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J. E. Poritzky – Meine Hölle

Sammlung menschlicher Dokumente

Hugo Schildberger Verlag, Berlin 1908

Sobald ihr aber von diesem Baume esset, werdet ihr wissen, was gut und böse, und erkennen, daß das Leben ein Übel ist, daß ihr keine Götter seid, sondern daß euch der Böse mit Blindheit geschlagen hat und euer Dasein sich abrollt, die Götter lachen zu machen.

Strindberg.

*

Ich habe vergessen, was Glück ist.

Jeremias.

*

Meine Harfe ist eine Klage geworden und meine Pfeife ein Weinen.

Hiob

Ich predige die Erbärmlichkeit des Daseins, Und wenn Du vom Leben angeekelt und angewidert auf der Mittagshöhe des Unglücks angelangt bist, und Deine Seele so überladen ist, daß sie zerspringen möchte, daß Du Dir am liebsten eine Kugel durch die Schläfe jagen möchtest, um Dich in das empfindungsleere Nichts hinüberzuretten, dann lies mein Buch. Es wird Dir Trost sein, indem es Deine Qualen steigert. Du verstehst – –

J. E. Poritzky

Geschrieben im Jahre 1900

Emotion

Meine Stube ist klein und niedrig und wenn mich ein hoher Gedanke bewegt, ein Gedanke, der nur in einem Tempel reif werden kann, dann habe ich das Bedürfniß, heftig auf- und niederzugehen. Ich denke dabei rascher und kühner. Aber bald wird es mir natürlich zu eng und ich muß auf die Straße.

Da begegnet mir dann immer das Sonderbarste …

Während ich ganz und gar von dem Elend der Armen erfüllt bin und mit meiner großen Idee schwanger gehe, steckt mir Jemand ein rotes Kärtchen in die Hand. Was soll ich wohl jetzt mit einer Visitenkarte anfangen, denke ich; es ist bereits Nacht und ich mache keine Besuche, Aber ich bin dennoch meiner Füße nicht mehr Herr, und während ich mit meinen Gedanken beschäftigt bin, schreite ich mächtig aus, gehe und gehe, und bald sitze ich in einem schmalen, engen Restaurant, in dem eine blaue Ampel brennt. Ich zeige meine rothe Visitenkarte und frage, ob ich hier richtig sei; man sagt »ja« und lacht.

Ich bin der einzige Gast in dem merkwürdigen Lokal und links und rechts von mir, auf einem abgebrauchten Dirnensopha, sitzt je ein Mädchen. Sie sind fremdartig kostümirt. Auf dem Kopf tragen sie vielfarbige, golddurchwirkte Turbane, und sie haben unverschämte Spitzenmieder an, hinter welchen weissgepuderte, sehr große Brüste hervorleuchten. Die Mädchen, auf raschem Wege sich die Vierzig zu holen, sind dick und fett, wie genudelte Gänse, und sie kauen etwas. Die Eine kitzelt mich in der Schooßgegend und bemüht sich, das Tier in mir aufzuregen; die Andere sagt »Prosit und trinkt etwas Schwarzes. Dann geht die, welche getrunken hat, hinaus und bringt wieder ein Glas voll desselben Getränks herein. Indeß sagt die Andere zu mir: »Du kannst heut Nacht bei mir schlafen. Wir werden uns schön amüsiren; für einen Thaler, mein Kleiner«

Und sie nimmt meine Hand und führt sie an ihre Brüste; richtige Kuheutern.

Ach, bist Du so Eine denke ich; nein, mein Täubchen, aus unserer Hochzeit wird nichts. Und ich stehe auf und lege ein Zweimarkstück auf den Tisch. Man giebt mir nichts zurück. Ich weiß, daß man mich betrügt und schäme mich. Aber ich habe nicht die Macht, zu protestiren; ich habe Mitleid mit ihnen. Mit Jedem, der mich betrügen muß, habe ich Mitleid.

Nach einer Weile bin ich wieder auf der Straße. Es hasten so viele Gesichter hurtig an mir vorüber, daß ich nicht ein einziges scharf genug beobachten kann. Das schmerzt mich, denn das ist doch noch das Schönste: Jedermanns Gedanken – mir nichts, dir nichts – aus dem Gesicht zu lesen, ohne daß der Mensch sich dagegen wehren kann, daß man seine geheimsten Seelenwinkel ausforscht.

Wie seltsam das doch ist Ich weiß, was in den Menschen vorgeht, wenn ich ihnen in die Augen schaue. Es spiegelt sich in ihnen etwas, das ihr ganzes Wesen ausmacht. Ich sehe hinab bis auf ihren Seelengrund und irgend eine Kraft flüstert mir zu, was sie denken. Ich strenge mich nicht dabei an, Es fliegt mir zu, gleichsam wie Ahnungen …

Der Eine denkt an seinen leeren Magen und zählt in Gedanken das Geld im Beutel eines Andern. Man sieht ihm an, daß er im Geiste die ganze feiste Bourgeoisie niedermetzelt und schreckliche Attentate verübt.

Ein Anderer denkt an sein Kind zu Hause, das an der Diphtheritis zu ersticken droht. Er sieht, wie der Arzt den Hals seines Kindes auspinselt und wie er das röchelnde Kind foltert. Er stößt den Arzt wuchtig zur Seite, nimmt das Kind aus dem Korbe und wiegt es auf seinen harten Händen – eine Stunde … zwei Stunden … endlich stirbt es in seinen Armen … Das erschaut er im Geiste und er eilt wie ein Gehetzter heimwärts. Die Frau ist an Allem schuld, denkt er. Er hätte nie ein Kind gezeugt, wenn sie in schwülen Nächten ihn nicht gereizt hätte. Und nun gelobt er sich hoch und heilig, nie wieder ein Kind ins Leben zu rufen. Aber er glaubt sich seinen Eid nicht. Er sieht sich eines Abends abgerackert aus der Fabrik kommen und hört sich schimpfen – auf Gott und die Welt. Und die Frau sucht ihn zu trösten, indem sie ihn küßt und ihm Liebe schenkt – – und so wird ihm ein neues Kind geboren werden … das wird wieder Diphtheritis haben – wieder eine Beerdigung – ach –

Wieder ein Anderer spielt mit dem Schweinchen, das an seiner Uhrkette baumelt und denkt an die Unterröcke der Chansonette, deren Düfte er heute Abend im Tingel-Tangel einathmen wird. Er wird sich tief herabbeugen, wenn die Chansonette ein Bein über die Schulter werfen wird. Der Moment wird zwar kurz, aber himmlisch sein und – hol's der Teufel – er wird schon was sehen. Im Vorgefühl des hohen Genusses wird ihm fast schwindlig; er fährt rasch mit der einen Hand in seine Hosentasche und kratzt vor Wollust seinen Oberschenkel und liebkost seine Geschlechtsteile. Er sieht, daß man ihn beobachtet und er klappert mit den Schlüsseln.

– – – – – – – – – – – – – – –

O, ich freue mich wie ein Satan in mich hinein, wenn ich den Menschen auf der Straße ihre kleinen Geheimnisse entlockt habe. Aber dann befällt mich, wie immer, ein Ekel vor der ganzen Welt, vor diesem großen Narrenhaus mit seiner schmutzigen Bestialität, daß ich mich irgendwo verstecken möchte, wo kein Leben hindringt, wo ich meine Scham ausweinen könnte … aber ich finde keinen solchen Ort, wo der Mensch mit seiner Verlogenheit und seinen unterjochten Sinnen nicht ist, und ich flüchte wieder in mein Zimmer zurück und vergrabe mich in einer Sophaecke. Ich möchte vor Schande zusammenschrumpfen zu einem Wurm und mich im kleinsten Schneckenhaus verkriechen. Und ich denke und denke und denke – – –

Es dauert nicht lange, dann kommt Boris Tumarkin und zeigt mir seine grellfarbige Cravatte für neunzig Pfennig und schwätzt los; er kommt von Einem ins Tausendste, und wenn er bei seiner Cravatte beginnt, hört er sicher bei Iwan dem Schrecklichen auf oder bei dem Ding an sich.

Ich höre ihm nicht zu; ich bin mit meinen Gedanken wo anders … ganz wo anders …

Wenn das ist mein großes Räthsel. Ich verachte die Menschen und liebe sie dennoch. Und meine Liebe kann zuweilen so stürmisch werden, daß ich jedes Menschenkind jauchzend in meine Arme schließen möchte, um es mit meiner großen Liebe zu durchsonnen, mit meiner Liebe, die fähig ist, die ganze Welt zu erwärmen. Und denjenigen, den das Leben herb und rauh angepackt hat, der auf den Straßen ziellos umherwandert, der wie eine von allem Leben losgerissene Planke im Menschenmeere planlos dahintreibt, dem die Welt in Trümmer ging, der sich der Gesellschaftskette nicht mehr eingliedern kann, dem Unsteten und Heimathlosen, dem Erniedrigten und Gekränkten, dem Gebrandmarkten und Geknechteten, dem laufe ich bettelnd nach, daß er mich mit seinen Leiden peinige. Und jedes bittere Wort, das er spricht, thut mir tief im Herzen weh und ich möchte es ihm vergelten mit all meiner Innigkeit. Schlage mich, möchte ich ihm sagen, und nimm Rache an mir für all die Unbill, die Dir die Menschen zugefügt.

Ich verachte ihn aber auch. Ja, ich bin aristokratisch und dumm genug, ihn um seiner Leiden willen zu verachten. Ach, er besitzt eben nicht die Fähigkeit, sich den Zeitverhältnissen anzupassen, denke ich; hol' ihn der Teufel. Es giebt in jeder Weltstadt zehntausend gute Tafeln zu fünfzehn oder zwanzig Gedecken und von diesen Gedecken ist keines für ihn bestimmt und er hat buchstäblich nichts zu essen; hol' ihn doch der Teufel. Tausend kleine talent- und verdienstlose Schöngeisterchen, tausend kleinliche, widrige Creaturen, tausend platte Intriguanten sind gut gekleidet; nur er geht wie eine elende Vogelscheuche umher; er kann seine Blöße nicht einmal decken; ach, hol' ihn doch der Teufel

Immer noch glaubt er, die Menschen werden ihn nicht untergehen lassen. Er kennt sie noch nicht, die Gesellschaften, in denen die Gemeinplätze ihre ewige Wiedergeburt feiern; wo jeder Mensch, der seinen Mund öffnet, einem Uhrwerk gleicht und zwischen den uralten, vermoderten Phrasen hin- und herpendelt; wo jedes Gehirn zu einem Speicher der Dummheit wird, dessen Träger möglichst geräuschvoll seine hehren, heiligen, hohen Nichtigkeiten über uns ausschüttet; wo man hingeht, um zu essen und zu schwätzen und sich anzugeilen; wo man nie einen Menschen trifft, der, angewidert von der Leere dieses Vergnügens, angeekelt von der Hohlheit der Vollbäuche, sich geistig erbricht über all diesen zerstreuungssüchtigen, langeweilefürchtenden, armseligen Köpfen.

Dränge Dich vor, schmeichle, lüge, heuchle, schwöre, krieche, und Du wirst aufgenommen in die Horden der menschlichen Gesellschaft. Magst Du Dir aber nicht den Stempel der normalen Gemeinheit und der gebilligten Verworfenheit aufdrücken lassen, – hol dich doch dann wirklich der Teufel

In Dir schlummert ein Genie? Dann brich Dir selber Bahn

Dir mangelt der Sinn für die Brutalität, die man praktisches Leben nennt? Dann gehe unter

Schon viele Herrlichen vor Dir haben die zweibeinigen Fünfhufer zertreten und dennoch sagen sie: das Genie ringt sich durch. Begreifst Du es nicht, daß sie ein Interesse daran haben, eine mächtige, geistig vorwärtstreibende Kraft zu knebeln? Und sie knebeln sie immer. Denn sie sind das Vieh, das immer die Majorität hat, die Majorität, die allemal Recht hat und gegen die selbst die Götter vergebens ankämpfen.

Elend bist Du und arm, Deine Gedanken gehen andere Wege, und eben deshalb tödten sie Dich.

Schwimme mit ihnen auf dem Ocean der Nichtigkeiten und laß Dich tragen von den Wogen der Gemeinheit. Dann fürchte nimmer den Sturm Wenn er daherbraust über die Wellenköpfe und sie schleudert an den cyklopischen Fels, sie zerstieben wohl, aber sie vergehen nicht. Die Staubatome des Wassers, sie sammeln sich rasch zu Wellen und wieder schaukeln sie sich auf dem Ozean der Nichtigkeiten. Dummheit vergeht nicht und Staub ist ewiglich.

Wo Gott ist, der Dich rettet aus diesem Meere?

Gestorben ist er aus Ekel vor seinen Geschöpfen und obenan thront der Teufel, der Herr des Drecks und der Läuse …

Ich könnte Dir eine Geschichte erzählen – Ja, ich will sie sogar erzählen …

Der Hölle Vorhof

Ich muß etwas weit ausholen … aber ich werde meine Behauptung mit überzeugenden Bildern illustriren, die ich meiner eigenen Entwicklungsgeschichte entnehme … Ich wuchs in einem Hause auf, in dem die Armuth ihren Thron aufgeschlagen hatte. Der Vater verdiente fast nichts; die Mutter quälte sich mit einer Gänsemästerei ab. Man war nie im Stande, mir die kleinste jener Freuden zu verschaffen, die sich der Kindesseele so tief einprägen und die aus dem Knaben einst einen dankbaren Mann machen. Dagegen fehlte es nie an Prügeln, und wenn ich in meinen Erinnerungen wühle und mir im Geiste noch einmal alle die Ohrfeigen geben lasse, die ich von meinem Vater erhalten, so sehe ich meines Vaters Hand als eine große, rothe vor mir und fühle sie als eine harte, starkknochige in meinem Antlitze brennen, eine Tyrannenhand, die nicht geschaffen ist zu liebkosen oder Runzeln fortzuglätten. Die Hand meiner Mutter aber war immer im Stande, die Unmuthswolken, die auf der Stirn des Kindes brüteten, hinwegzustreicheln. Die Hand, so klein sie war, gab groß und gern, und das Fluidum, das von ihr ausströmte, wirkte auf die Kinder segensvoll. Die Hand war von tausend Quer- und Kreuzlinien durchfurcht, unschön, zerarbeitet, welk – aber gerade darum muß sie einmal herrlich gewesen sein. Wenn eine Königin neben einer Bäuerin die gleich harte Arbeit verrichtet, wird die königliche Hand rasch ihre feinen Formen und ihre prächtige Weisse verlieren, die der Bäuerin aber wird kaum an ihrem Aussehen etwas eingebüßt haben. Und so waren mir die Hände meiner Mutter immer ein Beweis ihres hohen empfänglichen Herzens, und aus diesen Händen verstand ich – als ich älter ward – sehr wohl die Leidensgeschichte meiner Mutter zu lesen. Das Kind ahnte nur, daß es nicht der einzige Mensch war, der vom Vater gepeinigt wurde. Da drückte sich jeder in einen muffigen Winkel und brütete stumm in sich hinein, und da die Stubenwände kahl und poesielos waren, so ward die Phantasie des Kindes frühe rege. Ich zwang mein Gehirn oft, die herrlichsten Paläste zu bauen; ich schweifte in Höhlen umher und tödtete Bären; ich kletterte auf Felsen und köpfte Riesen; ich ehelichte Prinzessinnen und ward König in einem kupfernen Schloß; ich hielt Zwiesprach mit Elfen und ritt mit nackten Hexen auf Besen durch die Lüfte; über wilde Stoppelfelder, auf denen das Mondlicht schlief, fuhr ich in feurigem Wagen; ich ward Henker und schwang über Menschen das blutige Schwert. Und weil bei uns zu Hause jedweder Glanz fehlte, nach dem ich mich so sehnte, als ich ihn in den Wohnungen der Spielkameraden einmal geschaut hatte, ward ich hingedrängt zur Märchenwelt und es gab wohl kein Kind, das diese Geschichten, bei denen mir Verzückung und Wonne durch die Adern floß, so gierig in sich aufnahm und sie gleichzeitig so haarklein in Wirklichkeit umsetzte, wie ich. Um so entsetzlicher war es für mich, als ich aus diesem Traumleben erwachte und gefunden hatte, daß die Welt draußen nicht so war, wie die Märchenwelt in mir. Da verletzte mich jedwed Ding und kein Haar blieb mir ungekrümmt. Die Welt stieß mich ab … sie war so trist und traurig. Ich weiß noch genau, daß ich mich einst, angeekelt von aller Wirklichkeit, in den Keller verkroch, trotzdem mir vor den todten Spinnen, die in ihren dickbestaubten Geweben vermoderten, graute, daß ich dort dann niederkniete, ein altes Schwert emporhob und eine schöne Fee feierlichst beschwor, mich fortzuführen in ihren duftigen Wald und mich bald zu erlösen von dem heimathlichen Gefängniß. O, und Flügel wünschte ich mir Denn etwas ganz Weltunberührtes in mir, wollte immer bei den Sternen sein. Meine Gebete, an die Feen und Zwerge gerichtet, blieben aber unerhört und ich wurde skeptisch gegen das ganze Geistergesindel.

Ich muß noch erzählen, daß ich die Märchen nur in jenem Raume las, der dem Deus crepitus geweiht ist, in einem dörfischen Abort ohne Wasserabguß, wo es athembeklemmend stank und wo mir die Mücken, trotz Wehren und Sträuben unablässig ins Gesicht flogen. Denn in der Wohnstube durfte ich nie lesen. Dafür stellte ich aber die Geduld der Bedrängten auf harte Proben und ließ sie oft vier, fünf Mal pochen, indeß ich glückfiebernd weiter las. Ehe ich mein pestendes Kämmerchen verließ, schob ich das Buch unter meine Weste, daß man es nicht entdecken konnte. Man fragte mich, warum ich so oft und so lange in jenem Häuschen säße; ich mußte wieder lügen, beständig lügen, entschuldigte mich mit »Durchfall« und war dann gezwungen, mehrere Tassen eines widerlichen stopfenden Getränks zu leeren. So oft ich meiner Heuchelei wegen diese Medizin einnehmen mußte, roch ich aus dem Munde wie ein Wiedehopf und verfluchte mein Leben und meine Peiniger. Wenn der Vater mich mit einem deutschen Buche betraf, riß er es mir aus der Hand und verbrannte es meist oder er zerrupfte es wohl auch in seine einzelnen Bogen und schnitt es für den Closettgebrauch zurecht. Jeder Lump konnte meine Märchenwelt mit jener Materie besudeln, die die Felder fruchtbar macht und die nur der gute Aristophanes auf die Bühne gebracht hat. Diese also vernichteten Bücher bedeuteten aber meine ganze Welt, und dann, sie waren von Kameraden erborgt, die mich schonungslos und mit der Freude, welche die Jugend an Prügeleien hat, durchwalkten, wenn ich sie nicht mehr abliefern konnte. Ich war dann genötigt, die Freunde zu belügen und meine Phantasie nach dieser Richtung hin anzustrengen. Außerdem mußte das Buch natürlich wieder ersetzt werden, was denn die Mutter bezahlte. Und da sie immer gar knapp bei Geld war, entstanden durch mich, also indirekt durch meine Leselust, zwischen den Eltern gewöhnlich häßliche Dispute, die – ich erinnere mich so qualvoll deutlich daran – stets mit unerhörten Flüchen des Vaters endigten. Und ich bekam dann Prügel und außerdem wurde ich noch wacker durchgeschimpft:

»Ein Feuer soll Dich verbrennen« polterte es dann über mir; »man zerbreche Dir den Kopf Achtzig finstere Jahre über Dich Getaufter Hund Musst Du diesen Dreck lesen, heidnischer Bankert?

Alle bösen Geister über Dich Nicht gedacht soll Deiner werden, Du freches Schweinegesicht Ein böses Ende für Dich Geschwollen sollst Du liegen Die Cholera ergreife Dich Man spalte Dir die Stirn Stück Mist, der Teufel fange Dich«

Und dies Alles um der Lectüre eines deutschen Buches willen.

Ich begreife das heute sehr gut; ich muß sogar gestehen, daß mir diese spezifisch russischjüdischen Schimpfe durch die Kraft des Ausdrucks und die Originalität des Inhalts Bewunderung abzwingen; aber das Kind konnte sich die grausame Brutalität des Vaters nicht erklären, ward von solcher Art vergiftet, ward schweigsam, zog sich in sich zurück, wünschte dem Vater von ganzem Herzen einen jähen Tod, der Mutter dagegen ein ewiges, herrliches Leben. Die Art des Vaters, mit mir zu reden, übte auf mich eine um so nachhaltigere Wirkung aus, als sie mit der Weise meiner Umgebung, besonders dem Tone der Mutter, disharmonirte. An die Mutter schloß ich mich an mit dem ganzen Bedürfniß eines mißverstandenen, ungeliebten Kindes, und die Mutter begriff das Alles, und da sie mir die Liebe ersetzen wollte, die der Vater mir verweigerte, verweichlichte sie mich.

Der Vater haßte mich, denn ich war nicht seines Schlages; ich war ihm überflüssig, ein Esser mehr im Hause, wissensdurstig und wenn auch klein, ein großer Frager.

»Vater, wo ist der liebe Gott?«

»Was sind das für Fragen? Er ist im Himmel«

»Dort oben?«

»Ja, Kaffer; dort oben.«

»Wann sieht man ihn?«

»Solche Schweine, wie Du, sehen ihn nie. Nur die Frommen sehen ihn.«

»Siehst Du ihn?«

»Halt Dein Maul – laß mich essen.«

»Bin ich denn nicht fromm?«

»Nein, Du Brigant, Du bist nicht fromm. Du betest nicht gern. Du liest lieber diesen deutschen Dreck. Aber warte nur, warte nur In jener Welt drüben wird man Dir dafür schon den Hintern vergerben.«

»Aber ich muß doch lesen, Vater.«

»Nein, das mußt Du nicht. Wirf Deine ekelhaften Bücher weg Ins Feuer mit den Schmierereien Bete, das ist klüger. Dann wird Dich Gott lieb haben. Sonst aber verachtet er Dich wie einen krätzigen Hund.«

Soviel war mir aber der liebe Gott nicht werth und wenn er so kleinlich sein konnte, weil ich nicht den ganzen Tag vor ihm auf den Knieen lag, so brauchte ich ihm auch nicht meine Märchenbücher zu opfern …

Denn was in den Märchenbüchern stand, wußte ich. Das war Alles so wunderbar und so groß. Was aber in den Sternen stand, konnte ich nicht wissen. Gott war mir nur ein Name, »leerer Schall und Rauch«; etwas, das beständig auf der Lauer lag, um Einen für jede Kleinigkeit zu bestrafen; eine Wolke, von der man sich aber keine rechte Vorstellung bilden konnte. Und erst als Jüngling wurde er mir von Bedeutung, glaubte ich an ihn, als an einen persönlichen …

Daher kam es unzählige Male zu denselben Scenen. Der Vater kannte alle meine Verstecke und entdeckte meine Bücher. Er scharrte sie mit einem Knüttel unter dem Schrank, unter dem alten Wachstuchsopha hervor, und wenn er sie hatte, besah er die farbigen Bilder, die ihm viel Spaß machten, bat mich, ihm die Illustrationen zu deuten, und wenn ich es mit großer, hingebender Freude gethan hatte, belohnte er mich, indem er das Buch in den Ofen warf. Er ließ mich fortwährend seine Übermacht fühlen; er war beständig mein Feind. Wenn er sah, daß ich darüber weinte, war er froh. Durch diese Tyrannei hoffte er selig zu werden.

Denn dem fanatischen russischen Juden ist nichts so verhaßt, wie das, was der Kulturmensch unter »Bildung« versteht. Diese »Bildung« führt immer auf verbotene Pfade, verstrickt die Menschen in ein Labyrinth transcendentaler Fragen und verleitet sie, über Gott zu sprechen, wie über ihresgleichen. So zerbrechlich ist dieser Gott der Weisen, daß sie um seine Weiterexistenz fürchten, wenn sie ihn der Diskussion preisgeben. Man könnte vielleicht dahinter kommen, daß dieser Gott – wie schließlich alle Götter – auch seine Schattenseiten hat. Darum darf man über sein Wesen nicht nachgrübeln, sagen die Weisen – und die Thoren folgen. Damit dieser Gott nicht von seinem Throne gestossen werde, ist der Jude durch hunderte spitzfindige und kleinliche Gebote gebunden worden. Nichtbefolgung ist Sünde, und die kleinste Sünde kann die grösste nach sich ziehen, nach dem bekannten Rezept der bösen That, die fortzeugend Böses gebären muß.

Und diese Anschauung, die so verstockt, fanatisch, dumm, kleinherzig, gemein, tyrannisch und sklavisch macht, wurde von meinem Vater, der in Rußland unter Barbaren und Religiös-Wahnsinnigen groß geworden war, als Erbtheil seiner staubgewordenen Ahnen hochgehalten; und von mir, der ich deutsche Schulen besuchte und eine Erziehung genoß, die von seiner abstach, wie das Licht gegen die Finsterniß, verlangte er, daß ich die ausgeheckten Sophismen seiner Talmudweisen als anbetungswürdige Offenbarungen betrachten sollte. Er stopfte mein unentwickeltes Gehirn – gegen meinen Willen – mit den Lehren des Talmud voll, die mir zumeist albern und stumpfsinnig vorkamen, und forderte als Haustyrann – oder als Vater, was dasselbe ist – da ich sein Brod aß, daß ich auch sein Lied singe. Ich hatte die Wahl, mich entweder zurückzuquälen in die verschrumpfte, vermoderte, verschrobene Gedankenwelt des grauesten Mittelalters – oder mich stäupen zu lassen, mir die Ohren rubinroth zausen und Haare ausrupfen zu lassen. Ich machte natürlich Concessionen und begann, mich mit den »Weisen« zu beschäftigen, mit diesen vierschrötigen Tüftlern, bei denen man vergebens nach einem Gedanken fischte, die sich dagegen ihr Leben lang darüber den Kopf zerbrachen, ob man eine Laus am Sonnabend tödten dürfe oder nicht, ob ein Hühnerei, am Feiertag gelegt, benützt werden dürfe oder nicht, ob man sich den Hintern mit einem Scherben reinigen dürfe oder nicht.

Am Sonnabendnachmittag, nachdem man sich vorschriftsmäßig zu Ehren Gottes und seines heiligen Ruhetages außergewöhnlich gut gemästet hatte, mußte ich schlaftrunken und des Widerwillens voll, diese Weisheiten einer todten Zeit in mich aufnehmen; und die Mutter, die wohl bemerkte, wie ich meinen Wunsch, auf die Straße zu laufen, knebelte, versprach mir hinterrücks zu Sonntag fünf Pfennige, wenn ich mich beherrschen und eifrig bei der Sache sein wollte. Und für diese fünf Pfennige, die mir damals als eine enorme Summe erschienen, beugte ich meinen Stiernacken unter das Joch, und ließ mir erzählen, daß es eine Natur gebe, deren tiefe Räthsel man jedoch nicht lösen dürfe, daß es einen großen, mächtigen Gott gebe, nach dessen Art und Herkunft man aber nie forschen dürfe. Es wurden dem staunenden Kinde die Augen himmelweit geöffnet, damit es den Geist, der die Natur beseelte, gehörig bewundere; aber bei Todesstrafe wurde dem Kinde verboten, nach dem Ursprünge zu fragen, und wenn die Augen des Kindes auch von tausend großen Fragen wiederleuchteten – keine wurde beantwortet.

Ich hatte die Gesetze zweier Völker zu befolgen. Alle die jüdischen Gebote, die zu Beginn der christlichen Zeitrechnung einer verrohten und verlotterten Judenheit gegeben worden waren, mußte ich innehalten, bei Androhung des Paradiesverlustes; der Kulturstaat aber forderte, daß ich mich auch den Landesgesetzen unterordne. So mußte ich bald nach rechts, bald nach links schielen, um mit keinem Gesetzbuch zusammenzustoßen, und lebte also in ewiger Furcht. Diese Gesetze umgaben mich wie eine Festung mit hohen Ringmauern, aus der es kein Entrinnen gab. Das Gefühl der Abhängigkeit von Geboten und Paragraphen erwachte, sowie man die Augen aufschlug und einen Fuß aus dem Bette streckte. Das erste Gebet, das man noch mit schlaftrunkenen Augen lallte, war dies:

»Ich danke Dir, ewiglebender, immerwährender König, daß Du mir durch Deine große Gnade und Huld meine Seele wieder auf's Neue geschenkt hast.«

Die Seele? fragte ich mich. Die Seele? … Wer ist sie? Sobald ihr aber von diesem Baume esset, werdet ihr wissen, was gut und böse, und erkennen, daß das Leben ein Übel ist, daß ihr keine Götter seid, sondern daß euch der Böse mit Blindheit geschlagen hat und euer Dasein sich abrollt, die Götter lachen zu machen.

Und wenn man sich nur vier Ellen vom Bett entfernte, ohne sich die Hände gewaschen zu haben, hatte man schon den Tod verdient …, den Tod

Der Tod? Was ist er? …

Und noch indem ich grübelte, trieb man mich an, rasch in die Kleider zu schlüpfen und mich zu waschen – nicht um der Reinlichkeit willen, sondern um die vielen tausend bösen Geister zu verscheuchen, die während der Nacht meine Hände belagert hatten. Die Nachtgeister konnte man sehr leicht verjagen; man mußte jede Hand nur drei mal mit Wasser begießen, dann verschwanden sie. Übrigens, wer an diese Geister nicht glaubte, konnte sich von ihrer Leibhaftigkeit überzeugen; der brauchte nur das Fell eines schwarzen erstgeborenen Kätzchens, dessen Mutter ebenfalls vollkommen schwarz sein mußte, zu verbrennen und von dieser Asche einige Stäubchen sich in die Augen zu streuen; dann sah er die Geister und – mußte sterben.

