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Johann Joseph Most – Zwischen Galgen und Zuchthaus

Essay

Internationale Bibliothek, John Müller, New York, Nr. 9, Dezember 1887


Kaum hatte ich die »Hölle von Blackwells Island« verlassen, so hörte ich auch schon von allen Seiten rufen: »Hängt ihn!« Noch waren unsere Chicagoer Kameraden nicht erwürgt, und doch schrie die reaktionäre Meute nach weiteren Opfern. Ich sollte der Erste sein, hiess es da, der zu bluten hat. Selten verging ein Tag, an welchem mir nicht irgend eine Zeitung zu Gesicht kam, in welcher irgend eine literarische Hyäne nach meinem Blute lechzte.

Weshalb diese schreckliche Hetze! Diese Frage kam mir nicht mehr aus dem Sinn, und eine Antwort konnte ich nicht finden. Wenn es schon schmeichelhaft sein mag, der bestgehasste Mann zweier Welten zu sein, so ist es doch sehr beschämend für Unsereinen, falls er sich sagen muss, dass er eine solche Ehre nie gesucht hat und mithin auch nicht verdient.

Was hatte ich denn gethan, um einen so wüthenden Hass zu erzeugen! Ich muss leider gestehen, es ist herzlich wenig. Ja, seitdem ich mich – gezwungenermassen – in Amerika befinde, fühle ich mich oft recht unglücklich und missgestimmt, weil es mir die hier herrschenden Verhältnisse nicht gestatten, in solchem Masse für die Sache des arbeitenden Volkes thätig zu sein, wie ich es für wünschenswerth halte.

Von verhältnissmässig wenigen Arbeitern verstanden, von vielen angefeindet, von den meisten ungehört, ist mein Wirkungskreis in diesem Lande ein so beschränkter, wie er nie zuvor – nämlich in Europa – gewesen ist; und ich harrte stets mit Ungeduld des Augenblicks, der es mir möglich machen sollte, das Feld meiner Thätigkeit neuerdings nach Europa zu verlegen.

Dennoch soll ich das Karnickel sein, welchem die amerikanische Bourgeoisie ihre Unruhe zu verdanken hat. In ihrem schlechten Bewusstsein hört sie das Donnerrollen der sozialen Revolution in der Ferne. Kindisch, wie sie ist, sucht sie nach irgend einem Menschen – statt nach einer Ursache –, welcher für das Geräusch haften soll. Der arme Sündenbock bin ich. »Hängt ihn oder werft ihn wenigstens in den Kerker!« So schreit Jeder, obgleich mich Keiner kennt.

Meine Position war unter solchen Umständen eine ziemlich schwierige, und ich war mir längst darüber klar geworden, dass ich bestimmt sei, unter dem nächsten besten Vorwand neuerdings in Ketten gelegt zu werden. Viele Versuche, mich hereinzulegen, habe ich zwar rechtzeitig vereitelt. Zuletzt wurde aber doch ein neuer Coup ausgeführt, welcher in diesem Heftchen registrirt wird.

Am Tage nach der Hinschlachtung unserer Chicagoer Genossen – am 12. November 1887 – fand in New York die allsonnabendliche übliche Agitations-Versammlung statt. Ich hatte daselbst einen Vortrag zu halten, und es lag auf der Hand, dass ich die Ereignisse des vergangenen Tages zum Gegenstande meiner Besprechung zu machen hatte. Was ich gesagt, lässt sich in gekürzter Form wie folgt rekapituliren:

»Mitbürger! – Sie haben heute und gestern die Zeitungen gelesen und daraus ersehen, dass über uns die Reaktion hereingebrochen ist. Wir werden mit allen erdenklichen Chikanen bedroht und man sagt uns ganz trocken, dass es für uns künftighin weder Redefreiheit noch Versammlungsrecht geben soll. Soeben höre ich z. B., dass die von der Schreiner Progressive Union projektirt gewesene Todtenfeier zu Ehren unserer Märtyrer von Chicago polizeilich verboten worden sei. Unter solchen Umständen ist es eine wahre Kunst, öffentlich zu sprechen, und doch muss das sein, weil Angesichts der zu erörternden Thatsachen sonst die Steine reden würden.

Sie wissen, was in Chicago passirte. Vier unserer besten Genossen wurden am Galgen erwürgt. Einer wurde zur Selbstentleibung getrieben und drei hat man im Zuchthaus lebendig begraben. Keiner von ihnen hat irgend eine strafbare Handlung begangen. Alle haben lediglich durch Wort und Schrift revolutionäre Ideen verfochten und für die Sache der Zukunft gewirkt. Dass sie deshalb vernichtet wurden – das lässt die an ihnen verübte Unthat als das grösste Verbrechen der Neuzeit erscheinen.

Wir haben wenig dagegen zu erinnern, wenn Diese oder Jene von unseren Kameraden, welche im offenen Kampfe mit dem Feind sich befinden, den Tod erleiden; denn das sind eben die Konsequenzen des Krieges. Begeht ein Anarchist eine Einzelnthat, durch welche Jemand von unseren Widersachern getödtet wird, ergreift man ihn dabei und hängt ihn, so werden wir zwar unseren Genossen tief beklagen, aber wir werden den Gegenschlag keinen Justizmord nennen können. Hier aber haben wir es mit einem Falle zu thun, wo auf der einen Seite nur eine Agitation getrieben wurde – frei und offen, Jedermann zugänglich, ehrlich und ohne Hinterhalt – und wo auf der anderen Seite mit vollem Bewusstsein und der böswilligsten Absicht durch Bestechung, Meineid, Amtsmissbrauch jede erdenkliche Niedertracht acht Menschenleben – grösstentheils Männer im besten Alter – hingeopfert wurden, nicht um eine von unbekannter Hand vollbrachte That zu rächen, sondern um in terroristischer Manier Andere dermassen einzuschüchtern, dass sie nicht, wie diese grossen Todten, Propaganda machen für den Anarchismus und die soziale Revolution.

Aehnliche Exekutionen haben wohl früher auch schon stattgefunden, aber immer nur unter den Nachwirkungen einer missglückten Volkserhebung, im blinden Wüthen der triumphirenden Reaktion, niemals mitten im Frieden. Und darum wiederhole ich: Der Justizmord von Chicago ist das entsetzlichste Verbrechen, welches die neuere Geschichte kennt. (Ein Anwesender ruft Rache!)

