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Ou Est Il. – Orientalische Prostitution

Artikel

Aus: Geschlecht und Gesellschaft, Herausgegeben in Verbindung mit namhaften Fachleuten von Karl Vanselow, Zweiter Band, Verlag der Schönheit, Berlin, Leipzig, Wien, 1907


Eine sozial-politische Beleuchtung der orien-talischen Prostitution zu geben, liegt mir fern – dazu worden ein und mehrere Bücher gehören, und ich müßte über Quellen und Studien verfügen, die mir fehlen. – Ich will, einfach von einem einzigen Standpunkte aus, von dem, was das »gefallene Weib« ist – und wie es behandelt wird – einen kleinen Vergleich aufzustellen suchen zwischen Occident und Orient.


* * *


Ich lasse das Prostitutionsviertel Alexandriens, Kairos und Calcuttas und die anderen, Europäern bekannten und von Europäern betretbaren verrufenen Orte des Ostens vorläufig aus – und bitte mir im tartaro-turcomano-mongolischen Oriente in eines jener Häuser zu folgen, die dem Christen verschlossen sind.

Hier findet man die echte orientalische Prostitution, das, was Odaliske1, Bajadere und Ghaisa von alters her war und wovon die Liebe auf der Straße in den erwähnten Höllen nur ein schwacher Abglanz ist Regel ist ja das hier folgende nicht, doch mag es hundert Abweichungen geben, so ist doch der Grundgedanke dabei derselbe.

Der Orientale betritt das Prostitutionshaus nicht im mindesten mit der Absicht, sich anzutrinken oder sonst Radau zu schlagen, und der Begriff fehlt ihm, daß er dabei etwas Verbotenes oder Unsittliches tue; er betritt diesen Ort, weil er seine freie Zeit mit einem Weib verbringen will, welches ihm für ein paar Stunden die Illusion eines eigenen Heims geben und ihn dabei mit Tanz, Sang und Gedichten, zum Schluß mit ihrem Körper, erfreuen soll.

Europa schließt daraus sofort, daß dem Orientalen so und so viel Prozent des europäischen Schamgefühls fehlen – richtiger zu sagen wäre: Dem Reinen ist alles rein und die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. In dieser Auffassung liegt eben ein kapitaler Unterschied gegen Europa.

Der zweite liegt in folgendem: man zahlt beim Eintritt; man bezahlt das Haus, nicht das Weib, und sobald die Eintrittsgebühr beglichen ist, erinnert nichts – nicht das geringste mehr an – Geld. Der Orientale ist in diesen Häusern chez soi – wie in seinem Harem. Er kann tun und lassen, was er will – gehen oder bleiben, so lange und so viel es ihm beliebt – aber dafür behandelt er auch alle Insassen als Hausgenossen und Freunde – ja, fast möchte ich sagen als Familie.

Das heißt gar nicht, daß er seine Frau mit einer Prostituierten verwechselt und die erstere etwa als letztere behandelt, aber er behandelt die Prostituierte dafür fast wie seine Frau. Diese Nuance ist entscheidend. Kein rohes, kein ausgelassenes Wort, keine Gemeinheit, keine Obscönität im orientalischen Bordell – weder von den Gästen noch von den Mädchen. Man ist eben nicht da, um verstellt »Unkeuschheit« zu treiben, oder im Gegenteil mit dieser groß zu tun – man ist da, weil man sonst nichts besseres zu tun hat – und der Rest findet sich sozusagen ohne daß man recht weiß wie.

Welcher Unterschied gegen Europa!

Gesang! Gedichte! ja! in denen von Liebe und Körperreizen die Rede ist – Obscönitäten – Trivialitäten – nie!

Die orientalischen Sprachen sind fast alle blumen- und phrasenreich. Europäische Ohren brauchen sogar langjährige Gewohnheit, um sich an manche Redewendungen zu gewöhnen und um dies oder jenes nicht läppisch zu finden. Aber von da zu den Zoten, die bei uns an solchen Orten Brauch sind, ist es ein Abgrund!

Was ich Gedichte nannte, ist oft nichts anderes als Geschichten aus 1001 Nacht und dergleichen, von denen jede gut abgerichtete Odaliske einen Haufen auswendig kann, wie ihre ostasiatischen Schwestern, die Bajadere und die Ghaisa. Das Unglück dabei ist nur, daß, wenn so ein holdes Mägdelein auf Bagdads Khalifenglanzzeit gerät, sie nimmer aufhören will, und es verflucht spät zum Schlafengehen wird, um so mehr als »pressiert« scheinen hier geradezu eine Grobheit scheinen würde.


* * *


So ein Gedicht (stets endlos, denn der Orientale hat immer Zeit) würde in Prosa ohne jeden Anspruch auf Philologie wie wortgetreue Obersetzung und mehr denn frei nach Mirza Schaffi etwa lauten:

Es war einmal ein Mann und dieser hieß Ali. – Er war so schön wie Du, Effendi, Herr, Gebieter und Geliebter, mein innig geliebter Gatte einer Nacht! unterbricht sich die Odaliske herzig . . .

Und es war einmal eine Prinzessin und sie hieß Halima!

»War sie so schön wie Du?« fragt man, um galant zu sein.

Sie war schön, schön, schön – so schön, wie ich sein möchte, um Deiner würdig zu sein!

Den Rest der Beschreibung der Prinzessin Halim (30 bis 45 Minuten) schenke ich meinen Lesern. Sie hatte Augen wie eine Gazelle und Zähne wie ein Elefant, pardon einen Busen aus Elfenbein etc.

Daß Ali Halima und Halima Ali liebte, haben meine Leser so wie so schon erraten, aber die Geschichte wird böse, denn der Khalif liebt auch Halima und der Khalif ist mächtig – er ist so zu sagen allmächtig!

»Er hatte alle Macht über das Land – alle Macht, die Du über mich hast, Effendi, Du, der Du heute mein Khalif bist!«

Der Khalif will von Halima und Ali nichts wissen, d. h. von letzterem. Kommt ein Schuft dazu mit Namen Soliman, der beim Khalifen eine Art Oberstabel – oder Oberstallmeister ist.

»Khalif!« sagt Soliman »laß mich machen – versprich Ali die Hand Halimas, aber unter der Bedingung, daß er zu Pferd ein Hindernis nimmt, das ich bereiten werde. Laß mich machen! Halima wird Dein sein!«

Soliman nämlich weiß, daß Halima den Khalifen haßt, und er hofft, daß, wenn sie seine Sklavin wird – sie dem Khalifen mit ihm – Soliman – Hörner aufsetzen werde, denn auch er liebt Halima.

Man sieht, die Geschichte kompliziert sich. Ali nimmt die Bedingung an – denn er kann nichts anderes tun, aber er weiß, daß sie ihm das Leben kosten wird.

Einen Abend lang weint Halima in seinen Armen, sie schwört ihm Liebe und Treue – und Halima ist so treu, Effendi, wie ich diese Nacht Dir treu sein werde.

Halima lüftet ihren Schleier, läßt ihn ihr Antlitz sehen, das schön ist wie ein Vollmond aus Rosen und Lilien oder dergleichen – und küßt ihm die Hand.

Der Tag ist gekommen – alles Volk umringt einen ungeheueren Platz und in der Mitte steht das Hindernis – ein Scheiterhaufen, größer als die Aja Sophia in Stambul, zu dem Soliman in der Nacht eigenhändig alles Holz des Libanons zusammengetragen hat Der Scheiterhaufen brennt lichterloh, und große Gräben umgeben ihn obendrein. Ali kommt auf seinem besten Renner zum Rendez-vous.

