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Maria Rodziewicz – Durch die Seitenpforte

Erzählung

Aus: Slavische Romanbibliothek, Band II, Polnische Erzähler, Herausgegeben und Übertragen von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904


An der kleinen Pforte der alten Pfarrkirche knirschte der Schlüssel und weckte das Echo des leeren, dämmerigen Schiffes.

Der Schließer ließ zuerst den neuen Organisten hinein, der erst seit Advent den Posten inne hatte, und trat hüstelnd nach ihm ein.

In der Kirche hatte sich der Weihrauch von der Vesperandacht bereits gesenkt, die Schatten der Nacht hatten die Winkel eingehüllt, nur wie ein goldener Funke blitzte die Lampe in der Höhe und ihr Strahl erhellte durch die Dämmerung des Altars hindurch die Silberkrone der Muttergottes.

»Und in der Nacht, bei dieser Kälte haben Sie Lust, die Orgel zu rühren?« rief der Schließer. »Heute versammelt sich alle Welt in lustigen Gesellschaften und Sie wollen da, wie eine spukende Seele . . . Verzeihen Sie . . .«

»Ich will mich ja auch unterhalten, aber auf meine Art . . .« erwiderte der andere. »Ich will ein Stündchen lang spielen, will mich für das morgige Hochamt vorbereiten und dann nach Hause gehen.«

»Wie es Ihnen beliebt. Ich gehe schon. Wenn Sie fortgehen, vergessen Sie nicht das Pförtchen zu schließen und den Schlüssel zum Herrn Pfarrer hinzutragen.«

»Ich will lieber gleich die Pforte hinter Ihnen schließen.«

»Nicht nötig. Kann so bleiben. Niemand wird hereinkommen. Wem ist heute eine Kirche oder ein Gebet im Sinne? Man könnte die Kirche angelweit öffnen, so wird niemand hineinblicken. Spielen Sie ohne Sorge.«

Hüstelnd wandte sich der Alte dem Ausgang zu, warf die Tür ins Schloß und ging nach Hause.

Die Turmuhr verkündete die neunte Stunde.

Der Himmel war klar und lauter, in der Stadt ringsum rauschte das lebendige Treiben. Über den Platz vor der Kirche eilten zu Fuß und zu Wagen lustige, unterhaltungssüchtige Menschen dahin, nur die alte, schwarze Kirche stand schweigend da, vergessen in diesem Taumel.

Plötzlich wurde auch sie lebendig, ein Lied erscholl in ihr. Der erste Akkord der Orgel drang durch die gotischen Fenster.

Die in den Gesimsen aufgescheuchten Tauben raschelten mit ihren Flügeln. Die Vorübergehenden erhoben die Köpfe. Die Kirche sang . . .

Der einsame Spieler heftete den sinnenden Blick auf das dämmerige Schiff, und die Töne erfaßten die Kirche, wie ein Schauer.

Das Flämmchen der Lampe flackerte auf und das Antlitz der Muttergottes erglänzte, als blickte sie auf jemandens Ruf hervor.

Aber das Schiff war leer, von keinem Winkel her drang ein Flehen oder ein Dankgebet. Die Menschen waren draußen lustig.

Ein Akkord nach dem anderen floß hinunter, rein und sanft, als sängen sie dem Jesukindlein ein Wiegenlied.

Auf dem Chor lächelte das Gesicht des Spielers.

Er war ja selber einmal ein einfaches und armes Kind, das mit Weihnachtsgeschenken und Liedern umherging . . . Er lächelt . . . O, die süßen, schönen Zeiten sind längst dahin, längst . . .

An der Mauer der Kirche bleibt eine junge Frau stehen, steht und horcht. Sind es etwa die Engel, die dort bei der Krippe spielen? . . . Die Haupttür ist geschlossen, aber sie drückt die kleine Pforte und schleicht sich sachte hinein.

In ein graues Tuch gehüllt, wirft sie sich vor dem Geländer nieder und erhebt die traurigen Augen. Von dem Altar her blicken auf sie barmherzige und überirdisch gütige Augen. Die Tränen trüben ihren Blick, ihr ist es, als spräche die Orgel für sie:

»O, Mutter, erhöre meine Bitte! Da liegt mein einziges Söhnchen darnieder, dem Tode nahe. O, Mutter!« . . .

Die Orgel spielt. In dem Schiff geht ein besänftigendes, weiches Flüstern umher. Ihre Tränen fließen, aber in ihre Brust tritt der Friede ein.

»Er wird nicht sterben, er wird nicht sterben!« flüstert sie.

Die Muttergottes scheint zu lächeln. Die Orgel spielt so schön . . .

Der alte Schließer hatte sich geirrt. Nicht alle Menschen laufen heute dem Vergnügen nach.

Der einsame Spieler träumt und träumt. Seine Finger bewegen die Tasten, sein Auge ist auf den goldenen Funken der Lampe gerichtet . . . Aus dem armen Knaben war ein Jüngling geworden. Melodien singend durchwanderte er die Welt. Er war geehrt, berühmt, geliebt, ein bewunderter Sänger! Das dauerte kurz . . .

