.«

»Eine schwere Jugend,« wiederholte Heinrich, »seit Papas Tode ruht alles auf meinen Schultern.«

»Heinzchen!«

»Ja, es ist doch aber so. Alles auf meinen Schultern. Denke Dir das Verantwortungsgefühl, das ich habe! Wie ich auf die andern aufpassen muß! Karls Leichtsinn gibt mir viel zu denken. Und Monika – Gott, Monika ist meine schwerste Sorge.«

»Sie ist doch ein sehr gutes Mädchen, Heinzemännchen.«

»Ja, aber sie hat so gefährliche Anlagen. Das schreibt auch Deine Schwester Kläre . . .«

Heinrich zog ein Portefeuille heraus und entnahm diesem einen Brief.

»Ach, an mich . . .«

»Ja, Mama, ich vergaß, es Dir zu sagen. Aber es ist nichts Eiliges: ich habe ihn schon gelesen. Eine Charakteristik Monikas . . .«

Frau von Birken nahm ihrem Sprößling den Brief hastig aus der Hand und begann zu lesen:


»Liebe Mali,

Deine Bitte, Dir genau mitzuteilen, wie Monika sich hier bei uns macht, erfülle ich gern. Nach allem, was Du mir von ihr geschrieben, bin ich nicht ohne Besorgnis gewesen, sie bei uns aufzunehmen. Leider hat unsere Tochter Bertha schon sowieso nicht den Ernst, welcher nötig ist, um die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, für welche ich sie bestimmt habe. Bertha findet einstweilen an kindischen Vergnügungen: Schlittschuhlaufen, Tanzstunde usw. viel zu viel Vergnügen. – Sie bereitet sich jetzt unter Leitung meines Mannes auf das Abiturium vor. Leider weiß sie das Opfer, das ihr Vater ihr bringt, indem er ihr so viel von seiner Zeit widmet, die doch durch seinen verantwortungsvollen Beruf als Oberlehrer schon so sehr in Anspruch genommen ist, nicht genügend zu würdigen.

Offen gestanden, ich habe sehr gefürchtet, daß Monika, wie Du sie mir geschildert hast, einen ungünstigen Einfluß auf Bertha ausüben würde– um so mehr, als sie gerade aus Sarkow kam.

Du weißt: Deine Schwägerin, Frau von Holtz, nötigt mir nicht gerade hervorragende Achtung ab. Sie ist so recht eine Frau von der alten Schule – ohne jedes Verständnis für die ungeheure Bewegung, die sich seit Jahrzehnten in der Frauenwelt vollzieht.

Sie erzieht auch ihre Tochter in tadelnswert unmoderner Weise, hat das dringende Bestreben, Marie bald zu verheiraten, lehrt ihre Tochter, in der Heirat das Endziel jeden Frauendaseins zu sehen. Ich weiß das alles von Monika, welche ja leider für ihre Tante Holtz sehr viel Zuneigung entfaltet.

Entschieden hat Frau von Holtz auf Monika nur verderblich gewirkt. Als Deine Tochter ankam, schwärmte sie uns vor von dem blauen Ballkleide, das ihre Tante ihr hatte arbeiten lassen – denke Dir: dekolletiert! – meiner Meinung nach sehr ungeeignet für solch junges Mädchen.

Ich möchte Dir auch nicht verhehlen, liebe Mali, daß Frau von Holtz Deiner Monika wie auch ihrer Tochter Marie vor den Bällen das Gesicht mit Reispuder gepudert hat – eine Handlungsweise, die sich zu sehr charakterisiert, als daß ich sie näher bezeichnen möchte.

Erfreulicherweise wird Monika sich nicht dauernd von diesen frivolen Ratschlägen beeinflussen lassen.

Mit Dank und Verständnis nimmt sie es auf, wenn ich ihr klarmache, daß es nicht das Lebensziel einer modernen Frau sein darf, hübsch auszusehen und liebenswürdig zu sein, sondern daß es der innere Wert ist, der eine Frau zu dem Vollmenschen gestaltet, den unsere Zeit verlangt.

In unserem Bekanntenkreise gefällt Monika ganz ausgezeichnet. Gestern kamen mir in unserem Damenklub sehr schmeichelhafte Aeußerungen über sie zu Ohren. So sagte mir z. B. die Frau Geheime Baurat Wegener: »Ihre Nichte ist wirklich ein äußerst interessantes Mädchen.« Andererseits kann ich Dir nicht verhehlen, liebe Mali, daß Deine Tochter auch gefährliche Anlagen besitzt . . .«


»Da hörst Du's,« unterbrach Heinzemännchen in bedeutungsschwerem Tone.

Mit ängstlichen Augen las die Baronin weiter.

»Erstens: Monika ist adelsstolz. So oft, wie ich ihr schon auseinandergesetzt habe, daß nicht ererbter Adel eine Zierde des Menschen ist, sondern einzig und allein nur der Adel der Bildung – sie scheint mir nicht überzeugt zu sein.

Auch benutzt sie Briefpapier mit ostentativ großer Krone. Ferner zeigt sich bei ihr oft ein Hang zur Oberflächlichkeit, der die Freude an dem sonstigen Hochstand ihres geistigen Niveaus nicht ungetrübt erscheinen läßt.«

»Sogar sehr oberflächlich,« bestätigte Heinzemännchen mit mißbilligendem Kopfnicken – »gefährliche Eigenschaften hat sie.«

Eine Sorgenfalte grub sich in seine schmale Stirn.

Er hätte sich wohl des weiteren über seine Schwester ausgelassen, wenn nicht die Tür aufgerissen worden wäre. Karl, der jüngste Bruder, stürmte herein.

»Mamachen, bitte, eine Stulle mit Wurst.«

»Aber Karl, das ist die elfte heute.«

»Dafür habe ich auch kein Mittag gegessen.«

»Das ist es ja eben. Du verdirbst Dir den Appetit mit dem ewigen Butterbrotgestopfe. Du kriegst aber auch nicht eine einzige Stulle mehr,« schalt die Mutter und verfügte sich mit bewunderungswürdiger Konsequenz in die Küche, um die verlangte Stulle herzustellen.

Karl zog mit seiner Beute triumphierend ab, und Heinrich versank wieder in die grünen Waldgründe Eichendorffs.

Frau von Birken aber verblieb einstweilen in der Küche. Sie hatte sich in ein Gespräch mit Martha, dem hübschen »Mädchen für alles«, verwickelt.

Die Baronin hegte eine glühende Anteilnahme für das Geschick aller Dienstboten, die sie je gehabt, sowie überhaupt für alle Angehörigen der unteren sozialen Schichten, die sie mit dem Sammelnamen: »die armen Leute« zu bezeichnen pflegte.

In Sarkow war keine Tagelöhnerfamilie gewesen, in welcher die Baronin nicht jeden einzelnen Sprößling beschenkt hätte, und hier in Berlin widmete sie ihr Interesse den Portierfamilien sämtlicher Häuser, in denen sie schon gewohnt: es waren ihrer eine ganze Anzahl, denn länger als ein Jahr wohnte Frau von Birken in der Regel nicht in einer Wohnung. Warum sie so oft wechselte, wußte sie übrigens selbst nicht: sie war mit der jeweiligen Wohnung immer sehr zufrieden. Aber wenn der Kündigungstermin näher rückte, wurde sie nervös – vielleicht würde eine neue Wohnung doch noch schöner sein?

Es war wohl besser, zu kündigen. Und so schnell würde ja die bisher innegehabte Wohnung auch nicht vermietet werden: wenn man nichts Besseres fand, konnte man ja immer noch bleiben. Also, sie kündigte.

Die Folge davon war, daß die jetzige Wohnung oft schon längst einen Mieter gefunden, wenn Frau von Birken sich noch gar nicht für eine neue entschieden hatte.

Sie tat das gewöhnlich erst einen Tag vor dem Umzug, zu welch letzterem dann keine »Ziehleute« mehr aufzutreiben waren. Ein – zwei Tage schwebte die Baronin dann in wahrer Verzweiflung, wußte nicht aus noch ein. Aber wenn dann der Umzug endlich vor sich gegangen – meistens wurde dabei viel zerbrochen und beschädigt – glätteten sich die Wogen der Erregung bald. Die neue Wohnung wurde entzückend gefunden, bis im nächsten Jahre dasselbe Spiel von neuem wieder begann.

Zu ihren Dienstboten verhielt sich Frau von Birken gerade wie zu ihren Wohnungen: sie fand sie begeisternd, aber sie wechselte sehr gern.

Uebrigens verabschiedete sie sie nie aufs Ungewisse hin.

Mit geradezu rührender Sorgfalt suchte sie ihnen neue Stellungen aus, erließ diesbezügliche Annoncen und schrieb ihnen Zeugnisse, nach denen die Mädchen von hervorragenden Eigenschaften geradezu strotzten.

Die jetzige war natürlich auch wieder eine Perle. Und wie nett sie zu erzählen wußte! Frau von Birken nahm lebhaften Anteil an den Schwankungen des Liebesverhältnisses, das Martha mit einem Schutzmann unterhielt. Die Herrin debattierte stundenlang mit dem Mädchen über die Frage, ob Otto sich zur Heirat entschließen würde oder nicht. Er konnte doch eine Frau ernähren bei der schönen Anstellung, die er hatte. Aber ob ihm zu trauen war?

»Nehmen Sie sich nur in acht, Martha.«

Gestern war er also wirklich nicht zu dem verabredeten Sonntags-Rendezvous gekommen? – Das war doch entschieden sehr auffallend. Nun, vielleicht dienstlich verhindert?

»Aber er hätte jedenfalls schreiben können.«

Die beiden waren so in dieses passionierende Gespräch vertieft, daß sie das Läuten an der Korridortür überhörten.

Erst als Heinrich grämlich hereinrief, daß wohl erst die Klingel abgerissen werden solle, ehe sich Martha zum Oeffnen entschlösse, lief die letztere zur Tür.

Frau von Birken hörte ihren erstaunten Aufschrei. Gleich darauf wurde die Tür aufgerissen – zwei Arme schlangen sich um den Hals der Baronin, ein ungestümer Mund preßte sich auf den ihren: Monika.

Die Mutter war zu überrascht, um Worte zu finden, aber Heinrich, der, seinen Eichendorff fest unter den Arm geklemmt, sich in der Küchentür sehen ließ, sagte ahnungsbang:

»Du wirst wohl wieder was Nettes angestellt haben, Mone.«

Monika ließ sich den brüderlichen Pessimismus nicht sehr zu Herzen gehen: sie umarmte den jungen Melancholiker freudestrahlend:

»Heinzemännchen, Du siehst schon wieder so lebensüberdrüssig aus wie ein asthmatischer Mops. Freust Du Dich denn nicht, daß ich wieder da bin? Oder belastet schon wieder die Verantwortung für mein Betragen Deine schwachen Schultern? Heinzemännchen, beruhige Dich – ich habe immer noch weder Wechsel gefälscht, noch einen Leutnant entführt.«

Frau von Birken fand nun endlich Worte. »Was hast Du bloß für einen komischen Umhang um?« fragte sie und strich erstaunt über die kapuzinerbraune Umhüllung aus schwerem Loden, welche Monika trug.

»Das? – Ein Geschenk von Tante Kläre – ein ausrangiertes von ihr. Sie sagt: ›Frauen, die Toiletten-Luxus treiben, sind keine Vollmenschen.‹ – Da ich aber zu einem solchen erzogen werden sollte . . .«

»O, Mone, Mone . . .«

»So bin ich ausgerückt. Hurra, hurra, hurra!« Monika warf ihre geliebte Pelzmütze in die Luft. »Martha, was zu essen, aber viel und gut! Ist was in der Speisekammer? Nein? Na, natürlich – wie gewöhnlich. Gehen Sie bloß schnell was holen: Leberwurst und Semmeln und Butter und zwei Zuckerkringel – ich bin ganz verhungert.«

Martha eilte fort, und Frau von Birken sagte mißbilligend: »Mone, wieder so materiell! Gleich in der ersten Minute des Wiedersehens ans Essen zu denken . . .«

»Und Du hast in der ersten Minute nur an meinen Umhang gedacht, an den braunen Umhang. Wir nehmen uns nichts, Mamachen. Du denkst an die Kleidung, ich ans Essen – fürs Epikureische sind wir alle beide, Gott sei Dank.«

»Ach, Mone, Du bist genau wie immer,« klagte Frau von Birken, indes sie ihrer Tochter ins Eßzimmer folgte. »Und ich hatte gedacht, Du würdest Dich geändert haben. Gerade von Tante Kläre habe ich Einfluß auf Dich erwartet.«

»Ach, es ist komisch, Mamachen, es hat eigentlich niemand Einfluß auf mich. Ich habe so andere Ansichten. Die würde ich ja gern ändern, wenn mich irgend jemand durch Argumente überzeugen könnte. Aber was die andern sagen, das ist nie stichhaltig: das zerfetze ich mit ein paar Worten. – Wenn mich irgend jemand überzeugen könnte, mir eine Direktive geben – mais je ne demande pas mieux

»Nun sage lieber bloß schon gleich, was Du angestellt hast,« sagte das geliebte Heinzemännchen trocken.

»Was ich angestellt habe? Ach, gar nichts. Bloß daß sich der Doktor Schelling in mich verliebt hat.«

»Aha, ein Mann,« bemerkte Heinrich.

»Na – sozusagen,« erwiderte Monika gedehnt. »Er ist kleiner als ich und schmäler als ich, und außerdem hinkt er auf dem linken Fuß . . .«

»Mone, Deine Art, auf Aeußerlichkeiten Gewicht zu legen, ist schrecklich: ich kenne den Doktor Schelling – ein sehr geistreicher,  feinsiniger Mann . . .«

»Aber, Mama, wie er aussieht – direkt verboten!«

»Mone, Du wirst wieder gemütsroh. Wo Du das nur herhast? Wenn ich so denke: das Gemüt, das ich habe! Bei meinem Gemüt, Mone . . .«

»Gott sei Dank hab' ich das nicht geerbt, Mama. Aber um auf den Doktor Schelling zurückzukommen, der ist Tante Klares Seelenfreund, Partisan der Frauenbewegung natürlich. – Großartig, was sich die beiden jeden Tag zwischen fünf und sechs zu erzählen haben. Bertha und ich wurden dann immer mitzugezogen, um zu modernen Mädchen, zu Vollmenschen heranzureifen: ›neue Horizonte eröffnen‹, nannte das Doktor Schelling.«

»Und Du hast Dich gewiß unpassend benommen?«

»Aber keine Spur! Reizend war ich, direkt niedlich. Ich habe sogar Goethe zitiert, den ich doch eigentlich nicht ausstehen kann. Natürlich Leonore – natürlich:


»Ich höre gern, wenn kluge Männer reden,
Daß ich verstehen lerne, wie sie's meinen . . .«


Frau von Birken atmete erleichtert auf.

»Wahrhaftig, Du warst nicht ungezogen?«

»Aber im Gegenteil! Ich war so artig, daß sich der gute Hinkepot in mich verliebte. Er hat bei Tante um meine Hand angehalten. Ich wußte gar nichts davon: mir hat er gar nichts gesagt – bloß, daß ich schöne Augen hätte und entzückende Hände und so. –

Aber Tante hat mir, als sie mir seinen Antrag übermittelte, einen kolossalen Krach gemacht: nur durch meine Koketterie und meinen Hang zur Frivolität hätte ich den großartigen, ernsthaften Doktor Schelling zu solch einer Dummheit verleitet – zu der Dummheit, einen völlig unerzogenen Backfisch heiraten zu wollen, der überhaupt gar kein Vollmensch wäre! –

Und als ich dann der Tante sagte, ich dächte gar nicht daran, ihn zu heiraten, weil er so häßlich wäre und weil ich keinen Bürgerlichen möchte, da wurde sie erst recht böse und sagte, ich wäre ohne jeglichen Fond! Na, das wurde mir schließlich zu viel. Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen. »Ohne jeglichen Fond.« Da kommt man sich ja schließlich zu dumm vor. – Also, da bin ich ausgerückt. Geld hatte ich bloß sehr wenig. Da bin ich dritter Klasse gefahren. Scheußlich! – Unterwegs hat mir ein Pferdehändler gesagt, er möchte sich gern mit mir verloben.«

»Mone!«

»Mamachen, keinen Verzweiflungsausbruch! Ich habe doch gar nichts getan. Was kann ich dafür, wenn sich Leute in mich verlieben? – Ah, da kommt Martha mit der Leberwurst. Leberwurst und zum Dessert Zuckerkringel. Der alte ehrliche Wagner hat doch recht:


»Es gibt ein Glück, das ohne Reu'!«


* * *


Am Abend war die ganze Familie um den großen Tisch im Eßzimmer versammelt. Sogar Alfred war erschienen, Alfred, der sonst seine Abende außerhalb des Hauses zubrachte, vage Erklärungen für sein Fernbleiben gab, die niemand ihm glaubte, seine Mutter am wenigsten.

Sie war von einem beständigen Mißtrauen gegen Alfred erfüllt. Für diesen ältesten Sohn hatte sie nie viel übrig gehabt – von seiner Geburt an nicht.

Warum, war ihr selbst unklar.

Doch Alfreds Verhalten ließ ihren Mangel an Zuneigung oft recht gerechtfertigt erscheinen: er war alles andere eher als ein guter Charakter. Er war bei allen, die ihn kannten, seiner Boshaftigkeit wegen gefürchtet: es gab kaum ein größeres Vergnügen für ihn, als seine Bekannten gegenseitig aufeinanderzuhetzen. Er lernte ungern, war faul und genußsüchtig – dabei unleugbar von glänzender Begabung. Doch diese Begabung hatte etwas merkwürdig Partielles. In vielen Fächern leistete er absolut nichts, in anderen war er unübertrefflich. Er war ein mißtrauischer Charakter, der bei allen anderen Böses witterte, mitunter aber überraschte er durch einen Zug von Gutmütigkeit.

Auch seine äußere Erscheinung wies kein einheitliches Gepräge auf. Sein kräftiger Körperbau und seine breiten Schultern ließen auf einen hochgewachsenen Menschen schließen, aber er erreichte kaum das Mittelmaß.

Mit seinem Gesicht konnte er dagegen zufrieden sein. In der Tat war dieses Gesicht sehr schön – alle Züge von vollendeter Regelmäßigkeit. Er hatte kalte, blaue Augen und einen üppig geschwungenen, auffallend roten Mund, dessen Inkarnat noch leuchtender erschien durch den dunkeln Flaum auf der Oberlippe.

Mit der Mutter stand Alfred in sehr gespannten Beziehungen, mit den Geschwistern kühl.

Ueber Monikas Kommen heute hatte er anscheinend auch keine Freude empfunden.

Heinzemännchen dagegen war es angenehm, daß Monika da war. Nun konnte er ihr wieder Lyrik vorlesen.

Monika ärgerte ihn nicht wie die Mama dadurch, daß sie seine Deklamationen unterbrach, selbst die Verse vollendete, und noch dazu mit falschen Versfüßen.

Heute abend kam er zu Monika mit Eichendorff, den er eben »entdeckt« hatte.

Mit tiefem Gefühl und übertriebener Betonung las er ihr vor, jenes schönste:


»Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,
Als wir das letztemal im Park beisammen?
Wild standen rings des Abendrotes Flammen,
;Ich scherzte wild – du lächeltest durch Tränen.
Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest –
Was andre Leute drüber deuten, sagen –
Sonst scheu – heut' magst du nicht nach allem fragen,
Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest . . .«


»Da siehst Du's, Heinzemännchen,« jubelte Monika: »›Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest – was andre Leute drüber deuten, sagen‹ . . . Da siehst Du's! Das ist alles schnuppe, wenn man liebt. So beim Lesen findest Du's sehr schön, und wenn ich in Wirklichkeit so wäre . . .«

»Laß Dir das nicht einfallen,« grunzte Heinzemännchen, plötzlich aus seinen poetischen Himmeln gerissen.

Alfred warf seiner Schwester einen Blick zu. Er sprach kein Wort. Aber dieser eiskalte Blick war eine schärfere Drohung als seines Bruders Worte.

Karl kaute unbekümmert weiter an seiner Stulle. Frau von Birken aber sagte ganz erregt: »Mone, ich bitte Dich, nicht immer solch exzentrische Redensarten. Laß doch das endlich – mir zuliebe . . .«

»Dir zuliebe?« fragte Monika gedehnt. Sie warf den Kopf ins Genick: »Ich lebe doch für mich – nicht bloß Dir zuliebe, Mama. Man ist doch nicht bloß dazu da, um so zu sein, wie es zufällig gerade der Geschmack der betreffenden Eltern ist.«

»Nettes Früchtchen,« sagte Alfred spöttisch zur Mutter.

Und Heinrich sagte strafend:

»Wenn man Dich so anhört, man sollte es rein nicht für möglich halten.«

»Ach, Ihr heuchelt bloß wieder, Jungens. Lebt Ihr denn der Mama zuliebe? Wenn Alfred für achtzig Mark Schulden macht im Zigarrengeschäft und Heinrich sich verbotene Bücher kauft und Karl den ganzen Zucker stibitzt – na, ich will ja gar nichts gegen Euch reden. Mir ist das alles egal. Ich bin froh, wenn Ihr mich zufrieden laßt. Aber das ist nicht zu leugnen, daß Ihr Euch selbst zuliebe lebt! Und das tun überhaupt alle Menschen!«

»Mone, wie Du das sagen kannst, mir sagen kannst, bei meinem Gemüt!« entrüstete sich Frau von Birken. »Meine ganze Jugend habe ich Euch hingeopfert. Immer bin ich im Kinderzimmer gewesen, auch als Ihr zwei Gouvernanten gleichzeitig hattet: Miß Smith, die liebe Person, und Mademoiselle Marguerite, das entzückende Mädchen. . . . Ich – habe ich je mir selbst zuliebe gelebt? Habe ich je an mich selbst gedacht? – Wo gibt es noch eine Mutter, die ihre Kinder so verwöhnt hätte wie ich, sie so gestopft – ja geradezu gestopft mit Leckerbissen – und mit Euch gespielt hab' ich und mit Euch gelernt. – Und das habt Ihr auch gewußt. Ja, als Ihr klein wart, wart Ihr noch dankbar. Gebrüllt habt Ihr, wenn ich auf Bälle ging – Euch an mein Kleid geklammert, damit ich dableiben solle . . . Das cremeseidene mit der griechischen Stickerei hast Du mir direkt entzweigerissen, Mone, als Du fünf Jahre alt warst, an dem Abend, als ich zum Regimentsball nach Hahndorf wollte . . . Und Heinzemännchen wollte sich direkt aus dem Fenster stürzen, aus der ersten Etage in Sarkow, als wir in großer Gesellschaft einen Schlittenausflug unternahmen . . . Gott, wie heute weiß ich es noch! Ich war gerade im Begriff, in den Schlitten zu steigen – einen grauen Samtmantel hatte ich an mit Chinchillabesatz, und ein kleines Barett, wie es damals neueste Mode war – außer mir trug es noch niemand im ganzen Kreise. – Und Herr von Schmettwitz bietet mir die Hand zum Einsteigen – und plötzlich wird in der ersten Etage ein Fenster aufgerissen, und auf dem Fensterbrett steht Heinzemännchen und schreit . . . schreit, daß mir die Ohren gellen: er spränge runter, wenn ich ihm nicht verspräche, dazubleiben. – Ach Gott, den Augenblick vergesse ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Ich rufe und schreie: ja, ja, ich bleibe! – Aber Heinzchen beugt sich noch weiter vor. – Und Euer Papa wie ein Sturmwind die Treppe hinauf und reißt den Jungen in seine Arme. Hauen wollte er ihn! Aber das habe ich natürlich nicht erlaubt! Und weil ich doch natürlich den Ausflug nicht versäumen wollte, habe ich Heinzchen mitgenommen. Ach, wie süß er aussah in seinem blauen Mäntelchen mit dem echten Persianerkragen . . . Ja, so geliebt habt Ihr mich! – Und jetzt ist das der Dank. Daß Mone solche Sachen sagt und mich des Egoismus bezichtigt . . .«

»Aber, Mama, ich habe doch nichts von Dir gesagt, sondern daß die Menschen im allgemeinen . . .«

»Dann hättest Du mich wenigstens davon ausnehmen sollen. Wenn Du Euch so charakterisiert hast, dagegen kann ich ja gar nichts einwenden. Ihr seid auch alle egoistisch! Nicht einer, der mein Gemüt geerbt hätte!«

Aufseufzend warf die zierliche Frau einen Blick in die Runde, betrachtete die vier Gestalten mit den breiten Schultern, dem trotzigen, kurzen Genick – sah auf die üppigen Münder, hinter denen die blanken Zähne lauerten, sah in die vier jungen Augenpaare, in denen der trotzige Spruch geschrieben stand:

»Mir selbst zuliebe!«

Wildpflanzen waren sie alle vier! – Schon in ihrer zarten Jugend waren die Birkenschen Kinder bekannt gewesen für ihre Ungezogenheit.

Der Baron hatte die Erziehung seiner Sprößlinge völlig seiner Frau überlassen: er selbst war vollauf damit beschäftigt gewesen, das Grandseigneur-Leben zu führen, das er liebte.

Er war seinerzeit als wenig begüterter Junker bei den Hahndorfer Dragonern eingetreten: trotz seiner geringen Zulage hatte er von allen Herren des Regiments am elegantesten gelebt.

Er hatte Glück. Gerade als seine Schulden anfingen, bedenklich zu werden, starb sein Onkel, der kinderlose Besitzer von Sarkow, der einst ihm, dem Verwaisten, Vormund gewesen und ihm nun Sarkow vererbte.

Er hatte sich sofort zur Reserve überführen lassen. Der Dienst hatte ihm, der einen starken Hang zur Bequemlichkeit hatte, nie viel Freude gemacht. Es war mehr die Tradition seiner Familie als innere Notwendigkeit gewesen, die ihn zum Soldaten gemacht.

So hatte er denn ganz gern den bunten Rock mit dem Frack vertauscht, den er an lustigen Abenden in Monte Carlo, Spa, Trouville und Biarritz trug.

Johann Birken war fast zwei Jahre auf Reisen gewesen, ehe er sich persönlich der Verwaltung seines Gutes widmete.

Er fand Sarkow sehr langweilig – so langweilig, daß er auf die Idee verfiel, sich zu verheiraten.

Er verliebte sich bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt in die Tochter eines dortigen Universitätsprofessors: die schöne Mali.

»Die schöne Mali« hieß hauptsächlich darum so, weil ihre Schwestern gar so häßlich waren.

Vier Schwestern hatte sie, die waren unsinnig gebildet, und es ging die Sage von ihnen, daß sie ihrem Vater bei den schwierigsten Arbeiten halfen, daß sie Latein und Griechisch redeten wie ihre Muttersprache.

Von diesem klassisch gebildeten Hintergrund hob sich die schöne Mali doppelt wirkungsvoll ab.

Statt der philosophischen Gelehrsamkeit besaß sie schöne, dunkle Augen und einen leichten Sinn.

Neben dem blassen Teint der Schwestern wirkten ihre blühenden Farben desto schöner: neben der Schwestern knochiger Größe nahm sich ihre zierliche, geschmeidige Figur doppelt graziös aus – kurz, man konnte sich keine vorteilhaftere Folie denken für die schöne Mali.

Baron Birken, der seinen stark ausgeprägten Adelsstolz auf seinen Reisen, inmitten der internationalen Milieus, zum großen Teile abgestreift hatte, hielt kurz entschlossen um des Professors schöne Tochter an.

Achtzehn Jahre war sie alt, hübsch, temperamentvoll, nicht unbemittelt – kurz, diese Liebesheirat schien ihm außerdem nicht unvernünftig.

Die Ehe war alles in allem weder glücklich noch unglücklich zu nennen gewesen.

Der Baron ärgerte sich oft über den Hang zur Unordnung, den seine Frau hatte: sie besaß ein geradezu hervorragendes Talent, ihre Sachen durcheinander zu werfen und zu verlegen.

Mitunter fand er Mali auch reichlich kokett und äußerte dann seine Mißbilligung in harten Worten, Aber ihr jugendlicher Charme, ihre liebenswürdige Gemütsart versöhnten ihn immer bald wieder.

Mali hatte sich in ihrer Ehe oft »unverstanden« gefühlt.

Ihr Mann besaß so sehr wenig geistige Bedürfnisse, besaß auch nicht »so viel Gemüt«, wie sie es gewünscht hätte. In ihren ganzen Lebensanschauungen gingen die Eheleute sehr auseinander.

Die liberalen Ansichten, die Mali aus ihrem Vaterhause mitgebracht, stimmten schlecht zu den Meinungen des Gatten, der – wenn auch nicht in extremer Weise – durchaus konservativen Anschauungen huldigte.

Doch gab es Punkte, in welchen die beiden in ihren Gesinnungen durchaus zusammentrafen: sie hatten beide einen sehr ausgeprägten Sinn für Gastfreundschaft, liebten Gesellschaften und rauschende Vergnügungen – Luxus jeder Art.

Da bei ihnen diese Anlagen durch keinerlei Selbstdisziplin gezähmt wurden, so hatte es nicht lange gedauert, bis ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sich verschlechterten.

Die Jeu-Leidenschaft des Barons beschleunigte den pekuniären Abstieg, und schließlich hatte Birken froh sein müssen, als ihm sein Schwager, Herr von Holtz, das total überschuldete Sarkow für einen anständigen Preis abkaufte.

Mit dem kleinen Kapital, das sich als Ueberschuß ergeben, ging's nun der Großstadt zu, dem Schlachtfelde, auf dem die schwankenden Existenzen siegen oder verderben.

Der Baron Birken war keine Siegernatur gewesen, wenn es arbeiten hieß. Er gehörte zu den Leuten, denen man alle guten Eigenschaften zubilligt, solange sie im Besitz von Stellung und Vermögen sind.

Wenn sie auf den Höhen des Lebens stehen, scheinen diese Leute in eine Waffenrüstung gekleidet, geschützt und umpanzert, bewehrt und bewaffnet mit gutem Stahl, aber das sind Turnierwaffen, glänzende Nichtigkeiten, machtlos wie Pappschwerter, wenn es kein Turnier mehr gilt, sondern eine Schlacht, die Schlacht des hartgrinsenden Lebens.

Was half es Birken, daß er ein ausgezeichneter Reiter war, wenn er sich um eine Stellung als Versicherungsinspektor bewarb? –

Was halfen ihm seine tadellosen Manieren, als er dem Chef, der den Posten eines Disponenten zu vergeben hatte, gestehen mußte, daß er von Buchführung keine Ahnung hatte? –

Was half ihm seine Gentleman-Gesinnung, als er nach »Branchekenntnis« gefragt wurde bei dem Schuhwarenfabrikanten, der einen gut bezahlten Vertrauensposten zu vergeben hatte? –

Die blanken Waffen des Barons Birken waren Kinderspielzeug, als die Not ihn rief. Und er ergab sich, war besiegt, ohne sich gewehrt zu haben, – ein gebrochener Mann!

Seine schönen Hände mit den rosigen, manikürten Fingerspitzen waren nicht von jenen, die zupacken mit tödlich sicherem Griff, waren nicht von jenen, die sich zu trotzig willensstarken Fäusten ballen. Schöne Hände waren es, schöne, nutzlose Hände, nur gemacht, um einen Pferdezügel zwischen den Fingern zu fühlen, ein paar Kartenblätter zu halten, Goldstücke zu verstreuen.

Und diese schönen Hände lernten es, sich zusammenzukrampfen in Not, in tatenloser Verzweiflung.

Es stand schlecht um die Familie.

Mali jammerte von früh bis spät. Was sie aber nicht verhinderte, oft recht glücklich zu sein. Oft trug sie ihr Leichtsinn über Abgründe hinweg, in denen andere schaudernd versinken.

Wohl strengte sie oft ihre Lungen in geradezu übermäßiger Weise an, um ihren Mann an seine Pflicht zu erinnern: »Du mußt aufstehn, Johann. Glaubst Du, Du bekommst eine Stellung, wenn Du jeden Tag bis ein Uhr im Bett liegst?! Du mußt doch für uns sorgen!! Ich laufe immer noch mit dem Kleid vom Frühjahr herum, und Alfred und Heinzemännchen klagen, der Lehrer hätte sie schon zum zweiten Male nach dem Schulgeld gefragt . . . . . . O Gott, wie soll das alles noch enden?«

Eine Antwort war ihr auf diese Frage nicht zuteil geworden. Herr von Birken war weniger expansiv als seine Frau. Was er gelitten haben mochte in der ihn demütigenden Rolle des Bittstellers, das wußte niemand. Das Leben, das er führte, hatte ihn bald mürbe gemacht: sein willensschwacher Charakter hielt nicht stand, – sein Charakter verkümmerte wie ein Baum, den man der Heimatserde entrissen.

Dann kam eine Lebensperiode, die Frau Mali als Aufschwung bezeichnete: der Baron Johann von Birken-Sarkow hatte eine Stellung als Sektreisender gefunden. Er war blaß wie Kalk, als er seiner Frau diese Neuigkeit mitteilte. Seine Zähne waren so fest zusammengekrampft, daß sich die Worte nur mit Mühe zwischen ihnen Bahn brachen.

Aber das hatte Frau Mali nicht bemerkt. Sie war ganz begeistert, – eine so berühmte Firma – – ein so reichliches Gehalt! –

Gott sei Dank, nun würden die bösen Tage vorüber sein. Mit der kleinen Rente, die man aus dem Schiffbruch gerettet, ließ es sich doch auch gar zu schlecht leben.

Aber Mali war, wie so oft, zu hoffnungsfreudig gewesen. Ihr Mann, der früher immer ärgerlich jeden solchen »Sektfritzen« abgewiesen, ohne ihn zu Worte kommen zu lassen, war nicht die geeignete Persönlichkeit, um nun selber die andern zum Kaufen anzuregen.

Die Firma hielt ihn einige Zeit wegen seines klingenden Namens, seiner vornehmen Erscheinung, aber schließlich kam der Tag, an welchem sein Chef ihn darauf aufmerksam machte, daß seine Gesundheit vielleicht diesem Reiseleben nicht gewachsen sei. Herr von Birken bat darauf um seine Entlassung.

Und dann ging es schnell abwärts. Eine schwere Nierenkrankheit ruinierte diesen mächtigen Körper.

Mali entfaltete in der Leidenszeit ihre besten Eigenschaften, mit aufopfernder Sorgfalt und unermüdlicher Hingabe pflegte sie den Schwerkranken.

Wieder trat ihre seltsame Charaktereigenschaft zutage: hauptsächlich die Leute gut zu behandeln, denen es recht schlecht ging.

Ueber den Ernst der Krankheit war sie sich nie ganz klar: sie jammerte zwar über ihr schweres Los, aber an eine Lebensgefahr dachte sie nicht.

Die Kinder wurden in dieser Zeit etwas vernachlässigt: es blieb wirklich keine Zeit, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Alfred wurde aus dem Kadettenkorps, in dem er nur wenige Monate zuvor aufgenommen worden war, zurückgeschickt. Sein störrischer Charakter, sein Mangel an Autoritätsglauben hatten es den Erziehern ratsam erscheinen lassen, ihn aus dem Korps zu entfernen.

Zu Hause zeigte er sich verschlossen und seltsam wie immer, dazu unbotmäßig gegen die Mutter, die ihm ja nie weder Liebe noch Respekt eingeflößt hatte.

Monika, die bis dahin ein sehr herzliches Verhältnis zur Mutter gehabt, in regstem Gedankenaustausch mit ihr gestanden, begann nun geistig eigene Wege zu gehen, schwelgte in Gedankengängen, deren heiße Phantastik ihrer Entwicklung Gefahren bot.

Heinrich wurde noch verschlossener, als er es schon gewesen, und Karl bildete seine hervorragende Begabung fürs Lügen noch weiter aus. Er »schwänzte« oft mehrmals wöchentlich die Schule, fand immer neue Entschuldigungsgründe dem Lehrer sowie der Mutter gegenüber, und blickte bei seinen haarsträubendsten Lügen mit so taubenhaft unschuldigen Augen und so gleichmäßig rosigen Wangen in die Welt, daß man ihm immer wieder glaubte.

In dieser Atmosphäre von Krankenstubenluft und wirtschaftlichem Rückgang begann eine böse Saat aufzukeimen in den vier jungen Seelen. Zwischen diesem langsam sterbenden Vater, dessen tiefe Apathie mitunter durch aufflackernde Wutanfälle unterbrochen wurde, und der fahrigen Mutter mit den ewig mädchenhaften Bewegungen und dem Mangel an Selbstdisziplin wuchsen diese vier Kinder empor, schössen in Blüte wie Unkraut.

Es war keine Faust über ihnen, die mit sicherem Griff ihr Leben in gebahnte Gleise gelenkt hätte. Sie gingen ihre eigenen Wege. Ihre Wünsche durch' setzend um jeden Preis, begannen sie ihr Leben zu leben einfach und brutal, jung und genußsüchtig . . .



5.

Die ersten Tage nach Monikas Rückkehr konnte sich Frau von Birken nicht dem großen Einfluß entziehen, den ihre Tochter auf sie ausübte. Keines ihrer anderen Kinder war von so strahlender Lebenslust erfüllt wie Monika, keines der anderen hatte eine so amüsante Art.

Trotzdem stand in den Gefühlen der Mutter Heinrich unbedingt obenan.

Monika erhielt den zweiten Platz, in weitem Abstande folgte Karl und in unmeßbarer Distanz Alfred.

Die Lieblingskinder hatten Vorrechte, die den anderen nie zuteil wurden. Frau von Birken machte da die merkwürdigsten Unterschiede: Heinzemännchen bekam ein gutes Frühstück ans Bett, Monika ein weniger reichhaltiges auch ans Bett, Karl mußte aufstehen, bevor er frühstückte, und für Alfred wurden überhaupt keine Umstände gemacht.

Seitdem jetzt Monika zurückgekehrt, hatte die Mutter viel Zeit für sie. Wenn die Jungen vormittags im Gymnasium waren, setzte sich Frau von Birken oft zu ihrer Tochter ans Bett. Monika war im Gegensatze zu ihrer Mutter, die sich schon um sieben Uhr früh im Haushalt beschäftigte, nur schwer zum Aufstehen zu bewegen. Arbeit im Haushalt war ihr vollends verhaßt.

Frau von Birken hielt ihr diese beiden Punkte ihres Betragens täglich in tadelnder Weife vor, aber sie erreichte nicht das mindeste damit: sie wußte auch eigentlich ganz genau, daß das alles in den Wind gesprochen war. Aber das hielt sie nicht davon ab, Monika jeden Morgen dieselben Vorwürfe zu machen.

»Was soll bloß aus Dir werden?! Wenn ich ein so großes Mädchen wäre, ich würde mich schämen, faul im Bette zu liegen, wenn meine Mutter arbeitet. Ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, was aus Dir werden soll. Mit der Schule bist Du jetzt fertig, – heiraten wirst Du nicht, – heutzutage heiratet man kein armes Mädchen. Mehr als eine ganz kleine Rente das Jahr kann ich Dir nicht mitgeben. Der Papa hat so wenig hinterlassen: wenn er nicht so hoch versichert gewesen wäre, könnten wir jetzt Hunger leiden. Und mit dem winzigen Zuschuß, den ich Dir geben kann, findest Du keinen Mann. Hübsch bist Du auch nicht besonders – –«

»Ohh – – –,« flehte Monika, »ohh –«

»Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, – Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, – ich habe heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende Kinderaugen muß es haben.«

»Na, groß sind doch meine Augen genug!«

»Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! – Und ein kleines, kleines Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.«

»Nur die Lumpe sind bescheiden!«

»Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an. Also: hübsch bist Du nicht. Klug, – ja, das will ich nicht leugnen. Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige Ausbildung legen, – zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.«

»Ich möchte Schriftstellerin werden.«

»Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin doch Deine Mutter, – na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich Manuskripte abgeschickt – und alle, alle habe ich sie zurückbekommen. Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept, und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr Gemüt habe als Du –«

»Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,« versicherte Monika.

»Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,« klagte die Mutter weiter, »um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der Papa auch schon immer gesagt: »um meine Söhne ist es mir nicht angst, aber um Monika.« – Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten wäre es vielleicht, Du würdest studieren.«

»Aha, Tante Klares Prinzipien,« bemerkte die Tochter.

»Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch leichter lernst.«

»Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren zu raten?«

»Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine geachtete gesellschaftliche Position. »Fräulein Doktor« ist doch ganz was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt, – er hätte es »unstandesgemäß« gefunden, – aber ich habe solche Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit mit.«

»Und mit Tante Kläre – –,« sagte Monika ironisch.

Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.

Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres so ungünstig beurteilt: die anderen Leute fanden sie doch hübsch, sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte Abneigung gegen den Begriff der »Studentin« gehabt hätte. Sie selbst kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.

Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen vorbereitet wurden.

Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor ihre knappen Fragen stellte.

»Ihr Name?«

»Freiin Monika von Birken.«

»Alter?«

»Sechzehn.«

»Bisheriger Bildungsgang?«

»Ich habe die Töchterschule von Fräulein von Zieritz absolviert.«

»Als prima omnium,« fiel Frau von Birken ein, mit liebenswürdig verlegenem Lächeln: sie hatte vor dem gestrengen Fräulein Doktor viel mehr Angst als Monika.

Fräulein Doktor Stark würdigte die Baronin nicht einmal eines Seitenblicks.

»Wie denken Sie über die Stellung der Frau im gegenwärtigen Leben?« inquirierte sie Monika weiter.

Die Angeredete war etwas verblüfft: ihre sonstige Schlagfertigkeit schien sie im Stiche lassen zu wollen.

»Hm, wir haben es doch schließlich eigentlich in den meisten Sachen bequemer als die Männer,« sagte sie.

Fräulein Doktor zuckte empört die Achseln und sagte:

»Eine bedauerliche Unreife! Aber sonst spricht nichts gegen Ihre Aufnahme in meine Gymnasial-Kurse. Ihre Ansichten werden Sie bei uns schon ändern.«


* * *


Diese Ueberzeugung der Gestrengen erwies sich als nicht stichhaltig.

Nachdem Monika eine Zeitlang an den Kursen teilgenommen, war ihre Lebensauffassung immer noch die gleiche.

Infolge ihrer eminent leichten Auffassungsgabe gehörte sie nach kurzer Zeit zu den besten Schülerinnen, ausgenommen in Mathematik, einer Wissenschaft, von der sie nie auch nur das geringste verstand.

Alles in allem machten ihr diese Kurse sehr viel weniger Eindruck, als sie erwartet. Es war eigentlich wie in der Schule von Fräulein von Zieritz, nur daß man hier mit dem Vatersnamen aufgerufen wurde, statt wie dort mit dem Vornamen, und daß die Schülerinnen hier nicht einheitlichen Alters waren, sondern in den verschiedensten »Jahrgängen«. Und die Damen stammten aus den verschiedensten Milieus.

Neben Fräulein von Roch, der Tochter eines aktiven Generals, mit den korrekten Manieren der preußischen Offizierstochter, saß Olga Iwanowna Safiro, eine Russin von vager Herkunft und recht asiatischem Benehmen.

Neben Frau Kramer, einer Frau mit ergrauenden Schläfenhaaren, die zu Hause zwei halbwüchsige Kinder hatte, saß ein kaum sechzehnjähriges Mädel, das vor wenigen Wochen noch die Schule besucht.

Neben dem abgerissen gekleideten Mädchen, das sich nicht satt aß, um Geld für die Kurse aufzubringen, saß die Tochter eines Kommerzienrats, die einen wahren Juwelierladen zur Schau trug.

Uebrigens waren so ziemlich alle in dieser aus allen Windrichtungen zusammengewehten Schar von ehrlichem Lerneifer erfüllt. Und fast alle waren sie durchdrungen von der Idee, daß nun eine neue Zeit für die Frau hereinbreche.

Vielleicht war Monika die einzige, die das ganze Studieren als eine Art Spiel auffaßte, die die »Mission« nicht sehr ernst nahm.

Bei vielen der ernst strebenden Mitschülerinnen erregte ihre Art direkt Unwillen, um so mehr, als sie hier, wie auch früher in der Schule, einen ganzen Troß von Verehrerinnen und Anhängerinnen hatte, die jeden ihrer Witze dankbarst belachten.

Ihre erbittertste Feindin war Magda Kirchstett, ein schlankes, brünettes Mädchen von sechsundzwanzig Jahren. Von allen in der Klasse war sie wohl am meisten von der Wichtigkeit dessen, was man hier tat, durchdrungen. Oft hielt sie flammende Agitationsreden.

»Pioniere sind wir einer neuen Kultur, Schrittmacher für die Tausende von anderen, die nach uns kommen werden. Wir alle müssen durchdrungen sein von dem stolzen Gefühl: mit zu den Ersten zu gehören, die sich frei machen von jahrtausendelanger, alter Schmach. Der Mann hat uns schlimmer behandelt, als man Tiere behandelt. Er hat uns körperlich und geistig gemißhandelt und hat uns ausgebeutet in jeder Beziehung, er hat uns rechtlos gemacht, uns tausendfach gekreuzigt!

Aber der neue Morgen bricht an für unser Geschlecht. Noch sind wir wenige, aber mit brennendem Eifer schmieden wir die Waffen, mit denen wir uns befreien werden. Und diese Waffen sind: Fleiß, unermüdliche Arbeitskraft! Lernen müssen wir – Wissen erlangen, um unserem mächtigen Feinde entgegentreten zu können. Waffen brauchen wir! Und die mächtigste Waffe im Kampfe gegen den Mann ist . . .«

»Das Küssen!« schrie Monika,

Magda Kirchstett tat den Mund auf, schnappte nach Atem, aber ehe sie diese Lähmung der Entrüstung überwunden, war Monika auf die Bank gestiegen.

»Meine Damen!« rief sie mit ihrer hellen Kinderstimme, »die besten Waffen im Kampfe gegen den Mann sind die ältesten Waffen – dieselben, die schon unsere verehrten, gänzlich unmodernen und stupiden Großmütter gebraucht haben: ein bißchen schmeicheln – nein! – sehr viel schmeicheln und lieb sein und küssen! Sie sind ja auch nicht so schlimm, die Männer, wie Fräulein Kirchstett glaubt. Es gibt doch viele riesig nette, und es wäre doch gar zu langweilig, wenn es nur Damen auf der Welt gäbe! Jede von Ihnen, die mal einen Damenkaffee mitgemacht hat, wird mir beipflichten. Darum schlage ich Ihnen einen Toast auf die Männer vor. Wir wollen sie leben lassen. Was? Leben lassen – dreimal hoch! Hoch! und zum zweitenmal« . . .«

Die Tür öffnete sich.

Herein schnaufte Professor Hermann, der dicke Mathematiklehrer.

»Was ist denn hier los?«

Monika warf ihm einen koketten Blick zu und sagte kindlich-liebenswürdig:

»Es ist meine Schuld, Herr Professor, ich hatte vor den Damen einige Theorien erörtert, die allgemeinen Anklang fanden,«

Magda Kirchstett stieß einen Zorneslaut aus: auch viele andere schienen lebhaft indigniert.

Andere lachten, und der Professor sagte wohlwollend: »Na, wenn es so allgemein gefallen hat, wird es wohl was sehr Nettes gewesen sein, Fräulein von Birken.«

Monika setzte sich strahlend, denn so freundlich war der Mathematiklehrer zu seiner schlechtesten Schülerin selten.

»Es war eben mein steinerweichender Blick, der ihn so liebenswürdig machte,« triumphierte Monika nach der Stunde.

Aber sie sollte nicht so billigen Kaufes davonkommen.

Fräulein Kirchstett war nun wieder im Vollbesitz ihres Sprechorgans und ihrer geistigen Fähigkeiten, und so ergoß sich nun ein Niagara von Vorwürfen über Monikas schuldiges Haupt.

»Birken, die von Ihnen geäußerten Ansichten decken eine sittliche Unreife auf, wie man sie bei einer Hörerin unserer Kurse nicht für möglich halten sollte! Leider bin ich genötigt, Fräulein Doktor Stark mitzuteilen, daß wir alle Sie für ungeeignet halten, mit uns zu kämpfen und zu streben. Ja, wir alle . . .«

Protestierende Zurufe wurden laut.

»Von mir aus kann sie ruhig mitkämpfen,« sagte die Kommerzienratstochter friedlich.

»Birken ist überhaupt ein riesig netter Kerl,« rief eine andere.

Frau Kramer sagte melancholisch: »Ihr Loblied auf die Männer war wirklich von keiner Sachkenntnis getrübt, Birken.«

Und im Hintergrunde schrie eine: »Birken ist ein ganz naseweiser Fratz.«

Monika packte ihre Mappe zusammen und sagte: »Kinder, tobt Euch allein aus. Ich gehe mich ein bißchen erholen, in den Tiergarten. Kommt jemand mit? Entschuldigt mich, bitte, bei Professor Mellenthin. Es tut mir sehr leid, die griechische Stunde zu versäumen, aber das Wetter ist zu schön, und im Tiergarten fängt der Flieder schon an zu blühen.«

Kaltblütig ging sie hinaus, während die drinnen wie ein aufgescheuchter Spatzenschwarm durcheinander lärmten.

Monika schlenderte durch den Tiergarten, ließ den Zauber der erblühenden Büsche auf sich wirken, musterte Pferde und Reiter, die vorüberkamen, und dachte über sich selbst nach.