Schweigen Sie still mit solchen Phrasen! Noch ist der Gegner übermächtig und mit Redensarten wird er nur »gereizt«, aber nicht besiegt. Ueberlassen wir es der Zeit, die Konsequenzen jener Unthat auszureifen.

Weshalb ich aber heute spreche? Einfach um anzuklagen, und zwar anzuklagen auch nach einer Richtung hin, welche bei dieser Tragödie nur von Wenigen in Betracht gezogen wird.

Ich beschuldige nicht nur die unmittelbaren Urheber dieser Henkerei – in erster Linie Grinnell, dann Gary, die Meineidszeugen, die Geschworenen, die Oberrichter von Illinois und Washington, nicht minder den Governor Oglesby – des Mordes, sondern ich dehne meine Anklage noch viel weiter aus. Ihr seid Mörder! rufe ich jenen feilen Metzen von der Presse zu, welche, wie beispielsweise Pulitzer’s Schreibheloten, nie müde wurden, gegen besseres Wissen achtzehn Monate lang zu behaupten, die gefangenen Anarchisten von Chicago hätten die Bombenaffaire auf dem Heumarkt inszenirt, obwohl sie wussten, dass jene Bombe nie geworfen worden wäre, wenn nicht der scheusliche Bonfield und seine Mitverschwörer erschienen wären, um unter friedlich versammelten Arbeitern ein Blutbad anzurichten. Ihr seid Mörder! sage ich zu allen jenen Repräsentanten des Proletariats, welche ihre Pflicht versäumten, als es noch Zeit war, für unsere Kameraden einzutreten. Hier muss vor Allem mit Fingern gedeutet werden auf Powderly. Wie dieser Schurke seit anderthalb Jahren gegen die Anarchisten im Allgemeinen und unsere verurtheilten Genossen im Besonderen gewüthet hat, ist bekannt. Sein frevelhaftes Spiel auf dem Kongress von Minneapolis nicht minder. In seiner Hand lag es, die ganze nach Hunderttausenden zählende Organisation, an deren Spitze er steht, Front machen zu lassen gegen die Justizmörder, wozu er umso mehr verpflichtet gewesen wäre, als ein Knight of Labor, nämlich Parsons, unter den ausgewählten Opfern sich befand, welche die Reaktion bestimmte, behufs Vernichtung des letzten Funkens von Volksfreiheit in Amerika erwürgt zu werden. Powderly aber that das Gegentheil; er verwandelte seine Anhänger in freiwillige Polizisten. Das Blut unserer ermordeten Brüder klebt für immer an seinen Händen. Und das Gold, welches er für diesen seinen Verrath von den Monopolisten, in deren Sold er ohne Zweifel steht, erhalten hat, vermag diese Schandflecken nimmer zu bedecken. Sein Spiessgeselle in Gemeinheit und Karakterlosigkeit ist Henry George. Auch er stieg hinunter in den Schlamm der Verworfenheit, in welchem sich die Richter jeden Ranges wälzten, als sie unsere Freunde an den Galgen brachten. Sein Schädel ist zwar sicher wüst und leer, allein soviel Instinkt von Recht und Billigkeit wird er wohl besessen haben, um zu erkennen, dass die Verurtheilten nicht wegen irgend einer That vergewaltigt wurden, sondern wegen ihrer Propaganda durch Wort und Schrift zum Heil des Proletariats. Da er trotz alledem mit einstimmte in das »Kreuziget sie!« der raubenden Klassen, so ist er nicht minder schuldig am Morde der Märtyrer von Chicago, wie Gilmer oder Thompson, wie Gary oder Oglesby. Sein schlechtes Beispiel verhinderte viele Tausende, zu thun, was deren Mannespflicht gebot. Auch er und die Seinen gehören also an den Pranger der Geschichte. Damit ist die Liste der Mörder noch nicht erschöpft. Jeder Arbeitsmann, welcher zu Hause blieb, als es noch Zeit war, durch ein geschlossenes Auftreten das fürchterliche Verbrechen zu verhindern, hat sich der unqualifizirbarsten Feigheit schuldig gemacht. Und ich möchte nicht in der Haut Derjenigen stecken, welche die eigene bessere Erkenntniss früher oder später daran gemahnen wird, dass ihre Indifferenz acht Pioniere des Proletariats in den Tod gejagt oder dem Zuchthaus überliefert hat. »Ihr seid Mörder!« wird es ihnen in schlaflosen Nächten aus den Gräbern der Erwürgten heraus in die Ohren gellen.

Unsere Todten aber – sie werden ewig leben in den Herzen aller Wohlgesinnten, denn der stolze Trotz, die heroische Kühnheit, womit sie das Schaffott bestiegen haben, wird nimmermehr vergessen werden. Ihr Martyrium wird nie aufhören Propaganda zu machen für Revolution und Anarchie. Selbst unsere Todfeinde brachten es nicht fertig, die Haltung, welche diese Männer bei ihrem letzten Gange an den Tag gelegt, zu verkleinern.

Genosse Engel deklamirte kurz vor seinem Tode noch die ergreifenden Strophen Heine’s über die Weber. Spies und Fischer sangen, als ob sie ein freudiges Ereigniss zu begehen hätten. Parsons wollte eine Ansprache halten, welche ihm der brutale Henker nicht erlaubte. Alle schieden aus dem Leben wie ritterliche Helden.

