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Emma Müllenhoff – Aus einem stillen Hause

Novellen

Emma Müllenhoff, Aus einem stillen Hauseund andere Geschichten für besinnliche Leute, C. F. Amelangs Verlag, Leipzig, 1906


Aus einem stillen Hause.

Es war ein altes, wunderliches Haus, und es wohnten wunderliche Menschen drin. Das sagten alle Leute. Man mußte geradeswegs durch den blaugestrichenen Bäckerladen gehen, um nach der gewundenen, schmalen Treppe zu gelangen, die ins erste Stockwerk führte. Hier war es ganz still. Nur ab und zu hörte man, wie die Bienen draußen summten, und wie eine Platte rasselnd in den Backofen geschoben wurde. Der frische Duft noch warmen Brotes durchzog das ganze Haus. Das Licht der Nachmittagssonne glitzerte auf den Messingschlössern und den weiß lackierten Türen. »Gottfried Bahnen, cand. theol.,« stand an der einen, »Sophia von Bredow« an der andern. Ein seltsames, altes Paar, das das Leben hier zusammengewürfelt hatte, und das nun friedlich Tür an Tür wohnte. Er hatte es nie weiter als zum cand. theol. gebracht, obwohl er den Fünfzigern nahe war. Er saß den ganzen Tag über seinen Büchern, aber er hatte sich nie zum Examen gemeldet. Er sagte, er hätte die Religion zu lieb. Sie schüttelte den Kopf; das konnte sie nicht verstehen. Zuweilen schalt sie ihn auch ein wenig, daß er nicht vorwärts strebe; er sei ja so klug, er hätte längst Propst oder Generalsuperintendent sein können. Dann lächelte er still vor sich hin und rauchte nur kräftiger aus der langen Pfeife, die sie ihm zum letzten Weihnachten geschenkt hatte. Ihr Schelten war auch nicht ernst gemeint, sie konnte ja keinem lebenden Geschöpf wehe tun. Das Leben war zwar nicht sanft mit ihr umgegangen. Als ein armes, adeliges Fräulein war sie von einer verwandten Familie zur andern geschoben worden. Schließlich in älteren Jahren hatte man sie hier eingemietet. Eine kleine Rente floß ihr aus dem väterlichen Gut zu; so konnte sie eben leben, und sie dachte nicht daran, daß es anders hätte sein können. In engen Grenzen spielte sich ihr Dasein ab. Das alte Fräulein kam kaum weiter als zum Nähtisch am Fenster und zu dem alten Spinett, das nur einen ganz dünnen Klang hatte. Hätte sie nicht den armen, alten Hund Molly ausführen müssen, sie wäre kaum in die Luft gekommen. Sie hatte gar zuviel zu tun; denn es war schrecklich, wie unordentlich der Kandidat war. Sie mußte zuweilen bei ihm eindringen, sonst wären seine Bücher nie abgestäubt, seine Knöpfe nicht angenäht, und seine Strümpfe niemals gestopft worden. Und dann mußte sie das alles noch so heimlich tun, weil es sich ja eigentlich nicht für sie schickte; und außer Molly war auch noch die arme Katze zu versorgen, die sie eines Abends halb erfroren vorm Hause gefunden hatte, und Piep, der im Bauer vor dem sonnigen Fenster saß und vor Altersschwäche nicht mehr singen konnte. Die hungernden Spatzen im Winter und die hungernden Kinder oben im Dachgeschoß hätten noch manches von ihr erzählen können – aber sie taten es nicht.

So viel hatte sie zu tun gehabt, das kleine, alte, adelige Fräulein, und nun lag sie im Bett und konnte gar nichts tun. Sie war so müde, o so müde. Es schien ihr eine Anstrengung, den Kopf zum Fenster zu wenden, und doch wollte sie den blühenden Kastanienbaum so gern noch einmal sehen.

Der Kandidat saß im Schatten des grünen Vorhanges und sah bald auf den Frühling vor dem Fenster und bald auf seine alte Freundin. Er war noch stiller als gewöhnlich. Er wußte, daß sie von ihm gehen würde, und sie wußte es auch. Die Schatten des Todes stiegen immer höher. »Mir ist so bange.« sagte sie leise, »ich habe im Leben so wenig tun können.«

Er war ein so ungeschickter Kandidat; es war merkwürdig, wie gut er zu trösten verstand. »Was du einem dieser geringsten unter meinen Brüdern getan hast . . .,« hatte er es wirklich gesagt? Ihr war, als wenn Molly sich an ihrer Hand rieb; aber der war ja ein unvernünftiges Geschöpf, der zählte gewiß nicht mit. Sie seufzte. Aber der Kandidat trug einen Baustein nach dem andern herbei, leise und behutsam. Da kamen die Kinder mit den nackten, verfrorenen Füßen und die alte Waschfrau, Piep und die Katze und schließlich er selbst, der Kandidat. Da bauten seine Hände ihr eine Leiter, auf der ihre zaghafte Seele höher steigen konnte, immer höher bis an die Pforte des Lichts.

»Es ist Dämmerung,« sagte sie, »nun noch Musik, wie sonst!«

Er setzte sich an das alte Spinett, über dem die Bilder ihrer längst verstorbenen Eltern hingen. Leise glitten seine Hände über die Tasten. Wie Tränen und Schluchzen, wie Gebet und Sieg flutete es durch das kleine Zimmer, immer voller, immer reiner –. Die Sonne sank. Wie in rote Glut tauchte sie die Blüten des Kastanienbaumes. Eine Schwalbe zwitscherte vor dem Fenster. Da atmete das alte Fräulein tief, zweimal. – Die Katze fuhr mit einem klagenden Schrei empor. Das Haupt des Kandidaten sank auf seine Hände – im Zimmer war es still, ganz still geworden.



Abendschatten.

So früh ist also Walter in die Stadt gegangen, daß er mir nicht einmal guten Morgen sagen konnte?« Wie ein leichter Unmut klang es durch die Stimme des alten Herrn, als er den Kopf von der Zeitung erhob.

»Du warst noch oben, Vater. Der Bankier Gehrkens war in aller Frühe bei ihm; es handelte sich um amerikanische Papiere, wenn ich recht verstanden habe. Walter ist schon um acht Uhr mit ihm zur Stadt gefahren.«

Ruhig räumte die noch jugendliche Frau den Kaffeetisch ab, stellte die frisch gefüllte Tasse auf die Fensterbank, legte die Post daneben und rückte das Rauchtischchen heran. Das dunkle, schlichte Hauskleid hob ihre frauenhafte Schönheit; die Sonnenstrahlen tanzten um ihre weiche Gestalt, um das krause Haar. Sonst hatte der Alte sich an dem anmutigen Bilde gefreut – heute gefiel es ihm nicht. Er schloß die Augen. Sie warf noch einen Blick auf die im Garten spielenden Kinder und verließ dann das Zimmer.

Er schob die Zeitung beiseite. Hatte der fehlende Morgengruß des Sohnes ihm wirklich die Stimmung verdorben? Er strich das Haar zurück und lehnte sich tiefer in den Sessel. Im Garten lärmten die Knaben, rissen die Hagebutten von den Sträuchern und warfen damit, einmal an den Birnbaum, einmal ans Haus, nun gar bis an die Planke.

»Ich kann viel weiter schmeißen als du,« sagte Nachbars Fritz.

»Ja du, – aber ich kann weiter spucken.« Sie probierten. Gellend tönten ihre Freudenrufe durch die klare Herbstluft. Großvater lächelte. Konkurrenz im kleinen. Hatte er es nicht ebenso getrieben? Erst im Prügeln, dann im Rechnen, dann im Handeln, immer der Erste, nur immer die andern überholen, immer höher hinauf! Und es war geglückt. Die Firma stand auf festen Füßen, er machte glänzende Geschäfte, sein Ruf war tadellos, seine Familie blühte, weit über die Stadt hinaus erbat man seinen Rat. Er freute sich seiner Kraft, sein Sohn wurde Teilhaber und schließlich Eigentümer des großen Handelshauses. Aber ihm war doch, als hielte er die Fäden noch in eigener fester Hand, als könnte kein Entschluß ohne ihn gefaßt werden. Sollte nun etwa? – – »Dummes Zeug,« sagte er halblaut, »es ist gewiß nur eine Bagatelle, sonst würde Walter mich schon fragen.«

Aber es litt ihn doch nicht mehr im Zimmer. Er nahm Mantel und Hut und ging die Stufen hinunter in den Garten. Reseda und Astern blühten noch; sonst aber hatte der Herbststurm manche Lücke in die sommerliche Pracht gerissen. Die welken Lindenblätter wehten ihm vor die Füße. Es verdroß ihn. Mit dem Stock schob er sie beiseite. »Martens sollte die Wege besser halten,« murmelte er; »aber er wird zu alt.« Da fiel ihm ein, daß Martens fünf Jahre jünger als er selber war. Daß er heut auch immer an so ärgerliche Sachen denken mußte!

Die Knaben hatten ihr Spiel verändert. Sich an den Jacken haltend, schnaubend, pustend und zischend, rannten sie den breiten Mittelweg hinab – ein ganzer Eisenbahnzug –. Nun ein gellender Pfiff – und sie standen unbeweglich. »Hamburg! Aussteigen!« rief der eine. Dann ging die wilde Fahrt weiter. Nur Hans, der Kleinste, stand regungslos, die Hände auf dem Rücken, und sah von fern den anderen zu. »Wollen sie dich nicht mitspielen lassen, Hans?« sagte der Großvater und strich ihm zärtlich über das Haar.

Der Kleine sah ihn mit glücklichen Augen an: »O doch, Großvater, ich bin Kohlenwagen, aber ich bin abgehakt.« Er lachte.

»Abgehakt,« sagte der Alte, »das ist's. Ob man's leicht lernt?« Den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken, ging er langsam die Ulmenallee hinunter, die zur Stadt führte. Die Vorübergehenden grüßten ihn. Er sah es nicht. Sie schüttelten den Kopf: »Er wird alt,« sagten sie.



Ihr eigen.

Sie war das einzige Kind seiner verstorbenen Schwester, und er hatte sie in seinem Testament nicht übergehen wollen, obwohl er mit ihrer Mutter in früheren Jahren gebrochen hatte –; so hinterließ er ihr das einsame, halbverfallene Sommerhaus draußen am Strande. Sein großes Vermögen, seine städtischen Grundstücke gingen an seine anderen Erben über.

Man schüttelte den Kopf. Hätte er dem alleinstehenden Mädchen eine jährliche Rente ausgesetzt, ein kleines Kapital zu freier Benutzung –, das wäre verständig und rechtlich gewesen. Aber so? Man riet ihr, das alte Haus um ein Billiges an irgend einen Spekulanten loszuschlagen, der es niederreißen und an seiner Stelle ein modernes Logierhaus bauen könnte. Sie sagte nicht viel dazu; sie hatte das Erbe noch nicht einmal gesehen.

An einem weichen Juniabend fuhr sie hinaus, stieg am Dorfe aus und ging zu Fuß nach dem einsamen Strandhause, nur begleitet von der alten Wirtschafterin, die nach dem Tode der Mutter ihre Jugend behütet hatte.

Spät noch sah man einen Lichtschimmer in den alten Räumen; aber Wein und Efeu hatten in jahrelanger Ruhe ihre grünen Vorhänge über die Fenster gezogen. Man konnte nicht hineinblicken. Nun war es Nacht, und der Mond stand über dem Wasser. Da öffnete sich die Tür, die aus dem niederen Gartensaal führte, und die leichte, jugendliche Gestalt der Besitzerin trat heraus. Sie hatte die Hände über der Brust verschlungen und blieb eine Weile bewegungslos stehen. Dann ging sie langsam den Gartensteig hinab. Wie liebkosend fuhr sie über die Blumen und Sträucher, so daß der Nachttau an ihren Händen blieb. Hier und da versperrten die Ranken der Kletterrose ihren Weg; dann trat sie sorgsam darüber, ohne sie zu verletzen. Jetzt hatte sie das Ende des Gartens erreicht, den eine niedere Mauer vom Strande trennte. Einst hatte man vorn auf einem Vorsprung derselben ein Tempelchen erbaut, zu dem einige verfallene Stufen emporführten. Mühsam stieg sie hinauf. Das leichte Lattenwerk war längst zusammengesunken; wilde Rosen und Glyzinien umwucherten die Steinbank, darauf sie sich setzte. Das Mondlicht lag wie Silberschaum auf den alten Erlen, die Machtviolen dufteten, und es war so still, daß man das leise Anschlagen der Wellen hören konnte. Unter dem leichten Sommerkleide hob und senkte sich ihre Brust. Sie blickte bald auf das Meer, bald auf die grüne Wildnis zu ihren Füßen. »Mein,« sagte sie und nach einer Weile noch einmal: »Mein.« Sie lächelte; aber Tränen standen in ihren Augen. Sie war von der Bank hinabgeglitten, sie neigte den Kopf, ich glaube, sie küßte den Boden. Eine Nachtigall im Busch fuhr auf, weich und süß, jubelnd und klagend, wie die Stimme der duftenden Sommernacht zogen ihre Töne über das Meer, und das Mädchen faltete die Hände, stützte den Kopf an die Steinbank und lauschte. Heimat, Heimat, war es deine Stimme, die der Verlassenen den Willkommensgruß bot?



Zu Zweien.

Die Mittagssonne lag glühend über dem weiten Platz, den Sandsteinblöcken und Marmorplatten, den Urnen und Grabkreuzen. Ab und zu erhob sich ein Windstoß gleich einem heißen Atemzug und trieb die weißen Staubwolken über die niedere Planke auf die Straße hinaus. Sonst regte sich nichts. Hammer und Meißel ruhten. Die Gesellen hatten die Papier nützen über das Gesicht gezogen und schliefen im Schatten der Werkstätten und Granitblöcke. Es war, als hätte alles Leben, das sonst hier herrschte, sich in eine Ecke zurückgezogen. Dort hingen die Fliederbüsche blüten schwer über einem trüben Graben, einer zerfallenen Laube. Flammende Herzen und Stiefmütterchen hoben zaghaft den Kopf aus dem Staube.

Einst war hier ein Garten gewesen, blühend und frisch; aber der Fuß der Arbeit war darüber gegangen und hatte Blumen und Beete zerdrückt. Aber noch heute war hier das Reich der Kinder. Sie hatten ein schmales Brett über einen Bock gelegt, und waren darauf geklettert, er hüben und sie drüben. Auf und nieder tauchten sie in der blendenden Luft. War er oben, so streckte er sich und riß ein grünes Fliederblatt herunter, um darauf zu pfeifen; dann sah sie bewundernd zu ihm auf: »Wie groß du bist,« und er nickte. War er unten, so schnellte er das Brett mit den Füßen behutsam in die Höhe, um die kleine Gefährtin nicht zu erschrecken. Sie hatte sich mit beiden Händen festgeklammert und wagte nicht, rechts und links zu blicken. »Hast du Angst?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf und biß die Zähne aufeinander; aber die Furcht stand ihr auf dem seinen Gesichtchen geschrieben. »Wenn ich groß bin,« sagte er, »so lerne ich fliegen. Es gibt Schiffe, die segeln hoch über den Wolken dahin; da sehe ich auf alle Berge und Städte und Kirchtürme nieder, und sehe die Sonne und den Mond und die Sterne ganz in der Nähe.« »Aber du kommst doch wieder?« fragte sie ängstlich. Er verfolgte mit den Augen eine Schwalbe, die blitzschnell durch die Luft schoß. »Ich weiß nicht,« sagte er, »vielleicht.« –

Da erhob sich der gellende Ton einer Glocke, die nahen Fabrikpfeifen fielen ein, die Gesellen fuhren auf, die Lehrjungen schleppten das Gerät herbei – das große Räderwerk der Arbeit setzte sich wieder in Bewegung. Die Kinder flohen. »Komm morgen wieder,« sagte der Junge, während er rittlings auf der Planke saß. »Ja,« sagte sie, »morgen und über morgen und alle Tage,« und sie nickte, daß das blonde Haar ihr über das Gesicht fiel, und die Sonne küßte ihren weichen Nacken und die roten Lippen. »Ja, morgen!«



Aus dem Alltagsleben.

