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Helene von Mühlau – Frau Doktor Breuer

Roman

Helene von Mühlau, Frau Doktor Breuer, Stern Bücher Verlag (Koch & Co.), Leipzig, o. J.
Nach der Ausgabe bei Projekt Gutenberg, neu durchgesehen und nachkorrigiert.


1.

Im Bureau des Herrn Gormann brannte ein Feuer und machte den Raum sehr behaglich; denn draußen ging ein kalter Frühlingswind, und die Kälte, die nach ein paar fast sommerlich warmen Tagen von neuem eingetreten war, war peinigender als im Winter.

Herr Gormann hatte eine Flasche Wein und drei Gläser auf einen Tisch stellen lassen; auch eine Kaffeemaschine, zum Anzünden der Spirituslampe bereit, war vorhanden.

»Kaffee oder Wein – mir ist es gleichgültig! Meinethalben mögen sie beides nehmen – wenn sie nur zu einem Entschluß kommen.«

Er sah auf die Pendeluhr, die an der Wand hing. »Wenn sie pünktlich wären, könnten sie schon da sein!« sagte er verdrießlich, stand von seinem Stuhl auf und ging in dem schmalen, langgestreckten Raume auf und nieder. Je länger er warten mußte, um so verdrießlicher wurde er, und wenn er verdrießlich aussah, wirkte sein Gesicht sehr unschön, fast erschreckend. Er läutete am Telephon, und als er hörte, daß es nur seine Frau war, die gern schon etwas wissen wollte, hängte er mit einem ärgerlichen: »Nein – ich werde schon selbst anklingeln, wenn etwas zu melden ist!« den Hörer wieder an.

Aber nun hörte er Stimmen und Schritte in dem anstoßenden großen Laden, hörte, wie einer seiner Leute sagte: »Bitte, hierher! Herr Gormann erwartet Sie in seinem Bureau!«, und sogleich hellten sich seine Mienen auf – die Augen bekamen etwas Leuchtendes und der breite Mund hatte ein Lächeln.

Die Eintretenden waren ein junges Ehepaar – wenigstens auf den ersten Blick wirkten sie sehr jung – denn die Frau war von mädchenhafter Schlankheit, mit einem zarten, sehr feingeschnittenen Gesicht, und der Mann war ebenfalls schlank und hatte schnelle, jugendliche Bewegungen.

Herr Gormann kam mit ausgestreckten Händen auf die beiden zu:

»Es freut mich ganz ungemein!« sagte er. »Sie waren doch draußen, nicht wahr, haben alles angesehen?«

»Wir kommen eben von dort!« sagte der Herr. »Sie sehen, wie zerzaust wir sind. Der Wind hat da draußen, eine Stärke – es ist unglaublich!«

Herr Gormann glaubte aus diesen Worten einen Tadel herauszuhören und begann sofort, sein Grundstück zu verteidigen.

»Nein, Herr Doktor, da irren Sie sich; das hört sich nur so an. Im Hause selbst merken Sie nicht mehr von einem heftigen Winde als in jedem Stadthause.«

Der Doktor lächelte: Wir wollen ja gerade etwas mehr davon hören,« sagte er. »Wenn mir schon so weit von der Stadt fortziehen, wollen wir natürlich in engerem Kontakt mit der Natur sein!«

»Sind Sie auch – selbstverständlich – das ist ja das Wunderschöne da draußen, man ist mit der Natur geradezu verwachsen. Darum habe ich mir die Sache ja auch seinerzeit gekauft. Aber was nützt sie mir? Drei- bis viermal im Jahre bin ich einen Sonntag draußen – in all der anderen Zeit steht alles leer. Man ist eben Geschäftsmann und kann sich den Luxus eines Landhauses zwar insofern leisten, als man das Geld dafür übrig hat, aber die Zeit fehlt. Und sehen Sie, aus diesem Grunde, Herr Doktor, kann ich Ihnen ein so überaus günstiges Angebot machen; denn in der Tat, es kommt mir auf ein Geschäft nicht an – im Gegenteil, ich verliere bei der Sache – aber ich möchte reinen Tisch haben – meine Gedanken reichen nicht aus, um neben dem Geschäft und tausend anderen Dingen auch noch das Haus da draußen zu übersehen!«

»Das Haus ist sehr verwohnt, wie meine Frau heute festgestellt hat!« sagte der Doktor Breuer. Aber man merkte es ihm an, daß er das nicht gern sagte. Auch hatte nicht seine Frau herausgefunden, daß das Haus verwohnt sei, sondern ein Sachverständiger, den er auf den Rat eines Bekannten mit hinausgenommen hatte, um das Grundstück anzusehen. Sein Feingefühl oder auch, eine gewisse Aengstlichkeit, die seinem Wesen anhaftete, hinderte ihn aber, diesem Herrn Gormann einzugestehen, daß er einen Fremden mit hinausgenommen hatte, um das Haus zu bewerten.

Herr Gormann warf einen erstaunten Blick auf die zart aussehende Frau, dann bat er:

»Aber bitte, nehmen Sie doch Platz, gnädige Frau. Wollen Sie sich nicht in den Sessel setzen? Bitte, Herr Doktor!«

Das Ehepaar nahm Platz und Herr Gormann saß vor seinem Schreibtisch und spielte mit dem Briefbeschwerer, den er aufhob und wieder niedersetzte.

»Ich will nicht bestreiten, daß das Haus einiger kleiner Reparaturen bedarf, um in den Zustand völliger Wohnlichkeit zu kommen. Aber Sie glauben nicht, wieviel da mit sehr geringfügigen Summen erreicht wird. Und dann bedenken Sie den Preis; ich versichere Sie – –«

»Ich weiß – ich weiß,« sagte der Doktor und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sein Gesicht sah abgespannt aus und man fühlte, daß das Geschäftliche, über das er hier zu verhandeln hatte ihm außerordentlich lästig war. »Wir wollten nur noch einmal wegen der Anzahlung fragen,« fuhr er fort. »Wir – ich bin nicht in der Lage, Ihnen die Summe zu zahlen, die Sie forderten. Sie scheint mir auch zu hoch als Anzahlung für ein doch sehr bescheidenes Grundstück.«

Herrn Gormanns Gesicht nahm einen ablehnenden Ausdruck an:

»Es tut mir unendlich leid, Herr Doktor – aber ich muß bei der vereinbarten Anzahlungssumme bleiben!«

Der Doktor sah seine Frau an, und die flüsterte ihm zu:

»Wenn du es doch aufgeben wolltest, Martin. Es ist mir furchtbar, Papa um das Geld zu bitten.«

Breuer warf einen sehr zornigen Blick auf seine Frau; – dann erhob er sich langsam:

»Ich habe einen Narren an dem Haus gefressen,« sagte er. »Tausende würden sich bedanken, sich da draußen hinzusetzen – aber mir ist es nun einmal so, als müßte es gerade dieses Haus sein. Aber, leider macht Ihre Forderung die Sache fraglich, zum wenigsten kann ich heute keinen Abschluß machen, wie ich es gewünscht hätte. Aufgeben tue ich die Sache noch nicht – aber wie gesagt, es bedarf da erst noch einiger Ueberlegungen.«

Herr Gormann war um vieles gemessener geworden. Nach einer Weile des Nachsinnens sagte er: »Ich will Ihnen insofern entgegenkommen, als Sie mir die Anzahlung in zwei Raten zahlen können – die erste am 1. Juli, die zweite am 1. Januar des kommenden Jahres!«

Dr. Breuer sah wieder zu seiner Frau hin, aber die hielt jetzt die Blicke gesenkt. »In zwei Tagen erhalten Sie endgültigen Bescheid,« sagte er dann, und Herr Gormann geleitete das Ehepaar, ohne ihm von dem Wein oder dem Kaffee angeboten zu haben, hinaus. Sie mußten wieder durch den Laden. Herr Gormann besaß eines der größten Kunstgeschäfte der Stadt. Durch einen Einkauf, den Dr. Breuer bei ihm gemacht hatte, hatten sie sich kennen gelernt. Und da Herr Gormann bei jedem Kunden Gelegenheit nahm, ihm von seinem Grundstücke am See zu erzählen, so hatte er es natürlich auch bei Dr. Breuer getan und war eines Sonntags selbst mit ihm hinausgefahren.

Dr. Breuer hatte bis dahin nie daran gedacht, sich je im Leben ein eigenes Haus anschaffen zu wollen – aber wie er dann diese Idylle am See gesehen hatte, ging es ihm, wie es damals gegangen war, als er seine Frau zum ersten Male gesehen hatte. Er mußte besitzen – ganz einerlei über welche Hindernisse hinweg. Zu der Frau war er gekommen, obwohl deren ganze Familie sich gegen ihn aufgelehnt hatte und zu dem Hause würde er auch kommen – so oder so.

Als sie jetzt in dem Laden standen, sah er sich suchend um.

»Haben Sie das Bild von dem römischen Kardinal verkauft?« fragte er und hatte den Ausdruck der Enttäuschung in seinem sehr beweglichen Gesicht.

Gormann winkte einem jungen Manne und ließ das Bild bringen.

»Es hat zwei Liebhaber. Ich habe es aber fürs erste zurückgehalten – weil – nun, Ihnen kann ich ja den Grund sagen. Sehen Sie, das Bild hat etwa fünf Jahre lang in dem Grundstücke draußen im sogenannten blauen Zimmer gehangen – Sie wissen, das größte Zimmer im ersten Stock mit den blaugemalten Wänden. Und da ist es mir lieb geworden. Das Rot dieses Kardinalgewandes harmoniert ganz wunderbar mit dem Blau des Zimmers da draußen. Ich kann mir das Bild an keinem anderen Platze denken. Und nun sollen Sie auch das noch wissen: das Bild wird an seine alte Stelle zurückkommen – ich will kein Geld dafür haben – mein Gott – man ist doch auch nicht ganz ohne Ideale. Also, an dem Tage, an dem Sie das Haus Ihr Eigen nennen, wird auch das Bild Ihnen gehören, und es wird Ihnen eine Freude sein, die sich jeden Tag wiederholt, wenn Sie das Zimmer betreten.

In Dr. Breuers Gesicht war ein Ausdruck von Verklärung gekommen; er sah wie in Andacht zu Gormann auf.

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen,« sagte er dann. »Was sagst du dazu, Magdalene?«

Sie sah traurig zu ihrem Manne auf. »Ja, es ist sehr liebenswürdig von Herrn Gormann!« antwortete sie. Aber ihre Stimme klang, als ob sie mit Tränen kämpfte.

Wenige Minuten später standen sie auf der Straße. Der Wind war stärker geworden und riß ihnen an den Kleidern. Sie waren müde und hungrig; denn sie hatten noch keine Zeit gehabt, irgendwo ein Mittagbrot zu nehmen. Magdalene fühlte sich sehr schwach und unglücklich; sie wußte im voraus alles, was kommen würde und hielt den Kopf gesenkt.

»Martin,« bat sie dann leise und mit einem Ton in der Stimme, der wie Verzweiflung klang. »Martin, schicke mich nicht zu Papa – ich kann es nicht, wahrhaftig, ich kann es nicht.«

Der Doktor winkte einem Wagen, der vorüberfuhr.

»Steig ein!« sagte er in einem Tone, gegen den es kein Auflehnen gab, und Magdalene gehorchte.

»Ich will dir nur eines sagen,« begann er dann. »Von dem Hause hängt für mich alles ab. Du weißt, daß ich an Dinge, die sich einem durch Träume und Ahnungen offenbaren, glaube, – ja, daß ich mich ganz unbedingt auf solche Dinge verlasse. Und ich weiß: von diesem Hause wird für mich und meine Arbeit alles abhängen. – Kann ich draußen in dieser stillen, feinen Landluft ungestört sitzen, dann kommen alle guten Geister zu mir. Bin ich weiter verdammt, in ein paar elenden gemieteten Stuben zu hausen, so kann nie etwas aus mir werden – aus mir selbst als Mensch nicht und natürlich aus meiner Arbeit nicht. Nun weißt du es und kannst handeln wie du willst. Dein Vater ist ein reicher Mann und hält das Geld zusammen, als wenn er es mit in sein Grab nehmen wollte.«

»Das tut er nicht, Martin,« unterbrach ihn die Frau. »Wir leben doch ganz von ihm und er sorgt sich mehr, als du denkst.«

Dr. Breuer lachte auf. »Erzähle mir solche Dinge nicht. Er hängt am Gelde – aber du kannst ihm zum Trost sagen, daß er alles auf Heller und Pfennig und mit Zins und Zinseszins von mir zurückhaben wird, sobald meine Arbeit vollendet ist. Meinethalben kann er Wucherzinsen nehmen – ich hänge nicht am Gelde!«

»Martin, wie du Papa verkennst!«

»Magdalene, tu mir den einen Gefallen und mache mich nicht nervös, ich kann ohnehin meine Gedanken kaum zusammenhalten. Also morgen will dieser Gormann Bescheid haben, und ich kann es dir nicht ersparen, daß du heute noch zu deinem Vater gehst!«

Sie sagte nichts mehr, aber sie seufzte.

»Kutscher!« rief der Doktor nun und beugte sich zum Wagen hinaus. »Halten! Ich will aussteigen!«

Er zahlte und hing sich in den Arm seiner Frau.

»Ich muß etwas essen!« sagte er. »Komm!«

In einer Seitenstraße war ein kleines, dürftig aussehendes Restaurant, in dem sie öfter zu essen pflegten, wenn sie zu Hause nichts hatten.

Heute war es spät geworden, und es gab außer der Suppe nur ein ziemlich gewöhnliches, abgestandenes Gericht, das sie dennoch vollends verzehrten, weil sie seit dem Morgen nichts gegessen hatten.

Breuers Laune verbesserte sich, nachdem der Hunger, der ihn nervös gemacht hatte, gestillt war.

»Also, Magdalene, mach dir das Herz nicht schwer und tritt doch dem eigenen Vater gegenüber nicht wie eine armselige Bittstellerin auf. Das Geld, auf das wir jetzt Anspruch machen, würde dir doch später einmal zufallen – wahrscheinlich sehr viel mehr als das. Es ist also nicht so schlimm!«

»Du sagst das immer so hin, Martin. – Aber zum wievielten Male bin ich schon bei Papa, gewesen!«

»Bisher doch immer nur um Bagatellen!«

»Du nennst das Bagatellen. Papa sieht es aber nicht so an. Ich glaube, das Geld, das wir verlangen, ist es nicht – aber daß es immer dasselbe bleibt– daß ich immer wieder sagen muß: Ja, wenn du ihm dies bewilligst, dann wird alles gut! – und dann nachher ist es doch anders, und Papa ist dann so außer sich!«

»Krämerseele!« sagte Breuer verächtlich. »Ein Kaufmann kann doch nie aus sich heraus, und wenn er noch so reich ist!«

»Papa ist kein Kaufmann im gewöhnlichen Sinne – er will nur einen Erfolg sehen!«

»Erfolge kann man sehen, wenn man in Waren handelt, die zum bestimmten Termin ihren Verdienst bringen müssen. Bei einem geistigen Arbeiter kann man natürlich nicht sagen: ich gebe dir diese Summe, und in soundsoviel Zeit muß dein Kopf sie verarbeitet haben, damit ich sie zurückerhalte. So aber denkt dein Vater!«

»Wir wollen nicht mehr davon sprechen, Martin!«

»Aber du gehst hin?«

»Ja, ich gehe!«

»Dann ist alles gut!«

Sie stand auf. »Ich will erst nach Hause, Martin. So, wie ich aussehe, kann ich nicht zu Papa, – aber ich muß mich eilen, denn ich gehe zu ihm ins Bureau. Ich will niemand anders als nur ihn sehen.«

Sie gingen Arm in Arm die Straße entlang, ohne weiter zu reden. Vor einem sehr einfach aussehenden Hause machten sie Halt. Breuer sah an der Fassade in die Höhe, als ob er es zum ersten Male sähe.

»Da wohnt man nun seit fast zwei Jahren und soll etwas leisten!« stieß er grimmig hervor.

Magdalene hatte eine Entgegnung auf den Lippen, aber sie verschluckte sie. Es half doch nichts.

Sie stiegen eine graue Steintreppe in die Höhe. Breuer schloß die Flurtür auf und warf sie, nachdem sie eingetreten waren, geräuschvoll ins Schloß zurück.

Drinnen in dem kleinen Vorraum war es duster: man konnte kaum die paar Möbelstücke, die hier standen, erkennen.

Magdalene trat ins Wohnzimmer. Hier war es zwar hell, aber alles lag unaufgeräumt da, wie sie es am Morgen in der Eile verlassen hatten. Sie lebten ohne Bedienung; nur eine Frau aus dem Nachbarhause kam am Vormittag und tat die grobe Arbeit. Heute war sie nicht dagewesen, und Magdalene ordnete mit fliegenden Händen, um wenigstens das Schlimmste zu verdecken.

Dann stand sie im Schlafzimmer, deckte die Betten zu und schloß die Fenster, die sie am Morgen offengelassen hatte.

Die ganze Wohnung, die sie inne hatten, bestand aus diesen beiden Zimmern. Ehemals hatten sie fünf Räume gehabt; alles gut ausgestattet, alles behaglich und wohlhabend, – aber sie waren eben auf dem Wege, der abwärts führte, waren Idealisten, wie Breuer sagte.

Magdalene zog ihr Kleid aus, ließ die blonden Haare herabfallen und steckte sie wieder auf. Dann nahm sie ein dunkles Kleid aus dem Schranke, setzte einen Hut auf, der sie gut kleidete, und nahm einen Pelz um die Schultern.

Ja, sie war doch noch jung, und sie war einmal sehr hübsch gewesen, war so hübsch gewesen, daß Breuer sich gesagt hatte: Die mußt du besitzen! Nun besaß er sie seit acht Jahren und hatte ihr viel von ihrer Schönheit und Jugend genommen.

»Ich gehe, Martin,« sagte sie leise, und er geleitete sie zur Tür.

»Du bist meine gute, liebe Frau,!« Er küßte sie und drückte ihre Hände. »Nicht zu klein und demütig sein, Magdalene! Du hast das so an dir und gibst damit den Menschen eine Waffe gegen dich in die Hand. Das ist seht töricht.« Sie sagte nichts und stieg langsam die Treppe hinab.



2.

Der Direktor Dr. Dietholm pflegte um 6 Uhr aus der Fabrik, die er leitete, in seine Privatwohnung zurückzukehren.

Den Tag über war er in ununterbrochener Tätigkeit, befand sich eigentlich keinen Augenblick allein, sondern war entweder auf Wanderungen durch die verschiedenen Betriebe begriffen oder von Konferenzen, Besuchern, kleineren Beamten, Arbeitern und Sitzungen in Anspruch genommen. Nur die letzte Stunde, die Zeit zwischen halb fünf und halb sechs Uhr, gehörte ihm. Nachher wurden ihm die Korrespondenzen zur Unterschrift vorgelegt, und dann fuhr das Auto vor, das ihn nach Hause brachte.

Magdalene Breuer wußte, daß es keine bessere Gelegenheit gab, den Vater allein zu sprechen, als um diese Stunde im Bureau der Fabrik; sie hatte das mehrere Male mit Erfolg getan, obwohl sie wußte, daß der Vater ihrem Besuch außerhalb der Privatwohnung mit Mißtrauen begegnete.

Der Gang, den sie heute machte, war ihr härter, als ihr je zuvor einer gewesen war. Sie war ganz außer sich, und nachdem sie aus der elektrischen Bahn gestiegen war und sich ganz nahe am Fabrikgebäude befand, konnte sie sich nicht gleich entschließen, einzutreten, sondern ging mehrere Male durch die häßliche dunkle Straße, in der die Fabriklag, blieb vor dem breiten Portal stehen und kehrte wieder um.

Es wollte ihr nicht gelingen, sich die Worte zurechtzulegen; sie fühlte sich schwach und im tiefsten Innern erschüttert; ja, sie schwankte, ob sie nicht überhaupt die Sache fallen lassen und den Kampf mit ihrem Manne aufnehmen sollte.

Aber dann sah sie sein Gesicht vor sich – zerfallen – verzweifelt – ein Gesicht, in dem geschrieben stand: Nun lasse ich alles fallen – nun mag werden was will! –

»Mein Gott!« sagte sie ein paarmal nacheinander. »Mein Gott, warum muß es sein? Warum muß er sich auf dieses Werk verbohren und warum muß Papa so sein, daß er ihn nicht begreifen kann? War es nicht etwas Natürliches, daß ganz große, Generationen beherrschende Schöpfungen die Kraft vieler Jahre brauchten, um zur Vollendung zu kommen, und war es nicht Pflicht der Nahestehenden, einem solchen Menschen, der zu etwas Besonderem ausersehen war, die Wege zu ebnen und ihm die Alltäglichkeiten des Lebens fernzuhalten?«

War ihr Vater vielleicht wirklich eine Krämerseele, wie Martin ihn nannte, oder zum mindesten einer von den Menschen, die kein Verständnis haben für Dinge, die sie mit ihrem praktischen Verstand nicht begreifen können, einer von jenen Menschen, die unbedingt den materiellen Erfolg sehen müssen, ehe sie einer Sache Vertrauen entgegenbringen? Sie kam zu keiner Klarheit mit sich selbst, obwohl sie in Erwägung dieser und ähnlicher quälender Fragen nun wohl schon ein dutzendmal die dunkle Straße auf- und niedergegangen war.

Der Frühlingswind riß auch hier an ihren Kleidern und Haaren, außerdem begann sie zu frösteln, denn sie hatte nur den Pelzkragen und keinen Mantel umgenommen.

Mit einem energischen Ruck warf sie alle Bedenken ab; das zerquälte Gesicht wurde ruhiger und kühler und die Haltung straffte sich. Sie hörte Martins Worte: »Sei nicht zu demütig!«, und fühlte wirklich, daß der Mut in ihrer Seele stieg.

Sie fand sich sicher durch die vielen Gänge, über Treppen und durch Säle zum Privatraum des Vaters. Im Vorraum grüßte sie ein Diener, der sie kannte, und in einem kleinen Seitengemach saß die Privatsekretärin an der Schreibmaschine.

Magdalene klopfte an und Dr. Dietholm rief: »Herein?«

Er sah der Eintretenden entgegen und sein Gesicht wurde um einen Schein bleicher und sehr ernst.

Sie ging auf ihn zu, küßte ihm die Stirn und strich mit der Hand über sein Haar: »Lieber Papa!«

Er hatte seinen Arm um sie gelegt und schwieg eine Weile, dann ließ er sie los, erhob sich aus seinem Sessel und schob ihr einen Stuhl hin.

»Setz dich, Magdalene! Du kommst zu mir in die Fabrik, das bedeutet, wenn mich, nicht alles täuscht, eine besondere Unterredung, von der weder Mama noch die Geschwister erfahren sollen. Magdalene, liebes Kind, wenn du so zu mir kommst, tut mir das Herz weh. Es ist hart für mich und mag vielleicht auch hart für dich sein. Den Weg ins Elternhaus hast du seit Wochen nicht gefunden. Unsere Besuche hast du dir verbeten, unsere ganze Verbindung besteht eigentlich nur noch in Unterredungen über Wünsche, die dein Gatte mir durch deine Person übermitteln läßt. Also, was ist es, was dich heute hergeführt hat? Mach es kurz, Kind! Lange Erklärungen haben ja keinen Zweck!«

Ihre Haltung, ihr Mut und die Ruhe in ihren Gesichtszügen waren dahin. Sie sah nun wirklich wie eine arme Bittstellerin vor dem eigenen Vater und wagte kaum, die Augen aufzuschlagen.

Es ging ihr immer so: von dem Augenblick an, da sie bei ihm weilte, war sie ganz und gar seine Tochter. Ihr Geist begann in seiner Richtung zu denken und ihr Herz fühlte das Leid, das ihm durch sie bereitet wurde. Sie liebte ihren Vater und verehrte ihn; der Gedanke, seine Achtung, seine Liebe zu verlieren, war ihr unerträglich.

Aber sie liebte auch ihren Mann: und im gleichen Maße wie den Vater, verehrte und bewunderte sie auch ihn. Sie verstand und begriff ihn in allen Stimmungen, in allen seinen Ausbrüchen. Ja, sie war die Tochter eines klugen und praktisch denkenden Industriellen, aber sie war auch die Tochter einer ideal- und hochgesinnten Mutter gewesen, die zu früh gestorben war, um das natürliche Erbteil, das sie der Tochter hinterlassen hatte, in gutem Sinne großzuziehen und zu entwickeln.

Die zweite Frau, die der Vater sich genommen hatte, war eine Frau, an der nichts auszusetzen war: sie hatte sich alle Mühe gegeben, der jungen Magdalene eine gute Erziehung zu geben, aber zu einem tieferen Verständnis war sie nicht gelangt. Sie hatte fünf eigene Kinder, die sie in Anspruch nahmen, und neben dem Gatten noch die gesellschaftlichen Verpflichtungen und den großen Haushalt.

Als Magdalene schweigend in ihrer Stellung verharrte, trat Dietholm nahe an sie heran, richtete ihr den Kopf in die Höhe und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.

»Also sag', was du zu sagen hast, Kind. Wieviel braucht Ihr?«

Sie löste seine Hand von ihrem Gesicht und küßte sie leise.

»Papa,« sagte sie dann, »ich komme heute nicht, um dich um eine Summe Geldes, die wir so nebenbei brauchen, zu bitten. Ich komme mit etwas anderem, mit etwas, was dich vielleicht im ersten Augenblick erschrecken wird. Aber wenn du es dir dann näher überlegst und wenn du begreifst, daß für Martin und sein Werk alles von der Erfüllung dieses Wunsches abhängt, dann bist du vielleicht gar nicht so böse.«

Während sie das sagte, kam ihr der Mut wieder; sie hatte das gute Gefühl, für eine berechtigte Sache einzutreten und schlug die Augen jetzt voll zu ihrem Vater auf.

Dietholm hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und sah erwartungsvoll auf seine Tochter.

»Nun, was kann es sein, Magdalene, was dir so am Herzen zu liegen scheint?«

»Wir wollen uns ein Haus kaufen, Papa! Nein, bitte erschrecke nicht und sieh nicht so erstarrt aus; kein großes Haus hier in der Stadt! Nein, Papa, nur ein Landhaus, ein kleines, aber wundervoll gelegenes Landhaus draußen am See. Sieh, Papa, wir wohnen jetzt so kläglich, du weißt gar nicht, wie wir wohnen denn ich hab dich ja gebeten, uns nicht zu besuchen. Aber da wir so oft verreisten, um Studien zu machen – und überhaupt, weil alles andere so viel kostet und auch weil uns das Aeußerliche gleichgültig war, beschränkten wir uns immer mehr. Gott, Papa, das ist ja nicht so schlimm; es ist ja nur für die Uebergangszeit, bis Martin sein Werk vollendet hat. Aber sieh – auf einmal drückt ihn nun die Enge und Aermlichkeit unserer Wohnung und die Stadt überhaupt, und wie sich das dann so fügte: er sah das Haus am See und weiß nun mit tödlicher Sicherheit, daß er nur dann sein Werk zum Abschluß bringt, wenn er da draußen leben kann – wenn er in dieser idealen Ruhe da draußen arbeiten kann.«

Sie wollte nach der Hand ihres Vaters greifen, aber der entzog sie ihr. »So! Ein Haus will er sich kaufen, dein Mann! Wovon denn, Magdalene?«

»Das ist es ja, Papa! Deshalb bin ich ja hier!«

»So, deshalb bist du hier. Also mit anderen Worten: Lieber Papa, Martin muß ein Haus haben! Bitte sei so gut und kaufe es ihm!«

Sie sah für einen Augenblick zu ihrem Vater auf, dann senkte sie den Kopf.

»Ist es nicht so, Magdalene? Wenn du alle Schnörkeleien und Umwege wegläßt, so bleibt doch nichts anderes als diese Tatsache übrig! Ja, was denkst du dir denn eigentlich, Kind? Von deinem Mann will ich gar nicht reden, denn der denkt überhaupt nicht, wenigstens in Geldangelegenheiten denkt er nicht. Aber wir, ich meine du, deine selige Mutter, ich selbst und auch deine Stiefmutter, wir sind doch eigentlich keine Phantasten, und ohne Unmenschen zu sein, haben wir eine leidlich vernünftige Lebensauffassung. Aber seit deiner Ehe – nein schon früher – seit dieser unglückselige Martin in dein Leben gekommen ist, scheint dir alle Klarheit des Denkens abhanden gekommen zu sein – und noch etwas anderes – was weit schlimmer ist –, auch von einem angeborenem Stolz scheint dir ein gut Teil abhanden gekommen zu sein, Magdalene, sonst könntest du nicht wieder und immer wieder zu mir kommen und mir die Bitten deines Mannes vortragen. Hast du denn gar kein Gefühl dafür, wie furchtbar entmutigend das auf mich wirken muß? Ja, daß meine Liebe zu dir darunter zu leiden beginnt, Magdalene.«

Das Telephon läutete, Dietholm griff nervös nach dem Hörer und rief dann: »Ich bin jetzt nicht zu sprechen; man soll sich an Holzbrink wenden!«

Magdalene saß, den Kopf in die Hände vergraben, auf ihrem Stuhl. Der Vater ging im Raum auf und nieder.

»Aber von Gefühlssachen wollen wir jetzt gar nicht reden, Magdalene; wir wollen uns heute mal an Tatsachen und an Zahlen halten. Also du weißt so gut wie ich, daß ich deinem Mann von vornherein kein Vertrauen entgegenbringen konnte, daß ich alles, was nur in meinen Kräften stand, tat, um diese Verbindung zu verhindern. Es war alles vergebens; du warst blind und taub, und als du mir dann eines Tages mit der Tatsache entgegentratst, daß du volljährig und also in bezug auf deine Entschlüsse nicht mehr von mir abhängig seist, ließ ich die Dinge laufen. Du erhieltest damals dein mütterliches Vermögen, das ja nicht beträchtlich war. Von mir bekamst du eine anständige Aussteuer und – so lange dein Mann ohne Verdienst war, die Zusicherung eines jährlichen Zuschusses von 5000 M. Nun – das mütterliche Vermögen hat er beim ersten Versuch, sich selbständig zu machen, eingebüßt, die Aussteuer ist verplempert, ohne Verdienst ist er heute mehr als je, bezieht also seit 8 Jahren meinen Zuschuß, kommt jedes Jahr zwei- oder dreimal mit Extrabitten, behandelt mich im übrigen wie einen Schuhputzer und will sich jetzt auf meine Kosten ein Haus kaufen. Ja, Magdalene, hast du denn gar kein Verständnis dafür, daß mir da einmal die Geduld ausgehen muß?«

Sie sagte nichts, sank nur noch mehr in sich zusammen, und Dietholm fuhr fort:

»Ein Haus kaufen! Verzeih', wenn ich darüber lachen muß! Wie kommt er denn dazu? Und für was hält er mich denn eigentlich? Gewiß, Magdalene, ich habe ein gutes Einkommen, das ist bekannt, wird aber wahrscheinlich sehr übertrieben. Aber ich habe doch auch eine große Familie. Vermögen von seiten beider Frauen ist nicht hinzugekommen, denn das, was deine Mutter später erbte, hast du bis auf das Viertel, das mir zufiel, bereits erhalten. Ich bin jetzt Ende der Fünfzig und habe mir erlaubt, mir mein Leben einigermaßen bequem einzurichten, denn dazu hatte ich als Lohn eines sehr arbeitsreich verbrachten Daseins wohl das Recht. Die Kinder kosten Geld, und man will doch auch nicht von der Hand in den Mund leben. Deine beiden älteren Stiefschwestern sind bald erwachsen und verlangen, wenn sie heiraten, selbstverständlich auch eine offene Hand; die Jungen wollen ihre Ausbildung, und deine Stiefmutter hat schließlich auch gewisse Rechte, also, wo soll ich das Geld hernehmen, um einem Schwiegersohn, der als Uebermensch dahin lebt und andere für seine materiellen Bedürfnisse sorgen läßt, ein Haus zu kaufen?«

Magdalene fühlte wie jedes einzelne Wort ihres Vaters tief in ihr Herz bohrte; wie ihr Kopf zu all diesen aufgezählten Tatsachen »Ja« sagen mußte, fühlte sich so ganz und gar als Tochter, als engste Zugehörige zu diesem festen, anständigen, vernünftigen Mann, daß sie ihre Kraft, die Sache ihres Mannes länger zu verteidigen, schwinden fühlte.

Dietholm ging schweigend auf und nieder, warf hin und wieder einen Blick auf seine Tochter und blieb dann wieder dicht an ihrer Seite stehen.

»Sag', Magdalene, liebst du ihn denn immer noch?«

Er strich über ihr Haar und drückte ihren Kopf an seine Seite.

Sie antwortete nicht gleich, erst nach einer Weile sagte sie: »Ich glaube an ihn, Papa!«

»Ich glaube an ihn!« sprach er ihr nach. »An was glaubst du denn bei ihm, Magdalene? An sein Werk? An diese Sache, die so hoch und groß sein soll, daß wir armen, unwissenden Proletarier sie niemals fassen können? Wenn er wenigstens mal mit der Sprache herausrücken wollte, um was es sich denn bei diesem Werke handelt! Aber da wird geheimnisvoll und überlegen gelächelt, und man wirft ihm das Geld hin und wartet – wartet Jahr um Jahr, und es wird nichts. Ich will dir sagen, ich glaube längst nicht mehr an sein Werk. Ich halte ihn einfach für einen Phantasten, der nicht von der Stelle kommt. Es gibt solche, die in gewissem Sinne Genies sind, aber ohne Ausdauer und Verantwortungsgefühl, verlorene Existenzen, die gar nicht auf einen vernünftigen Weg zu bringen sind. Verzeih, Magdalene, wenn ich dir das schroff und vielleicht für dein Empfinden in brutalen Worten sagen muß, aber ich kann einfach nicht mehr anders. Meine Geduld ist am Ende! Geh' und sag ihm das. Der Bruch zwischen ihm und mir ist ja doch längst da – er verachtet mich und ich verachte ihn . . .«

Ein ächzender Laut ließ ihn innehalten. Magdalene war vor den Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, im die Knie gesunken.

Dietholm war erschrocken über sich selbst – er beugte sich zu ihr hinab und zog sie in die Höhe.

»Magdalene, – Liebe, – Gute! Gott, Magdalene, was mich das kostet, aber ich kann ja nicht anders, gerade weil ich dich liebe, Magdalene, weil ich dich mehr liebe als alle meine andern Kinder, weil du das einzige bist, was mir aus zwei glücklichen Jahren geblieben ist, weil du wie deine Mutter bist: vornehm, klug, mit einem allzugutem Herzen. Solche Frauen wie du und deine selige Mutter müssen auf Händen getragen werden, und er schleift dich ins Elend hinein –, führt dich in den Abgrund!«

»Nein, Papa, nein. Du bist im Unrecht! Mein Gott, du tust ihm das furchtbarste Unrecht, das einem Manne getan werden kann. Hast du denn nie in Biographien von großen, bedeutenden Menschen gelesen, wie die mit ihren Werken ringen mußten, wie die alles über sich ergehen ließen: Spott und Hohn und materielles Elend – alles, alles! Gott, Papa, einfach, weil sie dem praktischen Leben wie Kinder gegenüberstehen, weil sie ganz durchglüht, durchleuchtet sind von ihrer einen Sache – und im übrigen wie Blinde durchs Leben gehen. Sieh, Papa, und wenn du mir mit noch viel brutaleren Worten sagst, daß du nichts von Martin hältst und ihn verachtest, mir kannst du den Glauben an ihn doch nicht aus dem Herzen reißen. Ja, ich glaube an ihn, ich muß an ihn glauben, es ist mein Letztes, dieser Glaube!«

Sie stand jetzt vor ihrem Vater und ihr Gesicht war fest geworden – nur sehr bleich!

Dietholm hielt dem Blick der Tochter stand.

»Armes Kind!« sagte er endlich, »arme Magdalene!«

»Nein, sag' nicht ›arm‹ zu mir, Papa. Ja, arm bin ich, weil ich solche Gänge machen muß, solche Dinge anhören, aber sonst nicht. Denn ich teile sein Leben doch aus freiem Willen – ich liebe ihn doch, Papa!«

»Liebst du ihn wirklich, Magdalene!«

»Ja, Papa! Das heißt, wenn so ein grenzenloses Mitfühlen mit einem anderen Menschen ›Liebe‹ heißt! Und ich muß ja auch bei ihm sein, muß an ihn glauben, denn wenn ich es nicht täte – ich weiß nicht, was dann wäre, es wäre dasselbe, wie wenn eine Mutter ihr hilfloses Kind verläßt!«

»Das ist Mitleid, aber nicht Liebe!«

Die Privatsekretärin klopfte an, um die Korrespondenzen zur Unterschrift zu bringen. Dietholm nahm sie entgegen.

»Es ist gut!« sagte er und verabschiedete das Mädchen.

»Ich will jetzt gehen, Papa!«

Die Dämmerung kam ins Zimmer, die Farben verschwanden und die Umrisse der Gegenstände wurden weicher.

Dietholm hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt.

»Warte einen Augenblick, du kannst dann mit mir fahren!«

Er übersah die Briefschaften und unterzeichnete. Die Lampe auf seinem Schreibtisch brannte jetzt, und Magdalene sah das kräftige, gutgeschnittene Profil seines Gesichts, die feste Nase und die hohe, willensstarke Stirn.

Tiefe Traurigkeit und Mutlosigkeit war in ihrer Seele. Was würde das für ein Abend werden, wenn sie mit diesem Bescheid nach Hause kam!

Dietholm klingelte, nachdem er zu Ende gekommen war, übergab die Briefe einem Beamten und wandte sich dann wieder zur Tochter:

»Erkläre mir noch, um was es sich denn eigentlich handelt. Wo liegt denn dieses Haus, von dem er seinen Erfolg abhängig macht und was für ein Objekt ist es denn überhaupt? Ich meine den Kostenpunkt.«

Magdalenens Augen hatten ein Staunen, in ihre Seele kam leise Hoffnung. Sie erklärte und nannte die Zahlen und Dietholm schien erleichtert. »Dieser Herr Gormann, der es verkauft, gibt es wie er sagt, zu einem ganz lächerlichen Preis ab weil es für ihn, da die Zeit ihm mangelt, keinen Wert hat!«

»So etwas sagen sie alle,« schaltete Dietholm ein, »im übrigen kauft man ein Haus doch nicht, ohne einen Sachverständigen befragt zu haben!«

»Wir hatten einen Sachverständigen mit, Papa!«

»Ah, also so weit seid ihr schon? Nun, und was hat dieser Sachverständige euch gesagt?«

»Er hält es für vorteilhaft, Papa, meint, in ein paar Jahren würde es bedeutend an Wert gewonnen haben.«

Dietholm war aufgestanden.

»Mir ist es einerlei,« sagte er. »Ich will dir was sagen. Kind! Wenn ich dich jetzt gehen lasse – zum erstenmal mit einem versagten Wunsch – dann werde ich in den nächsten Tagen und Wochen keine Ruhe finden. Im übrigen gefällt es mir, daß du trotz allem treu zu ihm hältst und den Glauben an ihn nicht verlierst. Kurz und gut, du sollst noch einmal sehen, wie gut ich es mit dir meine, Magdalene. Ich werde den Teil des Vermögens deiner Mutter, der zwar mir gehört, den ich aber für dich zur Seite gelegt habe, flüssig machen. Es ist das Letzte, was ich tun kann, Magdalene, denn wenn ich mehr täte, würde ich ein Unrecht an deinen Geschwistern, die mir doch ebenso nahe stehen wie du, begehen. Also kauft euch das Haus in Gottes Namen! – Herrgott, warum weinst du denn noch, da ich euch doch zu Willen bin!«

Magdalene empfand erst in diesen Augenblicken das Demütigende ihres Besuches und ihrer Bitte in seinem vollen Umfang. Eine große Erschütterung war in ihr: grenzenlose Liebe zu dem Vater quoll in ihrem Herzen auf. Seine Hand, mit der er sie liebkosen wollte, nahm sie und drückte ihre Lippen darauf.

»Papa,« sagte sie leise, »ich bin nicht ohne Stolz. Du weißt nicht, was mich dieser Gang gekostet hat, Aber wenn ich nach Hause gekommen wäre mit einem ›Nein‹ . . . Sie schwieg. Aber Dietholm richtete jetzt ihr Gesicht in die Höhe.

»Was wäre dann gewesen, Magdalene?« Und da sie schwieg, fragte er in einer verzweifelten Art: »Magdalene, ist er fähig, roh zu sein? Würde er dich leiden lassen, vielleicht dich mißhandeln?«

»Nein, nicht mißhandeln, Papa, nicht so wie du meinst!«

»Aber in Worten doch! Ich weiß es – wußte es. Und wenn ich dir zu wiederholten Malen angeboten habe: geh von ihm!, so hat das also doch einen stichhaltigen Grund gehabt!«

»Ich würde nie von ihm gehen, Papa. Und wenn ich mit ihm betteln müßte!«

Dietholm seufzte. Es war jetzt völlig dunkel draußen.

»Also, wie ich dir sagte, Magdalene, das Geld steht zur Verfügung. Bis zum 1. Juli sagst du, ist die Anzahlung fällig. Jetzt sind wir im April. Ich werde also die nötigen Schritte tun. Komm jetzt. Ich bringe dich zu deinem Haus.«

Im Wagen sprach er nicht mehr mit ihr, schob aber seinen Arm in den ihren und hielt sie an sich gepreßt.

Magdalene küßte ihm noch einmal die Hand. »Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Papa!«

»Laß das. Kind! So, da sind wir! Gute Nacht, Magdalene!«

»Gute Nacht, lieber Papa!«



3.

Der Pastor Lerch war ein Mann, der zu Ende der Vierzig stand, aber sein Haar war schon stark ergraut. Das Gesicht hatte den Ausdruck einer gewissen Gutmütigkeit, aber in den Augen lag etwas, was auf Erregbarkeit schließen ließ. Daß diese Erregbarkeit zum Zorn werden konnte, wußten nur wenige Mitglieder seiner Gemeinde und unter diesen zumeist nur die Jugend, die zu ihm in den Konfirmandenunterricht ging.

In seinem Hause ließ der Pfarrer seinem Temperament niemals die Zügel schießen, wahrscheinlich wäre ihm das auch nur bis zu einem gewissen Grade gelungen, denn die ganze Erscheinung seiner Frau wirkte um so vieles energischer und zielbewußter als die seine, daß der Versuch eines Zusammenstoßes mit ziemlicher Sicherheit zu einem Sieg der weiblichen Partei geführt hätte.

Da der Pastor aber – ohne ein Pantoffelheld zu sein – alles in sich herunterschluckte, was das Temperament seiner Frau herauszufordern vermocht hätte, lebten sie ganz gut miteinander. Die Frau lebte sogar sehr gut und war überaus zufrieden mit ihrem Dasein. Der sehr geistige Mann mit viel Idealen, mit einer Neigung zur Schwermut und überhaupt einem komplizierten Innenleben, führte das still entsagende Leben, das solche Menschen, wenn sie fühlen, daß sie nicht verstanden und höchstens bei einem Ausbruch belächelt oder überschrien werden, zu führen pflegen. Die Frau Pastor Lerch war durchaus nicht unsympathisch zu nennen; sie erfreute sich in ihrem kleinen Bezirk sogar einer gewissen Beliebtheit, denn sie hatte in ihrer Art das Herz auf dem rechten Fleck und griff zu, wo andere ängstlich beiseite standen. Das tat sie bei arm und reich, wie es sich gerade bot. Sie war geradlinig in allem, nicht klein gegen Höherstehende und nicht tyrannisch gegen die Kleinen, sondern gegen jedermann von einer Offenherzigkeit, die oft wohltat und dann auch wieder verletzte.

Der Pastor hatte dicht neben der Kirche und dem anstoßenden kleinen Gottesacker sein weinumranktes Wohnhaus, weiß gestrichen, mit grünen Läden und einem lustigen, roten Dach. Vor dem Haus war ein hübscher Blumengarten und nach hinten lag eine Fläche, die den Wirtschaftszwecken diente und von der Pfarrerin selber und einer starkknochigen Magd besorgt wurde.

Das Haus hatte weit mehr Räume, als man von außen vermuten konnte; kleine, aber behagliche Zimmer, mit Hausrat angefüllt, der aus drei verschiedenen Generationen stammte. Im Erdgeschoß lag des Pfarrers Studierstube und daneben ein enger Raum, in dem die Besucher, die an Sonntagen oft reichlich zu ihm kamen, zu warten pflegten. Dann war da noch ein Zimmer, in dem er seine Bibliothek, auch aus verschiedenen Generationen stammend, verwahrte, und außerdem eine Sammlung von Schmetterlingen und ausgestopften Vögeln.

Ebenfalls im Erdgeschoß lag die sogenannte gute Stube, deren blaue Polstermöbel das ganze Jahr mit weißen Schutzdecken behangen waren. Hier standen alle Nippessachen und Kostbarkeiten, über die das Pastorenehepaar verfügte, und es war nichts von billigem oder geschmacklosem Tand darunter zu finden, sondern lauter Dinge, die entweder einen idealen oder einen wirklichen Materialwert besaßen.

An den Wänden der guten Stube hingen ein paar umfangreiche Oelgemälde, die verstorbene Vorfahren darstellten, und einige Kupferdrucke, die von besonderer Feinheit und Originalität waren. Ein paar Schlachtgemälde von zwar unbekannten Malern, aber so lebendig und charakteristisch in ihrer Darstellung, daß man nicht ohne Interesse daran vorübergehen konnte. Eine Büste von Napoleon und eine von Schiller – beide aus Marmor – standen auf dem weißen Kaminsims und unzählige gestickte Decken und Kissen lagen auf Tischen und Tischchen und auf den verhangenen Polstermöbeln. In diesem Zimmer waren fast immer die Läden geschlossen; ein jeder im Ort, denn sie verkehrten fast alle im gastfreien Pastorenhause, kannte die gute Stube bis in ihre Einzelheiten, aber jedem schwebte ein Lächeln um den Mund, wenn er davon sprach.

Im oberen Stockwerk waren zwei Schlafräume für das Pastorenehepaar, der eine war während des Sommers, der andere während der kalten Jahreszeit in Gebrauch, und daneben noch ein großes helles Fremdenzimmer mit zwei Betten.

Das Schönste aber war das Wohnzimmer, mit alten Mahagonimöbeln angefüllt, mit behaglichen Lehnstühlen, einem Ohrsessel und Schaukelstuhl, und alle vier Wände voll von Photographien und farbigen Familienbildnissen.

Vor einem großen, dunkelbraun überzogenen Sofa stand ein runder Tisch, an dem das Pastorenehepaar die Mahlzeiten einnahm und an dem es seine Abende zu verbringen pflegte.

Im Erdgeschoß war vor zwei Jahren elektrisches Licht gelegt worden, hier oben aber brannten sie die Lampe, hauptsächlich deshalb, weil der Pastor bei dem hellen, weißen Licht dieser neuartigen Beleuchtung nur schwer zu lesen vermochte und weil er sich überhaupt ungern von alten Gewohnheiten trennte.

Die Pastorin hätte lieber im ganzen Haus die bequeme neue Art der Beleuchtung gehabt, aber in Dingen, die auf das körperliche Wohlbefinden ihres Mannes Einfluß hatten, beugte sie sich immer seinem Willen.

Auch in seinem Studierzimmer stand trotz der großen elektrischen Hängelampe eine Petroleumlampe auf dem Schreibtisch, und als Zeichen der noch heute vorhandenen Liebe seiner Gattin war dieser Schreibtisch nie ohne einen kleinen Blumenschmuck – der im Sommer bunt und umfangreich war, im Winter bescheiden und oft nur aus ein wenig grünem Laub bestand.

Sie lebten in der Tat gut zusammen, denn die Pastorin war eine vorzügliche Hausfrau, verstand sich aufs Kochen wie vielleicht keine andere Hausfrau am Ort, und hatte daneben doch mancherlei geistige Interessen und musikalische Fähigkeiten.

Der Tag verging ihr außer einer kurzen Mittagsruhe in beständigem Hin- und Herlaufen, aber am Abend merkte kein Mensch ihr an, daß sie so viel bewältigt hatte, wie eine Frau, die Mutter von einem halben Dutzend Kinder ist.

Eigene Kinder hatte sie nie gehabt, aber im Ort hatte sie unzählige Kinder, denen sie eine strengere Mutter war, als die eigenen Mütter es waren. Aber sie war auch gerecht und konnte gutherzig sein und darum liebten die Kinder sie mit der Scheu, die man guten, festen Vorgesetzten gegenüber empfindet.

Abends las die Pastorin das kleine Lokalblatt des Ortes von Anfang bis zu Ende durch, und wenn etwas besonders Bemerkenswertes unter den Nachrichten stand, störte sie ihren Mann aus seiner Lektüre auf und las ihm vor und verlangte Teilnahme und Aussprache.

»Viktor,« sagte sie an einem Aprilabend, der so mild war, daß sie die Fenster noch um die neunte Stunde offen stehen hatten, »denke dir, Viktor, das Gormannsche Grundstück ist verkauft. Hier steht es. Ich war schon vor ein paar Tagen erstaunt, weil das Verkaufsplakat aus dem Garten genommen war. Du weißt doch, es war an einem Pfahl mitten im Vorgarten angebracht und dann war es mit einemmal verschwunden, aber ich fand nichts weiter dabei, sondern dachte mir, daß sie vielleicht den Garten umgraben ließen. Und nun ist es wirklich verkauft. Hier steht es: ›Das Gormannsche Villengrundstück ist käuflich an Herrn Dr. Breuer aus B. übergegangen.‹ Merkwürdig, nicht wahr? Aber sie haben ja ganz recht, die Gormanns, sie waren nur ein paarmal im Jahr einen Sonntag draußen und das lohnt sich ja natürlich nicht. Und da Frau Gormann selbst im Geschäft tätig ist und, wie sie selbst sagt, nicht so sehr viel Sinn für die Natur hat, wird es eine große Erleichterung für sie sein, daß sie es los sind. Ich verstehe ja eigentlich nicht, wie jemand keinen Sinn für die Natur haben kann, da sie doch das Beste und Schönste im Leben ist. Aber es gibt eben verschiedene Menschen, und Frau Gormann ist im Grunde ja auch wirklich eine richtige Stadtdame, immer in auffallenden, modernen Kleidern, und immer, wenn man sie mal sprach, erzählte sie von Theater und Läden und neuen Moden. So eine paßt nicht aufs Land, wo man außer Natur und seinem bißchen Verkehr nichts weiter hat. Aber was mag das für ein Doktor sein, der es gekauft hat? Wenn er Arzt ist und sich hier niederlassen will, wird er unseren Dr. Müller sehr in die Quere kommen, meinst du nicht? Denn Müller hat vier Kinder, und da hier draußen die meisten Leute gesund sind, ist seine Praxis nicht allzu groß.«

Ihr Gesicht war lebhaft und ein wenig erhitzt, als sie über diesen Fall, der ihr Interesse in höchstem Maße erregte, sprach.

»Wo könnte man da nur etwas Näheres erfahren, Viktor?«

Pastor Lerch hatte ein gutes, geduldiges Lächeln um den Mund.

»Warte es doch ruhig ab, Elisabeth, Du wirst es schon bald genug erfahren, wenn sie erst hier sind!«

»Ach, du willst dich wieder über mich lustig machen!« sagte sie ärgerlich. »Ich habe eben nicht so viel Phlegma wie du und interessiere mich für meine Mitmenschen!«

Er hatte ihr die Hand auf den Arm gelegt, um sie zu begütigen.

»Interesse habe ich auch für meine Mitmenschen, aber ich kann mich nicht über etwas ereifern, was noch gar nicht ist. Die Zeitungen bringen heute etwas, und morgen wird es oft schon widerrufen!« »Aber wenn es doch hier mit voller Namensnennung steht, mit Wohnort und allem! Und überdies hat sich Gormann ja lange genug um den Verkauf bemüht. Was mag er nur bekommen haben? Es ist doch eigentlich ein recht hübsches Haus und hat einen netten Garten!«

Der Pastor hatte einen fast unhörbaren Seufzer ausgestoßen, klappte das Buch, in dem er gelesen hatte, zu und widmete den Rest des Abends der Unterhaltung mit seiner Frau, die ihn vom hundertsten zum tausendsten führte, aber dann immer wieder auf diese Neuigkeit des Hausverkaufes zurückkam.

Am nächsten Tage wußte sie schon etwas Näheres. Frau Gormann war draußen gewesen, um den Möbelbestand aufzunehmen und hatte mit der Apothekersfrau gesprochen. Der hatte sie erzählt, daß der Dr. Breuer ein Gelehrter sei, der an einem Werke schrieb, und seine Frau sei die Tochter eines sehr reichen Fabrikdirektors. Kinder hätten sie nicht.

»Eigentlich schade, daß sie keine Kinder haben,« sagte Frau Lerch, denn durch die Vermittlung von Kindern kam sie immer am schnellsten in Fühlung mit Menschen, die hier heraus zogen. »Es sollen noch junge Leute sein, Viktor, und wenn sie die Tochter eines so reichen Mannes ist, werden sie das Haus wohl nur im Sommer bewohnen und im Winter in der Stadt leben. Frau Gormann sagt, daß sie schon bald einziehen. Nun, der Major, der Garten an Garten mit ihnen wohnt, wird sich freuen, daß er nicht eine Kinderschar zur Nachbarschaft bekommt, denn der will doch nicht gern gestört sein. Hörst du eigentlich zu, Viktor?«

»Ja, natürlich höre ich zu, Elisabeth!«

»Ich dachte nur, weil du doch eben die Seite in deinem Buche umschlugst! Was meinst du, ob man ihnen entgegenkommen und sie zuerst besuchen soll? Man weiß da nie, wie man es am besten macht! Die einen erwarten ein Zuvorkommen, die anderen wollen Zurückhaltung. Was mich betrifft, so würde ich mich freuen, wenn man mir freundlich entgegenkäme!«

»Laß sie doch nur erst hier sein, Elisabeth. Es ist ja hier nicht schwer, jemand zu begegnen, und wenn du erst weißt, wie sie aussehen, wirst du auch wissen, wie du dich ihnen gegenüber verhalten mußt.«

Sie gab ihm recht und las weiter in ihrer Zeitung und ließ auch ihn lesen, aber ihre Ruhe war aufgestört.

Niemand im Ort, außer der Apothekersfrau wußte irgend etwas über die Angelegenheit und fürs erste blieb das Gormannsche Haus ohne Bewohner. Zu Anfang Mai aber kamen die neuen Besitzer; sie kamen von der Bahn zu Fuß, und ein paar Stunden später traf ein kleiner, offener Möbelwagen ein, der eigentlich nur Dinge enthielt, die keineswegs auf Reichtum schließen lassen konnten.

Eine Schar von Kindern stand um den Wagen herum, und die Haushälterin des Majors hatte im Nachbarhaus die Gardinen eines Fensters ein wenig zurückgezogen, so daß sie das Notwendigste sehen konnte. Sie war in einem fassungslosen Staunen, beruhigte sich dann aber in dem Gedanken, daß dieses hier wohl nur der kleine Restbestand der Möbel sei, der vielleicht im richtigen Möbelwagen keinen Platz mehr gefunden hatte.

Es fiel ihr dann allerdings ein, daß die Gormanns ihre paar Möbel, die sie hier hatten, gar nicht herausgeholt hatten, und dann war das Haus ja auch noch gar nicht von Grund auf gereinigt worden, und je mehr sie dachte, um so voller ward ihr das Herz, und sie war unglücklich, daß sie niemand hatte, mit dem sie ihre Eindrücke austauschen konnte, denn mit ihrem Herrn ließ sich ja überhaupt nicht reden. Der war, wenn man es recht bedachte, nur ein halber Mensch, der gleichgültig am Leben und an Menschen vorüberging.

In der Abendstunde dieses Tages aber fügte es sich, daß die Pastorin Lerch und die Haushälterin des Majors zusammentrafen und beide beschwerten und erleichterten sich das Herz. Die Pastorin ging, obwohl es Abendbrotzeit war, noch einmal am Gormannschen Grundstück vorüber, und da Licht hinter den Scheiben sichtbar war und da die Gormannschen Gardinen noch an den ungenutzten Fenstern hingen, mußte es wohl so sein, wie die Haushälterin beschrieben hatte: die neuen Besitzer waren eingezogen und schienen schon dauernd bleiben zu wollen.

Am nächsten Tage kam zwar eine Frau, die putzte und klopfte und fegte, aber ein Möbelwagen kam nicht mehr und die Gormannschen Gardinen blieben vor den jetzt blank geputzten Fenstern.

Der Pastor Lerch mußte über diesen Fall mehr hören als ihm lieb war; sein Gesicht sah ein wenig traurig und abgespannt dabei aus, aber er blieb liebenswürdig, und merkwürdigerweise verfehlten die vielen Schilderungen und Mutmaßungen seiner Frau nicht ganz ihren Eindruck auf ihn: seine Gedanken begannen sich mit den neuen Ankömmlingen, die ihr Haus noch nie verlassen hatten, zu beschäftigen und er wünschte nun auch, ihnen einmal zu begegnen oder sie in seinem Hause zu empfangen.

»Ich würde zu Ihnen gehen,« sagte die Pastorin, »aber ich weiß nicht, was es ist, irgend etwas in mir hält mich davon zurück, ich bin ordentlich ängstlich, und Aengstlichkeit ist doch sonst nicht meine Art!« Worin ihr der Pfarrer recht geben mußte.



4.

Zu Mitte Mai war in diesem Jahr schon sommerliche Hitze. In den Gärten der Villen blühte der Flieder in großer Ueppigkeit und durchschwängerte die Luft mit seinem Duft. Auf den Wiesen blühten Tausende von Blumen auf, am See standen die Birken mit ihren weißen Stämmen und dem silberschimmernden Laub, und von den Balkons flatterten bunte Vorhänge, oder steife, rot und gelb- oder weiß und blaugestreifte Markisen waren herabgelassen.

Die Menschen hatten frohere Gesichter als zu anderen Zeiten! Kinder spielten in Scharen auf Straßen und am See und im Wald und an Sonntagen kamen die Leute aus der Großstadt und beneideten die, die hier wohnten und am Abend nicht in überfüllten Zügen sitzen mußten, um in die graue, heiße Stadt zurückzufahren.

Die Pastorin arbeitete im Schweiße ihres Angesichts in ihrem Garten, war immer zufrieden und hatte für jeden, der kam oder ging, ein herzhaftes, immer passendes Wort.

Eine lange Weile noch hatte sie sich über die neuen Besitzer der Gormannschen Villa aufgeregt, aber über all der Frühjahrsarbeit war sie auch ruhig darüber geworden und hörte nur hin und wieder durch die Haushälterin des Majors Schwertes etwas, was sie staunen machte.

Die Breuers wohnten nun seit 14 Tagen hier draußen, aber ihr Balkon war der einzige, der noch keine Blumen trug, und in ihrem Garten hatte sich noch keine Hand geregt, um ihn für den Sommer zu schmücken. Magdalene ging in dem Haus, das nun ihr gehörte, einstweilen noch wie eine Fremde umher. Für eine Woche hatte sie ihre alte Bedienung aus der Stadt bei sich gehabt; die hatte das Nötigste verrichtet, war dann vor Heimweh krank geworden und war gegangen mit dem Versprechen, zweimal in der Woche herauszukommen und die Arbeiten und Einkäufe zu erledigen.

Dr. Breuer saß in einem Zimmer des Erdgeschosses, das mit Korbmöbeln, die von Gormanns übernommen waren, ausgestattet war. Dieses Zimmer war bei weitem nicht so hell wie die Räume im ersten Stock, aber er hatte sich dafür entschieden und blieb dabei.

Da saß er nun still oder erregt, arbeitend und wieder vernichtend, genau wie er es in der engen Stadtwohnung getan hatte, wußte längst nicht mehr, daß er der Natur, der Freiheit, der guten Luft wegen hierheraus gezogen war und seine große Scheu vor Menschen, die ihm hier viel näher zu sein schienen als in der großen Stadt, hielt ihn ab, seinen Garten zu benutzen oder die Spaziergänge, auf die er sich gefreut hatte, zu unternehmen.

Im übrigen empfand er doch eine leise Befriedigung darüber, allein mit seiner Frau in einem Hause zu wohnen, obwohl die Zimmer im oberen Stockwerk von ihm niemals benutzt wurden.

Gormann hatte Wort gehalten; im blauen Zimmer hing das Bild des römischen Kardinals als Gratiszugabe, und in der Tat hatte das Gemälde hier seine passendste Umgebung. Man hatte auch die Möbel dieses Zimmers von Gormann übernommen. Sie hatten keinen einheitlichen Stil, bestanden aus einer altrosafarbenen Polstergarnitur, einem Glasschrank, einem weißen, mit goldenen Beschlägen geschmückten großen Diplomatenschreibtisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und weiter aus mehreren kleinen Tischen und einer Kommode Louis XIV. Die Vorhänge vor den breiten Fenstern waren von derselben altrosa Farbe, wie Sofa und Sessel, und das Ganze machte einen guten Eindruck; man wurde an die Einrichtung alter Schloßräume erinnert, nur der Schreibtisch vertrat die moderne Zeit.

Außerdem waren ein paar Schlafzimmereinrichtungen und eine Anzahl von Korbmöbeln aus dem Gormannschen Besitz in den der Breuers übergegangen.

Soweit sich Magdalene auf die Ausschmückung eines Heims verstand, mühte sie sich, das Beste aus dem Gegebenen zu machen, aber es konnte natürlich nicht viel daraus werden. Immerhin war es ihr wohler zumute, als in den zwei Stuben, die sie in der Stadt bewohnt hatten, aber eine Freudigkeit wollte auch bei ihr nicht aufkommen.

Sie hatte – töricht zwar nach den Enttäuschungen von 8 Jahren – zu vieles von der Erfüllung dieses Wunsches für ihren Mann erhofft. Sie war im Geiste neben ihm durch die blühende Natur geschritten, hatte sein Gesicht voller und freudiger werden sehen, sie hatte auch von liebevollen einfachen Menschen geträumt, an denen sie Freunde und vielleicht sogar verstehende Freunde finden würden, und wußte nun, nachdem sie einen halben Monat hier draußen waren, daß ihr Leben genau dasselbe bleiben würde, wie all die Jahre vorher, daß es überhaupt nichts, in der ganzen Welt nichts gab, was für sie eine wirkliche Aenderung bedeuten konnte. Das Leben lag hart und kalt vor ihr, war wie ein hoher steiler Berg, dessen Gipfel sie wohl nie erreichen würde.

Manchmal saß sie eine Stunde im blauen Zimmer am Fenster. Dieses Zimmer führte auf einen großen Steinbalkon, von dem aus man einen breiten, schönen Blick über den Ort selbst, über die Landschaft, den See, hatte, bis zu dem Kiefernwald hin, der sich schwarz und gigantisch gegen den Himmel abhob.

Auf dem Balkon standen ein paar von den Korbsesseln, die sie den Gormanns abgekauft hatten, aber noch hatte keiner der beiden Eheleute hier draußen gesessen, wiewohl die Abende köstlich waren. Sie saßen in einem der dunklen Zimmer im Erdgeschoß und Dr. Breuer suchte angelegentlich seiner Frau zu beweisen, daß das Leben des Menschen selbst nichts, daß nur das, was er nach seinem Tode an geistigen Reichtümern hinterlasse, von Wert sei.

Und da ihm in seiner Rede große Ueberzeugungskraft gegeben war und da er noch immer den bezwingenden Einfluß auf seine Frau ausübte, glaubte sie ihm, beugte den Kopf und empfand die Wertlosigkeit der eigenen Person, der ihres Vaters und überhaupt all der vielen Menschen, die das Leben an sich als Wert empfanden und ihre geistigen und körperlichen Kräfte dazu verwandten, die Mittel aufzubringen, um sich dieses Leben so gut und behaglich wie möglich einzurichten.

»Banausen, Schmarotzer, Tagediebe!« sagte Dr. Breuer mit einer Verachtung im Ausdruck, daß sein Gesicht zur Grimasse wurde.

»Ja, auch dein Vater, Magdalene, ich kann dir das nicht ersparen. Welches ist seine Lebensauffassung? Womit bringt er seine Tage hin? Er nutzt die Kräfte von tausenden, sozial unter ihm stehenden Menschen aus, um sich ein Dasein der Ueppigkeit zu verschaffen, um für seine Person Bedürfnisse haben zu können, deren Bestreitung das Leben von einem Dutzend oder mehr seiner Arbeiter fristen könnte. Wo bleibt da die Moral? Und was bleibt nach seinem Tode von ihm übrig? Vielleicht ein Haufen von diesem für meine Begriffe unrecht erworbenen Gelde, und eine Anzahl von Kindern, die wahrscheinlich alle seine Lebensauffassung geerbt haben und nach seinem Muster nun auch ihrerseits Menschen schinden werden, um durch deren Fleiß und Schweiß die Freuden des Lebens genießen zu können. Dabei haben sie große Worte im Munde von fortschreitender Kultur, von ästhetischen Bedürfnissen, von einem verfeinerten Geschmack, der eine gewählte, stilvolle Umgebung nicht entbehren kann und dergleichen mehr. Und wenn nicht der Zufall gewollt hätte, Magdalene, daß unsere Wege sich kreuzten, daß ein Etwas an dir war, was mich zu dir hinzog, dann wärest auch du in ihren Anschauungen versunken, wärest heute vielleicht die Frau eines Mannes, der dieselben Prinzipien, die in deinem Elternhause gelten, vertritt, und schwämmest lustig mit ihm an der Oberfläche. Ja, Magdalene, nimm es mir nicht übel, wenn ich es dir mit offenen Worten sage: auch du gehörst deinem tiefsten Wesen nach zu jenen gedankenlosen Genießern, die sich keine Wünsche versagen wollen, die nach einem Glück streben, das mit vornehmer Gesinnung, Stolz und eigentlicher Menschenliebe nichts zu tun hat! Nein, weine nicht; ich will dich nicht verletzen, ich will dich nur hinüberziehen in meine Welt und das kann ich nur dann, wenn ich die andere Welt, aus der du stammst und deren Ansichten dir natürlich im Blute stecken, zertrümmere! Wie tausendmal habe ich diesen Versuch schon gemacht, wie oft mich schon der eitlen Hoffnung hingegeben: nun bist du am Ziel – und immer kam die Enttäuschung wieder hintergelaufen – immer wieder wie ein lästiges Insekt, das sich nicht verscheuchen läßt. Nein, du kannst nichts dafür, Kind, aber du machst es mir schwer. Sieh, noch vor einem Monat, nach dem letzten Besuch bei deinem Vater, als du wegen der Hausangelegenheit mit ihm verhandeltest, hab ich in krassester Weise einsehen müssen, wie sehr du noch zu jenen gehörst, die meine Antipoden sind in allem, allem, in jedem Gedanken, in jedem Wort, das sie sprechen, in jeder Handlung, die sie ausüben!«

»Nicht, Martin, nicht wieder all dies aussprechen!« »Doch, Magdalene, das muß sein. Sieh, das wäre ein schlechter Arzt, der eine Wunde heilen will, bevor er sie von allem Schmutz gereinigt hat. Und ich will doch dein Arzt sein, Magdalene, will dich zu einer geistigen Höhe bringen, von der es kein Abirren mehr gibt, aber du machst es mir so furchtbar schwer.«

»Gib doch selbst offen zu, Magdalene, ob es nicht so war, wie ich sagte: als du damals von deinem Vater kamst, hattest du feindliche Gefühle gegen mich im Herzen, warst ganz die Tochter deines Vater, dessen Art, das Leben aufzufassen ich verachten und verabscheuen muß, weil es unehrlich, weil es unmoralisch und erbärmlich ist!«

Er überhörte den Seufzer, den innere Qual ihr abpreßte.