Auf der Straße steht ein zerlumpter Bettler – und dieser hält an einem Strickhalfter eine Schindmähre mit einer zerfetzten Kotze als Sattel.

»Ali – nimm dieses Pferd – Allah hat Dein Gebet erhört – noch heute wirst Du Khalif sein, und noch heute wird Halima vor Dir ihren Gürtel lösen.«

Ali sitzt auf – und schnallt sich hölzerne Sporen an, die ihm der Bettler überreicht.

Er kommt mit seinem Gaul, der ein Confortabelkrampen ist, wenn es damals schon Einspänner in Bagdad gab, auf den großen Platz.

Er grüßt den Khalifen in seiner Loge – und galoppiert. Er humpelt, denn sein Renner ist krumm auf allen vier Füßen. Alles lacht, alles spottet, alles glaubt, daß Ali vernichtet wird, die Prinzessin Halima, tief verschleiert auf einer Tribüne, weint, der Khalif reibt sich die Hände, und Soliman schleckt sich die zehn Finger. Zum zweiten Mal humpelt Ali an der Prinzessin vorüber, zum zweiten Mal grüßt er sie und nun steckt er seinem Krampen die hölzernen Sporen . . .

Der Gaul galoppiert nicht mehr – er rast – er fliegt – gerade aufs Hindernis. Atemlos starrt das Volk, starrt der Khalif, starren Soliman und Halima! Ali ist vor dem Graben!

Der Gaul setzt an – verschwindet in den Flammen, erscheint einen Augenblick hoch oben in den Lüften zwischen den Rauchwolken – nimmt wieder Boden und . . . humpelt weiter wie er es zu Anfang tat.

Hurra! Hurra! brüllt das Volk.

Und der Khalif ist toll geworden:

»Was mein Untertan tat – kann ich – der Khalif – auch«, –        schreit er.

»Man bringe mir mein edelstes Schlachtroß aus meinem Stalle!« heult er.

Man bringt zwei, die edelsten Renner des edelsten Blutes.

Der Khalif sitzt auf und Soliman muß dasselbe tun.

Der Khalif ist ein Held und der beste Reiter (nach Ali versteht sich).

Er spornt sein Tier mit seinen goldenen Sporen bis aufs Blut – er läßt es aus – es galoppiert Hinter ihm Soliman.

Die Funken sprühen unter den Hufen der beiden edlen Hengste. Lautlos still ist es geworden, das Volk starrt.

Beide Reiter sind vor dem Graben – sie setzen an, sie verschwinden in den Flammen . . . . Hoch schlagen die Flammen auf – und nichts mehr –

Allah hat das gewollt, schreit das Volk, es lebe Ali unser Khalif.

Am Abend sitzt Ali in lauter Gold und Seide gekleidet auf einem Thron aus Gold und Elfenbein. Er klatscht in die Hände. –

Die Tür öffnet sich und Halima erscheint – sie ist in einen weißen Schleier gehüllt, der ganz ihre Gestalt verdeckt. Dreimal kniet sie nieder – bis vor den Thron. Ali steht auf – er hebt und umarmt sie. Er nimmt ihr den Schleier ab – er sieht ihr offenes Haar – er sieht ihre Arme, bloß bis zu ihren Schultern – und ihre kleinen bloßen Füße. Halima trägt ein Hemd aus weißer Seide und einen silbernen Gürtel.

Er löst den Gürtel – und öffnet ihr Hemd auf ihren Achseln – sie legt die Hände vor ihr Gesicht – aber sie wehrt sich nicht.

Halima steht vor ihm ganz nackt – und er setzt sich, um sie mit den Augen zu verschlingen. Dann ruft er sie und sie kniet nieder. »Und« – die Odaliske hat dasselbe getan – »tue mit uns alles, Effendi, was Du glaubst, daß Ali mit Halima getan!« Das Resultat ist nicht übel – aber es hat zwei Stunden gedauert oder mindestens 1½.

Alte Kümmeltürken – d. h. Orientalen vieux jeux – begeistern sich an diesen oft noch kindischeren, nie aber frivoleren Erzählungen. Es ist bekannt, daß der Morgenländer allgemein gerne erzählen hört. Es gibt solche Geschichten dutzendweise, hunderte, tausende – die im Rahmen des Gesagten für jede Situation, jeden Besucher – und jeden Geschmack passen. (An anderen Orten hört man allerdings auch Geschichten, bei denen ein Kürassierwachtmeister erröten würde.) Jungtürken (ich meine nicht diese türkische politische Sekte, sondern die zahlreichen europäisch geschulten und gebildeten Orientalen) ergötzen sich dabei – wenn nicht am Inhalte – so doch an den Zwischenfragen und Randbemerkungen und an der oft sehr herzigen Augen- und Arm-Mimik wie an der Stimme der erzählenden Odaliske.


* * *


Mit Ali und Halima bin ich meiner Geschichte voraus gehumpelt Beim Eintritt in ein solches Haus entrichtet der Gast in die Hände einer zumeist schwarzen Pförtnerin die Taxe, die nach dem Orte und der Güte des Hauses natürlich stark variiert, und nun hört er nicht mehr von Geld reden – es gibt kein Strumpfbandelgeld etc., das direkt eine Beleidigung wäre; doch kann man als Stammgast harmlose Geschenke bringen, als Süßigkeiten und hunderterlei anderes, das sich zu kleinen cadeaux eignet, die freudig angenommen sind.

Diese Prostitution ist vielleicht in der Praxis direkt Sklaverei – aber im patriarchalischen Sinne, die Odalisken gehören und fühlen sich zum Hause. – Es gibt hier keine Zuhälter en titre, wie in Europa, die verschwinden, wenn Gäste kommen.

Die Pförtnerin oder eine andere geleitet den Gast bis zur Tür des . . . Harems. In den guten Häusern führt dieser Weg über ein Badezimmer, in dem gewöhnlich eine kleine nackte Negerin bedient – und dann ist es überhaupt Sitte, soweit man kann im Sonntags- bezw. Feiertags-Staat zu erscheinen.

Die Hausfrau – eine ältere oder jüngere Person – die zumeist selbst Odaliske war – sitzt reichgekleidet zwischen ihren Pensionärinnen am Boden auf einem Wust von Teppichen und Polstern.

Man plaudert – scherzt – raucht – trinkt Kaffee – spielt Würfel um die . . . Ehre oder dergleichen. Die Zahl der Mädchen wechselt natürlich mit dem Hause, fünf, zehn, zwanzig, fünfzig und mehr, im Alter (nach dem Lande verschieden in den Extremen) durchschnittlich von 12–24 Jahren. Meist gibt es nur weiße (weiß-gelbliche) und braune (importiert aus Arabien und Indien), Negerinnen figurieren so ziemlich nur als Dienerinnen. Die Odalisken tragen allerlei Nationalkostüme, doch wäre die Regel, d. h. das Häufigste: offenes Haar (meist schwarz und braun, selten blondlich), bloßer Oberkörper und ein seidenes Lendentuch in allen Regenbogenfarben – das sie rockartig von den Hüften bis zur Wade bedeckt Natürlich sind alle barfuß, besitzen aber für Gänge über den Hof und Korridore Pantoffeln aus rotem Leder oder aus farbigem Plüsch. In den niederen Klassen des Volkes hat die Orientalin gewisser Länder die schauderhafte Gewohnheit, sich Hand- und Fußnägel rot zu färben. – In diesen Häusern sind Hände und Füße tadellos soigniert (keine Hautverdickungen, Hühneraugen etc. zu finden.)

