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Hennie Raché – Liebe

Roman

G. Müller-Mann'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig, [1901]
Nach der Ausgabe bei der deutschsprachigen Wikisource, neu durchgesehen.



1.

Ludwig Schmidhammer drehte die Karte, die er in der Hand hielt, hin und her.

Es war die Einladung zu einer Abendgesellschaft, welche ihm Hollmanns, bei denen er viel verkehrte, gesandt hatten.

Sollte er hingehen oder nicht?

Es war eigentlich immer sehr gemütlich bei Hollmanns. Man hatte wenigstens die Garantie, sich nicht zu langweilen, – auch verstand es Frau Hollmann ausgezeichnet, störende und unsympathische Elemente fernzuhalten.

Nun, er wollte es sich überlegen.

Er legte die Karte beiseite und blieb in Gedanken versunken sitzen.

Plötzlich stand er hastig auf, ergriff die Lampe, welche neben ihm auf dem Schreibtisch stand und trat durch die Portiere in das nebenanliegende Zimmer. Einen Augenblick zögerte er noch, dann schritt er auf den grossen Eckspiegel zu, der gross genug war, seine Gestalt vom Kopf bis zu den Füssen wiederzugeben.

Ludwig Schmidhammer betrachtete sich prüfend.

Seine Figur war tadellos: er war hoch und ebenmässig gewachsen, – Hände und Füsse waren von aristokratischer Feinheit, aber – –

Er hatte den Blick von unten heraufgleiten lassen und liess ihn dann auf seinem Gesicht haften.

Ja, sein Gesicht!

An sich nicht unschön in der Form, wurde es total entstellt durch ein feuerrotes Muttermal, welches es fast ganz bedeckte. Die Augen, die gross, dunkel und leuchtend waren, erhielten dadurch einen eigentümlichen Blick, – die Augenbrauen waren trotz seiner schwarzen Haare rot wie das Mal, und der Mund trat nur wenig hervor, weil das Feuermal fast noch mehr leuchtete, als die roten Lippen.

Der erste Eindruck, welchen man von Schmidhammer erhielt, war ein abschreckender – – unvorbereitete Leute hatten ihn das oft genug merken lassen, und er konnte ihnen deswegen nicht einmal zürnen, denn er fühlte ja selber nur zu gut, eine wie unangenehm auffallende Erscheinung er bot.

Trat er in ein Restaurant oder in sonst ein öffentliches Lokal, so konnte er sicher sein, dass aller Augen sich auf ihn richteten und ihn neugierig anstarrten. Wie oft schon hatte er Ausrufe des Abscheus anhören müssen, die seinem Gesicht galten, seinem unseligen Gesicht.

Hie und da traf ihn auch wohl mal ein mitleidiger Blick von irgend jemand, der vielleicht eine leise Ahnung hatte von den Seelenqualen, die den armen Ausgestossenen oft genug durchwühlen mochten.

Mutlos liess Ludwig die Lampe sinken.

Nein, er fand nichts, nichts in seinem Antlitz, das auch nur einen Funken Sympathie hätte erwecken können.

Er ging an seinen Schreibtisch zurück und setzte sich nieder.

Das Gefühl einer unendlichen Verlassenheit überkam ihn und ohne dass er es bemerkte, rollten grosse Thränen über seine Wangen.

Es ist so sonderbar, dass sich im Augenblicke eines intensiven Seelenschmerzes manchmal das ganze bisherige Leben konzentriert und an unserem seelischen Auge vorüberzieht.

Ludwig sah sich als Kind, als Knabe, – der einzige Sprössling von Eltern, die ihn nicht liebten.

Die Mutter, eine schöne, kokette Frau, war entsetzt über den Sohn, den sie geboren hatte, was sie dem Kinde deutlich zeigte, das seine Mutter dafür hasste. Sein Vater, der wenigstens Mitleid mit dem unglücklichen Knaben hatte, erfüllte jeden seiner Wünsche, – beschäftigte sich aber selbst fast gar nicht mit ihm.

Einsam, ganz einsam wuchs der kleine Ludwig auf.

In die Schule ging er nicht, denn die Kinder, die ihn zufällig sahen, verspotteten ihn und machten sich über ihn lustig. Das ertrug er nicht, denn sein gerechtes kleines Kinderherz begriff es nicht, wie man ihn wegen seines Gesichtes, das er ja auch, gleich allen andern Dingen, wie seine Gouvernante ihn gelehrt, von Gott hatte, verspotten und schmähen konnte.

Und sein Herz lechzte so nach Liebe!

Es brach fast vor Sehnsucht, wenn er in seinen Büchern von Kindern las, welche gütige Eltern hatten, die sie liebten und sie lehrten.

Ihn liebte niemand.

»Er ist von Gott gezeichnet,« sagte die alte Kinderfrau abergläubisch, und wenn sie auch ihre Pflichten gewissenhaft an ihrem Pflegling erfüllte, so brachte sie ihm doch keineswegs Liebe entgegen. Aber sie wurde sehr gut bezahlt, und das bewog sie wahrscheinlich, trotz ihres Abscheus vor dem »Kainszeichen« dem Kleinen wenigstens gute körperliche Pflege angedeihen zu lassen.

Die Gouvernanten und später die Hauslehrer bemitleideten den Knaben wohl, aber Liebe – Liebe erfuhr er nicht von ihnen.

Alle waren zwar freundlich und höflich mit ihm, – aber Ludwig war ein kluges Kind und wusste wohl, warum, – weil die Leute sehr gut bezahlt wurden.

Dadurch aber wurde der erste Keim von Misstrauen in das Herz des Kindes gelegt, – er wurde misstrauisch und scheu gegen jeden, der ihm ein wenig freundlich entgegen kam. Er glaubte nicht mehr an die selbstlose Freundlichkeit.

Wie ein Blitz zuckte es plötzlich in Ludwig empor: er hatte noch nie, noch nie in seinem Leben einen Kuss erhalten, einen wirklichen Liebeskuss. Und jetzt war er fünfunddreissig Jahre alt.

Seine Mutter hatte ihn nie geküsst und sein Vater noch weniger.

Und später – – –

Ludwig wühlte die Hände in sein dichtes Haar und stöhnte verzweifelt auf.

Er lechzte auch jetzt noch nach Liebe!

Er hatte eine glühend sinnliche Natur, die ihm wie ein Fluch des Himmels erschien, denn noch nie war seine Sinnlichkeit wahrhaft befriedigt worden, immer hatte er sich nach dem Genusse traurig und verlassen gefühlt.

Alle seine Bekannten hatten doch hie und da ein Mädchen gefunden, mit dem sie ein Liebesverhältnis anknüpften, wenn sie auch beiderseitig wussten, dass diese Liebe nur vorübergehend sei.

Aber er – –

Mit der brennenden Sehnsucht im Herzen nach einem Geschöpf, das sich ihm einmal, auch nur einmal aus Liebe hingeben würde, suchte er, suchte, und fand nichts . . .

Und seine Begierde nach einer erwiderten Umarmung war so gross.

War es nicht ein lächerlicher Gedanke, 35 Jahre alt sein und nicht wissen, wie man aus Liebe küsst?

Er war reich, er war unabhängig, – wie gern hätte er alles dahingegeben, für ein wenig Liebe! Aber er hatte die Hoffnung auf Liebe aufgegeben.

Als er 15 Jahre jünger war, hatte er mit jugendlichem Idealismus nach historischen und alltäglichen Beispielen gesucht, die seinem Schicksal ähnelten. Und in der That, es gab hässliche und verwachsene Männer, die von schönen Frauen geliebt und angebetet wurden.

Freilich fand er trotz eifrigen Suchens kein einziges Beispiel, in dem ein Mann mit einem Feuermal im Gesicht Liebe gefunden hätte.

Damals erneute er immer wieder sein Hoffen, besuchte unzählige Gesellschaften, lernte hunderte von jungen Mädchen kennen, aber keine einzige verliebte sich in ihn. Und doch zeichnete er sich durch Geist und Talente aus.

Sein Wissen war hervorragend, weit über das gewöhnliche Mittelmass, – er war ein Meister auf der Violine und konnte, wenn er wollte, ein höchst angenehmer Gesellschafter sein. Das alles wurde anerkannt und geschätzt, aber man liebte ihn nicht dafür.

Warum hatte er nur nicht längst seinem traurigen, nutzlosen Dasein ein Ende gemacht?

War es die Gewohnheit des Lebens, die ihn mit feinen, aber zähen Fäden kettete? War es eine ganz, ganz heimliche Hoffnung, die sich noch irgendwo tief in einem Winkel seines Herzens verborgen hielt? – – –

Er scheute die Antwort.

Man hatte ihm nahe gelegt, seinen Reichtum und seine Kräfte, da er ja voraussichtlich doch immer Junggeselle bleiben würde, in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen.

Aber er pfiff auf die Allgemeinheit.

Ihm däuchte es tausendmal begehrenswerter und befriedigender, ein einziges Wesen, das er liebte und das ihn liebte, glücklich zu machen, als eine undankbare Menge durch philanthropische Thaten zu beglücken.

Was kam dabei für den einzelnen heraus? Nichts!

Nein, einer einzigen Person notwendig, unentbehrlich sein, ihr ganzes Glück ausmachen – das war es, was er erträumte und heiss ersehnte . . .

Die dunklen Augen des Sinnenden nahmen einen unendlich träumerischen, weichen Ausdruck an, sein Körper erstarrte unter diesem Traum von Glück und Liebe, und seine Seele schien weit, weit fort. – – –

Nebenan schlug es Mitternacht, – Ludwig fuhr empor.

Noch halb geistesabwesend strich er sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er die Träume, die immer wieder von ihm Besitz ergriffen, verscheuchen.

Müden Schrittes suchte er sein Schlafzimmer auf.



2.

Die rundliche Gestalt der kleinen Frau Hollmann, deren Körper ebenso beweglich war wie ihr Gesicht, hüpfte von einem Gast zum andern, für jeden ein freundliches Wort oder ein Lächeln auf den Lippen.

Die festlich erhellten, gemütlichen Räumlichkeiten des Hollmannschen Hauses machten einen äusserst anheimelnden Eindruck, – jeder fühlte sich heimisch, der in Frau Hollmanns Nähe weilte.

Das Ehepaar Hollmann passte äusserlich und innerlich so harmonisch zu einander, wie man es selten findet, und das Glück ihrer Ehe war fast sprichwörtlich geworden.

Wahrhaft glückliche Leute strömen eine Art von Verklärung auch auf ihre Umgebung aus, und in Frau Hollmanns Hause hatte alles ein glückliches Aussehen, von den Dienstboten herab bis zu dem kleinen fetten Seidenpudel, der asthmatisch war, trotzdem aber immer äusserst vergnügt mit dem Schwanze wedelte.

In dieser Atmosphäre des Glückes fühlte Ludwig Schmidhammer sich wohl.

Er konnte ruhig in einer Ecke sitzen und das unsagbare Etwas, wovon hier alles erfüllt schien, auf sich einwirken lassen.

Jetzt sass er halb versteckt hinter einer Palmengruppe und beobachtete ein paar junge Mädchen, welche ihm den Rücken wandten und im eifrigen Gespräch begriffen schienen.

Besonders eine fesselte seine Aufmerksamkeit, eine zarte, aber doch kraftvolle Gestalt, nicht allzugross, aber wunderbar ebenmässig gewachsen.

Unwillkürlich rückte er ein wenig mehr vor, um besser sehen zu können, und im selben Augenblick wandte die Beobachtete den Kopf.

Ludwig erschrak fast.

O, konnte so viel Schönheit auf einem Gesicht vereinigt sein?

Oder war sie gar nicht schön, – war es nur der Ausdruck des fein geschnittenen Antlitzes, der ihm so überaus fesselnd vorkam?

Seine Augen saugten sich förmlich auf ihrem Gesicht fest, sie bohrten sich in die Kleidung, und er sah den weissen Busen schimmern unter dem durchbrochenen, leichten Stoff ihres Gewandes, – – Ludwig fühlte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg und eine Erregung bemächtigte sich seiner, die ihm fast körperliche Schmerzen verursachte.

In diesem Augenblick trafen sich ihre Augen – ununterbrochen starrten sie sich einige Sekunden an, – dann wandte sich das junge Mädchen langsam wieder den übrigen zu.

Ludwig sank zurück.

Er atmete tief auf und strich sich mit der Hand über die Stirn.

Wieder überkam ihn der traumhafte Zustand, in den er manchmal verfiel und der ihn ganz teilnamlos gegen seine Umgebung machte.

Seltsame Bilder stiegen vor ihm auf.

Seine Phantasie führte ihn zurück in sein Heim, aber er war nicht mehr allein . . ., an seiner Seite stand ein Wesen, ein junges, schönes Weib – – sein Weib.

Sie sah ihn liebevoll an und streichelte seine heisse Stirn.

Er schloss die Augen und vermeinte, deutlich die weiche, kühle Hand zu fühlen, und eine sanfte Stimme sprach von Liebe.

Liebe? Liebe? Konnte ihn denn jemand lieben?? . . .

Ach, das war ja unmöglich – – –

Und während er so träumte, prägte sich ein Zug qualvollen Leidens auf seinem Gesicht aus.

Da empfand er plötzlich, dass jemand neben ihm stand und ihn anredete, – – wie aus weiter Ferne tönten ihm die Worte, und es schien ihm, als sei es die Stimme, die er eben im Traume gehört.

Langsam schlug er die Augen auf und blickte in das Gesicht – –

Träumte er noch? . . .

»Ist Ihnen nicht wohl?«

Keine Antwort.

Ratlos starrte er sie an.

Sie war nicht verletzt durch seine Ungezogenheit, sondern wartete geduldig.

Sie stand immer noch neben ihm und wiederholte ihre Frage. Es war also kein Traum, – und da kehrte ihm die Besinnung zurück.

»Gnädiges Fräulein,« stotterte er und sprang auf.

»Bitte, bleiben Sie sitzen,« sagte sie ruhig und zog sich einen Sessel heran. »Da ich Sie ja doch in Ihren Träumen gestört habe, werde ich Ihnen Gesellschaft leisten. Sie waren so allein und sahen so leidend aus!«

»Ich bin immer allein,« murmelte er, und wusste nicht, warum er das sagte.

Er kam sich hilflos vor wie ein Kind, denn ihre Nähe verwirrte und berauschte ihn.

»Sie auch?«

»Auch?« er fragte es ganz erstaunt. Konnte ein so schönes Wesen allein sein, – einsam?

»O,« sagte er plötzlich, »ich würde Sie nie allein lassen!«

Sie sahen sich an, und dann lachten sie beide.

Die sonderbare Situation und das Ungewöhnliche und Formlose ihrer Bekanntschaft kam ihnen plötzlich zum Bewusstsein. Sie errieten gegenseitig ihre Gedanken.

»Ich thue immer, was mir so unversehens einfällt,« sagte sie halb entschuldigend, »und ich dachte, Sie seien krank, weil Sie so leidend aussahen!«

»Meine Seele litt,« – – erwiderte er leise.

Darauf antwortete sie nicht, sondern fragte ihn weiter:

»Ich habe Sie hier noch nie gesehen, – wie kommt das? Sind Sie zum erstenmal hier?«

»O nein, oft sogar!«

»Aber ich auch . . . Dann ist es doch merkwürdig – – –«

»Ja, sehr – –«

»Aber nun kennen wir uns,« lachte sie, »oder eigentlich doch noch nicht! Wie heissen Sie?«

»Ludwig Schmidhammer,« sagte er einfach.

»Ich heisse Leonore Welti. Aber niemand nennt mich Leonore.«

»Wie dann?«

»Die Leute, die mich lieb hatten, nannten mich Lea, – die andern nennen mich Nora!«

»Dann würde ich Sie immer Lea nennen«, sagte er ganz leise.

Sie erwiderte nichts darauf, fand es aber nicht sonderbar, dass er das gesagt hatte.

Nach einer Weile begann sie wieder:

»Ich möchte wissen, warum Sie so unglücklich aussehen. Darf ich das wissen?«

»Sehen Sie es denn nicht, warum?«

»Nein!«

»Aber Sie sehen doch mein Gesicht, – mein furchtbares Gesicht! Erregt es denn nicht Ihren Abscheu?«

»Nein!«

»Aber – – –«

»Sind Sie nur wegen Ihres Gesichts unglücklich?«

»Nur wegen – – nur . . . nur . . .«

»Nun ja, – das ist doch kein Grund!«

»Kein Grund?« Er wurde immer verwirrter. Die 35 Jahre seines Elends, das er seinem Gesicht verdankte, traten vor seine Augen . . . Kein Grund?

»Aber deswegen bin ich doch immer so allein,« sagte er schliesslich.

»Liebt Sie niemand?«

»Niemand . . .!«

»Mich liebt auch niemand!«

Er sah sie von der Seite an. Wie war das möglich?

Dann sagte er langsam:

»Haben Sie keine Eltern mehr?«

»Nein. Sie sind tot. Ich lebe nur mit einer alten Tante, die mich nicht leiden kann, weil ich immer thue, was ich will. Aber meine Eltern haben mich auch nicht geliebt . . . . Sie hätten lieber einen Knaben gehabt.«

»Sie sind wohl noch sehr jung?«

»Gar nicht. 25 Jahre!«

»O, das hätte ich nicht geglaubt!«

»Nein,« meinte sie gleichmütig, »man hält mich gewöhnlich für jünger.«

Beide schwiegen einen Augenblick, dann begann sie wieder:

»Als ich ein Kind war, liebte mich ein jüdisches Ehepaar. Sie hatten ihre Tochter verloren, die in meinem Alter gewesen war und mir ähneln sollte. Das Mädchen hiess Lea, und da kürzten die beiden meinen Namen auch in Lea ab. Die haben mich wirklich geliebt . . . . aber damals empfand ich es nicht so. Ich freute mich nur sehr, dass sie mich Lea nannten. Nora, das klingt so, als ob man etwas von der Person, die den Namen trägt, erwartet . . . Lea, – das klingt so weich!«

»Lea –,« sagte er leise . . .