Nachdem man sich gewaschen hatte, hieß es nun die Gebetriemen umschnüren und den weißen Gebetmantel umhängen, wobei viele Segnungen und Gelübde gesprochen werden mußten, die man natürlich sofort brach; hernach raspelte ich fünfzig hebräische Seiten herrlicher und schwülstiger Lobpreisungen und Lobhudeleien Gottes herunter, deren Sinn ich nicht begriff, deren Zusammenhang mir unklar war, immer nach der Uhr schauend, in der Angst, den Beginn der christlichen Schule zu versäumen. Aber vorher hatte ich noch ein Bedürfniß. Und verließ ich das Häuschen wieder, so mußte ich dem lieben Gott auch noch für meinen Stuhlgang danken. Dieser Gott kümmerte sich also um Alles, und es gab nichts, wofür man ihm nicht danken mußte.

Man war nichts als sein Spielzeug. In sechs Tagen hatte er die ganze Welt geschaffen und er wollte sie nach abermals sechs Tagen – ein Gottestag war wie tausend Erdenjahre – wieder vernichten. Schon zählte man das Jahr fünftausendsechshundertsoundsoviel; noch dreihundert und etliche Jahre und Gott würde sprechen: Genug des Spiels Welch ein unerforschlich launenhafter Gott

Ich überschüttete ihn mit Danksagungen; er aber kümmerte sich nicht um mich, während ich in der Schule saß. Vielleicht mißachtete er mich, weil ich dort ohne Kopfbedeckung saß? Das war eine so große Sünde … Vielleicht, weil ich den Namen des Gekreuzigten oft ausgesprochen, was mir streng verboten war? Ich wußte nicht, weshalb Gott sich nicht meiner annahm. Ich besaß keinen Rock und mußte infolgedessen Sommer wie Winter im Sommerpaletot auf der Bank sitzen, in einem sehr alten Paletot, den ein älterer Bruder abgelegt hatte und der mir zu weit und zu groß war. Der Lehrer forderte mich auf, den Paletot abzulegen; ich weigerte mich aber, ohne jedoch Gründe anzugeben. Der Lehrer ohrfeigte mich; die Schüler höhnten, und da ich mich schämte, ihnen die wahre Ursache meiner Weigerung mitzutheilen, hielten sie mich für blöde und zupften in den Pausen an mir herum, schlugen mich, gossen Tinte in meine Taschen und spieen nach mir. Sie betrachteten mich wie einen Aussätzigen. Zum Teufel Warum half mir denn Gott nicht aus der Klemme? … Samstags mußte ich in der Synagoge sogar den Sammet küssen, in den man die Thorarolle hüllte, ebenso die silbernen Gegenstände – einen ganz äußerlichen Prunk, den um ihr Seelenheil besorgte Banquiers der Synagoge geschenkt hatten – mit denen man die Thorarolle behängte. Ich sah, daß mein Vater, während er diesen metallenen Firlefanz küßte, heilige Schauer empfand und im Geiste Gott schaute, und ich fragte mich tausend Mal, warum diese Offenbarung nicht auch über mich kommen wollte. Die Antwort darauf gab mir der Vater in Form von Kopfstößen und Flüchen. Sein Mund kannte nur bittere Worte; Worte, die so wehe thun und die man nicht vergißt:

»Fromm mußt Du Lausehund sein, gottergeben und demüthig. Und glauben mußt Du Hier … Hier … Hier hast Du was Ich werde Dir die Knochen schon zerbrechen. An Gott mußt Du glauben und an die Worte der Weisen selbstverständlich auch, Du Schwein Hier hast Du noch eine Maulschelle umsonst; und nun küss' meine Hand, die Dich schlug Vorwärts, holla Küss', Du Bankert Sei dankbar gegen Gott, Du Rotznase, denn er ist allmächtig.«

Ich küßte die Hand und mir war, als kü?te ich die Hand meines Henkers …

»Gott wünscht, daß ich Dich züchtige, und der König Salomo, der Weise, Friede seinem Andenken, empfiehlt es ebenfalls,« sagte der Vater.

Ich haßte diesen großen graubärtigen Sklaven Gottes, wie den Tod, und sann Tag und Nacht, ihn zu ermorden.

Und oh wie haßte ich diesen Gott. Ich war erbärmlich abhängig von ihm und ich empörte mich um so tiefer gegen ihn, je größer die Dankbarkeitsbürde war, die ich zu tragen hatte. Wenn ich ihm nicht dankte, verfiel ich der Hölle und die Drommete des Messias schmetterte am Auferstehungstage alle Todten wach, nur mich nicht. In der Hölle wurde man stückweise gebraten und geschunden, und da in meiner Phantasie sich Alles viel schrecklicher malte, als die superklugen Weisen es geschildert und vielleicht beabsichtigt hatten, so übte ich täglich auf meine Ehrlichkeit Erpressungen aus und ward dankbar und gottergeben – ergeben wie ein Sklave, und gottesfürchtig – furchtsam wie ein wehrloser Hund.

Das ist der vergiftete Born, welchem mein räthselhaftes Wesen entsprang und, irr' ich nicht, so ist das auch die Quelle aller problematischen, tieferen Naturen, an denen das moderne slavische Judenthum so reich ist.

Die Jungen, die viel kritischer und durch eine fremde, verfeinerte Kultur sensitiver geworden sind, als die Alten es waren, tragen schwer an den Sünden ihrer Väter und Ahnen; sie wollen gut machen, was jene verdorben, und erstreben einen neuen Gott und eine Reform ihres Volkes. In diesen Köpfen lebt Vieles utopisch, Vieles unreif, aber der Schimmer eines großen Ideals umleuchtet sie. Es ist ein Geschlecht mit neuen Gedanken und alten Gefühlen, die wie dunkle Schatten über ihrem Leben liegen. Mitten im Ghetto wachsen sie; bleich, weil sie keine Sonne haben; gebeugt, weil sie sich nicht auswachsen können, in den Winkeln voll Unrath und dumpfer Lüfte. Um so tiefer und eigenartiger ist ihr Seelenleben, denn nichts darf an die Oberfläche gelangen; sie leben in einem ewigen innerlichen Fieber, das nicht ausschlägt. In den trüben Gassen der östlichen Städte begegnet man ihnen oft, diesen jungen Faustnaturen und Shylocks, diesen armen Gottsuchern, die inmitten ihres Heims ihre Heimath verloren haben.

Die böse Fee legte auch mir ein gefährliches Geschenk in die Wiege: Zerrissenheit der Seele.

Diese Zerrissenheit hatte ihren physischen Grund in der Natur der Eltern, deren Ehe zwar einen inneren Contrast bildete, die aber ihr Leben lang dennoch nie in eine Seele zusammenflossen, wie man landläufig von entgegengesetzten Temperamenten doch behauptet. Das Extrem war hier so groß, wie zwischen Teufel und Engel, und es ist klar, daß aus einer solchen Verbindung kein harmonisches Mittelding hervorgehen konnte, sondern ein Geschöpf, in dem »Die zwei Seelen« in beständigem heftigem Hader miteinander liegen mußten. Beide Kräfte waren gleich stark. Was der Engel in mir wollte, hintertrieb der Teufel, und wenn der Teufel mich beherrschte, ward er vom Engel in mir gestürzt. Daher kam es, daß Licht und Schatten nie zu einer sympathischen Helle in mir zusammenstimmten. Entweder war ich erfüllt von sieghafter Sonne und konnte Alles um mich her bestrahlen und beglücken, oder mein Auge warf dämonische Schatten, die meine Umgebung in graunvolle Nacht hüllten und die Menschen schreckten.

Psychisch wurde diese Zerrissenheit erklärlich durch eine förmliche Zweitheilung des Gehirns. Bald mußte es die Kulturprodukte des zwanzigsten Jahrhunderts, bald den Aberglauben des frühen Mittelalters – und diesen keineswegs bloß kulturgeschichtlich – in sich verarbeiten. Am Vormittag in der christlichen Schule: Chemie, Physik, Mathematik, Zoologie, Botanik; Nachmittags: Geisterglaube, Studium jüdischer prähistorischer Gesetze, Psalmengesinge und hündisch devote Gebete an einen persönlichen Gott, den man verabscheute, vor dem man sich verkroch und sich diebisch in Acht nahm, weil er das Attribut »Der Rächende« trug … Wo man ging und stand, sah dieser furchtbare Gott auf Einen herab; überall ward man von ihm und seinen Heerschaaren belauert und ausspionirt. Seine Allgewalt quälte und peinigte mich bis in den Schlaf hinein.

Das waren die Pathengeschenke der bösen Fee.

Aber eine gütigere Schicksalsgöttin glich diese Ungerechtigkeit wieder aus und gab mir, was sie vielen Juden schenkt, die blitzende Waffe des Spottes und als Schild den Mut der Selbstironie, und endlich die Feigheit der Maske, womit man denn die seelischen Wunden so leidlich zu schirmen und vor feilen Angriffen zu schützen vermag. Weil der Jude weiß, daß man ihn überlisten will, hat er all seine Kräfte konzentrirt, und seine Beobachtungsgabe hat sich verschärft. Er ist jede Minute des Angriffs gewärtig und jederzeit bereit zu kämpfen. Im eigenen Lager leben hart und feindlich auseinanderstrebende Lebensanschauungen beieinander, geprägt von einer alten religiösen Cultur und von beispiellosen wirthschaftlichen Verhältnissen. Dieser erbitterte Kampf setzt sich fort bis in die engste Familie, und am allerheftigsten wüthet er da, wo Vater und Sohn mit ihren grundverschiedenen Welten aufeinanderplatzen.

Auch ich hatte ein neues Für und ein neues Wider. Ich war Revolutionär gegen meinen Vater, weil ich die unnütze Last der überlebten Tradition auf meiner Seele nicht länger tragen konnte. Ich war Anarchist im Elternheim, weil es mein Leben lang nur ein Kerker war, in welchem ich, mit den schwersten seelischen Ketten beladen, schmachtete und vergebens nach Freiheit und Sonne rang. Ich wollte endlich die Wahrheit haben um jeden Preis; es drängte mich, Abrechnung zu halten und mir einen blanken Adelsbrief zu erkämpfen.

Und eines Tages, als ich erkannt hatte, daß meine Götter Götzen waren, zerschlug ich sie in tausend Scherben und sprengte die Gitterstäbe meines Gefängnisses.

Auch den Staub der christlichen Schulen schüttelte ich von mir, denn die Lehrer waren befangene, unfreie Köpfe, deren Stellung und Meinung vom Großherzoglichen Oberschulrath abhängig war, welcher anstandshalber und weil er emporrücken wollte, sehr religiös und monarchistisch gesinnt sein mußte. Das wirkte wieder auf die Lehrer zurück und machte sie feige; auch wußten sie sicherlich nicht mehr von Pädagogik, als gerade in ihren Leitfäden und Lehrbüchern stand. Nicht ein Einziger hatte angeborenes Erziehertalent; vielmehr begnügten sich Alle, ihr vorgeschriebenes Pensum mittelst Stockschlägen und Nachsitzen in uns hineinzupauken. Der Großherzogliche Oberschulrath bezahlte sie dafür, und von diesem Gelde konnten sie sich und ihr Weib ernähren, und womöglich auch noch die Kinder, die sie gezeugt hatten. Die Pädagogik brachte jährlich 2 400 bis 3 600 Mark ein; insofern war es eine ganz nützliche Wissenschaft.

Es herrschte das hinterlassene System der Kloster- und Jesuitenschulen, nach welchem unendlich mehr für den unreifen Verstand, als für die natürlichen Sinne gethan wurde. So wird es mir erklärlich, warum ich und noch einige Knaben, bei denen die Beobachtungsgabe – die ja nichts anderes, als Sinnlichkeit ist – auffallend entwickelt war, gerade die schlechtesten bezw. sehr mittelmäßige Schüler waren. Die aufgewecktesten der Klasse, die poetisch oder künstlerisch veranlagt waren, und für die eine Erziehung der Sinne unübersehbar wichtig gewesen wäre, mußten ihr Gehirn mit Dingen vollpropfen, aus denen die unentwickelte Vernunft noch nichts zu machen wußte; Auge und Ohr blieben unbefriedigt und die Sinne verkümmerten. Der Geist wurde in den lebendigen und todten Sprachen, in Natur- und Geschichtswissenschaften in spanische Stiefel eingeschnürt; um so intensiver sehnte man sich allerdings, die enge Fessel bald abstreifen zu können.

Ich war hartnäckig genug, meine Naturfreude an der Rose nicht für eine richtige Deklination einzutauschen, und verließ natürlich die Kinderkaserne mit einem sehr schlechten Zeugniß. Höhere Schulen, die Völker der Erde, und voran ihre Künstler und Dichter, werden mir dereinst ein glänzenderes Zeugniß ausstellen, dachte ich, als ich dem Schulhof valet sagte …

Zu Hause wurde ich nun als ein erwachsener Mensch betrachtet, und als solcher durfte ich nicht länger müßig gehen. Die Sticheleien des Vaters, daß ich nunmehr versuchen solle, wie schön das Brod schmecke, das man sich durch eigener Hände Arbeit verdiene, trafen mich gut.

Zum Überfluß rechnete er mir noch vor, wieviel ich ihn schon von der Stunde meiner Geburt an gekostet. Er fing ernsthaft bei der ersten Windel an und hörte bei dem Bissen auf, den ich eben verzehrte. Demnach war ich ihm viele Tausende schuldig. Wann ich die bezahlen wollte, fragte er. In kochendem Haß packte ich meine Siebensachen. Die Mutter legte segnend ihre Hände auf mein Haupt – dann zog ich aus … Was nun? …

Zum ersten Mal fühlte ich freien Himmel über mir und glaubte ein- für allemal der Hölle entronnen zu sein. Aber der Boden, in dem ich gewachsen war, wurde für mich verhängnißvoll. Ich war unsäglich verkümmert; ich glich der Pflanze eines Gewächshauses und war behaftet mit einer überfeinen Sensibilität. Ich war ein Mensch, der nicht gelernt hatte, sich zu überwinden, der nicht groß und fruchtbar werden konnte, weil ich an der Vergangenheit litt und an verhaltenen Gefühlen, die sich in den tiefsten Untergründen der Seele verbohrt und sie krank gemacht hatten. Gequält von dem fast körperlichen Hunger nach einem lieben Wort, ging ich umher. Über mir schien keine Sonne und ich kannte nur den Schauer der Thränen. Ich hatte meine längst verlorene Heimath verlassen und die schönen Feiertage mit ihren verinnerlichten Symbolen kehrten mir nie wieder. Meine Eltern verstanden mich nicht; aber als ich jede Brücke zwischen mir und ihnen abgebrochen hatte, fühlte ich, daß mein Herz trotzdem jenseits des verhaßten Ufers geblieben war; mein Schicksal, das wie ein Sturmwind über mich gekommen war, hatte mich losgerissen von dem Erdreich, aus dem ich meine Liebe und meinen Haß gesogen; aber meine Wurzeln verblieben jener Muttererde. So stand ich in der fremden Welt und erstarrte in all dem Frost, der mich umwitterte. Meine Seele begann an der Zukunft zu kranken, die kalt und ungewiß vor mir stand; ich kannte das Leben noch nicht, ich hatte es noch nicht genossen und war doch schon so übersättigt. Ich fuhr, fünfzehn Jahre alt, von Süddeutschland nach Holland, um dort in ein Geschäft einzutreten; aber als ich mich eben hinter die Theke gestellt hatte, packte mich das Heimweh nach meinem Gefangniß und nach meiner Mutter mit Riesengewalt; ich warf Elle und Scheere weg, rannte kopfüber zur Bahn und fuhr wieder nach Hause … eine Nacht hindurch … den folgenden Tag … und wieder eine Nacht …

Und da saß ich wieder dem Vater gegenüber, der mich verzehrte mit seinem Grimm, und ließ die Schimpfworte kübelweise über mich ausschütten und die Beweisgründe meiner absoluten Untauglichkeit äußerlich ruhig über mich ergehen. Innerlich aber sah ich, wie ich den Vater am Halse packte und ihn erwürgte.

Und nun begannen schmerzliche, leidvolle Tage, bis ich in einem Karlsruher Geschäft in die Lehre trat. Das höchste Glück war erreicht; ich war als Sklave verkauft und hatte für fünfundzwanzig Mark monatlich, die der Vater einsteckte, Hausknechtarbeiten zu verrichten. Das ertrug mein Herrensinn nicht; aber da ich ein Knirps war, der sich nicht mit dem erhofften Erfolg hätte auflehnen können, strengte ich meine ganze Energie und Geisteskraft an, um alle Commis und alle Verkäuferinnen zu übertrumpfen, und mit völliger Hintansetzung meiner Gesundheit gelang es mir. Man entdeckte mich schon nach drei Wochen und ich avancirte nun von Monat zu Monat mit steigendem Gehalt. Was da zu lernen war, hatte ich in einigen Wochen gelernt; ich besaß die umfassendste Firmenkenntnis, war der erste Correspondent, der beste Einkäufer, der gewandteste Verkäufer, der tüchtigste Reisende, der geschmackvollste Dekorateur, der zuverlässigste Buchhalter des Geschäfts. Kontraktlich war vereinbart, daß ich drei Jahre lernen sollte; man schenkte mir zwei davon, und ich durfte von nun ab achtzig Mark nach Hause tragen, die der Vater klimpernd in seine Tasche gleiten ließ. Dafür hatte ich das Glück, sein Lieblingskind zu werden, woraus ich schon in frühen Jahren den bitteren Schluß zu ziehen verstand, daß man für Geld Alles haben könne – sogar Vaterliebe. Und nun, da ich sah, wie begehrt das Geld war, wie ich in der Achtung meiner Bekannten- und Verwandtensippschaft horrend stieg, war mir nichts mehr heilig. Dichterischen Drang, worunter ich nicht den Drang verstehe, Verse zu machen, verspürte ich schon in Kindesjahren; aber nun, wo sich so viel in meinem Herzen angesammelt hatte, daß es von der Last meiner Beobachtungen, Peinigungen und Selbstquälereien überladen war und fast brach, schrieb ich mir Alles in einem wüsten Trauerspiel wild und toll von der Seele herunter. Ich versetzte mich in die Psyche eines Mörders, und suchte nun als solcher mit meinem Gewissen und mit Gott fertig zu werden. Es war mein erstes Werk, das gedruckt, verlegt und todtgeschwiegen wurde. Aber das erste, möglicherweise elende Buch, das man mit Furcht und Beben niederschreibt – es besteht ganz und gar kein Verhältniß zwischen seiner Wertlosigkeit und der ungeheuren Bedeutung, die es für die eigene Entwicklung hat.

Nunmehr war ich Kaufmann und Dichter in einer Person, und mit Shakespeare um die Palme zu ringen, schien mir keineswegs so kühn. Diesen Concurrenzkampf mußte ich aber auf spätere Jahre hinausschieben, denn inzwischen hatte ich Flanellhemden zu verkaufen und Unterhosen, System Jäger. Krank und verbraucht verließ ich endlich diese Stelle und gründete mit einem älteren Bruder ein Geschäft. Als es in kurzer Zeit blühte, trat ich, dem ältesten Bruder den Futtertrog überlassend, aus und wurde Schreiber bei einem Advokaten. Aber auch das gab ich bald auf und wanderte nunmehr ohne Kompaß von einer Stadt in die andere, von einem Dörfchen ins andere. Wie der Strohhalm im trüben Bache lebte ich – hierhin trieb mich's und dorthin – und um mich war Unruhe und Schmutz. Ich ging von einer Branche zur anderen über, versuchte mich schauspielerisch und wieder dichterisch, vertrödelte meine Jugendjahre in unsteter Zügellosigkeit, um endlich müd und gebrochen in Frankfurt am Main zu landen, wo ich nun vor der Wahl stand, mich zu erschießen, oder besser, zu ertränken, weil das billiger war.

Frankfurt ist eine schöne Stadt, wenn man dort zu essen hat; aber einem verhungerten, von allen Familien- und Gesellschaftsbanden losgerissenen siebzehnjährigen Menschen bietet sie keine Reize. Es ist die Stadt, die mich gezeichnet, die am meisten an mir gesündigt hat, denn dort hat man mir meine Illusionen geraubt, meinen Menschenwerth tief herabgesetzt und meinen Magen krank gemacht. Dort stellte man mich mit dem berufsmäßigen Bettler auf eine Stufe, und wenn man mir irgendwo zwanzig Pfennig schenkte, ließ man mich fühlen, daß es ein Geschenk war, das ich nicht verdiente. Dort stand ich, wie gewöhnliche gewerbsmäßige Bettler zu thun pflegen, die Freitagabende in einer Synagogenecke und ließ mich von einem mitleidigen Bourgeois entdecken und mit nach Hause nehmen zum Abendbrod, wo man mich denn unter fortwährendem Rülpsen – denn das Essen war gediegen – nach Namen und Art, nach Herkunft und Sippschaft, Handwerk und Gesinnung ausfragte. Ich log natürlich die Sterne vom Himmel herunter; ich log virtuos. Die übrigen Tage aß ich bei Crethi und Plethi zu Mittag. Sonntags bekam ich bei einem Börsenkrösus die zusammengekratzten Reste, die vom heiligen Sabbathmahl übrig geblieben waren, in der Küche vorgesetzt; Montags speiste ich beim Vorstand der Gemeinde, dessen erwachsene Töchter lärmend miteinander wetteiferten, ihre Barmherzigkeit an mir ausüben zu dürfen; Dienstags pflegte ich an meinen Fingernägeln zu kauen; Mittwochs verproviantirte mich ein armer, niederträchtig gutmüthiger, weibisch mitleidiger Lehrer, der neun Kinder und selber nichts zu beißen hatte; am Donnerstag hatte ich gewöhnlich die Ehre, an der mageren Tafel einer ebenso mageren Wittib den galant-homme zu spielen und ihr ein Schock Nichtswürdigkeiten zu sagen; Freitags gab es wieder kein Mittag, und Sonnabends hockte ich im Badezimmer eines Mädchenpensionats und verzehrte, den Teller auf den Knieen, angesichts nasser Unterhöschen, in stinkender Schweißatmosphäre, ein Stück Kalbsbraten, den mir die Leiterin des nützlichen Instituts pünktlich um dreiviertel zwölf verabreichte. Denn um halbeins kamen die kleinen Mädchen zu Tisch und die sollte ich nicht sehen, weil das »in den Jahren die Phantasie so aufregte«.

Ich will all die Thatsachen, all diese kleinen lächerlichen Begebenheiten, kleinen Miseren, kleinen Schändlichkeiten, kleinlichen Sticheleien, die meine Lebenskraft unterwühlten, nicht erzählen; aber sie untergruben mich und ich litt unendlich mehr unter den kleinen Schmerzen, als unter den großen Qualen.

Des Ekels voll und mit mir hadernd verbrachte ich die Nächte. Es war unerträglich, sich in der Welt immer von anderen forthelfen lassen zu müssen. Es war, als wenn man seine Seele verkauft hätte. Für Alles, was man einmal erreichte, hatte man einem Fremden zu danken. Man aß stets des Andern Brod. Er gab Geld aus für Einen und wollte natürlich seinen Dank dafür haben. Ach, es war erniedrigend. Ideen waren eine sehr feine Sache, aber man konnte davon nicht leben, und selbst auf die kostbarsten Gedanken lieh Einem auch der menschlichste Pfandleiher nicht einen rothen Heller; ein Hosenknopf in der Hand war im praktischen Leben mehr werth, als ein ganzes System der Philosophie im Kopfe. So abscheulich stand es um Alles, was groß, was göttlich war. Nur diejenigen, die Geld hatten, konnten sich den Luxus der Bildung und der Ideale erlauben; aber wer keine Mittel hatte, hatte auch nicht das Recht, aufgeklärt zu sein. Und ach die Ideale waren nicht eßbar.

Ich sank in den tiefsten Morast, bis zum verabscheuungswürdigen Tagedieb. Die Wirthin begann jetzt, mich nicht mehr in mein Zimmer zu lassen, und ich litt auch Hunger. Nun scheute ich keine Arbeit und gab mich zu den verächtlichsten Dienstleistungen her. Ich bemühte mich vergebens vom Sonnenaufgang bis zum Abend als Abschreiber, Mundharmonikaverkäufer, Lampendochtreisender, Coupletsänger, um mich über Wasser zu halten; ich that Alles, wozu der Zufall mir Gelegenheit bot; ich kroch vor allen möglichen Leuten, ich beschmutzte mich auf jede Weise, bis ich mich auf mich selbst besann. Mein Vater erfuhr von meinem Zustande und er fühlte menschliches Rühren; er kam und beschwor mich, in den heimathlichen Käfig zurückzukehren, wo er mir freies Essen und Schlafen zusicherte. Er belebte meine Hoffnungen; aber alles war vergeblich, bis er weinte, sein Herz vor mir ausschüttete, und mich zu glauben bat, daß er nicht der Tyrann sei, für den ich ihn hielte. Und dies sprach er wahr. Das Leben hatte ihm stark zugesetzt und da er eine Natur war, die sich niemals aussprechen konnte – er war verschlossen wie die Cassette eines Geizigen – lagerte sich alle Bitterniß auf dem Grunde seines Herzens ab und machte einen Polterer aus ihm, einen Vesuv, in dem es beständig rumort und der nur einer kleinen Erschütterung bedarf, um gleich Feuer zu speien und seine Umgebung zu verheeren. Sein Grimm war stets sprungbereit, sein Stolz stand immer unter Waffen. Er litt unter seinem Mangel an Geschick Geld zu verdienen und anstatt einem sicheren, wenn auch geringen Gewinn nachzugehen, saß er da und schmiedete große Pläne und ging unter die Erfinder, die kein Geld haben. Er stellte dem Gelde tausend Fallen, aber er konnte es in keiner fangen. Und er haßte es, weil er es lieben mußte. Wenn er aber Geld in der Tasche hatte, dann war er wie der Löwe, wenn er satt ist und schläft.

Ja, da saß er nun weinend neben mir und bat mich, ihn nicht zu verkennen; gleichsam als bitte der Vesuv um Entschuldigung, weil er Rauch ausstossen müsse. Die Mutter würde ihn verfluchen, sagte er, wenn er ohne mich zurückkehrte, denn die Mutter sei erblindet –

Die Mutter erblindet? Ah Sobald ihr aber von diesem Baume esset, werdet ihr wissen, was gut und böse, und erkennen, daß das Leben ein Übel ist, daß ihr keine Götter seid, sondern daß euch der Böse mit Blindheit geschlagen hat und euer Dasein sich abrollt, die Götter lachen zu machen.

Als ich in die Stube trat, erkannte mich die Mutter nicht, bis ich meinen Namen nannte.

Dann traten ihr Thränen in die Augen und mit einem herrlichen Lächeln, das mir die Seele zerriß, hieß sie mich von innerstem Herzen willkommen. Und ich fühlte jetzt, daß eine Mutter wie ein Leuchtthurm ist, zu dem alle verirrten Schiffe wieder heimfinden. Sie sprach ihr Willkomm aber an den Schrank hin, denn sie sah nicht, wo ich stand. Ich ging auf sie zu, dann betastete sie mein hageres Antlitz mit ihren heiligen Händen. Ich war in meinem tiefsten Innern erschüttert und brach zusammen. Als ich zu mir gekommen war, ging ich in den Abtritt – seine vier Wände waren in leidvollen Stunden mein einziger Zufluchtsort –, wo ich mich einriegeln und wo ich unbeobachtet weinen konnte, und meine heißen, lange verhaltenen Zähren flossen reichlich über meine Kleider.

Und die blinde Mutter war es, die mich wieder ins Leben hineinrief.

Der verlorene Sohn war zurückgekehrt. Großes Versöhnungsfest. Allgemeiner Trara der Sippen und Magen. Rührung, Abendbrod, Thränen, ein frisches Bett und am anderen Morgen wieder Flüche, Jeremiaden, ein gutes Frühstück und heftige Vorwürfe. Der Vater schimpfte mich, wie immer, nur um des Vergnügens willen, mir weh zu thun und weil er nicht anders konnte.

Meine Schwester fühlte instinktiv, wie ich litt; aber sie war zu schamhaft oder zu feige, um mich zu trösten, und fand den Muth oder die richtigen Worte nicht, um mich zu beschwichtigen. Nicht in allen Familien suchen Bruder und Schwester, die sich innig lieben, sich einander so auszuweichen, seelisch zu meiden und zu schonen, zugleich von dem merkwürdigen Drang behext, sich gegenseitig zu verwunden, die Blößen, die man durch den langen Umgang aneinander entdeckt hat, vor jedem ixbeliebigen Fremden aufzudecken und einander mit kleinen Stichen zu bekriegen und zu überwinden.

Ich war siebzehn Jahre alt und hatte mit meiner Schwester noch nie ein tieferes oder bedeutungsvolles Wort gewechselt, hatte mich ihr noch nie anvertraut; im Gegentheil; ich hielt sie für falsch, schlug und schimpfte sie, zerrte sie an den Haaren und machte sie vor allen Kameraden lächerlich. Nichts desto weniger prügelte ich einen Schulfreund blau und grün, der es einmal gewagt hatte, in gleichem Tone über meine Schwester zu sprechen. So machten es auch meine älteren Brüder mit mir; in meiner Gegenwart verhöhnten sie mich und ließen kein gutes Haar an mir; vor Fremden dagegen prahlten sie mit meiner Gescheitheit und Tüchtigkeit und erzählten mit leuchtenden Augen überall herum, daß ich ein hochbedeutendes Werk unter meinem Namen veröffentlicht hätte; sie erzählten das in einem Tone, als wollten sie sagen: »Was? Wir sind Kerls Na, macht ihm das doch nach, ihr Kaffern« Meine Brüder selbst beschäftigen sich aber mit der Lektüre meines »hochbedeutenden Werkes« nur in der Retirade.