Mädchen, deren Brüste nicht völlig tadellos sind, tragen ein durchsichtiges, ärmelloses oder flügelbeärmeltes Hemd.

In seltenen Häusern sind die Odalisken völlig nackt Um einen (den gewöhnlichsten) Durchschnitt zu nehmen, betreten wir ein Haus mit drei Dutzend weißen und einem halben Dutzend braunen, halb nackten Odalisken von 12–18 Jahren mit in Gold, Silber oder Seide gestickten, mehr oder minder funkelnden Lendentüchern in allen denkbaren Farben von weiß, Silber, über rosa, lila, blaß-blau, blaß-grün, zum dunkelblau, grün, rot, gold, schwarz!

Der Eindruck – rein vom ästhetischen Standpunkte – ist wirklich schön und wohltuend nach den gemeinen und obscönen Dekolletagen der europäischen Prostitution.

Tritt ein Gast ein, so fährt alles auf. Die Hausfrau, völlig bekleidet, gestickt und vergoldet, eilt ihm entgegen, die Odalisken eilen zu einer Wand, stellen sich nebeneinander der Reihe nach auf, senken die Köpfe und bedecken sich das Gesicht mit den Händen. Es ist nicht Scham, denn sie gucken neugierig lächelnd durch die Finger, aber sie grüßen sich nicht. Der Gast hat Platz genommen, die Hausfrau sitzt ihm vis-à-vis und zwei zwölfjährige splitternackte Negerinnen mit je einem farbigen Seidentüchel auf ihrem respektiven Krauskopf und mit einer Korallen-, Perlmutter- oder Bernsteinschnur um den Hals, servieren geschickt Kaffee, Zigaretten oder sonst etwas.

Eine Weile später steht der Gast auf, der bis jetzt mit der Hausfrau übers Wetter getratscht und nicht ein einziges Mal zu den Odalisken geschaut hat, und nähert sich der lautlosen Gardekompagnie-Front.

Er grüßt – korrekt – etwas kalt, vielleicht – da der Mann im Orient auf sein Prestige hält – etwas hochmütig!

Alle Odalisken erwidern stumm auf einmal den Gruß, d. h. sie beugen den Oberkörper weit nach vorne, bis der Rücken ihrer weit nach vorne gestreckten rechten Hand fast den Teppich berührt Sie erheben den Leib, führen die flache Hand zum Munde und dann zur Stirne – und bedecken sich wieder mit beiden Händen das Antlitz.

»Ich nehme den Staub von Deinen Füßen, küsse ihn, und streue ihn auf mein Haupt.«

Der Gast nähert sich dem Flügelmanne – dieser d. h. diese zieht nun rasch die Hände vom Gesicht weg – und kreuzt die Arme auf dem Rücken.

Der Kopf bleibt gesenkt – bis er ihr Kinn nimmt. Er streichelt ihr das Haupt – läßt wie zerstreut ihr Haar durch seine Finger gleiten, geht über zu ihren Wangen – nimmt das Kinn, richtet ihr den Kopf auf – öffnet ihr die Lippen, um ihr Gebiß zu sehen – nähert seinen Kopf ihrem Munde, läßt sich anhauchen, um sich von ihrem reinen Atem zu überzeugen, fährt ihr mit der Hand über die Achseln, um die Weiche ihrer Haut zu prüfen, drückt je einmal mit dem Handrücken gegen ihre Brüste und fährt endlich mit der Hand über ihren Oberarm.

Nun hebt das Mädchen ihre Arme über den Kopf und biegt diesen etwas nach rückwärts. Sie zeigt, daß nicht der leiseste Flaum in ihren Achselhöhlen sichtbar ist. Dann kreuzt sie wieder die Arme auf dem Rücken.

»Sie ist noch Jungfrau für Dich (d. h. Du kennst sie noch nicht),« sagt die Hausfrau, die bis jetzt hinter dem Gast stand und nun vor-kommt, um dem Mädchen das Lendentuch abzunehmen. »Ich empfehle diesen Körper, den ich Deinen Blicken enthülle, Deiner Wahl.«

Die Odaliske bedeckt nun wieder ihr Gesicht und senkt den Kopf – er betrachtet sie nackt – doch gibt es keine weitere Betastung.

Scham ist dies nicht – außer wenn das Mädchen dies das erste Mal durchmacht – dafür ist der Anstand und der Respekt echt. Beides ersetzt in einem öffentlichen Hause vollkommen Scham, ja, es gibt eine Illusion, die dieser sehr nahe kommt. Das erste Mädchen bleibt nun – regungslos – nackt und der Gast geht zur zweiten über, diese z. B. kennt er.

»Gegrüßet seist Du, Myriam, Allah sei mit Dir, wie geht es Dir, seit ich Dich das letzte Mal sah?«

»Danke, Effendi – ich bin stolz, daß Du Dich der Stunde, wo ich Deiner Lust gedient, erinnerst – es geht mir gut – und wie geht es Dir« . . . usw.

»Ich entblöße, sagt die Hausfrau, einen Leib, den Du wohl kennst, betrachte ihn von neuem, vielleicht mag er ein neues Mal Deine Begierde erwecken« usw. – bis zur letzten. Alle sind nun nackt.

Der Gast nimmt nun wieder Platz. Auf einen Wink der Hausfrau machen die Odalisken links (oder rechts) um – und betreten im Gänsemarsch vor ihm einen großen Kreis. Der Gang ist langsam, der Körper ruht etwas länger auf jedem Fuß (jeder Fußspitze) als bei einem gewöhnlichen Spazierengehen. Die Bewegungen haben eine vage Ähnlichkeit mit jenen des Schlittschuh-Bogenlaufens – der Oberleib folgt nach rechts und links, beugt sich etwas nach vorne und weit nach hinten. Die Arme über den Kopf gebogen, runden sich und folgen ebenfalls den Windungen des Körpers. Das ganze ist graziös und läßt besser als alles andere jedes Detail der Formen erkennen. Mehrere Male drehen sich die Odalisken alle auf einmal auf den Fußspitzen um ihre Achse und schreiten dann wieder weiter. Sie schreiten nach vorne und nach rückwärts, sie drehen und winden den Oberleib, stehend, sie gehen, sie laufen und sie vollführen das Ganze, um einen Reitschulausdruck zu gebrauchen, »auf der linken« und »auf der rechten Hand« – mit »Touren wechseln! Umkehrt wechseln! Kurz links kehrt Euch!«, »Aus der Reitschule!« etc., denn das ganze hat ein Ende, auf einen Wink des Gastes, der währenddem 5, 6 oder mehr Mädchen gewählt hat.

Diese bezeichnet er der Hausfrau, jedesmal sobald die Betreffende bei ihrem Kreislauf gerade vor ihn gekommen ist – und einzeln treten die Gewählten aus, um abseits eine kniende Kompagniefront zu bilden. – Alle haben nun den »Kreis der Demut«2 verlassen und stellen sich wieder zur Wand – an der sie gestanden, bis auf die Auserwählten.

Die beiden kleinen Negerinnen, die während des Tanzes, in der Mitte des Kreises sitzend, getrommelt haben, um den Takt zu geben, schleppen eine gepolsterte Bank herbei und stellen diese vor einen Spiegel.

Gerufen von der Hausfrau, kommen die Auserwählten nun einzeln zu einer Stichwahl.

Das Mädchen streckt sich flach auf dem Rücken auf die Bank aus und läßt, als sei es gekreuzigt, die Arme zu beiden Seiten, mit nach aufwärts gedrehten Handflächen, zu Boden fallen.