Wie seine Worte lebten, wie seine ganze Seele in Begeisterung zu glühen schien! Die Versammelten wandten kein Auge von ihm: man schien den Atem anzuhalten. Die junge Frau schauerte zusammen, dichter schmiegte sie sich an die Seite ihres Mannes. Sie sah ihn mit geistigen Augen vor sich, jenen armen Lehrer drunten in Böhmen, von dem der Redner sprach, wie er mit seiner Frau litt in ungenügender Wohnung, ohne Feuerung in den bitterkalten Tagen – und doch, obwohl die Aufgabe seine Kräfte überstieg, wollte er nicht weichen. Unermüdlich sammelte er die Kinder des Dorfes um sich, war ihnen Lehrer, den Erwachsenen Seelsorger und Freund, und ob ein schwacher Körper darunter zusammenbrach, aushalten wollte er; denn ein Verlassen seines Postens hätte in jener Gegend ein Aufgeben des evangelischen Glaubens, des Deutschtums bedeutet. Das war Heldentum, stilles, großes Heldentum. Sie fühlten es alle.

Ja, helfen wollte man, mußte man. In Gedanken über rechnete die junge Frau die Ausgaben des Haushalts, ihre Garderobe – wenn man eine Gesellschaft weniger gäbe – es ließ sich ganz leicht einrichten. Gleich nachher wollte sie mit Arthur sprechen.

Nun verließ der Redner die Bühne. Ein junger Geiger trat auf. Weich und süß zitterten die Töne durch den Saal. Der bange Druck löste sich von den Herzen; wie eine sanfte Beruhigung überkam es alle. Hier und da umspielte ein Lächeln die Lippen, die Augen begannen zu leuchten – nun ein Strauß'scher Walzer, o wie die Töne lachten und perlten, neckten und tanzten! Es war kein Wunder, daß das warme Blut, daß die Füße mit in Bewegung gerieten.

Nun brach man auf. Ein Freund drängte sich heran, legte die kräftige Hand auf den Arm des Mannes: »Wie wäre es, Arthur, wenn wir uns noch zu einer Flasche Rüdesheimer zusammentäten! Es ist ja nicht weit zum Ratskeller.«

Er blickte zu seiner Frau hinab, die sich an seinen Arm gehängt hatte. »Was meinst du, Schatz, gehen wir mit?«

»Ich möchte heim,« sagte sie leise.

»Du bist ja ganz blaß, dir fehlt doch nichts?«

»Gar nichts, nur – ich kann den armen Menschen nicht vergessen, und ich habe so viel mit dir zu sprechen.«

»Du bist mir ja ganz melancholisch geworden, das geht nicht; ich will deine Augen wieder lachen sehen!«

Er zog sie mit sich fort. Der Freund hängte ihr den Mantel um; seine Frau wartete schon am Ausgang. Bald saß man in einer behaglichen Nische des Ratskellers. Das gedämpfte Licht fiel auf die getäfelten Wände und hohen Ledersofas.

»Zwei Flaschen Rüdesheimer und einige Butterbröte – so, hier haben wir's gemütlich nach all dem Elend.«

»Ja,« sagte sie, »es war schrecklich traurig – und doch« – sie wollte sprechen von dem, was ihr auf dem Herzen lag; aber die Freundin hatte so viel zu erzählen von der Einrichtung des neuen Hauses, von Fritzchen, der eben in die Schule gekommen war.

Ihr Mann hielt das gefüllte Glas über den Tisch: »Trinke, Liebchen, und vergiß die Sorgen!«

»Und nächste Woche sollen wir einen fröhlichen Abend bei Ihnen verleben?« sagte der Freund und stieß mit ihr an.

»Wir sind uns noch nicht so ganz einig,« meinte sie zögernd.

»Nicht einig? Aber wir haben doch die letzte Woche von nichts anderem gesprochen? Deine Seele schwankte ja nur noch zwischen Austern und Hummern hin und her und zwischen noch etwas, das ich den Freunden nicht verraten darf, weil meine kleine Hausfrau es mir nicht verzeihen würde.«

»Aber ich weiß nicht, ob es nicht doch vielleicht unrecht –« sie stockte.

»Unrecht, uns armen Freunden in deinem Hause einen festlichen Abend zu bereiten? Aber Lorchen, nein, wir lassen uns das gar nicht nehmen,« neckte die Freundin; »wir freuen uns schon so sehr darauf.«

»Ihr Wohl, gnädige Frau, auf daß Sie uns nicht so hart strafen!«

Sie stieß mit dem Freunde an, sie trank; ihr wurde schon leichter ums Herz.

Der Rauch der Zigarren stieg in blauen Ringen zur Decke empor; es war gar so behaglich. Man ließ noch eine Flasche kommen. Die Reden flogen hin und her, und darüber schwebte auch wieder ihr helles, fröhliches Lachen, das ihr Mann so sehr liebte. Hatten denn nicht Jugend und Glück auch ihr Recht? Sie saßen lange beisammen, sie waren sehr lustig, ein munterer Plan überbot den anderen. Beim Heimgang schüttelte man sich warm die Hand. »Also nächsten Freitag!« »Mit großem Vergnügen! Wir sind überzeugt, daß es glänzend wird.«

»O, spannen Sie Ihre Erwartungen nicht zu hoch! Es wird nur ein kleiner Kreis, nur soviel unser Eßzimmer fassen kann; aber hübsch soll es werden, viel Blumen, viel Licht, das hab' ich so gern« – wieder ihr leises, helles Lachen! Nun schritt sie an der Seite ihres Mannes dem eigenen glücklichen Hause zu, und in dem Nebel, der an Bäumen und Sträuchern nieder rieselte, zerrann leise, leise das Bild des einsamen, kämpfenden Mannes.



Im Mondlicht.

Viel hatte man von ihm gelesen, viel über ihn geschrieben. Der Genius hatte seine Stirn berührt, ein göttlicher Funke glühte in seiner Seele. Die Welt hatte gelernt, mit ihm zu weinen und zu lachen.

Nun war es Nacht, und er mochte wohl ruhen von der Arbeit. Die Mondstrahlen spannten silberne Netze über die Dächer und kletterten an den grauen Wänden seines Hauses hinauf und hinab; wo sie konnten, schlüpften sie auch durch die Spalten der Vorhänge in die Stuben; denn es waren junge neugierige Strahlen, der Mond stand ja erst im ersten Viertel. Sie glitten über die Betten seiner Mädchen, küßten den blühenden Mund und die Schläfen, an denen sich das Haar kräuselte, und die Mädchen lächelten, strichen mit den Händen über das Gesicht, wandten den Kopf halb zur Seite und träumten weiter vom morgenden Tage und von den Freuden eines ersten Balles.

Nebenan in seinem eigenen Zimmer waren die Vorhänge nicht herabgelassen, und der Mond konnte ungehindert über den ganzen Boden tanzen und über das einfache Bett zur Seite. Er schlief nicht, er hatte das leicht ergraute Haar zurückgestrichen, der Kopf ruhte halb auf dem Arm, so lag er unbeweglich. Leise, leise – stört ihn nicht! Vielleicht geht ein Geist in stiller Macht den geheimnisvollen Wegen der Natur nach, vielleicht göttlichen Dingen.

Da hebt er den Kopf und lächelt. Er wirft die Decke von sich und schlüpft eilig in Schlafrock und Pantoffeln. »Damit ich den Mädchen morgen doch keine Schande mache,« sagt er und setzt taktmäßig die Füße. Es will so recht nicht gehen; zaghaft und ungelenk sind die Bewegungen; er ist des Tanzens lange ungeübt gewesen. Da taucht eine fast vergessene Melodie in seiner Erinnerung auf; er summt sie halblaut vor sich hin –. Das hilft! Leise, daß er niemanden störe, gleiten seine Füße über den Boden; immer besser, immer sicherer gelingen die pas des alten Tanzes.

Wenn dich die Welt jetzt sähe, Dickens, würde sie über dich lächeln? – Ich weiß es nicht. Die Mondstrahlen umspielten dein graues Haupt, und auf dem Dachfirst saß ein Engelchen, das geigte, geigte eine alte Tanzmelodie.



Die Welt im kleinen.

Er hatte sie am vorhergehenden Tage gesehen; denn die kleine Werkstatt seines Vaters ging auf den stillen Hof hinaus, an dem ihr großmütterliches Haus lag. Zwischen ihrer Großmutter und der Erzieherin war sie leicht und zierlich daher geschritten und hatte den kleinen Kopf in den Nacken geworfen, daß die rotbebänderten Zöpfe weit über den Gürtel hinabhingen. Er hatte sie fast mit den Blicken verschlungen, bis eine Ohrfeige seines Vaters ihn an die Schularbeiten zurückrief. Aber heut' war es etwas ganz anderes. Die Schule war aus, und er hatte eigentlich spielen wollen; aber spielen konnte er nun doch nicht – denn da saß sie vor ihm auf dem niederen Granitpfeiler, der die Treppenstange begrenzte, baumelte mit den Beinen und schlug mit den Zacken kräftig an den Pfosten, daß es bis zu ihm hinüberklang. Er meinte, noch nie etwas so Schönes gesehen zu haben wie die leichte Kindergestalt in dem hellen Sommerkleid und die dunkeln Augen, die so fremd und stolz unter den blonden Haar herausschauten.

Sie sah auch zu ihm hinüber; aber sie sagte nichts. Sie mochte des Stillsitzens müde geworden sein; sie sprang mit einem Satz hinunter und glitt am Treppengeländer hinab. Nun überschlug sie sich gar, ein, zwei, dreimal, immer um die eiserne Treppenstange, daß die Zöpfe und die hellen Röcke flogen. Die Großmutter und die Erzieherin würden es verboten haben, aber die waren ausgegangen, und gerade deshalb tat sie es, immer wieder, immer wieder, bis ihr das Blut ins Gesicht stieg und dem Jungen vom Zusehen ganz schwindelig wurde. Dabei war wohl der bunte Ball ihrer Tasche entglitten; denn er rollte ihm vor die Füße.

»Du,« sagte die kleine herrische Stimme, »gib mir meinen Ball wieder!« Er bückte sich, hob ihn auf, rieb an seiner Hose den Staub ab und gab ihn ihr. »Kannst du nicht sprechen?« fragte sie und sah ihn herausfordernd an. Aber nun wußte er erst gar nichts zu sagen, drückte sich fester an die Mauer und schlenkerte mit einem Bein. »Gerade wie ein Storch,« sagte sie und warf einen Blick auf seine roten Strümpfe. Nun schämte er sich, und er hatte sie vorher doch so hübsch gefunden. Er trat immer mehr in den Schatten des Hausdaches. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, stand im blendenden Licht, warf den Ball an die Mauer und fing ihn wieder in den erhobenen Händen. Zuweilen entfiel er ihr und sprang über das holperige Pflaster bis in die Gosse. Dann blickte sie wohl über die Schulter zu ihm hinüber, ob er nicht komme, ihr zu helfen; aber das wagte er nun nicht mehr.

Schließlich mochte sie des einsamen Spieles müde geworden sein. Sie steckte den Ball in die Tasche, streckte sich auf die sonnenbeschienenen Treppenstufen und blinzelte schläfrig in das Licht hinein. »Du,« rief eine helle Knabenstimme, »schläfst du mitten am Tag?«

Nachbars Karl war es, der die Hollunderbüsche des angrenzenden Gartens auseinander bog und den Kopf hindurch steckte.

»Ich schlafe garnicht,« sagte sie, »aber hier ist es langweilig.«

»Bei mir nicht,« sagte Karl, »ich habe Kaninchen, seine weiße mit roten Augen, willst du sie sehen?«

Sie nickte. »Aber ich kann nicht hinüber.«

»Doch, ich helfe dir. Steig hier auf den unteren Ast! So – und nun mach dich ganz dünn! Siehst du, nun mußt du hinunterspringen!«

Sie hatte beide Arme über dem Kopf erhoben, um sich die Zweige aus dem Gesicht zu halten. Nun wandte sie sich in dem grünen Versteck halb um und blickte noch einmal auf den Knaben zurück, der ihr vom besonnten Hof aus nachschaute.

»Ach,« sagte Karl, »laß den nur! Der kann gar nicht spielen. Er ist ein rechtes Schaf«

»Ja,« sagte sie und lachte. »Das ist er auch.«

Er hörte, wie sie leicht aus dem Gebüsch zur Erde sprang. Die grünen Zweige schlugen hinter ihr zusammen. Er sah nichts mehr. Noch einmal hörte er ihre helle Stimme in der Tiefe des Gartens; dann war alles still.

Nur die Sonne sah um die Hausecke, und die Sonne hatte ein ganz schadenfrohes Gesicht bekommen.



Eine Frage.

Sie hatte den ganzen Tag mit den Läppchen und Flicken gespielt, die von der Mutter Arbeit fielen. Sie hatte die Garnrollen in Reihen aufgestellt und über den Tisch marschieren lassen und die Knäuel ab und wieder aufgewickelt. Nun war sie des eintönigen Spiels müde. Mutter war auch gar so still. Sie saß tief über die Näherei gebeugt und ließ den Faden durch den groben Stoff gleiten, einmal hinunter und einmal hinauf, immerzu, immerzu. Müde schloß das Kind die Augen.

Da glitt es warm über seine Hand. Ein Sonnenstrahl war es, der hatte sich durch das Gewirr von Dächern und Schornsteinen einen Weg in die enge Kammer gesucht. Über die grauen Wände glitt er, über das schmale Bett, in dem das Kind mit der Mutter schlief, und endlich umspielte er das Haupt seiner kleinen Freundin. Er küßte das schlichte Haar, das blasse Gesichtchen und die mageren Hände, und das Kind dehnte und streckte sich in dem wärmenden Strahl, blinzelte, lächelte und nickte ihm zu. »Komm,« rief der Sonnenstrahl, »komm ans Fenster! Du weißt, ich kann nicht lange hier bleiben.«

Da kletterte sie auf das schmale Fensterbrett und drückte das Gesicht an die Scheiben. Die enge Gasse lag so tief unter ihr, daß sie sich strecken mußte, um hinabzusehen. Drunten herrschte schon Dämmerung; nur um die höchsten Giebel zitterte noch der Sonnenstrahl. Es war Feierabend. Die kleinen Handwerker traten einen Augenblick aus der Tür, sahen hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel und hinab auf die Kinder, die Spähne und Papierschiffchen in der Gosse schwimmen ließen. Die Frauen saßen auf der Türschwelle, hatten ein Kind auf dem Schoß und einen Strickstrumpf in der Hand, steckten die Köpfe zusammen und schwatzten; aber das konnte das Kind nicht hören. Lieber sah es nach dem kleinen schmächtigen Mädchen hinüber, das an der Hausmauer lehnte und die Kartoffelschalen im Spiel um die Finger wand und eifrig die Straße hinabspähte. Sie kannte sie wohl, Mariechen hieß sie und war gerade so alt wie sie selbst. Sie nickte ihr zu; aber das Kind sah nicht hinauf, sondern immer zur Straßenecke hinab, wo der Milchkarren mit dem struppigen abgetriebenen Hunde stand.

Nun glitt es wie lauter Sonnenschein über ihr Gesicht. Sie warf die Kartoffelschale weit von sich und lief die Straße hinunter, immer schneller, immer schneller. Die Pantoffeln klapperten auf dem holperigen Pflaster, die Haare wehten von der Stirn, das Gesicht wurde rot vor Freude und Eile. Nun hatte sie den erreicht, nach dem sie so lange ausgesehen hatte, einen bärtigen Mann im blauen Arbeitskittel, der mit einigen Gefährten langsam die Straße hinabkam. Wie sie an ihm in die Höhe sprang, wie ihre Augen strahlten! Und der große Mann beugte sich hinab und hob die leichte Last auf seinen Arm. Sie legte die Hände um seinen Hals und ließ das Gesicht an seiner geschwärzten Wange ruhen. Sie schienen nicht viel Worte zu machen; aber man sah es wohl, für beide war es der schönste Augenblick des Tages.

Da wurde es dem zuschauenden Kinde oben so seltsam eng ums Herz, es glitt von der Fensterbank hinab, es mochte nichts mehr sehen. In der halbdunkeln Kammer drückte es den Kopf in den Rock der Mutter. »Mutter,« sagte es leise, fast furchtsam, »Mutter, wo ist mein Vater?« Das Weib ließ die Arbeit fallen, riß das Kind an sich und bedeckte es mit heißen Küssen. Dann stieß sie es von sich: »Still,« sagte sie, »still – du hast keinen.«

Das Kind schwieg; aber das eben gesehene fremde Glück war zu übermächtig; nach einer Weile hob sie den Kopf. »Wenn ich sehr artig bin, Mutter, und sehr fleißig und die erste in der Schule,« die kleine Brust hob und senkte sich ungestüm, »Mutter, kann ich dann vielleicht einen bekommen?« Da fiel aus den Augen der Frau eine Träne, die war heißer, als es vorher die Küsse gewesen waren; sie fiel gerade auf das zuckende Haupt des Kindes. »Nein,« rief sie, »niemals!« Ihre Augen brannten, und von den Wänden widerhallte es: »Niemals.«



Genesen.

