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Dr. Edmund Hahn – Das graue Haus in der Rue Richelieu und Eine Criminalgeschichte

Erzählungen

Dr. Edmund Hahn, Das graue Haus in der Rue Richelieu, Eine Criminalgeschichte, Verlag von F. A. Julien, Würzburg, o. J.
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Das graue Haus in der Rue Richelieu in Paris.

I.

An einem sonnigen Maimorgen gingen zwei Herren über die Brücke in Paris, die den Namen pont neuf führt. Unweit von der Statue König Henri IV., welche die Brücke ziert, blieb der ältere stehen, mit einer raschen Bewegung faßte er die Hand seines jugendlichen Begleiters und sagte: »heute vor siebzehn Jahren« – aber plötzlich hielt er inne und schwieg.

»Was wolltest Du mir erzählen lieber Vater?« fragte der Jüngling und blickte liebevoll den Ersteren an.

»Nichts von Bedeutung mein theurer Alphonse, man muß Vergangenes vergangen sein lassen«; erwiederte der Vater.

Alphonse kannte ihn zu gut, um eine zweite Frage auszusprechen, er bemerkte, daß sein Vater bleich geworden war und mit starren Blicken hinab auf die Seine schaute, welche ruhig dahin floß, nur durch wenige Fahrzeuge belebt. Er wagte nicht zu reden, aber er dachte desto mehr.

Endlich erwachte Herr Henri Maurice, dies war der Name des älteren Herrn, aus seinem Nachdenken und freundlich, wie es stets seine Weise, sagte er zu Alphonse, »Es ist Zeit, Herr Duresnell wird uns erwarten, wir wollen nicht unpünktlich sein.«

»Kennst Du Herrn Duresnell näher, Vater? glaubst Du, daß ich in seinem Hause gut aufgenommen sein werde?«

»Ich weiß, daß Herr Duresnell über große Reichthümer gebietet und ein Mann ist, vor dem sich Jeder tief verbeugt, wenn er auf der Börse erscheint. Es ist meinem Freunde nicht ganz leicht geworden, Dir einen Platz im Duresnellschen Comptoir zu verschaffen, aber da Du Kenntnisse und Fleiß besitzest, wird es Dir nicht schwer Dich anfangs nützlich, und später unentbehrlich zu machen. Du trittst jetzt auf die erste Stufe, welche Dich auf den Weg zu dem Tempel der Zufriedenheit und des Wohlstandes führen soll, siehe zu, daß Du auf dieser nicht ausgleitest«.

»Ich will mich bestreben, Dir Ehre und Freude zu machen, bester Vater, obgleich ich mich lieber der Literatur, als dem Handelsstande gewidmet hätte«.

»Der Literatur?« rief Herr Maurice mit bitterm Lächeln, »angenommen, daß Du mehr Talent hättest, als ich bisher an Dir bemerkte, mehr als ich, wenn Du nicht Dich herablassen willst zu kriechen, zu intriguiren, zu spekuliren und zur Zeit auch zu bramarbasiren, wirst Du stets ein, vielleicht geachteter, aber nie hoch honorirter, nie viel genannter Schriftsteller bleiben. Als Kaufmann hast Du Aussichten, daß Dein Fleiß Dir Früchte trägt, Dein Leben wird ein glücklicheres sein, und nur in Deinem Glücke finde ich meinen Frieden«!

Herr Maurice sprach diese Worte mit so tiefer Bewegung, daß Alphonse lebhaft ausrief: »gewiß, lieber Vater, ich will Alles thun, was Deiner Ansicht nach, mein Glück begründen kann«.

Jetzt standen Vater und Sohn in der Rue-Richelieu vor dem pallastähnlichen Hause des Herrn Duresnell, das dastand wie ein Zeuge aus Zeiten, welche für Frankreich nie wiederkehren mögen.

»Ein altes, graues Haus«, bemerkte Alphonse. »Es steht wohl seit den Zeiten der letzten Valois und hat stets der Familie Melville gehört, bis Herr Duresnell es von seinem Oheim, der kinderlos gestorben ist, erbte«.

Der Portier wies die Herren nach der ersten Etage, wo ein Diener sie empfing.

»Herr Maurice?« fragte der Diener mit einer Verbeugung, »ich habe Befehl, Sie zu Herrn Duresnell zu führen.«

Die beiden eben Angekommenen folgten dem Diener durch mehrere, mit weichen Teppichen belegten Zimmern, endlich rief er in ein etwas dunkles Gemach, dessen Thüre halb offen stand: »Die Herren Maurice, mein Herr?«

»Eintreten!« entgegnete eine heisere Stim­me.

Das Zimmer, welches Vater und Sohn jetzt betraten, war prachtvoll und mit Geschmack eingerichtet, an einem Tische saß Herr Duresnell, das Gesicht durch einen Augenschirm halb bedeckt.

Nachdem Maurice seinen Sohn vorgestellt hatte, sagte Herr Duresnell: »nehmen Sie dieses Buch und lesen Sie daraus vor, Herr Alphonse, aber treten Sie an das Fenster«. Alphonse that es, als er eine kleine Pause machte, sprach Herr Duresnell: »Ihr Organ ist höchst angenehm, und Sie lesen schön, ich hoffe, Sie werden für mich passen. Können Sie schweigen, junger Mann?«

»Ich bürge für seine Verschwiegenheit, sie ist ein Theil der Treue«.

»Gut, gut! Sie werden bei mir im Hause wohnen, mein Kammerdiener hat Befehl, Ihnen Ihr Zimmer anzuweisen, richten Sie sich heute ein, Morgen werden Sie erfahren, was Sie zu thun haben. Guten Morgen, meine Herren«.

Als Vater und Sohn sich allein gegenüberstanden, sagte Alphonse: »Herr Duresnell ist offenbar ein sehr reicher Mann, ob aber glücklich? Auf diese Frage wage ich nicht bejahend zu antworten?«

»Hm, der Mann leidet jetzt an den Augen, das drückt ihn, aber auch arme Menschen sehen zuweilen nicht gut, und für diese ist es noch schlimmer. Sein vieles Geld erleichtert Herrn Duresnell das Leid, welches er zu tragen hat«.

»Das ist wahr«, entgegnete der Sohn.



II.

Zwei Monate befand sich Alphonse bereits im Hause des Millionärs, aber obgleich er einen anständigen Gehalt empfing, nicht zu viel Arbeit hatte und offenbar bei Herrn Duresnell gut angeschrieben war, fühlte er sich doch immer noch nicht heimisch in dem großen Hause, auf dessen langen Gängen sein Schritt widerhallte.

Alphonse bewohnte zwei große, gut möblirte Zimmer, ein Diener brachte ihm täglich sein Frühstück, sein Diner und bediente ihn, aber der Mann war schweigsam und selten glättete sich seine gefurchte Stirn.

Um zehn Uhr mußte Alphonse zu Herrn Duresnell, um ihm die französischen, englischen und italienischen Zeitungen vorzulesen, dann sandte er den jungen Mann mit besonderen Aufträgen auf die Börse und ließ sich später über alles, was daselbst vorgefallen war, Bericht erstatten, obgleich der älteste Handlungsgehilfe das auch that. Im Comptoir, wo es auch sehr still zuging, hatte Alphonse nur selten zu thun, doch lernte er, da er lernbegierig war, und eine scharfe Auffassungsgabe besaß, viel aus den Bemerkungen des Herrn Duresnell, welcher ein kluger Mann war.

Ob Herr Duresnell Wittwer oder nie verheirathet gewesen war, ob er Kinder besaß oder jemals besessen hatte, wußte Alphonse noch immer nicht. Er hatte einmal den Diener, als ihm dieser das Frühstück gebracht hatte, darnach gefragt, aber keine Antwort erhalten.

Eines Morgens, als Alphonse eben beginnen wollte, Herrn Duresnell die Zeitungen vorzulesen, trat der Kammerdiener desselben ein und brachte einen Brief.

»Welches Postzeichen?« fragte Herr Duresnell in seiner kurzen Weise.

»Genf.«

»Ah, von Claudia, geben Sie mir den Brief.«

Herr Duresnell ging an das Fenster, wischte sich die Augen mit einem Tuche und versuchte zu lesen.

»Zu klein geschrieben, warum schreiben die Menschen Alle so klein, und sogar Sie, welche doch weiß, daß ich nur große Schrift lesen kann!« brummte Herr Duresnell, »nehmen Sie Briefpapier Alphonse und schreiben Sie:


Mademoiselle,

auf Befehl des Herrn Duresnell sende ich Ihnen diesen Brief zurück, er erbittet sich den Inhalt desselben umgehend, aber mit großen Buchstaben, da Herr Duresnell kleine Schrift nicht zu lesen vermag. Und nun den gewöhnlichen höflichen Schluß. Hier, legen Sie dieses Briefchen zu Ihrem Schreiben und adressiren Sie: Mademoiselle Claudia Duresnell, Genf, Pensionat von Madame Hallfeld. Lassen Sie den Brief besorgen Alphonse, sprechen Sie aber zu Niemand davon, überhaupt vergessen Sie nie, daß ich Sie augenblicklich entlasse, sobald Sie eine Sylbe von dem sprechen, was Sie in meinem Zimmer lesen, hören oder sehen«.

»Sehr wohl, Herr Duresnell«.


Alphonse hielt Wort, selbst seinem Vater theilte er über das Haus und dessen Bewohner nicht das Geringste mit. Er liebte den Vater von ganzem Herzen, und es machte Alphonse glücklich, daß er von dem ansehnlichen Gehalte, welchen er empfing, einen Theil an den Mann abgeben konnte, der ihm durch Zärtlichkeit und Sorgfalt auch die Mutter ersetzt hatte. In freien Stunden machten Vater und Sohn kleine Ausflüge auf das Land und der letztere war glücklich, zu sehen wie die alte schriftstellerische Thätigkeit den Vater wieder glücklich machte, seit er keine Nahrungssorgen mehr hatte.

Herr Duresnell behielt nur solide Männer in seinem Geschäft, auch wußte er stets zu erfahren ob sie die Kirche besuchten. Er selbst pflegte, wenn er gesund war, jeden Morgen in der nächsten Kirche eine stille Messe zu hören und Klöster und Kirchen erhielten oft reiche Spenden von ihm. An Sonntagen durfte in seinem Hause nicht gearbeitet werden, seine Dienerschaft hatte an diesem Tage vollkommene Freiheit, nur der alte Kammerdiener blieb aus freier Wahl auch diesen Tag daheim und trug seinem Herrn die Speisen auf, welche von einem Restaurant geschickt wurden.

An einem Sonntage erwachte Alphonse später als gewöhnlich. Er fühlte sich nicht ganz wohl und da der Regen wie mit Eimern vom Himmel stürzte, beschloß er zu Hause zu bleiben. Zu seinem Herrn brauchte er nicht zu gehen, er beendigte also rasch sein Frühstück, und setzte sich dann in seinen Armstuhl, um den neuesten Roman zu lesen. Alle Diener des Hauses, hatten dasselbe verlassen, es war noch stiller als gewöhnlich, auch von Außen wurde Alphonse wenig gestört, da Rue Richelieu eine von den Straßen ist, auf welchen nicht viel gefahren wird.

In der Regel ging Alphonse Sonntags aus und erhielt kein Diner an diesem Tage. Weder Herr Duresnell noch der Kammerdiener vermutheten, daß der junge Mann daheim sei.

Alphonse dachte nicht daran, da er aber nach einigen Stunden seinen Roman zu Ende gelesen hatte und kein anderes Buch zur Hand nehmen wollte, kam er auf den Einfall sich einmal gründlich in dem großen, alten Gebäude umzusehen.

Erst stieg er zwei Treppen hinab und ging über die Corridors, der ersten Etage, in welcher Herr Duresnell wohnte, klinkte an einigen Thüren, welche aber alle verschlossen waren. Dann stieg er die zweite Treppe hinauf, und versuchte die großen Flügelthüren zu öffnen, welche sich in der Mitte des Vorsaales befanden. Sie sprangen auf, Alphonse befand sich in einem großen Salon, welcher durch die dunkelviolette Tapete und die violetten Sammetvorhänge etwas Düsteres an sich hatte. Die Mobilien waren offenbar zur Zeit Ludwig des XIV. gemacht und prachtvoll, auf den Marmorplatten der Tische lag Staub. Die großen Kronleuchter waren in Schleier gehüllt.

Jetzt drang, nach langem Regnen, wieder ein Sonnenstrahl durch die Fenster, er erhellte das Portrait einer Dame, welche in dem leichten Costüm der ersten Kaiserzeit von der Wand herablächelte.

Bewunderungsvoll stand Alphonse vor dem Portrait, der junge Mann glaubte, niemals etwas Schöneres gesehn zu haben. Endlich riß er sich von dem Bilde los, und trat in das Nebengemach, auch dies war mit Pracht eingerichtet, die Wände waren mit Blumenstücken geziert, an der einen Seite stand eine Spinett. Noch drei Gemächer durchwanderte Alphonse, jetzt öffnete er wieder eine Thür und erschrack nicht wenig, als er eine alte Dame gewahrte, welche an einem Tische saß und schrieb.

Hocherröthend und verlegen wollte der junge Mann, eine Entschuldigung murmelnd, sich zurückziehen, aber die Dame stand auf und sagte halb befehlend, halb humoristisch: »nur näher mein Herr, Sie entkommen mir nicht, was wollen Sie hier, und wer sind Sie?«

Anstand, Sprache, Kleidung der Dame verriethen, daß dieselbe den höheren Kreisen angehörte und Geist besaß, deshalb erwiederte Alphonse mit einer graziösen Verbeugung: »es macht mich sehr glücklich, Madame, daß Sie mich nicht sofort verbannen, obgleich ich nicht weiß, ob eine offene Beichte mich vor Ihnen rechtfertigen wird. Mein Name ist Alphonse Maurice, ich gehöre zu den Comptoiristen der Handlung, blieb heute des schlechten Wetters wegen daheim und hielt es nicht für Unrecht, mich in dem Hause umzusehen, da ich eine große Vorliebe für Alterthümer habe und Herr Duresnell mir nie verboten hat, mich im Hause umzuschauen«.

Die Dame lächelte ein wenig und sprach: »Ihren Namen wußte ich bereits, ich wollte nur hören, ob Sie mir die Wahrheit sagen würden, was die jungen Herrn, oder richtiger gesagt, alle Männer, nicht oft thun. Darum sollen Sie auch nicht verbannt werden, sondern Thee mit mir trinken, denn Ihr Gesicht, vor Allem aber Ihre Art zu sprechen erinnert mich an einen Freund, aus der goldenen Jugendzeit«.

»Vielleicht hatte mein Vater Henri Maurice früher die Ehre von Ihnen gekannt zu sein, Madame, doch soll ich ihm nicht ähnlich fein«.

»Habe nicht das Vergnügen Ihren Herrn Vater zu kennen. Jetzt will ich den Thee machen, und mich Ihnen nennen, Athenais Varreux, oder eigentlich de Varreux; aber mein Großvater hat in der Revolution sich in den Bürger Varreux verwandelt, mein Vater ward Kaufmann und im Grunde klingt Athenais Varreux auch ohne das de gut. Gefällt es Ihnen hier im Hause?«

»Herr Duresnell ist sehr gütig gegen mich, endlich bin ich nützlich, selbstständig meinem Vater gegenüber, was den Geldpunkt betrifft«.

Die Dame nickte mit dem Kopfe, »gut, gut, aber still ist es im Hause, nicht wahr? Ich liebe diese Ruhe, bin nun seit Jahren daran gewöhnt, aber für einen jungen Mann, mag sie wohl viel Langweiliges enthalten. Vielleicht, wenn Herrn Duresnells Augen wieder hergestellt sind, und Claudia kommt, wird es lebhafter.«

»Ist Mademoiselle Claudia eine Verwandte des Herrn Duresnell, Madame?«

»Seine Tochter, von sechs Kindern das einzige, das ihm geblieben ist. Sie war etwas schwächlich, deshalb haben sie die Aerzte in die Schweiz geschickt. Jetzt soll sie sich vortrefflich befinden. Wollen Sie das Porträt von Mademoiselle Claudia sehen?«

»Mit großem Interesse«.

Mademoiselle Varreux nahm ein Etuis von dem Schreibtisch, drückte an einer Feder und hielt dem jungen Manne ein Engelsköpfchen hin.

»So sah Claudia mit zwölf Jahren aus, jetzt ist sie zwei Jahre in Genf. Ich hoffe, daß sie in einigen Monaten heimkehrt«.

»Ich sollte glauben, daß der Umgang mit solch lieblichem Kinde, Herrn Duresnell aufheitern müsse

Ach, Herr Maurice, Herr Duresnell hat viel Hartes erlebt!«

»Das scheint so, vielleicht sind deßhalb alle seine Diener so schweigsam und über das Haus ist eine so dunkle Wolke ausgebreitet, welche nur figürlich zu sprechen, jeden Sonnenstrahl abhält.«

»Freilich, da Sie mein Hausgenosse sind und mir ganz besonders wohlgefallen, als ob Sie mein Verwandter wären, will ich Ihnen Einiges aus dem Leben des Herrn Duresnell erzählen, wenn Sie hören wollen.«

»Mit der lebhaftesten Theilnahme, Madame«.

»Die Brüder meines Vaters und er selbst wurden Kaufleute, dieses Haus, in dem meine Urgroßmutter die Ehre hatte Molière und andere berühmte Schriftsteller bei sich zu sehn und Personen vom höchsten Adel zu empfangen, wurde ein Kaufmannshaus und die Varreux standen sich gut dabei. Ich war das einzige Kind meines Vaters, einer seiner Brüder starb unvermählt, noch ziemlich jung, der andere verheirathete sich und hatte einen Sohn, welcher nach seinem Tode die Handlung fortführte. Seine Frau war die holdseligste Person und meine liebste Freundin, deßhalb blieb ich in diesem Hause wohnen.

Ihr Mann, mein Vetter Victor Varreux machte glänzende Geschäfte, er nahm Herrn Duresnell, den Bruder seiner Frau in seine Handlung und wir bildeten eine Familie. Auch Duresnell verheirathete sich, mit einer schönen, stolzen Frau, Ihr Porträt hängt im violetten Salon.«

»Wie, dies Bild, offenbar von Meisterhand gemalt, stellt Herrn Duresnells verstorbene Gattin vor? Ich nehme an, daß sie todt ist.«

»Sie ist todt! Nun, Herr Duresnell betete seine Frau an, obgleich ihr einziger Vorzug in Schönheit bestand, denn sie war stolz, hochfahrend, prachtliebend, in Allem das Gegentheil von Madame Victorin Varreux.«

»Und hatte Madame Varreux keine Kinder?«

»Einen Knaben, auch Victorin genannt, einen reizenden runden Schelm. Stundenlang saß er hier in diesem Zimmer und warf die Kartenhäuser um, welche ich ihm aufbaute. Armes Kind, lieblicher Victorin!«

»Was war das Schicksal dieses Knaben?«

»Er verunglückte! Seine Eltern –«

In diesem Augenblicke wurden Schritte hörbar, hastig ward die Thür geöffnet und mit bleichen Lippen rief der alte Kammerdiener: »Helfen Sie Mademoiselle, Herr Duresnell ist ohnmächtig, ich will zum Arzt, ich will zum Arzt, ich fürchte er stirbt!«

Rasch erhob sich Mademoiselle Varreux, folgen Sie mir, raunte sie Alphonse zu, welcher dem Befehl nachkam.



III.

Als Mademoiselle Varreux mit ihrem Begleiter in das Wohnzimmer des Banquiers trat, lag derselbe regungslos auf seinem Ruhebett, seine Verwandte näherte sich ihm und faßte seine Hand, während Alphonse die Schläfe des Ohnmächtigen mit cölnischem Wasser badete.

»Der Puls schlägt noch, obgleich sehr schwach,« sagte Mademoiselle Varreux, »halten sie Herrn Duresnell Riechsalz vor, hier, nehmen Sie«.

Einige Minuten vergingen, peinlich für die alte Dame und Alphonse, jetzt kehrte Lebensfarbe in das Antlitz des Kranken zurück, er öffnete die Augen, schien aber nicht bei vollem Bewußtsein zu sein, denn er rief aus: »Amelie ist wahnsinnig, nur der Wahnsinn spricht aus ihr! Nicht wahr Amelie, Du redest irre, es ist nicht möglich daß Du es wolltest und wußtest? – O Amelie!«

Alphonse blickte Mademoiselle Varreux fragend an.

Sie antwortete nicht, der Banquier stieß einen herzergreifenden Seufzer aus und murmelte: »Alles will ich hergeben was ich besitze, nur Etwas will ich behalten, für mein Kind, für meine kleine Claudia, dem, der mir den kleinen Victorin rettet!«

Der Eintritt des Arztes brachte den Kranken auf andere Gedanken.

»Wer spricht hier, wer ist es?« fragte Herr Duresnell. Der Arzt trat an das Kranken-Lager und sagte mild: »Ihr Freund Duchesne!« Dann richtete er einige Fragen an Mademoiselle Varreux und gab die geeigneten Vorschriften.

Als die Dame den Arzt im Vorzimmer fragte, was derselbe von dem Zustande Duresnells halte, erwiederte er: »ich hoffe die Mittel werden wirken, das Fieber wird schnell beseitigt werden, Duresnell braucht vor Allem Ruhe, lassen Sie nur zuverlässige Pfleger bei ihm Mademoiselle, ich bin morgen in aller Frühe wieder hier.«

Der Arzt hatte recht gesehen, schon am andern Tage befand sich Herr Duresnell bedeutend besser, ehe die Woche zu Ende ging war er ganz hergestellt.

Alphonse war von Herrn Duresnell täglich beschieden worden, der alternde Mann hatte in Wahrheit eine ungewöhnliche Zuneigung zu dem Jünglinge gefaßt und zeigte sie auch durch Worte und werthvolle Gaben. Mademoiselle Varreux ließ täglich nach dem Befinden ihres Vetters fragen, zeigte sich aber nicht bei ihm.

Alphonse wünschte sehnlichst die Dame wieder einmal allein zu sprechen, einmal weil sie in Wahrheit die liebenswürdigste alte Dame war, welche man sich denken konnte, und dann, weil er zu erfahren hoffte, was das Schicksal jenes kleinen Victorin gewesen sei und wer unter jener Amelie gemeint sei, von welcher Herr Duresnell gesprochen hatte; doch Mademoiselle Varreux lud Alphonse nicht zu sich ein, und ihr unaufgefordert einen Besuch zu machen, hielt er für unbescheiden.

So verging Woche nach Woche, Alphonses Neugier, oder richtiger gesagt seine Theilnahme für den Knaben, in dem der eigentliche Erbe des großen Hauses und vieler Reichthümer gestorben war, blieb unbefriedigt.

Das herrlichste Herbstwetter hatte Alphonse eines Mittags nach den Luxenburg-Garten gelockt, der Zufall führte ihm einen jungen Mann in den Weg, mit welchem Alphonse als Knabe gespielt hatte, als sie Nachbarn waren, auch in der Schule waren sie einige Jahre hindurch gute Cameraden gewesen, und Jeder freute sich, wenn er gelegentlich dem Andern begegnete.