Sie sah ihn still an, und beide schwiegen wieder.

Nach einer Weile:

»Aber wir sind vom Thema abgeschweift, – ich sagte Ihnen, dass es thöricht von Ihnen sei, wegen Ihres Gesichtes zu trauern.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sehen Sie, wenn Ihnen jemand sagt, dass er Sie liebt, dann können Sie es unbedingt glauben. Aber ich . . . ich bin reich, unabhängig, hübsch . . . ich weiss nie – – – Und dann die Liebe, die ich für mich beanspruche!«

»Welche Liebe?«

»Nun doch – jene – jene grosse, grosse Liebe! Die Liebe, die eben nur die eine bestimmte Person liebt, – nur sie ganz allein, und niemand sonst mehr!«

»Ah – –« seufzte er und schloss die Augen, wie überwältigt von der Vorstellung solcher Liebe.

»Und solche Liebe finde ich nicht,« schloss sie müde.

»Ich auch nicht,« sagte er leise.

Pause.

»Aber Sie glauben doch auch, dass es solche Liebe giebt, irgendwo geben muss?«

»Ja.« Er sagte es eigentlich gegen seine Ueberzeugung, aber er glaubte plötzlich an sein Ja.

»Dann wollen wir sie suchen!«

»Wir?« fragte er erstaunt.

»Ja, wir. Oder glauben Sie, dass hier – sie liess ihre Augen umherschweifen – noch sonst jemand ist, der sich nach jener Liebe sehnt?«

Er schüttelte nur mit dem Kopfe.

»Nun also, dann suchen wir

»Ja, aber – –« er stockte.

»Was aber?«

»Die Liebe, die ich für mich haben möchte, ist doch vielleicht – –« er seufzte – »ich werde mich Ihnen nicht verständlich machen können . . .«

»O, sprechen Sie nur,« ermutigte sie, »ich werde Sie schon verstehen! Wo der Verstand nicht ausreicht, verstehe ich Sie mit dem Herzen . . . reden Sie nur!«

»Nun sehen Sie,« begann er, – »ich, ich glaube allenfalls, dass vielleicht einmal ein weibliches Wesen imstande ist, mich seelisch zu lieben, – aber, aber – es würde sich immer von meinem Aeusseren abgestossen fühlen, und ich – –« er vollendete nicht, sondern blickte traurig vor sich nieder.

»Und Sie wollen auch sinnlich geliebt sein,« beendete sie ruhig seinen Satz. »Ich begreife, dass gerade Ihnen eine nur seelische Liebe nicht genügen kann . . . überhaupt, ich könnte mir die seelische und die sinnliche Liebe auch nicht getrennt vorstellen, – wenigstens möchte ich sie nicht getrennt wissen!«

»O, Sie haben mich verstanden,« rief er aus und sah sie dankbar und bewundernd an.

Woher nahm sie den Mut, so gleichmütig über solch heikle Dinge zu reden.

»Ich habe auch eine sinnliche Natur,« sagte sie wieder so ruhig, wie sie alles sagte.

»Auch? Aber ich habe doch gar nicht gesagt – – –«

»Ich glaube es aber. Und Sie sagten vorhin ja selber, dass Sie auch sinnlich geliebt sein wollen. Oder ich sagte es, und Sie bestätigten es. Aber ich kann mir vorstellen, dass eine grosse seelische Liebe nötig ist, um sich auch körperlich zu Ihnen hingezogen zu fühlen, – und nicht wahr, Sie sagten, dass Sie bis jetzt von niemand geliebt worden sind?«

»Von niemand,« wiederholte er dumpf.

Sie betrachtete ihn schweigend, dann sagte sie plötzlich ganz unvermittelt:

»Ich gehe jetzt nach Hause, – – Adieu, Herr Schmidhammer.«

Er sah sie erschrocken an. Sie ging, sie ging von ihm fort!

»Leben Sie wohl,« sie reichte ihm die Hand, und »auf Wiedersehn« setzte sie zögernd hinzu.

»Auf Wiedersehn,« sagte er freudig, wurde aber gleich wieder traurig.

»Auf Wiedersehn . . . ach, aber wann?«

Sie schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte sie mutig:

»Ich mache jeden Vormittag, wenn das Wetter gut ist, einen Spaziergang über die Lombardsbrücke und um die Binnenalster.«

Im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Fünf Minuten später stand auch Ludwig auf der Strasse.

Der Dezemberhimmel war klar, – und kalt und flimmernd blickten die Sterne auf den Einsamen herab.

Einsam?

Wer hatte das gesagt?

Er blickte sich herausfordernd um.

Nein, er fühlte sich nicht mehr einsam.

»Lea – Lea – –« murmelte er, – – trunken vor Glück . . . .



3.

Nach einer Nacht, wie er sie noch nie verbracht hatte, schlaflos, und doch nicht müde, – selig, und doch unglücklich, stand Ludwig gegen acht Uhr auf.

Es war noch dämmerig und er musste eine Lampe anzünden, um seine Toilette zu beginnen.

So viel Zeit hatte er noch nie dazu gebraucht. Nicht etwa, dass er besondere Sorgfalt darauf verwendet hätte, aber er that alle Dinge dreimal, verlegte alles, was ihm unter die Hände kam, – – und dann fiel ihm plötzlich ein, dass er ja noch gar nicht nach dem Wetter ausgeschaut habe.

Spornstreichs eilte er zum Fenster und riss die Vorhänge zurück.

Es war trocken draussen. Die Luft war von jenem leichten, bläulichen Dunst erfüllt, der gutes Wetter verheisst, – und Ludwig jubelte.

Seine alte Haushälterin, Frau Doris, blickte den jungen Mann ganz verwundert an, – so froh hatte sie ihren Herrn noch nie gesehen, und so freundlich wie heute hatte er noch nie mit ihr gesprochen, wenn sie ihm morgens den Kaffee brachte.

Behaglich setzte Ludwig sich an den Tisch und begann sein Frühstück. Er ergriff die Morgenzeitungen und wollte gewohnheitsmässig während des Kaffeetrinkens lesen, – aber es ging nicht. Er las, und verstand nicht, was er las.

Denselben Satz überflog er drei-, viermal, und hatte ihn doch nicht begriffen.

Da warf er die Zeitung hin, zündete sich eine Cigarre an und begann zu träumen.

Es war ihm, als ob er nicht mehr auf der Erde wandelte, sondern in einem schönen, schönen Garten, in den als Knabe ihn seine Phantasie oft versetzt hatte. Dort lachte die Sonne so hell und der Himmel strahlte in reinster Bläue. Er ging umher und bewunderte die Blumen, die dort blühten und berauschte sich an ihrem Duft. Vögel mit farbenprächtigem Gefieder liessen ihren lockenden Gesang ertönen, und zahme Hirsche und Rehe frassen ihm aus der Hand. Und dann trat ein Weib zu ihm, schön und strahlend wie die Morgenröte, in weiche, weisse, lange Gewänder gehüllt. Sie trug Leas Züge. Holdselig lächelnd ging sie zu ihm, ergriff seine Hand und neigte sich über ihn, als wolle sie ihn küssen . . . .

Das klirrende Geräusch einer umfallenden Tasse erweckte Ludwig aus seinem halbwachen Traum.

Er sah auf die Uhr. Es war in fünf Minuten zehn.

Rasch sprang er auf und machte sich zum Ausgehen fertig.

Er zog den Paletot an, setzte den Hut auf, – alles, ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen.

Der Spiegel war ein Feind, den er scheute, ein hinterlistiger, heimtückischer Feind, der ihn überall und zu jeder Zeit an sein Unglück erinnerte. Nirgends war er vor seinem Ueberfall sicher, und darum hasste er ihn, hasste ihn, wie ein lebendiges Wesen.

Als Ludwig aus seiner Wohnung an der Alster heraustrat, schlug ihm die kalte Winterluft belebend entgegen. Der feine bläuliche Nebel war noch nicht gewichen, und die Sonne stand am Himmel wie eine grosse, rote, glanzlose Kugel.

Ueber der Alster verstärkte sich der feine Dunst und man konnte die Lombardsbrücke nicht erkennen.

Ludwig ging schnell geradeaus, bis er den Alsterdamm erreichte.

Um die Binnenalster hatte sie gesagt.

Er verlangsamte seine Schritte und spähte umher.

Zum erstenmal liess ihn die Aufmerksamkeit, die er immer erregte, ganz kalt, – er bemerkte es gar nicht, wie man ihn anstarrte. Aufmerksam musterte er jede ihm begegnende Dame und vermutete in jeder schlanken, zarten Gestalt, die ihm entgegen kam, Lea.

So schlenderte er über die Lombardsbrücke und die beiden Jungfernstiege und erreichte den Alsterdamm zum zweitenmal. –

Er ging noch langsamer und seine Ungeduld wurde immer grösser.

Die Normaluhr an der Ecke, die heute ausnahmsweise ging und richtig ging, zeigte auf zehn Minuten vor elf.

Sollte sie verhindert sein, zu kommen?

Eine unsagbare Trauer und Unruhe überfiel ihn plötzlich.

Wo sollte er sie dann suchen?

Freilich, er wusste ihren Namen – aber . . .

Oder wollte sie ihn vielleicht nicht wiedersehen? Bereute sie ihr Entgegenkommen?

Ludwig erzitterte vor Furcht. Er trat unter die Bäume und starrte in das dunkle Wasser der Alster.

Ueber sein, durch die Kälte blaugefärbtes Gesicht, das dadurch noch abschreckender wurde, rollte eine Thräne, die er hastig abwischte, als schäme er sich ihrer.

»Guten Morgen, Herr Schmidhammer!«

Eine kleine, elegant behandschuhte Hand legte sich in die seine und drückte sie kräftig.

»Lea!« rief er fassungslos aus.

Sie lächelte.

»Ah,« meinte sie mit raschem Verständnis, »Sie erwarteten mein Kommen nicht mehr. Aber Sie sehen, ich will auf meinen Spaziergang nicht verzichten, – – und heute wäre ich sogar gekommen, selbst wenn das berühmte oder berüchtigte Hamburger Wetter die Strassen über Nacht in Pfützen verwandelt hätte.«

Er antwortete nicht. Aber seine Augen leuchteten sie an, als ob er ihr sagen wolle: »Rede, rede – – und lass mich nur auf den Klang deiner Stimme lauschen . . . ich bin ja so glücklich!«

»Ich sehnte mich nämlich ein wenig nach Ihnen,« fuhr sie fort.

»O,« sagte er, erschauerte und sah sie glückstrahlend an.

»Sie haben sich natürlich auch nach mir gesehnt . . .« etwas wie Schelmerei klang in ihrer Stimme und gab ihr einen neuen Reiz, – »ich glaube sicher, dass Sie schon seit einer Stunde auf mich warten!«

»Ja, seit einer Stunde,« murmelte er.

»Ich habe es mir gedacht!«

Schweigend wandelten sie weiter.

Sie hatten die Anlagen an der Lombardsbrücke erreicht und überschritten die Schienenstränge. Oben auf der Höhe des Weges stand ein Denkmal, – da blieben sie stehen und blickten in das Stückchen schimmernder Alster, das zu ihren Füssen ausgebreitet lag. Die Sonne leuchtete jetzt golden zwischen den kahlen Baumstämmen . . . das Wasser glitzerte, und eine unsagbare Stimmung lag über dem Ganzen . .

Sie waren beide davon ergriffen.

Lea nahm Ludwigs Hand und hielt sie schweigend fest, und er wusste zum erstenmal im Leben, was Glück ist.

Halb widerstrebend gingen sie weiter. Durch die Klopstockstrasse bis Fontenay, wo uralte riesige Bäume stehen.

Lea wurde nun lebhaft.

Sie plauderte von allem Möglichen, schweifte von einem Thema zum andern, und ihr Wesen war von einer Süsse, die ihn berauschte.

Welch ein Weib war sie!

Er schritt neben ihr her, – sprach wenig, und liess den Klang ihrer Stimme auf sich wirken . . . diese Stimme, die alles so ruhig sagte! Diese Stimme, der man Glauben geschenkt hätte, und wenn sie die unglaublichsten Dinge behaupten würde!

Dann sprach er auch ein wenig von sich . . ., erzählte ihr, wo er wohnte, von seinen Gewohnheiten, von seinen Lieblingsbüchern und seinen Kunstschätzen.

»Ich glaube, Sie haben manches Sehenswerte in Ihrer Wohnung?«

»O ja,« sagte er, »ich habe so vieles von meinen Reisen mitgebracht!«

»Ich möchte es sehen,« meinte sie sinnend, »nicht nur Ihre Raritäten, sondern auch Ihre Wohnung . . . Alles, alles, was mit Ihnen zusammenhängt.«

Er blickte sie hilflos an. Seine Hände zitterten.

Sie sah in seine Augen und verstand ihn.

»Ich werde zu Ihnen kommen, und Sie werden mir alles zeigen, ja?«

Da ergriff er ihre Hand, zerquetschte beinahe ihre Finger und murmelte Unverständliches.

Sie stiess keinen Wehruf aus, sondern lächelte, trotz des Schmerzes, den er ihr bereitete.

»Ich komme morgen gegen 12 Uhr,« sagte sie langsam.

Dann liess sie ihn stehen und ging davon.

Er hielt sie nicht zurück, aber in seinen Zügen arbeitete es, und seine Augen glänzten in schier übernatürlichem Glanze.

Da war es ja, das Paradies, das Glück, – – so ganz unversehens war es zu ihm gekommen, ohne dass er eine Hand darnach ausgestreckt hatte.

Und er griff mit den Händen in die Luft, als wolle er es jetzt fassen und halten . . . und nie, nie mehr loslassen . .



4.

Leonore Welti bewohnte in der Esplanade eine reizende Etage. Klein, nicht ganz modern, aber von der soliden Vornehmheit der alten Hamburger Patrizierhäuser.

Lea hatte sich, als ihre Eltern vor vier Jahren starben, eine alte Tante von Berlin verschrieben, vielmehr Grosstante, – nicht etwa, um den Sitten Konzession zu machen, sondern um jemand zu haben, der ihr jede Sorge um die Haushaltung abnahm. Häusliche Sorgen verabscheute sie und Dienstbotenplagen waren ihr ein Greuel.

Die Tante, eine alte, grämliche Frau, war arm und daher froh, in ihrem Alter einen behaglichen Schlupfwinkel zu finden, in dem sie nach Belieben schalten konnte, wenn sie nur ihre Nichte unbehelligt liess.

Und nach einigen fruchtlosen Versuchen, erzieherisch auf Lea einwirken zu wollen, gab sie ihre Bemühungen auf und liess Lea gänzlich ihre eigenen Wege gehen und kümmerte sich nicht mehr im geringsten um deren Thun und Lassen.

Damit kam sie am weitesten. Denn Lea machte ihrer Tante stets eine heftige Scene, wenn diese versuchte, Leas Anordnungen nach ihrem Geschmack umzumodeln.

Nun that sie, was das junge Mädchen wünschte, und auf die Weise lebten die beiden ruhig und ohne die geringste gegenseitige Zuneigung nebeneinander her.

Leas Wohnzimmer, das zugleich Arbeitszimmer und Boudoir war, lag nach hinten hinaus, mit Aussicht auf die Dammthoranlagen.

Die eigentümliche Einrichtung liess auf den Charakter der Bewohnerin schliessen.

In dem ganzen Raum herrschte eine gewisse Unordnung, die aber dabei doch nicht der Symmetrie entbehrte . . . ein ziemlich grosser Schreibtisch stand quer vor dem breiten Fenster, – links davon eine nackte Venusstatue und rechts zum Schrecken der Tante ein nicht minder nackender Apoll. Durch die Aufstellung dieser beiden Statuen war Leonore ein für allemal der Achtung ihrer Tante verlustig gegangen, was diese ihr denn auch anfangs unzweideutig zu verstehen gegeben hatte. Damit erreichte sie, dass Lea am folgenden Tage noch die berühmte Gruppe der drei Grazien aufstellte und die Wand über ihrer Ottomane mit dem köstlichen Gemälde einer badenden Nymphe schmückte.

Lea war innerlich überzeugt, dass ihre Tante das Zimmer immer nur mit heimlichem Schauder betrat, und Gott dankte, dass ihr keine Tochter beschert sei, die eventuell gleiche Sitten- und Geschmacklosigkeit an den Tag legen konnte.

Die niedrigen Möbel schienen alle mehr zum Liegen als zum Sitzen bestimmt, und in allen Ecken standen grosse Palmen und tropische Gewächse. Weisse, weiche Felle bedeckten den Boden, und prasselnde Holzscheite loderten in dem niederen Kamin, auf dessen Sims eine kleine silberne Stutzuhr leise tickte.

Es war entschieden ein äusserst stimmungsvoller Raum, und Lea, welche auf der Ottomane lag und las, empfand die sie umgebende Gemütlichkeit augenscheinlich, denn sie dehnte sich höchst behaglich.

Ja, sie hatte es eigentlich gut.

Seit dem Tode ihrer Eltern, die fast gleichzeitig derselben Krankheit erlegen waren, hatte Lea ein Leben ganz nach ihrem Geschmack geführt.