Die Hausfrau zeigt dem Gaste die Füße des Mädchens, zieht ihr einzeln die Zehen auseinander, und er fährt ihr einmal mit der Hand von den Knien an ab- und aufwärts.

Aber nichts – nicht das Leiseste dabei ist roh, gemein oder obscön.

Nun neben der Bank stehend, die Arme auf dieselbe gestützt, beugt er sich etwas über das Mädchen. Sie sieht gerade mit offenen Augen zu ihm auf, dann schließt sie diese, und endlich dreht sie den Kopf einmal nach links und rechts. So sieht er ihr Gesicht – in allen Stellungen, in denen er es später in ihrer Umarmung sehen wird.

Das Mädchen dreht sich um ihre Achse, d. h. legt sich auf ihre Vorderseite, und wieder dreht sie den Kopf einmal flach auf jede Seite.

Endlich erhebt sich die Odaliske in ihre Knie und stützt ihren nach vorn gebogenen Oberkörper auf ihre ausgestreckten Arme. Er hat sich aufgerichtet, fährt mit der Hand über ihre Waden, schenkt einen Blick ihren immer rosigen Sohlen und fährt endlich mit den Händen unter ihren Achseln durch, um voll ihre Brust zu nehmen.

In demselben Augenblick dreht sie den Kopf, den sie bis jetzt gesenkt hatte, und reicht ihm ihre Lippen zum Kusse.

Nun ist sie endgültig erwählt. Alles bisher, außer dem beginnenden Glühen seiner Augen und vielleicht bis auf seine obige letzte Bewegung, hat sich so (ich möchte sagen kalt) korrekt abgewickelt, daß man dabei den Endzweck alles dessen vergessen könnte.

Das erwählte Mädchen kniet wieder nieder, wo es war.

Nimmt er ihre Brust nicht, so kehrt sie zu denen zurück, die mit ihren Händen ihr Gesicht bedeckend an der Wand stehen.

So folgt die Zweite, die Dritte usw. zur Stichwahl.

Von diesen bleiben vier endgültig Erwählte übrig, was aber nicht heißt, daß man sich nicht in der Regel mit einer begnügen kann. –

Man wählt jedoch selten mehr als vier. Warum?

Der Koran gestattet vier legitime Frauen, mit dieser Zahl will man der Prostituierten zeigen, daß man sie achtet wie ein legitimes Weib, – eine Form, nichts weiter! – aber mit tiefem Fond!

Allerdings kann man auch alle wählen, d. h. gegen so und so viel das Haus eine Nacht für sich allein sperren lassen. – Dann wird eine Orgie daraus – aber eine Orgie (vergleiche später) von tadellosem Anstände. Der Gast nimmt wieder Platz, die kleinen Negerinnen entfernen die »Bank der Ergebung«3 und nun kommen die vier Auserwählten (die oft eine einzige sind), knien nieder und küssen den untersten Rand des Teppichs, der ihres Gebieters Sitzgelegenheit bedeckt, dann küssen sie ihm die Hand und reichen ihm zum Schlusse zu demselben Zwecke ihre Lippen.

Nun kleiden sich alle anwesenden Mädchen an, d. h. hüllen sich in ihre respektiven Lendentücher, – im Orient hat man immer lange Zeit . . . zu allem.

Wären mehrere sich untereinander unbekannte Gäste anwesend, so findet die Stichwahl (auf der Bank) für jeden Gast allein in einem anderen Raume statt. Die erste Wahl dagegen vollzieht sich im gemeinsamen Salon nach dem Rechte der Erstgeburt, d. h. nach der Reihenfolge des Ankommens.

Die vier erwählten Mädchen sind nun Sklavinnen dessen, der sie erkoren, die anderen sind ihm gegenüber frei – das bedeutet, daß die vier erstgenannten sich zu je zwei rechts und links neben ihm am Boden niederlassen und sich nebenbei mit Kaffee-Einschenken, die Tasse halten, Zigaretten anzünden, Kühlung fächeln usw. nützlich machen müssen. Nebenbei dürfen sie ihn ungefragt nicht ansprechen. Im Gegenteil ist es ein besonderes Zeichen der Huld, wenn er sie in die Konversation zieht, was immer nach einer viertel oder halben Stunde geschieht. Die männliche Würde verbietet dies gleich zu tun, ja, der Mann würde sich in den Augen dieser »Sklavinnen« selbst lächerlich machen.

Dafür aber sprechen ihn die Zurückgestoßenen sofort an. Diese sitzen im Kreise mit der Hausfrau (vis à vis) um ihn herum und trinken wie er Kaffee etc., was die vier vorläufig auch nicht tun, bis der Gast sie dazu auffordert – All dies ist übrigens einfach politesse!

»Herr!« sagt eine der »Freien«, »gewiß bist Du viel gereist, erzähle uns etwas – wir bitten dich darum – von dem was Du gesehen hast.«

Es gibt Geschichten, mit denen man immer Glück hat, z. B. mit einer Beschreibung des Selamliks (Freitagsgebetes S. M. des Sultans) in Stambul. Die Mädchen haben das tausendmal gehört, aber es interessiert sie immer. Man sagt also, daß man weiland Gochsi Osman Pascha sah, daß dieser im Wagen des Padischah sitzt, und daß dieser Wagen von zwei Lippizanern gezogen wird oder wurde, die ein Geschenk des Kaisers von Österreich sind. Besser ist es sogar, aus diesen Lippizanern Trakehner zu machen, denn obzwar diese Mädchen zum Teil Reitervölkern entstammen, sind ihre hyppologischen Kenntnisse über europäische Gestüte nicht groß genug, um den Schwindel zu entdecken – dafür aber kennen sie Wilhelm II. besser als Franz Joseph. Sofort erfährt man – se non è vero & ben trovato – daß der deutsche Kronprinz bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel die schönste Circassenjungfrau geliebt und alle anwesenden Circassinnen glauben sogar, diese als Kind in ihrem Kaukasusdorf gekannt zu haben.

Die Liebe des Sohnes des alemángoli sultans ist so etwas wie ein Band zwischen Deutschland und dem Islam.

Ja, der deutsche Padischah liebt uns, sagt eine mit dankbarer Überzeugung! – Auch von Europa kann man erzählen.

»Warst Du in Paris?« fragt eine andere. »Ist Paris wirklich viel viel größer als Panssa?«

»Paris ist wenigstens dreimal so groß wie Tiflis,« antwortet ihr ein anderes Mädchen, eine kleine Tartarin.

Natürlich erregt auch eine Beschreibung der Adelsberger Grotte, oder was immer sonst, Staunen!

»Gibt es in Deinem Lande so viel Schnee wie bei uns, Herr!« fragt eine neue.

»Wo bist Du her?«

»Vom Don! Ich bin Kosakenkind.«

»Bist Du Christin?«

»Ja,« antwortet sie und bekreuzigt sich zum Beweis nach griechischem Ritus.

»O, unsere Schwester,« unterbricht eine Odaliske aus Samarkand, »glaubt an Gott wie wir, nur hat er auch einen Sohn und eine Mutter.«

»Das macht nichts,« sagt das Mädchen vom Don, »wir sind vom selben Blut, wir und die Tartaren«.