»Laß uns zusammen schlendern,« sagte Eugen, »ich habe Dich seit Monaten nicht gesehen, erzähle mir Deine Erlebnisse, und wie es kommt, daß man Dich nirgends erblickt?«

Als Alphonse dem Jugendfreunde seine Schicksale mitgetheilt hatte rief derselbe lebhaft aus: »Wie? Bei Duresnell lebst Du? In dem Unglückshause? Verlaß es, verlasse es noch heutigen Tages!«

»Was willst Du damit sagen? Ich habe in dem Hause noch nichts von Unglück bemerkt. Herr Duresnell ist ein hochgeachteter, sehr reicher und kluger Mann. Er hat an einem Augenübel gelitten, welches aber bald gänzlich gehoben sein wird. Der Mann ist Wittwer, doch habe ich aus einzelnen Aeußerungen von ihm heraus gehört, daß er diesen Umstand für kein Unglück betrachtet, es gibt der Wittwer viele auf der Welt. Herr Duresnell hat, wie ich hörte, drei Kinder verloren, im zartesten Alter, das ist hart, aber er besitzt in der lieblichen Tochter einen reichen Ersatz, etwas ernst und still ist es freilich in dem großen Gebäude, aber morgen kommt Mademoiselle Duresnell aus der Pension, dann wird es schon heiter und belebter zugehen?«

»Das Duresnell'sche Haus ist bei alldem ein Unglückshaus,« behauptete Eugen, »meine Großtante, die bei Gott die Geschichte jedes Pariser Hauses, welches üherhaupt eine Geschichte hat, kennt, erzählte mir erst vor kurzem auch die Begebenheiten welche sich in Deiner jetzigen Residenz zugetragen haben, als wir bei dem Duresnell'schen Hause vorüber kamen«.

»Nun, und was hatte Deine Großtante zu erzählen?«

»Genug, um mir Grausen vor dem Hause einzuflößen. Das Haus steht, wie Du wissen mußt, schon seit Jahrhunderten, doch wußte sogar meine Großtante nicht, ob in der Bartholomäusnacht Katholiken oder Hugenotten aus den Fenstern dieses Hauses geschaut haben. Schon zu Zeiten Ludwig XIII. hat das Haus einem Baron von Varreux gehört, welcher in dem sogenannten Marmorsalon, aus Eifersucht seine schöne, junge, und wie sich später herausgestellt hat, unschuldige Gemahlin erstochen hat!«

»Den Marmorsalon kenne ich nicht, mehrere Gemächer sind stets verschlossen!« sagte Alphonse.

»Das glaube ich! Der Enkel jener schönen Frau hat sich in dem Marmorsalon, wegen einer unglücklichen Leidenschaft erschossen. Ein Baron de Varreux ist aus dem Hause abgeholt worden, um auf dem Schaffot zu enden, weil er – ein Edelmann war. Zur ersten Kaiserzeit haben die Varreux große Handelsgeschäfte gemacht, der damalige Chef der Handlung soll ein liebenswürdiger und glücklicher Mann gewesen sein. Da er sich schlechtweg Herr Varreux nannte, Großhandel und Wechselgeschäfte betrieb und zu Napoleon I. Zeiten nicht an den Hof gegangen war, brachte ihn die Thronbesteigung Ludwig XVIII., in keine Verlegenheit. Als alle seine Wünsche erfüllt gewesen sind, seine Gattin den ersehnten Sohn geboren gehabt hat, das Kind lieblich aufgeblüht ist, hat er mit seiner Gattin eine Reise nach der Schweiz angetreten. Das Kind hat Madame Varreux dem Vetter und Compagnon ihres Gatten während ihrer Abreise anvertraut. Ob das Ehepaar beraubt und ermordet worden, ob es von einer Lawine bedeckt worden oder in einen Abgrund gestürzt ist? Niemand hat es erfahren. Von Chamounix sind die letzten Briefe des Herrn Varreux datirt gewesen.«

»Und hat Herr Duresnell nicht Nachforschungen über das Schicksal seiner Verwandten angestellt?« fragte Alphonse.

»Allerdings, öffentlich und mit der größten Sorgfalt, endlich sind in allen gelesenen Zeitungen Aufrufe erschienen und drei Jahre nach dem Verschwinden des Varreux'schen Ehepaars, ist dessen vierjähriger Knabe als Erbe seiner Eltern erklärt, Herr Duresnell, welcher die Handlungsgeschäfte fortgeführt gehabt hat, zum Vormunde des Kindes ernannt worden.«

»Von diesem Kinde hörte ich, es soll verunglückt sein?«

»Wenige Monate nach dem Tode seiner Eltern, durch Schuld der Amme. Die Folge davon war, daß Madame Duresnell ein Jahr nach Victorins Tode fern von Paris gestorben ist, man sagt im Wahnsinn.«

»Herr Duresnell ist der Erbe des Varreuxschen Vermögens geworden, welches er durch glückliche Spekulationen vielleicht verzehnfacht hat, aber bei alledem kein zufriedener Mann, und das Haus in der Rue Richelieu ist ein Unglückshaus, verlasse es, Alphonse verlasse es!«

»Was Du mir mitgetheilt hast, lautet allerdings schauerlich genug, Eugen, aber laß die Vergangenheit vergangen sein, seit Jahren hat das Unglück das Haus verschont, in der alten Mademoiselle Varreux waltet ein guter Geist, sie ist der Schutzgeist des Hauses, in den Räumen welche Zeugen von Blut und Thränen waren, wird bald Claudias silbernes Lachen ertönen«.

»Und mein Freund Alphonse wird sich in Claudia verlieben, der reiche Duresnell wird sein einziges Kind nicht einem jungen Manne geben, welcher von Herrn Duresnell Gehalt bezieht, Mademoiselle Duresnell dagegen wird ihr Herz an den schönen Burschen verlieren und – entweder den Schleier nehmen oder sich zu Tode grämen. Zieh' fort, mein Sohn, zieh' fort.«

»Unsinn, Eugen. Mademoiselle Duresnell ist noch ein Kind, ich bin Herrn Duresnell nützlich, mein Vater weiß mich gut versorgt, also bleibe ich. Besuche mich bald, damit Du Dich überzeugst, daß ich in dem sogenannten Unglückshause ganz behaglich lebe.«



IV.

Wieder waren einige Monate vergangen, Eugens Prophezeihungen hatten sich zum Theil erfüllt. Ein Unglück, was man so im Allgemeinen unter Unglück versteht, hatte sich allerdings nicht ereignet, aber Victorin betete die schöne Claudia in der Stille an, und obgleich sie den schönen jungen Mann nur selten sah – Alphonse arbeitete jetzt auf dem Comptoir – so erröthete sie doch lieblich, wenn er ihr begegnete, war auch einmal, und offenbar nicht ungern, zufällig bei Mademoiselle Varreux mit ihrem Hausgenossen zusammengetroffen. Eine kurze Zeit fühlte Alphonse sich beseeligt durch den Gedanken unter einem Dache mit Claudia zu wohnen, aber nur eine kurze Zeit. Eines Tages traf ein reicher Geschäftsfreund aus Mailand bei Herrn Duresnell ein, begleitet von seinem Sohne und Claudia erfuhr von ihrem Vater, daß der junge Melun zu ihrem künftigen Gemahl bestimmt sei.

Obgleich Herr Duresnell seine Tochter zärtlich liebte, wollte er doch durchaus in Bezug auf seinen Lieblingsplan keine Einwendungen hören, Alles was Claudia erreichte, war Aufschub.

Als das liebe Kind mit thränenvollen Augen zu Mademoiselle Varreux kam, hatte diese würdige Dame bald den Grund von Claudia's Betrübniß erfahren; zufällig erschien bald nach Claudias Eintritt Alphonse, um der Matrone ein Buch zu bringen, ein Blick auf die erröthenden Gesichter der jungen Leute, sagte der scharfblickenden Dame genug. Sie faltete die Hände und sagte zu sich selbst: O Himmel, wie soll das enden?

Mademoiselle Varreux war bedeutend älter, als Herr Duresnell, ihrer vortrefflichen Eigenschaften wegen, und als Tochter des Hauses Varreux sehr von Herrn Duresnell geachtet. Sie wußte dies und begab sich zu ihm, aber obgleich sie ihre ganze Beredsamkeit aufbot, gelang es ihr doch nicht, Herrn Duresnell von seinen Ansichten und Entschlüssen abzubringen.

»Warum soll Claudia, Ihr einziges Kind, sich nicht selbst den Gatten wählen?« fragte Mademoiselle Varreux.

»Weil ich besser als dieses junge Wesen weiß, was zu ihrem Glücke dient«, sagte Herr Duresnell sehr entschieden.

Herr Maurice bemerkte, daß sein Sohn, welcher ihn, so oft er Zeit hatte, besuchte, alle Munterkeit verloren hatte. Liebevoll forschte er nach dem Grunde von Alphonse's Kummer und als der Sohn dem Vater vertraut hatte, rieth der Letztere Alphonse, Duresnell's Haus zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Alphonse sah ein, daß sein Vater Recht hatte und willigte in alle Pläne seines Vaters. Noch an demselben Tage bat der junge Mann Herrn Duresnell um seine Entlassung, sie ward ihm gewährt, aber in unfreundlicher Weise; Duresnell fühlte sich beleidigt, daß Alphonse ihn verlassen wolle. Später milderten sich jedoch seine Empfindungen und Herr Duresnell lud Herrn Maurice und Alphonse ein, den Tag vor seiner Abreise bei ihm zu speisen. Mit bebenden Lippen nahm dieser die Einladung an, ward ihm doch dadurch Gelegenheit gegeben, Claudia, welche stets mit ihrem Vater speiste, noch einmal zu sehen.



V.

In dem eleganten kleinen Speisesalon war für sechs Personen gedeckt; Mademoiselle Varreux, die Herren Maurice befanden sich bereits bei Herrn Duresnell und Claudia, nur die beiden Herren Melun fehlten noch. Endlich traten sie ein.

»Entschuldigen Sie unser spätes Kommen«, begann Herr Melun, »aber mein Sohn und ich wurden durch einen ungewöhnlichen Vorfall aufgehalten«.

Auf Claudia's Frage erwiederte der junge Melun, »wir gingen über pont neuf und sahen wie eine Kindswärterin einen muntern Buben auf die steinerne Brustwehr der Brücke gesetzt hatte, um entweder auszuruhen oder das Kind die Schiffe sehen zu lassen. Es bewegte sich rasch – stürzte –«.

Ein durchdringender Schrei Claudia's, welche ihrem Vater gegenüber saß, unterbrach Melun's Rede. Duresnell war regungslos in seinen Sessel zurückgesunken und erst dem schnell herbeigerufenen Arzte gelang es, ihn wieder in das Leben zurückzurufen.

»Sie haben schmerzliche Erinnerungen in Herrn Duresnell und auch in mir erweckt, Herr Melun, beinahe vor 17 Jahren, am 8. Mai, ließ die unvorsichtige Wärterin Victor Varreux, meinen Großneffen, Duresnells Mündel in die Seine stürzen. Das Kind wurde nicht gerettet, nicht einmal sein Leichnam gefunden, und Herr Duresnell fühlt sich seitdem sehr unglücklich!«

»Ja, sehr, sehr unglücklich!« ächzte Herr Duresnell, »die Last muß von meiner Seele herunter. Als meine Gattin am Sarge unsers dritten Kindes stand, wir nur noch Claudia in der Wiege hatten, gestand sie verzweiflungsvoll, daß sie zuweilen der habsüchtigen Wärterin des kleinen Victorin gesagt habe: wäre dies Kind nicht, so wäre ich reicher und könnte Dich höher bezahlen. Ob damals Wahnsinn aus Amelie geredet haben mag, ob sie durch diese Worte die schändliche Wärterin bestochen hatte, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß, seit ich Victorins Tod erfuhr, ich ein elender, armer Mann bin, trotz meines Reichthums, trotz meiner Schuldlosigkeit.«

»Und würden Sie sich erinnern können, welche Kleidung der Knabe an jenem Tage getragen hat?« fragte Herr Maurice Herrn Duresnell.«

»Nein,« entgegnete dieser.

»Aber ich,« ließ Mademoiselle Varreux sich vernehmen. »Ich habe mit eigener Hand das blaue Sammetmützchen mit Gold gestickt, welches ihm so gut stand, und den weißen Kragen.«

Herr Maurice sagte: »am achten Mai des Jahres 18– ging ich zur Nachmittagszeit aus. Ich wohnte damals in einem einsam stehenden, mit einem Garten umgebenen Hause, ungefähr eine gute Stunde entfernt von den Tuillerien. Das Haus steht nicht mehr, auch der Garten ist nicht mehr zu finden, ein ganzer Stadttheil ist, seitdem dort gebaut worden. Als ich heimkehrte fand ich auf der Thürschwelle meines Häuschens einen schlafenden Knaben. Ich nahm das Kind auf den Arm und trug es auf mein Bett, denn es war schon Nacht und das Kind schlief fest. Es trug ein buntes Kleidchen, ein blaues mit Gold gesticktes Sammetmützchen und einen weißen gestickten Kragen. In der Tasche, die das Kind umhängen hatte, befand sich ein Zettel auf welchem geschrieben stand: »das Kind hat weder Vater noch Mutter, erbarmt euch seiner, es heißt Alphonse.« Es war ein lieblicher Knabe mit langen goldenen Locken und braunen Augen, und ich war sofort entschlossen, demselben Vater zu sein. Meine alte Dienerin freute sich auch sehr über den Knaben, und da Niemand nach ihm fragte, auch in keiner Zeitung von einem vermißten Kinde die Rede war, behielt ich ihn bei mir. Ich fragte ihn nach dem und jenem aus, erhielt aber nur einsylbige Antworten, das Kind war nicht stumm, vermochte aber nur gewisse leichte Worte auszusprechen. Ich zog einen Arzt zu rathe, welcher dem Kinde, als es sechs Jahr alt war, die Zunge löste.«

»O Himmel! auch Victorin sprach wenig, der Arzt hielt ihn für zu jung um vor dem siebenten Jahre diese Operation vorzunehmen!« rief Mademoiselle Varreux. »Sollten Ihr Sohn und der verlorene Victorin identisch sein? hätte die Amme das Kind nur für ertrunken ausgegeben? Ich weiß nur, daß sie verzweiflungsvoll, nachdem sie sich selbst der Fahrlässigkeit angeklagt hatte, das Haus verließ, heimlich, um, wie wir glaubten, der Strafe zu entgehn.«

»Es wird sich Alles aufklären«, sagte der Arzt, »vor Allem bedarf Herr Duresnell Ruhe, und Sie Herr Maurice werden uns vielleicht noch die Kleider vorzeigen können, in welchem das Kind zu Ihnen kam«.



VI.

Wie damals, als Herr Maurice zum Erstenmal mit Alphonse das alte Haus betrat, strahlte heute die Sonne. Der violette Saal hatte durch Maiblumen, Rosen und Siringa ein heiteres Ansehen erhalten, nur wenige Menschen waren versammelt, aber alle hatten frohe Mienen.

Die Kleider, welche Herr Maurice als die des gefundenen Knaben vorgezeigt hatte, waren als die des kleinen Victorin von Mademoiselle Varreux erkannt worden. An dem Tage, an welchem er ertrunken sein sollte, hatte Herr Maurice den Knaben vor seiner Thüre gefunden, sowohl Mademoiselle Varreux als Herr Duresnell fanden, daß Alphonse Maurice, wie er noch genannt wurde, die Familienzüge der Varreux trug. Gestern war endlich bestimmte Nachricht auf die sorgfältigsten Nachforschungen über die Amme eingetroffen. Sie lebte noch in Lyon, im Wohlstand und, nachdem ihr volle Verzeihung und Verschwiegenheit zugesichert worden war, hatte sie bekannt, daß sie von Madame Duresnell bestochen worden sei, um das Kind zu tödten. Sie habe die große Summe genommen und das Kind ausgesetzt, von dem fast stummen Kinde keinen Verrath fürchtend. Da die Amme dasselbe für ertrunken ausgegeben hatte, waren vom Herrn Duresnell keine Nachforschungen angestellt worden.

Um das Andenken seiner Gattin zu schonen, ließ Herr Duresnell, mit Zustimmung aller Beteiligten dieses Familiengeheimniß in Dunkel gehüllt. Die sanfte Claudia erfuhr nicht, welche That ihre Mutter begangen hatte. Herr Duresnell erklärte Alphonse für seinen Schwiegersohn und Erben, die würdige Dame und Herr Maurice segneten das glückliche Paar.



VII.

Seit dem Tage, welcher Victorin Alphonse mit Claudia am Altare verband, sind Jahre verstrichen. Herr Duresnell ist gestorben, aber zufrieden, denn er hinterließ seine Tochter glücklich als Gattin und Mutter. Herr Maurice lebt bei seinem Pflegesohne, auch Mademoiselle Varreux. Ein gerngesehener, fast täglicher Gast der Familie ist Eugen, und oft sagt er: »Dein Haus, Alphonse, ist jetzt ein glückliches Haus, möge es ein glückliches bleiben!«



Eine Criminalgeschichte.

I.
Eine Unterredung.

An einem schönen Maimorgen, als der Thau noch auf den Blüten flimmerte und die Bewohner des Schlosses zu Hohenburg die wundervollen Frühstunden verschliefen, wurde die kleine Seitenthüre des linken Flügels geöffnet und eine junge Dame trat aus dem Schlosse. Ohne sich umzusehen eilte sie durch die Blumenparthien nach dem schattigen Park, welcher an den Garten stieß und blieb nicht eher stehen, als bis sie eine alte breitästige Linde erreicht hatte, in deren Wipfeln ein Chor von Vögeln ein Morgenconcert hielt.

Das junge Mädchen trug ein einfaches Morgenkleid von hellrothem Mons und einen weißen Kragen, den Strohhut hatte sie abgenommen. Ihr Herz klopfte ungestüm, sie schien mit Ungeduld Jemanden zu erwarten, endlich füllten sich ihre strahlenden Augen mit Thränen, sie stand auf, um zurück nach dem Schlosse zu gehen.

Da vernahm ihr feines Ohr den Hufschlag eines Pferdes, schnell trocknete sie die Thränen, setzte sich ruhig auf die Rasenbank unter der Linde und bemühte sich, ihre Aufregung zu verbergen.

Jetzt wurde der Reiter sichtbar, ein junger schöner Mann von elegantester Haltung. Graziös schwang er sich vom Pferde, band es an einen Baum und begrüßte die junge Dame.

»Ich komme heute Etwas später, als ich wollte, theure, süße Constanze«, sagte der junge Mann, und küßte ihre feine Hand, »aber ich habe ein Schreiben meines Vaters beantwortet, das ich erst heute Morgen erhielt, weil mein Diener vergessen hatte, es mir gestern zu bringen. Du wirst mir die Verspätung verzeihen?«

»Ich bin noch nicht lange hier, lieber Arwind, doch was hat Dir Dein Vater mitgetheilt? Du siehst nicht heiter aus, melancholisch, und an einem so herrlichen Morgen!«

»Und bei Dir, Du Engel! Aber ich bin ein Thor, nicht glückselig zu sein, jetzt, wo ich Dich sehe, ein Thor, mich Befürchtungen hinzugeben«.

»Und was fürchtest Du, Arwind?«

»Meine, meine Constanze, Du bist Alles für mich, was dem Leben Werth und Reiz verleiht, Du erinnerst mich durch Deine sanfte, immer gleichbleibende Zärtlichkeit, an meine, mir zu früh entrissene Mutter, Du ersetzest mir die oft ersehnte Schwester, Du bist das Licht und die Seligkeit meines Herzens, fern von Dir, bin ich unruhig, niedergeschlagen, nicht ich selbst. Mein Vater hat vom Minister in Bezug auf meine Laufbahn die erwünschtesten Zusagen erhalten. Ich habe also kindlich und offen an meinen Vater geschrieben, und für uns um seinen Segen gebeten«.

»Dein Vater hat seine Einwilligung versagt, Arwind? Ist es seine Antwort, welche Dich mit Besorgniß erfüllt?«

»Lies selbst seinen Brief, meine Süße!«

Constanze nahm das Blatt, welches er ihr darbot und las:


Mein theurer Arwind!

Es war mir erfreulich, von Dir zu hören; durch Dich selbst, daß Du wohlauf bist, durch Professor Dahl, daß Du Dein Examen glorreich bestanden hast.

Du hast nun keinen Grund mehr, in der Universitätsstadt zu bleiben und ich füge meinem Schreiben einen Wechsel bei, zur Deckung aller nöthigen Ausgaben. Es ist schön von Dir, mein Arwind, daß Du mir, Deinem besten Freunde, volles Vertrauen schenkst, und ich wünschte, Dein Bruder Joseph wäre ebenso in diesem Punkte, allein ich kann leider Dein Vertrauen nur mit einem Rathe belohnen, welcher Dir in diesem Augenblicke weh thun wird.

Sehr gern glaube ich, daß die junge Dame, welcher Du Dein Herz geschenkt hast, schön und gut ist, ich habe deren Mutter gekannt, sie war beides, aber selbst wenn ihre Neigung zu Dir stark und beständig ist, so wie Du glaubst, nimmer wird ihr Vater in die Verbindung seiner Tochter mit Dir willigen.

Ich bin, wie Du weißt, nicht reich; das Stammgut, welches nach dem Gesetze nach meinem Ableben Deinem Bruder Joseph zufällt, ist verschuldet, und ich konnte wenig für Dich und Deine Schwestern zurücklegen, ungeachtet meiner Sparsamkeit. Dein mütterliches Erbtheil ist für einen Freiherrn von Aarenhof unbedeutend, und wenn auch glänzende Anlagen, verbunden mit Fleiß, Dir eine brillante Amtscarriere in Aussicht stellen, so wirst Du doch einige Jahre ohne Gehalt dafür zu bekommen, arbeiten müssen.

Du wirst mir sagen: daß Deine Ansprüche an Luxus bescheiden sind, vielleicht denkt Deine Erwählte ebenfalls an glückliche Liebe in der Hütte, auch gebe ich zu, daß Du mit Hülfe Deines Erbtheils einen bescheidenen Hausaltar gründen kannst, allein die Hohenburg-Hellborn sind ein stolzes Geschlecht und das jetzige Haupt dieser Familie gibt keine seiner Töchter einem Freiherrn in einfachen Verhältnissen, darauf kenne ich ihn. Soll Deine Braut auf den Tod des eigenen Vaters hoffen? oder ohne dessen Segen das Vaterhaus verlassen? Oder willst Du das schöne Mädchen, welches Du liebst, zum Harren und Entsagen verdammen? Es ist heilsamer für Sie und Dich, daß Du jetzt zu mir heimkehrst, ohne sie an Dich durch Wort und Ring gebunden zu haben, das glaube mir, Deinem Vater und treuesten Freunde, der Jahre und Erfahrungen vor Dir voraus hat.

Eine Zeit wirst Du leiden, vielleicht auch die Gräfin, aber in jungen Herzen heilen Wunden leichter, als Du jetzt denken wirst und kannst. Vermagst Du nicht zur rechten Zeit zu entsagen, bereitest Du nicht nur Dir, sondern auch ihr, die Du verehrst, mehr Qual als Dir und ihr andern Falls bevorsteht. Beherzige meinen verständigen, treugemeinten Rath und kehre bald heim zu

Deinem

zärtlichen Vater

Joseph Freiherr von Aarenhof.