»Du kamst zurück in der Absicht, mir meine Prinzipien über den Haufen zu werfen und mich zu veranlassen, die deines Vaters anzunehmen. Ja, leugne es nicht, Kind. Ein paar Worte – eine halbe Stunde der Aussprache mit jenem Mann genügt, um alles, was ich in den acht Jahren unseres Zusammenlebens an dir erarbeitet habe, über den Haufen zu werfen, zunichte zu machen. Das ist trostlos für mich, ist ein Grund zur Verzweiflung, zur Vernichtung, ja, zur Selbstvernichtung und damit zur Vernichtung meines Werkes. Du also hast es auf dem Gewissen, wenn auch mein Leben vergeblich gelebt war, wenn ich gelitten und gerungen habe, um mit leeren Händen abzugehen, um nichts für die, die nach uns kommen, zu hinterlassen. Siehst du das ein, Magdalene?«

»Du quälst dich. Martin, weil du immer Gedanken und feindliche Absichten bei mir vermutest, die nicht vorhanden sind!«

»Wie töricht, Kind, vor mir Versteck spielen zu wollen, vor mir, der ich selbst wildfremden Menschen ihre Gedanken aus der Seele herauslese. Und du, Magdalene, glaubst, mir auch nur eine Falte deiner Seele verbergen zu können, du, deren Regungen sich in jeder Miene des Gesichts, im Tonfall der Stimme, in jeder leisesten Bewegung der Hand verraten? Nein, nein, nein, Kind, da bist du auf falschem Wege. Ich höre auch das, was du nicht aussprichst, fühle auch das, was du unter tausend Masken zu verbergen glaubst. Aber manchmal macht es mir Freude, dich in dem guten Glauben, daß dir eine Täuschung gelungen sei, beharren zu lassen. So an jenem Abend, als du von deinem Vater zurückkamst. Wie entsetzlich unwahr und uneins mit dir selbst du da warst, Magdalene! Welche Posen du da angenommen hattest. Auf was für ein Piedestal du dich da stelltest, weil es dir gelungen war, diesem Krämer das Geld abzuzwingen . . .«

»O Martin!«

»Ja, diesem Krämer!, denn ein Krämer ist er, trotz Titel und Würden und trotz seines selbstgefälligen Auftretens!«

»Das darfst du nicht sagen, Martin. Sieh alles, was du mir über deine Weltanschauung sagst, verstehe ich, oder suche doch, es zu verstehen, aber auf diesem Wege der Verdammung all derer, die ihr Leben praktischen Zwecken widmen, kann ich dir nicht folgen. Und dann, Martin, kannst du nicht verstehen, was mich das kostet, zu einem Mann zu gehen, den ich liebe und verehre, weil er mein Vater ist – zu ihm hinzugehen und ihn um Geld zu bitten – wieder und immer wieder und dann nach Hause kommen und hören müssen, daß er ein Krämer sei, ein Mensch, der keine Moral, keine Ehrlichkeit besitzt, den du verachtest und von dessen Geld . . .«

Sie hielt erschrocken inne, und das war gut so; denn auf Breuers Stirn war die Zornader geschwollen – er hatte sich von seinem Stuhl erhoben und stand vor ihr.

»Vollende!« rief er aus. »Vollende nur, Magdalene, damit ich ganz und gar erkenne, auf welcher Stufe du immer noch stehst! Ja, an jenem Abend hattet ihr beide, du und dein Vater, das Gefühl, mir armem Schlucker mit eurem Gelde eine Wohltat erwiesen zu haben. Das ist ja der elende, unmoralische Standpunkt der Reichen, daß sie glauben, mit ihrem Gelde Wohltaten erweisen zu können und Dank dafür beanspruchen. – Hast du denn gar kein Gefühl dafür, daß das ein ganz erbärmlicher Standpunkt ist? Nein, Magdalene, fühlst und erkennst du das nicht? Was ist dein Vater denn, und was bin ich? Dein Vater ist der Mann, der aus niederem Instinkt heraus alle Kraft, alle Energien, die ihm verliehen wurden, zusammenrafft zum Zwecke des Geldverdienens; zu seiner Entschuldigung behauptet er, daß er das aus Liebe und Fürsorge für die, die zu ihm gehören, tue! Gut – und was bin ich, Magdalene?

Ich bin der Mensch, der sich von vornherein auf den Standpunkt gestellt hat: Du muß geistige Werte schaffen, um die Menschen von ihren gemeinen Instinkten zu erlösen, um ihnen den richtigen, den anständigen, moralischen Weg zu zeigen, den sie zu gehen haben, wenn sie nicht vor sich selbst erröten wollen. Daß ein Mensch mit solchen Prinzipien, wie ich sie habe, seine Kraft nicht zerspalten kann, daß er nicht auf der einen Seite Uneigennützigkeit, Bedürfnislosigkeit und Vornehmheit der Gesinnung predigen kann, und auf der anderen Seite seine Hände und seine Seele beschmutzt, indem er Geldgeschäfte macht, das ist doch klar. Entweder das eine oder das andere. Ihr aber – du und dein Vater – ihr verlangt, daß ich meinen Geist verschachere, um Geld damit zu erbeuten! Ihr verachtet mich, weil ich jenen Mann, der sein Leben dem Geldverdienen gewidmet hat, für mich sorgen lasse. Weil ich es nicht für nötig halte, ihm in devoten Worten meiner Dankbarkeit dafür zu versichern, sondern weil ich mir meine eigenen Gesetze geschaffen habe, die mir ein Recht geben, so zu sein, wie ich bin, und so zu handeln, wie ich es tue. Ja, Magdalene, ich halte es für mein gutes Recht, deinen Vater für meine materielle Existenz sorgen zu lassen, um meine geistigen Werte ungehemmt entwickeln zu können, und wenn dein Vater eine Gesinnung hätte, die nur einigermaßen rechtlich wäre, so würde er sich sagen: es ist gut so, und ich bin zufrieden, daß das Geld, das ich erwerbe oder durch meine Arbeiter für mich erwerben lasse, zum wenigsten dazu dienen darf, höher organisierten Menschen zur Erfüllung ihrer ideellen Lebensaufgaben zu verhelfen. Aber davon ist keine Rede. Er verdient für sich selbst – nur für sich selbst – und seine Kinder erzieht er in unwürdigen Prinzipien; sie sollen, wie er, schlau, gewinnsüchtig, geldgierig werden. Die Töchter sollen, bevor sie sich selbst gestehen, daß sie einen Mann lieben, sich fragen: Verdient er auch genug, um mich ebenso – oder besser zu erhalten, als ich es gewohnt war? Ist seine soziale Stellung so, daß ich durch ihn nicht sinke, sondern eher steige? Bin ich durch ihn für alle Wechselfälle des Lebens gesichert und laufe ich nicht die geringste Gefahr für die Sicherheit und den äußeren Wert meiner Person, wenn ich meinen Gefühlen nachgehe und mich mit ihm vereine? – Ja, so ist es doch – nicht wahr? So etwas nennt ein Mann wie dein Vater eine vernünftige, anständige Lebensauffassung. Du warst auch so, Magdalene, genau so. Aber zum Glück warst du weich, warst noch bildungsfähig und hast, damals wenigstens, meinen Standpunkt begriffen und ihn gegen die Deinigen verteidigt. Ja, damals war ich sehr glücklich und glaubte, eine ehrliche geistige Mitarbeiterin in dir gefunden zu haben. – Aber nur zu bald kamen die Enttäuschungen – immer eine nach der anderen – und leider waren es immer Sachen des Besitzes – war es immer das Geld, das diese bösen Mißverständnisse hervorrief!«

»Aber doch nicht in dem Sinne, wie du glaubst, Martin!«

»In welchem anderen Sinne denn sonst, Kind? Ihr wolltet mir – das könnt ihr nicht leugnen – ein fest abgegrenztes bürgerliches Leben vorschreiben: soundsoviel darfst du hierfür und soviel darfst du dafür ausgeben, und dann mußt du fleißig sein und deine Arbeit bald zum Abschluß bringen, damit du Geld verdienst, damit Papa sieht, daß etwas an dir ist! Ha, ha, Magdalene, das ist das Charakteristische für diesen geistigen Ignoranten: nur der Erfolg, und zwar der klingende Erfolg, macht ihm eine Sache wertvoll. Malt oder dichtet oder schreibt einer Schund, aber erzählt am Ende des Jahres: Sieh her, so viel Geld hat mir mein Schund eingebracht!, dann ist er der große und geachtete Mann. Sitzt aber einer da und will echte Ware geben – ungemischtes Gold, das für alle Ewigkeit seinen Wert behält, und verschmäht es, seine geistigen Schätze zu verschachern, wie der Bauer sein Korn oder der Jude sein Vieh verschachert, weil er eben ein sehr zartes, feines Gewissen hat, dann ist so einer in den Augen deines Vaters ein Tunichtgut, ein Tagedieb, oder wie er sonst Menschen, deren Anschauungsweise er nicht zu verstehen vermag, zu nennen pflegt! Ich weiß das alles, weil ich, wie ich dir sagte, den Menschen in die Seele blicke.«

Magdalenens Gesicht war bleich und verhärmt, Die große Macht, die dieser Mann über sie besaß, riß sie auch jetzt wieder zu ihm hinüber – das Herz war voll von der großen, erbarmenden Liebe, die eine Mutter für ihr Kind, das sich mit irgend etwas quält, empfindet. – Aber das Vertrauen war nicht mehr da, und alle Worte ihres Mannes, all sein starkes Selbstgefühl konnten es ihr nicht wiedergeben. Und doch war Scham in ihr, eben deshalb, weil das Vertrauen fehlte –, Scham darüber, weil es doch nun einmal so war, wie er sagte: auch sie wollte klingenden Erfolg sehen, um an ihn und sein Werk glauben zu können.

Sie dachte an die erste Zeit zurück, in der er um sie geworben hatte. Wie hatte da die Sprache, in der er zu ihr sprach, die sie nie zuvor in ihrem Leben gehört hatte, in ihrer Seele geklungen – wie war sie ganz und ungeteilt sein gewesen, und wie hoch hatte sie ihn über alle, die sie kannte und die sie bis dahin geehrt und geliebt hatte, gestellt! Auch über den eigenen Vater! – Und heute – heute?

Sie barg das Gesicht in den Händen. Mein Gott; ist es denn wirklich so, daß Geldverdienen und Geldeswert überhaupt das einzige ist, was einem Menschen Wert und Bedeutung gibt? Und hatte ihr Mann nicht recht, wenn er sagte, daß jene, die ihr Leben dem Geldverdienen opfern, es als Glück empfinden müßten, den geistigen Arbeitern durch eben dieses Geld dienen zu können? Wenn nun das Werk, das ihres Mannes Kraft seit fast einem Jahrzehnt verschlungen hatte, wirklich den Wert hatte, den er ihm beimaß, wenn es über Generationen hinaus Segen und Befreiung stiften würde, war dann nicht wirklich das Recht auf seiner Seite, wenn er nahm – immer wieder nahm, ohne ein Danke dafür im Herzen oder auf den Lippen zu haben, ohne sich als den Beschenkten, den demütig Nehmenden zu fühlen?

Ach, diese Zweifel, dieses Hin- und Herschwanken zwischen diesen beiden Welten, die sich schroff gegenüberstanden – zwischen der praktischen, klaren Welt ihres Vaters, aus der sie stammte und die in ihrer Natur tief eingewurzelt war, und der Welt ihres Mannes, die vielleicht die höhere, aber die unverständlichere und unbequemere war!

Dr. Breuer umfaßte den Kopf seiner Frau mit beiden Händen und drückte seine Stirn in ihr Haar.

»Arme Magdalene – armes Weiblein mit dem engen Kopfe und dem weichen Herzen! Daß ich immer wieder so an dir arbeiten muß, um dich dahin zu bekommen, wohin ich dich haben möchte! – Geh jetzt, Magdalene, laß mich allein. Vielleicht gelingt es mir, mich wieder in die Arbeit zu finden. Wenn du müde bist, geh zu Bett – ja? Ich weiß noch nicht, wann ich nachkomme!« –

Er drückte seine Hände fest gegen ihre Schläfe, und sie sah nun zu ihm auf wie ein armes, müdes, gequältes Kind, das das Gefühl hat, zu Unrecht gescholten worden zu sein.

Es war ein wundervoller Maiabend, zwischen der neunten und der zehnten Stunde. Lau war die Luft, der Himmel goldgestirnt, und weißes Mondlicht floß breit und leuchtend auf die Erde nieder.

Magdalene stieg sehr langsam die Treppe hinan, um ihr Schlafzimmer aufzusuchen, aber fast unwillkürlich öffnete sie die Tür zum blauen Zimmer und blieb einen Augenblick staunend auf der Schwelle stehen. Da die große Tür zum Balkon offen stand, floß das Mondlicht in voller Leuchtkraft ins Zimmer und gab ihm ein ganz seltsames, geisterhaftes Aussehen. Das rote Gewand des Kardinals strahlte in die bläuliche Weiße hinein, und Magdalene glaubte seine kleinen, schlauen Augen und den schmalen, etwas spöttischen Mund zu erkennen. Sie senkte die Blicke vor ihm, weil ihr war, als ob Leben aus dem Bilde käme, als ob dieser Mund zu ihr sprechen, diese weißen Hände sie berühren wollten.

Sie trat auf den Balkon hinaus. Weiß, wie in Silber erglänzend, lag die Landschaft vor ihr, unendlich weit schien sie ihr zu sein, unermeßlich wie das Leben selbst, beängstigend, beunruhigend auch wie das Leben – zum wenigsten wie das Leben, das ihr beschieden war – ihr und ihrem armen, verbitterten Manne.

Der Schmerz überwältigte sie; sie sehnte sich nach etwas Festem – nach einem treuen, guten Menschen, der sie bei der Hand nehmen und zu ihr sprechen möchte. – Aber es gab in der ganzen Welt niemand, dem sie sich offenbaren und der sie begreifen würde.

Was wollte sie denn auch? An was gebrach es ihr denn, da sie den Mann, den sie einstmals so heiß geliebt und verehrt hatte und den sie auch heute noch liebte und verehrte, bekommen hatte?!

Ein wenig unbequem, ein wenig von der allgemeinen Tagesordnung abweichend war das Leben an seiner Seite ja wohl geworden!

Aber hatte sie das nicht gewollt? Hatte ihr nicht gegraut vor einem Alltagslos mit all seinen Banalitäten und Nichtigkeiten?

Und doch war da jetzt ein so ungeheurer, überwältigender Schmerz in ihr, daß ihr war, als verlöre der Körper plötzlich alle Kraft, daß die Knie unter ihr zu zittern begannen und sie nicht mehr tragen wollten, so daß sie nach einem der Korbsessel tasten mußte und müde, gebrochen, verzweifelt darin niedersank.

Sie konnte die weiße, geisterhafte Welt nicht mehr ertragen: die Augen taten ihr weh. Das Blut arbeitete unruhig und aufgeregt in ihr. Sie schlug die Hände vors Gesicht, war voll Jammer, voll tiefen, wehen, bitteren Herzeleids bis obenhin. Und ohne Hilfe, ohne Trost, ohne Güte, denn dieser arme Mann da unten war keine Stütze, kein Halt, war auch nicht gütig und nicht liebevoll, nur streng und hart und bitter, zerfallen mit sich selbst und mit der ganzen Welt. Und doch vielleicht ein Großer – ein ganz Großer – einer von jenen, von denen Magdalene so oft und so gern gelesen hatte, mit einem Herzen voll Mitleid, voll Sehnsucht, voll mütterlichen Erbarmens.

Und wußte doch, daß solche Menschen sich selbst und denen, die in ihrer Nähe sind, zur Qual leben müssen, wußte, daß sie bestimmten Gesetzen unterworfen waren, die die Allgemeinheit nicht verstehen konnte, wußte auch, daß solche Menschen während ihres Erdendaseins verkannt und belächelt werden und daß erst die Generationen, die nach ihnen kommen, den unermeßlichen Schatz, den sie hinterlassen haben, zu heben wissen.

Ja, sie wußte alles, alles und hatte sich danach gesehnt, hatte sich stark genug gefühlt, ein solches Leben stützen und begreifen zu können und war nun doch schwach und klein und erbärmlich geworden, wollte statt der geistigen Gespräche ein bequemes Plaudern über Tagesdinge, sehnte sich nach einer Sinnesliebe, die sich in Küssen und in Liebkosungen äußert, wie jede gewöhnliche Frau sie ersehnt, und die er nicht zu geben vermochte, und wollte weiter von ihm, daß er Geld verdiente, daß er ihr ein sorgenfreies Leben verschaffte, ihr Behagen, Ruhe und Ueppigkeit bereitete.

Ihre Tränen rannen, ihre Seele schrie in Selbstanklagen auf, die Schultern zuckten im Schluchzen und das weiße Mondlicht floß über ihre zusammengesunkene Gestalt dahin. Still war die Nacht – ringsum kein Laut – kein Windesrauschen – kein Schritt von Menschen – kein Zwitschern von Vögeln – allein, ganz allein in dieser weiten Unendlichkeit – allein mit ihrem maßlosen, übergewaltigen Schmerz!

Und doch nicht allein – doch nicht unbewacht!

Im Nachbarhause, in einem dunkeln Zimmer stand einer da, um in die weiße Mondnacht, in den sternenfunkelnden Himmel – in die seltsame, glitzernde Landschaft hineinzuschauen; er wollte gerade die Vorhänge zuziehen, wollte zurückkehren in seine dunkle Einsamkeit, da fiel der Blick auf den Nachbarbalkon, auf dem er, so lange er nun hier wohnte, noch nie jemand sitzen gesehen hatte.

Und sah da jetzt eine Gestalt – eine Frauengestalt – merkwürdig! – War es wirklich eine Frau? Was tat sie denn da? War es ein Geisterspuk oder war es Wahrheit?

Lange dauerte es, bis der Major Schwertes es heraus hatte, daß es wirklich eine Frau war, und daß diese Frau dasaß und weinte; denn ihre Gestalt bebte und der ganze Ausdruck der Erscheinung war der eines großen Schmerzes.

Merkwürdig – er hatte noch nie in seinem Leben eine weinende, eine unglückliche Frau gesehen – hatte nur sorglose, lebensfrohe, schlaue Frauen kennen gelernt, die wohl hin und wieder ein paar Tränen vergossen, wenn sie zu einer Gelegenheit paßten – die aber, wenn man sie trösten wollte, immer gleich wieder obenauf waren und etwas wie Spott über den Tröster im Gesicht hatten.

Der Major fühlte sich eigentümlich bewegt. Er mochte die Frauen nicht mehr –; Frauen und Katzen nicht –, denn sie waren geschmeidig und falsch, brachten Unheil und zerstörten auf spielerische Weise, was ihnen nicht behagte – verstanden es, alle Vorteile auszunutzen, überall zu naschen und waren dann eines Tages verschwunden.

So war es dem Major Schwertes mit einer Frau und mit einer Katze ergangen. Und nun lebte er hier – einsam – verbittert – von einer schwatzhaften, heuchlerischen Haushälterin mäßig bedient und würde das ganze Jahr mit keiner Seele ein Wort reden, wenn nicht die Pastorin Lerch mit einer Ausdauer, die ihresgleichen suchte, so lange an ihm gearbeitet hätte, bis er manchmal an einer Gesellschaft im Orte teilnahm.

Aber von den Frauen hielt er sich fern, den Frauen war er gram, er fürchtete sie und mißtraute ihnen, wie man Tieren mißtraut, von denen man nicht weiß, ob sie beißen und kratzen, wenn man sie liebkosen will. –

Aber diese hier – merkwürdig! –, diese hier war anders. Die griff ihm ans Herz.



5.

Der Direktor Dr. Dietholm hatte das Geld für den Hausankauf bereits am 1. Mai flüssig gemacht, obwohl Herr Gormann die Anzahlung erst für den 1. Juli festgesetzt, den Käufern aber gestattet hatte, das Grundstück schon früher zu beziehen.

Dietholm wollte die Sache aus Kopf und Herzen heraushaben. Er hatte seine Tochter, mit der er noch eine telephonische Unterredung gehabt hatte, dringend gebeten, für ihre Person als Käuferin aufzutreten, das Haus also auf ihren Namen eintragen zu lassen. Aber er hatte diese Bitte nicht als Forderung ausgesprochen, weil er keine Weiterungen mit seinem Schwiegersohne zu haben wünschte.

Das Haus aber wurde auf Dr. Breuers Person eingeschrieben und ein Dank von seiner Seite an den Schwiegervater war nicht erfolgt.

Dietholm hatte das nicht anders erwartet – aber dennoch suchte er während einiger Tage, wenn die Post kam, mit etwas nervöser Hand unter den Briefschaften, und ein schmerzliches Lächeln kam um seinen Mund, wenn er vergebens gesucht hatte.

Er hatte damals, während der Unterredung mit Magdalene in seinem Bureau die Aeußerung fallen lassen: »Deine beiden Stiefschwestern sind bald erwachsen und heiratsfähig und verlangen dann auch eine offene Hand!«

Aber die Töchter waren bereits erwachsen genug, um die offene Hand schon jetzt zu verlangen, obwohl Dietholm sie noch als Kinder angesehen hatte.

Es war da seit einem Jahr des öfteren ein junger Leutnant mit adligem Namen, in einem guten Regiment dienend, gänzlich ohne Vermögen, in seinem Hause als Gast gewesen.

Wie er zuerst zu ihm gekommen war, konnte Dietholm sich nicht erklären, seine Frau hatte das fertig gebracht – denn sie hatte gesellschaftliche Talente, und wahrscheinlich hatte sie die Tanzstunde der Töchter benutzt, um einige der jüngeren Herren an sich heranzuziehen.

Dietholm war zu viel beschäftigt, um sich ausgiebig um solche Dinge zu kümmern. Aber eines Tages war es so weit, daß er Frau und Tochter erregt und in Tränen in sein Zimmer, in dem er eben eine kurze Spätnachmittagsruhe abgehalten hatte, eintreten sah.

Aufs höchste erschrocken ging er ihnen entgegen. Die Tochter warf sich ihm in die Arme und die Frau lehnte ihren Kopf an seine Schulter, und dann kam, halb schluchzend, halb jauchzend, das Geständnis heraus: Der junge Leutnant von Stubenrauch hatte um Mariettas Hand angehalten – und Marietta liebte ihn und wollte lieber tausend Tode sterben als von ihm lassen.

Dietholm machte sich aus der Umschlingung von Frau und Tochter frei.

Heiß stieg ihm für einen Augenblick das Blut zum Herzen, Waren diese Kinder schon so weit? Ging das Leben so rasch seinen Gang?

Er hielt das Mädchen mit beiden Händen an den Schultern und sah ihr in das hübsche, erregte Gesicht. Ja, sie war hübsch – seine Kinder waren alle hübsch und klug und hatten eine gewisse Vornehmheit an sich, und diese dunkle Marietta ganz besonders.

Aber dennoch – eine Magdalene war sie nicht – nein, an Magdalene kam sie nicht heran – oder vielmehr – – ja – Dietholm wußte es selbst nicht. Vielleicht war diese hier, die er jetzt an den Schultern hielt und anschaute, um sich zu vergewissern, daß sie kein Kind mehr, sondern eine heiratsfähige junge Dame sei, hübscher, temperamentvoller und verführerischer als die Tochter aus der ersten Ehe. Aber die süße Innigkeit – das Zarte – das Durchgeistigte – dieser leise Hauch von Schwermut fehlte hier – und Dietholm ließ sie los und setzte sich wieder in seinen Sessel.

»Ein Leutnant also – ein adliger Leutnant, und wahrscheinlich ohne Vermögen und womöglich mit allerlei kleinen – – –«

»Marietta, geh jetzt, Kind!« sagte die Mutter und zwinkerte dem Gatten zu, und Marietta küßte den Vater noch einmal und ging.

Und dann kamen die Erklärungen, und es stellte sich heraus, daß Frau Dietholm bereits über alles Bescheid wußte. Aber sie hatte eine geschickte und reizvolle Art, dem Gatten alles, was er wissen mußte, beizubringen. Und befriedigt sah sie, daß Dietholm sein Notizbuch zog und Zahlen aufschrieb und dann aufsah und nickte.

»Kinder kosten Geld!« sagte er seufzend. »Und ich werde nicht umhin können, zum wenigsten noch ein Jahrzehnt weiterarbeiten zu müssen, – aber schadet nichts – ich brauche Arbeit, und die Kinder sollen glücklich werden. – Glaubst du, daß dieser Leutnant verläßlich ist?«

Ein Loblied für den Herrn von Stubenrauch erfolgte.

»Aber ich muß ihn erst kennen lernen, muß auch sehen, etwas über ihn zu erfahren. Ich kann es natürlich nicht zugeben, daß ein zweites meiner Kinder ins Unglück läuft.«

Frau Dietholm senkte den Kopf.

»Magdalene trägt allein die Schuld an ihrem Los!« sagte sie leise. »Ich habe alle meine Ueberredungskraft aufgeboten, um sie von diesem unheimlichen Breuer loszumachen, – es war aber vergebens. Nun, du weißt es ebensogut wie ich, und wir wollen nicht weiter darüber reden!«

Dietholm seufzte.

»Sie war vor etwa drei Wochen bei mir im Bureau,« sagte er dann.

Die Frau schwieg, obwohl Dietholm wünschte, daß sie Fragen an ihn richten möchte.

»Ja, sie kam ins Bureau. Natürlich im Auftrage ihres Mannes.«

»Und wollte Geld?« fragte Frau Dietholm jetzt.

»Ja, sie wollen sich ein Haus kaufen. Draußen in L. – an einem See gelegen – ich weiß nicht, ob das Haus selber am See – aber der Ort liegt am Wasser. Ich war früher einmal dort; es ist ganz nett da draußen, – und er hatte sich in ein Haus verliebt, das zum Verkauf stand!«

»Und du hast ihnen das Geld gegeben?«

»Es war noch etwas da, was Magdalene von der Mutter her zu beanspruchen hatte.«

»Ist er selbst bei dir gewesen?«

»Nein!«

»Hat dir nicht gedankt?«

»Nein,« sagte Dietholm und stand auf. »Und meinethalben mag er das ›Danke‹ bleiben lassen, wenn er mir das Mädel nur nicht zum Ruin bringt. Sie sah erbärmlich aus, wie sie da vor mir saß in meinem Bureau. Und darum will ich dir sagen, wenn dieser Leutnant, den ich ja bis jetzt nur ganz oberflächlich kenne, nach einer eingehenderen Besichtigung mir nicht ganz ausgezeichnet gefällt, dann sage ich ›nein‹, und wenn Marietta meinethalben aus Gram darüber ins Kloster geht!«

Frau Dietholm geriet nicht in Erregung über diese Aeußerung ihres Gatten. Sie lächelte nur ein sehr ruhiges, überlegenes Lächeln.

»Herr von Stubenrauch und dieser Breuer haben nichts miteinander zu tun. Dieser hier ist ein Edelmann in seinem Aeußern und in seiner Gesinnung – während Breuer – – –«

»Breuer sah nicht übel aus, als ich ihn das erste Mal sah!«

»Breuer ist das, was man ein verkommenes Genie nennt!« sagte Frau Dietholm hart. »Wenn so einer allein bleibt und wohnt in Dachstuben und dichtet bei Kaffee und Kartoffeln, so mag das ergreifend oder originell sein – aber wenn so einer heiratet und entpuppt sich dann als ein überaus anspruchsvoller Patron, der keinen Dank, keine Rücksicht, keine Formen kennt – – –«

»Laß das!« winkte Dietholm ab, und die Frau stand auf – vielleicht gekränkt, vielleicht auch nur, um zu Marietta zu kommen und ihr zu sagen, daß Papa natürlich einverstanden sei.

Dietholm aber saß dann wieder in seinem Sessel und dachte an Magdalene – und sein Gesicht war weich dabei und um den Mund lag ein weher Zug.

Am nächsten Tage saß den Leutnant vor ihm – jung, strahlend – klug und unbefangen – ein freier, offener Bursche ohne Tiefen – aber, wie es schien, voll Ehrlichkeit und vom besten Willen beseelt.

Irgend etwas tat Dietholm wohl. Er erkannte sogleich, daß er an diesem jungen Menschen einen lieben, flotten, fröhlichem Sohn haben werde – und mehr wollte er ja nicht.

Das Geschäftliche wickelte sich glatt ab. Dietholm war großmütig und konnte großmütig sein, obwohl er seiner Tochter Magdalene gegenüber jetzt in einer Art sprechen mußte, die nicht ganz mit dem, was er diesem jungen Menschen hier offenbarte, übereinstimmte.

Aber irgend etwas bei dieser Sache tat ihm wohl – vielleicht auch der Umstand, daß ein Dragonerleutnant von Stubenrauch in engste Beziehungen zu seinem Hause trat. Und der Dragonerleutnant war denn in der Tat so ungefähr das Gegensätzlichste von Dr. Breuer, was es geben konnte. Klirrend war sein Schritt und klirrend war sein Lachen und wo er war, da war Fröhlichkeit und Wärme und ein gewisses Etwas war an ihm, was Frau Dietholm mit »aristokratisch« bezeichnete.

Einen Tag lang oder zwei mochte Dietholm gedacht haben, über das Glück seiner Marietta die Sorgen um Magdalene zu verwinden. Aber es war nicht so. Seit jener letzten Aussprache in seinem Bureau war eine neue große Angst über ihn gekommen, eine Angst, die ihn quälte und verfolgte, die ihm die Ruhe raubte und oft den früher so gesunden Schlaf stören wollte. Ob er sie mißhandelte? Ob er gemein – roh – brutal war? Ob Magdalene Dinge litt, die sie niemals aussprechen würde – die sie aber eines Tages zur Verzweiflung treiben mußten?

Noch hatte Dietholm weder Zeit noch Sinn dafür gehabt, sich das Haus, das von seinem Geld gekauft worden war, anzusehen. Aber eines Sonntags machte er sich frei von denen zu Hause, die ja auch ohne ihn ihr Leben in Freude und Trubel genossen.

Er fuhr im Auto hinaus und freute sich über diese einsame Fahrt – und seine Gedanken gingen zurück in ferne Zeiten – zu der ersten Frau, die ihm diese Tochter – sein liebstes Kind – geschenkt hatte – und von der Toten gingen dann die Gedanken zur Lebenden – und Schatten legten sich auf sein Gesicht.

Magdalene öffnete ihrem Vater die Tür. Ein leiser Ruf, halb Freude, halb Angst, kam aus ihrem Munde, und Dietholm fühlte und verstand beides und ging schweigend mit ihr die Treppe hinan und saß in dem blauen Zimmer mit ihr unter dem Bild des roten Kardinals und staunte und war wie ein Fremder, der nach ein paar einleitenden Worten suchen muß, um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

»Ich bin gekommen,« sagte er endlich, »um dir Mariettas Verlobung mitzuteilen, Magdalene. Ich wußte nicht, ob eine Anzeige willkommen wäre, und meine Briefe – nun, du weißt, ich bin kein Freund vom Briefschreiben!«

Magdalene verstand. Er schrieb nicht, weil er wußte, daß seine Briefe der Kritik ihres Mannes unterlagen.

»Marietta?« sagte sie dann erstaunt. »Marietta, die für mich bis heute noch ein Kind geblieben ist!«

»Ebenso ging es mir, Magdalene. Ich mußte mir das Mädchen erst einmal richtig ansehen, als ich das Geständnis hörte – mußte sie mir lange ansehen und kam dann zu dem Resultat, daß sie wirklich eine junge Dame geworden ist, – eine hübsche, junge Dame, die, wie ich glaube, das Leben sehr normal und klug und praktisch auffaßt!«

»Wer ist es denn, der sie liebt?« fragte Magdalene leise, immer das Gesicht ein wenig zur Tür gewandt, immer lauschend, ob sie Schritte höre, die die Treppe hinankämen.

Aber es blieb still, und Dietholm sagte:

»Ein junger Leutnant, Magdalene. Ein Tanzstundenfreund, den Mama ein wenig in die Familie gezogen hatte. Herr von Stubenrauch heißt er – soweit ein netter, offener, bescheidener junger Mensch, von dem ich hoffe, daß er Marietta glücklich machen wird.«

Magdalenens Gesicht war um einen Schein blasser geworden, und Dietholm brach das Gespräch über diesen Gegenstand ab.

»Also dies ist euer Tuskulum,« sagte er dann, stand auf und trat auf den Balkon hinaus. »Ein sehr hübscher Blick und überhaupt ein netter Ort mit guter Luft und schönen Spaziergängen, nicht wahr? Seid ihr viel draußen? Und seid ihr zufrieden?«

»Ja, Papa!«

»Und diese Möbel hier? Das waren doch nicht die, die du damals bekamst? Aber ist ja gleichgültig!« unterbrach er sich, als er eine leise Verlegenheit bei seiner Tochter wahrnahm.

Er sah dann in ein Nebenzimmer, das völlig leer war. Fragen schwebten ihm auf den Lippen, aber er unterdrückte sie. Das Herz tat ihm weh; er fühlte, daß es auch hier draußen nicht gut werden würde. Er fühlte es mit tödlicher Sicherheit – es lag so in der Luft und seine Blicke hafteten wieder voll tiefer Traurigkeit auf Magdalenens schmalem, feinem Gesicht. Nein, keines seiner anderen Kinder liebte er mit dieser tiefen, schmerzlichen Liebe wie diese hier, und keines von den anderen hatte vielleicht auch eine verstehende, hilfsbereite Liebe so nötig wie seine arme Magdalene.

Er hatte das drängende Bedürfnis, ihr irgendeine Freude zu bereiten, ein Lächeln um diesen ernsten, herb gewordenen Mund zu zaubern.

»Du hast Geburtstag in diesen nächsten Wochen, Magdalene?!« sagte er.

»Laß das, Papa! Ich weiß ohnehin nicht, wie ich dir je meine Dankbarkeit beweisen kann.«

»Ich will keinen Dank, Magdalene. Ich will nur eins – daß du glücklich bist, und das steht nicht in meiner Macht, ich kann dir das Glück nicht geben!«

»Ich bin nicht unglücklich, Papa. Es hat vielleicht den Anschein so, weil unser Leben von dem euren und von dem der Allgemeinheit abweicht, – aber darum muß es nicht unglücklich sein!«

»Aber deine Augen, dein Mund, Magdalene! Wer das zu deuten versteht, was aus deinem Gesicht spricht, der liest kein Glück daraus.«

»Nicht mich quälen, Papa! Ich klage ja nicht!«

»Nein, du klagst nicht. Es wäre vielleicht besser, wenn du es tätest. Aber, Magdalene, eines mußt du mir versprechen: wenn es eines Tages nicht mehr geht, wenn du am Ende deiner Kraft bist, dann kommst du zu mir – zu deinem Vater. Ich verlange nicht, daß du zu Mutter und Schwestern kommst, aber zu mir, und ich werde dir helfen. Ich habe dir noch etwas zu sagen: Als du damals bei mir warst wegen des Hauskaufes, da habe ich dir vielleicht alles in zu düsteren Farben geschildert; du quälst dich vielleicht in dem Gedanken, daß ich dir größere finanzielle Opfer bringe, als in meinen Kräften steht! Ich war damals gegen Breuer – gegen deinen Mann in besonders übler Stimmung – ich habe da vielleicht übertrieben. Für dich, Magdalene, wenn du meiner Hilfe bedürftig, ist immer genügend da. Du verstehst, Kind, für dich selbst, nicht für die Wünsche deines Mannes. Von ihm hoffe ich, daß er sich eines Tages auf seine Pflichten gegen dich erinnert und zu einer vernünftigeren Lebensauffassung kommt.«

Dr. Dietholm sagte dies und noch vieles mehr, aber er sprach eigentlich an dem, was er wirklich sagen wollte, vorbei und er wußte, daß er heute auch nicht auf den Weg, der zum Herzen seiner Tochter führen konnte, gelangen würde. Und wußte doch zugleich, daß er dieselbe Unruhe, die er mit hier herausgebracht hatte, wieder mit nach Hause nahm und daß er nicht froh und zufrieden werden konnte, bis hier irgendeine Aenderung eingetreten war – gleichgültig, wie sie aussehen mochte.

Das Haus gefiel ihm und ließ ihn doch kalt. Das blaue Zimmer mit den zusammengetragenen Möbeln, das auf den ersten Blick elegant wirkte, und doch dann vor einem kritischen Blick nicht bestehen konnte, das leere Zimmer daneben und all das, was er nicht zu sehen bekam, was er nur fühlte und vermutete, kurz, das Ganze hier wirkte beklemmend und ungeheuer niederdrückend auf ihn.

»Dein Mann scheint nicht zu kommen, und vielleicht ist es gut so – und ich selbst, Magdalene, habe wohl auch nichts mehr hier zu tun. Ich habe ja nun gesehen, wie es um dich her aussieht und habe dir gesagt, was ich dir zu sagen hatte. Hast du mir vielleicht noch etwas zu sagen, Kind?«

»Nein, Papa!« Und doch stand trotz dieses Wortes »nein« etwas in ihren Augen, was anders sprach, und Dietholm nahm beide Hände der Tochter in die seinen und sah sie an, aber die Augen wichen ihm aus.

Also nichts zu machen! sagte sich Dietholm und griff nach seinem Hut, und wieder wie damals in seinem Bureau, als sie am Schluß ihrer Unterredung angekommen waren, hatte er ein Gefühl der Befriedigung und der Hochachtung darüber, daß diese junge Frau sich nicht irremachen ließ, daß sie fest und treu den Weg ging, den sie sich selbst gewählt hatte.

Arm in Arm gingen sie die Treppe hinab, aber unwillkürlich dämpften sie ihre Stimme, und als sie an Breuers Zimmer vorüberkamen, sprach Magdalene nur noch im Flüsterton.

Sie geleitete den Vater bis zu seinem Auto, aber auch hier war sie beklommen, und das Herz schlug ihr in Unruhe. Sie wußte, daß ihres Mannes Blicke jetzt auf ihr ruhten, wußte, daß der alte Ingrimm in ihm neue Nahrung erhielt durch diesen Besuch, und die Erregung in ihr stieg von Augenblick zu Augenblick, daß sie kaum noch hörte was der Vater zu ihr sprach.

»Ja, dein Geburtstag, Magdalene. Du mußt mir schon erlauben, daß ich dir eine Freude bereite, und da ich oben das leere Zimmer gesehen habe, und da eine Frau doch gern etwas Hübsches um sich sieht, werde ich sorgen, daß es nicht lange mehr leer steht. Also leb wohl, Magdalene!«

Sie nickte nur und gab ihm die Hand. Am Gartenzaun stand die Haushälterin des Major Schwertes; sie grüßte, aber Magdalene sah es nicht. Sie lief fast ins Haus zurück, direkt in das Zimmer ihres Mannes hinein. Breuer ging in dem schmalen, langgestreckten Raum, in dem er zu arbeiten pflegte, auf und nieder; er sah kaum auf, als seine Frau bei ihm eintrat, und Magdalene setzte sich schweigend auf einen der geflochtenen Sessel.

Breuers Gesicht war tief nachdenklich; von Zorn, Ungeduld oder einer ähnlichen heftigen Gemütserregung war nichts darin zu lesen. Man sah nur, daß sein Geist stark arbeitete, aber wie es schien, ganz auf abstrakten Gebieten.

Magdalene wußte, daß sie sich jetzt nicht regen durfte; ihr Eintritt ins Zimmer hatte ihn offenbar nicht gestört, aber wenn sie sich jetzt aus ihrer Ecke erheben und hinausgehen würde, dann könnte es geschehen, daß er erwachte und daß ein Sturm entfesselt würde. Still, mit ineinandergeschlungenen Händen saß sie da und wartete. Die Dämmerung kam ins Zimmer; die paar Bilder, die an den Wänden hingen, verblichen. Man sah bald die Umrisse der Möbel nicht mehr, und die Gestalt des immer noch auf- und abschreitenden Mannes war kaum noch erkennbar.

Mit der Dunkelheit kam etwas wie Frieden in Magdalenens Seele: es war, als sei das ganze Zimmer von den tiefen Gedanken, vom Geist ihres Mannes erfüllt. Er schien ihr jetzt in seiner Weltentrücktheit, in diesem Versunkensein wirklich als einer von jenen Großen, von denen sie so gern gelesen, für die sie die tiefen mütterlichen Gefühle gehegt hatte, und ein leises Glück zog in ihr Herz.

»Magdalene,« hörte sie dann seine Stimme wie aus großer Entfernung kommend, zu ihr dringen, »bist du noch da, Magdalene?«

Sie war vom Sessel aufgestanden und schritt auf ihn zu.

»Hier bin ich, Martin,« und sie ergriff seine Hand.

»Es ist merkwürdig, Magdalene. Der Tag war mir so leer und öd gewesen vom frühen Morgen an; der Kopf war wie ein zu Tode erschöpftes Tier, dem man Peitschenhiebe versetzen kann und das darum doch nicht von der Stelle geht. Dann am Nachmittag, als das Auto vor unserem Hause hielt, war auf einmal Volldampf da – es war, als ob das erschöpfte Tier verschwunden und irgendein Rasseexemplar an seine Stelle getreten sei.

Ich habe deinen Vater nicht gesehen, Magdalene, ich habe ihn nur gefühlt – wie ein Elixier – wie eine feindliche Strömung habe ich ihn empfunden. Aber die feindlichen Strömungen sind es immer gewesen, die Kraftquellen in mir erweckten. Es war wundervoll – es war, wenn ich das Wort gebrauchen darf, etwas von ›Wollust‹ für mich darin, meinen Feind in meinem Hause zu wissen und du arme Seele bei ihm, ringend zwischen deinen beiden Welten. Und während ihr euch da oben unterhieltet, ich weiß nicht von was, lief mein Geist hier unten auf Rädern – meilen-, meilenweit – durch Unendlichkeiten ist er gegangen und nun ist Licht und Helle in mir.

Merkwürdig, Magdalene, es liegt mir, wie du weißt, so unendlich wenig an deinem Vater, und doch reizt es mich, daß er eines Tages meine Ueberlegenheit fühlen soll. Und da ihm auf geistigem Gebiete nicht zu imponieren ist, da er den Hut nur vor dem Gott Mammon abnimmt, ist in mir der Entschluß zum Leben gekommen, eines Tages auch auf diesem Gebiete über ihm zu stehen. Ich werde – leicht ist mir das nicht – mein Werk in einzelne Teile zerlegen und ich werde sie auf den Markt bringen; vielleicht bald schon, Magdalene, jedenfalls habe ich den Vorsatz dazu.

Nun lachst du, nicht wahr? Nein, ich sehe es nicht, aber ich fühle, daß du lachst. Das Wort ›Geld‹ übt auch auf dich eine hypnotische Wirkung aus wie auf alle Menschen, die im Alltag festgewurzelt sind und das Geistige nur als eine angenehme Spielerei betrachten. Ich verzeihe es dir, Magdalene, ich bin dir nicht gram deshalb. Du bist nur eine Frau, und meine Erfahrung an dir hat mich gelehrt, daß eine Frau nicht auf reine geistige Höhen zu bringen ist. Es schadet nichts – es ist vielleicht ein Naturgesetz so – dem man sich beugen muß. Aber wenn du auch nicht mein Kamerad auf Höhenwanderungen bist, so tust du mir doch wohl, Kind. Ich habe das an diesem Nachmittag empfunden, als das mir feindliche Element bei dir war und um deine Seele rang. Es wollte etwas wie Eifersucht in mir aufkommen – eine seelische Eifersucht – aber dann fühlte ich, daß sie nicht am Platze war, denn er vermag nichts über dich. Es liegt nicht in seiner Hand, einen Einfluß gegen mich auf dich geltend zu machen.«

»Nein, Martin, – das würde keinem Menschen gelingen!«

Sie hatte beide Arme um seinen Hals geschlungen und lehnte ihr Gesicht an das seine. Er duldete einige Augenblicke lang ihre Liebkosung, dann machte er sich frei.

»Tu mir einen Gefallen, Magdalene. Bring' mir einen guten starken Tee hierher und etwas zu essen – nein, warte doch noch einen Augenblick, bis ich ausgesprochen habe. Etwas ganz Leichtes zu essen, was nur eben den Hunger ein wenig stillt, ohne den Magen anzustrengen. Und dann laß mich ganz allein, Magdalene – bitte – und sag' mir auch nicht gute Nacht: laß mich allein mit meinen neuen Gedanken.«

Eine Woche später hielt ein Möbelwagen vor dem ehemaligen Gormannschen Besitz. Er enthielt Möbel, wie sie für das Zimmer einer verwöhnten Frau passen: ein kleines weichgepolstertes Sofa mit hellem Samt überzogen, zwei Sessel dazu, einen runden Tisch mit Perlmuttereinlagen, einen Damenschreibtisch, und aus demselben Holze wie die Möbel ein Klavier.

Die Haushälterin des Majors Schwertes stand hinter der Gardine eines Fensters, als diese kostbaren Dinge ankamen, und ein Lächeln, halb befriedigt, halb boshaft, kräuselte ihre Lippen.

Am selben Abend wußte es die Pastorin Lerch, daß nun doch noch ein paar ordentliche Sachen bei diesen seltsamen Leuten angekommen seien, auch der Major bekam es zu hören, und seltsamerweise war er nicht so unwirsch wie sonst, wenn die Haushälterin ihm irgendein Begebnis aus dem Ort erzählte, das er nicht zu erfahren wünschte.

Magdalene richtete ihr Zimmer in einem stillen, tiefen Glück ein; das Klavier aus hellem Holz mit französischen Bronzebeschlägen – ein kostbares Stück – stand in der Nähe des dreifenstrigen Erkers.

Am Tag stand es verschlossen und erfreute nur durch die Schönheit seines Baues; am Abend aber saß Magdalene, wie in ihrer Mädchenzeit, davor, und seltsam, sie hatte in den acht Jahren ihrer Ehe, in denen ihre Finger keine Taste berührt hatten, nichts verlernt – im Gegenteil – es war, als habe diese Ruhepause ihr neue Fähigkeiten verliehen, denn ein Etwas war jetzt in ihrem Spiel, was früher nicht darin gewesen war: die Erfahrungen – die Leiden – die Seele, die durch Tiefen und über Höhen gewandert war und die nun an einsamen Abenden hier am Instrument oft eine glückliche Befreiung fand.



6.

Es war eine der hübschen Sommergesellschaften in Gang, die hier am Ort von jeder Familie, die ein Haus mit Garten besaß, gegeben wurde. Sie verkehrten alle miteinander, denn es waren nicht gar zu viele – vielleicht ein gutes Dutzend. Die andern zählten nicht mit, weil sie nur Dorfbewohner von früher her waren und entweder mit den neuen anspruchsvollen Ansiedlern nichts zu tun haben wollten oder ihrer Bildung nach nicht zur Gesellschaft gehörten.

Diejenigen aber, die sich hier draußen einmal gefunden hatten, hielten sehr treu zueinander, obwohl der Klatsch in gemäßigten Grenzen, wie in jedem kleinen Ort, wo jeder des andern Verhältnisse genau kennt oder kennen möchte, auch hier in Blüte stand.

Es war Hochsommer geworden. Nicht gerade die schönste Jahreszeit für diesen Ort, der wenig Schatten hatte, und an dem ein heißer Sommertag etwas »Wüstenhaftes« hatte. Aber schön waren die Abende, und die Landschaft, die am Tage allzu hell beleuchtet war und dadurch ihre feinen Reize verlor, war an stillen Sommerabenden wieder rein und jungfräulich, und besonders einige Partien in der Nähe des Sees mit Birkenhainen, mit einsamen Pappelalleen und einem Stücklein Nadelwald wirkten wie Märchen aus andern Welten.

Die Pastorin Lerch hatte schon mehrere Gedichte darüber verfaßt und sie in der kleinen Vorortzeitung oder im Kirchenblatt abdrucken lassen und auch der Apotheker hatte in Prosa schon darüber geschrieben.

An diesem Abend fand die Sommergesellschaft bei dem Apotheker und seiner Frau statt. Sie hatten das schönste und ausgedehnteste Grundstück im Ort. »Geradezu schloßartig!« sagten ihm die, die ihm schmeicheln wollten, und der Apotheker hörte das gern, wenn er solch ein Lob auch bescheiden abwehrte.

Das Grundstück, das er besaß, hatte natürlich keine Apotheke in seinen Räumen; die Apotheke, die er einmal besessen, hatte auch nie in diesem Ort gestanden, sondern in der großen Stadt und sie war seit mehr als einem Jahrzehnt verkauft, denn die Frau des Apothekers hatte eine gute Erbschaft gemacht, und das Ehepaar, das nur eine Tochter besaß, die bereits verheiratet war, konnte sich zur Ruhe setzen.

Das Wetter war den Gastgebern sehr hold gewesen; einer der schönsten, mildesten Sommerabende war heraufgezogen, ohne Nebel, wie er hier so häufig war, und ohne Wind, der den bunten Lampions, mit denen der große Garten über und über geschmückt war, lästig geworden wäre.

Blau wölbte sich das Firmament über der schönen Sommererde und unzählige Sterne leuchteten am weiten Himmelsbogen.

Der Pfarrer Lerch erklärte einem jungen Menschen, einem Neffen des Apothekers, die einzelnen Sternbilder und knüpfte einige lehrreiche Bemerkungen daran, die der junge Mann geduldig und vielleicht auch nicht ohne Interesse hinnahm.

Sie hatten auf der großen Terrasse des Hauses gegessen – sehr gut gegessen, denn obwohl sonst im Ort für alle Geselligkeit der Grundsatz galt: reichlich, aber einfach!, so erlaubte man dem Apotheker doch gern, daß er eine Ausnahme von dieser Regel machte, und er tat das denn auch mit großer Freude und Genugtuung, da es ihm auf den Kostenpunkt durchaus nicht anzukommen brauchte.

Was er an besonderen leiblichen Genüssen hier draußen im Vorort nicht erhalten konnte, das bezog er aus der großen Stadt, und er stellte selbst die Speisenfolge fest und hatte auf diese Weise tagelang und oft mehr als eine Woche lang vor einem seiner Feste einen angenehmen Zeitvertreib. Sie hatten auch heute wieder sehr gut gegessen und nicht weniger gut getrunken und es war eine lebhafte, sehr vergnügte Stimmung aufgekommen, die der Dr. Müller als großer Redner vor dem Herrn durch eine kurze humoristische Ansprache noch steigerte, und die der Pastor durch ein von seiner Frau verfaßtes Gedicht, das er vortrug, ins Reich der Poesie lenkte. Selbst der sehr einsilbige Major Schwertes, der selten ein Wort in die Unterhaltung warf und den man immer dreimal einladen und zudem seiner Haushälterin noch eine besondere Mahnung geben mußte, damit sie ihn an seine Verpflichtung erinnere, hatte ein paarmal gelacht und sah viel behaglicher und menschenfreundlicher aus als sonst.

Nach der beendeten Mahlzeit war man zuerst paarweise durch die mit den Lampions geschmückten Wege gewandelt und hatte sich dann endlich auf einem runden Platz, von dem aus man einen schönen Blick über den See hinweg hatte, versammelt.

Hier wurde in winzig kleinen Tassen Mokka gereicht, außerdem besonders feine Liköre, und für die Herren Zigarren.

Die Frau des Apothekers hatte zum Ueberfluß noch kleine, feine Mandelkuchen gebacken, denen trotz des vorangegangenen üppigen Mahles reichlich zugesprochen wurde, und die Pastorin Lerch bat sich das Rezept aus, denn so gut wie diese hier waren ihre Mandelkuchen nicht, obwohl sie weder an Eiern noch an Mandeln dabei sparte.

»Bei meinem Mann kommt erst die rechte Behaglichkeit auf, wenn er am Abend neben seinem Buch einen Teller mit knusperigem Backwerk stehen hat!« erzählte sie, »allerdings, bei ihm heißt Behagen nicht ein nettes Plaudern oder Erzählen, sondern Behaglichkeit heißt bei ihm, solchermaßen in ein Buch vertieft zu sein, daß er nicht hört und sieht, was um ihn her vorgeht!«

Während seine Frau das von ihm sagte, vernahm man des Pastors Stimme, der immer noch neben dem jungen Menschen, dem er heute zum erstenmal begegnet war, stand und ihm den Sternhimmel erklärte. Er war ganz und gar bei dieser Sache und sprach mit großer Eindringlichkeit und Güte; in einiger Entfernung von ihm hatte sich der lange, schlanke Major Schwertes gestellt und nahm teil an dem Vortrag und sah fast andächtig zu dem funkelnden Sternenmeer auf.

Er hatte sich eine leichte Zigarre gewählt, befand sich in leidlich guter Stimmung, fühlte aber nach der langen geräuschvollen Sitzung bei Tisch nun doch das Bedürfnis nach Alleinsein und hätte sich gern ohne Abschied gedrückt, um vielleicht daheim noch eine Stunde auf seinem Balkon zu sitzen und die Gedanken ihre Wege gehen zu lassen.

Aber das durfte er sich nicht erlauben, wenn er nicht wieder ganz zum Einsiedler werden wollte. Das Einsiedlerleben an sich wäre nicht einmal das Schlimmste, aber ehe es so weit kam, würde er eine ganze Anzahl unliebsamer Besucher in seinem Hause sehen, die ihn zur Rede stellten und so leicht nicht locker lassen würden.

In erster Linie die Pastorin Lerch, die ihn ja zuerst entdeckt und mit sehr viel Mühe so weit gebracht hatte, wie er jetzt war – dann aber auch der Pastor selbst und der Doktor Müller, der wahrscheinlich gleich einen Krankenbesuch daraus machen würde. Auch der Amtmann Sereals und der Apotheker, womöglich noch einer oder der andere von den hier ansässigen Rentnern, kurz, die ganze Meute hier würde ihm nachstellen, bis er ihnen entweder zu Willen war oder ihnen in einer so eindeutigen, unverbindlichen Art antwortete, daß ein Bruch für alle Zeit daraus entstehen müßte.

Der Major war nicht zufrieden mit sich selbst; er war in diesen Vorort herausgezogen, um allein zu sein. Er erinnerte sich genau des Tages, an dem der Zufall ihn hierhergetrieben hatte. Es war etwa ein Vierteljahr nach der Katastrophe gewesen, die sein bisheriges Leben in Trümmer geschlagen hatte.

Diese Katastrophe war der Treubruch seiner Frau gewesen, mit der Schwertes in glücklicher Ehe zu leben geglaubt hatte und dann einsehen mußte, daß das Glück ein durchaus eingebildetes gewesen war.

Zum Duell war es nicht gekommen, denn die Neigungen der ehemaligen Majorsgattin waren nach unten gerichtet gewesen, wo eine Genugtuung mit Waffen nicht gegeben werden konnte. Aber der Abschied war notwendig geworden, und aus einem zwar immer schon ernsten und etwas grüblerischen Menschen war durch diese Ereignisse ein finsterer Menschenfeind geworden. Die Frau hatte eine Katze zurückgelassen, die den einsamen Major noch ein paar Wochen umschnurrte und umschmeichelte; dann war auch die vor ihm fortgelaufen.

Monatelang wußte Schwertes nicht, was mit seinem Leben beginnen, hatte mehr wie einmal den Revolver in der Hand gehabt, um Schluß zu machen, und hatte dieses Ende, das nichts weiter als ein erbärmliches Sichdrücken bedeutet hätte, dann wieder verworfen.

Die Stadt aber, in der er mehr als zwei Jahrzehnte in des Königs Uniform gegangen war, gefiel ihm nicht mehr, seit er die Welt mit andern Augen anschauen gelernt hatte. Zu einer Reise ohne die Frau mochte er sich nicht entschließen, aber weite Fußmärsche gefielen ihm. Märsche in die Einsamkeit, wo er wenig Menschen begegnete, laute Selbstgespräche führen konnte und oft staunend an irgendeinem Punkt anlangte, von dem er sich sagen mußte: Hier ist es schön und hier verlohnte es sich vielleicht noch einmal zu versuchen, ob es noch einen Weg gibt, der wieder in normale Bahnen führt! –

Auf einer solchen Wanderung war er denn auch an diesen Ort gekommen, hatte zufällig gleich die kleine turmgekrönte Villa entdeckt, die zum Verkauf stand, und hatte darüber ein paar Nächte nicht schlafen können.

Damals war Herbst gewesen und alles war in eine fast überwältigende, leuchtende Schönheit eingehüllt gewesen. Das Laub der Bäume zeigte unbeschreibliche Farbenpracht – das Gras grünlich schimmernd, die Luft von einer Reinheit, daß man sie wie etwas Köstliches in vollen Zügen trank, und der ganze Ort so versunken und verträumt – kaum ein paar Kinder auf der Straße, und das turmgekrönte kleine Haus in seinem Garten hatte etwas Abgeschlossenes – war wie eine Festung, an die der Feind so leicht nicht herankommen konnte.

Es war dann alles sehr schnell gegangen. Des Majors Finanzen waren in bester Ordnung und hätten ihm auch den Anlauf eines größeren und prächtigeren Grundstückes als dieses hier war, erlaubt. Ihm aber hatte dies im herbstlichen Garten vergrabene, turm- und erkergeschmückte Haus es angetan, und noch bevor der Winter ins Land zog, befand er sich mit all seinen Habseligkeiten und mit der Haushälterin, die er nach der Trennung von seiner Frau durch eine Zeitungsannonce erobert hatte, in seinem Besitztum.

Der erste Winter verging so, wie er es sich vorgenommen hatte. Niemand kümmerte sich um ihn und desgleichen kümmerte er sich um niemand. Die Haushälterin – obwohl schon bei Jahren – klagte manchmal über Langeweile, da man, abgesehen davon, daß man ganz ohne Verkehr war, mit dem Herrn ja überhaupt nicht sprechen konnte – also vollkommen auf die eigene Gesellschaft angewiesen war. Aber sie blieb trotz dieses Uebelstandes, und nach einiger Zeit gelang es ihr denn doch, einen gewissen Ueberblick über die Verhältnisse in diesem Erdenwinkel zu erhalten und es kam nach und nach manches Plauderstündchen zustande. Auch mit der Pastorin Lerch kam es zu solch einem Straßen- und Gartenzaunverkehr und da die Pastorin geschickt in ihrem Verhör und die Haushälterin sehr redebedürftig war, erfuhr diese Patronin des Ortes vieles, was ihr zu denken gab, und was ihr mitfühlendes Herz rührte, und eines Tages faßte sie sich Mut und begann ihren ersten Anlauf auf die Festung.

Nun, und wenn ein Mensch unermüdlich in seinem Bestreben, Gutes zu stiften, bleibt, nie müde und verdrossen wird, sondern immer mit demselben Gleichmut und derselben Güte in Blick und Wort wiederkommt, dann gelangt er endlich zu seinem Ziel, und so oft die Pastorin jetzt den Major Schwertes in einer Gesellschaft begrüßte, sah sie ihn an mit Augen, die deutlich sagten: »Siehst du, daß ich dich gerettet habe! Wer weiß, was schon aus dir geworden wäre, wenn ich mich deiner nicht angenommen hätte!«

Sie glaubte ehrlich an Gefühle der Dankbarkeit beim Major und ahnte nicht und hätte es nicht für möglich gehalten, daß dieser seltsame Mensch in seinem tiefsten Innern oft einen bösen Ingrimm gegen sie hegte, und in Stunden, in denen Schwermut und Weltüberdruß in überfielen, oft in Versuchung war, ihr einen Brief zu schreiben, in dem er ihr sehr deutlich mitteilen würde, daß er Natur und Ruhe und Einsamkeit gesucht hätte, und daß diese drei Faktoren ganz allein der Grund zu seiner Uebersiedelung hierher gewesen seien – und ein aufgezwungener Verkehr mit Menschen, die ihn durchaus nichts angingen, sei jedenfalls das, was er am wenigsten gesucht habe.

Aber zu diesem bösen Brief kam er natürlich niemals, und es war vielleicht gut so, denn hin und wieder kam doch einmal ein Abend, an dem er sich wohl fühlte – und so war es heute gewesen bis zu diesen Augenblicken, da der Pastor Lerch dem jungen Menschen den Sternenhimmel erklärte und im Major einen Zuhörer gefunden hatte.

Vielleicht war es gerade der Sternenhimmel, der still leuchtende See und der weiche, fast zärtlich zu nennende Atem dieser Sommernacht, die dem Major das Bedürfnis nach Alleinsein aufdrängte und ihn zu dem bedrückenden Resultat kommen ließ, daß ihm so eine Bewegungsfreiheit heute nicht mehr erlaubt war.

Die Pastorin saß indessen auf einer bequemen, breiten Korbbank zwischen der Hausfrau und der Frau des Doktors Müller, und ihr gegenüber in zwei Korbsessel gelehnt, saßen die Amtmannsfrau und eine Kaufmannsgattin, die erst seit zwei Jahren hier draußen wohnte.

Das Gespräch hatte sich zuerst noch um die soeben genossenen Tischfreuden gedreht, war dann auf die poetische Begabung der Pastorin, die dies reizende Gedicht auf den heutigen Abend so sinnvoll verfaßt hatte, übergesprungen, und hatte dann jählings eine ganz andere Wendung genommen.

»Hat denn keine der Damen noch unsere neuen Mitbürger, die Besitzer des Gormannschen Hauses, zu sehen bekommen? Ich glaube, so etwas ist in unserm Orte noch nicht dagewesen, daß ein Ehepaar ein volles Vierteljahr mitten unter uns wohnt und kein Mensch hat sie noch zu Gesicht bekommen, und – wie es heißt, sind die beiden noch nicht vor die Tür des Hauses getreten. Ich habe gehört, daß sie eine alte Frau als Bedienung haben, die aber in der Stadt wohnt und nur zwei- oder dreimal in der Woche herauskommt. Die macht dann wohl die gröbsten Arbeiten und besorgt die Einkäufe – das übrige soll die Frau alles selbst verrichten. Nun ja, der Garten ist ja völlig ungepflegt und wird niemals benutzt; selbst auf dem Balkon sind sie nicht zu sehen. Man weiß nicht, was man aus ihnen machen soll. Wie ich aber von Frau Gormann gehört habe, soll diese Frau Dr. Breuer die Tochter aus einem sehr reichen Hause sein und er – der Mann, ein etwas komischer Heiliger, wie sie sagte, soll Gelehrter sein und über einem Werke sitzen.

Das ist ja alles sehr gut möglich, aber merkwürdig erscheint mir doch manches dabei – so – daß sie fast ganz ohne Möbel eingezogen sein sollen und das Wenige habe durchaus nicht herrschaftlich ausgesehen!«

Die Pastorin machte eine Pause und die vier umgebenden Damen sahen sie voll Interesse an.

»Ich habe neulich,« sagte die Amtmannsfrau, als ich gegen Abend beim Kaufmann Geißer einen kleinen Einkauf machte, eine fremde, sehr schlicht gekleidete Dame gesehen. Sie zahlte gerade als ich kam und ging dann sehr schnell hinaus. Der Kaufmann sagte mir dann, daß dieses die Frau eines neuzugezogenen Doktors sei – aber ich hatte damals den Kopf voll von anderen Dingen und dachte nicht weiter darüber nach. Sie trug ein dunkelblaues Kleid, war sehr schlank und sah eigentlich jung aus!«

Die Pastorin sah gedankenvoll vor sich hin.

»Ja, die Haushälterin vom Major, die ja Garten an Garten mit ihr wohnt, hat sie natürlich auch öfters gesehen und sie sagt auch, daß sie jung aussähe, aber doch nicht eigentlich wie eine Dame, die aus sehr reichem Hause stammt. Neulich aber hat sie Besuch von ihrem Vater gehabt, der im eigenen Auto angefahren kam. Frau Mals, des Majors Haushälterin, hat mit dem Chauffeur, der über eine Stunde warten mußte, gesprochen. Und dann sind nachträglich doch noch ein paar gute Möbelstücke gekommen, und es soll wirklich so sein, sie soll aus sehr reichem Hause stammen; die Schwester hat sich mit einem Dragonerleutnant von Adel verlobt.«

Wieder machte die Pastorin eine Pause, dann gab sie sich einen Ruck und fuhr fort: »Ich erzähle Ihnen all das nicht, um die Geheimnisse dieses seltsamen Paares auszuplaudern, sondern aus einem ganz andern Grunde. Wenn ich von Menschen weiß, daß sie sehr einsam sind und sich vielleicht in dieser Einsamkeit nicht wohl fühlen, und wenn ich mir dann sage, daß ihre große Zurückhaltung vielleicht nur auf Schüchternheit und Bescheidenheit beruht, dann läßt mir das keine Ruhe, dann ist mein Herz ordentlich gefoltert von dem Bedürfnis, helfend einzugreifen – und sehen Sie, aus diesem Grunde brachte ich das Gespräch auf das Breuersche Ehepaar und wollte Ihre Meinung hören, wollte gern wissen, ob Sie nicht auch der Ansicht sind, daß wir hier Schritte tun müssen, daß es an uns ist, diesen zwei einsamen Menschen zu zeigen, daß sie uns willkommen sind und daß wir sie herzlich aufnehmen werden, wenn sie uns aufsuchen?«

Die Frau des Apothekers, die ebenfalls ein sehr gutes Herz hatte, war sofort einverstanden mit diesem Vorschlag; die Doktorsfrau, die sehr lebhaft und selbst noch jung war, klatschte sogar in die Hände, denn sie sehnte sich nach einem jugendlichen Verkehr – die Frau des Kaufmanns kam nicht weiter in Betracht und die Amtmannsgattin schwieg einstweilen. Sie stammte selbst aus sehr gutem Hause und hielt auf Formen, aber dann schien sie doch nicht abgeneigt, meinte nur, man müsse so eine Sache vorsichtig in die Wege leiten – müsse erst ein wenig tasten, um sich sofort zurückziehen zu können, wenn man fühle, daß eine Annäherung unerwünscht sei.

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein!« sagte Frau Pastor Lerch siegessicher – »in solchen Dingen kenne ich mich aus, wie kein andrer!« Und dann sagte sie im Flüsterton: »Wie habe ich es denn mit unserm Major Schwertes gemacht? Der war doch geradezu Menschenfeind, sah aus, als wollte er die ganze Welt vergiften, so daß die Kinder auf der Straße erschreckt vor ihm davonliefen. Und heute? Kommt er heute nicht pünktlich auf jede Einladung, die an ihn ergeht? Und wenn er auch nicht immer unterhaltsam und besonders liebenswürdig ist, so kann man doch nicht sagen, daß er sich als ein Spaßverderber benimmt und meinem Herzen ist so wohl, daß ich das fertig gebracht habe. Man darf über den eigenen Freuden doch nie vergessen, daß man Pflichten gegen seine Nebenmenschen hat, besonders wenn sie ein unverdient trauriges Schicksal haben. Und unser Major ist doch erwiesenermaßen völlig schuldlos geschieden!«

Man kannte im ganzen Ort seine Ehetragödie, und die Damen nickten teilnehmend und sahen alle nach der Richtung hin, in der der Major, jetzt in einer Unterhaltung mit dem Pastor und dem Amtmann verwickelt, stand.