Einen Tag bevor die Mörder der Justiz im Stande waren, ihres Würgeramtes zu walten, schied unser Freund Louis Lingg, den wir aus vielen Gründen ganz besonders innig in das Herz geschlossen haben, aus dem Leben. Mittelst einer Gewehrpatrone hat er sich den Kopf zerschmettert. Wie er diese sich verschafft, wird wohl immerdar Geheimniss bleiben. Gewiss aber ist es, dass unser theurer Kamerad genugsam Gründe zu seiner Selbstvernichtung hatte. Selten wohl hat die Revolutionsarmee eines Kombattanten, sich erfreut, der mit mehr Leidenschaft, mit selbstloserer Hingabe und Energie aufgegangen ist in dem hehren Berufe des Kampfes um die höchsten Ideale, welche im Zukunftsschooss der Menschheit schlummern, wie dieser edle Jüngling. Er war geradezu ein Wunderkind der Gegenwart mit ihrem Zuge schleichender Entmannung und Bedenklichkeit. Er war ein Riese unter Zwergen; gleich einem Marat bildete er eine Personifikation der sozialen Revolution. Sein Ich galt ihm nichts, die in Knechtschaft schmachtende Menschheit war ihm Alles. Bis zu seinem letzten Athemzuge hatte er nur einen Gedanken: die Sache der vollen Freiheit, der Anarchie, zu fördern. So lange er sich frei bewegte, strebte er mit dem ganzen Drange seines grossen Herzens, mit dem ganzen Willen seines hellen Kopfes nur nach einem Ziele, nach jenem Ziele, das auf dem Wege der sozialen Revolution zur Gleichheit aller Menschen, zu Friede, Wohlstand und Glückseligkeit hinleitet. Und als er in dem Kampf um’s volle Menschenrecht dem Tross des Mammons-Despotismus in die Hände fiel, hörte er nicht auf, der gleichen Sache auch fernerhin zu dienen. Die zahlreichen Briefe, welche er an Kampfgenossen schrieb, enthielten nie eine Klage oder einen persönlichen Wunsch. Sie waren lediglich Agitations-Episteln; sie ermunterten, ermahnten, spornten zum Kampfe. Von den Geldern, welche ihm Freunde zur Unterstützung sandten, sparte er sich das Meiste am Munde ab, um revolutionäre Schriften ankaufen und verbreiten zu lassen, oder sonstwie die anarchistische Sache zu fördern. Von seinem bevorstehenden Tode sprach er wie von einem Freudenfeste; ja, er zitterte vor Begierde, für das allgemeine Wohl zu sterben. Seine Ueberzeugung, dass eine solche Opferung von magischer Gewalt im Sinn der sozialen Revolution sein müsse, war felsenfest. Da – am letzten Tage seiner Gefängnissleiden – musste er vernehmen, dass man im Begriffe stehe, ihn für wahnsinnig zu erklären. – – Vor seinen Augen dehnte sich das Irrenhaus mit all seinen Martern und Teufeleien. Dort sollte er elendiglich verenden – er, der sich herzlich freute, durch seinen Trotz und seine Kühnheit die Zuchthaus-»Gnade« von sich abgelenkt zu haben. Das war zu viel. Er beschloss, sich zu vernichten. Er ersparte dem Henker die Arbeit. Jetzt ruht er im gemeinsamen Grabe mit den übrigen Opfern einer bestialischen Rache wüster Tyrannen, welche in der Hinschlachtung dieser Männer eine Sühne erblicken für die Wuth, welche dieselben empfanden, so oft sie aus dem Munde dieser Apostel des neuen Evangeliums die Wahrheit ertönen hörten. Das Blut dieser Männer schreit zum Himmel empor. Sie wurden erwürgt, weil sie sprachen und schrieben für die Sache der Arbeit, weil sie kämpften für Freiheit und gegen Ausbeutung und Tyrannei.

Wir aber variiren Heine, indem wir mit Engel ausrufen:

 

Columbia, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch.

Wir weben, wir weben!

 

Alle denkenden Arbeiter fühlten, dass der Streich, den die Freiheitsmörder führten, ihnen Allen galt. Instinktiv begriffen sie, dass die Zeit gekommen ist, wo Schulter an Schulter zusammengestanden werden muss, wenn nicht der Despotismus in seiner fürchterlichsten Form über die ganze Menschheit triumphiren soll.

Auch der Glaube an Gesetzlichkeit und friedliche Entwickelung ist mit jener Brücke eingebrochen, auf welcher die Gehängten standen, bevor sie in das Nichts geschleudert wurden.

Statt den Anarchismus am Galgen zu erwürgen, spielte der Henker von Chicago den Geburtshelfer der Anarchie. Wie die Christen der alten Zeit beim Anblick des Kreuzes begeistert wurden und mit Engelszungen ihre Lehren von Ort zu Ort getragen haben, so wird künftighin der Galgen das Emblem sein, welches beredter Propaganda für die revolutionäre Sache macht, wie hunderttausend Bücher, wie alle Reden und Zeitungen der Anarchisten. Man erhebe den Galgen zum Ehrenzeichen; man führe denselben im Schilde; man halte denselben Jedem vor Augen, der jetzt noch von Gerechtigkeit, von Freiheit und Zivilisation der jetzigen Gesellschaft reden will. Der Galgen bildet fortan die Kehrseite der Medaille der Kultur von heute; er ist zugleich ein Wegweiser zum höchsten Ziel der Menschheit – zur Anarchie durch Revolution. Die Todten haben uns ihr Testament hinterlassen. Wir haben dasselbe zu vollstrecken. Mehr als je zuvor muss agitirt und die Alarmtrommel geschlagen werden. Im Laufe des Mordprozesses von Chicago entstand eine Literatur, welche allein schon hinreichend ist, Hunderttausende von neuen Jüngern des Evangeliums der Zukunft zu gewinnen. Man verbreite insbesondere die Reden, welche die Verurtheilten unmittelbar bevor Gary den Stab über sie gebrochen hatte, gehalten haben. Sie werden die Herzen Aller gewinnen, welche davon Kenntniss nehmen. Ferner heisst es organisiren; denn wenn wir besser organisirt gewesen wären, hätte auch der Henker nicht gewagt, sein Würgerwerk zu vollbringen. Wir gehen mit Riesenschritten dem Zusammenbruch der heutigen Gesellschaft entgegen. Die soziale Revolution naht mit eilender Hast. Wehe uns, wenn wir in den Tagen der grossen Krise nicht gerüstet sind. Es wäre Kraftverschwendung, wenn wir ohne Noth uns der Gewalt des Feindes überliefern wollten. Unsere Taktik sei keine einseitige, sondern der Kampf mit allen Mitteln. Unsere Ziele sind gross und edel, sie sind Eins mit dem Endzweck der Kultur selbst. Dieses Bewusstsein muss uns stählen und stärken, auszuharren bis an’s Ende, zu ringen und zu kämpfen. Und wenn wir einmal in Versuchung kommen, zu ermatten, so sei das Zeichen, welches uns aufs Neue zu Thaten spornt, der Galgen von Chicago!

Der Anarchismus ist todt! heult die Reaktion durch alle Lande. Man hat ihn erwürgt. Eitler Wahnwitz!

Als die Junikämpfer von 1848 zu Paris erlegen waren, jubelte die Bourgeoisie der ganzen Welt, der Sozialismus ruhe nun unter dem Pflaster von Paris. Auf den Gebeinen der Erschlagenen errichtete Louis Napoleon seinen Thron der Schmach und Schande und alle Welt zollte dem »Gesellschaftsretter« Beifall.