Sie fühlte sich sehr allein. »Ich bin doch eigentlich ein unglückliches Zwittergeschöpf,« philosophierte sie und pfiff betrübt einen Schmachtwalzer vor sich hin. »Bin ich nun eigentlich ein Kind meiner Zeit? Dieser Zeit, in der die Frau die engumhegten Bahnen verläßt, in denen sie jahrtausendelang gewandelt, in der sie kühn hinausstürmt in die Weite, den Kopf noch ein bißchen benommen von dem grellen Licht, das so plötzlich auf sie einströmt.

Oder wäre ich auch in jedem anderen Zeitalter möglich?

Diese zwei Naturen in mir, die sich gegenseitig bekämpfen . . . wie sagt doch Doktor Rodenberg? Aphrodite und Pallas vertragen sich schlecht miteinander . . .

Die süße Aphrodite lächelt so spöttisch, wenn ich mich zu der eulentragenden, gelehrten Göttin flüchte, und die stolze Pallas grinst geradezu, wenn mich all mein Sein zur schönsten Göttin zieht. Schrecklich, schrecklich!«

So sann Monika vor sich hin, ging aus dem gepfiffenen Walzer in eine Polka über und hopste nach dem Takt derselben den sonnenbeschienenen Fußpfad entlang, von den wohlwollenden Blicken zweier alter Herren gefolgt. Wochen und Monate gingen dahin.

Am nächsten Tage hatte Fräulein Doktor Stark eine private Unterhaltung mit Monika.

»Mir haben Damen Ihrer Klasse mitgeteilt, daß Sie Ihrer ganzen Auffassung nach vielleicht nicht geeignet sind . . .«

Monika unterbrach.

»Fräulein Doktor, ich habe mir einen harmlosen Scherz gemacht.«

»So? – Nun, jedenfalls interessiert es mich, zu erfahren, welchen Standpunkt Sie mit Bezug auf Ihre Studien einnehmen. Wie denken Sie sich Ihren Lebensgang überhaupt?«

»Zunächst will ich hier das Abiturientenexamen machen und dann . . .«

Monika stockte.

»Welchem Studium wollen Sie sich widmen? Medizin?«

»O pfui!« schrie Monika los, »Leichen zerschneiden!«

Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck höchsten Entsetzens.

»O pfui!«

»Beherrschen Sie sich. Das ist kindisch. Also Philologie?«

»Nein.«

»Jura?«

»Nein.«

Monika besah ihre Fingernägel, und plötzlich kam ihr eine Eingebung.

»Nationalökonomie,« sagte sie entschlossen.

»So, so,« die Gestrenge schien besänftigt, »und in welcher Weise gedenken Sie diese Studien zum Wohle der Frauenwelt anzuwenden?«

»Nationalökonomie,« sagte Monika noch einmal bedeutungsschwer: sie ließ diese rettende Planke nicht mehr los.

Daß sie etwas unklare Begriffe über die Bedeutung dieses Wortes hegte, brauchte Fräulein Doktor ja nicht zu erfahren.

So endete die Unterredung weniger schlimm, als Monika es sich vorgestellt.


* * *


Wochen und Monate gingen hin.

Die Baronin Birken erzählte stolz allen ihren Bekannten, daß Monika studieren solle: sie schrieb es ihren sämtlichen Verwandten.

Frau von Holtz äußerte sich recht mißbilligend über das Studienprojekt. Sie erwähnte, daß ihre Tochter Marie sie auch schon um die Erlaubnis zum Studieren gebeten. Dieser »moderne Unsinn« schien förmlich eine ansteckende Krankheit zu sein. Sie habe natürlich empört die Erlaubnis verweigert. Die Ungebundenheit der Studienjahre sei mit der Würde und dem Anstand eines jungen Mädchens unvereinbar. –

Marie maulte jetzt die ganze Zeit, daß sie ihren Willen nicht durchsetzen dürfe: sie aber würde unbeirrt ihrer Mutterpflicht genügen und hoffe, den Verwandten schon in nächster Zeit die Verlobung Mariechens mitteilen zu können.

»Ach, eine Verlobung!« Frau von Birken war Feuer und Flamme. »Wer es wohl sein mag? Und ob es eine gute Partie ist? Nun, wahrscheinlich doch. Marie als Erbtochter von Sarkow kann Ansprüche machen.«

Die Baronin sprach in den nächsten Tagen nur von dieser Verlobung und erging sich in den verschiedensten Vermutungen.

Ihr Interesse wurde erst abgelenkt, als sie einen Bries ihrer Schwester Kläre empfing. Auch dieser Brief war eine Antwort auf Malis Mitteilung, daß ihre Tochter studieren solle.

Kläre schrieb, sie freue sich, daß nun doch Monikas bessere Instinkte zum Durchbruch kämen. Das Studium würde ein unübertreffliches Mittel sein, um Monikas Hang zum Leichtsinn entgegenzuarbeiten.

Was ihre eigene Tochter Bertha anbeträfe, so sei es für die nun auch höchste Zeit, sich auf das Abiturienten-Examen vorzubereiten, und zwar in ernsthafterer Weise als bisher. Der Unterricht durch den Vater zeitigte leider nicht die Früchte, die man berechtigt gewesen wäre, zu erwarten. Und so sähe sie sich denn genötigt, Bertha nach Berlin zu schicken, wo dieselbe auch den Gymnasialkursen von Fräulein Doktor Stark eingereiht werden solle. Sie hoffe dringend, daß sich Berthas Charakter dort von Grund auf ändere. Leider sei sie einstweilen ein durchaus unmodernes Mädchen, interessiere sich mehr für den Haushalt als für die Wissenschaft. Natürlich aber werde sie – Kläre – ihren Mutterpflichten getreulich nachkommen und es zu verhindern wissen, daß Bertha ein Schablonendasein führe.

»Ach, Berthchen kommt zu uns,« rief Frau von Birken, indem sie plötzlich die Lektüre des Briefes unterbrach. »Wie nett! Bertha ist ein reizendes Mädchen. Ich muß doch gleich mal sehen, ob das gelbe Fremdenbettstell in Ordnung ist. Martha, schnell den Schlüssel zum Boden.«

»Rege Dich gar nicht erst auf, Mamachen,« sagte Monika, die den von ihrer Mutter achtlos weggeschleuderten Brief inzwischen zu Ende gelesen. »Bertha kommt nicht zu uns.«

»Ach, warum denn nicht?«

»Hier steht es: sie kommt zum Bruder ihres Vaters, dem Professor Reckling.«

Frau von Birken war empört.

»Komische Idee von Kläre. Ich als Schwester wäre wohl doch die nächste dazu, ihre Tochter aufzunehmen. Bertha ist ein nettes Mädchen, ich hätte sie so verwöhnt . . .«

»Mehr als mich,«  brummte Monika. »Fremde Kinder behandelst Du immer besser als uns, Mama.«

»Die ärgern mich auch weniger als Ihr! Nicht ein einziger von Euch ist gehorsam.«

»Das hat Tante Kläre wohl auch gedacht und unseren Einfluß auf Bertha gefürchtet,« sagte Monika. »Mir wird doch immer gesagt, daß ich so demoralisierend wirke – de – mo – ra – li – sie – rend . . .,« sang sie im Walzertakt und schwang die Mutter in die Runde.

Nach Berthas erstem Besuch bei Birkens war Mali von ihrer Nichte entzückt. Das machte aber niemandem einen großen Eindruck, da sie sich für unendlich viele Leute begeisterte.

In diesem Falle hatte sie wirklich keine genügende Ursache, entzückt zu sein. Bertha besaß nichts irgendwie Hervorragendes.

Sie war ein schlankes, blondes Mädchen mit schmalen Schultern und ziemlich ausdruckslosen Augen. Ihre geistige Befähigung war knappes Mittelmaß, ihr Charakter war harmlos freundlich, nur momentan war ihre Stimmung verbittert durch den Zwang, den die Mutter auf sie ausübte. Bertha wäre so froh gewesen, wenn man sie das Leben hätte führen lassen, wie es alle ihre Freundinnen führten: in der Wirtschaft helfen, ein bißchen Klavier spielen, ein bißchen malen, hübsche Handarbeiten machen, Bälle besuchen, die Eisbahn, den Tennisklub.

Und dann sich verloben – ach, himmlisch! – heiraten, hübsche Kinder haben mit schön frisierten Haaren und weißen Spitzenkleidern.

Und da kam Mama nun mit der unglücklichen Idee des Studiums.

So oft sie ihrer Tochter auch vorhielt, in welch begnadeter Zeit sie lebe, daß es ihr gestattet sei, all ihre Geisteskräfte voll zu entfalten, indes ihre Mutter seinerzeit durch die herrschenden Anschauungen gezwungen gewesen, dem herrlichen Plane: ganz im Dienste der Wissenschaft aufzugehen, zu entsagen – Bertha ließ sich nicht überzeugen.

Sie gehorchte zwar dem Gebot der Mutter, aber ohne jede innere Freudigkeit.

In den Kursen – sie war in denselben Zötus eingereiht worden wie Monika – fiel sie durch nichts auf. Eine knappe Mittelmäßigkeit war die Signatur ihres äußeren und inneren Menschen. Für keines der Fächer, in denen man Unterricht empfing, hegte sie besonderes Interesse.

Im Gegenteil! Sie mokierte sich geradezu über Monika, die, als man im Latein und Griechischen die langweiligen Anfangsgründe überwunden, sich für das klassische Altertum zu begeistern begann. Die Glut, die sie in Kindertagen entfaltet, wenn Doktor Rodenberg ihr Sagen erzählt, lebte wieder auf: schattenhafte Träume erwachten zu neuem Leben.

Und nicht nur wie einst sah sie nur die männermordenden Helden, die erzgeschienten Völkerfürsten, nicht nur wie früher verfolgte sie mit heißer Freude am Kampfe das Auf- und Niederwogen der Feldschlacht – jetzt wurde ihr auch die schöne Sklavin lebendig, die blühende Briseïs, die sich zitternd willig dem Peliden gibt. Jetzt schwirrten ihre Gedanken auch um die Götterschönheit der Helena, um die so viel Tausende starben.

Die toten, heidnischen Sprachen, die Monika anfangs so langweilig gedünkt, waren ihr nun Zauberschlüssel – Zauberschlüssel, welche die Pforten zu märchenschönen Gärten öffneten.

Mit einer wahren Gier stürzte sie sich jetzt aufs Lernen.

Und wie immer bei ihr: wenn sie erst angefangen, sich einer Sache zu widmen, so tat sie das ungeteilt: sie richtete all ihre Kräfte, all ihr Sinnen darauf.

Ihre Geisteskräfte schienen zu wachsen in dem scharfen Training, das sie ihnen zumutete, und sie spornte sich selbst immer mehr an.

Weltgeschichte, Chemie, Physik – je mehr, je besser! Mit einem wahren Heißhunger nahm sie alles Gebotene in sich auf und tat weit mehr, als das Pensum erforderte. Ihre Neigung zu Vergnügungen, zum Flirt, trat nun völlig zurück.

Sie wollte nichts weiter, als möglichst ungestört über ihren Büchern brüten. Allein an der Art, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie den Einband mit liebkosenden Fingerspitzen umspannte, als sei es eine kostbare Frucht, sah man die Wonne, die es ihr bereitete, sich in den Inhalt zu versenken.

Die Brüder, denen besonders die alten Sprachen unangenehmer Zwang waren, spotteten, wenn sie Monika über den Homer gebeugt sahen.

»Du wirst noch 'ne richtige verdrehte alte Schachte! werden,« sagte ihr Alfred.

Heinrich erklärte ihr Lernen für »im höchsten Grade unweiblich«.

Karl enthielt sich jeder gesprochenen Meinungsäußerung, aber oft sah er, Butterbrote kauend, seiner Schwester mit entgeistertem Kopfschütteln zu. Wie es Menschen geben konnte, die gern lernten, war ihm ein unheimliches Rätsel.

Frau von Birken zeigte sich von Monikas Lerneifer sehr befriedigt, aber bald trat ein Ereignis ein, das sie verhinderte, auch nur noch einen Gedanken für Monika zu haben: das geliebte Heinzemännchen wurde krank.

Er litt an sehr schmerzhaften Magenkrämpfen. Was es eigentlich war, war nicht mit voller Sicherheit zu ermitteln.

Monika behauptete, daß Heinrichs Mostrichkur wahrscheinlich eine gewisse Rolle spiele. Er hatte nämlich vor einigen Wochen erklärt, daß als Hauptnahrungsmittel für ihn nur Mostrich in Betracht käme.

Die Baronin, der es völlig unmöglich war, ihrem Lieblingssohne irgend etwas abzuschlagen, hatte ihn gewähren lassen, und so hatte Heinrich viele Wochen lang unglaubliche Quantitäten Mostrich vertilgt.

Möglich, daß ihm diese selbsterfundene »Stärkungskur« schlecht bekommen.

Jedenfalls waren die von Zeit zu Zeit bei ihm auftretenden Magenkrisen so unsäglich schmerzhaft, daß der Arzt Morphiuminjektionen verordnete.

Frau von Birken überließ sich lauten Verzweiflungsausbrüchen.

Ihr Mann hatte in den letzten Monaten seines Lebens Morphium bekommen, und diese Tatsache genügte ihr, um Heinzemännchen einem nahen Tode verfallen zu sehen.

»Aber das sage ich Euch, wenn Heinzemännchen stirbt, dann lege ich mich gleich mit dazu!«

Sie ließ ihn völlig von der Schule dispensieren und verbrachte ihr Leben damit, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie leistete gastronomisch geradezu Wunderbares. Die einfache, reizlose Diät, die der Doktor ihrem Sohne verordnet, leuchtete ihr nicht ein.

»Das ist doch gar nichts Kräftiges! Das sind alles so übermoderne Anschauungen: Gemüse und Obstsaft! – Früher hat jeder Doktor Ungarwein und Beefsteak verordnet – da kann man sich doch denken, daß das Kraft gibt. Man muß den Appetit reizen – das ist die Hauptsache! – Heinzemännchen, Du bekommst heute ein Rumsteak mit geschabtem Meerrettich und Kräuterbutter und einen Sherry – na, Du wirst ja sehen.«

Heinrich war mit seiner Krankheit ganz zufrieden.

Er brauchte nicht in die Schule, lebte wie ein Pascha.

Es wurde aufopfernd für ihn gesorgt. Die ganze Zeit gab es Festmenüs.

Seiner geistigen Unterhaltung diente das Leihbibliotheks-Abonnement, das seine Mutter ihm genommen.

Er las täglich zwei bis drei Bände. Und wenn er zum Lesen keine Lust hatte, mußten seine Mutter und Alfred Skat mit ihm spielen.

Wenn er wirklich mal Schmerzen hatte, beruhigte ihn das Morphium bald, und er verfiel dann in einen traumhaften Dusel, der viel Angenehmes hatte.

Der Hausarzt hatte Frau von Birken eine kleine Quantität Morphium und eine Pravazspritze dagelassen, um Heinrich, dessen Anfälle sehr plötzlich eintraten, nicht unnötig lange Schmerzen leiden zu lassen.

Es war jedesmal ein Ereignis, wenn Frau von Birken sich dazu entschloß, die spitze Nadel in Heinrichs Fleisch zu versenken.

»Heinzemännchen, ich kann es nicht. Es bricht mir das Herz, diese ganze, lange Nadel hineinzubohren – das muß Dir ja zu weh tun!«

»Aber mach' doch endlich,« stöhnte dann der von Schmerzen gefolterte Kranke unruhig, »schnell! Ich halte es nicht mehr aus!«

Dann hob ein zitternder Seufzer Frau von Birkens Brust: sie schloß die Augen, indes ihre wenig geschickten Finger die blanke Spitze in ihres Sohnes Fleisch bohrten.

An einem Frühherbsttage bekam Heinrich wieder einen sehr heftigen Anfall.

»Gewiß kommt das von dem Witterungsumschlag!« tröstete Frau von Birken.

»Ach, Unsinn – Unsinn,« murrte der Kranke.

»Vielleicht doch, Liebling. Die ganze Zeit hatten wir so schönes Wetter, und jetzt auf einmal die Kälte.«

Sie sah durchs Fenster hinaus auf die die Straße flankierenden Bäume, die der Wind zauste. Die Blätter wirbelten durch die Luft.

Frau von Birken fröstelte, teils infolge des suggestiven Anblicks, teils, weil sie, um ihre Schlankheit ins rechte Licht zu setzen, immer zu dünne Kleidung trug.

Aber auch Monika, die eben aus ihrem Kursus gekommen, protestierte:

»Mama, Du verstehst die Heilkunde wie so'n alter Schäfer! Das kommt doch nicht von der Witterung! Heinz wird sich eben wieder den Magen verdorben haben!«

»Geh', Du bist herzlos! Heinzemännchen ißt wie ein Vögelchen.«

»Wird's denn nun endlich mit meinem Morphium?« rief der Kranke ungeduldig.

»Ja, mein Geliebtes, ja, so schwer wie es mir wird,« jammerte die Mutter.

Sie entnahm dem kleinen Etui die auf blauem Samt gebettete Spritze.

Monika verließ das Zimmer. Sie hörte von nebenan, wie ihre Mutter das Schicksal anklagte, das sie verurteilte, ihrem geliebten Herzenskind weh zu tun.

Frau von Birken war ganz blaß, als sie einige Augenblicke später aus dem Zimmer kam.

»Ach, es ist zu schrecklich, der arme, liebe, süße Junge. Gewiß so ein unglückseliges Erbteil vom Papa. O, mein Heinzemännchen, mein süßes! Na, jetzt hat er Gott sei Dank wieder vierundzwanzig Stunden Ruhe.«

Aber Frau von Birken irrte sich.

Als sie nach einer Weile Heinrichs Zimmer von neuem betrat, waren seine Schmerzen kaum gelindert.

»Schnell, Mama, noch mehr Morphium.«

»Ausgeschlossen, mein Liebling. Du weißt doch, daß es ein gefährliches Gift ist. Eine einzige Spritze, hat der Doktor gesagt.«

Heinrich wendete sich stöhnend auf die Seite und schwieg.

Aber nach einer halben Stunde forderte er energisch noch eine Spritze.

»Gewiß hast Du bei der ersten alles vorbeigeplempert, Mama. Es tut so rasend weh. Das Morphium hat heute gar nicht gewirkt.«

»Liebling, das geht doch nicht.«

Frau von Birken stockte das Wort auf der Zunge. Ein unartikulierter Schrei brach von ihres Sohnes Lippen. Sein junger Körper wand sich in Qualen. Eine neue Krise schien einzusetzen.

»Mama . . .,« würgte er hervor. Eine flehende Gebärde . . . Seine tastende Hand wies auf die Marmorplatte des Nachttisches, auf dem die kleine Flasche stand mit der farblos hellen Flüssigkeit.

Da hielt der Mutter Bedenken nicht stand. In fliegender Hast griff sie von neuem nach dem kleinen Etui.

Noch eine kurze Zeitspanne – dann schien die gewünschte Wirkung einzutreten. Die schmerzhafte Spannung aller Glieder ließ nach, die qualdurchfurchten Gesichtszüge glätteten sich.

Dankbar nickte Heinrich seiner Mutter zu. Zum Sprechen war er zu müde.

Auf Zehenspitzen schlich Frau von Birken ins Nebenzimmer.

»Gott sei Dank, Mone, endlich hat's gewirkt, das Morphium. Ich habe ihm noch eine Spritze gegeben, dem armen Liebling. Jetzt hat er wenigstens Ruhe.« Dann ging die Baronin in die Küche und unterhielt sich mit Martha, die, seitdem der junge Herr leidend war, in der Erzählung von merkwürdigen Krankheitsfällen schwelgte.

Monika, die über einer Mathematik-Aufgabe brütete, wurde aus ihrer Arbeit gestört durch einen sonderbar röchelnden Ton, der aus dem Nebenzimmer drang.

Sie ging zu Heinrich hinein. »Laß doch bloß dieses gräßliche Schnarchen, man kann überhaupt nicht arbeiten dabei.«

Ihr Bruder antwortete nicht.

Und wieder der röchelnde Ton, der sich aus seinem halboffenen Munde rang.

Monika rüttelte ihn am Arm: »Heinrich!«

Und plötzlich durchzuckte sie ein fassungsloser Schreck. Eiskalt rieselte ihr das Entsetzen den Rücken hinunter. Dieses regungslos starre Gesicht, in welchem kein Muskel gezuckt, als sie »Heinrich« gerufen, diese nur halbgeschlossenen Augenlider, die das Weiß der nach oben gedrehten Augäpfel erkennen ließen, das war kein Schlaf, das war Bewußtlosigkeit!

Sie rannte in die Küche, stammelte ein angstbebendes: »Mama, komm schnell!« und zog die Mutter mit sich fort.

Frau von Birken stürzte auf ihren Sohn zu.

»Heinrich!«

Aber trotz der heftigen Berührung gab er kein Lebenszeichen von sich. Die weißen Augäpfel stierten gespenstisch unter den Lidern hervor.

Die Mutter schrie auf, ein herzzerreißend gellender Schrei:

»Heinrich!«

»Aber er lebt ja noch,« beruhigte Martha, die neugierig aus der Küche herzugelaufen war, »er ist noch ganz warm.«

»Martha, pfui, um Gottes willen, reden Sie nicht so!« schrie die Baronin.

Und Monika sagte:

»Halten Sie den Mund, und bleiben Sie hier im Zimmer – ich gehe den Arzt holen.«

Sie eilte die Treppe hinunter.

Die Adern schlugen ihr wie Hämmer, eine wahnsinnige Angst um den Bruder hatte sie erfaßt. Sie eilte, als hinge Heinrichs Leben an Sekunden. Keuchend langte sie bei ihrem Hausarzt an: das öffnende Mädchen sagte, daß er nicht zu Hause sei, erst spät abends zurückerwartet werde.

Ohne ein Wort der Erwiderung machte Monika Kehrt, eilte die Treppen hinunter und die Straße entlang. Fieberhaft forschte sie nach dem Schilde eines Arztes.

Bei noch zweien klingelte sie umsonst. Der dritte, ein jugendlicher, elend aussehender junger Mann war auf ihr inständiges Bitten bereit, gleich mit ihr zu gehen.

Frau von Birken empfing den Arzt wie einen Heilsbringer.

»Schnell, Doktor, erwecken Sie meinen Sohn, schnell, um Gottes willen,« flehte sie.

»Ja, nun lassen Sie mich doch erst mal sehen,« wehrte der Arzt ab, indem er seinen Ueberzieher auszog.

Dann trat er zu Heinrichs Bett, hob die Augenlider des Bewußtlosen empor.

Die Pupillen waren zu winzigen Pünktchen verengert, reagierten überhaupt nicht auf das Einfallen des Lichts.

Das erstaunte Gesicht des Arztes ließ Monika zu einer Erklärung schreiten:

»Mein Bruder hat zu viel Morphium bekommen, Herr Doktor.«

»Ah, also eine Vergiftung.«

»Was? Eine Vergiftung? Herr Doktor, wie können Sie sowas sagen,« jammerte in den höchsten Tönen des Entsetzens die Baronin, »wie sollte denn Heinrich zu einer Vergiftung gekommen sein?«

Der Arzt wandte sich ohne weiteres zu Monika, die so kurz wie möglich von Heinrichs Leiden sprach, von dem Morphium, das der Arzt verordnet.

»Und das hat er in Ihren Händen gelassen?« verwunderte sich der kleine Arzt.

Er ließ sich die Flasche zeigen, betrachtete sie kopfschüttelnd.

»Aber, Herr Doktor, eilen Sie sich, mein Kind stirbt!« schrie die Mutter.

»Ich muß mich doch erst informieren,« sagte der junge Mann mürrisch, immer noch über die Flasche gebeugt.

Dann zog er seinen Notizblock hervor und schrieb mit einer Langsamkeit, welche Frau von Birken dem Wahnsinn nahe brachte, mehrere Medikamente auf, die Martha sofort aus der Apotheke holen sollte.

Das Mädchen eilte weg, und Karl, der eben aus der Nachmittagsschule gekommen war, begleitete sie: ihm war es zu unheimlich, im Hause zu bleiben.

Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten.

Ein atemraubendes Schweigen herrschte in dem Zimmer, nur von Zeit zu Zeit unterbrochen durch das furchtbare Röcheln, das sich aus Heinrichs Munde rang.

Frau von Birken hatte den Kopf des Bewußtlosen an ihre Brust gebetet und bedeckte seine bläulichen Lippen, seine fühllosen Hände mit heißen Küssen.

»Mein Glück, mein geliebtes Kind, sprich doch nur ein Wort, ein einziges, einziges Wort. Liebling . . . Heinrich . . .«

In ihren sonst so heiter liebenswürdigen Augen flammte ein tragisches Feuer

Dann versank sie in verzweifeltes Schweigen.

Monikas Nerven hielten das nicht mehr aus. Jede Faser in ihr war zum Zerreißen gespannt: eine Jagd von Gedanken stürzte durch ihren Kopf, wirr, zusammenhanglos.

Sie schritt taumelnd hinaus, öffnete die Korridortür, um die Treppe hinabzuspähen.

Kam denn Martha immer noch nicht?

Es war, als ob die Zeit stille stände, als ob Bleigewichte an den Minuten hingen.

Monika verlor vollkommen den Begriff der Zeit.

Als das Dienstmädchen kam, Karl ängstlich dicht neben ihr, wußte sie nicht, ob Minuten oder Stunden verflossen waren.

Sie nahm Martha die Sachen aus der Hand und eilte mit diesen ins Krankenzimmer.

»Herr Doktor, tun Sie ihm nicht weh,« jammerte die Mutter, als der Arzt Heinrich eine Koffein-Einspritzung machte.

Der Angeredete zuckte ungeduldig die Achseln und setzte sich dann wieder in seinen Sessel.

»Aber er wacht ja immer noch nicht auf!« rief die Mutter.

»Warten Sie's doch ab.«

»Aber tun Sie doch was, Herr Doktor, tun Sie doch etwas,« rief Frau von Birken.

»Wir können jetzt die Senfpflaster auflegen,« wandte sich der Arzt an Monika. Diese griff nach einem Paket, das man aus der Apotheke geholt. Der Doktor legte Heinrich vier Senfplaster auf.

»O Gott, das muß ihn ja brennen. Heinz verträgt Senfpflaster überhaupt nicht,« klagte Frau von Birken. »Heinrich . . !« brach sie dann plötzlich wieder los. In ihrer sonst so unbedeutenden, kleinen Stimme war ein tiefer Unterton, ein tierischer Schmerzensschrei, der Wehlaut der Mutter um ihr sterbendes Junges.

»Herr Doktor, er will sprechen. Er will sprechen! Ich sehe es . . . es läuft wie ein Zucken über sein Gesicht . . . Er will sprechen, will klagen . . . und er kann es nicht . . . oh . . wie er leidet . . . er hört und fühlt alles . . . er will sprechen und kann es nicht . . .«

Sie brüllte laut auf.

Monika, die blaß bis in die Lippen geworden war, trat auf den Arzt zu.

»Können Sie der Mama nicht ein Mittel geben, um . . .«

»Ach, Unsinn, das ist alles ganz nebensächlich. Erst müssen wir den jungen Mann da mal aufkriegen.«

Er trat von neuem zu dem Kranken, nahm ihm die Senfpflaster ab.

»Merkwürdig, keine Spur von Rötung.«

Die Mutter schrie auf.

»Frau Baronin, er ist noch ganz warm,« tröstete Martha, die unaufgefordert wieder ins Zimmer gekommen war.

»Geben Sie jetzt mal den Kampferspiritus.«

Und wieder begann der Arzt die Brust des Regungslosen zu reiben.

Aber immer noch kein Lebenszeichen.

Der Doktor machte nun ein bedenkliches Gesicht.

»Wir werden nochmal Koffein nehmen,« sagte er kopfschüttelnd.

Und wieder bohrte er die scharfe Nadel in das blasse Fleisch.

Atemraubende Minuten der Erwartung.

Sie alle waren so nervös geworden, daß sie zusammenschreckten, als die Zimmertür sich öffnete.

Alfred trat ins Zimmer. Er richtete ein paar Fragen an den Doktor, die dieser kaum beantwortete, Dann nahm er Monika am Arm und ging mit ihr ins Nebenzimmer.

»Karl hat mir alles erzählt,« sagte er seiner Schwester, »nun paß gut auf: wenn mit Heinrich irgend etwas passiert, dann weißt Du nichts davon, daß Mama noch ein zweitesmal Morphium gegeben hat. Das Dienstmädchen muß auch instruiert werden.«

Monika starrte den Bruder ganz verständnislos an. »Was?«

»Na, ganz einfach, weil Mama dann wegen fahrlässiger Tötung rankommt . . .«

Monika schrie auf: »Alfred, wie kannst Du!«

»Na, das ist doch ganz klar. Im Falle Heinrich stirbt . . .«

Monika stieß den Bruder heftig vor die Brust und rannte ins Nebenzimmer: sie klammerte sich mit beiden Händen an das Fußende des Gitterbettes, betrachtete mit irren Augen den Bewußtlosen und die Frau, die da am Bette kniete, die Mutter, die vielleicht sein Leben auf dem Gewissen hatte . . . aus Liebe . . . aus Liebe . . .

Und plötzlich strömte es Monika siedendheiß durch die Adern: ein wilder Trotz packte sie gegen diese dunkle und furchtbare Macht, die über dem blassen Jünglingshaupt schwebte, ein wütendes Sichauflehnen gegen das Schicksal, das blind und täppisch und erbarmungslos ein Uebermaß von Mutterliebe so entsetzlich ahnden zu wollen schien.

Ihre Hände krampften sich um des Bettes schmale Stäbe: mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in den Tod . . . Es war ein sonderbares Klingen in ihren Ohren. Wohl hörte sie, daß die Mutter auf den Arzt einsprach, aber sie verstand nicht mehr, was sie sagte.

Der kleine Arzt wehrte die Baronin ab.

»Nein, noch eine Koffein-Einspritzung ist unmöglich.«

Dann setzte er zögernd hinzu:

»Vielleicht lassen Sie jetzt nochmal fragen, ob Ihr Hausarzt zu Hause ist?«

Von neuem eilte Martha davon.

Und von neuem ging Frau von Birken durch alle Phasen der Hoffnung, der Verzweiflung, der Enttäuschung, neuer Hoffnung . . .

»Er bewegt die Lippen, er will sprechen – ich sehe es . . . Heinrich, ein Wort, ein einziges . . .«

Sie war so fassungslos in die martervollen Abgründe ihres Schmerzes versenkt, daß sie nichts von dem sah, was sich nun begab.

Der Doktor verkündete mit seiner mürrischen Stimme: »Er schlägt die Augen auf.«

Sie faßte es nicht, begriff es nicht, als Heinrich nun zu sprechen versuchte: als er sprach mit deutlicher, ein wenig traumschwerer Stimme:

»Was . . . ist . . . denn . . .«

Bis endlich das gemarterte Mutterhirn die selige Wirklichkeit erfaßte. Mit einem erschütternden Freudenschrei warf sich die Mutter über den Geretteten:

»Mein Glück . . . mein einziges . . .«



6.

Dieses Ereignis klang in Monika nach mit einer bedeutungsvollen Schwere, die es für keinen der anderen gehabt.

Schon der Tod ihres Vaters hatte ihr einen erschütternden Eindruck gemacht.

Aber jener Tod war nichts Ueberraschendes, war nur die Folge einer langen Kette gewesen, geschmiedet aus leidensvollen Tagen und schlaflosen Nächten.

Des Vaters mächtiger Körper war nicht zusammengebrochen wie ein Baum, den der Blitzstrahl trifft, nein! Die Krankheit hatte langsam ihr Werk getan: alle die vielen Tage und Nächte waren wie Ameisen gewesen, die fleißig und hastig Stück um Stück Gesundheit und Leben davontrugen.

Monikas Vater war ein alter Mann gewesen, als seine Augen brachen: alt, trotzdem er kaum fünfundvierzig erreicht.

Seine Haare waren wie Schnee.

Seine Augen waren wie verblaßt – ganz stumpf. Man hatte den Tod kommen sehen, wochenlang – viele Monate lang. –

Jetzt aber war es anders gewesen.

Jetzt war der Tod heruntergestürzt – wie ein Habicht aus blauer Höhe niederstößt auf sein Opfer. Wohl hatte man ihm seine Beute im letzten Moment noch abgejagt, aber allzunahe hatte man das Schwirren seiner starken Flügel gehört. –

Monika sah jetzt im Wachen und im Traum ihres Bruders regungsloses Gesicht, das starre Weiß der Augäpfel unter halbgeschlossenen Lidern.

Wie oft hatte sie gehört von Leuten, die jung gestorben waren. Aber das hatte ihr nie Eindruck gemacht. Was sie von anderen hörte, blieb ihr immer ganz gleichgültig. Sie erfaßte eine Sache erst dann, wenn sie sie erlebte.

Und nun hatte sie gesehen, schaudernd mitgefühlt: das Ende! –

Das brennende Mitleid, das sie für den Bruder gefühlt, verschwand, sobald sie sah, daß Heinrich mit einem Tage Kopfschmerzen davonkam.

Aber der Eindruck blieb. Es blieb die wahnsinnige Angst: nicht sterben, ehe ich gelebt, ehe ich alles Süße gekostet, was das Leben zu schenken hat.

Und es kam der Zweifel, der nagende Zweifel: tue ich recht, wenn ich mich vergrabe in tote Gelehrsamkeit – wenn ich mein Leben verstreichen lasse mit dem Erlernen von Systemen, von Theorien?

Mein Gehirn arbeitet – meine Geisteskräfte werden stärker durch Uebung und Erziehung, aber abstrakte Wissenschaft ist nicht das Leben.

Manchmal war es ihr, als ob sie ihr Gehirn haßte, das alle anderen Regungen zu verschlingen drohte.

Sie bemühte sich nun, nicht mehr an all die Themata zu denken, die sie in den letzten Monaten so sehr absorbiert hatten.

Mit kindischem Trotze suchte sie alle streng geistigen Regungen in sich zu ertöten.

Dafür ließ sie jetzt ihrer Phantasie die Zügel schießen. Und es war, als ob diese Phantasie, die während der Lernperiode geschlummert, nun mit doppelten Kräften aufwachte: lächelnd nahm die Phantasie Monika bei der Hand und führte sie vielgestaltige Irrwege, auf denen viele schöne Giftblüten wucherten, wildflammende Blüten, die berauschend und betäubend dufteten.

Und Monika spann sich in ihre Phantasien wie die fleißige Seidenraupe, die sich mit ihrem Köpfchen in ein silberschimmerndes, dichtes Gewebe einspinnt.

Der Tadel der Lehrer – die Ermahnungen der Mutter blieben umsonst.

Monika nahm am täglichen Leben wenig Anteil, war zerstreut und faul.

Niemand konnte ergründen, was für Gedanken hinter der niedrigen, weißen Stirn rege waren. Mit der gleichen, fast unheimlichen Konzentration, mit der sie sich erst auf das Lernen gestürzt, widmete sie sich jetzt ihren uferlosen Phantasien. Kein fremder Einfluß vermochte sie dieser Manie zu entreißen – nur sie sich selbst.

Und diese Stunde kam.

Ein Gedanke – sie wußte nicht woher – eine schaudernde Selbsterkenntnis: auch das ist nicht Leben! Nicht nur die Wissenschaft stahl mir die Wirklichkeit, auch meine Träumereien haben nichts mit Wirklichkeit zu tun. Diese Träumereien, die sich alle darum drehen, wie das wohl sein könnte, nicht, wie es wirklich ist!

Ich aber möchte das Leben, wie es ist!

Aber was sehe ich denn vom Leben, was weiß ich denn davon? Wir Töchter aus guter Familie werden gehalten wie die Kanarienvögel im Käfig. – Ach . . . Leben . . .

Oft wünschte sie sich jemand, der ihr hätte raten, ihr hätte helfen können in dem brausenden Zwiespalt von Gefühlen.

Aber es war niemand da. Sie blieb ganz allein. Allein in der frühen Reife des Körpers und des Geistes.

Und ihr Trotz erstarkte in dieser Einsamkeit, ihr Trotz: allein dazustehen und allein zu bleiben. –

In den Unterrichtsstunden verschlechterte sie sich sehr. Und das wurde noch schlimmer, als der Winter begann und sich ihr hier und da Gelegenheit bot. Tanzfestlichkeiten mitzumachen.

Die Baronin jammerte zwar gottsjämmerlich, wie schrecklich das sei, daß sie in ihrem jugendlichen Alter schon als Ballmutter figurieren müsse – außerdem seien die Kosten für diese Vergnügungen gar nicht zu erschwingen – aber im Grunde genommen ging sie gern hin.

Der Verlauf war jedesmal derselbe: wenn so eine Einladung ins Haus kam, erklärte Frau von Birken feierlich, daß man sie unter keinen Umständen annehmen würde.

Monika begann sich dann zu entrüsten:

»Du gehst ja doch.«

»Ich denke nicht daran! Wir können das gar nicht bei unseren Mitteln. Außerdem müßte ich ein neues Kleid haben.«

»Ach, es geht ja noch mit dem alten, Mamachen, bitte, bitte, wir wollen doch hingehen.«

»Unter keinen Umständen!« sagte Frau von Birken streng. Sie genoß dann förmlich die Situation. Sie erschien sich in diesen Augenblicken bedeutender als sonst, in dem Bewußtsein, daß Monika von ihr abhängig war, daß sie bitten mußte mit kleinen, schmeichelnden Worten.

»Nein, Du hast so eine Freude gar nicht verdient.«

»Mama!« – Die weißen Zähne gruben sich tief in die schwellende Unterlippe. Heiß flammte der Trotz in den dunkeln Augen auf. Nein, sie würde kein Wort mehr sagen, nicht mehr bitten – nicht mehr bitten!

Und dann schwirrte vor ihren Augen des Ballsaals blendendes Gewoge, dann klang in ihren Ohren die Tanzmusik, unwiderstehlich süß, unerträglich lockend. . .

Und langsam quoll es ihr von den widerstrebenden Lippen: »Bitte. . . bitte . . .«

»Ich denke ja gar nicht daran – ich bin Mutter, ich habe zu bestimmen – wir gehen nicht hin!«

Dann kam es wohl vor, daß Monika sich in einem maßlosen Wutausbruch auf der Erde wand und sich die Haare raufte: lange ließ Frau von Birken ihre Tochter nicht in dieser Verfassung: sie besänftigte sie in den zärtlichsten Schmeicheltönen:

»Monchen, ich bitte Dich, das war ja nicht so ernst gemeint – natürlich gehen wir hin! Und ich schenke Dir mein blaues Emaille-Medaillon mit den kleinen Brillanten. Beruhige Dich doch bloß, Liebling. Wir gehen ja zu dem Balle. Ja, gewiß . . .«

Und Monika, noch Tränen in den Augen, lächelte matt und glücklich wie eine Rekonvaleszentin.

So trieb Monikas ungezähmter Wille weiter seine wuchernden Triebe, von keines verständigen Gärtners Hand gepflegt, bald gezaust und bald gestreichelt von Mutterhänden, die unverständiger waren, als es manche Kinderhände sind.


* * *


Und man ging zum Balle . . .

Und wenn man nach Hause kam, lag Monika mit schlagenden Pulsen schlaflos im Bett mit wirrem Hirn und irritierten Nerven.

Wohl hatte ihr der Ball all die Freude gebracht, die sie von ihm erwartet. Aber es war ein Augenblicksrausch gewesen: beim Nachdenken hielt er nicht stand. Was war's denn auch schließlich: ein bißchen Musik und Licht und gute Tänzer . . .

In diesem unbefriedigten Dasein, das ihr weder Ziel noch Zweck zu haben schien, glaubte sie dann plötzlich einen Leitstern zu entdecken: die Kunst! Mit glühender Begeisterung dichtete sie. Die Worte, die Verse strömten ihr zu mit einer Leichtigkeit, über die sie selbst verwundert war. Oft war ihr, als sei es gar nicht sie selbst, die das alles dächte, sondern als schwebe über ihr ein Unsichtbarer, der ihr ins Ohr sprach, was sie schreiben sollte. Alles war dann wie verändert: die Teppiche, auf denen sie ging, waren weicher als sonst, die Bäume auf der Straße waren riesenhaft gewachsen – die eine Rose, die in einem Glase vor ihr stand, war ein Rosenfeld von Millionen Blüten.

Sie war dann selig. Selig bis in die Fingerspitzen hinein. So lange, bis sie begeisterungsbebend ihrer Mutter und Heinzemännchen die Verse vorlas.

Frau von Birken fand die Gedichte teilweise sehr schön, aber furchtbar unpassend – ein junges Mädchen dürfe überhaupt keine Liebesgedichte machen.

Und Heinzemännchen rang die Hände und beschwor Monika, über den Frühling zu dichten und über den Sommer, oder über den Herbst, oder über den Winter – andere Themata seien für Lyrik unmöglich.

Monika aber faßte eines Tages einen kühnen Entschluß: sie wollte der Welt die Proben ihres Talentes nicht länger vorenthalten.

Und – die Kunstgeschichtsstunde schwänzend – begab sie sich eines Tages mit ängstlichem Herzklopfen in die Redaktion des »Leuchtturms«, einer neu erscheinenden Zeitschrift, in der sich junge Lyriker verschiedener Schattierungen tummelten.

Der »Leuchtturm« war kein phantastisch prunkender Bau, wie Monika ihn sich vorgestellt. Drei Zimmer im Parterre eines Berliner Hinterhauses bildeten den Leuchtturm. Der Kontorist, der im Vorraum zum Allerheiligsten auf einem Drehschemel saß und trübsinnig vor sich hinstarrte, wurde durch Monikas Eintritt angenehm gestört. Eine so junge Dame hatte er in diesen Räumen noch nicht gesehen.

»Ist der Herr Redakteur zu sprechen?«

»Doktor Waldmann kommt erst in einer Stunde.«

»Ach, so lange kann ich nicht warten: wollen Sie ihm, bitte, dieses geben . . .«

Monika legte hastig ein Kuvert auf den Tisch.

»Steht Ihr Name und Ihre Adresse auch drin?« fragte der Kontorist.

»Nein – ich komme wieder.«

Monika rannte davon wie gejagt.

Sie konnte sich viele Tage lang nicht entschließen, nach dem Schicksal ihrer Geisteskinder zu fragen. Aber endlich faßte sie Mut.

Es war ein gar unangenehmes Gefühl, so vor den prüfenden, pincenezbewehrten Augen des Doktor Waldmann dazustehen.

»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er.

»Ach, der Name tut ja nichts zur Sache,« sagte Monika heiß errötend. »Ich wollte nur wissen, ob mein Gedichtzyklus ›Libellen‹ zu brauchen ist?«

»Sehr talentvoll, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Redakteur wohlwollend, »wir wollen in der nächsten Nummer mit der Veröffentlichung anfangen.«

»O . . .« Monika schrie beinahe vor Freude.

»Und wohin soll ich das Honorar senden lassen?«

»Auch Honorar?« Ihre Begeisterung erreichte jetzt den höchstmöglichen Grad.

»Bitte, schicken Sie mir gar nichts,« sagte sie stotternd. »Ich komme es mir gelegentlich selbst abholen.«

»Soll mich freuen. Zwischen vier und sechs Uhr finden Sie mich meistens hier.«

Ein Händedruck, und sie eilte fort.

Kaum war sie zu Hause angelangt, als sie ihr sorgsam gehütetes Geheimnis verkündete.

Ihre Mutter war eine Beute der widerstrebendsten Empfindungen. Einerseits fand sie es maßlos unpassend, daß Monika allein auf eine Redaktion gegangen, andererseits imponierte ihr die Tatsache, daß ihre Tochter wirklich »gedruckt werden sollte«, kolossal. Hatte doch Frau von Birken mit vierzehn Manuskripten vergebens darum gekämpft.

Monikas Brüder erklärten die Neuigkeit für Schwindel: »Monika will bloß bemänteln, daß sie über eine Stunde zu spät aus dem Kursus kommt.«

Aber der nächste Leuchtturm brachte tatsächlich die »Libellen«, und Monika stürzte daraufhin in die Redaktion, allwo sie fünfzehn Mark Honorar empfing. Sie benutzte sie schleunigst dazu, sich lauter Sachen anzuschaffen, die ihr verboten waren: eine Schachtel Zigaretten, den neuen Roman eines naturalistischen Schriftstellers und eine Flasche Chypre-Parfum.

Sie hatte auf der Redaktion wieder ihren Namen nicht genannt und tat es auch weiterhin nicht. Sie versäumte jetzt manchmal ein oder zwei Stunden in den Gymnasialkursen, war während dieser Zeit heimlich auf der Redaktion des Leuchtturms: da war immer der eine oder andere Zeichner, Schriftsteller oder Redakteur, mit dem sie aufs angeregteste plauderte.

Der ihr bisher unbekannte freie Ton der Unterhaltung begeisterte sie. Sie lauschte gespannt, wenn die Herren sich gegenseitig neckten oder ihre Abenteuer zum besten gaben: sie genierten sich nicht in Gegenwart dieses netten, »anonymen« Mädchens.

Die Komplimente, die sie Monika machten, waren anderer Art als die, die sie bisher von den Leutnants gehört. Aber es waren doch Komplimente! Das genügte ihr.

Frau von Birken ahnte nichts von den kleinen Eskapaden ihrer Tochter. Sie gebärdete sich oft trostlos, wenn wieder ein neues Gedicht von Monika im Leuchtturm erschien.

»Ich würde die Verse entzückend finden, wenn sie nicht von meiner eigenen Tochter wären,« sagte sie. »O Gott, daß ich so etwas Unpassendes an Dir erleben muß!«

Aber alles in allem war Monika doch in ihrer Achtung gestiegen, seitdem sie sich zur »Schriftstellerin« entfaltete.

Das hinderte aber nicht, daß eine Verlobung doch Frau von Birken bedeutend mehr impressionierte. Sie sprach tagelang von nichts anderem als von der goldumränderten Karte, die ins Haus gekommen:

»Die Verlobung ihrer einzigen Tochter Marie mit dem Leutnant der Reserve im Dragoner-Regiment Kronprinz, Gutsbesitzer Wilhelm von Hammerhof auf Hammerhof beehren sich ergebenst anzuzeigen

von Holtz-Sarkow und Frau,

geborene Freiin von Birken.«

»Nein, was die Marie für ein Glück macht!« rief Frau von Birken ein über das anderemal.

»Du weißt doch noch gar nicht, ob das ein Glück wird.«

»Aber, Mone – das wird es schon! Ein so reizendes Mädchen wie Marie! Und er ist doch ein vornehmer, tadelloser Mann.«

»Kennst Du ihn?«

»Nein, aber ich bin sicher, daß er eine glänzende Partie ist. Du kannst nicht darüber urteilen, Mone, denn Du wirst sicher nie heiraten. Für ein Mädchen, das studiert und außerdem schriftstellert, paßt das ja auch gar nicht.«

Monika zog ein Gesicht: sie schien nicht sehr damit einverstanden zu sein.

Einige Wochen nachher kam Frau von Holtz mit dem Brautpaare nach Berlin, um Einkäufe zu machen.

Der Bräutigam war ein gut aussehender Mensch, höflich und freundlich, Geist und Bildung gesunder Durchschnitt.

»Eine so passende Partie!« Die zukünftige Schwiegermutter strahlte, war viel entzückter als Marie selbst. Sie erzählte ihrer Schwägerin: »Denke Dir, Marie wollte eigentlich noch gar nicht heiraten, kam auf ihr verrücktes Studierprojekt zurück, erklärte mir, vorläufig triebe sie nichts gebieterisch zu einer Heirat, und so wolle sie einstweilen warten, wolle ihre Freiheit nicht verlieren. – Na, ich habe ihr den neumodischen Unsinn schon ausgetrieben! – Es wäre doch auch zu unsinnig gewesen, Hammerhof auszuschlagen. Unsere Güter grenzen aneinander, Marie ist zwanzig Jahre alt, gerade das richtige Alter zum Heiraten! Wenn die Mädchen nicht früh heiraten, bekommen sie alle so sonderbare Ideen bei den überspannten Zeitströmungen, die jetzt herrschen.«

»Ja, aber wenn sie ihren Bräutigam nicht glühend liebt?« sagte die Baronin Birken bedenklich

»Mein Gott, Mali, Du wirst schon wieder romantisch. Was soll das vorstellen: ›glühend liebt‹? Ich habe meinen Mann, als wir verlobt waren, auch nicht glühend geliebt, und wir führen die harmonischste Ehe, die man sich vorstellen kann. Ich finde: ein Mädchen aus unseren Kreisen hat überhaupt nicht glühend zu lieben! Wirst Du Dir denn Deine Romantik nie abgewöhnen, Mali?«

»Ich hoffe, nein!« sagte die Baronin stolz. »Ich bin froh, daß ich meine jugendliche Begeisterung habe, und ein echtes Gemüt bleibt ewig jung!« –

Was Begeisterung anbetraf, so entfaltete Frau von Birken ein vollgemessenes Quantum in den nächsten Tagen: sie fand alles begeisternd: die Theatervorstellungen, die Einkäufe und Bestellungen, alles . . .

Die Einkäufe waren übrigens ein Zankapfel zwischen Marie und ihrer Mutter. Frau von Holtz versuchte – autoritativ wie immer – ihren ganz persönlichen Geschmack zur Geltung zu bringen, und Marie fand mitunter ein scharfes Wort: »Schließlich, ich soll doch die Sachen haben und nicht Du, Mama. Da ist doch mein Geschmack eigentlich wichtiger.«

Frau von Holtz klagte dann über die schreckliche, neue Zeit, in der die Töchter gar nicht mehr den richtigen Respekt entfalteten und sich anmaßten, eigene Meinungen zu haben. Hatte sie selbst einst ihrer Mutter Vorschriften zu machen gewagt, als diese ihr die Aussteuer gekauft? Mit ehrfurchtsvollem Danke hatte sie alles entgegengenommen – und dabei sei der gelbe Salon mehr als unpraktisch ausgesucht gewesen!