»Also, wenn Sie meinen, meine Damen, werde ich einen Versuch bei der jungen Frau Breuer machen und Ihnen beim nächsten Kränzchen meine Resultate mitteilen. Mehr als eine Abweisung kann man ja nicht erhalten, und da man weiß, daß sie von gutem Herkommen ist, hat man Taktlosigkeiten nicht zu fürchten.«

Indessen kamen die Herren auf den runden Tisch, an dem die Damen saßen, zugeschritten. Der Apotheker schaffte mehr Stühle herbei, und dann saß man behaglich zusammen und die Nacht ward immer schöner und leuchtender. Ein süßer Duft von Jasmin, Rosen und viel anderen Sommerblumen durchschwängerte die Luft. Ein ganz leiser Wind kam vom See herüber, und die Doktorin, die zufällig neben ihrem Manne saß, fühlte die Zärtlichkeit, die in dieser Hochsommernacht lag, in ihrem Blut, schlang den Arm um den Mann und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.

Die Gesellschaft schmunzelte und freute sich – nur im Gesicht des Majors war ein rätselvoller, nicht allzu freundlicher Ausdruck, und er wandte sich der Pastorin zu, die nicht mehr in der Mitte der Bank, sondern an einer Seite derselben lehnte und dem Major einen Stuhls neben sich hingeschoben hatte.

»Nun, immer fleißig? Immer über den Büchern?« fragte sie. »Mein Mann sagt mir, daß in Ihrer Bibliothek unsere sämtlichen Philosophen vertreten seien, die unangenehmen sowohl, wie die liebenswürdigen!«

»Liebenswürdige Philosophen kenne ich nicht!« wehrte der Major ab, »aber unangenehm sind sie auch nicht. Man muß sich nur Mühe geben, sie zu verstehen, dann geht man ganz sicher an ihrer Hand.«

Der Pastorin war nicht daran gelegen, in ein Gespräch über Philosophie verwickelt zu werden; sie lebte der Gegenwart und hatte ihre eigene Philosophie, bei der ihr sehr wohl war und die sie ihren Mitmenschen beizubringen bedacht war. Nach ihrer Philosophie waren die Menschen geschaffen, um das Gute, das sich ihnen bot, in vollen Zügen zu genießen, ihre Pflicht zu erfüllen und der leidenden Menschheit beizustehen, soweit es in den Kräften eines jeden stand. Das nannte sie wahres Christentum, und sie hatte vielleicht recht.

»Sagen Sie einmal, Herr Major, haben Sie denn auch Ihre Nachbarn, die Dr. Breuers, noch nicht zu Gesicht bekommen?« fragte sie dann unvermittelt, und der Major stutzte und zögerte eine Weile mit der Antwort.

Eine Vision kam ihm: eine stille, silberüberflossene Mondnacht – blauer gestirnter Himmel wie heute – ein unhörbares, geisterhaftes Weben in der Luft, und auf dem Balkon des Nachbarhauses die zusammengesunkene Gestalt einer Frau, deren Schultern im Weinen bebten.

Ein Geheimnis war das – ein unendlich schönes, stilles, trauriges Geheimnis, von dem nie ein Mensch etwas erfahren sollte.

»Nein, haben Sie sie wirklich auch noch nicht gesehen?«

Ein leises Lächeln kam um seinen Mund.

»Sagten Sie nicht von mir, daß ich immer auf Wolken wandele und daß ich die Menschen nicht eher gewahr werde, bis sie mich beim Namen anrufen?« fragte er, um sich der Antwort zu entheben, und die Pastorin lachte.

»Ja – da haben Sie recht, und es war überflüssig, gerade Sie als Auskunftei benutzen zu wollen. Wir haben nämlich einen Angriff auf das Breuersche Ehepaar vor und wollen sehen, ob wir sie nicht aus ihrer Einsiedelei herauslocken können. Es bedrückt mich, Menschen in meiner Nähe zu wissen, die vielleicht an den Freuden des Lebens teilnehmen möchten, aber nicht die rechte Art haben, sie sich zugänglich zu machen.«

Der Major hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, und sein Gesicht lag jetzt völlig im Schatten, und das war gut, denn der Ausdruck in seinen Augen und ein paar Linien um seinen Mund würden der Pastorin nicht gefallen haben.



7.

Dr. Breuer hörte das leise Spiel seiner Frau; es klang so gedämpft zu ihm herunter, daß es ihn nicht störte; im Gegenteil, es mußte ihm wohl eine angenehme Empfindung verursachen, denn wenn sie eine Pause machte, wartete er, bis die Töne ihn wieder umkreisten – weich und schwermütig, als seltsame Begleitung zu bitteren, menschenfeindlichen Gedanken.

Sie spielte jeden Abend, im dunklen Zimmer sitzend, bei weit geöffnetem Fenster; sie spielte leise, weil etwas Lautes, Wohltönendes nicht in dies Haus und auch längst nicht mehr zu ihrer Person paßte – aber seit sie dies hatte, seit sie nach vielen Jahren wieder an einem Instrument sitzen und den Ueberschwall ihrer einsam gewordenen Seele ausströmen lassen konnte, war ihr wohler geworden. Das allerbitterste Leid fand einen Abfluß – die bösen, todesbangen Gedanken schwiegen.

Magdalene wußte nicht, daß ihr Mann ihrem Spiel lauschte, oder daß er es wenigstens wahrnahm; er sprach nicht mit ihr darüber. Sie wußte auch nicht, daß sie noch einen anderen Zuhörer hatte – auch einen Einsamen, Verbitterten, der ebenso wie der Doktor unten in seinem Arbeitszimmer in ihrem Spiel eine seltsame Begleitmelodie zu einem dunklen Sang böser, quälender Gedankengänge fand.

Der Major Schwertes saß, von einer Mauer von blühendem Klematis verdeckt, auf seinem Balkon, an einer Stelle, die dem geöffneten Fenster von Magdalenes Zimmer sehr nahe war, und auch ihm war es lieb, daß die Töne nicht laut und rauschend in die stille Nacht hinauswogten, sondern daß sie leise, fromm, schwermütig, wie von Luftwellen getragen, zu ihm hinströmten, so dringlich zu ihm hin, als seien sie nur für ihn da – nur um seiner hartgewordenen, vergrämten Seele etwas Gutes und Lindes anzutun.

In Magdalene wachte die Freude über des Vaters kostbares Geschenk, das er ihr mit dieser Zimmereinrichtung gemacht hatte, erst allmählich richtig auf. Ihr Blick hatte sich an das Einfachste, das Primitivste gewöhnt. Die Lehren und Reden ihres Mannes von dem höchsten Glück, das in der Bedürfnislosigkeit des Menschen liege, waren nicht ohne Einfluß auf sie geblieben.

Gewiß, man konnte leben, ohne Dinge um sich zu haben, die dem Auge schmeichelten – man konnte über den gewöhnlichen Begriff von Glück hinaus etwas ahnen, was höher, edler und unvergänglicher war, aber dazu hätte man dann einer Seele bedurft, die im gleichen Takt mitschwang, die sich in enger geistiger Kameradschaftlichkeit an einen anschloß.

Aber Breuers Geist und Breuers Seele – wenn er eine hatte – waren weit, weit von der ihren fort. Eine Vereinigung zwischen ihnen konnte es nur geben, wenn sie alles, was ihr eigenstes Ich ausmachte, von sich abwarf und ganz sein Geschöpf würde.

Vielleicht kam es noch einmal so – vielleicht ging es ihr, wie es ihr als Kind oft gegangen war, daß sie eine Sache, die man ihr klarmachen wollte, lange Zeit nicht begreifen und ergründen konnte und dann plötzlich ging sie ihr auf, lag so überaus einfach, klar und verständlich vor ihr, daß sie nicht zu fassen vermochte, wie es möglich gewesen war, solange im Dunkel getastet zu haben.

Ja, wenn es so käme! Wenn sie wirklich zu ihres Mannes geistigen Höhen gelangen und allen Schmerz, alle kleine Erdenqual zurücklassen könnte!

Magdalene saß in tiefen Gedanken in ihrem Schlafzimmer; die häusliche Arbeit war für diesen Tag verrichtet. Die Frau aus der Stadt kam jetzt dreimal in der Woche und blieb einen ganzen Tag, denn der kleine Vorort fing an ihr zu gefallen, und die Luft hier draußen tat ihr wohl.

Sie hielt das Haus gut in Ordnung, war auch hin und wieder im Garten tätig, obwohl da jetzt in der vorgeschrittenen Jahreszeit nicht viel mehr zu machen war, da man die Frühlingsarbeit versäumt hatte. Die Frau sprach davon, im Winter ganz herauszuziehen, und die Breuers waren damit einverstanden; der Doktor hatte genickt, und Magdalene hatte ihre Freude ausgesprochen. Wenn die Frau zu ihnen zog, hatten sie weiter wie jetzt ihr abgeschlossenes Reich hier draußen, in das niemand von denen, die hier lebten, hinein sah – und für Magdalene war das ein gewisser Trost, denn ihr bangte vor den Menschen hier – nicht ihretwegen, denn sie war im tiefsten Wesen nicht so ganz einsamkeitsbedürftig wie ihr Mann – aber seinetwegen. Für ihn bedeuteten Menschen eine Qual – ein Hemmnis –, ein Herabziehen aus seiner Welt.

Und nun an diesem Tage, zu einer Stunde, da Magdalene zum ersten Male vor einer Kiste kniete, die ein paar liebe, vertraute Gegenstände aus ihrer Mädchenzeit enthielt, und da sie überlegte, ob sie nicht dieses oder jenes in ihrem neuen Zimmer aufstellen könnte, um sich täglich daran zu freuen, mitten in diese freudige Beschäftigung hinein tönte die Klingel an der Gartenpforte, und alle drei Insassen des Hauses fuhren erschreckt auf – der Doktor unten in seinem Arbeitszimmer, die Bedienung in der Küche und Magdalene in ihrem Schlafzimmer. Sie erhob sich, ging zum Fenster und sah durch die Vorhänge hindurch, daß eine weibliche Gestalt in Kapottehut und seidenem Umhang, also vollkommen besuchsmäßig ausgerüstet, vor ihrer Gartenpforte stand und gerade die Klingel noch einmal in Bewegung setzen wollte, als die Frau auch schon in einiger Erregung den Gartenweg entlang lief und ohne zu öffnen erschreckt fragte, was die Dame denn hier wolle.

»Ich bin die Frau des Pastors Lerch, des Geistlichen vom Orte hier, und ich möchte Frau Dr. Breuer sprechen, wenn sie zu Hause ist und Zeit für mich hat!«

Die Frau zauderte noch einen Augenblick, dann öffnete sie.

»Die Frau Doktor ist wohl zu Hause,« antwortete sie und war im Begriff ein »Aber« hinzuzufügen, besann sich dann aber anders, ließ die Dame eintreten und führte sie die Treppe hinan durch das blaue Zimmer mit dem Bild des roten Kardinals in den neu eingerichteten Raum der Frau Doktor. Dort ließ sie sie stehen und lief zu ihrer Herrin, die sie in einiger Erregung fand, und als Magdalene dann hörte, daß die Frau des Pastors vom hiesigen Orte gekommen sei, sie zu besuchen, verlor sie einen Augenblick die Fassung, und die Gedanken flogen zu ihrem Manne hinab, und sie wußte nicht, ob sie zuerst zu ihm hinunter müsse, um ihm diese Sache vorzutragen, oder ob sie auf eigene Gefahr den Besuch empfangen solle.

Indessen unterzog die Pastorin die beiden Zimmer, die sie von der Ecke aus, in der sie Platz genommen hatte, übersehen konnte, einer eingehenden Musterung.

Bei den Gormanns war sie nie im Hause gewesen: die hatte sie nur von kurzen Gartenbesuchen her gekannt; darum war ihr die Einrichtung des blauen Zimmers völlig fremd, und sie stand staunend und bewundernd davor, denn die Sachen in ihrer Farbenpracht gefielen ihr, und das Bild des roten Kardinals schien ihr ein Kunstwerk ersten Ranges.

Und dann dies entzückende Damenzimmer, in dem sie hier saß. Alles sehr eigenartig und vornehm, und das Klavier doch geradezu ein Prachtstück. Sie konnte nicht begreifen, daß die Haushälterin vom Major nebenan so wergwerfend über die Sachen dieses Ehepaares hier gesprochen hatte. Nun ja – die verstand es eben nicht, solche Feinheiten zu würdigen. So eine wollte viel sehen und gute Mittelware, die ins Auge fiel. Das blaue Zimmer hier fiel ja allerdings auch ins Auge; man wurde an Schloßräume gemahnt – da fand man auch solche Farben und solche Anordnung der Gegenstände vor. Die Wartezeit dehnte sich ein wenig, aber sie wurde der Pastorin nicht allzu lang, denn nachdem sie die Ausstattung der beiden Zimmer genügend gewürdigt hatte, trat sie ans offenstehende Fenster und sah zu ihrem Staunen, wie gut man von hier aus das Grundstück des Majors überblicken konnte. Wenn er auf seinem Balkon gewesen wäre, hätte sie sich mit ihm unterhalten können. Aber der Major war ja auch so ein eigentümlicher Kauz, der höchstens am Abend, wenn ihn niemand sah, wenn ihn niemand von der Straße her anrufen konnte, auf seinem Balkon oder in seinem Garten weilte – während andere Menschen jede Stunde, die ihnen dazu frei ist, während dieser kurzen Sommermonate in Garten und Anlagen verbringen. Ja, es gab merkwürdige Menschen!

Magdalene war nicht bei ihrem Mann gewesen, um ihm diesen ungebetenen, überraschenden Besuch zu melden. Bis zur Türe seines Zimmers war sie gekommen, hatte einen Augenblick davor gestanden und war dann, da alles totenstill blieb, leise wieder die Treppe hinangestiegen.

Nun hatte sie die Klinke der weißen Tür, die zum blauen Zimmer führte, in der Hand und fühlte, wie das Herz ihr heftig gegen die Brust schlug. Was mochte sein? Warum kam man zu ihr? Was wollte man von ihr? Die Pastorin saß wieder auf ihrem Sessel in der Ecke und lauschte und wartete, bekam selbst ein wenig Herzklopfen, fühlte das Rot in ihre Wangen steigen, bezwang sich aber und ward schnell ihrer Verlegenheit Herr.

Magdalena trat ein – ganz ruhig jetzt – sehr zurückhaltend, mit einer Frage in den Augen und einem sehr kühlen Händedruck für ihre Besucherin.

Die Pastorin war um so herzlicher. Die schlanke, vornehme Erscheinung der jungen Frau Doktor flößte ihr im Augenblick solche Sympathie ein, daß sie gar nicht wußte, wie herzlich und gewinnend sie die Worte wählen sollte, um all das auszudrücken, was sie empfand.

»Ja,« dachte sie, während ihr Mund immer noch begrüßende und ihren Besuch erklärende Worte hervorbrachte, »ja – man sieht es ihr an, daß sie von vornehmem Herkommen ist!« und ließ ihre Blicke immer wieder über die feine Gestalt, die ein sehr einfaches, dunkles Kleid trug, gleiten.

Magdalene schob sich einen Sessel heran – die Pastorin hatte jetzt auf dem kleinen Sofa Platz genommen, und nachdem endlich die erste Aufregung sich bei ihr gelegt hatte, fing sie an, in ruhigeren Worten noch einmal einige Aufklärungen für ihren Besuch zu geben.

»Wir haben es zuerst durch die Zeitung erfahren, liebe, gnädige Frau, daß Sie und Ihr Herr Gemahl die Käufer des ehemals Gormannschen Hauses sind. Es war an einem Aprilabend, als ich das meinem Mann vorlas, und ich muß sagen, ich habe mich damals sehr gefreut. Es war so ein Jammer, daß das schöne Grundstück fast das ganze Jahr über leer stand, denn die Gormanns sind ja durch ihr Geschäft in der Stadt zu sehr in Anspruch genommen, man hatte gar nichts von ihnen, und so oft ich hier an dem Hause vorüberging, mußte ich immer denken: »schade, schade!«

Magdalene saß mit leicht vorgebeugtem Oberkörper auf ihrem Sessel; sie hörte nur halb auf das, was die Dame aus dem Sofa heraus mit volltönender, klarer Stimme sagte. Aengstlich lauschte sie nach unten – aber es war alles still. Sie hatte sich also geirrt, wenn sie geglaubt hatte, ihren Mann rufen zu hören.

Die Pastorin wartete zwar auf irgendeinen Einwurf in der Unterhaltung; als das aber nicht erfolgte, fuhr sie auch so fort:

»Ja, Sie müssen wissen, wir hier draußen in unserem kleinen Ort halten sehr treu zusammen. Ich meine damit die Kreise, die zur Gesellschaft gehören. Man hat ja hier außer der schönen Natur keinerlei andere Zerstreuung als eben das bißchen Geselligkeit, das man sich bereitet und das man sich so angenehm zu gestalten sucht, wie es eben möglich ist. Und ich glaube sagen zu dürfen, daß uns das wirklich vollauf gelungen ist und daß alle, die hier draußen leben, wirklich sehr gern hier sind und sich wenig nach den Freuden der großen Städte sehnen. Im Winter haben wir hier die verschiedensten Veranstaltungen in unseren Häusern oder auch im Gesellschaftssaal des Gasthofes »Zum goldenen Engel«, und im Sommer finden geradezu unbeschreiblich schöne Feste in unseren Gärten statt!«

»Ja, es gibt schöne Gärten hier!« sagte Magdalene liebenswürdig, aber etwas gequält und immer noch in der vorgebeugten Haltung, mit dem Ausdruck einer leisen Angst in den Augen.

»Wunderschöne Gärten!« wiederholte die Pastorin. »Ich weiß nicht, ob Sie vielleicht schon den von unserm Apotheker Wigger gesehen haben. Der ist geradezu prächtig. In der letzten Woche feierten wir dort eine venetianische Nacht, die man feenhaft nennen könnte. Das Wetter war ja auch überaus günstig. Mein Mann und ich waren dort, der Amtmann mit seiner Frau – Dr. Müller auch mit Frau, und noch ein paar andere. Nun, Sie werden sie mit der Zeit schon kennen lernen. Uebrigens auch der Nachbar, der Major Schwertes, war da. Sie kennen ihn doch gewiß schon, da er Garten an Garten mit Ihnen wohnt, und da man von dem Fenster dort seinen Balkon übersehen kann!«

»Nein,« sagte Magdalene. »ich kenne ihn nicht. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, wer wohl in dem Hause wohnt.«

Die Pastorin staunte.

»Ja, da wohnt ein alter Junggeselle, das heißt eigentlich noch gar nicht alt und auch nicht richtig Junggeselle. Ich kann's Ihnen ja ruhig sagen, da Sie es über kurz oder lang doch erfahren werden. Er ist von seiner Frau geschieden – aber von seiner Seite völlig unschuldig geschieden – das ist erwiesen. Nun, er hat dann aber doch seinen Abschied genommen und ist hier heraus gezogen. Wie er selbst sagt, ist er mit der Absicht in unseren Vorort gekommen, mit keinem Menschen je ein Wort zu reden. Sie glauben nicht, wie verschlossen und finster der aussah, wenn man ihn über die Straße gehen sah. Nun, er ist ja auch heute noch nicht lustig zu nennen, und liebenswürdig ist er auch nicht immer. Aber seine Menschenscheu, seine Menschenfeindseligkeit die hat er doch abgelegt, und daran bin ich schuld, denn ich kann es nicht gut sehen, wenn einer so verdrossen seines Weges daher geht und sich von den Menschen absondert. Ich leide direkt unter so etwas, und da habe ich denn nicht geruht, bis ich ihn soweit hatte, daß er in unseren Kreis eintrat, und nun fehlt er auf keiner Gesellschaft und sieht dann oft so vergnügt aus, daß es eine Lust ist, ihn anzusehen.«

Magdalene lächelte verbindlich.

»Das ist sehr gütig und menschenfreundlich von Ihnen!« sagte sie leise.

»Ja,« fuhr die Pastorin erfreut über diese Anerkennung fort, »menschenfreundlich müssen wir alle sein – dazu hat uns der liebe Gott geschaffen. Es steht ja schon in der Bibel: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Man findet bei so etwas immer den Lohn in sich selbst! Und nun hören Sie mich einmal an, liebe gnädige Frau,« dabei beugte sie sich vor und ergriff Magdalenens beide Hände, »und seien Sie mir nicht böse über das, was ich jetzt sagen werde: Auch Sie und Ihr Herr Gemahl scheinen mir zu diesem Einsamen zu gehören, die von selbst den Weg in unseren Kreis nicht finden, und das tut uns allen ganz unaussprechlich leid.«

Sie hielt Magdalenens Hände sehr fest in den ihren, aber die machte jetzt geradezu eine entsetzte, ablehnende Bewegung. Ihr Gesicht war ganz weiß geworden und sie sagte mit vor Erregung zitternder Stimme:

»Nein, meine gnädige Frau. Bei uns ist das etwas ganz anderes. Wir sind hier herausgekommen, um ganz allein zu sein. Wie soll ich es Ihnen erklären? Mein Mann arbeitet an einem Werk, das alle seine Gedanken, sein ganzes Sein, seinen Körper, seinen Geist, seine Seele – kurz, seinen ganzen Menschen so vollkommen in Anspruch nimmt, daß er auch nicht die geringste Ablenkung verträgt. Nein, bitte, glauben Sie nicht, uns einen Gefallen zu tun, wenn Sie uns aus unserer Einsamkeit herausziehen wollen! Nein – so wollte ich es nicht ausdrücken. Es ist ja so unendlich gütig von Ihnen, daß Sie an uns dachten, daß Sie uns helfen wollen – aber glauben Sie, es geht nicht – es geht mit dem besten Willen nicht. Ich darf es meinem Mann gar nicht sagen.«

Ihre Augen sahen fast flehend zur Pastorin auf, und in deren Herz zog plötzlich ein sehr aufrichtiges, mütterliches Mitgefühl mit dieser bleichen, jetzt ganz verstört aussehenden jungen Frau.

»Davon habe ich keine Ahnung,« sagte sie, »und so etwas versteht man natürlich ohne weitere Erklärungen. Ich kenne es ja übrigens von meinem eigenen Manne aus. Wenn der am Sonnabend seine Predigt vorbereitet, dann muß alles totenstill um ihn sein – die Fliege an der Wand stört ihn dann. Natürlich – so etwas muß man respektieren und darf da auch gar keine weiteren Versuche machen! Aber Sie selbst, liebe gnädige Frau – ist es für Sie denn nicht sehr schwer, diese Einsamkeit zu ertragen?«

»O nein,« sagte Magdalene, noch immer abwehrend, »ich bin es so gewohnt seit langer, langer Zeit – eigentlich, seitdem ich verheiratet bin. Man entwöhnt sich nach und nach so sehr von den Menschen, daß man gar nicht mehr zu ihnen paßt. Nein, ich bin wirklich ganz zufrieden in meiner Einsamkeit!«

»Aber gut ist es nicht für einen sehr jungen Menschen!« nahm die Pastorin wieder das Wort, »und seien Sie nicht böse, wenn ich es offen heraus sage: in Ihren Augen liegt etwas, das sieht ganz anders aus als Lebensfreude – und auch um den Mund. Wirklich, meine liebe Frau Doktor,« und wieder hielt sie Magdalenens Hände umschlungen, »Sie sollten so nicht leben! Es ist merkwürdig. Sie sind mir noch völlig fremd, und doch habe ich schon das Gefühl einer großen, aufrichtigen Freundschaft für Sie! Ich möchte Ihnen helfen; ich möchte, daß dieser Mund lachen lernt und daß diese ernsten Augen froher in die Welt blicken. Nein, nein – ich sehe ja alles ein, und ich will nicht in Sie dringen. Den Herrn Gemahl wollen wir dann auch ganz ungestört lassen; aber Sie dürfen uns nicht so fremd bleiben – nein, Sie dürfen uns das nicht antun. Und darum bitte ich Sie herzlich und innig, daß Sie mich besuchen sollen – mich und meinen Mann, von dem ich übrigens Empfehlungen ausrichten soll. Wir würden uns von ganzem Herzen freuen, wenn Sie kämen, und das kann Ihr lieber Mann Ihnen doch auch nicht verwehren, wenn er bestimmt weiß, daß sein Alleinsein ungestört bleibt!«

In Magdalenens Herzen war die Angst immer größer geworden – sie schrie fast aus ihren Augen, und doch und trotz alledem hatte die, wenn auch etwas zudringliche, so doch wohlwollende und mütterliche Art der Pastorin etwas Wohltuendes für dieses einsame, zerquälte Geschöpf.

Die Pastorin merkte ihren Siegeszug – ihr Herz quoll jetzt über von lauter guten, lieben, echten Gefühlen.

»Haben Sie getrost Vertrauen zu mir!« sagte sie sehr innig und zog die beiden Hände an ihr volles Gesicht. »Was Sie mir anvertrauen, das erfährt nie eine Seele – selbst mein Mann nicht, wenn Sie es nicht wünschen. Aber ich müßte ja keine Menschenkennerin sein, wenn ich es Ihnen nicht ansähe, daß Ihr Leben nicht gerade freudvoll ist. Nein, erschrecken Sie nicht – ich will damit nichts gesagt haben. Ich weiß, daß eine Ehe sehr glücklich und darum doch sehr schwer sein kann – ja, daß die glücklichsten Ehen oft die schwersten sind. Wenn wir uns näher kennen, können wir uns eingehender darüber unterhalten. Für heute will ich Sie nicht länger stören, aber ich möchte auch nicht gehen, ohne das Versprechen Ihres Besuches mitzunehmen. Nicht wahr, Sie kommen doch – und bald – so zur Teestunde. Vielleicht lassen Sie es mir am Vormittag durch Ihre Bedienungsfrau sagen. Wir wohnen ja gar nicht weit voneinander. Also sagen Sie Ja!«

Magdalene senkte die Blicke vor den hellen, klaren Augen der Pastorin.

»Wenn es geht,« sagte sie dann langsam; »ich lasse meinen Mann ja eigentlich nie allein – aber wenn es geht – wenn er nichts dagegen hat – ja – dann komme ich natürlich sehr gern!«

Die Pastorin staunte wieder, aber sie war zufrieden.

»Sie haben es sich reizend eingerichtet hier!« sagte sie noch, als sie durch das blaue Zimmer schritten. »Es ist schön und eigenartig bei Ihnen, und ich habe mich ganz unendlich gefreut, Sie kennen gelernt zu haben. Also bald – nicht wahr – sehr bald kann ich auf Ihren Besuch hoffen!«

Bleich und bis ins tiefste erregt kam Magdalene ins Haus zurück. Ihr Mann stand auf der Schwelle seines Zimmers.

»Was wollte die?« fragte er schroff.

»Sie kam uns zu besuchen, Martin. Sie ist die Frau des Geistlichen vom Ort. Sie war sehr freundlich und wollte uns auffordern, an ihren Geselligkeiten teilzunehmen. Sie war wirklich sehr freundlich und meinte es gut, Martin, das sah ich ihr an und fühlte es auch.«

»Geschmeiß!« sagte Dr. Breuer, ging ins Zimmer zurück und ließ die Tür hinter sich hart ins Schloß fallen.



8.

Wieder war einer von jenen wundervollen Sommerabenden, an denen die Luft wie milde Wellen über die Erde streift, heraufgezogen; auf einen warmen, schwülen Tag war er gefolgt, und wieder floß das weiße Vollmondlicht auf die Erde nieder wie in silbernen Strömen, und Magdalene saß in ihrem Zimmer vor ihrem schönen Instrument, aber die Hände lagen still auf den Tasten, und die Blicke waren ins Weite, in eine Unendlichkeit hinein gerichtet.

Es kam jetzt öfters über sie, daß eine Gedankenflut sie überwältigte, daß sie ganze Welten erstehen sah, von denen sie nichts wußte, daß sie Menschen reden hörte, die sie nicht kannte, und daß reine, große Wahrheiten ihr aufgehen wollten.

Ob das die ersehnte Annäherung an die Geisteswelt ihres Mannes oder ob es nur die Folge der vielen einsamen Stunden in diesem stillen Hause war? Sie wußte es nicht, aber sie glaubte, daß es gut so sei und gab sich ihrer Gedankenwelt mit tiefer Inbrunst hin.

An diesem Abend geschah nun etwas, was bisher noch nicht geschehen war, solange sie hier draußen wohnten. Dr. Breuer stand plötzlich neben seiner Frau – so plötzlich, daß sie einen leisen Schrei ausstieß, denn sie hatte ihn nicht kommen hören, und es schien ihr so unfaßbar, daß er wirklich hier oben in ihrem Zimmer neben ihr stand, daß sie ihm eine ganze Weile mit einem Ausdruck von Angst und Zweifel ins Gesicht sah.

Um Breuers Mund ging ein leises, fast verlegenes Lächeln.

»Ich habe Lust auszugehen, Magdalene. Komm!«

Ihr Staunen ward noch größer, aber es war ein freudiges Staunen, und während Breuer langsam die Treppe hinabging, flog sie in ihr Schlafzimmer, nahm einen Hut aus dem Schrank, und ihre Hände zitterten dabei, und irgendeine große Freude begann in ihr aufzuwachen.

Draußen im Garten und auf der Straße war es so weiß, daß man glauben konnte, durch eine Schneelandschaft zu wandern, dazu die weiche und doch abendliche kühle Luft und tiefe Stille ringsumher.

Magdalene wagte nicht, das Wort an ihren Mann zu richten; er hatte ihr sehr ernst seinen Arm geboten, und die Augen blickten über sie selbst und wie es schien, auch über die Landschaft hinweg. Die jäh erwachte Freude ward stiller in ihr, und ein kleines Grauen trat an deren Stelle.

Wenn er so schweigsam, mit fast finsterer Miene neben ihr her ging, mußten die Gedanken ihn stark beschäftigen, mußte er in einem Zustand solcher Hilflosigkeit sein, daß er allein nicht mehr mit sich zurecht kam und einen Menschen brauchte, der still über sich ergehen ließ, was sein aufgewühltes Innere aus sich heraus klagen oder stöhnen oder brüllen mußte.

Er nahm den Weg zum See, auf dessen Wassern das Mondlicht einen blitzenden Tanz aufführte, ein wenig beunruhigend in seinem irrlichtergleichen Aufleuchten, aber doch seltsam schön und phantastisch anzusehen.

Dr. Breuer blieb eine Weile stehen, sah erst zum nächtlichen Himmel hinauf und dann in das Wasser hinein und dann zog er seine Frau weiter.

»Ich will dir den Grund dieser Abendpromenade erklären,« sagte er. »Ich habe nun zweimal schon, jedesmal in der Vollmondperiode, eine merkwürdige Entdeckung an mir gemacht. Es muß irgendeine Anregung, oder sagen wir auch Aufregung von dem weißen Gesellen da oben auf mich übergehen. Es kommen mir Gedanken, deren Herkunft ich mir nicht erklären kann. Sie kommen wie aus anderen Welten zu mir herab; ich kann sie eine Weile lang verfolgen, empfinde sie als groß, fast unfaßbar in ihrer Neuheit und Eigenart – will sie feststellen, auf das Papier zwingen, und fort sind sie – genau, wie wenn ich hier in das Wasser blicke, eine kleine Welle in überhellem Glanze aufblitzen und dann wieder ins Nichts zurückschwinden sehe.

Dabei zittert mir Herz und Hand, und im Kopf spielen die Gedanken ein wildes Nachlaufspiel. Das ist mir bisher noch nicht zur Erkenntnis gekommen, und nun muß ich ja gestehen, daß wir in der Stadt nicht viel von hellen Mondnächten zu sehen bekamen. Hier draußen aber, wo man seinem Spiele preisgegeben ist, ich meine dem Spiele dieses geheimnisvollen Narren dort oben, den die Menschen anzuschwärmen und anzudichten pflegen, hier ist mir diese Erscheinung nun zum zweiten Male ausgefallen, und ich will der Sache auf den Grund gehen, indem ich mich nicht vor ihm fürchte, wie ich es bislang tat unter dem Schutz der Fensterläden, sondern ich will Auge in Auge ihm gegenüberstehen und sehen, was er mir anhaben kann!« Durch Magdalenens Seele lief das Grauen, das sie oft beschlich, wenn sie die Vorboten eines Sturmes bei ihrem Mann gewahrte.

»Und wahrlich, Magdalene, ich glaube, ich kann völlig beruhigt nach Hause gehen, denn ohne mit der Wimper zu zucken, vermag ich es, in dieses blöde, tausend- und millionenfach abkonterfeite Gesicht dessen da oben zu blicken, sehe, daß er ein völlig harmloser Geselle ist, der seinen Dienst tut wie jeder Nachtwächter, und der es nicht vermag, geheimnisvolle Mächte auf die Menschen auszuüben.

Aber sieh, diese Weiße dort über dem schwarzen Walde – sieh dieses Schimmern und Fließen, dieses Zerreißen und Wiederzusammendrängen; es ist ein grandioses Naturschauspiel – aber es ist nicht dämonisch, nicht geheimnisvoll – es ist eine Tatsache, wie Regen und Schnee, und Hagel und Sonne.«

»Es ist schön – ist überwältigend schön!« sagte Magdalene leise.

Breuer lachte spöttisch.

»Da haben wir die Schwärmerin! Magdalene, wann wird die Zeit kommen, da du zu denken anfängst und die Gefühle über Bord wirfst!«

»Ich glaube nie!« sagte Magdalene leise und doch fest. »Es ist für mich eine Notwendigkeit, Martin – ich muß diese stille, gute Welt haben, die man nur fühlen, aber nicht erdenken kann!«

»Ich wußte es, daß du nicht hinaufzuziehen bist!« Er sprach diese Worte hoffnungslos. »Aber hat es nicht auch für dich Zeiten gegeben, Martin, in denen du deinem Gefühle lebtest und ihm nachgabst – damals . . .«

»Ach, du willst mich an jene erste Zeit erinnern, als ich dir sagte, daß ich dich liebte und dich besitzen müsse. Und dann habe ich dir durch Jahre gepredigt, daß der Mensch über seine Wünsche hinwegkommen müsse, und daß es ›Liebe‹ in dem Sinne, wie die Menschen in der Allgemeinheit davon zu sprechen pflegen, nicht gibt. ›Liebe‹ kann immer nur abstrakt sein, kann sich nur auf Dinge beziehen, die über uns stehen. Alles andere ist ein Besitzenwollen, um nach kurzer Zeit enttäuscht zu sein, denn alles, was wir dauernd besitzen, muß eines Tages seinen Reiz verlieren.

Wenn ich dir also vor Jahren, wie ich das gern zugebe, von ›Liebe‹ sprach, so lebte ich damals noch selbst in jenem Irrtum, in dem die Allgemeinheit lebt, und über den ich heute, kraft angestrengter Denkarbeit, hinausgekommen bin. Du gefielst mir, Magdalene, irgend etwas in deinem Wesen, was vornehmer, stiller, eigenartiger war, als ich es sonst bei weiblichen Personen wahrgenommen hatte, hielt mich fest und hält mich auch heute noch. Aber heute würde ich das nicht mehr mit ›Liebe‹ bezeichnen – auch nicht mehr mit dem Drang des Besitzenwollens. Ich weiß heute, daß es nichts auf Erden gibt, das wir nicht entbehren könnten, wenn es so sein müßte. Es ist alles Einbildung. Ein jeder Mensch ist Einzelwesen, nur für sich geschaffen, und alle Paarung ist Unfug. Besonders die sogenannte Paarung aus ›Liebe‹.

Liebe im wahren und idealen Sinne hat vielleicht Christus gehabt, wenn er sich für die Sünden der Menschheit opferte. ›Liebe‹ ist Güte, ist Sichselbstopfern, ist allerhöchste Entsagung, während die Menschen unter ›Liebe‹ das Besitzenwollen verstehen, und zwar das Besitzenwollen im allerrohesten Sinne. Entsagen, Magdalene! An den Schätzen dieser Welt vorübergehen und sich sagen: Ich brauche euch nicht. Ihr berührt mich nicht. Verstehst du das?«

Magdalene hing an seinem Arm, still und traurig. Sie war es gewohnt, daß er in einer Weise sprach, die sie nicht verstand, daß er ihr Herz verwundete, und sie war es auch gewohnt dazu zu schweigen. An diesem Abend wagte sie seltsamerweise eine Entgegnung:

»Martin,« sagte sie, »so oft, ja, ich weiß nicht, wie oft schon sprichst du mir von der Entsagung der Menschen, von einer großen und notwendigen Bedürfnislosigkeit allen irdischen Dingen gegenüber, und da – nein, du darfst nicht böse werden – aber ich muß daran denken, wie leidenschaftlich du selbst doch oft nach dem Besitz irgendeiner Sache, die dich reizt, strebst. Martin, sei bitte nicht böse, aber denke doch nur an dieses Haus hier, sagtest du nicht, nachdem du es gesehen hattest: Ich muß es besitzen, und ließest alle Bedenken, alle Schwierigkeiten an deinem Wunsch und Willen, zu besitzen, scheitern?« Er sah sie einen Augenblick staunend an ob ihres Mutes, dann kam das überlegene Lächeln wieder.

»Das war der Wunsch nach materiellem Besitz, um einer geistigen Sache zu dienen! Im übrigen hast du von deinem Standpunkt aus gesehen recht. Ich habe zweimal in meinem Leben vor diesem Zwang des Besitzenmüssens gestanden, und beide Male bin ich bald nachher zu der Erkenntnis gekommen, daß ich einer großen Selbsttäuschung unterlegen war. Weder mein körperliches noch mein geistiges Sein hätte eine Störung erlitten, wenn mein Wunsch unerfüllt geblieben wäre. Diese beiden Fälle und die Gegenstände, auf die sie sich bezogen, kennst du: das eine Mal warst du es, das andere Mal war es dieses Haus hier. Erschrick nur nicht, über das, was ich dir sagen werde und wappne dich nicht mit dem sogenannten Weibesstolz, der nur Huldigungen, aber keine Wahrheiten verträgt. Beide Male habe ich einen Irrtum begangen, denn ich gehöre zu jenen, die überhaupt nicht besitzen dürfen, weder einen Menschen noch eine Sache. Beides zieht aus der rein geistigen Sphäre, in der zu leben ich als meinen Beruf und meine Pflicht erkannt habe, hinab. Aber nicht allein deshalb, Magdalene – nicht meiner selbst wegen darf ich nicht besitzen, sondern auch um derer willen, die das Objekt meiner Wünsche und meiner Begierde sind, dürfte ich es nicht.

Warum? fragst du. Weil das, was du Güte nennst, von mir nicht ausgehen kann, weil ich nichts zu geben habe von dem, was die Menschen unter Wohlbefinden verstehen. Du und das Haus! Ja, Magdalena, sag es mir ohne Angst und ohne Bedenken, verstehe ich es, das was mein ist, zu beglücken, lebensfähig zu erhalten? Nein, nicht wahr? Sei offen, Magdalene, gib es zu, du leidest unter mir, aber du bist brav und tapfer und treu und ringst darum, zu mir zu gelangen, auch das geistige Leben mit mir zu teilen und bist darüber schmal und blaß geworden. Du fürchtest mich, obwohl du weißt, daß mein Zorn immer in mir selber stecken bleibt. Ich weiß und sehe das alles, Magdalene, aber ich kann es nicht ändern. Und das Haus! Ja, an jenem Tag, da ich es sah, da lag es da wie ein schlummerndes Kind, weiß und rein und einsam, und sprach zu mir und lockte mich und täuschte mir vor: Hier findest du Frieden, hier kommst du zur Erfüllung deiner Berufung!

Und heute? Heute schweigen alle Stimmen, die sich damals erhoben haben. Heute ist es mir dasselbe, ob ich hier oder in der dunklen Stadtwohnung sitze, und der einzige Gewinn, den ich aus diesem neuen Irrtum gezogen habe ist der, daß ich wieder ganz auf mich selbst und meine alten Grundsätze zurückgeführt worden bin, daß ich mir sagen muß: Einsamkeit, Bedürfnislosigkeit, ungestörtes Ringen um das Größte! Alles andere ist Rauch und Asche – so heißt es doch irgendwo!

Und nun laß uns nach Hause gehen, Magdalene, der Zweck dieser abendlichen Wanderung ist erfüllt; ich habe einen vermeintlichen Feind zur Rede gestellt und habe gesehen, daß er mir nichts anhaben kann. Sieh, wie er auf dem Wasser schwimmt – wie die Luft unter seiner Einwirkung erzittert!«

Sie standen wieder am Wasser, die Frau bleicher noch als sonst, mit einem Ausdruck hoffnungslosester Traurigkeit in den Augen, während um des Doktors Mund ein zufriedenes Lächeln spielte. Plötzlich aber wandten beide erschrocken den Kopf; sie hatten Schritte gehört, Schritte und Stimmen und dann, noch ehe sie sich besinnen konnten, waren da wirklich zwei lebende Wesen ganz nahe bei ihnen – auch ein Mann und eine Frau und ebenso wie sie Arm in Arm – und jetzt fast unmittelbar neben ihnen am Wasser stehend.

Mit einem scheuen Blick sah Magdalene in das Gesicht der Frau, und die Frau sah ebenfalls in ihr Gesicht, und beide erkannten sich, und zum namenlosen Schrecken der Frau Doktor Breuer ging ein frohes Leuchten durch die Züge der Frau Pastor Lerch, und sie unterbrach die große, weiße Stille, indem sie ausrief: »Nein, wer hätte das gedacht! Da ist sie ja, unsere liebe Frau Dr. Breuer; ich habe gerade meinem Manne wieder einmal von Ihnen vorgeschwärmt. Ach, und auf diese Weise lernen wir denn auch Ihren Herrn Gemahl kennen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Mann vorstelle!«

Der Pastor Lerch hatte seinen Hut gezogen, reichte Magdalene die Hand und verbeugte sich leicht vor dem Doktor.

Breuers Gesicht hatte sich verfinstert, er erwiderte den Gruß, neigte leicht den Kopf vor der Pastorin und ließ deren Redeschwall weiterfließen.

Der Pastor stand für einen Augenblick unentschlossen vor der Unnahbarkeit des Doktors, dann trat er neben ihn und wies auf die mondbeschienene Landschaft:

»Was darf ich bei Ihnen voraussetzen?« fragte er, »ist es die Schönheit der Natur, die Sie an unseren See gelockt hat, oder haben Sie Studienzwecke verfolgt? Wenn das letztere der Fall wäre, so würden wir denselben Zweck verfolgen; ich bin hierher gekommen, um an Hand eines Buches, das ich studierte, die Stellung eines Sternes aufzusuchen. Meine Frau indessen schilt darüber und will, daß ich mit ihr das Loblied unseres bleichen Freundes da oben singe. Nun, sie hat ja jetzt vielleicht eine mitfühlende Seele in Ihrer Frau Gemahlin gefunden. Die Frauen haben das vor uns voraus, daß sie sich schnell einigen, wenn es gilt, das Schöne zu bewundern, und schön ist solch eine sommerliche Vollmondnacht. Das muß man gelten lassen, auch wenn man kein eigentlicher Schwärmer ist.«

Um Doktor Breuers Lippen war ein etwas verzweifeltes Lächeln gekommen und wieder vergangen; er sah sich den Mann, den er nicht kannte und nicht zu kennen gewünscht hatte, an und konnte in diesem guten und auch klugen Gesicht nichts entdecken, was ihn direkt abgestoßen hätte. Eine Antwort aber fand er nicht und hielt es vielleicht nicht für der Mühe wert, nach einer solchen zu suchen, und so war es an dem Pastor, wenn er keine peinliche Pause entstehen lassen wollte, das Gespräch weiterzuführen.

Er tat das, indem er sein astronomisches Handbüchlein aufschlug und indem er es so hielt, daß der Doktor mit ihm hineinsehen konnte.

»In meinen Mußestunden beschäftige ich mich mit Vorliebe mit der Astronomie,« erklärte er, »es ist wohl die einzige Wissenschaft, die ganz erfreulich ist und niemals zu einem toten Punkt führt!«

Breuer lachte sein überlegenes Lächeln.

»Ich meine, es gibt keine Wissenschaft, die so viel tote Punkte für uns hat, wie gerade die Astronomie!« sagte er. »Und erfreulich nennen Sie sie! Ich muß sagen, daß es für mich stets unerfreulich ist, wenn ich mich mit Dingen beschäftige, die mich immer wieder auf die engsten Grenzen unseres Daseins zurückführen, mich immer wieder gewaltsam niederzwingen in das armselige Reich, das mein Verstand zu begreifen befähigt ist! Und wem nützen wir damit? Wem kann es helfen, wenn wir den Sternen da oben Namen geben und Lehren über sie aufstellen, von deren Richtigkeit sich niemals ein menschlicher Geist überzeugen kann! Nichts als Mutmaßungen – Phantastereien!«

Der Pastor hatte unwillkürlich sein Handbuch zugeschlagen und blickte in das bleiche, feingeschnittene, nervöse Gesicht seines Begleiters.

»Wenn Sie es von diesem Standpunkt aus auffassen, ja, was soll ich dann zur Verteidigung dieser Wissenschaft vorbringen? Doch höchstens, daß uns nicht nur auf diesem Felde des Forschen- und Ergründenwollens unsere Grenzen gezogen sind, sondern daß es in anderen Zweigen der Wissenschaft mehr oder weniger genau so aussieht! Nehmen wir die Philosophie oder auch die Theologie, geht es nicht auch da überall nur bis zu einem gewissen Punkt, hinter dem dann das große, gebietende Halt steht? Und wenn ich vorhin von der Astronomie behauptete, sie sei erfreulich, weil man da nicht gleich auf einen toten Punkt kommt, so meinte ich damit, daß man niemals genug davon bekommen kann, daß nie der Tag oder die Stunde kommen wird, in der man sich sagen muß: Nun hab' ich alles, was hier zu erfahren ist, erschöpft, bin ermüdet davon! Und es handelt sich ja auch nicht allein darum, das Vorhandensein einiger Sterne oder Sterngruppen festzustellen und ihnen Namen zu geben, sondern es werden uns Gebiete und Ausblicke eröffnet, die nachher eigentlich zu jedem Gebiet unserer anderen Wissenschaften hinüberleiten. Es ist ein Studium ohne Ende, das eigentlich hier im Anblick des besternten Himmelszeltes nur einen primitiven Anfang nimmt. Wäre meine Zeit nicht etwas knapp bemessen, so möchte ich aus den unzähligen Notizen, die ich mir bereits gesammelt habe, ein zusammenhängendes Werk aufbauen, aber das wird mir so im Nebenberuf nicht gelingen. Zu einem Werke darüber, wie es mir vorschwebt, würde die ganze und ungeteilte Kraft eines Menschen gehören!«

Er sagte all das, ohne darauf zu achten, ob er in dem Doktor einen Zuhörer fand oder nicht, und als er jetzt in das undurchdringliche Gesicht vor ihm sah, wußte er in der Tat nicht, ob er in die Luft gesprochen hatte. Aber Breuer hatte doch zugehört und war im tiefsten Innern erstaunt.

»Man soll immer das tun, wozu man die größte Berufung fühlt!« sagte er endlich, »und vor allem, man soll das tun, was nicht irgendein anderer ebensogut verrichten könnte, als man selbst. Wenn Sie also das Gefühl haben, der Menschheit etwas Neues und Bedeutendes durch ein Werk, das das Resultat Ihrer Studien bildet, geben zu können, so müßten Sie das unter allen Umständen tun und müßten Ihren Pastorenberuf an einen anderen abtreten. Stellungslose oder amtlose Theologen gibt es mehr als gut ist, und Sie würden also durch Niederlegung Ihres Amtes als Geistlicher einem Anderen eine Freude bereiten; Menschen, die ein astronomisch-philosophisches Werk oder wie Sie es nennen wollen, schreiben können, gibt es wahrscheinlich nur wenige. Also haben Sie für meine Auffassung keine Wahl, sondern müßten unverzüglich das Nötige dazu in die Wege leiten.«

Er sagte das sehr bestimmt im Ton einer Autorität und übersah die Bestürzung, die sich in des Pfarrers Gesicht zeigte.

»Nun?« fragte er, als die Antwort ausblieb.

Pastor Lerch ließ ein leises Lachen hören.

»Ja, wer das könnte! Wer einfach Herr der Verhältnisse wäre und es in seiner Macht hätte, das Nützliche mit dem Angenehmen zu vertauschen!« »Aber ich bitte Sie!« sagte Breuer. »Was sind das für Worte: wer Herr der Verhältnisse wäre! Die Verhältnisse dürfen doch nicht unser Herr sein, sondern wir müssen sie regieren, müssen sie uns so schaffen und gestalten, wie es für unsere Bestimmung notwendig ist. Fühle ich, daß ich imstande bin, Werte zu schaffen, die unvergänglich und von höchster bleibender Bedeutung sind, so gibt mir dieses Gefühl das Recht, alles, was sich mir störend in den Weg stellen will, niederzutreten, um mir freie Bahn, zur Erlangung meiner Berufung und meiner dadurch entstandenen Pflichten zu machen. Wer das nicht tut, versündigt sich gegen sein besseres Ich – das ist meine Ansicht!«

»Ja, ja, gewiß,« gab der Pastor zu, »das ist alles sehr richtig, Herr Doktor, aber es ist doch eben in den meisten Fällen unausführbar. Und in meinem speziellen Fall muß ich zweierlei Dinge anführen, die gegen das, was Sie da eben vorschlugen, stimmen. Erstlich weiß ich nicht, ob mein bescheidenes Werk der Menschheit wirklich zum Nutzen und zum Frommen dienen würde, denn es ist schon sehr viel über Astronomie geschrieben worden, und leider ist es nur ein sehr geringer Teil der Menschheit, der ein wirkliches Interesse auf diesem Gebiete an den Tag legt. Aber ganz abgesehen davon, und hiermit komme ich zum zweiten Punkt, der sich feindlich gegen meinen Lieblingsplan erhebt: man lebt doch auch sein bürgerliches Leben, hat doch die Pflicht, sich selbst und die, für die man die Verantwortung übernommen hat, vor Not und Sorgen zu schützen. Wie könnte ich es mit meinem Gewissen vereinigen, meiner Frau zu sagen: von Morgen ab bin ich nicht mehr der, der ich war. Ich fühle, daß ich mehr kann, als Pastor sein, also lege ich mein Amt nieder und werde Schriftsteller; einen Erfolg kann ich dir nicht versprechen, also mache dich auf alle Möglichkeiten, die die Zukunft dir bringen kann, gefaßt!

So etwas geht doch nicht, nicht wahr? Entweder muß ich ein begüterter Mann sein, der sich sagen kann: meine Couponschere tut schon allein ihre Pflicht, und meiner Frau kann es gleichgültig sein, ob ich mir meinen Unterhalt erpredige oder ob meine Zinsen ihn mir bringen, oder aber ich müßte ein gewissenloser Patron sein, dem es an Ehrgefühl und Moral gebricht, denn es gehört doch nun einmal mit zu den Grundsätzen einer moralischen Lebensauffassung, daß ein jeder sucht, sich von anderen unabhängig zu erhalten, soweit es in seinen Kräften steht.

Und noch ein dritter Faktor! Man hat doch seinen Beruf dereinst aus Liebe zur Sache ergriffen und kann ihn nicht einfach wie ein lästiges Kleidungsstück von sich werfen, um ein anderes, was einem im Augenblick besser gefällt, anzuziehen! Verzeihen Sie, daß ich Ihnen das in einer so langatmigen Rede auseinandersetzte. Man spricht oft so etwas aus, um sich selbst einmal wieder zu überzeugen!«

Breuers Mienen waren sehr finster geworden; er blieb bei seinem Grundsatz: »Das Bedeutende, das Ueberragende hat seine Gesetze für sich. Wie viele unserer Größten sind Hungers gestorben – und wenn das auch nicht buchstäblich aufzufassen ist, so ist es doch Tatsache, daß Unzählige ihr bürgerliches Leben, ihre Sicherheit, ihre Ruhe, alles, was der alltägliche Mensch als Lebenszweck einschätzt, daran gegeben haben, nur um ihrer Idee willen.«

Der Pfarrer sah vor sich hin.

»Es sind die großen Berufenen, von denen Sie sprechen. Die ganz Durchglühten, die Gottbegnadeten. Ja, für sie, das gebe ich zu, bestehen diese besonderen Gesetze zu Recht! Sie sind Märtyrer ihres Geistes, ihrer Besonderheit. Hut ab vor ihnen und vor all dem an ihnen, wovor die Menge sich bekreuzigt. Aber sehen Sie, zu diesen gehört der arme Pfarrer Lerch, der hier vor Ihnen steht, nicht. Der ist im Grunde nichts weiter als ein armer Alltagsmensch mit viel Liebe für seine Gemeinde und für die Menschheit im allgemeinen, aber doch nichts weiter als ein Alltagsmensch, der sich ein paar Steckenpferde angeschafft hat, um doch etwas Besonderes zu haben. Früher waren es Sammlungen aus Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, und heute ist es der schöne gewaltige Sternenhimmel! Ja, ja, vielleicht nichts weiter als Selbstbetäubung, obwohl man sich doch im Grunde ganz behaglich auf dieser schönen Erde fühlt. Aber manchmal möchte man aus sich heraus, manchmal ist es einem, als dürfe man nicht so einfach aus diesem Leben scheiden ohne etwas zu hinterlassen, was denen, die nach uns kommen, von Nutzen sein kann. Ach, daß man nur ein kleiner armseliger Sproß jener gewaltigen Leiter sein durfte, die zur Erkenntnis, zur Vervollkommnung führt!«

Er sah jung und sehr bewegt aus, während er so sprach, und die letzten Worte hatten auch von Breuers Gesicht die etwas spöttische Ueberlegenheit gewischt. »Ja, ein Sproß an der riesengroßen Leiter!« sagte er und war im Begriff, weiteres hinzuzufügen, aber da tauchte das Gesicht der Pastorin zwischen ihm und dem Geistlichen auf, und dieses Gesicht sah aus einem dunklen Kopftuch heraus vom Silberglanz des Mondes beschienen, so unglaublich erdenfroh, so banal vergnügt und sogar etwas triumphierend aus, daß dem Doktor alles, was er im Augenblick vielleicht von guten Regungen in sich verspürt hatte, wieder abhanden kam.

Er sah sich nach seiner Frau um, die etwas im Hintergrunde geblieben war und mit einem verträumten Ausdruck in den Augen über den fernen, schwarzen Wald hinaus in die grandiose weiße Unendlichkeit blickte.

»Nein, Herr Doktor,« sagte die Pastorin, »nein, welch liebe, einzige, entzückende Frau nennen Sie Ihr eigen. Ich bin doch sonst nicht so, mein Mann kann Ihnen das beweisen, daß ich mich im Augenblick gleich heftig für einen Menschen erwärme, aber Ihre liebe Frau hat es mir angetan! Nur zu ernst ist sie, viel zu ernst, oder vielleicht sogar schwermütig!«

Der Pastor legte seine Hand leicht auf ihren Arm und zog sie näher zu sich heran; er hatte einen Zug von leise aufsteigendem Unwillen im Gesicht des Doktors bemerkt und gab der Frau ein Zeichen zum Schweigen.

Breuer zog den Hut, fremd, kühl, unnahbar.

»Komm, Magdalene!« Und – kaum, daß noch ein einigermaßen verbindlicher Abschied möglich war, so sehr drängte alles an ihm, von diesen Menschen, die gegen seinen Willen seinen Weg gekreuzt hatten, fortzukommen.

Schweigend ging er, die wieder in ihre ängstliche Besorgnis versunkene Frau am Arm, die Seepromenade dahin, schweigend auch durch die stillen, weißen Straßen.

Auf Magdalenens Seele lag schwer und beklemmend das Gefühl einer Schuld gegen ihn, das niederdrückende Gefühl, eine gute Stunde in eine böse verwandelt zu haben; sie war doch in Wirklichkeit vollkommen unschuldig an dem, was geschehen war und wußte nicht, warum sie leiden mußte unter Dingen, die sie nicht ändern, nicht verhindern konnte. Müde, wie gebrochen war ihre Haltung und der Schritt war wie der eines Menschen, der zur Stätte, an der geopfert werden soll, geführt wird.

Ja, so fühlte sie sich, und ganz ähnliche Gefühle hatte noch ein anderer, der sie des Weges daherkommen sah, vom Silberlicht des Mondes überflossen, jung und doch alt, zart und gebrechlich und doch verurteilt eine sehr schwere Bürde zu tragen!

Der das fühlte und dachte, war der Major Schwertes, der auf seinem Balkon hinter der Klematishecke saß, und der noch lange, nachdem das Breuersche Ehepaar verschwunden war, da sitzen blieb und über Welt und Menschen angestrengt nachgrübelte.



9.

Wäre Magdalene das geworden, was sie ihrer innersten Natur nach eigentlich hätte werden müssen: ein freier, bescheidener und doch stolzer Mensch, der sich vielleicht ein paar junge Jahre lang staunend und suchend im Leben umsieht, aber dann bald seinen festen Standpunkt heraus hat, ja, hätte Magdalene sich entwickeln können, wie es für sie gut und notwendig gewesen wäre, dann hätte sie sich eine Frau, wie die Pastorin Lerch eine war, sicher nicht zur Freundin und Vertrauten auserkoren. Nicht, daß die Pastorin einer ehrlichen Freundschaft und eines herzlichen Vertrauens nicht würdig gewesen wäre! Im Gegenteil! Die Pastorin war eine von jenen Menschen, die, wie sie selbst von sich sagte, für ihre Freunde durchs Feuer gehen, und bis zu einem gewissen Grade tat sie das auch, das heißt, sie nahm gern diese und jene Unbequemlichkeit und Mühe auf sich, wenn sie damit jemandem, den sie in ihr Herz geschlossen hatte, nützen konnte. Und was das Vertrauen anbetraf, nun ja, die Zunge war vielleicht das Beweglichste an ihr, aber sie war klug und wenn sie schon reden und erzählen mußte, so tat sie das in einer so geschickten Weise, daß plumpe, häßliche Klatscherei ihr von niemandem vorgeworfen werden konnte.

Aber Magdalene und die Pastorin paßten ihrer tiefsten und eigentlichsten Wesensart nach wenig zueinander. Aber? Magdalene war krank, war verwundet, war in ihrer Lebenskraft, noch ehe sie richtig erwacht gewesen, gebrochen worden, und ein kranker, einsamer Mensch, der Sehnsucht nach einem warmen Herzen und einem guten Wort hat, wählt nicht lange, wenn sich ihm nach Jahren des Darbens endlich das Ersehnte bietet.

Und so war es kein Wunder, daß trotz einer gewissen Herbheit und Sprödigkeit die in ihrem Wesen lag, gleich am ersten Nachmittag, den sie bei der Pastorin in deren guten Stube verbrachte, in ein solch herzliches, töchterliches Verhältnis zu ihr geriet, daß, als die Dämmerung ins Zimmer zog und der Pfarrer leise die Tür öffnete, um auch seinerseits den Gast zu begrüßen, er die beiden Frauen eng aneinandergelehnt auf dem Sofa sitzend fand.

Ein leichtes Rot der Freude flog ihm übers Gesicht. Er kannte die junge Frau nur von jenen kurzen Augenblicken in der Mondnacht her, kannte sie also überhaupt noch nicht und hatte doch ihr stilles, feines, trauriges Gesicht nicht vergessen können. Hatte oft und oft über sie nachdenken müssen und immer mit dem Gefühl im Herzen »Du arme Blüte, die in diesem schattenvollen Dasein wohl nie zur vollen Blume werden wird!« Ueber den Doktor selbst hatte er sich noch längst kein abschließendes Urteil gebildet, nur das eine war ihm sofort klar geworden, daß dieser Mann weit abseits von der Allgemeinheit stand – daß nur ganz lose und daß mehr feindliche als freundliche Beziehungen ihn mit der Menschheit, auf die er so offenkundig herabsah, verbanden. Aber inwiefern dieses Abseitsstehen gerechtfertigt war, ob dieser Geist in der Tat auf Höhen wandelte, auf die ihm nur Auserkorene folgen konnten, oder ob er mehr Schwärmer, Phantast und vielleicht ein Kranker war, das hatte er aus dem Gespräch in jener hellen Sommernacht noch nicht entnehmen können. Die Züge dieses nervösen, gutgeschnittenen, leidend aussehenden Gesichtes ließen auf alle Möglichkeiten schließen, während man der jungen Frau hier gegenüber gleich auf einem festen Standpunkt stehen kannte.

Nicht ein armes, kleines, alltägliches Weiblein, das aus Versehen an einen etwas unbequemen Mann geraten ist und nun seufzt und weint und sich beklagt und das bedrängte Herz ausschüttet, wo immer es nur jemanden findet, der geneigt ist, es anzuhören, nein, nein, zu dieser Spezies gehörte diese hier nicht, und wenn man trotzdem dies tiefe innige Mitleid mit ihr haben mußte, so war es, weil das Gesicht für sich sprach, weil all das, was der Mund nie aussprechen würde, aus diesen früh müde gewordenen Zügen leuchtete, aus diesen dunklen, schwermütigen Augen herausweinte.

Ja, Magdalene hatte einen ganzen Nachmittag auf dem Sofa neben der Pastorin gesessen und die Stunden waren dahingeflogen wie eilige Wellen eines Wassers, und das Herz war ihr wärmer und wohler, als es seit undenklichen Zeiten gewesen, und doch hatte das, was man eine Aussprache nennt, nicht stattgefunden, und doch war keine Klage, kein leisestes Eingestehen, daß das Leben schwer für sie sei, aus Magdalenens Mund gekommen. Eigentlich hatte alles nur in einem sehr geschickten Verhör der Pastorin bestanden, und dieses Verhör hatte die äußeren Dinge nur gerade gestreift und war im übrigen ganz aufs Seelische gerichtet gewesen.

Dabei hatte sie die weißen, schmalen Hände Magdalenens gestreichelt und alles, was sie an Güte, Liebe und Verstehen zu vergeben hatte, war zu einem so starken Strome in ihrer Seele angeschwollen, daß ihre Worte von einer großen innigen, mütterlichen Wärme waren, so daß diese arme Blüte, die so viel Schatten und so wenig Sonne hatte, ganz unwillkürlich dieser Sonnenwärme zustrebte und sich von ihr bestrahlen ließ.

Die Augen der Pastorin leuchteten in einem schönen, echten Glanz, als der Mann ins Zimmer trat, und beide empfanden bei dem Blick, der sich über Magdalene hinweg traf, etwas Gleiches, was gut und sehr wohlwollend war. Pfarrer Lerch aß ein Stück des vortrefflichen Kuchens, den seine Frau ihm auf den Teller schob und den sie zu Ehren des Gastes gebacken hatte, und er erzählte, daß seine Frau ihm vor kurzem die Enthüllung gemacht habe, sie besäße fünfzig verschiedene Kuchenrezepte. Das erscheine ihm kaum glaublich, und er habe sich schon lange vorgenommen, einmal rund zu fragen, ob es so etwas gäbe, daß jemand fünfzig verschiedene Kuchen backen könne. Nun sei ja die Gelegenheit günstig und er frage hiermit also bei dem lieben Gast, der Frau Magdalene Breuer an, was sie von dieser Aussage seiner Frau halte.

Ueber Magdalenens Gesicht breitete sich tiefes Rot, obwohl aus Blick und Miene des Pfarrers sprach, daß er keine ernsthafte Antwort verlange, sondern daß es ihm darum zu tun war, dem Gespräch von vornherein eine harmlose und vielleicht sogar humorvolle Wendung zu geben.

Aber sie sagte nach einer kleinen Pause sehr ernsthaft, daß sie während ihrer Ehe eigentlich noch niemals Kuchen gebacken habe, weil man den in großen Städten ja in allen Arten und Formen täglich haben könne – und hier draußen . . .

»Ach, fertig gekaufter Kuchen!« sagte die Pastorin wegwerfend. »Das ist genau dieselbe Sache wie mit den fertig gekauften Kleidern. Das sieht von außen gut aus und ist doch, wenn man näher hinsieht, nichts wert. Nein, liebe Frau Doktor, und wenn Sie in Ihrem Leben noch keinen Kuchen gebacken haben, dann müssen Sie's eben lernen, und wenn Sie keinen anderen Lehrmeister haben, dann will ich Ihnen das gern beibringen. Sie sollen einmal sehen, wie angenehm das Ihrem Gatten sein wird, wenn er selbstgebackenen Kuchen auf seinem Tische sieht!«

»Mein Mann legt leider so wenig Wert auf solche Genüsse,« sagte Magdalene sehr abwehrend und beklommen, denn so wohl und glücklich sie sich an diesem Nachmittag auch bei der Pastorin fühlte, diese Freundschaft durfte doch nie und nimmer eine so vertrauliche Form annehmen, daß die Pastorin ohne Umstände in ihrem Hause aus- und einging, und doch schien es der Wunsch der gutmütigen, tatkräftigen Frau zu sein.

Pastor Lerch erfaßte im Augenblick den Gedankengang des jungen Gastes, während die Pastorin noch weit davon entfernt war, etwas von dem, was in Magdalene vorging, zu ahnen.

»Und überhaupt,« sagte sie, »ich möchte Ihnen in vielen Dingen etwas behilflich sein, damit Sie sich's behaglich in Ihrem netten Heim schaffen, denn es ist das unser herzlicher Wunsch, daß Sie und Ihr lieber Mann sich recht wohl in unserem hübschen Vorort fühlen sollen. So hab ich mir zum Beispiel ausgedacht, daß Sie diese alte mürrische Bedienung, die Sie sich da aus der Stadt kommen lassen, abschaffen und dafür ein nettes, adrettes Mädchen aus unserem Ort ins Haus nehmen sollen. Das macht doch einen viel besseren Eindruck und kommt Ihnen gewiß nicht teurer zu stehen, als diese Frau, der Sie doch jedesmal das Reisegeld vergüten müssen, und dann . . .«

Die Pastorin war so eifrig in ihren Redefluß hineingeraten, daß sie die flehenden und warnenden Blicke, die ihr Mann ihr zuwarf, nicht bemerkte, aber an der Haustür klingelte es jetzt zweimal laut und ungeduldig, und gleich darauf trat denn auch die Magd herein, und meldete, daß ein Mann, den die Pastorin sich mit allerlei Pflanzenproben und Samen bestellt habe, da sei und nicht allzu viel Zeit habe, da er mit dem Abendzug wieder zurückfahren wolle.

So ungern nun auch die Pastorin gerade jetzt ihren Gast verließ, so blieb ihr doch nichts anderes übrig.

»Aber ich sehe Sie doch noch, liebe Frau Doktor, nicht wahr, ich sehe Sie sicher noch, es wird ja nicht lange dauern!« und bevor eine Antwort erfolgen konnte, war sie schon draußen.

Die bange Beklemmung, die in Magdalenens Züge gekommen war, wich daraus, sobald sie mit dem Pfarrer allein war, und der versuchte noch einmal, den harmlosen Ton, mit dem er die Unterhaltung begonnen hatte, wieder aufzunehmen.

»Meine Frau hat nun einmal das Bedürfnis, überall, wo es nur möglich ist, helfend und ratend einzugreifen; sie hat ein sehr gutes Herz, aber darum müssen Sie nicht denken, daß sie eine Tyrannin ist und verdrießlich wird, wenn ihre Ratschläge nicht befolgt werden. O nein, davon ist gar keine Rede, und Sie müssen sich immer tüchtig Ihrer Haut wehren, wenn sie Ihnen Vorschläge macht, die Ihnen nicht passen. Sie wird darum in Fällen, in denen Sie ihren Rat und ihre Hilfe brauchen, doch immer mit derselben Herzlichkeit bereit sein, sie Ihnen zu gewähren!«

»Sie sind beide so gut zu mir!« sagte Magdalene warm, aber sie sagte es sehr traurig. »Es war ein schöner Nachmittag für mich und Sie dürfen mich nicht für undankbar halten, wenn ich vielleicht von all dem Guten, was Ihre liebe Frau mir angeboten hat, keinen Gebrauch machen kann, wenn ich vielleicht nicht wieder hierherkommen kann!« Ihre Stimme war sehr leise, und der Pastor sah jetzt, daß es nicht mehr angebracht war, hier den heiteren Ton aufrecht zu erhalten.