Constanze blickte lange in den Brief ehe sie sprach. »Dein Vater beurtheilt den meinen nicht ganz unrichtig, aber doch zu strenge und mich kennt er nicht, wie könnte ich Dir die Treue brechen mein Arwind, Du meines Lebens Verklärung und Glück!«

»Ich baue fest auf Dich, mein Liebling, aber dennoch weiß ich, daß Du ohne des Vaters Segen mir nicht wirst folgen wollen, ach, und es ist nur zu wahr, daß Graf Hohenburg für seine Töchter und vor Allen für Dich, Du Juwel, andere Ansprüche machen kann, als ich zu erfüllen vermag. Doch ich besitze Deine Liebe, sie erhebt mich über alle Bewerber, welche um den schönen Preis in die Schranken treten werden, und so düster wird unsere Zukunft nicht sein, wie mein besorgter guter Vater sie sich ausmalt, im Gegentheil, meine Liebe soll sie Dir zum Paradiese schaffen«.

Sie lächelte ihn an und reichte ihm die Hand, so stand das junge schöne Paar, umglänzt vom Morgenlicht, das Herz von der reinsten tiefsten Liebe erfüllt, lange Hand in Hand schweigend und glücklich. Endlich entzog Constanze dem Geliebten die Hand.

»Ich muß nach dem Schloße zurück,« sagte sie, »meine Geschwister werden mich sonst vermissen, aber sei nun auch wieder ganz unbesorgt und heiter. Ich werde heute noch meinem Vater volles Vertrauen schenken, auf welches er ein Recht hat, und Du wirst sehn, er wird Dich kennen lernen wollen und sieht er Dich nur erst, dann haben wir gewonnenes Spiel.«

»Theure Constanze, man sagt in der Gegend, daß Dein Vater ein, verzeihe mir den Ausdruck, ehrenwerther, aber eigensinniger Mann sei, und selbst gegen seine Kinder streng.«

»Aber er liebt uns, auch bin ich ja die Jüngste, fast ohne alles Vermögen, da ich nichts von der Großmama geerbt habe, welche Ansprüche kann er für mich erheben? Mein Bruder Guntram hat viel Einfluß auf den Vater, weil er der älteste von uns Geschwistern ist, auf seinen Beistand hoffe ich auch, und nun mein Arwind lebe Wohl und sei überzeugt, daß ich Dir morgen die besten Nachrichten bringe.«

Noch einmal reichte sie dem Geliebten die Hand und trat den Weg nach dem Schloße an. Arwind blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen wo er bei Constanze verweilt hatte. Als das hellrothe Gewand hinter den letzten Siringabüschen, welche den Park von den Garten schieden, verschwunden war, band Arwind sein Roß los, schwang sich auf dasselbe und jagte wie ein abgeschossener Pfeil davon.



II.
Unerwartetes.

Graf Hohenburg liebte zu jeder Jahreszeit das Frühaufstehen, besonders aber im Lenze, er ließ das Frühstück in der Regel im großen Salon auftragen der nach der Terrasse führte und hielt darauf, daß seine Kinder zur bestimmten Zeit ihn erwarteten. Auch als seine Gemahlin noch lebte war es so gewesen, seit ihrem Tode präsidirte eine Tante des Grafen an der Tafel, sie beschützte und ermahnte auch die drei jungen Damen, welche in keiner Pension erzogen worden waren und außer den Dörfern, welche zu Hohenburg gehörten keinen anderen Ort kannten als die nahe Universitätsstadt, eine Provinzstadt, in welcher sich in den Wintermonaten der Adel der Umgegend einfand.

Graf Hohenburg-Hellborn hatte sich mit neunzehn Jahren verheirathet, er war erst vierundvierzig Jahre alt und ein stattlicher, schöner Mann. Er liebte seine Kinder und wollte sie glücklich sehen, aber auf seine Weise. Er hatte in dem Gehorsam gegen seinen Vater in Wahrheit sein Lebensglück gefunden und verlangte dieselbe Nachgiebigkeit von seinen Kindern, überhaupt war Graf Hohenburg-Hellborn ein Mann, dem sich Jeder unterwerfen sollte, was in Wahrheit auch fast immer geschah. Er hatte lange gehorcht und freute sich, jetzt herrschen zu können, übrigens war er selbst ein Sklave, er hielt fest an seinen Gewohnheiten, an Ansichten und Gebräuchen und selbst das in der Uebereilung gegebene Wort war ihm heilig.

Als diesen Morgen Constanze in den Salon trat, war der alte Kammerdiener Bornemann eben fertig geworden mit seinem Geschäft und warf noch einen prüfenden Blick auf den in bester Ordnung dastehenden Frühstückstisch. Mit einer tiefen Verbeugung sagte der Alte: »unterthänigsten guten Morgen gnädige Gräfin, immer die Erste, Tag für Tag, so früh auf wie die Lerche.«

»Natürlich lieber Bornemann, der Morgen ist zu schön, um ihn zu verschlafen.«

»Wohl wahr Comteßchen, jedoch«, und Bornemann sah sich vorsichtig nach allen Seiten um ehe er halblaut erwiederte: »Excellenz sind heute auch früh aufgestanden, als ich kam, dem gnädigen Herrn Grafen beim Ankleiden meine Dienste zu leisten, standen Hochdieselben am Fenster und schauten nach dem Garten, sie beliebten zu fragen: »Bornemann, ist diese Dame im blaßrothen Kleide Gräfin Constanze?««

»Nun, Du bejahtest es doch?« zuweilen nannte Constanze den alten Diener noch Du, wie in ihrer Kinderzeit.

»Nicht ganz, mein Comteßchen, ich sagte, Gott verzeih' es mir, meine alten Augen fingen an etwas schwach zu werden, auch trüge Minchen ein Kleid von derselben Farbe und da das Mädchen die Ehre hätte in Gestalt der gnädigen Gräfin zu ähneln, da könnt' ich nicht genau sagen, für wem ich die Dame halte. Die Excellenz sagten Nichts, aber« –

Jetzt öffnete sich die große Mittelthüre des Salons, in ihrem dunkelfarbigen Gewande von schwerer Seide, wie sie es stets zu tragen pflegte, rauschte die Gräfin Christiane herein, hinter ihr die beiden ältesten Töchter des Grafen, Mathilde und Hildegard, zwei Jungfrauen von wahrhaft blendender Schönheit, den Beschluß machte das jüngste Kind des Hauses, ein reizender Knabe von zehn Jahren. Alle blieben stehen, den Schloßherrn erwartend, welcher jetzt, durch eine kleine Tapetenthüre trat und den Gruß der Seinen freundlich, aber etwas ceremoniös erwiederte.

Sein Blick musterte die Kinder und haftete am längsten auf Constanzen, welche leicht erröthete und auf ihre Tasse schaute.

»Sie war es, welche ich zu früher Stunde im Garten sah,« sagte der Graf zu sich selbst.

Das Frühstück wurde sehr einsylbig eingenommen, die Excellenz und Gräfin Christiane fragten einander gegenseitig nach dem Befinden, dann folgten kurze Bemerkungen über das Wetter und wieder war es still im Salon.

Endlich fragte der Graf: »Briefe eingegangen Bornemann?«

»Nein, Eure Excellenz unterthänigst aufzuwarten,« sprach mit tiefer Verbeugung der Angeredete.

In diesem Augenblicke wurde fast unhörbar die Mittelthüre geöffnet und leise, denn Graf Hohenburg liebte es still um sich her, trat der zweite Kammerdiener ein, und überreichte auf silberner Platte dem Grafen einen Brief, mit der Bemerkung, daß ihn ein reitender Bote gebracht habe, welcher unten, in der Domestikenstube, verweile.

Der Graf warf einen Blick auf das Schreiben und wechselte die Farbe. »Sagen Sie dem Boten, er würde in einer Stunde Antwort erhalten.«

Der Diener entfernte sich, der Graf schob Tasse und Teller von sich und stand auf.

»Ich gehe jetzt den Brief zu lesen, in einer halben Stunde kommt Ihr, meine Töchter in mein Arbeitszimmer.«

Als der Graf sich entfernt hatte, kam auf einmal Leben in die Gesellschaft.

»Ich möchte wissen, was das für ein Brief war,« sagte Benno, »Papa ist stets so ruhig und freundlich aber als er das Schreiben in die Hand nahm, zitterte er.«

»Das habe ich nicht bemerkt Benno,« rief Mathilde, »und ich sitze doch neben Papa, aber blaß wurde er und dann dunkelroth.«

»Das habe ich auch gesehen,« ließ sich Tante Christiane vernehmen, »was übrigens die Freundlichkeit Deines Papa's betrifft, Benno, so vermochte ich, seit den sechs Jahren, die ich hier lebe noch wenig davon zu sehen.«

»O Tante, Papa ist freundlich, gewiß ist er es, noch gestern hat er mir ein Pony versprochen und sobald ich wieder mit ihm in die Stadt fahre, soll ich mir in der Buchhandlung selbst die schönsten Bücher aussuchen dürfen.«

»Ich habe noch niemals behauptet, daß Dein Papa geizig ist, der Geiz ist kein Fehler der Hohenburg, aber freundlich? Doch lassen wir das.«

»Ich bin über Papa's Aussehen erschrocken,« flüsterte Hildegard, »o Tante, kürzlich las ich einen Roman, da kam ein Graf vor, welcher große Güter besaß und eines Tages erschien ein reicher Banquier und nahm die Güter in Besitz, weil dieselben bis über das Dach hinaus verschuldet waren. Wenn Papa einen Mahnbrief erhalten hätte, wenn wir diese schöne Gegend verlassen müßten.« –

»Du bist eine Närrin,« sagte mit Nachdruck die Gräfin Christiane »die Besitzungen der Grafen Hohenburg-Hellborn sind Majorat, und müssen immer in der Familie bleiben, das solltest Du doch wissen, übrigens lebt Dein Vater seit Jahren hier und macht gar keinen Aufwand, zwei Drittel seiner Revenuen und die Zinsen von dem nicht unbedeutenden Vermögen Eurer Mutter, werden zurückgelegt, Euer Vater ist reicher als alle seine anderen luxuriösen Standesgenossen.«

»Desto besser, gute Tante,« antwortete Hildegard, »ich stelle mir es schrecklich vor, eine arme Gräfin zu sein, Hofdame einer launischen Prinzessin oder Gesellschafterin einer Dame, von vielleicht geringerer Herkunft.«

»Hat Papa nicht auch noch ein schönes Schloß im Gebirge und warum gehen wir niemals dort hin?« fragte Benno.

»Ich weiß nicht, warum Dein Vater Schloß Felsenburg nicht liebt, ja nicht einmal gern davon spricht, ich kann Dir nur rathen, frage ihn niemals darnach, willst Du ihn nicht auf längere Zeit verstimmt sehen.«

»Seltsam, beste Tante,« äußerte Mathilde, »wir Kinder sind doch, Benno ausgenommen, alle in Felsenburg geboren und mein Vater hat glückliche Zeiten daselbst verlebt als unsre liebe Mutter noch bei uns war.«

»Vielleicht ist ihm die Erinnerung an die schöne Zeit, welche für ihn auf ewig dahin ist, zu schmerzlich, als daß er sie durch den Aufenthalt in Felsenburg auffrischen möchte,« sagte die Tante.

»Mir will Papa's verändertes Gesicht nicht aus dem Sinne,« sagte der Knabe, »er hatte keine Lebensfarbe mehr. Mein Lehrer hat mir vorgestern von der Vehme erzählt, als Papa die Aufschrift dieses Briefes betrachtete, sah er aus als ob er eine Vorladung vor das heilige Vehmgericht läse.«

»Schweig, vorlauter Bursche,« schalt die Tante.

Constanze hatte zu dem Allen kein Wort gesagt, sie saß in sich versunken da, und fuhr wie aus einem Traume auf, als Tante Christiane ihren Nichten zurief, die halbe Stunde sei um, und sie dürften den Papa nicht warten lassen.

Die jungen Damen leisteten dem Gebot Folge, Benno hüpfte lustig in den Park.



III.
Der Graf und seine Töchter.

Ueber dicke, weiche Teppiche unhörbar schritten die drei Gräfinen nach dem Zimmer des Vaters. Wer sie die drei Grazien genannt hatte, konnte durchaus nicht für einen Schmeichler gelten, es waren reizende Geschöpfe, wie man sie nur selten findet.

Sie waren zum Vater gerufen, deßhalb hatten sie nicht nöthig an seine Thüre zu klopfen. Leise traten sie ein und blieben erschrocken am Eingange des Zimmers stehen, denn der Graf lag rückwärts im Lehnstuhl, todtenbleich und regungslos.

Mathilde blieb wie erstarrt stehen und blickte angstvoll nach dem Vater hin, Hildegard zog die Klingelschnur, Constanze neigte sich, in Thränen ausbrechend, über den Ohnmächtigen und liebkoste ihn.

Erschlug die Augen auf und blickte erstaunt um sich.

»Was ist geschehen, was ging hier vor? sprecht, ich will es wissen!« rief der Graf gebieterisch.

»Sie hatten befohlen, Papa, daß wir zu Ihnen kommen sollten« begann etwas zaghaft Mathilde.

»Wir fanden Sie ohnmächtig, theurer Papa«, fügte Constanze muthiger hinzu.

»Und da benutzte Eure Neugier den Augenblick und Ihr laset meine Briefe«, sagte der Graf bitter und schaute auf das Schreiben, das offen vor ihm lag.

»O bester Papa, wie mögen Sie doch so gering von uns denken«, betheuerte Hildegard.

»Wir zitterten für Sie«, fuhr Mathilde fort, »Hildegard zog die Schnur, damit Hülfe käme. Constanze ging zu Ihnen und ich« – der Eintritt Bornemanns unterbrach ihre Rede.

»Excellenz haben befohlen?«

»Ein Glas Wasser, ganz frisches aus dem Schloßbrunnen«, befahl der Graf. Als der Diener sich entfernt hatte, wandte sich Hohenburg zu seinen Töchtern und sagte: »es war ein Anfall von Schwindel, Kinder, er ist vorüber; ich verbiete Euch, zu irgend Jemanden davon zu sprechen, ich will nicht, daß Tante Christiane oder Eure Brüder meinetwegen in Sorgen leben«.

»Aber wollen Sie nicht den Arzt zu Rathe ziehen, theuerster Papa?«

»Gewiß, liebe Constanze. Setzt Euch jetzt, meine Töchter, und hört mich an«.

Die Mädchen nahmen dem Vater gegenüber Platz, dieser begann: »Das Geschlecht der Hohenburg-Hellborn ist ein altes, berühmtes, ehrenwerthes. Den Spruch: »Adel verpflichtet«, hat es stets getreu befolgt. Niemals hat ein Hohenburg sich feige gezeigt, nie sein Wort gebrochen. Keusch und fromm war jede Frau von Hohenburg und gehorsam ihren Eltern waren die Söhne und Töchter dieses Hauses. Kein Hohenburg hat eine Frau zum Traualtare geführt, welche ihm nicht ebenbürtig war, und keine Hohenburg ist einem Entführer gefolgt, wie unseres Nachbars Schwester Adelheid von Wallbach. Ihr werdet stets von mir erwarten, daß ich Wort halte und ich dagegen erwarte von Euch – Gehorsam«.

Er hielt inne und sah alle drei Töchter der Reihe nach scharf an. Die beiden ältesten erwiederten des Vaters Blick offen, Constanze schlug die Augen nieder. Der Graf fuhr fort: »vor Jahren, als Ihr noch mit Puppen spieltet, gab ich, gleichviel für Euch aus welchem Grunde, meinem Freunde, dem damaligen Grafen Hoheneck, das Ehrenwort, ihm früher oder später einen Lieblingswunsch zu erfüllen. Jetzt mahnt er mich daran, ich muß und werde es halten, mein Jugendfreund« – es schien als ob das letzte Wort schwer über Hohenburgs Lippen wolle, – »begehrt eine von Euch zur Gattin und wird Morgen hier sein«.

Mathilde und Hildegard glühten wie Rosen, Constanze glich der weißen Lilie.

»Curt Hoheneck, seit dem Tode seines Oheims Fürst von Wolfenstein, zählt zwei Jahre weniger als ich, seit Jahren sah ich ihn nicht, damals fanden ihn die Frauen bezaubernd. Er ist voll Geist und so viel ich weiß, auch sehr reich, obgleich schon zweimal verheirathet, ist er doch kinderlos, also Keine von Euch darf fürchten, Stiefmutter werden zu müssen. Möglich, daß auf Keine von Euch seine Wahl fällt, in diesem Falle,« und unwillkürlich, seufzte der Graf tief auf, »bin ich von meinem Worte entbunden, doch wie ich den Fürsten kenne, wird Eine von Euch, Mathilde oder Hildegard, ihn fesseln. Du bist zu jung, Constanze, um in Betracht gezogen zu werden, und ich werde Dir den Fürsten nur vorstellen, weil Du auch eine Tochter des Hauses bist. Ihr Beiden aber fügt Euch meinem Gebote, und welche auch in Zukunft Fürstin genannt werden wird, möge sie beglückt sein! Schweigen, selbst gegen die Tante, empfehle ich Euch, selbst der Fürst darf nicht vermuthen, daß Ihr von seinen Absichten wißt. Hoffentlich ist Euer Herz noch frei, denn ungern würde ich Euch weh thun«.

Nach diesen Worten erhob er sich und entließ seine Töchter.

Constanze eilte in ihr Zimmer, um einige Worte an Arwind zu schreiben, sie hatte schon einen Boten, welcher ihr Briefchen sofort nach der Stadt trug, denn mild und leutselig, war sie der Abgott der Beamten und Dienerschaft des gräflichen Hauses. Mathilde und Hildegard besuchten das Garderobezimmer und musterten ihre Gewänder.

»Wir sind Zwillingsschwestern und haben einander geliebt, so lange wir leben«, nahm Hildegard das Wort, »ich hoffe die Ankunft des Fürsten Wolfenstein, wird keine Mißstimmung zwischen uns hervorrufen. Ich gestehe Dir ganz offen, es gefällt mir bei uns nicht besonders. Papa ist stets ernst, ja trübsinnig, die Tante mit ihren Ermahnungen zu Zeiten über alle Maaßen langweilig, und wir sind bereits neunzehn Jahre ohne von Welt und Leben mehr zu kennen, als die nächste Stadt.«

»O Himmel Himmel, Hildegard, Du hast Recht. Und was thun wir in der Stadt? Führt Papa uns in das Theater oder auf den Ball? Mit Nichten, wir durchwandeln einige Straßen und machen Einkäufe, das ist Alles. Wenn der Fürst meine Hand begehrt sage ich, dem Papa gehorsam, ja, und nehme Dich mit mir. Der Fürst muß dann den nächsten Winter mit mir in Prag, Wien oder Paris leben, und dort wirst Du bald einen eben so reichen Fürsten kennen lernen.«

»Ja, beste Mathilde, oder einen Marquis, oder englischen Lord, einen spanischen Granden, und wenn mich der Fürst wählt gehst Du mit mir.«

Nach diesen Worten umarmten die schönen Mädchen einander. Mathilde fand der Schwester Rath gut, dem Fürsten zuerst im carmosinrothen Gewande entgegenzutreten, weil diese Farbe Brünetten vorzüglich kleidet, und empfahl der blonden Hildegard seegrün oder schönes violett. An Constanze dachte keine, sie war ja noch ein Kind, seit wenig Tagen sechzehn Jahre alt, hatte noch im Winter zwei Kinderbälle bei Wallbachs besucht; daß sie dort Arwind von Aarenhof, zum Erstenmal gesehen hatte, wußten die Schwestern nicht, sie waren gar nicht mit nach Wallbach gefahren.

Indeß hatte Constanze ihr Briefchen gesiegelt und dem kleinen Groom gegeben, welcher ihr zu Gefallen durch das Feuer gegangen wäre. Es war ihm übrigens heute ein Leichtes, den Auftrag der Comtesse auszurichten. Der Graf hatte der Gräfin Christiane mitgetheilt, daß sein Jugendfreund, Fürst Wolfenstein den nächsten Tag zum Besuch kommen würde, worauf die würdige Dame für nöthig hielt, verschiedene Bestellungen in der Stadt machen zu lassen. Der Groom, schnell und gewandt, wurde zum Boten erwählt, er sattelte sich das kleine littauische Pferd, welches er zu reiten pflegte, steckte den langen, mit Aufträgen aller Art beschriebenen Zettel und das Briefchen der jungen Dame zu sich, und sprengte lustig fort. Allerdings war das Brieflein der Comtesse an ihre Putzmacherin adressirt, aber in demselben Hause wohnte Arwind, und er wußte, daß wenn Gräfin Constanze von Hohenburg-Hellborn Blumen oder Schleier bestellte, etwas Besonderes vorgegangen sein mußte, nämlich, daß er sie auch in den Nachmittagsstunden in Hohenburg würde sehen können.

Mit ihrem Vater heute über ihre Liebe zu Aarenhof zu sprechen, war unmöglich, indeß schöpfte sie große Hoffnung, daß ihr zukünftiger Schwager, der Fürst, sich ihrer annehmen würde, und dieser hatte sicher viel Einfluß auf ihren Vater.

»Mag die hohe Mathilde oder, die goldhaarige Hildegard im Fürstenschlosse wohnen, als Pallastdame einer Kaiserin glänzen, ich bin zufrieden im einfachen Hause an Arwind's Seite,« dachte sie, »mag mein guter Vater jede der Schwestern fürstlich ausstatten, ich begehre kein Diadem so lange mich Arwind's Liebe mit Rosen kränzt.«

In heitere Träume versunken, schlenderte sie im Garten umher, und blieb, gelockt vom Dufte des Geisblattes und des persischen Flieders der in Gruppen unter den Fenstern von ihres Vaters Gemächern blühte, stehen.

Sie pflückte sich einige Zweige des Flieders und wollte eben Geisblatt brechen, als ihr Auge auf ein Blatt Papier fiel, auf dem mit flüchtigen Zügen der Name Constanze geschrieben war.

Sie nahm das Blatt, offenbar ein Stück von einem zerrissenen Briefe, sie spähte weiter, und fand noch drei kleinere Stückchen, die verstreut auf den Beeten lagen.

Rasch entfernte sie sich mit ihrem Funde und begab sich auf ihr Zimmer, dort fügte sie die zerrissenen Blätter zusammen und las: »Mathilde, schon in der Knospe reizend, auch die kleine Constanze – ich werde mich bemühen sie glücklich zu – Alberne Gerüchte in Bezug auf Amalie – die große Erbschaft ist nur natürlich niemals ge – halte Du Dein Wort, so halte ich das meine, werde doch nicht meinen Schwiegervater verrathen – Jähzorn, Eifersucht sind schlimme Begleiter – meine zweite Frau starb in Folge ihres Eigensinnes, ich –« die andre Seite des Papierfezens war leer bis auf drei Worte in lateinischer Sprache, von welcher Constanze nur das eine Wort verstand: cave!