Auch Monika fand Maries Benehmen als Braut zu tadeln.

»Ich würde mich anders benehmen, wenn ich verlobt wäre,« sagte sie zu ihrer Mutter. »Der Marie merkt man gar nicht an, daß sie glücklich ist. Ich glaube, die paßt gar nicht für die Ehe!«

»Was, die Marie soll nicht für die Ehe passen?« entrüstete sich Frau von Birken, »so ein reizendes Mädchen! Und die schönen Handarbeiten, die sie macht, und kocht tadellos: sogar Früchte einkochen kann sie ganz allein.«

Am tiefsten berührt von der ganzen Verlobung war unstreitig Bertha, die das Brautpaar bei Birkens kennen gelernt hatte: sie fand Monika gegenüber nicht Worte genug, um Maries Glück zu rühmen.

»Denke doch, verlobt sein mit solch nettem Menschen, lauter schöne Sachen bekommen und sich küssen dürfen . . . und dann nachher die Trauung, so im weißen Schleppkleide, schleierumwogt vor Gottes Altar – ach, entzückend! Und dann nachher junge Frau! Es gibt doch wohl nichts Schöneres als jung verheiratet zu sein. Und süße Kinder haben . . . Und nun zu denken, daß mir das alles nicht blühen wird – nein, sprich nicht dagegen! Wer soll denn eine Frau heiraten, die studiert? Ich sage Dir: wenn ich die Person wüßte, die das Frauenstudium erfunden hat, die brauchte sich nicht zu gratulieren!«

Monika lachte. »Ach, die studierten Frauen können doch gerade so gut heiraten wie die anderen!«

Aber Bertha war nicht zu überzeugen.

Nach zehntägigem Aufenthalt reiste Frau von Holtz mit dem Brautpaar zurück.

Die Hochzeit sollte in wenigen Monaten stattfinden, und die angehende Schwiegermutter fühlte sich ganz in ihrem Element bei all den Vorbereitungen, die nun Platz griffen. Mine Petermann verließ Sarkow überhaupt nicht mehr: die schwarze Taille über dem mächtigen Busen dick mit Stecknadeln gespickt, brütete sie unermüdlich über den Modeblättern, probierte und verwarf, probierte von neuem und begeisterte sich – und begeisterte Frau von Holtz mit den glühenden Schilderungen der Meisterstücke von Toiletten, die sie im Begriff war, anzufertigen.

Zwischen Mutter und Tochter entbrannten dieselben Meinungsverschiedenheiten wie bei der Auswahl der Möbel: jede suchte ihren eigenen Geschmack durchzusetzen. Die Mutter siegte auf der ganzen Linie, aber die Folge davon war, daß Marie nun ohne Freude die Anproben über sich ergehen ließ.

Es war überhaupt nichts von strahlendem Glück an ihr zu merken. Zu ihren Freundinnen aus Neustadt und Hahndorf sagte sie zwar mit einer gewissen Wichtigkeit: »Mein Bräutigam . . .«, aber wenn dieser kam, so empfing ihn kein übermäßig freundliches Gesicht.

Er machte sich übrigens nicht viel Gedanken darüber, zumal er selbst keine leidenschaftliche Verliebtheit für seine Braut entfaltete.

Sie war eben eine »so passende Partie«, paßte, was Familie, Alter, Vermögen anbetraf, vortrefflich zu ihm: ihre äußere Erscheinung genügte den Ansprüchen, die er an seine zukünftige Gattin stellte. Die Reserviertheit, die sie zur Schau trug, störte ihn nicht. Marie war mit Gefühlsäußerungen immer so zurückhaltend gewesen, daß Frau von Holtz ganz entsetzt war, als sie sie eines Tages in heißen Tränen fand.

Sie war in ihrer Tochter Wohnzimmer gekommen, um ihr eine eben eingetroffene Auswahlsendung von weißen Seidenstoffen zu zeigen.

Da fand sie Marie mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, die Hände vor die Augen gepreßt. Ein krampfhaftes Weinen ließ die schmalen Schultern erzittern.

»Marie!«

Das tränenüberströmte Gesicht hob sich empor: »Mama, laß mich Dir sagen, ich will Wilhelm nicht heiraten, ich will nicht.«

»Was? – Was ist denn? – Warum . . .«

»Ich liebe ihn nicht.«

»Liebstes Kind, das kommt in der Ehe. Vernunftheiraten werden immer die glücklichsten Ehen.«

»Mama, ich will nicht heiraten, noch nicht! Es ist langweilig hier so allein mit Euch, aber ich will gern hierbleiben, tausendmal lieber hierbleiben, als mit einem fremden Manne fortgehen. Er ist mir ja so fremd! In meinem Innern spricht nichts für ihn. Und nun soll ich Tag und Nacht mit einem Fremden sein, soll ihm mein ganzes Leben schenken . . .«

Frau von Holtz war erblaßt vor Erregung.

»Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, Marie. Du Wirst hysterisch. Was ist das nur auf einmal? Dich hat niemand zu der Verlobung gezwungen!«

»Nein, gezwungen nicht. Nur zugeredet habt Ihr mir. Und ich war zuerst ja ganz einverstanden. Aber jetzt, wo der Hochzeitstag näher und näher rückt, habe ich mich zu der Ueberzeugung durchgerungen: Ich kann ihn nicht heiraten!«

»Marie, besinne Dich auf Dich selbst! Du kannst doch jetzt Deinen Entschluß nicht ändern. Du hast Wilhelm Dein Wort gegeben – Du kannst ihm das nicht antun, Dein Wort zu brechen, so ohne jede Ursache, ohne jeden Grund! – Und wie stehst Du nachher da? Ein Mädchen, dessen Verlobung zurückgeht, wird immer scheel angesehen. Nein, was würden die Leute nur sagen, jetzt, wo schon die ganze Aussteuer fast fertig ist!«

»Ich will nicht,« schluchzte Marie, »ich will nicht.«

Und die Mutter redete weiter, abwechselnd drohend und bittend: sie wendete ihre ganze Kraft auf, um das, was sie als eine nervöse Laune ihrer Tochter empfand, zu besiegen: sie bat und beschwor, drohte und befahl.

Dann schwieg sie erschöpft und starrte angstvoll auf Marie, die immer noch das Gesicht in den Händen verbarg.

Und endlich hob die Tochter das Haupt.

Und mit einem Zucken ihrer schmalen Schultern, dieser Bewegung, die sie immer machte, wenn der Mutter Willen den ihren besiegte, sagte sie müde:

»Also ja – ich werde mein Wort halten. Aber vergiß diese Stunde hier nicht . . . vergiß sie nie, Mama . . .«



7.

»Monika . . !« – Monika hörte nicht, Sie hatte ihren »Katalogtag«. Sie behauptete, daß Kataloge studieren so ziemlich einer der größten Genüsse sei, dem man sich hingeben könne.

Oft sagte ihr solch ein Preisverzeichnis mehr als ein Roman. Sie schwelgte geradezu in Katalogen, durchlief eine ganze Skala von Empfindungen von wunschlos anbetender Bewunderung bis zum heißgierigen Habenwollen.

Das Preisverzeichnis einer Delikatessenwarenhandlung versetzte sie in Entzückungszustände. Die angepriesenen Sachen waren wie eines Baumes Aeste und Aestchen, auf denen sich ihre Phantasie, blankäugig und behend wie ein Eichhörnchen, hin und her schwang.

Sie las: »Hummern, lebende Helgoländer und norwegische . . .« Da sah sie die sonderbaren Schaltiere vor sich, mit ihren komischen, gestielten Augen, mit dem harten Panzer über dem weichen Fleisch, dessen saftige Frische sie förmlich auf der Zunge fühlte.

Und sie fühlte die scharfe, salzige Luft der Nordmeere, der grauen, kalten Meere, die um starre Felsen und Klippen rauschen. Das war dasselbe ewige Meer, das einst die Drachenschiffe getragen – dasselbe, das jetzt Panzerkreuzer und Torpedos trug, und das heute die komplizierten Wunderschöpfungen der Technik in böser Laune gerade so zerschlug und zerbrach, wie es einst die ungefügen Holzplanken zerschlagen.

Und sie las weiter: »India green turtle meat, sundried.« – Da fing ihr Herz an, ganz laut zu schlagen.

Und sie las weiter: »India green turtle meat, so heiß, daß sie nicht mehr wohltat, sondern zerstörte, dort war sie ein vernichtend flammender Feuerball in einem unerhört blauen Himmel, schüttete Strahlengarben über das Land voll Prunk und Schmutz – über die schmalgliedrigen dunkeln Hindus mit den schmachtenden, sanften Augen – über die stolzen, blonden Engländer, die hier die Herren waren. Und das geknechtete und mißhandelte Land war doch so oft stärker als sie, gab ihnen heimlich und böse lächelnd die Keime von Fieber, von Pest und Tod. –

Und weiter: »Truffes de Périgord«. Monikas Naschen schnupperte, als fühle sie den unvergleichlichen Duft der schwarzen Erdfrucht.

»Trüffeln« bedeutete ihr förmlich ein Programm. Pikante Würze mit einem lockenden Dufthauch darüber. –

Und »Périgord«, Frankreichs lachende Gefilde. Graue Edelschlösser auf sanften Hügelabhängen, umwogt von einem Meer von Blütenbäumen. – Und drinnen im Schloß ein Liebeshof – schöne Ritter und schöne Damen in Gold und Seide, zur feierlichen Beratung versammelt über der Liebe wichtige Fragen.

Ueber alle herrschend die schöne Frau des Hauses, deren Urteil sich alle beugen, Edeldamen und Troubadours! Und der Troubadours Bester kam ihr in den Sinn, Bertrand de Born, »der mit einem Lied entflammte – Périgord und Ventadorn . . .«

Der hochmütige Troubadour, der, ein Siegerlächeln um die blutroten, üppigen Lippen, sich gerühmt, »daß ihm nie mehr als die Hälfte – seines Geistes nötig sei!«

O dieser Mann, der Sieger, strotzend von Kräften des Körpers und des Geistes wie ein Blütenbaum im Mai, ein Meister des Liedes, ein Gewaltiger der Sprache, der Männergehirne und Mädchenherzen mit süßen und bitteren Worten lockte und bezwang . . .

Dieser Gedanke fand in Monika eine so starke Resonanz, daß sie ziemlich abwesend über einige Seiten hinweglas, die sie sonst mit Entzücken erfüllt haben würden.

Die Preisverzeichnisse von Konfektionsgeschäften, von Wäschefirmen waren kaum weniger dazu angetan, ihr ein schwelgerisches Genießen zu verschaffen.

Bei den Hemdeinsätzen aus Brüsseler und Brügger Spitzen dachte sie an die belgische Spitzenfabrikation, sah kleine flandrische Städtchen, saubere Häuschen mit blitzblanken Spiegelscheiben, den »Spion« am Fenster – das Glockenspiel klingt vom Beffroi.

Im Beginenkloster des toten Brügge klöppelten blasse Nonnenhände die zarten Gebilde aus dünnen Fäden. – Und es gab Spitzen, die wurden in Kellern gearbeitet, die Luft mußte seucht sein, damit beim tausendfältigen, kunstvollen Durcheinanderwirren der Faden nicht brach, der – dünn wie Spinnengewebe – durch die Hände der bleichsüchtig armseligen Mädchen lief, welche Stunde um Stunde klöppelten, ohne aufzusehen. Die Mädchen hatten gewiß so kraftlos ausgesehen wie Kellerblumen: mit blutlosen Fingern hatten sie die Spitzen gearbeitet, die dazu bestimmt waren, die Wäsche und die Kleider leichtsinniger Schönen zu zieren, die bunt und glänzend wie Paradiesvögel oder Pfauen durchs Leben geschritten.

Und dann die Verzeichnisse der Parfumfabriken. Die waren vielleicht doch das Schönste von allen. Ach, das Duften, das berauschende Duften, das aus des Büchelchens Seiten stieg.

»White rose« – herb und süß. Kaum erschlossene Rosenkelche, mondlichtüberflutet in einem Park von Englands Schlössern. – Eine blonde Herzogin, die sich aus dem Festgewühl hinabschleicht in den Park, der seucht ist vom Tau der Nacht. – Und nach einer kleinen Weile verschwindet droben aus dem lichter- und gästeerfüllten Saale ein schlanker Kavalier. Die weißen Rosen duften so süß. –

Und dann »Chypre«. Aufreizend und schwül, der Duft für eine Frau, die launisch ist und süß und grausam wie die Göttin der Insel Cypern selbst.

»Ambra«! Der Orient wird lebendig, das Gewühl der Märkte und Basare, die wollüstigen und blutdürstigen Geschichten der tausend Nächte und der einen Nacht. Ueppige Prinzessinnen, die schönen Gesichter schleierverhüllt, schlanke Wüstensöhne, die starben aus Liebe.

»Goldregen« und »Flieder, »Wang-Mang« und »Coeur de Jeannette«, »Cuire de Russie« und »Tuberosen« – alles wurde eine Geschichte. –

Ganz geistesabwesend sah Monika dann aus, wenn man zu ihr sprach, wenn ihre Mutter wieder einmal sagte:

»Nimm Dir doch endlich was Vernünftiges vor! Wie kann man sich nur in solch langweilige Kataloge vertiefen?«

Und wenn Alfred behauptete:

»Ich habe ja schon viel von Stumpfsinn gesehen, aber etwas derartiges, wie sich hinsetzen und solche Verzeichnisse lesen, das hab' ich noch nicht gesehen!«

Die Brüder waren überhaupt Monikas größtes Kreuz: sogar auf gesellschaftlichen Veranstaltungen war sie vor ihnen nicht sicher. War es etwa nötig, daß sie mit zu dem Wohltätigkeitsbasar »Am Posilipp« kamen?

Zuerst war die Mutter geneigt gewesen, Monikas Protest: »Gymnasiasten gehörten überhaupt noch nicht auf solche Feste!«, anzuerkennen. Aber Alfred hatte die Worte seiner Schwester mit einem Höllenlachen aufgenommen.

»Das könnte Dir wohl so passen, mein Kind, dort ohne unsere Aufsicht rumzukokettieren?«

Und Heinzemännchen hatte erklärt, daß, da doch nun mal seit Papas Tode die ganze Verantwortung auf seinen Schultern läge, er nicht gestatten könne, daß Monika ohne ihn diesen Basar mitmache. Außerdem wünsche er sich von »dem italienischen Stimmungszauber dort lyrisch anregen zu lassen«.

So war denn, Karl ausgenommen, die ganze Familie »Am Posilipp«. So hatte der »Frauenverein zum Wohle von Lungenkranken« sein diesjähriges Fest getauft. Von allen möglichen und unmöglichen Standorten herunter wehten die weißrot-grünen Flaggen Italiens mit dem Wappen des Hauses Savoyen.

An den Wänden roh hingeworfene Dekorationen und Bemalungen, die jetzt das elektrische Licht verklärend und verschönend übergoß.

Ein buntes, wirres Durcheinander von gut und schlecht angezogenen Leuten, von Gesellschaftstoiletten und italienschen Kostümen und auch von anderen Volkstrachten.

Mit der Nationalität schien man es nicht so genau zu nehmen.

Die Damen in den Verkaufsbuden waren in jedem Alter und in jedem Typ vorhanden. Die einzelnen Buden waren hübsch arrangiert. Die feilgebotenen Gegenstände, wie immer bei solchen Gelegenheiten, geschmacklose Ware.

Jede dame patronesse hatte außer den Gehilfinnen in ihrer Bude noch eine Anzahl »fliegender Verkäuferinnen«, junge Mädchen, die wie Bienen emsig und unerschrocken den Saal durchschwirrten, ihren Vorrat an Blumen, Lotterielosen, Zigaretten den Herren anboten und dann von Zeit zu Zeit an ihre Verkaufsstände zurückkehrten, zwar nicht wie die Bienen mit Blütenstaub, sondern mit Mammon beschwert.

Monika gehörte zu den »Fliegenden« von Frau von Wetterhelms Blumenstand.

Frau von Wetterhelm war auf allen Wohltätigkeitsveranstaltungen bekannt wie ein bunter Hund. Sie kam, sie war da und unterzeichnete im »Festausschuß des Ehrenkomitees«: »Frau Oberst von Wetterhelm«. Das »geborene Krause« ließ sie weg.

Das »Frau Oberst« war eigentlich eigenes Patent.

Sie war von Wetterhelm geschieden worden, als dieser noch Leutnant war. Der hatte dann bald darauf zum zweitenmal geheiratet, hatte aus dieser zweiten Ehe fünf Kinder und bekümmerte sich nicht im mindesten um das Schicksal seiner ersten Gattin, an der er – wie der bekannte Villenkäufer – nur zwei Freuden erlebt hatte: den Tag, an dem er sie bekam, und den Tag, an dem er sie losward!

Auch sie hatte nie mehr versucht, seinen Lebensweg zu kreuzen, aber sie avancierte mit! Sobald sie erfuhr, daß ihrem Gatten eine höhere Charge zuteil geworden, ließ sie sich neue Visitenkarten drucken. So war der »Frau Oberleutnant von Wetterhelm« im Laufe der Jahre eine »Frau Hauptmann« gefolgt: jetzt war sie bei »Frau Oberst« angelangt.

Da sie eine auskömmliche Rente hatte und sich um ihren Lebensunterhalt nicht zu sorgen brauchte, so verbrachte sie ihre Zeit mit Besuchemachen und Teilnahme an Wohltätigkeitsfesten. Bei diesen war sie, wie gesagt, gar nicht zu vermeiden, und ebensowenig war es möglich, ihr die Blumenbude zu entreißen. »Blumen sind das Poetischste!« sagte sie, »und gerade ich mit den so unendlich schweren Lebensschicksalen, – ich müßte ja verzweifeln, wenn ich mich nicht in die Poesie flüchten würde! – – Das verstehen Sie? Nicht wahr, das müssen Sie verstehn?! – –«

So behielt sie die Poesie und die Blumenbude und machte gewöhnlich recht gute Geschäfte, da sie es verstand, reizvolle, hübsche Mädchen und Frauen als Gehilfinnen zu werben.

Als sie vor wenigen Wochen in einer befreundeten Familie Monika kennen gelernt, hatte sie dieselbe sofort für den Posilipp dingfest gemacht.

Und Monika war begeistert. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres geben, als so losgelöst zu sein vom Zwange des Alltags? Ganz ungetrübt war ja ihr Glück nicht wegen der Anwesenheit der Brüder.

Alfred hatte sein brüderliches Ueberwachungsamt zwar gleich im Stich gelassen, als eine blonde Neapolitanerin ihm zugelächelt.

Heinzemännchen aber nahm seine Verpflichtung ernster.

Mit unermüdlicher Ausdauer lief er hinter seiner leichtfüßigen Schwester her und holte Mama zur Verstärkung, wenn Monika wieder einmal allzulange Dialoge mit einem blumenkaufenden Leutnant führte.

Natürlich stachelte diese Ueberwachung Monikas Trotz erst recht: sie ärgerte sich in eine förmliche Empörung hinein! Also nicht mal hier konnte man ihr Ruhe lassen! War sie denn wirklich so viel schlimmer als alle die anderen jungen Mädchen, die sich hier ungestört ihres Lebens freuten?!

Was hatte sie denn schließlich begangen? Die paar Flirts, die paarmal, wo sie verliebt gewesen war, was sich hauptsächlich auf das Dichten guter Verse beschränkt hatte – –

Eine heiße Zornwelle flutete in ihr empor. Nun erst recht! Wollen doch mal sehn, ob wir nicht Heinzemännchen, dem Tugendbold, ein Schnippchen schlagen können?!

Mit Blitzesschnelle hatte sie sich in das Leinwandzelt von Fräulein von Toring, die als Wahrsagerin fungierte, geflüchtet. Durch einen Spalt beobachtete sie Heinrichs ratloses Gesicht: er hatte nicht bemerkt, wohin sie so plötzlich entschwunden. Sein bestürzter Ausdruck war so komisch, daß Monika sich nur mit Mühe enthielt, laut aufzulachen.

Dann sah sie ihre Mutter zu Heinrich herantreten, der er dann anscheinend einen Kriegsplan entwickelte: gleich darauf schwenkte er nach links ab, während Frau von Birken das Terrain nach rechts absuchte.

Diesen Augenblick benutzte Monika, um aus dem Zelt zu rasen, die Treppe hinauf, die in den ersten Rang führte, wo all die Logen waren: dort würde man sich gut verstecken können.

Wie ein Pfeil schoß sie hinauf, bog um die Ecke und prallte so heftig an einen Herrn an, daß nur dessen schnelles Zufassen sie vor einem Falle bewahrte.

»Na, wohin so eilig?« fragte er lächelnd. Monika war zu atemlos, um zu antworten: sie blickte stumm den Fragenden an.

Er war ein Kavalier in der Mitte der dreißiger Jahre, ein vollendeter Typus des norddeutschen Aristokraten. Er war groß, auf breiten Schultern saß ein stolz getragener Hals, ein schmaler Kopf. Er hatte die hochsattelige Nase der vornehmen Rassen, kühle graue Augen, einen bürstenförmig kurzgeschnittenen Schnurrbart über dem harten Mund. Er betrachtete mit Interesse das glühende, schöne Mädchen. »Vor wem sind Sie denn auf der Flucht? Vor welchem Argus?«

»Argus stimmt auffallend,« lachte Monika.

»Hier finden Sie ein tadelloses Versteck.« Er öffnete die Tür einer der Logen, die leer war.

Monika ließ sich auf einen der Stühle nieder.

»Erst mal atmen!« sagte sie.

Ihr schlug das Herz zum Zerspringen, von dem schnellen Laufen sowohl als auch wegen der ungewohnten Situation: allein mit diesem schönen Unbekannten, auf drei Seiten von schirmenden Logenwänden umschlossen und vor sich den Blick auf des Ballsaals tobendes Gewühl da unten.

Ihre anfängliche Befangenheit schwand schnell bei der überlegen sicheren Art, mit der ihr Begleiter das Gespräch führte. Bald vergaß in angeregtester Konversation Monika ihre Verkäuferinnen-Pflichten.

Mit hellem Lachen nahm sie die scharfen Urteile auf, die ihr Begleiter über die Leute da unten im Ballsaal fällte.

Er kannte eile Menge Menschen: er nannte die Herren, die sich beflissen um die Sektbude der Frau Geheimen Kommerzienrat von Dresdener drängten und nannte ihr auch die Summen, mit denen diese Herren den adelsfreundlichen Kommerzienrat angepumpt.

Das rosa Mullkleid der Gräfin Himmlingen-Wolfsfeld war wahrhaftig jugendlicher als das ihrer jüngsten Enkelin, die im Nebensaale verkaufte.

Die jungen Mädchen, welche eben in einer Rotte von etwa einem Dutzend auf den Prinzen Balduin losstürzten, den seine riesenhafte Gestalt und der Hausorden des Hauses Hohenzollern weithin kenntlich machten, glich einer Horde von Haifischen, »ja, den Haifischen bei Saint-Thomé«.

»Haben Sie die selbst gesehn?« fragte Monika interessiert.

»Ja, bei Saint-Thomé am Aequator. Das Wasser ist dort so sonderbar durchsichtig wie Glas. Bei fünfzehn Meter Tiefe sieht man noch den Grund, sieht all das Tierzeug, besonders viel Haifische. Und wenn einer von uns an Bord unserer Jacht bei den Schießübungen, die wir aus Langerweile anstellten – wir schössen auf die Haie in der Tiefe – dann so eine Bestie traf, dann stürzten die anderen Haie mit unnennbarer Gier über ihn her. Grad' wie dort unsere jungen Damen über den Prinzen Balduin.«

Monika lachte diesmal nicht.

»So klar ist das Wasser dort?« fragte sie.

Ihre Stimme hatte plötzlich etwas Träumerisches bekommen.

»O Gott, so tief kann man da hinuntersehn – –? Wie durch Glas? Wie durch Kristall? – Und all die Geheimnisse der Tiefe sind plötzlich aufgetan? Man sieht die grünen Algen und die Korallenbäume, rosa und weiß, tausendfach verästelt. Und die Quallen, jene sonderbaren Wesen, die halb Blumen sind und halb Tiere, treiben dahin und leuchten wie Ovale und Amethysten – – « Ihre Augen schauten sehnsüchtig vor sich hin.

»Sie dichten ja,« sagte er erstaunt, lebhaft interessiert von dem Geist, der in diesem jungen Gesichte war und den Ausdruck dieser Züge so oft wechseln ließ.

»Sind Sie zu Jagdausflügen in die Tropen gegangen?«

Monikas Phantasie ließ sie in ihrem Begleiter einen Nabob vermuten, einen Globetrotter, der nur der Haifische wegen nach Saint-Thomé fuhr.

Er lächelte ein wenig sarkastisch. »Nein, mein gnädiges Fräulein, ich war dienstlich drüben, als Vize-Konsul.«

»Ach wie interessant! Und wie schön gefährlich es drüben sein muß. Sind Sie oft krank gewesen? – Malaria?«

Er lachte. »Nein, ich muß Sie enttäuschen. Es war nicht der Rede wert. Ueber achtunddreißig Grad hat es mein Thermometer nicht gebracht! Wir alle in der Familie sind so widerstandsfähig!«

Unwillkürlich reckte er seinen schönen, kräftigen Körper noch höher empor.

Sie warf ihm einen bewundernden Blick zu, sagte aber trotzdem: »Ich denke es mir eigentlich nett, hohes Fieber zu haben und schöne Fieberphantasien!«

»Ihre Anschauung ist ebenso originell wie unzutreffend. Fieber ist natürlich häßlich wie jede Krankheit, häßlich wie alles, was den Menschen aus dem seelischen oder körperlichen Gleichgewicht bringt.«

»O, Gleichgewicht ist so langweilig!« sagte Monika. Ihre Augen und Zähne blitzten: sie fühlte ein starkes Bewußtsein von Kraft sie überfluten, wie immer, wenn sie sich gegen die Norm auflehnte. Und wie immer verbiß sie sich in den einmal gefaßten Gedanken, drehte und wendete ihn, zeigte ihn in verschiedenen Beleuchtungen wie einen Edelstein, auf dessen Schleifflüche man das Licht fallen läßt.

Sie sagte: »Das Gleichgewicht? Schrecklich ist das! Das schließt ja von vornherein alles aus, um das es sich lohnt zu leben: jeden Rausch schließt es aus, jedes Wunder schließt es aus.«

Der sarkastische Zug um seine Mundwinkel vertiefte sich.

»Glauben Sie an Wunder?«

»Ja.«

Sie war hinreißend schön in diesem Augenblick: ihre Züge waren wie verklärt vom heißen Glauben der Jugend, dem nichts unmöglich scheint, nichts unerreichbar. Der sich Wunder schafft mitten im grauen Alltag.

»Möglich, daß Sie beneidenswert sind,« sagte er. »Ich habe nie an Wunder geglaubt, ich bin ein nüchterner Mensch, an allzuviel Phantasie leidet meine ganze Familie nicht.«

Dann ging das Gespräch weiter. Monikas elektrische Art ließ den Mann mehr aus seiner norddeutschen Reserve heraustreten, als er sonst wohl tat. Er fühlte sich angeregt wie selten, im Banne dieser dunkeln Augen, dieses lachenden, roten Mundes, der frühreif geistreiche und kindisch dumme Sachen durcheinanderplauderte.

Er hätte gern gewußt, welchen sozialen Kreisen Monika angehörte: ihr Wesen und ihre Bildung ließen auf beste Herkunft schließen, aber zwischendurch äußerte sie mal plötzlich eine Frivolität oder eine recht naturalistische Auffassung, die nicht zu dieser Vermutung passen wollte.

Jedenfalls war sein Ton dadurch freier zu ihr, als er es gewesen wäre, wenn er ihr in einer Privatgesellschaft vorgestellt worden.

Er überlegte gerade, ob er sie um ein Rendezvous bitten solle, als die Logentür heftig aufgerissen wurde.

Monika fuhr mit einem halblauten Schreckensschrei zusammen: sie vermutete einen Racheengel in der Gestalt von Heinzemännchen, der sie zwar nicht mit flammendem Schwerte, aber mit der Drohung von der »verletzten Familienehre« aus diesem Paradiese vertreiben würde. Aber es war nur ein Artillerieleutnant mit liebebedürftigem Gemüt, der sich, eine üppige, schwarzgelockte Pseudo-Italienerin am Arme, in diese Logen-Einsamkeit zu flüchten suchte. Enttäuscht klappte er die Tür gleich wieder zu.

Man blieb von neuem allein, aber in Monika regte sich nun doch das Gewissen: sie raffte den Korb mit den Rosen auf, der die ganze Zeit ihr zu Füßen gestanden, und bezichtigte sich selbst einer schreienden Herzlosigkeit gegenüber den unglücklichen Lungenkranken. Da sitze sie nun seit einer guten halben Stunde hier, statt ihre Blumen zu verkaufen.

»Bitte, bitte, bleiben Sie doch,« bat er, »ist es denn wirklich ein größeres Vergnügen, sich da drunten abzuhetzen und allen möglichen Leuten Rosen anzubieten?«

»O, sicher ist es hübscher hier,« sagte Monika mit naiver Offenherzigkeit, »aber meine Rosen – –«

»Ich kaufe sie Ihnen alle ab, dann bekommen die Lungenkranken auch ihr Scherflein, und Sie brauchen sich nicht anzustrengen, sondern bleiben noch ein bißchen hier und erzählen mir von den Wundern, an die Sie glauben!«

Monika war unschlüssig. Sie wußte nicht, ob der vorgeschlagene Handel korrekt war. Aber sie ließ es geschehen, daß der Unbekannte ihr die Rosen aus dem Körbchen nahm und eine Banknote dafür hineinschob.

Und sie blieb mit schlechtem Gewissen, in Angst vor Strafe, – aber sie blieb. Und fühlte sich selig wie noch nie im Leben! Es war ihr förmlich ein körperliches Wohlgefühl, in diese kalten, grauen Augen zu sehn, diese scharfe, ans Befehlen gewöhnte Stimme zu hören.

Noch eine Viertelstunde . . . . . und noch eine . . . . Aber endlich rang sie sich es doch ab, wieder hinunterzuwollen an die Stätte der Pflicht, den Verkaufsstand ihrer dame patronesse.

»Wirklich, – wirklich, ich muß jetzt weg.«

Sie stand vor ihm, in so offenbarer Betrübnis, diesem Beieinandersein ein Ende machen zu müssen, daß ihm ganz warm ums Herz wurde.

»Wie schade,« sagte er, »wie sehr schade. Wollen Sie mir nicht wenigstens noch etwas verkaufen zum Wohl der Armen?«

»Aber ich habe Ihnen ja alle meine Blumen gegeben,« sagte sie erstaunt,

»Nein, nein, da ist noch eine Rose, die ich gern pflücken möchte, die schönste Blume von allen . . .«

Er sah so verlangend auf ihren Mund, – und eine heiße Glutwelle der Scham und des Entzückens überflutete Monikas Gesicht, tauchte es in Glut bis in die kleinen Ohren hinein.

In holdester Verlegenheit stand sie vor ihm. Kein Laut kam über ihre Lippen. Und auf diese Lippen legte sich mit warmem Druck sein Mund. – – – –

Eine Sekunde später stürmte Monika davon, die Treppe hinunter: wie gehetzt kam sie in Frau von Wetterhelms Bude an, die sie im Verlaufe des Festes nicht mehr verließ. Sie sei zu müde, um noch einmal die Säle zu durchkreuzen.

Am liebsten wäre sie überhaupt fortgelaufen, hätte sich irgendwo in die Einsamkeit vergraben, um all die geheimnisvolle Seligkeit in sich Nachbeben zu lassen, die sie bei dem Kusse des Unbekannten empfunden.

O, fort von hier aus diesem Lärm und Gewoge. Allein sein . . die Augen zumachen . . . . und in Gedanken die kühlen, grauen Augen noch einmal vor sich sehen.

Aber natürlich mußte sie dableiben. Frau von Wetterhelm hätte ihrer neuesten Akquisition einen so frühzeitigen Abschied nie erlaubt. Außerdem war weder Mama noch einer ihrer Brüder zu erblicken. Wer weiß, wo die sie jetzt suchten!

So stand denn Monika da in der Blumenbude, umgeben von all dem bunten, üppigen Blumenflor. Wie traumverloren sah sie in das Gewühl der Gäste. Aber trotz dieser Teilnahmslosigkeit wirkte sie entschieden anziehend: immer neue Besucher traten an ihren Tisch. Und Frau von Wetterhelm bedachte jeden der Kaufenden mit ihrem wohlwollenden Lächeln. – –

Dann fing die Feststimmung langsam an abzuflauen. Die verkaufenden Damen wurden müde, ganze Scharen von Besuchern drängten schon nach dem Ausgang.

Die Musikkapellen, die noch vor wenigen Stunden so überzeugt schmelzend das »Bella, Napoli« gebracht, ließen in ihrem Spiele eine gewisse Ermüdung merken. Auf die Feststimmung begann sich die beginnende Abspannung zu legen, das lähmende Bewußtsein des überschrittenen Höhepunktes.

Monikas reizbare Nerven empfanden diese Stimmung: wie ein Aschenflor legte es sich über ihr eben noch so heißes Empfinden. Mit nervösen Händen wühlte sie in den halbwelken Blumen, die vor ihr lagen, atmete den ersterbenden Duft ein, der all diesen kühlen Blütenkelchen entstieg.

Plötzlich zuckte sie zusammen. Unter den Leuten, die dem Ausgang zustrebten, hatte sie die hohe Gestalt ihres Freundes aus der Loge erkannt.

Spontan wich sie bis ganz in den Hintergrund des Verkaufsstandes zurück, eine Beute der widerstrebendsten Empfindungen. Sie wollte nicht, daß er sie bemerke – und trotzdem war eine herzklopfende Angst in ihr: wenn er jetzt fortgeht, ohne mich zu sehen, dann seh' ich ihn nie mehr wieder.«

Da schlug die scharfe Stimme von Frau von Wetterhelm an ihr Ohr.

»Vetter Georg, – Vetter Georg!« rief sie mit einer so lauten Ungeniertheit, daß sich ein halbes Dutzend Köpfe nach ihr umdrehten.

Und dann – war es Wirklichkeit? Der Unbekannte trat heran und beugte sich über die Hand von Frau von Wetterhelm. Sie begrüßte ihn mit einem wahren Wortschwall.

»Welche Freude, Sie endlich mal wiederzusehen, Vetter Georg. Ich hörte schon, daß Sie jetzt hier in der Wilhelmstraße arbeiten. Aber zu mir haben Sie den Weg natürlich noch nicht gefunden.«

»Aber gnädigste Cousine,« wehrte er ab, »ich bin erst seit so kurzer Zeit hier – –«

Plötzlich fiel sein Blick auf Monika, die sich ganz in einer Ecke versteckt hatte.

»Darf ich bitten, mich vorzustellen?«

»Aber mit dem größten Vergnügen. Fräulein von Birken, darf ich Ihnen den Konsul von Wetterhelm präsentieren – –«

Monika erwiderte die tiefe Verbeugung des Konsuls mit einem sehr verlegenen Kopfnicken. Ihre sonstige Schlagfertigkeit war wie weggeweht.

Die dame patronesse wunderte sich innerlich nicht wenig, mit welcher Einsilbigkeit das sonst so sprühende Mädchen auf die Unterhaltung des Konsuls einging. Kein Wunder, daß sich der so bald verabschiedete.

»Er ist ein so interessanter Mensch,« sagte sie nachher zu Monika, »ich höre ihn gar zu gern, obwohl er leider ein bißchen spöttisch ist. Ob ich nahe verwandt mit ihm bin? – Oh nein, er ist im vierten oder fünften Grade mit meinem gewesenen Mann verwandt. – – Er ist ein ganz hervorragender Mensch: ich glaube, er hat eine glänzende Karriere vor sich. Ich muß doch mal sehen, ob ich nicht eine passende Frau für ihn finde.«

Frau von Wetterhelm versank in Nachdenken und musterte innerlich ihren Bekanntenkreis. Es war die größte Leidenschaft ihres Lebens, Heiraten zu stiften.

»Vielleicht die Komtesse Lerk-Eichenbruch,« sagte sie nach einer Weile gedankenverloren. »Gott, natürlich wird sie sehr diffizil in ihrer Wahl sein. Sie ist die einzige Tochter vom Gesandten und eine geradezu blendende Schönheit, – aber Vetter Georg kann auch was verlangen! Bei den Aussichten, die er hat – und ein selbständiges Vermögen von seinem verstorbenen Vater hat er auch. – Uralter Name und solch auffallend gut aussehender Mensch wie er ist. Nicht?«

Monika antwortete nicht. Ihre kleinen, weißen Hände zerrissen nervös die welken, roten Rosen.



8.

Die Folge dieses Wohltätigkeitsabends war für Monika erstens mal, daß sie ein Gedicht verfaßte, in welchem sehr viel von kalten Augen und heißen Lippen die Rede war.

Sie brachte das Gedicht selbst in die Redaktion des Leuchtturms und Doktor Waldmanns Kritik war verblüffend:

»Sie haben bisher mit Tinte geschrieben, gnädiges Fräulein, aber dieses Gedicht ist mit Herzblut geschrieben!« – ein Urteil, das Monika zwar schmeichelte, sie aber doch zu einem lauten Gelächter veranlaßte.

Uebrigens wurden von jetzt ab ihre Besuche auf dem Leuchtturm seltener: unwillkürlich verglich sie immer wieder das ungezwungene und ungezügelte Wesen der dortigen Kunstjünger mit dem strafferen Wesen des Herrn von Wetterhelm. Der leuchtete von jetzt ab in ihren Gedanken als Stern. Aber dem »Die Sterne, die begehrt man nicht« hatte sie nie gehuldigt. Im Gegenteil! – sie begehrte gerade die Sterne, – waren nicht jene fernen Himmelsblumen tausendmal lockender als die Blumen am Wegrand? – Wenn sie nur gewußt hätte, wie sie ihren Stern wiedersehen könne!

Bei den zwei Bällen, die Monika bald nach dem Basar mitmachte, behandelte sie ihre Tänzer schlecht. Sogar zu den Leutnants, denen sie sonst einen entschiedenen Vorzug vor dem Zivil einräumte, war sie ungnädig, – alles zu höheren Ehren ihres Sterns!

Wie unendlich freudig überrascht war sie, als sie ein paar Tage darauf diesen unerreichbaren Stern in höchsteigener Person ihr entgegenkommen sah, als sie aus dem Kursus kam.

Sie ging mit ihrer Cousine Bertha, die, als Herr von Wetterhelm grüßend vorbeigeschritten, aufs höchste interessiert fragte: »Was ist denn das für ein schneidiger Mensch?«

»Was Du immer für Ausdrücke hast,« sagte Monika unwirsch. Sie war ärgerlich, daß sie mit Bertha zusammen ging. Vielleicht hätte ihr Stern mit ihr gesprochen, wenn sie allein gewesen wäre.

Und diese Hoffnung veranlaßte sie, sich in den nächsten Tagen beim Nachhausewege streng zu isolieren. Nach dem Schlusse des Unterrichts trödelte sie herum, brauchte unglaubliche Zeit, um ihre Mappe zu packen, und legte es darauf an, als letzte das Schulgebäude zu verlassen.

Vier, fünf Tage ging das so. Eine nervöse Erwartung spannte während der ganzen Zeit ihre Nerven an, machte sie unzufrieden und melancholisch wie nie zuvor. Aber dann kam doch ein Tag, an dem ihr wieder ihr Glück lächelte und ihr Stern.

Herr von Wetterhelm kam langsam daher, begrüßte sie gemessen. Es lag nicht in seiner Art, Empfindungen zu zeigen, und seine Beherrschtheit wirkte abkühlend auf Monika, deren ganzes Wesen aufgeflammt war, als sie den Ersehnten erblickt.

»Nun, wohl nicht sehr lange mehr bis zum Doktorexamen?« neckte er lächelnd.

»Woher wissen Sie überhaupt, daß ich studieren will?«

»Von meiner Cousine Wetterhelm.«

»Haben Sie die denn nun endlich mit dem Besuch beglückt, um den sie bat?«

»Ja, ich mußte schon.«

»Sie scheinen alte Damen nicht zu lieben?«

»Das können Sie nicht verlangen! Alte Damen müssen schon sehr geistreich oder sehr liebenswürdig sein, um sich ihr Alter verzeihen zu lassen.«

»O je, sind Sie scharf!«

»Desto besser! Wir Deutschen sind überhaupt viel zu wenig scharf. Der Michel hat nun mal eine Anlage zur Träumerei, zum Philosophieren.«

»Und ist's denn nicht etwas wunderbar Schönes ums Philosophieren?«

»O, wenn man es mit Maß tut . . . Aber es artet leicht aus. Alles mit Maß!«

»Da sind Sie schon wieder bei Ihrer Theorie von der weisen Mäßigung. ,Die goldene Mittelstraße' nennt man's, nicht wahr? Aber die ist doch unnatürlich! Die will doch die Natur selber nicht! Mäßigt sich denn etwa die Natur? – Die hat doch den Blitz und Sturm und Toben, zerschellende Weltkörper und ein Uebermaß von Blüten . . .«

»Wir dürfen aber nicht nur die Natur sprechen lassen. Wir müssen uns an ihre jüngere und gesittetere Schwester halten: an die Kultur! . . . Was sollte denn sonst aus unseren Institutionen werden, aus unserem Volke, aus unserem Staat?«

»Unser Volk . . . unser Staat! Als ob das wichtig wäre! . . . Was spielt denn das für eine Rolle in der Entwicklungsgeschichte? Ein Menschengeist kann sich doch nicht an politische Grenzen halten, kann es doch nicht wichtig finden, was aus dem Staat wird! Der floriert eben . . . oder geht zugrunde . . wie andere Staaten auch.«

»Feuerköpfchen, Sie sind doch noch sehr jung,« lächelte der Konsul.

Aber lächelnde Ironie vertrug Monika nicht. Sie machte eine ihrer Lieblingsgesten: warf den Kopf ins Genick: »Diese Kritik ist keine Widerlegung meiner Ansichten: daß diese keine Berechtigung haben, werden Sie doch wohl nicht zu behaupten wagen.«

»Ich lasse jedem seine Ansichten,« sagte er sehr kühl. »Was mich anbetrifft, so bin ich jedenfalls von der Notwendigkeit eines nationalen Bewußtseins für den Menschen vollkommen überzeugt. Ich fühle mich als Deutscher, wie meine Vorfahren es taten. Ich diene mit allen Kräften meinem Vaterlande, denn das ist meine Pflicht – und meine gern erfüllte Pflicht!«

»Pflicht!« sagte Monika und legte die ganze bodenlose Verachtung, die sie für diesen Begriff empfand, in ihre kindliche Stimme.

»Ja, Pflicht, das Herbste und Köstlichste, was es gibt!« sagte er. Sein schmales, rassiges Gesicht versteinerte förmlich, seine harten Züge schienen wie aus Erz gegossen.

»Ich finde: man sollte seinen Neigungen folgen, nicht seiner Pflicht. Die weite Bahn, die sich dann vor einem auftut, ist . . .«

»Eine schiefe Ebene.«

Sie suchte krampfhaft nach einer ebenbürtigen Entgegnung, die sie diesen drei Worten, die wie drei Dolchstiche waren, hätte entgegensetzen können. Aber ehe sie etwas gefunden, hatte sich der Ernst ihres Begleiters gemildert, ein liebenswürdiges Lächeln teilte seine schmalen Lippen.

»Aber sagen Sie, gnädiges Fräulein, ist es nicht wirklich zu unvernünftig, daß wir mit abstrakten Erörterungen dieses Wiedersehen feiern, über das ich mich so freue.«

»Ich mich ja auch . . .,« sagte sie, plötzlich ganz weich und lieb. Und wie ein Hauch kam es in verräterisch scheuem Tone von ihren Lippen: »So sehr freue ich mich . . .«

Dann gingen sie langsam weiter. Monika machte einen großen Umweg, um nach Hause zurückzukehren.

Ob sich die Mutter inzwischen beunruhigte, war ihr ja so gleichgültig!

Die Schelte, die sie heute wegen der großen Verspätung bekam, machte ihr keinen besondern Eindruck. Wohl war es ihr unangenehm, aber schließlich: es war unwichtig, kam nicht auf gegen das Glücksgefühl, das sie durchflutete! Sie hatte ihn wiedergesehen!

Ob er wohl ihretwegen vors Gymnasium gekommen war? . . . Oder war es sein Weg? . . . War es nur ein Zufall? . . . Ein Gefühl von Enttäuschung wollte bei diesem Gedanken in ihr aufsteigen, aber das kämpfte sie nieder.

»Nein, nein, er kam meinetwegen! Und wenn er nicht meinetwegen kam, dann will ich's wenigstens glauben – dann ist es gerade so süß!« . . .

In den Unterrichtsstunden zeichnete sie sich von jetzt ab durch völlige Geistesabwesenheit aus. Ihre Liebe verschlang jedes andere Gefühl, jeden anderen Gedanken. Wie lächerlich winzig erschienen ihr die Neigungen, die sie früher gehabt, gegenüber dem übermächtigen Gefühl, das sie jetzt durchflutete.

Uebrigens wußte sie gar nicht, was sie eigentlich an Wetterhelm so liebte. Gewiß: er war ein schöner, vornehmer Mann, aber seinen Anschauungen vermochte sie so gar keinen Geschmack abzugewinnen. Und seine ewige Gemessenheit störte sie geradezu.

Weit entfernt, sie mit Komplimenten zu überschütten, wie es andere so oft getan, blieb er gleichmäßig kühl. Auch das nächstemal, als sie ihn traf – sieben lange Tage hatte sie umsonst darauf gehofft – und er wieder neben ihr herschritt.

»Lange nicht gesehen,« sagte Monika mit erkünsteltem Gleichmut.

»Ich hatte dienstlich viel zu tun.«

»Bleiben Sie noch lange in Berlin?«

»O nein, ich hoffe bald einen vernünftigen überseeischen Posten zu bekommen, recht bald.«

»So . . .?«

»Recht bald« hatte er gesagt . . . also: ihn hielt nichts in Berlin . . . gar nichts!

Aufsteigende Tränen verdunkelten Monikas Blick. Sie sprach kein Wort.

Also, er »hoffte« recht bald wegzugehen – dann war ihr überhaupt alles gleichgültig!

Alles . . . und wenn die Welt einstürzte . . .

Und sogar das war ihr gleichgültig, daß plötzlich, kaum auf fünfzehn Schritt Entfernung, Heinzemännchen daherkam!

Der zuckte überrascht zusammen, als er des Paares ansichtig wurde, dann drehte er, ohne gegrüßt zu haben, um und rannte spornstreichs den Weg nach Hause zurück, den er eben gekommen . . .

Natürlich würde er nun »petzen«.

Aber mochte er nur – es war ja alles, alles gleichgültig, wenn Georg von Wetterhelm jetzt fortging und sie ihn nicht mehr wiedersah!

Es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr erstarrte.

»Was Sie für kalte Hände haben,« sagte beim Abschiedshändedruck der Konsul. In seiner Stimme klang dabei eine heimliche Zärtlichkeit.

Aber das merkte sie gar nicht mehr in der eisigen Hoffnungslosigkeit, die über sie gekommen.


* * *


Der Empfang zu Hause war noch schlimmer, als Monika ihn sich gedacht. Die Baronin rang die Hände. Hatte sie das um Monika verdient? Daß Monika sich von einem Herrn begleiten ließ, von einem ihr gänzlich unbekannten Herrn, von dem Heinzemännchen überhaupt nicht wußte, wer er sei!

»Es war mein Mathematiklehrer, Professor Herrmann war's,« sagte Monika kalt.

Aber wie ein Racheengel richtete sich Heinzemännchen in seiner ganzen, schlaksigen Höhe auf. »Das war kein Mathematiklehrer – das war ein Gentleman!« sprach er mit Donnerstimme. »Und soll ich Dir sagen, was das Ganze war? Das war ein Rendezvous!«

Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.

»Monika,« sagte er, und seine Stimme kickste über, »hast Du denn gar nicht an mich gedacht?«

»O nein,« sagte Monika höflich,

»Hast Du nicht daran gedacht, daß seit Papas Tode die ganze Verantwortung auf meinen Schultern ruht? Daß Du mir das antun kannst, Monika. . .«

»O, mein Geliebtes,« rief Frau von Birken, indes sie ihren Sohn an sich zog, »rege Dich nicht auf, mein Geliebtes! Es kann Dir schaden! . . . Aber recht hast Du, das kann ich nicht anders sagen! . . . Monika, es ist unerhört von Dir! Dies Betragen geht über alle Grenzen hinaus ... Du bist ein verlorenes Geschöpf, Monika! . . . Von einem Herrn läßt Du Dich begleiten auf dem Nachhausewege, statt von Deiner Cousine Bertha! ... Die würde ihrer Mutter so etwas nicht antun! . . . Warum habe ich von allen Müttern gerade das Unglück? Aufgeopfert habe ich mich für Euch, mein ganzes Leben hindurch, und das ist nun der Dank! . . . Monika, wie kannst Du Dich so benehmen? Wo hast Du je ein solches Beispiel vor Augen gehabt? Habe ich je so etwas getan?«

Monika zuckte mit den Achseln.