Seine guten blauen Augen blickten Magdalene an, sie blickten ihr ins Herz, so tief, daß sie es fühlen mußte, und was all die große Herzlichkeit der Pastorin nicht zustande gebracht hatte, das bewirkte dieser stumme, verstehende Blick bei ihr. Sie warf alle Scheu beiseite, irgend etwas in ihr zwang sie zu sprechen, und so sagte sie denn ohne allzu große Ueberwindung:

»Ich kann nur für meinen Mann leben; alles, was ich bin und tue, muß ihm zu Gebote stehen. Er braucht das so, und ich tue es gern. Mein Mann ist nicht wie andere, ich weiß das wohl, und darum werden wir immer abseits stehen müssen. Leicht ist das nicht immer, aber es ist auch nicht unerträglich, und manchmal ist es sogar schön. Aber die Menschen verstehen uns nicht so, wie wir es meinen und wie wir sein müssen, und darum würden sie, wenn wir uns unter sie mischen, enttäuscht sein. Zu Ihnen kann ich das sagen, weil ich weiß, daß Sie es verstehen, zu anderen könnte und möchte ich es nicht sagen!«

Ihre Blicke waren, während sie all das ohne Erregung aussprach, auf ihr Taschentüchlein, das sie in der Hand hielt, gerichtet, und sie hielt auch dann noch die Augen gesenkt, als Pastor Lerch ihre Hand erfaßte und sehr gütig zu ihr sagte:

»Vielleicht unterschätzen Sie die Menschen hier ein wenig; ich habe das Gefühl, daß jeder einzelne von ihnen, sobald er weiß, daß Ihr Herr Gemahl sich mit einem großen Werke trägt, die größte Achtung vor ihm und seiner Tätigkeit haben und ihm ein sehr weitgehendes Verständnis entgegenbringen würde. Aber hiermit will ich nicht suchen, Sie zu überreden, an unserer allgemeinen Geselligkeit teilzunehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr gesellschaftliche Zusammenkünfte von einer Sache, die Geist und Seele beschäftigt, ablenken können. Ich habe Ihren Gatten nur an jenem einen Abend am See gesehen, aber ich glaube, ein einigermaßen richtiges Bild von ihm zu haben und darum rate ich: lassen Sie ihn in seiner selbst gewollten Einsamkeit. Man soll niemals Einfluß auf solche ausüben wollen, die sich ganz bestimmte Grenzen für ihre Lebens- und Arbeitsmöglichkeit gezogen haben, denn man weiß nicht, was man da durch gutgemeinte Vorschläge zerstören kann.

Aber mit Ihnen selbst ist das eine andere Sache, liebe gnädige Frau; Sie selbst sollten sich nicht aller kleiner Freuden und Zerstreuungen, die doch nun einmal dazu gehören, um das Leben erträglich zu machen, berauben. Bitte, verzeihen Sie, daß ich gleich das erste Beisammensein mit Ihnen benutze, um Ihnen solche Ratschläge zu geben. Aber haben Sie es nicht auch schon erfahren, daß man hin und wieder ohne jede Brücke, die zueinander führt, die Verbindung mit einem Menschen, der einem ja eigentlich noch fremd ist, findet? Daß man alles, was bei anderen nach Jahr und Tag erst den Uebergang zum eigentlichen Bekanntwerden bilden muß, alle Redensarten, alles vorsichtige Tasten, da einfach fortläßt. Daß Seele zu Seele und Geist zu Geist reden kann, wie es gerade empfunden und gedacht wird. So scheint es mir zwischen uns beiden zu stehen. Und so will ich Ihnen denn schnell noch einiges sagen. In erster Linie dasselbe, was meine Frau Ihnen wohl schon wiederholt ausgedrückt hat: »Lassen Sie unser Haus Ihnen einen Ort der Zuflucht und der Aussprache werden, wenn Sie dessen bedürfen! Kommen Sie zu uns, so oft Sie den Wunsch haben, bei uns zu sein. Ich weiß und verstehe, daß Sie Gäste in Ihrem Hause nicht zu empfangen wünschen, weiß, daß das gutgemeinte Anerbieten meiner Frau, ein wenig in Ihren Haushalt einzugreifen, Sie erschreckt hat! Und ich werde selbstverständlich das meine tun, um meine Frau davon abzubringen. Sie ist gut und warmherzig, aber sie fühlt und ahnt nicht gleich die Gedanken und Empfindungen anderer Menschen. Dazu ist ihre Natur zu einfach, geradlinig und ihr Temperament zu impulsiv. Das Leben hat sie ja auch auf einen Platz gestellt, auf dem sie nicht lernen mußte, ängstliche Rücksichten zu nehmen. Aber wenn man sie auf etwas hinleitet, was ihr zuerst vielleicht nicht verständlich erscheinen will, dann begreift sie es natürlich doch und richtet ihre Handlungen danach ein.

Ich sage Ihnen all das, damit Sie nicht das Vertrauen zu ihr verlieren und sie meiden, denn das würde ihr sehr weh tun und sie verdient das auch nicht! Also, ja, ich weiß schon, ich sehe schon, wir haben uns verstanden und Sie sagen ›ja‹ zu allem. Mir ist so leicht und wohl geworden, daß ich Ihnen das sagen durfte, es lag mir am Herzen seit jenem abendlichen Spaziergang am See, an dem ich eine kurze, aber gleich ziemlich tiefgehende Unterredung mit Ihrem Gatten hatte!«

Magdalene sah ihn aus großen, bangen Augen an. »Ich bin Ihnen von ganzem Herzen dankbar, Herr Pastor, für alles was Sie mir sagen, und doch beunruhigt es mich, weil alles so klingt, alles so schwer ist, als sähen Sie ein Schwert über meinem Haupte hängen. Und in Wirklichkeit ist's doch nichts anderes, als daß mein Mann über einem überaus schwierigen Werk sitzt, das seine ganze Kraft, alle seine Gedanken erfordert. Und natürlich stört ihn alles, was von außen kommt. Jedes Klingeln an der Tür, jedes fremde Gesicht, das er sieht, jeder Brief, der ankommt – alles erregt ihn. Er muß allein sein – ganz allein mit mir und der alten Frau, die er kennt und die ihn und seine Gewohnheiten kennt. Schlimm ist das wirklich nicht und ich verstehe ihn und richte mein Leben auch gern nach seinen Wünschen ein – und einmal – einmal muß er ja doch auch zu Ende kommen mit seiner Arbeit! Ihr trauriges, sorgenvolles Gesicht strafte die Worte, die sie aussprach, und die froh klingen sollten, Lügen. Dann – ohne in des Pastors Augen, die sanft aber doch forschend auf sie gerichtet waren, zu blicken, stand sie auf.

»Ich muß gehen – es ist schon dunkel geworden, er wird mich schon vermissen!«

Pastor Lerch geleitete sie zum Flur, half ihr in den dünnen Mantel und nahm dann seinen Hut vom Haken.

»Ich darf Sie begleiten, ja?«

Sie nickte und schritt dann an seiner Seite durch die dunkelblaue Dämmerung.

»Fühlen Sie, daß der Sommer bald zur Neige geht, daß es ganz, ganz leise Herbst werden will?«

»Ich liebe den Herbst!« sagte Magdalene, »er macht das Herz leichter, obwohl mir vor dem Winter graut!«

»Ja, ich liebe den Herbst auch –; alle Menschen, die ein wenig zum Grübeln und zur Melancholie neigen, lieben den Herbst mehr als das Frühjahr.«

Irgend jemand grüßte von der andern Seite der Straße, Magdalene sah nur einen langen Schatten, Pastor Lerch zog seinen Hut und rief »Guten Abend«, und sein Gesicht sah froh dabei aus.

»Sie kennen ihn doch natürlich – es ist ja Ihr Nachbar!« sagte er zu Magdalene, und als diese verneinte: »Wie, Sie sollten Ihren nächsten Nachbarn, unsern guten Major Schwertes noch nicht gesehen haben?«

»Nein,« sagte Magdalene – »aber Ihre Frau Gemahlin hat mir schon von ihm erzählt. Gesehen habe ich ihn noch niemals – und das ist ja kein Wunder, da er doch auch sehr einsam leben soll!«

»Ja, auch einsam und auch ein Grübler und einer, der gern tiefer in die Mysterien des Daseins eindringen möchte, als es uns möglich ist. Auch er sitzt, wenn ich nicht irre, über irgendeiner Geistesarbeit. Er spricht nicht davon – er ist sehr bescheiden. Meine Frau hat das Gefühl, daß er Ihrem Gatten wahlverwandt sein müßte – aber ich weiß, daß das nicht so ist. Sie sind sehr verschieden, diese beiden – der eine starr, fest überzeugt von seiner Berufung – hart gegen sich selbst und gegen die Menschheit – der andere vielleicht allzu weich, allzu voll von Liebe zur Menschheit, also eigentlich Extreme. Sie haben nur das Eine gemeinsam – nämlich, die Sucht allein zu sein, die bei beiden sehr verständlich ist. Unser guter Major hat sich ja nun bereden lassen und nimmt, eigentlich nur einer liebenswürdigen Schwäche, die in seiner Natur liegt, folgend, an einigen Geselligkeiten teil. Meine Frau ist stolz darauf, daß sie ihn so weit gebracht hat. Mir aber kommt jedesmal ein leiser Schmerz auf, wenn ich ihn bei irgendeinem vergnügten Mahl treffe. Er gibt sich dann alle erdenkliche Mühe, freundlich und unterhaltend zu sein und doch merkt man ihm fortgesetzt eine innere Verzweiflung an.

Nein, es ist kein Verdienst, das meine liebe, allzu gutherzige Frau sich erworben hat, indem sie ihn mit allen Mitteln ihrer Beredsamkeit dazu vermocht hat, seine Einsamkeit zu verlassen. Wie ein edles Tier ist er dann, das nicht seinesgleichen finden kann und immerfort gegen seine Natur kämpfen muß. Ich höre ordentlich den Seufzer der Erleichterung oder auch einen leisen Fluch, den er ausstößt, wenn er nach solch einem lauten Abend mit unsern Damen in seine Behausung zurückkehrt. Wie ich schon sagte: man soll niemand zwingen, aus seinem Element herauszutreten – man soll ihm seine Grenzen, die er sich zog, ruhig lassen. Denn Freude kann man an so einem gezwungen erscheinenden Gast doch eigentlich nicht haben! Nun – er wird sich schon eines Tages zu drücken verstehen, wenn es ihm zu bunt wird.«

Magdalene hatte in ihrem ganzen Leben noch kein privates Gespräch mit einem geistlichen Herrn gepflogen; sie kannte den Pastor, der sie konfirmiert und den, der sie getraut hatte. Beide waren ihr völlig fremd geblieben – waren ihr als zu einer anderen Kaste gehörend, so unnahbar vorgekommen, daß sie nie den Versuch gewagt haben würde, mit einem dieser Herren über allgemeine Dinge zu reden.

Nun staunte sie in etwas kindlicher Weise über diesen Mann, der an ihrer Seite schritt und der genau wie andere Menschen sprach – vielleicht ein wenig belehrender und tiefgründiger, aber doch durchaus in einer Weise, die alle Scheu wegnahm.

»Ich verstehe das Einsamkeitsbedürfnis so gut!« sagte sie, als sie schon nahe bei ihrem Hause waren. »Ich habe selber auch immer wieder, wenn ich einmal unter vielen Menschen sein mußte, das Bedürfnis nach Ruhe, nach völligem Alleinsein – nach Schweigen – nur mit dem Unterschied, daß es bei mir nicht dauernd ist. Oft sehne ich mich nach Menschen, nur um sprechen zu können, um irgendeine Angst loszuwerden – und dann ist es mir oft hart, wenn ich niemanden habe – –«

Sie wollte weitersprechen – aber der Pastor blieb jetzt stehen und nahm ihre Hand.

»Sie sind gleich daheim und ich will mich hier verabschieden, und gerade die letzten Worte, die Sie mir da sagen, geben mir den Mut, meine Bitte noch einmal zu wiederholen – nämlich, daß Sie zu uns kommen sollen, so oft es Sie verlangt, mit jemanden zu reden. Sie werden bei uns immer ein warmes, offenes Herz und auch Verständnis finden, dessen können Sie sicher sein. Sehen Sie, nun ist es völlig dunkel geworden und wieder ist dies goldene Gewoge am Himmel wie an jenem Abend am See, als ich Sie und Ihren Gatten zuerst sah. Ja, aber Herbst will es werden, es streift kühl durch die Luft und hinter dem Wald ziehen Nebel auf. Einen Gruß an Ihren Gatten will ich nicht auftragen, obwohl ich die Hoffnung habe, ihm wieder zu begegnen. Er gehört zu jenen Menschen, die einen nicht loslassen, wenn man sie einmal gesehen und mit ihnen gesprochen hat. Gute Nacht gnädige Frau, und kommen Sie, sobald es Ihnen möglich ist.«

Magdalene erwiderte den Druck seiner Hand, dann lief sie mit schnellen Schritten das kleine Stück Wegs, das sie noch von ihrem Hause trennte. Im Zimmer ihres Mannes brannte die Lampe; er hatte die Vorhänge nicht zugezogen und sie sah ihn über seiner Arbeit gebeugt sitzen, sah auch Teegeschirr und Teller neben ihm stehen und ihr Herz ward ruhig. Leise schloß sie die Tür auf und leise ging sie die Treppe hinan.



10.

Der Major Schwertes stand am Fenster seines Arbeitszimmers und sah in die Landschaft hinaus. Zum drittenmal seit er in diesem Vorort wohnte, sah er den Herbst kommen, und ein seltsames Gefühl, halb Schwermut, halb Erleichterung zog ihm durchs Herz. Wenn der Herbst und mit ihm die früher einbrechende Dunkelheit kam, wenn Sturm und Regengüsse die vorsichtige Bevölkerung dieses Erdenwinkels von ihren weiten Streifzügen durch die Natur abhielten, dann kam für ihn eigentlich erst die Zeit, in der er auflebte – dann war er in seinem Element. Nicht viel anders als ein Wild, das herausbekommen hat, daß niemand hinter ihm ist, daß es frei und unbekümmert sein Reich durchmessen kann.

Um seinen Mund ging ein schwaches Lächeln, eine einzige wilde Nacht hatte den Spätsommer zum tiefen Herbst gemacht. Wie verrückt das heute z.B. im Garten seines Nachbars aussah. Die Rosenstämme umgeworfen – das Laub in Haufen auf den Rasenflächen herumwirbelnd, und die Gaisblattranken von der Laube losgerissen. Freilich, dieser Garten war den ganzen Sommer über nicht recht instand gewesen – kein Mensch, der etwas von Gartenarbeit verstand, hatte sich darum gekümmert; nur das alte Weib, das früher von der Stadt hereingekommen war, um hier die Bedienung bei dem Ehepaar Breuer zu machen, und das seit einigen Tagen mit Sack und Pack für immer zugezogen war, hatte hin und wieder mit Rechen und Gartenschere ein wenig herumgewirtschaftet, aber etwas Rechtes war natürlich nicht daraus geworden.

»Merkwürdig,« dachte Schwertes, und das Bild Magdalenens schwebte ihm vor, »man könnte sich gerade von ihr vorstellen, daß sie viel Freude an einem blühenden Garten – an Blumen, Vögeln und an der Natur hätte – aber es scheint doch nicht so zu sein!«

Er pfiff leise vor sich hin. Der Regen schauerte gegen die Fenster und der Wind heulte ums Haus, daß es eine Lust war. Wenn er jetzt ging, dann begegnete er todsicher keinem Menschen – und da er die hohen Stiefel schon am frühen Morgen angezogen hatte, und da das alte Gespenst, die Haushälterin, unten in der Küche wirtschaftete und sein Fortgehen gar nicht bemerken würde, war ihm der Weg frei. Er trat vom Fenster fort, überlegte noch einen Augenblick, ging dann in den Flur und griff nach dem alten Lodenmantel, der am Kleiderständer hing. Federleicht war der und ließ doch den schlimmsten Regen nicht durch. Schwertes hatte fast zärtliche Gefühle für diesen alten Kameraden. An dem hafteten Erinnerungen – gute und schlimme – aber eigentlich doch mehr gute als schlimme.

So oft er mit der Hand in das weiche Gewebe hineingriff, erstand ihm die Bergwelt, fern – sehr fern vor hier –, die er nun seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sommersonne, über schneebedeckten Bergriesen leuchtend, – Gletscher – Seen – grüne Matten, und an seiner Seite das vermeintliche größte Glück seines Lebens!

Nun, hier gab es keine Bergriesen und keine Gletscher und überhaupt nichts, was überwältigen, was vom Alltag erlösen konnte – aber irgend etwas Gutes mußte doch hier sein, denn sonst würde er es nicht drei Jahre ausgehalten haben – nun schon volle drei Jahre! Und wahrscheinlich würde es sich im Laufe der Zeit so gestalten, daß man überhaupt nicht mehr fortkam –, daß man den armseligen Rest, der einem noch verblieb und der allmählich und hoffentlich dem Stumpfsinn entgegenführte, hier verbrachte, und sich dabei ganz behaglich fühlte.

Er stieg die Treppe mit nicht ganz so fest aufsetzenden Schritten wie sonst hinab; er wollte es vermeiden, daß das alte Weib, das er als notwendiges Uebel um sich dulden mußte, den Kopf zu irgendeiner Tür heraussteckte und irgendeine Frage, die ihr nicht zukam, an ihn richtete – und er hatte eine fast kindische Freude, als er dann wirklich unbehelligt aus dem Haus gekommen war und sich nun draußen im platternden Regen und mitten im pfeifenden Sturm befand.

Magdalene sah ihn und staunte und Breuer sah ihn auch und sagte zu seiner Frau: »Von diesem Menschen hab' ich das Gefühl, daß er ein kurioser Kauz ist, obwohl ich doch nicht das Geringste von ihm weiß und über seine äußeren Verhältnisse auch nichts zu wissen wünsche. Aber vielleicht wäre das der Mensch, mit dem man mal ein vernünftiges Wort reden könnte, wenn einen danach gelüstet!«

In Magdalenens Gesicht leuchtete irgendeine Freude auf.

»Vielleicht hat er denselben Wunsch dir gegenüber!« sagte sie, nicht ganz sicher. »Er soll sehr einsam sein, viel arbeiten und im allgemeinen die Menschen meiden!«

Breuer wandte sich ärgerlich ab.

»Ich sagte dir soeben, Magdalena, daß ich nichts über seine äußeren Umstände und seine Lebensart zu erfahren wünsche. Aber ihr Frauen versteht das nicht. Ihr könnt Geist und Materie nie von einander trennen.«

Sein Gesicht hatte den verächtlichen, von seiner Höhe mit Widerwillen herabschauenden Ausdruck, den Magdalene so gut kannte und der ihr immer von neuem das Rot der Scham in die Wangen trieb. Sie schwieg und blieb still am Fenster stehen.

Auf Breuers Wunsch saß sie jetzt manchmal bei ihm unten in seiner unfreundlichen Stube, die er mit keiner andern tauschen mochte, und sah zu, wenn er arbeitete. Sie hatte versucht, sich mit einer Handarbeit zu beschäftigen, aber Breuer vertrug es nicht, wenn sie den Faden hochzog oder wenn er überhaupt ihre Hände in Bewegung sah. Ganz still sollte sie bei ihm sitzen – aus keinem andern Grunde als aus dem, ihm das Gefühl der Einsamkeit zu nehmen.

Stunden um Stunden saß sie auf dem Korbstuhl neben seinem Schreibtisch – die Hände im Schoß verschlungen – verzweifelt oft – gejagt von einer inneren Unruhe, für die sie keinen Grund wußte – saß da wie ein armes gefesseltes Tier, dem man seine Freiheit genommen hatte und dem jede Minute zur Ewigkeit wird.

Breuer fühlte vielleicht ihre Ungeduld, mochte ahnen, daß dies stille, stumme, untätige Sitzen eine Qual bedeuten mußte – aber er nahm es doch an, daß sie immer wieder kam, wenn er sie rief –, erklärte es ihr nicht durch Worte, sondern ließ sie es nur durch Blick und Geste erkennen, daß er ihre Gegenwart für seine Arbeit benötigte – daß sie eine Lücke ausfüllen, eine Unruhe in ihm beschwichtigen mußte.

Die Glücksstunden, die Magdalene während der nun achtjährigen Ehe genossen hatte, waren zu zählen – ja – sie wären überhaupt nicht vorhanden gewesen, wenn sie das, was man »Glück« nennt, nach allgemeinem Maßstab bemessen hätte.

Glück bedeutete für sie etwas ganz anderes als für andere Frauen – etwas durchaus Geistiges! Zufriedenheit ihres Mannes – seltene – aber dann mit großer Sicherheit aus Souveränität ausgesprochene Zukunftsaussichten – hin und wieder eine kleine, kaum zu fühlende Zärtlichkeit – ein leichter Kuß – ein Streicheln über Haar oder Wangen – das war das, was sie unter »Glück« zu verstehen gelernt hatte.

Sie war bescheiden und klein an seiner Seite geworden, – klein oder auch groß – wie man es nennen mochte. Der Pastor nannte sie »groß«, wenn er seiner Frau gegenüber von ihr sprach – denn er hatte einen Blick in Magdalenens Seele geworfen, wußte, daß sie im tiefsten Grund nicht zu solch bitterer Entsagung, zu solchem Dulden geboren war, sondern daß täglich neue Kämpfe nötig waren, um ihr die Kraft zum stillen Ausharren an der Seite eines überaus schwierigen Mannes zu geben.

Die Pastorin aber – ein wenig enttäuscht über die gar nicht zu besiegende Zurückhaltung der jungen Frau, nannte sie ein kleines Schäfchen, dem nicht zu helfen sei und das sich in seiner Sklaverei, in diesem dumpfen Dahinvegetieren vielleicht ganz wohl und behaglich fühle.

Magdalene dachte oft und immer mit einer gewissen Sehnsucht an die kernfeste und lebensfrohe Pastorin – aber ein großes Angstgefühl hielt sie von dem vertraulichen Verkehr, den die Pastorin ihr vorgeschlagen hatte, zurück.

Das Alleinsein war ihr jetzt bitterer als es ihr je gewesen war, und wenn sie am Nachmittag diese langen schweren Stunden neben dem Manne sitzen und ihn in seiner Arbeit beobachten mußte, dann war eine Unruhe in ihrer Seele, die sie kaum noch zu beschwichtigen vermochte.

War denn das, was ihr Mann tat – überhaupt Arbeit zu nennen? War das nicht eher ein Rasen, ein wildes Sichherumschlagen mit drängenden, immer neu auf ihn einstürmenden Gedanken, deren er nicht Herr werden konnte?

Warum stöhnte er, fuhr er sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, stützte den Kopf in die Hände und sah oft für Viertelstunden und länger mit dem Ausdruck der Verzweiflung in den Augen ins Leere? War Arbeit etwas so unendlich Schweres, solch ein furchtbarer Kampf, der immer mit Niederlagen enden mußte? Denn das Ende eines jeden Tages schien doch immer nur die Vernichtung des Geschaffenen sein zu sollen, und während Breuer mit einer fast fanatischen Freude, die Fetzen Papier von seinem Tisch hinabwarf, kam über Magdalene ein solch grenzenloser Jammer, daß sie kaum einen Aufschrei ersticken, kaum des aufsteigenden Schluchzens Herr werden konnte.

Das Bild des Vaters stieg vor ihr auf; sie sah ihn, wie sie ihn an jenem letzten Besuch in dem Fabrikbureau gesehen hatte, als sie ihn gebeten hatte, ihnen zum Ankauf des Hauses hier zu verhelfen.

Damals hatte sie noch mit einem schwachen Rest ihres einstmals so felsenfesten Vertrauens glauben können, hatte den Vater zu überzeugen gesucht und hatte ihn vielleicht – auch wenn er es nicht zugeben wollte, überzeugt.

»Vater,« dachte sie mit einer wehmütigen Zärtlichkeit, »wie bin ich heimatlos geworden! In die Welt, aus der ich stamme, finde ich wohl nie den Weg zurück, auch wenn diese hier, in die ich hinüberging, eines Tages in Trümmer zerfallen soll. Aber in dieser harten Welt der unfruchtbaren Arbeit kann ich mich auch nicht heimisch fühlen – und möchte es doch – möchte zu ihm stehen können mit der ganzen Kraft meiner Seele und meines Geistes. Aber wie kann ich sein Leben teilen, wenn er es mir nicht offenbart. Wenn er mir nur Bruchstücke gibt und das Ganze – das Ziel – den Endzweck ängstlich verheimlicht!

Breuer sah, daß Qual und Angst aus dem Gesicht seiner Frau sprach, wenn er vernichtete – wenn zu dem Stoß der Schriften, die er in Jahren mühsam angesammelt hatte, nichts Neues hinzukam. Ein leichtes Mitleid ging durch seine Seele.

Armes Ding – arme kleine Magdalene, die sich nach bürgerlicher Ruhe, Behagen und Versorgtsein sehnte! Wie mochte der lange, graue, aussichtslose Weg an seiner Seite ihr schwer fallen!

Als der Herbst rauher und dunkler wurde, kam über Breuer derselbe Drang nach weiten, einsamen Wanderungen, der auch den Major Schwertes überfallen hatte. Auch in ihm war das befreite, triumphierende Gefühl: »Jetzt, da die Natur euch andern, euch, die ihr lieber Kleider und Schuhe schont, als das herrlichste, was das Jahr bietet, zu genießen – jetzt, da sie euch kein freundliches, mildes Gesicht mehr zeigt, soll sie mir gehören – jetzt nehme ich mir das, was ich fast Dreiviertel vom Jahr euch überlassen muß!«

Und Breuer lief und auch Schwertes lief, gleichviel ob der Regen in wilden Güssen vom bleigrauen Himmel herabkam – gleichviel ob der Sturm ihnen fast den Atem benahm und die Wege grundlos waren. Sie holten nach, was sie den Sommer über versäumt hatten, und in jedem der beiden Häuser seufzte heimlich eine Frau, wenn die Wanderer ausrückten. Die Haushälterin des Majors seufzte der Kleider und der Stiefel wegen, die sie putzen mußte und Magdalene seufzte aus einer ungewissen Angst heraus – seufzte vielleicht auch deshalb, weil er sie allein in dem einsamen Hause ließ, da doch auch in ihr der Drang lebte, ihre große Unruhe in die Natur hinauszutragen.

Breuer lief rücksichtslos, wie es ihm behagte – oft kam er spät in der Nacht zurück – sah nicht das zerquälte Gesicht der Frau, die auf ihn gewartet hatte, fand kein Wort der Erklärung, kein freundliches Wort des Bedauerns – fühlte nur, daß das ungehinderte Laufen ihm wohltat, und sein schmales bleiches Gesicht ward ein wenig voller und roter, und die Augen hatten nicht den müden, schweren Ausdruck.

»Aber die Arbeit?« fragte sich Magdalene und kniete vor einem kleinen Aktenschrank, der seine Schriften barg und war einer großen Versuchung nahe – der Versuchung, die so nahe lag: endlich zu wissen – endlich zu erfahren, was es denn eigentlich war – wie das Große, Unantastbare – das den Inhalt ihres und seines Lebens bildete, aussah!

Aber so groß und lockend die Versuchung war, sie widerstand ihr. Sie wußte, daß sie den Blick des Mannes nicht mehr ertragen würde, wenn sie klein – frauenhaft – unehrlich war. Sie wußte auch, daß er es wissen würde, selbst wenn die Blätter genau so ordentlich daliegen würden, wie er sie zu legen pflegte. Ihr Wesen würde es ihm verraten, denn er war ja kein gewöhnlicher Mensch, den man täuschen konnte. Er blickte durch den Körper hindurch in die Seele – das hatte er ihr oft gesagt – und sie glaubte daran und fürchtete sich davor.

Aber ihre Hände strichen über die Blätter in einer wehmütigen Art, wie wohl eine Mutter über das Haupt eines Kindes streicht, um das sie sich Sorgen macht und dem sie helfen möchte.

An einem dieser Herbsttage geschah es, daß die beiden einsamen Wanderer, die Haus an Haus nebeneinander wohnten, aufeinanderplatzten. In einer Waldhütte war es, in die beide sich vor dem Wolkenbruch, der sie überrascht, geflüchtet hatten.

Der Major Schwertes kauerte auf einer schmalen Holzbank, als der Doktor eintrat: er sah kaum auf und hatte kein Interesse für den Ankömmling, sah nicht einmal, daß Breuer den Hut zog und einen leisen Gruß murmelte. Breuer aber hatte den Nachbar auf den ersten Blick erkannt und schien etwas Angenehmes dabei zu empfinden, denn ein flüchtiges Lächeln kam um seinen Mund und er überlegte einen Augenblick, ob er auf den Major zugehen und ihm seinen Namen nennen sollte.

Aber da der so still und in sich gekehrt in seiner kauernden Stellung verharrte, und – wie es schien – nicht die geringste Notiz von ihm nahm, verging ihm schnell die Lust zu einer Annäherung und er setzte sich in einen andern Winkel der Hütte.

Der Major war mit seinen Gedanken weit fort von seiner Umgebung; der hatte heute den ganzen Weg über in alten Erinnerungen herum gekramt, hatte ganze, längst versunkene Welten vor sich erstehen sehen und war dann jählings auf einen Gedanken gekommen, der ihm große Freude verursachte. Warum trug er sich eigentlich mit so großen, abstrakten Ideen – warum wollte er die Ueberfülle von Zeit, die ihm sein jetziges Leben zubilligte, dazu verwenden, um ein Werk zu schreiben, das außer ihm selber nur ein ganz kleiner Bruchteil aller Menschen verstehen würde?

Warum wählte er nicht eine Form, die der Allgemeinheit zugänglich war, warum sollten die Erfahrungen, die guten und schlechten Dinge, die das Leben ihm gebracht hatte, nicht dazu dienen, andere zu bereichern – sie froh oder doch wenigstens teilnehmend zu machen? Warum Menschenfeind sein, da ja doch die Menschen in der Allgemeinheit ihm nichts getan hatten, ja – da selbst die eine, die ihn zu dem gemacht hatte, was er jetzt war, vielleicht nicht einmal aus bösem Willen so gehandelt hatte!

Warum sich jetzt auf einen Kothurn stellen, der so hoch war, daß er lächerlich wirken müßte, wenn nicht etwas Fundamentales – etwas, was ungeheure Trotze in sich trug, ihm das Recht dazu gab!

Er – der Mensch – der ehemalige Major und jetzige Einsiedler Schwertes – er konnte es nicht mehr fertig bringen, sich harmlos mit seiner schwerfällig gewordenen Art unter die Menschen zu begeben – aber der geistige Schwertes, der konnte schließlich doch noch den Weg zu ihnen zurückfinden, konnte zu ihnen reden – konnte ihnen alles Gute, Weise, Versöhnliche, das trotz allem noch in ihm lebte, geben und sie an dem, was er erlebt, und wie er es erlebt, lernen lassen!

Aber während er sich mit diesem menschenfreundlichen Gedanken trug, und während er das Werk, das Menschengüte und -liebe predigen sollte, schon im Geist vor sich erstehen sah, trug sein Gesicht durchaus nicht den Ausdruck der guten Gefühle, die ihn bewegten, sondern war finster und verschlossen, und dem Dr. Breuer, der ihn beobachtete, kam mehr und mehr der Mut, hier eine Bekanntschaft anzuknüpfen, abhanden.

Der Regen ließ nach; der Sturm pfiff zwar noch ein wildes Lied, aber Schwertes hatte es plötzlich eilig, nach Hause und an seinen Schreibtisch zu kommen und da sah er denn im Vorüberschreiten dem Dr. Breuer in das ihm zugewandte Gesicht, stutzte einen Augenblick und zog dann grüßend seinen Hut.

Breuer hatte sich erhoben, und mit Ueberwindung zwar, aber einem starken Drang folgend, sagte er:

»Wir sind Nachbarn – seit dem Frühjahr Nachbarn und begegnen uns heute zum erstenmal.«

Dabei ging ein etwas verlegenes Lächeln um seinen Mund und auch Schwertes war ein wenig hilflos und antwortete, nur um etwas zu sagen: »Ja – es ist sonderbar – oder auch nicht sonderbar, denn ich mache meine Spaziergänge gewöhnlich zu einer Zeit, in der die andern sie nicht zu unternehmen pflegen!«

Breuer schloß sich ihm auf dem Weg durch den Wald an, sah an der großen Gestalt des Majors hinan und studierte das etwas undurchdringliche, aber gütige Gesicht.

Dem Major war es keineswegs lieb, daß er einen Begleiter hatte – gerade in dieser Stunde einer inneren Umwandlung hatte er die Einsamkeit nötiger als sonst. Er verhielt sich schweigsam, und dem Dr. Breuer fiel die ungewohnte Rolle zu, der Redende sein zu müssen.

So sehr er nun auch der Allgemeinheit fern und in all seinen Ansichten und Gepflogenheiten über ihr stand, so fiel ihm in dieser Lage doch nichts anderes als ein paar sehr allgemeine Redensarten ein, die vom Wetter – von der Schönheit des Herbstes und der Gesundheit der Luft hier draußen handelten. Der Major mußte mit seinen Gedanken erst einen weiten Weg machen, bis er sich endlich zu der Person des Dr. Breuer hinfand, und nachdem ihm das mit einiger Anstrengung geglückt war, staunte er und sah sich diesen Mann sehr eingehend an.

Also das war dieser seltsame Dr. Breuer, von dem die Pastorin Lerch ihm eine lange, weitläufige Geschichte erzählt hatte! Das war der Mann dieser jungen Frau, die er in einer Mainacht, als der Vollmond geschienen hatte, auf dem Balkon ihres Hauses hatte sitzen sehen – mit zuckenden Schultern – den Kopf in die Hände vergraben – bitterlich weinend!

Ein Groll – ein Argwohn stieg in ihm auf. – Er sah auf den Mann, der fast um Kopfeshöhe kleiner war als er – ward dann, als er die von starker geistiger Arbeit zeugenden Züge dieses Gesichts sah, etwas besänftigt, und obwohl durchaus nicht in der Stimmung, eine behagliche Unterhaltung über Wetter und landschaftliche Vorzüge dieser Gegend zu führen, brummte er doch etwas über die eigenartige Schönheit des Spätherbstes hier draußen. Ein Zug um den Mund Breuers mißfiel ihm – ein unklarer Zug, der dem Gesicht mit das Gepräge gab.

So also sah dieser Mann aus, über den man in jeder Gesellschaft in diesem Nest sprach, seit die Pastorin ihn als den kommenden Stern am wissenschaftlichen Himmel gepriesen hatte! So sah der Mann aus, dessen Frau haltlos – verzweifelt geweint hatte –, dessen Frau noch jung war und die doch so müde und gleichgültig durchs Leben ging.

Schwertes wußte nicht, warum die feindlichen Gefühle in seinem Herzen immer stärker wurden, warum er mit Gewalt alle guten Stimmen, die sich für diesen Mann in ihm erheben wollten, niederschlug.

Konnte die Frau nicht aus irgendeinem Grunde geweint haben, der mit dem Mann überhaupt in keiner Verbindung stand?

Wußte er es denn nicht zur Genüge, daß Frauen unberechenbar sind, und daß ihre Tränen oft – ja meist – nur der Ausbruch böser Stimmungen und Launen sind?

Konnte sich die Sache zwischen diesen Eheleuten nicht ebensogut umgekehrt verhalten – konnte die Frau nicht der unduldsame Teil sein –, konnte von ihr nicht das ausgehen, was keine Harmonie aufkommen ließ? Ja – und woher wußte er denn überhaupt, daß keine Harmonie zwischen diesen beiden bestand – und wenn es so war – was ging es ihn an? Wie kam er dazu, über das Verhältnis zweier Menschen, die ihm beide völlig fremd waren, nachzudenken?

Freilich, die Pastorin hatte da manches durchblicken lassen, hatte von der süßen, mädchenhaften Innigkeit der Frau und der verschrobenen Art des Mannes gesprochen. »Verschroben« im guten Sinne! Das fügte sie jedesmal hinzu und erzählte dann von dem Werk, das er unter der Feder hatte, als ob sie selbst es Zeile für Zeile gelesen habe, und pries den Ort glücklich, der solch einen Mann unter seinen Einwohnern zählen dürfte.

Schwertes sah sich das gutgeschnittene Profil des Doktors immer eindringlicher an und er mußte zugeben, daß in diesem Gesicht vieles lag, was zu der Annahme, daß hier etwas Besonderes zu erwarten war, lag.

Nur der Mund widersprach. Aus diesem halbverbissenen, ironischen und doch in gewissem Sinn genußfrohen Zug, der um diesen Mund lag, wurde er nicht klug.

Breuer indessen merkte seinerseits, wie das Gefühl einer großen Hochachtung vor dem Major immer stärker in ihm wurde – vielleicht nur aus dem Grunde, weil dieser Mann sich nicht die geringste Mühe gab, das Gespräch aufrechtzuerhalten, irgendwelche Liebenswürdigkeit an den Tag zu legen – ja – weil viel eher eine starke Rücksichtslosigkeit von ihm ausging.

Der Pastor, der gleich beim ersten Begegnen so wortreich und zutunlich gewesen war – hatte ihm nichts bedeutet – den würde er, wenn er ihn wieder zu sehen bekam, mit der Geringschätzung, die er den meisten Menschen zuteil werden ließ, behandeln.

Vor diesem hier aber, der ihn schon körperlich um Haupteslänge überragte, hatte er ein fast beklemmendes Gefühl von Hochachtung, über das er staunte und das ihm keineswegs lieb war.

Der Major fühlte das, und es bereitete ihm eine gewisse grimmige Freude, zum wenigsten gab es ihm die Genugtuung, den Aussagen der Pastorin nicht einfach zustimmen zu müssen, denn die Pastorin hatte neben vielem anderem von diesem Manne behauptet, daß er den Hauch des Großen, des Unnahbaren – ja, den Stempel des Genies so stark um sich verbreite, daß man sich ihm nicht ohne eine gewisse Beklemmung nahen könne. Nun, eine Beklemmung fühlte Schwertes keineswegs, und auch als sie dann endlich in ihrem Gespräch die Oberfläche der Dinge verlassen hatten, und eine wissenschaftliche Frage erörterten, fand er durchaus nicht, daß er diesem Doktor nicht gewachsen sei.

Freilich –, die Menschen dieses Ortes –, der gute Pastor Lerch mit seinem astronomischen Steckenpferd – der genußfreudige Apotheker, der Amtmann, der in Standesvorurteilen erstickte, und die paar andern – was waren das für Menschen! Was bedeutete es, wenn man denen imponierte! Man brauchte sich nur ein wenig anders zu bewegen, als sie es taten – brauchte sie nur ein wenig von oben herab anzusehen – gleich war man dann für sie ein Besonderer – ein Talent – ein Uebermenschein Genie!

Schwertes lief rücksichtslos mit langen Schritten seinen Weg dahin, – dem Doktor, der zart und ein wenig engbrüstig war, fiel es schwer, gleiches Maß zu halten –, aber er tat es – fast wider Willen, immer von dem Drang beseelt, diesem Manne nahe zu kommen, ihn zu bezwingen, seinen Wert, seine Bedeutung zu erkennen. Aber Schwertes blieb kalt und unnahbar. Es stand etwas zwischen ihm und dem Doktor, das sie trennte, das kein Verstehen, keine Herzlichkeit zwischen ihnen aufkommen ließ, und so gestaltete sich der Abschied vor dem Hause des Majors denn auch sehr kühl und es fiel kein freundliches Wort, das von einem Wiedersehen oder dem Vorschlag eines gemeinsamen Ganges durch die Herbstnatur handelte.

Breuer trat verärgert, müde und gereizt in seine Arbeitsstube ein, rief nach Magdalene und quälte sie durch Schweigen und durch die zur Schau getragene Erschöpfung. Er mochte nicht essen, lag im Korbstuhl, der vor seinem Schreibtisch stand, weit zurückgelehnt und blickte ins Weite. Magdalene wagte nicht zu fragen – aber sie litt sehr und ihre Hände schlangen sich nervös ineinander.

»Martin!« sagte sie einmal leise und zärtlich; aber als keine Antwort kam, senkte sie den Kopf, und grauer und schwerer noch als sonst lag das Leben vor ihr.

Im Nachbarhaus saß der Major ebenfalls vor seinem Schreibtisch – genau wie der Doktor in den Sessel zurückgelehnt und den Blick zur Decke gewandt. Er dachte über Breuer nach und fragte sich, warum sein Herz so hart und kühl ihm gegenüber geblieben sei – warum er ihn schroff und fast unhöflich behandelt habe und warum nicht der geringste Wunsch nach einem Wiedersehen mit diesem geistig doch offenkundig nicht unbedeutenden Mann in ihm war.

Er dachte lange und angestrengt, und der einzige Grund, den er für diese seltsame Stellung dem Doktor gegenüber fand, den wollte er nicht gelten lassen – schob ihn zur Seite und kam doch immer wieder darauf zurück.

Sollte es denn wirklich die Frau sein? Diese zarte, müde Frau, die er nicht kannte, mit der er nie ein Wort gewechselt hatte – sollte sie es sein, die ihn dem Mann entfremdete, daß er fast feindlich für ihn fühlte, und nichts von seinem Wesen und seiner Bedeutung wissen und erfahren wollte? Nur weil er diese Frau in jener Maiennacht weinend auf dem Balkon ihres Hauses gesehen hatte – vielleicht aus Laune, aus kleinlichem Eigensinn, aus Bosheit weinend, wie die Frauen doch meist zu weinen pflegen?«



11.

Ehe der Winter vollends ins Land gezogen war, hatte die Pastorin doch noch erreicht, wonach sie im geheimen trotz der Warnungen ihres Mannes und trotz des passiven Widerstandes, den Magdalena ihr geleistet hatte, unablässig gestrebt hatte: das Breuersche Ehepaar war gefügig geworden und hatte zugesagt zu einer geselligen Zusammenkunft im Pastorenhause zu erscheinen.

»Wie ist das möglich?« fragte Magdalene sich und vermochte keine Freude zu empfinden, »wie ist das möglich und zu was für einem Ende wird das führen?«

Aber Breuer selbst war es gewesen, der die Zusage gegeben hatte.

Wie es der Pastorin gelungen war, noch einmal einen Sturmanlauf auf das Breuersche Ehepaar zu machen, und zwar auf den Doktor in höchsteigener Person, als sie ihm bei Wind und Wetter irgendwie in einer Promenade begegnet war, das vermochte Magdalene sich nicht zu erklären. Die Pastorin war mit ihrem Mann unterwegs gewesen, hatte den durchnäßten Doktor, der sie natürlich übersehen wollte, angerufen und hatte auf ihn solange eingesprochen, bis er ganz still und gefügig wurde.

Ja – daß sie alle im Ort so traurig seien über diese fast kränkende Zurückhaltung des Doktors und seiner Frau; sie habe erst vor ein paar Tagen mit dem Major Schwertes darüber gesprochen und habe dem deutlich angemerkt, daß auch er die Gefühle der Allgemeinheit in diesem Punkte teile – und wie sie ihn dann endlich so weit hatte, daß sein Gesicht statt des schroff ablehnenden einen etwas hilflosen Ausdruck annahm, war sie flott aufs Ganze losgegangen, hatte ihm gesagt, daß sie für den Sonnabend dieser Woche ein paar Gäste bei sich habe – nur ganz wenige – unter andern den Major Schwertes und noch ein junges Ehepaar, das erst vor einem Jahr hier herausgezogen sei – und daß er es doch einmal versuchen möchte, ob es denn wirklich ganz unmöglich für ihn sei, die Menschen hier durch seine Anwesenheit zu erfreuen.

»Ja – und ich verspreche es Ihnen feierlich, Herr Doktor – wenn es nicht geht, wenn es sich mit Ihrer Arbeit und Ihren Ansichten nicht vereinen läßt, dann sollen Sie für alle Zeiten von uns befreit sein, ohne daß wir Ihnen deshalb unfreundlich gegenüberstehen werden!«

Der Pastor hatte zu dem großen Redestrom seiner Frau verlegen geschwiegen, aber seine Blicke hatten ängstlich am Gesicht des offensichtlich gepeinigten Doktors gehangen, bis dieser endlich die Antwort gab – eine fast unerwartet liebenswürdige und zusagende Antwort.

Der Pastorin wären fast ein paar Tränen der Freude aus den Augen geflossen; sie reichte dem Doktor stumm die Hand und hatte nur noch leise, aber flehend hinzugefügt:

»Nur um das eine bitte ich Sie, Herr Doktor – halten Sie Wort! Kränken Sie uns jetzt nicht doppelt, indem Sie uns vielleicht nachträglich noch eine Absage schicken!«

Der Doktor hatte die Sache seiner Frau mitgeteilt, so gut es gehen wollte – immer mit dem verlegenen Ausdruck im Gesicht, den Magdalene sich nur zu gut deuten wußte, und aus dem sie nie etwas Freudiges schließen konnte.

Sie hatte ihm nahegelegt, daß es doch und trotzallem noch möglich sein würde, unter irgendeinem Vorwand abzusagen, da sie ja doch wisse, welch ungeheures Opfer es für ihn bedeute, der etwas zudringlichen Bitte der Pastorin zu willfahren, aber Breuer hatte ungeduldig abgewinkt:

»Laß nur; man muß es versuchen! Vielleicht hat sie recht – vielleicht tut es wirklich auf die Dauer nicht gut, sich in der Einsamkeit zu vergraben!«

Nun war der Tag da – ein grauer, schwerer Novembertag, und Magdalene hielt das Kleid in der Hand, das sie anziehen wollte oder mußte, denn es war das einzige, das sie für gesellschaftliche Zwecke besaß.

Es war ein kostbares Kleid, nicht modern, aber von einem Schnitt, der soweit von allen Moden abwich, daß es sich behaupten konnte, und Magdalene freute sich nun doch ein ganz klein wenig und mußte daran denken, wie gern sie früher unter Menschen gegangen war, besonders wenn es solche waren, mit denen sich reden ließ, und der Pastor sowohl wie seine Frau waren beide keine Menschen, bei denen die Unterhaltung sich an der Oberfläche bewegen mußte.

Der Doktor selbst war zerstreut und nervös am Tage der Gesellschaft; er hatte das Gefühl, vor einer unglaublich großen Aufgabe zu stehen, und lief, da er nicht zu arbeiten vermochte, stundenlang in Regen und Sturm umher.

Am aufgeregtesten aber war die Pastorin. Sie hatte zu Ehren der so mühsam errungenen Gäste ein besonders festliches Mahl gerichtet und zitterte bis zum letzten Augenblick, daß der unberechenbare Dr. Breuer vielleicht imstande sei, im allerletzten Moment noch die gefürchtete Absage zu schicken. Auch der Pastor hatte ähnliche Befürchtungen, denn so oft die Klingel tönte, hielt er in seiner Arbeit inne und ward erst wieder ruhiger, wenn er aus Stimme und Art seiner Frau entnehmen konnte, daß das Gefürchtete nicht eingetroffen war.

Gegen 7 Uhr begann die Pastorin endlich die ersehnte Sicherheit in ihrer Seele zu verspüren – sie hatte ein seidenes Kleid angezogen–, und zwar dasjenige von ihren drei seidenen Kleidern, das ihr nach Aussagen ihres Mannes am vorteilhaftesten stand. Nicht, daß sie dem Doktor besonders zu gefallen bestrebt gewesen wäre – aber das Glücksgefühl in ihr war so groß, daß sie ihm auch äußerlich Ausdruck geben mußte.

Unten in der guten Stube sah es so festlich und feierlich aus, wie es nur aussehen konnte: die gut erhaltenen Ueberzüge der stets geschützten Polstermöbel leuchteten, als ob sie frisch aus dem Laden gekommen wären, die Bilder an den Wänden, die zahlreichen Nippessachen, die Napoleon- und Schillerbüste auf dem Kamin – alles strahlte und funkelte, und auch der Pastor Lerch war froher, junger und festlicher gestimmt, als er es sonst zu sein pflegte.

Durchs ganze Haus zog feiner Bratenduft, und weil der Pastor dieses Zeichen des Materialismus ein wenig dämpfen wollte, ging er mit einem würzigen Räucherpulver, das aus Italien stammte, durch die Zimmer und streute es auf die Teppiche, und die Pastorin lachte dazu und freute sich, und am liebsten wäre sie wie in früheren stürmischeren Zeiten ihrem Mann um den Hals gefallen und hätte ihm etwas Liebes und Gutes gesagt. Aber im Laufe der Jahre hatte sie sich diese elementaren Ausbrüche ihres Temperaments abgewöhnt, denn sie würde sich geschämt haben, wenn der Pastor sie vielleicht staunend oder fragend angeblickt hätte.

»Also du führst die junge Frau Breuer, und der Doktor führt mich zu Tisch!« sagte sie noch einmal mit etwas unruhiger Stimme. »Ja, eigentlich dürfte es ja nicht so sein, denn das Ehepaar Ralling ist ja auch zum erstenmal bei uns, und vielleicht legen sie sich diese Bevorzugung der Breuers etwas zu ihren Ungunsten aus. Aber schließlich: dieser Ralling ist ein zugezogener, reich gewordener Kaufmann, der doch wahrscheinlich keine besonderen geistigen Qualitäten hat, und während wir die Breuers mit Mühe und Not zu uns heranziehen mußten, haben die Rallings uns doch fast überlaufen – das mußt du doch zugeben, nicht?« Und der Pastor nickte und lächelte und freute sich. Dann ging die Klingel, und merkwürdigerweise war es der Major Schwertes, der sonst immer zu den Spätlingen gehörte, der heute als erster Gast erschien.

Das Pastorenhaus war wohl das einzige hier im Ort, in dem er sich ein wenig behaglich fühlte und das er nicht ungern betrat. An die redselige, etwas zudringliche, aber doch sehr wahrhaftige und herzliche Art der Pastorin hatte er sich im Laufe der Zeit gewöhnt und in Lerch selber schätzte er einen Mann, der – ohne ein Genie zu sein, doch zu den durchaus universell gebildeten Menschen gehörte, bei dem die Unterhaltung nie auf einem toten Punkt geriet.

Er hatte geglaubt, an diesem Abend ganz in der Familie zu sein und war daher erstaunt, daß das Mädchen ihn nicht ins behagliche Wohnzimmer, sondern in die festlich hergerichtete gute Stube führte, und noch größeres Erstaunen zeigte sich in seinem Gesicht, als die Pastorin ihm im seidenen Gewand mit einem fast jugendlich strahlenden Gesicht entgegenkam.

Sie nahm die Hand, die er ihr reichte, in ihre beiden Hände, sah dabei zu seiner Höhe auf und hatte ein geheimnisvolles Lächeln um den Mund.

»Wem Sie heute in unserm Hause begegnen werden, lieber Herr Major, das werden Sie auch nicht so ohne weiteres erraten!« sagte Lerch und die Pastorin lachte und sagte dann: »Ich wette, er weiß es schon!« Und in der Tat war es für den Major Schwertes nicht allzu schwer, des Rätsels Lösung zu finden, denn er wußte seit langem von der Pastorin selbst, wie sehr sie sich bemüht hatte, das Breuersche Ehepaar endlich der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ein leiser Schatten huschte über sein Gesicht; irgendein ganz leises Schmerzgefühl war in ihm erweckt worden, aber auch sogleich wieder verflogen.

»Ja,« sagte er, »wie soll ich das erraten!« und ehe er etwas weiteres hinzufügen konnte, flüsterte die Pastorin ihm hastig und erregt zu: »Ihre Nachbarn sind es, die kommen werden – der Dr. Breuer mit seiner jungen Frau. Jeden Augenblick können sie kommen: ich habe Ihnen den Platz neben der Frau gegeben und der Doktor wird Ihnen gegenüber sitzen. Verzeihen Sie, Herr Major, wenn ich ein wenig vorlaut bin, aber ich habe ein so seltsam sicheres Gefühl in mir, daß Ihnen in dem Doktor ein Freund oder doch wenigstens ein geistiger Genosse erwachsen wird. Sie wissen, ich gebe etwas auf Ahnungen, und immer, so oft ich an Ihrem und an des Doktors Haus vorüberkomme, hat mich der Gedanke gequält, daß Sie nichts voneinander wußten, gar keine Verbindung miteinander hatten, und auch keine anzustreben sich bemühten. Ich aber weiß – ja ich fühle es mit einer Sicherheit, die nichts erschüttern kann, daß eine geheime geistige Verbindung zwischen Ihrem Hause und dem des Doktors besteht, und daß es da nur einer Hand bedurfte, die die Fäden anknüpfte – nun – und daß es meine Hände sind, die dies Werk der Nächstenliebe verrichten, das darf Sie nicht verdrießen, Herr Major. Ich kann nun einmal nicht gegen meine Natur an und in diesem Fall – – –«

Die Klingel schlug an; auf der Pastorin Gesicht erschien ein flüchtiges Rot – sie hielt in ihrer Rede inne. Auch der Pastor schwieg, und Schwertes rieb sich die Hände und wartete genau so seltsam erregt, wie seine Gastgeber warteten.

Aber anstatt des Breuerschen Ehepaares trat der Rentier Ralling mit seiner sehr eleganten, hübschen und noch jungen Frau ein. Ralling selbst war einer von denen, die genau so viel vorstellen und vorstellen wollen, wie sie in Wirklichkeit sind. Er hatte ein gutes, angenehmes Gesicht und ging der Pastorin Lerch mit großer Herzlichkeit entgegen.

Er war stolz auf seine schöne, junge und elegante Frau, das sah man an der Art, wie er ihre Bewegungen verfolgte, und die Frau war wirklich von großer Anmut und Liebenswürdigkeit. Selbst Schwertes, der ihn schon wiederholt beim Apotheker und beim Amtmann begegnet war, sah mit Wohlgefallen auf ihre kleine und zierliche Gestalt hinab, und als sie ihm die Hand reichte, lächelte er und sagte irgendein scherzendes Wort, wie er es während seiner Soldatenzeit gern zu schönen Frauen gesprochen hatte.

»Kommen sie denn?« fragte Frau Ralling die Pastorin, sobald die Begrüßung zu Ende gekommen war, und die Pastorin nickte, ärgerte sich aber ein ganz klein wenig über die allzu große Eleganz dieser Kaufmannsfrau. Solche Toiletten paßten nicht in ihr einfaches, solides Haus, und vielleicht würde die junge Frau Doktor sich bedrückt fühlen, denn die kam jedenfalls in einem sehr bescheidenen Kleid; vielleicht nicht mal in Seide.

Der Major sog den feinen würzigen Duft, der in der Luft schwebte, ein.

»Exotisch!« erklärte der Pastor, und es war ihm eine Freude, daß es dem Major zu behagen schien.

»Ich möchte sagen, daß es eher gut deutsch weihnachtlich riecht!« meinte er, »und in der Tat sind wir ja nicht mehr allzu weit von Weihnachten entfernt; heute ist Schneeluft, und eigentlich ist der Novembermonat hier in diesem Winkel längst nicht der schlechteste Monat des Jahres!«

»Für mich einer der liebsten Monate,« sagte der Pastor. »Der November bringt mir an Stimmungen, an geheimen Regungen und Gedanken, was keiner seiner elf Brüder mir bringt. Man kapselt sich da so ganz in sich selbst – in seine vier Wände ein, läßt Natur Natur sein und lebt sein geistigstes Leben – ist also eigentlich in einem Zustande fortgesetzten Glückes – oder zum wenigsten man fühlt sich hochgespannter als sonst, traut sich mehr zu – – –«

»Ah,« sagte die Pastorin, von einem leise aufgestiegenen Mißtrauen erlöst, denn es hatte wieder geklingelt, »ah«, und sie trat zu ihrem Mann und dem Major Schwertes hin, »nun müssen sie es endlich sein, und dann wollen wir gleich zu Tisch gehen, liebes Männchen – aber führe die Doktorin behutsam die Treppen hinan – ja?«, und der Pastor nickte und lächelte: »Als ob sie eine alte gebrechliche Dame wäre!« sagte er scherzend, und die Pastorin erwiderte: »Alt ist sie nicht und gebrechlich? Nun, körperlich ist sie ja zart, doch nicht gebrechlich – aber ihre Seele – ja, ich glaube die Seele könnte man bei ihr überzart und darum vielleicht gebrechlich nennen!« »Aber die Seele wird sie sich auf unserer Treppe nicht zerbrechen!« scherzte der Pastor weiter – in sein Gesicht jedoch war es wie ein Schatten gekommen. Dann traten sie ein – durch die weit geöffnete Tür traten sie ein, und wenn die Pastorin behauptet hatte, daß etwas Besonderes, etwas Eigenartiges von diesen beiden Menschen ausgehe, so zeigte es sich jetzt, daß sie nicht ganz unrecht mit dieser Behauptung gehabt hatte.

Der Doktor blieb ernst, ruhig, fremd, nicht weit von der Tür stehen. Mit einem leisen Staunen musterte er das Zimmer, in dem er stand und die Menschen, die ihn umgaben, und sein feingeschnittenes, nervöses Gesicht verriet irgendein Unbehagen, das in ihm wach geworden war.

Der Pastor übernahm die Vorstellung, und da der Major sich in den Hintergrund gestellt hatte, trat er zuerst auf das Rallingsche Ehepaar zu, schämte sich jetzt auch ein wenig der auffallenden Toilette der jungen hübschen Frau, suchte dann den Major und war erfreut, daß die beiden Herren sich bereits kannten, und daß der Doktor, der sich vor den Rallings nur stumm und etwas steif verneigt hatte, dem Major die Hand reichte und ein paar Worte zu ihm sprach.

Die Pastorin hatte Magdalene sogleich in ihre Arme genommen; sie war überwältigt von der feinen, zarten, von leiser Melancholie überschatteten Lieblichkeit ihrer jungen Freundin, machte sie flüchtig mit den Rallings bekannt und trat dann mit einem Ausdruck glücklichen Triumphs im Gesicht auf dem Major zu:

»Herr Major Schwertes,« sagte sie mit einer vorstellenden Handbewegung – »meine liebe Frau Doktor, Sie lernen hier endlich Ihren Herrn Nachbar kennen, endlich, sage ich, denn ich verstehe es nicht, daß Menschen über ein halbes Jahr dicht nebeneinander wohnen können, ohne auch nur den geringsten Versuch gemacht zu haben, eine Bekanntschaft anzuknüpfen. Aber von jetzt an, so hoffe ich, soll nicht nur eine gute Nachbarschaft – sondern eine wahre Freundschaft zwischen Ihnen entstehen, und wenn Sie sich nun die Hände reichen, so lege ich meine Hand darauf, gleichsam zum Segen, mit einem Herzen voll warmer guter Wünsche für Sie alle drei!«

Sie hatte all das eigentlich in scherzendem Ton sagen wollen, aber das gelang ihr nicht, sondern ihre Stimme zitterte vor innerer Ergriffenheit, und bei den letzten Worten, als sie ihre Hände auf die Hände der beiden legte, mußte sie gewaltig schlucken, damit ihr die Tränen nicht aus den Augen liefen.

Des Majors Hand hielt die schmale Hand Magdalenens mit festem Druck umfaßt; seine Augen blickten auf ihr zartes, ernstes Gesicht, ein Schauer ging ihm durch die Seele; vor seinen Augen erstand die Mondnacht im Mai – in der er sie zuerst gesehen, in der sie zuerst auf ihn gewirkt hatte, so – daß er es bis heute nicht vergessen hatte.

Ja – so hatte er sie in seinen Gedanken gesehen, genau so wie sie an diesem Abend aussah, zart, traurig – Weib im Empfinden und doch noch Kind – geschaffen, um geliebt, getragen, vergöttert zu werden – mein Gott – so wie diese hatte er noch keine in der Wirklichkeit gesehen, hatte noch nie empfunden, daß ein Mensch so unmittelbar, so ungewollt und doch so übermächtig zu wirken vermochte. Das war die Frau, wie er sie als Jüngling in seinen Träumen gesehen hatte – war die Frau, von der er alles – alles erwartet hatte – –

Der Druck seiner Hand ließ jählings nach – Magdalenens Finger glitten aus der Umklammerung – ihre Augen umfaßten seine Gestalt, seinen Kopf, sein Gesicht, dann wandte sie sich wieder der Pastorin zu und gleich darauf stand Lerch neben ihr, reichte ihr den Arm und sehr vorsichtig – sehr behutsam, sehr feierlich schritt er, den andern vorauf, mit ihr die Treppe hinan.

Breuer führte die Pastorin, und an des Majors Arm hing die elegante Kaufmannsfrau und lachte und sprach – nicht ohne eine gewisse Anmut, doch eben so, wie sie alle waren – alle die Frauen, die er vor und während seiner Ehe kennen gelernt hatte – auch wie die eine, der er das Beste und Tiefste gegeben, was er damals zu vergeben gehabt hatte, gewesen war.

Im Wohnzimmer war der behagliche runde Tisch, an dem das Pastorenpaar seine Abende zu verbringen pflegte, zu einer üppigen großen Festtafel umgewandelt worden. Das schöne, massive Silberzeug, das ein paar Generationen alt war, strahlte im Licht der flackernden Kerzen, die auf zwei großen, vielarmigen Kandelabern aufgesteckt waren – das feine Porzellan blitzte und der süßwürzige Räucherduft erfüllte auch die Luft dieses Zimmers. Breuer stutzte einen Augenblick, als er, die immer noch sehr erregte Pastorin am Arm, eintrat. Seine Augen mußten sich an die seltsame Beleuchtung, die etwas Beunruhigendes und doch besonders Festliches hatte, gewöhnen. Der Duft des exotischen Räucherpulvers benahm ihm ein wenig die Luft. – Das Sprechen, die Menschen, die ganze Umgebung hier wirkten stark auf ihn, der nun seit Jahren ein einsiedlerisches Leben führte. Seine Blicke suchten Magdalene, und als er sie neben dem Hausherrn stehen sah heiter, unbekümmert und, wie es schien, sogar glücklich – ward er seiner Beklemmung Herr.

»Bitte hier, Herr Doktor!« sagte die Pastorin und wies ihm seinen Platz an, und ehe Breuer es noch recht begriff, saß er zwischen der ganz verklärten Pastorin und jener eleganten jungen Frau, die in ihrer kostbaren hellen Kleidung, geschmückt mit Perlen und Brillanten, wie eine schillernde Schlange aussah – fein, geschmeidig und lockend.

»Ja, wie eine Schlange!« dachte Breuer und suchte wieder Magdalene. Sie saß zwischen dem Pastor und dem Major Schwertes – seltsam beleuchtet von dem flackernden Schein der Kerzen, hatte einen stillen, verträumten Ausdruck im Gesicht, und Breuer, der zwar täglich eng mit dieser Frau zusammenlebte, der aber seit Jahr und Tag nicht mehr darauf geachtet hatte, wie dieses Wesen aussah, das er einstmals seiner Schönheit und Lieblichkeit wegen an sich gerissen hatte, empfand ein staunendes Grauen, als er sie an diesem Abend in der ungewohnten Umgebung anblickte.

War sie immer so schmal, so bleich – so weltentrückt gewesen? Hatten diese dunklen Augen auch damals, als sie den großen Zauber auf ihn ausgeübt, diesen verlorenen, traurigen, sehnenden Ausdruck gehabt? Und war um den Mund auch damals schon der herbe Zug gewesen, der dem Gesicht trotz seiner großen Weiblichkeit etwas Hartes gab?

Er wußte es nicht mehr, wie sie damals gewesen war – nur das eine empfand er, daß sie ihn an diesem Abend hier in der neuen Umgebung sehr fremd, sehr sonderbar anmutete – wie ein Bild, das ihm zwar bekannt vorkam, das er aber nie als sein Eigentum erkennen würde.

Breuers Augen blieben dann an des Majors Gesicht haften. Auch dieser erschien ihm heute in diesem von Sprechen und Lachen erfüllten Zimmer als ein anderer; der riesige, rücksichtslose Mensch, der vor einer oder zwei Wochen mit langen Schritten durch Sturm und Regen neben ihm hergestampft war, der ihm diese seltsame Hochachtung eingeflößt hatte, und der im Grunde die Schuld daran trug, daß er sich am heutigen Abend in diesem Hause befand, der war, wie er jetzt so still und behaglich neben Magdalene saß, wirklich ein ganz, ganz anderer geworden. Das Gesicht hatte etwas Gütiges, Menschenfreundliches – ja, es hatte einen Zug von Weichheit bekommen; auch die Stimme war verändert, die klang nicht mehr rauh und kalt wie auf jenem stürmischen Gang durch die Natur, sondern es war ein ganz eigener Wohllaut in diesem Organ, und sein ganzes Wesen mußte Vertrauen einflößen, denn Magdalene sprach zu ihm, als ob sie ihn seit langem kenne, und Breuer hatte das Gefühl, daß ihr wohl zumute war und daß es ihr Freude machte, mit dem Major sprechen zu dürfen.

Eine Frage schreckte ihn aus seinen stillen Beobachtungen auf:

»Sie sind noch nicht lange hier draußen, Herr Doktor, nicht wahr?« fragte seine schöne Nachbarin und Breuer wandte ihr den Kopf zu, sah ihr zum erstenmal voll ins Gesicht und es dauerte eine Weile, bis er die Antwort fand, denn auch hier geriet seine Fassung wieder ins Stocken.

»Mein Gott – wie ist das alles seltsam!« mußte er denken, und ihm war jetzt, als sei er in einem Museum und wandere von Kunstwerk zu Kunstwerk, denn auch diese Frau packte etwas in ihm an und nahm ihm Ruhe und Ueberlegenheit.

»Nein, noch nicht lange!« sagte er dann wie im Traum, sah wie ein staunendes Kind auf das wundervolle blonde Haar – das lebensfrohe, hübsche Gesicht und den weißen Hals seiner Nachbarin.

»Ja, denn kein Mensch hat Sie je gesehen, Herr Doktor. Wir selber, mein Mann und ich sind ja auch erst ein Jahr hier draußen: aber während wir sämtliche anderen Bewohner schon während der allerersten Wochen kennen lernten, haben wir Sie und auch Ihre Frau Gemahlin noch nicht ein einziges Mal gesehen, und darum ist unsere Freude doppelt groß, daß Sie nun endlich zu uns herabsteigen wollen!«

Sie hatte eine angenehme, klangvolle Stimme; es war ein Ton von Zärtlichkeit darin, der dem Doktor wohltat, der ihn wie eine weiche, schmeichelnde Liebkosung berührte. Noch einmal sah er auf das seltsam hübsche Geschöpf an seiner Seite, von ihr wanderten seine Blicke zu Magdalene, und ein Vergleich drängte sich ihm auf.

»Wie zwei Blumen« dachte er, »aber während die eine überfein von Form und Farbe ist, matt und von einem Duft, der so zart ist, daß man ihn kaum wahrzunehmen vermag – ist diese hier wie eine wundervolle rote Rose, die etwas Betäubendes an sich hat – etwas, was sich aufdrängt, ohne doch lästig zu sein – –« und während er so dachte und seine Blicke wieder und wieder auf seiner Nachbarin ruhen ließ, wanderten des Majors Augen zu ihm hinüber, und stärker als damals während des Marsches in Sturm und Regen fiel ihm jetzt der schwer zu deutende Zug um Breuers Mund auf. Bei Frauen hatte er oft einen solch widerspruchvollen Ausdruck – solch einen Gegensatz zwischen Mund und Augen herausgefunden. Es mochte das im weiblichen Wesen begründet liegen, aber bei einem stark geistig arbeitenden Mann war ihm noch nie eine solche Beobachtung gekommen.