Die Orgel tönt mit Macht, mit Macht ein Triumphgeschrei erfüllt den Tempel und plötzlich bricht es ab mit dumpfem Ächzen. Ein Schmerzensschrei, ein Knirschen, eine lange Dissonanz. Die Finger ruhen reglos auf den Tasten.

. . . Eine Halskrankheit kam und die Nachtigall verstummte. Der Ruhm sank zu Boden, wie die dürren Blätter der Lorbeerkränze, die Welt ging an ihm vorbei, er ging ein anderes Lied zu suchen.

Ein kranker Körper, eine kranke Seele, Hunger, Elend, ein gebrochenes Leben, und vor ihm eine lange Reihe verfehlter Jahre . . .

Bitter und herb erklangen wieder die Töne der Orgel. Sein Geist lehnte sich auf, er lästerte, verfiel in schwarze Verzweiflung, er schluchzte und schmähte, langsam wurde er ruhiger, er klagte nur noch.

Und ein Lied der Wunde und des Schmerzes eilte dahin zur Muttergottes. Dieses Lied hatte ihm einst die Gesundheit des Geistes wiedergegeben. Ein wohlgekleideter Mann vernimmt draußen das Lied. Er horcht. Er versucht das Pförtchen und tritt ein. Ohne im Innern des Heiligtums zu verweilen, eilt er hinauf in das Chor, er ist mit dem Weg vertraut.

Durch die oberen Fenster blickt der Mond hinein und beleuchtet das blasse, ruhige, sinnende Gesicht des Spielers, der den Klängen lauscht.

Der Fremde berührt seinen Arm, das Lied verstummt plötzlich.

»Verzeihen Sie. Ich mußte Sie unterbrechen. Wo haben Sie gelernt? Wer sind Sie überhaupt? Wie kommen Sie hieher?«

»Ich bin hier Organist!«

»Unmöglich! Das ist eine Mystifikation. Wie können Sie sich hier vergraben?«

»Vergraben? Hier, in der Kirche?«

»Ich meine in dieser kleinen Stadt. Das ist unverzeihlich. Ich bin hier auf der Durchreise aus Wien. Da ist meine Visitkarte. Kommen Sie morgen zu mir ins Hotel. Ich muß Sie von hier hinausziehen ans Licht.«

»Mich? Gehen Sie Ihres Weges, mein Herr. Ich bin ja im Lichte. Dort bin ich schon gewesen, wohin Sie mich rufen. Jetzt bitte, stören Sie mich nicht. Ich bin glücklich.«

Mit einer ungeduldigen, unwilligen Bewegung schüttelt er von seiner Hand den Arm des Fremden ab, und ohne sich weiter um ihn zu kümmern, kehrt er zu seinem Lied zurück.

Alle Menschen freuen sich diese Nacht, auch er freut sich. Nun ist er wieder gesund, nun sind seine Wunden geheilt, seine Tränen getrocknet, der Kultus des Schönen kehrt in sein Herz, die Ruhe in seine Seele wieder.

Die Muttergottes am Altar neigt sich zu ihrem Knecht hinüber, der für sie allein nur noch Lieder hat, und lächelt so süß, indem sie ihr Kindlein ihm zeigt.

Und da wollte jener Herr ihn an das Licht ziehen, an das Licht . . . von einem solchen Zuhörerpublikum hinweg.

Das Pförtchen fiel zornig klirrend ins Schloß. In der Kirche bleibt er allein mit seinen Träumen zurück.

Die Träume werden immer heller und klarer.

Nun fürchtet er nicht mehr die Vergänglichkeit der irdischen Dinge, er sehnt sich nicht mehr nach dem Vergangenen, begehrt keinen weltlichen Ruhm, noch weltliche Freuden.

Außerhalb dieser Mauern rauscht Leben und Genuß. Die Menschen rennen, jagen. Sie lieben, um sich zu übersättigen, sie sammeln, um zu verlieren, arbeiten, um zu leben. Er wird seiner Liebe nie überdrüssig werden; er sammelt, aber es bleibt bis nach dem Tode. Er arbeitet, um leicht und sanft zu sterben. Nichts wird ihn aus den Mauern hinauslocken, ein anderes Instrument wird er nie berühren.

Inzwischen verfließt die Nacht. Die Vorübergehenden auf der Straße werden immer seltener, man vergnügt sich in den Häusern, sie begrüßen mit Trinksprüchen das Neue Jahr, sie betäuben sich, um nur zu vergessen, daß sie um ein Jahr dem Grabe näher, daß sie um eine Enttäuschung reicher sind.

Zwei zerlumpte Burschen stehen draußen vor den Mauern der Kirche, spottend der Kälte mit den Fetzen, die ihren Körper notdürftig verhüllen. Sie horchen erstaunt und fangen im Flüstertone eine Unterredung an.