»Nur noch zwanzig Minuten,« sagte sie halblaut und schob die Uhr in den Gürtel, wie leiser Jubel lag es in ihrer Stimme. Sie hatte die Hände vor der Brust verschränkt und die Stirn gegen das Fensterkreuz gelehnt.

Die weiche Frühlingsluft zitterte in den Zweigen des Birnbaumes und drang in vollen Wogen in die geöffneten Fenster.

Sie atmete tief; auf ihren Wangen lag noch die Blässe der Krankheit; aber aus ihren Augen strahlten Gesundheit und Freude. O das Leben, das Leben, wie schön es war – und nun die Heimkehr! Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, als wollte sie jeden äußeren Eindruck ausschließen. Da öffnete sich die Tür; die Wärterin trat ein. »Aber gnädige Frau weinen doch nicht?« Sie hob das schöne jugendliche Gesicht zu ihr empor. »Es ist nur das Glück,« sagte sie leise, »mein Mann, meine Kinder,« sie neigte den Kopf. »Man sollte fast denken, wir hätten Sie hier schlecht behandelt,« sagte die Wärterin und lächelte. »O nein, das nicht, das gewiß nicht,« sagte sie und fuhr liebkosend über die Hand des einfachen Mädchens; »aber ich war hier wie verbannt, nur wer das Glück kennt, kann das verstehen.« Ein Zucken ging über das unschöne blatternarbige Gesicht der Wärterin; sie beugte sich nieder und machte sich an dem Koffer zu tun – für sie waren es seltene köstliche Wochen gewesen; denn wie ein Strahl von Reinheit und Schönheit war es von dem jungen Geschöpf ausgegangen; aber davon durfte sie nicht sprechen. »Nun ist alles in Ordnung,« sagte sie und erhob sich vom Boden, »auch die Rechnung unten habe ich bezahlt und den Hausknecht und die Mädchen.« Die junge Frau nickte. Sie ließ den Blick noch einmal über die gestrichenen Wände, über die schmucklose Einrichtung des Zimmers gleiten. »Fertig,« sagte sie dann und streckte die zarte Gestalt; sie ließ sich Mantel und Hut reichen, dann wandte sie sich noch einmal zurück. »Haben Sie tausend Dank für all Ihre Treue!« sagte sie weich, »und nehmen Sie dies zum Andenken an mich!« Sie schob ihr ein kleines schwerwiegendes Päckchen zu, für einen Augenblick ließ sie ihre Wange an der der Pflegerin ruhen, dann ging sie langsam die Treppe hinunter und stieg in den Wagen. Die Wärterin legte noch Tücher und Taschen hinein; und der Schlag wurde zugeworfen. Noch einmal streckte die junge Frau die Hand hinüber. »Leben Sie wohl, Martha!« »Ich werde die gnädige Frau nie vergessen,« sagte die Wärterin einfach; es klang rauh, weil sie das Zittern ihrer Stimme verbergen wollte; aber die andere bemerkte es nicht. »Ich vergesse Sie auch nicht, wie könnte ich?« Die Pferde zogen an; das letzte »glückliche Reise« verklang ungehört in dem Rollen der Räder. Ein letztes Mal grüßte die junge Frau zurück. Das einsame Mädchen stand in dem dunkeln Torweg, sie hatte die Hand erhoben und winkte, durch die zartbelaubten Zweige des Birnbaumes traf ein Lichtstrahl das schlichte Haar und die weiße Schürze. Da bog der Wagen um eine Ecke; sie sah nichts mehr.

Im Innern des Hauses erklang eine Stimme: »Martha, Herr Geheimrat ruft nach Ihnen, es ist eine neue Patientin angekommen, Zimmer Nr. 7« Da trat sie still in das Haus zurück.



Im vierten Stock.

»Eins, zwei, drei,« mechanisch fast zählte sie die Wagen, die die stille vornehme Straße hinab rollten. Wenn sie sich auf das Fensterbrett schwang und sich ein wenig vornüber beugte, so konnte sie den Fahrweg sehen, die hohen Eisenpforten, die wohlgepflegten Vorgärten, die kalt und stolz aussahen wie ihre Besitzer. Es regnete schon den ganzen Tag; schwere graue Wolken hingen über den Dächern; es tropfte von den alten Ulmen, und aus den Dachrinnen schoß ein kräftiger Wasserstrahl gerade in die Gosse hinunter. Sie hatte beide Fensterflügel geöffnet und sog die weiche kräftige Luft ein, die aus dem feuchten Erdreich bis in ihre vierte Etage stieg.

Wieder ein Wagen! Diensteifrig wurde der Schlag aufgerissen, eine verhüllte jugendliche Gestalt stieg aus, hob mit beiden Händen das Kleid und ließ sich von dem Diener die erleuchtete Treppe hinaufführen. Sie lächelte, als sie ihr nachsah und doch blickten ihre jungen Augen so ernst. Sie kannte sie alle. Kindergespielinnen, Jugendfreundinnen waren sie ihr gewesen bis zum Tode des Vaters, bis sie die proletarische Absicht aussprach, auf eigenen Füßen zu stehen. Da hatten sich die Flügeltüren langsam geschlossen, noch einen Blick gönnte man ihr durch den Spalt, noch ein leutseliges Nicken, wenn man sie auf der Straße oder im Museum traf; denn sonst traf man sie nirgendwo mehr. »Musterzeichnerin,« was sollte man auch aus ihr machen? Früher, als sie für Geburtstage und Wohltätigkeitsbazare gezeichnet und gemalt, hatte man ihr Talent hübsch und anmutig gefunden, aber leben müssen, erwerben müssen, nein, dabei hört jede Anmut auf.

Sie strich das Haar von den Schläfen und schüttelte sich. Nur nicht kleinlich werden in dem schweren Ringen, nur vorwärts kommen, frei werden! Sie setzte sich vor den einfachen Arbeitstisch, der die ganze Breite des Fensters einnahm und griff nach Papier und Bleistift; aber sie ließ die Hand sinken, eine weiche, lockende Tanzweise drang aus dem gegenüberliegenden Hause. Nun trat man dort zur Polonaise an in dem gewölbten Saal, dessen Ecken in wahre Rosen- und Jasminlauben verwandelt waren, die Musikkapelle saß im Hintergrunde, von einer Palmengruppe halb verdeckt – die Frau Geheimrätin verstand ja so reizend zu arrangieren. Sie schloß die Augen. Wie ein Beben lief es durch die schlanke Gestalt. Sie war ja so jung, o so jung.

Die Tür öffnete sich geräuschvoll. Die alte Dienerin trat ein, stellte die Lampe mit dem grünen Schirm auf den Tisch, daneben das einfache Abendbrot und einen frischen Buchenzweig, den die Milchgrete mit in die Stadt gebracht hatte. »Wie hübsch du alles für mich machst,« sagte die junge Herrin, und sah mit einem lieblichen Lächeln zu der Alten hinüber. Draußen wurde heftig an der Klingel gerissen. »Was gibt's denn da noch?« sagte diese scheltend, »Besuch kommt zu uns doch nicht.« Sie verließ die Stube; ihre ledernen Pantoffeln klappten auf dem engen Flur. »Nur ein Brief für Sie, Fräulein, ein großer, grauer, andere kommen gar nicht mehr.« »Andere brauchen wir auch nicht«, sagte sie mit einem tapferen Lächeln. Die Alte ging kopfschüttelnd hinaus. Das Fräulein hatte so ihre eigenen Ansichten, aber gut war sie doch, sehr gut. Drinnen saß sie und hielt den Brief in den zitternden Händen: »Gehrkens & Co.« Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, es dauerte lange, bis sie lesen konnte: »Sehr geehrtes Fräulein! Die uns eingesandten Muster für Klöppelspitzen haben unseren vollen Beifall. Wir sind geneigt, Nr. 1 und Nr. 4 käuflich zu erwerben und sehen Ihren näheren Bedingungen umgehend entgegen.«

Sie hatte den Brief mit beiden Händen an die Brust gedrückt, sie war an das offene Fenster getreten, ihre Lippen bebten. Draußen hatte es zu regnen aufgehört. Wie zarte Schleier hingen die Wolken am den Giebeln und Türmen. Sie sah zum Himmel auf, Tränen zitterten an den dunklen Wimpern. Das Patrizierkind weinte, weinte Freudentränen über den Brief von Gehrkens & Co., und von drüben tönte jauchzend und jubelnd eine Walzermelodie in die stille Sommernacht hinaus.



Eine alte Geschichte.

»Na endlich bekomme ich dich zu sehen,« rief er und sprang eilig die breite eichene Treppe hinauf »Ich dachte schon, du ließest dich verleugnen, dreimal in der Woche vergebens angeklopft, das ist selbst für deinen getreuen Vetter und Sklaven zu viel.«

Sie stieg langsam die letzten Stufen hinunter und reichte ihm in dem Zwielicht des hohen Treppenhauses die Hand. Wie sie sich in dem schlichten grauen Hauskleide lässig an das Geländer lehnte, traf der letzte Tagestrahl ihre feine Gestalt und funkelte in dem roten Rubin, den sie als einzigen Schmuck am Halse trug. Der junge Mann sah in ehrlicher Bewunderung zu ihr auf.

»Alle Wetter, Margarethe, ich glaube, du wirst mit jedem Tage schöner und du hast so etwas Apartes, wie – wie – ja, ich weiß nicht gleich – du erinnert mich immer an ein Bild, ich glaube wahrhaftig an die Ahnfrau, die den Grund zu den Millionen Eures Hauses legte und nachher an gebrochenem Herzen gestorben sein soll.«

Sie zuckte leicht zusammen. »Um das zu sagen, bist du gewiß nicht gekommen,« meinte sie mit einem Versuch zu scherzen.

»Nein, das gerade nicht, es kommt mir auch nur so, weil ich in letzter Zeit so viel in alten Papieren herumgestöbert habe. Weißt du, die Ahnfrau muß doch ein kapitales Frauenzimmer gewesen sein! Echte Rasse! Als sie den jungen Reiteroffizier nicht hat haben sollen, hat sie dem fast sechzigjährigen steinreichen Kaufherrn die Hand gereicht, um später mit dem Golde des Alten dem Jungen den Weg zu ebnen. Aber der Junge ist gefallen, der Alte am Leben geblieben, und sie selbst ist nach der Geburt eines schwächlichen Knaben hingesiecht, hat auch kein Mittel, das die Ärzte gegen die schleichende Krankheit verordneten, gebraucht und kein Bad besucht; denn sie hat sterben wollen. Aber ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich dir das alles erzähle. Solche Dinge passieren nicht mehr, und an gebrochenem Herzen stirbt heutzutage keiner.«

»Nein,« sagte sie und zuckte mit den feinen Schultern, »solche Dinge passieren nicht mehr. Wir sind ja so verständig geworden, so grenzenlos verständig. Aber wollen wir nicht hinein gehen?« fügte sie mit einer leichten Wendung hinzu.

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nur einen Augenblick Zeit. Laß uns in der Fensternische sitzen, wie wir es als Kinder taten, wenn es dämmerig wurde und wir das Gruseln lernen wollten.«

Sie schwang sich leicht auf das hohe Fensterbrett, lehnte den Kopf an das Holzkreuz und schlang die Hände ums Knie. »Aber nun sage doch, was du heut' eigentlich von mir wolltest?«

»Was ich von dir wollte? Ja, ich habe dich doch seit dem Fest beim Major Hoffmann nicht gesehen, und da wollte ich dir nur sagen, daß das ganze Regiment einfach hin ist. Wahrhaftig, du hast einen Eindruck gemacht – na, ich sage dir, sie reden schon von nichts anderem mehr, und als du in den Saal getreten bist und hast nur die weiße Kamelie im Haar gehabt, da hat es selbst mir einen Ruck gegeben, und ich bin doch dein leibhaftiger Vetter.«

Sie strich mit einer müden Bewegung das Haar zurück. »Ach, Max, mir liegt gar nichts daran, solch ein allgemeiner Regimentsschwarm zu werden.«

»Regimentsschwarm, wie du das nun wieder sagst! Wir werden doch noch einem schönen Mädchen unsere Huldigungen bringen dürfen! Aber ich merke schon, armes Ding, hier zu Hause hat es Unannehmlichkeiten gesetzt, natürlich, der Onkel kann ja das bunte Tuch nicht leiden.« Er stieß den Säbel klirrend auf den Boden. »Ich glaube, das hat er noch vom Urahn; aber Unrecht ist es, bitter Unrecht, und wer weiß, ob nicht einmal ein Unglück daraus werden kann!«

»Ja,« sagte sie leise, »wer weiß! Vater meint es gut; aber vielleicht wäre es anders, wenn ich eine Mutter hätte.«

»Natürlich wäre es anders, und besser wäre es; Mütter haben immer ein Einsehen. Aber, was ich noch sagen wollte, der dicke Forch kann schon gar nicht mehr schlafen, weil er immerfort an dich denken muß, und Bendler macht täglich mindestens ein Gedicht; das ist die Höhe, weißt du, und so sind sie alle mit Ausnahme von Merkenstein, natürlich. Der sagt ja nie ein Wort, und wenn wir anfangen, stößt er seinen Stuhl zurück und geht zur Tür hinaus. Verrückter Kerl! Er soll in den letzten Tagen um seine Versetzung nachgesucht haben. Na, meinetwegen, wir brauchen solchen Magister und Tugendhelden nicht im Regiment.«

Er hatte nicht bemerkt, daß sie von der Fensterbank hinabgeglitten war, und daß der Schatten des Vorhanges ihm auch den letzten Streifen ihres Gesichtes entzog. Erst als sie gar nichts erwiderte, blickte er auf.

»Hat er denn neulich mit dir getanzt?« Sie nickte. »Ach, natürlich, du kennst ihn ja von den Leseabenden der Frau Amtmann her; aber sehr unterhaltend ist er nicht, was?«

»Nicht sehr,« sagte sie, und es kam wie ein schluchzender Laut aus ihrer Kehle.

Oben hörte man eine Tür gehen. Schritte wurden laut. Sie legte eine eiskalte Hand auf die seine. »Vater ist in den letzten Tagen in etwas gereizter Stimmung, Max, geh' lieber!«

»Selbstverständlich, wenn ich dir damit einen Gefallen tue. Du weißt sonst, ich habe nicht viel zu verscherzen. Ich habe nie hoch in seiner Gunst gestanden. Also auf Wiedersehen, Margarethe!«

Er sprang leichtfüßig die Treppe hinunter. Die schwere Türe wurde zugeschlagen. Einen Moment noch hörte sie ein Pfeifen von der Straße her. Dann wurde es still in dem großen Hause, unheimlich still. Die Schritte oben waren verklungen, und mit dem jungen Offizier schien auch der letzte Tagesschimmer aus der hohen Halle gewichen zu sein. Die Schatten umhüllten die junge Gestalt, die an dem Geländer zusammengesunken war und dem blassen Mund gegen den Treppenpfosten drückte. Auf jenem Pfosten hatte seine Hand gelegen, als er zum ersten und letzten Male ihr väterliches Haus betreten hatte. Ein stöhnender Laut kam aus ihrer Brust. Still, o still, es war ein ehrenhaftes Haus, in dem sie aufgewachsen war. Es war ein stolzes Haus. Den einzigen Makel, der auf ihm ruhte, den hatte einst ein Offizier ihm zugefügt. Das hatte das alte Haus nicht vergessen, obwohl es mehr als zwei Jahrhunderte her war. Man sprach nicht davon, aber man handelte danach. Die Söhne, die Enkel, ein ganzes Geschlecht; schon die Ahnfrau hatte es erfahren, und nun? Konnte sie glauben, daß das alte Gesetz durchbrochen würde, nur weil zwei junge heiße Herzen zueinander begehrten? Das alte Haus wunderte sich nicht. Es stimmte dem Vater durchaus zu, als er die Hand auf den Tisch legte und sagte: »Es kann nicht sein! Wahrhaftig, es tut mir leid um Sie und das Kind. Ich hätte es hüten müssen vor jeder Berührung mit einem Ihres Berufes – doch, wer kann gegen die Zeit! Aber heiraten, einen Offizier heiraten, Herr, es wäre mir, als schöbe ich mein eigen Kind an einen Abgrund, in dem schon eine unseres Geschlechtes umgekommen ist.«

Fritz Merkenstein war langsam die Treppe hinunter gegangen. Auf dem Absatz war er einen Moment stehen geblieben und hatte, die Hand auf dem Pfosten, in das dämmernde Treppenhaus hinauf geblickt. Das alte Haus hatte gesiegt. Still schaute es auf ihn nieder. Es ist etwas Wunderbares um solch ein altes Gelöbnis – es kostet viele Tränen, zuweilen kostet es auch Herzblut.



Sein letzter Wunsch.