Eines Tages, als der Vater besonders grießgrämig und mißlaunig war und seinen ganzen Haß gewitterartig über mir entlud, kommt meine Schwester herein, geht auf mich zu, legt einen mit Bleistift beschriebenen Zettel in meinen Schooß und eilt wieder hinaus. Und ich lese, wobei mir die Thränen fortwährend auf das Papier tröpfeln, folgendes:

»Bruder

Dies eine Mal glaub' mir Ich bin nicht falsch. Von mir denke nicht so Denn ich l – – Dich O, von Herzen Ich hätte sehr gern mit Dir gesprochen, aber in unserem Hause haben die Wände Ohren. Hab' Erbarmen mit mir und Deiner Mutter Du siehst ja, wie namenlos sie leidet. Und mich schmerzt es, wie Dich. Wann wirst Du Dich befreien aus diesen furchtbaren Qualen, in denen Du jetzt steckst? Die Mutter giebt Dir zu jeder Minute 30 Mk.; mehr haben wir in Wirklichkeit nicht. Wann wirst Du gehen? Und wohin gehen? Wann mir schreiben? Bis wann willst Du mir schreiben? Dann nur postlagernd Die Mutter will es nicht anders. Der Vater soll es nicht wissen, wie wir Dich I – –. Wenn Du das Geld willst, so sag' es. Schreibe, wie es Dir geht Oft Von wo aus? Wann werde ich mit Dir noch sprechen können? Wann gehst Du? Ich möchte am Bahnhof sein, Also wann? Ich fühle Dir nach, wie wohl es Dir ist, wenn Du fort, fort bist O, solch ein Leben Wieviel tausend Mal besser ist da der Tod. Mit Gruß und K – –.

Deine Schwester.«

Dieser liebesstammelnde und hastige Brief meiner Schwester, die sich bei all ihrer Liebe schämte, die Wörter »Liebe« und »Kuß« auszuschreiben, machte mich fast verrückt. Bei mir, der nie Liebe genossen und nur Leiden gekannt hat, genügte es, daß man sanft zu mir sprach, daß man mich nicht als ein Wesen betrachtete, das, ausgestoßen aus der Menschheit, am Rande des Lebens stand, um mich innig zu rühren, und gleich fühlte ich die Seele eines Kindes in mir auferstehen … Wie durch ein Wunder vergaß ich dann jeden Groll, jedweden Haß, alle inneren Empörungen, und empfand für die, die menschlich zu mir sprachen, ein Gefühl der Selbstverleugnung und Liebe.

Ich liebte plötzlich meine Schwester mit innigster Hingabe. Also auch sie war ein Opfer des väterlichen Jähzorns.

Nun nahm ich mir aber heilig vor, sofort hinauszuwandern in die Welt und zu lügen und zu betrügen und um das goldene Kalb zu tanzen, um Geld zu erwerben, womit ich denn das elende Loos der Mutter lindern wollte. Denn auf des Vaters Hülfe konnte man nicht warten. Wenn er mich nicht ausschimpfte, oder sich nicht draußen im Hof beschäftigte, oder nicht auf den Straßen herumwanderte, um sein ganzes armseliges Leben im Betrachten der Schaufensterauslagen zu verträumen, saß er, Psalmen lallend, in einer Sophaecke, die Augen mit einem müden Zug von Wahnsinn ewig zum Himmel vager Hoffnungen gerichtet, erfüllt von kleinen Schlichen, um ein Stückchen Brod herbeizuschaffen, was ihm nur unzureichend gelang. Immer herrschte Mangel, und die Noth guckte aus allen Ecken. Ich konnte den Jammer der Mutter nicht länger mit ansehen. Ich stahl meinem Bruder Geld und entfloh dieser Hölle.

Ich fuhr nach Paris.

Paris

Es war in den Zeiten, da ich schrecklich hungerte und mich erschießen wollte. Ja, ich wollte mich in Paris erschießen, in der Stadt, in der man mich so gedemüthigt hat und der ich meinen königlichen Stolz verdanke. Je mehr man mich demüthigte, desto stolzer wurde meine Seele, und indem ich mich vor einem fetten Philister verbeugen mußte und geduldig, ganz schaafsgeduldig in der Verbeugung beharren mußte, bis er mich über und über mit seinem Schmutz übergossen hatte, glühte es in mir empor und es ward Gottseidank eine innere Stimme in mir laut, die mich sofort tröstete und die sprach: Es wird der Tag der Heimzahlung kommen.

Das war am Anfang meiner Leiden. Aber nichts änderte sich in meinem Leben; es wurde immer schlimmer und schlimmer. Ich wohnte schließlich so gut wie in einer Hundehütte, hatte nichts mehr auf dem Leibe und der Hunger bohrte in mir wie ein spitzbezahnter Wurm. Ich kaute meine Fingernägel, sog an meinem Arm und schluckte den Speichel hinunter und wurde durch den Duft meines Armes so fleischgierig, daß ich in solchen Stunden das verdorbenste Fleisch gegessen hätte. Und das schlechte Wasser trank ich in solchen Mengen, daß mir davon oft so schwindlig ward, als hätte ich starken Grogk getrunken.

Des Abends machte ich es gewöhnlich also. Ich nahm die Wasserkaraffe, roch daran und suggerirte mir, das Wasser dufte nach Punsch. Das trank ich dann schluckweise, wie man Punsch trinkt, und legte mich vollkommen betrunken zu Bett. Wenn ich ausathmete, verspürte ich deutlich den scharfen Alkoholdunst, der mich noch mehr betäubte und mich endlich in einen unruhigen, ungesunden Schlaf warf, von dem ich gewöhnlich mit benommenem Kopfe zwischen vier und fünf Uhr des Morgens erdachte. Ich hörte auf der stillen Straße die Milchhändler, die Bäcker und Metzger in ihren Wagen vorbei jagen und ich dachte, nun fahren sie in die große Markthalle, legen ihre frischen Waaren aus und verkaufen sie an Leute, die gar keinen Begriff von dem hohen Wert dieser eßbaren Dinge haben und die nicht wissen, daß ich hungrig auf meiner Pritsche liege. Sie kaufen zehn Brödchen und zwei Liter Milch, wenn sie auch nur acht Brödchen und einunddreiviertel Liter Milch verbrauchen. Es muß also, folgerte ich mit der Logik des Hungernden, irgendwo in Paris ein Haus geben, wo heute zwei Brödchen und ein viertel Liter Milch absolut überflüssig sind. Man würde mir Beides geben, wenn ich darum bettelte, dachte ich. Aber wo, wo finde ich gerade dieses gesegnete Haus? Wo? … Wo? …

Ich fand mich dann gewöhnlich auf den Straßen wieder mit einem Hunger, daß mir Alles schwarz vor den Augen wurde. Ich hatte Essenshallucinationen. Im Geiste schnitt ich meinen Leib auf, blickte hinein und sah, wie sich meine leeren Gedärme darin zu einem Knäuel zusammenwanden, daß sie etwa wie ein Stück ausgewrungener Wäsche aussahen. Ich begann dann zu tänzeln und mir mit meinen Oberschenkeln gegen den Leib zu schlagen, denn ich hielt das Saugen in meinem leeren Magen kaum aus. Solch ein Tag endete gewöhnlich sehr böse und man müßte schon die prahlerische und zugleich selbstgeißelnde Prostitutionsfähigkeit Rousseaus besitzen, um ihn beschreiben zu können.

Als ich dann anderswo einen Revolver gestohlen hatte, wollte ich mich erschießen, und freute mich schon im Voraus auf die Sekunde, wo all die Qual ein jähes Ende haben würde. Ich sah mich als Leiche daliegen, mit einem Loch in der linken Schläfe, an welcher ein Bischen geronnenes Blut klebte. So lag ich schon zwei Tage und zwei Nächte auf meinen strohbedeckten Brettern, bis endlich meine Wirthin kam, um Miethe zu fordern. (Ich mußte täglich für Benützung eines Raumes, der die Sammelstätte sämmtlicher unbarmherziger Pariser Wanzen zu sein schien, vierzig Centimes Miethe bezahlen.) Die Wirthin konnte die Thür nicht öffnen … sie rief Nachbarn … man schwätzte … öffnete … erblickte mich … schrie … fluchte … rüttelte mich … haha … schüttelte mich, kniff mir in die Ohren, in die Nase, begoß mich mit Wasser, stach mich mit Nadeln, riß mir den Mund auf, hob meine Augenlider hoch – und dann entdeckte man, daß ich todt war und bemitleidete mich und strich mein Haar glatt. Ach, wie das wohlthat Dann empfand man ein Grauen vor mir, entfernte sich und holte die hochwohllöbliche Polizei … Ich sah mich in der Morgue liegen, neben einer ekelhaften, abgedienten Dirne Sobald ihr aber von diesem Baume esset, werdet ihr wissen, was gut und böse, und erkennen, daß das Leben ein Übel ist, daß ihr keine Götter seid, sondern daß euch der Böse mit Blindheit geschlagen hat und euer Dasein sich abrollt, die Götter lachen zu machen. Leute kamen und begafften mich und nach drei Tagen fuhr man mit mir im Galopp nach der Anatomie. Eine meiner Hände nahm ein Student mit nach Hause; der warf sie in den Müllkasten, sowie er mit ihr nicht von der Strecke kam und sobald die Hand zu pesten begann … mein Schädel wurde mit Erbsen gefüllt, die man mit Wasser begoß, und wenn sie quollen, mußte mein Kopf in seinen Näthen platzen; die Hirnkapsel benutzte dann irgend ein Student als Trinkschale, wie Goethe einst, oder als Aschbecher … Als ich dies Alles mit einer gewissen Genugtuung im Geiste erschaut hatte und an diesem letzten Bilde angelangt war, fragte ich mich aber stets: Und sollte dies das Ende sein? Bin ich denn nach Paris gekommen, um mich zu erschießen, oder um meiner Mutter helfen zu können?

Ich bin nach Paris gekommen, um es vermöge meiner Intelligenz auszubeuten, um mittelst meiner Vernunft Geld zu erwerben … Pha Jawohl, Intelligenz … ein Käsebrod in der Hand war tausend Mal mehr werth, als zuviel Gehirn im Kopfe, und all meine Talente verhalfen mir noch nicht einmal zu einem Büchschen Stiefelwichse für fünf Centimes; ich mußte, um den Schein zu wahren, meine Schuhe bespeien und ihnen mit dem Ärmelfutter meines Rockes einen traurigen Glanz anreiben.

Vor Verlangen, meiner alten blinden Mutter zu helfen, fieberte ich; ich raste in meiner großen Hundehütte auf und nieder – zwei Schritte hin, zwei Schritte zurück –, um Jemanden zu ergrübeln, den ich hätte um Geld bitten können oder den ich morden und berauben wollte. Ich hatte meiner Mutter so bestimmt versprochen, ihr monatlich etwas Geld zu schicken und sie glaubte es mir mit einer bedrückenden Selbstverständlichkeit; und nun war ich schon vier Monate in Paris und hatte nicht einmal Geld zu einer Postmarke. Und der keuchende Athem dieser Riesenstadt entfachte immer neue Wünsche in meinem Herzen. Ich schämte mich bis zur Verzweiflung und flüchtete in meiner großen Bedrängniß zu Mordgedanken. Denn ich kam mir vor wie ein Wurm, der nur auf der Erde herumkroch, um zu essen. Ich habe alle Qualen und Gewissensbisse, die nur je ein Mörder empfinden kann, gelitten und gefühlt, obwohl ich meine Mordlust an Niemanden hätte sättigen können. Denn ich kannte keinen Menschen in Paris, und meine Mutter in Karlsruhe harrte also vergebens.

Man predigte mir Geduld. Und man zitirte mir: »Das Genie ist die Geduld, sagt Buffon«. O, dann war ich ein elender Stümper; denn mein war die Unruh und die wilde Hatz. Und Fluch vor allem der Geduld, sagte ich hundert Mal des Tages mit Faust.

Warum – schrie ich zu Gott empor – warum schenktest Du mir nicht Geduld, die Tugend der Esel?

Ich haßte die Menschen und ich mied sie, Wie man giftiges Gewürm meidet. Ebenso glühend wie mein Haß, ebenso leidenschaftlich war aber meine Liebe, die meiner Mutter gehörte. All meine Liebe erschöpfte sich an ihr. Ich hegte Gefühle für sie, die mir das Herz versengten. Dank der Liebe, die die Seele hellsehend macht, wußte ich, wie sie litt. Sie litt Unsägliches, denn sie war tief. Ein Grashalm, der nicht genug Sonne hatte, konnte ihr zu denken geben – ach, wie lange konnte sie über die unabänderliche Ungerechtigkeit nachdenken.

Sie war alt und jung. Sie zählte über sechzig Jahre und fühlte wie eine Dreißigjährige.

Sie war blind und sehend. Ihr Augenlicht war erloschen, aber kraft ihrer Seele, welche so wunderfein vibrirte und das Dunkelste ahnte, sah sie, wenn die leiseste Wehmuth ein Herz berührte, sah sie, wie die Menschen litten und sich quälten, wie sie sich betrogen und verfolgten.

Sie war arm und reich. Sie war arm, denn sie hatte kaum das tägliche Brot; sie war reich, denn ihre Phantasie war schöpferisch, wie die eines Gottes und sie hatte das Herz einer edelmüthigen Frau. Hätte ich ihr Millionen geben können – und das hätte mich so glücklich gemacht – sie hätte sie verschenkt an die Hungernden und Frierenden. Meine Mutter schenken zu sehen, das war mir mehr als Freude; es war mir Segen …

Es gab da hinten in dem verborgenen Winkel eines süddeutschen Städtchens irgend ein schmutziges Gäßchen, in welchem ein müdes, baufälliges Häuschen stand. Das hatte fünf Löcher, die nur ein Phantast »Zimmer« genannt hätte. Zwei dieser Ställe bewohnten meine Eltern. Nein, so wohnte noch nie eine Königin.

Ich sah sie immer so … Sie sitzt da und ihre Finger stricken mechanisch an einem Strumpf. Oder sie tastet sich zum Ofen hin und kocht Grütze, die sie nicht verdaut, oder Reis, den ihr Magen nicht einmal aufnimmt. Speisen zu bereiten, die ihr bekömmlich wären, dazu hat sie das Geld nicht, und das Fleisch, das gekocht wird, ißt der Vater. Sie lebt eigentlich nur von Hoffnungen und Sorgen und von den Thränen, die ihr über die Wangen rieseln. Nachts kann sie nicht schlafen. Das Asthma plagt sie so und der Husten und die Stiche in der Brust und der Krampf und die Augen und die Neuralgie und das Kopfweh – das ganze gräßliche Kriegsheer des Todes belagert ihren Körper; sie hat schon so viel, so viel, so viel gearbeitet.

Nein, Nachts kann sie nicht schlafen. Da kann sie und mag sie nur an mich denken. Die Nacht ist ja so lang … ihr erscheint sie doppelt lang, denn blind ist sie ja auch und in der zwiefachen Finsterniß hat sie ein riesig gesteigertes Vorstellungsvermögen. Sie kann in einer Minute geistig viele Jahre durchleben … und erst eine ganze, ganze Nacht … Wie endlos lang muß eine solche Nacht für sie sein.

Nein, Nachts kann sie nicht schlafen. Sie hat ja mich, und ich gebe zu denken. Sie weiß – so schrieb ich es ihr – daß ich in Paris täglich meine drei tadellosen Mahlzeiten habe, daß ich eine Braut habe – das schrieb ich ihr –, daß ich glücklich bin. Mehr will sie nicht. Sie hat in ihren kühnsten Stunden nie mehr gewollt, als mein Glück. Und nun habe ich gar noch eine Braut. Sie stellt sich vor, daß meine Braut das reizendste Geschöpf ist, das mir beseligende Küsse giebt, daß ich ihr in die Augen schaue und glückberauscht mit ihr spreche. Mein großes Glück läßt die Mutter freilich nicht einschlafen. Mein großes Glück …

Ach …

Ich höre sie husten; ich sehe sie herumtasten; das Alles giebt mir einen Stich ins Herz und macht mich so traurig. Ich sehe, wie sie auf ein paar Mark von mir wartet, die ich nicht habe. Und da sitzt sie nun und wartet auf die Geldpost wie auf die Erlösung; und am Ende steht wohl gar der herzlose Hauswirt neben ihr und giebt meiner blinden Mutter noch Grobheiten, weil die Miethe noch nicht bezahlt ist.

So oft mir dieses Bild durch den Kopf schwirrte, wünschte ich immer dort zu sein und den Wirth auspeitschen zu dürfen, wie einen gemeinen Sträfling. Oder wenn ich meine Mutter unter anderen Dingen leiden sah, unter schlechter Nahrung oder unter Frost, dann saß ich in einem Loch des großen Paris und weinte und weinte stundenlang, bis meine Augen stachen und brannten.

Ja, hänge Dich auf mit Deinem Weh, wenn Du kein Geld hast Et genus et virtus, nisi cum re, vilior alga est. Der Schmerz wurde durch das viele Weinen nicht gelindert, denn die Ursache, die den Schmerz hervorgerufen hatte, war nicht behoben. Und also dachte ich von Neuem an meine Mutter und weinte von Neuem.

Jeder Mensch bereitete mir Schmerz, denn es erging Allen besser, als meiner Mutter und mir. Die Mutter hatte immer gesagt, Armuth sei Sünde, und der Vater hatte stets gejammert, der Arme gliche einem Todten. Ja, darin hatten sie Beide recht. Man unterdrückte mich, gönnte meiner Begabung nicht Raum zur Entfaltung. Die Menschen peinigten mich, sie liessen mich betteln und hungern und, um den Lärm des unerbittlichen Lebens zu dämpfen, mußte ich Alles über mich ergehen lassen; jede Demüthigung und jeden Schimpf. Es galt ja, sich irgendwo und irgendwie eine Geldquelle zu eröffnen. Diese Quelle sollte nur ausgeschöpft werden, um die Mutter zu laben. Nur dies Eine wollte ich. Sie sollte bis an ihr Ende den Glauben bewahren, daß ich glücklich sei. Ach, und Geld, Geld, nirgend woher bekam ich Geld, um der Mutter zu helfen, und den Muth, Jemanden zu erdrosseln, fand ich nicht. Ich war heißhungrig wie ein Raubthier nach dem Gelde, das ich so haßte, und mein Menschenhaß und meine Gottesverachtung wuchsen und wurden groß wie meine Armuth. Ich schlief keine Nacht.

Endlich kam meine Erlösung; eine gar seltsame Erlösung. Ich lernte Fredrik Höjer kennen, einen Dänen, der ebenfalls geldgierig in Paris herumlungerte, und der schenkte mir eine »Physiologie«.

Und das Mysterium der Mutterliebe war mir nicht mehr heilig. Niemanden liebte ich mehr, und ich selbst schien mir meiner Liebe unwürdig. Ich liebte meine Mutter nicht mehr. Während ich sie vordem als den reinsten und größten Menschen betrachtet hatte, sank sie jetzt herab von dem hohen Throne, auf den meine Kindesliebe sie erhoben hatte, und sie war mir nicht mehr, als ein gewöhnliches Weib, das ebenso nach der sinnlichen Umarmung des Mannes verlangt hatte, wie jedes andere Weib; das ebenso zusammengesetzt war aus denselben thierischen, niedrigen, gemischten Eigenschaften, die es mit jedem Weibe theilte und mit jedem Schwein im Stalle und mit jeder Katze. Solch einer zufälligen heißen Umarmung verdankte ich meine Existenz; – was war da groß Liebenswerthes? Der Vater war über zwei Jahre lang von der Mutter fort gewesen, als beide noch in Rußland ansässig waren; er hatte sich in Deutschland ein neues Heim gesucht. Und dann war er voll Hoffnung und Wollust zur Mutter zurückgekommen, die vor sinnlicher Sehnsucht vergangen war. Und Vater und Mutter hatten vielleicht ein braves Stück Fleisch gegessen und sie hatten das Wiedersehen womöglich mit feurigem Weine gefeiert. Und ihr Blut ging stürmischer als sonst, und sie hatten Beide ein reiches Kraftgefühl, als sie sich zu Bett begaben. Und das Weibchen wurde in dieser Nacht vom Männchen beschlafen, und kein Teil des Pärchens hatte dabei die Absicht mich, gerade mich zu zeugen. Die Fleischwerdung einer neuen Seele vollzog sich ganz von selbst in jenem Sack, den man die Gebärmutter nannte. Daß ich geboren ward, ein Kind der Wollust und Sehnsucht, war, da Vater und Mutter zeugungskräftig waren, eine physiologische Nothwendigkeit und ich hatte es Niemandem zu danken. Weder mein Vater noch meine Mutter wollten mich hervorbringen; nachdem aber mein Vater in fruchtbaren Boden gesät hatte, that die Natur das ihre und ließ mich dem Keime ersprießen.

Ersprießen? Nein; inter faeces et urinam nascimur; Physiologie Seite soundsoviel.

Die große, flammende Kindesliebe, die ich meiner Mutter entgegengebracht hatte, war an eine ganz Unwürdige verschwendet. Denn was gab mir meine Mutter? Nichts, wenn die Natur nicht Vorräte für mich aufgespeichert hätte; nichts, wenn das Gesetz sie seit Alters her nicht gezwungen hätte, ihren Besitz mit mir zu theilen. Daß sie mich säugen konnte und säugte, war nicht ein Verdienst ihrer guten mütterlichen Seele, sondern des weiblichen Organismus, und wenn mir aus ihren Brüsten Milch floß, so war das ein Geschenk der Natur. Die Katze säugte ihre Jungen auch. Daß ich, zwei Jahre alt, an den Pocken nicht starb, daran war nicht die Mutterliebe schuld, sondern mein kräftiger, widerstandsfähiger Körper und die Impfung – also wiederum Natur und Gesetz. Daß ich mit sechs Jahren in die Schule geschickt wurde und etwas lernen durfte oder sollte, kam ebenfalls nicht auf das Conto der Liebe; das wollte wieder der Staat; das Gesetz zwang die Mutter, mich in die Schule zu schicken. Kurz, wo ich hinsah, war es entweder Natur oder Gesetz, denen ich alles Gute und Böse zu verdanken hatte; die Liebe, die ich für die Mutter fühlte, die war wieder durch gewisse Windungen meines Gehirns bedingt, in welchen die schönen Instinkte der Zärtlichkeit schlummerten, und mein Gehirn war wieder ein Werk der Natur.

Wer aber war die Natur?

Und hinter dieses große Mysterium wollte ich kommen und Naturwissenschaften studiren.

Da begegnete ich wieder anderen Hemmungen.

Man nehme einen leeren Napf und löffle Suppe daraus, solange bis man gesättigt ist. Wer das Kunststück nicht zuwege bringt, kann in Paris nicht bettelarm sein und zugleich studiren wollen. Es ist zwar in keiner Stadt möglich, oder doch nur möglich durch unendliche Erniedrigung und tägliche Kriecherei, durch Ergatterung von feilen Stipendien, die hochwohlgeborene Börsenjobber und nach dem Rufe des Philantropen geile Kommerzienrathseelen hinterlassen haben. Aber es giebt in Paris Hunderte, die zu stolz sind, zu feinmüthig, zu idealistisch, Alles in Allem, also: zu dumm, um unter die Stipendienempfänger gehen zu können; es sind die, welche ihre persönliche Freiheit über Alles lieben und die ihre Unabhängigkeit nicht für ein paar gute Mittagbrode verkaufen; sie speien auf die Welt, verachten die Menschen und sind taub gegen das Geschrei ihres Magens.

Ich machte es so wie Diese.

Die ersten Tage meines Studiums waren dem Verkauf von Zündhölzern und Cigarrettenpapier gewidmet. Als ich damit soviel Centimes verdient hatte, um meinen Handel vergrößern zu können, begann ich in der zweiten Woche Hosenträger zu verkaufen. Wenn man unmäßiges Glück hatte, verschacherte man am Tage drei Paar und hatte zwei Francs daran verdient; dann war man Großkapitalist und konnte es sich leisten, nach einem Vorort zu fahren, wo das Absatzgebiet für die Bretelles größer war. Und wer nun ein tüchtiger Ökonom war, sattelte um, begann in die Pariser Mädchenkneipen zu laufen und handelte dort mit Strumpfbändern. Man griff einer Dirne ohne viel Federlesen an die Waden, hob ihr – eins, zwei – die Röcke hoch, und zeigte ihr, wie fein die grellroten und stechendblauen Bänder ihre fetten Beine herausputzten. Dann klatschte man ihr eins auf die Oberschenkel, küßte sie mit Todesverachtung auf ihren stinkenden, gefärbten Mund, um ihr zu beweisen, daß man sie nicht für syphilitisch ansah, und machte auf diese Weise das Geschäft complett. Konnte man ihr Strumpfbänder nicht verkaufen, so wurde man doch sicherlich zu rentablen Preisen einige Gummiartikel bei ihr los, die sie ihrem Geliebten zu verehren pflegte …

Solche Geschäfte betrieb man und war glücklich, wenn man etwas verkauft hatte, und fluchte zugleich innerlich auf diese Welt, in der man solche Dinge verkaufen mußte, um sich erhalten zu können. Nach unserer Meinung hatten nur die legitimen Eheleute das Recht, die Gumrniartikelindustrie zu heben. Alles war verkehrt in dieser Welt. Selber nahm man den höchsten ethischen Standpunkt ein und trug durch seinen Handel dennoch dazu bei, die Unzucht zu verbreiten. Erst hielt man der Dirne eine große moralische Standpauke, dann machte man ihr Offerte in Gummiartikeln und watete durch die Moräste geistloser Zweideutigkeiten. So narrte Einen der liebe Gott.

Als man sich durch dieses Hausiren endlich die Miethe für den nächsten Monat und genügend Geld für dreißig Häringe und Brod dazu erspart hatte, konnte man daran denken, ein Buch zu öffnen … aber wie müde und abgespannt war man am Abend und wie wenig stand Einem der Sinn danach, etwas lernen zu wollen. Probleme? Schön, schön … zum Teufel damit Man war froh, daß man sein Haupt niederlegen konnte auf das mit Papierschnitzel gefüllte Kissen und man war so sterbensmüde, daß man erst am anderen Morgen bemerkte, wie sehr das Ungeziefer den schlaffen Körper während der Nacht bearbeitet hatte. Das Blut, das man besaß, theilten die Wanzen und Flöhe untereinander, und was diese übrig liessen, brauchte man, um sich Tags über durch die hundert Gassen schleppen zu können, in denen man mit pöbelhafter Bestialität losbrüllte: Bretelles Bretelles Bretelles Bretellesl Bretelles

Das war die Tragik eigentlich Aller. Man hausirte, rief sich heiser und schwindsüchtig und lief sich die Füße wund, um etwas lernen zu können, um frei zu sein – und selber war man unbewußt nichts weiter als der Sklave seines Bauches und die Tribulation der Eingeweide ließ Einen nie an die Unbefriedigtheit des Gehirns denken. Man wollte studiren, sich zum Geistesaristokraten ausbilden, aber das Gehirn unterlag der Macht des Wanstes. Man strebte immer vergebens nach den schmerzvollen Höhen des Sieges.

Die Stipendienbettler waren vieler Qualen enthoben. Sie waren freilich in unseren Augen Creaturen, aber wir wiederum mußten zugestehen, daß ihnen doch unendlich mehr Zeit blieb, zu forschen und ihren Zielen zuzustreben.

Wir dagegen – wir Idioten – liefen herum, innerlich vollgepropft mit Idealen bis zum Halse, Moral im Herzen, Gummiartikel in den Taschen, behangen mit Hosenträgern, wir waren zu stolz, um Stipendien zu nehmen, wir degradirten uns zu Hausirern niederster Gattung, ohne das Talent zu besitzen, das dieser schwere Beruf erheischt. Die herrliche Zeit ging uns verloren in ewigem Hausiren, und wenn man endlich, endlich so viel zusammengeschrieen hatte, daß es reichte für die Häringe, da war man physisch weder im Stande, die Häringe zu essen, noch geistig fähig, dem Gehirn neue Nahrung zuzuführen. Und daran gingen Viele zu Grunde. Viele desertirten klugerweise bald aus unseren Reihen und gingen in das Lager der Stipendiaten über; Einige vermochten trotz aller Beschwerden, bei einem dunstenden Talglicht, das trübselig durch die Nacht leuchtete, weiterzustudiren.

Es gab auch solche, die sich dem hergebrachten System der Selbsterhaltung keineswegs unterordnen konnten und sich durch die unmöglichsten Dinge ernährten.

Nahum Tombolski zum Beispiel, strich im Winter tagelang auf den kahlen Getreidefeldern umher, die vor den Thoren der Stadt lagen. Er hatte ein Tellerchen aus Zinn bei sich, in das brockte er Brod für einen Sous, und die Brodstücke begoß er mit dem ordinairsten Schnaps. Das Tellerchen stellte er dann mitten auf die hartgefrorene Ackererde in die Nähe der Krähen, die mit ihren starken Schnäbeln die geizige Erde nach einem Wintersaatkorn durchwühlten. Sobald Tombolski sich hundert Schritte entfernt hatte, flogen die halbverhungerten schwarzen Vögel schaarenweise an den Teller heran und fraßen gierig die schnapsdurchtränkten Brocken und tranken mit dankbarem Blick gen Himmel den abscheulichen Fusel, der sie nach einigen Minuten betrunken machte und ihre Flugkraft lähmte. Dann war es für Tombolski ein Leichtes, die herumtorkelnden Vögel mit der Hand zu fassen und sie nach der Stadt zu bringen, wo er sie bei Wildprethändlern, Vogelzüchtern, Wahrsagerinnen Zauberern, kleinen Cirkusleuten, italienischen Zigeunern und ähnlichem Volk für acht bis fünfzehn Sous das Stück losschlug.