»Was? Du zuckst mit den Schultern? Willst Du damit sagen, daß ich je so etwas getan hätte? . . . Monika, nie hättest Du mir das antun können, wenn Du auch nur einen Funken von meinem Gemüt geerbt hättest . . .«

Sie unterbrach sich, denn ihre Tochter war aufgestanden, ging wortlos aus dem Zimmer: gleich darauf hörte man, wie sie sich im Schlafzimmer einschloß.

Ein fassungsloser Schmerz schüttelte ihren jungen Körper: sie hatte selbst nicht gewußt, mit welch elementarer Leidenschaft sie jenen schönen, kühlen Mann liebte. Immer wieder rang sich ihre Vernunft dazu durch, ihr zu sagen: Du kennst ihn ja kaum . . . Was kann er dir sein? . . . Was geht es dich an, ob er abreist? . . . Aber wenn sie an sein Fortgehen dachte, krampfte sich ihr Herz immer von neuem in rasendem Schmerz zusammen: immer von neuem zuckte sie in gewaltsam unterdrücktem Schluchzen.

Und nichts tun zu können, um das Glück zu erzwingen! – Nichts tun zu dürfen, um das Glück festzuhalten – nichts!

Uralte Satzung und auch ihr eigenes weibliches Gefühl verdammten sie zu stummem Warten.

Warten! . . . Nichts weiter! . . . Hoffend und fürchtend warten, ob das Glück kommt in seiner Sonnenpracht – oder ob es am Horizont ihres Lebens nur ferne vorüberleuchten würde, wie ein fallender Stern.

Sie litt so sehr unter diesem nagenden Zweifel, daß ihr sonstiger Uebermut wie weggeweht erschien.

Herr von Wetterhelm, der sie nach einigen Tagen wieder in der Nähe des Gymnasiums erwartete, fand sie verändert, blasser als sonst, einen schmerzlichen Zug um den schönen Mund, ihr ganzes Wesen von einem Hauch von Nervosität durchtränkt, den es sonst nicht gehabt.

Auf seine Fragen antwortete sie ausweichend. Er gab sich wärmer als sonst. Dieses tragische Gesichtchen erweckte Beschützergefühle in ihm.

»Soll ich morgen um dieselbe Zeit wieder hier sein?« fragte er.

Sie zögerte mit der Antwort. Dann endlich:

»Mein Bruder hat mich neulich mit Ihnen gesehen, und ich habe Schelte bekommen.«

Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. »Das ist auch ganz richtig. Es ist auch nicht korrekt von mir. Ich wollte Sie schon sowieso um die Erlaubnis bitten, bei Ihrer Mutter Besuch machen zu dürfen. Wann empfängt sie?«

»O, Mama hat gar keinen jour,« sagte Monika verlegen. Sie fand die Aussicht, ihren Freund bei sich zu Hause begrüßen zu können, durchaus nicht beglückend . . . Da war Mama und die Jungen, die so auf sie aufpaßten. Und man würde nie über ein vernünftiges Thema sprechen können . . . Und jeder Blick würde beobachtet werden . . . Und dann: zu Hause war es gar nicht mehr elegant. Man war sehr zurückgegangen seit den Sarkower Tagen. Nicht mal einen Diener hatte man, bloß so ein dummes »Mädchen für alles« . . . Gewiß würde der Haushalt den Konsul sehr enttäuschen. Wer weiß, wie verwöhnt er war! . . .

So schwieg sie, statt eine Antwort zu geben.

Und schauderte doch zusammen vor Glück, als er sagte:

»Ich komme übermorgen um eins.«


* * *


Zu Hause gelang es ihr, den bevorstehenden Besuch als ganz gleichgültige, gesellschaftliche Förmlichkeit hinzustellen. Sie sagte, daß Frau von Wetterhelm ihr diesen Vetter auf dem Basar vorgestellt, sie habe ihn neulich zufällig auf der Straße getroffen, und er habe gesagt, daß er diesen Sonntag Besuch machen wolle.

Die Baronin war von dem Besucher nicht sehr entzückt. Er war ihr zu förmlich gewesen. Eine knappe Viertelstunde hatte er im Salon gesessen, und während dieser Viertelstunde hatte Frau von Birken das unangenehme Gefühl, daß er auf die abgestoßene Ecke des schwarzen Tisches sah, und wenn er mal die Augen wo anders hinwendete, so blickte er entschieden suchend auf den fehlenden Henkel der blauen Sèvresvase.

Monika hatte still wie eine Puppe auf ihrem Stuhl gesessen und kaum die Augen aufgeschlagen. Sie war im Banne der brüderlichen Ueberwachung. Alfred, der sonst an Sonntagen spurlos verschwand, war zu Hause geblieben, und Heinzemännchen, der einen endlos langen schwarzen Gehrock trug, den er sich angeschafft hatte, um würdiger und älter zu erscheinen, bewachte sie wie ein Höllendrache. Kurz: Monika war ehrlich unglücklich, als Wetterhelm sich verabschiedet.

Sie spähte hinter den heruntergelassenen Stores hindurch, um ihn noch einmal zu sehen. War's Einbildung – oder ging er wirklich nicht ganz so straff wie sonst – den Kopf wie gedankenverloren ein wenig gesenkt?

In der Tat war es ein intensives Nachdenken, das Georg Wetterhelm erfüllte, ein Zwiespalt von Gedanken und Gefühlen.

Sein Leben war bisher in so glatten Bahnen verlaufen, er hatte nach dem Programm gelebt, das er sich selbst von seinem Leben entworfen. Er hatte seine Examina gut bestanden, war Rittmeister der Reserve bei den Garde-Ulanen: seine Gesundheit war ausgezeichnet, seine Vermögensverhältnisse rangiert. Er hatte gute Zukunftsaussichten, hoffte, später in die Diplomatie übernommen zu werden. Er hatte die Absicht, seine Konnexionen durch eine passende Heirat zu verstärken.

Und nun sollte sein Lebensplan aus der Ordnung gebracht werden durch so einen süßen Wildfang, durch dieses hübsche, geistreiche, ungebärdige Persönchen, das neulich auf dem Basar sein kühles Wesen ganz mit Glut erfüllt. Sie hatte ihm einen Eindruck gemacht, wie er sich kaum erinnerte, ihn je empfangen zu haben. Und doch entsprach sie auch nicht im mindesten dem Bilde, das er sich in Gedanken von seiner zukünftigen Lebensgefährtin gemacht. Er fand sie zu jung, zu ungezügelt, mit einem bedenklichen Hang, eigene Wege zu gehen.

Er hatte sich das alles gleich nach ihrer ersten Begegnung gesagt, aber die Wirkung, die sie auf ihn gehabt, war eine zu mächtige gewesen.

Vorläufig war noch kein Wort gefallen, das ihn an sie band – noch kein Wort, das überhaupt seine Gefühle verraten hätte. Aber sich selbst hatte Wetterhelm längst gestanden, daß er sie liebte.

Freilich . . . ob es nicht besser war, dieser Liebe nicht nachzugeben? Abreisen und den Weg zu gehen, den er sich vorgezeichnet . . .

Schließlich, es war ja zu dumm, daß ein nettes Mädel einfach seine ganzen Zukunftspläne verändern sollte! Er war doch kein törichter junger Mensch mehr, sondern ein zielbewußter, ernster Mann.

Und dieser Besuch, den er eben gemacht, war nicht dazu angetan gewesen, seine Heiratspläne zu fördern. Gegen den Namen war ja nicht das mindeste einzuwenden. Die Birkens waren Uradel wie die Wetterhelms. Aber dieser Birkensche Haushalt, den er eben kennen gelernt, hatte so gar nichts mit der Durchschnitts-Lebensführung einer deutschen Aristokratenfamilie zu tun!

Monikas Mutter schien recht freien Anschauungen zu huldigen, was sich schon aus der Art erhellte, in der die halbwüchsigen Söhne die Konversation führten. Und auch die Idee mit Monikas Studium lag Wetterhelm gar nicht.

Nein, eine solche Heirat würde ein dummer Streich sein. Und sehenden Auges einen dummen Streich machen, das tat man nicht, wenn man Georg Wetterhelm war.

Also zusammennehmen! Nicht mehr an die beiden strahlenden Augen denken, die so aufleuchteten, wenn sie ihn sahen! Nicht mehr an die helle, kindliche Stimme denken, die mit so heißer Begeisterung reden konnte! Die ganze Episode mußte abgetan und vergessen sein.

Und der Konsul richtete sich auf, so straff wie sonst: Die Episode war aus und vorbei.

Und darum war es ganz überflüssig, daß Monika es immer so absolut darauf anlegte, als Letzte aus dem Kursus zu kommen und ganz allein zu gehen. Sie sah die hohe Gestalt des Ersehnten nicht mehr.

Sie war unglücklich wie nie zuvor. Nachdem sie neulich erst so verzweifelt gewesen, war ihr dieser nochmalige Sturz in die Hoffnungslosigkeit zu viel! Ihre Nerven begannen ernstlich zu leiden.

Sie, die so sehr daran gewöhnt war, ihren Willen durchzusetzen, mußte nun tatlos und machtlos die Zeit verstreichen sehen.

Sie hegte die abenteuerlichsten Gedanken, wie sie sich dem Geliebten nähern könne. Aber es blieb bei Gedanken! Die Rücksichtslosigkeit, die sie sonst entfaltete, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, ließ sie völlig im Stich.

Zum ersten Male wurde Monika schüchtern. Das Burschikos-Jungenhafte, das sie oft gehabt, wich einer verträumten Schwermut.

Zum ersten Male war eine große Sehnsucht über ihr und ließ ihre Nerven erzittern wie Harfensaiten unter tastenden Fingern. Wieder und wieder durchlebte sie im Geiste jede Sekunde, in der Georg Wetterhelm sie angeblickt oder mit ihr gesprochen. Sie durchlebte immer wieder die selige Freude, die sie gehabt, wenn in seine kalten, grauen Augen ein wärmerer Schimmer gekommen. Sie sehnte sich nach ihm, sehnte sich jede Minute und jede Sekunde.

Und fühlte nichts mehr als diese Sehnsucht.

Als ihre Mutter Wetterhelm eine Woche nach seinem Besuche zum Tee gebeten, war eine höfliche Absage erfolgt. Und ans Gymnasium kam er auch nicht mehr. Es war aus! Zwei Wochen waren nun schon verstrichen.

Vielleicht war er gar nicht mehr in Berlin.

Eine verzehrende Angst packte Monika bei diesem Gedanken. Dann kam ihr die Idee: vielleicht wußte das Frau von Wetterhelm, ihre dame patronesse vom letzten Basar. Zu der mußte sie hin. Dies konnte sie auch ganz unauffällig, denn sie hätte ihr schon längst mal wieder einen Besuch machen müssen.

Frau von Wetterhelm war zu Hause und empfing Monika in ihrem, mit japanischem Krimskrams überladenen Boudoir. Sie war überaus freundlich. Wirklich zu nett, daß man zu so einer langweiligen, alten Frau käme, wie sie doch eine wäre! . . . Nein: keine Widerrede . . . Sie wisse, daß sie langweilig sei, habe doch nun mal keinen Geist aufzubieten, was entschieden die Schuld ihres Großvaters mütterlicherseits sei, der wirklich ganz auffallend unbegabt gewesen sein solle. – Aber wenn sie selber auch leider dumm sei, so wisse sie doch Geist bei anderen zu schätzen, und darum sei ihr Monika besonders herzlich willkommen! Denn Monika sei hervorragend geistreich! Allein die Tatsache, daß sie das Mädchengymnasium besuche, spräche Bände! Außerdem habe ihr Vetter Georg Monika auch direkt »geistvoll« gefunden.

»Sehen Sie Ihren Vetter öfters?« fragte Monika mit gewaltsam gespielter Gleichgültigkeit.

»Leider nein. Eine langweilige, alte Frau wie ich kann das ja auch nicht verlangen! Aber gerade heute erwarte ich Georg. Er muß bald kommen. Ich hörte nämlich, daß er demnächst abreist, und da schrieb ich ihm, daß er mich besuchen solle in wichtiger Angelegenheit! Ihnen, meine liebe, kleine Freundin, kann ich's ja sagen, Sie sind ja diskret. Ich will mit Georg über eine junge Dame reden, die wirklich eine fabelhaft gute Partie ist! Es handelt sich um . . .«

»O bitte, keinen Namen,« unterbrach Monika hastig, »das sind so interne Angelegenheiten, gnädige Frau. Ich möchte wirklich nicht . . .«

»Aber ich bitte Sie, ich sag's Ihnen ja gern.«

»Ueberdies muß ich fort. Ich bin mit Mama bei unserer Schneiderin verabredet.«

Sie hatte sich erhoben, ihr zitterten die Hände. Nur fort! Nur ihn nicht treffen, der sie verschmähte! Der Zeit fand, hierher zu kommen, und den Weg zu ihr vergessen hatte! Nur fort!

Nach hastigem Abschied eilte sie die Treppen hinunter, der Haustür zu. Da wurde diese von außen geöffnet. Georg Wetterhelm trat ein.

Monika vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. Aber sie faßte sich rasch. Er sollte nicht glauben, daß sie gewußt, daß er heute hierherkam. Daß sie etwa darum hier sei!

So tauschten sie denn ein paar konventionelle Redensarten, dann hielt sie ihm abschiednehmend die Hand hin. Aber er sagte: »Ich begleite Sie ein Stück.«

Er rief den Portier und trug ihm eine Entschuldigung an Frau von Wetterhelm auf: selbst in diesem Augenblicke, wo das Zusammentreffen mit Monika ihn so erschütterte, ließ er eine Höflichkeitspflicht nicht außer acht.

Sie gingen nebeneinander her, auf einem Fußpfade im Tiergarten, dessen Bäume und Sträucher ein erstes knospendes Grün zeigten. Der feuchte und herbe Duft des Vorfrühlings lag in der Luft und stieg aus der feuchten Erde.

Monika war das Herz so schwer: sie sprach gar nicht, ging, den Blick geradeaus gerichtet, neben ihrem Begleiter, der heute auch auffallend wortkarg war.

Endlich sagte er: »Ich reise bald fort.«

Monika erwiderte darauf nichts: sie preßte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ins Fleisch drangen, suchte durch diesen körperlichen Schmerz den seelischen zu übertäuben, der in ihr stürmte.

»Ich hatte die Absicht, Ihnen noch Adieu sagen zu kommen,« sagte Wetterhelm.

Aber gleich darauf veränderte sich der kühle Ton seiner Stimme: »Nein, es ist nicht wahr. Ich wollte nicht mehr kommen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen . . .«

Da hob sie den Kopf zu ihm empor. Die Tränen, die schon so lange in ihren Augen gezittert, rannen nun an ihren langen, tiefdunkeln Wimpern herab, rannen in großen Perlen über die weich gerundeten Wangen.

Und bei diesem Anblick brach in Georg von Wetterhelm sein »Lebensprogramm« zusammen.

Nicht denken jetzt . . . nur dieses süße, unglückliche Gesichtchen küssen . . . dieses schöne, warmherzige Geschöpf in die Arme nehmen . . . und ihre glühende Jugend fühlen . . . und ihre glühende Liebe . . .

»Liebling!«

Er riß sie in die Arme, hielt sie fest umfangen wie mit Eisenklammern, hielt sie fest an sein Herz gepreßt und küßte immer wieder die bebenden roten Lippen, die so herzbewegend stammelten: »Geh' nicht fort . . . ach, geh' doch nicht fort . . .«

»Nicht ohne Dich, mein Lieb!«

»Ist's wahr?« Das war wie ein Jubelschrei.

Mit beiden Armen umschlang sie seinen Hals, trank mit geschlossenen Augen seinen Atem, der herb und frisch duftete wie die Frühlingserde ringsumher.



9.

Ja, gewiß, alles was Sie mir hier über Ihre Vermögenslage, Ihre Aussichten dargelegt haben, ist glänzend, Herr von Wetterhelm,« sagte die Baronin Birken. »Ich könnte mir für meine Tochter gar keine bessere Partie wünschen – aber die Sache liegt doch nicht so einfach. Ich kann nicht lügen, wissen Sie, die Wahrheit über alles! Und darum sage ich Ihnen: ich kann Ihnen nur abraten, Monika zu heiraten!«

Der Konsul, den sonst so leicht nichts in Erstaunen setzte, konnte sich nicht enthalten, ein etwas verblüfftes Gesicht zu machen.

»Darf ich bitten, mir diese Worte zu erklären, gnädige Frau?«

»Gern . . . Wissen Sie, Monika ist wirklich gar nicht fürs Heiraten geeignet. Sie besucht das Mädchengymnasium und will studieren. Und für Frauen, die sich der Wissenschaft widmen, ist doch die Ehe eigentlich nichts.«

»Wenn das der einzige Grund ist . . .«

Der sarkastische Zug um Wetterhelms Lippen vertiefte sich.

»O nein, nichts weniger als der einzige. Ein Dutzend Gründe sind es . . . die Wahrheit über alles! . . . Erstensmal: Monika kann nicht kochen, aber tatsächlich keine Ahnung davon!«

»Die Dokumente, die ich Ihnen vorlegte, gnädige Frau, sollten Sie überzeugt haben, daß ich in der Lage bin, meiner Frau eine Köchin zu halten, sogar eine sehr gute.«

»O ja, natürlich, aber selbst die beste Köchin wird nie das leisten, was eine kulinarisch gebildete Frau des Hauses leistet.«

»Ich bin, was das Essen anbetrifft, sehr anspruchslos.«

»Außerdem: Monika hält keine Ordnung. Alles wirft sie durcheinander und verlegt sie! Nicht einen Knopf naht sie sich allein an!«

Wetterhelm sah tiefsinnig auf einen Knopf, der halb abgerissen an der Bluse der Sprecherin baumelte, und sagte: »Ich werde ihr eine Zofe halten, die genau so gut ist wie die Köchin.«

Frau von Birken seufzte: »Ach, Monika hat so gefährliche Anlagen. Sie ist so eigenwillig. Sie macht sich über alles eigene Gedanken: sie respektiert nichts! Nicht mal mich als Mutter! Nicht mal Goethe. Und immer muß sie ihren Willen durchsetzen! Monika ist ein Engel, wenn man ihr den Willen tut, aber den muß man ihr tun!«

»Darin wird sie sich wohl ein wenig ändern,« sagte Wetterhelm, mit demselben Gleichmut, den er bisher zur Schau getragen.

»Sie ändert sich nicht, sie ist jetzt siebzehn Jahre und war immer so.«

»Mit siebzehn ändert man sich noch oft.«

Da Frau von Birken dieser Aeußerung nicht recht was entgegenzusetzen wußte, sagte sie: »Erlauben Sie, daß ich meinen Sohn rufe . . .«

Heinzemännchen erschien.

Er trug den neuen, unendlich langen Gehrock und sah sehr sorgenvoll aus.

Wetterhelm zog die Augenbrauen hoch. Wollte man ihm in der Tat zumuten, seine Werbung bei diesem Obersekundaner anzubringen?

Aber schon wurde die Tür aufgerissen. Monika kam herein, flog auf Wetterhelm zu und küßte ihn stürmisch auf den Mund.

»Was habt Ihr denn bloß so lange zu verhandeln?« rief sie der wie erstarrt dasitzenden Mutter zu. »Ich kann doch nicht so lange draußen bleiben, wenn Georg da ist!«

Und sie küßte ihn von neuem.

»Jetzt kann ich allerdings nichts mehr einwenden,« sagte Frau von Birken hilflos.

Heinzemännchen seufzte auf. War's die Erleichterung darüber, daß die Verantwortung für Monika von jetzt ab auf stärkeren Schultern ruhen sollte als auf den seinen? –

Die Verlobungszeit sollte nur zwei Monate dauern. Frau von Birken fand das zwar geradezu ungebührlich kurz, aber es lag so gar kein Grund zum Warten vor. Im Gegenteil! Der Konsul erwartete bald seine Berufung auf einen überseeischen Posten und wollte selbstverständlich schon vorher heiraten.

Monikas Glück wurde oft ein wenig getrübt durch die Behandlung, die man ihr zu Hause angedeihen ließ. Ihre Mutter, mit der sie jetzt die ganze Zeit zusammen war – seit ihrer Verlobung besuchte sie die Kurse nicht mehr – war nicht im mindesten anders zu ihr als sonst. Keine Spur einer anderen Stimmung war zu merken, nichts von der zärtlichen Ergriffenheit, die andere Mütter haben, wenn ihre einzige Tochter so bald schon fürs Leben das Haus verläßt. Frau von Birken nörgelte sogar mehr als sonst an Monika herum, sogar bei Sachen, von denen es nicht recht ersichtlich war, warum sie sie tadelnswert fand.

Auch Alfred und Heinrich trugen jetzt, trotz der nahen, dauernden Trennung von ihrer Schwester, kein liebenswürdigeres Wesen ihr gegenüber zur Schau als sonst. Nur Karl, der ja auch sonst lieb und nett gewesen, entfaltete eine außergewöhnliche Hochachtung. Monika hatte ihm durch ihre Verlobung sehr imponiert, und er raubte jetzt mit doppelter Begeisterung aus Mamas oder Heinzemännchens Portemonnaie ein paar Nickel, um ihr irgendeine Kleinigkeit »zum Freuen« zu kaufen.

Monikas Liebe zu ihrem Bräutigam war in dieser kurzen Zeit noch gewachsen, aber das hinderte sie nicht, genau zu wissen, daß sie kein volles Verständnis bei ihm fand. Wenn sie Gedanken äußerte, zu denen sie sich nach heißem Ringen durchgekämpft, tat er das oft ab mit einem lächelnden: »Du bist sehr jung, Liebling!«

Und an Sachen, die Monika in Entzücken versetzten, konnte er oft »beim besten Willen nichts finden«! Zum Beispiel an dem Gratulationsbrief von Monikas ehemaliger Amme. Was war denn an diesem albernen, ungeschickten Schriftstück, daß es bei Monika lachende und weinende Begeisterung hervorrief?

Die Liese schrieb:


»Liebstes Monchen,

da komme ich nun und wünsche Dir Gottes reichsten Segen auf alle Zeit, indem, daß ich es mir ja auch nicht von Dir denken konnte, daß Du, wie die olle Trübnersch gesagt hat, studieren sollst wie ein Doktor.

Weil das ja doch zu sündhaft und häßlich wär' für ein Frauensmensch, wie denn auch das Sprichwort sagt:

»Den Mädchen, die pfeifen, den Hühnern, die kräh'n, den' soll der Teufel den Hals umdreh'n.«

Aber natürlich habe ich es nicht geglaubt, mein trautstes Monchen, und die olle Trübnersch ist ein Lügenmaul, das sage ich dreist, und wenn sie jeden Tag bei die Muckersch in die kleine Kapelle geht.

Na, denn hoffe ich, mein trautstes Monchen, daß es ein Forscher ist, sowie dem Fräulein Marie ihr Mann, der gnädige Herr von Hammerhof, der ist ja nu wohl viel zu hübsch für die lange Stange. –

Mein Fritzchen wird auch mal so einer, der läuft schon jetzt mit die Mädchen rum und ist noch keine fünf Jahre alt.

Die Ollsche, was die Tante vom Grün ist, ist ja nu gestorben, und wir haben ein sehr schönes Begräbnis gemacht, Fladen, Branntwein und alles.

Mit meinem Grün is es nicht mehr so recht, zu alt, Monchen, zu alt. Er hat das Reißen in alle Knochen, aber sonst ist es ja ein sehr guter Mann.

Zu Deine Hochzeit schicke ich Dir die Myrte, selbst gezogen, was Du im vorigen Winter bei mir gesehen hast.

Und nu grüße Deinen Bräutigam und sage ihm, er kriegt was Schönes, da er Dir heiratet. Es sendet Dir Gottes reichsten Segen

Deine treue Liese.«


Wie gesagt, Wetterhelm fand das ja gewiß ganz nett von der alten Person, aber Monikas Bewegtheit war doch übertrieben!

Auch gab es manchmal kleine Reibereien, weil Monika irgendwelche gesellschaftlichen Förmlichkeiten bei Besuchen oder Ausfahrten nicht eingehalten.

Wohl hatte das Impulsive ihrer Natur einen starken Reiz für Wetterhelm, wohl bestand ein Teil ihrer Anziehungskraft für ihn gerade darin, aber sobald diese Art irgendwie in der Öffentlichkeit hervortrat, störte sie ihn aufs schärfste.

Schon ihre Manier, immer aus dem Wagen zu springen, ehe die Pferde standen.

Und dann ihre Haltung. Sie hatte immer etwas so eigentümlich Trotziges: den Kopf ein bißchen vorgestreckt, die Ellenbogen lose, die linke Hand zur Faust geballt. Es war förmlich eine Verteidigungsstellung, die nicht mit dem weichen Liebreiz ihrer siebzehn Jahre harmonierte. In ihrer Sprechweise störte ihn oft ein gar zu kräftiges Wort oder ein achselzuckendes: »je m'en fiche«, mit dem sie einen Vorwurf abtat.

Jedenfalls war Georg nicht ohne Besorgnis im Hinblick auf den Besuch, bei dem er Monika seiner Mutter vorstellen wollte.

An einem schönen Aprilmorgen fuhr die Baronin Birken und das Brautpaar nach Gerbitz, dem Gute, das Frau von Wetterhelms Wohnsitz war, auf dem sie mit ihrer einzigen unverheirateten Tochter Brigitte lebte.

Bevor man zur Bahn fuhr, hatte Monika eine unangenehme, kleine Szene mit ihrem Bräutigam gehabt, der ihre Frisur getadelt hatte.

»Du hast mich doch sonst so immer hübsch gefunden.«

»Gewiß, aber Mama ist etwas vieux jeu, lieber Schatz: ihr würde das in die Stirn gebauschte Haar sicher nicht gefallen. Bitte, trage heute die Stirn frei und die Haare möglichst glatt.«

Monika machte ein ungezogen trotziges Gesicht, ging aber doch hinaus, um eine Bürste zu holen.

»Ich werde meine Frisur unter Deiner obrigkeitlichen Aufsicht arrangieren, lieber Georg,« sagte sie mit einem Anflug von Spott.

Ein paar Bürstenstriche: »Ist es so gut?«

»Aber Kind, da ist ja kaum was geändert, viel glatter, bitte.«

»Also so?«

»Noch immer nicht richtig.«

Statt einer Antwort feuerte sie die Bürste auf die Erde. Georg erhob sich. Er war sehr blaß geworden, und ehe noch Frau von Birken zu einer Strafpredigt ansetzen konnte, sagte er: »Das war Deiner unwürdig, Monika!«

Nun fiel die Mutter ein, aber alles, was die auch vorbrachte, hatte keine Wirkung auf Monika, gegenüber den paar Worten aus Georgs Munde.

Sie kämpfte einige Augenblicke mit sich, dann aber ging sie auf ihren Verlobten zu und sagte:

»Du hast ganz recht, Georg, und ich bitte Dich um Verzeihung.«

Ihre Frisur war wirklich von korrektester Einfachheit, als man in Gerbitz eintraf.

Zwei Stunden war man Eisenbahn gefahren, dann eine Stunde in altmodischer Kalesche durch märkischen Sand, dann kam man an dem grauen Herrenhause an.

Frau von Wetterhelm und ihre Tochter Brigitte begrüßten die Gäste.

Georgs Mutter war eine imposant große Erscheinung, in der Mitte der sechzig. Ihr Gesicht zeigte einen leidenden Ausdruck. War es doch Krankheit gewesen, die der Anlaß dazu war, daß der Sohn ihr jetzt erst seine Braut zuführte.

Georg hatte innerlich gefürchtet, daß seine zukünftige Schwiegermutter den Damen seiner Familie wenig gefallen würden ihr wenig seriöses Wesen, das Fehlen mütterlicher Würde in ihrem Aeußeren und ihr Benehmen würde wahrscheinlich von seinen überaus korrekten Angehörigen gemißbilligt werden.

Zu seinem Erstaunen verstand sich Frau von Birken mit den Damen sehr gut. Schon nach kurzer Zeit war man eifrig in das wichtige Thema vertieft, welcher Zeitpunkt für das Einlegen von Johannisbeeren der geeignetste sei.

Dies und eine Reihe ähnlicher Gesprächsthemata schlugen eine Brücke zwischen Monikas und zwischen Georgs Mutter. Als dann gar die Dienstbotenfrage aufs Tapet kam, erwärmte sich selbst Brigitte, deren hagere Altjungfernfigur im schmucklos schwarzen Kleide wie aus Holz geschnitzt erschien.

Monika trug bei diesen Unterhaltungen eine geradezu unhöfliche Unaufmerksamkeit zur Schau, Das lag ihr nicht . . . das alles hier lag ihr nicht . . . Die Einrichtung, die bei aller Wohlhabenheit geschmacklos puritanisch war, diese große, strenge Frau, zu der sie nun »Mamo« sagen sollte, die unschöne Schwester . . . das alles verstimmte sie.

Sie war ganz verärgert, besonders, als Georg ihre Bitte, ihr den Park zu zeigen, abgeschlagen hatte.

»Wir gehen nachher alle zusammen,« sagte er.

Bei dem Rundgang, den man nach dem Frühstück machte, wurde Monikas Benehmen von den Wetterhelmschen Damen innerlich »lächerlich kindisch« gefunden: sie geriet in Ekstase vor den jungen Lämmern mit ihren kurzlockigen Fellchen, sie kniete nieder, um sie an sich zu drücken: sie war im Schweinestall außer sich vor Freude über die Ferkel mit ihren rosa Körpern und den Ringelschwänzchen: sie hielt den Tieren Reden, besonders dem Hofhund, der gleich eine große Sympathie für sie an den Tag legte:

»O, was für ein guter Hund . . . Du bist ja sehr häßlich, mein armer Kerl, und so gelb wie Eidotter bist Du, und aus gar keiner feinen Familie . . . Nein, nicht mal Rasse hast Du . . . Aber Du bist doch gut, mein Dickerchen! Ach, was für'n guter Hund! Und gut sein ist ja auch was wert, wenn auch nicht so viel wie schön sein!«

Da intervenierte Frau von Birken, sie legte die größtmögliche Strenge, deren sie fähig war, in ihren Ton:

»Monika, genug des Unsinns! Wir wissen ja, daß Du nur scherzest, aber man soll auch im Scherz nicht sagen, daß Schönheit mehr ist als Güte! Die Güte ist das Weltprinzip . . .«

Brigitte drückte der Baronin ostentativ die Hand.

»Aber Mama,« rief Monika, schnell wie aus der Pistole geschossen, »aber Mama! Du hast doch wohl schon Naturgeschichte gelesen und Weltgeschichte und Entwicklungstheorien? Das Weltprinzip ist doch die Grausamkeit, der ewige Kampf . . .«

»Lassen wir das doch,« schnitt Georg ab: ein unmutiger Ausdruck lag über seinem Gesicht, ihm war nicht entgangen, daß sich in den Zügen seiner Mutter schärfste Mißbilligung bei Monikas Worten aussprach, daß die Züge seiner Schwester förmlich vereisten in schroffster Ablehnung.

Dann ging man nach der Fohlenkoppel hinüber, wo Monika versuchte, auf die Fohlen hinaufzuturnen.

»Zu schön ist's auf dem Lande,« sagte sie zu ihrem Bräutigam, als sie ihn endlich »ein bißchen für sich« hatte. »Die Tage von Sarkow, meine Kinderjahre, sind mir so unvergeßlich. Am liebsten möchte ich mit Dir auf ein Gut ziehen, Georg.«

»Mir liegt das nicht,« erwiderte der Konsul. »Gewiß ist Landwirt sein auch ein schöner Beruf, in dem man seinem Vaterlande nützen kann, aber ich kann in meinem Berufe Größeres wirken, Besseres für Deutschland tun.«

Monika stürzte sich mit Feuereifer auf diese neue Anregung.

»Ja, da hast Du auch ganz recht! Ich werde mal eine tadellose Botschafterin!«

»Na, na, man immer sachte mit den jungen Pferden.«

»Und wir bekommen einen historischen Palazzo als Dienstwohnung, weißt Du, sowas in Spätrenaissance, und ich gebe jeden Abend Empfänge, wo lauter Fürsten und Genies sind, crème de la crème, weißt Du? . . . Und ich trage ein himmelblaues, silbergesticktes Kleid und furchtbar viel Orden in Brillanten. Als Botschafterin bekomme ich doch Orden, nicht wahr? Und ich trage ein Perlcollier für eine Million. Das muß ich von meiner Schwiegermutter geerbt haben. ›Das Kollier meiner Schwiegermutter‹ finde ich sehr stilvoll.«

»Ach, Kind, hör' bloß mit dem Unsinn auf. Und nimm Dich zusammen vor Mama und Brigitte, Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!«

Beim Mittagessen wirkte diese Ermahnung noch so nach, daß sie wie ein braves Schulkind dasaß.

Aber nach Tisch, als sich die Damen zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen und Monika mit ihrem Bräutigam durch den Park ging, verjagte die goldene Aprilsonne bald ihre mühsam bewahrte Gemessenheit.

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn die Blattknospen gar so ungestüm aus ihren Hüllen drängten, wenn die Hyazinthen auf den Frühbeeten mit tiefen Farben prangten wie Edelstein: rubinrot, diamantenweiß und blau wie Saphir! Ach – und alle diese Blütenglocken sandten süße Duftwogen in die herbe deutsche Luft. In den Aesten lärmten und lockten die Vögel, schrien, weil der Frühling da war und die Liebe . . .

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn man einen so süßen, geliebten, schönen, guten Bräutigam hatte?

Das fragte Monika Georg von Wetterhelm.

Und er lachte zärtlich, immer aufs neue besiegt von ihrem wilden Charme. –

Die Vesperstunde vereinigte alle wieder um den runden Tisch im Eßzimmer.

Frau von Wetterhelm war Monika gegenüber aus ihrer ursprünglichen Freundlichkeit in eine gewisse Reserviertheit übergegangen. Sie fand: es war eigentlich eine fabelhafte Idee von Georg, ein so unbändiges, junges Ding heiraten zu wollen. Seiner sonstigen Wesensart war das so unähnlich, er war doch immer ein so tadellos vernünftiger Mensch gewesen.

»Georg hat mir nie Sorgen gemacht,« erzählte sie an diesem Nachmittag. Ja, er war immer ein lieber, vernünftiger Sohn gewesen, körperlich und geistig gut beanlagt. Er war nie krank gewesen, er war immer unter den besten Schülern seiner Klasse. Alles in seinem Leben war wie am Schnürchen gegangen. Das Abiturium, die späteren Examina, die Ernennung zum Leutnant der Reserve, sein Avancement bei den Garde-Ulanen. Und seine Beamtenkarriere würde eine glänzende sein, das sagten alle, und sie hoffe nur, Monika würde ihren zukünftigen Gatten »voll und ganz zu würdigen verstehen«!

»Na und ob!« schmetterte Monika so überzeugt heraus, daß alle drei Damen ihr verweisende Blicke zusandten.

»Hoffentlich habe ich mit meiner Schwiegertochter ebenso viel Glück wie mit meinen Kindern,« fuhr Frau von Wetterhelm nicht ohne eine gewisse Anzüglichkeit fort, »ja, auch Brigitte hat mir nur Freude gemacht.«

Monika warf einen erstaunten Blick auf die schwarzgekleidete, hagere Dame, welche sie im stillen »die hölzerne Jungfrau« getauft hatte.

»Ja, Brigitte ist immer tätig und häuslich gewesen,« lobte die Herrin des Hauses weiter. »Mein lieber Mann starb ja so früh – Georg kam naturgemäß bald aus dem Hause – da war Brigitte das Einzige, was mir blieb. – Wie hat sie mich gepflegt in meinen vielen Krankheiten. Brigitte ist die geborene Krankenschwester! Und sie hat es nie übers Herz gebracht, mich zu verlassen, auch damals nicht, vor nunmehr zwanzig Jahren, als Herr von Lodringen um sie anhielt.«

»Aber Mama!« Ein schwaches Rot war in Brigittes welke Wangen gestiegen, mit einer nervösen Gebärde strich sie sich über den glatten, graublonden Scheitel.

»Meine liebe Tochter, warum sollte ich nicht von Deiner aufopfernden Kindesliebe sprechen, von Deinem edlen Pflichtgefühl? Unsere kleine Monika kann daraus nur Gutes lernen! Ja, also als Lodringen um Brigitte anhielt, wies sie ihn ab, obwohl sie ihn sehr gern hatte und obwohl er eine durchaus passende Partie war. Wies ihn ab, weil sie mich nicht verlassen wollte.«

Brigitte sagte nichts. Ein Seufzer hob ihre Brust.

»Ach . . .,« rief Monika, ungläubig erstaunt.

Frau von Wetterhelm fuhr fort: »Lodringen stand in Westfalen, und ich konnte natürlich nicht daran denken, mit in jene Garnison zu ziehen. Was hätte dann hier aus dem Gute werden sollen? Und so blieb Brigitte bei mir, mein aufopferndes Kind, als die Stütze meines Alters . . .«

Frau von Birken hatte vor Rührung Tränen in den Augen.

»Wie entzückend, wie heroisch geradezu, sein eigenes Lebensglück hinzugeben, um der Mutter Trost sein zu können! Diese echt weibliche Entsagung! Da siehst Du, Monika, was für junge Mädchen es auf Gottes Welt gibt!«

»Aber das ist doch ein maßloser Unsinn,« rief Monika heftig, mit sprühenden Augen: in ihrer Erregung bemerkte sie nichts von dem förmlich lähmenden Entsetzen, das ihr Ausruf bei der Tafelrunde hervorgerufen.

»Ja, ein offenbarer Unsinn,« stürmte sie weiter, »ein lebendiges, warmes Liebes- und Lebensglück zu opfern aus töchterlichem Pflichtbewußtsein! Man lebt doch nicht für seine Mutter!«

Sie brach ab, erschreckt über das Verhalten ihres Bräutigams, der zu seiner Mutter getreten war. Er beugte sein erblaßtes Gesicht über die alte Frau und sagte, indem er wie beschwörend seine Hand auf ihren Arm legte:

»Hör' nicht hin, Mama, sie meint es nicht so. Sie ist noch so sehr jung.«

Die böse Stimmung, die dieser Zwischenfall hervorgerufen, hielt an. Die Wetterhelmschen Damen brachten kaum ein Wort mehr über die Lippen.

Gut, daß Frau von Birkens Redefluß auch bei dieser Gelegenheit nicht versiegte. Ihre Begabung, über die nichtigsten Dinge sehr viel zu reden, war ihrem zukünftigen Schwiegersohne zum erstenmale eine Freude. So herrschte wenigstens nicht dauernd Stillschweigen.

Mit dem Abendzuge fuhr man fort. Auf der Rückfahrt berührte Wetterhelm mit keinem Worte den Vorfall, der ihm tiefgehenden Eindruck gemacht. Bei seiner langsam denkenden Art wollte er erst mit sich selbst ins Reine kommen, ehe er mit Monika sprach.

Die fühlte zwar, daß sie auf Georgs Angehörige keinen allzu günstigen Eindruck gemacht, aber sie nahm das ganze nicht wichtig.

Sie wurde auch dadurch abgelenkt, daß sie zu Hause die Korrekturbogen ihres neuen Gedichtzyklus fand.

Dieser Zyklus, der eine Ueberraschung für ihren Bräutigam sein sollte, war für die nächste Nummer des »Leuchtturm« bestimmt.

»An Georg« hieß die Ueberschrift dieser sechs Gedichte, deren eines das andere an klingenden Worten und leidenschaftlichen Empfindungen übertraf.

Monika war von ihrem eigenen Werke erschüttert, als sie die Korrekturbogen las. Ihr schienen diese Gedichte wie sechs voll erblühte Rosen, farbenflammend, duftsprühend . . . und die Dornen, die sonst Rosen tragen, hatte sie ihnen abgebrochen mit zärtlichen Fingern. Dornenlose Rosen waren's nun, lauter Liebe und Leidenschaft und heißes, heißes Glück!

Eine heftige Ungeduld erfaßte sie plötzlich, Georg schon jetzt diese Verse zu senden. Nicht, wie sie sich vorgenommen, erst am nächsten Mittwoch, wenn das neue Heft des Leuchtturms erschienen war.

Sie schrieb ein paar Zeilen, kuvertierte diese und die Druckbogen und schrieb mit ihrer weitausladenden, arroganten Handschrift die Adresse ihres Verlobten.

Dann rannte sie fort, um den Brief selbst in den Kasten zu tragen: sie ließ Briefe an Georg nie durch jemand anders besorgen.

Sie schlief nicht viel in dieser Nacht: immer wieder mußte sie daran denken, wie Georg sich wohl freuen würde, wenn er diese glühenden Liebesgeständnisse las und durch ihre Zeilen erfuhr, daß er es nicht allein war, der diese Gedichte las, sondern daß Tausende von anderen Menschen, von mitfühlenden, mitvi­brierenden anderen Menschen es lesen würden – – –

»An Georg«.

Nun, bald würde sie ja wissen, wie sehr er sich gefreut. Er kam ja morgen zum Abendbrot – – nein, nicht morgen. Heute! Es hatte ja eben schon zwei geschlagen durch die stille Nacht.

Erst als es hell wurde, schlief Monika ein.

Der Tag ging hin, wie jetzt alle Tage hingingen: in Erwartung ihres Bräutigams.

Als sie sich eben für den Abend umgezogen hatte, kam Georgs Diener mit einem Briefe von ihm, den er Auftrag hatte, dem gnädigen Fräulein selbst zu übergeben.

Monika schloß sich mit dem Schreiben ins Schlafzimmer ein: sie wußte, daß man sie sonst doch nicht bei der Lektüre ungestört ließ.

Und sie las:


»Liebe Monika,

es wird mir unendlich schwer, Dir diese Zeilen zu schreiben. Ich habe schwer mit mir gekämpft seit gestern abend. Nach reiflicher Ueberlegung aber halte ich es nun doch für besser, Dir zu sagen: wir passen nicht zueinander. Ich bin weit entfernt davon, die wundervollen Geistes- und Körpereigenschaften zu verkennen, mit denen die Natur Dich überschüttet hat. Aber Du hast Grundsätze, Anschauungen, Prinzipien, die für meine Frau unmöglich sind!

Ich habe das zuerst alles für Kindereien gehalten, aber wie Du gestern meiner alten Mutter ins Gesicht hinein erklärtest, daß das hohe Liebeswerk, das meine Schwester an ihr getan, »barer Unsinn« sei, das gab mir einen Choc, den ich nicht überwinden kann.

Dann kam Dein Brief – – – Die Verse sind gewiß sehr schön und talentvoll, aber für ein junges Mädchen wenig passend. Die Tatsache, daß Du sie veröffentlichen willst, entspringt einem mir geradezu unbegreiflichen Mangel an Zartgefühl.

Wie kann man so intime Empfindungen der großen Menge preisgeben, sie der höhnischen Kritik jedes Uebelwollenden aussetzen. Wie kann man Gefühle, die in das tiefste Dunkel Deines Mädchenherzens gehören, an das grelle Licht der Öffentlichkeit zerren?! – –

Aber genug von alledem!

Mit tiefem Schmerze reiße ich mich los von Dir in der Erkenntnis, daß unsere beiden Naturen zu grundverschieden sind, um je in eine harmonische Ehe zu verschmelzen.

Ich sage Dir brieflich Lebewohl, weil ich weiß, daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann. Du bist die Erste, bei der mein Gefühl stärker war als mein Verstand. Ich weiß und fühle, daß diese Schwäche Dir gegenüber für mein ganzes künftiges Leben eine Gefahr bedeutet, eine Gefahr hauptsächlich darum, weil Du Deinen ganzen Anschauungen nach mich oft zu Handlungen und Unterlassungen wirst veranlassen wollen, die meiner innersten Natur widerstreben.

Lebe wohl, mein geliebter kleiner Schatz.

Georg.«


Monikas Hand, die den Brief gehalten, sank schwer herunter. Ihr wirrer Blick traf zufällig auf den Spiegel, vor dem sie gestanden. Und dieser Blick wurde allmählich bewußt, erkannte das Spiegelbild, und wie ein grenzenloses Erstaunen ging es ihr durch den Kopf: »Herrgott, kann man denn überhaupt so blaß sein?!«

Einige Sekunden lang irrte ihr Sinn noch herum wie ein Vogel, den die Kugel traf, der ängstlich flattert mit zuckenden Flügelschlägen und dann Plötzlich, sich des Schmerzes bewußt werdend, aufschreit und niederstürzt.

Und dann Nacht . . .

Eine tiefpurpurne Finsternis, aus der sich die Sinne nur langsam und qualvoll allmählich wieder zum Bewußtsein ringen.

Das . . . das war doch nicht möglich! Das war doch nicht denkbar . . . nein, nicht auszudenken, daß diese Liebe, die strahlende Sonne, die ihr ganzes Leben erleuchten und erwärmen sollte, nur ein Irrlicht war, das eine flüchtige Sekunde aufschimmerte und dann versank . . .

Nein, nicht möglich! Und doch? Was stand da in dem Briefe? In dem Briefe, der ihren Fingern entglitten war, den sie nun vom Boden emporriß und von neuem las?

Und noch einmal . . .

Und wieder . . .

Sie verwundete sich an jedem Worte mit der wahnsinnigen Schmerzensgier einer Märtyrerin, die sich immer von neuem Dolchspitzen in ihr schauderndes Fleisch bohrt.

Und dann – wie eine Eingebung – leuchtete in dem wirren Toben ihrer Empfindungen plötzlich ein Gedanke auf, wie das klare Licht eines Leuchtturms im Dunkel einer sturm- und wogendurchtobten Nacht:

Handeln jetzt! Nicht tatenlos zusehn, wie ihr Glück zerbrach!

Ihre Pupillen erweiterten sich, brannten wie schwarze Flammen in ihrem tieferblaßten Gesicht.

Ihre Hände ballten sich zusammen, krampften sich zu Fäusten, als wollte sie das Glück festhalten, – das Glück!

Handeln jetzt! Zu ihm!

Wie stand es doch in diesem Brief, von dem jetzt jedes Wort in ihrem Gehirn eingegraben stand wie mit ehernen Lettern?

»Daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann«.

Dem Zauber . . . meiner . . . Gegenwart . . .

Mit Gedankenschnelle hatte sie den Hut in die Haare gedrückt.

Und die Treppe hinunter.

Sie hielt die nächste Auto-Droschke an, rief dem Chauffeur die Adresse zu.

Das Auto glitt über den Asphalt, ziemlich langsam, denn ein grauer Regen rieselte leise über Berlin, hüllte die Riesenstadt in einen dünnen Tropfenschleier.

An Monikas Augen glitten die steinernen Häusermassen vorbei, das Gelbrot der Gaslaternen und das bläulich-schimmernde Licht der elektrischen Lampen leuchtete in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf.

Leute kamen vorüber . . . Automobilhupen tönten, Hufschlag, – – das schrille Klingeln der elektrischen Bahnen.

Monika sah und hörte das alles, aber es kam ihr nichts ins Bewußtsein.

Sie fühlte auch keinen Schmerz.

Sie sah und hörte und fühlte nichts als ihr Ziel: das Glück wiederhaben . . . das Glück . . .

Das Auto hielt, sie stieg aus, bezahlte den Chauffeur und ging die Treppe hinauf zu der Wohnung von Georg von Wetterhelm.

Der Diener vermochte trotz seiner Wohlgeschultheit nicht seine Ueberraschung zu verbergen. Er stotterte, daß der gnädige Herr ausgegangen sei.

»Wann kommt er zurück?«

»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein.«

»Gleichgültig. Ich werde ihn hier erwarten,«

Sie schritt den Korridor entlang und öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer. Sie kannte den Weg von dem Male her, als Georg sie und die Mama und die Brüder zum Tee eingeladen.

Mit was für anderen Gefühlen als heute hatte sie da in dem Gemache gestanden, dessen strenge, vornehme Einrichtung so überaus gut zu Georgs Wesen und Sein paßte.

Sie setzte sich in den grünen Ledersessel und wies kurz den Diener zurück, der eintrat, um Licht zu machen.

Sie starrte mit brennenden Augen in das Dunkel ringsum, das nur matt erhellt war von dem Schein der Straßenlaternen, der von draußen durch die Gardinen fiel.

Sie überlegte nicht, was sie Georg sagen wollte, wenn er kam, sie dachte nur: das Glück wiederhaben . . . das Glück . . .

Leise, leise schlug der Regen an die Scheiben. Sie hörte jede Sekunde das Ticken der großen Standuhr, hörte jede Viertelstunde ihr dumpfes Schlagen.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. Ihr war es, als sei sie schon endlos in dieser weichen Dunkelheit. Da hörte sie einen Schlüssel in der Korridortüre.

Schritte näherten sich dem Zimmer – dann das Knipsen am Schalter des elektrischen Lichts – eine grelle Helligkeit, die das Dunkel zerriß, – – und Georgs Aufschrei:

»Du hier?«

Sein Gesicht war ihr nie so ehern erschienen wie jetzt.

»Du hättest das nicht tun dürfen, Monika Warum machst Du's uns beiden so schwer?«

»Georg . . .,« würgte sie hervor.

»Kind, es ist mir so schon schwer genug geworden. Aber es ist besser so für uns beide. Ich werde mich nie in Deine Art fügen lernen, und Du Dich in meine auch nicht!«

Sie trat näher zu ihm heran.