Mathilde und Hildegard waren gutartige, wohlerzogene Mädchen, aber ohne bedeutende Geistesgaben, ohne lebhafte Fantasie. Sie sehnten sich zuweilen aus dem einsamen Schlosse fort und ärgerten sich über die Strenge des Vaters und die Predigten der Tante, waren beiden aber dennoch herzlich ergeben.

Constanze, obgleich den Jahren nach, fast ein Kind, war eine hochbegabte, dichterische Natur. Was sie noch nicht aus Erfahrung wissen konnte, lehrte ihr die Phantasie, dabei besaß sie viel Geistesgegenwart und Scharfsinn neben tiefer und edler Empfindungsgabe, denn poetische so wie innige Empfindungen, sind auch Naturgaben und machen das Glück und die Qual des Herzens aus.

Ihre Schwestern würden diese Papierstücke achtlos bei Seite geworfen haben, Constanzen gaben sie viel zu denken.

Dasselbe gelbliche Papier, wovon sie jetzt Bruchstücke in der Hand hielt, hatte sie auf ihres Vaters Schreibtische liegen sehen. Sie las die Worte mehrmals, bei der Zeile, »meinen Schwiegervater verrathen« pochte ihr Herz. Sie dachte an des Grafen Hohenburg Trübsinn, an sein Erbleichen beim Empfange des Briefes, an den Zustand, in welchem sie ihn heute gefunden hatte, an seinen Widerwillen gegen Felsenburg, von welchem in seiner Gegenwart nicht einmal gesprochen werden durfte; sollte ihr geliebter, ihr ehrenwerther Vater eine That begangen haben, welche das Licht zu scheuen hatte? Wußte Fürst Wolfenstein darum, und war vielleicht Schloß Felsenburg der Schauplatz, nicht eines Verbrechens, denn eines solchen hielt Constanze ihren Vater nicht fähig, sondern einer unüberlegten, stets, und schmerzlich bereuten That? Sie hatte in ihrer frühesten Kindheit einmal ihren Vater im Zorne gesehen und jenen Anblick niemals vergessen.

Und jetzt sollte eine ihrer Schwestern mit ihrer Hand Sicherheit erkaufen, vielleicht auch Ruhe? Mit welchem Manne sollte die heitere Mathilde oder die sanfte Hildegard verbunden werden?

Sie hatte vorgehabt, heute, gegen Abend nach dem Hollunderhäuschen zu gehen, aber sie beschloß nach Lesung dieses zerstückten Schreibens sich gleich nach dem Diner aufzumachen. Ohnehin wurde sie diesen Nachmittag sicherlich nicht vermißt, sie wußte: daß Tante Christiane Vorbereitungen zum stattlichen Empfange des Fürsten treffen ließ, welcher Schloß Hohenburg und ihre Einrichtungen bewundern sollte, auch nahm Constanze mit Recht an, daß ihre Schwestern ihren Toilettenangelegenheiten viel Zeit widmen würden.



IV.
Das Fliederhäuschen.

Wer kennt und liebt nicht den Baum, der hier Flieder, und dort Hollunderbaum genannt wird? Ist er doch durch Kleist's Käthchen von Heilbronn zum klassischen Baume geworden; malerisch ist er zu jeder Zeit, im April, wenn er sich mit frischen Grün schmückt, im Juni übersäet von großen weißen Blüthen, welche einen narkotischen Duft haben und im Herbst wo sich die weißen Sternchen der Blüthe in schwarze Trauben verwandelt haben, deren würziger Saft ein angenehmes Heilmittel bietet.

Am Ende von Hohenburg stand, und steht noch eine kleine Anpflanzung von Hollunderbäumen und Sträuchern, und mitten in derselben ein Häuschen, nicht groß, aber sauber gehalten, mit blanker, brauner Thüre, goldig schimmernder Thürklinke, mit hellen Fenstern, an denen man, zwischen Monatsrosen und Nelken stets das faltige Antlitz einer alten Frau sah, welche am Fenster saß und spann.

Die Besitzerin des Hauses, in der Gegend das Fliederhäuschen genannt, war Frau Kunigunde Helfer, sie bewohnte es mit ihrer Tochter, ihren beiden Enkeln, und dem Schwiegersohne, welcher aber nur selten in dem Häuschen schlief, denn Herr Hofmann, so wurde er genannt, war Condukteur bei der Post und öfter auf Reisen als Daheim. Früher war er mit dem Eilwagen gefahren, jetzt fuhr er mit dem Postomnibus beinahe Tag für Tag nach der fünf Stunden von Hohenburg befindlichen Eisenbahnstation.

Frau und Tochter walteten indeß nützlich im Häuschen, Frau Hofmann besorgte den kleinen Hausstand, den Garten und mit Hülfe eines Tagelöhners das Stückchen Acker, welches zu dem Häuschen gehörte und so viel an Früchten trug, als die Familie bedurfte. Die Tochter war eine ausgezeichnete geschickte Stickerin und Nähterin, flocht Braut- und Todtenkronen und selten wurde in Hohenburg und der Umgegend eine Braut geschmückt, oder eine Jungfrau zur Ruhe bestattet, die nicht ein Stück ihres Anzuges der fleißigen Hand von Clärchen Hofmann verdankte.

Die Großmutter war seit Jahren an den Füßen gelähmt, desto beweglicher waren an ihr, Hände und Zunge. Keine Frau in der Umgegend wollte es unternehmen, mit Frau Helfer um die Wette zu spinnen, und in den langen Winterabenden versammelten sich oft dreißig Personen in der geräumigen Unterstube, die schönen Geschichten erzählen zu hören, von welchen Frau Helfer einen großen Vorrath besaß. Sie war in der Jugend Kammerjungfer der seligen Frau Gräfin, der Mutter des jetzigen Herrn auf Hohenburg gewesen, hatte verschiedene Reisen mitgemacht, und war zur Zeit des großen Congresses mit ihrer Herrschaft in Wien gewesen. Deßhalb hatte Frau Kunigunde feine Manieren und wußte mit vornehmen Leuten umzugehen, auch ihrer einzigen Tochter hatte sie eine gute Erziehung gegeben, und ebenfalls ihre Enkel zu bilden gesucht.

Clärchen Hofmann glich der würdigen Großmutter sehr, Gottlieb, ein höchst wackerer Jüngling lernte in der nächsten Stadt bei einem Spezereihändler die Kaufmannschaft, so oft sein Vater Zeit fand, besuchte er den Sohn und erfreute, heimgekehrt, Frau und Schwiegermutter mit Grüßen von Gottlieb und den Lobsprüchen, welcher dessen Prinzipal ihm spendete.

Mit der Schloßherrschaft hing die Familie Hofmann noch immer zusammen. Vor Jahren, als die Mutter Constanzens zu schwach war, um ihr drittes Töchterchen selbst nähren zu können, erbot sich Frau Hofmann, welche eben ihrer halbjährigen Clara die Brust reichte, auch das kleine Comteßchen mit zu nähren, ihren kleinen Gottlieb und überhaupt Familie und Haus konnte Frau Hofmann nicht verlassen, also wurde die Kleine vom Schloß, unter Begleitung einer Wärterin in das Fliederhäuschen geschickt, und blieb daselbst bis sie laufen konnte.

Graf Hohenburg wohnte damals in dem acht Stunden von Hohenburg gelegenen Schlosse Felsenburg und die gräflichen Eltern sahen ihre jüngste Tochter oft Wochenlang nicht. Als später die Familie Hohenburg, Felsenburg verließ, um sich auf immer in dem freundlichen, neuen Schlosse nieder zu lassen, besuchte die Gräfin schon am ersten Tage mit Constanzen Frau Hofmann, und nach dem Tode der Mutter fühlte sich die jüngste Gräfin nirgends so einheimisch als im Fliederhäuschen, bei ihrer guten Amme. Die alte Frau Helfer wurde von dem Grafen, wegen der treuen Dienste, welche sie seiner geliebten Mutter geleistet, sehr geschätzt, und erlaubte es Constanzen, Hofmann's zu besuchen, so oft sie wollte.

Diese Erlaubniß benutzte die junge Gräfin oft, sie liebte ihre Milchgeschwister wie ihre eigenen, las Clärchen vor, wenn diese arbeitete, brachte der Großmutter fast immer einen guten Bissen von der gräflichen Tafel mit, und half gern in der Wirtschaft. Seit sie fest entschlossen war, die Frau des keineswegs reichen Arwind zu werden, hielt sie es für nothwendig, etwas von der Haushaltung zu lernen, und Frau Hofmann durfte sich nicht weigern, ihr Kuchen backen, Kaffee kochen und das Zurichten der feinen Wäsche zu lehren.

Graf Hohenburg hielt an den alten Gebräuchen, in seinem Hause wurde nicht nach der neuen Mode um fünf oder sechs Uhr, sondern um zwei Uhr zu Mittag gespeist, und wenn nicht Gäste da waren, was selten vorkam, dauerte die Tafelzeit höchstens ein Stündchen.

Constanze war also bald Herrin ihrer Zeit und rascher als gewöhnlich ging sie, im einfachen weißen Kleide, den Kopf mit einem großen runden Strohhut bedeckt, nach dem Häuschen, wo sie schon so viele glückliche Stunden verlebt hatte.

Frau Hofmann und Clärchen waren im Garten hinter dem Hause, eifrig mit pflanzen beschäftigt. Constanze begrüßte sie in ihrer freundlichen Weise. »Laßt Euch nicht stören«, rief sie Beiden zu, »ich will zur Großmutter, falls sie von ihrem Nachmittagsschläfchen schon erwacht ist, denn ich habe mit ihr zu reden«.

»Wir nehmen um Punkt 12 Uhr unser einfaches Mahl ein, dann schläft Großmutter, sie ist schon seit einem Stündchen wieder munter und spinnt, sie wird sich freuen, ihr Comteßchen zu sehen«, sprach Frau Hofmann.

»Gewiß, gehen Sie nur hinein und erlauben Sie, daß wir in unserer Arbeit fortfahren«, rief Clärchen.

Constanze nahm den großen Strohhut ab und ging in das Gemach, wo wie gewöhnlich die alte Frau am Fenster saß, die Spindel drehend. Ihre lahmen Füße verhinderten sie, sich des Rädchens zu bedienen und darum erzählte sie auch so viel und gern.

Als die junge Gräfin eintrat, legte sich ein glückliches Lächeln auf Kunigundens faltiges Gesicht, das aus dem schneeweißen Häubchen ehrwürdig und angenehm heraus schaute.

Sie streckte der jungen Gräfin die Hand entgegen und rief: »ei, woher so früh, Herzenscomteßchen? Aber je früher desto lieber, nehmen Sie gütigst Platz und entschuldigen Sie, daß ich Ihnen nicht entgegen komme«.

»Als ob ich das jemals von Dir verlangte, Großmutter! Schäme Dich, so zu mir zu sprechen, zu Deinem Goldtöchterchen, bleibe auf Deinem Plätzchen, sieh', diese Apfelsine habe ich Dir mitgebracht, ich mache sie Dir dann zurecht, und jetzt, Großmutter, da wir allein sind, mußt Du mir einige Fragen beantworten, aber ganz aufrichtig, hörst Du?«

»Gern, wenn ich kann, fragen Sie nur zu, aber Sie wissen wohl –«.

»Daß ein Narr in einer Viertelstunde mehr fragen kann, als zehn Weise in einem Tage zu beantworten im Stande sind, das wolltest Du doch sagen?« fiel Constanze der alten Frau schelmisch in das Wort. »Sei ruhig, ich werde Dich nicht viel fragen«.

»Nun, so setzen Sie sich her zu mir, mein Engelchen, und fragen Sie«.

»Erinnerst Du Dich, zur Zeit, als meine gute Mama noch lebte bei meinen Eltern von einem Fürsten Wolfenstein gehört zu haben? Hast Du ihn vielleicht in früherer Zeit gesehen?«

»Wolfenstein, Wolfenstein? Ja, freilich, zur Zeit des Wiener Congresses kam oft der Fürst von Wolfenstein zu Ihrem gnädigen Großpapa. Ihr Herr Vater war damals noch ein Knabe und mochte ihn nicht leiden, so oft der Fürst erschien, versteckte sich mein junger Graf. Es war ein stattlicher Herr, sehr reich, aber gewaltthätig im Großen und im Kleinen. Eines Tages, es ist mir noch, als wäre es gestern gewesen, trat er aus dem Hotel meiner Herrschaft, ich begegnete ihm mit einem herrlichen Blumenstrauße, den ich für meine gnädige Gräfin geholt hatte, ehe ich zu mir selbst kam, riß mir der Fürst den Strauß aus der Hand und lief damit fort, wahrscheinlich hatte der Fürst gesehen, daß der Strauß sehr geschmackvoll war und wollte ihn einer Dame bringen. Nach etwa zwei Stunden schickte er mir durch seinen Kammerdiener zwei Dukaten. Ich wollte sie erst nicht annehmen, allein Helfer sagte: ich solle das Gold nur nehmen, dem Fürsten könne er es doch nicht wieder bringen, ohnehin werfe es die Durchlaucht oft ganz sinnlos weg. So nahm ich es denn. Bei dieser Gelegenheit lernte ich Helfer kennen, das wilde Leben bei dem Fürsten gefiel ihm nicht, Helfer trat also in die Dienste des Herrn Grafen von Hohenburg-Hellborn, denn er war ein tüchtiger Mann, in alle Sättel gerecht, wir wurden ein Paar, und haben dreißig Jahre glücklich zusammengelebt. Bald werde ich wieder bei ihm sein.«

»O Großmütterchen sprich nicht so, ich kann es nicht hören, Du bist ja noch gar nicht alt, etwa sechzig Jahre, nicht? Kannst noch zwanzig Jahre leben.«

»Bin fünfundsechzig mein Comteßchen.«

»Nun, das ist auch noch kein Alter, aber höre Großmütterchen, ich meine nicht jenen Fürsten Wolfenstein, ich spreche von dem, welcher Etwas jünger ist, als mein Vater, von dem der früher Graf Hoheneck hieß, ehe er Fürst wurde.«

»Ah, jetzt erinnere ich mich, Sie reden von dem Neffen des alten Fürsten. Das war ein eigenthümlicher Knabe, und später besuchte er die Herrschaft, nicht die alte Herrschaft, sondern Ihre Eltern in Felsenburg. Er war zweimal da, immer auf lange Zeit. Das Zweitemal traf er mit einem Herrn von Falkenberg zusammen, das war ein bezaubernder Mensch, für diesen Mann wäre jeder von der Dienerschaft durch das Feuer gegangen.

Der Herr von Falkenberg war nicht reich für seinen Stand, aber ein ausgezeichneter Maler, oft saß er Stunden lang im Burghofe und malte, er nahm blitzschnell bald diesen, bald jenen schönen Punkt von der wildromantischen Gegend auf. Auch Porträts malte er, die gnädige Gräfin, Ihre Mutter, hat er gemalt« –

»Oh, und niemals habe ich dieses Porträt gesehen!«

»Es ist in Felsenburg geblieben, ja, ja« – die alte Frau Frau seufzte und schwieg.

»Mein Vater liebt Felsenburg nicht.«

»Es ist freilich nicht so heiter wie hier, Schloß Felsenburg liegt wie ein Adlernest auf steilem Felsen, der Weg hinauf ist beschwerlich, auch ist es winklich, und hat weder so viele, noch so große Gemächer wie das neue Schloß. Die Aussicht freilich, in das Thal hinab, ist herrlich, und ich war gerne da.«

»Gefiel Dir der jetzige Fürst von Wolfenstein nicht, Großmutter?«

»Nein, er war ein Mann von sehr vornehmen Aussehen, allein er zeigte eine erschreckliche Selbstsucht, und war voll Uebermuth gegen Herrn von Falkenberg. Dieser verschwand eines Tages ohne Abschied, niemals wieder, hat man ihn gesehen.«

»Aber doch von ihm gehört?«

»Hm, der jetzige Fürst, oder Graf Hoheneck, wie er damals hieß, las eines Tages bei Tafel einen Brief vor, den er von Falkenberg erhalten haben wollte, dem nach sollte dieser nach Amerika gegangen sein, aber ich glaube es nicht!«

»Und warum glaubst Du es nicht?«

»Ja gnädiges Constanzchen, ich habe stets von dem Charakter eines Mannes auf seine Handlungsweise geschlossen. Graf Hoheneck reiste ab, ohne den Beamten und der Dienerschaft ein Wort des Abschiedes zu gönnen, Herr von Falkenberg hätte uns Lebewohl gesagt, sicherlich meinem Manne, dem er, besonders wohl wollte, wenn seine Abreise nicht schnell gekommen wäre. Ich bin überzeugt, Graf Hoheneck hat den guten, lieben Herrn von Falkenberg aus dem Wege geräumt.«

»Großer Gott, was willst Du damit sagen?«

»Hoheneck hatte viele Duelle gehabt, sie waren stets zu seinem Vortheil ausgegangen, doch will ich damit nicht gesagt haben, daß er Herrn von Falkenberg gefodert hat. Hoheneck verstand sich auch auf Intriguiren, und ich habe den Glauben, daß er zwischen Ihrem Papa und Falkenberg Mißtrauen und Feindschaft gesät, und der Letztere Felsenburg schnell und auf Nimmerwiederkehr verlassen hat. Der jetzige Fürst von Wolfenstein schmiegte sich allzuzärtlich an Ihren Papa, er wollte ihm der einzige Freund sein, das sah man wohl. Selbst Ihre gute Mama hatte unter dem Einflusse des falschen Freundes zu leiden. Als Herr von Falkenberg fort war, schien Ihr Herr Papa Reue über sein Benehmen zu fühlen, denn er sah bleich und niedergeschlagen aus, und klagte über Krankheit. Der Arzt verordnete ihm eine Reise und wirklich ging er mit Ihrer Mama und dem Grafen Guntram auf ein halbes Jahr nach Italien. Als er zurück, nach Deutschland kam, reiste er sogleich nach Hohenburg und hat seitdem stets das neue Schloß bewohnt, so viel ich weiß, hat er Felsenburg nie wieder gesehen. Graf Hoheneck kam damals nach der Abreise Ihrer Eltern nach Felsenburg zurück, packte Herrn von Falkenburgs zurückgelassene Sachen ein, und sandte sie nach Paris unter der Adresse: Herrn von Falkenburg; Sehen Sie Gräfin Constanze, darum wollte es mir nicht einleuchten, daß Herr von Falkenberg in Nordamerika sein sollte, was hätte der Edelmann und Künstler dort thun sollen? Auch las der Graf Hoheneck diesen Brief etwa neun Monate nach dem Verschwinden des Herrn von Falkenberg vor, und in Gegenwart mehrerer Diener, die bei Tafel aufwarteten. Er wollte uns Alle auf eine falsche Fährte führen, das merkte ich wohl. Nachmittags ging ich in den Park um Veilchen zu suchen, weil die Frau Mama sie sehr liebte, da, wie ich mich so auf den Rasen niederbückte, hörte ich plötzlich die Stimmen des Herrn Papa's und die des Grafen Hoheneck. Sie schienen sich zu streiten, weil sie aber Italienisch redeten, verstand ich nur hier und da ein Wort, was ich vor Jahren in Wien, wo man viel Italienisch vernimmt, aufgefangen hatte. Vom Gelde war die Rede und den Namen Falkenberg hörte ich zweimal. Ich schlich mich hinter das Gebüsch um nicht als Lauscherin angesehen zu werden. Den nächsten Tag reiste Hoheneck ab, und ist seitdem nicht wieder hier gewesen. Das sind jetzt wohl elf Jahre her, ich kam damals noch viel in das Schloß, obgleich ich schon längst hier in dem Hollunderhäuschen wohnte, welches mir die selige Mama Ihres Papa's vermacht hatte.«

»Jetzt wird der Fürst meinen Vater wieder besuchen, schon Morgen.«

Frau Helfer schüttelte den Kopf und seufzte leise.

»Und noch mehr will ich Dir sagen, aber nur Dir, Dir allein, er kommt, um eine von meinen Schwestern als Gattin heimzuführen, diejenige, welche ihm am besten gefällt, er hat Papa's Wort.«

»Gott gebe, daß keine Ihrer Schwestern dem Fürsten so erscheint, daß er sie wählt. Wenn ich zaubern könnte, würde ich auf kurze Zeit alle drei Comtessen in entschiedene Häßlichkeiten verwandeln, denn eine unschöne Frau heirathet Fürst Wolfenstein nicht.«

»Ich fürchte, damit würdest Du den Schwestern keinen erwünschten Dienst leisten,« entgegnete Constanze, »Mathilde und Hildegard scheinen beide nicht abgeneigt, das stille Hohenburg zu verlassen, und als reiche Fürstinnen durch Schönheit und Rang in einer Hauptstadt zu glänzen. Nachdem aber, was Du mir von dem Fürsten erzählt hast, graut mir von dem Manne, und ich werde die Schwestern vor ihm warnen.«

»Das wird schwer sein, Engelskind, die beiden Comtessen sind ein wenig eitel und haben nicht Ihren Geist. Es ist besser, den Herrn Papa zu warnen, und ich bitte Sie, liebes Constanzchen schweigen Sie vor der Hand. Noch ist der Fürst nicht hier, noch hat er keiner der Comtessen seinen Antrag gemacht, zu was nützt, den Fürsten reizen, denn das können Sie schon glauben, Ihre Schwestern würden bald Alles ausplaudern, sogar gegen den Fürsten selbst. Sobald Sie aber wissen, daß eine Ihrer Schwestern verlobt werden soll, dann kommen Sie sogleich zu mir, dann, nur dann, werde ich Ihrem gnädigen Papa Etwas sagen, und er müsste seine Kinder nicht lieben wie er sie liebt, wenn er eine Tochter dem Fürsten von Wolfenstein zur Frau gäbe.«

»Gewiß liebt uns mein Vater, ungeachtet seines düstern Wesens. Er kann sich nie über den Verlust meiner Mutter trösten.«

»Liebes Constanzchen, sicher wird Ihre Mama aufrichtig betrauert, aber schon vor ihrem Ableben war Graf Hohenburg nicht andrer Gemüthsart. Seit Herrn von Falkenbergs Abreise habe ich ihn nicht fröhlich gesehen.«

Constanze legte ihr schönes blühendes Gesicht an das verwelkte der guten Frau Helfer, und flüsterte ihr in das Ohr: »o Gott, Großmutter, mein Vater wird doch dem Falkenberg kein Leid zugefügt haben?«

»Ein körperliches sicher nicht, aber vielleicht ein geistiges, kränkendes Mißtrauen hat er ihm wahrscheinlich gezeigt, und sicher hat er keine Gelegenheit gefunden, es wieder zurückzunehmen.«

Jetzt überflog dunkle Röthe das Antlitz der Jungfrau, ihr feines Ohr vernahm einen lieben, wohlbekannten Tritt. Auf das Klopfen an der Thüre rief die alte Frau: »Herein,« und als sie den Eintretenden in das Gesicht sah, rief sie staunend und von Rührung überwältigt: »o mein Gott, kann ich denn meinen Augen trauen und geschehen noch Wunder, Herr von Falkenberg, mein guter Herr von Falkenberg

Der mit diesem Namen Angeredete, sah die Matrone lächelnd mit großen Augen an, und erwiederte mit sanfter, wohllautender Stimme: »Mein Name ist Aarenhof, nicht Falkenberg.«

»Aarenhof, nicht Falkenberg,« wiederholte Frau Kunigunde, »ja, freilich wie ich Sie jetzt genau betrachte, mein junger gnädiger Herr, da sehe ich wohl, daß Sie wenig Jahre über zwanzig zählen können, und jener Herr von Falkenberg, dem Sie so ähnlich sind, mag seine acht bis neununddreißig haben, jetzt entdecke ich auch, daß Ihr Haar eine Tinte dunkler ist, und das kleine braune Fleckchen auf der linken Wange fehlt Ihnen, aber dennoch habe ich nur zwischen Zwillingsgeschwistern oder Vater und Sohn solche Ähnlichkeit gesehen. Was verschafft denn meinem geringen Häuschen die Ehre?« –

Arwind blickte etwas verlegen auf Constanzen und murmelte eine Frage nach Herrn Hofmann, doch die junge Dame ließ ihn nicht weiter sprechen. »Nein, bester Arwind, hier ist Verstellung nicht am Orte. Hören Sie mich an, diese würdige Frau war schon mehr die Freundin als die Dienerin meiner Großmutter, Sie besaß das volle Vertrauen meiner Mutter und hat mich als Kind auf den Armen getragen, ihre Enkelin ist meine Milchschwester, sie soll Alles wissen. Höre mich, Großmütterchen, und schilt mich nicht, ich liebe den Baron Aarenhof, und habe ihm Treue gelobt wie er mir, heute wollte ich meinem Vater mein Geheimniß entdecken, aber die Nachricht, daß der Fürst Wolfenstein uns besuchen will, hat ihn so aufgeregt, daß ich nicht mit ihm über meine Liebe sprechen konnte. Ich habe den Baron hierher beschieden, um ihm zu sagen: daß ich ihm treu bleibe, es geschehe was da wolle.«

»Was ist geschehen Constanze, warum so sehr ernst, welche Gefahr droht uns?«

»Noch weiß ich von keiner, aber da mein Vater, ohne die Herzen meiner Schwestern zu fragen, über ihre Hände verfügt hat, könnte es später auch mir geschehen sollen.«

»Also Sie haben das Herz meiner Comteß gewonnen, mein Herr Baron von Aarenhof? Bei Gott das freut mich, freut mich sehr, denn Sie haben ein gutes, liebes Gesicht, das Antlitz des Herrn von Falkenberg. Gott segne Sie; es ist Recht Constanzchen, daß Sie dem Herrn Papa Alles berichten wollen, wer hat denn Anrecht auf das unbedingte Vertrauen der Kinder, wenn nicht die Eltern, aber, daß Sie heute schwiegen, das war klug. Ich sehe schon, des Herrn von Aarenhof Liebe ist die ächte, ehrenhafte und ich bin Ihre Bundesgenossin.«

Das junge Paar setzte sich zu der Matrone und jetzt erzählte der Baron von seinen Plänen, und wie er Nichts auf Erden mehr thun wolle, als Constanzen eine glückliche Zukunft zu bereiten.

