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Jakob Elias Poritzky – Eine seltsame Hochzeit

Erzählung

Eine seltsame Hochzeit aus Jakob Elias Poritzky, Liebesgeschichten, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1912


Wohin Gertrude! wohin, wohin!«

»Hinüber. . .«

»Wo hinüber!«

»In den Laubehof.«

»Schon wieder zu ihm!«

»Natürlich, wohin sonst!«

»Den ganzen Tag verbringst du ja bei ihm.«

»Er ist mal mein Schatz.«

»Ei, ei Trudel!«

»Was denn, Mutter?«

»Damit hat's nicht seine Richtigkeit.«

»Warum denn, Mutter?«

»Oho . . . was guckst du so verstohlen?«

»Ich gucke gar nicht verstohlen.«

»Gesteh's Trudel, daß du deine alten Kleider bald nicht mehr anziehen kannst! Sieh mal, wie sich die Knöpfe an deinem Mieder spannen.«

»Es ist wahr; ich bin ein bißchen stark geworden.«

»Nun?«

»Nichts.«

»Ich bin doch deine Mutter.«

»Ich hab Euch nichts zu sagen, Mutter.«

»Nichts? . . . Nun dann geh, ich werde dich schon noch einmal ins Verhör nehmen.«

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –  –

Die Michelsbäuerin sah ihrer Tochter nach und ging schmunzelnd in entgegengesetzter Richtung ihres Weges. Sie war etwa fünfundvierzig Jahre alt, hatte ein sonngebräuntes, knochiges Gesicht, das viele Runzeln und freundliche, wenn auch überaus scharfe Züge aufwies. Die Augen waren in dem Gesicht dieser Frau etwas ganz Nebensächliches, Unbedeutendes. Das Fesselndste an dem eckigen Kopf waren unstreitig die merkwürdigen Falten, so daß man, wenn die Frau lächelte, ein fast fremdes Gesicht vor sich hatte, grundverschieden von dem, wenn sie ernst war.

Bei der einundzwanzigjährigen Tochter war es beinahe umgekehrt. In ihren blauen Augen lag etwas Seelenvolles und Träumerisches. Und wenn man unmittelbar hineinschaute, sah man nicht den Reflex des eigenes Bildes, das sich darin spiegelte; es tauchte vielmehr ein Rätsel vor einem auf, ein großes Rätsel, das einen in eine stille Welt entrückte. Sie war von schlankem wuchs, flachsblond, und sie hatte einen leichten, etwas unsicheren Gang. Ihr Wesen war verschlossen und doch freundlich; Es war schwer, sie in ein Gespräch einzufangen. Bei der Arbeit summte sie am liebsten die Melodie eines Volksliedes vor sich hin. Ihre Hand fühlte sich hart an und derbe. Aber die Hand hatte auch zu schaufeln und zu dreschen, zu rechen und zu düngen, zu spinnen und zu graben. Der Acker, das Feld und der Stall waren die Stätten ihrer Arbeit.

Von dem Michelsbauer selbst ist nichts zu sagen, als daß er glatt rasiert war wie ein Pastor, und daß er stets einen ausgezeichneten Appetit hatte. Seine Äcker und Wiesen grenzten nachbarlich an das Bauerngewese des Laubegehöftes und folglich war es etwas ganz Natürliches, wenn Gertrud den Jakob, den Sohn des Laubehofbauers, im Frühling und Sommer während der Dung-, Sä- und Erntezeit fast täglich sah. Sie liebte ihn.

Er war ein fleißiger, in Gesellschaft recht fideler Bursche, nicht besonders hübsch, aber kerngesund und herzensgut. Er machte gern seinen Spaß, und liebte auch einen derben, gesunden Witz, der im Schwarzwald ursprünglich und nicht frech klingt. Wenn Jakob aber allein war, traf man ihn immer grübelnd.