Trauer um den Verlust ihrer Eltern hatte sie fast gar nicht empfunden . . . wozu? Es verband sie ja keine Liebe mit ihnen, und die gänzliche Freiheit kam dem jungen Mädchen wie ein Himmelsgeschenk vor.

Lea hasste jede Rücksicht, jeden Zwang. Mochte doch jeder nach seinem Gefallen leben, sofern er nur niemand etwas zu leide that.

Ihr war es gleich, wenn andere Menschen um lächerlicher Vorurteile willen ihr halbes Leben in einer Zwangsjacke verbrachten . . . mochten sie doch, – sie that nicht mit.

Sie wollte frei sein, frei in jeder Beziehung, und dieser mächtige Freiheitsdrang, der am liebsten mit allem Herkömmlichen gebrochen hätte, steckte schon in dem Kinde und war durch keine noch so strenge Zwangsmassregeln gebrochen worden.

Im Gegenteil.

Die vier Jahre, die sie in einem der vornehmsten schweizer Pensionate zur sogenannten Vollendung ihrer Erziehung zugebracht hatte, liessen ihre beiden Hauptcharaktereigenschaften erst vollends zur Reife kommen, – – nämlich die secierendste Aufrichtigkeit gegen sich selbst und das rücksichtsloseste Durchsetzen ihres Willens, sobald sie sich etwas vorgenommen hatte oder erreichen wollte, das sie für recht hielt. Dann scheute sie eventuell kein Mittel, und die Kraft ihrer Persönlichkeit war in der That hinreissend.

Man sah ihr die grosse Energie, die sie erfüllte, gar nicht an. Ihr Gesicht trug gewöhnlich einen sanften Ausdruck, und das goldbraune Haar, welches nach antiker Art halb die Ohren verdeckte, gab ihr sogar etwas Madonnenhaftes. Nur die strahlenden blauen Augen hatten zuweilen einen zwingenden Ausdruck.

Lea erhob sich.

Es war neun Uhr, und um diese Zeit pflegte sie ihr kaltes Bad zu nehmen. Langsam steckte sie die Füsschen in die Saffianpantoffel und ging in das Badezimmer.

»Auch so eine verrückte Angewohnheit,« hatte die Tante anfangs gemurrt, »im Winter kalt baden! Welcher vernünftige Christenmensch that das, ohne sich einen furchtbaren Schnupfen zuzuziehen? . . . Na, eines Tages wird sie's schon büssen müssen!« tröstete sich die alte Frau selber, denn es ärgerte sie, dass Lea so gesund und abgehärtet war.

Das grosse und helle Badezimmer war geheizt und elegant eingerichtet. Lea liess das eiskalte Wasser in die Marmorwanne laufen und blieb währenddessen sinnend vor dem grossen Wandspiegel stehen. Langsam liess sie den Schlafrock herabgleiten und ihr Spiegelbild leuchtete ihr weiss und zart entgegen.

Sie zog den Pfeil aus dem Haar und schüttelte es, so dass es sie lang umwallte . . . und dann betrachtete sie sich aufmerksam und prüfend.

»Ich bin schön!« flüsterte sie leise und ihre Hand glitt liebkosend über ihre Brust und die vollen Arme.

Sie wandte den Kopf und drückte einen Kuss auf ihre zarte Schulter.

»Narziss!« rief sie lächelnd aus, »– ich verliebe mich in mich selber . . . aber ich werde nicht zur Strafe in eine Blume verwandelt!«

Sie setzte sich auf den Rand des Marmorbeckens und nickte ihrem Spiegelbilde zu.

»Ja, Lea, du bist schön! Nur schade, dass niemand deine Schönheit sieht! Niemand!« und sie sah traurig aus und fing an zu träumen.

Sie hatte noch niemand ihre Liebe geschenkt, . . . sie hatte gewartet, . . immer gewartet auf den einen, der dieser Liebe würdig war und der ebenfalls noch ein reines, unberührtes Herz besass.

Nun träumte sie von jemand, der sie liebte, der sie anbetete und bewunderte, der sie so sah und sie schön fand, der sie sanft und auch glühend liebkosen würde, . . jemand, der . . . . .

Ein Schauer durchrann ihren Körper.

»Mich friert,« sagte sie leise.

Es kam aber nicht von der Kälte, denn es war warm in dem Zimmer.

Aber vor ihre Seele war das Bild Ludwig Schmidhammers getreten und sie meinte seine glühenden, flehenden Augen auf sich gerichtet zu sehen.

Da empfand sie plötzlich, dass sie nackend war und bedeckte mit der Hand ihren Busen, während sie ihre Augen schloss und von neuem erschauerte.

Schnell stieg sie in das kalte Wasser . . . . .



5.

Von rasender Ungeduld getrieben, wandert Ludwig von einem Raum in den andern, wobei er jeden Augenblick auf die Uhr sieht.

Erst elf . . . und um zwölf Uhr wollte sie kommen!

Also noch eine Stunde sollte er diese Marter ertragen.

Wie glühend er Lea herbeisehnte.

Sein ganzer Körper war in Erregung vor Ungeduld und Sehnsucht und seine Hände brannten fieberhaft.

Er warf einen Blick ins Nebenzimmer.

Dort stand ein zierlich hergerichteter Tisch, der mit funkelndem Krystall bedeckt war und einen äusserst einladenden Eindruck machte.

Ob sie lange genug bleiben würde, um sein Frühstück zu teilen?

Durfte er sie überhaupt darum bitten?

Aber sie war ja so gut gegen ihn . . . und der heimlichen Hoffnung hatte er die schönsten und seltensten Leckerbissen herbeischaffen lassen . . . und Frau Doris, welche unendlich froh war, dass ihr junger Herr endlich einmal eine andere als die gewöhnliche Miene zeigte, war unermüdlich gewesen, alles so delikat wie möglich herzurichten.

Er wartete.

Und wie wartete er!

Die ganze Leidenschaft einer jahrelangen Sehnsucht lag darin!

Die psychische Qual, die er dabei erduldete, suchte er durch physische zu übertäuben.

Er biss sich in die Hände, dass Blut hervortrat, er knirschte mit den Zähnen zusammen und presste seine Finger, dass die Gelenke krachten.

Endlich klingelte es.

Mit einem Satz war er an der Thür und riss sie so rasch auf, dass Lea fast erschreckt zurückfahr.

»Ich habe Sie mit solcher Sehnsucht erwartet,« sagte er demütig und entschuldigend.

Sie sah ihn an, begriff, und lächelte.

Mit zitternden Händen half er ihr, sich der Jacke und des Hutes zu entledigen, und benahm sich äusserst ungeschickt dabei.

Lea lächelte noch immer.

Dann liess sie sich in einen Fauteuil fallen, legte den Kopf auf die Lehne und blickte sich um.

Aber unbeweglich hielt sie das Haupt dabei und nur die grossen Augen wanderten umher.

»Es ist schön hier!«

Er lächelte glücklich und sah sie stumm an.

Sein Herz war so bewegt von den mannigfachsten Gefühlen . . . aber sein Mund konnte das nicht aussprechen, was seine Seele dachte.

Aber Lea verstand das, was seine Augen ihr sagten, und ihr beredter Blick antwortete ihm.

Ein merkwürdiger Zustand war über sie beide gekommen, jener Zustand der Sympathie, die der Liebe vorausgeht, jenes Stadium, in dem man sich versteht, ohne zu sprechen, und wo Erklärungen so überflüssig sind.

Leas Benehmen, das jedem anderen unweiblich und herausfordernd erschienen wäre, begriff Ludwig ohne weiteres. Er verstand, dass sie ihm Trost bringen wollte, und dafür brachte er ihr unbegrenzte Dankbarkeit entgegen. Das Gefühl der Verpflichtung aber, das er für sie hegte, machte ihn ihr gegenüber schüchtern und verlegen. Lea ihrerseits aber, brachte seinem Betragen, das sie bei jedem anderen Manne lächerlich genannt hätte, ebenfalls volles Verständnis entgegen.

Es schien ihnen beiden so natürlich, wie sie handelten, und ihre Seelen waren trotz aller verhaltener Leidenschaft so rein und unverdorben.

»Wir sehen uns an und vergessen darüber ganz, weswegen ich kam,« lachte Lea jetzt und sprang auf . . . »Also zeigen Sie mir Ihre Schätze,« und sie ergriff seine Hand, damit er sie führe.

Er zeigte ihr alles.

Seine Zimmer, seine Bücher, seine Raritäten und vor allem seine wirklich auserlesenen Gemälde.

Vor einem blieben sie stehen.

Es stellte Amor und Psyche dar, die sich küssten.

Sie standen schweigend Hand in Hand davor.

»Ein schönes Bild,« sagte sie.

»Ja . . .« er sieht es sinnend an. »Sie küssen sich,« murmelt er leise, – »mich hat noch niemand geküsst!«

»Noch nie?«

»Nein, – nie!«

»Auch nicht Ihre Eltern?«

»Ach, die am wenigsten!« Es klingt hart, wie er das so sagt und seine Augen haben einen fast hassenden Ausdruck.

Sie sieht ihn nachdenklich an und schweigt.

Einen Moment treffen sich ihre Augen, – dann blicken beide scheu zur Seite.

»Hier ist ja noch ein Zimmer,« sagt Lea, um das Gespräch abzulenken, und schiebt die Portiere zurück.

Drinnen entdeckt sie den Frühstückstisch und schelmisch lächelnd wendet sie sich nach Ludwig um. Der ist ihr zögernd gefolgt und blickt sie ängstlich an.

Aber Lea ist weit davon entfernt, seine Fürsorglichkeit übel zu nehmen.

»Für zwei Personen,« lacht sie, – »hatte ich Ihnen denn erzählt, dass ich unbedingt immer um zwölf Uhr mein Frühstück haben muss? Oder haben Sie es geahnt?« So hilft sie ihm über die Verlegenheit hinweg . . . »Also wirklich, mich hungert,« und da sitzt sie auch schon und breitet ihre Serviette auseinander.

Ludwig strahlte vor Glück und überbot sich an Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeiten . . . sie lachte dazu, ausgelassen wie ein Kind.

Plötzlich wurde sie ernst.

»Es kommt uns beiden ganz natürlich vor, dass wir hier beisammen sitzen und frühstücken, – nicht wahr?«

»Aber ja!«

»So Anderen Leuten würde es aber nicht so natürlich vorkommen, sondern im Gegenteil . . . .«

»Ach, sprechen Sie es nicht aus,« flehte er.

»Warum nicht? Ich thue ja trotzdem immer, was ich will, – auf jede Gefahr hin,« sagte sie nachdrücklich.

»Sie thun ein gutes Werk, indem Sie einem einsamen Unglücklichen ein paar Stunden Glück schenken, – – wer wollte Sie dafür schmähen?«

»O, viele Menschen!« lachte sie freundlich. »Aber ich habe gar kein gutes Werk gethan . . .«

»Sondern?«

»Sondern? Nichts sondern. Ich wollte gar nichts Gutes thun!«

»Was denn?«

»Ach, Sie denken vielleicht, ich hatte Mitleid mit Ihnen?«

»Ich weiss nicht, ob ich das gedacht habe – – Ich habe wohl gar nichts gedacht, sondern mich nur gesonnt!«

»Nein, ich hatte kein Mitleid, – nicht das geringste. Mitleid habe ich nur mit schwachen Leuten, an denen mir sonst eigentlich nichts liegt. Im Grunde verachte ich beides, Schwäche und Mitleid. Also, wie sollte ich mit Ihnen Mitleid haben?«

»Aber warum – – –?«

»Warum ich dann zu Ihnen kam, und die unverzeihlichsten Dinge thue? – Nun . . . vielleicht aus Egoismus!«

»Aus Egoismus? Das begreife ich nicht!«

»Ei, das ist auch nicht nötig. Denken Sie nur nicht darüber nach!«

»Doch werde ich darüber nachdenken!«

»Und zu keinem Resultat kommen!«

»Werden Sie mir denn eines Tages sagen, was Sie damit gemeint haben?«

»Vielleicht. Wahrscheinlich sogar!«

»O, dann bin ich zufrieden! Thun Sie immer, was Sie thun wollen und müssen. Bis jetzt war ich glücklich dadurch!«

Sie erwiderte nichts mehr, sondern ergriff ihr Glas und trank es leer, indem sie ihn dabei ansah. Ihre Augen schimmerten rätselhaft.

Er folgte ihrem Beispiele, erhob sein Glas gegen das ihre und leerte es mit einem Zuge. Dann stand er auf, brachte Cigaretten und bot ihr davon an.

Sie nahm und zündete sich eine an.

Beide redeten nicht mehr . . . sie sahen den Rauchwölkchen nach und träumten den Traum des Augenblicks.

Die Minuten vergingen so in glücklichem Schweigen.

Dann warf sie den Rest der Cigarette in den Aschenbecher und erhob sich.

»Ich muss jetzt gehen!«

»Schon?« Welche Trauer lag in dem einen Wort!

»Ja!«

Er wagte keinen Widerspruch, sondern half ihr beim Anziehen.

Sie stand vor ihm in der knappen Tuchjacke, den Pelzhut in die Stirn gedrückt, und sah ihn an.

Er rührte sich nicht, – er war glücklich, dass ihre Augen ihn anblickten.

Sie war im Begriff, ihre Handschuhe anzuziehen, – aber sie that es nicht, sondern steckte sie wieder in die Tasche und blieb noch immer vor ihm stehen.

Und dann fasste sie plötzlich seinen Kopf mit ihren blossen Händen und presste ihre Lippen auf seinen Mund . . . küsste ihn mit einem langen, leidenschaftlichen Kusse . . . . . . . .

Dann liess sie ihn los – und ehe er zur Besinnung kam, war sie verschwunden. – – – – – –

Ludwig war in die Knie gesunken. Sein Blut raste ihm durch die Adern, – es brauste in seinen Ohren und er zerrte an seinem Kragen, weil er zu ersticken drohte.

Taumelnd erhob er sich und wankte zu einem Sessel.

Was war mit ihm geschehen?

Sie hatte ihn geküsst.

Ihn geküsst! . . . Und solche Seligkeit lag in einem Kusse?

Nun begriff er, dass um eines solchen Kusses willen Menschen die grössten Thorheiten begangen haben und begehen.

Er schloss die Augen und liess ihren Kuss noch einmal in der Erinnerung auf sich einwirken.

Und wieder durchströmte es ihn wie Feuer.

Er rief sich ihr Gesicht zurück, wie sie seinen Kopf gefasst, wie sie sich langsam gegen ihn geneigt, wie sie – – –

Plötzlich sprang er mit einem unartikulierten Schrei auf.

Das Feuermal nahm eine bläulich blasse Farbe an, und wimmerndes Stöhnen quälte sich aus seinem Munde.

Sie hatte ihn geküsst, ja – – aber – – sie hatte die Augen dabei geschlossen!

Sie hatte die Augen geschlossen, – sie mochte ihn nicht dabei ansehen!!!

Also auch sie schauderte vor ihm zurück, sobald sie ihn berührte! O!

Darum hatte sie die Augen geschlossen!!

Geküsst hatte sie ihn, ja – aber vielleicht nur, weil er ihr vor dem Bilde gesagt, dass ihm noch niemand einen Kuss gegeben!

Also aus Mitleid oder aus – – –

Ja, selbst wenn aus Liebe, – selbst wenn sie ihn liebte, – so hatte sie sich eben überwunden!!

Mit geschlossenen Augen, damit sie ihn nicht anzusehen brauchte!

Gebrochen sank er zusammen und namenloses Weh durchzog seine Brust. Alle Hoffnung dahin . . . . .

Da vergrub er sein Gesicht in den Händen und weinte . . . . .



6.

Zwei Tage lang hielt er es aus, sie nicht zu sehen, – – am dritten nahm er Paletot und Hut und wandte sich der Binnenalster zu.

Er sah sie von weitem daherkommen, die Blicke gesenkt, die Hände im Muff vergraben, – so langsam gehend, als ob sie auf jemand warte.

All die Qual der vergangenen Tage stieg von neuem in seinem Herzen auf, und er wandte den Fuss, als wolle er fliehen.

Aber sie hatte ihn schon bemerkt, trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

»Warum sehe ich Sie erst heute?« fragte sie ihn.

»Weil, weil – weil ich nicht kommen wollte!« stiess er rauh hervor.

Sie sah ihn an und zuckte die Achseln.

»Und warum wollten Sie nicht kommen?«

»Weil ich unglücklich war!«

»Und warum waren Sie unglücklich?« sie fragte ihn aus, wie ein Kind.

»Das kann ich nicht sagen!«

»Soll das heissen, dass Sie es mir nicht sagen wollen?«

»Ja!«

»Also sagen Sie es mir!«

Ihre blauen Augen nahmen den zwingenden Ausdruck an.

»Ich war unglücklich, weil – –« er stammelte und wusste nicht weiter.

»Weil?«

»Weil Sie mich geküsst haben!«

»Darum?« Tiefes Erstaunen lag in ihrer Frage.

»Ach nein, – ich drücke mich ungeschickt aus, nicht, weil Sie mich geküsst haben . . . ach – das hätte mich ja so glücklich gemacht, so überglücklich – – –«

»Sondern?«

»Sondern weil Sie mich nicht dabei angesehen haben! Sie schlossen die Augen . . .«

»Ich schloss die Augen – – –«

»Ja, um nicht mein Gesicht zu sehen, – mein abscheuliches Gesicht!«

Sie schwieg.

Aber in ihr Gesicht trat ein Ausdruck, halb Wehmut, halb Lächeln, – als ob sie dächte: Du Kind, Du grosses Kind!