Lehrer Schwensen hatte nicht glauben wollen, daß es mit ihm bergab ging, obgleich das ganze Dorf es sagte. Er spürte ja nur den Husten, den bösen Husten und dann die Müdigkeit, die ihn aber nicht quälte, ihm vielmehr ganz angenehm war. Aber nun hatte der Doktor in der Stadt den Dorfleuten recht gegeben: »Ein Winter im Süden mag die Sache, wenn nicht zur Heilung, doch zum Stillstande bringen, dann können Sie wohl noch ein paar Jährchen Ihr Amt verwalten, mein Lieber.« Dabei hatte er ihn auf die Schulter geklopft.

Solch eine weite Reise, wie furios das war. Seit seiner Seminarzeit war er nie über die Nachbardörfer und die nächste Kreisstadt hinaus gekommen. Es hatte ihn auch nie in die Ferne gezogen. Wenn er an schulfreien Nachmittagen mit der Botanisierkapsel über das stille Moor ging, wenn die Sonne sich im Moorwasser spiegelte und das Mariengarn über das Land flog, wenn eine Mövenschar von der nahen See her mit heiserm Schrei vorüberfuhr, hatte er gemeint, daß dies das schönste Stück von Gottes großer Welt wäre. Aber das dachte er wohl nur, weil er ein so einfältiger Dorfschullehrer war und nichts anderes gesehen hatte. Seit dreißig Jahren lebte er hier, und seit fünfzehn Jahren lag seine Marie auf dem stillen Dorfkirchhof. Die Kinder waren damals noch nicht erwachsen gewesen, auch Heinrich nicht, der jetzt schon Steuermann auf dem großen Ostindienfahrer war.

Wie die Zeit geht! Als er damals von seiner Marie Grab zurückgekommen war, hatte er gemeint, das Leid nie verwinden zu können, und doch war es milder geworden von Jahr zu Jahr, und solch ein kleines körperliches Leiden sollte nicht heilen können, das konnte er nicht verstehen.

Die Hände auf dem Rücken, ging er in dem geraden Mittelsteige seines kleinen Gartens auf und ab, in dem fadenscheinigen braunen Rocke, den er alle Tage trug, der am Rücken und an den Ellenbogen ganz blank war. Ein paar Georginen und Astern blühten noch auf den mit Buchsbaum eingefaßten Rabatten, und die Sonne spiegelte sich auch noch in der großen Glaskugel, die inmitten des Monatsrosenbeetes stand. Er hatte sie einst seiner Marie zum Geburtstage geschenkt, kurz nach der Geburt des kleinen Johannes. Aber trotz Blumen und Sonnenstrahlen merkte man doch, daß es bald Winter werden wollte, und der Ostwind schüttelte manch welkes Blatt von den Zweigen. Ihn fror auch.

»Es ist wohl besser, wenn ich hineingehe,« meinte er halblaut, »sonst schilt Tante Friedchen.«

Da erschien auch schon ihr rotes Gesicht im Rahmen der Tür.

»Christian Schwensen, bist du ein Mann von Vernunft? Geht in dem rauhen Winde draußen spazieren, noch dazu ohne Hut, und es ist so kalt, daß ich den ganzen Tag mein', ich hätt' einen Unterrock verloren.«

»Du hast wohl recht, Tante Friedchen,« sagte er gelassen. Da zog sie auch schon mit einem Ruck die Tür hinter ihm zu.

Tante Friedchen war eine ältere Cousine seiner Frau und nach deren Tode ins Haus gezogen, um nach dem verlassenen Manne und den Kindern zu sehen. Sie verdiente ihren Namen nicht recht; denn sie war mehr für energisches Eingreifen als für den Frieden. Auch jetzt fuhr sie in dem blitzblanken Stübchen umher, stäubte ab, wo kein Staub lag und rieb an den beiden Porzellanhunden herum, die auf der Kommode unter dem Spiegel standen.

»Na, und wie wird es denn nun? Hast du schon mit dem Pastor gesprochen, und was meint er?«

»Der Pastor meint, daß da nichts im Wege sei. Ich bin nun dreißig Jahre im Amte und habe nur einmal um Urlaub gebeten, damals, weißt du, als Heinrich von seiner ersten Reise zurückkam.«

»Ja, und wann soll denn die Fahrt vor sich gehen? Ich meine nur wegen deinem Zeug. Deine Unterhemden haben jetzt sehr das Reißen gekriegt.«

»Der Doktor meint, ich müsse vor dem November noch fort. Das ist schon in drei Wochen,« sagte er beklommen. »Der junge Brodersen kann mich vielleicht vertreten, meint der Pastor. Er ist ja auch hier aus dem Dorfe und kennt die Leute.«

»Drei Wochen ist eine kurze Zeit, Christian Schwensen,« und ihr Gesicht glühte vor Eifer, »aber ich schaffe Rat, ja, darauf kannst du dich verlassen, Rat schaffe ich. Aber was ich noch fragen wollte, du brauchst darum nicht zu erschrecken, du stirbst darum ja nicht schneller, aber, wenn du nun sterben solltest da unten in Davos oder wie es sonst heißt, du willst am Ende doch hier beerdigt werden, nicht?«

Er wiegte den Kopf hin und her: »Ich habe natürlich auch schon daran gedacht, Friedchen; es wird eine teure Geschichte, aber Heinrich will mir durchaus etwas dazu geben, und ich glaube, meine Ersparnisse reichen auch für den Fall. Ich glaube doch nicht,« fügte er leise hinzu, »daß ich da unten gut schlafen könnte.«

»Nein,« sagte sie befriedigt, »bei Marie ist auch noch Platz genug, und was das Übrige, Sterbehemd usw. betrifft, so kannst du außer Sorge sein, die habe ich schon lange fertig für dich und mich und auch für die Kinder; denn man kann ja nie wissen.«

»Ich danke dir – und dann meinen Spruch für das Kreuz, nicht wahr, den vergißt du nicht? Ich habe ihn vorn in mein Gesangbuch geschrieben.«

»Ja,« sagte sie. »›Ich habe dich zu mir gezogen aus lauter Güte.‹ Ich weiß zwar nicht recht, was du damit sagen willst: denn wie du da nach Mariens Tode mit den kleinen Kindern und dem schmalen Gehalt saßest, und dann kamen noch die Kinderkrankheiten und das baufällige Haus und der Garten, in dem die Erbsen nie aufgehen wollen, und nun noch deine Schwächlichkeit und vielleicht dein früher Tod, nein, ich weiß wirklich nicht, wie man da noch gerade von Güte reden kann.«

Er sah sinnend vor sich nieder. »Ich meine doch, es ist viel Güte dabei gewesen,« sagte er leise. Da war sie auch schon zur Tür hinaus.

Das Urlaubsgesuch wurde bewilligt. Der junge Stellvertreter rückte ein. Die nächsten Wochen vergingen dem alten Lehrer wie im Traume. Nun war der letzte Tag da. Auch Heinrich war gekommen, um den Vater bis Hamburg zu begleiten, wo sie noch einen Tag bei der Tochter bleiben wollten, die an einen Buchbinder verheiratet war. In den letzten Wochen war der alte Mann sichtlich stiller und schmaler geworden. Es war nicht der Husten, der ihn quälte; aber es war, als hielte ihn der Boden mit tausend feinen Fäden fest, und jedes Losreißen bedeutete eine Wunde.

»Gott soll mich bewahren,« sagte Tante Friedchen, »ich glaube, der Mann will sich noch vor drei Wochen unter die Erde bringen,« und brummend stieg sie in die Bodenkammer hinauf, um den mit Seehundsfell bezogenen Koffer und die gestickte Reisetasche aufs neue zu bürsten.

Unterdessen hatte er seinen letzten Gang durch's Dorf gemacht, große und kleine Hände geschüttelt und viele gute Wünsche entgegengenommen.

»Nur immer den Kopf hoch, Herr Schwensen!« hatte der Schmied gesagt, der drei Jungen bei ihm in der Schule hatte, »das ist die Hauptsache; denn wenn man den Kopf hängen läßt, 's ist ein eigen Ding, aber der zieht alles mit nieder. Dann ist man bald unten.«

»Freuen wir uns auf den Frühling, alter Freund!« tröstete der Pastor, »die milde Luft wirkt Wunder. Wir wollen noch manches Jahr Hand in Hand arbeiten und unsern Honig austauschen.«

»Wollen's hoffen, Herr Pastor, wollen's hoffen.« Dabei hustete er, und das Herz wurde ihm immer schwerer.

Es war einer jener milden Oktobertage, die uns fast an den Frühling mahnen. Er ging über den Hof und fuhr mit der Hand über das Turnreck. Die alte Stange war ganz blank von all den Kinderhänden. Wenn der junge Brodersen auch nur daran dachte, daß Karl Claussen einmal den Ellenbogen gebrochen hatte und den Aufzug deshalb noch nicht wieder machen konnte! In der Schulstube war alles in gewohnter Ordnung. Friedchen hatte das Tintenfaß frisch gefüllt für den neuen Lehrer. Er setzte sich einen Augenblick vor das Pult. »Glückliche Reise!« hatte der Schulerste an die Wandtafel geschrieben; er mochte es nicht sehen und fuhr mit dem Schwamm darüber. Line Stehn hatte heute morgen geweint. Sie war ein zartes Kind und leicht verschüchtert; wenn der neue Lehrer nur auch Geduld mit ihr hatte! Und dann Hartwig Bohl, er war ein störrischer Junge; aber es steckte Charakter darin, wenn man ihn nur zu nehmen verstand. »Der gibt einmal einen Großbauern,« hatte der Lehrer oft im Spaß zu sich selber gesagt. In dem Glasschranke standen die Schmetterlinge und Käfer, die er selbst gesammelt hatte; es war seine Lieblingsbeschäftigung. Er dachte an alle die stillen sonnigen Sommerstunden, und das Wasser stieg ihm in die Augen.

Um dem Tage bald ein Ende zu machen, ging er früh ins Bett; aber schlafen konnte er nicht. Er warf sich in der schmalen Bettstelle hin und her, schob das Kissen in die Höhe, um besser Luft zu bekommen, und zog es dann wieder herunter. Endlich stand er auf und trat an's Fenster. Es war ganz dunkel, und am Himmel hingen schwere Wolken; aber er konnte doch den Apfelbaum sehen, den er an Heinrichs Tauftage gepflanzt hatte und darunter die selbst gezimmerte Bank, ja, in der Ferne meinte er den Saum des Waldes zu erkennen. Er hatte einen Fensterflügel geöffnet. Der Nachtwind flüsterte in den spärlichen Blättern, und der Duft des welken Laubes zog bis in seine Kammer. Er atmete tief. Das war der Duft der Heimat, den er vielleicht nie wieder empfinden sollte. Fern verklang das Heulen eines Hundes. Der alte Mann hatte mit beiden Händen das Fensterkreuz umklammert; sein ganzer Körper zuckte, so stand er lange. Endlich mäßigte sich die innere Bewegung, und er begann, in dem engen Raume hin und her zu gehen auf Socken, damit Tante Friedchen es nicht hörte.

Als der Morgen dämmerte, lag eine tiefe Ruhe auf seinem alten eingefallenen Gesichte. Er zog den schwarzen Reiserock an, blies auch das letzte Stäubchen vom Kragen und band das seidene Halstuch darüber. Als er im Flur den Hut vom Nagel nahm, steckte Friedchen das Gesicht durch den Türspalt.

»Willst du noch einmal ins Dorf?«

Er nickte. Er ging den Dorfweg gerade herunter, fuhr den Kindern über das gelbe Haar und lächelte dabei, wie er es seit Wochen nicht getan hatte. Das Mädchen im Pastorat schob den Eimer zur Seite und machte verwunderte Augen. Der Herr Pastor war noch beim Ankleiden; aber er würde gleich kommen. Im Studierzimmer wartete er. Die Kanarienvögel in der Hecke fuhren bei seinem Eintritt durcheinander; aber sie beruhigten sich wieder. Der Pastor kam eilig herein. Er hatte die Halsbinde noch nicht umgebunden, weil er sich nicht die Zeit lassen mochte.

»Sie kommen, um mir noch einmal Lebewohl zu sagen,« rief er und streckte dem Besucher beide Hände entgegen.

»Das nicht gerade,« meinte der alte Mann, und eine leichte Verlegenheit überkam ihn. »Ich hab' mir diese Nacht so manches durch den Kopf gehen lassen – es ist ja vielleicht eine Schwäche; aber es läßt mich nicht los. Ich möchte doch lieber in der Heimat sterben; etwas früher, etwas später, was kommt im Grunde darauf an?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, reichte er dem Pastor die Hand und ging wieder langsam und gleichsam feierlich, wie er gekommen war. Eine Schar Schwalben, die sich verspätet hatte, fuhr blitzschnell über den klaren Himmel dem Süden zu. »Ja so,« sagte der alte Mann, »ihr habt freilich keine Heimat,« und er lächelte vor sich hin.



Nur ein Straßenjunge.

Ja, er hatte entschieden seinen Beruf verfehlt. Er war ein Straßenjunge, und Straßenjungen müssen sorglos, geschickt und vergnügt sein. Das alles war er nicht. Sollte er die abgefallenen Steinkohlen am Hafen auflesen, so mußte er auf das glitzernde Wasser und die flatternden Schiffsflaggen sehen, daß ein Sack fast leer blieb. Den Rinnstein und die Ascheimer mochte er auch nicht gern durchsuchen, weil die Finger davon so schmutzig wurden, und er fand auch nie zufällig ein Zweipfennigstück, eine angefaulte Apfelsine oder der gleichen Schätze auf der Straße wie der dicke Hein, der im selben Hinterhause mit ihm wohnte.

Er stand deshalb bei seinen Kameraden, den andern Straßenjungen, nicht in besonderem Ansehen; und wollte er es ihnen einmal gleichtun, sich hinten an den Bierwagen hängen und ein Stückchen mitfahren, so traf ihn unfehlbar die Peitsche des Kutschers, während die anderen lachend davon sprangen. Er war ein Pechvogel, aber er selbst war sich dessen kaum bewußt.

Während er heute auf der Schwelle des Vorderhauses saß und die Sonne auf eine mageren nackten Beine scheinen ließ, während er den Wolken nachsah, die der Wind über die Speicherdächer hintrieb, war er mit sich und der Welt sehr zufrieden. Jetzt war auch der Vater auf der Werft und die älteren Geschwister in der Schule, und das waren seine besten Zeiten. Er selbst war erst fünf Jahre alt und der Jüngste; er brauchte noch nicht in die Schule zu gehen. Vater hatte freilich wollen, daß er beim Wirt drüben die Flaschen spülen und dadurch ein paar Groschen verdienen sollte; aber nachdem er einmal infolge des langen Stehens und der schlechten Luft umgefallen und ohnmächtig nach Hause gebracht worden war, hatte die Mutter ein gutes Wort für ihn eingeleitet, und so durfte er zu Hause bleiben. Er war ihr Liebling, weil er zuweilen am Feierabend, wenn sie mit dem Strickstrumpfe auf dem Hofe stand, seinen kleinen blonden Kopf an sie drückte oder ihr über die verarbeiteten Hände strich, was keins der anderen Kinder jemals getan hatte.

Wie es heute wehte! Papiertüten und Strohhalme wirbelten den Rinnstein hinunter; den Mädchen flogen die Zöpfe um den Kopf, und der Goldschmied aus dem Eckhause mußte mit beiden Händen nach seinem Hute greifen. Und dann die Wolken! Wenn sie an der Sonne vorbeifuhren, hatten sie ganz goldene Ränder. Für einen Moment sah man dann wieder ein Stückchen Himmel, dann kam gleich eine neue Wolke angejagt, und alle fuhren über die großen Lagerschuppen hin.

»Stier' kein Loch in den Himmel, hilf mir lieber!« rief eine ärgerliche Stimme neben ihm.

Er war so erschrocken, daß er sich erst ein wenig besinnen mußte, ehe er die Fischfrau erkannte, die ihre Verkaufsstelle in der Holzbude am Ende der engen Straße hatte. Der Wind hatte ihr das Tuch vom Kopfe gerissen und trieb es nun als braunen Knäuel die halbe Straße hinunter. Er sprang hinzu, und als er es noch eben vor einer großen Pfütze auffing, traf ihn ein milderer Blick aus dem runzeligen Gesicht.

»So bist du doch auch zu etwas gut,« meinte die Fischfrau; »nun faß mir den Korb ein bißchen mit an.«

Er hob und schleppte an den schweren Körben und rückte den kleinen Verkaufstisch heran, genau wie sie ihn hieß. Er war ganz heiß geworden bei seiner Arbeit; aber nun war alles fertig.