Die Liebelei der beiden jungen Leute wuchs zu einer ernsten Leidenschaft heran, und ohne lange zu fackeln, trat er eines Tages vor Trude hin, um ihr in gewählten Worten zu sagen, wie rettungslos er in sie vernarrt sei.

Eigentlich geht eine Liebeswerbung im Schwarzwälder Bernecktal sonst anders vor sich. Der Bursche faßt seine heimliche Angebetete im Tanzsaal, oder auf der Kirchweih oder im Felde derb um die Taille und küßt sie kräftig ab. Die Erfahrung lehrt, – und Stendhal hat uns gezeigt, daß selbst in der Liebe jede Provinz andere Sitten und Bräuche befolgt – die Erfahrung lehrt, daß dieser Kuß von der weiblichen Seite mit einer ebenso herzhaften Maulschelle erwidert wird, was den Burschen, der mit diesem Brauch von Jugend auf vertraut ist, natürlich nicht abhält, vor lauter Freude außer Rand und Band zu geraten. Denn mit diesem Kuß hat er seine Angebetete öffentlich zu seiner Geliebten proklamiert, und wehe dem, der es nun wagen wollte, über dieses Verhältnis ein überflüssiges oder hämisches Wort zu verlieren. Auf jedem Tanzboden, bei Begräbnissen und Kindtaufen, sieht man denn die beiden Leutchen beisammen und ihr gegenseitiges Verhalten gewährt dem Beobachter durch die gesunde natürliche Art einen pikanten, frischen Reiz. Nach einem Jahre oder nach zweien wird die Geliebte Mutter und dann heiratet sich das Paar.

Dem Michelsbauer Jakob paßte die althergebrachte Form der Liebeswerbung nicht. Er wollte seine Liebschaft auf eine ganz besondere Weise anknüpfen. Zu diesem Zwecke hatte er sich mit vielen Worten bewaffnet und trat, von Phrasen geschwollen wie ein Liebesbriefsteller, vor Gertrud hin.

»Es ist der Momang gekommen –« begann er, »wo ich –«. Da sah ihn aber Gertrud an. Ihr Blick brachte ihn aus dem Konzept und er stockte wie ein Lügner.

»Schon lang wollt' ich dir's beibringen –« fing er von neuem an. Aber er verhaspelte sich.

»Was denn!« fragte Gertrud lachend und legte den Kopf auf die Seite. Die Schelmin wußte natürlich, was er ihr beibringen wollte.

»Oh – nichts«, meinte er verwirrt und schwieg.

»Du Hansaff!« uzte Gertrud.

Beide schwiegen und standen sich verlegen einander gegenüber und stumm wie der blaue Himmel.

Dann siegten die Atavismen, siegte die Natur über den Liebesbriefsteller, und um nicht wie ein Narr vom Platze zu gehen, warf er seine Mütze mit Fluch und Spucke auf die Erde, umarmte Gertrud plötzlich, daß ihr die Knochen im Leibe knackten und küßte sie wie eine Saugpumpe. Seine Küsse knallten ordentlich; aber die Ohrfeigen, die ihm als Beruhigungsmittel verabfolgt wurden, knallten doch noch lauter. Das war der ordnungsmäßige Verlauf, und nun schlug man in den grünen Daunen der Wiese das Brautbett auf.

Von diesem Tage an verlor Jakob seine Fröhlichkeit und Frische immer mehr, während Gertrud lustiger wurde und gleichsam fraulicher. Jakob trug einen tiefen Groll gegen sich selbst in seiner Brust herum, der damals aufgekeimt war, als er so täppisch und herkömmlich um die Liebe Gertruds geworben hatte. Er wollte ihr zeigen, daß er ein eigenartiger Mensch war, der mit den übrigen Bauern nicht auf einer Stufe stand, und wie zeigte er sich ihr in Wirklichkeit! Er stotterte, geriet in Verlegenheit, fiel dann über sie her wie ein Nilpferd und alles nahm auf einmal denselben Verlauf, wie alle anderen Liebschaften. Wie bei allen anderen war es eine Vergewaltigung, aber keine Werbung. Es war kein Fest, sondern ein Rausch mit Backpfeifen. Es war nicht menschlich, sondern viehisch. Ganz anders hatte er sich's ausgemalt . . .