Die Pastorin wandte sich ihrem Nachbar, dem Ehrengast des heutigen Tages mit voller Aufmerksamkeit zu, nachdem der Braten herumgereicht war und nachdem die angenehme Ruhe über sie als Hausfrau kam, die sich erst dann einzustellen pflegte, wenn der materielle Teil einer festlichen Veranstaltung zur Zufriedenheit verlaufen war.

Dann aber war sie auch ganz und gar bei der Sache, denn sie hatte vieles auf dem Herzen, was sie dem Doktor an diesem Abend sagen wollte, und darum gefiel es ihr nicht sonderlich, daß die junge, etwas gefallsüchtige Frau Ralling ihn für ihre Person reichlich stark in Anspruch nahm.

Bevor der Braten zum zweitenmal gereicht wurde, schlug Pastor Lerch an sein Glas, erhob sich und sagte ungefähr folgendes:

»Wenn ich dem Wunsch und Willen meiner lieben Frau folgte, so würde ich unsere lieben verehrten Gäste an diesem Abend mit einer poetischen Ansprache begrüßen – ich würde ihnen in schönen Reimen klarzumachen suchen, welch große Freude ihr Kommen uns bereitet hat. Aber irgendeine Scheu, ein Gefühl ganz besonderer Ehrerbietung vor unserm verehrten Doktor Breuer, diesem Mann, der seine ganze Person einer einzigen großen Geistesaufgabe gewidmet hat, hält mich davon zurück, – wenn auch aus warmem Herzen kommende, so vielleicht doch überflüssige Worte zu machen. Ich will darum mit diesen meinen wenigen Worten nichts anderes ausdrücken, als den innigen Wunsch, daß dieser Abend in unserm Hause den Anfang zu einer tiefen und echten Freundschaft, nicht nur zwischen uns und unsern lieben Gästen, sondern daß er den Anfang der Freundschaft zwischen dem Ehepaar Dr. Breuer und unserm Ort, diesem lieblichen Erdenwinkel, in dem wir leben und in dem wir alle uns wohl aufgehoben und glücklich fühlen, bilden möge! Möge es Ihnen, verehrter Herr Doktor, beschieden sein, Ihr Werk in Ihrer neuen Heimat zu einer glücklichen Vollendung zu bringen und möchte Ihre liebe Gattin sich im Kreise unserer lieben Freunde und Bekannten, die alle ihr mit einem warmen Herzen entgegenkommen, heimisch und glücklich fühlen. Das ist unser Wunsch für Sie, und mehr möchte ich heute nicht hinzufügen, obwohl ich aus dem Gesicht meiner Frau zu lesen glaube, daß sie selbst, wenn sie an meiner Stelle das Wort erhalten hätte, viel mehr gesagt haben würde!«

Die Pastorin lachte laut und lustig auf; in Breuers Gesicht war mädchenhafte Röte gestiegen, und Magdalene senkte die Blicke, während sie mit dem Pastor und dem Major Schwertes anstieß.

»Nun,« sagte die Pastorin zu Breuer, »ich würde vielleicht nicht mehr gesagt haben, als mein Mann es getan hat. Aber viel herzlicher und eindringlicher würde ich es ausgedrückt haben. Sie werden ihn aber richtig verstanden haben, und werden es nun sicher glauben, daß wir alle, alle, die wir hier draußen leben, den großen, herzlichen Wunsch haben, Ihnen und Ihrer lieben Frau das Leben hier so recht, recht schön und heiter zu gestalten!«

Sie war wieder von den eigenen Worten ergriffen und schwieg, obwohl sie gern weiter gesprochen hätte. Breuer dankte ihr liebenswürdiger als es sonst in seiner Art lag, aber dann nahm ihn die Nachbarin zur Linken wieder gefangen, und ohne nur entfernt zu ahnen, daß er die herzliche Pastorin damit kränken könne, lauschte er bis zum Schluß der Mahlzeit nur der melodischen Stimme dieser hübschen, leuchtenden Frau, und hatte dabei immer das seltsam angenehme, prickelnde Gefühl, als ob weiche kühle Hände ihn liebkosten – ein Gefühl, das er bei Magdalene nie – auch zu Beginn ihrer Ehe nicht empfunden hatte.



12.

Schwertes lag zurückgelehnt in einem Sessel, den der Pastor ihm in die Nähe des Kamins gerückt hatte. Die Herren waren, nachdem das Essen vorüber, in die gute Stube hinabgegangen, die drei Frauen saßen oben im behaglichen Wohnzimmer beim Kaffee an einem kleinen runden Tisch und plauderten. Sie saßen alle drei auf dem großen braunroten Sofa, vor dem sonst der größere Tisch stand, der jetzt in die Länge gezogen, zur Festtafel hergerichtet worden war, und auf dem noch Blumen, Früchte und Gläser standen. Die Pastorin hatte ihren Arm in Magdalenens Arm gelegt; die schöne Frau Ralling saß etwas abseits und sie fühlte, daß sie sich durch irgendetwas die Gunst der Pastorin für diesen Abend verscherzt hatte. Magdalene dagegen blickte bewundernd und liebevoll zu der kostbar gekleideten Frau hin; sie gefiel ihr, wie ihr alles was schön, harmonisch und künstlerisch wirkte, gefiel.

Sie kam auch gar nicht auf den Gedanken, daß sie selbst vielleicht sehr unscheinbar neben diesem strahlenden, frischen Weltkind aussah, sie hatte nur mit großer Dankbarkeit bemerkt, daß ihr Mann, ihr kühler, wortkarger Mann Wohlgefallen an seiner Nachbarin gefunden hatte, und daß er während der kurzen Zeit, während der sie beisammen am Tisch gesessen hatten, mehr gesprochen hatte, als er es zu Hause während einer ganzen Woche tat.

Magdalene hatte sich so unaussprechlich vor diesem Abend gefürchtet; mit einer bebenden tödlichen Angst im Herzen war sie in das Haus ihrer Gastgeber eingetreten, hatte das sichere Gefühl gehabt, daß etwas Unerhörtes sich ereignen werde, und sah dann zu ihrer grenzenlosen Erleichterung, daß ihr Mann gar nicht in solchem Grade zum Sonderling geworden war, daß er unter anderen Menschen nicht mehr bestehen konnte.

Nun, da der größte und schwierigste Teil des Abends überwunden war, fühlte sie angenehmes Behagen in sich aufsteigen – die Herzlichkeit der Pastorin tat ihr wohl, und um auch der jungen Frau, die etwas vereinsamt in ihrer Sofaecke lehnte, etwas Gutes zu tun, legte sie ihre Hände um die ringgeschmückte, gepflegte Hand der Frau Ralling und fühlte mit dankbarer Freude, daß der Druck ihrer Hand sehr herzlich erwidert wurde.

Indessen saßen die vier Herren unten ums flackernde Kaminfeuer herum. Schwertes rauchte mit sichtlichem Wohlbehagen seine Zigarre – der Pastor hatte noch immer den Ausdruck glücklichen Zufriedenseins im Gesicht, und der Rentier Ralling saß, wie das so seine Art war, bescheiden und liebenswürdig dem Gespräch folgend, aber selbst fast nie ein Wort in die Unterhaltung werfend, da.

Dr. Breuers Stuhl stand dicht neben dem Sessel, auf dem Schwertes saß. Dem Major war es lieb, daß der Pastor, sei es aus Zufall, sei es aus irgendeiner gewiß gut gemeinten Absicht heraus, den Herrn Ralling in ein Gespräch über Käfer und Schmetterlinge zog, und nach einer Weile mit ihm in sein Arbeitszimmer hinüberging, um ihm seine Sammlungen zu zeigen.

Breuer blickte einen Augenblick staunend auf, als die beiden sich entfernten, schien dann aber ebenfalls sehr zufrieden und fuhr in dem angeschlagenen Gespräch fort.

»Sie sagten, Herr Major, daß der Wille zu einer Sache nicht das Maßgebende sei, ja, daß der Wille zu einer großen Arbeit, die ganz auf geistigem Gebiete liegt, Ihrer Ansicht nach kaum etwas zu bedeuten habe: Sie sehen alles als ein Naturgesetz an, das den betreffenden Menschen, der die Arbeit auszuführen hat, einfach beherrscht, ihm vorschreibt, was er zu tun hat, und ihn zur Ausführung des Arbeitsprozesses zwingt, unter welchen Verhältnissen und äußeren Umständen es auch immer sein möge. Das ist eine Auffassung, die ich nur allzu gern teilen möchte, aber meine langjährigen Erfahrungen haben mich eines anderen belehrt. Bei der Kunst will ich es gelten lassen, daß Bestimmung und starker innerer Drang den Willen zur Arbeit beiseite schieben, ja vielleicht ganz überflüssig machen mögen – bei einer rein geistigen Arbeit aber – ich meine, bei einem durchaus wissenschaftlichen Werk, das mit Kunst nicht das geringste zu tun hat, ist das meiner Ansicht nach nicht möglich!«

»Sie dürfen mich nicht mißverstehen,« erwiderte Schwertes, »ich gehöre nicht zu denen, die an das Gottbegnadetsein in dem Sinne glauben, daß ein solch bevorzugter Mensch nun überhaupt nichts zu tun habe, als auf Stimmen, die hin und wieder sich in ihm regen, zu achten, den Begriff »Arbeit« ganz auszuschalten und auf den Augenblick zu warten, in dem alles sich ganz von selbst gestaltet. Nein, so meine ich es nicht! Ich sage nur: der Drang – das starke Gefühl des Berufenseins muß größer sein als der Wille, etwas Besonderes zu leisten. Jede überragende geistige Schöpfung, ich meine, alles was neu, originell, also aus dem eigenen Geist eines Menschen geboren, entsteht, das kann nicht gewollt sein, sondern muß doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade gegeben sein. Der Verfasser – der Schöpfer, muß besessen sein von dem, was er aus sich heraus zu geben hat, ob er will oder nicht – er muß mit Naturnotwendigkeit die geistige Geburt vollbringen – oder er geht zugrunde an sich selbst – an der Pein, die ihm die Nichterfüllung seiner Bestimmung bringt!«

»Ja,« sagte Breuer, »so verstehe ich es schon eher. Aber dennoch – ich muß dabei bleiben: der Wille, der täglich sich erneuernde Wille ist und bleibt die Hauptsache, und ebenso sind die äußeren Umstände, in denen der Mensch, der schaffen soll und will, lebt, sehr maßgebend!«

Der Major zuckte die Achseln.

»Vielleicht kommen wir zu keinem Verständnis,« sagte er und wieder fiel ihm der schwerzudeutende Zug um Breuers Mund auf, obwohl er ihm im allgemeinen an diesem Abend freundlicher gegenüberstand, als bei ihrer Begegnung in der Waldhütte.

»Es täte mir leid, wenn wir zu keinem Verständnis kämen!« sagte Breuer in einer Art, die fast herzlich klang, denn die große Hochachtung, die er von jenem Tag ihres gemeinschaftlichen Marsches an für den Major empfunden hatte, war noch sehr wach in ihm, ja – hatte vielleicht noch zugenommen, und er wußte, daß er empfindlich darunter leiden würde, wenn das Nachbarhaus sich vor ihm verschlösse und wenn der Major wieder in die kühle Zurückhaltung verfiele, die er damals an den Tag gelegt hatte.

»Sie scheiden z. B. Kunst und Wissenschaft sehr streng voneinander!« fuhr der Major fort – während ich diese beiden Begriffe für sehr enge Verwandte halte. Ein wissenschaftliches Werk, insofern es nicht die Zusammenstellung von bereits Dagewesenem bedeutet, sondern etwas Neues gibt, ist für meine Begriffe ebenso gut Kunst wie eine aus der Phantasie entsprungene Dichtung oder ein Bildwerk, eine Komposition oder was immer es sei. Es fällt unter die Rubrik »Schöpfung«, und alles was Schöpferarbeit bedeutet, unterliegt denselben Vorbedingungen. Es muß alles in dem betreffenden Geist vorhanden sein; es muß auf irgendeine Weise herausgebracht werden; verstehen Sie wohl – ich betone das »muß«, und daher rührt meine Meinung, daß der »Wille« zu geistigen Schöpfungen etwas ganz nebensächliches bedeutet. Und ebenso die äußeren Verhältnisse. Es ist bekannt, daß viele unserer Größten unter den denkbar schwierigsten Bedingungen ihre Schöpfungen vollbracht haben. Ich sprach einmal mit unserem Pastor Lerch darüber; der wollte all das, was ich vertrete, zwar nicht voll anerkennen, machte einige Gegenüberstellungen, die sich auf unsere moderne, bequem gewordene Zeit bezogen, ließ aber im Prinzip meine Auffassungen gelten; besonders die eine, die ja sehr alt ist, und doch immer wieder von Neuem durchlebt werden muß, nämlich, daß der wahrhaft Berufene sich durchsetzt. Der andere, der seine Versuche wiederholt scheitern sieht und schließlich überhaupt keinen Drang, sondern nur noch den Willen, oder sagen wir besser, den Eigensinn hat, etwas Ueberragendes hervorzubringen, der kann vielleicht alt und grau dabei werden, wird aber doch eines Tages zur Einsicht kommen, und sich auf andere Weise mit dem Leben abfinden müssen.«

Breuer sah den Major jetzt mit einem Blick, in dem etwas wie Mißtrauen lag, an.

Warum sagte der ihm all dieses, was so eng mit seiner Person und seiner Tätigkeit zusammenhing? Und wie waren sie überhaupt auf dieses Gespräch gekommen?

Aber dann besann er sich, daß er selbst es gewesen war, der vom Wesen der geistigen Arbeit, ihrem Ursprung und ihren Zielen gesprochen hatte, daß also Schwertes völlig absichtslos auf dieses Thema eingegangen war und seine Ansichten dargelegt hatte. –

»Ich halte es für ein Unglück unserer Zeit,« fügte Schwertes noch hinzu, »daß jeder – auch der kleinsten Begabung heute zu viel Beachtung geschenkt wird, daß es immer mehr Menschen gibt, die keinen bürgerlichen Beruf ergreifen, nur weil sie glauben, Größeres leisten zu können. Aber gerade das ist falsch; meiner Ansicht nach kann ein Mensch erst dann zur Erkenntnis seiner wirklichen Berufung gelangen, wenn er erkennt, daß das Leben ihn auf falsche Bahnen gedrängt hat, wenn er erfahren hat, daß er ins einfach bürgerliche Dasein wirklich nicht hineingehört. Er hat sich dann selbst einen Beweis erbracht, während jener, der von vornherein sich selbst alle Wege zu dem einen Ziel, das er vor Augen hat ebnet, leicht zu Selbstüberschätzung kommt, auch einseitig wird – und – falls die Enttäuschung für ihn kommt, mit vieler Wahrscheinlichkeit daran zugrunde gehen muß!«

»Aber,« unterbrach er sich dann plötzlich, und hatte einen andern Ausdruck als vordem im Gesicht – »lassen wir dies Thema fallen, Herr Doktor. Ich weiß überhaupt nicht, wie wir darauf gekommen sind; wir könnten zu leicht ins Persönliche geraten, denn, wie ich von unsern Gastgebern schon vor längerer Zeit hörte, und wie es überhaupt in unserm Ort bereits bekannt ist, arbeiten ja auch Sie an einem Werk, das Ihre ganze Zeit und Ihre ganze Person in Anspruch nimmt!«

Breuers Gesicht verfinsterte sich um einen Schein.

»Ich mache zwar niemanden gegenüber ein Geheimnis aus meiner Tätigkeit, aber es lag im Grunde nicht in meiner Absicht, dieses zur allgemeinen Kenntnis zu bringen!«

Der Major lachte. »Dafür leben Sie hier auf dem Dorfe, Herr Doktor. Es wird Ihnen in diesem gesegneten Winkel nicht so leicht gelingen, etwas zu tun, wovon Ihre Umgebung nicht sehr schnell unterrichtet ist. Aber das kann Ihnen ja völlig gleichgültig sein; im Gegenteil, Sie sind – ohne daß Sie es wissen – zu einer gewaltigen Respektsperson für sämtliche gesellschaftsfähigen Einwohner dieses Ortes geworden. Man bewundert Sie, ohne doch eine Ahnung von der Art ihrer Arbeit zu haben.« In diesem Augenblick trat der Pastor mit dem Rentier ins Zimmer zurück und von der Treppe her hörte man die Stimme der Pastorin und das klingende Lachen der schönen Frau Ralling.

»Da sind wir!« sagte Frau Lerch, »aber die Herren können ruhig ihre Zigarre zu Ende rauchen und können auch Ihren Platz am Kamin beibehalten. Wir wollen durchaus nicht stören!« Aber die Herren hatten sich schon erhoben und Schwertes schob Magdalene seinen Sessel hin und setzte sich neben sie auf den Stuhl, auf dem zuvor der Doktor gesessen hatte.

Breuer hatte ein seltsames Zucken im Herzen verspürt, als er das Lachen der Frau Ralling gehört hatte. Nun sah er ihr wieder staunend und hilflos ins strahlende Gesicht und fühlte, daß sein Puls schnell ging und daß es ihm Mühe kostete, auf eine Frage der Pastorin in ruhigem Tone zu antworten.

Auch Frau Ralling fühlte irgendeine Unruhe – irgendetwas Prickelndes, sehr Reizvolles, was sie, seitdem sie die große Stadt verlassen und unter diesen einfachen, nüchternen Menschen hier draußen lebte, noch nicht wieder verspürt hatte. Ihre Augen leuchteten in einem tieferen Glanze als gewöhnlich, um ihren vollen, hübschen Mund schwebte ein Lächeln, wie schöne Frauen es meist für solche haben, denen sie nicht gleichgültig bleiben möchten.

Die Pastorin sprach mit dem Mädchen, denn es war noch eine Bowle in Bereitschaft, und selbstgefertigtes kleines Backwerk: beides sollte auf einen Tisch, den man in die Nähe des Kamins rücken wollte, gestellt werden.

Magdalene saß behaglich im Sessel zurückgelehnt; ihre Seele war jetzt völlig in Ruhe und Harmonie, ja, sie fühlte sich glücklicher als seit undenklich langer Zeit.

Konnte nicht doch noch alles gut werden? Konnte es nicht sein, daß ihr Mann trotz seiner geistigen Ueberlegenheit irgendeinen Standpunkt fand, von dem aus es ihm möglich war, die Umwelt in freundlichem Lichte zu sehen?

Dem Major Schwertes erschien Magdalene in ihrem hellen, losen, sehr einfachen Kleid wie ein Bild aus irgendeiner schönen vergangenen Zeit – aus einer Zeit, in der die Frauen noch sehr unbewußt ihrer selbst waren, und die Anmut, die die Natur ihnen verliehen hatte, nicht durch allerlei Kunstmittel zu erhöhen suchten!

Welch ein Gegensatz zwischen diesen beiden jungen Frauen, die sich hier in diesem traulichen Zimmer gegenüber saßen! Die eine ganz der neuen Zeit angehörend, aufs äußerste bemüht, ihre Reize ins rechte Licht zu bringen, und die andere vollständig unbekümmert um den Eindruck, den sie auf ihre Umgebung ausübte.

Und wieder stieg dem Major die Vision jenes längst vergangenen Abends auf, da sie so bitterlich und trostlos geweint hatte, und sein Blick ging von ihr zum Doktor, um noch einmal jenen unklaren Zug in dessen Gesicht festzustellen, der ihm nun schon zweimal zu denken gegeben hatte. Aber ein großes Staunen überfiel ihn, denn er sah den Doktor dicht neben dem Sessel, auf dem die schöne Frau Ralling saß, stehend, den Kopf ein wenig zu ihr herabgeneigt, ein seltsames Lächeln um den Mund und ein flimmerndes Leuchten in den Augen.

Jetzt lachte er über eine lustige Bemerkung, die sie gemacht hatte – lachte genau so, wie andere lebensfrohe, heitere Manschen zu lachen pflegen, wenn man ihnen etwas Scherzhaftes erzählt, und nun sah auch Magdalene auf, und ein maßloses Staunen lag in ihrem Gesicht, als sie ihren Mann anblickte.

So konnte er lachen? Auf diese Weise konnte er sich mit Frauen unterhalten? Genau wie ein Gesellschaftsmensch – so wie es die Herren getan hatten, die sie früher als junges Mädchen in Gesellschaften getroffen hatte!

Ein kleines schmerzhaftes Zucken war durch ihr Herz gegangen, war aber im selben Augenblick auch wieder verflogen, um einer großen Freude Platz zu machen.

Mein Gott, wenn es so bleiben wollte! Wenn die Pastorin recht behielte, die ihr noch vorhin oben auf dem braunroten Sofa gesagt hatte, daß sie es ganz sicher wisse, daß der Doktor im tiefsten Grunde gar kein Menschenfeind oder -verächter sei, daß man ihn nur mit Gewalt aus seiner einsiedlerischen Welt herausreißen müsse – dann werde es schon gut und vernünftig mit ihm werden! Ein Gefühl tiefer, inniger Dankbarkeit gegen die Pastorin wachte in ihr auf, und als diese jetzt an ihre Seite trat und ihr mit ihrer weichen, warmen Hand zärtlich über die Wange strich, nahm Magdalene diese Hand, führte sie an ihre Lippen und hauchte einen Kuß darauf. Der Major sah diese Liebkosung und erriet die Gefühle der jungen Frau. Die war glücklich, war vielleicht für alle Zeiten beruhigt über den Mann, den sie so sonderbar verändert fand.

Ja, der Major sah all das und empfand es mit ihr, aber darüber hinaus sah er noch etwas anderes, was in Magdalenens reine Seele nicht hineingewollt hatte und was auch er lieber nicht wahrgenommen hätte, denn es erschien ihm nicht schön und beruhigend, und sein Mißtrauen, das ihn bei der ersten Begegnung mit dem Doktor beherrscht hatte und das an diesem Abend weniger stark gewesen war, gewann nun wieder an Kraft, und noch einmal ließ er seine Blicke über die kokettierende Frau und den offensichtlich sehr erregten Doktor schweifen.

Auch die Pastorin sah auf das Paar, und im geheimen faßte sie den Entschluß, diese Frau Ralling nicht mehr in ihr Haus einzuladen, und sie würde auch ihren Mann gleich darauf aufmerksam machen, damit er gar nicht abzustreiten versuchte, was doch jedes Kind sehen konnte: nämlich, daß diese Frau eine ganz gefährliche Kokette war. Schade um den netten, bescheidenen Mann, den sie hatte und der nun mit ihr leiden mußte, denn natürlich konnte man ihn ohne seine Frau nicht einladen!

Durch Magdalenens Kopf stürmten Fragen – seltsame, traurige Fragen. Hat er je so mit mir gesprochen?, so mit mir gelacht? Hat er je gesucht, irgendeinen Reiz auszuüben?, überhaupt je sich die geringste Mühe gegeben, mir zu gefallen, mein Interesse zu erregen?

Und sie mußte sich all diese Fragen mit einem »Nein« beantworten. Nein – nie war er liebenswürdig, unterhaltsam, nicht einmal eigentlich höflich zu ihr gewesen. Gleich von allem Beginn an herrisch, verlangend, von dem starren Wunsch, sie zu besitzen, beseelt.

Er hatte ihr damals wohl gesagt, daß er sie liebe und daß sie notwendig für sein Leben und für seine Arbeit sei, aber diese Art, die sie heute zum erstenmal an ihm gewahrte und die ihr gefiel, die hatte er ihr gegenüber nie gezeigt.

War das Eifersucht, was sie jetzt empfand? Gönnte sie dieser hübschen, lebenslustigen Frau nicht, daß der wortkarge Mann durch sie heiter und gesprächig wurde?

Nein, o nein! Sie freute sich – ja, sie war glücklich, war dankbar, und wenn es nur eben einzurichten war, dann wollte sie alles tun, um diese Frau oft mit ihrem Mann zusammenzubringen, damit er das Sprechen und Lachen und Frohsinn endlich erlernte.

Und doch kam Wieder und wieder das leise, böse Schmerzgefühl. Jedesmal, wenn sie das Lachen des Mannes hörte, wenn sie den erregten, belebten Zug in seinem Gesichte sah, stieg es heiß in ihr auf.

Sie selbst also hatte das nicht über ihn vermocht! Sie selbst hatte es nicht fertig gebracht, ihn auch nur einmal während der langen Zeit ihrer Ehe in eine solche Stimmung zu versetzen! Hatte also, wenn sie offen gegen sich selbst sein wollte, lähmend, ermattend auf ihn gewirkt!

Ihr Gesicht war plötzlich von Schwermut ganz überschattet; die leichte, freie Haltung, die ihr an diesem Abend ein so besonders jugendliches Aussehen gegeben hatte, war plötzlich fort. Sie sank in sich zusammen, neigte den Kopf ein wenig nach vorn, und der Major dachte:

»Wenn sie jetzt allein wäre, würde sie vielleicht wieder weinen!« und schloß daraus, daß sie diesen Mann lieben mußte, daß sie ihn sehr tief und innig lieben mußte. Denn sonst würde sie das kleine Schauspiel, das die beiden vor ihr da boten, entweder gleichgültig oder vielleicht sogar freudig auffassen, statt dieses unverhüllte Leid zur Schau zu tragen.

Der Major strich sich mit seinem Hand über Wange und Kinn, nahm zerstreut das Glas, das die Pastorin ihm bot, und kam aus seinen tiefen Gedanken trotz aller Anstrengung nicht mehr heraus.

»Nun, lieber Herr Doktor,« sagte plötzlich Frau Pastor Lerch und zwang den Doktor, der ein wenig erschrocken aus seiner Unterhaltung mit der schönen, jungen Frau auffuhr, zu ihr aufzusehen, »nun, lieber Herr Doktor, sollten Sie sich hier auf diesen Stuhl setzen und meinem armen Manne, der sich sehr auf diesen Abend gefreut hat und der bis jetzt nur wenig von Ihnen gehabt hat, ein paar Minuten schenken. Dabei müssen Sie natürlich unsere Bowle nicht vergessen – so, ich rücke Ihren Stuhl näher an den Kamin heran!« – und ohne daß Breuer Lust und Neigung dazu gehabt hatte, saß er zwischen dem Pastorenehepaar, und die Frau, die ihn gereizt und erregt hatte, war seinen Blicken entzogen.

Magdalenens Gesicht war noch um einen Schein bleicher geworden; sie sah, daß die Züge ihres Mannes wieder den gewohnten kühlen, überlegenen Ausdruck annahmen, fühlte, daß etwas in ihm sich gegen diese Vergewaltigung aufbäumte, und die alte, verzehrende Angst kam in ihre Seele zurück.

An Schwertes, der dicht neben ihr saß, dachte sie in diesen Augenblicken nicht; sie dachte auch nicht an die beiden herzensguten Gastgeber und an das andere Paar, das hier in diesem Zimmer war. Jeder Gedanke, jedes ihres bangen, trostlosen Gefühle, das sie peinigte, war bei dem Mann, zu dem sie gehörte, mit dem sie unlöslich verbunden war, für immer – für ihr ganzes, ganzes Leben.

Oh, hätte sie das, was soeben gewesen, nicht zu sehen brauchen, daß unter dieser undurchdringlichen Maske, die er ihr und der Welt gegenüber trug, noch ein anderes Gesicht steckte, das er nur dann zeigte, wenn ein Mensch es vorstand, ihm bis ins tiefste Innere hineinzugreifen!

Nun würde das immer, immer vor ihr stehen, und die Trauer, daß es ihr versagt geblieben war, diese Seite seines Wesens zu erfassen, würde niemals von ihr weichen.

Immer leidvoller ward das feine, schmale Gesicht – müde und todestraurig die Augen, und um den Mund lief ein Zucken.

»Wie sie ihn lieben muß!« dachte der Major wieder, aber dann gab er sich einen Ruck, erhob sein Glas und stieß mit der Pastorin an.

»Ein herzlicher Dank für diesen schönen Abend soll das sein!« Und auch mit Magdalene stieß er an und zwang sie, ihm in die Augen zu blicken, und hatte, nachdem das geschehen war, das gute Gefühl, daß wieder Ruhe in ihre aufgewühlte Seele gekommen war und daß irgendetwas in seinem Blick ihr wohlgetan hatte.

Es war nicht möglich, Breuer in ein allgemeines Gespräch zu ziehen. Es lag in seiner Art, die Dinge, so aufzufassen, daß man eine einmal begonnene Unterhaltung mit ihm nicht ohne weiteres wieder aufgeben konnte, sondern in Tiefen und Widersprüche hineingezogen wurde, und so kam es denn auch jetzt, daß er den Pastor Lerch allein für sich in Anspruch nahm, und da die Pastorin aus Liebenswürdigkeit sich dem etwas vereinsamten Ralling zuwandte, blieb für den Major nichts anderes übrig, als seine stille, in Nachdenken versunkene Nachbarin zur Gegenwart zurückzurufen, und er tat das auf so zarte, gute Weise, daß sie ihm ohne Mühe zu folgen vermochte, und daß es ihr schließlich war, als mache sie an seiner Hand einen Weg durch unendlich liebliche, sanfte Landschaften, als sähe sie nichts anderes als Blumen, grünende Bäume, murmelnde Wasser und lichte Sonne rings um sich her.

Ein paarmal schlug sie staunend die Augen zu Schwertes auf.

War das denn der, von dem sie so viel Unliebenswürdiges gehört hatte? Von dem man ihr gesagt hatte, daß er, ähnlich wie ihr Mann, ein Einsiedler und Menschenfeind sei und nur gezwungen einen oberflächlichen Umgang mit den Leuten, die ihm keine Ruhe ließen, pflegte.

Diese Augen aber hatten doch einen Ausdruck so tiefer, wahrhafter Güte, und dieser Mund sprach so liebe, zarte, gute Dinge, daß man wirklich nicht denken konnte, daß das der Ausfluß einer verbitterten Seele sei.

»Nein,« antwortete ihm Magdalene auf die Frage, ob sie denn überhaupt wisse, wie schön dies Stücklein Erde sei, das sie sich zur Heimat auserkoren habe. »Nein, ich weiß es nicht. Ich kenne nur den See und die Promenaden und ein Stücklein von dem dunklen Wald, der von unserem Hause aus in Mondscheinnächten wie ein schwarzes, wuchtiges Gebirge aussieht. Weiter kenne ich nichts, und mein Mann kennt auch kaum mehr – es sei denn, daß er jetzt auf seinen herbstlichen Wanderungen weiter gekommen sei. Er hat mir nicht davon erzählt, und er geht ja auch nicht wie andere Menschen durch die Natur, sondern seine Gedanken sind immer bei seiner Arbeit, und wenn er nach Hause kommt, weiß er nichts mehr von dem, was er gesehen hat!«

Breuer hatte inzwischen seinen Stuhl so gerückt, daß er wieder in das Gesicht Frau Rallings blicken konnte. Er hatte das aus einem Impuls heraus getan, völlig arglos, nicht im geringsten von dem Gefühl beschwert, daß sein offenkundig gezeigtes Gefallen, das er an der schönen, jungen Frau nahm, von den andern, die hier anwesend waren, in irgendeiner Art mißbilligend gedeutet werden könnte.

Und war es ein Unrecht, das er beging? War es etwas Unerlaubtes, ein Kunstwerk, sei es nun aus Fleisch und Blut und voller Leben, oder sei es aus totem Stein oder auf einer Leinwand in Farben dargestellt, zu bewundern?

Nein. Breuer hatte auch nicht das leiseste Gefühl, irgendein Unrecht oder auch nur eine Taktlosigkeit zu begehen. Es war einfach seine Art so – er konnte nicht heucheln; er hatte sich durch seine vereinsamte Lebensführung zu weit von der Komödie, die die Menschen einander vorzuspielen gezwungen sind, entfernt, um etwas zu verbergen, wenn es ihn heftig bewegte oder erregte.

Wenn hier schon auf einer Seite eine Schuld lag, dann lag sie auf der Seite der Frau, der es gefiel, daß eine starke Wirkung von ihr ausging, und die nun zwar, durch der Pastorin verändertes Wesen vorsichtig geworden, das leise Spiel mit dem weltfremden Mann fortsetzte.

Sie alle sahen und fühlten es. In Magdalenens Gesicht zitterte der Schmerz; der Pastorin Mienen waren gespannt; sie hatte etwas vom gereizten Tiere an sich, das zupacken möchte, und selbst der gute Lerch fühlte Unmut in seine Seele ziehen.

Der Ehemann Ralling aber war sichtlich erfreut darüber, daß es seiner Frau gelang, einen so steifen, unliebenswürdigen Herrn, wie dieser Doktor es doch sein sollte, so schnell für sich zu gewinnen, und je verführerischer das Lächeln seiner Frau ward, um so mehr fühlte er seinen Stolz steigen. Diese Frau war ein Juwel; sie ebnete ihm die Wege zu jeder Gesellschaftssphäre, und er nahm sich vor, sein Haus allen Geselligkeiten viel weiter zu öffnen, als er es bisher getan hatte – fühlte auch den Mut, sowohl den Major Schwertes, wie dieses Ehepaar Breuer bei Gelegenheit zu bitten, ihnen die große Freude ihres Besuches zu machen.

Als die Uhr Mitternacht schlug, stand Schwertes auf, und Magdalene erhob sich mit ihm.

»Martin,« sagte sie leise und weckte ihn damit, rief ihn zurück aus einer Welt, die ihm neu und unsäglich reizvoll war, sah, wie das durchleuchtete Gesicht im Augenblick kalt und schlaff wurde, und mußte alle Kraft zusammenraffen, um jetzt nicht Schiffbruch zu leiden, um nicht all denen, deren Blicke in Teilnahme auf sie gerichtet waren, zu zeigen, daß sie traurig, ganz unaussprechlich traurig war.

Für die Pastorin war das Fest, das so schön begonnen hatte, zerstört. Sie sehnte sich jetzt nach dem Augenblick, in dem sie mit ihrem Mann allein war, um ihr übervolles Herz zu erleichtern. Der Pastor hatte zwar einiges gesehen, was ihm nicht recht gefallen wollte, war aber doch weit davon entfernt, auf den Gedanken zu kommen, daß es eine Tragödie gewesen sei, die sich da in seinem Hause abgespielt hatte, und er schüttelte auch immer wieder den Kopf, als die erregte Frau ihm das klarzumachen suchte.

»Für die arme, kleine Magdalene war es eine Tragödie! Hast du nicht den entsetzten Ausdruck in ihren Augen gesehen? Hast du nicht bemerkt, wie bleich und wortkarg sie geworden ist, während sie doch vorher heiter und lebhaft war?«

Aber der Pastor begriff es trotz allem nicht in dem Umfang, wie seine Frau es wünschte. Sie ordnete mit nicht ganz sicheren Händen, was an diesem Abend noch zu ordnen war und hatte nur einen etwas kühlen Nachtgruß für den Mann, der nicht zu sehen und wahrzunehmen vermochte, was doch jedem Kinde ausgefallen wäre.

Schwertes hatte sich sehr eilig verabschiedet: es lag ihm daran, allein aus dem Hause zu kommen. Magdalenens Hand hatte zum Abschied wie ein zitterndes Vöglein in der seinen gelegen. Ihre Augen hatten ihn mit dem hilflosen Blick eines Menschen, der sich bis in die Tiefe seiner Seele erkannt weiß, angeblickt, und dieser Blick verfolgte den Major, als er gleich hinter dem Pastorenhaus nach links abbog und die kühle, helle Nacht zu einem weiten Marsch durch angrenzende Felder und einsame Dorfstraßen benutzte.

Das Ehepaar Ralling ging noch ein Stücklein mit den Breuers. Frau Ralling lud Magdalene herzlich ein, sie zu besuchen; dann trennten sie sich, und schweigend schritt der Doktor neben seiner Frau dem Hause zu, schloß die Tür auf, ließ sie die Treppe hinangehen und trat in sein Arbeitszimmer ein.



13.

In der Dunkelheit der Nacht, die folgte, sah Magdalene alle Dinge in verzerrter, vergrößerter Gestalt. Unheimlich klang ihr das Lachen der fremden Frau; das Blitzen der Edelsteine, die sie an Hals, Brust und an den Händen getragen hatte, tat ihr weh. Die Bewegungen des zierlichen Körpers erschienen ihr wie die Windungen eines Schlangenleibes, und doch war nichts von bösem Haß oder feindlicher Eifersucht in ihrer Seele.

Nur Trauer, maßlose Trauer hielt sie in einem schweren Bann. Trauer darüber, daß andere Frauen glücklichere Fähigkeiten als sie besaßen, mit denen sie einen ernsten, zum Grübeln veranlagten Mann zum Frohsinn zu bringen verstanden.

Sie wußte es jetzt mit voller Sicherheit, daß es an ihr, nur an ihrer Person allein gelegen hatte, wenn ihre Ehe zu keiner harmonischen geworden war, wenn der Mann sich ganz in sich selbst zurückgezogen und allen Freuden und Zerstreuungen des Lebens entsagt hatte.

Schwer und dräuend legte sich diese Beklemmung auf ihre Seele; der Schlaf blieb fern. Die Stunden wurden lang, der arme Kopf arbeitete verzweifelt gegen immer neue, niederdrückende Erinnerungen und Erkenntnisse, die auf ihn einstürmten. Traurig war das Leben, das hinter ihr lag, aber viel, viel trauriger schien ihr das, das von heute an vor ihr lag, werden zu sollen.

Das Bild ihres Vaters erschien vor ihr: sie suchte Trost und Ruhe bei ihm zu finden, aber dann sah sie ein, daß auch hier kein Halt mehr für sie war. In Worten war das, was jetzt in ihr vorging, ja wohl überhaupt nicht auszudrücken. Wer das verstehen würde, der müßte schon mit eigenen Augen gesehen haben, was vor sich gegangen war und müßte dann trotzdem noch eine sehr feine Seele haben, um ihren Schmerz und all die quälenden Vorstellungen, die in ihr wogten, zu begreifen.

Die Pastorin oder der gute Pastor Lerch? Ob die verstanden hatten?

Ja, die hatten wohl beide gesehen, daß die fremde Frau ihrem Manne gefallen hatte, waren auch ein wenig mißgestimmt gewesen, vielleicht nur deshalb, weil dieser weltliche Ton nicht in ihr stilles Haus paßte und mochten Mitleid mit ihr gehabt haben.

Magdalenens Herz krampfte sich zusammen. Wie häßlich und beschämend war das, das Mitleid anderer Menschen zu erregen!

Vielleicht kam die Pastorin an einem der nächsten Tage zu ihr, um sie zu trösten und Magdalene fühlte schon jetzt das furchtbar Demütigende, das dieser Besuch mit sich bringen würde.

Nein, ganz bis in den tiefsten Grund hinein aber hatte die Pastorin sie trotz ihres schon an diesem Abend offenbarten Mitleids nicht verstanden. Die glaubte wahrscheinlich, daß Magdalene von böser, häßlicher Eifersucht gequält sei, und daß sie diese junge lebensfrohe, elegante Frau um den Zauber, der von ihr ausgegangen war, beneidete; daß sie sich mit kleinen, haßerfüllten Empfindungen herumschlug. Magdalene schloß die Augen: sie war so müde; der Kopf schmerzte und in den Schläfen hämmerte das Blut. Von der Kirchenuhr drangen vier Schläge zu ihr hin; Breuer war noch nicht hinaufgekommen, kam vielleicht überhaupt nicht, sondern lag unten auf seinem Sofa, das er sich vor ein paar Wochen in sein Zimmer hatte bringen lassen, und seitdem manche Nacht sein Bett nicht mehr aufsuchte.

»Schlafen!« flüsterte Magdalene und legte die Hand über die Augen, um all die Bilder, die vor ihr gaukelten, die in jeder Minute wechselten und immer heller, immer aufdringlicher wurden, zu verbannen. Es half auch ein wenig: die Gedanken kreisten nicht mehr mit dieser wirbelnden Schnelligkeit durch ihren Kopf, das Blut schlug nicht mehr laut und heiß an ihre Schläfen, die Stimmen, die sie hörte, wurden leiser, die Gestalten verschwommener.

Aber dann war sie doch wieder nicht allein, sah deutlich einen Menschen vor sich stehen, sah in gute, tiefe, verstehende Augen, hörte eine warme, klangvolle Stimme, die zu ihr sprach.

Mein Gott – träumte sie? Lag sie hier in ihrem Bett? War sie allein im Zimmer, allein in dieser ganzen Flucht von Zimmern um sie her? Sie hatte doch sprechen hören, hatte den Druck einer Hand verspürt, hatte ein Gesicht ganz nahe vor sich gesehen.

Sie saß steil aufgerichtet in ihrem Bett, suchte das Dunkel zu durchdringen, aber es war alles still um sie her, kein Laut, keine Bewegung und nun auch nicht der schwache Umriß irgendeiner Gestalt mehr. Müde fiel sie in ihre Kissen zurück, hörte dann noch die Tür von ihres Mannes Zimmer gehen, hörte ihn die Stufen der Treppen hinansteigen und ins benachbarte Zimmer eintreten.

Dann nichts mehr; der Tag war nicht mehr fern, aber die Welt lag noch in tiefer Finsternis und Magdalena schlief nun wirklich ein und schlief, bis der Tag so weit vorgeschritten war, daß das Licht eines trüben Novembermorgens bis zu ihr hindrang.

Breuer aber hatte nur eine einzige Stunde in dieser Nacht zu ruhen vermocht; sein Geist war wundervoll bewegt. Alles, was gestern noch schwer und undurchdringlich und dunkel vor ihm gelegen hatte, war in dieser Nacht in herrlicher Klarheit vor ihm erstanden. Er saß am Tisch in seiner einsamen, halbdunklen Stube, und die Feder flog über das Papier; die Gedanken formten sich, ohne daß er das geringste dazu tat; eine Welt hatte sich ihm geöffnet, an deren Toren er tausendmal vergeblich gerüttelt hatte.

Wie im Traum kam ihm das Gespräch, das er mit dem Major geführt hatte, wieder in den Sinn. Was hatte der doch gesagt?

»Der Drang, das ›Müssen‹ muß größer sein als der Wille; der Wille hat bei dem wirklich Berufenen eigentlich überhaupt nichts zu bedeuten!«

Gestern noch hatte er lebhaft widersprochen, hatte den Major als einen, der geistigen Schaffenswelt Fernstehenden behandelt und jetzt schon machte er an sich selbst die Erfahrung, daß seine Behauptung nicht aus der Luft gegriffen war, nicht der Begründung entbehrte.

Der gestrige Abend stand als Nebenerscheinung während der Arbeit, die sich von selbst vorrichtete, vor ihm auf. Er atmete den sonderbar fremdartigen Duft, der in den Zimmern des Pastorenhauses gelegen hatte, ein; er sah die behaglich ausgestatteten Räume, hörte die herzliche Stimme der Pastorin, fühlte den warmen dankbaren Händedruck Lerchs und sah die hohe Gestalt seines Nachbarn Schwertes.

Durch das Fenster, dessen Vorhänge zurückgezogen waren, blickte er durch die graue Luft hindurch zum Nachbarhaus hinüber. Bis vor einer Woche noch war dies Haus ihm nichts anderes als ein wenig schöner Steinhaufen, von einem mit wenig Geschmack begabten Architekten zusammengefügt, gewesen. Heute war es für ihn zu etwas Besonderem geworden, fast zu einem Tempel, denn in diesen grauen Mauern lebte, dachte und bewegte sich einer, dessen Denken, Urteilen und dessen Art und Wesen ihm nicht gleichgültig war –, einer von den ganz Wenigen, bei denen all das künstlich Angenommene, bei denen alle Ueberlegenheit, alles Herabsehen von ihm abfiel, dem gegenüber er fast ein Gefühl von Unsicherheit und Kleinheit in sich trug. Heute war er sehr versöhnt mit der Welt und der Menschheit, hatte gute, duldsame Gedanken, die ihm seit lange fremd geworden waren, hatte eine Weichheit in der Seele, an die er längst nicht mehr geglaubt hatte.

Magdalene trat zu ihm ins Zimmer. Sie trug ein helles, loses Morgenkleid und sah sehr bleich aus. Das Gesicht hatte einen matten Ausdruck, unter den Augen lagen schwarze Schatten, die Haltung war ein wenig gebeugt.

Sehr leise kam sie auf ihren Mann zu, und um Breuers Mund zuckte es wie von Angst und Ungeduld.

»Nicht stören, Magdalene, nicht näher kommen!« sagte er, ohne es eigentlich sagen zu wollen, und da war sie mit unhörbaren Schritten auch schon wieder aus dem Zimmer heraus, aber Breuer legte nun auch seine Feder hin. Der Faden war zerrissen; die Klarheit war zerstört, die Welt, die so schön und leicht vor ihm gelegen hatte, war jählings zum Trümmerhaufen geworden.

Er griff sich an die Stirn. Neben Magdalene sah er Gesicht und Körper einer anderen Frau, hörte klingendes Lachen, sah einen plaudernden, roten Mund, sah die anmutige Biegsamkeit eines zierlichen Körpers, atmete den Duft von sehr blondem, lockigem Haar..

»Gott im Himmel!« stöhnte er auf und griff sich wieder an die Stirn.

Sehnsucht war in seinem Herzen. Kein böses, wildes Verlangen, aber die Sehnsucht eines Kindes nach Lichterglanz, nach Schönem, Glänzendem, Lockendem!

Magdalene! War denn Magdalene nicht das Licht, der Halt seines Lebens? Magdalene ein Licht? Nein, er mußte lächeln! Ein Licht war sie nicht, höchstens eine Flamme, die zwar eine stete gute Wärme um sich verbreitet, die aber nicht aus der dunklen Welt des Alltags hinauszulocken vermag, nein, die einen eher immer wieder in die graue Nüchternheit zurückzwingt.

Magdalene, ein Symbol der stillen, entsagenden Pflichterfüllung, ein Mustermensch, eine Zusammensetzung von allen Tugenden, die es in der Welt gab, aber kein Feuer, kein Temperament in ihr, keine einzige Eigenschaft, die herausreißt, die einen von tausend geistigen Banden umfangenen Menschen erlösen und zum glücklichen Schaffen bringen kann. Er stützte den Kopf in die Hand.

»Welch ein Irrtum!« sagte er leise, »und sie war mir doch einstmals der Inbegriff alles Köstlichsten, gab mir damals doch das unbedingte Vertrauen durch ihren Besitz zum Ziele zu gelangen!«

Wieder stand der gestrige Abend vor ihm auf. Wieder sah er die beiden Frauen einander gegenübersitzen – bleich, still und fein die eine, und die andere voll Leben und sprühendem Temperament.

»Ich weiß nicht, was es ist, begreife nicht, daß es immer wieder Dinge, Menschen und Erscheinungen gibt, die einen des freien Willens berauben, die einen knechten und von allen Höhen herabwerfen!« Das Zimmer ward zu eng. Das Herz schlug in lauten Stößen, er hatte nun doch das Bedürfnis, mit Magdalene zu sprechen, rief ihren Namen, aber da sie nicht antwortete, nahm er den Hut vom Haken und lief ins Freie, wo kühle, feuchte Novemberluft ihn wenig freundlich und doch befreiend umfing.

An diesem Tag fuhr Magdalene zum erstenmal seit sie hier draußen wohnten, in die Stadt. Irgendein starkes Verlangen, nicht nur den Vater, sondern alle die, die zu ihr gehörten, mit denen sie aufgewachsen war, wiederzusehen, trieb sie.

Sie wußte nicht, wie bleich und müd sie aussah, daß sie den Eindruck eines Menschen machte, bei dem Körper und Seele von schwerer Krankheit befallen sind. Es wäre ihr auch gleichgültig gewesen, wenn sie es gewußt hätte, wenn sie im Spiegel ihr Bild eingehender gemustert hätte.

In der Stadt kam sie an dem Kunstladen des Herrn Gormann vorüber; sie mußte an den Tag denken, an dem sie mit ihrem Mann in dessen Bureau gesessen hatte und wie ihr dann der Gang, den sie zu ihrem Vater machen mußte, als etwas Unmögliches erschienen war.

Und war dann doch bei weitem nicht so schlimm und demütigend gewesen, als sie gefürchtet hatte – war sogar in gewissem Sinne gut und schön gewesen, weil sie von neuem einen Beweis der großen Liebe des Vaters zu ihr erhalten hatte.

Ach, nichts im Leben war in der Wirklichkeit so schlimm, wie die Phantasie es sich auszumalen pflegt, und auch das, woran sie jetzt trug, war vielleicht nichts anderes als ein Phantasiegebilde.

Magdalene blieb einige Minuten in tiefe Gedanken versunken, vor den Schaufenstern stehen. Sie sah die darin ausgelegten Bilder und Kunstwerke und sah sie doch auch wieder nicht. Der Kopf war schwer und die Gedanken ließen sich nicht zwingen, gingen hartnäckig ihre eigenen Wege.

Immer sah sie das Bild der Frau vom gestrigen Abend vor sich – die leuchtenden Augen und den lachenden Mund.

Mein Gott, wer so sein könnte! Wer die Leichtigkeit und das große Glück hätte, das Leben von dieser Seite aufzufassen!

Langsam ging sie weiter; es war noch früh am Nachmittag, der Vater noch in der Fabrik und die Mutter und die Geschwister wahrscheinlich maßlos erstaunt, wenn sie nach so langer Zeit und ohne Anmeldung zu ihnen kam. Sie überlegte, ob sie nicht doch erst zum Vater gehen sollte, aber dann die Erinnerung an den bangen Ausdruck in seinem Gesicht, den sie jedesmal bei ihren Besuchen in der Fabrik beobachtet hatte.

Heute kam sie ohne die beschämende Bitte um Geld; aber wenn sie heute sprechen würde, dann wäre es wohl weit, weit schlimmer als je zuvor eine Aussprache zwischen ihr und dem Vater gewesen war.

Wie fremd war sie doch überall, wie einsam! In dieser Stadt war sie geboren; in dieser Stadt wohnte ein Vater, der sie liebte, wohnten Geschwister, die ehrliche Zuneigung zu ihr hatten. Auch Freunde aus früheren Zeiten lebten hier, und doch hatte Magdalene das bittere Gefühl, von aller Welt verlassen zu sein, von keiner Seele froh und warm begrüßt zu werden.

Vor der Tür des Hauses, in dem sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hatte, sank ihr der Mut vollends.

»Wozu?« dachte sie und blieb unschlüssig stehen. Aber das Gefühl, in einer Stunde wieder da draußen, wieder bei dem Manne zu sein, der sie heute am Morgen so flehentlich gebeten hatte, sich ihm nicht zu nähern, flößte ihr Entsetzen ein.

Nein, sie mochte so nicht zu ihm zurückkehren: sie mußte sich von irgendwoher frischen Mut holen, mußte andere Stimmen gehört, andere Gesichter gesehen haben, bevor sie das graue Leben in ihrem stillen, freudlosen Hause wieder ertrug.

Das Staunen, vor dem Magdalene sich gefürchtet hatte, sprach denn auch wirklich aus Blick und Gebärde jedes einzelnen von all denen, die ihr entgegentraten. Aber es war kein fremdes, kühles Staunen, sondern es war Freude in den Gesichtern, und sie behandelten den seltenen Besuch liebevoll und mit der Aufmerksamkeit, die man einem Ehrengast entgegenbringt.

Magdalenens armes Herz war zu wund, um Freude zu empfinden, aber ein gutes Gefühl kam doch über sie und die Erinnerung kam: schmerzlich süße Erinnerung an vergangene Mädchenjahre, in denen sie von einem Glücke geträumt hatte, das weit abseits von dem, was man im allgemeinen unter Glück verstand, liegen sollte.

Sie hatte damals geahnt, daß das, was sie sich ersehnte, nicht das leichteste Los sein würde, aber gesund, stark und voll zitterndem Verlangen, das Leben auch in seinem Ernst und in seinen Tiefen kennen zu lernen, hatte ihr gerade das Schwere verlockend erscheinen lassen. Nun hatte das Leben ihr gebracht, was sie von ihm gefordert hatte, und die Kraft wollte versagen: von ihrem beschwerlichen, steinigen Pfad verlangte sie fort nach dem breiten, bequemen Weg hin, auf dem sie alle, alle zu gehen wünschten.

Marietta, die glückliche Braut, saß dicht bei Magdalene auf einem kleinen Sofa, hatte den Arm um die Schwester geschlungen und hielt eine kleine Mappe, in der sich eine ganze Reihe von Bildern ihres Verlobten befanden, in der Hand.

»Ja, Magdalene, er ist ein schöner Mann! Du mußt nicht denken, daß nur ich das von ihm sage, weil ich ihn liebe! Nein, jedermann findet ihn schön und vornehm und ritterlich, und Papa, der ihm zuerst ein wenig Mißtrauen entgegengebracht hat, ist jetzt völlig ausgesöhnt. Im Anfang hat er auf seinem Willen bestanden, die Hochzeit bis zum Frühjahr zu verschieben: nun aber ist er ganz zahm und ist mit allem einverstanden und also heiraten wir noch vor Weihnachten. Gott, Magdalene, wie gern hätte ich dir all das geschrieben oder wäre zu euch herausgefahren, aber man weiß ja nicht. . . Nein, mach' kein trauriges Gesicht, Magdalene, ich weiß, daß du glücklich bist, und daß du deinen Mann lieb hast, aber für uns, die wir das Gefühl haben müssen, ihm lästig zu sein, ist es so schwer, die Verbindung mit dir aufrechtzuerhalten. Aber wir bewundern dich, finden dich groß! Gott, Magdalene, ich glaube, ich wäre zu egoistisch, um ein solches Leben zu führen, so ganz ohne Freude, ohne Zerstreuung! Aber Mama sagt, daß du es gewollt hast, und daß du trotz allem zufrieden bist. Und siehst doch nicht glücklich aus, Magdalene, siehst aus wie ein Mensch, der überhaupt nicht mehr weiß, daß das Leben gut und schön sein kann! Lebt ihr da draußen ebenso abgeschieden, wie ihr es hier getan habt?«

»Wir haben gestern abend eine Gesellschaft besucht!« sagte Magdalene halb im Traum, und die einzelnen Bilder des verflossenen Abends stiegen wieder vor ihr auf.

»Eine richtige Gesellschaft?« fragte Marietta erstaunt, und Magdalene nickte mit einem kleinen Lächeln um den Mund.

»Dann muß er sich doch geändert haben, Magdalene. Hier ist er doch Jahr und Tag nicht ausgegangen und hat keinen Besuch in seinem Haus dulden wollen.«

»Es machte sich so, Marietta. Man tut wohl manches im Leben, was nicht zu den Plänen, die man sich gemacht hat, gehört, und das ist dann oft das Richtigste.«

»Ich wünsche es so innig für dich und für uns alle, Magdalene, und welch ein Glück, daß du gerade heute kamst. Denn gleich muß Erhardt da sein und dann sieht er dich endlich, endlich, nachdem ich ihm so viel von dir erzählt habe. Er ist so gesund und lebensfroh, und er ist der einzige, der die Absonderlichkeiten deines Mannes nicht ernst nimmt; fast hatte er den Mut, euch einfach ohne Anmeldung zu besuchen. Er hat das Gefühl, durch seine einfache Klarheit und Herzlichkeit aller, auch der schwierigsten Verhältnisse Herr zu werden. Aber dann hab' ich ihm von Martin erzählt, hab' versucht, ihm alles verständlich zu machen, so gut es gehen wollte. Nein, nun sollst du nicht wieder betrübt aussehen, Magdalene, wir denken ja alle nicht schlecht von Martin, auch Papa nicht. Es hängt nur alles davon ab, ob er sein Werk eines Tages zu Ende bringt und ob er Erfolg hat, nachher ist doch alles gut und er wird dann der Stolz unserer Familie.«

Magdalene unterdrückte mit großer Mühe einen tiefen Seufzer. Die Augen sahen über die hübsche Schwester hinweg ins Weite.

»Was für eine Welt ist das, in der sie leben!« mußte sie denken, und trotz allem Weh, trotz dem großen Schmerz, der sie aus ihrem einsamen Haus hier herausgetrieben hatte, wollte ihr plötzlich das Dasein, das ihr zuteil geworden war, wieder kostbar erscheinen.

Ein Mädchen rief zum Tee. Marietta schritt, ihren Arm zärtlich um Magdalene gelegt, ins große, hell erleuchtete Eßzimmer. Der Tisch war festlich gedeckt. Magdalene mußte an die blumengeschmückte Tafel vom gestrigen Abend im Pastorenhaus denken. Hier saß man täglich an solch einem Tisch, hier war kein Unterschied zwischen Alltag und Festlichkeit. War das ein Glück? Oder beraubten die Menschen, die ihr Auge täglich an prunkende Umgebungen gewöhnten, sich nicht eines großen Reizes? Sie waren auch alle gekleidet, als erwarteten sie besondere Gäste, und ebenso war ihre Unterhaltung auf einen Ton gestimmt, der für die Allgemeinheit berechnet war.

Und wieder mußte Magdalene denken: Meine Welt ist trotz allem und allem die wertvollere.

Marietta sprang plötzlich von ihrem Sitze auf. Magdalene, die zwar mit ihrer Mutter ein Gespräch führte, deren Gedanken aber auf dem Wege nach ihrem stillen Hause waren, schrak zusammen und sah der Schwester nach. Die hing jetzt am Hals eines Mannes und dann stand er vor ihr, groß, schlank, lebensfroh und vornehm: der neue Schwager, der Mann, der nach dem Herzen dieser Familie war, mit einem gutmütigen, lebensfrohen Ausdruck im jungen Gesicht, eifrig bemüht, bescheiden zu erscheinen und doch von jener Selbstgefälligkeit, wie sie nun einmal Männern, die gut gewachsen, hübsch, von mäßiger Geistesbildung und einem vornehmen Regiment angehörig sind, eigen ist oder vielleicht sein muß.

Magdalene begrüßte ihn, sie sprach freundliche Worte zu ihm, aber zu gleicher Zeit sah sie ihres Mannes Gestalt neben ihm auftauchen, schmal, unscheinbar, ganz Geist geworden, übereinfach und doch diesen hier überragend, gigantisch neben ihm, wie ein Berg neben einem Sandhaufen.

Ihr Herz flog zu ihm, der draußen im kleinen Ort in der nüchternen Stube über seinen Bogen saß. Sehnsucht und Liebe quollen in ihr auf. Mein Gott, wenn Martin Breuer nicht in ihr Leben gekommen wäre, dann würde einer von dieser Art es gewesen sein, und sie hätte sich ihm angepaßt, hätte ihn geliebt, so in der Art wie Marietta diesen Mann hier liebte. . .

Dietholm kam, blieb einen Augenblick an der Tür stehen und glaubte, einer Sinnestäuschung zu unterliegen.

War es Magdalene, die hier am Tisch saß. Magdalene, wie ein Bild, eine Erinnerung aus stiller, glücklicher, verflossener Zeit mitten unter der lautfröhlichen Gesellschaft, die zu ihm gehörte?

Ja, es war Magdalene, seine Tochter, aber über Dietholms Gesicht war ein tiefer Schatten geflogen. Genau so wie diese hier, hatte die Verstorbene ausgesehen, auch mit solchen Augen, die in die Tiefe blickten und mit solch einem Mund, um den es wie ein Weinen lag, auch wenn er zu lachen bemüht war.

Leise kam er auf die Tochter, die sich erhoben hatte, zu, nahm sie in die Arme und fragte keine der vielen Fragen, die auf seinen Lippen lagen, aber er blieb still, hatte nur eine zerstreute Freundlichkeit für die anderen, mit denen er sein Leben teilte, war mit Magdalene, dem Kinde der nie vergessenen Frau in einer Welt, mit der all diese anderen nichts zu tun hatten.

In Magdalene wogte Angst und Ungeduld.

»Martin. Martin!« mußte sie denken. War sie nicht in häßlicher, feindlicher Gesinnung von ihm gegangen zu jenen, denen sein Haß und seine Verachtung gehörte? War sie nicht hierher gegangen, um zu sehen, ob sie nicht doch in den Boden, aus dem sie stammte, zurückkehren mußte? Gott, mein Gott, und wenn es so gekommen wäre, daß diese Umgebung ihr wohlgetan hätte, was dann?

»Martin, mein Mann!« und nun war sie ganz abwesend, nun war es ihr, als säße sie in einem Theater, sähe fremde Menschen eine fremde Komödie aufführen und sehnte den Schluß herbei.

»Ich gehe mit dir, Magdalene!«

Dietholm atmete befreit auf, als sie draußen waren: die Tochter hing an seinem Arm; sie gingen durch den dunklen Novemberabend. »Kommst du aus irgendeinem besonderen Grunde, Magdalene?«

»Nein, Vater, aus keinem äußeren Grunde. Es geht uns gut. Ich kam einzig, weil eine plötzliche Sehnsucht mich zu euch rief!«

Dietholm drückte ihren Arm fester an sich.

»Komme oft, Magdalene, vergiß nie, daß es dein ›zu Hause‹ ist, vergiß nie, daß ich für dich da bin, wie es auch kommen mag!«

Magdalene fühlte die Angst, die nie aus seiner Seele schwand.

»Vater, ich glaube, es wird alles gut zwischen uns bleiben!« Sie sagte es ihm zum Trost und zugleich, um sich selbst zu einem Glauben, der sie zu verlassen drohte, zu zwingen.

Dietholm brachte sie bis zur Tür ihres Hauses.

Im Zimmer Breuers brannte die Lampe. Er saß wie immer über seine Lampe gebeugt.



14.

»Hier wohnt sie!« sagte sich Breuer, und während er das zu sich selbst sagte, fühlte er, wie trotz der eisigen Kälte um ihn her heiße Schauer über seinen Körper liefen.

»Hier wohnt sie!« Ihm war zumute, wie einem Kind, das ein Märchen auswendig kennt und nun plötzlich alles, was ihm vorher nur in Kopf und Seele gelebt hat, leibhaftig vor sich erstehen sieht. Es war noch November, aber der Winter war gekommen, Schnee wirbelte in großen, weichen Flocken um ihn her – alles war weiß ringsum, es kostete Mühe, sich durch diesen dichten Schleier durchzufinden.

Das Haus der Rallings lag etwas außerhalb des Ortes in einem großen, parkähnlichen Garten.

Breuer sah zwei Reihen hoher Tannen, die vom Gartentor bis zum Hauseingang eine breite Allee einfaßten, die Umrisse des Hauses ragten schwarz und wuchtig in die weiße Luft hinein. Aus den breiten Fenstern des ersten Stockes floh Licht in die weiße Finsternis hinaus.

Breuers Herz bebte; er stand ängstlich, mit hämmernden Pulsen am Eingang – las den Namen, der auf dem Messingschild neben der Klingel stand – las ihn, als ob ein Evangelium sich ihm aus diesen paar Buchstaben offenbarte, fror und zitterte und ging dann langsam, sehr langsam den Weg, den er gekommen war, zurück.

Wie war das möglich geworden! Welche Macht hatte ihn getrieben, diesen Weg zu gehen? Was war mit ihm geschehen seit jenem Abend im Pastorenhaus? Wie schwer ist das, nach solch einem Gang, zu dem einen unerklärliche, marternde Sehnsucht treibt, in die Nüchternheit des eigenen Hauses zurückzukehren!

Wie höhnisch grinsten ihn seine Schriften an! Wie kalt, öd, wie ganz ohne Reiz, ohne Seele alles um ihn her!

Magdalene stand am Fenster seines Zimmers und wartete auf ihn. Auf dem Tisch, auf dem seine Arbeit lag, brannte die Lampe; er erkannte die Umrisse ihrer Gestalt, sah die verschränkten Arme, auf denen der Kopf ruhte, und ein böses Gefühl stieg in ihm auf.

Ach – jetzt sie nicht sehen – ihre müde Stimme nicht hören – in ihre vorwurfsvollen Augen nicht blicken müssen!

Den ganzen langen Tag war das klingende Lachen der andern um ihn her gewesen – er hatte sich nicht davor retten können. Die blonden Haare hatten vor ihm gezittert – die Augen geleuchtet – der rote Mund gelacht und gesprochen.

Ach Magdalene – Magdalene! Warum war sie so farblos, so nüchtern – so entsetzlich beklemmend in ihrer duldenden Langmut?

Breuer trat leise und zögernd in sein Zimmer; Magdalene hauchte ein leises, erlöstes »Guten Abend« und war wie ein Schatten an ihm vorüber geglitten zur Tür hinaus.

Dann saß er wieder, wie er diesen ganzen Abend gesessen hatte – den Kopf in die Hände gestützt – die Augen mit einem Ausdruck verzweifelter Hoffnungslosigkeit in die Ferne gerichtet – unfähig, einen Gedanken zu fassen – unfähig, auch nur einen Buchstaben zu lesen.

Nach einer Weile kam die alte Frau, stellte ihm schweigend ein Abendbrot auf dem Tisch zurecht und ging wieder.

Das Essen widerte ihn an – er lief zur Tür, rief die Frau zurück und befahl ihr, wieder abzuräumen.

Und dann weiter träumen – weiter diese tollen Bilder vor sich sehen, das Lachen hören – selber sprechen – das Haar flimmern sehen – den Duft, der von ihr ausgegangen war, einatmen!

War das schon Wahnsinn oder war es erst der Weg zur Dunkelheit? Wieder kam die arme Magdalene ins Zimmer – aber Breuer sprang ihr wie ein gereiztes böses Tier entgegen, mit abwehrenden Händen, mit Augen, aus denen Haß glühte.

»Geh – ich bitte dich, geh!«

»Arbeitest du, Martin? Störe ich?« fragte sie mit dieser großen Traurigkeit in der Stimme, die er nur zu gut kannte, und die ihn heute zur Raserei zu bringen drohte.

»Geh! Du nimmst mir alles, wenn du bleibst! Du zerstörst mir Welten – du weißt nicht, was du tust, wenn du nicht gehst!«

Sie saß dann oben im blauen Zimmer unter dem Bild des roten Kardinals – das Herzeleid war zu groß geworden – die Wände des Zimmers drückten – die Luft war schwer und beklemmend – der Kopf brannte.

Die Türen zum Balkon gingen schwer auseinander; der dichte Schnee hatte sich davor gelegt, war eingefroren und es war ein merkwürdig kreischendes Geräusch, als er endlich zersprang.

Weiß – riesenhaft – unübersehbar lag die Welt vor Magdalene, als sie draußen stand – die kalte Luft drängte sich in ihre Kleider, strich um den heißen Kopf, nahm ihr das Unerträgliche ihres Schmerzes.

Nun flogen auch ihre Gedanken zu der blonden mit den blitzenden Steinen an Hals, Brust und Händen, hörte auch sie das wohlklingende, etwas leichtfertige Lachen und die angenehme schmeichelnde Stimme. Eine Brücke entstand, die von dieser Frau zu dem armen Mann da unten in dem nüchternen Zimmer führte, zu diesem zerquälten Mann, der nicht essen und trinken mochte und wahrscheinlich nicht arbeiten konnte. Sie sah ihn wieder im Pastorenhaus hinter dem Sessel der Frau Ralling stehen, sah den merkwürdig beliebten Zug in seinem Gesicht und hörte ihn wieder sprechen in jener heiter scherzenden und doch erregten Art, in der er nie – niemals zu ihr gesprochen hatte.

Magdalene legte die Hand auf ihr Herz; es war wie ein böser, zuckender Stich durch sie gefahren.

