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Helene von Mühlau – Das Liebeserlebnis der Ellinor Fandor

Roman

Helene von Mühlau, Das Liebeserlebnis der Ellinor Fandor, Schuster & Löffler, Berlin, 1921


Es war ein ganz junger Prediger, der auf der Kanzel stand – schmal in den Schultern und mit jenem durchleuchteten hingerissenen Ausdruck in den Augen, wie ihn entweder nur die ganz jungen Geistlichen, die erst ihr Amt beginnen, haben oder die in ihrem Beruf graugewordenen, die zu Aposteln für die Menschheit geworden sind. »Alles Leid«, rief er zu uns, die wir auf Bänken und Stühlen saßen, hinab, »alles Leid, das wir zu tragen haben, wird uns von Gott gesandt auch jenes, von dem wir glauben, daß es von bösen, dunklen Mächten herrühre, die ihr grausames Spiel mit uns treiben. Es gibt aber keine bösen und feindlichen Gewalten, deren Macht größer wäre, als die Allmacht Gottes es ist, und darum . . .«

Was weiter kam, hörte ich nicht mehr. Es wurde zu einem unbestimmten Brausen, das gedämpft wie sanfter Herbststurm, der durch dichten Wald fegt, zu meinen Ohren drang.

Ich saß in einer fast dunklen Ecke der großen Kirche. Es war ein Sonntagabend. Die Qual eines langen, langen Tages, an dem die Hände zu keiner Arbeit fähig gewesen, an dem nur der arme Kopf unablässig dem dunklen Spiel seiner Gedanken gefolgt war, diese sich immer steigernde Qual war es gewesen, die mich getrieben hatte, mich aus der Erstarrung, in die ich versunken war, aufzuraffen . . . Roh heulte der eisige Wind dieses grausamen Winterabends mich an, als ich auf die Straße trat. Der Schnee hing in großen bizarren Wolkenbildungen in der Luft und glitt in langsamen feierlichen Bewegungen zu Boden.

Ich war eine lange Strecke gegangen, als ein Hall durch das Schneemeer hindurch zu mir drang: Glocken – tiefe Kirchenglocken! Und eine jähe Sehnsucht stieg in mir auf, in einem Gotteshaus zu sitzen.

Ich fand einen Platz dicht neben einer gewaltigen Säule, die mich von den anderen Menschen trennte – es war, als sei ich ganz allein in dieser Kirche. Ich hatte das Gefühl, auf einem endlosen, stillen dunklen Wasser dahinzugleiten, – auf solch einem Wasser, das nie und nirgendwo ein Ende hat, das in die Ewigkeit führt.

Dann begann dieser junge Prediger in seiner hinreißenden Art zu sprechen und riß für eine kurze Weile aus Versunkenheit und Starrheit heraus. Er zwang, ihm zu folgen, und er sagte das von dem Leid und den bösen Gewalten, die alle von Gott gesandt sein sollten und die immer dann ihr Ende finden würden, wenn er, der Allmächtige, es für gut befinde . . . und da war alles, alles wieder da: jede Wunde aufgerissen, jede Erinnerung wach – jedes Angst-, jedes Verzweiflungsgefühl wieder bis zur äußersten Intensität gesteigert.

Ich konnte nicht länger anhören, was er sagte – ich war wieder draußen in dem Schneetreiben, und die Nacht kam mit Riesenschritten tiefer und tiefer herabgezogen. Kalt und bös war diese Nacht. Der Sturm griff wie mit Fäusten ins Gesicht, riß am Hut und fuhr in die Kleider, und der Schnee legte sich dick und fest wie ein schwerer Pelz auf Schultern und Brust.

Ich sah die weiten weißen Schneefelder, die hinter den Straßenreihen sich hinzogen, vor mir liegen, und eine unaussprechliche Sehnsucht, mein schweres, mein entwertetes Leben dem Zufall zu überlassen, kam über mich. Nur einen Brief an Maria wollte ich noch schreiben – und dann wieder hinaus in diese wilde Nacht.

Aber kein Mensch, der eine Treppe hinaufsteigt, kann wissen, wie ihm zumute ist, wenn er erst oben angekommen ist. Kein Mensch, der einmal aus dem guten Gleichgewicht herausgekommen ist, kann auch nur für eine halbe Stunde seiner selbst sicher sein!

Ich öffnete die Tür zu jenem großen bunten Raum, in dem ich diesen starren Verzweiflungstag verbracht hatte – ich öffnete die schmale Tür mit bösen Gefühlen der inneren Auflehnung und des ohnmächtigen Hasses, der mich vor zwei Stunden hier herausgetrieben hatte – und – o Hohn – nun war mir plötzlich, als trete ich in ein schönes, in ein geradezu schimmerndes Paradies ein.

Von der Staffelei, die im Vordergrund stand, leuchteten mir unendlich warme und edle Farbentöne entgegen. Ein wundersames Lächeln spielte um den Mund der Madonna, an der ich mich gequält hatte – Tage und Wochen und Nächte! O, was für Nächte! Und nun lächelte sie mich an – bezaubernd, hinreißend!

Ich warf Hut und Mantel und Pelz auf einen Stuhl, ich griff nach der Palette, mischte Farben, setzte Töne auf, und jeder Strich war ein Gelingen – jeder Gedanke vollendet!

Jauchzen, Seligkeit waren in meiner Seele – und doch alles im Grunde nichts anderes, als zurückgedrängte Verzweiflung.

Was lag denn an diesem Bild? Was lag an all diesen Dingen, die mich hier umgaben und die einstmals mein Leben bedeutet hatten!!

Mein Gott – warum hältst du das ärmste deiner Menschenkinder immer wieder auf der Erde fest? Warum gibst du ihm immer wieder von neuem die Kraft, ein Stücklein Wegs weiter zu gehen, um dann in die alte Ohnmacht zurückzufallen?

Bis tief in die Nacht hinein hab ich gemalt und die Madonna lächelt mich an. Ach – aber ist sie denn überhaupt eine Madonna?

Tut sie mir nicht Böses an – nur und nur Böses?

Müde bin ich, aber sie wird mich nicht schlafen lassen.

Morgen werde ich weiter schreiben. Maria, die Treueste, hat mir gesagt: Schreib auf, was dich quält! Trag es nicht zu Menschen auch nicht zu den allerbesten, den allerverläßlichsten! Denn alles, was wir einem anderen Menschen von uns selbst gegeben haben, ist entwertet. Es hat irgendeine feste Form angenommen, an die wir, da wir sie ihm einmal gegeben haben, dann selbst auch glauben müssen. Das Allerfeinste und Sublimste aber, was in einer Menschenseele vor sich geht, das kann nie zu etwas Festem werden. Das fließt und rinnt und zittert – ist heute ein Wasser, das wogt und wallt – ist morgen vielleicht ein Lied dann wieder ein Luftgebilde oder ein Gemälde. Es ist tausend Dinge, aber niemals ein einziges!

Menschen aber, denen wir uns anvertrauen, die wollen sich ein festumrissenes Bild machen können, wollen eine bestimmte Form sehen und fühlen, sonst begreifen sie nicht.

Also vermeide es, zu Menschen von deinem Ureigensten zu sprechen! Aber schreib es auf – schreib, solange du krank bist, damit du dir selbst ein Bild von deiner Krankheit machst – vielleicht wirst du auf diese Weise zu deinem eigenen Seelenarzt.

So sagte Maria, und da sie gut und klug ist, will ich ihr folgen.



Der Morgen ist gekommen. Schnee und klirrende Kälte sind auf den Straßen. Ich habe ein paar Stunden geschlafen. Eine Gnade war dieser Schlaf – unerwartete Gnade!

In aller Frühe schlich ich ins Atelier hinüber – bang! Ach nein, mehr wie bang – fast irrsinnig vor einer rasenden Angst!

War alles nur ein Traum gewesen? Hatte ich Visionen gehabt, die mir das Bild in seiner Vollendung zeigten? Ach, wie oft habe ich im Traum das Unaussprechlichste leuchtend und zitternd vor Leben vor mir gesehen und ist dann, sobald der Tag gekommen war, in graues Nichts zerronnen!

Das Atelier lag in sanftem, erstem Morgenschein. Feierlich, wie schlafend lag es da. Auf der Schwelle blieb ich stehen, hatte die Hand vor die Augen gelegt. Die wilde Angst würgte an meiner Kehle.

Und dann – ja dann stand ich vor dem süßen Gesicht, und es sprach zu mir – es war Fleisch und Blut! Aber eine Madonna war es nicht – es war –

Aber nun will ich tun, was Maria mir sagte.





Meine Seele bebt in Angst und Not und Schauern in dieser Stunde, da ich beginnen will. Ein unsichtbarer starker Geist, ein fremder und doch vertrauter Geist hat sich zu mir gesellt. Er hält meine Hand mit festem Griff, damit sie nicht voreilig zu schreiben beginne und eine Stimme spricht zu mir: »Das, was du zu sagen hast, muß aus der tiefsten Tiefe deiner krankgewordenen Seele herauskommen, eine Mission soll dieses Buch dir sein und eine Mission erhält nur der Mensch, der trotz allem, was ihn aus den Reihen der im Gleichgewicht Gebliebenen herausgestoßen hat, von irgendeiner Macht für würdig befunden wurde, mit einer Mission betraut zu werden.«

Maria – haben jemals Geisterstimmen zu dir geredet? Hast du jemals, wenn du allein in einem Raume saßest, gefühlt, wie die Tür sich öffnete, wie ein kühler Hauch dich berührte, und dann stand groß und grau und schwer jenes Unsichtbare und doch den ganzen Raum füllende vor dir und nahm dich und drängte sich in dich hinein und dann warst du sein Geschöpf und wußtest nichts von dir selbst – warst nur noch ein Werkzeug, das gehorchen mußte, warst voll göttlicher Hingerissenheit und erdenschwerer Bangigkeit zu gleicher Zeit – hättest um Hilfe schreien mögen und hättest doch um keinen Preis die Schauer, die dich durchrieselten – diese Schauer, die milliardenmal heißer und hinreißender sind, als je ein Liebesschauer es sein kann, hingeben mögen. Gegen alle Reichtümer gegen alle Freuden der ganzen Welt hättest du sie nicht hingegeben. Denn was kann es an irdischen Gütern geben, was auch nur einem winzigen Bruchteil von dem darstellen könnte, was geistige Ergriffenheit, was dieses »Besessensein« bedeutet!

Maria, der Geist ist bei mir – er ist um mich, ist in mir! Ich habe mich ihm gegeben; ich bin kein Mensch für mich mehr, ich weiß nichts mehr von meiner bürgerlichen Existenz.

Nur aus einer weiten Ferne dringt die warme gute Stimme eines treuen Menschen an mein Ohr. Es ist Widuns Stimme. Traurig blicken seine Augen mich an, während er sagt: »Tu, was du tun mußt, Ellinor; es lag nicht in meiner Macht, dir zu helfen, dich zu schützen vor den dunklen Gewalten, die auf dich lauerten. Ich habe kein Recht mehr auf dich, da meine Liebe nicht groß und stark genug war, um dich ganz zu erfüllen –« und wendet sich von mir ab, und mein Herz schreit auf in Angst und Qual: »Oh Widun, bleib – bleib! Hab Macht über mich! Hilf mir, Widun!« Aber da ist der Geist wieder bei mir und raunt mir zu: »Tu, was du tun mußt! Sei ganz du selbst – mach dich frei von allen Menschen, auch wenn sie ihr Herzblut für dich geben wollten, vermögen sie jetzt nicht zu helfen!« Und es ist, als ob Schleier, die meinen Blick verdunkelt hatten, von meinen Augen herniedersänken. Meine Seele beginnt im weiten Weltall zu schweben; immer größer und stärker fühle ich sie werden – sie trägt mein körperliches Ich. Alle Angst fällt von mir ab – Klarheit und Freudigkeit in mir – meine Hand, die von unsichtbarer Macht gehalten war, wird freigegeben – sie will schreiben.





ie aber soll ich beginnen, wenn niemand von denen, die diese Blätter lesen werden, weiß, wer ich bin? Es scheint mir nebensächlich zu sein und gehört doch dazu. Für mich selbst gehört es dazu, denn es kommt mir immer häufiger vor, daß ich an mich selbst die Frage richten muß: »Bin ich eigentlich noch dieselbe, die ich einstmals war: die Frau Ellinor Fandor, die geglaubt hat, nach vielen Stürmen und Erlebnissen endlich eine gute und richtige Stellung zum Leben gefunden zu haben? Bin ich dieselbe Frau noch, die so heiß gerungen hat, um das, was die Natur ihr an Talent verliehen hatte, zur Kunst zu steigern, und die dann wirklich eine Reihe mittlerer Erfolge hatte? Die von sich gehofft hat, ihr Leben sei und bleibe nun einzig nur diesem einen gewidmet, diesem Streben nach dem Größten, dem Höchsten, nach der Vollendung!«

Ja, ich bin wohl äußerlich noch dieselbe.

Ich trage denselben Namen und wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dieselben Züge, die dieses Gesicht trägt, seit die Seele sich zur Ruhe durchgekämpft hat. Dieselben Züge sind es, und doch nicht dieselben. Es ist wohl eine Verzerrung hineingekommen und die Augen sind müder und zugleich doch begehrender geworden.

Ja, ich bin noch Ellinor Fandor, und wenn ich selbst es nicht wüßte, so würden es mir die vielen Briefe, die von dem guten treuen Widun an mich gelangen, beweisen, daß ich noch Ellinor Fandor, die Malerin und zugleich auch die andere Ellinor Fandor bin – die Frau, die das Glück besitzt, von einem unendlich gütigen, klugen und treuen Manne geliebt und bis zu einem gewissen Grade verstanden zu sein.

Oh Widun – Widun! Von ihm, von Widun möchte ich erzählen, bevor ich auf diesen Blättern von mir selbst berichte. Wilhelm Dhun, von seinen Freunden der Einfachheit halber »Widun« genannt, ist einer von jenen ganz seltenen Menschen, die neben einer kindhaft rein gebliebenen Seele einen außerordentlich durchgebildeten Verstand und einen ungewöhnlichen Scharfblick für alles Reale haben: Weltmann und Kind zugleich – im Beruf ganz selbständig, ganz Autorität; im privaten Leben ein Junge, der die zarte Hand einer mütterlichen oder zum wenigsten einer sehr zärtlichen Frau braucht.

Aber solche Menschen haben zumeist Unglück in allen Dingen, die ihr Gefühl betrifft. Eine frühe Liebesheirat wurde ihm bald durch den Tod der Frau beendet. Es folgten ein paar einsame Jahre, die er, von der Regierung gesandt, in fremden Erdteilen verbrachte – dann die Rückkehr als einsamer Mann nach Deutschland.

Eine Einladung in Marias Haus ließ uns zusammentreffen. Ich erinnere mich genau des ersten Augenblicks, da ich ihn sah. Es war keine von jenen Begegnungen, die wie ein jähes Wetterleuchten am Himmel sind. Kein Funke sprang von ihm zu mir oder von mir zu ihm. Ich vermochte ganz ruhig mir ungefähr dieses Urteil von ihm zu bilden: »Ein guter, schlicht aussehender Mann, der wahrscheinlich sehr tüchtig in seinem Berufe ist!« Und ich empfand es als etwas Gutes, während der Mahlzeit an seiner Seite zu sitzen und seinen Reiseerzählungen zuhören zu dürfen.

Ich glaube, ich würde ihn bald vergessen haben, aber da war etwas im Blick seiner Augen gewesen, das blieb mir in der Erinnerung und ward so stark in mir, daß ich es wiederholt auf Bildern festzuhalten versuchte, aber immer wenn ich glaubte, es sei mir gelungen, kam mir sehr bald doch zum Bewußtsein, daß dieses fremden Mannes Augen einen ganz anderen Blick gehabt haben mußten.

Es wäre mir ein leichtes gewesen Maria zu bitten, mich wieder mit ihm zusammenzubringen, aber eine Scheu hielt mich davon zurück. Ich hatte das ganz bestimmte Gefühl, daß ich ihm auch ohne mein Dazutun wieder begegnen würde – und eines Abends stand er dann wirklich vor mir.

Jene Zeit, da ich ihn kennenlernte, fiel zusammen mit meinen ersten größeren materiellen Erfolgen. Es ist nun wohl einmal so, daß der Künstler erst dann wirklich an die eigenen Erfolge glaubt, wenn jemand kommt und ihm Geld für seine Schöpfungen bietet. Ich habe das von vielen meiner Kollegen gehört, und so ist es auch mir ergangen. Ein Taumel hatte mich ergriffen, als ich die erste namhafte Summe erhielt und ich mir vorstellte, daß ein von mir gemaltes Bild in einem fremden Hause an der Wand eines Zimmers hängen würde. Alle Himmel hatten sich über mir geöffnet. Ich ging nicht mehr auf Füßen durch die Welt. Ich schwebte über der Menschheit dahin, denn ich war gottbegnadet, ich konnte etwas, was man nicht durch guten Willen und Fleiß erlernen kann; ich konnte etwas, was nur ein Gott den Menschen zu geben vermag!

Und also getragen von dem neuen Gefühl meines Begnadetseins hatte ich zu jener Zeit für nichts und niemanden auf der Welt ein anderes Interesse als dasjenige, das in das Gebiet meiner Kunst hineingehörte, und wenn ich mich freute, jenen Mann, den Maria als seine alte Freundin einfach »Widun« nannte; zum zweiten Mal zu sehen, so geschah das des seltsamen Blickes seiner Augen wegen, den meine Erinnerung nicht wahrheitsgetreu festzuhalten vermocht hatte.

In der Nacht, die folgte, vermochte ich seine Augen zu malen!

Wir sahen uns dann öfter bei Maria. Sie hat es mir später offen gestanden, daß sie den Wunsch gehegt hat, unsere Lebenswege zusammenzuführen.

Vielleicht auch wäre es so gekommen, aber das Schicksal griff auf merkwürdige Weise ein.

Am Morgen eines goldenen Herbsttages kam jemand in mein Atelier hinaufgepustet. Es war ein korpulenter Herr, der sich als Herr Melanter, im Grunewald wohnhaft, vorstellte. Er hatte im Hause seines Freundes F. ein Bild gesehen dessen Schöpferin ich war, und dieses Bild hatte ihm so sehr gefallen, daß er sich eingeredet hatte, in meinem Atelier herumstöbern und nach Schätzen suchen zu müssen.

Zu meinem großen Staunen und zu meiner großen Freude zugleich fand er drei Sachen heraus, die er als weit besser bezeichnete, als jenes Gemälde im Hause seines Freundes F. Er selbst setzte den Preis fest, und zwar einen Preis, wie ich ihn nie gefordert haben würde, hielt mir eine kleine Rede über mein Können und gab Ratschläge über die geschäftliche Verwertung meiner Kunsterzeugnisse. Dann ging er und ließ eine mittelbegabte Künstlerin mit Größenwahn in der Seele zurück.

Am Abend dieses Tages ging Widun neben mir »Unter den Linden« entlang. Es war ein köstlicher Abend voll tiefer, guter, unergründlicher Stimmung – Sehnsuchtsstimmung – Herbstsehnsucht, die vor dem Winter noch ganz schnell ein Unterkommen sucht.

Mit verhaltener Stimme sprach Widun zu mir; ich weiß nicht, was er alles gesagt haben mag. Meine Gedanken waren bei dem, was jener Herr Melanter mir über mein Können und meine Zukunftsaussichten gesagt hatte, und dieser treue, liebe Widun, dem ich von ganzem Herzen gut war, der erschien mir an diesem Abend als etwas so unsäglich Nüchternes, in den Alltag Hineingehörendes, daß es mir nicht gelang, seinen Worten zu folgen.

Erst als er dringlich wurde, als seine Reden einen ganz bestimmten Klang und Sinn bekamen, als er mich in eine Seitenstraße zog und Aug' in Auge eine klare Frage, die eine klare Antwort erforderte, an mich richtete, da erst verstand ich ihn und ward für eine Weile aus meinen Phantasien auf die Erde herab gezogen.

Eine Sekunde lang hatte ich das Gefühl eines ungeheuren Glücks in mir – eines Geborgenseins. Widuns Augen sahen mich an, und meine Hand war bereit, sich in seine zu legen, aber dann mit einemmal riß mich etwas von ihm zurück.

Seine Augen verloren jählings ihren Glanz und ihre Macht über mich. Alles, was gut und warm und tief und wohlseinversprechend an ihm war, versank in ein Nichts. Statt dessen tat sich der Himmel wieder über mir auf, und ich sah Gott von Engeln umschwebt auf seinem goldenen Thron sitzend, ich sah Scharen von Menschen, die in bunte, leuchtende, wallende Gewänder gehüllt waren und deren Gesichter süß und verklärt zu mir herablächelten, und sah und hörte und fühlte, daß sie alle mich zu sich riefen, und daß ich mich auf Erden nicht an einen Menschen binden durfte. Und noch ehe mein Wille es mir zu tun geheißen, waren auch schon die Worte aus meinem Munde heraus, die des armen Widuns Gesicht für eine kurze Weile mit Totenblässe bedeckten und einen unsäglich traurigen Ausdruck in seine Augen legten.

Ich glaube, ich habe gesagt: »Ich kann nicht lieben! Ich habe, bevor ich als ganz junges Ding in eine Ehe hineinsprang, noch nichts von mir selbst gewußt. Heute aber weiß ich, daß nicht die Liebe es ist, die mir Erfüllung geben kann. Ich habe meine Kunst, und der muß ich ganz, mit all meinen Gedanken und Kräften gehören!« Und während ich das sagte, sah ich jenen dicken, wohlwollenden Herrn Melanter aus dem Grunewald im Geiste neben mir stehen und hörte wieder, was er mir über meine Zukunftsaussichten prophezeit hatte.

Widun riß sich ganz schnell zusammen, zog meinen Arm unter den seinen, und dann waren wir wieder »Unter den Linden« und er bat:

»Wenn Sie gut und lieb sind, dann bleiben Sie noch eine Stunde oder zwei bei mir!« Und ich nickte dazu, und wir saßen in irgendeinem Lokal und sprachen über das, was ich »meine Kunst« genannt hatte, und Widun war plötzlich ein ganz anderer geworden, voll tiefstem Interesse für alles, was mich bewegte und ganz überzeugt von dem, was ich ihm sagte.

Als ich später allein in meinem Atelier war, saß ich vor einer Staffelei, und es war ein seltsames Chaos in meiner Seele: etwas von Schmerz um Verlorenes, um Aufgegebenes und doch auch wieder ein ganz großer Stolz, weil ich mich so frei und stark zur Kunst bekannt hatte.

»Liebe ist nichts!« sagte ich mir an jenem Abend. »Liebe ist etwas ganz Kleines und sehr Vergängliches; es ist etwas, wonach die Menschen jagen und was doch eigentlich immer nur in ihrer Einbildung besteht! Das andere aber, das, was ein Gott in unsere Seele gelegt hat, das ist ein unergründlicher Brunnen, aus dem wir immer und immer wieder von neuem schöpfen können. Und das Glück das unser Schaffen, unser eigenes Empfinden von geistigen und realen Zuständen uns gibt, das ist ein Glück das nie ein Mensch dem Menschen zu geben vermag!«

Und so sehr steigerte ich mich in die Vorstellung meines Berufenseins zum Allergrößten, Allererhabensten hinein, daß ich endlich in eine Ekstase geriet und unter Tränen und Schmerzen dem Gott, den ich an diesem Abend in seinem Himmel hatte thronen sehen, Dank zurief dafür, daß er mich stark genug gemacht hatte, Menschenliebe von mir zu weisen, damit all meine Kraft und all meine Sehnsucht nur und nur seinem göttlichen Gnadengeschenk gehören solle.

Ich traf dann Widun in den nächsten Wochen und Monaten nicht wieder; ich malte mit wütendem Eifer, und die Welt war für mich versunken.

Eines Tagen kam Maria zu mir, um mir zu dem Verkauf eines Bildes an eine Ausstellung zu gratulieren. Ganz beiläufig erzählte sie, daß jener Widun, den ich des öfteren in ihrem Hause gesehen habe, vor einigen Tagen Hochzeit gefeiert habe. Es sei ganz überraschend schnell gekommen; die Verlobungszeit habe nur vier Wochen gedauert; nun sei er auf der Hochzeitsreise und gedenke dann nach Berlin zurück zukehren. Sie selbst – Maria – habe es übernommen, die Wohnung mit Widuns alten und mit den neuen Möbeln der jungen Frau einzurichten.

Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, was jetzt geschah! Ich fühlte ein so heftiges Zittern in meinen Knien, daß ich mich ganz schnell auf einen kleinen Schemel, der neben mir stand, setzen mußte, und mein Herz krampfte sich in einem wütenden Schmerz zusammen.

»Verzeih,« sagte ich zu Maria, »ich habe in diesen letzten Wochen so viel gearbeitet, daß ich mich oft kaum aufrecht zu erhalten vermag!« Und Maria sah mich besorgt an und sagte: »Du siehst blaß und überarbeitet aus, Ellinor. Du solltest einmal ausspannen und aus diesem Farbengeruch herauskommen. Willst du nicht für einige Zeit zu uns übersiedeln? Du hast es mir seit langem versprochen!«

Aber da war etwas in mir, das verlangte plötzlich von all den Menschen fort, die mir bekannt, die mir zum Teil lieb waren und die sich um mich sorgten. Fort, fort von ihnen allen –, auch von der Kunst fort, und nie wieder von diesem Widun hören, dessen Augen mit dem eigentümlichen Blick wieder so lebendig vor mir standen wie damals ganz im Anfang, als ich sie zu malen versucht hatte.

Dieser Widun also hatte sich eine Frau genommen – war stillschweigend hingegangen und hatte sich eine Frau genommen!

Warum tat das weh? Warum war das wie ein Treuebruch von seiner Seite, da er mir doch durch nichts verbunden war!?

Ich hatte genug Geld verdient, um für eine geraume Zeit an irgendein lockendes Ziel fahren zu können, und ich war bald auf einem Schweizer Berg gelandet, von dem aus ich den Winter langsam vergehen und den Frühling ins Land ziehen sah und noch einen Teil des Sommers abwartete. Dann trieb es mich zu Menschen zurück aber nicht nach Berlin – nicht in jene Stadt, in der das Atelier und viele Erinnerungen auf mich warteten – vor allem die Erinnerung an jenen Widun, dem ich einmal gesagt hatte, daß ich zur Liebe nicht geboren sei.

Irgendwo in einem kleinen idyllischen Gebirgswinkel Süddeutschlands lebte die Mutter meines verstorbenen Mannes, eine etwas absonderliche Frau, die ihrer Eigenart wegen von vielen Menschen in demselben Maße geliebt, wie sie von andern gehaßt und gemieden wurde.

Ihrem einzigen Sohne war sie eine so strenge, herbe Mutter gewesen, daß alles, was sonst auch den rauhen Mann an die Frau, die ihm das Leben gegeben hat, zu binden pflegt, erstickt war. Er hatte sie gemieden, soweit es ihm möglich gewesen war, sie zu meiden – und auch mir war sie Jahre hindurch nicht liebevoll und nicht mütterlich gesinnt gewesen, zum wenigsten nicht in jener Form, wie ich sie mir ersehnt hätte.

Und dennoch bestand ein Band zwischen uns, das trotz der immer wiederkehrenden Entfremdungen nie ganz zu zerreißen vermochte. Irgendeine Verwandtschaft, die keine von uns beiden eingestehen wollte, war vorhanden und ließ sich nicht ausrotten, und in jenem aufsteigenden Sommer, da es mich nach langem Alleinsein wieder zu Menschen zog, geschah es, daß ein Brief dieser Frau, in dem sie mit der ihr eigenen Heftigkeit nach mir verlangte, mich bewog, zu ihr zu fahren.

Sie lebte in einem kleinen Landhaus, das inmitten eines großen, ungepflegten Gartens lag; zusammen mit einer alten Frau lebte sie darin, die ihr diente und ihr Gesellschaft leistete, und die völlig unter ihrem Willen stand.

Nie habe ich einen Menschen kennengelernt, der es so unfehlbar wie sie fertigbrachte, einen jeden, der in ihren Bannkreis kam, seines Willens zu berauben, ihn zu ihrem Werkzeug zu machen, und vielleicht bestand der große Reiz, der mich immer wieder zu ihr hinzog, in einem nie endenden Kampf, der zwischen uns ausgefochten wurde, und der bisher nie zu Sieg oder Niederlage auf Seiten eines der Kämpfenden geführt hatte.

In dieser Stimmung aber, in der ich mich nach der langen Einsamkeitsperiode befand, ging meine Sehnsucht nach dem einzigen Menschen, der sich das Recht nahm, mir, der völlig frei im Leben stehenden, Ratschläge, Vorwürfe und Maßregelungen auszusprechen. Ich bedurfte eines Menschen, der das wehmütig Leidvolle, das sich meiner bemächtigt hatte, auszurotten vermochte, der meinen Ehrgeiz weckte und mich von neuem meinem Beruf, meiner Arbeit zuführte. Und in der Tat brachte es diese Frau, die ich, um nicht »Mutter« sagen zu müssen, »Großmutter« nannte, nach verhältnismäßig kurzer Zeit und nach einigen Heiterkeitsausbrüchen fertig, meine Seele robust und tatkräftig und zugleich auch schöpferisch in einem solchen Maße zu machen, daß Berlin mir plötzlich als ein Paradies erschien, daß nichts mir verlockender dünkte, als inmitten des mit Glutwellen hereinbrechenden Hochsommers die Farbenlust meines Ateliers einzuatmen.

Ich schrieb an Maria, die getreue, die es niemals versäumte, immer, wenn ich von einer Reise zurückkehrte, alles schön und heiter für mich herrichten zu lassen und die sich dann gewöhnlich auch von ihrem Haushalt freimachte, daß sie mir für die ersten Tage ihre Gesellschaft zuteil werden lassen konnte.

Es kam alles so, wie ich es erwartet hatte. Das Atelier war festlich mit Blumen geschmückt, blitzte vor Sauberkeit, und die alte Frau Berger, die mir für ein paar Stunden am Tag ihre Dienste leistete, war zur Stelle.

Ich hatte bald ein halbes Jahr gefaulenzt und viel Geld gebraucht, aber kein Künstler soll denken, daß ein halbes Jahr Faulenzerei und Geldausgeben Verschwendung für ihn seien. Das Faulenzen kann beim Künstler niemals zum wirklichen Faulenzen werden; es ist nur ein Aufspeichern von Schätzen in seiner Seele, und das Geldausgeben ist für die praktische Seite eine ebenso große Notwendigkeit, wie das Faulenzen für die ideelle, denn da das Leben an den Künstler dieselben unerbittlichen Ansprüche stellt wie an jeden andern, im bürgerlichen Beruf stehenden Menschen, so ist eine Ebbe in seiner Kasse immer der beste Mahner zur Rückkehr zur Arbeit.

Schonend brachte Maria mir bei, daß sie mit ihrem Manne und ihren zwei Buben für ein paar Wochen aufs Land zu gehen gedenke, und füllte doch durch diese Eröffnung meine tatenhungrige Seele mit tiefer Befriedigung, ja mit Jubel, denn trotz all ihrer Güte und Liebe stand sie hemmend zwischen mir und der Arbeitsnot, die aus allen Winkeln meines Ateliers mich anrief, anschrie – die an mir herumquälte und bettelte, daß ich gar nicht wußte, wo ich den Anfang machen sollte.

Ach, wer kennt diese gesegneten, übergesegneten Glückszeiten eines ringenden Geistes! Wer hat jene Gnadenquellen rauschen hören – wer hat seine Hand gefühlt, als sei sie ein Geist, eine Macht für sich, die mit dem körperlichen Menschen, zu dem sie gehört, nichts – auch nicht das geringste mehr zu tun hat!

Wie hab ich gerast in Arbeit in jenen glutheißen Sommerwochen hoch oben unter dem Dach eines Berliner Hauses! Wie hat das Schaffensfieber in mir getobt und wie ist das Glück als ganz seßhafter Gast in all jener Zeit bei mir gewesen!

Gott – mein Gott – kann ich wirklich etwas? Bin ich eine von den Unzähligen, die eine Weile lang mit dem, was man »Kunst« nennt, spielen und dann darüber lächeln und zum vernünftigen Leben zurückkehren – oder bin ich wirklich, wirklich bestimmt, einen Höhenweg, den Weg zur Vollendung gehen zu dürfen?

O, wie hab ich in den nie ganz dunkel werdenden Nächten gerungen, gezittert, gebetet! Und wie haben Stimmen, die aus unsichtbaren Höhen kamen, mir geantwortet: »Kunst will den ganzen Menschen haben – nicht nur ein Stück von ihm! Wenn du dein Alles der Kunst gibst, dann wird sie vielleicht dir alles geben!«

Als Maria zurückkam – sie war wegen einer Krankheit, die ihre Kinder befallen hatte, bis zu Beginn des Herbstes geblieben – ja, als Maria zurück kam, da erst erfuhr ich selber, was ich geschaffen in jenen Monaten, und damals stürzte denn auch alles Gute von außen her auf mich ein. Ein Kunstwissenschaftler kam und sah und lobte und kam wieder und wieder, und eine stille, weiche Landschaft wanderte in eine Ausstellung und brachte Besprechungen in guten Blättern, und Herr Melanter sagte strahlend: »Sehen Sie, Frau Fandor, ich habe Ihnen Ihre Zukunft prophezeit – und war doch nur falsch, denn wie es scheint, wird alles noch viel besser werden, als ich Ihnen vorausgesagt!«

Maria schien ein wenig beklommen. »Nicht übermütig werden, Ellinor,« mahnte sie, »das Leben ist unberechenbar und oft sehr grausam. Es leitet gern auf Höhen, um einen desto tieferen Sturz herbeizuführen!« Und gleichsam, als sei es ihre Pflicht, mir etwas recht Trübseliges in meine Freude hineinzuwerfen, fing sie an, mir von Widun zu erzählen und sah unsäglich bekümmert aus, als sie das tat.

»Denk dir, Ellinor, wie es ihm geht, dem Ärmsten! In doppelter Hinsicht ist er zu bedauern; denn erstlich ist er krank– leidet an irgendeiner Sache, die von seiner Tropenzeit her noch in ihm stecken mag, und dann – und das ist das wahrhaft Trostlose für ihn: Seine Ehe ist durchaus nicht eine Erfüllung seiner Hoffnungen und seiner Sehnsucht geworden! Der gute, weiche, tiefe Widun ist an eine nüchterne Seele geraten, die kein Verständnis für ihn hat, die vielleicht nie daran gedacht hat, an dem inneren Widun teilnehmen zu wollen, die sich nur von dem, was er nach außen hin vorstellt, hat bestricken lassen. Ich bin in diesen vergangenen Tagen oft bei ihm gewesen, und es ist unsagbar bedrückend, in sein Gesicht zu sehen!«

Ich hörte und hörte, und mir war, als wäre ein Märchen mir erzählt worden, aber kein Märchen mit traurigem Ausgang.

Hätte Maria mir erzählt: »Widun ist der glücklichste, der seligste Mensch unter der Sonne«, dann, ja dann vielleicht würde ein ähnlicher Schmerz mich befallen haben, wie jener, der mich damals, als ich die Nachricht von seiner Heirat erhalten hatte, aus meinem Atelier, aus der Stadt, aus dem Kreis der Menschen, unter denen ich sonst gern weilte, getrieben hatte.

Nun aber war mir, als habe sie mir einen guten linden Trank gereicht, und in der Nacht, die folgte, träumte ich von Widun und träumte und träumte so oft und so intensiv von ihm, bis die Träume zur Wirklichkeit wurden. Ich las einmal, daß Träume, die unablässig wiederkehren, schon Erfüllung an sich seien – aber ich kann und will diese Blätter, die um anderer Dinge willen geschrieben werden sollen, nicht mit jenen Geschehnissen füllen, die Jahre – die ein volles Jahrzehnt nun zurückliegen. Nur ganz flüchtig will ich sagen, was geschah: Widun fand den Weg zu mir, nicht als freier Mann, der mir zum zweiten Male seine Hand reichen konnte, fand er den Weg zu mir, denn jene, mit der er sich verbunden, gab ihn nicht frei. Aber nicht aus bösen oder rachsüchtigen Gründen hielt sie ihn an sich gefesselt. Nein, sie liebte ihn auf ihre Art, und es war nicht ihre Schuld, daß sie das, wonach Menschen von Widuns Art am meisten verlangen, nicht zu geben hatte. Das Seltene geschah, zwei Frauen liebten denselben Mann, und die, die die gesetzlichen Rechte auf ihn hatte, gab ihn soweit frei, daß er von der anderen nehmen konnte, was sie selbst nicht zu geben vermochte – und war groß und gütig genug, von jener anderen, die die geistigen Interessen mit ihrem Manne teilte, auch für ihre Person Freundschaft zu begehren.

Ich habe niemals mit einem Menschen weniger innere Berührungspunkte besessen, als mit ihr, und hab sie doch von ganzem Herzen lieb gehabt – um Widuns willen, aber auch um ihrer Güte und Einfachheit willen.

Maria, die einzige, die um all dies wußte, Maria, die feine, lichte, innige Maria, sie hat sich nur sehr langsam an die Dinge, die Widun, seine Frau und mich verbanden, gewöhnen können, dann aber, als sie alles verstanden, alles bis in seine Tiefe hinein begriffen hatte, da war sie nicht nur ausgesöhnt, sondern es gab für sie auf der ganzen Welt nichts, was an Schönheit, Erhabenheit und auserlesenem Glück dieser Freundschaftsidylle gleichkam. – Widuns Krankheit, die ihren Ursprung im Seelischen gehabt hatte, war bald überwunden. Er ward wieder ein froher, ein von ungeheurem Streben und Ehrgeiz getriebener Mann – ja, er war ein wenig üppig in seiner Körperfülle und vielleicht – vielleicht hab ich manchmal in den Jahren, die kamen und gingen, mit einer etwas sehnsuchtsvollen Wehmut an den niedergedrückten und enttäuschten Widun denken müssen, dessen Seele eine so große Feinheit gehabt hatte und dessen Augen mich immer wieder getrieben hatten, sie auf meinen Bildern darzustellen.

Aber wenn auch des gesund gewordenen Widuns Seele nicht immer zu fassen vermochte, was in mir, der ewig Ringenden vor sich ging, so war er doch der gute Geist all dieser Jahre gewesen. Und wenn meine Arbeiten sich auf der erreichten Höhe hielten, wenn sie mich selbst und andere erfreuten und wenn sich die materielle Grundlage meines Lebens immer sicherer gestaltete, dann hab ich das wohl doch und doch dem guten, immer zur Tatkraft treibenden Widun zu verdanken.

Wenn ich an all diese verflossenen Jahre mit ihrer Arbeit, mit ihren Erfolgen, mit dieser stillen guten Freundschaft zurückdenke, so ist mir, als sei mein Leben damals eine lange, wundervolle Wanderung durch eine unendlich heitere, sonnenbeglänzte, liebliche Landschaft gewesen, durch solch eine Landschaft, die keine gigantischen Höhen aufweist, die aber auch ebensowenig durch Niederungen oder über öde Steppen führt. Ich weiß, daß ich diesen Weg mit der fast kindlichen Zuversicht, daß er ein wenig währen müsse, dahingeschritten bin, daß ich mir einbildete, alles, was an Not und Leid, an seelischer und materieller Unbill einem Menschen beschieden sein müsse, damit er nicht zu übermütig werde, das habe ich in erster Jugendzeit und während einer etwas stürmischen Ehe dem Schicksal an Tributen gezahlt und dürfe es nun erwarten und verlangen, daß das Leben mich bis zum Ende durch freundliche Gefilde, durch Sonne und Sicherheit führte.

Einige von denen, die meine Bilder kauften und sie in Zeitungen besprachen, die fragten manchmal vielleicht ein wenig mißbilligend: »Warum so oftmals dieselben Farben? Dieselben Gedanken?« Und ich lächelte über sie, denn ich begriff sie nicht. Da das Leben mir seit Jahren die gleichen Eindrücke sandte, hab ich auch in meinen Bildern nichts anderes zu geben vermocht. Und da ich trotzdem Freunde und Käufer für diese Bilder, die ich zu gestalten verstand, in genügender Zahl gefunden habe, darum wohl bin ich so zufrieden mit mir selbst geworden, vergaß es, mir höhere Ziele zu stecken, und hatte keinen anderen Wunsch als diesen einen: »Zufrieden sein – froh sein – tätig und ohne Nöte sein!«

Dann kam die Weltkatastrophe, die einem unheilvollen Naturereignis gleich, in aller Menschen Schicksal eingriff, die aller Wege verstellte, die auseinanderriß, was zusammengehörte, und eine Weile lang einem jeden, der zu denken und fühlen vermochte, die ruhige Besinnung nahm.

Für Widun wäre es ein leichtes gewesen, dem Krieg aus dem Wege zu gehen, denn er hatte gerade das Alter erreicht, das ihn frei von der aktiven Teilnahme machte. Aber er war einer der ersten, die den Weg ins Ungewisse antraten, und er ging mit so hoch erhobenem Haupte, mit einem solchen Leuchten in den Augen, daß man nicht trauern, daß man nur stolz sein konnte, wenn man ihn so freudig und beseelt von dannen ziehen sah.

Ich träumte viel und schwer in jenen ersten Nächten dieser Zeit der ungeheuren Begebenheiten, und all meine Träume drehten sich um Widun. Ich träumte von ihm, wie nur eine Frau, die einen Mann mit der ganzen Glut ihres Herzens liebt, von ihm zu träumen vermag. Ich zitterte in diesen Träumen vor Angst und Grauen, wenn ich mir vorstellte, daß ihm ein Unheil zustoßen könnte, und wieder und wieder lief ich am Abend zu der Frau, die nach äußeren Rechten zu ihm gehörte und die mir Freundin geworden war. Wir saßen beisammen und sprachen von ihm und klammerten uns aneinander und vertieften und vergeistigten unsere Freundschaft durch unsere gemeinsamen Wünsche für den geliebten Widun.

Für Wochen lebte ich ganz mit ihr zusammen, dachte nicht an meinen Beruf und sie fand es natürlich, daß ich seine Briefe mit derselben Unruhe und Sehnsucht erwartete, wie sie es tat.



Ein jeder wartete in jener Zeit auf ein ganz schnelles Ende des Krieges. Wir schritten in den ersten Winter hinein erstaunt und entsetzt über die Tatsache, daß dieses katastrophale Naturereignis zu einem Dauerzustand werden sollte. Dann, als die ersten, ganz leisen materiellen Rückschläge auch in das Leben in der Heimat kamen, als die Listen der Gefallenen sich mehrten, als jeder, der Familienangehörige hatte, zu ihnen hinbegehrte, zu jener Zeit fuhr Widuns Frau in ihre Heimat, in das Elternhaus zurück. Ich selbst bezog meine Atelierwohnung, und die Ungeheuerlichkeit des Weltgeschehens gab mir noch einmal eine große, heiße Arbeitsstimmung, die mich über Monate der Angst und Unruhe gütig hinwegbrachte. Aber ich weiß, daß jeder Gedanke, daß alles, was ich fühlte, litt und darzustellen vermochte »Widun« hieß. Ich erfuhr die Wahrheit dessen, daß wir immer das, was nicht mehr mit voller Sicherheit unser Eigentum ist, weit heißer und verzweifelter lieben als das, was wir fest in unserem Besitz wissen.

Der gute, liebe, zu normalen Zeiten durchaus fest im bürgerlichen Leben wurzelnde Widun war zu einer Idealgestalt für mich geworden. Meine Phantasie trug ihn in die Wolken hinein, und meine Liebe zu ihm, die schon längst in ruhige und vernünftige Bahnen gekommen war, schwoll nun wieder zu einer Ekstase an!

Ach, diese Liebe war vielleicht eine Sache ganz für sich – die einfach mit Naturnotwendigkeit ihr Dasein in mir führen mußte und nur einen Gegenstand brauchte, der sich von ihr überfluten ließ. Ich weiß es nicht und kann es heute nicht mehr beurteilen. Ich weiß nur, daß zu jener Zeit die unumstößliche Gewißheit in mir lebte, daß ich nie vorher in meinem Leben und daß ich wahrscheinlich in aller Zukunft nicht eines solchen Gefühlsüberschwanges fähig sein könnte und fähig sein würde, wie ich ihn um Widun in meiner Seele trug.

Ich sah ihn dann für zwei kurze Tage und ich war ein kleines Weiblein, das liebt und weint und bangt und gibt und endlose Tränen vergießt, wenn der Abschied kommt.

Die ganze Welt hieß »Widun ». Das Leben hatte keinen andern Sinn, als diesen einen: Widun! Von seinem Tod oder Leben – vom Sein oder Nichtsein dieses einen Menschen mußte alles, alles was weiter noch folgen konnte, abhängen. Mitten in diese Feuersbrunst von Gefühlen hinein, warf mir ein Mensch die Worte: »Glaub doch nicht an all das, was du dir da künstlich aufgebaut hast! Sei doch nicht so entsetzlich töricht und kindlich, anzunehmen, daß es irgendwas auf der Welt gäbe, was nicht zu ersetzen wäre . . . Und glaub auch nicht, daß das, was du unter »Liebe« verstehst, so leicht zu etwas Endgültigem werden könne. Menschen, bei denen »Liebe« zu einem guten stillen See wird, der gleichmäßig, unveränderbar und ruhevoll gar nicht mehr daran denkt, über seine Ufer hinauszutreten, solche Menschen, bei denen die Liebe zu einem Zustand der Ruhe zu kommen vermag, die sehen die Welt mit anderen Augen an, als du es tust, Ellinor! Glaub es mir, die ich das Leben und die Menschen kenne!«

Ein sehr alter Mund ist es gewesen, der so zu mir sprach, und dieser Mund gehörte in ein kluges, von tausend Erfahrungsfalten durchzogenes Gesicht, und ich haßte damals dieses kluge und – wie mir schien – böse und harte Gesicht der Großmutter, die mich einer Erkrankung wegen zu sich gerufen hatte.

Ich war gern zu ihr gefahren. Ich hatte einmal wieder jenes fast unverständliche Gefühl einer großen inneren Verwandtschaft mit ihr empfunden, und da sie fragte und forschte und aus meinem Gesicht und meiner Stimme zu lesen vermochte, sprach ich ihr von dem, was mich bewegte, denn das war das Schöne und Große bei ihr, daß man unumwunden bei ihr sprechen konnte und nicht zu fürchten brauchte, daß sie kleinliche Gesichtspunkte hervorkehren oder Entrüstung über irgendetwas, was den herrschenden Sitten nicht entsprach, zeigen würde.