Erst wollte er die Liebeswerbung in gewählten Worten hervorbringen: »Es ist der Momang gekommen, wo ich die Seligkeit der Liebe über mir hereinbrechen fühle. Oh, erhöre mich usw.«,–dann wollte er um einen Kuß bitten: »Laß mich die beglückende Wonne genießen und den Nektar von deinen rosigen Lippen trinken.« Wenn er den getrunken hätte, würde er ohne weiteres zum Michelsbauer gegangen sein, um ihn um die Hand seiner Tochter Gertrud zu bitten, wie es die vornehmen Leute machen. Dann sollte die Verlobung, endlich die Hochzeit stattfinden, zu der nicht – wie üblich – das ganze Dorf, sondern nur die nächste Verwandtschaft geladen werden durfte, und schließlich standen noch sechs Kinder auf seinem Programm, die seine Frau hintereinander kriegen mußte.

Seine gesamten Pläne wurden aber in jener Minute über den Haufen geworfen, und er machte sich, nachdem er geküßt, nachdem er seine Ohrfeigen eingeheimst, und nachdem er auf seine künftigen Eherechte sofort einen recht großen Vorschuß genommen hatte, das Geständnis, daß er ebenso ein gewöhnlicher Bauer sei, wie der und jener.

Das schmerzte ihn, aber er verbarg es und trug, so gut er konnte, ein ungezwungenes Wesen zur Schau. Jedenfalls war seine Liebe nichts Ursprüngliches mehr, sondern eine Art Berechnung und quälende Selbstbeobachtung. So hatte er auf beiden Seiten verloren. Sein Verhältnis war weder wie das der anderen Bauernburschen, ein inniges, sinnlich glückliches, noch wie das erträumte seiner Sehnsucht, ein besonderes und feierliches.

Wenn er Trude jetzt küßte, geschah es mit einer gewissen Resignation. Er sagte sich: »Küsse nur zu, Jakob. Es ist nicht mehr zu ändern. wenn du schon so tief gesunken bist, so genieße doch wenigstens alles, was du auf diese Weise genießen kannst.«

Gertrud, das treue Geschöpf, war ganz in ihm aufgegangen und Jakob genoß fast aus Rache gegen sich selbst, was Trude ihm aus Liebe nicht verweigerte . . .

Als Gertrud ihm nach etlichen Monaten die Nachricht brachte, daß sie sich Mutter fühle, da war es mit ihm aus.

Er wurde kopfhängerisch, arbeitsunlustig und grüblerisch. Jeden Tag wollte er die Eltern Trudes um die Hand der Tochter bitten, nahm aber schließlich immer wieder davon Abstand, weil er glaubte, daß man ihn einfach auslachen würde. »Ach Gott, schließlich kann ich ja noch mit der Hochzeit warten,« sagte er sich, »es ist gar nicht so arg. Jeder macht es ja so.«

Da war es wieder das »jeder«, worüber er grübelte und das ihn wütend machte. Er wollte nicht wie »jeder« handeln, obgleich er deutlich bemerkte, daß er längst wie jeder Bauernbursche beurteilt wurde. Mitten in seinem Ärger erwachte wieder ein anderes Gefühl in ihm. Das Gefühl des Vaterstolzes. Seine nächste Sorge war die, wie er das künftige Kind nennen sollte. Er nahm den Kalender vor und studierte alle männlichen und weiblichen Namen, die besonders und seltsam klangen. Schließlich ließ er sich die Wahl frei zwischen: Eveline oder Kreuzwendedich, Cordiela oder Ottomar, Eberhardine oder Gideon . . .