Um sie her fielen die Flocken – groß, weich, lautlos. Alles totenstill um sie her. Die ganze Welt weich und verschwommen: gar keine Umrisse mehr sichtbar – der dunkle Wald, der sonst so scharf die Landschaft abgrenzte, ganz verschwunden in dem endlosen Weiß.

Nur die Umrisse des Nachbarhauses waren dunkel zu erkennen; aus einem Fenster strahlte rotes Licht – zitternd brach es sich einen Weg durch die fallenden Flocken durch.

»Der Major!« dachte Magdalene, fühlte, wie dieser Gedanke ihr wohltat und sagte noch einmal leise vor sich hin: »Der Major! Auch ein Einsiedler – auch ein Sonderling – auch einer aus dieser Welt, nach der ich mich gesehnt habe und in der das Leben doch so schwer zu ertragen ist!«

Das rote Licht, das von ihm kam, zitterte in mattem Strahl bis zu ihr hin – sie breitete die Hand danach – sie lächelte ein mattes Lächeln und es war etwas Gutes und Warmes bei ihr – etwas, was diese große Mutlosigkeit verscheuchte, was ihr zu sagen schien: »So dunkel und aussichtslos ist nichts auf dieser Erde, daß nicht von irgendwoher noch ein Trost, ein Licht kommen könnte!«

Am andern Tag kam über Magdalene ein seltsamer Drang – stieg ein Wunsch in ihr auf, der so stark, so eindringlich, so übergroß in ihr wurde, daß er nicht zurückzudrängen war.

Hoch lag der Schnee auf den Wegen – nur ein schmaler Fußpfad war ausgeschaufelt; eisiger Wind pfiff um die Häuser und riß an den kahlen Aesten der Bäume.

Magdalene trug den warmen Pelzmantel, der einstmals der verstorbenen Mutter gehört hatte – auf dem Kopf hatte sie eine kleine Pelzmütze, die Hände staken in dicken weißen Wollhandschuhen.

Es war keine Besuchstoilette, die sie trug, denn der Mantel war längst nicht mehr der Mode entsprechend, und die Mütze paßte zu Sport oder eiligen Gängen – und doch befand Magdalene sich auf dem Weg zu der elegantesten Frau dieses Ortes und dachte mit keinem Gedanken daran, daß man über sie lächeln könne.

Frau Rallings Gesicht lächelte wirklich, als sie Magdalene in einem schönen, warmen, mit viel Geschmack eingerichteten Zimmer entgegentrat – aber sie lächelte aus einer großen Freude und Genugtuung heraus. Ach, die Gedanken der beiden Breuers waren in dieser Zeit, die seit dem Fest beim Pastor Lerch vergangen war, nicht einseitig den Weg zu dieser schönen, heiteren Frau hingeflogen – Magdalene fühlte das plötzlich und sehr eindringlich, als ihre Hand in der der Frau Ralling lag, als ihre Augen in dies Gesicht, das die große Freude über einen erfüllten Wunsch nicht verbergen konnte, blickten.

»Ich habe oft an Sie gedacht!« sagte sie leise und nicht ganz frei.

»Und meine Gedanken waren vielleicht noch viel öfter bei Ihnen!« antwortete Frau Ralling herzlich, »und immer war ich traurig, wenn ich mir sagte: sie kommt nicht! Du siehst sie vielleicht nicht wieder. Es gibt so viel Menschen, an denen man gleichgültig vorübergeht, deren Kommen und Gehen ganz ohne Eindruck bleibt! Aber die Gleichgültigen sind immer da – man begegnet ihnen überall – während jene andern fernbleiben!«

Magdalene sah erstaunt auf. Das Gesicht vor ihr war jetzt ernst und hatte einen guten Ausdruck von Wahrhaftigkeit. Nicht so lockend, leuchtend und belebt waren die Züge heute wie an jenem Abend; das Haar war schlichter geordnet und flimmerte nicht, und das helle Kleid, das sie trug, verhüllte die Gestalt mehr. Sie sah älter, aber vornehmer aus als im Pastorenhaus, und Magdalenes Herz erwärmte sich.

»Ich glaube, mein Mann würde sich sehr freuen, wenn Sie uns besuchen wollten, Frau Ralling. Wir geben keine Gesellschaften und besuchen auch keine größeren Feste. Jener Abend bei den lieben Lerchs war eine Ausnahme: aber zum stillen Plaudern hätte ich Sie gern einmal bei mir – vielleicht am Nachmittag einmal – wenn Sie Lust hätten. Wir würden dann ganz allein sein – Sie, mein Mann und ich!«

Frau Ralling drückte Magdalenens Hand.

»Wie sehr ich mich darauf freue, kann ich nicht sagen!«

»Es ist,« fügte Magdalene leiser hinzu – »ich will ganz offen sein, es ist für meinen Mann, daß ich Sie bitte. Nein, staunen Sie nicht, auch ich freue mich natürlich von ganzem Herzen auf Ihren Besuch, aber für ihn ist es mehr als bloße Freude – –«

Sie stockte, denn die Blicke der Andern ruhten mit seltsamem, fast erschrockenem Ausdruck auf ihr.

»Es kommt sehr selten vor, daß mein Mann Interesse an einem Menschen nimmt; er geht sehr einsam durch die Welt – er glaubt, keiner Zerstreuung, keines geistigen Austausches zu bedürfen. Ich glaube das jetzt nicht mehr – habe es vielleicht nie ganz begreifen können, aber seit dem Abend im Hause der Lerchs, seit ich ihn so gesehen habe, wie er damals war und wie er dann die nächsten Tage arbeitete – seitdem weiß ich, daß er so gut wie wir alle nicht ganz allein mit sich fertig wird, – daß er hin und wieder einen besonderen Menschen braucht, der ihm Anregung und neue Kraft gibt.«

Frau Ralling hatte tiefe Röte im Gesicht.

»Ich hatte,« sage sie zögernd, aber doch entschlossen, vollkommen wahr zu sein, »ich hatte damals eine große Angst im Herzen. Ich glaubte, nicht nur unsern Gastgebern, sondern auch Ihnen mißfallen zu haben. Ich war traurig – ich habe gelitten, Frau Doktor. Ich wollte nichts Böses und will es auch heute nicht – aber es ging etwas von Ihrem Manne in mich über, daß mein Temperament entfesselte. Ich weiß nicht, ob Sie den Zustand kennen, in den man kommen kann, wenn ein Mensch, vor dessen Geist man größte Ehrfurcht hat, plötzlich zeigt, daß er einen der Unterhaltung würdigt – wenn man sieht, wie ein stilles Gesicht lebendig – wie ein hochmütiges Lächeln zu einem herzlichen wird. – Sehen Sie – auch ich lebe zu einsam hier. Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Es war ein Mißgriff, daß wir hier herauszogen; ich bin für die Einsamkeit nicht geschaffen. Ich brauche Menschen, die mir mehr sind, als die Leute aus diesem Ort es mir sein können, aber wenn ich solche Menschen habe, dann bin ich eine andere als die, die Sie jetzt vor sich sehen. Ich muß Ihnen das sagen. – Ach, Sie glauben nicht, wie furchtbar mich der Gedanke in diesen zwei Wochen gequält hat, daß ich Ihr Mißfallen erregt hätte – daß Sie mich meiden würden. Und nun sind Sie da – und es ist kein Versteckspiel zwischen uns, sondern Sie sagen mir als Frau dieses Mannes: »Kommen Sie zu ihm!« Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten!«

Magdalene sah mit vollem, ruhigem Blick in das Gesicht der Andern.

»Ich bin nicht eifersüchtig!« sagte sie leise. »Ich will zugeben, daß ich gelitten habe an jenem Abend – aber ich habe ohne Groll, ohne ein Gefühl böser Eifersucht gelitten. Es kostete nur einigen Schmerz, bis ich mir ruhig zu sagen vermochte: »Sie gibt ihm Dinge, die du ihm nicht geben kannst! Sie weckt Gedanken und Fähigkeiten in ihm, die an deiner Seite im Schlummer lagen!« Ich liebe meinen Mann, Frau Ralling, und wäre es nicht absurd, wenn ich einem Menschen zürnen wollte, der es fertig bringt, ihm Freude zu bereiten, der ihn, wenn auch nur für Stunden, von sich selbst erlöst!«

»Sie sind groß! Sie sind so, wie ich noch keine Frau sah! – Frau Ralling sagte das ernst und ihre Stimme zitterte dabei. »Ich werde also kommen und ich werde sein, wie ich sein muß – ohne Komödie, ohne die Maske, die man hier im Orte tragen muß, und die ich hasse.«

Magdalene nickte.

»Kommen Sie bald!« Auf dem eiligen Gang nach Hause hielt die Pastorin sie an. Sie kam aus dem Dorf, hatte eine Tasche am Arm und ihr rundes Gesicht leuchtete vor Frische und Gesundheit.

»Endlich!« rief sie. »Ich war vor kurzem bei Ihnen und hörte, daß Sie in die Stadt gefahren seien. Hat man es Ihnen gesagt? Nun warte ich von Tag zu Tag auf Ihren Besuch. Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihrem Mann? Bleich sehen Sie aus trotz des prächtigen Wetters!«

»Ich komme bald!« versprach Magdalene, aber ihre Gedanken waren bei den andern, und plötzlich fühlte sie, daß auch der Pastorin Gedanken unwillkürlich zu jener Frau, von der sie kam, geflogen waren. Ja, sie fühlte, daß die Pastorin in diesen Augenblicken dasselbe Bild vor sich sah, das auch vor ihrer Seele schwebte: die glänzende, sprühende Frau Ralling, und neben ihr den Mann, der den Ruf der Unnahbarkeit, den er sich erworben hatte, an diesem Abend grausam Lügen gestraft hatte.

»Es ist Mittag,« sagte sie eilig, »mein Mann wartet; ich komme bald zu Ihnen – ich freue mich auf eine stille, liebe Stunde!« und die Pastorin drückte ihr beide Hände und hatte wieder den herzgewinnenden, mütterlichen Ausdruck im Gesicht, der einem müdgewordenen Herzen wohltun muß.

Die Pastorin erzählte daheim ihrem Mann: »Ich habe Magdalene Breuer gesehen: sie war bleich, aber in ihren Augen lag etwas, das wie Glück aussah. Sie will kommen uns zu besuchen! « Und als der Pastor schwieg und nur beifällig nickte, fuhr sie fort: »Ich bin doch im allgemeinen ein Mensch, der klar und zielbewußt die Dinge sieht und auffaßt – das mußt du zugeben, nicht wahr? Ich lasse mich auch nicht lange von Menschen irreführen, und wenn ich fühle, daß jemand meine Freundschaft nicht erwidern will oder erwidern kann, dann lasse ich ihn schließlich fahren – aber bei dieser Magdalene geht es mir ganz sonderbar! Ich komme einfach nicht los von ihr und ich glaube, ich würde auch dann noch zu ihr gehen müssen, wenn ich wüßte, daß sie sich dagegen wehrt. Sie ist mir ans Herz gewachsen wie ein Kind, von dem man sich niemals lossagen kann. Ich ärgere mich oft darüber und bin doch auch wieder zufrieden, daß es so ist!«

Der Pastor nickte wieder, sah Magdalene im Geiste vor sich und begriff die Gefühle seiner Frau.

»Es ist gut, daß es Menschen gibt, die uns aus der großen Gleichförmigkeit unseres Gemütslebens erlösen!« sagte er. »Wir alle, auch wir, die wir vielleicht ein warmes Herz in uns tragen, machen uns das Leben zu bequem, wenn es keine besonderen Anforderungen an uns stellt. Laß also Magdalene Breuer dein Sorgenkind bleiben und verliere nicht die Geduld mit ihr, wenn sie dich enttäuschen muß.«

»Sie wird mich nie enttäuschen!« antwortete die Pastorin leise; »ihr Herz liegt klar vor mir. Aber vielleicht wird sie mir Kummer machen: vielleicht werde ich an ihr fühlen, wie es einer Mutter zumute ist, wenn sie ihr Kind auf Dornenwegen weiß.«

Magdalene ging wirklich auf Dornenwegen; sie ging fortgesetzt in dieser Zeit auf Wegen, die ihr widerstrebten, aber zu denen irgendeine Macht sie drängte.

Sie ging den großen Weg der höchsten Entsagung; sie wollte das Glück des Mannes – sie wollte die Erfüllung seines Lebens, seines Zieles mit Gewalt erreichen und fühlte sich bereit, sich selbst zum Opfer zu bringen.

Breuer hatte nichts von dem Besuche seiner Frau in jenem Haus, das wie ein Märchenbild in seinen Gedanken vor ihm lag, erfahren; aber er selbst war an zwei dunklen Tagen, an denen Schwermut und Trübsinn ihm Kopf und Herz zur Arbeit unfähig machten, noch einmal den heimlichen Weg gegangen, hatte wie ein Bettler vor dem Eisengitter des Gartens gestanden und war als ein armer Narr an seinen Schreibtisch zurückgekehrt.

Und Nächte waren gefolgt, die ihresgleichen in seinem zerquälten Leben noch nicht gehabt hatten, Kopf und Herz in jenem entsetzlichen, wütenden Kampf, der nie zu Ende gekämpft werden kann, den man nach einer wilden Nacht aus Ermattung beschließt, um ihn von neuem aufzunehmen, sobald nur ein Fünklein Kraft wieder vorhanden ist.

Und das alles um das Lachen einer Frau – um blondes, flimmerndes Haar, um einen ungewohnten Duft und um die Biegsamkeit eines zierlichen Körpers!

Darum haßte man alles andere, was doch sonst erträglich und oft sogar gut gewesen war: die Arbeit und die Frau, die seit Jahren zu einem gehörten; ja, die Frau, die ihr Selbst opferte, um ein Lebenswerk aufbauen zu helfen – die haßte man am heißesten!

Magdalene fühlte den glimmenden Haß des gepeinigten Mannes gegen ihre Person: sie war in dieser Zeit zur Hellseherin geworden, und sie wußte nun auch plötzlich, warum sie den Stimmen, die in ihr erwacht waren und sie zu seltsamen Taten drängten, folgen mußte.

Ihm den Weg bereiten, ihn vor der Schmach einer unehrlichen Handlung retten! Selbst die Frau in ihr Haus rufen, bevor es so weit mit ihm gekommen war, daß er sie sich holte – daß er heimliche Wege mit ihr ging! Ja, sie wußte es nun ganz genau, warum sie zu Frau Ralling gegangen war, und sie lächelte bei dieser Erkenntnis. Es war gut so – sie war dankbar, daß unsichtbare Mächte sie zu leiten begannen.

Dann kam der Tag, den sie mit Ungeduld erwartet und vor dem sie sich zugleich gefürchtet hatte.

Sie saßen im blauen Zimmer oben im ersten Stock. Am Kamin, über dessen Marmorsims das Bild des Kardinals hing, saßen sie zusammen. Breuer mit einem staunenden, fassungslosen Ausdruck im Gesicht wie ein Kind, das vor einemüberreich gedeckten Weihnachtstisch steht – mit zitternden Händen, die kaum die Tasse, die Magdalene ihm reichte, zu halten vermochten – mit Augen, die einen unirdischen Glanz hatten und mit einer großen, bangen Unsicherheit den beiden Frauen gegenüber. Die Frau mit den blonden Haaren war in scheinbarer Ruhe gekommen; sie trug ein schwarzes Seidenkleid, bis hoch an den Hals geschlossen – trug als einzigen Schmuck eine goldene Nadel an der Brust und ein paar Ringe mit kostbaren Steinen an den schmalen weißen Fingern.

War sie dieselbe noch, die sie an jenem Abend im Hause der Lerchs gewesen war? War sie die von Leben durchsprühte biegsame, lachlustige Frau von damals noch?

Breuer wußte es nicht! Aeußerlich war sie eine andere, wie ihm schien, aber die zitternde Erregung in ihm, dieses Herausgehobensein aus der Gegenwart, das sagte ihm, daß sie dieselbe sein mußte.

Magdalene saß in ihrem dunklen Wollkleid, die Haare schlicht aus der Stirn gestrichen, zwischen den beiden. Auch in ihr war Staunen.

Mein Gott, sie hatte es in ihrem ganzen Leben noch nicht fertig gebracht, durch ein Kleid, durch Haltung oder verändertes Sprechen einen vollkommen neuen Menschen aus sich zu machen: sie blieb immer die, die sie war – gleichviel ob sie allein – ob sie mit dem Mann, den sie liebte, zusammen war, oder ob sie sich unter einer ganzen Reihe von Menschen befand.

Immer dieselbe! Immer dieselbe!

Sie sagte das leise, im Ton eines Vorwurfs zu sich selbst und lauschte dabei auf Frau Rallings Plaudern, sah das erregte, von einem tiefen Glanz durchleuchte Gesicht ihres Mannes, sah, wie er die Worte von ihren Lippen trank und fühlte, daß sie hier die Dritte war – nicht nur für den Mann, der das kaum zu verbergen suchte, sondern auch für die Frau. Was war das für ein Spiel zwischen diesen beiden! Was für ein Tasten – ein ängstliches Sichausweichen!

Wie diese Augen miteinander sprachen! Sie wollten es nicht; Magdalene sah es deutlich, wie sie sich mühten, kühl und ruhig zu sein – und gerade dies vergebliche Bemühen verriet ihr alles – alles.

Was aber war es denn, was zwei Menschen von solcher Verschiedenheit verbinden konnte? Was hatte der Mann, der ganz im Geistigen lebte, mit einer Dame aus der großen Welt zu tun?

Und nicht einmal eine Dame aus der wirklichen großen Welt – mit altererbter Vornehmheit – mit all dem selbstverständlichen Glanz, der nichts Auffallendes an sich hat, weil er zu eng zu der Person, die ihn an sich trägt, gehört!

Nein, eine von diesen war Frau Ralling nicht. Die war das Kind aus einfach bürgerlichen Kreisen geblieben, hatte sich in die verbesserten äußeren Umstände hineingefunden und verstand es, körperliche und geistige Vorzüge ins rechts Licht zu setzen.

»Eine Frau, die viel gute Eigenschaften hat!« mußte sich Magdalene sagen – »eine von jenen, die, solange ihr Temperament nicht entfesselt wird, zu den Braven, Soliden, Ehrlichen gehört!«

Hatte sie das nicht von sich selbst gesagt, bevor sie Magdalenens Bitte, in ihr Haus zu kommen, willfahrte?

Also durchaus ehrlich und anständig!

Und doch – und doch! Wie war das möglich, daß dieses Spiel einer heißen, verhaltenen Leidenschaft vor ihr gespielt wurde! Wie war das vor allem von Seiten des Mannes möglich, da sie doch das Leben mit ihm teilte, da sie lebten von der Güte ihres Vaters, da alles, was zu tragen war, fast einzig auf ihren Schultern ruhte!

Und dann war plötzlich ein grenzenloses Mitleid in ihrer Seele – hatte im Augenblick allen kleinlichen Schmerz ausgelöscht und machte sie still und ergeben.

Wieder war da eine Stimme in ihr wach geworden, die sie zu einer Tat veranlaßte.

»Geh von ihnen! Laß sie allein! Sei groß, sei barmherzig um des Mannes willen, der sich in Qualen windet! Was geschehen muß, wird doch geschehen, und besser und ehrlicher ist es, wenn du ihnen die Wege ebnest!«

Sehr leise stand sie aus ihrem Sessel auf; der Mann sah einen Augenblick aus seiner Versunkenheit auf – kam aber nicht zum vollen Erfassen; die blonde Frau Ralling öffnete die Lippen zu einer Frage und schwieg dann doch.

Das Gesicht des roten Kardinals blickte auf die beiden nieder: sie senken die Blicke – das Lachen und Reden verstummte.

Mein Gott – warum war Magdalene gegangen?

Irgend eine Unruhe drängte sie aus dem Haus heraus; es war die Zeit der früh einbrechenden Dämmerung. Ganz in der Ferne über dem dunklen Wald noch, ein gelber, leuchtender Streifen am Himmel – ein blasses Stücklein Mond von allerlei bizarrem Wolkengebilde umgeben – kaltfeuchte Luft, die erschauern machte, wenn man aus der Wärme eines Zimmers kam und überall schon der vom Boden aufsteigende graue, eisige Nachtnebel.

Magdalene zauderte, als sie an der Tür ihres Gartens stand. Sie sah zu den erleuchteten Fenstern des blauen Zimmers auf.

War das Schmerz, was ihr wie ein Stich durch die Brust ging? War es ein Schmerz, der so groß war, daß er sie zur Verzweiflung führen konnte?

Nein, nein! Sie schüttelte den Kopf. Es war nichts Unerträgliches – war nichts, was ihr den letzten Halt rauben mußte. Es war ein Spiel, ein etwas grausames Spiel, zu dem sie selbst die Hand gereicht hatte. Ein Spiel, das zu Ende kommen würde, gerade deshalb, weil man ihm Nichts in den Weg legte, weil man dazu verholfen und ihm den Reiz und die Beschämung des Heimlichen genommen hatte.

Magdalene öffnete die Tür – ging schnell das Stücklein Straße entlang, daß sie an den Nachbarhäusern vorüberführte und war dann auf dem einsamen Weg, der nach dem See hinführte.

Wie schön war es hier draußen, wenn man erst ein paarmal tief geatmet hatte. Wie frei war man – sah die Dinge in einem ruhigen, guten Licht.

»Eine Phase seines seltsamen Lebensweges!« sagte sich Magdalene. »Eine Notwendigkeit für ihn als Mensch und für ihn als geistigen Arbeiter! Alles, was er tut, ist eine Notwendigkeit! nichts ist gewollt, nichts eine Sünde! Und gut und schön ist es trotz allem, dieses Leben, das ich mir gewählt habe – denn nur ein Leben, das schwer ist, kann gut sein, und wenn ich an Marietta denke und diesen Mann, den sie zu lieben glaubt – und wenn ich selbst an meinen Vater denke, und nicht nur an diese, die mir so nahe stehen – so muß ich mir sagen: das wäre schwerer zu tragen gewesen!« Und auch die lieben Lerchs, die so glücklich zu sein vorgeben! Gewiß, die Pastorin mag ja vielleicht froh und zufrieden sein, denn sie ist gesund und praktisch und steht mitten im Leben drin! Ihr mag nichts fehlen.

Aber wenn ich an ihn denke – und wenn ich mir vorstelle, wie ganz anders er zu sprechen pflegt, wenn er mit mir allein ist als im Kreise anderer Menschen, wie sein Gesicht dann oft müd und entsagend aussieht, nein, wenn ich daran denke, so muß ich mir sagen: Selbst diese guten lieben Lerchs sind nicht ganz restlos glücklich. Und überhaupt: was ist denn Glück und wer in der Welt hat ein Anrecht darauf, dauernd glücklich zu sein? Gibt es das überhaupt: ein dauerndes Glück? Ist »Glück« nicht ein Ausnahmezustand, etwas was in den Alltag des Lebens gar nicht hereinpaßt?

Ja. Glück ist etwas Außergewöhnliches, und wenn die beiden da oben in dem blauen Zimmer jetzt vielleicht glücklich sind, dann mögen sie es sein – mögen sie es genießen, wie etwa ein gutes Musikstück, oder ein herrliches Landschaftsbild oder wie sonst irgend etwas, was für ein paar Stunden vom Alltag erlöst und dann wieder vorüber ist!« – –

Magdalena wußte es nicht, daß sie fast laut zu sich selber sprach, während sie den einsamen Weg am See dahinging. Es war ihr eine Befreiung, daß sie es tat; jeder Gedanke, dem sie Worte verliehen hatte, war endgültig aus ihrer Seele heraus und machte sie leichter und lichter. –

»Und auch diese Frau Ralling, die vielleicht etwas vom Schmetterling an sich hat, sehnt sich nach dem, was »Glück« heißt; die ganze Welt schreit danach, als ob sie hungern müßte und dem Brote nachlaufen.

Glück ist Hunger, Herrgott ja –, Hunger der Seele. Ich kenne diesen Hunger doch und weiß, wie weh er tut! Und wenn heute etwas käme, wenn ich eine Möglichkeit sähe, diesen Hunger, wenn auch nur vorübergehend zu stillen – ob ich stark genug wäre zu entsagen? Ob ich vorüberginge?

Gott – Martin! Ja, ich habe ihn – er ist mein Kind geworden – mein ungefüges Kind! Er wollte mir »Glück« geben, er hatte gute, ehrliche Absichten mit mir – Martin – armer guter Martin – –«

Ein Schatten glitt an ihr vorüber – schmal und sehr lang; ein leises Knirschen von eiligen Schritten hörte sie dicht neben sich – sah eine Gestalt, die an ihr vorüberdrängte – dann war sie wieder allein.

Von diesem Augenblick an war sie mit ihren Gedanken bei dem einsamen Mann im Nachbarhaus – bei dem Major – bei diesem merkwürdigen Gesellen, den das Leben auch am Glück vorübergeführt hatte und der sich jetzt allerlei Schrullen hingab.

Was tat der wohl an all den langen, einsamen Tagen, die so ein Winter hier draußen brachte? Was dachte der? Wie fühlte der? Wie ertrug der das Dasein der Ausgestoßenen?

Die ganze Welt war eigentlich voll von den Glücklosen! Voll von den Suchenden, Sehnenden, von denen, die nach einem Phantom streben, das nie zur Wirklichkeit, zur Erfüllung werden kann!

Gab es denn überhaupt andere – solche, die zufrieden, die wunschlos waren? Magdalene blieb jetzt dicht am See stehen und blickte in das dunkle Wasser. »Die Stumpfen – ja! Die, die entweder nie eine Seele, eine Innenleben gehabt haben, oder die es fertig brachten, nach der ersten großen Enttäuschung alles über Bord zu werfen und ein rein äußerliches Leben zu führen! Wie oft hatte sie sich in schwachen Stunden gewünscht, zu jenen Stumpfen zu gehören, zu denen, die sich jeder guten Stunde zu freuen vermögen ohne einen Gedanken an das Gestern oder das Morgen.

Im Wasser vor ihr spiegelte sich das fahle Mondviertel und die Schatten von ein paar dunklen Bäumen zitterten schwarz auf den sanften Wellen. Sie beugte sich vor – das nächtliche Spiel gefiel ihr.

Dann schrak sie zusammen; wieder waren die Schritte neben ihr und jetzt lag eine Hand auf ihrem Arm und zog sie von der Stelle, an der sie stand, fort – und ohne, daß sie sein Gesicht gesehen hatte, wußte sie plötzlich: es ist der Major! und staunte kaum darüber, vermochte es allerdings nicht gleich, ein gleichgültiges Begrüßungswort vorzubringen, sondern ging, da er sie durch seine Bewegung dazu veranlaßte, still an seiner Seite den dunklen Weg, der zum Ort zurückführte, dahin.

Sie sah und fühlte nicht gleich die Erschütterung, die noch in dem Major Schwertes wogte; sie wußte, daß er einsame Gänge liebte und glaubte an einen Zufall.

Nach einer ganzen Weile erst begann er zu sprechen. »Man kann Güte und Duldsamkeit auch zu weit treiben!« sagte er. »Aber Güte und Duldsamkeit werden nur dann am Platze sein, wenn sie dem, dem man sie darbringt, auch wirklich von Nutzen sind. Sie können aber leicht die entgegengesetzte Wirkung haben und beide Teile, den Opfernden und den Nehmenden, ins Verderben stürzen!«

Nun wandte er Magdalene sein Gesicht zu und sie gewahrte eine große Verstörung darin, sah, daß die Augen einen seltsam durchdringenden und angsterfüllten Blick hatten.

Eine Antwort fand sie nicht, denn nun erst fühlte sie, was sie getan und daß es vielleicht wirklich etwas, was mit Verzweiflung eng zusammenhing, gewesen war, was sie diesen Weg geführt hatte.

Auch er schwieg, aber sein Arm hielt sie fest, bis die ersten Lichter aus den Häusern ihnen entgegenleuchteten.

»Ich will nichts wissen, was Sie mir nicht sagen wollen oder müssen,« hörte sie ihn sagen, »ich habe mich auch in meinem ganzen Leben keinem Menschen als Freund aufgedrängt, oder habe Freude daran gehabt, Vorsehung zu spielen. Aber hier – ich meine – wenn es nötig ist. – Es gibt ja wohl Umstände, in denen man einmal für eine Weile mit sich allein nicht zurechtkommt – also, wenn es sein muß – – ich will nichts versprechen, denn ich weiß nicht, ob und wie ich helfen kann, aber nur das eine sollen Sie wissen: nie wird ein Wort über meine Lippen kommen, nie werden Sie bereuen müssen. Ich stehe der Welt, den Menschen und den Schicksalen völlig objektiv gegenüber!«

Sie nickte stumm; er zog den Hut und ging, wartete noch, bis sie den Garten durchschritten und bis die Tür ihres Hauses sich hinter ihr geschlossen hatte.

Breuer war in seinem Zimmer; zermartert, zerquält und ungeduldig. Sie sprach nicht zu ihm, sah, daß er das Abendbrot nicht angerührt hatte und ging die Treppe hinan.

Spät in der Nacht kamen ihr die Zusammenhänge.

Der da im Nachbarhaus wohnte, der lebte ein Stücklein mit ihr; der dachte an sie und ängstigte sich!

Warum tat er das? Was wollte er? Was dachte er sich?

Der Abend bei Lerchs kam ihr wieder in lebendigen Farben vor Augen.

Mein Gott, auf welch falschen Vermutungen er sich befand!

Er hatte Frau Ralling kommen sehen – und dann – – –

Ja, eine Stunde später hatte er dann gesehen, wie sie, die Frau des Mannes, den er wahrscheinlich für einen Elenden hielt, das Haus verließ, hatte keine Ruhe finden können und war ihr gefolgt.

Magdalene mußte lächeln, obwohl eine tiefe Ergriffenheit in ihr war. »Ich muß ihm alles erklären, sobald ich ihn wiedersehe!« dachte sie, und legte sich zurecht, was sie ihm sagen würde.

Der Schlaf kam nicht in dieser Nacht. Sie sah die blonde Frau und den erregten Mann im blauen Zimmer unter dem Bild des Kardinals sitzen, sah das bange, verzweifelte Spiel, fühlte wieder den Schmerz, der ihr gekommen war, als sie ihre Ueberflüssigkeit empfunden hatte – – –

»Man kann Güte und Duldsamkeit auch zu weit treiben!« hörte sie eine Stimme sagen, »und stürzt damit beide Teile ins Verderben.«



15.

Breuers Gesicht hatte den Ausdruck hochmütiger, verbitterter Ironie angenommen; die Mundwinkel waren herabgezogen, die Züge hatten etwas Schlaffes, die Augen blickten über Menschen und Dinge hinweg. Magdalene sagte sich: »Er ist am Gipfel seiner Leiden angekommen!«, und sie wußte nun, daß das Opfer, zu dem sie sich aufgerafft hatte, umsonst gebracht worden war.

Sollte der Andere – der, der einsam im Nachbarhaus lebte und ihre Tage, ihr Tun und Denken beobachtete – sollte er recht gehabt haben mit seinen Worten, daß ein Opfer statt zu nutzen, ebensogut Verderben bringen könne? Sie wußte nun: »Das Spiel der beiden hat aufgehört in derselben Minute, in der du das blaue Zimmer verlassen hast! Da mögen sie das uralte Erkennen erlebt haben, das seit dem ersten Menschenpaar über Millionen und aber Millionen von Menschen hergestürzt ist.

Sie haben erkannt und haben die Stunde nicht genützt! Aber sie danken dir nicht, sondern sie tragen Groll und Wut im Herzen gegen dich!

»Wie hätte ich es machen sollen? fragte Magdalene sich voll Schmerz und bitterer Angst. »Ich wollte groß sein, und sie sehen eine List darin; der Mann verbirgt seine heiße Wut, seinen Haß nicht mehr, und die Frau meidet das Haus, in das du sie locktest!«

Warum war das so? War es undenkbar, daß eine Frau aus großer Liebe, aus tiefstem Mitgefühl heraus auch das letzte Opfer brachte, daß sie die Nebenbuhlerin selbst herbeirief, sie anflehte: »Hilf! ich selbst will groß sein, nun sei auch du es!«

Das Bild der Frau Ralling stieg vor ihr auf: schön, noch an der Grenze der Jugend, lockender vielleicht als eine, die den Jahren nach jünger war, voll starker, gefährlicher Reize – – mein Gott, und daneben dieser Mann, mit dem diese Frau zusammenlebte! Einfach, solid, brav, nüchtern und treuherzig, aber ohne die kleinste Falte im Wesen, wie ein klares, durchsichtiges Wasser.

Ja, ein Mensch wie ein Wasser!

Magdalene fühlte einen leisen Schauder. Was bedeutete das, an einen solchen Menschen für sein ganzes Leben gebunden zu sein! Was bedeutete das insbesondere für eine Frau voll zitternder Lebensgier – mit den Augen, den Bewegungen, den Gelüsten einer Schlange!

War es möglich, daß diese Frau während all der vielen Jahre, die sie nun an der Seite solch eines Mannes lebte, ihm die Treue bewahrt hatte? War es denkbar, daß Frau Ralling den schweren Weg der Entsagung ging, da alles in ihr nach Erfüllung schrie!

Magdalene war in den tiefsten Zweifeln ihres Lebens befangen; sie kannte das eigene Geschlecht nicht aus Erfahrungen, die sie selbst gemacht, sie kannte es aus Büchern, aus Erzählungen, aus Ahnungen. Rätsel gab es im Leben – das wußte sie – große, schwere Rätsel, und wie die Dinge jetzt rund um sie herum lagen, stand sie vor einer Kette von Rätseln.

Ein schwerer Nachmittag voll banger Hoffnungslosigkeit trieb sie ins Pastorenhaus. Die Frau war im Dorf – das Mädchen führte sie die Treppe hinan in die Wohnstube. Lerch trat zu ihr ein mit einem Gesicht, in dem etwas von heimlicher Freude lag.

Ihre beiden Hände ruhten in den seinen, gütige Augen blickten in ihr Gesicht, in dem von Kämpfen und Qualen viel zu lesen war. Wie wohl das tat, bei diesem Mann zu sein, wie die verflatterte Seele da ein Gefühl von Geborgenheit verspürte!

Draußen war wieder der große Kampf zwischen Licht und Finsternis. Die dunklen Schatten schlangen und schlangen das Licht wie gigantische Raubtiere – sie kamen aus unsichtbaren Höhen herab, sanken tiefer und tiefer, fraßen und fraßen, bis alles fort war, bis nicht ein Baum, nicht ein Haus, nicht ein schwacher Umriß mehr zu erkennen war. Die beiden standen am Fenster und blickten hinaus.

»Ein Symbol!« sagte der Pfarrer, »ein Gleichnis dafür, daß alles auf Erden da ist, um geopfert zu werden. Das Licht muß der Finsternis zum Opfer fallen und eine Reihe von Stunden später muß die Finsternis dem Lichte weichen. Ewiger Wechsel! Nichts ist von Bestand – alles hat seine vorgeschriebene Dauer – dann kommt der Wechsel!«

Magdalene atmete tief.

»Auch für die Hoffnungslosigkeit?« fragte sie traurig – »für das ganz Graue, das Tag für Tag in gleicher Schwere da ist und nie weicht?« – Auf der dunklen Straße vor dem Hause flammte das Licht einer Laterne auf: Magdalenens Gesicht ward von dem matten, rötlichen Schimmer beleuchtet.

Der Pastor nahm ihren Kopf sanft in beide Hände und richtete ihn so, daß sie ihm in die Augen blicken mußte.

»Hoffnungslosigkeit?« fragte er, »Es gibt keine Hoffnungslosigkeit, die länger als eine kleine Weile dauern könnte. Ein Mensch, der nicht mehr zu hoffen vermag, vermag auch nicht mehr zu leben. Leben heißt hoffen. In dem Augenblick, in dem wir das »Hoffen« nicht mehr haben, sind wir der Finsternis, dem geistigen Tode verfallen.« »Ich kann nicht mehr hoffen!« sagte Magdalene verzweifelt.

Der Pastor zog sie vom Fenster fort nach dem Sofa hin, vor dem der runde Tisch stand, an dem er allabendlich mit der lebensfrohen Pastorin saß. Er entzündete das Licht, schob sich einen Sessel so dicht zu Magdalene hinan, daß er in ihr Gesicht blicken konnte. Wieder nahm er ihre Hände, und da sie sehr kalt waren, rieb er sie und hielt sie dann fest und warm umschlossen.

»Sprechen Sie,« bat er. »Ich habe das Gefühl, daß Sie gekommen sind, um sich von einer Last zu befreien – vielleicht – und das wäre eine große Freude für mich – weil Sie von dem Gefühl geleitet wurden, hier bei uns Trost und Verständnis zu finden.«

»Ich weiß es nicht!« antwortete Magdalene; »ich weiß nur, daß ich kommen mußte. Aber nun, da ich hier bin, scheint es mir wieder unmöglich, über das, was mich quält, zu sprechen.«

»Und doch sollten Sie es tun, Magdalene. Es ist nicht gut, mit einer Bürde zu kommen, die man ablegen möchte und die man dann doch wieder mit nach Hause nimmt. Sie wird Ihnen auf dem Heimwege schwerer erscheinen als zuvor. Sie werden vielleicht darunter zusammenbrechen.«

»Vielleicht ist es nur eine eingebildete Bürde!« sagte Magdalene, aber dann gab sie sich einen Ruck, sah dem Pastor frei ins Auge und fragte ihn: »Darf ich so sprechen, wie ich sprechen muß, wenn Sie mich verstehen sollen?« Er nickte.

»Es ist um meinen Mann, daß ich kam!« sagte sie leise. »Herr Pastor, sagen Sie mir, was ist es mit solchen Menschen, die auserkoren sind, Besonderes zu leisten und die sich im täglichen Leben nicht zurechtfinden können? Wie muß man ihnen begegnen? Wie sie behandeln? Sagen Sie mir, ist es das Rechte, wenn man auf jede Stimmung, jede leise Gefühls- und Gemütsregung bei ihnen Rücksicht nimmt – wenn man ihnen jeden Stein aus dem Wege räumt? Sagen Sie es mir! Oder ist das andere das Bessere? Ich meine, das absichtliche Nichtverstehenwollen, sie zwingen, über alle Unebenheiten allein hinwegzukommen? Ich weiß es nicht! Ich habe bisher nur gesucht, die Wege zu bahnen, zu helfen, zu stützen, und ich glaube, das bringt ihn von mir fort, läßt ihn mit Verachtung auf mich sehen!«

Ihre Stimme zitterte, und der Pastor fühlte, daß sie weit mehr zu sagen hatte, als sie aussprechen würde. Er mußte an seine Frau denken, die ein trauriges Schicksal für Magdalene vorausgesehen hatte.

Er fand nicht sogleich die Antwort. Eigene Erfahrungen, ein ganz klein wenig Bitterkeit, die in ihm lebte, waren in ihm wach geworden.

Ihm glättete man nicht die Wege; auf seine Besonderheiten würden keine Rücksichten genommen. Ein Schatten flog über sein Gesicht, war dann aber sogleich wieder verschwunden.

Er gehörte ja nicht zu den Auserwählten, er war nur ein Glied der Allgemeinheit, das seinen Beruf ausübte und seine Pflichten erfüllte, weiter nichts.

Er wollte den Mund zu einer Entgegnung öffnen, da kam wie eine Vision das Bild des Dr. Breuer vor sein geistiges Auge. Er sah ihn, wie er unten im Zimmer neben dem Sessel der heiteren, eleganten Kaufmannsfrau gestanden und mit ihr gescherzt hatte, und Magdalene erkannte, daß die Gedanken in ihm sich bekämpften, und daß es schwer für ihn war, in einem kurzen Augenblick die rechte Antwort zu finden.

»Gehört denn dieser Dr. Breuer zu den Berufenen?« fragte sich Lerch. »Ist irgendein Anhalt dafür da, daß er ein Recht hat, besondere Ansprüche an seine Umgebung zu stellen und Opfer zu verlangen, die vielleicht so groß sind, daß ein anderer daran zugrunde gehen mußte?«

Die Hände, die er noch immer umschlossen hielt, zuckten ungeduldig in den seinen; Magdalenens Augen sahen ihn flehend an.

»Ein jeder Mensch hat Rechte an das Leben!« sagte er, »ein jeder hat die Pflicht, sein Leben so zu gestalten, daß ihm Mut und Kraft genug verbleibt, um zu tragen, was ihm selbst auferlegt ist. Wer alles hingibt, alles opfert, um einem Anderen zu dienen, steht vielleicht eines Tages vor dem Ruin seiner selbst und sieht sich vergebens nach helfenden Händen um. Es ist nicht mein Beruf, dem Menschen zu predigen: opfere nicht, denke in erster Linie an dich selbst, und dann an die andern! – aber warnen muß ich besonders dann, wenn ich sehe, wie ein Mensch mit vollen Händen seine Gaben verteilt, und wie diese Gaben hingenommen werden, ohne vielleicht den Nutzen zu bringen, der ihrem Wert entspricht. Ein Opfer muß Sinn, muß einen ganz bestimmten Zweck haben, sonst ist es nicht nur umsonst gebracht, sondern kann Böses bewirken.«

In Magdalenens Ohr war jetzt der Klang einer anderen Stimme. Sie sah sich in abendlicher Kühle und Dunkelheit neben dem Major Schwertes gehen. Der hatte dasselbe gesagt, hatte auch vom Opfer, das Böses bringen kann, gesprochen.

Wozu also weiter fragen, wozu sich preisgeben? dachte sie erregt, wußte aber dann, daß ein unsäglich trostloser Abend ihrer harren würde, wenn sie mit ihrer Bürde ganz ohne Erlösung, ohne Erleichterung heimkäme.

»Es handelt sich hier um ein ganz bestimmtes Opfer!« fuhr sie mutiger fort, »und um Ihnen das zu erklären, muß ich ein wenig ausholen. Ich weiß, daß mein Mann zu Besonderem bestimmt ist; ich weiß, daß sein Geist Welten beherrscht, weiß, daß er zu jenen gehört, die Werte geben, die über Generationen hinausreichen. Nein, zweifeln Sie nicht, ich bitte Sie, glauben Sie es. Ich weiß es mit tödlicher Sicherheit – wußte es vom ersten Tage an, da ich ihn gesehen und gesprochen habe, und dieses sichere Bewußtsein war es, das mich zu ihm zwang, gegen den Willen der Meinen. Ja, es hat große Kämpfe gekostet, bis sie einwilligten, und es ist bis heute zu keiner Verständigung zwischen ihnen und uns gekommen. Aber das ist Nebensache. Ich wollte nur sagen: ich hatte das feste Bewußtsein, daß ich eine Notwendigkeit war – nicht so sehr für ihn als Mensch, als für das Geistige in ihm. Es war nicht immer leicht, und ich war oft klein und hatte Zweifel, denn ich stamme ja aus einer Welt, in der andere Ansichten herrschen als in der seinen. Aber dann fand ich immer wieder den Weg zu ihm und er zu mir. Wir lebten ja auch so einsam in all den Jahren – hatten niemand als uns selbst. Die große Stadt ging uns nichts an, wir lebten wie auf einer einsamen Insel in all dem Getriebe. Dann zogen wir hier heraus. Er hatte das Haus hier gesehen, und er hatte das Gefühl, daß hier das Werk zur Vollendung käme. Wir wollten auch hier ganz einsam bleiben, und taten es ja auch – bis – nun ja – Ihre Gattin war so gut zu mir, und ich hatte Verlangen nach Menschen und kam zu Ihnen – und dann kam auch er an jenem Abend. Sie wissen es ja.« Ihre Hände suchten jetzt die seinen. »Ich glaube, Sie verstehen mich – und können mich doch auch wieder nicht verstehen. Vielleicht denken Sie, es sei Trauer in mir – Schmerz oder Eifersucht, die mich zu Ihnen führen – aber das ist es nicht.

Ich habe einen kleinen Kampf mit mir ausgekämpft, bis ich zu der Erkenntnis kam, daß auch dieses – ich meine, daß das Begegnen mit dieser Frau und der Einfluß, den sie auf ihn ausübte, Bestimmung war. Sie glauben nicht, wie die Tage nach jenem Abend bei Ihnen sich für ihn gestalteten! Wie er da arbeitete – wie er getragen war von irgendeinem ganz großen übermächtigen Gefühl.

Dann kam die Ermattung – kam entsetzliche Gleichgültigkeit, und ich glaube – ein unbewußter Haß gegen meine Person. Man lebt und fühlt sich ja ganz in einen andern Menschen hinein, wenn man immer nur an ihn denkt. Ich lese aus seinen Augen, aus jeder Bewegung in seinem Gesicht, was er denkt, will, was er leidet. Und ich weiß jetzt, daß er krank und unfähig zur Arbeit ist, bis dieses nicht zur Ruhe gekommen ist, dieses Verlangen – diese Qual.«

Sie hielt inne und sah den Pastor unsicherer als zuvor an.

»Ich weiß nicht, ob die Frau ihn liebt – weiß nicht, wie weit ihre Macht über ihn reichen würde, wenn sie Gelegenheit hätte, sie auszuüben. Ich weiß nur das eine: er braucht sie; und wenn kein Weg gefunden wird, um sie zusammenzubringen, so ist es um sein Werk geschehen!«

Lerch sah mit großen staunenden Augen auf Magdalene hin.

»Was verstehen Sie darunter, wenn Sie sagen, er braucht sie!«

»Ich weiß es nicht genau: vielleicht nur, daß sie harmlos in unserm Hause ein- und ausgeht! Daß er sie sieht, ihre Stimme hört! Mein Gott, ich weiß es nicht, aber ich glaube, mehr ist es nicht. Aber eines weiß ich: solange ich zugegen bin, wenn sie kommt, ist alles vergebens. Er haßt mich – er sieht seinen schlimmsten Feind in mir.«

»Und da wollen Sie – ich weiß nicht, ob ich recht verstand, aber Sie sprachen im Anfang von einem Opfer, das Sie bringen wollten, und sagten auch, daß Sie ihn lieben – und wollten doch – ich weiß wirklich nicht, ob ich recht verstand – aber Sie wollen, daß er volle Freiheit hat – wollen sich selbst für ihn aus dem Wege räumen?

Gesetzt den Fall nun, daß das ginge, denn schließlich hat ein jeder das Recht der freien Handlungsweise – aber da ist doch der andere Punkt. Die Frau, von der Sie sprechen, ist verheiratet – hat einen braven Mann, der sie liebt, der wahrscheinlich an ihre Ehrlichkeit glaubt. – Ueber die Frau selbst vermag ich nicht zu urteilen, denn ich kenne sie kaum und weiß nicht, wie weit ihre Rechtschaffenheit geht – –

Aber ganz abgesehen davon: wollen Sie da – aus lauter Güte und Opferwilligkeit Ihre Hand zu etwas geben, was doch direkt gegen bestehende Gesetze verstößt – was eine Schuld auf diese beiden Menschen laden würde?«

In Magdalenens Gesicht war tiefe Röte gestiegen.

»Ich habe nur das eine Gefühl gehabt,« sagte sie dann, »das furchtbare Gefühl, daß ich hier als die Störende, die Ueberflüssige befunden wurde.«

»Eine Frau, die so in und mit ihrem Manne lebt, wie Sie es tun, darf sich selbst nie als überflüssig erscheinen!«

Magdalene seufzte.

»Sie sprechen eine andere Sprache, denken andere Gedanken, als mein Mann es tut!« sagte sie. »Es ist die Sprache und es sind die Gedanken, die in der Welt, aus der ich stamme, üblich waren. Er aber trägt den Geist der Freiheit in sich – steht über den Gesetzen, die von Menschen verfaßt und vorgeschrieben sind. Bei ihm gelten Notwendigkeiten. Bei ihm gibt es keine Verallgemeinerung der Fälle!«

»Wenn er keine Gesetze gelten lassen will, so hätte er sich keinem Menschen verbinden dürfen, hätte sich auch über die Einrichtung der Ehe stellen und allein bleiben müssen.«

»Er hat die Ehe nicht gewollt, Herr Pastor. Aber gibt es einen andern Weg, auf dem ein Mann zu dem Mädchen, das er liebt, gelangen kann? Ja, es mag solch einen Weg geben – aber ich war zu jung damals, und mein Vater würde mich lieber tot gesehen haben, als in einer Lebenslage, die ihn in Schande gestürzt hätte.

Ach, heute habe ich anders denken gelernt! Heute weiß ich, daß all das, was die Menschheit im allgemeinen hochhält und worauf sie sich stützt, nichts als Aeußerlichkeiten sind.«

Der Pfarrer sah halb bestürzt, halb verstehend in Magdalenens Gesicht.

»Wir kommen da auf Fragen, die nie zu einem Ergebnis führen können!« antwortete er. »Es stehen sich zwei Anschauungen gegenüber, von denen jede ihre Berechtigung hat. Nur eines muß ich Ihnen zu ungunsten Ihres Mannes sagen: Der sogenannte freie Mensch, der keine Gesetze anerkennen will, muß in all seinen Handlungen, in all seinen Aeußerungen ganz und ungeteilt jener Welt angehören, die er sich geschaffen hat. Sowie er nur einen einzigen Schritt in die Welt von uns Andern getan hat, verfällt er auch deren Gesetzen und muß sich ihnen fügen. Und wenn Sie kamen, um meine Ansicht zu hören, so muß ich Ihnen sagen: Ihr Mann muß eher sein Werk zugrunde gehen lassen, ehe er den Treubruch an Ihnen begeht und ehe er eine Dritte mit in den Abgrund reißt. Und Sie, Magdalene, so gut und rein und groß die Motive sind, die Sie leiten, Sie sind auf falscher, sind auf gefährlicher Bahn, und ich bitte Sie – ich flehe Sie an bei der großen Freundschaft, die ich für Sie hege: Kehren Sie um von diesem Wege! Besinnen Sie sich! Sie werden die Kraft nicht haben, um die Folgen von dem, was Sie herbeiführen wollen, zu tragen!«

»Ich las in Büchern,« sagte sie, »daß die Frau zu jedem Opfer, auch zu dem der sich preisgebenden Liebe, bereit sein muß –«

»Nein – nein – nein – so nicht! In diesem Falle nicht. Und wenn schon – dann nicht auf diese Weise! Magdalene, etwas anderes wäre es, wenn Sie gingen, für immer von ihm gingen, und wenn es sich darum handelte, daß der verblendete Mann seine Neigung einer Frau darbrächte, die frei – also für ihn erreichbar ist. Frau Ralling aber müßte ihrerseits denselben Treubruch begehen – und – nehmen wir einmal die Möglichkeit, daß diese beiden wirklich zueinander gelangten, glauben Sie denn, Magdalene, daß diese Frau Sie dauernd ersetzen könnte? Glauben Sie, daß eine Frau Ralling einem hochfliegenden Geist folgen und ihn aufrichten könnte, wenn er ermattet? Nein, nicht wahr! Das, was Ihren Mann zu dieser Frau hinzieht, kann nicht anderes sein, als eine große unselige Verirrung, und wenn der Tag dieser Erkenntnis käme, wenn er erwachen würde – und das Erwachen würde sehr bald kommen –, dann würde Schmerz, Groll und vielleicht Untergang der Dank für Ihr gebrachtes Opfer sein.«

Unten ging die Tür, und der Pastor hielt in seiner Rede inne.

»Ich höre meine Frau kommen,« sagte er, »und so müssen wir einen Schluß finden. Nein, sage ich, Magdalene, nein und tausendmal nein! Dieses Opfer dürfen Sie nicht bringen – denn es wäre kein Opfer, sondern es wäre eine unselige Schwäche, an der mit großer Wahrscheinlichkeit drei Menschen zugrunde gehen müßten! Verstehen Sie mich, Magdalene – haben meine Worte Ihr Herz gefunden? Begreifen Sie mich?«

Seine Augen suchten die ihren. Tiefe, bange Sorge lag in seinem Gesicht, aber bevor Magdalene antworten konnte, öffnete sich die Tür, und die Pastorin trat ein. Ihr Gesicht strahlte in herzlicher Freude. Sie kam mit ausgebreiteten Armen auf Magdalene zu und zog sie an ihr Herz.

»Endlich haben Sie den Weg zu uns gefunden, und obwohl ich um die Freude gekommen bin, Sie für mich zu haben, ist es doch wiederum eine besondere Freude für mich, daß mein Mann mit Ihnen allein war. Ich muß sagen, ich bin fast ein wenig eifersüchtig auf ihn, denn ich habe das Gefühl, daß Ihr Herz und Ihr Kopf Sie mehr zu ihm als zu mir drängen.«

In Magdalene war die ernste, schwere Stimmung noch zu groß. Sie vermochte es nicht, auf einen scherzenden Ton einzugehen. Pastor Lerch reichte ihr noch einmal die Hand.

»Die Arbeit ruft mich: ich überlasse Sie meiner Frau!« – Und die Pastorin zog Magdalene in die Sofaecke, sorgte, daß trotz der vorgerückten Stunde Kaffee und Kuchen schnell zur Stelle waren und faßte die scheue, verängstigte Seele ihres Gastes mit so weichen, vorsichtigen Händen an, daß der verzagte, schwermütige Ausdruck aus Magdalenens Züge wich und irgendein kleines Lichtlein auf dem dunklen Weg, vor ihr lag, zu leuchten begann.

»Ich kam an Ihrem Haus vorbei!« berichtete die Pastorin unter anderem. »Im Zimmer Ihres Mannes brannte Licht. Ich sah deutlich die Silhouette seines Kopfes; er hatte ihn in die Hand gestützt. Als ich ihn so sah, war ich mit all meinen Gedanken sehr eng und warm bei Ihnen, Magdalene! Möchte alles so kommen, wie Sie es sich ersehnen – und möchte, wenn endlich das Werk vollendet ist, eine Zeit für ihn folgen, die ihn dem wirklichen Leben wieder zuführt!«

Sie sagte das mit etwas beklommener Stimme, und ihre Augen sahen forschend in Magdalenens Gesicht. Die antwortete nicht, denn aus der Pastorin Worten hatte es wie Hoffnungslosigkeit geklungen. Das Bild der blonden Frau Ralling mochte vor ihren Augen gestanden haben.

»Mein Gott,« sagte sich Magdalene, »auch dieser Gang war vergebens, und nicht nur vergebens, er hat mich ärmer gemacht, als ich es vorher gewesen bin!«

»Wenn Sie gehen müssen« sagte die Pastorin, als Magdalene sich etwas plötzlich erhoben hatte, »so darf ich Sie natürlich nicht halten. Man läßt den Mann nicht gern warten – ich weiß das von mir selbst. Aber kommen Sie bald wieder, Magdalene, ich bitte Sie herzlich darum.«



16.

Wie hatte der Major Schwertes zu Magdalene gesprochen? Hatte er wirklich die Worte gesagt: »Ich habe nie in meinem Leben Vorsehung gespielt und habe niemals einem Menschen meine Freundschaft aufgedrängt!«

Er stand an einem der trübsten Tage, die das zu Ende gehende Jahr zu bringen vermag, am Fenster seines Arbeitszimmers. Trüb und trostlos lag die Welt vor ihm, grau und stimmungslos die Landschaft, die so heiter aussehen konnte, wenn die Sonne über ihr lachte! Kein Sturm – keine Bewegung in der schweren Luft – keine Wolke am Himmel – kein Laut ringsum – nur diese bleigraue, furchtbare Stimmungslosigkeit.

Er sah zum Nachbarhaus hinüber. Wie lange war es her, seit er zuletzt den Tönen einer Sonate oder eines Nocturnos gelauscht hatte! Seit der Sommer gegangen war, hatte das aufgehört. Die Fenster im ersten Stock, die er von seinem Haus aus sehen konnte, waren seit Monaten geschlossen. Am Abend schimmerte Licht aus des Doktors Stube und hin und wieder fiel über den Balkon ein Lichtstreifen – aber nie hörte man eine Stimme. Nur manchmal, wenn die Dunkelheit gekommen war, ging der Doktor wie ein schwarzer Schatten den Gartenweg entlang und verschwand in der nächsten Seitenstraße. Auch gestern, am Abend wieder – und nun stand der Major da und wartete, bis das letzte graue Dämmern zur Finsternis wurde –, wartete auf irgend etwas, was geschehen sollte, und war doch voll Ingrimm, voll Schmerz über das eigene unwürdige Tun.

»Bin ich ein Raubtier?« fragte er sich. »Gehe ich auf Beute aus? Warte ich nicht hier, ob sich daneben irgend etwas ereignen will – und wenn es geschehen ist, dann gehe ich hin und sehe zu, ob etwas geblieben ist, was mir zufallen könnte.«

Mit einem wütenden Ruck ließ er den Vorhang, den er in der geballten Hand gehalten hatte, wieder fallen, lief zum Schreibtisch, zündete sich eine Zigarre an und ging dann mit großen, erregten Schritten im Zimmer auf und nieder.

Wie war dieses in sein stilles, zurückgezogenes Leben eingedrungen? Wie war es möglich, daß Menschen, die ihn nichts angingen, daß Dinge, an deren Entwicklung er nicht das geringste bewirken, fördern oder hindern konnte, solchen Besitz von ihm genommen hatten? Und daß immer das Bild der Frau vor ihm stehen mußte – daß die Angst um sie Tag und Nacht nicht aus seiner Seele weichen wollte! Hatte das Kapitel »Frau« ihn nicht genügend in seinem Leben beschäftigt und hatte er nicht das volle Recht, für immer damit abzuschließen? Im Grunde waren sie doch alle dieselben, wenn sie auch in den Aeußerungen ihrer Handlungen verschieden sein mochten – die einen klug und vorsichtig, die anderen geradeaus und rücksichtslos auf ihr Ziel losgehend. Im Grunde aber doch alle mit der großen Begabung zur Unwahrheit, zur Heuchelei – und alle voll von Eigennutz, immer nur bestrebt, Genuß und Freude für sich selbst zu erhaschen!

Er zog heftig an seiner Zigarre. Im Zimmer war es jetzt dunkel geworden, und er trat, ohne es zu wollen, wieder ans Fenster.

Man wurde so kindisch in der weltabgeschiedenen Einsamkeit dieses Ortes hier. Man freute sich schließlich, wenn der Nachtwächter kam und die Laternen anzündete. Richtig, da kam er mit seiner Stange. Unten in der Straße brannte schon eine Laterne und warf einen rötlichen Lichtschein um sich her. Nun war er am Hause der Breuers, und da ging denn zufällig auch gerade die Haustür. Eilige Schritte tasteten den Gartenweg entlang, die Gartentür kreischte auf und fiel wieder ins Schloß, und ehe noch die Laterne brannte, war der Doktor die Straße hinabgekommen und im Seitenweg verschwunden.

Schwertes blieb wie gebannt an seinem Fenster stehen.

Ein seltsames Gefühl, halb Zorn, halb Glück, zog durch sein Herz.

Nun war sie allein in dem dunklen Haus, das in schweren, kaum erkennbaren Umrissen vor ihm lag. Aus keinem Fenster schimmerte Licht. Dunkel und totenstill war alles um ihn her.

Magdalenens Gestalt erstand vor seinen Augen. Das schmale, feine Gesicht war dicht bei ihm. Die leise, etwas wehmütige, aber unendlich wohlklingende Stimme war dicht an seinem Ohr.

Er sprach ihren Namen aus, trat vom Fenster zurück und saß dann um Schreibtisch. Vor ihm lagen leere Bogen; ein aufgeschlagenes Buch war von einer kleinen Bronzefigur beschwert, ein angefangener Brief war von der Haushälterin so zurechtgelegt worden, daß er dem Major in die Augen fallen mußte. Seit zwei Tagen lagen diese Dinge unberührt, genau an demselben Platze vor ihm, und seit zwei Tagen hatte er – der Mann, der daß Erleben hinter sich geworfen hatte, dessen Haare sich lichteten und ergrauten – nichts anderes tun können, als denken – denken – immer im Kreise dieselbe Gedankenkette wieder durchwandern, bis eine Art von Lähmung in seinem Hirn eintrat, bis er, betäubt und erschlafft, auf seinem Sessel saß und ins Leere starrte.

Was war das? Was hatte das zu bedeuten?

Verliebt? Wie in den Jugendjahren verliebt? Und dazu in die Frau, die einem Anderen gehörte?

Nein – nicht verliebt. Ein sehr häßliches Wort »verliebt«!

Das ernste, schwermütige Wesen einer Frau, wie Magdalene eine war, lehnte sich gegen den leichten Sinn, der in diesem Worte lag, auf.

Also Liebe – in der ganzen Wucht ihrer Bedeutung?

Nein, auch das nicht! Oder wenn es schon Liebe war, dann doch nur eine allgemeine, große Menschenliebe, die sich zufällig auf ein einzelnes Wesen, das vielleicht großer, tiefster Anteilnahme bedurfte, übertragen hatte.

Aber keine Liebe, die besitzen will. Keine Liebe, die mit heißer Stimme redet und deren Worte lauten würden: Mag alles in Trümmer zerfallen – mag die Welt, in der sie jetzt lebt, zugrunde gehen, wenn es nur so kommt, daß mein Begehr gestillt wird, daß ich sie eines Tages in meinem Haus, in meinen Händen, an meinem Herzen habe!

Nein so nicht! Das hatte er damals gefühlt, als er geglaubt hatte, der ganze Inhalt des Lebens hinge nur noch von dem Besitz der Frau ab, deren Tugend, deren Anmut und deren vermeintliche Seele ihn in Bann geschlagen hatten.

Nein, so nicht! Nicht sie besitzen! Nichts für sich selbst haben wollen! Nur beschützen dürfen, nur nicht ahnen, sehen, wissen müssen, daß ihr tiefer Glauben betrogen, daß zwei Menschen vielleicht heimlich über sie lachten – daß . . .

Er hatte eine Schublade seines Schreibtisches aufgezogen – halb unbewußt und doch von einer bestimmten Absicht geleitet.

Die Hände bebten ein wenig, als sie in Briefen und Schriften suchten, als sie endlich eine Schnur öffneten, die um ein Bündel Papiere geschlungen war. Ein Bild lag vor ihm – das Bild der Frau, die jetzt irgendwo in der heiteren bewegten Welt der Genußfreudigen ihr Leben weiterleben mochte.

Es war das einzige von den vielen Bildern, das er von ihr besessen, das er aufgehoben hatte – und auch dies sollte nicht ein Pfand der Liebe sein, sollte ihm nicht in weichmütigen Stunden die Erinnerungen an vergangene Zeiten zurückrufen, sondern es sollte eine ganz andere Mission erfüllen.

Warnen sollte es ihn für alle Zeiten, sollte ihn davor behüten, jemals wieder an eine, die ihm gefiel, weil sie ein hübsches Gesicht, anmutiges Wesen und eine glatte, verführerische Art besaß, zu glauben, wieder sich Welten auszumalen, die nur in der Phantasie bestehen konnten. – Er sah auf das Bild und fühlte, wie die alte Bitternis in ihn einzog. Gottlob, daß es so war! Gottlob, daß die Wirkung heute nicht versagte. Das Bild kam in seine Lade zurück. Der Major zündete sich eine neue Zigarre an und trat wieder ans Fenster.

War er nun frei geworden? Konnte er das Nachbarhaus ansehen, ohne von dieser albernen, unangebrachten Teilnahme von neuem erfaßt zu werden?

Ein wenig kühler war das Herz ihm geworden; die Gedanken nicht mehr so erregt. Die Welt und ihr Geschehen lag nüchterner vor ihm.

Auf dem Balkon des Breuerschen Hauses zitterte jetzt ein matter Lichtstrahl, als müßte sie in einem der Zimmer des ersten Stockes sein, und nun hörte Schwertes leise Klänge – sehr zart und leise – kaum noch vernehmbar für ihn und doch das ganze Herz erfüllend.

Er lauschte mit angehaltenem Atem. Er sah sie im Geiste an ihrem Instrument sitzen. Die Mauern des Hauses waren verschwunden – nichts trennte ihn von ihr. Er sah sie, wie sie in großer Schwermut, vom Leid gebeugt, dasaß, und wie ihre Hände kaum die Tasten berührten – wie das, was er hörte, mehr ein Klang aus ihrer Seele heraus, als das Tönen eines Instrumentes war.

Dann war plötzlich alles still. Der Lichtschein erlosch, und der Major trat nun vom Fenster fort, fühlte daß das Zimmer, daß das ganze Haus zu eng für ihn geworden war, nahm Hut und Mantel und lief zum Hause hinaus.

Schwertes war ohne irgendwelche Absichten auf die Straße, ins Freie hinausgegangen. Mit großen, erregten Schritten war er ein Stück die Promenade am See entlang gegangen, um dann wieder umzukehren und eine andere Richtung einzuschlagen.

Nein, kein Wille, keine Absicht war dabei gewesen – höchstens eine unbewußte Macht, die ihn des freien Entschlusses beraubt hatte. Aber plötzlich fand sich Schwertes vor dem Gitter des Rallingschen Gartens stehend und sah da etwas, was ihn zuerst mit Groll und dann mit einem tiefen Mitleid erfüllte.

Die Hände um die kalten Eisenstangen geklammert, in einer Haltung, aus der äußerste Erschöpfung, aus der etwas wie Verzweiflung sprach, stand der Doktor Breuer vor der Gartentür. Die Augen sahen nach dem Licht, das aus ein paar Fenstern in den Garten hinabfiel; sie tranken dies Licht, sie waren wie hypnotisiert davon. Der ganze arme Mensch, der da gebückt, elend, alles Körperliche vergessend, stand oder vielmehr kauerte, war hypnotisiert, war einer von denen, die den Boden unter den Füßen so vollkommen verloren haben, daß man zu ihnen gehen, sie am Arm packen, sie rütteln und aus ihrer entsetzlichen Erstarrung erlösen möchte. Schwertes war nahe daran, dem armen Breuer diesen Dienst zu erweisen – aber dann war die weiche Regung in ihm schnell wieder vorüber, und er blieb abwartend in der tiefen Finsternis, die ihn umgab, stehen und blickte unverwandt zu Breuer hin.

War es nicht möglich, daß hier doch eine Verabredung war, daß sie ihn nur warten ließ, wie Frauen es lieben, den Mann, der ihnen ergeben ist, vollends zum Sklaven zu machen!

Oder war es nicht möglich, daß sie um sein Hiersein wußte und aus irgendeinem Grunde das Haus nicht verlassen konnte?

Es war ja nicht zum erstenmal, daß er den Doktor bei einbrechender Dunkelheit aus dem Haus gehen sah, und daß der Zweck immer nur der sein sollte, hier unten in Wind und Kälte zu stehen und zu ihren Fenstern heraufzublicken, das wollte Schwertes nicht in den Kopf.

Ihn fror, er hatte einen leichten Mantel an, und die feuchtkalte Luft kroch in seine Kleider, vom See her kam Nebel gezogen, ein scharfer Wind schnitt ihm ins Gesicht.

Herrgott, der Mann hier, der arme magere Doktor Breuer stand und stand bewegungslos da und starrte nach oben, war wie ein Soldat, der auf seinem Posten ausharrt und gar nicht merkt, wie die Natur um ihn her beschaffen ist, dem Kälte oder Hitze, Sturm, Regen oder glühende Sonne nichts anhaben dürfen.

Dunkler und eisiger ward die Nacht; das Licht, das bis zu Breuer hingeschienen hatte, erlosch plötzlich, durch den Doktor fuhr es wie ein Ruck, die Hände lösten sich von dem Eisengitter, der Kopf fiel auf die Brust hinab, und mehr schleichend als gehend, trat er den Heimweg an.