Als Trost – oder auch vielleicht in einer leisen Anwandlung von kalter Überlegenheit solchen Gefühlsausbrüchen gegenüber sagte sie mir jene Worte. Wie hab ich all das damals von mir gewiesen! Wie empfand ich sie als eine armselig dürre Seele, die nicht verstehen konnte und wollte, daß in jedem Leben einmal eine Liebe sein müsse, die ihr Endziel gefunden habe. – Nie hab ich mit der alten Großmutter so viel über Wesen, über Art und Intensitätsmöglichkeit der Liebe gesprochen als zu jener Zeit, und wenn sie in guter und freundlicher Stimmung war, dann sagte sie: »Glaub nur selbst daran und halte alles mit größter Kraft in deiner Seele fest, dann werden deine Worte und Wünsche vielleicht zur Wahrheit!« Und wenn sie hart und bitter war, dann sagte sie: »Nein, Ellinor, nein – und tausendmal nein! Du bist noch lange nicht am Ende deines Erlebens. Du bist wie ein Waldbach, der zu trockener Zeit über einen hohen, breiten Stein nicht mehr hinweg kann, und der nun glaubt, dieser Stein, den er zart und gut und lind umspült, der sei seine Grenze für ewig. Aber die Trockenheit wird vergehen; der Waldbach bekommt neue Wasser, und auf einmal strömt und stürzt und rast es über den Stein fort und schwillt und wirft wieder Gischt auf die Ufer und der Stein, der ihm Grenze und Ende schien, der ist vergessen!«

O Großmutter, wo hast du deine Weisheit hergenommen? Ist dein Gesicht doch einmal weich und warm und gut gewesen? Hast du soviel erfahren, soviel besitzen, hergeben und überwinden müssen, daß deine Züge hart und deine Augen kalt geworden sind, und es dir wohltat, in eine warme Seele deine Worte wie böse, spitze Nadeln hineinzubohren?

Ich blieb die drei letzten Monate des ersten Kriegsjahres bei ihr in ihrem stillen, verschlafenen Gartenhaus.

Ich blieb, bis wir beide genau wußten, daß dieses Lebenslicht noch längst nicht ans Verlöschen dachte und bis so viel Widersprüche in uns großgeworden waren, daß eine Trennung gut und notwendig erschien. Das Frühjahr schwoll und jubelte und wurde zu einer solchen Symphonie von Schönheit, Weichheit und Verklärtheit, daß man trotz Kriegsjammer und Not sich dem ergreifenden Schauspiel, das die Natur der heimgesuchten Menschheit bot, nicht zu verschließen vermochte.

Ich sah Maria wieder, die den ältesten ihrer Söhne soeben in den Krieg geschickt hatte. Ihr Gesicht war wie von einem Heiligenschein umglänzt und während langer Zeit brachte ich es nicht fertig, ihr von dem, was so heftig in meiner Seele wogte, ein Wort zu sagen. Alles gab ich meinen Bildern oder gab es meinen Briefen an Widun und am Abend trug ich es in die Natur hinaus. Jeder Gedanke hieß »Widun« und voll Mitleid mußte ich an die erstarrte Großmutter denken und an das, was sie über die Liebe zu sagen wußte.

Die Arbeitsraserei ebbte ab. Müdigkeit kam und mit der Müdigkeit allerlei Angstgefühle, die mir die Nächte unruhig machten und die heißen Sommertage unerträglich lang erscheinen ließen. Es kam die böse Zeit, in der ich nichts mit mir selbst anzufangen vermochte, in der ganz plötzlich ein Hunger nach Menschen über mich kam, nach ganz gleichgültigen Menschen, unter denen ich weilen, mit denen ich sprechen und dabei doch meinen eigenen Gedanken, meinen Sorgen, meiner Liebe und meinen Ängsten nachgehen konnte.

Ich schrieb an die Frau des Herrn Melanter im Grunewald, und sie waren beide erfreut, von mir zu hören, luden mich ein, zu ihnen hinauszuziehen, um mit ihnen in ihrem schönen Garten zu leben und vielleicht manches Gute für meine Kunst bei ihnen zu finden.

Ich ging hin, und es war alles so, wie ich es mir gedacht. Ich lebte unter Menschen und blieb doch allein. Ich trug Welten von Gedanken und Gefühlen in mir und zeigte denen, die es wollten, ein heiteres, zufriedenes Gesicht.

Herr Melanter gehört zu jenen Reichen, die aus einem guten echten Gefühl nach Vertiefung heraus Anschluß an geistig Arbeitende und Ringende suchen. Er achtet und schätzt den, der noch am Anfang einer unsicheren Laufbahn steht, genau in demselben Maße wie jene Glücklichen, die durch ihre Erfolge bereits allgemeine Anerkennung gefunden haben. Er ist ein vorbildlicher Reicher. Er versteht zu geben, ohne zu beschämen, und er wird weder beim Anfänger die Rolle des Gönners noch beim Ruhmgekrönten die Rolle eines Eindringlings spielen.

Viele und neue und zum Teil seltsame Geister lernte ich durch ihn kennen in jenen Sommerwochen. Ich empfand plötzlich, daß Maria recht hatte, wenn sie mir immer von neuem wiederholte: »Du solltest dich nicht vergraben, Ellinor. Du solltest Anschluß an geistesverwandte Menschen suchen, denn durch sie nur kannst du den richtigen Maßstab für dich selbst und deine Leiden und Nöte finden.«

Es war wirklich gut und schön und überaus belehrend, mit all diesen Menschen, die aus dem Nichts heraus zu gestalten vermochten, zu reden – von ihnen zu hören, wie das Leben sich ihnen offenbarte, und daß auch sie zu manchen Zeiten übervoll von gesegnetem Können waren und zu andern Zeiten wie Ausgestoßene, wie Bettler am Wege dastanden.

Ich könnte viel, sehr viel von jenen Sommerwochen erzählen, aber immer ist es mir, als stehe jemand neben mir, der zur Eile drängt, der mir sagt: »All dieses ist's ja nicht, wovon du schreiben sollst, denn all dieses hat dich ja nicht elend, nicht so entsetzlich verworren und krank gemacht, und schreiben sollst du doch deiner Krankheit wegen, damit du sie selbst erkennen lernst und durch dein Niederschreiben dich davon erlöst.«

Vielleicht – ja, ganz sicher ist es Maria, die so zu mir spricht, und also will ich ihr gehorchen.

Von einem Sommertag will ich erzählen, von einem Sommertag, der mit geradezu jauchzender Schönheit aufstieg. Ich hatte wenig geschlafen in der Nacht. Die Fenster meines Zimmers hatten weit offen gestanden und die helle belebte Natur hatte ihre Geräusche zu mir gesandt.

In halben quälenden Träumen war das Bild des Krieges intensiver als sonst in mir aufgestiegen. Ich hatte Widun gesehen; irgendwo auf einem unermeßlich weiten öden Feld hatte ich ihn gesehen – allein, unsäglich verlassen. Sein Körper war unverwundet, und dennoch sah er aus, als ob er aus tausend Wunden blutete. Seine Augen suchten. In seinen Augen lag Todesbangigkeit, und niemand kam zu ihm, um ihm zu helfen.

Ich hörte dann, daß er meinen Namen ausrief, und ich sah, daß ich am Rande jenes unermeßlichen Feldes, auf dem er einsam weilte, stand und daß er mich erwartete, daß er die Arme nach mir breitete und ich versuchte, zu ihm zu gelangen und konnte nicht – konnte nicht! Irgendeine entsetzliche Macht hielt mich an der Stelle, auf der ich stand, festgebannt. Ich wollte rufen, und die Stimme gehorchte nicht.

Ich wollte winken und fühlte, daß die Arme schwer wie Blei an meinem Körper herabhingen, daß es ganz unmöglich war, sie zu bewegen. Und mein Herz raste in Angst und Not und eine Hitze war in mir, als ob ich verbrennen müßte, und gepeinigt von dieser wütenden Angst und der unerträglichen Hitze bin ich wohl aufgewacht und hab mich zum offenen Fenster geflüchtet zu jener Stunde, in der die Nacht sich vom Morgen besiegen läßt, in der das grandioseste, ergreifendste Naturschauspiel vor sich geht.

Ich lehnte weit zum Fenster hinaus. Ich sah über die sorgsam gepflegten Rasenflächen des schönen Gartens hinweg, sah über den See hinaus zu den dunklen Wäldern hin, zu diesen seltsam melancholischen Kieferwäldern, bei denen man, wenn man sie durchwandert, das Gefühl hat, vor lauter Giganten, die sich ducken mußten, zu stehen. Und über diesen verkrüppelten Riesen sah ich den Sonnenball in die Höhe klimmen, sah die Luft erzittern und hörte jenes Raunen, das in der nächtlichen Stille oft so laut wird, als ob eine Orgel zu tönen begonnen hätte. Ich sah dann die Sonne höher und höher steigen und an Leuchtkraft verlieren und sah, wie die Erde ihren Zauber, der eine Weile lang über ihr gebreitet gewesen, wieder hergeben mußte, wie sie grauer, ruhiger, nüchterner wurde und wie endlich der Tag mit Lärm und Menschenstimmen seinen Einzug hielt.

Die Hitze und die Müdigkeit waren von mir gewichen, aber ein banges Schmerzgefühl war in mir geblieben. Ich sah noch immer den auf einsamem Felde stehenden Widun, dem ich nicht zu helfen vermochte.

Als ich an diesem Morgen auf der Veranda des Eßzimmers mit meinen Gastgebern zusammentraf, sagte Herr Melanter frohgelaunt: »Da hab ich eine interessante Einladung erhalten, Frau Fandor – für uns alle drei – ja, für Sie wohl ganz besonders, denn zweimal wird ausdrücklich um Ihr Erscheinen gebeten. Es ist die Einladung unseres großen Dramatikers B., der uns sein neuestes Werk von dem er noch nicht weiß, ob er es einmal auf die Bühne bringen wird, vorlesen will. Freut Sie das?« Und er sah mich erwartend an.

»Ja«, sagte ich ein wenig zerstreut, und beklommen, denn meine Gedanken waren wieder bei dem armen Widun, und ich sah ihn in der hilflosen Gestalt, in der er mir im Traum erschienen war, vor mir stehen.

Im Laufe des Tages erhielt Frau Melanter ein Telegramm, das sie halb mit Jubel, halb mit Enttäuschung erfüllte. Es kam von ihrem Bruder, den sie zärtlich liebte. Er war ein junger Offizier, befand sich auf ganz kurzem Urlaub und sagte sich für den Abend bei der Schwester an. Sie und ihr Mann mußten nun auf den Abend im Hause des Dichters verzichten.

Mir blieb keine Wahl. Ich mußte gehen. Den ganzen Tag über waren meine Gedanken bei Widun und immer waren Schmerz und Angst um ihn in meiner Seele, und je weiter der Tag vorschritt, um so mehr verdichtete sich diese quälende Unruhe in mir. Sie wurde endlich zu einer ganz bestimmten Furcht, zu der Furcht vor einem Erlebnis, das dicht vor mir stand, das auf mich wartete und dem ich nicht zu entgehen vermochte.

Um sechs Uhr machte ich mich auf den Weg zu dem Hause des großen Dramatikers. Ich hatte etwa eine Viertelstunde zu gehen, an vielen üppigen, duftenden Gärten vorbei. Der ganze Ort war durchschwängert vom Atem der tief roten Rosen, die in diesem Sommer in einer so jauchzenden Fülle allenthalben blühten, als hätten sie die Mission, mit ihrer Schönheit und ihrem Duft die Menschheit mit allem, was an Grauen und Schrecken von außen her auf sie eindrang, zu versöhnen.

Im Hause des Dichters traf ich mit einer Anzahl fremder Menschen zusammen. Ich hielt mich an der Seite der Hausfrau, die mich ihren Gästen vorstellte. Es war ein Zensor da, dessen Namen ich kannte, und es war ein Ehepaar da, von dem ich hörte, daß der Mann ein Psychiater und daß auch seine Frau eine Ärztin sei. Außer ihnen lernte ich einen alten Freund des Hauses kennen, von dem man mir nichts Besonderes sagte und der sich ernst und stumm vor mir verneigte. Alles schien mir an diesem Tage ein feierliches, ernstes Gesicht zu haben. Man sprach wenig miteinander. Unten im Wintergarten wurde eilig Tee mit Gebäck gereicht, dann stiegen wir die Treppe hinan und traten in das Arbeitszimmer des Dichters ein.

Ich hielt mich immer dicht an der Seite meiner Gastgeberin, denn die Beklemmung in meiner Seele war so groß geworden, daß ich kaum die äußere Ruhe aufrechtzuerhalten vermochte. Ein Zittern war in meinen Knien und das Herz schlug mir wild und laut gegen die Brust.

Als der Dichter endlich an seinem Schreibtisch saß, hielt er uns eine kleine Vorrede. Er sagte, daß er in diesem Drama einen etwas ungewöhnlichen Stoff behandelt habe, der in den ersten Akten nur leise angedeutet sei. Er bat uns – seine Zuhörer – darum, ihm nach jedem der ersten Akte zu sagen, ob wir bereits etwas von seinen Absichten erraten hätten.

Dann begann er zu lesen, und er las mit solchem Temperament, mit solcher Bewegung in der Stimme, daß man glauben mochte, die Menschen des Stückes handelnd auf der Bühne vor sich zu sehen.

Nach Beendigung des ersten Aktes hatte keiner seiner Zuhörer ihm eine besondere Eröffnung zu machen. Der zweite Akt folgte und nun meldete sich der Psychiater und verschwand mit dem Dichter im Nebenraum, um ihm allein seine Absicht zu sagen. Nach dem dritten Akt meldeten sich der Zensor und die Ärztin, und dann war die Sache soweit zur Entwicklung gekommen, daß für keinen der Anwesenden mehr ein Zweifel über den Inhalt des Stückes blieb.

Zwei Frauen liebten einander; sie wurden vom Dichter hart verurteilt, und ein tragischer Ausgang blieb angedeutet.

Mir war all das, was da gelesen und vom Dichter so hart verurteilt worden war, unsäglich peinlich. Mir war, als habe eine unbarmherzige Hand einen zarten Vorhang, der vor etwas Unausweichlichem geschwebt hatte, herabgerissen und lasse als Fratze und böses Zerrbild erscheinen, was vielleicht ebensowohl als rein, gut und erhaben hätte empfunden werden können.

Nach einer kurzen Weile, die eine etwas verlegene Diskussion brachte, lud die Frau des Dichters zum Abendbrot ein. Man gab mir den Psychiater zur Seite. Meine Beklommenheit wuchs. Ich mußte wieder an die Ahnung denken, die in der Nacht in mir wach geworden war, an die Ahnung eines Erlebnisses, das dieser Tag mir bringen würde.

Aber hatte ich nicht schon ein Erlebnis gehabt? War nicht bereits etwas Besonderes geschehen? Die Angst drängte mir das Blut zum Herzen.

Nein – nein, es war nichts geschehen! Nichts, was mit meiner eigenen Person irgend etwas zu tun hatte, war geschehen! Ich hatte eine etwas eigentümliche Dichtung vortragen hören und saß nun in einem Kreis angeregter Menschen. Das war vielleicht Erleben an sich, aber doch kein ganz persönliches Erlebnis!

Der Psychiater begann sogleich vom Inhalt des Stückes mit mir zu sprechen, obwohl ich lebhaft gewünscht hätte, eine andere Unterhaltung mit ihm zu führen. Er sprach ganz speziell zu mir allein, indem er seinen andern Nachbarn fast den Rücken wandte.

»Wie denken Sie über das Thema dieses Dramas?« begann er. »Wie stellen Sie sich überhaupt zu dieser Frage, die ja jetzt viel erörtert wird?«

Mir stieg das Blut ins Gesicht, die Beklemmung, die in mir war, erreichte einen Grad, daß die Stimme heiser wurde und daß ich kaum zu antworten vermochte. »Ich habe nie darüber nachgedacht! Ich weiß nichts davon. «

Er sah mich mit einem leisen Lächeln an. »Aber heute Abend haben Sie doch darüber nachdenken müssen! Hat es sie unangenehm berührt? «

»Ja!« sagte ich ärgerlich.

»Warum?« examinierte er weiter.

»Es hat mich traurig gemacht!« antwortete ich und fühlte, daß meine Stimme an Festigkeit gewann. »Mir ist, als sei diese Sache etwas brutal verallgemeinert worden – eine Sache, die schlecht und verwerflich, die aber ebensogut gerechtfertigt sein kann!«

Der Arzt lächelte noch immer. Haben Sie sich wirklich nie mit dieser Frage beschäftigt?«

»Nein«, sagte ich kurz, denn ich hatte den dringenden Wunsch, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Hätten Sie Lust, einiges darüber zu lesen?« fragte er weiter, aber dann erbarmte die Frau des Dichters sich meiner und erlöste mich von dem Psychiater und seinem Verhör.

Gegen Mitternacht erst verließen wir das Haus unserer Gastgeber. Der Herr, der mir als alter Freund des Dichters vorgestellt worden war, bot mir seine Begleitung an. Auch er sprach von dem gewagten Thema des Dramas, aber ihm vermochte ich ohne Pein zu folgen.

Für sein Empfinden war die Liebe zweier Frauen zueinander nichts Erniedrigendes, Verwerfliches – nichts, was man so einfach zu einer Erscheinung, die verdammt werden müsse, stempeln dürfe. Er hielt es für ein unglückliches Unternehmen des Dichters, diese Sache auf die Bühne zu bringen und ganz einseitig abtun zu wollen. Er sprach mit warmem Herzen von der seelischen Not vieler geistig hochstehender Frauen, von ihrer Einsamkeit, von ihrer Sehnsucht nach der gleichgestimmten Seele. Von all solchen Dingen sprach er, die in meiner augenblicklichen Stimmung einen ganz ungeheuren Eindruck auf mich machten. Ich hatte nie mit solcher Dankbarkeit eine Sache, von der ich nichts wußte und die mich nichts anging, verteidigen hören. Endlos hätte ich an seiner Seite dahergehen mögen, denn all das Schwere und Beunruhigende, was durch des Dichters Vortrag und durch das Verhör des Psychiaters in meine ohnehin schon geängstigte Seele gekommen war, das begann stiller und sanfter zu werden unter den Worten dieses fremden Mannes.

Aber der Weg war nur kurz, und ganz schnell verabschiedete er sich, als wir am Gartentor der Melanterschen Villa angekommen waren. Ich saß dann oben in meinem Zimmer und schaute mir Skizzen an, die ich in dieser letzten Zeit entworfen hatte, aber meine Sinne waren bei dem, was dieser Abend mir gebracht hatte. Irgend etwas Neues, Erschreckendes war in meine Gedankenwelt gekommen.

»Ich habe also doch ein Erlebnis gehabt!« sagte ich immer wieder zu mir selbst, ohne es sagen zu wollen. »Meine Ahnung vom Morgen hat nicht getrogen – ich habe ein Erlebnis gehabt!«

Ich schaute nach dem behaglichen Bett hinüber, das in einem kleinen alkovenartigen Kabinett stand, aber ich hatte wenig Verlangen nach weichen Kissen, nach Dunkelheit und Untätigkeit. Irgend etwas in mir war so stark in Bewegung geraten, daß es ganz schnell nach schöpferischem Ausdruck begehrte, und jene ganz glückliche Einstellung war in mir, die meiner Seele Gestaltungskraft und die meinen Händen das unbewußte Können gab.

Ich suchte Farben hervor und begann das Antlitz einer Frau, die ich niemals im Leben gesehen hatte, zu malen. Ich glaube, es war das Antlitz jener, von der in des Dichters Drama die Rede gewesen war und über die er seine Verurteilung ausgesprochen hatte. Etwas seltsames entstand: ein Gemisch von Heiligkeit, tiefster Geistigkeit und leidenschaftlicher Sinnenbegierde. Etwas unsagbar Ungestilltes war in dem Gesicht, das wie von selbst unter meinen Händen entstand – etwas mit letzter, größter Ungeduld Lauschendes – etwas, was zwischen Verzweiflung und Seligkeit hin und her pendelte. Fast entsetzt prallte ich vor der eigenen Schöpfung zurück als sie beendet war. Und zugleich fühlte ich, daß meine Arme ebenso schwer und ihrer Bewegungskraft beraubt, an mir hingen, wie sie es in der Nacht getan hatten, als der arme Widun mir im Traum erschienen war.

Unsägliche Traurigkeit legte sich wie ein schweres Gewicht auf meinen Kopf, auf meine Sinne. Immer mußte ich in das rätselhafte Gesicht, das ich soeben ganz ohne meinen Willen gemalt hatte, starren. Wie blickten diese Augen mich an! Was für eine Sprache redete dieser Mund zu mir! O, nun war die Angst wieder in meiner Seele, eine so unbändige, zitternde Angst, daß ein Schrei aus meiner Kehle herauswollte, daß ich zum Fenster lief und in die stille, dunkle, geheimnisvolle Nacht hinausstarrte und doch so gleich wieder zum Bilde zurück mußte.

Schwer und müd waren meine Hände, aber ich zwang sie, daß sie noch einmal den Pinsel nehmen mußten, und – um das Unerhörte, das aus diesem Gesicht auf mich eindrang, zu mildern, änderte ich einen kleinen Zug an den Mundwinkeln und zog einen Heiligenschein um das Haupt, das ich nicht kannte und vor dem mir graute.

Nun war eine Madonna daraus geworden. Friede und Ruhe und ein leises, beschwichtigendes Flüstern war plötzlich um mich her und füllte das ganze Zimmer. Müdigkeit kam sanft und tröstlich auf mich zugeschlichen, nahm mich wie eine Mutter in die Arme und drückte mir die Augen zu, daß ich schlafen konnte, bis die Sonne hoch am Himmel stand, bis ein neuer, jauchzender Sommertag sein Leben begonnen hatte.

Das erste, was an diesem Tage von außen her an mich herankam, das war ein Buch, von einem der Zuhörer des gestrigen Abends übersandt – ein Buch, das von jenen Problemen handelte, von denen der Dichter uns gestern vorgelesen hatte!

Mir bangte vor dem Zusammentreffen mit meinen Gastfreunden, die unten auf mich warteten. Vor ihren Fragen und Antworten, die ich zu geben gezwungen sein würde, bangte mir. Ich wußte, daß es mir unmöglich sein würde, ihnen einen ehrlichen Bericht von dem, was der Abend gebracht hatte, zu geben, und sehr langsam stieg ich die Treppe hinab.

Unten aber traf ich nicht frohe und gespannte Gesichter und hörte keine Fragen, die mich peinigen konnten. Sie überreichten mir vielmehr stillschweigend ein an Herrn Melanter gerichtetes Telegramm.

Es war von dem Arzt der Großmutter, der der Einfachheit halber nicht an mich, sondern an meine Gastgeber adressiert hatte.

In dem Telegramm stand, daß die alte Frau unter plötzlichen Schwächeanfällen litte und daß meine Gegenwart von ihr gewünscht werde.

Die besorgten Melanters staunten wohl ein wenig, daß diese Nachricht mich nicht bestürzter machte, denn ich hatte ihnen noch nicht viel von dieser Großmutter erzählt. Immerhin war ich doch von einer genügend großen Besorgnis erfüllt, um sogleich meine Koffer zu packen und am Abend bereits die Reise anzutreten.

Ich hatte das ganz bestimmte Bewußtsein, daß die Großmutter nicht sterben würde, und während der vierzehnstündigen Fahrt, die ich zurückzulegen hatte, war immer nur das Gefühl einer sehr großen Erleichterung in mir, daß sich eine Gelegenheit geboten hatte, um ganz schnell eine Umgebung, in der mir seit 24 Stunden nicht mehr recht wohl gewesen war, verlassen zu können und den Rest des Sommers in der eigenartigen kleinen Besitzung der alten Frau zu verbringen.

Die Räder rollten unter mir, Landschaften flogen an meinen Augen vorüber, und meine Gedanken sammelten sich. Ich erinnerte mich, wie sehr ich während des letzten Zusammenseins mit der Großmutter meine Liebe zu Widun verteidigt hatte, und, um mich gegen neue Zweifel von ihrer Seite zu wappnen, zwang ich gleichsam all meine Gedanken zu ihm zurück. Der Traum der vergangenen Nacht stand wieder vor mir auf, aber zugleich auch ward ich von dem entsetzlichen Bann, der mich befallen hatte, erlöst. Ich brachte es jetzt fertig, über das weite Feld, auf dem Widun stand, zu ihm hinzueilen, ihn in meine Arme zu nehmen und die Qual und Angst aus seinem Gesicht auszulöschen.

Die Sonne strahlte lustig auf die Erde herab, als ich an meinem Bestimmungsort ankam. Die alte Frau, die der Großmutter diente und ihr Gesellschaft leistete, stand in der Bahnsteigsperre, und ich las sogleich aus ihren Mienen, daß nichts Schlimmes sich ereignet hatte.

Sie berichtete das Notwendigste, lud meinen Koffer auf einen kleinen Wagen, und während sie den bequemen Fahrweg benutzte, schlug ich einen schmalen Waldpfad ein, denn das Haus der Großmutter lag eine gute Strecke vom Bahnhof entfernt, und es war schön und wohltuend, ein Stücklein durch den im Sonnenschein glänzenden Wald zu schreiten.

Die Großmutter empfing mich mit einem losen, hellen Gewand, denn sie liebte die lichten Farben, und befand es für eine Torheit, wenn alte Menschen sich in dunkle Stoffe kleideten.

»Helle, bunte Kleider machen froh und jung«, sagte sie, »und immer, wenn ich einmal die Schwäche habe, mich von Müdigkeit und Unlust unterkriegen zu lassen, hole ich mir das freudigste meiner Kleider hervor und lasse mir von ihm eine Geschichte erzählen.«

Auf dem Kopf mit den lockigen weißen Haaren trug sie ein Spitzenhäubchen, und ein langer weißer Schal a la Maria Antoinette war um ihre Schultern geschlungen.

Sie saß auf einem roten Plüschsofa an einem gedeckten Tisch, und obwohl sie selbst keinen Appetit hatte, freute sie sich an den guten Dingen, die aufgetragen waren. Als ich eintrat, blieb sie sitzen, denn sie fühlte sich wirklich schwach, breitete aber ihre Arme nach mir aus, nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mir in die Augen.

»Alles in Ordnung, Kind?« fragte sie und ich sagte ein ganz frohes »Ja«, und es war mir wirklich, als sei meine Seele ein Schrank in dem eben eine musterhafte Ordnung hergestellt worden war – jedes Ding an dem ihm gebührenden Platz und alles klar und ganz gut übersehbar.

»Gut so«, lobte sie, »denn wie ich im Augenblick mich fühle, kann ich nur einen harmonischen Menschen um mich vertragen. Mach dich ein wenig zurecht, Ellinor, und dann iß, und nachher liest du mir etwas vor. Ich habe noch meine alte Schwäche für Freiligrath und Shakespeare. Außer der Bibel ist das das Schönste, was von Menschen erdacht und geschrieben worden ist.

Ach, gut und wohlwollend ist dieser erste Tag gewesen: Freiligrath und ein paar Verse aus dem »Kaufmann von Venedig« und danach etwas von dem Propheten Sirach – dann die lange Mittagsruhe der Großmutter und ein weiter stiller Spaziergang für mich. Nachher noch ein paar Plauderstunden, und dann zu Bett!

Das Bett stand in einem kühlen luftigen Zimmer. Ganz leiser Lavendelduft strömte aus dem schneeweißen Linnenzeug auf. Uralte Bilder hingen an den Wänden. Auf dem Sims eines weißen, kaminartigen Kachelofens stand eine kleine französische Schäferuhr unter runder Glasglocke. Gelbüberzogene Sessel mit geschweiften Beinen schienen Lust zum Tanz zu haben. Eine Causeuse mit buntseidener, etwas beschädigter Decke war schräg ins Zimmer hineingerückt, und eine schöne, üppige Kommode mit Bronzebeschlägen nahm fast die Breite einer Wand ein.

Immer, wenn ich aus einer großen Stadt, aus geräuschvoller Umgebung im stillen Landhaus dieses kleinen Ortes lande, ist es mir, als könne es in der ganzen Welt nichts Schöneres, Behaglicheres und Wohltuenderes geben, als diese bunten, mit Möbeln aus allen Stilarten zurechtgemachten Zimmer, als dieses graue, in einem wilden Garten stehende Haus und als die alte temperamentvolle Frau selbst, von der mich oft unüberbrückbare Klüfte trennen und die mir zu anderen Zeiten wieder als Ziel aller Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit erscheint.

Nein, krank war sie nicht – nur ein wenig schwächer als sonst, aber eine gewisse Freudigkeit, die jetzt über sie gekommen war, ließ auch die Schwäche bald vergehen.

Gute, sonnengesegnete Sommertage mit langsam länger werdenden Abenden waren uns beschieden. Weich und in eine fast frohe Melancholie eingehüllt, kam dann der Herbst herangeschritten, brachte jene wunderbare Farbensymphonie in die Natur, die mir das Herz jauchzen und meine Hände arbeitslustig machten. Und dann folgten jene Tage, an denen die ersten Holzfeuer in Großmutters Wohnstube brannten und an denen Freiligrath, Shakespeare und die Bibel in der Kaminecke vorgelesen wurden.

Draußen tobte der Krieg mit unverminderter Heftigkeit weiter. Die Not kam immer tiefer in die Heimat hineingeschritten. Selbst hier auf dem Lande sah man bleiche, sorgenvolle Gesichter, und die Großmutter betete allabendlich laut zu Gott, daß er seine strafende Hand in eine segnende wandeln möchte.

Als der Winter dann ernstlich seinen Einzug hielt, kehrte sie zu ihrer Gewohnheit, die Hälfte der Tageszeit im Bett zu verbringen, zurück – erstlich, weil sie wirklich ein großes Ruhebedürfnis hatte, und dann in der Hauptsache, um Kohlen und Licht zu sparen, denn sie hatte trotz aller Härten in ihrem Wesen ein mitfühlendes Herz und eine offene Hand für die, die darbten, und gern und freudig brachte sie es fertig, sich selbst Opfer aufzuerlegen, um andere vor Not zu bewahren.

Um fünf Uhr am Nachmittag begann für sie die Nacht – eine sechszehnstündige Nacht, von der sie nicht mehr als eine kurze Frist zum Schlaf begehrte.

»Aber«, so sagte sie, »ein alter Mensch muß soviel vom Inhalt und Reichtum des Lebens, das hinter ihm liegt, aufgespeichert haben, daß er sich Dunkelheit und Einsamkeit damit auszufüllen vermag. Wer sich das nicht in sein Alter hinübergerettet hat, der hat umsonst gelebt, und ihm geschieht es recht, wenn der Rest seines Lebens grau und freudlos für ihn wird. Wer aber jung und tatkräftig genug ist, um noch wirken zu können, der soll sich nicht allzulange der Einsamkeit überlassen, und darum, liebe Ellinor, pack deine Koffer und kehre zu Menschen zurück, denn mir scheint, daß der liebe Gott noch nicht die Absicht hat, mich jene große Reise, von der man nicht wiederkehrt, antreten zu lassen. Wenn es soweit ist, rufe ich dich! Jetzt aber weiß ich nichts mit dir anzufangen!«

Sie hatte recht mit dem, was sie sagte, denn meine Gedanken waren seit Wochen schon mit allerlei Fluchtplänen beschäftigt gewesen. Aber so oft ich mir eine Rückkehr nach Berlin, in mein Atelier oder zu Freunden oder Kollegen – ja, selbst zu Maria ausdachte, so oft wurde jenes seltsame Angstgefühl, das mich zuletzt in dieser Riesenstadt befallen hatte, wieder lebendig in mir.

Eine Weile lang verschwieg ich der Großmutter diese Gefühle, weil ich mich ihrer schämte, aber dann entschloß ich mich doch zur offenen Aussprache, und wie sie für alle Dinge immer gleich einen Rat zur Hand hatte, so auch hier, und sie schlug mir etwas sehr Schönes und Lockendes vor.

»Geh einen Winter lang nach München, Ellinor, dann bist du in meiner Nähe, kannst immer schnell bei mir sein, und für deine Kunst findest du in dieser heiteren Stadt vielleicht dasselbe oder mehr noch, als Berlin zu geben vermag!«

Maria, die immer Hilfsbereite, die ich um ihren Rat befragte, kam mir mit einem praktischen Vorschlag, der mir sehr annehmbar erschien. Sie hatte einen jungen Neffen, der ein Atelier für den Winter suchte, und sie fragte mich, ob ich ihm das meine überlassen wolle, um die Miete in dieser schwerer werdenden Zeit nicht umsonst zu zahlen. Und Herr Melanter schickte mir neue Aufträge, und es fehlte schließlich zu meinem äußeren Wohlbefinden nichts weiter, als in München einen geeigneten Platz zu finden, an dem ich zugleich wohnen und malen konnte und an dem ich vor Kälte und Mangel geschützt war.





Die Blätter, die ich fülle, häufen sich. Bis hierher hab ich in einem Zug geschrieben und nun plötzlich, da ich den Namen jener Stadt nenne – jener Stadt, die ich liebe, wie keine andere in der Welt, nun plötzlich stockt meine Feder, und ich weiß nun, daß es eine entsetzlich schwere Aufgabe ist, die Maria mir gestellt hat, indem sie mich hieß, die Geschichte meiner Seelennöte niederzuschreiben.

Wie soll ich damit beginnen? Wo war der Anfang? An welcher Seite stürzte alles, was bisher gewesen war, was mein Leben ausgefüllt und glücklich gemacht hatte, in einen tiefen Abgrund hinab und ließ mich nur noch das andere sehen – das Neue – das, wovon ich nichts weiter wußte, als was ich in des Dichters Hause im Grunewald gehört und was ich in jenem Buch gelesen hatte, das mir von einem der Zuhörer übersandt worden war.

Die Tage gehen hin, und ich vermochte nicht zu schreiben. Die Welt ist verschüttet für mich. Sie ist wie eine große, dunkle Schlucht, und alle Menschen wandeln in entsetzlicher Finsternis und stoßen sich aneinander und wissen nicht, wie sie je aus der Dunkelheit wieder herausfinden sollen, und keiner ist da, der ein Licht in barmherzigen Händen trüge, um die finsteren Schächte zu erhellen.

Eine Mahnung von Maria hat mich aus meiner dumpfen Gebundenheit aufgeschreckt. »Wie weit bist du, Ellinor? Du bist doch nicht klein, bist doch nicht feig und läufst vor dir selbst davon?«

Ach, sie fragt viel und peinigt so tief mit ihren Fragen, und dennoch – dennoch – es ist gut, daß sie es tut!

Ich will also versuchen, von jener ersten Zeit in München zu erzählen. Ich hatte niemand in dieser Stadt, den ich kannte. Nur einige Kunsthändler gab es, mit denen ich meiner Bilder wegen in Verbindung stand, und ich hätte wohl auch leicht Anschluß an Kollegen oder Kolleginnen finden können. Aber ich hatte nicht Lust, mich an einen von diesen, die ich nie gesehen, zu wenden.

In Berlin hatte ich einmal eine junge Schauspielerin kennengelernt, ein rheinisches Mädchen aus gutem Hause. Wir hatten irgendwo in einem Speisehaus beim Mittagstisch zusammengesessen, und sie hatte mir ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie war seit einem halben Jahr an einer guten Bühne Münchens einstweilen für mittlere Rollen untergekommen.

An sie wandte ich mich, um sie zu bitten, mir eine Wohnung zu besorgen, und einem freundlicheren, hilfsbereiteren Herzen hätte ich mich nicht anvertrauen können.

Sie brauchte gar nicht zu suchen, denn es gab in dem Hause, in dem sie selbst wohnte, alles, dessen ich bedurfte. Ein hochgelegenes heizbares Zimmer, »Atelier« genannt, und daran anstoßend einen kleinen Schlafraum – alles gut und freundlich und sogar künstlerisch hergerichtet.

Die Leute, die vermieteten, hatten ein großes Kunstgeschäft. Sie führten sämtliche Zeichen- und Malutensilien, und außerdem hatten sie eine kleine permanente Ausstellung von Bildern und Plastiken, die zum Verkauf standen. Es waren liebe, behagliche, Menschen, bei denen die Schauspielerin sich längst zu Hause fühlte und die auch mir ganz schnell vertraut geworden sind.

In jener allerersten Münchner Zeit sah ich Widun wieder. Er kam vom Balkan, konnte zwei Tage in München weilen, und wir waren das, was man mit dem Wort »glücklich« zu benennen pflegt.

Ich erzählte ihm von jenem Traum, in dem ich ihn allein und hilfsbedürftig auf weitem, öden Feld gesehen und nicht zu ihm hingelangen konnte, und wir lachten beide über diesen Traum. Widuns gutes Aussehen, seine sicheren Hoffnungen auf ein baldiges und glückliches Ende des Krieges, all das stimmte mich damals froh und hoffnungsvoll. Ich begab mich gleich nach seiner Abreise an die Arbeit, führte die Aufträge des Herrn Melanter aus und begann, für die Ausstellung meiner Vermieter zu malen.

Allabendlich ließ ich mich von der jungen Schauspielerin bewegen, mit ihr in ein Theater zu gehen, entweder um sie selbst zu bewundern oder um die herrliche Musik die im Überschwang in dieser heiteren Kunststadt geboten wurde, zu hören.

Der Winter setzte bald mit einem grimmigen Regiment ein. Unendliche Schneemassen sanken nieder. Ganze Mauern von Schnee waren an den Straßenseiten aufgeschaufelt. Wenn meine einsamen Gänge, die ich um die Mittagszeit unternahm, mich aus der Stadt herausführten, so schien mir die ganze Welt eine einzige große, unabsehbare Schneewüste zu sein.

Mein Atelier war heizbar, aber die Kohlen wurden knapp. Die Fenster schlossen mangelhaft, und der rauhe Münchner Wind suchte sich durch Ritzen und Spalten seinen Weg zu mir. Und vielleicht ist er, dieser tückische Geselle es gewesen, der mir den bösen Schlag versetzte, daß ich eines Tages mit Fieber und Schmerzen in allen Gliedern in meinem eiskalten, kleinen Schlafraum lag.

Zwei Tage blieb ich da oben – von der Schauspielerin und den besorgten Wirtsleuten, so gut es anging, verpflegt. Ich träumte viel, und es begaben sich sehr seltsame Dinge in diesen Träumen. Ich vermochte Wirklichkeit und Phantasie nur schwer auseinanderzuhalten.

Es kam dann ein fremder Mann zu mir, ein Arzt, der mich befühlte und nach vielen Dingen befragte. Ich erinnere mich, wie er mir klarmachte, daß ich hier oben in diesem unwirtlichen, kalten einsamen Raum nicht bleiben könne. Und weiter weiß ich, daß man etwas über meine finanziellen Verhältnisse zu erfahren suchte und daß meine gutherzige Wirtin zu mir sagte: »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, mein Mann kann Ihre Bilder gut verkaufen!« Und ich war froh, ihr sagen zu können, daß ich über einige Mittel verfüge, daß ich mich aber dennoch ungern entschlösse, in ein Krankenhaus oder in eine Klinik zu gehen. Ich erinnere mich noch, daß sie dazu nickte und daß die Schauspielerin weinte.

Sie wollten auch wissen, ob ich niemanden in der Nähe hätte, der mir verwandtschaftlich nahestände, aber außer der Großmutter hatte ich niemanden, und die Großmutter war selbst hilfebedürftig und Widun war im Feld . . .

Ach, wie hab ich nach Widun gejammert in diesen Tagen!

Aber dann kam eine so schwere Müdigkeit über mich, die mich einfach von den Dingen und Menschen, die um mich waren, fortriß. Ich weiß nichts mehr von dem, was an jenem Tag über mich beschlossen und mit mir vorgenommen worden ist . . . Ich fand mich wieder in einem weißen Bett, in einem schneeweißen, großen, gut durchwärmten Zimmer liegend, und als ich von diesem Bett aus durch ein seitlich gelegenes, von ganz dünnem Tüllvorhang bedecktes Fenster hinaussah, erblickte ich einen hohen, breiten, wunderschönen Nadelbaum, der über und über mit kristallartigem Schnee bedeckt war und der in der Sonne, die auf ihn schien, funkelte und blitzte, als sei er mit unzähligen Edelsteinen behangen. – Das weiße Zimmer, die tiefe Stille, der funkelnde Baum und ein seltsam medizinischer, etwas betäubender Geruch, der in der Luft schwebte, all das ließ mir die Welt, in die ich mich plötzlich hineinversetzt fand, als etwas völlig Unwirkliches erscheinen.

Ich mußte an Märchen denken, die mir von meiner Kinderzeit her in Erinnerung waren und in denen die Menschen wie durch ein Wunder aus dem Alltag heraus in Schlösser oder himmlische Gefilde versetzt worden waren. In einem Schlosse aber befand ich mich nicht – soviel sagten mir meine zu einem halben Bewußtsein zurückgekehrten Gedanken, denn ein Schloß würde wohl prächtiger und farbenreicher sein. Aber ein Stück Himmel konnte dieses weiße Zimmer wohl vorstellen, und es war schön, daß ich mich für den Himmel entschlossen hatte, denn die Müdigkeit kam wieder mit ihren Träumen und Phantasien. In diesen Träumen schwebte ich hoch, hoch über der rauhen, unharmonischen Welt in irgendwelchen blauen Sphären und hörte das Rauschen von Flügeln und eine feine, harfenartige Musik und einen leisen Sang, der aus Kinderkehlen zu kommen schien und der doch die tiefe geistige Ergriffenheit in sich hatte, die nur ein vom Erdenleid berührter Mensch in seine Stimme zu legen vermag.

Ich lauschte und lauschte, und der Gesang schien näher und näher zu kommen. Er wurde so eindringlich, daß die schwere Müdigkeit, die meine Augen geschlossen hielt, ihm weichen mußte. Mir war, als schwebe aus unbekannten Höhen eine weiße, zarte Gestalt zu mir nieder, als ergriffe sie mich an den Händen, blicke in mein Gesicht, streiche leise – ganz leise über meine Stirn, wieder – immer wieder, bis ich die Augen öffnete, bis meine Sinne und Gedanken sich zu sammeln begannen. – Und dann war es wirklich so: Eine kühle Hand lag auf meiner Stirn, ein weißes Gesicht beugte sich zu mir nieder, und eine Stimme, die ganz nahe bei mir war und die doch aus weiter Ferne zu kommen schien, fragte sehr leise und zart: »Wie geht es? Noch immer müde? Noch immer nicht ganz in die Wirklichkeit zurückgekehrt?« Und die Hand, die auf meiner Stirn gelegen hatte, hob meinen Kopf, und die Stimme sprach weiter, sie fragte, und ich sann auf Antworten und ward herausgerissen aus dem Bann der riesengroßen Müdigkeit, die mich nicht aus ihren Armen lassen wollte.

»Sie wissen ja noch gar nicht, wo Sie sich befinden!« sagte die Stimme zu mir. »Sie sind im Schlaf hierhergekommen und, wie es scheint, hätten Sie Lust, noch eine gute Weile weiter zu schlafen, und gewiß sind Sie böse, daß man Sie weckt. Aber Sie sollen nur für eine ganz kurze Zeit Ihrem Schlaf entrissen werden, sollen nur ein paar Fragen beantworten, dann dürfen Sie in Ihr Traumland zurückkehren. Sie haben doch geträumt, nicht wahr? – Sie haben etwas sehr Schönes und Liebes geträumt?«

So weit reichen meine Gedanken, wenn ich an die erste Begegnung mit ihr zurückdenke – nein, ich vergesse etwas, ach, ich vergesse wohl das Bedeutungsvollste zu sagen, das, was in all dieser späteren Zeit unzählige Male wieder vor mir auferstanden ist! Während sie sich über mich beugte, zu mir sprach – während ein leises, etwas rätselvolles Lächeln um ihre Mundwinkel spielte – während dieser ersten Minuten unserer Begegnung stand urplötzlich und greifbar lebendig die Erinnerung an jenen Abend in des Dichters Haus im Grunewald in mir auf.

Ich sah die Menschen, die dort zugegen gewesen waren – ich fühlte wieder die Angst, die ich damals in mir trug, fühlte die Ahnung eines Erlebnisses, das mir bevorstand. Ich erlebte die Person des Dramas, ich weiß, daß ich das Gefühl einer starken Auflehnung gegen des Dichters Stellungnahme hatte, und ich saß dann im reichen Hause des Herrn Melanter oben in meinem Zimmer und malte halb ohne Bewußtsein den Kopf jener Frau, um die die Handlung des Dramas sich bewegt hatte.

All das stieg mit rasender Geschwindigkeit visionenhaft vor mir auf. Ich sah Bild um Bild an mir vorüberziehen, und dann – als ich wieder allein in dem weißen Zimmer lag, als Traum und Wirklichkeit wieder ineinanderflossen, da blieb als letztes nur noch die Vision des Bildes, das ich an jenem Abend gemalt hatte. Dem ich, um das Grauen, das von ihm ausgegangen war, zu verwischen, einen Heiligenschein um den Kopf gezogen und dem ich das Lächeln um die Mundwinkel ausgelöscht hatte, so daß eine Unirdische, eine Madonna aus ihm geworden war. Diese Madonna, das wurde mir jetzt in jäher Erkenntnis klar – die war niemand anders als diese Frau, die hier in diesem weißen Zimmer an meinem Bett gestanden hatte.

So weit gehen meine Erinnerungen nach jener ersten Begegnung mit ihr, dann kamen wieder Dunkelheiten oder Schmerzen, oder es kamen Träume, die mich in unbekannte Welten führten, und wenn ich zur Wirklichkeit erwachte, dann war die Schwäche so groß, daß alles, was um mich her vorging, wie Schattenbilder an mir vorüberzog.

Einmal aber, an einem Morgen, als ich durch ein starkes Getränk zum klaren Bewußtsein zurückgezwungen war, sah ich eine Schwester mit einem gutmütigen, alltäglichen Gesicht neben mir sitzen, und von ihr erfuhr ich, daß ich sehr krank gewesen und daß ich mich nun auf dem Weg der Genesung befinde.

»Die Frau Oberin ist sehr zufrieden mit Ihnen!« schloß sie. »Die Frau Oberin möchte nur, daß Sie am Tage weniger schlafen, als Sie es bisher getan haben.«

Der Bericht der überstandenen schweren Krankheit machte keinen erschreckenden Eindruck auf mich. Es schien mir, sobald ich zu denken vermochte, als selbstverständlich, daß ich sehr krank gewesen sein mußte. Aber die Worte der Schwester, die sie über die Frau Oberin sagte, die berührten mich auf eine eigentümliche Weise. Das Bild stieg wieder vor mir auf – das Bild der Madonna, das ich gemalt – und die Angst kam wieder, zitternde Ahnungen füllten meine Seele, und ich fragte mit unsicherer Stimme, als begehe ich ein großes Unrecht mit dieser Frage: »Wer ist die Frau Oberin, von der Sie sprechen?«

Die Schwester lachte. »Nun, Sie müssen wirklich sehr krankgewesen sein!« antwortete sie. »Die Frau Oberin pflegt, zweimal am Tage alle Kranken, die in der Klinik liegen, zu besuchen. Bei Ihnen ist sie aber weit öfter gewesen, denn sie hat Angst um Sie gehabt!«

Ein seltsames Glücksgefühl zog in mein Herz. Ich hätte der Schwester für irgend etwas danken mögen und ich schämte mich doch zugleich vor ihr.

Sie fragte, ob ich Wünsche habe, und als ich verneinte, ging sie, und ich lag in dem stillen, stillen Zimmer, und meine Gedanken flogen zu Maria und ich hätte sie bitten, hätte sie anflehen mögen: »Komm zu mir, Maria! Hilf mir, nimm mich zu dir in dein gutes lichtes Haus und sprich zu mir von Widun, von dem guten treuen Widun, den ich liebe, den ich über alles in der Welt liebe und den ich bis ans Ende meines Lebens lieben will!«

Lange und sehr kindlich sprach ich in dieser dringlichen Weise zu Maria und war wieder ganz der Wirklichkeit entrückt. Aber dann schrak ich heftig zusammen.