Nun wohl! Von 1848–1871 verging nur eine kurze Spanne Zeit. Während derselben hatte der todtgesagte Sozialismus seine Reise um die Welt gemacht; und als die Kommune von Paris ihre rothen Banner auf Kirchen und Paläste pflanzte, da schlugen Millionen Herzen höher. Die Arbeitsleute aller Länder glaubten, der Tag des grossen Umschwungs sei gekommen. Der Sozialismus lebte mehr denn je.

Wieder trat ein Rückschlag ein. Nach fürchterlichem Ringen erlag das Proletariat und 30 000 Leichen von Männern und Frauen, von Greisen und Knaben bedeckten das Schlachtfeld. Tausenden wurde Kerkerhaft und Deportation zu Theil, und riesig war die Anzahl der Exilirten.

Todt, hiess es neuerdings, sei der Sozialismus – todt und begraben. Wer heute durch die Städte Frankreichs schreitet, wird bemerken können, dass es kaum noch eine Werkstatt, kaum noch eine Hütte gibt, wo nicht Sozialisten hausen.

Was helfen da alle Füsiladen? Was sind Kanonen, Bomben und Granaten werth im Kampfe gegen die Idee? Für jeden Erschlagenen erstehen gleichsam aus dessen Gebeinen tausend neue Kämpfer.

So lautet die Lehre der Geschichte. Diese wünschen nun die »Ordnungs«-Lümmel von Amerika vermittelst Galgen zu korrigiren. Was aber keinem Zaren und keinem König, keiner Kamarilla und keiner Soldateska von Europa noch gelang, das bringen auch die reich gewordenen Cowboys, die Viehkönige und Wurstgrafen, von Amerika nicht fertig. Wie toll sie immer wüthen mögen: der Anarchismus lebt, er wird gedeihen, siegen.«

So lautete meine Rede; eine Debatte folgte derselben nicht, und die Zuhörer entfernten sich allmälig in aller Ruhe, wenn auch sichtlich ergriffen.

Am Sonntag, 13. November, brachte die »World« einen sensationellen und denunziatorischen Lügenreport über die besagte Versammlung, welcher am Montag von verschiedenen Zeitungen abgedruckt und mit hetzenden Kommentaren versehen wurde.

Da mir sofort der Zweck dieses Vorgehens in die Augen sprang, sandte ich an die fraglichen Blätter eine Erklärung ein, in welcher ich jenen Bericht als verlogenes Machwerk brandmarkte. Indessen das Unheil, resp. Intriguenspiel gegen mich, hatte seinen Lauf. Reporter wandten sich an den Staatsauwalt, an den Polizeichef, den Bürgermeister, den Inspektor Byrnes etc. Alle sprachen sich dahin aus, dass ich eingesteckt werden sollte, betonten aber gleichzeitig, dass ihnen kein offizieller Bericht vorliege. Da erschien der berüchtigte Captain McCullagh auf dem Plan und brachte zwei Polizisten – Roth und Sachs – welche ein klein wenig das Deutsche radebrechen können, und von denen der Erstere schon wiederholt in politischen Prozessen sich als Falschschwörer ausgezeichnet hatte, zur Stelle. Diese Kreaturen lernten nun den »World«-Report notwendig auswendig und deklamirten denselben vor der Grancjury, welche daraufhin wider mich Anklage erhob.

Das war am Mittwoch, den 16. November. Augenblicklich wurde ich verhaftet und nach dem Polizeihauptquartier geschleppt. Man steckte mich in eines jener scheuslichen Löcher, wie sie in Amerika als Polizeiarreste in Gebrauch sind. Da hatte ich 23 Stunden zu verweilen und während der Nacht auf einem blanken Brett zu schlafen.

Am Donnerstag, den 17. November, schleppte man mich vor Gericht, wo ich unter 1500 Dollars Bürgschaft gestellt wurde, welche Frau Hoffmann erlegte. Ehe aber diese Formalität erledigt war, transportirte man mich gefesselt und in Gemeinschaft mit einem Dutzend kleiner Spitzbuben nach den Tombs, wo ich jedoch nur eine Viertelstunde lang zu verweilen hatte. Die Verhandlungen wurden schon für den darauffolgenden Dienstag, den 22. November, angesetzt.

Vielen Justizkomödien habe ich schon beigewohnt, manche davon waren bekanntlich auf meine Unkosten aufgeführt worden; allein eine solch’ fratzenhafte Farce, wie sie hier in Szene ging, hatte ich denn doch nicht erlebt.

In der Geschworenentrommel befanden sich ausschliesslich Namen von echten Vollblutbourgeois. Hausbesitzer, Rentiers, Spekulanten, Kaufleute, Fabrikanten und ähnliches Parasiten-Gezücht war da vorgeladen worden, um über einen ihrer verhasstesten Feinde zu Gericht zu sitzen. Einige waren allerdings ehrlich genug, ihren unüberwindlichen Klassenhass zuzugestehen, und konnten somit bei Seite gesetzt werden. Andere aber erklärten, ohne schamroth zu werden, dass sie zwar gegen die Anarchisten im Allgemeinen und gegen mich im Besonderen eine starke Abneigung empfanden, nichtsdestoweniger aber sich berufen fühlten, ein »unparteiisches Urtheil« abzugeben. So kam nach anderthalbtägigem Feilschen eine Rotte von stupiden und hasserfüllten Repräsentanten des Kapitalismus als Gerichtskollegium zum Vorschein, dem ich nun offenbar auf Gnade und Ungnade überantwortet war.

Als Ankläger figurirte ein Streber erster Klasse, der bei der letzten Wahl als Staatsanwalts-Kandidat durchgefallene Nicolls. Schon das Gesicht dieses Menschen verräth, dass sein höchstes Vergnügen Bosheit, sein Glück das Leiden Anderer, sein Charakter Arroganz und sein Beruf der Kampf um’s Unrecht ist.

Diese Kreatur, welche es übernommen hatte, mich hinter Schloss und Riegel zu bringen, und wenn er den gesunden Menschenverstand selbst in Unsinn verwandeln müsste, nur damit seine Auftraggeber, die Clubisten der oberen Zehntausend, mit denen er allnächtlich schlemmt und prasst, gut verdauen können, war sich schon seiner Einleitungsrede nach von vornherein bewusst, dass das »Material«, welches seinem Anklage-Vorwand zur Verfügung stand, nur Dummheit und Schufterei bildete. Daher verlegte er sich vom Anfang bis zum Ende der Verhandlung lediglich darauf, die eingestandenermassen vorurtheilsvollen Geschworenen des Weiteren systematisch gegen mich aufzuhetzen.