»Da hast du auch was für dich!« sagte die Frau und gab ihm einen Bückling, der noch warm von der Räucherei war.

Er war ganz stumm vor Freude. Ein ganzer unbeschädigter Bückling, und für ihn allein! Der Reichtum war fast nicht auszudenken. Er flüchtete sich mit seinem Schatze auf die gewohnte Treppenstufe. Wie fett der Bückling war und so golden, nur nach dem Rücken zu etwas dunkler. Er strich mit dem Finger darüber; aber das Gold blieb fest. »So ein Tier,« sagte er und legte ihn von einer Seite auf die andere und leckte auch einmal daran, aber nur ganz unten am Schwanz. Was wohl die Mutter sagen würde, – so etwas Schönes bekam die auch nicht oft zu sehen. Der arme kleine Träumer hatte die Welt ringsum vergessen und mit der Welt die Freischule, die seinem Platze schräg gegenüber lag und seine speziellen Feinde barg. Er hatte in seinem Entzücken die Schulglocke überhört und sah sich nun von seinen kleinen und großen Peinigern unversehens umringt.

»Kiek, wo hat Hans den Fisch her?« »Jung, wo hast du den gestohlen? Her mit dem Bückel! Wir haben gerade Frühstückspause.«

So schallte es in allen Tonarten um ihn herum. Er legte die Hand mit dem teuren Besitze auf den Rücken.

»Es ist mein Fisch,« sagte er und versuchte, ein energisches Gesicht zu machen.

»Hat sich was zu dein, – her mit dem Vieh!« schrie der rothaarige Philipp und versetzte dem Kleinen einen Puff, daß er samt seinem Schatze gerade in den tobenden Haufen hineinfiel. Wie sie sich stießen und kniffen, wie sie schrien! Sie zogen die Pantoffel aus und schlugen sich damit gegenseitig auf die Köpfe. Sie rissen sich die Jackenärmel aus und stießen sich die Nasen blutig. Der arme Bückling war bald oben, bald unten in dem wilden Knäuel. Nun fehlte ihm schon der Kopf, nun der Schwanz, nun wurde er ganz unter die Füße getreten.

»Verdammte Bande,« sagte ein Vorübergehender und rettete sich auf das andere Trottoir. »Da sollte denn doch die Polizei einschreiten.«

Aber die Polizei hatte andere Dinge zu tun und mochte es in ihrer Jugend nicht viel anders gehalten haben. Nur aus einem oder dem anderen Kellerfenster schaute jemand belustigt dem wüsten Treiben zu. Da war es gut, daß die Schulglocke endlich die wilden Haufen auseinander trieb. Einige abgerissene Knöpfe, lose Blätter aus den Schulbüchern und ein alter Riemen blieben auf dem Kampfplatze zurück und im Rinnstein der Bückling, bis zur Unkenntlichkeit zerstampft und zerrissen; aber an den dachte auch keiner mehr. Sie hatten die Ursache ihres Kampfes längst vergessen.

Nur Hans blickte noch einmal zurück, wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und sah auf den verlorenen Schatz und von ihm auf die Fischfrau, die aber kein menschliches Rühren empfand.

»Das hast du davon,« sagte sie, »aber nun bist du nicht ärmer als vorher.«

Er saß wieder auf der Türschwelle, rieb die Schrammen an seinem Beine und sah nachdenklich zu den Wolken auf. »Eigentlich hatte die Fischfrau recht. Ja, wer doch auch so klug wäre wie die Fischfrau!«



Nachbarskinder.

Wenn du dich bloß nicht so lange besinnen wolltest,« sagte er, »sonst wacht Fischer Sell aus dem Mittagsschlaf auf, und dann braucht er sein Boot selber.«

Sie nahm das Ende ihres braunen Zopfes in den Mund und zog die rote Schleife fester. »Eigentlich müßte ich Mutter erst fragen, sie ist unten auf der Bleiche,« meinte sie und wies mit der Hand auf eine jenseits des Gartens gelegene Wiese, wo die weißen Wäschestücke im Winde flatterten.

»Na,« sagte er und warf verächtlich die Lippen auf, »wenn du da erst runter laufen willst, kommst du jawohl in einem halben Jahr wieder zurück, dann fahr' ich lieber allein.«

Das wirkte. Sie strich das verwaschene Sommerkleid glatt. »Ich will doch mitkommen, aber mach fix!«

Hinter den kleinen Gärten führte der schmale Weg zum Fluß hinunter, in dem des Fischers plumpes Boot lag. Behende löste der Junge die Kette, während seine kleine Gefährtin hineinsprang.

»Sachte,« mahnte er, »Vater sagt, der alte Sell hört um drei Ecken herum.«

Sie lachte. »Das kommt, weil er so große rote Ohren hat. Meinst du nicht, daß man mit langen Ohren besser hört?« fügte sie ernsthaft hinzu.

»Weiß nicht,« sagte er mit einem verschmitzten Ausdruck; »mir scheint, du hörst ziemlich gut, und deine Ohren sind doch nur klein.«

Toni wandte den Kopf. »Scht,« sagte sie, »da ruft der Kuckuck, ich glaube, von der langen Insel her.«

Er schüttelte den Kopf. »Dann könnte man ihn hier nicht hören. Der Wind kommt von der anderen Seite.«

Sie waren den schmalen Fluß weiter hinabgetrieben und lagen nun zwischen Schilf und Binsen wie in einer Bucht. Über die Nußbäume hinweg sah man den roten Kirchturm des Städtchens, von den Wiesen her wehte ein süßer sommerlicher Duft. Er hatte die Ruder eingezogen und das Kinn darauf gestützt. Die klaren Tropfen fielen in das Wasser hinab, über dem die Mücken spielten, und vom Ufer her tönte unablässig der Ruf des Kuckucks.

»Kuckuck in Leben, wie lang' sall ick leben?« rief das Mädchen mit hoher singender Stimme, und der Kuckuck antwortete zehn, zwanzig, dreißigmal, bis sie des Zählens müde wurde.

»Du bleibst gar nicht tot,« sagte der Junge. »Du wirst wenigstens so alt wie Trine Thiessen, – und dann hast du gar keine Zähne mehr,« fügte er in plötzlicher Eingebung hinzu, als er auf ihr kleines festes Gebiß sah.

»Ach, das ist noch schrecklich lange hin. Soweit mag ich gar nicht denken.«

»Na,« meinte er, »da kommt auch noch so viel dazwischen, – vorher bist du noch meine Frau und all das. Du,« fügte er mit plötzlicher Dringlichkeit hinzu, »das ist doch bestimmt, daß du meine Frau wirst? früher wollte ich Grete Ohlsen; aber die ist zu dick und schläfrig. Nun will ich dich; aber du mußt auch wollen, versprich es mir!«

Sie hatte die kindliche Gestalt über die Bank gestreckt und blinzelte behaglich ins sonnige Wasser. »Ich weiß noch nicht bestimmt,« meinte sie, »und dann muß ich Mutter auch noch fragen. Nach so etwas fragt man immer. Als Marie Kühl sich mit Bäcker Schmidt seinem Karl verheiraten wollte, hat sie auch erst ihre Mutter gefragt. Ich hab' es selbst gehört; denn ich brachte gerade Wäsche hin, und sie hat tüchtig dabei geweint.«

»Bei so vielen Fragen kommt gar nichts heraus,« meinte er geringschätzig, »und zu weinen brauchst du auch nicht.«

Sie hob die zierlichen Schultern. »Das kennen Jungen nicht,« meinte sie altklug. »Aber so 'was gehört immer dazu.«

Vom Turme schlug es vier. Erschreckt fuhr die Kleine empor: »Nun trinkt Mutter Kaffee, und ich bin nicht da. Nun sucht sie mich gewiß und meint am Ende, ich sei ertrunken.«

»Pah, was solltest du nur nicht ertrunken sein?« sagte er und warf den Kopf zurück, daß sie alle seine Sommersprossen sehen konnte; »aber da läuft Fischer Sell am Ufer entlang und sucht sein Boot. Das ist viel schlimmer. Zum Glück geht er gerade nach der anderen Seite, und hierher kann er auch nicht sehen wegen der Weiden, aber nun müssen wir leise sein.«

Sie duckten sich unter die tief herabhängenden Zweige und glitten fast lautlos dem schmalen Stege zu. In wenigen Minuten waren sie hinter den Stachelbeerbüschen der eigenen Gärten verschwunden.

Abends warf Toni sich im Bett von einer Seite auf die andere und konnte nicht schlafen. Die Mutter sagte, das komme vom Ungehorsam, und fast schien es ihr auch so. Sie warf die Decke zurück, weil ihr so heiß war, und blinzelte durch die vorgehaltenen Finger ins Licht, bei dem die Mutter saß und die Wäscherechnungen schrieb. Das war für die schwer arbeitende Frau die mühsamste Aufgabe. Langsam glitt der Finger die Zahlenreihe hinunter: »Siebenzig, fünfundsiebenzig, neunzig.«

»Mutter, ist alles, was wir ungefragt tun, Ungehorsam?« ertönte die Stimme des Kindes.

Die Mutter verstand nicht recht. »Es wird wohl so sein; aber schlaf nun endlich!« Sie begann von neuem zu zählen. Die Frau Steuerkontrolleur war sehr genau; wehe, wenn sich ein Fehler einschlich! »Fünfundneunzig, hundert­undzwei.«

»Mutter, aber neulich hast du gesagt, anderen eine Freude machen sei so gut wie Gehorsam. Ist das auch so?«

»Ja, ja, das ist noch besser; aber du hast heute keinem eine Freude gemacht.«

»Nur mir selber,« sagte Toni leise.

Aber die Mutter sagte herbe: »Das zählt nicht mit.«

Sie hätte gern noch gefragt, ob Jens mitzählte; aber sie wagte es nun nicht mehr, und sie war sich auch nicht bewußt, ihm eine rechte Freude gemacht zu haben, weil sie ihn ja nicht fest versprochen hatte, seine Frau zu werden. Sie wühlte den dunkeln Kopf tiefer ins Kissen und grübelte. Die Mutter schrieb immer weiter in dem großen Buch, die Feder kratzte, und mitunter knisterte das Licht ganz vernehmlich. Die kleine Toni schaute zu und dachte nach und schlief endlich darüber ein.

Dem armen Jens war es schlimmer ergangen; Fischer Sell hatte trotz aller Vorsicht den Räuber seines Bootes entdeckt, und vom Vater hatte es mehr gesetzt als harte Worte. Nun stand er in der Frühe des nächsten Morgens vor der Tür und zitterte ein wenig; denn es war kühl, und er selbst war hemdärmelig. Er sollte den Hof fegen und ohne Frühstück zur Schule, hatte der Vater gesagt. Das war hart. Doch er wollte sich's nicht merken lassen und versuchte, bei seiner Arbeit zu pfeifen; aber es wollte nicht recht gelingen. Der Hof war auch sehr schmutzig. Da lagen die Späne von der Arbeit des Vaters, Kartoffelschalen vom Abendessen und unzählige Papierschnitzel, mit denen die jüngeren Geschwister gespielt hatten. Ingrimmig fuhr er mit seinem Besen dazwischen. Der Lehrer hatte wohl recht, die Welt war auch nichts weiter wie ein Jammertal. Plötzlich hörte er Fußtritte hinter sich auf dem unebenen Pflaster, und seine kleine Freundin stand neben ihm. Sie sah noch ganz verschlafen aus, und es fror sie auch in dem dünnen Kleidchen mit den kurzen Ärmeln, aber sie achtete nicht darauf.

»Freut es dich, wenn ich deine Frau werde?« fragte sie mit tiefem Atemholen, wie nach einem großen Entschluß, und ehe er noch hatte antworten können, nickte sie selbst wie zur Bestätigung mit dem Kopf. »Ja,« sagte sie, »dann ist es nun ganz bestimmt,« und dabei biß sie in das Frühstücksbrot, das ihr die Mutter eben gestrichen hatte.

»O,« sagte er, und sein hungriger Blick blieb darauf ruhen, »du hast ordentlich Schmalz darauf,« und er schluckte ein wenig; »ich krieg' heute nichts.«

Sie streckte ihm das angebissene Stück hin. »Du kannst mein's nehmen; ich habe ja noch mein Pausebrot,« und wie in innerer Selbstzufriedenheit machte sie einen Sprung und war dann im Nu wieder durch den Zaun gekrochen. Er blieb stehen, hielt das Brot in der Hand und blickte mit Wohlgefallen darauf hin. Es war eine dicke Schnitte, und am Rande hatte sie ordentlich Tüpfelchen von Schmalz. Sie gefiel ihm sehr. Er biß hinein und sah dem verschwindenden Mädchen tiefsinnig nach. »Na, so was,« sagte er, und er schwenkte den Besen, und nun versuchte er auch zu pfeifen, und wunderbar genug, – es ging nun, ob wohl er den Mund ganz voll hatte. Einen dünnen gellenden Ton gab es, den hörte Toni jenseits der Hecke, während sie der Mutter die Zeugklammern zutrug. Sie lachte über das kleine sonnenverbrannte Gesicht. »Nun freut's ihn,« sagte sie. »Solch ein langer Junge, was der wohl für Hunger hat!« und sie schüttelte sich. Da klappte die Hoftür; die Mutter rief. Auf der obersten Treppenstufe blieb Toni noch einmal stehen und sah über den Zaun. Nun fegte er den Hof, daß es nur so kratzte, und dazu pfiff er lauter als die Spatzen auf dem Dach. Sie legte den Kopf überlegend in den Nacken: »Ist das nun wegen des Butterbrotes oder wegen des anderen?« Sie konnte nicht die rechte Antwort finden, und da rief die Mutter schon wieder.



Sanktuarium.

»Wie gesagt, ich biete Ihnen zweitausend, runde zweitausend, die jederzeit nach Ihrem Belieben ausgezahlt werden können,« sagte der Kornhändler Dahmke und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Der Preis ist viel zu hoch für den schmalen Streifen Gartenland; aber zur Ergänzung meines eigenen Grundstückes paßt er mir, und ich möchte den neuen Speicher nicht von vornherein zu klein bauen. Ein solches Angebot wird Ihnen nicht wieder gemacht, Herr Oberlehrer,« und er blickte auf die viel zu kurzen Beinkleider des ihm gegenüber Sitzenden. Dieser war in sichtlich peinlicher Unruhe. Er spielte nervös mit dem Papiermesser und sah wie hülfesuchend zu dem großen Tintenfaß hinüber, das einen auf einem Panther sitzenden Faun darstellte und ihm einst auf einer Kunstausstellung eine Menge Geld gekostet hatte.

»Wenn es noch das untere Stück des Gartens wäre,« meinte er zögernd, aber der Großhändler schnitt ihm die Rede ab.

»Das untere Stück des Gartens kommt für mich gar nicht in Betracht. Es handelt sich nur um den schmalen, unmittelbar am Fluß gelegenen Streifen, der für Sie ganz ohne Bedeutung ist; denn Ihr Taubenhaus – oder was es sonst ist« – hier überflog ein Zug unendlicher Geringschätzung sein bärtiges Gesicht, »läßt sich ja wohl in jeder Ecke des Gartens wieder aufstellen, und Sie könnten für die zweitausend Mark Ihr Grundstück ja auch nach hinten zu arrondieren, etwa durch den Ankauf der Krögerschen Wiese. Wie gesagt, ich habe ebenso sehr Ihr Interesse im Auge wie das meine.« Er spielte mit den Berlocks seiner schweren Uhrkette und blickte, auf Antwort wartend, gerade vor sich auf den Teppich, der an eben dieser Stelle schon etwas schadhaft war.

Bei dem Worte »Taubenhaus« war eine dunkle Röte dem Lehrer ins Gesicht bis unter das schlichte Haar gestiegen. Eine heftige Entgegnung schwebte ihm auf der Zunge; aber er besann sich. Wozu auch – mochte er es immerhin so nennen! »Ich kann mich nicht im Handumdrehen entschließen, Herr Dahmke. Ich habe das Grundstück in seiner jetzigen Gestalt von meinem Vater übernommen, und ich hänge daran; immerhin werde ich Ihren Vorschlag überlegen und Ihnen in einigen Tagen Antwort schicken.«

»Wie Sie wollen, Herr Oberlehrer; aber ich kann Ihnen zum Besinnen nur drei Tage Zeit lassen. Der Baumeister wartet mit der Fertigstellung seines Planes auf Ihre Entscheidung, also bis zum siebenundzwanzigsten, mittags zwölf Uhr!« sagte er mit der Präzision des Geschäftsmannes. »Übrigens bin ich gern bereit, Ihnen das besagte Hüttchen« – wieder das mitleidig herablassende Lächeln – »am Ende – Ihres Gartens wieder aufstellen zu lassen. Ich habe ja doch die Handwerker im Hause; da kommt es auf eine solche Bagatelle nicht an. Also zweitausend Mark, sofort zahlbar! Sie wissen, die verdienen sich nicht alle Tage, nicht durch lateinische Vokabeln, nicht durch den Pinsel.« Und schon stieg er die knarrende Treppe hinunter.