Der Mediziner Adam Vondey hatte eine nicht minder originelle Art ausgeklügelt, sich über Wasser zu halten. Er verkaufte des Sonntags in den großen Gärten der Pariser Vororte einen Korb voll Backwaaren: Hampelmänner, Bretzeln, Kaminfeger, Teufel, Zwillinge u. s. w. Dafür durfte er die Woche über in der Backstube bei den neun Gesellen schlafen. Diese hatten ihm etliche Bretter zurechtgelegt und einige riesige Blechpfannen darüber gedeckt; eine alte Pferdedecke bildete die Unterlage und als Oberbett dienten die fragmentarischen Stücke eines von Ratten zernagten Winterüberziehers. Zum Kopfkissen hatte er eine strohbepolsterte Teigschüssel. Die Gesellen waren gutmüthige, von der Arbeit gekrümmte Burschen, welche Adam Vondey von widerlichen Geschlechtskrankheiten befreite; zum Dank dafür schenkten sie ihm ab und zu ein Zehnsousstück und theilten jeden Tag redlich ihr Mittagbrod mit ihm; sie gaben es ihm ohne eine Spur von Mitleid und ohne den leisesten Hintergedanken, etwa Dankbarkeit zu beanspruchen. Sie machten gern halbpart, weil es ihnen offenbar Genugthuung und Spaß bereitete, zu sehen, wie furchtbar ein gebildeter Mensch, der bald Doktor war, sich quälen mußte, während sie, die grützdummen Bäcker, die nichts weiter konnten, als Teig kneten, Kringel formen, pfeifen und buhlen, ihr hinlängliches Fortkommen fanden. Tagsüber arbeitete Vondey in der Bibliothek Saint Genviève, wo er Papier, Feder und Tinte umsonst bekam, wo er in einem warmen Saal unter civilisirten Mitteleuropäern saß und im Winter auch noch die Beleuchtung unentgeltlich hatte. – Ich sah mir die Backstube an, in welcher Adam Vondey schlief, und ekelte mich dann wochenlang, Brod zu essen. Zur Zubereitung der Backwaare gehörte es beispielsweise, daß man Mäuse, die man in Fallen gefangen hatte, dann und wann in den Teig laufen ließ, um sie alsdann wieder als eine zappelnde, unförmige weiße Masse herauszuziehen, oder auch, daß man eine billige Dirne in den Keller lockte, die man schnurstracks in den kalten Backofen schob; nicht damit sie dort Brod backe, sondern daß sie auf Minuten die Geliebte eines jeden Bäckergesellen werde. Aber das waren noch ziemlich harmlose Scherze, gegenüber den Widerwärtigkeiten, an die zu erinnern ich mich sträube. Trotzdem konnte man den Gesellen nicht böse sein; sie waren das ganze Jahr in einem feuchten, nach Sauerteig duftenden, niedrigen und steinernen Keller eingeschlossen, dessen trübe, von Straßenkoth starrende Fenster zum Überfluß verbarrikadirt waren. Die Burschen hatten weder Luft noch Licht, sahen gelb und grau aus und glichen unglücklichen Kerkerlingen, welche gezwungen waren, die ganze Nacht hindurch stumpfsinnig zu kneten, Mehlstaub zu schlucken und Holzkohlendünste zu athmen. Bei ihrem Gewerbe mußten sie sich diese wüsten Scherze erlauben, um sich bei Laune zu erhalten.

Ach, so viel Häßliches und Ekelhaftes im Leben wird entschuldbar, sobald man erst die Beweggründe kennt …

Andere Studenten ernährten sich dadurch, daß sie auf dem Gebiete der Erotik leistungsfähig waren. Die Nachfrage seitens unersättlich lüsterner Weibchen war sehr groß; stämmige Studenten, welche die Natur bei der Schaffung der unteren Extremitäten begünstigt hatte, waren begehrt und – wie der terminus der Börse lautet – die Tendenz willig.

Wieder Andere waren direkt Zuhälter.

Einige zogen Sonntags den Kellnerfrack an.

In der Noth stahl man auch zuweilen die frischen Blumen von den Kirchhöfen und verkaufte sie Abends vor den großen Variétés, und wenn Gott gut war und es hatte schneien lassen, wurde man Schneeschaufler auf den Boulevards.

Zwei kannte ich, die Abends im Tingel-Tangel auftraten und selbstverfaßte Lieder sangen, die an Gemeinheit alles Dagewesene in den Schatten drängten. Denn solche Kost war vom Volke begehrt und sie mußten die Plebs damit speisen, um ihren Idealen nachjagen zu können – eine wahnwitzige, sinnlose Jagd –, welche meist dahin zielte, das Volk moralisch zu heben.

So litt Jeder, der kein Geld hatte, um vager Ideale willen, Jeder prostituirte sich gewissermaßen aus Keuschheitsgründen. Das werden manche Dirnen verstehen …

Aber von all diesen Qualen abgesehen – was gewann man durch seine Studien? Ich wollte die Natur und ihre Räthsel ergründen, wollte dem lieben Gott hinter die Coulissen schauen, seine Mysterien entschleiern, seine Wunder enthüllen, zu all seinen tausendfältig durcheinander gewebten Machinationen den rothen Faden finden …

Es war unter den geschilderten Umständen unsagbar schwer … aber man begann, ermuthigt durch hundert andere Hoffende, Mitleidende.

Und alle Erzählungen der Getäuschten, welche den armen Teufel warnten, den dornenvollen traurigen Weg des Studiums zu gehen, und alle die tristen Bilder, welche die Gescheiterten mir dem Idealisten mit dem ruinirten Magen, in starken Farben malten, vermochten nicht, meinen unbändigen Wissensdurst zu besiegen; ja, diese Abspenstigmacher kamen mir sogar lächerlich vor, genau so lächerlich, wie die moralinreichen Predigten des alten Tolstoj, welcher lendenlahm, nierenkrank und muskelschlaff, impotent, senil und halbreligiös-wahnsinnig in seinem Jasnaja Poljana ausruhte von den wüsten Völlereien seiner Jugend und uns, die junge Generation, mit bäurisch plumpem Pathos bewahren wollte vor Wein, Weib und Spiel, die er alle drei bis auf die Neige ausgekostet hatte und nun mit seinem Ekel so bitter begeiferte. Er empfand es nicht, wie verlogen und engherzig seine Moralerei war. Die Korkeiche wuchs ja nicht deshalb, weil die Weinhändler Propfen brauchten. Und hatte die Natur in des Weibes Schooß das Ei gepflanzt, und in der Erde Leib die Rebe, damit Tolstoj wuthschäumende Hetzreden dagegen schreiben konnte? Hatte Gott – oder der Teufel weiß, wer – die Paarungsmöglichkeit der Geschöpfe vorgesehen, damit Tolstoj gegen die Begattung belfern konnte? Ich glaube dem Castraten nicht, der auf Cytherens süße Freuden ein Schmählied singt. Ein Eunuch wird nie ein Weib schwängern – keine Angst Und Einer, dem vor dem Weine ekelt, wird sich auch keinen Rausch antrinken. Wir aber, die wir noch einen Überschuß hatten an Kraft und Lebenslust, an Potenz und Energie, wir sollten uns hinsetzen und grämliche Gesichter schneiden? Gott schuf das Weib, auf daß es gebäre Und machte er mich zum Manne, auf daß mein Same in das Leilach fließe? Und den Wein? Schuf Gott ihn für die Säue? …

– Denn jeder Tourist, der von Weitem die umnebelten Gipfel des Mont-blanc erschaut, wird, weil ihn sein Auge täuscht, die Höhe unterschätzen und glauben, er werde die hohen Berge erklimmen können; er wird sich sogar wundern, weshalb so wenige Steiger vor ihm das Ziel erreicht haben und er wird zu klettern beginnen, weil seine lustigen Muskeln und sein rascher pochendes Herz dazu auffordern.

Auch bei mir stand das Wollen in gar keinem Verhältniß zum Können, schon der äußeren Umstände wegen.

Wenn man sich in einem Lexikon über den Mont-blanc orientirt, findet man nicht nur geographische, geologische und botanische Erläuterungen, sondern auch etwa solche: die Besteigung des Mont-blanc bis zur Hütte auf den Grands-Mulets, wo man übernachten kann, erfordert drei Tage und kostet circa vierhundert Francs.

Nun hatte ich aber weder Zeit, noch Geld, und Beides wäre nöthig gewesen, um meine Berghöhe erreichen zu können – und insofern hinkt mein Vergleich.

Ich weiß heute noch nicht, wo ich damals, in meiner seelischen Verfassung, den Muth hernahm, so Großes zu beginnen. Denn ich wollte nichts Geringeres als ein Weltbild; ich wollte in den Himmel schauen; sehen, wie die Götter auf ihren goldenen Stühlen sitzen, und fragen wollte ich sie, ob sie noch lange diese traurige Komödie der Menschen fortzusetzen gedächten … eine Motte, die zu den Sternen fliegen wollte.

Das Alles und ungleich bescheidenere Lüste blieben unbefriedigt und selbst der geringfügigste und harmloseste Wunsch konnte nicht erfüllt werden.

Entfesselte Stürme warfen mich hin und her und ließen mich nie an das Ziel meiner Sehnsucht gelangen, auf das ich loßsteuerte. Monate vergingen und ich sah kein Land. Und endlich – endlich scheiterte ich, wie so viele Tausende, an der Geldklippe, und trieb, ein vollkommen zerschelltes Schiff, planlos in Paris umher. Um mich eine Flut von Gemeinheit und Elend, die das tosende Leben hier zusammenwarf; klägliche Strandgüter, Trümmer von Schiffbrüchen, ewig hin- und hergeschleudert. Die lächelnden Wogen dieses lockenden und verführerischen Meeres hatten meine besten Kräfte zerstört und mir eine Illusion nach der anderen geraubt. Ich mußte zusehen, wie mein Menschenthum sank und wie Alles, was mir werth und theuer war, von der Flut der Ereignisse fortgeschwemmt wurde …

Vor den feinen Restaurants blieb ich stehen und sog die Düfte der leckeren Speisen tief ein, um den geilgewordenen Magen zu täuschen. Eine Art leichten Deliriums befiel mich, so seltsam … Mir war, als würde ich ohnmächtig. Aber ich hielt mich noch. Und als ich die Leute anschaute, erschienen sie mir Alle als merkwürdige Thiere, als eine ganz seltene und schreckliche Raubthier- und Faunart. Der Gedanke, in ein vielbesuchtes Delikatessengeschäft zu gehen und dort einen anreizenden, herausfordernden Schinken oder eine der blutrothen Käsekugeln zu stehlen, drängte sich mir auf, fraß sich in mir fest und verließ mich nicht mehr; sobald der Wille zum Diebstahl durch andere Dinge geschwächt wurde und in den Schacht der Vergessenheit hinabsinken wollte, pochte er in mir, wie ein Klopfwurm in einem morschen Balken, und beschäftigte mich wieder unablässig. Ich wunderte mich, daß ich trotz meines gewaltigen Hungers immer noch Spießbürger genug war, nicht zum Dieb oder Zechpreller werden zu können. Wie verfluchte ich damals meine angeerbte Feigheit zu stehlen, vor der ich nun, wo es um meiner Erhaltung willen so nöthig gewesen wäre, auch in den Tagen der Noth nicht loskam. Die unerhörte Reklame, die mit den Speisen getrieben wurde, forderte den armen Teufel ja geradezu zum Diebstahl heraus; diese Reklame höhlte die Wangen, zog den Magen in die Länge und machte aus dem Menschen ein Raubthier; und wenn dieses Raubthier schließlich da etwas nahm, wo es etwas fand, wurde es dafür bestraft. Sündigen war verboten, gut; aber wer war ohne Sünde? Diese Moral der Gesellschaft begriff ich nicht; nichts desto weniger, sei es nun aus Furcht vor Strafe oder aus Furcht vor anerzogenen Gewissensbissen – lungerte ich mit meinem Schakalhunger ehrbar auf den Gassen herum und ließ meine Augen fressen, so viel sie wollten. Des Abends auf den Boulevards und in der Nähe der Place de la bastille zupften mich dann die Huren am Ärmel, und wenn die eine oder die andere barmherzig genug war, mich mit nach Hause zu nehmen, aß ich mich bei ihr voll und bekam hernach gewöhnlich eine Leidensgeschichte zu hören, die, alle Pose und Lüge abgerechnet, immer noch entsetzlich genug war, um mich in meinem Jammer zu trösten. Auf diese Weise machte ich eine Anzahl Bekanntschaften, die zu den wichtigsten meines Lebens gehören. Ich verkehrte lange mit ihnen und begriff nicht, warum man diese Weiber so sehr mit Verachtung strafte, während der Mann seine Sünden als Heldenthaten ausposaunen durfte; so schlecht sie waren, keine war so verworfen, wie der Mann. Sie logen fürchterlich; aber diese Lügen wurden nicht allein zum Besten gegeben, um sich in den Augen des Hörers interessant zu machen, sondern auch, weil irgend etwas verschleiert Heiliges in den Seelen dieser Ärmsten schlummerte, das durch die brutale Wahrheit nicht betastet sein wollte; das sie selbst zwar nicht kannten, von dem sie aber instinctiv wußten, daß es ihr Leben vernichten konnte, wenn es in den Schmutz der Gosse gezerrt wurde.

Sie hatten oft Mitleid mit mir.

Aber eines Morgens, als ich exmittirt wurde, konnte ich nirgends mehr einen rothen Sous auftreiben, um die Mietheschuld zu zahlen. Und da ich nun wohnungslos und außerdem sehr hungrig war und in Paris nichts mehr zu suchen und zu hoffen hatte, verließ ich zu Fuß die teuflische Stadt.

Gegen Mittag sah ich nur noch ein Wirrwar von rauchspeienden Schornsteinen und erst jetzt kam mir zum Bewußtsein, daß ich der leibhaftigen Hölle entronnen war.

Den Huren gewidmet

Den Huren gewidmet

Und nicht nur den officiellen, sondern auch – –.

Ich gestehe, daß ich die Huren verachte; aber meine Verachtung entspringt einem angeborenen ästhetischen Gefühl und einem starken Egoismus. Ich verachte sie, weil es Sklavinnen sind, die Jedermann gehören und von denen Jeder Schweinehirt Besitz ergreifen kann, wenn er die nöthigen Groschen hat, die Fünfminutenliebe zu bezahlen. Es sind Öffentliche Bedürfnißanstalten, die aber so stark frequentirt sind, daß auch ein Mensch mit weniger ausgeprägtem Reinlichkeitsgefühl, als ich, sich ekelt, sie zu benützen.

Und dann welch einen Reiz kann ein Weib gewähren, dessen Natur bereits so korrumpirt ist, daß es, anstatt das gewährende zu sein, das suchende geworden ist? Ein Weib wird erst reizend und begehrenswerth für den Mann, wenn er seine ganze Intelligenz aufbieten, seine innere Schönheit vollkommen herausarbeiten, sich selber erst in eine höhere Sphäre rücken muß, um das Weib gewinnen zu können. Ein Weib, das viele Werber hat und von all den Nebenbuhlern, mit denen ich in Konkurrenz getreten bin, endlich nur mich, gerade um meiner persönlichen Eigenart willen, zum Geliebten wählt, das werde ich stürmisch lieben. Welchen Reiz bietet ein Weib, das kein Anrecht darauf hat, mich zu foltern, um dessentwillen ich nicht eifersüchtig werden kann; das nicht Katze genug ist, schmeichelnd und liebkosend das Widerwärtigste von mir zu erschleichen; das über jenes besiegende Lächeln der Liebe nicht verfügt, kraft dessen es mich tollkühn machen und mir befehlen kann, um seinetwillen mich blindlings in die tollsten Gefahren zu stürzen, Vater und Mutter zu verlassen, den Bruder zu morden, die Sterne vom Himmel zu holen; das mich nicht zum Knecht machen, das Thier in mir nicht erwecken, mich nicht zum Gott erheben kann? Freilich, indem das Weib mich zu seinem Gotte stempelt, zu einem Gott, der auch Teufel sein kann, hat es seine Freiheit aufgegeben und mir die Macht verliehen, über es zu herrschen und es zu tyrannisieren; ich bin dann des Weibes Wille und habe die Gewalt, seine Wege zu lenken, seine Wünsche zu ändern, es in ein Paradies zu versetzen oder in die Hölle. Dafür hat das Weib wieder eine Gegenmacht. Mit einem Lächeln entthront es seinen Gott, mit einem Kuß zieht es ihn zum liebewinselnden Menschen herab, und um eine Liebesnacht wird er zum Sklaven. Ein Weib, das nicht die Macht hat, einen Mann herabzuziehen, reizt den Mann nicht, über das Weib herrschen zu wollen. Das Weib, das mich nicht erst besiegt hat, das will ich nicht besiegen. Die Dirne vermag das nicht; indem sie zum Manne kommt, giebt sie ihre höchste Macht preis.

Nichtsdestoweniger waren die Huren, nächst meinen verhungerten Freunden, die einzigen Menschen in ganz Paris, die eine anständige Gesinnung hatten. Bei ihnen durfte man Mensch sein; sie begriffen Alles, suchten Alles zu verstehen und hatten für mein Elend das geneigteste Ohr. Hysterische Huren weinten sogar, wenn ich ihnen von meiner Misere erzählte – es bereitete mir diabolische Freude, sie weinen zu sehen – und sie drückten mir zum Troste die Hand. Sie opferten sich auf und waren, wenn sie keinen Geliebten hatten, bereit, das Geld, das sie so schmählich erwarben, bis auf den letzten Sous ohne Zögern wegzuschenken. Sie verachteten großmüthig das Geld, waren nie seine Sklaven und warfen damit leichtsinnig und fürstlich um sich, obgleich sie es mit Zuhilfenahme aller Ränke und Listen erbettelten, erschmeichelten, ergatterten, ja, sogar stahlen. Sie rechneten nie. Sie schätzten den Mammon nur, solange sie ihre Pension für den Tag noch nicht bezahlt hatten. Wenn die Eine kein Geld hatte, borgte ihr die Andere.

Aber, was mich mehr als Alles verblüffte: Viele waren keusch. Sie besaßen freilich nicht die Keuschheit einer Jungfrau, die beim Anblick nackter gypsener Jünglinge in verdächtiger Scham die Augen senkt oder einer Magd Gottes, die, aus Mangel an Verführern, noch ihr unberührtes Hymen besitzt; nein; sie hatten sogar öfters an einem Abend fünf splitternackte lebendige Männer umarmt. Sie konnten auf alle gemeinen und perversen Wünsche eines Mannes eingehen, ohne daß sie sich deshalb erniedrigt fühlten. Ein Bauer, ein Grobian, der gewöhnliche Hausmannskost begehrte, zahlte fünf Francs; ein blasirter, raffinirter Lüstling mußte dagegen das Doppelte, Dreifache und Vierfache auf den Tisch legen. Jener begnügte sich, eine Weile zahmes Thier zu sein; dieser, der sich als ein vollkommenes Ebenbild Gottes empfand, und kraft seiner göttlichen Vernunft tierischer als jedes Thier sein wollte, hatte eine ganz aparte Art ausgeklügelt, seinen Samen loszuwerden.

Solange der Mann das Freudenmädchen wie ein Closet behandelte, das man fünf Minuten lang benützt, um dann einen Anderen heranzulassen, blieben die Huren theilnahmslos, apathisch, willfährig. Sobald der Mann sie aber seelisch fesselte und sie nur in die geringste individuelle Beziehung zu ihm traten, sowie sie sich ihm nur irgendwie, wenn auch noch so leise, anvertraut hatten, oder sobald der Mann sie nach ihrem Vorleben ausfragte – viele Männer lieben das –, so stellten sie Forderungen, wollten menschlich behandelt sein, und gerade weil sie sich als ausgestoßene Geschöpfe empfanden, wollten sie, daß der Mann nicht wie ein Zuchtbulle auf sie losstürze, sondern daß er sie intimer, feiner, königlicher behandle, als man ein ehelich Weib behandelt. Sie verschenkten dann ihre Liebe und jede ihrer Bewegungen wurde schamhaft, gefühlvoll und keusch. Und sie bewiesen dann, daß ein Quell erfrischender Liebe jauchzend in ihnen sprudelte, daß sie vornehme Naturen waren, um deren Liebesgunst man sich ebenso gern den Kopf zerspalten hätte, wie um die Liebe irgend eines anderen menschlichen Wesens.

Das Seltsamste, was ich aber Zeit meines Daseins mit einer Dirne erlebt habe, war folgendes.

Ich ging eine Zeit lang in der Rue da Rivoli Abends spazieren, um in meiner Verzweiflung möglicherweise verloren gegangene Zwanzig-Francsstücke zu suchen. In einem Pariser Journal hatte ich eines Tages eine Statistik der verlorenen Gelder gelesen, woraus hervorgegangen war, daß in Paris das Geld in der Gosse lag, und daß man sich nur eifrig darnach zu bücken brauchte, um es zu besitzen. Es war eine fürstliche Summe, die jährlich verloren wurde, und mein hungriger Leib hatte fein ausgerechnet, daß ich bedeutende Chancen hatte, jede Woche mindestens zwanzig Francs zu finden, wenn ich in einer verkehrsreichen Straße nur zehn Mal auf und niederging. An einem herrlichen Abend, der mit seinen stärkenden und zugleich aufreizenden sinnlichen Lüften jedes Lebewesen aufforderte, mit allen Adern zu genießen, bin ich intensiver denn je auf meiner wahnsinnigen Suche nach Gold. Daß ich etwas finden würde, war bei mir schon zur fixen Idee geworden. Ich gehe und gehe … klebe mit meinen Augen an der Erde und denke an die Wonnen, die das teuflische Gold giebt. Da klopft mir plötzlich Jemand auf den Rücken und schleppt mich mit. Es ist Barneau, Hippolyte Barneau …

– Ich sitze mit ihm bereits seit zwei Stunden in einer Dirnenkneipe und brüte vor mich hin und warte, wie gewöhnlich, auf ein Wunder. Ich trinke mit Abscheu ein Gemisch von Wasser, Essig, Zucker, Spiritus und rother Farbe, das man hier Wein nennt. Ich bin Barneau's Gast und muß nicht nur um der Höflichkeit willen mittrinken, sondern auch weil ich sein Schuldner und also sein Sklave bin. Dieses widerwärtige Gebräu, das man hier frech Wein nennt, bereitet mir schon eine Stunde lang heftiges Sodbrennen und ein unausstehliches Kratzen im Halse – aber ich lächle natürlich und unterhalte mich emsig mit meinem Gläubiger Barneau, dem es beliebt, über die Variationsfähigkeit des Beischlafs zu sprechen. Er geilt sich an den schlüpfrigen Bildern seiner perversen Phantasie solange an, bis jede seiner schwülen Gesten nach der Umarmung einer wollüstigen Dirne lechzt. Er läßt mich nicht locker und giebt mir ein Fünffrancstück, das ich mit ihm verjubeln soll.

Ich muß folgen, denn er droht, im Weigerungsfalle mir nie mehr etwas zu borgen. Und schließlich – offen gesagt – ich bin kein Kostverächter …

Mühelos finden wir zwei Dirnen und gehen mit ihnen in ihr Heim. Barneau als der Gastgeber und als mein Gläubiger beansprucht natürlich die Schönere für sich und überläßt mir Claire.

Claire ist auffallend gekleidet; aber ihr Blick fordert mich eher auf, mich zu erhängen, als sie zu lieben. Ich lasse mein Fünffrancstück – das Fünffrancstück Hippolyte Barneau's – im Schein der Laternen erglänzen und angle damit nach ihrem Körper, nach ihrer Liebe; aber sie beißt nicht an. Sie ist häßlich und schweigt. Auch ich bin still und wir Beide hören, wie Barneau, der vor uns geht, seiner Kleinen den Kontrakt formulirt. Er beansprucht für zehn Francs die tollsten Dinge von ihr und sie geht auf Alles ein. Der Ekel tatzt an mir empor und beschwert mich wie ein Alp. Ich nehme mir nun vor, mich an Claire für Alles zu rächen, was mir nur je Schmerz bereitet hat. Ich werde mich an ihr rächen, weil Bameau mich vermöge seines tückischen Geldes lächelnd tyrannisirt; weil er mich in den Koth zerrt; weil ich nach seiner Pfeife tanzen muß; weil Claire häßlich ist; weil ich sie kaufen kann; weil sie schweigt; weil sie mit dem verthierten Geschöpf vor mir Arm in Arm ging; weil ich sie nicht mit der großen Gluth meines Herzens lieben kann und doch Jemanden, irgend einen Menschen, inniglich lieben möchte; weil sie meiner Umarmung nicht würdig ist; weil ich hungere und leide; weil die Menschen verächtlich sind und schlecht … und noch aus tausend anderen Gründen, die sich zusammenballen und verdichten und meine Stimmung jählings umwandeln. Und es wird mir plötzlich klar, bis zur Qual deutlich, daß ich ein Fremdling hier auf Erden bin und daß ich von Niemandem verstanden werden kann … daß Alle.., Alles den Trauerflor der Unzulänglichkeit trägt. Alle meine Lebenslust ist erstickt, und ich grüble nach, wie ich Claire wohl am tiefsten verletzen kann. Ihr nervöser Körper wird noch nicht vollkommen mit der Hornhaut der Gleichgültigkeit und Theilnahmslosigkeit gepanzert sein; es wird noch eine Stelle geben, wo sie verletzbar sein wird – – und ich freue mich ob meiner Niedrigkeit. Eine tiefe unaussprechliche Freude durchfluthet mein Herz – eine gemeine, alle Poren durchdringende Freude, die ich um jeden Preis geheim halten will; eine jener häßlichen, verabscheuungswürdigen Freuden, über die man erröthet, an denen man sich aber labt, tief in den geheimnißvollen Kammern des Herzens.

Wir kommen endlich in einen dürftig möblierten, einfenstrigen Raum, der von einem zerwühlten Bett, zwei nüchternen Stühlen, einem gewöhnlichen Schlafsopha, einem Kleiderschrank, ferner von einem viereckigen, mit Wachstuch kärglich bedeckten Tische, einer eisernen Waschtoilette und einem ausgeglühten Ofen fast ganz ausgefüllt wird. Die Wände sind zum Theil mit Papierfächern und billigen Öldrucken decorirt. Die Bilder Corregio's »Io und Jupiter« und »Leda mit dem Schwan« hängen auch an der Wand, kaum in der Absicht künstlerisch anzuregen. Mit Verwunderung sehe ich, daß sich auch eine ganz kleine schlechte Photographie des Kaulbach'schen Bildes »Kauft Liebesgötter« hierher verirrt hat. Aber in diesem Milieu, in diesem vom Dirnenhauch geschwängerten Zimmer, sind die Werke ihres künstlerischen Werthes beraubt und wirken verzerrt und pornographisch. Am Plafond ist eine Hängelampe angebracht, die mit einem Papierschirm und Papierponpons geschmückt ist.

Alles ist poesielos, kalt und ekelhaft.

Es ist Nacht.

Der Wind rüttelt die dürren Fenstergerippe, daß die Scheiben ängstlich klirren. Hinter der Wand tickt aufdringlich eine Uhr und schlägt zehn; die Schläge klingen dumpf und undeutlich. Auf dem Tische brennt ein kleines Lämpchen mit farbiger Glocke, das ein trauriges und spärliches Licht spendet.

Was bedeutet dies Alles, frage ich mich.

Und eine tiefe Trauer befällt mich. Ich fühle mich gefangen und meine Willenskraft ist gelähmt.

Was will ich hier, fragen meine Augen den Fußboden, und mein Knechtbewußtsein peinigt mich.

Indeß sagt Barneau: »Uff Ein Glück, daß wir schon oben sind, Berthe. Herrgott Sieht das hier fein aus«

Also jene heißt Berthe. Ich sehe sie an und lächle.

»Dachtest Du, wir würden in einem Palast wohnen?« sagt sie zu mir; sie meint aber Barneau, Ich lächle sie idiotisch an und weiß nicht, was ich soll.

Barneau fragt Berthe: »Ist das Deine Bude?«

Berthe verneint. Barneau packt dann seine Erwählte um die Hüften, kneift ihr in die Wangen, umspannt mit gespreizten Fingern spinnenartig ihre Brüste und tatscht auf ihren Popo. Nach dieser Gefühlsentladung schaut er mich sehr indiscret an, und taxirt auch Claire auf ihre Leistungsfähigkeit.

»Viel Amüsement,« sagt er lachend. Feig', wie ich geworden, versuche ich sein Lächeln zu erwiedern; aber etwas Unüberwindliches, ein schrecklicher Ekel hält mich davon ab. Barneau geht mit Berthe links ab. Ich bin nun mit Claire allein.

Und es wird ganz unheimlich still. Wir schweigen wie zwei Stumme.

Zwischen uns steht leibhaftig der Haß. Mir reicht er die linke Hand, Clairen die rechte, und er will uns zusammenhetzen.