»Hier und da habt ihr Euch aber schon geprügelt!« sagt der Gast

»Brüder schlagen sich oft,« antworten gleichzeitig die Kosakin und ein Tartarenmädchen aus Kasan, »aber unsere Männer hassen sich nicht darum, ein Mann muß hier und da wild sein, sonst ist es kein Mann.«

»Herr,« sagt eine neue, nachdem der Gast erzählt hat, daß es in Wien einen Prater und bei Kairo Pyramiden gibt, »Du hast so viel gesehen, ärgerst Du Dich nicht, wenn ich Dir etwas zeige, was nach alledem keinen Wert für Dich haben kann – aber ich kann Dir nichts anderes bieten!«

»Zeige es mir – ich bin neugierig!«

»Danke!«

Sie springt auf und verschwindet, von einer anderen, die ihr dabei behilflich sein wird, gefolgt.

Eine Minute später kommen beide wieder; die Helfende stellt ein Dutzend kleine Holzpflöcke zu Boden und aus diesen steht je ein etwa 15 cm spitzer Stahlstift in die Höhe.

Die andere hat drei Brillenschlangen um ihren Hals und ihre Arme gewunden. (Natürlich sind die Giftdrüsen ausgebrannt.)

Sie grüßt nun den Gast, legt mit einem Ruck ihr Lendentuch ab und tanzt nackt zwischen den Stiften, die das gefährlichste dabei sind. Der Tanz, zu dem alle anderen Freien den Takt schlagen, erinnert mit etwas Phantasie an einen gyozs-csárdás.

Die Schlangen dabei haben keinen anderen Zweck, als ihr zu erlauben, sich und im speziellen ihre Arme graziös zu winden. Nach beendetem Tanze küßt sie dem Gast die Hand.

»Was Du mir gezeigt, hat meinen Augen so wohl getan wie alles, was sie sonst betrachtet haben, und weil Du selbst Deiner Kunst würdig bist, will ich Dich morgen, wenn ich wiederkomme, im Bett mit meinen Armen umschlingen, wie es Deine Schlangen tun.«

Sie küßt erfreut nochmals seine Hand, springt auf, trägt ihre Bestien und ihre Stifte weg, kommt wieder, nimmt ihr Lendentuch und setzt sich nieder.

Man muß Wort halten. Kommt man morgen wieder, so eilt sie, sobald der Gast sich niedergelassen, ihm entgegen, entkleidet sich, küßt den unteren Rand seines Fauteuils und bietet ihm ihre Lippen.

Die Wahl entfällt.

Schlechtes Beispiel verdirbt gute Sitten! Das ist bekannt.

Eine Zweite produziert sich, gleichfalls nackt, im Jonglieren von drei Billard-Kugeln. Sie ist graziös und nackt, sonst würde sie bei Ronacher nicht viel Aufsehen erregen.

Eine Dritte nun, im selben Kostüm vor dem Gaste stehend, sagt ein Gedicht auf. Diesmal ist es ein Gedicht und gruselig dazu.

Ein liebliches Kind schöpft Wasser aus einer Quelle – und sieh da, ein Wolf kommt daher.

Es handelt sich da um ein durch schlechte Aussprache erzeugtes Wortspiel. Wolf, Kurde = Kurd, Kürd.4

Natürlich ist der Rest zu erraten, der grimmige Wolf ist ein noch grimmigerer Kurde. Die ersten Strophen lassen einen Zweifel.

Er wirft sich auf sie – er wirft sie nieder – er fletscht die Zähne, denn er ist toll vor Hunger – er beißt . . . etc.

Dann, wie der Wolf Kurde geworden, reißt er ihr das Hemd vom Leibe, schnallt ihr die Arme auf den Rücken usw.

Die Sache ist gruselig, klar, aber nicht im mindesten gemein oder zotenhaft.

Wie weit ist man da – von Europa – und von den heulenden, schreienden Gästen und Freuden(!)mädchen. (Welche Ironie dies Wort.)

»Auf der grünen Wiese, hab ich sie gefragt.«

Um wieviel geistreicher, mindestens witziger, ist die Geschichte vom Wolf, um wie vieles erhabener.

Die kleine Aufsagerin ist keine Sarah Bern-hard, aber ihre Pantomime ist herzig, sie mimiert graziös, wie sie das Hemd verliert, das sie nicht an hat, sie mimiert gut ihre Scham, Angst und Verzweiflung – endlich, bevor die Sache obscön werden könnte – fällt sie in Ohnmacht

Das Gedicht hat aber doch gewirkt – es ist Mitternacht – man ist da seit 8 Uhr abends, der Gast steht auf.

Alle schnellen in die Höhe, bilden Spalier und verbeugen sich, die Arme auf der Brust gekreuzt, die Handteller auf ihren Brustwarzen.

Die vier Erwählten eilen dem Gast voraus bis zur Tür, stellen sich dort zwei zu zwei rechts und links derselben auf und verbeugen sich, während er sie durchschreitet.

Sie eilen ihm nun Ober den Korridor noch-mals voraus, halb nach rückwärts trippelnd, so daß sie ihm ihr Gesicht zudrehen und wiederholen dasselbe vor dem Eingange zum Schlafgemache. – Dieses besteht aus einem Gemach, genre Boudoir mit einer von einem Vorhang völlig abgesperrten Art Alkoven, in dem das Bett steht, und einem Toilettekabinet.

Ich muß erwähnen, daß in den guten Häusern dieses Genres, wie ich schon gesagt habe, es Sitte ist, ein Bad zu nehmen, ehe man empfangen wird. Bei diesem bedient eine Negerin, die von Geschlechts- und Hautkrankheiten etc. so viel versteht, wie ein Klinikvorstand. Diese assentiert den Gast regelrecht. Resultat = Syphilis unbekannt.

(Das gleiche passiert in Tokio d. h. in Japan überhaupt, und dort, während die Syphilis in Europa erschreckend zunimmt, nimmt sie erschreckend ab. Allerdings sind dort die Spitäler musterhaft modern und die Polizeivorschriften intelligent. Die Assentierung des Gastes besorgen im Joshivarra von Tokio in der Regel ganz junge Ghaisaelevinnen von 8–12 Jahren, die den Gast mit hundert Artigkeiten entkleiden und dann mit einem Kimono wieder bekleiden, ehe er zur früher gewählten Ghaisa Eintritt bekommt. Diese Wahl erinnert an die beschriebene, ist aber weniger kompliziert.)

Wie der Gast im Schlafgemache eingetroffen ist, nimmt er Platz, die vier Sklavinnen stellen sich ihm gegenüber auf und enthüllen sich sodann alle auf einmal gänzlich.

Er ruft eine und diese bleibt nun in seiner nächsten Nähe, um ihn nochmals mit Kaffee, Zigaretten, usw. zu besorgen.

Endlich läßt sie sich zu ihm auf die kleine Ottomane gleiten, er legt ihr einen Arm um die Mitte und sie erhebt, so oft er den Kopf zu ihr senkt, den ihren zu ihm, um ihm ihre Lippen zu reichen.

Sie heißt der Ofen, denn sie ist da, um ihn einfach durch die Nähe ihres Leibes zu erhitzen.

»Zeige mir Deine Liebe!« befiehlt er der zweiten.

Dies ist wieder ein Tanz, ein Tanz, der nichts gemein hat mit dem schauderhaften nordafrikanischem Bauchtanze, zwar nichts an Klarheit zu wünschen läßt, doch in keiner einzigen Bewegung roh oder gemein ist Das Mädchen vor ihm stehend, dann am Teppich liegend, windet sich, als wäre es von seinen Armen umschlossen. (Dagegen gibt es keine Produktionen zu zwei Mädchen, wie in Europa.)