* * *


Gertrud ging hinüber in den Laubehof, der etwa eine halbe Stunde weit vom Gehöfte des Michelsbauern entfernt war.

Jakob stand vor der Tür und spaltete Holz. Als er Gertrud erblickte, hieb er die Axt schwungvoll in den Klotz, daß sie fest eingekeilt blieb, ging auf Gertrud zu und begrüßte sie nicht besonders herzlich. »Guten Tag, Jakob,« sagte sie.

»Guten lag, Trude . . . Na also – da wärst du ja wieder.«

»Ja, da wär' ich also wieder.«

»Ja, da wärst du . . . willst du was Besonderes!«

»Du weißt ja.«

»So – deswegen! Nein, das hab' ich mir noch gar nicht überlegt. Eh, sag' mal, eilt dir's denn so!«

»Du hast mir doch versprochen, Jakob, daß du mir heut Antwort sagen willst. Ich seh' nicht ein, warum wir die Hochzeit bis Matthäi hinausschieben sollen, wenn wir uns sowieso heiraten.«

Jakob spuckte aus und wäre jetzt gern, wie einst der Patriarch, auf einer Leiter zum Himmel hinaufgeklettert.

»Millionenschwerenot!« rief er, »das sind doch meine Angelegenheiten. Du läufst mir doch nicht davon,« brauste er auf – und der Köter, der ihm zwischen die Beine lief, kriegte einen Tritt.

»Nein, nein; ich laufe dir nicht davon,« entgegnete Gertrud kleinlaut.

»Na also.«

»Ja – eh – aber was soll ich denn der Mutter und dem Vater sagen!«

»Hergottsdonnerkeil! sag' ihnen doch was du willst.«

»Auf einmal redst du so!«

»Ich rede schon lange so. Was willst du eigentlich! Wenn du so lang gewartet hast, dann warte doch noch, bis das Kleine da ist; so macht es ja jede

»Früher hast du immer das Gegenteil tun wollen, von dem, was die Leute tun.«

»Früher – – ach was.«

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

»Warum schweigst du?« fragte Gertrud nach einer Pause.

»Na,« es wurde gespuckt, »weil ich mich ganz verflucht mit dir herumärgern muß . . . was zeigst du mir denn immer den dicken Bauch? He? was brauchst du mir denn immerfort Vorwürfe zu machen, daß ich früher anders war? Das weiß ich alles allein. Nur durch dich bin ich ja so ein Flegel geworden, wie es alle andern sind.«

»Durch mich?«

»Durch wen denn sonst?«

»Was hab' ich dir denn getan?«

»Was du mir getan hast? So eine Frage! Muß ich das auch noch erst sagen, du dumme Kuh? . . . Damals, wie ich um deine Liebe hab' werben wollen, anders als diese Bauernbuben, da bist du dagestanden und hast nicht gemuckt. Wärest du mir nur mit einem Wort zu Hilfe gekommen.«

»Ja, wieso?«

»Ach, das verstehst du nicht. Soviel ist klar, Wenn du etwas gesagt hättest, dann wäre ich dir nicht gleich um den Hals gefallen und – (er wies auf ihren Leib) – so weit wär' es eben noch nicht mit uns. Dir hat's ja so pressiert! Jetzt sag', wo steckt der Reiz für mich? Wozu soll ich mich denn mit der Hochzeit beeilen? I – daß ich verrückt wär'! Muß ich denn allemal genau das tun, was die andern tun?«

»Warum hast du mich dann – hast du mich – warum hast du –«

Sie weinte.