Vor meinem Bett stand eine weiße Gestalt. Sie trug ein kittelartiges Kleid mit langen Ärmeln, die am Handgelenk geschlossen waren. Das Haar war glatt aus der Stirn gestrichen. Das Gesicht war nicht schön, aber es hatte einen besonderen Ausdruck den man nur bei Menschen zu finden pflegt, die viel gedacht und vielgelitten haben und die dann zu irgendeinem Kompromiß mit dem Leben gekommen sind. Man weiß bei solchen Menschen nicht, ob sie wirklich und endgültig sich besiegt haben und fest in dem Erdreich, das sie für sich erwählt haben, wurzeln oder ob sie im tiefsten Innern doch noch geheime Hoffnungen auf das Eigentliche, das ganz Große, auf das, was erst wahrhaft »Leben« bedeutet, in sich nähren.

Seltsam forschende Augen blickten in mein Gesicht – Augen, voll von Rätseln, gütig und beunruhigend zu gleicher Zeit. Kühle, feine Hände hielten die meinen gefaßt. Schweigend blieb sie für Minuten an meinem Bett stehen, wie um die Seele ohne die Zuhilfenahme von Worten ergründen zu wollen, und meine Augen irrten von ihr ab, suchten bang nach irgend einem Ruhepunkt und fanden den weißen, funkelnden Nadelbaum, der, von einem leichten Wind bewegt, vor meinem Fenster leise Neigungen nach rechts und links ausführte.

Dann plötzlich war der ganze Raum erfüllt von jener feinen harfenartigen Musik, die ich im Traume unablässig gehört hatte. Meine Augen kehrten zu ihr zurück und ich begriff, daß die Musik die ich hörte, aus dem Munde dieser weißen Frau kam. Daß sie zu mir sprach und daß wieder dieses eigentümliche Lächeln um ihre Mundwinkel lag – dasselbe Lächeln, das ich auf dem Bilde meiner Madonna ausgelöscht hatte, weil es mich erschreckt und beunruhigt hatte.

»Ja, das ist eine ganz verhängnisvolle Woche gewesen«, sagte sie mit dieser Stimme, die wie lauter weiche, schmeichelnde Akkorde eines unirdischen Instruments an mein Ohr schlug. »Ich habe das eigentlich noch nie erlebt, daß ein Mensch so hartnäckig auf seinem Schlaf beharren kann. Aber vielleicht war es eine Notwendigkeit für Sie, denn es gibt ja wohl wirklich eine Art von Krankheit, die nichts anderes als übergroße Erschöpfung ist und die nur durch Schlaf geheilt werden kann. Haben Sie besonders schwere oder anstrengende Zeiten hinter sich? Haben Sie einen Beruf?«



Es sind wieder Tage vergangen, seit ich dieses Letzte schrieb. Tiefe Mutlosigkeit ließ mich den Blättern davonlaufen. Es hat ja wohl doch keinen Zweck all dieses der Vergangenheit von neuem zu entreißen – Nebensächlichkeiten als Bedeutungsvolles hinzustellen, die Seele wieder und wieder zu belasten mit dem, was sie doch von sich weisen will und muß!

Und doch – und doch – Maria läßt mich nicht los! Maria nennt es Feigheit, wenn ich jetzt fahnenflüchtig werde – also fahre ich fort.

Ich erzählte ihr, der Oberin, von meinem Malerberuf und von dem ewig wogenden Stimmungschaos, das damit verbunden war. Von der Großmutter erzählte ich, durch die ich nach München gekommen war – und von Widun! Ach, ich weiß nicht, wie es möglich war, einem fremden Menschen sogleich von allem, was man sonst ängstlich in sich zu verschließen pflegt, zu erzählen – und ebensowenig kann ich begreifen, daß sie mir jemals »fremd« gewesen sein soll!

Gibt es nicht Menschen, die uns im bürgerlichen Leben ganz nahestehen, mit denen gemeinsam wir die größten und einschneidensten Erlebnisse haben können? Die uns auch lieb und in gewissem Sinne vertraut geworden sind und die doch ewig als »Fremde« neben uns hergehen. Und dann plötzlich kommt da wie eine Erscheinung aus unbekannten Welten jenes Wesen, das einfach alles von uns weiß, was in uns ist, das uns in die Augen schaut, dessen Hände unsere Stirn berühren und das mit einem Schlage alles von uns erhält, was wir vor jedem andern verzweifelt als unser eigenstes Eigentum verteidigen würden!

Mir war, ich hörte leises Rasseln von Ketten. Mir war, als schöbe sich ein Riegel vor irgendeine Tür, die ich nicht kannte – ach Gott, mir war, als ob diese klugen Augen den Blick einer Schlange hätten, die das Geschöpf das sie sich zur Beute erkoren hat, erst seines Willens beraubt und es sich gefügig macht, um ohne Widerstand sein Schicksal hinzunehmen.

Als sie gegangen war an jenem Tag, war eine Leere in dem weißen Zimmer, als habe alles, was »Einsamkeit« in der Welt bedeutet, sich zusammengetan, um eine grenzenlose Trostlosigkeit breitausströmend um mich herfluten zu lassen – immer höher anschwellend, bis ich in einem Meer von Not und Verlassenheit schwamm und vergeblich suchte, jene zwei Menschen, die mir die Pole meines Lebens waren: um Marias und Widuns geistiges Bild zu mir zu rufen!

Die Schwester kam und ging, und auf ihr Zureden aß ich und sprach mit ihr und schwamm doch immer in dem uferlosen Meer hoffnungsloser Traurigkeit und blickte dann, als der Abend kam, in das Licht einer kleinen weißverschleierten Lampe und sah die Nacht, die bevorstand, wie ein böses, schwarzes Ungeheuer auf mich zukriechen – mit weitgeöffnetem Rachen, mit funkelnden, feindseligen Augen – und –

Was berührte mich da? Was füllte plötzlich das Zimmer bis auf den letzten Winkel aus? Was griff mitten in mein Herz hinein, daß es erschauerte??

Immer, solange ich mit Bewußtsein in dem weißen Zimmer geweilt habe, ist der Besuch der Oberin mit einem Schreck für mich verbunden gewesen. Nie hörte ich eine Tür gehen, wenn sie kam – nie einen Schritt auf der Diele! Wie eine Erscheinung war sie da und nahm aus meiner Seele heraus, was sie nehmen wollte und immer dann, wenn meine Angst und Verwirrung im Begriff waren, sich zu lösen, wenn Klarheit in meine Gedanken kommen wollte, war sie wieder fort.

Ich sehnte mich ins Leben zurück und zitterte zugleich vor dem Augenblick in dem ich dieses weiße Zimmer verlassen mußte.

Die junge Schauspielerin besuchte mich und erzählte, welche Angst sie um mich durchlebt habe. Meine freundlichen Wirtsleute kamen und sagten mir, daß sie mir an Stelle des kalten Ateliers für den Rest des Winters ein schönes warmes Wohnzimmer im ersten Stock ihres Hauses zu geben gedächten, und sie berichteten mir von dem Verkauf zweier Bilder, die ich ihnen übergeben hatte.

All das war lieb und gut und hätte mir die Rückkehr ins Leben erleichtern sollen. Aber nichts von dem, was sie mir sagten, drang in mein für Güte und Freundlichkeit sonst so empfängliches Herz hinein.

Ich hörte sie an und dankte ihnen und lag dann wieder in meinen Kissen und wartete, wartete – und hätte mir denken können, daß mein ganzes weiteres Leben nun nur noch aus dem Warten auf zwei kühle Hände und auf den Blick zweier rätselhafter Augen bestehen würde.

Eines Tages kam die Großmutter zu mir. Es bedeutete ein ehrliches Opfer von ihr, daß sie sich zu der Fahrt entschlossen hatte, und ich war betroffen über diesen Beweis von Sorge und Liebe und doch zugleich entsetzt über ihre Gegenwart.

Nein, o nein – in dieses weiße Krankenzimmer, in diese stille, weltabgewandte Traurigkeit, die ich mir geschaffen, in die paßte die gesunde alte Frau nicht hinein! Und doch – als meine müde Hand in ihren warmen starken Händen lag, als ich diese trotz Alters und einiger körperlicher Leiden ungebrochene frohe Stimme hörte, da war wieder jenes seltsame Band, das sich nicht zerstören ließ, zwischen uns beiden da, und ich weiß gewiß, wenn es so gekommen wäre, wie sie es wünschte, wenn ich kräftig genug gewesen wäre, um die Reise in ihr kleines, graues Haus mit ihr zu machen und dort in ihrem warmen Wohnzimmer am Ofen mit ihr gesessen und Freiligrath und Shakespeare und die Bibel gelesen hätte, dann wäre Gesundheit und Lebensfreude ganz schnell zu mir zurückgekehrt.

Aber ich war ja müde und wollte müde sein, und plötzlich war – wie immer als Erscheinung wirkend – die Oberin da, stand in ihrem weißen Gewand an meinem Bett, schaute erstaunt zu der alten Frau hin, die sie sehr schnell als die Großmutter aus meinen Erzählungen erkannte.

Während die beiden forschende und tastende Blicke wechselten, fuhr es wie jähes Erschrecken durch meine Seele – wie ein blitzartiges Erkennen: »Feinde! Diese beiden Frauen können einander nur feindlich gesonnen sein!«

Warum? Ach, gibt es Antworten auf solch ein Warum? Gibt es nicht Dinge, die ohne Erklärung, ohne Möglichkeit einer Änderung eben so sein müssen, wie sie sind!? So gut es im Tierreich Kreaturen gibt, die die Natur als Feinde gegeneinander hervorgebracht hat, so gut ist das auch bei uns vernunftbegabten Geschöpfen der Fall, und sehr schwer und bitter ist es für den, der mit seinen Gefühlen und Versöhnungsbestrebungen zwischen zwei solchen Menschen steht und vergebens hofft, ein Band zwischen ihnen knüpfen zu können.

Die Großmutter ging, ohne ein Wort über die Frau, die ihr Unbehagen verursacht hatte, zu äußern.

»Sieh zu, daß du bald gesund wirst, Ellinor!« sagte sie mit einem strengen Ton in der Stimme, und von dieser Stunde an nahm ich alles, was mir an Willenskraft geblieben war, zusammen und strebte nach Gesundheit, strebte zurück in das starke, laute, durch den Kriegsjammer schwer und hart gewordene Leben, das einen festen Sinn und frohen Mut zur Arbeit von einem jeden, der sich gegen den Untergang wehren wollte, forderte.

Aber wie unsäglich schwer ist es, sich aus Müdigkeit und Melancholie aufzuraffen, und wie doppelt schwer, wenn da ein Wille ist, der das Gesundwerden hemmt, wenn zwei Augen die Kraft haben, zu bannen, zur Schwäche zurückzuzwingen!

Und hab es dann doch fertiggebracht – und es war ein Sieg, ein ganz großer Sieg, von dessen Größe nur dieser arme Kopf, nur diese belastete Seele etwas wissen, weil sie den verzweifelten Kampf ausgefochten haben!

Die junge Schauspielerin kam und holte mich ins Leben zurück. Die Wirtsleute hatten ihre warme bunte Wohnstube für mich gerichtet. Blumen standen auf dem Tisch. Die Nachricht eines neuen Bildverkaufes ließ für einen Augenblick leise Freude in meinem Herzen erstehen. Die Wirklichkeit breitete warme, gute Arme nach mir aus, und doch schwamm ich weiter in einem Meer der Trauer, war völlig unfrei, war wie in einem tiefen, tiefen Traum befangen, sah immer nur zwei forschende Augen auf mich gerichtet und hörte die Stimme, die mir zum Abschied gesagt hatte: »Ich denke, Sie werden mich nicht vergessen, und wenn ich Ihnen helfen kann, dann stehe ich zu Ihrer Verfügung.«



Tage sind vergangen – untätige, leidvolle Tage – solche Tage, die wie schwere, belastete, von müden Gäulen gezogene Wagen über schlechtes, holpriges Pflaster mühsam hinrollen. Tage, die keinen Anfang, keine Mitte, kein Ende hatten. Tage, die wie Jahre waren und in denen ganze Welten von unerhörten Möglichkeiten an einer in Todestraurigkeit erstarrten Seele vorübergezogen sind.

Was war geschehen mit mir? Welche Umwälzungen waren in mir vorgegangen? Was lauerte aus allen Winkeln meiner Umgebung auf mich? Welche geheimnisvollen, dräuenden Mächte trieben ihr Spiel mit mir?

Meine Gedanken irrten zwischen Vergangenheit und Gegenwart umher und konnten die Verbindung nicht mehr finden.

Ich wußte nichts mehr von Widun und von seiner Güte, Wärme und Innigkeit. Nur seinen Namen kannte ich noch.

Wo war er? Warum ließ er mich allein, da ich doch seiner bedurfte, mehr als je im Leben? Wohl kamen Briefe und Karten von ihm, die mir meldeten, daß er lebte und meiner gedachte, aber keines seiner lieben Worte hatte die Macht, mir bis ins Herz hineinzudringen. Nie gelang es mir wie sonst, sein Bild vor mir erstehen zu lassen, seine Stimme zu hören, den Blick seiner Augen zu fühlen – er war zu einem Nichts zerronnen!

Und Maria – wo war Maria? O, Maria war wie ein kalter, ein harter Vorgesetzter für mich geworden, der immer nur das Eine wiederholte – immer nur dies Eine: »Schreib und erkenne dich selbst!«

Was aber soll ich schreiben! Wie soll ich anpacken, was vor mir flüchtet, was mir entgleitet und meiner höhnt, sobald ich bereit bin, meine Hände nach ihm auszustrecken!

O, meine armen, armen Gedanken, die ihr mir sonst so treu und willig zu gehorchen pflegtet, was ist mit euch geschehen? Wer hat euch so entsetzlich verworren, daß ihr wie ein Schwarm heimatloser, verscheuchter, verängstigter Vögel dahinschwirren müßt – sterbensmüde und flügellahm und doch immer gejagt, gehetzt, zu Tode gepeinigt!

Wer ist's, der euch das antat, meine armen, armen Gedanken?

Als Antwort höre ich leises jammervolles Schluchzen. Meine Augen sehen in dunkle, grauenvolle Tiefen hinein, und alles rast in mir und stöhnt und wehklagt und jammert, und meine Hände krampfen sich zusammen und ich flehe zu Gott, ich rufe ihn an in meiner entsetzlichen Not: »Hilf mir! Gib mir meine Ruhe, meine Klarheit wieder! Laß mich nicht versinken!«

Aber der Gott, zu dem ich flehe, hat keine Gnade, kein Gehör für mich. Eine feinzarte Musik hebt an zu tönen, eine kühle Hand berührt meine Stirn und ein weißes Gesicht beugt sich zu mir herab und ist sogleich wieder verschwunden.

Jählings darauf ein anderes Bild: Jener Abend in des Dichters Haus im Grunewald die bangen Ahnungen und die Auflehnung gegen das, was er las – und dann und dann.

O, ich will doch nicht – will doch nicht!! Herrgott im Himmel, warum ersiehest du eines deiner armen Erdengeschöpfe dazu aus, daß sie alle Nöte, alle Pein, die das Leben auf Erden bringen vermag, auskosten müssen – daß sie, obwohl der Wille zum Guten und Rechten groß und ehrlich in ihnen ist, immer wieder auf dunkle Pfade gedrängt werden und vor sich selbst erschauern müssen? – Was ist denn geschehen mit mir?

Ich hörte eine Dichtung vorlesen, in der nicht bis in seine tiefste Notwendigkeit hinein verfolgt – vom Dichter geschildert wird, wie die Liebe einer Frau auf eine Geschlechtsgenossin fällt – in der geschildert wird, auch wieder ohne die tiefe Notwendigkeit zu erklären, daß sie etwas Schändliches, etwas Lasterhaftes sei und – indem ich an jenem Abend diese mir bisher unbekannten Möglichkeiten in meine geistige, meine seelische Welt aufnahm, war auch zugleich das qualvolle Erkennen da, daß dieser Abend das Vorspiel für ein Erleben, das auf mich wartete, sein müsse. Daß alles für mich vorbestimmt sei, wie ja wohl eines jeden Menschen Schicksal vorbestimmt ist – so bis ins kleinste hinein vorbestimmt, daß er auch nicht einen einzigen Schritt aus einem freien Willen, aus eigenem Ermessen und Erkennen zu tun vermag, sondern daß alles, alles von irgendwelcher Urmacht vorgeschrieben ist.

O – aber wohin verirre ich mich? Was haben solche Gedanken und Erwägungen mit dem, was ich nach Marias Willen niederzuschreiben habe, zu tun? Und also kehre ich zum wirklichen Geschehen zurück.

Ja, ich verbrachte Tage, die ohne Anfang, ohne Mitte, ohne Ende waren, und ich wartete – auf das Unerhörte – auf das Unaussprechliche – auf das Schicksal wartete ich.

Ich sah zur Tür und ich sah zu den Fenstern hin und ich fragte mich: »Welchen Weg wird es nehmen? In welcher Gestalt wird es zu dir kommen?« Und ich war wie ein Kind, das an alle Märchenwunder glaubt, war glücklich und bis in die Tiefe hinein elend zu gleicher Zeit und wartete wartete.

Eines Tages lagen dann wirklich die kühlen Hände, von denen ich unablässig träumte, auf meiner Stirn, und die Augen, die aus meiner Seele eine Wildnis gemacht hatten, die blickten mich an und machten mich jählings ruhig und klar.

Sie trug kein loses, weißes Gewand an diesem Tage. Wie alle andern Menschen, die im wirklichen Leben stehen, die über Straßen wandern, die essen, trinken, schlafen und arbeiten – ja, wie jeder andere, einfache und natürliche Mensch stand jene Frau, die mir bis zu dieser Minute »Erscheinung« gewesen war, urplötzlich vor mir! Ach – und es war ein Jauchzen, war eine unaussprechliche Erlösung in mir, daß sie ein irdisches Wesen war, daß sie nicht mit irgendwelchen unsichtbaren Mächten im Bunde stand und die Absicht und die Fähigkeit hatte, die Seele eines armen Menschen, der den Boden unter den Füßen verlieren wollte, in dunkle Abgründe hineinzureißen. – Mit einem stillen, fast heiteren Gesicht saß sie bei mir in der behaglichen Wohnstube und ließ sich erzählen und hörte zu und erzählte dann auch einiges von sich selbst.

Als ich ihr von meiner Mutlosigkeit, von meiner Angst vor der Rückkehr in das Leben der Wirklichkeit sprach, als ich ihr über die endlose Länge dieser letzten Tage klagte, zog sie mich mit beiden Händen aus meinem Sessel, in dem ich lag, in die Höhe und ruhte nicht, bis ich Straßenkleider angezogen hatte. Sie nahm mich mit sich hinaus, mitten in ein lustiges Schneetreiben hinein – durch belebte Straßen, über Plätze mit Jahrmarktsbuden und schreienden Verkäufern und stand dann endlich mit mir auf der Isarbrücke, und ein eisiger Wind fegte und heulte um uns herum.

Die Isar hatte gar kein Wasser, sondern war ganz in grünlich glänzendes Eis gewandelt, und es war etwas Grandioses und zugleich etwas unsäglich Ergreifendes, was aus dieser Erstarrung der sonst fließenden, lebendigen Wassermassen zu uns sprach.

»Symbol« sagte sie leise. »Vielleicht ist es Naturgesetz, daß manchmal solche Erstarrung über Dinge und Menschen kommen muß – und wenn es nur sei, um uns das Glück des »Wiederlebendigwerdens« erleben zu lassen! Alles im Leben ist Naturgesetz und alles ist gut, wie es ist. Wir sollten nur viel mehr Ehrfurcht vor dem, was man »Bestimmung« nennt, haben, dann würde das Leben uns weniger bedräuen und beängstigen!«

Sie nahm dann meine Hand in die ihre und sah mir in die Augen. »Seien Sie nur immer ganz Sie selbst – immer so, wie Sie von innen heraus sein müssen! Nicht glauben, daß Sie gegen irgend etwas, was in Ihrer Seele begründet, was also Ihr Schicksal ist, mit Ihrem Willen angehen könnten! Vielleicht hat dieser lustige Isarstrom sich auch zur Wehr gesetzt, als er in seinem Lauf gehemmt werden sollte, und hat dann doch gehorchen müssen! Prägen Sie dieses Bild in sich ein und nehmen Sie es mit nach Hause und bei allem, was kommen mag, immer nur das Eine denken – immer nur das Eine erkennen: Naturgesetz!«

»Naturgesetz!« Wie dieses Wort gleich einer tiefen dunklen Glocke in mir schwang, nachdem ich in mein Zimmer zurückgekehrt war! Befreiung und Erlösung von einem entsetzlichen Bann bedeutete es mir. Jählings eine ganz neue Einstellung allen Dingen gegenüber und gutes, warmes, bis in die Tiefe dringendes Begreifen!

Was kann es denn an Unheilvollem und Dräuendem überhaupt noch geben, hält man als Entzauberung das allmächtige Wort »Naturgesetz« dagegen!

»Ja, alles in der Welt ist Naturgesetz!« sprach ich ihr nach, »und es ist herrlich, daß es so ist – daß ewige Gesetze – vom Menschengeist unbeeinflußbar, über uns walten!«

Die Welt hat andere Farben für mich bekommen. Ich lebte nun nicht mehr an den Menschen vorüber. Ich war ganz und voll bei ihnen, wenn sie zu mir kamen, und ich verstand den Sinn ihrer Worte, wenn sie zu mir sprachen. Das Bewußtsein meiner selbst war mir zurückgegeben. Aber die Vergangenheit, die vor meiner Krankheit gewesen, die war gestorben oder war doch so weit von mir fortgerückt, als läge ein Menschenalter zwischen ihr und mir.

Wer war dieser Widun, der mir nach wie vor seine Grüße sandte und mit Angst und Sorge nach meinem Befinden forschte? Wie kam er dazu, Angst und Sorge um mich zu tragen? Was ging dieses »Ich«, das aus mir geworden war, ihn noch an?

Und all die Menschen, die in Berlin lebten, die mir gut und freundlich gesonnen waren und an meinem Ergehen Interesse nahmen, was gingen sie mich an?

Ist es nur eine krankhafte Verirrung oder gibt es das wirklich, daß ein Mensch aus sich selbst wie aus einem Kleide, das er ablegt, herauszuschlüpfen vermag und gänzlich – von Grund auf ein anderer wird und nicht die geringste Sehnsucht nach dem, was er einmal gewesen und was ihm einmal Glück bedeutet hat, in sich trägt?!

Ob einer von denen, für die ich diese Blätter schreibe, Ähnliches erlebt – ob einer von ihnen mich begreifen wird, weil auch er jählings von seinem alten »Ich« Abschied nehmen mußte??

Was und wer aber ist dieses neue« Ich«, das aus mir geworden?

War es der Vogel Phönix der leuchtend und strahlend aus grauer Asche erstanden ist – war es die Vollendung dessen, was in dem, was vernichtet worden, nur seinen Anfang seinen Aufbau gehabt hatte?

O, fragt mich nicht – fragt mich nicht! Dieses »Ich« hieß Sehnsucht, hieß nur und nur Sehnsucht und Angst – und entweder Untätigkeit oder besinnungslose Arbeitsraserei! Dieses Ich war etwas völlig Unberechenbares und nur dann, wenn jene beiden Hände bei ihm waren, wenn die eine Stimme in seinen Ohren klang, wenn es an einem Arm, der es ganz lose und doch mit der Festigkeit einer Mauer stützte, durch belebte Stadtstraßen oder über einsame Feldwege wanderte, nur dann war Frieden und Ruhe in ihm – und immer war dann jenes Wort in seiner Seele – jenes große, allen Tumult niederschlagende Wort »Naturgesetz«!

Nie sagte sie mir in jener ersten Zeit, was sie damit auszudrücken beabsichtigte, wenn sie das Wort »Naturgesetz« aussprach.

An einem sonnenhellen Tage war ich in das graue Landhaus der Großmutter gefahren – zum ersten Mal seit meiner Krankheit – zum ersten Mal, seit ich das neue« Ich« geworden war.

Wie verändert war alles – welch fremdes Gesicht hatten die Räume, die Möbel, die Bilder an den Wänden! Wie grau und alt und häßlich war die Frau geworden, die mein Gesicht mit beiden Händen umfaßte und mir lange und prüfend in die Augen sah.

»Gut, daß du alles überstanden hast, Ellinor – und daß du aus diesem schrecklichen Krankenzimmer unversehrt herausgekommen bist! Denk dir, Kind – mir war ganz taumelig, als ich nach meinem Besuch bei dir wieder auf der Straße stand. Und das Gesicht jener Frau, die du Frau Oberin nanntest, das verfolgt mich heute noch und erscheint mir in der Nacht im Traum!«

»Warum, Großmutter?« fragte ich, und es war ein Zittern in meiner Stimme und irgendeine Hoffnung durchzuckte mich. Ich glaube, es war die Hoffnung, daß diese alte Frau, die noch heute so stark und fest und gerade auf ihren beiden Füßen stand die Macht haben könnte, mich mit Gewalt herauszureißen aus einer Welt, die mich ängstigte, die mich lähmte, die mich meines freien Willens beraubte.

»Menschen wie diese Frau«, fuhr sie fort, »die solch bannenden Blick in den Augen haben, die bringen es fertig, verheerend in das Leben anderer, schwächerer Menschen einzugreifen. Sie brauchen gar nichts Böses zu wollen – sie brauchen vielleicht überhaupt nichts zu wollen und richten doch Unheil an. Ich hatte Sorge um dich Ellinor, denn du gehörst leider zu den Passiven, die ihr Schicksal aus den Händen anderer Menschen erwarten, die in gewissem Sinne unterjocht werden wollen. Aber nun siehst du mich ganz empört an, und das freut mich, denn es ist ein gutes Zeichen für dich und dein Selbstbewußtsein. Nie jemandem erlauben, die letzte Kluft, die Mensch von Menschen trennen muß, zu überschreiten, es sei denn, du gibst dich mit vollem Willen und Bewußtsein einem geliebten Menschen ganz zu eigen. Dann kann und darf aus zwei verschiedenen Sphären, die um zwei Menschen bestehen, eine Einheit werden. Aber es muß mit voller Überzeugung von beiden Seiten geschehen! Nie sich vergewaltigen lassen – nie ängstlich, klein, von einem andern Willen unterjocht sein, Ellinor!«

Sie sagte all das mit einem etwas abwesenden Blick in den Augen, der ihr sonst nicht zu eigen war. Und es war, als ob sie selbsterlebten, schweren Dingen nachhinge, und vielleicht verstand sie deshalb eine unausgesprochene Frage, die meine Seele an sie richtete, denn mit einer ganz anderen Stimme fuhr sie fort: »Kein Mensch aber entgeht seinem Schicksal, Kind, und es steht alten Menschen nicht an, durch ihre eigenen Erfahrungen jüngere beeinflussen zu wollen. Irgendwo lauert auf einen jeden das, was sein Verhängnis oder sein Glück ausmacht. Ebensowenig, wie ich eine Medizin für dich schlucken und dich dadurch von einer Krankheit erlösen könnte – ebensowenig kann das, was das Leben mir gebracht hat, dich vor dem, was auf dich wartet, schützen!

Ich kann dir nur eines sagen: Halte deine Seele stark und frei und laß dich nicht von fremdem Willen unterjochen! – Aber wie sind wir nur auf diese etwas beklemmenden Dinge gekommen? Es ist doch alles bei dir in Ordnung, Kind! Du hast deine Kunst und liebst einen Mann, der gut und anständig ist. Es fehlt also nichts weiter, als daß du deine Gesundheit völlig wieder erlangst. Ah – und nun weiß ich auch den Anfang dieser meiner Gedankenkette. Jene Oberin aus dem Krankenhaus ist es gewesen. Gut, daß du von ihr fort bist! Aber nun komm und lies mir etwas vor – vielleicht die Rede vom Antonio – oder ein Stücklein »Sommernachtstraum«. Ich bin auf Shakespeare gestimmt, und er wird mir immer erst dann ganz lebendig, wenn ich ihn von einer Stimme, die ich genau kenne, vorlesen höre!«

Ich las Shakespeare und ich las Freiligrath und dann las ich etwas ganz, ganz anderes. Ein Büchlein von Stefan George trug ich bei mir, und ich las der staunenden Großmutter jene Verse vor: »Komm in den totgesagten Park und schau« – mit Tränen las ich, mit Angst und Pein in der Seele las ich, denn die gesunde, starke Welt, die die Großmutter vor mir errichtet hat, war vor mir versunken. Ich lag wieder in dem weißen Krankenzimmer und wartete und wartete. Ich wartete auf die »Erscheinung«! Die Großmutter nahm mir heftig das Buch aus den Händen.

»Nein, das mußt du nicht lesen, Kind! Herrgott – nochmal, was ist denn mit dir? Ganz aufgelöst in Tränen und nervös bis in die Fingerspitzen!« Und ich sagte nichts weiter, als das eine: »Laß mich fort von dir, Großmutter – laß mich nach München zurück! Ich muß arbeiten. – Vom Morgen bis zum Abend arbeiten, sonst werde ich nicht gesund!« Und sie nickte, und wie sie immer jedem das zugestand, was er als notwendig für sich selbst erachtete, begriff sie meine Weigerung, für längere Zeit bei ihr zu bleiben.

Am Abend saß sie an meinem Bett und hielt ein altes Buch in der Hand. »Ich könnte es auswendig sagen, Ellinor, aber ich will es lieber vorlesen. Hör gut zu und laß jedes Wort tief in dich hineindringen!« Und sie las den Spruch, der von der Freudigkeit und Festigkeit im Herrn handelte, und küßte mich dann und war wie ein guter starker Geist, der eine verängstigte Seele in Licht und Klarheit zurückzureißen bestrebt ist.

München, die frohe, schöne, belebte Stadt, lag immer noch in Eis und Schnee erstarrt. – Ich ließ die Tage verrinnen und schaute ihnen zu, wie sie kamen und gingen. Ich wußte, daß Krieg war und daß viele hundertausende von Menschen Unsägliches, Ungeheures, Unerhörtes zu leiden hatten und meine Seele hatte den frevlen Mut, an ihren eigenen Leiden und Nöten, wie an etwas, was Berechtigung hatte, festzuhalten.

Wie ist das möglich, daß das »Ich« in jedem Menschen so entsetzlich stark ist, daß es selbst angesichts solcher Katastrophe nicht klaglos in ein Ganzes aufgehen und verströmen kann!

An jedem zweiten Tag sah ich nun die Frau, die mir meine alte Welt verschüttet hatte und die mir eine neue für die, die sie mir nahm, noch nicht gegeben hatte!

Ich wollte malen, weil mein Kopf voll von Gedanken und Bildern war, und ich vermochte es nicht. – Ich wollte schreiben, weil ich nun selbst zu der Überzeugung gekommen war, daß das Niederschreiben Erlösung für mich bedeutete. Aber Kopf und Hände versagten mir wieder und wieder den Dienst. Ich lag Stunde um Stunde zurückgelehnt in einem tiefen Sessel und starrte zur Decke und wartete – wartete – wartete.





Maria, liebe, treue du. Hör mich an. Viele Wochen sind seit diesen letzten Aufzeichnungen vergangen, und trotz meiner Beteuerungen, daß es mir nicht möglich sei, willst du, daß ich weiter schreibe.

Maria, der gute Wille dazu ist da, aber du mußt mir helfen. Ich kann nicht so einfach mehr für »Alle« schreiben – nicht wie ein Redner kann ich sein, der aufs Podium steigt und zu einem Saal voll Menschen spricht.

Nein, zu dir ganz allein nur kann ich sprechen, und du mußt mir schon erlauben, daß meine Phantasie dich zur Zuhörerin macht.

Ich will träumen, daß es Dämmerstunde sei – Winterdämmerstunde. Draußen soll alles wild und kalt und bös und feindselig sein. Sturm, der pfeift und heult und schreit, und eisiger Hagelschnee soll gegen die Fenster schlagen und allerlei unholde, gewaltige Geister sollen hohnlachen oder wehklagen, und der Himmel soll kein Himmel sein, sondern ein häßliches, graues, zerrissenes Segeltuch mit vielen dunklen Flecken darauf und immer bereit, auf die traurige Erde niederzusinken und sie zu zerdrücken oder sie einfach in sich aufzusaugen, weil Leid und Not und Bosheit zu ungeheuer und unheilbar auf ihr geworden sind.

Ja – so soll es draußen aussehen. Wir zwei aber sitzen in meinem bunten Atelierzimmer in Berlin in der Ecke, in der das häßliche eiserne Öfchen steht, das in diesem Augenblick glühende Wangen hat und das im nächsten kalt und schwarz dasteht, als denke es gar nicht daran, je wieder seine Mission des Erwärmens zu erfüllen.

Aber das Öflein ist kein häßliches schwarzes Eisenrohr mehr. Meine Phantasie hat es zu einem schönen, weißen Kamin gewandelt, in dem dicke Eichenkloben liegen, um die die Flammen züngeln, an denen die Flammen lecken und fressen.

O weh – weh – Maria! Was ist das für ein Bild: Eichenkloben, an denen die Flammen fressen, und die Eichenkloben stöhnen und knistern in Weh und rasendem Schmerz.

Wie fühle ich das, warum fühle ich das?

Warum schreit da etwas in mir? Bin ich ein armer Eichenkloben, an dem eine Flamme frißt – eine entsetzlich grausame Flamme, die mir wehtut nur sengt, nur stückweise absplittert und doch nicht die Macht oder den Willen hat, zu verschlingen, den Todesstoß zu geben! Nur wehtut – wehtut – wehtut.

O Maria, nun hab ich geweint – in unendlichem Jammer geweint. Es hat etwas so weh getan, wie wenn ein bloßliegender Nerv von einem scharfen kalten Instrument mißhandelt würde. Ach nein – viel, viel tausendmal weher hat es getan, unbeschreiblich weh!

Aber nun ist es vorüber, und ich kehre zu meiner Phantasiewelt zurück! Also, wir sitzen in der halbdunklen Ecke des Berliner Ateliers an dem von meiner Einbildung geschaffenen weißen Marmorkamin, und die Eichenkloben brennen nun wirklich gut und behaglich, und es duftet nach Wald und Harz. Wie Schlangen laufen rote Feuerreflexe über den Boden hin, und dein Gesicht ist von rotem Schein übergossen, und du sitzt lieb und behaglich in einem bequemen Sessel. Ich hab mir ein niederes Schemelchen dicht zu dir herangerückt und sitze bei dir. Aber mein Kopf ist im Schatten und meine Augen sehen auf ein Stücklein roten Teppich – ganz starr sehen sie darauf, bis von dem Teppich etwas Gutes, Beruhigendes zu ihnen aufsteigt. Bis von dem Teppich Worte, Bilder, Gesichter, ganze Handlungen aufsteigen wie ein Kaleidoskop, immer wieder zerrüttelt und in neuen Farben und Formen erscheinend. Stunde um Stunde würde ich so sitzen und auf das Stücklein Teppich starren können. Aber da kommt ein leises, mahnendes »nun?« aus deinem Munde, und ein Ruck geht durch meinen Körper.

Du fühlst meine Angst, meine Not und fragst leise und gut: »Warum willst du es dir leicht und zugleich so entsetzlich schwer machen, Ellinor, indem du dir selbst immer wieder ausweichst? Du weißt doch, daß die Last in deiner Seele bleiben wird, bis du den Mut gefunden hast, dir selbst aus dem chaotischen Durcheinander, das in dir ist, ein klares Bild zu machen! Ja, das weißt du ganz genau, und dennoch -« Aber da ist plötzlich mitten in deine Worte hinein das über mich gekommen, was du »Mut« nennst. Du fühlst das und schweigst und beugst deinen Kopf so, daß ich nicht viel lauter als im Flüsterton zu sprechen brauche, wartest noch eine Weile, und dann ist da eine Stimme, irgendeine leise, oft etwas zitternde Stimme im Raum, und die beginnt dir folgendes zu erzählen:

Ja, Maria, es war etwas Merkwürdiges in meiner Stimmung an jenem Tage, von dem ich berichten will. Ein Sonntagnachmittag war es, und ich hatte drei Kleider vor mir ausgebreitet, und die junge Schauspielerin stand bei mir, und ich fragte sie zum dritten oder viertenmal: »Meinen Sie wirklich, ich solle dieses lila Kleid mit dem weißen Spitzenkragen anziehen?« Und sie antwortete: »Ja, das sollen Sie. Es ist ein Kleid zum Liebhaben. Es hat etwas Zärtliches an sich, und wenn Sie es tragen ist es, wie wenn es kein Kleid, sondern ein Stück von Ihnen selbst und Ihrem Wesen wäre. Dieses Kleid ist so, daß man es immer streicheln möchte – es klingt vielleicht paradox, aber es erweckt zärtliche Gefühle!«

So sagte sie, und ich zog das Kleid an. Maria, mit einem sehr schlechten Gewissen zog ich es an. Irgend etwas in mir sträubte sich gegen dieses Kleid und sagte »nein!« aber etwas anderes in mir sagte »ja« und polterte und schlug einen Höllenlärm, und da zog ichs an.



Ich fuhr zum Theater, und die andere, Maria, die Oberin, die fuhr auch zum Theater. Um dieser anderen willen hatte ich das zärtliche Kleid angezogen.

Wir trafen uns in der Säulenhalle des Vorbaus. Als sie mir die Hand gab, knisterte etwas wie ein elektrischer Funke, und sie sah mich an und lächelte dabei und zog mich dann einen schmalen Gang entlang und suchte unsere Plätze.

Was gespielt wurde, willst du wissen, Maria! Es war die Oper »Evangelimann ». Nur um der Ouvertüre und um des zweiten Aktes wegen war ich hingegangen. Kennst du die Melodie der Seligpreisungen, dieses immer wiederkehrende Motiv »selig sind, die Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich!« Das ist eine so eindringliche Musik, ist schmerzhaft und tröstlich zu gleicher Zeit, ist rein und himmlisch und zieht Brücken von unserer leidschwangeren Erde hinauf zu dem, was wir das Jenseits nennen. Macht kinderselig und vertrauensvoll, läßt alles Böse, Dunkle, Erdenschwere in tiefe Versenkungen hinabgleiten, und wenn man endlich aus dem Theater hinaus ist, dann geht die fromme inbrünstige Musik noch mit und verklärt für eine Nacht und vielleicht auch noch für den folgenden Tag das schwergewordene Leben!

Ja, so hatte ich empfunden, als ich vor kurzem mit der jungen Schauspielerin in dieser Oper gewesen war, und aus eben diesem Grunde des Erlöstseins von dunklen Schmerzen und Bangigkeiten hatte ich den Wunsch gehegt, mit jener Frau, an die ich unablässig denken mußte, diese Musik wieder zu hören. Aber seltsam war es, Maria, an diesem Abend war die Wirkung des Werkes auf mich eine ganz andere. Diese kluge Frau, die so fest im wirklichen Leben steht, hielt mich auf unserer grauen Erde fest. Ich empfand Längen in den einzelnen Akten, und die vielfache Wiederholung desselben Motivs erschien mir ermüdend. Ich lächelte fast über die junge Schauspielerin und mich selbst, denn wir hatten uns damals, als wir zusammen die Oper sahen, wahrscheinlich einer tiefen Ergriffenheit folgend, die Hände geben müssen, und das schwärmerische Mädchen hatte Tränen vergossen.

An diesem Abend aber sah ich ein paarmal nach der Uhr und ersehnte den Schluß. Es war Ungeduld in uns beiden. Kaum war der letzte Ton verklungen, so eilten wir, als ob ganz Unaufschiebbares auf uns wartete, zur Garderobe und dann hinaus ins Freie. Eilten aus dem Schwarm der Menschen fort und standen endlich im Schatten eines Riesenbaues und gingen in einer Säulenhalle auf und nieder. Leiser Regen kam hernieder. Es war kühl aber trotzdem wir uns im Februar befanden, lag schon starke Frühlingsstimmung in der Luft – Sehnsuchtsstimmung! Wir gingen nebeneinander her und hatten uns an den Händen gefaßt, wie Kinder einander halten, wenn sie durch Dunkelheiten gehen.

Aus ihrer Hand strömten seltsame Dinge in mich über: Irgendwelche süßen Erinnerungen aus längst verflossener Zeit, etwas sehr Zartes und doch sehr Mächtiges. Wenn ihre Hand den Druck verstärkte, zitterte etwas in mir, und ich lauschte mit halboffenem Mund auf das, was sie sagte, auch wieder so, wie man vor langer Zeit auf Märchen zu lauschen pflegte. Und doch erzählte sie da eine Geschichte, die mit einem Kindermärchen nichts zu tun hatte.

Es war ihr etwas sehr Peinliches und Erregendes begegnet in dieser jüngst vergangenen Zeit. Sie hatte eine Schwester, die sie von früher her kannte, zu sich in die Klinik genommen – diese Schwester hatte lebhafte Zuneigung zu ihr empfunden – mein Gott – ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang sie das erzählte. Aber das unglückselige Geschöpf war gegangen und hatte Morphium getrunken und wäre totsicher zugrunde gegangen, wenn – Nein, sie starb nicht, Maria, man rettete sie, brachte sie in ein Hospital und entließ sie natürlich. Sie hat dann nach ihrer Gesundung ein paar aufgeregte, respektlose Briefe geschrieben und lebt nun weiter.

Du fragst »warum?« und auch ich hab mich an jenem Abend gefragt, »warum erzählt sie das?« Aber der Regen begann heftiger zu strömen, und die Menschen, die in der Halle des Baues auf und nieder gingen, mehrten sich. Man konnte nicht mehr über Dinge reden, die nicht für andere bestimmt waren. Nach langem Suchen fanden wir einen Wagen, der bereit war, uns aufzunehmen. Wir saßen sehr eng aneinandergedrängt in diesem Wagen, und es war plötzlich eine große Ergriffenheit in uns beiden.

O Maria, Maria, wenn ich bis dahin geglaubt hatte zu wissen, was das heißt, einem andern Menschen mit allen Gedanken, mit seiner ganzen Seele verfallen zu sein, dann erschien mir das an diesem Abend als ein ungeheurer Irrtum. Das, was ich jetzt empfand, war das Süßeste und Sublimste und zugleich das Mächtigste, was ein Menschenherz bewegen kann – es war tiefes, verzweifeltes Wünschen und fast unirdische Wunschlosigkeit zu gleicher Zeit – es war ein seliges Entschweben von der Erde und war zitternde Sehnsucht nach irgendeiner ganz heißen Erfüllung.

Mir war, als ob der Arm, der sich um mich gelegt hatte, die Kraft besäße, mich zu tragen – mir war, als ob alles, was mich bisher zum körperlichen Menschen gemacht hatte, in ein Nichts zerfiele und lasse nur die Seele noch übrig. Die Seele als ein zitterndes Etwas, das für sich allein nicht bestehen konnte, das sich – wie ein Vogel, der noch nicht zu fliegen vermag, in gute, warme, schützende Hände duckt.

Und saß doch und doch als Körper neben ihr und fühlte, wie sie langsam meine Hand in ihren Mantel schob, hörte ihre Stimme und verstand auch, was sie sagte – verstand es und verstand es auch nicht, denn aus mir, dem Einzelwesen, war plötzlich etwas Doppeltes geworden. Ich war das zarte Seelenwesen, das sich in blauen Höhen getragen fühlte, und war ein sehr irdischer Mensch, der in einem dunklen, etwas schreckhaften, aber wunderlich schönen Wald geführt wird. Ein Urwald muß es gewesen sein, denn seltsame Geräusche schienen um mich her zu sein, und alles ward von Minute zu Minute beängstigender, erregender, betäubender – O Maria, Maria!

Dann hörte ich – und die ganze Welt ringsum schien mir vom Klang dieser Worte erfüllt zu sein – dann hörte ich sagen oder fragen:

»Glauben Sie, daß es ein Abgrund ist? Kann es nicht ebensogut das Höchste sein? Wie kommt es, daß Menschen sich erdreisten, über etwas zu Gericht zu sitzen, was Naturgewalten in Seelen hineingetrieben haben? Ist denn die Natur nicht um Unendliches größer, gewaltiger und erhabener als der armselige Mensch, der mit seinem bißchen Verstand ewige Gesetze umzustoßen versucht? Wer kann über Dinge, die in der Gefühlswelt vor sich gehen, urteilen? Wer kann unterscheiden, ob sie göttliche Begnadung oder ob sie ein Höllengeschenk bedeuten? Sagen Sie, was denken Sie darüber?« – Und mein Mund sagte irgend etwas, aber das andere »Ich«, das zu Seele gewordene »Ich«, das duckte sich wärmer, fester, verängstigter an sie an.

Dann griff die Wirklichkeit in diese für uns neu erstandene Welt. Der Wagen hielt vor meinem Hause, und der Kutscher wollte als letztes für diesen Tag noch die Fahrt bis zur Klinik hinaus machen, denn der Regen strömte jetzt wild und klatschend auf die Erde nieder.

In dieser Nacht, Maria, ist die ganze Vergangenheit meines Lebens endgültig in Trümmer zerfallen. Alle Dinge wurden umgewertet. Ich hatte das Gefühl, aus der ganz freundlichen, aber etwas nüchternen Umgebung, in der ich bisher geweilt, heraus und in Glanz und Glorie hineingeführt zu werden.

In einem leichten, lichten Gewand schritt ich durch hohe Säulenhallen. Alle Schwere war von mir genommen. Die Luft schien mich zu tragen. Kosend und perlend war diese Luft – wie Champagner – ein wenig betäubend, daß alles, was grau und hart im wirklichen Leben ist, nicht mehr vorhanden war.

Aus der Säulenhalle heraus gelangte ich auf einen weiten, runden Platz, der von einer weißen, kunstvoll gezierten Marmormauer eingefriedigt war. In dieser Mauer waren viele, viele Nischen, in jeder Nische ein weißer Sessel, und auf jedem dieser Sessel saß ein unirdisch vergeistigtes Wesen, von dem man nicht erkannte, ob es Mann oder Frau war.

Ich blieb am Eingang des runden Platzes stehen und sah mich bang nach rückwärts um. Irgend etwas riß und zerrte an mir und eine dunkle Stimme schlug an mein Ohr: »Kehr um! Kehr um!« Und eine heiße, gewaltige Sehnsucht nach der schweren, traurigen Wirklichkeitswelt, die ich verlassen hatte, ergriff mich.

»Kehr um! Kehr um!« Und ich wandte mich, aber da war mir, als hörte ich leises Hohnlachen – und sieh, Maria – nichts im Leben kann mich tiefer verwunden, als der Hohn anderer Menschen, die Feigheit und Erbärmlichkeit von mir voraussetzen.

Ich sah zum Himmel hinauf. Ach, und der Himmel wölbte sich in einer so wunderbaren feierlichen Tiefe und Reinheit über diesem, von der Marmormauer eingefaßten Stücklein Erde, daß das ganz sichere Gefühl in mich einzog: Über einer Stätte des Lasters würde Gott der Allmächtige nicht so segnend walten können!

Irgendeine Macht riß mich auf die Knie. Ich sah nicht mehr die weißen Gestalten in den weißen Sesseln der Nischen sitzen. Ich war ganz allein mit dem Gott oder der Macht, die da oben in der blauen Himmelskuppel leben mußte, und ich weiß, daß ich laut gebetet habe. Ich war ganz meines eigenen Willens beraubt. Ich war ganz dem Überschwang der neuen, großen Gefühlswogen dahingegeben.