Claire hat ihren Hut abgenommen und ihr Jaquet abgezogen; ich sehe ihre schöne, schmiegsame Büste, ohne lüstern zu werden. Und mir ist eine Minute lang so, als ob ich in meinem trauten Heim, bei meinem geliebten Weib säße, das aus irgend einem Grunde, den ich nicht kenne, verstimmt ist. Dann sehe ich mir Claire näher an … und erkenne mein Weib nicht mehr in ihr. Sie ist mir wieder so urfremd … und ich bin wieder um Heim und Weib und Kind betrogen. Und keiner ist unglücklicher, als ich.

Plötzlich taucht eine Vorahnung in mir auf … etwas Prophetisches murmelt in mir … und ich weiß nun ganz genau, daß Claire bald sterben muß. Wieso und warum, ist mir nicht klar bewußt; aber eine innere Stimme in mir ruft: Sie ist gerichtet

Ich werfe meinen Hut und Havelock ab und setze mich auf den Bettrand.

»Komm, setz Dich«, sage ich zu der, die morgen eine Leiche sein wird. Claire folgt.

Wir schauen uns längere Zeit einander an, bis der Blick Claires fixirend wird. Mir wird ganz seltsam zu Mut, wenn ich sekundenweise daran denke, daß ich neben einem fremden Weibe sitze, das morgen eine Leiche sein wird. Das unheimliche gegenseitige Anstarren nimmt kein Ende, und ich breche endlich, ganz gegen die Gesetze meiner Empfindung, das Schweigen.

»Wie heißt Du?« frage ich.

Unfreundlich antwortet sie: »Claire«, und wendet sich weg. Wir schweigen.

Der Genius, der um mich schwebt, läßt mich nicht tiefer in das Räthsel dringen, das vor mir liegt.

Nun weiß ich es ganz bestimmt, daß irgendwo in einem verborgenen Winkel des Zimmers der Tod hockt und auf Claire lauert. Mir ist, als fühlte sie das auch, und deshalb habe ich das tiefe Bedürfniß, sie abzulenken und zu zerstreuen.

»Es ist kalt draußen,« murmle ich zaghaft; »Schnee wird fallen.«

Schweigen …

»Bist Du eine Pariserin?« frage ich wieder.

»Nein.«

»Was denn?«

»Eine Elsässerin.«

»Sprichst Du auch deutsch?«

»Ja«.

»Also unterhalten wir uns so. Willst Du?«

»Ja,« antwortet sie in meiner Sprache.

Ich habe Lust weiterzufragen; es zwingt mich etwas Sonderbares, Claire auszuforschen. Ich frage nicht aus bloßer Neugier, um ihre Personalien zu kennen, denn das Mädchen interessirt mich nicht. Ich möchte nur wissen, ob sie noch immer nichts von ihrem nahen Tode ahnt.

»Bist Du schon lange hier?« leite ich wieder ein.

»Wo?«

»In diesem Hause?«

»Drei Wochen«.

»Hast Du noch Vater und Mutter?«

»Ja … nein … ja«.

»Wo leben sie?«

»Dort … in Elsaß.

»Was sind sie?«

»So …«

»Wie – so? Was sind sie?«

»Du bist ein komischer Kerl, Du.«

»Wieso? Weil ich frage, was für einen Beruf Deine Eltern haben?«

»Ja.«

»Darf man das nicht wissen?«

»Doch. Der Vater ist Tischler«, sagt sie schroff.

»Hast Du immer bei ihnen gelebt?«

»Ja.«

»Wie alt bist Du?«

»Was geht's Dich an?«

»Nun – ich frage nur …«

Ich möchte nur wissen, in welchem Alter sie sterben muß.

»Zwanzig«, antwortet sie.

Wir schweigen.

»Weshalb hast Du denn Deine Eltern verlassen?« beginne ich wieder zu quälen.

»So …«

»Das verstehe ich nicht.«

»So laß mich in Ruhe … Übrigens zieh Dich aus; so lang hab ich nicht Zeit.«

Sie knöpft sich jetzt mechanisch und sehr langsam die Taille auf. Ich denke plötzlich an meine Mutter und sehe in mich hinein. Schauer durchschütteln mich und ich empfinde Grauen vor etwas Unheimlichem. Während meine Augen weit in die Vergangenheit schauen, werfen meine Hände Rock und Weste an die Erde; dann nehmen meine Finger Kragen und Shlips ab. Meine Ohren vernehmen plötzlich eine Stimme, die mich wieder zurückruft. Die Mutter ist mir verschwunden und ich erblicke wieder die Dirne.

»Was zahlst Du hier Miethe?« frage ich sie.

»Ich bin schon neunundreißig Francs schuldig.«

Hm; das ist allerdings auch eine Antwort.

»So? Warum?« forsche ich weiter.

»Weil ich wenig Besuche annehme.«

»Soso … es wird sich aber ändern«, spöttle ich.

»Vielleicht …«

Vielleicht? Sie zweifelt also noch an ihrem Untergang; das empört mich.

»Was willst Du denn sonst machen?« frage ich frech.

»Ich weiß nicht …«

Sie sagt es so illusionslos, daß es mich tief im Innern schmerzt. Ich bemerke eben, daß ich mich entkleide, und halte plötzlich inne.

In unser Beider Schweigen gellt in diesem Augenblick freches, niedriges Lachen, in das sich ein Kichern Barneau's mischt. Es kommt aus dem Zimmer Berthes. Ich schleiche zur Thür und blicke durch das Schlüsselloch; Claire stürmt aber auf mich los und zieht mich fort.

»Warum kleidest Du Dich nicht aus?« fragt sie traurig.

Ich habe genug gesehen.

»Das Alles ist häßlich und unsinnig und lieblos«, sage ich aufgeregt.

»Was?« fragt Claire.

»O pfui« rufe ich; »wie schamlos ihr mit der Liebe umgeht.«

»Warum bist Du denn mit mir gegangen?«

Ja, diese Frage habe ich erwartet.

»Was weiß ich«, sage ich; »weil ich betrunken war. Jedenfalls bin ich gegen meinen Willen in diesem Hause und – offen gestanden – ich fühle mich sehr unbehaglich bei Dir.«

»Dann kannst Du ja gehen.«

»Hm. So lieb ich Dich.«

Sie sieht mich groß an, mit verwunderten glänzenden Augen, und ich fühle, daß sie mich liebgewonnen hat. Ich betrachte ihre Liebe aber nur als eine Waffe, die ich gegen sie gebrauchen will. Ein Teufel in mir sagt, sie solle zu Grunde gehen daran, und als Antwort darauf höre ich es kichern in einer Ecke. Das ist der Tod … Claire sieht ihn nicht. Ich aber werde den Gedanken an den Tod nicht los und sage zu Claire:

»Heute habe ich gesehen, wie ein Sarg herausgetragen wurde …«

»Ein Sarg?«

»Ja, ein Sarg in der Passage Bas-froi. Man trug ihn aus einem Keller heraus.«

»Aus einem Keller?«

»Ja, aus einem Keller … dort, weißt Du … aus einem jener Häuser … das ganze Gäßchen war so schmutzig …«

Es entsteht eine klaffende Stille, dann fahre ich fort:

»Heute ist es schlecht, begraben zu werden.«

»Weshalb schlecht?«

»Es wird schneien, sage ich, und gähne beklommen.

»Das ist doch egal«, meint sie.

»O nein, es ist häßlich. Die Todtengräber werden wahrscheinlich schimpfen. In dem Grabe steht sicherlich auch Wasser … Ist es Dir denn gleichgültig zu sterben?«

»Warum sollte ich denn sterben?«

»Du wirst doch auch einmal sterben,« sage ich; »und ebenso wie die Andere heute Morgen.

Das war auch so ein Mädchen … Sie starb an der Schwindsucht.«

»Eine Dirne wäre dort gestorben? …«

»Sie war ihrer Wirthin wahrscheinlich auch Geld schuldig und mußte bis an ihr Lebensende dienen, trotzdem sie schwindsüchtig war. Die Kutscher erzählten davon. Sie lachten …«

Claire rührt sich nicht.

Plötzlich fragt Claire tief erregt: »Aber aus welchem Grunde sollte ich denn sterben?«

»Wenn nicht jetzt, denn doch später,« sage ich gleichgültig. Ich werde immer höhnischer und der Satan hetzt mich, das arme Mädchen zu martern.

»Jedenfalls wird Dein Preis in zwei, drei Jahren sinken«, sage ich rohherzig. »Dann wirst Du von hier heruntersteigen – in ein anderes Haus. Wieder später – in ein drittes Haus; immer tiefer und tiefer, und endlich, nach ungefähr zehn entsetzlichen Jahren, wirst Du auch in der Passage Bas-froi im Keller wohnen. Das wäre alles schön und gut; die Geschichte ist aber die, daß Du auch krank werden kannst; zum Beispiel schwindsüchtig … kannst Dich erkälten. Und wenn Du erst schwindsüchtig bist, dann stirbst Du auch. Verstehst Du das ?«

»Ja, meinetwegen, dann sterbe ich eben«, sagt sie.

Nun kehre ich den Spieß um, um sie noch mehr zu foltern.

»Und doch ist es schade um Dich,« spreche ich.

»Was?«

»Um Dein Leben ist es schade.«

Ich muß offenbar noch mehr in ihrer Seele wühlen – sie giebt noch nichts auf.

»Hast Du früher einen Schatz gehabt?« frage ich.

»Was geht das Dich an?« opponirt sie.

»Ich will Dich nicht ausfragen; es geht mich ja auch nichts an,« bemerke ich. »Du könntest freilich Unangenehmes erlebt haben. Mir ist es einerlei … ich fragte nur, weil Du mir leid thust.«

Claire liebt aber keine Moralpredigten.

»Ach was«, sagt sie obenhin.

»Ich werde Dich schon kriegen«, denke ich.

»Du glaubst wohl, Du seist auf dem richtigen Wege?« frage ich.

»Ich denke gar nichts«, antwortet sie.

Und ich: »Das eben ist das Schlimme. Komm doch zu Dir, solange Du noch Zeit hast. Hier in diesem Hause –- da giebt es nichts als ekelhafte Einerleiheit. Pfui«

Claire fragt mich: »Weshalb bist Du denn hierhergekommen?«

»Achte nicht darauf, daß ich hier bin,« gebe ich zurück. »Ich bin vielleicht noch schlechter, als Du. Um die Wahrheit zu sagen, ich kam hierher, weil ich etwas betrunken war. Und schließlich kannst Du Dich doch nicht mit einem Manne vergleichen. Wenn ich auch mit Dir hier buhle, so bin ich dennoch keines Menschen Sklave. Ich war bei Dir und gehe wieder; nicht wahr? Ich schüttle Alles von mir ab und bin wiederum der alte Kerl. Und Du? Du bist gleich von Anfang an eine Sklavin. Ja, eine Sklavin; verstehst Du. Du giebst alles hin; den Leib, die Schönheit, die Reinheit, die Liebe, das Mutterglück, den Willen. Und wirst Du auch nachher diese Ketten loswerden wollen, es wird Dir nicht gelingen, hähä … Es ist, als hättest Du Deine Seele dem Teufel verkauft … Bitte, antworte mir Ist denn dabei was Gutes, daß wir vorhin auf der Straße zusammenkamen, mit einander kein Wort wechselten und Du erst hinterher anfingst, mich als einen interessanten Fang zu betrachten, und ebenso ich Dich? Ist denn das Liebe? Darf denn ein Mensch mit dem andern so zusammentreffen? Begreifst Du nicht, daß das Heilige dadurch in uns verletzt wird? Das ist ja ekelhaft … Ich habe doch gewiß Recht, was?«

Claire schnell und lebhaft: »Ja«.

Ich, von ihrem Tone überrascht, frage zutraulich: »Wie bist Du denn in dieses Haus gekommen?«

Sie weicht einer Antwort aus.

»Giebst Du zu, daß es im väterlichen Hause doch schöner war?« frage ich.

»Und wenn es dort schlechter war?« schreit sie auf.

»Alles kann vorkommen,« sage ich etwas verwirrt und entwaffnet. Ich entdecke eben, daß Claire ihre Taille längst zugeknöpft hat und beginne mich wieder anzukleiden und sage:

»Ach, ich verstehe Dich Siehst Du, Claire – – ich will Dir mal was von mir erzählen … Ich bin ja gerade auch kein glücklicher Mensch … Wie? … Du kannst es ja nicht wissen. Ich krieche vielleicht nur in den Schmutz, um Vergessenheit zu suchen. Begreifst Du das nicht? Siehst Du, man betrinkt sich doch aus Kummer; nun, und ich bin hier aus Kummer … In der Kindheit – – aber gestatte, daß ich rauche … in der Kindheit, da hatte ich noch Vater und Mutter lieb; damals – ach – war ich ein anderer Bursche. Ich denke sehr oft daran; denn wie schlecht es auch in der Familie sein mag, – es sind doch immer Vater und Mutter; nicht fremde Leute, nicht Feinde. Wenigstens einmal im Jahre geben sie Dir einen Kuß. Es ist Himmelswonne, von einer Mutter geküßt zu werden … Und man weiß, daß man ein Heim hat. Ich wuchs aber außerhalb der Familie auf; ich lebte immer in einem abscheulichen Ekel vor mir selbst Deshalb bin ich auch so geworden, so gefühllos.«

»Es giebt meiner Treu gefühllosere«

»O, nun schmeichelst Du … Gestehe, Claire; Du bist gewiß verführt worden, Claire.«

«Ja«.

»Von wem?«

»Er war Techniker.«

»Versprach, Dich zu heirathen?«

»Nein.«

»Nein? Sondern? … Geld?«

»Nichts«.

»Du hast Dich ihm einfach hingegeben?«

»Ja«.

»Und nun bist Du kreuzunglücklich«

»Wie fragst Du mich …«

»Nun, siehst Du, in der Ehe ist es doch anders. Kummer giebt es freilich auch, aber auch unendlich viel Glück … Mal Dir einmal die erste Zeit der Ehe aus, mit einem Manne, den Du liebst Kannst Du Dir etwas Schöneres denken Alle eure erfrischenden Zwistigkeiten enden in einem Kuße. Und es wird Euch Beiden so wohl: Dir und Deinem Manne so wohl – daß Euch ist, als hättet ihr nach einer langen Trennung Euch wiedergefunden. Ihr seid Eure eigenen Richter. Was auch vorgefallen sein mag, ihr verhüllt es vor allen fremden Augen. Wie, ist das nicht herrlich, Claire?«

»Die Liebe ist aber nicht ewig.«

»Nicht ewig? Ist es denn etwas Körperliches, das man Dir rauben kann? Eine Blume, die man mit der Wurzel auszureißen vermag? Dieser erste Rausch, der die Sinne lähmt und die Leiber fruchtbar macht – unleugbar – der vergeht; aber dann kommt das ruhige Tempo, das Gefühl des Heims beglückt Dich … Du waltest am eigenen Herde … Da fließen Eure Seelen ineinander; Eure Angelegenheiten beschließt ihr miteinander; Geheimnisse giebt es nicht mehr. Und sind Kinder zur Welt gekommen, da leuchtet Dir zu jeder Zeit das Glück, wenn Du innig geliebt wirst. Auch die schwersten Stunden überwindest Du, wenn Du liebst. Da erfreut Dich jede Arbeit; um Deiner Kinder willen entsagst Du der kleinen Wünsche, die Dir Freude bereiten, und dennoch freust Du Dich tiefer. Und die Kinder werden Dich dafür lieben – o, wie sehr werden sie Dich lieben – Du sammelst also Alles für Dich. Deine Kinder werden groß; Du fühlst, daß Du vor ihnen stehst als ein leuchtendes Beispiel. Du bist ihnen Stütze, und stirbst Du, so werden sie ihr ganzes Leben lang Deine Gefühle und Deine Gedanken in sich tragen, so wie sie sie von Dir empfangen haben; sie tragen Deine Züge; die Augen haben sie von Dir, die Gestalt von Deinem Gatten, das Haar von Dir, die Nase vom Vater, und in ihren rosigen jungen Körpern fließt Dein Blut und das Blut Deines Geliebten … Liebst Du kleine Kinder, Claire?«

Claire nickt bejahend und antwortet mit einem unnatürlich entstellten, krausen Lachen. Ich habe Mutterzüge auf ihr Gesicht gezaubert. Aber ich habe auch ihr Herz zerrissen, weil sie nun weiß, was Alles sie verloren hat … Und meine Zunge will noch nicht ruhn …

»Ich liebe Kinder sehr«, beginne ich wieder. »Wenn ein kleines Knäblein an Deiner Brust läge, wie könnte dann Dein Mann etwas gegen Dich thun? Dein Säugling ist dick, hat hübsche Bäcklein, seine Nägel an Fingern und Zehen sind rein und glänzen; sie sind so klein, ach, so winzig klein, daß Du lachen mußt; und die Äuglein blicken Dich an, als verstünden sie Alles. Und es saugt an Deiner säftevollen Brust und spielt mit den Händchen. Ist denn das kein Glück, wenn ihr alle drei: Du, er und Dein Kind zusammen seid? Nein, Claire; man muß zunächst leben lernen und dann erst Andere beschuldigen.«

Claire zittert und stottert Worte, die ich nicht verstehe. Voll weicher, unendlicher Schamhaftigkeit sagt sie: »Weshalb erzählst Du mir das Alles? Ich werde Niemand mehr lieben.«

»Oho« mache ich.

»Oder ich müßte wieder neugeboren werden … Kein ordentlicher Mann hat den Muth, ein Mädchen wie mich zu heirathen«, sagt sie spöttisch.

Sie hat Recht; sie kennt die Männer.

»Es ist nie mehr möglich«, spricht sie in die Ferne.

Also endlich hat sie erkannt, daß diese Erde ihr nicht mehr gehört. Ich wundere mich, daß sie immer noch nicht von ihrem Tode spricht. Sie lacht vielmehr gezwungen und verlegen, mit jenem verstellten, seltsamen Lachen, das der letzte Ausweg für schamhafte Menschen ist, in deren Gefühlsleben man sich unzart eindrängt.

Plötzlich hört man schlürfende Tritte. Ich denke, nun kommt der Tod, und namenloses Grauen befällt mich. Ich starre nach der Thür … Diese öffnet sich und ein alter Frauenkopf zwängt sich herein, der mit grober, rauher Stimme spricht:

»Claire, hast Du Besuch?«

Claire antwortet: »Ja; Sie sehen ja.«

»Dauert's noch lange? fragt der Kopf.

»Ja,« sagt Claire; »warum denn?«

»Draußen ist ein Herr, der wartet auf Dich«, spricht der runzlige Kopf.

»Meinetwegen«, flüstert Claire nachdenklich.

»Ei, meinst wohl, daß Du die Einzige auf der Welt bist,« spricht der Kopf ärgerlich und verschwindet. Dann hört man es wieder davonschlürfen …

Claire und ich schweigen.

Endlich denke ich, nun kann ich den Todesstoß führen.

Das zweischneidige Schwert in meinem Munde spricht: »Ist es Dir denn selber nicht widerlich hier?«

»Ich bin es gewöhnt,« parirt Claire.

»Ich verstehe das,« sage ich. »Und doch wärst Du in einem unverrufenen Hause, hättest Du so gelebt, wie anständige Menschen leben, dann hätte ich Dir nicht nur den Hof gemacht, sondern mich in Dich bis über die Ohren verliebt, mich über jeden Deiner Blicke gefreut, Dich vor dem Hause erwartet, auf den Knieen wäre ich vor Dir herumgekrochen und hätte es mir für eine besondere Ehre angerechnet, Dich meine Braut nennen zu dürfen; etwas Unreines von Dir zu denken, wäre mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen. So aber brauche ich nur zu winken und Du mußt mir folgen und Deinen Willen dem meinen unterwerfen. Selbst der geknechtete Arbeiter hat eine Frist, wo seine Arbeit aufhört. Aber Du? Du giebst hier Deine Seele preis und hast Deinen Körper vermiethet. Deine Liebe verkaufst Du an jeden Säufer. Und weißt Du, wie jetzt Deine Liebe geschätzt wird? Du bist vollständig zu kaufen, mit Leib und Seele; man hat also nicht nöthig, um Deine Liebe zu werben. Man giebt Dir ein Fürnffrancstück und erreicht Alles, verstehst Du? Begreifst Du denn nicht, daß es für ein Mädchen keine größere Mißachtung geben kann? Und für welchen Preis richtest Du Dein Leben zu Grunde? Dafür, daß Du den ganzen Tag schlechten Kaffee trinken und Dich halb satt füttern kannst. Du hast hier Schulden – und Du wirst hier ewig Schulden haben, bis zu der Zeit, wo Dich die Gäste nicht mehr haben wollen. Und diese Zeit kommt bald; jetzt laufen sie Dir noch nach; später wirst Du ihnen nachlaufen müssen. Mit jedem Fältchien mehr in Deinem Gesicht bist Du im Preise um einige Sous gesunken. In einigen Jahren wird Dich jeder Haderlump, jeder Strauchdieb schon für fünfzig Centimes an eine dunkle Wand drücken können, O ja … für fünfzig Centimes. Und was kostet die Benützung eines Closets? Zehn Centimes, Du bist also noch immer fünf mal mehr werth …« Claire erschauert und wirft sich auf's Bett, Sie verbirgt ihren Kopf in den Kissen und umklammert mit ihren weißen Händen die schon so viel Schmutz berührt haben, krampfhaft einen Bettpfosten. Wie wär's, wenn sie sich daran erhinge, denke ich … Ich höre leises, ersticktes Schluchzen und sehe, daß ein gewaltiger Schmerz in ihr wühlt. Endlich habe ich also entdeckt, wo sie verwundbar ist, und tödte sie nun ganz systematisch …

Das Gerippe im Winkel freut sich.

»In der Passage Bas-froi wirst Du stets geprügelt werden,« setze ich meine Rede fort; »jede Zärtlichkeit ist bei den dortigen Gästen mit einer Schlägerei begleitet. Geh, sieh Dir einmal an, wie es dort zugeht … Nein, Claire, für Dich wäre es viel besser, wenn Du dieser scheußlichen Komödie bei Zeiten ein Ende bereiten würdest.«

Claire schluchzt in die Kissen und nun bin ich tief von dem Gefühl durchdrungen, daß Niemand mehr in diesem Bett mit Claire Orgien feiern wird.

»Du weißt, wie elend die Huren sterben,« sage ich. »Aber das Schönste kommt noch. Bist Du nun todt, so werden die Vorbereitungen schnell, mürrisch und unzufrieden von fremder Hand getroffen; Niemand segnet Dich ordentlich ein, Niemand seufzt um Dich; man wartet nur mit Ungeduld auf die Zeit, wo Du hinausgetragen wirst. Eine Hure mehr oder weniger auf Erden – hähä – und man schüttet das Loch zu. Andere werden auf dem Kirchhofe von Eltern und Geschwistern aufgesucht – Dir aber weint Niemand eine Thräne nach; nicht eine Seele in der ganzen Welt gedenkt Deiner; es ist so, als hättest Du nie gelebt.«

Ich habe schon längst empfunden, daß es bald zu Ende ist mit Claire, und je mehr ich davon überzeugt bin, desto gefühlloser gedenke ich meinen Zweck zu erreichen … Jetzt schraube ich das bunte Lämpchen heller. Claire erhebt sich vom Bette; sie athmet schwer und zittert an ihrem ganzen jungen Körper; ihr Gesicht ist entstellt, ein halbwahnsinniges Lächeln liegt darauf und ihre Augen starren mich gedankenlos an. Ich lasse mich neben ihr nieder und fasse ihre schlanken Hände; sie kommt zu sich, wirft sich vor mir nieder, will mich umarmen und küssen; sie wagt es aber nicht und läßt den Kopf leise sinken.

Und sie spricht ihr Urtheil in den Worten: »Ich ertrag es nicht länger. Ich tödte mich.«

Das thut mir so weh, so weh – und ich besinne mich erst jetzt auf das, was ich hier angerichtet. Reue durchwühlt mich und alle meine Empfindungen hasten und wirbeln durcheinander … aber es ist zu spät.

»Claire, mein Liebchen,« flüstere ich; »zürne nicht … ich hätte nicht so gesprochen …«

Sie drückt fest meine Hände und ich schweige vor Gram. Es duldet mich nicht länger hier und ich will fliehen, denn der Tod, bleich und gebieterisch, hat sich aus dem Winkel erhoben. Groß und grinsend steht er da …

»O wie unglücklich bin ich,« seufzt sie; »mir bleibt nur der Tod …«

Nur der Tod … ich schweige lange und friere.

Nur der Tod … ja, das glaube ich ihr.

Ich mache die Geste der Hoffnungslosigkeit und blicke mich um, weil ich ahne, weil ich fühle, daß Jemand hinter mir steht … der Tod … ich sehe ihn.

Eben tönt wieder das schrille, gemeine Lachen aus dem Zimmer Berthe's; mich läßt es erschauern; auf Claire wirkt es erschütternd und bestimmend. Sie wirft sich auf das Schlafsopha und bedeckt mit den Händen ihr Gesicht.

Ich gehe an die linke Thür und rufe laut durch das Schlüsselloch: »Nun, Barneau, kommst Du mit?«

»Verfluchter Kerl« schallt es zurück; »wer heißt Dich hier meinen Namen ausposaunen«

Dann knaxt dort drinnen ein Bett und gleich darauf wird etwas an die Wand geschleudert … vielleicht ein Stuhl … alsdann nähern sich gedämpfte hastige Schritte … man geht gewiß auf Strümpfen … und Barneau schimpft durch das Schlüsselloch:

»Du Tagedieb Ist es nicht genug, daß ich Dir Geld schenke, daß Du Dich amüsieren kannst? Mußt Du mich hier noch prostituiren, Du Lümmel Du Hungerleider Du Strolch Warte nur, armseliger Gauner«.

Barneau entfernt sich und ich höre ihn noch eine Weile poltern.

Ich gehe auf und ab … auf und ab … und der Ärger macht sich in mir breit.

Plötzlich fahre ich stürmisch heraus: »Du bist an Allem schuld«

Claire fragt leise: »Ich?«

»Ja, Du«

Und ich schlage wuchtig auf den Tisch: »Ich tödte ihn noch.«

Claire ist von Entsetzen erfaßt …

»Ja, ich tödte ihn, ich tödte ihn sicher,« schreie ich. »Du weisst nicht, Claire, daß er mich nur absichtlich geärgert hat, um mich vor Dir lächerlich zu machen. Ich bin sein Knecht und – und – und –«.

Vor Wuth kann ich nicht weiter sprechen. Claire streichelt mich; sie hat so sanfte Hände; weich, wie zartes Fell.

»Beruhige Dich, beruhige Dich nur«, liebkost mich ihre Stimme. »Ich will … von hier … ganz fortgehen … etwas beginnen«, sagt sie,

Ihre Liebe und Offenherzigkeit schmerzt und ärgert mich in diesem Augenblick.

Nach einer Weile fragt sie mich leise: »Hast Du mich gehört?«

»Sag mir doch, bitte, was Du eigentlich von mir willst?« platze ich los. »Wie? Antworte Antworte Na, ich werde Dir sagen, was Du willst. Du willst wieder trauriges Zeug hören. Dann sage ich Dir jetzt, daß ich mich vorhin über Dich lustig gemacht habe, ich lache über Dich. Ja, zittere Du nur. Es rührt mich wenig … ja, ich machte mich lustig. Man hat mich beleidigt – und deshalb wollte ich beleidigen. Man hat Macht über mich gezeigt und deshalb wollte ich meine Macht zeigen … So war es, und Du hast geglaubt, ich sei gekommen, um Deine Seele zu retten? Hast Du es geglaubt? Hast Du's geglaubt? Hähä …«

Claire erblaßt; sie will etwas sagen; ihre Lippen zucken und schwer sinkt sie wieder auf's Bett zurück … Sie hört mich mit offenem Munde und offenen Augen an und bebt vor Angst. Mein Cynismus hat sie niedergedrückt.

Und meine sprudelnden Worte werden immer hitziger und unzusammenhängender:

»Erretten … Wovon denn erretten? Ich bin vielleicht noch schlimmer daran, als Du … Ich kam nicht hierher, um Moral zu predigen – – Nichts von alledem … Macht wollte ich über Jemand haben. Deine Thränen wollte ich sehen, Dich erniedrigen, verstehst Du? Mich kümmert es übrigens nicht, ob Du mich verstehst oder nicht … In der That, was geht es denn mich an, ob Du mich verstehst oder nicht …«

»Warum stehst Du nach alledem noch hier, quälst mich und gehst nicht?« fragt Claire gänzlich gebrochen … »Ich sehe ja, wie unglücklich Du bist.«

»Claire«

»Ich nehme Dir nichts übel … ich bin Dir nicht böse,« sagt sie, und streckt mir furchtsam ihre Hände entgegen, wirft sich zu mir, umfaßt meinen Kopf mit beiden Händen und schluchzt auf. Ich streichle sie liebevoll … Wir schleppen uns an das Sopha heran und fallen darauf nieder. Sie kniet verwirrt neben mir. Zitternd in ihrer vollen Schönheit, umarmt sie mich und küßt mich leidenschaftlich … Ich aber ekle mich vor ihrem Munde, weil ich weiß, daß er unrein ist und schamlos war …

»O ich liebe Dich Ich liebe Dich. O, glaube mir, ich liebe Dich,« stottert sie hervor.

»Ich sah Alles, ich errieth Alles«, sage ich ihr.

Und unendlich liebesüchtig jauchzt sie: »O Du«

Ich mache mich beschämt aus ihrer leidenschaftlichen Umarmung los und gehe in fürchterlicher Ungeduld im Zimmer hin und her; ab und zu blicke ich verstohlen nach ihr.

Sie sitzt unbeweglich auf der Erde, den Kopf auf das Sopha gesenkt, und scheint zu weinen.

Eine peinliche Pause entsteht, die ich also breche: »Das Alles ist mir unerträglich und zuwider.«

»Warum?« fragt Claire.