Allerdings gibt es Tänze zu zweien, aber diese sind reine Choreographie und keine Simulation der Liebe. Hier und da ein Prüfstein der Geschicklichkeit. Zum Beispiel tanzt ein Mädchen auf ihren Fußspitzen einen rasenden Wirbel zwischen den Schulterblättern oder zwischen den Brüsten einer anderen, die am Boden liegt, usw.

Gehen wir zu einer Operation – zum Sadismus!

Bitte mir aber nicht sagen zu lassen, daß alle Orientalen Sadisten sind. Allerdings soll sich gegenwärtig der Kaiser von Annam damit unterhalten, seine Frauen bei den Zehen an den Plafond zu hängen, ihnen goldene Nadeln durch die Brüste zu stecken und endlich den Bauch aufzuschlitzen, doch ist Se. Maj. da so sehr Ausnahme, wie es der Marquis von Sade in Europa war. Andererseits dürfte der Masochismus beim Orientalen nicht existieren. In Europa (ich will nicht im mindesten behaupten, daß viele Herren sich dieses Vergnügen leisten) kann man sich vor einem Spiegel auf eine rote Plüschottomane anschnallen lassen. Dazu gehört eine nackte Donna mit Hühneraugen an den Füßen, die sie in schwarzen Seidenstrümpfen und Lackschuhen versteckt. Sie hält zwei Nicoloruten in den Händen, macht ein dummes Gesicht, gähnt ein paarmal und drischt aufs Kanapee los, denn sehr ernst ist es dem Herrn nicht darum zu tun, Plesch zu bekommen.

Erbärmlicher Wahnsinn!

Der Sadismus mag auch Wahnsinn sein, aber er ist nicht erbärmlich.

Nr. 3, d. h. die drittgewählte des obigen Gastes, dem ich also pour le besoin de la cause sadistische Ansprüche voraussetzte, wird also von zwei zu diesem Zwecke herbeigeholten Negerinnen gefesselt.

Diese alten Schwarzen tragen schneeweiße Hemden, ein feuerrotes Lendentuch und einen ebensolchen Bolero, dazu sind sie je mit einem Kurbatsch bewaffnet.

Soll die Sache kompliziert werden, so bekommt die Odaliske, ehe man ihr die Fußgelenke mit Ketten umgibt und ehe man ihr die Hände auf den Rücken schnallt, ein Hemd und ein Lendentuch.

So wird sie vor den Gast gestellt.

Negersklavinnen sind die gutmütigst-respektlosesten Wesen, die man sich vorstellen kann, und diese beiden, dem Hause zugeteilten Obertorquemadorinnen sind alles, nur nicht bösartig.

»Herz,« sagt die eine Schwarze feierlich, »diese Jungfrau will sich nicht vor Dir entkleiden, wir werden sie belehren, Dir gehorsam zu sein!«

Dies ist feierlich gesprochen, aber die Negerin kann ohne schlechten Witz nicht leben, der ist stärker, als sie. Sie kraut sich den Kopf.

»Alles recht schön (sie küßt die Odaliske auf den Hals), wir sind niemand mehr hier im Hause, der eine Ahnung hat, wie sich eine Jungfrau benehmen soll, ich am allerwenigsten! wie werden wir da fertig werden. (Schwarze sind zumeist trivial, aber sie sind dies gutmütig, naiv!)

»Infame alte Hexe,« lacht der Gast »Du nimmst mir alle Illusion!«

»Illusion! ich weiß nicht, was das ist, ich sehe nur, daß die Kleine nackt war, und daß Du sie hast anziehen lassen, um sie wieder auszuziehen, und das verstehe ich nicht, und dabei bildet ihr Weißen euch ein, geschickter zu sein, als wir Schwarzen. Ich, die alte, die zu Dir spricht, war auch jung – und mein Seeliger – Gott habe seine Seele gnädig, denn er war ein braver Muselmann – hat mich auch nackt gehabt – aber im Traum wäre es ihm nicht eingefallen, mich dazu zuerst wieder anziehen zu lassen. Nein! so verrückt sind wir Neger nicht!«

»Alte Heugabel, sei still!«

»Gut! gut! seien wir ernst, weil Du diesen Firlefanz ernst sein nennst!« Zu machen ist mit Negerinnen nichts, man muß sie ertragen.

Die Odalisken lächeln, der Gast lacht, und die Schwarzen zucken mit den Achseln, ringen mit den Händen in komischer Weise und betasten sich die Stirne, um zu zeigen, daß sie alle Weißen und Gelben für verrückt erachten.

Ehe die Negerinnen nicht anfangen wollen, muß man Geduld haben.

Endlich erinnern sie sich an ihre Pflicht.

»Also! auf was wartest Du, fährt die eine das Mädchen an. Du bist verkauft, Du gehörst diesem Mann, deinem Herrn, entblöße Deine Brust« usw.

Dabei haben sie der Odaliske die Arme frei gemacht.

Was die Negerinnen sagen und tun, klingt allerdings etwas stark wie ein Phonograph, der eine Schullektion auswendig gelernt hat, wenn man halbwegs gute Ohren hat, denn die Geschichte interessiert die beiden alten Schachteln nicht im mindesten und sie sind im Geiste schon längst wieder bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Schnarchen! Dafür ist die Odaliske mit einem Ruck bei der Sache und sie schauspielert gut.

Das Mädchen bedeckt sich krampfhaft mit beiden Armen die Brust, versteckt diese selbst mit den geschlitzten Flügelärmeln ihres Hemdes, begießt das Ganze mit einer Kopfbewegung mit ihrem offenen Haar, senkt das Köpfchen, schließt die Augen und bleibt regungslos.

Also!

Ich kann nicht! haucht die Odaliske.

Diesmal gehen beide Kurbatsche auf ihre Waden nieder, d. h. die Negerinnen sind geschickt – und darin passen sie auf, wie Heftelmacher – der Schwanz des dick mit Leder aberzogenen Stieles bricht sich am Gesäß des Mädchens, trifft es dort in seiner halben Länge also mit einem Puff, doch ohne jeden Schmerz, und die Schnur tut erst dem Teppich weh, ehe sie die Füße trifft. Man kann sich davon überzeugen, denn nach dieser ganzen Prügelei zeigt die Odaliske nicht den leisesten Striemen und – lacht. Vorläufig verdreht sie die Augen zum Himmel, wie eine siebenfach schmerzhafte Madonna, stöhnt, zittert am ganzen Leibe, wimmert usw.

Der Kurbatsch geht nun auf den Rücken der Sklavin nieder, und diesmal bricht die Negerin hinter dem Mädchen den Schwung des Instrumentes auf ihrem eigenen Unterarme. Das Grausame dabei ist also, daß sich die arme Schwarze selbst prügelt, doch ist sie vernünftig genug, um sich nicht weh zu tun. Endlich stöhnt das Opfer Ja!

Sehr herzig und sehr gut gespielt ist die Szene, in der die Odaliske, mit sich kämpfend und unter einigen neuen, aufmunternden Hieben, sich endlich entschließt, sich bis zum Gürtel zu entkleiden. Sie faßt mit ihren Händen zur Achsel, um dort ihr Hemd zu öffnen, läßt wieder ab, öffnet endlich den verhängnisvollen Knopf, zieht es langsam herab bis über eine halbe Brust, zieht es rasch wieder ganz hinauf, läßt es sich in der Angst entgleiten, fängt es auf, streut wieder ihr Haar ganz nach vorn, gibt sich bloß und versteckt sich hinter ihren Armen. Die Schwarzen nehmen ihr diese und fesseln sie ihr am Rücken, wieder bekommt sie Schläge, und nun entblößen sie die Schwarzen gänzlich. – Alles rutscht zu Boden.