»Was willst du mit mir, der du die Geschicke lenkst, der du uns Menschen schufest und der du um unser Tun und Denken weißt! O sag es nur, was hast du vor mit mir? Was tat ich, daß ich so viel Sonderwege in meinem Leben gehen mußte? Was bin ich, daß ich nirgends Ruhe finden kann? Daß eine nie zu stillende Sehnsucht nach immer neuen Zielen sucht und doch nie und nie Erfüllung findet? O sag es mir, du, der du da oben waltest und an den ich glaube, von dem ich mich leiten lasse, da ich in mir selbst so schwach und mutlos bin. Gib mir ein Zeichen, damit ich erkenne, ob du mir gnädig bist, und wenn es das Richtige ist, daß ich von dieser Stätte des Glanzes in Grauheit und Nüchternheit meines alten Lebens zurückkehre, dann gib mir die Kraft und den Willen dazu!«

O Maria, nicht lächeln! Es war so verzweifelt ernst, wie ich betete. Mein Kopf beugte sich tiefer und tiefer, bis er zuletzt die Erde berührte. Und wie meine Demut und mein Schmerz so groß und maßlos geworden waren, daß ich im Begriff war, die Besinnung zu verlieren, da geschah etwas Seltsames. Fremde Hände griffen mir unter die Schultern, hoben mich leicht und sanft in die Höhe, und als ich stand, sah ich eine jener weißen, schönen Gestalten vor mir, die in den Nischen saßen.

Sie hatte ein unbeschreiblich süßes, tiefes, verklärtes Gesicht – so ein Gesicht, wie es nur Menschen haben können, deren Seele einmal an einem maßlos bitteren Schmerz gestorben und dann von neuem auferstanden ist. »Schwester«, sagte sie zu mir und nahm mich bei der Hand und sah mir lange in die Augen. »Du schauderst, Schwester – und zweifelst und scheinst mit viel Nöten und Ängsten zu kämpfen. Aber laß die Mutlosigkeit nicht an dich heran! Glaub mir, wir alle, die wir zuerst an dieser Pforte gestanden, wir sind nicht hocherhobenen Hauptes hier hineingeschritten! Auch wir haben in Pein und innerem Hader auf dieser Schwelle gelegen und hätten Welten darum gegeben, wenn eine Macht aus jenem andern Leben uns zurückgerissen hätte! Aber komm mit mir und schau dir an, was hier zu sehen ist. Sieh dir deine Schwestern und Brüder an, präg dir ihre Züge ein und blicke tief in ihre Augen!«

Es war so seltsam, Maria, die Stimme derer, die zu mir sprach, das war die Stimme der Oberin, und dieses weißgekleidete, engelhaft schöne Wesen, das hielt mich an der Hand, genau wie die Oberin mich während unseres Ganges durch die Säulenhalle in dem Stadtbau an der Hand gehalten hatte.

Sie schritt mit mir an all den Gestalten vorüber, und sie alle blickten ernst und gütig auf mich hin.

»Wir alle«, sagte meine Begleiterin zu mir, »die wir uns hier gefunden, wir haben das Höchste, das Allerhöchste, das, was es auf Erden nicht zu geben pflegt, gesucht. Zur ewigen Sehnsucht sind wir geboren – nicht zur einfachen Liebessehnsucht, die leicht ihre Erfüllung finden kann, sind wir geboren. In uns allen, die wir hier vereinigt sind, schlummert eine Kraft, die nur dann zu ihrer vollen Entfaltung kommen kann, wenn wir die verstehende Seele gefunden haben. Wir sind die schöpferischen, wir sind die Phantasiemenschen, die das Leben in einem anderen Sinne auffassen müssen als unsere ruhigeren, aus festerem Stoff geschaffenen Mitmenschen. Ein Gott gab uns Segen und Fluch zu gleicher Zeit. Wir haben es leicht, in andern Herzen Liebe und zärtliche Gefühle zu entfachen, denn den meisten von uns ist die Gewalt der Rede gegeben, und es wohnt eine Kraft in uns, die die andern Menschen zu uns zieht, und diese Menschen sind gern und willig bereit, uns ihr Bestes und Tiefstes zu geben. Und wir nehmen, was man uns gegeben hat, und geben und beglücken auch wieder, sind also eine Weile lang ein Segen für die, die uns lieben. Aber dann kommt der Tag, an dem wir fühlen, daß der Brunnen, der uns geboten war, ausgeschöpft ist. Er hat einen Boden und wir sind auf diesem Boden angelangt. Wir aber suchten und verlangten Unergründlichkeit des Gefühls, wir wollten ohne Ende schöpfen können, denn unsere Sehnsucht ist ja unsichtbar.

Die aber, die uns den ganzen Reichtum ihrer Liebe gegeben hatten und die nun sehen mußten, daß sie uns nicht zu befriedigen vermochten, weil wir Maßloses verlangten, die wandten sich traurig oder auch voll Wut und Haß und Verachtung von uns ab, und so wanderten wir wieder allein und suchten und rangen nach dem Frieden in uns selber.

Aber den Sehnsuchtsmenschen treibt es wieder und wieder zu Menschen hin – nicht immer zum körperlichen Menschen, denn unsere Liebe ist ja die seelische, die geistige Liebe, und das, was der Körper sich an Erfüllung zu geben vermag, ist nichts weiter als das letzte Ausströmen all der tiefen Gemeinsamkeit, die Geist und Seele gefunden haben.

Verstehst du mich?« fragte die weiße Gestalt neben mir, denn ich schwieg zu allem, was sie sagte. Als ich auf diese Frage hin zu ihr aufblickte, hatte ich wieder das Gesicht der Oberin vor mir, und auch ihre Stimme war es, die zu mir sagte: »Daß wir alle, die wir hier versammelt sind, den Weg zum eigenen Geschlecht zurückgefunden haben, das ist nicht Verdorbenheit oder Laster oder der Trieb nach gesteigerten oder unedlen Genüssen – nein, es ist die verzweifelte Erkenntnis gewesen, daß nur wir, die wir gleiches gedacht, empfunden, gesehnt und gelitten haben, daß nur wir selbst uns die ganz große, die bis in tiefste Seelentiefe reichende Erfüllung zu geben vermögen. Und nun sieh, ob all diese Mitschwestern und Mitbrüder hier dir Fremde sind, ob sie es verdienen, daß man häßliche Gedanken und niedere Worte gegen sie anwendet!«

Maria, das sah ich! Wen sah ich! Geheiligte Namen fielen mir ein. In tiefe, verklärte, von unendlicher Harmonie beseelte Gesichter sah ich, und meine Seele weitete sich und ward in ihrer Freude so groß, daß sie den ganzen Raum, in dem sie weilte, umfassen konnte. Musik war in meinen Ohren und ein Rauschen von Flügeln um mich her. Dann nahm die weiße Gestalt an meiner Seite mich in ihre Arme, und plötzlich hörte ich wieder das Motiv aus der Oper, die ich an diesem Abend gehört hatte: Selig sind, die Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich!

Aber da lachte die Frau an meiner Seite auf, lachte ganz laut und fast ein wenig roh, und alles fiel in sich selbst zusammen. Die Säulenhalle, durch die ich geschritten war, der runde Platz mit der Marmormauer und den vielen Nischen, und die weißen verklärten Gestalten waren fort, und ich selbst lag lang ausgestreckt auf dem Boden meines Zimmers und trug noch das lilafarbene zärtliche Kleid, und ganz laut und eigentlich entsetzlich schmerzhaft und schrill tönte die Opernmusik in meinen Ohren, aber das Wort »Selig« war nicht mehr dabei. Ich hörte nur immer singen: »verfolgt – verfolgt – verfolgt«!

Ach, Maria, Maria, warum willst du, daß ich bis zu Ende erzähle – warum läßt du mir keine Ruhe?

Sieh einmal, da liegt wieder so ein armer Eichenkloben, an dem die Flamme mit böser spitzer Zunge herumfrißt. Wenn sie es wollte, dann könnte sie das brennreife Holz ganz schnell in Flammen aufgehen lassen – aber sie will nicht – sie will nicht! Nur quälen will sie – nur wehtun – nur entsetzlich, entsetzlich wehtun!!

Maria, sei doch barmherzig und schieb den Kloben in die Flammen hinein, denn ich kann es nicht ertragen, wie er stöhnt und jammert. So, ich danke dir, Maria! Du hast eine gute, weiche, feine Seele, aber mich marterst du trotzdem ein wenig, da du verlangst, daß ich weiter erzählen soll.

Also höre dann, was weiter kam: Irgendwo schlug eine Uhr die dritte Stunde. Ich sah zu meinem Bett hin, aber es war nicht die geringste Lust in mir, darin zu liegen. Ich wollte denken und träumen und wollte meine Phantasie zwingen, mir das Gesicht, an das ich dachte, wahrheitsgetreu vorzumalen. Aber denk dir, Maria, wie ungeheuerlich das war, was jetzt geschah:

Ich sah ein weißes Tuch an der Wand erscheinen, auf diesem Tuch zeigte sich ein Frauengesicht nach dem andern und ein jedes von ihm hatte in gewissem Sinne Ähnlichkeit mit dem der Oberin. Aber niemals stimmte das Ganze. Irgend etwas in diesen Gesichtern war immer verunstaltet. Einmal waren es die Augen, die bös – ja geradezu teuflisch blickten oder der Mund hatte sich zu einem häßlichen, höhnischen Lachen verzogen – oder es entstand ein Kopf der Schlangen statt Haare trug, oder es war überhaupt eine Grimasse! Furchtbar, Maria, furchtbar! Und das dauerte lang, unsagbar lang – und immer war die Opernmusik in mir, immer sang die Stimme des Evangelimann das grausame »verfolgt – verfolgt – verfolgt!«

Und dann – dann – Maria, schieb bitte schnell diesen Kloben da in die Flammen – dann auf einmal war das Gesicht meiner toten Mutter auf der weißen Wand. In all seiner Süße und Schönheit und seiner unsäglichen Wehmut war es da und blieb stehen auf der Wand und sah mich an. O Gott, Maria, wie sah es mich an!

Ich weinte laut auf, weinte in solcher Verzweiflung, daß das Bild Leben bekam, und die, die mir einmal Mutter gewesen, die kam zu mir und hob mich so weit auf, daß mein Kopf in ihren Schoß zu liegen kam. Und dann sagte sie süß und leis' und die ganze begrabene Kinderwelt stieg bei ihren Worten vor mir auf – dann sagte sie: »Mein armes, mein verblendetes, mein unseliges Kind du. Ich weiß und sehe, was du tust und tun mußt, und wie sehr du leidest – und deine Irrwege sind es, die mir keine Ruhe in meinem Grabe lassen. Denn von all meinen Kindern bist du das Verwandteste mir. Sieh, auch ich bin niemals glücklich – niemals ohne Sehnsucht gewesen. Aber Sehnsucht ist uns nicht gegeben, um blind und hartnäckig auf dem Recht einer Erfüllung zu beharren. Nein, viel Feineres, Höheres und Größeres müssen wir aus dem Born unserer weltengroßen Sehnsucht zu machen wissen! Nicht in Abgründe sollen wir durch sie versinken, sondern in lichte Höhe uns tragen lassen.

Mein Kind, mein liebes Kind – alles, alles was du jetzt leidest, hab auch ich leiden müssen, aber ich ließ die Zügel nicht aus meinen Händen. Ich hab geblutet und bin viel geistige und seelische Tode gestorben, aber nie hab ich nachgegeben – nie! Man muß es nicht, wenn man nicht will! Du aber willst dir nachgeben, ich fühle es, und deine Schwäche, dein Verzweifeltsein, deine Todesangst, die haben mich geweckt und werden mich nicht eher wieder schlafen lassen, bis du zur Ruhe gekommen bist. Vergiß das nicht, mein Kind, vergiß das nicht. Nur durch dich kann ich die Ruhe wiederfinden!« Und sah mich noch einmal mit den Augen, die ich so maßlos, so ganz unaussprechlich geliebt hatte, an und küßte mich auf die Stirn und war fort.

Und mit ihr war auch das weiße Tuch an der Wand fort. Eine häßliche graue Dämmerung kam ins Zimmer hinein, so eine ganz schwache, haltlose Winterdämmerung, die wie böse, heimtückische, kriechende Tiere auf dem Boden und an den Wänden entlang sich hinzieht.



Ich fror plötzlich und hatte Angst und lief zum Schreibtisch. Da lag – als ob es so sein sollte, ein weißer Bogen vor mir, und eine endlose Lust zum Schreiben kam über mich.

An die Oberin schrieb ich – schrieb Dinge, die ganz ohne mein eigentliches Bewußtsein auf das Papier hintanzten und die dann doch sogleich Besitz von meinem Willen nahmen.

»Lassen Sie mich aus dieser Stadt gehen!« bat ich sie, »ich bitte Sie – verstehen Sie mich recht!« Und war ganz offen zu ihr, verbarg ihr nichts von allem, was in dieser schrecklichen Nacht in mir vorgegangen war, und als ich das letzte Wort geschrieben hatte, war Befreiung und Klarheit in meine Seele gekommen, und ich jauchzte fast und sah das Leben in lauter guten, ruhigen, tiefechten Farben vor mir liegen. Ich zog einen Mantel über das lila Kleid, ging durch das stille Haus auf die Straße, die regennaß und glänzend wie Glas dalag und warf den Brief in den Kasten.

Dann kam Todesmüdigkeit über mich, und ein geradezu toller Haß gegen das schöne, seidene Kleid, das ich trug, ergriff mich. Es war auf dem Rücken geschlossen und ich zog und zerrte so sehr an den vielen Haken, daß es zerriß, und freute mich darüber und warf es einfach auf den Boden des Schrankes, und dann lag ich im Bett und hab geschlafen, bis das Mädchen klopfte. Ich blieb auch dann noch liegen, und es war fast Mittag, als ich aufstand und mit der Schauspielerin zum Essen ging.

Ich erzählte ihr, daß ich fortzureisen gedächte, freute mich kindlich darüber, daß ich mich zu diesem Entschluß nun ernstlich durchgerungen hatte, und sagte weiter, daß es seit langem mein Wunsch gewesen sei, eine längere Studienreise zu unternehmen.

Sie begriff alles, was ich ihr sagte, und machte Pläne mit mir, und weil es mir wohltat, mit einer verstehenden Seele zu reden, lud ich sie ein, mit mir aus der Stadt herauszuwandern und irgendwo draußen Kaffee zu trinken.

Wir landeten in einem netten dörflichen Gasthaus und saßen in einer verräucherten, aber warmen Stube auf einem weichen Sofa und sprachen von viel guten und angenehmen Dingen. Auch von der Oper, die wir einmal zusammen gehört hatten, sprachen wir, und sie fing an, leise das Hauptmotiv zu summen: »Selig sind, die Verfolgung leiden –« und durch sie, durch dieses liebe, reinempfindende Mädchen bekam das böse Wort »verfolgt« wieder seinen eigentlichen beruhigenden Sinn.

Es war dunkel als wir zu Hause ankamen. Unsere Wirtin schickte uns Tee und eine Suppe. Wir aßen unser bescheidenes Kriegsmahl mit Appetit und saßen still und von irgendeiner Freudigkeit bewegt, beisammen.

»Wann werden Sie reisen?« fragte die Schauspielerin, und ich antwortete ihr:« In drei Tagen werde ich reisen – allerspätestens in drei Tagen!« Sie staunte und wollte noch eine Frage aussprechen, aber da tönte die Klingel an der Korridortür, und es wurde geöffnet, und ich hörte eine Stimme – ich hörte ein Klopfen an meiner Tür und dann –

Maria, schieb bitte den Klotz dort in die Flammen – Maria, ich weiß noch genau, wie sie ins Zimmer kam – nicht wie ein Mensch kam sie, nicht wie etwas Körperliches, etwas Greifbares. Eine Erscheinung war sie, ein Bild an der Wand, wie ich's in der Nacht gesehen hatte in dieser entsetzlichen Nacht. – O Maria!

Kalt ist's plötzlich geworden und die Luft ist schwer um mich her. Wo bist du, Maria? Wo bist du, Liebe, Gute, Einzige du? Ich schaue mich um. Der schöne weiße Marmorkamin ist verschwunden. Rund um mich her an Wänden und auf Staffeleien hängen und stehen meine Bilder – meine armen, armen Bilder, die ich male, um mein Leben zu fristen – die ich male, um genügend Brot zu haben – um meine Qualen länger zu ertragen!

Und vor mir auf dem Tisch, an dem ich sitze, liegen eng bekritzelte Bogen. Und nun weiß ich wieder, wie alles in Wirklichkeit ist. Du bist gar nicht bei mir gewesen, Maria. Meine bange Phantasie hat dich geholt – mit Gewalt hat sie dich herbeigeholt, damit du mir halfest, die bizarren Dinge, die einmal geschehen sind, aus ihrer Dunkelheit herauszuholen, sie ans Tageslicht zu zerren und ihnen damit ihre furchtbare Macht über mich zu nehmen!

Und du kamst, Maria, lieb und gut und hilfsbereit, wie du nun einmal bist, hast du mir willig dein Ohr geliehen, hast wirklich und leibhaftig an dem von meiner Einbildung errichteten Kamin gesessen und immer wieder die armen gequälten Holzkloben in den Brand hineingestoßen, wenn ich dich darum bat.

Aber gerade als dann das Eigentliche kommen sollte – das Größte – das Schwerste – da bist du mir entschwunden – und in demselben Augenblick da du mich verließest, sind meinem Geist die Flügel abgefallen. Dumpf und träge und gefesselt liegen die Gedanken, die eben noch über Höhen und durch Schlünde sich ihren Weg zu bahnen vermochten, in meinem schmerzenden Kopf. Die Hand ist steif und hart vom Schreiben – und ich bin allein allein – oder auch nicht allein!

Meine Bilder sind bei mir. Die Bilder rings um mich her grinsen mich an. All diese, meine eigenen Geschöpfe, all diese unseligen Geburten meiner kranken Seele schließen einen Kreis um mich. Sie fangen an zu mir zu sprechen, sie lachen und höhnen und klagen mich an.

»Warum schufst du uns? Wie konntest du es wagen, uns halbes Leben zu geben und uns dann zu verlassen? Mit größenwahnsinnigem Mut begannest du, uns aus dem Nichts ins Leben zu rufen, sahst uns mit zärtlichen, verheißenden, verzückten Augen an, und dann plötzlich ward das Herz dir kalt und hart, und du ließest uns in unserer Halbheit stehen, daß wir uns schämen müssen, daß wir einen Haß gegen dich in uns anschüren müssen, denn wir fühlen genau, wie du bist – du – die du unsere Mutter sein willst!

Ein armes, durch Verblendung, Leidenschaft und Erdenschmerz gebundenes Wesen bist du, und hast doch den Mut, Großes und Bleibendes und Gutes schaffen zu wollen! O welcher Hohn – welche Verirrung!

Kann aus krankem Geist Gesundes entstehen? Kann aus verwirrter Seele Harmonie und göttliche Schönheit emporwachsen?

Sei doch wahrhaftig und streng mit dir selbst, geh mit dir ins Gericht, ehe du uns armen Mißgestalten dein krankes, eng gewordenes Leben einflößt! Geh in dich – sei hart, sei stark und ehrlich – sei ein anständiger Mensch – und wenn dir das nicht gelingen will, dann habe den Mut, dein Brot auf anderm Wege zu verdienen – uns aber schicke in das Dunkel, in das Nichts zurück aus dem du uns herausgezerrt hast, um uns zu solch einem elenden Halbdasein zu verdammen!«

So sprachen und drohten und schrieen meine Bilder mich an, meine armen Bilder, die ich male, um zu leben – nicht mehr, um Schönes und Großes zu schaffen! Und diese Erkenntnis, die so oftmals schon weh und schmerzend in mir aufgestiegen ist, die nahm an diesem Abend, in dieser Nacht so ungeheuerliche Formen an, daß ich's nicht ertragen konnte, daß ich den Wahnsinn herankriechen fühlte, wenn ich nicht den Mut hatte, das, was ich frevlich schuf, selbst zu vernichten.

Ich nahm eines nach dem andern von den Wänden und den Staffeleien herab, riß die Leinwand von den Holzrahmen und preßte sie in das offenstehende Maul des kleinen Eisenofens hinein – und der fraß und fraß und würde alles, alles verschlungen haben, was in meinem bunten Zimmer hing und stand – und ich hatte Papier entzündet und zu den Leinwandfetzen geworfen und es knisterte und prasselte, und eine bitterräucherische Luft war im Zimmer – eine Luft nach Öl und Terpentin und brennenden Lumpen. In meiner Seele jauchzte und weinte etwas zu gleicher Zeit, und der Vernichtungstrieb wuchs und wuchs. Ach, alles wollte ich hingeben – alles! Durch nichts mehr an die Vergangenheit erinnert werden – und dann von neuem beginnen, ganz von neuem beginnen mit einer Seele, die keine Flecken hatte – mit einem Kopf, der frei und stark und voll von starkem ehrlichen Willen war.

Das Öflein glühte, und ich gab ihm weiter und weiter zu fressen und war schon bis zur Mitte des Ateliers vorgedrungen. Vor einer Staffelei, die mit einem weißen Tuch verhangen war, war ich angelangt und hob das Tuch und wollte mit schnellem Griff die Leinwand von dem Rahmen lösen – wollte vernichten, wollte morden – aber da – was war das? Was war das nur? Was für Augen sahen mich an? Welch ein Mund begann da zu lächeln und zu sprechen?

»Mich nicht – mich nicht!« sagte eine Stimme, die mir das Blut heiß zum Herzen peitschte. »Über mich hast du keine Gewalt! Ich bin nicht dein Geschöpf mehr, ich bin –« und da lag ich auf meinen Knien vor ihr, vor der, der ich das Antlitz einer Madonna gegeben hatte – die meine Phantasie sich erschuf und die nun nicht mehr mein Geschöpf sein wollte – die mir zu Not und Qual, zu Angst und Pein geworden war.

Ganz allein mit ihr war ich in dem stillen, von der starken Rauchluft durchzogenen Raum. Ach, und mein Herz zitterte, mein Herz bebte und schrie und blutete und stöhnte in tödlicher Schwäche und Pein.

Was wollte sie mit mir tun? Wie würde sie ihre Macht gebrauchen? O Maria, Maria warum gingest du? Warum ließest du mich allein – warum sahest du nicht die Gefahr, in der ich schwebte?

Ich lag auf dem harten, kalten Boden vor ihr – ich wartete auf etwas – auf Unerhörtes, auf Niedagewesenes – auf Welterschütterndes wartete ich – aber es geschah nichts! Sie lächelte und lächelte und sah mich an, ließ mich ihre Macht, ihre Herrschaft fühlen, aber sie tat nichts, und daß sie nichts tat, das war das Entsetzlichste, was sie tun kannte – das war wie die Flammenzungen an den Eichenkloben, und ich war wirklich zu einem Stück Holz geworden – und überall – an jedem Splitter meines Leibes sengte und züngelte und riß etwas – aber das Leben und die Besinnung blieben mir – das Leben nahm sie mir nicht, das ließ sie mir – und ihr Lächeln war über mir, ihre rätselvollen Augen und ihr Lächeln blieben über mir. Und du, Maria, die einzige, die mich ihr zu entreißen vermocht hätte, du warst nicht bei mir. Du hattest es fertiggebracht, von mir zu gehen.





Wochen sind vergangen, nein, ein ganzes Vierteljahr ist vergangen, seit ich zuletzt vor der Mappe mit diesen Blättern gesessen habe. Ich bin vor ihnen geflohen – weit, weit fort bin ich geflohen, zu allerlei Menschen, die trotz Kriegsnöten und Kriegsjammer fest und zuversichtlich im Leben stehen. Zu ihnen bin ich gegangen und hab ihnen allen, bei denen ich weilte, eine Komödie vorgespielt. Aber aus der Komödie bin ich dann unversehens in die Wirklichkeit zurückgekommen.

Ich sah plötzlich die Dinge wieder so, wie sie in der Tat sind. Ich las in den Zeitungen von den Kriegsberichten und wußte wieder, daß Widun draußen unter den Kämpfenden war, und meine Seele fand ein Stücklein weit den Weg zurück zu ihm. Ich war wie ein Reiter, der eine lange Strecke durch dunklen Wald geritten war und der dann plötzlich freies, ebenes Land vor sich liegen sieht und Ziel und Richtung zu erkennen glaubt.

Aber dann steht da, wie aus der Erde gewachsen, ein neuer Wald vor ihm, und das arme, müdgewordene Pferd scheut, und er selbst gerät in Aufruhr, denn auch er ist müde und will nicht noch einmal in die Dunkelheit und Wirrnis hinein! Aber es hilft nichts.

Der Wald ist da und er muß hindurch, und also gibt er seinem Pferd die Sporen, und mit kühnen, mächtigen Sätzen sprengt er hinein in das, was unvermeidlich für ihn ist!

Auch für mich war von neuem ein tiefer, dunkler Wald gekommen. Eine Weile lang hatte ich es fertiggebracht, auf sanfter, blauer Oberfläche zu schwimmen, dann aber riß etwas an mir und ließ mir keine Ruhe mehr und zwang mich zurück in meinen stillen Raum hier oben, der mir zu einer traurigen, leidvollen Heimat geworden ist.

Maria war es, die mich zurückgeschickt hat – nicht die Phantasie-Maria, die mit mir an dem von meiner Einbildung geschaffenen weißen Marmorkamin gesessen hatte – sondern die leibhaftige Maria ist es gewesen, die mich in meine Einsamkeit zurückgeschickt hat. Ich war zu ihr gegangen, um sie zu besuchen – wie ich in dieser Zeit viele andere Menschen besucht hatte. Ich traf sie in ihrem blühenden Garten bei Mann und Kindern sitzend, denn es war Sommer geworden und die Welt prangte in Glanz und Freudigkeit. Ich war zu ihr gegangen, um eine behagliche Plauderstunde mit ihr zu haben, aber sie führte mich aus dem Garten heraus in ein kühles Zimmer, in dem gedämpftes Licht war, und sie fragte mich in einem ernsten, fast strengen Ton:

»Ellinor, hast du getan, was ich dir sagte, und was zu tun du mir versprachst? Es liegt eine ungeheure Not und Spannung in deinem Gesicht, und das sollte nicht sein! Sag, Ellinor, hast du geschrieben?« Sie ließ nicht los, bis ich ihr gestanden, daß ich den Anfang gemacht und daß es auch ganz gut vorwärts gegangen war – aber dann – gerade da, wo das Eigentliche, das Heißeste, der wirkliche Sinn des Geschehens kommen sollte, da war es zu Ende gewesen mit Mut und Willen und Kraft – da bin ich geflohen, hab mich den finsteren Mächten, die meine Seele bedräuten, auf andere Weise entziehen wollen – und – und – und –

»Nein, so geht es nicht!«

Immer wieder kamen diese Worte aus Marias Mund und auf ihren Wunsch und auf ihr Drängen kehrte ich zurück in mein einsames Atelier und saß vor der Mappe und las, was ich damals geschrieben hatte, und wollte fortfahren und fand die Worte nicht, fand den Zusammenhang nicht mehr – wußte nur, daß alles noch genau so schwer und dunkel und lastend in mir war, wie es damals gewesen, und daß ich nie und nimmer durch Zerstreuungen Erlösung finden würde. Daß fremde Menschen, zu denen ich flüchtete, mir nicht zu helfen vermochten, daß nur ganz allein ich selbst mir die Lösung verschaffen konnte, wenn ich den Mut haben würde, in das Dickicht meiner Schmerzen, meines bitteren Jammers hineinzugreifen!

Wie aber – wie? Die Seele war schwer und wie von einem eisernen Panzer umspannt. Die Erinnerungen schwiegen, aber das Dunkel der Gegenwart sperrte seinen Rachen weit auf und wollte mich verschlingen – und die Angst – die alte entsetzliche, wahnsinnige Angst war wieder da.

Maria, viele Nächte habe ich vor den Blättern gesessen und kein Wort ist geschrieben worden! Ich wollte ohne deine Hilfe die Vergangenheit heraufbeschwören, aber es ging nicht. Das letzte, das allerletzte fehlte: Das Niederdrücken der Türklinke! Man hat den Mut gehabt, durch endlose dunkle Gänge bis zur Tür sich hinzutasten, aber dann steht man da und bekommt die Klinke nicht herab! Maria, willst du nicht kommen und dies Letzte für mich tun? Willst du die Klinke für mich herabdrücken, damit ich einen Weg ins Freie finde??

Nein du hast nicht getan, um was ich dich bat! Ich sollte allein die Tür öffnen und ich tat es nicht, und also blieb sie verschlossen. Und Tage voll Qual und Bitternis sind verstrichen, und alles Dunkle und Böse wächst und wächst um mich herum zu einer erschreckenden Höhe.

Aber mitten in einer verzweifelten Nacht bin ich aus dem Bett gesprungen, und da warst du auf einmal da, Maria, und meine Phantasie saß auf hohen schäumenden Rossen und hob dich mit hinauf und du ließest es geschehen und glaubtest mir alles, was ich dir sagte.

Obwohl der linde Vorsommer am Werk ist, erzählte ich dir folgendes:

Es ist Winter, Maria, und wir sind in Tirol in einem kleinen Hotel. In diesem Hotel stehen wir im zugigen Flur und warten, daß der Postschlitten kommen soll, denn wir wollen eine weite, weite Fahrt machen. Vom Tiroler Land wollen wir zum Engadin herauf und wir werden heute mit einer Nachtfahrt den Anfang machen!

Siehst du, wie es dunkelt, Maria – wie die Ortlergruppe da hinten in lauter dunkel violetten Lichtern erschimmert – wie goldene Straßen am tiefblauen Firmament sich hinziehen – wie eine ganz, ganz zarte silberne Mondscheibe so unsicher da oben schwebt, als wäre sie jeden Augenblick in Versuchung, auf unsere graue Erde hinabzusinken! Siehst du das alles, Maria? Ja? Auch das Stücklein Milchstraße, das sich wie eine Frau mit weißem Schleppgewand zwischen Wolken und dunkler Bläue hinzieht!

Ah – und nun tutet das Posthorn, und Pferde stampfen im Schnee, und etwas schnauft und schüttelt sich vor uns und stapft ins Haus, und wir stehen noch eine Weile und warten. Dann kommt »Monsieur Postillon« wieder hinaus und sitzt auf und wir zwei sind in die Dunkelheit des Wagens hineingestiegen, haben die Füße auf erwärmte Eisenrohre gesetzt, ziehen Decken über unsere Knie, und da ist wieder das lustige Tuten des Posthorns – Zuklappen der Wagentür, und die Fahrt geht los.

Es ist eine wilde Fahrt durch tiefen, tiefen Schnee in blaue Dunkelheit – ins Märchenland hinein – und meine Seele wird weltenweit und frei, da du an meiner Seite bist, Maria – du mit deiner Kraft und Ruhe und deiner großen Güte!

Ach, Maria, sei endlos gut zu mir, denn ich habe geträumt, daß nur ein ganz guter, ein ganz großer Mensch mich erlösen könne! Sei du dieser Mensch – laß mich nicht mehr allein mit meinen dunklen, bösen Feinden!

Und nun hör zu, Maria! Ich will genau an dem Punkte wieder beginnen, an dem ich damals aufhörte, als wir zusammen an meinem weißen Phantasiekamin gesessen haben!



Nicht wahr, so war es doch: Die Tür tat sich auf. Jemand kam ins Zimmer, in dem ich mit der jungen Schauspielerin gesessen hatte. Jemand kam hinein, der nicht als Mensch, als Körper, sondern der als Erscheinung wirkte.

Das ganze Zimmer war im Nu erfüllt von ihm. Die Luft schien in ganz neuen Schwingungen um mich zu streichen. Das gedämpfte Licht der Lampe war zu blendender Helligkeit geworden – Töne waren in meinen Ohren, die ich im gewöhnlichen Leben nie vernommen habe – ein Riß in meinem Herzen, ein Bluten, ein Schmerzen, ein Zittern und dann eine Stimme und der Druck einer Hand!

Das erste, was ich zu tun und zu sagen vermochte, war die Aufforderung an die Schauspielerin, uns zu verlassen. Die ging mit einem Blick wie ein Kind ihn hat, wenn ihm ein Unrecht geschah. Sehr langsam ging sie, und eine Endlosigkeit schien es mir zu währen, bis sie den Weg vom Sofaplatz bis zur Tür gefunden hatte.

Und dann – und dann – Ja, es war also doch keine Geistererscheinung gewesen, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut war es, der vor mir stand, der meine beiden Hände in die seinen nahm, dann sein Gesicht dem meinen näherte und – nein, ein Kuß war das nicht, was sie gab, nur eine Berührung – kein Kuß, und war doch viel tausendmal mehr als ein ehrlicher Kuß!

Warum siehst du mich traurig an, Maria? Warum zuckt etwas in deinem Gesicht? Soll ich schweigen? Willst du wieder von mir gehen? O Maria, vielleicht gibt es da doch noch in dem, was ich zu erzählen habe, einen Punkt, bei dem etwas in dir »Halt« ruft, bei dem, was sich in dir aufbäumt, denn das, was ich zu sagen habe, ist ja –

Aber nein, nein! Du nimmst meine Hand fest in die deine, und ich weiß wieder, daß du meine Maria bist, meine große, freie Maria mit dem Herzen voll Güte und tiefem Verstehen auch für das, was nicht mehr recht begreiflich zu sein scheint!

Nun schimmert der Mond durch unsere Postkutschenfenster hinein, und ich sehe dein Gesicht weiß und rein und fein – jeden einzelnen Zug erkenne ich und alles ist Milde und Ruhe und Trost und Begreifen darin, und leise sagst du: »Sag alles, Ellinor – und da du eine so wundertätige Phantasie besitzt, so denk dir aus, deine tote Mutter sei zum Leben zurückgekehrt und säße neben dir und begriffe alles, weil sie ja schon einmal über alle Erdendinge hinweggekommen ist!« Und wie du das sagst, Maria, da ists mir, als ob ein süßer, warmer Hauch mich umwehe, und ich sehe das geliebte Gesicht meiner Mutter und denke daran, daß sie es war, die mir das Leben gab und mit dem Leben all das heiße Durcheinander in Kopf und Seele, und diese übersensiblen Nerven gab sie mir auch – weil sie es ist, die mit dem Leben all dies andere mir gab, darum wird sie mich begreifen müssen – und also, von euch beiden behütet und verstanden, will ich weiter erzählen.

Es war so merkwürdig, Maria, sie war doch mein Gast, aber ich war nicht fähig, ihr einen Sitz anzubieten, noch überhaupt ihr zu irgendwelchem Behagen zu verhelfen.

Sie legte Hut und Mantel ab, ohne daß ich sie darum bat, sah sich im Zimmer um, trat zum Ofen und lehnte sich an die Kacheln. Dann kam sie zu mir, nahm mich an beiden Händen und sagte:

»So, nun wollen wir es uns ein wenig bequem und stimmungsvoll machen, und dazu müssen Sie erst einmal aus Ihrer Erstarrung herauskommen. Ich denke, wir setzen uns hier auf das Sofa neben dem Kachelofen, denn der scheint mir ein ganz vertrauenerweckender Geselle zu sein. Haben Sie so etwas wie eine Decke? Ach, dahinten liegt etwas! Es ist nämlich durchaus nicht übermäßig warm hier in diesem großen Erkerzimmer – aber wir werdens schon zurechtbekommen! So, da hätte ich Sie glücklich in der Sofaecke, und nun lachen Sie ein wenig – Gottlob! So ein feierlicher Ernst stimmt gar nicht zu Ihnen. Geben Sie mir Ihre Hand, und nun sagen Sie mir um alles in der Welt, warum Sie mir einen so verzweifelten Brief geschrieben haben?

Wir sind im Theater gewesen und haben etwas Nettes gesehen und gehört und nachher haben wir uns sehr gut unterhalten. Wir haben sogar etwas Wundervolles dabei empfunden, denn es fiel uns beiden doch schwer, voneinanderzugehen. Und als Resultat bekomme ich da heute diesen Brief in dem Sie von allerlei unsinnigen Sachen, wie Abreise, Nichtsmehrvoneinanderhören und dergleichen mehr sprechen! Was soll denn all das heißen? Sagen Sie es mir!«

Maria, du glaubst nicht, welche Macht ihre Stimme wieder auf mich ausübte – wie alle Auflehnung der vergangenen Nacht in einem Augenblick zum Nichts geworden war – und wie als einziger Rest von dem riesengroßen Aufruhr nur noch ein zitterndes Stücklein Angst in meiner Seele blieb. Solch einer Angst, die man mit tausend Freuden beschwichtigen läßt, die wie ein Kind ist, dessen Schmerz sich in Lachen wandelt, wenn man ihm eine Süßigkeit reicht.

»Also, was ist denn alles in Ihrem Kopf vor sich gegangen?« fuhr sie fort. »Haben Sie eine Höllenfahrt gemacht und alle bösen Geister einen wilden Wirbeltanz mit sich vollführen lassen? Ja? Und haben Sie mich als Ursache all dieser schweren Gedanken, vielleicht als Satan in höchsteigener Person gesehen, der eine arme Seele in Versuchung führen will?!«

Nun lachen Sie – aber so etwas klang aus Ihrem Brief heraus, und ich will Ihnen sagen, Kind: diesen Brief, den Sie mir geschrieben haben, den mußte ich als etwas Kränkendes empfinden, wenn nicht so viel wirkliches Leid und Seelenangst daraus geklungen hätte!

Aus diesem Grunde bin ich zu Ihnen gekommen! Nein – ich will offen sein – nicht nur aus diesem Grunde! Es ist noch etwas anderes, was mich zu Ihnen hingetrieben hat. Vor allem aber will ich Sie beruhigen, und wir wollen gleich auf den Kernpunkt dessen, was Sie quält, kommen, denn wir beabsichtigen ja nicht, uns eine Komödie vorzuspielen!

Also – es ist – wie soll ich es ausdrücken – es ist etwas sehr Schönes und Tiefes und Gewaltiges in Ihnen aufgewacht, etwas, was Ihnen viel tausendmal größer und beglückender und zugleich beängstigender erscheint als alles, was je vorher in Ihrem Leben gewesen ist! Und dennoch lehnen Sie sich mit aller Macht dagegen auf und anstatt solch ein Göttergeschenk mit beiden Händen zu ergreifen und festzuhalten, möchten Sie es wie etwas Böses und Verderbliches von sich werfen und sind mit sich selbst und der ganzen Welt in Unfrieden und Hader geraten, nicht wahr?«

Und als ich schwieg: »Aber das nützt Ihnen alles nichts, Kind! Und wenn Sie bis ans Ende der Welt fortlaufen wollten – das, was nun einmal in Ihnen aufgewacht ist, das würde mit Ihnen laufen und würde an Ihnen reißen und zerren, bis Sie zurückgekehrt wären. Je mehr Sie Ihre Schmerzen und Gefühle mit Gewalt zu töten versuchen, um so wütender würden sie sich gegen Sie erheben und würden schließlich mit Keulen auf Sie eindringen und Sie zu lauter ganz unsinnigen Taten und Entschlüssen hinreißen!«

Maria, halt meine Hände fest in den deinen! Ach sieh, wie die weißen Wände der Felsen sich kalt und drohend gegen uns erheben! Schön und weich und mild sehen sie aus, wenn der Mond sie mit seinem Licht übergießt. Aber in Wahrheit sind sie kalt und hart und bös, und wenn man versuchen wollte, zu ihnen hinzugelangen, ihre Höhen zu erklimmen, dann würde es ihnen wahrscheinlich Vergnügen machen, sich recht widerborstig zu zeigen – einfach einen abgleiten zu lassen, daß man elend und zerschmettert mit wahnsinnigen Schmerzen irgendwo in der Tiefe liegen bliebe!

»Warum gewinnst du allen Dingen so grausame Seiten ab, Ellinor?« fragst du, Maria, und wie du diese Frage stellst, bricht die entsetzliche, aufgestaute Qual so hemmungslos, so alle Grenzen überflutend los, daß ich jammern muß wie einer, der am Marterpfahle steht und mit glühenden Zangen gepeinigt wird.

O Maria, wieviel Geduld mußt du mit mir haben, welches Übermaß von Güte und Verstehen verlange ich von dir!

So, nun hast du lange auf mich eingesprochen, und der Tumult in meiner Seele ist beschwichtigt. Wir wollen doch zu Ende kommen, Maria, auf dieser unserer Schlittenfahrt soll die Erzählung von jenem Abend zu Ende kommen! Und viel ist es ja auch nicht mehr, was ich noch zu sagen habe.

»Nein, kein Mensch hat die Macht, seinen Gefühlen zu entfliehen« fuhr die Oberin fort »und es ist gut, daß es so ist. – Einmal im Leben muß es für jeden heißen: ›Hier ist dein Rhodos, hier springe!‹ Und nun lassen Sie uns die Sache im richtigen Lichte ansehen. Es ist da irgendetwas, was von Ihnen zu mir und von mir zu Ihnen hin will! Die Natur hat das so gelenkt. Es ist etwas ganz Elementares, von uns beiden Ungewolltes – aber es ist da – es ist sehr intensiv, sehr gewaltig da!

Aber Sie zittern ja – Sie sind in einer ganz schrecklichen Erregung! Was ist denn? Wollen Sie es mir nicht sagen? Wollen Sie mir diesen ganzen Abend lang das Wort allein überlassen und selbst nur schweigen und weinen? Glauben Sie, daß es leicht für mich sei, so etwas, was eigentlich nur empfunden werden sollte, in Worten auszudrücken? «

Während sie dies sagte, legte sie ihre Hand auf meine Stirn, Maria – nichts anderes tat sie, als ihre Hand auf meine Stirn legen. Durch meinen Körper aber rann es wie glühende Lava. Die Dinge im Zimmer tanzten und drehten sich um mich, dunkle und lichte Geister kamen auf mich zu, rissen mich in die Höhe, daß ich eine Sekunde lang auf meinen Füßen stand und dann ins Schwanken kam und zur Erde fiel – hart und schwer auf die Erde fiel – und wieder emporgerissen wurde – Dann war ihr Gesicht über dem meinen und sie sagte – Maria – sie sagte, und ich weiß nicht, welch ein fremder, ungeheuerlicher Klang in ihrer Stimme war, als sie es aussprach – als sie sagte:

»Wir wollen der Natur nicht zuwider sein! Was sein muß, das wollen wir erfüllen!« Und sprang dann plötzlich auf und war eine völlig andere geworden und rief fast mutwillig aus:

»Aber heute Abend nicht – heute Abend nicht!« und schlang ihren Arm um mich und versuchte, mich in die Höhe zu heben. «

»Was für ein unglaublicher Gefühlsmensch sind Sie doch!« sagte sie dann noch. »Sorgen Sie vor allem einmal, daß Sie eine warme Stube haben – und nun kommen Sie ein Stücklein weit mit mir heraus, daß wir den Himmel sehen und wieder frei werden!«

O Maria, nun ists mir, als malte leise Enttäuschung sich auf deinem Gesicht – als hättest du mehr – Größeres, Tieferes, Unaussprechlicheres erwartet! Aber das darf nicht sein – du darfst nicht enttäuscht sein. Du mußt mit mir fühlen, mußt verstehen, daß dieser Abend Ungeheuerliches für mich brachte – das Größte, das Verhängnisvollste, das Aufwühlendste, was ein Mensch dem andern zu geben vermag. Nicht Erfüllung, aber das Versprechen auf Erfüllung! – Erfüllung ist milder Segen, ist Gnade, ist Erlösung selbst dann, wenn diese Erfüllung zugleich Enttäuschung und vielleicht das Ende bedeuten mußte. Verheißung und Erfüllung aber, das erzeugt etwas wie ein wildes Meer, das von unterirdischen Beben erschüttert, seine rasend gewordenen Wassermassen über die Erde schleudert, das brüllt und tobt und alles, was in sein Bereich kommt, in seine Tiefen zerren und vernichten möchte!

Das Furchtbarste, was an diesem Abend in meine Seele drang, das war die Erkenntnis, daß ich plötzlich trotz all dem heißen Aufruhr, den ihre Gegenwart in mir entfesselt hatte, ganz allein in einer grauen Wüste stand. Ich ging dicht neben ihr auf der Straße dahin – mein Arm lag in dem ihren, und doch war ich allein – und sieh, Maria, vielleicht verstehst du nicht ganz, was ich dir jetzt sagen muß. Vielleicht hältst du es für Größenwahn oder auch direkt für Irrsinn, aber zwischen sie und mich drängte sich eine weiße Geistergestalt und die sang ganz leise, leise und doch so, daß ich jede Note und jeden Ton bis in die Tiefe meiner Seele empfand – die sang mir aus dem Evangelimann die traurig schöne Weise »Selig sind, die Verfolgung leiden, denn ihrer ist das Himmelreich!«

Und diese Musik schwoll und ward größer, immer größer und gewaltiger und zauberte mir Bilder und Farben und schließlich ganze Kolossalgemälde vor meine Augen, daß ich, wie von Schaudern gepackt, mich fester und fester an sie drückte und den ganz paradoxen Wunsch aufsteigen fühlte, niemals Erfüllung von ihr zu erhalten, sondern nur durch sie die Fähigkeit zu haben, solche Wunder von inbrünstigen Farben und Formen vor mir erstehen zu lassen. Aber als ich dann in der Nacht in meinem Bett lag todmüde und doch so hellwach, daß jeder Nerv in mir ein tausendfaches Leben zu haben schien, da schrie doch alles in mir wieder nach dem Unbekannten, nach dem grauenvoll Großen, nach dem urtiefen Verstehen, das nie der Mann dem Weibe zu geben vermag – das nur –

Ach, Maria, Maria, nun schauderst du und dein Gesicht ist totenbleich geworden – und deine Augen haben einen unsäglich traurigen Ausdruck bekommen! Sei gut zu mir – leg deine Hand auf meine Stirn! Gib, daß die Erinnerungen zur Ruhe kommen, daß die Sehnsucht nicht aus ihrer Betäubung aufwacht und zum reißenden Tier wird, das mit entsetzlichen Pranken und weitaufgerissenem Rachen auf mich eindringt!

Mein Leben ist nichts anderes, als eine Flucht vor Ungeheuerlichem, Maria. Mein Leben ist das eines angeschossenen Wildes, das noch genügend Kraft und Besinnung hat, um vor dem Letzten fliehen zu können, aber die Schmerzen wühlen in ihm und zerreißen es, und eines Tages wird es auf seiner wahnsinnigen Flucht doch und doch ein ganz elendes Ende finden müssen!

Ja, halt mich fest in deinem Arm, Maria. Sprich nicht zu mir, aber laß mich weinen, weinen, weinen! Denn es liegen ganze Brunnen von ungeweinten Tränen auf meiner Brust, und ich kann sie nur weinen, wenn eine zarte, treue, verstehende Seele bei mir ist.





Für den Menschen, der unter die Macht eines fremden Willens geraten ist, von dem er noch nicht weiß, ob er Gutes oder Böses mit ihm will, für den ist die Welt voll von seltsamen Begebenheiten und Bildern und Geräuschen, die die andern nicht wahrnehmen und über die sie lächeln würden, wenn man versuchte, ihnen davon zu sprechen.

Man fühlt das Nichtverstehenkönnen und -wollen in den Mienen und im Wesen seiner Umgebung und man empört sich dagegen und gibt sich eine feindliche Einstellung zu ihr, und diese stumme Feindschaft wird natürlich wahrgenommen und zurückgegeben und die Einsamkeit mit ihren unsäglichen Qualen und Martern legt sich wie eine schwere dunkle Decke auf den armen Ausgestoßenen, der seinen Willen und damit sein Schicksal in fremde Hände gelegt hat.