»Sie antworten mir nicht!«

»Nein. Jetzt nicht!«

Nach einer Pause:

»Trinken Sie heute Nachmittag bei mir den Thee, Ludwig. Kommen Sie um 5 Uhr . . .«

Er zögerte. Mit Entzücken hatte er es aufgenommen, dass sie ihn Ludwig nannte.

Sollte er hingehen? Konnten nicht neue Enttäuschungen seiner warten?

Sie bemerkte sein Zögern und wartete geduldig.

Er atmete tief und schwer auf und sagte dann leise:

»Gut, ich komme. Ich danke Ihnen.«

»Also um 5 Uhr!«

Sie reichte ihm die Hand und wandte sich dann nach der entgegengesetzten Richtung.

– – – – – – – –

Ludwig zog schon eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit die Klingel.

Das Hausmädchen führte ihn hinein, – Lea war nicht allein.

Ludwig blickte die alte Dame nicht gerade sehr freundlich an, während Lea ihn der Tante vorstellte.

Frau Maroldt betrachtete den jungen Mann scheu, dann schüttelte sie sich heimlich vor Grauen und Entsetzen und verliess unter einem »dringenden« Vorwand schnell das Zimmer.

»So, die wären wir los,« lachte Lea, »sie hat vor Ihrem Gesicht die Flucht ergriffen!«

Er nahm ihr nicht übel, dass sie das sagte, sondern lachte mit.

Sie hatte noch nie sein Gebrechen schonend behandelt, es schien, als ob sie absichtlich jedes Zartgefühl in dieser Beziehung beiseite setze . . . sie sprach so ruhig davon, als ob es etwas ganz geringfügiges sei . . . und er musste sich gestehen, dass ihm das wohl that.

Das heimliche Mitleid, das man ihm hie und da zollte, das ängstliche Bestreben, jedes Gespräch zu vermeiden, das ihn an sein Unglück erinnern konnte, hatte etwas Kränkendes für ihn, und verletzte seinen Stolz.

Lea zündete das Spiritusflämmchen unter der Theemaschine an und rückte die Tassen zurecht.

Er sah ihr schweigend zu.

Ja, sie sah aus wie die Lichtgestalt seiner Träume, wie die Fee aus seinem Traumgarten. Das weisse Seidengewand war so schmiegsam, so weich . . . er konnte der Versuchung nicht widerstehen, er musste einmal mit den Fingern darübergleiten.

Sie duldete es lächelnd.

»Gefällt Ihnen mein Kleid?«

»Ach ja! Sie sehen aus, wie die Fee aus meinem Zauberland!«

»Die Fee aus Ihrem Zauberland? Wer ist das?«

»O, das ist – –« er verwirrte sich.

Aber sie wusste so geschickt zu fragen, dass sie bald all die Träume seiner Kinderzeit kannte und mit ihm wanderte in seinem Märchengarten.

Der Thee war indessen fertig, und sie schlürften den heissen Trank und knabberten Biskuits dazu . . . die Lampe mit dem roten Schleier verbreitete solch mildes Licht, und die brennenden Scheite im Kamin warfen rötliche Streifen auf die weissen Felle . . . . .

Ludwig schien es wie im Traum.

Neben ihm sass das holdselige Weib, das mit ihm plauderte, das für ihn sorgte und ihn anlächelte.

»Wie ist doch das Leben so schön!« er hatte es nur geflüstert, aber sie verstand es und sah ihn lächelnd an.

»Heute zum erstenmal, nicht wahr?« sagte sie neckisch und mit jenem Anflug von Schelmerei, der sie so entzückend kleidete.

Er nickte.

»Mir erscheint es auch schön,« sagte sie, »vielleicht auch heute zum erstenmal . . .«, setzte sie ganz leise hinzu.

Und dann sahen sie sich an, und die reinen unberührten Seelen der beiden Menschen versenkten sich in einander, und die Sehnsucht, die jahrelang in ihren Herzen gewohnt hatte, schwieg.

Zwei Stunden waren dahingeglitten – – – Ludwig bemerkte es nicht . . . er rührte sich nicht vom Platze.

Da erhob sich Lea und trat zu ihm hin. –

Schweigend stand sie einen Augenblick vor ihm . . . und unwillkürlich erhob er sich auch.

Auf ihren Zügen lag eine leichte Verlegenheit . . . da legte sie plötzlich heiss errötend ihren Arm um seinen Hals.

Ludwig erzitterte unter ihrer Berührung . . . er sah sie trunken vor Glück an und er beugte sich zu ihr nieder, um sie zu küssen.

Aber selbst in diesem Augenblicke erinnerte er sich seines entstellenden Fehlers und traurig wandte er sein Gesicht wieder ab. –

Sie hielt ihn aber fest und bog seinen Kopf zu sich herab.

»Doch, – küsse mich,« flüsterte sie, »Du darfst es!«

Da schlang er leidenschaftlich seine Arme um ihre Schulter, und presste sie an sich, als wolle er sie nie mehr loslassen . . und küsste sie . . . küsste sie – –

Plötzlich machte sie sich sanft los und sah ihm mit einem undefinierbaren Blick tief in die Augen.

»Aber warum schliessest Du die Augen, Ludwig, wenn Du mich küssest?«

Fassungslos starrte er sie einen Augenblick an, dann begriff er.

Ja, ja, auch er hatte die Augen geschlossen, – auch er hatte sie bei dem Kuss nicht angesehen.

Nun verstand er sie und umschlang sie von neuem . . . und sie schlossen beide die Augen und küssten sich, selig über diese Liebe, die sie gesucht und nun gefunden hatten.

Sie öffneten die Augen nicht . . . sie wollten sich nicht ansehen – – mit diesem Kuss hauchten sie ihre Seelen ineinander . . . . sie öffneten die Augen nicht, damit kein Gegenstand in ihrer Nähe die Hingebung, die in solchem Kusse liegt, ablenken könne.

»Darum schliesst man die Augen, – siehst Du!« sagte sie, als sie erwachten.



7.

Glückselige Tage folgten, die den beiden traumhaft dahinschwanden.

Ueber Ludwigs Wesen lag ein Glanz ausgebreitet, wie ihn nur eine grosse Liebe und ein grosses Glück verleiht.

Seine Schüchternheit und der scheue Zweifel waren verschwunden, und eine Kraft erwachte in ihm, eine seelische Kraft, die ihn hoch empor trug und vor der das geliebte Weib sich beugte.

Sie hatten die Rollen getauscht.

Bisher war es Lea gewesen, die in allen Dingen die Initiative ergriffen, welche die für das Weib so eng gesteckten Grenzen überschritten hatte, und mutig nur den Eingebungen ihrer Liebe gefolgt war. Und Ludwig hatte diesen Mut, der sie in den Augen anderer vielleicht höchst unweiblich hätte erscheinen lassen, verstanden und bewundert.

Jetzt war er es, der sie führte, und sie diejenige, die folgte.

Jetzt erst konnte er an hundert kleinen Zügen beobachten, ein wie echtes Weib Lea war, trotz der geistigen Freiheit, die sie für sich beanspruchte, und welch eine reine, sensitive Seele in ihrem Körper wohnte.

Sie hatten Stunden überirdischen Glückes, – Stunden, in denen ihre Liebe ihnen wie eine Offenbarung vorkam, wie ein Gebet . . und Thränen des Dankes in ihre Augen traten. Sie dankten dem Gott, an den sie kaum noch geglaubt hatten, dass er ihnen die Kraft schenkte, so zu lieben. Sie däuchten sich Auserwählte unter Millionen, und ihre Liebe führte sie hoch hinweg über alles Irdische . . .

So kam Weihnachten heran. Sie verlebten das Fest natürlich gemeinsam.

Er war bei ihr, und diese beiden aufgeklärten, freigeistigen Menschen benahmen sich wie zwei Kinder, – hatten Geheimnisse, Ueberraschungen, und waren ausgelassen vor Freude über die Geschenke, die sie sich gegenseitig machten.

Sie empfanden nicht einmal das Bedürfniss, beide allein zu sein, sondern liessen sich die Gesellschaft der Tante an diesem Tage gern gefallen.

Die Härten, die ihre Seelen durch die jahrelange Vereinsamung angenommen und deren Klarheit getrübt hatten, fielen von ihnen ab, – und diese Liebe machte sie nicht egoistisch, sondern selbstlos und gut. –

Der Zauber, den Lea schon früher auf alle Menschen, die mit ihr in Berührung kamen, ausgeübt hatte, machte sich jetzt noch stärker geltend . . . sie war hinreissend liebenswürdig und gut, und sogar ihre Tante fühlte zum erstenmal etwas wie Liebe für ihre Nichte.

Zwei Tage vor Weihnachten hatte Ludwig mit Lea eine Unterredung gehabt.

»Lea, ich möchte wissen, ob ich Dir unentbehrlich bin?«

»Und Du fragst noch, Ludwig!«

»Glaubst Du, dass auch Du mir absolut notwendig bist?«

»Ich weiss es!«

»Und Du glaubst, dass unsere Liebe unerschütterlich ist?«

»Solche Liebe – ja!«

»Also dann werden wir uns heiraten!«

»Du willst doch?« fragte er, als Lea schwieg.

»O,« sagte sie und flog ihm in die Arme. »Ja, heiraten wir, – dann kann ich immer, immer bei Dir bleiben . . . dann bin ich nie mehr einsam!«

»Und bist Du damit einverstanden, dass wir – sagen wir schon in sechs Wochen heiraten? Du kannst Dir ja denken,« fuhr er leiser fort, und presste sie fester an sich, »wie glühend ich mich danach sehne, Dich ganz zu besitzen!«

Sie errötete tief, sah ihm aber dabei offen in die Augen.

»Und ich auch,« hauchte sie, und verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Schulter. – – – – – –

Am Weihnachtsabend steckte er ihr den kleinen glatten Reif an den Finger.

»Ganz wie gewöhnliche Menschen machen wir's!« lachte Lea, »– verloben, und dann heiraten, – ganz genau, wie andere Leute auch, die vielleicht nicht einmal wissen, was Liebe ist! Tante, nun darfst Du uns ganz programmmässig Glück wünschen, wir haben uns verlobt!«

Frau Maroldt wischte sich verstohlen die Lippen und drückte Lea einen Kuss auf den Mund, den diese resigniert hinnahm. In ihrem Tantengefühl wollte sie sogar Ludwig küssen, aber dieser kam ihr zuvor und küsste ihr respektvoll die Hand.

Ludwig überraschte Lea mit der wundervollen Copie eines modernen Gemäldes, von dem sie mit Begeisterung gesprochen hatte . . . sie schenkte ihm, in der That ein fürstliches Geschenk, eine alte italienische Geige, – denn er hatte einmal geäussert, dass der Klang seines Instrumentes ihn nicht befriedige.

Sonderbarerweise hatte Lea ihn noch nie spielen hören.

Sie bat ihn jetzt darum, und der weiche Ton der prachtvollen Geige, das wunderbare Spiel ergriff sie so, dass ihr, ohne dass sie es wusste, Thränen in die Augen traten.

Aber die Tante hatte es bemerkt.

»Mein Gott, Nora weint,« rief sie aus, als Ludwig sein Spiel beendet hatte, – »Nora weint! das ist noch nicht dagewesen! Sie sind ja ein Tausendkünstler, lieber Ludwig, – ich habe Nora noch nie weinen sehen! Sie weinte nicht, als ihre Eltern starben, sie weint nie im Theater, wenn das Stück auch noch so rührend ist, – sie weint nie! Und nun – – –«

Ludwig küsste Lea die Thränen fort, und flüsterte dabei leise ihren Namen. Es berührte ihn immer äusserst unangenehm, wenn Frau Maroldt »Nora« sagte.

»Bitte, liebe Frau Maroldt, erfüllen Sie mir doch einen Wunsch.«

»Welchen denn?«

»Nennen Sie meine Braut nicht mehr Nora, – sagen Sie doch Lea, wie ich!« Aber Frau Maroldt protestierte.

Nein, den hässlichen jüdischen Namen könne sie nicht leiden! Er wisse doch, dass es ein jüdischer Name sei? Nun also, es sei doch auch garnicht ihr richtiger Name, und Nora höre sich doch auch viel schöner und vornehmer an!

Lea hatte der Debatte amüsiert zugehört und gab der Tante recht.

»Lass Tante doch, Ludwig,« sagte sie, »Nora klingt wirklich viel schöner, – und –« setzte sie leise hinzu, »Nora bin ich auch für alle Leute . . . Lea bin ich nur für Dich!«

Die Tante verstand sie nicht, aber Lea sah ihren Verlobten strahlend an, und er küsste sie verständnisinnig.

Kurz vor dem Souper verschwand Lea eine kleine Weile, und als Ludwig sie suchte, fand er sie im Nebenzimmer, ganz versunken in dem Anblick des Gemäldes, das er ihr geschenkt.

Er trat an ihre Seite. Sie blickte glücklich zu ihm auf.

»Es ist so schön, – das Gemälde – – welche Freude hast Du mir damit gemacht! Ich liebe das Schöne so sehr! Sieh nur, wie rein, wie klassisch die Linien dieses Gesichtes sind!« und sie schmiegte sich an ihn.

Sein Gesicht hatte sich bei ihren Worten umdüstert.

»Du liebst das Schöne so sehr . . . was liebst Du denn an mir?«

»Alles!« sagte sie einfach. »Ich finde Dich auch schön!«

»Aber ich bin es nicht!« erwiderte er heftig, »ich bin hässlich . . . und eines Tages wirst Du es vielleicht bemerken!«

»Nie!«

Es klang so ernst und feierlich wie ein Gelübde.

Aber er war noch nicht beruhigt.

»Ach,« sagte er klagend, »es giebt Stunden, wo ich mein abscheuliches Gesicht vergesse – aber Du erinnerst mich immer wieder daran!«

»Ich erinnere Dich daran, weil ich noch etwas anderes als Dich schön finde. – Du bist ungerecht, Ludwig!«

»Verzeih' mir, Lea, ich wollte Dich gewiss nicht kränken, und ich bin Dir ja so dankbar für Deine Liebe!«

»Siehst Du!« antwortete sie, »wie verkehrt! ich bin gar nicht dankbar! . . . Ich liebe Dich, und Du liebst mich, – wofür sollen wir uns denn dankbar sein? Es ist eine Notwendigkeit, dass wir uns lieben, und Du hast mir gewiss für nichts zu danken, denn Du giebst mir ja Deine Liebe für die meinige! Also . . . .«

Sie hatte recht, wie immer, und er küsste sie schweigend und inbrünstig . . .



8.

Wie die Tage eilten! Und für die beiden doch noch nicht schnell genug.

Die Anzeigen ihrer Verlobung, die Besuche hatten sie auf das unumgänglich nötige Mindestmass beschränkt, – das Aufgebot war bestellt, – noch vierzehn Tage, und sie waren Mann und Weib.

Diese Wartezeit benutzten die beiden, um Ludwigs Heim fast gänzlich umzugestalten.

»Ich kann mir nicht helfen,« meinte Lea, »aber ich finde, auch der feinsinnigste Junggeselle wohnt junggesellenhaft. Es fehlt in euren Räumen, so hübsch ihr sie auch einrichten mögt, das gewisse Etwas, das sie erst heimisch macht.«

Lea richtete sich ihr neues Wohnzimmer noch kapriziöser und geschmackvoller ein, als das alte, und Ludwig wunderte sich im Stillen, mit welcher Leichtigkeit sie sich von allem trennte, das sie doch so lange Jahre besessen hatte.

»Ich glaube,« sagte er ein wenig besorgt, »Du besitzest nicht die Spur von Anhänglichkeit!«

»Anhänglichkeit?« sie lachte. »Sprich doch das Wort nicht aus! Ich stelle mir dann immer eine alte Lehrerin vor, die in ihrem Zimmerchen sitzt, ausgestaltet mit Möbeln, welche schon aus ihres Grossmütterchens Rosenzeit stammen, – überall gehäkelte Decken und Deckchen – – ich bitte Dich, gehäkelt! und an der Wand ein Pianino, welches ein eingelegtes, mit Glasperlen gesticktes Schild hat. Am Fenster hängt ein Kanarienvogel, und alles ist so niedlich und so adrett, alles duftet so nach Thymian und Lavendel. Sie würde lieber verhungern, ehe sie eins von diesen Stücken fortgeben würde, . . . nicht wahr, das nennst Du Anhänglichkeit?«

»Nun ja,« lächelte er, »so ungefähr! Ich hin auch etwas Sklave solcher Anhänglichkeit!«

»O, das wundert mich. Menschen wie wir, die wir nie eine rechte Heimat hatten, und die nie geliebt wurden, wie sollen die Anhänglichkeit besitzen? Wir sind von einer Umgebung in die andere versetzt, und ich finde, die Anhänglichkeit ist ein Gefühl, das durch alte, vererbte Objekte geweckt wird, oder durch Dinge, von lieber Hand geschenkt! Nein, ich bin keineswegs sehr anhänglich, ich kann mich ziemlich leicht von allem trennen!«

»Vielleicht auch eines Tages von mir,« seufzte er halb scherzend, halb ein wenig melancholisch.

Sie antwortete nicht gleich, sondern runzelte leicht die Brauen.

»All diese kleinen, ein weiches Gemüt verratenden Gefühle,« erwiderte sie dann mit einem tiefen Atemzuge, »all diese kleinen Edelsteine der Seele besitze ich nicht, – – ich habe dafür nur etwas, nur einen einzigen kostbaren Diamanten, – meine Liebe – – glaubst Du nicht, dass er an Wert höher steht, als all das andere?« Ihre Stimme klang tief und bewegt, und ihre Augen blickten ihn ernst und rein an.