»Aber ich will ja alles, was Du willst! Ich will ja werden, wie Du willst . . . glaub' mir das! In alles kann ich mich fügen . . . unserem Glück zuliebe!«

Ihre Stimme, die fast versagt hatte, wurde fester: wie ein Feuer, das zuerst nur zögernd knistert und hie und da einen Funken aufleuchten läßt, bis es allmählich zur Glut wird, und zur flammenden Lohe dann – so wuchs ihre Rede. Wuchs über sie empor und über ihn, wurde das Hohelied von der Liebe – von der Liebe, die stark ist wie das Leben, stark ist wie der Tod – –!

Sie wußte selbst nicht, woher ihr die Worte kamen. Sie wußte nicht, woher sie den Mut und die Kraft nahm, ihm all das zu sagen, den letzten Schleier von ihrem Seelenleben zu ziehen, ihn alle Höhen und alle Tiefen der Liebe schauen zu lassen, der Liebe, die sie zu ihm trug . . .

Das waren nicht bloß Worte, die da auf ihn eindrangen und an sein kühles Herz klopften. Das war, als ob Monikas ganzes Sein sich auflöste in einen Strom, der zu ihm hinüberdrang, glühend und besiegend . . .

Wie von selbst breiteten sich seine Arme auseinander und schlossen sich um das Mädchen, das sich mit einem unartikulierten Laut an seine Brust warf.

»Georg, – – Georg hast Du mich lieb?«

»Zu sehr, mein kleiner Schatz, zu sehr – –«

Er preßte seine Lippen auf ihren Hals und wie ein Stöhnen klang's: »Ich komme ja doch nicht mehr von Dir los.«

Da hob sie den Kopf, und ihr Gesicht glühte von Liebe und glühte von Güte, von holdseliger, weiblicher Güte:

»Und Du sollst das nicht bereuen, mein Lieb! Ich will mich ja bessern, will mich ja nach Deinen Wünschen formen, – in allem . . . unserem Glück zuliebe . . .!«



10.

Eine scharfe Brise kräuselte des Mittelländischen Meeres blaues Wasser, aber der große Dampfer zog ruhig und sicher weiter seine tiefaufwühlende Furche.

Es waren wenig Passagiere auf Deck. Außer ein paar Engländern, die mit hochgeklapptem Rockkragen, die Mütze tief in der Stirn und die Stummelpfeife zwischen den Zähnen herumspazierten, nur Georg von Wetterhelm mit seiner Frau.

Monika hatte den Sturmriemen ihrer Mütze heruntergezogen und ließ sich den Wind ins Gesicht wehen. Sie sah so strahlend glücklich aus, daß des Konsuls harte Züge ein Schimmer von Zärtlichkeit überflog.

»Du bist schon ein liebes Kerlchen, Mone! – Wie viele Frauen würden jammern über das schlechte Wetter, das wir bisher hatten.«

»Aber, Georg, das Wetter war doch großartig.«

Er lächelte. »Na, Liebchen, seit den zwölf Tagen, die wir verheiratet sind, ist noch kein Tag ohne Regen gewesen. – Schade! Ich hatte mir diese Seereise so nett gedacht.«

»Aber sie ist doch entzückend! Weißt Du, es soll so viele Leute geben, die in der Phantasie wer weiß wie sehr genießen und von der Wirklichkeit enttäuscht sind! Das ist doch zu dumm . . . Ich habe es mir ja gewiß immer wunderschön gedacht, mit Dir verheiratet zu sein, aber daß es so über alle Begriffe schön ist, das habe ich nicht gewußt!«

Er zog sie an sich und küßte das junge Gesicht, auf dem der kühle Hauch des Meeres lag.

»Und zu denken, daß dieses Glück nicht aufhört, Georg, – daß ich jetzt immer bei Dir sein darf, immer . . . und mit Dir zusammen die herrliche Welt sehn soll – – – –«

Ein tief erzitternder Atemzug hob ihre Brust, als könne sie das Uebermaß von Glück nicht fassen.

Der Konsul hatte sich seine Hochzeitsreise »vernünftig gelegt«. Er war nach Bombay berufen, hatte noch sechs Wochen Urlaub: in Genua wollte man eine Zeit Aufenthalt nehmen, von da nach Rom und Neapel und von da aus zu Schiff weiter.

Die Schiffsreife Hamburg–Genua war durch schlechtes Wetter getrübt worden. Als aber der Dampfer sich dem langgestreckten Hafen von Genua näherte, zerriß der Wolkenschleier am Himmel, und eine strahlende Sonne überflammte Genua la superba, das sich im mächtigen Halbkreis auf den steil ins Meer abfallenden Bergen erhob. Die stolze, uralte Hafenstadt mit dem Gewirr ihrer Gassen und Märkte, mit ihren ragenden Marmorpalästen war ganz in Sonne getaucht und in Sommer. Maiblüten über grauen Mauern bedeckten vielhundertjährigen Marmor mit jungem Leben.

Wenn Monika mit ihrem Gatten durch diese Stadt schritt, wenn sie mit ihm die Treppe zum Dogenpalast betrat oder im Palazzo Rosso vor einem Reiterbildnis von van Dyck stand oder vor Veroneses »Judith und Holofernes«, wenn sie im Boot zu dem Molo Duca di Galliera fuhr, von wo aus man die trotzige Stadt und das trotzige Gebirge in seiner ganzen wilden Schönheit sah, dann fühlte sie: das ist ein Höhepunkt!

Und sie hätte dann der Zeit wie einem allzu feurigen Renner zuschreien mögen: »Halt an!« Es konnte ja nicht mehr schöner werden!

Und doch wurde es noch schöner. Als sie die kleine Villa fanden, droben in San Lorenzo.

Auf einer Spazierfahrt hatten sie sie gesehn, hatten sie, angelockt durch das Vermietungsplakat, besichtigt, und Monika hatte erklärt, daß sie gern auf Rom, Neapel und alle übrigen Städte des gesegneten Italien verzichten wolle, wenn Georg für den Monat, der ihnen noch an Urlaub blieb, dieses kleine Haus mieten wolle mit seiner großen Terrasse, mit seinem herrlichen Garten über dem Meer.

Georg hatte gezögert. Eigentlich gehörte es zu seinem »Programm«, seiner jungen Frau die Kunstschätze Italiens zu zeigen, aber Monika hatte so herzbewegend gebeten und das Haus war so hübsch, daß er einwilligte. Ueber die Mangelhaftigkeit der italienischen Dienstboten, die man für den Monat nahm, kam er zwar nicht so leicht hinweg, – auch sonst gab es manches zu tadeln, – aber alles in allem fühlte auch er: meines Lebens schönste Zeit!

Sein kühles Herz blühte auf in der heißen Liebe, mit der seine Frau ihn umgab. Seine nüchternen Sinne wurden angeregt durch ihre sprühende Art, ihre stürmische Begeisterung.

Jeder Tag war eine Kette von Wundern.

Jeder Morgen kam wie ein junger Sieger.

»Helios!« sagte Monika, »der junge Sonnengott, der auf seinem goldenen Wagen einherkutschiert, die Zügel zwischen den Fäusten. Die mächtigen Pferde schäumen in ihr goldenes Gebiß und bäumen sich hochauf . . . Aber das tut ihm nichts . . . Er ist der Sonnengott, er ist der Sieger! Und da fährt er nun durch den Azur und verschwendet Sonne, vergeudet Sonne. Ach, in unserm armen Deutschland müssen wir einen halben Winter damit haushalten, was der hier an einem Maimorgen ausgibt! Jetzt verstehe ich erst den

Sonnenkultus, verstehe alle die Völker, die Perser und Lydier und Phrygier und Griechen und Römer, die sich anbetend niederwerfen vor dem Leuchtenden da droben!«

Sie streckte die Arme hoch, in einer spontanen Gebärde, zur Sonne empor. – –

Dann ging man wohl mitunter an den Bergabhängen entlang, die hinunter nach Genua führten. Von den Kräutern, die an den Felsabhängen standen, ging ein herber und süßer Duft aus. Die Sonne drang mit Gewalt in sie hinein, in alle diese spröden amethystfarbenen und silbergrauen und weißen Kräuter mit den stacheligen Blättern: sie drang in sie hinein und sog ihnen den Duft aus den Kelchen. Und neben der harten Bergwelt, neben all diesem Gewucher von Minze, Ginster und Heidekraut lockte die weiche, sinnliche Pracht der Rosen.

Und Olivenbäume bedeckten in unzähligen Mengen alle Berge, alle Schluchten: ihre Milliarden schmaler Blätter schoben sich wie silbergraue Schleier vor die Aussicht, und durch diese Blätternetze hindurch sah man das Meer, das blaue Juwel. Auf den Segeln der träumerisch dahingleitenden Schiffe blitzte die Sonne wie in einem Brennspiegel. – –

Oder war es noch schöner, wenn die Sonne schon untergegangen?

Der Himmel zeigte dann noch purpurrote Streifen. Die tönten sich ab in Violett, das in Veilchenblau überging, und, tiefer hin immer blasser werdend, zeigte der Himmel da, wo er mit dem Meere zusammenstieß, denselben durchsichtig blaßblauen Ton wie das Wasser, verschmolz in eins mit ihm in zärtlicher Umarmung.

Die riesigen Fischernetze waren lang über den Strand hingebreitet, sorgsam auseinandergezogen, daß man das Gitterwerk ihrer Maschen sah, – ihre tief rotbraune Farbe gab einen düsteren Ton in diesem Zusammenklingen von leuchtenden und hellen Farben.

»O dieses Rotbraun, – – das ist so richtig eine Farbe für Mordwerkzeuge,« sagte Monika, »wie geronnenes Blut sieht es aus, so richtig eine Farbe für diese Netze, in denen sich Tag für Tag Hunderte und Tausende von lebendigen Fischen verstricken, um so qualvoll zu sterben.«

Durch den flammenden Horizont taumelte im Zickzackflug eine Fledermaus, gefolgt von dem werbenden Männchen.

Unten auf der Straße, die sich hart am Meeres dahinzog wie ein endloses weißes Band, glitten auf Gummirädern ein paar Automobile vorüber. Ein paar Sekunden lang zerriß der gellende Schrei der Hupe den Abendfrieden – dann waren sie vorüber.

Von dem alten Glockenturm herunter klang das Ave.

Und der brennende Horizont wurde blasser, wurde farblos wie eine Blume, die verblüht.

Langsam sank die Nacht über die Erde.

Der Mond, der während des Sonnenunterganges blaß am Himmel gestanden, leuchtete plötzlich auf. In dieser Beleuchtung war der Garten ein anderer, als er am Tage gewesen. Die Stämme der Palmen mit ihren dunkeln Schuppen sahen aus wie die höckrigen Panzer bösartiger Reptile. In den blanken Blättern des Tulpenbaums spiegelte sich das Mondlicht am gleißendsten. Jedes dieser dunkeln Blätter war wie ein Spiegel aus Metall. Und die Stauden der weißen Levkoien, die so hoch und breit waren, daß sie wie Büsche erschienen, trugen ihre Last von ungezählten Blüten wie Millionen Silbersternchen. Die Heliotropbüsche blieben dunkel: ihre Blüten, die am Tage von einem süßlichen Violett waren, nahmen nichts von Licht in sich auf. Sie schienen nun schwarz, fast farblos, aber sie dufteten nur um so stärker und sandten ganze Wogen von Wohlgeruch in die Luft.

Und Mondlicht über dem allen, verschwenderische Wellen von Mondlicht über der See, über dem Garten, – in allen Räumen des Hauses. Das Schlafzimmer mit seinen weißen Möbeln gleißte wie Silber.

Und Monika war es, als ob die schweigende Welt ringsum einen Hymnus anstimmte, einen Jubelhymnus auf ihr Glück. Diese überirdischen Tonwellen drangen auf sie ein, durchschauerten sie mit einer schmerzhaften Intensität. Fester preßte sie sich in Georgs Arme. Ein Schluchzen hob ihre Brust.

»Was ist Dir?« fragte er erstaunt.

»Zu glücklich bin ich!«

»Das ist doch keine Ursache zum Weinen.«

»Doch! Denn ich sage mir: schöner kann es doch nun aber ganz sicher nicht mehr werden! Noch höher hinauf geht es nicht. Kommt nun ein Abstieg? Ich muß an ein paar Verse denken:


»Sag' nicht, daß Du mich liebst.
Ich weiß, das Schönste auf Erden,
Die Liebe und der Frühling,
Es muß zuschanden werden – –«


Sie sah in diesem Augenblick den Abgrund, der alles verschlang, sah der Vergänglichkeit weitgeöffneten Höllenschlund, – und mit einer schutzsuchenden und verzweifelten Gebärde klammerte sie die Arme fester um Georgs Hals.

»Mone, Du bist überreizt. Sicher heut zu lange in der Sonne gewesen. Du bist doch sonst nicht so sentimental.«

Da sanken ihre Arme herab: also er verstand gar nicht? »Sentimental« nannte er ihr trotziges Aufbäumen gegen den Verfall. »Sentimental« diese schauernde Angst der blutroten Lebenswärme gegen die grausame Zeit, die unablässig, unaufhaltsam fortschritt, sie vorwärtsführte in das graue Alter und in den eisigen Tod . . .

Sie hatte geglaubt, daß die große Liebe, die über ihnen beiden war, all ihre Nerven aufeinander abgestimmt hätte, wie wohl, wenn man einen Ton auf dem Klavier anschlägt, die Tonwelle sich durch die Luft weiterpflanzt und das Kristall eines Glases in Schwingungen versetzt, daß es mitklingt in reinster Harmonie.

Und so war es nicht?! Den Erschütterungen ihres Innern setzte er ein banales Nichtverstehen gegenüber?

Das war die erste Enttäuschung ihres Liebesglücks.

Sie war zu jung, um lange bei diesem Gedanken zu verweilen. Der nächste Tag schon brachte neue Freuden. »Schön, schön wie die Wirklichkeit,« sagte Monika.

Und immer wieder durchzuckte sie der Gedanke: »Ach, die Zeit anhalten!«

Mit heißem Bedauern sah sie jedem verflossenen Tage nach wie einer schönen Blume, die abblüht, die allzu schnell verwelkt.

Und wie bald war der Tag gekommen, an dem man, an Bord des mächtigen Asiendampfers stehend, Genua im violetten Dunst der Ferne verschwinden sah.

Monika war ein bißchen unglücklich darüber, daß man die kleine Villa und den großen Garten verlassen – und sehr glücklich darüber, daß es nun neuen Wundern entgegenging.

»Jetzt wird's immer noch schöner?! Nicht wahr. Georg?«

»Sicher, Liebling: aber eins: hier auf dem Schiffe wissen nun alle Leute, wer wir sind, wissen so viele, daß ich als Konsul rübergehe. Du mußt Dich von nun an zusammennehmen. Für mich allein habe ich Dein begeisterungsfähiges Wesen immer sehr reizend gefunden, aber als Frau eines Beamten darfst Du wirklich nicht mehr wie ein eben dem Pensionat entlaufener Backfisch herumspringen. Für eine Frau unserer Kreise ist es am angemessensten, man spricht gar nicht von ihr, weder im Guten noch im Bösen. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!«


* * *


Und Monika wurde korrekt. Schneller als sie selbst, schneller als Georg es für möglich gehalten, Wohl schäumte sie im ersten Jahre ihrer Ehe noch mitunter auf wie ein junges Pferd, das sich ins Gebiß verbeißt.

Aber Georgs ehern ruhige Art bändigte sie bald.

Was ihrer Mutter, ihren Erzieherinnen nie gelungen, das gelang Georg Wetterhelm, ohne daß sie je ein hartes Wort von ihm zu hören bekommen hätte.

Es war wohl überhaupt mehr das Beispiel als seine Worte, das so tiefgehende Wirkung auf Monika ausübte. Georgs Wesen und Sein war so ausgeglichen, so in sich gefestigt.

Uebrigens wirkte er, trotz seiner vollendeten Höflichkeit, oft geradezu lähmend auf Leute, die Anlage zu Extravaganzen, zu Ausgelassenheiten hatten. Mit ihm »nahm man sich mehr zusammen« als mit anderen.

Es kam alles so anders, wie die Bekannten vermutet, als sie von Georgs Verheiratung gehört.

»Die Kleine wird ihn gut unterkriegen,« hatte das allgemeine Urteil gelautet, »die mit ihrem sprühenden Temperament, ihrer so urpersönlichen Art, Menschen und Dinge aufzufassen – die wird es schon verstehen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.«

Das alles traf nicht ein. Beim Aneinanderreihen dieser beiden Charaktere trug der Mann den Sieg davon. Immer von neuem rang seine Art Monika Bewunderung ab. Wohl fand sie oft seine Ansichten borniert, fand ihn mit Vorurteilen vollgepfropft, aber stets aufs neue wirkte die Geschlossenheit seines Wesens auf sie, der Zusammenschluß seiner ganzen Persönlichkeit. Alles stimmte bei ihm so harmonisch zusammen: seine Abkunft und seine Ansichten, sein Aeußeres und sein Wesen.

Diese Harmonie wirkte auf Monika wohl um so stärker, als ihre nächsten Verwandten alle etwas Zerfahrenes hatten. Ihr Vater, dem die Willenskraft gefehlt, die spielerisch kindliche Mutter, die ihre Kinder, als sie klein gewesen, wie geliebte Puppen behandelt, und die dann plötzlich mit erschreckten Augen die Heranwachsenden gesehen, die wild emporgeschossen waren.

Ja, Monika bewunderte ihren Mann, und sie empfand zu weiblich, um sich ihm nicht zu beugen.

Zuerst waren es Kleinigkeiten, die sie ihm opferte: einen Hut, den er »zu auffallend« fand, eine zu kühne Frisur, eine burschikose Bezeichnung.

Dann ging es weiter: hier eine ihrer Ansichten, die ihm zum Opfer fiel, dort eine Ueberzeugung!

Allmählich gewann seine Art immer mehr Einfluß auf sie: die mächtigen Flügel ihrer Phantasie, die sie so oft in goldstrahlende Höhen und in purpurfinstere Tiefen getragen, begannen sich matter zu regen, gleichsam gelähmt von der Nüchternheit, die mit ihr Tisch und Bett teilte.

»Korrekt, mein kleiner Schatz,« und Monika zog das buntflimmernde Kleid ihrer Persönlichkeit aus, um die Gesellschaftsrobe einer gut erzogenen Dame zu tragen.

Sie lernte es, zu lächeln statt zu lachen: sie lernte es, den Schrei der Begeisterung oder des Abscheus zu unterdrücken, sie lernte es, Meinungen zu haben, »die niemand verletzen konnten«.

Wohl wollte ihr das manchmal wie ein Verrat an sich selbst bedünken, aber tat sie es nicht gern . . . ihrem Glück zuliebe? – – –

Als Monika, nachdem sie anderthalb Jahre verheiratet war, zum ersten Male wieder nach Deutschland kam, konnte ihre Schwiegermutter nicht umhin, anzuerkennen, daß Monika sich »sehr zu ihrem Vorteil verändert« habe.

Ihre eigene Mutter war ganz konsterniert über den Wechsel, der mit ihrer Tochter vorgegangen.

»Daß Sie das fertig bekommen haben,« sagte die Baronin immer aufs neue zu ihrem Schwiegersohn.

Die Brüder hatten jeder sein besonderes Urteil über Monikas Wesen. Alfred, der inzwischen Fähnrich – »leider bei der Infanterie« – geworden war, fand seine Schwester jetzt »auf der Höhe«. Sehr elegant – ohne die Koketterie, welche ihn an ihr so geärgert, als sie junges Mädchen war – in Haltung und Auftreten große Dame. Heinzemännchen fand, Monika sei ohne Zweifel »geistig verflacht«. Dichten könne sie anscheinend überhaupt nicht mehr. Sie zeige kaum noch Rudimente literarischer Bildung und hätte sogar seinen neuen Lieblingsdichter für »sentimentalen Unsinn« erklärt.

Karl urteilte, daß Monika nach wie vor großartig sei. Wo gab es wieder eine so gute Schwester? Sie beschied ihm kaum je einen Wunsch abschlägig. Und Karl hatte eine ganze Menge Wünsche.

Das war Birkensches Erbteil: der Hang zur Verschwendung. Als erschwerenden Umstand hatte er seiner Mutter Leidenschaft fürs Verschenken geerbt. Im übrigen war er liebenswürdig und freundlich, faul und lügenhaft. In diesem Alter, in dem sonst Knaben beginnen, männliche Züge zu zeigen, behielt er etwas Anmutig-Kindliches. Ueber seinem rosigen Gesicht schimmerten die Haare in tiefem Goldblond. Seine Augen waren so dunkel, seine Zähne so weiß – über seinem ganzen Wesen lag eine friedliche Gottergebenheit.

Ernstere Interessen hatte Karl überhaupt nicht, nur die einfachsten animalischen Freuden waren für ihn vorhanden: gut essen und gut trinken, lange schlafen und nichts tun!

Monika hatte gerade für diesen Bruder eine besondere Zuneigung. Doch auch Alfred und Heinrich waren ihr sehr ans Herz gewachsen, ungeachtet dessen, daß diese beiden kaum jemals freundlich zu ihr gewesen.

Georg von Wetterhelm hatte mitunter ein tadelndes Wort dafür, daß seine Frau oft Zeit, Geld und Mühe an ihre Brüder verschwendete. Ihm waren diese jungen Schwäger, die so völlig anders lebten, als er es im gleichen Alter getan, nichts weniger als sympathisch.

Auch mit Frau von Birkens kapriziöser Art vermochte er sich niemals recht zu befreunden. Er sagte über diese angeheirateten Verwandten zwar nie ein Wort, aber Monika merkte die mangelnde Sympathie zwischen ihrem Manne und ihren Angehörigen, und das abfällige Urteil über die Ihren, das sich in Georgs Verhalten dokumentierte, war nicht ohne Einfluß auf sie, wie nichts ohne Einfluß auf sie blieb, was seine Ueberzeugung war.

Halb unbewußt formte sie sich nach seinem Bilde. Halb unbewußt wurden ihre Ansichten anders, als sie es gewesen. Und langsam wuchs in ihr eine Scham gegen die Ungezügeltheit, die sie sonst zur Schau getragen.

Die paar Male, wo sie aufgebraust war, in der ersten Zeit ihrer Ehe, blieben ihr unvergeßlich in Erinnerung, schmerzten sie wie alte Wunden, waren wie Niederlagen, deren sie sich schämen mußte.

Ihre eitle und stolze Natur zuckte zusammen, wenn sie daran dachte, wie bei solchen Gelegenheiten Georgs Gesicht ausgesehen: erstaunt und peinlich berührt, etwas wie Verachtung um die Mundwinkel.

Auch war das ganze Milieu, in dem Monika lebte, dazu angetan, allzu persönliche Wallungen zu unterdrücken.

Ein Wirbel von Geselligkeit nahm sie auf, gleich in den ersten Jahren. Ueberall hatte sie zu repräsentieren, hatte die korrekt liebenswürdige Frau eines Beamten zu sein, für dessen Zukunft man viel hoffte.

Da blieb für Extravaganzen kein Raum.

Uebrigens das, was Monika so glühend ersehnt: der Aufenthalt in fremden, bunten Ländern, das hatte weniger Einfluß auf ihr Leben, als man hätte annehmen dürfen. Es war eigentlich doch nur ein Wechsel des Schauplatzes, ein Kulissenwechsel – weiter nichts!

Ob man zusammen mit den Mac Gregors und der Familie de Varency zur Sphinx von Gizeh ritt durch die ägyptische Wüste – ob man zusammen mit Graf Berrier und Frau von Hellingen und dem Rathorstschen Ehepaar von Brüssel aus einen Wagenausflug nach dem Kolonialmuseum von Tervueren machte – ob man in Paris im historischen Palais der Herzogin des Garviers tanzte – es war doch nur Wechsel des Dekors für ewig sich gleichbleibende gesellschaftliche Formen.

Georg Wetterhelm war stolz auf seine Frau. Sie gefiel im allgemeinen ausgezeichnet. Abgesehen von einigen Damen, die ihre Erfolge beneideten, war man allgemein von Monika entzückt.

Sogar Fürst Herrlingen, der Vorgesetzte Georgs, welch letzterer inzwischen zur Diplomatie übernommen worden war, zeigte lebhaftes Interesse für Frau von Wetterhelm.

Der alte Herr, der sonst im Rufe eines Frauenfeindes stand, plauderte oft aufs angeregteste mit ihr, hatte im kleinen Komitee von ihr gesagt, »sie wäre in seinem Leben die erste Frau, mit der man sich vernünftig unterhalten kann«.

Das »vernünftig unterhalten« bestand darin, daß er zu ihr eben nicht sprach, wie er sonst zu Damen redete, sondern Themata anschlug, über die er mit Männern sprach.

Auch seinem Sarkasmus in der Beurteilung von Welt und Menschen ließ er ihr gegenüber ungehindert die Zügel schießen.

Monika hatte zwar gar keine boshafte Ader, gar keinen Sinn für Klatsch, aber sie würdigte die Art, wie dieser Klatsch vorgetragen wurde, würdigte jede Pointe, jedes treffende Wort – die ganze Art des Fürsten, den Extrakt einer Sache zu geben.

Und mit der hervorragenden Schlagfertigkeit, die sie von Jugend auf im Gespräch gehabt, fand sie immer eine zündende Antwort. Die Unterhaltungen zwischen ihnen beiden waren wie eine brillante Florettmensur, glänzende Ausfälle, die ebenso glänzend pariert wurden.

Aeußerlich war Monika jetzt wirklich eine Schönheit zu nennen. Der unruhige, so oft wechselnde Ausdruck, den sie als Mädchen gehabt, war einer lächelnden Gleichmäßigkeit gewichen, die trotzige Haltung von einst einer korrekten Grazie. Und der wilde Schimmer in den Augen war erloschen: in diesen dunkeln Sternen stand jetzt nichts mehr von heißer Sehnsucht und von brennender Gier.

Das Leben war jetzt so nett. Georg schaffte ihr all den Luxus und die Eleganz, die ihr so viel Spaß machten.

Er, der für sich selbst immer so sparsam gewesen, kannte nie ein Bedenken, wenn es galt, einen Wunsch seiner Frau zu erfüllen.

Ja, er liebte sie, und sie ihn auch so sehr – und man würde Karriere machen.

Famos war das Leben!

Was schadete denn das, wenn manchmal in stillen Nächten all ihr wirres Jugendweh vor ihr auftauchte wie ein verlorenes Paradies?

Alle die klingenden Verse, die Georg als »zu unpassend« ein für allemal abgetan, schwirrten ihr dann durch den Kopf.

Und Worte kamen ihr, sie wußte nicht wie:


»Wie liegt das alles mir schon so weit:
Alle die Hirngespinste
Aus meiner verträumten Kinderzeit. –

Vorbei! . . . Ich weiß nicht mehr, wie das ist,
Wenn man nicht schlafen kann in den Nächten
Und die Kissen des Bettes voll Inbrunst küßt!

In meinen fiebernden Kindertagen
War mir, als müßte mein Schulternpaar
Alles Leid von Himmel und Erde tragen, –

War mir, als müßte mein Leben sein
;Wie ein kurzer Tag voll brennender Gluten,
Voll Frühlingssturm und Gewitterschein!

Und des Daseins Rätselfrage klang
Tag und Nacht durch mein Kinderhirn,
Indes die Sehnsucht mein Herzblut trank.

Ich war so krank. – Und bin so gesund!
;Statt der heimlichen, giftigen Träume
Küßt mich das Leben auf den Mund.

Ich weiß jetzt nichts mehr von Traumgefühl,
Weiß nichts von heimlichen Tränen,
Und »Sehnsucht« finde ich ridicule!

Das Leben ist ja so schön und bunt
Und trägt mich auf starken Armen . . .«

Ja, famos war das Leben!


Und darauf war gar nichts zu geben, daß sie manchmal doch noch phantastische Träume hatte. Das waren ja keine Träume wie früher, mit wachenden Augen gesehen. Jetzt träumte sie nur noch manchmal, wenn sie schlief.

In einer Frühlingsnacht war es ihr, als höre sie Hunderte und Hunderte von Vogelstimmen, wilde Vogelstimmen, die schrien und klagten . . . so herzzerreißend klang's . . . Hunderte und Hunderte von Vögeln waren um sie herum, ihr goldglänzendes, buntschimmerndes Gefieder war so zerzaust von Sturm und Wetter. Sie klagten: »Wir sind Deine Lieder, wir sind Deine Gedanken, all Deine Träume sind wir – und Du hast uns hinausgejagt, hast uns vertrieben in die Fremde hinaus, daß wir nun nicht mehr wissen, wo wir unser Nest bauen sollen. Und wir haben Dir doch so schön vorgesungen in all Deinen Kinderjahren und in der Zeit, da Du zum Weibe wurdest. Und hast uns verjagt und hinausgetrieben, und müssen wir jetzt so elend sterben . . .«

Sie klagten und schrien . . . so herzzerreißend klang's.

Da weinte sie laut auf im Schlafe.

Aber das war ja nur im Schlafe.

Das Leben war ja famos, ja, natürlich war es das – »famos«.



11.

Der erste längere Aufenthalt, den Wetterhelms wieder in Deutschland nahmen, war dem Umstande zuzuschreiben, daß Georg für längere Zeit beim Auswärtigen Amt in Berlin eingezogen war.

Fünf Jahre waren sie verheiratet, und was Korrektheit der Ansichten anbetraf, so war Monika die Schülerin, die ihren Lehrer übertraf.

Ein bißchen snob geworden, die schöne Frau von Wetterhelm, die sich nur mit einem gelinden Schauer erinnern konnte, einst wilde Gedichte in dem längst dahingeschwundenen »Leuchtturm« veröffentlicht zu haben.

Auch hatte sie eine dunkle Erinnerung daran, daß sie früher einmal alle Menschen für gleichberechtigt erachtet hatte – jetzt hielt sie nur die Angehörigen verschwindend weniger Berufsarten für »anständig«.

Ja, es kam vor, daß ihr Mann gelegentlich einen leichten Tadel dafür hatte, daß sie ihre Exklusivität übertrieb. Er sagte dann, er sei ein modern denkender Mensch und neige sogar zu liberalen Ansichten.

Er wußte selbst nicht, daß dies Redensarten waren, wußte selbst nicht, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens auch nicht das winzigste Teilchen seines Junkertums der modernen Zeit geopfert.

Aber Monika wußte es, fühlte es.

Sie hatte seine Anschauungen in sich aufgenommen, und sie trieb diese Ansichten nun auf die Spitze.

Mehr noch als ihr Gatte spöttelte sie jetzt über zur Schau getragene Gefühlsregungen. Ihr Herz, das einst so warm geschlagen, ihre ganze heißblütige Persönlichkeit erstarrte langsam, wie ein wilder Bach unter einer Eisdecke erstarrt. Sie hatte früher so leicht und so schnell verziehen, hatte immer einen guten Gedanken, ein gutes Wort gehabt für die Fehler von anderen.

Jetzt aber war sie unnachsichtig, hatte sich das strenge Urteil ihres Gatten zu eigen gemacht. Seine ganze kühle Art war die ihre geworden.

Wie schnell und wie beschämt hatte sie sich die Freudenausbrüche abgewöhnt, die sie früher bei allen möglichen Gelegenheiten gehabt. Georgs eisiges: »ganz nett«, sein in ruhigstem Tone gesprochenes »herzlich unbedeutend« schlugen ihre Begeisterung sofort tot. Jetzt sprach sie es noch überzeugter als er, das »herzlich unbedeutend«.

Mit ihrer Mutter stand sie äußerlich in tadellosen Beziehungen. Aber wo waren die Zeiten, wo ein inniges Verhältnis zwischen ihnen geherrscht!

Auch den Brüdern war sie entfremdet. Alfred sah sie überhaupt nicht. Wenn der aus seinem pommerschen Nest mit Urlaub – oft sogar ohne Urlaub – nach Berlin kam, hatte er anderes zu tun, als Familie zu simpeln. Ueberdies hatte er schärfste Worte für Monikas Hochmut, der er deutlich genug anmerkte, daß ihr ein Bruder bei der Linien-Infanterie nicht passe.

Er besuchte Monika höchstens, wenn er sie damit ärgern konnte.

Zum Beispiel einmal, als sie ihn nicht zu einem Frühstück geladen, und er sich, ob mit Recht oder mit Unrecht, einbildete, sie wolle ihn nicht bei diesem Essen, bei welchem die anwesenden Militärs ausschließlich den exklusivsten Gardekavallerie-Regimentern angehörten.

Da erschien Alfred uneingeladen und zeichnete sich durch ein hinterwäldlerisches Benehmen aus, das er sonst nicht im mindesten besaß.

Es gewährte ihm ein ganz besonderes Vergnügen, zu sehen, wie Monika sich mühen mußte, ihre Haltung zu bewahren, als er dem Prinzen Schwarzenfels-Binsingen von den Gardedukorps vorschwärmte, wie »entzückend modern« und »wunderbar poetisch« die Truppe des Theaters von Treuenbrietzen gespielt, die vor einigen Wochen in seiner kleinen Garnison gastiert.

Auch stellte er, der tatsächlich ein firmer Reiter war, bei diesem Frühstück so unsinnige sportliche Betrachtungen an, daß er seinen Zweck vollkommen erreichte: sämtliche anwesenden Leutnants wunderten sich darüber, daß diese schicke, erstklassige Frau von Wetterhelm einen »so üblen« Bruder besaß.

So weit wie Alfred ging Heinrich nicht. Zu einem Vorgehen durch Taten entschloß er sich nie, aber auch er war gekränkt von Monikas Hochmutsteufel. Die Dichter, die sie früher als Gottbegnadete und Auserwählte des Schicksals angesehen, waren ihr doch jetzt eigentlich Menschen zweiter Klasse: sie waren oft von so vager Herkunft, hatten kaum jemals staatserhaltende Prinzipien, und alle die schönen Sachen, die sie fabulierten, hielten vor strenger Logik nicht stand. Daß Heinzemännchen ihr wie früher stundenlang Gedichte vorlas, konnte sie wirklich nicht mehr aushalten.

Freundinnen sah sie keine. Als sie noch junges Mädchen war, hatten sich ihre Freundschaften immer so gestaltet, daß die andere zu ihr aufsah, mehr die Rolle einer untergeordneten Begleiterin als die einer Gleichberechtigten spielte. Jetzt aber hatte sie überhaupt keine Zeit mehr für Freundschaften.

Mit ihrer Cousine Bertha, die sie sofort aufgesucht, fand sie nicht mehr den kameradschaftlichen Ton von früher. Monikas Art hatte ja jetzt etwas Gönnerhaftes, was bei Bertha gänzlich unangebracht war. Denn Bertha war jetzt ein »modernes Weib«.

Man spürte in ihr nichts mehr von dem warmherzigen, naiven Mädchen, das sie vor fünf Jahren gewesen, als sie mit Monika zusammen die Gymnasialkurse besucht. Sie lächelte jetzt verächtlich, wenn sie daran erinnert wurde, wie sehr sie damals jedes Mädchen beneidete, das sich verlobte oder gar verheiratete.

O, jetzt war sie weit entfernt davon, sich »unter das Joch des Mannes zu beugen«. Sie studierte jetzt im fünften Semester Philologie. In Kleidung und Frisur trug sie eine puritanische Einfachheit zur Schau. Mitunter wurde sie damit geneckt, wie sehr sie vor fünf Jahren für rosa Kleider, seidene Unterröcke, gebrannte Stirnlöckchen geschwärmt.

Solche Bemerkungen nahm sie durchaus nicht lächelnd auf, sondern setzte dann auseinander, daß sie damals eben noch ein ganz urteilsloses Geschöpf gewesen, daß aber inzwischen ihr Bildungsgang, ihre Kameradinnen – alles – sie dahin aufgeklärt habe, daß eine völlige Umwertung aller Werte des Frauendaseins zu erfolgen habe!

Ein freier, selbständiger, unabhängiger Mensch müsse die Frau sein, frei von dem Sklaventum der Ehe! Man sähe ja, was bei den Ehen herauskam! Z. B. wie unglücklich hätte sich die Ehe von Monikas Cousine Frau von Hammerhof gestaltet! Ihr Sohn solle ja ganz nett sein, aber mit dem Gatten stände Marie Hammerhof sich spottschlecht. Das hatte Bertha von den verschiedensten Seiten gehört.

Und Bertha sei ihrer Mutter jetzt dankbar, daß sie ihr beizeiten den einzigen Weg des Heils für die Frau gewiesen: die Emanzipation! – – – – – Frau von Holtz dagegen, die Marie sozusagen gezwungen, den ersten besten zu heiraten, bloß weil sie in heiratsfähigem Alter war, – die würde ja jetzt genug Zeit und Gelegenheit haben, ihren eigenen Unverstand zu bedauern.

In der Tat war Maries Ehe eine unglückliche. Das sah Monika, als sie das Hammerhofsche Ehepaar einmal bei ihrer Mutter traf.

Hammerhofs waren auf der Durchreise nach Ems, wo ihr Sohn, der vierjährige Kurt, eine Kur gebrauchen sollte. Der Kleine hatte so zarte Bronchien. »Ein Erbteil von mir,« sagte Marie mit verbissenem Gesichtsausdruck. Sie war überschlank geblieben, wie sie es als junges Mädchen gewesen: auch ihr Wesen war noch das gleiche: ihre brüske Aufrichtigkeit, ihre herbe Art.

Wohl wußten alle, die sie näher kannten, daß hinter dieser Schroffheit sich ein tadellos anständiger Charakter, eine pflichtbewußte ernste Natur verbarg, aber ihre Art, der jede Grazie fehlte, die nichts von weiblicher Weichheit besaß, ließ es nicht unverständlich erscheinen, daß ihr Mann nicht gern in seiner Häuslichkeit weilte.

Es gingen auch Gerüchte, daß es mit der ehelichen Treue bei ihm nicht sehr gut bestellt sei, auch solle er den Freuden des Bechers allzu gern und allzu häufig zusprechen.

Jedenfalls sagte Marie selbst nie ein Wort darüber, beklagte sich auch nie.

Für Fremde war entschieden Herr von Hammerhof der Sympathischere von den beiden. Er hatte so gute Manieren, eine liebenswürdige Art. In Gesellschaft anderer war er immer höflich und freundlich zu seiner Frau, wogegen diese ihn mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit behandelte. Es kam ihr nicht darauf an, ihm auch, wenn Fremde dabei waren, recht bittere Worte zu sagen: in ihren vorzeitig scharf gewordenen Zügen prägte sich dann eine schneidende Verachtung aus.

Nur dann wurde sie anders, wenn sie ihr Kind sah, wenn sie ihren Jungen in den Armen hielt und ihn voll unendlicher Liebe betrachtete. In dieser hageren Frau, die in ihrer äußeren Erscheinung so gar nichts Mütterliches hatte, brannte die Mutterliebe in einer schönen und starken Glut.

Daß Marie bei ihrer schwachen Gesundheit so oft Nächte durchwachte, wenn der Kleine krank war, das war nichts so Besonderes, das hatte die Baronin Birken auch unzählige Male getan. Aber daß sie ihrem Kinde nicht jeden Willen ließ, daß sie Kurt auch strafte, so weh ihr das tat, daß sie viele seiner Wünsche, die sie ihm so gern gewährt haben würde, abschlug im Interesse seiner Entwicklung – das war es, was Maries Mutterliebe von Frau von Birkens Mutterliebe unterschied.

Es gab kein besser gehaltenes, kein besser erzogenes Kind als Kurt, aber seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Dieser Sprößling eines Ehepaares, das sich nie geliebt, hatte einen traurigen Zug, sogar sein Lächeln hatte etwas Kümmerliches. Er liebte niemanden als seine Mutter, verkroch sich oft wie schutzsuchend in ihren Armen, und Maries herbes Gesicht verklärte sich wundersam, wenn sie sich über das blonde Köpfchen neigte.

»Mutter sein, – das ist doch das einzige Glück für eine Frau!« sagte sie, als man bei Birkens ihr Kind gebührend bewunderte.

Aber Monika protestierte. »Das einzige Glück? Das wirst Du nicht aufrechterhalten können. Ein Glück, – gewiß. Aber das einzige? . . . Die Liebe, die man für ein Kind hat, kann doch nie annähernd das Glück gewähren, das die Liebe zum Gatten gibt.«

Marie lachte höhnisch und erwiderte mit ein paar scharfen Bemerkungen. Bemerkungen, die Monika nicht widerlegte, denn sie liebte schon lange keine Diskussionen mehr. Am wenigsten solche, in denen man einen so scharfen Ton anschlug, wie Marie es tat. Monika stand jetzt auf dem Standpunkte, daß ihr Leute ohne Ueberzeugungen, wofern sie tadellose Manieren hatten, lieber waren als wertvollere Naturen, wenn diese sich rauh gaben.

Dieser Ueberzeugung verlieh sie gelegentlich Worte, worauf Frau von Birken in überwallender Empörung erwiderte, daß das ein Gipfel von Snobismus sei, den sie ihrer Tochter nie zugetraut. Erst komme das Gemüt und nochmals das Gemüt, dann eine ganze Weile gar nichts, dann der Geist und lange nachher erst Manieren und Formen!

Am schärfsten aber sprach sich Heinzemännchen gegen die neue Lebensauffassung seiner Schwester aus.

»Du hast früher Wertvolles bewundert, jetzt aber betest Du ärmliche Nichtigkeiten an! Früher hast Du ungeschliffene Edelsteine geliebt und jetzt geschliffene Kiesel! . . . Wie heißt es doch?


Das Leben schleift so oft Kristalle
Zu wunden Kieselsteinen ab – –«


»Sicher sind mir nette, glatte Kiesel lieber als irgend so ein zackiger Kristall, an dem man sich wundreißt.«

Da erreichte Heinrichs Empörung den Höhepunkt.

»Also das gibst Du zu, das gibst Du zu?! Du bist eben selbst so ein glattes Nichts geworden!«

Sie lächelte. Das überlaute, nicht endenwollende Gelächter ihrer Mädchenjahre hatte sie sich ja schon so lange abgewöhnt.

Sie lächelte. Reizend liebenswürdig und ein bißchen banal war dieses Lächeln und hatte die Gabe, Heinrich noch mehr in Harnisch zu bringen.

»Ein glattes Nichts!« wiederholte er zornbebend, »eine Modepuppe bist Du geworden mit dem »guten Ton« statt eines Herzens, und Vorurteilen statt eines Gehirns.«

»Und mit einer allzu großen Langmut, die mich veranlaßt, Dich anzuhören,« sagte Monika in vollendeter Haltung. Dann knöpfte sie ihre langen Handschuhe zu und sagte beim Abschiednehmen ihrer Mutter:

»Du mußt verzeihen, Mama, wenn ich nicht oft mehr komme: auf Heinrichs Ton steht mir eine entsprechende Antwort nicht mehr zu Gebote.«

Und sie ging, nachdem sie ihrem Bruder sehr höflich die Hand gereicht und der Mutter einen Kuß auf die Wange gehaucht.

Heinrich sagte nachher ganz erschüttert: »Mama, früher wenn ich ihr sowas gesagt hätte, hätte sie mir was an den Kopf geworfen, hätte sich verteidigt, mich widerlegt, – und, glaube mir, es wäre mir lieber gewesen, sie hätte mit einem Donnerwetter geantwortet, als so! . . . Sie hatte ja früher gefährliche Anlagen, gewiß – – sie war eine Pantherkatze . . . Aber sie war doch wertvoll und originell. Und jetzt? . . . Eine Larve, Mama, eine Gesellschaftspuppe, – ein Kieselstein – und war doch einmal ein Kristall!«

»Ja, sie hat keinen Funken von meinem Gemüt,« sagte die Baronin traurig, »aber laß Dich das nicht anfechten, mein süßer Liebling, ärgere Dich nur nicht darüber! Du siehst schon ganz angegriffen aus, mein Heinuckelchen!«

Heinrich strich sich über die Schläfen. »Es wird vorübergehen.«

»Aber Du siehst schlecht aus, ja wirklich,« beharrte Frau von Birken mit einer so überzeugenden Wärme, daß Heinrich ganz unwillkürlich ein leidendes Gesicht machte.

»Sag', was hast Du denn, mein Einziges? Arbeitest Du vielleicht zu viel? Ach Gott, Jurisprudenz ist sicherlich das schwerste Studium von allen, aber Deines Geistes würdig. Nur überanstrenge Dich nicht! Schone Dich, mein Heinzemännchen, schone Dich!« –

Und das Sich-schonen besorgte Heinzemännchen redlich. Das erwählte Studium sagte seiner träumerischen Natur nicht sehr zu. Am wohlsten fühlte er sich im Kreise der jungen und jüngsten Literaten, mit denen er sich jeden Nachmittag in einem Café traf. Man saß dort viele Stunden zusammen, trank schwarzen Kaffee und schimpfte auf die herrschenden Literaturgrößen. Dieser Zeitvertreib wurde dadurch belebt, daß auch die Weiblichkeit vertreten war. Eine junge Dichterin, die jedem, den sie kennen lernte, in den ersten fünf Minuten versicherte, daß sie »sehr pervers« sei – zwei Vortragskünstlerinnen vom Kabarett »Zum Regenbogen« – und eine Barfußtänzerin beschäftigten sich damit, den jungen Poeten himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten.

Heinzemännchen nahm einen ehrenvollen Platz in diesem Kreise ein. Die Weisheit, die er hier lernte, machte mehr Eindruck auf ihn als die im Hörsaal. Das war so recht was für ihn, diese endlosen Diskussionen bei Kaffee und Zigarette über Naturalismus, Mystizismus, Symbolismus, Neo-Impressionismus, – – nur unterbrochen durch den Vortrag von lyrischen Gedichten, die bei allen anwesenden Freunden des jeweiligen Autors brausende Beifallsstürme hervorriefen.

Heinrichs Gedichte hatten vor allem den Beifall der Damen.

»So gefühlvoll dichtet doch kein anderer wie unser Baron Heinzemännchen,« sagte die Barfußtänzerin mit Tränen in den Augen, als er seine Ode: »An die violette Ampel im Schlafzimmer meiner Geliebten« vorgetragen.

Diese literarischen Freuden waren endlos, die Gespräche waren nicht einzudämmen. Die Gesellschaft saß manchmal noch zusammen, wenn schon der Frühschein sich durch die Fenster stahl, und der Pikkolo, dessen großer Kopf vor Schlaftrunkenheit zwischen den Schultern schwankte, die unermüdliche Gesellschaft mit rachsüchtigen Augen anstarrte.

Für Heinrich war es unangenehm, daß seine Mutter immer noch auf war, wenn er nach Hause kam.

Auf alle seine Vorhaltungen erwiderte sie, sie könne doch nicht schlafen, wenn ihr Liebling nicht wohlgeborgen in seinem Bettchen ruhe. Und es wäre ja sehr häßlich von dem Liebling, seine Mutter so lange warten zu lassen, aber schlafen ginge sie nicht, ach nein! Sie opfere sich eben auf für Ihn.

Heinrich unterdrückte die Aeußerung, daß er auf dieses Opfer gern verzichte. Er war seiner Mutter gegenüber durchaus rücksichtsvoll im Ton. Aber innerlich wurde ihm die überzärtliche Bevormundung immer unerträglicher.

Er schwankte noch einige Zeit hin und her, raffte sich dann aber doch zu einem Entschlusse auf und sagte ihr eines Tages, daß er von jetzt ab allein wohnen wolle.

»Du mußt mir das nicht übel nehmen, Mama, aber bei Dir werde ich kein Mann, wie er fürs Leben paßt. Dieses ewige Bemuttern und Streicheln und Küssen, – ich bin doch schließlich kein Wiegenkind mehr. Und ich komme natürlich sehr oft zum Besuch.«

»Heinrich, das ist doch nicht möglich! Verlassen willst Du mich?! Das kannst Du mir doch nicht am tun. Mir . . . Deiner Mutter, die sich zeit Deines Lebens so für Dich aufgeopfert hat.«

Im Tone ihrer Stimme zitterte all ihr Gefühl für diesen Sohn, das größte und tiefste Gefühl ihres Lebens.

Sie sprach nicht laut wie sonst, wenn sie erregt war. So tonlos klang's... mit versagender Stimme: »Heinrich, ich habe doch alles getan, was ich Dir an den Augen absehn konnte, – alles . . . alles . . .«

Er zögerte.

»Ja, ich weiß das auch zu schätzen, Mama. Sicher . . . Halte mich nicht für undankbar! Ich bin doch jetzt ein erwachsener Mensch, ich muß doch mal endlich auf eigenen Füßen stehen lernen.«

Sie fand keine Worte mehr, – sie, bei der sonst die Rede so lustig sprudelte wie ein Bächlein über Stock und Stein. Der Schlag war zu unerwartet gewesen, kam zu sehr aus heiterem Himmel. Sie hoffte immer noch, Heinrich werde seine Absicht nicht ausführen. Das konnte er ihr doch gar nicht antun!

Aber sie kannte ihr eigenes Fleisch und Blut schlecht. Die Birkenschen Kinder gaben keinen Plan auf.

Das war einer der schwersten Schläge ihres Lebens, der Tag, an dem Heinzemännchen von ihr ging.

Er hatte sich ein möbliertes Zimmer gemietet, im Studentenviertel, und kam sich in seiner endlich errungenen Freiheit sehr stolz und glücklich vor.

Seine Mutter hatte gehofft, daß er schon nach den ersten Tagen wiederkommen würde, daß ein Leben ohne ihre Sorgfalt und Mühe nicht auszuhalten sei. Aber sie täuschte sich.