Wie eine Sinnlose lief ich in jener Zeit durch Münchens Straßen. Mit Vorliebe schlug ich die Richtung zur Maximilianstraße ein, zur Isarbrücke hin. Das war ein weiter Weg von mir aus, denn das Haus meiner Wirte lag in Schwabing. Und ich ging immer zu Fuß, seit es mir geschehen war, daß man in einer elektrischen Straßenbahn angefangen hatte, über mich zu lächeln, weil ich – ohne es zu wissen – gesprochen hatte – einfach in die Luft hinein gesprochen. Als ich es aus dem Lächeln der Mitreisenden dann plötzlich wahrnahm, erschrak ich so heftig, daß ich glaubte, die Besinnung zu verlieren. In voller Fahrt sprang ich vom Wagen herab und der Schaffner rief ein paar böse Worte hinter mir her.

Seit jenem Tage wagte ich es nicht mehr in einer elektrischen Bahn zu sitzen – nur wenn ich an ihrer Seite war, dann waren Ruhe und Furchtlosigkeit in meiner Seele dann hatte die Welt ihr altes Aussehen für mich, und meine Füße gingen fest und sicher in gleichem Takt mit ihr.

Sie war noch ein paarmal bei mir gewesen, um mich abzuholen, und hatte bei mir in meinem Zimmer gesessen. Alles, was zwischen diesen wenigen Stunden des Beisammenseins gelegen hatte, war ›warten‹ gewesen – war Unruhe, war Angst und waren Bilder gewesen, die in unausgesetzter Folge an meinen Augen vorüberzogen und die ich doch nicht zu malen vermochte.

Ein jeder, der liebt und der noch nicht weiß, zu welchem Ziel seine Liebe führen wird, kennt diese Unruhe und Bangigkeit und die damit verbundene Unfähigkeit zu irgendeiner planvoll geordneten Tätigkeit.

Es war also durchaus nichts Neues oder Anormales, was ich durchzumachen hatte, und mein Verstand suchte immer wieder, sich über die Leiden des verängstigten Herzens zu stellen und ihm Trost zuzusprechen.

»Geduld und Ruhe«, mahnte er, »es wird schon alles wieder glatt werden. Ein wenig Qual, Leid und Unruhe, das gehört zum Künstlerberuf – du mußt es hinnehmen und vielleicht noch glücklich darüber sein, daß du bewahrt bleibst, allzu schnell auf den bequemen Mittelweg zu gelangen, der zur Selbstzufriedenheit und also zur Stumpfheit führt!«

Mit solch moralisierenden, etwas alltäglichen, gutgemeinten Reden wollte der Verstand das Herz zu meistern suchen, und manchmal horchte das Herz auf ihn und wurde stiller. Solange es Tag war, solange die Sonne schien und die Dinge und Menschen im Tageslicht ihre festumrissene klare Gestalt und Farbe hatten, solange hielt denn auch die Vernunft das Herz in Ordnung. Aber kaum sanken die ersten Dämmerschatten hernieder, so geriet alles ins Schwanken: die armseligen Vernunftsgebäude stürzten ein und das böse Chaos war da. Und immer um diese Stunde der niederziehenden Dämmerung war es, daß ich einen dunklen Mantel über meine losen Kleider zog, ein Tuch um den Kopf band und den langen Weg zur Isarbrücke hinlief.

Die Wasser der Isar waren nicht mehr zu grünlichem Eis erstarrt; sie schäumten unter der Brücke her, und es war ein wildes Tosen, das allen andern Lärm, der von Menschen und Gefährten kam, übertönte.

Ich hatte mir einen Pfeiler ausgesucht, an dem ich lehnte und von dem aus ich die niederströmenden Wasser bis weit hinab verfolgen konnte.

Es geschahen seltsame Dinge mit mir, wenn ich auf dieser Brücke stand. Rätsel türmten sich vor mir auf und lösten sich wieder. Ich blickte in tiefe, trostlose Dunkelheiten und erlebte es, daß diese Dunkelheiten zu Stätten des Lichtes und der reinsten Klarheit wurden, und alles, was ich in diesen Stunden des einsamen Schauens und Denkens an meiner Seele vorbeirauschen fühlte, erschien mir als Symbol. Das Leben war nichts anderes als ein Theater, in dem jeder, der nicht nur als Puppe zum Füllen der Bühnen zu dienen hatte, seine Rolle spielen mußte, gleichviel, ob er wollte oder nicht. Aber immer sah und fühlte ich, daß diejenigen der Spieler, denen die schwierigsten und undankbarsten Rollen zugeteilt waren, ein Etwas in ihren Mienen und ihren Gesten trugen, was sie weit, weit über die andern, die in Gleichmut und Harmlosigkeit verharren durften, hinaushob. Und ich fühlte – und vielleicht war das wieder etwas von diesem erstaunlichen Größenwahn, der in dieser Zeit oft so unvermittelt auf tiefste Niedergeschlagenheit bei mir folgte – ich fühlte, daß ich einer von jenen bevorzugten Spielern auf der Bühne des Lebens war. Und ein Jubel erfaßte mich, eine ganz grenzenlose Dankbarkeit, und ich sprach in den Lärm der stürzenden Wasser hinein. Ich fühlte, wie meine Seele zu schweben begann und wie alles Erdenleid und alle kleinen Menschengesetze zu einem grauen Nichts für sie wurden. »Gibt es denn überhaupt das, was Menschen, ›Laster‹ nennen?« fragte ich mich. »Gibt es irgendetwas, was an sich ›Laster‹ wäre? Wird nicht alles, was wir in unserm Leben tun oder tun müssen, was wir leidend oder genießen zu tun getrieben werden, erst zu dem, was wir ›Tugend‹ oder ›Laster‹ nennen, je nach der Gesinnung, die wir in unsere Taten hineinlegen?« Ich habe in dieser jüngstvergangenen Zeit neben vielen wissenschaftlichen Erklärungen in jenem Buche, das man mir gab, gelesen, daß es trotz allem eine Abnormität, eine Krankheitserscheinung bedeute, wenn die Sehnsucht eines Menschen nach dem eigenen Geschlechte geht. Im Volksmund aber und nach der Auffassung der Gesetze wird es zum Laster, zum Verbrechen gestempelt – und ich weiß – wenn ich nicht dieses Naturspiel in mir selbst erleben müßte, dann würde ich kindlich mich der herrschenden Ansicht angeschlossen haben.

Ein jedes Ding erhält seine eigentliche Bedeutung für uns ja wohl erst dann, wenn wir selbst davon ergriffen sind. Ohne die ganz tiefe Erfahrung in der eigenen Seele vermögen wir nichts zu erkennen, nichts zu begreifen, nichts zu beurteilen! Wir alle sind jenen Gewalten unterworfen, die wir nicht kennen, und keiner von uns kann wissen, ob er nicht heute verurteilt, was ihm morgen schon als ein göttliches Gnadengeschenk erscheinen würde!

Die Isar unter mir tobte und kochte. Ein wilder Föhn brauste um meinen Kopf und schrie mir wild und betäubend in die Ohren: »Laß dich von Menschen nicht klein und vor dir selbst armselig machen! Sei rein und wahr in dir selbst, dann wird alles, was von außen an dich herankommt, dich nicht erniedrigen können!« Und meine Seele ward bis in den letzten Winkel erfüllt von Jauchzen und tiefer, tiefer Dankbarkeit, und ich faltete die Hände und rief zu dem dunklen Himmel hinauf: »Ich danke dir, Gott, für alles, was du mir schickst – für alles Leiden, alle Qual. Nur um das eine bitte ich dich, laß es nichts Unwürdiges, nichts Böses oder Niedriges sein, um was mein Leiden geht!«

Ich sah unverwandt zum Himmel hinauf und glaubte, es müsse mir irgendein Zeichen kommen, es müsse ein Wunder geschehen, ein Stern erglänzen oder der Mond müsse mir sein gutes, ruhiges Antlitz zeigen.

Aber stattdessen trieb da plötzlich wild und schwer und dräuend eine schwarze, formlose Wolkenmasse über den dunklen Nachthimmel dahin, senkte sich tiefer und tiefer auf die Erde nieder, als ob sie zermalmend sich herabstürzen wolle, und an Stelle des Jubels war nun wieder Angst und Entsetzen in meiner armen, von Gefühl zu Gefühl gehetzten Seele. Wie von unheilvollen Mächten gejagt floh ich von der Brücke fort, lief durch die Straßen, voll Todesnot und mit der verzweifelten Gewißheit im Herzen, daß das Leiden, das mir gesandt war, keines von jenen guten, starken, läuternden Leiden war, an das man, wenn es vorüber ist, mit tiefer Dankbarkeit und Ergriffenheit zurückdenkt – sondern –

Von Sekunde zu Sekunde steigerte sich meine Angst. Das Herz raste in mir, die Füße zitterten, in meinen Ohren war wildes, unharmonisches, betäubendes Brausen, und vor meinen Augen war ein Gewoge von Farben und Gestalten und alles in mir ein einziges Beben und Weinen, als ich endlich vor meinem Hause stand.

In meinem Zimmer brannte Licht – in meinem Zimmer – Maria, Maria, nun muß ich dich wieder zu Hilfe rufen.

Das Zimmer, in das ich trat, schien mir von überirdischem Licht erfüllt zu sein; für die ersten Sekunden waren meine Augen geblendet. Ich mußte mich an der Türklinke festhalten, um nicht zu fallen, und dann sah ich mitten in all dem Licht die ›Erscheinung‹ stehen – so, wie sie in der Klinik es gewesen war; in dem weißen Kleid und mit dem seltsamen Lächeln um den Mund und mit jenem Blick in den Augen, gegen den ich machtlos bin, der alles, was an Kraft, Widerstand und Bewußtsein in meiner Seele lebt, zu einem Nichts zerrinnen läßt.

Ich konnte nicht sprechen, Maria. Es war alles so unnatürlich, und jener Traum, in dem ich die weiße Marmormauer mit den Nischen, in denen die weißen Gestalten gesessen, gesehen hatte – jener Traum stand, wie zur Wirklichkeit geworden, wieder vor mir auf.

Sie nahm mich an beiden Händen, streifte mir den Mantel ab, führte mich zu einem Sessel, und kniete vor mir, rieb mir die kalten Hände und sprach unaufhörlich zu mir, sprach gute, beruhigende Worte, die die Erstarrung in meiner Seele allmählich zu lösen begannen.

»Sie dürfen sich nicht in diesem Maße von Ihren Gefühlen beherrschen lassen, Kind! Nehmen Sie die Dinge doch, wie sie sind, und versuchen Sie, froh zu sein!«

Maria, wie oft hast auch du mir in Stunden der Mutlosigkeit gesagt: »Du mußt stark und mußt froh sein!« Und es war dann auch immer gleich, als ob von deiner Kraft und Heiterkeit etwas in mich überströme. Hier aber erschien es mir wie ein Hohn, wie ein Frevel, daß von mir verlangt wurde, ich solle froh sein, und sie fühlte das, und das Lächeln um ihre Mundwinkel vertiefte sich, jenes Lächeln, vor dem ich bis an das Ende der Welt fliehen möchte!

Und fühlte dann zugleich auch, daß ich ein Unrecht tat, indem ich – einem vernunftlosen Instinkt folgend – mich plötzlich wieder von der Überzeugung beherrschen ließ, daß diese Frau, die irgendein Schicksalswille in mein Leben geworfen hatte, mir zum Verhängnis werden müsse.

Was ist denn das Richtige, Maria? Sollen wir auf Stimmen und Gesichte und Warnungen, die uns aus unbekannten Welten gesandt werden, die Träume und Visionen uns übermitteln, sollen wir auf sie hören und uns von ihnen warnen und leiten lassen oder sollen wir alles, was nicht fest und klar vor unserm Verstand bestehen kann, von uns weisen und abwarten, bis die Tatsachen brutal und unerbittlich an uns herantreten und von uns fordern, daß wir eine Stellung zu ihnen nehmen?



An diesem Abend, von dem ich berichte, fühlte ich ein so ungeheures Verlangen nach Klarheit, nach einer Lösung dessen, was dräuend und beängstigend zwischen uns stand, in meiner Seele erwachen, daß ich nicht länger schweigen konnte, daß ich vielleicht sehr kindlich zu fragen begann:

»Sagen Sie mir, was es ist! Sagen Sie mir, was geschehen soll! Ich gehe wie eine trunkene, wie eine, für die alle Dinge aus dem Geleise gekommen sind, durch die Welt! Meine Gedanken kreisen unaufhörlich um das, was Sie mir sagten, und dessen Sinn ich doch nicht voll begreifen kann. Mein Gott – ich weiß nicht, was Sie von mir wollen weiß nicht, ob Sie überhaupt etwas wollen nur daß ich leide, weiß ich – daß ich maßlos – daß ich über alle Begriffe – daß ich wie eine, die langsam zu Tode gefoltert wird, leide – das weiß ich – und aller Stolz, alle Arbeitskraft, alles Selbstbewußtsein ist von mir genommen. – Ich möchte kein Mensch kein ›Ich‹ für mich selbst mehr sein – nur ein Stück von Ihnen – ich möchte . . . «

Aber dann kam entsetzliches Weinen über mich, und ich konnte nur das eine noch sagen – nur noch um das eine flehen: »Helfen Sie mir! Machen Sie mich frei. Sagen Sie mir, was geschehen – was ich tun soll?«

»Was Sie tun sollen?« war ihre Antwort, und die Wiederholung meiner Frage – erschien mir wie ein bitterer Hohn, obwohl ein Ausdruck fast traurigen Ernstes in ihrem Gesicht war. »Man soll immer tun, was man tun muß; nie gewaltsam zu verdrängen suchen, was die Seele an Gedanken und Wünschen in sich trägt!«

»Aber man kann doch Ungeheuerlichkeiten von Wünschen in sich tragen! Man kann doch Entsetzliches, Unausdenkbares wünschen und wollen!«

Und während ich das sagte, war es mir, als habe ich schon längst den Schritt aus der Welt, in der ich einmal gelebt, herausgetan, war wieder von allen bösen und kleinen Vorurteilen befangen und fühlte mich für immer getrennt von all denen, die ihren Kopf frei und stolz tragen und ihren Mitmenschen ruhig und unbeirrt in die Augen schauen durften.

Die Oberin, die während dieses ganzen Abends als ›Erscheinung‹ auf mich wirkte, zog mich dichter zu sich heran.

»Sie sind ein seltsames Geschöpf«, sagte sie leise mit einem zärtlichen Klang in der Stimme. »Sie stehen vor dem Leben, das sich Ihnen doch in sehr mannigfacher und nicht immer leichter Gestalt gezeigt hat, wie eine, die zum ersten Mal einen Weg allein zu machen hat und den eigenen Füßen nicht traut. Es gibt aber Dinge, die man sich in Worten einander nicht mitteilen kann; es gehören Voraussetzungen dazu, gleiche Einstellungen – es gibt etwas – gibt etwas –«

»Ach ich weiß – ich weiß! Alles, was Sie mir sagen wollen, weiß ich – Aber diese große Angst und Not, die in mir lebt, die können Sie mir durch Ihre Worte nicht nehmen – - – O Gott, und wenn Sie die Macht hätten, sie mir zu nehmen – so würde ich sie vielleicht nicht geben wollen! Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist!« Und lag dann auf meinen Knien vor ihr. »In Ihren Händen liegt alles, alles – meine Seele schreit und jammert nach Ihnen und schaudert doch auch wieder zurück– wie vielleicht ein Mensch, der gerichtet werden soll und der sich Mut und Kraft eingeredet hat, im letzten Augenblick wenn er die Richtstätte vor sich sieht, schaudern würde. Was ist es denn – sagen Sie es mir doch, was ist es denn, was diesen unerträglichen Zwiespalt in mich hineintragen konnte? Warum hat das, was ich für Sie empfinde, was meine Gedanken unablässig zu Ihnen hintreibt – nichts – auch nicht das geringste zu tun – mit jener guten, lieben Art der Liebe, wie ich ›Liebe‹ bisher in meinem Leben verstand und gab und nahm – warum – warum –«

Maria, wie furchtbar ist es, wenn eine Stimme, über die man die Herrschaft verloren hat, solche Dinge einfach herausschreit und jammert – und wenn das Stücklein Stolz, das einem in der Seele geblieben ist, sich dagegen auflehnt und doch nicht dagegen an kann, o Maria – Maria –

Sie hatte meinen Kopf an ihre Schulter gezogen, sie schwieg. Ihr Gesicht, das ich von der Seite sah, war bleich geworden und hatte einen neuen Ausdruck bekommen, der unsäglich reizvoll war.

»Möchten Sie, daß wir auseinandergehen?« fragte sie leise – »glauben Sie vielleicht doch, daß eine Trennung Sie befreien würde?«

Aber da schrie alles »Nein« in mir, und dieses »Nein« schien mir mein Schicksal endgültig zu besiegeln und ward im Augenblick zugleich zu einer Ernüchterung, zu einer Kraftquelle für mich.

Mein Kopf saß sicherer auf meinen Schultern und meine Augen sahen die Dinge wieder, wie sie in Wirklichkeit waren.

Es fiel mir auch plötzlich ein, daß sie mein Gast war, daß sie in Sturm und Kälte zu mir gekommen war, und daß ich ihr irgendetwas anbieten müsse. Wir saßen dann beim Tee, und gegen ihre Gewohnheit, fing sie an, von sich selbst und von ihrer Vergangenheit zu erzählen.

Alles, was sie sagte, war fein und besonders, und ihr Gesicht hatte den Ausdruck einer etwas geheimnisvollen Frau, die gespannt lauschenden Zuhörern eine Geschichte erzählt. Sie sagte ungefähr folgendes.

»Ich glaube, ein jeder Mensch hat eine Farbe, die ihm bei allen seinen Wünschen vorschwebt – und in die er sich alles, was ihm lieb und wert ist, zu kleiden pflegt. Meine Farbe war von Kindheit an weiß, alles, was weiß und rein ist, zieht mich an! Meine Eltern waren nicht reich, und wenn ich kein Leben der Entbehrung oder Abhängigkeit führen wollte, mußte ich an einen Erwerb denken. Meine Sehnsucht ging danach, einen großen, aber von der lauten Welt abgeschlossenen Wirkungskreis zu haben. Als ich noch sehr jung war, hatte ich mir gewünscht, auf einer einsamen Insel mitten im großen Weltmeer mit einer Schar von Menschen zu leben, an deren Spitze ich stehen würde und die sich meinem Willen zu fügen hätten.

Nun, das Leben hat mich während einer Reine von Jahren andere Wege geführt. Ich stand mitten im heißen Leben drin, aber immer mit dem guten, ganz sicheren Gefühl, daß einstmals doch die Erfüllung meiner weißen Träume kommen würde! Wir müssen nur mit großer Inbrunst und Treue zu wünschen vermögen, dann wird uns die Erfüllung ganz sicher in irgendeiner Gestalt zuteil!

Die stille Klinik da draußen, vor der lauten Stadt, die ist meine Insel geworden, und die weiße Farbe, die ich liebe – die leuchtete und jauchzte mir aus allen Zimmern, von den Gängen, aus den Kleidern der Menschen und aus den Betten meiner Kranken entgegen – und auch der andere Wunsch, daß ich an der Spitze all der Menschen, mit denen ich mein Leben teile, stehen würde, hat sich mir erfüllt – und ich habe nichts anderes dazugetan, als treu und unbeirrt an meinen Wünschen festzuhalten.«

Dann lächelte sie ein halb schwermütiges, halb überlegenes Lächeln.

»Ja, ich kann mit dem Leben, wie es sich mir gestaltet hat, zufrieden sein – ich bin ruhig in mir selbst, und meine Kranken empfinden diese Ruhe, und sie genesen leicht und gut unter meiner Obhut –

Dann schwieg sie und sah mich an – schien zu schwanken und sprach dann viel schneller und weniger selbstbewußt als vorher weiter: »Nur eine Klasse von Menschen gibt es, die ich beneide – das sind die, die schöpferisch tätig sind, die aus sich selbst heraus zu schaffen und zu bilden vermögen. Ich weiß, diese armen Menschen sind gar nicht eigentlich beneidenswert – sie sind oft nichts anderes als geplagte Kettenträger, die alles, was ihren Mitmenschen selbstverständlich oder doch durchaus nicht unerträglich erscheint, als schwere Last empfinden – die ein unglaublich feines Gewissen haben und sich immer mit einem Quantum von Unbehagen und Leid beladen müssen, eben dieser schöpferischen Verantwortung wegen – sie können nur dann ihren Beruf ausüben, wenn als treibende Kraft der Schmerz vorhanden ist! Ist es nicht so? Sagen Sie!« und fuhr dann, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: »An diesen Menschen kann ich nicht vorüberkommen, bis sie mir nicht erlaubt haben, bis in die Tiefe ihrer Seelen hineingeschaut zu haben. Und das soll und muß Ihnen eine Erklärung für das, was von mir zu Ihnen hin will, geben!

Ich weiß, Sie leiden jetzt unter mir – Sie fühlen sich durch mich Ihrer Kraft und Ihres Willens bis zu einem gewissen Grade beraubt – und es besteht eine Verbindung zwischen uns, die wir nicht zu lösen vermögen . . .

Aber das schadet nichts! Nein, es ist vielleicht notwendig und gut, daß das Schicksal uns nötigt, zu erkennen, welche Summen von Möglichkeiten in unserer Seele verborgen liegen!

Sagte ich Ihnen nicht: alles ist Naturgesetz – alles! Und alles Auflehnen dagegen ist Torheit – ja, vielleicht sogar Vermessenheit! Nur immer den eigenen Wünschen treu bleiben, dann wird die Erfüllung schon einmal kommen. Und nicht sich eine Maske aufsetzen und den kindlichen Glauben haben, daß der andere, der zugesehen hat, wie die Maske aufgesetzt wurde, diese nun für das wahre Gesicht nehmen soll!

Warum sind Sie klein und ängstlich vor sich selbst geworden? Warum sind Sie ungeduldig und ruhelos und wollen nicht warten, bis die Dinge von selbst ihre Entwicklung nehmen? Warum vorgreifen, warum etwas erzwingen wollen? Fühlen Sie nicht, daß eine große Süßigkeit in diesem langsamen Heranreifen zur Erfüllung liegt?«

Nein, Maria, so kann und will ich nicht fortfahren!

Ich schrieb diese eine von den vielen Unterredungen, die wir hatten, auf, um mir das Auf- und Abwogen zwischen Hoffnung und Verzweiflung – zwischen Stolz, Mut und Kraft und tiefster Niedergeschlagenheit wieder ins Gedächtnis zurückzurufen.

Sagte ich dir nicht einmal, daß ich mich wie ein Tier fühlte, das den Jäger hinter sich hat? Und muß ich nun sagen: Nein, ich war nicht wie ein gehetztes Tier, das unschuldig verfolgt wird, und das dankbar gewesen wäre, wenn es endgültig den Rettungsweg gefunden hätte! – Nein, meine Wege führten alle zu ihr zurück– alle immer wieder zu ihr!



Ich dachte sehr viel in dieser Zeit. Ganze Welten von Gedanken zogen durch meinen armen Kopf. Und immer wollten diese Gedanken ergründen: Wo war der Anfang? Wo und wann ist die Möglichkeit all dieser Dinge, die mich bis jetzt beherrschen, in mir aufgewacht?

War es wirklich an jenem Abend im Hause des Dichters im Grunewald, daß meine Seele umgeformt und mit ganz neuen Kräften ausgestattet wurde, damit sie diese Riesenwoge von Gefühlen, die über sie hereinbrechen sollte, so bis ins kleinste hinein auszukosten vermochte?

Und weiter wollten die Gedanken wissen: Warum – und zu welchem Zweck? In der Nacht kamen mir als rätselvolle Antworten auf diese Frage, Träume – schauerliche Träume voll Schönheit und Todesbangigkeit – voll Süßigkeit und voll von allerbitterstem Jammer.

Nein – nein – nein! Auch diese Erinnerungen bringen nicht weiter – auch diese Erinnerungen helfen mir nicht! Was soll ich schreiben, Maria! Wie kann ich etwas in Worte fassen, was noch zu gar keiner festen Gestalt in mir selbst geworden ist?

»Tatsachen!« mahnst du, »Tatsachen!«

Ach, nichts – nichts ist bei uns zur Tatsache geworden – oder doch – waren es doch Tatsachen??

Einmal, nach einer sehr zerquälten Nacht, fuhr ich zur Großmutter. Sie hatte mich nicht gerufen; sie wußte nicht, daß ich kommen würde.

Es war ein kalter Tag, aber die Sonne schien. Die Sonne schien auf all die im Raureif stehenden Wälder, an denen mein Zug vorüberfuhr, und die ganze Welt war wie ein Märchen. Tiefergreifende Schönheit strahlte aus allen Dingen, die ich sah, heraus: Aus den Bäumen und Bergen – aus dem Isararm, der grünlich schimmernd und brausend sich dahinwälzte, aus dem blauen Firmament und auch aus den Gesichtern der Menschen, die mit mir im Zuge saßen, die in die Natur hinausschauten und darüber sprachen.

Wie ich so an all dieser Schönheit vorüberfuhr, begann eine Stimme in mir zu sprechen: »Wenn du jetzt ganz ernstlich willst,« sagte diese Stimme, »dann kannst du alles, was dich bedrängt, abwerfen. Du kannst es inmitten dieser Natur und kannst im Zusammenleben mit dieser seelengesunden alten Frau, zu der du im Begriff bist, zu gehen. Laß dich ganz von ihr und ihrer Kraft erfüllen, bis du den Weg zu dir selbst – zu deinem früheren ›Ich‹ zurückgefunden hast!«

Und ich hörte auf diese Stimme, die mein Herz bewegte, und gelobte mir, ihr zu folgen, und es war, als ob alles um mich her zu lachen begänne, und die Sonne hüpfte wie im Jubel auf den Gesichtern der Menschen umher, und die ganze Welt war zu einer einzigen großen Harmonie geworden.

Mit großer Zärtlichkeit gedachte ich der Großmutter und ihrer gesunden, oft harten Art, ihre Meinungen zu äußern. Ich wußte und fühlte, daß nur Gewaltsames noch jetzt mich herausreißen konnte aus diesem Dickicht, in das ich geraten war, und ich wußte auch, daß der einzige Mensch, der das tun würde, eben diese Großmutter war.

Als ich in dem kleinen Bergort ankam, lockte es mich, in den weißen Wald zu gehen. Ganz weich und unberührt lag der Schnee auf allen Wegen und auf den Zweigen der Bäume. Tiefe, ehrfurchtsvolle Stille ringsumher – und alles weiß – alles, alles weiß. Meine Gedanken irrten zurück zu der »weißen Insel«, von der die Oberin mir erzählt hatte –



Die Großmutter saß breit und behaglich in einem hellgrünen Kleid auf ihrem Samtsofa. Die klugen, junggebliebenen Augen leuchteten wie zwei dunkle Edelsteine aus dem weißen Gesicht heraus. Die lockigen Haare sprangen unter einem Spitzenhäubchen hervor und sie stieß einen leichten Schrei der Überraschung aus, als sie mich so plötzlich vor sich sah.

»Ich dachte es mir«, sagte sie nicht ohne Güte, als ich ihr einen Teil meiner Seelennöte gebeichtet hatte. »Dein Körper ist gesund geworden, aber die Seele hat man dir krank gemacht. Nun kommst du hierher und denkst und hoffst: Die alte Großmutter, die so fest und sicher auf ihren Füßen steht, die wird schon helfen! Aber ich habe dir schon einmal gesagt, daß so etwas nicht möglich ist! Kein Mensch kann die seelischen Nöte eines andern auf seine eigenen Schultern nehmen und ihn dadurch befreien – und es wäre auch eine traurige Aufgabe, die ich da übernehmen würde!

Ein jeder muß dem, was das Schicksal ihm zugedacht hat, frei und mutig entgegen treten; nur dann kann er kämpfen und genesen. Ich, für meine Person, ich hab mich immer mittenhinein ins Kriegslager begeben und habe ausgefochten, was auszufechten war und habe entweder gesiegt oder habe unterliegen müssen. In beiden Fällen aber hatte ich das, was die Hauptsache für alle Gesundung ist: ich hatte Klarheit!

Das, was dich jetzt bedrängt, Ellinor, das ist eine große Unklarheit, die du in der Seele trägst, und die kann am besten der dir nehmen, der sie dir verursacht hat! Geh also zurück zu den Menschen oder Dingen, die dich verwirrten, und bleibe so lange bei ihnen, bis alle Rätsel gelöst sind, bis du weißt, daß du überhaupt ernstlich den Wunsch hast, gesund zu werden. Es gibt ja auch solche Kranke, die ihre Leiden und Gebrechen lieben und nur nach jemanden suchen, der ihnen hilft, sie zu tragen – die aber nicht geheilt sein wollen, die ein Glück in ihren Leiden sehen und schließlich den, der ihnen helfen soll, noch mit sich in ihre kranke und verworrene Welt hineinreißen! So – und nun denk nicht bös von mir und rede dir nicht ein: Die alte Frau ist hart und kalt, sondern glaub

mir, daß ich dir das beste Heilmittel reiche, indem ich dir sage: Geh mitten hinein in den Kampf, der auf dich wartet, und bleib darin, bis dir alles klar geworden ist, bis du dich selbst wiedergefunden hast! Wenn du dann nachher noch den Wunsch hegst, zu mir in meine Berge zu kommen, so komm! Aber so, wie du jetzt bist, weiß ich nichts mit dir zu beginnen, mein Kind!«

Die Sonne war längst hinter den Bergen und Wäldern zur Ruhe gegangen als ich in München anlangte. Hoch und feierlich wölbte sich der Himmel über der schönen Stadt.

Ich ging langsam – Schritt für Schritt über die Straßen, die voll Leben waren; an der Frauenkirche ging ich vorüber, die ihre Türme warm und inbrünstig gegen den Himmel reckte und deren Glocken in dem Augenblick als ich im schwarzen Schatten ihres Gemäuers dahinging, zu läuten begannen.

Ich blieb stehen und ließ mich durchschauern von diesem Klang, der so voll und dunkel und gewaltig war, daß er ein Zittern in der Luft hervorrief, und man glauben mochte, dieser Klang müsse die ganze Welt durchbohren.

Die Glocken riefen zu einem Kriegsgebet für die, die draußen in der unermäßlich gewordenen Größe und Grausamkeit des Weltringens standen, und meine Seele ward ganz durchflutet von dem heißen, gewaltigen Schmerz, den die Menschheit zu tragen hatte. Das eigene Leid begann zu schmelzen, es schien Ehrfurcht zu haben vor dem, was die Welt mit seinen Schauern erfüllte.

Ich trat in die Kirche ein, ich saß in einem Winkel, hörte Orgelspiel und Chorgesang und hörte auch die Worte des Geistlichen, ohne doch ihren Sinn zu verstehen.

Ich weiß nur, daß an diesem Abend, in dieser Stunde, zum erstenmal seit langer, langer Zeit Widuns Bild vor mir erstand, daß ich sein gutes, einst so geliebtes Gesicht vor mir sah, seine Stimme hörte, und daß alles in mir warm und hell zu werden begann. Ich faltete die Hände und betete zu dem, der der Welt das große, grausige Kriegsgeschehen und der mir die schwere Verwirrung in meine Seele gesandt hatte. Ich betete mit großer Inbrunst zu ihm, daß er – mir irgendein Zeichen seiner Gnade senden möge, aber alles, was mir als Antwort zuteil wurde, das war die Erinnerung an die Worte der Großmutter, die sie mir an diesem Nachmittag gesagt hatte: »Geh mitten hinein ins Kriegslager und ruhe nicht eher, bis du Klarheit in deiner Seele hast!«

Der Himmel war mit zahllosen Sternen bedeckt, als ich meinen Heimweg fortsetzte. Funkelnde Kälte war auf den Straßen, aber ich fror nicht.

Widuns Bild war in meinem Herzen auferstanden, und mir war, als ginge er an meiner Seite und mein Arm läge in dem seinen. Jener Gang, den ich einmal vor langer, langer Zeit ›Unter den Linden‹ mit ihm gemacht hatte, wurde lebendig in meiner Erinnerung. Ich hörte ihn dieselben Dinge sagen, dieselbe Frage an mich richten wie damals auf jenem Gang vor langer, langer Zeit.

Und mußte ihm auf seine Frage dieselbe Antwort geben, die ich ihm damals gab mußte ihm sagen, daß meine Kunst mein höchstes, mein einziges Ziel bleiben müsse. O Widun – wie durfte ich das aussprechen! Wie durfte ich von mir sagen, daß es mein Wunsch sei, einem Idealzweck zu leben, den Weg zur geistigen Vollendung allem andern vorziehen!!

Ich kam in mein Haus, kam in mein Zimmer, und eine weiße Gestalt erhob sich vom Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.

Der Großmutter Worte dröhnten in meine Ohren:

»Geh mitten hinein ins Kriegslager und hole dir die Klarheit deiner Seele zurück!«

Das Lächeln war um den Mund der Oberin dieses Lächeln, das ich hasse und liebe zu gleicher Zeit. Mit einer lautlosen Bewegung kam sie auf mich zu, nahm mir den Hut vom Kopf und half mir aus dem Mantel heraus.

»Seit langem sitze ich in Ihrem Zimmer«, sage sie, »denn es war vom Morgen dieses Tages eine Unruhe um Sie in meinem Herzen. Ich habe während aller Arbeit immerfort über Sie und Ihr Leben nachdenken müssen.

Sie arbeiten nicht – Sie sind voll Unruhe und Seelennot. Sie sind wie ein armes Kind, das Vater und Mutter verloren hat und das nach einem Beschützer sucht.

Ich habe bisher in meinem Leben nicht gewußt, daß es so hilflose Menschen geben könne, wie Sie einer sind. Man muß sich Ihrer annehmen – man muß Sie ein wenig leiten, denn wer so hartnäckig wie Sie dem Leben immer die unfreundlichsten Seiten abzugewinnen sucht, der wird weder als Mensch noch als Künstler zu einem guten Ziel kommen.

Diese bunte Stube hier ist für einen künstlerisch empfindenden Menschen doch eine Grausamkeit, und die Menschen, bei denen Sie leben, haben nicht das geringste mit Ihnen gemein. Sie werden seelisch und körperlich in einen solchen Zustand von Apathie geraten, daß der eigentliche Zweck Ihres Lebens, Ihre Kunst, Ihnen bald für immer genommen sein wird. Sie müssen aus dieser Umgebung heraus, und ich habe die Absicht, Sie zu mir in die Klinik zu nehmen. Ich gebe Ihnen eins von den weißen Zimmern, und es ist auch ein Raum vorhanden, in dem Sie malen können. Ich werde nach Ihnen sehen – ich werde Ihnen helfen, wenn es nötig ist – ich werde –«

Maria, verstehst du, was diese Worte, was diese Aussichten für mich bedeuteten! Wie alles, was sie mir sagte, gleich einem Feuerstrom in mich eindrang – wie die ganze Welt mir als ein weißes, gleißendes Lichtermeer erschien!

Mein Kopf lag an ihrer Schulter, und ich konnte nur immer wieder die zitternde Frage an sie richten: »Ist es wahr? Ist es wirklich war?«

Dann plötzlich, mitten in diese Freudenwelle hinein, hörte ich der Großmutter Worte mir in die Ohren dröhnen: »Geh hinein ins Kriegslager und gib den Kampf nicht auf, bis du deine Klarheit wiedergefunden hast!« Und sah Widuns Bild vor mir erstehen mit traurigem, bangen Ausdruck in den Augen – und fühlte dabei, wie die Hände der Oberin leise über mein Haar, über meine Stirne strichen, und alle diese vielen Eindrücke und Gedanken verwirrten mich so sehr, daß ich glaubte, in einer Schaukel zu sitzen und jedes Gefühl von Festigkeit verloren hatte.

Sie zog meinen Kopf fester an sich heran, und dann war Stille und Versunkenheit – und ich wußte und begriffs wie eine Offenbarung, warum alle jene Frauen in den weißen Nischen der Marmormauer, die ich in meinem Traum gesehen hatte, vor dem Manne geflohen waren. Es muß wohl doch so sein, daß das allertiefste, das allersublimste Begreifen und Erfüllen nur vom eigenen Geschlechte gegeben werden kann.

Wie soll es auch möglich sein, daß ein Mann je ganz zu fassen vermag, was in der weiblichen Psyche vor sich gehen kann – wie könnte eine Frau den Mann in seinen tiefsten Nöten je ganz begreifen?

Maria, es muß und muß doch einen Grund haben, warum die Natur solche Wünsche, solche Möglichkeiten in der Menschen Seelen gelegt hat, und es muß auch seine Berechtigung haben, wenn die Sehnsucht eines zerquälten Herzens nach unsäglichen Irrwegen zum eigenen Geschlecht zurückbegehrt – wenn –

Nun zuckst du zusammen und wendest dein Gesicht von mir fort.

Maria – ich weiß nichts, ich habe keine Ahnung vom eigentlichen Wesen, von der Erfüllung dieser Liebe – ich weiß nicht, was es ist, was sie so sehr in Schmutz und Schlamm gezogen haben mag, daß ein Fluch auf ihr lastet und daß die Menschen glauben, in ihr ein Laster, ein Verbrechen erblicken zu dürfen.

Das, was ich suche, ist nichts Niedriges, nichts Gemeines – Maria – es ist das Süßeste, Feinste und Zarteste, was es auf Erden geben kann.

Maria, ich las in dieser letzten Zeit so viel und ich las, daß viele der Größten, der Begnadetsten in Kunst und Wissenschaft diese selbe Sehnsucht in sich trügen!

Wie kann es ein, daß göttliche, unsterbliche Kunstwerke aus Seelen kommen sollen, die nach allgemeinen Begriffen und Gesetzen als verworfen, lasterhaft, zum wenigsten aber als krank verurteilt werden!

Warum sieht man es als eine Aufstachelung der Lüsternheit an, wenn in Dichtungen von dieser Liebe die Rede ist – und warum hab ich an diesem Abend in tödlicher Angst immer wieder fragen müssen – immer wieder das eine: »Was soll werden? Sagen Sie mir um Gotteswillen, was soll werden mit uns beiden?«

»Nichts anderes, als was sein muß – nur warten – nur alles sich entwickeln lassen, wie die Natur es will – Sie sagte das sehr innig und zart, und es ging ein ganzer Strom von Leid und zitternder Sehnsucht nach diesem ›muß‹, davon sie gesprochen hatte, aus ihrer Seele in die meine über.

»Still sein«, sagte sie leise, »nicht weinen, nicht in solche Erregung, in solche Verwirrung hineingeraten! Immer nur das eine denken, was ich von Anfang an gesagt habe: ›Naturgesetz‹! Was sein soll und sein muß, das wird geschehen! Was nur gewollt, nur künstlich dem Empfinden beigebracht wurde, das wird ganz von selbst wieder daraus entschwinden müssen. Und nun muß ich gehen, Kind! Ich bin, seit ich zu denken vermag, ein Pflichtmensch gewesen, Ihretwegen aber bringe ich es fertig, das Dringenste beiseite zu schieben – und auch aus diesem Grunde ist es gut, wenn keine räumliche Trennung mehr zwischen uns besteht«.

Ich will nun schreiben, was nach diesem Abend folgte:

Zuerst eine Nacht voll banger Träume und unaussprechlicher Visionen. Von Arbeitssehnsucht träumte ich, von einem unglaublichen Können. Bilder erstanden in mir in toller Reihenfolge – vom Erhabensten bis herunter zu kleinen paradoxen pikanten Einfällen. Zu allem, allem was es gibt, war ich in diesen meinen Träumen fähig, und als der Morgen kam, war die Erinnerung an unzählige Skizzen, die ich in Berlin liegen hatte, in mir wachgeworden, und das Verlangen, sie wiederzusehen, sie zu prüfen und vielleicht Großes aus ihnen zu gestalten ward so drängend in mir, daß ich ganz schnell zu dem Entschluß kam, nach Berlin zu fahren, um mir alles zu holen, was ich für mein künstlerisches Leben brauchte.

In dem neuen Dasein, das nun für mich beginnen würde, wollte ich das Ziel meines Ehrgeizes erreichen – in dem weißen stillen Hause da draußen mußte das Meisterwerk meines Lebens erstehen.

Zwei Tage später war ich in dem schönen Hause der gastfreundlichen Melanters. Wie ist das seltsam, Maria, wenn man nach großen inneren Erlebnissen in ein wohlbekanntes Haus, zu wohlbekannten Menschen zurückkehrt und sein eigenes ›Ich‹ wie durch Welten von ihnen getrennt fühlt. Nicht die kleinste Verbindung ist mehr vorhanden. Man ist voll innerer Unduldsamkeit und empfindet alle Güte, alle Vertrautheit, die vor kurzem so wohlgetan hat, als etwas Lästiges, was man mit einem unfreundlichen Wort von sich abweisen möchte.

Und auch die Schönheit des mit vollendetem Geschmack errichteten und ausgestatteten Hauses, all die reinen, edlen Linien der Architektur, die Kunstgegenstände, die bis dahin meine Augen entzückt hatten, die Bilder, die weichen Teppiche, die stille Erhabenheit des winterlichen Parkes, die dunklen Kiefernwälder, der See – alles, alles, was mir diese Umgebung schön wie ein Märchen hatte erscheinen lassen, es war mir nichts mehr – gar nichts mehr! Eine in Nichts zerstiebte Welt war mir alles, was außer dem weißen Haus in München bestand, geworden! Ja, so war meine Einstellung dem Leben und den Menschen gegenüber während meines kurzen Verweilens im Berliner Vorort.

Aber dann kam eine Nacht, die mit tausend Stimmen auf mich eindrang, und all diese Stimmen riefen mir zu: »Bleib hier bleib hier! Laß dich festhalten von all den guten treuen Menschen, die du in dieser Stadt hast – geh zu Maria und sprich mit ihr, und ich sah den Weg, der zu dir, Maria, führte, von freundlichem Sonnenlicht beschienen vor mir liegen. Jener andere Weg aber, den ich gehen wollte, den Weg in die fremde Stadt zurück, der war voll steinigem Geröll! Steil und in rätselhafte Dunkelheiten führend, und mein Herz schrie auf und wollte die gute, sonnige Straße gehen – aber eine schwere, wuchtige Hand ergriff mich und wies mich auf den andern Weg hin, und es war mir zwar sicher, daß ich auf ein dunkles, ungewisses Ziel zusteuerte, wenn ich von dieser Hand mich führen ließ, und war mir doch zugleich, als stehe hinter der dräuenden Dunkelheit ein Licht, das in überirdischer Helligkeit erstrahlte – als stehe ›Sie‹ dort, die weiße Frau, die ›Erscheinung‹, von innen heraus durchleuchtet und einen Strahlenkranz von Licht um sich verbreitend. Ich entschloß mich, diesen engen, schweren, diesen mit Geröll bedeckten, unheimlichen Weg zu gehen.





Ich war nur zu dem einen Zweck nach Berlin gekommen, um meine Skizzen und alles, was zur intensiven Ausführung meines Berufs gehörte, zu holen und dann zurückzukehren, aber da erreichte mich eine Nachricht von Widun, die mich mit Schrecken und fast mit Unwillen erfüllte.

Er war auf dem Weg nach Berlin, und es war nicht zu umgehen, daß ich ihn sah. Ich blieb seinetwegen und ich will nun von diesem Wiedersehen mit ihm berichten. Wir hatten uns bei seiner Ankunft ganz kurz am Bahnhof gesehen, und ich erfuhr, daß er nur zwei Tage bleiben konnte.

Vielleicht hab ich froh ausgesehen, als er das sagte; vielleicht hab ich sogar lächeln müssen aus einer inneren Erlösung heraus – ich weiß es nicht!

Für den nächsten Tag verabredeten wir ein Zusammentreffen, aber es kam nicht zustande, und so blieben ihm nur ein paar Abendstunden für mich übrig. Er hätte in das Haus der Melanters kommen können, aber dadurch wäre uns das Alleinsein, das Widun ersehnte, genommen worden. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als seine Bitte zu erfüllen und einen einsamen Spaziergang mit ihm zu machen.

Je näher die Stunde, zu der ich ihn erwartete, rückte, um so heißer und drängender wurde das Verlangen in mir, wieder dasselbe Glück wie in vergangenen Zeiten im Beisammensein mit ihm zu finden – und eine ganz leise Hoffnung erstand in mir, daß das Schicksal uns dieses Wiedersehen gesandt habe, um meine Seele frei zu machen von allem, was lähmend und beklemmend Besitz von ihr genommen hatte.

Ach, was hab ich von diesem Wiedersehen mit Widun erhofft und ersehnt.

Und nun, da ich davon berichten will, weiß ich nicht, wie ich die Geschehnisse dieser Abendstunden hervorholen soll aus dieser armen Seele, die so viel in sich aufnehmen mußte in all dieser vergangenen Zeit, die wie ein Schrank mit unzähligen Fächern geworden war. Sobald ein Fach sich gefüllt hatte, verschloß es sich, und es war kein Schlüssel da, um es zu öffnen, und jedesmal, wenn ich eins von diesen Fächern erschließen will, muß ich einen Gewaltakt vollführen, muß etwas zerbrechen – muß Wunden aufreißen, alte Wunden, die sich nie ganz schließen wollen.

Aber du sollst und mußt wissen, Maria, wie es kam, daß ich Widun, den liebsten, treuesten Freund auf Erden verlieren mußte!

Genau um die Minute, die wir verabredet hatten, stand er vor dem Gartentor der Melanterschen Villa. Glanz war in seinen Augen – ein etwas unruhiger Glanz, den ich noch nie darin bemerkt hatte.

Eisige Februarstimmung war um uns. Die Wege weiß vom frischgefallenen Schnee, den die Kälte der Nacht hart gemacht hatte. Bei jedem Schritt gab es ein Knacken. Tiefblau war das Firmament – wundervoll hochgewölbt mit Sternen, Mond und Milchstraße. Flimmernd sah der Sirius auf uns herab.

»Häng dich fest in meinen Arm, Ellinor,« sagte Widun – »wir wollen tüchtig ausschreiten, da du frierst. Sieh, wie die Kiefern sich gigantisch in die Höhe recken, als wollten sie bis zu den Sternen hinauf! Wie schön das alles ist!«

Wir kamen über eine Brücke, die eine Sphinxgestalt als Zierde trug. Hart und kalt sah das steinerne Gesicht uns an, und ein Schauer ging durch meine Seele. »Komm in den Wald – komm in die Einsamkeit!« Und Widun lenkte an den Straßen vorbei zum Walde hin.

Totenstille war um uns her – kein Menschentritt, kein Vogellaut, kein Knacken in den Zweigen – und doch war alles voller Stimmen! Wie ein Tosen war es in meinen Ohren – es raste und brauste und brannte rund um mich her!

Von Widun mußte das kommen – von Widun loderte es wie ein Brand zu mir hin. Seine Worte gingen wie Wein in mich ein oder wie ein Feuer.

»Morgen muß ich schon wieder fort, Ellinor«, sagte er mit zerrissener Stimme, »auf ganz unbestimmte Zeit fort – vielleicht ohne Wiedersehen« und er blieb stehen und sah mir ins Gesicht.