»I – nun plärrst du! Warum heulst du denn? . . . Ja, ich weiß es nicht. Ich bin halt ein junger Kerl und müßte auf den Kopf gefallen sein, wenn ich nicht – ach, laß uns nur davon abbrechen. Das führt doch zu keinem Ende.«

»Wenn du mich nicht heiraten willst, brauchst du es ja nicht. Zwingen tut dich niemand.«

»Na, da kennst du mich schlecht. Wenn wir schon soweit miteinander sind, da kommt es mir nicht mehr drauf an. Wenn ich in allem übrigen das mache, was jeder macht, dann heirate ich dich eben, weil es jeder so macht.«

»Du warst es doch aber, Jakob, der mich so gedrängt hat, daß ich – daß wir auf der Wiese damals –«

»Dummes Weibsbild! Wenn du doch endlich deinen Mund hieltst! . . . Freilich war ich's; ich bin doch ein Mannskerl; aber du hättest es mir nicht gewähren sollen. Dann wär' ich heut' reineweg närrisch nach dir, und der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden.«

»Wenn sie nur schweigen würde! Ach Gott, wenn sie nur schweigen würde,« dachte er.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Gertrud.

»Ja, ja . . . mich versteht halt keiner,« protzte er.

»Du spielst mit mir,« sagte sie.

»Ich? Da hört doch alle Gemütlichkeit auf! Ich spiele einen Dreck – spiel ich. Ein gescheites Weib hält ihren Mann eben in Schach. So hab' ich's noch überall gesehen und gehört.«

»Du sprichst komisch. Wenn ich jetzt kein Kind von dir hätte, dann hättest du dir doch einfach eine andere genommen.«

»Ah – das ist ja lauter dummes Zeug. Dich hab' ich von Anfang an gern gehabt und keine andere. Aber was plappere ich mit dir. Das verstehst du deiner Lebtage nicht . . . Aber hör' mal, wie das Kind heißen wird, das lass' ganz meine Sorge sein. Ich will, daß es einen besonderen Namen kriegt.«

»Meinetwegen, ich will mich drum nicht streiten.«

»Ja, hättst du denn daran auch was auszusetzen? Möchtest du mir denn wohl auch die Freude nicht gönnen?«

»Doch, doch . . . ich gönne dir alles, ich dummes Geschöpf.«

Gertrud weinte, und das tat ihm leid und schmeichelte ihm zugleich. Seine geliebkoste Eitelkeit verwandelte sich in Güte und er wurde wieder natürlich und sanft, wie er im Grunde war.

»Komm her, Trude,« sagte er, »du bist ja nicht dumm, sei nur ruhig. Ich bin ein elendes Aas, daß ich dich so ärgere.«

»Ja, jetzt bin ich wieder deine Trudel, aber zuerst quälst du mich immer, bis ich heule.«

»Ach Gott – siehst du, Trudel – ich rede mich so schnell in die Hitze hinein und richte dummes Zeug an. Na, weine nur nicht. Tränen kann ich bei dir am wenigsten sehen.«

Er fiel ihr um den Hals und hätte am liebsten losgeheult . . .

»Ach!« seufzte Gertrud, als sie wieder nach Hause ging.

»Ach!« ächzte Jakob, indem er ihr nachblickte.


* * *


Im Hause des Michelsbauern herrschte Trauer und Unruhe.

Gertrud war einen Monat zu früh von einem totgeborenen Mädchen entbunden worden, und dazu kam noch, daß die Operation auf dem einsam gelegenen Gehöft überaus schwer und unglücklich verlief, so daß Gertruds Leben auf dem Spiele stand. Die Barbiere auf dem Lande sind gewöhnlich auch Zahnärzte, Akkoucheure, Wundärzte und Hebammen. Daß sie manchmal den Patienten einen falschen Zahn herausreißen, ein Glied zuviel abschneiden, gegen Kopfkolik Wurmpulver verschreiben und bei Lungensucht Schwefeldämpfe verordnen, das alles wäre nicht so schlimm, wenn sie nur die Gebote der Asepsis erfüllen würden. Aber in dieser Beziehung begeht man auf dem Lande, wo der Arzt nicht sofort erreichbar ist, noch immer fahrlässige Morde. Gertrud wurde ein Opfer dieser Verhältnisse. Die Eltern wußten es und wollten es der Tochter und ihrem Schatz verheimlichen. Aber es gelang ihnen nicht. Gertrud fühlte und sah, was in den Eltern vorging, und mit der Blitzesschnelle des Instinktes begriff sie, daß sie sterben müsse.