»Ach, warum,« antworte ich verdrießlich, »ich kann Dich nicht lieben.«

»Ich weiß es,« sagt Claire schlicht.

»Nun gut, dann weißt Du es,« poltere ich.

Es entsteht eine jähe Ruhe, die durch das Zwölfuhrschlagen der nebenan tickenden Uhr ausgefüllt wird …

Der Tod winkt mir mit seiner Hippe zu gehen und ich folge stumm.

»Es ist Zeit,« flüstere ich.

Claire zuckt zusammen, springt auf und wirft mir einen tiefen traurigen Blick zu. Ich ziehe meinen Havellock an, setze nervös meinen Hut auf und lächle wohl verwirrt. Dann lege ich so, daß Claire es nicht sieht, das Fünffrancstück Barneau's auf den Tisch und gehe …

Claire nimmt die Lampe und begleitet mich zur Thür …

Wie wir am Tod vorüberkommen, duckt er sich …

Claire läßt mich hinaus …

Unsere Blicke begegnen sich noch einmal – und nun leuchtet sie mir die steile Wendeltreppe hinunter …

Ich höre dann ihre sich immer mehr entfernenden Tritte … Unten angekommen reiße ich die Hausthür auf und schlage sie von außen zu …

Ich gehe … indes oben jetzt der Tod seine Sense schwingt …

Und ich ersticke fast vor verhaltenen Thränen.

Die Straßen von Paris sind hell. Vor den Cafés hängen die großen elektrischen Bogenlampen und schimmern wie riesige, märchenhafte Perlen .. . und der Mond glüht wie Phosphor …

Die Stadt der Qualen

Was ist es, das uns mit so mächtiger Sehnsucht in die unbekannte Ferne treibt?

Wir leben lange an einem Orte, an dem es uns leidlich wohl ergeht, und jagen dennoch einer wildfremden Stätte entgegen, wo uns nicht ein Stein bekannt ist.

Warum berechnen wir nicht vorher, daß das Schicksal uns dort, wo wir keines Menschen Theilnahme erregen, sehr viel grimmiger heimsuchen wird? Warum sind wir Alle so leichtgläubige Narren und erfreuen uns unentwegt am schillernden Glänze von Seifenblasen?

Die Hexe Hoffnung sitzt uns im Nacken und reitet uns … wir sind Alle von ihr besessen, von dieser launischen, verrätherischen, teuflischen Dirne, die unserer Eitelkeit Fallen legt; ihre liebliche Schminke täuscht uns täglich immer wieder, und immer wieder umnebelt sie unsere klaren Sinne und peitscht uns durch das widerwärtige Leben … alle sind wir Masochisten und fühlen Wonneschauer, wenn die Hoffnung uns schlägt, und wenn wir noch im Todesröcheln liegen, glauben wir an sie und halten an ihr fest; an ihr, der Teufelinne, die uns das ganze Leben hindurch stündlich gequält und getäuscht und uns die Erdenhölle heiß gemacht hat. Und alle ihre auserwählten Knechte, die Dichter, die Musiker, die Maler, die Bildhauer, die Künstler, alle sind taub und blind und hören nicht und sehen nicht, wie ihre Göttin auf dem Altare sitzt und höhnt.

Diese Dirne ist es, die uns jagt …

Und wenn wir – müde der Lasten und Leiden – uns irgendwo in einem geheimen Schlupfwinkel verkrochen haben, um dort wie ein verwundetes Thier zu sterben, – oh, diese Dirne entdeckt uns, saugt an unserer Seele und jagt uns das Blut in den Kopf. Und wir fassen abermals Muth und beginnen zu bauen auf unsicherem Grund und schwimmen auf neuen Kähnen wieder hinaus ins hohe Meer, in dem wir schon so viel begraben haben, fliehen hinaus in den Sturm, der uns schon so oft verschlagen hat …

Eines Morgens erwachte ich und blickte mich von meinem Bette aus vergebens nach einem Gegenstande um, von dem man noch – wenn auch schweren Herzens – hätte Abschied nehmen können. Aber ich hatte bereits Alles zu Althändlern getragen, was ich nur entbehren konnte und was sich nur irgendwie in Brod verwandeln ließ. Meine geringen Habseligkeiten lagen zerknüllt vor mir: ein dünnes Beinkleid, eine zerfranste Weste, ein speckiges Kammgarnröckchen und ein schäbiger Hut. Meiner Hände Finger waren mir Kamm, Schneuztuch und Bürste; der Kalk an der Wand ersetzte mir die Seife, und die Wasserleitung in der Küche wurde mein Weinkeller und meine Badeanstalt.

Und die Zuflucht der Frierenden und Hungernden, der Kranken und Müden, die Stätte, wo Geburt und Tod sich die Hände reichen, wo die höchste Lust jauchzt und der tiefste Schmerz schluchzt, mein Bett, das war eine Eierkiste, die, mit muffigem Seegras ausgefüllt, fürchterlich stank; ein schmutziges Tuch war darüber gebreitet, das mehr Löcher hatte, als Fäden. So war die Stätte, in der ich mich Nachts erholte von den zausenden Stürmen des Tages. Mein Wirth, ein schwindsüchtiger Schuster, dessen Körper krumm war, wie ein todter Arm eines alten Baumes, warf, wenn ich in meinem Brettergehäuse lag, eine Pferdedecke und einen dicken Mantel über mich und vertröstete mich auf den Tod, der mich endlich befreien würde. Ich stellte Berechnungen an, wie lange wohl ein Mensch mit meinem schwachen Brustbau, unter meinen Lebensbedingungen, widerstandsfähig bleiben könnte, und freute mich, wenn ich eine kurze Frist herausspintisirt hatte … ich hörte mich dann hüsteln, sah mich schon im Spital liegen, von den Ärzten aufgegeben, und – ein Sterbender – durfte ich nun schimpfen, wie ein Kossack.

Ach, gesegnet sei der, der den ersten Fluch ausgestoßen Welcher Sklave kennt Dich nicht, o besänftigende Gewalt des Fluchens. Der Geknechtete, der sich fluchend gleich einem Gewitter Entladen, der all den Schmutz, der sich in seiner Brust angehäuft, fluchend wieder ausbrechen kann, wird hernach lächeln, wie der Himmel, der vom Erdendunst befreite. Man erziehe die Armen zum Fluchen, wie man sie zum Beten abgerichtet hat, man gebe Alles ihrer Schimpfwuth preis, und sie werden zahm und geduldig ihren Karren des Hungers und Elends weiterschleppen.

Ich lag in meinem Sarge und grübelte über meine Nichtigkeit nach. Draußen hörte ich den Wind heulen, der das Herz beklemmte und muthlos machte …

Nun war ich in Berlin und hatte hier ebenso den Bettelstab in der Hand, wie in Paris. Aber während in Paris die Studenten zusammenhielten und die wenigen Brodkrumen miteinander theilten, und auch – ohne sich herabzuwürdigen – hausiren gehen konnten; ferner, während die Pariser Dirnen mitleidsvolle Creaturen waren und uns gute Happen zuwarfen, waren in Berlin die armen Studenten kalte, unsympathische Egoisten, die, trotzdem der Hunger ihre Gesichter lang und spitz gezogen hatte, es für eine Schande erklärten, zu hausiren; man war aus ihrer Reihe schon ausgestoßen, wenn man nur daran dachte. Und auch die Dirnen waren freche, berechnende Geldvampyre. Eine andere Menschenklasse gab es nicht, an die ich mich hätte anschließen können, und so blieb ich vereinsamt und meine Gedanken verloren sich in einer unergründlichen Leere. Unter zwei Millionen Menschen, die unter einander durch irgend ein – wenn auch noch so loses – Band immerhin verknüpft waren, war ich ein Einzelner, gleichsam ein Robinson Crusoe, immer sehnsüchtig nach Menschen ausschauend; aber immer fand ich nur Larven, Trüger und Ausbeuter. Selbst die Gescheiterten waren nicht freundschaftsfähig, nicht umarmungswürdig. Der Berliner Boden hatte ihnen den letzten Rest von Offenheit, Frohsinn und Menschlichkeit genommen; düster gingen sie umher, mit tiefen Falten in der Stirn, hinter welcher Gemeinheit brütete, Lüge und Verworfenheit. Und ich empfand eine Leere, in der mein Herz zusammenschrumpfte.

Für wen – fragte ich mich – klopft dieses unruhvolle Herz?

Aber die Einsamkeit quälte mich; ich hatte Furcht vor dem Alleinsein, und wie ein Narr ging ich endlich mit geöffneten Armen und dürstender Seele umher und suchte nach einem Wesen, das ich umarmen mochte. Und ich umarmte, wer mir entgegenkam, blindlings, zufällig, von ungefähr, ohne wissen zu wollen, ohne sehen zu wollen, ohne hören zu wollen, – nur um nicht mehr allein zu sein. Unstet, wie Pan, streifte ich umher, und liebte Alle und kannte Niemand. Und hielt Hände in meiner Hand, die mir fremd blieben, und überschüttete mit meiner Liebe Menschen, die ich nie zuvor gesehen und nie nachher gesprochen, und warf mich Menschen an die Brust, deren Hülle mir gefallen. Und immer blieb ich allein; trotz meiner Liebe gehörte Niemand mir, meine Stimme fand in keinem Herzen Widerklang und unweigerlich war ich wieder der Einsamkeit verfallen. Doppelt verlassen, tausendfach getäuscht, zwiefach haltlos, grenzenlos unglücklich lag ich nach wie vor in meiner unbequemen Eierkiste und konnte keiner Sekunde meines Athmens froh werden.

Also das war die Welt

Man wurde eines Tages von einem Weibe in die Welt geworfen; trank aus seiner Brust das martervolle, entsetzliche Leben; wuchs in einem kalten Hause heran; unter Menschen, die Einen prügelten und küßten; denen man »Du« sagte, die man aber nicht kannte; und wenn man zum Bewußtsein gekommen war und gesehen hatte, wie fremd man dastand im Hause der Erzeuger; wie Einer den Andern mit großen Augen anstarrte, als wollte er sagen: »Wer bist Du und was willst Du hier?«; wie das eigene Gehirn gar keine Gleichheit mehr fand mit dem der übrigen Nesthocker, da stürmte man hinaus, um in fernen Weiten die Menschen zu suchen, die unsere eigentlichen Brüder waren; um das Weib zu erobern, das ein Recht hatte auf unser Herz; um zu den Männern zu pilgern, die das Zeug hatten, unsere Väter zu sein, das heißt Männer, die weiser und besser waren, als wir. Aber da fand man wiederum nur Fremde und Losgelöste, die aneinander vorüberhasteten und miteinander lebten, ohne sich zu kennen; die Einem nicht die Hand reichen wollten; deren Herz in allen Kesseln der Gefühllosigkeit hart gesotten, deren Hirn zu weich war; die Einen rohmüthig und kalt zurückstießen in die pestende Eierkiste eines fremden Schusters …

Also das war die Welt …

Und es war ein solch grausamer Winter

Schnee lag und flirrte …

Der Nachtfrost zeichnete in launenhafter Kunst ganze Bündel silberschimmernder Blumen und Blattranken an die Scheiben. Der Frost beizte die Haut, durchdrang die Poren und setzte sich in die Knochen. Er verbrannte die Ohren, krümmte die Finger und färbte das Gesicht leichenblau. Er schnitt ins Fleisch und schlug Beulen. Wo war der Wurm, der im Winter fror? Sie schliefen alle im Schooße der Erde. Und die Vögel, sie konnten nach dem Süden fliegen. Die Thiere mullten sich in ihren warmen Höhlen ein. Der Mensch allein war geschaffen, daß er leide und friere.

Kohlen gab's nicht …

Nahrung fehlte …

In den Zeitungen erließ man flehentliche Aufrufe, die Spatzen nicht verhungern zu lassen; von den Menschen war die Rede nicht.

Nein, das war keine beseelte Welt; es war die Hölle selbst, in der man von Gott durch Hunger und Krankheit gequält wurde; Gott peinigte die Seelen, wie die Menschen zu Zeiten der Inquisition die Leiber gepeinigt. Und Gott gab Einem nur den Magen, damit er knurre und sich zusammenknäule, damit er dem Herzen und den Nieren das Blut aussauge, damit er die Gesichter schmal und fahl mache und nach Nahrung schreie. Der Magen war die Erfindung eines teuflischen Gottes, der sich über die Menschen lustig machen wollte, indem er ihnen ein Gehirn gab, kraft dessen sie sich erhaben dünken sollten über das Erdenall; daß sie sich zu überirdischen Geschöpfen erheben und mit den Köpfen in die Wolken des Himmels ragen sollten; ein Gehirn aber auch, das zugleich abhängig war vom Magen; von einem stinkenden Sack, angefüllt mit Säuren, vollgepropft mit Thier- und Pflanzenleichen.

Und meine Seele, die, wie man mich belehrte, göttlichen Ursprungs war, stellte Schönheitsforderungen an das Leben; ich lechzte nach Schönheit und Reinheit; Gott aber hohnlachte ob meiner Wünsche und erfüllte sie nie. Er ließ sein Scepter wuchten über meinem Haupte. Er umgab mich rings mit Häßlichkeit, in der ich litt, und er ließ mich im Schmutz versinken. Aus dem Bedürfniß, mich mit Schönheit zu umgeben, ward ich im Geiste zum Dieb und stahl alle Kunstgegenstände, deren mein Auge habhaft werden konnte, und ward zum Neider an denen, welchen der Teufel ein Leben gönnte in Reinheit und Schönheit.

Und ich saß in meinem sonnenleeren Kämmerchen und weinte bitterlich.

Wahrlich, mir blieb keine Rhede, kein Ufer offen Was sollte aus mir werden in diesem Berlin, wo ich weder Familie, noch Freunde besaß? Kein Band verknüpfte mich mit den Juden, keines mit den Christen. Und welch eine Verbindung konnte zwischen mir und den Börsenjobbern bestehen, die nach und nach zur Aristokratie des Geldes emporgestiegen waren, die Vortheil aus allen Mißgeschicken zogen, um sich zu bereichern? Sie schröpften die Armen bis auf die Knochen und herrschten vergnügt durch die Macht der Gemeinheit und durch die Tyrannei der Ruchlosigkeit. Sie vernichteten alle Intelligenz und verneinten jede Rechtschaffenheit. Die Luft war durch ihre Habgier verpestet. Sie tödteten die Kunst, indem sie die Künstler zwangen, auf den Knieen vor ihnen zu liegen, ihre Füße – die stinkenden Füße der Pferdehändler – inbrünstig zu küssen und sich ein Almosen von ihnen zu erbetteln. Und die Künstler waren verächtlich genug, im Staube zu kriechen vor diesen gemeinen Satrapen. Und die Sonne strahlte golden über der Stadt des unverschämtesten Geldgötzendienstes. Es existirte also kein Gott, der mit einem verwüstenden Sturm über diese hündischen Baalsdiener hinwegfegte; es gab also nie eine Sündfluth, sonst hätte sie sich jetzt erneuern müssen; es regnete also nie Pech und Schwefel über Sodom und Gomorrah, denn sonst hätte Gott in diese Stadt die verheerende Fackel schleudern müssen. Und Gott war also der Böse, der sich freute am Bestehen des Schlechten und Verwerflichen, der sich ergötzte an Saaten der Frevelthaten, an den Ernten der Schande. Der allgütige Gott war also der Beschützer der Hallunken und Blutsauger, der Helfer der Dummköpfe, der Vernichter des Guten und Wahren, der Bestrafer der Unschuldigen. Und Alles, Alles war das Werk des Teufels, der mit seinem Pesthauch die Welt vergiftete und den Strom des Schlammes fortfahren ließ zu fließen …

Warum half mir Gott nicht???

Da er wußte, daß meine Gedanken rein waren und meine Sinne keusch, warum half er nicht, der Allmächtige? Oder wenn meine Mutter besser war, als ich, warum half er ihr nicht? Konnte er, der die Welt aus nichts geschaffen, meine Knöpfe nicht in Gold verwandeln? Konnte er nicht einen Schurken tausend Mark verlieren und mich sie finden lassen? Aber es fiel mir der Bibelspruch ein, daß man im Schweße seines Angesichts sein Brod verzehren müsse

Und trotzdem So war es ja garnicht im Leben

Es gab Betrüger, die sich zu Millionären hinaufgeschwindelt hatten und besser lebten, als die Engel im Himmel. Sie hatten feiste Wänste, zufriedene Faungesichter und fuhren in zweispännigen Karossen mit ihren Damen spazieren. Und es gab ferner Tausende fideler Gesellen, die nichts machten, als Unsinn; die nichts thaten, als kauen und trinken und buhlen, die aber nobel gekleidet gingen und fette Brüste und gesunde Lungen hatten, weil sie einen reichen Vater oder ein Erbe hatten. Und warum sollte es gerade mir schlechter gehen, als allen Anderen? Mußte ich nicht murren?

… Aber als es immer schlimmer wurde, begann ich, mich nach Arbeit umzusehen. In einer Stadt, wie Berlin, gab es natürlicher Weise Arbeit in Fülle. Da konnte jeder Krüppel gebraucht und in irgend ein Rädergetriebe eingereiht werden.

Ich dachte nach. Aber Alles, was mir einfiel, war so geistlos und gar so öde, so öde und inhaltslos – und außerdem konnte ich es nicht.

Was konnte ich eigentlich?

Konnte ich lateinische oder griechische Stunden geben? Nein. Konnte ich Unterricht ertheilen in Mathematik? Nein. Und andere Stunden wurden nicht gesucht. Konnte ich die doppelte Buchführung? Nein. Und wenn ich etwas gekonnt hätte, zu wem sollte ich hingehen? Ich kannte Niemand. Niemanden, der Geld oder Einfluß hatte, kannte ich. Ich studirte täglich die wichtigsten Zeitungen, nachdem ich mich in eine Lesehalle hineingestohlen hatte. Nein; auch hier war nichts für mich. Es wurden Dienstmädchen und Reisende fürs Ausland gesucht. Und auch für Versicherungsagenten war Arbeit genug da. Aber für Einen von allen Wurzeln des praktischen Lebens Losgerissenen war nichts – war gar nichts da. Zwischen meiner kaufmännischen Periode und der Gegenwart lagen Jahre. Ich konnte nichts Ordentliches und fühlte mich in einer solchen Stadt als Kaufmann unmöglich. Der Hunger gab mir zwar eine dreiste Stirn und mit gefälschten Zeugnissen hätte ich behauptet, jeden Posten ausfüllen zu können; aber dann kam die hündische Angst, man würde schon am ersten Tage meinen Betrug entdecken und mich mit Schande entlassen.

Ich ging zu einem Agenten. Ob er für einen Menschen, wie mich, etwas hätte. Nein, er hätte nichts. Es sei nicht leicht, wenn ein Ochs kalben solle und er könne nicht. Wenn man keine Zeugnisse besäße und stellungslos herumbummle, sei es schwer, etwas zu finden. Es sei Alles so überlaufen. Die Concurrenz sei schrecklich groß, und man bevorzuge selbstverständlich solche Leute, die etwas von der Geschichte verstünden. Und auch unter denen entstände um einen kleinen Hausdienerposten ein Wettkampf. Adieu … So sei es

Ja, so war es.

Ich kroch wieder in mein Grab. Ich dachte gar nichts; ich saß nur muthlos da, aber diese Muthlosigkeit breitete sich über meinen ganzen Körper aus und machte meine Glieder schlaff. Mir war, als sei ich eine große Molluske, ein weichliches Geschöpf, ohne Knochen, ohne Rückgrat. Der letzte Funken von Energie war verglommen, und ich versank in ein wüstes, ermattendes Träumen. Ich durchlebte im wachen Traume eine Phase schon gelebten Lebens und wohnte der unvermeidlichen Wiederholung einer Reihe von schrecklichen Begebenheiten bei, die sich schon zugetragen hatten … Wann? … Niemand weiß es. Auch hatte ich nicht mehr mein sicheres Ichbewußtsein. Ich befand mich in einem Zustande gänzlicher seelischer Verlorenheit. Wie geheimnißvoll doch die menschlichen Nerven arbeiten …

Und als ich erwachte und zurückkehrte aus dem Nirwana, saß ich immer noch mit offenen Augen da und träumte weiter …

Ich würde ein Werk schreiben, ein Werk, das alle Welt verblüffen und aus dem Schlafe rütteln würde. Und eines Tages würde ich völlig müde und auegehungert nach Hause kommen und auf dem Tisch würde ein Brief liegen mit tausend Mark, von ein paar anonymen Zeilen einer großherzigen Dame begleitet. Und wenn das Geld zu Ende war, käme ein neuer Brief derselben Art. Man mußte bei Zeiten ausrechnen, wie man das Geld am besten aufbrauchen konnte. Vielleicht im Schultheißen essen? Nein; dort gab es nicht genug Fleisch. Vor allen Dingen mußte man viel Fleisch essen, Fleisch und ordentlich Milch und Eier. Und einmal ein Weib im Arme halten Wißt ihr, was Begierde ist, die die Seele zerklüftet, wie der Blitz die Eiche; wißt ihr, was Wollust ist, die einen erfaßt, wie der Panther seine Beute; wißt ihr, was Sehnsucht ist, die die Hände des Menschen krümmt, wie der größte Schmerz, wie die größte Verzweiflung? Auskeuchen auf einem Menschenleib Ein schönes, teuflisches, leidenschaftliches Weib Die Königin der Dirnen Man konnte es sich erlauben, einmal einen Hunderter für eine Liebesnacht springen zu lassen Und wenn die gutherzige Dame es erfahren würde, wie ich ihr Geld ausgegeben, so würde sie nicht schimpfen. Denn man war ja bloß ein Mensch. Sie würde das Alles begreifen und mir, dem Dichter des großen Werkes, würde sie Alles vergeben …

… Da klopfte es an der Thür und mein Wirth, der buckelige Schuster, trat herein und bat mich um den Thaler für die Wochenmiethe.

Morgen, sagte ich – und schwor auf morgen.

Am anderen Morgen stahl ich mich aus meiner Kabuse und irrte in den Gassen umher. Irgend Jemand wird doch irgend Etwas verloren haben in dem großen Berlin; sollte ich es nicht finden können? Man mußte nur suchen.

Das Glück lauerte mir vielleicht da oder dort auf; ich brauchte es nur anzutreffen und ich war ein gemachter Mann …

Aber es war vergeblich. Zum Überfluß begann es noch zu regnen. Und im Lokal-Anzeiger stand wieder nichts. Also wollte der liebe Gott, daß ich mich in die Spree stürze In den breitbrüstigen Fluß, der schon so Viele verschlungen Wer konnte wissen Vielleicht war das noch garnicht das Schlimmste Das war vielleicht die klügste Lösung und eine Befreiung zugleich.

Aber noch war mein Lebensmuth nicht ganz gebrochen, denn ich schauerte vor dem Gedanken an den Tod. Und wozu auch schon sterben? Wegen des bischen elenden Essens und der Miethe? Das wäre ja – nein; noch war es Zeit Warum ging es denn bisher? Es würde auch weiter gehen Die Dichter erzählten es so tausendfach; alle ihre Helden waren den dornenvollen Pfad gegangen, und hart an der Grenze des Lebens, sie standen bereits vor dem Nichtsein – siehe, da kam die wunderbare Hand Gottes und rettete sie vor dem Untergange. So würde es auch mir gehen. Gott würde die Seinen schon nähren …

Aber wer waren die Seinen? Es hungerten ja so Viele. Waren es etwa nur die Kuttenbrüder, die ihm den ganzen Tag Loblieder sangen und ihm Weihrauch darbrachten? Sie allerdings sahen nicht verhungert aus

Aber der Gedanke an die Miethe folterte mich, und ich glaubte nicht, daß es Thaler regnen würde. Sollte ich betteln? Oder sollte ich meinen armen Wirth betrügen und nicht mehr in die Eierkiste zurückkehren?

Mein Magen war leer, meine Füße waren naß und ich fror stark. In mir war gleichsam der Doppelgänger des Winters. Mittagbrot hatte ich seit mehreren Tagen nicht gegessen, und wie zum Hohne fuhren beladene Michwagen, Wagen voll Bier, Karren voll Brot an mir vorüber. Es war grausam, das zu sehen. Meine Augen blieben hängen an den Brotlaiben. Alle Menschen hatten zu essen; für mich hatte Niemand einen Bissen. Und die Delikatessenhandlungen waren voller Leute. Mit hungrigen Augen durchbohrte ich die Fensterscheiben, hinter welchen Butter, Käse, Würste, Caviar, Eier, Schinken, Weine und Liqueure, Äpfel und kostbare Birnen, Südfrüchte, Chokolade, Tauben und Hühner ausgestellt waren, und ich stöhnte vor Gier. Ich war müde. Meine Schultern schmerzten und meine Kniee wollten mich nicht mehr tragen. Mit schwerer Mühe riß ich mich los und ging, bis ich wieder vor einem Fenster stand. Ich starrte all die schönen Dinge mit fieberhaften Augen an. Da standen, wie die Grenadiere, schöne, braungebackene, frische Brote und auf einer Schnur hingen dicke, verführerische Landschinken. Der Speichel floß mir im Munde zusammen. Ich stand und starrte die Herrlichkeiten an und dachte an Paris …

Ach, nur ein bischen Essen Ein bischen Essen …

Die Wetterherren schoben die Wolken und es regnete noch immer …

Es war gar zu trostlos …

Und was sollte ich morgen anfangen?

Und übermorgen?

Wie lange konnte es so weitergehen?

Ich hatte gehört, es gebe eine Volksküche, in welcher man armen Studenten unentgeltliches Essen verabfolgte. Ein kleiner, nach Popularität schmachtender Tuchhändler war auf den Einfall gekommen, diese Volksküche zu eröffnen; er rechnete dabei auf die »bekannte Wohlthätigkeit der Berliner«, die sich – wie alle Welt – ihre Barmherzigkeit im Inseratentheil der Zeitungen gern quittiren ließen, und machte nach Abzug der Ausgaben von den eingegangenen Spenden nicht nur ein gutes Geschäft, sondern wurde auch noch als die Philantropie in persona ausposaunt. Es galt jetzt, da ich noch nicht Student war, dem Besitzer irgend etwas vorzulügen und ihn herumzubekommen. Bei dem Gedanken wurde ich froh und vergnügt und machte mich gleich auf den Weg. Aber die Füße wollten nicht recht. Ich wankte die Wallstraße entlang; sie war voller Leute, und auch auf den Neubauten saßen die Maurer und verzehrten ihr Frühstück und tranken Bier. Allen ging es so gut; nur ich war so elend. Ich ging mechanisch weiter, wie ein Uhrwerk, das seine Spannkraft noch nicht völlig aufgebraucht hat. Der Magen war leer und, gereizt von den Düften der sauren Gurken und Häringe, die aus Grünkramkellern emporstiegen, lechzte er nach Arbeit. Die Maschine war im Gange – der liebe Gott hatte sie in Gang gesetzt – und sie verlangte gebieterisch neue Nahrung. Sie wollte nicht stille stehen; aber wenn man ihren Bauch nicht füllte, stockte sie für immer und kein Meister konnte sie wieder in Bewegung setzen.

In der Alten Jakobstraße war ich am Ziel. Nun hieß es, die unterwürfige Miene eines Landstreichers aufsetzen und mit devotester Stimme betteln. Ich konnte nicht anders Ich mußte doch leben, tröstete ich meinen Stolz. Aber sofort mußte ich daran denken, wie ich gesunken war, und ich schämte mich. Das war keine ehrliche Art und Weise durch's Leben zu gehen, auf anderer Leute Rechnung und mit Hintansetzung allen Ehrgefühls. Und dennoch klomm ich die Treppe hinauf. Ach, Berlin, steinherzige Mutter, die du meine Thränen trankst, wie eilends hast du meine Hoffnungsberge abgetragen Aller Selbstachtung bar, stand ich wie ein hungriger Hund vor der Thür.

Und wenn man mich nun hinauswarf?

Ach, wenn man kein Geld hatte, war es so schwer, ein Wort aus der Kehle zu bringen. Man wurde so sonderbar muthlos.

Der Herr war nicht zu Hause; ich sollte am Nachmittag noch einmal wiederkommen.

Niedergeschlagen und hungrig wie ein Hai kam ich auf die Straße. Es brannte in meiner Brust, als ich wieder den starken, scharfen Duft von Rollmöpsen und Sauerkraut roch, und mein stolzer Kopf beugte sich vor seinem mächtigen Bezwinger, dem Bauche, und erkannte ihn als den obersten Herrn der menschlichen Maschine an. Ich wollte stehlen. Mein Stolz nagte und rumorte an mir; aber der Hunger machte raublüstern und der Magen knurrte wie ein wüthender Wolf. Dann dachte ich aber an die Polizei und wurde wieder feige. An einem Ziehbrunnen trank ich mich voll, um meinem Magen Sätte vorzutäuschen. Nach Hause durfte ich nicht; da war der Wirth mit den geldfordernden Augen. Stunde um Stunde ging ich, bis ich mich in die Gemäldegallerie verirrte, wo es warm war, und wo man die Phantasie ins gelobte Land der Kunst spazieren führen konnte. Aber dann kam der Hunger wieder polternd und schreiend heran und zerrte und sog an den Gedärmen. Und ich ging wieder auf die Straße …

Es war ein trostloser grauer Tag und meine Gedanken waren trübe wie der Himmel. Schließlich konnte ich nicht weiter. Meine Brust schmerzte vor Hunger und mir wurde schwindlig. Über meinen Augen lag ein starrer Druck. Die Uhr war zwei. Die Glockenschläge gemahnten mich an eine Kirche und die Kirche an Gott … und ich mußte lachen in meiner Pein.