»Hör mich an – Ellinor! Sieh, bis zu diesem Tage, bis zu diesem Wiedersehen bin ich ruhig gewesen deinetwegen – aber jetzt plötzlich – Ellinor, ich hatte bislang geglaubt, der Krieg müsse größer sein als alles, alles andere, was uns zu bewegen und erschüttern vermag – nun aber – Ja, man ist also doch nur Mensch und kann sich auf die Dauer nicht zur Größe zwingen – und darum wohl ist es so gekommen, daß alles, was in der Welt vor sich geht, mir klein und belanglos erscheint gegen das Angstgefühl, das plötzlich um dich in mir aufgestiegen ist. Es ist nicht mehr alles so zwischen uns, wie es gewesen ist, seit ich dich kenne, Ellinor! Deine Augen haben einen andern Blick bekommen, deine Gedanken sind weit von mir fort! Sag, was ist geschehen? Was ist von neuen Ereignissen in dein Leben gekommen? Sei offen zu mir, Kind! Ist einer da, der dir Heimat und Sicherheit bietet? Ist es ein Glück– eine Leidenschaft? Denn irgendetwas muß es sein, das fühle ich - das sagt mir die große Unruhe, die um dich in mir aufgestiegen ist!«

Er stand noch immer still, hatte meinen Kopf in seine beiden Hände genommen und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen.

Welten rauschten an mir vorüber. Ich sah ein zartes, inbrünstiges, leuchtendes Weiß, das ich in den Kliniktagen immer gesehen hatte und das mir jetzt die große Arbeitsstimmung gab. Weiß – nichts als dieses Weiß sah ich und meine Gedanken zitterten und wallten um dieses immer gewaltiger werdende Weiß.

»Sprich, Ellinor, denn ich kann so nicht von dir gehen – Du weißt nicht, wie das tut, fortzumüssen und solche Unruhe mit sich herauszunehmen!«

»Unruhe?« Ich sprach ihm das Wort nach. »Warum hast du Unruhe um mich?«

»Ich weiß es nicht! Ich hab sie bisher in diesen Kriegszeiten nie gehabt. Jedesmal schied ich froh und ruhig von dir – aber diesmal – diesmal –«

Immernoch hielt er meinen Kopf in seinen Händen, und meine Augen wollten von ihm fort; die sahen in den tiefen, einsamen Winterwald hinein. Aber er sprach weiter:

»Sei wahr, Ellinor!! Sind deine Gedanken noch bei mir, wie sie es früher gewesen sind?« Und ich wollte antworten, aber es kam kein Ton aus meinem Mund, und die ganze Welt um mich her war jetzt nur noch dieses entsetzlich aufreizende, wogende Weiß.

»Du antwortest nicht, Ellinor«, sagte er mit schwerer Stimme und zog meinen Arm wieder durch den seinen und ging tiefer mit mir in den Wald hinein über den knirschenden Schnee. Hoch über den Kiefernhäuptern wölbte sich feierlicher noch als zuvor das frostklare Firmament, und um mich her war immer noch dieses Weiß, dieses entsetzlich wogende, blendende Weiß.

Weltenweit war ich von Widun fort. Wie aus weiter, weiter Ferne drang alles, was er sagte, zu mir hin – und doch hatten seine Worte eine gewisse Macht über mich brachten mich langsam zu ihm zurück.

»Ach, Widun – Widun«, mußte ich denken, »wärest du mein – vor Gott und allen Menschen mein – und könntest mich schützen – könntest mich festhalten – dieses böse Weiß, das um mich gaukelt, von mir nehmen!« Und meine Tränen flossen, und er zog mich weiter – und plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, stand da ein Borkenhäuslein mit halbem Dach vor uns und mit zwei Bänken an den Seiten. Widun blieb stehen.

»Ellinor, komm, wir setzen uns einen Augenblick. Komm, mir ist warm, ich geb dir meinen Mantel um. Und nun sprich, Ellinor sag mir, was geschehen ist! Ich bitte dich um alles, laß mich nicht in Unklarheit von dir fortgehen. Sei gut und wahr und ehrlich zu mir Kind!«

Wieder hielt er mein Gesicht so, daß ich ihm in die Augen sehen mußte. »Sei gut, Ellinor – sei ganz du selbst. Denk, daß es vielleicht das letztemal fürs ganze Leben ist, daß wir zusammen sind!« Und irgendetwas in mir flehte zu ihm hin: »Hab Macht über mich, Widun, mach mich frei! Nimm dieses Neue von mir, diesen Brand, dies Feuer – diese Hölle – o Widun, Widun!«

Der Himmel, der hohe dunkle Himmel leuchtete über uns. Der Sirius strahlte und flimmerte, aber er hatte weißes Licht, er hatte dies harte, starke, schmerzende Weiß in seinem Licht, in dem ich jetzt die ganze Welt erblickte.

Widun sprach immer weiter auf mich ein; in abgerissenen heftigen Worten sprach er: »Ellinor, sei, wie du immer warst – sei offen und ehrlich! Und wenn dein Herz nicht mehr bei mir ist, wenn Neues, Unbekanntes dich erfüllt – dann sag es mir – sag es mir! Nimm diese marternde Ungewißheit von mir!« Und da ertrug ichs nicht länger, Maria, und schob ihn von mir fort und sagte mit einer Stimme, die mir völlig fremd erschien, sagte in all das wallende Weiß hinein, das mich betäuben wollte: »Ja, es ist etwas, Widun aber ich kann dir nicht sagen, was es ist! Es ist das Größte, das Unaussprechlichste meines Lebens! Widun, glaub mir, ich weiß selbst noch nicht, was es ist, aber es füllt mich ganz aus und es ist schlecht und unwahr von mir, wenn ich dich in dem Glauben lasse, daß meine Gedanken und meine Sehnsucht wie in früheren Zeiten bei dir sind – wenn –« Widuns Arm, der sich um meine Schulter gelegt hatte, ließ mich frei. Ich war ganz verlassen, denn in demselben Augenblick in dem er mich freigab, war auch all das Weiß um mich her wie ausgelöscht, hatte sich in ein häßliches, nüchternes Grau gewandelt, und Kälte und Einsamkeit breiteten sich um mich aus und ließen meine Seele in Frost und Bangigkeit erschaudern.

»Dann komm nach Hause, Ellinor,« und er zog meinen Arm wieder in den seinen, und das einzige, was er auf diesem Weg noch zu mir sagte, das waren seine guten, seine herzwarmen Wünsche, daß ein wirkliches, ganz großes Glück meiner warten möge.

»Wenn es aber dennoch eine Täuschung sein sollte, Ellinor, dann weißt du, daß du stets bei mir deine Zuflucht findest!«

Ich fand keine Worte, um ihm zu danken, erwiderte nur den Druck seiner Hand, und dann standen wir vor dem Gartentor der Melanterschen Villa – und seine Augen hatten einen Blick– o Maria, alles Leid der ganzen schweren Welt hatte sich in den guten Augen meines armen Widun aufgetürmt – in diesen Augen, die ich einstmals mit solcher Liebe, solch tiefer Freude auf meinen Bildern dargestellt hatte.

Das war der Abschied von Widun, war wie ein Riß durch die Harmonie und Schönheit vieler vergangener Jahre – und dann – und dann –



Ich will nun eine kurze Spanne Zeit überspringen und ich will auch nicht erzählen, wie es mir zumute war, als ich in das große weiße Haus draußen vor Münchens Toren einzog.

Was man an solchen ersten Tagen eines neuen Lebensabschnitts fühlt und denkt und leidet, träumt oder ersehnt, das darf man wohl nie ganz ernst oder tragisch nehmen.

Ich weiß überhaupt nicht, ob ich ein Mensch für mich selbst war, in jenen ersten Tagen. Die Luft dieses Hauses, der ganz leise Äthergeruch, der in allen Räumen schwebte, die Stille, die große Weiße allenthalben, der lautlose Gang der Schwestern, der Pflegerinnen, das flüsternde Sprechen auf Gängen und Treppen, all das erwecke Bangigkeit in mir, die sich am Abend bis zu einem Grauen steigerte.

Ich war zu Beginn einer Woche gekommen, in der jeder Raum des ganzen Hauses mit Kranken belegt war, in der an jedem Tag drei oder vier Operationen stattfanden und in der die Zahl der Besucher, die telephonischen Anfragen und die persönlichen Erkundigungen bei der Oberin kein Ende nahmen.

Nichts aber ist mehr geeignet, eine schon vorhandene, übertriebene Verehrung für einen Menschen auf den Gipfelpunkt zu bringen, als wenn man ihn in seiner bis zum Übermaß gesteigerten Tätigkeit über seinem Reiche walten sieht! Ich nahm in diesen ersten Tagen unzählige Dinge wahr, die mir bis dahin verborgen geblieben waren. Ich sah und begriff, daß diese Frau einen ganz ungewöhnlich festen und starken Willen hatte, daß alle, die mit ihr in dem weißen Hause lebten, eine gewisse Furcht vor ihr zu haben schienen.

Ich fühlte, daß ein Hauch von Kälte von ihr ausströmte, und daß zwischen ihr und denen, die der Tag mit ihr in Berührung brachte, eine gewaltige Kluft lag, die von ihr geschaffen war und die niemand zu überschreiten wagte.

Ihre Augen waren scharf, wie die eines Falken. Sie sah immer gleich mitten in die Seelen ihrer Mitmenschen hinein, und ich fühlte, wie sie die Mehrzahl dieser Menschen mit einer mühsam verhehlten Geringschätzung behandelte.

Maria, ich kenne viele, viele Frauen – ich kenne Frauen von geistiger Bedeutung und kenne solche, die in der Kunst Besonderes leisten; ich kenne mütterliche, sanfte, und kenne resolute Frauen, die fest auf ihren Füßen stehen und ihr Recht mit Eifer zu verteidigen imstande sind – ja, ich habe geglaubt, mich bei meinen Mitschwestern völlig auszukennen, und bin dieser Frau gegenüber wie ein kindliches Geschöpf, das die ersten selbständigen Schritte ins Leben tun soll und das vor Staunen und Ehrfurcht in sich selbst zusammensinkt und sich von dem Gefühl eigener Kleinheit schließlich so überwältigen läßt, daß es zu gar keiner Handlung, kaum zur äußerlichen Festigkeit mehr fähig ist.

Ich sagte dir, daß eine riesengroße Kluft zwischen ihr und all den Menschen, mit denen sie zu tun hatte, lag, und daß niemand den Mut hatte, diese Kluft zu überschreiten. Je länger ich in dem Hause weilte, um so mehr begriff ich, daß sie diese Kluft auch zwischen sich und mir aufzutun beabsichtigte, und daß sie ihren Blick abwandte, als sie mein Erschrecken darüber gewahrte.

Maria, hab ich denn immer zu jenen armseligen Menschen gehört, die kein »Ichgefühl« haben? War ich immer demütig und vor mir selbst gering, wenn ich meine Liebe vergab? Oder ist all das, was ich bis zum heutigen Tage mit dem Wort ›Liebe‹ bezeichnet habe, überhaupt keine Liebe gewesen? Und liegt es vielleicht im Wesen der ganz großen, der bis in Urtiefen hinabreichenden Liebe, daß sie sich ganz in Demut, in Passivität, ja in völliger Selbstaufgabe äußern muß?

Ich begreife plötzlich, daß oft in Liedern der Wunsch ausgesprochen wird, aus Liebe sterben zu dürfen. Es liegt Sinnlosigkeit und zugleich allertiefster Sinn in diesem Wunsch – aber natürlich ist solche Liebe trotz ihrer Aufopferungsfähigkeit, die bis zum ›Sterbenwollen‹ reicht, eine sehr selbstische Liebe, jene Liebe, die ihr Glück im Leiden findet und sich wenig darum kümmert, welche Art von Glück dem andern Teil daraus erwächst.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich in diesem passiven Zustand geblieben bin, denn ich führte ein Traumleben in dieser ersten Zeit.

Ganz, ganz leise hub der Frühling an, ein heimliches Werk zu beginnen. Unter dem Schnee im Park der die Klinik umgab, begann sichs zu regen. Süße erste Amselrufe ertönten. Um die Mittagszeit gewann die Sonne genügend Macht, um das, was die immer noch frostkalten Nächte starr und leblos gemacht hatten, aus seinem Bann zu lösen – und es war eine unendliche Süßigkeit und Lauigkeit in der Luft.

Mein Leben war Nichtstun in dieser Zeit es war Sehnsucht, war Warten!

Die Frau in dem weißen Gewand, die in diesem Hause herrschte, war mir nicht mehr Freundin, nicht mehr eine Gleichgestellte, zu der endloses Vertrauen mich hingezogen hatte. Sie war mir eine Vorgesetzte geworden, eine innerlich Fremde. Leiser Schmerz brach auf, eine Stimme in mir begann unablässig zu fragen: »Warum? Warum tat sie das? Löste dich aus einer zwar nicht sehr geistigen, aber doch behaglichen Sphäre heraus, nahm dich in ihr weißes, stilles Haus, damit du nicht einsam seiest, und sieht nun zweimal am Tag für einen kurzen Augenblick zu dir herein, wie sie es bei all den fremden Kranken, die in den Zimmern ihrer Klinik liegen, tut, weil es ihre Pflicht so ist!«

Maria, es war mir alles so unbegreiflich, was geschah. Ich erhielt das Essen auf mein Zimmer gebracht, und dieses Zimmer war ein Krankenzimmer: kein Bild an der Wand, kein Möbel, das andern Zweck als dem, der dem Aufenthalt eines Kranken entsprach, diente. Alles war weiß und glatt und still in diesem Zimmer, und doch entsetzlich aufreizend und beunruhigend.

Meine Gedanken kehrten wieder und wieder zu dem einsamen Waldspaziergang, den ich mit Widun gemacht hatte, zurück. Ich sah die unsägliche Traurigkeit in seinen Augen, ich fühlte das Zucken seines Herzens bei meinen Worten, die ich ihm sagte, und auch hier stürmte die Frage auf mich ein: »Warum? Warum tat ich das? Warum mußte ich ihm etwas sagen, was gar nicht bestand, was nur in meiner Phantasie, in meinen Träumen, in meinen Wünschen Gestalt angenommen hatte!«

Unzähligemale in dieser Zeit hab ich an dich denken müssen, Maria!

Wer uns beide kennt und ein Urteil über uns abzugeben hätte, der würde ganz sicher sagen: »Jene Maria ist sanft und von unsäglicher Langmut, die andere aber bringt es schwer zustande, ihr Temperament in Schranken zu halten!«

In dieser Lage aber, in der ich mich jetzt befand, war meine Duldsamkeit ohne Grenzen, Maria – und wenn ich mich fragte: Was würde Maria tun, wenn sie in diesem weißen Zimmer sitzen und warten und grübeln müßte, bis der Kopf vor Schmerz und Pein zerspringen möchte, dann weiß ich ganz genau, daß diese Maria sehr bald ihre paar Sachen zusammengepackt haben und von dannen gegangen sein würde!

Maria, was war es dann, was mich gehalten hat in all dieser Zeit? Was war es, was mich diese fast demütigende Behandlung ertragen ließ? War es Liebe? Wirklich Liebe? Eine so sinnlose, verblendete Liebe, daß nichts anderes neben ihr bestehen konnte? Würde man das für einen Mann, den man liebt, ertragen? Würde da nicht sehr bald eine natürliche Reaktion erfolgen – eine Aussprache: Erfüllung oder Verzicht? Auf jeden Fall aber Klarheit!

Hier aber war ich in einen Irrgarten geführt worden, und so sehr die armen, immer fluchtbereiten Gedanken nach einem Ausweg suchten – es war vergebens. Es gab nur immer neue, immer wunderlicher verschlungene Wege – nie aber eine Pforte, die ins Freie geführt hätte!



Einmal an einem Morgen, an dem die Welt draußen außerhalb des weißen Hauses zu jauchzen schien, kam sie in mein Zimmer, gerade in einem Augenblick, in dem die Qual und innere Auflehnung mich zu ersticken drohten.

Sie blieb an der Tür stehen mit der unverkennbaren Absicht, eine räumliche Trennung zwischen uns bestehen zu lassen, und fragte nach meinem Befinden. In meiner gemarterten Seele begann ein Rasen. Ich war von Wut gepackt, war wie ein Tier, das sinnlos vor Hunger sich auf seinen Peiniger stürzen will, aber auf dem Weg zu seinem Peiniger hin wird das arme Tier von einem Blick getroffen, der alles hemmt, alles erstarren läßt, was in diese heiße Bewegung geraten war. Es zuckt zusammen, hält ein in seinem Lauf, starrt in die Augen hinein und schleicht zurück als habe es einen entsetzlichen Schlag auf den Kopf erhalten.

Dumpf und schwer saß ich nach diesem Vorfall da. Stunden, viele Stunden lang – Mein Hirn war wie eine weiche Masse, in die irgendjemand mit bösen Händen hineingriff und alle Gedanken zu einem wüsten Brei verarbeitete. – Dämmerung kam und endlich die Dunkelheit. Ich tastete mich zu meinem Bett, warf mich in den Kleidern auf die Kissen und horchte auf die Nacht, die mir ihre Stimme durchs weit geöffnete Fenster hereinschickte.

Wie oft – Maria – hat die Nacht mir Hilfe gesandt! Wie oft in meiner Kunst ist die Nacht die Gebärerin meiner Schöpfungen, die huldvolle Führerin meiner Hände geworden!

Ich liebe die Nacht selbst dann, wenn sie lang und ohne Frieden, ohne Gnade ist. Immer, wenn ich in inneren Nöten bin, erscheint mir die Nacht unendlich wohltuend im Vergleich zu der Lautheit und Helle des Tages. In der Nacht kommt das bange Lauschen, das Warten zur Ruhe; in der Nacht pflegen die Menschen ohne die Masken, die sie am Tage tragen müssen, sich zu zeigen.

Ich lag und lag, und die Dunkelheit, die erst gigantisch und schwarz und dräuend gewesen war, wandelte sich in tiefes Blau, und aus dem Blau lösten sich violette Streifen, und das Violett zerteilte sich in ganz feine zarte Nuancen, und endlich war alles weiß um mich her, und in dem Weiß erkannte ich wieder jene beiden Wege, die ich schon oftmals vor mir gesehen hatte: den einen, der breit und sicher war und von unzähligen Menschen begangen wurde, und den andern, der, mit Geröll bedeckt, in einen Abgrund führte. Hinter dem Abgrund aber leuchtete ein überirdisch weißes Licht und eine weiße Gestalt stand da, und irgendwo in der Luft las ich das Wort »Gnade«! Und dieses Bild und dieses Wort drängten sich bis in die Tiefe meiner Seele hinein, und alles Böse, alles Beunruhigende war verschwunden. Die Nacht bekam wohltuende Dunkelheit – ein gutes, stilles Raunen begann, und die Gedanken wurden still und ruhig.

Nur noch die eine Empfindung brachte mir diese Nacht: die Empfindung, daß alles, was bisher in meinem Leben bestanden hatte, nichts anderes als ein ungeheurer Irrtum gewesen sei – oder aber eine Vorbereitung auf etwas, was über menschliche Begriffe hinaus hoch und göttlich war.

Nein, Maria – so nicht, so komme ich nicht weiter! Es müssen Tatsachen sein! Aber in der Geschichte dieses Verhängnisses gab es ja keine Tatsachen, und jeder, der diese Aufzeichnungen lesen wird, und auf großes, dramatisches, äußeres Geschehen wartet, der möge sie aus der Hand legen.

Nur der, der einer armen Seele auf ihren dunklen Gängen zu folgen vermag, mag weiter lesen und mich sagen lassen, was ich zu sagen habe.



Ich war entschlossen, den Weg, der zur Gnade führete, tapfer zu gehen. Ich wollte warten und wollte mir das Warten durch arbeiten schön und licht gestalten. Es gab da einen einsamen hellen Raum in dem großen Hause, den konnte ich benutzen, wenn ich zur Arbeit aufgelegt war, und ich richtete ihn mir her und war viele Stunden am Tag da oben in der Einsamkeit, aber die Hände blieben schlaff und der Kopf war ohne Schöpferkraft.

Ich sah den Vorsommer wie eine göttliche Verheißung in die Welt hineinziehen; ich begriff seine Schönheit und nahm sie in mich auf, aber sobald ich gestalten wollte, war alles entschwunden.

Maria, das ganze Leben entglitt mir zu jener Zeit, und ich glaube, daß dieses Entgleiten ein Symbol war für das, was die weiße Frau mit mir tat.

Unsägliche Grausamkeiten wurden mit mir begangen – stillschweigend, ohne Worte, ohne Gesten, ohne Tatsachen wurden sie begangen. Und immer in meinem Leiden erstand das Bild der Schwester, die in diesem Hause den Selbstmordversuch begangen hatte, vor meinen Augen. Ich begriff nun plötzlich die Zusammenhänge, Schleier zerrissen vor mir, und zu mancher Stunde erschien es mir grauenvoll und unausdenkbar, und zu anderer Stunde wieder war es mir ein Trost, ja, vielleicht ein Glück.





Es sind wieder Wochen vergangen, seit ich zuletzt schrieb. Aus jener Epoche finde ich nicht heraus und ich will die fruchtlose Pein und Qual, die sie gebracht hat, nicht in Worten auszudrücken versuchen.

Ich war eines Tages aus dem weißen Hause fort. Ich saß neben der Großmutter Krankenbett in einer luftigen Stube bei weitgeöffnetem Fenster.

O Großmutter, von allem, was du mir im Leben in deiner etwas harten Art Gutes angetan hast, war dies das Beste, daß du krank wardst und mich zu dir riefest.

War es denn wirklich Lösung? War es Befreiung? Ach, ich glaubte es damals, ich wollte es glauben und darum auch ward es für eine Spanne Zeit wirklich zur Lösung aus Qual und Verzweiflung.

Als ich an jenem Sommertage in das heitere Landhaus zu der ganz gelassen in ihrem Bett liegenden alten Frau eintrat, da hab ich nicht geahnt und würde es nie geglaubt haben, daß außer ihr und mir in den langen Nächten – noch ein anderer im Zimmer war – einer, den ich nicht sah und nicht fühlte und mit dem die Großmutter sehr lange, halb ernste, halb heitere Zwiegespräche führte.

»Siehst du nicht, Ellinor, wie er da unten am Bettrande steht und mir zuwinkt mit seinen Knochenhänden und ordentlich verliebte Augen macht, als wollte er mich zu einem Liebeswege laden! Aber warte – warte, alter Geselle! Noch bin ich nicht so weit; ich hab in meinem ganzen Leben mich nicht gut beugen können und hab es niemand leicht gemacht, der mir seinen Willen aufzwingen wollte – darum hab noch ein wenig Geduld!

Und nun, Ellinor, setz dich so, daß du diesem grauen Gespenst den Rücken kehrst, und hör mich an. Ich hab kein leichtes Leben hinter mir – das weißt du, Kind, und daß ich bis in diese Stunde hinein nicht das Lachen verlernt habe, das liegt daran, daß ich nicht vieles zu bereuen habe. Ich hab immer allen Dingen klar ins Auge gesehen und hab ehrlich gekämpft, wenn es zu kämpfen gab. Nie bin ich klein und furchtsam gegen andere gewesen. Denn mit dem, der furchtsam und nicht fest im Willen ist, mit den treiben die Menschen ihr Spiel und haben recht damit. Wer sich nicht zur Wehr setzt, der verdient es nicht anders, als daß er überrannt wird. Waffen sind uns allen gegeben – dem einen diese, dem andern jene, jedem nach seiner Art! Aber ganz ohne Waffen wird wohl kaum eines von Gottes Geschöpfen in die Welt gesetzt. Es heißt also nur, im Notfall den nötigen Gebrauch davon zu machen.

Nun bist du blaß geworden und hast einen Blick in den Augen, der mir sagt, daß ich die rechten Worte zur rechten Zeit gesprochen habe.

Nein, nicht ausweichen. Ich will keine Geständnisse, denn dazu ist keine Zeit mehr vorhanden. Es kommt auch nie darauf an, wie bei einem Erlebnis die Menschen heißen und unter welchen äußeren Umständen ein Erlebnis sich abspielt. Nur wie du selbst in deinem Erleben drinstehst, wie du selbst dich zu den Dingen, die auf dich eindringen, verhältst, darauf kommt es an.

Ich hab dir vor kurzem, als du matt und flügellahm zu mir kamst, gesagt: ›Nicht fahnenflüchtig werden – nicht sich fortstehlen, ehe man ehrlich gekämpft hat!‹ und ich hab dich auf deinen Kriegsschauplatz zurückgeschickt.

Nun nehme ich an, daß du die Sache ordentlich überschaut hast, und daß du dir klar geworden sein mußt, ob sich's um einen Kampf der um Sein oder Nichtsein geht, lohnt! Wenn er es wert ist, dann kämpfe weiter, Kind. Und wenn's mit tiefer Niederlage für dich enden soll– denn das ist immer noch besser als die Seelenqual, die eine feige Handlung nach sich zieht!

Aber wenn die Sache oder der Mensch, um die der Kampf geht, nicht von dem Wert ist, den du ihm beigemessen hattest, dann geh davon und laß dir diesen unheilvollen, grauenhaften Krieg, der jetzt um Deutschland tobt, zur Mahnung dienen! Hier weiß ja jetzt auch keiner von all denen, die täglich vernichten und morden müssen, um was es eigentlich noch geht!

Hab den Mut der tiefsten, der rücksichtslosesten Selbsterforschung, Ellinor, und dann handle, wie du handeln mußt. Schätze auch das Leben und alles, was daran hängt, nicht zu hoch ein! Du siehst, daß täglich unzählige, ganz junge Menschen ihr Leben lassen müssen, für eine Sache, die sie persönlich verdammt wenig angeht.

Warum also soll ich dir abraten, dich selbst aufs Spiel zu setzen wenn es um etwas ganz Großes geht!

Du bist mir immer fremd geblieben und bist mir oft ein wenig absonderlich erschienen. Ellinor – vielleicht, weil du das bist, was man hochtrabend »Künstler« nennt! Nun ja – und man hört ja immer wieder, daß ihr Künstler eure besondere Weltanschauung habt, daß besondere Gesichte euch erscheinen, daß ihr Verbindungen mit unsichtbaren Mächten habt, für die wir anderen kein Verständnis besitzen!

Aber nun bin ich müd geworden, und der da hinter dem Bett, der rasselt mit seinen Knochenhänden und grinst und scheint ungeduldig zu werden.

Ich weiß, ich sehe nicht aus wie ein Mensch, der sich zum Abschied gerüstet hat – und dennoch ist's so. Die Glieder sind schwer, die Füße geschwollen. Das Wasser wogt in meinem Körper und steigt und steigt. Bald ist's bis zum Herzen emporgeklommen, und dann hat der da unten seine Beute und wird – so Gott will – gnädig mit mir verfahren.

Lies mir etwas aus der Bibel vor, Kind – lies mir die Seligpreisungen, willst du?« Und ich las die Worte, die Jesus gesprochen hatte, las von den Einfältigen, von den geistig Armen, und las von denen, die verfolget werden – und da war plötzlich Musik um mich – jene Musik die ich an der Seite derer, um die mein Leiden ging, gehört hatte –

»Mein Gott, Ellinor, nun weinst du ja und zitterst und bist ganz außer dir!« Und mein Kopf lag auf der Großmutter Bett und irgend etwas in mir schrie zu ihr auf: »Es ist kein gewöhnlicher Schmerz, Großmutter, der in mir tobt. Es ist nichts Großes, nichts Erhabenes, um das ich kämpfe – ach Großmutter, Großmutter – Ich glaube, mein Kopf sieht die Dinge der Welt nicht mehr, wie sie in Wahrheit sind – ich glaube –« Aber dann schwieg ich plötzlich, denn es war mir, als hörte ich eine Stimme, die einmal gut und stark und eindringlich zu mir gesprochen hatte – ich hörte Worte, die mir Ruhe und Besinnung wiedergaben und ich strich über das alte Gesicht und versuchte zu lachen und sie nickte und plötzlich sagte sie, wie wenn sie seit langem meinen Gedankengängen gefolgt wäre – sagte sehr feierlich, wie wenn sie es einem Amulett gleich in meine Hände drücken wollte:

»Naturgesetz! Alles, was in der Welt vor sich geht, ist Naturgesetz, Kind – darüber hinaus gibt es nichts.«

Ich muß mich wieder mit Gewalt von diesen Ereignissen lösen und auch über das, was weiter kam, ganz flüchtig hinweggehen.

Der Tod der Großmutter erscheint mir in meiner Erinnerung und in all dem, was meine Phantasie damit verknüpft hat, einer Himmelfahrt ähnlich. Ich muß das ängstlich als Geheimnis in meinem Herzen hüten, denn diese Frau hatte nicht als Engel auf Erden gelebt. Sie hatte ihr Dasein nach besten Kräften genossen und hatte sich Menschen und Dinge dienstbar zu machen gewußt. Aber sie trug eine Fülle von Weisheit in ihrem Herzen und neben aller Weisheit ein so tiefes, fast kindliches Gottvertrauen, daß man den Himmel mit all seinen Wundern, an den sie fest und unerschütterlich geglaubt hat, ganz besonders weit für sie geöffnet sah.



Vom Grab der Großmutter ging ich zu dem weißen Hause, zu meinem Kriegsschauplatz zurück. Neuer Mut war mir gegeben. Ich ließ mich nicht demütig in mein Zimmer verbannen. Ich ging zu ihr und sah ein Staunen in ihren Augen.

Ich fühlte nun plötzlich auch, daß mir Waffen verliehen waren, wie denn die Großmutter gesagt hatte, daß einem jeden Menschen Waffen verliehen seien. Diese Waffen waren in jener Stunde die Worte, die ich zu sprechen vermochte, Worte, die nicht meinem Verstande entsprangen, sondern die irgendein barmherziger Geist mir eingegeben haben muß.

»Ich bin in eine Verwirrung in mir selbst geraten«, sagte ich ihr. »Ich hatte geglaubt, das Leben in Ihrem Hause müsse alle Quellen in mir strömen lassen, alle verborgenen Kräfte zur Auslösung bringen. Aber statt dessen ist Dumpfheit und Befangenheit über mich gekommen, mein Kopf ist keines klaren Gedankens fähig und meine Seele brütet über einem Schmerz, der ihr die Freiheit raubt. Ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen!«

O Maria, wie grausam gegen mich selbst waren diese Worte, die mein Mund da sprach, ohne sie sprechen zu wollen! Wie jammerte das arme, schwache Herz und wie zuckte es zusammen, als in die Augen der andern Wärme und Trauer trat!

Wir rangen ohne Worte miteinander. Es stand etwas zwischen uns, was uns mit Schauder erfüllte, und plötzlich wußte ich, warum sie die Kluft zwischen sich und mich gelegt hatte.

Sie gab mich frei, Maria – mit einer gewissen Hoheit gab sie mich frei.

»Die äußere Freiheit kann ich Ihnen nicht vorenthalten! Ob ich Ihnen auch das innere Freisein zu geben vermag, das weiß ich nicht. Man kann ja niemals mit seinem Willen über das, was die Natur vorschreibt, hinauskommen!«

Ich will nicht zu beschreiben versuchen, wie diese letzten Tage in dem lautlosen Hause gewesen sind – wie da tausend Stimmen waren, die mir zuriefen: »Bleib – bleib und warte!« Und wie dann aus dunklen Ecken und Winkeln entsetzliche Abarten von Menschen und Tieren auf mich zugekrochen kamen. – Mit fürchterlichen Gesten und Grimassen drangen sie auf mich ein, und alle, alle hatten sie in ihren Augen den kalten Blick den die Herrin dieses Hauses hatte, und diese schauerlichen Träume wurden immer lebendiger und verfolgten mich auch am Tage, und die Stimmen, die mir das »bleib« zugerufen hatten, die wurden schwächer und schwächer und verstummten endlich!





Ich stand am Bahnhof neben einem Dienstmann, der meinen Koffer besorgte. Es war ein Regentag. Niemand hatte mir das Geleit gegeben und niemand erwartete mich an dem Ort, den ich mir zum Reiseziel bestimmt hatte.

Es war ein ganz einsamer, stiller Ort, am Rand eines Sees gelegen. Ein kleines Forstgasthaus stand da, und ich wußte, daß man Fremde dort aufnahm.

Der Regen fiel wie strömende Tränen auf die Erde nieder. Endlose Traurigkeit lag in dem Grau der Atmosphäre.

Ich fuhr in einer seltsamen Abwesenheit vom eigenen »Ich« dahin. Ich litt nicht und freute mich nicht. Ich war, wie solche Menschen sind, die eine schwierige Sache vor sich haben, aber gewillt sind, das Beste daraus zu machen.

Vom Bahnhof des kleinen Ortes hatte ich eine halbe Stunde bis zum Forsthaus zu gehen. Der Himmel lichtete sich; aus zarten Wolken fielen nur ganz wenige Regentropfen noch. Es war, wie wenn ein Kind bitterlich geweint hat und nur langsam erst aus seinem Schluchzen herauskommt. Aber wie bei dem Kinde dann plötzlich an Stelle der Trauer auch gleich völlige Heiterkeit eintritt, so war es mit der Melancholie dieses Regentages. Strahlend und triumphierend schwang sich die Sonne auf und ließ die Welt wie in Gold und Purpur getaucht erscheinen.

Ich stand vor einer unendlich freundlich aussehenden, behäbigen Wirtsfrau. Sie freute sich offenbar, so schnell zu einem Gast zu kommen, denn der richtige Sommer war ja noch nicht da, und sie gab mir das Beste, was sie zu geben hatte – sie gab mir ein geradezu paradiesisches Zimmer mit zwei Fenstern, die nach dem See hinausgingen, und mit einem Balkon, von dem aus man tief in die Gebirgswelt hineinschauen konnte.

Ein breites, buntes Bett stand in einem alkovenartigen Vorsprung des Zimmers und lauter ganz bunte Möbel mit roten Rosen und hellblauen Vergißmeinnicht bemalt – und die Frau fragte, vor Herzlichkeit lachend: »Na, gefällts?« und gab mir ihre derbe Hand, und ich mußte mir Gewalt antun, daß ich nicht die Arme ausbreitete und um ihren Hals schlang, denn sie hatte etwas unendlich Mütterliches in ihrem Gesicht.

Dann ging sie und ließ mir nur die Sonne zurück die einen wahren Freudentanz auf den blanken Dielen, auf den Wänden und über all die roten Rosen und blauen Vergißmeinnicht der Möbel ausführte – ach, Maria – ich tanzte eine Weile mit der Sonne und stand auf dem Balkon und trank mich voll von dieser Luft, die so rein war, so stark so gesund – und dann lag ich auf meinen Knien und rief zum Himmel hinauf:

»O, daß du mich erlösest – daß du mich nicht versinken ließest, wie danke ich dir, du Macht, du Gott, der du unser Schicksal lenkst! Gib, daß ich gut und stark und frei bleibe – laß nie einen Menschen wieder solch unheilvolle Macht über mich gewinnen, daß ich bereit bin, ihm mein ganzes Ich zu opfern – daß alles Können in mir gelähmt wird und daß ich mich meiner selbst so bitterlich schämen muß!«

So sprach ich zum blauen Himmel herauf lange – lange – und fühlte, wie immer größere Kraft, immer tiefere Lebensfreudigkeit in meine Seele drangen, und am Abend saß ich unten auf der Veranda und konnte zum erstenmal seit langer Zeit mit Lust etwas essen, ging noch an den in der Dunkelheit blinkenden See – und dann lag ich in dem breiten Bett, und die Nacht, die zu den offenen Fenstern ins Zimmer hineinkam, die sang mir ein Lied, wie nur die mütterlichste Mutter der Welt ihrem krank gewesenen Kinde ein Wiegenlied zu singen vermag.

Und das Kind schlief und hatte keine schreckhaften Träume. Es schlief und trank die Reinheit der Luft in sich ein, und als es erwachte, war es voll Kraft und Übermut, kramte bald zwischen Farben und Leinwand, die es in dem großen Koffer mitgebracht hatte, herum, und die Wirtsfrau, die heraufkam, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, die sagte offensichtlich erfreut:

»Ach, eine Malerin sind Sie! Dacht' ich mirs doch halb! Mir ist's recht so. Künstler sind umgängliche und interessante Leute und meistens bescheiden in ihren Ansprüchen!« Und also ermutigt, machte ich mich mit meiner Staffelei auf den Weg ins Gebirge hinein, und die Hände hatten das »Können« in sich, und die Seele war in guter, tiefer Schaffenswachheit. Dunkelheiten und Schrecknisse waren überwunden. Gottes allbarmherzige Trösterin, die Natur, hatte mich wieder in ihre Arme, an ihr Herz genommen!

Maria, was waren das für gesegnete Wochen; solange die Arbeitskraft anhielt! Du hast mir einmal gesagt: »Wie seid ihr, die ihr euch »Künstler« nennt, im wahrsten Sinne des Wortes Kinder! Immer von jedem Zustand, in dem ihr euch gerade befindet, glaubend, daß er nun das Endgültige sein und bleiben müsse – jede Freude ins Übermaß hinein zu steigern bestrebt, und von jedem Schmerz glaubend, daß er unbedingt in einen Abgrund führen müsse!«

Wo hast du diese Weisheit her, Maria? Wie ist es möglich, daß ein Außenstehender so in uns hineinzublicken vermag!?

Ja, in den ersten Wochen war die Freude wie eine hehre Musik in meinen Ohren und in meinem Herzen. Ich wandelte durch die Natur wie über kostbare Teppiche. Von jeder Blume hatte ich das Gefühl, daß sie nur für mich geschaffen sei. Ich lebte wie auf einer Insel der Glückseligkeit!

Die Vergangenheit war versunken. Vom großen, grausamen Weltgeschehen las ich, und meine Seele nahm wieder teil daran und fühlte, wie sehr ich auf Irrwege geraten war – und daß nun alles gut werden würde.

Warum schreib ich all das? Warum schwelge ich in der Glückseligkeit jener Wochen, die schillernd wie eine Seifenblase, in tausend Farben funkelnd aufgestiegen war, um dann jählings zu zerplatzen?

Es war nun Sommer geworden. Ich saß am Abend oft bis in die Mitternachtsstunde am See – zumeist allein, manchmal an der Seite meiner Wirtin, die eine Naturschwärmerin war.

Eines Abends aber war ein fremder Gast gekommen – eine Frau mit schmalem Gesicht und tiefen Augen. Sie trug feine, besondere Kleider, und die Wirtin stellte uns einander vor.

Die Frau kam aus München – und sie war – ich weiß nicht, wodurch und warum ich das sogleich herausfühlte – sie war von meiner Gilde – das heißt, sie war eine Schaffende. Sie schrieb Bücher und ich kannte ihren Namen. Ich freute mich und fühlte doch zugleich Beklemmung in mir aufsteigen.

Der erste Ton aus der Welt, aus der ich geflohen war, drang an mein Ohr. Das ganz starke Einssein mit der Natur war zerstört. Der Intellekt ward hervorgeholt. Wir sprachen, wie geistig kultivierte Menschen miteinander zu reden pflegen – wir blieben eine Weile scheu und tastend, dann kramten wir einiges aus unserm Seelenleben hervor und dann – und dann –

O Maria, als ich den ersten Griff in diese Seele, von der ich glaubte, daß sie freigeworden sei, hineintat, da flutete und quoll es ohn' Unterlaß aus ihr heraus, und alles, was in mir war, das war noch immer jenes Erleben mit jener Frau aus dem weißen, stillen Haus – und diese Wochen hier, die waren nichts anderes, als ein betäubender Trank gewesen, der nun seine Wirkung verloren hatte und nach dem dann die Schmerzen mit verdoppelter Gewalt hervorbrechen und ihr wildes, grausames Spiel beginnen!

Eine Sehnsucht, wie ich sie nie zuvor in meinem Leben empfunden, zog in mich ein. All jene heißen, übersinnlichen, bis zur äußersten Intensität gesteigerten Träume kamen wieder – meine Gedanken wanderten auf abseitigen Wegen – mein« Ich« erhielt jene Einstellung, um derentwillen ich Widun und mit ihm die ganze Vergangenheit geopfert hatte.

Visionen kamen mir, vor denen ich erschauerte. Die Hände waren erlahmt, die entsetzliche Schwäche und die damit verbundene Tatenlosigkeit waren da –

Ich schrieb einen Brief an die Frau aus dem weißen Haus in München – einen Brief, den ich nur mir zur eigenen Erleichterung zu schreiben und niemals abzuschicken gedachte – und tat es dann doch – und sie kam – sie kam, wie der Arzt zu einem Kranken kommt, und tat mir wohl und tat mir weh und schlug mir vor: »Kommen Sie zurück zu mir! Ich sagte Ihnen, daß es nicht in meiner Macht liegt, Ihnen Ihre innere Freiheit wiederzugeben!! Lassen Sie der Natur und dem Schicksal doch seinen Lauf. Bäumen Sie sich nicht auf!« Und ging dann wieder, und ich hatte ein halbes Versprechen gegeben und saß die Nacht hindurch auf dem Balkon meines Zimmers und sah in die Welt der Berge und rang mit der Natur, daß sie die Macht, die sie in all diesen Wochen über mich ausgeübt hatte, wieder lebendig machen möchte! Aber sie blieb stumm und unbewegt und ließ mich allein mit all der Qual und der furchtbaren Schwäche in meinem Herzen.





Ein weiteres Stück Weltgeschichte rollt sich unterdessen ab. Das dritte Kriegsjahr ist da! Tausende und Abertausende leiden den Heldentod draußen auf den Schlachtfeldern, und drinnen in der Heimat gibt es Herzen, die nicht über sich selbst hinauszukommen vermögen!

Ich ging nicht nach München – ich flüchtete nach Berlin!

Du warst nicht zu Hause, Maria. Es war jene Zeit, in der du deinen Sohn verloren hattest – deinen liebsten Sohn, und ich neidete dir diesen edlen Schmerz, den man mit hocherhobenem Haupte tragen darf, der einen Heiligenschein um das Haupt der Trauernden flicht.

Die Melanters hatten mich wieder mit der alten Herzlichkeit aufgenommen, und ich blieb bei ihnen, bis ich mein Atelier beziehen konnte.

Sie lebten in ihrem schönen Hause in der heiteren Harmonie weiter. Man sagt von Herrn Melanter, daß er mit vollen Händen gibt – und daß sie gern und mit vollen Händen geben, das ist wohl das einzige, was mit diesen Menschen, denen der Krieg finanziellen Nutzen verschafft, aussöhnt. Wenn sie nicht durch »Geben« eine Gleichheit herzustellen bemüht wären, würde man sie nicht achten können. Aber diese Melanters geben gern und immer an der rechten Stelle. Dafür beanspruchen sie dann für sich, daß ihr Haus nach wie vor eine Stätte fröhlicher Geselligkeit bleiben dürfe.

Und gut ist es, daß ein Teil der im heimgesuchten Vaterland Weilenden bemüht ist, Heiterkeit und Harmonie aufrecht zu erhalten, denn das, was man jetzt auf den Straßen und in den Häusern der Unbemittelten sieht, das ist unsäglich niederdrückend geworden.

Solange ich draußen in der Villa wohnte, erfuhr ich nichts von den materiellen Nöten, unter denen die Menschheit sich immer widerwilliger zusammenduckt – aber als ich dann in meinem Atelier hauste, war ich plötzlich mitten im Kriegsdasein drin, und es war ein befreiendes Gefühl für mich, daß ich nicht an reichbesetztem Tische saß, sondern daß die Scheiben Brot ängstlich abgezählt werden mußten und daß alles andere nur auf das Notwendigste beschränkt, vorhanden war.



Wochen der Einsamkeit sind vorüber!

Ich habe dich wiedergesehen, Maria – das muß ich niederschreiben! Denn dieses Beisammensein mir dir, das ist das Ergreifendste gewesen, was diese Zeit in Berlin mir brachte!

Wie bist du geworden, Maria! Welche Mächte haben an dir und in dir gewirkt, daß aus einem Menschen eine Heilige wurde? Daß man immer in einem Schauer lebte, wenn man bei dir weilte und immer von der Angst erfüllt war, du möchtest ganz plötzlich Flügel breiten und von dieser grauen Erde fortschweben hinauf zu denen, die das dunkle Tal des Leidens überwunden haben und nun in ewiger Harmonie und Heiterkeit im blauen Himmelssaale wandeln.

Ich hatte erwartet, eine tiefgebeugte Frau zu sehen und bittere Klagen zu hören. Statt dessen sah ich in Augen, deren Blick still und heiter war, und hörte Worte, die wie Offenbarungen an mein Ohr drangen.

Du sagtest: »Wen nie ein ganz großer, bis in die Urtiefen der Seele hineinreichender Schmerz getroffen hat, dem ist des Lebens eigentlicher Sinn und der Zweck unseres Erdendaseins nicht offenbar geworden! Ich habe zum erstenmal mein Herzblut vergossen, und ich danke Gott, daß er mir dieses Opfer auferlegte. Schmerz ist Gnade – Schmerz ist das eigentliche Erwachen aus der Dumpfheit unseres Daseins.

Ich floh die Menschen nicht, weil ich ihrer überdrüssig oder weil ich verbittert gewesen wäre, nein, ich fürchte die Einsamkeit, um die Verbindung mit jenen Mächten, die über uns walten und die unser Schicksal bestimmen, zu finden. Ich habe gefunden, was ich suchte, und kann nun wieder still und heiter unter denen leben, die meiner bedürfen –« und fuhrst dann fort:

»Aber nun erzähl von dir, Ellinor, denn der Schmerz um einen geliebten Menschen, den wir durch Tod verloren haben, der ist nicht halb so grausam, als die Trauer um den, den das Leben selbst uns entrissen hat.«

Und ich erzählte dir, Maria, und du begriffst alles bis in seinen Kern hinein, und dein Rat war: »Abwarten, ganz still abwarten, wie dein ›Ich‹ selber sich entscheiden wird! Und nichts Böses vom andern Menschen glauben, auch wenn du glaubst, daß dir ein Unrecht geschieht. Denn das gibt es wohl nicht in der Welt, daß ein Mensch aus böser Lust dem andern ein Leid zuzufügen vermag, ohne selbst dadurch auch von einem Schmerz betroffen zu sein!«

So sagtest du, Maria – und nach diesen deinen Worten möchte ich eine Unterredung aufzeichnen, die ich mit dem Dichter aus dem Grunewald hatte, in dessen Hause mir zuerst eine Ahnung von dem, was für mich kommen sollte, aufgegangen war.



Ich war wieder in das schöne Haus geladen und ging mit seltsamen Gefühlen hin, mit Gefühlen, die auflehnend und erwartungsvoll zu gleicher Zeit waren. Ich saß eine Stunde oder länger bei dem Ehepaar, wie man bei alten Freunden zu sitzen pflegt, aber meine Gedanken fanden nicht den Weg zu dem, was sie zu finden erhofft hatten.

