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Das Pfennig-Magazin

Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse

Die Hauptkirche zu Rouen in Frankreich.

18. Mai 1833 - Nr. 3

Rouen ist die Hauptstadt des Departements der Niederseine mit 90 000 Einwohnern, welche einen sehr beträchtlichen Handel treiben, weil die Fluth der Seine bis zur Stadt hinauf steigt, und daher die Schiffe aus dem Meere bis an dieselbe gelangen können. Unter ihren Gebäuden zeichnet sich vorzüglich die sehr alte Hauptkirche aus, von der wir hier eine Abbildung liefern. Gänzlich vollendet wurde dieselbe erst zu Anfange des 13. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit haben Ausbesserungen und Veränderungen, welche man im Innern und Äußern derselben vorgenommen hat, einen großen Einfluß auf ihre Bauart gehabt, welche zur gemischten, und unter die verschiedenen gothischen Systeme des 13., 14., 15. und 16. Jahrhunderts gehört.

Der St. Romanusthurm, dessen Grundlage in sehr entfernte Zeiten zurückzugehen scheint, ist 230 Fuß hoch. Ihm gegenüber steht ein anderer, ebenfalls hoher Turm, welcher der Butterthurm (TOUR DE BEURRE) heißt, weil er von dem Gelde erbauet seyn soll, das die Einwohner für die Erlaubniß bezahlen mußten, in den Fasten Butter zu essen. In diesem Turme befand sich die berühmte Glocke, Georg von Amboise (GEORGES D’ AMBOISE) genannt, welche nach der Behauptung des Astronomen Lalande 35 000 Pfund wog. Ihr Durchmesser betrug nach dem Pater Mersenne 8 Fuß 3 Zoll und ihr Klöppel wog 1838 Pfund. Sie wurde im Jahre 1501 gegossen. Während der Revolution hat man diese Glocke zerschlagen, eingeschmolzen und in Münze verwandelt.

Im Innern beträgt die Länge der Kirche von der großen Hauptthüre an bis in den Hintergrund der Kapelle der Jungfrau Mariä 408 Fuß; diese Kapelle ist 88, der Chor 110 und das Schiff 210 Fuß lang. Die Breite des Schiffs beträgt ohne die Nebenseiten 27, und die Höhe 84 Fuß. Die Nebenseiten haben nebst den Kapellen jede 28 Fuß Breite, und 42 Fuß Höhe. Der Kreuzstock von dem Portal der Buchhändler bis zu jenem der Calande ist 164 Fuß lang. In der Mitte befindet sich unter dem Schlußsteine die 160 Fuß hohe durchbrochene Haube, auf 4 großen Pfeilern rufend, wovon jeder 38 Fuß im Umfange hat und, aus 30 Säulen bestehend, die bündelartig zusammengestellt sind. Noch giebt es vier und dreißig Hauptpfeiler, nämlich: zehn auf jeder Seite des Schiffs, neun Fuß zehn Zoll von einander entfernt, und vierzehn für den Chor. Diese haben eine runde Gestalt und keinen so großen Durchmesser als die andern, so daß der Chor ungefähr vier Fuß größer als das Schiff ist. Der ganze inwendige Raum der Kirche wird von 131 Fenstern erleuchtet.

Die Hauptkirche zu Rouen in Frankreich.

Die Hauptkirche zu Rouen in Frankreich.

Im Jahre 1822 schlug der Blitz in die Kirche, und steckte die Turmspitze und das Dach in Brand. Dieß geschah am 14. Septbr. um 5 Uhr Morgens, wo der Blitz die Spitze der Pyramide Robert Becquet traf, mit seinem gewöhnlichen Ungestüm schneckenförmig um sie herumlief, und sich im untern Teile der Säulenreihen zu verlieren schien.

Der Brand zeigte sich anfänglich an der Grundlage der Turmspitze, und sein scheinbarer Heerd brachte äußerlich kaum die Wirkung einer kleinen Laterne hervor. Wenige Augenblicke nach dem Donnerschlage kam eine zahllose Menge von Nachtvögeln und Dohlen aus dem Turme in großen Säulen unter einem gewaltigen Geschrei durch alle Öffnungen heraus. Die Menge der Vögel, welche in dem steinernen Turme ihren Aufenthalt hatten, war so groß, daß die steinerne Treppe, welche nach der Turmspitze ging, an ihrem dunkelsten Teile ganz mit ihren Knochen und mit den Gebeinen derer bedeckt war, welche die Sperber und andere Raubvögel zu ihrer Beute gemacht hatten. Das Holzwerk war an mehrern Stellen voller Vogelnester, und allenthalben lagen Strohhalme, Wolle, Baumwolle und andere brennbare Stoffe herum, welche augenblicklich durch den Blitz in Brand gesetzt werden mußten.

Von allen Seiten eilte man zum Löschen herbei, allein die große Höhe und das Sprühen der Funken, so wie die Rauchwirbel machten dieß unmöglich; die Herbeigeeilten mußten müßige Zuschauer bleiben. Um 7 Uhr neigte sich die ganze 108 Fuß hohe Turmspitze auf die Seite und stürzte endlich auf ein Haus herab, das sie gänzlich zertrümmerte.

Das Feuer gewährte nunmehr das fürchterlichste Schauspiel; es breitete sich jetzt mit der größten Wuth aus, und zwischen acht und neun Uhr blieb oberhalb des steinernen Turmes nichts weiter übrig, als ein großer Scheiterhaufen, in dessen Mitte Metallströme kochten, welche die steinernen Dachrinnen in glühendheißen Stürzen von sich warfen.

Die Feuersbrunst breitete sich immer weiter aus, und verzehrte das Holzwerk des Dachs mit solcher Schnelligkeit, daß gegen 9 Uhr das ganze Dach des Chors und die Dächer des Kreuzstocks nebst dem dritten Teile des Dachs des Schiffs zusammenstürzten. Erst nach mehrern Tagen wurde man völlig Meister des Feuers, und man konnte die Erhaltung des verstümmelten Hauptgebäudes, Eines der schönsten Denkmäler der gothischen Baukunst, sichern.

Seit diesem Brande war die Stadt Rouen gewissermaßen entstellt, weil sie Eine ihrer schönsten Zierden verloren hatte; allein jetzt sucht man dieses Denkmal der Vorzeit wieder aufzubauen, und man ist mit dieser Arbeit schon weit vorgerückt. Der Baumeister, der dasselbe wiederherstellt, heißt Alavoine.

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