Da er seine Jungen kannte, fragte er sie nicht aus, sondern deklamirte die gewünschten Antworten selbst, so dass diese Burschen lediglich, wie richtige Esel, I a, I-a zu schreien brauchten.

Freilich, sobald hernach die Vertheidiger – Howe und Hummel –, welche diese Tricks sich immer und immer wieder verbaten, jene Hundsfötter in’s Kreuzverhör nahmen, widersprachen sich dieselben nicht nur gegenseitig, sondern jeder Einzelne von ihnen widerlegte alle Augenblicke seine eigenen Worte. Obendrein bestand selbst das, was mir diese Schufte an inkriminirenden Worten in den Mund zu legen suchten, lediglich aus ein paar verschwommenen Phrasen.

»Zuerst kommt Grinnell, dann Gary, dann kommen die Richter der Supreme Court von Illinois, ferner die höchsten Mörder des Landes, die Oberrichter von Washington, endlich der feige Heuchler Oglesby .... Ich würde zehn Jahre meines Lebens geben, wenn ich den Henker ausfinden könnte, und ich würde nicht eher rasten, als bis denselben das Schicksal unserer Chicagoer Genossen ereilt hat .... Bewaffnet Euch, damit Ihr die Bluthunde der Polizei abthun könnt ....  Für Jeden von uns müssen hundert Feinde bluten ....«

Dieser Lügenbrei ist ungefähr Alles, was da produzirt wurde mich zu verderben.

Die Angaben waren dem schon erwähnten »World«-Report entnommen und standen im vollsten Widerspruch zu einem gleichfalls am Tage nach der fraglichen Versammlung in der »Sun« erschienenen Bericht, der im Uebrigen ganz unzusammenhängend und feindselig gehalten war und mithin nicht den Stempel der Parteilichkeit zu meinem Gunsten an sich trug. Leider fand es der betreffende Reporter – Rosebold –, nachdem ich ihn als Zeuge vorladen liess, für gerathen, sich unsichtbar zu machen, was ziemlich tief blicken lässt.

Kaum hatte Nicolls das Fiasko seiner Zeugen hinter sich, so suchte er sogleich seinen Haupttrumpf auszuspielen. Er rief einen deutsch-redenden Detektiv auf den Stand und wollte sich von demselben die »Kriegswissenschaft« in Englisch vorlesen lassen. Natürlich protestirte hiegegen die Vertheidigung ganz energisch und der Richter Cowing liess diese Lektüre denn auch nicht zu. Nach diesem Pröbchen von Unverfrorenheit konnte man schon ahnen, was dieser saubere Kumpan von Ankläger im Laufe der Verhandlungen noch Alles herausstecken werde. Und richtig hat er auf allen erdenklichen Umwegen gelegentlich der Vernehmung meiner elf Entlastungszeugen fort und fort versucht, die beabsichtigte Lektüre doch noch zum Gehör der Geschworenen zu bringen und damit deren Gruseln zu erwecken und so mein Schicksal zu besiegeln. Immer und immer wurde er freilich damit abgewiesen, jedoch gelang es ihm jedesmal, erst einige Dynamit-Brocken in die Wagschale zu werfen, bevor er am Weiterfackeln verhindert wurde. Endlich, als ich selbst den Zeugenstand betreten hatte, gelang es dem abgefeimten Schurken, in der Form von Fragestellungen einen Abschnitt aus der »Kriegswissenschaft« nach dem andern zu deklamiren, obwohl ich jede diesbezügliche Antwort verweigerte, bis – viel zu spät – der Richter neuerdings diesem schändlichen Gebahren in den Weg trat. Sein Plan, die zwölf kapitalistischen Jury-Spiesser vollends bis zur Blindheit gegen mich anzustacheln war inzwischen vollkommen erreicht worden.

Meine elf Entlastungszeugen waren natürlich leicht im Stande, die Polizeilügen zu widerlegen, weil Jeder beim Lesen des »World«- Reports ganz von selbst über die Verlogenheit desselben entrüstet war und daher gerade das mir Unterschobene am entschiedensten ihrem Gedächtniss eingeprägt hatte. Dagegen konnte es ja nicht fehlen, dass sie in Bezug auf untergeordnetere Dinge, wie Dauer der Rede, Zeitpunkt des Beginns und des Endes derselben und dergleichen, in ihren Angaben von einander abwichen. Das nahm der kanailleuse Ankläger zum Vorwand, alle diese Leute – rechtschaffene Arbeiter – der Lüge zu zeihen! –

Da verschiedene von diesen Zeugen – unsere Genossen – nicht auf einen persönlichen Gott schwuren, sollten sie ohne Weiteres als unglaubwürdig erscheinen. (Ich möchte einmal jenen Gott kennen, den Nicolls ausser dem allmächtigen Dollar verehrt.) Das Verhör nahm in dieser Hinsicht immer und immer wieder den Karakter an, als ob eine Art spanischer Inquisition über dem Atheismus zu Gericht sässe.

Endlich spielte das Verhältniss der Zeugen zum Anarchismus eine Hauptrolle. War Jemand kein Anarchist, so musste er unbedingt von vornherein gelogen haben; deklarirte Einer, dass er zu unserer Partei gehöre, so lag nach Nicolls dessen Unglaubwürdigkeit auf der Hand, wohingegen seine – Nicolls – zwei, resp. drei Polizeiseelen »uninteressirte« Zeugen genannt wurden. Hatte ein Zeuge gar mit Most gefrühstückt, obwohl er sich zu dessen politischen Opponenten zählte, so musste dies ein Beweis dafür sein, dass er nach Verabredung handle. U. s. w.

Ich – nun ich hatte eben alle schlechten Eigenschaften. Ich rekapitulirte meine Rede, wie sie Eingangs dieser Schrift gedruckt ist, in Englisch. Da dieselbe sichtlich sogar auf die Geschworenen einen mehr oder weniger günstigen Eindruck machte, so war sie natürlich eine Fälschung. Da ich an kein höheres Wesen glaube, galt ich einfach als Meineidiger. Meine Stellung als Anarchist war Hochverrath. Was ich in früherer Zeit geschrieben hatte, sollte den Knüppel bilden, mir das Genick zu brechen. Die von mir in den Kerkern der europäischen Tyrannei erlittenen Misshandlungen waren gerade geeignet, mich in den Augen dieser »republikanischen« Geschworenen als Verworfener zu brandmarken. Endlich– wie gesagt – die »Kriegswissenschaft« – heiliges Krähwinkel! – das war zum Heulen und Zähneklappern!