Gott

Also dort oben saß er und sah, wie ich hier verging …

O, ich mußte lachen …

Es trieb mich wieder nach der Alten Jakobstraße, um zu sehen, ob der Besitzer der Volksküche schon da war. Und unterwegs betete ich für ihn zum Schöpfer:

»Gieb, barmherziger Gott, daß ihm seine Suppe und sein Filet geschmeckt hat, damit er mich in guter Laune empfange Amen«

Er war da und man ließ mich vor.

»Guten Tag?« fragte eine kleiner Dickkopf.

Ich verpustete ein wenig und richtete mich dreist empor. Aber dann plötzlich wurde ich wieder so muthlos und blöde und ein Gefühl unendlicher Trauer überkam mich. Das Bewußtsein seines Reichthums, das auf seinen fetten Wangen glänzte, hatte mich gedemüthigt und verblüfft.

Mit einschmeichelnder, unterthäniger Stimme trug ich meine Bitte vor und motivirte sie durch meine Leidensgeschichte. Ich sagte Alles, wovon ich annahm, daß es ihm gefallen könnte, und hatte das Gebahren eines feigen Hundes, der den Schwanz einkneift, wenn er vor dem Herrn steht, und der auf die gewohnten Hiebe wartet.

Er bewilligte mir auf ein Jahr einen Freitisch in der Volksküche und schenkte mir außerdem einen Thaler.

Und jauchzend verließ ich sein Bureau und neidlos sah ich alle Essenden und freudvoll sah ich die Freuden Anderer. Ich lief in das Spatenbräu und stillte meinen grimmigsten Hunger, und als ich betrunken nach Hause kam, aß ich von Neuem. Ich kaute bis meine Kinnbacken heftig schmerzten. Da wurde mir warm und froh und schläfrig zu Muth. Es legte sich wie Wolle um meine Stirn, wie milde sanfte Wolle.

Aber in meinem Kopfe hämmerte es ungesund –

Die ersten acht Tage schwamm ich in Seligkeit. Es war in der That wahr, wo die Noth am größten, da schien Gott am nächsten. Ich führte ein üppiges Leben. Ich brauchte in der Klosterstraße nur meine Freikarte vorzuzeigen und man gab mir eine Freimarke, wofür mir ein kleiner Napf voll Erbsen und ein Liliputwürstchen verabfolgt wurde; und für zwei Pfennige konnte man schon ein Brötchen dazu bekommen. Auf meiner Karte standen die gedruckten Worte: »Der Inhaber dieser Karte erhält gegen Vorzeigung eine halbe Portion ohne. (Dies »ohne« hieß: ohne Fleisch.) Diese Karte ist ein Geschenk. Bei unhöflichem Benehmen wird dem Inhaber das Geschenk entzogen.« Und auf der Freimarke stand es ebenfalls noch zwei Mal, daß die »halbe Portion ohne« ein Geschenk sei, damit man es ja nicht vergesse. Nein; man vergaß es nicht.

Das Repertoir war sehr abwechslungsreich. Es gab am Sonntag: Erbsen und ein Würstchen; am Montag: Bohnen und ein Würstchen; am Dienstag: Linsen und ein Würstchen; am Mittwoch: ein Würstchen und Erbsen; am Donnerstag: ein Würstchen und Bohnen; am Freitag: ein Würstchen und Linsen und am Sonnabend: Nudelwasser und ein Scheibchen ausgekochtes Kuhfleisch. Wer hohle Zähne hatte, dessen Papillen wurden vom Fleischgeschmack nicht weiter belästigt. Glücklich, wer eine Lupe und dazu Phantasie besaß.

Die Abendbrote blieben sich immer gleich: ein Häring und fünf Pellkartoffeln.

Das war nicht gerade lukullisch, aber schließlich, es wollte ja auch nicht mehr sein, als ein Geschenk. Die ersten Damen der Gesellschaft, sogenannte Ehrendamen, hatten sich an den Besitzer herangedrängt und ihn gebeten, uns armen Teufeln das Essen verabreichen zu dürfen; es sei so herrlich, zu geben – wenn es anderer Leute Geld kostete. Ja, es mußte in der That herrlich sein. Wenn man im seidenen Kleid, Diamanten am Finger, Brillanten am Halse, Perlen im Haar, Austern und Kapaunen im Bauche, Gefühl im Herzen, dastehen und den hungrigen Burschen mit herablassend lächelnder Miene den Erbsennapf in die gierigen Hände geben konnte, und die armen Teufel sich dann tief dankend verneigten (»Bei unhöflichem Benehmen wird dem Inhaber das Geschenk entzogen«), das mußte wunderbar sein. Man wurde dabei vor lauter Mitleid und Menschenweh so tief gerührt, und das war so nett. Man fühlte das Mitleid bis in die Augen hinauf- und bis an den Nabel hinabfluten; bis hinab an die Gegend, wo die halbverdauten Austern und der Kapaun sich im Weine wälzten.

Aber trotz all der Demüthigungen, die man täglich mit Blicken und Worten über sich ergehen lassen mußte, war es dennoch eine Erlösung gegen früher. Denn wenn ich jetzt um die Mittagsstunde vor dem lieblichen Fenster stand, durch welches das Essen hinausgereicht wurde, und wenn ich die dampfende warme Schüssel in die Hände bekam, so daß es kein Traum mehr war, sondern handgreifliche zuverlässige Thatsache, – dann fiel ich über das Essen her, wie ein reißendes Thier; machte einen Buckel wie eine Hyäne über einem aasenden Knochen, und aß, aß, schluchzte vor Vergnügen, klopfte mir vor Wollust den despotischen Magen, ließ meinen Gaumen von jedem Bissen reizen, schaute neidisch in fremde, vollere Schüsseln, liebkoste mit der Zunge den Löffel, leckte die Schüssel aus, und dies Alles recht langsam, damit die Freude recht lange währe. Und erhob ich mich von meinem Sitze, um einem anderen Hungerleider Platz zu machen, so war ich wieder eßlüstern und konnte den Abendbrothäring und den nächsten Tag, der wieder eine Schüssel Erbsen und einen halben verfaulten Häring brachte, kaum erwarten. Was man bekam, war für einen unverwöhnten Gaumen geradezu ein opulentes Mahl, und solange man noch die zwei Pfennige hatte, um sich ein Brötchen dazu kaufen zu können, konnte auch der Boden des erweitertsten Magens bedeckt werden.

Aber schließlich hatte man auch die zwei Pfennige nicht mehr. Mein letzter Heller war dahin; der mürbe Boden bröckelte unter meinen Füßen ab und mir war, als glitte ich hinab in einen dunklen, dunklen Abgrund. Die wenigen Volksküchenkameraden, die ich hatte, mieden mich wie die Pest, weil sie mir ansahen, daß meine Lippen sich nur öffnen konnten, um Geld borgen zu wollen. Ich war nicht fein. Ich beneidete die Zuhälter, die mit sattem Leibe, anständigen Kleidern und Stiefeln, die noch nicht geborsten waren, auf der Friedrichstraße spazieren gingen. Sie fragten den Teufel viel darnach, ob man sie verachtete oder nicht. Sie hatten gut zu essen; was wollte man mehr? Der Staat lockte den Armen die Sparpfennige aus der Tasche; der Finanzminister tüftelte neue Methoden aus, den Armen die letzten Groschen aus der Schublade zu zaubern; die großen Börsianer – Hallelujah – betrogen an allen Ecken und Kanten, und die Zuhälter wollte man verachten, weil sie dasselbe thaten? Mußte nicht, was dem Einen recht war, dem Anderen billig sein? Sie gingen Unter den Linden spazieren und schlugen mit ihren galanten Stöckchen sorglose Reifen. Die Welt spuckte zwar aus vor ihnen, aber sie pfiffen auf die Welt. Sie waren unabhängig und frei und brauchten wegen eines verfaulten Härings nicht in Demuth zu ersterben und nicht aus Dankbarkeit die Fußsohlen des Gönners zu küssen. Im Gegentheil Sie beherrschten noch ein Weib und prügelten es nach Herzenslust, und dafür besassen sie die Liebe des Weibes und obendrein noch Geld, wie Heu. Ja, sie besassen Liebe, und die Liebe ihrer Dirnen war genau so viel werth, wie die Liebe einer ehrsam angekuppelten Gattin. Alle Liebe war schließlich nichts Anderes, als sinnliches Einanderbegehren, und das war die Liebe der Dirnen und Zuhälter auch. Und der Unterschied, der zwischen Dirnen und legitimen Gattinnen darin bestehen sollte, daß die Dirne sich beruflich hundert anderen Männern hingab, war so groß nicht. Die Litteratur, die das Leben abspiegelte, war ja überschwemmt von Vorwürfen, in denen der Ehebruch das Leitmotiv war; und das Leben in seiner Nacktheit war noch scheußlicher und nicht so schamhaft, wie die Dichter. Fast in jedem Hause herrschte Ehebruch, und überall gab es Hausfreunde und Cousinen. Unter zehn streng kirchlich eingesegneten Ehen war mindestens eine auf dem Niveau des Zuhälterthums; nur daß dort Alles mit dem verlogenen Mäntelchen der Tugend verhüllt wurde, während die Dirnen und Zuhälter wenigstens noch den Muth ihrer Gemeinheit besassen.

Wenn ich mich im Spiegel betrachtete, in meinem Rock, der von Flecken über und über getigert war und an den Ellenbogen bereits Luftlöcher hatte; in meiner speckigen Weste, die vor Schmutz schillerte; in meinem unreinen, unbehaglichen Hemde, an welches ein rissiger gelber Gummikragen geheftet war; in meinen Beinkleidern, die, ausgefranst, an den Knieen durchgescheuert und von unerwünschten Ventilationslöchern durchsetzt, auf die schiefgelaufenen Stiefel herabfielen; in all diesen Kleidungsstücken, die meine bittere Schande nicht einmal verhüllten, sondern noch erst recht blosstellten, da beneidete ich in der That die Zuhälter und noch mehr die Dirnen, um welche die ganze Männerwelt herumtorkelte. Alle Männer waren von einem sinnlichen Rausch gepackt, hingen sich an die Unterröcke der Dirnen, und diese, als wären ihre Schenkel magnetisch, schleiften die Männer hinter sich her, Straß' auf Straß' ab, in einer wilden, gemeinen, hündischen Hatz, bis es ihnen beliebte, an einer Ecke stehen zu bleiben und über den Preis zu verhandeln. In zehn Minuten hatte solch ein Weib zwanzig Mark verdient. Ja, ich beneidete die Dirnen und fluchte dem Schicksal, das nicht ein schönes Mädchen aus mir gemacht hatte, was – wie ich erkennen mußte – immer noch der gewinnbringendste Beruf war.

In der Volksküche, an der Stätte der Verzweiflung und des ewigen Hungers, in dem Brutherde des Anarchismus, wo kein Plan gemein genug war, um nicht auch einmal auf seine Lukrativität hin geprüft zu werden, rieth man mir liebevoll, in der passiven Päderastie mein Heil zu suchen, und, wenn das nicht ginge, unter die vielbegehrten Cunnilingi zu gehen …

Warum springt das Schicksal also mit mir um, fragte ich die Sterne. Aber keine Antwort wurde mir. Ich blieb mehr allein, als früher, verkroch mich scheu in mein Loch und weinte.

Meine Kraft hungerte aus und mein Gehirn vertrocknete; meine Lungen athmeten Muttigkeit und meine Augen sahen das furchtbare Nichts.

Liebessehnsucht brennt heiß und zehrt an den Wangen, aber die Sehnsucht des Hungernden nach Eßbarem ist tausend Mal größer. Die Liebes-Sehnsucht findet in heißen Träumen ihre Auslösung, aber der Hunger frißt das Gehirn auf und vergiftet die Seele.

Nun hatte man die Woche über die schönsten Hülsenfrüchte und die gesalzensten Häringe zu verzehren und war schon zufrieden und glückselig, da fiel es dem Magen ein, zu revoltiren; er nahm die ewig gleichen Speisen nicht mehr auf. Kaum hinuntergewürgt, würgte sich Alles wieder herauf, und – adieu, ihr schönen wurmstichigen Erbsen Übelkeit im Munde und Jammer im Herzen, lag ich dann in meiner Eierkiste.

Ach, daß der Mensch auch nie zufrieden sein konnte

Ich führte mir die Bilder zu Gemüthe, die ich in der Küche des Volkes geschaut, um mich an dem tieferen Leide der Anderen zu stärken.

Da waren Greise, Menschen, die sich furchtsam zur Erde neigten, wie alte zerfallene Baracken, Baracken voller Furchen und Risse; Greise mit langen, mausgrauen und verworrenen weißen Bärten, die mit zitternden Händen die weggeworfenen Häringsköpfe auflasen, welchen sie die Augen ausbohrten, um sie zu verzehren.

Da gab es hungerschlanke Schulkinder, die, den Ranzen auf dem Buckel, mit lauernden Augen umherstanden, um auf einen barmherzigen Bettler zu warten, der einige harte Bohnen und vielleicht auch ein Wursthäutchen in seinem Napf zurückgelassen hatte.

Es erschienen vom Schnaps besiegte Lumpensammler auf der Bildfläche, die sich ein Gewerbe daraus machten, die Kartoffelkrumen, die da und dort noch in den weggeworfenen Schalen versteckt waren, herauszulutschen.

Aus all diesen faltigen Gesichtern grinste das furchtbare Elend; hinter all diesen verkümmerten Stirnen hämmerte schwer die graue Sorge.

Hunger

Hunger

Hunger

Das schrieen die Augen, die frühe verwelkten, knechtisch blickenden.

Und an der kahlen Wand, hoch über den Tischen, an denen der Mensch sich so herabwürdigte zur Laus, prangte das lächelnde Portrait des dickköpfigen Besitzers. Und über ihm stand in gemalter Schrift: Gott speist die Seinen

Er also, der Besitzer, war der Gott

Er, von dem das Geschenk stammte

Ja, er war Gott.

Ein Sclave hatte ihn in einem Gedicht angebetet und dieses Gedicht, ein Schandmal der menschlichen Niedertracht, hing eingerahmt unter einer Glasscheibe unter dem Bilde des Besitzers.

Da konnte es Jeder schwarz auf weiß lesen, daß der Besitzer Gott war. Nein, daß er mehr war. Der liebe Gott kümmerte sich gar nicht um uns. Aber er, der Besitzer, nahm sich allen hergelaufenen Gesindels an, fragte kaum nach Nam und Art und speiste es. War das nun göttlich oder nicht? …

Aber es kommt ein Moment, wo der Ekel das Übergewicht erhält, wo man es müde wird, unaufhörlich im Schmutz zu waten, – und angewidert bis zum Halse, lag ich mehrere Tage zu Hause und lebte von Wasser und Brot und einer Gurke. Wenn dann die Apathie herankroch und das Herz stumpf machte gegen die Qual, das Gehirn am Denken hinderte und die Glieder lähmte, schien ich mir beneidenswerth. Aber daß das Kainszeichen, das der Hunger mir aufgedrückt, ewig auf meiner Stirn zu lesen sein werde, das vergaß ich auch in solchen Stunden nicht.

In diesen Tagen schrieb ich mein zweites und mein drittes Werk …

Wie lange werde ich noch den Karren der Sclaverei ziehen und wie lange noch athmen in dieser aufreizenden Unreinheit des Elends, fragte ich die Wolken. Und leise hoffte ich, der Becher meiner Qualen sei schon voll. Aber ich irrte mich.

Monde der Täuschung wurden mir noch zu Theil, Nächte der Mühsal wurden mir zugezählt und kummerbeladen erharrte ich oft den dämmernden Morgen. Meine Tage, flüchtiger als Weberschifflein, schwanden dahin in Pein und Noth, und der Abend fand mich ohne Hoffnung auf meinem Lager. Einem Hauch glich mein freudeleeres Leben, einem Hauch, der verweht und erstirbt. Und ich wandelte müden Schrittes, der Unruh voll, den Pfad, den ich nicht wiederkehre …

Und Glück … was ist es?

Ich kannte es nicht und mein Herz hat es nie empfunden …

Die Teufel

Ich war in den Jahren, in denen man sich noch einen Gott erkämpft, in denen man vom menschlichen Verstande und dem, was er hervorgebracht, noch Gewinn erhofft.

Aber wenn man Gott sucht, fällt man immer dem Teufel in die Klauen. Es giebt also gar keinen Gott Oder doch einen seltsamen Kauz von einem Gott, der uns, wenn wir nach seiner Erleuchtung gieren, erst zum Teufel schickt; einen berechnenden Gott, der uns erst durch das tausendgestaltige Böse schleift, um die Sehnsucht nach dem Guten in uns mit elementarer Macht zu entfachen.

Wo ist es aber, das Gute? Schläft es in meinem Herzen? Ist es das Weh, das ich empfinde, ob meiner Unzulänglichkeit? Der Schmerz, daß ich mich Wurm weiß? Und um so mehr Wurm, je lauter meine Seele nach dem Guten schreit?

Ich verlangte Gott, aber er schwieg. Ich rief, aber mir ward keine Antwort. Er ließ mich erkennen, daß Alles, Alles eitel ist, und daß mir besser wäre, ich lebte nie. Und wer auch strebend sich bemühte, nie wurde er erlöst; die Engel sangen es nur dem Faust – in der Dichtung. Aber in Wirklichkeit sangen sie es nie, sonst hätten sie mir es zum Troste gesungen. Und Engel gab es nicht, –- der Mensch erst, der Wurm, erträumte sie.

Und man stand am Kreuzwege und fragte: wer bin ich? Und was ist meines Seins Geheimniß?

Man sagte mir, ich würde das in der Wissenschaft erfahren. Die Anatomie, Physiologie, Pathologie, Psychiatrie würde wohl im Stande sein, mir ein vollkommenes Bild meiner physischen Wesenheit zu geben. Begriff ich diese, so würde sich wohl auch der Schlüssel finden zum Mysterium der Seele und der Pfad zum Palaste Gottes …

Aber noch hatte ich keine Rechte, den weisen Worten der greisen Forscher zu lauschen. Das Recht, sich erleuchten zu lassen, stand nur dem zu, der von der Schule, jener Kaserne, in der man irgend Einer unter dreihundert Anderen war, einen Fetzen Papier mit auf den Lebensweg bekommen hatte, auf welchem es schwarz auf weiß stehen mußte, daß man im Betragen gut und im Fleiß hinlänglich war. Man mußte auch – und das war wohl das Wichtigste – dieses Recht bezahlen. Und ich hatte weder Geld, noch Zeugnisse. Indes, mein Verstand sagte mir, daß das Geld das Bedeutendere war, und ich begann ein paar reich gewordene Wucherer mit Bettelbriefen zu bewerfen. So kostete mich jeder Schritt vorwärts neue Demüthigungen und Selbsterniedrigungen. Die Wucherer, an Gesuche solcher Art gewöhnt, antworteten aber nicht. Ihre Mißachtung schreckte mich jedoch keineswegs; ich ging hin zu ihnen. Ihre Lakaien warfen mich hinaus; ich ging zu anderen; zu den reichen Dichtern, den vermögenden Ghettoschilderern … Dort hohnlachte man meiner und erzählte mir, wie schön es sei, sich durch eigene Kraft fortzuhelfen. Man hielt mir mit Mataphern geschmückte und mit Citaten parfümirte Reden und erinnerte mich, als ich ging, an das Voltaire'sche Wort: Lerne leiden, ohne zu klagen. Und ich klagte nicht mehr. Ich ging hin und schrieb Adressen und erschrieb mir das Geld, das ich benöthigte. Nun fehlte noch das Zeugniß; denn einen Menschen wie mich, der nichts weiter war, als ungelesener Dichter und Adressenschreiber, wollte man nicht zum vir juvenis ornatissimus erheben. Man lehnte mein Gesuch um Aufnahme in die Universität ab, und ich stand wieder rathlos in den Straßen Berlins.

Das Unglück hüllte mich ein wie eine Staubwolke.

Ach, wer einmal unten war, den ließ man nicht zur Höhe steigen, und wenn das Wollen auch die Brust zersprengte und das Herz nach Thaten brannte und die Seele nach Belehrung, so ließen sie Einen eher zu Grunde gehen, als daß sie die Spannkraft des Willens auslösen halfen.

Ach, ich sehne mich nach Größe, rief ich. Und die Antwort war: verrecke

Der Gram fraß an meiner Leber und ich betrank mich. Und erst als ich den letzten Pfennig verlumpt hatte, kam ich zur Besinnung. Und tiefe Schande packte mich und ich spie aus vor mir. Dann aber, kraft meines großen Zornes, nahm ich den Kampf von Neuem auf. Und ich arbeitete … emsig und lange … ich fraß die Bücher und stopfte Gutes und Schlechtes in meinen Kopf … Tag und Nacht … Nacht und Tag … und am Ende siegte ich, borgte mir von armen Schluckern Geld und konnte nun die Universität beziehen.

Sie hatte etwas Einschnürendes, Niederdrückendes für mich; es schien mir ein unheimliches Institut, ein Keller voll alter Wissensschläuche.

Ich begann die Anatomie zu besuchen. Und ein Grausen, wie ich's noch nie gefühlt, durchlief mich. Auf jedem Tische lagen Leichname. Der Sturm des Lebens hatte ihre Seelen vor der Zeit in den Orkus hinabgerissen, und hier lagen sie, wie das Schlachtvieh, und ihre skalpirten Köpfe, in denen gestern noch Gedanken lebten und Wünsche, wurden heute schon zersägt. Graubärte und Säuglinge, scheußliche Weiber und junge Mädchen lagen da, und sie alle pesteten, daß man nicht aufzuathmen vermochte. Und brausblüthige Studenten ringsum, die schnitten und schabten, bohrten und brannten, zwickten und zupften, sägten und klopften. Die meisten rauchten und aßen, waren übermüthig und erzählten sich häßliche Scherze. Sie steckten den Leichen brennende Zigarretten in den After, klatschten den weiblichen Leichen, in einem von Geilheit und Ekel gepaarten Gefühle, auf das dicke Fleisch und begingen noch andere Scheußlichkeiten, deren Erinnerung die Brechlust in mir erregt. Sie standen an der Wasserleitung und reinigten die Därme, nahmen sie an den Mund und bliesen den Koth aus. Und je ekelvoller die Arbeit war, die sie verrichteten, desto größer war ihr Stolz und desto niedriger wurden ihre Witze. Eine Lawine von zotigen Reden wälzte sich über mich. Nur die, die eben vom Gymnasium gekommen waren, die Füchse, hatten einen Abscheu vor der Anatomie. Sie rauchten aus kurzen Matrosenpfeifen, weil Alle rauchten, und saßen mit einem unbeschreiblich dummen Gesicht vor einem Frauenfuß oder einem Männerschenkel. »Was soll man damit beginnen?« sprachen diese Gesichter, in deren Zügen sich Neugier und Unlust, Ernst und Unsicherheit, Imbecillismus und Furcht, Fieber und Wollust, Ekel und Freude, Scheu und Gemeinheit zu einem merkwürdigen Spiele mischten. Aber im Grunde interessirte sie an den Leichnamen nichts anderes, als die Anordnung und die Gestalt der Organe, und wenn sie wußten, wie der nervus vidianus oder der nervus petrosus superficialis minor verlief, fühlten sie sich Götter – die dummen Teufel.

Ich aber – was suchte ich mit meiner Lanzette in diesen Kadavern?

Gestern noch lebten sie, hofften sie – heute waren es unkenntliche, übelriechende Fleischklumpen … Die Seele war nicht mehr in ihnen … wo war sie hingeflogen?

Nein; die Anatomie sagte mir nichts über Gott und über die Seele nichts, und ich stand wieder an meinem Ausgangspunkte: wer bin ich? Und was ist meines Seins Geheimniß?

Die Physiologie stellte weniger brutale und weniger unästhetische Forderungen an den Wissensdurstigen. Man bewies hier seine Behauptungen an Laubfröschen oder an Kaninchen, Meerschweinchen und Hunden, die man, nachdem man sie auseinandergeschnitten, wieder zusammennähte und weiter leben ließ, um sie im nächsten Semester wieder zu zerschneiden. So war einmal die exakte Forschungsmethode. Was man behauptete, wollte man auch durch den untrüglichen Augenschein beweisen. Man sollte nur das glauben, was man sah. Hier war nichts Spekulatives, Transcendentes; nichts, was man nicht mit allen fünf Sinnen erfassen konnte.

Alles wurde auf die natürlichste Weise erklärt, alles wurde seiner Mysterien entkleidet.

Man hatte z. B. in der Künstlerseele einen sehr engen Zusammenhang zwischen der Sinnenlust und Schaffenskraft gefunden; man hatte gefunden, daß die Sinnlichkeit die schöpferische Bedingung der geistigen Entwicklung war. Wem die Mannbarkeit fehlte, der war der treibenden Lebensmacht bar; dem fehlte das große Feuer, die hohe Gluth, in der die unsterblichen Werke geboren wurden. Und hier, im physiologischen Institut erfuhr man, daß man sich in der Apotheke Pastillen kaufen konnte, die diese Flammen anfachten und stärkten. Solange man liebeskräftig war, war man auch lebenskräftig; man konnte sich also jenes himmlische Feuer, jene schöpferische Wollust für ein paar Dreier kaufen –

Und Genie? Was war das? … Wenn die Thyreoidea, die Schilddrüse, sich zum Kropfe auswuchs, wurde man ein Cretin, und wer ein Cretin war, dem mußte man nur den Saft der Drüse, Thyrojodin einspritzen, und man wurde gescheit. ..

Selbst das beste Gehirn produzirte keine harmonischen Gedanken, wenn man an Verstopfung litt; trank man aber Ricinusöl – siehe da waren die Gedanken wieder gesund. Übrigens gab es nichts Ungesunderes, als das Denken; die Menschen gingen daran zu Grunde, wie an irgend einer anderen Krankheit.

Und was war Stimmung, – jener erhöhte Zustand der Seele, in dem man Unsterbliches schuf? … Wenn man durch Opium, Haschisch, Thee, Kaffee, Wein oder andere Stimulantia ein gewisses künstliches Fieber in sich erzeugte, hatte man Stimmung. Und wenn man, von seiner Emotion getrieben, hinausrannte in die kalte Nacht und sich einen Schnupfen holte, war die Stimmung zum Teufel …

Unter dem Himmel gab es für mich nichts Heiligeres, als die physische Liebe und nichts Schöneres, als den menschlichen Körper. Und was war die Liebe? … Wenn man die Nerven der Geschlechtstheile mechanisch reizte, wurde eine sensible Erregung des Lendenmarks verursacht, die durch einen Samenerguß ihre Auslösung fand … Das war die Liebe. Sie war das Ringen des Spermatozoen, das Ei eines auserwählten Ovariums zu befruchten.

Die Seele aber? … Über die Seele lachte man.

Und Gott? … Der gehörte nicht in die Physiologie. Hier wurden nur die Funktionen und die Veränderungen der Organe gezeigt – und nicht erklärt. Gott wurde im Auditorium nebenan untersucht, bei den Philosophen. –

Vielleicht gab mir die Psychiatrie Auskunft? Nein … man führte nur Irrsinnige vor, traurige Trümmer menschlicher Größe, die sich einbildeten, Könige zu sein oder Raubthiere, die das perpetuum mobile erfunden hatten und mit dem heiligen Sebastian persönlich Zwiesprach hielten.

Sie hörten die Erzengel singen … Das hieß: sie hatten Halluzinationen. Sie waren Säufer oder Morphinisten; durch den Alkohol oder durch das Gift waren ihre Ohrnerven irgendwie gestört worden … Das war die Ursache, weshalb sie die Erzengel singen hörten.

In ihrer Verzückung fühlten sie sich Könige … Wieso? Sie waren epileptisch; dieses und jenes Gehirnpartikelchen war krank und deshalb glaubten sie an ihr Königthum.

Sie wollten in übergewaltigem Haß den Himmel einreißen. Diese nannte man Tobsüchtige. Während der Arbeit waren sie vom Dache oder vom Gerüst gestürzt oder ein Stein war ihnen auf den Kopf gefallen; sie hatten eine Gehirnerschütterung erlitten, und so war die Kraft in sie gekommen, den Himmel einzureißen.

Sie waren traurig und stumm, unendlich traurig, als ob ihre Seele tiefstes Leid litte. Dies waren die Blödsinnigen. Irgend ein Theil des Gehirns war erweicht oder verkalkt und deshalb war ihr Mund geschlossen und deshalb weinten sie.

Die Studenten aber lachten; brüllten, wenn ein solcher Mensch, in dem eine kranke Seele lebte, etwas sagte, was sie nicht begriffen.

Welch ein Recht hatte man, zu lachen? Vielleicht waren die bewunderten Großthaten Napoleons nichts Anderes, als im epileptischen Vorzustand begangene Verbrechen? Vielleicht war das Auge Dostojewskis nur dann hellseherisch, wenn es in die Verzückung der Epilepsie sank? … Auch die kostbare Perle verdankte man nur der kranken Auster.

Und all diese hundert Krankheitserscheinungen, sie bezeugten in schrecklicher Weise die Elendigkeit und Hülflosigkeit des menschlichen Daseins – aber was erklärten sie? …

Die Pathologie hatte durch Virchow ihre große Reform erfahren. Der Mensch entwuchs der Zelle; er war die Summe unzählbarer differenzirter Zellen, und Krankheiten waren also nichts Anderes, als organische Veränderungen der Zellen – was aber erklärte mir das? Und was war hinter den Zellen?