Dann schlug mir der Dichter einen Gang durch den Wald vor, ich ging allein mit ihm, und er begann sogleich von dem Werk das er einstmals vorgelesen und das immer noch nicht zur Aufführung gelangt war, zu sprechen. Er fragte: »Welchen Eindruck hat es auf Sie gemacht? Hat es Sie nachhaltig beschäftigt? Oder sind Sie leicht darüber hinweggekommen?«

Und ich fragte dagegen:

»Warum ließen Sie die Heldin so hart der Verurteilung anheimfallen? Warum haben Sie eine Verbrecherin aus ihr gemacht, da sie doch nur dem Willen ihrer Natur folgen mußte?«

Es sah mich staunend an und sagte dann, genau im Gegensatz zu deinen Worten, Maria: »Es gibt Menschen, die mit vollem Willen und Bewußtsein Böses tun, um andere leiden zu machen und sie ins Verderben zu ziehen. Sie sind wohl – wenn man das zu ihrer Entschuldigung anführen will, krankhaft veranlagt – aber mit dem gleichen Recht kann man dann auch dem gemeinen Verbrecher eine krankhafte Veranlagung als Entschuldigung zubilligen!«

Wir saßen im Walde auf einem gefällten Baumstamm, als er das sagte. Die Sonne stand im Abschied begriffen rotglühend über den, von leichtem Wind bewegten Kiefernkronen. Herber harziger Duft war um uns. Ein Käuzchen schrie und aus irgendeiner Ferne tönte Eulenruf. Es war ganz tiefe, andächtige Waldstimmung – aber um mich zog es plötzlich wie Finsternis, die aus tiefen, grausigen Schlünden kommt, herauf. Ich sah wieder böse Ungeheuer in Menschen und Tiergestalt auf mich zustreben und sie alle hatten harte, kalte Augen – hatten jene Augen –

Ich sprang schnell auf – ich weiß nicht, wie ich nach Hause kam –



Die Zeit läuft, nein, sie rast dahin. Ich lebte in Tiefen, war voll Schwermut. Der einzelne Tag wurde mir lang, und nun, da ich zu meiner Schreiberei zurückkehre, ist's mir doch, als müsse ich staunen, daß Wochen zwischen meinen letzten Aufzeichnungen und dem Heute gelegen haben.

Ich will fortfahren, weil du es so wünschst, Maria, und ich will erzählen, daß Widun verwundet war und daß ich in seinem Lazarett bei ihm gesessen habe.

Er hat einen Rückenschuß – nicht lebensgefährlich – aber doch so, daß er viel zu leiden hat. Zum erstenmal seit unserer Trennung bei Kriegsbeginn sah ich Widuns Frau wieder.

Wie seltsam ist das, Maria, wenn zwei Menschen sich wiedersehen, die sich einmal selbst vergewaltigten, um Freunde werden zu können! Alles, was uns einmal verbunden hatte, war versunken – war in einen bodenlosen Abgrund gestürzt. Wir standen uns als Fremde gegenüber und küßten uns doch und waren beide bemüht, die alte Zeit und das, was in ihr gewesen war, heraufzubeschwören, aber es kamen nur Mißtöne dabei heraus, und Widun fühlte das!



In einer Nacht erlebte ich ihren Tod; ich erlebte ihren Tod bis ins kleinste hinein. Ich sah sie im Fieber glühen, sah sie unerhörte Schmerzen leiden, hörte ihr Jammern, hörte meinen Namen rufen – und dann sah ich ihre Augen brechen – sah diese Augen brechen.

In der Welt drunten tobte die Revolution. Die Fürsten flohen von ihren Thronen; alles war chaotisch durcheinandergeworfen – kein Ende abzusehen. Die Menschen mordeten einander. Wie das Brüllen wildgewordener Tiere stieg es von der armen deutschen Heimaterde zum Himmel empor.

Und die Gedanken dieses sich selbst hassenden Ichwesens, das hier oben auf dem Berge lebte, die kreisten um ein anderes einzelnes Ichwesen, von dem es glaubte, daß es ihm etwas schulde – und am Morgen nach jener Nacht, in der ich ihren Tod erlebt, rannte ich, von wilder Verzweiflung getrieben, den Berg hinab zum kleinen Postamt hin und sandte ein Telegramm in das weiße Haus – ein ganz sinnloses Telegramm, das nur den einen Zweck hatte, zu wissen, ob der Traum auf Wahrheit beruhe – ob –

»O Herr, o Vater im Himmel!« Mitten im Wald in Schnee und Eis hab ich irgendwo auf den Knien gelegen. »Herrgott, der du all das Entsetzen in deiner Welt geschehen läßt – der du uns Menschen nach deinem Bilde geschaffen hast – der du uns eine Seele gabst, die göttlich sein soll – hilf mir, laß mich am Leid der Welt mittragen – reiß das ›Ich‹ aus mir heraus – laß mich ein Stück des Ganzen werden! Nimm diese entsetzliche Krankheit, die wie ein böses Tier an mir frißt – nimm sie von mir! Laß meine Augen wieder sehend und meinen Sinn klar und ruhig werden!

»Ein Tag verging und noch einer. Keine Antwort aus München!

Was bedeutete das? War sie tot? – tot – einfach nicht mehr da?

Drunten in der Welt – in den Städten und auf dem Land türmten sich die Ungeheuerlichkeiten zu Bergen von Entsetzen. Ein armes Land, an all seinen Grenzen von grimmigen Feinden bedräut und im eigenen Herzen sich selbst der grimmigste Feind! – Der Verstand reichte nicht aus, um all das zu fassen! Man lebte in der größten Tragödie, die je ein Land erlebt, und man wartete – wartete – wartete, ob ein einzelner Mensch lebte oder ob er gestorben war!

Nach einer halben Woche kommt ein Junge den Berg hinaufgestapft und bringt ein Telegramm für Frau Fandor – ein Telegramm aus München – aus dem weißen Haus: »Befinden gut. Sobald Beförderung möglich, erwarte Sie bei mir!«

Mein Kopf ist auf die Tischplatte gesunken. Ich hab nichts denken, nichts fühlen können für Stunden, für viele, viele Stunden. Aber in der Nacht war ein unerträglich scharfes, weißes Licht in meinem Zimmer – die ganze Welt stand in weißen Flammen, und aus diesem weißen Flammenmeer starrten zwei Augen zu mir hin – zwei Augen, kalt und doch heiß. Verlangend und zugleich versagend, und irgendwo an einer Wand stand groß das eine Wort geschrieben, das Wort, das mich mit Jubel und das mich mit Entsetzen erfüllt: Naturgewalt – Naturgesetz!

Ich hatte geträumt, eine Frau sei an der Epidemie, die den unschuldigen Namen »Grippe« führt, gestorben! Ich habe diesen Tod bis in seine kleinsten Einzelheiten mit der Frau, die ihn starb, miterlebt.

Es ist in der Tat eine Frau gestorben – genau in jener Nacht, in der ich es im Traum erlebte, ist sie gestorben – aber diese Frau war nicht die Herrin des weißen Hauses in München – diese Frau lebte in Berlin und sie hieß – Maria!!

Von Widun weiß ich es, Widun, der Freigewordene, hat es geschrieben! Er ist in Berlin, er ist mitten im Tumult der heimgesuchten Heimat – und durch ihn weiß ich, daß Maria gestorben ist!

Irgend etwas in mir sehnt sich, von dem Berge Abschied zu nehmen, zu dem einsamen Freunde zu gehen – inmitten der großen Geschehnisse zu leben, vielleicht irgendeine Mission zu finden, die meine Gedanken, meine Kraft, die alles, was ich noch zu geben habe, erfordert.



Seit Maria gestorben ist, seit ich vor einem vollen Jahr in unsagbarer Herzensnot – vielleicht um mich von der unumstößlichen Tatsache erst ganz überzeugen – niederschrieb, daß sie nicht mehr leibhaftig auf Erden wandelt, seit dieser Zeit mochte ich die Blätter, die ich ihrem Wunsche folgend gefüllt hatte, nicht mehr sehen.

Alles, was mich an sie – an ihre Güte, Größe und Reinheit erinnerte, tat mir weh. Es mag wohl immer so sein, daß wir den ganzen, vollen, umfassenden Wert eines geliebten Menschen erst dann erkennen, wenn er uns verloren ist!

Maria – liebe, entschwebte, verklärte Maria – obwohl ich auch dich mied in diesen unglücklichen Jahren, steht doch mit unverlöschlicher Schrift in meinem Herzen geschrieben, was du mir gewesen bist: Mutter, Freundin, Schwester und Kameradin zugleich bist du mir gewesen! Mit all deinen Kräften hast du mir an meinen schweren Lasten tragen helfen, und ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, daß ich dazu kam, deine Güte und Teilnahme für etwas Selbstverständliches – etwas mir zu Gebührendes zu halten.

Dann gingst du – gingest plötzlich und ohne Abschied und legtest alles, was du von meinem Leid auf deine Schultern genommen hattest, still vor mich hin, und ich mußte es wieder in mein müdes Herz, in meine kranke Seele hineinnehmen und trug und trug – und es ging, Maria!

Man gewöhnt sich ja schließlich, wenn das Leben es verlangt, auch an das unmöglich erscheinende, und vielleicht würde ich lange, lange noch mit gebeugtem Rücken und zitternden Knien so weiter durchs Leben gepilgert sein, wenn ich still und unbeirrt die staubige Chausseestraße, auf der ich angekommen war, hätte weiter wandern können.

Aber es muß wohl Menschen geben, mit denen das Schicksal sein ganz besonderes Spiel vorhat, denn selbst dann, wenn alles in mir sich gegen Unruhe und neues Erleben sträubt, selbst dann – oder vielleicht gerade dann – schwirren die Dinge auf mich zu wie ganze Schwärme von hungrigen Vögeln, die irgendwo eine Beute erspürt haben, und mit scharfen Krallen und spitzen bösen Schnäbeln hacken sie darauf ein.

Ach, Maria, und wie dies dann von neuem mit mir geschehen ist, wie der gierige Vogelschwarm mich entdeckt und seine wilde Orgie mit mir begonnen hat, da ist mit einem Male die Last, die ich eine Reihe von Monaten tapfer getragen hatte, zu schwer geworden und ich hab sie aus meinen Armen und zugleich aus meiner Seele gleiten lassen, und aller aufgespeicherte Schmerz war wie ein böses, wildes, wütendes Feuer geworden, das Riesendimensionen annehmen, das mich ersticken wollte, das in höllischer Niedertracht rings um mich knatterte und wogte und das ich nicht allein mehr zu löschen vermochte. – Und darum mußte ich dich aus deinem stillen Grabe zu mir in die unharmonische, graue Welt zurückrufen und mußte dich bitten, mußte dich anflehen: »Hilf mir – hilf mir, Maria! Laß mich nicht allein! Ich habe niemanden – ich habe keinen einzigen Menschen auf der ganzen Welt mehr, der mich begreifen und der mir wohltun könnte!«

Und du bist gekommen, Maria! Nicht so stark, warm und trostreich bist du gekommen, wie zu der Zeit, da du noch unter uns hier auf der Erde weiltest. In einem langen, schleppenden Gewand kamst du zu mir – zart, unsäglich fein und mit einem Gesicht, in dem das letzte große Erleben, das uns Menschen beschieden ist, in dem das Losgelöstsein von der Materie mit so wundervollen Linien eingezeichnet war, daß ich vor so viel Süße, Milde und Reinheit und Göttlichkeit schauerte und nur ganz langsam – Schritt für Schritt eine Verbindung zu dir finden konnte.

Und dann sprachst du zu mir, Maria, und sagtest mir, daß alles Leid, das uns Menschen zu tragen auferlegt ist, nur eine Prüfung sei, und daß eine Allbarmherzigkeit über uns waltet, die immer dann sich für uns einsetzt, wenn zuviel der Not sich über uns stürzt – und daß wir still und geduldig sein sollten – und wie du all das sagtest, mußte ich an jenen jungen Geistlichen denken, der einmal an einem Sonntagabend so seltsam hinreißend in einer leeren Kirche gesprochen und mich mit seinen Worten aus Stumpfheit und Erstarrung herausgerissen hatte.

Aber die Worte »Geduld und Ergebung«, die sind nicht angetan, um das Höllenfeuer, das um mich tobt, zu löschen, und darum hab ich nicht geruht, Maria – bis du deine liebe, warme, menschliche Gestalt wieder angenommen hast.

Und wie du während deines Erdendaseins alles für mich getan hast, so tatest du auch jetzt wieder und gabst mir Kraft und Mut, zu meinen Blättern zurückzukehren. Und nun sitze ich da und will versuchen, wiederzugeben, was geschehen ist, um solch eine Brunst von Unheil zu entfesseln.

Maria, dreimal in meinem Leben hab ich jenes ungeheure Empfinden gehabt, daß es auf der ganzen Welt keinen festen Punkt, keine Zuverlässigkeit, keine Gesetze mehr gibt!

Zum erstenmal geschah mir das, als ich in einem jener südlichen Länder, die ich durchreiste, ein Erdbeben erlebte.

Das war damals also das tatsächliche Wanken aller Dinge, die wir gewohnt sind als unbeweglich zu empfinden.

Tage und Wochen trug ich an dem Grauen, das mich befallen hatte, und es hörte in demselben Augenblick auf, in dem der zweite gewaltige Erdstoß erfolgte. Man kann wohl zum zweiten Male ein überlebensgroßes Geschehen nicht mehr als eine Ungeheuerlichkeit empfinden, und so war damals durch die Wiederholung des Unbegreiflichen der Bann gebrochen, aber die Erinnerung an meine Fassungslosigkeit den unsichtbaren Gewalten gegenüber, die ist in mir geblieben.

Die zweite Erstarrung und Ohnmacht einem grandiosen Geschehen gegenüber erlebte ich beim Ausbruch des Weltkrieges und auch über diese Katastrophe kam ich hinweg, wie all die Millionen anderer Menschen, die davon betroffen wurden, allmählich zur Tagesordnung zurückgekommen sind.

Nun aber hat zum dritten Male die Erde unter meinen Füßen geschwankt, das ganze Weltall ist ins Zittern geraten. Der Himmel wollte sich auf die Erde niederstürzen, aus Menschen wurden Tiere, alle Grenzen verschoben sich – Meere traten aus ihren Tiefen heraus und überschwemmten die Erde. Berge und Felsen sprangen auf und warfen ihre Steinmassen wie entsetzliche Wurfgeschosse ziellos und gnadenlos in aufgeschreckte Menschenhaufen hinein. Und wilde Feuerbrände tobten, und die ganze Welt war ein einziges entsetzliches Jammern und Wehklagen – und alle Menschengesichter trugen ein Kainszeichen auf der Stirn und über den Wolken drohte ein zürnender Geist. O – aber wozu die Gesichte der Nächte, die ich erlebte, wieder heraufbeschwören? Wozu dem Grauen und Entsetzen gewaltsam zum Weiterleben verhelfen?



Und doch, Maria, du mußt es wissen, du mußt begreifen und vielleicht wirst du aus deiner Verklärtheit den Weg zu meinen irdischen Nöten wiederfinden – vielleicht weinst du mit mir – vielleicht kommt ein Wort der Erlösung für mich aus deinem Munde!

Nie zuvor in meinem Leben ist mir die unaussprechliche Tragik jenes biblischen Vorganges ganz aufgegangen, als Jesus von seinen Jüngern durch einen Kuß verraten wurde. Gern und mit Inbrunst hab ich jene Bibelstelle gelesen oder sie in Reden und Erklärungen wiedergeben hören, aber doch immer wie etwas, was so durchaus sagenhaft anmutete, daß mein Geist gar nicht den Versuch gemacht hat, jene Begebenheit in die reale Wirklichkeit zu übersetzen.

Und nun, in einer unseligen Stunde, vielleicht in der unseligsten Stunde meines ganzen Lebens hat ein greller Blitz plötzlich den verratenen Jesus in rein menschlicher Gestalt vor meine Augen geführt. Nun, da ich selbst zu den Verratenen gehöre, ging mir die ganze unermeßliche Tragik des Jesusschmerzes erst wirklich auf, und ich wußte und empfand jetzt erst bis in die Tiefe meiner Seele hinein, daß er einstmals leibhaftig unter uns Menschen einhergegangen ist, und begriff, daß er an dem unerträglichen Leid über diesen Verrat hätte sterben müssen, auch dann, wenn die verrohte Menschheit ihn nicht ans Kreuz geschlagen hätte.

Wie merkwürdig still sitzt du da, Maria! Hörst du, was ich dir sage? Bist du lebendig – fühlst du? Verstehst du? Ist dein Herz mit Widerstreben oder ist es mit Barmherzigkeit erfüllt? Sprich, Maria, ich bitte dich. Sag ein Wort zu mir! Ich fasse deine Hände, und du fühlst, wie all der Erdenjammer, der in mir wogt, wie all das Leiden nicht mehr Erlösung finden kann, und es schwebt ein stilles, süßes Lächeln um deinen Mund, und leise wie ein Hauch kommt es von deinen Lippen:

»Sag mir alles, Ellinor, auch das Schwerste; aber sei in allem wahr und ehrlich vor dir selbst!«

Es ist alles so schwer, Maria, aber ich will den Versuch machen, dir zu folgen. Also ich trug an meiner Last und diese Last hieß immer noch: Sehnsucht nach Unbekannten! Aufgehen in einer anderen Seele, die dieselbe Einstellung hatte, wie die meine! Sehnsucht nach dem Geist, der Psyche, der Körperlichkeit jenes Menschen, der mir einstmals die Tore zu all den neuen Dingen geöffnet und der mir die Scheu und das Grauen davor genommen hatte!

Ja, Maria, ich sehnte mich immer noch nach ihr – grenzenlos sehnte ich mich nach ihr – und floh sie doch und brachte es fertig, Monat um Monat in so weiter räumlicher Trennung von ihr zu leben, daß eine Reise zu ihr immerhin einen Entschluß bedeutete.

Laß mich aber jetzt nur von dieser allerletzten Zeit sprechen – oder von diesem vergangenen Frühjahr, in dem ich meine Zuflucht wieder bei den Leuten im Bergdorf gesucht hatte.

All die süßen zarten Frühlingswochen hatte ich da oben zugebracht. Dann stieg ganz ohne Übergang der volle Sommer auf – heiß und fast feindselig in seiner glutenden Macht. Die Tage waren schmerzhaft hell und von jener Schönheit, die man nur für eine kurze Weile als Schönheit zu empfinden vermag.

Meine Seele war wie ein Meer, dessen Wellen eine geraume Zeit gleichmäßig und leise singend das Ufer bespült und geliebkost hatten. Dann plötzlich ward leises Grollen in der Tiefe bemerkbar. Ich weiß noch genau die Nacht, in der dies leise Grollen anhub.

Schwer und traurig stand ich auf, und als ich endlich im Garten des kleinen Hauses anlangte, lag ein Telegramm auf meinem Frühstückstisch.

Meine Wirtin sah mich erwartend an, als ich es öffnete. Die Hände zitterten und der Atem stockte mir.

Ich hätte es nicht zu öffnen brauchen, ich wußte von wem es kam, was es enthielt.

Dennoch las und las ich daran, als sei es ein Brief von ungeheurer Länge – das Grollen in meiner Seele war zu einem dumpfen Brüllen geworden, ich fühlte, wie die Wogen schäumten, wie sie sich weiße Schaumkronen aufsetzten, wie sie anfingen zu steigen, zu rasen, alles zu überschütten zu verheeren, zu verschlingen.

Weißt du wie das ist, Maria, ein solches Meer von Gefühlen in sich zu tragen – und eine jede Welle ist wie ein wildes Tier und jedes von den Tieren brüllt nach Freiheit, um seinen Hunger, seine Gier zu stillen, um zu morden, zu zerfleischen, um sich an Blut berauschen zu können.

Welch ungeheure Kraft muß unserer Seele innewohnen, daß wir vermögen, solch wilde, heiße Horden in ihr zu tragen und sie im Bann zu halten!

Ich habe dann vor meinen Koffern gekniet. Ich weiß nicht, wie die zitternden Hände die Dinge fast sinnlos hineinverstauten, weiß überhaupt nichts, gar nichts mehr von dem, was die folgenden Stunden mir brachten.

Man kann ja wohl wirklich ganz ohne Bewußtsein über eine geraume Zeitspanne hinwegkommen – kann alle Dinge ordnungsgemäß erledigen, ohne daß auch nur das geringste von dem, was wir tun, bis zu unserm bewußten Ich vordringt!

Das Erwachen kam mir, als ich die Stimme derer, die mich zu sich gerufen hatte, hörte – als ich ihre Augen sah. Ich hörte ihre Stimme und sah ihre Augen und war wieder das arme Tier, das sich zum Opfer bietet – war ganz ohne Haltung, ganz ohne Stolz – alle Macht war in ihre Hände gegeben, und sie fühlte das und es war etwas von jener Todestraurigkeit in mir, die in völlige Hoffnungslosigkeit hineinführt.

Ich wußte in der ersten Minute, daß dieses gewaltsam herbeigerufene Zusammensein nicht anders verlaufen würde, als alljene vielen Episoden, die sich nun im Lauf all dieser vielen Jahre zwischen uns abgespielt haben, und ich war voll Ergebung, war voll von jener unbegreiflichen Schwäche, um derentwillen ich mich selbst so oft und so glühend gehaßt habe.

Maria, wie oft hast du mir in dieser unseligen Zeit, die der großen Welt den unseligen Krieg und die mir dieses unselige Erleben gebracht hat – wie oft hast du mir da gesagt, daß nichts deine Gefühle für mich zu erschüttern vermöge, denn alles, was in mir vorgehe, sei etwas Großes, Reines – in gewissem Sinn etwas Erhabenes, das ich als eine Gnade empfinden müsse. Und so oft du das sagtest, glaubte ich es dir, und meine Seele wurde weit und licht und stark!

Willst du nicht auch jetzt zu mir sprechen, Maria – jetzt, da die Schwäche in mir so groß geworden ist, daß auch der letzte Halt mich verlassen will?

O, nun fühle ich, wie deine Hände sich um die meinen schließen, und ganz, ganz leise, kaum vernehmbar, beginnst du zu sprechen: »Es ist alles nur ein Übergang«, sagtest du, »und die, die am bittersten zu leiden haben, die werden am ehesten den Weg, der zur endlichen Erlösung führt, finden! Leiden ist Gnade – Leiden ist ein Geschenk von Gott! Nimm es in beide Hände und presse es fest an dein Herz und wehre dich nicht. Denk an das schöne Wort: Nehmt euer Joch auf euch und folget mir nach!« Wie lange hab ich vor dir gekniet, Maria, und meine Stirn in deine Hände gepreßt! Wie hast du meiner Seele Trost und Kraft gegeben!

Hör mich weiter an: Ich war bei ihr und nahm ihren körperlichen und geistigen Menschen wieder so ganz in mich auf, wie ich das bei ihr immer zu tun gezwungen bin. In jedem Wort suchte ich eine Offenbarung und fand sie nicht. Als sie einen Abend, den wir im Freien verbrachten, leicht und heiter zu genießen vermochte, wachte neben tiefem Groll zum erstenmal ein ganz großer Mut in mir auf.

Ich erlebte wieder jenen Abend nach der Aufführung des Evangelimann, ging an ihrem Arm durch die regennassen Straßen, saß mit ihr in dem Wagen, und alles, was sie mir in dieser Nacht und an dem darauffolgenden Abend sagte, ihre Erklärungen, ihre Beschwichtigungen, ihre Verheißungen – all das stand in meiner Seele zu neuem Leben erweckt auf – und das, was ich während dieses neuen Beisammenseins mit ihr empfand, das war nun nicht mehr ungestillte Sehnsucht, sondern etwas von dem Gefühl eines ungeduldigen Gläubigers, der endlich von seinem Schuldner verlangt, daß er seine Verpflichtungen erfülle.

Auch am nächsten Tag, der leuchtend wie eine Schale köstlich duftender Blumen aufstieg, war sie von einer Heiterkeit, die mir neu an ihr war und die mich verbittern mußte, denn immer wohl bedeutet es eine Qual für den, der mit der ganzen Inbrunst seiner krankgewordenen Seele leidet, wenn er den, um den sein Leiden geht, unbekümmert, in einer glücklichen Harmlosigkeit der schönen Welt sich freuen sieht.

Und so, von meinem Schmerz fast zerrissen, ging ich durch Glanz und Jubel bei Sonne durch eine liebliche Natur und vermochte nicht mehr zu sprechen – hörte nur lauter und lauter das Grollen in einer gemarterten Seele und fühlte, wie die Wellen rasten, wie sie mit wildem Brüllen einander überschlugen, und sah wieder nur den einen Ausweg, diesen erbärmlichsten aller Auswege: Die Flucht.

Was aber bedeutet körperliche Flucht, wenn die Gefühlsmassen solche Riesenausdehnungen angenommen haben?

Ach, ich wußte, daß ich alles, alles mit mir nehmen würde, wenn ich von ihr ginge. Ich wußte, daß all meine Leiden wie böse Schlangen weiter neben mir herkriechen würden! Auf allen, allen Wegen, die ich einzuschlagen versuchte, würden sie neben mir her gleiten – geschmeidig, kalt, lauernd und immer bereit, ihren Giftzahn in mein Fleisch hineinzubohren.

Ich schlief nicht in der Nacht, die auf diesen Tag der grausamen Sonnenschönheit folgte. Ich saß aufrecht in meinem Bett und starrte in das nicht ganz lichtlose Dunkel des Zimmers hinein.

Weiß und ganz matt glänzend erkannte ich die Umrisse eines schlankgebauten, zierlichen Kachelofens. Dieser Kachelofen sah so heiter und unbekümmert aus wie sie, die mich wacherhielt, an diesem ganz lichten Sommertag ausgesehen hatte.

Er schien zu lachen, dieser Ofen, und es strömte ein kühler Hauch von ihm aus, der bis zu mir hindrang – und mit der quälenden Vorstellung dieses kalten, lachenden Ofens schlief ich gegen Morgen ein.

Als ich erwachte, saß die Oberin in ihrem weißen Arbeitskleid an meinem Bett. Ihr Gesicht war ernst und still. Sie hatte ihre Hände um die meinen gelegt. Ihre Augen waren dicht bei mir und sahen mich sehr forschend, sehr dringlich an.

Alle Bitterkeit flog aus meiner Seele heraus. Musik war in meinen Ohren. Kleine weiße Engelsgestalten schwebten über mir, und jene Madonna, die ich dereinst gemalt, sah mich mit ihren verheißungsvollsten, süßesten Blicken an. Ach, alles Gute und Heilige, von dem ich je in meinem Sehnsuchtsleben geträumt, stand vor mir auf und verkörperte sich in ihr, und sie beugte sich tiefer und tiefer zu mir hinab, bis ihre Lippen meine Stirn berührten, bis –



Was ist geschehen, Maria? Warum ist es plötzlich so kühl und dunkel um mich geworden? Bist du nicht mehr bei mir?

Das Zimmer ist voll von schwerer, undurchdringlicher Dämmerung, und der Stuhl, auf dem du saßest, ist leer. Warum hast du mir das getan? Was tat ich – was sagte ich, daß du gehen mußtest?

Ein Tag ist vergangen – auf schmerzvolle Nacht ist ein Morgen gefolgt – aber wie trostlos sieht dieser Morgen aus!

Mit der ganzen Inbrunst meines Herzens hab ich dich angefleht: »Komm wieder, Maria! Sieh meine unsägliche Not – sieh diesen Jammer, der wie glühende Lava aus den Tiefen meiner gemarterten Seele emporquillt und keinen Ausweg findet! Der mich also verbrennen, vernichten muß, wenn keine Hilfe kommt!«

Aber du kamst nicht, und wieder ist es Abend geworden. Die Sonne hat den ganzen Tag über gejauchzt und gesungen. Ich aber weiß nun, daß es wirklich einen Tod gibt nicht nur den körperlichen, sondern auch den geistigen, seelischen Tod, und daß das ganz irdische Dasein, zu dem wir verurteilt sind, nichts als eine entsetzliche, eine geradezu ruchlose Grausamkeit ist!

Noch eine Nacht ist vergangen, eine seltsame Nacht! Mit Qualen fing sie an, dann begannen Bilder aus unsichtbaren Höhen zu mir hinabzugleiten – unsäglich tiefe, edle und erhabene Bilder: Blumen erst, dann Tiere und nachher Landschaften, großartige, schwere, dunkelfarbige Landschaften von unerhörtem Leben durchpulst.

Zuerst waren diese Landschaften einsam. Sie sahen aus, als dürfe nie eines Menschen Fuß sie betreten. Sie hatten etwas so Hoheitsvolles, Abwehrendes, als wollte sie sich mit aller Kraft dagegen verwahren, zum Schauplatz irgendwelcher menschlicher Handlungen zu dienen.

Und dann plötzlich – plötzlich – ich weiß nicht, wie es geschah – weiß nicht, woher sie kam, die menschliche Gestalt, die in ihren lichten Farben so wunderlich reizvoll im schweren Dunkel der Landschaft stand. Den Kopf hielt sie gesenkt, so daß das Gesicht nicht sichtbar war. Die Linien des Körpers waren kaum zu erkennen, da ein großes, weißes, faltenreiches Tuch von den Schultern bis zu den Füßen an ihr herabfloß.

Ganz langsam nur kam mir das Erkennen, und ich glaube, ich hatte im Traume aufgeschrien, vor Glück vor Dankbarkeit. Du warst es, Maria, du! Im Traume bist du zu mir zurückgekommen – mild und fein und gütig, und als du dein Gesicht hobst, war da ein solches Strömen von Liebe, Innigkeit, Verstehen und Trost daraus zu lesen, daß alle Angst, alle Not in ein Nichts zerfloß.

Und nun will ich ganz schnell weitererzählen, denn es ist mir, als ginge ein Beben durch deine Glieder, als lasse die gute Wärme, die du um mich verbreitest, leise schon nach.

Ja, so war es gewesen – sie saß neben meinem Bett – sie hielt meine Hände in den ihren und ihre Lippen berührten meine Stirn, und es war etwas Süßes, Zartes und Geistiges, was in diesen Augenblicken von ihr zu mir und von mir zu ihr strömte. Keine Leidenschaft war in mir, kein dunkles Wollen, kein Begehren – nur noch der Drang nach einer Aussprache, nach einer Erklärung, nach Lösung von all dem Leiden und der großen Dumpfheit, in die meine Seele gesunken war.

Worte kamen von meinen Lippen, Fragen aus meiner Seele – alles ungewollt – alles aus der unermeßlichen Wucht meiner Leiden herausgeboren – und ich fühlte, wie etwas ganz Großes, etwas Urtiefes und Elementares von ihr zu mir hin wollte. Wie ein heißer, gewaltiger Strom quoll es durch uns beide, unsere Hände waren ineinander verkrampft – o Maria, Maria, und mein Mund sprach weiter und weiter:

»Sag, warum du mich quälst, warum du mich leiden läßt! Du mußt doch fühlen, daß mein Wille, daß all meine Kraft gebrochen ist – daß ich nichts anderes mehr bin, als dein Geschöpf. Ich liebe dich – liebe dich – und du sagtest mir, es sei keine Sünde, daß ich dich liebe – und hieltest mich, als ich mich von dir lösen wollte. Und wenn ich doch ging, dann sprachst du von den Naturgewalten und den Naturgesetzen – und hießest mich warten – immer wieder warten, warten auf eine Erfüllung, die du mir verheißen hast, jahrelang – jahrelang bis heute, bis zu dieser Stunde. Nun ist es zu Ende mit meiner Kraft; alles in mir lehnt sich auf – ich bin krank geworden. O, du weißt das alles, und darum bitte ich dich – flehe dich an: Gib mir, was du versprochen hast! Gib mir die Erfüllung!«

Ihr Kopf war zu mir herabgeneigt und ihre Augen, die erst warm und sicher auf mir geruht hatten, begannen unruhig zu werden, wandten sich von mir ab.

Eine lähmende, eisige Kälte kroch an meinen Gliedern in die Höhe, das Blut schien seinen Kreislauf einstellen zu wollen – ihre Hände lösten sich – sie richtete sich auf und dann war da eine Stimme im Raum, die sagte kalt und klar und hart und doch wie von einer unbegreiflichen Macht getrieben, die Worte – sagte die Worte:

»Hab ich Ihnen je Erfüllung versprochen? Ich weiß von nichts, ich begreife nicht –«

Ich weiß nicht, ob ich es war, die das Wort »Schweig!« ausgerufen hat oder ob noch eine dritte Person – vielleicht ein Geist im Zimmer war, der das, was da gesagt wurde, hörte, den Sinn und die Zusammenhänge begriff und dies empörte »Schweig« ausrufen mußte.

Mir strömte das Blut in heißen Strömen zum Herzen, um gleich darauf wieder zurückzuweichen. Die Wände des Zimmers die Mauern des Hauses fielen in sich zusammen. Öde und Leere war um uns her und auf der ganzen Welt nur sie und ich und die Luft, die wir atmeten, von Gift erfüllt, und kein Himmel mehr über uns und kein Boden unter uns – Zittern, Schwanken, Haltlosigkeit rings um uns her!

Und immer weiter, immer grenzenloser wurde der Raum, auf dem wir uns befanden, und nichts in der Riesenweite, die uns umgab, als ihre Gestalt und die meine, als ihr jetzt völlig weiß gewordenes Gesicht mit den Augen, die die Sicherheit verloren hatten, mit Augen, die fliehen wollten! Und irgendwo in der schrecklichen Farblosigkeit der Luft stand das Wort »Lüge« geschrieben, und wir sahen es beide und schauderten davor zurück.

Ich wollte zu ihr hin, wollte ihre Hände fassen, wollte vor ihr knien, wollte bitten, flehen, betteln: »Lösch das entsetzliche Wort, das da in der Luft steht, aus! Widerruf das, was du eben gesagt hast – mach es ungeschehen – ich bitte dich – bitte dich – bitte dich! Es kann und kann doch nicht sein, daß dieses sich zwischen uns schiebt, daß du klein werden sollst in meinen Augen – daß alles, alles, was zwischen uns bestanden hat, in Trümmer zerfallen soll!«

Ich wollte zu ihr hin, wollte sie mit der Kraft meiner Worte, mit der Berührung meiner Hände zwingen, sich auf sich selbst zu besinnen, das Unfaßbare, was sich soeben begeben hatte, ungeschehen machen. Aber indem ich versuchte zu ihr hin zu gelangen, dehnte und weitete sich der Raum, der zwischen uns lag. Es war ganz unmöglich, die Kluft, die uns trennte, jemals zu überschreiten, und die Worte, die ich ihr nun – halb schon schreiend zurief, die kamen ungehört von ihr zu mir zurück. Immer nur sah ich ihre Augen, sah das schneeweiße Gesicht und hoch oben in der Luft mit Riesenbuchstaben – das mit Blut geschriebene Wort »Lüge!«

Dann irgendein Geräusch, das nicht in den Raum, der keine Grenzen hatte, hineinpaßte, und dieses Geräusch war es, das die Starrheit der Vision von mir nahm.

Die grandiose, unirdische Landschaft, in der wir gestanden hatten, erhielt wieder vernünftige Maße. Mauern richteten sich um mich auf, Wände umgaben mich, eine weiße Zimmerdecke war über mir und das Geräusch, das ich vernommen und das mich in die Wirklichkeit zurückgerufen hatte, das war das Zuschlagen der Tür gewesen – ich war allein!

Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, ich müsse Entsetzliches tun. Laut brüllen, wie ein gequältes, zu Tode gehetztes Tier, oder anfangen, die Dinge, die im Zimmer umherstanden, zu zerstören – oder lachen und zu allen Menschen, die im Hause waren, auch zu den Kranken, hinlaufen und ihnen so tolle lustige Sachen erzählen, daß sie laut zu lachen begännen. Und ich wollte ihnen das Wort zeigen, das entsetzliche Wort »Lüge«, das jetzt an allen Wänden meines Zimmers in leuchtender blutiger Schrift geschrieben stand.

O, ich weiß, die Menschen würden mich für irrsinnig gehalten haben, wenn ich zu ihnen gekommen, wenn ich zu ihnen gesprochen hätte. Und ich weiß genau, daß ich in jenen Stunden auf einer furchtbaren Grenze stand und daß ich sowohl den Schritt nach dem »Drüben«, das Finsternis und Wirrnis bedeutete, hätte tun können, wie auch den andern, der ins wirkliche, klare Leben führte. Ich wählte diesen letzteren, obwohl es bequemer und vielleicht vielleicht auch besser gewesen wäre, den verwünschten Intellekt, der zu immer neuen Qualen treibt, beiseite zu werfen, und ganz dem Gefühl, der Müdigkeit, dem Überdruß zu folgen – einmal die Dinge nicht mehr selbst leiten zu wollen, sondern geschehen zu lassen, was geschehen wollte.



Ich saß am Fenster und sah in die Nacht hinaus, sah zu dem dunkelblauen, von goldenen Lichtern durchsetzten Firmament hin, das sich wunderlich, feierlich und erhaben über der stillen Erde wölbte, und eine tiefe, grenzenlose, eine ganz unaussprechliche Sehnsucht nach einem Menschen, nach einem einzigen Menschen auf der weiten Welt, der mich verstände, wuchs aus mir empor. Der Tag kam und trotz Sommerhitze- und freudiger Sonnenhelle schien mir dieser Tag wie ein böser Feind gegen mich gerüstet zu sein. Und der Schmerz meiner grenzenlosen Einsamkeit ließ mich noch einmal meine Zuflucht zu jener Macht, die über uns waltet, nehmen, zu jener Macht, die wir nicht kennen und an die ich mich so oft gewandt, seit diese Krankheit der Sinne und der Seele mich befallen hatte.

»Zeig mir einen Weg, der aus dieser grauenvollen Finsternis herausführt«, bat ich mit der ganzen Inbrunst meines Herzens, »schicke mir eine Hand, die ich greifen kann, gib, daß ein Mund zu mir rede! Schicke mir einen Menschen, der mich vor dem Letzten behüte – oder aber ende meine Qual, indem du mir den Tod – den körperlichen Tod sendest!«

Etwas Seltsames geschah – Maria!

Ich hatte einmal den Namen einer Frau, die als Ärztin in dieser Stadt lebt, gehört. Ich hatte nichts weiter von ihr gehört, als daß sie hier lebte und ihre Praxis ausübte und nun plötzlich – als eine Antwort auf meine verzweifelten Rufe an eine unbekannte Macht, kam der Name dieser Frau in meine Gedanken und blieb darin stehen, als sei er mit scharfem Stift in mein Gehirn eingeätzt – tat ordentlich weh, denn als ich die Gedanken mit Gewalt von ihm lösen wollte, fing er an zu leuchten, wie Phosphor in der Dunkelheit zu leuchten beginnt. Mein armer Kopf trug immer schwerer an diesem Namen, der durch keine Anstrengung mehr zu verwischen war.

Und alles, was ich in diesen nächsten Minuten, in dieser nächsten Viertelstunde tat, geschah unter der Einwirkung des Glanzes, der von diesem Namen ausging.

Ich hatte plötzlich die Kraft, mich zum Ausgehen anzuziehen – ich konnte plötzlich alles tun, was ein fremder neuer Wille von mir verlangte.

Maria, liebe Maria – ich war krank – ach, so krank! Ich konnte allein nicht mehr zurecht kommen – ich brauchte ein Wunder. Und dieser Name, der da vor mir leuchtete und strahlte, der war das Wunder, das ich herbeigerufen hatte und das der Himmel selbst mir zu senden schien.

Es war ein sehr, sehr heißer Tag. Die Sonne prallte mit unbarmherziger Macht und Helligkeit auf die Erde nieder. Sehr still war es auf allen Straßen, wie wenn ein hoher Festtag wäre.

Es erschien mir alles fremd und neu. Obwohl ich den Weg, den ich zurückzulegen hatte, genau kannte, blieb ich an jeder Ecke stehen, schaute mich um, ob ich nicht fehlgegangen sei, und war immer noch nicht schlüssig, ob ich wirklich tun solle, was eine geheimnisvolle Macht mich zu tun nötigte und wozu mein Verstand seine Einwilligung noch nicht gegeben hatte.



Wer es je an sich selbst erlebt hat, von einer unsichtbaren Hand ergriffen und gleich einem Blinden von ihr geleitet zu werden und wer es gefühlt hat, wie unsäglich wohl das tut, einmal alle Dinge gehen zu lassen, wie sie gehen wollen oder gehen müssen, der wird begreifen, daß ich meinen Weg bis zu Ende fortsetzte. Immer mit einem tiefen Staunen in der Seele und ganz auf dem Punkt desjenigen angelangt, der vor dem Letzten steht. – Als ich vor dem Hause angelangt war, in das ich einzutreten hatte, sprang mir von einem weißen Schild aus der Name entgegen, den ich in Flammenschrift geschrieben vor mir gesehen hatte.

Ich starrte ihn wie ein Wunder an und faßte an meinen Kopf.

War ich noch« Ich«? War ich ein lebender Mensch, der zu einem andern Menschen gehen wollte, um ihm von seiner Not zu erzählen?

Wozu aber – wozu? Als ob es einen Menschen in der Welt gäbe, der ungeschehen machen könnte, was in diesem Kopf, in dieser Seele vor sich gegangen war – was in dieser letzten Nacht an Ungeheuerlichkeiten darin vor sich gegangen war!

Aber alles Auflehnen half nicht. Die feste, unsichtbare Hand, die mich ergriffen hatte, die ließ nicht mehr los – die führte mich eine Treppe hinan – in ein Zimmer hinein, in dem ich zu warten hatte, und dann –

Maria, nun stehst du auf und in deinem Gesicht ist ein seltsamer Ausdruck – aus Schwermut und Freudigkeit zusammengesetzt. Was ist, Maria? Was willst du mir sagen? Ich neige mein Ohr zu dir, um dich zu verstehen.

»Nimm diese Hände, die sich dir bieten«, sagst du leise und doch sehr eindringlich. »Ich muß jetzt gehen und du darfst mich nicht wieder zu dir rufen. Solange du auf Erden bist, mußt du dir von Menschen helfen lassen – und jene Frau, Ellinor – soll sie es nicht sein, die dir als das gütige Wesen, das das Licht in seinen Händen trug, erschien? Soll sie nicht dein Wunder sein?«

Und gingest dann, Maria, aber gingest, wie ein barmherziger Geist geht, der Licht und Weisheit zurückläßt – der einen Weg weist, der alle Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit mit sich von dannen nimmt!

Maria, es war mir ein Traum, daß du bei mir warst – aber vielleicht war dieser Traum unendlich größeres, wahreres Erleben, als die Wirklichkeit es zu bringen vermochte.

Nein, ich erfaßte nicht sogleich die Hände, die sich gütig und liebevoll mir entgegengebreitet hatten. Zu unstet war der Sinn geworden und die Seele zu sehr erfüllt von bösem Mißtrauen.





Der Sommer will zur Neige gehen und ich bin in mein einsames Atelier nach Berlin zurückgekehrt. Die hohen bunten Floxmauern, die in den herrlichen Gärten der Vororte ihr Flammendasein geführt haben, sind abgeblüht. Der Rosenüberschwang ist dahin, aber die Astern glühen in ihrer reichen Farbenpracht und an den Bäumen reifen die Früchte.

Ich bin noch einmal, zum letztenmal, an der schönen Villa der Melanters vorübergegangen; in der Dämmerstunde, als die Welt in einem dunkelvioletten Licht lag, bin ich an all den schönen, üppigen Gärten vorbeigeschlichen.

Wie glücklich bin ich doch einmal gewesen, als ich noch die Kraft hatte, unter diesen Menschen leben und bei ihnen arbeiten zu können!

Jetzt bin ich zur Menschenfeindin geworden. Ich habe mich in Haß und Feindschaft verstrickt, weil ich allzu viel dessen, was wir Gottesgabe nennen, weil ich zuviel der Liebe in mir trug!

Ist aber Liebe mit all ihren grenzenlosen Qualen, mit ihren Verirrungen, mit ihrem großen Egoismus – ist sie in Wahrheit eine Gottesgabe?

Als ich zum letztenmal an diesen herrlichen Gärten, über denen jetzt die Melancholie des nahenden Herbstes wie leichte Schleier lag, vorbeiging, da hab ich mir gedacht und hab es mir als Ideal hingestellt, nur »Dinge« noch zu lieben. Die Natur mit ihrer Pracht, die Kunst, den Sang der Vögel und die Tausendfältigkeit des Himmels, der sich über unsere arme Erde wölbt, zu lieben. Die Dinge haben und halten ihre feste Form und Gestalt. Sie lassen nichts erhoffen und werden nicht enttäuschen, und vielleicht auch haben die Dinge, die wir für »tot« halten, doch eine Seele, die erfreut und beglückt sein würde, wenn man sie mit all den Strömen von Liebe, die man sonst den Menschen gab, übergösse. Vielleicht würden sie in irgendeiner Art ihren Dank an den, der sie beglückt, abtragen – würden seine Seele mit Schöpferkraft, mit Güte und Heiterkeit erfüllen können!

Der Koffer stand gepackt, als ich jenen Gang an den Gärten vorüber unternahm. Am selben Abend saß ich im Zug, der über München hinaus in den stillen Bergort führte, in dem die Großmutter begraben liegt.

Das graue Landhaus, das mein Eigentum geworden, ist vermietet. Fremde Menschen mit Alltagsgesichtern wohnen in ihm, und es ist, als habe das einst so lustige Haus selbst auch ein anderes, gewöhnlicheres Gesicht bekommen.

Ach, Großmutter, daß du lebtest! Daß ich eine einzige Stunde tiefer, wenn auch harter Zwiesprache mit dir haben könnte. Daß du mich herausrissest aus diesem Zustand, der kein Leben mehr und doch auch noch keinen Tod bedeutet!

Ich saß an ihrem Grabe, und die Sonne, die liebe warme Vorherbstsonne tanzte auf Reseden und Buchsbaum, die auf dem Stücklein Erde, das ihr geblieben ist, blühten. Es war eine so endlose Lustigkeit auf diesem Grabe, als ob Großmutter in einem ihrer hellen Kleider mit dem Spitzenhäublein auf dem lockigen Haar eine leise Melodie summe, ihr weites Kleid mit beiden Händen fasse und ein Menuett zu tanzen begänne. Und als ob sie dann im Tanzen innehielte und zu sprechen begänne:

»Törichte Menschenkinder gibt's! Die kriechen am Boden, obwohl sie fliegen könnten, wenn sie wollten! Und närrische Tropfe gibt's, die tragen lieber ihre Schmerzen und quälen sich und andere mit einem leidvollen Gesicht, statt daß sie zu einem Arzt gehen und sich kurieren lassen!«

Und dann knickste die Großmutter, faßte ihr Kleid und begann wieder zu summen und zu tanzen, bis die Sonne mit einem Schlag fort war, weil ein paar schwarze Wolken gekommen waren und alles Licht verschlungen hatten.

In demselben Augenblick war auch die Großmutter verschwunden, und das Grab lag nun grau und traurig da, und nur die Reseden sandten süßen, zärtlichen Duft zu mir hinauf.

Am Abend fuhr ich nach München, und München hatte ein ganz neues Gesicht bekommen, ein viel einfacheres Gesicht als zuvor. Es war etwas Mütterliches in das Gesicht dieser schönen Stadt gekommen etwas unsäglich Ruhevolles, Tröstendes – Warmes.

Meine Seele, meine arme kranke Seele war plötzlich voll von neuer Hoffnungsseligkeit.

Ach – willst du Heimat mir sein? Frieden mir schenken? Vergessen mir geben? Du Stadt, die mit einemmal das Gesicht eines Menschen bekommen hat, der gut, der groß, der wie eine von tiefer Liebe und göttlichem Verstehen ganz durchleuchtete Mutter ist!



Aber dann kam eine Nacht voll böser, tückischer, wilder Träume. Auf weitem, weitem Meer fuhr ich in einem kleinen Boot – ganz allein! Nur Himmel und Wasser rings um mich her. Ein dunkler, tiefhängender, dräuender Himmel, an dem schwarze Wolkenfetzen wie Rudel von hungrigen Wölfen hinjagten; hin und wieder ein grellweißer Streifen dazwischen und dann wieder entsetzlich gestaltlose Wolkenklumpen. Darunter das graue, sturmgepeitschte Meer und mein kleines Boot darauf mit einem ganz feinen Riß in seinem Rumpf.