Zum Unglück fallen aber die Negerinnen, denen längst das Ganze zu dumm geworden ist, aus der Rolle.

»Na, Pascha!« (man sagt zu jedem Gutgekleideten Pascha oder Khan) »jetzt ist sie nackt, sollen wir ihr noch etwas ausziehen?«

»Bringt sie mir – und ho! Euch beide der Teufel!«

Sie bringen sie, denn gehen könnte die Sklavin ihrer Fußfesseln wegen nicht und der Pascha zieht das lachende Opfer auf seine Knie.

»Du hast mir Freude gemacht – ich danke Dir!«

Kuß.

»Weißt Du, Herr, es ist nicht leicht, sich wehren zu müssen, wenn man so froh ist wie ich, alles zu erdulden, was Du mich erdulden lassen wirst.«

Zur Belohnung nimmt man ein Stückchen Rahatlucum und füttert die Odaliske, deren Arme noch gefesselt sind, eigenhändig.

»Siehst Du, wie Allah gerecht ist, Du hast mich fesseln lassen, obwohl ich nicht daran gedacht habe, mit meinen Armen zu bedecken, was Du jetzt siehst – und jetzt mußt Du Dich selbst bemühen, um mich zu laben.«

Die Negerinnen sind verschwunden.

Die Kehrseite bei diesem – ästhetisch schönen – und sonst ganz unschuldigen Scherze, dem sich die Mädchen mit demselben Gefühle und Pflichtbewußtsein unterziehen, ja mit derselben Freude, wie sie sich mit ihren Schlangen produzieren, ist jedoch, daß es echte Sadisten geben kann, wie es echte Masochisten gibt.

Was ich da beschrieben habe, ist für das Mädchen nichts anderes als eine Produktion, bei der sie gut ihre Rolle spielen will, um Lob zu ernten.

Der Mann behandelt die Prostituierte gut und mit Rücksichten, von denen man in Europa keine Idee hat (Allerdings muß man dabei mit zwei zu den verschiedenen Charakteren passenden Maßstäben messen.) Sie dagegen denkt offen daran, ihm Freude zu machen, sie ist mit dem Herzen bei der Sache und stolz, wenn sie dieses Ziel erreicht. – Sie setzt ein gewisses point d'honneur, ihm angenehm zu sein.

Es mag in Europa Dirnen geben, die sich wirklich blutig schlagen lassen – und es gibt das Gegenteil.

Man erinnere sich aber, daß ich nur Ausnahmen aufzähle.

Das, was hier Komödie war, kann Wahrheit werden. – Das kann man sich leisten, es ist einfach eine Geldfrage, die ans Haus zu entrichten ist und nicht viel kostet.

Alle diese Häuser tragen diesen Ansprüchen nicht Rechnung, welchen Preis man bieten würde, aber es gibt eines oder das andere dafür, das nur zu diesen und ähnlichen Zwecken eingerichtet ist, und da werden die Odalisken nicht gefragt, ob sie wollen oder nicht und da . . . gibt es keine Komödie.

Hier verwendet man dann als Torquemador nicht Negerinnen, denen dazu das Verständnis und der Kunstsinn mangelt. Die Schwarze kann roh und böse sein, sie ist aber fast immer indolent und darum selten raffiniert. Die Circassin ist es, die ihren Platz einnimmt.

Bizarres Weib, das aus Widersprüchen besteht und aus Extremen! Schönheit oder Scheusal – Masochistin oder Sadistin im Excess. – Ideal von Treue, Demut und Ergebung – Ideal von Haß und Rachsucht Die Circassin ist die Wahrheit selbst und sie ist es, die seit Bagdads Khalifenzeit an der Spitze aller Haremsintriguen gestanden.

»Herr!« sagt die Circassin, »ich habe Dir gerade Komödie gespielt, es macht Dir Spaß, warum prügelst Du mich nicht selbst, lasse mich auf glühenden Kohlen tanzen, wenn es Dich freut – ich tue es mit Freude.«

Liebt sie den Mann, dem sie das sagt – nein! – sie kennt ihn seit vier Stunden, aber er ist ihr sympathisch, er war artig mit ihr, sie will ihm Freude machen, sie will es, und sie ist das Weib, zu tun, was sie will.

Und dieses selbe Weib (nicht dieselbe Person – die einer Fliege kein Leid täte), ein Weib derselben Rasse gibt in den anderen (seltenen) Häusern einen Obertorquemador, den man erreichen aber nicht überflügeln kann, selbst wenn der Gast eigenhändig den Kurbatsch in Bewegung setzt.

Hier gibt es den echten Kurbatsch, mit dem kurzen Stiele und der langen in Draht genähten Schnur aus Rhinocerosleder, an deren drei Kanten der ganzen Länge nach alle 10 cm eine winzige Stahlspitze heraussieht.

»Drei Schläge mit dem Kurbatsch auf den Rücken einer Jungfrau,« sagt ein turcomani-sches Sprichwort, »gibt ihr den Willen, Frau zu werden.«

Und der Kurbatsch ist ein Kinderspiel.

Hier gibt es die feinen Seidenschnüre, die an jedem Fuß die Zehen und an jeder Hand die Finger aneinander schnüren, die Brüste am Brustkorb abbinden und mit zwanzig glatten Windungen scharfkantige Hölzer in die Arme und Beine pressen. Hier gibt es die Martersandalen mit den spitzen Nägeln, die in die Sohle gehen, kleine glühend gemachte Stifte und . . . den Rest. Die Prostitution ist Sklaverei, die überall abgeschafft ist und überall existiert. Zumeist stammen die Mädchen in den trauten beschriebenen Häusern aus privaten Harems, in denen man ihrer überdrüssig geworden ist, doch kommen viele (verkaufte Waisen u. dergl.) als Jungfrau, denn die Orientalin hat nicht die Gelegenheit, vorerst als Mädchen privatim zu fallen, wie die meisten jener, die der europäischen Prostitution anheimfallen.

Ist das Mädchen besonders rein von Gemüt, so hat sie wenig Aussicht im Hause zu bleiben (in dem sie übrigens keinem Gast gezeigt wird), denn die Besitzerin hat allen Vorteil, sie unter der Hand einem Liebhaber zu verkaufen – und dies heißt dann Ehe.

Sonst überwindet das Zureden und das Beispiel ihrer »Schwestern« zumeist bald ihre Bedenken. Die Jungfrau erscheint sodann im allgemeinen Salon, jedoch völlig bekleidet, bestrumpft und beschuht, mit langen Ärmeln, bis sich jener (oder jene, denn es können mehrere auf einmal sein) findet, der sie ersteht. Nun kleiden sich alle anderen Mädchen völlig.

Die Jungfrau wird vor ihren Käufer geführt (einige Häuser lassen ihr insoweit die Wahl, als sie unter den »ersten« Käufern jene zurückweisen kann, denen sie sich nicht geben will) – zwei Odalisken halten ihr die Arme, eine dritte öffnet ihr die weite Pumphose an den Knien und streift ihr die Strümpfe bis zu den Fußgelenken ab. Niedergekniet auf eine Bank, betastet er sodann ihre Waden. Nun zieht man ihr Schuhe und Strümpfe gänzlich ab und zeigt ihm ihre Füße. Nochmals vor ihm niedergekniet, streift man ihr die Ärmel bis zu den Achseln hinauf und läßt ihn ihre Arme betasten, streift sie aus ihrem Bolero und ihrer Blouse und zieht ihr endlich das Hemd zum Gürtel herunter. Diesem folgt endlich alles. Zweimal hat das Mädchen allein den Kreis der Demut betreten, das erste Mal barfuß, das zweite Mal nackt.