»Lea!« stammelte er, und bedeckte ihre Hand mit Küssen. – – – – –

Der Morgen der Trauung brach an.

Ludwig hatte unter seinen Bekannten zwei der ihm sympathischsten ausgewählt, die als Trauzeugen fungierten . . . auf eine kirchliche Trauung hatte er sowohl als Lea verzichtet.

Geschäftsmässig kühl verrichtete der Standesbeamte die sogenannte heilige Handlung, – – dann noch mit den Trauzeugen ein Frühstück bei Pfordte, – – und endlich, endlich waren die Neuvermählten erlöst.

Man glaubte allgemein, dass die beiden eine Hochzeitsreise unternehmen würden, und sie thaten auch nichts, um dieser Meinung entgegenzutreten . . . – in Wirklichkeit aber waren sie übereingekommen, ruhig und abgeschieden von aller Welt die »Hochzeitsreise« in ihrer neuen Häuslichkeit zu verbringen.

Als sie die Schwelle ihres jetzt gemeinsamen Heims überschritten, Hand in Hand, – da sahen sich die beiden an. Stumm fielen sie sich in die Arme, und in dieser wortlosen Umarmung lag alles ausgedrückt, was ihnen kein Priester in einer noch so langen Predigt hätte ans Herz legen können.

Ludwig hob Leas leichte Gestalt auf und trug sie hinein, unbekümmert um Frau Doris' erstauntes Gesicht, die würdevoll zum Empfange des jungen Paares bereit stand.

»So will ich Dich auf Händen tragen, Du mein Weib, mein geliebtes Weib,« jubelte er, »so will ich Dir danken für das Glück, das Du mir schenkst! Lea! Lea!!«

»Nicht danken und nichts versprechen,« bat Lea sanft. »Ich verspreche Dir auch nichts! Wieviel gute Vorsätze werden wohl am Tage der Hochzeit gefasst, und ach wie bald gebrochen! Nein, nichts versprechen!«

Der Nachmittag verlief unter Scherzen und Anordnungen. Beide wurden nicht müde, immer wieder zu verrücken, umzustellen und von neuem zu arrangieren.

Der kurze Februarnachmittag neigte sich seinem Ende zu, und über der Alster stiegen weisse Abendnebel auf.

Es war so traulich und dämmerig in dem grossen Gemach, eine Stunde, wie geschaffen zum Küssen und Liebkosen. Aber Lea wurde immer stiller. Sie erwiderte Ludwigs leidenschaftliche Liebkosungen nur noch schwach und sprach fast gar nicht mehr.

Eine starke, innere Bewegung hatte sich ihrer bemächtigt, ein Gefühl, dessen sich auch das starkgeistigste Weib nicht zu erwehren vermag, wenn es vor jenem grossen Abschnitt seines Lebens steht.

Zum Weibe erwachen!

Vor dem Unbekannten haben wir stets eine gewisse Furcht, – ein zages Zittern, – mag es uns nun Gutes oder Böses bringen.

Ludwig beobachtete sie heimlich.

Was war mit ihr?

Warum sagte sie ihm nicht, was sie bewegte?

Durfte er nicht an allen Regungen ihrer Seele teilnehmen, hatte er nicht ein heiliges Recht, das Recht der Liebe darauf?

Er ergriff ihre Hand und legte seinen Arm um ihre Schulter, aber sie entzog sich ihm sanft, und ein wenig verletzt gab er seine Bemühungen auf, und grübelte über die Ursache ihrer veränderten Stimmung nach.

Plötzlich gab es ihm einen Ruck.

Wenn – wenn sie schon bereute?

Ein wahnsinniges Angstgefühl schnürte ihm die Kehle zu, und seine Augen wurden unbewusst zum Verräter seines Gefühls.

Lea hatte die Veränderung in seinem Antlitz wohl bemerkt, wenn auch nicht ganz verstanden. Sie glaubte ihn verletzt, weil sie seine Liebkosungen abgelehnt . . . darum trat sie zu ihm hin und küsste ihn, und die ganze Liebe ihres Herzens legte sie in diesen Kuss.

Er sah in ihre Augen, und der Zweifel, der in ihm grossgezogen und die langen Jahre hindurch genährt war, verschwand vor ihrem Blick.

Beim Souper wurde Lea etwas lebhafter. Sie verlangte Sekt und trank viel und hastig davon. Ludwig folgte ihrem Beispiele und liess seiner nun wieder fröhlichen Laune die Zügel schiessen. Er bemerkte nicht, dass Leas Ausgelassenheit etwas Forciertes hatte, er freute sich, wenn er sie lächeln sah.

Lange sassen sie beisammen, dann ergriff Ludwig seine Geige, und die wechselvollen Phantasien seines weichen Herzens schwebten durch den Raum und zauberten Lea die Gestalten seiner Träume vor.

Die Sehnsucht seiner Knabenjahre, das Suchen des Jünglings, das stumme Resignieren des Mannes und endlich sein Finden, das Aufwachen dieser Liebe, das Erfüllen seines brennenden Wunsches, – das ganze Schicksal seines Lebens legte er in die Töne.

Lea war bis ins innerste Mark erschüttert.

Und dann plötzlich, mitten in einer glühend leidenschaftlichen Melodie, brach er sein Spiel ab und legte die Geige hin.

Dann nahm er sein junges Weib in die Arme und trug sie hinauf, – hinauf in ihr gemeinsames Schlafgemach.

Behutsam, als könne er sie zerbrechen, setzte er sie in einen Sessel, und blieb knieend vor ihr liegen.

Lea liess willenlos alles mit sich geschehen. Sie zitterte und wehrte sich nicht, als er sie mit heissen Küssen bedeckte.

Dann begann er, und so zart, wie man es seinen Männerhänden nicht zugetraut hätte, sie zu entkleiden, und er stand staunend vor so viel Schönheit.

Er wagte kaum, sie anzurühren, aber die weiche, weisse Haut ihrer Schultern reizte ihn, sie zu streicheln, und das brachte sein Blut in Aufruhr. Er riss Lea an sich und presste sie so heftig in seine Arme, dass sie ein leises Stöhnen nicht unterdrücken konnte. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände, und seine Augen strahlten sie an, – heiss, begehrend.

Und da empfand sie die Furcht des Weibes vor dem Manne, dem es sich hingeben soll, – – – Lea entwand sich plötzlich seinen Armen und floh scheu und zitternd in eine Ecke des Gemaches.

Sie stand da, kämpfend und schamhaft und richtete ihre Augen angstvoll und abwehrend, gemischt mit zitternder Liebe und Verlangen auf den Mann.

Aber Ludwig sah nur die Angst und die Abwehr. Und alle Dämonen des Zweifels und des Misstrauens ergriffen wieder Besitz von ihm und führten in seiner Seele einen Höllentanz auf.

Der Glanz seiner Augen erlosch und halb gebrochen sank er in den Sessel, von dem sein junges Weib geflohen war.

Lea sah das – und begriff nicht.

Der Gedanke kam ihr nicht, dass er ihr jungfräuliches Widerstreben auffassen konnte als Abscheu, den sie vor der intimsten Berührung mit ihm empfinden könne.

Was war mit ihm?

Zürnte er ihr, dass sie ihm widerstand?

Ach – – –!

Und dann kam ihr ein Gedanke. Sie drehte das elektrische Licht aus, und leise und zagend schlich sie sich zu ihm und legte ihren Arm um seinen Hals.

Und er – er stiess sie zurück, und biss die Zähne aufeinander.

Hahaha, um seine Nähe erträglich zu finden, musste es erst dunkel um sie her sein! So unangenehm war er ihr!

O nein! er wollte sie nicht belästigen, – er konnte verzichten!

Schweigend und rasch kleidete er sich aus und wühlte sich in sein Bett ein. Er vergrub den Kopf in die Kissen, um nicht laut herauszuschreien und erstickte das Schluchzen und die Thränen, die in ihm aufstiegen, und seine Qual wurde dadurch noch grösser.

Wie war er doch so unglücklich!

Und Lea begriff immer noch nicht!

Konnte denn ein Mann nicht verstehen, wie ein jungfräuliches Weib fühlt, selbst wenn es mutig ist?

Konnte er deswegen zürnen?

Wie wenig Verständnis die Männer doch manchmal für das Weib haben, dachte sie seufzend, auch die feinfühlendsten! Und auch sie fühlte sich unglücklich.



9.

Wie zwei Fremde gingen sie die nächsten beiden Tage nebeneinander her.

Lea war verletzt.

Warum behandelte er sie so kühl? Womit hatte sie das verdient?

Und auch sie war ungewöhnlich zurückhaltend, wodurch Ludwig noch verbitterter wurde.

Er vermied es, sie zu berühren, um sie nicht unangenehm zu erinnern, und Lea wurde sein Betragen immer rätselhafter.

Abends ging er entweder schnell hinauf, und lag anscheinend schon im festen Schlaf, wenn sie erschien, oder er blieb so lange an seinem Schreibtisch sitzen, bis sie sich erhob und schlafen ging.

Aber so sehr beherrschen konnte er sich doch nicht, dass ihm nicht einige Andeutungen entschlüpften, die geeignet waren, Lea etwas über seinen Seelenzustand und die Ursache der Missstimmung aufzuklären.

Allmählich dämmerte in ihr ein Verständnis für sein sonderbares Verhalten der letzten Tage auf, und die Ursache dieses Missverständnisses erfüllte sie mit tiefer Trauer und Verstimmung.

Wieder das Misstrauen, wieder der Zweifel an ihrer Liebe!

Und dabei liebte sie ihn doch so glühend und sehnte den Moment herbei, wo sie ihm ganz gehörte.

Ihr kurzes Widerstehen war doch so verständlich gewesen!

Was sollte sie nun thun?

Sie konnte sich doch nicht ihm in die Arme werfen und zu ihm sagen: Nimm mich! ich liebe Dich ja, und ich scheute mich ja nicht vor Dir, sondern davor! Vor dem Unbekannten! Nein, das konnte sie nicht, und sie wusste keinen Ausweg. Sie sann und sann, und ein unendlicher Opfermut erfüllte ihr grosses Herz. Sie wäre zu allem bereit gewesen, um ihren Mann von der Aufrichtigkeit ihrer Liebe zu überzeugen.

Endlich glaubte sie etwas gefunden zu haben. Ja, ja, das ging!

Am dritten Tage, abends, als Ludwig sich nach dem Souper erheben wollte um an seinen Schreibtisch zu gehen, sagte sie leise:

»Ludwig!«

»Ja, Lea?« fragte er höflich.

»Bitte, bleib noch einen Augenblick sitzen, – ich möchte Dir etwas erzählen!«

Gehorsam leistete er ihrer Aufforderung Folge und nahm seinen Platz wieder ein.

Kurzes Schweigen.

Sie drehte ein paar Brotkrümchen in ihrer Hand zusammen und rollte sie dann auf dem Tischtuch hin und her.

Er wartete geduldig.

»Also höre:

Ein Mann und ein Weib waren vom Schöpfer füreinander bestimmt, aber sie sollten sich beide suchen. Gott warf den einen hier hin und die andere dort hin.

Das Weib war jung und schön, aber ihre Seele war anders als die ihrer Geschlechtsgenossinnen, und darum liess man sie allein und sonderte sich von ihr ab, – der Mann aber trug das Kainszeichen seiner Vereinsamung im Gesichte. Und an diesem Kainszeichen erkannte das Weib den Mann, der für sie bestimmt war, – daran erkannte sie, wie einsam er gewesen, ehe er sie gefunden. Das Kainszeichen hatte ihn vor der Annäherung der Menschen und vor ihrer Liebe geschützt, so dass sein Herz noch ganz rein und unberührt war.

Und das Weib segnete das Zeichen und dankte Gott dafür, dass er es dem Manne gegeben, denn ohne dasselbe hätte er sich vielleicht nicht so rein erhalten können, und wäre der grossen Liebe nicht mehr fähig gewesen.

Sie liebte darum das Zeichen, – und der Mann hasste es.

Er hasste es, weil er glaubte, dass es ihn entstelle und hässlich mache, und sie liebte es, weil sie fand, dass seine Seele dadurch schön geblieben und ihn auszeichne vor allen anderen Menschen.

Aber er konnte es nicht begreifen, dass sie solch absonderlichen Geschmack besass, und quälte sie darum mit Misstrauen, das sie doch nicht verdiente, denn sie hatte ihm gesagt, dass sie seine Seele, aber auch seinen Körper liebe, und sie hatte nicht gelogen.

Um ihn aber von seinem Zweifel zu befreien, und ihn von ihrer Liebe zu überzeugen, wollte sie folgendes thun:

Sie sagte zu ihm: Es genügt mir, wenn Du, Du ganz allein mich liebst, und weil ich nicht an Deiner Liebe zweifle, so werde ich mein Gesicht dem Deinen gleich machen, damit ich nichts mehr vor Dir voraus habe. Und mit diesen Worten,« sie lächelte Ludwig, der sie ganz erstarrt ansah, matt an, »mit diesen Worten zog das Weib ein Fläschchen mit einer ätzenden . . .«

Ludwig stiess einen lauten Schrei aus . . . . in Leas Hand blitzte ein Flacon, das sie schnell entkorkte – – –

Aber Ludwig war noch schneller.

Der Tisch, mit allem darauf Stehenden schwankte und fiel um, aber er hatte ihr glücklich die Flasche entrissen, und schleuderte sie in den Kamin.

»Lea, Lea, was wolltest Du thun?«

»Uns beide glücklich machen! warum hast Du mich gehindert?« Sie lächelte ihn schwach und wehmütig an.

»O, ich Elender! . . . Lea, mein Weib, verzeih mir doch! Ich sehe ja ein, wie schlecht ich bin, wie ich Dich quäle! Verzeih mir, – ich will nie wieder zweifeln!« und er küsste demütig ihre Hände.

»Wenn meine Liebe nicht so unendlich stark und gross wäre, Ludwig, so würdest Du sie durch Dein Misstrauen töten . . . . so aber sterbe ich daran!«

»Lea!« schrie er flehend.

»Nein, mache es Dir klar, Ludwig, wie Du mich durch Dein Misstrauen demütigst und erniedrigst, wie Du vor allem unsere heilige Liebe schändest, – dann giebt es eigentlich keine Entschuldigung für Dich!«

»Lea, bei Gott, es ist das letzte Mal gewesen, – glaub es mir!«

»Nun gut, Ludwig . . . ein nächstes Mal würde mich töten, – vergiss das nicht!«

Und dann küsste sie ihn auf die Stirn . . . ihre Herzen hatten sich wieder gefunden . . und ihre Liebe vereinigte ihre Seelen und ihre Körper – – –



10.

Ganz von allem Verkehr und jeder Geselligkeit sich zurückziehen ging nicht gut an, – auch besuchte Lea leidenschaftlich gern das Theater.

Wo immer die beiden erschienen, erregten sie das denkbar grösste Aufsehen.

Man zerbrach sich den Kopf darüber, was dieses junge, schöne Weib bewogen haben mochte, sich an den hässlichen, abschreckenden Mann zu fesseln. Sein Reichtum konnte es nicht sein, denn sie besass selber mehr, als sie brauchte.

Was dann aber?

Dass es Liebe sein könne, schien denn doch auf jeden Fall ausgeschlossen. Merkwürdig war es allerdings, dass die junge Frau anscheinend nur Augen für ihren Mann hatte, und für die fernere Umgebung nur das allerkonventionellste Lächeln.

Die sonderbarsten Gerüchte waren über die beiden im Umlauf. Einige meinten, er habe sie hypnotisiert, damit sie ihn heiraten solle, denn es sei doch nicht auszudenken, dass ein vernünftiges Mädchen sich ohne zwingende Gründe an einen solchen Mann kette.

Andere behaupteten, sein wunderbares Geigenspiel habe sie hingerissen und sie wäre seine Frau geworden unter der Bedingung, dass er ihr täglich vorspiele. Wieder andere wollten wissen, dass die Räumlichkeiten in ihrer Wohnung stets künstlich verdunkelt seien, damit die arme junge Frau das schreckliche Gesicht ihres Gatten nicht zu sehen brauche . . . . jeder aber schwor darauf, die Ehe wäre entschieden eine platonische, denn andernfalls müsse man die Frau, die ja die besten Partien in Hamburg hätte machen können, für wahnsinnig halten.

Alle Welt beschäftigte sich also mit dem ungleichen Paar, als ob sie in der kleinsten Provinzstadt lebten.

Ludwig und seine Frau kümmerten sich indes äusserst wenig um das Interesse, das sie erregten, – – sie gingen ganz ineinander auf.

Nie unterhielten sie sich besser, als wenn sie allein waren, und von allen möglichen Dingen plaudern konnten.

Die lange Weile, das graue Gespenst, das sie früher so oft geplagt hatte, verschonte sie jetzt ganz, – – aber welch ein Leben führten sie auch!

Wie reizend war es, wenn sie zusammen den Morgenkaffee tranken, und das Kaminfeuer hell dabei flackerte, – wenn er ihr das wichtigste aus den Zeitungen vorlas, oder ein neues Buch mit ihr besprach. Dann bewunderten sie sich gegenseitig. Sie sein sicheres, stets den Kernpunkt treffendes Urteil, – er ihre rasche Auffassung und ihr schmiegsames Verständnis.

Vor allem aber die traulichen Abendstunden.