So plauderten die Matrone, welche fühlte wie ewig jung das Herz ist, und das glückliche Paar, ohne zu ahnen, daß diesem Tage viele bittere folgen sollten.

»Während der Anwesenheit des Fürsten wird es mir vielleicht nicht möglich früh im Park zu sein,« sagte Constanze, »aber an den Nachmittagen finde ich schon einige Augenblicke für Dich mein Arwind, und hier unter den Augen dieser edlen Matrone wollen wir uns sehen.«

»Süße Constanze, und ich, oh, ich muß Dir sagen, daß ein Brief meines Vaters, den ich heute Mittag erhielt, mich nach Hause ruft. Je eher ich dem Minister vorgestellt werde, desto früher kann ich den eigenen Heerd gründen, an dessen freundlicher Flamme ich mit Dir, mein Engel, glücklich sein werde. Ich hoffe, Du bist mein starkes Mädchen, und wirst Dich ruhig in die Trennung fügen, sie wird mir schwer genug.«

»Fort mußt Du? fort? – Aber ich sehe ein, es muß sein, habe ich doch schon seit Wochen gewußt, daß der Moment nahe ist, wo Du Deine Laufbahn antreten mußt. Ich will auch nicht klagen mein Arwind, wie ich Dich kenne, wirst Du bald kommen mich heimzuführen, denn wir können ja nicht lange ohne einander leben, und schreiben werden wir uns täglich, nicht wahr?«

»Gewiß, meine Constanze, laß den Abschied kurz sein.«

Er schloß das schöne Mädchen innig in seine Arme, drückte einen heißen Kuß auf ihren Lippen, reichte der Frau Helfer die Hand und verließ rasch das Zimmer.

Constanze sank in einen Stuhl, ihre Thränen floßen und sie barg ihr Antlitz in den Händen.

»Geliebtes Kind,«sagte sanft die Matrone, »fassen Sie sich, es ist Zeit, daß Sie heimkehren, Sie werden sonst vermißt. Nehmen Sie Wasser und kühlen Sie ihre lieben Augen. Nur ruhig, mein Herzchen, der liebe Baron wird bald schreiben, und Sie werden sehen, in kurzer Zeit hat er es dahin gebracht, daß er Sie holen kann, um Sie als glücklichste Gattin in seine Heimath zu führen. Wenn man so jung ist wie Sie, erscheint Einem ein Jahr wie eine Ewigkeit, aber ach, wenn man alt ist, kommt Einem das ganze Leben wie ein kurzer Traum vor. Es ist mir oft zu Sinn als hätte ich erst gestern mit meinem seligen Manne geredet, und Ihre liebe Mama, Comteßchen, sehe ich vor mir stehen, als wenn sie eben zu mir gesprochen hätte.«

Als Constanze den Heimweg antrat, warfen die Bäume schon längere Schatten. Constanze hatte viel mit sich selbst zu sprechen, darum machte sie den Umweg durch den Park. Als sie das liebe Plätzchen sah, wo sie so viele unschuldige und glückliche Morgenstunden mit Arwind verplaudert hatte, füllten sich ihre Augen wieder mit Thränen, aber sie bekämpfte ihren Schmerz und trocknete rasch die feuchten Wimpern.

»Ich will vertrauen, hoffen und beten!« sagte sie unwillkührlich laut.«

»Das ist schön gedacht!« sprach eine etwas scharfe, aber nicht unangenehm klingende Männerstimme, und mit abgezogenem Hute trat ein Mann auf sie zu, und sagte: »ich bitte die Gnädige um eine milde Gabe«.

Constanze fuhr mit ihrer rechten Hand schnell in ihre Rocktasche und sagte dann etwas verlegen, und unbeschreiblich sanft: »ich habe gar kein Geld bei mir, aber kommen Sie morgen in das Schloß, mein Vater kann, und wird mehr für Sie thun, als ich, haben Sie aber heute noch Hülfe nöthig, so folgen Sie mir, ich will meinem Vater sagen, daß Sie hilfsbedürftig sind.«

Nach diesen Worten ging sie weiter, sie hörte den Bettler hinter sich her lachen und unwillkührlich beschleunigte sie ihre Schritte, das Lachen jenes Mannes hatte etwas Dämonisches, sie fürchtete sich.



V.
Der Gast.

Als am nächsten Tage die Gräfinen in den Speisesaal traten und Graf Hohenburg sie betrachtete, flog ein trübes, schmerzliches Lächeln über sein edles Antlitz. Gräfin Christiana hatte brillante Toilette gemacht, als gälte es einen König zu empfangen, Mathilde und Hildegard eben so geschmackvoll als glänzend gekleidet, prangten wie frische Rosen. Er hatte seine Töchter noch niemals so schön gesehen, nur Constanze trug wie immer ein Kleid von weißem Mull, ein Zweig wilder Rosen im dunklen Haar war ihr einziger Schmuck.

»Wir können den Fürsten wohl erst zum Abend erwarten«, bemerkte der Graf, »wir wollen auftragen lassen«.

Bei Tisch sprach Niemand ein Wort, der Graf sah blaß und gedankenvoll aus und berührte die Speisen kaum, Gräfin Christiane und Constanze blickten ihn verstohlen, voll Besorgniß an; die Zwillingsschwestern waren mit sich selbst beschäftigt, nur Benno hatte nichts von seiner kindlichen Fröhlichkeit verloren. Als die beiden Diener das Dessert aufgestellt und sich entfernt hatten, wandte er sich harmlos zum Vater und sagte: »Papa, was ist Fürst Wolfenstein für ein Mann, wird er mich mit sich nehmen, wenn er ausreitet, ist er freundlich, gutherzig, freigebig?«

»Gewiß, Benno, er ist ein feiner Mann!« erwiederte der Graf, aber wer ihn näher beobachtete, mußte hören, daß seine Antwort gezwungen klang.

Der Graf begab sich nach der Tafel in sein Zimmer, die Damen setzten sich auf die Terrasse vor dem Schlosse, jede hatte eine Nadelarbeit in der Hand, aber nur Tante Christiane, zu deren Vergnügen es gehörte Tapisserie zu machen, arbeitete ernstlich und zählte unverdrossen: sechs grüne, acht braune Stiche und so fort.

»Wie schade, daß die Orangenbäume noch nicht auf der Terrasse stehen«, sagte Hildegard.

»Und die Granatbäume, die Oleander«, stimmte Mathilde bei, »man nimmt sich unter Bäumen arbeitend viel besser aus«.

Der Hofmeister Benno's, Doktor Fernkorn, welcher heute in der Stadt gewesen war und nicht mitgespeist hatte, trat mit einer tiefen Verbeugung zu der Gruppe und sagte: »Die Damen machen auch ohne Bäume ein schönes Tableaux?«

»Sie sind ein Dichter, Herr Doktor« entgegnete die Tante, »also muß man Ihre Bemerkung etwas gelten lassen«

»Diese stolze Bezeichnung verdiene ich nicht, wenn ich auch dann und wann Verse mache, gnädige Gräfin«.

»Haben Sie neue Bücher mitgebracht, lieber Herr Doktor?« fragte lebhaft Hildegard, welche sehr gerne Romane las.

»Ausgesucht, Comteß Hildegard, ein ganzes Paket, es wird nachgesandt werden.«

»Meine Eltern gestatteten nicht, daß ich Romane las, Euer Vater, liebe Kinder, ist darüber anderer Ansicht. Was halten Sie vom Romanlesen, Herr Doktor?« sagte Gräfin Christiana.

»Es kommt darauf an, wie die Romane sind, gnädige Gräfin, »wenn sie das Leben schildern, wie es in Wahrheit ist, dann sind sie nicht nur unterhaltend, sondern lehrreich, jeder Roman, wenn er nicht ganz unbedeutend oder hyperromantisch ist, fördert die geistige Entwicklung«.

»Halten Sie wirklich den Roman für einen Spiegel des Lebens, Herr Doktor?«

»Gewiß, gnädige Gräfin. Blicken Sie in sich, blicken Sie um sich, fast Jeder hat Etwas erlebt, das einen Gegenstand für die Dichtung abgäbe, beinahe in jedem Hause spielt sich langsam ein Drama ab und in wie so manchem eine Tragödie, von welcher die Welt Nichts erfährt«.

»Das ist sehr wahr!« rief Constanze aus, wie Jemand der laut denkt und nicht weiß, daß er laut spricht.

Während der letzten Hälfte dieses Gespräches war Graf Hohenburg, unbemerkt von Allen, aus dem Salon auf die Terrasse getreten.

»Was weißt Du von häuslichen Tragödien, Du unwissendes Kind?« sagte er etwas scharf.

»Genug, lieber Papa, haben wir Kinder nicht schon die theuere Mutter verloren?« entgegnete Constanze.

»Das ist wahr, Ihr Verlust ist uns nie ersetzt worden!«

»Welches Haus hat nicht geliebte Todte beherbergt? und wie groß auch Euer Verlust, es gibt noch härtere Schicksale, wie leider jetzt Milottas, die arme Frau dauert mich, und was werden die Kinder empfinden, sobald sie erwachsen sind, wenn es ihnen nicht länger verborgen bleiben kann, daß ihr Vater als Verbrecher gestorben ist«.

»Sie haben Recht, gnädige Gräfin«, bemerkte Doktor Fernkorn, »ein guter Name ist das schönste Erbtheil und diesen sollten alle Eltern ihren Kindern hinterlassen, er ist mehr werth, als ein hochtönender oder berühmter. Mein Vater war nur ein subaltern Beamter, aber wenn ich in meine Heimath komme, höre ich seinen Namen nie anders als mit Achtung und Rührung nennen, das thut mir wohl, und minder bitter fühle ich seinen Verlust.«

Graf Hohenburg sprach kein Wort, die beiden ältesten Töchter flüsterten zusammen, Constanze stand auf, legte liebevoll die Hand auf des Vaters Schulter und sagte: »aber auch Kinder sind den Eltern schuldig, ihre Ehre rein zu erhalten, nie, mein theuerer Vater, niemals will ich Etwas thun, was Dich betrüben könnte, was einer Hohenburg unwürdig wäre«.

Der Graf zog das liebliche Mädchen an sich und küßte sie auf die Stirn, eine heiße Thräne fiel aus seinem Auge auf Constanzens Hand.

»Ich habe die Ehre, den Herrschaften einen guten Abend zu wünschen«, ließ sich eine hellklingende Männerstimme vernehmen; Jeder blickte auf, aus dem Salon trat ein Herr in einfacher aber höchst eleganter Sommertracht und verbeugte sich mit der eigentümlichen Grazie, die den vornehmen Oesterreicher oder Polen kennzeichnet.

Der Graf zuckte zusammen, doch faßte er sich schnell und rief scheinbar erfreut: »willkommen auf Hohenburg, lieber Wolfenstein. Liebe Cousine, Sie kennen den Fürsten durch sein Porträt und werden jetzt sehen, wie sehr es getroffen ist, Gräfin Christiana von Beulwitz, meine Töchter, Herr Doktor Fernkorn, der Erzieher meines Sohnes Benno.«

Der Fürst verbeugte sich noch einmal gegen jede der Damen, und grüßte dann Fernkorn mit einer Miene, als habe er die Absicht, sein Freund zu werden.

»Willst Du vielleicht erst auf Dein Zimmer gehen und dann zum Thee wieder zu den Damen zurückkehren?« fragte der Graf.

»Ganz wie es Dir gefällt, lieber Hohenburg; meine Damen, wollen Sie mir erlauben, was mein Freund mir versprochen hat, in Ihrer Gesellschaft den Thee zu nehmen?«

»Wir erwarten Sie, Fürst Wolfenstein«, entgegnete Gräfin Christiana mit ihrem freundlichsten Lächeln.

Als Hohenburg sich mit dem Gaste entfernt hatte, wurden einige Bemerkungen über denselben gemacht.

»Ein graziöser Mann, man könnte ihn für sechsunddreißig Jahre halten, und doch ist er fast so alt wie Euer Vater, Ihr Kinderchen«, sagte Gräfin Christiana.

»Papa ist immer so ernst und der Fürst sieht heiter aus«, rief Mathilde.

»Mir gefällt er ganz gut, ich möchte wissen, ob er noch tanzt«, äußerte Hildegard.

»Der Fürst erinnert mich an einen Herrn, den ich vor zehn Jahren in London traf, aber er selbst kann es nicht sein«, [sagte Fernkorn,] und halblaut setzte er in Gedanken hinzu: »das wäre schrecklich!«

Constanze machte durch keine Sylbe bekannt, daß sie den Gast beobachtet hatte, und doch hatte sie ihn fortwährend verstohlen betrachtet. Ihr wurde bang in seiner Nähe, ihr Vater schien ihn offenbar zu fürchten. Ihr war Fernkorns halblaute Aeußerung nicht entgangen. Sie nahm einen Bleistift und ein Blättchen Papier vom Tisch und schrieb, ungesehen von den Damen, mit flüchtigen Zügen: »kommen Sie morgen früh um fünf Uhr an die Grotte«.

Fernkorn verbarg den Papierstreifen und setzte die Unterhaltung mit den Damen fort, bis sein Zögling Benno herbeigehüpft kam, und ihm von seinen Kaninchen erzählte.

Graf Hohenburg kehrte bald zu seiner Familie zurück, er sah heiterer aus, als gewöhnlich, offenbar hatte der Fürst ihm eine angenehme Nachricht gebracht.

Benno schmiegte sich an den Vater an, und wurde von ihm geliebkost, auch die geschmackvollen Arbeiten seiner Töchter lobte er, und Gräfin Christiana erhielt von ihrem Vetter ein Compliment, über ihren Anzug. Sie war ganz erstaunt darüber.

Nach einem Viertelstündchen erschien der Fürst, in der für einen Sommerabend auf dem Lande geeigneten Toilette. Er zeigte sich artig, und munter, wußte den Damen auf feine Weise zu schmeicheln, und vertheilte seine Artigkeiten unter die ältesten Töchter des Hauses so gleichmäßig, daß keine sich für die Bevorzugte halten konnte. An Constanze richtete er nur dann und wann ein Wort, desto länger weilten seine Blicke auf dem lieblichen Antlitze des jungen Mädchens, das beängstigt darüber, die Augen niederschlug.

»Es ist merkwürdig, Herr Doktor, wie ähnlich Sie einem, meiner näheren Bekannten sind, einem Baron von Vannewitz,« sagte der Fürst, »man könnte Sie für dessen Zwillingsbruder nehmen.«

»Auch ich finde Ihre Durchlaucht einem Herrn ähnlich, den ich vor Jahren in London kannte, bis auf Haltung und Sprache,« erwiederte Fernkorn.

»Waren Sie in London? Gefiel es Ihnen in dieser Stadt? Ich war vor acht Jahren da, habe aber niemals Sehnsucht gehabt, nachdem ich in drei Monaten immense Summen ausgegeben hatte, wieder hinzureisen.« Ohne Fernkorns Antwort abzuwarten, sagte er zur Gräfin Christiana: »mein Plan ist von jetzt an, in den Sommermonaten auf meinen Gütern zu leben oder in einem deutschen Badeorte, im Winterhalbjahr in Wien, man amüsirt sich doch nirgends so gut, wie in der Kaiserstadt, über welcher zu allen Jahreszeiten ein blauer Himmel lacht. Du solltest auch nach Wien gehen Hohenburg, dort wird der Mensch heiter, er mag wollen oder nicht. Ein Mann in Deinen Jahren sollte sich nicht so in die Einsamkeit begraben, auch bist Du es den Deinen schuldig, ihnen doch ein wenig die Freuden der Welt genießen zu lassen.«

»Für diese findet sich schon ohne mich Gelegenheit dazu, sie fangen erst an zu leben. Was mich betrifft, so fühle ich mich hier, wo ich zum Glücke so Vieler beitragen kann, am ruhigsten, doch verkenne ich aus Deiner Rede, Deine freundschaftliche Absicht nicht, mein guter Wolfenstein.«

Als die Familie endlich mit dem Gaste den Salon verließ und Jedes im Begriff war, zur Ruhe zu gehen, näherte sich Fernkorn einen Augenblick Constanzen und flüsterte ihr zu: »ich komme.« Sie nickte.

Der Fürst hatte die Worte nicht verstanden, aber das Heimlichthun der jungen Leute bemerkt, er runzelte die Stirn, sein an sich interessantes, geistreiches Gesicht, bekam einen bösen Ausdruck, »sollte dieses Kind, sein Herzchen bereits verschenkt haben?« sagte er zu sich selbst, »an den Erzieher ihres Brüderchens, in Ermangelung eines andern jungen Mannes? Er sieht zwar gescheidt und fein aus, aber wahrlich, eher häßlich als schön. Daß doch heut zu Tage die jungen Damen der Aristokratie sich so oft in Pfarrer und Philologen verlieben, und dieser Fernkorn, schreibt so viel ich mich erinnere, Gedichte. Er muß unschädlich gemacht werden.«

Hildegard und Mathilde plauderten in ihrem gemeinschaftlichen Schlafgemache noch lange von dem Fürsten, der beiden sehr Wohl gefiel. Constanze betete für ihren Arwind, für Vater und Geschwister und das ganze Haus, zuletzt für sich, dann schlief sie ein und träumte von dem Geliebten, als die Schwestern noch immer des Schwatzens nicht müde waren.



VI.
Bei der Grotte.

Die Glocke der Schönburger Kirche hatte die fünfte Stunde noch nicht verkündet, als Doktor Fernkorn sich bei der Grotte unter einer Trauerweide niederließ. Die Anwesenheit des Fürsten Wolfenstein und die Einladung Constanzens hatten ihm viel zu denken gegeben. Obgleich erst dreißig Jahre alt, also jung genug, um noch Anspruch auf die Liebe einer jungen Dame zu haben, war er doch durchaus nicht der eitle Geck, welcher die Bestellung der Gräfin mißdeutete. Er verehrte das junge edle Mädchen und wußte wie hoch sie in jeder Beziehung stand.

Daß Fürst Wolfenstein jener Mann war, den er vor Jahren in London gesehen hatte, wagte er bis jetzt weder zu bestreiten, noch zu behaupten. Jetzt vernahm er leichte Fußtritte, ein Lilla-Gewand wurde sichtbar, Gräfin Constanze stand vor ihm.

»Guten Morgen, Herr Doktor«, flüsterte das Mädchen, »es ist schön von Ihnen, daß Sie da sind, aber lassen Sie uns in die Grotte treten, wir dürfen nicht gesehen werden«.

Fernkorn folgte ihr in die Grotte, Constanze begann: »ich weiß, daß Sie der Freund unseres Hauses sind und baue fest auf Sie, Sie sind auch mein Freund«.

»Bis in den Tod, Gräfin Constanze«.

»Fürst Wolfenstein ist ein Mann, vor welchem ich mich fürchte, dem ich mißtraue. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber ungeachtet seiner Artigkeit und Jovialität gegen meinen Vater, scheint es mir, als ob er einen geheimen, sehr bedeutenden Einfluß auf denselben ausübe. Ich will Ihnen später mehr mittheilen, aber jetzt, lieber Doktor, sagen Sie mir, haben Sie wirklich den Fürsten in London gesehen, und in welchen Verhältnissen? oder täuscht Sie eine Aehnlichkeit?«

»Meine beste Gräfin, ich weiß, daß Sie einen festen Charakter haben, einen hohen, Ihren Jahren vorausgeeilten Geist, ich kann mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen. So hören Sie denn: nachdem ich die Universität verlassen hatte, wünschte ich die Welt zu sehen und nahm das Anerbieten an, als Instructor eines der vielen deutschen Prinzen mit demselben auf Reisen zu gehen. Die liebe Hoheit hatte schon als Kind Französisch gelernt und sprach diese Sprache recht gut, aber desto schwerer fiel dem Prinzen das Englische und gerade das sollte er erlernen. Nicht etwa, um den Shakespeare und Byron im Original lesen zu können, sondern um vielleicht einmal eine der vielen Töchter der Königin davon zu tragen, denn mein Prinz war ein reizender Jüngling, seine Mutter, eines Königs Enkelin und die Vorliebe der Königin Victoria, für die Landsleute und Standesgenossen ihres Gemahls, der Prinzessin Elisabeth, bekannt. Damit nun Prinz Emil fertig Englisch sprechen lernen sollte, beschlossen seine hohen Eltern ihn ein Jahr nach London zu senden, mit kleinem Gefolge unter dem Namen eines Grafen von Walden. In seinem Vaterländchen hieß es, er bereise aus Liebe zur Kunst Italien, in Wahrheit hatte aber mein Zögling nur für drei Künste Sinn, nämlich für die Kochkunst, Tanzkunst und Reitkunst, übrigens war er ein gutmüthiger Mensch, ein mittelmäßiger Geist, hat sich jedoch unter guter Leitung zum ehrenwerthen Charakter entwickelt.«

Nach einer Pause fuhr Fernkorn fort: »der Prinz, damals fünfzehn Jahre alt, bewohnte, mit seinem Gefolge eine hübsche Villa in Fulham. Unser nächster Nachbar war ein deutscher Tonkünstler, dessen kleines Häuschen durch ein Gärtchen von der Villa des Prinzen getrennt war. Der Musiker war ein einfacher, durch und durch rechtlicher Mann, gar nicht eitel oder leichtsinnig, wie man, und nicht immer mit Unrecht die Musiker schildert. Seine schöne Schwester, ein Mädchen von achtzehn Jahren, eine alte Dienerin und ein noch im Jünglingsalter stehender Diener, machten nebst Werner, dies war sein Name, die Bewohner des Häuschens aus.