Viele Freunde und Bekannte meinten nachträglich, ich hätte gar nicht auf den Zeugenstand gehen sollen. Ich bin ganz anderer Meinung. Ich weiss aus Erfahrung, dass Leute, welche mich persönlich gesehen und gehört haben, stets ihre vorgefassten Meinungen über mich mehr oder weniger zu meinen Gunsten korrigirten. Es kann in diesem Falle nicht anders gewesen sein. Hat mein Auftreten mir persönlich schliesslich auch nichts genützt, im Allgemeinen und speziell unserer Sache hat es sicherlich nichts geschadet. Andererseits würde ohne mein persönliches Eingreifen der ganze Prozess nicht jenen Charakter angenommen haben, welcher seiner ganzen Bedeutung nach demselben nicht vorenthalten werden durfte – gleichviel, welche Konsequenzen daraus erwachsen, mochten.

Uebrigens steht es fest, dass mehrere Geschworene vom Anfang an entschlossen waren, unter allen Umständen gegen mich zu entscheiden, wie das aus deren ganzem Betragen völlig unverkennbar zu ersehen war. Insbesondere hat das mit cynischer Frechheit der Geschworene No. 7 fort und fort zu verstehen gegeben.

Umsonst war der durch mich selbst und meine Zeugen geführte Nachweis, dass die meinerseits am 12. November gehaltene Rede selbst bei der gewagtesten Dehnung der reaktionärsten Gesetzesbestimmungen nicht strafbar war. Umsonst war der vom Vertheidiger Howe erlassene Appell um Aufrechterhaltung der Redefreiheit. Vergebens war selbst die objektive Darstellung der Sachlage durch, den Richter. Massgebend war da nur die skandalöse Hetzerei des Anklägers Nicoll.

Allerdings brauchten die Geschworenen 4½ Stunden, um sich auf ein »Schuldig« zu einigen, allein das charakterisirt die Mehrheit derselben nur als desto gemeinere Subjekte. Denn wie soll man jene Sieben, welche Anfangs für Freisprechung stimmten und hernach dennoch ein Verdammungsurtheil abgaben, anders nennen? Diese Jämmerlinge waren es einfach überdrüssig, die Nacht über hinter verschlossenen Thüren zu verweilen; ihre Bequemlichkeit ging ihnen über alles Gerechtigkeitsgefühl. Nachts um 10 Uhr am 29. November traten sie mit einstimmigem »Schuldig« in den Saal. Alle schienen sich zu schämen; sie waren im höchsten Grade aufgeregt, ihre Gesichter sahen blass aus, und Jeder senkte die Augen zur Erde; sie glichen schuldbewussten Verbrechern, über welche der Stab gebrochen wurde. Hier ist die Liste dieser Biedermänner:

 

1) Obmann, Alfred J. Goodwin, House Mover, No. 172 Ost 29. Strasse;

2) John L. Bedman, Grocer, No. 330 Spring Strasse;

3) Samuel Worms, Extrakten-Händler, No. 559 Washington Strasse;

4) Henry Wassermann, Tabakshändler, No. 160 West Strasse;

5) William Latoson, Oelhändler, No. 610 West 45. Strasse;

6) Seligmann Oppenheimer, Diamantenhändler, No. 35 Maiden Lane;

7) James M. Lehmaier, Sekretär der Universal Color Company, No. 90 Süd 5. Avenue;

8) Henry W. Droove7) Grundeigenthums-Spekulant, No. 618 Eagle Avenue;

9) William H. Fowler, Herausgeber der »Illustrated London News«.

10) Michael J. Mulvaney, Futterhändler, No. 1253 Lexington Avenue;

11) Peter Caffrey, No. 263 Ost 4. Strasse;

12) Patrick Hall, Real Estate Broker, No. 929 Ost 9. Strasse.

 

Einstweilen wurde ich nun in den Tombs eingesperrt, um da mein Urtheil abzuwarten, das am Donnerstag, den 8. Dezember, gefällt wurde und auf ein Jahr Gefängniss lautete. Da der Richter gleichzeitig einen Strafaufschub bis zur Entscheidung des Apellations-Gerichtes bewilligte, so erfolgte meine Freilassung gegen Kaution.

Trotz alledem schliesse ich diese Epistel mit: Hoch die Anarchie! Es lebe die soziale Revolution!




»Es ist eine wahre Schande!« Das war das Urtheil der meisten Arbeiter, sogar der eingeborenen, als sie gegen alle Erwartung vernahmen, was die zwölf »Ordnungs«-Lümmel, welche da als Geschworene fungirten, verübt hatten. Mit dieser Art Entrüstung war es aber auch abgethan. Radikaler veranlagte Naturen riefen: »So muss es kommen! Einen nach dem Anderen muss man ins Zuchthaus stecken – Boycotter, Walking Delegates, Striker, Knights of Labor, Gewerkschafter – Alle, Alle, die des Hungers Stachel spornt, das Kapital in seiner Herrlichkeit durch Wort und Schrift zu stören. Nur wenn die Verfolgung systematisch wird, kann das Volk aus seinem Stumpfsinn aufgerüttelt werden. Also: je toller, desto besser!«

Aber leider kommt es anders. Die regierenden Demagogen schlachten ihre Opfer mit Mass und Ziel. Vorerst wagen sie sich nur an Anarchisten. Da diese nicht zur Urne gehen, haben sie dabei auch kein Stimmvieh zu verlieren. Da sie schwach an Zahl sind, kann man es riskiren, mit ihnen ruppig zu verfahren. Denn – wohlgemerkt! – die Bande ist nicht nur frech, sondern mehr noch feig.

Freilich es unterliegt jetzt wohl kaum noch einem Zweifel, dass die Schwurgerichts-Kosaken Jeden niederreiten würden, der als Theilnehmer an der Arbeiterbewegung unter irgend einer Anklage vor ihre Tribunale kommt. In den Augen dieser Habgiers-Menschen ist ja das Verlangen nach einem Nickel Lohnerhöhung nicht minder Hochverrath, wie die höchsten Strebeziele eines Anarchisten. Die Zunft der Politiker aber kennt sich besser aus. Sie schlachtet nur gewisse Sündenböcke ein und lässt die Durchschnitts-Opponenten ungeschoren. So erreicht sie doppelt, was sie wünscht: Einschüchterung der Massen, ohne dieselben des Weiteren wider sich aufzuregen.