Sie bat, daß man Jakob herbeirufen und den Pfarrer herbestellen sollte.

Jakob, der zwei Tage vorher noch bei Gertrud war und sie wohl und munter fand, der ihre grenzenlose Liebe mit affektierter Gleichgültigkeit und künstlicher Kälte erwiderte, war herbeigestürzt und fast außer sich, als er hörte, daß es sich um das Leben Gertruds handelte. Daß sie ihm ein totes Kind geboren hatte, wußte er nicht.

»Wo ist mein Kind?« rief er, als er beim Michelsbauer eintrat, »gebt es her! Und nun ist mir alles andere Wurscht. Gertrud wird es heißen. Gebt mir schnell meine kleine Trude.«

»Langsam!« sagte der Vater, »das Kind ist tot, Jakob. Es wird gar keinen Namen haben. Nicht mal die Nottaufe hat es kriegen können.«

»Ach – Herr Jesus!« stieß Jakob hervor.

Sehr merkwürdiges ging in ihm vor. Als er von der Niederkunft Gertruds hörte, hatte er im ersten Augenblick geplant, das Mädchen Cordiela zu nennen. Im selben Atem erfuhr er, daß Gertruds Leben gefährdet sei. Augenblicklich warf er alle Pläne über Bord. Das Mädchen sollte entschieden nach der Mutter benannt werden. Schließlich war ja Gertrud auch kein häßlicher Name. Warum er aber seinem Kinde den Namen der Mutter geben wollte, das war ihm nur dunkel bewußt. Es sollte eine gewisse Sühne sein, für all die Unbill, die er ihr zugefügt; er tat es, um immer an seine Geliebte erinnert zu werden. Und nun erfuhr er bei seinem Eintritt in die Stube, daß sein Kind tot zur Welt gekommen war . . . Gar nichts blieb ihm also.

Und er wußte selbst noch nicht, was er wollte, als er rief: »Holt mir den Pfarrer her, schnell«.

»Was soll der?« fragte der Bauer.

Jakob schaute eine Weile auf den Boden, dann sagte er: »Ich will mich trauen lassen.«

Der Bauer blickte ihn verständnislos an . . . Jakob hörte eben, daß Gertrud von der Schlafstube her seinen Namen rief und er sprang sofort an ihr Bett. Er kniete hin und streichelte die eingefallenen Wangen Trudes. Er war ganz aufgelöst, ganz hingegeben; er hätte sich köpfen lassen für sie. Er brachte nichts heraus, als eine Art schmerzvolles Gebell.

»Jakob! Nein, nein, sei doch ruhig! Du Lieber! Mach mir's nicht so schwer.«

»Tru–u–uhhu–hude, ich ha–ab' dich ja so li–hieb.«

»Ich weiß es, Jakob.«

»Lie–i–i–hiebes Weib!«

»Daß mein Rind tot ist!«

»Oh, Trudelchen, Schatz, du Goldiger –«

»Du Lieber!«

»Sag' mir alles, was dich drückt; sag's nur. Alles.« –

Gertrud antwortete nicht, sie umarmte Jakob, der sich vor Schmerz nicht zu lassen wußte. Er heulte wie ein angeschossener Wolf und Gertrud mußte weinen, als sie so viel Liebe sah; jetzt, wo ihr keine Liebe mehr helfen konnte. Jakob war nicht geschaffen, Tränen sehen zu können, und er versuchte darum, Gertrud mit sanftem Liebkosen und mit Liebesworten und Küssen zu beschwichtigen. Aber die Tränen Gertruds flossen immer unaufhaltsamer; es war, als hätte sie noch nie in ihrem Leben geweint und als würde ihr nun das Weinen eine ganz besondere Wollust bereiten.