Wir wurden bekannt, und bald Freunde. Am Tage gab Werner Unterricht im Violinspiel und Gesange, Abends war er stets zu Hause, da besuchte ich ihn oft, Therese, so hieß Fräulein Werner, spielte vortrefflich Clavier, ich, wie Sie wissen, meine Gräfin, singe, und natürlich musicirten wir Freunde oft Stundenlang zu unserm eigenen Vergnügen zuweilen bis nach Mitternacht. Beinahe ein Jahr kannte ich Werner, als ich eines Tages einen Herrn bei ihm traf, welcher sich Berger nannte, und als Sprachlehrer darstellte. Es war ein Mann, den ich Ihnen äußerlich nicht zu beschreiben brauche, er sah aus, wie Fürst Wolfenstein, sprach wie dieser, genug ist, entweder er selbst, oder Bergers vollständigster Doppelgänger. Das Haar und den Bart hat er jetzt etwas verändert, wenn er nämlich derselbe ist, dem ich als Berger bei Werner begegnete.

Was ihm an Geist und Liebenswürdigkeit zu Gebote stand, wandte er an, um Werners Freundschaft und Theresens Liebe zu gewinnen. Merkwürdig war es, daß Berger, obgleich er, wenn er sprach, eine scharfe Stimme hatte, wie der Fürst, doch wunderschön sang. Selten habe ich eine eben so wohllautende zu Herzen gehende und vortrefflich geschulte Baßstimme gehört, wie Bergers Stimme war.

Nach einigen Wochen stellte mir Werner seine Schwester als Bergers Braut vor. Dieser hatte, ein für bescheidene Ansprüche hinreichendes Capital geerbt, und wollte sich mit Theresen in Schottland niederlassen. Er hatte seine Lectionen ausgegeben, und brachte den größten Theil des Tages bei seiner Verlobten zu.«

Als Fernkorn jetzt schwieg, rief Constanze lebhaft: »brach jener Mann seiner Braut die Treue?«

»Hätte er nur dies gethan, ich wollte ihn segnen. Es kam anders, er ließ sich mit Theresen trauen, in Werners Hause, weil er von einem Jugendfreunde, einem deutschen Geistlichen, eingesegnet sein wollte, sonst traut man in England in der Kirche.

Nach der Ceremonie machte das junge Paar seine Hochzeitsreise in das Hochland.

Therese wurde von dem Bruder sehr vermißt, es war ihm ohne sie nicht mehr heimisch in seinem Häuschen, und deßhalb holte ich ihn oft ab, damit er außer dem Hause Zerstreuung fände. Eines Abends trafen wir in einem Theater, wo man Possen aufführt, einen Herrn, in welchem wir den Geistlichen erkannten, der Theresen mit Berger getraut hatte, und zwar in Begleitung einer bekannten Tänzerin. Als er uns sah, wechselte er die Farbe, ich hörte meinen Nachbar sagen: »Ah Winkler, und mit der schönen Ballerina. Er muß wieder Geld haben, denn sonst hätte sie ihn nicht zum Begleiter erwählt.«

Ich kann Ihnen nicht alle Einzelnheiten erzählen, Sie würden sie theils nicht verstehen, theils schaudern, nur das sollen Sie erfahren, Gräfin, jener Mann, der Winkler genannt wurde, war kein Geistlicher, und Therese schmählich betrogen.

Werner, welche den letzten Brief Theresens von Edinburg aus erhalten hatte, reiste mit mir hin. Wir fanden Berger. Werner hielt ihm sein Betragen vor und verlangte gesetzliche Trauung für seine Schwester. Berger versicherte, daß er Theresen liebe, nie verlassen würde, daß in der Liebe und im Kriege jede List erlaubt sei, weigerte sich aber entschieden, sich in der Kirche durch einen ordinirten Priester trauen zu lassen. Hierauf forderte Werner den Schändlichen auf Pistolen und er stellte sich auch wirklich. Ich secundirte meinem Freund, Berger brachte seinen Sekundanten mit. Bei dem Duell ging Alles ehrlich zu. Berger, als der Geforderte, hatte den ersten Schuß, er schoß meinen Freund durch die Achsel. Nach dem Duell verschwand er, hatte aber Theresen einige hundert Pfund zurückgelassen, welche sie nie angerührt hat. Werner genaß und verließ mit Theresen London. Sie ist im Wochenbett gestorben und hat ihr todtes Kindlein mit in das Grab genommen. Auch ich folgte meinem Prinzen wieder nach Deutschland und blieb bei ihm, bis ich vor fünf Jahren Benno's Erzieher ward. Ob jener Mann, der meines Freundes Schwester so schändlich verrieth, mit dem Fürsten Wolfenstein identisch, werde ich schon herausfinden und ist es der Fall, dann soll Graf Hohenburg-Hellborn Alles erfahren, denn ich ahne, warum er hier ist«.

»Sie vermuthen, daß eine meiner Schwe­stern« Constanze hielt erröthend inne.

»Eine Ihrer Schwestern? O nein, Comteß Constanze, Sie werden von dem Fürsten zur Gemahlin gewählt werden, oder meine Menschenkenntniß hätte mich arg betrogen«.

»Mein Vater denkt nicht daran, mich schon wegzugeben, das ist mein Trost, aber auch jeder meinen Schwestern wünsche ich ein besseres Loos, als die Gemahlin dieses herzlosen Bösewichtes zu werden. Sie werden, Sie müssen ihn entlarven«.

»Gelingt mir dieses, ist Ihr Papa nicht der Mann, eine Tochter mit dem Schurken zu verbinden und wäre er zehnmal reicher und dreimal gefürstet, dennoch Gräfin, versichere ich Ihnen, daß ich zwanzig Edelleute und Edelfrauen kenne, welche ihm mit Freuden ihre Töchter geben würden, denn das Mädchen, welches er hinterging, war ja nur eine Bürgerliche, er hatte ihr eine Summe gegeben, welche in Deutschland ein Kapital heißt und überdem war sie so klug, nebst dem Kinde zu sterben; das rechnet die Welt einem Manne seines Standes nicht so hoch an, als wenn er den Mißgriff beginge, ein armes bürgerliches Mädchen wirklich zu heirathen, oder wenn er eine Spielschuld unbezahlt ließe«.

»O lieber Herr Doktor, dann ist die Welt ja sehr verderbt und böse!« rief Constanze.

»Sie besteht aus den verschiedensten Elementen, Gräfin Constanze, das ist es. Bewahren Sie jetzt meine Worte, und weichen Sie dem Fürsten aus, hüten Sie sich jedoch, ihm Abneigung oder Mißtrauen zu zeigen, er ist ein Mann, der weder die eine noch das andere hinnimmt, ohne sich zu rächen. Versprechen Sie mir, vorsichtig zu sein!«

»Ich verspreche es Ihnen«, sagte Constanze mit Nachdruck und entfernte sich aus der Grotte um in das Schloß zurückzukehren, ehe sie vermißt werden konnte. Es war vielleicht ein Glück für sie, daß sie eben ihr Zimmer betrat, als der Fürst mit seiner Morgentoilette fertig war und mit leisen, langen Schritten die Treppen hinab eilte, um zu spähen, ob er etwa im Garten oder Park Comteß Constanze mit Doktor Fernkorn im Gespräche treffen könne. Doch wie er sich auch umschaute, nirgends fand er sie, nicht einmal dem Doktor begegnete er, da dieser nach dem Dorfe hinabgegangen war, um ungestört seinen Gedanken nachzuhängen und seine Plane auszuspinnen.



VII.
Die Verlobung.

Der Fürst war bereits zwei Wochen Gast in Hohenburg und von einer so liebenswürdigen Heiterkeit beseelt, daß mit Ausnahme Fernkorn's und wohl des Grafen, Jedes im Schlosse von ihm entzückt war; selbst Constanze fragte sich zuweilen, ob es denn möglich sei, daß ein Mann so ungezwungen fröhlich sein könne, wenn er ein böses Gewissen habe.

Eines Tages, als die jüngste Gräfin mit Fernkorn wieder über Wolfenstein sprach, sagte sie: »ich kann es nicht glauben, daß Berger und der Fürst identisch sind, Sie erzählten ja selbst, daß der Letztere sein Haar, und seinen Bart ganz anders getragen habe, als Berger, und würde derselbe, hätte er Sie früher gesehen, sich doch nicht endlich einmal gegen Sie verrathen haben?«

»Er hat sich schon verrathen, Comteß«, sagte Fernkorn, »gleich, als er mich zum Erstenmale sah, erkannte er mich; deshalb seine Bemerkung über die Aehnlichkeit zwischen mir und einem Herrn, den er in London gesehen haben will, wohlbemerkt vor acht Jahren«.

»Ah, ich erinnere mich!«

»Und dies sagte der Fürst, um mich auf den Gedanken zu bringen, daß er natürlich eben so gut einen Doppelgänger haben könne, als ich. Beobachten Sie ihn nur genauer, Sie werden noch manches Auffallende finden«.

Am Abend des Tages, an welchem diese Unterredung stattgefunden hatte, fanden sich die Hohenburgs und der Fürst im Salon zusammen, auch Fernkorn erschien zur Theezeit. Es hatte mehrere Stunden geregnet gehabt und alle Blumen sandten ihre Düfte durch die geöffneten Fenster von der Terrasse in den Salon.

Mathilde, welche eine brillante Stimme besaß und für welche der Vater einen tüchtigen Gesanglehrer verschrieben hatte, trat zum Flügel.

Sie schien eine Aufforderung zum Singen zu erwarten, denn Sie fragte den Fürsten: »lieben Sie Musik?«

»Lieben? Sicherlich, meine schöne Gräfin, welcher gefühlvolle Mensch liebt nicht die wunderbarste aller Künste, aber leider bin ich wenig Kenner, wie alle Laien, ich vermag wohl, mich an Musik zu ergötzen, aber nicht sie zu beurtheilen«.

»Du wirst Dich doch keinen Laien nennen, lieber Wolfenstein«, sprach der Graf, »glaube ihm nicht, Mathilde, der Fürst spielt elegant Clavier und hat die schönste Baßstimme von der Welt«.

»Wenn Du mein unbedeutendes Gebrumm, welches ich, seit ich zum letzten Male hier war, nicht wieder hören ließ, Gesang nennen willst, muß ich es mir freilich gefallen lassen, aber wenn Du glaubst, daß ich vor einer Meisterin, wie Comteß Mathilde ist, bestehen kann, so irrst Du Dich, mein Bester«.

»Das wird sich zeigen, mein lieber Fürst«, sagte Gräfin Christiana, »wenn vier Damen Sie bitten, zu singen, können Sie nicht nein sagen«.

»Das würde ich doch sagen meine Gnädigen, also bitten Sie lieber nicht!« sprach der Fürst in einem Tone, welcher fast an Unart streifte.

Mathilde verzog den hübschen Mund, Gräfin Christiane erwiederte gereizt: »wir wollen Sie auch gewiß nicht bitten Fürst Wolfenstein,« Fernkorn und Constanze wechselten einen schnellen Blick miteinander und Hildegard sagte lachend: »wegen mir brauchte kein Mensch auf der Welt zu singen, ich schwärme nicht sehr für Musik, am wenigsten für Gesang.«

Arwind hatte schon einigemal geschrieben, alle jene süßen Plaudereien, über welche ein Dritter zuweilen lächelt, und die doch für Liebende unaussprechlich viel Werth und Reiz haben. Er war bereits auf seinem Posten in Frankfurt am Main, und versicherte der Geliebten, daß er Alles in Bewegung setzen werde, um sie bald von ihrem Vater zum Weibe erbitten zu können. »Wenn es möglich ist, daß ich Du Holde, Dich noch mehr lieben kann, als ich Dich von Anfang an geliebt habe, so liebe ich Dich noch heißer seit ich Dich mit andern jungen Damen vergleiche. Alle sind nicht was Du bist, Du in der Einsamkeit erblühte Waldlilie, Du so ganz anders und so unendlich mehr als die Mädchen und Frauen alle,« sagte er am Schluße seines Briefes, und jedes Wort las sie so oft, bis sie den ganzen Inhalt des Schreibens auswendig wußte.

In Gedanken, an ihren Arwind versenkt, ging sie ihrer einfachen Gewohnheit nach, eines frühen Morgens in den Park. Sie hatte vor Jahresfrist wilde Rosenhecken auf einem hübschen Plätzchen um einen kleinen Teich gepflanzt, der aus Artigkeit für Constanze, jetzt der Rosensee genannt wurde. Jetzt wollte sie sehen, ob die Knospen erblüht wären, im Dorfe an weniger schattigen Stellen blühten ihre Lieblingsblumen schon seit zwei Wochen.

Sie hatte ein Buch mitgenommen, und las, ja, sie war in das Buch so vertieft, daß sie nicht eher die Annäherung des Kommenden bemerkt hatte, bis ein schwarzer Schatten auf die Blätter ihres Buches fiel. Erschrocken blickte sie auf, der Fürst stand vor ihr.

»Ich preise mich glücklich, Sie gefunden zu haben Fräulein Constanze,« sagte Wolfenstein, nachdem er sich leicht verbeugt hatte, und als sie erröthend bis zur Stirne kein Wort erwiederte, nahm er, ohne ihre Erlaubniß dazu abzuwarten, neben ihr Platz und fuhr fort, »Ihr Vater hat mir erlaubt, mich um eine seiner Töchter zu bewerben, ja noch mehr, er hat mir mit seinem Worte dafür gebürgt, daß eine von Ihnen meine Gattin werden müsse. Aber nicht dem Gebote eines guten Vaters, welches keine wohlerzogene Tochter unbefolgt läßt, will ich mein Glück verdanken, sondern einzig dem freien Willen, der von mir Erwählten. Welche Stellung in der Welt ich Ihnen zu bieten habe, wissen Sie theure Constanze, ich glaube, sie kann jeder Dame genügen, aber ich habe für Sie mehr als das Fürstendiadem, ich bewundere, verehre und liebe Sie. Ich will nicht sagen, daß ich nicht Fehler hätte, mein Leben war nicht immer untadelhaft, aber die Vergangenheit kehrt ebenso wenig zurück, als die Todten. Dem Lebenden, Strebenden gehört die Zukunft, und ich werde Alles thun, um Ihre Zukunft zu einer glücklichen zu machen, wenn Sie Constanze, dieses Glück aus meiner Hand gern, und freiwillig annehmen wollen. Ich will an Ihrer Seite ein beßrer Mensch werden, lieblicher, reiner Engel, der vertrauen, hoffen und beten kann! Und jetzt verlasse ich Sie Theuerste, ich will Sie nicht bestürmen, morgen um dieselbe Zeit will ich mir von Ihnen Antwort holen.«

Mit leichten, schnellen Schritten entfernte sich der Fürst.

Constanzens Herz pochte ungestüm, sie wußte, daß sie jetzt einem harten Kampfe entgegen ging, dem Kampfe mit dem geliebten Vater. Doch das junge Mädchen besaß Energie und Verstand.

Aeußerlich ruhig, erhob sie sich, und ging langsam nach dem Schlosse, und geradezu in das Arbeitszimmer ihres Vaters.

Als sie eintrat, saß er am Schreibtische, sprang aber bei ihrem Anblick schnell auf, und ging auf sie zu. Zärtlich zog er sie an sich, und fragte: »was hast Du mir zu sagen, mein liebes Kind, ich weiß, Du hast mir eine wichtige Mittheilung zu machen. Der Fürst war mit meiner Erlaubniß bei Dir, und Deine Verlobung mit ihm wird mich glücklich machen.«

»Theurer Vater, um so mehr bedauere ich, daß ich niemals des Fürsten Gattin werden kann.«

»Auch nicht, wenn meine Ruhe davon abhängt?«

»Bester Vater, gewiß wollen Sie mein Glück, aber glauben Sie mir, an der Seite des Fürsten von Wolfenstein, wird Ihre Constanze es nicht finden!«

»Du sprichst, als wenn Du Dein Herz schon vergeben hättest, aber ich fürchte nicht, daß Du Deinem Vater solches Leid gethan hast. Ich habe das Recht, Dich nach meinem Willen zu vermählen und Du wirst Dich morgen mit dem Fürsten verloben.«

»Theurer Vater, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?«

»Jede, die ich zu gewähren vermag, liebes Kind,« erwiederte der Graf weich, denn weil sie Nichts mehr gegen ihre Verlobung einwandte, glaubte er, daß sie nachgäbe.

»Gehen Sie heute noch zur Frau Helfer.«

»Ich, Du meinst die alte Dienerin meiner Mutter, gern, ich weiß es, daß die lahme Frau nicht zu mir kommen kann, und ohnedies habe ich lange nicht nach ihr gesehen.«

»Ich danke lieber Vater, der Fürst begehrt erst morgen meine Antwort, also erlauben auch Sie mir, heute über seinen Antrag zu schweigen.«

»Du sollst Deinen Willen haben.«

Im Laufe des Tages wußte es Constanze so einzurichten, daß sie nicht einen Augenblick allein mit Wolfenstein zusammentraf.

Sie eilte zu Frau Kunigunden, ihr von der Werbung des Fürsten und dem Besuche ihres Vaters Mittheilung zu machen, und schien äußerlich vollkommen ruhig.

»Sie ist ein Wunder, so unbeschreiblich ruhig,« sagte der Fürst zu sich selbst, »wenn sie mich abweist, werde ich Muth haben, mein Glück zu erzwingen?«

Es war gegen Abend, als Graf Hohenburg in das Stübchen der Frau Helfer trat. Wie gewöhnlich, saß sie spinnend am Fenster, und gewohnt mit hochgestellten Personen umzugehen, erhob sie sich und begrüßte den Grafen mit Anstand.

»Bleiben Sie sitzen Frau Kunigunde,« rief der Graf ihr freundlich zu, ich setze mich zu Ihnen, und Sie sollen mir erzählen wie es Ihnen geht, und ob Sie einen Wunsch hegen, den ich Ihnen erfüllen kann.«

»Excellenz sind sehr gnädig, ich bin zufrieden,« erwiederte Frau Kunigunde, »meine Kinder sorgen dafür, daß meine Wünsche erfüllt werden, ehe ich sie ausspreche.«

»Es ist ein großer Segen gute Kinder zu haben!«

»Excellenz freuen sich dessen in reichem Maaße.«

»Sie haben Recht gute Helfer, ich bin auch dem Himmel dankbar dafür, und werde stets bestrebt sein, für das Glück meiner Kinder zu sorgen.«

»Gewiß wird jede der Comtessen nur nach ihrem Herzen sich vermälen und so glücklich sein, wie einst die verehrten Eltern waren. Excellenz werden nicht zulassen, daß ein Mann von mehr als zweideutigem Rufe, die Hand der Gräfin Constanze erhält.«

Der Graf runzelte die Stirn und sagte finster und scharf: »Frau Helfer Sie waren eine treue Dienerin meiner Mutter, aber Sie nehmen sich zu viel heraus.«

»Excellenz, meine Jahre sind gezählt, ich scheue die Wahrheit nicht, und würde sie dem Kaiser sagen, wenn es sich um das Wohl und Wehe eines unschuldigen Mädchens handelt, welches meine Tochter an ihrer Brust genähret hat. Fürst Wolfenstein ist ein Bösewicht.«

»Gemach Frau, bedenken Sie von wem und zu wem Sie sprechen,« braußte der Graf auf.«

»Ich weiß es, der Fürst hat den Tod seiner ersten, und das traurige Ende seiner zweiten Gemahlin verschuldet, ja herbeigeführt!«

»Unsinniges Geschwätz, dem ich kein Gehör gebe, Erfindungen des Neides.«

»Durchaus nicht! Die erste Gemahlin des Fürsten war jung, lieblich, aber wie er erst nach der Vermählung erfuhr, nicht die Erbin ihres reichen Oheims. Der Fürst ist nicht geizig, aber ein sinnloser Verschwender, der jede Laune befriedigen will, als wenn er ein Krösus wäre. Dem ersten Kinde seiner Gemahlin sollte die Erbschaft zufallen, er desselben Vormund sein. Als die Fürstin bei der Entbindung in Lebensgefahr war, rief er aus: »Doktor retten Sie das Kind, wenn auch die Mutter stirbt, und ich werde Sie reich belohnen!« Der Gewissenhafte that es nicht, er rettete die Mutter, wie handelte der Fürst? Er machte im Zimmer der Wöchnerin, die schwach, aber durchaus nicht in Lebensgefahr war, dem Arzte eine Scene an der Leiche des Neugebornen. Da erfuhr die arme Fürstin wie sie von ihrem Manne geliebt war, und unfähig, diese Erschütterung zu ertragen, starb sie!«

»Woher haben Sie dieses Mährchen?«

»Von meiner Schwester, welche damals Kammerfrau bei der jungen Fürstin war, Doktor Bach, den Excellenz als Ehrenmann kennen, hat den Fürsten Wolfenstein nie wieder eines Blickes gewürdigt.«

Der Graf sah finster vor sich nieder, endlich sagte er: »wenn Alles geglaubt würde, was die Diener über ihre Herrschaften sagen, würden viele als große Verbrecher gelten. Vielleicht sind dem Fürsten im gerechten Vaterschmerze einige Worte entschlüpft, welche eine empfindliche Frau, eine verdrüßliche Dienerin mißdeuten konnte.« –

»Excellenz, verehrte Excellenz, was sagen Sie denn dazu, daß der Fürst sich sieben Wochen nach dem Hinscheiden der lieblichsten Frau, mit der Gräfin Emerentia von Starkenberg verlobte?«

»Ich kenne die näheren Verhältnisse nicht, sprechen Sie nicht weiter«; nach diesen Worten erhob sich der Graf.