Nicht müde wurde Lea, seinem Geigenspiel zu lauschen, und manchmal liess sie sich dann herbei, ein Lied zu singen, wofür er ihr besonders dankbar war. –

Sie hatte eine ganz eigentümlich, verschleierte, weiche Altstimme, voll unterdrückter Leidenschaftlichkeit, – – und sie sang nie laut, sondern liess die Töne förmlich durch das Gemach schweben.

Dabei lag sie in ihrem Schaukelstuhl, verschränkte die Hände hinter dem Kopfe und die strahlenden Augen nahmen einen träumerischen Glanz an.

Ja, diese Abendstunden waren reizend.

– – – – – – – –

So ganz, ganz allmählich wich der Winter und machte dem Frühling Platz.

Dem Frühling!

In anderen Ländern die heiss ersehnteste Jahreszeit, ist der vielbesungene Lenz für die bemitleidenswerten Städte, welche zwischen der Nordsee und der Ostsee liegen, keineswegs ersehnenswert.

»Wollen wir reisen?« fragte Ludwig seine Frau, als das Aprilwetter mit seinem beständigen Nebel und Regen die Strassen Hamburgs in einen noch kläglicheren Zustand versetzte, als sie sich für gewöhnlich schon befinden.

Lea war sofort einverstanden.

So ging es denn fort, ohne bestimmtes Ziel, – wo es ihnen gefiel, wurde Halt gemacht.

Für Lea war das Reisen mit ihrem Manne ein ungeahnter Genuss, und sie lernte ihn dabei von einer ganz neuen Seite kennen. Ueber alles war er unterrichtet, alles konnte er ihr erklären, sein ganzes umfassendes Wissen trat dabei zu Tage, und seine anziehende Art zu reden, wusste Interesse zu erwecken und festzuhalten.

In Paris blieben sie vier Wochen, dann wollte Lea Englands Hauptstadt sehen und Ludwig erfüllte gern ihren Wunsch und weidete sich an dem Erstaunen, das diese Riesenstadt in ihr wachrief. Auch in London verbrachten sie einige Wochen, – als aber der Sommer kam, ging es zurück nach Deutschland, nach Süddeutschland, das Lea noch nicht kannte.

Bayern gefiel ihr sehr, und sie, die trotz ihres vierjährigen Aufenthaltes in der Schweiz wohl Berge gesehen, aber nie einen bestiegen hatte, machte den Vorschlag, den Aufstieg auf eine der bayrischen Alpen zu wagen.

Sie wählten den »Herzogstand«, einen der »meist bestiegenen« Berge.

Ludwig erstaunte über die Leichtigkeit, mit welcher Lea die Strapazen des Aufstieges überwand, leichter fast als er. Ihr geschmeidiger, schlanker Körper war trotz seiner Zartheit überaus abgehärtet und ausdauernd, und alle Anstrengungen wurden von ihr überraschend leicht ertragen.

Nach einem dreistündigen Marsche erreichten sie nachmittags die Schutzhütte, und da Lea nun einmal absolut einen Sonnenaufgang im Gebirge sehen wollte, beschlossen sie, in der Hütte zu übernachten.

Das Schutzhaus befand sich in guter Lage etwa eine halbe Stunde unterhalb des Gipfels vom Herzogstand, und kaum hatten sie sich ein wenig ausgeruht und eine Erfrischung eingenommen, da drängte Lea ihren Mann, mit ihr den Gipfel zu ersteigen.

Noch kurze Zeit anstrengenden Kletterns, und der jungen Frau, welche noch nie auf solcher Höhe gestanden, bot sich ein überwältigender Anblick.

Weit, weit, bis in die blaue Ferne reichte ihr Auge, und es schien ihr fast unbegreiflich, wie weit sie sehen konnte!

Wie? diese kleinen Teiche, die da so flach, so winzig aussahen und anscheinend so nahe vor ihr lagen, diese kleinen Teiche waren die von ihr so bewunderten Seeen?

Ein ganz sonderbares Gefühl überkam sie.

Es war ihr, als würde sie noch höher getragen, immer höher, und endlich sah sie unter sich die Erde schweben, klein, unscheinbar, eine Kugel mit geringen Unebenheiten, – das waren die Berge, die ihr immer solche Scheu eingeflösst hatten. Und sie sah sich selber wandeln, kaum dem Auge noch wahrnehmbar, und sah ihr eigen Freud und Leid in ihrer Seele wiederspiegeln, ihre Schmerzen und ihre Freuden, – welche die Wellen auf dem Meere ihres Lebens bildeten, und die sie so oft für Sturmwogen gehalten hatte.

Und nun kam ihr dieser Ocean ebenfalls klein wie ein Teich vor, und die »Sturmwogen« waren kleine Wellchen, die sie aus ihrer Höhe kaum noch bemerkte.

Das waren die Sturmwogen?!

Ach, und jedem einzelnen Menschen ist sein Ameisendasein so wichtig, so wichtig – – –

Wenn ein Gott aus der Höhe herabblicken würde, müsste er nicht lachen über diese Wichtigkeit?

Und ihr kam plötzlich diese tolle Anwandlung, – – sie musste lachen, lachen, lachen, – – lachen über sich und über . .

Hatte sie laut gelacht?

Nein, Ludwig hatte nichts bemerkt, seine Augen waren auf den Boden geheftet, aber er schlug sie jetzt auf, und eine unendliche Liebe strahlte ihr daraus entgegen.

Da kehrte sie auf die Erde zurück.

Nein, nicht mehr in die Höhe . . . nicht den festen Boden unter den Füssen verlassen . . . auf der Erde wurzelt unser Gefühl, unser Wollen, unsere Kraft, unsere Liebe . . . . . Darüber ist – nichts – – nichts . . . . .

Unten in den Thälern lagerten bereits die Schatten der Dämmerung, und das Dorf Walchensee schien fast nächtlich dunkel . . . hier oben auf dem Berge aber war es noch hell, und die benachbarten Berggipfel fingen die letzten Strahlen der sterbenden Sonne auf, und schimmerten rötlich zu ihnen hinüber.

Ein kalter Wind hatte sich erhoben, – und keine Sonne mehr . . . . . .

Lea fröstelte.

Ohne Sonne waren die Berge ihr unheimlich, – und sie schmiegte sich zitternd und furchtsam an Ludwig an, der sie erstaunt und liebevoll besorgt ansah.

»Fehlt Dir etwas, Liebling?«

»Nein, nichts, gewiss nichts, – – es ist nur – – nur die Anstrengung, . . . aber komm, lass uns gehen!« und sie drängte zum Abstieg.

Als sie die Hütte wieder erreichten, waren noch mehr Gäste da, und das Gastzimmer war mit schwatzenden und lachenden Menschen dicht gefüllt.

Lea that der Anblick weh.

Ein Schwindel ergriff sie. Sie konnte nach der erhabenen Einsamkeit, die sie eben verlassen, sich in dem Gewühl der Menschen nicht wohl fühlen, und sie wurde von einer heftigen Nervosität ergriffen.

Auch Ludwig war wortkarg.

Er hatte Lea vorhin auf dem Berge, ohne dass sie es ahnte, beobachtet, er hatte den wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes ängstlich verfolgt, – – und ein nagender Schmerz hatte ihn erfasst.

So sah keine glückliche Frau aus.

An was hatte sie gedacht? Was bewegte sie, als sie so traumverloren der scheidenden Sonne nachblickte?

Sein armes, immer wieder von Zweifeln gequältes Herz zuckte unter der Vorstellung, dass Lea, sein vergöttertes Weib, nicht glücklich sei.

Er sah sie von der Seite an, mit einem unendlich traurigen Blick, und plötzlich stand Lea auf.

Die Nachwirkung des Sonnenunterganges, des vielen Neuen, das sie heute in sich aufgenommen, war so gross, dass sie es in diesem rauchgeschwängerten, menschengefüllten Saal nicht mehr aushielt, – sie glaubte ersticken zu müssen.

»Bitte, Ludwig, entschuldige mich, – ich komme gleich zurück . . . nur einen Augenblick . .« sie streichelte flüchtig seine Hand und trat hastig hinaus ins Freie.

»Ah!« Mit einem tiefen Atemzuge sog sie die reine kalte Nachtluft ein, und strich sich das Haar aus der erhitzten Stirn.

Strahlend flimmerten die Sterne zu ihr herab, – es war aber trotzdem so dunkel, dass sie nur mit Mühe die nächsten Gegenstände erkennen konnte.

Kein Mondschein . . .

Ganz ferne sah sie ein paar schwachglänzende Flächen, – das waren die Seeen, die ihr entgegen schimmerten.

Totenstille herrschte, – – und wenn sie dem erleuchteten Hause den Rücken wandte, dann konnte sie sich einbilden, ganz allein in dieser Einsamkeit zu sein.

Sie setzte sich auf eine Bank, die sich vor dem Hause befand und sah zum Himmel empor.

Etwas wie ein Gebet, wie eine Andacht zog durch ihre Seele, wie ein Dank für das Glück, das ein gütiges Schicksal seinen Auserwählten schenkt.

Ein Stern löste sich vom Himmel . . .

Schwer und gross, wie eine leuchtende Kugel sauste er herab und erlosch ganz allmählich.

Durfte man nicht einen Wunsch aussprechen beim Fallen einer Stemschnuppe?

Sie lächelte und hauchte nur einen Namen: Ludwig!

Und ihre Lippen murmelten immer von neuem: Ludwig . . und in ihrem Herzen brauste es: Ludwig . . . . ihre Liebe strömte über, und die Grösse ihres Gefühls überwältigte sie – – – Thränen traten in ihre Augen und halb erschöpft lehnte sie das müde Haupt zurück. Allmählich verträumten ihre Gedanken . . .

Da fühlte sie sich plötzlich von einer warmen Hand berührt.

Sie fuhr empor. Hatte sie denn geschlafen?

»Aber Lea,« sagte Ludwig mit leisem Vorwurf, »hier auf der Bank schläfst Du ein in dem kalten Nachtwind! Kind, Kind, wie kannst Du so unvorsichtig sein!«

Sie antwortete nicht, sondern sah ihn still an und hielt seine Hand gegen ihre Wange gedrückt.

Sie musste geschlafen haben . . ., ihr war so eigentümlich wirr im Kopfe und sie konnte sich auf die letzte Stunde gar nicht besinnen.

»Wie bin ich denn hierher gekommen, Ludwig?«

Er sah sie erstaunt an. War sie krank?

Eine heisse Angst packte ihn plötzlich, er fasste nach ihrer Hand, – sie war eiskalt.

Da legte er ganz sanft seinen Arm um ihre Schulter und führte sie, wie ein Kind.

Sie liess es sich gefallen und lachte darüber.

Allmählich erinnerte sie sich wieder, und es belustigte sie, dass sie so fest eingeschlafen war, – sie scherzte darüber, aber es klang etwas wie Zerstreutheit aus ihrem Ton.

Sie suchten dann ihr Schlafgemach auf, ein kleines einfenstriges Zimmerchen, in dem sich nur die nötigsten Gegenstände befanden.

Ludwig setzte sich auf den Bettrand und sah Lea schweigend an.

»Bist Du traurig, Ludwig, – oder zürnst Du mir, weil ich Dich verlassen habe und eingeschlafen bin? Sei nicht böse, es war solche erstickende Luft in dem Gastzimmer, die hat mich müde gemacht, – und dann glaube ich, habe ich mich heute doch etwas zu sehr angestrengt!« Sie streichelte schmeichelnd seine Hand, während sie sprach.

»Lea!«

»Ja?«

»Wirst Du mir die Wahrheit sagen, wenn ich Dich jetzt etwas frage?«

»Habe ich Dir je etwas anderes gesagt?«

»Woran hast Du gedacht, als wir heute abend auf dem Berggipfel standen und den Sonnenuntergang bewunderten?«

Lea errötete.

Was sollte sie ihm antworten? Wie sollte sie ihm jene Gedanken wiederholen, die wie ein Traum an ihrer Seele vorübergezogen waren?

Ihr Zögern beängstigte ihn.

»Du sahst nicht glücklich aus, Lea!«

»Ich nicht glücklich? O!«

»Nein,« beharrte er.

»Meine Gedanken waren vielleicht – ich dachte – –«

»Was dachtest Du?«

»Nun, meine Gedanken trugen mich hoch über die Erde, und da erschien mir alles so nichtig und wesenlos!«

»Auch unsere Liebe? Lea, auch unsere Liebe?!«

Sie antwortete nicht gleich, sondern sah ihn schweigend an, und heisser Kummer erfüllte ihr Herz.

»Gärt es schon wieder, Ludwig?«

Er senkte die Augen.

»Hast Du vergessen, dass ich sterbe, wenn Du wieder zweifelst?«

»Ach Lea, verzeihe mir! aber Du bist so sehr anders als andere Frauen, so ganz, ganz anders. Siehst Du, ich glaube ja so fest an Deine Liebe und Treue, und dennoch bin ich eifersüchtig . . . eifersüchtig auf alles, – auf die Dinge, die Deine Hand berührt, auf die Menschen, mit denen Du redest, und auf die Gedanken, die Du denkst! Warum weiss ich nicht alles, was Du denkst? Alles, alles, auch den Schatten eines Gedankens?«

»Ludwig, müssen denn wir immer unsere Gedanken aussprechen, verstehen wir uns nicht so? . . . Gerade, dass wir uns verstehen, ohne dass wir zu reden brauchen, ist ja das Schöne, das Wunderbare an unserer Liebe!«

Er fühlte sich wieder beschämt.

Ihre Liebe war so hoch, so rein, – und er, – er wagte immer von neuem daran zu zweifeln, trotzdem er doch wusste, wie sehr sie ihn liebte.

Ja, wusste er es denn? Hatte er denn eigentlich einen vollgiltigen Beweis für ihre Liebe?

O pfui! dass er so denken konnte! hätte sie ihn dann geheiratet? Wie weit war es schon mit ihm gekommen . . ., wohin verirrten sich seine Gedanken?

Wie Pilze, die man hundertmal zerstört, und die immer wieder emporwuchern, weil der Boden nun einmal versumpft und günstig dafür ist, so erhob der Dämon des Zweifels immer wieder den Kopf, und flüsterte ihm Dinge zu und machte seine Seele blind, so dass seine Augen nicht mehr ungetrübt blickten.

Seine Seele war krank, unheilbar krank. Er war schon zu alt geworden, um alles das ausrotten zu können, was sich da in langen Jahren eingenistet hatte.

Jetzt erst kam es ihm zum Bewusstsein, wie sehr die Reinheit seines Herzens gelitten hatte durch die jahrelangen geheimen Kränkungen, die er erfahren, und wie einsam und dunkel es in seiner Seele gewesen, weil ihm die Sonne der Liebe gefehlt hatte!

Und so schlimm wucherten die Pilze in seiner Seele, dass er sich einen Augenblick fragte, ob er nicht doch früher glücklicher gewesen sei als jetzt, wo er zwar Stunden himmlischen Glückes, aber auch brennendster Höllenqual hatte.

So bitter wie jetzt waren die Qualen früher nicht gewesen!

Im nächsten Augenblick aber schämte er sich schon dieser Regung, und Thränen der Reue traten in seine Augen, und Thränen darüber, dass er so wenig stark war, das Schlimme in seiner Seele zu unterdrücken.

In seinem beweglichen Gesicht hatte sich der innere Kampf abgespiegelt, und Lea verstand nur zu gut, was ihn bewegte.

Eine schwere Mutlosigkeit bemächtigte sich ihrer und ein namenloses Bangen vor der Zukunft ergriff sie.

Von Anfang an hatte sich in die Liebe der beiden ein Tropfen Wermut gemischt, – und wenn sie sich umschlungen hielten und wünschten, keine Körper zu haben, damit ihre Seelen ineinander fliessen könnten, – wenn ihre Liebe den höchsten Punkt der Ekstase erreichte, dann war es ihnen manchmal, als ob sie weinen müssten, und eine Ahnung kam ihnen, dass diese Liebe sie töten würde. Wie zwei Sterbende blickten sie sich dann an, und ihre glühenden Küsse konnten sie nicht hinwegtäuschen über das Weh, das diese Liebe ihnen bereitete.

Auch jetzt umarmten sie sich, und versenkten sich in ihre Liebe . . und fühlten doch dabei, wie Todesschauer sie umrauschten. . . . . .



11.

Drei Monate hatten sie nun schon fern von Hamburg zugebracht, – hatten alles Mögliche gesehen, und waren an allen möglichen Orten gewesen, – – Lea wurde reisemüde.

»Ich mag nichts mehr sehen,« erklärte sie eines Tages ihrem Mann, »weisst Du, Ludwig, was ich nun noch möchte?«

»Was denn, mein Liebling?«

»Mich eine Zeitlang mit Dir zusammen an einen kleinen, ruhigen Ort zurückziehen, – – keine Menschen mehr sehen, und keine Eindrücke mehr gewinnen . . . ich bin übersättigt von allem! Willst Du?«

Und ob er wollte!

Am Starnberger See entdeckte Ludwig ein kleines, von der Kultur noch wenig belecktes Dörfchen, – das reizend gelegene Seeshaupt.

Lea war begeistert von diesem Dörfchen und Ludwig nicht minder.

Hier hatte er sein Weib ganz allein für sich, hier wurde sie nicht bewundert und angegafft, hier kümmerte sich niemand darum, dass Lea schön und er hässlich war. Niemand zerbrach sich den Kopf über das sonderbare Paar, – – vielleicht, weil diese Naturmenschen noch an Liebe glaubten, oder auch, weil sie nichts von Liebe wussten.

Und wie reizend wurde nun ihr Leben!

Zum erstenmal fast in ihrer Ehe verspürten sie jenen Hauch von ruhigem, wunschlosem Glück, das die Menschen zu Göttern macht, zum erstenmal fühlte Ludwig keinen Zweifel und Lea keine Trauer mehr.