Das vorjährige Experiment mit mir und meinen beiden Leidens, geführten ist ja so prächtig gelungen, wohingegen das Vorgehen wider die Boycotter ein Fiasko war. So muss Unsereiner bluten – immer wieder bluten, ohne dass daraus jene Konsequenzen reifen, welche einem Freiheitskämpfer die Leiden leicht erträglich machen.

So, wie es bis jetzt in Amerika stand und offenbar noch lange bleibt, verbringt Unsereiner seine Zeit ganz zwecklos hinter Kerkermauern. Er raubt sich und den Seinigen die Lebensfreude ohne damit Andere zu erhöhtem Feuereifer hinzureissen. Dies mag keinen Bezug haben auf die engeren Genossen, allein damit ist wenig gedient. Die aussenstehenden Massen nehmen von solchen Opfern kaum einen Augenblick Notiz und verharren in Gleichgültigkeit, wie die Pflugstiere, wenn sie sehen, dass Einer der Ihrigen die Peitsche zu kosten bekommt.

Dieses ist auch einer der Gründe, weshalb ich wahrlich kein Martyrium gesucht habe, sondern im Gegentheil Alles aufbot, um mir die Kriminalisten zehn Schritte vom Leibe zu halten. Ein Revolutionär, der da weiss, dass sein Dasein hinter Kerkergittern keine Propaganda macht, ist verpflichtet, schon im Interesse der Sache die Freiheit sich zu sichern. Dass ich dementsprechend handelte und von unseren Feinden dennoch wieder kalt gestellt worden bin, macht dieselben doppelt verächtlich.

Ich würde sie beschuldigen, frivol grausam zu sein, wenn ich nicht wüsste, dass es die blasse Angst ist, welche sie bewog, mich neuerdings in Ketten zu schlagen.

Sie erzittern vor ihren Galgen von Chicago. Sie wittern Rache und vermeinen dieselbe zu verhüten, wenn sie meine Person in einen Käfig stecken. Für diese Geisteszwerge ist ja die Anarchie in mir verkörpert. Ohne mein Hinzuthun, glauben diese Jammerkerle, werde kein Hund vor den Ofen springen. Nichts ist entwürdigender, als wenn man der Dummheit solcher Idioten zum Opfer fällt.

Weshalb ich all’ dieses sage? Weil ich es überdrüssig bin, mich selbst und Andere in Illusion zu wiegen. Es ist hohe Zeit, dass wir über den wahren Stand der Dinge in’s Klare kommen; und diesen will ich kurz und bündig hier skizziren.

In Europa ist unsere Position eine ehrenvolle. Wir bilden da das Salz im Klassenkampfe, und bald vielleicht ruft uns die Alarmtrompete in das Feuer. Voranstürmend im Streite stehen wir gleichwohl in Fühlung mit dem Ganzen. Unsere Fahne ist auch die Fahne der Massen. Wir stehen da mitten im Gewoge des kampfbereiten Proletariats; da gibt es für uns nichts zu erinnern, nichts zu erwägen, und die Parole lautet: vorwärts, immer vorwärts; die Kühnheit führt zum Ziele!

In Amerika hingegen gleichen wir den Rufern in der Wüste, deren Stimme ungehört verhallt. Der Sozialismus ist da deutsch, der Anarchismus ein Veilchen, das im Verborgenen blüht. Die englischen, irischen und amerikanischen Arbeiter-Gesellschaften sind gross an Zahl, inhaltslos an Prinzip. Sie erinnern an den Stand der Dinge, wie er vor etwa fünfzig Jahren in Frankreich in Erscheinung trat.

In diesen Kreisen hält man uns für Schurken oder Narren, weil man uns nicht kennt und auch nicht kennen will. So lange dieser Zustand dauert, ist unser Streben hoffnungslos. Thöricht wäre es, das nicht zu begreifen; unverzeihlich, uns in Isolirtheit zu verbluten, schmachvoll, darob zu verzagen.

Lange habe ich schon darüber nachgegrübelt, was wohl in Amerika geschehen könnte, die breiten Massen hinein zu reissen in den Strudel der allgemeinen Sache. Jetzt, im stillen Kämmerlein, ist ein Vorschlag meinem Kopf entsprungen, den ich am Vorabend meiner abermaligen Einkerkerung noch allen Freunden und Genossen unterbreiten möchte.

Wenn in Amerika Sozialismus und Anarchismus gedeihen sollen, müssen zu allernächst in voller Ruhe, sozusagen hinter den Koulissen, Gruppirungen gebildet werden, deren Glieder das Zeug in sich tragen, später die Agitation im grossen Stile zu betreiben.

Man sollte kleine Klubs in’s Leben rufen, welche nicht nur Mitglieder auf allen Strassen werben, sondern zu welchen nur intelligentere und einflussreichere Personen aus den Reihen des organisirten Proletariats herangezogen werden. Solche gibt es allenthalben, doch muss man sie mit Vorsicht und ohne zu ermüden zusammen suchen.

Diese Klubs müssten vorerst ganz ohne Parteicharakter bleiben; sie sollten keine bestimmte Prinzipien-Erklärung adoptiren, um jede Prinzipienreiterei und allen Hader um Formeln und Phrasen zu vermeiden. Ihr Zweck sollte die Ideenklärung, Verstandesschärfung und Charakterbildung sein. Aus ihrem Schoosse könnte sodann das Lehrerthum zur mündlichen Agitation entstehen und auch eine Pamphlet-Literatur erspriessen, welche ihrerseits wiederum den unerlässlichsten Samen bilden würde, der berufen wäre, in den Boden der Massen einzudringen und in Amerika jene Früchte auszuzeitigen, welche vor langer Zeit ein ähnliches Verfahren auch in Europa schuf.

Thut jeder unserer Genossen, namentlich wer der englischen Sprache mächtig ist, was er in diesem Sinne leisten kann, so muss die Sache vorwärts gehen.

Soll denn aber unsere eigene Organisation aufgegeben werden? Mit nichten! Dieselbe sollte im Gegentheil so ausgebaut werden, dass sie später, wenn einmal eine amerikanische Arbeiterbewegung revolutionärer Tendenz in’s Leben tritt, mit beträchtlichem Gewicht sich dieser beigesellen und so einen mitbestimmenden Einfluss üben kann.