»Ich will, ich muß sprechen, mein Gewissen befiehlt es mir. Die Frau zeigt, was der Mann ist. Gräfin Emerentia war nicht nur entschieden häßlich, sie war schwach und einfältig, Excellenz haben diese Dame ja gekannt. Gräfin Emerentia hatte aber keine Verwandte, sie war leicht von dem Fürsten überredet worden, demselben ihr ganzes Vermögen zu vermachen. Einige Wochen lebte der Fürst mit dieser zweiten Gemahlin in Wien, zum Frühling ging er mit ihr auf das Stammschloß der Wolfenstein, und hier war der Fürst so liebenswürdig, oft mit seiner Gemahlin auszureiten«.

»Sie sagen das wieder mit so eigenthümlichen Ausdruck«.

»Auf dem Roßmarkte in Altenthal wurde ein besonderes schönes, frommes Pferdchen für die Fürstin ausgesucht, der Stallmeister mußte es für sie zureiten, die Dame machte, auf Arabella thronend, in der Nachbarschaft Besuche und überall pries sie die Galanterie und Sorgfalt des Gemahls, welcher dieses Musterroß für sie ausgesucht hatte.«

»Endlich, endlich Frau Helfer, werden Sie doch schweigen!«

»Bald, Excellenz, meine Geschichte ist kurz. Eines Nachmittags, als Gäste da waren, forderte der Fürst diese und seine Gemahlin zu einem Spazierritt durch den Wald auf. In der heitersten Stimmung ritt das fürstliche Paar mit dem Grafen und der Gräfin Tellheim und dem Baron Reibnitz den Schloßberg hinab. Unweit des Marienbildes, Sie erinnern sich dessen, Excellenz, hielt der Fürst mit seiner Gesellschaft still, um sie auf einige prachtvolle Buchen aufmerksam zu machen, die Fürstin war einige Schritte voraus, plötzlich fing das lammfromme Pferd, welches sie trug, wie rasend an mit ihr durchzugehen, und obgleich alle drei Herren ihr eilends nachritten, war die Dame doch schon abgeworfen und lag besinnungslos auf dem Boden. Das Pferd ließ man laufen, ein Bauer, der des Weges kam, fing es auf. Die Fürstin, heftig am Kopfe verletzt, wurde nach dem Schlosse gebracht.

Sie wurde wieder körperlich für den Augenblick hergestellt, aber nur um in stiller Melancholie noch einige Monate zu vegetiren. Ein Gehirnschlag endete ihr Leben, während sich der Fürst, um den Carneval zu genießen, in Wien befand. Er kam zu ihrer Bestattung an und für das große Vermögen, welches sie ihm hinterließ, ließ er ihr ein prachtvolles Denkmal auf dem Friedhofe setzen«.

»Wozu diese lange Geschichte Frau Helfer?«

»Das arme Roß hatte der Bauer auf das Schloß gebracht, der Stallmeister untersuchte es, im rechten Ohr des Thieres fand sich eine Brandwunde, eine verruchte Hand mußte dem Pferde während des Lustrittes brennenden Schwamm in das Ohr gesteckt haben. Zur rechten Hand seiner Gemahlin waren Seine Durchlaucht geritten. Der Stallmeister bat die Herren, das Pferd zu besehen, der Graf Tellheim wurde blaß und sprach kein Wort. Er reiste den andern Tag mit seiner Gemahlin ab, und von meiner Schwester weiß ich es, er ist niemals wieder mit dem Fürsten zusammen gekommen. Meine Schwester ist, als sie nach dem Tode der ersten Fürstin das Wolfensteinische Haus verließ, in die Dienste der Gräfin von Tellheim getreten. Baron von Reibnitz hatte ein Gespräch unter vier Augen mit dem Grafen, später eines mit dem Fürsten. Die Folge des Letzteren war ein Duell, der Baron erhielt einen Schuß durch die Achsel, und starb, sechs Wochen nach dem Duell. Durchaus nicht an der Wunde, nur, wie man sagte, in Folge des Wundfiebers, also waren auch an dieses Herren Tode, Seine Durchlaucht, der Fürst von Wolfenstein, ganz unschuldig, und jetzt meine Excellenz, habe ich nichts mehr zu erzählen.«

Der Graf hatte, ohne ein Wort dazwischen zu werfen, Frau Kunigunde Helfer angehört, aber er war todtenbleich als er sich jetzt erhob, und seine Hände bebten.

»Nun, Herr Graf, darf ich fragen, was Sie jetzt beschließen werden? Jetzt werden Sie doch dem Fürsten nicht Ihre lieblichste, beste Tochter zur Gemahlin geben wollen?«

»Wollen, Frau Helfer, nein! Müssen vielleicht. Was Sie mir mitgetheilt haben, scheint mir fast unglaublich, allein, ich liebe mein Kind, und kann sich der Fürst nicht von jedem Verdachte reinigen, dann ende eher ich mein Leben, ehe meine Tochter des Fürsten Gemahlin wird.«

Nach diesen Worten reichte der Graf Frau Kunigunden freundlich die Hand, und verließ grüßend das Stübchen.

»Gelobt sei Gott, meine Constanze ist gerettet,« flüsterte die Matrone und faltete die Hände zum stillen Gebet.

Mit raschen Schritten schlug der Graf den Weg nach dem Schlosse ein, im Park begegnete ihn der Fürst.

»Nun, Hohenburg, wo kommst Du her, und warum so verstört und aufgeregt?«

»Ich war im Dorfe; ehe wir aber über Deine Verbindung mit meiner Constanze Näheres besprechen, möchte ich Dich in Bezug auf die genaueren Umstände über den Tod Deiner ersten Gemahlin fragen.«

»Sie starb leider im ersten Wochenbett, das ist Dir bereits so gut bekannt, wie aller Welt,« sagte der Fürst kalt.

»Und die arme Emerentia, welche vom Pferde stürzte –«

»Lasse doch die Todten ruhen, mon ami, solche Gespräche sind nutzlos, und unerquicklich. Ich spreche auch zu Dir nicht von Falkenberg, sondern sage Dir nur: daß der Anblick der unschuldigen, holdseligen Constanze mich zu einem neuen Menschen gemacht hat. Ich habe nie, selbst in meiner frühesten Jugend nicht, ein Weib so geliebt, und bewundert wie sie, und ich werde Alles thun, sie glücklich zu machen, auf Ehre!«

»Wenn  aber  Constanze  sich  weigern  soll­te –«

»Der Vater muß Herr über seine Tochter sein, ein Kind von noch nicht siebzehn Jahren sich weigern, Unsinn! Ist sie erst die Meine, führe ich sie auf meine schönen Güter, nach Paris, nach Wien, sie soll das Leben an meiner Seite genießen, ich verlasse mich auf Dein Wort, im Gegenfalle kannst Du wirklich nicht erwarten, daß ich das meine halte.«

»Ich wollte ich läge tief unter der Erde und oft ist es mir zu Sinn, als sollte ich meinem Leben rasch ein Ende machen, damit meine Tochter sich nicht für mich opfern muß.«

»Merci, für das Compliment meine ich, zehn Prinzessinnen und dreissig Gräfinen, jung, schön, zum Theil auch reich, halten es, wie ich sicher weiß, für kein Opfer ihrerseits Fürstin von Wolfenstein zu werden, ich bin auch nicht so uninteressant, daß ich den Damen nicht mehr zu gefallen weiß. Wenn ich Deiner Constanze vor allen Frauen und Mädchen der Welt den Vorzug gebe, so thue ich das aus aufrichtiger Liebe, und Du hast keinen Grund, um ihr Schicksal besorgt zu sein. Dein Tod würde meinen Sinn nicht ändern, nur Deine Kinder unglücklich machen, denn welche Rücksichten könnten dann mich abhalten, der, mich Verschmähenden die Geschichte von –«

»Teufel!« rief der Graf, »höre endlich auf, mich zu quälen, Du weißt so gut wie ich, daß –«

In diesem Augenblicke trat Constanze hinter einer Rosenhecke hervor. Der Fürst verbeugte sich vollkommen ruhig, der Graf stand fassungslos da.

Das junge Mädchen war eben erst gekommen, sie hatte von dieser Unterredung Nichts gehört, aber sie übersah die Situation, sie wußte jetzt, daß ihr Vater den Fürsten fürchtete, wohl auch zu fürchten hatte.

Endlich hatte Graf Hohenburg sich gefaßt, er wandte sich liebevoll zu seiner Tochter und sagte mit weicher, bebender Stimme: »theures Kind, Du würdest mein, und gewiß auch Dein Glück machen, wenn Du dem Fürsten die Hand reichen wolltest,« und als er gewahrte, daß Constanze nicht widerstrebte, nahm er ihre Hand, legte sie in die Rechte Wolfensteins, und entfernte sich still.

»Geliebte, süße Constanze,« flüsterte der Fürst, und faßte sie sanft, »darf ich Ihr Schweigen für Bejahung halten? Niemals, niemals sollen Sie es bereuen mir Ihr Leben und Schicksal anvertraut zu haben!«

Er beugte sich nieder zu ihr, um sie auf die Stirne zu küssen, aber sie wußte nichts von dem, was um sie her vorging. Auf seinen Armen trug der Fürst die Ohnmächtige nach dem Schlosse.



VIII.
Auf Wolfenstein

Die Rosen hatten längst abgeblüht, schon schmückten große Gruppen der prächtigsten Dahlien in allen Farben den Schloßgarten zu Hohenburg, als Constanze noch bleich, aber doch wieder genesen zum Erstenmale wieder auf den Arm der Gräfin Christiane gestützt, die Terrasse betrat, und sich unter den Orangenbäumen niederließ. Ihr Schicksal war entschieden, sie war dem Fürsten verlobt und nur ihre Krankheit hatte bisher ihre Vermählung mit ihm verzögert. Krank, wie sie war, hatte sie Alles über sich ergehen lassen, ihre Hoffnung, war, daß sie nicht mehr lange leben würde.

Der Fürst hatte den Grafen vermocht einzuwilligen, daß er mit Constanzen auf Wolfenstein getraut werden solle, nur noch einige Tage wollten die Hohenburgs daheim verweilen; denn am ersten September, so war beschlossen, beabsichtigte der Graf, mit seiner Familie abzureisen. Der Fürst war vorausgefahren, um seiner Verlobten einen feierlichen Empfang zu bereiten.

Heute nun, wo Constanze sich wieder in der frischen Luft befand, kehrte mit der Genesung auch alle ihre frühere Energie zurück und mit ihr die Lust am Leben, die innige, heiße Liebe zu ihrem Arwind.

Während ihrer Krankheit hatte sie natürlich weder an Arwind geschrieben noch Briefe von ihm empfangen. Heute aber, ließ sie Clärchen zu sich rufen, und das treue Mädchen erschien auch sofort auf dem Schlosse und wurde bei der Comteß Constanze, eingelassen.

Als Clärchen ihre Jugendgespielin so blaß und resignirt sah, traten Thränen in ihre guten ehrlichen Augen, um sie zu verbergen, bückte sie sich auf Constanzens Hand, aber diese umarmte ihre Milchschwester rasch und rief: »was fällt Dir ein, Clärchen, willst Du mir weh thun? Verschließe die Thüre meines Zimmers und sage mir, ob Du Briefe für mich hast?«

»Einen, Gräfin Constanze«.

»Nur einen? Gib, gib schnell!«

Es war ein Brief mit vielen Postzeichen, Constanze erbrach ihn rasch und las ihn mit klopfendem Herzen. Auch Arwind, so schrieb er, war krank gewesen und hatte, kaum genesen, seinen Minister nach Petersburg begleiten müssen, welcher im besonderen Auftrage hingesandt worden sei. Er schrieb, wie immer, voll leidenschaftlicher Liebe, voll Zuversicht zu ihr. Nicht geträumt hatte er, daß sie fähig sein könne, ihm zu entsagen, die Gattin eines Andern zu werden. Er versicherte ihr, daß er durch das Wohlwollen des Ministers bald eine Stellung erreicht haben werde, die dem Ehrgeize ihres Vaters genügen würde, denn noch niemals sei ein junger angehender Diplomat von dem einflußreichen Manne in solcher Weise bevorzugt worden. Am Schlusse seines Briefes bat er sie, ihm nach Petersburg zu schreiben, wo er die nächsten zwei Monate noch bleiben müsse.

Als Constanze die feinen, dicht beschriebenen Blätter zu Ende gelesen hatte, küßte sie dieselben und verbarg sie auf ihrem Herzen.

»Habe Dank, mein treues Clärchen«, sagte sie liebevoll, »lasse mich jetzt allein und komme heute Abend um sieben Uhr wieder«.

Clärchen versprach es und ging, Constanze schloß sich wieder in ihr Gemach und gab sich ihren Gedanken hin.

In der Umgegend sprach man viel von der Verlobung des enorm reichen Fürsten von Wolfenstein, der ein höchst anziehender und trotz seiner zweiundvierzig Jahre, noch sehr schöner Mann war.

Viele wunderten sich, daß er nicht eine Prinzessin, die Tochter eines souveränen Fürstenhauses gewählt habe, oder eine reichere Gräfin, wenigstens eine ihrer glänzend schöneren Schwestern, während Andere nicht begreifen konnten, warum Graf Hohenburg seine liebliche Tochter einem Manne geben wolle, welcher den Jahren nach ihr Vater sein konnte, und von dem man doch so Manches einander in das Ohr raunte, was auf seinen Charakter kein günstiges Licht warf. Zu sagen wagte freilich Niemand etwas Bestimmtes, denn die Fertigkeit des Fürsten im Schießen und Fechten war allgemein bekannt.

Im Schlosse selbst herrschte eine dumpfe Schwühle, wie vor dem Ausbruche eines Gewitters. Der Graf war während der Krankheit Constanzens von Vaterangst gefoltert umhergegangen und der Gedanke an Trennung von ihr beugte ihn nieder. Mathilde und Hildegard waren verstimmt, sie fühlten es als eine Art von Zurücksetzung, daß ihre jüngere Schwester eher zum Traualtare treten solle, als sie, Constanze selbst sah immer niedergeschlagen aus und zuckte stets zusammen wie ein Vöglein, wenn es die Katze gewahrt, sobald der Fürst eintrat und Fernkorn litt unsäglich bei dem Gedanken, daß seine Schülerin, die von ihm verehrte jüngste Gräfin, die Gemahlin eines, gelindest ausgedrückt, vollkommen herzlosen Egoisten werden solle. Er begriff den Grafen Hohenburg nicht und hatte als letztes Mittel an seinen Freund Werner geschrieben, damit dieser nach Hohenburg oder Wolfenstein komme und des Fürsten Identität mit jenem schändlichen Berger beweise, aber der Brief war unerbrochen zurückgekommen mit der vom Postamte gemachten Bemerkung: »Herr Werner nicht aufzufinden«.

Nur der jüngste Sohn des Hauses, Benno, war fröhlich und ahnungslos wie immer und fragte zuweilen seinen Lehrer, warum denn jetzt, nachdem Constanze genesen sei, jedes Familienmitglied so ernst aussehe, man habe ja allen Grund heiter zu sein, er freue sich schon auf das Hochzeitfest und auf seinen Bruder, der dazu aus Italien heimkehre und ihm sicherlich allerlei Schönes mitbringen werde. Am meisten wunderte er sich über Tante Christiana, welche allen den Gleichmuth verloren hatte, den man in der Regel an ihr bemerkte. Sie hatte zwei anonyme Briefe erhalten, in denen von den ersten Gemahlinen des Fürsten die Rede war, und zwar in einer Weise, welche Eindruck auf sie machen mußte. Seitdem ging sie mit feuchten Augen in Park und Gemächern umher, der Fürst erschien ihr wie Blaubart und das alte Schloß Wolfenstein wie eine Räuberhöhle, vor welcher ihr grauste. Sie machte auch einige Andeutungen gegen ihren Vetter, allein der Graf wieß sie, obwohl er artig blieb, doch so entschieden ab, daß sie kein Wort mehr gegen diese ihr Furcht einflößende Verbindung sagte. Constanze war, seit sie Arwind's letztes Schreiben gelesen hatte, ruhiger, sie war wieder sie selbst, fest und klar.

Abendglanz vergoldete die Zimmer des imposanten alten Schlosses Wolfenstein, als die Familie Hohenburg, begleitet von einigen Dienern in drei Wagen, aus dem Walde kommend, die Burg vor sich liegen sah. Im ersten Wagen saß Constanze mit ihrem Vater und der Gräfin Christiana. Ein liebliches Mädchen von elf Jahren in ihrem Sonntagsstaat trat an diesen Wagen und leichte mit einigen passenden Worten der jungen Dame einen Kranz, den diese dankend annahm. Erst später, am Fuße des Hügels, den das Schloß krönte erschien der Fürst, seine Braut und deren Verwandte zu begrüßen.

»Ich habe gefürchtet, daß ein festlicherer Empfang, wie ihn die künftige Fürstin von Rechtswegen zu erwarten hat, Ihre Nerven zu stark aufregen würde, theuerste Constanze,« sagte Wolfenstein, nachdem er seiner Verlobten die Hand geküßt hatte, »Sie verzeihen mir wohl?«

»Sie thaten nach meinem stillen Wunsche«, erwiederte die Braut.

In dem alten Schlosse selbst war Alles über Erwartung schön und geschmackvoll, selbst Gräfin Christiana vergaß ihre Besorgnisse über ihre eben so romantische als reiche Umgebung.

Der Fürst benahm sich sehr aufmerksam gegen seine Braut, dabei aber so zurückhaltend, daß Constanze, ja sogar Doktor Fernkorn glauben mußten, er liebe das junge Wesen wahrhaft und in ganz anderer Weise, als die Frauen, welche er früher geliebt hatte.

Die Braut schien sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben, ihre einzige Bedingung war, daß ihr bis im Oktober ihre Mädchenfreiheit gelassen würde.

Woher schöpfte Constanze diese ruhige Fassung? Einzig aus ihrer vertrauenden Liebe zu ihrem Arwind. Sie hatte ihm geschrieben, zu sich beschieden, seinen Schutz angerufen. Jeden Tag erwartete sie ihn, und war er nur erst da, dann war Alles gut. An Arwind's geliebter Hand wollte sie sich zu des Vaters Füßen werfen, und der Mann, .welcher ihre Mutter so sehr geliebt hatte, konnte nicht das Herz der Tochter dieser Frau brechen. Eines Abends als Constanze allein in ihrem Gemache war, hörte sie Männerschritte vor ihrer Thüre. Der Gedanke, daß der Fürst sie besuchen wolle, erschreckte sie, aber nach leisem Pochen öffnete sich die Thüre und ihr Vater trat ein.

Mit einem Laute freudiger Ueberraschung eilte sie ihm entgegen und hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie liebevoll, dann schloß er die Thüre ab und sagte: »der Fürst ist mit Deinen Schwestern ausgeritten, Tante Christiana in ein Buch vertieft. Niemand wird uns stören, so vernimm denn Du, mein theueres Mädchen, meine jüngste Tochter, Ebenbild Deiner von mir tief und immer betrauerten Mutter, daß Deine Verbindung mit Wolfenstein nicht nur mein Alter ruhig macht, sondern auch das Glück Deiner Geschwister begründet. Ich komme, Dir das zu sagen, Dir für Deine Fügsamkeit zu danken, Du hast ein edles, opferwilliges Herz«.

»O Vater, theuerster Vater«, rief Constanze und erblaßte, »diesen Dank verdiene ich nicht, denn – ich muß es Ihnen sagen – ich kann nimmermehr des Fürsten Gattin werden. Krank wie ich war, habe ich nachgegeben, Scenen habe ich vermeiden wollen, aber endlich muß ich es bekennen, ich liebe einen andern Mann, habe ihm Treue geschworen und werde sie halten!«

»Constanze, Du, meine Lieblingstochter, hinter meinem Rücken hast Du Dich verlobt!« rief der Graf und fügte mit bitterm Lächeln hinzu: »Du hast mir dadurch sehr, sehr wehe gethan!«

»Verzeihung, mein theurer Vater, ich wollte kein Geheimniß vor Ihnen haben. Unwillkührlich fühlte sich mein Herz zu dem edlen jungen Manne hingezogen, welcher es werth ist, Ihr Sohn zu werden. Alles, Alles wollte ich Ihnen offen bekennen, an demselben Tage kam der Brief des Fürsten –«

»Erspare Dir fernere Geständnisse und vernimm dieses: wenn der Mann, dem Du, unbesonnenes Kind, Dein Herz geschenkt hast, der Edelste in jeder Beziehung wäre, ja wenn ich ihn liebte, wie einen Sohn, so mußt Du doch Wolfensteins Gemahlin werden, oder Du stürzest nicht nur mich, sondern auch Deine unschuldigen Geschwister in das Verderben«.

Constanze erbebte und flüsterte: »Vater, Vater, was haben Sie gethan?!«



IX.
Das Bekenntniß.

Lange Zeit saßen Vater und Tochter einander schweigend gegenüber. Endlich begann,der Graf: »es muß sein, Du mußt Alles wissen, und dann thue, was Dich Dein Herz lehrt«.

»Ja, sprechen Sie, theuerer Vater, theilen Sie Ihrer Constanze Alles mit, und welch ein Leid Sie auch niederdrückt, Ihre Tochter wird es mit Ihnen tragen«.

»So höre denn. Meine Kindheit war eine glückliche, denn ich war gesund und besaß zärtliche Eltern, welche durch ihre Verhältnisse in den Stand gesetzt waren, mir nicht nur das Nothwendige, sondern sogar Ueberfluß zu geben. In Wien erhielt ich eine Zeit lang, wie ich noch ein Knabe war, den um einige Jahre jüngeren Grafen Hoheneck zum Gespielen, welcher später, wie Du weißt, Fürst von Wolfenstein wurde. Auf Universitäten trafen wir einander wieder, erneuerten die Kinderfreundschaft und hatten stets aufrichtige Freude bei jeder unserer Begegnungen. Nach dem Wünsche meiner theuern Eltern und auch aus eigener, beglückender Herzensneigung, vermählte ich mich sehr jung mit Deiner guten Mutter. Eine Reihe glücklicher Jahre, die wir in Felsenburg zubrachten, entschwand uns wie ein schöner Traum. Wir verließen jenes romantisch gelegene Schloß selten und sahen auch nicht oft und immer nur auf kurze Zeit Gäste bei uns.

Eines Tages, als ich auf der Jagd war, traf ich mitten im Forst einen Landschaftsmaler, welcher mit geübter rascher Hand eine Baumgruppe skizzirte. Wir wurden bekannt und ich lud Herrn von Falkenberg, so nannte sich jener Maler, ein, das Dorfwirthshaus mit Schloß Felsenburg zu vertauschen. Ich habe niemals einen Mann so herzlich geliebt, wie Falkenberg, und auch Deine Mutter empfand schwesterliche Zuneigung für ihn«.

Der Graf seufzte tief, dann fuhr er fort: »einige Monate verlebte Falkenberg bei uns, wir hatten uns so ineinander gefunden, daß es mir zu Sinn war, als ob ich ihn seit Jahren kenne. Ich suchte mein leidliches Talent für das Landschaftszeichnen wieder hervor, Falkenberg wurde mir zu Liebe ein Jäger, und als er mich im Spätherbste verließ, fühlte ich aufrichtigen Schmerz. Er mußte Deiner Mutter und mir versprechen, uns im Frühlinge wieder zu besuchen. Er hielt Wort, leider!«

Constanze warf einen verstohlenen Blick auf ihren Vater. Der Graf wischte sich den Schweiß von der Stirn und sprach weiter: »Die Veilchen waren noch in der Knospe, der Schleedorn fing an zu blühen, als unser Freund erschien. Wie strahlten seine guten Augen, als er mir die Hand schüttelte, wie freute ich mich, ihn wieder zu sehen. Auch Deine Mutter erröthete froh, als er an meiner Seite in ihr Zimmer trat.