Das kleine schmucklose Zimmer im »Hotel Seeshaupt« sah wirkliches Glück.

Wenn sie des Morgens erwachten, sich noch halb schlaftrunken anblinzelten, – sich dann in die Arme sanken, und im Herzen Gott unbewusst dankten, – – das war Glück, reines Glück . . .

Zehn Schritte vom Hotel entfernt waren Badekabinen, wo die wenigen Sommergäste, Männer und Frauen, zusammen baden und weit in den See hinausschwimmen konnten.

Das war ein neuer Reiz in diesem Idyll.

Morgens bei hellem Sonnenschein das Frühstück im Garten oder auf dem Balkon, – ein sehr einfaches Frühstück mit einem Kaffee, der kaum diesen Namen verdiente, – aber es schmeckte den beiden trotzdem herrlich.

Dann eine Ruderpartie auf dem schönen grünen See, oder einen Spaziergang nach einem der umliegenden Dörfer, – – und um zwölf Uhr das ländliche Mittagessen, das sie mit dem grössten Appetit verzehrten. So verging ihnen der Tag trotz ihrer absoluten Unthätigkeit doch wie im Fluge.

Und abends . . . .

Schwarz und schimmernd breitete sich der See aus und kaum ein Hauch bewegte die glatte Fläche. Fern am Horizont eine schwache, rötliche Färbung, – die Widerspiegelung des Lichtmeeres der Grossstadt München.

Und klar und schwimmend an dem dunkelblauen Himmel die schmale Mondsichel, ein ganz, ganz mattes Licht verbreitend, und rings Ruhe, Frieden . . . .

Hand in Hand sassen die beiden auf dem Balkon und liessen die Blicke über den See schweifen, – und ein seltsamer Wunsch stieg in ihnen auf.

Sie sahen sich an – und wie so oft schon, waren sich ihre Gedanken auch diesmal begegnet.

Jetzt baden – jetzt im Wasser sein!

Einer von ihnen sprach den Gedanken zuerst aus, – – keiner wusste nachher, wer es war . . . denn gedacht hatten sie beide dasselbe.

Und eine Abenteuerlust überkam sie und eine kindische Freude am Ungewöhnlichen und Romantischen. Leise schlichen sie sich hinunter . . . so leise, als ob sie etwas Böses thun wollten, und fürchteten, ertappt zu werden.

Und dann standen sie in der Kabine, die sie gemietet hatten, und schnell, schnell, als könne die Furcht kommen und ihr Entschluss ihnen leid werden, entledigten sie sich ihrer Kleider.

Das dunkle Wasser, das am Tage so hell und grünlich schimmerte, und jetzt schwarz, wie der Nachthimmel, war, umschmeichelte ihre Körper und sie schmiegten sich fest aneinander an, als ob sie fürchteten, sich in der Dunkelheit zu verlieren.

Sie kamen sich wie verzaubert vor.

Leas langes, goldbraunes Haar schwamm im Wasser, und schlang sich um Ludwigs Hals und Nacken . . . es hatte sich verwirrt und er konnte sich nicht befreien, ohne ihr weh zu thun . . . aber er wollte sich auch nicht befreien.

Er hielt sein Weib in den Armen, und seine Phantasie träumte ihm vor, dass es eine Undine sei, die ihn küsse und dann untertauche in die Fluten und nie, nie wiederkäme . . . .

Zitternd presste er sie an sich, und Lea umschlang ihn zärtlich mit beiden Armen.

Allmählich wich ihre Furcht. und sie nickte dem Monde zu, der, ohne Helligkeit zu verbreiten, seine schmale Sichel im Wasser spiegelte.

Es war so dunkel – so still . . .

Ab und zu sprang ein Fischlein aus dem Wasser, und das kleine plätschernde Geräusch liess die beiden jedesmal zusammenfahren. Dann sahen sie sich an und lachten leise.

Lea schwamm ein Stückchen hinaus und ihr weisser Körper zeichnete sich scharf von dem dunklen Wasser ab . . . Ludwig folgte ihr, und dann gaben sie sich die Hände und schwammen zusammen.

Ein Stückchen weiter hinaus im See lagen zwei verankerte Balken, die ein Kreuz bildeten, und ein Ruhepunkt für die Schwimmer waren.

Dort hinauf setzten sie sich, und das Kreuz schwankte unter ihnen und verursachte kleine Wellen, die leise rauschten.

Mit einem Arm sich umschlungen haltend, mit dem andern sich stützend, blieben sie sitzen, und es war ihnen, als ob die ganze Welt versänke . . . nur ein Eden blieb nach, das ihnen gehörte . . . .

Auf der Dorfkirche in Seeshaupt schlug es 11 Uhr, – in einer halben Stunde wurde die Thür des Hotels geschlossen.

Das süsse Idyll hatte ein Ende . . . seufzend stiegen sie aus dem Wasser und warfen die Kleider über.

Sie huschten die Treppe zu ihrem Zimmer so leise hinauf, wie sie sich entfernt hatten, und als sie die Thür hinter sich schlossen, entzündeten sie kein Licht, – denn die künstliche Helligkeit hätte den Zauber, der sie noch umfangen hielt, zerstört.

Sie stürzten sich in die Arme und küssten sich, küssten sich mit einem langen, glühenden Kusse.

»Bist Du glücklich, Lea?«

»Glücklich! Glücklich! . . Ach, viel mehr als glücklich!«

Und sie umarmten sich wieder und schwiegen . . . sie versuchten einander in die Augen zu sehen, mit jenem tiefen Blick der Liebe, der bis auf den Grund der Seelen schaut.

Und noch einmal glaubten sie an die ewige Dauer dieses Glückes, und die Fülle ihrer Liebe war so gross, dass sie keine Worte mehr fanden und nach keinem Ausdruck mehr suchten, um sich gegenseitig ihre Liebe zu gestehen.

Selbst ihre Küsse deuchten sie zu schwach, um die ganze Grösse ihrer Liebe zu beweisen.

Ludwig glaubte Lea in diesem Augenblick, dass sie glücklich war und ein unsagbares Gefühl der Wonne darüber erfüllte ihn.

Er – er war die Ursache ihres Glückes.

Giebt es wohl etwas, das unser Herz mehr erhebt, als das Bewusstsein, einem andern geliebten Wesen alles das zu verkörpern, was es vom Leben hofft und wünscht?

Glück geben!

Wer viel gelitten hat, kann am meisten Glück geben, denn er giebt es so, wie seine eigene Sehnsucht es ihm vorgezaubert hat.

In der reinen Atmosphäre dieser einfachen Landbewohner, deren Seelen so wenig kompliziert und deren Körper so gesund und kräftig waren, wurde das Seelenleben der beiden Gatten auch einfacher und kampfloser.

Sie sahen nichts als ein Stückchen idyllisch schöner Natur, ohne darüber zu grübeln und besonderes darin zu suchen . . . sie empfanden nur eine fast unbewusste Freude darüber.

Keine Eindrücke ungewöhnlicher Art, keine Nervenanspannung, – – wie zwei Blumen genossen sie den Sonnenschein und den blauen Himmel und dachten an kein Morgen.

»Wollen wir uns hier ein Haus bauen, und uns ganz in diesem Dörfchen ansiedeln? was meinst Du dazu, Lea?« fragte Ludwig eines Tages.

»Du meinst, hier würden wir immer allein und glücklich sein,« erwiderte Lea, und sie las die Gedanken in ihres Mannes Seele. Glücklich! . . . ihr Auge wurde plötzlich nachdenklich und in ihrem Innern wurde eine Stimme laut, die ihr die Hoffnung auf ein Glück nehmen wollte. Tödlich erschrocken unterdrückte sie diese Regung.

»Gewiss, Ludwig, wenn Du willst . .«

»Nein, nein,« unterbrach er sie hastig, »es war natürlich nur ein Scherz!« und er lachte und suchte in dem Lachen das Bedauern zu ersticken, das er über ihr zögerndes Ja empfand. Er hatte ihr Zögern natürlich falsch ausgelegt, und uneingestandene Trauer erfüllte ihn, dass sie nicht bedingungslos überall mit ihm bleiben wollte. Er wäre überall zufrieden gewesen, wenn sie nur bei ihm wäre!

Und Lea folgte auch jetzt seinem Gedankengang, aber sie schwieg. Sie versuchte nicht mehr, ihn mit sanfter Hand aus dem Irrgarten seines Zweifels und seines Misstrauens herauszuführen, sie hoffte nicht mehr, dass es je gelingen würde und etwas wie dumpfe Resignation erfüllte sie.

Für ihre aufrichtige, gerade Natur, die überhaupt kein Misstrauen kannte, war dieser Kampf um ihre Liebe ein äusserst aufreibender, und, wie sie allmählich einsah, nutzloser. Sie machte es sich klar, wie zerrüttet die Seele ihres Mannes sein musste, wenn nicht einmal ihre unendliche Liebe ihn heilen konnte.

Ein Gefühl des Mitleids beschlich sie, aber sie drängte es mit Gewalt zurück. Nein, nur kein Mitleid. – Ihre Liebe, ihre heilige Liebe sollte nur Liebe sein, – kein anderes Gefühl sollte sich da hinein drängen, es sollte reine, reine Liebe bleiben, – sonst lieber sterben!

Sie zürnte Ludwig auch nicht, dass er nicht imstande war, die Schlacken von seiner Seele zu entfernen, – ihr grosses Herz begriff und verstand nur, wie sehr er selber darunter leiden musste, und sie begriff, wie schwer es für ihn sein musste, zu glauben, dass thatsächlich ein Wesen ihn liebte, ausschliesslich, wirklich liebte. Hatte sie doch täglich selber beobachten können, mit welchem Entsetzen und mit welchem Abscheu man ihren Mann überall betrachtete, und wie man sie mit dem grössten Erstaunen und Mitleid ansah.

Sie hatte ihm so oft gesagt, dass es gerade sein Gesicht gewesen war, dass sie zu ihm hingezogen, denn das ganze liebelose Dasein war ihm mit diesem Gesicht von vornherein bestimmt. Sie selbst fand nichts Abschreckendes in seinem Antlitz, sondern liebte ihn gerade darum so zärtlich, denn durch dieses Gesicht gehörte er ihr ja so ganz allein, ganz allein. Siehst Du, hatte sie ihm gesagt, reiner Egoismus! Genau, wie ich Dir gleich im Anfange unserer Bekanntschaft gestanden habe!

Aber er vergass immer von neuem wieder alles, und nichts ist so erfinderisch in scheinbaren Gegenbeweisen, wie gerade das Misstrauen.

Eine Hoffnung aber belebte Lea noch, eine geheime Hoffnung . . . Die Hoffnung auf ein Kind, auf das ein Teil seiner Liebe übergehen würde!

Ja, ein Kind! . . . Das würde ihn vielleicht ablenken, – das würde sein Vertrauen in ihre Liebe vielleicht stark machen!

Leas elastische Seele richtete sich bei diesem Gedanken wieder auf und hoffte von neuem.

Ein Kind würde ihn gewiss glücklich machen . . ., und vor den unschuldigen Augen eines Kindes würde der Zweifel vielleicht nicht mehr aufkommen!

Und dieser Gedanke nistete sich in ihrem Herzen ein, fest und immer fester.

Ein Kind, das sie ihm in die Arme legen konnte, – Fleisch und Blut von ihnen beiden, – – ein Wesen, das ihnen ganz allein gehörte, und das einen grossen Teil ihrer Liebe verlangen würde!

Und das wäre gut!

Die Liebe, die sie jetzt beide füreinander erfüllte, diese grosse, intensive Liebe, vernichtete sie, denn sie war zu mächtig für Menschenherzen.

Diese beiden Menschen, die nie vorher jemand geliebt, und die so grosse und kraftvolle Herzen hatten, krankten an dem Uebermass dieser unverschwendeten Liebe.

Ja, aber ein Kind, ein Kind würde dieses Zuviel in sich aufnehmen . . .



12.

Ende August kehrten sie nach Hamburg zurück, und ruhig, wie vor ihrer Reise flossen ihre Tage dahin.

Ein gewisser Druck lastete auf ihnen, eine stille unausgesprochene Trauer, – es war ihnen, als hätten sie in jenem kleinen bayerischen Dorfe ihr Glück gelassen.

Schon auf der Rückfahrt hatte sich ihrer diese Stimmung bemächtigt, aber keiner gestand es dem andern ein, und dadurch fühlten sie sich nur noch mehr bedrückt, denn jeder las denselben Gedanken in des andern Seele.

»Er sagt mir nicht, was er fühlt . .« dachte Lea, – und »sie vertraut mir nicht . .« dachte Ludwig.

Dadurch kam etwas Scheues in ihren Verkehr.

Sie überboten sich gegenseitig an Rücksichtnahme und Zuvorkommenheit, sie waren höflich bis zur Grausamkeit, – aber kein Wort von dem kam über ihre Lippen, was sie am meisten bewegte . . . und ihre Herzen sehnten sich doch so danach, sich aussprechen zu dürfen.

Aber sie schoben es von Tag zu Tag auf und machten es sich dadurch immer schwerer und unmöglicher.

Sie liebten sich vielleicht mehr denn je, weil sie sich nacheinander sehnten, aber sie sagten es sich nicht, wie sie es sonst wohl gethan, und schleppten ihre Verstimmung weiter.

Inzwischen hoffte Lea brennend, dass sich ihr Wunsch erfüllen und ein Kind das Band zwischen sich und ihrem Gatten wieder festigen möge.

Und ohne, dass sie es ahnte, wünschte Ludwig dasselbe, – vielleicht noch glühender als Lea.

Für ihn hatte der Gedanke an ein Kind etwas Berauschendes.

Ein Kind, etwas Unmittelbares, Fleisch und Blut von dem Weibe, das er so über alles liebte! Das vielleicht ihre Züge trüge, oder – oder die seinen.

Die seinen! Plötzlich wurde es in seiner Seele finster und eine Angst überfiel ihn, eine furchtbare Angst!

Ob das Feuermal in seinem Gesichte vererblich war?

Sollte sein Kind vielleicht ebenso unglücklich werden wie er?

Dieser Gedanke, der ihn gepackt hatte, verliess ihn nicht mehr, sondern quälte ihn Tag und Nacht.

Er las unzählige Bücher darüber, aber er wurde dadurch nicht ruhiger, denn sie gaben ihm keine Gewissheit.

Endlich hielt er es nicht mehr aus.

Er vertraute seine Bedenken einem der berühmtesten Aerzte an, und dieser sprach ihm Trost zu.

Ja, gewiss, möglich sei es ja, – – aber unbedingt zu befürchten ganz gewiss nicht, – nicht einmal wahrscheinlich.

Da erfüllte ihn neuer Mut, und in der frohen Stimmung, in welcher er nach Hause kam, schüttete er Lea zum erstenmal wieder sein Herz aus. Er sagte ihr, wie unendlich glücklich der Besitz eines Kindes ihn machen würde, und wie lange er diesen Wunsch schon hege, – – die Kämpfe und Befürchtungen der letzten Tage aber verschwieg er ihr.

Lea erwiderte nichts, sondern hörte ihm nur still zu und streichelte sanft sein Gesicht.

Ein Schreck hatte sie durchzuckt, als Ludwig ihr seinen Herzenswunsch aussprach, denn eine dumpfe Ahnung war über sie gekommen, dass all ihr Hoffen und Wünschen vielleicht vergeblich sei, und sie senkte mutlos den Kopf.

Eine Frage drängte sich auf ihre Lippen.

»Würde ich Deine Liebe verlieren, Ludwig, wenn unser Wunsch unerfüllt bliebe? Bitte, sage mir's aufrichtig!«

»Aber Lea, Liebling, wie kannst Du so etwas denken?! Ein Kind wäre ein neues Glück, – Du aber bist mein erstes, mein grösstes Glück gewesen . . . Du bist das Liebste, was ich auf der Welt habe! . . .«

»Ludwig!«

Sie stürzte in seine Arme, und in ihren Augen, die sonst nie weinten, brannten heisse Thränen.

Er sah sie erstaunt und besorgt an, und konnte ihre Bewegung nicht begreifen, denn er wusste ja von ihrer heimlichen Furcht nichts.

So umarmte er sie denn zärtlich und begann allerhand unsinniges Zeug zu schwatzen, sprach von dem Kind, als ob es schon vorhanden sei, und baute die tollsten Luftschlösser.

Lea hörte ihm lächelnd zu, und gab sich die erdenklichste Mühe, ihre trüben Ahnungen zu überwinden.

Jetzt, nachdem sie wusste, wie es in Ludwigs Herzen aussah, wurde ihr Wunsch noch glühender, und ihre Angst, dass er unerfüllt bliebe, noch grösser.

Tagelang trug sie sich mit dem Gedanken, zu einem Arzt zu gehen, aber immer wieder gab sie ihr Vorhaben auf. Sie, die sonst so tapfer war und allem Unvermeidlichen so ruhig entgegensah, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihr dann vielleicht jede Hoffnung genommen würde, – während ihr so wenigstens die Ungewissheit blieb.

– – – – – – – –

Monat um Monat verging – und Lea wurde immer trüber und stiller.

Nachdem Ludwig noch anfangs das Thema manchmal berührt hatte, schwieg er jetzt gänzlich davon, denn er fand bei Lea nur sehr wenig Entgegenkommen . . . in seiner Seele aber wurden dadurch die widerstreitendsten Gefühle geweckt.

Er konnte sich Leas Wesen absolut nicht erklären . . und allmählich stieg ein furchtbarer Verdacht in ihm auf.