»Hör' mal, Wicek! das ist ein Spielen! Ist dem da nicht kalt oder was? Vielleicht hat er das Pförtchen nicht verschlossen? Komm hinein!«

»Komm hinein. Dort ist's immerhin gemütlicher.«

Sie treten ein und stehen eine Weile da, mit den Augen spähend.

Niemand ist darin. Ihre Augen gewöhnen sich an das Dunkel. Nur von dem wundervollen Liede ist die Kirche bis zum Rande voll.

Der eine bleibt im Schatten des Pfeilers, ein Schauer schüttelt ihn, zuweilen dringt eine Wärme an sein Herz.

Der zweite kauert sich nieder, schleicht sich leise, wie ein Raubtier an den Wänden vorbei bis zur Sakristei.

Und die Orgel singt noch immer ihr schlichtes Lied voll kindlichen Glaubens.

Der Bursche hat sich in die Sakristei hin- eingeschlichen, schnüffelt an den Winkeln umher, betastet die Geräte, sucht an den Tischen und Fächern, probiert die Schlösser an den Büchsen und Schränken.

Dann kehrt er mit demselben Katzenschritt zu seinem Genossen zurück.

Jener kniet gebückt am Pfeiler, als schliefe er.

»Wicek, he, Wicek. Ampeln stehen obenauf, ganz von Silber und schwer. Komm, den Schlüssel haben sie auch beim Schrank vergessen. Gib mir ein Streichhölzchen, es ist dunkel.«

»Ich geh' nicht und auch Du tust keinen Schritt! Hörst Du? Hörst Du dieses Spielen?«

»Nun, was ist dabei? Laß ihn spielen!«

»Laß ihn spielen – aber ich will hören. Ich werde nichts nehmen, ich will nicht!«

»Bist Du verrückt? Streichhölzchen her! Sei nicht dumm! Das Glück drängt sich Dir ja gewaltsam in die Hände.«

»Du, geh' fort! Ich werde Dich nichts berühren lassen. Verstanden?«

»Willst Du mir verbieten?«

»Das will ich.«

Sie stehen einander gegenüber wie zwei Tiger und messen einander mit den Blicken. Doch der andere weiß, daß er nur eine Fliege ist in der Faust des Gefährten, er läßt also den Blick sinken und zieht sich brummend zurück.

Nach einer Weile ruft er:

»Wenn Du solch ein Graf bist und auf Konzerte gehst, so geh'. Mir ist kalt und ich bin hungrig. Ich will mir Arbeit suchen. Wenn ich einen Fang mache, komm' ich zu Mariechen. Soll ich Dich dort erwarten? Wie?«

Keine Antwort. Wicek kauert sich wieder beim Pfeiler nieder, umfaßt das Knie mit den Händen und verbirgt das Gesicht. Heiße und kalte Schauer überlaufen ihn abwechselnd, im Halse drückt ihn etwas, in der Brust fühlt er einen Schmerz. Er möchte nur so sitzen und hören.

Der andere kennt ihn: wenn er einmal gerührt wird, kann man kein Wort aus ihm herausbringen. Daher spuckte er aus, murmelte einen Fluch durch die Zähne und entfernte sich, während er einen habgierigen Blick nach der Sakristei warf.

Die Orgel singt und singt. Nun hat der Meister einen Hörer.

Bis spät in der Nacht ertönte die Musik in der alten Kirche. Endlich schweigt das Leid.

Langsam steigt der Spieler hinunter und bei der Pforte strauchelt er über einen auf dem Boden liegenden Menschen. Da kehrt er zur Wirklichkeit zurück, erschrickt, beugt sich nieder.

»Wer bist Du? Was machst Du hier?«

Der Bursche erhebt sich und weiß nicht, was er antworten solle.

Auch er erwachte zur Wirklichkeit, zum Hunger, zum Elend, zur Kälte, zum Verbrechen, zur Sünde.

Er schaudert beim Gedanken an dieses Wörtchen und das, was ihn draußen erwartet.

Er ist wie trunken von dem Lied und fürchtet sich vor der Ernüchterung.

Endlich überwindet er sich und sagt:

»Ich kam, um das Spielen zu hören. Ich wollte mich erwärmen. Ich heiße Wicek Sroda. Bin Arbeiter gewesen, jetzt stehle ich. Aber dieses Spielen hat mir's angetan. Nehmt mich mit Euch . . . gebt mir zu essen . . . gebt mir eine Unterkunft . . . Ich will das andere lassen . . . Bei Gott, ich will es lassen! Mütterchens Gebete sind mir plötzlich bei diesem Spielen in den Sinn gekommen. Es tut mir das Herz so weh. Ich möchte gern zum früheren Leben zurückkehren.«

»So komm,« spricht der Spieler einfach.

Das Pförtchen fällt ins Schloß. Die Kirche steht schweigend da und dort beim Altar, wenn kein Menschenauge mehr es sieht, erhebt die Muttergottes, ganz in Glanz gehüllt, auf ihren Händen ihr Kindlein und zeigt ihm zwei Menschen, die zusammen gehen, in der ersten Stunde des Neuen Jahres, und beide lächeln freudig.