Heinrich aß sogar sein zähes Restaurationsschnitzel, das er nun statt der herrlichen mütterlichen Fleischtöpfe vorgesetzt bekam, mit einem Gefühl der Befreiung. Sicher, die Mama war immer rührend um ihn besorgt gewesen, aber dieses Uebermaß hielt man nicht aus!

Seiner im Grunde gutmütigen Natur entsprechend, besuchte er sie zuerst täglich. Dann aber wurden die Bande, die ihn an seine Kaffeefreundinnen und -freunde knüpften, immer festere, und die Besuche bei seiner Mutter erfolgten in immer größeren Zwischenräumen.

Frau von Birken konnte und konnte sich nicht in die Trennung von ihrem Lieblingssohn fügen. Ihr schien ihr Leben plötzlich seines besten Inhalts beraubt.

Was war das für ein Aufwachen jetzt, seit sie wußte, daß sie nicht wie sonst nur eine Tür zu öffnen brauchte, um das geliebte Gesicht ihres Jungen im tiefen Morgenschlafe zu sehn!

Was war das für ein Tag, der ihr keine Sorgen mehr darüber brachte, was Heinrich essen würde, womit man ihm eine Freude machen könne . . . .

Sie empfand ihr Mutterschicksal als ein unverdient unglückliches. Was hatte sie nun von ihren Kindern?! Daß Alfred sie verschwindend selten besuchte, war ihr nicht so wichtig. Mit dem hatten sie ja nie sehr intime Bande vereint.

Daß Monika sich so verändert, darunter litt sie. Was war Mone früher für ein anschmiegendes, warmherziges Kind!

Was Heinzemännchen anbetraf, so gab sie ihm keine Schuld an seiner Fahnenflucht, – er war ja ein so edler Mensch, da mochten eben irgendwelche Einflüsse mitgespielt haben, dunkle Mächte, über die sich Frau von Birken selber nie klar wurde. Aber mochte es nun gewesen sein, was es wollte, – das Unglück war jedenfalls da: der Liebling war ihrem mütterlichen Herzen entrissen. Das unglückliche Kind hauste jetzt in einem Zimmer, auf dessen Bett nur Decken lagen, »nicht einmal ein Federzudeck«, und des Morgens bekam er statt Tee, Toast, Schinken, Setzeier und Marmelade – nun Zichorienkaffee und Schrippen mit Margarine. – –

Nur Karl blieb jetzt der Mutter. Und Karl war kein ausreichender Trost.

Er war ja ein netter, gutmütiger Junge, aber er hatte so gar keine Interessen, die ihn mit der Mutter verknüpften, so gar nichts von der geistigen Begabung ihrer anderen Kinder.

Er war jetzt beinahe achtzehn Jahre alt und saß immer noch in Unter-Sekunda.

Aeußerlich war er ein auffallend hübscher Mensch. Noch immer Cherubim. Kein Barthaar beschattete seine weichgeschwungene Oberlippe, seine Haut war weiß und rosig wie die eines Babys. Noch immer hatte das Haar seinen Goldschimmer und die dunkeln Augen ihren unschuldsvollen Ausdruck.

Noch immer war er gottergeben und leichtsinnig, nur daß diese Leichtsinnigkeiten jetzt einen sehr viel größeren Umfang angenommen als früher. Er raubte jetzt nicht mehr Nickel, aber er ging Schuldverschreibungen ein, die seine Mutter dann mit Ach und Krach, mit Lamentieren und Wehklagen einlöste. Oft, wenn sie ihm gar nichts mehr geben wollte, ging er zu Monika, die immer ein paar Goldstücke für ihn übrig hatte.

Das Zuhören in den Lehrstunden gewöhnte er sich allgemach ganz ab. Das alles war so anstrengend und unverständlich. Er mußte ja hingehen aufs Gymnasium, das war klar, – das Einjährige zum mindesten mußte er haben.

Aber das würde er schon irgendwo machen, das würde sich schon arrangieren lassen. Es arrangierte sich ja immer alles . . .

Nur sein Körper saß auf der Schulbank. Sein Geist duselte in seligen Fernen.

Es waren durchaus keine aufregenden Genüsse, die er sich vorstellte. Nur etwa so: stille daliegen auf dem weichen Sandstrande eines blauen Sees, die nackten Glieder von Luft und Sonne umspielen lassen . . . Und Stille ringsum und Schweigen . . . nichts tun, nichts denken, – – in die flimmernden Wellchen starren, die der See kräuselt, und Zigaretten rauchen . . . Oder: sehr gut essen, viel und gut, saftige Braten und kühle Fruchtgelees . . . Oder: ein hübsches Mädchen, das sehr nett und lieb zu ihm war . . .

In Wirklichkeit waren viele Mädchen lieb zu ihm. Seine Schönheit, sein liebenswürdiges Wesen erschlossen ihm viele Herzen. Er selbst war nicht gerade leidenschaftlich, aber er nahm mit Freuden alle Liebe, die ihm dargebracht wurde.

Frau von Birken war außer sich über die rosa Briefe, »noch dazu die meisten unorthographisch«, die ihm ins Haus flogen. Sie fing diese Briefe ab, öffnete sie, hielt sie dem Schuldigen vor, erging sich in Zornesausbrüchen über seine Liederlichkeit, worauf er mit einem ehrlichen Nichtverstehn ihr nur erwiderte:

»Aber da ist noch nichts dabei, Mama, – – es ist wirklich ein sehr nettes Mädchen.«

»Mein Gott, was soll bloß aus Dir werden?« stöhnte die Mutter.

Er zuckte ratlos die Achseln.

»Aber Du kannst doch nicht als Rentier leben, dazu haben wir ja gar nicht die Mittel. Ein Mann muß doch etwas tun, einen Beruf haben, – Pflichten erfüllen! Sag' doch selbst, wozu Du Lust hast! Wozu Du Talent hast, – – irgend etwas!«

»Zu gar nichts,« sagte Karl gottergeben.

Dann hatte er eine plötzliche Eingebung. »Ich möchte gern aus dem Gymnasium raus, Mama.«

Frau von Birken rang die Hände. »Karl, das wagst Du mir zu sagen?! Das wagst Du?! – – Jetzt willst Du weg, noch vor dem Einjährigen? Karl, weißt Du denn nicht, welcher Familie Du angehörst? Dein Großvater war Universitätsprofessor! Und Deine Schwester ist bis Ober-Sekunda gekommen, obwohl sie nur ein Mädchen ist. Und wenn nicht diese Heirat dazwischengekommmen wäre, so wäre sie heute Fräulein Doktor. Jawohl! – – Und Alfred hat doch wenigstens das Abiturium gemacht, ehe er Offizier wurde. – – Und Heinzemännchen! – – Den Aufsatz, den er zum Abiturium gemacht hat, habe ich einbinden lassen . . . in grünes Leder . . . zur Erinnerung für Kinder und Kindeskinder . . . so ist der Aufsatz! – – Karl, wenn Du so ungebildet bleiben willst, das überlebe ich nicht!« ich nicht!«

»Na, wollen mal sehn, wollen mal sehn,« sagte Karl begütigend. Aber sehr hoffnungsvoll klang es nicht.

Immerhin schöpfte die optimistische Frau von Birken auf diese so maßvolle Aeußerung hin neuen Mut.

Karl war ja ein guter Junge und würde sich nun wohl wirklich endlich bessern.

Es war deshalb ein schwerer Sturz aus ihren neuerweckten Hoffnungen, als schon acht Tage nach diesem Gespräch Karl vor sie hintrat mit dem dringenden Ersuchen, ihm zweitausend Mark zu geben.

Sie war außer sich. Was dachte er sich denn eigentlich? Wozu brauchte denn ein Schüler überhaupt so viel Geld? –

Die Erklärungen, die er gab, waren so phantastisch, daß die Mutter trotz all ihrer Leichtgläubigkeit auch nicht ein Wort davon für wahr hielt.

Aber wie immer war aus Karl nichts herauszubekommen.

Wenn man ihm eine Lüge nachgewiesen, fand er flugs eine andere. Ohne den leisesten Schimmer von Verlegenheit, ohne einen Augenblick des Nachsinnens strömten ihm die Ausflüchte zu. Er, der sonst eine so wenig rege Phantasie, eine so wenig lebhafte Geistestätigkeit besaß, war nie einen Augenblick verlegen darum, die kompliziertesten Geschichten zu erfinden.

Er faßte die Weigerung seiner Mutter, ihm auch nur einen Pfennig zu geben, ernster auf, als er sonst zu tun pflegte.

Sein rosiges Gesicht war blaß geworden: er klemmte die Unterlippe so fest zwischen die Zähne, daß ein Blutstropfen niederperlte.

»Ich muß das Geld haben, Mama.«

»Wir werden ja sehen, ob Du mußt.«

Er drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Er ging zu Monika.

Da es eine verhältnismäßig frühe Stunde war, war sie noch nicht fertig angezogen. Sie saß in einem Peignoir vor dem Spiegel, und ihre Jungfer bürstete ihr die schönen kastanienfarbenen Haare, die in mächtigen Wogen niederflossen.

Sie hatte Karl ohne weiteres in ihr Toilettenzimmer treten lassen: sie behandelte ihn noch ganz als Kind. Alle Leute behandelten Karl als Kind.

Er setzte sich in einen der weißen Louis-XV.-Sessel und sah zerstreut zu, wie die Jungfer die Frisur vollendete. Dann wurde das Mädchen auf seine Bitte hinausgeschickt, und nun bat er in seiner langsamen, ein wenig ungeschickten Sprechweise seine Schwester um die zweitausend Mark, deren Zahlung seine Mutter so entrüstet abgelehnt.

Auch bei Monika fand er kein Entgegenkommen.

»Lieber Junge, ich habe nie ein Wort gesagt oder gefragt, wenn Du zwanzig Mark haben wolltest oder vierzig. Aber zweitausend? – – Wofür brauchst Du zweitausend Mark?«

»Es ist eine Ehrenschuld.«

»Sekundaner haben keine Ehrenschulden,«

»Doch.«

Sein sanftes Gesicht bekam einen verstörten Ausdruck.

»Erzähl's mir, Karl.«

»Ach, Mone, davon wird's auch nicht besser! Gib mir doch das Geld. Sieh mal, Du bist der einzige Mensch, den ich um sowas bitten kann, Mama hat Zetermordio geschrien, als ich sie darum gebeten. Alfred und Heinrich gebrauchen selber mehr als sie haben. – Mone, gib mir's.« Er drückte ihr die Hände.

»Ich, – – ich hab's ja auch nicht,« sagte sie, schon schwankend geworden, »Du weißt doch, Karl, ich hab' kein Geld. Und Georg kauft mir zwar alles, was ich haben will, aber er gibt mir doch kein Geld in die Hand. Ich kann Dir die zweitausend Mark gar nicht geben.«

»Dann sag's Deinem Mann,« rief er mit ungewohnter Entschiedenheit.

»Na schon,« sagte sie nach sekundenlangem Besinnen, »ich werde es ihm heute nach dem Lunch sagen.«

»Und ich komme mir die Antwort heute abend holen.«

»Komm nicht. Wir sind zum Diner eingeladen. Ich schreibe Dir aber und schicke Dir schon heute nachmittag den Brief durch den Diener.«

Mit einem erlösten Aufatmen beugte er sich über ihre Hand und küßte sie dankbar.

Als er das Haus verließ, schien er seine ganze Spannkraft wiedergefunden zu haben.

Monika aber hielt ihr Versprechen. Gleich nach dem Lunch, das man zu zweien eingenommen, bat sie ihren Mann, ihr die zweitausend Mark für Karl zu geben.

»Höflich abgelehnt,« sagte er.

»O Georg . . .«

»Lieber Schatz, es wäre ein haarsträubender Unsinn, einem noch nicht achtzehnjährigen Schüler eine solche Summe in die Hand zu geben. Wozu will er es denn überhaupt haben?«

»Er sagt, es sei eine Ehrenschuld.«

»Ehrenschuld? Mit dem Worte bezeichnen viele Leute recht unehrenhafte Schulden.«

»O, Karl ist solch ein lieber, netter Junge.«

»Gewiß, er ist ein sehr netter Mensch, aber das ist doch kein Grund, um seinen Hang zum Leichtsinn, zu bodenloser Liederlichkeit zu unterstützen! Was ist denn der Effekt davon, wenn wir ihm dos Geld geben?! Er gibt es in leichtsinniger Weise aus!«

»Aber wenn er es doch für Schulden haben will . . .«

»Dann bezahlt er vielleicht diese und macht sofort neue und zwar in noch größerem Maßstabe. Er hat ja dann die sichere Ueberzeugung, daß sie auch bezahlt werden.«

»Ach, Georg, sei nicht geizig.«

»Liebes Herz, die Aeußerung da hast Du Dir wohl nicht überlegt. Hast Du mich je geizig gefunden?«

»Für mich nicht, aber für andere hast Du doch eigentlich nie was getan.«

»Jeder ist sich selbst der Nächste, seine Familie natürlich miteingeschlossen. Bei dem uferlosen Mitleid für alles und alle kommt nie was Gutes heraus.«

»Aber Karl ist doch Dein Schwager.«

»Eine juristische Verpflichtung zur Unterstützung eines Schwagers besteht nicht, eine moralische unter Umständen, die hier nicht vorhanden sind. Wenn Dein Bruder durch Krankheit unterstützungsbedürftig wäre oder eine Summe brauchte, um sich eine Existenz zu gründen, so würde ich Dir zuliebe eventuell sogar ein größeres Opfer bringen! Aber für einen derartig leichtsinnigen Bengel, der gar nicht ahnt, gar nicht faßt, was Pflicht heißt!«

»Ja, die sogenannte Pflicht ist uns wohl nie genug eingetrichtert worden,« sagte Monika nachdenklich.

»Die strenge Hand hat Euch gefehlt. Dein Vater starb zu früh.«

»Und vorher hat er sich auch nicht um unsere Erziehung bekümmert, und der Mama sind wir zu schnell über den Kopf gewachsen, alle vier.«

»Ja, da Du davon sprichst, Monika – Du weißt, ich rede nie ungefragt über Deine Angehörigen, aber da das Thema nun einmal aufgerollt ist: Deine Brüder machen mir überhaupt Sorge. Ich hörte da neulich durch meinen Vetter Alexander, der Bataillonskommandeur von Alfred ist, – er gibt ihm eine zwei Jahre mehr im bunten Rock.«

»O – –«

»Ja, daß er Schulden hat, wäre schließlich nicht so schlimm, aber da ist eine Soldatenmißhandlungsgeschichte, bei der er eben noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. Alfred gilt als der brutalste, händelsüchtigste Offizier im Regiment.«

»Er war schon als Kind so wenig gutmütig.«

»Und Heinrich scheint sich auch nicht gerade in bester Gesellschaft zu bewegen. Im Amt erzählte mir neulich jemand, daß ein Baron Birken als »Amateur-Dichter« Verse im Kabarett »zum Regenbogen« vorgetragen, und fragte mich, ob der Jüngling zu Deinen Verwandten gehöre. – Und Karl, von dem ich eigentlich hoffte, er würde ein Normalmensch und seinerzeit ein brauchbarer Offizier werden, läßt sich ja jetzt auch recht niedlich an.«

»Eine nette Familie sind wir! Und dabei hast Du in Deiner bekannten Höflichkeit mich und meine gefährlichen Anlagen noch gar nicht mal erwähnt,« lachte Monika.

»O, Du bist sehr schnell eine tadellose Frau geworden, und das weißt Du auch ganz genau.«

»Wetterhelmsche Schule.«

»Und, Liebling, was Karls Bitte anbetrifft, so siehst Du ein, daß es inkorrekt wäre, seine Dummenjungenstreiche zu unterstützen.«

»Ja, Du hast ganz gewiß recht, nur, er bat so herzlich – –«

»Keine falsche Gutmütigkeit! Schreibe ihm ruhig, daß Du das Geld nicht hättest, und daß ich es Dir nicht gäbe für Sachen, die so zweifelhafter Natur sind, daß Karl selber sie nicht erzählen kann! Und schärfe ihm ein bißchen das Gewissen in bezug auf seine Lebensführung – das geht doch nicht so weiter!«

Und Monika schrieb ein paar Zeilen, die ganz im Sinne des eben stattgefundenen Gespräches waren – und ging mit dem Gefühl einer gut erfüllten Pflicht zu dem Diner. – –

Als das Dessert aufgetragen wurde, bat ein Diener Frau von Wetterhelm ans Telephon.

Monika folgte ihm erstaunt, ein wenig beunruhigt. Wer wußte denn überhaupt, daß sie hier war?

Karl telephonierte. »Ich bin hier bei Euch, Mone. Der Diener hat mir gesagt, wo Ihr seid. Ich muß Dich sprechen.«

»Aber, Karl, um Gottes willen, was gibt es denn?«

»Ich brauche das Geld, und Mama hat es mir eben zum letztenmale abgeschlagen.« »Aber wozu brauchst Du es?«

»Das ist doch schließlich gleichgültig. Aber ich muß es sofort haben, Mone, spätestens morgen früh muß ich's haben. Sprich mit Deinem Mann.«

Mit einer ärgerlichen Bewegung ließ sie den Hörer sinken, entschloß sich aber doch, Georg rufen zu lassen.

Als er hörte, worum es sich handelte, griff er mit einer ihm sonst ungewohnten Heftigkeit nach dem Hörer.

»Karl . . . . Du – –?«

»Ja.«

»Wenn Du mir oder meiner Frau was zu sagen hast, so warte gefälligst, bis Du uns zu Hause antriffst, und störe uns nicht, wenn wir bei anderen zum Besuch sind. Schluß!«

Er klingelte energisch ab. Dann wandte er sich an Monika.

»Lieber Schatz, was ich eben Deinem Bruder sagte, hättest Du ihm sagen sollen im ersten Augenblick, als er telephonierte. Mich noch herrufen zu lassen, war überflüssig. Es erregt unnötiges Aufsehen, wenn wir beide zu dieser späten Stunde in einem fremden Hause ans Telephon gerufen werden. Also nicht wahr, ein andermal etwas mehr Sinn für Korrektheit, lieber Schatz.«

»Verzeih, ich hätte Dich nicht rufen lassen sollen.«

Zusammen betraten sie wieder den Eßsaal, und im Verlaufe des sehr angeregten Abends vergaß Monika den Zwischenfall. –

Aber am nächsten Morgen beschloß sie, gleich mal nach Karl zu sehen. Es war Sonntag, also war er nicht im Gymnasium.

Monika ließ sich anziehn, sagte ihrem Manne, daß sie zum Lunch zurück sei, und fuhr zu ihrer Mutter.

Das Dienstmädchen sagte ihr, die gnädige Frau sei schon vor zwei Stunden zum Baron Heinrich gefahren mit einer großen Punschtorte, die man ihm zum Sonntag gebacken. Monika unterdrückte mit Mühe ein Lächeln: ihre Mutter war mehr in der Studentenbude von Heinzemännchen als in ihrer eigenen Wohnung.

Aber es paßte ihr ganz gut, daß sie Karl nun allein sprechen konnte. Da würde sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen.

»Hat Karl schon gefrühstückt?«

»Nein, Herr Karl schläft noch, am Sonntag schläft er immer so lang',« sagte das Mädchen und lächelte strahlend. Wie die meisten weiblichen Wesen hatte sie für Karl ein faible.

Monika sah nach der Uhr. Halb zwölf. Um halb eins mußte sie zu Hause sein. Da konnte sie wirklich nicht warten, bis der Langschläfer erwachte: da mußte sie ihn gleich wecken.

Sie schritt den Korridor entlang bis zu dem abgelegenen Hinterzimmer, das Karls Reich bildete. Sie klopfte.

Und lauter dann . . . und noch einmal . . .

Keine Antwort. Seinen Schlaf schienen seine Geldsorgen einstweilen nicht zu stören. Wahrscheinlich hatte er gestern übertrieben wie schon so viele Male. Wahrscheinlich war der Hundertmarkschein ihm gar nicht sehr nötig, den sie in die Oeffnung ihres linken Handschuhs geschoben, um ihn Karl gleich beim Gutentagsagen geben zu können. Dieser Schein war ihm als Schmerzensgeld zugedacht für die abschlägige Antwort, die sie ihm gestern gegeben. Ihr Mann hatte sie vollkommen überzeugt. Es wäre gegen ihre Pflicht gewesen, Karls bodenlosem Leichtsinn noch Vorschub zu leisten.

»Karl – –!«

Noch immer keine Antwort.

Da drückte sie die Klinke auf und trat ein.

»Na, Du Faulpelz,« sagte sie, geblendet von der goldenen Sonne, die durch das Fenster drang.

Näher trat sie zum Bett, trat näher . . . und sah . . .

Und faßte es nicht.

Das war doch . . . das war doch Blut, dieses dunkle Gerinnsel auf dem Boden, auf der Bettdecke, auf der nackten Brust da vor ihr . . .

Mit beiden Händen griff sie nach ihres Bruders Schultern . . . und fuhr im selben Augenblicke schaudernd zurück vor der Eiseskälte, die ihr entgegenströmte.

Das . . . das war doch nicht möglich! Er schlief doch bloß! Seine Augen waren friedlich geschlossen, die langen Wimpern lagen dunkel auf den Wangen. Der ein wenig geöffnete Mund, in dem die weißen Zähne schimmerten, hatte einen traurigen Ausdruck. Ja, ein wenig traurig sah er aus, ernster als sonst.

Dieses wunderschöne und traurige Gesicht über der blendend weißen Jünglingsbrust, diese großen Blutflecke allüberall, die wie dunkle Blumen waren . . . das war doch ein Traum, ein Fiebertraum!

Das konnte doch nicht Wahrheit sein!

Ein Traum auch der Revolver, an den ihr Fuß jetzt stieß? Ein Traum die paar Blätter aus dem Schulheft, die da auf dem Nachttisch lagen, und auf denen Worte standen, über die Blut gespritzt war, Worte, die sie lesen wollte und nicht verstand, weil wilde Farbenspiele vor ihren Augen kreisten.


* * *


Sie las diese Blätter erst viel später. Drei Tage später, als all das Schreckliche vorbei war: der Augenblick, als der herbeigerufene Arzt statt aller Worte nur die Achseln gezuckt, – der Mutter Verzweiflungsausbrüche –, das Begräbnis. –

Und nun saß Monika allein in ihrem Toilettenzimmer und versuchte, jene Zeilen zu lesen. Da stand in ihres Bruders unbeholfener Handschrift, mit der man ihn so oft geneckt:

»Ich bitte Euch alle, mir zu verzeihn. Aber es ist besser, daß ich gehe. Ich sitze in soviel Schwierigkeiten und weiß nicht ein noch aus. Ihr müßt nicht glauben, daß ich etwas Schlechtes getan hätte. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, als mich neulich eine Freundin gebeten hat, einen Brillantring für sie zu kaufen. Ich sollte ja nur eine Unterschrift geben und Geld überhaupt nicht. Sie wollte es allein bezahlen.

Aber nun will mich der Diamantenhändler beim Staatsanwalt anzeigen, weil es ein Betrug gewesen wäre und die Lonny den Ring gleich weiter verkauft hat. Das geht doch aber nicht, daß ich ins Gefängnis komme.

Ich habe Euch ja so sehr um das Geld gebeten, aber Mama wollte ja nicht, und sie hatte wohl auch recht, denn sie als Mutter mußte doch etwas streng sein, und außerdem ist die Summe auch so hoch für sie. Ich dachte, Monika würde es mir geben. Die war meine einzige Hoffnung, sie ist immer meine liebe Schwester gewesen. O Gott, wie gerne habe ich ihr was mitgebracht zum Freuen. So konnte sich kein anderer freuen, wie Monika sich früher freute.

Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht – –«

Sie konnte nicht weiter lesen. Brennende Tränen verdunkelten ihren Blick und stürzten ihr aus den Augen. Das waren die heißesten Tränen, die sitz je geweint. Es war ihr, als verbrennten sie ihr die Haut, indes sie ihr über die Wangen rollten.

Das Schluchzen schüttelte sie wie ein Sturm. Sie hörte gar nicht, daß die Tür des Nebenzimmers geöffnet wurde.

Georg trat auf seine Frau zu. Er sagte bewegt:

»Liebling, gib Dich diesem Schmerz nicht so hin.«

»Warum nicht?« fuhr sie auf. »Warum soll ich mich diesem Schmerz nicht hingeben? Mein Bruder starb, und . . . durch unsere Schuld.«

»Durch unsere Schuld? – Das sind Hirngespinste, Monika. Er suchte den Tod, weil er keinen sittlichen Halt hatte. Er war ein Kind, das sein kostbarstes Gut – das Leben – verschleuderte und wegwarf wie andere Kinder eine Glaskugel,«

»Er starb, weil Du hartherzig warst und ich es mit Dir.«

Er strich ihr begütigend übers Haar. Sein Gesicht wurde um eine Schattierung blasser, als sie bei dieser Berührung zurückzuckte.

»Liebling, Deine Nerven sind jetzt zu angegriffen. Das ist die Ursache, daß Du etwas so Unzutreffendes sagst. Wir waren nicht hartherzig. Kein vernünftiger Mensch konnte dem Jungen ohne weiteres die Bitte gewähren – das habe ich Dir auseinandergesetzt.«

»Ja, das hast Du!«

Sie hatte sich erhoben, eine Zornesflamme sprühte aus ihren Augen.

»Ja, das hast Du. Und ich war dumm und charakterlos genug, um wieder eine von Deinen hartherzigen Ansichten zu der meinen zu machen! – – O Gott, der Junge, der arme, liebe Kerl!«

Sie schluchzte laut auf.

Und von neuem näherte sich ihr Georg: »Mein geliebter Schatz, beruhige Dich doch.«

Und von neuem wich sie seiner Berührung aus, und ihre Tränen versiegten in dem roten Zorn, der wieder in ihr emporloderte.

»Ich will mich nicht beruhigen. Ich will heulen vor Schmerz, wenn mir danach zumute ist! Ich will nicht alles in mir ersticken lassen unter dem Panzer, den Du Dir anlegst, dem Panzer von Sitte, Pflicht und Korrektheit. – – Da, lies, was mein Bruder geschrieben hat in seiner Todesstunde, und sein Herzblut ist drüberhin gespritzt: »Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht – –«

»Und diese Worte eines unglücklichen, schlecht erzogenen und irregeleiteten jungen Menschen – –«

»Haben mir gezeigt, wie es um mich bestellt ist!« unterbrach Monika. »Ja, jedes Wort davon ist wahr! Ich habe unserer Ehe zuliebe meine ganze Persönlichkeit geopfert. Alles Beste in mir habe ich gewaltsam unterdrückt, jeden Funken von Begeisterung, von Warmherzigkeit erstickt unter einer Eisdecke von Vorurteilen! – – Fort will ich, – fort von Dir, der Du alles, was in mir ursprünglich ist, tötest. Ich will wieder ich selbst sein!«

Georg von Wetterhelm war blaß bis in die Lippen.

»Monika, Dein Schmerz macht Dich ungerecht! Ich will Dir heute verzeihen, – heute – alles.«

»Ich brauche Deine Verzeihung nicht. Ich will fort, – fort um jeden Preis!«

Ein sonderbar erstickter Ton rang sich aus seiner Kehle. Ein Augenblick war's – dann klang seine Stimme fest wie je: »Ich kann Dich mit Gewalt nicht halten.«

»Ich lasse mich auch nicht halten!«

Zwei wilde Flammen brannten in ihren Augen.

Das war nicht mehr die sanfte und korrekte Gattin, die fünf Jahre lang Georg von Wetterhelms Herzensfreude gewesen, – die sich fünf Jahre lang gezügelt hatte ihrem Glück zuliebe. Das war wieder das unbändige Geschöpf von einst, das jeder Gefühlsregung nachgab, jede Empfindung auskostete bis zum äußersten, bis zum letzten schalen Tropfen.

Und auch diesen Becher leerte sie bis zur Neige: nicht genug Vorwürfe gab es für den, der ihr bis dahin das Liebste war auf der Welt.

»Ich habe erkannt, welch eiskalter Egoist Du bist! Warum gabst Du Karl das Geld nicht?«

»Es war nicht des Geldes wegen – –«

»Das weiß ich! Und gerade das ist das furchtbarste: Deiner Prinzipien wegen tatest Du es nicht! Deiner starren, hartherzigen Prinzipien wegen! Die sind das einzige, was Du liebst! Du hast auch mich nie geliebt. Du hast mich geheiratet, weil ich Dich liebte! Du wolltest Dein frierendes Herz erwärmen an meiner Glut!«

»Monika!«

Georg Wetterhelm preßte die harten Lippen aufeinander. Er sprach kein einziges Wort mehr . . . zu seinem Glück, das von ihm ging.



12.

Ein altes, winkliges Haus in einer von Zürichs Straßen. Ausgetretene Treppen! stufen, schiefe Türen, an denen Dutzende von Visitenkarten mit Reißnägeln angeheftet waren. »Stud. jur. Freiherr von Neuern, stud. med. Hans Fischer, stud. med. Pietro Liguro, stud. med. Olga Nikolajewna Murawska, stud. phil. Bertha Reckling.

Vier Treppen hoch hauste Bertha, die seit einem Semester in Zürich studierte, zusammen mit der Studentin der Medizin Murawska.

Die Wohnung bestand aus drei Stübchen und einer kleinen Küche. Die letztere wurde wenig benutzt, da die Mädchen ihre Mahlzeiten in einem Restaurant einnahmen und sich zu Hause nur das erste Frühstück bereiteten. Bertha hatte zwar zuerst vorgeschlagen, hier zu kochen, aber sie hatte es bald aufgesteckt. Es war gar zu unbequem. Allein das Feuermachen erforderte so viel Zeit und Mühe, und es war so umständlich, die Vorräte die vier Treppen hinaufzuschleppen.

Außerdem war Olga Nikolajewna den kulinarischen Bestrebungen Berthas durchaus feindlich gesinnt.

Sie behauptete: viel Essen wirke schädlich auf die Gehirntätigkeit. Nur die Deutschen äßen so viel, und Bertha würde es nie zu etwas bringen, wenn sie sich nicht auch angewöhne, des öfteren nur von Tee und Zigaretten zu leben.

Auch »Ordnung halten« erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich! Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie sie müßten.

Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven, jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren Verkehr bildete.

Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.

Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder selber mit.

Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken. Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.

Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste, die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel besaß: Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius: Marie Kramer, eine freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig gebracht, »ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu folgen«.

Und Melitta Göritz war da, ein schlankes, sehr brünettes Mädchen, das ein sehr verschlossenes Wesen hatte und von dem überhaupt niemand etwas Näheres wußte.

Dann noch ein norwegisches Ehepaar: die Steens. Merkwürdigerweise hatten die beiden äußerlich Aehnlichkeit miteinander. Sie waren beide sehr groß, sehr schlank, hatten weißblonde Haare und blaue, ein wenig vorstehende Augen, die an Fischaugen erinnerten.

Sie studierten beide Philosophie. Sie behandelten andere Leute überaus höflich und nett, sich gegenseitig aber mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit. Sie warfen sich Grobheiten an den Kopf, schimpften sich auf norwegisch und trennten sich nie, wie ein Pärchen Wellensittiche, ob aus Liebe oder Haß, blieb unerfindlich.

Auch Edith von Gräbert kam oft, eine norddeutsche Offizierstochter in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, die Lehrerin an einer Töchterschule gewesen, dann aber ihren Hang zur Medizin entdeckt.

Diese alle saßen, wie so oft, an einem Maiabend in dem kleinen Wohnzimmer, als die Korridorklingel kurz und heftig in Bewegung gesetzt wurde.

»Das ist gewiß Pietro,« rief Edith von Gräbert lebhaft: sie hatte eine ausgesprochene Vorliebe für den jungen Italiener.

Bertha, die Hausherrin, ging, um zu öffnen.

Die Gäste hörten ihren überraschten Ausruf, und gleich darauf trat sie wieder ein, begleitet von einer jungen Dame, deren Erscheinung Sensation erregte.

»Wie kommt der Glanz in diese niedre Hütte?« murmelte Edith, nachdem sie einen taxierenden Blick auf die elegante Toilette des Ankömmlings geworfen.

Sigrid Steen stieß ihrem Gatten den Ellenbogen in den Magen, da er ihrer Meinung nach den fremden Gast bewundernd angestarrt. Dimitri Iwanowitsch setzte sein Pincenez auf und nahm es nicht wieder ab, obwohl er es sonst, um seine sehr angegriffenen Augen zu schonen, nur zum Schreiben und Lesen trug.

Hans Fischer starrte die schöne Dame so verzückt an wie ein Kind eine einladende süße Speise – kurz es herrschte allgemeine Gemütsbewegung.

»Meine Cousine Frau von Wetterhelm,« stellte Bertha vor. In ihrer Bestürztheit vergaß sie, nun die Namen der anderen Leute zu nennen.

Und diese alle saßen stumm wie die Oelgötzen: von allen diesen Leuten, die so gut und so viel reden konnten, wenn eine sie interessierende wissenschaftliche Frage aufgerollt war, fand keiner Worte, sobald es sich um eine leichte gesellschaftliche Unterhaltung handelte.

Monikas mondaine Gewandtheit half vorläufig über das peinliche Stillschweigen hinweg. Aber eine rechte Stimmung kam an diesem Abend nicht mehr auf. Die Gäste fühlten sich durch die elegante Fremde geniert und gingen sehr viel früher als gewöhnlich.

Monika hoffte nun mit ihrer Cousine allein sprechen zu können, aber auf dem roten Kattunsofa saß Olga Nikolajewna und rührte sich nicht. Als Bertha einen schüchternen Versuch machte, sie zum Verlassen des Zimmers zu bewegen, erwiderte sie ganz erstaunt:

»Aber wir haben doch bloß dieses Sofa!« Wußte Bertha denn immer noch nicht, daß ihr Stühle unbequem waren?!

So verfügten sich denn die beiden Cousinen in Berthas Schlafzimmer, das mit seinen winzigen Abmessungen, mit seiner schmalen, eisernen Bettstelle einen sehr ärmlichen Eindruck machte.

Monika setzte sich auf einen Rohrstuhl am Fenster und Bertha ließ sich aufs Bett sinken: sie war noch immer unter dem Eindruck der großen Ueberraschung.

Monika hier! Und sie kam zu ihr die vier wackligen Treppen hinauf! All das kam ihr ganz unwahrscheinlich vor.

Freilich vermutete sie nicht so Entscheidendes, wie sie gleich darauf zu hören bekam.

Also Monika war fort von ihrem Mann! Für immer fort?!

Bertha fühlte bei dieser Nachricht erstaunlicherweise nicht die freudige Genugtuung, die sie bei ihren extremen Grundsätzen eigentlich hätte haben müssen. Nein, sie empfand nicht: »Gott sei Dank wieder eine, die das unwürdige Ehejoch von sich abschüttelt!« – sondern in diesem Augenblick überwog Berthas frühere Natur: »Wie töricht von Monika, ihrem Mann davonzulaufen!«

Gut, daß, ehe sie diese Worte geäußert, ihr ihre neuerworbenen Grundsätze einfielen. Und so sagte sie denn, sie sei weit entfernt davon, Monikas Schritt zu mißbilligen. Sich durchsetzen, seine eigene Persönlichkeit zu bewahren, das sei das Höchste für ein denkendes menschliches Wesen, und die Zeiten, da man die Frauen nicht zu den denkenden menschlichen Wesen gerechnet, seien ja erfreulicherweise vorüber!

Es sei sehr vernünftig von Mone, daß sie gleich hierher gekommen zu ihr, die ihr sehr gern mit ihrem Rate zur Seite stehen wolle.

»Es ist jedenfalls sehr nett von Dir, daß Du Dich hier meiner annehmen willst,« sagte Monika. Sie war nicht so sicher wie sonst.

Allein, zum ersten Male war sie allein gefahren, den weiten Weg von Berlin nach Zürich, und aus des Zuges Räderrollen hatte sie eine so traurige Melodie gehört: Fort von ihm! Jeden Augenblick weiter fort von ihm, der mein Glück gewesen. . .

Sie hatte sich dann selbst sentimental gescholten. Da sie nun mal eingesehen hatte, daß ihres Bleibens nicht länger bei ihm war, war alles abgetan! Mußte alles abgetan sein!

Ein neues Leben!

Und ein bescheidenes Leben.

Sie wollte versuchen, mit der knappen Zulage auszukommen, die ihre Mutter ihr geben konnte.

Darüber hatte es noch eine Meinungsverschiedenheit gegeben mit Georg, der ihr einen Scheck über eine hohe Summe mitgegeben.

»Ich will kein Geld von Dir!« hatte sie gesagt.

»Du mußt es nehmen, Monika. So lange wie Du meine Frau bist, kannst Du nicht wie eine Zigeunerin durch die Welt laufen. Wie denkst Du Dir überhaupt Dein späteres Leben pekuniär?«

»Ich will mir unbedingt selbständig meinen Lebensunterhalt verdienen, sei es schriftstellerisch oder daß ich studiere. Ich weiß es noch nicht. . . . Das alles ist noch so dunkel. . . .«

»Und Du willst nicht bei mir bleiben – statt so ins Ungewisse in die Welt hinauszugehen –?«

»Nein!« antwortete sie hart.

Es empörte sie, daß er diese Frage so an sie gestellt hatte, so als ob ein materielles Interesse je hätte mitsprechen können, sie zu fesseln.

Ja, wenn er vor ihr niedergestürzt wäre, wenn er ihr in heißer Qual entgegengerufen: »Bleib', ich kann nicht leben ohne Dich!«, dann hätte sie wohl nicht den Mut gefunden, fortzugehen auf Nimmerwiedersehen.

Aber so sprach Georg von Wetterhelm nicht. Nach dem »Nein«, das sie ihm entgegengerufen, hatte er nur noch streng sachlich mit ihr die einzuleitende Scheidung besprochen, die wegen böswilliger Verlassung ihrerseits erfolgen werde. Sie würde eine Aufforderung erhalten, zu ihm zurückzukehren, und wenn sie dieser nicht Folge leiste, so erfolge ein Jahr nachher die gerichtliche Scheidung.

Und sie war gegangen auf Nimmerwiedersehn.

Als sie die erste Müdigkeit nach der langen Eisenbahnfahrt überwunden, hatte ein Gefühl von Energie sie durchflutet. Ein Bad, ein Glas Sherry, ein elegantes Kleid, und sie war zu Bertha gefahren.

Diese war entschieden so hilfsbereit gewesen, wie man es nur irgend erwarten konnte. Man hatte so manches verabredet.

Monika sollte eine Wohnung im selben Hause wie Bertha nehmen, sowohl ihres schmalen Geldbeutels wegen, als damit sie Anschluß habe.

Dann sollte sie erst mal in einigen Kollegs hospitieren, um sich dann endgültig zu entscheiden.

Es würden in ihrem Wissen eine Menge Lücken auszufüllen sein. Aber das schreckte sie nicht, sie hatte ja immer so gern gelernt.

War es denn etwas anderes, was sie schreckte? Was war dieses sonderbare Gefühl, das ihr das Herz zusammenpreßte?

Sie hatte doch nun die Freiheit, konnte doch nun ihre Persönlichkeit so entfalten, wie sie es immer gewünscht.

Nun war doch der sehnlichste Traum ihrer Jugendjahre in Erfüllung gegangen: frei! – – Und ein neues Leben jetzt!

Nicht mehr an die grauen Augen denken, die sie zu sehr geliebt, – an die grauen Augen, die so verächtlich erstaunt geblickt, wenn sie sich »inkorrekt« benommen oder »wild«.

Und nicht mehr an seine Hände denken, jene schönen, harten Hände, die sie so sicher und gebieterisch dahingeführt auf schnurgerader, grauer Strecke, während auf allen Seitenwegen und Fußpfaden so viel üppig schönes Blumengerank wucherte.

Nicht mehr an ihn denken!

Schade nur, daß sie so oft, so unendlich oft an ihn erinnert wurde.

Sie sah jetzt erst, wie sehr Georg ihr die kleinlichen Sorgen des Lebens aus dem Wege geräumt, wie sehr er jede Unannehmlichkeit von ihr ferngehalten. – – –

Sie sah jetzt erst, was es hieß, sich selbst um die Alltagssorgen bekümmern zu müssen. –

Mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßte sie den Tag, an dem sie zu Bertha übersiedelte. Sie hatte in Berthas Wohnung angrenzende Zimmer bekommen, die bisher ein Kandidat der Medizin bewohnt.

Diese Zimmer trugen das ärmliche Gepräge, das dem ganzen Hause anhaftete, und Monika konnte sich eines kleinen Schauders nicht erwehren, als sie ihre Wohnung des näheren besichtigte.

Sie schwankte sogar einen Augenblick, ob sie nicht diese Baracke im Stiche lassen solle, um sich ein eleganteres Quartier zu nehmen. Sie hatte ja den Scheck da. . . .

Aber sofort wies sie diesen Gedanken von sich. Nein, nein, sie wollte mit dem Zuschuß von Mama auskommen, so wenig das auch war.

Und Georg brauchte gar keine Angst zu haben, daß sein Name dadurch kompromittiert werde, wenn sie hier in so ärmlichen Verhältnissen hauste. Sie nannte sich mit ihrem Mädchennamen. Die Abneigung vor ihrer neuen Umgebung mußte eben heruntergewürgt werden! –

Sie fand sich nicht schnell in dieses neue Leben hinein, beim besten Willen nicht!

Sie fühlte sich nicht zu Hause in dieser häßlichen Wohnung,

Unzählige Male am Tage trat sie hinaus auf den kleinen Balkon vor ihrem Zimmer.

Zwischen ein paar altersgrauen Dächern erblickte man die grüne Limmat, Schwärme von schneeweißen Möwen schwirrten über den Strom: sie sah dem unruhigen Spiel ihrer Flügel zu, die sie bald hoch zum Himmel, bald tief hinab zum Wasser trugen.

Und eine unklare Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz zusammendrückte.

Aufseufzend trat sie zurück ins Zimmer, in dem dann vielleicht gerade Olga Nikolajewna, Zigaretten paffend, auf dem Sofa lag.

Monika hatte versucht, die allzu häufigen Besuche der Russin abzuwehren, aber diese hatte ihr in ihrem harten Deutsch erwidert:

»Aber Ihr Sofa ist weicher.«

Sie hielt diese Tatsache für völlig ausreichend, um von dem erwähnten Möbelstück Besitz zu nehmen.

Als Monika sich bei Bertha beklagte, hatte diese ihr mißbilligend gesagt:

»Aber sei doch nicht so unkameradschaftlich. Wir sind hier alle für Gütergemeinschaft.«

Daß das keine leere Redensart war, lernte Monika bald genug einsehen. Man betrachtete auch ihre Sachen als Gemeingut. Olga Nikolajewna goß sich den Inhalt von Monikas Parfümflaschen über Bluse und Haar. Bertha benutzte, ohne je um Erlaubnis zu fragen, Monikas Nähutensilien und ihre Bücher.

Alle die »Stammgäste« kamen, ohne dazu aufgefordert zu sein, jetzt auch in Monikas Zimmer hinüber.

Die anfängliche Scheu, die sie vor der Fremden gehabt, war sehr bald einer kollegialen Vertraulichkeit gewichen.

Am häufigsten wurde sie von Edith von Gräbert besucht.

Diese hatte ein großes, mit Mißgunst gemischtes Interesse an Monika.

Für alles an ihr: ihre Art, sich zu bewegen, sich anzuziehen, zu lächeln . . . .

Es war, als ob Edith von ihr zu lernen suche, sich nach ihrem Vorbild modele.

Entschieden war das ein verfehltes Beginnen, denn die beiden waren äußerlich so voneinander verschieden, daß alles, was zu Monikas Wesen paßte, für Edith deplaciert war.

Bildete doch schon Monikas weiches Gesicht einen entschiedenen Gegensatz zu Ediths herben Zügen, die übrigens durchaus ebenmäßig geformt waren.

Sie war überhaupt nicht ohne Reiz. Sie hatte eine große, gutgewachsene Figur.

Aber etwas unnennbar Hartes lag in all ihren Linien, sowohl in denen des Körpers wie in denen des Gesichts.

Ihre hellen Augen blickten klug und spöttisch unter blonden Brauen, ihre Gesichtsfarbe war von einer auffallenden Zartheit, und diese zarte, helle Haut begann schon ein wenig das Stigma des Welkens zu tragen. Die Augenlider waren schon etwas zerknittert, wie weiße Rosenblätter, die am Verblühen sind.

Edith war von einer Offenheit, die an Zynismus grenzte. Sie erzählte Monika, ohne daß diese im mindesten danach gefragt hätte, die intimsten Einzelheiten aus ihrem Leben: sie sprach von der unglücklichen Ehe, die ihre Eltern geführt. Sie verhehlte nichts, beschönigte nichts von allen traurigen Fällen, die sie oder ihre Familienangehörigen getroffen.

Monika machte mitunter Einwendungen, sagte ihr geradeheraus:

»Das sind doch interne Angelegenheiten, über die spricht man doch nicht.«

Aber Edith zeigte dann in höhnischem Lachen ihre großen, weißen Zähne:

»Ach, den Schnickschnack habe ich mir abgewöhnt. Ich habe früher auch mal so gedacht wie Sie – o, sicher sogar sehr viel strenger gedacht als Sie. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war ich Lehrerin an der Schule von Fräulein Cersfeld und gab für hundert Mark monatlich ungezogenen Mädels Französisch und Geographie, auch Religion und andere schöne Sachen. Von acht bis eins täglich dauerte der Scherz. Fünf Minuten nach eins ging ich nach Hause, wo ich gerade rechtzeitig ankam, um einer lärmenden Szene zwischen Mama und Papa beizuwohnen. Nachmittags dann Hefte korrigieren und abends um halb zehn in die Klappe. Ach, ein Leben. . . . Sieben und ein halbes Jahr ist das so gegangen. Dann . . .«

Sie unterbrach sich.

»Ach, ist ja alles Unsinn,« fuhr sie mit veränderte? Stimme fort. »Wozu von Vergangenheiten reden! Ich fühle mich sehr wohl, seitdem mir das Familienleben Wurst ist! Es lebt sich doch sehr nett in dem ollen, ehrlichen Zürich.«

»Ja . . .,« sagte Monika, und ihr Blick irrte sehnsüchtig hinaus durchs Fenster auf den grünen Strom, über dem die weißen Möwen taumelten.

Die Vorlesungen, die Monika belegt, interessierten sie teilweise sehr, aber sie gewöhnte sich nicht an das Zusammensein mit so vielen anderen.

Es saßen da in den Hörsälen Leute aus aller Herren Ländern, junge und alte, Frauen und Männer.

Alle diese Gehirne arbeiteten, dachten, waren wie Maschinen mit surrendem Räderwerk.

Und sie alle, die starken und die schwachen, die schnell arbeitenden und die trägen Gehirne, sie alle holten sich hier Nahrung, Heizmaterial, Funken von der großen Flamme des Wissens, das die Welt erhellt.

Wohl empfand Monika die Größe, die darin lag, aber das half ihr nicht darüber hinweg, daß ihr das Zusammengepferchtsein mit allen diesen unbekannten Menschen auf die Nerven fiel.

Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie denen allen hier überlegen war.

Vor ihrem Verstand war dieses Gefühl nicht stichhaltig.

Die Tatsache, daß sie eine sehr viel raffiniertere Körperpflege trieb als die alle hier, schuf ihr doch keine Ueberlegenheit?

Und daß sie weltgewandter war, abgeschliffener, – das alles hatte doch hier keinen ernsthaften Wert.

Sie war eben wohl immer noch von Vorurteilen befangen: zu sehr hatte Georg ihre frühere Wesensart umgewandelt. Aber das würde sich schon geben mit der Zeit.

Mit der Zeit . . .

Sie, die früher so oft der Zeit zugerufen: »Halt an!«, hätte ihr jetzt Sporen geben mögen wie einem schlechten Gaul.

Nur schnell vorwärts! Nur Zeit legen zwischen sich und das Glück!

Und Tage kamen und gingen . . . Wochen . . . und Monate . . . Und noch immer war sie nervös, schreckte zusammen, wenn es klingelte, und ging immer wieder auf den Balkon und starrte hinüber auf den Strom und auf die weißen Möwen.

Sie sprach mit niemandem über das, was sie innerlich bewegte. Den vielen Fragen von Edith von Gräbert setzte sie eine kühle Reserviertheit entgegen.

Uebrigens war Edith die einzige, die neugierig war.

Bertha fragte sie nie etwas. Nicht aus Diskretion, sondern weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war: sie steckte in ihrem Studium wie in einem Kleide, das ihr nach allen Richtungen hin zu groß war, und das sie sich wichtigtuerisch bemühte auszufüllen.

Mit dem Wesen, das sie früher gewesen, hatte sie kaum noch einen Zusammenhang. Das bewies sie deutlich, als ihre Mutter ihr eines Tages schrieb.

Sie brachte Monika den Brief hinüber mit der Aufforderung zu lesen.

Frau Reckling schrieb, daß sie heute mit einer großen Bitte an ihre Tochter herantrete, einer Bitte, die wohl geeignet sei, eine Umwälzung in Berthas Existenz hervorzurufen.

Die Untersuchung, die Berthas Vater bei einem berühmten Berliner Augenarzt habe vornehmen lassen, hätte leider die Diagnose des Hausarztes vollkommen bestätigt: es sei eine Netzhautablösung, die in nicht zu ferner Zeit zu völliger Blindheit führen müsse.

Natürlich könne der Vater seinen verantwortungsvollen Posten als Gymnasialdirektor nun nicht mehr ausfüllen.