Schwertes schüttelte den Kopf, als er ihm nachsah. Er wußte nun wirklich nicht mehr, was er daraus machen sollte, sah noch, daß der Doktor vom See abschwenkte und durch eine einsame, völlig dunkle Birkenallee ging, und schritt dann kräftig aus, um die erstarrten Glieder wieder zu durchwärmen. Als er nach Hause kam, war der Abendbrottisch längst gedeckt; die Haushälterin hatte ein Gesicht, in dem allerlei Unerquickliches zu lesen stand, aber sie schwieg, weil alle Worte bei ihrem Herrn doch keinen Eindruck hervorbrachten, besonders wenn er so in sich gekehrt und abweisend aussah wie an diesem Abend.

Schwertes hatte beim Vorbeischreiten gesehen, daß Licht in des Doktors Zimmer war, hatte auch dessen Schatten erkennen können und saß nun da vor dem appetitlich gedeckten Tisch, ohne rechte Lust, die Speisen anzurühren. Nur von dem heißen Tee trank er ein paar Tassen schnell hintereinander, denn es war immer noch ein Frieren in ihm, und wenn er an den Doktor dachte, der fast zwei Stunden da draußen in der schneidenden Luft gestanden hatte, mußte er wieder den Kopf schütteln.

Wie war so was möglich? Denn nun zweifelte er nicht mehr, daß dieser Abend vielleicht nur zufällig anders ausgefallen wäre, wie die vorangegangenen, an denen er den Doktor um dieselbe Stunde das Haus verlassen sah, sondern er wußte plötzlich mit voller Bestimmtheit, daß überhaupt von seiten dieses Mannes kein anderer Zweck vorlag, als der, vor dem dunklen, stillen Haus in dem sie wohnte, zu stehen und zu ihren Fenstern hinaufzusehen.

»Wie ein schwärmerischer Jüngling,« sagte er, aber sein Gesicht bekam einen milden, nachsichtigen Ausdruck dabei und das Bild des Doktors stand in völlig veränderter Gestalt vor ihm.

»Aber um dieser Frau willen!« mußte er denken, als er spät am Abend in seinem Bett lag – um solch einer Frau willen, wenn man diese andere, wenn man Magdalene an seiner Seite hat!

Worte fielen ihm dann ein, wie die Frau, die ihn verlassen und betrogen hatte, einmal zu ihrer Verteidigung ausgerufen hatte.

»Ich kann es nicht ertragen, daß ein Tag wie der andere dahingeht, daß immer nur du es bist, den ich sehe, mit dem ich Wohnung, Essen und überhaupt alles, was das Leben bringt, teilen muß. Man kann auch nicht immer dasselbe Kleid tragen, nicht immer dasselbe Bild ansehen oder immer dieselbe Speise essen! Ich bin müde von dir – weiter nichts; es ist keine Schuld, es ist Krankheit!«

Aus dem Mund dieser Frau hatten ihn diese Worte angewidert; er hatte ihre Berechtigung auch nie begreifen können. Aber nun, da er all dies auf den Doktor im Nachbarhaus anwandte, wollte ihm doch etwas wie ein Verstehen kommen.

»Nicht Schuld, sondern Krankheit!« fügte er vor sich hin. »Verirrung, geistige Hypnose. Seelenkrankheit!« Und ist der Begriff »Liebe« nicht überhaupt etwas, was niemals eine vernünftige Erklärung finden kann? Ist Liebe an sich nicht überhaupt Krankheit, die je nach der Veranlagung des Betroffenen sehr leicht auftreten, die aber ebensowohl tödlich wirken kann?

Der Major Schwertes dachte viel und sehr angestrengt während vieler Stunden dieser Nacht über eigene Erlebnisse, über Leiden und Erfahrungen nach, er dachte über Dinge und Begriffe, die abstrakt erscheinen und doch sehr sichtbar und faßbar in unser Leben eingreifen können, nach, und immer, wenn er am Schluß einer langen Gedankenkette angekommen war, sah er das Breuersche Ehepaar vor sich und hatte das Gefühl, als müßte er diese beiden armen Menschen von irgendeinem Abgrund, auf den sie zusteuerten, zurückreißen.

Magdalene fühlte und wußte es, daß des Majors Gedanken bei ihr waren. Sie wußte auch vom Pastor Lerch und von dessen Frau, daß sie in Teilnahme und herzlicher Freundschaft an sie dachten, aber in all der Trübsal, die diese dunklen Tage und Wochen ihr brachten, vermochte nichts ihr zu helfen.

Wenn das Leid den einen Menschen zum Reden bringt, ihn zu Freunden hintreibt, um sich Trost und Ruhe zu holen, so wirkt es auf andere wieder so, daß sie sich wie arme, verwundete Tiere verkriechen müssen, daß ihnen das Licht des Tages, jeder laute Ton und vor allem jeder Blick, der Teilnahme und Verstehen ausdrückt, eine Wunde zufügt, sie bis in die Tiefe ihrer Seele hinein verletzt.

Nach jenem Besuch beim Pfarrer Lerch, von dem Magdalene so doppelt trostlos nach Hause zurückgekehrt war, verlangte sie nach keiner Aussprache mehr. Sie wußte nun, daß niemand, auch nicht der beste und gütigste Mensch ihr etwas zu geben hatte, daß man ein Leid, wie das ihre eines war, allein tragen, und daß jede Erklärung, die man dritten Personen davon geben konnte, immer nur eine Verzerrung sein mußte.

Einmal, es war in der Weihnachtswoche gewesen, hatte Dietholm den Weg zu seiner Tochter hinaus gemacht. Er war in seinem Auto gekommen, der Chauffeur hatte einen Arm voll Paketen hinter ihm her ins Haus getragen, und dann hatte er bei der Tochter oben im blauen Zimmer gesessen. Unten in der Dunkelheit des Flurs hatte er ihr Gesicht nicht erkennen können, aber oben im Zimmer, unter der Lampe stehend, sah er mit offenkundigem Schrecken in dies geliebte Antlitz, das jetzt fast denselben Leidenszug trug, wie die verstorbene Frau kurz vor ihrer Erlösung. In Magdalenens Augen hatte eine tödliche Angst, eine Abwehr gelegen: »Frag nicht, sprich nicht aus, was du denkst! Laß mich allein; um Gottes willen, laß mich allein!«

Doktor Dietholm hatte die Sprache verstanden; ein heißer Schmerz krampfte ihm das Herz zusammen, mit trockenen Lippen hatte er gefragt:

»Bist du gesund. Magdalene? Ich meine, ist körperlich alles bei dir in Ordnung?«

»Ja, Papa, ja,« und hatte dann am Klavier gesessen, damit er den Klang des wundervollen Instruments, das sie seiner Güte und Großmut verdankte, endlich zu hören bekäme.

»Willst du Tee haben, Papa?« hatte sie dann gefragt und hatte mit ihm am Tisch gesessen, hatte nach allen, die zu ihm und zu ihr gehörten, gefragt und ihre Augen leuchteten dabei in einem seltsamen Glanz. Aber Dietholm hatte das marternde Gefühl: »Sie ist gar nicht bei dir! Nein, sie ist weit, weit weg von dir. Was du ihr bringst, was du mit Liebe und Zärtlichkeit für sie gekauft hast, um ihr eine Freude zu machen, erregt nicht im mindesten ihre Aufmerksamkeit. All ihre Gedanken, jeder Nerv ist aufs äußerste angespannt; es muß da etwas Neues, etwas ganz Besonderes sein, was zu dem, was sie für gewöhnlich zu tragen hat, hinzugekommen ist. Und dann stand es groß und wuchtig und erschreckend vor ihm: »Irgendeine Gefahr ist vorhanden, irgend etwas, was kein Mensch von ihr abwenden kann.«

»Magdalene,« sagte er mit unsicherer Stimme, »Kind, ich bin ganz gewiß nicht zu dir herausgekommen, um dir eine peinvolle Stunde zu bereiten; im Gegenteil, ich hoffte eine kleine, vorübergehende Freude in dein Leben zu bringen. Ich wollte nicht fragen, nichts erfahren, was du mir nicht aus freiem Willen sagst, aber seit ich hier in diesem Zimmer bin, seit ich dein Gesicht, deine Augen gesehen habe . . . ich weiß nicht, Magdalene, was es ist. Liegt es vielleicht in der Luft eures Hauses, die etwas Beklemmendes hat . . . sind es Ahnungen, die gar keine Begründung haben, ich weiß es nicht. Aber es muß irgend etwas sein, etwas, was dich gefangen nimmt, was alle deine Gedanken in Bann hält. Du warst ja oft fern von uns, wenn du mitten unter uns saßest, aber so wie heute, so wie in dieser Stunde ist es doch niemals gewesen!«

Ihr Gesicht war noch bleicher geworden, als es vordem gewesen.

»Laß mich, Papa!« bat sie dann ruhig. »Ich will nicht sagen: es ist nichts! Aber es ist nichts in dem Sinne, wie du es dir vielleicht denkst. Die gesteigerte Angst um seine Arbeit ist es, um seine Gesundheit!«

»Ist er krank?« fragte Dietholm schnell.

»Er sieht sehr elend aus!« antwortete sie leise.

»Sonst nichts, Magdalene?«

»Es sind die Qualen, über die einer, der schaffen muß, der mit einer ganz großen Sache ringt, mit niemand sprechen kann.«

»Auch mit dir nicht, die du doch alles mit ihm trägst?« »Nein. Aber es ist vielleicht die letzte Phase, das letzte schwere Stück Leiden vor der Vollendung.«

»Glaubst du denn wirklich noch an eine Vollendung? Wirklich, Magdalene, hast du immer noch Hoffnung auf endliche Erfüllung all dessen, worauf er dich und uns alle nun schon so lange warten läßt?«

»Wenn ich nicht mehr glauben könnte, dann wäre ja alles zu Ende!« sagte sie sehr leise, und trotz ihrer Worte, die ihn verteidigen sollten, las Dietholm die tiefe Hoffnungslosigkeit aus ihrem müden, vergrämten Gesicht. Er zog sie an sich und küßte sie leise auf die Stirn.

»Du weißt, daß ich dein bester, treuester Freund bin, immer, Magdalene, was auch kommen mag!«

»Ja, Papa! Du hast es mir oft gesagt!«

Unten ging die Tür; erst das leise Knirschen der Gartenpforte – dann das geräuschvolle Zuschlagen der Haustür. Gleich darauf ward auch die Tür von Breuers Zimmer ins Schloß geworfen.

»War er fort?« fragte Dietholm.

»Ja, er geht jetzt manchmal am Abend.«

Die Beklemmung in beiden wurde drückender; es war, als ob das ganze Haus belastet sei, seit Breuer unten in seinem Zimmer saß. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme und sie sprachen jetzt über Dinge, die weitab lagen, die völlig gleichgültig waren.

Der Mann, der gekommen war, um ein wenig Weihnachtsstimmung ins Herz seiner Tochter zu bringen, mußte einsehen, daß alle Liebe, alle Sorge, daß selbst ein Eingreifen in das Schicksal dieser beiden Menschen, die hartnäckig ihren Weg verfolgten, keinen Zweck, keinen Erfolg haben konnte. Er ging in etwas gebückter Haltung, mit einem Gesicht, aus dem auch der letzte Schimmer von Hoffnung erloschen war.

Seit jenem Tag mied Magdalene die Menschen, und sie tat es zum erstenmal mit einer großen Bitterkeit, mit einer gewissen Ueberhebung in Kopf und Herzen.

Hat es unter allen, die ich kenne, je einen gegeben, der mir Mut und Zuversicht predigte? Hat ein einziger von ihnen den Glauben an meinen Mann mit mir geteilt?

Der Pastor? Vielleicht ganz im Anfang, aber jetzt nicht mehr! Der machte dasselbe zweifelnde, mitleidvolle Gesicht wie alle anderen, wenn er jetzt zu ihr sprach.

Die Pastorin? Ach, die kam nicht in Betracht. Die war eine durch und durch praktische Natur, die etwas, was sich durch sichtbare Erfolge oder Zahlen nicht beweisen ließ, nicht begreifen konnte und wollte.

Der Vater hatte schließlich noch am meisten Recht, mit einem gewissen Ingrimm bei seinen Zweifeln zu verbleiben, denn er war ja der, der die ganze Tragödie über Wasser halten mußte und nur Undank dafür erntete, aber seit einiger Zeit wußte Magdalene auch, daß der einzige, von dem sie gehofft und geglaubt hatte, daß er ihren Mann verstände, auf die Seite der anderen getreten war. Der einsame Mann drüben im Nachbarhaus. Ja, auch der! Sie wußte es, ohne es von ihm gehört oder es aus seinen Mienen gelesen zu haben.



17.

Breuers drängende Sehnsucht ging nach keinem bestimmten Ziel. Er hatte einmal in seinen Schriften über das Wort Sehnsucht gesprochen in dem Sinne, daß nicht erst der Gegenstand da sein müsse, der Sehnsucht und Verlangen im Menschenherzen erweckt, sondern daß vielmehr von Periode zu Periode in jedem mit Verstand und Gefühl genügend begabten Menschen gewisse Mächte, die eine starke treibende Kraft besitzen, erwachen, daß man solche Triebe mit poetischen Worten wie »Sehnsucht, Verlangen und dergleichen« benenne, und daß das Ziel derselben im tiefsten Grunde ganz nebensächlich bleibe. Entweder sei es vorhanden oder aber man bilde sich eines zurecht. Nichts ist leichter als einem Menschen, dessen äußere Form sympathisch wirkt, kraft seiner Phantasie das zu geben, was man an und in ihm sehen möchte.«

Er hatte auch damals, als er über solche Dinge dachte und schrieb, mit Magdalene darüber gesprochen und sie hatte ihn verstanden.

Nun aber, da er selbst von der Krankheit, deren Wesen er einstmals so vernünftig und sachlich zergliedert hatte, befallen war, versagte die Schärfe und Kühle des zersetzenden Verstandes. Das Fieber raste in seinem Körper und nahm ihm die Kräfte; er glaubte jetzt in der Tat an seine übergroße Liebe zu der Frau, deren Haar, deren Stimme und deren geschmeidige Bewegungen ihm gefallen hatten, und wenn er wieder und wieder in Kälte und Dunkelheit wie ein armer Bettler an der Pforte ihres Gartens stand, dann sah er in ihr eine Göttin, in deren Hand es lag, ihn in überirdische Höhen zu ziehen oder ihn in Höllen hinabzuschleudern.

Frau Ralling war nicht wieder zu den Breuers gekommen und Magdalene hatte auch nicht wieder den Weg zu ihr hingefunden. Und doch begegneten sich beider Gedanken unablässig, und weder im Herzen der einen noch der anderen lebte etwas von Haß, Neid oder bösem Ingrimm; sie litten beide um den Mann, die eine als die treu zu ihm stehende, die nichts mehr von ihm begehrte, und die Andere mit dem Gefühl: »Und wenn ich selbst gewähren wollte, es würde dir doch nicht helfen können!«

Bald nach Weihnachten war es, an einem besonders kalten, aber klaren Winterabend. Der Himmel hochgewölbt und dunkelblau mit dem blitzenden Geschmeide von zahllosen Sternen, der Mond fast voll, wie ein weißes Tuch, das schaukelnd die Erde bedeckt, alles still und feierlich und ohne die leiseste Bewegung in der Luft, nur das unhörbare Zittern und Wogen einer heranziehenden Kältewelle! Die Vorbereitung der Natur auf die Nacht . . . Breuer stand am Eisengitter. Seit mehr als einer Stunde stand er da, wußte nichts von Kälte, wußte nichts von Zeit und von der Möglichkeit, daß die Frau, die zu ihm gehörte, in Angst und Qual seiner wartete, weil er heute zu einer späteren Stunde als sonst gegangen war.

Er wußte überhaupt nicht mehr, was er tat und warum er es tat, wußte nur, daß da aus einem Haus am See aus ein paar Fenstern Licht schimmerte, und daß er hingehen und in dieses Licht hineinsehen mußte, solange es ging, solange der Körper standhielt und solange die Augen es vermochten von dem Licht zu trinken.

Unzählige Male hatte er nun schon da gestanden und immer war alles still und unbeweglich, wie erstarrt in tiefster Lautlosigkeit geblieben! Ohne Scheu, ohne Angst, jemals von einem Menschen gesehen und befragt zu werden, stand Breuer da. Noch niemals hatte sich in dieser Stunde die Tür des Hauses geöffnet, noch nie war ein Mensch an ein Fenster getreten, noch nie ein Schatten im Garten sichtbar geworden.

Und daher mochte es kommen, daß ein Schrei sich auf seine Lippen drängte, daß er fast zu Boden gestürzt wäre, als da plötzlich jemand dicht neben ihm stand, ihn ins Gesicht blickte und dann seinen Namen nannte. Ehe er begreifen konnte, ehe seine Augen zu erkennen vermochten, verging eine geraume Zeit, dann drang es plötzlich in ihn ein, daß eine heiße Welle durch den erstarrten Körper fuhr, daß jedes Glied an ihm bebte, daß er fassungslos, wie einer, der aus tiefstem Schlaf erweckt wurde, in das helle Gesicht vor ihm blickte.

Sie war es selbst. War aus der Stadt zurückgekehrt; der Mann, mit dem sie am Mittag gefahren war, befand sich jetzt auf einer Geschäftsreise; sie war allein.

»Mein Gott, Herr Doktor, hören Sie denn überhaupt, was ich zu Ihnen sage? Wie sehen Sie denn aus? Bleich wie ein Leinentuch, oder ist's der Mond, der Sie so aussehen läßt? Und wie kommen Sie hierher? Wollten Sie zu uns herein? Waren vielleicht schon im Haus? Nein? Ja, was denn sonst? Es ist ja so bitter kalt! Wollen Sie mit mir kommen? Weiß Ihre Frau, daß Sie hier sind? Sprechen Sie doch; ich bitte Sie, sagen Sie doch ein Wort!«

Ihr Haar flimmerte vor ihm im weißen Mondenschein; ihre Augen blickten tief und mit einem Ausdruck von Besorgnis in die seinen. Es war jetzt nicht der leiseste Versuch in ihr, ihm gefallen zu wollen; sie sah einen Kranken, vielleicht einen Verwirrten vor sich. Eine Angst überfiel sie; am liebsten wäre sie ins Haus gelaufen, hätte sich eine Hilfe geholt und hätte dann den Doktor zu seiner Frau, die wahrscheinlich in marternder Sorge auf ihn wartete, gebracht.

Aber dann kam plötzlich das Leben und das volle Erkennen in Breuer zurück. Die Züge seines Gesichts verloren den starren Ausdruck, die Augen hatten jetzt einen tiefen Glanz. Das Wunder war gekommen! Der Himmel öffnete sich über ihm.

»Wollen Sie mit mir hereinkommen?« fragte Frau Ralling, aber es lag keine große Freude im Ton ihrer Stimme. Sie hoffte auf ein »Nein!«, doch Breuer stieß ein kindlich frohes »Ja« heraus und schritt dann neben ihr den Gartenweg entlang dem Hause zu.

Frau Ralling führte ihn die Treppe hinan; sie traten in das Zimmer, aus dem das Licht geleuchtet hatte. Aus einem Sessel erhob sich jemand.

»Meine Tante,« stellte Frau Ralling vor; Breuer grüßte die ältliche Frau, die vor ihm stand, erwiderte den Gruß und verließ dann das Zimmer. »Ich werde für Tee sorgen, Herr Doktor. Sie müssen ja ganz erstarrt sein. Lassen Sie sich ansehen, ob es draußen wirklich nur das Mondlicht gewesen ist, das Ihr Gesicht so weiß machte! Nein, ich hab' mich also nicht geirrt, Sie sehen erbärmlich aus. Kommen Sie, legen Sie den Mantel ab und dann setzen Sie sich da in den Sessel. So, ich gebe Ihnen eine Decke über die Kniee und nun entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich will nur dem Mädchen Bescheid sagen.«

Breuer nickte zu allem. Sein Gesicht war jetzt wie das eines müde gewordenen Kindes. Es war wohl irgendeine große, eine kaum zu erfassende Freude in ihm, aber die Müdigkeit war größer als alles andere. Eine Viertelstunde später saß Frau Ralling auf dem Sessel, der dem seinen gegenüberstand. Sie trug ein helles, loses Hauskleid, die Haare leuchteten, die Augen strahlten, der Mund sprach und landete wie an jenem Abend bei Lerchs, als er sie zuerst gesehen hatte.

Zwischen ihnen stand ein kleiner Tisch mit dem Teegerät. Frau Ralling goß ihm ein, tat Zucker und irgendeinen stark duftenden Alkohol in seine Tasse und schob ihm eine Schüssel mit Backwerk zu.

»Trinken Sie, Herr Doktor, Sie müssen trinken, solange der Tee heiß ist. Gott im Himmel, wie lange haben Sie denn da draußen gestanden? Sagen Sie doch, Doktor, geben Sie mir doch eine Erklärung.«

Er trank seine Tasse in einem Zuge leer; in seinem Hause litt er keinen Alkohol, weil er ihn als Feind des klaren Denkens betrachtete. Darum war die Wirkung des starken Getränkes, das er hier genoß, fast eine augenblickliche. Die Müdigkeit verflog, der Geist lief wieder auf den seinen geölten Bahnen.

Frau Ralling füllte ihm die Tasse von neuem.

»Kennen Sie die Geschichte von der blauen Blume? Die Sehnsucht nach Unerreichbarem, die einen Menschen befallen kann und ihn auf Wege lockt, die er nie gehen würde, wenn der Verstand und die Vernunft in solchen Zeiten nicht ausgeschaltet wären?«

Frau Rallings Mund lachte; aus ihren Augen war der Ausdruck von Sorge verschwunden. Des Doktors feines, schmales, geistvolles Gesicht übte wieder die große Wirkung auf sie aus, wie damals im Pastorenhaus. »Trinken Sie!« Und Breuer trank und das Herz schlug ihm warm und voll gegen die Brust; die Augen hatten einen überirdischen Glanz. Die Göttin hatte ihn in ihr Paradies geführt.

»Ich kenne das Märchen von der blauen Wunderblume aus Büchern nur!« sagte sie leise mit einem Ton von Wehmut in der Stimme. »Mich selbst hat das Leben immer nur nüchterne Wege geführt, bis . . .«

Sie vollendete nicht, und er sah sie groß und erwartungsvoll an.

»Bis?«

»Nun, vielleicht bis zum heutigen Tag, nein, bis vor ein paar Wochen!« Der Kopf senkte sich; Breuer sah jetzt nichts anderes als das leuchtende, zitternde, blonde Haar. Die Sehnsucht, es mit seinen Händen berühren zu dürfen, war übergroß in ihm. Magdalenens Bild stand plötzlich klar und groß vor ihm. Die Hand, die sich schon erhoben hatte, sank herab. Es war, als ob ein kühler Wind ins Zimmer gekommen wäre.

»Wie sie lähmt!« dachte Breuer verzweifelt. »Wie sie selbst in solchen Augenblicken die Stimmung nimmt!«

Frau Rallings Kopf hob sich, ihr hübsches Gesicht beugte sich zu ihm hin.

»Sagen Sie, was Sie denken, was Sie fühlen! Sagen Sie, wie Sie sind, wer Sie sind!« bat er flehend. »Ich weiß nichts von Ihnen, als daß Sie dies blonde Haar haben, kenne nichts, als diese Stimme, die mich zittern macht, diesen Duft, der von Ihnen ausgeht, und der mich berauscht. Was Sie denken, warum Sie so wirken, daß alles andere neben Ihnen verblaßt, das weiß ich nicht. Ich kann Magdalene, kann meine Frau kaum noch ertragen, seit ich Sie kenne!«

»Sprechen Sie nicht so! Sagen Sie nichts von Magdalene. Nennen Sie ihren Namen nicht!« bat Frau Ralling, und Breuer nickte.

»Nur das eine noch: es ist, als sei das ganze Leben ein riesengroßer Irrtum gewesen bis zu jenem Tage – bis ich Sie sah.«

»Wie ist das möglich, da Sie doch ganz in Ihrer Geisteswelt gelebt haben?«

»Vielleicht gerade deshalb. Ja, gerade deshalb. Die wirkliche Welt, das Reale hatte noch keine Macht über mich gewonnen bislang.«

»Und jetzt?«

»Jetzt möchte ich Mensch sein! Herrgott, Mensch sein wie Ihr Mann zum Beispiel; nur mit mehr Bewußtsein.«

»Mein Mann lebt sehr bewußt!« lächelte Frau Ralling.

»Ich verstehe unter ›bewußt‹ etwas anderes. An jedem Tag, in jedem Augenblick wissen, fühlen, in jedem Nerv empfinden, wie glücklich man ist, wie fähig, auszukosten, was geboten ward.«

»Sind Sie nicht glücklich?«

Breuers Gesicht bekam den verbitterten Ausdruck, den es an Magdalenens Seite seit langem hatte.

»Ich will kein Glück in dem banalen Sinne, den die Allgemeinheit in diesen Begriff legt. Ich will ein Herausgehobensein, ich will das Höchste, das natürlich nicht von Bestand sein kann.«

»Und dann?«

»Dann das Nichts!« sagte Breuer. »Aber das Nichts – wir Menschen können es nur durch den Tod erreichen – ist eben ein Ziel, vor dem alles, was gesund in uns ist, zurückschreckt. Und selbst in einem kranken Körper und in einem kranken Geist muß viel Gesundes zurückbleiben, denn sonst könnte so viel körperliches und seelisches Elend doch nicht das Leben dem erlösenden Nichts vorziehen. Es ist traurig und beschämend, daß es so ist und ist vielleicht doch auch wieder gut und notwendig so. Alle Geistesprodukte, die den Durchschnitt überragen, alle Kunst, die Tiefen aufwühlt und hinzureißen vermag, kann nur einem mit Krankheit behafteten Hirn entspringen. Ich möchte fast sagen, insbesondere in bezug auf die Kunst: Je mehr Krankheitsstoff, um so gewaltiger, hinreißender, eindringender ist das Werk. Ein Mensch, der glatt an den Krankheitserscheinungen des Geistes und der Seele vorüberkommt, hat überhaupt nicht gelebt, er hat vegetiert. Vielleicht, nein, ich möchte sagen, ganz bestimmt, ist er der Beneidenswertere, denn ihm blieben die Qualen des armen Geistigen erspart.«

»Wenn Sie so sprechen,« sagte Frau Ralling leise, »fällt mir das Leben, das ich seit vielen Jahren lebe, jählings in Trümmer. Es war jedesmal so, nach jenem Abend bei Lerchs, als wir uns zum erstenmal sahen, dann nach dem Besuch in Ihrem Hause, und nun zum drittenmal. Ich muß dann jedesmal mit vieler Mühe und Ueberwindung die Scherben wieder zusammensuchen und ineinanderfügen, es bleibt mir ja etwas anderes nicht übrig!«

Ihr Kopf senkte sich wieder, während sie sprach.

»Wollen Sie mir damit sagen, daß ich Ihnen Unglück bringe?«

»Vielleicht ›Gift‹!«

»Ist es ›Gift‹, wenn ich Sie lehren möchte zu denken, Ihr Leben zu erkennen?«

»Es würde kein Gift sein, wenn Sie Macht hätten, es anders zu gestalten, wenn Sie mir helfen könnten.«

»Ein Mensch wie ich kann niemandem helfen – ich kann nur herniederziehen!« sagte Breuer bitter. »Ich kenne ja wenig Menschen, aber bei diesen wenigen habe ich immer dieselbe Erfahrung gemacht, nämlich, daß sie nicht heiterer werden, wenn ich auf sie wirke. Magdalene war einstmals ein heiteres Mädchen. Ich meine nicht ›heiter‹ im oberflächlichen Sinne. Aber sie war so, daß sie ohne Kämpfe durch ein normales Leben gekommen und zufrieden geblieben wäre!«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist sie krank: ich glaube sehr krank.«

Frau Ralling sah den Doktor groß und mit einem Grauen in den Augen an.

»Quält Sie das nicht?« fragte sie, »können Sie ruhig ansehn, wie sie an Ihrer Seite dahinsiecht?« »Ich fühle nichts mehr für sie!« sagte Breuer kalt, »habe vielleicht niemals etwas für sie gefühlt. Es war Täuschung von Anfang an. Ich hatte vor Jahren das sichere Gefühl, sie im Triumph in meine Welt hinüberzuziehen und mit ihr ein rein geistiges Leben führen zu können. Aber sie hängt an der Materie. Nein, ich will nicht undankbar sein! Sie hat Opfer für mich gebracht, große Opfer für ihre Begriffe. Aber in ihrem tiefsten Innern hat sie sich nie zu mir bekehrt«

Frau Rallings Gedanken flogen zu Magdalene, sie sah das bleiche, schwermütige Gesicht vor sich. Keine Freude war in ihr darüber, daß der Doktor bei ihr saß und ihr zu sagen versuchte, daß Magdalenens Bild vor dem ihren verblaßt und versunken sei. Im Gegenteil, ein seltsames Schmerzgefühl ward von Minute zu Minute größer in ihr.

»Doktor,« sagte sie, nachdem sie sah, daß er wieder völlig Herr seiner selbst geworden war, »Sie haben eben die Frage an mich gerichtet, wer ich sei und wie ich sei. Nun, die Antwort darauf ist schnell gegeben: Ich bin eine Frau, die sich immer etwas anderes wünscht, als das, was sie gerade hat. Ich möchte genießen, und ich weiß, daß ich fähig wäre, alle möglichen Dinge zu begehen, wenn die Gelegenheit sich mir dazu böte. Ich bin nicht besser und nicht schlechter als Tausende und aber Tausende meiner Mitschwestern. Aber im tiefsten Grunde verdorben und schlecht bin ich nicht, und es gibt Dinge, die mir heilig sind und die ich nie profanieren würde.«

»Und was wären das für Dinge?« fragte der Doktor.

»Das sage ich Ihnen später. Ich möchte jetzt nur die Gegenfrage an Sie richten, über die ich unzähligemal, seit ich Sie kenne, nachgedacht habe, nämlich die Frage: Wer sind Sie? Wie sind Sie? Was bezwecken Sie mit der Art Ihres Lebens, mit Ihrer Arbeit, mit sich selbst?«

»Darauf würde die Antwort nicht so einfach sein, wie die Ihre es gewesen ist,« gab er zurück. »Aber deshalb sitzen wir ja auch nicht hier zusammen. Ich kam zu Ihnen, Sie müssen wissen, daß ich heute nicht zum erstenmal vor Ihrer Gartenpforte stand, ich kam zu Ihnen, weil Sie mich riefen, weil Sie einen Zwang auf mich ausübten, weil Sie die Macht hatten, alle Werte meines Lebens wertlos zu machen, weil ich einsehen mußte, daß kein Mensch sich selbst die Gesetze und die Ziele für sein Leben stellen kann, sondern daß er vollkommen von äußeren Einwirkungen abhängig ist. Ich habe bislang geglaubt, über die Menschen hinweg leben zu können, ihrer nicht zu bedürfen, soweit es nicht galt, für das äußere Leben zu sorgen. Sie sehen, ich gestehe Ihnen die Macht zu, einen Menschen all seiner Lebenserfahrungen, seiner Weisheiten, seiner Prinzipien zu berauben. Sie haben eine furchtbare Erschütterung in mir bewirkt, ich möchte sagen, die größte Erschütterung meines Lebens.«

Alles, was der Doktor hier sagte, beruhte auf Wahrheit, das fühlte Frau Ralling wohl, aber es war die Wahrheit des Augenblicks, die genau so lange anhielt wie die Ekstase, in der er sich befand.

Ihr Gesicht ward kühl, ihr gesundes Empfinden lehnte sich auf. Der Verstand hatte das Herz sehr schnell zum Schweigen gebracht, und wenn das Herz trotzdem noch leise Empfindungen von Güte und Wärme hatte, so galten sie der Frau, die zu diesem unglückseligen Manne gehörte, galten sie Magdalene Breuer.

Und doch war ein großer Schmerz in ihr um diesen Mann, der Schmerz, der sehr einsamen Frau, die Lebensdurst hat, die von einem bestrickenden Erlebnis geträumt hat und der dann plötzlich davor graut.

»Magdalene Breuers Verachtung ertragen,« sagte sich die schöne, lebensfrohe Frau Ralling – »Magdalene Breuers Verachtung ertragen müssen, das wäre härter, als ein ganzes langes reizloses Leben neben einem Manne, wie der meine es ist, der zwar gut ist und treu sorgt, der aber nichts von dem, wonach das Herz schreit, zu geben vermag!«

Der Doktor, den die Wärme, der Alkohol und die Nähe der Frau, die ihn reizte, aus seiner Lethargie aufgepeitscht hatten, sank jählings wieder in sich selbst zusammen.

Ohne Worte fühlte er, daß das, was ihn hergeführt hatte, schon hinter ihm lag; die seine Witterung, die ihm zu eigen war, die ihn die verborgensten Vorgänge im andern Menschen erkennen ließ, sagte ihm, daß auch hier ein großer, ein riesengroßer Irrtum vorgelegen hatte.

Vor ihm saß jetzt nichts anderes mehr als der Körper einer gut erhaltenen, nicht mehr jungen Frau. Das Licht, das er in sie hineingezaubert und das aus ihr herausgeleuchtet hatte, war erloschen. Die Augen waren kalt wie Glaskugeln, der Mund eine etwas gewölbte Linie, der sich öffnete und schloß genau wie jeder andere Mund, die Stimme vielleicht noch vom alten Wohllaut, doch ohne Reiz. Ein Spiel, ausgespielt, noch bevor es begonnen hatte!

Und was nun? Nach Hause zurückkehren? Zu Magdalene zurück? Und fortan wieder ein Leben ertragen, wie es früher gewesen, früher, bevor dieser Zauber in sein Leben gekommen war, bevor er Abend für Abend in das Licht seiner Märchenwelt hineingeschaut hatte!

Noch einmal blickte er zu der Frau im hellen Kleid auf. Flimmerte dies Haar denn nicht mehr? Verhießen die Augen nichts, gar nichts mehr? Eine tote Masse? Ein Gebilde seiner Phantasie, das er sich selbst errichtet und selbst zerschlagen hatte!

»Nein,« sagte jetzt Frau Ralling und reichte ihre weiße, gepflegte Hand zum Doktor herüber. »Nein, es war nichts zwischen uns beiden. Und wenn etwas gewesen wäre, Doktor, etwas anderes als das ganz Gewöhnliche, ich meine das uralte Lied zwischen Mann und Weib, ja, selbst wenn etwas gewesen wäre, so müßte es in sich selbst zusammenfallen, weil . . .«

»Weil?« fragte Breuer, als Frau Ralling stockte.

»Nun, weil – ich sagte Ihnen vorhin, daß es etwas Heiliges für mich gibt, worüber ich nicht hinwegkann und wenn die Sehnsucht so groß wäre, daß sie in der ganzen Welt nicht Raum fände – und dieses Heilige ist Ihre Frau – ist Magdalene!«

»Magdalene!« sagte Breuer tonlos. »Ja, eine Heilige, aber das ist das Furchtbare; man kann eine Heilige nicht dauernd neben sich ertragen.«

»Auch nicht, wenn man wie Sie in einer geistigen Welt lebt?«

Er stand aus seinem Sessel auf.

»Ich bin ein Mensch wie andere Menschen!«

»Wenn man von Ihnen spricht, so sagt man das Gegenteil, Doktor Breuer! Warum wollen Sie sich kleiner machen als Sie sind?«

»Wenn das Erkennen kommt, schwindet alles, was falsch und gegen die Natur war!«

»Und was würde bleiben?«

»Weniger als der Durchschnitt! Halbheit in allem! Ich könnte ja jetzt zu Magdalene gehen, ich könnte ihr sagen: Magdalene, es ist eine große Wandlung in mir geschehen. Ich habe all diese Jahre im Irrtum gelebt; aber ich will nun suchen, den großen Trott der anderen mitzumachen, will ein vernünftiger, bürgerlicher Mensch werden. Das Werk schließen wir in einen Schrank oder in eine Truhe – du gehst morgen oder übermorgen zu deinem Vater und legst für mich eine Generalbeichte ab, sagst ihm, daß ich bereit sei, in seinem Sinne zu arbeiten, und daß ich riesig dankbar wäre, wenn er mir zu solch einer Arbeit verhülfe . . . ja, so könnte ich zu Magdalene sprechen, und was glauben Sie, was sie dazu sagen würde? Weinen würde sie vor Freude und Seligkeit. Das Werk, das all diese Jahre über ihr Feind gewesen ist, würde selbigen Abends in die tiefsten Tiefen einer Truhe wandern und am andern Morgen wäre Magdalene bei ihrem Vater. Und dann? Nun, dann würde dieser äußerst wohlwollende Vater, von dessen Geld ich jetzt seit acht Jahren lebe, zu uns herauskommen, würde mir die Hand schütteln und den verloren geglaubten Sohn wahrscheinlich an sein Herz ziehen. Nun, und eine Woche später hätte ich einen anständig bezahlten Posten, wäre unter die gute Bürgerlichkeit einrangiert, und Magdalene begänne aufzublühen. Man wäre mit einemmal innerlich und äußerlich ein höchst achtenswerter normaler Mensch – aller Unfug aus den Seele heraus –, Sie können sich das übrige ausmalen, man liest in Büchern, die einen versöhnlichen Schluß haben müssen, davon!«

Er stand an einem kleinen Zierschrank gelehnt, als er all das sagte, und Frau Ralling sah ihn mit Augen an, die eine Prüfung dieses Mannes von innen und von außen verrieten. »Nun?« fragte Breuer, »was sagen Sie dazu?«

»Dieser versöhnliche Schluß wird nicht kommen!«

»Sondern?«

»Sondern Sie werden weiterleben müssen, wie Sie bisher gelebt haben, das heißt, Sie werden der Sklave Ihres Geistes bleiben müssen. Doktor, – hören Sie mich an: Ich glaube an Sie und an Ihre Berufung; ich glaube an Ihr Werk genau so wie Magdalene daran glaubt. Ich muß daran glauben, darum, weil irgend etwas in mir stark für Sie eintritt. Nein, keine Lust nach einem Abenteuer mehr, gar nichts Persönliches, nichts von dem, was Sie vielleicht bei mir vermuteten. Nein, bei Ihnen ist's anders als bei den Männern, die bislang in mein Leben kamen und denen ich zu gefallen strebte. Im Anfang – vielleicht bis heute – bis zu dieser Stunde war es nicht so – aber jetzt – das können Sie mir glauben, jetzt wird es unumstößlich so bleiben. Vielleicht ist es ein großes Glück für Sie und für mich, daß Sie heute bei mir sind, daß diese Klärung gekommen ist. Ich war auf ähnlichen gefährlichen Bahnen wie Sie, Doktor, das Leben mit und neben meinem Manne fing an, mir unerträglich zu werden. Es ist vielleicht nie reizvoll gewesen, und ich habe immer Wünsche gehabt, die nach anderem strebten, als nach dem, was er mir zu geben vermochte. Aber so wie in diesen letzten Wochen hat es mich nie gepackt, so schwer ist das Dasein der Alltäglichkeit nie zu ertragen gewesen. Das waren Sie, Doktor, war Ihr ›Gift‹! Ich habe viel mit Ihnen durchlebt in meinen Gedanken, bin durch Welten mit Ihnen gewandert, nie glücklich, immer nur ruhelos, getrieben von ewig neuen Wünschen, die alle in Enttäuschung und Ernüchterung endeten.

Das ist nun vorüber, ich fühle es und es ist ein guter Schluß, denn wenn der eine so vollständig frei ist, wie ich es geworden bin, dann wird auch der andere Teil nicht lange mehr an seinen Ketten zu tragen haben. Und dann müssen Sie wieder ganz Ihrer Arbeit gehören, denn Sie sind trotz allem und allem einer von den Berufenen, Doktor. Ich fühle das, ich weiß es mit einer Sicherheit, die kein Mensch mir nehmen kann. Und alles, was Sie erleben, was Sie fühlen und leiden müssen, das ist eine Notwendigkeit eben Ihrer Berufung wegen. Ist es nicht so, daß die, die auf Höhen getrieben werden, erst durch Höllen gehen müssen? Daß sie bis zur äußersten Grenze des Möglichen Foltern ertragen müssen, damit alles, was noch nicht groß und rein und würdig in ihnen ist, geläutert werden soll?«

Sie stand jetzt dicht bei ihm, und es war wieder etwas von dem Licht, das er in ihr gesehen, und das ihn in den schweren Bann geschlagen hatte, in ihr. Aber es war ein anderes Licht, als es zuvor gewesen, und Breuer staunte und fühlte nun wirklich, daß auch in ihn eine gewisse Erlösung kam, aber glücklich war er deshalb nicht.

Er stand sehr müde, sehr haltlos, an den Zierschrank gelehnt, und als die Frau vor ihm den gebrechlichen Menschen an dem gebrechlichen Gegenstand lehnen sah, kam es wie ein Vergleich in ihr auf. Dieses geschnitzte Schränklein war zu nichts nütze, es barg nichts in seinem Innern, weil man sich fürchtete, ihm etwas anzuvertrauen; es paßte weder in Stil noch in Form zu den anderen Dingen, die hier in diesem Zimmer standen, und doch hatte man das Gefühl, daß der Raum erst durch diesen einen Gegenstand seinen Reiz, seine Bedeutung, seinen Charakter erhielt.

»Und wenn er,« mußte sie denken, »wirklich die Bestimmung, die in ihn gelegt ist, erfüllen wird, so kann von einem Nutzen davon für die Allgemeinheit wohl keine Rede sein. Nein, so sieht dieser Mann nicht aus, als wenn er Großes im Sinne des Nutzbringenden schaffen wird. Aber vielleicht erfüllt er eine ähnliche Bestimmung wie dieses Schränklein hier in meinem Zimmer – wird wenigen Menschen mit sehr verfeinertem Geist einen Leckerbissen reichen, wird vielleicht eine Brücke bilden, die andere, kräftigere hinüberführt zu dem Lande, das ihm vorschwebt und das er nicht erreichen kann, weil ihm Festigkeit und steter Wille fehlt.«

Ja, so dachte Frau Ralling und war dabei über sich selbst erstaunt, daß eine solche Fülle von Gedanken und Erkenntnissen durch ihren Kopf und ihre Seele zogen, da sie doch sonst nicht in Tiefen zu schlürfen gewohnt war, sondern sich mit dem begnügte, was die Oberfläche bot.

»Ist das der Schluß?« fragte Breuer, und seine Stimme war fast lautlos bei dieser Frage. »Ist das das Letzte?«

»Zwischen uns beiden allein, ja, Doktor. Aber wenn es ginge, daß wir trotzdem Freunde blieben, daß wir uns begegneten wie andere Menschen sich begegnen auf Gesellschaften, Spaziergängen . . .«

Breuer winkte müde mit der Hand ab.

»Das sind doch nur Worte!« sagte er bitter.

»Ihre Frau glaubt so fest, glaubt mit solcher Inbrunst an Sie, Doktor,« fing Frau Ralling noch einmal an und sah Magdalenens Bild wieder in all seiner Feinheit und Traurigkeit vor sich. »Um ihretwillen allein müssen Sie sich aufraffen.«

»Sagen Sie nichts mehr von meiner Frau, sagen Sie überhaupt nichts mehr, es kann alles nichts ändern. Sie sind frei geworden, Sie haben Ihre Wirkung auf einen armen Toren erprobt; nun, da er Ihnen nicht mehr gefällt, reden Sie Dinge, die eben nur eine Frau aussprechen kann, wenn sie kalt geworden ist und zur Tugend zurückkehrt. Nein, seien Sie nicht böse deshalb, ich will nicht brutal sein, ich bin aber im Augenblick nicht Herr meiner Worte!«

Frau Ralling wandte sich dem Fenster zu, und Breuer verließ das Zimmer.



18.

Die Pastorin Lerch saß bei Magdalene Breuer im blauen Zimmer. Magdalene hatte am frühen Morgen ihre alte Bedienungsfrau ins Pastorenhaus geschickt. Der Doktor war in der Nacht nicht nach Hause gekommen. Magdalene hatte es erst am Morgen bemerkt.

Am Abend hatte sie lange gewartet, sehr lange, bis gegen Mitternacht. Mit bebendem Herzen hatte sie oben in ihrem kleinen Zimmer vor ihrem Instrument gesessen, aber die Hände hatten die Tasten nicht berührt. Dann, ja dann war doch eine Tür gegangen, erst im Garten und dann auch die Haustür; sie hatte es deutlich gehört, sie könnte beschwören, daß sie es gehört hatte.

Sehr müde war sie gewesen und hatte sich zu Bett gelegt. Eine Weile noch waren die Gedanken wach geblieben, dann hatte sie, halb im Schlaf schon, gelauscht, ob er nicht hinaufkäme, und dann nichts mehr bis zum Morgen . . .

Die Pastorin hatte am Vormittag nicht kommen können, hatte auch geglaubt, es handle sich um eine Einladung zum Nachmittag und war freudig bewegt, daß Magdalene nach ihr verlangte.

Magdalene ging in ihrem Haus umher wie eine Fremde, wie ein Mensch, der etwas suchen muß und die innere Ruhe dazu nicht findet.

Sie war verstört und war doch still und begriff alle Dinge, erkannte alle Möglichkeiten. Und so gefaßt war sie, daß sie selbst der Frau, die nun zu wiederholten Malen nach dem Herrn gefragt hatte, nichts von ihrer tiefen Bestürzung mitteilte.

Sie saß dann in seinem Zimmer am Tisch. Vor ihr lagen lose Blätter, lagen aufgeschlagene Bücher und Broschüren und ein Notizblock, dessen erste Seite eng beschrieben war.

Ihre Hände hielten ein Elfenbeinstäbchen, das er zum Oeffnen der Buchseiten benutzte; an der Wand hing ein verblaßte Bild von ihr aus der Kinderzeit. Sie sah das alles und erkannte alles und hatte doch das Gefühl, in einem fremden Zimmer, vor fremdem Eigentum zu sitzen. Die Gedanken gingen zurück, spielten ein seltsames Spiel mit ihr. Erst waren sie sehr heiter, führten sie zu Vater und Geschwistern in ihr schönes, reiches Elternhaus. Sie sah sich in hellen, schönen Kleidern durch die Räume gehen, sah deutlich jedes Möbelstück, jedes Bild an der Wand vor sich, saß inmitten ihrer Bücher, Bilder und all ihrer Mädchenhabseligkeiten in ihrem hellen Schlafzimmer, das nach dem kleinen städtischen Garteneckchen zu gelegen hatte, dachte die Gedanken, die sie damals gedacht und fühlte die Gefühle, die sie damals gefühlt. Auch die Sehnsucht war wieder da, die seltsame, immer wiederkehrende Sehnsucht nach einem Schicksal, das sie vom Alltag hinwegführen sollte. Um ein »schweres Leben« hatte sie gebeten – um ein Leben, das durch Tiefen und über Höhen führen sollte, das alle Kräfte des Geistes und der Seele beanspruchen sollte . . .

Ja, sie erinnerte sich, daß sie einmal an einem Frühlingsabend, der den Ueberschwang ihrer Seele zur Ekstase gesteigert hatte, auf ihren Knien gelegen und gefleht hatte: »Gott, gib mir ein schweres Leben, laß mich ringen und kämpfen und leiden müssen! Nur nicht im Alltag versinken, nur nicht auf den Wegen gehen müssen, auf dem sie alle dahintrotten!«

Wie lange war das her? War es ein Menschenleben her oder nur ein einziges Jahrzehnt? War sie inzwischen eine alte Frau geworden, die wehmütig an die längst verflossene Jugendzeit zurückdenkt, oder stand sie in der Blüte ihres Lebens – in jenen Jahren, die die besten, schönsten und genußfrohesten im Leben der Frau sein sollen?

Sie seufzte auf und dann sah sie Martin vor sich, wie er zuerst vor ihr gestanden hatte, irgendwo in einem Saal, in dem sie einen Vortrag angehört hatte.

Niemand hatte ihn zu ihr geführt, niemand sie einander vorgestellt; er war einfach an ihrer Seite gewesen und hatte zu ihr gesprochen, nicht wie ein Mensch zum andern zu sprechen pflegt, wenn er ihn nie zuvor gesehen hat, sondern gleich in Tiefen eindringend, immer irgendwie anknüpfend, als ob alle Voraussetzungen schon vorhanden seien. Sie lauschte zum Fenster hinaus. War da die Gartentür nicht gegangen? Nein, nicht die Tür ihres eigenen Gartens war ins Schloß geworfen worden, aber die von nebenan, und nun schritt der Major an ihrem Haus vorüber und sah sogar zu ihr hinüber, erkannte sie auch und griff an den Hut. Für einen Augenblick war in Magdalene wieder die große Unruhe der Gegenwart, aber dann kam die alte vergangene Zeit wieder und drängte alles andere zurück. Ja, dann war Martin zum erstenmal zu ihnen ins Haus gekommen und hatte eigentlich bei allen Mißfallen und ein fremdes Staunen erregt, besonders bei der Mutter.

Und Magdalene hatte gefühlt, daß auch in dem bleichen, zarten Doktor, der wie die Erscheinung aus der Welt, nach der sie sich sehnte, zu ihr gekommen war, eine Abneigung gegen alles, was zu ihr gehörte und wovon sie abhängig war, lebte und gleich nach dem ersten Besuch bei den Ihren so groß geworden war, daß ein Vermitteln nicht möglich gewesen war.

Oh, diese Zeiten des Leidens, die gefolgt waren!

»Gott, gib mir ein schweres Leben!« Und war doch damals schon verzagt gewesen!

Und dann weiter: die Kämpfe mit dem Vater! Die völlige Entfremdung gegen die Mutter, die es in ihrer Art gut mit ihr gemeint hatte. All die häßlichen Aussprachen und Erörterungen über die materiellen Folgen ihrer Existenz; das offenkundige Mißtrauen gegen einen Menschen, der keinen festen Beruf hatte, der noch von keinen Erfolgen berichten konnte, der nicht einmal das Notwendigste hatte, um sich selbst und die Frau, die er begehrte, vor Not zu schützen.

»Mein Gott,« dachte Magdalene, und sah ihren Vater vor sich, wie er damals, bei der letzten entscheidenden Aussprache, vor ihr gestanden hatte. »Auch ihn hätte ich preisgegeben, ja, auch ihn! Aber er ließ mich nicht, er war wie ein Zerstörter, er wehrte sich, solange er noch die geringste Hoffnung auf seinen Sieg aus diesem bösen Kampf haben konnte, aber dann, als er vor der großen Frage stand, sich in Feindschaft von mir zu trennen, da war er plötzlich ganz Güte, ganz Großmut, zu jedem materiellen Opfer bereit!«

In Magdalenens Augen traten Tränen.

»So ist er heute noch!« mußte sie sich sagen, »nach all diesen furchtbaren Jahren ist er immer derselbe geblieben. Er haßt und verachtet den Mann, und gibt und gibt doch mit vollen Händen, weil seine Liebe zu mir nicht aufhören kann.«

»Haßt und verachtet er ihn denn wirklich? Steht er ihm unversöhnlich gegenüber?« mußte sie sich fragen, und die Antwort lautete »nein!«

»Nein, er wartet nur, und an demselben Tage, an dem Martin auch nur den geringsten Erfolg aufweisen kann, ja, wenn es nicht einmal Geld wäre, wenn nur das Werk vollendet, wenn es als Buch vor Papa läge, dann wäre alles, alles gut. Dann würde man an ihn glauben, würde dies entsetzliche Mißtrauen fahren lassen . . .«

Die Gedanken klammerten sich eine Weile an die glückliche Aussicht, daß eines Tages das Werk vollendet sein könnte.

Dann ein anderes Bild.

Das unstete Herumreisen in der Welt; das allmähliche Auflösen des gut eingerichteten Haushalts, bis nichts mehr blieb als das notdürftige Mobiliar für zwei Zimmer.

Und dann dieses entsetzliche Hausen in der Mietwohnung mitten in der großen Stadt! Die vollständige Trennung vom väterlichen Hause, immer die Angst, es könne einer von den Ihren kommen und in ihr Elend hineinsehen, und dann endlich dies Letzte, der Kauf dieses Hauses. Und immer alles um des Werkes willen, bei jedem neuen großen Entschluß, der gefaßt wurde, die schlimmen Ausbrüche, die Drohungen, daß es sich um Gelingen oder Vernichtung des Werkes handele.

»Mein Gott, mein Gott!« stöhnte Magdalene, und ihre Augen suchten nach den Bogen, die sonst aufgeschichtet auf dem Schreibtisch oder im offenen Schrank daneben zu liegen pflegten.

Jetzt waren sie nicht da; sie wollte aufstehen, vor dem Schrank niederknien und suchen, aber sie war zu müde, war wie gelähmt, und da ging auch wieder die Gartentür und gleich darauf klingelte es. Magdalene hörte, wie die Bedienungsfrau eifrig sprach, hörte eine Männerstimme, die ihr bekannt vorkam, und dann klopfte es an ihrer Tür und ein großer Mann stand vor ihr.

Sie erkannte ihn nicht sogleich und sah ihn fragend an. Dann drang es wie mechanisch in ihr Bewußtsein ein: »Es ist der Major Schwertes von nebenan!« und sie reichte ihm von ihrem Sitz aus die Hand.

Wie seltsam das alles war an diesem Morgen! Wie merkwürdig, daß der Major Schwertes, der so selten zu anderen Leuten ging, unaufgefordert zu ihr kam!

Er sah sie mit forschenden Blicken an und schien verlegen zu sein. Nach einer Weile des Besinnens sagte er, aber es klang sehr unnatürlich: »Ich wollte schon längst einmal zu Ihnen kommen, gnädige Frau, da wir doch so nah beieinander wohnen. Die gute Pastorin Lerch hat mich längst dazu ermuntert, aber ich bin ein wenig schwerfällig.«

Als sie den Namen der Pastorin Lerch nennen hörte, ging ein seltsames Zucken durch ihr Herz. Die Pastorin sollte doch zu ihr kommen; sie hatte doch die Bedienungsfrau hingeschickt!

Ach ja, nun erinnerte sie sich, die Pastorin hatte ihr sagen lassen, daß sie am Nachmittag käme.

Der Major Schwertes zog sich einen Stuhl nahe zu Magdalene heran und setzte sich, ohne daß sie ihn dazu aufgefordert hatte.

»Es ist noch gar nicht aufgeräumt hier!« sagte sie und sah erst jetzt, daß Bücher und Hefte auf dem Sofa verstreut lagen.

»Das ist doch gleichgültig!« meinte Schwertes und blickte ihr ins Gesicht, um daraus zu lesen, was denn eigentlich in Magdalene vorging.

Die Bedienungsfrau hatte ihn durch seine Haushälterin herüberrufen lassen, aber wie es schien, wußte Magdalene nichts davon.

Er selbst hatte – er wußte nicht warum, das ganz sichere Gefühl, daß irgend etwas vorgefallen sein müsse, daß hier die Tragödie, die Frau Lerch schon seit langem prophezeit hatte, entweder schon eingetreten war oder doch nahe bevorstand.

Nun saß er da und wußte nicht warum, saß da und suchte nach Worten, um erst einmal zu erfahren, ob es sich denn hier wirklich um ein Vorkommnis handle, das sein Eingreifen notwendig oder doch wenigstens erklärlich machte.

»Wenn Sie kamen, um mit meinem Mann zu sprechen, so kamen Sie jetzt leider vergeblich!« sagte Magdalene ängstlich. »Er ist seit gestern abend nicht nach Hause gekommen. Ich war sehr unruhig am Morgen, denn es war noch nie geschehen, daß er über Nacht fortgeblieben ist, aber nun fallen mir plötzlich vielerlei Erklärungen ein, und ich habe das Gefühl, daß er in jeder Minute zurückkehren kann. Es ist jetzt einhalb zwei Uhr; gegen drei Uhr kommt der Zug aus der Stadt – ja – ich glaube bestimmt, daß er bald kommt!«

Sie sagte das alles zwar mit abgewandtem Gesicht, aber doch sehr ruhig und der Major staunte sowohl über Magdalene als auch über sich selbst.

Wozu saß er denn hier in dieser feierlichen Haltung! Warum mußte er, der Zurückhaltende, dazu kommen, sich in sehr natürliche Angelegenheiten, die bei fremden Menschen vor sich gingen, zu mischen?

Er suchte nun ängstlich nach einer harmlosen Erklärung für seinen Besuch.

»Ich hätte ja in der Tat gern einmal mit Ihrem Herrn Gemahl gesprochen,« sagte er. »Wie Sie wissen, trafen wir uns zur Herbstzeit einmal im Walde und kamen in ein Gespräch, das mich später öfter beschäftigte, und ebenso beim Pastor Lerch riß unsere Unterhaltung uns gleich in Tiefen; man denkt darüber oft erst später eingehend nach und empfindet dann den Wunsch nach einer Fortsetzung. Wenigstens mir ergeht es oft so, daß ich im Augenblick, wenn ich den Menschen, mit dem ich spreche, vor mir habe, gar nicht das Gefühl habe, daß er etwas Besonderes ist – und erst viel später kommt die richtige Erkenntnis.«

Ueber Magdalenens Gesicht flog ein heller Freudenschein.

»Es macht mich glücklich, daß Sie so von ihm sprechen, Herr Major – gerade Sie! Sie wissen vielleicht nicht, daß mein Mann nur sehr ungern einsam durchs Leben geht, daß er aber das Unglück hat, fast niemals einem Menschen zu begegnen, der ihn versteht, mit dem er wirklich reden kann. Er hat mir nie von Ihnen gesprochen, oder doch nur ganz selten einmal, und doch weiß ich, daß es ein Glück für ihn bedeuten würde, wenn Sie ihn nicht mieden, wenn Sie sich seiner annehmen wollten!«

Nun wußte Schwertes, daß die Frau, die da vor ihm saß, mit keinem Gedanken an irgend etwas Außergewöhnliches, was sich zugetragen haben könnte, dachte, und obwohl eine Erleichterung in ihm aufkam, stieg das Gefühl des Aergers.

Also nur Dienstbotengeschwätz – Dienstbotenvorsorge! Und er hatte sich davon bestimmen lassen. Nun mußte er die Rolle, die er angefangen hatte, weiterspielen, mußte diese arme Frau glauben lassen, daß er Ihren Mann schätzte, und daß er die Absicht habe, seinen Verkehr zu suchen, und der Himmel mochte wissen, was für Folgerungen daraus entstanden!

»Man meidet Ihren Gatten ja nicht, weil man ihm aus dem Wege gehen will,« lenkte er ein, »sondern man wagt sich aus Achtung vor seiner Arbeit nicht an ihn heran. Ein jeder weiß doch, daß alle seine Zeit und seine Kraft seinem Werke gehört.«

Magdalene seufzte leise und sah wieder nach dem geöffneten Schrank und nach der leeren Stelle auf dem Schreibtisch.

»Wenn er jemanden hätte, mit dem er darüber reden könnte, ich meine eben über das Werk! Es wäre solch eine Erleichterung! Er darf nie ahnen, daß ich das ausspreche, aber ich weiß, daß es so ist; ich weiß, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens ganz unselbständig ist und daß er eine Hilfe braucht – einen Menschen, zu dem er aufsieht, eine Hand, die stark genug ist, um ihn zu leiten.«

»Aber er hat doch Sie!« sagte hier Schwertes gegen seinen Willen; »hat doch in Ihnen alles, was ein Mensch seiner Art braucht!«

»Nein, o nein,« wehrte Magdalene ab, und ihre Augen sahen jetzt mit einem Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit in die des Majors.

»Ich glaube, eine Frau kann dem Manne auf die Dauer nie ein geistiger Kamerad bleiben. Sie wächst nicht mit ihm; bleibt stehen – sie haftet am Kleinen! So sagt mein Mann, und wenn ich mich im Anfang auch dagegen gesträubt habe, das einzusehen, so weiß ich doch jetzt, daß es so ist und gar nicht anders sein kann, selbst wenn man den allerbesten Willen hätte – – Nein, eine Frau muß dem Mann auf die Dauer eine Last werden, eine Fessel. Natürlich nicht überall, nicht in allen Fällen. Aber solchen Männern, die in einer ganz anderen Welt leben, die immer denken, immer tiefer eindringen möchten und die immer hoffen und verlangen, daß man mit ihnen geht und dann erkennen, daß sie Unmögliches verlangen, daß sie sich geirrt haben –« Sie brach ab.

»Aber darum heiratet man doch nicht!« sagte Schwertes leise.

»In der Allgemeinheit nicht, das glaube ich auch. Aber wie es bei uns lag – – wie er mich einschätzte, als er mich zuerst sah. Nein, er hat recht; ich begreife ihn, er hat vollkommen recht, ich lähme ihn.«

Sie hatte jetzt den Kopf in die Hände gestützt und sah ins Leere.

»Hat er Ihnen gesagt, daß Sie ihn lähmen?« fragte Schwertes.

Magdalene nickte.

»Er ist ein Mensch, der immer aussprechen muß, was er denkt! Er will mit seinen Worten nicht kränken!«

Schwertes sah den Doktor vor sich, wie er ihn an dem Abend bei Lerchs gesehen hatte.

»Er muß nicht nur sagen was er denkt, sondern er muß auch tun, was ihm gerade gefällt!« hätte er fast zu Magdalenens Worten hinzugefügt, aber er schwieg. Er durfte hier nicht bitter werden. Diese seltsame Frau liebte den Mann, der sie quälte und demütigte, das empfand er nicht nur aus ihren Worten, sondern aus der ganzen Art, wie sie da vor ihm saß. Sie liebte ihn ganz uneigennützig, ganz unpersönlich, denn sie hatte ja nichts von ihm als Menschen, und auch nichts von ihm als geistigen Arbeiter, weil er sie aus seinem Leben und aus seiner Geisteswelt ausgeschaltet hatte.

»Daß es so etwas gibt!«, mußte Schwertes denken, und sah wieder zu Magdalene hinüber. Sie hatte ihm das Profil zugewandt und er sah mit Bewunderung, wie fein und ebenmäßig der Schnitt ihres Gesichtes war.

»Gnädige Frau,« sagte er endlich, »ich kam, wie ich Ihnen sagte, in dem Gedanken an Ihren Gatten, und doch freue ich mich, daß ich Sie allein traf. Ich weiß nicht, warum. Meine Gedanken sind manchmal bei Ihnen. Verstehen Sie mich richtig, denn das, was ich jetzt sage, soll keine Kränkung für Ihren Gatten bedeuten. Man hat nur so das Gefühl, Sie oder vielleicht auch er könnten eines Freundes bedürfen, vielleicht nur das Gefühl, einen Menschen in der Nähe zu wissen, der sich Ihrer mit Rat und Tat annehmen würde. Nein, bitte verstehen Sie mich richtig, ich meine es ungefähr so: Menschen, die so ganz in einer geistigen Welt leben, wie Ihr Gatte es doch tut, also Menschen, die weit über dem Durchschnitt stehen, bedürfen oft gerade des durchschnittlichen Menschen, der ihnen über allereinfachste Dinge hinweghilft. Ja, ich weiß es von vielen, daß es so ist: Ueber alles, was vor dem gewöhnlichen Menschen wie ein Berg liegt, auf den er sich nie wagen würde, kommen sie spielend hinweg, und dann ist da plötzlich irgendein ganz winziges Hemmnis, vor dem sie straucheln, das ihnen den Weg versperrt, und sie wissen nicht, was sie anfangen sollen –«

»Ja, so ist es,« sagte Magdalene und sah zu dem Major hin – halb glücklich, halb zweifelnd.

»Aber Sie, daß gerade Sie vom Durchschnitt reden – –«

Der Major lächelte.

»Wie wenn der Blinde den Lahmen führen will, meinen Sie, nicht wahr? Und doch glaube ich, daß ich mich ganz gut dazu eignen würde, aber ich hoffe, daß es gar nicht nötig sein wird, sondern daß Ihr Gatte sein Werk beenden und dann ganz behaglich mit uns andern Menschen auf der wirklichen Erde leben wird.«

Wieder flogen Magdalenens Blicke erstaunt zu Schwertes hin.

Warum hatte denn der Pastor Lerch ihr so viel absonderliche Dinge von diesem Mann erzählt, wenn der so vernünftig sprach und ihr seine Hilfe anbot, um ihrem Manne zu helfen, sich in der realen Welt zurechtzufinden? Wie seltsam und kleinbürgerlich, wie so ganz ohne Menschenkenntnis die Leute in diesem kleinen Ort doch waren! Sehr wohl und warm ward ihr ums Herz, als sie den Major weiter in diesem guten, beschwichtigenden Ton reden hörte. Alle Angst war aus der Seele heraus. Im Geiste sah sie die beiden Männer als gute Freunde beieinander sitzen und eine große, tiefe Hoffnung trat an Stelle der Mutlosigkeit.

Die Mittagszeit war längst vorüber, als Schwertes endlich ging. Während seiner Unterhaltung mit Magdalene hatte sein Gesicht ungewollt den Ausdruck väterlicher Güte angenommen, aber sobald die Tür seines Hauses hinter ihm zugefallen war, kam es wie ein tiefer Ingrimm in seine Züge.

Was für eine Komödie hatte er da soeben gespielt! Welchen Haufen von Unwahrheiten ausgesprochen!

Zum Teufel ja, wie war er dazu gekommen – er – der Schwertes, der sein ganzes Leben durch nicht ungebeten zu einem anderen Menschen gegangen war! Hatte sich da als Freund und Helfer ordentlich aufgedrungen! Hatte sehen müssen, wie die Frau ihn staunend und ungläubig angeblickt hatte! Die lächelte jetzt vielleicht und dachte von ihm: »Du Narr, wie kommst du dazu, meinem Manne helfen zu wollen, da du doch selbst nur mit Mühe die eigenen Wege dahinfindest!«

Scheußlich war es dem Major zumute, und als nun die Haushälterin ins Zimmer trat und ihn fragte:

»Wie ist es denn, Herr Major? was ist denn los mit dem Doktor von nebenan? ist etwas passiert?« da schickte er sie mit ein paar barschen Worten heraus, hörte mit ingrimmiger Freude, daß sie im Flur laut aufschluchzte, und sagte mit einem Hohn, der gar nicht zu seiner Art paßte: »Die längste Zeit sind Sie in meinem Hause gewesen, Sie Schwätzerin, und wenn der Doktor von nebenan zurückkehrt und rennt mir das Haus ein und redet mich tot mit seinen Phantastereien, dann schlage ich die Bude hier los und ziehe in die Stadt zurück. Denn im Grunde ist man unter einer Million Menschen viel leichter einsam als unter einer Handvoll neugieriger Spießbürger!«

Die Pastorin Lerch kam sehr bald, nachdem der Major gegangen war, zu Magdalene hin.

Am Abend war ein großes Fest beim Amtsrichter und sie hatte überhaupt nur eine knappe Stunde Zeit. Bei jedem andern würde sie eine Einladung zum heutigen Nachmittag glatt ausgeschlagen haben; für Magdalene Breuer aber war sie zu jedem Opfer bereit.

Außerdem war sie begierig, zu erfahren, warum Magdalene sie wohl zu sich gebeten hatte, denn es lag ihr so im Gefühl, daß irgendein besonderer Anlaß vorhanden sein müsse.

Sie klingelte zweimal hintereinander an der Gartentür, staunte, daß die Bedienungsfrau sie nicht bat, Hut und Mantel abzulegen, und traf Magdalene in einem schlichten Morgenkleid in ihres Mannes Zimmer.

Sie kniete vor dem Schrank, in dem der Doktor seine Schriften aufzubewahren pflegte, fand die Arbeit nicht vor und war in einer solch ratlosen Bestürzung darüber, daß sie der Pastorin ganz fremd und fassungslos ins Gesicht starrte, als die sich ihr näherte.