Zweitausend Mark, es war eine Menge Geld, mehr als Oberlehrer Hartmann je mit einem Mal verdient hatte, und die Summe fiel ihm gleichsam mühelos in den Schoß. Ja, im Grunde genommen mußte er wenig dafür aufgeben; denn der Garten lief nach dem Flusse zu schmal aus; gewiß war das Stückchen nicht mehr als zwölf Meter breit und ebenso tief. Es war ein sehr annehmbarer Vorschlag. Es war ein gutes Stück Geld, und Mutter und Male würden gewiß zureden. Es ließ sich für die Summe leicht ein Aufenthalt in Frankreich ermöglichen, zu dem der Direktor ihn schon lange geraten hatte, weil die französische Sprache in seinem Munde niemals recht französisch klingen wollte. Die Hände in den Taschen, trat er bei Mutter und Schwester ein, die, einen großen Korb zwischen sich, im Wohnzimmer saßen und Bohnen schnitten. Die Mutter ließ Messer und Bohnen in den Schoß fallen und hob die Hände empor, als sie von dem Angebot hörte.

»Ich sage ja immer, Hermann, mein Sohn, ich sage ja immer: Der Herr gibt es dem Gerechten im Schlaf. Ja, wenn das dein Vater selig noch mit erlebt hätte! Zweitausend Mark für das bißchen Garten – und für den ganzen Besitz hat er damals nicht mehr als zwölfhundert Mark gegeben! Nicht, daß ich das damals nicht viel gefunden hätte, viel zu viel fand ich es, und das war es auch, wenn man bedenkt, daß hier doch nur lauter freies Feld war; aber Vater war ja rein versessen darauf, und in solchen Fällen soll eine kluge Hausfrau schweigen, ja, das soll sie, und das tat ich denn auch. Aber zweitausend Mark, Male, was sagst du?«

»Ja,« meinte Male gedehnt, »und wachsen tut da auch rein nichts, nur Gras und die paar Weidenbüsche und dann die roten Nelken; aber die würden auch längst ausgegangen sein, wenn Hermann nicht immer mit der Gießkanne dahinter stände.«

»Ihr vergeßt, daß der Speicher uns die ganze Aussicht auf den Fluß und die Felder abschneiden würde,« meinte er seufzend. Aber die Mutter zog die Brauen in die Höhe.

»Na, die Aussicht, mein Junge, die haben wir nun beinahe dreißig Jahre gehabt, die kennen wir nun allmählich auswendig, und dann wird uns der Speicher ein rechter Schutz gegen den Westwind sein, und an der Rückwand dürften wir gewiß Spalierobst ziehen. Ich kann ja 'mal mit Herrn Dahmke sprechen.«

»Laß nur noch!« wehrte er ab. »Das ist ja Nebensache, und dann, da ist auch noch das Häuschen, Vaters Häuschen, weißt du?«

»Natürlich! Daran habe ich eben auch schon gedacht. Nimm es mir nicht übel, Hermann! Viel Sinn hat es ja damit nicht; aber, wenn du daran hängst, jeder hat eben sein Steckenpferd. Das habe ich auch zu Vater gesagt, als er es damals partout bauen wollte. ›Mann,‹ habe ich gesagt, ›jeder hat sein Steckenpferd. Du trinkt nicht, du rauchst nicht, du reisest nicht – warum sollst du dir nicht ein kleines Häuschen bauen? Besonders, wenn Zimmermann Brandt es dir aus alten Brettern billig zusammen schlagen will.‹ So habe ich gesagt, wenn ich auch nicht einsehen konnte, warum er außer seinem Wohnhause nun noch ein kleines zugiges Bretterhaus haben mußte für seine Freistunden. Ne, Hermann, du kannst dich nicht mehr daran erinnern, und Male erst recht nicht; aber was hat der Mann für 'ne Freude daran gehabt! Wenn er vom Zoll nach Hause kam, gleich ging's dahin. Die Türen hat er selbst mit zusammen geschlagen und die Stube tapeziert, weiß mit Rosen, wie es damals Mode war. Und als alles in Ordnung war, hat er Maienzweige an die Wände gesteckt und hat sich gehabt wie 'n kleines Kind. Unten in dem Häuschen hab' ich Platz für die Wäscheleinen und für das Gartengerät gehabt, und ich bin auch mal mit 'raufgestiegen nach Vaters Stube, aber nicht oft. Es war Vater auch nicht darum zu tun. Er hat da in Ruhe klütern und kleistern können, und zum Schluß fing er ja auch noch das Malen an. Er meinte, er hätte es in sich. Aber das meinte er nur; denn sonst hätte er wohl 'mal was fertig gekriegt und verkauft; aber aufs Verdienen seid ihr Hartmanns nicht angelegt.« Die rührige Frau seufzte. Dann nahm sie das Bohnenmesser wieder zur Hand. »Vater war 'n stiller Mann, beinah' zu still; aber es ließ sich gut mit ihm aus kommen. Du, Hermann, schlägst ganz nach ihm; aber du hast die höhere Bildung, ja, die hatte Vater nicht,« und bewundernd blickte sie auf den Sohn.

Er hatte sich auf die Lehne des großen Armstuhles gesetzt und blickte träumerisch in das Weinlaub vor dem Fenster, in dem das Sonnenlicht in goldenen Funken spielte. Er wußte, wenn seine Mutter ins Reden kam, mußte man Geduld haben.

»Du weißt, Mutter, Vater hat mir das Grundstück vermacht, und dir, Male, das kleine Barvermögen. Ich kann mich also entscheiden, wie ich will, ohne euerm Interesse zu nahe zu treten. Vorläufig habe ich mir von Herrn Dahmke drei Tage Bedenkzeit ausgebeten.«

»Natürlich, mein Sohn! Ich rate dir ja auch nur zu deinem eigenen Besten. Denke immer daran, daß deine Mutter dir zum Guten geraten hat; denn du könntest ein Übriges wohl brauchen. Da ist die Reise nach Frankreich, die dir, wie der Direktor sagt, sehr nützlich wäre, und das Haus müßte eigentlich neu gedeckt werden, und im Keller ist der Schwamm – ja, das läßt sich nicht leugnen.«

Er seufzte und stand auf. »Zum Abendessen bin ich wieder da, Mutter.«

Sie warf einen verstohlenen Blick auf Male, der soviel sagen sollte, als – nun wissen wir auch, wohin er geht, und Male nickte. Ja, Male wußte es auch. Er sah nichts mehr davon, und hätte er es gesehen, es hätte ihn nicht gestört. Er ging an der entgegengesetzten Seite des Hauses den Garten hinunter. Dies untere Stückchen hatte er vor den Gemüse pflanzenden Händen von Mutter und Schwester gerettet. Es war eine kleine Wildnis, die nur einen Rasenplatz und einige Weidenbüsche enthielt. Nur um das wunderliche Holzhäuschen unmittelbar am Fluß zog sich ein schmales Beet mit flammenden Nelken, deren süßer Duft ihm entgegen strömte. Er begann zu lächeln, und ein stilles Licht trat in seine Augen. Nun stieg er die steile Treppe empor, die an der äußeren Wand des Häuschens hinaufführte und oben von einer schlichten Lattentür abgeschlossen war. Er zog den blanken Schlüssel, den er nie von sich ließ, aus der Tasche und trat ein. Auf der inneren Seite war die Tür mit hohen Lilien bemalt, die von einem Bande zusammengehalten waren, das in der Mitte das Wort: »Sanktuarium« trug. Er fuhr liebkosend darüber, und nun schloß er von innen wieder zu und atmete erleichtert. Es war ein wunderbarer Raum aus rohen Balkenwerk – die Rosentapete war längst abgefallen –, in einer Ecke stand die Hobelbank, die der Vater in den letzten Jahren angeschafft hatte, darauf Handwerkszeug und Leimtopf. Der Sohn hatte nichts geändert. Nur ein Strauß Nelken im schlichten Glase stand daneben und hob sich leuchtend von den dunkeln Dachbalken ab. Am Ende des Raumes war ein einziges großes Fenster, das die Aussicht über den Fluß und die Wiesen frei ließ; in einiger Entfernung zog ein blanker Schienenstrang vorüber, und jenseits erhob sich der Wald, auf dessen Wipfeln noch das Sonnenlicht lag. Er stieß beide Fensterflügel auf und ließ die warme Luft ins Zimmer strömen. Im vollen Lichte des Fensters stand eine niedrige Staffelei mit einer angefangenen Skizze; auch die Wände und die Balken des Zimmers waren mit kleinen Farbenskizzen, Kohlen- und Kreidezeichnungen bedeckt. Zum Teil hatte der Vater sie gemacht, zum Teil er selbst; aber nur wenige waren vollendet. Es hatte immer am Letzten, Abschließenden gefehlt. Sie mochten wohl den Blick, aber nicht die Hand des Künstlers haben. Hermann konnte sich deutlich erinnern, wie der Vater oft gegen Abend am Fenster eines stillen Stübchens gestanden hatte und hinausgeblickt, während die letzten Streifen des Abendrots über den beinahe grünlich-blassen Himmel zogen, und ein feiner Duft von der Wiese aufstieg. Dabei pflegten dem einfachen Mann die Tränen in die Augen zu treten. »Wer das auch könnte,« sagte er dann kopfschüttelnd; »aber der da oben weiß den Pinsel besser zu führen als wir.« Trotzdem wurde er nicht müde, das Stückchen Natur wiederzugeben, das er aus seinem Fenster sah.

Der Sohn war in seine Fußstapfen getreten, ja dank einer besseren Vorbildung hatte er den Vater überholt. Eine kurze Zeit lang hatte der Traum eines Künstlerlebens vor seiner Seele gestanden; aber es war nur, wie gesagt, eine kurze Zeit gewesen. Keine Kunstausstellung hatte eine kleinen Schöpfungen angenommen; nur auf einer Ausstellung von Dilettantenarbeiten hatten sie einmal in der ungünstigsten Beleuchtung gehangen, und er hatte gesehen, wie zwei Kollegen lachend davor gestanden und die Achseln gezuckt hatten. Seitdem hatte er sie nicht mehr ausgeschickt; aber vom Malen konnte er nicht lassen. Wenn ein Auge sich in Formen und Farben satt gesehen, wenn eine reine Seele die Stimmung der Natur in sich aufgenommen hatte, griff er zur Leinewand und zum Pinsel, und er war auf die kleinen verunglückten Bilder stolzer als auf die lateinische Grammatik für Quarta, die er mit unendlicher Mühe zusammengearbeitet hatte.

Auch heute genügte ihm das Ansehen nicht. Der leuchtende goldene Abendhimmel mit einigen scharf gezeichneten Wolken hatte es ihm angetan, und er mischte orange und gelb, violett und blau, daß ihm die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Erst als die bläulichen Abendschatten alles ineinander fließen ließen, legte er den Pinsel beiseite, schwang sich auf das Fensterbrett und ließ die kurzen Beine hängen.

Der Mond stand jetzt in einer schmalen Sichel über dem Walde, unter dem Fenster rauschte der Strom, und von der Wiese her vernahm man das Zirpen zahlloser Grasmücken. Eine dunkle Gestalt schritt langsam am Fluß hinauf, sah zu Boden und schien mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. »Dahmke.« nickte er, »solch ein Kornsack!« Das Wort mußte ihn befriedigt und gleichsam eine Spannung von seiner Seele genommen haben; denn er wiederholte es, schnitt dabei eine Grimasse wie ein Schuljunge und zog eilig eine Visitenkarte aus der Tasche. Im Lichte des Mondes glitt der Bleistift darauf hin und her, und zum Schluß kam ein kräftiger Schnörkel.

»Nun darf auch Mutter mir nicht mehr dreinreden,« sagte er wie vor sich hin. Er schloß das Fenster sachte, fast zärtlich: »Du,« sagte er, »ja, du bist daran schuld, könntest du nicht ebensogut in Mile Andersens Petersiliengarten sehen?« und er lachte ganz laut.

Als Großhändler Dahmke bei dem Abendessen die Karte las, fuhr er zornrot auf: »Solch ein verträumtes Kamel,« rief er, »und dem soll man auch noch Kinder anvertrauen; aber wenn die Menschen ihr eigen Glück nicht begreifen wollen,« und er stieß den Teller von sich, obwohl es Schweinerippen gab und das sein Lieblingsgericht war. »Natürlich, den Appetit muß er einem auch noch verderben. Da sollte ihm doch gleich der Satan in seine viel zu kurzen Hosen fahren.«

Hermann Hartmann aber stand in seiner kleinen Wildnis, begoß die roten Nelken und sang: »Guter Mond, du gehst so stille« –. Er sang es ganz falsch; aber das tat nichts. Der Mond hörte es doch, und der Mond freute sich darüber



Um ein Wort.

Es war eine warme Juninacht, und nach der Schwüle des Speisesaales schien allen der Aufenthalt auf der offenen Veranda eine Erquickung. Sie standen in kleinen Gruppen umher, hielten die Kaffeeschälchen in der Hand, und für den Augenblick übte die stille Schönheit der Sommernacht einen solchen Zauber aus, daß die Unterhaltung zum Flüstern herabsank.

Der Mondschein lag beinahe taghell auf den Rasenflächen und ließ die Jasminblüten weiß herüberleuchten. Durch einen Ausschnitt in den Bosketts sah man das wellige Feld und die Flügel der Windmühle, die bewegungslos gegen den Nachthimmel standen. Einige Insekten und Falter schwirrten um die Windlichter und fielen mit halb versengten Flügeln auf das weiße Damasttuch. »Die armen Dinger!« sagte die Hausfrau. »Tun Sie sie fort, Marie!«

»Ach ja, und die Lichter dazu,« meinte die kleine Frau Assessor, die erst kurze Zeit verheiratet war und noch nicht gelernt hatte, eigene Wünsche unausgesprochen zu lassen, »es unterhält sich so viel besser in Mondschein.« Sie lehnte den dunkeln Kopf in den Rohrsessel zurück und blickte gerade zu der vollen Scheibe des Mondes auf, die über den Nußbäumen stand.

Die Frau Stadträtin warf ihr einen strengen Blick zu: »Sie schwärmen, meine Liebe, – als wenn wir nicht auch bei anderer Beleuchtung ein vernünftiges Wort sprechen könnten!«

»Ein vernünftiges gewiß, gnädige Frau; aber Sie haben wohl schon bemerkt, daß ich gar nicht vernünftig bin, und was das Schlimmste ist, ich möchte es auch gar nicht werden.«

Ihr Mann erhob drohend den Finger: »Das sind ja hübsche Aussichten für mich!«

»Nein,« sagte sie, und ein wärmeres Licht trat in ihre dunkeln Augen, »als Sie bei Tische alle über den armen Jungen sprachen, der nachts aus der Erziehungsanstalt entlaufen ist, weil ihm eine Ungerechtigkeit widerfahren, und der nun ohne Mittel in die Welt gezogen ist, um all den Strafen und dem Zwang zu entgehen, da habe ich im Grunde ihm zugestimmt. Ja, ich glaube, ich hätte es ebenso gemacht, obgleich ich damit alle vernünftigen Leute gegen mich aufbringen würde.«

»Sie vergessen, daß ihn nicht nur die Vernunft, sondern auch die Pflicht der Dankbarkeit hätte fest, halten sollen,« sagte der Pastor mit mildem Vorwurf. »Man hatte seiner Mutter die ganze Sorge für seine Erziehung abgenommen; er erhielt Verpflegung und Ausbildung kostenlos. Er hätte durch unsere Vermittlung in absehbarer Zeit eine achtbare Stellung in der Welt einnehmen können; denn er war nicht unbegabt und mit seinen zwölf Jahren schon nach Tertia versetzt worden.«

»Das alles sind Gründe, die ein Kind nicht einsehen kann, Herr Pastor. Was von Ihnen als Wohltat gedacht war, mag ihm als Zwang erschienen sein. Sie sagten ja selbst, daß der Hilfslehrer Dienstleistungen im Hause und Handreichungen von ihm verlangte, die ihm nicht zukamen. Als der Junge darüber die Schularbeiten versäumte und den Grund offen angab, wurde er bestraft.«

»Ein Kind soll überhaupt nichts einsehen,« sagte die Stadträtin und faltete die runden Hände über der schwarzen Atlastaille. »Ein Kind soll gehorchen,« und sie sah sich mit einem Herrscherblick im Kreise um. Einige lächelten und dachten der vier eigenen Söhne des Stadtrats, die vor lauter Gehorsam nie zur Einsicht gekommen und jetzt in den Zwanzigern nichts weiter waren als gut erzogene Schuljungen.