Jakob verstand plötzlich, daß seine Liebste nicht nur um das tote Kind weinte, sondern weil sie wußte, daß sie von dieser Welt scheiden mußte.

»Ach, das Leben ist so schrecklich,« schrie Jakob; im Geiste malte er sich schon den Tod seines Weibes aus.

Aber der Michelsbauer boxte ihn in die Seite: »Gehweg, du nimmst ihr ja die Ruh' zum Sterben.«

Er erhob sich. »Ist es dir recht, Trude, daß ich nach dem Pfarrer geschickt habe!« fragte er.

»Ich habe schon nach ihm geschickt.« sagte die Mutter.

»Du auch? Weshalb du?«

»Sie will das Abendmahl empfangen.«

»Und ich will mich trauen lassen.«

»Oh, Jakob . . .«

»Ja, du sollst noch heute mein Weib sein!«

Gertrud weinte noch heftiger.

Bald kam der Pfarrer . . .

Gertrud wurde mit vieler Mühe im Bett aufgerichtet und sie bekam schneeweiße Wäsche angezogen. Auf ihrem Haar lag eine Myrte und über den Kopf ergoß sich ein weißer Schleier.

Sie sah seltsam schön aus, diese Todesbraut, und dieses seltsame, Besondere war es, was Jakob trotz des unsäglichsten Schmerzes an seiner Braut so entzückte. Er kniete neben dem Bette nieder, hielt ihre rechte Hand fest in der seinen und der Pfarrer gab ihnen den kirchlichen Segen.

»Jakob, liebst du Gertrud aufrichtig und begehrst du sie zum Weibe!«

»J - a – ä –.«

»Und du Gertrud! Liebst du den Jakob, der dich zum Weibe begehrt und begehrst du ihn zum Manne!«

»So stärke Gott Vater, Gott Sohn, Gott heiliger Geiste euere Herzen und segne euren Bund. Ich aber, kraft meines Amtes, erteile euch den kirchlichen Segen« – und so weiter und so weiter.

Das Ganze hörte sich an wie eine präparierte Grabrede.

Die Eltern der Paare und zwei fremde Zeugen standen daneben in einer seltsamen Hochzeitsstimmung. Dann gingen alle, bis auf den Pfarrer, hinaus, der Gertrud das heilige Abendmahl gab. Ein paar Stunden später war die junge Frau tot.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Jakob wankte mit seinen Eltern nach Hause.

»Beileid – Beileid,« kondolierte der Vater seinem Sohn.

»Ich dank' Vater . . .« Die Mutter schüttelte ihrem ›Jaköble‹ die Hand und greinte. Sie redeten beide auf ihn ein, um ihn zu zerstreuen, aber er verstand keine Silbe; seine Gedanken weilten bei der toten Gattin.

Nach einer Weile fragte er plötzlich: »Ja, also was sagt ihr zu der Hochzeit?«

»Ja, was soll man also sagen, Jakob?« meinte der Vater.

Und die Mutter wiederholte: »Ja, also denn – was soll man zu der Hochzeit wohl sagen?«

»Na – ich meine bloß . . . jetzt bin ich schon Witwer.«

»Ja, freilich, jetzt bist du schon Witwer,« sagte die Mutter weinerlich.

»Natürlich, jetzt ist er schon Witwer,« sagte der Vater zu seinem alten Schirm.

»So eine Hochzeit hat doch noch nie jemand erlebt,« seufzte Jakob.

»Ja, so eine Hochzeit hat noch keiner erlebt,« wiederholte die Mutter und schneuzte sich laut.

»Nä – ä . . .« sagte der Vater, »so eine Hochzeit hat noch nie jemand erlebt.«