In der Psychologie sprach man über alles, nur über die Seele nicht und über das Räthsel des Lebens nicht. An der Hand von Maschinen, von geistreich konstruirtem Spielzeug, bewies man, wie weit die Kraft der Sinne reichte, sprach vom Farbenhören und Tönesehen, konstatirte in einem leicht skeptischen Tone alle die wundersamen Erfolge des Hypnotismus, ohne sie zu erklären, sprach von Ätherseele und Thierseele, von Verbrecherseele und Genieseele, von Kinderseele und Greisenseele; jedes zweite Wort war: Seele – und am Ende war man so gescheit, wie zuvor. Man pfuschte ein bischen im Gebiete der Gehirn-anatomie und -pathologie herum, um sich den Anstrich exakter Wissenschaftlichkeit zu geben, – was aber jenseits der mikroscopischen Sehweite lag, ward auch hier mit Schweigen übergangen. Die Philosophen erzählten, je nach dem Grade ihrer Verworrenheit und Begrenztheit abgestuft, mehr oder weniger ungeschickt, was die Denker aller Zeiten gedacht und gewollt. Bei diesen Professoren wurde alles zu dürren Abstraktionen, was ehedem Lebensfülle gehabt hatte. Die Gedanken, die ehedem der Abglanz eines reichen Lebens waren, kamen hier wieder als vermoderte Mumien zur Welt. Wozu hatte man diese Lehrstühle errichtet, fragte ich mich. Wer die Anschauungen der großen Philosophen kennen lernen wollte, konnte sie ja im Original lesen. Die Bücher der Denker wurden doch keineswegs verständlicher, wenn sie irgend ein beschränkter Compilator schlecht und willkürlich interpretirte. In diesem Hörsaal sprach man begeistert von der Darwinschen Theorie und im Auditorium nebenan nannte man Darwin einen Affen; hier erklärte man Spinoza für einen Taschenspieler, dort pries man ihn als den größten, selbstlosesten und reinsten aller Denker; hier predigte ein Professor der Philosophie Gottesfurcht und Evangelismus, dort vertheidigte man den Atheismus.

Welch einen Sinn hatten alle diese zu konfusen Sätzen zusammengeschweißten Worte?

Und Worte, überall Worte … und nur soviel ahnte man aus alledem heraus: Keiner hatte noch je das Räthsel des Lebens gelöst; noch Keiner kannte den Urgrund aller Dinge … In den Hörsälen ringsum dozirten sie, verfochten, demonstrirten, begründeten und bewiesen mit heiligem Ernst das reine Nichts.

Und was wollte nun Nietzsche mit der Umwertung aller Werthe? Wozu neue Werthe, die zu keinem Ende führten? War es nicht richtiger, anstatt die Umwerthung der Werthe zu proklamieren, die ENTWERTHUNG aller Werthe auszurufen? –

Denn welch einen Sinn hatte das ganze Leben? … Man erhob sich jeden Tag aus demselben Bette und durchlief die ganze langweilige Reihe der täglichen Verrichtungen. Man wusch sich, kleidete sich an und ging denselben Weg, den man gestern und vorgestern gegangen war und morgen und übermorgen zu gehen hatte; begegnete denselben langweiligen, dummen, interessenlosen Gesichtern; derselbe Himmel höhnte über Einem, die Sonne stand um dieselbe Stunde über demselben grauen Haus, in dem die Menschen von gestern und ehedem die gleichen, zum Überdruß bekannten Bewegungen ausführten, und Alles Alles Alles wiederholte sich mit mathematischer Genauigkeit, und eines Tages, als man in den Spiegel schaute, war man runzlig geworden und grau. Und blickte man nun hinter sich, da sah man ein Leben so voll grausenhafter Eintönigkeit, und vor sich das Grab, in dem man nun schlafen sollte zweihundert Jahr, bis man zu Erde geworden war, die von der Pflanze verehrt wird; zum Thier, das die Pflanze frißt; zum Menschen, welcher das Thier frißt … und sie begann wieder von vorn, dieselbe entsetzliche, erbarmungslose Einerleiheit … waschen – kleiden – kauen – denken – sterben –

Welch einen Sinn hatte das?

Die Professoren der Geschichte waren mir ganz und gar ein Räthsel.

Sie lächelten zivilisirt hochmüthig über die wilden Menschenfresser, die ihre Besiegten verschmausten, während sie mit hochbrüstigem, hochmüthigem Pathos von den wackeren Kriegern sprachen, die einander tödteten, nur um zu tödten. Wer recht Vielen den Schädel gespalten hatte, war ein tapferer Held, dessen Haupt man mit unschuldigem Eichenlaub krönte, dem man im Namen des Vaterlandes Medaillen [verlieh.]

Ich schüttelte mich vor Ekel und Staunen ob dieser Lobpreisung des Blutteufels.

Wer ist es, dieses schändliche Vaterland, fragte ich, das seine eigenen Kinder frißt; das den Müttern die zwei Jahrzehnte lang innig geliebten mit tausend Mühen und tausend Sorgen auferzogenen Söhne von der Seite reißt und zu Kanonenfutter verwandelt, zu stinkenden großen Haufen Aases; das Vaterland, das theure, das uns zwingt, möglichst vielen Familienvätern mit sicheren Kugeln die Eingeweide aus den gesunden Leibern zu reißen? Und warum? Weil sie meine Sprache nicht sprechen, weil das barbarische Vaterland seinen Bauch weiten will, sich breit machen will, dem Vaterland des Anderen Schmach anthun will. Der einzelne Mord war ein Verbrechen; aber der Massenmord wurde bejubelt und in allen Werken als eine Großthat gepriesen. Seltsame Logik Seltsamer Gott, der sich zum Protektor der Massenmörder ernennen ließ, zu dem man beten durfte, daß er den Massenmord gelingen lassen möge.

Der Mord des Einzelnen konnte in Wahnsinn, in Verzweiflung, in Hunger begangen sein – welche Entschuldigung aber hatten die Massenmörder für sich? Stehlen im Kleinen wurde schwer bestraft, und Plündern im großen Stile war erlaubt

Welch eine sonderbare Gerechtigkeit war das

Das also war das Vaterland Es mußte zu seiner Erhaltung die übrigen Vaterländer stets mit dem Kriege bedrohen; mußte immerwährend auf der Lauer liegen und den günstigen Augenblick erwarten, wo es in seinem Heißhunger das Territorium des Nächsten verschlingen konnte; mußte jederzeit bereit sein, eine halbe Million junger, rüstiger Menschen – die Hoffnung bejahrter Mütter und arbeitsunfähiger Greise – mußte Gatten und Söhne, die schaffen und nützlich sein konnten, den Schafen und Schweinen gleich machen, sie auf den großen Schlachthof führen, den man das »Feld der Ehre« nannte; dieses prächtige blutbesudelte Feld der Ehre, auf dem es galt, mit Pulvermengen, die das Volk mit schwer erarbeiteten Millionen bezahlt hatte, Dörfer in Brand zu setzen, blühende Städte zu verwüsten, Äcker zu zerstampfen, Brotfelder niederzutreten und sie zu besäen mit zermalmten Gliedmaßen und verstümmelten Kadavern. Welch ein herrliches Feld der Ehre, wo die Loosung lautete: Weiber zu schänden, unsägliches Elend und Seuchen zu verbreiten.

Und mit Freuden zitirten die Geschichtsgelehrten den Satz Moltkes, daß der Krieg zu den geheiligten Gesetzen der Weltordnung gehöre und eine wirklich göttliche Einrichtung sei.

Dann also war Gott der Teufel, der nie das Gute wollte, und die Menschen, seine Knechte, waren die kleinen Teufelchen, die Unheil schufen und Plage.

Wer aber war ich?

Denn anders, ach ganz anders dachte ich. Welch eine Macht hatte mir diese Seele eingehaucht, die so verschieden war von den Seelen der Menschen?

Vielleicht wußten es die Theologen? …

Als ich noch ein Knabe war, haßte ich sie. Mein Haß war instinktiv, denn ich kannte noch nicht ihre Gemeingefährlichkeit. Ich hätte sie alle verbrennen können. Ich sah in ihnen die Vertreter der Dummheit und des Aberglaubens, des Fanatismus und der Heuchelei; aber nunmehr hatte ich auch dieses Vorurtheil abgestreift. Die theologischen Studenten waren bemitleidenswürdige Geschöpfe, die eine gar traurige Rolle spielten; eine Rolle, die mich an meine Schulzeit erinnerte. Von 9–10 gab es einen Gott und er hatte einen Sohn; von 10–11 gab es keinen Gott und Jesus von Nazareth war der Sohn des Römerhauptmanns Josephus von Pandera und der bethlehemitischen Jüdin Mirjam. Täglich mußten die armen Studenten hundert Mal meineidig werden, täglich sich tausend Mal mit zwei einander entgegengesetzten Weltanschauungen abfinden.

Noch schlimmer waren die Professoren daran, alle die armen kleinen Teufel, die vergeblich herumdeuteten an der großen dunklen Macht, die uns ins Leben geschleudert hat. Sie wagten sich nicht ins Weite, konnten nirgends den Zusammenhang der Dinge aufzeigen, weil sie nur elendes Stückwerk beherrschten. Sie beluden ihr enges Gehirn, in dem der göttliche Funke nicht brannte, mit Kleinkram, und wenn sie ihren Specialbeschäftigungen nachgingen, hielten sie sich für gründlich, wissenschaftlich, exakt – und der Teufel weiß, was. Sie ritten auf den angelsächsischen Wortverschiebungen herum und nannten es Sprachwissenschaft, oder sie erzählten zum hundertsten Male die Gräuel der Kriege und nannten es Geschichtswissenschaft, oder sie beschrieben den linken Hinterfuß einer Motte und nannten es Zoologie. Was dahinter lag war das Chaos. Von den Millionen Formen des Lebens kannte Jeder nur den winzigen Bruchtheil einer einzigen. Ein Quadratmillimeter war das Reich, das sie bebauten. Und hier sollte der Student weiter ackern Aber wie konnte dem Schüler ein organisches Bild erwachsen, wenn er hier etwas aufgriff und dort etwas, was ihm der Lehrer aus mikroscopischer Kleinarbeit darbot. Ach, der Weg vom gothischen Alphabet zum angelsächsischen war gar so weit Und kannte man beide, so kannte man im Grunde genommen doch einen Quark; es erklärte noch nicht einmal die Existenz der Milbe. Und gar das stecknadelkopfgroße Ei, aus dem sich ein Moses, ein Shakespeare, ein Goethe, ein Beethoven entwickelt hatte Flacher Historismus überall Trockene Akten an Stelle von Analysen Und Zahlen wie Sand am Ufer des Meeres – nur nicht so nützlich Und tote unzuverlässige Zettel an Stelle der Intuition Und tausend Meinungen, nur keine eigene

Der Lernbegierige, den faustischer Drang trieb, irrte unstät umher, von einer Vorlesung in die andere, zersplitterte seine Kräfte, nicht weil er Alles wissen wollte, sondern weil er von Wenigem ein einheitliches Bild zu gewinnen suchte. Aber in dem Stimmengesurre des Wissenschaftszerfalls beanspruchte jeder einzelne Profax die Souveränität. Der Eine sagte »Ja«, der Andere »Nein«, und Beide forderten unbedingten Glauben und Hingabe, und Keinem konnte man trauen. Der Geist ermüdete bald, ohne überlastet zu sein.

Und dann pochte das Leben plötzlich mit seinen Klauen an, und erinnerte Einen daran, daß man sich schnell für einen Beruf entschließe. Das trieb zu neuer, wilder Hast … Und nirgends Ankergrund und nirgends Rettung Oh, was waren das doch für Lehrer Liliputanische Geister, streberische Compilatoren, Menschen, die inwendig im Leibe grau angestrichen waren und hölzerne Gedanken hatten, blinde Hühner, die dann und wann ein Körnchen fanden, geistlose Schwätzer; im Ganzen eine gelahrte Clique, die einen Jüngeren nicht aufkommen ließ oder doch nur dann, wenn er ihre Töchter heirathete oder ihnen Bücher widmete oder vor ihnen auf dem Bauche lag. Gewiß, es gab auch manche, die ihre eigenen Wege gingen und die abseits der Heerstraße Großes und Stilles schufen, – aber hier war es wie überall. Sie waren Einsame, Unverstandene, von ihren Collegen Verachtete.

Und die Universitäten waren nichts als große Fabriken, wo man Doctoren machte; ob man etwas verstund oder nicht – für dreihundert Mark wurde man Doctor, wenn man drei bis fünf Jahre lang die Bank gedrückt hatte. Man mußte dann im Frackanzug den feierlichen Meineid leisten, daß man der Wissenschaft allezeit treu dienen wolle – dann konnte man ins Leben hinaus …

– Ich war voll bis zum Halse mit diesen Universitätsstudien, die aus der Tiefe gelehrter Dunggruben stammten. Aber Niemand wußte mir ein Brechmittel, all diesen eingebläuten, einstudierten Plunder, diesen Aufkläricht, all diese Lügen und Tollheiten von mir zu geben.

Meine Gedanken zigeunerten umher und ich begriff den Sinn des Lebens noch weniger, denn ehedem.

Und Gott hatte sich mir noch immer nicht offenbart. Vielleicht war die Universität gar nicht der Ort, wo man ihn suchen mußte; vielleicht fand man ihn gar in der Kirche? Es gehörte vielleicht nur die Einfalt des Herzens dazu, ihn zu schauen. Einstmals sah ihn eine pharaonische Magd – vielleicht zeigte er sich mir dort in den Tempeln, die man ihm errichtet hatte …

Nein … dort saßen entstellte Menschen auf Holzbänken, die husteten und spuckten, die hin- und wiedergingen, mit den Füßen scharrten und johlten. In ihren Gesichtern spiegelte sich die ewige, weltumfassende, unzerstörbare und vollkommene Dummheit. Sie trugen fromme Lieder auf den Lippen und Haß im Herzen und schienen gekommen zu sein, um von Gott zu Ungunsten ihres Nächsten etwas zu erflehen.

Gefällt Dir das, Gott im Himmel? fragte ich, Denn ein Schurke wäre ich, wenn es mir gefiele

Ach, nein sie beteten zu einem anderen Gott, zu einem philisterhaften Gott mit Anwandlungen von jesuitischem Zorn und tyrannischer Rache; zu dem Gott einer fanatischen Partei; zu einem Gott, der alle ihre Privatklagen anhörte und notirte; zu einem Gott, der Schutzmann, Pfaff, Richter und Krämer war. Sie beteten zu einem Stein und sprachen: Du bist mein Erlöser Und knieten vor einem Stück Holz und sangen: Vergieb mir meine Sünden Ein schmeerbäuchiger Pfaff ließ an dem Gott der feindlichen Partei kein gutes Haar, und er speiste die, so gekommen waren, um Gotteswort zu hören, mit hundertjährigen Phrasen. Ach, ich verstand es. Es war ja sein Beruf; er wurde ja dafür bezahlt.

Nun hatte ich nur noch einen Zufluchtsort: Die Kunst. In ihrem Bereich war doch gewiß Alles göttlich und lauter. Aus den Werken der Künstler sprach gewiß der Ewige. In herrlichen Visionen offenbarte er sich ihnen und durch ihren Mund verkündete er sich dem Volke. Das Theater also war die Kirche, wo man hinpilgern mußte, wenn man das Wort Gottes vernehmen wollte.

Aber das kostete Geld …

Schließlich ließ man den Leib hungern, um die Seele sättigen zu können, und betrat ehrfürchtig und scheu die Stätte der Poesie.

Und als ich es sah, stieg mir das Blut wie Dampf zu Kopfe. Das also war der Tempel der Kunst: eine Anstalt, in welcher Banquiers mit ihren Kebsweibern kokettirten und Dirnen reiche Böcke suchten, in der der Börsianer sich mit Behagen über die Kurse auslassen konnte und wo der Bourgeois die Diamanten seiner Frau und die Hängebusen seiner blutarmen Tochter zeigte; eine Anstalt, in welcher es wie in einem Friseurladen stank, in welcher die Zote mehr Resonnanz fand, als das starke Wort eines prophetischen Geistes; eine Anstalt kurzum, in der das Wort des Dichters verhallte. Die Akustik war gut, aber die Ohren waren taub für das ekstatische Wort. Die Verständnißlosigkeit hatte hier ihr Heim. Und deshalb kamen meist feile Dichterlinge zum Wort, die der Plebs schmeichelten und sich den Launen der Bezahler fügten. Die Leiter der Kunsttempel, die Oberpriester, waren Mammonisten, raffinirte Geldspekulanten, und ihre Sclaven, die Dichter, nicht minder. Sie suchten hier Geld und Ruhm einzuheimsen, aber sie erhoben mich nicht über meines Daseins Öde. Sie schnitzelten für jeden Winter ein Stücklein zurecht, und die Kraft, die sie dazu anspornte, war das Geld. Sie geißelten wohl auch ihre Bezahler, aber nicht allzuheftig, so daß es immer noch Geld einbrachte. Und nach ihrem Reichthum bemaß man ihren Ruhm. Darum wurden sie gar traurig, wenn der Menge ein Stücklein einmal nicht gefiel. Die Großen aber und Eigenen, die Stolzen und Tiefen, die Gotterleuchteten, – sie kannte man nicht oder doch erst, wenn sie gestorben waren; in der Zeit der Apotheose des gemeinen Drecks nagten sie am Hungerlinnen, bis die zermalmenden Räder des Elends sie erlösten.

Und die Wärter der Kunst, die Kritiker, das waren Heuchler, Speichellecker, Dummköpfe und Feiglinge – jeder widerwärtig in seiner Art. Fahr hin, du Glaube an die Untrüglichkeit der gefürchteten litterarischen Tribunale Nur Wenige, die an den Fingern herzuzählen waren, machten eine Ausnahme. Wie immer aber hörte man gerade diese nicht; sie waren einsam und gut gehaßt; der Erguß ihres Geistes wurde pro Zeile bezahlt; auch sie hungerten und mußten das Gnadenbrod fressen …

Welch eine seltsame, bresthafte Welt war das

Die Königlichen stürzte man, die Sclaven hob man auf den Thron; das Gute und Große war gehaßt, das Schlechte und Kleine verehrt.

Saß da in der That nicht irgend ein gewaltiger Teufel am Triebrade der Welt, der diesen kleinen, dummen Teufelchen immer zum Siege verhalf? Denn warum sonst schliefen die Ideale den ewigen Schlaf? Warum sonst entströmte allen Seelen ein starker Fäulnißgeruch?

… Oder hatte wirklich die Menge Recht? War wirklich das Schwache groß und das Erhabene niedrig? War meine Unzufriedenheit wirklich Irrsinn?

Und das, was ich ersehnte, war das vielleicht gar das Verachtenswerte und Kleine?

Vielleicht war ich der Geblendete? …

Niemand that mir Bescheid …

Wie Jeremias auf den Trümmern Jerusalems, wie Marius auf den Trümmern Karthagos, sah ich auf all meine zerstörten Hoffnungen zurück und gab es auf, je zu erfahren, welch einen Sinn es hatte, zu leben. Was sollte ich in einer Welt, in die ich mich nicht einfügen konnte, die ich nicht begriff? Welch eine Kraft in mir war es, die sich so grämte ob all der ungelösten Räthsel? Was war es, das hinter meinen Rippen hämmerte? Das Blut im Herzen? …

Warum stürzte es nicht hervor aus allen Poren, Gott entgegen, den es suchte; zu den Sternen empor, denen es entgegenstürmte?

Warum rollte es immer und ewig dieselbe Bahn entlang, immer neue Unruhe schaffend und neue Seelennoth?

In Nebel und Ungewißheit, von einem undurchdringlichen Dunkel umringt, glitt mein Leben langsam und schwer von dannen …

Wohin?

Empörung

Was tönt und klagt in meinem Innern? Was siedet in meinem Gemüthe? …

Ich kenne dich nun, o Friedlosigkeit, die du mein Herz erfüllst mit Raunen

und Locken und Lügen. Du jagst mich von Ort zu Ort, von Liebe zu Haß, von Hoffnung zu Sorge, vom Thron in die Knechtschaft, vom Glauben zu Mißtrauen.

Und nirgends finde ich den Frieden, den meine Seele sucht. Nun weiß ich es Nie kann mir Friede werden, denn ich selbst bin die Unruh, die nie still wird.

Düster wie Nachtgrauen wandle ich meinen Weg. Der Kummer ist mein treuer Begleiter. Dieweil ich forschte in den Höhlen der Dinge und in den verborgenen Adern des Geschehens, ist es öde geworden in meiner Seele und tiefe Verwaistheit drücket sie nieder …

Daß es Gott gefiele, er zermalmte mich; streckte seine Hand aus und vernichtete mich Ich würde frohlocken im erbarmungslosen Schmerz.

Denn wenn ich die Welt nicht aus den Angeln heben kann, was soll mir dann mein Leben? Wenn ich nicht Jeden mit meinem Geist erfüllen und durchdringen kann, wozu gab mir dann die Natur diese wilde Seele, diese Kraft, dieses Übermaß rebellischen Denkens, das mich an nichts, an gar nichts Freude finden läßt; das angeekelt wird von der verblüffenden Mitrelmäßigkeit der irdischen Dinge, von der empörenden Kleinlichkeit der menschlichen Geschöpfe, von der demüthigenden Niedrigkeit alles dessen, was da ist?

Und warum starre und klebe ich dennoch an der Armseligkeit des Thierischen, und jauchze unter dem blauen Himmel und jubiliere im grünenden Wald? Warum lechze ich so gierig nach geistigen Wonnen, die ich so kalt und so cynisch belächle? Warum liebe ich den Himmel, den ich hasse? Warum fürchte ich den Gott, den ich verneine? Warum zerzause ich mir so sehr meine Ideale, ohne die ich nicht leben kann? Warum, warum all dieses Hin und Her des Wollens? Wo ist der Pol, dem ich zusteuern soll, um Ruhe zu finden oder Tod? …

Ich recke die Faust gen Himmel und hadre gegen Dich, dort oben.

Und bist Du, o Gott, und ich verkenne Dich, so wehre nicht meinem Munde, denn reden muß ich in meiner Seelennoth und klagen in meines Herzens Bedrängniß.

Darthun will ich vor Dir meine Wege.

Offenbare, zeige, nenne Dich mir und ich will meinen Mund mit Beweisen füllen gegen Dich und Klage führen gegen Deine Schaaren.

Mein großer Gerichtstag ist angebrochen. Hier sitze ich und richte Dich und mich und Deine und meine Thaten

Um den Preis schwerer seelischer Leiden, um den Preis meiner vertrauerten Jugend, habe ich das Recht erworben, über Dich und Deine Geschöpfe zu Gericht zu gehen.

Bin ich ein Ungeheuer, daß Du mich so strafest? Und bin ich ein Ungeheuer, werth Deiner Wacht, so hast Du mich geschaffen, hast Du mir Odem verliehen.

Nichtig sind meine Tage und ich sterbe die Stunde tausend Mal vor Überdruß und erwürge meiner Seele Schreien.

Du, der Du mein Fleisch mit Gebein und mit Sehnen durchwobst und meine Eingeweide tränktest mit Blut – ich hasse Dich

Dein Himmel hat mir gelogen, Deine Sonne mir die Augen geblendet, Deine Erde ward mir nicht fruchtbar und Deine Menschen grinsten mich an. Ich verbanne Dich aus meinem Herzen, denn Du führtest mich irre und schenktest mir Wirrsal. Du straftest mich, weil ich die Lüge haßte, und machtest unstät und flüchtig mich, weil ich Dich suchte. Weil ich unschuldig war in Geist und Gemüth, verführtest Du mich und verstricktest meine lauteren Sinne. Du offenbartest Dich mir und hobst mich empor und als ich mich klammerte an Dich in Zeiten der Noth, verwarfst Du mich und liefertest mich an die Baalsdiener aus und an die, so Deiner spotten.

Auf Dein Geheiß zeugten mich Vater und Mutter, Du aber gabst mir fremde Gedanken, und Vater und Mutter verstanden mich nicht und ich verlor sie. Und siehe gleich einem Fremden schweife ich vorüber an ihrer Thür. Und zwischen mich und die Brüder, die Du mir schenktest, sätest Du Hader und Zwiespalt. Anders war ihr Herz, anders das meine.

Mit Hoffnung beladen, wie ein reiches Kauffahrteischiff, zog ich hinaus, um in die Irre zu segeln und um zu erkennen, daß nirgends Rast ist. Und überall war es öde und leer und ich mußte verharren in dieser Schalheit.

Und nirgends war Liebe, und Treue nirgends.

Alles, was edel war und erhaben in meinem Herzen, die Freunde verhöhnten es immer. Und man trog einander mit wissenden Augen, und wer kein Trüger war, galt ein Narr, den man höhnte und quälte zu aller Lust. Und das gleißende Gold war ihr höchster Gott; vor dem knieten sie Alle und sangen: Hallelujah Gelobt seist du, Gold

Zur Sattheit strebten sie und zur Zufriedenheit des Bauches

Und Ekel ergriff mich und tiefe Scham

Wo ist das Glück, von dem die Menschen sprechen? Warum hat es mich noch nie, noch nie gestreift?

O, was wißt Ihr da draußen von der Seele eines Menschen, der, an den Felsen der Sclaverei geschmiedet, verblutet Der vom Fatum verflucht ist, sich selber zu peinigen Dem des Zweifels giftige Zähne das Herz zerfleischen

Weil Du als Dichter mich gesegnet hast, hast Du als Menschen mich verflucht; gabst mir die Unschuld Abels und den Trotz Kains; die Reinheit eines Kindes und die Besessenheit der Bösen.

O, ich bin Mensch genug, Euch zu beneiden, wenn Ihr die warmen Wangen der blühenden Kinder kosen dürft, die Euer sind; wenn ein Weib, ein schönes und keusches, Euch innig umschmiegt und liebeversprechend Euch küßt und umschmeichelt Es packt .mich Verzweiflung und wilde Trauer, wenn ich Euch sehe in Eurem Heim, das liebe Hände Euch angenehm schmücken – o, ich bin allein und ewig allein … und stehe verlassen in meiner eisigen Höhe.

Wie hab ich begehrt und nie genossen, wie hab ich die Arme ausgebreitet nach dem Wunderbaren, das ich erwartete, und nie kam es, nie.

O löste doch einmal die Sonne den Reif von meiner erstarrten Brust

O schmölze meine Seele doch einmal vor Überfülle

Warum gabst Du mir Licht, o Gott mir, dem Sterbensdurstigen Und warum Leben, mir, in dessen Seele der Tod haust? Warum starb ich nicht weg vom Mutterleibe, warum gebar mich ihr Schooß und warum verschied ich nicht? Weshalb empfingen Hände mich und Brüste, die mich nährten?

Denn nun lag ich und rastete; schliefe, da wäre mir Ruhe.

Grausam, o Herr, sind Deine Gesetze

Mich schufest Du, daß ich Deine Geschöpfe fresse, und Du läßt mich vergehen, daß Deine Würmer sich mästen in meinem Leibe. Du läßt mich wandern durch die Rippen der Gräser, in den Magen des Rindes, und das Rind verzehrt der hungrige Mensch. Immer den gleichen Weg wandern wir durch die Jahrtausende. Von einem

Bauch in den andern. Und siehe Dies ist Deine Ewigkeit

Ist es möglich, daß es Menschen giebt, welche die Wiedergeburt freudig stimmt? Wie kann es meiner Seele höheren Schwung verleihen, zu wissen, daß ich ewig das Pferd im Cirkus bleiben werde?

O warum, o warum können wir nicht sterben und sind ewig gekettet an das alberne Leben, und sind gezwungen, uns in dem jammervollen Kreislauf der Dinge all die unaussprechlichen Millionen Jahre mitzudrehen?

O warum giebt es keinen Gott, der Erbarmen mit uns hat, mit uns Wenigen, deren Geist nicht so träge, nicht so beschränkt, nicht mit Allem so leicht zu befriedigen ist, die dieses Daseins Schwere martervoll erdrückt?

Wen frage ich? … die Winde? …

Rufe doch Niemand wird Dir erwidern, keiner der Himmlischen höret Dich Weit über Dir, auf schwimmenden Wolken segeln sie hinweg über Dein zerknirschtes Haupt und hören nicht Deine flehende Stimme. Auf stolzen Sternen thronen sie und hohnlachen ob Deinem Leid und verweigern ihr Ohr, Dir, dem sclavisch Winselnden. Zerschmettere sie mit Deinem Haß, und sie werden lächeln, die Unverletzlichen Streue Weihrauch ihnen, den Tyrannen des Himmels, und sie sinken in Schlaf und in fühllose Taubheit. Sie missachten Dein Weh Und Du, Erbärmlicher, betest sie an Sie sehen nicht und sie hören nicht; ihr Herz ist erzen und ihren Scheitel deckt Schnee.

ANTWORTET mir Ihr hauchtet Euren Odem in meine Seele und schufet mich göttlich, und warum setztet Ihr mich nicht Euch gleich, auf daß ich im Himmel regiere gleich Euch? Und warum nahmt Ihr nicht das Thierische aus meiner Brust?

Ihr wolltet, daß ich verzage Und sätet der Zweiheit Samen in mein Herz

Antwortet mir Warum muß ich den Tausenden, Abertausenden Sclaven gleich sein, die Ihr mich schufet zum König

Warum, antwortet mir habt Ihr in Ketten mein Sein geschlagen und mich gebunden an die Vergänglichkeit, an Moder und Staub? O Fluch Euch, Ihr Himmlischen Fluch Euch, o Fluch

So lang ich noch athme auf Eurer Erde voll Moder und Staub, will ich Euch hassen; so weit meine Zunge reicht, will ich verkündigen, daß man Euch, ewige Götter, Teufel – oder was immer – Euren Hohn vergelte mit tiefer tiefer Verachtung

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