»Und dann bedenken Sie, meine liebe gnädige Frau,« fuhr der Pastor fort und beugte sich näher zu dem weißen Kleid seiner Nachbarin, »was die naturgemäßen Folgen sein werden, sein müssen: strengere Aufsicht, weniger Freiheit, härtere Strafen bei jedem Vergehen. Man wird den jungen Baum biegen, solange es Zeit ist.«

»Ja,« sagte die junge Frau, »und vielleicht wird man ihn dabei brechen,« und ihre Lippen zitterten.

Der Hausherr, ein alter Sanitätsrat, hatte, an den Pfeiler der Veranda gelehnt, bisher schweigend der Unterhaltung zugehört.

»Und Sie, Herr Sanitätsrat,« sagte Fräulein Scharf, die ältliche Vorsteherin einer Töchterschule, »sind Sie für das Biegen oder für das Brechen?«

Der alte Herr zog sich einen der leichten Sessel heran und blickte sinnend in die unsichere Flamme des Windlichtes. »Das ist eine schwere Frage,« sagte er, »die ich nicht ohne weiteres beantworten kann. Aber ich meine wohl, daß wir älteren Leute zu leicht die Fühlung mit der Jugend verlieren. Wir unterschätzen die guten und charaktervollen Eigenschaften, die im Grunde manch einer trotzigen Knabenseele liegen, weil wir uns nicht die Mühe machen, sie überhaupt näher zu prüfen. Wir wollen charaktervolle Männer haben,– wer aber denkt daran, auf die Eigenheiten eines Knaben einzugehen? Ein Knabe darf eben keine Eigenheiten haben. Ich könnte davon wohl ein Stück aus meiner eigenen Jugend erzählen, das mir den ganzen Abend durch den Sinn gegangen ist.«

Die junge Frau Assessor spielte mit den weißen Seidenbändern ihres Kleides: »Ach ja, eine Geschichte, bitte, Herr Sanitätsrat!«

Er blickte einen Augenblick in das weiche bewegliche Gesicht: »Es ist nichts Lustiges,« meinte er; »aber was tut's? Wir sind heute doch in eine nachdenkliche Stimmung gekommen,« und er warf den Rest seiner Zigarre in die vor ihm stehende Bronzeschale.

»Sie wissen's oder Sie wissen's nicht – denn ich bin ja älter als Sie alle –, daß ich in einer norddeutschen Stadt geboren, früh vaterlos wurde. Ich besaß nur zwei jüngere Schwestern. Die Freunde des Hauses, die wohl meinten, daß meine Erziehung unter diesen Verhältnissen zu weiblich und weichlich ausfallen würde, überredeten meine Mutter, mich nach Mitteldeutschland zu geben zu einem Lehrer, der auch als Pädagoge einigen Ruf hatte. Ich war ein durch Liebe und die Behaglichkeit eines wohlhabenden Hauses verwöhnter Junge, und ich weiß nicht, wie ich mich in meiner neuen Heimat mit der strengen Zucht und geringen Freiheit hätte einleben sollen, wenn ich nicht einen Kameraden vorgefunden hätte, dessen Freundschaft alle Entsagungen und Beschränkungen ausgeglichen hätte. Kurt Reinhard war elternlos, ein prächtiger stolzer Junge und ein treuer Freund; ich wenigstens habe in meinem Leben keinen besseren gefunden,« sagte der alte Herr und zog wie in schmerzlicher Bewegung die Brauen zusammen. »Wir schliefen in einem Zimmer, wir arbeiteten an einem Tisch, der vor dem Fenster der Eßstube neben dem mit Wachstuch bezogenen Eßtisch aufgestellt war. Ja, ich glaube, daß Kurt, obwohl er ein wilder und störrischer Junge war, für meine Erziehung mehr getan hat als der Oberlehrer Schäfer mit all seiner pädagogischen Gelehrsamkeit; denn er war ein Feind jeder Unwahrheit und Feigheit und hat mich, den Schwächeren, vor manchem bequemen Schleichwege bewahrt.

›Siehst du,‹ pflegte er mir oft mit knabenhafter Lebendigkeit auseinanderzusetzen, ›einen Kerl, der seinem Gegner im Zorn das Messer in den Leib stößt und die Folgen ruhig auf sich nimmt, den kann ich respektieren, aber einen Kerl, der gewohnheitsmäßig bei jeder Gelegenheit stiehlt, sich dann freilügt und von vorn wieder anfängt, den verachte ich, den könnte ich unter die Füße treten.‹ Dabei stampfte er auf den Boden, daß Herr Schäfer zornig den Kopf zur Tür hineinsteckte. ›Und solche Kerle,‹ fuhr er in gedämpftem Tone fort, ›gibt es eine Menge, mehr als du denkst, Rudolf. Sie stehlen nicht gerade; aber sie möchten es gern, wenn es nur niemand merkte, wenn sie nur äußerlich ruhig und geachtet dabei fortleben könnten. J. B. Küster Philipps, – ich sage ja nicht, daß er gestohlen hat; aber ich erwarte immerfort, daß er es tun wird, – solch eine Lügenfratze hat er.‹ Er konnte sich auch nie entschließen, diesem Küster Sonntags den Groschen in den Klingelbeutel zu werfen, sondern suchte ihn durch energisches Kopfschütteln zum Weitergehen zu bewegen, während er selbst sein Geldstück in das am Kircheneingang aufgestellte Becken legte. Mir kam das außerordentlich groß und charaktervoll vor, und ich hätte es ihm gern nachgemacht, wenn ich es nur gewagt hätte. Aber ich fürchtete mich vor dem Oberlehrer Schäfer und seinen langen Auseinandersetzungen. Im übrigen stand ich mit diesem auf gutem Fuß; ich lernte leicht, etwas automatenhaft, fürchte ich, und stand damit in geradem Gegensatze zu Kurt, der keine Sache im Gedächtnis behalten konnte, die er nicht vorher vom Grunde aus erfaßt hatte. Dementsprechend war die Schulzeit in vieler Hinsicht für mich leichter als für ihn; denn er hatte bei seiner Gründlichkeit viele Auseinandersetzungen und Reibereien mit den Lehrern, die ihm das als Unbescheidenheit und Anmaßung auslegten, was doch nur ein tieferes Eindringen in die Sache war. Vor allem war ein älterer leberleidender Oberlehrer, den wir seines abgemessenen langweiligen Wesens wegen »die Sanduhr« nannten, sein besonderer Gegner.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, eines Sommermorgens; es mag im Juni gewesen sein, denn der Goldregen stand in voller Blüte,– wir waren so allmählich miteinander bis Obertertia aufgerückt. Ich kam aus der Schule nach Hause, schleuderte die Bücher auf die Fensterbank und warf einen verlangenden Blick auf den Eßtisch, auf dem noch die Reste von Brot und Bier standen, die von Herrn Schäfers Frühstück übrig geblieben waren. Kurt saß schon an unserem Arbeitstisch; denn er hatte die Singstunde nicht mit. Eine Hand in das kurze blonde Haar gewühlt, biß er auf dem Federhalter und sah aus seinen grauen Augen finster vor sich hin.

»Es ist eine Schweinerei,« sagte er, »ja, es ist eine wahre Schweinerei, uns solche Arbeit zu geben; als wenn du oder ich jemals Gedanken über Miltons verlorenes Paradies gehabt hätten!«

Ich wußte nun, er saß über seinem Aufsatz: ›Meine Gedanken über Miltons verlorenes Paradies‹, den uns die Sanduhr aufgegeben und über den sie mit uns gesprochen hatte. Dank meines guten Gedächtnisses hatte ich die Sache glatt niedergeschrieben; ich hatte einfach seine Gedanken, seine Ausdrücke wiedergegeben und wußte, daß ich eine gute Nummer dafür bekommen würde. Das war Kurts Art nicht.

›Ich denke mir absolut nichts dabei,‹ sagte er. ›Ich kann doch nicht nachdenken, was die langstielige Sanduhr uns vorgedacht hat und das Ganze dann als mein Werk in die Welt setzen. Nein, das wäre das Letzte!‹

›Aber Kurt,‹ demonstrierte ich, ›sie machen's doch alle so, und die Sanduhr erwartet es auch nicht anders.‹

›Ist mir vollkommen einerlei. Dann ist das Ganze Lügerei, zu der ich keine Lust habe,‹ und er stieß das Heft von sich, daß die Tinte überfloß.

›Mein Gott, Reinhard, sitzt du noch immer bei dem Anfang?‹ sagte in diesem Augenblick Herr Schäfer, der den Rest des Bieres in sein Zimmer holen wollte. ›So gefährlich ist die Sache doch nicht, Herr Oberlehrer Rennschmidt wird den ganzen Gedankenaufbau des Werkes mit euch besprochen und euch alles erklärt haben.‹

›Herrn Oberlehrer Rennschmidts Gedanken sind nicht meine,‹ sagte Kurt und machte Kleckse auf das vor ihm liegende Löschblatt. Herr Schäfer wurde dunkelrot im Gesicht:

›Ich wünsche von deinen albernen Erörterungen nichts mehr zu hören. Die Arbeit wird gemacht. Das ›wie‹ ist deine Sache,‹ und er klappte bei jedem Wort mit der Bierflasche auf den Tisch.

Und die Arbeit wurde gemacht. Als die Suppenterrine auf die Wachstuchdecke gestellt wurde, zog Kurt gerade den Strich darunter.

›Fertig?‹ fragte Herr Schäfer, als er sich in der vertragenen Hausjacke an die Spitze des Tisches setzte. Kurt nickte.

›Siehst du,‹ meinte die freundliche sanfte Frau Schäfer, ›es geht alles, wenn man sich nur daranmacht,‹ und sie gab ihm einen extra großen Löffel Suppe; denn er war ihr Liebling und ihr mit knabenhafter Ritterlichkeit zugetan.

›Pah,‹ sagte Herr Schäfer und stellte seine Manschetten neben den Teller, ›verlieren wir nur keine Worte mehr über eine solche Bagatelle!‹

Auch ich hütete mich, Kurt nach dem Aufsatz zu fragen, weil ich sein Gewissen nicht unnötig beunruhigen wollte. Am nächsten Morgen lieferten wir unsere Hefte ab, und damit war die Sache für mich abgetan, und auch Kurt schien sie vergessen zu haben; wenigstens sprach er nicht davon und war in den folgenden Tagen lebhafter und ausgelassener als je.

Am Montagvormittag saßen wir in der Klasse, um Herrn Rennschmidt zu erwarten. Es war elf Uhr und eine drückende Hitze. Einige gähnten, andere hatten den Kopf auf den Tisch gelegt, Paul Riemer riß sich die Augenwimpern aus, und ein paar Streber suchten sich im letzten Augenblick über die zweite schlesische Dichterschule zu orientieren. Endlich trat Herr Rennschmidt ein. Sein Gesicht erschien noch hagerer und gelber, seine Augen noch menschenfeindlicher als sonst. Die spärlichen Haare klebten an den Schläfen; unter dem Arm trug er das Literaturbuch und ein einziges blaues Heft, das er umständlich auf das Katheder legte. Ich weiß nicht, was mich in diesem Augenblick an Kurt denken und zu ihm hinüberblicken ließ. Er aber saß ganz unbefangen an seinem Platz und schnippte Papierkügelchen gegen den Rücken seines Vordermannes. Herr Rennschmidt setzte sich, zog die Uhr aus der Westentasche, stellte sie vor sich aufs Pult und fuhr mit dem Finger zwischen Hemdkragen und Hals. Das alles tat er mit einer gewissen unheimlichen Feierlichkeit, die uns unruhig auf unseren Plätzen herumrutschen ließ.

›Bevor wir zu der zweiten schlesischen Dichterschule übergehen,‹ er räusperte sich, ›bevor wir also zur zweiten schlesischen Dichterschule übergehen, habe ich ein Stücklein aus unserer eigenen Schule zum besten zu geben, das von allgemeinem Interesse sein dürfte.‹ Die Adern an seinen Schläfen schwollen an, und seine mageren Hände spielten mit dem vor ihm liegenden Heft. ›Erinnerst du dich vielleicht des letzten Aufsatzthemas, Schönemann?‹

Unser Primus, ein untersetzter Junge, fuhr auf und sah Herrn Rennschmidt aus seinen vorstehenden Augen verwundert an. ›Jawohl, Herr Oberlehrer: ›Meine Gedanken über Miltons verlorenes Paradies‹.‹

›Bist du derselben Meinung, Petersen?‹

›Jawohl, Herr Oberlehrer.‹

›Und du, Wernick?‹

›Jawohl, Herr Oberlehrer.‹

›Es ist mir sehr erfreulich, daß ihr mein Gedächtnis in dieser Weise stärkt. Ja, es ist mir, wie gesagt, eine Beruhigung, zu hören, daß ich mich nicht täusche, wenn ich meine, euch das Aufsatzthema gegeben zu haben. Wenn ihr alle der Ansicht seid, kann die Schuld wohl nicht an mir liegen, wenn sich trotzdem Mißverständnisse eingeschlichen haben – oder doch? Welches Thema mag ich dir gegeben haben, Kurt Reinhard?‹

›Meine Gedanken über Miltons verlorenes Paradies.‹ Er sagte es gelassen und blickte unbeweglich auf den Lehrer, der nun mit geöffneter Weste in der Klasse hin und her lief.

›Also doch! Es ist mir sehr interessant, das zu hören. Ich meinte schon, ich hätte für dich ein Extrathema gewählt, wie es sich für einen so tief denkenden Geist schickt. Wenn das aber nicht der Fall war, wenn ich diese Rücksicht nicht nahm, Reinhard, so darf ich wohl fragen, warum du deine Gedanken nicht niederschriebst?‹

›Weil ich keine hatte,‹ sagte Kurt lässig und als ob es sich kaum einer Antwort verlohne.

Herr Rennschmidt griff nach dem Heft: ›Ich habe hier ein Aufsatzheft in der Hand, das den Titel zeigt: ›Herrn Oberlehrer Rennschmidts Gedanken über Miltons verlorenes Paradies‹. Wißt ihr, was das heißt?‹

Ein unterdrücktes Kichern erhob sich, verstummte aber, als Herr Rennschmidt den Kopf erhob.

›Das heißt: die Autorität lächerlich machen, heißt seinen Lehrer ins Gesicht schlagen und jeglichen Respekt zu Boden treten, – und der das geschrieben hat, ist ein Lump. Ja, ich wiederhole, er ist ein Lump, und er wird die Güte haben, sich vor der ganzen Klasse als solchen zu bekennen. Kurt Reinhard, ich sage, ja, ich befehle dir, aufzustehen und vor all deinen Mitschülern zu gestehen, daß du ein Lump bist.‹

Noch jetzt meine ich die Stille zu spüren, die nach diesen Worten im Klassenzimmer herrschte. Wir hörten den Hahn auf einem benachbarten Hofe krähen und die Blätter des Kastanienbaumes leise gegen das Fenster schlagen. Wir Jungen duckten uns und schienen selbst den Atem anzuhalten in der furchtbaren Spannung. Kurt stand gerade aufgerichtet an seinem Platze; alles Blut war aus seinem Gesichte gewichen, und die finster zusammengezogenen Brauen, die fest geschlossenen Lippen ließen ihn um Jahre älter erscheinen.

›Wirst du es sagen, hast du mich verstanden?‹ herrschte ihn der Lehrer an.

›Nein!‹ Nichts als das einfache kleine Wort, das hart und klar die Stille durchdrang und doch so merkwürdig gequält klang, daß ich fühlte, wie ich bis in die Fingerspitzen kalt wurde und am ganzen Leibe zitterte. Wilhelm Schröder, der neben mir saß, kniff mich in den Arm, daß ich vor Schmerz hätte aufschreien mögen.