Warum ging sie nie darauf ein, wenn er von seinem Wunsche sprach? Warum vermied sie so ängstlich jedes Gespräch, welches darauf hinzielte? Warum sprach sie nie mit ihm darüber, wo sie doch wissen musste, wie glücklich ihn der Gedanke daran machte?

Was war mit ihr?

Auf all diese Fragen wusste er keine Antwort . . und Leas Wesen wurde ihm immer rätselhafter.

Was war es, das sie so traurig machte?

Sie sollte doch wissen, dass selbst, wenn sein Wunsch sich nicht erfüllte, seine Liebe zu ihr die gleiche bliebe . . ., warum also war sie so scheu und zurückhaltend, mit einem Blick, als hätte sie eine Schuld auf sich geladen? . . . .

Plötzlich stiess er einen lauten Schrei aus und schlug sich mit der Faust vor die Stirn.

Das konnte es sein, – allmächtiger Gott, ja! O, dass er daran auch nie gedacht hatte!

Warum sollte Lea, diese kluge, einsichtsvolle Frau nicht auch dieselben Befürchtungen gehegt haben wie er selber?

Natürlich! natürlich, auch sie fürchtete, das Mal in seinem Gesichte könne sich auf ihr Kind vererben, und aus diesem Grunde verzichtete sie lieber.

Ein wimmerndes Stöhnen entrang sich seiner Brust.

Ja, sie hatte ihm ihre Liebe geschenkt, – aber es war nicht die Liebe, die er so schrankenlos ersehnt . . ., nicht die Liebe, die . . . ., und er fand keine Worte mehr für das, was ihm vorgeschwebt hatte . . ., er empfand nur noch, dass sie, Lea, sein Weib, kein Kind wünschte von ihm, – und das höchste Glück jedes liebenden Weibes ist doch . . . .

Ja . ., darum ihr scheues, gedrücktes Wesen, – darum das Vermeiden aller Gespräche, die ihn an seinen Lieblingswunsch erinnern konnten!!

Gab es nicht skrupellose Frauen, welche . . .?

Lea war ja so klug, so energisch . . .!

Aber er wollte wissen, woran er war, . . . . noch heute wollte er sich Gewissheit verschaffen.

Aber erst ruhig werden! Ganz ruhig! Kaltblütig! . . . Jede Erregung musste unterdrückt werden – – – – Lea durfte nicht merken, dass er überhaupt einen Verdacht geschöpft hatte! . . . Nein, ganz ruhig werden!

Er nahm seinen Hut und stürmte ins Freie.

Weiche, linde Frühlingsluft wehte ihm entgegen, und der frische Wassergeruch der Alster belebte seine durch die Erregung matt gewordenen Nerven.

Der Sturm, der in seinem Innern tobte, machte ihn gegen alles Aeussere teilnahmlos . . ., er schlug irgend einen Weg ein, und ohne dass er es wusste, wie er dahin gekommen, befand er sich in Winterhude.

Er trat in den Garten des Fährhauses und setzte sich in eine der Lauben, die in frischem Grün prangten.

Der Kellner brachte ihm auf seine Bestellung ein Glas Bier und starrte ihn neugierig an.

Das erhöhte Ludwigs Nervosität und brachte ihn noch mehr in Aufregung.

Er warf ihm ein Geldstück hin, und ohne das Bier anzurühren, verliess er den Garten.

Dann ging er am Wasser zurück, und ganz allmählich beruhigte er sich etwas.

Ja, ruhig musste er sein, sonst konnte er nicht klar sehen, und nicht die Wahrheit erkennen.

Und er glaubte an seine Ruhe, während das aufgeloderte Misstrauen wahre Orgien in seiner Seele feierte und in ihm die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Bilder wachrief.

Das Misstrauen findet immer hundert Bestätigungen eines einmal wachgerufenen Argwohnes, wenn sie auch noch so absurd und herbeigezogen sind.

Gegen Abend kam Ludwig endlich nach Hause und setzte sich mit heiterer Miene zum Essen nieder.

Er heuchelte!

Einen Augenblick kam ihm das zum Bewusstsein und er errötete vor Scham, . . . aber sofort beschwichtigte er sich mit der Erwägung, dass er das Recht habe, die Wahrheit zu erfahren um jeden Preis!

Er scherzte und lachte mit Lea, der dabei unheimlich zu Mute wurde.

Das war keine echte Fröhlichkeit!

Was war mit ihm? Was würde sie nun wieder treffen?

Während sie noch grübelte, sagte Ludwig so ganz leichthin:

»Sag' 'mal, Lea, . . was glaubst Du, werden wir noch einmal ein Kind haben?«

Lea erbleichte. Sie schwieg und ein fast unmerkliches Zittern durchflog ihren Körper.

Seinem scharf beobachtenden Blick entging es aber nicht, wie blass sie wurde und wie sie erschauerte.

»Nun, warum antwortest Du mir denn nicht, Lea?«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

O Gott, wie wurde sie doch gequält!

»Ich – ich weiss nicht, Ludwig, ob . . .« sie brach ab. – –

»So. Weisst Du es wirklich nicht, Lea?«

»Nein, wie kann ich es wissen, Ludwig?« sie gab sich Mühe, unbefangen zu sprechen.

»Wir sind jetzt länger als anderthalb Jahre verheiratet . . ., meinst Du, dass dann noch eine Hoffnung vorhanden ist?«

»Aber gewiss. Es waren Eheleute manchmal viele Jahre kinderlos, und schliesslich – – –«

»Ja, und schliesslich wurde ihnen doch noch ein Kind geboren! Gewiss, das kommt vor!«

Sein Ton wurde immer kälter und ironischer.

Das arme gequälte Weib sah ihn mit angstvollen Augen an, Lea glaubte, sein sonderbares Betragen rühre von dem Schmerze her, den ihm die getäuschte Hoffnung bereite . . ., und sie begann eine Unzahl von Fällen aufzuzählen, in denen Frauen noch nach langen Jahren . . . aber er unterbrach sie.

»Du, Lea, warum gehst Du eigentlich nicht einmal zu einem Arzte, damit er feststellen könnte . .«

»Zu einem Arzte,« sagte sie tonlos. »Nein, nein,« wehrte sie plötzlich heftig ab. Dann besann sie sich wieder. »Das kann auch kein Arzt mit Gewissheit sagen.«

»O doch!«

»Nein!«

»Aber warum willst Du es denn nicht wenigstens einmal versuchen, wenn ich Dich doch darum bitte?«

»Ach nein, Ludwig! Ich mag nicht! Bitte, quäle mich nicht so!« Es klang so flehend, . . machte ihn aber nur noch härter, weil er ihr Schuldbewusstsein herauszuhören vermeinte.

»Du hast mir doch gesagt, Ludwig, dass Deine Liebe zu mir die gleiche bliebe, selbst wenn unser Wunsch sich nicht erfüllen würde?«

»Aha!« stiess er hervor.

Also darauf baute sie, darum hatte sie ihn damals so dringend darnach gefragt!

»Gewiss bleibt meine Liebe dieselbe, wenn Du daran unschuldig bist, und gerade darum sollst Du ja zu einem Arzt gehen!«

»Ach Ludwig, ich bitte Dich, bestehe nicht darauf, – – lass mir wenigstens noch etwas Zeit!«

»Warum?«

»Weil – weil ich – – weil ich die – –«

»Weil Du wahrscheinlich befürchtest, Dein Kind könne nicht Dein glattes Gesicht haben, sondern das Feuermal seines Vaters erben, – weil Du darum kein Kind haben willst . . . Weil Du – er schrie es ihr ins Gesicht – weil Du mich nicht liebst!« dabei stiess er seinen Stuhl so heftig zurück, dass er umfiel.

Lea rührte sich nicht, aber ihre Seele weinte.

Also so weit war seine Verblendung und sein Misstrauen gediehen, dass er sich nicht scheute, sein Weib so zu verdächtigen, – – so unheilbar krank war seine Seele, – ja unheilbar . . Lea täuschte sich nicht mehr darüber . . . . nun war es aus, – das war das Letzte!

»Antworte mir doch, – verteidige Dich, wenn Du kannst!«

»Was soll ich Dir antworten, da Du nicht mehr an meine Liebe glaubst!«

»Ha!« schrie er mit dem Hohn der Verzweiflung, »ich soll immer glauben, glauben, glauben! Habe ich denn überhaupt einen Beweis für Deine Liebe? Für die Liebe, die ich erhoffte?!«

»Ludwig!« schrie sie auf.

Aber er kam nicht zur Besinnung. Der Dämon sprach, und die Liebe, die Gerechtigkeit und jedes andere bessere Gefühl musste davor schweigen.

»Dass Du mich geheiratet hast,« fuhr er fort, »ist gar kein Beweis! Das kannst Du aus hundert Gründen gethan haben, – aus Mitleid, – aus – aus – was weiss ich, warum! Nein, ich habe keinen Beweis!«

Lea war totenbleich geworden, und sie sah den verblendeten Mann mit starren, toten, bleiernen Augen an.

Ludwig lief wie wahnsinnig im Zimmer umher und hielt sich den Kopf mit beiden Händen. Sein Paroxismus steigerte sich immer mehr.

»Einen Beweis,« stöhnte er, »nur einen wirklichen, wahrhaften Beweis! O, der Zweifel macht mich noch wahnsinnig! Weib, Weib, kann ich Dir glauben, oder nicht, – liebst Du mich, liebst Du mich, oder . . .!«

Lea antwortete nicht mehr. Ihre Lippen blieben fest geschlossen und kein Muskel in ihrem Gesicht verriet, was in ihrem Innern vorging.

»So antworte mir doch! antworte!« schrie er.

Da löste sich ihre Starrheit.

»Du willst einen Beweis meiner Liebe . . . gut, Du sollst ihn haben. Aber geh jetzt, lass mich allein!«

Sie verliess das Zimmer und er lief hinaus in die Nacht.

– – – – – – – –

Die ganze Nacht kehrte er nicht nach Hause zurück. Wie ein Verrückter lief er in den Strassen umher.

Die kühle Luft that ihm wohl. Sie beruhigte sein erhitztes Gehirn etwas, und sein Herz schlug weniger heftig.

Und so ganz, ganz allmählich kam das Nachdenken, und da bemächtigte sich seiner die Reue.

Wie, wenn er Lea unrecht gethan hätte, wenn sie ganz schuldlos wäre?

Aber, fragte der Zweifel wieder, warum wollte sie denn nichts von einem Arzt wissen, – warum scheute sie sich davor?

O, o, einen Ausweg aus diesem Gedankenwirrsal!

Ach, warum war seine Seele auch so vergiftet durch Zweifel und Misstrauen! Warum konnte er nicht glauben und sich frei machen von diesem entsetzlichen Zwiespalt!

Wie eine Schuldige hatte sie eigentlich nicht ausgesehen, und war nicht sein Zweifel bisher immer unberechtigt gewesen?

Aber dann hatte sie jedesmal selbst sein Misstrauen verscheucht und dieses Mal schwieg sie hartnäckig und verteidigte sich mit keinem Wort vor seiner Anklage.

Wenn sie nun lediglich aus Stolz schwieg, weil er sie so schwer beleidigt?

Wenn er doch klar sehen könnte! War sie schuldig oder nicht?

War ihre Liebe wirklich so gross, so erhaben, so ohne jede Bedenken und Berechnung, nur ganz Liebe, – oder war sie es nicht?

Er rief sich alle möglichen Scenen aus ihrer Ehe, aus ihrer Brautzeit zurück, er vertiefte sich in Erinnerungen . . . und ganz plötzlich fiel ihm ein, was sie damals auf dem Herzogstand zu ihm gesagt: Noch ein Zweifel, und Du tötest mich damit!

Da überfiel ihn jählings eine namenlose Furcht und ein banges Entsetzen packte ihn.

Dahin waren alle Zweifel und alle Gedanken der letzten Stunden . . . wie gehetzt begann er zu laufen.

Nach Hause! Nach Hause! Zu ihr!!!

Er sah sich um, und wusste nicht einmal, in welchem Stadtteil er sich befand.

Ein Gewirr von Gassen und Gässchen, – – Und fern im Osten rötete sich schon der Himmel und kündete den neuen Tag.

Gott, Gott, betete er, lass mich nicht zu spät kommen! Barmherziger Gott! Und seine Angst steigerte sich mit jeder Sekunde.

Wo war er denn nur? Ah, dort, eine Kirche! Richtig, die Nicolaikirche, und dies war der Hopfenmarkt! O, nun konnte er sich zurecht finden!

Und er begann wieder zu laufen.

Eine einsame Droschke fuhr langsam und schwerfällig vorbei.

Ludwig rief den Kutscher an, welcher indes keine Lust zeigte, den frühen Gast zu befördern.

Er brummte etwas von seinem matten Gaul, aber die Goldstücke, die Ludwig ihm in die schwielige Hand schüttete, machten ihn überraschend schnell gefügig.

»Steigen Sie man ein, Herr, – steigen Sie ein . . . und die Adresse?«

»An der Alster, No. – – – aber nur schnell, Kutscher, schnell!«

»Ja, Herr, ja!« und der Mann peitschte auf den müden Gaul ein, dass dieser sich hoch aufbäumte, und dann wie rasend davon rannte.

Endlich hielt der Wagen.

Ludwig sprang hinaus und betrat sein ödes Haus.

Eine matte Dämmerung erfüllte schon sein Zimmer, aber er drehte trotzdem das elektrische Licht an.

Da, – von seinem Schreibtisch glänzte ihm etwas Weisses entgegen.

Ein Brief! Von ihr!

Es zuckte in ihm, und sein erster Impuls war, hinauf zu stürzen und sie zu suchen.

Aber eine Scheu, eine Angst, eine Hoffnung, – ein undefinierbares Gefühl liess ihn an der Thür umkehren.

Das Schreckliche noch aufschieben! Erst den Brief lesen! Vielleicht war seine Angst grundlos gewesen, – vielleicht hatte sie ihm nur . . .

Er ergriff den Brief und wog ihn in der Hand.

Und die leise, plötzlich aufgestiegene Hoffnung schwand und die fürchterliche Angst erschien wieder.

Da riss er das Couvert auf, und seine zitternden Hände entfalteten den Bogen.

Und er las:

Ludwig!

Du willst einen Beweis meiner Liebe, – ich gebe ihn Dir jetzt.

Deine Zweifel hätten mich allmählich in eine stumpfe Gleichgiltigkeit verfallen lassen, – aber das durfte nicht sein, – denn Gleichgiltigkeit ist das Grab jedes Gefühls, auch der Liebe. Ehe ich aber will, dass meine Liebe getötet wird, sterbe ich lieber. Meine Liebe gilt mir höher als mein Leben!

Noch glühender als Du selbst wünschte ich mir ein Kind, ein Kind von dem Manne, der mir mehr war, als alles sonst auf der Welt, und es hat mich sehr unglücklich gemacht, dass unser Wunsch sich nicht erfüllte. Einen Arzt wollte ich nicht befragen, weil in meinem Herzen doch noch immer eine kleine, kleine Hoffnung lebte, und vielleicht wäre alsdann mir auch noch diese geraubt. Den Gedanken ertrug ich nicht. Darum meine Weigerung.

Auf Wiedersehn, Ludwig! . . ich weiss, dass Du mein Hingehen nicht überlebst, denn sieh, ich glaube trotz allem an Deine Liebe, an jene Liebe, nach welcher wir uns ein Leben hindurch gesehnt haben, – – und darum will ich nicht, dass meine Liebe sterbe an Deinem Zweifel!

Deine Lea.

Der Bogen flatterte zur Erde und Ludwig starrte auf die Stelle, wo er lag.

Sein Körper war wie von einem Starrkrampf befallen . . . er konnte sich nicht rühren und verharrte einige Minuten regungslos, fast ohne zu denken.

Ganz allmählich löste sich seine Erstarrung, und dann kam eine wunderbare Ruhe über ihn.

Langsam verliess er das Zimmer und stieg die Stufen hinauf.

Sein Herz sagte ihm, wo er sie finden würde.

Oben, in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer, wo sie so manche glühende Liebesstunde verlebt hatten, – da lag sie ausgestreckt auf ihrem Bette.

Neben ihr auf dem Nachtschränkchen lag ein Revolver . . . er war nicht gebraucht, – vielleicht, weil sie gefürchtet hatte, dass ein Schuss die Dienerschaft alarmieren könne – – – aber in ihrer Brust, genau an der Stelle des Herzens, steckte der kleine scharfe Dolch, der ihr in Paris so gut gefallen, und den Ludwig ihr dann schenkte.

Ihr schönes bleiches Gesicht trug den Ausdruck unendlichen Friedens . . . . . . es schien, als ob die Lippen lächelten.

Ludwig sah sie lange an.

Ohne Reue, ohne Schmerz, – fast mit einem leisen Glücksgefühl im Herzen.

Sie war für ihre Liebe gestorben.

Die Liebe sollte nicht getötet werden, lieber opferte sie sich!

So sehr hatte sie ihn geliebt!

»Lea, Lea,« flüsterte er, »jetzt weiss ich, wie Du mich geliebt hast – – – Deine Liebe war Dir heiliger, als Dein Leben!«

Und er drückte seine Lippen auf ihren bleichen Mund, und nahm Abschied von ihrem Körper.

Dann legte er sich neben sie und umschlang sein totes Weib fest, fest mit dem linken Arm . . . mit der freien rechten Hand ergriff er den Revolver und setzte die Waffe an die Schläfe . . . .

»Asra, – die die Liebe tötet,« flüsterte er sterbend . . . .