Wäre bis dahin gleichzeitig der einfältige Bruderzwist beendet worden, in welchem sich die Sozialdemokraten und Anarchisten gefallen, obgleich ihre Differenzen gerade auf amerikanischem Boden den allerwenigsten Sinn haben, so würde natürlich mit um so stärkerer Hand eingegriffen werden können.

Nicht Wühlerei, sondern Propaganda ist Dasjenige, was zu beitreiben ist, rufe ich den Einen zu; nicht hochtönende Phrasen, sondern praktische Agitation ist von Nöthen, sage ich den Anderen. Fanatische Zentralisten, lasst ab von Eurem Regieren; fanatische Autonomisten, ordnet das Bischen Person der grossen Sache unter; Ihr Alle, schafft eine vernünftige Föderation, in deren Rahmen Jeder, der es ernst meint mit der sozialen Revolution, in seiner Art kämpfen kann! Sozialismus und Anarchismus sind keine Religionen; Arbeiterparteien sind keine Kirchen; ihre Strebeziele lassen sich nicht in Litaneien pressen; ihre Praktiken kann man nicht paragraphiren.

Diese Mahnworte kommen vom Herzen; mögen sie zum Herzen dringen.

 

* * *

Um das Kaffernthum über den Stand der Dinge zu unterrichten und demselben das Lästermaul etwas zu stopfen, übergab ich der Presse schliesslich folgenden offenen Brief, welcher gleichzeitig den ganzen Prozess in einer Nussschale darstellt:

 

1. Von dem Augenblicke an, wo das entsetzliche Klassenurtheil über acht Anarchisten in Chicago ausgesprochen wurde, hat ein grosser Theil der kapitalistischen Presse verlangt, dass man mich zum neunten Opfer ausersehen möge, weil ich das »Haupt« der Anarchisten sei. Letztere Behauptung ist um so absurder, als wir Anarchisten jegliche Autorität verwerfen und Jeder von uns autonom und unter seiner eigenen Verantwortlichkeit handelt.

2. Diese Hetzerei wurde schon während meiner letzten Gefangenschaft betrieben und steigerte sich nach meiner Freilassung zu einer wahren Raserei, obgleich ich Angesichts der kritischen Lage, in welche mich solch’ ein Geheul versetzte, ohne meinen Ideen untreu zu werden, mich sorgfaltig hütete, irgend einen Anlass zum gerichtlichen Einschreiten wider mich zu bieten.

3. Wiederholt wurde deshalb zur Fälschung geschritten. Man telegraphirte Reden im Lande herum, welche ich gehalten haben sollte, die aber in Wirklichkeit nur Zeitungsmache waren. Man publizirte »Interviews«, welche niemals stattgefunden hatten. Ich wurde in jeder Hinsicht missrepräsentirt, um die »öffentliche Meinung« gegen mich zu kehren.

4. Gleichzeitig umschwärmten mich Pinkerton’sche und andere Detektivs, um mich zu provoziren, zu unbedachten Schritten zu verleiten.

5. Bekanntlich kam vor Kurzem der berüchtigte Bonfield von Chicago nach New York und hielt daselbst mit den Spitzen der Polizei geheime Konventikel ab.

6. Gelegentlich der Unterredung, welche Bonfield später mit einem Vertreter der New Yorker Presse in Chicago hatte, ergab sich darüber Näheres, indem der elende Schurke ganz zynisch sagte: »Mit Most wird nächstens abgerechnet. Man wird ihn unter irgend einem Vorwand verhaften und unterwegs lynchen! Das war vor etwa drei Wochen. Acht Tage später war ich bereits arretirt, wenn auch nicht gelyncht worden.

7. Aus Alledem ergibt sich, dass der jüngst wider mich eingeleitete Prozess nur das Resultat einer wohlgeplanten – wenn auch herzlich schlecht durchgeführten – Polizeiverschwörung war.

8. Dass ich trotz alledem für »schuldig« befunden wurde; dass weder die Aussagen von elf unbescholtenen Leuten, noch meine eigenen Angaben, noch die unparteiische Haltung des Richters, noch die glänzende Verteidigung der Herren Howe und Hummel diesem Unrecht vorzubeugen vermochten, habe ich lediglich dem Gehülfen des Distriktsanwalts, Nicoll, zu verdanken, welcher, als er sah, dass seine Beweismittel gleich Null waren, in der allerschamlosesten Weise die Geschworenen wider mich aufreizte und sie bewog, nach allgemeinen Prinzipien, resp. nach ihrem Klassen-Vorurtheil – es sassen ja lauter Kapitalisten in der Jury – mich zu verdammen. Mein früheres Vorleben, sogar meine Kämpfe wider die europäische Tyrannei, meine Ueberzeugungen hinsichtlich des Staates, der Gesellschaft, der Religion, der muthmasslichen Zukunft der Menschheit; vor Allem ein vor etwa 3½ Jahren publizirtes Buch, das jedoch schon seit Jahr und Tag ausser Zirkulation ist; dies Alles und noch mehr musste dazu dienen, den Geschworenen ein »Schuldig« zu entlocken, welches unter solchen Umständen ganz und gar im Widerspruche zu dem vorliegenden Beweismaterial abgegeben wurde und mithin eine Schmach ist.

9. Diese Erklärungen öffentlich abzugeben, halte ich für um so notwendiger, als ich leider die Wahrnehmung machen musste, dass verschiedene Blätter, welche sonst in Sachen dieses Prozesses objektiv Bericht erstatteten und sogar editoriell sich gegen meine Verfolgung aussprachen, nach dem Bekanntwerden des unerhörten Verdiktes dasselbe beifällig aufnahmen.

So liegen die Thatsachen, und wenn ich trotz alledem nach der Penitentiary geschickt werde, so will ich wenigstens mit obigen Darlegungen hiergegen energisch protestirt haben. Ich werde eventuell die mir auferlegten Leiden mit der nämlichen Resignation ertragen, welche mich bei allen früheren über mich hereingebrochenen Quälereien aufrecht erhalten hat. An meinen Grundsätzen vermag eine weitere Einkerkerung nichts zu ändern, ja eine solche würde nur geeignet sein, meine Ansichten über die Ungerechtigkeit des bestehenden Systems aufs Neue zu bestärken. Anderen aber – und ich hoffe, vielen Tausenden – wird das Unrecht, welches ich erleide, die Augen öffnen und sie den Reihen jener Partei zuführen, welcher die Zukunft gehört.

 

Tombs, 3. Dezember 1887.

John Most.