›Also nicht!‹ rief Herr Rennschmidt und stieß in seiner Erregung das Fenster auf. ›Du willst offene Opposition – so sei es. Aber dann dulde ich dich nicht in meinen Stunden, ehe du mich nicht vor dem Direktor und dem ganzen Kollegium um Verzeihung gebeten hat.‹

›Bitte!‹ sagte Kurt zu dem neben ihm Sitzenden – es war der dicke Sohn vom Schlachter Ehmsen –, ›laß mich durch.‹

Er hatte den Kopf zurückgeworfen; um seine Augen zogen sich tiefe bläuliche Schatten, die ich sonst nie bemerkt hatte. Als er den Türgriff in der Hand hielt, drehte er sich halb um: ›Ich bin kein Lump– sagte er, und alle jugendliche Frische war aus seiner Stimme gewichen, ›und Sie wissen, daß ich keiner bin.‹ Da schlug die Tür auch schon hinter ihm zu. Gleich nach der Stunde, an die ich mich nicht mehr erinnere, drängte ich mich an Herrn Rennschmidt heran: ›Herr Oberlehrer, Sie verkennen. Reinhard; es ist nicht Ungezogenheit, es ist seine Wahrheitsliebe, die – er kann nicht anders.‹

Er warf mir über die Brillengläser einen seiner gefürchteten Blicke zu. ›Ich wüßte nicht, daß ich um deine Hülfe in dieser Angelegenheit gebeten hätte; aber ich sehe, die eine Unverschämtheit zeitigt die andere; eben deshalb gilt es, euch von vornherein die üppigen Triebe zu beschneiden.‹

Und er ging in das Zimmer des Direktors. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an den Ordinarius unserer Klasse. ›Er ist kein Lump, und er kann das nie sagen. Herr Rennschmidt hätte so etwas nicht verlangen dürfen.‹

›Durch Beschuldigung deiner Lehrer machst du die Sache deines Freundes nicht besser, mein Sohn.‹

›Herr Doktor, Sie kennen. Kurt. Helfen Sie ihm, sprechen Sie für ihn!‹ Ich großer, fast fünfzehnjähriger Junge schämte mich der Tränen nicht. Der ruhige Mann sah mich prüfend an: ›Im Grunde ist der Reinhard nicht schlecht. Ich werde mich einmal um die Sache kümmern,‹ und langsam ging er über den sonnigen Hof. O, dieser Tag mit seinen qualvoll langen Stunden, den einzelnen Gruppen auf dem steingepflasterten Hof, in denen so seltsam aufgeregt und scheu gesprochen wurde! Die halb mitleidigen, halb schadenfrohen Blicke der Jungen, die wichtigen Mienen der Lehrer, die alte Stutenfrau, die ihren Korb an das Gitter schob. ›Nicht einen Stuten, junger Herr?‹ – Und Kurt nicht dabei, Kurt nirgend dabei!

Endlich Schulschluß! Ich stürzte, mehr als ich ging, unserem Hause zu. Frau Schäfer kam mir auf dem engen Flur entgegen. Sie hatte verweinte Augen. ›Kurt ist oben auf eurem Zimmer. Mein Mann ist bei ihm; du mußt jetzt nicht hinaufgehen, Rudolf‹ Ich sah ihn erst beim Mittagessen in Gegenwart der anderen. Es war eine traurige Mahlzeit; gegessen wurde wenig, gesprochen nichts. Gleich nachher rief mich Herr Schäfer auf sein Zimmer und ließ sich den ganzen Vorgang nochmals von mir erzählen. Er ging auf und ab und sah sorgenvoll zu Boden.

›Ich weiß nicht, wie das bei dem Charakter des Jungen enden soll,‹ sagte er und schüttelte den Kopf ›Subordination muß sein, und um Verzeihung wird er bitten müssen.‹

›Herr Oberlehrer, nach seiner Meinung trifft ihn aber gar keine Schuld, und Herr Rennschmidt hat Kurt so tief beleidigt, daß er es ihm nie vergessen wird.‹ – ›Er wird wohl noch andere Dinge lernen müssen,‹ meinte er und entließ mich mit trübem Lächeln.

Am Fenster unseres niedrigen Schlafzimmers stand Kurt und blickte anscheinend den Spatzen zu, die am Dache des Nachbarhauses schrieen und zankten. Ich legte den Arm um seine Schulter: ›Kurt, nimm es dir nicht so zu Herzen! Es kommt noch alles in Ordnung. Sie werden einsehen, daß Herr Rennschmidt dir unrecht getan, nicht du ihm.‹ Aber im Grunde glaubte ich an meine eigenen Trostworte nicht, und Kurt mochte das auch empfinden; denn er wandte den Kopf mit gequältem Ausdruck ab.

›Sie werden gar nichts einsehen, Rudolf; aber ich soll mich besinnen, sagt Herr Schäfer, als wenn dabei noch etwas zu besinnen wäre! Ich soll deshalb auch im Fremdenzimmer schlafen, damit ich mehr Ruhe habe; ja, sie wollen mich nicht einmal mehr bei dir schlafen lassen.‹ Nun stiegen ihm doch die Tränen in die Augen; aber er schluckte sie gleich wieder hinunter.

›Morgen,‹ sagte ich, ›ja, morgen schlafen wir wieder zusammen.‹

Warum erfüllte mich das ›morgen‹ mit einer so unbestimmten furchtbaren Angst? Man sagt ja, Vorahnungen gibt es nicht. Gegen Abend wurde Kurt noch einmal in Herrn Schäfers Zimmer gerufen; aber ich habe nicht erfahren, was sie miteinander gesprochen. Beim Herauskommen sagte er nur: ›Sie sehen's nicht ein, Rudolf, niemand als du, nein, auf der ganzen Welt niemand als du.‹

Als Herr Schäfer nach dem Abendessen auf sein Zimmer ging und wir nach oben geschickt wurden, strich Frau Schäfer mit einer beinahe schüchternen Bewegung über Kurts Hand.

›Denke daran, was du tun würdest, wenn du noch eine Mutter hättest!‹ sagte sie sanft.

›Was nützt mir das!‹ meinte er bitter; ›sie sagen doch alle, ich sei ein Lump.‹

Oben trennten wir uns, zum ersten Male beim Schlafengehen trennten wir uns; denn das Fremdenzimmer lag nach dem Garten zu und an der anderen Seite des Ganges.

›Kurt,‹ sagte ich und faßte nach seiner Hand.

›Schlaf' nun, ja, versprich mir, daß du schlafen willst!‹

Er sah mit einem eigentümlich fremden Blick über mich weg: ›Wie kann ich dir das versprechen, Rudolf? Aber du mußt schlafen, gut schlafen.‹ Es war, als wenn er noch etwas sagen wollte; aber dann trat er rasch ins Zimmer und drehte von innen den Schlüssel um.

›Kurt,‹ rief ich. Es war mir, als müsse ich bei ihm bleiben, ›Kurt, laß mich noch einmal hinein!‹ Aber er antwortete nicht mehr.

Ich habe manche Nacht mit Krankheit und Tod gekämpft; aber eine solche Nacht habe ich nicht mehr durchlebt. Man sollte nicht sagen, daß Kinder tiefer seelischer Leiden unfähig wären! Noch heute erinnere ich mich der unbestimmten, aber darum nur um so peinigenderen Angst, die mich jedesmal emporfahren ließ, wenn ich für kurze Zeit in einen unruhigen Schlaf verfallen war. Dann griff ich noch halb bewußtlos nach dem neben mir stehenden Bett, faßte nur leere Kissen und erinnerte mich mit jähem Schreck aller Ereignisse des vorhergegangenen Tages. Einmal war mir auch, als hörte ich ein Fenster klappen – ich stand auf, lief mit nackten Füßen über den Flur und drückte den Mund an das Schlüsselloch von Kurts Stube und rief leise seinen Namen. Aber es rührte sich nichts; er mochte doch eingeschlafen sein. –

Was brauche ich es noch auszusprechen? Am anderen Morgen war Kurt fort – ich hatte es vorausgeahnt und war kaum überrascht; aber es entstand in meinem Leben eine Lücke, die nicht wieder ausgefüllt ist, obwohl ich nun über die sechzig bin. Alle Nachforschungen, die Herr Schäfer und Kurts Vormund anstellten, denn Eltern hatte er nicht, blieben erfolglos. Einmal war es, als ob man in Bremen eine Spur von ihm entdeckte; aber sie verwischte sich sofort und war vielleicht nicht einmal richtig!«

Der alte Herr schwieg und blickte in den stillen Garten, während das flackernde Licht wunderbare Schatten in sein Gesicht zeichnete.

»Und Sie haben nie wieder etwas von ihm gehört?« fragte die kleine Frau Assessor leise.

»Doch, einmal, aber das war viele Jahre später. Ich hatte schon mein Examen gemacht und fuhr einige Jahre als Schiffsarzt. Sie sollen auch das noch hören. Wir waren auf der Heimreise, der Heimat ganz nahe und lagen bei Skagen vor Anker, weil ein gewaltiger Sturm das Meer aufwühlte und die Küste als gefährlich bekannt ist. Am Nachmittag des zweiten Tages erreichte uns die Nachricht, daß einige Seemeilen westlich von Skagen ein Schiff gekentert sei, ein englischer Schoner. Die Mannschaft war gerettet, aber viele Verwundungen waren vorgekommen. Man hatte die Verunglückten in das nächstliegende Dorf gebracht. Ich machte mich sofort auf den Weg, um meine Hülfe anzubieten. Die Wolken hingen tief und die Vögel strichen dicht über dem Boden hin. Von ferne hörte man das Brausen der See. Endlich kam sie wieder in Sicht. Mein schweigsamer Kutscher nahm die Pfeife aus dem Munde und wies damit aufs Meer.

›Da kann man das Wrack noch sehen.‹ Aber es war nur der gebrochene Mast, der über der Sandbank aufragte.

›Ist die ganze Besatzung gerettet?‹

›Weiß nicht.‹ Wieder begann er zu rauchen. Schweigend erreichten wir das kleine Dorf. Am Strande standen einige Fischer, denen trug ich mein Anliegen vor.

›Schlimm ist es nicht mit ihnen,‹ meinte ein weißhaariger Alter; ›nur mit dem einen wird es wohl bald aus sein. Es ist noch ein junger Kerl; der Mast hat ihm den Arm abgeschlagen, und es ist wohl auch da drinnen nicht ganz richtig‹, und er schlug gegen seine breite Brust. ›Der Kapitän hatte seine Frau und ein Kleines mit,‹ setzte er erläuternd hinzu, ›das wollte er retten, und dabei kam es.‹ Er steckte die Hände in die Tasche seiner blauen Jacke und sah aufs Meer hinaus mit der Miene eines Mannes, dem solche Unglücksfälle alltäglich sind. ›So etwas passiert hier jeden einen um den anderen Tag,‹ sagte er. ›Das ist nun so.‹

Ein barfüßiger Junge zeigte mir das Haus des Bäckers, in dem der Verunglückte lag. Gebückt trat ich in die niedere Stube, in der es nach warmem Brot roch. Eine Frauengestalt erhob sich vom Bett; schlank und zart war sie und paßte nicht recht in die bäurische Tracht. Wie ich nachher hörte, war es die Frau des englischen Kapitäns. Sie mochte der deutschen Sprache nicht mächtig sein, denn wortlos räumte sie mir den Platz ein und sah mich nur mit einer stillen Bitte in ihren dunkeln Augen an. Leise verließ sie das Zimmer. Ich zog den Vorhang zurück, öffnete das Fenster und beugte mich über den Kranken, dem man einen notdürftigen Verband angelegt hatte. Ein frischer Luftstrom drang in die Stube, von der nahen Mühle her hörte man einen Storch klappern, und etwas gedämpft tönte auch das Rauschen des Meeres in die stille Kammer. Es war wohl lange die Heimat des Kranken gewesen, denn bei dem Klang öffneten sich seine Augen, und ein mattes Lächeln ging über seine schmerzerfüllten Züge

›Doch noch einmal!‹ sagte er und schloß wieder die Augen. Vorsichtig begann ich, ihn zu untersuchen. Er lag ganz still. Nur zuweilen kam ein schmerzhaftes Stöhnen aus seinen festgeschlossenen Lippen. ›Lassen Sie nur, Herr Doktor,‹ sagte er nach einer ganzen Weile, ›da ist nichts mehr zu wollen; das fühl' ich wohl.‹

Er sprach ein merkwürdig gutes Deutsch, und nun versuchte er auch, mir das Gesicht zuzuwenden; aber es wollte nicht gehen. Er hatte recht; es war nichts mehr zu wollen, und jede weitere Berührung wäre für ihn nur eine Qual gewesen. Ich strich das Betttuch glatt, daß es ihn nicht drücke und legte ihm einen Umschlag auf die brennende Stirn. Dabei hatte ich das dichte Haar zurückgestrichen, und mein Blick fiel auf eine schmale Narbe, die vom Haar aus bis zu den Brauen des rechten Auges lief. Warum zitterte ich plötzlich so sehr, daß ich mich setzen und das Gesicht in den Händen verbergen mußte? Ich hatte einmal einen Jungen gekannt, ich hatte einmal einen Freund gehabt, der sich durch einen Sturz aus dem Apfelbaum eine Narbe zugezogen hatte, scharf und schmal, die vom Haar bis zum rechten Auge lief, und wie aus fernen Traume hörte ich die Knabenstimme, die ich mehr als alle anderen geliebt – ›es tut ja gar nicht weh,‹ sagte sie, ›das ist ja alles dummes Zeug.‹ Als ich wieder aufblickte, sah ich die Augen des Mannes auf mich gerichtet, ein paar tiefliegende graue Augen.

›Ich habe recht, Herr Doktor, nicht wahr, es geht zu Ende?‹

Ich mußte wohl mit meinen Gedanken noch bei dem Knaben sein, der die Wahrheit so sehr geliebt hatte; denn ich antwortete ohne Besinnen mit seinen eigenen Worten: ›Es geht zu Ende; aber,‹ fügte ich hinzu, ›es wird sanft sein, Kurt.‹

Er tastete mit der Hand auf der Decke und sah mich mit suchenden Augen an.

›Rudolf,‹ sagte ich, ›Rudolf Römer, dein Freund aus der Schulzeit!‹ Ich setzte mich zu ihm und nahm seine Hand in die meine.

›Rudolf Römer,‹ wiederholte er langsam, ›ja, ich habe keinen andern Freund mehr gehabt. Ich bin einsam gewesen, sehr einsam.‹ – Er schien sich in schmerzliches Erinnern zu verlieren. ›Siebenundzwanzig Jahre‹ – sagte er, wie für sich, ›es ist nicht viel, und ich habe es auch nicht weit gebracht, nur bis zum zweiten Steuermann. Ich habe manche wüste Nacht gehabt an Bord und in den Matrosenschenken, Rudolf, aber ein Lump bin ich doch nicht geworden, trotz der Sanduhr nicht.‹

Er schloß müde die Augen und hörte nicht, daß die junge Frau auf der Schwelle erschien und mich mit fragendem Blicke ansah. Ich schüttelte ernst den Kopf. Ein leises Beben ging durch die Gestalt, und zwei helle Tränen fielen auf den blonden Kopf eines kleinen Knaben, den sie an sich gedrückt hatte. Sie kniete vor dem Bette nieder und hob das Kind empor, daß es den Kranken sehen konnte. Noch einmal öffnete Kurt die Augen, und als sie das Kind erblickten, zog ein Schimmer von Freude über sein Gesicht; aber dann schien er sich zu besinnen und wehrte es mit der Hand ab.

›Nein,‹ sagte er, ›ein Kleines muß so etwas nicht sehen.‹

Sie beugte sich über ihn und schien auf englisch einige Worte zu ihm zu sprechen; aber ich weiß nicht, ob er sie noch verstand.

Als sie fort war, lag er lange wie in halber Betäubung; aber noch einmal kehrte ihm das Bewußtsein zurück.

›Rudolf,‹ sagte er, ›als wir Knaben waren – wir sind oft auf einem Kissen eingeschlafen – wenn du deinen Kopf noch einmal zu mir legen wolltest, mir ist dann, als müsse ich nicht so allein den dunkeln Weg gehen.‹

Da habe ich meinen Kopf an den seinen gelegt und dem leise verrinnenden Leben gelauscht. Als die Morgendämmerung durch die geöffneten Fenster brach, ging seine Seele zum Licht. – Ich habe mir einige Tage Urlaub erbeten, um ihn zu bestatten. Er ruht auf dem Kirchhofe jenes Stranddorfes hart an der See. Der kleine Sohn des englischen Kapitäns hat einen Kranz weißer Astern auf das Grab gelegt.«

Sie schwiegen alle. An den dunkeln Wimpern der Frau Assessor hingen schwere Tränen. Die Hausfrau war in den Saal gegangen, wo das Harmonium stand. »Wie sie so sanft ruhen, alle die Toten!« klang es rein und voll auf die Veranda hinaus.

»Ja,« sagte der alte Herr, »er hat ein Recht, sanft zu ruhen.«

Der Pastor war aufgestanden und hinter den Stuhl des Hausherrn getreten. »Wenn wir unsern kleinen Flüchtling wieder bekommen, Sanitätsrat,« sagte er, und seine Stimme klang weniger fest als sonst, »ich meine fast, er wird es besser haben um Ihres Toten willen.«

Eine Wolke zog über den Mond. Im Garten sang eine Nachtigall, leise, ganz leise.