Man würde sich nach Harzburg, dem Heimatstädtchen des Direktors, zurückziehen.

Und Bertha müsse kommen! Der Mutter Gicht habe solche Fortschritte gemacht, daß ihr die Hände oft gelähmt seien, unfähig zu jeder Tätigkeit. Die Mutter wäre ja tief unglücklich, daß Berthas hoffnungsreiches Studium abgebrochen werden solle, aber wer solle um den erblindenden Vater bemüht sein, wer die Tätigkeit ersetzen, die der Mutter gelähmte Hände nicht mehr tun konnten? Bertha solle kommen! Die einzige Tochter würde der Eltern Stütze sein.

»Meine Mutter scheint ja vollkommen durchgedreht zu sein!« sagte Bertha. »Sie sollen sich doch eine Gesellschafterin nehmen. Es laufen ja genug junge Mädchen aus anständiger Familie herum, die für freie Station und ein Taschengeld den Beruf der Tochter des Hauses geradezu großartig ausfüllen! Wenn Mama ein Haustöchterchen haben wollte... ich hatte alle Anlage dazu! Dann brauchte sie mich nicht mit Gewalt auf diesen Weg zu führen. Auf dem bin ich und bleibe ich! Das kann niemand von mir verlangen, daß all die langen Jahre Studium, all meine Mühe und mein Fleiß umsonst gewesen sein sollen. Daß ich jetzt kurz vor dem Examen abspringen soll, ist wahrhaftig eine Zumutung!«

In diesem Sinne schrieb sie an die Mutter. Und postwendend traf die Antwort ein: ein Jammerschrei über Berthas Lieblosigkeit, die ihre kranken Eltern der Hilfe einer bezahlten Fremden überlassen wolle!

Bertha könne doch nicht so ganz jedes weibliche Fühlen verloren haben!

»Hätte sie sich früher überlegen sollen, meine gute Mama. Was soll denn das heißen: weibliches Fühlen?! Das soll weiter gar nichts heißen, als: sich selbst aufgeben zum Nutzen für andere! Wo bleibt da die Gleichberechtigung?! Wer verlangt von einem jungen Manne, der studiert, daß er nach Hause kommt, sein Studium aufgibt, um seine Eltern zu pflegen?! Wenn ich dasselbe leisten kann, was ein männlicher Student leistet, dann muß ich auch ebenso behandelt werden, dann kann ich denselben Respekt vor meiner Persönlichkeit verlangen! Und den verlange ich! . . . Mir tut die Krankheit meiner Eltern gewiß von ganzem Herzen und von ganzer Seele leid, aber mich selber ihnen opfern – – nun und nimmer! Sie werden schon eine nette Gesellschafterin finden. Ich lasse mich jedenfalls auf gar keine weiteren Unterhandlungen ein, und wenn sie mir die Zulage sperren, ist es noch so! Ich habe mein Eigenes von der Großmama. Die brave, alte Dame hatte geglaubt, ich würde meine Brautausstattung davon kaufen. Sie war noch so unmodern!«

Monika war peinlich berührt von Berthas Standpunkt. Wie herzlos das klang ... wie gefühlsroh . . . Und doch . . . war sie selbst denn etwa aufopferungsfähiger? Hatte sie nicht, um ihre Persönlichkeit zu wahren, ihren Mann verlassen, der so viel liebevoller zu ihr gewesen als Berthas Eltern zu ihrer Tochter? . . .

O gewiß, Bertha hatte ganz recht, so zu handeln! Aber ein unangenehmes Gefühl wurde Monika nicht los. Und Georg Wetterhelms Schwester fiel ihr ein, ihre Schwägerin Brigitte, deren Aufopferung sie verlacht, gleich bei jenem ersten Besuche auf Gerbitz, als sie Braut war. – –

Erinnerungen überfluteten sie wie große Wogen, die auf sie zukamen, über sie hinweggingen, ihren Widerstand ertränkten, daß sie in die Knie sank, daß sich in heißem Schluchzen ein Name von ihren Lippen rang:

»Georg.«

Nur einen Augenblick. Dann hatte sie die Herrschaft über sich zurückgewonnen.

Das war ja nur Nervosität gewesen, sicherlich! Nur die Schuld der häßlichen, ärmlichen Umgebung. Oder die Schuld der allzu abstrakten Wissenschaft. . . .

O, nur weg von hier, fort von Zürich. Es war nichts mit dem Studieren. Die ganze Umgebung hier, all die Leute mit den schlechten Manieren – das alles war nicht zu ertragen, wenn man fünf Jahre lang Georg Wetterhelms Frau gewesen war.

Sie wollte fort. Irgendwo in die große bunte Welt, all die Schönheit genießen, die da aufgeschlagen lag wie ein Märchenbuch mit schönen Bildern.

Und all diese Schönheit wollte sie beschreiben, sich ganz der Kunst widmen, die der leuchtende Stern ihrer Kindheit gewesen. Sie wollte denken und dichten, sie wollte glücklich sein! Ja sie war überzeugt, daß sie dann glücklich werden mußte!

Noch am selben Tage teilte sie Bertha ihren Entschluß mit.

Diese war überrascht, nahm die Sache aber nicht sehr wichtig. Dagegen empfing Edith von Gräbert einen großen Eindruck von der Neuigkeit, daß Monika fort wolle.

Wo denn hin? Nach Luzern zuerst? – Da käme sie mit.

Monika war überrascht von diesem Angebot: sie stand sich nicht so freundschaftlich mit Edith, als daß es gerechtfertigt gewesen wäre.

Immerhin war gegen das, was Edith sagte, nicht viel einzuwenden: sie war ermüdet, überanstrengt, mußte mal ausspannen. Sie würde sich sehr glücklich schätzen, wenn sie sich Monika anschließen dürfe.

Da stimmte Monika zu, nicht gerade begeistert, aber es war ihr doch nicht unlieb, daß sie nun nicht so allein sein würde. . . .



13.

Der »Seepalast« in Luzern war auch eine riesige Fremden-Karawanserei wie das Hotel, in dem Monika zuerst in Zürich abgestiegen, aber er war von einem modernen, vornehm abgetönten Luxus, den Zürich nicht aufzuweisen gehabt. Im Hochparterre lagen drei riesenhafte Gesellschaftssäle nebeneinander. Und verschwiegene Schreibzimmer mit grünen Lederpolstern, ein Lesesaal, in dem alle großen Zeitungen des Erdballs auflagen, öffneten sich im Anschluß an eine ungeheure Halle, die die Hotelgäste zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten versammelt sah.

An jedes Schlafzimmer schloß sich ein Badezimmer mit Marmorwanne und blitzenden Dusche-Apparaten.

Monika atmete auf.

Endlich wieder eine anständige Umgebung, endlich ein Hotel wie die, in denen sie mit Georg geweilt.

Georg . . . schon wieder Georg. . . .

Nein, sie wollte nicht mehr an ihn denken Lieber sich Vergessenheit trinken an all der Schönheit, die man vom Balkon ihres kleinen Zimmers im vierten Stock aus sah. Edith störte nicht.

Die saß unten im Lesesaal und angelte nach Bekanntschaften.

Und Monika blieb allein droben auf dem Balkon und schaute auf den Vierwaldstätter See. Der hatte am Tage die Farbe eines kostbaren Smaragds.

Starre, zackige Felsen umkränzten ihn, und über dem allen wölbte sich kornblumenblau der Sommerhimmel, von dem sich die schwarzen Rauchsäulen der Dampfer abzeichneten, die über den See fuhren.

Rechts lag der Hafen von Luzern. Die Menschenmengen, die sich dort drängten, sahen von hier aus wie Ameisenscharen.

Sie saß und träumte.

Sie ging nach den Mahlzeiten gleich immer wieder in ihr Zimmer hinauf.

Edith war darüber tief enttäuscht.

Sie hatte darauf gerechnet, sich überall mit Monika zusammen zu zeigen, und nun mußte sie allein herumlaufen.

Die Bekanntschaften, die sie machte, genügten ihr durchaus nicht.

Die wirklich eleganten Hotelgäste hatten kein Interesse für dieses weder auffallend schöne noch elegante Fräulein von Gräbert.

Eines Tages wurde Monikas Einsamkeit durch einen überraschenden Besuch gestört.

Ihre Cousine Marie von Hammerhof ließ sich melden.

Marie hatte nie sehr freundliche Gefühle für Monika gehabt, und sie erschien mehr auf den Wunsch ihrer Tante Birken als aus eigener Initiative.'

Sie erzählte, daß sie mit ihrem Sohne zum Sommeraufenthalt in Gersau sei und bei der Durchreise in Berlin Monikas Mutter habe versprechen müssen, sie hier auszusuchen.

Uebrigens zeigte sich Marie freundlicher als sonst.

»Mir hat das direkt imponiert, wie Du Deinem Manne so einfach auf und davon gelaufen bist,« sagte sie. »Ganz recht hast Du gehabt! Die Männer taugen alle nichts!«

»Daß er nichts taugt, ist unzutreffend,« sagte Monika. »Im Gegenteil! Georg taugt sogar sehr viel. Aber ich habe eingesehen, daß er meine Persönlichkeit zerbrach, mich umformte – –«

»Das versuchen sie ja alle,« sagte Marie wegwerfend. »Die Männer fühlen sich nun mal alle gottähnlich und empfinden uns als »das schwache Werkzeug«. Ich habe nicht einen . . . nein, Dutzende von Ehemännern sagen hören, daß ihre Frau nach der Heirat »sich doch unendlich herausgemacht« habe, sowohl seelisch wie körperlich. Wie gesagt, versuchen tun sie die Umformung alle, nur sie haben nicht alle Glück damit! Mein Mann hat mich nicht geändert.«

Die hagere Frauengestalt reckte sich hochauf, ein triumphierendes Lächeln huschte über ihre scharfen Züge.

»Ich bin geblieben, wie ich war, nichts habe ich ihm von meiner Seele gegeben, nichts von meinem eigentlichen Selbst.«

»Und bist Du glücklich geworden?«

»Nein, das Glücklichsein muß wohl eine Kunst sein. Ich habe sie nie rausgehabt! . . . Vielleicht kommt es daher, daß ich den falschen Weg gegangen bin. Mag Gott es der Mama verzeihen, daß sie mich damals bestimmte, diesen Mann zu heiraten, den ich nicht liebte, nicht haßte, – denn damals haßte ich ihn doch nicht – aber der mir fremd war, ganz fremd.«

»Und hat dann nicht Eure junge Ehe eine Brücke geschlagen zwischen Euch beiden?«

»Er blieb mir immer fremd . . . Und dann habe ich ihn hassen gelernt, wie man eben jemand haßt, an den man gegen seinen Willen sein Leben lang geschmiedet ist. Ein Leben lang – ein ganzes Leben – –«

Sie war blaß geworden, so als ob sie die ungeheure Tragweite dieses Gedankens in dem Augenblicke jetzt erst restlos erfaßt hätte.

»Du kannst ja weggehn,« sagte Monika und fügte tonlos hinzu: »Weggehn, wie ich es tat« . . .

»Nein, nicht wie Du, denn ich bin Mutter. Könnte ich leben ohne mein Kind?! Und der Junge bliebe meinem Mann, das ist gar keine Frage. Wenn ich Wilhelm verlasse, werde ich doch als der schuldige Teil erkannt. Glaubst Du, ich könnte ohne meinen Jungen leben? Er braucht mich doch! Und ich brauche ihn nötiger als die Luft zum Leben, Keinen Tag kann ich ohne ihn sein . . . Und immer, immer die Angst, die schreckliche Angst: bleibt er mir? Er ist sehr zart. Die Bronchien besonders. Jetzt war ich auch wieder in Ems mit ihm: Gersau ist uns zur Nachkur empfohlen.«

»Ist er mit herübergekommen?«

»Ja, er ist mit der Bonne im Garten. Ich habe ihn unten gelassen, weil ich mit Dir noch über manches sprechen muß. Weißt Du, Mone, mich geht's ja eigentlich nichts an, aber wenn Du irgendeinen Einfluß auf Deine Mama hast, solltest Du sie veranlassen, daß sie Heinrich nicht jeden Unfug nachsieht.«

»Was für Unfug?«

»Na, seit er wieder bei Deiner Mutter wohnt, benimmt er sich genau so, als hätte er noch seine Studentenbude. Seine Freundinnen und Freunde gehen bei ihm ein und aus, wie in einem Taubenschlag! Er veranstaltet Symposien mit violettem Seidenpapier um die Glühbirnen rum – »wegen des magischen Effekts«, sagt er! Bis vier Uhr morgens scheinen diese Gastmähler zu dauern. Als ich neulich bei Tante war und telephonieren wollte, sagte sie mir: das ginge nicht, denn in das Zimmer, wo das Telephon stände, könne ich nicht hinein, da säße gerade eine Schauspielerin, die auf Heinzemännchen warte, und offiziell dürfe sie als Mutter doch nichts davon wissen. Ich möchte doch bei dem Bäcker an der Ecke telephonieren, das sei ein sehr freundlicher Mann, der würde gewiß nichts dagegen haben.«

»Echt!«

»Ja, sage mal, ich finde, daß die Würde Deiner Mutter es erfordert, daß Heinrich wieder allein wohnt.«

»Nein, das geht nicht,« sagte Monika, »Mama kann nicht allein wohnen . . . Das weiß ich aus den Briefen, die sie mir bald nach Karls Tode schrieb. Verzweifelt war sie, vollkommen wie verirrt. Was nun mit ihr werden solle? Ihre Kinder brauchten sie nicht, schienen sie alle nicht zu brauchen. Und das stimmte: wir brauchten sie alle nicht. Alfred in der fernen Garnison, Heinrich in seinem Studentenquartier, ich in die Welt verflogen – und Karl in seinem Grabe. – – Und sie schrieb, sie müsse jemand haben, für den sie sorgen könne. So allein könne sie nicht leben. Sie müsse einen von uns haben, um ihn zu betreuen, für den sie sich mühen könne ... Da habe ich an Heinrich geschrieben und habe Gott gedankt, als er ja sagte und wieder zu Mama zog. Daß er sich so benimmt, ist ja nicht schön, aber es ist besser, als daß Mama allein bleibt! Denn dann kommt sie sich vor wie Spreu, ein Halm, dem man die Fruchtkörner wegnahm und der nun wertlos ist . . . Also Heinzemännchen soll ruhig weiter lila Symposien geben. Ich bin froh, daß die Mama ihn hat.«

»Na, wie Du denkst. Ich empfand es jedenfalls als Pflicht, mit Dir darüber zu sprechen,« sagte Marie spitz.

Schweigen.

Dann sagte nach einer Weile Marie: »Uebrigens, im Falle man fragen darf, was wird denn nun eigentlich aus Dir?«

 »Das muß die Zukunft lehren.«

»Nicht die Vergangenheit?«

»Wie meinst Du das?«

»Na, Mone, nimm's mir nicht übel, aber ein rasend koketter Racker warst Du immer! Wenn ich noch daran denke, wie Du Roßberg den Kopf verdrehtest. Und dabei hat Roßberg Trudchen wirklich glühend geliebt. Es geht ihnen übrigens gut, sie haben jetzt das fünfte Kind bekommen . . . Na, also, kokett warst Du damals schon als halbwüchsige Göre. Ich meine immer: hat Dein Entschluß nicht doch noch eine andere Ursache als die, die Du erzählst? Ist da nicht irgendeine neue Passion von Dir im Spiel?«

»Pfui! – ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Wie mißtrauisch Du bist!«

»Noch immer nicht mißtrauisch genug! Die paar Male, wo ich in meinem Leben vertraute, bin ich auch noch betrogen und belogen worden. Besonders von meinem Manne, immer von ihm – ach, Du weißt ja nicht, wie viele hunderte von Malen ich mir gesagt habe: Fort von ihm, fort aus der Ehe überhaupt. Die ist wie ein Kampf bis aufs letzte! Die Ehen, die ich gesehen habe und die einen harmonischen Eindruck machten, waren immer so, daß der eine Teil der willenlose Sklave des anderen war. Dann ging's! O, dann ja! – Oft trägt die Frau das Joch, oft auch der Mann! . . . Und diese sogenannte glückliche Ehe habe ich mir nicht schassen können. Zur Sklavin war ich nicht feige, nicht charakterlos genug, zur Herrin hatte ich kein Talent.«

»Und ich?« schoß es Monika durch den Kopf, »was war ich in meiner glücklichen Ehe? Herrin? – Nein. Georg war nie ein Weiberknecht. Also Sklavin? Nur das?«

Und Marie sprach weiter. Sie, die sonst so Kühle und Wortkarge, war heute von ungewohnter Mitteilsamkeit.

Es war, als hätten Monikas veränderte Lebensumstände die Schranke niedergerissen, die immer zwischen den Cousinen bestanden.

Es war, als ob Marie, nun sie zum erstenmal ihr starres Schweigen brach, den Trost empfände, der für die meisten Frauen im Sichmitteilen liegt.

Immer weiter ging ihre Rede . . . .

Alles, was Wilhelm ihr angetan in diesen langen Jahren, alles, was sie bisher stumm und allein getragen, strömte sie aus, daß Monika zurückbebte vor dieser trüben Flut.

»Ich hasse ihn! Du weißt nicht, wie sehr ich ihn hasse! Kaum ein Tag vergeht, kaum eine Nacht, wo ich mir nicht sage: nur fort! . . . Nicht eine Sekunde länger bleibe ich – –«

Sie brach kurz ab, denn es wurde an die Tür geklopft.

Und diese öffnete sich.

Ein zarter, blonder Junge in einem gestickten Russenkittelchen lief auf die Mutter zu, während das Kinderfräulein verlegen an der Tür stehen blieb.

»Mama, ich hab' nicht länger warten wollen, Mama . .«

Da beugte sich die früh verblühte Frau tief über das Kind, und qualvoll innig kam es von ihren Lippen:

»Mein einziges Glück . . .«


* * *


Nach diesem Besuche vergrub sich Monika wieder in ihre Einsamkeit. Die Tage strichen gleichförmig dahin.

Einmal riß ein Brief ihrer Mutter sie aus der Ruhe.

Die Baronin schrieb ganz verzweifelt. Es täte ihr schrecklich leid, Monika so furchtbare Sachen mitteilen zu müssen, aber sie habe niemanden, dem sie ihr Herz ausschütten könne.

Heinzemännchen wolle von der ganzen Angelegenheit nicht mehr sprechen hören.

Er sei zu böse auf Alfred . . . Um Alfred handle es sich nämlich. Er habe, trotzdem er einmal schon an einer ähnlichen Geschichte haarscharf vorübergekommen, seinen Burschen mit dem Reitpeitschengriff so über den Kopf geschlagen, daß dieser eine erhebliche Verletzung davongetragen habe.

Woher Alfred diese entsetzliche Brutalität habe, sei ihr rätselhaft. Der selige Papa sei doch sehr gutmütig gewesen, und sie selber, – nun, Monika wisse ja allein, was für ein Gemüt die Mutter habe.

Alexander Wetterhelm wolle, der angeheirateten Verwandtschaft zuliebe, nochmal versuchen, die Sache mit Alfred irgendwie zu vertuschen, obwohl es ihm selber an den Kragen ginge, wenn es herauskäme.

Aber weg vom Regiment müsse Alfred so schnell wie möglich – das sei Bedingung!

Er wolle nun zur Schutztruppe, und obwohl es ihr schrecklich sei, eines ihrer Kinder so weit weg zu lassen, müsse sie doch sagen, es sei wohl das beste!

Hier in Deutschland würde Alfred der Familie bloß Schande machen, – das sei keine Frage.

Monika schrieb sofort und bat ihre Mutter in dringendsten Worten, Alfred das Afrika-Projekt auszureden.

Wenn's nicht anders ginge, solle er Sektreisender werden oder Versicherungsagent. Nur nicht in die Tropen, wo schon manch gesunder Mensch sein seelisches Gleichgewicht verlor und Alfreds spezielle Anlagen zu einer Katastrophe führen mußten.

Der Mutter Antwort lautete: Monika sehe gewiß zu pessimistisch!

Wenn die Leute nichts taugten, schicke man sie doch immer nach Afrika oder nach Amerika.

Da würden sie zu brauchbaren Menschen gemacht!

Das sei immer so, und sie hoffe, so würde es auch Alfred ergehn. –

Ein eisiges Gefühl des Schreckens überrieselte Monika.

Sie sah ein böses Ende voraus. Alfred mit seinem ausgesprochenen Hang zur Herrschsucht und zur Brutalität in jenem Lande, in dem dem Einzelnen so sehr viel Macht gegeben war, wo nicht wie hier seinen Instinkten Zaum und Zügel angelegt waren. Wo er eine Macht bedeutete und unter Umständen Herr war über Menschenleben.

Ein böses Ende . . .

Und sie konnte nichts tun: mußte tatenlos zusehen, wie er seinem Verderben entgegenging.

Sie hatte Alfred nie ganz durchschaut. Die verschiedensten Charaktereigenschaften lagen bei ihm nebeneinander.

Er konnte banal sein bis zum Stumpfsinn und geistreich wie selten einer. Er war sehr mißgünstig, sehr handelsüchtig: trotzdem bei vielen beliebt wegen der unvergleichlich witzigen Art, die er oft hatte.

Er malte talentvoll, hatte einen auffallend schönen Bariton – aber alle seine Gaben nutzte er nicht aus, von einem sonderbaren Mißtrauen gegen sich selbst erfüllt.

Stückwerk war er, wie die Birkenschen Kinder alle, wie sie selber auch!

Und Georg tauchte vor ihren Augen auf: der ging nie einen Schritt vom Wege, der ging den schnurgeraden Pfad der Korrektheit, der Sitte, der Pflicht!

Ein trotziges Aufbäumen faßte sie: nein! Die Birkenschen Kinder gingen keinen vorgezeichneten Pfad. Die gingen durch Gestrüpp und auf Irrwege, die nahmen sich, was sie begehrten, und wenn es um den Hals ging. Und wenn man zugrunde ging!

Erschreckend deutlich sah sie vor sich das wunderschöne und ein wenig traurige Jünglingsantlitz des toten Bruders.

Und sie sah Alfreds Zukunft unter Afrikas sengender Sonne, die sein wildes Gehirn immer mehr aufreizte, immer mehr . . . Und sie sah Heinrich, dessen Energie immer schlaffer wurde in der regenbogenfarbenen Dämmerung der Mystik und der Dichtkunst.

Und sie sah sich selbst, losgelöst von Haus und Herd, voll von strotzender Jugendkraft, voll von heißen Phantasien.

Wie ein böses und trauriges Lied, wie eine unendlich schmerzvolle Melodie klang es ihr im Ohr: »zugrunde gehn?«



14.

Wenn Sie Ihre Freiheit dazu erobert haben, um Tage über auf dem Balkon zu sitzen nachts den Schlaf des Gerechten zu schlafen, dann . . dann brauchten Sie Eigentlich diese Freiheit verflucht wenig!« sagte Edith eines Tages.

Das traf Monika. Edith hatte recht. Was tat sie mit der heißbegehrten Freiheit? Und mit plötzlichem Entschluß sagte sie:

»Ja, Sie haben recht, Edith. Es ist lächerlich, daß ich mich so abschließe.«

Nicht mehr wie bisher ging sie gleich nach den Mahlzeiten nach oben, sondern blieb mit Edith in der Halle. In dem großen, prunkvollen Raume mit seinen riesigen Spiegeln, den hohen Marmorvasen, in dem exotische Pflanzen blühten, war besonders zur Zeit des Fünf-Uhr-Tees ein buntscheckiges Publikum versammelt. Hier wiegte sich auf dem Rocking-Chair eine goldblonde junge Amerikanerin, den Strohhalm ihres Ice-Drink zwischen den purpurn geschminkten Lippen: ihre weitvorgestreckten Füße ließen ihre violetten Seidenstrümpfe und breithackige Lackschuhe sehen, auf deren Spangen Brillant-Agraffen blitzten. Und über diese Agraffen beunruhigte sich eine deutsche Bürgerfamilie, die, angelockt durch das Plakat: »Täglich von 5 bis 7 Zigeuner-Musik«, sich hierherbegeben. Der Familienvater suchte sich immer von neuem dadurch Contenance zu geben, daß er sein Pincenez zurechtschob. Das alles hier herum war ihm sehr ungemütlich. Diese babylonische Pracht in der Runde sowohl wie die Blicke, mit denen seine gestrenge Gattin kontrollierte, ob er den extravaganten Damen hier Aufmerksamkeit schenke.

An einem der nächsten Tische saß ein altes, englisches Ehepaar, das so häßlich war, daß man nicht verstehen konnte, wie es zu der wunderschönen Tochter kam, die es spazieren führte.

Ein paar Südamerikaner mit stechenden schwarzen Augen in olivbraunen Gesichtern, Mister Raspkeeper, der Petroleumkönig, dessen mageres Gesicht über dem entfleischten Halse etwas Geierhaftes hatte, die schöne Niniche, eine weltbekannte Tänzerin, die von echten und falschen Reizen strotzte, Herr von Aro, ein angekränkelter deutscher Rittmeister, Graf Lork, ein eleganter Russe, von dessen Reichtum man Fabelhaftes erzählte, und das alles trank Tee und Cocktails, aß Petits Fours und Sandwiches. Durch die riesigen Spiegelscheiben glänzte das tiefe und kostbare Grün des Sees, grüßte des Bürgenstocks wildzackiger Umriß.

Und die Zigeuner in ihren roten Jacken spielten auf stöhnenden Geigen von der Liebe . . .

Da schlug Monikas Herz so qualvoll . . . Ihre Liebe zu Georg war ja tot.

Sie nahm sich zusammen, hörte nicht mehr auf den schmachtenden, traurigen Walzer, der davon erzählte, wie die Liebe stirbt . .

Ins Leben hinein, – ins Leben! –

Sobald Monika aus ihrer Reserve herausgetreten, hatte sie bald Freundschaften und Bekanntschaften die Menge. Natürlich waren es besonders Herren, die es sich angelegen sein ließen, ihr Gesellschaft zu leisten.

Des Morgens beim Rudern, nachmittags beim Tennis und beim Tee, abends nach dem Diner, wo ein großer Teil der Hotelgäste wieder in der Halle versammelt war, um neuen musikalischen Darbietungen zu lauschen – immer war sie von einer Anzahl Verehrer umgeben.

Uebrigens benahm sie sich ihnen gegenüber durchaus reserviert. Sie hatte nichts mehr von der herausfordernden Koketterie ihrer Mädchenjahre. Die Zurückhaltung war ihr mehr in Fleisch und Blut übergegangen, als sie selbst es geahnt. Wetterhelmsche Schule!

Edith dagegen war entgegenkommender. Sehr erfreut darüber, daß sie nun durch Monika Anschluß an elegante Kreise gefunden, zeigte sie sich von einer Lebhaftigkeit, die ihre äußere Erscheinung nicht erwarten ließ.

Man unternahm jetzt immer sehr viel an diesen endlos langen Sommertagen, die ganz in Sonnengold getaucht waren. Morgens fuhr man meistens mit dem Motorboot des Grafen Lork. Mit spielerischer Sicherheit glitt das Boot über die grüne Wasserfläche, vorbei an starren Felswänden, die senkrecht ins Wasser abfielen.

Der See hatte tiefe Einschnitte in die Felsmasse gewühlt, und triumphierend spielten seine Wellchen in den Buchten.

Man machte in irgendeinem von den Orten am See Station, um dort zu frühstücken, im Schloß Hartenstein, in Gersau oder Vitznau. Man saß da auf einer glasgedeckten Veranda oder auch im Garten.

Der Sommer goß einen heißen Strom von Leben über die Welt, über Büsche und Sträucher, über Blumen und Früchte.

Die Zahl der Teilnehmer an diesen Fahrten war eine verschiedene, aber fünf waren immer dabei: Monika und Edith, Graf Harry Lork, der Besitzer des Motorboots, der Leutnant von Berningen und der Gutsbesitzer von Milorski, ein Pole, der diese Fahrten zu den Lichtpunkten seines Lebens zählte.

Das konnte übrigens niemand wundernehmen, denn der hübsche dreißigjährige Milorski besaß eine Gattin, die an Häßlichkeit und Unliebenswürdigkeit das erlaubte Maß überschritt.

Und als ob das nicht genug des Unglücks gewesen wäre, hatte der Himmel ihm dazu noch eine mitreisende Schwiegermutter verliehen, die ihn schaudernd ahnen ließ, wie seine Gattin in zwanzig Jahren sein würde.

Wenn jemand die Bekanntschaft von Frau von Milorski machte, so fühlte der Gatte sich verpflichtet, die neue Bekanntschaft so bald wie möglich beiseite zu nehmen und ihr zuzuflüstern:

»Wissen Sie, ich habe meine Frau nämlich wegen ihres Geistes geheiratet!«

Uebrigens besaß Frau von Milorski in der Tat Intelligenz und bildete in dieser Eigenschaft einen starken Gegensatz zu ihrem Gatten.

Ein leichtes Leben hatte er übrigens nicht, denn seine Frau war eifersüchtig, bewachte, unterstützt von ihrer Mutter, jeden seiner Schritte, und nur die frühen Morgenstunden brachten ihm Befreiung, lösten ihn von jeder Fessel. Seine Damen waren ausgesprochene Langschläferinnen, schliefen bis in den hellen Mittag hinein, »weil das für den Teint gut« sei.

Und diese Morgenstunden in der letzten Zeit waren dazu angetan, Milorski den traurigen Rest des Tages vergessen zu lassen.

Wie bildschön und reizend elegant sah Monika aus! Wie amüsant und witzig wußte Edith zu scherzen!

Und dieser brave, liebe Kerl, der Berningen von den Kronprinz-Ulanen – und dieser famose Graf Lork. Und überhaupt alles so nett und friedlich!

Herr von Milorski fühlte sich wie im Himmel, seine etwas hervorstehenden Augen in seinem frischen Gesicht mit der slawischen Stumpfnase blickten wie verklärt.

Auch Graf Lork war immer in bester Stimmung. Nicht gerade, daß er eine übersprudelnde Laune zur Schau getragen, das war nicht seine Art. Er war immer sehr still.

Es gab Leute, die ihn für dumm, andere, die ihn für einen großen Geist hielten. Er war nicht leicht zu durchschauen, verbarg etwaige Gefühle und Gedanken hinter einem Lächeln, das einen Anflug von Zynismus hatte. Aeußerlich war er eine Erscheinung von ungewöhnlicher Eleganz: sehr groß und sehr schlank. Das Gesicht zeigte etwas seltsam Widerspruchsvolles: die Augen hatten einen verträumten Ausdruck und der Mund einen Zug von Brutalität.

Er sprach wenig, und was er sagte, war fast immer freundlich und banal. Mitunter aber überraschte er durch eine Bemerkung von beißender Schärfe.

Edith bemühte sich, in seiner Gegenwart immer ganz besonders geistreich und liebenswürdig zu sein, und sie hatte die Genugtuung, daß er über ihre scharfen Scherze herzlich lachte.

»Wie finden Sie eigentlich den Grafen Lork?« wurde Monika eines Abends von Edith gefragt.

Sonst pflegte Edith, wenn man des Abends nach oben kam, gleich in ihr Zimmer zu gehen. Es herrschte durchaus kein besonders herzliches oder vertrautes Verhältnis zwischen den beiden. Aber heute blieb Edith in Monikas Zimmer, und diese verabschiedete sie nicht.

Es war besser so, als allein bleiben in der blauen Sommernacht.

»Wie ich Lork finde? Ganz nett,« sagte sie gleichgültig. Dann fügte sie hinzu: »Entschieden sehr liebenswürdig zu uns.«

»Ich finde ihn entzückend,« sagte Edith mit schwerer Stimme.

»Wirklich?«

»Er ist der überlegenste Mensch, den ich jemals sah.«

»Das ist mir nie aufgefallen.«

»Er ist so sicher! Vielleicht ist es sein Reichtum, der ihn so sicher macht. Er ist ja unsinnig reich.«

»Das ist wahrscheinlich Hotelklatsch, Edith: die Lorks haben sonst nicht viel.«

»Ja, aber seine verstorbene Mutter war doch eine geborene Arankow, die die Kupferminen im Ural haben und die Ziegeleien in Tiflis.«

»Wie genau Sie orientiert sind.«

»Mich interessiert Reichtum so sehr. Er ist die mächtigste Macht, die schönste Schönheit der Welt.«

»Unsinn.«

»Nein, Monika, kein Unsinn! Geld haben, das ist die Quintessenz von allem. Der Schlüssel, der alle Türen öffnet, das einzig sichere Piedestal in Sand und Sumpf. Ach, reich sein! Und genießen, wie alle sich davor beugen!«

»Es beugen sich nicht alle vor dem Reichtum.«

»O, es kommt auf die Höhe der Summe an.«

»Sonderbare Ansichten.«

»Ach, Monika, Sie können das nicht so empfinden. Ich weiß genug von Ihnen, um zu wissen: wirklich arm sind Sie nie gewesen: Aber ich weiß, was es heißt: des Lebens Not! Vater als pensionierter Hauptmann mit fünf Kindern . . . Na, reden wir nicht davon. Glauben Sie mir, es gibt nichts Schlimmeres, als die täglichen nagenden, kleinen Sorgen. Die haben mir meine Kinderzeit vergiftet – und meine Jugendzeit.«

Es war jetzt ganz dunkel geworden in dem kleinen Zimmer. Der See lag da wie in schwarzen Sammet gehüllt. Und durch das Dunkel sprach die Mädchenstimme:

»Die Armut hat meine Kinderjahre vergiftet und meine Jugendzeit. Als Kind habe ich Kindermädchen bei meinen Geschwistern spielen müssen, und später, als ich kaum erwachsen war, habe ich fremder Leute Kinder unterrichten müssen. In einer Zeit, in der sonst die jungen Mädchen an Glück denken, hab' ich an Brotverdienen gedacht. Ich lebte so hin, stumpf – ohne Schmerz – – und ohne Freude auch. Auch ohne die Hoffnung auf ein Besserwerden. Da kam einer – –«

»Und er liebte Sie?«

»O nein, Monika, er liebte mich nicht. Nur ich ihn – –« Sie brach kurz ab.

Ein paar schwere zitternde Atemzüge.

Und dann, nach einer Weile fuhr die harte Stimme fort:

»Nein, er liebte mich nie. Er war immer ganz unpersönlich zu mir. Er betrachtete mich wie eine mathematische Formel, die er auflösen müsse. Er analysierte mich, meine körperlichen und meine seelischen Eigenschaften, und eines schönen Tages sagte er mir: »Wissen Sie, Edith, Sie sind eigentlich viel zu schade, um hier als Töchterschullehrerin zu versauern. Sie haben das Zeug dazu, im Leben etwas zu erreichen. Gehen Sie hinaus ins Leben.« – –

Und ich ging! Uebrigens erst, nachdem ich eingesehen hatte, daß er weiter absolut nichts für mich übrig hatte als diesen guten Rat.«

»Nach Zürich gingen Sie?«

»Ja – und nachdem man mich, als Mädchen aus guter Familie, jahrzehntelang mit Redensarten über die menschliche Würde gefüttert, mit besonderer Berücksichtigung der weiblichen Würde, des Wertes einer streng sittlichen Lebensauffassung und so weiter . . . griff ich zum Studium der Medizin. Die klärt uns am besten auf über die Gottähnlichkeit der Menschen.«

Ein häßliches Lachen kam aus ihrem Munde.

»Und sind Sie seit dieser Aufklärung glücklicher?«

»Nein, durchaus nicht. Mein Glück würde auf ganz anderem Gebiete liegen.«

»Auf dem der Liebe?«

»Kaum. Reich möchte ich sein, mir alles Schöne kaufen – so viel Schönes, erdrückend viel, um nicht mehr an all das Häßliche zu denken, das ich in meinem Leben gesehen habe. Um mir die Seele frei zu machen von all dem nüchternen Alltag, der zeitlebens auf ihr gelastet! . . . Und genießen, ach, Macht genießen . . . wie das sein muß für jemand, der sein ganzes Leben lang immer kuschen mußte: Macht genießen!«

Ein heißes Beben kam in die harte Stimme.

»Und zu denken, Monika, daß ich all das erreichen könnte. Daß mich dieser Lork nur zur Frau zu begehren braucht und – –«

»Ah so.«

»Monika, das bringen doch so viele andere fertig: eine gute Partie zu machen! Mädchen, die häßlicher sind als ich, dümmer, ungebildeter, schlechter . . . Herrgott, es gibt doch Tingeltangelmädchen, die Erzherzöge heiraten! Mädchen, die eine kolossale gesellschaftliche Kluft überspringen . . . Das gibt es doch nicht bloß in Märchen: daß Bettlerinnen später von goldenen Tellern aßen! Und hier ist nicht einmal ein sozialer Unterschied vorhanden. Wir Gräberts sind Uradel, gegen meinen Ruf ist nichts einzuwenden. Daß ich nicht dumm bin, weiß ich, und äußerlich – ich bin doch nicht reizlos? Nicht? Sagen Sie mir offen Ihre Meinung, Monika, ich bin doch nicht reizlos?

Es war ein heißes Flehen in diesen Worten. Das Dunkel verbarg die Schamröte, die in Ediths Wangen emporstieg bei diesem Betteln um ein anerkennendes Wort.

»Sie haben sicher eine Menge Vorzüge.«

»Monika, zu denken, daß es nur eines Wortes von Lork bedarf . . . und aus dem elenden Grau meiner Existenz wird ein Märchentraum.«

»Wenn Sie einen anderen lieben . . .«

»Ich liebe den nicht mehr. Ich habe eine gute Dosis Verstand, wissen Sie, und eine recht reichlich bemessene preußische Nüchternheit. Eine einseitige Liebe ist auf die Dauer nichts für mich! Es gibt ein altes Sprichwort: »Einer freut sich nie allein, es müssen immer zweie sein.« Das klingt dumm, aber wahr ist es doch. Meine erste Liebe macht mir wirklich keine Kopfschmerzen mehr.«

»Und Sie lieben jetzt den Grafen Lork?«

»Lieben ist vielleicht ein etwas starker Ausdruck. Er gefällt mir unendlich! Und wenn er mich heiratete, würde ich bemüht sein, ihm eine gute Frau zu werden . . . Ach, Monika, helfen Sie mir!«

»Wie kann ich das?«

»Helfen Sie mir! Beeinflussen Sie ihn! Männer sind doch so leicht zu beeinflussen. Reden Sie ihm doch von mir, machen Sie mich ihm interessant, bitte . . .«

Zwei fieberheiße Hände griffen nach Monikas Händen und preßten sie in krampfhaftem Druck.

»Helfen Sie mir! Versuchen Sie, mir zu helfen!«

Eine fanatische Inbrunst glühte aus diesen Worten. Die zitternde Hoffnung eines Menschen, der sich seinem Glücke – vielleicht – nahe sieht.

Und in heißem Mitgefühl sagte Monika: »Was in meiner Macht steht, Ihnen zu helfen, will ich gern tun.«

Dann knipste sie das elektrische Licht an und sah in der plötzlichen Helligkeit ein anderes Gesicht als das, das Edith immer zur Schau trug. Das liebenswürdige Lächeln war fort. Und die Herbheit auch.

Ein aufgewühltes, leidenschaftliches Antlitz starrte ihr entgegen, heiße Augen und verlangende Lippen. Die Pupillen der hellgrauen Augen waren fieberhaft erweitert, in der Gier nach Geld und Glück . . . Blitzschnell senkten sich über diese Augen die blondbewimperten, breiten Lider, deren Haut schon ein wenig zerknittert war. Und die Lider blieben gesenkt, als wollten sie die Glut nicht sehen lassen, die in den hellen, kalten Augen so heiß emporgelodert war. . . .


* * *


Schon an einem der nächsten Abende hatte Monika Gelegenheit, sich mit der ihr anvertrauten Mission zu beschäftigen. Das Hotel gab seinen Gästen einen Ball. Auf schön lithographierten Einladungskarten empfing jeder ein auf den Namen ausgestelltes Billet.

In den drei riesigen Sälen entfaltete sich ein kaleidoskopartiges buntes Bild.

Monika hatte zuerst gezögert, ob sie an dieser Tanzfestlichkeit teilnehmen solle. Sie war in keiner frohen Laune. Aber Edith war es nicht schwer geworden, sie dann doch zur Teilnahme zu bewegen: sie sah ja vollkommen ein, daß es lächerlich war und unmotiviert, an keiner Festfreude teilnehmen zu wollen.

Ja, sie würde hingehen – natürlich – und sich sehr gut amüsieren, und außerdem bei Lork für Edith »Reklame machen«, wie diese selbst mit bitterer Selbstironie sagte.

Als die beiden herunterkamen, war schon eine Menge von Gästen versammelt. Eine Anzahl sehr gut angezogener Amerikanerinnen wiegte sich mit ihren glattrasierten Landsleuten im Twostep. Eine Pariser Schauspielerin, mit einer gesucht kindlichen Frisur, erregte Aufsehen durch ihre montmartrehafte Art des Tanzens.

Der Rittmeister von Aro vergaß sein Lungenleiden und schwenkte die Damen unermüdlich und begeistert.

Herr von Milorski litt Tantalusqualen: er saß auf einem Stuhle, umzingelt von Frau und Schwiegermutter, die letztere in blauem Samt, die erstere in roter Seide. Die kleine, sehr dicke Frau von Milorski, die gut sechs Jahre älter war als ihr Mann, hatte in ihrem Gesichtsausdruck durchaus nichts von der Gutmütigkeit, nach der dicke Leute so häufig aussehen. Ihre winzigen Augen blinzelten bösartig in die tanzende Schar vor ihr, mit entschiedener Mißbilligung blickte sie auf die eleganten Erscheinungen, denen ihr Gatte sehnsuchtsvoll und träumerisch nachstarrte.

Herr von Berningen, der Kronprinz-Ulan, widmete sich zwei holländischen Damen, die Mutter und Tochter waren. Wie einst ein deutscher Dichter, wußte er nicht genau, welche von beiden er zur Dame seines Herzens erwählen solle. Gegen die Heinesche Epoche war das Bild aber entschieden verändert: den erfahreneren Eindruck von beiden machte die Tochter. Ihre Art, sich zu bewegen und zu benehmen, zeigte entschieden eine größere Sicherheit.

Wenn sie mit ihrem energischen Schritt, in ihrem saphirblauen, goldgestickten Kleide, einen Blaufuchs über der linken Schulter, quer durch den Saal schritt und einen Tisch in Beschlag nahm, so machte sie entschieden den Eindruck, die Chaperonne ihrer Mutter zu sein, die ihr bescheiden folgte, und deren Schönheit das Gepräge stiller Lieblichkeit trug.

Wie gesagt, – Berningen schwankte.

Die Mutter hatte so schöne kastanienbraune Haare.

Aber die Tochter war so pikant goldblond entfärbt. Die Tochter sprach Argot, rauchte Zigaretten, trank Cocktails, nahm Stellungen ein, die von bewußter Koketterie sprachen. Das alles gefiel aber Berningen weniger als die vornehm-liebenswürdige Art der Mutter.

Jedoch die Tochter war achtzehn und die Mutter siebenunddreißig. Und doch war die Mutter schöner. . . .

Verzweifelt beschloß Berningen, sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, sondern beiden die Cour zu machen.

Graf Lork stand gelangweilt an einer Säule: sein Gesicht hellte sich auf, als Monika und Edith eintraten.

Edith sah entschieden in Balltoilette unvergleichlich besser aus als sonst, wenn auch ihr Kleid weder kostbar noch modern war. Die pfauenblaue Seide hob ihre durchsichtig helle Haut, ließ das Blond ihrer Haare wärmer erscheinen als sonst. Die gespannte Erwartung, in der sie sich befand, gab ihrem Gesichte ungewohnt lebhafte Farben.

Monika war es nicht schwer gemacht, ihrem Gespräch mit Lork die Wendung zu geben, die sie beabsichtigte.

»Wie hübsch Fräulein von Gräbert heute aussieht,« sagte sie, als sie mit Lork auf der Galerie stand, die sich in halber Höhe des Saales an den Wänden entlang zog.

Man hatte von hier aus ein wundervolles Bild auf das Gewühl des Ballsaales. Unter dem blendenden Lichte des elektrischen Kronleuchters waren die Farben da unten wie ein tausendfarbiger Blumenstrauß: Lindenblütengrün und erikafarben, perlgrau und rosa, violett und altgold – das Schillern der Seide, die stumpfe Weichheit des Chiffon – die tiefen Töne des Sammet und das grelle Blitzen der Metallstickereien und der Paillettengarnierungen,

Dazwischen das Weiß und Schwarz der Herrenkleidung! diese brutal einfachen Farben bildeten einen guten Hintergrund für die tausend schillernden Nuancen der Damenkleider.

Und wie dem bunten Blumenstrauß Tautropfen, auf denen die Sonne funkelt, die letzte Vollendung geben, so funkelte hier das unvergleichliche Feuer der Edelsteine.

Das Licht brach sich weißsprühend in den Brillanten, blutfarben brannten die Rubinen, Smaragden gleißten, der lockende, matte Schimmer der Perlen und das regenbogenfarbig gebrochene Licht der Opale.

Monika sah nur zerstreut hinunter. Ihr lag ihr Auftrag am Herzen. Die abgrundtiefe Bitterkeit, die sie gestern in Ediths Seele gesehen, hatte sie erschüttert. Wenn sie dazu beitragen konnte, dem armen Mädchen zu seinem Glück zu verhelfen, so würde ihr das eine Herzensfreude sein.

Und sie wiederholte ihre erste Bemerkung.

»Ja, Fräulein von Gräbert sieht heute überraschend gut aus,« sagte Lork.

»Warum überraschend? Sie ist doch immer reizvoll.«

Er äußerte ein unbestimmtes »Hm«, das ebenso gut ja wie nein heißen konnte. Aber Monika ließ nicht locker.

»Ich bin überhaupt froh, daß ich mich mit Fräulein von Gräbert für die Reise zusammengefunden habe. Sie ist so amüsant, sie verbindet schärfste Logik mit Sinn für Humor.«

»Sind Sie schon lange miteinander befreundet?« »Nein, erst seit kurzer Zeit. Ich hatte zuerst die Absicht, allein nach Luzern zu gehen.«

»Sie sind gar nicht dazu geschaffen, allein zu sein,« sagte er und wendete sich plötzlich voll zu ihr herum. Bisher hatten sie beide nebeneinander an der Balustrade gelehnt.

Mit einem heißen Aufleuchten seiner Augen blickte er ihr ins Gesicht, in das reizende Gesicht mit den rosigen Farben. Ihre Schultern leuchteten blendend aus der rosa Seide ihres Kleides.

»Warum sagen Sie das?« fragte sie leise.

»Weil ich das meine und weil ich mitunter sage, was ich meine.«

»Nicht immer?«

»O nein, durchaus nicht.«

Da wurde sie lebhaft, wie immer, wenn etwas Ungewöhnliches ihre Aufmerksamkeit fesselte. Und es wurde ein lebhaftes Hin und Her von Meinungen und Gedanken, von Bemerkungen, die oft paradox, immer aber geistreich waren.

Monika plauderte sich ganz heiß: zum ersten Male seit langer Zeit interessierte sie ein Gespräch.

Sie hatte nie geglaubt, daß dieser Graf Lork, den sie bisher für einen recht oberflächlichen Lebemann gehalten, so originelle Anschauungen haben würde.

Und sein Erstaunen war nicht kleiner. Er hatte geglaubt, Frau von Wetterhelm sei eine sehr hübsche Modepuppe, deren Horizont über Toilettenfragen kaum hinausging.

War doch Monika in der ganzen Zeit so sehr zurückhaltend gewesen, hatte so gar nichts von der sprühenden Art verraten, die sonst in ihrer Natur lag.

Ja, das Erstaunen war ein gegenseitiges. Als man sich spät in der Nacht trennte, erwartete Lork mit förmlicher Ungeduld den nächsten Tag und die morgendliche Bootfahrt,

Als an dem Ballabend Edith Monika vor dem Schlafengehen sehr gespannt fragte: »Nun, – – was sagte er?«, wußte sie einen Augenblick gar nicht, worum es sich handelte. Doch gleich darauf war sie im Bilde. Sie sagte:

»Edith, ich will ganz offen sein. Also: ich habe nicht gemerkt, daß er ein besonderes Interesse für Sie hätte.«

»Daß weiß ich allein,« klang es hart zurück, »ich will es ja auch erst in ihm erwecken.«

»Vielleicht war ich nicht sehr geschickt im Erfüllen meiner Aufgabe,« sagte Monika. »Wir haben schließlich von ganz anderen Sachen gesprochen.«

»Aber das ist doch selbstverständlich,« rief Edith lebhaft dazwischen. »Allzu auffallend darf das doch nicht gemacht werden! Jetzt tun Sie mir bloß die Liebe, Monika, und werfen Sie nicht sofort die Flinte ins Korn! Das wäre doch nicht gerade eine große Freundschaft, wenn Sie schon genug davon hätten! Daß Sie nicht auf Anhieb einen großen Erfolg erzielen würden, mit der Reklame für mich – das war mir von vornherein klar. Aber nicht nachlassen – – bitte, bitte, Monika! Helfen Sie mir! Nicht wahr, Sie werden versuchen, mir weiter zu helfen?«

So kam es denn, daß in der nächsten Zeit Monika viel mit Lork zusammen war. Sie gab ihm gegenüber die strenge Zurückhaltung auf, die sie alle die Zeit hindurch gehabt.