Vier Wochen waren uns drei befreundeten Seelen glücklich dahingezogen, als plötzlich Fürst Wolfenstein uns mit seinem Besuche überraschte. Er war damals noch Graf, unverheirathet und wie er mir gestand, in Folge hohen Spiels arg verschuldet. Ich lieh ihm zehn tausend Gulden zur Bestreitung seiner nothwendigsten Ausgaben. Mit seinen Einkünften bezahlte er noch die letzten Spielschulden. Er benahm sich gegen Deine Mutter ehrerbietig, gegen mich jovial, im höchsten Grade unterhaltend, gegen Falkenberg artig aber es konnte mir nicht entgehen, daß er ihn immer scharf beobachtete. Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß der Fürst etwas gegen Falkenberg hatte, meine Gemahlin vermied er so viel als es der Anstand erlaubte. Ich fragte einst Wolfenstein, was er gegen Falkenberg habe und erhielt die hastig herausgestoßene Antwort: »Nichts, durchaus Nichts!«

Einige Male sprach Wolfenstein von abreisen, ließ sich aber wieder halten, doch fügte er hinzu: »wenn ich reise, wird doch Herr von Falkenberg auch mitreisen!«

Als ich ihn fragte, warum er das wünsche, da er doch offenbar Falkenberg nicht möge, entgegnete Wolfenstein kurz abgebrochen: »weil ich Dein wahrer Freund bin«.

Ich kann nicht sagen, daß Wolfenstein etwas Bestimmtes äußerte, allein es waren doch die einzelnen hingeworfenen Bemerkungen des Fürsten, welche mich nach und nach mit Mißtrauen gegen Deine Mutter, mit Haß gegen Falkenberg erfüllten. Zu läugnen war es nicht, sie sprachen Beide öfter als früher mit einander, machten allein Promenaden durch den Garten. Eines Nachmittags ging ich auf Falkenbergs Zimmer, ich wollte ihn um Etwas fragen, er war nicht da ganz gegen seine Gewohnheit, denn in der Regel arbeitete er in den Nachmittagsstunden an seinen Gemälden. Mein Blick fiel auf seinen Schreibtisch, da lag ein rosenfarbener Papierstreifen und von Deiner Mutter Hand war darauf geschrieben: »Kommen Sie um sieben Uhr zu den Eichen.«

Daß ich eifersüchtig, leidenschaftlich von Natur war, meine Tochter, habe ich Dir wohl noch nicht gesagt, Du hast mich stets nur in meiner erkünstelten Ruhe gesehen. Ich stürzte wie wahnsinnig aus dem Zimmer, um Falkenberg zu suchen. Ein Diener, den ich so ruhig es mir möglich war, nach Herrn von Falkenberg fragte, sagte mir: derselbe sei nach dem Walde gegangen. Dahin richtete ich auch meine Schritte, und ungefähr zweitausend Schritte hinter der Felsenburg begegnete ich ihm auf dem schmalen Felsenpfade, der nach dem Adlerfelsen führt, wo ohne Gefahr nur ein Mensch gehen kann, denn ein Fehltritt, und man stürzt vielleicht in den Abgrund hinab. Erlasse es mir, die Localität zu beschreiben. Meiner Sinne kaum mächtig, trat ich auf ihn zu und rief, ihn bei der Schulter fassend: »Heuchlerischer Schuft, so lohnst Du meine Freundschaft?«

»Hohenburg, was ist Dir?« fragte er erstaunt, »erkläre Dich.«

»Geh' mir aus den Augen!« rief ich aus, aber beim ewigen Gott, wenn ich wirklich die Hand gegen Falkenberg erhoben habe, ich wußte es nicht. Zur Rechenschaft wollte ich ihn ziehen, aber nicht ihn ermorden! Ich sah Falkenberg in den Abgrund stürzen, ich hatte nicht den Muth, hinab in die Tiefe zu blicken. Wie mir zu Muthe war, vermag ich nicht zu schildern, Alles kam mir vor, wie ein böser Traum, bis ich mich am Arm gefaßt fühlte, Wolfenstein stand hinter mir. »Ich sah Alles,« flüsterte er, »Falkenberg ist todt, komm, verlasse den Ort, ehe Verdacht auf Dich fällt.«

»Unmöglich,« sagte ich, »es geht nicht senkrecht hinab, er kann, er muß sich an Gestrüpp und Bäumchen festgehalten haben, er ist im schlimmsten Falle verwundet.«

»Nein, ich sehe ihn unten mit zerschmettertem Schädel, schaue hinab!« Er deutete auf die Tiefe. »Ich kann ihn nicht sehen,« flüsterte ich, und ließ es geschehen, daß er mich fort zog. Unterwegs redete er in mich hinein, daß Schweigen das einzige Mittel sei, mich, das heißt meine Ehre, vor der Welt zu retten, an meinem Leben lag mir wenig mehr. Wolfenstein sprach: »ich war oben auf dem Felsen und sah, daß Du Falkenberg hinabstießest, wahrscheinlich im gerechten Zorn. Wolltest Du den Leichnam suchen lassen, so würdest Du Dich selbst verrathen, Du könntest nicht mit Ruhe den Mann, den Du einst liebtest, zerschmettert sehen, getödtet durch Dich!«

Das leuchtete mir ein. Wir strichen zusammen bis spät Abends umher, und ich kam endlich mit leidlicher Haltung in das Schloß, gab Kopfweh vor und ging auf mein Zimmer. Deine Mutter trat ein und fragte liebevoll nach meinem Befinden, ich suchte sie zu beruhigen, denn ich war jetzt nicht im Stande, Rechenschaft von ihr zu fordern. Sie sagte freundlich: »eine angenehme Nachricht habe ich für Falkenberg, die auch Dich freuen wird, denn gegen Dich will ich länger kein Geheimniß haben, aber gegen Hoheneck schweige darüber, bester Mann. Ich erwartete Falkenberg vergebens bei den Eichen, ihm zu sagen: daß Prinzeß Aloyse morgen bei uns eintreffen wird. Sie hat endlich des Oheims Einwilligung zu ihrer Vermählung mit Falkenberg erhalten unter der Bedingung, daß sie fortan in Italien lebt, und ihre Ehe so geheim als möglich hält, bis die Großherzogin Eugenie gestorben ist.«

Den andern Tag traf die beklagenswerthe Prinzessin ein, vergebens fragte sie, fragte Deine Mutter nach Falkenberg, er war und blieb verschwunden.

Niedergedrückt, in der Hoffnung, in Italien von ihm zu hören, den sie vorausgereist wähnte, weil sie an seinen Tod nicht glauben wollte, reiste Prinzeß Aloyse ab, und Alles, was ich jemals von ihr hörte, ist, daß sie in Rom lebte und später Europa verlassen hat. Ich verließ mit Deiner Mutter und Euch Felsenburg und habe es niemals wieder besucht. Der Fürst reiste an dem Tage ab, an welchem die Prinzessin eintraf, kehrte aber bald wieder zurück. Er gelobte mir das tiefste Schweigen und ich mußte ihm versprechen, falls er mich einmal um etwas bitten sollte, ihm diese Bitte zu erfüllen, und sei es um die Hand einer Tochter. Einigemale mußte ich ihm große Summen leihen, allein seit Jahren ist er selbst reich. Was ich gelitten habe, schildert keine Sprache. Der Tod Deiner Mutter erschien mir wie eine Strafe des Himmels für mein Mißtrauen, für meine That. Und doch, noch immer ist es mir zu Sinn, als sei Falkenberg durch seinen eigenen Fehltritt gestürzt, tödten gewollt habe ich ihn nicht! Der Fürst ist ein Mann, der stets das erreicht, was er erreichen will, er ist fähig, mich des Mordes anzuklagen, wenn er gereizt wird.

Willst Du Deinen Vater als Angeklagten sehen, Deine unschuldigen Geschwister die Kinder eines Mörders nennen hören? Denn glaube mir, Constanze mein Schwur, daß ich den Herrn von Falkenberg nicht, oder doch ohne Wollen in den Abgrund gestürzt habe, wird für Meineid gehalten werden, denn ich lud den bösen Schein auf mich, weil ich von Schmerz und Reue gefoltert, von Wolfenstein überredet, den traurigen Fall nicht anzeigte, keine Nachsuchungen nach dem Verschwundenen anstellen ließ. Auch kenne ich Wolfenstein!

Jetzt weißt Du Alles, jetzt ist mir leichter, seit ich gegen Dich mein Geständniß abgelegt habe, und nun handle wie Du willst, mein Kind«.

»O mein Vater«, rief Constanze, »jetzt verstehe ich Deinen Kummer und leide mit Dir. Niemals werde ich an Deinen Worten zweifeln, Du hattest das Unglück, Falkenberg zu mißtrauen, ihm zu begegnen, aber daß Du, Du mein in Allem so edler Vater, sein Mörder bist, das zu denken, ist mir unmöglich! den Fürsten fürchte auch ich, denn – er liebt mich, ich weiß es, darum muß ich das Opfer bringen Dir und meinen Geschwistern, weder ich noch Arwind, Beide könnten wir nicht glücklich sein, wenn wir Dich und meine Geschwister an der Ehre verletzt sähen. Ich entsage dem Geliebten, ich selbst werde es ihm schreiben, noch heute, mein Wort darauf«.

»Habe Dank, den Dank eines durch Dich geretteten Vaters!« sagte der Graf mit Inbrunnst, »und möge der Ewige, welcher Alles sieht, Dich für Deine kindliche Treue belohnen«.



X.
Der Trauungstag.

Es war noch alles still im Schlosse zu Wolfenstein, als sich leise die Thüre der Schloßkapelle öffnete und Constanze eintrat. Sie trug noch ihr einfaches Morgenkleid und das reiche Haar unter ein Häubchen verborgen. Die Kapelle war mit Blumenkränzen geschmückt, der Altar mit seltenen Pflanzen, das mit den fürstlichen Wappen gestickte Sammetkissen lag vor dem Altare, in wenig Stunden sollte sie auf diesem Kissen knieen und mit dem Fürsten copulirt werden.

Sie kniete vor einem Seitenaltare nieder und betete aus Herzensgrunde, dann nahm sie alle Briefe ihres Arwind hervor und legte sie in ein Kästchen, welches sie zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, das Kästchen stellte sie in einen verborgenen Winkel der Kapelle. Sie wollte Nichts bei sich behalten, was dem Fürsten Grund geben konnte, sie zu tadeln. Sie hatte mit der glücklichen Vergangenheit auf immer abgeschlossen. Langsam verließ sie die Kapelle und ging nach ihrem Gemache zurück. Die Glocke des Schloßthurmes schlug sieben Mal, »noch vier Stunden!« seufzte sie, »dann lebe wohl, Freiheit und Glück. Oh, Arwind!«

Die Schwestern erschienen endlich, bereits in reichster Toilette, die Kammerjungfer erinnerte, daß es Zeit sei für die gnädige Gräfin, sich ankleiden zu lassen. Nachdem die Schwestern ihre Ansichten über die Brautrobe ausgesprochen hatten, trat die Tante herein, um Mutterstelle zu vertreten und der Braut den Kranz aufzusetzen.

»Du solltest ein wenig Roth auflegen, denn Du siehst sehr bleich aus, mein theures Kind«, sagte die Tante und küßte sanft Constanzens Stirne.

»Ich habe keine Schminke, liebe Tante, was thut's auch ob ich blaß bin? Ist kein Brief gekommen?«

»Nur für den Fürsten hatte der Postbote zwei Schreiben. Der Kammerdiener brachte sie während wir beim Frühstück saßen, das eine schien ihn sehr zu bewegen, denn als er es las, wurde er dunkelroth und dann todtenblaß, mit bebender Hand schob er das kleine Briefchen in die Westentasche«, plauderte unbefangen Hildegard, ohne sich um die ernsten Blicke der Tante Christiana zu kümmern.

Wieder schlug die Schloßuhr, die Glocken fingen an zu klingen, der Graf Hohenburg trat ein, um seine Tochter abzuholen, hinter ihm Graf Guntram, welcher den Abend vorher angekommen war.

Die Damen folgten, an der Thüre der Kapelle empfing der Fürst die Braut, er hatte sich heute mit der größten Sorgfalt ankleiden lassen und sah sehr stattlich aus. Der Schloßkaplan und zwei Subdiaconen aus dem nächsten Orte, nebst den Ministranten standen am Altare, die Orgel ertönte unter Fernkorns kunstgeübten Händen. Unwillkührlich trieb es ihn, die Ceremonie aufzuschieben, denn er präludirte fort; ungeduldig blickte der Caplan empor zu ihn, da ward die Thüre der Kapelle mit Ungestüm aufgerissen und bestaubt vom raschen Ritt, bleich, mit wild um den Kopf fliegenden Haaren, stürzte ein junger Mann auf das Brautpaar zu und Constanzen beim Arme ergreifend, murmelte er einige Worte, welche Niemand verstehen konnte, denn vor innerer Erregung vermochte er nicht deutlich zu sprechen.

»Falkenberg!« rief der Graf Hohenburg und stand wie erstarrt da, »Falkenberg«, ächzte der Fürst und würde zu Boden gesunken sein, wenn ihn nicht Graf Guntram aufgefangen hätte.

Der Caplan trat von den Stufen des Altares hinab und der Fürst auf Guntram gestützt, verließ die Kapelle. Constanze war ohnmächtig geworden, Aarenhof, denn er war der unerwartete Gast, trug die Geliebte hinaus in die frische Luft, wo sie bald die Augen aufschlug. Die Uebrigen folgten.



XI.
Erklärungen.

»Der Kranke ist jetzt bei vollem Bewußtsein und bittet Excellenz nebst der Gräfin Constanze einzutreten«, sagte der Arzt.

Der Graf ging mit leisen Schritten an der Hand seiner Tochter in das Gemach, wo der Fürst auf dem Sterbebette lag.

»Ich fühle, es ist keine Rettung mehr für mich«, sagte er klar und deutlich. »Ich bin im Begriff die große Reise anzutreten in das Land, welches Keiner kennt und aus dem noch Niemand zurückgekehrt ist, uns Kunde zu bringen. – Ich kann von mir sagen: nie that ich Böses aus Lust am Bösen, aber ich bin eine reich und großartig angelegte Natur, und hatte Jahrelang sehr wenig Mittel, um nach meinem Stande und meinen Wünschen zu leben. Ich mußte mir Geld verschaffen, ich sah Falkenberg in die Tiefe stürzen, aber – nicht durch Deine Hand – er fiel, weil der Stein, auf welchen er stand, sich loslöste. Du, Hohenburg, bist, wie ich wohl wußte, von Kindheit an sehr kurzsichtig gewesen, während ich stets Augen, wie ein Falke hatte; auch kannte ich Deinen Charakter. Ich führte Dich von der unglücklichen Stelle fort, ich hatte gesehen, daß Falkenberg im Hinabrollen sich an einer Tanne festgehalten hatte, also schwerlich todt war.

Sobald als möglich kehrte ich auf die verhängnißvolle Stelle zurück und sah Falkenberg, der sich nicht hatte halten können, weiter unten regungslos liegen. Von einer andern Seite aus kletterte ich langsam und vorsichtig zu ihm hinab und fand ihn betäubt vom Fall. Es gelang mir, ihn mit starker Essenz zum Bewußtsein zu bringen, und zusammen kletterten wir hinab in den Grund, durchwateten das Bächlein und befanden uns auf der Waldwiese. Hier ließen wir uns nieder, ich – längst bekannt mit Falkenberg's Liebesgeschichte, welche er für ein Geheimniß hielt, sagte ihm, daß, jetzt wirst Du mich wieder verwünschen, Hohenburg, Deine Gattin eine stille, leidenschaftliche Liebe für ihn hege, als Mann von Ehre und Zartgefühl möge er Felsenburg auf ewig meiden. Sie habe ihre Liebe Dir, dem Gatten gestanden, und würde sich auch vor der Prinzessin verrathen. Deinem Benehmen nach, mußte Falkenberg diese Lüge für Wahrheit halten. Er war ein Schwärmer.«

»Entsetzlich!« seufzte der Graf, der Fürst fuhr fort: »Falkenberg, diese empfindliche, phantasiereiche Künstlernatur, beschloß, Felsenburg, Dich, Deine Frau, nie wieder zu sehen. Ich begleitete Falkenberg bis zum nächsten Posthause, lieh ihm Reisegeld und versprach ihm, der Prinzessin das Briefchen zu geben, welches er ihr schrieb. Ich gab dieser Dame auch Falkenberg's Schreiben, aber erst in Altendorf Du wirst Dich erinnern, daß ich einige Stunden bevor die Prinzessin Felsenburg verließ, abreiste. Falkenberg traf mit der Dame in Italien zusammen, dort wurden sie in der Stille getraut und verließen bald nachher Europa für immer.«

»Und niemals, niemals kam eine Zeile von Falkenberg's Hand, ein Wort von der Prinzessin an mich, an meine Gattin!« rief Hohenburg, »Du spieltest ein gewagtes Spiel.«

»Ich hatte dafür gesorgt, es zu gewinnen. Dein Kammerdiener, der alte Lorenzo, auf dessen Treue Du Häuser gebaut hattest, kannte Handschrift und Siegel der Prinzessin und des Herrn von Falkenberg. Ich gab dem Biedermanne zwanzig Louisd'or und versprach ihm für jeden Brief aus Italien an Dich oder Deine Gemahlin, den er mir schicken würde, wieder so viel. Falkenberg hatte nur einmal geschrieben, ebenfalls die Prinzessin, da diese Briefe unbeantwortet geblieben, hatte das glückliche Ehepaar die Lust verloren, wieder an Graf Hohenburg und Gemahlin zu schreiben. Die Prinzessin wollte aus Liebe für ihren künstlerischen Gemahl für die Welt todt sein, folglich war es sehr leicht für mich, Dich in dem Glauben an Falkenberg's trauriges Ende zu erhalten. Du siehst also, mein lieber Freund,« hier lächelte der Fürst ironisch, »Du warst zu täuschen! Im schlimmsten Falle riskirte ich ein Duell.«

»O Wolfenstein, und Du verbittertest mir die schönsten Jahre meines Lebens mit kaltem Blute, was that ich Dir, und warum triebst Du dieses schändliche Spiel mit mir?«

»Hm, warum nahmst Du Dir diesen Vorfall so sehr zu Herzen? Du hattest ja im traurigsten Falle Falkenberg nur in einem Anfalle von Eifersucht an der Schulter gefaßt, Du beabsichtigtest ja nicht seinen Tod. Uebrigens, bester Graf, habe ich das Leben stets wie ein Schachspiel betrachtet, und die Menschen wie Figuren, welche hin- und hergeschoben werden. Ein Mensch schiebt den andern, der Raffinirte den Leichtsinnigen, der Kluge den Dummen. Ich habe mich ungefragt müssen in die Welt setzen lassen, ich werde, ohne daß man mich fragt, wieder in einen andern Zustand versetzt, an einen andern Orte gestellt, ich verachte die Welt und die Menschen. Lebensgenuß ist das einzige Reelle, und dazu gehört der nervus Ecrune, den Du mir gabst, wenn auch nur aus Furcht vor meinem möglichen Verdacht. Ich wäre vielleicht ein Andrer geworden, hätte ich eher eine Constanze gefunden. Doch das ist Alles zu spät! Fürstlich lebte ich, fürstlich im sogenannten besseren Sinne, will ich handeln. Ich habe vor Kurzem mein Testament gemacht, es setzt Constanze zur Erbin aller meiner Besitzungen ein, sollte ich kinderlos sterben. Ich habe vor einer halben Stunde, im Beisein des Arztes und des Caplans hinzugefügt, daß auch, wenn –« hier wurde die Sprache des Fürsten undeutlich, er streckte beide Hände nach Hohenburg und der weinenden Constanze aus. Der Graf legte seine Hand in die kalte des Sterbenden, das junge Mädchen kniete nieder und betete das Vater Unser. Der Fürst schien das Gebet zu verstehen, denn er lächelte mild und bei dem Amen neigte er sein Haupt, blickte noch einmal auf Constanze, zuckte zusammen und verschied.

Als der Graf, den der Fürst in seinem Testamente zu Constanzens Vormunde ernannt hatte, dessen Papiere durchsah, um über den schnellen Tod desselben vielleicht einen Aufschluß zu erhalten, fand er einen kleinen Brief von neuem Datum aus Prag, von dem Baron von Reibnitz. Dieser schrieb, daß er in Kurzem Scenen aus dem Leben Wolfenstein's durch den Druck veröffentlichen würde, wenn der Letztere nicht für seine Tochter sorge, deren Mutter, eine Tänzerin, im Elend gestorben sei, und daß Gräfin Constanze Hohenburg ihn kennen lernen solle. –

Es schien, als ob der Fürst, der doch wohl Constanzen wahrhaft geliebt hatte, in Folge heftiger Gemüthsaufregung dem Herzübel, früher als wohl außerdem der Fall gewesen sein würde, erlegen sei.

Die Leiche des Fürsten wurde standesgemäß bestattet, seine Diener, denen er ein freigebiger Herr gewesen war, betrauerten ihn aufrichtig.

Arwind hatte aus Zartgefühl und auch damit Constanzens reiner Ruf nicht angetastet werden konnte, sobald er Constanzen in das Schloß getragen hatte, nach kurzer Unterredung mit ihr dasselbe wieder verlassen. Guntram, welcher ihn kannte, hatte den Baron von Aarenhof begleitet und im Schlosse hieß es, daß Herr von Aarenhof im Auftrage des Hofes gekommen sei, dem Hochzeitfeste beizuwohnen. Daß er nicht in dem Hause geblieben war, dessen Herr mit dem Tode rang, fand man natürlich.

Graf Hohenburg, von der nagenden Seelenpein befreit, ging mit seiner Familie wieder nach Felsenburg und zum Winter nach Wien. Er traf in der Kaiserstadt wieder mit Arwind zusammen, dessen Aehnlichkeit mit Falkenberg leicht erklärlich war. Falkenbergs ältere Schwester [war] von einem Baron Aarenhof adoptirt worden und hatte sich mit dessen Neffen, Arwinds Vater vermählt. Er konnte Auskunft über Falkenberg geben, welcher verwittwet, jetzt im Begriff war, nach Deutschland zurückzukehren.

Als der Mai wieder Garten und Park in Hohenburg mit Blüten bestreute, wurden Arwind und Constanze in aller Stille getraut. Unter den Zeugen der feierlichen Handlung befanden sich Falkenberg und Frau Helfer.

Das junge Paar lebte den größten Theil des Jahres in Wolfenstein. In den alten Mauern, welche früher Zeugen dunkler Thaten gewesen, walteten jetzt die guten Geister und da, wo die Todesseufzer der beiden letzten Fürstinen von Wolfenstein verhallt waren, hörten glückliche Eltern jetzt das goldene Lachen unschuldsvoller Kinder.