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Kleine Perlen – Die Vierte


Sebastian Brands Narrenschiff – 1. Der Büchernarr

Sebastian Brands Narrenschiff mit den Holzschnitten der ersten Ausgaben, Verlag Franz Lipperheide, Berlin, 1872, S. 1 f.

Erneuert von Karl Simrock.

Ein Gelehrter mit Brille, Schlafmütze und rückgestreifter Narrenkappe sitzt vor einem, mit Büchern belegten Doppelpulte und scheucht mit einem Wedel die Fliegen von einem aufgeschlagenen Buche.

Der Vortanz wird von mir gethan,
Der manch sonst nützes Buch gewann,
Das ich nicht verstehen noch lesen kann.

Daß ich vornan hier sitz im Schiff,
Das ist gewiss kein schlechter Griff:
Ein guter Grund ist wohl dabei,
Ich vertrau auf meine Bücherei.

Von Büchern hab ich großen Hort,
Versteh doch selten drin ein Wort;
Halte sie gleichwohl so in Ehren,
Möcht ihnen gern die Fliegen wehren.

Spricht man mir von Gelehrsamkeit,
Sag ich, daheim weiß ich Bescheid.
Damit genügen laß ich mir,
Daß ich viel Bücher seh vor mir.

Mit Ptolomäus wars auch so bestellt:
Alle Bücher hatt er in der Welt
Und hielts für einen großen Fund,
Doch war ihm das Gestz nicht kund,

Noch konnt er sich daraus verstehn.
Auch bei Mir sind Bücher viel zu sehen,
Ich lese doch nur wenig drin.
Was sollt ich brechen Kopf und Sinn,

Mich beschweren mit der Lehre Last?
Wer viel studiert wird ein Phantast.
Drum mach ichs wie die großen Herrn:
Das Lehren laß ich Andern gern.

Zwar hab ich einen groben Sinn;
Doch wenn ich bei Gelehrten bin,
So sprech ich ita meisterlich.
Zum deutschen Orden zähl ich mich,

Denn wenig kann ich von Latein.
Ich weiß, daß vinum heißet Wein,
Cuculus ein Gauch, stultus ein Thor
Und daß ich heiß Domne doctor!

Die Ohren sind verborgen mir.
Man säh sonst bald ein Müllerthier.




1. Der Büchernarr - Narrenschiff

1. Der Büchernarr - Narrenschiff

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