Wohlgemerkt handelt es sich in dieser Zeremonie, die nicht immer ganz ohne Heulen und Zähneknirschen vor sich geht, keinesfalls um eine allgemeine Regel, sondern einfach um die »Idee« dieser oder jener Hausbesitzerin. Wie eine andere sich den Spaß machen kann, das Mädchen unvorbereitet nackt vor zehn Gäste auf einmal führen zu lassen. In ihrer Brautnacht ist sie jedenfalls die einzige nackt im Hause.

Nach dem Kreise bleibt sie vor ihrem Besitzer stehen, bis er aufbricht. Sind es mehrere Freunde, die sie bei der Versteigerung erstanden haben, so entscheidet schließlich in der Gegenwart des Mädchens eine Art Tombola die Reihenfolge der Besitzer. Hat sie ein einziger erstanden, so bleibt sie bekleidet und unnahbar, so lange dieser sie für sich allein reserviert. Sonst bleibt sie vom Brautmorgen an acht Tage lang nackt und nimmt hernach erst das Kostüm aller anderen.

All dies sind jedoch Dinge, die so ins hundertste wechseln können, daß es keine Regel geben kann. Ich sage einfach, das kann passieren, nicht das, was z. B. in Herat passiert, geschieht auch in Samarkand usw.

Jungfrauen in den anderen angedeuteten seltenen Häusern machen ähnliches durch, mit der Zugabe aller Roheiten. Es wäre aber sehr unrecht, dafür den Orient verantwortlich zu machen. Dasselbe ins Europäische übersetzt, passiert auch in Europa. Ja! Es tut mir leid! nochmals ja!

Nur muß man sich vor der Polizei in acht-nehmen und ein gutgefülltes Portemonnai haben, um Schweigegelder zahlen zu können. Damit kehre ich wieder zum Gaste zurück, den ich mit der gefesselten Nr. 3 auf den Knien im Stich gelassen habe.

Auch Nr. 4 hat sich nützlich gemacht. Sie ist niedergekniet vor ihm und hält ein Nargilee (Wasserpfeife) am Kopf, sie sitzt auf ihren Fersen, der lange Schlauch gleitet an ihrem Rücken herab, versteckt sich in ihrem Haar und kommt, wie aus ihrem Schoße, vorne wieder zum Vorschein, um von da auf drei Meter Entfernung etwa zu seinem Mund zu führen. So scheint es ihm, als ginge der Rauch durch ihren Leib und das schmeckt bedeutend besser, als eine gemeine österreichische Sultanzigarette.

Sie bietet ihm knieend Süßigkeiten z. B. sogenanntes Studentenfutter und Rahatlucum im Bug ihres Ellbogens, in der Grube ihrer Schlüsselbeine usw. und endlich, während er die Kaffeeschale auf die Sohle ihres nach oben gebogenen Fußes stellt, raucht er mit einer langen Spitze eine Zigarette, die zwischen ihren Zehen feststeckt.

Es gibt tausend solcher Spiele, die, wenn nicht geistreich, nicht im mindesten obscön oder gemein sind.

Vor dem Schlafengehen nimmt er und dann sie ein Bad, ohne dies begegnen sich orientalische Gatten oder Zufallsgatten nicht im Bette. Dabei ist jedes allein. Man badet nur gemeinschaftlich, wenn es sich nicht um eine Toilette – oder um ein Unterhaltungsbad handelt. Mit Pantoffeln und in eine Art Mantel gehüllt, betritt er den Alkoven. Die erste, die er dazu bestimmt folgt, wie er sie ruft, kniet nochmals nieder und rutscht zu ihm, bis sie von der zweiten abgelöst wird.

Lautlos bleiben die anderen drei – hinter den Vorhängen.

Während der Umarmung und den Vorbereitungen zu dieser spricht die Sklavin nicht, um so plauschiger wird sie, nachdem sie ihm gedient und der Orientale kann und darf dem Weibe, das er umarmt – wer es sei – Frau, Sklavin oder Prostituierte, nicht verweigern, ehe sie das Bett verläßt, ihm einfach seinen Namen und sich »ihren Gatten« zu nennen. (Dies sagt viel!)

Erst wenn sie draußen ist, wird er für sie wieder Herr und Gebieter. Ein Abschiedskuß – trennt am Morgen den Gast von den vier Mädchen – Liebe? – nein! – aber eine ehrliche Freundschaft möchte ich sagen, nach einer Nacht, nach der sie sich in die Augen sehen können, ohne sich zu ekeln, sie haben nichts von ihrer Würde verloren, sie hassen sich nicht. Dies ist sehr viel!

Vergesse man nicht daß die Schrift immer ein Deckmantel ist für das, was sie sagt ein schöner oder ein häßlicher, aber sie ist nie wahr – was wahr heißt.

An diesem einen beschriebenen Haus die orientalische Prostitution messen zu wollen, wäre Wahnwitz.

Es gibt noch viel schönere Häuser, aber es gibt auch schreckliche. Dann können die Hausfrauen gut oder böse, die Mädchen heiter oder traurig sein, und die Gäste können einen Schmeerbauch, Zahnweh oder Rheumatismus haben. Das Leben, wo man es nimmt, hat Vorzüge, aber auch alle Fehler.

Der Unterschied, den ich zeigen wollte, liegt im Charakter und dieser bricht immer durch, vom goldbesticktesten Pascha – zum verlaustesten Packträger, vom Maltheser-Ehrenritter – zum Vorstadtzuhälter.

Gewiß existiert ein Unterschied zwischen den beschriebenen Häusern und z. B. den verrufenen Vierteln Alexandriens – ich weiß es!

Auch dort tanzen nackte Mädchen – auf einem Kreise. Sie sind sogar schamhafter als die beschriebenen, denn sie legen das Hemd nur gegen eine Flasche Dreherbier ab – und das Lendentuch gegen deren zwei. Einmal nackt, glauben sie alles getan zu haben – und der Gast interessiert sie nicht mehr, weil er die Taxe bezahlt hat und keine Zugabe mehr aus ihm herauszudrücken ist, außer, wenn er später auf Unnaturen Anspruch macht. Am Kreise der Demut! Kratzt sich eine eine Laus, die zweite gähnt und alle schlafen halb beim Laut einer Trommel, auf die eine d. h. schlafende Negerin, automatisch losdrischt:


Oh Gott! Oh Gott! Oh Gott!
Ist wieder einer tot. Bum! Bum! Bum!


Auch das ist orientalische Prostitution, wie sie der Europäer kennt.


* * *


Der Orientale achtet im Weib die reiche Erbin nicht, weil er nicht weiß, daß ein Weib eine Mitgift bringen kann, er ist nicht galant – – aber er achtet das Weib als solches noch in jenem, gegen das sich der »Zivilisierte« alles erlaubt glaubt.




1 Ich brauche hier Odaliske bewußt falsch – in dem Sinne, den der Europäer zumeist diesem Wort unterlegt.

2 Weil mit Demut die Sklavin sich den wählenden Blicken preisgeben soll.

3 Ergeben in ihr bevorstehendes Schicksal.

4 K. in Wolf = Kurd spricht sich etwa Qu Quurd aus, K. in Kürd = Kurde ist reines K. Unterschied, der sich in Lateinschrift nicht wiedergeben läßt.