Und die Wellen rannten und rasten an gegen das armselige, schwache Boot, so, wie wenn ein ganzes Heer starker Soldaten gegen ein winziges Trüpplein schon ermüdeter Knaben losgehen wollte.

Aber gerade weil das Bootlein so leicht und fein und beweglich war, vielleicht gerade darum gelang es der wilden Meute nicht, es zu packen und ins Verderben zu ziehen. Denn es tanzte immer hoch oben auf den Wellen, die es überstürzen wollten, sank mit ihnen in die Tiefen hinab und war dann wieder hoch oben!

Es war ein Totentanz, und ich stand in dem armen lecken Kahn und wußte, daß sich von da unten Arme nach mir ausstreckten, und mitten in dieser grausigen Untergangsgefahr kam wie eine heiße Flutwelle plötzlich die Liebe zum Leben, zum Schaffen, zum Menschsein wieder über mich.

Aber die Wasserbestien heulten und brüllten und bellten immer rasender und wutgehetzter gegen mich an – ich war bald dem Himmel nahe und bald in schwarze Untiefen versunken und lebte – lebte doch immer weiter, war bis in den feinsten Nerv hinein von heißem Leben erfüllt und litt und rang um mein armes, krankes Leben – ich weiß nicht, wie lange – weiß nicht, mit welcher Kraft!

Dann ward der Himmel blau und hell, und die Wasser glätteten sich – feierliche Stille ringsumher und wieder irgendwo in der Luft der Name! Mit leuchtender Schrift in die blaue Luft hineingeschrieben der Name dieses Menschen, der bereit war, mir zu helfen!

»Es ist nicht wahr, daß wir Menschen freie Herren unseres Willen sind! Daß unser Tun und Lassen von uns selbst bestimmt und nach unserem eigenen Willen ausgeführt wird! Wir alle müssen uns Gesetzen, die über uns walten, unterwerfen! Nicht einen einzigen Schritt in unserm ganzen Leben tun wir, weil wir ihn tun wollen. Es ist alles ein Muß, und es ist gut, daß es so ist!«

Ich fand diesen Ausspruch in einem Tagebuch der Großmutter und ich sah ihr kluges, festes Gesicht vor mir und hörte ihre klare Stimme, die mir die Wahrheit dieser Behauptung durch einige Begebnisse aus ihrem Leben zu beweisen sich mühte. Ach, aber ich glaubte ihr auch ohne besondere Erklärung, denn in meinem ganzen Leben hab ich immer einem Willen, den ich nicht kannte, gehorchen müssen. Er hat mich gute und hat mich schlimme Wege geführt und nun führte er mich zum zweiten Male in das Haus dieser fremden Frau, deren Name wie ein Zeichen vom Himmel vor mir geleuchtet hatte.

Als ich die Treppe hinanstieg, war etwas in mir, das fragte bang und beklommen wie ein Kind, das unbekannte Wege geht: »Bist du ein böser oder bist du ein guter Wille, der mich führt?« Und da keine Antwort erfolgte, blieb ich wieder in den alten bösen Zweifeln, ob ich Recht oder Unrecht damit beginge, daß ich einen fremden Menschen in das Chaos und in die Krankheit meiner Seele hineinschauen lasse, daß ich das Ungeheuerliche tun und in Worten – Aug in Aug mit einem unbekannten Menschen – auszudrücken versuchen wollte, was geschehen war.

Es ist ein so riesengroßer Unterschied, ob man in seinem einsamen Zimmer sitzt und niederschreibt, was von dunklem Leid und bitterer Not aus der Seele herausgelassen werden muß, oder ob man zu einem andern Menschen davon spricht. Wenn dieser Mensch nun nicht versteht? Oder wenn er nur bis zu einem gewissen Punkt mitzugehen vermag? Wenn er ein kalter, ein berechnender Mensch wäre, einer, der nur gelernt hat und mit dieser angelernten Weisheit sein Amt als Seelenarzt ausübt? Wenn er nichts Eigenes zu geben hätte, keine Güte, kein Leuchten! Wenn man die schweren und doch so kostbar gewordenen Qualen vor kalten Blicken auszupacken begänne, und wenn zu allem vorhandenen Jammer dann noch die Schmach der Demütigung hinzukäme!

Und bin doch bei ihr gewesen und bin wieder von ihr gegangen – mein Gott warum tat ich das, da ich doch so krank und schwach mich fühle, daß ich ohne eines Menschen Hilfe nicht weiterkommen werde.

Ich saß in einem Winkel der Basilika. Ich liebe diesen Bau mit seinem großen, reinen, erhabenen Stil. Nicht um zu beten war ich hierhergegangen. Nur um des Alleinseins willen, nur um der Feierlichkeit willen, die hier herrscht, war ich hergegangen.

Ich habe dieser Frau, die mir fremd ist und zu der ein unbekannter Wille mich geführt hat, gesagt, daß ich heimatlos in der Welt stehe. Ich habe ihr gesagt, daß ich unstet geworden bin, daß meine Kunst mir entgleiten will. Ach, ich habe nichts von alledem sagen wollen und hab es doch sagen müssen.

Sie hat nicht zu trösten versucht. Sie ist über meine einzelnen Klagen fast kühl hinweggegangen, aber sie hat mich gefragt:

»Wollen Sie zu mir in mein Haus kommen?«

Genau wie jene andere Frau hat sie mich gefragt, ob ich in ihr Haus kommen wolle. Durch die hohen bunten Fenster der Basilika brach in vollen Strömen das Licht des scheidenden Tages. Wie ein wundersam gewirkter Teppich lag dieses Licht vor mir ausgebreitet. Unzählige Farbentöne liefen ineinander, zerteilten sich, fanden sich endlich alle zusammen in einem warmen, starken, ruhigen Mittelpunkt und ergaben ein Ganzes von fast unirdischer Schönheit.

Und so wie dieser bunte Lichtteppich auf den Steinquadern der Basilika, so schien mir mein Leben zu sein – aus unzähligen bunten Gedanken und Gefühlen zusammengesetzt, oft wirr und ohne Zusammenhang und doch von irgendeiner Harmonie durchwoben. Aber der Mittelpunkt fehlte noch, das, was dem Ganzen Sinn, Form und Festigkeit geben mußte, fehlte noch! Ob es wohl jemals kommen würde?

Und wieder liefen meine Gedanken zu der fremden Frau, die in dieser Stadt wohnte und die mir ihr Haus als Zufluchtsstätte angeboten hatte.

Als ich aus der Basilika auf die Straße heraus trat, war die Dämmerung niedergezogen. Des Lebens Alltag und mit ihm des Lebens Qual wollten von neuem die Arme nach mir ausstrecken.

Da begannen die Füße, die in all diesen vergangenen Jahren so viel wirre und dunkle Wege hatten gehen müssen, ganz schnell zu laufen – nach jener Richtung hin, in der das Haus der fremden Frau stand.

Es tat seine Türen weit vor mir auf – es ließ mich ein. Es ward mir ein Hafen – und ich fragte nicht: »Ist es ein Nothafen nur für kurze Zeit – oder wird es mir Heimat werden?« Denn für den, der krank und in sich selbst unsicher geworden ist, für den handelt es sich ja immer nur um die zu allernächst liegende Gegenwart – und nicht um das, was zukünftige Zeiten bringen können!



Meine armen Blätter, die ich auf der entschlummerten Maria Wunsch geschrieben habe, die haben nun viele Wochen lang im Schubfach eines Schreibtisches in einem hellen schönen Zimmer im Hause der Ärztin gelegen.

Mein Leben war für diese ganze Zeit das Leben eines staunenden Kindes geworden, das andere für sich denken läßt, das zuschaut und zuhört.

Manchmal begegnet es ihm, daß es Seltsames empfindet, so, als drängen ganze Quellen von Licht und Erkenntnis in seine dunkelgewordene Seele hinein, als ob dichte Nebel sich lösen wollten, als ob Schleier vor seinen Augen niedersänken und als ob die Luft, die es atmet, reiner und leichter geworden wäre.



Ich weiß nicht, was mich dazu treibt, die Blätter, die ich für eine Weile lang vergessen hatte, hervorzuholen, und warum eine Lust in mir ist, die Aufzeichnungen fortzusetzen.

Es ist nichts Eigentliches geschehen! Oder doch? Zum erstenmal, seit ich in diesem Hause wohne, habe ich in einer Nacht vergebens um Schlaf gerungen – zum erstenmal wollten meine Gedanken den Weg ins Dunkle hinein nehmen. Warum?

War es das Strindbergsche Stück das ich im Theater sah? Waren es die Irrungen und Vergehungen dieser Menschen auf der Bühne, die die Vergangenheit ihren Rachen nach mir aufsperren ließ? Ich weiß es nicht.

Auf dem Heimweg vom Theater ging ich am Arm dieser Frau, die mir zu all der schönen Ruhe dieser letzten Wochen verholfen hat, durch stille, dunkle Anlagen, die vom silbernen Mondlicht übergossen waren. Die Welt hatte ein feierliches, glanzvolles Kleid angelegt, und alle Dinge schienen nicht recht wirklich zu sein.

»Haben Sie gefühlt«, fragte sie mich, »haben Sie empfunden, wie die Menschen dieses Stückes mit den unbewußten, ungelösten Dingen ihrer Seele ineinander verkrampft und aneinander gebunden sind? Keiner ist an sich gut oder böse. Was jeder dem andern an Qual zufügt ist nur die Antwort seines eigenen Unbewußten auf etwas, was in des andern Seele darauf lauert. Nicht die Gemeinheiten des einen vernichten den andern, sondern daß er sein eigenes Verlangen danach nicht zu lösen vermag. Jeder ist sein eigenes Schicksal. Unglück ist es, wenn er im andern ein Werkzeug dieses Schicksals treffen muß, daß er nicht einen Erlöser fand – einen, der mit linder Hand die dunklen Tiefen seiner Seele öffnete. Verstehen Sie, wie ich all das, was Sie zu erschüttern vermag, empfinde?«

Ich verstand und verstand es auch nicht. Sie sprach weiter und sprach immer eindringlicher, und wie immer, wenn sie zu mir spricht, mein Verstand gar nicht recht dabei ist, sondern wie all ihre Worte nur durch das Gefühl in mich eingehen, so war es auch hier.

Von dem Strindbergschen Stück kam sie auf die Menschen, die in der Wirklichkeit leben, zu sprechen und von diesen Menschen im allgemeinen schließlich auf mich und auf jene andere, um die ich meine Leiden trug und in diesem Augenblick da sie davon zu sprechen begann, sprangen Wunden auf, Wunden, die schmerzten und bluteten –

Es sind wieder Tage und es sind Nächte vergangen. Diese Nächte haben mir viele wache Stunden gebracht, und sind doch keine zerquälten Nächte gewesen. Es sind seltsam helle Nächte gewesen, in denen Gestalten, die jahrzehntelang tief in der Erinnerung begraben gelegen, zu mir, gewallfahrtet kamen.

Menschen sah ich wieder, von denen ich einstmals geglaubt habe, daß alles Glück oder alles Leiden meines Lebens von ihrer Huld und Unhuld abhängen müsse, und sind dann doch erloschen in meiner Seele, um neuen Menschen und neuen Erlebnissen Platz zu machen. Sie kommen nun aus ihren Gräbern, in denen sie seit vielen, vielen Jahren liegen, zu mir zurück und grüßen mich, reichen mir die Hand und schauen mich an mit Blicken, wie nur die, die sich selbst und das Diesseits überwunden haben, zu schauen vermögen.

Wie schön und wie wehmütig zugleich ist solch ein Auferstehen der Vergangenheit! Wie staunt man über die unendliche Vielfältigkeit des »Ich«, um das das bunte, ewig wechselnde Leben sich gedreht hat und immer weiter sich dreht – immer weiter! Auch heute noch in diesem Hause, bei dieser Frau! Psychoanalyse nennt sie es, wenn ich ihr von Vergangenheit und Gegenwart erzähle und wenn sie mir die Vorgänge, die das Leben mir schickte, die es mir aufzwang in ihren Zusammenhängen und Folgeerscheinungen, begreiflich zu machen versuchte.

Es ist etwas Seltsames um diese Psychoanalyse, und es ergeht mir damit wie mit vielem andern, was in mein Leben kam. Zuerst ein spielendes Eingehen darauf mit dem unbedingten Gefühl des vollen Darüberstehens, dann die Entdeckung, daß man nicht so einfach mehr loskommt von dem, was einmal seinen Anfang genommen hat, und endlich die Wahrnehmung, daß die Dinge größer und stärker geworden sind, als der eigene Wille, daß man muß, auch wenn man nicht mehr will!

Dennoch: An manchen Tagen war mir wohl und leicht zumute – meine Seele war fast völlig entlastet. Ganze Berge von Qual und Bangigkeit wurden abgetragen, und das Leben – wie es vor mir lag, und auch, wie es in der Vergangenheit gewesen, wollte mir an solchen Tagen als etwas Natürliches, Gutes, ja, sogar als etwas besonders Schönes erscheinen.

»Schmerz ist Gnade«, hat Maria einmal gesagt, »wir dürfen den Schmerz nur nicht bitter und dunkel werden lassen; wir müssen ihm ein lichtes, schönes Kleid überwerfen.«

Die Frau, in deren Hause ich lebe, ist für mich zu einer Maria geworden, ja, vielleicht ist sie mir mehr noch als Maria sein konnte, weil sie alle, alle Töne, die auf den Saiten der Menschenseelen zum Klingen gebracht werden können, bis ins feinste, bis ins unwahrnehmbarste hinein kennt.

Was alles erfuhr ich schon durch sie welch neues Gesicht erhielten die Dinge, die mir Schrecken und Grauen eingeflößt hatten, als ich noch in Schmerz und Dumpfheit unter ihrem Joch stand!

Ob es das dann wirklich gibt, daß eine Seele, die viele Jahre von einer entsetzlichen Krankheit verwüstet wurde, noch einmal ganz gesundet – daß man noch einmal frei, stark und neugeboren dem Leben und seinen Anforderungen gegenübersteht?

»Man muß nur wollen!« lautete die Antwort, wenn ich solche Fragen stellte, »mit aller Kraft muß man wollen!« Und ich wollte, denn in dieser Zeit, seit ich in der unmittelbaren Nähe eines klugen, starken Menschen lebte, kam es mir immer tiefer zum Bewußtsein, welche Fülle von eigentlichem Lebensinhalt ich unbeachtet gelassen hatte – wie ich immer Dingen nachgejagt war, die mir glanzvoll und von gewaltiger Wichtigkeit erschienen. Wie ich an all dem Feinen, Zarten, Tiefen, was ein weniger auffälliges Kleid trug, vorübergegangen war.

Indem ich dieser Frau, die erst vor so kurzer Zeit in mein Dasein gekommen war, von dem, was weit hinter mir lag, erzählte, indem ich selbst Dinge aus meiner Kinderzeit aus ihren Gräbern hervorholte, geriet ich selbst in Erstaunen über das, was ich zu sagen hatte. Es war mir, als ob ich fremder Menschen Lebensgeschichte, ihre Irrungen, Leiden und Glückseligkeiten erführe! Wie ein großes Sehnsuchtslied erschien mir diese Geschichte, aber nicht wie eine Sehnsucht, die nach heißen, wilden Liebesgenüssen ging – nicht eine Sehnsucht, die sich beruhigte, wenn ihr Erfüllung geworden war.

Nein, diese Sehnsucht war immer nach solchen Dingen gegangen, die entweder so unerreichbar hoch oder so töricht einfach waren, daß man sie nie bei dem, was Sehnsucht sonst zu erstreben pflegt, finden konnte.

Ich hörte viele mir unbekannte Worte während dieser psychoanalytischen Unterredungen, und hinter den mir fremden Worten hielten sich oft ganze Welten tiefer Offenbarungen verborgen.

Vom »Mutterkomplex« sprach sie zu mir.

Ist es eine Krankheit, vom Mutterkomplex behaftet zu sein, sich als längst erwachsener, fast schon alter Mensch nach der Liebe seiner Mutter zu sehnen? Ja, vielleicht bedeutet es Krankheit, aber wenn schon, dann doch eine schöne, eine heilige Krankheit. Und von allem, was mir in diesen Stunden der Seelerforschung gesagt wurde, hatte das, was ich vom Mutterkomplex hörte, den tiefsten Eindruck auf mich gemacht.

Hab ich vielleicht immer und in jeder Liebe das gesucht, was nur eine Mutter zu geben vermag – das Höchste, Heiligste, und zugleich Allerprimitivste: Mutterverstehen – Muttergeduld – Mutterunermüdlichkeit!

Und vielleicht entsprang diese Sehnsucht nur dem Umstand, daß ich mich hilfloser ängstlicher dem Leben gegenüber fühlte, als andere Menschen das tun, vielleicht, weil meine schöpferischen Nöte eine Liebe brauchten, die nichts anderes wollte als »geben, als wohltun, trösten und beruhigen!« Und war vielleicht nur aus diesem Grund dazu gekommen, über den Mann hinweg zu dieser Sehnsucht nach Mutterliebe zurückzukehren.

Wie seltsam das alles klang – und doch wie leicht zu verstehen, da ein Mund die richtigen und immer gütigen Worte fand, solche Dinge zu erklären. Warum dann aber habe ich mich so entsetzlich gequält und habe mich selbst als Sünderin empfunden, als eine, die mit der Liebe ein lasterhaftes Spiel treiben wollte?

Nur deshalb, weil es dieses Wort »homosexuell« gibt, dieses Wort, an das sich ein ganzes Gefolge von häßlichen, niedrigen, oft pikanten Begriffen angeheftet hat?

»Sagen Sie mir, warum ist es so?« fragte ich sie, die mir zu helfen gewillt ist »sagen Sie mir, warum sieht man diese Art der Liebe als Sünde, als Laster, als Niedrigkeit, ja, als eine strafbare Handlung an? Glauben Sie mir, keine Liebe meines Lebens, keine Sehnsucht von meiner Kinderzeit an, ist mir reiner, tiefer, heiliger in all ihren Wünschen und Vorstellungen geblieben, als gerade diese eine Liebe, die einer Geschlechtsgenossin galt, und um derentwillen ich mich wie eine Verfemte fühlte! O, wenn Sie wüßten, welche unendliche Süßigkeit im Leid wie im Glück und welche Fülle von schöpferische Kraft diese Liebe mir gegeben hat – wie sie mir immer wie ein Licht gewesen ist – wie etwas über menschlichem Begreifen stehendes Hohes und Heiliges, mein Gott – und dennoch – dennoch.« Und indem ich verteidigen wollte, was immer noch wie eine böse, feindliche Gewalt in mir lebte, war mir schon wieder, als sei ich in einen tiefen, dunklen Abgrund gestürzt – und über mich höhnische, von Verachtung und Abscheu förmlich verzerrte Gesichter!

Warum – warum? Und die kluge, gütige Frau, der ich die tiefe Ruhe all dieser letzten Zeit verdankte, sprach zu mir von der Befangenheit der Menschen solchen Dingen gegenüber. Wie die Allgemeinheit die einmal geprägten Schlagworte nach der Bedeutung, die ihnen gegeben worden sei, anzunehmen pflege, wie sie das Gute mit dem Bösen vermenge, sich überhaupt kein eigenes Urteil mehr bilde, keine Unterschiede mehr gelten lasse! – Und sprach von der körperlichen und seelischen Veranlagung der Menschen, deren Sehnsucht nach solcher Liebe geht – sprach von all dem, was ich aus meinen Büchern schon wußte, und tat viel Eigenes und Neues dazu.

»Aber wird es möglich sein, eine Änderung zu schaffen – werden die Menschen begreifen lernen? Und müßte man nicht auch mit Gewalt zu verhindern suchen, daß solch eine Sache in Literatur und Kunst zu etwas Verwerflichem oder – was schlimmer ist – zu etwas Pikantem, die Lüsternheit Anreizendem herabgewürdigt wird? Müßte nicht vielmehr begreiflich gemacht werden, daß diese Liebe an sich etwas Reines, ja, vielleicht zumeist aus tiefgeistiger Quelle kommendes und darum, etwas Heiliges sein kann? Auswüchse, die ins Laster geraten, wird es bei dieser Liebe vielleicht in demselben Maße geben, wie bei jener andern, die sanktioniert ist – oder nein, nicht in demselben Maße, denn ich glaube, daß viele, vielleicht die meisten von denen, die ihre Zuflucht zum eigenen Geschlecht nahmen, durch ganze Welten von Schmerz, Not, Enttäuschung und Verzweiflung getrieben worden sind. – Was sie mir sagte, wenn ich sie mit solchen Fragen bestürmte? Welche Worte sie fand, um meine Unruhe zu beschwichtigen?

O, Unendliches wußte sie zu antworten und zu erklären, und ich trank all ihre Worte, wie einer, der am verdursten war, einen ganzen Brunnen austrinken möchte!

Ach, daß meine Seele gesundete! Daß ich von ihr die große Kunst zu lernen vermöchte, ganz still und stark in mir selbst zu ruhen – unbeirrt von der guten oder bösen Meinung der andern Menschen zu sein!

Und daß ich in Frieden derer gedenken könnte, die mir die Tore zu diesen neuen Welten auftat und die mich dann verließ – die zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm – die mich in Dunkelheit und Verworrenheit allein ließ!

Wochen und Monate sind verronnen, und ich hatte mir mit Hilfe dieser starken guten Führerin eine neue Welt aufgebaut und fühlte etwas von junger Kraft und starker Lebensliebe in mir erstehen. Ich lebte in Einsamkeit und Abgeschiedenheit und wähnte mich von aller Krankheit geheilt. Aber solange man im Krankenzimmer weilt, hat wohl die Welt ein anderes Gesicht, als wenn man ohne Hilfe, ohne Stütze wieder mitten in ihr steht!

Eines Tages kam in die Stille meines Daseins ein Brief von Widun. Ich sah die Schrift und, wie aus tiefer Versenkung aufsteigend, erschien des lieben, einst so heißgeliebten Widuns Gestalt vor mir. Seine guten, treuen Augen blickten mich an, sein Mund sprach zu mir!

Ich sah ihn in meiner Vorstellung, wie ich ihn von jenem Wintergang im Grunewald im Gedächtnis behalten hatte. Ich hörte seine bangen Fragen und ich hörte meine Antworten und sah sein bleichgewordenes, verstörtes Gesicht. Und nun? Nun?

Derselbe Widun wollte von neuem in mein Leben kommen! Zum zweitenmal war er ein freier Mann geworden, der über sich verfügen konnte – und das, was er in diesem Briefe schrieb, das gab meinem Leben mit einem Schlage eine neue Wendung.

Ach, es war wieder alles, wie es einstmal gewesen, als der Name »Widun« noch die Macht hatte, mein Herz schneller schlagen zu machen und mir die Welt hell und froh erscheinen zu lassen.

Ich schrieb ihm wieder und er kam!

Grau waren seine Haare – sein Gesicht sehr ernst, fast ein wenig schwermütig, aber die Augen hatten noch den gleichen Blick wie in vergangenen Zeiten. Es war alles sehr selbstverständlich, was sich zwischen uns begab.

Das Schicksal hatte uns zum zweitenmal die Möglichkeit in die Hand gelegt, unser Leben zu vereinen, und wir kamen überein, dieses Mal auch die äußerlich sanktionierte Form zu wählen.

Widun war jetzt ein Mensch, der der Ruhe bedurfte. Er trug sich mit dem Wunsch, ein Werk zu schreiben. Er suchte Ruhe und gutes, stilles Verstehen.

Ich führte ihn zu dem Landhaus der Großmutter, das mein Eigentum geworden war. Ein Stockwerk war frei für uns, die bunten, lustigen Möbel der Großmutter standen darin.

Der Garten jauchzte in wilder, grüner Ungebundenheit.

»Ein Jahr der Ruhe – des Aufsichselbstbesinnens!« sagte Widun gedankenvoll, »und dann zurück in das Gewoge der Gegenwart – zurück um zu helfen, das Vaterland aus dem Chaos aufzurichten!«

Ja, ich war gewillt, Widuns Frau zu werden – ich sah das Leben als eine gute, stille Straße vor mir liegen und hatte das Gefühl, nun genügend Ruhe und Kraft zu besitzen, solch einen guten vorgeschriebenen Weg, der keine ganz hohen Höhen, der aber auch keine Tiefen mehr bringen würde, zu gehen.

Das Müde, das nach Ruhe Verlangende, was in Widuns Wesen lag, gab mir die Kraft dazu – und es schien mir eine schöne Mission zu sein, Freude und Frieden in ein anderes Leben tragen zu dürfen. Dennoch tat mein Herz einen bangen Schlag, als der Tag der endgültigen Vereinigung festgesetzt wurde. Es war, als ob eine kühle Hand sich auf meine Stirn legte, als ob zwei Augen in die meinen blickten, als ob –

»O nein – nein – nein!« und mit aller Kraft wies ich zurück was bestrebt war, sich mir von neuem zu nahen!



»Ellinor,« sagte Widun an einem stillen Sommerabend, »Ellinor, willst du mir eine Frage beantworten?«

Wir waren in München, denn wir gedachten die Trauung in München vollziehen zu lassen.

Wir hatten einen Gang ins Isartal unternommen, saßen da auf einer einsamen Bank. Tiefe Ruhe war um uns her, und rötlich goldene Straßen zogen sich am zartblauen Firmament hin. Leises Raunen eines fernen Wassers drang gedämpft zu uns hin.

Widuns Gesicht hatte einen ernsten, ja, vielleicht einen feierlichen Ausdruck. Er nahm meine Hände in die seinen.

»Erinnerst du dich unseres Winterganges durch den Grunewald, Ellinor, und weißt du noch, daß du mir damals sagtest, es sei Großes, Schweres, noch ganz Ungeklärtes in dein Leben gekommen? Und ich gab dich frei, weil ich ja keine äußeren Rechte auf dich besaß!

Aber in all den Jahren, die folgten, hat mich nie, nicht einen Tag lang der Gedanke an das, was du vor mir verschwiegst, verlassen. Und auch heute – nein, auch heute noch kann ich nicht ruhig darüber werden.

Aber nun bist du blaß geworden, Ellinor, und wendest dich ab. Nein, glaube nicht, daß ich mit Gewalt deiner Seele zu entreißen suche, was du freiwillig mir nicht geben willst.

Du hast Schweres durchlebt, das weiß ich, denn das Band, das mich an dich gefesselt hielt, das war so stark daß jede Unruhe, jede Not, die in dir war, sich mir mitteilte. Glaub mir, Ellinor, ich hab ganz und gar mit dir und in dir gelebt – und mir ist, du habest Übermenschliches durchzukämpfen gehabt.

Verzeih mir, Ellinor, ich will nicht wieder in dich dringen! Ich will mich der ganz schwachen Hoffnung hingeben, daß du eines Tages von selbst den Schleier von dem, was du jetzt noch geheim halten möchtest, hebst, und wenn du es nicht tun willst oder tun kannst, dann will ich mich auch so zufrieden geben! Für mich ist es Beruhigung und Glück genug, daß du überwunden hast, daß du frei und wieder »du selbst« geworden bist, denn es gab eine Zeit, da warst du scheu und bang und geduckt wie ein Mensch, der zum Sklaven eines andern geworden ist, der keinen Willen für sich selbst mehr hat. Nun aber bist du wieder die stolze, freie Ellinor, die du immer gewesen!«

Stolz und frei!! Eine Hand griff an mein Herz. Eine Welt, die ich künstlich mir aufgebaut und von der ich geglaubt hatte, daß sie Existenzmöglichkeit besäße, fiel jählings in Trümmer. Nacht war vor meinen Augen – tödliche Angst in meinem Herzen und Widuns Hände fest um die meinen gelegt und Widuns Augen voll Sorge und dicht neben meinem Gesicht!

Ich weiß nicht, was da plötzlich in mir vorging, welch ungeheuerlicher Drang in mir erstand, ihm alles zu sagen – alles! Vom ersten Beginn an, bis zu jenem Tag, an dem das böse Wort »Lüge« unsere Trennung herbeigerufen hatte.

Die Worte formten sich mir ganz aus sich selbst und ungewollt zu Sätzen – die Begebenheiten traten plastisch wie etwas Schönes, von unendlichem Leben Erfülltes vor mich hin! Welten voll von Glanz rauschten an mir vorüber, und immer reicher, immer leuchtender fügten meine Worte sich zu Sätzen zusammen. Ich sprach, wie nur ein ganz hingerissener, wie ein von aller Erdenschwere losgelöster Mensch zu sprechen vermag, und meine Augen sahen wieder das Licht, das unirdische Licht, das sie in all den vergangenen Jahren gesehen hatten – in all diesen vielen vergangenen Jahren!!

Und dann plötzlich ein Ausruf des Schmerzes an meiner Seite – ein totenbleiches Gesicht und Augen, in denen unverhülltes Grauen und Entsetzen geschrieben stand.

»Ellinor – Ellinor – um Gottes willen!« Und seine Hände hatten sich von den meinen gelöst – eine Kluft entstand zwischen uns und ward größer – von Sekunde zu Sekunde größer – ward wie eine ganze Welt, die sich zwischen uns aufzutürmen strebte, und wie aus weiter, weiter Ferne drangen seine Worte an mein Ohr:

»O, Ellinor, sag, daß alles nicht wahr ist, daß es ein böser Traum, daß es ein Phantasiegespinst gewesen ist! Kind – Ellinor, du Reine, Starke, Gesunde – du solltest fähig sein, in solche Abgründe zu versinken? Mein Gott – mein Gott –! Ellinor, und wenn du mir von unerhörten, von ganz leichtfertigen Erlebnissen, die du mit einem Mann gehabt, berichtet hättest, es würde mir wie eine harmlose Spielerei erscheinen im Vergleich zu diesem hier – denn dieses hier, das ist ein Land, zu dem ich keine Brücke finde!

Du weißt, daß ich nicht klein und eng an bestehenden, von Menschen errichteten Gesetzen hafte. Wir haben Jahre, ein Jahrzehnt lang in freier Liebe zueinandergehalten, und du warst in meinen Augen dasselbe – nein, du warst viel, viel mehr als eine Frau, die erst ängstlich den Berechtigungsschein verlangt, bevor sie ihre Liebe vergibt.

Ich bin – das kannst du mir wirklich glauben – kein Philister, kein elender Pharisäer – aber dieses – dieses!! O Ellinor, daß du mir dieses sagen mußtest! Sieh, draußen im Feld, in all der unseligen Kriegszeit, da haben sich ja wohl auch solche Dinge begeben – und obwohl da als großer, schwerwiegender Entschuldigungsgrund die Tatsache bestand, daß die Männer auf sich selbst angewiesen waren, so galten solche Dinge doch als etwas so Verachtenswertes, daß man in großem Bogen um Menschen dieses Schlages herumging daß man –

Herrgott, ich erinnere mich, da war ein Oberst, der sagte von seinem Sohn: »Wenn er gefallen wäre, wenn er gestohlen, ja, wenn er gemordet hätte, es wäre mir bei weitem nicht so schlimm wie dieses – dieses – Und nun du, Ellinor – du –«

Widuns Stimme drang aus immer weiterer Ferne zu mir hin.

Seine Worte, die in den ersten Augenblicken wie Keulenschläge auf mich eingedrungen waren, verloren ihre Macht.

Das Licht, das weiße, starke, überirdische Licht war vor meinen Augen! Dann waren Widuns Hände wieder bei mir und hielten mein Gesicht so, daß ich in seine Augen blicken mußte.

»Armes, armes, armes Kind! Ellinor, es ist unsäglich hart und niederdrückend für mich, was du mir da gesagt hast. Aber ich bin kein Lump, kein erbärmlicher Gesetzesmensch. Ich werde das Versprechen, daß ich dir gegeben habe, halten, ich werde dich zu meiner Frau machen – ganz eng an meiner Seite sollst du sein – ich werde dich schätzen, werde über dir wachen.«

Nein, nichts weiter von dem, was Widun sagte! Keim Erinnern mehr an all dieses, was der Vergangenheit angehört. Zwei Tage noch voll endloser Quälerei, und dann der Abschied. Armer, armer Widun! Wolltest, daß unser Leben zusammengehe und stößt mich in dem Augenblick, wo ich dir folgen will, hunderttausend Meilen weit von dir in tiefste Einsamkeit. Ich zeige dir Welten, durch die ich gegangen bin, durch die ich geworden bin und du antwortest mit bürgerlicher Moral.

Nein, ich kann mein Leben nicht an deines binden. Nicht aus dem Grunde nicht weil du ein Mann bist, aber weil du als Mann klein bist! Wie könnte ein Gesetz aus zweien eins machen, deren Seelen durch Meere und Länder voneinander getrennt sind?





Alles, was ich jetzt schreibe, ist ein Traum gewesen – einer von jenen Träumen die viel tausendmal eindringlicher und überzeugender sind, als jemals reales Erleben es sein kann, denn im Traum vermögen wir auch solche Dinge zu fassen denen unser Verstand sich widersetzen müßte, wenn sie am Tag und in leibhaftiger Gestalt an uns herantreten würden.

Ach, daß uns solche Träume gegeben sind und mit ihnen Erleichterungen und Offenbarungen, die tief in der Seele ihr unbewußtes Entstehen haben und von da ihren Fortgang nehmen, bis sie eine solche Kraft erlangt haben, daß der starre Intellekt sich ihnen beugen, von ihnen besiegen lassen muß!

O lieber, lieber Traum, den ein gesegneter Geist mir sandte, auf daß ich Dumpfheit und Schmerz zu überwinden vermöchte, auf daß des Lebens Sinn und seine Schönheiten von neuem klar und ungetrübt vor mir erstehen können!

Eine weite, feierliche Landschaft war um mich her. Dunkle Bergriesen im Hintergrund, die stolz und breit gegen den Himmel stiegen – schwarze Waldstreifen, vor denen grüne Matten leuchtend wie weißer Sammet sich breiteten. Ein durchsichtiges Wasser, das über Steine sprang und weißen Schaum auf seine Ufer warf, und ein sonnenbeschienener Weg, auf dem ich wandelte.

Ganz langsam wandelte ich dahin und sah in die große, erhabene Schönheit, die um mich waltete, hinein und sah doch zugleich über sie hinweg. Denn meine Seele war voll von schweren Gedanken und Grübeleien und wollte nicht in sich hineinlassen, was stumm und abwartend Einlaß bei ihr begehrte.

Von Baumschatten sanft gegen das helle Sonnenlicht geschützt, stand eine Bank an meinem Weg. Ich hatte sie nicht gesehen, obwohl ich unzählige Male an ihr vorübergegangen war, aber in demselben Augenblick in dem leise Müdigkeit mich befiel, sah ich sie mit Bewußtsein, und es war mir, als sei sie etwas Lebendiges, etwas, was mir wohltun wollte – etwas, was Arme nach mir breitete und mich zu sich hinzog.

Schöner und erhabener noch erschien mir die Landschaft, in der ich mich befand, von diesem Ruhepunkt aus, aber auch jetzt noch war ich nicht fähig, mich der Freude dieser Schönheit rund um mich her voll hinzugeben.

Ich lehnte den Kopf an die Rückwand der Bank und blickte zum Himmel hinauf. Leise – ganz leise begannen spinnwebfeine Schleier aus unsichtbaren Höhen auf die Erde niederzusinken. An Stelle des leuchtenden freudigen Tageslichtes floß ein seltsames Weiß auf all die bunten Dinge, die um mich her gebreitet lagen, nieder.

Die Berge verloren ihre scharfen Umrisse, der schwarze Wald war in ein schneeiges Kleid gehüllt. Die grünen Matten erglänzten wie ein weißer, weicher Teppich. Die Luft war weiß – und ich selbst, mein Kleid, meine Hände, mein Haar, alles war weiß geworden, und diese große Weiße um mich her ließ in meiner Erinnerung das stille weiße Haus draußen vor der Stadt erstehen. Das weiße Krankenzimmer und die weiße Frau.

Ein Schmerz riß an meiner Seele, Wunden wollten sich öffnen und ihr Blut verströmen lassen, aber dann plötzlich lag eine weiße, feste Hand auf der meinen – eine Gestalt saß neben mir auf der Bank.

Glanz ging von ihr aus, forschende Augen blickten mich an, und eine leise Stimme begann zu sprechen:

»Du zürnst mir – liebe, liebe Schwester du zürnst mir und deine Seele ist voll Bitternis und Traurigkeit, seit du von mir gingest!

Ich fühle alles, alles was du leidest! Du zwingst durch dein nicht endenwollendes Leid auch meine Seele zur Schwermut und Bitterkeit und du begehst ein großes Unrecht an uns beiden.

Du siehst in mir eine Schuldige und möchtest auf dem Richterstuhl vor mir sitzen – möchtest mich auf die Knie vor dir zwingen, damit ich dir eine Kleinheit, eine häßliche Tat eingestehe, die ich in Wahrheit nie begangen habe.

Nein – nein, nicht dich von mir abwenden – nicht zu deinem blinden, ungerechten Zorn gegen mich zurückkehren – nicht das böse Worte »Lüge« als Scheidewand zwischen uns aufrichten!

Hör mich an, liebe Schwester – sei gut und duldsam gegen dich selbst und gegen mich. Vielleicht, daß es dann doch ein Verstehen, ein neues Zusammengehen für uns beiden gibt!

Du klagst mich an, deine Seele in Wirrnisse gestürzt, dir das Tor zu neuen Welten, die dich zu gleicher Zeit erschreckten und beglückten, geöffnet und dich dann verlassen zu haben! Deine schlimmste Anklage aber richtet sich gegen ein Versprechen, das ich dir gegeben und das ich deiner Auffassung nach verleugnet haben soll.

Habe ich wirklich deine Seele in Wirrnisse gestürzt, meine arme Schwester, oder war sie nicht längst – längst bevor du zu mir kamst, auf Wegen, die vom behaglichen Gleichmaß fort in Abseitigkeiten führen wollten? Glaubst du, daß es in der Macht irgendeines Menschen liegt, eines andern Seele, die nicht in sich selbst die Einstellung dazu hat, in dieser Weise umzugestalten?

Du warst immer und bist heute noch eine Suchende, doch du suchst nach etwas, was sich dir nie in seiner ganzen Vollkommenheit erfüllen wird! Ein leidenschaftlich Suchender aber ist zugleich immer ein Vergewaltigender. Er will Menschen und Dinge zu Erfüllungen zwingen, die sie ihrer Art und Einstellung nach nicht oder nur teilweise zu geben vermögen.

Du liefest, nachdem die ersten Verbindungen zwischen uns von mir zugegeben waren, im Sturmschritt auf ein Ziel zu, von dessen Wesen du selbst dir keine richtige Vorstellung zu machen vermochtest. Du warst sehr schnell und sehr intensiv zu einer Einheit mit mir geworden, sahest dein zweites »Ich« in mir, das auf jeden Gedanken, auf jedes Gefühl, das in deiner Seele vor sich ging, antworten und das in gleich leidenschaftlicher Weise diese starken Ausbrüche erwidern sollte!

Nein – nicht abwehren! Nicht glauben, ich wollte das, was du mir als »Lüge« vorwarfest, rechtfertigen oder erhärten!

Ich weiß, daß ich von einer Erfüllung gesprochen habe.

Mußte es aber sein, daß diese Erfüllung sich in Körperlichem äußerte? Und wenn schon, mußte dann nicht erst die ganz große Einheit, die Verschmelzung alles Geistigen und Seelischen stattgefunden haben?

Müßten wir nicht suchen, das, was uns zueinander hinriß, zu sublimieren, und dann abwarten, zu welchen Zielen wir weiter getrieben würden? – Glaub mir, meine Schwester, auch du hast dasselbe gewollt, was ich erstrebte – denn du suchtest ja nicht nach dem, was ein geringer Mensch dir hätte geben können!

Du wolltest, genau wie ich, den schwarzen Weg haben. Denn hättest du ihn nicht gewollt, so würdest du nicht Jahr um Jahr in Schmerz und Not und Unruhe verbracht haben.

Töricht und unfruchtbar wäre es, wenn du oder ich den Versuch machen wollten, die bestehenden Vorurteile auszurotten – oder zu rechtfertigen, was nach der Meinung der großen Menge der Natur zuwiderläuft.

Gibt es aber überhaupt irgend etwas in der Welt der seelischen, geistigen und psychischen Möglichkeiten, was der Natur widerspräche?

Ist es nicht immer – immer die Natur selbst, die diese oder jene Wünsche, Triebe und Veranlagungen in den Menschen gelegt hat? Und wird nicht alles, was wir in unserm Leben tun oder tun müssen, was wir leidend oder genießend zu tun getrieben werden, erst durch die Gesinnung, die wir hineinlegen, zu dem, was wir Laster oder Tugend nennen?

Ein Ding, das an sich Laster wäre, gibt es nicht! Und sinnlos ist es, wenn die Menschen hingehen und mit Abscheu oder Hohn überschütten und auszurotten versuchen, was von allem Urbeginn der Welt an – in allen Ständen und unter allen Völkern bestanden hat!

Ohne die tiefe, schmerzhafte Erfahrung in der eigenen Seele aber vermögen wir nichts, was in der Welt vor sich geht, zu erkennen und zu beurteilen. Und keiner von uns kann wissen, ob er nicht heute weit von sich abweist und verdammt, was vielleicht morgen schon ihn selbst ergriffen hat und was ihm dann plötzlich als berechtigt, gut und heilig erscheint!!

Über all dieses aber will ich nicht mit dir sprechen, meine Schwester, denn es würde endlos währen und doch zu keinem Ende führen!

Wir werden es mit aller Kraft unserer Seele nicht erreichen, daß die Menschen ihre Scheuklappen ablegen und gesetzesmäßig zu denken beginnen – und das einmal von diesen starken Vorurteilen umwobene Wort »homosexuell« wird bei der großen Masse seinen Beiklang des Verächtlichen oder des Pikanten behalten. Wir würden ja keine Menschen im gewöhnlichen Sinn mehr sein, wenn wir unsere Seele und unsern Verstand so weit zu regieren imstande wären, daß wir jedem von Gottes Geschöpfen das seiner Art und seiner Veranlagung Entsprechende in Worten, Wesen und Handlungen zuzugestehen vermöchten.

Nein, nicht zu der großen, von den dumpfen Vorurteilen besessenen Masse will ich sprechen, auch nicht zu tausenden von Mitschwestern und Mitbrüdern, die das gleiche, was uns zu leiden beschieden war, an sich erleben müssen. Sie alle werden so oder so mit dem, was die Natur ihnen in ihre Seele und in ihre physische Art legte, fertig werden müssen. Sie werden daran zugrunde gehen oder sie werden sich daran in Höhen schwingen, die sie weit über das gute oder das böse Urteil der Menschen hinaustragen.

Nein, zu dir ganz allein will ich reden. Zu dir, die du Maßloses ersehnt hast und darum Maßloses erleiden mußtest! Und die du heute, in dieser Stunde, in dieser Minute noch nicht weißt, ob du dein Leben als entwertet ansehen und es von dir werfen sollst – oder ob du als eine, die überwunden hat, in die Welt und zu den Menschen zurückzukehren berechtigt bist!

Glaube mir, Schwester, daß ich genügend Einsicht, genügend Härte haben würde, einem Menschen, der vor dieser letzten Wahl steht und von dem ich wüßte, daß ein neuer Versuch, sich sein Leben zu gestalten, scheitern müßte – glaub mir, daß ich ihm zu raten vermöchte: Tu es! Laß ab von trügerischer Hoffnung! Komm deinem bösen Schicksal zuvor! – Denn es gibt ja auch körperlich Kranke, die nur noch durch eine Kette von Qualen von dem ihnen vorgeschriebenen Schicksal getrennt sind, und wenn unsere Gesetze nicht so unsinnig wären, müßte es längst gestattet sein, diesen zum Opfer Erkorenen zu einem milden Ende zu verhelfen! – Dir aber, die du dir trotz allem und allem deine suchende, schaffende Seele, deine Menschenliebe, deine Sehnsucht nach Unerreichbarem erhalten hast, dir, Schwester, muß ich sagen: Wirf alles, was dumpf und dunkel in dir ist, von dir ab! Geh deinen Weg, der dir vorgeschrieben ist, und sieh es als Gnade an, daß diese riesenhaften Gefühlswogen über dich hinrollten und daß sie nicht die Kraft hatten, dich zu vernichten. Elend gewesen sein, heißt, erst richtig gelebt haben!

Und glaube nicht, daß du die Berechtigung verloren habest, den Kopf hoch zu tragen und den Menschen frei in die Augen zu blicken!

Fast möchte ich sagen: Höher und freier bist du in dir selbst geworden, da du so Unsägliches erlitten und doch du selbst geblieben bist.

Laß deine Seele warm und quellend, wenn auch voll von jener Unruhe bleiben, die in euch, die ihr zu schaffen, zu gestalten vermögt, nie enden wird!

Laß all die tiefen, geheimnisvollen Brunnen, aus deren unergründlichen Schächten das rote Leben quillt, voll und stark in dir rauschen. Sei frei und groß und stark in dir selbst, dann wirst du es auch vor den Menschen sein. Schwester – Schwester – Schwester – hörst du, wie meine Stimme bebt, wie das Herz laut gegen die Brust mir schlägt?

Was ist das? Was ist das?

Haben wir das Höchste, das Erhabenste, das Göttliche erreicht? Sind unsere Seelen zu einer Einheit geworden? Hat das, was wir uns zu geben hatten, seine sublime Lösung gefunden? Hat der Wille der Natur, der über uns waltete, sich erfüllt?

Fühlst du nun, daß ich keine Lüge aussprach? Verstehst du, begreifst du, was ich auszudrücken versuchte, wenn ich vom Gesetz der Natur zu dir sprach? Und wirst alles, was uns gegeben ward, in dir wirken lassen – wirst es in deiner schöpferischen Seele wirken lassen. Auf daß es nicht nur dir und mir, sondern unzähligen andern teilhaftig werde, und wirst es als Gnade ansehen, als eine endlose, als eine unfaßbare göttliche Gnade empfinden, daß du auf diesen Wegen wandeln durftest!«

Ein Rauschen, wie von Flügeln in der Luft! Weiß – alles weiß um mich her! Ich sinke auf meine Knie; vollgeschwellt von Liebe, von Kraft, von Dank ist meine Seele!

Der Traum ist vorbei. Das Glücksgefühl ist in meiner Seele geblieben. »Träume sind Wunscherfüllungen«, so lehrte mich die Analyse. So hat der Traum mir den Weg der Erlösung gewiesen. Aus der Dumpfheit, der Gebundenheit des Besitzenwollens, des Getriebenseins von der Leidenschaft hat er hingeführt in die Klarheit des Erkennens, des geistigen Sichselbstbesitzens und damit in die Freiheit.

Der Traum hat mir die Bitterkeit aus der Seele genommen, die meine Wunden vergiftete, die sie nie heilen ließ. Denn in diesem Traum sah ich sie gereinigt und erlöst, sah sie so, wie ich sie noch lieben kann und will. Ströme des befreiten Gefühls durchfluten mich, nicht mehr verheerend und verdammend – nein, tief segnend und befruchtend.

O, daß ich leiden durfte! Daß ich über die Liebe zum einzelnen Menschen hinweg zur großen Menschenliebe gelangen durfte! Daß Dunkelheiten zu Lichtquellen für mich wurden, daß ich frei in mir selber werden durfte – Gott, mein Gott, wie danke ich dir!