Es kam jetzt oft vor, daß sie sich mit ihm von den anderen absonderte. Es geschah ja im Interesse einer anderen. Und der Verlauf des Gesprächs war immer derselbe: sie begann damit, ihm irgendwelche Vorzüge von Edith zu rühmen, und dann ging die Unterhaltung andere Bahnen, berührte tausend Gebiete und enthüllte Monika jedesmal von neuem, welch weiten Horizont der Graf hatte. Der hing nicht an Vorurteilen, der war kein Prinzipienreiter wie Georg von Wetterhelm.

Langsam ging Monika immer mehr aus sich heraus, erschloß immer mehr von ihrem Gefühlsleben, in der unwillkürlichen Empfindung einer starken, seelischen Verwandtschaft mit dem Grafen.

Gleich ihr hatte er eine Abneigung gegen viele Forderungen der Konvention.

Gleich ihr empfand er eine tiefe Liebe für die schönen Künste.

Wohl bestand insofern ein Unterschied, als es ihm hauptsächlich die Musik angetan hatte, während sie in Gedichten ihre stärksten Anregungen fand. Aber dieser Unterschied war ja nicht fundamental, waren es doch Rhythmen, die sie beide beglückten.

Uebrigens begann ihr häufiges Zusammensein aufzufallen. Bei einem Ausflug nach Rigi-Kaltbad, den man in größerer Gesellschaft unternahm, brüskierte Lork die anwesenden Damen dadurch, daß er sich ausschließlich mit Monika beschäftigte. Schon bei der Dampferfahrt von Luzern nach Vitznau war das aufgefallen. Als man dann in Vitznau die Rigibahn bestieg, richtete Lork es so ein, daß er mit Monika im zweiten Wagen der elektrischen Bahn saß, während alle übrigen Teilnehmer des Ausflugs im ersten Wagen Platz genommen hatten.

Die Bahn stieg ihren steilen Weg empor, bot Wundervolle Ausblicke auf den See, der in der Tiefe funkelte wie ein Juwel.

Vorbei ging es an Reihen mächtiger Laubbäume, bis weiter oben die dunkeln Tannenwaldungen anfingen und spröde Bergkräuter den Boden überwucherten.

Ein auffallender Temperaturunterschied machte sich bemerkbar. Für sie alle, die unten auf dem See den goldenen Geschossen der Sonne ausgesetzt gewesen, bedeutete es ein Aufatmen: die Luft voll kühler Frische, voll herber Reinheit. Leichte Wolken lagen in dieser Höhe, hingen wie ein dünner, weißer Schleier über den dunkeln Tannen.

Auf Station Kaltbad verließ die Gesellschaft die Wagen, schritt, während die Bahn weiter der Höhe zustrebte, zum Hotel, in dem das Frühstück bestellt war.

Es herrschte bei diesem Frühstück keine einheitliche Stimmung. Es hatten sich zu viele Einzelgruppen gebildet, die sich ihren eigenen Interessen hingaben, sich um das Allgemeinwohl nicht kümmerten.

Der Leutnant von Berningen widmete sich ausschließlich seinen beiden schönen Holländerinnen, schenkte der Mutter Tee und der Tochter Whisky ein.

Herr und Frau von Rassow, ein hochzeitsreifendes Paar, erfüllten getreulich ihre Verpflichtung als Jungvermählte: nur für einander zu existieren.

Herr von Milorski, dem es, weil man so zeitig am Morgen aufgebrochen, möglich gewesen, seinen beiden Hüterinnen zu entfliehen, machte Edith die Cour, – diese war übrigens damit sehr wenig einverstanden, sie betrachtete mißbilligend Milorskis frisches Gesicht, – wie ein riesiges, wohlgenährtes Baby sah er aus. – Seine Wangen glänzten vor Hitze und vor Freudigkeit.

Nein, das war nichts für Edith! – Sie warf einen bösen Blick auf Lork und Monika, die auch eine Gruppe für sich bildeten und lediglich miteinander beschäftigt schienen.

Nach dem Frühstück ging man in den Park des Hotels, der schön wie ein Märchengarten war mit dem unvergleichlichen Grün seiner Rasenflächen und seinen Gruppen prachtvoller Nadelbäume, über denen das Silbergespinnst des zarten Nebels hing.

Dieser Nebel trennte Monika und Lork bald von der übrigen Gesellschaft. Sie beide waren ganz allein in dieser grünen, silberumsponnenen Einsamkeit.

»Was für ein Entzücken, hier zu atmen,« sagte Monika, »so recht aus tiefster Brust zu atmen –«

»Wie ein Rausch ist es.«

»Ja, wie ein unendlich zarter Rausch – –«

»Höhenluft!« sagte Lork.

Und dieses Wort ließ mit einem Schlage in Monikas Gedanken die Gestalt ihres Mannes auftauchen.

Sie wußte selber nicht warum. Aber sie empfand einen Zusammenhang zwischen der herben, starken Höhenluft und Georgs Wesen.

Und gleich darauf flammte eine Empörung in ihr auf.

Was sollte es, daß sie jetzt an ihn dachte?!

Sie wollte nicht mehr an ihn denken – – nie mehr!

Und sie lachte und sprach, und sie war lebhaft, liebenswürdig wie nie zuvor.

An diesem Tage erzählte sie zum ersten Male Harry Lork von ihren schriftstellerischen Versuchen.

Er bewies ein glühendes Interesse, schmeichelte ihr das Versprechen ab, ihm noch heute abend irgendeines ihrer Manuskripte zu geben.

»Aber es sind eigentlich alles nur Notizen,« sagte Monika verlegen, »gar nichts Fertiges, nur Betrachtungen. Ich habe sie eigentlich nur für mich selbst geschrieben.«

»Aber das ist ja unendlich interessanter, als wenn es anders wäre,« rief er lebhaft. »Ich habe bei allen Kunstwerken mehr Interesse für die erste Skizze als für das fertige Werk.«

Und am Abend gab ihm Monika wirklich ein paar Seiten, die sie geschrieben.

Sie hatte mit sich gekämpft, ehe sie es getan. Aber dann sagte sie sich, daß sie doch nicht allein für sich schreibe, sondern daß sie für ein Publikum arbeiten wolle: daß es doch gerade ihr Lebensberuf sein würde, ihre Gedanken der Menge preiszugeben.

Ja, sie hatte gedacht: »der Menge . . . preiszugeben . . .«

Warum empfand sie nicht mehr wie früher, als es ihr höchste Seligkeit erschienen War, ihre Gefühle anderen zugänglich zu machen, sie mit teilnehmen zu lassen an Freuden und Schmerzen?

Jetzt war in ihr ein Zurückschauern vor diesem Gedanken.

Waren das wieder Vorurteile, die Georg ihr in die Seele gepflanzt?!

Nun, die wollte sie wohl noch besiegen. . . .

Und trotzig griff sie aufs Geratewohl in den kleinen Stoß von Heften in ihrem Schreibtisch, nahm eines davon heraus und gab es nach dem Diner dem Grafen Lork.

Auf den Blättern stand:

»In die Vasen auf meinem Kaminsims habe ich weiße Rosen gestellt. Halberblüht sind sie. Ihre schweren Kronen sehen aus wie aus Elfenbein geschnitzt: geschnitzt von einem primitiven Meister, denn ihr Kern ist noch plump. Die blassen Blätter liegen so fest übereinander, daß sie eine einzige Masse bilden. . . . Nur zwei, drei der äußersten Blütenblätter fangen an, sich von dem festen Kern zu lösen, und unter ihnen sitzen die zwei Hüllen-blätter, weit auseinandergetan, sonderbar tiefrosig überhaucht. . . . Wie blutbefleckt sehen diese offenen Kelchblätter aus.

Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist. Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.

Vollendung! . . .

Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?

Ach, diese Rosen beschreiben – wie kann man das? So beschreiben, daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter sieht . . . und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich weich und kühl diese Blütenblätter sind.

Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.

Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können, weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu bezeichnen.

Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu einfach, unsere Waffen zu stumpf.

Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd ahnt, wie schön die Sprache sein könnte, wenn man sie pflegte und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.

Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen kann die Nuancen geben.

Schade! Worte sind doch alles.

An Worten hängt unser Schicksal. Wie wenig haben Taten oft zu bedeuten! Taten gibt es, die nicht mehr zu erkennen sind unter der Last von tausenden schwirrenden Worten. Taten, die entstellt werden durch Worte, wie ein schönes Jünglingsantlitz durch Wunden, wie ein holdes Mädchengesicht von fressendem Aussatz.

Andere wieder werden durch Worte so wundersam verschleiert wie eine Landschaft durch einen Nebelhauch.

Ach, Worte . . .

Und zu fühlen: die Worte, die wir kennen, sind zu schwach, sie, die uns Flügel sein sollten, sind uns nur Krücken!

Wohl könnte ich sagen, was für Rosen in den Vasen auf meinem Kamin blühen, aber wie soll ich das Glück beschreiben, das ich empfinde beim Anschauen dieser Pracht, beim Anschauen dieser schwellenden Rosen, die schönheitsstrotzend ihrem Tode entgegenblühen?« – –

Am nächsten Tage, während der Morgen-Bootfahrt, sagte Lork zu Monika:

»Ich kann Ihnen nicht sagen, einen wie tiefen Eindruck Ihre Zeilen mir gemacht haben. Besonders darum, weil sie Gedanken enthalten, die ich oft gefühlt und die ich nie in Worte habe bringen können. Zum Beispiel das, was Sie über die Sprache sagen. Wie oft habe ich das empfunden i es gibt tausendfache Gefühlsnuancen, für die wir keine Worte haben. Besonders, wenn es sich um Liebe handelt. Gerade das Erwachen der Liebe ist mit Worten nicht zu bezeichnen, jenes Stadium, das eigentlich noch keine Liebe ist, auf das aber die Liebe so unbedingt folgt wie Frühling auf den Vorfrühling. Jenes Stadium, wo man einer Frau die Hand küßt und dabei anfängt, an ihre Lippen zu denken. . . . .«

Und Graf Lork beugte sich bei diesen Worten tief über Monikas Hand.



15.

Von diesem Tage ab gab Monika ihm oft etwas, was sie geschrieben, Phantasien, Betrachtungen, manchmal ein Gedicht. Und immer aufs neue war sie erstaunt von dem Verständnis, das er ihr entgegenbrachte. Ein Verständnis, das bis ins einzelste ging und jede flüchtige Nuance zu würdigen wußte.

Sie empfand ein lebhaftes Erstaunen darüber. Wenn man Lork kennen lernte, vermutete man so gar nichts Aehnliches in ihm. Die ganze erste Zeit ihrer Bekanntschaft war er ihr als weiter nichts erschienen als ein Mann von guten gesellschaftlichen Formen und von banaler Liebenswürdigkeit. Und nun dieses feinsinnige Eingehen auf jeden ihrer Gedanken.

Und die grenzenlose Mühe, die er sich gab, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen, ihr jede Laune zu erfüllen, kaum daß sie ausgesprochen war. – – Sie verstand ihn erst dann, als sie ihn einmal Klavier spielen hörte.

An einem brütend heißen Nachmittag war's. In der Halle hatte man die großen Stores heruntergelassen, und diese dünne Scheidewand genügte, um das rote Brennen des Sommertages in eine opalblasse Dämmerung zu verwandeln.

In den Korbstühlen und Schaukelstühlen lagen ein paar Hotelgäste in »aufgelösten« Stellungen herum.

Eine sehr hübsche Russin war sogar im Peignoir erschienen, in einem nilgrünen und goldgestickten Peignoir, dessen Farben mit einem tiefen, metallischen Glanze aufleuchteten in dem sanften Halblicht, das man in der Halle hergestellt hatte.

Ein Engländer verpflanzte tropische Angewohnheiten hierher, indem er sich ein nasses Handtuch auf den Kopf gelegt und einen der Liftboys angestellt hatte, ihm Kühlung zuzufächeln. – Kein Punkah war's, den er bewegte, sondern einer der bunten Papierfächer, die das Hotel als Reklame-Angebinde den Damen widmete, die dort soupierten.

In der Bar, die an die Halle anstieß und in der ein übernächtigt aussehender Mixer immer neue Ice-Drinks mischte, saßen Lork, Monika, Edith, Berningen und Milorski.

Berningen war tief betrübt von seinem Ausflug ins Holländische zurückgekehrt, seitdem vor zwei Tagen zwei Offiziere der niederländischen Kolonial-Armee angekommen: der eine, Major, war der Gatte der schönen Mutter, und der Leutnant der Verlobte der pikanten Tochter, dessen Existenz sie bisher unterschlagen.

Aber seitdem er da war, hatte sie jedenfalls nur für ihn noch Augen, und die schöne Mama bezeigte ihrem Manne eine hingebende Liebe, die als geradezu vorbildlich für eheliches Glück hätte gelten können.

Berningen machte jetzt aus Verzweiflung Edith die Cour, Monika war seiner Ueberzeugung nach »in festen Händen«: Lork wich ihr ja nicht von der Seite.

Edith sagte sich, daß die Redensarten Berningens nicht den mindesten Wert für sie besäßen. Sie wußte, daß er sich mit seiner knappen Zulage nur mit Mühe bei den Kronprinz-Ulanen zu halten vermochte: er konnte unbedingt nur eine reiches Mädchen heiraten.

Und doch blieb es nicht ohne Eindruck auf sie, wenn er ihr Schmeicheleien sagte.

Und wenn sie zehnmal wußte, daß das nur dumme Redensarten waren . . . sie hatte zu lange Jahre gedarbt, um jetzt nicht auch Brosamen zu genießen.

Sie versuchte gegen das Wohlgefühl anzukämpfen, das sie durchrieselte, wenn die hübschen, leichtsinnigen Leutnantslippen ihr Freundliches zuflüsterten. Sie versuchte ganz bewußt, diesen Flirt dazu auszunutzen, um Lork eifersüchtig zu machen, aber das schien vergebliche Mühe. –

Herr von Milorski war entzückt von der Hitze und zog sich die Verwünschungen der anderen zu, als er »hoffte, es würde noch monatelang so fortgehen«.

Ja, er hoffte es! . . . Lag doch oben seine furchtbare Ehehälfte, machtlos hingestreckt im verdunkelten Zimmer, und im Zimmer nebenan, ebenso machtlos, ebenso unschädlich gemacht die dräuende Schwiegermutter.

So saß man nun in der Bar des Hotels und trank auf Lorks Rat Whisky.

Monika konnte zwar ein gewisses unangenehmes Gefühl nicht loswerden. Der Whisky schmeckte ihr, sogar sehr – aber Wie Georg das wohl gefunden haben würde, wenn eine Dame in der Bar saß und Whisky trank?

Ach was, Georg! Schon wieder Georg. . . . Trotzig bejahte sie, als Lork sie fragte, ob sie noch ein Glas wolle. Und von neuem rann der seltsam brennende Trank ihr durch die Kehle.

Das Gespräch kroch dahin wie ein verwundetes Tier: langsam . . schleppend . . plötzlich ein paar krampfhaft schnelle Vorwärtsbewegungen . . und wieder . . der langsame Trott. . .

Da sagte Lork in eine Stille hinein, in der man nur die Fliegen summen gehört: Ich werde Ihnen etwas Musik machen.«

»Spielen Sie denn?« rief Edith lebhaft.

Er hatte sich erhoben. Man ging in eines der Gesellschaftszimmer. Blauseidene Vorhänge dämpften dort das Licht. Durch einen Spalt fiel eine schräge Sonnenbahn ins Zimmer, Millionen Sonnenstäubchen flirrten goldig.

Und dieser zuckende Flimmerschein beleuchtete Harry Lorks Züge, als er spielte. War es diese unruhige Beleuchtung, die sein Gesicht so verändert erscheinen ließ? Wo war nun die träumerische Weichheit, die sonst in seinen Augen lag?

Zwei Fackelbrände waren aufgelodert in diesen Augen, zwei harte Linien zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunter, der Unterkiefer war vorgeschoben, wie in Gier und Qual . . .

Und seine Hände, seine sonst so kraftlosen Hände mit den schmalen Gelenken hatten eine fanatische Energie, seit sie die Tasten berührt. Melodien stiegen empor . . brennend wie der Sommerwind, der den Blüten den Samen aus den Kelchen gerissen . . . Melodien, die die Zuhörer aufwühlten, daß die Männer blaß wurden und die Frauen erröteten . . .

Die Leidenschaft war's, die aus diesen Tasten schrie . . und eine Frage . . eine sehnsuchtzitternde, qualvoll inbrünstige Frage. . . .

Eine Frage war's, das fühlten sie alle hier.

Und die, an die diese Frage gerichtet war, verstand plötzlich. Verstand, daß da neben ihr und für sie die rote Rose Leidenschaft aufgeblüht war, von deren heißer Schönheit sie ihr Leben lang geträumt.

Ein Wirbel von Empfindungen war in ihr, sie war keines klaren Gedankens fähig.

In ihrem von der sengenden Hitze und den machtvollen Tonwellen überreizten Gehirn bebte nur ein Gedanke: die rote Rose Leidenschaft . . .

Gleich darauf trennte man sich. Die Damen gingen in ihre Zimmer hinauf, um sich zum Diner umzuziehen.

Und während Monika damit beschäftigt war, die Haken ihres weißen Chiffonkleides zu schließen, öffnete sich die Tür, die zu Ediths Zimmer führte.

Ohne angeklopft zu haben, trat Edith herein und sagte mit vor Aufregung verzerrtem Gesicht:

»Sie scheinen ja Ihre Freundschaftsmission recht hübsch ausgeführt zu haben.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Sie Lust nach einem zweiten Gatten spüren, ehe Sie den ersten los sind.«

Eine brennende Zorneswelle überflutete Monika. Sie wollte auf Edith los, ihr die Faust mitten in das blasse, höhnische Gesicht hineinschlagen, aber mechanisch gehorchte sie den Worten, die ihr, wie von Georgs Stimme gesprochen, in den Ohren klangen: »Ruhe, Selbstbeherrschung . . .«

Und so sagte sie nur: »Kein Wort weiter.«

»Ja, das könnte Ihnen so passen: kein Wort Weiter!« klang es keifend zurück, »nachdem Sie mir heilig versprochen haben, Lork für mich einzunehmen, haben Sie ihn mit Ihrer raffinierten Koketterie für sich selbst geködert!«

Eine Flut von Verwünschungen, von Vorwürfen stieß sie hervor.

»Woraus schließen Sie denn eigentlich, daß ich Lork erobert habe?« fragte Monika kalt, als eine Augenblickspause ihr gestattete, ein Wort einzuschieben.

»Woraus ich das schließe? Das habe ich eben im Gefühl.«

»Sie behaupten doch sonst, daß Gefühle vor dem Verstand keine Geltung haben.«

Aber Edith war nicht in der Verfassung, sich auf logische Gespräche einzulassen. Ihr Körper zuckte in stummem Schluchzen: sie preßte die Faust an den Mund, drückte sich die Zähne tief ins eigene Fleisch. Aber die hysterische Krise war nicht mehr zurückzukämmen. Ein paar Augenblicke später wälzte sich Edith auf dem Boden und stammelte unter stoßweisen Schluchzen und Schreien, wie unglücklich sie wäre.

Monika stand ein paar Schritte davon. Ihr Mitgefühl wurde ausgelöscht von der Abneigung, die sie gegen diese Unbeherrschtheit empfand. Mit einer Art dumpfen Erstaunens dachte sie:

»Vor ein paar Jahren, als junges Mädchen, habe ich mich gerade so angestellt, wenn ich etwas nicht erreichte.«

Unfaßlich erschien ihr das jetzt.

Als Edith endlich wieder drüben in ihrem Zimmer war, war es sehr spät geworden.

Monika beschloß, gar nicht hinunterzugehen, sondern sich oben servieren zu lassen.

Das Zimmertelephon schlug an.

Graf Lork fragte an, ob die Damen heute nicht zum Essen kämen.

»Nein,« erwiderte Monika, »und morgen auch nicht. Ich habe einen Ausflug vor.«

Am nächsten Morgen verließ sie das Hotel zu einer ungewöhnlich frühen Stunde.

Sie mietete ein Motorboot für den Tag.

»Irgendwohin,« erwiderte sie dem Bootsmann auf seine Frage, nach welchem Orte sie wolle.

Und sie lag, auf dem Rücken ausgestreckt, im Boot, das durch die durchsichtig grünen Wogen schnitt, an lachenden grünen Ufern vorüber.

Die höhersteigende Sonne sandte Fluten von Licht und Wärme herunter.

Monikas Gedanken waren wie taumelnde Schmetterlinge, die im fieberhaften Fluge über die Blüten irren . . .

Sie kam erst spät am Abend ins Hotel und ging gleich in ihr Zimmer hinauf.

Sie war todmüde und konnte doch nicht schlafen: eine sonderbare Helligkeit war in ihrem Kopfe . . .

Wie rote Brände zuckte es vor ihren Augen.

Das war wohl der lange Sommertag, der ihr Blut so überhitzt hatte, all die Glut, die auf sie niedergebrannt war, alle die Gerüche, die sie geschlürft: der herbe Hauch vom See, das frische Duften der Laubbäume und das strenge Aroma der Nadelwälder.

Oder war es die Frage, die sie nicht schlafen ließ, die Frage, die gestern aus den Tonwellen auf sie eingedrungen?

Am Morgen endlich verfiel sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem eine schrill krähende Stimme sie weckte.

»Wer ist denn heute bei Fräulein von Gräbert?« fragte sie das Stubenmädchen, das gerade den Tee gebracht.

Die brave Schweizerin machte erstaunte Augen. »Aber das ist ja Mademoiselle Bussy d'Armagnac de Montnoir, die da singt. Die haben wir seit gestern abend hier. Fräulein von Gräbert ist gestern doch schon mit dem Mittagszuge weg.«

Ja, Edith war fort, ohne ein Wort des Abschieds. Monika atmete im ersten Augenblick wie erleichtert auf, also Szenen wie die gestrige waren nicht mehr zu befürchten.

Aber als sie sich dann zum Lunch anzog, wollte es doch wie Bangen in ihr aufsteigen: zum ersten Male ganz allein.

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Frau von Milorski und deren Mutter bitten solle, sie an ihrem Tische Platz nehmen zu lassen, aber gleich darauf sagte sie sich, daß es doch ein Unsinn sei, sich zur Tischgenossin dieser unliebenswürdigen Frauen zu machen, bloß weil es vielleicht nicht ganz passend war, ohne weibliche Begleitung zu sein.

Und so ging sie denn auf den Tisch zu, an dem wie sonst Berningen und Lork schon warteten.

Das Gespräch war sehr lebhaft. Monika zwang sich, so munter wie nur möglich zu sein. Sie plauderte unaufhörlich. Nur kein Stillschweigen wollte sie aufkommen lassen, das gefährlicher war als alle Worte.

Beim Dessert sprach Lork von dem Jubelfeste, das heute auf dem See stattfände, der Festtag der Eidgenossenschaften.

»Darf ich Sie bitten, sich das Feuerwerk von meinem Balkon aus anzusehen?« fragte er Monika.

Sie starrte ihm erschrocken ins Gesicht.

Er aber fuhr ganz harmlos fort: »Die Milorskischen Damen haben zugesagt – –«

»Und ich bin erfreulicherweise auch geladen,«  fügte Berningen hinzu, »von uns allen hat nämlich nur Lork den Balkon nach der Westseite.«

»Wir gehen gleich nach dem Essen zu mir hinauf,« sagte Lork.

Monika nickte stumm.

Die Milorskischen Damen sahen sich mit kaum verhehltem Neide um, als sie die von Lork bewohnten Räume betraten, die Fürstenzimmer des Hotels. Auf der Terrasse, die sich an einen schönen blauen Louis-XV.-Salon schloß, versammelte sich die Gesellschaft.

Herr von Milorski bewunderte die Korbmöbel aus gediegenem grauen Geflecht mit Gold­ornamentierungen.

»Bequem wie'n Klubsessel,« sagte er und dehnte sich behaglich in einem der Sessel, – »wenn ich denke, wie früher die Korbstühle waren! Die Welt schreitet doch alle Tage weiter. Es ist fabelhaft . . . Nicht? . . .«

Er erhielt auf diese Auslassungen keine Antwort. Seine Frau und seine Schwiegermutter waren in den Salon zurückgekehrt, wo sie die Nippes besahen. Berningen hatte sich auf das Geländer der Terrasse gesetzt und kokettierte von da aus in den Hotelgarten zu zwei niedlichen Amerikanerinnen hinunter.

Monika und Lork standen ganz links, an der Seeseite. Monika sah in die Ferne, und Lork stand über ihren Stuhl gebeugt, so nahe, daß ein verschmitztes Lächeln das gutmütige Gesicht Milorskis überflog.

Die Sonne war schon untergegangen, aber noch lag die ganze Schwüle dieses endlos langen Julitages über Luzern. In dieser durchsichtigen Dämmerung zogen sich die riesigen Laubmassen der Platanenallee am Kai hin wie ein schwarzes Band. In den Straßen drängten Menschenscharen, die in diesem Lichte unbestimmte Formen annahmen. Dunkel drohten die Felsmassen vom gegenüberliegenden Ufer des Sees.

Wie ein dumpfer Druck lag es über Monika, wie eine atemraubende Erwartung.

Berningen begann sich inzwischen zu langweilen. Seine neuen Flirts, denen es im Garten wohl zu tauig geworden sein mochte, waren ins Hotel zurückgegangen.

»Die braven Schweizer werden ihr Feuerwerk wohl erst um Mitternacht loslassen. Hier geht ja alles so langsam,« murrte er. Dann steckte er sich eine neue Zigarette an und überlegte die Situation. Die Milorskischen »Drachen« konnten jeden Augenblick wieder auf die Terrasse heraustreten: Monika ließ der Lork doch nicht aus den Fingern, und Milorski schlief schon halb vor einer Flasche Hennessy, – – kurz, es war hier nichts los.

So beschloß er denn, sich zu drücken, ging stolz über die Terrasse. Von den dreien hier achtete doch keiner auf ihn. Mit unendlicher Vorsicht schlängelte er sich an den Drachen im Salon vorbei.

Dann schlenderte er zum Hafen.

Die Schweizer waren mit Kind und Kegel von ihren Bergen heruntergekommen. Vierschrötige Gestalten, rotbäckige Gesichter. Aus hellen Augen starrten sie bewundernd auf das großstädtische Treiben und auf alle die internationalen Erscheinungen, die sich hier zwischen ihnen herumdrängten.

Und diese Menge, die so verschiedenartig war wie die tausendfarbigen Steinchen eines Kaleidoskops, wurde zusammengehalten durch ein Band: die Schaugier!

Ein »Ah« ging über sie alle hin, als das erste geschmückte Schiff hinausglitt auf den See. Das gleiche »Ah« kam von all diesen Lippen, den groben und den feinen, den schmutzigen und den gepflegten, den welken und den blühenden. – – Es gefiel ihm nicht, und reumütig schlug er den Weg wieder ein zu Lorks weißer Terrasse.

Als er dort ankam, fand er zu seinem Erstaunen die Milorskische Familie vollzählig im Salon von Lork, damit beschäftigt, Whist zu spielen.

»Na, und das Feuerwerk?«

»Es hat ja noch nicht angefangen, – und meine Schwiegermutter ist so gewöhnt, um diese Zeit ihr Spielchen zu machen,« sagte Milorski kleinlaut. »Liebes Kerlchen, tun Sie mir den Gefallen und spielen Sie mit statt des Strohmanns,« fügte er hinzu.

»Und Lork?«

»Ist auf der Terrasse.«

»Zu zweien – –,« sagte Frau von Milorski sarkastisch.

Berningen beschloß innerlich, dann »lieber nicht zu stören«, und setzte sich resigniert zum Whist nieder.

Auf der Terrasse herrschte tiefes Schweigen.

Die beiden sahen hinaus in die samtschwarze Nacht, und Monika fühlte mit fast schmerzhafter Deutlichkeit die elektrische Spannung des Mannes an ihrer Seite.

Die Minuten strichen so langsam dahin – tropften dahin . . .

Und Nacht und Schweigen . . .

Bis plötzlich ein blutroter Schein aufflammte in dieser samtschwarzen Nacht . . .

Und wieder einer . . .

Und hundert plötzlich . . . Brennende Feuerräder, die in ungeheurem Bogen über den tiefdunkeln Himmel emporgeschleudert wurden und in einer wilden Strahlengarbe hinabstürzten in den See. Strahlenkränze von roten Lichtern auf all den Masten und Rahen der Schiffe, die auf dem Wasser kreuzten.

Alle diese Schiffe aber blieben im Dunkeln. Man sah nur die Girlanden von Licht – wie Tausende roter Leuchtkäfer über dem See.

Und wieder feurige Schlangen, die empor in den Himmel zischten, Kometen, die eine Flammenbahn über den Horizont zogen, feurige Blumen, die aus einem überreichen Füllhorn emporgeschleudert wurden – – ein wilder Taumel von Feuer, der von der Erde emporraste in den Himmel hinein und hinabstürzend im Wasser starb.

Und wieder Nacht und Schweigen. – – Nein, Schweigen nicht . . .

Worte flammten auf, heiß und rot, wie es die Feuerblumen eben gewesen . . .

»Ich muß Ihnen von meiner Liebe reden, Monika. Ahnen Sie denn, wie sehr diese Liebe von mir Besitz genommen hat? Ich bete Sie ja an: Ihre süße Schönheit . . . Ihren Geist . . . Ihre Gutherzigkeit . . . alles! Mein Denken bei Nacht und Tag . . . mein süßes Glück . . . meine schöne Pantherkatze, – sag' ein einziges Wort . . . ein einziges, liebes Wort.«

Sie fühlte seinen brennenden Atem über ihre Wange streichen, fühlte, wie es ihn unwiderstehlich, übermächtig zwang, sie in die Arme zu nehmen . . .

Und sich gewaltsam dem heißen Zauber entziehend, trat sie hastig einen Schritt zurück.

»Still! Sagen Sie mir jetzt nichts weiter.«

»Aber morgen muß ich Sie sprechen, Monika.«

Sie antwortete nicht, trat hastig in den Salon, wo die Vier über ihrem Spiel das Feuerwerk vergessen hatten.

Sie taumelte ein wenig, als sie ins Zimmer trat, und schloß die Augen vor der Helle des elektrischen Lichts – und hatte eben doch mit offenen Augen in ein viel heißeres, rotes Feuer gesehen.


* * *


Am nächsten Morgen hatte sie mit Lork die von ihm erbetene Aussprache.

Solange sie nebeneinander auf der weißen Landstraße einhergingen, sprachen sie kein Wort. Dann bogen sie in einen Fußpfad ab, der an Wiesen und schattigen Laubbäumen vorbei hügelan führte.

Monika setzte sich auf die Bank an irgendeinem Aussichtspunkte und hielt ihren weißen Spitzensonnenschirm vor das Gesicht, weniger zum Schutze gegen die Sonne als zum Schutze gegen seinen Blick. Und sie sagte hastig:

»Sie dürfen nicht zu mir sprechen wie gestern abend, Graf Lork. Sie wissen ja überhaupt nichts von mir . . .«

»Doch! Fräulein von Gräbert sprach mit mir, ehe sie fortfuhr.«

Eine heiße Röte überflammte Monikas Gesicht. Edith hatte also vor ihrer Abreise noch ein Zusammentreffen mit Lork arrangiert. Wer weiß, was sie da für Verleumdungen über sie aufgetischt haben mochte!

»Ich war unendlich glücklich über das, was Fräulein von Gräbert mir sagte. Ich hörte, daß Sie im Begriff sind, sich scheiden zu lassen. Ist das wahr?«

Monika antwortete nicht: mit aufeinandergebissenen Zähnen starrte sie vor sich hin.

Und in heißem Flehen sagte die Stimme des Mannes von neuem: »Das ist wahr? . . . Sagen Sie mir, daß es wahr ist . . .«

Der Schirm war ihrer Hand entsunken. Sie sah jetzt geradeaus in die flammende Sonne.

Da griff er nach ihren Händen, umkrampfte diese kühlen, kleinen Hände mit seinen glühend heißen Fingern und flehte: »Ist es wahr?«

»Ja,« sagte sie tonlos.

»Monika, – – und wenn diese Scheidung vollzogen ist, dann darf ich hoffen, daß Sie meine Frau werden? Ich will ja Ihr Sklave sein, Monika, ich will Ihnen jeden Willen tun, Ihnen jeden Wunsch erfüllen . . . Alles! Sie wissen, wie ich Sie verstehe, wie ich jede Regung in Ihnen verstehe und liebe! In Ihrer prachtvollen Ursprünglichkeit sollen Sie bleiben, kein Atom Ihres Selbst will ich anders haben, als es ist. Unser Leben wird ein Rausch sein von Glanz und Leidenschaft!«

Er preßte seine fiebernden Lippen auf ihre Hand.

»Ihre Antwort, Monika . . .«

»Nicht jetzt,« sagte sie schwer atmend, »lassen Sie mir Zeit.«

»Wann?«

»Ich weiß nicht . . .«

»Wann?« flehte er.

»Ein paar Tage nur . . .«

Dann gingen sie langsam den Weg zurück, den sie gekommen.

Monika hielt den Blick tief gesenkt, nicht ein einzigesmal sah sie auf. In seinen Augen aber war ein Schein von Siegessicherheit.

Kurz bevor sie am Hotel ankamen, sagte er:

»Ich werde heute und morgen wegfahren. Ich will Sie nicht stören, nicht beunruhigen in dieser Zeit der Ueberlegung . . . aber übermorgen früh hole ich mir meine Antwort.«

Monika schritt dahin wie im Traum. Der Lift fuhr sie in ihre Etage hinauf, die Tür ihres Zimmers schloß sich hinter ihr. Ihr erster Gedanke war: Dunkel, die Vorhänge herunter.

Dann, als sei es ihr immer noch zu hell, warf sie sich übers Bett und wühlte den Kopf in die Kissen. Dunkel . . . Dunkel und Schweigen . . .

Aber es ward nicht dunkel vor ihren Augen. In unabsehbarer goldener und strotzender Fülle sah sie alle Herrlichkeiten dieser Welt!

Die alle würde dieser Mann ihr geben, alles Schönste, wonach sie je Begehren getragen, alles Schönste, was Natur und Kunst hervorgebracht: edle Steine und schillernde Stoffe, kostbare Bücher und Marmorbildsäulen, Pferde und Automobile und Jachten, Gärten und Paläste . . .

Das alles würde er ihr geben in seiner heißen Liebe, die so leidenschaftlich war, wie sie es immer ersehnt. Ganz einhüllen würde er sie in diese flammende Leidenschaft. Seine Liebe würde sklavisch zu ihren Füßen knien und darauf harren, ihr jeden Wunsch erfüllen zu dürfen.

In allen Poren fühlte sie, welche Macht sie über diesen Mann besaß, der jede Bewegung an ihr vergötterte, jedes Wort, das sie sprach, jeden Gedanken, den sie dachte . . . Der sie liebte maßlos und schrankenlos . . .

Das war's, was ihr wie ein Rausch ins Blut drang, diese Erfüllung ihrer jungen Sehnsucht: über alle Schranken hinaus . . .

Georg hatte sie in Schranken gehalten und sich selbst auch. Hatte er sie überhaupt je geliebt? War das Liebe, die nach Zügeln fragte und nach Grenzen? Georg war ein Egoist gewesen, immer: im Mittelpunkte seines Denkens hatte er selbst gestanden, er und seine Karriere.

Würde er ihr je eine Ueberzeugung geopfert haben? Von Harry Lork aber wußte sie, daß er es mit Freuden sehen würde, wenn sie alle ihre Gefühle, alle ihre Gedanken wild wuchern ließ, daß sie üppige Triebe und Blüten reckten. Mit Lork würde sie frei sein können im Denken und Tun – und überschüttet von Reichtum und fortgerissen von Leidenschaften.

Sie sah wieder sein Gesicht vor sich, wie sie es neulich im Musikzimmer gesehen, als die Sonnenstäubchen drüber hingeflirrt und die Linien beleuchtet, die die Leidenschaft hineinriß . . .

Da wußte sie, was sie dem Grafen Harry Lork antworten würde, sobald er wiederkam.

Sie war mit ihrem inneren Leben so sehr beschäftigt, daß sie es vermied, andere zu sprechen. Sie war fast unhöflich, gab kaum Antwort, wenn einer der Hotelgäste sie in ein Gespräch zu ziehen suchte.

Am nächsten Vormittag schwamm sie weit in den See hinaus. Die scharfe körperliche Bewegung tat ihr wohl, lenkte sie ab von der heißen Arbeit ihres Gehirns.

Aber als sie dann nachher auf dem weißen Sande des Badestrandes lag, waren sie alle wieder da, die Zukunftsträume. Die waren nicht mehr in den rosigen Farben ihrer ersten Jugend gemalt, sondern in Purpur und Gold ihrer wissenden Frauenphantasie.

Und das Gefühl eines wilden Triumphes überkam sie: nie mehr »Sitte« und »Pflicht« . . . nur alle heißen Träume wahr machen, die ihr Gehirn je bewegt, – – jede Phantasie Wirklichkeit werden lassen!

Ja, das alles konnte sie, in der Kraft ihrer blühenden Jugend, die keinen Zügel mehr tragen würde, – – ungezählte Reichtümer zur Hilfe, und einen Mann zur Seite, der ein Sklave ihrer Launen war.

»Schrankenlos genießen« – – hatte er gesagt.

Und wie ein brausender Jubelchor klang es ihr in den Ohren: »schrankenlos . . . genießen . . .«

Und doch . . . und doch . . . Es war keine volle Harmonie in diesem Hymnus. Wohl klangen die Instrumente so lockend, lachten vor Rausch und Lust, aber irgendwo schluchzte eine Geige, schluchzte so tief schmerzlich – so unerträglich sehnsüchtig – –

Was war es denn, was die schluchzte? Ein Wort nur, ein einziges Wort: »Georg« . . .

Aber sie jagte diesen Gedanken von sich. Er war ein Egoist, er hatte sie nie geliebt. Und nur jetzt keine falsche Sentimentalität.

Sie war entschlossen. Sie wußte, was sie Lork morgen antworten würde.

Als sie vom Schwimmbad nach Hause kam, den Blick gesenkt, um nicht wieder in Unterhaltungen verwickelt zu werden, die sie störten, wurde sie, als sie die Halle durchschritt, angerufen.

»Ah, Frau von Wetterhelm,« klang es ihr, in einer schnarrenden Stimme gesprochen, ins Ohr.

Sie mußte eine Sekunde lang nachdenken, wo sie dieses narbenzerrissene Greisengesicht schon gesehen, dies Gesicht mit dem bulldoggenhaften Ausdruck und einem goldgefaßten Monokel im linken Auge.

»Ah, Fürst Herrlingen.«

Wie lange ihr das schon her schien, seit sie ihn zum letztenmal gesehen. Und es waren doch erst zwei Jahre, daß sie die Botschaft in London verlassen. Sie hatte dann mit dem Fürsten noch korrespondiert, und oft hatte er ihr geschrieben, welchen Spaß ihm ihre witzigen Briefe machten.

Ob Herrlingen wohl wußte, wie sich ihr Lebensschicksal inzwischen gestaltet?

Sie war verlegen, murmelte irgend etwas, daß sie hinauf müsse, aber er bat so dringend, sich ein paar Augenblicke zu ihm zu setzen.

Er plauderte wie immer: in abgerissenen Sätzen, in der sehr lebhaften Art, die er sich, trotz seiner siebzig Jahre, bewahrt hatte. Er erzählte von gemeinsamen Bekannten. Ohne ein paar boshafte Ausfälle ging es dabei nie ab.

Als sie im Begriffe waren, sich zu trennen, ließ er sich noch versprechen, daß sie heute abend mit ihm diniere. Das müsse sie schon für einen alten Freund tun. Nicht im großen Speisesaal – gräßlich mit den vielen Leuten! Er würde den gelben Salon reservieren lassen.

Monika zeigte sich am Abend in brillanter Laune. Sie scherzte und lachte und berauschte sich schließlich an ihrer eigenen Gesprächigkeit.

Die Unterhaltung zwischen ihnen beiden flog hin und her wie ein Tennisball, den zwei geschickte Spieler sich zuschleudern.

Wie früher war es.

Nein, doch nicht wie früher . . .

Da war Georg Wetterhelm mit dabei gewesen, hatte seiner Frau zugehört, stolz auf ihren Esprit und ein wenig ängstlich, ob sie die Grenzen innehalten würde. . .

Nein, nicht wie früher war's.

Der Fürst schien den gleichen Gedanken zu haben.

Einen Augenblick zögerte er, dann: »Ich möchte Sie etwas fragen, Frau von Wetterhelm. Nehmen Sie es als Freundschaftsbeweis. Man muß mich schon mehr interessieren, wenn ich indiskret sein soll. Hat es zwischen Ihnen und Wetterhelm einen Bruch gegeben?«

Sie antwortete nicht.

»Ich habe neulich Ihren Mann in Berlin gesehen,« fuhr er fort, »er hat mir nichts Besonderes über Sie erzählt. Er sagte nur, es ginge Ihnen gut. Aber daß er nun doch nach Teheran will, nachdem er es Ihretwegen vor drei Jahren abgelehnt – –«

»Meinetwegen?!«

»Ah, Sie wissen es gar nicht? – Das ist mal wieder recht Georg Wetterhelm, es Ihnen gar nicht zu erzählen, wenn er ein Opfer bringt.«

»Ein Opfer?« fragte sie mit versagendem Atem.

»Ja, für seine Karriere war's eins. Das habe ich ihm damals klipp und klar auseinandergesetzt. Die Kombination lag ja damals ganz anders als heute. Allein die Tatsache, daß er dann vor drei Jahren schon erster Botschaftsrat geworden wäre . . Und außerdem ist damals der Herzog Wilhelm Friedrich hingegangen, der auf Wetterhelms Beihilfe bei seinen ethnologischen Forschungen rechnete. Wetterhelm hätte die schönste Gelegenheit gehabt, sich nach allen möglichen Richtungen hin auszuzeichnen. Aber er wollte nicht hin! Ihretwegen nicht. Er fürchtete für Sie das Klima, die zeitweise recht unruhige Bevölkerung – es war gerade wieder ein Aufstand vorgekommen. Er sagte mir auch, daß Sie sich, so weit von unserer Kultur entfernt, gar zu unbehaglich fühlen würden. Ich erwiderte, das seien doch alles keine Gründe, wenn ein Vorteil für die Karriere in Frage käme. Aber ihm stand Ihr Wohl höher. Ich machte ihm dann den Vorschlag, sich doch für ein Jahr beurlauben zu lassen, um an der Expedition des Herzogs teilnehmen zu können – Sie wissen, was Wilhelm Friedrichs Fürsprache bei uns zu bedeuten hat –, aber er antwortete, er wolle sich nicht so lange von Ihnen trennen. Ja, die Liebe beeinträchtigt eben auch bei sonst ganz vernünftigen Menschen den Verstand.« –

Monikas Hand zitterte so stark, daß der blutrote Burgunder aus ihrem Glase über das Tischtuch tropfte.

Ihr Wohl hat ihm höher gestanden als seine Karriere!

O nur allein sein, allein sein jetzt mit ihren Gedanken, die wie eine Meute über sie herstürzten!

Aber die Frau von Georg Wetterhelm durfte ihre Haltung nicht verlieren. Und sie krampfte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ihr schmerzend ins Fleisch drangen.

Und sie plauderte weiter, liebenswürdig und witzig, als schlüge ihr nicht das Herz wie rasend in der Brust, als stiege ihr nicht das Blut so heiß zu Kopfe, daß es wie ein Brausen in ihren Ohren war.

Und der Augenblick kam, wo Herrlingen ihr abschiednehmend die Hand küßte.

Dann endlich in ihrem Zimmer durfte sie sich ihrem Gefühle überlassen, durfte aufschluchzen, durfte weinen, wie sie noch nie geweint . . .

War das der Mann, den sie einen starren Egoisten genannt? Dieser Mann, der seinem Avancement schadete, um der geliebten Frau einen unangenehmen Aufenthalt zu ersparen? Und der ihr nicht einmal etwas davon sagte, in der herben Vornehmheit seiner Natur, die Opfer brachte und keinen Dank dafür wollte!

In wogenden Nebeln versanken farblos alle die farbenstrotzenden Zukunftsschlösser, die sie gestern noch gebaut. Was war aller Reichtum und alle Leidenschaft, was waren alle Genüsse dieser Welt, wenn ihr die Liebe fehlte?

Und ihre Liebe zu Georg, die sie so lange gewaltsam zurückgedämmt, durchbrach alle Schranken, daß es ihr war, als sei ihr ganzes Sein nur noch ein einziger Sehnsuchtsschrei nach ihm!

Aber eisig legte sich in den Aufruhr ihrer Gefühle die Frage: Wird er mir verzeihen? Hatte sie ihm nicht schlecht gelohnt? Hatte nicht ihr eigenes Selbst ihr höher gestanden als sein Glück?

Eine tiefe Mutlosigkeit wollte sie überkommen, ein banges Gefühl: Wird das wieder gut?

O, wenn sie ihm nur alles sagen könnte, ihm alles verständlich machen!

Ein Irrtum war's, der sie von seiner Seite gerissen.

Noch einmal grüßte aus dem Dunkel des Unwiederbringlichen das Haupt des toten Bruders, die dunkeln Wimpern über den erloschenen Augen, ein wenig geöffnet der Mund, ein wenig traurig . . .

Georgs Schuld?

Ach nein! Die Schuld des Birkenschen Blutes, der Birkenschen Erziehung. Die Schuld des Blutes, das Alfred unter der Tropensonne seinem Geschick entgegenführte, das Heinrichs Leben in unklare Wirrnisse verstrickte, das sie selbst so gefährliche Bahnen geführt.

Und hoch über ihnen allen stand Georg.

Sein Leben lang hatte er idealen Gütern gedient, gab seine besten Kräfte dem Lande, das ihn gezeugt, hatte in strenger Selbstzucht, in treuer Erfüllung seiner Pflichten seine Einzelpersönlichkeit dem Wohle des Ganzen untergeordnet.

Und nicht, wie sie geglaubt, war er unbeugsam und kalt dabei geworden – nein! Er war es fähig, ein Opfer zu bringen.

Ob er ihr verzeihen würde? . . .

Ach, kein Nachdenken jetzt – kein Fragen.

Zu ihm! Mit dem Nachtzuge noch.

Sie erreichte ihn noch gerade.

Und während die Räder in rasender Hast durch das Dunkel jagten, saß sie in eine Ecke des Coupés gedrückt, mit weit offenen Augen.

Sie legte sich nicht hin, sie konnte ja doch nicht schlafen.

Ob er ihr verzeihen würde? . . .

Verzeihen, daß sie in egoistischer Aufwallung Haus und Herd verlassen und den Mann, der sie liebte?

Und sie dachte an den Abend vor bald sechs Jahren, als sie zu ihm gefahren war, als ihr siebzehnjähriger Mädchenmund in Leidenschaft und Liebe und Egoismus gestammelt: »Ich will mein Glück wiederhaben!«

Weiter und weiter durch die sternenlose Nacht, deren Schweigen mitunter zerrissen wurde von dem gellenden Schrei der Lokomotive. Immer weiter trug sie der Zug . . . zu ihm!

Und in ihrem aufgewühlten, durchschütterten Gehirn zuckten neben den großen Fragen kleine Sorgen auf, kleinliche Bedenken:

»Wird er zu Hause sein? Wer wird mir die Tür öffnen? Wie mache ich's, daß er mich anhört . . .?«

Tausend Möglichkeiten durchdachte sie, tausend Schwierigkeiten überwand sie in Gedanken, immer neue Hindernisse überlegte sie sich, und wie sie ihnen entgegentreten solle.

Und es kam alles viel einfacher, als sie gedacht. Der Diener öffnete, sagte ein freudig überraschtes: »Ah, die gnädige Frau!« und nahm ihr den Reisemantel von den Schultern.

Und mechanisch nahm sie auch den Hut ab, so als ob sie hier zu Hause wäre, wieder zu Hause.

Sie schritt durch ihren blauen Salon und durch das Musikzimmer und öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer.

Er saß am Schreibtisch und sah nicht auf.

Wie ernst, wie furchtbar ernst das geliebte Gesicht war!

Sie stammelte seinen Namen.

Und da sprang er auf.

Kein Besinnen, kein Fragen, keine Korrektheit . . . nur ein einziger, wilder Schrei:

»Du!«

Und seine Arme, die sie umfaßten, sein Mund, der sich auf den ihren preßte, sein heißes Gestammel: »Bist Du doch gekommen, mein kleiner Schatz? Mein geliebter, kleiner Schatz, bist Du doch gekommen, mein Glück . . .«

»Ja, Georg, und ich will bei Dir bleiben, immer . . . immer . . .«

Es bebte wie Angst in seiner Stimme:

»Du weißt, wie verschieden unsere Naturen sind. Es mag wohl wieder ein Tag kommen, Monika, wo ich Dein phantastisches Köpfchen nicht verstehe, wo ich Deine Wildheit nicht gutheißen kann, wo ich Dir etwas nicht geben kann, nicht geben darf, was Du verlangst – wo ich Dir Deine Wünsche nicht erfülle . . .«

»Dann . . .« Der Schein einer unendlichen Hingabe verklärte ihr Gesicht. »Dann werde ich nicht, wie in meinen Kinderjahren, sagen: ›Mir zuliebe!‹ Dann werde ich nicht, wie in meiner Brautzeit, stammeln: ›Unserem Glücke zuliebe‹.– dann werde ich das Wort sagen, das ich jetzt sprechen gelernt habe: ›Dir zuliebe‹!«