»Es ist doch nichts geschehen, Liebste?« fragte Frau Pastor Lerch und legte, nachdem Magdalene sich erhoben hatte, ihre Arme um deren Hals.

»Nein, ich glaube nicht, das heißt – mein Mann ist gestern am Abend ausgegangen und kam bis jetzt nicht zurück. Aber ich denke mir, er wird kommen! ja, er kann jeden Augenblick kommen!« sagte sie plötzlich sehr ruhig, denn in der Pastorin Gesicht war ein Ausdruck, der sie entsetzte. In deren Gesicht stand etwas, wovor sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte bis ans Ende der Welt.

Woher ihr die Kraft kam, die ungeheure Aufregung, die in ihre Seele gekommen war, zurückzudrängen, um der Pastorin ihre Vermutungen zu nehmen, das wußte sie nicht. Aber es gelang ihr, mit zitternden Fingern zwar, die Bänder von deren Kapottehut zu lösen und ihr aus dem Mantel zu helfen.

»Wir wollen hinaufgehen!« sagte sie, »ich will den Kaffee bestellen!« Und dann saßen sie oben in der blauen Stube auf dem Sofa, und die Pastorin hatte den Arm um Magdalenens Schulter geschlungen und erzählte:

»Ja, heute abend ist großes Fest bei Amtsrichters und es ist so furchtbar schade, daß es noch nicht zu einem Verkehr zwischen Ihnen und diesen lieben Menschen gekommen ist, sonst hätten wir die große Freude, Sie heute abend zu sehen. Ich habe ein Gedicht verfaßt, weil Geburtstag bei Amtsrichters ist, und mein Mann wird es vorlesen. Er hält natürlich auch noch eine Rede. Ich denke, es wird sehr nett werden. Fast alle, die zur Gesellschaft gehören, kommen hin. Auch der Doktor Müller mit seiner Frau. Sie glauben nicht, Magdalene, wie oft die nach Ihnen fragen und wie sehr die sich freuen würden, wenn Sie sich zu einem Besuch aufraffen würden. Sie sehen heute wieder so blaß und traurig aus; es liegt doch sicher nichts vor, nicht wahr?«

»Nein,« sagte Magdalene und fühlte in diesem Augenblick, daß ganze Welten sie von der Pastorin trennten, und daß das gute Gefühl, das sie oft gerade zu dieser Frau hinzog, im Grunde nichts anderes war, als das Bedürfnis, einmal aus ihrer großen Einsamkeit herauszukommen! Aber in der Tiefe ihrer Seele war sie dieser lebensfrohen Pastorin völlig fremd geblieben.

»Auch die Rallings sind eingeladen – es ging nicht gut anders. Aber ich hörte soeben, daß Herr Ralling verreist ist, und daß darum wahrscheinlich die Frau auch nicht kommt. Sie hat wohl so das Gefühl, daß sie ohne den netten braven Mann nicht recht willkommen ist. Eine Frau, wie Frau Ralling gehört in die große Stadt, da kann sie sich putzen und kokettieren, soviel sie will ohne Mißfallen zu erregen. Aber in einer so soliden Geselligkeit wie der unseren hier am Ort, ist das nicht gut möglich.«

In Magdalenens Gesicht war bei diesen Worten der Pastorin zuerst ein dunkles Rot gekommen; gleich darauf war sie von einer tödlichen Blässe. Sie sah ihren Mann wieder neben Frau Ralling stehen damals bei Lerchs, und dann sah sie, wie die beiden hier im Zimmer am Kamin gesessen und das verzweifelte Spiel miteinander gespielt hatten, bis sie es nicht mehr ertrug und hinausgegangen war.

Die Pastorin erschrak heftig, als sie Magdalene so offenkundig fassungslos sah. Wie unvorsichtig war es von ihr gewesen, an diese Wunde zu rühren. Sie nahm Magdalenens kalte Hand in die ihre.

»Mein armes, liebes Kind!« sagte sie herzlich, »Sie wissen ja nicht, wie oft und mit welcher Innigkeit ich an Sie denke! Wir müßten uns viel näher stehen. Sie sollten Vertrauen zu mir haben, Magdalene, sollten mir alles sagen, was Sie quält. Ueber meine Lippen würde nie ein Wort kommen, und ich könnte Ihnen vielleicht doch in vielen Dingen beistehen!«

In Magdalenens Herz war ein grenzenloser Jammer und das Gefühl der Unruhe ward von Minute zu Minute größer. Sie löste ihre Hand aus der der Pastorin und sagte dann leise:

»Ich bin müde heute, der Kopf tut mir weh!«

»Das sieht man Ihnen an und Sie sollten sich wirklich hinlegen, ich kann ja ohnehin nicht lange bleiben, weil ich zu Hause allerlei zu besorgen habe. Aber morgen oder übermorgen kommen Sie zu uns, ja – ich erzähle Ihnen dann, wie es heute abend war, und Sie schütten mir Ihr Herz einmal richtig aus. So hübsch es in Ihrem Hause auch ist, mir ist es lieber, wenn Sie zu mir kommen. Man hat ganz unwillkürlich das Gefühl, zu stören, wenn man bei Ihnen ist, Magdalene. Das darf Sie nicht peinlich berühren, es kommt von der großen Ehrfurcht vor der Arbeit Ihres Mannes. Gott im Himmel – es muß doch etwas daran sein, an dieser Arbeit, dessen bin ich jetzt sicher. Damals, nachdem er bei uns gewesen war und mit dieser Frau Ralling gescherzt hatte, war ich ja wohl ein wenig irre geworden, aber jetzt drängt es sich mir wieder auf, jetzt weiß ich es wieder mit voller Bestimmtheit, daß er zu den ganz Großen gehört und daß wir eines Tages alle stolz sein werden, ihn in unserm Orte, mitten unter uns zu haben! Aber nun will ich gehen, denn Sie sehen wirklich erbärmlich aus und das Sprechen greift Sie an. –

Denken Sie, das muß ich Ihnen noch sagen: Ihr Nachbar, der Major Schwertes, hatte die Einladung zu heute abend angenommen und Amtsrichters waren sehr glücklich – aber dann hat er vor etwa einer Stunde hingeschickt und hat sich entschuldigen lassen. Ich habe es eben von seiner Haushälterin gehört, der ich begegnete. So sehr ich ihm auch gewogen bin – das muß ich sagen – heute bin ich ihm wirklich böse, denn er weiß, daß eine Gesellschaft ohne ihn nur etwas Halbes ist, obwohl er so wenig zur Unterhaltung beiträgt. Wer aber einmal ein Sonderling ist, der bleibt es auch, und alle Mühe, so einen Menschen zu einem normalen Leben zu bringen, ist vergeblich!«

Ihr Gesicht sah bekümmert aus, als sie das sagte; sie umarmte und küßte Magdalene und ging dann eilig fort.

Magdalene saß dann wieder im Zimmer ihres Mannes. Der Nachmittag schritt vor. Die ersten Schleier der Dämmerung sanken hernieder. Es war tiefe Stille um sie her. In einer Stunde war die Dunkelheit da und dann kam der Abend – kam die Nacht und der Mann würde nicht zurückgekehrt sein. Ihre Fassung war zu Ende. Mit einem schluchzenden Laut sank sie auf das Sofa, auf dem ihr Mann in diesen letzten Wochen seine Nächte verbracht hatte.



19.

In Dr. Breuers Gehirn hatten sich die Worte der Frau Ralling: »Sie werden Sklave Ihrer Arbeit bleiben müssen! Sie gehören trotz allem und allem zu den Berufenen!« tief eingegraben. Sie schmerzten ihn, brannten wie ein Feuer in ihm.

Was war diese Arbeit, an die er selbst seit langem nicht mehr glaubte, für ihn geworden? War die noch das Heiligtum, zu dem er sie vor sich selbst und vor den andern erhoben hatte, oder war sie nicht längst ein Fluch für ihn geworden? Hatte einen Narren, einen Tyrannen, einen unglückseligen Zwittermenschen aus ihm gemacht! Und ließ ihn nun nicht mehr los! Hielt ihn fest und würde nie – niemals Ruhe und Frieden in sein Leben einziehen lassen!

Wer half ihm? Wer würde ihn verstehen, wenn er in Wirklichkeit das tun wollte, was er in ironischen Worten vor der blonden Frau, die so kühl und objektiv mit ihm gesprochen, ausgedrückt hatte? Kein Mensch wahrscheinlich! Magdalene vielleicht und würde doch enttäuscht sein, würde ihn mit Augen ansehen, deren Blick er nicht ertragen könnte!

Der Major? Der Pastor?

Das waren beides Männer, denen er Komödie vorgespielt hatte, und die ihn, wenn er plötzlich in seiner geistigen Nacktheit vor ihnen stände, wahrscheinlich sehr mitleidvoll ansehen würden!

Freunde hatte er nicht; Verwandte waren ihm längst fremd geworden, weil sie Scheu und Angst vor ihm hatten.

Er war einsam auf der Welt, für die Not seiner Seele war kein verstehender Freund vorhanden.

Einmal tauchte die Gestalt des Doktors Dietholm vor ihm auf, dieses Mannes, den er »Vater« nannte, und auf den er doch herabsehen mußte. Die Worte, die er vor Frau Ralling ausgesprochen hatte, fielen ihm wieder ein: »Ich könnte ja zu meinem Schwiegervater gehen und ihm sagen: Helfen Sie mir zu einem vernünftigen Leben!« Er mußte auflachen!

»Spießbürger! Krämerseele!« sagte er und lief in der kalten, mondhellen Nacht auf unbekannten Wegen und wußte wieder nicht, ob ihn fror oder ob ihm warm war, ob er hungrig oder ob es Müdigkeit war, was ihn nötigte, von Zeit zu Zeit stehenzubleiben und sich an irgendeinem Baum festzuhalten.

Er wäre gern nach Hause gegangen, aber das Wiedersehen mit Magdalene flößte ihm Furcht ein. Er hatte sie verraten; die Frau mit dem flimmernden Haar hatte sie vor ihm in Schutz nehmen müssen, weil er sie in den Schmutz gezogen hatte.

Immer wieder stand die Gestalt des Dr. Dietholm vor ihm auf.

Warum sah er eigentlich auf den herab? Hatte er diese grimmige Verachtung für ihn im Herzen?

Weil der für sich selber arbeitete? Weil der gut essen und trinken und in einem vornehmen Hause wohnen wollte? Weil der also nur zum Selbstzweck auf der Welt war?

Wie oft hatte er das Magdalene vorgehalten, wenn die immer wieder versuchte, ihren Vater in Schutz zu nehmen!

Nun fiel ihm auf einmal ein, daß er ja auch von Dietholms Geld lebte, daß er also genau so gut wie Dietholm selbst von der Arbeit, von dem Schweiß des Volkes lebte.

Nur mit dem einen Unterschied, daß er sich als Ziel seines Lebens etwas Großes gesetzt hatte, etwas, was für Generationen Nutzen und Segen bringen sollte!

Er mußte lachen! Vorsatz – guter Wille – große Worte! Acht Jahre Arbeit und Quälerei und weiter von der Vollendung entfernt als je zuvor in all diesen Jahren!

Nein, es ging nicht! Es würde nie zu Ende kommen – und wenn er es gewaltsam zu einem Abschluß brachte, dann war es Stümperwerk, an dem die Menschen vorübergingen, das vielleicht belächelt wurde – von ein paar Zeitungskritikern den Todesstoß erhielt, bevor es noch zu leben begonnen hatte.

Dr. Breuer fror und hungerte nun doch, und er hatte Sehnsucht nach Magdalene – nach seinem Zimmer – nach dem Arbeitstisch. Er befand sich in irgendeinem Dorf, das er nicht kannte – sah die erhellten Fenster eines kleinen Gasthauses und trat da hinein.

Man gab ihm zu essen und zu trinken – er zahlte und fühlte, daß neugierige Blicke ihn musterten. Die Wirtin und die weibliche Person, die ihn bedient hatte, dachten über ihn nach, das fühlte er. Die wußten nicht, in welche Gesellschaft sie ihn einreihen sollten! Vagabund, reisender Handwerker, verkommener Künstler, der sich auf Wanderung befand oder vielleicht Schlimmeres! Gauner, Verbrecher, entflohener Sträfling.

Er versuchte zu lächeln, als er sich die Mutmaßungen der beiden Frauen vorstellte, aber sein Lächeln wurde zur Grimasse. Sein Blick fiel in einen kleinen, halbblinden Spiegel, der ihm gegenüber an der Wand hing, und wie er darin sein Bild sah: grünlichbleich mit eingefallenen Wangen, unsteten Augen, halblangem, ungeordnetem Haar und lose um den Kragen geschlungener Krawatte, da mußte er diesen zwei Personen, die ihn halb neugierig, halb ängstlich musterten, recht geben.

Wer ihn nicht kannte, wer nicht von ihm wußte, daß er der Dr. Breuer war, der an einem unsterblichen Werke schrieb, der konnte ihn wirklich eher für einen verkommenen als für einen überragenden Menschen halten.

Diese Erkenntnis drängte sich ihm mit einem großen Schmerz auf: Ekel erfaßte ihn und die Unruhe in seiner Seele stieg. Er nahm den Hut, zog den Mantel an und ging mit kurzem Gruß hinaus.

Was nun? Es war völlig Nacht geworden. Magdalene würde jetzt längst zu Bett liegen, er konnte also ruhig nach Hause gehen.

Der Himmel war blau und klar, die Sterne glitzerten, der Mond warf sein Licht auf die weiße Landschaft –, es war jetzt schön und wohltuend, einen weiten Weg zu gehen. Die Müdigkeit war vorbei, der Hunger gestillt; das Blut floß ihm warm durch die Adern.

Wieder tauchte Dietholms Bild vor ihm auf.

Ja, der war der einzige, der ihm helfen konnte – und in Breuers Herz zog etwas von kindlicher Vertrauensseligkeit, die ihn heiter stimmte.

Mitternacht war längst vorüber, als er vor seinem Haus anlangte; er trat ein, stand in seinem Zimmer, saß vor dem Arbeitstisch und hielt die Bogen seiner Arbeit in Händen.

»Schluß!« sagte er laut! »Diese Arbeit ist mein Fluch, macht mich zum Heuchler und Lügner an mir selbst und läßt mich und die Frau da oben nicht zur Ruhe kommen.«

Lange saß er, und Gedanken kamen und gingen. Müdigkeit überfiel ihn, er legte sich aufs Sofa und schloß die Augen, aber der Schlaf kam nicht. Statt dessen stieg die Unruhe wieder; irgend etwas drängte ihn, und immer war es Dietholms Gestalt, die vor ihm stand, die ihm zu sagen schien: »Komm doch endlich zu mir! Ich warte seit Jahren auf dich! Ich helfe dir und vergesse alles, was hinter uns liegt. Hier sind meine beiden Hände; nimm sie und halte dich fest daran, ich will dich in ein Leben der Ruhe, des Friedens, der Bürgerlichkeit hinüberziehen!«

Vor Morgengrauen war er wieder aus dem Hause; es drängte ihn jetzt in die Nähe des Mannes, den er über Jahresfrist nicht gesehen hatte. Mit dem ersten Morgenzug fuhr er in die Stadt, das Manuskript hielt er unter dem Arm; das Gesicht war noch bleich, aber in den Augen lag ein Ausdruck von Hoffnung.

Er kam an Gormanns Kunstladen vorüber. Von den Schaufenstern wurden gerade die Holzverschlüsse abgenommen; die Ladentür war noch geschlossen. Breuer sah in der halben Dunkelheit einige goldene Rahmen aufblitzen und ihm fiel der Tag ein, an dem er hier gestanden und das Bild des roten Kardinals bewundert hatte.

Dies Bild hatte damals seine Besitzeslust erweckt, durch das Bild hatte er die Bekanntschaft des Herrn Gormann gemacht; durch Herrn Gormann wiederum hatte er das Haus am See gesehen und nun war beides sein eigen – das Haus und das Bild, aber sein Leben war ebenso elend und unbefriedigt geblieben wie zuvor, als er noch hier in der grauen Stadt gewohnt hatte.

Gegen elf Uhr kam er nach langen ziellosen Wanderungen an die Fabrik, fühlte ein leises Herzklopfen und hörte dann vom Portier, daß der Direktor Dietholm vor einer Viertelstunde fortgefahren sei und erst am Nachmittag zurückkehre.

Breuer dachte an Magdalene. Die wartete natürlich auf ihn, beunruhigte sich, war vielleicht in großer Sorge. Er schwankte und überlegte, ob er zurückfahren oder ihr ein Telegramm senden solle.

Wieder fühlte er Müdigkeit, ging in ein Hotel und ließ sich ein Zimmer geben. Diesmal kam der Schlaf, den er jetzt nicht gewünscht hatte. Er war in dies Hotel gegangen, um nachzudenken, um alles, was er seinem Schwiegervater sagen wollte, noch einmal genau zu überlegen, um alles, was vielleicht überflüssig war, aus seiner Rede auszuschalten.

Aber der Schlaf hielt ihn fest, bis aus dem Mittag Dämmerung geworden war, bis es galt, in aller Eile den Weg zur Fabrik zu machen, um den Direktor überhaupt noch anzutreffen.

Breuer hatte sich vorgenommen, seinen äußeren Menschen so gut wie es möglich war, zurechtzumachen, aber dazu war keine Zeit geblieben, er hatte auch nicht mehr daran gedacht, als er sich zu dem eiligen Gang rüstete, dachte auch jetzt noch nicht daran, als er vor dem Portier stand, und als der ihn mit prüfenden und etwas mißtrauisch abschätzenden Blicken ansah.

»Ja, Dr. Dietholm ist in seinem Bureau, aber er empfängt nur Besuche, die ihm bereits vorher angekündigt waren.«

»Er wird mich empfangen!« sagte Breuer mit großer Sicherheit, nahm ein Stück Papier aus seiner Brieftasche und schrieb ein paar Worte darauf.

Der Mann kam bald zurück, war freundlicher als zuvor, geleitete Breuer durch eine Unzahl von Gängen und wies ihm dann die Tür zu Dietholms Bureau. Breuer stand zum erstenmal hier; immer hatte Magdalene diese schweren Gänge machen müssen, und er hatte nicht begreifen wollen, warum sie sich so oft gesträubt hatte, zu dem eigenen Vater zu gehen.

Nun fühlte er an dem heftigen Herzklopfen, das ihn befiel, an dieser großen Beklemmung, die ihm fast ein Zittern verursachte, was es hieß, als Bittender zu kommen.

»Arme Magdalene!« dachte er flüchtig, hörte Schritte hinter sich und klopfte sehr schüchtern an. »Herein!« rief Dietholm, erhob sich aus seinem Sessel und sah mit einem Gesicht, im dem ein Gemisch von Unbehagen, Erwartung, Angst und Güte lag, zu Breuer hin.

»Es ist doch nichts geschehen!« war seine erste Frage, als er Breuer sehr bleich und in unordentlicher Kleidung vor sich sah. »Es ist doch nichts mit Magdalene geschehen?«

»Nein,« sagte Breuer. »Magdalene ist wohlauf!« Er setzte sich auf den Stuhl, den Dietholm ihm anwies.

»Nun, und du wünschst?« fragte Dietholm, und man fühlte, daß dieses »Du« ihm nicht leicht wurde, ließ, je länger er zu dem Manne vor sich hinsah; um so weniger freudig die Gedanken würden, die ihn beschäftigten.

»Ich kam,« sagte Breuer nach einiger Ueberwindung, »ich kam zu Ihnen – zu dir – – – nun ja – ich will es rund heraussagen: weil ich mir keine Hilfe mehr weiß, weil ich verzweifle an dem da, – an dem Zweck und Inhalt meines Lebens. Weil ich fühle, daß es nie zu Ende kommen wird!«

Er hatte das Manuskript auf eine Ecke des Schreibtisches gelegt – die einzelnen Bogen, die nur locker umschnürt waren, flogen auseinander, und Dietholm mußte schnell seine Hand darauf legen, damit sie nicht auf den Boden flatterten. Sein Gesicht war bleich geworden und er maß den elend und ungepflegt aussehenden Menschen, den Mann seiner armen Magdalene mit kühlen, kritisierenden Blicken.

»Ich habe mein Bestes getan,« stieß Breuer weiter hervor. »Seit mehr als acht Jahren habe ich gearbeitet, und zwar nicht wie ein anderer Mensch, der einen gewöhnlichen Beruf hat, habe ich gearbeitet – sondern Tag und Nacht – unausgesetzt, habe ein Leben geführt, das dem eines Einsiedlers, ja, eines Sträflings gleichkommt – immer getragen von dem Gedanken, der Menschheit einen Nutzen zu erweisen, etwas zu leisten, was über Generationen hinaus einen Wert behält. Und nun geht es nicht mehr! Nun bin ich am Ende angelangt! Der Kopf will nicht mehr – auch der Körper nicht!«

»Du siehst in der Tat schlecht aus!« sagte Dietholm.

Breuer bewegte unwillig den Kopf. »Das ist nur die Nebenerscheinung!« sagte er – »kommt zum wenigsten in zweiter Linie!«

»Kann aber auch der ganze Grund einer augenblicklichen Mutlosigkeit sein!«

»Meine Mutlosigkeit ist nicht augenblicklich; sie ist langsam gekommen und ich habe mich dagegen gewehrt! Wie eine schleichende Krankheit ist sie, die immer weiter um sich greift. Kurz, es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr!«

»Und was nun?«

»Ich habe Ihnen – habe dir das Manuskript gebracht!« sagte Breuer. »Was soll ich mit dem unvollendeten Manuskript? Soll ich es lesen?«

»Nein! Ich habe es gebracht, weil ich es nicht mehr sehen, nicht mehr in meiner Nähe dulden kann. Auch um Magdalenens willen!«

»Warum um Magdalenens willen?«

»Weil sie sich quält!«

»Das tut sie!« sagte Dietholm. Er sah das Gesicht seiner Tochter vor sich, »Weiß sie um all dies? Habt ihr darüber gesprochen?«

»Nein!« sagte Breuer finster.

»Und was ist der Grund deines Besuches bei mir?«

»Du sollst mir helfen!« stieß Breuer hervor.

»Mit Geld?«

»Nein, nicht mit Geld. Zum wenigsten nicht direkt mit Geld.«

»Sondern?«

»Ich will arbeiten! Ich will einen Beruf haben, wie andere Menschen – will einen Zwang zur Arbeit haben!«

»Wie stellst du dir das denn vor?« fragte Dietholm, nachdem er eine Weile nachgesonnen hatte. »Bist du mit dem Wunsch hergekommen, einen Platz hier in der Fabrik zu erhalten, in unserm Betrieb einen Posten auszufüllen?«

»Ja,« sagte Breuer und hatte das unbestimmte Gefühl, daß dieses »Ja« ein großes Glück für den Vater seiner Frau bedeuten müsse.

Aber Dietholm schwieg, und sein sonst offenes und gütiges Gesicht sah undurchdringlich und ablehnend aus.

»In dieser Fabrik,« sagte er endlich »können nur solche, die eine einschlägige Vorbildung haben, angestellt werden oder ganz junge Leute, die hier lernen. Eine Ausnahme ist ganz unmöglich.«

»Das soll also heißen – –?«

»Das soll heißen, daß ich dir jeden Gedanken an die Verwirklichung dieses seltsamen Vorhabens nehmen muß. Abgesehen von den Fähigkeiten, die ein Mensch, der in unsern Betrieb hinein will, mitzubringen hat, muß er auch seiner Persönlichkeit nach zu uns passen. Eine Fabrik wie die unsere ist wie eine große Maschine, bei der ein Glied sich genau in das andere fügen muß. Es muß alles glatt gehen, Reibungen dürfen nicht vorkommen, d. h. also, die Menschen, die bei uns arbeiten, müssen während der Stunden, die sie in der Fabrik tätig sind, nichts anderes sein, als eben ein Glied des Ganzen. Alles Allzupersönliche, alles Widersetzliche, alles, was durch augenblickliche Stimmungen hervorgerufen wird, hat hier keinen Platz!«

Breuers Gesicht hatte den Ausdruck tiefer Enttäuschung bekommen.

»Was einfache Menschen, die den Kaufmanns- oder Ingenieurberuf betreiben, können, werde ich vielleicht auch können!« sagte er.

»Ich bezweifle das!« antwortete Dietholm. »Verzeihe, wenn ich dich verletze, aber ich muß dir sagen, daß ein Mensch, der ganz und ausschließlich für seine eigene Person gelebt hat, der geradezu einen Persönlichkeitskult getrieben hat, nicht von heute auf morgen ein Gesellschaftsmensch, ein Mensch, der in die Allgemeinheit paßt, werden kann. Alles will erlernt sein, auch das Herabsteigen von einem Piedestal, selbst wenn es nur ein selbsterrichtetes war. Und wie denkst du dir das überhaupt? Soll ich morgen mit dir zu meinen Herren aus der Fabrik kommen und ihnen sagen: Hier ist der Dr. Breuer, der zwar keine Ahnung hat von dem, was hier bei uns vorgeht; er ist aber zufällig mein Schwiegersohn, und da er seines Berufes als Philosoph und Schriftsteller überdrüssig geworden ist, will er einmal sehen, ob er sich vielleicht zum Kaufmann eignet. Da er der Mann meiner Tochter ist, hat er natürlich Anspruch auf eine bevorzugte Stellung und die damit verbundenen Rücksichten!«

Breuer war aufgestanden.

»Ich sehe, daß ich auf grausamen Hohn stoße; daß ich statt des erwarteten Verständnisses ein schroffes Zurückweisen erfahre!«

»Nicht Hohn und auch kein schroffes Zurückweisen!« sagte Dietholm, »aber meine offene Ansicht über die Aussichten, die sich dir bieten! Meinem Gefühl nach ist es ganz unmöglich, daß ein Mensch deiner Art sich noch unter andern Menschen, in einer ganz neuen Welt zurechtfindet!«

»Das heißt also soviel, daß ich dem Untergang geweiht sein soll!«

»Das möge Gott verhüten! Um meiner armen Tochter willen möge er das verhüten! Nein, nicht dem Untergang; aber zum Treubleiben, zum Festhalten an dem einmal Begonnenen sollst du gezwungen sein. Ihr seid nun acht Jahre verheiratet und wir sind uns in dieser Zeit von Jahr zu Jahr fremder geworden – ja – es ist so etwas wie eine unausgesprochene Feindschaft zwischen uns gekommen. Warum sollen wir uns das verhehlen? Ich will sehr offen sein, und ich will dir auch das sagen, was in diesem Augenblick in mir vorgeht und worüber ich selbst staune.

An diesem selben Platz an dem du jetzt sitzt, hat Magdalene oft gesessen, und immer hatte eine Bitte oder ein Verlangen, das sie in deinem Auftrag an mich richtete, sie hergeführt. Welche Pein ihr diese Gänge verursachten, war leicht aus ihrem verhärmten Gesicht herauszulesen.

Wir haben oft über dich und deine Arbeit gesprochen, und ich muß sagen, ich habe mehr als einmal versucht, der armen Magdalene ihren unerschütterlichen Glauben an deine Berufung – an dein Werk zu nehmen. Aber es gelang mir nicht, und wenn sie mich auch nie zu überzeugen vermochte, so hat es mir doch gefallen, daß sie nie den Glauben an etwas, wofür ihr noch nie ein Beweis durch den geringsten Erfolg gebracht worden war, verlor.

Ich habe – verzeihe die Offenheit – nicht an dich geglaubt, habe auch nicht an dich glauben wollen und nun kommt das Merkwürdige –: jetzt – in dieser Stunde, seit du da vor mir sitzest, jetzt auf einmal will da eine Stimme in mir laut werden, die zu deinen Gunsten spricht – jetzt sagt da etwas in mir: So kann nur einer da sitzen, der mit dem praktischen Leben und den Anforderungen, die es unerbittlich an den Menschen stellt, nicht das geringste zu tun hat, sondern da sitzt einer vor dir, der sich eine Welt für sich errichtet hat – und da er zäh Jahr für Jahr in dieser Welt ausgehalten hat, muß wohl irgendeine Berechtigung dafür vorliegen. Ja, es ist wirklich seltsam, aber in jedem Augenblick fast wird es mir klarer und begreiflicher, warum Magdalene an dich glauben muß – warum sie nicht den Mut verliert, den schweren Weg mit dir zu gehen.

Ich bin kein Poet und gehöre nicht zu den sogenannten »Geistigen«, aber so viel glaube ich doch von jener andern Welt, die unserer praktischen so wenig verwandt ist, zu verstehen, daß ich mir jetzt sage: ebensowenig wie ich zu dir hinüber könnte, ebensowenig kannst du zu mir herüber. Ich habe dir vielleicht Unrecht getan, weil ich mit Ungeduld auf den sichtbaren Erfolg wartete, habe die Schwierigkeiten, mit denen ein Mensch deiner Art zu kämpfen hat, unterschätzt, und habe Magdalene das Herz dadurch noch schwerer gemacht als es war. Es mag auch Verbitterung gewesen sein, weil du uns miedest wie eine Klasse von Menschen, die man aus seinem Leben ausschaltet, wenn man sie nicht zufällig nötig hat. Ich gebe das alles zu. In diesem Augenblick sagt mir eine Stimme: Hilf diesem Mannes nicht aus seinem Beruf heraus, sondern hilf ihm in seinen Beruf oder in seine Berufung zurück! Er kann nur in dieser Sphäre etwas werden, kann überhaupt nur darin Daseinsmöglichkeiten haben!«

Dietholm war aufgestanden und hielt Breuer seine Hand hin.

»Es freut mich, daß du den Weg zu mir gefunden hast, freut mich um Magdalenens, aber auch um deiner selbst willen. Vielleicht kann es noch gut zwischen uns werden. Ich bin in der Lage, noch eine Reihe von Jahren für euch zu sorgen und werde es wahrscheinlich von heute an mit freudigerem Herzen tun, als ich es bisher getan habe.

Nimm dein Manuskript wieder mit. Wenn du dich im Augenblick, ich meine, in diesen allernächsten Wochen, nicht zur Arbeit zurückfindest, so mache dir keine Sorge. Reise mit Magdalene für kurze Zeit! Sieh, daß du Farbe in dein Gesicht bekommst, du siehst erschreckend elend aus. Frage einen Arzt, laß dich pflegen von Magdalene, Körper und Geist müssen einander das Gleichgewicht halten. Der eine darf nicht vollkommen auf Kosten des anderen bestehen wollen! Für alles Aeußere soll gesorgt werden. Mehr kann ich dir nicht sagen!«

Breuer legte zögernd seine Hand in die des wartenden Mannes.

»Ich bin mir im Augenblick nicht klar, wie ich all das auffassen soll!« sagte er. »Ich kam zu dir in der Erwartung, daß mein Vorsatz, mein Opfer Freude in dir erregen würde und muß mir nun sagen lassen, daß ich zu nichts anderem tauge, als eben zu dem, wozu meine Kraft nicht mehr reichen will!«

Sein Gesicht sah tief bekümmert aus.

»Ich kann nicht gegen meine Ueberzeugung sprechen,« antwortete Dietholm, »und meine Ueberzeugung ist jetzt eben die, daß es nur dies ›Eine‹ für dich gibt. Das ist das Höchste und Beste was ich dir zugestehen kann!«

Ein paar Minuten später stand Breuer wieder auf der Straße. Sobald er das Gesicht Dietholms nicht mehr vor sich hatte, war die Ruhe, die er diesem Mann gegenüber mühsam bewahrt hatte, wieder fort.

»Verdammt!« sagte er. »Wie ein Bittsteller, den man abgewiesen hat und dem man ein Almosen in die Hand drückte!«

Er schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wenn er sich beeilte, erreichte er den Zug, der ihn in nicht zu später Stunde nach Hause brachte.

Wie eine Vision zog es an ihm vorüber, daß Magdalene sich in Aufregung befand, daß sie verstört war, sich schlimmen Befürchtungen hingab, aber dann war es wieder vorbei.

Nein, er hatte keine Lust, jetzt nach Hause zu fahren. Das Manuskript hatte er in der Eile bei Dietholm liegen lassen, das mußte er sich morgen in der Frühe holen, wenn es überhaupt noch der Mühe wert war, wenn er wirklich noch einmal versuchen würde, den schweren Weg dieser vielen Jahre weiterzugehen.

Müde war er wieder und hungrig war er. Die dumpfe Luft der Großstadt lag wie ein schwerer Druck auf seinem Kopf.

Er ging noch durch ein paar Straßen, kam dann wieder an das Hotel, in dem er die letzte Nacht verbracht hatte und ließ sich ein Zimmer geben.

»Krämerseele!« sagte er wieder, als er die Unterredung mit Dietholm noch einmal überdachte. »Gönnerhaft, großspurig! Hat die Macht in Händen, weil er das Geld hat! Verteilt Almosen und verfügt kraft seines Geldes über die geistige Bestimmung seiner Mitmenschen!«

Magdalenens Gesicht tauchte noch einmal vor ihm auf.

»Auch du!« sagte er, »auch du eine kleine Seele!« Aber dann vergrub er den Kopf in die Hände, weil ein plötzlicher großer Schmerz ihn packte.

»Nein, eine kleine Seele bist du nicht!« sagte er – einem Drange folgend – »aber ein Mensch, der durch Güte und Langmut töten kann!«



20.

Magdalene hatte in der finsteren Arbeitsstube ihres Mannes, auf dessen Sofa in zusammengebrochener Haltung gekauert – lange – lange. Sie fühlte die Zeit! Jede Minute, jede einzelne Sekunde hämmerte sich in ihr Hirn ein, und doch war eine Stunde und war noch eine zweite Stunde vergangen.

Von draußen fiel jetzt der rötliche Schein einer Laterne ins Zimmer und führte sprunghafte Bewegungen auf dem abgenutzten Teppich aus. Magdalene sah dem Spiel zu. Es war ein unruhiges und aufregendes Spiel und zog die Gedanken in allerlei Abgründe, in denen sich furchtbare, grauenerregende Dinge abspielten.

Schwarz starrte der offenstehende Schrank, aus dem das Manuskript genommen war, sie an.

»Warum hat er die Arbeit mit sich genommen?« fragte sie sich. »Wenn es sich um eine harmlose Fahrt, die er gern allein machen will, handelte, dann würde er doch das Buch nicht mit sich genommen haben!«

Er und seine Arbeit! Beide fort – geflohen! Vor wem geflohen? Vor ihr – nur vor ihr!

»Du lähmst mich, Magdalene!« hörte sie ihn sagen. »Es ist etwas an dir, das mir die Kraft, die Freudigkeit nimmt!«

Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Ach – daß es so kommen mußte – daß ein Mensch, für den man alles hingegeben hatte, was man besaß und was einem lieb und wert war, so reden konnte!

Das rote Licht tanzte und schnörkelte vor ihr in bizarren Kreisen. Sie stand auf und zog die Vorhänge am Fenster zu. Nun war der Schein so stark gedämpft, daß kaum noch ein blasses Leuchten sichtbar war.

Magdalene saß wieder am Schreibtisch. Sie zündete eine Kerze an, die auf einem Leuchter steckte. An der Kerze klebte roter Siegellack, der wie große, schwere Blutstropfen aussah. Ihr schauderte, und die Phantasie malte wieder wilde Bilder aus.

Dann plötzlich etwas Erlösendes.

Hatte er nicht vor einer Spanne Zeit einmal gesagt: »Ich werde so weit herabsteigen und deinem Vater beweisen, daß ich materiellen Erfolg haben kann, wenn ich ihn zu haben wünsche! Ich werde einen Teil meiner Arbeit schon bald in Druck geben und ihm den Band überreichen!«

Sie stand auf und ging mit lebhaften Schritten im Zimmer auf und nieder.

Mein Gott, ja – war es denn nicht möglich, daß er in die Stadt gefahren war, um mit einem Verleger zu sprechen und aus diesem Grunde das Werk mitgenommen hatte?

Und kam vielleicht glückstrahlend nach Hause, um ihr endlich eine frohe Botschaft zu bringen?

Für die Dauer von ein paar Minuten gaukelten diese glücklichen Möglichkeiten vor ihr. Aber dann versanken sie wieder in das alte trostlose Grau dieser vielen Jahre, in das niemals ein Lichtstrahl gedrungen war. Nein, wenn er wiederkam, dann fing dasselbe wieder an – dann saß er wieder hier unten in dieser traurigen, nüchternen Umgebung, und sie saß oben in ihren Zimmern, und das Beste, was sie ihm antun konnte, war, sich von ihm fern zu halten, denn sie lähmte ihn ja – nahm ihm Kraft und Luft zur Arbeit.

An der Tür ihres Zimmers pochte es. Die Bedienungssfrau trat ein, fand sich in dem von der Kerze nur matt erhellten Raum nicht gleich zurecht und mußte eine Weile suchen, bis sie Magdalene am Schreibtisch sitzend fand.

»Gnädige Frau, sagte sie, und ihre Stimme klang, als ob sie heftige Erregung und aufsteigendes Schluchzen verbergen wollte. »Gnädige Frau – das geht doch so nicht. Es muß doch etwas geschehen! Wir können doch nicht ruhig hier sitzen, während der Herr – –« Sie stockte.

Magdalene war aufgestanden und zu ihr hingetreten.

»Was sollen wir tun?« fragte sie tonlos.

»Suchen!« sagte die Frau, »der Polizei Anzeige erstatten! Gott im Himmel – womöglich liegt er in irgendeinem Winkel ohne Hilfe!« Sie weinte jetzt laut auf. »Gnädige Frau, ich glaube an Ahnungen; mein ganzes Leben hat's mich noch nicht betrogen, wenn ich Ahnungen gehabt habe. Und in dieser letzen Nacht und diesen ganzen Tag über läßt's mich nicht los. Ich sehe die schrecklichsten Dinge. Mit dem Herrn Doktor stimmt es seit langem nicht. Ich weiß vieles, was die gnädige Frau nicht weiß, und ich würde es nie aussprechen, wenn alles ruhig geblieben wäre. Aber so – wo es doch möglich ist, daß etwas Schreckliches passiert! Wissen Sie, was die Haushälterin vom Major sagt? Die sagt, der Herr Doktor sei jeden Abend in dieser letzten Zeit zu den Rallings, die draußen am See wohnen, hingegangen – aber nicht zu ihnen ins Haus, sondern habe draußen am Garten gestanden und zu dem Haus hingestarrt, wie einer, der nicht mehr weiß, was er mit sich anfangen soll. Die Haushälterin hat das von Leuten gehört, die ihn dort stehen sahen, und sie meint, vielleicht sei der Herr mondsüchtig oder habe sonst eine innere Krankheit, von der kein Mensch etwas wisse.«

Das Wort »mondsüchtig« traf Magdalene stark. Sie mußte an jenen Abend im vergangenen Sommer denken, an dem sie im Mondschein mit ihrem Mann die Seepromenade entlang gegangen war und an dem er ihr all die seltsamen Dinge gesagt hatte, die sie damals schmerzten und die sie dann über vielem anderen wieder vergessen hatte.

Die Frau stand wartend an der Tür.

»Soll ich vielleicht zu Pastor Lerchs gehen?« fragte sie. »Die Frau Pastorin meint es doch gut, und vielleicht kann der Pastor einen Rat geben.«

Magdalene schüttelte den Kopf.

»Pastor Lerchs sind nicht zu Hause, und überhaupt möchte ich nicht, daß man hier im Ort über den Herrn spricht. Ich bin sicher, daß ihm nichts passiert ist. Er hat seine Arbeit mitgenommen und ist wahrscheinlich in die Stadt gefahren und wird da aufgehalten. In seiner Zerstreuung denkt er nicht daran, mich zu benachrichtigen. Sie können ruhig sein; wenn ein Grund zu Befürchtungen da wäre, würde ich nicht still hier sitzen können.«

Die Frau sagte noch etwas von Ahnungen und ging dann; aber sobald sie aus dem Zimmer war, hatte Magdalene das Gefühl, als müsse sie laut schreien, um Hilfe rufen, sich an jemanden anklammern, denn der Boden bewegte sich unter ihren Füßen, die Wände des Hauses schwankten und wollten sich auf sie niederstürzen. Sie sank vor dem Sofa auf die Knie.

»Mein Gott – was soll ich tun? Wer kann mir helfen?« Sie sah nun den Mann auf seinen irren Gängen, sah ihn vor dem Garten der Frau Ralling stehen und zu deren Fenstern hinaufstarren.

»Warum muß es eine Frau wie diese sein?« fragte sie sich verzweifelt.

»Es ist hart, wenn der Mann von der, zu der er einstmals aus Liebe kam, fortbegehrt – aber doppelt hart ist es, wenn er zu einer solchen hinstrebt, die nur ein paar körperliche Vorzüge aufzuweisen hat!«

Sie sah die blonde Frau und sah ihren Mann – sah die große Verwandlung, die mit ihm vorging in der Nähe dieser Frau, und das Herz schnürte sich ihr zusammen.

Also nicht die Arbeit ist es, die ihn vielleicht zur Verzweiflung treibt, sondern eine Frau – eine hübsche blonde Frau, die zu plaudern und zu lachen versteht und einen besonderen Duft an sich hat!

War das Eifersucht, was ihr das Herz zusammenkrampfte, daß es ihr einmal körperlichen Schmerz verursachte? Nein – nicht Eifersucht – ganz gewiß nicht Eifersucht. Sie hatte diesen beiden ja selbst die Wege geebnet – hatte es so gewollt, daß der arme Mann sich nehmen sollte, wonach sein Verlangen ging.

Und plötzlich wußte sie auch, daß kein Grund zur Eifersucht vorlag, wußte mit voller Sicherheit, daß ihr scheuer, weltfremder Mann sich nie in das Haus der Frau hineingewagt hatte, und tiefes Mitleid kam in ihr Herz, als sie ihn im Geiste vor dem Rallingschen Garten stehen sah – kein anderes Verlangen im Herzen als das, in ihrer Nähe zu sein, zu ihren Fenstern hinaufsehen zu dürfen.

Wie ein Junge, oder doch wie ein ganz junger Mensch, der unter dem Bann des ersten übergroßen Liebeserlebens steht!

Das tat er, der die Mitte der Dreißig überschritten hatte, dessen Haare dünn wurden, dessen Gesicht schon längst kleine Falten hatte!

Sie fühlte jetzt wieder für ihn, wie eine Mutter für ein Sorgenkind fühlt – traurig und voll banger, tiefer Sorge.

Wo war er? Was hatte er getan in diesen beiden Nachten?

Draußen ging die Gartentür. Magdalene lauschte und hörte Schritte.

War er das? Kam er?

Das Herz schlug ihr laut. Sie rief seinen Namen: »Martin – Martin!« Wieder die Bedienungsfrau, und in der geöffneten Tür der Schatten eines Menschen.

»Gott – mein Gott!« schrie Magdalene auf, als sie wieder den Major Schwertes vor sich stehen sah. Kam der, um ihr Furchtbares zu künden? Kam der zum zweitenmal in ihr Haus, nur um sie zu trösten!

Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm entgegengestreckt hatte. Die Frau zündete das Licht an. Der Major zog Magdalene ins Zimmer. Er war in Aufregung. Aber er hatte keine Kunde zu bringen – nichts von einem grausigen Ereignis war zu ihm gedrungen. Er war gekommen, einfach weil er kommen mußte, weil die Sorge um die einsame Frau ihm keine Ruhe ließ – weil er Stunde um Stunde dieses Tages, weil er in jeder Minute, jeder Sekunde an sie gedacht und mit ihr gelitten hatte.

»Was kann geschehen sein?« fragte sie ihn, und der Major sagte mit einer Stimme, die sehr fest klang:

»Ich habe das sichere Gefühl, daß nichts geschehen ist – daß es sich einfach um den Einfall eines Augenblicks bei Ihrem Gatten handelt. Aber ich begreife, daß Ihre Sorge wächst – fürchte auch, daß man Ihre Angst steigert – –«

Er sah nach der Frau, die in der Nähe stehen geblieben war und leise weinte und wieder etwas von Ahnungen sagte.

»Er ist nie zuvor von mir fortgegangen, ohne mir eine Erklärung zu geben. Ja, er ist überhaupt niemals ohne mich für eine Nacht aus dem Hause geblieben.«

Es war ein Beben in ihr, als sie das sagte. Die Frau ging aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich ins Schloß. Der Major saß nahe bei Magdalene, und er hatte jetzt nicht mehr das peinigende Gefühl, das er am Morgen gehabt hatte:

»Wie kommst du dazu, dich einzudrängen? Was gehen dich anderer Leute Angelegenheiten an?«

Er wußte jetzt, daß die arme Magdalene eines Menschen bedurfte, der mit ihr sprach, der ihr das Entsetzen aus der Seele nahm.

»Ich bin durch Welten voll Grauen und Qual gegangen an diesem Tage!« sagte sie. »Meine Phantasie hat mir Dinge vorgespiegelt, die ich in Worten nicht ausdrücken kann, und doch und trotz allem kann ich an das eine nicht glauben – an das selbstgesuchte Ende! Nein –!« sagte sie laut und fest, »ich kann nicht daran glauben – ich weiß, daß er das nicht tut – daß er das gar nicht tun kann. Mein Gott – verstehen Sie mich recht, Herr Major, ich will nicht sagen, daß ihm der Mut dazu fehlt – nein, sicher nicht – den Mut zu solch einer Tat würde er haben. Aber trotz aller seiner Qualen, die er durchkostet – er ist noch lange nicht am Ende seiner Hoffnungen – er steht ja überhaupt noch wie ein Kind vor dem Leben – will ja noch alles einholen, was er bisher versäumt hat.

Ich weiß nicht, woher mir diese Gedanken kommen – weiß nicht, warum mir erst jetzt sein Wesen so ganz klar werden will! Aber wie ich ihn jetzt – in diesen Augenblicken – vor mir sehe, ist er ein Mensch, der in Sturm und Drang steht, der aber eines Tages all das, was ihm zu schwer an seiner Bürde wird, von sich wirft und dann leicht und zu einem neuen Dasein fähig dasteht!«

Der Major nickte beistimmend, aber sein Geist war sehr ernst dabei.

»So war meine Ansicht über ihn vom ersten Tage an, da ich ihn sah. Einer von jenen, deren es leider in unserer Zeit viele – allzu viele gibt. Man möchte sagen: Glücksritter des Geistes! Seien Sie nicht böse, wenn ich so von dem Manne spreche, der eng mit Ihnen verbunden ist. Es soll keine Kritik seiner Person sein – höchstens eine Kritik unserer Zeit, die es den Menschen möglich macht, sich diese Art von Dasein zu gestalten. Woher kommt es, daß heute unter einem Dutzend Menschen ganz gewiß immer einer ist, der sich für zu gut hält, einen vernünftigen bürgerlichen Beruf zu ergreifen – der das Gefühl hat, auf außergewöhnliche Weise seine Daseinsberechtigung beweisen zu können? Unselige Menschen, die weder ins praktische Leben hineinpaßten noch auf dem Gebiet der Kunst oder der Wissenschaft etwas zu leisten vermochten, hat es ja wohl immer gegeben. Das waren dann sehr oft wirklich Kranke, die an sich selbst zerschellen mußten. Aber diese nicht wirklich Kranken, diese, die heute in so großer Zahl herumlaufen und die eigentlich an nichts anderem als an einer grenzenlosen Selbstüberhebung leiden, die hat man doch früher nicht gekannt.

Nein, ich rede jetzt nicht von Ihrem Gatten – wenigstens nicht direkt von seiner Person! Aber es ist ein Groll in mir – ein riesengroßer Groll, der mich schon ein paarmal gepackt hat. Solche Menschen, wie die vielen, von denen ich eben sprach, solche Menschen mögen ja schließlich tun und lassen, was sie wollen, wenn sie damit niemand anderem als sich selbst schaden. Aber einen andern Menschen an sich fesseln und ihn zwingen, diese ganze bizarre Welt, die sie sich zurecht gemacht haben, mit durchwandern zu müssen – an all den tausend und abertausend Stimmungen, Erregungen, Enttäuschungen und Gefühlsschwankungen teilnehmen zu müssen, das ist ein Frevel. Ja – ein Frevel ist das. Und immer, wenn ich Sie vor mir sehe – jung und doch schon müde – immer diese Angst im Blick, ewig bereit, jedes – auch das größte Opfer zu bringen, dann wird dieser Groll so riesengroß in mir, daß ich ihn kaum zu ersticken vermag.«

Sein Gesicht sah erregt aus, als er das sagte. Magdalene sah staunend, verwirrt, von einer jähen Furcht befallen, zu ihm auf.

»Ich bin kein impulsiver Mensch,« fuhr er fort, »pflege nicht einer augenblicklichen Eingebung zu folgen und pflege auch nicht in die Häuser anderer Menschen zu gehen und ihnen meine Meinung und meine Ratschläge aufzudrängen. Aber zu Ihnen mußte ich kommen, und zwar mußte ich kommen, um Sie zu warnen, um Ihnen etwas zu sagen, was Ihnen vielleicht grausam erscheinen mag. Hören Sie mich an, und wenn Sie mir dann böse sind, dann können unsere Wege sich ja wieder trennen, wie sie vordem getrennt waren. Ich muß Ihnen sagen: Sie tragen mit Schuld an dem vermeintlichen Unglück Ihres Gatten – an seiner Ruhelosigkeit, an all diesen krausen Wegen, die er sich selbst schafft und von denen er glaubt, daß das Schicksal sie ihm vorgezeichnet habe.

An Ihrer Güte, an Ihrer Opferbereitschaft, an Ihrer grenzenlosen Selbstentäußerung geht Ihr Mann zugrunde. Er verträgt es nicht, einen Menschen, der sich ihm klaglos in allen Dingen fügt, um sich zu haben; er hat keine Ahnung von Ihren Leiden, von den furchtbaren Kosten, die Sie zu tragen haben, damit er auf seinen wilden Geistespfaden dahinsausen kann. Wären Sie hart, kühl und egoistisch, oder sagen wir einmal: wären Sie nur so, wie unsere gute Pastorin Lerch es ist: praktisch, ein wenig rücksichtslos, wenn sich ihr etwas in den Weg stellt, und von einer gewissen gutherzigen Dreistigkeit in geistigen Dingen, dann würde Ihr Gatte längst ein anderer geworden sein . . .«

»Nein, nein,« wehrte hier Magdalene ab und mußte ein ganz klein wenig lächeln. »Bei einer Frau wie die Pastorin Lerch eine ist, wäre mein Mann nicht ein einziges Jahr geblieben.«

»Das glaube ich auch. Aber dann wäre er eben fortgegangen, und das wäre das einzig Richtige gewesen. Menschen vom Schlag Ihres Gatten müssen entweder allein sein oder Sie müssen als Kameraden einen Menschen haben, der stärkere Nerven, einen stärkeren Willen und stärkere Eigenliebe hat, als sie selbst es haben. Eine jede Ehe ist ein Kampf, und das schadet nichts. Auf Kampf folgt Waffenstillstand und endlich Friede – oder aber der Ehekampf endet im Auseinandergehen.

Jeder Kampf aber ist besser als lautloses Sichopfern von einer der beiden Parteien. Glauben Sie es mir, verstehen Sie mich: Kein Mann verträgt das – kein Mann kann dabei glücklich sein, wenn er nichts als Güte, Weichheit, Nachgiebigkeit neben sich hat. Es sei denn, daß dieser Mann entweder ein Ausbund aller Geduld und aller Tugenden sei, oder aber er muß selber schon durch schwere Zeiten gegangen sein. Ein gewöhnlicher Mensch, dem jeder Vergleich fehlt, der noch nicht das Bedürfnis und die Fähigkeit hat, in der Frau das Beste, Schönste und Höchste, was das Leben geben kann, zu sehen, der versteht so etwas eben nicht! Im umgekehrten Verhältnis ist es genau dasselbe. Die Frau kann auch dem allzu nachgiebigen, großmütigen Mann nicht dauernd ihre Zuneigung und den Respekt, der zu einem Zusammenleben so unbedingt notwendig ist, bewahren.«

Er machte eine Pause und wartete vielleicht auf einen Einwurf von ihrer Seite, aber sie schwieg und sah nur sehr hoffnungslos vor sich hin.

»Was ich Ihnen da sage, das ist ja alles nicht aus der Luft gegriffen oder aus Büchern zusammengelesen,« fuhr er fort, »es ist die sehr bittere Erfahrung des Lebens – meines Lebens, gnädige Frau! Ich habe auch nicht verstanden und habe nicht begreifen wollen, daß es so sein muß, wie ich Ihnen sage, daß selbst die größte und tiefste Liebe sich nicht nur in Opfern und Entsagen äußern darf! Darum kam ich noch einmal zu Ihnen; ich mußte Ihnen das sagen, ich hatte keine Ruhe drüben bei mir, obwohl es mich einen großen Entschluß gekostet hat, zum zweitenmal ungebeten in Ihr Haus zu kommen.

Ihr Gatte wird zurückkehren, dessen bin ich genau so sicher, wie Sie es sind, denn er ist in der Tat noch längst nicht am Ende seiner Hoffnungen. Er wird es vielleicht nicht einmal für nötig halten, Ihnen eine Erklärung für sein Ausbleiben zu geben. Und das muß dann der Anfang für Sie sein, das muß Ihnen den Mut und die Kraft geben, ihm eine gewisse Grenze zu ziehen.«

Er schwieg wieder eine Weile, und die Gedanken kämpften einen großen Kampf in ihm.

»Ich weiß nicht, ob Sie mich und mein Kommen richtig beurteilen werden,« sagte er gequält, da sie schwieg. »Wenn mir Ihr Schicksal nicht so sehr am Herzen läge, wenn ich nicht diesen gar nicht zu erstickenden Drang gefühlt hätte, Sie vor einer Tragödie zu bewahren, so wäre ich sicher nicht gekommen.«

Sie gab ihm die Hand.

»Ich danke Ihnen und ich verstehe Sie!« sagte sie leise.

»Und glauben Sie, daß Sie die Kraft haben werden, meinen Rat zu befolgen?«

»Ich weiß es noch nicht, es ist schwer, mit der Gewöhnung von vielen Jahren zu brechen!«

»Ja, es ist schwer. Jeder Kampf ist schwer, aber allzu große Passivität hat noch nie zu einem Sieg geführt!«

Er stand auf, unschlüssig, ob er gehen oder bleiben sollte.

Magdalene hatte bis jetzt mit großer Mühe ihre Fassung bewahrt, nun war sie plötzlich am Ende ihrer Kräfte. Etwas Neues drang auf sie ein, sehr stark, sehr erschütternd. Das grenzenlose Verlangen der Frau nach einer Liebe, die nicht nur nehmen will, sondern die gibt, die beschützt, die hilft und leitet.

Und wie sie den Major Schwertes vor sich stehen sah, mit einem Gesicht, in dem es zuckte und arbeitete von den inneren Kämpfen, die jetzt in ihm wogten, da wußte und erkannte sie etwas, was ihrer Verzweiflung den Höhepunkt gab.

Nein, sie war nicht die richtige Frau gewesen, um einen armen, mit sich selbst ringenden, noch ganz unfertigen Menschen zu stützen und zu stärken, sondern sie war ein armes, selbst schwaches und hilfsbedürftiges Geschöpf, das der Kraft eines anderen bedurfte, um sich auf den Füßen zu halten. Der ganze riesengroße Irrtum ihres Lebens lag vor ihr; sie sah und hörte den Vater, der sie so eindringlich, so flehentlich gewarnt hatte, sah den Mann, ihren Mann, der die große Macht über sie besessen hatte und für den sie das, was »Liebe« heißt, vielleicht nie empfunden hatte.

Es ward dunkel vor ihren Augen.

»Gehen Sie jetzt!« bat sie den Major Schwertes, denn sie fühlte, daß auch die letzte Kraft von ihr weichen würde, wenn er noch länger hier vor ihr stand, daß dann das arme Herz aufschreien, und daß ihr Mund Dinge sagen würde, die nie ausgesprochen werden durften.

Der Major drückte ihr noch einmal die Hand und ging, ging sehr unzufrieden und uneins mit sich selbst. Hatte er Hilfe gebracht? War dies arme, müde, verzagte Geschöpf, dieses weiblichste Weib, das er je gesehen, noch fähig, sich zu einem Kampf, der lang und zäh und schwer sein würde, aufzuraffen?

Er schüttelte den Kopf. »Vergeblich!« sagte er vor sich hin, »diese beiden werden ihren Weg weitergehen, genau so wie sie ihn bisher gegangen sind. Sie werden sich aneinander zerreiben, bis es so weit ist, daß einer von ihnen im Kampfe fallen muß und so dem anderen die Kraft gibt, sich aufzurichten und ein neues Leben zu beginnen!«

Gleich nachdem die Tür seines Hauses sich hinter ihm geschlossen hatte, öffnete sich die des Nachbarhauses. Magdalene glitt wie ein schmaler Schatten durch den verschneiten Garten, die Straße entlang und verschwand dann in einem Seitenweg. Das Haus hatte über ihr zusammenstürzen wollen, sie hatte fliehen müssen vor tausend Gefahren, die sich neu vor ihr aufzutürmen drohten.



21.

Die Pastorin Lerch saß mit ihrem Mann am runden Tisch im Wohnzimmer; sie stickte an einer kleinen Decke, und der Pastor war in ein astronomisches Werk vertieft.

Hin und wieder seufzte die Pastorin, und wenn sie einmal von ihrer Arbeit aufblickte, sah man, daß ihre Augen in diesen letzten Tagen viel geweint hatten.

Pastor Lerch hatte den Kopf in die Hand gestützt; er sah auf eine Sternenkarte und suchte ein besonderes Bild heraus. Dabei fiel ihm jener abendliche Sternenhimmel ein, an dem er Magdalene Breuer zum erstenmal gesehen hatte, und seine Gedanken schweiften dann weit, weit von dem Inhalt des Buches, das er in der Hand hielt, ab.

»Daß du ihre große Opferfreudigkeit und ihre übergroße Bescheidenheit wiederholt in deiner Rede angebracht hast, das war gut und schön!« sagte die Pastorin plötzlich, legte ihre Arbeit fort und schob ihre Hand in die ihres Mannes. Die Tränen flossen ihr wieder aus den Augen. »Wenn man doch je und je herausbekommen könnte, was es eigentlich war, was sie in den Tod getrieben hat!« sagte sie mit einer Stimme, aus der echter, tiefer Schmerz herausklang.

»Die Angst um den Doktor, der zwei Tage fortgeblieben war, kann es nicht gewesen sein, und das glaube ich auch nicht. Die Bedienungsfrau hat mir schon ein paarmal erzählt, daß Magdalene ganz erstaunlich ruhig gewesen sein soll über sein Ausbleiben. Und hat ja auch recht behalten, daß sie sich nicht darüber aufregte. Der Doktor ist in die Stadt gefahren und hat einfach nicht daran gedacht, seiner Frau eine Nachricht zu schicken. Und so etwas ist ja auch schließlich kein Grund, um sich das Leben zu nehmen, im Gegenteil, wenn ich mir vorstellte, du wärest für zwei Tage verschwunden, dann würde ich wohl Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu erfahren, wo du wärest, aber gerade zu so einer Zeit würde ich doch nicht ins Wasser gehen, sondern würde mir sagen: womöglich ist ihm etwas zugestoßen und er braucht dich nötiger, als er dich je zuvor gebraucht hat!

Nein, darüber bin ich mir im klaren; aus Angst und Aufregung über sein Fortbleiben ist sie nicht in den See gegangen!«

»Es ist ja auch durchaus nicht erwiesen, ob ein freiwilliger Tod gesucht wurde. Sie ist über den zugefrorenen See gegangen und kam an jene Stelle, an der das Eis noch nicht trug, da ist sie denn eingesunken.« Auch sein Gesicht war tiefernst und die Stimme nicht ganz fest.

»Nein,« sagte die Pastorin, »nein und zehnmal nein! Das lasse ich mir nicht einreden. Daß du in deiner Rede an ihrem Grab die Sache als einen Unglücksfall darstelltest, das war gut und richtig und mußte so sein. Aber in Wirklichkeit glaubt doch niemand daran. Schon allein der Umstand, daß sie zu später Abendstunde noch an den See ging, ist doch sicher sehr unnatürlich.«

»Vielleicht wollte sie doch zu Frau Ralling!« warf der Pastor ein.

Der Pastorin Gesicht verfinsterte sich.

»Tag und Nacht grübele ich darüber nach!« sagte sie. »Ob es nicht doch Eifersucht gewesen ist?! Ihr Männer versteht das nicht so, aber das verwindet keine Frau so leicht, wenn ihr Mann so offenkundig sein Gefallen an einer anderen zeigt. Sieh mal, wir zwei sind doch schon ein altes Ehepaar, aber wenn ich mir vorstelle, daß du in einer Gesellschaft dich in dieser Weise mit einer gefallsüchtigen, nicht einmal feinen Frau abgäbest, so dein Gefallen an ihr zeigtest, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich das ertrüge. Ich sehe Magdalene noch genau vor mir, wie sie damals unten in der guten Stube neben dem Major Schwertes saß, mit einem Gesicht, bleich wie ein Leinentuch, und mit Augen wie ein erschrockenes Kind! Nein, so etwas erträgt keine Frau ohne weiteres, und ich bin wirklich aufs äußerste erstaunt, daß Magdalene nachher der Frau Ralling einen Besuch gemacht und sie zum Tee eingeladen hat. Aber ich habe es nun von mehreren Seiten gehört! Gott im Himmel, sie ist wahrhaftig ein Engel gewesen; ich glaube, sie wäre fähig gewesen, ihrem Mann auch dieses Opfer zu bringen – ihm zu erlauben, daß – ach – man kann so etwas gar nicht aussprechen!

Aber das kann ich dir sagen, es war ein Glück, daß Frau Ralling heute nur aus der Entfernung an der Beerdigung teilnahm, daß sie nicht die Dreistigkeit hatte, mit ans Grab zu kommen. Ich glaube, ich hätte nicht anders gekonnt, sondern hätte sie fortschicken müssen!«

Sie weinte wieder heftig und der Pastor strich ihr über die Hand.

»Was nützt uns all dies Denken und Grübeln?« sagte er sanft. »Willst du nicht versuchen, dich an den Gedanken zu gewöhnen, daß doch und trotz allem ein Unglücksfall und kein Selbstmord vorliegt?«

»Nein, das kann ich nicht! Das geht mir gegen die Natur und gegen den Verstand. Und ich werde auch nicht ruhig werden, bis ich weiß, was sie in den Tod getrieben hat. Du sagst, sie habe ihren Mann mit einer übermenschlichen Liebe geliebt, obwohl der Doktor mit all seinen Launen und seinem selbstherrlichen Wesen das nicht verdient hat, daß eine Frau so für ihn empfand. Das muß ich immer wieder sagen, und wenn er nun wirklich in seinem Leben noch einmal zu großer Berühmtheit kommen sollte, dann muß er sich sagen, daß er über die Leiche seiner Frau hinweggegangen ist. Wenn er dann noch ein volles Glück an irgend etwas empfinden kann, dann ist er für meine Begriffe ein ganz gewissenloser, kalter Mensch. Heute am Grab schien er ja wirklich sehr erschüttert zu sein, und die Bedienungsfrau, die vor dem Abendbrot hier war, um mir eine Schüssel, die ich Magdalene einmal mit Kuchen geschickt hatte, zurückzubringen, die hat mir ja gesagt, daß er erst wie ein Wahnsinniger durchs Haus gerannt wäre und dann nach der Beerdigung vor einem Jugendbildnis Magdalenens gekniet und immer ihren Namen gerufen habe. Aber das ist doch nun eigentlich auch wieder überspannt, und ich habe immer gefunden, daß ein Schmerz, der sich so toll und ungebärdig äußert, gewöhnlich bald wieder vorüber ist, während ein wirklich echter Schmerz doch meist den Menschen ganz still macht!«

Der Pastor nickte nur, und Frau Lerch fuhr fort: »Ganz furchtbar leid tat mir der Direktor Dietholm, ihr Vater. Das ist ein wirklich vornehmer Mann, sowohl in seinem Aeußeren wie auch in seiner Denkungsart. Tausend Mark hat er dir für die Armen gegeben, das ist vornehm und gütig! Siehst du, bei dem war der Schmerz wahrhaft tief und wahrscheinlich unheilbar. Ich habe selten einen großen, starken Mann so zusammengebrochen gesehen, wie er es war. Als er die Schaufeln Erde auf ihren Sarg warf, zitterte seine Hand so heftig, daß ich glaubte, man müsse ihm zu Hilfe kommen. Sein Gesicht war aschfahl, und er biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten. Mein Gott, sie war das einzige Kind seiner ersten Frau, und Magdalene hat mir einmal erzählt, daß er sie unsagbar geliebt hätte!«

Der Pastor versuchte seine Aufmerksamkeit wieder dem Buche zuzuwenden, aber die Frau hinderte ihn daran.

»Aber über eines kann ich gar nicht hinwegkommen,« fuhr sie fort, »nämlich darüber, daß der Major Schwertes gestern abgereist ist und nicht an der Beerdigung teilgenommen hat! Am Tag des Unglücks soll er doch zweimal bei Magdalene gewesen sein, da hätte er nun für mein Gefühl doch seine Reise um einen Tag verschieben und mit zur Beerdigung gehen können.

Ach, du glaubst nicht, wie oft ich über diese beiden nachdenken muß, über den Major und über Magdalene. Sie waren doch beide meine Sorgenkinder. Immer hat mir der eine Gedanke vorgeschwebt, über den du vielleicht lächeln wirst, nämlich der Gedanke: Wenn diese zwei doch zusammengehören könnten! Ganze Romane habe ich mir darüber ausgedacht und immer hatte ich das Gefühl, daß das zwischen diesen beiden ein ganz seltenes Glück gegeben hätte. Sie hatten etwas Verwandtes, waren beide zu gut für die gewöhnliche Menschheit! Ja, auch der Major ist zu gut, obwohl er oft so grimmig aussehen kann. Im Herzen ist weich und gut, das sagt selbst seine Haushälterin, die übrigens kündigen will, weil ihr so ein einsamer Winter hier draußen doch zu lang wird. Sie glaubt auch, daß der Major über kurz oder lang das Haus wieder verkauft und fortzieht. Die Berge sind ihm hier nicht hoch genug, er war ja früher jedes Jahr in der Schweiz oder in Tirol und machte Hochtouren! Hörst du noch zu?« fragte sie, als der Pastor den Kopf in die Hand stützte und wieder auf seine Sternenkarte sah.

»Ja,« sagte er leise.

»Der Doktor Breuer wird doch wahrscheinlich auch nicht hierbleiben! Was soll er auch allein hier? So einer gehört in die große Stadt, wo niemand auf ihn achtet, – denn hier hat er sich eigentlich doch unmöglich gemacht!«

Sie wartete eine Weile auf eine Erwiderung.

»Du antwortest ja gar nicht mehr!« sagte sie ein wenig gereizt.

»Was soll ich antworten?« fragte er wehmütig. »Meine Gedanken sind bei der Toten. Möge ihr die Erde leicht sein! Du sagtest vorhin: Sie war wie ein Engel, und daher mag die Vision kommen, die ich jetzt vor Augen habe. Ich sehe sie schweben, weiß und leicht, eine Strahlenglorie um das Haupt, das Gesicht verklärt, die Augen voll von jener übergroßen Liebe, die in unsere Welt hier unten nicht hineinpaßt! Ihr ist wohler als uns!«

Die Pastorin schluchzte laut auf. »Magdalene,« sagte sie, »Magdalene, ja ihr ist wohler als uns!« Der Kopf sank auf ihre Arme und Pastor strich ihr leise über das graue Haar.«